Felix Dahn Odhins Rache – Friggas Ja – Die Finnin Kleine nordische Erzählungen Odhins Rache Kann Liebe verraten? Liebe kann nicht verraten Meiner lieben Schwester Constanze von Bomhard   I. Still, wie träumend in trauerschwerem Schweigen, lag Gladhsheim, Odhins Haus, das doch von der Freude den Namen führt, in Asgardh. Kein Laut drang hierher von dem ehernen Schall der Waffenspiele der Einheriar, von dem fröhlichen Lärm ihres Gelages in Walhall: denn ein Wald von hochwipfeligen, dunkelblättrigen Eschen trennte von jenen weiten Räumen der Kampfübung und der Feste des Gottes einsame Heimstätte. Auf dem dreieckigen Giebel oberhalb der hohen Eingangsthüre saß, in wacher Spähe, sein Adler. Auf der obersten der zwölf Stufen von schwarzem Gestein, die zu dem Eingang emporführten, lagen, lang ausgestreckt, die spitzen, klugen Köpfe auf die Vorderpfoten gedrückt, im Halbschlaf, seine beiden Wölfe; nur manchmal schlugen sie blinzelnd ein Auge auf, scholl aus dem Eschicht der Ruf eines Vogels an ihr Ohr. Aber das war selten. Alles still: wie in Träumen, in Harren, in Sehnen versunken. – In der Ferne, tief unten auf der Erde, neigte nach dem langen Sommertag die Sonne allmählich dem Versinken zu. In der Halle, deren eichengetäfelte Wände als einziger Schmuck mannigfaltige Waffen bedeckten, war das Feuer auf dem breiten Steinherd in der Mitte des Hintergrundes, stark herabgebrannt, dem Erlöschen nah: nur zwei dicke Ulmen-Wurzelknorren glimmten noch fort: ein schmaler Streifen weißgelben Rauches zog daraus kreiselnd nach oben und suchte in den Luken des Dachgebälkes zögernd den Ausgang. Zur Rechten des Herdes erhob sich, auf einigen Holzstufen erhöht, der Hochsitz des Saals; der Rücken ward von der Querwand desselben gebildet; die Querbank und die beiden rechtwinkelig von derselben auslaufenden Seitenbänke überdeckten kostbare Felle, die Jagdbeute des Hausherrn; die zierlich geschnitzte Brüstung und die Geländer zu beiden Seiten der Stufen trugen eingeritzte Runen. In der rechten Ecke der Querbank lehnte Odhin, in Sinnen und Träumen versunken; er hatte den Ellbogen auf das breite Geländer gestützt und ruhte das mächtige Haupt auf der offnen Hand; er trug nur das enganliegende dunkelblaue Wams; Mantel und Hut hingen an der Wand, daneben lehnte der Speer; in der andern Ecke der Halle stand die hohe Harfe mit dem silberweißen Schwanenbug: aber gar viele Saiten waren gesprungen; wirr hingen sie herab. Leise knisterten die Kohlen auf dem Herd.   II. So ganz verloren in seine Träume war der Einsame, – er gewahrte es nicht, daß durch die freilich nur ein weniges und gar sacht geöffnete Thür eine schlanke Gestalt in die dämmerdunkle Halle glitt: hatte er doch die Augen – beide Augen: denn damals war noch der Gang zu den Nornen nicht geschehen – geschlossen in seinem Sinnen und Brüten. Weder der kluge Adler noch die Wölfe, die wachen Hüter, hatten die Annäherung des Besuches gemeldet: der Vogel drückte die goldfarbigen Augen ein wenig zu, nachdem er schon von weitem die Kommende erkannt; und die treuen Wölfe witterten bei dem nahenden Schritt nur kurz dem Wind entgegen: – dann senkten sie gleich wieder die leicht erhobenen Köpfe. Unvermerkt trat die junge Frau in dem weißen Untergewand und braunen Mantel mit schwarzer Kopfhülle hinter den Sinnenden. Sie sah ihm recht ähnlich mit den dunkeln, klugen, eindringlich blickenden Augen unter starken Brauen, und mit dem feingeschnitten kleinen Mund: aber ihr prachtvoll reiches Haar flutete tief schwarz, nicht braun; und sie zählte gar viele Winter weniger. Sie reckte sich nun ein wenig auf den Zehen, hob die beiden Hände über die Wandlehne der Bank und legte sie zärtlich auf seine beiden Augen: »Wer ist's?« Lieblich klang die leise Frage. Sanft langte er hinauf, schob ihre Hände, diese festhaltend, zur Seite, und richtete einen liebevollen Blick empor in ihr schmales Antlitz: »nur meine Schwester,« sprach er, »zaubert also mit der Stimme.« Sie glitt nun hinter der Bank hervor und setzte sich neben ihn. Ernsthaft, prüfend, ruhte ihr Blick auf dem gewaltigen Antlitz. Nach einer Weile begann sie, über seine nervige, magere Rechte streichend, die dem Fange des Adlers glich: »Sonst suchtest du mich; nunmehr muß ich dich suchen, soll ich dich sehen. Ist das wohlgethan?« »Es ist wohlgethan.« – »Weshalb?« – »Weil nichts Erfreuliches an mir zu sehen ist.« – »Soll ich nur deine Freude teilen dürfen?« – »Ja. Laß mir allein ... das andere.« – »Was ist dies andere? Es ängstet mich, quält mich ... Seit Wochen schon währt das Unheimliche: ich meine, seit du aus Norge zurückkamst.« Ein müdes, wehmütiges Lächeln zog um den bärtigen Mund: es ließ ihm gut. »Du hast scharfe Augen, Schwesterlein.« »Nur ein Schwester herz . – Jawohl! Es ist so! Vor dem Aufbruch zu jener einsamen Wanderfahrt ..., wie hell, wie freudig hattest du noch am Abend zuvor die Harfe geschlagen, – hier, für mich und meinen lieben Mann allein. Und nun! Wie verwaist, wie verwahrlost steht sie dort in der Ecke! Keinen Ton mehr vernahmen wir!« Er warf einen kurzen Blick auf die wirren gesprungenen Saiten. »Ich! ... Singen? ... Ich werde die Harfe verschenken ... Willst du sie? Singe dazu das Glück deiner Seele: deine Liebe!« Die junge Frau erschrak; mit hastiger Bewegung wandte sie das Gesicht so gegen ihn, daß sie ihm voll in die Augen sehen konnte. Allein er hatte sie halb zugedrückt, wie er pflog, wann er sann oder Schmerzen verbarg. »Wer soll,« rief sie, »an diese Saiten rühren? – Odhin ohne seine Harfe! Soll aller Wohlklang verstummen in Asgardh? – Bruder, wie krank muß deine Seele sein! – Was quält dich? Wohl weiß ich: schwer lastet auf dir die Sorge um das All, um Götter und Menschen und alle guten Wesen. Allein du darfst dich nicht darüber in trauriges Träumen verlieren. Die Riesen dräuen wieder! Heimdall berichtet von der Brücke her, kecke Haufen von ihnen wagen sich abermals nahe heran: – wohl aus Spähe. Kommen sie nun plötzlich mit Macht ...« – »So werden sie mich bereit finden, sie mit dem Speer zu empfangen, wie immer. Ich meine, Schwesterlein, an der Kampfespflicht ließ ich's noch niemals fehlen.« – »Du! All dein Leben ist Kampf. Aber solch Grübeln und Grämen, solch Sinnen und Seufzen und Sehnen, ... es zehrt an der Kraft.« »Sie wird noch reichen, denk ich.« – Und er lupfte leise den Speerarm. – »Und jene Ahnungen von einem unhemmbar heraufdämmernden Verderben? Sie sind nicht düsterer denn sonst. Laß kommen, was mag: wir werden's abwehren wie Männer. Und ist es nicht mehr abzuwehren, – fallen wie Männer. Es ist nicht das ...« – »So ist es ein anderes! – Es ist also doch ein Ding, das dich verschattet! O Bruder, großer Bruder! Nein, schiebe mich nicht mit der Hand hinweg von deiner Brust, nicht mit einer Ausflucht hinweg von deinem Vertrauen. Gedenke, o gedenke der Mutter! Weißt du nicht mehr, wie sie sprach, kurz bevor sie, die lang schon Sieche, starb? Denn die Riesentochter mußte hinab nach Hel! Denkst du nicht mehr des letzten Abends, da wir beide die Wankende hinausführten aus der Halle in den warmen Sommerabend? Nicht zwölf Winter zählte ich: doch merksam war mir die Seele: über meine Jahre hinaus verstand, erriet ich der lieben Mutter Gedanken. Du führtest sie, hebend, unter dem rechten Arm: ihre Linke ruhte, gestützt, auf meinem Haupte. Die Sonne versank in grauen Wolken: ein langer, schmaler, mattroter Streif war alles, was von ihr übrig geblieben, wehmütige Sehnsucht erregend. Die Schwarzamsel sang ihr nach vom höchsten Eschenwipfel. Uns beiden war so weh um die Mutter! Die aber hielt plötzlich an im müden Schreiten und, die Hand aus meinem Haare lösend, wies sie schweigend zur Seite des Waldpfads: »Schaut hin,« sprach sie sanft, »sehet ihr nichts? Dort sprießt aus dem urstarken dunkeln Felsgestein am Wege eine zarte, duftige, weiße Blüte. Versteht ihr es nicht? Nur der starke Fels hält und schützt die Allzuzarte, um die Zarte schmückt den allzu starren, farblos Düsteren. So sind Bruder und Schwester: so seid ihr beiden: so sollt ihr sein immerdar. Gelobt es mir in diese Hand: er dein Schutz, du sein Schmuck: er deine Kraft, du seine Milde.« – Wir drückten die durchsichtigen, blassen Finger – wie bebten sie! – und ...« – »Und ich hab's gehalten! Ich habe dich geliebt, klein Schwesterlein, wie ich weder Mann geliebt habe noch ... noch Weib. Und habe dich gehegt an meiner Brust, bis ich dich dem in die Arme legen konnte, dem Wackeren, den du mehr, – und ganz anders! – lieben solltest als mich. Warum also mich mahnen? Ich hielt mein Wort.« – »Auch ich, Bruder: so weit du es mich halten ließest – durch dein Vertrauen. Und wenige, wähn' ich, deiner stolzen, kühnen, ja auch deiner düsteren Gedanken hast du vor mir verschlossen bis ... bis vor kurzem. Und oft gelang mir's, die böse Falte hinwegzuglätten von deiner hohen Stirn. Aber ...« – »Nicht immer, meinst du? Mag wohl sein. Denn ein Mann, der ein Mann ist , behält das Bitterste für sich, meine Wara.« »Mein Gatte, glaub' ich, birgt nichts vor mir.« – »Forseti, der Treffliche! – Ja, Kind, der Gott des Rechts, immer nur gradaus schreitend, ohne Seitenblick, hat nicht die Sorge um das Geschick der Welt zu tragen. Und außerdem ...« – »Du stockst?« – »Nun ja,« lächelte er traurig, »es ist doch wohl ein Unterschied, mein' ich. Du bist sein Weib, nicht seine Schwester nur. – Nein, zucke nicht zusammen: das sollte kein Vorwurf sein: es ist doch nun nicht anders. – Ja, hätt' ich ein Weib... – Alles vertraute ich der Geliebten!« – er sprach's ganz leise für sich hin – »Wie einsam bin ich doch! König von Asgardh heiß' ich und Haupt der Asen und Herrscher der Welt. Neid, ich weiß es, tragen mir viele. Nie versiegt im Goldhorn mir der Wein, den Ehrensitz in Walhall nehm' ich ein, mein Speer fliegt niemals irr', meine Harfe tönt heller als alle Harfen, Weisheit erfrug ich, tiefere, höhere als alle Weisen, als Allvater ehren mich alle guten Wesen, vom lichten Asen bis zum dunkeln Zwerg; – – ach! und ich bin einsam! Rastlos wälz' ich mein Haupt auf dem heißen Kissen, schlummerlos, aber sehnsuchtsvoll!« Er brach ab, schweratmend; hoch hob sich ihm die breite Brust; er drückte die geballte Faust darauf, daß es schmerzte. Betrübt strich nun die Schwester mit der weichen Hand über die fest geschlossenen Finger, wie um sie – und seinen Schmerz – zu lösen. »Und warum? Warum bist du einsam, mein Bruder? Längst ist es aller Götter Wunsch, dich vermählt zu sehen. Aber am innigsten wünscht dir's die Schwester, seit sie ...« – sie zögerte, in holder Scham errötend – »seit Wara weiß, wie Eheliebe beglückt. – Und welche Göttin – und wäre es die stolzeste, höchste, wär's Freia selbst, der Walküren rotlockige, stürmende Führerin, ... welches, Weib in allen neun Welten weist Odhin ab, wenn Odhin wirbt? Du weißt das sehr wohl, Übermütiger! Und dennoch unvermählt! Warum?« – »Thöricht gefragt, du vielklug Schwesterlein. Weil ich noch in allen neun Welten keine gefunden hatte!« – » Hatte !« rief sie, rasch aufspringend und mit beiden Händen sein Haupt umschließend. »Also jetzt aber hast du sie gefunden! Heil dir! Und auch ihr! Und uns allen!« – »Oder wehe mir! – Und ihr! – – Und uns allen!« flüsterte er, ihr unvernehmbar, in den wirren Bart. Sie aber fuhr fort in freudiger Erregung: »Oh ich ahnte es fast! Oder nein: ich wünschte es nur so innig! Ah, wie will ich sie lieb haben, die Selige, die dich beseligen darf! Wer ist sie? Wo ist sie? Weshalb zögerst du ...? Das also war's? Ein Weib?« – »Ein Weib!« nickte er traurig. – »Aber ich verstehe nicht ... dieser Schmerz? Sie weiß, daß du sie liebst?« – »Ich glaube wohl.« – »Dann liebt sie auch dich! Es kann nicht anders sein!« – »Ich glaube, sie liebt mich.« – »Nun wahrlich, so begreife ich nicht ...! Welcher Vater, welcher Muntwalt weigert das Ja, wenn Odhin wirbt? Und zuletzt – wäre sie des grimmigsten Riesen Tochter – wer trotzt Odhins Speer? Oder wen kann nicht – ohne Kampf – Odhin in seines dunkeln Mantels Falten entführen nach Asgardhs unerreichbaren Höhen? Bruder, unhemmbarer, stürmischer, – nur allzu stürmischer sonst! – ich fasse es nicht! Du liebst, – du wirst geliebt und du – Odhin! – sitzest hier thatlos und verzehrst dich in krankem Sehnen?« »Und verzehre mich thatlos in krankem Sehnen!« wiederholte er, grimmig mit dem Haupte nickend. – »Unbegreiflich! – Was hindert dich , wo du willst ? – Und wo ist sie? In Asgardh oder in Alfheim? In Midhgardh oder in Riesenheim? Und wer ...?« – »Still,« sprach Odhin, sich ausrichtend. »Man kommt. Es ist der Schritt – Forsetis.« – »Ja, meines lieben Mannes!« rief sie. »O vertraue dich ihm! Oder laß mich's ihm sagen. Sein Rat ist immer gut und ...« Aber sie erschrak. Der Bruder, der stets nur zarte Worte für sie gehabt hatte, er herrschte sie an – zum erstenmal im Leben: »Schweig! – – Bei meinem Zorn!«   III. Bedächtigen Schrittes trat der Schwager ein. Er trug das sinnende Haupt vornüber gebeugt, wie von der Schwere eines Gedankens belastet; er schien älter durch diese Haltung als er war. Allein sowie er seines jungen Weibes ansichtig ward, erhob er sich in rascher Bewegung: sein helles, blaues, sonst so ruhiges Auge leuchtete auf. Schon lag sie an seiner Brust: er schlang den linken Arm um sie; in der Rechten trug er den weißen Richterstab, gekrönt mit einer geschnitzten greifenden Hand. Mit wehmütigem Blicke musterte Odhin das Paar: »wie glücklich sie sind in ihrer »Eheliebe«, wie sie sagte. – Beneidenswertes Wort!« Nun hatte sich Forseti aus der Umarmung seiner Gattin gelöst; sie an der Hand führend trat er dem Hochsitz näher, ehrfurchtsvoll den Götterkönig begrüßend. Er war nicht älter als dieser, etwa vierzig Winter: stattlich ragte ihm die ebenmäßige Gestalt; das lichtbraune Haar rollte in einer langen Welle auf den weißen Mantel, der die breiten Schultern umwallte; im goldenen Gürtel trug er ein kurzes Beil und eine starke Schlinge, gedreht von zäher Weide. Sein Gang war sicher; der bartlose Mund von strengem Schnitt fest geschlossen: der Stirne hatte sich zwischen den genau im Halbrund gebogenen Brauen eine tiefe Falte eingefurcht; seine Stimme, viel heller als die des Schwagers, klang durchdringend, wie Schlag von Erz auf Erz; sein offener Blick ging frei gerad aus: es war, als sähe er dem Angesprochenen durch das Auge stracks in die Seele. »Ich dachte es,« nickte er freundlich. »Stiehlt sich die Frau vom Mahle der Götter – von meiner Seite! –: unvermerkt, wie die Listige wähnt: aber nicht leicht täuscht man mein Auge: ich ahnte, beim lieben Bruder hab' ich sie zu suchen. – Und es war recht gethan: allzu einsam, Schwager, hältst du dich lang schon.« – »Der Gedanke liebt die Einsamkeit.« – »Und die Trauer sucht sie,« klagte Wara. »Odhin ist traurig.« – »Das will ich gern glauben, Liebe. – Was die Zukunft droht, – er weiß oder ahnt davon mehr als wir alle. Aber auch mehr als wir alle schaut er das Unheilvollste, was die Gegenwart erfüllt.« Sie erschrak: er sah so ernst. »Du meinst ... was nennst du das Unheilvollste?« »Den Bruch des Rechts. Ich nenn' ihn nicht so: er ist das Unheilvollste.« Ganz schlicht kam das heraus: aber nicht nur die Frau blickte voll Ehrfurcht zu dem auf, der dieses Wort gesagt –: er war sehr schön, wie nun der edle Eifer der Überzeugung die regelmäßigen, sonst fast allzu ruhigen Züge durchleuchtete: – auch Odhin hob, ergriffen, die Brauen. Dann aber verfinsterte sich Odhins Stirn und er meinte achselzuckend: »Darüber kann man streiten.«   IV. »Gerade darüber kann man nicht streiten,« erwiderte der Gelassene so laut, so bestimmt, daß beide staunend auf ihn sahen und Odhin nicht ohne leisen Unwillen: er war solcher Widerrede nicht gewohnt in allen neun Welten. Jener aber sah ihm in das Gesicht und fuhr fort: »Den grübelnden Gott, den »Für- und -Wider« rühmen und schelten dich Freunde und Feinde. Und vieles magst du, meinethalben sonst alles, hinwegstreiten den andern. Ja – was schwerer – hinweggrübeln dir selbst. Mit deinen vielverschlungenen Gedanken, den geschmeidig entschlüpfenden und unabschüttelbar umschnürenden, glatten Schlangen vergleichbaren. Und mit der Allgewalt des reichtönigen Mundes, dem nie das schärfst gewählte Wort versagt, obwohl es dir nicht der Vorbedacht, – der Augenblick, die Begeisterung geflügelt auf die Lippe legt. Wie oft hab' ich dir diese Kunst beneidet, mit kühlster Berechnung flammende Glut – und nicht geheuchelte! – zu verknüpfen –: du schrecklicher Redner, der unwiderstehlich die andern überredet, weil er sich selbst, arglistig und begeistert zugleich, dahin täuscht, dahin reißt! – Aber, Odhin von Asgardh, – das Recht grübelst du dir nicht hinweg.« Ein Schweigen entstand. Wara suchte ihres Gatten Hand. Verstimmt, hochmütig erwiderte Odhin: »Will ich gar nicht. Aber Schlimmeres, Niedrigeres giebt es als Rechtsbruch: die Feigheit, das Gemeine. Und wo wären die Götter ohne so manche Arglist Lokis?« »Wo sie wären? – Jedenfalls ferner ihrem Untergang.« – »Wer weiß,« lachte Odhin; aber das Lachen kam nicht von Herzen; hastig sprang er auf von dem Hochsitz und stieg in die Halle hinab, in welcher er nun mit ungleichen Schritten auf und nieder ging. Ruhig fuhr der Schwager fort: »Und gerade aus solchem Grunde kam ich her, nicht bloß, liebe Flüchtlingin, um dich zu suchen.« »Aus welchem Grunde?« fragte Odhin und blieb kurz stehen. »Unrecht zu hindern. Oder, ist es schon geschehen, Unrecht zu strafen.« – »So hindre. Oder strafe. Es ist dein traurig Amt.« – »Es ist seine stolze Pflicht, Bruder,« mahnte Wara; sie staunte bang; denn sie sah seinen Unmut wachsen und wußte ihn nicht zu deuten. »Das ist nun seine , ist Forsetis Heldenschaft.« »Du hast Recht, lieb Schwesterlein,« sprach Odhin freundlicher, nun wieder hin und her schreitend. »Wie oft – ja, meist – aber doch nicht, wie du wähnst, immer.« Er blieb vor ihr stehen, lächelte und strich zärtlich mit der Hand über ihr schönes, reiches Haar. – »Rede, Schwager! Was ist's für ein Unrecht? Und wo? Bei Göttern, Elben, Riesen oder Menschen?« »Bei Menschen. In Norge.« Odhin hielt plötzlich inne in seinem Wandelgang: nur einen Augenblick: gleich nahm er ihn wieder auf. »Dort herrscht ein König in Alfadal. Alf ist sein Name.« – Scharf blickte ihn Odhin an: »noch nie vernahm ich Klage wider den Alten; er ist gerecht; seine Bauern loben ihn.« – »Mit allem Grund. Auch sein Sohn Alfhart, zwar heftig und voll Hastemuts ...« – »Der?« unterbrach Odhin seltsam lächelnd. »Der wird seinen heißen harten Kopf vielleicht einmal anrennen wider – – einen noch härteren. Dann giebt's Scherben.« »Alfhart hat noch keinen Frieden gebrochen. Allein er hat eine Schwester.« Nur ein kleines wandte der Hörer das Haupt ihm zu: gleich schritt er wieder dahin, ihm den Rücken kehrend. Forseti fuhr fort: »Die schönste Jungfrau über all Norgeland ist Alfvhit Sonnenhaar.« – »Und hat die Maid,« forschte die junge Frau – »ich hörte von ihr! – so viel Glanz durch Schuld getrübt? Es sollte nicht geschehen! Die Schönsten sollten auch die Besten sein.« – »Tröste dich, lieb Weib; noch ist sie schuldlos. So hoffe ich. Und so hofft ... Er.« – »Wer?« Drohend dröhnte die Frage. So laut hatte Odhin gerufen, – die noch angespannten Saiten der Harfe schwirrten zitternd nach. »Er, der mich alltäglich und allnächtig anruft um Schutz seines guten Rechts, Adhal, der Königssohn von Updal, ihr ringverlobter Bräutigam.« Odhin war bei seinem Umhergehen an die Wandstelle gelangt, wo sein Speer lehnte; der hatte wohl zu fallen gedroht: denn er griff rasch danach, mit zuckender Hand, und ballte die Faust um den Schaft. »Weshalb?« fragte eifrig Wara, die Augen fest auf den Gatten heftend. »Droht dem Bunde Gewalt? Droht der Jungfrau Raub? Rasch sollen den Brautlauf sie rüsten! Dann werden kräftiger noch als das Mädchen die Ehefrau schützen Thôr und mein Odhin.« Sie wandte sich nun. Stolzen Blickes sah sie auf den Bruder; der schien es nicht zu bemerken; er war mit seinem Speere beschäftigt: er lehnte ihn wieder an die Wand, aber so unsanft, daß die eherne Spitze klirrte. »Nicht Gewalt, liebes Weib. Nicht Raub bedroht die Halle. Die Alfinge und jung Adhal sind stark genug, Räubern zu wehren.« – »Was also kann ...? Ist die Jungfrau krank? Ich will ...« – »Du Gute, Treue! Nichts der Art, Ich sagte: des Verlobten Recht ist bedroht: die Braut: – sie selber wankt.« – »O wehe, weh!« – »Einem andern neigt sie zu, einem Frevler. Spät in der Sturmnacht kam ein Fremdling, ein Wanderer, in die Halle, den keiner kannte; aber die Hunde bellten nicht wider ihn. Wirtlich nahm ihn der greise König auf: nach dem Frühmahl wollte er scheiden. Bei dem Frühmahl ersah er schön Alfvhit und er blieb. Er gefiel nur dem Bruder nicht: sonst allen, – auch dem Bräutigam: aber am meisten der Jungfrau. Runen ritzte er ihr, Harfe schlug er, Lieder sang er, unerhörte: und unersättlich lauschte sie ihm. Nun bangt jung Adhal um die Geliebte, die, willenlos, wie, von der Schlange Blick gebannt, das Vögelein ...« – Laut, höhnisch lachte da Odhin: »Und der eifersüchtige Knabe ruft um deswillen den Gott des Rechtes an? Hat der Fremdling ihm sein Recht gekränkt?« – »Noch nicht.« – »Dann rat' ich, der Gott des Rechtes wartet eine That ab, bevor er mich zur Rache ruft. Wer kann für Gedanken? Wer für Liebe auch?« – »O König, kenntest du die Maid! Ihresgleichen trug die Erde nie! Sie ist... ja schöner noch als meine Wara ist sie.« – »Das sagt viel,« meinte Odhin, der Schwester zulächelnd, »aus deinem Mund. Und zu mir gesprochen!« – »Und der ehrwürdige König! Der edle Bräutigam!« »Genug,« spottete Odhin. »Warum lobst du nicht auch ihren Bruder, den goldgierigen, wildwütigen?« – »Und die milde Mutter! – Glücklich lebten sie alle, mehr Glück erhofften sie in wenigen Wochen, sobald die Maid dem Königssohn gefolgt. Und nun! Unablässig steht er zu Freia und zu mir,« – »Das hörten wir bereits! Liebt ihn das Mädchen? Ja oder nein?« – »Sie liebte ihn. Jedoch ...« – »Forseti, mein Gemahl, mag Liebe enden?« – »Nicht unsre Liebe, Wara!« »Keine, die es ist,« rief Odhin laut. »Merkt euch mein Wort: Liebe ist lechzendes Leid Oder lodernde Lust, Aber immer ewig ist die Liebe. Daran haltet euch. Genug der ziellosen Klagen! Soll Freia, soll ich – durch Zauber etwa! – jedes Mägdleins Sinn wenden, das den nicht mehr mag, den ihr der Vater gekoren, nachdem es den gefunden, den das eigne Herz verlangt: – soll ich etwa jede solche zurückzwingen nach der Sippe Belieben? Ei, viel Müh' und Arbeit hätt' ich dann in allen neun Welten! Und wenig Dank dazu von holden Maiden! Laß doch den Bräutigam den Vater heiraten, dem er so sehr gefällt. Und den grimmen Bruder dazu. Jeder wahre seines Liebchens Liebe selbst. Schlimm genug, braucht einer dazu drei Götter: Forseti, Freia und Odhin.« Er lachte laut und schritt wieder dahin. »Du sollst ja nur helfen, du Vielkundiger, zu erforschen, wer in Wahrheit er ist, der unheimliche Gast, der durch Runen und Sang – wohl durch Zaubergewalt! – die Jungfrau berückt. Denn der Name, den er sich giebt, ist kein Name: ist eine Hülle an des Namens Statt.« »Wie heißt er?« forschte Wara eifrig, denn Odhin schwieg. »Wegwalt: – Wanderer also! Jeder mag so sich nennen, der des Wegs gezogen kommt. Und er – er kommt und geht, man weiß nicht, woher und wohin. Auch was er von seiner Heimat spricht, ist dunkel, vieldeutig. Mach' rasch ein Ende, großer König, wie leicht du kannst: sende deine beiden Raben aus und ...« – »Die spähen nur für, nicht gegen Liebende!« – »O hättest du die Schöne je geschaut mit ihrem goldgewellten Sonnenhaar und mit dem sanften scheuen Blick des blauen Auges! Du würdest eifrig jedes Weh von ihr wehren!« – »Das will ich!« – »Dann eile! Denn wisse: ihr zorngemuter Bruder hat es ausgespäht, daß sie den Fremdling heimlich trifft.« – »Was sagst du?« rief Odhin und fuhr herum. »Im tiefsten Tannicht, im Markwald nah dem Fjord, wo er sein kleines rasches Boot im dichten Schilfe birgt.« »Siehst du nun, lieber Mann, wie gewaltig das ihn aufstört? Ja, Odhin hilf! Warne die Bethörte!« – »Der Bruder schleicht ihr nach – heute Nacht – sobald der Mond aus dem Möwenhaff steigt. Trifft er sie, wird sie gefangen und in das Frauengemach ... Aber wohin? Du kennst ja den Ort nicht. Höre doch zu Ende, wo ...« – »Was willst du thun, Bruder?« fragte Wara. – »Was du gebeten: warnen!« Und bereits hatte er Mantel, Hut und Speer ergriffen: – er schritt zur Thür – nun war er schon verschwunden. – – – Die Gatten traten, ihm folgend, auf die Schwelle hinaus: alles leer; am Himmel flog hinab nach Midhgardh ein dunkel langgestreckt Gewölk. »Verstehst du ihn?« fragte Forseti ernst, dem Wolkenzuge nachschauend. – »Wer versteht ihn ganz? Ich wohl tiefer als andre. Diesmal versagt mir das Erraten. Aber mir ist bang, recht bang um ihn.«   V. Heller Sonnenschein hatte den ganzen Tag den Hof König Alfs in Alfadal umflutet. Plötzlich, bald nachdem die Sonne im Meere zu Golde gegangen, sprang überraschend Südwestwind ein: nur Eine dunkle Wolke war anfangs sichtbar: diese nahte in fliegender Eile, sich immer tiefer senkend: und alsbald ergossen sich von der See her solche Regengüsse ins Land und solches Düster verbreitete sich, daß niemand daran denken mochte, das schützende Dach eines Hauses zu verlassen. Wohl das Aufhören des rasch eingebrochenen Unwetters erhoffend lehnte an der Fensteröffnung eines Gemaches im hohen zweiten Geschoß des Königshofes eine schlanke weiße Gestalt: der Wind, draußen ungestüm, spielte hier nur sanft, wie liebkosend, mit dem blonden Haar, das in kurzgebrochenen Wellen das schmale Haupt umrieselte. In träumendes Sinnen versunken blickte die Jungfrau über das offene Feld vor dem Hofzaun nach Süden hin, wo das dichte Tannicht des Markwaldes dunkelte; den Wald durchstoß der breite Strom, bevor er in den blauen Fjord mündete; manchmal flog eine weiße Möwe über die fernen Wipfel hin, dem Strome folgend und dann wieder stromaufwärts, hin und wieder, hin und wieder – – – Dorthin trachtete das Denken des bleichen Mädchens; aber es schien nicht in das trennende Düster des Waldes dringen zu können, sowenig wie der Blick des zaghaften Auges; nun senkten sich die langen, goldfarbenen Wimpern; die schöne Harrende seufzte. Ihr Haupt sank wie müde, tauschwerem Blumenkelche gleich, nach vorn, die weiße Stirn ruhte an dem harten Eichenpfosten des Fensters. – – Da schreckte sie von unten, von dem Vorhof her, ein rauher Ruf: »Nun, Schwester, schläfst du ein vor Nacht?« Sie fuhr zusammen, sie errötete jäh. »Oder was treibst du da am offenen Fenster, wo jeder Gaffer dich, solang er will, begaffen mag? Schon lange steh' ich hier, hinter der Thüre der Schmiede gedeckt. Wartest du auf den Verlobten? O nein: du mußtest es ja sehen, wie er vor geraumer Zeit schon einritt und in die Halle schritt. Oder wolltest du wieder – du stehst ja im Mantel! – aus dem Hofzaun schlüpfen – wie schon oft diese Wochen – allein– niemand weiß, wohin? Der Regensturm hielt dich wohl ab? Schade! Heute war' ich dir – von weitem – gefolgt und wir hätten's erfahren, wo sie denn wachsen, jene wunderseltsamen Blumen, die du schon zweimal von solcher Wanderung zurückgebracht – schlau unter dem weißen Mantel verborgen – und in dein Gemach getragen hast. Ich sah dergleichen nie in unsern Landen! – Aber komm nun hinab in die Halle. Adhal harret schon lange der Braut.« Die Belauschte trat bestürzt, verwirrt zurück; sie zog den Ledervorhang vor das Fenster – wie um den Blick des Schelters abzuwehren; dann drückte sie die beiden Hände dicht über den geschlossenen Augen vor die Stirn, tief, tief erseufzend. – – Nach geraumer Weile raffte sie sich auf, hob den Mantel von den Schultern, schob den Gürtel über dem blauen langfaltigen Gewand zurecht, ging zögernden Schrittes aus ihrem Schlafgemach über die große Treppe hinab in das Erdgeschoß und trat aus dem Hausgang in die rechts seitwärts liegende Halle.   VI. Sowie sie deren schweren dunkelroten Wollvorhang zurückgeschlagen hatte, und nun, in anmutvoller Haltung, über die Schwelle schwebte, sprang von seinem Sitze neben dem Hochstuhl des Königs ein schöner Jüngling in lichtem Haar lebhaft auf, eilte ihr entgegen, ergriff ihre Rechte und sah ihr ernst, eindringend in die Augen. Allein sie senkte sogleich die Wimpern und blieb, unentschlossen, stehen: ja, sie schien leise zurückzutrachten. Traurig, mit verhaltnem Vorwurf ließ er nun den Blick auf dem edelschönen Antlitz ruhen: er schüttelte, kaum merklich, das lange Gelock. König Alf, auf dem Hochsitz sich vorbeugend, bemerkte alles. »Komm, Töchterlein,« mahnte er freundlich, »nicht gar so abwehrend gethan! Wohl ist sie löblich, die brautliche Scheu. Doch jedwed Ding hat seine Weile und – dann – sein Ende. Nach wenigen Nächten stehst du auf der Wiese als Ziel des Brautlaufs.« Da ward die Bleiche noch bleicher. »Lange schon harret jung Adhal geduldig. Nun mahnt er und drängt mit Recht.« »Nicht doch, Vater!« – lebhaft erhob er die Hand aus dem kirschroten Mantel hervor. »Nicht gegen ihren Willen dräng' ich. Wenn sie noch Aufschub wünscht, – wohl ist es schwer zu tragen! – Doch alles geschehe nach ihrer Neigung.« »Dank!« hauchte sie. Und ein Blick – der erste! – fiel auf ihn: der war aber freundlich, ja warm. »Er – er ist so gut!« dachte sie und errötete ein wenig, wie sie sich darauf betraf, daß ihr Auge mit Wohlgefallen ruhte auf seinen jugendlichen wohlgebildeten Zügen. »Nein, Freund Adhal!« fiel da eine herbe Stimme ein. Der Bruder hatte in hastigem Eintreten jene letzten Worte vernommen. Er warf das von Regen triefende Bärenfell, das er über Kopf und Schultern gezogen hatte, auf eine Bank neben dem Herdfeuer und strich sich das zottige dunkle Haar aus der Stirne. »Nein! Nicht also, sag' ich. Nicht stets alles nach ihrer Neigung! Du verdirbst dir in der Braut schon das Eheweib. Nach deiner Neigung alles, sobald sie in deinen Schuh getreten. Und vorher: – nach der unsern, ihrer Schwertmagen!« »Ihr Vater ist ihr Muntwalt,« entgegnete der Bräutigam, »nicht du, Alfhart.« Und er führte das Mädchen an der Hand an die Stufen des Hochsitzes und half ihr von da aus hinaufsteigen zu dem König. Der wandte der Tochter das ehrfurchtgebietende Antlitz, umrahmt vom schönen weißen Haar und Barte, freundlich zu, zog sie, den braunen, goldgestickten Mantel zurückschlagend, nieder zu sich auf die Bank zu seiner Rechten und streichelte ihr liebevoll die Wange; zärtlich küßte sie ihm die kosende Hand; das Gewölk wich zusehends von ihrer Stirn: innerer Friede überkam ihre Seele hier, in dem starken Friedensschutz des Hauses, neben dem treuen Vater; sie fühlte, – ohne hinzublicken – wie freudig stolz des Verlobten Augen auf ihr ruhten: »Wie lieb er mich hat,« sagte sie zu sich selbst. Aber Alfhart grollte und schalt in den dichten Rundbart hinein. »Ja, leider hab ich der Thörin nichts zu gebieten. Ich hätte längst ein Ende gemacht dem Sich-Zieren und Sträuben, nachdem der reiche Brautschatz bedungen und richtig bezahlt war. – Auch heute wieder!« fuhr er lauter fort. »Wie lange ließ sie den Verlobten hier unten warten, derweilen sie oben in die Windwolken hinauf träumt. Das war nicht so früher. Nicht bevor ...!« Er brach mürrisch ab und machte sich lärmend an dem Feuer zu schaffen, ein Scheit aus dem neben dem Herdstein aufgeschichteten Holzstoß in die Glut werfend, daß die Funken hoch lohend emporstoben. »Du bist erstaunlich geduldig, Schwager, solang zu warten!« »Ich ertrage das Warten, weil ich weiß: ein Königswort steht fest. – Und fest auch« – sprach er lauter, das Auge scharf auf Alfvhit richtend, »einer edeln Jungfrau bräutliche Treue: – es komme, was da mag.« »Auch komme, wer da mag?« rief Alfhart, sich rasch von dem Feuer umwendend nach den dreien. »Habt ihr von Zauberliedern nie gehört und von Runen der Bethörung? Ruchlose Männer, unheimliche, sagt man, schweifen unstet durch die Lande, unter dem dunkeln Mantel die Harfe, im dunkeln Herzen die böse Lust und ...« »Schilt nicht,« unterbrach der König, »mit kaum verhüllter Meinung unsern Gastfreund. Ich duld' es nicht. Unedles hab' ich nie an dem vermerkt.« Alfvhit sah mit einem warmen Blick des Dankes zu dem Vater hinauf. Da rief ihren Namen eine matte, aber gar wohllautreiche, liebliche Stimme: sie drang aus dem oberen Stockwerk herab, aus dem Schlafgemach des alten Paares, in das aus der Halle eine Wendeltreppe durch eine – jetzt geöffnete – Fallthüre hinausführte. »Die Mutter! Ich komme, liebe Mutter!« Und eilig huschte sie hinweg, die Stufen der Treppe hinauf.   VII. »Gut, daß sie fort ist,« grollte der Bruder, ihr unwillig nachblickend. »So kann ich freier reden. – Ich warne dich, Vater, und dich, Schwager, vor diesem geheimnisreichen Gast. Er kam, niemand weiß, von wannen? Er geht, niemand weiß, wohin? Hoch über den Bergen, sagt er, liegt seine Heimat: Windheide heiße sie. Wer war je in Windheide? Ein Skalde will er sein ...« »Er ist es,« sprach der Alte. – »Niemals hörte ich herrlicher harfen!« fiel Adhal bei. »Wohl! Aber an welcher Könige Hof lebt er? Auf welches Jarls Fürsprache beruft er sich? Sprach er je von Gaben, die er empfangen, von Harfenlohn? Wies er jemals Kette oder Spange, die er geschenkt erhalten? Vom Harfen ohne Gabe lebt auch der beste Skalde nicht! Sein schlichtes Gewand, der sturmverwetterte dunkle Mantel, der regenzerweichte Schlapphut – auch bei unsern Festen legt er sie nicht ab! – sein stilles, verhaltnes, nichts verlangendes Wesen: – eitel Hochmut ist's. Er ist nicht wie wir andern, auch nicht wie andere Skalden. Das ist verdächtig! Ich mag die Männer nicht, die gar so eigen sind. Die Schwermut, die über seinen Augen träumt, – sie ist wohl Selbstzeugnis alter Schuld. Ich mag die Männer nicht, die, glauben sie sich unbelauscht, leise vor sich hin seufzen. Er ist nicht geheuer, dieser Wandergast! Und hast du, der ringverlobte Bräutigam, es nicht verspürt, – seltsam, daß ich dich mahnen muß! – wie er die grauen Augen, die bohrenden, nicht lösen kann von jenem blonden Haupt? Wie ihr nur seine kühnen, wilden, nie erhörten Weisen gelten, voll Feuer und Trauer zugleich? – Ihr Feuer reißt hin, ihre Trauer erzwingt Mitleid. Wie er bei dem Ausklang des Liedes nur nach ihrem, – nicht nach des Königs! – Beifallsblicke sucht? – Und sie! – Nun, Adhal! Hast du wirklich nichts gemerkt? War sie früher schämig deiner Werbung ausgewichen, wie der Jungfrau ziemt .. –, sie war doch nicht unnahbar gewesen wie das Firn-Eis des höchsten Bergs in Norge. Sie liebte dich – oder sie war dazu auf bestem Wege. Und nun! Seit Er über jene Schwelle trat, seit sie ihn harfen hörte, – nun meidet sie dich, wo sie kann. Und kann sie deine Nähe nicht meiden, so meidet sie doch deinen suchenden Blick. Übles ahnt mir! Noch sage ich nicht mehr: aber ich wache! Beim Strahle Thors. Soll die Lilie von Alfadal eines wegfahrenden Klimperers werden? Wahren Vater und Bräutigam nicht das eigne Recht und des Mädchens Ehre, so ...« »Genug!« rief Adhal. »Ich bin nicht blinder, aber vertrauender denn du. Ich baue fest auf Alfvhit, die Wahrhaftige. Und auch von ihm, der mir wert geworden, erwarte ich nicht Arges. Zwar fühle ich längst, wie es ihn zu ihr zieht mit unsichtbaren Banden. Schelt' ich ihn drum? Wen zieht es nicht zu ihr? Den Göttern hab' ich im Gebet mein gutes Recht zum Schutz empfohlen. Allein auch auf Erden – du magst Recht haben! – soll etwas geschehen. Vielleicht kommt ein offnes Wort drohenden Schmerzen – auch für ihn! – zuvor. Sobald er wiederkehrt, stelle ich ihn. Ich frage ihn. Entweder er sagt Nein, – dann glaub' ich ihm. Oder er bejaht, daß meinem Recht wie meinem Glück Gefahr droht, – nun, dann wird das Schwert rasch zwischen uns entscheiden. Zum Holmgang, auf Tod und Leben, ruf' ich ihn.«   VIII. Strahlend schien am andern Morgen die Sommersonne über Land und Strom und Fjord und die blaue See. Das Gewölk des vorigen Abends war verflogen. Noch lag der reiche Tau funkelnd auf dem im Frühwind schwankenden Grase des Angers vor dem Königshof und schon wandelte Alfvhit dem Markwald zu. Eilend schritt sie den schmalen Wiesenpfad dahin – das lange weiße Gewand bis hoch über die Knöchel hebend. Nur einmal hatte sie Halt gemacht und ängstlich über die Schulter zurückgeblickt nach der Thüre der Pfahlumhegung des Gehöftes: niemand folgte ihr. Nun flog sie dahin; Sehnsucht zog sie. So bemerkte sie nicht, daß, bald nachdem sie umgeschaut, aus der sacht und nur wenig geöffneten Zaunpforte ein Gewaffneter schlüpfte, der ihr folgte; vorsichtig, von weitem und gar bald auf einem anderen Wege. Denn während sie den Wiesenhang hinab stets abwärts gegen die Strommündung und den Fjord hin trachtete gen Süden, schlug er weiter landeinwärts einen Pfad ein, der gegen Südwesten ablenkte und im Bogen – vorbei an dem Hof Eirikrs, eines König Alf untergebenen Jarls – ebenfalls an die Strommündung führte, aber über bewaldete steile Felshöhen, deren Vorsprünge und Bäume ihn verborgen haben würden, hätte die Verfolgte auch diese Richtung ins Auge gefaßt. Allein sie sah nicht mehr um: es zog sie unwiderstehlich in den Wald. Alsbald hatte sie die ersten Eschen und Tannen erreicht: sie neigten, vom sanften Morgenwind gebeugt, wie huldigend vor ihr die hohen Häupter. Derselbe Kosewind trug ihr den Duft der Waldblumen entgegen: sie sog ihn ein mit Dank: sie wußte freilich nicht, wem danken? Aber der Duft war so süß. Von der höchsten Esche stiegen bei ihrem Nahen zwei Raben auf: die hatten sie schon von weitem erspäht und, sich kurz waldeinwärts wendend, mit lautem Krächzen verkündet: dann, wie sie heranschritt, sie aus klugen Augen wie einverstanden betrachtet; nun setzten sie sich – langsam, gar nicht erschrocken – in Bewegung und flogen jenem steilen Felsenpfade zu. – – Einige Schritte weiter begrüßte sie ein melodischer, ein flötender, ein feierlicher Sang: auf dem hohen Hagedornbusch an dem Waldweg saß ein schwarzer Vogel mit goldgelbem Schnabel: er wiegte sich auf dem schwanken Gabelwipfel des Strauchs und sang ihr laut und lauter entgegen: ganz zutraulich blieb er sitzen, als sie dicht an ihm vorüber schritt. »Dank dir,« flüsterte sie dem Vogel zu, »Schwarzamsel, die du vor allen Waldsängern Odhin lieb und geheiligt bist. Guten Angang – schönen Anfang gewährst du. Mache mir Odhin geneigt, den Gott der frühen Wege – und der geheimen.