Björnstjerne Björnson Thomas Rendalen Roman 1910 1. Das Gut und seine Bewohner. Vermutlich war das Gut entstanden, wie die meisten großen Besitzungen in allen Ländern und zu allen Zeiten: durch das Recht des Stärkeren; vielleicht durch mehr oder minder erzwungene Heiraten oder durch ehrlichen Kauf; vielleicht aber auch durch Überlistungen, Betrügereien und andere Niederträchtigkeiten; wir wissen es nicht mehr. Vor zweihundert Jahren war es ein sehr umfangreiches Besitztum. Der Haupthof lag damals, wie noch heutigen Tages, am waldbekleideten Bergeshang über der Stadt. Und die ganze Stadt kann man von dort überschauen, sowohl die Altstadt diesseit des Hafens wie die Neustadt drüben auf der Landzunge, die den Hafen gegen das Meer schützt. Doch liegt die Landzunge nicht offen vor dem Meere selbst: es befinden sich dort Inseln und Schären, und zwischen diesen Inseln und Schären haben sich zwei Einfahrtssunde gebildet. Dies alles und eine weite Meeresfläche überschaut man vom Gute aus. In noch weiterer Ferne gewahrt man rechts den Elv, der sich schäumend zwischen seinen Lehmufern in den Hafen stürzt. Einst gehörten der Elv und alle Anlagen an seiner Mündung zum Gute; ebenso der ganze Grund und Boden der Stadt, die Inseln und die Küstenstrecke. Dann weiter am Elv hinauf die untersten Gehöfte sowie die Waldungen. So war es vor zweihundert Jahren. Das Hauptgebäude des Gutes ist ein großes massives Haus, über welches ein kurzer, plumper Turm emporragt. An der rechten Seite hat es einen langen Flügel; der linke fehlt merkwürdigerweise. Hinter dem Hause liegen eine Menge alter, massiver Gebäude, die als Stallungen und Wohnungen für das Gesinde dienen. Von der großen, halbrunden Haupttreppe des Hauses führt eine ehrwürdige Allee bis zum Marktplatz. An beiden Seiten der Allee ist eine hohe Steinmauer aufgeführt, und auch diese zieht sich fast bis zum Markte; denn so weit reicht der Garten, den die Allee durchschneidet. Zu beiden Seiten der Gärten sowie zwischen diesen und der Stadt befinden sich offene Felder. Oberhalb der Häuser ziehen sich den Berg hinauf Laubwälder, worin jedoch die Nadelhölzer wieder ihren stillen Krieg begonnen haben. In alten Zeiten nämlich herrschte hier unumschränkt die Nadelwaldung. Wer hat diese großen Anlagen gemacht, diese ungeheuren Häuser gebaut? fragt jeder, der zum erstenmal die Häuser des Gutes und die Gärten erblickt. Es war vor mehr als zweihundert Jahren, so um 1660, als ein deutscher Schiffer namens Kurt zum erstenmal mit einem Schiff im Hafen einlief, das er dort neu bemalen und betakeln ließ; vermutlich, um es unkenntlich zu machen. Jetzt wissen wir, daß er wegen einer Gewalttat längst aus seinem Vaterlande vertrieben war und aus einer großen deutschen Fürstenfamilie stammte, die noch jetzt einen berühmten Namen trägt. Es hat keinen Zweck, ihn hier mitzuteilen. Er nannte sich nur mit seinem Vornamen Kurt. Noch hatte er sich nicht lange dort aufgehalten, als er um die Tochter und Erbin des Gutes freite; wobei er sich, wie aus dem Nachstehenden zu ersehen, keinerlei Zwang antat. Zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts hat ein alter Küster und Kantor »bei Sankt Marien« eine Beschreibung der Stadt und des Gutes verfaßt; und dieser Chronist schildert uns die Brautwerbung und das fernere Schicksal des deutschen Flüchtlings folgendermaßen: »Es war die wohlgeborene Jungfrau Ingeborg Klaustochter, um die er warb. Und sie versteckte sich auf dem Boden, im Keller und im Stall, auch lief sie wohl hinaus in Wald und Feld, so oft der riesenstarke ausländische Schiffer Kurt auf die Freierei kam; denn dann war er gewöhnlich betrunken. Der wohlgeborene Herr Klaus Matthiassohn mußte ihm Bier aus seinem Keller holen und ihm ferner vorsetzen, was jenem zu begehren beliebte, und hernach schlug Kurt ihn fast zuschanden, wenn Herr Klaus das Jungfräulein ihm nicht zur Zwiesprache herbeischaffen konnte, und jagte auf dem Hofe hinter allem her, was Leben hatte. Und er tat den Schwur, jedwedem den Hals umzudrehen, der sich erdreisten möchte, sie zu seinem Eheweib zu nehmen; desgleichen ihr selbst und ihrer Sippe, sofern sie einem andern, als ihm zu Willen sein sollte. Und den Hans Fürst am Markt – gegenüber der Sankta-Mariakirche – dem die Leute nachsagten, auch er gehe auf Freiersfüßen, suchte Kurt am Karfreitagmorgen, da Hans noch in seinem Bette lag, auf und schlug ihn dermaßen mit einem gewaltigen Prügel, daß Hans lange Zeit bloß eine blutige Masse war. Hans Fürst getraute sich nicht in der Stadt zu bleiben, wenn der Schiffer Kurt mit seinen Fahrzeugen kam, was von nun an recht häufig geschah. Imgleichen der Bürgermeister Herr Bernhard von Klüwer, der ihn zur Rechenschaft ziehen wollte. Kurt verankerte seine Schiffe just bei denen des Bürgermeisters; denn da hatte er zwei, sowie Kanonen und eine Bemannung, Und der Bürgermeister wagte es nicht mehr allein auszugehen und seines Amtes zu walten, sondern verließ die Stadt. So geschah es, daß diese wohl ein Jahr lang ohne Oberhaupt war. Aber dann ward ein Deutscher, der Kurt in allen Dingen zu Willen war, zum Bürgermeister gewählt. Der frühere bekam anderswo ein Amt. Es wurde allgemein von Kurt behauptet, daß er sein erstes Schiff durch Räuberei in der Nordsee bekommen. Später fuhr er mit zwei Schiffen, und die Leute hielten es für ausgemacht, daß er auch dieses sich einfach geraubt habe. Aber seine Schiffsleute ließen nichts darüber verlauten, und so ward er von niemand behelligt. Und also ging es zu, daß er die Hand des Edelfräuleins erhielt. Es kam ein Schreiberbursch von seiner hohen Exzellenz dem Statthalter Ulrich Friedrich Güldenlöwe mit einer Verfügung von dem Allergnädigsten, nunmehr hochselig im Herrn ruhenden König Friedrich III. an den edelgeborenen Klaus Matthiassohn auf dem Gute, sowie an den Rat und die Bürger der Stadt, daß sie es für den Schiffer Kurt, der von einem hochadligen Geschlecht in Deutschland abstamme, so einrichten sollten, daß er die wohlachtbare Ingeborg Klaustochter zu seinem ehelichen Gemahl erhalte, allen denen seine königliche Huld und absonderliche Gewogenheit verheißend, so Herrn Kurt hierin ohne Verzug zu Diensten wären. Da geschah des Königs Wille. Der Schreiberbursch aber war mit Sören Rasmussen seiner Jacht von Oslo (Christiania) gekommen und war ein Deutscher, der nur unvollkommen die dänische Sprache redete. Und dieser verlangte große Aufwartung, die ihm auch zuteil wurde, denn er ward auf dem Rathaus einquartiert und eingeladen, bis zur Hochzeit zu verbleiben und bis dahin bei unterschiedlichen Bürgern fürlieb zu nehmen. Die Hochzeit ward mit großem Pomp, aber unter vielen Tränen des Edelfräuleins Ingeborg, sowie ihres Vaters Klaus Matthiassohn gefeiert, denn dieser wußte, daß es nun mit seinen guten Tagen vorbei war. Aber am Hochzeitstage betrank sich Kurt, und da fiel er über den Schreiberbursch her, prügelte ihn und jagte ihn von der Tafel. Dieweil er nicht würdig sei, mit ehrenhaften Männern und deren Frauen zusammenzusitzen. Denn er war nicht Schreiber bei dem Statthalter, sondern ein vagabondierender Bader, der bei Kurts Schwager im Pommerschen Waldhüter gewesen. Aber der Bader flüchtete nach der Landzunge und um dort auf den nördlichen Holm, von wo er einem vorübersegelnden Schiffe zurief und an Bord stieg. Hiermit wäre die Hochzeit zu Ende, aber darum kümmerte sich Kurt wenig, denn nun hatte er die Braut. Und also ging es zu mit dem Betrug: Schiffer Kurt war in Oslo gewesen und hatte dort einen Holsteiner Georg von Bregentwedt, getroffen, der Rittmeister war und den Statthalter im Kriegshandwerk unterstützte. Und Georg von Bregentwedt und Kurt kannten einander von Deutschland her, und dieser Georg war ein großer Spitzbube mit vielen lustigen Einfällen, und so war er Kurt bei dem Schelmenstück mit dem Königsbrief behilflich. Der Bader aber mußte ihn anfertigen. Der alte Klaus Matthiassohn reiste sofort hinunter nach Kopenhagen, um seine Sache dem König vorzutragen, bei welchem er auch dreimal Audienz hatte. Und der König geriet jedesmal in einen gewaltigen Zorn, muß aber die Klage über andern Staatssorgen wieder vergessen haben. Denn Kurt hatte Landsleute am Hofe. Inzwischen gingen die Gelder aus, mit denen Klaus Matthiassohn sich versehen, und Kurt hatte das Gut genommen und weigerte sich, ihm Geld zu schicken, wie er auch die bedrohte, so ihm helfen würden. Und da inzwischen Klaus von seiner Tochter einen heimlich mit einem Jachtschiffer geschickten Brief erhielt, daß sie nun bald Mutter würde, daß aber Kurt es mit anderen Weibern auf dem Gut und in der Stadt hielte, da achtete Klaus es seiner nicht mehr würdig, nach Hause zurückzukehren. Und niemand hat später wieder von ihm gehört. Klaus Matthiassohn war von dänischer Herkunft und ein braver Mann. Aber das Gut war dazumal eine außerordentlich große Besitzung mit vielen Gerechtsamen und Pertinenzien, wie auch dem Eigentumsrecht am Elv mehrere Meilen aufwärts. Denn alle Waldungen und Gehöfte gehörten damals zum Gute. Und Kurt legte in der Nähe des Flusses eine große Ziegelei an und rief viele Holländer ins Land. Ebenso errichtete er eine Schiffsbauerei, welche der Stadt großen Nutzen und Gewinn gebracht hat. Auch erbaute er eine höchst kunstvolle Sägemühle, wesgleichen man zuvor niemals gesehen. Und er reiste hinunter zum König, das war dazumal unser großmächtigster Erbfürst und Herr König Christian V., jetzt hochselig im Herrn ruhend, um mit Hilfe seiner mächtigen, fürnehmen Landsleute am Hofe in königliche Gunst und Gewogenheit zu kommen. Auch hatte er unterschiedliche Male Audienz und belustigte den König mit seiner großen Stärke wie auch mit seiner ganzen Person. In aller Untertänigkeit sagte er dem König, es sei ein altes Herkommen, daß der König, wenn er in die Gegend zu kommen geruhe, auf dem Gute einkehre. Zwei Könige hätten dort geschlafen, der hochselige König Christian IV. sogar zweimal. Und erwarte er in aller Untertänigkeit dieselbe Gnade. Und der König versagte sie nicht. Aber des Kurt Absicht dabei war, wieder in die adligen Rechte und Gerechtsame eingesetzt zu werden, die ihm in seinem Vaterlande aberkannt waren. Und er reiste wieder heim und beschloß in seinem Hochmut, das alte Haus auf dem Gute, wenn es schon in jeder Hinsicht ein ausgezeichnetes Haus war, groß und kostbar, niederzureißen und an dessen Stelle ein Schloß zu bauen, dem König zu Ehren, wenn er ins Land komme. Und er legte sofort Hand an. Aber da sein Sinn sich auf das Haus des Hans Fürst, gegenüber Sankta Maria am Markt, richtete, nämlich zu seiner Wohnstatt, während das neue Schloß gebaut wurde, so vertrieb er besagten Hans daraus, bis das Schloß unter Dach und Fach gebracht war. Das ging also zu. Er verbot den Matrosen und Handwerkern und Fischern, bei Hans Fürst irgendwelche Gerätschaften zu kaufen. Denn Kurt hatte von Anbeginn den gemeinen Mann auf seiner Seite. Liederliches Seevolk und seine Freunde sind ja nicht wie Landleute, sie halten es mit dem, der Macht über sie hat. Sie und ihre Vorfahren haben sich zu Wasser und zu Lande von jeher niederträchtig behandeln lassen. Sie gedeihen nicht, wenn sie nicht kommandiert, beschimpft und geprügelt werden und bei des Schiffers Lotterleben assistieren können. Aber zugleich übergab Kurt diesen Seeleuten und Handwerkern den Berg zur freien Bebauung, so viele dort nach allen Seiten Platz finden konnten. Des weitern billiges Bauholz, so daß es jetzt eine ganz weithin sichtbare Stadt ist. Und ganz oben auf der Spitze haben die Lotsen sich einen Auslug gebaut. Es mag dreist behauptet werden, daß ohne diese Vergunst gegen den gemeinen Mann Kurt und sein Geschlecht niemals so hätten regieren und wirtschaften können, wie es bis auf diesen Tag geschehen. Je ärgere Gewalttaten sie begingen, um so mehr stiegen sie in den Augen des gemeinen Mannes. Denn also ist seine Art. Und darum konnte es Kurt getrost unterlassen, wegen seiner Verbrechen Buße zu zahlen. Ja, er zahlte überhaupt niemals einem Menschen etwas bei seinen Lebzeiten! Noch gibt es in unserer Gegend ein Sprichwort, das die Leute gebrauchen, so jemand Buße verlangt: »Mit dem Tauende geb' ich dir Buße, du verdammter Bauer-Bonde!« Denn richtig hat er unsere Sprache nie gesprochen, und jeden Menschen, auf den er zornig wurde, nannte er einen Bauer-Bonde. In seinem Lande nämlich soll der Bauer in großer Verachtung stehen und kaum mehr als ein Tier gelten; er besitzt weder Haus noch Grund und Boden, sondern arbeitet nur für die Herrschaft, er und seine ganze Familie. Und davon kann er vor dem Tode nicht loskommen; ganz wie in Dänemark. Aber anbelangend besagten Hans Fürst, so hatte er nichts anderes als seinen Handel und mußte darum auf die andere Seite des Marktes ziehen, in des Siegfried Brandenburg altes Haus; in das zur Linken; denn er hatte zwei. Und darin wohnte er, bis Kurt sein Schloß bezog. So wie dieses jetzt ist, hat Kurt nicht das Ganze gebaut. Er hat nicht den großen rechten Flügel erbaut und nicht die großen Wirtschaftsgebäude. Auch die große Gartenmauer zu beiden Seiten hat er nicht aufführen lassen; das hat sein Sohn getan. Aber das große Haus mit der prachtvollen Treppe und dem Turm hat er gebaut, ebenso die Allee angelegt zwischen den beiden Mauern; denn früher war dort nur ein Weg, und der war nicht der gerade, sondern führte rechts um den Garten herum, wie man noch jetzt sehen kann. Desgleichen sind die Bäume zu beiden Seiten dieser großen Allee samt und sonders von Kurt selbst gepflanzt; denn in diesen Dingen hatte er eine glückliche Hand, was er wohl wußte. Und auch der größte Teil des Gartens, den man jetzt zu beiden Seiten des Gutes erblickt, ist von ihm angelegt, und er ließ gar viele neue und kostbare Bäume setzen und Pflanzen und Blumen aus Holland kommen, an denen seine gemütskranke Ehefrau ihre Freude hatte, wenn sie frei umhergehen durfte; denn sie war eine große Blumenfreundin. Auch das Innere des Schlosses rührt zumeist nicht von Kurt her; denn was er darin einrichtete, machte sein Sohn, Herr Adler, wieder anders; denn so nannte er ihn nach dem großen Seehelden Kurt Adler. (Es war eine Art Scherz von Kurt, daß er des Admirals Namen umkehrte und seinen Sohn Adler nannte.) Das königliche Bett aber und die übrigen Mobilien in der Königskammer, die noch jetzt gezeigt wird, die waren auch nicht von Kurt. Was dieser dazu angeschafft hatte, steht jetzt in dem zweiten Zimmer vom Eingang links; in dem Bett schlief Herr Adler selbst. Dort stehen auch die Mobilien. Aber für die Königskammer schaffte Herr Adler alles neu aus Holland an, indem er selbst mit seinen Schiffen von Kopenhagen dorthin reiste und es mitbrachte. Das war dazumal, als er die Tapeten kaufte, welche jetzt in der Königskammer neben seinem Schlafgemach hängen, sowie auch die große Karosse, von welcher wir später handeln werden. Dagegen stammen sämtliche Schildereien in der güldnen Kammer aus Kurts Zeit. Die in dem Rittersaal sind kopieret nach denen Originalen in seiner Väter Schloß und stellen seine Ahnherren und Ahnfrauen vor. Ich habe ganz vergessen zu erzählen von dem Turm, der nicht vollendet wurde, sowie auch, aus wes Ursache nicht. Derjenige, welcher von Anfang an dem Bau vorstand, war ein Meister aus Lübeck. Und er ward des Unternehmens überdrüssig, so oft er Geld verlangen mußte, und reiste heimlich fort. Herr Kurt setzte ihm nach auf einem schnellsegelnden Schiffe, das einem Dänen gehörte, der gerade im Hafen lag; aber er holte den Baumeister nicht ein. Der war aus Holstein oder da herum. Kurt hatte dazumal ein Frauenzimmer von großer Schönheit bei sich. Sie war eines vlamländischen Schiffers Weib, das Kurt zu sich gelockt hatte und das er nicht wieder auslieferte, so daß der Schiffer ohne sie weiterfahren mußte. Zu dieser faßte der Baumeister große Liebe und sie zu ihm. Da malträtierte Herr Kurt sie beide in schrecklicher Weise und ließ sie nackt hinunter auf den Markt jagen. Dann entflohen sie mit einem Boote. Der Baumeister war ganz zuschanden geschlagen. Ich weiß nicht, was ferner aus ihm und dem Schifferweib geworden. Da ließ Kurt den Turm liegen, der sehr schwer zu bauen war. Und es ging die Rede, daß der König im Sommer kommen wolle, und so ließ er das breite Dach darüber bauen und mit Ziegelsteinen bedecken. So steht der Turm noch heutzutage, denn niemand hat seitdem wieder daran gerührt. Kurt hatte sich in außerordentliche Kosten gestürzt wegen der großen Ehre, den König unter seinem Dach zu sehen. Damals war noch das ganze Gut beisammen. Zu jener Zeit waren die Anhöhen zu beiden Seiten des Elv und der Talgrund, soweit das Auge reichte, mit Nadelwaldung bedeckt. Desgleichen die Inseln. Das ward später anders, als die Kaufleute die Waldungen als Faustpfand nahmen. Aber diese Verpfändung begann schon zu Kurts Lebzeiten. Nunmehr ist noch von Kurts übrigem Leben zu berichten. Zunächst, daß seine Frau von früh auf gemütskrank war. Sie war ein außerordentlich feines Geschöpf und mochte ihn, wie er war, nicht leiden. Da ward sie eingesperrt. Noch jetzt kann man in der Kammer zur Linken Spuren und Zeichen vor der Tür von ihr sehen, da wo sie hinaus wollte und nicht konnte. Ebenso kann man noch Merkmale an den Eisenstangen vor dem Fenster sehen, welche Kurt einsetzen ließ, als sie einmal hinunter in den Garten gesprungen war und großen Schaden genommen hatte. Als das Schloß nach Kurts Tode allen offen stand und seine Söhne im Auslande waren, da konnten wir sehen, was sie ringsherum an die Wände geschrieben. Denn Kurt achtete dessen nicht und auch diejenigen nicht, so das Gut während der Minderjährigkeit und Abwesenheit der Knaben verwalteten. Aber die Söhne ließen die Wände abwaschen. Auch ich sah die Inschriften, da ich als Studiosus hierher in die Stadt kam. Es waren zumeist Gesangbuchverse; aber auch Klagen und artige Einfälle, die mich wegen ihrer Treuherzigkeit rührten. So ein Spruch auf eine Himbeere, welche erfroren. Das ist der lieblichste Anblick der Natur, schrieb sie, und dessen habe ich später oft gedenken müssen. Aber eine Historie muß ich berichten, welche sich zutrug, als sie gesund war und mit Meneer van Geelmuyden, Herrn Kurts besonderem Freunde, einem gespaßigen Mann, zu Tische saß. Plötzlich überkam sie wieder die Tollheit und sie warf ihr Messer nach Kurt und sagte, heut habe ihr jemand gesagt, Kurt habe hundert Kinder in der Stadt herumlaufen. Da äußerte Meneer van Geelmuyden launig: »Hochverehrte Frau Ingeborg, von dem, was böse Menschen sagen, darf man nie mehr als die Hälfte glauben.« Da lachten Kurt und alle seine Gäste über alle Maßen, und wegen dieses Wortes beschenkte Herr Kurt Meneer van Geelmuyden, auf den er auch sonst großes Fidutz setzte, mit dem Hause am Bommen, das mit dem fast zwei Ellen weit überbauten zweiten Stock neben dem Hause des Bürgermeisters liegt. Zum Gedächtnis an jenen pikanten Ausspruch ward das Haus bon mot genannt, woraus das gemeine Volk Bommen gemacht hat, und so heißt jetzt die ganze Straße. Wohl niemals leerten sie auf dem Gute die Gruben, ohne daß Kinderleichen darin gefunden wurden. Denn er lebte ein Lotterleben mit seinen Dienstmädchen und den Weibern, die er in sein Haus lockte. Als der nunmehr selig im Herrn entschlafene Bischof von Christiansand, der hochehrwürdige Magister Jersin, auf seiner Visitatsreise kurz vor dem Tode des Kurt die Stadt besuchen wollte, und Kurt das zu Ohren kam, erbat er sich vom Bischof die Gnade, ihn während seines hiesigen Aufenthalts zu beherbergen und zu bewirten, was der Bischof auch nicht abschlug. Da fuhr ihm Kurt mit einem seiner Schiffe entgegen und nahm den Stadtpfarrer und den Rat und des Königs treue Diener und viele Bürger mit sich und veranstaltete dem Bischof zu Ehren an Bord eine große Gasterei. Und alle kamen sie in einem solchen Zustande an Land, daß es ein großes Spektakulum war. Kurt führte den Bischof, und als sie an die Prachttreppe am Schloß gekommen waren und hinaufgehen wollten, da wendete der Bischof sich um und sagte so laut, daß alle es hörten, das sei die größte Treppe, die er hierzulande gesehen. Darauf antwortete Kurt: »Diese Treppe, bischöfliche Gnaden, hat noch eine andere Eigenschaft; es sind nämlich mehr Jungfrauen hinauf- als hinabgestiegen,« Ich habe dies von einem, der damals noch jung war, aber mit dem Willkommsbier auf der Treppe stand, um es Herrn Kurt zu geben, der dem Bischof zutrank und ihm dann den Krug überreichte. Aber der auf der Treppe stand, war der spätere Ratsherr Niels Ingebrechtsohn, der dazumal bei Kurt Schreiber war; dieser erzählte es. Und nun von dem Tode des Kurt. Damit ging es also: Es war ein Bauer in die Stadt gekommen mit Weib und Tochter, und wenngleich eine große Menge Bauern zu der Zeit in der Stadt war, so hatte doch noch niemand so schöne Leute gesehen, und davon wurde bei einem Gelage auf dem Gute erzählt. Absonderlich die Tochter ward sehr gepriesen. Da geschah es, daß am folgenden Tage der Bauer samt Weib und Tochter sich auf dem Schlosse einfanden, als Kurts geladene Gäste. Und dort wurden sie wie seine Leute traktieret und in allen Räumlichkeiten umhergeführt. Aber das Ende davon war, daß unterschiedliche von Kurts Leuten dazukamen und die Tochter vom Vater getrennt und vergewaltigt wurde. Sie war über alle Maßen erbittert und bat den Vater eine große Buße zu verlangen. Und das tat der Vater; aber Kurt kehrte sich an nichts. Da führte der Bauer Klage bei des Königs Vogt, der ihm den Rat gab, sich das gefallen zu lassen; sintemalen noch kein Mensch Buße von Kurt erlangt, weil er die ganze höhere Obrigkeit auf seiner Seite habe, die geistliche, militärische und weltliche, sowie auch viele Patrone an des Königs Hof. Und dazu könne Kurt ganz sicher auf den gemeinen Mann hier in der Stadt bauen. Aber der Bauer ging allein hinauf zu Kurt, und er traf ihn auf dem Hofe hinter dem Stall, und dort verlangte er wieder Buße. »Ich gebe dir Buße mit dem Tauende, du. verdammter Bauer-Bonde,« antwortete Kurt; das war seine gewöhnliche Rede. Da packte der Bauer Herrn Kurt und hob ihn wie ein Kind von der Erde und nahm sich seine Buße mit seinem Messer. Und es war niemand auf dem Hof als ein paar Frauenzimmer samt einem alten Stallknecht. Die standen da und sahen zu. Dann warf der Bauer Kurt auf den Düngerhaufen. Dort endete er sein Leben. Die Leute wollten es nicht sogleich glauben und kamen hinauf aufs Gut. Noch niemals zuvor hatte Kurt gegen irgend jemand verloren, und nun war er wie ein kleines hilfloses Kind gepackt worden. Und dann ging die Rede, der Gottseibeiuns selbst sei in der Stadt gewesen und habe das Strafgericht vollzogen. Und das wurde erhärtet dadurch, daß der Bauer später nicht zu finden war und auch niemand seinen Namen angeben konnte, weil niemand von den Bauern, die damals in der Stadt waren, ihn kannte. Aber die Bauern können schweigen, so daß dieses nicht feststeht. Wer es nun auch gewesen, so hatte Gott, der Allmächtige, sich offenbaret. Denn ohne seinen Willen fällt kein Sperling vom Dach. Er hat sich seine Wege zum voraus gezeichnet, und darum sollte der große Sünder dort auf dem Düngerhaufen sein Leben enden. Gottes Name sei hochgelobt in Ewigkeit, Amen! 2. Was sich auf dem Gute weiter begab. Kurts Söhne waren zu jener Zeit in Kopenhagen bei dem Magister Owe Gude. Mit diesem reisten sie auch später ins Ausland und hielten sich namentlich bei Kurts vornehmen Verwandten längere Zeit auf. Dann kam Adler nach Hause, um das Gut zu übernehmen. Aber Max blieb im Ausland und widmete sich, da er große Rednergaben besaß, der Gottesgelahrtheit. Herrn Adler bekam man in der Stadt nur sehr selten zu sehen, und niemals ging er darin promenieren, sondern ließ sich in einer Portechaise tragen, begleitet von Dienern in großer Livree. Ebenso war's auf dem Schloß; da stand der eine Diener dem andern im Wege, und alle gingen stets gekleidet wie zu einem Fest bei einem großen Fürsten. Herr Adler lebte ganz für sich, er hatte keinen Umgang mit den achtbaren Bürgern der Stadt, die in seinen Augen nichts waren. Nach und nach wurde Herr Adler über die Maßen dick und schwer von Körper, und nahm allerlei wunderliche Gewohnheiten an. So redete er niemals mit den Leuten, sondern hörte nur zu. Nachdem er einige Jahre hiergewesen und mit den vielen Geschäften, die von Thorbjörn Christoffersen tüchtig geleitet wurden, Glück gehabt, reiste Herr Adler nach Kopenhagen. Denn da weilte Christian V. hochseligen Angedenkens nicht mehr unter den Lebenden, sondern sein Sohn, unser allergnädigster König und Herr, Friedrich IV. (den Gott mit allen Tugenden zieren und schmücken möge!) war unser Landesvater geworden. Und vor diesem tat Herr Adler mit großer Mühe einen Kniefall und bat ihn, seines hochseligen Herrn Vaters allergnädigstes Versprechen gegen seinen Vater selig zu erfüllen, daß er nämlich geruhen möchte, in unsere Stadt zu kommen und unter seinem bescheidenen Dach zu schlafen, wenn er das erstemal Norwegen, wo alle seiner harrten, besuche. Und die heimliche Absicht dabei war, wie der König wohl merkte, daß Herrn Adler wieder der hohe Adelstitel verliehen werde, dessen sein Vater einst in seiner Jugend verlustig gegangen. Diese Bitte geruhte der König allergnädigst zu erhören. Da reiste Herr Adler sofort nach Holland; denn nun war nichts gut genug von dem, was der Vater geschaffen. Und von dieser Reise kam er heim mit der großen Karosse, die man hier zum erstenmal zu sehen bekam. Und der Kriegskommissar, Herr von Synnestwedt, meinte, es komme Herrn Adler nicht zu, in einer Karosse zu fahren, denn er sei keine Standesperson. Und so ward Klage angestellt. Da wurde es von Kopenhagen her zum erstenmal bekannt, daß die Kurts von sehr hohem Adel waren. Seit der Zeit fuhr er nie ohne Vorreiter und Jäger samt zween Lakaien hintenauf. Weshalb er auch vier Pferde haben mußte, der steilen Anhöhen wegen. Aber die Stadt schätzte es sich zur Ehre, daß sie einen Mann mit solchen Rechten in ihrer Mitte hatte. Aber Herr Adler hatte in Kopenhagen herausgefunden, daß in dem Schloß, das der König dort bewohnte, nicht seine Diener schliefen, sondern, wie recht und schicklich, nur er und seine hohe Familie. Wogegen die königliche Dienerschaft in einem Flügel wohnte. Darum geschah es, daß Herr Adler den großen rechten Flügel an das neue Haus fügen ließ. Dort sollte des Königs Aufwartung und Dienerschaft sich aufhalten, wie auch Herr Adler und seine Dienerschaft, wenn der König komme. Aber Thorbjörn Christoffersen, sein Vertrauter, weigerte sich entschieden, auch einen linken Flügel anzubauen und drohte ihn zu verlassen. Darum hat das Haus nur einen rechten Flügel. Auch den Turm zu vollenden, gelang Herrn Adler nicht. Denn um dieser großen Pracht willen waren viele Hypotheken auf das Gut genommen, und Thorbjörn Christoffersen konnte nicht die Zinsen zahlen, so daß einige der wertvollsten Grundstücke mit großem Verlust verkauft werden mußten. Ebenso wurden die Bauplätze in der Stadt an jeden, der zahlen konnte, verkauft. Damals war es, wo das Parzellieren des Gutes begann. Herrn Adlers jüngerer Bruder, der Geistliche Herr Max, war in allerlei Geschäften ein sehr erfahrener Mann, und so ging er Herrn Thorbjörn Christoffersen zur Hand. Und wenn ich mich jetzt anschicke, eine Schilderung des Herrn Max zu entwerfen, so bitte ich Gott, mich zu bewahren, daß ich mißgünstig urteile über den verstorbenen Mann, der mir in vielen Stücken Leids getan. Denn im selben Jahre war ich bei Sankt-Marien hier in der Stadt Küster und Kantor geworden; will aber nun hier nicht das kostbare Papier mit unserm Streite anfüllen, der den Becher, welcher nach Herrn Kurts Tode auf der Auktion gekauft war und durch Erbgang in meinen Besitz gekommen, betraf; oder mit dem Zank, der entstand, als ich an dem Tage infolge eines Trinkgelages unpäßlich war, die Predigt aus des Doktors Martinus Buch vorlesen wollte und Herr Max auf die Kanzel kam und mich niederschlug. Dies alles soll nunmehr, da er unter der Erde ruht, für mich vergessen sein. Also nicht darum geschieht es, daß ich die Wahrheit über ihn aufzeichne. Sondern auf daß die kommenden Geschlechter erfahren, wie wunderbar des Herrn Wege gewesen mit diesem Geschlecht. Auch daß es offenbar werde, wie diese Stadt vor allen anderen in Gottes Schutz stand, da er so sichtbarlich sie beschirmet, indem er ihre Quälgeister heimgesucht. Von dem Tage an, da Herr Max hierher kam, dominierte und regierte er seinen Bruder und alle auf dem Gute, wie auch die Kirche und alles was dazu gehörte und die ganze Stadt. Er war schlimmer als sein Vater, Herr Kurt, maßen er gelehrt war und mit großer Klugheit und Geschicklichkeit Menschen und Dinge drehen und wenden konnte. Auch auf der Kanzel war er ein gar gewaltiger Mann. Als das schreckliche Unglück geschah, daß die Sankta Maria-Kirche niederbrannte, entzündet durch den Blitz des Himmels, uns allen zum ewigen Gedächtnis, wie anderweitig in diesem Manuskriptum berichtet, da predigte Herr Max den ganzen Sommer über auf dem Markt von einer Erhöhung herab. Und da hörten sie ihn an der einen Seite durch die ganze Stadt hin; da draußen im Hafen drängten sie sich auf den Fahrzeugen zusammen, und auch dort und in den Fenstern auf der Landzunge hörten ihn die Leute, doch konnten sie nicht die Worte unterscheiden. Ja, ein Schiff wurde hereinbugsiert, und der Schiffer hat es mir selbst berichtet, wie sie es alle draußen im nördlichen Sund vernahmen, und daß es ihnen von der Stadt her tönte, wie von einer Frau in Kindesnöten. Denn eine Mannesstimme tönt in großer Entfernung wie eine Weiberstimme. Darum muß zu des Herrn Max Lob und Ruhm gesagt werden, daß alle einen heiligen Schreck bekamen und zu seiner Zeit in die Kirche gingen. Und er duldete es auch nicht, daß einer draußen blieb. Er forschte nach ihm auf der Kanzel oder suchte ihn im Hause auf. Vor allem die gemeinen Leute waren ihm zugetan wie vordem seinem Vater. Denn er ließ sich oft herab, ihren Hochzeiten und Begräbnissen beizuwohnen und ihr Bier zu kosten, wie auch ihnen nützlichen Rat in allen ihren Angelegenheiten zu erteilen; war er doch gar sehr verständig und kannte sie alle, Mann und Weib, bei Namen. Und er unterwarf sich nach und nach die ganze Stadt, so daß in jenen Tagen niemand etwas erwarb, ohne davon dem Geistlichen zu spenden. Auch durfte nicht geschlachtet oder gebraut werden, ohne daß ihm davon zugeteilt wurde. Und konnte ihm der Arme nichts anderes schenken, so gab er Fische. Auch durfte in jener Zeit niemand, ob hoch oder niedrig, seine Tochter verheiraten oder in anderer Weise seine Lage verändern, ohne erst Herrn Max um seinen Rat anzugehen. Und wenn gute Gaben und andere Arten von Vergünstigungen insgeheim bei der Hand waren, so konnte mancher durch Herrn Max erlangen, was auf anderem Wege nicht zu erreichen war. Das weiß ich; denn ich erzähle, was ich weiß und nicht, was ich nicht weiß. Wer aber wider seinen Willen handelte, den konnte er verfolgen und quälen bei Tag und bei Nacht: ihn und sein Haus und sein Geschlecht, sowohl durch die Obrigkeit, die weltliche und militärische, wie auch durch Freunde und Freundesfreunde, bis hinunter nach Kopenhagen. Wie der Karl Brandenburg am Markt erfahren mußte. Der hatte eine Tochter Christiane, die war stolzen Sinnes, aber schön. Da Herrn Maxens erstes Ehegespons gestorben, begehrte er sofort Christiane zur Gattin. Aber sie wollte nicht und der Vater fügte sich ihr in diesem Stück, wenn er schon große Furcht hegte. Da ward Karl Brandenburg angeklagt, mit ungesetzlichen Dingen zu handeln; dann wegen falschen Maßes und Gewichts; und endlich, daß er Gott gelästert. Von der letzten Anklage befreite ihn der Tod. Dann kam der Sohn heim aus Frankreich; der ward in den Kriegsdienst geschickt und kein Mensch hat später wieder von ihm vernommen. Als die Obrigkeit wider Karl Brandenburg vorging, war er der reichste Mann der Stadt. Aber als er starb, besaß die Tochter nur noch so viel, daß sie sich bei einem Bauern auf dem Lande verdingen konnte. Da lebt sie noch jetzt. Gar manche ähnliche Dinge geschahen, so daß niemand es wagte, sich wider Herrn Max aufzulehnen. Aber mitunter kam dies auch der Stadt zugute, so daß niemand zu der Zeit einen Prozeß anhängig machte, sondern seine Sache Herrn Max vortragen mußte, der sie entschied. Ebenso als die neue Kirche an Sankta Mariä Stelle gebaut werden sollte, die, welche jetzt im Volksmunde Kreuzkirche heißt, da war er in allen Stücken dabei, so daß er der richtige Baumeister der Kirche ist, weshalb dieses Prachtwerk der Stadt zur Ehre und ihm zum ewigen Gedächtnis dasteht. Es war eine schreckliche Menge Geld, was sie kostete, und das floß alles in die Hände seines Bruders; denn das Gut schaffte Bausteine und Bäume, wie auch alles andere auf dem Handelswege herbei. Aber Herr Max sammelte das Geld und das machte er so, als ob die Stadt vom Feinde okkupieret sei und gebrandschatzt würde. Wenn ich berechne, was ich allein alles hingeben mußte, so verstehe ich nicht, wie ich mich herausfand. Aber er war ein schrecklicher Mann. Er paßte selbst auf jedes Schiff, indem sein erster Gang ihn jeden Morgen nach der Herberge führte, um nachzusehen, und so auch gar oft am Tage, und dann mußten die Leute zahlen. Alle Reisenden, ob Mann, ob Weib, denen er auf die Spur kam, mußten für die Kirche beisteuern. In der Herberge der Sara Andersen, Witwe, welche ein Logierhaus für Seeleute hielt, kam er jedoch einmal sehr übel an. Denn sie verwarnte ihre Gäste, wenn sie ihn kommen sah, und so versteckten sie sich oft auf dem Boden oder im Keller. Denn seinen Überredungen und Drohungen widerstand niemand. So der reiche Heinrich Arendt aus Lübeck. Der war hier wegen des Schiffes, das ihm seeräuberisch weggenommen und hier verkauft worden. Er kannte Herrn Max von früher sehr wohl und kroch auf den Boden. Aber Herr Max war an solche Praktiken gewöhnt und kletterte ihm nach. Allein da er sehr schwer war, brachen die Treppenstufen unter ihm und er glitt in diese hinein und blieb darin stecken. Da aber kam ein großes Gericht über Sara Andersen, und sie mußte statt des reichen Heinrich Arendt eine gewaltige Summe hergeben. Heinrich Arendt aber wollte ihr diese nicht erstatten, sondern hielt sie mit Reden hin, so daß sie nichts zurückerhielt, wie sie mir oft unter vielen Tränen erzählt hat. Bemeldete Sara Andersen, Witwe, verstarb übrigens an demselben Tage, ja in derselben Stunde, als Herr Max mit Tode abging. Ich habe oft darüber spintisiert, um Gottes tiefe Absicht hier wie in vielen anderen Dingen zu ergründen. Aber es wäre nicht gut, wenn wir Menschenkinder alles begreifen könnten. Und also ging es zu mit Herrn Maxens Tode. In der ersten Zeit, da er hierher kam, konnte er alles vertragen; aber nicht mehr gegen den Abend seines Lebens. Und hatte er zu viel getrunken, so war er den Frauen gefährlich, so daß sie sich vor ihm hüten mußten. Und so geschah es einmal auf dem Schloß, daß er seinen Bruder zwang, ein großes Gelage zu veranstalten. Aber bevor ich berichte, was dabei sich zutrug, muß ich erzählen, daß es auf dem Gute sehr finster ist in dem großen Gang, wenn die Doppeltüren geschlossen sind. Und damals waren sie geschlossen wegen eines gewaltigen Regensturmes, wie er oft an der Küste wütet. Und so verwechselte Herr Max Karen Monstochter, deren Vater Ratsherr, mit Anna Trulstochter, weil sie beide ein rotes Kattunkleid trugen. Es war im Zwielicht. Aber des Ratsherrn Töchterlein ließ nicht mit sich spaßen, ja sie erdreistete sich sogar, ein groß Geschrei zu machen, und da gab es viel Gelärm und Aufregung. Der Ratsherr ging zum Hausherrn und dieser kam und redete seinem Bruder zu und sagte, ihm gefalle all diese Wirtschaft auf dem Schlosse nicht, und Herr Max werde ihn und alle anderen noch zugrunde richten. Noch niemand hatte bisher so viele Worte von Herrn Adler auf einmal gehört, aber alle fanden sie wohlbedacht und passend. Herr Max jedoch ließ sich das nicht gefallen, denn er stand da im Priesterkleid. Und so stürzte er sich auf seinen Bruder, und da Herr Adler über die Maßen schwer war, hielt er nicht die Balance, sondern fiel erst gegen die Wand und dann zu Boden, indem er beide Male hart mit dem Kopfe aufschlug. Von nun an hatte Herr Adler nicht mehr seinen Verstand und nicht lange darauf starb er. Da nahm Herr Max für sich und seine Erben von dem Gute Besitz. Aber von dem Augenblick an, da er im Schloß einzog, war er wie ein Rasender. Er glaubte sich von Geistern verfolgt. Er sagte, es wäre seines Bruders Geist, wie auch der seines Vaters und seiner Mutter, und unterschiedliche andere Geister, und ihrethalb konnt' er nicht schlafen und zog von Kammer zu Kammer im ganzen Hause und schrie und predigte wider die Geister mit großer Kraft. Auch duldete er nicht, daß die Fenster geschlossen wurden; denn zu diesen sollten die Geister hinaus. Aber es mußte eine Wache an den Fenstern stehen, auf daß er sich nicht selbst hinausstürzte. Und die Leute unten in der Stadt konnten das Predigen hören; das hörte sich an, als prügelte er sich mit jemand. Da ging die Rede, Herr Max kämpfe mit dem Teufel, und von ihm seien all die bösen Geister geschickt. Ja es wurde allgemein gesagt, Herr Max habe die ganze Zeit über bei allen seinen glücklichen Unternehmungen den Teufel zum Bundesgenossen gehabt. Und nun wolle dieser ihn haben; denn nun sei die Zeit gekommen; aber Herr Max wolle dem Teufel ein Schnippchen schlagen. So kämpften sie aus Leibeskräften bei Tag und bei Nacht; denn Herr Max mußte fortwährend auf der Hut sein, um nicht überlistet zu werden. Und die ganze Stadt ging auf den Markt und die Allee hinauf, um zuzuhören. Alle aber waren wie versteinert vor Schreck. Kein Priester aber war zu haben, wenn schon Tag für Tag nach allen Gegenden geschickt wurde. So gab es denn niemand, der Herrn Max wider den Teufel und seine Werke mit der Macht des göttlichen Wortes beistand. Da strahlten eines Abends alle Fenster da oben wie auch das ganze Haus in einem Glanze, als stände es in Flammen. Aber Anders aus dem Rathaus, auch Anders Rotnase genannt, kam von der Stadt durch die Allee gegangen. Und er hörte den armen Mann mit heiserer Stimme rufen und sah über dem ganzen Hause eine mächtige Lohe und mitten darin den Bösen quer über dem Haus sitzen, gerade über Herrn Maxens Fenster, und hörte ihn sagen: »Nun mußt du mit, Max.« Anders ging nicht weiter, sondern kehrte nach der Stadt um. Und als er rufend und schreiend unten auf dem Markt angelangt war, erzählte er, was er gesehen und gehört. Und er ward gerade so rasend wie Herr Max, und auch er mußte eingesperrt und festgehalten werden. Und nun war es den Leuten klar, wer zum Schluß gewonnen. Und alle warteten auf den Ausgang. Ganz richtig endete am folgenden Tage Herr Max sein Leben; aber still und bei vollem Verstande, was gar manche verwunderte. Ja er gab durch Zeichen kund, daß er in seiner Mutter Zimmer sterben wollte, und erst als er dort hineingetragen war, kam unerwartet der Priester Thomasius, und der betete für Herrn Max und spendete ihm die heiligen Sakramente. Und auch Herr Max konnte jetzt beten, doch nur mit schwacher Stimme. Darauf verstarb er in demselben Bett, in welchem ehemals seine selige Mutter ihr Leben beschloß. Diejenigen, welche dabei waren, bemerkten, daß in demselben Augenblick auch die Glocken der Kirche, die er gebaut, zu läuten anfingen. So daß es zweifelhaft sein darf, wer schließlich gewonnen, er oder der Teufel. Ich möchte wünschen, ich besäße eine große Skribentengabe und könnte diesen Mann in allen Stücken schildern, so wie er war. Denn so wie er zu seinen Lebzeiten war, also kann niemand ihn sich vorstellen, der nicht um ihn gelebt, so wie ich gar manches Jahr. Noch jetzt kann ich des Nachts davon träumen. Und dann erwacht mein Eheweib über meine große Angst und weckt mich, mir versichernd, daß er nunmehr tot sei. Aber dann bin ich zumeist ganz in Schweiß gebadet. Er war dreimal beweibt, und als er starb, wollte er sich gerade zum viertenmal eine Frau nehmen. Ich habe mit allen drei Frauen gesprochen, denn von Amts wegen hatte ich ja oft im Hause zu tun. Da klagten sie mir ihre Not, eine nach der andern. Und am meisten mußte ich immer die Klagen anhören von Aadel Knutstochter, die sein zweites Ehegespons war. Sie verstarb um Lichtmeß. Aber kurz vor ihrem Hinscheiden saß sie in dem großen Stuhl in dem grünen Zimmer und rief mich herein; denn sie hörte mich in der Küche. Sie war schon sehr schwach und ihre Hand zitterte. Ich fragte sie, was ihr fehlte. Das fehlte ihr, sagte sie, daß er, so mein Eheherr, mich Zeit meines Lebens gequält und geplagt, so daß es nun mit mir aus ist. Gott weiß, wer seine nächste Frau wird. Aber vielleicht weiß er es auch. Das sagte sie. Und kurz darauf verstarb sie. Aber die nächste Gattin war Brigitta, des Apotheker Mons Tochter. Und es waren drei Monate, seitdem die selige Aadel unter der Erde ruhte, daß die Hochzeit stattfand. Wenn die Brigitta gleich ein großes, kräftiges Frauenzimmer war, ward ihr doch so angst, als sie hörte, sie sollte sein Ehegemahl werden, daß sie seitdem starke Getränke zu sich nahm, wenn sie von denen bekommen konnte, mit welchen ihr Vater, der Apotheker, handelte. Sie selbst hat es mir erzählt, weshalb sie sich aufs Trinken legte, und dies war wohl der Grund. Aber sie schlug sich mit ihm, wenn sie getrunken, und endete damit, daß sie sich mit Gift das Leben nahm. Das hat mir Doktor Mogens Mauritius später erzählt. Sie starb nicht am Trunk, wie damals gesagt wurde. Sie war drei Jahre verheiratet und hatte zwei Söhne mit ihm. Im ganzen hatte er dreizehn Kinder, obschon er bei seinem Tode noch kein bejahrter Mann war. Den ältesten, Adler, schlug er auf beiden Ohren taub, so daß er wie im Traum umhergeht. Und selbst, wenn ich mit meinen geringen Gaben schildern könnte, wie er gegen seine Frauen und Dienstboten und Kinder und sonst war, wenn er in Zorn geriet, so würde ich es doch unterlassen. Denn wir sahen es bei seinem Hinscheiden, daß Gott in seiner unergründlichen Gnade (ja wahrlich sie ist groß!) ihm vergeben hat. Warum sollten wir Menschen, gegen die er weit weniger gesündigt, nicht dasselbige tun? Wie auch der Bischof in seiner herrlichen Gedächtnisrede sagte. Denn seine Beerdigung wurde mit großer Pracht und Herrlichkeit gefeiert, desgleichen ich nimmer gesehen. Viele Seiten könnte ich füllen, wollte ich all die Standespersonen aufzählen, die dabei waren, und angeben, was hier während der drei Tage geredet, gegessen und getrunken wurde. War er ja mächtiger bei seinen Lebzeiten als irgend ein anderer Mann hier in dieser Stadt. Niemand als der König selbst hatte etwas zu sagen, solange er noch bei Verstand und bei Kräften war. In der Weise nämlich, daß er den Leuten bei ihren schwierigsten Unternehmungen half, insonderheit bei ihren Berechnungen über Bauten. Von der Kirche habe ich schon berichtet; aber ich habe zu erzählen vergessen, daß er auch ein großer Schiffsbaumeister war. Das verstand er, weil er schon als kleiner Knabe auf der Werft und später in Kopenhagen auf dem Holm hantierte, wie er auch im Ausland in diesem Gewerbe auf alles achtete. Das habe ich von ihm selbst gehört. Die Schiffe, die hier auf seines Bruders Werft gebaut wurden, waren alle von ihm, und viele davon wurden im Ausland mit großem Ruhm und Gewinn verkauft. Aber nun muß es genug sein von Herrn Max. In dieser Historie haben wir klar und deutlich Gottes Wege erkannt, nämlich weil Vater Kurt seine Frau und sich selbst, und Herr Max sowohl seinen Bruder wie auch sich selbst und zum Teil auch seinen ältesten Sohn zugrunde richtete. Es gereichte ihnen wenig zum Segen, was sie dem Klaus Matthiassohn und sonst vielen anderen geraubt. Ebenso war ihre Körperstärke ihnen nur zum Verderben. Demnächst müssen wir uns erinnern, daß des Königs hoher und geheiligter Name betrügerischerweise gebraucht wurde, um das Gut zu erlangen, daß es aber zur Strafe in demselben geweihten Namen wieder zerfiel. Viele andere als ich unwürdiger Küster und Kantor haben das beobachtet. Denn als der vorhin benannte Ratsherr Niels Ingebrechtsohn in Kopenhagen war, sagte er es des Königs Beichtvater, den er kannte. Und als Niels bei dem König Audienz nachsuchte, da folgte ihm der königliche Beichtvater und forderte ihn auf, vor dem König freimütig zu erzählen, was er ihm berichtet. Und da nun der König ganz richtig vernahm, wie es sich begeben, daß das Gut in Kurts Hände kam, und was den Untergang herbeigeführt, daß nämlich des Königs geheiligter Name unwissentlich Gevatter gestanden, da geruhte der König in Gnaden nachdenklich zu äußern: »Der liebe Gott ist listiger als alle Schelme zusammen.« Und dieses Königswort mache ich in aller Untertänigkeit zu dem meinen, indem ich hier die Geschichte des Kurt beschließe und mich auf andere Territorien begebe.« Um das Jahr 1830 bestand das Gut noch aus dem »Berg« mit der Laubwaldung, worin die Nadelhölzer sich wieder geltend machten; den großen verfallenen Gebäuden, den ungeheueren ummauerten Gärten, sowie einigen Strecken Ackerland zwischen den Gärten und der Stadt. Außerdem gehörten zum Gut irgendwo noch einige ausgeschlagene Waldflächen. Der damalige Besitzer, ein großer, schwarzer Mann mit langer, grüner Schürze, betrieb eine Gärtnerei auf seinem Grundstück. Und diese sowie einige Kühe waren das einzige, wovon er lebte. Auch war er der einzige Stammhalter des ganzen Geschlechts hier im Lande, und er war unverheiratet. 3. John Kurt. Konrad Kurt war als fünfzehnjähriger Knabe von Hause fortgelaufen. Länger vermochte er es nicht zu ertragen, seine Mutter mißhandelt zu sehen. Diese Eigentümlichkeit hatte sich in der Familie vererbt. Er war auf einem Schiffe nach Hull geflüchtet, wo ein Bruder seiner Mutter lebte. Aber Konrad Kurt wurde auf dem Lande erzogen; die Kosten bestritt sein Oheim. Denn der Arzt hatte gesagt, das Nervensystem des Knaben sei nicht das beste. Sollte ein gesunder Mensch aus ihm werden, müsse er in frischer Luft leben, z. B. als Gärtner. Nun war es in dem Geschlecht der Kurts von jeher eine Liebhaberei gewesen, sich mit Gärtnerei zu beschäftigen, und so wurde sie sein Beruf. Als der Vater starb und er nach Hause zurückkehrte, um für seine arme Mutter und sich selbst zu sorgen, wußte er nicht, was er sonst beginnen sollte. Sein liebenswürdiger Vater nämlich hatte die letzten Waldungen zum vollständigen Niederschlagen, die letzten Schiffsanteile und schließlich die Ziegelei verkauft, und aus dem Erlös sich eine Leibrente geschaffen. Mit einem Worte – er besaß nur noch die Käufer, die Gärten und ein wenig Feld; im übrigen hatte er alles um sich her gewissermaßen aufgezehrt. Und der Sohn – er konnte ja seinerseits damit beginnen, die Felder zu verkaufen. Sie grenzten unmittelbar an die Stadt und eigneten sich ausgezeichnet zu Baustellen; ebenso die untersten Partien beider Gärten. Aber Konrad Kurt meinte, es sei genug von dem Gut verkauft und nahm ein Anlehen auf, das er dazu verwendete, Felder und Gärten zu drainieren und die Häuser so weit wieder in den Stand zu setzen, daß sie nicht zerfielen. Außerdem erweiterte er das Gewächshaus und baute später noch ein zweites; kurz – er bewies den Leuten, daß er von seinem Besitztum noch leben und namentlich aus seinen Gärten sich einen lohnenden Gewinn verschaffen konnte, und das war zu jener Zeit und in jener Gegend etwas Neues. Anfangs schickte er fast alle Erzeugnisse seiner Gartenkunst mit den Schiffen nach auswärts; aber allmählich wurde auch dies anders. Er schlief, speiste und schrieb in dem Zimmer, das unmittelbar am Eingang links lag. Es war dasselbe, in welchem der erste Kurt und nach ihm alle die gewohnt, die das Gut besessen. Das daran stoßende Zimmer hatten sie als Schlafgemach benutzt, aber dieses überließ Konrad Kurt seiner Mutter. Sie hatte jetzt ihre glücklichsten Tage. Die Dienstboten und Arbeiter wirtschafteten in der Küche auf der anderen Seite des breiten Ganges, der das ganze Haus durchschnitt und es in zwei gleiche Hälften teilte. Im übrigen war das Hauptgebäude öde und verlassen. Doch breitete Konrad Kurt im Herbst oft seine Gartenerzeugnisse in den verschiedenen Zimmern und Sälen zum Trocknen aus. Er war ein heftiger Mann, manchmal wortkarg, manchmal polternd, hatte aber ein gutes Herz. Das Gesinde und die Arbeiter waren ihm zugetan, da er redlich für sie sorgte. Den auf dem Berge wohnenden Seeleuten und Fischern gab er Sämereien und unterwies sie, wie sie Gärten anlegen und deren Erzeugnisse verwerten konnten. Und so bildete sich im Laufe der Zeit um jedes Haus ein Gärtchen, wozu die Leute sich Erde von Kurt holen konnten, wenn sie den wilden Boden durch Vermischung mit besserem Erdreich veredeln wollten. Jeden Sonntag während des Frühlings und Sommers ging Konrad Kurt bei den Leuten umher und half ihnen. Und dieser Gewohnheit blieb er sein ganzes Leben lang treu. Aber dies waren fast die einzigen Fälle, wo man ihn außerhalb seiner Gärten, seines Hauses und seiner Keller zu sehen bekam. Im Frühjahr und Sommer war er schon morgens vier Uhr draußen und im Herbst und Winter, sobald es hell zu werden anfing. Im Sommer trug er Beinkleider von englischem Leder, einen grauweißen Linnenrock, eine bis auf die Füße herabgehende grüne Schürze und eine Mütze mit großem Schirm; im Winter dieselbe englische Lederhose, eine festzugeknöpfte Matrosenjacke und dieselbe lange Schürze, aber auf dem Kopfe hatte er dann eine Pelzmütze mit breiten Klappen, die stets herabgelassen waren, so daß die losen Enden ihm ins Gesicht schlugen. Nie hatten die Leute ihn anders gekleidet gesehen, außer am Sonntage. Dann sah man ihn mit rasiertem Gesicht, einem gestärkten Hemdenkragen und ohne Schürze. Er hatte nicht die breite, trotzige Stirn der Kurts; dagegen war die seine ziemlich hoch und schien auffallend weiß zu sein; vielleicht nur deshalb, weil er im übrigen so wettergebräunt war. Aber die unruhigen, wilden Augen des Geschlechts waren auch ihm eigen. Das Gesicht war länger, als man es früher an den Kurts gekannt, und ziemlich mager, die Nase etwas breit. Die Hausfrauen und Kinder hatten es bald heraus, daß es vorteilhaft war, hinaufzugehen zu dem barschen, oft polternden Mann und dort mit ihm zu handeln, statt in seiner Bude auf dem Markt; denn er war entgegenkommend im geschäftlichen Verkehr; und im Grunde des Herzens ein Kinderfreund. Aber man durfte nicht lange aussuchen, vor allem aber nicht feilschen. Es ging ihm gut; seine Kühe und Gärten ernährten ihn immer besser. Aber nach einigen Jahren verbreitete sich das Gerücht, seit dem Tode seiner Mutter sitze er Abend für Abend allein und trinke Whisky, bis er betrunken sei. Wolle man wissen, ob es damit seine Richtigkeit habe, so müsse man kurz vor neun hinaufgehen, denn dann begab er sich regelmäßig zu Bett. Und das tat denn auch der eine und andere. Ja, die Sache hat ihre Richtigkeit: Schlag halb neun war er vollständig betrunken. Das Reden wurde ihm dann schwer; aber er geriet leicht ins Weinen. Das kam dem alten Pastor Green zu Ohren; der hieß schon damals, als er noch ein junger Mann war, der »alte« Pastor, weil bei einem schrecklichen Erlebnis sein Haar ergraut war. Pastor Green gehörte zu denen, welche schon vor langer Zeit in Norwegen gegen die Trunksucht auftraten, – zu denen, welche dieser Sache ihr Leben gewidmet. Sein Hauptgrundsatz war, daß es nichts nütze, gegen die Trunksucht zu predigen, sondern daß es hier zu handeln gelte, und daß nicht daran zu denken sei, den einzelnen Trinker zu bekehren, wenn man nicht wisse, aus welchem Grunde er sich dem Trunke ergeben. Und immer gibt es einen solchen bestimmten Grund; und nur wenn dieser nicht in einem zu alten Erb- und Familienfehler oder in einer zu tief eingewurzelten Gewohnheit liege, könne die Trunksucht geheilt werden. Er begab sich zu Konrad Kurt und redete ihm so lange freundlich zu, bis er erfuhr, daß Kurt mit der Frau des Gärtners, bei dem er in England in der Lehre gewesen, ein Liebesverhältnis gehabt. Er hatte ein Kind mit ihr. Sie starb ungefähr zu der Zeit, als er seine Mutter verlor. Er hatte sie so rasend lieb gehabt. Es war ihnen entsetzlich gewesen, ihren Mann zu betrügen. Aber sie hätten nicht anders gekonnt. Und dann begann er zu weinen ... Der Knabe, den sie bekommen – oh, etwas Prächtigeres gab's auf der ganzen Welt nicht! Und der betrunkene Mann schluchzte vor Sehnsucht nach seinem Kinde und klagte sich mit wilden Worten an. Pastor Green suchte ihn zu bestimmen, dem Gärtner seine Sünde abzubitten und den Knaben zu sich zu nehmen; aber dazu war Konrad Kurt zu feig. Und so blieb denn nichts anderes übrig, als daß Pastor Green sich an andere wandte, und eines Sommerabends kam er mit einem langen schwarzlockigen Knaben von etwa zwölf Jahren herauf zum Gut und fragte nach Kurt, der noch im Garten beschäftigt war. Da hätte man sehen sollen, wie Konrad Kurt sich von einem Beet, auf dem er hockte und grub, erhob und sich die Erde von den Händen zu reiben anfing, – und dann plötzlich mit dieser Beschäftigung aufhörte, unter dem großen Mützenschirm hervor bald den Pastor Green, bald den dunkelhaarigen großen Burschen anstarrte, und dann schließlich die lebhaften wilden Augen, die noch größer waren als die seinen, und die lange, etwas breite Nase und sein mageres Gesicht erkannte! Und unwillkürlich begann er Englisch zu sprechen: »I beg your pardon; but this lad –?« Mehr konnte er nicht hervorbringen ... Da mußte Pastor Green das Wort nehmen: ja, es war sein Sohn. An diesem Abend vergaß Kurt die Whiskyflasche hervorzulangen. Und als er das nächste Mal nach ihr greifen wollte, nahm der Knabe die Flasche und schleuderte sie zum offenen Fenster hinaus gegen einen Stein. Es war ein ausgezeichneter Wurf! Und Glas und Zuckerschale und Teelöffel folgten – alles flog in kunstgerechtem Wurf zum Fenster hinaus. Pastor Green hatte den Knaben gebeten, darauf zu achten, wenn der Vater seine Whiskyflasche zur Hand nehme, und sie auf gute Art zu entfernen. In dieser Weise hatte der Knabe den Auftrag ausgeführt. Der Vater stand da und starrte seinen Sohn an – – dann brach er in ein unbändiges Lachen aus. 4. Ein Genie. Niemals ist jemand fester überzeugt gewesen, ein Genie von Sohn zu haben, als Konrad Kurt. Gar nicht davon zu reden, daß der Knabe ein vollendeter Botaniker und in alle Geheimnisse der Gärtnerei eingeweiht war – keine Hantierung gab es auf dem Hof, vom Stall bis zur Küche, womit er nicht bald Bescheid wußte. Man sah es ihm an, er war unter Gärtnern, Küchen- und Hofgesinde aufgewachsen, zugleich aber auch, daß er was Tüchtiges gelernt hatte. Jetzt mußte er auch hinaus auf die Schiffe und in die Boote, um auch damit umgehen zu können; bisher war er nie in einem Hafen gewesen. Und wie er Norwegisch lernte! In ein paar Wochen! Zunächst Fluchen. Der Vater lachte sich halb krank über all die Flüche, deren der Knabe sich mit komischer Betonung bediente. Und wie er erzählen konnte! Noch bevor er mit der Sprache sich zurechtfand, flößte er den Arbeitern ein Interesse für seine Geschichten ein, das in der Tat erstaunlich war. Darum konnt' er sich auch alle möglichen Streiche herausnehmen; es war gar zu lustig. Und als er endlich mit der Sprache sich etwas leichter zurechtfand – was konnte er den Leuten alles vorreden! Der Vater kannte keine größere Lust, als sich um eine der großen Hecken herumzuschleichen und ihm zuzuhören. Der Knabe erzählte den Arbeitern, wie es am königlichen Hof in England zuging, wo er Page gewesen. Er und einige andere Kameraden waren beständig der schönen jungen Königin vorausgeschritten; hinter ihr gingen all die großen Perücken. Vermutlich hatte er so etwas in einem Theater oder auf einem Bilde gesehen. Und die furchtbaren Kriegstaten, an denen er in Indien teilgenommen, als er sich dort auf einem Ausfluge befand in Gesellschaft der Königin von England! Von jetzt an trank der Vater keinen Whisky mehr: er berauschte sich an den Abenteuern des Sohnes. Welch ein Genie! Oh, welch ein Genie! ... Eine besondere Plage im Garten waren die Katzen, welche von der nahen Stadt heraufkamen auf die Vogeljagd. Eines Tages hatte John – so hieß der jüngste Herr Kurt – einen der ärgsten Vogelfänger erwischt, und er beschloß, den Mörder lebendig zu kreuzigen. Da selbst von den jüngsten Arbeitern niemand mittun wollte, sperrte er vorläufig die Katze ein und gab ihr gut zu fressen, während er selbst hinunter zum Hafen ging, um sich von dort ein paar Schelme von Knaben zu holen. Der Vater vernahm bald einen so ungewöhnlichen Jubel, daß er nachsehen mußte, was los sei, namentlich als sich Töne der Verzweiflung in den Jubel mischten. Und da sah er die Kreuziger vor der Gekreuzigten, einer armen, an einer Stalltür blutenden Katze einen Indianertanz aufführen. Im Übermaß der Freude bemerkte der Sohn seinen Vater nicht. Dessen erster Gedanke war diesmal gerade nicht, daß sein Sohn John ein Genie sei. Und doch – wenn er später daran dachte, mußte er trotzdem zugeben, daß es ein merkwürdiger Einfall war. Und verwünscht kunstgerecht war er auch ausgeführt. An und für sich ist's gar nicht so leicht, eine lebendige Katze zu kreuzigen. Aber eines Tages hatte der Vater dem Knaben verboten, hinunter zum Hafen zu gehen – das Wetter war gar zu gefahrvoll. Zur Entschädigung für diese Freiheitsbeschränkung begab sich John zu des Vaters feinstem Apfelbaum – einem jungen Schößling, der zum erstenmal Früchte trug – sägte dessen Wurzeln durch, eine nach der andern, und belegte sie wieder mit Erde. Diesmal geriet der Vater nicht in Entzücken über die Kunstgerechtigkeit der Arbeit, geschweige denn über den Einfall selbst. Auch vergaß er, daß der Knabe ein Genie war, – vergaß es so sehr, daß er ihn in seinem Zimmer mit einer frisch abgeschnittenen und wohlgewundenen Birkenrute in der Hand erwartete. Der Knabe ahnte nicht und konnte nicht ahnen, daß der Vater ihn schlagen wollte. Als das vollständig Undenkbare und Unmögliche dennoch geschah, – da war er mit einem Ausdruck wahnsinnigen Schreckens auf dem Gesicht blitzschnell an der Tür. Aber wie ein funkelnder Leopard sprang der Vater auf ihn zu. Er schlug den Knaben zu Boden; er prügelte ihn mit wahrhaft wilder Lust. Der Knabe schrie, bat, flehte, bettelte; er warf sich auf die Knie, krümmte und wand sich, sprang auf und warf sich wieder hin. Die Augen standen ihm aus dem Kopf; das Schreien verwandelte sich in ein einförmiges Hervorstoßen dumpfer, sinnloser Töne; das Gesicht war ganz blau. Sämtliche Dienstmädchen und Knechte und Arbeiter kamen herbeigestürzt und rissen die Türen auf. Der Vater ward rasend über diese Störung, rannte zu der nächsten Tür und schlug nach denen, die auf der Schwelle standen; dann zu einer anderen und schlug wild um sich – er war ebenso wahnsinnig wie der Knabe. Aber dieser hatte sich inzwischen gerettet ... Eine Stunde später war er draußen bei den Gärtnern. Und da gab es keinen freundlicheren, geschickteren und fröhlicheren Knaben als den John Kurt. Bald half er dem einen, bald dem andern unter einschmeichelnden, gewinnenden Worten. Und dann begann er zu erzählen von all den Affen auf der äußersten Spitze von Gibraltar; oh, dort wimmelt es förmlich von Affen; sie stehen auf dem äußersten Felsenriff und gaffen hinüber nach Afrika. Und er ahmte ihre Manieren nach, fletschte die Zähne und zischte; war neugierig, übermütig, furchtsam, frech, widerwärtig – ganz wie die Affen. Daß er Affen gesehen, lag auf der Hand, wenn auch nicht gerade auf Gibraltar. Der Vater war ihm nachgegangen, und als er merkte, welche Heiterkeit der Knabe erregte, versteckte er sich wie gewöhnlich. Da stand er, duckte sich und guckte – guckte und duckte sich. Am Abend hatten sie eine Unterredung miteinander, Vater und Sohn; in demselben Zimmer, in dem alten Zimmer der Kurts. Da weinten die beiden letzten Kurts, der eine in den Armen des andern. Der Sohn gelobte ganz, ganz artig zu sein, und der Vater versprach, ihn niemals wieder zu schlagen. Niemals! ... Einige Zeit später hatte ein Knabe, der Botengänge auf dem Gute besorgte, eine neue feine Sonntagsjacke bekommen. Ein Bruder des Knaben war Steuermann und hatte die Jacke in einem englischen Hafen fast umsonst von einer Frau auf der Straße gekauft. Der Knabe hatte gehört, daß niemand in der ganzen Stadt eine so feine Jacke besitze; und darin, meinten die Leute, hatte er recht. Nun – als er sie am nächsten Sonntag anziehen wollte, war sie zerschnitten, in feiner, aber kunstgerechter Weise; derart nämlich, daß sie dahing, als wäre sie noch heil; aber es waren nur noch unbrauchbare Lumpen. Natürlich dachten sofort alle an John. Er war gerade unten im Hafen und ruderte. Da der Vater ihn das letztemal so arg mißhandelt und alle John so gern hatten, trug man Bedenken, dies zu erzählen. Aber der Gärtnerjunge – Andreas Berg hieß er – hatte nur diese Jacke; die war seine ganze Glückseligkeit; und darum konnte er die Tränen nicht verwinden, und so merkte es schließlich der alte Kurt. Da mußte die Wahrheit ans Licht. Nun konnte es unbegreiflich scheinen, daß John sich nicht gedacht, wie es zugehen müsse; warum er sich nicht klargemacht, daß nach dem Streich mit der Katze und dem feinsten Apfelbaum alle sofort auf ihn raten würden. Oder meinte er vielleicht, dies gehe niemand was an als ihn und den kleinen Knaben? Oder daß sein Vater ihm ja gelobt, ihn nie wieder zu schlagen? Munter und guter Dinge kam John vom Hafen herauf. Schon im Gartenpförtchen begann er mit den Taten zu prahlen, die er an diesem Tage vollbracht. Da rief der Vater nach ihm vom Fenster aus. Der Knabe antwortete mit einem hellen, weithin hörbaren Ja und war mit einem Satz die große Treppe hinauf. Sowie er die Jacke auf dem Tisch und eine neue wohlgeflochtene Rute daneben erblickte, ward er augenblicklich so grauweiß wie der Kalk an der Wand und verlor alle Besinnung. Er drehte sich im Kreise herum und sagte mit heiserer Stimme, als hätte es ihm den Atem versetzt: »Ich hab's nicht getan! Ich hab's nicht getan!« Aber als er den Vater die Rute emporheben sah, rief er blitzschnell – doch diesmal mit seiner gewöhnlichen Stimme: »Ja, ich hab's getan! Ich hab's getan! Ich hab's getan!« »Wirst du um Verzeihung bitten?« »Ja, ja, ja, ja, ja!« Und er sank auf die Knie und rief mit kreuzweis über den Kopf gelegten Händen: »Verzeihung! Verzeihung! Verzeihung! Verzeihung!« »Und wirst du auch den Knaben um Verzeihung bitten?« »Ja! Ja! Wo ist er? Wo ist er?