« Sie war vorüber – die Amsel sang ihr, noch lauter flötend, nach. »Wer Vögleins Wort verstünde!« seufzte sie und eilte weiter. Allmählich war die Morgensonne so hoch gestiegen, – schon drangen ihre Strahlen heller in den Wald: sie vergoldeten das weiche grüne Moos, das sich schwellend der Jungfrau leichtem Tritt entgegenzudrängen schien: und würziger Duft zog durch den Wald von den Tannen, deren Stämme unter dem warmen Licht rot erglänzten. Das Mädchen holte tief Atem: der Waldesduft dehnte ihr die junge Brust: es ward ihr so ahnungsvoll, so reich und selig zu Sinn: »Der Wald ist doch das schönste Königreich! Freilich: ist Odhins Reich! Da muß er wohl herrlich sein. – Waldkönig ist Odhin. – Wie mag Odhin aussehen? Ich meine ... Aber rascher – rascher! – Zu ihm !« Und sie beflügelte wieder den Schritt. Nun erreichte sie das Ufer des Flusses, der sich, den Wald von Nord nach Süden durchschneidend, in den Fjord ergoß: ohne Rauschen, ohne Wellenschlag, zog der breite, starke Strom dahin, ruhig – wie die Notwendigkeit. Hier, wo der Pfad auslief an das Ufer und eine sandige Anlände, war der Urwald ein wenig gelichtet; die Sonne erhellte freundlich die Blöße: aber sie vermochte nicht das Schilficht zu durchdringen, das dichte, schwarzgrüne, das vom Ufer an weit in den Strom reichte, über Mannes Höhe ragend und die tiefbraunen Blütenwedel ernst, ahnungsvoll wiegend. Mitten in diesem Schilffeld war an das Ufer gezogen, von dem wogenden grünen Röhricht verdeckt, ein seltsames Fahrzeug: aus einem Eichenstamm durch Feuer und Keilschlag gehöhlt, ein Einbaum, hochbordig, schmal, mit spitz zulaufendem Vorderbug, mit breitem, schwerem Hintergransen. Der Kahn war wohl alt: vielfach zeigten die Wände Flickblöcke; Wassermoos wuchs, tief dunkelgrünes, an diesen morschen Stellen; durch die mittelste Ruderbank war eine schlanke Tanne, der man den grünen Wipfel gelassen, in den Kiel gepflöckt: ein Segel aus schwarzem Leder hing schlaff daran herab. Auf dem hinteren Gransen, der auf den Sand gezogen war, saß ein Mann, den harrenden Blick dem Waldpfad zugekehrt. Scharf hob sich der Umriß der Gestalt in Hut und Mantel und mit dem langen Speer über der Schulter ab von der lichten, hellblauen Luft da hinten auf dem Strom und weiter abwärts auf dem Fjord. Noch bevor die Jungfrau sichtbar geworden – schon bei dem Ruf der beiden Raben – war der Wartende aufgesprungen: er ging ihr entgegen, wie sie nun sichtbar ward zwischen den Eschen und Eichen: sein bedächtiger Schritt hastete nicht, aber er stockte auch nie: er schwebte immer gleichmäßig dahin. Ein rotes Eichhorn, neugierig, nach der Tierlein Art, aber auch vorsichtig und scheu, sprang vom Flusse her hinter ihm drein von Wipfel zu Wipfel, nie an die Erde rührend; leise sprang es, leicht, unhörbar.   IX. »Wegwalt!« flüsterte das Mädchen, als sie beisammen standen. »Ich wußte wohl, – Ihr würdet hier auf mich warten. Deshalb ... kam ich. Aber ... es ist das letztemal.« – »Es ist das letztemal.« Er holte unter seinem Mantel weiße, seltsam duftende Blumen hervor – nur ganz wenige – und reichte sie ihr. »Wie schön! Wundern gleich! Nie sah ich ihresgleichen! Wo wachsen sie?« – »Über den Bergen. In meiner Heimat.« Er schritt voran, dem Schiffe zu; wie willenlos folgte sie; er wies auf den breiten Bord: sie ließ sich leicht darauf nieder; er blieb dicht vor ihr stehen und beugte sich zu ihr herab, auf seinen Speer gebogen; sein Wirrbart flog im Winde. Das Eichhorn war den Schreitenden gefolgt, hoch über die Wipfel hin; es lugte und blinzelte jetzt von einer dichtbelaubten Esche auf sie hernieder, den ganzen Leib versteckt hinter einem dicken Ast: nur der kleine Kopf mit den langbebüschelten leishörigen Ohren ragte darüber hervor. »Es ist ... zum allerletztenmal, daß ich hierher komme,« flüsterte sie, die Augen senkend und tief atmend. – »Ihr habt es gesagt.« – »Denn ... wir müssen scheiden. Scheiden für immer. In wenigen Nächten ... Sie rüsten den Brautlauf. Und dann ... nachher! ... Niemals will ich Euch wiedersehen, Eure Stimme nie mehr hören. Versprecht mir das!« Ängstlich, flehend schlug sie die zagenden Augen zu ihm auf. »Warum?« »Fraget nicht! – Ihr wißt, warum. Unrecht war alles, was ich gethan.« Und sie bedeckte die Augen mit den Händen. »Und was habt Ihr gethan – bisher? Ihr fandet Gefallen an des Fremdlings Harfenspiel und Lied, dann auch an seinen Worten. Die andern störten Euch, störten uns. Sie blickten mit Mißtrauen. Ich bat Euch, hierher zu kommen – in den stillen Wald, – wo nicht jedes Wort gehört, gerichtet wird, wo ich freier, mächtiger harfen kann als in der engen Halle. Und du – du kamst, Königskind. O wie mich's beglückte! Ich gab dir Blumen, gab dir Lieder. Du gabst mir sanfte Blicke.« »Ich gab Euch mehr!« hauchte sie, und senkte tief errötend das schmale blasse Gesicht. »Ja! Noch eines gabst du mir: Mitleid! Denn als ich kam Abschied zu nehmen – für immer! – und dir – zum Abschied – sagte, ich hätte heiße Qual um dich gelitten, daß ich aber nun diesen Wunsch nach dir – den ersten und einzigen all meines Lebens! – überwunden und erstickt und erwürgt und begraben und damit alle Glückeshoffnung meiner Seele, – – da – o seliger Augenblick! – da sahst du mich ganz erschrocken an und unter Thränen sprachest du: »Leidest du? So will auch ich meinen Teil davon haben. Du sollst nicht allein leiden.« O das war so groß von dir und so selig für mich! Und es war und blieb alles, was du mir gegeben. Freilich: dies eine Wort, – es weckte ihn wieder auf, den betäubten Wunsch, den ich glücklich gemordet zu haben gewähnt. Aber er war ja nicht tot. Denn ewig ist die Liebe.« »Und eben das ist meine schwere Schuld! Ihr errietet, daß ... daß auch ich nicht Euer entbehren kann! Oder doch – kaum werde Euer entbehren können!« – verbesserte sie erschrocken. Da leuchteten sie auf, die grauen Augen! »Du hattest das nie gesagt – bis jetzt! Ich danke dir für dieses Abschiedswort; das letzte Wort war das beste.« – »Abschied?« – »Du hast ihn ja geboten!« – »Ach, muß ich denn nicht? Aber sprecht – nachher – wann – wann ich nun ..« – »Des andern Weib geworden, willst du sagen.« – »Was werdet Ihr dann beginnen? Wohin werdet Ihr gehen?« – »Heim.« Da sank ihm das Haupt: er stützte das Kinn auf die beiden um den Speer geballten Fäuste. So schwer, so herzerschütternd klang das Wort: sie mußte in sein Antlitz schauen; das sah zum Sterben traurig aus; es zuckte um den bärtigen Mund. »Wo ist Euer Heim?« – »Fern!« – »Wie ist es?« – »Einsam.« – »Was werdet Ihr dort beginnen?« – »Grübeln. Viel denken. Zumeist an dich. Daß du so anmutig bist. Und daß es besser wäre, du und ich und die Welt wären nie geworden. Denn ihr Wesen ist Weh. Kurz ist die Freude, ewig ist der Schmerz!« – »Aber – Eure Harfe?« – »Ich zerschlage sie. Mißklang ist alles.« – »Nicht, nicht! – Und wer wird um Euch sein?« – »Viele und – niemand! O sieh, das ist das Ärgste: die Einsamkeit! Die da drinnen, mein' ich, im Herzen. Ich kenne viele: – wer kennt mich? Wer weiß es, welche Liebesfülle hier drinnen flutet, – welch' werkeifrige Güte für alle – alle Guten: – grenzenlos! Schwere Sorgen wuchten auf mir: denn: – du magst es jetzt wissen: es ist ja alles vorbei! – ich bin nicht ein armer, wegfahrender Skalde: ich bin ein König.« »Es überrascht mich nicht!« Sie sprach's mit leuchtenden Augen; der Stolz auf den Freund verklärte ihr Antlitz: es ließ ihr schön. »Weit ist mein Reich und viel bedroht von starken Feinden. Tag und Nacht hab' ich zu sorgen – ich allein –: denn, glaub' es, es ist nicht geprahlt; – die um mich sind nicht ganz meinesgleichen.« Er sagte das ganz schlicht. – »Wer ist euresgleichen?« – »Du! Du allein! ... Vergieb, ich schweige ja schon wieder! – In all' den Kämpfen sehn' ich mich so heiß, so schmerzlich, dies müde, gedankenschwere Haupt manchmal zu verruhen an einem treuen Herzen, hier aufzuatmen von Sorgen, wie sie so schwer keinen andern Herrscher drücken. Denn ach! mein Reich, so groß, so herrlich: – es ist dem sichern Untergang geweiht.« Mit einem Schrei sprang sie auf vom Bord des Schiffs: »Und du ? Und du?« »Ich überlebe nicht die Meinen und mein Reich.« – »Du stirbst? Du willst sterben?« – »Ich muß. Und ich will.« – »So laß mich mit dir sterben! Du solltest mir nicht allein leiden: – du sollst auch nicht allein sterben. Nimm mich mit in all' dein Weh, in deine Größe und in deinen Tod.« Und flehend schlug sie die Augen, flehend hob sie beide Hände zu ihm auf. Da richtete er sich hoch empor: er warf das Haupt in den Nacken; Siegesfreude, hohe Wonne strahlte aus den bisher so schwermütigen Augen: er umschloß mit der Rechten ihre beiden Hände an den Knöcheln und zog mit sanfter Gewalt die schlanke Gestalt an seine Brust. Nur einen Augenblick ruhte sie dort. Dann schob er selbst sie leise zurück, sah ihr zweifelnd in die Augen und sprach ernst: »Bedenk' es wohl! Nicht ich habe dich gebeten: – du selbst! – aus freien Stücken sprachst du dies Wort. Es ist ein schweres Wort. Wirst du es tragen, wirst du's halten können?« Sie zuckte zusammen: sie schloß unter seinem fragenden Blick die Augen: sie drückte die Linke vor die Stirn: »Oh ihr Götter der Pflicht, des Hauses und der Treue!« »Siehst du!« sagte er traurig und ganz sanft, und ließ ihre Rechte los. »Siehst du, Kind: du kannst es nicht! – Leb' wohl!« »Nein,« rief sie, die Hand von den Augen reißend und ihn voll anblickend, »du sollst nicht leiden um mich und nicht allein sterben! Das Weh um dich – das Erbarmen – zerreißt mir die Brust. Ich will dein Leid und will dein Schicksal teilen!« »Du willst es wirklich? Du warst gewarnt: zum zweitenmale sprachst du das Wort! Wohlan denn, Geliebte, so folge mir: – sogleich. Dies Schiff – es segelt rasch. Bald trägt es dich in mein Reich. Komm!« Und erglühend faßte er sie an dem Arm. – »Nein, o nein!« rief sie und riß sich, leise schauernd, los. »Ich muß erst dem Vater, – ach der Mutter noch einmal ins Antlitz sehen.« Er furchte die Stirn: »es wäre jetzt so sicher! – Doch, ich dränge dich nicht. Es sei! Wann darf ich dich hier erwarten? Denn aus der Halle könnte ich dich nicht ohne Gewalt ...« Sie schauderte nun noch stärker zusammen: »O nein! Niemals um solchen Preis! Kein Tropfen Blut um meinetwillen! – Ich will – ich werde .. heute um Mitternacht – die Meinen sind alle zum Abendschmaus geladen in die Halle des Jarls Eirikr – dort zwischen dem Wald und unserm Hof – so kann ich leicht ...« – »Wohlan. Mitternacht ist, wann Örwandils Stern gerade über dieser hohen Esche steht: – du siehst ihren Wipfel von deinem Gemach aus. Um Mitternacht also! Meine Braut – mein ewig Weib!« Er schmiegte sie sanft an sich, er wollte sie küssen: aber bebend, zusammenknickend entzog sie sich: er schonte ihrer: er ließ sie aus seinem Arme gleiten. »Ich muß nun rasch nach Hause zurück. Wenn mich nur nicht auf dem Rückweg mein Bruder ...« – »Ja, er schlich dir nach.« – »Wehe! Weh mir.« – »Getrost. Zwei Raben, die er auf dem Felsenwege traf, hielten ihn auf. Sie stritten um einen Goldring, den der eine von ihnen im Schnabel trug: – aus einem Loch im Felsgestein hatte er ihn gezerrt. Alfhart sah das: – er suchte nach: – er fand in der Höhle noch mehr Gold und Silber, von einem alten vergrabenen Hort. Darüber vergaß er, nach der Schwester zu spähen. Er hängt am Golde. Geh' unbesorgt auf dem Wiesenweg zurück: – er gräbt noch immer in dem Gestein. Ich sah es, im Eschicht, verborgen, von weitem.« – »Dank! Auf Wiedersehen also!« – »Ja, auf ein Wiedersehen, für immerdar: – sonder Abschied: – bis ans Ende!« Schon schwebte sie hinweg. Der Wanderer stieg in sein Schiff: da sah er, wie ein rotes Eichhorn in raschem Rennen über das Waldmoos hin davon schoß. Er blickte ihm nach: »Loki,« nickte er leise. »Der Schleicher hat wieder einmal gelauscht. Nun wissen es bald alle Götter und Göttinnen. Desto besser! Sie können sich nicht früh genug darein finden. – Um Mitternacht!« Noch einen heißen Blick warf er der schlanken Gestalt nach, wie sie in anmutvollem Schreiten unter den fernen Bäumen verschwand. Nun stieß er mit dem breiten Ruder den Einbaum vom Ufersand ab, schob dies in die Wiede aus zähem Weidengeflecht – in dem eingebohrten Rundloch links vom Steuergransen – und blies kräftig in das bis dahin schlaff an dem Mast herabhängende dunkle Segel: sofort füllte dies günstiger Fahrwind – Nordwind – vom Lande her und stolz rauschte das rasche Fahrzeug, mit dem spitzen Vorderbug das Wasser so leicht durchschneidend wie der Adler die Luft, hinaus durch den blauen Fjord und in das offene Meer.   X. Bald daraus schritt Odhin, von Midhgardh her aufsteigend, die Regenbogenbrücke hinan; auf der obersten Wölbung traf er Heimdall, der, Horn in Hand, scharf ausspähte nach Osten. »Gut, daß du heimkommst, König von Asgardh,« begrüßte ihn der Wächter. »Bald, mein' ich, werden sie wieder heranrasen, die langen Lümmel. Es dringt verworrener Lärm aus Riesenheim. Sie rüsten schon lange; und diesmal mit Macht.« – »Wir aber sind gerüstet immerdar, Freund Allwach,« erwiderte er, an ihm vorüberschreitend, mit Lächeln. »Nun,« dachte der Treue, ihm nachblickend, »das war doch wieder einmal Sonnenschein auf den lange so verdüsterten Zügen.« – Raschen, freudig bewegten Schrittes durchmaß Odhin den Eschenwald vor seiner Halle; als er näher kam, sah er auf der obersten Stufe des Anstiegs vor der Thüre Forseti stehen und Wara; sie beugten sich vor und schauten eifrig aus. »Loki war flink – nach seiner Art,« sprach er ruhig vor sich hin. »Jetzt droht mir ein Kampf – zäher, verdrießlicher als mit allen Ungetümen von Jötunheim. – Den könnten Schwager und Schwester sich sparen. – Sich und mir!« Sowie er die unterste Stufe erreicht hatte, flog die Schwester ihm entgegen, hing sich mit beiden Händen an seinen Arm und sah ihm angstvoll in die Augen. »Bruder,« rief sie, »mein Bruder, – sage, bitte, sag': es ist nicht wahr: Loki log, wie er liebt.« »Was soll nicht wahr sein, Schwesterlein?« fragte er ruhig, eine Stufe höher mit ihr steigend. – »Das ... das Entsetzliche! Das ganz Unmögliche!« – »Wenig ist ganz unmöglich,« meinte er und stieg höher. – »Du – du selbst! – sollst – das Recht der Ringe brechend – du selbst sollst jene Königstochter rauben wollen!« – »Nicht rauben!« – und nun stand er vor Forseti. »Freiwillig folgt mir Alfvhit und wird mein Weib.« – »Nimmermehr!« riefen beide Gatten zugleich. Er zog, gereizt, ein wenig die Brauen in die Höhe, indem er die Thüre seiner Halle aufstieß: der Adler da oben begrüßte ihn mit freudigem Flügelschlag. »Tretet ein. Wollt ihr nun einmal vergebliche Worte reden, so redet sie nicht da draußen: – Loki ist wohl wieder um die Wege: – scheltet mich, wo ich allein es höre.« Sie folgten ihm: er warf die Thür ins Schloß, lehnte den Speer an die Wand, legte Hut und Mantel auf die Bank neben dem Hochsitz und sprach: »nun hebt an; ihr habt Zeit zu schelten bis .. nah an Mitternacht.« Und wieder begann er, die Halle auf und nieder zu schreiten: fest, in festem Entschluß, waren die Lippen zusammengedrückt. »So spricht Odhin sonst nicht zu seiner Schwester,« begann Forseti, dem Schreitenden mit den ernsten Augen folgend. »Der Klang seiner Stimme schon verkündet: er weiß, er ist im Unrecht.« – »Ich kann's nicht glauben!« rief Wara. »So wenig ich Loki glaubte. Wie zuckte mir das Herz zusammen, als der vor die beim Mahle versammelten Götter trat und frohlockte: »Freut euch, Asen und Asinnen all'! Bald nun führt der König sie euch zu, die so lang von euch für ihn ersehnte Gemahlin. Aber nicht der edeln Asinnen eine – auch – nein, Freia! – erglühe nicht vor Freude! – auch keine der wonnigen Waninnen oder der milchweißen Elbinnen: eine Menschenmaid hat er sich erkoren. – Und – höret es, und schmäht fortab nicht mehr Loki, durchbricht Er Recht und Verträge! – Odhin raubt eines andern ringbedingte Braut.« – »Ach Bruder! hättest du dieser Worte Wirkung gesehen!« Er zuckte leicht die Achseln: »Ich kenn' ihn, der Göttinnen Dünkel. Ich werd' ihn brechen. Sie werden's lernen, der Menschentochter dienen, die meine Gemahlin.« »Nicht doch!« entgegnete Forseti. »Nicht die Göttinnen: – die Götter zürnen am schwersten.« Er fuhr herum: »sie sollen's wagen, mir zu trotzen! Euch alle zusammen bezwing' ich.« »Sie trotzen nicht: sie trauern. O hättest du den Gram gesehen, der über Thors, deines Treuen, sonst so frohe Züge schattete! Traurig blickte er auf den Hammer in seinem Gürtel und sprach: »nun werf ich dich, Miölnir, in die tiefste See! All-Weiher, du bist entweiht, der du die Treue festigtest und die Verträge. Die Treue war deine Stärke.« »So wird jener Speer dort allein fortab den Riesen wehren.« »Oh und hättest du,« klagte Wara, »erst Lokis schadenfroh Gesicht geschaut. Thor, dessen Söhne: Modi und Magni, Tyr, Freir, alle Götter drangen in ihn, mehr, alles zu sagen, den Namen, die Heimat der Jungfrau. »Nenne sie,« grollte Thor, »und mein rascher Blitz kommt dem Kühnen zuvor, mag mich sofort dann der König durchspeeren.« Allein lachend schüttelte Loki das rote Gelock: »Behüte! Ich verrate nicht glückliche Liebe,« und verschwunden war er. »Sein Frohlocken mag dir zeigen, wie verderblich dein Beschluß.« – »Er beeilte sich sehr,« bestätigte Forseti, »deine Schuld vor allen zu verkünden.« »Es ist nicht das,« lächelte Odhin grimmig vor sich hin. »Du thust ihm zu viel Ehre an! ich kenne ihn besser: er wollte mich unwiderruflich binden. Die Götter sollten's wissen, sollten toben, damit ich mich schämen müßte, träte ich zurück: – aus Scheu vor ihrem Tadel, etwa gar aus Furcht: – vor Thors Hammer und Tyrs und Freirs Schwertern! – Unnötige Sorge, Schlaukopf! – Als ob ich jemals von ihr lassen könnte!« »Also du erkennst,« forschte Forseti, »der Arge freut sich, weil dein Vorhaben ...?« – »Zwist in Asgardh schafft und Ärgernis. Gewiß!« »Nicht nur deshalb! Zumeist weil ... doch davon noch nicht! Ich will dich jetzt nur erst fragen: ist es edel, ist des Gottes würdig, was du da thust? Es war wohl nicht schwer, dem Sterblichen die Maid abspenstig zu machen, wenn ein Gott, wenn der Götter größter, ihr ins Ohr raunte: »Komm! Folge mir und werde Asgardhs Königin.« »Du irrst, Schwager!« rief der Gescholtene funkelnden Blicks. »Das ist mein Stolz und meines Herzens süßeste Freude: nicht den Gott, – den armen Wanderer gewann sie lieb: dem wehbeladenen, vom sichern Untergang bedrohten Sterblichen, wollte sie folgen. Wegwalt wird sie entführen – und erst hier – seht, ihr zagen Seelen, das ist schön! – erst hier soll sie erfahren, wes eigen sie geworden. Ist das nicht groß?« »Ja, das ist groß,« antwortete Forseti ruhig. »Denn es ist ein großer Frevel.« Rasch, zornig wandte sich Odhin gegen ihn. »Hüte dich! Ich warne. Mich magst du schelten, – nicht sie! Ich dulde kein Wort wider sie.« – »Auch sie ist schuldig,« fuhr der Bedrohte furchtlos fort. »Aber ruchloser ist deine That.« – »Nein, des Weibes!« rief eifrig Wara. »Nicht Odhin ist dem Vater Gehorsam, nicht Odhin dem Verlobten Treue schuldig. Und wild tobt in den Adern des Mannes das Blut. Sie aber ...!« – »Schweig!« dröhnte da Odhins gewaltige Stimme. »Ein Wort gegen sie und niemals mehr sollst du mein Antlitz schauen.« »So maßlos liebt er sie!« wehklagte Wara und rang die Hände. »Ja,« sprach Forseti erschüttert, »um sie will er dich verstoßen, dich , die er mehr als alle Wesen geliebt.« – »Ich schelte sie nicht: – ich beklage sie nur,« begann die Schwester mit ihrer weichen Stimme. »Denn weh um das Weib, das, fortgerissen von des Mannes Werbung wie von einem Feuerstrom, des Rechtes, der Sitte, des Hauses heilig hegende, schützende Were verließ! Sie wird verbrennen: – zugleich mit seiner Glut.« – »Thörin! – Ewig ist Odhins Liebe.« – »Sei es. – Meinst du, sie wird je – auch in deinen Armen! – vergessen können des Unrechts, das sie jenem gethan und den Eltern, die sie getäuscht?« »Sieh auf Hilde. Sie folgte dem Geliebten, der ihr den Vater erschlagen und erschlug den Bruder dazu. Glaubst du, Hilde hat jemals bereut?« Wara schwieg eine Weile, nachsinnend. Dann sprach sie: »Hilde! Die Walküre mit den goldfarbigen Augen deines Adlers! Wohl! ... Aber weißt du gewiß, daß ... jene so stark ist, so willenskühn bis in den Tod, ja bis über den Tod hinaus um deinetwillen?« »Sie liebt mich.« – »Es giebt der Liebe manche Art. Und manche Art der Frauen.« – »Sie hat mir dann erst, als ich ihr sagte, daß ich um sie gelitten, aber überwunden habe, erklärt: nein, sie wolle auch ihr Teil an meinem Leid, sie wolle mit mir leiden.« – Die Schwester senkte nachdenklich das Haupt, mit leisem Schütteln. Plötzlich rief sie: »ich muß sie sehen.« Und augenblicks trat sie an das offne Fenster der Halle: schon war sie verschwunden. Aber draußen schoß vom Himmel zur Erde ein kleines schwarzbraunes Vögelein: so rasch, – die Augen der Nachblickenden vermochten dem Fluge nicht zu folgen: denn schnell fliegt sie, wann es ihr eilt, die schwirrende Schwalbe.   XI. »Wir sind allein,« begann nun feierlich Forseti. »Nun kann ich sie aussprechen, jene letzten, jene furchtbaren Gedanken, wie sie kein Weib erträgt.« – »Mein Weib Alfvhit wird auch das Furchtbarste ertragen.« – »Nie wird sie dein Weib: – nur deine Buhle.« – »Verwegener!« schrie Odhin, riß den Speer von der Wand und zückte ihn wider jenen. – »Stoß zu. Es wäre nicht das erstemal, daß ein frevler Speer das Recht durchbohrt: ist es daran gestorben? Mich magst du töten, – nicht das Recht. Mich kannst du verstummen machen, nicht die Stimme, die in dir selbst vernehmlich spricht: Odhin, du frevelst.« Mißmutig warf er den Speer in die Ecke; nach einem kurzen Blick auf den Schwager begann er wieder die Halle zu durchschreiten. »Du kannst nicht leugnen,« hob der andere unbeugsam, unabschüttelbar an: »das Königskind ist dem Königssohn nach Ringrecht verlobt. – Er zahlte dem Vater den Muntschatz: das Gewicht der Braut in eitel Gold.« – »Sie ist nicht schwer, die Schlanke!« höhnte der Erboste. – »Du kannst nicht leugnen: der Verlobte hat ein unantastbar Recht auf sie.« – »Aber keins in ihr.« – »Du kannst nicht leugnen: nach dem Recht der Menschen wird, wer die Braut eines andern bethört, so hart als wie wer ein Eheweib bethört, bestraft: mit dem Tode.« »Das Recht, das Recht!« meinte Odhin achselzuckend. »Es ist bald so, bald anders.« »Ja, das Recht ist wie der Wald: es wird, es wächst, es wandelt sich, es welkt und wieder wird es: – immer wieder.« – »Ei, anders ist das Recht bei Sachsmännern, anders bei Nordleuten, anders bei Asen, anders bei Menschen.« – »Aber immer gilt es, da wo es gilt, so wie es gilt. Und dem Bräutigam die Braut, die ringgebundne, ablocken, – das verbietet der Asen wie der Menschen Recht. Warum, wenn ihr nicht Unrecht plant, sagt ihr's denn nicht offen dem Vater? Du kannst nicht leugnen ...« »Nein, du kannst nicht leugnen, unerträglicher Wiederholer des Einen Gedankens, – dem Einen Klapperwort der Mühle vergleichbar! – daß ich sehr geduldig bin: gegen dein Gerede wie gegen alle die Männer da unten. Wer wollt' es mir wehren, war' ich der Jungfrau in meinem Asenglanz und meiner Asenkraft genaht und hätte die drei, die sie mir mißgönnen, mit diesem Speer auf Einen Wurf gefällt?« – »Das wäre Niedertracht gewesen.« – »Forseti!« – »Und Odhin ist kein blindwütiger Berserker. Du suchtest die feinere Lust statt der rohen: ihre Seele vor allem. Ein Frevel, rechtlos, ruchlos bleibt es doch.« – »Das, mein' ich, hast du nun oft genug gesagt. Fällt dir nichts Neues ein?« – »Du hast noch das Alte nicht erfaßt.« – »Langweilig ist die Wiederholung. Dürftig dein Denken.« Da richtete Forseti einen langen, warmen, bewundernden Blick auf ihn. »O mein großer Schwager! Ich weiß es wohl: so weit Gedanken der Götter, der Menschen, aller Wesen sich dehnen, so Mannigfaltiges sie gestalten: – all' das ist dein Reich, dein Herrschgebiet. Der Geist des Skalden, der sich und die Hörer in Entzücken dahinreißt, der Geist des Weisen, der die Runen der Vorzeit deutet und die Rätsel der Zukunft enträtselt, der Geist des Feldherrn, der durch seine neu ersonnene Schlachtordnung siegt, der Geist des Helden, der in Kampfentzücken in die Speere springt, – sie alle, diese Geister, sind Strahlen aus der Sonne Odhin, all diese Reiche sind nur Gaue deiner Königschaft: Mein ist nur dies Eine: die schmale, engumhegte, blütenlose Mark des Rechts: doch heilig ist auch sie und unantastbar und unentbehrlich wie all' deine Königsgebiete: und ich werde dies mein kleines Reich schützen ohne Furcht, ohne Wanken, wie gegen jeden Verbrecher – so gegen dich.« – – –   XII. Bevor Odhin, der ergriffen vor ihm stand, erwidern konnte, ward die Thüre leise geöffnet und Wara trat über die Schwelle. Trauriger noch als sie gegangen, kehrte sie wieder. Doch milder war der Ausdruck ihrer Züge. »Schon zurück?« fragte Odhin. »Du hast sie gesehen? Nun, was sagst du?« – »Du hast recht, Bruder!« – »Hörst du, Schwager?« frohlockte der. »Du hast recht, nennst du sie das anmutvollste Weib, das jemals schwebenden Schritts über die Menschenerde gewandelt. Auch der Göttinnen keine mag ihr den Kranz des Sieges nehmen aus dem goldgewellten Haar. Aber, ach Odhin! Ihre Augen ...« »Sind sie nicht schön?« »Zaghaft sind sie, scheu ist ihr Blick. – Sie lehnte am offnen Fenster, in Sinnen versunken. Wie erschrak sie, als die Schwalbe, laut zwitschernd, dicht über ihr Haupt hinflog! Denn ich mußte doch den Aufschlag dieses verträumt gesenkten Auges sehn. O Bruder: – zerrütte nicht diesen sanften Geist! Mute nicht ihr – ihr nicht, dieser rührenden Gestalt! – den Frevelmut verbotener Liebe zu, nicht Hildes schrankenlosen Ungestüm. Sie hat ihn nicht: – sie kann ihn nie entfalten! Reißest du dieses Geschöpf, so schön, so wahrhaftig, so ganz in Pflicht und Offenheit erwachsen, zu Täuschung und Unrecht fort, heraus aus dem festen Grund, aus dem Boden stiller Pflichten, in dem allein sie, sanft und sinnig, gedeihen kann: – sie welkt dir rettungslos! – Nicht glücklich, – elend wird sie sein in deinen Armen!« »Das laß du meine Sorge sein!« »O nein, denn mich jammert der Holden, gerade weil sie so zart, ja schwach. Schon jetzt scheint sie mir zu leiden, hin und hergerissen in der schmerzlich schwankenden Seele. – Sieh, mit Groll im Herzen gegen die ungetreue Braut, meines Bruders Verderberin, flog ich aus: – ihr Anblick hat mich gerührt, hat den Unwillen gegen sie in herzlich Mitleid gewandelt. Höre mich, o höre mich, Bruder, zu Ende. Nachdem ich sie gesehen, – nachdem ich – widerstrebend! – sie lieben muß, jetzt flehe ich dich an, nicht nur um des Rechts, auch nicht um deinetwillen bloß – vor allem um dieser herzerweichenden Gestalt willen fleh' ich dich an –: laß ab von ihr, daß sie nicht maßlos elend wird.« – »Elend! »Sie liebt mich!« – »Das eben ... o zürne nicht! ... das glaub' ich nicht.« Er lachte stolz. »Ich weiß das besser, glaub' ich.« – »Weil sie dir's sagte? Hat sie's wirklich je gesagt? Siehst du, du schweigst auf diese Frage! Weil sie dir folgen will? Ich errate nicht, was sie dazu treibt – wenigstens: ich zweifle noch. Allein gewiß – mag sie's auch wähnen! – sie liebt dich nicht!« »Und warum nicht?« »O Bruder: könnte sie dann so zum Sterben traurig sein? Heute – wenige Stunden, bevor sie dein werden soll? Schüttle nicht das Haupt! Ja, sie ist sterbenstraurig! Ich sah es klar: ich kann durch Weibesaugen in die Seele schau'n: es hätte, mir ihren verzweifelnden Schmerz zu zeigen, gar der beiden großen Thränen nicht bedurft, die ihr langsam, langsam über die todesbleichen Wangen glitten: sie ward ihrer nicht gewahr vor uferlosem Weh.« »Das .. das faß' ich nicht. Doch, wie es sei: – ich kann nicht von ihr lassen.« »Das glaub' ich, armer Odhin, seit ich sie gesehen, diese bleiche Königin der Anmut. Ein Mann, der ihre Seele sein wähnt, wird wohl nicht mehr von ihr lassen – freiwillig.« – »Und wer zwingt mich?« – »O Geduld, noch einen Augenblick! Deshalb ja, geliebter Bruder, hab' ich ein Mittel ausgesonnen – und – und gleich mitgebracht! – das alles, alles heilen wird: – ohne Schmerz und ohne Schuld.« »Darauf: – auf solch ein Ding bin ich begierig.« »Als ich die Blasse, Verzweifelnde so vor mir sah, sagte ich mir: »o hätte er sie nie gesehen. Er wird sie nie vergessen.« Da schoß es mir heiß durchs Herz: »wenn er aber vergessen muß ? Ohne Willen? Wider Willen? Durch Zauber, durch einen erlösenden Spruch?« Und nun fiel mir ein: – ich jubelte bei dem Gedanken! – ganz nahe Alfdal, in dem Eisenberg, wohnt Göldhr, der Zwerg, der Runensprüche, Zauberlieder jeder Wirkung kennt. Oft hat er sie mir gerühmt, kam ich zu ihm, zerbrochen Geschmeide bessern zu lassen. Er bot mir dann wohl zum Tausch für Spange und Kette Lied und Spruch. Was hatte ich bisher seines Zaubers bedurft? Ich besaß den Gatten, die blühenden Kinder und meinen Stolz: den freudigen Bruder! Aber jetzt, aber heute! O wenn es gelang, den Liebesiechen zu heilen! Kein Bitten wollt ich scheuen, kein Preis sollte mir zu kostbar sein. Einen letzten Blick noch warf ich auf die Weinende, die Schwache, die der Widerstreit der Seele grausam hin- und herzerrte – und rasch trugen mich die Schwalbenflügel an die Höhle des Dunkel-Elben. Er zögerte klug, er feilschte lang: – genug: hier ist der Zauber, der so viel Unheil wendet.« Und mit Freude, mit strahlenden Augen zog sie aus dem Gürtel ein viereckig Stück Buchenrinde, in welches einige Runenzeilen geritzt waren. So ergreifend war diese schwesterliche Freude, – Odhin trat bewegt dicht an sie heran: mit kosender Hand strich er über die schwarzbraune Mantelkapuze, welche sie dicht über das Haupt geschlagen hatte: »Du Vielgetreue! Geizig ist der Zwerg: – teuren Preis magst du bezahlt haben müssen.« Unter seiner Hand glitt die Mantelhülle herab auf ihre Schultern: da stießen beide Männer Rufe schmerzlichen Staunens aus: »Wara! Weib! ein Haar ...?« – »Schwester, was ward aus deinem schönen Schwarzhaar?« Sie errötete: – das ließ ihr gar hold – und lächelte: aber doch feuchteten sich ein wenig die dunkeln Augen, als sie antwortete: »Mein Haar? Oh – ich schnitt es ab. – Es war der Preis, den der Zwerg begehrte: er schämt sich schon lange des kahlen Kopfes seines Weibes.« »Schwester! Schwester! Was hast du gethan! – Für mich gethan.« Und er schloß sie ungestüm in die Arme. – »Wenn's nur hilft!« lächelte sie unter Thränen. Forseti aber faßte ihre Hand und sprach: »ich liebte dieses Haar – das prächtige, dunkle: – nach deinem Auge liebte ich es zumeist an dir. Aber Dank, mein Weib, daß du's geopfert: nun bleibt die Schuld erspart.« – »Und auch das Weh: – beiden!« fiel Wara eifrig ein. »Horch auf, mein Bruder, gieb scharf acht. Spricht einer der Liebenden den Spruch – leider« – und hier lächelte sie ein wenig – »leider muß eines von euch beiden selbst ihn sprechen, soll er wirken: sonst hätt' ich den Zauber sofort gebraucht, sowie meine Hand ihn ergriff! – spricht eines von euch beiden den Spruch, so wirkt er sogleich Vergessen, mag's der eine sich selbst oder dem andern oder beiden wünschen. Höre, wie es lautet!« Und sie las: »Ich, Odhin von Asgardh, Vergesse ganz und gar Dieser Liebe liebliches Leid Und leidschwere Lust! Auf immer und ewig Versinke mein Sehnen, Als ob ich Unsel'ger Ihr Auge niemals geseh'n! Auf immer und ewig Vergess' ich Alfvhit von Alfdal, Ich, Odhin von Asgardh. So soll auch meiner vergessen Auf immer und ewig Alfvhit von Alfdal.« »Da, nimm, Bruder, und sprich den Spruch und alles ist gut!« Und sie drängte ihm das kleine Rindenstück in die Hand. Sogleich warf er es mit raschem Schwung auf den Herd, wo noch ein paar Kohlen verglimmend glühten: sofort knisterte die Rinde und schrumpfte zusammen. »Niemals!« »O Bruder, was thust du!« – Sie sprang hinzu: »ach, zu spät!« – »Es war teuer erkauft, Schwager!« grollte Forseti. – »Wie konnte meine Schwester wähnen ..? So wenig kennt sie mich? Ich will dies Weib.«   XIII. »So willst du also freveln!« zürnte Forseti. »Ja, nachdem aufopfernde Liebe dir den Weg gewiesen, ohne Schmerz für euch beide, ohne die Qual ungestillten Sehnens für dich – durch Vergessen! – das Verbrechen zu meiden: – trotzdem beharrst du darauf? Das verdoppelt deine Schuld!« – »Schweig', ich hab's nun satt. – Mit dir bin ich fertig.« – Doch das Recht ist nicht zu Ende mit dir.« – »Du jedoch, Schwester, kannst du's denn nicht begreifen? In steter Sorge um die Götter und die Welt verzehr' ich mich: – einsam.« –»Du hast die Herrschaft der Welt.« – »Sie ist eine Last.« – »Du hast den Ruhm höchster Heldenschaft und tiefster Weisheit.« – »Ruhm ist ein Schall.« – »Du hast der Dichtung begeisternden Trank.« – »Er weckt nur den Durst nach Liebe.« – Du hast treue Freunde.« – »Jeder von ihnen hat ein Weib: das beglückt ihn, nicht meine Freundschaft.« – »Du hast,« fiel Forseti ein, »eine Schwester, deren Liebe ...« – »Ihrem Manne gehört, wie billig. Überall und allen bin ich der Zweite: soll ich nicht in Einem Heizen der erste sein? Muß ich euch, den glücklichen Gatten, erst noch beweisen, daß es nur Ein Glück giebt in allen neun Welten: liebend geliebt zu sein? Der ärmste Knecht, der aus harter Frohn für harten Herrn abends heimkehrt in die morsche Schilfhütte und den sein Weib dort an die Brust zieht: – seliger ist er denn der König von Asgardh, der aus gewonnener Riesenschlacht oder aus schicksalsschwerem Rate der Götter heimkehrt in die leere Öde dieser reichen Halle hier. In die entweichende Luft greif ich auf dem einsamen Lager: mein Haupt, gedankenreich oder glühend von Siegesfreude, auf keine treue Brust kann ich es betten! Was hab' ich gegrübelt, gekämpft, gesiegt mit dem Geist und dem Ger seit mehr als zwanzig Wintern, – immer für andre, nie für mich! Ist es Unrecht, will ich auch einmal glücklich sein? Nun find' ich endlich das Geschöpf, in dem – ich fühl' es! – all mein Glück beschlossen ist – und nun soll ich entsagen, weil der Vater die Tochter einem andern bestimmt hat? Warum?« – »Weil es so Recht ist,« sprach Forseti. – »Und warum – warum soll ich dem Recht gehorchen?« – »Du wie jeder: weil das Recht notwendig ist, so notwendig wie der Grundbau, der das All zusammenhält. Weil das Andere – das Rechtlose! – Wahnsinn ist, Unvernunft, Auflösung der Welt. Weil in deinem Geiste selbst ein Zwangswort zu dir spricht: »Du mußt dem Recht gehorchen!« Denn das Recht ist nicht ein fremdes Gebot, – ist deines eigenen Denkens Gesetz und Bedürfnis. Es ist dein eignes, deiner eignen Vernunft Geheiß, was dir im Recht gebietet.« »Oh, es giebt auch unvernünftig Recht. Das Recht ist nicht das Höchste in der Welt; die Wohlfahrt der Welt steht höher.« – »Das Recht ist die Wohlfahrt der Welt.« – »Nicht immer! Es giebt auch schädlich Recht. Schon mancher König brach das Recht der Verträge, der unertragbar gewordenen, mit dem Nachbarkönig, schon manches Volk ein alt unleidlich gewordenes Recht der Königschaft: und beide thaten recht daran.« »Nein, unrecht thaten sie beide. Wie thäten sie recht, wenn sie das Recht brechen? Unrecht thaten sie, auch wenn die Not, die kein Gebot kennt, sie fortriß oder ein werdendes, junges Recht das alte abgestorbene mit Gewalt sprengte, wie im Lenz das neu knospende Junglaub das nicht rechtzeitig abgefallene Altlaub absprengt. Aber nicht, auf daß das Neue selbstisch genieße, – auf daß der ganze Baum erhalten bleibe und gedeihe. Ja, es mag geschehen, – aber immer ist's ein Unheil! – daß Gewalt das alte eigensinnig gewordene Recht zwingt, besserem Recht zu weichen, der Teil sein Recht verwirkt um des Ganzen willen. Hier aber – wahrlich! – tobt nicht Kampf von Recht gegen Recht oder von Heil des Ganzen mit dem Recht des Teils oder der inneren Pflicht mit dem äußeren Zwang des Gesetzes: hier kämpft lediglich gegen das gute Recht die böse Lust!« »O mein Gatte, halt' an dich. Er ergrimmt furchtbar: denn er erbleicht. Schweige!« – »Nein: jetzt ist Reden Pflicht und Schweigen Unrecht.« »Böse Lust?« wiederholte Odhin langsam mit schwer verhaltenem Zorn. »Gut, schilt so meine Liebe. Es durchbrach dein künstlich Rechtsgeflecht schon mancher Sterbliche um seiner Liebe willen: und ich, der Gott...?« – »Du darfst es nicht . Gerade du nicht, Odhin. Du am wenigsten!« – »Weshalb? bin ich geringer als...?« – »Nein, größer als alle. Gerade darum! Und weil du klarer weißt als wir andern ahnen« – er trat nun dicht an den Heißerregten, legte ihm die Hand schwer auf die Schulter und sprach feierlicher als je zuvor: »wann und warum dereinst die Götter untergehn.« Odhin fuhr auf: heftig schüttelte er die aufgelegte Hand ab. »Weh, nun kommt das Letzte, das Furchtbarste!« stöhnte Wara in den Streit der Männer. – »Ich hätte dir es gern erspart, mein Weib! Du kamst zu früh zurück.« »Ja,« rief Odhin laut, »ich weiß es. Die Schuld! – Die Schuld, sie macht die Götter dämmern und die Welt vergeh«. Und ich weiß auch: solang Odhin nicht von Schuld befleckt ist, bricht das Ende nicht herein. Und ich weiß auch, diese That wird Odhins erste Schuld und eine so schwere, daß schwerere kaum gedacht werden mag ohne Mord. Und doch, – Forseti, hör' es nur, du ewig Kühler! – wüßt' ich gewiß, gleich nach dem ersten Kuß, den ich auf dieses Weibes Lippe drücken werde, geht das All in Flammen auf: – hör' es, Forseti: ich küßte ihn dennoch, diesen Kuß!