« – Und sofort war er wieder auf den Beinen und an der Tür, immer voll Entsetzen den Vater anstarrend. Dieser folgte ihm mit der Rute in der Hand; aber er wagte nicht zu schlagen. Vor dem kleinen Knaben fiel John wieder auf die Knie, und dann riß er sich die eigene Jacke und die Weste vom Leibe und gab sie dem Knaben. Niemand hatte das von ihm verlangt. In der Westentasche hatte er eine englische Goldmünze und etwas norwegisches Silbergeld. Das fiel heraus. Auch dies Geld gab er sofort dem Knaben. Da ward der Vater so gerührt, daß er fortgehen mußte ... Als kurz darauf die Arbeiter am Mittagstisch saßen, spielte ihnen John wieder die Affen von Gibraltar vor. Und dann kam er vertrauensvoll zu seinem Vater und fragte, ob er den Arbeitern von alledem, was sie heut zurechtgemacht, nicht etwas mit nach Hause geben dürfte. Das erlaubte ihm der Vater, und John ging mit ihnen, um ihnen die Sachen tragen zu helfen. Der Vater stand am Fenster und blickte ihm nach. Johns nächster Streich spielte auf dem Wasser. Vielleicht hatte er nun die Erfahrung gemacht, daß gewisse Dinge zu Lande gefährlich waren. Es galt also zu versuchen, ob nicht die See ein freies Revier war. Er begab sich in ein Boot mit einem kleinen Knaben, den er ins Wasser werfen wollte, um ihn retten zu können. Vielleicht hatte er einmal etwas Ähnliches gelesen; vielleicht auch wollte er sehen, welche Angst der Knabe hätte. Und die bekam er denn auch zu sehen. Der Kleine nämlich konnte nicht schwimmen, und er glaubte, beim Anblick seines Schreckens würde der andere von seinem Vorhaben abstehen. Aber nein! Das Entsetzen des Knaben stieg; er schrie aus Leibeskräften, so daß auch John etwas von diesem Schrecken fühlen mußte. Trotzdem stand er nicht ab! Da klammerte der Kleine mit tausend Fingern sich an Johns Kleider. Er ward losgezerrt; er preßte sich fest ans Boot; er wurde losgerissen. Da packte er in seiner Verzweiflung das Ruder; aber er wurde hinausgestoßen. John sofort ihm nach. Und er packte ihn auch in dem Augenblick, als der Kleine sinken wollte und hielt ihn über Wasser. Aber es machte ihm große Mühe, ihn wieder ins Boot zu heben, denn der Kleine hatte die Krämpfe bekommen. Von allen Seiten kamen die Leute herbeigerudert; sie glaubten, hier geschehe ein Mord. An dem Abend kam John nicht nach Hause. Mehrere Tage suchte man nach ihm, erst die Leute auf dem Gut, dann auch die Polizei; darauf eine ganze Schar von Menschen in der Stadt, die Mitleid mit dem Vater hatten. Endlich fanden sie den Knaben hoch auf einer Bergweide. Er warf sich platt auf die Erde und begann laut zu schreien; er wollte nicht eher wieder nach Hause, als bis man ihm hoch und heilig versprochen, daß niemand ihn schlagen würde ... Diese letzte Tat machte ihn in der Stadt bekannt. Mochte es zu seinem Vorteil sein oder nicht, alle waren jetzt einig darüber, daß er nicht sei wie andere Kinder, namentlich aber nicht richtig im Kopf. Und so hatte man auch später in der Schule Nachsicht mit ihm, d. h. nicht seine Kameraden – die Jugend kennt kein Erbarmen! –, sondern die Lehrer. Er ließ sich so schreckliche Dinge zuschulden kommen, namentlich eine Unanständigkeit zu der Zeit, als er schon erwachsen war, daß sie hier nicht erzählt werden können. Aber sein Vater kam nach der Schule und hielt für ihn an. Alle Lehrer hatten Mitleid mit dem Vater, der sich so ehrlich durchs Leben kämpfte, und darum sah man mit dem Knaben auch diesmal durch die Finger. * Er lernte sehr gut in der Schule. Dann bekam er Lust Kadett zu werden, wozu der Vater sofort seine Einwilligung gab; denn auf der Kriegsschule würde er Ordnung und Disziplin lernen. Aber Disziplin – wenn darunter Gehorsam gegen die Befehle zu verstehen war – brauchte er nicht zu lernen, und unordentlich war er nie gewesen. Bei ihm handelte es sich um andere Dinge, und mehr als einmal war er nahe daran, von der Kriegsschule fortgejagt zu werden. Seinen Lehrern gegenüber war er stets einschmeichelnd; und das rettete ihn. Auch hier lernte er sehr gut und war eitel Begeisterung für seinen Beruf. Namentlich erwies er sich als einen vortrefflichen Exerziermeister. Da herrschte überall eine solche Lebendigkeit und Lust! Und wie ward alles mit Geschichten und Flüchen gewürzt! Namentlich das Fluchen war nach und nach seine Spezialität geworden. Sämtliche Offiziere bei der Brigade fluchten zusammen in einem Jahre nicht halb so viel, wie er in einer Woche. Und an Geschichten besaß er einen unerschöpflichen Vorrat. Sie wurden in einer so frischen, bilder- und farbenreichen Sprache vorgetragen, daß er alle damit entzückte; aber sie hatten sämtlich die Eigentümlichkeit, daß nicht alle daran glaubten. John Kurt war groß, mager und knochig, aber geschmeidig wie eine Weidenrute. Er trug einen hellblonden Bart, der indes nicht recht zu gedeihen schien; es gab darin Stellen, wo nichts wachsen wollte. Das verlieh dem Gesicht etwas Zerrissenes. Und wenn seine wilden Augen aufflammten, sah er häßlich aus. Aber die Stirn war rein und eigentümlich weiß; es konnten förmlich Blitze darüber hinzucken, wenn er angeregt war; und dann war er auch nicht häßlich. Es war ihm eine große Stimmungsmacht eigen, und die konnte er andern mitteilen. Das Herrlichste für einen wohlgewachsenen Mann war natürlich Offizier und Soldat zu sein. Und er blitzte und donnerte die Versicherung in die Welt hinaus, man sei nicht eher Mensch, als bis man eine militärische Schule durchgemacht. Wie groß war daher das Erstaunen seiner Kameraden und Bekannten, namentlich aber seines Vaters, als eines schönen Tages bekannt wurde, der Premierleutnant John Kurt sei um seinen Abschied eingekommen und habe diesen auch in Gnaden erhalten! Kurz darauf kam er selbst nach Hause. Wenn jemand ihn nach dem Grunde fragte, antwortete er: Das ganze Militärwesen sei die niederträchtigste Afferei; kein anständiger Mensch könne sich dazu hergeben. Die Offiziere seien nur ausgelernte Affen, und sie drillten frische, kräftige Burschen nur zu Affen, und die Generale wären die Großaffen und der König der Oberaffe! Was er denn werden wolle? Stoppelhopser, Landwirt, Gärtner, – just wie sein Vater! Landwirtschaft – das sei die einzig solide und anständige Beschäftigung. Auch sei es die vornehmste Arbeit, die ein freier Mann übernehmen könne. Und nun kleidete er sich wie ein Schmierfink, wühlte mit den Arbeitern oben im Garten und mühte sich während des ganzen Sommers, daß er allen andern zum Muster dienen konnte. Doch nur während der Sommerzeit. Und noch war der Herbst nicht vorüber, als er auch der Gärtnerei überdrüssig geworden. Und nun zog er wieder von dannen und fuhr mit einem Schiff nach der Südsee. Mehrere Jahre konnte niemand erfahren, wo er sich aufhielt – als er endlich an einem schönen Frühlingstage wieder heimkehrte. Nach seiner Versicherung war er in allen Ländern und auf allen Meeren gewesen. In seiner Gegenwart konnte kein Land, kein Volk, kein Meer, keine Merkwürdigkeit genannt werden, die er nicht gesehen und kein berühmter Mann erwähnt werden, mit dem er nicht auf Duzfuß stand oder doch wenigstens bekannt war. Nicht alles war Erfindung und Dichtung. Denn er besaß viele Kenntnisse, und manche von solcher Art, daß sie nur an Ort und Stelle erworben sein konnten. Gar manche merkwürdige Bekanntschaft hatte er gemacht, das bewies sein Briefwechsel. Noch im Spätsommer suchte ein englischer Lord mit seinen Freunden ihn auf, um ihn mit auf die Bärenjagd zu nehmen. Warum war er wieder heimgekehrt? Um seinem alten Vater die Augen zuzudrücken, behauptete er. Aber der Vater war noch bei bester Gesundheit, und an dem Tage, da er abreiste, fast ebenso fröhlich, wie an dem Tage, da er wieder heimkehrte. Doch der Sohn behauptete, er habe den Gedanken nicht länger ertragen können, der Vater möchte sich zum Sterben legen, während er in weiter Ferne schweife. Und seit seiner Rückkehr war er eitel Lieb' und Zärtlichkeit gegen den Vater. Dieser war alt geworden und ließ alles mit sich geschehen, was dem Sohn in den Sinn kam. Das waren oft gar merkwürdige Dinge. So verlangte er z. B. plötzlich, der Vater solle keine Nahrung mehr zu sich nehmen. Ein andermal kam er plötzlich auf den Einfall, ihm ein warmes und dann ein kaltes Sturzbad zu geben. Wieder ein andermal ließ er den Vater, ohne daß dieser das geringste Bedürfnis dazu empfand, in ein großes Daunenbett legen, damit er schwitze. Dieser betrachtete den Sohn oft mit einem eigentümlichen Seitenblick. Es war ein vielsagender Blick. Er drückte weder Besorgnis noch Vertrauen aus; noch weniger gute Laune. Es lag darin eine eigenartige kalte Neugier, als ob er sich fragte: Ist dies wirklich mein Sohn John? 5. Thomasine. In dem Herbst des Jahres, da John Kurt von seiner Weltreise heimkehrte, kam auch ein junges Mädchen nach Hause zurück, das sofort in der ganzen Stadt der Gegenstand aller Gespräche wurde. Und zwar aus doppeltem Grunde. Sie hieß Thomasine Rendalen und war die Tochter des Oberlehrers Rendalen, der diesen Namen trug, weil sein Vater aus der Gegend Rendalen ausgewandert war. Der Oberlehrer Rendalen war ein großer, kräftig gebauter Mann, der ruhig und still seinen etwas schweren pädagogischen Pflichten oblag. Nach dem Tode seiner Frau versagte er sich alle gesellschaftliche Zerstreuung; seine Schule und der Leseverein der Stadt nahmen ihn vollständig in Anspruch. Er hatte mit niemand Umgang, und seine Kinder und die alte Marianne herrschten unumschränkt in seinem Hause. Thomasine war sein ältestes Kind. Sie war außerordentlich begabt in Sprachen und hatte das resolute Wesen der Mutter. Als sie kaum sechzehn Jahre zählte, lieh sie sich eine kleine Summe, begab sich in ein Erziehungsinstitut in England und lernte gründlich Englisch. Von dort kam sie in eine französische Anstalt, wo sie die Schülerinnen in der englischen Sprache unterrichtete und selbst Französisch lernte. Alsdann fand sie eine Stelle in einem deutschen Pensionat, wo sie im Französischen und Englischen unterrichtete und selbst Deutsch lernte. Sie war nahezu fünf Jahre im Auslande gewesen und eine außerordentlich tüchtige Lehrerin geworden, so daß sie gleich nach ihrer Rückkehr damit beginnen konnte, Knaben und Mädchen Unterricht zu erteilen und ihre Schuld abzuzahlen. Das erregte ungeteilte Bewunderung in der Stadt. Von allen wurde sie als gute Freundin gegrüßt. Eine nicht minder ungeteilte Bewunderung erregte ihre Gestalt. Dazu gehört sehr viel. Ein schönes Gesicht wird immer bewundert; denn das kann nie ganz entstellt werden; eine schöne Figur dagegen wird nicht so ohne weiteres bewundert. Aber sie war schlank und kräftig und ging stets nach der neuesten Mode gekleidet. Wie alle jungen, gesunden Mädchen hatte sie von Kindesbeinen an das Bedürfnis gefühlt, ihre Kräfte zu üben, und sich auch stets Gelegenheit dazu verschafft. In England begann sie deshalb sofort zu turnen; und während all dieser Jahre hatte sie es niemals aufgegeben, ja das Turnen war ihr zur Leidenschaft geworden. Deshalb trat sie jetzt ganz anders auf als die übrigen Mädchen. Es tat der Bewunderung, die ihre Figur erregte, keinen Abbruch, daß sie eine etwas flache Nase hatte und ihr Haar so hellblond war, daß es in einiger Entfernung aussah, als wäre sie kahlköpfig. Von Augenbrauen konnte bei ihr nicht einmal die Rede sein. Die Augen selbst waren grau und der Mund viel zu groß. Aber die Zähne waren regelmäßig und so gesund, als hauste ihr Geschlecht noch in Rendalen und nährte sich bloß von Schwarzbrot. Sah man sie von der Seite an und erblickte dann unverhofft ihr Gesicht, so fühlte man sich enttäuscht. Ihre Figur aber half über alle Bedenken hinweg. Da sie kurzsichtig war, trug sie zuweilen eine Brille – und sie war das einzige brillentragende junge Mädchen in der ganzen Stadt. (Es war damals noch nicht Mode, sich eines Pincenez zu bedienen.) Auch das verlieh ihr etwas Besonderes. Ihre ganze Erscheinung strotzte förmlich von Kraft und Klugheit. Im Winter wurde sie unbedingt die erste Balldame. Ihre Freude darüber, daß sie sich wieder zu Hause befand und zwanglos unter einer lustigen weiblichen und männlichen Jugend sich bewegen konnte, daß alle so überaus freundlich gegen sie waren und daß es ihr gut ging, war ihr deutlich auf dem Gesicht zu lesen. Auch sprach sie das oft ganz frei und offen aus. Darum erweckte sie nirgend irgendwelche Mißgunst. Vielleicht fiel dabei ins Gewicht, daß sie selbst wußte, sie sei keine Schönheit. Dieser Winter war ein wahrer Ballwinter, und an allen Festen nahm sie teil. Sie kannte kein größeres Vergnügen als das Tanzen. Gegen den Ausgang des Winters begann auch John Kurt die Rolle eines Ballkavaliers zu spielen. Aber nur ihretwegen, wie er ihr sofort versicherte. Das fiel ihr nicht sonderlich auf, da sie ja wußte, daß auf ihn nicht die allgemeinen Schicklichkeitsregeln anzuwenden waren; daß er überall auf eine besondere Freiheit der Meinungsäußerung Anspruch erhob. Sie fand ihn neu und höchst eigentümlich. Sie selbst aber benahm sich ihm gegenüber wie alle andern; sie lief weder von ihm fort, noch fiel sie in Ohnmacht, wenn er in ihrer Gegenwart sehr kräftige Ausdrücke gebrauchte und sogar fluchte. Sie lachte darüber – just wie die andern Mädchen. Sie besaß nicht eine Spur von Menschenkenntnis. Die erwirbt man sich nicht, wenn man von einer Erziehungsanstalt in die andere wandert, mögen diese auch in verschiedenen Ländern liegen. Gar bald besuchte er sie auch in ihrem Hause. Er wußte, wann sie ihre Mußestunden hatte und ihre Spaziergänge machte, – und überall suchte er sie auf. Sie sorgte dafür, daß sie nie allein war, im übrigen waren ihr seine Besuche sogar angenehm. Er erzählte ihr und ihren Freundinnen amüsante und bisweilen auch rührende Erlebnisse. So einmal von einer verlassenen Brut Rebhühner, die er einst in der Heide, wo sie in ihrem ersten Flaum umherliefen, Stück für Stück aufgelesen und mit nach Hause genommen. Er erzählte dies mit einer solchen, man möchte sagen waldursprünglichen Frische, daß den jungen Mädchen die Tränen in die Augen traten. So etwas war ihm eine Inspiration. Mitten in den wildesten Geschichten erhielt seine Erzählung dann ein überaus feines, rührendes Gepräge. Auch die Art, wie er von seinem Vater sprach, nahm die Mädchen für ihn ein: es war eine Mischung höchst schnurriger und rührender Erzählungsweise, die sich beständig auf der Grenze zwischen dem Weinen und dem Lachen bewegte. Die Mädchen gewöhnten sich an seine rohen Bilder, seine saftige Sprache; ja sie mochten sie bald gar nicht mehr entbehren. Seine Geschichten erhielten dadurch eine sehr eigentümliche Färbung, welche sie oft erschreckte, aber immer entzückte ... Als sie eines Tages zufällig allein waren, teilte er ihr die Geschichte einer Lotsenwitwe mit, für welche er gerade mit bemerkenswerter Beharrlichkeit Geld sammelte. Er sah, daß dies auf Thomasine einen guten Eindruck machte; und ohne jeden Übergang sagte er ihr, sie, Thomasine Rendalen, sei ihm, was einer Karawane in der Wüste eine Stadt wäre. Ja, wenn sie darüber lache, so geschehe das nur, weil sie nicht wisse, was es heiße, Tage, Wochen, Monate lang durch denselben Sand und in demselben Sonnenbrand sich müde, hungrig und durstig dahinzuschleppen. Dann wirke es ganz anders auf den Menschen, wenn aus der Ferne die Zinnen einer Stadt herüberwinkten! Sie war ihm der Minaretturm und die Platanen und der Springquell, der verbotene Wein und das gastliche Zeltdach ... Wie, wenn sie zusammen sich ihr Zelt bauten? Sie verkauften dann den ganzen Plunder hier und reisten ins schönste Land der Welt, lagerten sich unter den Sonnenzelten und ließen sich von andern Speis und Trank geben! ... Oder sie konnten ja auch bleiben und das wilde Land um das Gut herum urbar machen und in Gärten verwandeln. Denn was konnte da nicht alles wachsen an einer solchen Sonnenseite! Dann wollten sie sich dort oben in den Kugel eingraben wie so zwei Dachse und reiche Leute werden ... Aber er sah, wie sie bei seinen Worten immer mehr erschreckte! Und ohne innezuhalten, ging er zu einer begeisterten Lobrede auf seinen Vater über. Das Ganze war nämlich weiter nichts, als ein Einfall seines Vaters; er hätte den Sohn so gern verheiratet gesehen. Sein Vater konnte mitten in Winternächten, wenn es plötzlich kalt wurde, aufstehen und Bastmatten und Wollumpen um die verfrorenen Obstbäume winden, als wären es nackte Kinder. Wollte sein Vater einen Busch umhauen, so nahm er zuvor die Vogelnester und trug sie in einen anderen Busch. Es dürfe sie darum nicht wundern, wenn sein Vater auch an ihn denke, aber er selbst könnte noch warten. Er sei glücklich und mit der Gegenwart durchaus zufrieden. Worauf er dann eine Geschichte begann von ein paar Kühen, welche nicht in das Gras beißen wollten, weil es zu bleich aussah; aber er setzte ihnen große grüne Brillen auf, und da sah das Gras ganz frisch aus, und sie bissen tapfer zu. Soviel jedoch begriff sie, daß John Kurt sich enttäuscht fühlte. Sie selbst war ängstlich geworden; sie wußte selbst nicht recht warum ... Doch, sie wußte, woher es kam: Just an diesem selben Tage hatte sie dies und jenes über seinen entsetzlich unsittlichen Lebenswandel gehört. Da ereignete sich das Seltsame, daß eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter zu ihr kam, um nach einer passenden Einleitung zu seinen Gunsten zu reden. Und nach einiger Zeit kam noch eine Freundin ihrer guten Mutter und dann noch eine! Freilich, er war nicht wie die andern; aber er ward ganz gewiß ein ausgezeichneter Ehemann; davon waren sie alle überzeugt. Und was seinen unsittlichen Wandel anging, – ja, damit stand es freilich schlimm; aber ärger als der so vieler anderer Männer war er doch wohl kaum; selbst verheiratete Männer konnten ja mitunter hier in der Stadt auf häßliche Abwege geraten. Der ganze Unterschied war nur, daß er kein Hehl daraus machte. Die Reden der drei Damen hatten eine auffallende Ähnlichkeit miteinander, und Thomasine konnte die Übereinstimmung nicht entgehen. John Kurt stellte seine Besuche eine Zeitlang ein, nur daß er auf allen seinen Gängen zur Stadt und auf dem Rückwege stets am Hause des Oberlehrers vorbeikam, obschon es etwas abseits lag. Und jedesmal grüßte er nach dem Hause hin, selbst wenn nur die Katze im Fenster saß. Zudem schickte er jeden Morgen ein Bukett; das Bukett stellte sich ebenso sicher ein wie der Tag. Die alte Marianne, welche es entgegennahm, hatte immer das eine oder andere Wort über Thomasine, das er fallen gelassen, hinzuzufügen. Nachdem die besten Freundinnen der Mutter bei Thomasine gewesen, um Johns Sache zu führen, fanden auch ihre eigenen besten Freundinnen sich ein. Einige davon hatten früher sich im entgegengesetzten Sinne bemüht; sie hatten seinen Namen fast nur mit Abscheu genannt; seine »Lügengeschichten« und »rohe Sprache« waren ihnen ebenso verhaßt wie er selbst; »er war scheußlich«. Allein jetzt begannen sie einzuräumen, daß er doch etwas Interessantes an sich habe, gewissermaßen etwas Dämonisch-Berückendes. Natürlich hatte er sie aufgesucht. Zunächst die, von der er wußte, daß sie ihn am wenigsten leiden mochte. Er sagte ihr, daß er das sehr wohl empfinde, und sie eben darum achte. Gewiß, er sei ein elender, verächtlicher Mensch. Aber gerade deshalb komme er. Denn sie sei ja das ehrlichste und scharfsinnigste Gewissen der Stadt; darüber seien alle einig. Sie müsse ihm helfen. Sie kenne seine Lebensgeschichte nicht; das sei die Sache. Darum könne sie auch nicht wissen, weshalb er schon von seiner Kindheit an mißverstanden worden und ein Sonderling hätte werden müssen. Ja, im Grunde brauchte er ihr nicht einmal sein Leben zu erzählen, denn sie schaute den Menschen so tief in die Seele hinein! Die andern betäubte er förmlich mit seinem Wortstrom, so daß sie bald erschreckt, bald gerührt waren. Sie verloren darüber nicht die Besinnung; sie begriffen sehr wohl, daß nicht alles echte Ware, unmittelbare Natur war; aber gerade das diente zu seiner Entschuldigung. Er gab sich nicht die Mühe, sein innerstes Wesen zu verstecken. Die meisten andern Männer waren einschmeichelnd und liebenswürdig, wenn sie etwas erreichen wollten! Da plötzlich tönte ein unbändiges Gelächter von einem Ende der Stadt bis zum andern. Denn zu Beginn des Frühlings wurde er von einem kleinen frischen Nähmädchen als der Vater ihres Kindes bezeichnet; und er bekannte sich vor aller Welt zu dem Kinde und ließ es mit großem Pomp in die Kirche zur Taufe tragen, in welcher es den Namen – Thomasine erhielt. Kurz nachher entstand neues Gelächter. Denn als die Leute ihn fragten, wie in aller Welt er auf einen solchen Einfall geraten, antwortete er: stände es in seiner Macht, so sollten von jetzt an alle Kinder Thomas oder Thomasine heißen. Es war rührend. Um diese Zeit starb sein Vater, und zwar unter besonderen Umständen. Der alte Mann hatte Thomasine sagen lassen, ob sie so freundlich sein wolle, auf ihrem nächsten Spaziergang bei ihm vorzusprechen; er sei nicht wohl. Die beiden waren alte Bekannte. Als sie noch ein kleines Kind war, hatte er ihr oft die Taschen voll Kirschen gesteckt; denn sie hatte ein so frisches, gesundes Aussehen; für so etwas hat ein alter Gärtner ein besonderes Auge. Und sie ging zu ihm und fand ihn in dem Zimmer links vom Eingang. Sie betrat es zum erstenmal. Die Wände waren mit einem steifen, dunklen Stoff bedeckt; vermutlich Leder, das einst bemalt und vergoldet gewesen. In der Ecke neben dem Fenster stand ein großer Schrank, ein herrliches, mindestens zweihundert Jahre altes Möbelstück mit kunstvollen Schnitzereien. Gerade vor dem Fenster stand ein roher, plumper Tisch, auf dem allerlei Papiere, Samenproben, Zeitungen und Speisereste lagen. Und an diesem Tische saß er selbst, der alte Konrad Kurt, in einem altfränkischen Lehnstuhl mit kurzem, breitem Lederrücken. Er stand auf und nötigte sie, in dem Stuhl Platz zu nehmen. Er trug seinen grauen Linnenrock, die lange Schürze und schlurfende Pantoffel. Auf dem Kopf hatte er die Mütze mit dem großen Schirm; um den Hals war ein dickes Tuch gewunden. Er war etwas heiser und auch sonst unwohl; der Frühling war so scharf in diesem Jahr! Der große, hagere Mann begann zwischen dem Tisch da am Fenster und dem Bett auf und ab zu traben. Und er trabte hin und her an dem großen Ofen vorbei mit den zwei Dänenkönigen aus dem Oldenburger Hause – beide mit entsetzlichen Perücken. Er trabte nach dem Takt einer alten Stubenuhr, die an der Wand gegenüber dem Ofen hing; schnarrend und lärmend schlug sie gerade sieben. Die Bettstelle war von frischem, poliertem Birkenholz; an den Wänden dagegen standen alte, gichtbrüchige Stühle mit einem oder zwei neuen Beinen, einige auch mit neuer Halblehne. Die Wände selbst waren mit Schildereien behängt, auf denen noch ein rotgelber Arm oder ein braunrotes Kleid zu erkennen waren; alles andere zeigte eine gleichmäßige Dunkelheit. An den Rahmen gewahrte man mehr Spuren von den Fliegen als von der Vergoldung. Und Konrad Kurts polternde Rede während des Hin- und Hermarschierens glich gewissermaßen der Stube; eine Mischung alter und neuer Reden über die Familie; doch war mehr Altes als neues darin; auch wurde es nicht ohne Prahlerei vorgebracht. Er sprach ohne die Flüche und Bilder seines Sohnes, aber doch mit einer gewissen Kraft. Gleich dem Sohn spöttelte er in dem einen Augenblick, um im nächsten arg zu übertreiben. Allein der Sinn des Ganzen blieb doch, daß es aus sei mit dem berühmten Geschlecht; der Stamm tauge nichts mehr. Sollten dieser und das letzte Besitztum der Familie noch gerettet werden, so mußte gepfropft werden. Es galt einen neuen, starken Baum zu finden. Fast zwei Stunden saß sie da und hörte ihn an. Sie versäumte die Zeit für ihren Abendkursus und das Abendessen. Er wollte sie nicht fortlassen. Ein Mädchen öffnete die Tür nach dem Gange, um zu fragen, ob sie decken sollte; aber das Mädchen wurde hinausgewiesen ... Als Thomasine durch die Allee, welche von Regenströmen zerrissen war und in der die alten Bäume in einem heftigen Sturme sausten, nach Hause zurückging, da beschlich sie eine Empfindung, als käme sie aus einem Mausoleum, worin sie einem einzigen lebenden Menschen begegnet, der dort einsam hauste und seiner Toten wartete. Sie empfand nicht das leiseste Verlangen, sich ebenfalls in dieses Mausoleum zu begeben. Unwillkürlich wandte sie sich um und schaute zurück nach dem übertünchten schmutzigen großen Gebäude mit den kleinen Fenstern, und ganz laut sagte sie vor sich hin: »Nein, nein!« ... Als sie am folgenden Morgen ins Wohnzimmer trat, war das gewöhnliche Bukett von John Kurt nicht gekommen. Das gab ihr einen Stich ins Herz; sie wußte selbst nicht warum; denn war es jetzt nicht just so, wie sie es sich wünschte? ... Hatte sie es wirklich nicht selbst so gewünscht? ... Gerade als sie hierüber nachzugrübeln anfing, trat ihr Vater von seinem Morgengang herein. Er war sehr bleich und erzählte, der alte Kurt sei während der Nacht gestorben. Man hatte ihn heut früh leblos in seinem Stuhl vor dem Tische gefunden. Gleich darauf kam John Kurt. Ohne ein Wort zu sagen, warf er sich auf einen Stuhl und begann zu weinen, Und er weinte so, daß sie und ihr Vater beide ganz erschreckt wurden. Und welche Selbstanklagen richtete er gegen sich! Von jetzt an kam er wieder Tag für Tag und schüttete sein Herz vor ihnen aus, immer ergreifender und nachdrücklicher. Andere Familien besuchte er nicht, ja er redete nicht einmal mit anderen Menschen. Nur mit ihnen und seinen Dienstleuten. Und Tag und Nacht arbeitete er mit ihnen; denn auf der großen Treppe des Hauses wurde ein Blumentempel gebaut; von dort sollte der alte Kurt zur ewigen Ruhe bestattet werden. Dieser Blumentempel wurde über alle Maßen schön. Allgemein ward davon gesprochen, und am Abend vor dem Begräbnis kamen die Leute herbei, um ihn zu sehen. Auch Thomasine erschien mit ihrem Vater. Kurz darauf gewahrte man in der Allee auch den Freund des Verstorbenen, Pastor Green, und hinter ihm den halben »Berg«; Kinder und Erwachsene, – alle kamen, um den Blumentempel und den Verstorbenen zu sehen und ihm Lebewohl zu sagen. Und der alte Geistliche ging die Treppe hinan und hielt eine Ansprache über den Blumenfreund, der aus unserm Lenz zu dem ewigen Frühling eingegangen sei. Es entstand eine allgemeine Rührung, so daß der Sohn sich zurückziehen mußte. Am folgenden Tage begab er sich vom Begräbnis sofort in das Haus des Oberlehrers. Aber er fand Thomasine nicht zu Hause. Hierüber fühlte er sich so enttäuscht und war so von Herzen betrübt, daß er lange stumm dastand und endlich bemerkte: Nun habe er niemand, nein, niemand mehr auf der ganzen Welt! Und er wünsche, daß man auch ihn unter den Friedhofsrasen bette. War er ja doch selbst denen zur Last, denen er zugetan, das merkte er an allem. Und darauf ging er von dannen. Das rührte die alte Marianne, welche diese Worte gehört. Und als Thomasine endlich nach Hause kam, erzählte die alte Magd es ihr so, daß auch Thomasine gerührt wurde. Sie war nicht zu Hause gewesen, weil sie sich vor ihm gefürchtet. Sie hatte nicht den Mut gehabt, Zeuge seiner Erregung zu sein, die vielleicht eine eigene Richtung nehmen konnte. Jetzt reute es sie. Sie nahm plötzlich ihre Brille ab und putzte sie, setzte sie wieder auf und betrachtete sich im Spiegel. War sie denn nicht groß und stark genug, um es zu wagen? Sie nahm sich gleichsam Maß zur Ehefrau. Die Mädchen trugen damals mit Vorliebe ein krauses Leibchen mit Gürtel und Krinoline. Sie drückte den Gürtel mit ihren beiden festen Händen etwas herab. Die weißen, losen Ärmel hatte sie beim Hereinkommen abgenommen; die des Kleides waren weit offen, so daß die Handgelenke und die Unterarme sich vorteilhaft von dem schwarzen Kleide abhoben. Und sie weidete sich an ihrer Stärke. Aber unwillkürlich suchten die Augen das Gesicht, den schwachen Punkt. Es war doch unglaublich häßlich! Diese flache Nase, dieser große Mund und dieses Haar das dieselbe Farbe hatte wie die Stirn; es war fast gar nicht zu sehen! Und diese Augenbrauen – helle kurze Stacheln; und sie waren so dünn, daß sie geradezu unsichtbar blieben ... Ach nein, es war ja nicht nötig, daß sie sich herausputzte, John Kurt liebte sie ja wirklich ... Und er war unglücklich ... Ganz mutterseelenallein in der Welt und unglücklich ... Und sein Vater hatte ihr seinen eigenen Stuhl angewiesen ... Eine halbe Stunde später schritt die alte Marianne so schnell durch die Allee, als ihre alten Beine sie tragen konnten. Doch einige Male blieb sie stehen und wickelte aus einem Zeitungspapier ein feines, o so feines Briefchen hervor; das mußte sie wieder und wieder betrachten. Als sie es John Kurt überreichte, riß dieser es heftig auf und zog eine dicke englische Briefkarte mit einer Taube darauf hervor. Es war außerordentlich solides Papier und die Taube sehr gut gezeichnet. Und er las folgende, von einer geübten Hand geschriebenen Worte: »Ich bin bereit! Thomasine .« John Kurt wandte sich nach Marianne um: »Nein,« rief er, »war das ein Mann, mein Vater selig! Ohne ihn hätt' ich sie nie bekommen!« Gleich am folgenden Tage sollte die Hochzeit sein. Zu seiner größten Verwunderung aber widersetzte sie sich diesem Vorhaben; auch in der nächsten Woche noch nicht. Sie kündigte all ihren Schülerinnen, um noch etwas von dem lernen zu können, was sie in ihrer neuen Stellung wissen mußte; sie verstand gar nichts vom Haushalt; nur daß sie um ihre eigene Person her alles in Ordnung halten konnte; von Kindheit an hatte sie sich ja nur mit Büchern beschäftigt. John Kurt war ganz entzückt, als er von diesen ihren Mängeln hörte! Er verstand das alles. Zweifelte man vielleicht auch daran? Er konnte aufwaschen und scheuern, in der Küche wie in den Zimmern, besser als ein Dienstmädchen. Und er schob sofort die alte Marianne beiseite und bewies durch die Tat, was er alles verstand. Und so hurtig und nett ging es ihm von der Hand, als wäre er sein Lebenlang in der Küche beschäftigt gewesen. Und dann konnte er auch alle möglichen Gerichte bereiten – Gerichte, die viele nicht einmal dem Namen nach kannten; kochen, braten, schmoren, alles verstand er; auch stricken, nähen, stopfen; und Wäsche stärken und plätten! ... Er und niemand anders mußte Thomasine unterweisen ... Warum nicht sofort damit beginnen? Und das geschah denn auch. Er selbst machte alle Einkäufe und lud Gesellschaften ein in das Haus seiner Braut. Es waren dies die fröhlichsten Tage, welche die Familie Rendalen je gekannt. Und in der ganzen Stadt sprach man davon, welch heiteres Leben dort herrsche; und die Freundinnen und die Freundinnen der Freundinnen mußten kommen, um sich selbst zu überzeugen. War das ein Humor! Und dann all die Geschichten und Erzählungen darüber, wo und wie er dies alles gelernt! Bald unter den Goldgräbern Australiens bei fortwährender Lebensgefahr. Dann auf einem Nilboot bei einer englischen Herrschaft. Wieder ein anderes Mal in Brasilien in einem Negerhotel. Dann in den Bergwerken fern in Südamerika. Plötzlich auf Haiti mit einem großen Dampfschiff! ... Er sparte nicht mit Lokal- und anderen Farben; und grauenhafte Begebnisse und Flüche zuckten nur so wie der Blitz vom Himmel über all die verschiedenen Länder und Völker herab. Aber inzwischen ging die Arbeit flott vonstatten. Thomasine war Unterköchin, zweite Waschfrau, Hilfsplätterin! Und er arbeitete ebenso schnell und eifrig, als er erzählte. Er hielt nur inne, und zwar in der lebhaftesten Weise, wenn sie einen Fehler machte. Aber ebensogut, ja noch besser konnte ja diese Unterweisung und diese fröhliche Beschäftigung da oben auf dem Gute vor sich gehen? ... Darüber wurden allmählich alle einig – und Thomasine gab nach. 6. Ein Eheleben. Die Trauung fand eines Nachmittags im Hause statt. Niemand als die nächsten Verwandten wohnten ihr bei, und gleich nach der Hochzeitstafel zog das Brautpaar sich Arm in Arm zurück. Es war fast nichts in dem Hause verändert worden; Auch das sollte erst nach und nach geschehen. Das Zimmer links diente nach wie vor zum Wohn- und Speisezimmer; das daranstoßende als Schlafgemach. Die besten Möbel und Betten, zum Teil alte, kostbare Erbstücke, wurden nun hier zusammengestellt, und die Ledertapeten gewaschen, wodurch sie gerade kein besseres Aussehen erhielten. Nur die schweren Holzschnitzereien an den Deckenbalken nahmen sich nach der Waschung besser aus. Auch die Gemälde wurden einer Waschung unterzogen; aber nicht immer mit Glück. Da die Rahmen zugleich neu vergoldet wurden, nahm es sich entsetzlich aus. Neben dem Schlafgemach war sofort nach John Kurts Rückkehr ein Badezimmer eingerichtet worden. Jetzt ward dieses abgeteilt, so daß nun auch ein Toilettenzimmer vorhanden war. Die Küche auf der andern Seite des großen Ganges, der das ganze Haus in zwei Teile teilte, nahm sich aus wie ein Tanzsaal. In diese wurde eine neue, aus England verschriebene Kochmaschine gestellt; wollten doch hier die Neuvermählten ein gut Teil ihrer Zeit zubringen. Einige Tage waren sie ganz allein. Auch später gingen sie nicht aus; aber die Freundinnen wurden einzeln eingeladen – und bald herrschte auf dem Gut dieselbe Fröhlichkeit, wie früher im Hause des Oberlehrers. Während der Tage unmittelbar vor und nach der Trauung war Thomasine verliebt – ja geradezu vernarrt in John Kurt; sie war ganz und gar von ihrem John eingenommen und fast übermütig glücklich. Allein es lag nicht in ihrer Natur, übermütig zu sein; das kleidete sie nicht. Sie sah zerstreut aus, ja bald sogar einfältig. Das fühlte sie, wenn die Freundinnen sie ansahen, hatte sie es doch schon in ihrem eigenen Spiegel entdeckt. Sie dachte ein wenig darüber nach, wies aber den Gedanken wieder von sich ab. Dann überkam es sie von Zeit zu Zeit wie ein heimlicher Schreck. Natürlich wollte sie den unterdrücken, wurde dadurch aber erst recht, was sie nicht sein wollte. Die Freundinnen zischelten sich ins Ohr, daß sie so unangenehm geworden; sie, die gerade durch ihr frohsinniges, ursprüngliches Wesen gefallen hatte, war nun entweder merkwürdig geistesabwesend oder heftig. Eine an sich unbedeutende Eigentümlichkeit erregte besondere Beachtung: keine von den Freundinnen kam weiter als bis zum Wohnzimmer und zur Küche; alles andere blieb sorgfältig verschlossen. Sie spionierte förmlich umher, ob die Freundinnen sie nicht ausspionierten. Aber bald wurden sie alle von einem anderen ausspioniert. Niemand konnte mehr allein mit Thomasine sein, ohne daß John Kurt diese oder jene Tür öffnete und den Kopf hervorsteckte; man hörte ihn nie, bis er dastand. Alle Schlösser waren untersucht und geschmiert; die Türen schlossen ohne das mindeste Geräusch. Promenierten sie in den breiten Gartenwegen, so trat er unverhofft hinter einer Hecke hervor. Flüsterten sie in seiner Nähe, so begann er zu fluchen, unruhig, mürrisch, zornig zu werden – nicht gerade auf sie, aber doch so, daß ein Irrtum über die Veranlassung nicht möglich war. In der Regel entlud sich dann ein Donnerwetter wegen Thomasinens »Unordnung«. Die Freundinnen dachten, entweder wären sie im Wege, oder es müsse sonst etwas im Wege sein, dem sie mehr als gern ausweichen wollten. Und die eine nach der anderen kam immer seltener. Endlich begriff auch Thomasine ihres Mannes Unruhe, Anfangs meinte sie, er wollte mit seinem eigentümlichen Wesen ihre Freundinnen verscheuchen. Die Klagen über ihre Unordnung waren gerechtfertigt. Ordnung will in der Tat erst gelernt sein. Später, als kein Versehen mehr vorkam, fragte sie sich, ob er vielleicht auf die, welche sie besuchten, eifersüchtig sei. In dem Falle mußte er es auch früher gewesen sein; da kamen die Freundinnen ja noch öfter als jetzt. Hatte er denn irgendwelche Befürchtung? Aber welche? Daß sie über ihn reden möchten? Was sollten sie denn über ihn reden? Endlich hatte sie's gefunden ... Er war gerade ausgegangen; sie hatte also Zeit, die Sache zu überlegen, mit kälterem Blut zu betrachten. Es lag nicht in ihrer Natur, plötzlich Entschlüsse zu fassen, und es war ihr noch unklar, was sie beginnen sollte, und welche Rechte sie in einem ehelichen Zusammenleben hatte. Niemals hatte sie darüber mit jemand gesprochen, niemals etwas darüber gelesen. Nach und nach verteilte sich gleichsam der Schmerz in Grübeleien; sie nahm ihre Arbeit wieder auf und versuchte sich so zu geben, als wäre nichts geschehen. Aber John Kurt merkte sofort, daß ihr ganzes Wesen eine Wandlung erfahren. Dann sah er gelegentlich, daß sie geweint hatte. Und von jetzt an fragte er, so oft er nach Hause kam, ob Besuch dagewesen. – Nein! – Einmal hörte sie ihn gleich darauf den Gärtner fragen, ob seine Frau Besuch gehabt, während er fortgewesen. Er ward scheu vor ihr und vorsichtig, ja geradezu unsicher. Aber auf die Dauer konnte er das nicht aushalten; dann ward er mit einem Male ungeduldig und roh, bereute dies dann bitterlich und bat wohl zwanzigmal um Verzeihung. Beides wiederholte sich. Thomasine war nicht nervös, so daß das erstere sie nicht erschreckte und das letztere sie nicht bestimmen konnte, ihr Verhalten zu ändern. Sie war freundlich, aber immer zurückhaltend. Dann zog es sich zu einem größeren Gewitter zusammen, das fühlten sie beide. Die Übergänge zwischen kalt und warm traten immer schneller ein; die vorausgehenden Regenschauer wurden heftiger, die dann eintretende Stille und Schwüle gefährlicher. Und inmitten all dieser dräuenden Zustände konnte er wieder so unglaublich freundlich, so natürlich heiter und rücksichtsvoll sein, daß sie alle unheilverkündenden Zeichen vergaß und sich der Hoffnung hingab, daß ohne irgendwelche bestimmten Auseinandersetzungen, bloß durch ihre sanfte verständige Leitung für die er das feinste Verständnis hatte, ihr Zusammenleben sich zu dem umwandeln würde, was sie unter einer hergebracht glücklichen Ehe sich dachte ... Eines Nachmittags kam er aus dem Garten, in welchem er den ganzen Tag gearbeitet hatte, plötzlich zu ihr herein. Er wollte die Kleider wechseln, denn er war zu einer großen Herrengesellschaft in der Stadt geladen. Er begab sich in das Schlafgemach, warf Rock und Weste von sich, kam wieder herein und sprach davon, daß er ein Bad nehmen wolle; ging hierauf ein paarmal auf und nieder, als überlegte er etwas bei sich. Sie fühlte, daß etwas in der Luft lag. Sie selbst hatte sich zum Ausgehen angekleidet, da sie eine Freundin besuchen wollte. Er schritt an ihr vorbei und musterte sie. Sie meinte, es sei das beste, sich zu entfernen. Als er sah, daß sie das Zimmer verlassen wollte, bat er sie, noch zu bleiben; sie könnten dann zusammen gehen. Sie entschuldigte sich damit, daß sie erwartet würde. Aber sie kam ja noch früh genug zum »Klatsch«; jetzt konnte sie ihm ein wenig helfen. Sie fragte womit. Das verletzte ihn. Sie hatte kein Recht, so etwas zu fragen. Sie war überhaupt nicht fügsam; sie hatte noch gar keinen Gehorsam gelernt. Sie sollte doch wissen, daß sie jetzt einen Herrn hatte und diesem in »allem« untertänig sein müsse. Das stand sogar in der Bibel ... Zur Antwort setzte sie sich den Hut auf; er lag da auf dem Tisch bereit, – nebst dem Sonnenschirm und der Mantille. Da ward er wütend und fragte, ob sie glaube, er durchschaue sie nicht! Ob sie etwa besser sei als er und ihn darum beständig überwache? Allerdings habe sie nicht Gelegenheit gehabt, das Leben zu führen, das er geführt. Aber das war ja auch das einzige, was sie schied. Im Grunde war sie ganz so wie er; genau so. Darum sei es zwecklos, noch länger Komödie zu spielen. Das kam Thomasine so unerwartet, daß sie aufschrie: »Du Flegel!