« »Das ist Wahnsinn!« rief Wara händeringend. »Hör' ihn nicht, mein Gemahl.« »Nein, keine Beschönigung,« sprach Forseti, sich hoch aufrichtend. »Das ist nur das höchste Maß bewußten Frevels! – – Komm', mein Weib. In dieser Halle ist meines Bleibens nicht mehr. Ich habe hier gethan, was ich konnte, die Unthat zu verhindern. Jetzt beginnt mein Amt anderswo!« Und er ergriff Wara am Arm und schritt gegen die Thüre. Aber Odhin vertrat ihm den Weg. »Wohin?« fragte er drohend. – »Zu König Alf!« – »Was thun?« – »Ihn warnen.« – »Wovor?« – »Vor Odhins Verrat!« – »Halt!« rief der mit zorniger Lache. »Warnen sollst du nicht: – nur strafen ist dein Amt.« – »Ich komme Frevel und Strafe zuvor.« – »Nein!« – »Wer wird mich hindern?« – »Ich!« rief Odhin furchtbar und er beschrieb mit dem Finger in der Luft einen Kreis dicht um das Paar; sofort sanken beide, wo sie standen, langsam nieder auf den Estrich mit geschlossenen Augen, von schwerem Schlummer befangen. »Eine kurze Geduld!« lachte er grimmig vor sich hin. »Man ruhet unverstört in Odhins Halle. Und es wird – wähn ich – nicht das letztemal bleiben, daß das Recht – auf kleine Frist! – die Augen schließen muß vor stärkerem Willen. Ist die Hochzeit vollzogen, mag der Schwager die Augen aufschlagen und ihr Heil wünschen, meiner Gemahlin, seiner Königin!«   XIV. Schon war es dunkel geworden und ahnungsvoll sahen die Sterne nieder auf die Erde. – – – In dem Schlafraum des alten Paares in König Alfs Hofe glomm ein mattes Licht: ein Kienspan brannte in der Öse der ehernen Wandleuchte. Von dem Pfühle her kam ein schweres Atmen, wie Kranke atmen. Sonst alles still. Der Ledervorhang vor dem Fenster, das von dem turmhohen zweiten Stockwerk in das Freie vor dem Hofraum blickte, schwankte im Nachtwind leise hin und her. Still, ganz ruhig lag das Krankenzimmer. Da ward die einzige Thüre, die auf den Gang und zu der Haustreppe führte, behutsam geöffnet und sacht geschlossen; ein leichter Schritt schwebte über die Schwelle. Aber so leise das geschah, – die alte Frau auf dem Lager richtete doch den Kopf ein wenig in die Höhe und sprach: »Alfvhit, mein Liebling! Mein Augenstern! Wie lieb, daß du noch einmal kommst!« – »Noch einmal!« wiederholte tonlos das Mädchen; es zitterte stark. – »So spät pflegst du sonst nicht nach der Mutter zu sehen. Trieb dich heute die Liebe noch einmal zu mir?« – »Einmal noch!« – Unhörbar sprach es die Tochter zu sich selbst und ließ sich auf beide Kniee vor dem Lager der Mutter nieder. »Es geht mir ganz leidlich,« fuhr diese fort; mit den beiden magern Händen tastete sie nach dem blonden Haupt: nachdem sie es gefunden, streichelte sie zärtlich das seidenweiche Haar und das schöne Rund des Kopfes. »Die Ruhe im Hause thut mir gut: ich hörte den Vater unten aus dem Hofthor gehen. Und deinen Verlobten. Wie gut kenne ich die Stimmen, ja ihre Schritte schon! Nur Alfhart ist noch nicht fort zum Fest.« – »Doch, Mutter: ich finde ihn nirgends im Hause.« – »Weshalb schläfst du noch nicht? Es muß schon spät sein.« – »Ich .. ich wollte .. noch einmal! – Deine liebe Hand, Mutter!« Und sie küßte ihr beide Hände mit Inbrunst. – »Kind, Kind! Wie deine Wange glüht! Und das – was da auf meine Rechte glitt, – – das war ja eine Thräne. Kind, was fehlt dir?« Sie versuchte, sich aufzurichten, sank aber auf das Kissen zurück. »Nichts! Es ist nichts!« »Alfvhit, du darfst mich nie hintergehen. Sieh, andere Mütter täuschen, die mit ihren eignen Augen wachen können über ihre Töchter, – es ist auch nicht gut. Aber wie unedel wär' es, die blind gewordene Mutter betrügen! Willst du, listig und herzlos, Vorteil ziehen aus meinem Unglück? O dann wär ich vor Jahren besser als erblindet, – gestorben!« – »Ich habe dir noch nie gelogen, Mutter.« – »Nein, bei Odhin, du könntest es gar nicht, du, mein wahrhaftig Töchterlein, Alfvhit mit den klaren Augen. Ich will auch nicht weiter fragen. Kann mir's ja denken! Thränen sind's des Schmerzes, du mein zärtlich Kind, weil du nun sobald schon von mir scheiden sollst: – wohl auf immer, so sagst du dir im geheimen.« »Mutter!« »Nicht war, ich hab's erraten?« Und sie küßte sie auf die Stirne. – »Ja ... du hast ... erraten.« – »Nun, dann tröste dich nur, Liebling. Du scheidest nicht von mir.« »Doch, o doch! – Was meinst du damit?« »Sieh, dein Verlobter, der wahrhaft Edle – denn das ist er – nicht? Du zögerst? Wie? Der Gute, verdient er nicht jede Lieb' und Treue?« – »Ja ... er ist edel. Er verdient ... Treue!« – »Wohl ihm, deshalb, daß er dich gewonnen! – Nun höre: er hat, der Gütige ... er sah wohl meinen Schmerz! Denn freilich: ich glaube nicht, daß ich den Abschied von dir überleben könnte ...« – »O Mutter! Mutter!« – »Höre doch nur: du quälst dich umsonst! Wie tobend dein Herz schlägt! – Adhal ... von freien Stücken – nie hätt' ich ihn darum gebeten! – erbot sich, mit seinem jungen Weibe hier zu bleiben, in dem Hofe dort neben uns zu wohnen, bis ... bis etwa sein Vater gestorben und er den Königsstab aufnehmen müsse ... Der Gute: er weiß, lange bevor sein Vater stirbt, der rüstige Held, – lange bevor erlöschen meine schwindenden Tage. Das wollte er mich nur nicht fühlen lassen. So darf ich dich denn an meiner Seite behalten bis an mein Ende, o du, an der Erloschenen Statt, mein Augenstern!« – »Weh! Weh über mich!« – »Wie? – Ich verstand wohl nicht ...! O ja, es ist gut, mein süßer Trost, daß du mir bleibst. Denn, wie gesagt, wie sollt' ich leben ohne dich? Wie sollt' ich noch atmen, wenn nach der durchwachten Nacht der Schmerzen – hier! am Herzen! – nicht deine Liebe, deine reine Lippe mir den ersten Kuß legt auf die heiße Stirn, – ein Tautropfen auf die halb versengte Blume? Wie sollte ich die langen, langen Stunden des Tages durch leiden, spricht nicht deine holde Stimme zu mir? Und wenn ich nun, wie der kundige Arzt, der Finne, versprach, wenn ich nun wirklich in ein paar Wochen diesen Pfühl der Qualen verlassen, wieder wandeln kann wie glückliche Menschen, – wie sollte die Blinde schreiten ohne dich, die altgewohnte traute Stütze? Nicht der Männer rauhe Hand, nur diese weichen Finger verstehen mich richtig zu leiten und doch so zart! Oh ich fürchtete mich zu Tode – ohne dich: bei jedem Schritte würd' ich straucheln, stürzen! Du, du allein bist der blinden Mutter Stab und ihr holdes Augenlicht.« – »Mutter .. laß ab .. du weißt nicht, was du redest!« – »Doch, geliebte Tochter. Ich weiß, daß du der Glanz, der Segen, der Trost bist und die Wonne meines Alters. Und nun darf ich dich behalten bis ans Ende; und es ist des lieben Kindes treue Hand, die mir die letzten Liebesdienste thut.« – »Es ist nicht zu ertragen!« sprach die verzweifelt Ringende zu sich selbst. – »Ja, hört es, Odhin und Forseti und all' ihr Götter da oben! Hört einer Mutter Dank und Segen! O häuft alles Heil auf des besten Kindes Haupt, das noch nie im Leben der Mutter, des Vaters Unmut erregt hat. Walten in eurem Ratschluß Recht und Gerechtigkeit, so muß euer Lohn überschwänglich dies reine Herz beglücken. Nein, reiße dich nicht los! Hör' es zu Ende, der Mutter Gebet! Ihr wißt es wohl kaum, ihr fern Thronenden, welch' Kleinod ich an ihr besitze. Doch meine Seele weiß es. Aufopfernd und gehorsam, wahrhaftig und untrügend wie der Sonnenschein und getreu, getreu bis in den Tod ...!« »Nein, Mutter! Nein! Nein! Nein!« schrie da die Tochter überwältigt. »Es ist ja alles nicht wahr! Schwertstöße sind die grausamen, die rührenden Worte in mein falsches Herz! Mutter, o Mutter, vergieb mir!« Und sie warf sich verzweifelt, sinnlos vor Weh, über das Pfühl und barg das Antlitz unter strömenden Thränen, in wildem Schluchzen an der Mutter Brust. »Alfvhit! Kind! Was ... was bedeutet das?« Da knarrte unten auf der Wendeltreppe, die aus der Halle durch die offene Fallthür in das Gemach führte, ein Schritt; eine Waffe stieß klirrend an. Alfvhit in ihrer Verzweiflung hörte es nicht; nur die Blinde stutzte. Allein die Tochter kam jeder Frage zuvor: »Was das bedeutet?« rief sie, sich jäh aufrichtend und mit beiden Händen in ihr losgegangen Haar fahrend. »Das bedeutet, daß dein Kind untreu, falsch, dich, den Vater – ihn – euch alle betrogen hat! Nein, nein: nur betrügen wollte . Denn – und mag er drüber sterben! – ich kann, ich kann, ich kann es nicht!« – »Was, ... was kannst du nicht? Du tötest mich mit diesen Rätselworten!« – »Ich kann nicht mit ihm fliehen. Ich ... ich Unselige! – wollte heute Nacht – um Mitternacht – im Markwald wartet er meiner am Fjord! ... Er – er zog mich so seltsam an: – er war so anders als alle. Und mich erbarmte sein! – Ich wollte fliehen ... mit Wegwalt dem Skalden! – Aber ich kann es nicht!« »Nein, du kannst es nicht!« schrie da eine wilde Stimme und von der Wendeltreppe her sprang Alfhart in das Gemach. »Ich sorge dafür, daß du nicht kannst.« Aufschrieen Tochter und Mutter. Er aber warf die Fallthüre zu, verschloß sie, steckte den Schlüssel in den Gürtel, warf einen beruhigten Blick von dem Fenster in die turmhohe Tiefe da unten, stürmte zur Gangthüre hinaus, schloß auch diese ab, steckte den Schlüssel zu sich und eilte in raschen Sprüngen die Treppe hinunter und hinaus ins Freie.   XV. Fern im Markwald war es still und einsam, feierlich still. Der Vollmond trat zuweilen hinter dem ziehenden, rötlichen, leichten Gewölk hervor: Örwandils Stern stand über dem Wipfel der hohen Esche. Nichts vernahm man an der Landestelle des Stromes als das leise Ziehen und Gurgeln des Wassers und das geheimnisvolle Flüstern des hohen, dichten Schilfs. Sonst alles still: die tausend Stimmen, die den Wald am Tage beleben, sie waren alle verstummt. Nur von ganz hoch oben – wie aus dem Himmel – drang ein schwermutvoller Ton und an den hellen Wolken huschte ein dunkler Schatte vorbei', der Singschwan war's, der mit eintönig trauervollem Laut gen Süden strich. Sonst alles still. Aus dem Schilficht auf das Ufer gezogen stand Odhins Einbaum: ganz leise, wie kosend, gingen die letzten dem Ufer nächsten Wellen in immer gleichen Zwischenräumen gegen den Kiel. Schwarz fielen die Schatten des hohen Mastes, des langen Speeres und der dunkeln Mannesgestalt im weiten Mantel auf den weißen Ufersand, der hell, wie Silber, im Licht des Mondes glänzte. Der Schiffer saß auf dem hinteren Gransen, der dem Lande zugekehrt war: er kehrte dem Mond, der strahlend über dem Fjord stand, den Rücken, das Gesicht dem Waldweg zugewandt. Er spähte so angestrengt, daß ihn die Augen schmerzten; die Linke drückte er auf die Brust. »Springe nicht, hochklopfend Herz! Fasse dich, halte dich, Odhin. Nicht ihr blindlings entgegeneilen, wie du gierig verlangst. Hier ist der Ort, dies die Zeit! Nicht aus Ungeduld wie ein thörichter Knabe vom Stelldichein weichen, ihr entgegenlaufen: und sie – verfehlen. Denn der Wege sind zwei. Hier ausharren! Die Zeit ist da: – ja fast vorüber: schon steht der Stern jenseit des Baumes, nun muß sie gleich hier sein! Geduld! Geduld noch ein kleines. Dann wird dir, du verlodernd Herz, die Vergeltung, der Trost für alles: – auch für die verlorene Schwester. Der Lohn für .. für dein Verbrechen!« Da erschauerte er leise; doch trotzig begann er wieder: »Ja, hört es nur, ihr streng blickenden Sterne: ja, zum Verbrecher will ich werden um sie! Horch: – verscheucht flog dort die Eule auf von dem Waldweg. Da: – ein eilend nahender Schritt! Sie ist es! Nun – ihr entgegen!« Er sprang auf von dem Gransen und stürmte mit starken Schritten auf den schmalen Waldpfad zu, der im Schatten der hohen Bäume lag, während die Gestalt des Mannes auf der Waldblöße im hellsten Licht des Mondes stand. Nahe schon war er der Einmündung in den Waldessaum: da machte er rasch Halt; drei Stimmen erschollen durcheinander: »Seht! Da ist er! Gerade noch recht holte ich euch ein vor dem Festhause. Werft beide mit. Stirb, elender Dieb!« »Das ist Alfhart,« sagte Odhin eisig zu sich selbst. – »Du falscher Gast,« rief der König. – »Oh ungetreuer Mann,« rief Adhal. Drei Speere flogen zugleich; zwei trafen: den schildlosen linken Arm durchbohrte der eine, der andere streifte den rechten Schenkel. Ruhig stand Odhin; er spähte scharf: das Mädchen war nirgend zu sehen. »Soll ich sie töten, alle drei? Warum? Sie sind ja im Recht. Und sie ist ihnen gewogen, – allen dreien! Ihre Flucht mißlang. Wohlan, so hol' ich sie morgen.« Rasch wie Blitze schossen diese Gedanken durch sein Haupt; es eilte: denn jene sprangen nun gegen ihn heran. Da wandte er sich und – floh. »Zum erstenmal, seit ich denke,« sprach er grimmig. Schon hatte er das Schiff erreicht, schon sprang er hinein, die Verfolger hatten ihn nicht eingeholt: – er stieß ab: – das Schiff schwamm. Da hörte er gellend rufen: »Wegwalt! Wegwalt!« Er wandte sich. Er erkannte die Stimme, obwohl sie in Verzweiflung schrillte. Er ruderte wieder näher zu Land. Da flog Alfvhit aus dem Wald ins Freie. »Wie entkam sie?« grollte Alfhart. »Nur durchs Fenster! Ein Todessprung! Doch scheint sie unverletzt.« – »Rette dich, Wegwalt! Vergieb mir: – ich konnte nicht anders! Ich – ich selbst habe dich verraten. Aber dies ... dies hab' ich nicht gewollt.« Und ohnmächtig stürzte sie auf das Antlitz nieder. Der Verlobte eilte zu ihr zurück, ihr beizustehen. Der Vater warf noch einen Speer gegen Odhin, der regungslos vor dem Maste stand: – wie versteint! – Die Spitze krachte, seinen Bart streifend, in den Mast: er achtete es nicht. »Sie – sie selbst – Alfvhit selbst! – hat mich verraten!« Tonlos sprach er's vor sich hin: er konnte nicht mehr denken. Da wandte sich auch der König seiner Tochter zu. Aber grimmig watete Alfhart in das Schilf: »Steh! Flieh nicht! Kämpfe!« »Sie – sie selbst – hat mich verraten! Er wich nicht vom Fleck, auf seinen Speer gelehnt; der Strom trieb ihn dem Fjord zu: er achtete nicht darauf. »Steh!« schrie der Wütige. »Komm heraus aufs Land und kämpfe, wenn du einen Tropfen Mannesmut im Leibe hast. Ha, er flieht! – – Ehrloser Feigling!« Da zuckte es durch den Mann im dunkeln Mantel, er lupfte leise den niemals fehlenden Speer; aber gleich darauf warf er ihn nieder in das Schiff. »Sie hat mich verraten. Es ist alles gleich, was noch gedacht, gesagt wird und gethan.« Das Blut floß reich aus dem Arm. Und er glitt, noch immer die Augen starr auf die weiße Gestalt gerichtet, welche die beiden Männer nun aufhoben, nach rückwärts nieder auf die Ruderbank: die Sinne vergingen ihm: rasch glitt sein Kahn den Fluß hinab, dem Fjorde zu.   XVI. Die Sterne bleichten: im Osten dämmerte es fahl: ein kühler, scharfer Luftzug ging durch die Wipfel der hohen Eschen um Odhins Saal. Da kam des Wegs nach Gladhsheim ein müder Mann. Den langen Speer schleifte er in der Rechten nach, mit dem Schaftende auf dem Boden. Der linke Arm hing schlaff herab unter dem Mantel; manchmal sickerte noch ein Tropfen Blut zur Erde; das rechte Bein ließ ebenfalls zuweilen eine rote Spur auf dem Boden zurück; er merkte es nicht; den Schlapphut hatte er tief in die Stirne gezogen; langsam stieg er die Stufen vor der Hallenthür hinan. Da sprangen ihm, freudig bellend, die beiden Wölfe entgegen. Plötzlich hielten sie an: sie witterten in die Luft: nun schossen sie aufs neue auf ihn zu, schoben schnüffelnd links und rechts die spitzen Köpfe unter den Mantel und eifrig begannen sie, hoch an ihm hinaufspringend, ihm die Wunden in Arm und Bein zu lecken. Er strich über ihre Köpfe hin. »Ihr seid treu,« sagte er, »seid doch nur Wölfe!« Eingetreten in die Halle, legte er Speer, Hut und Mantel ab. Er ließ nun den Blick traurig auf den Gatten ruhen, die, Seite an Seite geschmiegt, friedlich schlummerten. Dann beschrieb er mit dem Finger einen Kreis in der Luft: – diesmal in umgekehrter Richtung beginnend; die beiden schlugen die Augen auf, nachsinnend sahen sie umher: – nun, da sie Odhin erblickten, kam ihnen die Erinnerung an alles. – Aber sie zürnten nicht, sie erschraken: so müde, so zum sterben wehvoll sah er aus. Wara bemerkte die Blutspuren: »Du bist wund, Bruder?« »Laß nur. Die Wölfe leckten das schon beinahe heil, – Vergieb mir, Schwager, vergieb auch du mir, Schwester, Vielgetreue. Es ist vorbei. Sei zufrieden, Forseti. Das Recht ward nicht gebrochen. Der Frevler, der es brechen wollte, – er ist gestraft: vor der That. Und – zur Genüge! Wie das kam? Nun, sie ... sie hat sich anders besonnen. – Du hattest scharf gesehn, klug Schwesterlein: sie ist ... nun, eben nicht Hilde. Jetzt geht! Laßt mich allein! So kann's nicht enden. Es muß etwas geschehn. Aber was: – welch genügend fürchterliche Rache? – – – das kann nur ich selber finden. Geht! Und nochmal: verzeiht mir die kurze Gefangenschaft, und du, Schwester, dein liebes Haar. Glaubt nur, ihr seid genug gerächt und ich bin genug gestraft, – mehr als genug!« Ohne Groll, ohne Vorwurf, aber voll Trauer sah Forseti auf ihn und sprach: »Ich warnte treu! Bereust du nun?« Odhin warf das Haupt zurück: »Bereuen? Daß es mißlang, bereu' ich: nicht, daß ich's wollte! Ich thät's nochmal!« Da wandte sich Forseti und schüttelte das Haupt. Mit sanfter Gewalt schob Odhin beide zur Thüre hinaus: auch Wara, wie mitleidig, wie bittend ihr Blick an ihm hing. »Nein. Allein!«   XVII. Er schob hinter ihnen den breiten ehernen Stangenriegel an der Thüre vor, warf sich müde in den Hochsitz, stützte den rechten Arm auf die vorspringende Lehne, ruhte das schwere Haupt auf der offnen Hand und begann: »Nun, Odhin von Asgardh, den sie den Grübler schelten, nun gilt es, zu grübeln! Jetzt ergrüble dir selbst alle Möglichkeiten: – und aus ihnen dann – die Notwendigkeit. Was kann geschehen? Sterben? An den Streifwunden? Nein. Schon die Wölfe haben sie fast geheilt: – was fehlt, das heilt die Wut der ersten Schlacht. Thor die Herrschaft der Welt lassen? In das Schwert rennen? Nach Nastrand, in der Selbstmörder Strafort, den Eisfluß, der Schlangen, Leichen und Dolche wälzt? Und warum: weil ein Weib dich verraten? Nein, Odhin von Asgardh! Hat sie dich denn verraten? Ja, ja, oh ja! Thöricht Herz, wolle sie nicht entschuldigen! Kamen nicht statt ihrer drei Speerwürfe zum Stelldichein? Und hat nicht sie selbst es gesagt? Der ganzen Welt hätt' ich es nicht geglaubt. Ihr muß ich es wohl glauben! Zwar: meine Mordung wollte sie nicht: »dies nicht!« Sie wagte das Leben, mich zu warnen. Was also hat sie gethan? Beschlossen, von mir zu lassen. Und das hat sie irgend einer Freundin – der Mutter? dem Vater? – vertraut. Ist das Verrat? Ja, Odhin, so gut wie dein Wille Verbrechen wollte. Verrat aber heischt: – Rache!« Er sprang auf und stieg die Stufen herab. »Ah, dieser Gedanke scheucht die Müde, frischt die Kraft. Ja, Rache! Denk', es doch noch mal durch: ans Stelldichein genarrt, – den Speeren von drei Männern preisgegeben, – zweimal verwundet von den Speeren und – ah, viel tiefer noch in der Seele! – durch das Schimpfwort jenes dumpfen Hassers. Unerhörte Schmach! Die ganze Schuld der That hab' ich auf mich geladen vor Menschen und Göttern, vor Schwager und Schwester und – ach das Bitterste! – vor mir selbst. Die Schmach, die Last, die Schuld liegt auf mir: der Genuß , die Frucht des Frevels blieb versagt. Schuldig bin ich geworden, – glücklich nicht! Du flohest , Odhin, »ehrloser Feigling!« Alle Götter werden's erfahren: keinem tapfern Mann kannst du mehr das entehrte Antlitz zeigen, du sühnest denn die Schmach. Und all' das dank ich ihrem Wankelmut, ihrer Schwäche, ihrer maßlosen Schwäche! Also Rache! Also töte die drei, verbrenne den Hof und sie, die dir nicht freiwillig folgen wollte ... O wie abscheulich, Odhin! Warum? Rache für Verrat ist doch sonst nicht unschön: warum hier? Was für Verrat? Liebesverrat: – der schmählichste von allen! Liebesverrat? Ist's wahr? Kann Liebe verraten? Liebe kann nicht verraten! Sie hat dich verraten, weil eben sie dich nicht geliebt. Sie hat's doch aber gesagt? Nein! Niemals! Aber sie hat danach gehandelt! Sie hat dich doch getäuscht! Ja, weil sie sich selbst getäuscht hat. – Was also ist geschehen? Ein Weib, das dich zu lieben wähnt, verspricht, dir zu folgen. Es erkennt den Wahn: – es bereut: – es kehrt zurück zu allem, was sie, wie sie nun einmal ist, nie hätte lassen sollen: zu Recht und Pflicht und – ach! – zu ihrer wahren Liebe. Ist das Verrat? Nein: ich bin der Verräter des Gastrechts: den Verräter verraten, ist nicht Verrat, ist ja recht und löblich gethan. Ist das Bruch der Treue? Nein: Heimkehr zur Treue ist's. Also: – heil mir, daß ich es ausfand! – schuldlos ist sie vor Göttern und Menschen! – Daß sie dir dabei das Herz in der Brust in blutige, in zuckende Fetzen zerriß, – das ist doch nicht ihre Schuld, sondern die deine: was schaust du anderer Leute Bräuten in die Augen, bis sie sich verwirren! Die Strafe also dem, der allein schuldig ist: – und das, Odhin, bist du. Elend bist du freilich: aber das ist dir recht: das eben ist dein Recht, wie des Diebes Recht der Galgen.« Mit großen Schritten durchmaß er den Saal. »Schuldlos ist sie! Schuldlos!« wiederholte er. »O heil, daß ich's fand! Ohne Makel darf sie mir vor Augen stehen, die liebliche Gestalt!« Seine Kraft war wunderbar gehoben: sein Herz schlug mächtig: eine seltsame Begeisterung durchglühte ihn. »Aber,« mahnte er sich: »es muß doch was geschehn! So sah ich ein. Rache nicht. Was also sonst? Heilung! Heilung: – wem? Mir? Ich – ich will nicht geheilt sein von diesem Weh und dieser Liebe. Aber ihr! Soll sie da unten bei den Ihren leben und – um meinetwillen – leiden? Nimmermehr, kann ich es hindern! Zwar die andern, die werden gut – und klug! – genug sein, sie nicht an mich zu mahnen und an das Vergangene. Aber sie selbst!« Da trat es wie ein feuchter Schimmer in die grauen Augen und seine Stimme bebte, wie er fortfuhr. »Sie selbst könnte doch vielleicht manchmal, – wann leise der Abend heraufzieht und die sehnsuchtvolle Dämmerstunde, da sie einst meinem Wort, meinem Liede gelauscht, – sie könnte doch – vielleicht! – mit Schmerz, – nicht ohne Vorwurf, wie thöricht er sei! – Wegwalts, des armen Skalden, gedenken, dem sie so maßlos weh gethan. Nein! Nein! Das soll nicht sein! In Frieden, im Einklang, im Wohlklang aller Saiten ihrer Seele soll die Anmutvolle leben mit den Ihren, beglückt wie beglückend. Aber wie? Wie ist das zu erreichen? Noch einmal Zwiesprach mit ihr tauschen, – ihr sagen, daß ich ihr vergeben? Nein! Das würde sie nur aufs neue an mich binden. Vergessen soll sie ja. Aber wie das? Wie?« – – Träumend, brütend, ratlos sah er vor sich nieder. Da fiel sein Blick auf den nun feuerlosen Herd ... – Plötzlich rief er laut: »Ah, ich hab's! Ich hab's!« Und er bückte sich und riß aus der kalten Asche ein Stück Buchenrinde, blies darauf und blickte scharf: »Fast alles verbrannt! Aber hier, – die Anfangsstäbe, die sind noch lesbar. Nun denke nach, Odhin, spann' es an, dein Haupt, an Sprüchen reich und stark an Gedächtnis. Wie war es doch? – Ja, so, so! Und so will ich's; höre das, Schicksal und Zaubergewalt dieser Runen: so will ich's: das sei Odhins Rache! – Und er sprach, feierlich, beschwörend: »Alfvhit von Alfdal! Vergiß ganz und gar Dieser Liebe liebliches Leid Und leidschwere Lust! Auf immer und ewig Versinke dein Sehnen, Als ob mich Unselgen Dein Auge niemals gesehen: Auf immer und ewig vergiß, Alfvhit von Alfdal, Wegwalt, den wehvollen Mann, Odhin von Asgardh: – Vergiß ihn, Alfvhit von Alfdal.« Schwer nur, tief atmend und ringend, zwang der Starke die Worte sich ab: er stöhnte: und als er zuletzt nochmal den geliebten Namen gesprochen, – da schlug er beide Hände vor die Stirne und stürzte, vom Weh bewältigt, vor dem Hochsitz nieder auf das Antlitz. Lang, lang lag er so. Plötzlich scholl von der Himmelsbrücke her laut schmetternder Schall; ein Hornruf war's. Der Liegende fuhr auf: er lehnte sich auf den Ellbogen und lauschte. Nochmal. Und nochmal! Da sprang er auf: »Die Riesen! Sie kommen mir gerade recht.« Schon pochte es mächtig an die Thüre seiner Halle; eine dröhnende Stimme rief: »Auf, König von Asgardh! Auf! Führ' uns zum Kampfe! Die Feinde nahen.« »Es ist Thor. Er soll heute mit mir zufrieden sein! »Ich komme!« rief er hinaus und waffnete sich rasch. Und alsbald trat er vor die Thüre seiner Halle, die breite Brust bedeckt von der goldgeschmückten Brünne, den gewölbten Schild an dem noch bitter schmerzenden Arm, den Speer in der Rechten, das Schwert im Wehrgurt und auf dem Haupte den Schreckenshelm mit den vorwärts gesträubten Schwingen des Adlers. »Vorwärts!« gebot er mit ehernem Feldherrnruf den vor den Stufen sich scharenden Göttern, Walküren und Einheriar: »Thor mit den Asen in der Mitte, Tyr zur Linken mit den Einheriar, Freir mit den Wanen zur Rechten: aber im Rücken faß' ich sie selbst mit den Walküren. Vorwärts! Auf den Feind! Weh euch, Jötune, Odhin hat euch alle!« Und ward da der größte Sieg erfochten über Riesenheim, dessen je die Götter gedachten. Keines Bezwungenen schonte, wie er doch sonst pflegte, Odhin diesmal: »Odhins Zorntag« nannten die Asen den Tag. – – Als er heimkehrte von der Verfolgung, mied er das lärmende Siegesfest in Walhall und schritt zu seiner einsamen Halle. Da stand vor der Thüre Wara. »Bruder,« sagte sie mit weichem, zitterndem Ton, »mein großer Bruder! Ich ahnte alles. Der Zauberspruch! Ich flog hinunter: wie aus schwerer Betäubung, wie aus Fieberwahn erwacht, liegt sie, auf der Mutter Brust gebeugt. Ihre Rechte ruht – willig! – in seiner Hand. Sie hat vergessen.« Er nickte kurz: »Und übers Jahr wiegt sie an der Brust seinen Sohn. Und es ist ja gut so. Denn es ist Recht.« Er wandte aber das Antlitz ab. »Jedoch du – mein Bruder – willst nicht auch du ...? Der Spruch, – er hilft auch dir. Du solltest ...« Sie vermochte nicht zu vollenden: denn er hatte ihr jetzt die Augen zugekehrt: – ein furchtbar, ein versteintes Angesicht, ein Angesicht, ein Antlitz ohne Wunsch und Hoffen: »Ich?« Nur das eine Wort sprach er: erschüttert senkte sie das Haupt. Stumm ging er an ihr vorbei in die Halle; er schob von innen den Riegel vor. Scheu, zögernd, seufzend schritt sie die Stufen hinab. Und niemand hat Odhin seitdem lächeln sehn.– – – Friggas Ja.   I. In Norwegen war's, an einsamem Fjord. – Hoch im Gewölk hatte den ganzen langen Sommertag ein gewaltig Unwetter getobt: Blitz auf Blitz war herniedergefahren auf die Häupter der Steinriesen, der Felsberge; Meer und Fjord hatten, von widerstreitenden Stürmen aufgewühlt, sich weiß schäumend über ihre Ufer zu ergießen getrachtet; ja, die Erde hatte gebebt und aus ihren Schlünden war Feuer hervorgebrochen, die Siedelungen der Menschen bedrohend. Aber gegen Abend hin ging der wilde Kampf in der Luft, auf dem Meer und Land und im Schose der Tiefen zu Ende: sieghaft durchbrach die Sonne die dicht geballten Wolken, die solang ihr getrotzt: über die Gipfel der Berge hin jagte, wie verfolgend, ein freudiger Wind die fliehenden Nebel; ein wunderschöner Regenbogen wölbte die kühn geschwungene Brücke von der Erde zu dem Himmel empor. – Da kam von Osten über die Felshöhen her zu Thal geschritten ein Wanderer. Nicht hastig, – bedachtsam ging er, aber stet, immerfort, ohne Unterbrechung, nie des rechten Trittes verfehlend. Er schien des Wanderns über Berg und Thal gar gut gewöhnt. – Als er im Herabsteigen die Ebene schon nahezu erreicht hatte, ließ er sich langsam nieder auf einen Felsen an dem Hang des letzten Hügels. Der lag an dem Ostufer eines breitflutenden Stromes, der sich, eine Wegrast weiter nördlich, in den blauen Fjord ergoß. Der Wanderer legte den Speer, der ihm als Bergstock gedient, über die rechte Schulter, lehnte, von seinem weiten, dunkelblauen Mantel umwallt, das mächtige Haupt, von dem breitrandigen Schlapphut beschattet, rücklings an die Felswand und blickte sinnend lange vor sich hin. Kein Laut weit und breit, als zu seinen Füßen das gurgelnde Rauschen und Ziehen des tief rinnenden Stromes und hoch oberhalb seines Hauptes das schrille Kreischen des Steinadlers, der in den Fels zu Horste strich. Lange saß er so, schweigend; endlich sprach er, den Blick auf den Regenbogen im Westen gerichtet, der nun blasser ward und allmählich verschwand: »Schon sind sie also hinaufgezogen, die Freunde, die Siegesgenossen. Nun hebt da oben wieder an das alte Wesen: – ich weiß es all' auswendig! Freund Thor trinkt wieder viel mehr Sieges-Ael, als er – sogar er! – vertragen kann: zuletzt merkt er es aber dann doch, daß Loki in scheinbar schmeichelnden Worten sein spottet: er will zuschlagen, greift aber den Hammer nicht mehr. Und die lockige lockende Freia in ihrem roten Haar – das sich lockt und andre locken will – ruht nicht mit heimlich heißen Blicken, mit alles verheißendem Lächeln des üppigen Mundes, bis sie richtig zu süßem Begehren berückt hat alles, was Mann ist; – ausgenommen mich ! Und Bragi, der biedere Sänger! – Der singt – wieder einmal! – auf der unablässig gequälten Harfe mein Lob! Will es singen! Was weiß Bragi von Odhin? Wer begreift Odhin! Nicht einmal Odhin! – Nur sie etwa ...! ja, sie gewiß! Odhin könnte nur Odhin loben. Und der ist dafür zu klug. Er kennt sich gerade gut genug, um sich nicht zu loben, sondern scharf zu tadeln. – Aber freilich« – er lächelte und strich mit der Linken über den wirren, leicht ergrauten Bart – »nur wann es kein Ohr hören kann, tadl' ich ihn. Doch mich ekelt des Lobes der andern! Mein Bestes ahnen sie sowenig wie mein Schlimmstes. Und mein Schlimmstes: – was ist das? Das alles zersetzende Grübeln, das sich die eigne Wildheit, die maßlose, schrankenlose Lebensgier, als gutes Recht der überbrausenden Kraft vortäuscht. Aber ist's meine Schuld? Wenn der Bergstrom schäumend, allverderbend, aus seinem Rinnsal bricht, – ist's seine Schuld oder des Felsens, der ihm den notwendigen Weg eigensinnig sperrt? Sie – sie allein ist schuldig an Odhins wildem Sehnen! Und an dieses Sehnens Thaten. Oh Frigga! Gestrenge, grausame Braut, wie bist du schön.« Er erglühte bei dem Gedanken, leiser Schauer rieselte ihm durch die Adern. »Jetzt, – in diesem Augenblick – schaut sie streng, hart, zürnend auf den leeren Hochsitz des Bräutigams mit jenen hellen wunderbaren Augen, die da leuchten, als sei der Morgenstern zweimal aufgegangen! Die seinen Nüstern ihrer seinen Nase zucken leicht, die hochgeschwungenen Brauen zieht sie – den andern unmerklich – zusammen und – ich sehe sie vor mir! – in den herrlichen, weißen, den edelgebildeten Nacken wirft sie mit unwilliger Bewegung die Wellen, die kurz gebrochenen, des lichtgoldigen Haares. »Wo wandert er wieder umher,« – so denkt sie hinter der unleidlich ruhigen stolzen Stirn – »mein unsteter Verlobter? Warum weilt er nicht an meiner Seite? Bin ich ihm, ist ihm all' Asgardh nicht genug?« – Und sie drückt die schmalen, die zierlichen, die scharf geschnittenen Lippen zusammen; und sie schweigt und sinnt, die Undurchschaubare, während um sie her alles lacht und schwatzt. Wunderbares Frauenherz! Sie liebt mich nicht! – Sie kann gar nicht lieben, glaub' ich! – Und doch, mein' ich, ist sie nicht ganz ohne Eifersucht. Birgt das leise, leise Hoffnung? Eifersucht – blindeste Blinde und sehendste Seherin! – Sie hat Recht, eifersüchtig zu sein! Nicht auf ein einzeln Weib. Aber auf dies mein unausgefülltes Sehnen. Und weshalb ist es unausgefüllt? Sie nur, nur Frigga kann mich ausfüllen und sie: – sie will es nicht! Sollen mich vielleicht diese Siegesfeste ausfüllen? Immer eines wie das andere? Langweilig sind sie! In Asgardh müßig thronend sitzen? Ja, später vielleicht, wann ich mir endlich die Spröde gewonnen, mag's mir genügen da oben. Aber noch nicht! Mit dieser feurig rinnenden Glut in den Adern? Noch lange nicht! Was ich bei den Nornen erkundet – es wird ja, muß ja geschehen: – aber erst dereinst! Sie zeigten mir im Spiegel eines Quells einen Odhin mit nur Einem Auge, einen alten, fast greisenhaften Mann. Und sie raunten allerlei Dunkles – ich wollte gar noch nicht alles verstehen! – von künftig drohendem Unheil. Mag sein! Mag kommen! Noch aber schau ich, gierig nach Schönem, mit zwei Augen feurig in die Welt, noch lüftet mich gar nicht, Eines zu verpfänden für traurige Weisheit! Noch kost mir die warme, weiche, die buhlerische Luft des Sommerabends um braunes Gelock. Noch sind die grauen Haare im Barte zu zählen: und noch nicht zu zählen die wilden Heißwünsche des tobenden Blutes. Im Alter, Odhin, magst du dann weise werden und tugendlich. Oder auch morgen schon, ja heute noch: – aber nur in Friggas weißen Armen. Oh nie, nie will ich – nicht Eine Nacht! – von ihrem Lager schweifen, teil' ich es erst. Jetzt aber – beim Göttermahle neben ihr sitzen – all' diese berauschende Schöne schauen, die mir gehört – nach der Götter Beschluß! – und nicht an eine Welle ihres Blondhaars rühren dürfen? – Das trag ein andrer, Odhin trägt es nicht! – Und heute gar! – Wenn jemals einen Sieg der Asen ich allein erfocht, entschied – so war es heute. Sie hatten diesmal gekämpft, wie fast noch nie, bärenhaft tapfer, die wackern Dummköpfe, die ehrenwerten Riesen. Und in unsinnig großer Überzahl hatten sie sich geschart: denn bei ihnen muß stets die Menge – das Dicke! – den Geist ersetzen: Steinriesen, soweit meine wolkenüberfliegenden Raben blicken konnten, Sturmriesen, und hinter dem Midhgardh-Wurm – hei, bedrängte das glatt-flinke Scheusal den schweratmenden Thor! – aller Wasserriesen rauschendes, wogendes Heer. Und aus dem Urgrund der Erde, der alten Riesenmutter Schose, die zuckenden Feuerschlangen! Vergebens wollten Tyr und Freyr und der wutbrüllende Thor die Übermacht sprengen in offnem Ansturm. Ich sah's voraus, bald waren sie erdrückt: bald war die Schlacht verloren. Da winkte ich sie mir zur Seite, die meine Lieblinge sind in Asgardhs leuchtendem Heerbann: meiner Schildjungfrauen hochbusige Schar!« Freude und Stolz flogen über die ernsten Züge des Wanderers und verschönten sie; rascher sprach er und das graue Auge blitzte: »Alles wagen sie, die herrlichen Mädchen, für ein Wort des Lobes aus meinem Munde, für ein freundlich Streichen über ihr fliegend Gelock! Zur Seite winkt' ich mir die speerkühnen Walküren und vom Schlachtfeld jagten wir ab, zur Seite hin, wie in zagender Flucht. Mordgierig setzten sie mir, luftgierig meinen schönen Jungfrauen nach, viele hundert der grimmen Tölpel. Doch, sowie er sich also geteilt hatte, der ungeheure Schlachthaufe – hui! fuhren wir, wie Wirbelwind, um uns selber uns kreiselnd und wendend, in die klaffende Lücke und faßten im Rücken die Bedränger Thors und mit dem Schreckensschrei: »Odhin, Odhin über euch!« sprengten wir sie jauchzend auseinander. Wohl wehrten sie sich grimmig, sie, mit denen ich am liebsten kämpfe, der raschen Feuerriesen lodernde Schar. Und Brandr, ihr König, hat schöne Kraft im Arm und schöne Wut in der Seele. Hatte!« lachte er vor sich hin. »Nicht gar sänftlich that es, als er mir mit aller Macht den glühenden Hekla-Fels auf den linken Arm warf – gerad' oberhalb des Schildrands! Da, hier – es brennt noch immer ein wenig,« er rieb langsam die Stelle mit der Rechten und lachte in seltsamer Wollust über seinen bittern Schmerz. »Aber wie nun auch ich in Kampfzorn geriet, – denn die Wunde verdroß mich! – und ihn von dem flammen-mähnigen Gaule herabstach – den Speer im Bauche hinein und im Nacken heraus – und wie sie da entsetzt, prasselnd, auseinanderstoben, seine tapfersten Gefolgen: – hei, Odhin, alter Freund, das war schön. Da mocht ich dich – fast – ein klein wenig leiden! – Und Dank dir, Brunhild! Die Feurigste warst du mir wieder. Dafür sollst du morgen aus Odhins Becher trinken. Aber heute nicht Bragis Lob! Nicht jetzt, da der Stolz aus den klug ersonnenen, hart erstrittenen Sieg mir die strotzenden Adern schwellt, die mächtig atmende Brust weitet, da ich einmal wieder – nicht oft wahrlich wird mir's! – bade in der Freude an dem eignen Selbst. Ah, welch lechzende Gier nach Glück, nach Schönheit, nach Berauschung in Schönheit lodert in mir! Oh Frigga – heute – jetzt ! in deine Arme ! Aber träte ich nun vor sie, was allein böte sie mir? Ihre Stirne zum Kuß! Sie muß es ja wissen, wie die Versagung mich entflammt. Seit dem ersten, dem Brautkuß auf ihren süßen, herrlichen Mund – ah, noch fühl' ich ihn wonneschauernd nach im tiefsten Mark! – hat sie geschworen, erst an dem Tage, den sie, sie wählt, mir ihre Lippen wieder zu gewähren. Und erst, wann sie ihn bestimmt, tagt mir auch der Tag der Vermählung. Und immer noch, immer noch zögert sie ihn hinaus! Ist's eisige Kälte? – Sie kann nicht lieben! – Ist's berechnende Klugheit? – Dann, kühle, strenge, kluge Göttin, bist du vor lauter Klugheit thöricht! Es währt zu lange, schöne Frigga, zu lange für diesen Bräutigam. Damit fesselst du ihn nicht da oben in Asgardh! Nein! Wandern, wandern, immer Neues schauen, umherstreifen unter Riesen und Elben und Menschen, Starke überwinden, Schlaue überlisten, Schöne gewinnen! – Wie die Kraft, wie der Drang nach Wonne die Brust mir weitet, die Arme mir schwellt. Oh Frigga, Frigga, was säumst du! Wie? Soll ich jetzt – mit diesen lohenden Flammen in Seele und Leib – in Fensal, deinem kühlen Hause, neben dir sitzen, neben deinem goldnen Stuhl, von deinen sieben strengen Spindel-Jungfrauen unablässig überwacht, während du, ohne je das Auge auf mich leuchten zu lassen, unablässig unter den langen Wimpern hervor auf die einfältige Spindel schaust, die du auf dem Estrich tanzen läßt? All' deine Schöne soll ich nur schauen, wie jeder Mann darf: – nur mit den Augen, den durstigen, einschlürfen deinen berückenden Reiz und immer heißer, immer wilder entbrennen? Nein! Die Qual ertrag ich nicht! Lieber dich gar nicht mehr schauen, bis endlich einmal das steinerne Herz dir erweicht! Und einstweilen vergehen die blauen Tage, vergehen die sehnsuchtatmenden Nächte! Schon verblühten die Veilchen auch dieses Jahres! Bald verblühen auch die Liebeslust duftenden Linden: – ach und noch immer nicht mein! – – Dich schauen und dich entbehren? – Nein! Deshalb gab ich gleich nach dem Siege den Schildmädchen mein leuchtend Gewaffen, es mit hinaufzunehmen nach Walhall. Und in Mantel und Hut, wie von jeher mir lieb, zog ich allein aus, Gefahr oder Freude zu suchen. Schwerlich finde ich – heute noch – Gefahr oder Freude. Kluge Elben und zierliche Elbinnen, die sonst gern ich besuche, halten sich furchtsam verkrochen bei dem Getöse der Schlacht. Und Menschen? Leer liegt und öde das Land, wo Götter kämpfen und Riesen, an den letzten Markungen menschlicher Siedelung. Aber schau – dort – jenseit des breiten Stromes: da steigt unter alten Eschen ein feines Wölklein weißlichen Rauches auf. Ein Jäger, der den erlegten Berghirsch brät? Ein Fischer, der den gespeerten Stromlachs siedet? Oder etwa doch ein weltverloren Gehöft, in dem auf dem Herde die karge Abendkost bereitet wird? Wer immer der Wirt sei: – einen Gast soll noch heut' er begrüßen.« In wenigen Schritten hatte er das Ostufer des fast meerbusenbreiten Stromes erreicht: er fand nicht Furt, nicht Fähre: da spreitete er mit beiden Armen nach rechts und nach links den dunkeln Mantel aus, zwei mächtigen Adlerflügeln vergleichbar, und leise raunte er in den im Abendwind wehenden Bart: »Hügel nicht hemmet, Felsen nicht festhält, Berg nicht bannet, Noch wallendes Wasser, Nicht wogende Welle, Noch mächtige Meerflut Nicht fließender Fluß Des wegfährtigen Wanderers Willen: Meinen Mantel und mich!« Da stand er drüben auf dem Westufer! – Und nun rauschte er durch das Schilf, durch das Ufergebüsch dahin, – eine kleine Höhe hinan. Die war mit stachligem Buschgestrüpp bestanden: jedoch scheu, wie ehrerbietig, bog sich von selbst jeder Dorn zur Seite, den flatternden Mantel nicht zu zerreißen. Auf der Krone der Uferhalde angelangt, sah er unter ein paar Eschen versteckt eine niedrige Hütte: aus deren Moosdach war das weiße Rauchwölklein von dem Herdfeuer aufgestiegen.   II. Ein armes Hüttlein war's, gar schlicht: aber sorglich und säuberlich gepflegt, nirgend verwahrlost; die Bank von weißem Ahornholz, die zu beiden Seiten der Hausthür auf der Stirnseite des Baues sich hinzog, war tadellos blank gescheuert; in dem schmalen Wiesenfleck vor der Fensterluke standen ein paar blühende Waldblumen eingepflanzt: schöner rotbrauner Agelei und zierlich nickende Blauglocken. So leis' auch nur der Tritt des Wanderers auf den weißen, reinlich mit Kies bestreuten Hausweg, der auf die Thüre zuführte, gedrückt hatte, – er war doch vernommen worden da drinnen. Mit einem leichten Sprung erschien auf der Schwelle der halbgeöffneten Holzthür eine schlanke, fast kindliche Gestalt. Ein sehr junges Mädchen war es, in weißem Wollhemd, das ein Ledergürtel über den fast allzuschmalen Hüften zusammenhielt; die kleinen Füße waren nackt; ein fahles Rehfell – so schien es – bedeckte das Wollhemd bis an den Gürtel. Aber man sah nicht viel von aller Gewandung. Denn eine ganze Flut von gelöstem Haar bedeckte in frei flutenden tiefbraunen Langwellen wie den Rücken und die Schultern, so die junge Brust. Die zierliche Gestalt gemahnte an das Rehlein, dessen Fell sie trug: auch das scheue und doch neugierige Äugen, mit welchem das zarte, zage Ding nach dem nahenden Geräusch ausspähte: sie beugte erwartungsvoll den Oberkörper vor, mit der offnen Fläche der linken Hand an den Thürpfosten gelehnt, das schmale braune Köpflein, auslugend, vorgestreckt. Wie von Zauber gebannt blieb er stehen, der vielgewanderte Wandrer, und starrte mit weitgeöffneten Augen auf das Bild, das sich ihm bot. Das Mädchen aber zog die in streng regelmäßigem Halbkreis gewölbten dunkelbraunen Brauen ein wenig zusammen: Enttäuschung, Verdruß schien die etwas niedrige Stirne zu umwölken und ein hoffendes Lächeln, das um die vollen Lippen gespielt hatte, verflog, als sie nun mit kindlich heller Stimme begann: »Von wannen auch du wallest Und welcherlei Wege: – Willkommen, Wandrer, der Wirtin! Sei ein guter Gast, Wie ich Gutes dir gönne: Heilig ist mir dem Haupt, – Heilig sei dir mein Herd: Unsern Schirmer und Schützer scheue: Denn all dies Erbe ist Odhin zu eigen.« Sie hob nun, einen Schritt vortretend, die offne Fläche der rechten Hand, wie warnend, wie abwehrend, gegen den Ankömmling, Und, wie beschwichtend, erwiderte dieser nachdruckschwer: »Ich gelobe, nur zu thun, was Odhin gefällt.« Und er schritt jetzt näher heran, den Blick nicht lösend von der zarten Gestalt. »Sie schauen – welche Lust! – Welch weicher, sanfter Reiz! –Schon das ist Glück.« – Sie wich über ihre Schwelle in das Haus – rückwärts tretend: sie konnte nicht den Blick von dem gewaltigen Antlitz trennen: – unverwandt schaute sie auf ihn. Er folgte, rasch andringend. »Du bist allein?« forschte er. »Er ist beim Opfer.« – »Wer? Dein Vater?« – »Aswin.« – »Wer ist Aswin?« – »Ei, mein Mann.« Da stieß der Gast den Speerschaft auf die Schwelle: – das Haus erdröhnte, zitterte und bebte in seinen Grundfesten. »Du – bist – Eheweib?« Die junge Frau war heftig erschrocken: wortlos wies sie mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Ecke neben dem Herde. Da lag auf hoch gehäuften Fellen von allerlei Jagdtieren ein Säugling. Das Kind war erwacht von dem schütternden Aufstoßen des Speeres: es ward unruhig: die Mutter nahm es auf: gleich lächelte es. Der Gast furchte die mächtige Stirn: er zuckte die Achseln: »Du siehst nicht aus wie ein Eheweib! – Weshalb – ich sah sogleich auf deinen Ehe-Finger – weshalb gehst du unberingt?« Die junge Frau löste aus den auf und zu greifenden Fingerlein des Kindes einen höchst einfachen Erzring. »Wir sind arme Leute. Es ist ihr einzig Spielzeug. Setze dich auf die Herdbank, guter Gast.« Der wollte willfahren: da fiel sein Blick auf die Runen, die auf die breite und hohe Eichenlehne der rauchgebräunten, den Herd umziehenden Bank eingeritzt waren: rasch trat er einen Schritt zurück. »Nun?« staunte die Frau, »verscheucht dich der fromme Spruch? Er ist so schön: »Unseres Ehehauses Frieden befreundet Frigg: Unsichtbar sitzet sie hier.« »Dumpf ist es hier, an dem Herde,« grollte der Wanderer. »Komm wieder hinaus mit mir – ins Freie – in den wohligen Wind – dort weiß ich mich wohler und – – freier.«   III. Verdüstert schritt er hinaus; draußen warf er sich auf die Ahornbank rechts von der Thüre. Die junge Frau folgte, das Kind auf dem Arme; sie ließ sich nieder auf den beiden Holzstufen, die von dem Hauswege her zu der Thüre hinan führten; sie sah ruhig vor sich hin, das Kind schaukelnd und leise dazu singend, ganz leise. – »Also Aswin heißt er ... dein ... Mann?« »Aswin. Weißt du, das bedeutet: »der Asen Freund«. Von Geschlecht zu Geschlecht haben seine Ahnen fromm den Göttern gedient. Und mein Mann ehrt vor allen Göttern Odhin.« »Ja,« sprach der Gast und strich langsam einmal über den wirren Bart, »ich erinnere mich.« – » Du ? – – Wie das? – Ja, Odhin! – Ich wünschte mir schon lange, den – von allen Göttern nur den – einmal von Angesicht zu sehen.« – »Wünsch' es dir nicht! – Nicht jedem und nicht jeder ward es und wird es zum Heile.« – »Aswin versäumt kein Opfer für den Hohen. Erst gestern wieder ging er zum Opferstein, unser einzig Fohlen dem Gotte darzubringen.« – »Wann kommt er zurück?« – »Morgen früh; er will die ganze Nacht durch gehen.« – »Welches Weges?« – »Dort« – sie deutete mit zwei Fingern der rechten Hand gen Mittag – »dort her – über das Steil-Joch.« Unmerklich, leise, zuckte der Wanderer den Speerschaft vom Boden auf. »Er opfert um Sieg. Denn nach wenigen Nächten zieht er mit aus im Heerbann unsres frommen Königs wider den bösen Jarl, der die Götter verachtet.« – »Der Bauer kämpft für mich ,« sprach der Gast und nachdenksamer Ernst legte sich ihm über die bewegten Mienen. – »Ich bat ihn, auch für sein Leben zu opfern, nicht nur um des Königs Sieg.« Er sagte: »Nein! Das Fohlen ist nicht gar viel wert. Für zwei Bitten kann ich es dem Wunschgott nicht anrechnen; so opfre ich nur um Sieg.« Der Hörende strich geruhig mit der linken Hand über die stolzen dunkeln Brauen; aber dann verscheuchte er mit hastiger Bewegung des Hauptes die widerstreitenden Gedanken, wandte sich voll der Wirtin zu, beugte sich auf die junge Gestalt herab und musterte sie mit kundigen Blicken. Sie merkte es nicht: denn sie war mit dem Kinde beschäftigt und, – so schien es – mit ihrer Gewandung. Er hatte einstweilen das kleine, schmale Köpflein, die unschuldigen, im Ausdruck so kindlichen Züge, die zartknochigen Schultern betrachtet; sein Auge traf jetzt zufällig den jugendlichen Busen, der, vom dichten Haargewog und von dem Rethfell verhüllt, kaum zu erraten war. Da sprach die junge Mutter: »Dich dürstet, Kleine? Nun so trink!« Und ohne irgendwelche Scheu, ohne Besinnen, warf sie die langen, dunkelbraunen Wellen des Haares von der Brust nach rückwärts über die linke Schulter, nestelte die Haken und Ösen des Rehfelles auf, öffnete den Schlitz des darunter liegenden weißen Wollhemdes, daß die linke Brust voll sichtbar ward, und legte das Kind daran, das sofort eifrig sog. Da wendete blitzschnell der Gast das Auge, das Haupt ganz ab von ihr. – Er errötete, wie, auf schuldhafter That betroffen, ein Knabe. Er sprang auf von der Bank und ging mit hastigen Schritten, der Thüre den Rücken zukehrend, auf und nieder; keinen Blick warf er auf die junge Mutter. »Ist's nun genug?« koste diese – nach geraumer Weile – das Kind. »So segne dir's die Allnährerin, die große Mutter Odhins.« – »Ja, Mutter,« flüsterte der Wanderer, »segn' es reichlich dem Kinde.« Da lächelte das sehr behaglich, und griff mit den weichen Fingerlein vergnügt in das herabgebeugte Gesicht der Mutter. Der Gast bemerkte, daß sie das Gewand wieder zugehakt hatte. »Wie heißest du?« fragte er nun, das Auge auf sie richtend. – »Bidhja.« – »Die Bitte! – Ein holder Frauenname! – Und das Kind?« – »Es hat noch keinen Namen. Wir wählten solang! – Wir stritten – aber nur im Scherze, lieber Gast! – soviel darum: es war unser erster Streit!« und sie lächelte still vor sich hin. – »Vielleicht geb' ich dem Kind dereinst den Namen.« – Er blieb hart vor ihr stehn. »Und nach meinem Namen fragst du nicht?« – Sie hob verwehrend den Zeigefinger der Rechten. »Er hat's verboten,« – »Wer? – Dein Mann?« – »Nein doch: – Odhin. Er, selbst oft ein Wandrer, ist der Wegfärtigen Schirmherr. Wirtlichkeit gebeut er den Menschen, die ihn ehren. Wirtlichkeit verwehrt auch, den Gast nach Namen und Sippe zu fragen. Es ward mir schwer – recht schwer –!« Sie sah ihn, emporblickend, verwundert, scheu, aber doch mit ganz unverhohlener Neugier an, die großen, runden, dunkeln Augen schwammen in einem Weiß, das zart bläulich angehaucht war. – »Arg schwer! Denn, ... seit ich zuerst dich ersah, konnt' ich nicht aufhören, über dich zu staunen. Sieh, wir leben hier ganz einsam. Der nächste Hof, der meiner Eltern, liegt sieben Rasten weit gen Niedergang, der zweitnächste, meines Schwagers, zwölf Rasten weit gen Mitternacht. Ich war noch nie auf einem Opferfest, wo viele Leute zu sehen sein sollen. Ich habe, so alt ich bin – nun volle siebzehn Winter! – keine Menschen gesehen, als die Eltern, die Schwester, den Schwager, Aswin, – den Guten! – zwei sturmverschlagene Fischer und einen felsverstiegenen Jäger. So mußt du mir nicht zürnen, wenn ich über dich staune. – Sehr! – Aber dich fragen? Nie.« – » Unrast heiß' ich.« – »Oh welch trauriger Name! – Wer dir Rast geben könnte!« – »Du könntest es ...« das war – wider seinen Willen – ungestüm aus ihm hervorgebrochen. »Ich?« lächelte sie. »Wie könnte ich ...! Doch ja! Du ruhst und rastest auch hier nicht, unsteter Gast! Bald setzt du dich, bald springst du auf und schreitest hastig umher. Weißt du, was dir fehlt? Eine Arbeit fehlt dir! Nun warte! Da!« Sie reichte ihm den Säugling hin. Unwillkürlich gehorchend nahm er willig das Kind auf die beiden mächtigen Arme. »Halte die Kleine einstweilen, bis ich das Feuer auf dem Herd frisch entfacht habe: warme Abendspeise soll dich erfreuen: köstlicher Hirsebrei! – Die Kleine weint nur, wann sie in der Ecke liegen soll: – auf deinem Arm wird sie – du wirst es sehn! – ganz freundlich mit dir sein. Leg sie nur – beileibe! – nicht nieder, bis ich sie dir wieder abnehme.« Schon war sie im Hause verschwunden.   IV. Da stand er nun, der gewaltige Gott, der Gott des Geistes und aller stolzen Gedanken: recht hilflos stand er da. Der lange Speer lehnte ihm an der Schulter; das Kindlein beschäftigte vollauf seine beiden Hände und Arme, seine Augen und seine Gedanken. Höchst ungeschickt hielt er's: er fürchtete stets, dem kleinen, so weich anzufühlenden Geschöpf wehe zu thun: hielt er es herzhaft, es zu zerdrücken, hielt er es locker, es fallen zu lassen. Er hätte viel lieber einen schnappenden jungen Drachen getragen! Und während er mit seinen Gedanken der jungen Mutter folgen wollte, mußte er nun ihr ungebärdig Kind behüten! Er konnte gar nicht jenen Gedanken nachhängen: – er mußte stets acht haben, daß ihm das dünne Bündel nicht entschlüpfe, entgleite, entrutsche. Nach einer kleinen Weile siegte jedoch in ihm über den Unmut der Sinn für das unwiderstehlich Erheiternde an seiner Lage. Denn dem Gotte des Geistes gebrach es nicht an dem Sinn für den das Lächeln erzwingenden Reiz des Selbstwiderspruchs in den Dingen und in dem Gebühren der Lebenden: und bereitwilliger noch und mit innigerem Genusse lachte der Überlegene – der auch sich selbst Überlegene! – der eignen als anderer Verkehrtheit. Ein gutmütig Lächeln spielte daher nun um den bärtigen Mund: »Oh Frigg, strenge Braut! Sähest du jetzt deinen Verlobten! Wie er sich einübt – für deine Bedienung. Ei, winzig Wichtlein, so halt' doch still! Was willst du denn eigentlich?« Er fand es endlich aus: das mit den Ärmchen zappelnde, mit den Beinchen stoßende und strampfende Kind wollte nicht wagrecht liegen, aufrecht wollte es sitzen. Sowie er es auf seinem Arm emporgerichtet, lächelte es ihn freundlich an aus den sanften, großen, schwimmenden, dunkeln Augen der Mutter, griff mit beiden Händchen in den wirren Bart und, die winzigen rosigen Fingerlein nach der Möglichkeit zuerst auseinanderspreizend und dann einbiegend, zauste es ihn recht herzhaft. »Du! Das lass', kleine Brut! – Bin's nicht gewöhnt! – Das thut weh! Mehr weh als die Armwunde.« Er hielt die Kleine nun, vorsichtig, fern ab von seinem Gesicht. Minder erfreut sah sie umher. Da entdeckte sie am vierten Finger seiner rechten Hand einen glänzenden Goldring. Eifrig griff sie danach mit allen zehn Fingern und suchte den abzustreifen. Da das nicht gelang, ward sie ungeduldig: sie verzog das Gesicht zum Weinen. »Ei! Auch noch schreien?« rief der unfreiwillige Pfleger. Er fürchtete sich: alsdann mußte es ja noch viel unbehaglicher werden! So beeilte er sich, der Laune des Pfleglings zu willfahren; er streifte selbst den Ring ab und legte ihn der Kleinen in das Händchen: »aber nur zum Spiele geliehen, du Zappelding, nicht geschenkt; sonst verlör er auf immer die Kraft,« flüsterte er. Das Kind lachte, nickte lebhaft auf das glänzende Spielzeug herab und sah dazwischendurch den Geber an mit erfreuten, dankenden Äugelein. »Der Liebesring!« sprach der, ganz betroffen. »Drück' ich daran und wünsche – so ist sie ...! Und das Kind – ihr Kind – spielt damit! – Da! Da liegt der Zauber am Boden!« Vorsichtig, behutsam bückte er sich. – Denn höchst unbequem und ungefüg ward ihm nun die Stellung: – das wieder unruhig strampfende Kind aus dem linken Arm, den langen Speer zwischen dem langen Mantel und den beiden Beinen! – So hockte er denn in steif geradliniger Bewegung nieder, den glatten Reif wieder aufzuheben, der auf der festgestampften Lehmschicht vor der Thüre mutwillig, wie ein belebtes Wesen, elfisch, kreiselnd, umherrollte und sich nicht wieder greifen lassen wollte. Endlich – er war rot im Gesicht geworden – hatte er den tückischen Ring erhascht! Es war eine sehr harmlos aussehende, schlichte Zier, dies schicksalreiche Geschmeide: eine schmale goldne Schlange stellte es dar, dreifach geringelt: der Kopf des Schlängeleins, wachsam nach außen gereckt, blinzelte aus zwei klugen Augen; aus dem kaum geöffneten Munde ragte, nur gerade merkbar, das spitze Zünglein; unter den Schuppen der Windungen aber waren versteckt ein paar Runen angebracht. – »Es ist doch besser,« sprach er, das Kleinod in die Gürteltasche schiebend, »ich steck' ihn weg. Trag' ich ihn am Finger, will ihn die begehrliche kleine Elbin wieder haben. Und ich selbst – die Versuchung! ... Nein! ... Geschieht's, – durch Zauberzwang soll's nicht geschehn.« – »Komm', Unrast, tritt herein zu mir!« rief von dem Herde heraus die kindliche Stimme. »Alles ist für dich bereit. Ich wart' auf dich, Unrast. Komm' doch!« – »Sie weiß nicht, was sie redet, was sie ruft,« sprach er und sprang samt dem Kind und dem Speer über beide Stufen und über die Schwelle. Sie nahm ihm nun die Kleine ab. »Sie ist so gut haben, nicht? So freundlich! ... Nicht auf die Herdbank? Auf den Schemel? Nun, wie du willst. – Dort, auf dem Herdrand, steht der Napf. Hier, nimm den Holzlöffel. – Halt! Doch nicht so gierig!« Der Gott, der nur Wein, niemals Speise zu sich nimmt, hatte so rasch als möglich den Schein des Essens abspielen wollen: allein die junge Hausfrau litt das nicht. »Gemach! Der Brei ist ja noch heiß! Du wirst dir die stolzen, die spöttischen Lippen verbrennen! – Ungeschickter! Ungestümer! Ungeduldiger! – Ja, wahrlich »Unrast« heißest du mit Fug! Ich sehe schon – du hast all deine Lebtage nicht recht gelernt, wie man heißen Brei ißt.« – »Nein, leider nicht!« sagte der Gescholtene, ganz kleinlaut. – »Komm', ich werd' es dich lehren.« – Sie setzte sich auf die Herdbank dicht vor ihn. – »Wart', ich will ihn dir schon kühlen.« Sie blies die Backen auf – gar ernsthaft blickend, mit weit geöffneten Augen, – und hauchte mit aller Macht auf den Inhalt des nur halb gefüllten flachen Holzlöffels: – es ließ ihr gar drollig! – Er mußte wieder – unfreiwillig – lächeln. – Nun schob sie den ersten Löffel voll an seinen bärtigen Mund: gehorsam that er ihn auf und schluckte mit Würgen und Widerstreben das weiche Zeug hinunter. »Ein so großes Kind hab' ich noch nie gefüttert,« lachte sie hell auf. – Aber schau –: die Kleine ist mir – auf dem Arm! – eingeschlafen. Ich lege sie zu Bett.« Sie stand auf und ging mit dem schlummernden Kind in den zweiten – und letzten – Raum, den die Hütte außer der Herdhalle noch enthielt: die Schlafstätte; sie war nur durch einen die Öffnung der Seitenthür füllenden Vorhang aus starkem grauem Segeltuch abgetrennt. Unter dem Vorhänge selbst machte sie zögernd Halt: einen raschen Blick warf sie noch auf den Gast zurück: nun war sie verschwunden hinter den zusammenfallenden Falten.   V. Sowie sie geschieden, sprang der Wanderer auf, so ungestüm – er stieß den Napf um auf dem Herde. Er schritt in der engen Halle auf und nieder – mit sieben seiner Schritte war sie durchmessen. »Welch Geschöpf, dies junge Reh! Mutter ist sie – und selbst noch Kind! Nicht nur das Blut, die Seele bewegt sie. – – Freilich: sie ist auch rührend in ihrer Unschuld – rührend ... bis zum Erbarmen! – Ein Druck an den Ring – ein Wort des Wunsches und – Nein! – Ich will nicht! – Aber ein Wurf meines Speeres – und sie ist Witwe! Dann – keines Zaubers wird es brauchen. – Und dieser Speerwurf? – Unrecht? – Ja, Odhin, ja, jawohl, Unrecht! Frevel! – Wohlan denn! Soll ein Mann, ein Gott, nicht auch einmal freveln dürfen? Dieser holde Reiz: – er ist mein Lohn für den heutigen Sieg. Warum mir diesen Lohn nicht gönnen? Hei, das heiße Riesenblut, das alt vererbte, braust auf in meinen Adern: es gärt, es glüht! Warum soll gerade ich immer der Weise, der Gerechte, der Tugendliche sein? Das ist sehr wenig – lohnsam! Jeder andere Mann: Gott oder Riese, Elbe oder Menschenmann – der diesen lechzenden Durst verspürte und ihn löschen könnte , – so leicht, so sicher, so unhemmbar gewiß wie ich! – der löschte ihn. Warum soll ich allein nicht ...?« »Weil wir dich, Odhin, Ehren vor allen ...« »Horch! Sie betet!« »Darum flücht' ich zu dir Und fleh' dich an.« Er schlich – ganz unhörbar konnte er auftreten – an den Vorhang und spähte durch die Falten. Sie lag auf beiden Knieen, die Linke auf des schlummernden Kindes Brust gespreitet, die Rechte hoch ausgestreckt zum Gebet. »Es welkte die Welt, Es risse das Recht, Es sänke die Sitte, Die Zucht verzehrte Gehrende Gier Und frecher Frevel den Frieden, – Waltest du nicht, Weiser Wächter, Odhin von Asgardh! Schütze den Schlummer, Schirme den Schlaf Dem kleinen Kinde. Schirme mich selbst Und auf wilden Wegen Den guten Gatten Vor steilem Sturz Und vor spitzem Speer. So bete ich bittend Nacht um Nacht. Heut aber höre Besondere Bitte: Gieb auch dem Gast, Dem armen Unrast, Rast und Ruhe Und Freude des Friedens. Niemals noch nahte mir Gleiche Gestalt, Gleiche Gewalt Blitzenden Blicks, Ahnenden, allergrübelnden Auges. Des Mächtigen muß ich, Ob ich auf andres Suche zu sinnen, Dennoch dauernd gedenken. Gewiß ist er gut : Guten nur gebt ihr, Gütige Götter, Gleiche Gewalt. So gewählt ihm die Wünsche, Und des Herzens Hoffen, Das hastend ihn hetzt, Ihn unruhig umtreibt, Den armen Unrast. Höret ihn, helft ihm. All ihr Asen Oben in Asgardh, Aber vor allen du, Odhin, Der Wünsche Gewährer.« Da zog ein böses Lächeln um seinen übermütigen Mund: »Der Anfang des Gebetes schreckte zurück. – Aber nun? Nun will sie's ja selber! Sie bittet darum! Wohl denn; – Odhin soll – ihrer Bitte gemäß – Unrast's Wünsche gewähren.«   VI. Alsbald trat Bidhja heraus, sie suchte den Gast. Der saß wieder vor der Thür auf der Bank, den Speer zwischen den Füßen und an die Schulter gelegt, das Haupt in dem weichen Hut an die Holzwand des Hauses gelehnt; sinnend sah er in die immer noch helle Abendluft hinaus. – Sie ließ sich neben ihm nieder. »An was dachtest du?« forschte sie. – »An dich.« – Sie lachte. »Was wäre über mich zu denken!« – »Mancherlei. – Du hausest hier einsam, unbefreundet, wann dein Hauswirt fern. Du bedarfst eines Freundes, eines Schützers. Ich will dein Schützer sein.« – »Du? ... Aber du wohnst doch ...?« – »Ganz wo anders. Doch weiß ich mancherlei Zauber zu üben ...« Erschrocken sah sie zu ihm empor, mit Grauen: allein es mischte sich ein leises Wohlgefallen in dies Grauen, als sie, kopfnickend, sprach: »Ich glaube das wohl von dir! – Nur guten Zauber doch!« – »Das wird von dir abhängen.« – »Von mir?« staunte sie. – »Ich gebe Bidhja drei Bitten frei –: was auch du begehrst, es soll geschehen.« Da patschte das junge Weib die kleinen Hände zusammen und lachte hellauf: »Höre, das glaub' ich dir nicht! Zum Zaubern gehören Stab und Runen und Kessel und Sud. Aber nur so wünschen? Ei, ich versuch's! Gleich! Mir thut's lange schon leid, daß ich – das Ael ist uns ausgegangen – dir keinen Trunk bieten konnte. So wünsch ich denn: mein großer Zuber in der Gerätkammer soll vor dir stehen, gefüllt mit bestem Ael.« Da fuhr sie zusammen, die Kleine: noch weiter öffneten sich die großen, runden Augen: ihr alter zweihenkeliger bauchiger Holzzuber, vielfach geflickt, stand vor dem Gast: und gelbweißer Aelschaum floß an beiden Seiten daran herab. Der Wanderer wollte zürnen: allein, wie er das verdutzte und doch erfreute Gesicht der Wirtin sah, da zog ihm, halb wider Willen, ein Lächeln über den Mund: »Kleingläubige! Eine Bitte schon verscherzt!« Er stieß mit dem Fuße den Zuber um, das Ael floß auf die Erde. – »Was thust du? So trinke doch!« – »Ich trinke nur Wein.« – »Was ist das? – – Aber gleichviel! Nun ich sehe, es ist richtig mit dem Wunschzauber, – nun will ich auch gleich das allerheißest Ersehnte wünschen. Meiner Schwester Kind, etwa so alt wie meines, prangt im schönsten, rotgesäumten, weißen Wolltuch. Oft sah ich's mit Neid. Wir sind zu arm, dergleichen zu ertauschen. Solch Wolltuch, zweimal solang, wie die Nichte hat, soll mir stracks auf den Knieen hier liegen.« Und da lag es. Hastig sprang der Gast auf und hielt ihr den vor Staunen geöffneten Mund zu. »Kindisch Geschöpf! Schweig!« grollte er. »Und das ,« raunte er mit sich selbst, » das sollte mir Ersatz sein für Frigg, für das hohe Weib, das kluge, mit den himmelsklaren, ernsten Augen, mit den hohen, den ewigen Gedanken. Ein Spielzeug wäre sie, ein anmutiges, nicht aber Odhins Genossin! – Verscherze nicht auch den dritten Wunsch noch! Du könntest ihn brauchen! Die letzte Bitte spare dir auf und – nach meinem Rate bitte sie einst. Ich gebiet' es.« »Und ich gehorche,« hauchte die junge Frau, leise bebend, wie sie sich erhob, die langen dunkeln Wimpern scheu senkend, nachdem sie vergeblich versucht hatte, seinen strengen Blick zu tragen. Das ließ ihr sehr hold, sehr gewinnend: der Gast schien die Sanftmut, die Demut zu lieben. »Ob wohl Frigg lieben kann, wie diese sanfte Seele ihren Gatten liebt? Ob Frigga jemals so weich, so ganz aus Herzens Grund sich fügen kann?« sann er. Und es fesselte ihm die kindliche, zarte, zage Gestalt die nachdenkliche, die vergleichende Betrachtung. Ein Schweigen entstand. – Beunruhigt wagte Bidhja, obwohl noch verschüchtert, das Auge wieder aufzuschlagen. Aber sie erschrak nun mehr als zuvor über einen lodernden Blick, der sie zu verzehren schien. Sie wollte zuerst weichen, fliehen in das Haus. Allein sie fühlte, dann würde dieser Blick ihr folgen. Und das – gerade das! – fürchtete sie. So überwand sie den feigen Einfall der Flucht, überwand sogar die Furcht – denn dieses Antlitz flößte doch auch Vertrauen ein – und nun trat sie plötzlich rasch auf ihren gewaltigen Gast zu. Mit der Bewegung eines schutzflehenden Kindes legte sie ihm die Innenfläche der rechten Hand unter seinem zurückwehenden Mantel auf die linke Brust. Wohl erschrak sie aufs neue ein wenig, wie sie den machtvollen, den hastenden Herzschlag verspürte. Allein sie bezwang auch diese Scheu, und die langbewimperten Augen zu ihm ausschlagend mit dem Ausdruck des todesbangen Rehes bat sie mit unwiderstehlicher Innigkeit: »Bitte, Lieber, schau mich so nicht, so mich nie mehr an! Ist es Zorn? – Ist es Haß? – Was that ich dir zu leid? – Ich weiß es nicht! – Doch kann ich das – diesen Blick – nicht ertragen. Nie blickte ein Mensch – auch Aswin nicht – mich also an. Ich bin dir gut, du wundersamer Fremdling. So hilflos gut! O bitte – sei du auch gut gegen mich. Bitte !« Da zog in des Wanderers breite Brust allüberwältigend Erbarmen, jede andere Regung verdrängend. Aus seinem Auge schwand das Lodern: er senkte die stolz erhobene Stirn und väterlich, wie segnend, strich er leicht über das kleine zierliche dunkelbraune Köpflein hin: »Du rührend Kind! Du reines Herz! Mir ist: deinem Bitten kann niemand widerstehen. – Leb wohl.« Bidhja hatte, zusammenschauernd unter seiner leisen Berührung – es war die erste gewesen – das Haupt tief gebeugt. Als sie es nun wieder hob und die Augen dankend aufrichtete, – da war der Gast verschwunden. Vergeblich spähte sie überall umher, den Weg verfolgend, auf dem er den Hügel heraufgekommen, – den entgegengesetzten Pfad, an der Hütte vorbei – dann nach beiden Seiten: nirgend war er zu sehen. Ratlos, erstaunt sah sie unwillkürlich nach oben in das nun tief schattende dämmernde Abendgewölk: – ein plötzlicher Windstoß trieb die Nebel von der Erde empor: da war ihr, eine von den hochgetürmten dunkeln Wolken gleiche dem Mann in Mantel und Hut; auch der lange Wolkenspeer in der Rechten fehlte nicht. »Wie thöricht,« lächelte sie still vor sich hin. »Ich meine, ich muß ihn noch sehen: – überall sehn. Nun seh ich ihn gar in den Wolken! – Sofort muß ich Aswin von ihm sagen – Aswin kommt ja morgen, – sicher. – Aber Unrast? Wann kommt Er wieder? – Niemals wieder?« Sie legte gar ehrfürchtig das zaubergespendete Wolltuch über die Schulter und ging auf das Haus zu. Langsam ging sie, zögernd, Schritt für Schritt. Auf der Schwelle blieb sie stehen: nochmal sah sie zu jenem fliegenden Wolkengebild hinauf: es war völlig verschwunden. Sinnend, den Kopf leise schüttelnd, trat sie über die Schwelle. Sie legte sich auf das Lager – aus Schilf und Moos aufgeschüttet, – neben ihr Kind. – Aber sie fand nicht Schlaf. – –   VII. Sausend war der Gott, von dem dunkeln Mantel wie von Adlerflügeln getragen, in ungestümer Bewegung durch das Gewölk gen Asgardh emporgefahren. »Oh Frigga, Frigga! Grausame Braut!« grollte er. »Zu dir! Rasch zu dir! Alles sagen! Dir aufdecken, welche Qual dein Nein über mich verhängt. Aber auch davon will sie ja nichts hören. Glut schoß ihr neulich in die bleichen Wangen: – hastig schritt sie von mir hinweg. War es süße Scham? Eher herber Zorn! Denn nicht sanft –: herbe ist sie! Gleichviel! Alles soll sie hören. Sie soll doch ahnen, wozu ihr ewig Nein mich treibt – mich treiben könnte .« In Asgardh angelangt, eilte er sofort mit starken Schritten, an Walhall vorüber, auf Fensal, Friggas Halle, zu. Weitab lag die vom Lärme Walhalls, unter dem Schatten dichter, schönblättriger Linden; ein Quell floß hier durch Wiesen hin; auf denen blühten zarte Blumen jahraus, jahrein. Seine lauten Tritte auf dem engen, mit Steinen belegten Pfade, der den Rasen durchschnitt, scheuchten die weißen Tauben der Göttin auf, die – war es doch nun schon dunkle Nacht – oberhalb des Simses der Hallenthür sich zu Rüste gesetzt; verschüchtert flogen sie auf und umflatterten mit laut klatschenden Flügelschlägen unschlüssig das Dach. Dem späten Besucher däuchte, aus dem Schlafsaal, dessen Fenster durch Läden fest geschlossen war, glimme durch eine schmale Ritze im Holze Licht. Er hoffte, er wünschte es so heiß! Vielleicht sah er's nur deshalb. Mit Einem Sprung setzte er über die sieben Stufen, die von dem Vorhof an die breite Schwelle der Pforte hinaufführten. Hochklopfenden Herzens wollte er anpochen mit der wie im Zorn geballten Faust: – er achtete nicht in seiner Ungeduld des ehernen Thürklopfers in Hammergestalt, den kunstreiche Zwerge der schönen Göttin geschmiedet hatten. Aber siehe, da ward von innen die Thüre geräuschlos aufgethan und auf der Schwelle erschien, im weißen Nachtgewand, Lofn, Friggs kindjunge Dienerin. Sie trug in der Rechten einen matt brennenden Span von Wacholder: – würzig, aber herb und streng, duftete das zähe Holz im Glimmen. Zwei Finger der Linken hielt sie an den Mund, Schweigen bedeutend. Wunderbar! Beschwichtend nicht, aber zurückschreckend, Scheu erzwingend wirkte auf den ungestüm Verlangenden der tiefe, der keusche Friede dieser Frauen-Siedelung. – – – Der Hoffnung traurig entsagend flüsterte er – der stummen Mahnung gehorsam die starke Stimme mäßigend –: »Meine Braut? – Ich will sie sehen – sprechen.« Die Jungfrau schüttelte das Haupt, über das der weiße Nachtmantel gezogen war, und noch leiser als die Frage kam der Bescheid: »Niemand naht Frigga zur Nacht! – Lang harrte sie Odhins beim Siegesmahl. – Er kam nicht. – Nun schläft sie.« Schmerzlich, grollend, grimmig furchte der Sehnende die gewaltigen Brauen. Rasch, wie der Wirbelwind thut, drehte er sich um sich selbst. Ohne Wort, ohne Gruß, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, schlug er den weitfaltigen Mantel um die breiten Schultern, stöhnte einmal auf und stürmte hinweg. – Bald lag er auf seinem ruhelosen Ruhebett. Unsanft stieß er die treuen Wölfe von sich, die ihm den Fuß lecken wollten. Das dichte Fell des Eisbären, welches das Eichenholzgestell des Lagers bedeckte, schleuderte er zur Erde. Es war zu heiß, zu weich! Auf das harte Holz drückte er mit wollüstiger Pein Schultern und Rücken, bis sie schmerzten. Die Quetschwunde am linken Arm brannte. Das freute ihn. Es that ihm wohl. Er wälzte das Haupt voll tobender Gedanken auf dem Eichenbrett rastlos hin und her – alle noch übrigen Stunden der Nacht. »Oh Frigg,« knirschte er einmal, »soll ich dich aus Liebe hassen müssen? Wenig fehlt! Nichts fehlt! Ich hasse dich – vor Sehnsucht. Warte! Wehe dir: – morgen!« Er schlief so wenig in Gladsheim, als Bidhja unten auf Erden. * Auch in Fensal brannte Licht im Schlafgemach die ganze Nacht. – Durch die Ladenritze hatte die Braut lange, lange Stunden unablässig ausgespäht, bis sie den wohlbekannten, den wogenden Schritt hatte heranhasten hören, bis sie die dunkle Gestalt erkannt. Dann war sie – tief verschämt, errötend – von dem Fenster zurückgetreten, das herabgleitende Nachtgewand sorglich mit beiden Händen über den wunderschönen Busen emporhebend – als ob sein Blick den dichten Laden hätte durchdringen können! – – Erst als er scheidend von den Stufen herabsprang, trat sie wieder an den Laden, – sie sah dem Hinwegbrausenden nach, immer nach: – die weiße Stirn an das harte Holz pressend, bis auch der letzte Schatten seines fliegenden Mantels verschwunden war. – Dann trat sie – unverwandten Auges – zurück und sank auf das weiße, das schneeig-weiße Lager; aus den weichen Fellen weißer Hirsche war es aufgeschichtet. Sie stützte beide Ellbogen auf die Kniee und in die beiden schmal zulaufenden Hände vornübergebeugt das herrliche, das edel gebildete Haupt. Gelöst flutete ihr auf die schwer wogenden Brüste das hellblonde Haar in kurz gebrochenen Wellen: und sie weinte, weinte, weinte – ohne Wort, ohne Seufzer sogar. Und jede ihrer Thränen ward zu Gold. – Am andern Morgen früh legte ihr Lofn in ihrer weißen Schürze zusammengehäuft die vielen kleinen goldnen Kugeln vor. »Ein ganzes Halsgeschmeide!« klagte die Vielgetreue. – »Leg's zu den andern Reihen.« – »Es sind schon gar viele.« – »Ich weiß! Ihm gehören sie. Ihn sollen sie schmücken.«   VIII. Kaum hatte an diesem Morgen der Sonnengott die lichtmähnigen Rosse vor den goldenen Wagen geschirrt, – schon stand Odhin in der Gasthalle zu Fensal vor seiner Braut, der herrlichen. Nichts, keine Bewegung, kein Zittern, keine Miene in dem wundervoll schönen, aber strengen und kalten, undurchdringbar vom Willen gehüteten Antlitz verriet ihm irgendwelche Empfindung. Nur daß die weiße Stirn errötete, konnte sie nicht hindern. Und weil sie das fühlte, schlug sie schämig die langen Wimpern, die sonnenfarbenen, nieder. Das leuchtende Haar, auf der Mitte der Stirn in zwei Hälften gestrichen, strömte in langen Wogen über ihre Schultern bis unterhalb der Kniee: – sie trug kein Gold, als dies ihr Haar. – Das ganz weiße, faltige Gewand war mit handbreitem hellblauem Saum eingefaßt; die herrlich gerundeten, marmorweißen Arme glänzten, voll sichtbar: denn den blauen Mantel hatte sie von den Schultern gelöst und über die Rückenlehne ihres kunstvoll geschnitzten Hochsitzes gelegt; auf ihrer linken Achsel wiegte sich eine ihrer weißen Tauben. Sie ließ die Spindel, weithin sie auswerfend über die drei Stufen des Hochsitzes hinab, auf dem glattgestampften Estrich schnurrend tanzen: unverwandt waren auf diese Spindel die scharf gesenkten, kühlen, lichten, wasserblauen Augen gerichtet: – nur mit kaum merkbarem Beugen des Hauptes, nicht mit Wort, nicht mit Blick, hatte sie des Eintretenden Gruß, seinen Heilruf erwidert. Lofn saß zu ihren Füßen auf der mittleren Stufe des Hochsitzes und zupfte einen frischen Wocken für die nimmer rastende Spindel zurecht. Der Hochsitz füllte die Mitte des Hintergrundes der geräumigen Halle – der Eintretende war nahe der Schwelle stehen geblieben: – so trennte beide ein gar weiter Zwischenraum. Schweigen entstand, nachdem die Braut nur stumm, gegrüßt hatte. Bang, furchtsam blickte Lofn von ihrer Stufe zu Odhin auf. Da wies dieser plötzlich, mit gebieterischem Ausstrecken des Armes, nach der Eingangsthüre: – er hatte sie offen gelassen. So ungestüm war die überraschende Bewegung, daß die Taube, wild erschrocken, von der Schulter der Herrin auffuhr und pfeilschnell zur Thüre hinausschoß: – eilfertig folgte Lofn, ihren Wocken wirr zusammenpackend, desselbigen Weges. – Die Herrin sah nun auf von der Spindel: streng gefurcht war die weiße Stirn und herbe klang die Stimme, als sie, die Erregung verhaltend, sprach: »Odhin von Asgardh, Ärgster der Argen! Du gebietest in meinem Hause?« – Da er beharrlich schwieg, fuhr sie fort: »Was soll's? – Was hast du mir – mir allein – zu sagen?« »Viel!« grollte er. »Nun, Frigga, rüste dich zum Kampfe ...« Drohend, nahezu feindlich, hatte er begonnen. Jedoch, wie er nun mit durstigen Augen in sich sog all diese strahlende Schönheit, diese unwiderstehliche Anmut, welche wie eitel Wohllaut sie umflutete, – da schmolz ihm der eherne Groll und begeistert fuhr er fort: »du schönstes aller Weiber und – geliebtestes.« Stumm wandte sie, wie um nicht weiter zu hören, das herrliche Haupt zur Seite. Unendlicher Liebreiz lag in der Bewegung, wie in jeglicher Regung dieser wonnigen Gestalt. Er warf hastig den Hut und den Mantel auf die Rundbank, die sich um die ganze Halle hinzog; im dunkelblauen Wollwams stand er nun, über die Schulter hing ihm, mit Silber beschlagen, das mächtige Hifthorn. Er trat ihr rasch mehrere Schritte näher: aber zurückgestoßen von ihrer Ruhe machte er plötzlich wieder Halt; er kam so an den Mittelpfeiler der Halle zu stehen; er lehnte sich daran mit dem Rücken; er schlang, hoch sich reckend, den linken Arm um den Pfeiler und drückte ihn an sich, die wilde Erregung zu meistern. Bald ließ er ihn wieder los, durchmaß die Halle nach rechts und nach links mit starken Schritten, jedoch die Augen nicht lösend von der schweigsamen Spinnerin und immer bald wieder gerade ihr gegenüber Halt machend. Sie aber, die sein geschnittenen Lippen fest zusammenschließend, rührte und regte sich nicht – auch nicht ein kleines! – auf ihrem stolzen Hochsitz. Eifrig, unablässig, kaum je aufblickend spann sie weiter.   