« – ihre Sachen nahm und gehen wollte. Die Tür zum Flur war unmittelbar hinter ihr. Er warf sich ihr in den Weg, drehte den Schlüssel um und steckte ihn ein. Dann trat er an die beiden anderen Türen, verschloß auch diese und steckte die Schlüssel in die Tasche. Darauf verschloß er auch die Fenster. »Was hast du vor?« fragte sie leichenblaß und nahm die Brille ab; den Hut vergaß sie abzulegen. »Ich will dir einmal beweisen, was du eigentlich bist,« antwortete er. Und zu ihrem Entsetzen nannte er sie mit den ärgsten Namen, mit denen man eine Frau benennen kann. Dabei trat er ihr unmittelbar vor die Augen; sein Atem streifte ihren Mund. Und er sagte Dinge, die sie brannten wie glühende Kohlen ... Einem solch erbärmlichen Menschen also hatte sie sich ausgeliefert! ... Aber ihn brachten ihre Nähe und der Anblick ihres Gesellschaftskleides auf einen Gedanken. Blitzschnell durchzuckte es ihn, jetzt sei der Augenblick gekommen, sie zu knicken. Sie bildete sich gar zu viel ein, wie sie dastand mit ihrer kräftigen Gestalt. Sie wagte es, etwas ganz Besonderes sein zu wollen. Sie war sein; seine Sache. Er konnte mit ihr machen, was er wollte. Aber sie setzte sich zur Wehr. Zunächst warnte er sie. Er fragte, was sie denn vorhabe? Ob sie ihn zwingen wolle, ihn? Sie!? Und plötzlich schrie er: »Ich fürchte mich nicht vor deinen Katzenaugen!« Und nun ward gerungen in dem alten Kurtschen Hause. Zwischen einem Kurt und seinem Weibe, und das mit all der Macht, welche zwei Menschen besitzen, – auf seiner Seite mit der Rücksichtslosigkeit, welche enttäuschte Herrschsucht und gekränkter Manneswille zu erzeugen vermögen, auf ihrer Seite mit der fast männlichen Kraft, die sie besaß, mit der Stärke der Verzweiflung. Ganz allein rangen sie, vor geschlossenen Fenstern und Türen, und ohne daß ein Wort vernommen wurde. Der Tisch stürzte um, und alles, was darauf, wurde zertrümmert oder ergoß sich über den Boden. Auch die Stühle wurden umgestoßen und das neue Sofa weit ins Zimmer vorgeschoben. Und auch sie stürzten zu Boden, erhoben sich aber wieder. Da stießen sie an die schwere Wanduhr. Das Gehäuse schwankte hin und her, stürzte und traf ihn an Schulter und Kopf, so daß er innehalten und sich besinnen mußte. Sie hatte jetzt Zeit, eine Tür zu gewinnen; jedenfalls eine günstigere Stellung einzunehmen. Aber das tat sie nicht. Sie betrachtete sich, denn sie hatte kaum noch ein heiles Kleidungsstück am Leibe. Das Haar hing halb ausgerissen an ihr herab und sie empfand einen heftigen Schmerz im Kopf. Aber das einzige, was sie tat, war, sich von den Resten der Krinoline zu befreien. Sie schleuderte sie von sich: sie blieb an den Tischbeinen hängen. Sie fühlte, daß sie blutete. Er hatte sie einmal über Mund und Nase gefaßt, was ihr einen starken Schmerz verursacht hatte. Dann rangen sie von neuem. Diesmal schleuderte er sie sofort zu Boden; aber damit war nicht viel gewonnen. Denn er war nur wenig stärker als sie, so daß er seine Kräfte nicht verteilen konnte, ohne sofort alle Vorteile zu verlieren. Sobald sie eine Hand frei bekam, war sie wie eine Katze sogleich wieder auf den Beinen.– – Langsam erhob er sich. Der Atem drohte ihm auszugehen; er war furchtbar bleich und einer Ohnmacht nahe. Sie stand vor ihm in ihren Lumpen und sah es; auch sie atmete jäh und heftig, aber sie war noch bei Kräften. Und jetzt vernahm er die ersten mühsam hervorgestoßenen Worte aus ihrem Munde: »Willst du es nicht – – noch einmal versuchen?« Er zog sich rückwärts nach einem Stuhl zurück, dem einzigen, der stehengeblieben. Und dort sank er nieder. Er sah sie gar nicht an; er saß da mit übergeneigtem Oberkörper und rang nach Luft. Es dauerte geraume Zeit, ehe er sich wieder aufzurichten begann. Sie stand fern von ihm am Ofen und hielt die Fetzen ihrer Kleider um sich zusammen. Sie bat ihn, das Schlafzimmer zu öffnen; sie wolle sich andere Kleider anziehen. Er antwortete nicht. Da höhnte sie ihn wegen seiner grenzenlosen Feigheit und Erbärmlichkeit. Er hörte es an, ohne ein Wort zu erwidern. Dann zeigte er mit dem Finger nach ihr, und in seinem Gesicht stand zu lesen, wie häßlich sie sei. Diese Schadenfreude gab ihm endlich auch die Sprache wieder. Sie gleiche, wie sie dastehe, in ihren Fetzen und Lumpen und zerzaustem Haar den rohesten und widerwärtigsten Frauenzimmern. Aber seine Sprache hatte jetzt keine Farbe mehr; ja er fluchte nicht einmal. »Kannst du jetzt nicht mehr fluchen?« fragte sie. Er nahm das ruhig hin. Er stand nur auf und ging langsam durch das Zimmer nach der Tür zum Schlafgemach, suchte den Schlüssel hervor und öffnete. Beim Hinausgehen sah er sie an und schloß dann die Tür wieder ab ... Da stand sie ... Jetzt hörte sie ihn ins Badezimmer gehen und ein Sturzbad nehmen ... Dann verließ er das Badezimmer ... Sie setzte sich und wartete. Nach einer Weile kam er zum Ausgehen umgekleidet wieder herein, schloß die Tür hinter sich und steckte den Schlüssel in die Tasche. Er ließ die Hand in die Tasche; steckte dann auch die andere Hand in die Tasche und begann zu pfeifen. Er schritt an ihr vorbei über die hingestürzten Möbel und andere Gegenstände; er hob nicht das Geringste auf. »Amüsiere dich,« sagte er, steckte den Schlüssel in das Schloß, zog ihn wieder heraus und schloß von draußen. Sie hörte, wie er den Schlüssel an sich nahm ... Die Leute auf dem Hof glaubten, sie seien beide ausgegangen; denn überall waren die Türen abgeschlossen; auch die des Wohnzimmers, was noch nie der Fall gewesen ... Um neun Uhr war es ganz still auf dem Hofe, innen und außen. Es war um die Mitte des August und kein Mondschein. Gegen zehn Uhr kam jemand hastig die Allee heraufgeschritten. Er sah nirgend Licht in dem großen Gebäude. Dann ging er die Treppe hinauf und trat in den Flur, wo die Dunkelheit ihn zwang, sich bis zur Tür hin zu tasten; er war offenbar mit der Bauart des Hauses nicht bekannt ... Er klopfte; keine Antwort. Dann faßte er den Türwirbel – verschlossen. Er klopfte von neuem... heftig, immer heftiger. Hielt dann inne und lauschte. Kein Mensch kam. Da klopfte er noch stärker und rief: »Thomasine!« »Ja!« antwortete es sofort von innen, und im nächsten Augenblick unmittelbar an der Tür: »Bist du es, Vater?« »Kannst du nicht öffnen?« »Ich habe keinen Schlüssel.« Er hörte es an ihrer Stimme, daß sie weinte. »Wo ist denn der Schlüssel?« »John hat ihn mitgenommen.« Kurzes Schweigen; und dann fragte er wieder: »Hat er dich denn eingeschlossen?« »Ja,« wurde unter heftigem Weinen geantwortet. Darauf hörte sie den Vater wieder fortgehen. Sie hörte, wie er auf die Treppe hinausging, hinabschritt und sich entfernte, worüber sie sich sehr wunderte. Denn kein Wort hatte er weiter gesagt. Und sie empfand eine solche Sehnsucht nach irgendeinem Menschen! Das war nicht zu ertragen, das ging über alle Grenzen. Eine eigentümliche Angst beschlich sie. Das mußte etwas zu bedeuten haben. Warum entfernte er sich wieder? Und wo ging er hin? Um John aufzusuchen? Was wird nun geschehen? – Das Blut begann wieder in ihrem halbnackten Körper zu fließen. Sie eilte ans Fenster, aber sie konnte nichts sehen. In demselben Augenblick hörte sie wieder jemand die Treppe heraufkommen. Sie lief zur Tür, vermochte aber an den Schritten nicht zu unterscheiden, wer es war ... Vorsichtig tastete sich jemand im Gange weiter. »Bist du es, Vater?« »Ja,« antwortete er, »ich bin's! Und ich habe die Schlüssel!« Er trat herein, und heftig schluchzend lag sie an seiner Brust. Sie begann unzusammenhängende Worte zu stammeln; aber er unterbrach sie: »Gut, gut, du brauchst nun keine Angst mehr zu haben!« Und mit kurzen Worten teilte er ihr mit, daß John Kurt nicht mehr lebe ... Da unten vor der Treppe standen fremde Männer mit der Leiche ... Teils vom Vater, teils von anderen erfuhr sie später, daß John Kurt in der Gesellschaft stark getrunken hatte und in eine immer mehr erhitzte Stimmung gekommen war. Nach Aufhebung der Tafel hatte er durchaus in ein übelberufenes Haus wollen; das würde Thomasine über alle Maßen amüsieren. Man versuchte, ihn zurückzuhalten. Da ward er rasend, ganz sinnlos rasend, taumelte hin und war tot ... Für John Kurt wurde auf der Treppe kein Blumentempel aufgebaut ... 7. Die Folgen. In den ersten Tagen kamen einige von den Freundinnen ihrer Mutter und verschiedene ihrer eigenen Freundinnen, um ihre Teilnahme auszudrücken und ihre Unterstützung anzubieten. Aber sie war für niemand zu sprechen. An dem Nachmittag, da sie, ihrer Kleider, ihrer Jugend, ihrer Selbstachtung beraubt und um ihr Leben zitternd eingeschlossen im Zimmer saß – da hatte sie darüber nachgegrübelt, daß ja zu derselben Zeit John Kurt sich in der besten Gesellschaft der Stadt befand. Hätte die Gesellschaft John Kurt nicht anerkannt, man würde sie, ein so unerfahrenes Pensionsfräulein sie auch war, nie und nimmer oben auf dem Gut gesehen haben. Fast einmütig hatten alle sie ihm ausgeliefert – ausgeliefert, ja, das war das richtige Wort. Und irrte sie nicht, so hatten doch alle sie gern gehabt, ja sogar hoch geachtet! ... Sie wollte niemand mehr sehen, niemand! Wäre sie frei gewesen, sie hätte sofort Heimat und Vaterland verlassen ... Ihre eigene Schuld? Ja, sie sah jetzt, worin sie bestand! Sie wollte sich den Leuten nicht mehr zeigen. Jetzt war sie frei! Aber nun hielt sie etwas anderes zurück; eine schreckliche Ungewißheit: – trug sie ein Kind unter dem Herzen oder nicht? War es vielleicht ihre Bestimmung, einem wahnsinnigen Menschen das Leben zu geben? Denn nun er nicht mehr unter den Lebenden, war es ihr ein Bedürfnis, zu denken, daß er nicht bei Verstand gewesen – wie verschiedene andere seines Geschlechts. Sollte auch sie nun einem Wesen das Leben geben, das alle möglichen Eigenschaften an sich hatte? Und sollte sie zeit ihres Lebens an dieses Wesen gefesselt sein? ... Weil die da unten in der Stadt sie sich selbst überlassen, und sie sich nicht verstanden hatte? ... In wenigen Wochen war sie ein Schatten dessen geworden, was sie vor kurzem gewesen ... Und seltsam: sobald die Ungewißheit zur Gewißheit geworden, sobald sie wußte, daß sie Mutter war, kehrten Ruhe und feste Entschlossenheit in ihr Gemüt zurück. Sie begriff nicht, weshalb sie nicht gleich auf etwas so Klares, so Selbstverständliches gekommen war. Das lebende Wesen unter ihrem Herzen sollte es entscheiden. Artete es nach ihm, so sollte alles sein; sie wollte nicht leben, um ein solches Wesen großzuziehen. Besaß es aber die besseren Eigenschaften ihrer eigenen ehrenhaften Familie, wenn auch nicht ungemischt, so war es ein großer, sehr großer Segen, daß sie es allein erziehen konnte. Bis dahin also mußte sie warten und arbeiten. Thomasine Rendalen war erwacht, und von jetzt an begann eine höhere, natürlichere Lebensanschauung sich in ihr zu entwickeln. Allein hatte sie den äußeren und inneren Kampf durchgekämpft, allein richtete sie sich jetzt ein. Das erheischte Zeit, denn sie dachte nicht schnell; aber die Unruhe war von ihr gewichen; sie aß wieder mit Appetit und kam wieder zu Kräften. Und dann eines Tages hatte sie alles bereit. Zunächst rief sie den Gärtner herein. Es war ein hübscher, hellblonder Mann mit einem bestimmten Wesen, das sich bei ihm in einem Leben voll Mühe und Arbeit entwickelt hatte, denn es war kein anderer, als jener Andreas Berg, dessen Sonntagsjacke John Kurt einst zerschnitten. Seitdem war er stets auf dem Gute gewesen. Andreas Berg hatte mit dem alten, heftigen Kurt, der ihn übrigens unzweifelhaft zu seinem Erben eingesetzt hätte, wenn sein Sohn nicht zurückgekehrt wäre, alles durchgemacht. Und später hatte er all die Launen und Wunderlichkeiten des Sohnes ertragen müssen. Thomasine bat ihn, sich zu setzen. Sie fragte, ob er sich irgendeine andere Stellung wünschte, oder ob er bei ihr bleiben wolle? ... Ja, er wünschte bei ihr zu bleiben – wenn Frau Kurt das recht sei. Ob sie denn ganz auf ihn zählen könne? Ja, das könne Frau Kurt in allen Stücken. Dann möchte sie ihn zunächst bitten, sie nicht mehr Frau Kurt, sondern Frau Rendalen zu nennen, und auch die anderen müsse er zu bestimmen suchen, sie fortan nur Frau Rendalen zu nennen. Ihre Augen begegneten sich: die ihren funkelten unsicher hinter den Brillengläsern; die seinen waren weit geöffnet vor Verwunderung. Aber da er sah, daß ihre Brillengläser allmählich feucht wurden, weil die Tränen nicht freien Lauf hatten, beeilte er sich zu sagen: »Gut, gut, soll geschehen!« Jetzt nahm sie die Brille ab, trocknete erst die Augen und dann die Gläser; bei dem letzteren ließ sie sich Zeit. Inzwischen hatte ihr Gesicht wieder einen etwas gemessenen Ausdruck angenommen. »Lieber Berg,« sprach sie und setzte die Brille wieder auf, »könnten Sie nicht in aller Stille, so daß niemand es merkt, all die Familienporträts, all die Schildereien hier herum – denn ich weiß nicht immer dazwischen zu unterscheiden – verbrennen oder auf irgendeine andere Weise fortschaffen, so daß ich sie nicht mehr vor Augen habe? Und zwar so bald als es ohne Aufsehen geschehen kann... Verstehen Sie mich?« »Ja, gnädige Frau! ... Aber –« »Was wollen Sie sagen?« »Es wird etwas schwer fallen, wenn es niemand merken soll.« Sie dachte ein wenig nach. »Wenn jemand es merkt – ein Unglück ist es gerade nicht, lieber Berg.« »Gut; es soll recht bald geschehen!« Und es geschah... In dem Hause und auf dem Hofe verbreitete sich ein abscheulicher Geruch von verbrannter Leinewand und anderen verbrannten Stoffen. Ein milder Wind trug ihn eines Nachmittags über die Stadt hinunter, ja fast bis in die Anlagen drüben am Elv. Dann bat sie ihren Vater, mit der ganzen Familie zu ihr zu ziehen. Das geschah sofort. Sie übergab die Leitung seines und ihres eigenen Hauswesens der alten Marianne und unterstützte sie, wenn es verlangt wurde. Die Familie wohnte in den Zimmern, welche hinter ihren eigenen gelegen waren. Und einige Tage später stand folgende Bekanntmachung in der Zeitung der Stadt: »Frau Thomasine Rendalen nimmt ihren Unterricht im Englischen, Französischen und Deutschen wieder auf. Anmeldungen werden auf dem Gut entgegengenommen.« Auch gesetzlich wechselte sie ihren Namen. Und von allen Seiten kamen Meldungen, so daß sie sich ihre Schülerinnen auswählen konnte. In ihren freien Stunden suchte sie sich mit dem Rechenwesen bekanntzumachen und führte bald selbst ihr Einnahmen- und Ausgabenkonto über den Garten, das Haus und die kleine Landwirtschaft. Zugleich begann sie etwas von alledem zu lernen, über das sie Buch führte. Vielleicht kam sie nie in die Lage, ihre Kenntnisse verwerten zu müssen; aber jedenfalls war sie auf diese Weise beschäftigt. Sie fand keine Zeit zu Grübeleien, und das war vorläufig die Hauptsache. Sobald sie ihr Haupt aufs Kissen legte, schlief sie ein, so müde war sie jeden Abend; und wie alle kerngesunden Menschen war sie, sobald sie die Augen aufschlug, vollständig wach und im nächsten Augenblick im Bade. Das alles konnte jedoch nicht verhindern, daß, je mehr die Zeit fortschritt, um so schwerer der Hintergedanke sie bedrückte, den sie still mit sich herumtrug. Alles, was sie an die Familie ihres Mannes gemahnte, hatte sie ausgerottet; sie hatte sich ganz und gar mit Erinnerungen an ihre eigene umgeben. Und sobald ein Gedanke in ihr auftauchte, der an die erstere erinnerte, wurde er von einem andern unterdrückt, der ihrer eigenen Familie galt. Die Familie ihrer Mutter hatte sie nie gekannt; aber als Kind war sie in Rendalen gewesen und hatte dort die Verwandten ihres Vaters gesehen und die in der Familie noch lebendige Ahnensage vernommen. Das Geschlecht hatte sich nie durch etwas Besonderes ausgezeichnet; das gleichmäßige, etwas schwerfällige Naturell hatte wohl dann und wann, wenn es zu lange gereizt wurde oder sich im äußersten Drang befand, einen starken Anlauf genommen, im übrigen hatten sich alle mit sanftmütiger Beharrlichkeit durch das Leben gekämpft. Allein alles, was sie von den Menschen wie von den Dingen und Begebenheiten wußte, stellte sie dem entgegen, was von seiten der Kurts sich ihr aufdrängte. Dort war alles dunkel und unheimlich; auf ihrer Seite alles hell und licht, innerlich und äußerlich. Sie gewann bald eine solche Übung darin, die Familienbilder miteinander zu vertauschen, daß in dem Augenblick, wo eine Erinnerung an die Kurts in ihr auftauchen wollte, sie sofort von einer Schar blonder Hochlandsgestalten verscheucht wurde. Die Folge war natürlich, daß dunkel oder blond für sie das Entscheidende wurde; das Innere mußte dem Äußeren weichen; der erste Anblick des Kindes sollte genügen, um über ihr ganzes Leben zu bestimmen. Und nun konzentrierte ihre ganze Angst sich auf diesen ersten Augenblick. Je mehr die große Stunde nahte, um so heftiger wurde diese Angst. Ihre gewöhnliche Beschäftigung vermochte sie nicht mehr zu unterdrücken; sie verabschiedete ihre Schülerinnen und nahm teil an den Arbeiten in und außer dem Hause. Der Frühling stellte sich in jenem Jahre erst spät ein, in ihrem Eifer erkältete sie sich, trotzte dann dieser Erkältung so lange, daß sie schließlich Zimmer und Bett hüten mußte – und da beherrschte sie sofort wieder die Angst, so daß sie vor der Zeit die Geburtswehen zu empfinden meinte und ganz außer sich geriet. Als sie endlich ganz ermattet ihre Ruhe wiedergewonnen, auch da wollte die Angst sie noch nicht verlassen. Der erste Anblick des Kindes sollte ja entscheiden; hat es dunkles Haar, dachte sie in ihrer Not und Verzweiflung, so bin ich verloren, dann gelingt es mir nicht, des Kindes Sinn zu beugen. Und es wird dunkles Haar haben ... Aber dann antwortete die tröstende Stimme in ihrem Innern, daß der alte Konrad Kurt ja doch ein braver Mann gewesen; die Kurts hatten doch also auch gute Eigenschaften. Angenommen, diese Eigenschaften des alten Gärtners offenbarten sich wieder in dem Kinde; wenn auch nicht ungemischt, aber doch so, daß die guten überwogen ... Sie betete darum, so heiß, so flehentlich, bis sie endlich bedachte, es müsse ja schon zu spät sein. Ja, es war schon längst entschieden ... Und da gewahrte sie einen Nacken, der sich halb über sie beugte. Der Nacken auf dem Bilde des ersten Kurt. Sie nahm ihre Zuflucht zu ihrer alten Kunst: Gestalten ihres eigenen Geschlechts wider ihn heraufzubeschwören. Aber ihre Phantasie gehorchte ihr nicht mehr. Der Nacken blieb. Warum denn? Fort damit! Denn keiner von den letzten des Geschlechts hatte diesen Stiernacken, weder Konrad Kurt noch John. »Aber so nehmt doch den Nacken weg!« schrie sie denen zu, welche um sie waren. Und um den Ton der Worte: »nehmt weg« bildeten sich neue Vorstellungen. Gleich darauf nämlich erschien John Kurt, um zu melden, daß er gar nicht fort wolle. Und seine heiße Stirn funkelte, und er fluchte, daß es ihr in den Ohren gellte. Und er starrte ihr fest in die Augen ... Sie war von diesem inneren Kampf so ermattet, als die Geburtswehen in Wirklichkeit begannen, daß diese ihr da eine Linderung waren; denn nun mußte alles andere weichen. Kein Fieber mehr; und mutig sammelte sie nun all ihre Kräfte; doch sie war schwächer als irgend jemand geahnt. Und so dauerte es lange, ehe sie einen schwachen Schrei und die Worte: »Ein Junge! ein Junge!« vernahm, und dann die sanfte, freundliche Stimme ihres Vaters: »Thomasine, meine Tochter, es ist ein Sohn!« Eine stille Freude erfüllte sie, nun alles durchgekämpft war. Jetzt konzentrierte sich all ihr Denken auf das Wort »Sohn ...« Sie hatte einen Sohn. Aber dann von neuem Angst und Besorgnis. »Das Haar?« brachte sie ganz leise hervor; mehr vermochte sie nicht zu sagen. »Rot, gnädige Frau!« Sie hatte eine dunkle Vorstellung davon, daß das weder dunkel noch blond sei; vielleicht doch mehr dunkel. Aber ganz klar war es ihr nicht ... sie verlor die Besinnung ... Lange merkte niemand von den Anwesenden etwas; denn niemand kam auf den Gedanken, diese kräftige Frau könnte ohnmächtig werden. Und so währte es so lange, bis sie geweckt werden sollte. Da war das Entsetzen groß. Erst nach und nach ward sie sich bewußt, was geschehen ... warum es irgendwo wimmerte, warum sie sich an etwas Schmerzhaftes erinnerte ... Das Kind wurde zu ihr emporgehoben. Aber nicht nahe genug; sie konnte nicht recht sehen. Ein Zeichen, daß man es näher halten möchte; aber das war so schwierig; die Stimme wollte ihr noch nicht wieder gehorchen, und der Kopf auch nicht, und ihrer Hand erinnerte sie sich nicht. Aber da verstand sie jemand unter den Anwesenden und hielt ihr das Kind so nahe, daß es ihre Wange berührte, dort, wo sie zuletzt den Odem seines Vaters gespürt. Jetzt empfand sie etwas Weiches, Warmes, Feines; das Feinste, was je mit ihrer Haut in Berührung gekommen. Sie vernahm einen wimmernden Ton, und nun sah sie ... Augenbrauen, ihre eigenen, die ihres Geschlechts, helle, stachelige Brauen! Das war zu viel, – zu viel des Guten. Das Glück war zu groß. Schneller rollte ihr das Blut durch die Adern; dann schoß Wärme in die Wangen, und die Augen füllten sich mit Tränen. Still weinend lag sie da, während der Kleine bereits an die mütterliche Brust gelegt war. Mit Gottes Hilfe konnte sie nun das große Werk der Erziehung beginnen. 8. Eine Entthronung. Frau Thomasine Rendalen hob ihr Kind selbst aus der Taufe und gab ihm ihren eigenen Namen. Des kleinen Thomas Wiege stand an ihrem Bett, und ihr Schlafgemach ward ihr Lese- und Arbeitszimmer; die anderen standen wie Prunkgemächer leer. Sie erhielt durch ihre Freundinnen in England, Frankreich und Deutschland Bücher über Erziehung in drei verschiedenen Sprachen. Aber sie legte sie bald wieder als gar zu unbestimmt oder willkürlich beiseite. Dann begann sie ihre sonstigen Kenntnisse zu erweitern. Sie allein wollte in allem seine Lehrerin sein. Aber als er ein halbes Jahr alt war, erlitt das Erziehungswerk viele Unterbrechungen, denn er war ein unruhiges Kind. Der Arzt versicherte, soweit er es beurteilen könne, fehle dem Knaben nichts; er schreie nicht vor Schmerz. Aber wenn z. B. nicht in demselben Augenblick, wo der Knabe die Augen aufschlug, jemand zugegen war – nämlich diejenige, welche ihm Nahrung gab – dann schrie er nicht bloß, bis sie kam (das mochte man noch für recht und billig halten), nein, auch nachdem sie ihm zu trinken gegeben, schrie er immer noch, während die Milch ihm über das Kinn lief. Er tat einige Züge, hielt inne mit Trinken und kreischte wieder auf; er konnte die Vernachlässigung gar nicht verwinden. Wenn ihm etwas im Wege war, das er nicht leiden mochte, schrie er sich ganz blau, streckte seinen kleinen Körper aus und machte sich steif. Es wollte Thomasine manchmal scheinen, als sei es nicht ein menschliches Wesen, was sie da auf dem Schoße hatte ... Als er neun Monate zählte, mußte sie davon abstehen, ihm noch ferner die Brust zu geben; die Erregung und der Schreck, in welche er sie beständig versetzte, wirkten durch die Milch auf das Kind zurück. Es war ein grausamer Kampf, den sie jetzt durchleben mußte; er währte im ganzen drei Tage und drei Nächte. Während dieser ganzen Zeit war er nicht dazu zu bringen, von der fremden Nahrung auch nur einen Tropfen zu sich zu nehmen, ohne daß besondere Mittel angewendet wurden. Und wenn Thomasine leise im Zimmer oder im Korridor hin- und herging, um diesem heiseren Schreien zu lauschen – denn seine Stimme hatte er nicht mehr – ohne daß sie sich zeigen oder ihm helfen durfte, dann erinnerte sie sich voll Scham mehr als einmal daran, was sie gedacht und bei sich beschlossen, ehe er zur Welt kam. Der Knabe weinte drinnen und die Mutter draußen. Und dieser sein erster großer Krieg in der Welt, der Krieg um die mütterliche Nahrung, übte keinen glücklichen Einfluß. Denn von jetzt an schrie er noch ärger als zuvor. Thomasine war ein kräftiges Wesen mit viel Geduld; aber er brachte sie so weit, daß sie nicht bloß abmagerte, sondern auch nervös wurde. Sie meinte, wenn er älter würde, gehe es vorüber, und wartete, bis er ein ganzes Jahr alt geworden. Auch dann wartete sie noch; aber je mehr er zu Kräften kam, um so beharrlicher schrie er. Nun galt es, eine bestimmte Verhaltungsmethode zu wählen. Die gelehrten Professorenbücher waren hier nicht anzuwenden, oder sie hatte sie nicht verstanden. Dann fragte sie erfahrene Leute und erhielt den Rat, ihn fortwährend zu zerstreuen. Das ging eine Weile an; er schwieg, wenn er etwas Neues erblickte, aber er wollte denselben Gegenstand nicht mehr als höchstens zweimal sehen. Vergaß sie sich in dieser Beziehung, ward er so wütend, daß selbst etwas ganz Neues ihn dann nicht wieder zur Ruhe bringen konnte. Da riet ihr jemand, den Jungen schreien zu lassen, soviel er wolle. Ihr ewigen Mächte, wie er da brüllte! Wäre er gewissermaßen der Repräsentant all des Jammers gewesen, der in der Stadt herrschte, er hätte es nicht ärger machen können. Nein, dachte Thomasine, auf diese Weise peinigt der Knabe sich und mich zu Tode. Dann nahm sie die gerade entgegengesetzte Methode an; sie verlegte sich darauf, seine Gedanken zu erraten, lange bevor er sie hatte, und fügte sich ihm in allem. Das half; aber riet sie fehl, so nutzte es ihr nicht einmal, daß sie später richtig riet. Die mütterliche Sklavin kam, wie vor ihr so viele andere, bald so weit in ihrer Not und Verzweiflung, daß sie den Entschluß faßte, sich zu empören. Der kleine Despot mußte vom Thron gestoßen werden. Die Revolution brach damit aus, daß Seine Gnaden 6 – sechs – Klapse erhielten. Sofort zeigten sich alle Schrecken eines erbitterten Krieges, aber es folgten sechs, sieben, acht, ja sogar zwölf Hiebe. Die Macht schon vor dem Tode abzugeben, ist ein schweres Ding, selbst für einen noch nicht zweijährigen Tyrannen, so daß der Kampf mehrere Stunden dauerte, bevor er sich – ergab? Nein, das tat er nicht, sondern – bevor er in Schlaf sank. So angegriffen war Thomasine von all der Monate währenden Unruhe, dem Schrecken und den Nachtwachen und dem Kampf, daß sie am ganzen Leibe bebte. Jetzt wachte sie über seinen Schlaf; sie empfand Mitleid mit der gefallenen Größe; sie hörte, wie er schluchzte in seiner Hilflosigkeit; sie sah, wie die letzten Tränen auf seinen Wangen trockneten; wie seine drallen Händchen zuckten, seine dünne Kopfhaut sich bewegte. Wer sollte ihm denn gut sein, wenn sie es nicht war? Wie sehnte sie sich danach, ihn erwachen zu sehen, um ihm ihr allersanftestes Gesicht zu zeigen und vor ihm niederzuknien und mit ihm all die kleinen Kunststückchen anzustellen, die jede Mutter entzücken. Namentlich aber sehnte sie sich danach, ihn das Mäulchen zu einem Kuß spitzen zu sehen. Wenn er das tat, war er unwiderstehlich. Endlich begann er sich zu regen und an der Nase zu reiben. In ihrer Ungeduld schob sie die Hände unter ihn und legte ihr Gesicht an seinen Kopf, um den frischen Duft dieses jungen Wesens einzuatmen. Da verzog er den Mund; in seinen Augen war helle Verzweiflung zu lesen, und dann kam ein Schrei – ein ganz furchtbarer Schrei, indem er mit den Händen, mit dem Kopf, mit dem ganzen Körper sich von ihr loswand! ... Sie mußte ihn eiligst loslassen und ihre Schwester rufen. Nach dieser streckte er sofort seine Ärmchen aus und an sie schmiegte er sich fest an, um vollkommen vor seiner Mutter sicher zu sein ... Die verlassene Mutter stand da und sah dies alles an, und dabei dachte sie darüber nach, daß nun der Kompaß die Runde gemacht. Sie war jetzt, wo sie vor einigen Monaten begonnen hatte. Erst beschlich sie ein Gefühl jämmerlicher Ohnmacht; dann ein starkes Gefühl der Beschämung – und plötzlich entriß sie den Knaben der Schwester und kleidete ihn selbst an, mochte er sich noch so sehr dagegen sträuben. Er schrie die ganze Zeit über, und als er angekleidet war und keine Nahrung aus ihrer Hand annehmen wollte, da hagelte es Hiebe und Schelte, und sie ließ nicht eher ab, bis er sich unter Schluchzen und heftigem Stöhnen bemühte, still zu sein. Nach und nach war der Kampf zu einem gedämpften Schluchzen vor verschlossenen Türen herabgestimmt. Versuchten sie einmal den Kampf nach draußen zu verlegen – oh, dann wurden sie sofort ins Zimmer zurückgeschreckt! Endlich versuchte er es in seiner Furcht noch einmal, den Mund zum Kuß zu spitzen, um ihr zu zeigen, daß es ganz und gar wider seinen Willen geschehe, wenn noch widerspenstige Töne hervorkämen. Es war ein komischrührender Versuch. Dann ward er zum Essen gezwungen; und hierauf wurde der Besiegte niedergelegt und schlief schluchzend ein ... Sie machte einen Spaziergang, kam dann und setzte sich wie das letztemal zu ihm und erwartete bangend sein Erwachen. Und richtig: kaum schlug er die Augen auf und wurde ihrer