IX. »Fürchte nicht,« begann er – mit solcher Ruhe, daß sie insgeheim erstaunte: aber bald fühlte sie, wie gewaltsam erzwungen diese Bändigung war – »ich dränge dich nochmal. Heiß ist meine Liebe: aber doch hat die Glut noch nicht allen Mannesstolz ausgebrannt in Odhin von Asgardh. Wenn es dir denn noch immer so ganz unerträglich ist, mein Weib zu werden« – da bebte seine Stimme vor zornigem Groll – »so – warte noch. Höre nur, was du wissen mußt. Ich fand gestern Abend« – und nun spähte sein Auge gespannt auf jede leiseste Regung in ihren Mienen – »ich fand – ein junges Weib: – Bidhja.« Rasch schlug Frigga die gesenkten Wimpern auf: – es war nur Ein Blick – sofort kehrte die eisige Ruhe auf ihr Antlitz zurück: – und doch hatte der Spähende es vermerkt. – Sie nickte. »Du kennst sie also,« fuhr er fort. – »Sie gefällt mir. – Ich werde ihr Freund, sie wird meine Freundin sein.« Da sprach die Braut, den reizvollen Mund so wenig wie möglich öffnend, mit herbstem Ton: »Es giebt nicht Freundschaft zwischen Mann und Weib. Nur Verlöbnis, Ehe oder – Frevel.« – »Oho,« lachte der Gott, laut, schallend auf und fuhr rasch, wie vergnügt, einmal mit der Rechten über Bart und Kinn. »Wer hat dich diese Weisheit gelehrt?« – »Ich brauchte sie nicht zu lernen. Der Ehe Göttin heiß' ich.« – »Wirst es aber – in Wahrheit – erst werden, nachdem du mein Weib geworden. Eine Jungfrau – Göttin der Ehe!« »Auch dein eigner Sohn – Loki – gab mir darin Recht.« – »Ei, Loki? Der noch niemals log?« – »Diesmal log er nicht. – Er meinte, nur drei Fälle kenne er vom Gegenteil. Im ersten zählte der Freund achtzig Winter. Im zweiten war der Freund blind und die Freundin blind und taub. Im dritten waren beide jung, aber die Freundin häßlich wie die Fledermaus. Da liebte nur sie ihn .« – »Nicht übel! Aber echte Loki-Bosheit: lose Loki-Lügen! So schlimm ist's doch wahrlich nicht. – Und wär' es so: was schadet es, wenn wirklich durch die Freundschaft, die sonst deinem weißen, farblosen Flachse da gleicht, wenn wirklich durch die Freundschaft zwischen Mann und Weib ein seiner hellroter Faden sich, lebhaft gleißend, durchzieht: – wie wenn ein Haar Freias, der rotlockigen, hindurchgeflochten wäre? Was schadet es?« Er schwieg und spähte. Aber ganz ruhig sprach sie diesmal: »Sprich doch die Wahrheit, Gott der Arglist. Deine Buhle soll sie werden.« Den Blick noch schärfer schärfend als je rief er überraschend: »Und wenn?« Sie zuckte ganz leise. »Du weißt es ja,« fuhr er ruhig, den linken Arm wieder um den Pfeiler schlingend und das Haupt leicht senkend, fort: »nach dem zweifellosen alten Recht der Götter hier oben in Asgardh gleichwie der Menschen auf Erden, soweit in allen Landen sie uns Asen verehren: – nur Braut und Eheweib bindet die Pflicht der Treue, nicht Bräutigam, nicht Gatten. Mit Maiden oder Witwen mag er der Liebe pflegen: nicht Sitte verwehren's, nicht Recht.« – »Jawohl, ich kenne es, dies Recht: es ist scheußlich.« – Der Gott zuckte die Achseln. »Aber Recht .« – »Un-Recht!« – »Nein, Recht ist es.« – »Bei uns. Nicht überall.« – »Aber bei uns .« – »Man flüstert: fern im Morgenland wird einst eine neue Lehre künden ein neuer Gott ... –« Da ballte Odhin grimmig die Faust um den Griff des Kurzschwerts, das in seinem Wehrgurt hing, sein graues Auge loderte wild auf und drohend sprach er: »Auch ich hörte von ihm raunen. In Jünglingsgestalt soll er dereinst erscheinen. Oh, stellte er sich doch zum Schwertkampf mir : – Ich gab' ihm Brünne, Schild und Helm voraus – und wir kämpften – kämpften um die Herrschaft der Welt.« »Nach seiner Lehre werden Braut und Frau die gleichen Rechte auf Treue haben wie Bräutigam und Ehemann.« – »So? – Wenn's dann nur auch gehalten wird! Ich meine, nicht nur von den Schwachen, auch von den Starken.« »Und dies bei uns geltende Recht der Männer, – oh, es ist auch für uns Frauen »Recht«! – das habt ihr Männer gemacht, wie's euch Männern behagt.« – »Jawohl. Und alles Recht werden die Männer machen, solange die Männer mehr Vernunft haben, es zu denken, als die Weiber. Und mehr Kraft haben, es zu schützen. Also immer.« – »Es ist scheußlich, sag' ich dir. Ein Mann hat nur Ein Herz: – wie kann er mehr als Ein Weib lieben?« Sie hatte das heftig hervorgestoßen. Mit Wohlgefallen hatte er die rascheren, lauteren Worte gehört. Er schwieg eine Weile, kühl sie musternd. Dann sprach er spöttisch, die grauen Augen zusammendrückend und den breiten Bart langsam spitz zusammendrehend: »Doch auch Frauen – so sagen die Leute! – haben schon manchmal – es soll vorkommen! – als Witwen die Arme geschlungen um den – zweiten Gemahl.« Sie hob streng die Brauen: »Mit Friggas Segen – nie und nimmermehr ! »Ein Leib, Ein Herz, Ein Gatte«: – das ist Friggas Recht.« – »Zum Glücke für die armen Witwen gilt es aber nicht, dies allzu grausame Recht! Sie sind so erinnerungsreich! Und so hoffnungswarm!« – »Höhne nicht! Höhne die Frauen nicht! Es erregt mir den Zorn.« – Sehr zufrieden dachte der Gott: »Das seh' ich.« Aber er sagte es nicht. – »Und du« – hier flog ihm ein rascher Blick zu – »als der Gott des Gesanges, der Dichtung – du nimmst dir darin wohl mehr noch als andre in Anspruch?« Aber Odhin schüttelte das hohe Haupt: plötzlich war er sehr ernst geworden: »Mitnichten! Der Sänger, der hierin ein Mehr für sich begehrt – über der andern Maß hinaus – zu den Göttern etwa wähnt er sich dadurch zu heben? Der Thor! Zu den Tieren senkt er sich dadurch hinab. Mag sein, daß heißere Gluten, lockendere Bilder als andern ihm aussteigen: dafür beflügeln ihn die Schwingen der Begeisterung: nach oben tragen, nicht nach unten reißen sie. – Ich verlange nichts, als was Sitte und Recht allen verstatten.« »Doch – Bidhja ist Aswins Weib: du brichst sein Recht.« – »Sie wird bald Witwe sein.« Er hatte das ganz tonlos, ganz kurz gesagt, aber dabei scharf, wie nie zuvor, auf ihr Antlitz geblickt. – »Mörder!« scholl es da und es sprühte wie Feuer auf ihn aus den strengen blauen Augen. Behaglich strich der Geschmähte dreimal langsam den wirren Bart. »Das wollt' ich nur hören!« Er lächelte fein. »Nun hab ich dich, wo ich dich wollte: – im Unrecht wider mich mit solch ungerechtem Wort. – Soweit reißt meine verschlossene Braut dahin die –« – »Vielleicht die Eifersucht?« Sie lachte laut. »Geh! Küsse, wen du willst.« – »Bidhja nicht, bis Aswin fiel. – Nicht durch mich . – Nicht nach meinem Willen auch, wie du jetzt wähnst. Ich fragte soeben auf meinem Weg nach Fensal die Walküren: – frühwache Mädchen sind's. – Sie warfen die Lose. Nach unabwendbarem, nornengewobenem Verhängnis fällt Aswin heute Morgen noch im Kampf, im Sieg – bevor er seine Hütte wieder sieht: vom Opfermahl hinweg ging's in die Schlacht. – Brunhild wird ihn auf Grani gen Walhall tragen.« »So geh denn hin und übe dein abscheulich Recht! Mittels jenes« – sie schauerte vor tiefinnerem Weh – »jenes abscheulichen Zaubergolds an deinem Finger.« Sie ward glutrot vor heil'gem Zorn; ihr Busen wogte. »Weshalb nennst du Recht und Ring abscheulich?« Er ward stets kühler in seinem Ausdruck. – »Weil sie es sind ! – Du sagst: du liebst mich?« – »Ich liebe dich.« – »Und Bidhja auch? Das ist –« – »Unmöglich, willst du sagen? Du siehst soeben, daß es möglich ist.« – »So ist es: wie Krankheit und Laster.«   X. »Ei, – laß sehen! – doch vielleicht nicht völlig so,« erwiderte Odhin, ganz langsam, bedächtig sprechend, und so ruhig, als ob ihn die Frage gar nicht angehe. Er lehnte das erhobene Haupt fest an den Pfeiler und schob wiederholt mit der Linken den Bart nach beiden Seiten von den Lippen. Grübelnd, sinnend sprach er vor sich hin, nicht für die Hörerin, – so schien es – nur um für sich selbst das Richtige zu suchen: »Wenn ich nun sagte: in meines Wesens Harfenspiel sind gar viele Saiten ausgespannt. Kann Ein Weib sie alle schwingen und tönen machen? Oder wenn ich nun erwiderte: in meines Wesens meeresweitem Spiegel glänzen alle Sterne wider, nicht Einer nur? Oder denk' es einmal so: allem Schönen die eigene Eigenart aufzuprägen, drängt es den Mann. Wie, wenn nun, nach urweiser, ew'ger Einrichtung der Welt, die reichste Möglichkeit des Schönen in der Welt gerade darauf beruhte, daß es den Starken treibt, sich allem Schönsten zu verbinden? Wenn ...« – »Schweig, arger Gott! Mit Recht den Grübler schilt man dich.« – Mir klingt die Schelte wie Lob. – Und Eins ist freilich wahr,« – fuhr er wieder, ganz wie in Sinnen verloren, fort, »was den Dichter angeht: Dichten ist Zeugen. Die gleiche Heißglut, die das Leben zeugt, zeugt auch das Lied. Feuer in die Harfe, oder Harfe ins Feuer! Die gleiche Begeisterung, der gleiche Rausch, ja die Berauschung in Schönheit, reißt den Bräutigam zur Braut dahin« – da loderten seine Augen, die er halb geschlossen gehalten hatte, plötzlich in heißem Blick auf die herrliche Gestalt – »und zum Lied den Dichter. Nie hab' ich schön – wahrhaft schön! – gedichtet, als wann ich liebte. Und: das höchste Gut des Sängers ist die Schönheit.« – »Mir aber tönt im Ohre noch ein ander Wort,« sprach sie vorwurfsvoll, verweisend: sie hielt ein im Spinnen und hob mahnend den Zeigefinger der Rechten: sie sah ihn voll an und unendlich edel war ihr Blick, als sie feierlich sprach: »Das höchste Gut des Mannes ist sein Volk .« »Wer sprach wohl dieses Wort?« – »Ich sprach es. Und ich sprech' es noch . Dies Wort bleibt stehn. Und noch ein andres auch: »der ist kein Sänger, der kein Held.« Erst auch dem Sänger den Helm auf das Haupt und auf den Helm den blutbesprengten Eichkranz des Sieges oder des Heldentods. Hab' ich jemals solche Mannespflicht versäumt? Noch brennt die Wunde hier, in meinem Schildarm. Und das merke: auch wenn ich jemals ruhen darf an deiner weißen Brust: – von deinem süßesten Kusse reiß' ich mich los, wann das Heerhorn ruft in die tosende Schlacht! – Nach dem Sieg aber soll dem Sänger das Gelock der Kranz des Schönen kränzen, ja muß ihn der Trank des Schönen laben: sonst elend verlechzt ihm vor tödlichem Durst die verschmachtende Seele.« Begeistert, laut, feurig schloß der Gott, der kühl und nachsinnend begonnen. Fortgerissen hatte er fortreißend gesprochen. Denn viel weniger herb als zuvor, eher wehmütig, klang die Stimme Friggs, als sie nun seufzte: »Verderblicher! Gunlödh – Laufeja – Harpa – Bidhja! Wer wird das letzte deiner Opfer sein?« – »Opfer? – Frage sie doch, ob sie bereuen! Ob sie um ein ganzes langes Leben gewöhnlichen Erdenglückes den kurzen Wonnerausch in Odhins Armen zurücktauschen? – Frage sie doch! – Und trieb mich etwa Selbstsucht nur und dumpfe Gier? Haben nicht die Sterne auch diese meiner Schritte gelenkt? Gewann nur ich dabei oder gewann das All? Möchtest du etwa Harpa missen, die Sterbliche, die ich zu unsterblichem Harfenschlag in Asgardh mir gesellt, mir – und euch allen? Und Laufejas Sohn? Nicht viel trau' ich ihm zwar, dem listreichen Loki! – Aber du selbst, – möchtest du den Schlauen entbehren im Rate der Götter? – Und Gunlödh? – Wohl nahm ich den Met der milden Maid und ließ Gunlödh sich grämen: – aber der Dichtung berauschenden Wonnetrank errang ich damit: nicht mir allein, – ihr und allen Wesen zu köstlichster Labe. So ward es stets dem weiten All zum Segen, wann Schönheit mich begeisterte, wann aus meines Wesens Eigenart ein frischer Sproß erwuchs.« »Aber auch Freia!« Da stieg ihr lodernde Glut in die weiße Stirn. »Wähnst du, ich erriet nicht längst, um wessen willen allein aus Wanaheim nach Asgardh überzusiedeln sie sich entschloß – sie, die verhaßte Bethörerin von allem, was da Mann ist: – diese überall umherzüngelnde rote Flamme?« Heftig drückte die zürnende Göttin die stolzen, schmalen Lippen zusammen. Aber er lächelte und strich geruhig mit der Hand über seine mächtige Stirn: »Nicht gar so bitter, mein' ich, solltest du doch von ihr reden, von der Rotlockigen. Es ist nun einmal der Flamme Art: sie will brennen.« – »Und meine Art ist's, die schädliche Flamme auszutreten.« – » Mir hat sie nicht geschadet.« – »Ich weiß,« sprach Frigg, beinahe freundlich, mit einem frohen, lobenden, dankenden Blick: »die Allberückerin, – dich hat sie nicht berückt. Doch that sie redlich dazu, was sie konnte.« Er schüttelte ruhig das dunkle Gelock und lächelte stolz vor sich hin: »Ein Weib, das auf mich zielte , traf mich noch nie . – Also ergieb dich drein« – fuhr er, nun wieder ganz kühl, mit scharf prüfendem Blicke, fort. »Viele Saiten find – ich sagt' es schon – in meiner Brust gespannt – laß sie doch alle tönen!«   XI. »Nein, Odhin von Asgardh, nein!« rief da die Braut, aufschauend von ihrer Arbeit und ihn voll anblickend. »So argklug du bist, – welch schicksalsschwere Entscheidung du heute herbeibeschworen hast mit deinen ruchlosen Reden, – du ahnst es nicht.« – »Vielleicht doch ein klein wenig,« lächelte der Gott ganz heimlich in den Bart: das graue Auge leuchtete in aufsprühender Freude: es stand ihm schön. »Entweder,« fuhr sie drohend fort, »all deine bösen, zucht- und scham- und zügellosen Worte waren nur in grausamem Spiel geschnellte Geschosse mit vergifteten Widerhaken, – unausreißlichen! – gezielt auf dieses panzerlose Herz ...« da bebte ihr die Stimme. »Oh wär' es endlich panzerlos,« flüsterte er zu sich selbst, entzückt aufhorchend. »Oder: sie waren dir Ernst! Und dann, Odhin von Asgardh – schön wie du bist, – gewaltig wie du bist – gewaltig, wie du dir heranzwingst die Herzen: – das heißt: anderer Herzen!« – besserte sie hastig – »dann reiß' ich mich los von dir auf immerdar.« »Gegen Nornenspruch und Sternengang?« »Mein Herz ist meine Norne, mein klares Auge ist mein Stern! – Willst du wirklich – du! – der groß wie keiner ist – wie sie sagen! – willst du wirklich jenes ekle Recht, – das Recht der Untreue! – üben gegen Frigg – diese Frigga, die hier vor dir steht?« – Sie sprang vom Sitz empor: – »mit deinem Fluch-Ring, den dir üble Zwerge schmiedeten: – so wirf dich in den trüben Gischt deines wilden Begehrens: – mir aber wirst du dann nicht mehr an die Fingerspitze, nicht an den Saum mehr rühren meines weißen Gewandes: denn er ist rein . Ja oder nein: Alle oder Frigg – oder: Frigg und keine sonst mehr. – Wähle, Odhin von Asgardh.« Und die verhaltene Maid, die strenge, die fühllose Jungfrau war nun von ihrem Hochsitz heruntergebraust, einer weißen Wolke vergleichbar. Die Spindel, die sonst so emsig gepflegte, hatte sie zornig auf den Estrich geschleudert. So ungestüm wogte der herrliche, der hochgewölbte Busen, daß die Nadel an der Spange ihres Gewandes barst. Hochrot glühten die länglichen Wangen, das sonst so kühle, herbe Auge funkelte und, leise knisternd, hob sich auf dem Scheitel ihr gewelltes Haar. So stand sie vor ihm, drohend, und, weil feurig, ob auch nur im Grimme feurig, schön wie nie zuvor. Auflodernd rief der Bräutigam: »Gegrüßt, du heil'ger, schöner Zorn! Du bist der Liebe plauderhafter Bote.« Sie trat einen Schritt zurück: leicht errötend schüttelte sie leise das Haupt: »Liebe? – Ich weiß von Liebe nicht. Du aber bedenke stets: nur der Ratschluß der versammelten Götter hat, nachdem du um mich geworben, mich als Braut dir zugesprochen, nicht meine Wahl.« – »Ich weiß, ich weiß! Nur deine Hand hat all mein Werben mir eingetragen: – all mein Ringen um dein Herz – es blieb umsonst! O Schmach und Schmerz und wildes Weh! Du bist das erste Weib, das Odhin verschmäht.« – »Wie?« grollte die keusche Göttin, »rühmst du vor Frigga deine Siege?« – »O nein,« rief er leidenschaftlich ausbrechend, in tiefstem, bitterstem Weh, »ich beklage sie, ich verfluche sie, ich verwünsche sie! Und dich klag' ich um sie an! – Du – du – allein hast sie verschuldet!« – »Ich!« »Ja du, Unnahbare! Weshalb, weshalb allein bin ich von Weib geirrt zu Weib? – Seit ich zuerst dich, Herrliche, geschaut, durchzuckte mir's nicht die Sinne nur bis in das tiefste Mark, erfüllte mir's die ganze Seele: sie, sie – dies blonde Haupt, – sie ist mir zugeteilt seit Anbeginn der Welt! Sie ist meines Wesens lang gesuchte andre Hälfte! Sie allein füllt die klaffende, die sehnende Leere, die hier so schmerzt, so beängstend, so bitter schmerzt, hier, in meiner ach! allzu breiten, leeren Brust! Sie allein – ihr süßer, in seligen Wonnen berauschender Leib, und diese himmelklare, stummverhaltne, aber meerestiefe Seele – hell wie ihr lichtes Auge, – sie allein löscht mir den brennenden Durst, den lechzenden Heißdurst nach Schönheit ! Und dieses Weib, – meine anverlobte Braut! – es verschließt sich, es umgürtet sich wie mit ewigem Eise vor all' meinem glühenden Werben. Wenn ich noch so innig flehe – sie schüttelt nur – siehst du! nun wieder! – unablässig, hastig, leidenschaftlich das geliebte Haupt und ...« »Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Ich werde mich wehren, solang ich Kräfte habe.« »Da! Das ist alles, was ich den fest geschlossenen Lippen entringe! Ich vergehe! Ich verbrenne! Und du? Glutlos, – blutlos, – lieblos, – herzlos – schaust du behaglich zu mit deinen wasserkühlen, wasserhellen Augen. Wohlan denn: Ich, der stolzeste Gott und Mann, der je geatmet hat, sieh, ich beuge, ich demütige mich so tief vor dir, daß ich dich ansiehe, – hör es! – wenn nicht aus Liebe, – aus Mitleid , aus Erbarmen – werde mein! Sprich es endlich, dies verzweiflungsvoll ersehnte: »Ja.« »Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!« »Das ist alle Antwort, die mir wird! Und du wunderst dich, wenn ich, von dir immer, immer wieder fortgestoßen, hinausstürme in die weite Welt, ein brennender Brand, und entzünde und verbrenne alles, was mich reizt? – Oh Frigga, Frigga! Kluges Auge! Hast du denn nicht durchschaut den trügenden Schleier meiner Worte? Es ist ja all nicht wahr, was ich geredet! Meine Seele war ja fern von jenen weihelosen wilden Worten! Mein Ernst, mein einz'ger, mein ew'ger Ernst, ist: daß ich dich liebe, dich allein. Ich wollte ja nur herausschürfen aus deiner undurchdringbaren Seele, ob es dir denn wirklich ganz gleichgültig ist, wenn Odhin andre liebt? Und liebst du mich auch nicht – noch nicht! – Dank dieser Stunde! Sie lehrte mich: es ist dir nicht gleichgültig! O Frigga – Frigga, liebe mich, werde mein und so unmöglich ist es, daß mir noch ein ander Weib in den Sinn trete, wie daß noch nach Endlichem begehrt, wer die Unendlichkeit gewann. – Ich verspreche dir gar nicht Treue: wardst du mein – ich könnte sie ja nicht brechen, wenn ich es wollte ! Oh Frigga, mach' ein Ende dieser Qual! Es ist besser: nicht nur für mich – für die Welt – auch für dich ! Es ist das Notwendige! Was sind Gunlödh und Harpa und Laufeja und alle Mädchen und alle Weiber in allen neun Welten gegen dich! Eine Saite mochten sie schwingen lassen in meiner Brust: du bist der Vollklang meines ganzen Wesens. Einzelne schöne Strahlen sind sie: – du aber bist die Sonne, du Allherrliche, du bist die Schönheit selbst. Sie sind kleine Splitter des Anmutigen, des Weiblichen: – du bist das Weib, du bist die Anmut selbst. – Einen Augenblick mögen andre erfreuen: – du bist der Liebe All und Ewigkeit; du bist die Wonne meines ew'gen Seins. Ja, und du bist mehr: nicht meines Herzens einz'ge Lust nur, – du bist meines Geistes ebenbürtige Genossin! Mit deinem klaren Haupt laß sie mich beraten, laß sie mich teilen, die Herrschaft der Welt! Ja, du denke mit mir meine geheimsten Gedanken, die ich kaum mir selber gestehe. Du sorge mit mir meine Sorgen, du kämpfe mit die Kämpfe meines Geistes, wie du – ich weiß es! – nicht zagen würdest, an meiner Seite den Waffenkampf zu teilen, du, des Helden Heldin, des geist-gewaltigsten Mannes schönheit-gewaltigste Frau. Denn du – du bist ja ich und ich bin du! – Du bist mein ewig Weib! Sprich, Frigga, liebst du mich denn nicht?« – Und Flammen loderten aus den graudunkeln Augen: in ausbrechender Glut trat er dicht vor die Geliebte und faßte stürmisch ihre beiden Hände. Da – zu seinem äußersten Erstaunen – stürzte plötzlich die hohe, die königliche Gestalt, wie vom Blitze getroffen, gerade vor ihm nieder auf beide Kniee, die sonst so nixen-kühlen Augen sahen, überschwänglichen Ausdrucks voll, zu ihm empor und ganz leise kam es aus dem kaum geöffneten Mund: »Über alle Maßen!«   XII. Da riß er die Knieende herauf an seine breite Brust und umschloß sie fest mit den beiden gewaltigen, den ehernen Armen und drückte sie an sich, erbarmungslos, und faßte ihr Hinterhaupt mit der Rechten und preßte ihr erglühend Antlitz an das seine und bedeckte ihr mit brennenden Küssen, mit markdurchrieselnden, Mund und Wangen und Augen und Stirn und das lichtwogige Haar. – – – »Erbarmen – Geliebter – Erbarmen! – Ich vergehe!« hauchte sie. Nun hob er sie auf, die herrliche, die hochgewachsene Gestalt, und leicht, wie ein Kind, trug er sie auf beiden Armen an die Bank, die sich um die Wand der Halle zog; dort setzte er sie sanft aufrecht nieder. Sie lehnte den Rücken an die Wand und ließ, wie betäubt, das schöne Haupt herabsinken: die Hände fielen ihr schlaff in den Schos und mit gesenkten Wimpern flüsterte sie, unhörbar für ihn: »Wehe, wehe! – Nun ist er doch verloren! – Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!« fügte sie rasch bei: »es soll nicht sein!« – Und kraftvoll raffte sie sich empor und schlug die Augen wieder auf –: doch mied sie es, seinem Blicke zu begegnen: fest entschlossen sah sie starr zur Seite. »Und warum – warum , Geliebte, hast du mir das solange verborgen? Warum wolltest du nicht mein werden?« Er griff wieder nach ihren beiden Händen: aber sie entzog sie ihm; sie atmete schwer, sie rang – sie suchte nach einer Antwort. »Weil – weil ...« Sie mied beharrlich sein Auge. »Meine Amme –! Sie hat mich gelehrt: – wann ein Mann – wann du erst wüßtet, daß ich dich liebe, – wann ich dein geworden, – würdest du mich – nicht mehr so stürmisch – würdest du mich weniger lieben.« – Da hob er sacht – mit Einem Finger – ihr Antlitz an dem weichgerundeten Kinn empor: – er wollte sie zwingen, ihn anzublicken, aber fest hielt sie die sonnenfarbenen Wimpern geschlossen. – »Echte Ammen-Weisheit! Nicht in deiner großen Seele gewachsen – und nicht in deine große Seele gedrungen. Unwürdig meiner: – noch unwürd'ger deiner! Das ist nicht der Grund! Du kannst mich nicht belügen.« – »Nein! Ich kann es nicht. Darum laß mich schweigen!« – »Aber – wenn du mich liebtest und doch mein Weib – noch nicht! – werden wolltest – weshalb – seit jenem ersten wonneheißen Brautkuß – nicht ein zärtlich Lächeln mehr? Nicht mehr ein kosender Druck der Hand? Nicht mehr Ein Kuß? Du liebst – und du umpanzerst dich wie mit dreifachem Erze? Weshalb?« Da zog, von den Mundwinkeln beginnend, ein wunderlieblich Lächeln, das sie unaussprechlich verschonte, über die so strengen Lippen und ein leisester Anflug von schalkhaftem Scherz über das herrliche Antlitz: »Weshalb? Ei, Odhin von Asgardh! Den Alldurchspäher, den Allergrübler rühmen sie dich –: der Nornen Geheimnisse ergründest du, die Rätsel in der Götter und der Menschen Brust – lange vor ihnen selbst! – errätst du: – und in das Herz deiner eignen Braut vermochtest du nicht zu schauen? Weshalb? O du thörichter Gott der Weisheit.« – Sie streifte mit einer anmutvollen Handbewegung, nur im Fluge, ganz leicht, sein Haar an der Schläfe. – »Weshalb? O du geliebter Thor! Weil ich wußte: – ließ ich dich mir nahen, – ich konnte dir nicht widerstehen. Wenn meinen Kuß, mußt' ich dir alles geben. Und das – das will ich nicht! Will ich nicht! Nein – nein – – Ach wehe, wehe mir – das wollte ich nicht.« Verzweifelt barg sie das edelgerundete Haupt in beiden lichten Händen. – »Und warum? Warum? Ich flehe dich an! Warum dies Widersinnige, dies Widerweibliche?« – Er warf sich vor ihr auf die Kniee und suchte ihr die festgefügten Finger von dem Antlitz hinwegzuziehen. Da löste sie plötzlich selbst von ihren Augen die Hände, streckte sie, allzärtlich, gegen ihn aus und faßte mit beiden Händen seine wetterbraunen Wangen und sah ihm tief und wehevoll in die Augen und sprach mit unendlicher Innigkeit: »Warum? Weil, weil ich dich liebe – über alle Maßen! Mehr, ach! tausendmal mehr als mich selbst und als alles in allen Welten! – Mehr als jemals Weib Mann geliebt.« – »Und darum ...?« – »Ja, darum! – Und darum, weil du so herrlich bist! Der Herrlichste, das Herrlichste der Welt. Weil du die Welt bist – Friggas Welt! O du mein alles!« – »Erst wann du mein wardst, werd' ich herrlich sein.« – »Oh nein,« rief sie da laut, in Verzweiflung ausbrechend. Sie streckte die beiden wunderschönen Arme gerade vor sich hin und rang die ineinandergeschlungenen Hände und schlug sie dann, sich plötzlich zurückwerfend, zusammen ob dem Haupt. »Wenn ich dein werde, – dann wirst du untergehen . Denn vernimm, oh Geliebter! Nachdem der Götter Ratschluß mich dir verlobt – es ist noch jetzt mein Stolz und tief geheime Wonne« – und mitten im tiefsten Weh lächelte sie wunderhold – »daß kein atmend Wesen, daß auch du, Kluger, es nicht geahnt, wie über alle Maßen ich dich lang vorher geliebt – geliebt – ach! seit ich zuerst den untergehenden Blick, – nein: die versinkende Seele – verlor in deinen unergründlichen Augen! – Niemand hat es gemerkt, daß der Götter Befehl ja nur meines eignen Herzens geheimstes, mächtigstes Sehnen erfüllen wollte! – In der Nacht nach unsrem Verlöbnis, – nachdem dein Einer, dein alles entstammender Kuß mir bis tief in den Quellgrund der Seele geglüht war! – in der Nacht vergrub ich in die weichen, weißen Felle meines Lagers das Haupt und hauchte selig vor mich hin: »Er – der Herrlichste – wird mein!« »Da – da« – sie stockte, erschauernd: »da standen plötzlich – ich merkte es, weil sie zwischen mein Lager und der Wandampel fahlen Schein getreten waren – da standen vor mir die furchtbaren drei Schwestern, die Nornen.« – »Ungerufen?« sprach Odhin, erbleichend. »Das bedeutet tödliches Unheil!« – »Ja, das hat es bedeutet! – Denn schauerlich, langsam gegen mich heranschreitend, mit den drei erhobenen Zeigefingern ihrer drei Rechten mich bedräuend, sprachen sie im Dreiklang der Stimmen, eintönig, dumpf: »Wehe dir, wonnige Frigg, Wird dich Odhin umarmen! Wehe dir, Odhin, wird Frigg deine Frau! Weh dann über die Welt! Denn eher nicht nahet, – Doch dann unabwendbar – Bis Odhin Friggas Gürtel gelöst hat, Odhin das Ende: Das Ende auch Frigga, der freudigen Frau, Und allen Asen von Asgardh Und allen Wesen in allen Welten!« Ich erbebte – sie aber fuhren fort: »Und aber auch auf das andere achte: Nur wann dich, Edle, Odhin Zum Weibe gewann, Nur dann gedeihet, Nur dann wird wirklich, Was an Wonnen der Welt mag werden. Nur aus euer beider Bunde, Aus eurem Blute nur blüht Das glänzendste Glück, Euch Seligen selbst Und allem, was atmet.« Und als die Furchtbaren verschwunden waren und ich, zitternd vor haarsträubendem Grauen, auf die Stelle hinstarrte – da – oh Entsetzen! sah ich ein furchtbar Gesicht. Himmel und Erde und alle Welten ein einzig unabsehbar Schlachtfeld: – Feuer und Rauchqualm weit über das All: – Riesen und Ungeheuer in nie geahnter Zahl! – Tot lag dir zur Rechten der tapfre Thor, der treue! – Tot lag dir zur Linken mit zersprungenem Siegesschwert Tyr! – Tot hinter deinen Fersen, mit zerspelltem Sonnenspeer, lag Freir! – Tot rings, rings um dich her die Einheriar und erschlagen, ach! auch deiner geliebten Walküren waffenfrohe Schar! – Ich selbst, vom gift'gen Qualm erstickend, sank sterbend aus deinem Schildarm. – Und du – oh das, das ist das Ärgste! – auch du verschwandest in eines grauenhaften Untiers Rachen. – Da fuhr ich, laut schreiend, auf aus den Decken und gelobte mir selber – und dir: Nie, nie werd' ich sein Weib: – sonst muß er untergehn.« Erschöpft glitt sie zurück auf die Hallenbank. – Der Gott zuckte zusammen –: kaum merkbar, aber er zuckte. Und eine düstre Schattenwolke flog über die stolze, kampf- und trotzgewohnte Stirn. »Untergehn! – Ich! – Auch ich? – Also war doch etwas daran! – Ahnungen, – Träume, – Geflüster der fallenden Blätter im Spätherbst – ein halb verstandner Vogelruf auf öder Heide: – lang haben sie mir dergleichen dunkel angekündet. – Ich hab's bekämpft – hinweggetrotzt – hinweggelacht – nicht geglaubt – nicht glauben wollen –: bis jetzt. Jetzt aber: – glaub' ich's. Ja ich fühl's – ich weiß es! – seit deinem markdurchschütternden Schrei: ich werde untergehn – Und ach! du mit mir .« Er schwieg, in sich gekehrt, sinnend, brütend. – Weit riß die Braut die hellen, runden, blauen Augen auf: sie hing ängstlich, jede Miene überwachend, an dem gewaltigen Antlitz, über das ein ganzes Sturmgewitter von Gedanken hinzog. Erwartungsvoll harrte sie – gespannt – todesbang. Endlich brach ihr die stumme Qual in dem schrillen Schrei hervor: »Siehst du, Odhin! Siehst du nun! Du selber weichst zurück! Du schwankst!« »Nein, Geliebte,« rief er laut, mit dröhnender, mit machtvoller Stimme – und sie klang jetzt seinem hallenden Schlachtruf vergleichbar – »ich schwanke nicht . Glück auf zum Untergang und heil uns zum Verderben!« Er richtete sich hoch auf. »Daß mir alles was Glück ist, nur in dir – in deinem Leib und deiner Seele – blüht, – nicht erst die Norne braucht mir das zu melden! – Allein mit verständnisvoller Freude vernahm ich's und begeistert glaub' ich's: unsere Umarmung erst erschließt die höchste Wonne der Welt . Erst wann Odhin und Frigg Ein Wesen geworden, – dann erst ersprießt für alles, was atmet, was an Heil ihm werden kann. Und mag's dann untergehn, untergehn müssen : – – besser, daß die Welt ihre schönste Vollblust entfaltet und blühen läßt, solang sie darf, – als daß die Welt ewig währe, aber ewig nur ein Halbleben lebe, das Höchste, was sie aus sich gestalten könnte, nie gestaltet! Mir aber – und auch dir , so hoff' ich – taucht – für uns beide! – gar kein Schwanken auf. Lieber an deiner Brust geruht – ach und wär' es nur ein einzig Mal! – dein ganzes Wesen in mich eingeschlürft – ach und wär' es nur ein einzig Mal! – und dann – zusammen! – untergehn, als ewig leben, aber dein entbehren. Nein! Selige Liebe und seliger Tod! Oh Frigga, Geliebte: kannst du das verstehen ? Willst du wählen wie ich? Du mußt – du mußt! Denn du bist ich selbst – nur ohne meine Fehler! – bist von Odhins eigenster Eigenart. Ja, ich seh es an dem Aufleuchten deiner so strenge gehüteten Augen: du wählst wie ich: du rufst gleich mir – –« »Glück auf zum Untergang und Heil uns zum Verderben! Dein will ich sein. Dein muß ich sein. Dein bin ich. Nimm mich hin!« Und die keusche Göttin sprang stürmisch auf von ihrem Sitz und warf ihm um den breiten Nacken leidenschaftlich die weißen, die vollen Arme und küßte ihn heiß auf den Mund. Und Stille ward um die beiden her, Stille und Seligkeit. – – –   XIII. Nach geraumer Zeit machte sich die Braut aus seinen starken Armen los, trat zurück und sprach ruhig, mild, freundlich: »Und – Bidhja? Längst kenn' ich sie: – das fromme Kind – was wird mit ihr?« »Ich vergaß, daß sie lebt,« rief er, mit der linken Hand leicht über die Schläfe fahrend. – »Geduld, Geliebte. Du sollst zufrieden sein! – Und sie auch. – Und Er ! – Wir alle !« – Und noch einen raschen, glühenden Kuß auf die nicht mehr spröden Lippen, – er griff nach Mantel und Hut und brausend, rascher als der stoßende Adler fliegt, schoß der Gott durch dichtes Gewölk hernieder zur Erde. * Ein feiner, weißer Nebel spann in der Luft über dem ganzen Thale des Fjordes, den Herabsausenden verhüllend. – Bidhja saß auf den Stufen vor der Thür ihrer Hütte; sie schlang, mit kleinen Stichen nähend, hellrote Wollfäden zur Zier in das weiße Wolltuch, die Wunschgabe des zaubernden Gastes. Das Kind lag neben ihr in einem alten durchlöcherten Lindenschild Aswins; es schlief. – Manchmal stockte der Emsigen die Nadel mitten im Durchziehen: die Hand sank leis auf ihre Knie und sie blickte, verträumt, gerade vor sich hin; oder auch wohl empor, gen Himmel, in der Richtung, in welcher sie jenen Wolkenmann zuletzt erschaut hatte. Endlich seufzte sie: »Wenn doch Aswin zurück wäre! – Oder der Gast wieder käme! – Ich meine, Unrast hat mich noch nicht verlassen, obwohl er schied: ich sehe ihn immer noch.« – Sie schaute starr vor sich hin. – »Ach, ich kann's gar nicht erwarten, bis ich Aswin von ihm erzählen darf!« – Sie nähte nun wieder eifrig fort. »Manchmal ist mir, ich habe den ganzen Besuch nur geträumt . Aber da!« – sie strich zärtlich mit allen zehn Fingern über das weiche Tuch – »da greif' ich ja mit Händen das Wahrzeichen: – sein liebes Geschenk! – Und er kommt wieder: – Er wird mich selbst die letzte Bitte lehren! Er hat's gesagt. – Und er hält Wort.« – »Immer,« sprach da eine gedämpfte Stimme aus dem wogenden, flirrenden Nebel heraus, und vor ihr stand urplötzlich der Wanderer. – »Du! – O Freude! Fast zwar hättest du mich ein wenig erschreckt! Aber doch – wie froh bin ich, dich zu sehen! – – Ich dachte gerade an dich – –. Eigentlich immer – all die Zeit – ... seit du fort bist. – Aber – du blickst so ernst! Nicht – wie gestern Einmal! – zornig, bedräuend. Milde schaust du, aber so – wie mitleidig: mit mir? Oder selbst trauernd? Hat dich ein Leid getroffen, armer Unrast?« – »Nicht mich . Mir ward Wonne. Und nicht » Unrast « mehr heiß ich. Keine Lippe soll mich mehr so nennen!« – »Wie aber heißest du jetzt ?« – » Glücklich « heiß ich: bald werd ich »Selig« heißen! – Du aber nenne mich: » Freund «! Denn Freundschaft führt mich her. Ich versprach dir in jeder Not Schutz, Hilfe. Du brauchst sie jetzt. Bereite dich auf bittern Schmerz. Aber verzage nicht: denn aus tiefstem Leid trägt, starken Armes, dich dein Freund empor. – Dein Mann – Aswin –« »Er ist noch nicht zurück. – Bald muß er nun sichtbar werden, wann der Nebel fiel, dort, hoch oben auf dem Felsenpfad des Steiljochs. – Warte hier, bis er kommt.« – »Nein. Denn – fasse dich! – er kommt nicht mehr hierher zurück.« – «Nicht mehr hierher ? Wie? Nicht zu mir ? Was hält ihn ab? Wo ist er?« – »In Walhall.« Da sank die kindlich zarte Gestalt nach rückwärts, lautlos, ohne Schrei, ohne Wort, ohne Seufzer sogar, der Blume im Grase vergleichbar, die ein Hagelkorn auf Einen Schlag daniederstreckt. Köpflein und Nacken glitten an die nächst höhere Stufe, aus der schlaffen Hand fiel die Nadel zu Boden. »Armes Kind,« sprach mitleidsvoll der Gott. »Nein, nicht elend: – glücklich will ich dich machen.« Und er fuhr mit dem rechten Zipfel des langfaltigen Mantels dicht oberhalb des Antlitzes der Ohnmächtigen hin: der Lufthauch weckte sie sofort. Mit großen Augen – thränenlosen – starrte sie ihn an: sie öffnete halb den Mund: der bebte ein wenig vor Weh. »Sei getrost! Gleich sollst du bei ihm sein! Und mit ihm leben, ungetrennt, solange Walhall aufrecht steht auf seinen goldnen Pfeilern. Sprich nach die Worte, die ich dir vorsage.« »Oh güt'ger Freund!« Es war alles, was sie hervorbringen konnte. Er aber hob feierlich die rechte Hand und sprach ihr langsam vor: »Dieses als drittes Erbittet sich Bidhja: Nicht, nach der Weiber wehvollen Weise, Nach Hel hinunter Freudlos zu fallen, Sondern selig, Immer von Aswin ungeschieden, Mit dem kleinen Kinde Oben in Asgardhs Wonnen zu wohnen, Als Friggas Freundin, In Demut ihr dienend.« – Nur ganz leise vermochte die von seligem Schrecken Gebannte die Worte zu wiederholen. »Gut. Es geschieht,« sprach er, die Hand senkend. »Nun aber geb' ich dem schlummernden Kinde hier den versprochenen Namen. Sieh, es lächelt im Traume! Ja, ja, das Beste verleihen die Götter den Sterblichen in schuldlosem Schlafe! » Fulla « soll sie heißen, die Kleine: groß, schön, üppig soll sie werden und Fülle der Freude, Fülle des Lebens, Fülle von allem Guten soll selber sie haben und andern spenden. Jedoch der Pate schuldet auch der Mutter des Patkindes ein Geschenk. So nimm es hin, du reinstes Herz, das je in Menschenbrust gepocht. Bidhja heißest du? »Die Bitte!« Wohlan: dem reinen, sanften Weib, das bittet, wird gewährt! Nicht Gott, nicht Mensch, kann deiner Bitte widerstehen, wenn du so bittest – so , wie du gestern mich gebeten, »gut zu sein«. Das aber werde deine Verrichtung in Asgardh: der Bittenden Fürsprecherin zu sein. Du sollst alle Bitten, die an Odhin oder Frigg gerichtet werden, – wenn dein reines Herz sie gut heißt – zu Odhin und Frigga tragen. Und das schenk' ich dir als Pate deines Kindes, daß alle Wesen dir alle Bitten gewähren müssen, die nicht das Schicksal verwehrt! – Nun auf! Nimm dein Kind auf den Arm! Aber halt es fest, – das rat' ich, – sehr fest! Und schließe die Augen, daß nicht Schwindel dich faßt. Denn hoch geht's hinauf! Und gar rasch reist er durch die Lüfte, der dein Freund ward: Odhin von Asgardh.« Er legte ihr das ruhig schlafende Kind dicht an den Busen, schlug mit dem linken Arm den dunkeln, den langfaltigen Mantel mit gewaltigem Griff um Mutter und Kind, winkte mit der erhobenen Rechten nach oben und, die Erde mit dem Ballen des linken Fußes hinter sich abstoßend, das rechte Knie, leicht gebogen, erhebend, fuhr er sausend mit ihr durch den wallenden, rings scheu ausweichenden Nebel in die Höhe. Bald war die Nebelschicht überflogen und im hellsten Lichte der Sonne glänzte von oben her ihnen grüßend entgegen Asgardhs goldgetäfelter Burgwall.   XIV. Nun stand Odhin mit der sprachlos Staunenden in Friggs Halle. Vor der schönheitstrahlenden Göttin sank die Sterbliche ins Knie, die Augen wie geblendet niederschlagend. »Oh wie schön!