ansichtig, als er wieder den Mund verzog, aber erschreckt ließ er seine Absicht wieder fallen, ja er streckte sogar seine Händchen aus und überließ sich derjenigen, die da über ihm lächelte. Manche glücklichen Sieger hat es gegeben, bevor Frau Thomasine Rendalen ihren Sohn vom Throne stürzte und sich selbst darauf setzte. Auch wurde ihr Glück von dem Bewußtsein beeinträchtigt, daß sie das gleich im Anfang, jedenfalls früher hätte tun müssen. Allein trotzdem war sie so froh über ihren späten Sieg, wie mancher General über eine gewonnene Schlacht. Und als sie sich an diesem Abend zur Ruhe legte, fühlte sie sich so müde und zugleich so ruhig, wie jemand, der eine Stadt erobert hat. Er zählte damals einunddreiviertel Jahr. Sie begriff sehr wohl, daß dies nicht der letzte Kampf war, aber sie begriff auch, daß er auf der unsteten Fahrt seiner Launen endlich seine Mutter entdeckt; von jetzt ab war sie gleichsam sein Festland. Davon erhielt sie bald einen Beweis. Geschah es im Siegesrausch, daß sie eine Haube zu tragen begann, oder war es ein längst gehegter Plan, das Haar zu verbergen, über das sie sich solange geärgert – genug, gerade jetzt kam die Haube zum Vorschein. Diese wollte und mußte der Knabe sofort wieder beseitigen. Seinetwillen hatte sie vorläufig die Brille, der er ebenfalls Krieg geschworen, geopfert; die Haube jedoch wollte sie ihm nicht opfern. Nun gibt es manchen, der sich wohl drein ergibt, die wirkliche Macht zu verlieren, es aber nicht verwinden kann, den Symbolen der Macht zu entsagen; und daß er über der Mutter Haar und Kopf frei verfügen konnte – das war das Zeichen einer stolzen Macht, auf das er nicht verzichten wollte. Und so kam es zu einer Schlacht. Aber er ergab sich, bevor es noch zur Entscheidung kam. Seine beiden kleinen Hände wurden wieder und wieder zurückgeschlagen, und jedesmal kräftiger trotz seines Schreiens. Plötzlich warf er sich ihr an die Brust, und der kleine Krieg hatte einen günstigen Ausgang genommen. Als sein zweijähriger Geburtstag bevorstand, konnte sie sich sagen, daß sie eine glückliche Mutter sei. Eine englische Freundin, mit der sie eifrig Briefe wechselte, seitdem sie mit den Damen der Stadt keinen Umgang mehr pflegte, hatte ihr zu diesem großen Tage Dickens' David Copperfield geschickt, der gerade damals ganz England in Entzücken setzte. Das Buch kam einen Tag zu früh. Sie las sich sofort eine weite Strecke hinein, und all die lebensvollen Bilder gruppierten sich gewissermaßen um den Kleinen zur Feier seines Geburtstagsfestes, bei welchem er in einem vollständig neuen Kostüm auftreten sollte. Sie träumte von Klein-Jip und Klein-Thomas. An diesem Geburtstag erwachte sie etwas später als er; aber er lag ganz still. Während der Nacht hatte er sie nicht ein einziges Mal beunruhigt; überhaupt hatte er sich während der beiden letzten Monate fast ganz friedfertig benommen. Glücklich und stolz begrüßte sie ihn. Die ersten Stunden vergingen in eitel Lust und Freude. Gegen neun Uhr saß er bereits in seinen neuen Kleidern am Boden, umgeben von all den Spielsachen, die sie und ihre Verwandten ihm geschenkt; sie selbst saß in vollem Putz am Fenster und las im Copperfield. Sie hatte versucht, frische Luft hereinzulassen, allein der Frühling war noch etwas kühl. Da wurde sie hinaus in die Küche gerufen. Es war ihm nie recht, wenn sie ihn allein ließ; aber jetzt war er ja so sehr mit seinen Geschenken beschäftigt, daß sie es vielleicht wagen konnte; doch gebrauchte sie die Vorsicht, den Weg zur Küche durch das Schlafzimmer und von dort über den Korridor zu nehmen. Sie ließ die Küchentür offen, für den Fall, daß sie ihm zu lange bleiben und er nach ihr rufen sollte. Aber er ließ nichts von sich hören, und so blieb sie, bis sie fertig war. Es war ganz still im Zimmer; verdächtig still. Er hatte sich nämlich das Buch gemerkt, in dem sie las; denn nach englischer Weise hatte es einen bunten Einband mit einem Bilde auf der Decke. Er hatte gesehen, daß sie es auf den Tisch gelegt. Auch ihn hatte die Lust angewandelt, ein wenig darin zu lesen, wenn es ohne sonderliche Schwierigkeiten geschehen konnte. Sobald er sich allein befand, ließ er all seine Spielsachen liegen, stand auf, stolperte durchs Zimmer, schob einen kleinen Schemel an den Tisch, als er das Buch nicht sofort bequem fassen konnte, riß es herab auf den Boden und nahm wieder Platz. Es währte eine Weile, bis er die Erfahrung machte, die er schon früher mit Büchern gemacht, aber immer wieder vergessen hatte, daß nämlich viele Blätter sich nicht gut auf einmal lesen ließen; aber eines oder zwei auf einmal – das ging. Da riß er sie denn aus dem Buch heraus; auf diese Weise lasen sie sich leichter. Und als er sich erst einige genommen, mußten noch andere heraus, im ganzen zwanzig – da kam die Mutter wieder herein. Wegen dieser Lesemethode verfeindeten sie sich sofort wieder. Sie vergaß sich, entriß ihm heftig das Buch und bedeutete ihm barsch, er wisse ja, daß er keine Bücher nehmen dürfe. Zunächst geriet er in Schrecken; aber dann streckte er beide Hände nach ihr aus und sagte: »Thomas Buch, Mama!« Natürlich achtete sie gar nicht auf ihn, weshalb er zu ihr trat und ungemein einschmeichelnd wiederholte: »Thomas Buch, Mama!« »Nein!« antwortete sie scharf; denn leider war das Buch gerade an der Stelle, wo sie jetzt lesen wollte, schändlich zerrissen. Er wartete ein wenig; und dann bat er nochmals: »Thomas Buch, Mama!« Sie erinnerte sich, daß sein Geburtstag war, und antwortete diesmal sanfter, wobei sie ihm zugleich zeigte, welches Unheil er angerichtet. Er hörte sich das gleichmütig an und antwortete: »Thomas Buch, Mama!« Sie hatte Zuckergebäck auf dem Tische stehen. Sie gab ihm etwas davon. Er verspeiste es denn auch, während er sagte: »Thomas Buch, Mama!« Da legte sie das Buch fort, ergriff ihn bei den Ärmchen, tanzte mit ihm durch das Zimmer und setzte ihn dann mitten unter sein Spielzeug. Sie selbst kehrte an den Tisch zurück, um die zerrissenen Blätter zu ordnen. Bald stand er wieder neben ihr und streckte die eine Hand auf den Tisch, während er sich mit der andern festhielt, und sagte: »Thomas Buch, Mama!« Noch einmal legte sie das Buch fort und nahm seine Überkleider, um mit ihm auszugehen. Das wollte er sich durchaus nicht gefallen lassen; er machte sich so steif wie ein Stock, aber sie bestand auf dem Ausgehen. Sie hielten sich eine Stunde im Garten auf, und er amüsierte sich köstlich. Als sie wieder im Zimmer angelangt waren und sie ihm das Überkleid abzog, streckte er das freie Händchen nach dem Tische aus und begann wieder: »Thomas Buch, Mama!« – und zwar mit der einschmeichelndsten Stimme und Miene, über die er verfügte. Sie meinte, es sei das beste, sich taub zu stellen und fing an, Papierstreifen zu schneiden, die sie mit Gummi bestrich und auf die zerrissenen Blätter klebte. Die Arbeit ging langsam vonstatten. Inzwischen stand er da und flehte und bettelte und stampfte mit den Füßchen und wiederholte in einem fort: »Thomas Buch, Mama!« Endlich einmal muß er doch aufhören, dachte sie. Aber sie wurde mit ihrer Arbeit fertig, und noch immer bettelte er. Sie sehnte sich aus seiner Gesellschaft heraus und zurück in die des Buches: die war ja doch unbedingt amüsanter. Aber böse wollte sie nicht werden – und so begann sie Flöte zu spielen, d. h. sie bewegte die Finger wie auf einer Pikkoloflöte und pfiff dazu; eine Beschäftigung, in der sie eine besondere Übung hatte. Er zerrte an ihrem Kleide, – sie antwortete auf der Flöte. Dabei ward sie ganz fröhlich; und ihre Fröhlichkeit stieg noch, als er böse wurde über das Flötenspiel, »nein, nein!« rief und weinte und nach ihr schlug. Sie spielte immer eifriger auf ihrer Flöte. Aber er hörte ebensowenig auf wie sie; die Geister der Kurts spukten in allen Ecken und Ritzen. Da warf er sich rücklings auf den Boden, trommelte mit den Absätzen und schrie. Sie blies noch immer die Flöte, aber schon etwas matter, denn sie fühlte, daß er doch eigentlich gewonnen hatte. Sie setzte sich jetzt und neckte ihn. Sie hätte ebensogut sofort den alten Kampf wieder aufnehmen können. Das Flötenspiel verwandelte sich mit einemmal in Weinen. Der Knabe, der sie während seines Wütens aufmerksam im Auge behalten, geriet in solche Verwunderung, daß er zu schreien vergaß. Sie ward von ihrem alten Schrecken ergriffen und hörte und sah nichts, bis sie etwas Warmes an der einen Hand fühlte; diese hing schlaff herab, da sie sich in ihrer Verzweiflung im Stuhl zurückgeworfen und mit der andern Hand das Gesicht bedeckt hatte. Jetzt sah sie auf und blickte in ein verwundertes Gesichtchen, in das von Tränen überströmte Gesichtchen ihres lieben roten Buben. Sobald er bemerkte, daß sie ihn ansah, versuchte sein Mund sich zum Kuß zu spitzen; nun streckte er auch die Hände aus. Und dann ward das kleine, flache Näschen zu der großen Nase emporgehoben, und ihr Mund murmelte und flüsterte tausend liebliche Kosenamen, und sie tätschelte und küßte ihm das ganze Gesichtchen und Köpfchen. Seine Arme waren um ihren Nacken geschlungen. Sie nahm das Buch nicht wieder auf; aber sie behielt ihren Sohn. Und er blickte nicht einmal nach dem Tische hin, auf dem das Buch lag. Das war ihr letzter großer Kampf. Natürlich gab es noch tausend kleine Gefechte; aber keines währte länger als ein paar Minuten. 9. Auf dem »Berge«. Sie hatte ihn stets unter ihrer eigenen Aufsicht. Aber dem lebhaften begabten Kinde mußte ein sorgsames Auge wachen. Trotzdem erreichte sie seinen vierjährigen Geburtstag mit gutem Mut. Auch an diesem begab sich etwas, das bestimmend für die Zukunft wirkte. Er hatte einige Spielkameraden gehabt; und da er gewohnt war, allein zu sein, wollte er alles auf seine Weise haben, so daß er bisher durchaus nicht gewesen, was man ein artiges Kind nennt. Da erhielt er an seinem vierjährigen Geburtstag unter anderen Geschenken ein Buch über Brüderchen und Schwesterchen, und darin stand zu lesen, wie hübsch artig Brüderchen stets gegen Schwesterchen gewesen, oh, und so bescheiden und dienstfertig! Und auf den Bildern in dem Buch war es auch deutlich zu sehen, wie Brüderchen sich gegen Schwesterchen benahm. Thomas jedoch zog eine andere Lehre aus dem Buche. Er fragte, warum nicht auch er ein Schwesterchen habe, und ob er nicht ebenfalls eins bekommen würde. Thomasine Rendalen hatte zwar oft daran gedacht, daß er eine Schwester hatte; aber nicht wie an etwas, das sie angehe. Auch jetzt noch meinte sie, es gehe sie nichts an. Aber er redete ihr so lange die Ohren voll, bis sie diese Sache etwas ernster erwog. Wie, wenn seine kleine Schwester Not litt? Ihr Besitztum lieferte einen durchaus befriedigenden Ertrag, dank dem Umstand, daß das Feld, welches oberhalb des Hauses lag, auch in Gärten verwandelt worden, wodurch die Gartenerzeugnisse sich nahezu verdoppelt hatten. Ihres Sohnes Schwester durfte keinen Mangel leiden; das war eine selbstverständliche Sache. Sie erkundigte sich nach dem Kinde und vernahm, daß die Kleine sich bei ihrer Großmutter Marit Stöen – gewöhnlich Mutter Stöen genannt – befand. Sie war die Witwe eines Lotsen, der sich durch sein wackeres Verhalten in seinem schweren Beruf einen ehrenvollen Namen an der Küste gemacht hatte. Mutter Stöen wohnte oben auf dem »Berge«, links vom Gut, und Thomasine nahm sich vor, das Kind aufzusuchen. Aber sonderliche Eile hatte es damit nicht, sie wollte an einem Sonntage, wenn gutes Wetter sei, hinaufgehen. Nun traf es sich so, daß der eine Sonntag nach dem andern schlechtes Wetter brachte, so daß es Mittsommer wurde, ehe ein Sonntag kam, an dem sie Lust zum Ausgehen hatte. Andreas Berg begleitete sie. Der Weg führte links vom Markt an dem neuen Friedhof vorüber. Aber es war ein mühseliger Weg durch Tümpel und Schmutz: man hatte seinerzeit die kleinen Leute bauen lassen, wie sie wollten und konnten. Unten an der See lag Boot an Boot so dicht wie möglich; denn hier an der linken Seite des Berges waren sie vor den Stürmen sicher. Auf den Booten und in deren Nähe tummelten sich unzählige kleine Buben und Mädchen, und ein Schreien und Lärmen erfüllte die Luft wie von tausend Stimmen. Thomasine hing dem Gedanken nach, ob die, welche sie suchte, sich wohl darunter befinden möchte. Sie betrachtete all die kleinen, schon etwas verwetterten Gesichter, die ihr entgegenkamen, ob sich vielleicht bekannte Züge entdecken ließen. Sonderlich amüsant war das nicht. Und als sie nach Mutter Stöen fragte, sammelten die zerlumpten Kleinen sich wie ein Schwarm um sie, und mindestens zwanzig zeigten am Berge hinauf; aber ihr war es nicht möglich, das Häuschen herauszufinden, das sie alle sofort sahen. Da sie sich nicht länger aufhalten wollte, begann sie mit Andreas Berg all den Schlangenwindungen des Weges zu folgen; und das Geschrei der Kinderschar begleitete sie, aber keins der Kinder selbst, woraus sie schloß, daß auch keines darunter zu Mutter Stöen in irgendwelchen Beziehungen stehe. Der Weg wand sich von rechts nach links, von links nach rechts; nicht vier Häuser standen in derselben Richtung. Und wie wunderlich manche gebaut waren! Ja, einige sahen aus wie Kajüten. An vielen lag die Treppe zum zweiten Stock außerhalb des Hauses; an einzelnen führte die Treppe sogar über das Dach in eine Dachkammer. Verschiedene Häuser waren so gebaut, daß der untere Stock seinen Ausgang nach Westen hatte, während der Ausgang des oberen Stocks nach Osten lag. Fast alle Häuser hatten wunderliche Anbauten, zumeist aus einem Bootsende bestehend. Überall waren kleine Gärtchen angelegt, oft an den unmöglichsten Stellen. Ein heftiger Gestank, hin und wieder von Teergeruch angenehm gemildert, lagerte über dem »Berge«, bevor er emporstieg und sich als fette Opferluft im Sonntagshimmel verteilte. Das Lärmen der Kinder unten an der See tönte hier oben wie gleichmäßiges Glockengeläut, in das sich von Zeit zu Zeit ein wimmernder Ton mischte. In einiger Entfernung krähte ein Hahn, im Hafen bellte ein Schiffshund ein vorübersegelndes Boot an, und hier oben auf dem Berge erhob sich ein zottiger Kamerad und bellte die Antwort hinunter. Im übrigen vollkommenes Schweigen ringsum. Thomasine und ihr Begleiter vernahmen nur ihre eigenen Schritte auf dem steinigen Grund, und als sie etwas näher gelangt waren, zugleich heftiges Kindergeschrei. Thomasine blieb stehen und schaute hinunter über die Inseln und Sunde und die weite Meeresfläche. Spiegelglatt und ruhig und hoch lag sie da unter der Himmelswölbung. Auf den Straßen der Stadt da und dort ein vereinzelter Spaziergänger und hin und wieder kleine Kinderscharen. Aber die Entfernung war zu groß, als daß irgendein Ton von ihnen hätte heraufdringen können. Zur Rechten das Gut, das gerade die ersten Rauchsäulen aus dem Schornstein emporsendete. Hier oben auf dem Berge rauchten schon alle Schornsteine rings um sie her; auch in der Stadt begann allmählich Rauch aufzusteigen. Es war ein warmer Tag, und der Gang an dem steilen Bergeshang hinauf trieb ihr den Schweiß aus allen Poren. Sie dachte an jene, die nach harter Arbeit Abend für Abend diese zwanzig oder dreißig, ja vielleicht fünfzig Stufen heraufsteigen mußten zu ihrem kargen Abendbrot und ihrem harten Nachtlager. Niemand begegnete ihr. Aber da und dort sah sie jemand, zumeist alte Männer mit der Pfeife vor der Tür sitzen; die Arbeiter schliefen wohl jetzt am Sonntag vor dem Mittagessen; die Frauen waren in der Küche beschäftigt. Hin und wieder sah man jedoch ein Mädchen auf einer Treppe sitzen und mit einem andern plaudern, das vermutlich herübergekommen war, um sich mit der Freundin über die Abendvergnügungen zu beraten. Auch gewahrte man da und dort einen halbwüchsigen Schiffsjungen, der mit der Pfeife im Munde und den Händen in der Tasche sich an eine Wand hingeflegelt hatte und mit einem Mädchen plauderte, das in bescheidener Haltung vor ihm stand. Als der Weg etwa bis zur Mitte zurückgelegt war, stieß sie auf einen Haufen meistens halbwüchsiger Burschen und Mädchen, welche um eine große Steinfliese lagen und saßen. Nicht der geringste Lärm, ja sie sprachen nicht einmal miteinander. Thomasine bemerkte sie nicht eher, als bis sie unmittelbar neben ihnen stand. Und hier herrschte der übelste Geruch, aber es schien, als ob sie das gar nicht belästigte. Was mochten sie hier treiben? Nichts verriet das. Sie erkundigte sich nach dem Wege. Einige erhoben sich ein wenig, und nur einer der älteren Knaben gab Antwort und deutete nach einem roten Hause mit weißen Fensterrahmen. Sie hatte sich gerade die Brille geputzt und gewahrte das Haus, aber zugleich las sie auf aller Mienen, daß jedermann sie kannte und erriet, was sie bei Mutter Stöen wollte; aber nicht ein einziger sagte etwas, doch vernahm sie ein leichtes Zischeln und Kichern, als sie sich ein wenig von ihnen entfernt hatte. Sie fragte Andreas Berg, was sie wohl treiben möchten, da sie so still seien. Andreas meinte, die Knaben spielten Karten und die Mädchen sähen zu. Da es jedoch während der Sonntagspredigt sei, versteckten sie die Karten, wenn Fremde vorübergingen. Thomasine stellte in Gedanken einen Vergleich an zwischen den Arbeitern in einer kleinen norwegischen Stadt und jenen in den großen Städten des Auslandes, und eine ganze Reihe von Bildern und Erinnerungen aus ihrem Leben im Auslande tauchte vor ihrer Seele auf. Aber daneben beschäftigte sie noch etwas anderes – etwas, das nicht angenehm war. Es ließ ihr gar keine Ruhe – was war es, was mochte es doch sein? ... Ja richtig, es war das jämmerliche Kindergeschrei oben am Berge. Das verursachte ihr eine schmerzhafte Empfindung: das tönte ja ganz wie ehedem nach heftigem Streit das Schreien ihres Sohnes! Ganz derselbe Klang der Stimme, dieselbe Energie, dieselbe Beharrlichkeit im Schreien, so daß es ihr sogar einen körperlichen Schmerz verursachte... Es war doch wohl nicht ihres Sohnes Schwester, die ihr da oben so heiser entgegenschrie? ... War es ihr bisher heiß gewesen, jetzt geriet sie in eine förmliche Gluthitze. Es erfaßte sie etwas von dem alten Schrecken, und wie ehedem, als sie mit ihrem Sohne Krieg führen mußte, gingen ihr wirre Gedanken durch den Sinn... »Aber, gnädige Frau, Sie gehen viel zu schnell!« Es war Andreas Berg, der ihr das tief unten vom Wege herauf zurief. Sie konnte ihn fast gar nicht sehen; ihre Brillengläser waren ganz feucht geworden. Sie trocknete sie, atmete tief auf und mußte lächeln. Inzwischen hörte das Kindergeschrei noch immer nicht auf; allein jetzt, da sie wieder ganz ihrer Vernunft mächtig war, bedachte sie, daß das Schreien ja von rechts kam, während sie das Haus der Mutter Stöen – das rote mit den weißen Fensterrahmen – fast gerade vor sich am Bergeshang links erblickte. Es war das größte hier oben... Sie fühlte sich völlig erleichtert und schritt darauf zu. Doch nicht auf geradem Wege konnte sie dahin gelangen; sie mußte eine Biegung machen und um das Gartengehege, das ebenfalls angestrichen war, wenn auch schon vor langer Zeit, herumgehen. Die beiden Fenster des Hauses sahen auf das Meer. Man hatte hier eine weite Aussicht. Aber die Tür des Hauses befand sich an der entgegengesetzten Seite; es hatte einen kleinen Anbau, zu dem ein paar Treppenstufen führten. Vollständige Stille innen und außen. Aber der Jubel der Knaben unten am Strand und das Kindergeschrei drüben an der Bergseite begegneten sich hier oben in der Luft. Der Garten, an dem sie entlang gingen, war der größte, den sie auf dem Berge gesehen. Doch sauber und gut unterhalten war weder das Haus noch der Garten; aber man empfand hier oben ein so wohliges Gefühl – oder wie man's nennen mochte ... Thomasine fand nicht sofort das rechte Wort; denn in diesem Augenblick bemerkte sie ein Kind mit dunklem Haar und frischen, verwunderten Augen, das sich gerade von der Türschwelle mit irgendeinem Gegenstand im Schoß, den es fallen ließ, erhob, um in die Stube zu laufen. Im nächsten Augenblick gewahrte sie eine ältliche große Frau mit dunklem, ungekämmtem Haar und einem schönen, lebhaften, noch ungewaschenem Gesicht. Sofort erkannte die Frau Thomasine, welche jetzt die Treppe hinanstieg und in den Anbau trat. Die Frau lächelte. »Will die gnäd'ge Frau zu uns?« fragte sie. Thomasine mußte wieder ihre Brille zur Hand nehmen. Und als sie sich diese wieder aufsetzte, hatte die Frau in der Stube aufgeräumt, so gut es in der Eile geschehen konnte, denn hinten an ihr Kleid hatte sich mit beiden Händen ein kleines Mädchen festgeklammert, in der Weise, daß es, wenn die Frau sich umwandte, stets den Blicken der fremden Dame entging. Andreas Berg war draußen geblieben. Marit Stöen entschuldigte sich, daß es noch so unordentlich in der Stube aussehe. Ihre Stimme hatte einen angenehmen Klang, und sie sprach mit natürlicher Offenherzigkeit. Da es bereits auf Mittag gehe, müßte es eigentlich schon anders hier aussehen; aber am vorhergehenden Abend hätte es hier eine Art Tanzvergnügen gegeben; da war es denn etwas spät geworden. Auch in die Kammer konnte sie die gnädige Frau nicht hineinbitten; denn da sähe es noch ärger aus, bemerkte sie lächelnd. Die Stube brächte ihr eine nicht unbedeutende Einnahme, so oft sie sie der Jugend zu ihrem Tanzvergnügen hergäbe. Es war die größte Stube an dieser Seite des Berges. Dazu kam noch der Verdienst, den sie an solchen Tanzabenden am Kaffee hatte. Thomasine Rendalen hatte sich gesetzt. Aber als sie sich in der Stube umsehen wollte, entdeckte sie, daß sie erst wieder die Brille abnehmen mußte; sie war doch gar zu warm geworden. Mittlerweile erkundigte sie sich nach der Mutter des Kindes. Petrea sei verheiratet, gab die Frau zur Antwort. »Verheiratet?« »Ja, mit dem Steuermann Aslaksen. Oh, ein so geschickter Bursch,« erzählte sie; partout wollte der sie haben. Sie wohnten nicht mehr hier in der Gegend, – und Marit Stöen erzählte umständlich, wie es ihnen ginge. Von Zeit zu Zeit lugte das Kind hinter dem Kleide der Großmutter hervor, und jedesmal nahm Thomasine es in Augenschein. Es hatte wirres, dunkles Haar, ganz wie die Großmutter und war im übrigen eine Mischung von John Kurt und derjenigen, die da vor ihr stand, – eine Mischung, die wirkte – – ja, sie konnte sich nicht helfen: sie wirkte unangenehm. Und doch war es ein schönes Kind. Die Augen – es waren die wilden Augen des John Kurt, das litt keinen Zweifel; aber es lag doch zugleich etwas Lachlustiges darin. »Das Kind wird also bei Euch bleiben?« fragte Thomasine, und deutete mit dem Sonnenschirm dorthin, wo es sich versteckt hatte. »Ja das Kind – dafür muß ich schon sorgen,« antwortete die Großmutter, es am Kopfe fassend. »In der ersten Zeit, als Petrea ins Unglück kam, zahlte John Kurt für sie; und bei der Taufe, – oh, da ging's hoch her. Und dann gab er ihr ein Sparkassenbuch mit hundert Speziestalern drin; und auch von seinem Vater bekam sie eins mit ebensoviel.« Und dann begann Marit Stöen zu weinen. Sie weinte aus Dankbarkeit, daß John Kurt seinem eigenen Kinde hundert Taler gegeben! Von solchen Verhältnissen hatte Thomasine bis zu diesem Augenblick keine Ahnung gehabt. »Habt Ihr noch etwas von dem Gelde?« »Ob wir noch was von dem Gelde haben!« lachte Marit. »Na, das wär' schön! Das kleine Ding kann doch noch nicht alles verbraucht haben – gelt, he?« Sie lachte und griff wieder nach dem Krauskopf und zog ihn hervor, aber sofort schlüpfte das Kind wieder hinter die Röcke. »Ist Euch das Kind nicht sehr lästig, wenn Ihr allein seid und Eurer Arbeit nachgehen müßt?« »O behüte! Wir nehmen's hier nicht so genau. Dann muß es da hübsch für sich allein sitzen,« sagte sie und wandte sich ein wenig, um lächelnd auf das Kind hinter sich hinabzublicken. »Ist sie leicht zu behandeln? Ist sie nicht querköpfig?« »Na, so'n bißchen,« lachte Marit, »aber sonst so'n lustig's und liebes Balg!« Jetzt zog sie das Kind mit Macht hervor; aber die Kleine widersetzte sich. »Ach, sei doch nicht so widerspenstig!« Aber Thomasine war es nicht darum zu tun, in nähere Berührung mit dem Kinde zu kommen; sie stand schnell auf und blickte sich in der Stube um. Der Kamin stand drüben in der Ecke an der Tür zur Kammer; hier am Fenster stand der Tisch mit Frühstücksresten, sowie einer Kaffeetasse und einer Milchkanne. Gerade gegenüber an der Wand, also zwischen dem Kamin und der Türwand, hingen einige Daguerreotypien und ein paar Bilder. Die Daguerreotypien stellten vermutlich Aslaksen und Petrea vor, – Thomasine blickte darüber hinweg, ohne sie zu sehen –; von den Bildern stellte das eine ein großes, mit vollen Segeln fahrendes Schiff vor, das andere den neuen Kaiser und die Kaiserin von Frankreich. Ein Bild der Kaiserin hatte Thomasine noch nicht gesehen, sie trat deshalb näher. Der Kaiser hatte eine große Nase und präsentierte sich als einen jungen Mann von beiläufig vierundzwanzig Jahren; seine Gattin war halbnackt, allein trotzdem noch ein sehr unschuldiges kleines Mädchen von kaum sechzehn Jahren. »Mein Gott, was ist das für ein Kind, das da fortwährend so jämmerlich schreit?« fragte Thomasine, an das offene Fenster tretend. Marit lachte: »Oh, das ist Lars Tobiassen sein Junge.« »Immerzu tut der schreien,« hörte sie plötzlich die Kleine hinter dem Rücken der Großmutter sagen. In ihrem Eifer war sie ganz zum Vorschein gekommen. Aber vor Schreck über ihre eigene Stimme steckte sie eiligst den Kopf wieder in das Kleid. »Kennen gnäd'ge Frau Lars Tobiassen?« Thomasine wurde aufmerksam. »Nein; was ist der Mann?« »Das läßt sich so leicht nicht sagen,« antwortete Marit; »denn er ist so mancherlei. Erst kürzlich ist er Schlächter geworden ... hat gnäd'ge Frau ihn nie gesehen?« »Nein. Aber warum fragt Ihr das?« »Ach, das durft ich wohl nicht sagen?« Und sie blickte Thomasine schelmisch an. »Warum nicht?« »Ich sag' ja auch nur, was die Leute sagen. Ich hab's nicht erfunden!« lachte sie. »Was denn?« »Die Leute sagen, auch der wär' ein Kurt ...« Sie sah, daß dies auf Thomasine Eindruck machte und setzte schnell hinzu: »Vielleicht ist's nur so'n dummes Gerede. Er gleicht gar nicht denen, die ich gesehen ... Der hier, oh, das ist ein wahrer Hüne!« »Das sind einige der Kurts auch gewesen,« antwortete Thomasine – um doch etwas zu sagen, trat ans Fenster und blickte hinaus. »Ja, das hab' ich auch gehört. Es soll zwei Arten von Kurts gegeben haben,« versetzte Marit, und ihre Hand suchte nach dem Kinde. In demselben Augenblick wandte Thomasine sich um und gab Marit ein Zeichen. Hinter dem Gartenzaune hatte sich eine ganze Schar Menschen zusammengedrängt. Dort stand auch Andreas Berg, und er redete mit einigen von ihnen; vielleicht um sie abzuhalten, sich der Tür zu nähern. Zumeist waren es junge Burschen und Mädchen; und jetzt sah sie, daß es dieselben waren, an denen sie unten vorbeigekommen – die, welche um die Steinfliese herumsaßen. Und alle gafften jetzt nach dem Fenster hinauf. »Seht Ihr den zerlumpten Jungen dort – den mit dem hellen Lockenhaar?« fragte Thomasine. »Ja, der ist schon 's Ansehen wert!« Thomasine hörte aus ihrer Stimme heraus, daß Marit merkte, was Thomasine wissen wollte. »'s ist ein Sohn des jungen Konsuls Fürst; gleicht ganz seinem Vater,« fuhr Marit fort. Ganz recht; denn mit diesem hellen Lockenhaar und diesen lachenden Augen hatte Thomasine oft, sehr oft getanzt. Sie ward feuerrot. »Nu, Herrgott, dafür kann doch gnäd'ge Frau nicht! ... Aber nun muß ich die gnäd'ge Frau mal was fragen. Kennen Sie das Mädel dort – die da, die so an ihrer Schürze zupft? ... Die da mit dem Haar, das nicht gelb und nicht rot ist, und doch so 'ne merkwürdig weiße Haut hat. Gott, die da ... Nein, kann gnäd'ge Frau denn gar nicht sehen, was das für eine ist?« Thomasine hatte es längst gesehen. In den großen Erziehungsanstalten des Auslandes hatte sie eine Übung darin bekommen, die Eltern an den Kindern und die Kinder an den Eltern zu erkennen. Aber sie schwieg. »Herrje, das ist ja ein Fräulein Engel – das sieht man doch gleich!« lachte Marit, »wenn sie auch nicht in Samt und Seide geht.« Thomasine trat vom Fenster zurück. Marit lachte wieder, und diesmal nicht ohne eine gewisse Bosheit. »Man trifft gewissermaßen überall bekannte Gesichter hier oben auf dem Berge,« fügte sie hinzu. Um weiteren Vertraulichkeiten der Frau vorzubeugen, beeilte Thomasine sich zu sagen, daß sie dem Kinde jährlich sechzig Speziestaler zu geben gedenke. Hier waren die ersten dreißig für das laufende Halbjahr. Fehlte es an irgend etwas anderem, so brauchte die Großmutter nur zu kommen und es zu sagen. Würde das Kind größer, so wollten sie sich miteinander besprechen, was weiter zu tun war. Marit stand da mit dem Gelde in der Hand. Das war ja weit mehr, als man verlangen konnte! Wenn alle so wären gegen die, welche ins Unglück kamen, dann – – und sie weinte wieder. Als das Kind hörte, daß draußen jemand am Garten stand, hatte es das Kleid fahren gelassen und sich hervorgewagt. Verstohlen hatte es sich in den Anbau geschlichen, um durch eine Ritze hinauszulugen. Jetzt kam es wieder hereingestürzt, und in demselben Augenblick tönte lautes Lachen von draußen. »Lars Tobiassen!« konnte die Kleine nur noch ängstlich rufen, packte dann mit beiden Händen das Kleid der Großmutter und wickelte sich hinein. Thomasine befürchtete, er möchte hereinkommen und trat deshalb eiligst auf die Tür zu, ohne sich auch nur zu verabschieden, wobei sie die Hutbänder, die sie gelöst hatte, festknüpfte. Infolgedessen wäre sie beinahe gefallen, und so gelangte sie mit noch größerer Hast auf die Treppe hinaus. Aber Lars Tobiassen war gerade vorübergeeilt. Die Jugend da draußen hatte wahrscheinlich über seinen Gang gelacht, denn er war vollständig betrunken. Als Thomasine hinausging, bemerkte sie seinen kahlgeschorenen Nacken – wo hatte sie doch früher diesen bronzefarbenen Stiernacken gesehen? Und den kleinen Haarbüschel mitten im Nacken? ... O Gott, das war ja jener schreckliche Nacken, den sie am Abend vor ihrer Niederkunft über sich gesehen! Der Nacken des ältesten Kurt – ja derselbe! Und jetzt rief der Nacken da oben dem wimmernden Kinde zu: »Na warrrt! Ich werd' dich schrrreien lehren!« Thomasine eilte die Treppe hinunter am Garten, an den Burschen und Mädchen vorüber. Sie wollte das Fluchen und Schlagen und das wahnsinnige Kindergeschrei nicht hören! ... Ja sie lief förmlich, und es war ihr, als hörte sie hinter sich lachen; aber sie eilte nur noch schneller, so daß sie stolperte und beinahe gefallen wäre. Trotzdem hörte sie unablässig hinter sich das entsetzliche Kindergeschrei und die Branntweinstimme; und dann auch das Gekreisch einer wütenden Frau. Hunde erwachten und begannen zu bellen; aber nicht nahe genug, um das Geschrei da oben zu übertönen, jenes entsetzliche Geschrei, bis endlich, endlich – Gott sei Lob und Dank! – die Glocken zweier Kirchen in der Stadt fast im selben Augenblick zu läuten anfingen; und ihre Töne füllten von jetzt an die ganze Luft allein aus. Sie war jetzt bis an die großen Steinfliesen gekommen, wo sie vorhin die jungen Leute getroffen. Jetzt waren die Fliesen leer, und erschöpft sank sie nieder und brach in krampfhaftes Weinen aus ... Endlich holte Andreas Berg sie ein. Sie fühlte es an seinem würdevollen Schritt, daß sie sich nicht richtig benommen. Sie wagte nicht, sitzenzubleiben; bis er sie erreicht hatte. Ohne sich umzusehen, stand sie auf und ging weiter. Die Knie schlotterten ihr; aber sie ließ sich nicht mehr von bösen Geistern jagen. Die freundlichen Kirchenglocken bewahrten sie davor, etwas anderes zu hören; und sie fuhr fort zu laufen, bis sie hinunter an den Strand gekommen war. Die Kinder waren nicht mehr zugegen; es war mittlerweile Mittag geworden. Eine Viertelstunde später saß auch sie daheim mit ihrem kleinen Jungen auf dem Schoß. Er machte große Augen wegen ihres heftigen Wesens und ihrer Tränen. Und er versicherte ihr mit großem Eifer, er wäre die ganze Zeit »so artig« gewesen. Dafür belohnte sie ihn einmal über das andere mit freundlichem Streicheln, Umarmungen und Küssen; konnte aber die Tränen noch immer nicht unterdrücken. Sie fühlte jetzt, wie schlecht es von ihr gewesen, daß sie seiner kleinen Schwester nicht einmal freundlich die Hand auf das Krausköpfchen gelegt, obschon auch sie »so artig« gewesen. Das Spielzeug des Knaben lag am Boden umher; sie dachte jetzt an das mit Tuchlappen umwickelte Stück Holz, das sein Schwesterchen hatte fallen lassen, als es erschreckt von der Türschwelle aufgesprungen war. Thomasine hatte es wohl gesehen; war sie ja doch fast darüber gefallen, da sie hinausstürmte. Aber nichts hatte sie gerührt. Was konnte das arme Kind dafür, daß es denselben Vater hatte! Niemand anders als Thomasine war an diesem Vormittag »unartig« gewesen. 