« hauchte sie, das dunkle Köpfchen senkend. Leicht errötend über diese aufrichtige Huldigung löste die blonde Göttin, die hohe Gestalt gütig neigend, der Mutter sanft das schlummerde Kind aus dem Arm, drückte es einmal – hierbei viel stärker errötend und das edle Antlitz schämig von Odhin abkehrend – an den eignen stolzen Busen und legte es dann, ihm leise beschwichtigend zuwispernd – denn es regte sich nun – gar behutsam in einen Korb voll hochgehäuften, feinsten, weichsten Flachses. – Gleich stand sie wieder bei der immer noch Knieenden, richtete ihr zuerst das in Bestürzung gesenkte Gesicht in die Höhe und hob sie dann mit sanfter Gewalt vom Estrich auf. »Komm, Schwesterlein! Wir meinen's gut mit dir.« Aber immer noch sprachlos schmiegte sich die junge Frau an den Gürtel der Göttin; die strich ihr –, ermutigend, über das schlichte braune Haar. In kurzen Worten teilte Odhin der Braut mit, welche Verwendung in Asgardh er der Zagenden zugedacht. Frigga nickte zustimmend und sprach: »Wohl! Was immer und irgend Bidhja bittend begehrt, Inbrünstig und aus allem Ernste, – Versagte nicht solches das Schicksal – Das müssen ihr Menschen Und alle Wesen willig Und gern auch die gütigen Götter gewähren« »So tritt dein Amt gleich an,« sprach Odhin, »und versuche sofort die neue Begabung. Bitte, daß du mein nie mehr gedenkest.« Da erschrak die Kleine, sie zögerte; schmerzerfüllt schlug sie die großen Augen auf: aber nicht zu ihm, der vor ihr stand – zu seiner Braut; angstvoll, hilfesuchend, sah sie empor. »Ach nein, Herrin! – Wenn ich darf , – das möchte ich nicht bitten!« – »Und weshalb wohl nicht?« lächelte Frigg. – »Ich denke sein so gern! Es wird mir dann so weit in der Seele! Ich atme dann so groß und tief. Wie er – Er! – mein Gast war – meines armen Herdes! Ich will das nie vergessen.« Da trat Odhin einen Schritt vor und sprach ruhig, ihr die Hand auf die Schulter legend: »So bitte, daß du meiner nur in Freundschaft gedenkest: ganz so, wie ich deiner gedenke.« – »Ja, war das jemals denn anders? Ich habe nie in Feindschaft –, hast du jemals in Zorn an mich gedacht?« – »Kind, frage nicht! Thu' wie ich dir rate!« Da schritt die Schüchterne dicht an ihn heran, schlug seinen Mantel zurück, legte, wie damals vor ihrer Hütte die offne flache Rechte auf seine linke Brust und sprach, die Augen demutvoll zu ihm erhebend: »So bitt' ich und bete, daß wir beide aneinander nur in Freundschaft gedenken.« Unverändert, – ganz wie zuvor, – blieben nach diesen Worten des Gottes ernste Züge; väterlich ruhte sein Auge auf ihr. – Aber Bidhjas Antlitz wandelte sich jäh. Die gespannte Erregung sank. Der unbestimmte Schmerz, die Unruhe endete. Die halb wehmütige, halb glückliche Verträumtheit verflog. Der verschleierte Blick ihres Auges ward hell, ward nüchtern. Sie schritt rasch auf den Flachskorb zu, in welchem Fulla schlummerte, hob sie auf den Arm und rief lebhaft: »Aswin! Wo ist Er all diese lange Zeit? Aswin, mein lieber Mann ! Ich will ja doch lange schon zu Ihm ? Darf ich denn nicht?« fügte sie ungeduldig bei. »Du sollst sogar,« sprach Odhin, mit der Hand deutend. »Dort hinaus! – Vor der Thüre – rechts – wird dir Lofn, meiner Braut Gürtelmagd, den Weg nach Walhall weisen, wo Aswin unter den Einheriar weilt. Grüß ihn von mir, für den er, tapfer kämpfend, sieghaft fiel. Sag' ihm –: Odhin schickt ihm Weib und Kind.« – Mit kurzem, dankbarem Kopfnicken verschwand die Glückliche: vollbeschäftigt, ihr nun erwachend Kind zu schweigen. »Still, Fulla, Liebling,« mahnte sie, »es geht zum Vater .«   XV. Nun sie allein waren, trat Odhin auf die Geliebte zu, langsam, nicht mehr in Bewegung und Blick mit der wilden zornigen Glut des Verschmähten: nein, still, befriedet, im seligen Bewußtsein des für ewig gesicherten Besitzes ihrer Seele. – – – Unendlich liebesinnig schaute er mit den geheimnisdunkeln Augen auf das wunderschöne Weib, in ihre himmelsklaren Augen, neigte dann ein wenig das hohe Haupt und legte es, mit der Linken nur ganz zart sie umschlingend, sanft auf ihre rechte Schulter nieder. »Oh Geliebte – bald mein Weib – laß mich einen Augenblick in stillem, unaussagbarem Glück an deiner Brust diese kampfgefurchte Stirn, dies gedankenschwere Haupt verruhen. Oh welches Glück, welch friedlich stetes Glück ist dies Vertraun der Liebe! Hier – hier endlich – hier allein find' ich die Stätte, wo ich sicher ruhen mag. Denn ach! einsam ist Odhin! – Hasser hab ich in hellen Haufen – und ganze Nebelgeniste von Neidern: – mich freut der Feinde Vielheit: in die Winde verweh' ich sie lachend. – Allein das war doch tief, sehr tief traurig, daß auch von denen, die mich lieben, die mich ehren wollen, nicht Eine voll mich verstand, nicht Einer es ahnte, wie im tiefsten Kern des Wesens mir – bei all der feuerstürmigen Wildheit meiner Kraft! – nur eitel Güte wohnt. Allüberwältigende, allüberwindende Güte, mich selbst fortreißende, thöricht weiche Rührung des Herzens, der Wunsch, allüberall hin überschwänglich Glück zu verstreuen, jede Thräne zu hemmen, bevor sie niedergleiten kann; – daß niemand es ahnte, wie gütig ich sein möchte : – das schmerzte doch bitter, Geliebte! Wohl lachte ich dann erst recht laut – vor den andern! – und Scherzwort auf Scherzwort schnellte ich, wie Pfeile, vom Mund. – Aber die Lippe zuckte dabei und es zuckte vor verhaltenem Weh mir das Herz; glaub es nur: mein Lächeln war meist schmerz-erkauft. Denn öde war mir das All: ach, ich hatte nicht Einen Vertrauten. Nun aber du mich liebst, – oh nun ist alles gut! Wie eitel Gold nun leuchtet mir die Welt! – Nun bin ich nicht mehr einsam' – ich habe ja dich! Und vor deinen lieben klaren, klugen Augen will ich so gern aufdecken meines tiefsten Wesens letzten Urgrund, auch alle meine schweren Fehler –« »Ich hab' sie lieb , die Fehler,« lächelte sie und strich ihm selig über Haar und Bart und koste diesen Bart zärtlich mit ihrer weißen, schönen, weichen Hand. »In dich ergießen will ich all' meine stolzesten und meine traurigsten Gedanken. Du – nur du allein! – kannst mich verstehn, – ach – viel besser, als ich mich selbst verstehe.« »Ja, das mag vielleicht sein,« sagte sie und griff nach seiner speerschaft-vertrauten, harten Rechten, die dem Fange des Adlers glich, und küßte sie demütig, aber sehr heiß. »Vielleicht! Und weißt du auch, warum? Lieben ist – Verstehen. Und ich liebe dich viel, vielmehr, Odhin, als du dich selbst. Und dich ganz verstehen, ist dich ewig lieben. So – siehst du – nimmt's kein Ende – mit Lieben und Verstehn: – Unendlich beides: – unausdenkbar selig.« – Hinsterbend ward ihr Wort zu leisem Hauch. – Und wieder schwiegen beide – vor eitel Glück und eitel Liebe. – Und so still ward es und so ruhig standen die beiden, daß die entflohene Taube, durch die offne Thüre hereinspähend, ganz zutraulich heranflog und sich, girrend und kopfnickend, auf dem Hochsitz niederließ. * Endlich begann Odhin, das Haupt von ihrer Schulter hebend: »Höre, Geliebte! Noch Ein Wort zu dir allein. Vor den Göttern allen werd' ich dir nun bald die Hochzeitsgaben reichen, die hoch gehäuft, in meinem Schatzhaus deines Jaworts harren – ach, wie lange schon! – Nicht vor den andern aber, – unter uns beiden allein – möcht' ich dir – jetzt gleich schon! – eine andre Hochzeitsgabe schenken. Sie ist recht winzig: – wirst du sie verschmähen?« – »Sie kommt von dir!« – »Es ist nur ein gar klein Ding, ein sehr unscheinbar Geschmeide! – Doch – vorher – laß dir noch andres erzählen. Du erinnerst dich – ich fing einmal – vor Jahren schon! – den Schwarz-Elben ihren bösen, tückischen König weg und hielt ihn in Banden. Da brachten die Wimmelnden, ihn zu lösen, mir viele Schürzen voll rohen Berggoldes und auch, aus Gold geschmiedet, manch zauberkräftig Gerät. Unter all dem hochgeschichteten glanzleuchtenden Haufen lag auch ein schmales Fingergold. Dieser Ring sollte, wenn leise, mit leisem Wunschwort, gedrückt, das Herz bezwingen jedes Weibes. »Verschenk' ihn nie,« warnten die kundigen Zottelbärte – »sonst verliert er auf immer seine Kraft, auch wenn du ihn wieder gewännest. Aber ach!« – klagten sie – »vollkommen gerät nicht Gerät auch meisterlichstem Meister. Sogar Thors Hammer ist ein wenig mißglückt: zu kurz gedieh uns der Stiel! So auch dieser Ring: – nicht alle Weiber kann er bezwingen. Wir haben hineingeschmiedet zwei kleine goldne Natterlein: Eitelkeit, die gelbe, und Sinnengier, die rote. Eitelkeit oder Sinnengier – oder doch beide zusammen! – werfen Jungfrauen und Frauen. Aber Eine atmet, die werfen sie nicht. Frigga heißt sie, Fiörgyns hochgemute Tochter. Wohl weiß auch sie, daß sie schön ist, ja die Schönste von allen. Und es freut sie auch, ganz im geheimen. Wohl kreiset auch in ihren durchsichtigen Adern warmes Blut. Allein in dieser herben Seele thront ein unbezwingbar spröder Stolz, wie auf dem höchsten Felsberg ew'ger Schnee. Den wirft nichts um im Himmel und auf Erden, kein Zwang, auch nicht stärkster Zauberzwang. Nicht Sonnenglut von außen, nur von innen heraus mag ihn schmelzen jener glühende Feuerzauber, der da » Liebe « heißt. Noch ob Frigga lieben kann? Kein Weiser weiß es! Und nur Thoren glaubten es bisher. Gegen Frigga hilft nicht dieser Ring.« Da hätt' ich ihnen am liebsten ihren goldenen Bettel vor die Füße geworfen.« »Und« – forschte die Göttin, vorwurfsvoll, aber sie vermochte nicht, so hart zu sprechen, als sie gerne wollte – »du hättest wirklich den Zauber gebraucht – gegen mich – wider meinen Willen ...?« Laut, wild, drohend lachte der starke Gott und die dunkelgrauen Augen funkelten. »Ha, gewiß! Dich zu gewinnen – deinen süßen Leib und diese widerspenstige, unertragbar trotzige Seele – jedes Mittel war willkommen. Ja« – er trat ihr einen Schritt näher und sah ihr mit so grimmigem Verlangen in das Antlitz, daß sie den Blick nicht ertrug: » ohne Zauber, mit Gewalt , mit Mannes -Gewalt, wie eine Speer-Gefangene, hätt' ich längst die unbräutliche Braut zu meinem Willen mir hergezwungen, – machte dich nicht dieser dein dünner weißer Leinengürtel da, solang du ihn um die jungfräulichen Hüften geschlungen trägst, unüberwindlich jedem Mannesarm. Ah, wie ich ihn hasse, wie kein Ding sonst, diesen Linnenstreifen, dies verfluchte schmale Heiligtum.« – Sie wollte ihm einen strafenden Blick zuwerfen. Aber das mißlang. Sowie sie auf sein Auge traf, schlug sie, leis erbebend, das ihrige nieder und flammende Lohe flog ihr über das weiße Antlitz bis unter das in kurzen Wellen gebrochene Haar über der Stirne. Sie wollte zürnen: sie konnte nicht: sie war in süßen Schauern entzückt im tiefsten Kern ihres Lebens: denn ein Weib war auch sie . – – »Diesen Ring nun – den Liebesring – ich bitte dich: laß mich dir ihn – als erste Hochzeitsgabe – schenken. Und vernimm« – fuhr er leiser fort – »was niemand weiß und ahnt: – ich darf ihn dir stecken an deine reine Hand, diesen bösen Reif! – denn auch er ist rein : ich habe seinen Zauber nie benutzt: es hat mir immer widerstrebt.« »Odhin,« hauchte sie und barg das edelgewölbte Haupt zärtlich an seiner breiten Brust, das Gesicht in seinem Barte vergrabend, »der Edlen Edelster du, mein Odhin: du bist groß.« »Groß ist nur meine Liebe,« flüsterte er in das feingerundete Ohr. Er streifte nun den Ring, der hartnäckig widerstrebte – fest und scharf sich einbohrend in das Fleisch, wie ein lebendig Gewürm – vom vierten Finger der rechten Hand und steckte ihn an den entsprechenden Finger der Braut vor den Verlobungsring, den sie hier trug. Und sie suchte eifrig seinen Mund und küßte ihn glühend – es war der erste Kuß, den sie nicht empfing, den sie gab . – »Und wann – wann ist die Hochzeit, Frigga?« fragte er hastig. »Morgen?« »Nein, du Vielkluger!« lächelte sie und sah ihn holdselig an und schüttelte ein klein wenig schelmisch das blonde Haupt. – »Übermorgen erst?« trauerte er. – »Nein, du Heißgeliebter! Heute ! In dieser Stunde! Jetzt! Gleich ! – Rasch, stoß in dein hallend Horn! Ruf alle Götter, alle Göttinnen herbei! Thor mit dem Hammer, zum Weib mich zu weihen! Rasch! Einmal entschlummern dürfen – hier ! – das Haupt auf deiner Brust! Ah, Odhin!« – das hauchte sie, kaum vernehmbar, süß erschauernd an seine Wange sich schmiegend, – »ich vergehe ja vor Sehnsucht, dein zu sein!«   XVI. Laut schmetternd, wie noch nie zuvor, hatte von Fensals Hochschwelle aus das treue Horn durch die weiten Himmel gehallt: es ward sein letzter Dienst: es zersprang bei des siegfrohlockenden Gottes gewaltigem Atem! – Heran stürmten alle Götter und Göttinnen, aufgeschreckt, als seien die Riesen eingedrungen in Asgardh. Allen vorauf sprang herbei Thor, den mächtigen Hammer schwingend. Aber er hatte damit nur – auf Odhins Begehr – des bräutlichen Weibes weiße Stirn und Haar zu berühren. Und staunten da alle höchlich und freuten sich gar sehr. Denn längst hatten sie die Vermählung gewünscht und oft und laut und heftig gescholten auf die eisige Frigg. – Und Bidhja bat, – und wahrlich nicht vergeblich! – zusammen mit Lofn schmücken zu dürfen die wunderbar erstrahlende Braut. Unter dem weißen Schleier von feinstem, durchsichtigem Linnen hervor leuchtete auf dem stolzen Busen das Halsgeschmeid, das da der Anmut niemals weichenden, immer jungfräulichen Zauber leiht. Und alle Göttinnen sagten, so schön hätten sie Frigga nie gesehen und nie geglaubt, weil niemals noch diese strengen Züge so von Wärme, von geheim durchglühender, stolzer Freude belebt gewesen waren. Und alle Göttinnen sprachen ihren Heilwunsch der Braut; auch Freia; aber bei dem letzten Worte wischte diese – ungesehen – mit ihrem roten Haar rasch über die feuchten Augen hin. * Und vor Fensals Eingangsstufen, auf dem immer grünenden Rasen, ward das Brautzelt aufgeschlagen; es ward geschmückt mit allen Kleinoden von Asgardh und mit allen Blumen der Erde. Aber Odhin, nachdem er all die Pracht gemustert, ergriff schweigend seinen Speer und stieß oben in den Spitzgiebel des Linnendaches ein Loch, so daß ein Stern, ein wunderbar schöner, gerade auf das bräutliche Lager sah. – – – Gar bald zog er – kaum war es dämmerdunkel geworden – an der Hand die Geliebte von dem lärmenden Festmahle hinweg. Sie folgte, leis erbebend, aber ohne Widerstand, ja rasch dahinschreitend. Und Thor mit dem Donnerhammer hielt die Brautwacht zwanzig Schritte weit von dem Zelt gen Aufgang; und Freir mit dem Sonnenspeer hielt die Brautwacht zwanzig Schritte weit von dem Zelt gen Mittag; und Tyr mit dem Siegesschwert hielt die Brautwacht zwanzig Schritte weit von dem Zelt gen Niedergang; und Ullr mit Bogen und Pfeil hielt die Brautwacht zwanzig Schritte weit von dem Zelt gen Mitternacht, auf daß kein Späher, kein Lauscher, ja kein leisester Laut störe der Vermählten heilig geheime Wonnen. – – – * Und in dieser Nacht ward gezeugt ein Knabe; dem haben bei der Namenweihe die Nornen den Namen » Baldur « gegeben: er ward die Wonne der Welt. Die Finnin Meiner lieben Freundin Frau Malwine Twiß in Utrecht zu eigen   I. Weltverloren, fast jeden Tag im Jahre von Nebeln verdeckt, lag ein kleines Eiland in dem Busen, in den die Ostsee gen Norden verläuft. Es trug keinen Namen. Denn wann der Sturm Fischer in die Nähe verschlug, trachteten sie gar rasch, weit abzukommen: so gefürchtet waren die Klippen ringsum; bei allen Winden raste dort die Brandung, den weißen Gischt sprühend über die schwarzen Zacken und spitzen Nadeln von Granit. Ganz unbewohnt zwar schien die Insel nicht: man sah von der Fernsee her zuweilen dort Rauch aufsteigen. Aber Menschen, so hieß es, hausten da nicht, nur böse Geister. Die mochten ja auch nicht fehlen dort: die allem Leben feindliche Öde konnte ihnen wohl taugen: lag der schmale, lang von Nord nach Süd gezogne Streif dieser sandigen Dünen doch ganz einsam, weitab von den Finnleuten im Aufgang und noch ferner von den Küsten von Svea-rike im Niedergang. Und doch wohnten auch Menschen hinter jenem dunklen Geklipp. Denn an dem Abend eines düsteren Herbsttages lag auf dem weißen Sande des Weststrandes ein junges Geschöpf: ein Weib: das bewiesen die langen Haare, die ihr schlicht, steif und straff auf den Rücken hingen: schwarz waren sie, aber unschön schwarz, mit einem Anflug von grünlichem Grau, dunkeln Binsen vergleichbar. Nichts andres bezeugte das Geschlecht: die Brust war flach wie eines Mannes; da blühte kein Reiz weiblicher Anmut in dem breiten, tief dunkelhäutigen, eckigen Gesicht, mit der stumpfen, eingedrückten Nase, den stark vortretenden Knochen der magern Wangen, mit den langgestreckten Kinnbacken und den kleinen schiefgeschlitzten Augen: – dieser Augen Farbe und Ausdruck freilich war wunderschön weich und seelenvoll; aber der Hals hob sich nicht genug aus den zu hoch gereckten Schultern, die ärmlichen Hüften waren auch für solche Jugend allzu schmal. Die ganze Gewandung, die sie trug, war ein Hemd, aus drei Seehundfellen ungeschickt mit Fischgräten aneinander genadelt; an des Gürtels Statt schnürte ein zusammengedrehter Zweig der zähen Strandweide das abgeschabte mittelste Hautstück fest: – die Haarseite trug sie nach innen gekehrt. Das junge Geschöpf lag, auf der Brust, langausgestreckt, auf dem äußersten Streifen des Strandes, das Kinn in die beiden offnen Hände versenkt, die Ellbogen tief in dem lockeren Sande vergraben. Sie schaute gen Westen, wo die Sonne versank in glutroten Windwolken. Denn wilder Weststurm hatte gewütet den ganzen Tag über: erst gegen Abend hatte das grimme Brausen in den Lüften sich beschwichtet. Aber die See! Noch stundenlang tobte sie nach. Kleine Fische, von der Gewalt der Wellen bis hierher mitgerissen zwischen Klippengürtel und Strand, konnten in dem kreiselnden Gewoge nicht vorwärts, noch zurück. Deshalb fegte eine große, grauschwingige Möwe schrill kreischend dicht über das regungslose Mädchen und stieß nach der Beute in den weißen Schaum der Brandung: zuweilen spritzte der, vom Winde abgerissen auf dem Kamm der breit heranrollenden Woge, bis über Haar und Rücken der Liegenden hin. Allerlei spülten die Fluten ans Land: loßgerißnen Seetang, Quallen, Muscheln: oft schlugen die zerbrochen, scharfkantig, ihr in das Gesicht, das Blut sickerte aus der dunkelbraunen Wange: sie spürte es nicht; sie rührte sich nicht. Da rollte zwischen Seegras und allerlei kleinem Getier etwas Blinkendes heran auf dem feuchten Sand: aufprallend an einen Stein gab es hellen Klang: rasch, wie ein Raubtier, schlug die Ruhende die magre Rechte – wie eine Pranke – darauf und erhaschte das Ding so sicher, wie die Möwe den Fisch: sie hob es in die Höhe, daß die Sonne darauf schien. Da glitzerte es. Es war ein kleiner Panzerring von Erz; ein Zeichen, das sie nie gesehen, war darein gehämmert. Wohlgefällig betrachtete das Mädchen das geringfügige Stück: sie hielt es immer wieder in die Sonnenstrahlen: sie freute sich, wie es so blinkte. »Von den Göttern!« flüsterte sie dann ehrfürchtig. »Ja dorten, im fernen Westen, woher Wind und Welle heute kamen, und wo der schöne Sonnengott zu schlafen geht: – da wohnen sie, die Götter. Und ihre Söhne. Und alles Herrliche. Die Mutter hat's oft erzählt. Ach wie schön muß es dort sein! Alles! Das Geschmeide, das Gewand, das Gewaffen! Frauen wandeln dort mit Haaren, licht wie die Sonne, mit Augen, hell wie der Himmel, mit einer Haut, weiß wie der Schaum des Meeres. Und die hohen Männer: so hoch sollen sie ragen wie unsere Birke, sagte die Mutter. Und über die Erde schreiten sie stolzen Ganges mit dem Schritte des Herrn: und wessen sie gelüstet, das nehmen sie sich mit den unwiderstehlichen Armen. Und Schmuck und Gerät in Menge haben sie aus diesem – wie soll ich doch sagen? – aus solchem Stein, wie dies da. Aber es ist nicht Stein: denn sie schmelzen's im Feuer und biegen es dann, wie sie wollen. So zwingen sie alles zu ihrem Willen: auch die Steine, sagte die Mutter. Sie hatte aus ihrer Gefangenschaft dort bei den götterentsprossenen Männern ein Stück mitgebracht von solchem geschmolznen Gestein: es war ein Stück der Kette, mit welcher sie die Erbeutete gefesselt hatten: aber sie liebte es. »Erz«, mein' ich, nannte sie's in der Sprache der Göttersöhne. Und jeden Abend vor dem Einschlafen hat sie es geküßt. Und ich: – ich küsse dies. Denn von den Göttern kommt es mir zu. Aber – verstecken! Sorgfältig! So! Unter den Weidengürtel! Denn fänd' es der Ohm, – er schlüge mich hart und riß es mir weg und würf' es zurück in die See.« – –   II. Und sie streckte sich wieder lang aus und sah hinaus in das Meer so spähend, so scharf aus den tief dunkelbraunen sehnsuchtvollen Augen, bis sie schmerzten, geblendet von dem zitternden Licht auf den Wellen, so oft die Sonne plötzlich aus dem hastig ziehenden grauen Gewölk hervortrat. »Ob denn nie etwas kommt? Gar niemals? Ob es denn nie anders wird hier? Der Ohm – das Ren – der Fischfang mit dem Netz – der Lachsstich mit dem Speer – die lachende Stillsee – der Sturm – der kurze Sommer – der Herbstnebel – der lange, lange Winter in der niederen Hütte – die Thranlampe – der Schlitten – endlich die Möwen – der kurze Sommer – wieder der Ohm – das Ren – der Fischfang – wieder der Nebel – immer wieder. Immer wieder! – Ob denn nie ein Zeichen, ein Gruß, eine Botschaft kommt von den Göttern und Göttersöhnen, bei denen die Mutter gefangen war? ›Eine sel'ge Gefangenschaft‹ sagte sie oft, lächelnden Mundes. Mir ist, es muß doch etwas viel Schöneres, Helleres, Strahlenderes, Gewaltigeres geben, als hier in der traurigen Öde. Aber fern, unerreichlich fern! Dort – im milderen Westen – dort, wo die Sonne zu Golde geht.« Und träumerisch sah sie wieder hinaus auf das Meer. Nichts entging ihr da draußen: jedes Kleinste, was sich abhob von der unendlichen Fläche, nahm sie wahr: den kaum aus dem Wellenthal emporschnellenden Fisch, ein Stücklein Holz, dunkler als die blaugrüne Flut, darin es triftete, den Kopf des Delphins, den der nur ein wenig aus dem Wasser in die Luft reckte: – alles. Wie hätte sie nicht alsbald ein großes Treibstück entdecken sollen, ein langes, schwarzbraunes, das nun weit draußen vor dem Klippengürtel auftauchte, aber von dem Westwind rasch näher und näher herangebracht wurde. Es war ein Balken oder ein Brett – das erkannte ihr geübtes Auge bald – wie sie nicht selten nach argem Sturm von gescheitertem Schiff die brandende Woge daher trug: ein langes, dunkles Brett. Aber an dem hinteren Ende, das tiefer in das Wasser hing, war ein anderes befestigt, ein Helleres, Weißes ... – Das Mädchen richtete sich ein wenig auf: langsam, wie in der Ruhe ihre Bewegungen waren: und den Kopf reckte sie höher und den Oberleib, auf die beiden Ellbogen gelehnt, ähnlich dem Seehund, der sich auf die Vorderflossen stützt, eh' er sich vorwälzt im Sande. Näher, immer näher trieb das Brett: denn jetzt schwamm es seitlings – der Quere nach – und der Stoß jeder Welle, der es traf, schob es ein gut Stück weiter. Nun fegte ein heftiger Windstoß wieder einmal die langgestreckten Wolken von der versinkenden Sonne fort: grell fielen ihre Strahlen auf den Meeresstreifen vor den Klippen: hell beleuchtet zeigte sich dem scharf spähenden Auge der Balken auf der Höhe einer weißkammigen, breit heranrollenden Welle schwimmend: da stieß sie einen gellenden Schrei aus, dem Ruf eines erregten Tieres vergleichbar, und, jäh auffahrend von dem feuchten Sande, warf sie sich mit gewaltigem Sprung in die tobende Brandung, die wütend an den Granitklippen zur Rechten und zur Linken sich brach und überschlug: nur ein schmaler Wasserstreif, etwa von Mannsbreite, führte – wie eine Engpforte – zwischen den Felsen hindurch hinaus in die freie See; von wannen das Brett nun pfeilgeschwind heranschoß.   III. Es ging auf Tod und Leben. Denn ein Menschenleib, den die tobende See in das sägescharfe Gezack dieser wasserzernagten Klippenkämme zur Rechten oder zur Linken schleuderte, – zerschnitten ward er wie Halme von der Sichel. Mit Entsetzen – aber nicht um ihretwillen! – sah die kühne Schwimmerin einen andern Balken, den die Brandung herantrieb in die Felszähne rechts vor ihr, in splitternde Scheite zerspellt und zerschlissen: aber – sie erkannte es mit ihren scharfen Augen durch die Wellen hindurchblickend – das war nicht jenes Brett, um welches sie ringen wollte mit der wütenden See. Fast unmöglich schien es, daß ein Mensch, ein zartes Mädchen, gegen solche Brandung überhaupt ankämpfen konnte. Aber das junge Geschöpf, langsam, unbeholfen auf dem Lande, – verwandelt schien es, sobald es die See umrauschte. Wie ein Fisch floß die Kleine dahin: sicher, furchtlos, ja mühelos, wie es schien, mit den magern, aber sehnigen Armen, den lang vorgestreckten, die entgegenrollenden Fluten zerteilend, das schmale Köpflein stets gerade hoch genug über dem Wasser, um das angestrebte Ziel sicher zu erschauen: und schlug ihr auch die Sturzwelle zerstäubend hoch über dem braunen Nacken zusammen, sie in einem Sprühschauer von weißem Gischt begrabend, – im Augenblick darauf schwebte sie schon wieder, emporgetaucht, wie die schwimmende Möwe, auf dem hohen Rücken der nächsten Woge. So hatte sie rasch ihr Ziel erreicht: die höchste der schwarzen Steilklippen zur Linken der schmalen Einfahrt: sie umschlang die dünne Felsspitze mit dem linken Arm und spähte scharf aus nach rechts: gerade noch recht war sie gekommen: denn schon trieb das Brett, das sie an Land bergen wollte, heran und zwar, wie sie gefürchtet, immer noch seitlings, so daß es unmöglich durch die enge Öffnung hätte hindurchgleiten können: die nächste Vollwelle mußte es, der Quere nach, gegen die Zahnklippen schleudern und zerschellen: Da – schon war es heran! – ließ das Mädchen die Klippe fahren, warf wieder die Brust dem rasenden Meer entgegen, erhaschte das Brett an dem einen Schmalende, riß es mit aller Kraft nach rechts herum, daß es nun der Länge nach vor der Mündung des Eingangs schwamm und jetzt, in der Linken es in dieser Lage mit sich ziehend, mit der Rechten und mit den Beinen schwimmend mit aller Kraft des Leibes, riß sie die Last rasch zwischen den beiden Eingangsklippen hindurch in das Strandwasser, wo ein paar nachfolgende Wellen die Schwimmerin und das nachgeschleppte Brett alsbald von selbst auf den Sand warfen. Hier sprang das Mädchen flugs auf, zerrte den Balken vollends aus dem Vereich der nachrauschenden Wasser und richtete das schwerere Langende an dem Dünenhügel in die Höhe: das schwerere: denn hier, auf diesem Teil des weit über Mannslänge ragenden Brettes war, mit Schiffstauen vielfach umschnürt, festgebunden eines Jünglings Leib – oder Leiche. Schön war der Jüngling: schön sein Leib, den nur die zerhackte Ringbrünne um die Brust und darunter der Schuppenrock bis an die Kniee bedeckten: schön war das goldiggelbe, lang auf die Schultern flutende Haar, schön das edle, todesbleiche Antlitz. Nur ganz kurz, bis sie all' diese Herrlichkeit in sich gesogen, ruhten die Augen des Mädchens auf der regungslosen Gestalt. »Es ist, wie ich gedacht,« hauchte sie: »Einer von ihnen, ... ein Gott, ach,« schrie sie in grellem Weh, – »ein toter Gott! Doch nein – nein – er soll nicht tot sein: – er soll leben.« Und sie kauerte sich nun dicht neben den stillen Mann und richtete mit der Linken das herabhängende Haupt höher empor an dem flaumbartigen Kinn und, die schmale Rechte durch die Risse der zerhaunen Brünne zwängend, rieb sie eifrig, eifrig die Stelle, wo sie sein Herz suchte. »Da pocht es noch leise!« rief sie frohlockend. »Da wogt es. Ganz matt zwar: – aber es schlägt noch. Er lebt. Er lebt!« Und laut aufjubelnd verdoppelte sie ihre Mühung. Da schlug der Erwachende, tief stöhnend, die Augen auf: gleich schloß er sie wieder. Aber zu ihrem seligen Entzücken hatte sie der Blick getroffen: »Zwei blaue Strahlen,« rief sie. »Er lebt. Er lebt!«   IV. »Aber nicht mehr lang!« grollte eine heisere Stimme von ihrem Rücken, von der Düne her, und über ihre nackte Schulter hin spürte sie eine kalte Schneide vorstoßen gegen den Hals des Fremdlings: gerade noch abwehrend fuhr ihre Schulter in die Höhe: ihr Blut, nicht das des Bedrohten rötete die Waffe: es war eine Harpune zum Stechen der Lachse: scharf war der Widerhaken der Feuersteinspitze. »Ohm! Was willst du thun?« »Ihn speeren!« scholl es zurück, und der Alte schlug den zerschlissenen Mantel von Renntierfellen zurück und hob nochmal den Speer zum Stoß; wirr flog sein struppiges weißes Haar im Winde, wie er sich zielend vorbeugte. »Morden!« schrie das Mädchen und deckte ihren Schützling mit dem Leibe. – »Austilgen! Die Göttersöhne austilgen: – es ist der Finnleute höchste Pflicht. Sie verschwinden oder wir von der Erde. Laß mich ...!« – »Zurück! Er ist mein, nicht dein! Was wir Finnleute bergen aus tobender See mit verzweifelter Wagung des Lebens, – ich habe das Brett und den darauf durch das Klippenloch gerissen ...« – »Ich sah's von der Düne mit Grausen!« – »Das ist zu eigen der bergenden Hand: – sei's Kleid, sei's Gerat, sei's Tier oder Mensch. Mein ist er, der Bleiche: mein eigen wie alles, was ich greife aus der See, sei's Fisch oder Seehund oder das leuchtende Meergold. Mein Strandgut ward er: und ich behalt' ihn lebend oder tot.« »So behalt ihn denn. Du bist im Recht. Und dein Recht: – es wird dich verderben. Verloren der Finne, der den Blondmann erschaut und speert ihn nicht zur Stunde. Behalt' ihn, und geh zu Grunde. – Aber ... vielleicht ... doch noch ... ein andermal!« Sie vernahm diese letzten Worte nicht mehr deutlich: der Wind trug sie landeinwärts; denn der Alte humpelte davon über den Kamm der Düne hin; er lahmte auf dem linken Bein; so stützte er sich auf die Speerstange; er schüttelte grollend das Haupt; wie eine Mähne flog das wirre Haar um ihn her.   V. Sowie er den Rücken gewandt, beugte sich das Mädchen wieder ungestüm über den leise Atmenden; in seinem Wehrgurt stak ein breites Dolchmesser; sie gewahrte es, zog es heraus und durchschnitt damit sorgfältig das Tau, das ihn in mehrfacher Umschnürung fest an die Schiffsplanke band: freier hob sich ihm nun die Brust: ihr Auge hing so bang, aber doch entzückt, ja wie verzückt an seinem Antlitz. Nach ein paar tieferen Atemzügen schlug er abermals die hellen Augen auf: und diesmal schloß er sie nicht gleich wieder: er sah dicht über sich gebeugt das Weib mit dem dunkeln, triefenden Haar, mit dem triefenden Gewand: ... »Wo bin ich?« hauchte er leise vor sich hin. »Ertrunken! Bei Ran – dem übeln Meerweib. Ja .. das ist sie. Wie häßlich! Wie grauenvoll! Lieber gar nichts mehr sehn!« Und in Abscheu senkte er wieder die langen Wimpern. Er hatte kaum die Lippen bewegt: so waren ihr die Worte entgangen. Sie rüttelte ihn nun sanft am Arm und sagte – in seiner , in der Nordmänner, Sprache: »Gerettet bist du, Fremdling! Bitte, bitte: nicht wieder einschlafen! Du mußt essen und trinken! Du verschmachtest mir sonst!« So lieblich weich, so einschmeichelnd tönte die flehende Stimme, – er blickte auf und richtete sich ein wenig empor: »Nein,« sprach er nun langsam, sie beruhigter betrachtend, »nein, du bist keine Unholdin. Du meinst es gut mit mir.« – »Ich meine es gut mit dir,« wiederholte sie demütig und in die dunkelbraunen schönen Augen trat ein feuchter Glanz. »Komm! Herab von dem nassen Brett. Hier! Der Sand da oben ist trocken.« Und sie schob ihn sacht in die Höhe. Heiß durchrieselte es sie, wie sie ihn so an beiden Armen fassen mußte. Gluten schossen ihr in die hagern, braungelben Wangen; er sah es nicht. »Blut?« rief sie plötzlich erschrocken. »Blut auf dem Brett da unten! Du bist verwundet?« – »Es ist nichts. Hier. Unter dem Knie. Nur geritzt. Doch ... woher bin ich gekommen?« forschte er nun, sich besinnend und umherschauend. – »Dorther!« Sie deutete mit dem Finger auf die schmale Öffnung in dem Klippengürtel, über welchen gerade wieder die Brandung in wütendem Toben den weißen Gischt strandwärts schleuderte. Er schauderte zusammen. »Ja. Ich gedenke! Das letzte, was ich sah, auf den Wellen treibend, das waren, über die Wogenkämme ragend, jene schwarzen Zacken. An denen zerschellst du! dachte ich noch: dann vergingen mir die Sinne. Wer ... wer hat mich daran vorbeigeholt?« – »Ich.« – »Wo ist dein Boot?« Sie lachte. Das stand ihr gut: die kleinen weißen, zierlich gereihten Zähne glänzten. »Ich und die Möwe: – wir fuhren zusammen. Ich schwamm.« – »Du ...? Weib, dein Leben hast du ...! Warum hast du das gethan?« – »Warum? Ich sah auf dem Brette treiben einen weißen Leib – einen Menschen – in der Sonne leuchtete sein helles Haar ... Ich mußte den Lebenden retten oder – den Toten bergen. Und« ... sie zögerte ... »und ich ahnte schon lange, du würdest kommen.« Staunend sah er sie an: »Du redest – eine Finnin bist du doch? – du redest meine Sprache? Wer hat sie dich gelehrt?« – »Die Mutter. Sie war lange gefangen bei euch. Sie liebte euch stark. Auch eure Sprache. An den langen, langen Winterabenden, beim Flicken der Netze, unter dem Glimmen der Thranlampe, hat sie mich eure Rede reden gelehrt. Es war ihre größte Freude. Und erst die meine! Sie wünschte mir so heiß, einen von euch zu sehen. Seither hab' ich geharrt. Und nun hat dich die Welle mir gebracht, dich, mein Angespül der See! Danke dir, Welle! danke dir, Westwind! Und wie heißest du, Fremdling?« – »Harald.« – »Wie schön das klingt!« hauchte sie. – »Und du?« – »Ughlu.« – »Wie garstig,« dachte der Jüngling; »gleich dem Glucksen des Wassers?« fragte er kopfschüttelnd. Aber es reute ihn sofort des raschen Wortes: die braunen Augen schauten schmerzlich zu ihm auf. – »Ich kann nichts dafür,« sagte sie entschuldigend. »Aber wie böse von mir! Da schwatz' ich und starre dich an wie der Seehund den Mond und versäume, dich zu laben! Ich hole ... du kannst noch nicht gehen ...« »O doch!« rief Harald und wollte aufspringen. Aber seine Kniee versagten: er sank wieder auf den Sand der Düne. – »Siehst du, mein Pflegling? Noch mußt du dir von Ughlu helfen lassen. O bliebst du mir immer so hilflos.« – »Weh diesem Wunsch, Weib!« – Er rief das laut, drohend: und die blauen Augen sprühten Blitze des Zorns. – Sie erschrak! die Farbe wich aus ihrem Gesicht: demütig kreuzte sie die nackten Arme über den Brüsten: »O vergieb. – Zürne mir nicht! Das wäre – der Tod. – Geduld! – Nur kurze Geduld! – Ich eile in die Hütte: .. gleich bin ich zurück mit Speise und Trank. Ich fliege.« – Und pfeilgeschwind stob sie dahin – die Düne hinauf – dem Innern des Eilands zu, von wo ein paar Birken herüberschauten. Tief atmend sah ihr der Jüngling nach: »Gut, daß sie fort ist ... Mich ekelt des Weibes ... Pfui, Harald, Wie undankbar! Bin's doch sonst nicht ... Aber der das Leben danken?«   VI. Jedoch der Fremdling sollte der Finnin nicht nur um jener todeskühnen That willen das Leben zu danken haben: ohne ihre unermüdliche Fürsorge wäre er auch in den kommenden Tagen noch gar oft erlegen. Moin, der Alte, versagte ihm die Aufnahme in seine Hütte, den einzigen Wohnraum des Eilands: er teilte ihn – ungeschieden – mit der Nichte. Er gab keinen Grund an. Und Ughlu, die für ihren Schützling alles andere ungestüm forderte und durchsetzte, wagte diesmal keine zweite Bitte: sie errötete und schwieg. »Komm,« sagte sie dann, »komm, o Harald. Ich werde dir eine Lagerstätte schaffen.« Und sie zog ihn an der Hand fort von der Schwelle der Hütte gegen die Küste hin, wo am Strande eine zweite, nähere Reihe von steilen Granitklippen die Dünen schützte vor der Brandung. Sie ergriff ein zerbrochenes, schaufelähnliches altes Steuerruder und grub gar behend und geschickt eine lange Vertiefung in die Landseite der Düne: – diese gewährte Schutz gegen den scharfen Seewind. Haralds Hilfe – staunend sah er zu – wies sie zurück: »deine Kräfte langen noch nicht so weit. Und nicht du sollst dich mühen, wo meine Hände ausreichen.« Über die ausgehöhlte Vertiefung spreitete sie eine Art Dach aus getrocknetem Schilf und aus steifem Strandhafer, wie eine Matte zusammengeflochten. – Mit leisem Schauder sah der Fremdling, während sie fortsprang, ein paar Felle zu holen, in die elende Sandgrube; – er schüttelte schweigend das lange Gelock. Gleich war sie wieder zur Stelle: noch ein paar Schläge mit der Fläche der Ruderschaufel, den lockern, immer wieder herabrieselnden Sand zu festigen; nun wischte sie mit den Knöcheln der Linken den starken Schweiß von der niedrigen Stirn, warf die Schaufel aus der Rechten und leckte an der Innenseite dieser Hand. »Was thust du da?« forschte er unwillig. »Was hast du?« »Nichts,« lachte sie, ihn mit strahlenden Augen anblickend, »ein Paar Blutblasen, die schmerzen ein wenig. Aber dafür, schau nur hinein, das ist nun deine Herberge: – gar wohnlich ist sie geworden. Ganz ausstrecken kannst du dich darin – so wunderbar lang du gewachsen bist. – Ah weh!« Noch einmal leckte sie die wunde Hand. Da ergriff er diese und drückte sie – schonend – leise: schon wieder schämte er sich seines Undanks. Als er nach dem kargen Nachtmahl von getrockneten Fischen und Renntierkäse diesen Abend einschlief und die Felle fester über sich zog, sprach er: »nun, es währt ja nicht lang. Sobald ich wieder die Glieder brauchen kann, muß mir der Alte ein Boot geben, und ich suche die Freunde, die Heimat. Und auch heute schon schauen ja die gleichen Sterne da oben auf mich und auf die Meinen.«   VII. Aber am nächsten Morgen traf sein Hoffen ein furchtbarer Schlag. Er wandte sich alsbald durch Vermittlung der Nichte an den Ohm; der hatte ihn schon tags zuvor mit finster drohendem Gesicht empfangen und kein Wort zu ihm geredet: – er verstand nur wenig von Haralds Sprache. – Der bat nun, ihm sobald als möglich ein Fahrzeug zu leihen, die Heimat wieder suchen zu können. Mit seltsamem, halb verhohlenem Lächeln hatte die Dolmetscherin seine Bitte dem Alten vorgetragen: der aber brach in zorniges Lachen aus, er schrie finnische Scheltworte, stampfte den gesunden Fuß auf den Lehmboden der Hütte, daß sie schütterte und wies zuletzt mit der Hand hinaus auf das Meer, auf die Küste des Eilandes. »Komm mit,« sprach Ughlu. »Er hat recht. Sieh selbst.« – Und ohne weitere Erklärung führte sie den Ungeduldigen quer über das kleine Eiland. – Sie hatte sich geschmückt: – für ihn hatte sie ihr einzig Geschmeide angelegt, ein Erbstück von der Mutter: eine viereckige, durchlochte Zierplatte aus blankem Zinn, über der Brust an einem dünnen Streifen von Renfell aufgeschnürt getragen: mit stolzer Freude hatte sie den angespülten Ring seiner Brünne daran gebunden, nachdem sie das Erzstücklein zärtlich geküßt. Es kränkte sie ein wenig, daß er ihr nichts darüber sagte. Aber er hatte es gar nicht beachtet. Sie geleitete ihn nun an das Südgestade der Insel: da lag, sorgfältig auf den Strand gezogen, außerhalb des Machtbereichs der Fluten und mit einem Lederriemen an eine Felsspitze festgebunden, ein elender Kahn: aus gesteiften Seehundhäuten, ohne irgend eine Zuthat von Holz, nur durch die Rippen eines vor Jahren hier einmal gestrandeten Walfisches auseinander gespannt, lang, schmal, kaum Manns breit; nur ein Mensch hatte Raum in der Mitte, wo ein rundes Loch geschnitten war in das wagrecht gespannte Renntierfell, welches das Innere des niedrigen Nachens schützen sollte vor den Wellen, die bei jedem leisesten Wind über dem kläglichen Fahrzeug zusammenschlagen mußten; fortbewegt ward das durch zwei zugleich zu führende lange Stangen mit ganz schmalen schindelähnlichen Ruderenden. Erstaunt sah der Gast auf das traurige Gefährt: »Wo – wo sind die Boote?« fragte er. – »Das ist alles, was wir haben. Nur um das Eiland herum – bei ruhiger See – können wir fahren. Das Weitmeer kann der Kahn nicht suchen; er schlägt um bei jeder hohen Welle.« – Harald erbleichte: »All' ihr Götter!« schrie er verzweifelt. »Es kann nicht sein. Wie könnt ihr leben?« – »Vom Fischfang. Vom Strand aus; und mit dem Kahn um die Insel her; auch haben wir noch vier Renntiere: die leben kärglich vom Strandhafer und vom dürren Grase der Dünen. Und dann das Brot – aus Birkenrinde.« – »Das ist – wirklich – euer einzig Fahrzeug? Das kommt ja freilich nie nach Harjadal.« – Ughlu nickte. »Ich sagte es. Der Ohm kann dir's nicht geben, er kann's nicht einen Tag missen. Und gäb er's, – unrettbar würd's umschlagen, bevor du das nächste Land erreicht.« – »Auf Lebenszeit hier gefangen!« schrie Harald. »Lieber gleich sterben!« Und er sprang gegen die steilen Klippen vor. Ughlu klammerte sich an ihn: – mit tiefem Schmerz, stumm, sah sie ihm ins Auge. »Aber nein,« beruhigte er sich. »Geduld also! Ich baue mir selbst ein Schiff. Geduld, Harald!« – »Ja Geduld!« tröstete sie; aber ein seltsamer Zug zuckte um ihre Lippen. »Aus was will er hier ein Schiff bauen?« dachte sie bei sich.   VIII. Beruhigter, aber doch noch mit heftig klopfendem Herzen sah Harald um sich: »Nein,« rief er nun, »es ist ja nicht möglich! Wie kamt ihr hierher? Ihr seid doch nicht aus Eiern auf dem Sand hier gekrochen wie Krabben? Wie viele von euch Finnvolk wohnen noch hier?« – »Niemand mehr als wir beiden.« – »Wie kam das?« – »Traurig genug. Frage nie den Ohm danach. Es macht ihn toll vor Schmerz und Zorn: – er wirft dann mit dem Steinmesser blind um sich. Ich erzähle dir's. Komm, ich führe dich dabei um das ganze Eiland: nur so wirst du's verstehen.« Und sie begann voranzuschreiten von Süden gen Osten, dann gen Norden sich wendend; erst zuletzt erreichten sie den Westen der Insel, wo er angespült worden war. »Unsere Vorfahren,« begann sie, »sind – der Ohm weiß nicht, vor wieviel hundert Sommern – von Aufgang, von Suomiland, – der Heimat all' unseres Volks – auf diese kleine Insel, wie auf die viel breiteren weiter mittagwärts, herübergefahren: drei volkreiche Geschlechter auf fünf großen Booten: diese Zahlen sind eingeritzt auf den höchsten Felsen: in der Mitte des Landes: – dort, wo die vier Birken wachsen,« – »Sind die dünnen Stämme die einzigen Bäume auf der Insel?« Aber Ughlu schien diese Frage zu überhören: sie fuhr eifrig fort: »Dort, unter den Birken, ist heiliger Grund: da liegt mein Mütterlein begraben! – Lange Zeit lebten die Ahnen hier ganz gedeihlich: zahlreiche Renntiere, auch Ziegen hatten sie mitgebracht und Hunde, im Winter die Schlitten zu ziehen über das gefrorne Meer zum Fischfang unter dem Eise; und auf ihren starken Booten fuhren sie weit hinaus ins Meer zum Fischen, auf die Südinseln und auf das Festland im Aufgang und im Niedergang, zum Tauschhandel mit anderen Suomileuten. Da ging es den Menschen so gut, sagte dem Ohm noch der Großvater, daß sie fast gar keine Birkenrinde buken in das Speltbrot. Denn sie bauten Spelt auf der Insel selbst.« – »Wo? Ich sehe nirgends Ackerland?« – »Geduld. Du wirst bald begreifen! – Sieh, das hier ist unser einziger Brunnen, wo die lange weiße Stange ragt zwischen den schwarzen Felsen. Damals feierten sie Feste den Suomigöttern, denn die waren damals noch mächtig: Sorfatar, der Göttin des Seegevögels, Tuoni, dem Todesgott, dem König von Tuonêla, dem ewig düstern Reich, Ukko, dem Himmelsgott, Achti, dem Gott des Meeres und auf der Kantele, dem Saitenspiel mit fünf Saiten, spielten sie zu Opfergesängen. Am schönsten aber – das bezeugte der Ohm – spielte und sang meine liebe Mutter. Freilich meist traurige Lieder, aber wunderbar rührende, wußte sie zu finden: – ohne Mühung des Kopfes: – sie kamen ihr von selbst. Viele ihrer Weisen hab' ich mir gemerkt. Und auch selbst manche beigefügt. – Die liebe Mutter meinte, ich hätte das von ihr geerbt, wie sie diese Platte trug und mir vererbte – siehst du? Oft weiß ich nun nicht mehr, welche von der Mutter stammen, welche von mir: sie kommen mir immer durcheinander; traurig sind auch meine.« Sie schwieg eine Weile, nachdenklich; dann fuhr sie, sich aufraffend, fort: »Auch zu andern Suomileuten fuhren sie damals auf den breiten meervertrauten Booten. Freilich nicht gar oft: denn, wie heißt es in dem alten Lied? »Selten kommt man nur zusammen In den menschenöden Strecken Unsres nebeldüstern Landes.« Aber damals war doch manchmal Freude unter unserm Volk. Später aber ...!« Sie seufzte. Dann hob sie traurig wieder an: »Das ist nun alles dahin und tot. Tot sind die Sänger, tot die Harfner, ach auch unsere Götter sind tot und vergessen: – viel mehrere von ihnen, als ich noch zu nennen weiß, lebten einst: – und die einzige Harfe, die geliebte Kantele der Mutter, ist auch tot: – denn die Saiten sind gerissen und wir haben keine neuen, sie aufzuziehen.« Sie schwieg, blieb stehen und wischte eine Thräne aus den Augen. »Du weinst? Mußt nicht weinen!« Gleich lächelte sie wieder: »Betrübt es dich, wenn du mich traurig siehst? Dann sollst du's nie mehr schauen! Ich weine auch nicht um mich: – ich hab' es ja von Kind auf nicht besser gewußt. – Ich weine um die Mutter, die all' das verlor. Und doch auch um unsere Götter, daß sie nun alle tot sind,« – »Woher weißt du das? Viele Völker haben viele Götter, so erfragte ich auf mancher Meerfahrt. Warum sollen eure nicht mehr leben?« – Aber sie schüttelte ernst den Kopf: »Ach nein! Sie leben nicht mehr. Es ist besser, das zu denken, als daß sie leben: denn dann wären sie böse. Oder ganz ohnmächtig.« – »Wer aber soll eure Götter getötet haben?« – » Eure Götter, ihr Gewaltigen!« antwortete sie, scheu zu ihm emporblickend. »Sie mußten wohl vor diesen vergehen, wie wir vor euch. – Höre nur! Lange Zeit wohnten auch auf dem Festland im Niedergang nur Suomileute, Fischer und Jäger unseres Volkes. Aber einmal, im Sommer, als die Schiffe der Unsern zum erstenmal wieder durch das mürbe gewordene Eis brachen und die gewohnte Bucht da drüben im Westen aufsuchten, da fanden sie nicht mehr die Vettern, sondern – euch. Oder vielmehr eure Ahnen. Denn lang ist's her. Vor denen hatten die alten Herren des Landes weichen müssen gen Mitternacht ...« – »Jawohl,« nickte Harald. »Nach Kvänland flohen sie, die übeln Finnleute, arge Viehdiebe, Zauberer und ...« – »Nicht!« bat sie. »Nicht schelten: es sind die Meinen . Und des Landes alte Herren.« – »Gewesen. Wir aber sind die Herren jetzt !« – »Gewiß! Ihr seid's: – im Himmel und auf Erden. – Während die Unsrigen nur Steine und das Horn des Rens als Waffe und die Keule von Holz führten, schwangen die Eurigen das Schwert aus blitzendem Erz und erschrocken sahen die Ahnen zu euch auf, den Söhnen der lichten Götter, wie ihr euch nanntet, selbst lichten Göttern vergleichbar.« Sie schwieg: im Emporschauen zu ihm vergaß sie der Rede. Er aber erwiderte: »Wohl stammen wir von den lichten Asen in Asgardh: von Odhin und Thor. Und ich und meine Sippe, wir stammen von Freir ...« – »Dem Sonnengott,« nickte Ughlu. – »Aber das hielt sie nicht ab, das ekle, häßliche Finnengezücht, die da, bleichnasigen Zwergen gleich, in Überzahl uns um die Beine wimmeln tief unter uns, mit Raub und Diebstahl unablässig in heimtückischem, nächtlichem Überfall unsere Viehherden davonzutreiben, unsere einsam gelegenen Gehöfte auszuplündern, die Überwältigten im Schlafe zu verbrennen. Zu Land und zu Wasser kamen sie und kommen sie noch unablässig geschlichen und geschwommen, zu stehlen, zu plündern, zu morden. Aber wartet nur, ihr Nachtdiebe aus Kvänland, ich will ...« »Nicht, nicht! Ich bitte: wir sind ja verloren – warum uns noch schelten? – Auch meine Ahnen gerieten in Streit mit den eueren: Blut stoß auf beiden Seiten: aber immer und immer siegtet ihr, wart ihr auch nur Einer gegen Sieben.« – »Gewiß,« meinte Harald und ballte die Faust. – »Zu Wasser und zu Lande ward gefochten, viele Jahre. Da – im Sommer war's – alle unsere Boote waren zum Fischfang ausgefahren, mit Männern und Weibern – da kamen ein paar euerer Drachen angerauscht: der Meerkampf begann: alle unsere Schiffe wurden in den Grund gerannt oder, erbeutet, mit vielen Gefangenen davongeführt, darunter auch meine Mutter, mein Vater ward erschlagen; verwundet, lahmend seitdem, entkam der Ohm mit Mühe auf jenem Kahne dort: er zog mich, die Verwaiste, auf. Nach Jahren kam die Mutter zurück: ihr Herr – er war ihrer überdrüssig geworden, klagte sie – hatte sie an Suomileute vertauscht gegen einen Schild voll hellen Meergoldes und ihr neuer Herr schenkte ihr die Freiheit und führe sie hierher zurück. Sie war voll von eurer Herrlichkeit! – Viel, viel hat sie mir von euch erzählt, von euren Göttern, von euern wunderlichten, schönheitstrahlenden Frauen ...« Sie stockte: ein langer Blick prüfte hier seine Züge: aber die blieben ruhig. »Noch immer,« fuhr sie fort, »ging es uns leidlich, ob auch lange nicht mehr so gut wie vor jenem Kampf auf der See: denn da hatten wir so viele Männer und Frauen und alle Vollschiffe verloren bis auf zwei. Aber nun – nun kam das Verderben.« Sie schauerte zusammen. »Unter unserem Volke ward von alters starker Zauber getrieben ...« »Man weiß es,« grollte Harald, »Sud-Finnen, Kessel-Finnen, Zauberbolde heißt ihr.« Sie schwieg eine Weile, das Köpflein verschüchtert sinken lassend. »Nun war da,« hob sie wieder an, »unter uns ein altes Weib, das hatte in Lappland bei den Lappen Zauber gelernt.« »Ei,« zürnte Harald: »Wie spricht ein Spruch?« »Zäh ist der Zauber, den der Finne fand: Zehnmal ärger der Zauber, den da erlistet der Lappe.« »Die überzeugte Männer und Weiber, nur ein Blutopfer könne uns retten vor euch und eueren Göttern: unsere Götter seien eingeschlafen: nur heißes Blut könne sie wecken, daß sie euere Götter, die Asen, überwänden. Und sie beschlossen, nach ihrem Rate zu thun. Ein Knabe eures Volkes, der sich im Wintereis, im Nebel, auf dem Meere verirrt und den mein Ohm gefangen hatte, – er sollte unsern Göttern geopfert werden.« Mit Grauen hemmte Harald den Schritt: »scheusälig Volk!« »Vergebens warnte meine Mutter: auf den Knieen beschwor sie den Ohm: ›unsere Götter‹, sagte sie, ›sind tot. Nur jener Männer Götter leben und schützen sie: reizen wir sie nicht.‹ Umsonst. In der Nacht ward an der Ostküste der Insel da drüben – jenseit der hohen Steine! – das Götterfest gefeiert; der Knabe ...« »Sie haben ihn geschlachtet?« Traurig nickte das Mädchen: »und sein zuckend Herz verzehrt und euch und eure Götter mit furchtbaren Flüchen verflucht. Das war um Mitternacht. Dann gingen sie auseinander, alle in ihre Hütten. Nur unsere Hütte lag auf dem Hügelgrad des Eilandes, alle anderen dreizehn dort unten auf der Ostküste, auch alle Schiffe lagen dort vor Anker und alle Kähne. Auch die Ställe für die Renntiere und die Hunde standen dort; und dort allein lag auch alles zum Ackern taugliche Land, all unsere Speltfelder, dort rauschte ein Wäldchen von mehr als hundert Birken, da wuchsen sogar Erdbeeren! ... Vor Sonnenaufgang war's: da erbebte unter uns die Erde: wir flogen aus dem Lager auf den Boden: ein furchtbares Brüllen des Meeres und des Landes: auf that sich der Abgrund, die Welt des Todes, unter der Ostküste und verschlang alles, was darauf lebte und stand, die Menschen, die Tiere, die Häuser, die Vorräte, die Schiffe: der schwarze Felsgrund der Insel spaltete sich, die Klippen fielen um und über die Klippen und über all' den Trümmersturz brach herein das Meer: – der Abgrund und das Meer hat das ganze Ostland der Insel verschlungen und begraben.« »Siehst du,« schrie meine Mutter dem Oheim zu, »siehst du nun? Unsere Götter sind tot. Und ihre Götter haben die Verfluchung gerächt.« Wir drei waren die einzigen, die noch lebten auf dem Eiland, von dem das beste und bei weitem das größte Stück verloren war. Die Mutter aber siechte langsam dahin: – ein Sehnen, sagte sie, zehre an ihr. Sie starb, mit einem Kuß auf ein Stück der Kette, die sie bei euch getragen. Sie sprach und sang und spielte auf der kleinen Harfe bis die letzte Saite sprang: so unsagbar traurig sang sie, daß ich weinen mußte, weinen unaufhaltsam, unaufhörlich, ob ich's gleich oft nicht verstand: das klang so unerträglich traurig: »Weine, weine, Volk der Suomi, Deine Götter sind gestorben, Alle deine Helfegötter: Tot sind, die dich schützen konnten. – Vor den lichten Asgardhgöttern Fielen sie wie welke Blätter, Die der Sturm weht von den Birken, Ausgetilgt von Meer und Erde Wirst du deinen Göttern folgen: Weine, weine, Volk der Suomi.« »Und als sie zu sterben kam, strich sie mir noch einmal über die Stirn und sprach: ›armes Kind – ausgetilgt wirst auch du! – Aber einmal – möchtest du nur einmal einen von ihnen sehen. – Dagwalt!‹ rief sie noch einmal und starb. – Dagwalt: – so hatte ihr Herr geheißen.« »Hm,« sprach Harald vor sich hin. »Treu, wie die Hündin ihren Herrn liebt.« »Und so kam es,« fuhr Ughlu fort, »daß ich nur an euere Götter noch glaube – an Freia zumal. Denn Frigg ist zu streng, meinte die Mutter. – Und auch an Odhin, der der Wünsche Fülle verleiht. Erst hat er mir, als glückverheißend Zeichen, diesen Ring von deiner Brünne – mit der gleichen Rune wie die andern an deinem Ring-Panzer – in die Hand gespült: – er fehlt da links: – ich sah es gleich – ich trag ihn immer hier auf der Brust: und dann hat er dich selbst mir gesendet.« »Hart an Ran vorbei,« lachte Harald grimmig. »Wenig dank' ich ihm diesen Fahrwind.« – »So, nun haben wir das ganze Eiland durchwandert!« – »Wie trostlos öde! – Ja richtig! Da sind wir an der Stelle, wo das Meer mich angespült!« – Er sah mit Schauder in das schwarze Gezack der Granitklippen, das wieder weißer Schaum übersprühte: er faßte dankbar ihre Hand und drückte sie. Da strahlten ihre Augen. »Nun komm zum Frühmahl: – der Oheim harrt vor der Hütte.«   IX. Das Mädchen und der Alte – der sprach fast nie – fragten den Gast nicht um seine Herkunft, nicht, wie er auf die Insel verschlagen worden. Aber er selbst ward bald gedrängt, es Ughlu zu berichten. Denn nach einigen Tagen brach plötzlich die Wunde unter dem Knie wieder auf; eine Schramme hatte er sie genannt und sie war rasch vernarbt. Jedoch ein stechender Schmerz durchzuckte ihn nun: er wollte ihn meistern, verbergen; er stand hastig von dem Frühmahl auf, um in seine »Sandhalle«, wie er die Höhlung lächelnd nannte, sich zurückzuziehen: aber von bitterster Pein durchzuckt stürzte er jählings zu Boden. Der Alte stutzte: scharfen Blickes musterte er den Stöhnenden. – Schon war Ughlu an seiner Seite: – sie richtete sein Haupt empor, sie lehnte es an ihr Knie: beide zitterten, er vor Schmerz, sie – sie wußte nicht warum. Stumm wies er auf die Wunde in der nackten Wade. Scharf sah das Mädchen hin: – plötzlich flog ein finstrer Schatte ärgsten Erschreckens über die scharfen Züge: die Ränder der Wunde sahen ganz schwarz, Eiter quoll heraus. – »Woher?« fragte sie und ihr Herz klopfte, die knospenden Brüste wogten ungestüm. »Doch kein Pfeil!« Er biß die Zähne zusammen und nickte. »Ein Pfeil! – Aber kein Finnenpfeil, – nicht wahr?« Die Frage kam so bang. »Doch! von eurem Volk.« – »Mit schwarzer Flugfeder?« Das war die erste Frage, die der Alte an den Gast richtete: – er beugte sich, begierig der Antwort, vor über den Holzblock, der als Tisch diente. – »Jawohl: – er war schwarz beschwingt,« erwiderte Harald. – Ein seltsam befriedigt Grunzen brachte der Alte hervor: – ein stechender Blick: – er humpelte davon aus seiner Hütte, ganz aufgerichtet, wie siegesfroh. »O sprich« – flehte Ughlu, mit mühsam verhaltner Sorge – »wie – wie geschah dies? Vor allem – wie lang ist es her? Ich habe dich noch nie gefragt ...« »Ja, es ist deine erste Frage – du – du Treue.« – Da übergoß sie glühend Rot: – es war das erste Wort des Lobes aus seinem Mund. »Nun sollst du auch alles erfahren. Ich bin ein Königssohn.« – »Ich wußte es!« – »So? Woher? ... Vom lichten Gott Freir stammt mir die Sippe.« – »Ich ahnte es! Eh du's gesagt.« »Mein Vater, König Harskiöld, waltet hoch und herrlich daheim in der Königshalle!« – »Ich glaub es.« – »In Harjadal. Hell klingen dort die Harfen im Saal –« – »Ich glaub' es zu hören. Die Mutter sprach davon: – gleich des Singschwans klingendem Ton.« – »Viele Helden dienen ihm um Ehre. Auch gabenmilde ist er und gastlich. Es ist schön daheim in der Halle.« Er seufzte leise. »Du hast Heimweh!« klagte sie. »Hatte doch meine Mutter, die speergefangne Magd, Heimweh – nach euch!« – »Manche Kriegsfahrt hatte auch ich schon glücklich gefahren. Ich schlug die Wetterdänen mit zwölf Drachen. Ein Skalde hat ein Lied darauf gemacht.« – »Kannst du es singen?« – »Ich kann wohl – aber ich mag nicht,« Er errötete leicht. »Da kam Kunde in König Harskiölds Halle, sein Schwestermann, König Hâko auf Helsingaland, sei aufgefahren in Odhins Saal: – er fiel in sieghafter Schlacht gegen die Kvänen, eure Vettern, die götterverhaßten Nord-Finnen. Nicht einen Sohn, nur eine Tochter hinterließ er ...:« er stockte: »Haralda, die Jungfrau.« – »Das ist deine Braut!« schrillte Ughlu auf. – »Was schreist du, wie ein pfeilwund Tier?« schalt er, unwillig staunend. – »Vergieb!« Sie kreuzte die Arme über den Brüsten. – »Ich hab' sie nie gesehen. Schön soll sie sein, strahlendschön, wie eine Göttin in Asgardh.« Sein Blick schien in die Ferne zu dringen. »Fast so hoch wie ich, meinte der treue Björn – das ist mein alter Waffenmeister, der hat sie nämlich gesehen! – Milchweiß die Haut, – die Fülle des Sonnenhaares rieselt ihr bis an die Knöchel: – hoch wölbt sich ihr die stolze Brust und ... so sagte nämlich Björn.« Er schwieg und sah wieder in die Ferne. So merkte er nicht, wie die braunen Augen, immer weiter aufgerissen, wachend, spähend, schmerzlich auf ihm ruhten. Beide schwiegen eine Weile. Jetzt zuckte wieder Schmerz durch den Leib des Jünglings. Aufgeschreckt aus seiner Träumerei fuhr er fort: »Nun wohl – die Witwe, Frau Harhild, des Vaters Schwester, bat, der Vater solle mich entsenden zu ihrem und zu der Tochter Schutz: aufs neue drohten die Kvänen Krieg, da König Hâko gefallen: – wimmeln sie doch in Überzahl wie übles Gewürm. – Der Vater rüstete vier Drachen: – hundertzwanzig Helme waren wir. – Wie freute ich mich auf den Kampf: – auf den Sieg: – auf ...« – »Wie heißt sie? Sag's nochmal!« – »Haralda – es ist doch nicht schwer zu merken, mein' ich. – Aber wehe! Furchtbarer Sturm aus Westnordwest überfiel uns: – mein ›Ellidhi‹ ward von den andern Schiffen verschlagen: – auf spitzem Geklipp barst mir der Kiel: – ich sprang mit drei Genossen ins Boot: – das trieben die Wogen gegen ein Eiland im Südosten – von Finnenleuten bewohnt, wie ihr seid – man kennt euch von weitem! Denn,« lachte er, »schön seid ihr nicht.« – »Aber treu!« – »Nein: ungastlich, treulos, ehrlos und feige.« – »O, Harald!« – »Nun, ist es anders? Wohl hundert Finnleute liefen zusammen an dem Strand, gegen den uns Hilflose die Brandung warf: – uns vier Männer. Erst winkten sie uns freundlich heran mit grünen Zweigen: sobald wir auf Pfeilschußnähe vom Strande waren, holten sie hurtig aus ihren Fellmänteln die Bogen und Pfeile hervor und wie ein Geschwirr von zahllosen weißen, grauen, schwarzen Vögeln schlug das auf uns ein. Meine drei Gefährten fielen – tot. Mich traf ein Pfeil ...« – »Mit schwarzen Schwingen?« – »Bei Freirs Schwert und Strahl, ja: ich sagt' es schon mal! Was liegt an der verfluchten Farbe? Aber ich weiß es genau: ich sah, wie ich den Bolzen herausriß, schwarze Rabenfedern. – Was hast du zu seufzen? Mit schwerer Mühe nur gelang es mir, das Boot wieder abzubringen von dem verräterischen Strand. Aber draußen, in der Weitsee, brach der Sturm mit erneuter Wut über mich herein. Die Planken des Kahnes barsten. Ich band mich mit dem Rahenseil fest an ein Brett und ließ mich treiben und die Götter ...« – »Brachten dich zu mir,« rief Ughlu, in jauchzendes Entzücken ausbrechend. »O Heil mir. Und – ja, – auch Heil dir!« – »Auch mir?« fragte er kopfschüttelnd. »Freilich, du hast mich aus dem Wasser gerettet ...« – »Das konnte ein anderer auch. Aber ich – ich werde dich retten aus viel tödlicherer Gefahr: – und nur ich – ich allein von allen Sterblichen! – kann's. Du zweifelst?« lächelte sie siegstrahlend. »Ja, du Gott, du sterblicher Gott: es ist so! Wisse: der schwarze Finnenpfeil trägt Gift ...« Harald wollte aufspringen: – aber er schrie vor Schmerz. »Unheilbar: – allen Heilkünstlern. Fischgift. Nur in meinem Hause, von Geschlecht bewahrt zu Geschlecht, lebt die Kenntnis einer Salbe: – die allein rettet. Aber nur – denn immer wieder bricht die Wunde auf! – nur wenn ich sie immer wieder frisch bereite und dich salbe. Und so, hoher Harald, bist du Ughlus Gefangener auf Lebenszeit: – willst du leben, willst du nicht sterben unter diesen – oh, wie du zuckst! – diesen gräßlichen Schmerzen, – so mußt du hier bei Ughlu bleiben, solang du atmest.« Da sprang der Jüngling auf trotz allen Schmerzen, – er wollte entfliehen: – jedoch überwältigt von der Pein stürzte er, laut aufschreiend, auf das Antlitz nieder. Die Sinne schwanden ihm vor Schmerz des Leibes und der Seele.   X. Wochen und Monde vergingen. Hilflos, oft bewußtlos lag Harald in seiner Sandgrube. Die Alte hatte seiner Nichte geholfen, den Kranken aus der Hütte dorthin tragen. »Es ist besser,« hatte er gemeint, »er verendet nicht unter meinem Dache; Leichen bringen Unheil. Es ist ja doch bald aus mit ihm. Dann werf' ich ihn ins Meer, den Fischen zum Fraß.« Aber Harald starb nicht. Unermüdlich, bei Nacht wie bei Tage, pflegte das Mädchen seiner, jeden Dienst ihm verrichtend. Es ward nun gar kalt. Schnee drang durch die Schilfdecke. Unter all den Renntierfellen, die sie auf ihn häufte, fror ihn doch bitterlich; er zitterte vor Kälte; sie sah es: einen kurzen Kampf kämpfte sie. – Dann hüllte sie sich fester in ihr Gewand und legte sich dicht neben ihn, mit beiden Armen seine Brust umschlingend; wie glühte ihr dabei die Stirn, – wie wild pochte ihr das junge Herz! »Was thust du?« fragte er erstaunt. »Ich wärme dich. – Still! – O bitte: dulde mich hier! du stirbst sonst!« – »Ah, das thut wohl ... warm! Dank, Ughlu!« Und wieder versank er in wirren Fieberschlaf –. Und nun wich sie auch Nachts nicht mehr von ihrer Stelle auf seinem Lager. – Der Alte war um diese Zeit ferne von der Insel: in den Wochen, da das seichte Meer in der Nähe des Landes sich mit dünner Eisrinde bedeckte, war der Fischfang mit dem Eisnetz am ergiebigsten: jetzt mußte der Vorrat eingesammelt werden für den langen Winter; der Fischer zog abends den Kahn auf das Eis und schlief darin unter den Renntierdecken. Einstweilen aber hatte die Jugendkraft des Kranken gesiegt unter des Mädchens pflegender Hand: die Wunde schloß sich wieder, die Schmerzen verschwanden. Gekräftigt aufblühend, strotzend von Stärke, wandte sich Harald wieder dem Leben zu: dem Leben, das er abermals – ihr verdankte. – Zärtlich strich er eines Morgens, wie sie neben ihm lag, mit der Hand über ihr sprödes, hartes Haar. – »Meine Kleine, sprach er kosend, ich danke dir alles: – das Licht, – daß ich atmen darf, – die Erlösung von den Schmerzen – sie waren arg. – Dir dank' ich's. All' das hast du mir gegeben. Und – dich selber dazu, du heißes Geschöpf! – Du hast mich dir teuer erkauft: mit allem, was du hast und bist. Niemals will ich von dir lassen.« Da schrie sie so laut auf vor wilder Freude, daß er erschrak. Unwillig schob er sie zur Seite, wie ein ungebärdig Haustier. Aber sie merkte es gar nicht. Frohlockend warf sie sich von neuem an seine Brust und umklammerte ihn mit beiden Armen so fest, als wolle sie ihn erwürgen und bedeckte ihm Augen, Wangen und den abgewendeten Mund mit flammenden Küssen. Da erschauerte er durch die Glieder – vor Widerwillen.   XI. Gegen Abend dieses Tages kehrte Moin zurück in seinem Kahn. Wie staunte er, wie grollte er, als ihm auf dem Strande Harald, hoch aufgerichtet, stattlich und stark, entgegenschritt! Hand in Hand mit ihm ging, mit strahlenden Augen, das Mädchen; das sah darein wie verklärt: ein rosiger Schimmer des Glückes, eines seligen Geheimnisses lag auf dem magern Gesicht: die süße Lust konnte sie nicht schön machen, aber sie machte sie minder häßlich; eine wohlige Weichheit war über sie gekommen; sie schien nicht mehr so herb, so eckig. »Nicht gestorben?« fragte Moin. Es war sein ganzer Gruß. »Wie du siehst,« lachte Harald. – »Hei, welche Menge von Fischen in dem Nachen.« Er bückte sich gegen den Kahn hin. Da warf der Alte einen langen, prüfenden Blick auf Ughlu: die errötete über und über; schweigend machte er sich dann an die Arbeit, seinen Fang auszuladen und aufzuschichten auf dem Strande, wo die Fische ausgelesen und in verschiedener Art gedörrt und geräuchert werden sollten; die beiden halfen ihm; der sprach kein Wort mit ihnen. Als es ganz dunkel geworden, ging er dünenaufwärts in seine Hütte, zu schlafen. Ughlu hatte sich – ein wenig – gefürchtet vor dem Augenblick, da er vielleicht sie mahnen würde, wie sonst, ihm in den alten Schlafraum zu folgen. Aber das blieb ihr erspart. Wie sich der Ohm die letzte Ladung Fische von ihr in dem Schilfkorb von der Schulter heben ließ, sagte er kurz, ohne sie anzublicken und ohne die Antwort abzuwarten: »du schläfst bei ihm ? Schlaf wohl!« wandte ihr den Rücken und hinkte davon.   XII. In der Nacht fuhr Harald jäh aus dem Schlaf empor. Er tastete um sich: ihr Platz an seiner Seite war leer. »Ughlu!« rief er. »Wo bist du? Ein Schrei! Ein schriller! Hörtest du nicht? Was ist? Wo ist mein Dolch?« Schon fühlte er wieder in dem tiefen Dunkel des Weibes kosende Hand an seiner Wange. »Ruhig, mein Liebling. Nichts. Auch ich vernahm's. Ich sprang hinaus. Wohl ein Vogel, der zur Nacht über die See strich. Dein Dolch? Hier ist er. Da! Fühle den Griff. Schlafe nur wieder.« »Aber! Wie dir das Herz schlägt! Noch nie schlug's rasch!« – »Auch ich erschrak. – Schlafe nur. Schlaf bringt dir Vollkraft.« – Und er wandte sich zur Seite. Bald hörte sie die tiefen Atemzüge des Schlummernden. Sie weinte, aber ganz leise, das Schluchzen erstickend; in die Hände hinein weinte sie. * Am andern Morgen ging Harald den Strand entlang über das steile Geklipp, das seine Sandhöhle von dem Meere schied, auf die Hütte zu, wohin Ughlu vorausgeeilt war, das Frühmahl zu bereiten. Er wollte den Alten aufsuchen, ihm sagen, ... da stutzte er. Er sah unmittelbar zu seinen Füßen im Meer von den Wellen gegen den Strand getrieben einen langen dunkeln Gegenstand. War es ein Baumstamm? Ein Stück von einem Wrack? Nein! Zwei Raben stießen wiederholt darauf aus der Luft herab. Es war eine Leiche. Rasch kletterte Harald die Felsen hinab und sprang durch den tiefen Sand darauf zu. Es war der alte Mann. Grauenvoll war der Anblick. Das fahle Gesicht schien erstarrt im Ausdruck tödlichen Hasses; die weit aufgerissenen Augen stierten den Jüngling an voll wütenden Zornes. In der geballten Rechten hielt er sein langes, spitzes Messer von Feuerstein, um die Finger der festgeschlossenen Linken aber wandten sich lange Strähne schwarzer Frauenhaare. Harald faßte die Leiche an den Füßen und zog sie auf den mit Eisstücken bedeckten Sand. Da, wie er sich über den Toten beugte, bemerkte er über dem Herzen einen Blutflecken auf dem grauweißen Lederwams: er schlug das Fell zurück: eine tiefe Stichwunde. Unwillkürlich riß Harald, von schwarzem Ahnen ergriffen, seinen Dolch aus dem Wehrgurt: – genau paßte die Klinge in die Wunde. Er stieß einen Schrei aus: »Mörderin! Ah scheußlich! Den eignen Ohm! – Aber still: für mich hat sie's gethan! – Das ... wie alles! Jedoch ich kann nicht davon hören! Nicht davon reden! Nie!« Und niederknieend zog und riß er hastig all' die Frauenhaare von den starren Fingern los und warf sie in die See; dann wusch er den Blutflecken aus dem Wams und breitete dessen Falten sorgfältig über die Wunde; nun deckte er noch das Gesicht des Toten mit ein Paar Eisstücken zum Schutze gegen die krächzend umherflatternden Raben und schritt rasch die Düne hinan auf die Hütte zu. – Ughlu stand an dem Herd, ihm den Rücken wendend; sowie er eintrat machte sie sich eifrig mit der Schürung des Feuers zu schaffen. »Das Treibholz war noch zu naß,« sprach sie heiser, »scharf beißt sein Rauch in die Augen,« sie fuhr mit dem Rücken der linken Hand über die schwarzen Wimpern. Sie vermied es, ihn anzusehn; das war ihm lieb; denn ihm graute. Er schwieg. »Wo der Ohm nur bleibt? Er kommt zu spät.« Da sagte Harald – er sah dabei zur offenen Thüre hinaus nach dem Strande hin: »er kommt gar nicht mehr; er ist tot, Ughlu.« »Oh.« Aber allzuruhig war das herausgekommen; sie konnte sich nicht verstellen, konnte nicht Überraschung spielen. »Ich fand die Leiche – hart am Ufer – im Meer; er ist wohl in der Nacht von der Strandklippe gestürzt und ertrunken. – Komm, wir müssen ihn begraben.« »Ja, komm!« sagte sie tonlos, ohne ein Wort der Klage zu erheucheln. »Ich nehme die Schaufel – nimm du die Hacke – dort lehnt sie! – Der Strand ist fest gefroren.« Und sie gingen hinaus, verscheuchten die lauernden Raben und scharrten die Leiche ein, außerhalb des Bereiches der Wellen. Kein Wort sprachen sie bei der langen, mühsamen Arbeit. Der Nordwind pfiff schneidend über die See daher; es war alles grau, düster: Luft, Strand und Wasser: die winterliche Sonne drang nicht durch den Morgennebel auf der Flut. Als die Grube zugedeckt war, nahm Ughlu sofort Schaufel und Hacke auf die Schulter, wandte sich und ging langsam landeinwärts. Harald blieb noch stehen und blickte auf die frisch aufgeworfene flache Erhöhung: »um meinetwillen,« sagte er leise. Dann folgte er dem Weibe. »Wohin,« fragte er, als er sie eingeholt hatte, »wohin fahren die Toten eures Volkes, Ughlu?« – »Kommt darauf an,« erwiderte sie weiter schreitend, ohne aufzusehen. »Die Ertrunkenen hält Ahto fest, der Wassergott, der Wirt der Fluten, in seinen gründunkeln Hausungen.« – »Aber ... die anders ..., die blutig ... gestorben sind?« – »Die ... Messergestorbenen ..., sagen wir. Ja ..., die müssen in Blut schwimmen ... bis an den Mund.« – »Ewig?« – Er fragte es mit Schaudern. »Nein. Bis der Mord an der Mörderin ... will sagen: an dem, der es gethan, gerächt ist. – Dann schwimmt der Mörder in Blut.« – »Für immer?« – »Ja ... auf ewig.« Harald zuckte zusammen. »Geh voraus in die Hütte und iß. Ich ... ich kann nicht: ... ich habe nicht Hunger. Ich komme – vielleicht – später. Und ... höre, jetzt ist die Hütte ja frei: es war zu eng in der Sandhöhle: ... du schläfst fortab in der Hütte.« »Harald!« Das war ein Wehruf aus tiefster Seele. »Ich will's. – Gehorche.« Sie standen nun vor der Hütte. Zögernd schritt sie über die Schwelle: – noch einmal sah sie ihm nach. Nun schloß sie die Thüre, setzte sich auf den Boden, schlug ihre lange Lederschürze von vorn über Gesicht und Haupt und weinte, weinte sehr lange. Denn er kam nicht. – »Wenn er es wüßte!« schluchzte sie. »Wie würd' er mich lieben! Lieben müssen ! Ach, nur sein Leben, nicht das meine bedrohte der Ohm, mein Ernährer all die vielen Jahre. – Aber ich mag's ihm nicht sagen, daß ich auch das noch für ihn gethan. Schon jetzt seufzt er ja unter der Last seiner Dankespflichten gegen mich. Ich mag sie nicht mehren! Ach, ach, ich meine schon lange: er haßt mich, weil er mir so viel verdanken muß. – Arme Ughlu.« Und sie ward ergriffen von tiefem Mitleid mit sich selbst: dann strömen dem Menschen die Thränen am reichsten.   XIII. Lange währte der Winter. Viel zu lange für die Ungeduld Haralds, der unablässig, seit er wieder voll genesen war, mit aller Macht der Seele sich hinwegsehnte aus diesem öden Eiland, aus diesem öden Leben ohne That, ohne Ruhm, ohne Freude. Die wenigen Stunden der Tageshelle füllte er aus mit der Jagd auf die Meervögel, auf die Tümmler und Robben. Die Fischerei mit dem Eisnetze verstand er schlecht; mit der Wurflanze erlegte er Lachse. Er trug sich mit der Hoffnung, ein seetüchtiges Boot zimmern zu können aus allerlei Treibholz, aus Brettern und Balken gescheiterter Schiffe, welche die Flut zuweilen anspülte. Denn aus den vier dünnen Birkenstämmlein – dem einzigen Baumwuchs auf dem Eiland – waren höchstens Ruderstangen zu schnitzen. Aber so eifrig er jedes verwendbare Stückchen Holz aufspeicherte, er erkannte, es werde noch unabsehbare Zeit währen, bis er aus solchen Trümmern mit dem ungefügen Steinbeil des Toten ein Fahrzeug zusammenflicken könnte, das er dann mit hölzernen Nägeln befestigen, mit Renntierfellen überziehen wollte. Der Fischerkahn Moins war, das sagte ihm die eigne Einsicht, Ughlus Worte bestätigend, ganz unfähig, die Weitsee aufzusuchen und des Jünglings ferne Heimat. Allein bitterer als Harald litt das Weib an seiner Seite: er sehnte sich nach dem fernen Vaterland: sie – so verzehrend! – nach dem Mann, der ihr so nahe, der neben ihr lebte – und der doch – seit des Oheims Tod – ihr so unerreichbar geworden war wie die Sterne am Himmel. Wann er schlief, schlich sie sich in seine Nähe, im Mondlicht sein schönes Antlitz zu beschauen stundenlang: – sobald er sich regte, huschte sie scheu hinweg; denn als er sie einmal beim Erwachen so neben ihm kauernd ertappt, hatte er sie heftig gescholten. Stumm, aber mit feindlichen Blicken sah sie ihm zu, wie er höher und höher seinen Vorrat an Treibholz häufte, den er wie einen Hort von eitel Gold hütete und liebte, wie er sich abmühte an der nahezu erfolglosen Arbeit, mit der Steinaxt das Schifflein zu zimmern; er hatte es nicht gelernt, mit so schlechtem Werkzeug zu schaffen; er sah zufällig, wie sie das viel besser verstand, als es einmal galt, das Bretterdach der Hütte zu flicken. »Hilf mir doch an dem Schiffe bauen,« bat er da. Sie sah ihn groß an: »Soll ich an meinem Sarg arbeiten?« fragte sie dagegen. – Trotzig, feindlich war sie hinweggeschritten: – es war um die Neige des kurzen Wintertages gewesen. Als aber der Mond aus dem Meere stieg und die glutrote Scheibe durch das dunkle Nachtgewölk drang, – der Nebel verschlang die freundlichen Strahlen, und nur ein trübes Licht fiel auf das Eiland, – da schlich das einsame Weib aus der Hütte unter die vier Birken, wo ein flacher Hügel gewölbt war. Der Kälte nicht achtend, warf sie sich mit der wogenden Brust auf den gefrorenen Boden und kratzte und hob mit den Händen die Eisrinde an einer kleinen Stelle hinweg, daß die sandige Erde sichtbar ward: in diese griff sie nun bohrend mit der Rechten: die Finger bluteten: sie merkte es nicht: – die herausgegrabene Erde streute sie sich über das wirr flutende Haar, über die halbnackten Schultern. »Mutter,« klagte sie dann, »liebe Mutter! nur du hast mich lieb gehabt auf Erden. Und nun liegst du da unten: – wer weiß, ob du mich hörst. Gekommen ist einer von ihnen: – wie du mir gewünscht hast: – und mit ihm Elend, grenzenlos Elend. Hilf mir, hilf, Mutter, deinem Kind! Hörst du mich nicht? Und kannst du nicht aufsteigen und meinen wehen, wehen Kopf an deine Brust schmiegen, wie einst du thatest deinem erkrankten Kind – o so hilf mir wenigstens klagen. Lehre mich klagen – klagen in deinen Weisen! Ach, wie schön klang es, wann du klagtest. Deine Kantele hab ich noch« – hier holte sie die kleine dreieckige Geige unter dem Mantel hervor – »aber die Saiten fehlen. Nur leise drauf klopfen kann ich noch, wie auch du wohl thatest – zwischen dem klingenden Spiele. Ach, nur das tote Holz, der Holzklang ist mir geblieben von der lebenden Mutter und der lebenden Harfe. Wie war es doch? Wie fängst du – wann es so traurig war um uns her und das Traurigste von allem dein Herz?« Und sie begann nun, in der Erinnerung suchend, verträumt, in abgerissenen Worten vor sich hin zu sprechen, leise zu singen: der Mutter alte Weisen und die eignen Gedanken, die ihr in dieser Stunde aufstiegen, nicht mehr unterscheidend, knieend vor dem Grabe der Mutter, das abgehärmte Gesicht emporgewandt gegen den blutroten Mond, das Holzdreieck gegen die Brust drückend mit der Linken und leise um das Schallloch her mit der Rechten fingernd und klopfend: »Aino hieß sie, meine Mutter! Ach, wie sanft war ihre Stimme, Traurig, wie des Singschwans Klage, Zieht er nächtlich durchs Gewölk. Selten auf dem Freudenfelsen Saß sie, auf dem Stein des Frohsangs: Immer auf dem schwarzen Hügel, Auf dem Stein des Klagetons.