10. Erziehungssorgen. Die nächste Folge dieses Besuches war, daß sie die Überzeugung gewann, sie müsse jemand haben, mit dem sie sich beraten könne; denn es gab noch andere Erbübel in der Welt als die der Kurts, und darüber mußte sie Bescheid haben. Sie wählte ohne Bedenken den Mann, vor dem sie die tiefste Ehrfurcht hegte, den »alten« Pastor Green. So gewiß wie der Nachmittag selbst kam der alte Pastor nachmittags auf seinem Spaziergang an ihrem Garten vorüber. Thomasine stellte sich am Gartenpförtchen auf, um ihn zu erwarten. Aber in der letzten Zeit hatte sie ihn fast niemals allein gesehen; immer befand sich in seiner Gesellschaft der Schuhmacher Nils Hansen, das größte Original der Stadt, der zudem mit einer Frau verheiratet war, die Thomasine vom Auslande her kannte und die eine Freundin von ihr gewesen. Als eines Tages Thomasine wieder an der Gartenpforte stand, um zu sehen, ob der Pastor allein sei, vernahm sie schon von weitem seine und Hansens Stimme. Damals machten im Norden die Mormonen, welche um diese Zeit ihre ersten Sendboten ausschickten, viel von sich reden; fortwährend war in den Blättern allerlei über die neue Lehre zu lesen. »Mormonen?« hörte sie Nils Hansen mit seiner lauten Stimme sagen; »hier bei uns zulande gibt's ebensogut Mormonen wie in Amerika. Wie viele Frauen hat denn ein Mann, eh' er sich in der Kirche trauen läßt?« Sie kamen näher, und Thomasine vernahm, wie der Pastor antwortete: »Sehen Sie, Hansen, ich bin der Ansicht, daß noch wenige Geschlechter sich bis zur Monogamie – zur wirklichen Monogamie entwickelt haben; die meisten sind noch Polygamisten.« »Was ist das für eine Menschenrasse?« Der Pastor blieb stehen: »Monogamisten – das sind Menschen, die sich mit einem Weibe begnügen; Polygamisten solche, welche mehrere Frauen haben.« »Aha – – ja, ja!« Sie gingen weiter – Thomasine hörte nichts mehr. »Es gibt noch andere Erbübel in der Welt als die der Kurts,« dachte Thomasine wieder. Da sie nicht den Mut hatte, ohne weiteres den Pastor aufzusuchen, ging sie erst zu Nils Hansen. Der lebte in den besten Verhältnissen; trotzdem hatte er den Haß der ganzen wohlhabenden Bürgerschaft auf sich geladen. Sein Verbrechen bestand darin, daß er vor einigen Jahren überall eine Kontrolle, sowie eine Verteilung der Gemeindelasten durchgesetzt hatte, welche die leitenden Männer höchst verderblich fanden. Sein ärgster Schurkenstreich aber war vermutlich der, daß er mit Hilfe auswärtigen Kapitals für die kleinen Leute eine Sparkasse eingerichtet hatte, so daß viele aus ihren bedrückten Verhältnissen sich herausgearbeitet hatten und unabhängig geworden waren. Es hatte die größte Heiterkeit erregt, als eine der Lehrerinnen der Stadt, eine schöne, blonde Dame von mehr als gewöhnlicher Bildung – die zudem eine Erbschaft zu erwarten hatte – mehrere »ausgezeichnete« Partien ausschlug, um sich mit dem rohen, häßlichen Schuhmacher Hansen zu verheiraten! Obendrein war sie noch vollständig in ihn verliebt! Sie errötete über das ganze Gesicht, so oft von ihm gesprochen wurde, geschweige denn, wenn er leibhaftig vor ihr stand mit seinem schnurrigen Gesicht, den blinzelnden Augen und den ungeheuren Schultern und Händen. Es wurden hinter ihrem Rücken klassische Witze über sie gemacht; unter anderm behauptete man, daß sie als Braut und später als neuvermählte Frau für ihren Hansen eigens eine Privatschule eingerichtet habe. Sie war einige Jahre älter als Thomasine, aber früher ein paar Monate in England mit ihr zusammen gewesen. Als Thomasine nach Hause zurückkam, war Laura schon ein Jahr verheiratet. Infolge dieser Verheiratung war sie aus dem Kreise, in dem Thomasine verkehrte, herausgekommen, Thomasine aber suchte sie häufig auf, weil ihr die kleine gesunde Frau gefiel. Eben darum ward sie vor allem böse auf sie, weil sie ihr nicht mit einem Worte abgeraten, obgleich sie sehr wohl wußte, was John Kurt für ein Mann war. Nach Johns Tode hatte Laura wiederholt Thomasine zu sprechen versucht; doch immer vergebens. Aber jetzt dachte Thomasine: Wenn fast alle Frauen über irgend etwas zu klagen haben und doch keine sich dadurch von der Ehe zurückschrecken läßt – warum dann verlangen, daß sie mir einen anderen Rat geben sollten, als sie vielleicht selbst befolgt hätten? Und so ging sie hinunter zu Laura Hansen. Sie wohnte in einem kleinen, altertümlichen Hause am Markt. Sie war eine zarte, aber wohlgewachsene Frau mit klaren Zügen. Einige fanden sie zu keck, andere zu schüchtern. Diese nannten sie redselig, jene wortkarg. Es kam eben auf die Personen an, mit denen sie redete. Die Freundinnen hatten einander seit fünf Jahren nicht gesehen. Laura saß in der Stube hinter dem Laden und nähte. Verwundert und etwas rot und erregt erhob sie sich. Da stand also Thomasine wieder vor ihr! Anfangs hatten sie beide etwas Steifes in ihrem Wesen. Auf einem kleinen Schemel saß ein kleines, schwarzlockiges, dralles Mädchen und lernte nähen; sie schaute so klug zu ihnen auf! Sie wurde hinausgeschickt; die Mutter begriff sofort, daß die beiden ehemaligen Freundinnen allein sein müßten. Nach verschiedenen Einleitungen sagte Thomasine, was sie gegen die Freundin auf dem Herzen hatte, rücksichtsvoll, aber doch verständlich genug. Laura antwortete: »Wenn ein Mädchen sich von einem Leben, wie das, welches John Kurt geführt, nicht abgestoßen fühlt, so können andere wohl kaum in der Sache etwas tun.« Laura ihrerseits hatte mehrere Männer abgewiesen, eben weil sie in dieser Hinsicht zweifelhaft oder eigentlich mehr als zweifelhaft gewesen. Von Hansen aber wußte sie, daß er auch in diesem Punkte echt war. Die große Thomasine sank zusammen unter den festen Augen und der ruhigen Rede der kleinen Laura. Die Klägerin ward zur Angeklagten. Und zudem hatte sie sich noch mehrere Jahre oben auf dem Gute vornehm abgeschlossen gehalten! Oh, nur wenige Worte hatten genügt, ihr ganzes stolzes Gebäude umzustoßen. Sie bekam wenig Respekt vor ihren eigenen Fähigkeiten, ja einen Augenblick war sie sehr unglücklich über ihre Kurzsichtigkeit. Es war ihr ordentlich ein Bedürfnis, zu beweisen, daß sie in anderen Dingen nicht so dumm sei. Doch gewann sie bald so weit das Gleichgewicht wieder, daß sie begriff, wie man zum großen Teil infolge der Verhältnisse dazu komme, die Dinge so einseitig zu betrachten. Ohne ein Wort zu sagen, ja ohne auf Lauras Rede noch weiter zu hören, saß sie da. Und Laura benutzte diese Gelegenheit, sich in die Küche zu begeben, um ihrer Freundin eine Tasse Schokolade zu bereiten. Da streckte ihr Mann den Kopf zur Tür herein. Er war so glücklich über Thomasinens Besuch. Er hatte das Schurzfell vor und hielt in der Linken den Spannriemen. Thomasine stand auf, um seine Rechte zu ergreifen. Aber lachend hielt er sie hin: sie war nicht zum Anfassen. »Ich wollte nur einem guten, alten Freunde guten Tag sagen!« bemerkte er und zog sich nickend wieder zurück. Aber in demselben Augenblick kam die kleine Auguste wieder vom Laden herein. Sie war ungewöhnlich groß und kräftig für ihr Alter. Sie war ungefähr ein Jahr älter als Thomas. Verwundert betrachtete Thomasine dieses Kind. Ihre Augen und ihre Stirn waren so klar wie bei einem erwachsenen Mädchen; auch ihre Sprache hatte etwas ungemein Klares und Bestimmtes. Es war der vollständigste Gegensatz zu ihrem nervösen Rotkopf, der nie drei Sätze über ein und denselben Gegenstand sprechen konnte, sondern unruhig fortwährend von einem zum andern übersprang. Die kleine Auguste hörte nicht eher auf zu fragen, bis sie über alles Bescheid wußte; erst dann kam sie ganz ruhig auf etwas anderes. Ihre Hände waren rund und doch fest; die seinen mager, sommersprossig und unruhig. Sie hatte dunkles und ungewöhnlich volles Haar; trotzdem wurde es nur von einem Zopfband zusammengehalten; das seine stand ihm gleichsam in starren roten Büscheln vom Kopfe ab. Er war starkknochig und mager; sie voll und von gesunder Kraft. Thomasine empfand etwas wie Neid. An der kleinen Samtjacke, die Auguste trug, bemerkte sie nicht einen Fleck, und doch war sie durchaus nicht mehr neu. Thomasine suchte so lange nach einem Fleck, bis das ganze Mädchen ihr vorkam wie solider, fester Samt. Die Mutter kam mit der Schokolade herein, und nun war das Eis gebrochen, und sie unterhielten sich über die verschiedenartigsten Dinge, namentlich als das Kind wieder hinausgeschickt war. Thomasine fragte, wie denn die Kleine so liebenswürdig, ruhig und verständig geworden, und mußte nun hören, daß sie nie unruhig gewesen. »Auch in der ersten Zeit nicht?« »Niemals.« Es hatte früher Thomasine unmöglich geschienen, daß sie einmal nachteilig von ihrem Sohn sprechen könnte; aber der Gegensatz war so auffallend... Und nun sprach sie davon, was sie alles mit ihrem Kinde habe erleben müssen, und wie außerordentlich sorgfältig sie auch jetzt noch darüber wachen müsse. Laura gewann die feste Überzeugung, daß Thomasine das auf die Dauer nicht aushalten könne. Dann begaben sie sich zu Pastor Green; und von diesem Tage an sah man den würdevollen Herrn in seinem langen Rock und breiten Hut seinen Weg oft die Allee hinauf nehmen, statt wie früher um den Garten herum, wenn er seinen Nachmittagsspaziergang machte. Nach und nach kam Thomasine auch wieder mit andern Freundinnen zusammen; verschiedene brachten bei ihren Besuchen auf dem Gute ihre Kinder mit, und so kehrte allmählich ihre Lebensfreudigkeit zurück, was in mehr als einer Hinsicht wohltätige Folgen für sie hatte. Denn jetzt, da mit Thomas' Unterricht begonnen werden sollte, geschah das in anderer Weise, als sie es sich bisher gedacht. Er kam in eine Schule, die sie selbst für ihn und eine kleine Mädchenschar, die Kinder ihrer Freundinnen, eingerichtet hatte. Anfangs fand er das außerordentlich spaßhaft und war über alle Maßen glücklich und diensteifrig, ja sogar aufopfernd. Aber als er von anderen Knaben hörte, es sei eine Schande, bloß mit Mädchen umzugehen, wollte er wissen, warum denn er dazu verurteilt sei. Konnte die Mutter all die Mädchen nicht wieder fortschicken und statt ihrer Knaben nehmen? Er bat und flehte darum, zürnte, weinte, wurde wütend; aber die Mädchen blieben. Er hatte nämlich viel auszustehen von den Knaben, die eine öffentliche Knabenschule besuchten. Und diese hatten Männer zu Lehrern! Sobald er den Kopf über die Gartenmauer steckte, hörte er rufen: »Das Muttersöhnchen, das Schoßkind, das Jüngferchen, die Sommersprosse« usw. Namentlich das letzte Scheltwort ärgerte ihn schrecklich, denn er war sehr sommersprossig, geradezu rotgefleckt im Gesicht und auf den Händen; und dabei dieses unverschämt rote Haar! »Jüngferchen!« Welch ein abscheulicher Spitzname! Den hatte er nur der Mädchenschar zu danken! Bei Gott, er verachtete sie! Aber er hatte den Mut, es ihnen zu sagen – und ein Junge, dem das Herz auf dem rechten Fleck sitzt, fühlt dazu oft das Bedürfnis. Er konnte doch seine Verachtung nicht immer still im Busen verbergen! Die Folge war, daß er Prügel bekam, richtige, derbe Prügel, – von seiner Mutter? Behüte! Das hätte er ertragen; nein, von diesen selben elenden Mädchen! Die einen hielten ihn fest und die andern prügelten auf ihn los, und zwar keineswegs zum Spaß; es tat ganz verwünscht weh. Und die Mutter sah sich das an und lachte; sie lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Sie mußte sich die Brille abnehmen und die Gläser trocknen. Die Mädchen wollten von einem kleinen, herrschsüchtigen Tyrannen, einem hochmütigen jungen Herrn nichts wissen. Wenn sie fertig waren, erklärten sie ihm, daß ein artiger Kavalier und guter Kamerad ihnen stets willkommen sei. Und wenn er dazu ein saures Gesicht machte, ging's von neuem los: wieder auf die Erde und die Bank mit ihm, und immer neue Prügel. Und wenn sie wieder fertig waren, machten sie einen Knix vor ihm, die eine nach der andern. Sie amüsierten sich köstlich. Doch das Ärgste haben wir noch nicht berichtet: In die eine war er zugleich sterblich verliebt! Das wußte sie selbst recht gut, das undankbare Ding, – ja auch seine Mutter. Er war überzeugt, nur deshalb lachte die Mutter so schrecklich. Es war die drallste von ihnen, Auguste Hansen, Lauras Tochter, – Auguste, mit der er zusammen Kirschen gegessen, in der Weise nämlich, daß sie sich die Kirschen gegenseitig aus dem Munde nahmen, erst sie aus dem seinen – wobei er den Stengel im Munde und die Kirsche nahe daran hatte –, dann umgekehrt er aus ihrem Munde. Auguste, die ihm ihren Gürtel geschenkt, damit er ihn bei seinen Turnübungen, die er übrigens ganz allein veranstaltete, als ritterliches Abzeichen trage, – Auguste, welcher er als Gegengeschenk seine ganze Sammlung ausgeblasener Eier verehrt – er hatte sie sämtlich selbst gefunden. Auch dazu hatte er die Mutter um Erlaubnis gebeten, denn ohne sie ging es nicht gut an; er hatte es ihr rückwärts ins Ohr geflüstert: sie durfte ihn dabei nicht ansehen; und da hatte ihn die Mutter gefragt, ob er Auguste gern leiden möchte, und er hatte ihr vertraut, daß es namentlich ihr Haar sei. Zudem war sie ja auch die artigste und klügste; was Auguste sagte, war richtig; und auch über diesen Punkt war die Mutter mit ihm einverstanden gewesen; denn sie hatte nicht gelächelt. Aber nun stand sie da und sah sogar zu, wie Auguste ihn puffte und knuffte. Und Augustens Hände schmerzten ihn am meisten. Nach einer solchen Verräterei – leider war dies nicht die einzige – pflegte er mehrere Tage mit Auguste nicht zu sprechen; einmal dauerte es sogar drei Tage. Auch mit der Mutter versuchte er es; aber er konnte es nie dahin bringen, ernst zu bleiben, wenn sie ihn ansah; sie reizte ihn stets zum Lachen. Da versuchte er's mit einer ernsteren, mehr regelmäßigen Verhandlungsmethode, um das Verhältnis für die Zukunft zu ordnen; galt doch dieser Kampf nichts Geringerem als dem richtigen Verhältnis zwischen den Geschlechtern – einem Verhältnis, dessen tiefe Bedeutung er freilich noch nicht ahnte, das aber, wie sein männlicher Instinkt ihm sagte, ganz verfahren war da oben auf dem Gute; es mußte anders werden. Eigentlich machte er den Pastor Green für das Schlimmste verantwortlich. Jedenfalls war nur dieser darauf gekommen, er müsse Klavierspielen lernen. Thomas haßte den Pastor mit dem langen Rock und der Adlernase und den buschigen Brauen, der so oft nach dem Gute kam und immer lächelte, wenn er ihn sah; er haßte ihn derart, daß, wenn er nach der Scheibe schoß, er ihn immer abzeichnete und ihn auf die Nase und ins Auge zu treffen suchte. Aber er mochte ihn treffen, wohin er wollte, es wurde nicht anders; es blieb beim Klavierspielen; auch die Mädchen blieben; und kam auch wohl gelegentlich ein Knabe zu ihm in den Garten, so wurden sie doch nie allein gelassen; nein, die abscheulichen Mädchen drängten sich ihnen immer auf. Und dann später all die Geschichten – was hatte der Knabe dann nicht alles gesagt oder getan! – was zur Folge hatte, daß der Knabe nicht wiederkam, – und wie hatte Thomas vor seinen Kameraden so recht den Großen gespielt! Dafür setzte es dann nachher immer Prügel. Manchmal teilten sie seine Vergehen in verschiedene Posten, so daß er bald für dieses, bald für jenes Verbrechen Prügel bekam. Auguste machte die Exekution immer mit. Sie schlug mit der größten Herzlichkeit, ohne der Kirschen und Eier und anderer kleiner Gefälligkeiten zu gedenken. Einmal über das andere kündigte er ihr seine Huld und Treue. Wenn aber Auguste dann sich nicht im mindesten daran kehrte, sondern stolz vor ihm paradierte mit ihren üppigen Flechten und drallen Beinen – ja dann geruhte er sich zu demütigen. Er mußte ihr zu verstehen geben, daß seine Verachtung sich vielleicht doch wieder in gnädiges Wohlwollen verwandeln könnte. Sie tat, als hätte sie gar nichts gemerkt – worauf er dann sich das Ansehen gab, als sei das alles nicht der Beachtung wert. Oh, wie er sie trotz alledem bewunderte, und wie oft er ihr das sagen mußte! Und wie er sich ärgerte, daß er es nicht lassen konnte, es ihr zu sagen! Endlich kam es dahin, daß er gemeinsam mit ihr auf dem Klavier üben mußte – und von der Zeit an war das Klavierspielen sein liebstes Fach. Nach diesen ersten kampflustigen Jahren kamen andere; schließlich nämlich eignete er sich so viel Überlegenheit an, daß er sich seiner Kameradschaft mit den Mädchen nicht mehr schämte. Er ließ sich sogar herbei, Hilfe von ihnen anzunehmen, wenn andere Knaben ihn herausforderten, ja – wer hätte das gedacht! – es kam sogar die Zeit, wo er sich mit großem Heldenmut für seine tapferen Freundinnen schlug, wenn einer der Knaben Auguste das »Schustermädel« tituliert hatte. Dann wäre er für sie gern »in den Tod gegangen,« und das war keine Prahlerei, denn im Alter von neun Jahren wäre er beinahe zuschanden geschlagen worden, weil er wegen dieses Schimpfwortes es einmal mit einer Schar von zehn, zwölf Knaben allein aufgenommen, von denen drei älter waren als er. Es war das Schönste, was er je erlebt, als er dalag mit Essigumschlägen und Auguste hereinkam und statt der Mutter die Essigumschläge wechseln mußte. Jetzt, da er wirklich etwas getan hatte, das der Rede wert war, sprach er kein Wort davon. 11. Die letzten Flegeljahre. Um diese Zeit erfuhr sein äußeres Leben bedeutsame Wandlungen. Zunächst bekam er einen Kameraden. Vor mehreren Jahren war nämlich in der Stadt der Kaplan Wangen gestorben, der mit einer schwärmerischen dänischen Dame verheiratet gewesen. Sie hatten ein Schäferleben miteinander geführt und sich buchstäblich nie um den folgenden Tag gesorgt. Die Frau bekam nach ihres Gatten Tode so viel, daß sie sich und die Kinder in den ersten Jahren ernähren konnte; aber dann war das nicht mehr notwendig: sie starb ebenfalls. Auf Veranlassung des Pastors Green kam der Sohn Karl »probeweise« zu Frau Rendalen. Er zählte damals elf Jahre, war also zwei Jahr älter als Thomas. Karl Wangen war ein schlanker, schmaler, brünetter Bursch mit großem Kopf, an dem namentlich die mächtige Stirn, die tiefen Augenhöhlen, die sanften blauen Augen und der breite gerade Mund auffielen, um den fast immer ein Lächeln schwebte. Er war still und sehr bescheiden; und in seiner neuen Umgebung sogar ängstlich. Als er am Abend mit Thomas schlafen ging, kniete er vor dem neuen Bett nieder, das in Thomas' Zimmer für ihn aufgestellt war; und dann betete er lange und still mit dem Kopfe auf die Hände gestützt. Als er sich wieder erhob, blickte er mit Tränen in den Augen lächelnd auf seinen Kameraden herab; doch ohne ein Wort zu sagen. Später hörte Thomas ihn unter der Decke schluchzen ... lange, sehr lange ... Endlich mußte auch Thomas weinen, aber er hütete sich, den anderen das merken zu lassen. Alle waren herzensgut gegen den neuen Schüler; aber niemand so wie Thomas. Karl besuchte die lateinische Schule, in der er einen Freiplatz hatte, so daß die Knaben fast den ganzen Tag getrennt waren. Und wenn er zu Hause war, machten sie deshalb auch ihre Aufgaben nicht zusammen; zudem ließ Karl sich nicht viel Muße: er war außerordentlich fleißig. Er war der Erste in seiner Klasse, und das wollt' er auch bleiben. Infolgedessen konnte Thomas seiner nie habhaft werden, wenn er am liebsten mit ihm zusammengewesen wäre. Kam dann endlich Karl nach Hause, so war er müde. Auch wußte er's nicht so recht zu würdigen, was der andere alles für ihn angestellt hatte; er hatte kein Verständnis dafür, wie Thomas auf ihn gewartet, wie er sich seiner freute ... Er war Thomas' erster Kamerad; Karl aber hatte schon mehrere gehabt ... Im allgemeinen fand Thomas seinen Freund zu bedächtig und blöde; immer war er um seine Kleider besorgt, und peinlich gehorsam, wenn ihm etwas gesagt wurde. In diesen und anderen Dingen war er das gerade Gegenteil von Thomas. Schließlich fand dieser, daß Karl im Grunde doch nur ein Mädchen war – er hatte ein Mädchen mehr um sich, und das war nicht einmal halb so lustig wie die anderen ... Bald fing er an ihn »Karolinchen« zu nennen und ihm nachzuäffen, wenn ihn fror oder er etwas Unrechtes zu tun fürchtete; und wenn Karl, statt böse zu werden, gutmütig lächelte, machte Thomas seinen Mund so lang wie derjenige Karls war, indem er ihn mit den beiden Zeigefingern breit zerrte. Und ging's wirklich lustig her, waren gleich auch die Mädchen dabei. Sie rühmten Thomas wegen seiner Ritterlichkeit gegen sie; er war ja auch selbst stolz auf seine Ritterlichkeit; aber mitunter konnten er und die Mädchen recht unritterlich gegen Karl sein – ohne sich dessen bewußt zu werden. Dann stürzten sie, sobald Karl sich zeigte, auf Thomas' Weisung eine nach der anderen auf seinen Freund zu und bürsteten ihm mit den Händen die Kleider, weil sie sahen, daß er immer so ängstlich darum besorgt war – er hatte ja immer so wenig gehabt! Und er ward gebürstet und gebürstet, bis er zu weinen anfing. Dadurch erwarb er sich den Spitznamen »Tränenjüngferchen«. Noch ärger ward es, als sich herausstellte, daß Karl, obgleich älter und größer als Thomas, doch etwas schwächer war. Da mußte ja Thomas sich zeigen, und es gab eine grausame Prügelei. Im Grunde hatte nun Karl nicht viel dagegen, den Märtyrer zu spielen; das war in seinen Augen etwas Großes. Aber das entdeckten die anderen bald, und so ward es noch viel ärger für ihn. Und Auguste? Sie war gut gegen Karl, und je schlimmer die anderen ihm mitspielten, um so freundlicher wurde sie; aber sie mischte sich nie in das, was die anderen trieben; überhaupt mied sie in der letzten Zeit mehr und mehr alle Aufregungen. So oft aber Karl ihren Schutz suchte, war er geborgen; daher geschah das immer häufiger, immer häufiger; schließlich ward sie förmlich seine Schutzpatronin: er wagte gar nicht mehr ohne sie in den Garten zu kommen. Thomas war zu stolz, sich etwas merken zu lassen; aber Karl ließ er's entgelten. Und als Thomas einst in einer Klavierstunde über die Freundschaft der beiden spöttelte, erklärte Auguste, sie würde Karl so lange eine treue Freundin bleiben, bis Thomas ein so braver Junge geworden wie Karl – da schwur Thomas Rache. Am Samstagnachmittag besuchte Karl immer den Kirchhof, um auf seiner Eltern Grab frische Blumen zu pflanzen. Am nächsten Sonnabendnachmittage paßte ihm Thomas, als Karl mit seinem Körbchen gehen wollte, in der Allee auf, und dort sollte er ihm versprechen, nicht mehr mit Auguste zu reden. Aber der sonst so fügsame Karl wollte dies Versprechen nicht geben; und als Thomas ihn deshalb schlug, wollte er erst recht nicht. Thomas schlug und schlug; aber Karl blieb standhaft. Ganz außer sich trat Thomas ihn mit dem Fuße und traf ihn an einer gefährlichen Stelle. Karl schrie laut auf und wurde ohnmächtig. Thomas mußte ihn selbst nach Hause tragen helfen, selbst nach dem Arzt laufen, und während er mit dem Angstschweiß auf der Stirn an der Stelle vorüberstürzte, wo der arme Junge mit einem traurig auf ihn gerichteten Blick hingesunken war, da verwandelte sich Karls Bild. Der schweigsame vater- und mutterlose Knabe, der am ersten Abend, da er auf das Gut kam, vor seinem Bett kniete und betete, schwebte ihm wieder vor der Seele ... Noch vor dem Arzt war Thomas wieder zu Hause; er mußte fort, Hals über Kopf fort, um, ohne daß jemand es sah, niederzuknien, wo Karl hingesunken war, und dort weinen und beten. An demselben Abend saßen seine Mutter, Andreas Berg und er allein im Zimmer. Andreas Berg war auf Frau Rendalens Bitten hereingekommen, um dem Knaben seines Vaters Kindheit zu erzählen; ohne irgendwelche Umschweife und in ihrer Gegenwart. Berg war ein ernster, etwas strenger Mann. Thomas' Benehmen gegen Karl hatte ihn mehr als einmal gewurmt, Und nun erzählte er all die verschiedenen Begebenheiten aus John Kurts Knabenzeit, indes ohne auch nur mit einem Wort ein Urteil darüber abzugeben. Aber das eine war ärger als das andere; das war schon aus Bergs Stimme herauszuhören. Die Mutter fand es nicht notwendig, irgendein Wort hinzuzufügen. Später am Abend hörte sie Thomas vor Karls Bett flüstern und schluchzen; und am andern Tage sah sie ihn draußen im Gange mit Auguste reden. Wiederholt hatte er im Laufe des Tages die Arme um die Mutter gebreitet und geweint, aber nichts gesagt. Diese Gärung währte ziemlich lange. Mittlerweile war Karls Probezeit abgelaufen, und von jetzt an sollte er wie ein Kind des Hauses gelten. Der Arzt hatte erklärt, daß er sein ganzes Leben lang einen Schaden von dem Tritt behalten würde, den Eifersucht und Herrschsucht ihm zugezogen – und das hatte den Ausschlag gegeben. Etwas später fand eine zweite große Revolution statt. Die Mädchen, welche gemeinsam mit Thomas Frau Rendalens Unterricht von Anfang an genossen, hatten so ausgezeichnete Fortschritte gemacht, daß viele Bürger der Stadt wünschten, sie möchte doch ihre Klasse zu einer Schule erweitern und die ganze Mädchenschule der Stadt nach dem Gute verlegen. Dieser Wunsch wurde schließlich von allen geteilt und fand sogar den Weg in die Presse. Pastor Green gab ihm beredten Ausdruck. Wie könnte sie ihre Kenntnisse und ihre Lebenserfahrungen schöner verwerten? Wie, wenn das alte Haus der Kurts widertönte von frohem Kinderlachen; wenn dort die zukünftigen Frauen und Mütter sich zu einer unabhängigen Stellung emporarbeiten lernten – innerhalb wie außerhalb der Ehe? ... Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet erhielt die Sache gleichsam etwas Symbolisches. Sehr wenige von uns achten darauf, daß gewisse Anzeichen, bestimmte Ahnungen, zufällige Erinnerungen weit schwerer wiegen bei unseren Entschlüssen, als ganz bestimmte Vorsätze. Thomasine Rendalen bildete keine Ausnahme. Sie war praktisch genug, sich manchmal zu fragen, ob sie auch wirklich all die Tüchtigkeit einer Erzieherin besitze, die der Pastor bei ihr voraussetzte. Sie merkte, daß er, wie alle Reformatoren, ein Sanguiniker war; daß er vieler Menschen Arbeit von einer einzelnen Person verlangte. Auch war sie verständig genug, zu bezweifeln, ob etwas mehr Sprachkenntnisse, etwas besser erzählte Weltgeschichte und dergleichen die Sittlichkeit und Unabhängigkeit sonderlich fördern würden. Aber das Symbol hatte eine größere Macht als diese Einwendungen des Verstandes. Ja, hier schien einer bestimmten Person ein bestimmter Beruf beschieden zu sein. Sie saß ja hier auf dem Kurtschen Erbe, mit allem wohlausgerüstet, um ein großes Erziehungswerk zu beginnen. Wie, wenn hier fortan statt der bisherigen bösen Beispiele gute gegeben würden ... sie hatte ja schon eine Art Übung darin ... Jedenfalls verlieh ihr das neue Kräfte ... Sie nahm ein neues Anlehen auf und ließ das Haus vom Keller bis zur Dachstube reparieren. Alle Fenster wurden ausgenommen und vergrößert. Die Zimmer vom Eingang rechts blieben im ersten Stock wie sie waren; aber die zur Linken und im Flügel und der ganze zweite Stock erfuhren fast alle die Veränderung, daß die Türen zwischen ihnen vermauert wurden, so daß sie nur noch einen Ausgang auf den langen Korridor hatten. Der große Rittersaal verwandelte sich in einen Turn- und Versammlungssaal; auch sollten hier die Morgenandachten stattfinden. Die große geteilte Treppe, welche zum zweiten Stock führte, wurde von dem äußeren Gang durch eine Wand und zwei Türen darin abgesperrt. Auf diese Weise behielt Frau Rendalen den äußeren Gang für sich; die berühmte breite Treppe des Hauses führte bloß in ihre Wohnung und bei großen festlichen Gelegenheiten in den Rittersaal. Die Schülerinnen bekamen einen besonderen Eingang vom Hof her, wobei der unterste Stock des großen leeren unnützen Turms zum Vorzimmer eingerichtet wurde. Von außen wurde das Haus von seinem Kalkbewurf befreit, und die rote Ziegelsteinfarbe wieder aufgefrischt; es sah wie neu aus. Als das Ganze fertig war, begann eine große Wallfahrt nach dem Gut. Man setzte außerordentliche Hoffnungen auf die neue Schule. Thomasine hatte sich in große Schulden gestürzt. Zudem mußte sie die Schule, welche sie übernahm, förmlich kaufen, und zwar für eine bedeutende Summe. Aber der Zudrang war gleich von Anfang an sehr bedeutend; vom Lande, ja sogar von den nächsten Städten wurden Schülerinnen angemeldet. Diese wurden bei verschiedenen Bürgern der Stadt, die sie empfahl, in Kost gegeben; sie selbst wollte vorläufig niemand ins Haus nehmen; sie hatte genug mit der Einrichtung der Schule zu tun. Manchmal zweifelte sie daran, ob sie je ihr Ziel erreichen würde. Zunächst fehlte es an einem tüchtigen Lehrkörper. Wie manche Lehrer und Lehrerinnen mußten geprüft und wieder verabschiedet werden. Das regellose Leben, die Unannehmlichkeiten und Überanstrengungen, welche solche Dinge im Gefolge hatten, ertrug sie geduldig in Erwartung besserer Zeiten. Aber die tägliche Arbeit, die endlose Unruhe und die Geldsorgen jagten sie von einem Tag zum andern. Das Ziel, das sie sich ursprünglich gesetzt, das große Symbol – jetzt erschien es ihr als eine Lächerlichkeit. Eines aber schien ihr sicher: sie entfremdete sich dabei ihren Sohn. Nicht als ob er weniger hingebend und gehorsam gewesen, und als ob sie seinen Unterricht nicht mehr hätte überwachen können; aber die Leitung seines Charakters ward ihr unmöglich, und das Vertrauliche ihres Verhältnisses, die Freude an seiner Entwicklung gingen verloren. Seinen Spielen, seinen Plänen, seiner Ausdrucksweise haftete etwas Heftiges, Phantastisches, Schwärmerisches an, und das betrübte sie. Wies sie ihn zurecht, so bemerkte sie in seinen Augen eine nervöse Ungeduld. Der Umgang mit Karl bestärkte ihn im Grunde noch in seinem Fehler; denn Karl war selbst ein Schwärmer. Sie bat daher Auguste, des Knaben heißes Gemüt zu dämpfen und den Versuch zu machen, ihn bei der nüchternen Wirklichkeit festzuhalten. Aber Auguste ließ sich auf solche Gespräche nicht ein. Und so mußte Frau Rendalen sehen, wie diese Anlage in ihm mehr und mehr sich entwickelte. Das verdarb ihr die Freude an der Schule, als diese wenigstens äußerlich zu gedeihen anfing. Alles in allem: sie fragte sich, was sie bei diesem ruhelosen Leben anders gewonnen als eine größere Schuldenlast und größere Sorgen. Thomas hatte von diesen Sorgen der Mutter nicht die geringste Ahnung. Er lebte glücklich in den Tag hinein. Er entwickelte sich sehr schnell. Dabei waren ihm Karls größere Kenntnisse sehr von Nutzen; sie schwärmten und liebten miteinander, sie gerieten auf die unglaublichsten Dinge, um den »Damen« sich nützlich und angenehm zu machen, sie und ihre Kameraden; denn nach und nach waren noch andere in den Kreis gezogen worden, und es war mehr Schönheit, mehr Abwechslung in allem, was sie anstellten, seitdem die Knaben und Mädchen beständig zusammen waren. Thomas ward ein kräftiger Bursch; aber er schien nicht sehr groß zu werden, obgleich beide Eltern von hohem Wuchs waren. Sein Körperbau war vortrefflich, seine Bewegungen leicht und anmutig und seine Füße so klein, daß er Mädchenschuhe tragen konnte; aber trotz seiner schlanken Gestalt ziemlich breit in den Schultern. Als er zwölf Jahre zählte, erhielt er seine erste Prämie im Turnen. Er hatte einen stark geformten Kopf mit hervortretenden Backenknochen und schmalen feingeschnittenen Lippen. Die grauen Augen waren klein und schienen noch kleiner dadurch, daß er die Gewohnheit angenommen, die Stirnhaut zusammenzuziehen und zu blinzeln; sie hatten einen unruhigen und doch scharfen Ausdruck. Die reine Stirn erinnerte an die des Vaters; aber Gesicht, Hals und Hände waren so mit Sommersprossen bedeckt, daß sie so rot aussahen wie das Haar. Dieses war buschig und stand starr zu Berge. Schön war er nicht. Neben dem großen, brünetten Karl mit der schweren Stirn, den großen Augenhöhlen, dem langen, geraden Munde und dem sanften, langsamen Wesen sah er aus wie ein sprühender Kobold; und darum vielleicht fühlte die Mutter sich mehr beunruhigt als notwendig war. Er war jetzt Karl ein treuer Freund geworden; er liebte ihn von Herzen – wie er überhaupt im Lieben und Hassen keinen Mittelweg kannte; das eine oder das andere. Er zählte nahezu vierzehn Jahre, als er im Herbst mit seinem Oheim, einem Bruder seiner Mutter, der Schiffsführer war, nach Hamburg und von dort nach England und zurück fahren sollte. Der Reiseplan war bereits im Sommer entworfen, die Reise aber wieder aufgeschoben worden. Da Thomas eine Privatschule besuchte, konnte er sie jederzeit unternehmen, und das Mannhafteste war ja, während der Herbststürme zu reisen; seine Ausrüstung war fertig; man wartete nur auf günstigen Wind ... Eines Sonnabend nachmittags saßen Auguste und er auf einem Obstbaum, um Äpfel zu pflücken. Aber die leinenen Beutel, die sie sich umgebunden hatten, hingen schlaff herab. Er hatte den Arm um einen Ast geschlungen, und darauf ruhte nun sein Kopf: sie saß ihm gegenüber und hörte ihm zu. Sie hatten den neuen Doktor, Kurt Holmsen, zu Frau Rendalen hineingehen sehen, und dieser wunderlich neue Doktor gehörte zu denen, die Thomas »liebte«. Er hatte vor kurzem gemeinsam mit ihm in Mommsens römischer Geschichte den Abschnitt über die Gracchen gelesen, und davon erzählte er jetzt Auguste. In ihrem Geschichtsbuch stand so etwas über die Gracchen nicht zu lesen. Diese waren jetzt sein Ideal! Aber gerade mitten in einer begeisterten Auseinandersetzung fiel es ihm ein, daß, wenn sie beide, er und Karl, die Gracchen wären, Auguste die Mutter der Gracchen sein müsse; etwas Größeres konnte es für eine Frau nicht geben als zugleich Scipios Tochter und die Mutter der Gracchen zu sein. Aber dazu hatte Auguste keine Lust; es gefiel ihr nicht, daß die Mutter der Gracchen am Leben geblieben, nachdem man ihre Söhne erschlagen. Auguste hatte immer eine so schreckliche Angst vor dem Tode ... Der Tod hatte etwas so Häßliches an sich ... Sie saß da mit dem Kopf auf dem Arm und sagte das still vor sich hin. Wie lieblich sie dabei aussah! ... Oder war sie müde? – Nein, müde war sie nicht; aber sie hatte ein solches Verlangen nach Ruhe. – Ja, sie konnte ja noch ein Weilchen sitzenbleiben. Sie änderte ihre Stellung, und sie sprachen weiter. – Als dann die Mutter der Gracchen ihre Söhne im Himmel wiederfand – – Ja, kamen denn die Gracchen und ihre Mutter in den Himmel? Sie glaubten ja nicht an Christus. Nach verschiedenen Unterhandlungen wurden die Kinder darüber einig, daß sie jetzt vermutlich über Christus unterrichtet und folglich in den Himmel gekommen seien. Aber was weiter? Was machten sie dort? Auguste schauderte; die Unendlichkeit erfüllte sie mit solchem Schrecken. Sie verbarg ihr Gesicht, und als sie die Hände wieder davon entfernte, hatte sie geweint. Stumm sah er sie lange an. »Hör', Auguste,« begann er wieder, »niemand von uns beiden wird sterben, eh' wir uralt geworden – nicht wahr? So alt, bis wir gar nicht mehr gehen können; denn dann liegt einem ja nichts mehr am Leben ... nicht wahr?