« Wie doch Pflegte sie zu singen? »Wie im düstern Land der Suomi Früh' der Sommer und die Sonne Winterfrost und Nacht erliegen, So vereis't dem Suomiherzen Früh, ach gar so früh die Hoffnung Und, kaum aufgekeimt, das Glück! – Flüchtig ist der Suomi Freude, Unabwendbar ihre Trauer, Und gleichwie auf Adlerschwingen, Schwarz und rasch und unaufhaltbar, Rauscht das Unheil auf uns ein. Traurig ist des Menschen Leben, Wenn ihm nicht die Sonne leuchtet, Und die Sonne ist: – das Glück. Und das Glück, das ist die Liebe« ... »Weiter weiß ich die Zeilen nicht mehr.« Und nach einigem Besinnen hob sie wieder an: »Ach, wie dunkel sind die Tage, Ach wie endlos lang die Nächte! Wie ist wohl der Sinn der Frohen, Wie dem Glücklichen zu Mut? Ach, der Sinn der Unbeglückten, Er ist grau, wie dort im Schilfe Das Gefieder jener Ente, Wie das Eis im schmutzgen Schlamme ... Wer will meine Grüße tragen Treu an meiner Sehnsucht Ziel? Wolke will sie mir nicht tragen: Wolke muß zur Erde sinken. Sonne will sie mir nicht tragen: Sonne muß zu Golde gehen. Sterne wollen sie nicht tragen: Müssen tanzen um den Mond her; Nie gelangt zu ihm mein Sehnen! ... Weiß der Schnee und weiß die Möwe, Weiß der Schaum der Wogewelle, Aber weißer ist mein Freund. Goldig ist die gelbe Sonne, Goldig ist der gelbe Ammer, Aber goldiger und schöner Viel ist meines Freundes Haar. Meines Freundes? Ach, er war es! Seine Freundschaft ist verflogen Wie der flücht'ge Schaum des Meeres: – Nicht mehr ruht auf mir sein Blick! Stirb, erlösche, armes Mädchen, Schwinde, wie dein Volk, die Suomi: Deine Götter sind gestorben, Deine Mutter ist begraben, Deines Freundes Liebe tot!« ... »O Mutter, Mutter,« schrie sie nun wild auf, die Geige fallen lassend und sich mit beiden Armen über das Grab werfend, »wie wahr, wie wahr. Zum Drüber-Sterben! O Mutter, Mutter, zieh dein Kind zu dir hinab!« – – –   XIV. Endlos, endlos deuchte der Winter dem thatlosen Mann. – Aber zuletzt, nach vielen Monden, gewann auch in Finnland und auf dem Finnenmeer die Sonne den Sieg. Das Eis im Meere ward mürb und mürber: nur ein schmaler Streifen lockerer Schollen zog sich noch im Norden und Westen um das Eiland hin. Endlich brach auch dieser Gürtel und trieb in das offne Meer hinaus. Und bald darauf trug bei tobendem Südsturm die See dem Harrenden eine große Freude, eine heiße Hoffnung zu: den stattlichen Mastbaum und den hochragenden Vordersteven eines gescheiterten Kampfschiffes. Und gerade an Holz für den Mast und für den spitzen Schiffsschnabel hatte es am bittersten gefehlt: ein leidlich Segel aus Fellen und Häuten hatte er längst zusammengeflickt. Jubelnd vor Freude sprang Harald in die Brandung, wie er die gewaltigen Holzmassen herantreiben sah, rang die kostbaren Trümmer unter hoher Lebensgefahr den wilden Wellen ab und schleppte sie keuchend landeinwärts, wo er, hoch auf der Düne, gesichert vor dem Raub auch durch die höchste Brandung der sturmgepeitschten Wasser, seinen nun schon über Manneshöhe ragenden Vorrat gehäuft, den Hintergransen, den Kiel und die Wanten des werdenden Schiffleins nahezu vollendet und auf runden Stangen, welche die Walzen ersetzen sollten, aufgehöht hatte. Wie ein frohlockend Kind sprang er um den Holzstoß, um sein bisher geschaffenes Werk, um die eben gewonnene Errungenschaft her. Finster blickend schaute ihm das Weib zu. * Es ward jetzt nicht erst Frühling: – gleich voller Hochsommer brach herein. Heiß brannte, stechend, die Sonne auf das baumleere, schattenlose Eiland: glühend warf das Granitgestein die Strahlen zurück. – Da stiegen eines Mittags schwarze Gewitterwolken auf im Süden: das war das beste Wetter, Lachse zu speeren. Harald fuhr alsbald in See, gen West, freilich nicht gar weit von der Insel hinweg. Alsbald brach das Gewitter los: es regnete wenig: aber rote Blitze zuckten unaufhörlich und ringsum hernieder: Harald erkannte von neuem, wie unmöglich es wäre, mit dem schmalen Kahn die offne See suchen zu wollen: nur mit schwerer Gefahr und Mühe gelang es ihm allmählich, gegen den Wind, um die Südspitze des Eilandes herum die Ostküste zu gewinnen, wo der Nachen am sichersten zu bergen war. Als er sich dem Strande näherte, sah er auf dem Mittelrücken der Insel eine dichte schwarze Rauchwolke aufsteigen: wie eine dunkle Trauerfahne wallte und wogte das über das Eiland hin und weit über die See. Besorgt, bange Ahnung im Herzen, sprang er ans Land und lief dünenaufwärts, auf seinen Holzvorrat zu: – der und das halbfertige Schiff brannten lichterloh. Und dabei stand regungslos Ughlu: die Fäuste in die Hüften gestemmt starrte sie in die Flammen: sie wandte sich nicht, obwohl sie seinen heranstürmenden Schritt hörte: wie er zur Stelle war, stieß sie mit dem Fuß den halbverkohlten Kiel des Schiffes noch tiefer in die Glut hinein: sie war über und über von Rauch geschwärzt. »Unholdin!« schrie er und schob sie zur Seite, daß sie strauchelte; und er schlug sich verzweifelnd mit den Fäusten gegen die Brust und raufte sein Haar. »Weh, weh um meine Hoffnung. Da! Der Mast verkohlt! Und der Vordersteven mitten entzwei gebrannt. Und die Wanten! Und der Kiel! Weib, warum hast du nicht gerettet?« – Sie zuckte die Achseln: »Es brannte sehr schnell.« – »Das haben mir die Götter gethan! Sie zürnen mir!« klagte er. »Vor allem Thor.« – »Warum?« fragte sie rasch. – Er schwieg. »Thors, des Ehegottes Blitz,« dachte er, »strafte mich – auf Friggas Gebot. Statt eines Eheweibes vermischt mit einer ...« Aber er schwieg. – »Belohnen deine Götter auch Treue,« fragte sie, »oder strafen sie nur Untreue?« Ohne die Antwort abzuwarten, schritt sie finster schauend hinweg. Harald prüfte nun den Brand und die noch übrigen Scheite genau. – »Von unten nach oben hat es den Holzstoß ergriffen!« rief er jetzt zürnend. »Asathor blitzt von oben herab! Das hat mir nicht des Gottes Hand gethan!«   XV. Wenige waren sie, die Worte, welche die beiden an diesem Abend noch wechselten. – Auch am folgenden Tage mied Harald die Hütte. Der Wind war umgesprungen nach Südwest: die See ging noch so hoch: – in Nachwirkung des Gewittersturmes: – er konnte nicht ausfahren zu jagen oder zu fischen. Da saß er denn den ganzen langen Sommertag am Strande; nach Westen, nach der Heimat schaute er aus: von der frühen Stunde an, da der Sonnenball von Osten her die roten Strahlen über das flache, nackte Eiland auf die Wolkenwand im Westen warf, den heißen Mittag über – das karge Mahl von getrockneten Fischen und Renntierkäse hatte er sich mitgebracht an die Küste: – Ughlu setzte es jeden Morgen schweigend vor seiner Sandgrube nieder. – So saß er, bis die Abendschatten aus den Westwolken über die Fluten fielen und sogar schon einzelne Sterne in dem erdunkelnden Himmel aufzuleuchten begannen. Zuletzt lag er auf der Brust, die Ellbogen der nun wieder so starken Arme im Sande vergraben. Er achtete es nicht, daß der heftige Wind ihn tiefer und tiefer mit dem Dünensand beschüttete: er stützte das Kinn auf die beiden Hände: weit flog sein lang Gelock hinter ihm im Winde: er sah hinaus in die unabsehbar vor ihm wellende See: er sah und sah und spähte mit aller Anstrengung der scharfen, hellgrauen Augen, ob er nicht die Heimatküste da drüben oder ein nahendes Fahrzeug erschaue. Ach, wie oft schon hatte er ein dunkelgrau Gewölk da drüben im fernen Westen für ein Segel gehalten oder zu halten sich vorgetäuscht: umsonst! Nichts sah er auch heute den ganzen langen Tag über als den mitleidlos lachenden blauen Himmel, die grelle Sonne, die glitzernde blendende Meeresfläche. Da schüttelte er das Haupt in seelenverzehrendem Weh. »Ach, nichts! Nichts! Auf immer hier gefangen bei dem verräterischen, tückischen Weibe! Lebendig begraben! In müßiger Öde! – Und da drüben in der Heimat, da hallen die Schilde von Schlagen der Schwerter, da hallen die Harfen vom Ruhme der Sieger! Und vielleicht bedarf der greise Vater der Hilfe des Sohnes! Den Frieden sollte ich ihm schützen helfen für unser Volk! Und, Frigga vergleichbar, der Herrlichen, schreitet dort goldflechtiger Jungfrauen Schöne dahin. Und ich, ich verschmachte hier, thatlos, ruhmlos, das Herz voll heißer Gier nach Kampfthat und Freude: – ich verschmachte, wie der verlechzende Fisch, den die Flut auf den Sand hat geworfen. O wär' ich zerschellt an jenem Geklipp! Haben sie mich daheim denn alle vergessen? Der Vater? Björn? Die Segelbrüder? Alle?« – Da brach dem Starken die Kraft vor Jammer um sich selbst: – das ist ein Weh, das jeden Widerstand löst. Und er ließ die Ellbogen vor sich niedergleiten und das Haupt auf die Hände und heiße Thränen sog der durstige Sand. * Lang, lang lag er so. Zuletzt war er eingeschlafen, schluchzend wie ein Knabe. – Und die Sonne ging langsam vollends zur Rüste. Plötzlich schlug ein lauter Ruf an sein Ohr. Von der See her war er gekommen. Er fuhr auf, er sprang empor: da gerade vor ihm, keinen Speerwurf mehr vom Lande, schoß auf ihn zu ein rasches Boot: geschickt, aalgeschmeidig flog es durch den schmalen Eingang des Felsengürtels. Draußen jedoch, jenseit des Geklipps, wiegte sich vor Anker ein mächtig Kampfschiff mit hochaufragendem Drachenbug. Das Boot trug nur Einen Mann. Der aber rief ihm nun zu: »Harald! Harald! Mein lieber Herr! So führte mich endlich Freir zu dir!« Und wenige Ruderschläge noch, – der Mann am Steuer bog vor Eifer das Haupt beinah bis gegen die Ruderbank – da knirschte der Kiel auf dem Sand der Küste und aus dem Fahrzeug sprang vor Ungeduld voraus ins seichte Strandwasser, den Vorderbug nachziehend, der Ferge: ein Recke in gewaltigem Bärenfell und klirrender Schuppenbrünne. Im Winde flog sein weißer Rauschebart und, unter dem ehernen Eberhelme hervor, das weiße Haar. – »Björn!« jauchzte der Jüngling. »Harald! Mein König!« rief der Alte. Und die zwei Männer umfaßten sich mit seliger Freude und drückten sich an die Brust. Und da weinten beide und lachten dazu durcheinander und betasteten sich und sahen sich in die Augen; und dann lachten und weinten sie wieder. So achteten sie des Weibes nicht, das von hoch oben, von dem Kamm der Düne her, ihre Begegnung erschaut und einen Wehruf ausgestoßen hatte, wie ein gequältes Tier. Hoch mit beiden Händen in die Lüfte greifend, das Haupt in den Nacken geworfen, daß ihr schwarzes Haar ihr tief nachfloß, floh Ughlu, gerade hinausschreiend, landeinwärts. Aber der Wind vertrug ihren Schrei. – –   XVI. Nebeneinander saßen sie im Sande, Harald und Björn. Der Jüngling hatte seine – an Leiden so reiche, an Thatsachen so arme – Geschichte beendet. Aber doch nicht alles hatte er gesagt; er errötete wie ein Mädchen, als er auf Ughlus pflegende Hingebung zu sprechen kam. Und wie sie ihn – mit dem eigenen Leibe – gewärmt ... das verschwieg er. Und anderes; auch wie er den Alten mit der Dolchwunde gefunden. »Aber nun« – drängte er, »nun nochmal alles: genau – von der Heimat! – Oh, ich Seliger – ich werde sie wiederschauen. Dank dir, du Treuer – dir, dir dank ich das Leben, das wahre. Nicht der Finnin: denn hier atmen: – das ist nicht Leben: – das ist ärger als der Tod. Dir – deiner Treue dank ich alles! Also mein hoher Vater – König Harskiöld starb? Und sie – ich meine ...« – »Haralda meinst du? Muß ich's denn alles nochmal sagen?« – »Ja, alles nochmal. Es thut so wohl, da drinnen, in der Brust! – daß sie mich nicht vergessen haben! Also alle meine vier Schiffe ...?« »Verschollen! – Geraume Zeit nach deiner Abfahrt kam aus Helsingaland mahnende Frage, warum du säumest, zu helfen? Da erkannten wir, daß du und deine Segelbrüder von jenem furchtbaren Weststurm, der so viele Schiffe zerstört hatte, verschlagen warest. Sofort sandte dein Vater mich und viele andere aus auf allerlei Fahrzeugen, in allen Fjorden, in allen Häfen und Buchten zu suchen nach dir. Wir alle kamen zurück – ohne Nachricht. Ich ruhte nicht. Noch dreimal fuhr ich aus, die fernsten Küsten und Eilande lief ich an: durch den Sachsmänner-Sund bis zur Insel Hibernia, ja bis Thule trieb mich das Herz. Nirgends eine Spur! Auch in die Nähe dieses schmalen Eilands kam ich einmal, das, wie treibender Tang, kaum sichtbar aus der Wasserfläche ragt; da weigerten die Ruderer weitere Fahrt: nur böse Geister, finnische, sagten sie, wohnten hinter jenen immer umbrandeten schwarzen Klippen: Menschen könnten da ihr Leben nicht fristen. So kehrte ich endlich heim. Aber keine Stunde verrann mir des Tages und der Nacht, daß ich nicht deiner gedachte, von dir träumte. Ich und dein Vater. Der grämte sich vor Sehnsucht nach dir, seines Alters Stütze, seines Reiches einzige Hoffnung. Das Sehnen nagte an dem Leben des alten Helden.« »Mein Vater!« – »Und als nun seine Schwester, Frau Königin Harhild und ihre Tochter ...« – »Haralda! Ist sie recht schön? So recht arg schön?« – »So schritt Frigga in bräutlichem Glanz an Odhins Lager! – Als nun Schwester und Niftel, vertrieben aus ihrem Lande von den Übeln Kvän-Finnen, ...« – »Wart' ich Werd' ihnen lohnen, hilflose Frauen bedrängen!« – »Zu uns flüchteten, Schutz und Hilfe suchend, da raufte der Greis sein weißes Haar und klagte: »Wehe! weh! Ich kann den Speer nicht mehr schwingen und meinen Harald, den Helden, hält Ran mir gefangen!« »Nein, eine andere, die ihm heimlich die Rettung verbrennt!« grollte der Jüngling vor sich hin. »Und von Gram verzehrt siechte er hin: vor sechzig Nächten haben wir ihm, den Brandhaufen geschichtet. Aber die übermütigen Kvänen, pochend auf ihre Überzahl, ...« – »Ja, wie die schwarzen Ameisen wimmeln sie!« – »Von dem eroberten Helsingaland gen Süden vordringend bis an unsere Nordmark, drohen nun deinem verwaisten Reiche den Krieg: Schatzung verlangen sie von uns ...« »Ich will die Schatzung auf ihre Helme schmettern!« »Tausend Rinder und dreihundert Rosse. Und sind sie nicht geleistet bis zum Fall der Blätter, so wollen sie nicht Weib, nicht Kind bei uns verschonen.« Da sprang Harald auf: »Ich komme!« »Da rüstete ich nochmal meinen Drachen, dich zu suchen. Nur du kannst retten. Und ich eidete bei der Abfahrt allen Landgöttern: ›ich komme mit Harald wieder, oder gar nicht mehr‹. Und ich suchte Strand auf, Strand ab. Ganz gegen meinen Willen warf mich der Gewittersturm – Odhin, der Wegweiser zur See wie zu Land, hat ihn als Glückswind gesendet! – hierher an dieses Gestade. Ich hätte dich hier nie gesucht. Nun hab' ich dich, König Harald von Harjadal, nun komm, rette und räche.« »Ich komme!« wiederholte der Held freudig und hob die geballten Fäuste empor. »Dein Volk harret dein in Sehnsucht: – komm, spring ins Boot – dein Volk und Haralda.« Da zuckte der Jüngling heftig zusammen und wandte das Haupt zurück, der Düne zu. »Was hast du?« – »Nichts! Ich folge sogleich. Ich hole nur –« – »Was?« – »Sie.« – » Wen ?« – »Nun, sie – Ughlu – die Finnin.« – »Bist du von Sinnen? Das ekle Fischgeschöpf, – das üble Zauberweib?« – »Still! Ich danke ihr das Leben – dreifach. – Und danke ihr mehr! – Siehst du? – Da taucht sie auf. Dort, auf dem Kamm der Düne.« – »Das? Das ist ja eine schwarze Seebärin. Das ist kein Menschen« Weib!« – »Nicht doch, Björn. Folge mir: es ist die Zeit. Sie winkt zum Nachtmahl. Komm in die Hütte. Dort sag' ich ihr, daß sie sich rüste, mir zu folgen.« Und er schritt die Düne hinan. »Verhext ist er,« brummte der Alte und stapfte, widerwillig, gelehnt auf seinen Speer, den Sand hinauf. »Verzaubert durch finnischen Zauber!«   XVII. Mit feindlichen Blicken maßen sich Gast und Wirtin an der Schwelle des niedrigen Gezimmers: Björn grüßte nicht, sie drückte die Lippen fest zusammen. Harald in seiner Freude beachtete es nicht. »Ughlu!« rief er. – »Nein, laß! Ich kann jetzt an Speise nicht rühren! Bald – auf dem Schiffe – labt mich ja wieder Thors Gabe: das edle, das heilige Brot. – Ughlu, freue dich, endlich erlöst! Endlich! Rasch! Mache dich fertig. Wir fahren nach Harjadal, in die Heimat! Komm nur gleich, wie du gehst und stehst: hast ja nicht viel mitzunehmen an Schätzen,« lachte er. Aber das Lachen verging ihm, als er den Ausdruck ihrer Züge sah: das war tödlicher, versteinter Haß. »So? – Du gehst also?« Mehr brachte sie nicht hervor. »Ja doch! – Eile! Eile dich! Mein Vater starb vor Sehnsucht nach mir. Mein alter Waffenmeister – der Vieltreue! – hat mich endlich gefunden: sein Boot liegt am Westgestad. Der Feind bedroht mein Volk. Ich fliege zu ...« »Haralda,« gellte sie, wandte sich zu dem alten Hünen, der unwillig, staunend, auf sie herabsah und fragte mit heiser rauhem Ton: »sie ist dort? nicht?« – »Jawohl,« erwiderte der, sich noch höher aufrichtend in seinem riesigen Bärenfell: »sie ist dort, die schönste Jungfrau unter der Sonne: bald sein Weib!« – »Ich bin sein Weib!« Björn zuckte die breiten Achseln: »Wardst es wohl in jenem Sandloch, wohin kein Strahl des Lichtes drang, dich zu zeigen? Als der Sieche, der Willenlose, seiner Sinne nicht mächtig war? Seine Buhle wardst du in seinem Fieberwahn, nicht sein Weib. Wo ist der Muntwalt, der deine Hand vergab?« – »Tot, Erstochen ... von mir ... um Ihn zu retten!« – »Mörderin! Vom Blut der eignen Sippe befleckt! Scheusal!« rief Björn und trat schaudernd einen Schritt zurück. Harald erbleichte. »Mußtest du's sagen ? ... Ich wußt' es.« – »Wie? Du wußtest es? Wußtest, daß ich auch das für dich gethan? Und hast mich dennoch von dir gestoßen wie ein ekles Tier?« »Gerade deshalb ... deshalb zumeist. Mir graut vor dir.« – Da lachte sie schrill: »Hört es, ihr, seine Götter! Ihm graut vor mir. Vor seiner Retterin! Vor seiner treuen Ughlu –« »Höre, Weib,« rief Björn, »ich liebe – seit mehr als zwanzig Jahren – diesen Knaben da mehr als alles, was da lebt auf Erden. Aber lieber wüßt' ich ihn tot auf dem Grunde der See, als in deinen Armen, Finnweib. Ja, und ich will's auch nicht glauben, daß er – Freirs Enkel! – dich an seine Brust genommen, auch nur für einen Augenblick ...« »Frag ihn doch!« lachte sie. »Ohne scheußlichen Zauber! Vermischt sich der Adler mit der Kröte? Man weiß, welch' allbezwingende Tränke ihr braut, ihr götterverhaßtes Geschlecht!« – »Ja,« sprach sie mit einem furchtbaren Blick auf Harald – »zum Beispiel: allbezwingende Heilsalbe für Wunden mit Pfeilgift.« – Aber Björn fuhr grimmig fort: »Behext hast du den Schönen in deiner eklen Liebesgier. Aber wahrlich: wagst du es wirklich, ihm zu folgen: ich schwör's bei Asathor, der solch unrein Gezücht zerschmettert: Anklage erhebe ich gegen dich im Volksding von Harjadal: du wärest nicht das erste Zauberweib, das wir, samt ihrem Sud, im Sack ersäuft in der See.« »Getrost, Ughlu! Ich schütze dich, komm! Zu Schiff!« – »Geh. – Ich bleibe,« sprach sie tonlos und trat weit von ihm zurück in das Innere der Hütte. – »Was fällt dir ein?« – »Das Rechte,« rief Björn. »Wie? Willst du wirklich, dies Geschöpf an der Hand, in die Königshalle treten von Harjadal? Besudeln durch sie den Hochsitz deiner toten Mutter? Soll Haralda, die Reine, Eine Luft atmen mit dieser Zauberdirne, die dich zur Buhlschaft verführt hat in dunklem Erdloch? Laß sie hier, wohin sie gehört. Sie fühlt es selbst!« – »Unmöglich! Ganz allein ...?« – «Ich brauche keinen Menschen mehr auf Erden.« »Unsinn! – Folgst du mir nicht, so trag' ich dich ins Boot.« Und er schritt auf sie zu. »Zurück! Rühr' mich nicht an. Ich zerbeiße dir die Kehle.« Und sie fletschte die Zähne. »Siehst du jetzt die Seebärin?« lachte Björn breit und laut. »Und das – das! – wolltest du mitnehmen zu ...« – »Zu ihr!« sprach Ughlu eisig. – »Nein, du hast recht, Alter: sie und ich ... wir können nicht atmen nebeneinander.« »Komm, Ughlu! In Güte! Oder ich greife dich und trage dich auf Deck.« »Sobald das Schiff in See, spring' ich hinein. Laß mich, sag' ich. Geh! Umarme die Goldhaarige: – küsse ihren weißen Hals. Die Stunde kommt, da du meiner gedenkst. Du – und: Sie ! Fort mit dir, Fremdling. Diese Hütte ist mein: hinaus mit euch beiden!« »Komm, Harald, sie hat recht! Komm, komm!« Und er zerrte den Zögernden über die Schwelle. – »Ughlu – du willst es so? Leb wohl!« Und nochmal sich wendend rief er: »Hab' Dank! Sag auch mir: ›leb wohl‹.« Aber sie stand vor der Thür, stumm, hoch aufgerichtet, den rechten Arm emporgereckt gegen den dunkelnden Himmel, die Faust drohend geballt. * Bald darauf schoß das Boot von dem Strand auf das Drachenschiff zu, das draußen vor dem Klippengürtel vor Anker lag. Hoch ging noch immer die See. Die Brandung schlug donnernd gegen das schwarze Gezack. Harald drehte, am Steuer sitzend, der Küste den Rücken zu. So sah nur der Alte, der, das Gesicht der Insel zugewandt, die beiden Ruder führte, wie das Weib in atemloser Hast, flatternden Haares, die Düne herabrannte, sich, sowie es den Strand erreicht, in die wildschäumende Flut warf und nun mit äußerster Anstrengung dem rasch enteilenden Boote nachschwamm. Das schoß jetzt pfeilgeschwind davon: denn der Alte ruderte mit verdoppelter Macht. Und der Lärm der tosenden See übertönte ihre Stimme, wie sie, das Gesicht hoch aus den Wellen hebend, flehte: »Harald! Harald! Halt! O halt! Nimm mich mit. Laß mich ... nur wie deinen Hund ... zu deinen Füßen ... Nein! Nur neben deinem Hause ... Harald! Erbarmen! Nimm mich doch mit!« Aber donnernd rauschte die Brandung über sie dahin: die Kräfte verließen sie: eine mitleidige Woge faßte sie seitlings und rollte sie weit landeinwärts auf den Sand. Da erscholl von dem Deck des Drachenschiffes herab freudiges Rufen: die Männer von Harjadal hatten in dem Boot ihren jungen König erkannt.   XVIII. Und Jahre waren vergangen. Harald, von den Seinen in der Heimat mit Jubel empfangen und zum König gekoren, war sogleich ausgezogen wider die übermütigen Nordfinnen, die Kvänen: zu Wasser und zu Lande hatte er sie geschlagen, ihrem Fürsten Sampsa Pellerwoinen, dem gefürchteten Messerwerfer und Zauberer, hatte er mit Einem Streiche Kronhelm und Schädel gespalten, alle Gaue König Hâkos in Helsingaland von den schlimmen Feinden zurückgewonnen für die Witwe, Frau Harhild. Dann hatte er gar bald den Brautlauf gehalten um schön Haralda und diese als seine Königin auf den Hochsitz geführt in die Halle seiner Väter. Und die Skalden, die alle Lande durchziehen, sagten und sangen, nirgend und nie hätten sie ein Paar gesehen, so schön und dabei so ganz zusammengehörig, wie Harald und Haralda. Standen sie nebeneinander, so war die Hochragende kaum um des kleinen Fingers Breite kürzer als ihr Gemahl; und kaum merklich war noch lichter als das seine ihr Goldhaar, das ihr, gelöst, in kleinwelligem Geriesel bis an die Knöchel flutete. Auch die gefürchteten Wikinger, dänische und norwegische Seeräuber, die lange diese Lande heimgesucht hatten, scheuchte Harald so kräftig von seinen Küsten, daß sich kein Raubsegel mehr in die Nähe wagte. Aber nicht nur das Schwert schwang er gewaltig und sieghaft, der junge Herrscher von Harjadal: – auch den Königsstab führte er weise, gerecht und milde. Er schützte überall die kleinen Freibauern gegen Druck und Übermut der Vornehmen. Er schirmte das Landrecht, und König Haralds Königsfrieden wagte auch der trotzigste Jarl nicht zu brechen. Wann er seinen Schild aufgehangen hatte an hohem Speer, staunte alles Volk, wie trefflich er das Ding hegte. Die Skalden sangen und sagten, man könne goldene Armringe auf die Heerstraße legen in Harjadal und sicher sein, sie nach Jahr und Tag unberührt wiederzufinden: so ehrfürchtig scheute man König Haralds Recht und Banngebot. Und als die junge Königin ihrem Gemahl das erste Kind – einen starken Knaben – geboren hatte, da erblühte sie noch viel schöner als zuvor. Und als bei dem Fest der Namengebung um Mitternacht die Gäste die Halle geräumt und die Schlafsäle aufgesucht hatten, da schritten die beiden Gatten Hand in Hand von der Schildwiege hinweg, traten vor das Thor der Königsburg hinaus an den Fjord, der hier in das Meer rauschte, und blickten empor zu den schweigend leuchtenden Sternen. Und Harald sprach, den Arm um sein herrliches Weib schlingend: »Schaut her, all' ihr Sterne! Noch nie, seit ihr herunterblickt auf die Menschen-Erde, habt ihr solch selig Glück gesehen, wie meines.«   XIX. Aber noch vor Hahnenkraht fuhr der junge Gatte aus süßem Traum empor mit schrillem Schmerzensschrei: aufgebrochen war die Wunde am Fuß. Am nächsten Tage schon konnte er sich nicht mehr von dem Lager erheben: bald troffen schwarzes Blut, gelber Eiter reichlich aus der Wade: grimmige Schmerzen, wie von glühenden Pfeilen, schossen durch sein Gebein. Da ward der Jammer groß. Machtlos blieb der Königin treue unermüdliche Pflege. Ratlos standen die Heilkundigen aller Gaue um das Schmerzenlager des Siechen. Die Sorge, die schlummerlosen Nächte zehrten an Haralda. »Die Blüte deiner Wangen welkt dahin – um meinetwillen!« klagte er, zärtlich über das bleiche Antlitz streichend mit der Hand. Schwächer und schwächer ward der Kranke: das Fieber schüttelte den abgemagerten Leib. Nur wann sie ihren Knaben säugte, verließ Haralda ihre Stelle an des Gatten Pfühl. Dann trat Björn, der Alte, für sie ein. Und der grimme Recke mühte sich in der Pflege wie ein zartes Weib. Eines Tages, in dem Dämmer der Frühe, raunte der Treue leise in seinen langen weißen Rauschebart: »Oh, ihr Götter! Auch du Freir! Wie ohnmächtig müßt ihr sein, daß ihr nicht helfen könnt! Schämt euch! Ach, ist denn kein Wesen im Himmel und auf Erden, und in allen neun Welten, das ihm helfen kann?« Da erschrak er: der Kranke, der mit geschlossenen Augen vor ihm lag, hatte nicht geschlummert: »Doch, Björn!« brachte er mit schwacher Stimme hervor. Nun hob er das Haupt von dem Eiderdaunenkissen, – wie schwer ward ihm das! – schaute rings in dem Gemach umher und, nachdem er sich überzeugt, daß er mit dem Alten allein war, fuhr er fort: »Ein Wesen lebt: ... das ... kann mich retten.« Mit leuchtendem Blick sprang Björn auf: »Wer?« – »Sie.« – »Wer? Wer?« – »Ughlu!« – »Die? Weh und Fluch über sie!« – »Nein: Heil und Dank! – Hast du vergessen ...? Hab' ich dir's nicht erzählt? Nur sie kann die Salbe ... immer frisch bereitet muß sie sein ...! Ihre Salbe hilft. Wenn jemand hinsegelte ... vielleicht du ...« »Ich bringe sie! Lebendig oder tot!« Ungestüm wandte sich der Hüne zur Thüre. »Halt, Halt!« rief der Sieche mit aller Kraft der Stimme, die er aufzubringen vermochte. Björn blieb zögernd stehen. »Hierher! ... An meine Seite ... ganz dicht! ... Soll durch mich noch mehr Unheil kommen über die Unselige? ... Häufe nicht noch schwerere Schuld gegen sie auf mich! – Hier – lege die Hand auf mein Herz und schwöre: dein König befiehlt: ›keine Gewalt gegen Leben, Leib, Freiheit der Finnin‹: schwöre!« »Ich schwöre,« sprach der Alte grollend. – »Wie matt sein Herz schlägt! Ich eile!«   XX. Viele Tage vergingen dem Kranken und schlummerlose Nächte. Allzuviele, däuchte ihm; denn er fühlte, wie die Kräfte ihm rasch und rascher schmolzen; seufzend meinte er, Björn könnte doch lange schon zurück sein. Und schmerzlicher noch harrend sah Haralda immer wieder aus nach der Mündung des Fjords in die See von dem turmähnlichen Hochgemach an der Südecke der Königsburg: müden Schrittes, gebeugt von tödlichem Weh, wankte sie nach solch vergeblicher Ausschau die vielen steilen Stufen herab; doch bevor sie den Vorhang des Schlafgemaches zurückschlug und eintrat, richtete sie das schöne Haupt stolz auf und versuchte ein mattes Lächeln. »Noch nicht, mein Harald,« sprach sie eines Tages an sein Lager zurückkehrend. »Aber nun gewiß bald. Nach allem, was du mir von ... von jenem Weibe gesagt, hat sie dich doch geliebt: ... nach ihrer dumpfen Art, freilich: ... Wie etwa die junge Bärin, die du gefunden, aufgezogen und gezähmt und die dir nun nachlief auf Schritt und Tritt und dir so gern die Hände leckte ...« »Ja, bis sie einmal eifersüchtig ward, da ich ihrer nicht achtete und dich liebkoste: erwürgt hätte sie mich mit ihren umarmenden Pranken, schlug nicht – gerade noch zu rechter Zeit – Björn sie tot. Nein! du Süße, du Herrliche! Ich hab' es aufgegeben. Sie kommen zu spät. Laß es gut sein! Alles muß ja einmal enden. Freilich: ... nur gar so kurz hat's gewährt, das berauschende Glück an deiner Seite. Und jetzt sterben – in der Volllust der Sommerzeit – das grüne Laub der Eschen wogt im lauen Wind – die Schwalben schwirren lebensselig am Fenster vorbei: ... Ach, nur Ein Jahr noch länger – ein gesundes! – – Aber es kann uns doch nie wieder entrissen werden: wir hatten uns, wir waren selig. Das ist ewig. – O laß mich noch einmal die müden, die brennenden Augen weiden an deiner ganzen Schöne: ... zum Abschied! Leb wohl, du goldwellig Haar: – nur noch einmal laß dich streicheln, du liebes Geriesel! Und ihr weißen, weichen, wonnigen Arme! Du liebe, zarte, treue Hand! Und die sanften Augen voll Himmelsbläue: ihr sollt der letzte Lichtstrahl sein, den ich gierig sauge: dann – Hel ... und die ew'ge Nacht!« »Nein, Geliebter, du sollst, du darfst mir nicht sterben! Du mußt ... Horch! was war das? Des Burgwächters Ruf vom Turm herab! Zwei Hornstöße! Ein dritter! Dies Zeichen ward zwischen uns beredet. Björns Drache ist gelandet!« Sie eilte an den Fensterbogen. »Sieh, schon reitet vom Fjord der Strandwart herauf das Gestade. Wie rast sein Rappe den Dünenhügel hinan! Und hinter sich trägt er im Sattel ...« »Wen? Sie? Sie? Ughlu?« Der Kranke stützte sich müheschwer auf den Ellbogen und beugte das Haupt vor nach dem Fenster. »Ich kann's noch nicht erkennen: sein Mantel verdeckt die zweite Gestalt. Jetzt ..., jetzt seh' ich ...« – »Ughlu! Die Retterin! Ah, Dank, Freir und all' ihr Götter!« – »Nein! Es ist ein Mann ... sie springen ab: ..., es ist Björn.« – »Allein? Ohne sie? Ach, wie gern hätt' ich doch noch gelebt!« Und wehevoll stöhnend sank er zurück und barg das Haupt in den Kissen. * »Björn!« rief die Königin und flog dem Eintretenden entgegen. »Du kommst allein?« »Ja.« – »Ist sie ... ist ... das Geschöpf tot?« – »Nein.« – »Sie lebt! – Warum kam sie nicht?« – »Weil sie nicht wollte.« – »Sie wollte nicht?« rief die Königin außer sich. »Was sagte sie?« – »Sie sagte: Laß doch Haralda, sein Ehgemahl, ihn heilen.« – »Ah, das Scheusal!« rief sie und die sanften blauen Augen sprühten Blitze. »Warum hast du sie nicht hergeschleppt mit Gewalt?« – »Er hat's verboten. Auch erschlagen durft' ich das Untier nicht: – leider! Ich hab's geschworen: ... auf sein Herz. Oh Herr, mein teurer Herr!« Und der Riese brach an dem Bett zusammen. – »Ich hole sie,« rief Haralda, das Haupt in den Nacken werfend. »Ich habe nichts geschworen! Zu Schiff!« – »Es ist zu spät! ... Sieh her! ... Bleibe bei ihm und hilf ihm sterben!«   XXI. Wenige Tage darauf stand vor der Königsburg dicht an der Meeresküste der gewaltige Holzstoß aufgeschichtet für König Haralds Leichenbrand. Der Sonnenball, der langsam gegen die See hinabsank, schoß goldene Strahlen darauf. Trauernd hatten die Gefolgen den toten Helden in allen seinen Waffen auf seinem Schild aus dem Burgthor getragen und auf die oberste Schicht des Holzstoßes gelegt: Kränze von duftenden Kräutern – denn es war vor Sommersonnenwende – und zumal Gewinde von heiligem Gedörn, das den traurigen Toten zu eigen geweiht, waren um die langen Eichenscheite geflochten. Der Tod hatte die Spuren der Schmerzen getilgt aus dem edlen Gesicht: friedlich, wie verklärt, war das schöne Antlitz zu schauen: der Abendwind spielte liebkosend – wie zum Abschied – in dem lichten Haar, das in langen Wellen aus dem off'nen Adlerhelm auf die gepanzerten Schultern flutete. Zu seiner Rechten, hochaufgerichtet, in schwarzem Schleier und grauem Gewand, stand die junge Königswitwe, ihren Knaben auf dem Arm: sie starrte auf den Toten, ohne Thränen: – sie hatte keine mehr. »Schau ihn an, Harmuth, mein Sohn,« sprach sie, »das war dein Vater. Werde herrlich wie er.« Das Kind streckte beide Händchen aus nach dem Glanze der Königswaffen, die im Licht der Abendsonne funkelten wie eitel Gold und Feuer. Sie selbst, die Sonne, schien mit diesen Strahlen plötzlich den Holzstoß entzündet zu haben. Aber es war Björn gewesen, der, zur Linken stehend, die Fackel in die trocknen Späne unter dem Schilde stieß. Sofort hoch auf flammte die Lohe. Und alsbald legte sich der weiße Rauch der auserlesenen Hölzer und Gedörne, rasch verhüllend, über die Leiche wie ein weißes Bahrtuch und zog dann, von dem Hauche des Seewinds getragen, in einer hohen Wolke über das schweigende, das verwaiste Königshaus dahin. Da erscholl, feierlich, ergreifend in der trauervollen Stille, helltöniger Harfenklang: ein Wanderskalde, der oft gastliche Aufnahme gefunden bei dem liedfrohen König, griff in die Saiten und hob zu singen an: und die Männer umher wiederholten im Rundgesang die letzten Zeilen: »Harald, hoher Held, Dir folgt der Deinigen Dank! Die Feinde fälltest du, Falsche Finnen, Mit geschwungenem Schwert. Die Freunde erfreutest du, Freirs freudiger Sproß, Mit mildem Mut. Recht richtetest du, Festigtest Frieden. Hohl, o Herr, hieltst du die Hand Und offen entgegen den Armen, Nicht kargend kehrtest die Knöchel Der Faust du den Fremdlingen zu. Gabengütig, ein Gebegern, Warst du wegfährtigem Wandrer. Ach, jäh, in jauchzender Jugend, Wie der blühende Baldur, Erbleichtest du bald. Doch es dauert dir der Dank Und reicher Ruhm, rauschend Weithin über die Welt. Und an deinem hohen Hügel, Held Harald, Wird weinend weilen Und sinnend und seufzend Sitzen die Sehnsucht.« Da, während aller Augen dem Scheiterhaufen zugewandt waren und alle Hörer dem Totengesang, der Haralds-Drapa, lauschten, kreischte von dem nahen Gestade her ein schriller, gellender Schrei. Die der Küste Nächsten in dem äußersten Halbkreis der Trauernden sahen, sich wendend, ein winziges, ein elendes Fahrzeug, das kaum fingerbreit über den Wasserspiegel ragte, anschießen auf den feuchten Sand des Fjords. Heraus sprang, die dünnen Ruderstangen fallen lassend, ein Weib. Atemlos lief das sofort hügelaufwärts auf den flammenden Holzstoß zu: sie rannte, daß ihr langes, schwarzes Wirrhaar weit hinter ihr nachflatterte; die Rechte streckte sie vor, die Reihen der Männer, welche sie nun erreicht hatte, zu zerteilen; die Linke drückte einen Thonkrug an die Brust. »Laßt mich durch! Laßt mich zu ihm! Hier ... hier ist die Salbe. Ich rette ihn!« Staunend wich das Volk zur Seite. Schon stand sie vor dem Brandhaufen. Ein Windstoß von der See her teilte das weiße Qualmgewölk: voll sichtbar ward einen Augenblick der Tote. »Ah! zu spät!« schrie das Weib. Wie blitzgetroffen stürzte es auf das Antlitz nieder; krachend zerbrach der irdene Krug. »Ughlu!« grollte Björn, trat herzu und stieß mit dem Fuß an ihr Knie. »Ich glaube, das Neidweib ist tot.« »Das ist ...? Das ist ... das Geschöpf?« sprach die Königin von weitem. »Wie kam sie her?« staunte der Alte, wandte sich und sah nach dem Fjorde hin. »Bei Freir und allen Göttern! Auf ihrer Nußschale! Das Unmögliche – sie hat's gewagt. Sie ist tot,« wiederholte er, sich bückend. »Werft das Meerweib zurück ins Meer.« – »Nein!« schrie Ughlu aufschnellend, »noch nicht tot. Ich muß sehen ... sie sehen ... Wo ist ...?« Nun traf ihr umhersuchender Blick Haralda: »Das? ... Nein! Das ist kein irdisch Weib! Das ist – so beschrieb sie der Skalde der Mutter – Frigga die Göttin. O Königin von Asgardh, stiegst du nieder, ihn hinaufzuholen? Ach weck' ihn auf – nur auf Einen Augenblick ... Dann heil' ich ihn.« Und sie warf sich wieder zur Erde und rutschte auf den Knieen, beide Hände flehend vorgestreckt, auf Haralda zu. Diese aber wich zurück vor ihr, von Abscheu erfaßt, die Rechte wie zur Abwehr erhoben. »Rühr' sie nicht an, Sudhexe!« rief Björn, sie an der Schulter emporreißend. »Nicht an den Saum ihres Gewandes! Denn das ist Haralda, seine Königin.« – »O wie schön!« hauchte die Finnin, mit offnem Munde sie anstaunend. »Verfluchte Zauberdirne!« zürnte der Alte. »Versagen dir jetzt deine Künste vor so viel Herrlichkeit und so viel Weh? Hinweg mit dir! Du wolltest ihn ja sterben wissen! Du sollst dich nicht weiden an dem Anblick deines Sieges. Fort! Oder unsere Hunde sollen dich zerreißen. Hier ist deine Stelle nicht, Mörderin!« – »Du hast recht,« wimmerte sie kläglich, »ich habe ihn gemordet: denn ich konnte ihn retten! Ja, ich habe ihn in diese Flammen gestürzt. Wohlan: ich teile sie. Harald, Harald, vergieb mir! Ich komme.« Und den Kopf in den Nacken werfend, beide Arme starr gen Himmel gereckt, warf sie sich in hohem Sprung in die Gluten, die, rot aufprasselnd, über ihr zusammenschlugen. Ein Schrei des Staunens, des Entsetzens fuhr aus aller Mund. »O die Beneidenswerte!« rief Haralda hinzueilend. »Dürft' ich ihr folgen!« »Nein, Frau Königin von Harjadal,« sprach Björn fest, dicht an sie herantretend, »das darfst du nicht. Du und ich – wir müssen diesen Knaben da heranziehen zu einem Helden, – seiner wert.« Mit sanfter Gewalt löste er das Kind von ihrem Busen und zeigte es hocherhebend mit beiden Händen dem Volke. »Schaut her, ihr Männer von Harjadal! Seht eures toten Königs Erben! Wollt ihr mir helfen, dieses Kind beschützen, bis es herangewachsen ist, euch zu schützen mit dem Schild seines Rechts und dem Schwert seiner Kraft? Wollt ihr das?« »Das wollen wir!« antworteten die Männer und schlugen klirrend die Waffen zusammen. »Heil Harmodhr Haraldsohn, dem König von Harjadal!« »Hörst du?« sprach Björn, ihr den Säugling zurückreichend. »So muß es sein! Nicht sterben aus wilder Verzweiflung, leben aus heil'ger Pflicht, leben für dein Kind, – das nur ist deiner würdig. Denn das, o Königin, ist Weibesheldentum.«