« Auguste lächelte. »Als du mir das Ruhrkraut gabst, sagtest du, ich sollte deiner gedenken, wenn du tot seist.« »Ja, an dem Tage fühlte ich mich so schrecklich unglücklich ... Und dann hatt' ich auch gerade das Bild mit König Eduards Söhnen bekommen ... Du, Auguste!« »Nun?« »Auf dem Meere, inmitten der Herbststürme – die Herbststürme können sehr gefährlich werden! – will ich dir genau alles schreiben, was ich denke. Und dann mußt auch du mir aufschreiben, was du denkst, wenn du das liest.« »Das muß ja schrecklich sein!« lachte Auguste; sie war älter als er. Er wurde verlegen, und so bewahrte er eine Weile Schweigen; betrachtete aber ihre volle Gestalt, ihr gutmütiges Gesicht, die üppigen Flechten und die langen Wimpern ... Sie blickte hinab ... Ja, Auguste war bereits ein großes Mädchen ... auch Busen hatte sie schon ... und diese eigentümlich festen Handgelenke ... So lange betrachtete er sie, daß er endlich sagte: »Aber Auguste!« »Nun?« »Karl schreibt mir alle Tage; die Mutter hat versprochen, ihm dazu Postgeld zu geben. Kannst du da nicht ein paar Zeilen hinzufügen – wie?« »Täglich, Thomas? Das wäre sehr oft!« »Aber –« »Alle Tage kann ich etwas Merkwürdiges doch nicht erleben. Du, das würde sehr langweilig werden.« Und sie sah ihn treuherzig an. »Aber,« fuhr er fort, »das tun doch alle, die mich gern leiden mögen.« Er war feuerrot geworden und wandte sich ab; sie wird gewiß lachen. Aber sie lachte nicht. Und kurz darauf hörte er sie sagen (denn er wandte sich noch immer nicht um): »Ja, ja, dann muß ich's schon tun.« Und nun begann sie Äpfel zu pflücken. Um dieselbe Zeit stand seine Mutter mit dem Doktor im Zimmer am Fenster. Sie sah bald den Doktor an, bald hinaus zu den Kindern draußen im Apfelbaum. Der Doktor hatte ihr gerade erzählt, daß Lars Tobiassen vollständig wahnsinnig geworden und daß auch sein Sohn nicht mehr seinen Verstand habe. Es sei die »Kurtsche Erbkrankheit«, wie die Leute auf dem Berge sagten; es habe so viele verrückte Kurts gegeben, Männer wie Frauen. Darauf hatte Frau Rendalen geantwortet, das sei ihr bekannt und kurz nach der Geburt ihres Sohnes habe auch sie Befürchtungen gehegt; aber jetzt sei sie ohne Besorgnis – obgleich setzte sie hinzu, Thomas etwas unbegreiflich Überspanntes und Phantastisches an sich habe. Dabei sah sie den Doktor fragend an, der antwortete: »Ja, ja seine Nerven sind vollständig ruiniert.« Doktor Knut Holmsen gehörte zu jenen Junggesellen, die sich zwar manchmal aus Unbedachtsamkeit zum Ehestande verleiten lassen, sich aber nicht die Mühe geben, mit irgendeinem anderen Menschen gemeinsam zu denken und zu empfinden, sondern stets und überall wie für sich dasitzen. Und so war er jetzt mit einer Antwort herausgeplatzt, die Frau Rendalen im höchsten Grade erschreckte. »Könnte Thomas auch wahnsinnig werden?« fragte sie. Das hatte er nicht gemeint: und um sie zu beruhigen, setzte er hinzu: »Er nicht; aber seine Kinder.« Sie fuhr auf und starrte ihn leichenblaß an; und dann suchten ihre Blicke ihr Kind draußen im Garten. »Wissen Sie auch, was Sie sagen, Doktor?« Holmsen errötete; denn so ungeniert er zu reden pflegte, war er doch im Grunde ein sehr schüchterner Mensch. Und wie um sich zu entschuldigen, begann er von einem Buche zu reden, das er gerade studiert und das alle lesen sollten. Es war Prospers Lucas' Werk über die Vererbung ... Kurz darauf sahen die Kinder im Apfelbaum Doktor Holmsen und Frau Rendalen nach der Stadt gehen. Nach einer Weile kam Frau Rendalen mit zwei großen Büchern unter dem Arm zurück ... Am Abend des folgenden Tages reiste Thomas ab. Er war etwa zwei Monate abwesend, und in den beiden Häfen, die das Schiff angelaufen, hatte er Briefe gefunden. Der treue Karl hatte Tag für Tag geschrieben. Auch einige herzliche Briefe seiner Mutter waren darunter; aber nicht eine Zeile von Auguste. Sie war krank; sie litt an einem Herzübel; es sei Herzerweiterung, wie die Leute sagten. Jetzt erinnerte sich Thomas, daß sie in der letzten Zeit sich immer so sehr nach Ruhe gesehnt: sie war schon herzkrank gewesen. Aber einer solchen Riesin wie Auguste konnte eine Krankheit natürlich nichts anhaben; sie ward sicherlich wieder frisch und gesund! In später Abendstunde lief eines Tages das Schiff im Hafen wieder ein; niemand auf dem Gute hatte eine Ahnung davon, bis Thomas zum Zimmer hereinstürmte und seiner Mutter um den Hals flog; sie saß gerade ganz allein bei ihren Rechnungen. Sie rief: »Thomas!« – als hätte er sie wirklich erschreckt; und das machte ihn nur noch mehr ausgelassen vor Freude; er schmiegte sich aus allen Kräften an ihre schwere Gestalt ... Da ... da merkte er, daß sie geweint hatte. Verwundert ließ er ab und betrachtete sie ... Da warf sie sich schluchzend über den Tisch. Auguste war vor zwei Tagen gestorben ... Früh am folgenden Morgen ging er mit Blumen in den Händen erschreckt und verweint mit seiner Mutter hinunter nach der Stadt. Als Nils Hansen Augustes Spielkameraden und besten Freund erblickte, brach er in heftiges Weinen aus und zog sich zurück. Auch Frau Hansen vermochte den Anblick des Knaben nicht zu ertragen. Sie befand sich gerade im großen Zimmer und war um die Tote beschäftigt; ihr zweijähriges jüngstes Kind saß bei ihr am Boden, als Frau Rendalen eintrat. Laura dankte ihr, daß sie auch heute gekommen sei. Die arme Mutter schien gefaßt; aber kaum hatte sie den untröstlichen Knaben mit seinen Blumen erblickt, da sank sie auf einen Stuhl und begann laut zu weinen. Und nun fing auch das Kind an zu weinen. Das vermochte Thomas nicht zu ertragen. Er legte die Blumen aus der Hand, er wußte selbst nicht wohin, und eilte wieder hinaus. Er hatte die großen Flechten auf dem weißen Linnen gesehen, und ein Antlitz, das zu schlummern schien, und dann in ihren gefalteten Händen das Ruhrkraut. Er erkannte es sofort an dem Band. Wie empfand in dieser Zeit Frau Rendalen ihre Schule als eine schwere Bürde! Denn das verwundete kleine Herz verlangte beständig nach ihr und nur nach ihr. Sie fürchtete um ihn wegen seines Hanges zur Schwärmerei, und daß diese jetzt zuviel Nahrung finden möchte. Sie sann hin und her, wie sie das verhindern könnte, ohne ihm seinen einzigen Trost zu nehmen. Wie verwundert war sie daher, als sie merkte, daß Augustas Tod die gerade entgegengesetzte Wirkung geübt. Auguste hatte sich vor dem Tode und vielleicht noch mehr vor der Unsterblichkeit gefürchtet. Daran hielt er unerschütterlich fest; hier mußte er sie also in Ruhe lassen. Die meisten Kinder schaudern bei dem Gedanken an die Ewigkeit. Jetzt war es namentlich Karl, der gern auf diesen Gegenstand einging; aber er mußte schweigen; Thomas wollte nichts davon hören. Er war überzeugt, sie würden gegen Augustas ausgesprochenen Willen handeln, wenn sie es versuchten, sie dort oben in der Ewigkeit sich zu denken. Karl gab nach; es war ja nicht die Unsterblichkeit selbst, an der sein Freund zweifelte; er durfte sich ihm also fügen. Versuchte denn Thomas gar nicht, sich Auguste jetzt vorzustellen? Ja, wenn er auf dem Piano klimperte ... Dann war sie es ganz unzweifelhaft, mit der er Umgang pflegte; dort hatten sie Seite an Seite gesessen. Er dachte also nur an das Vergangene ... Als er eines Tages eine etwas heftige Antwort gegeben, sah ihn die Mutter zu ihrer Verwunderung sofort wieder hereinkommen und sich ihr an den Hals werfen. Sie hatte sich an seine Heftigkeit so sehr gewöhnt, daß sie sie, wenn er nicht gerade unhöflich war, oft gar nicht bemerkte. Jetzt sah sie ihn an: »Was ist geschehen?« – Da errötete er und flüsterte ihr etwas ins Ohr, wie er zu tun pflegte, wenn sie ihn nicht ansehen sollte, während er ihr etwas sagte. »Als ich dir einmal scharf geantwortet hatte, Mama, kam Auguste zu mir heraus auf die Treppe und sagte: ›,Du, Thomas, du sollst deiner Mama nicht so antworten.‹, Damals kehrt' ich mich nicht daran, aber jetzt – als ich jetzt auf die Treppe kam, dacht' ich wieder daran.« Um diese Zeit lasen sie zusammen bald diesen bald jenen Abschnitt in dem Werke von Lucas. Diese oft wunderbaren Beweise für die Vererblichkeit der Eigenschaften und Anlagen, die wieder zum Vorschein kommen können, nachdem mehrere, ja oft viele Mittelglieder davon unberührt geblieben sind, machten einen starken Eindruck auf ihn. Er sammelte sich eine ganze Reihe von Fragen und damit begab er sich zum Doktor. Nach und nach war er wieder in sein altes Gleis gekommen; aber er war jetzt stiller als früher. 12. Die Rede. Vierzehn Jahre sind verflossen ... An einem Nachmittag im Frühjahr, zu Beginn des Mai, sah man ganze Scharen von Menschen die Allee hinauf nach dem Gute wandern. Der Kandidat Thomas Rendalen sollte das große neue Turnlokal, das auf dem Hofe erbaut worden, mit einem Vortrage einweihen. Bei dieser Gelegenheit wollte er den Plan entwickeln, nach dem die Schule geleitet werden sollte; im August wollte er sie übernehmen. Man wußte, daß dies schon damals, als er nach Christiania reiste und die Universität besuchte, seine Absicht gewesen; daß er nie einen anderen Lebenszweck gehabt, auch während der Zeit nicht, als er nach beendeten Studien bald an dieser, bald an jener Knaben- und Mädchenschule Unterricht erteilt und eine mehrjährige Reise durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich, England und Amerika gemacht hatte, um solche Schulen kennen zu lernen. Namentlich in dem letzteren Lande hatte er, wie man erzählte, gefunden, was er gesucht. Er selbst hatte darauf aufmerksam gemacht, daß die Rede, die er heute halte, seinen ganzen Bildungsgang entwickeln würde; und das fand man seltsam. Man war neugierig geworden. Während der vier fünf Monate, die er wieder zu Hause gewesen, hatte er das Turnlokal bauen lassen, weil er den Rittersaal, der bisher als Turnzimmer benutzt worden, von jetzt an für seine chemischen und wissenschaftlichen Versuche brauchte. Man wußte zwar nicht recht, was das für Versuche sein sollten; aber gelegentlich erfuhr man das ja wohl. Der Turm war in ein kleines Observatorium verwandelt worden. Dann waren auf dem Gute zahllose Pakete und Kisten angekommen mit Gegenständen, die er als »Unterrichtsmaterial« bezeichnete, und den Kindern die wunderbarsten Experimente gezeigt worden. Dies alles sowie seine langen Reisen hatten viel Geld gekostet. Woher war das Geld geschafft worden? Durch einen Zufall hatte Frau Rendalen erfahren, daß die Waldungen einzeln für sich verkauft worden, teils bevor, teils nachdem die Gehöfte, zu denen sie gehörten, in andere Hände gekommen waren. Einige dieser Waldungen waren seinerzeit nur zum vollständigen Niederschlagen verkauft worden; der Grund und Boden gehörte also immer noch zu dem Gute. Da dieser Boden aber lange unbenutzt geblieben, war dies vergessen worden, und die betreffenden Gehöfte hatten den Waldgrund zum Teil an sich genommen. Einige Prozesse, die Frau Rendalen infolgedessen anstrengte, verlor sie, andere dagegen gewann sie, und so war es Thomas und Karl möglich geworden zu studieren und Reisen im Auslande zu machen. Karl hatte Theologie, Thomas Philologie und Naturwissenschaften studiert. Nach einjähriger Abwesenheit war Karl nach Hause zurückgekehrt, während Thomas immer noch im Auslande reiste. Während der Zeit nach seiner Rückkehr hatte er den Mädchen in den obersten Klassen Vorträge gehalten, namentlich naturwissenschaftliche. So hatte er ihnen die allerneuesten Entdeckungen über die Gehirntätigkeit erklärt, wobei er ihnen große Abbildungen zeigte! Die Kinder ihrerseits erklärten den Erwachsenen, wie diese Entdeckungen gemacht seien, und so bekamen auch diese Lust, sich darüber zu unterrichten. Nicht selten geschah es daher, daß ältere Schwestern und Mütter der Schülerinnen, ja sogar Väter zwischen den jungen Mädchen saßen, um dem jungen Lehrer zuzuhören. Jetzt ist es uns erklärlich, warum der Andrang zu dem Vortrag so groß ist. Ein häßlicher rothaariger junger Mann mit einem Gesicht voll Sommersprossen und ziemlich breiter Nase, grauen Augen ohne Brauen und, wie sein Vater, mit einem Munde ohne Lippen – das war das Bild des Vortragenden. Und doch wurde behauptet, die ganze Mädchenschule schwärme für ihn! Man wollte hören und sehen, was er denn Merkwürdiges an sich habe. Daher kamen je drei Damen auf einen Herrn in der Schar, welche sich die Allee hinaufdrängte. Von der großen Freitreppe vor dem Haufe führte der Weg um die Fassade und den Flügel zum Hinterhof; es war dies der gewöhnliche Schulweg. Dort im Hofe lag auch das neue Turnlokal. Aber am Eingang dazu, oben auf der Treppe, war eine Wache aufgestellt, und ringsumher stand Kopf an Kopf eine große Menschenmenge, welche zum Teil sehr laut gegen eine solche Behandlung protestierte. Es war Andreas Berg, der darauf zu achten hatte, daß nur »Eltern« hineinkamen. Die Einladung lautete ausdrücklich auf die »Eltern«; allein das war übersehen oder nicht recht verstanden worden, oder man wollte trotzdem einen Versuch machen; daher jetzt das Murren. Natürlich waren es meist jüngere Personen. Es erregte große Heiterkeit, so oft eine ältere Person, die nicht offiziell als Vater oder Mutter anerkannt war, zurückgewiesen wurde. Anton Dösen – gewöhnlich »der französische Dösen« genannt, weil er mehrere Jahre in Frankreich gewesen und mit französischen Galanteriewaren handelte – präsentierte sich als »Vater« und wollte hinein. Er war aber nie verheiratet gewesen, dieser französische Dösen. Große Fröhlichkeit! Der unerschütterlich ernste Andreas Berg wies ihn zurück und der französische Dösen fragte, was zum Geier denn nötig sei, um hineinzugelangen? Ob er erst zum Pastor gehen müsse, um sich ein Attest darüber zu holen, daß er Vater sei? Der französische Dösen hatte nämlich das Vorrecht, laut alle seine Sünden zu bekennen; und die Leute hörten seine Beichte gern an. Sein Laden war trotz seiner lockern Sitten und Reden sehr besucht; die Konkurrenz, welche ihm die beiden gerade gegenüber wohnenden schiefen Fräulein Jensen machten, war ihm, was seinen Modeartikel anging, nicht gefährlich. Aber sieh, da kamen ja diese Fräulein Jensen ebenfalls; und sie durften hinein! Großer Jubel in der Versammlung! Denn alle Welt wußte, daß die Fräulein Jensen keine Kinder hatten! Andreas Berg erklärte, bei diesen Damen komme es daher, weil sie eine Nichte in der Schule hätten. »Ob sie darum keine Kinder hätten?« »Sie dürfen hinein, weil sie Elternstelle vertreten.« »Aber,« meinte Dösen, »ist es denn nicht mehr, Vater zu sein, als bloß Vaterstelle zu vertreten?« Lauter Beifall. Übrigens vertrete auch er Vaterstelle bei denen, welche er in Kost und Lohn habe. – Auf solche Spitzfindigkeiten ließ Berg sich nicht ein. Jetzt kam der Bürgermeister mit seiner Frau. Auch die wollte Berg nicht passieren lassen, denn sie waren ja nicht »Eltern«; ja sie hatten nicht einmal ein Pflegekind in der Schule. Dösen rief »bravo!« und klatschte Beifall. Die Menge stimmte sofort ein, und es entstand ein stürmisches Gelächter. Alle kannten ja den Bürgermeister und niemand mochte ihn leiden. Das war ja ein ausgezeichneter Spaß! Der Bürgermeister geriet in einen solchen Zorn, daß ihm die Zunge den Dienst versagte; er konnte nur stammeln und gestikulieren. Er war ein langer, schmaler Mensch mit einer Brille auf der Nase und einem ewigen Lächeln auf dem Gesicht. Aber dies Lächeln war nicht der Ausdruck eines heitern Gemüts: es rührte von seinem schlechten Magen her; das merkte man sofort, wenn man sein verwimmertes Gesicht näher ins Auge faßte. Endlich erhielt er die Sprache wieder und fragte Andreas Berg, ob er verrückt sei. Und die Frau Bürgermeister, welche bei solchen Gelegenheiten ihrem Manne stets zu Hilfe kam, bemerkte, ihr Gatte, der Herr Bürgermeister, habe das Recht, allen Versammlungen der Stadt beizuwohnen. Das machte auf Andreas Berg nicht den mindesten Eindruck: er öffnete allen denen, welche wirklich »Eltern« waren, und zog dann die Tür sofort wieder zu. Jetzt legte Dösen sich für den Bürgermeister ins Zeug: Andreas Berg müsse doch begreifen, daß, wenn der Bürgermeister keine Kinder habe, daran der Herr Bürgermeister ebensowenig schuld sei wie seine Frau. Furchtbares Beifallrufen. Aus diesem Grunde könne der Bürgermeister aus dem Paradiese der Eltern so lange nicht ganz ausgeschlossen werden, als nicht – – Weiter kam er nicht, denn der Bürgermeister fragte ihn, ob er verrückt sei. »Ja, in Ihrer Weise, Herr Bürgermeister,« antwortete Dösen. Und wiederum brach die Versammlung in fröhliches Lachen aus. In diesem Augenblick erschien der Schuhmacher Nils Hansen mit seiner kleinen Frau. Ihn hatte der Bürgermeister so oft gefragt, ob er verrückt sei, daß Nils Hansen, sowie er das Wort hörte, ebenfalls auflachte. »Wer ist denn jetzt verrückt?« fragte er. »Andreas Berg,« antwortete der Bürgermeister. »Nein, ich,« rief Dösen. »Nein, der Bürgermeister!« schrien einige in der Menge. »Denken Sie sich,« wandte sich der Bürgermeister an Nils Hansen, »Andreas Berg hat die Unverschämtheit, mir – mir! – und meiner Gattin den Eintritt zu verweigern!« Man sah es Nils Hansen an, daß er das amüsant fand. Frau Laura dagegen wunderte sich darüber und fragte Berg nach der Ursache. Wenn sie aber geglaubt hatte, Berg zu einer Antwort bewegen zu können, so hatte sie sich geirrt. Er öffnete ihr und ihrem Manne die Tür und bat sie einzutreten. Und so gingen sie hinein, hörten aber Dösen noch hinter sich rufen: »Der Bürgermeister kommt nicht hinein, weil er keine Kinder hat!« Das hörte man im Saal, und auch hier entstand lautes Lachen, das bis in den Hof gehört wurde. Von dort kam helles Gelächter als Antwort zurück. Jetzt entstand eine neue Bewegung da draußen: der Amtmann Die amtliche und gesellschaftliche Stellung des norwegischen Amtmanns entspricht etwa der des preußischen Landrats oder Regierungspräsidenten . war gekommen. Die Frau Amtmann hatte eine fremde Dame mitgebracht, welche Berg nicht einlassen wollte. Nur »Eltern« seien geladen, wiederholte er unerschütterlich; er wußte, daß diese Dame »Fräulein Krüger« genannt wurde; sie hatte mehrmals Blumen bei ihm gekauft. Der Amtmann – auch der »Damen-Jens« genannt – ein blonder Mann mit spitzem, schelmischem Gesicht, blickte seine beiden erschreckten Damen fragend an; puterrot standen sie da oben auf der Treppe. Die Frau Amtmann hatte als ganz selbstverständlich vorausgesetzt, daß eine Dame, die sie mitbrachte, unmöglich zurückgewiesen werden könnte. Sie wußten nicht, was sie beginnen sollten, sie und ihre Freundin. Für Dösen und seinen Anhang ein Gegenstand des Gelächters, wurde sie noch obendrein von einer Menschenmenge, die sie nicht kannte, boshaft begafft; sie war nämlich erst kürzlich in die Stadt gekommen. Sie war eine schöne, zartgebaute, schlanke Dame mit seelenvollem Antlitz; aber sie sah jetzt so erschreckt aus; hilflos blickten ihre Augen umher. Endlich blieben sie wie flehend auf ihrem Manne haften, der wieder unten an der Treppe stand und, um gute Miene zum bösen Spiel zu machen, mit den anderen über die Damen da oben lachte. »Ist es denn gefährlich, wenn Fräulein Krüger auch mit hineinkommt?« fragte er. Diese Bemerkung ward von der Menge mit großer Fröhlichkeit aufgenommen, was Berg wahrscheinlich ärgerte. Er rächte sich dadurch, daß er höflich die Frau Amtmann beiseite schob, um die Tür anderen Gästen zu öffnen. Jetzt kam eine Anzahl von Damen, die alle ordentlich verheiratet waren und Kinder in der Schule hatten, die Treppe herauf. Die unglückliche Frau Amtmann trippelte die Stufen wieder hinab; ihre verlegene Freundin folgte ihr; es entstand ein kurzer Meinungsaustausch zwischen ihnen, der damit endete, daß die Freundin sich entfernte. Die Frau Amtmann wollte sie unbedingt begleiten, was ihr aber nicht gestattet wurde. Da wollte der Amtmann galant ihr Kavalier sein; aber die fremde Dame wandte sich jäh von ihm ab. Dabei kam der Amtmann fast unmittelbar vor einen mit zwei großen dänischen Pferden bespannten und von einem graulivrierten Kutscher gelenkten Wagen. Es war die Equipage des Konsuls Engel. Wegen der Kränklichkeit seiner Frau mußte der Wagen bis auf den inneren Hof fahren. Es gab nichts Rücksichtsvolleres, Liebenswürdigeres, Anmutigeres als die Art, wie der Konsul seine Frau aus dem Wagen hob. Er war ein schöner Mann mit edlem Gesicht. Sein bekanntes Lächeln war liebenswürdiger denn je, während er mit seiner schwachen Bürde durch die Menge glitt. Auch sie war schön; ihre klugen Augen hatten einen schmerzhaften Ausdruck; derselbe Leidenszug lag um die Mundwinkel und die eingefallenen Wangen. Auf ihrem ganzen beschwerlichen Wege bis zur Treppe und die Treppe hinan bis zur Tür folgten ihr die erschreckten Vogelaugen der Frau Amtmann; sie flatterten gleichsam fragend um die Kranke herum. Und von ihr flogen sie zum Konsul; und von seinen Augen wieder zu denen seiner Gattin ... Was in aller Welt wollten sie denn? Sie füllten sich mit Tränen. Rasch, mit einem scheuen Blick entfernte sie sie. In demselben Augenblick kam der Amtmann, um sie hineinzugeleiten. Sie fuhr zusammen, errötete und lächelte; ja sie lächelte – Gott mag wissen warum. Siehe, da erschien auch, jung und strahlend, Frau Emmy Wingard. Der Amtmann flüsterte ihr etwas zu, worüber sie lächelte. Dann fragte er, ob sie sich nicht zusammensetzen sollten. Frau Emmy Wingard war eine geborene Fürst. Sie hatte hellblondes Lockenhaar und funkelnde Augen, mit denen sie einigemal zu Dösen, dem besten Freunde ihres Bruders, des Marineleutnants hinüberblickte. Dösen machte ein verzweifeltes Gesicht, zeigte nach innen und ließ den Kopf auf die Brust sinken. Sie begriff, daß er nicht hineindurfte und strich den einen behandschuhten Zeigefinger spöttisch über den andern. Dann verschwand sie. Wie schön und heiter sie war. Sie hatte große Ähnlichkeit mit dem vornehmsten Kavalier der ganzen Stadt, ja der ganzen Küste, ihrem Bruder Nils Fürst, dem Marineleutnant. Oh, wenn jemand zweifelte, daß Nils Fürst der Löwe in den Küstenstädten war, so brauchte man nur die Dame zu fragen, die jetzt Frau Emmy folgte: Kaja Gröndal, die Frau des Ingenieurs – jenes Mannes, der nie zu Hause ist. Fragt sie, ob Nils Fürst, der sehr oft zu Hause ist, nicht der erste Kavalier ist in den Städten ringsum, und die üppige Dame wird euch ohne Erröten ansehen und zurückfragen, ob denn daran jemand zweifle. Der galante Amtmann ließ die Damen vorausgehen, dann wandte er sich mit ein paar freundlichen Worten an Berg, der keine Antwort gab. In demselben Augenblick bemerkte Berg Frau Rendalen und ihren Sohn in Begleitung des Bürgermeisters und seiner Gattin. Alle vier kamen aus dem Hauptgebäude. Der Bürgermeister hatte sich also zu Frau Rendalen hineingedrängt, um sich über ihn zu beklagen! Sollte Berg jetzt vielleicht vor dieser ausgelassenen Jugend unrecht bekommen, weil er so streng Ordre pariert hatte! Richtig, sie gingen nach der Haupttür statt nach derjenigen, welche in das Vorzimmer führte, wo die Turnkleider der Schülerinnen hingen. Das konnte keinen anderen Zweck haben, als dem Bürgermeister und seiner Frau Eingang zu verschaffen! Frau Rendalen und ihr Sohn wurden von den Zunächststehenden begrüßt. Berg öffnete, sie kam zuerst die Treppe herauf, trat aber, oben angelangt, ein wenig zurück und ließ wirklich die Frau Bürgermeister nebst ihrem Manne passieren; dann ihren Sohn. Sie selbst blieb stehen. Sie war sehr stark geworden. Das Haar unter dem Hut war aschgrau, das Gesicht braun und voll; in der Nähe der Brille hatte es etwas Leuchtendes. Sie hatte ein gutes Stück Lebensarbeit getan und war sich bewußt, daß man ihr Achtung zollte. »Alle die, welche nicht hierher gehören, täten am besten, sich zu entfernen; es muß hier jetzt ruhig sein.« Sie sagte das nicht eher, als bis alle sie hören konnten; und als die, welche ganz hinten gestanden, um die Ecke bogen und verschwanden, folgten auch bald die andern; man versuchte zwar da und dort leise ein paar Witze zu machen, aber es wurde vollständig leer auf dem Hofe. Andreas Berg war der einzige, der große Lust hatte zu mucksen; denn die Geschichte mit dem Bürgermeister war ihm doch etwas stark. »Jetzt werden wohl nicht viel Gäste mehr kommen; Sie können also ebenfalls gehen, lieber Berg.« Und damit war es aus. Sie trat ein. Die Zunächstsitzenden erhoben sich und grüßten, denn das war eine alte Gewohnheit; es waren nämlich ehemalige Schülerinnen. Das hatte zur Folge, daß nach und nach die ganze Versammlung sich erhob. Sie grüßte nach rechts und nach links und nahm dann neben dem Katheder auf der Erhöhung Platz, auf der es stand. Ihr Blick glitt über die Versammlung. Alle Sitzplätze waren besetzt; einige wenige Männer hatten sich in dem Mittelgang aufgestellt; jetzt wurden von einer alten Frau auch für sie Stühle gebracht. Thomas stand drüben am Fenster und sprach mit Doktor Holmsen. Dieser Herr ist sehr stark geworden, er hat ein rotes Gesicht, und in seinen hervorstehenden Augen liegt eine Mischung von Ironie und Schüchternheit. Er fuhr sich, während er dastand und Thomas zuhörte, mit einem verlegenen Lächeln durch das braune Haar und streichelte sich den etwas graugesprenkelten Bart. Thomas Rendalen war sein vollständiger Widerpart: bestimmt, feurig, elegant. Die Schulkinder wußten Wunderdinge zu erzählen von all den Essenzen, die er gebrauchte, und in der Tat, er verbreitete einen Duft, wie eine feine Dame. Auch seine Wäsche hatte etwas ausnehmend Elegantes, und der graue Anzug, der nach dem neuesten Schnitt gemacht war, saß ihm wie angegossen. Er hatte eine vortreffliche Figur und war in allen seinen Bewegungen außerordentlich elastisch. Während er in leisem Ton sich mit dem Doktor unterhielt, hatte er etwas Nervöses, Eindringliches an sich; es war, als gelte es den Augenblick vollständig auszunutzen. Dann brach er das Gespräch plötzlich ab und eilte fort. Die Tür wurde nämlich abermals geöffnet, und herein kamen diejenigen, auf welche er wahrscheinlich gewartet hatte: Der alte Pastor Green in Begleitung des Kaplans Karl Wangen. Ja, jetzt war er wirklich der »alte« Green; ein langsam und gebückt gehender Greis, der sich auf den Arm des langen Pastors Wangen stützen mußte. Karls Gesicht gehörte zu jenen, die sich nicht leicht verändern: die große Stirn, die tiefen Augenhöhlen, die freundlichen Augen und der gerade, leicht lächelnde Mund – sie waren noch ganz so wie damals, als Thomas sich noch darüber lustig machte; nur daß sie auf einem vollständig ausgewachsenen Körper saßen. Thomas näherte sich, um den Greis zu begrüßen, und trat dann ehrerbietig an ihm vorbei auf die Erhöhung, wo neben dem Stuhl der Frau Rendalen ein Sessel für ihn aufgestellt war. Karl Wangen nahm neben ihm Platz, und Thomas bestieg das Katheder. Er fuhr sich mit den nervösen, sommersprossigen Händen durch das rote Haar, das er dadurch noch mehr aufbauschte, dann in die Tasche nach dem Taschentuch, darauf nach der Karaffe, alsdann nach einem Gegenstand, den er vom Pult entfernte; er war ein schrecklich unruhiger Mensch. Scharf blickten seine blitzenden grauen Augen bald hierhin, bald dorthin, endlich blieben sie auf seiner Mutter und dem alten Pastor haften; dann lächelte er Karl Wangen zu und – begann. Seine Stimme hatte einen Tenorklang, war voll, warm und sehr geübt, so daß sie einen ungemein angenehmen Eindruck machte. Zur allergrößten Überraschung der Versammlung sagte er, daß er zunächst über die Sittlichkeit sprechen wolle. Sei doch diese Halle vor allem aus sittlichen Rücksichten errichtet worden. Fortan müsse die ganze Schulerziehung mehr als früher die Sittlichkeit zum Zweck haben. Um über diesen Gegenstand frei reden zu können, sei es nötig gewesen, die Einladung ausschließlich auf die Eltern und solche Gäste zu beschränken, die eine ähnliche Verantwortlichkeit übernommen hätten, so daß man auch von diesen erwarten könne, sie würden die ernste Sache mit Ernst aufnehmen. (Und es lag ein Ernst in seinem Wesen, der eine gewisse Schärfe, ja fast etwas Drohendes hatte. Er bemerkte gar nicht, wie erschreckt diese kleinstädtische Versammlung sofort wurde; er hielt ihre Verlegenheit für etwas wie feierliche Stimmung, für eine Art festtäglicher Scheu – und fuhr fort:) Nicht bloß der Frau wegen, auch im Interesse des Mannes müsse hier ernstlich Hand angelegt werden. Ein jedes, der Mann wie die Frau, habe selbst auf sich zu achten; aber die Frau habe den Sporn, daß sie, wenn sie auf sich achte, höher steige in der Gesellschaft. Die Aufgabe der Schule sei nun, sie künftig besser als bisher hierin zu unterstützen. Der ehrwürdige Greis, der da zu seiner Rechten sitze, habe ihm einmal gesagt, nur solche Familien könnten dem Laster der Trunksucht verfallen, deren Nerven zuvor durch geschlechtliche Ausschweifungen gründlich geschwächt seien; in solchen Familien würde die Trunksucht leicht erblich. »Aber ich glaube,« fuhr er fort, »wir können noch andere Laster hierauf zurückführen. So unbedingt die Genußsucht. Die gedeiht oft in einem anscheinend gesunden Boden, aber man kann gesund aussehen und doch völlig ruiniert sein. Die Charakterlosigkeit, die nicht dem leisesten Widerstand gewachsen ist – in der Regel ist sie die Frucht der geschlechtlichen Sünden unserer Väter. Und alle Arten moralischer und geistiger Stumpfheit und Schlaffheit – wenn sie in Familien um sich greifen, die sich einst ausgezeichnet haben – fast immer können sie auf diese Ursache zurückgeführt werden; jedenfalls ist es unter verschiedenen Ursachen die stärkste. Und unsere Heftigkeit, unser aufbrausendes Temperament, unsere Ungeduld, unser Hang zu Übertreibungen, unsere Reizbarkeit haben – wenn sie nicht durch rein zufällige Erziehungsfehler, durch zufällige Krankheiten entstanden sind – hier ebenfalls ihren fruchtbarsten Boden.« Die Untersuchungen über diesen Gegenstand seien noch ziemlich neu; wir könnten noch nicht so schwerwiegende Beweise vorlegen, als höchstwahrscheinlich vorhanden seien. Erst in der letzten Zeit hätte die Arbeit ernster Männer und Frauen sich dieser Sache als der allerwichtigsten zugewendet; aber die Zahl derer, welche von dieser Erblichkeit Kenntnis hätten, sei noch gering. Darum stehe auch die Schule hier nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe; namentlich seien die Mädchenschulen völlig verwahrlost. »Die Schule für die weibliche Jugend, die wir hier jetzt haben, ist als Unterrichtsanstalt so gut wie nur irgendeine andere im Lande; davon habe ich mich überzeugt. Aber die Leiterin dieser Anstalt hat es während ihrer ganzen Wirksamkeit tief empfunden, daß das Ziel, welches sie sich ursprünglich gesetzt – die sittliche Erziehung, mehr als es sonst geschieht, in den Vordergrund zu rücken – nicht erreicht werden konnte. Darüber hat meine Mutter sehr oft sich mit mir unterhalten, so daß diese ihre Anschauung schließlich auch die meine wurde. Meine Herkunft, meine Erziehung, meine Lebensweise hatten mich vielfach darauf vorbereitet.« (Seine Stimme begann leicht zu beben, so daß er innehalten mußte. Seine Mutter war bewegt. Große allgemeine Verwunderung.) »Die sittliche Erziehung der Frau? werden die meisten fragen. Was ist daran auszusetzen? Freilich, auf dem Lande ist sie mangelhaft; aber unter den gebildeten Klassen der Stadt? Ist sie da nicht ausgezeichnet? Der starke Schild der Religion, die reine Luft der Familie, die regelmäßige Arbeit der Schule, das abgesonderte Leben der Geschlechter – bilden sie nicht einen genügenden Schutz? Ja, wie verhält es sich denn mit alledem? Nehmen wir zunächst die reine Luft der Familie; ganz nebenbei. In einer See- und Handelsstadt – das werden Sie mir wohl alle bestätigen – ist die sittliche Strömung gerade nicht die stärkste. Kaufleute und Schiffer stehen in sittlicher Hinsicht mit auf der niedrigsten Stufe – ihre Erziehung und ihre Lebensweise bringen das so mit sich. Das wagt niemand zu leugnen! Ein frühes Wanderleben drängt die Moral auf abschüssige Bahn. Die Tätigkeit des Kaufmanns – die auf Gewinn, immer auf Gewinn gerichtet ist – vermag den moralischen Willen nicht zu kräftigen. Die Bildung ist in der Regel sehr gering; die Lektüre beschränkt sich auf ein paar Zeitungen und etwa einige Moderomane; von einem Verkehr außerhalb seines Standes und seiner Familie kann kaum gesprochen werden. Das Gegengewicht ist hier also sehr schwach. Der Seemann seinerseits reißt sich in der Regel ganz vom Heimatboden los, um sich in allen möglichen Gesellschaften rings auf dem ganzen Erdball zu bewegen... In neun von zehn Fällen ist der Schiffer ein ungebildeter Mann, meist roh, oft von dem Reeder tyrannisiert, wogegen er wieder andere tyrannisiert, wenn sich Gelegenheit bietet. Und da es sich nun bei uns so gestaltet hat, daß der Schiffer von der Fracht nicht bloß, sondern auch von allem, was er an Bedürfnissen für das Schiff – bis herab zum Wasser – einkauft, sich Prozente einsteckt – also ein vollständiges Raubsystem! – so begreifen wir, daß bei einem solchen Leben strenge Grundsätze nicht anerzogen werden können. Und in der Regel nehmen auch die Untergebenen des Schiffers sich sehr böse Beispiele an ihm. Wenn dann diese Schar heimkehrt, erfährt der sittliche Charakter der Stadt wahrlich keine Kräftigung. Es wird uns ohne weiteres einleuchten, daß die Kindererziehung namentlich in unsern Schifferfamilien besser sein könnte. Oder verlangt vielleicht auch jemand Beweise für diese Behauptung?« (Wenn der Leser hätte sehen können, welcher Schrecken, welche Verwirrung, welche Beschämung und Angst, da und dort auch Wut – z. B. bei drei braunroten Schiffern – sich auf den Gesichtern malten, und wie andere unverwandt in ihren Hut, in ihre Hände, oder auf des Vordermanns Rücken starrten, während wieder andere unverhohlen ihre Schadenfreude über den Skandal zu erkennen gaben! Diese letzteren waren die einzigen, welche aufzublicken wagten. Neugierig richteten ihre Augen sich auf den lächelnden Konsul Engel, auf die Schiffer, auf die Kaufleute, auf den Amtmann, sowie auf deren Frauen – kurz auf alle, die hier für eigene oder fremde Rechnung auf der Anklagebank saßen! Da gab es Frauen, welche vor Scham, vor Entrüstung, vor Entsetzen darüber, daß sie so etwas anhören mußten, dem Weinen nahe waren; andere wieder waren fortwährend im Begriff aufzuspringen, wagten es aber doch nicht. Da waren Männer, welche dachten: Geht das noch ein Weilchen so fort – bei allen Teufeln, dann spring' ich auf! Aber sie sprangen nicht auf. Als der Doktor sich schneuzte, fuhren alle so erschreckt zusammen, als hätte es geblitzt.) »Vermutlich glauben manche, wenn das Kind nur zu Hause nichts Anstößiges sehe und keine schlüpfrigen Reden höre, so sei alles getan, was getan werden könne. Ich aber sage: solange nicht mehr getan wird, ist das Kind allem möglichen ausgesetzt. Hier schwärmt man für die Unschuld der Unwissenheit; das hängt mit etwas zusammen, wovon ich jetzt nicht reden kann – später wird sich dazu wohl noch Gelegenheit bieten. Jetzt begnüg' ich mich damit zu sagen: die Unschuld, welche weiß, welche Gefahren ihr drohen und die von Jugend auf dawider gekämpft hat, ist allein stark, allein widerstandsfähig. Alle Erziehung, welche in dieser Hinsicht etwas leisten will, setzt als unumgänglich notwendige Bedingung den Grundsatz auf: volles Vertrauen zwischen Kind und Eltern. Jedenfalls zwischen Kind und Mutter, oder, um meinen ganzen Gedanken auszudrücken, zwischen dem Kinde und dem, der sich sein größtes Vertrauen erworben hat. Und vermag das weder die Mutter noch der Vater, was ja leicht der Fall sein kann, so schafft jemand, der des Kindes Vertrauen gewinnt! Das ist unbedingt notwendig. Ist des Kindes Vater ein Mann, der selbst seinen Kampf nicht mit Ehren bestanden hat – mag er nun früh oder spät an ihn herangetreten sein – so ist er nicht bloß das fünfte Rad am Wagen – das ginge noch an – nein, in der Regel ist er geradezu ein verderblicher Hemmschuh! Dann hat er gewöhnlich etwas in seinem Wesen, in seiner Rede, in seinen Umgangsformen, das verletzt oder verführt; was mit Ernst behandelt werden sollte, wird in seiner Gegenwart etwas Lustiges oder gar Schlüpfriges. Und in dieser Stadt – wie Sie sie kennen, und namentlich wie die sie kennen, welche alt darin geworden und deren Blicke sich für diese Dinge geschärft haben – in dieser Stadt, sollt' ich denken, bieten die meisten Familien in dieser Hinsicht einen dunklen Punkt. Die Versuche der Mutter, ein vertrauliches Verhältnis – wie unter guten Kameraden – zwischen sich und den Kindern aufrechtzuerhalten, sind sehr schwächlich; in der Regel werden solche Versuche gar nicht gemacht. Sie verstehen es nicht. Solange sich das nicht ändert, wird auch die Arbeit der Schule ziemlich unfruchtbar bleiben. Wie leicht nämlich kann das Kind zwischen eine gute Lehre und eine schlechte Praxis geraten; die Kenntnis des Bösen, wenn ihm nicht umsichtige Vertraulichkeit zur Seite geht, kann leicht zur Versuchung werden. Darauf hat bereits Paulus aufmerksam gemacht. Darum setze ich voraus, daß anfangs unsere Arbeit im Leben oft wider uns zeugen wird; aber einen anderen Weg vermögen wir nicht einzuschlagen. Gibt es nicht ein bestimmtes Alter, auf das die Schule besonders achten muß? Gilt es nicht vor allem, darüber glücklich hinwegzukommen? Die Lust hierzu anzuregen, die Mittel zu schaffen – sehen Sie, darin besteht unsere Aufgabe! Fragen Sie die Ärzte, fragen Sie erfahrene Erzieherinnen! Meine Mutter, die ich wohl eine erfahrene Erzieherin nennen darf, wird bezeugen, daß im Übergangsalter die meisten auf Abwege geraten, weil sie ihre Offenheit und zum Teil auch ihren Fleiß, ihren Ordnungssinn einbüßen. Es schleicht sich etwas Fremdes in das kindliche Gemüt. Und diese Wandlung – bedenken Sie es wohl – ist nicht eine Ausnahme, es ist die Regel.« (Nach der Haltung der Versammlung hätte man meinen sollen, das ginge nur die Frauen und nicht die Männer an. Die Männer nämlich blickten die Frauen ganz frei und unverschämt an, was die Situation noch peinlicher machte – namentlich für die, welche früher Schülerinnen der Frau Rendalen gewesen.) »Unsere Arbeit also muß sich vor allem darauf richten, die Jugend für diesen Übergang vollständig auszurüsten. Denn es nützt nichts, es zu leugnen oder zu umgehen: dies ist das Wichtigste. Hiergegen sind z. B. Sprachkenntnisse, Musik und all die Geschicklichkeiten in feinen Frauenarbeiten bloßer Luxus. Geschichte, Geographie, Rechnen und Schreiben sind zwar von etwas höherer, aber auch nur von untergeordneter Bedeutung. Aber die Religion? Kann sie nicht über diese Klippe hinweghelfen? Nun, die Kenntnis von den göttlichen Dingen und den Moralgesetzen ist natürlich unentbehrlich. Allein bauen Sie nicht zu fest auf einen Glauben, der verloren gehen kann! Nur bei den wenigsten übt der Glaube einen dauernden Einfluß. Denken Sie ja nicht, die Kinder machten in dieser Beziehung eine Ausnahme! Man kann sie leichter mit sich fortreißen; aber sie vergessen auch viel leichter das eine nach dem andern. Der Einfluß der Religion auf ihren sittlichen Wandel ist sogar bei den Kindern noch schwächer als bei den Erwachsenen. Es sind hier vier Geistliche anwesend, ich bitte sie, sich zu erheben und mir zu widersprechen – ich glaube nicht, daß sie sich dazu gedrungen fühlen.« (Kurze Pause. Aller Augen richteten sich auf die Geistlichen. Aber die vier ehrwürdigen Herren saßen regungslos wie Götterbilder.) »Damit will ich durchaus nicht behaupten, auf den Religionsunterricht in der Schule dürfe kein Gewicht gelegt werden! Im Gegenteil! Ich kann diesen Gegenstand nicht näher berühren; ich will nur darauf hinweisen, daß an unserer Schule für die religiöse Unterweisung vollkommen gesorgt ist. Mein Jugendfreund, Herr Pastor Wangen, wird unsere Zöglinge vom sechsten bis zum sechzehnten Jahre jeden Morgen in den Lehren des Glaubens und der Moral unterrichten. In der jüngsten Zeit,« fuhr er nach kurzer Pause fort, »hat man angefangen, die Welt- und Literaturgeschichte zum Range von charakterbildenden Fächern zu erheben. Wenn diese Wissensgebiete besser zum Schulgebrauch bearbeitet sein werden, als sie es jetzt sind – dann mag ihnen eine größere Bedeutung in dieser Hinsicht eingeräumt werden. Veredelnd wirkt es natürlich immer auf das junge Gemüt, wenn ihm große, edle Beispiele vor Augen geführt, wenn ihm erhabene Gedanken mitgeteilt werden und es einen Überblick gewinnt über den Lebensgang der Menschheit sowohl wie eines einzelnen Volkes, eines einzelnen großen Mannes. Aber die Hauptsache darf ihm niemals das werden, was ihm von andern erzählt wird.« (Jetzt begann die Versammlung neugierig zu werden. Wo wollte er denn schließlich hinaus? Alle fühlten, daß es jetzt kommen mußte.) Er neigte sich über das Katheder und sagte langsam: »Das wichtigste für den Menschen ist, daß er über sich selbst wachen, auf sich selbst achten lernt...« Diese Worte des Herbert Spencer werden bald das Programm der ganzen Welt werden. »Bevor sie nicht auch für die Schule das wichtigste werden, erhalten auch die übrigen Fächer nicht ihren richtigen Platz im Erziehungswesen. Aber auf sich und seine Kinder achten lernen – das ist in sittlicher Beziehung von der höchsten Bedeutung; hierauf kommt alles an. Erfahre ich schon in früher Jugend, aus welchen Elementen mein Körper besteht und wie er arbeitet; weiß ich, wie ich ihm schaden oder nützen kann – ja nicht bloß mir selbst, sondern auch denen, welchen ich dereinst das Leben gebe und die von mir abhängig werden –, so ist dieses mein Wissen nicht bloß mein zuverlässigster Wächter, es verleiht mir in der Regel auch den Willen, ihm Folge zu leisten. Nichts weckt stärker das Gefühl der Verantwortlichkeit als die Einsicht in die Natur der Dinge. Aber das Wissen darf nicht zu spät kommen. Ich brauche wohl nicht erst auszuführen, daß die gewöhnliche Schule in dieser Hinsicht gar zu wenig leistet – und dieses wenige nicht in der richtigen Weise. Ich muß wissen, warum mich dies und jenes gelehrt wird. Man muß offenherzig gegen mich sein; mir nichts verheimlichen; gerade das aber, was jetzt verheimlicht wird, ist das wichtigste. Ich spreche von der Übergangszeit. Weiß das Kind, was dann kommt und warum es kommt? Weiß es, welche Versuchungen ihm dann nahen? Hat es diesen Versuchungen wirksam widerstehen gelernt? Hat es die Grundbedingungen der Charakterbildung, seiner Gesundheit, seines Glückes kennen gelernt? Weiß es, daß von dieser Zeit sein späteres Leben, ja das Wohl und Wehe seiner Nachkommenschaft abhängt? Und wird dieses Wissen so gelehrt, daß es sich unauslöschlich in des Kindes Seele senkt? Wird der Unterricht in den genannten Fächern so vorgetragen, daß des Kindes Phantasie eine edle Richtung nimmt, daß es sich für alles Schöne und Gute begeistert? Denn Kinder, namentlich junge Mädchen, können sich begeistern. Oder – um auf ein Gebiet hinabzusteigen, das im Bereiche des Möglichen liegt – weiß die Mutter, weiß der Vater, daß in diesem Alter gewisse Speisen und Gewürze manchen Naturen gefährlich sind? Daß eine ganz bestimmte Diät – und welche – beobachtet werden sollte? Weiß die Schule, daß eine besondere Gymnastik ihr unterstützend zu Hilfe kommen muß? Nicht alle Kinder heischen dieselbe Vertraulichkeit, dieselbe Behandlung; wohl aber die meisten, – ich kann mich getrost auf die Erfahrung dieser Versammlung berufen. Wir alle sind einst jung gewesen und haben Freunde und Kameraden gehabt.« (Er machte eine Pause und sah sich um. Fern, ganz fern hörte man ein Vöglein mit frischer Stimme zwitschern.) »Ich frage weiter: Lernten nicht die, welche früher nichts erfahren, gerade in diesem Alter, daß sie etwas zu verheimlichen hatten? Und daß sie heimlich zu Werke gehen mußten? Mit dem Schamgefühl wird auch das Ehrgefühl verletzt, und mit diesem der Mut. Wenn wir dies zu gestehen wagen, jenes nicht – ja, dann leidet unser Mut Schaden. Ganz still und unbeachtet beginnen in diesem Alter im Körper und im Charakter die Kräfte der Selbstvernichtung zu wirken. Niemand wird mir zu widersprechen wagen!« (Die schreckliche Pause, welche er machte, war fast noch schlimmer als das, was er sagte.) »Aber gibt es irgendeinen Ort in der Welt,« fragte er, »wo die Schule so eingerichtet ist, wie die Erfahrungen es gebieterisch fordern?« Und hierauf gab er eine Antwort, in welcher er ausführlich mehrere Schulen in Amerika und England schilderte. Er war nicht der Ansicht, daß sie alles leisteten, was wünschenswert sei; aber jede etwas; manche sehr Tüchtiges. Namentlich verweilte er länger bei einer medizinischen Hochschule in Boston, an der eine unverheiratete Frau Professor der Anatomie sei, und zwar für junge Studenten beider Geschlechter. Er erzählte, daß sie vor allem dafür sorge, daß ihre Schülerinnen an den städtischen Mädchenschulen angestellt würden. Dieser weibliche Professor sei der Ansicht, jede Schule müsse einen Arzt zum Lehrer haben. Entweder der Arzt selbst oder ein anderer Naturkundiger müsse des Kindes Naturstudien leiten; aber stets so, daß es einen lebendigen Eindruck erhalte. Schon das Kind könne durch das Mikroskop sehen, wie z. B. die Pflanze aus Zellen sich entwickelt und wie all ihre verschiedenartigen Teile aus einem gleichartigen Element sich entwickeln; es könne gleichsam das Atmen der Pflanzen, die Zelleneinteilung, das Wachsen, die Befruchtung beobachten; die Einbildungskraft müsse sich mit der Arbeit und der Harmonie der Natur beschäftigen, ja davon ihre Richtung erhalten. Das Kind müsse schon im zarten Alter eine heilige Bewunderung hegen vor allem, was gesund, frisch, natürlich, Mitleid empfinden mit allem, was gebrechlich und krank, und Widerwillen vor allem, was unnatürlich. Es bedürfe einer Menge Zeichnungen und Apparate, damit der Unterricht in allen Hauptpunkten ein klares Verständnis erziele; und damit ferner die Unterweisung nicht zu einem langweiligen Hersagen herabsinke, sondern die Fähigkeiten müßten unter des Lehrers Leitung sich frei bis zur selbständigen Tätigkeit entwickeln. Die Schule werde natürlich weit kostspieliger als sie es jetzt sei; schon die Beschaffung eines guten Materials erheische eine bedeutende Ausgabe. Zudem müßten auch die Bildner der Jugend eine bessere Entschädigung haben für ihre Mühen. »Aber damit werden wir den Militäretat belasten,« bemerkte er launig. »Ein moralisch und physisch kräftiges Geschlecht – das ist eine reichliche Entschädigung für diese Belastung.« Um Zeit zu gewinnen, müßten auch andere Fächer ganz anders vorgetragen werden, als es jetzt geschehe, davon abgesehen, daß die modernen Apparate die Aneignung des Stoffes wesentlich erleichterten. Selbstverständlich müßte am Vormittag wie am Nachmittag Schule gehalten werden und das Kind, wenn es nach Hause komme, vollständig frei sein und keine Gewissensbesorgnisse haben wegen des morgenden Tages. Aber dies alles, namentlich aber über den neuen Schulplan, wolle er hier an derselben Stelle am nächsten Sonnabend reden, wozu er die Eltern schon jetzt einlade. Dringend bat er die Eltern, ihn bei dem Erziehungswerk zu unterstützen! Er würde das Seine tun, daß die Stadt mit der neuen Erziehungsmethode im ganzen Lande Ehre einlege. Freilich, ein kostspieliges Unternehmen. Was koste nicht schon der weibliche Arzt, der aus Amerika herüberkomme, um den Teil des Unterrichts, den er für den wichtigsten halte, zu leiten! (Bewegung, Gemurmel, Unruhe in der Versammlung; zum erstenmal während des ganzen Vortrages.) »Ja, in Boston habe ich eine norwegische Dame kennen gelernt, die in zarter Jugend ausgewandert ist und vor mehreren Jahren ihr Examen an der medizinischen Hochschule gemacht hat. Sie heißt Fräulein Kornelia Hall. Diese Dame hat bereits eine große Erfahrung, da sie schon längere Zeit an Mädchenschulen unterrichtet. Auch eine gute Praxis hat sie. Indem sie zu uns kommt, bringt sie ihrem Vaterland ein Opfer. Aber wir können es nicht annehmen, daß sie ihre Einnahmen in Höhe von dreitausend Dollar jährlich mit einem gewöhnlichen norwegischen Lehrerinnengehalt vertauscht. Als Arzt wird sie hier nichts verdienen; sie kann hier nicht praktizieren; sie kann hier nur auf Grund der in dem »Quacksalbergesetz« aufgezählten Bedingungen praktizieren – und die sind eines fremden Arztes ebenso unwürdig wie des Volkes, das sich dieses Gesetz gegeben hat. Was ferner die Apparatsammlung der Schule angeht, so ist sie allerdings schon recht bedeutend; aber genügen kann sie noch nicht. Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß meine Mutter, die ein Vermögen auf die Schule verwandt hat, unmöglich weitergehen kann; vielleicht ist sie gar schon über ihre Kräfte hinausgegangen. Ich wende mich daher vertrauensvoll an die Versammlung, namentlich an die Frauen und sage ihnen: Wissen Sie aus Erfahrung, was es hier gilt; was eine kenntnisreiche Frau, die gelernt hat, sich selbst zu beherrschen, auf sich selbst zu bauen, wert ist – dann unterstützen Sie mich! Tun Sie es um Ihrer Kinder willen! Tun Sie es des guten Beispiels wegen! Was mich angeht – ich will für diese Sache leben und sterben hier in dieser meiner Vaterstadt!« * Die letztern Worte sagte er mit einer plötzlichen Erregung; sie kam ihm so unerwartet, daß er den Turnsaal einzuweihen vergaß; ohne sich vor der Versammlung zu verbeugen, mußte er vom Katheder eilen; er verschwand in der Tür zu dem kleinen Vorzimmer, von wo er über den Hof nach dem Hause stürmte. Die Versammlung saß da, als wäre er noch nicht zu Ende. Der Schluß kam auch ihr so plötzlich, so unerwartet ... Man mußte erst zur Besinnung kommen. Inzwischen erhoben sich einige gröbere Naturen unten an der Tür; dann alle andern. Und nun kam für Frau Rendalen ein Augenblick der größten Überraschung. Sie sah nicht gut; nicht einmal mit der Brille; und zudem hatte sie während der ganzen Zeit nur ihren Sohn angesehen. Die Halsmuskeln an der rechten Seite hatten ihr weh getan, da sie fortwährend den Kopf nach ihm umgewandt hatte; darum hatte sie schließlich den Stuhl umgekehrt und saß ganz ihrem Sohn gegenüber. Der Gegenstand war ihr bis auf die geringsten Einzelheiten bekannt. Aber seine energische Vortragsweise; seine persönliche Macht, seine Unerschrockenheit waren ihr etwas ganz Neues. Sie hatte er nicht erschreckt. Im Gegenteil; sie war selbst eine tapfere Natur und wußte, daß wenn irgendwo Offenheit notwendig war, so bei diesem Gegenstande. Sie kannte die Verhältnisse und die Gleichgültigkeit der Eltern gegen das Erziehungswesen. Sie wünschte, daß sie es wenigstens einmal hören möchten. Und ihr Sohn entledigte sich, schien es ihr, seiner Aufgabe in so edler Weise! Seine innere Bewegung ging auch auf sie über; sie wußte, achtete er nicht auf sich, so wurde er von seinen Gefühlen überwältigt. Und als dann die paar Schlußworte kamen, war auch sie zu Ende. Und diese Worte selbst – ihre Brillengläser wurden feucht dabei. Sie mußte sie trocknen, und dabei sah sie niemand und dachte an niemand um sich her. Aber als sie hörte, daß die Versammlung sich erhob, wurde sie mit einemmal aus ihrer Selbstvergessenheit aufgeschreckt. Sie mußte ja bereitstehen zum Empfang derer, welche auf die Erhöhung kamen, um sie zu begrüßen und zu beglückwünschen, ja vielleicht auch, um ihr Glückwünsche an den aufzutragen, der da soeben hinausgeeilt war. Und da kam niemand ... Ja doch: die Fräulein Jensen, die beiden schiefen Modistinnen. Still, herzlich, lächelnd wie immer näherten sie sich; sie dankten und ließen sich dem Herrn Sohn herzlich, ganz herzlich empfehlen; wenn es genehm sei, möchten sie selbst kommen, um ihm ihren Dank abzustatten. Aber die Fräulein Jensen waren die einzigen. Nicht einmal Nils Hansen kam; auch Laura nicht, und keine einzige ihrer ehemaligen Schülerinnen ... Nicht einmal Frau Engel, die gute arme Emilie – niemand, niemand ... Wäre jemand hinauf zu Frau Rendalen gegangen, um ihr im Namen der Versammlung eine Ohrfeige zu geben, die brave Frau hätte nicht erschreckter werden können. Mein Gott, was hatte das zu bedeuten?! Für sie war ja seine Rede das Ergebnis ihres Zusammenlebens; Gedanke um Gedanke; nur die Summe dessen, was sie gemeinsam gelernt und erfahren. Aber die Rede war mehr; sie war ihre lange Lebensarbeit, das Ergebnis ihres Erziehungswerkes an ihrem Sohn, von seiner Geburt an bis zu diesem Tage, wo er geistig klar, kenntnisreich, mit einem warmen Herzen und einem großen Ziele vor Augen dastand; die Rede war diese Arbeit, diese Entwicklung in der Blüte; jetzt sollte sie zur Frucht werden. Wie sie ihn liebte; wie sie ihn bewunderte! Sie wußte, was er alles durchgekämpft und geleistet in diesen achtundzwanzig Jahren; sie wußte, woraus jeder einzelne Gedanke bestand. Sie hatte nur unklare Vorstellungen davon gehabt; er hatte sich zur Klarheit durchgekämpft! Und sie würde mit dieser Klarheit, selbst wenn sie sie gehabt, nichts ausgerichtet haben; er aber konnte das! Aber war dies alles trotz ihrer gemeinsamen Arbeit nicht dennoch ein Wahn? Was sie einst in ihrem Jugendmut sich unklar gedacht, nämlich die ererbten schlechten Eigenschaften der Kurts durch eine gute Erziehung auszurotten – und was sie später kühn begonnen, als sie in dem dunklen Hause des Geschlechts aufräumte und es hell und rein machte, so daß es darin von frohem Kinderlachen wiederklang; unklar, aber mutig hatte sie damit begonnen – jetzt konnte sie sich des glücklichen Ergebnisses freuen! Und das hatte sie ihm, ihrem Sohne zu danken! War dies ein Märchen? Wie überglücklich sie war! Sie hätte vor der Versammlung niederknien mögen, um Gott zu danken! Sie wußte, wenn all diese Menschen zu ihr kamen, ihr zu danken, mit ihr zu sprechen, so vermochte sie sich nicht länger zu beherrschen; dann vergab sie sich etwas; aber was hatte das zu bedeuten? Er hatte es ja so gut gemacht! Und nun kam nicht ein einziger. Ja, die Fräulein Jensen; aber sonst niemand. Alle gingen hinaus. Aber der alte Pastor? Ja, der saß noch sinnend und grübelnd da; ein unmittelbarer Drang, mit ihr zu reden, hätte doch ihn anspornen müssen, sich zu erheben und ihr im Namen der Versammlung etwas zu sagen ... Erst als fast alle sich entfernt hatten, begann auch er sich zu regen. – Er blickte auf, schaute sie lange wie fragend an, erhob sich mit Mühe und kam – endlich! »Ja, liebe Frau Rendalen, das war recht tüchtig.« »Ja nicht wahr –?« »Recht tüchtig. Aber vieles würde ich darum geben, hätte er die Rede nicht gehalten.« »Aber Herr Pastor –!« »Ja, jetzt kann ich nicht mit Ihnen darüber sprechen; das Geräusch hier ist zu groß und ich bin müde. Ein andermal. Empfehlen Sie mich ihm! Leben Sie wohl, liebe Frau Rendalen!« Und er nahm Karl Wangens Arm und wollte gehen. Da war noch einer, den dies ebenso erschreckte und überwältigte, wie sie: Karl Wangen. Von Anfang an war er der Rede und dem Redner gefolgt; unschuldig wie er war, hatte er nie an die Möglichkeit gedacht, daß jemand etwas anderes dabei fühlen könnte, als daß dies das rechte Wort sei, gesprochen von dem rechten Manne. Aber als er später zufällig einen Blick auf die Versammlung warf, nämlich als der Redner sie direkt apostrophierte, – da waren doch Zweifel in ihm aufgestiegen, und die Zweifel hatten sich gemehrt, so daß er schließlich mit pochendem Herzen dasaß. Aber daß niemand sich der Mutter näherte, ja nicht einmal eine ihrer früheren Schülerinnen – oh, er sah und fühlte ihren Schmerz! ... Und jetzt noch der Pastor! ... Er ließ dessen Arm los und griff mit beiden Händen nach den ihren; es drängte ihn, sie zu umarmen; aber es waren noch zu viele Menschen im Saal ... Er sah sie an, bis seine Augen sich mit Tränen füllten, und da vermochte er doch nicht mehr an sich zu halten und umarmte und küßte sie; mochte das sehen wer wollte ... Dann gab er etwas linkisch dem Pastor seinen Arm und half ihm von der Erhöhung hinabsteigen. Darüber wurde die ehrwürdige Frau Rendalen wieder Mensch. Leichter als man ihr zugetraut hätte, schritt sie zur Tür hinaus in das kleine Vorzimmer, und von dort durch den Hof in das Haus. Hier suchte sie sofort ihren Sohn. Er hatte gerade Rock und Weste abgelegt, um ein Bad zu nehmen. Aber so lange konnte sie nicht warten. Sie eilte auf ihn zu, drückte ihn warm an ihr Herz und weinte, während sie sagte: »Thomas, mein Sohn, mein geliebter Sohn!« Auch er hatte längst begriffen, daß etwas nicht in Ordnung war. Das bestätigten ihm jetzt ihre Blicke, ihr ganzes Wesen; ferner der Umstand, daß sie nichts sagte, ihm von niemand einen Glückwunsch, einen Gruß überbrachte, obgleich sie im Saal zurückgeblieben war. Jetzt, da die Spannung vorüber, empfand er eine dunkle Angst, einen Stich im Herzen. Allein davon wollte er nicht sprechen. Aber auch sie nicht. Dann entfernte sie sich und er nahm sein Bad. * Andreas Berg stand noch im Turnsaal. Und als alle ihn verlassen, schloß er die Tür und trat würdevoll in die eine Ecke unten an der Haupttür. Dort waren verschiedene Turnapparate aufgestapelt, über welche ein großes Tuch geworfen war. Dieses Tuch nahm er und warf es geräuschvoll auf den Boden. Dadurch kamen zwei Köpfe und vier Arme, die sich schnell ineinanderschlangen, zwei Kleider und vier Schnürstiefel zum Vorschein. Zwei schweißtriefende, feuerrote Gesichter drückten sich aneinander und zerzauste blonde und dito dunkle Haare flossen ineinander über. Berg stand da mit einem strengen Gesicht. »Ich sah mehrmals, daß das Tuch sich bewegte,« bemerkte er. »Ich konnte mir nicht denken, was das sein möchte; da kam ich schließlich darauf, daß es wohl ein paar kleine Mädel sein könnten. Nun sind es aber zwei vollständig ausgewachsene. Schämt ihr euch nicht?« Die eine der beiden begann zu weinen, die andere zu lachen. »Und das sollten guter Leute Kinder sein? Die Tochter des Amtmanns?« sagte er zu der Lachenden. »Ein erwachsenes Mädchen, konfirmiert und in der obersten Klasse? ... Und du da? Meinst du, ich kennte dich nicht? Bist dem Nils Hansen seine Tochter. Deine Mutter war auch hier. Die hätte dich hier unter dem Tuch sehen sollen! Ja und erst dein Vater! Da war deine Schwester Auguste ein ganz anderes Mädel; die führte sich immer anständig auf ... Ja, steht nur auf! Jetzt meld' ich's Frau Rendalen.« Noch war er nicht zur Tür hinaus, da sprangen sie in die Höhe. Gott, wie sie aussahen! Kleider, Haare, Gesichter – namentlich die Gesichter! Ungefähr wie kleine Kinder, die geweint und mit schmutzigen Händen sich die Tränen über die Wangen gewischt haben. Das kam daher, daß ihre Hände von all den Gerätschaften, die hier lagen, schmutzig geworden, und sie den Schweiß, der ihnen in die Augen stach, doch hatten abwischen müssen. Und wie elend und zerschlagen sie sich fühlten! Als wären sie gelähmt. Obschon sie reichlich Gelegenheit gehabt, sich's auf ihrem Platz bequem zu machen, hatten sie doch gar zu lange in dieser Stellung zubringen müssen; wenigstens schon eine ganze Stunde vor dem Anfang hatten sie sich unter dem Tuch versteckt. Die eine weinte und schalt auf die andere, welche lachte. Aber als sie sich dann betrachteten und merkten, wie sie aussahen, brachen sie beide in lautes Lachen aus und stürzten in das kleine Zimmer am anderen Ende des Gebäudes, wo Toilettengegenstände sich befanden. Und nun mußten sie zu den Pensionärinnen, um ihnen alles zu erzählen. Denn nicht bloß im eigenen Namen hatten sie unter dem Tuche gehockt, nein, sie waren dazu von der obersten Klasse auserwählt worden. Die ganze Klasse war dabeigewesen und hatte ihnen das Tuch über die Köpfe gezogen. Auch Speisevorräte hatten sie mitgenommen, namentlich Getränke. Aber schon lange vor Beginn war alles aufgezehrt. Die Pensionärinnen der obersten Klasse waren bereits versammelt, da sie mit Spannung erwartet wurden. Was nur die Eltern wissen durften, mußte etwas ganz Apartes sein. Und jetzt wußten es diese beiden! Sie hatten kaum Zeit sich einigermaßen zu reinigen und das Haar so weit zu kämmen, daß sie getrost über den Hof gehen konnten. Aber wie sie sich auch beeilten – die Ungeduld der anderen war zu groß. Da kam die ganze Klasse über den Hof nach dem Turnsaal gestürmt; man hatte nur darauf gewartet, daß Andreas Berg die Tür schließen und verschwinden würde. Dabei hatte er sich gar zuviel Zeit genommen! Aber endlich begab er sich in die Küche. Die beiden waren nur ihres guten Gedächtnisses wegen zu Abgesandten gewählt worden; und es geschah das Unglaubliche, daß sie sich fast der ganzen Rede erinnerten; jedenfalls alles dessen, was am meisten packte, was am besten vorgetragen worden, was ihnen besonders neu vorkam! Und hatte Thomas vor einer undankbaren Versammlung gesprochen – diese Versammlung war ihm dankbar. Junge Mädchen halten es mit dem Mutigen; brauchen sie sich nicht selbst an die Spitze zu stellen, so glühen sie förmlich vor Kühnheit. Seht die blonde, schlanke, schmächtige, die mit den großen Augen, des Amtmanns Tochter! Sie hatte das Vogelgesicht der Mutter; aber statt wie das der Mutter den Eindruck des Erschreckten und Verschüchterten zu machen, war es wie zum kecken Fluge erhoben. Unordentlich war es von einem Rahmen üppiger blonder Haare umgeben, und nun die Augen, das ganze Gesicht strahlten, ward auch das Gesicht zur Flamme. Sie erinnerte sich nicht genau der Worte, die Thomas gesprochen; das kräftigste und das amüsanteste kam zuerst. Sie hatten ein unbedingtes Verständnis; von der Schule her und infolge ihres Zusammenlebens mit ihm, Frau Rendalen und den Lehrerinnen waren bei den Mädchen die Vorbedingungen vorhanden, um zu begreifen, was er wollte – ja ihre Verständnisfähigkeit war infolgedessen größer als die der Versammlung. Aber mitten in ihrem Bericht hielt Nora plötzlich inne; sie ward flammend rot und dann leichenblaß – da stand Frau Rendalen auf der Treppe! Andreas Berg hatte Wort gehalten. Und sie hatten seine Drohung ganz vergessen. Als Andreas Berg erschien, ging Frau Rendalen aufgeregt im Zimmer auf und nieder; und es war ihr sogar lieb, daß sie ihren Unmut ablenken konnte. Sie eilte sofort die Treppe hinan; sie wollte die Übeltäterinnen auf frischer Tat ertappen und ging deshalb um den ganzen Flügel herum und an dem Turnlokal entlang, um sie im Rücken zu fassen. Aber schon an der Tür zu dem Vorzimmer, das die anderen natürlich abzuschließen vergessen hatten, hörte sie Nora, von ihrer Freundin unterstützt, die Rede, Thomas' Rede vortragen, – und zwar in seinem Tonfall, in seiner Vortragsweise, mit seinem Feuer – kurz mit echter Beredsamkeit ... Ja hier war eine, die wirklich zugehört hatte! Und die wackere Frau Rendalen wollte in voller Selbstvergessenheit vortreten, nur um sehen und den Bericht genau mit anhören zu können. Aber so ward es von der Versammlung nicht aufgefaßt. Noras Schrecken und das Aufschreien der andern, als sie sich umwandten und die Allgewaltige erblickten – es war ein prächtiges Bild! Frau Rendalen war Schulmutter genug, um diesen Respektsbeweis anzunehmen; und dann sprach sie mit gehobener Stimme: »Ich sollte wirklich recht böse sein. Ich sehe, ihr versteht es. Aber Noras Gedächtnis – das ist ja etwas ganz Außerordentliches!« Als Nora hörte, daß es nicht ans Leben ging, und als sie Frau Rendalens ehrliche Freude sah, da stürmte sie mit dem ganzen Ungestüm und der berauschenden Begeisterung eines sechzehnjährigen Mädchens auf sie zu und brach in Tränen aus. Ja, so wollte Frau Rendalen es haben. Und darum sagte sie: »Du bist ein liebes, gutes Mädchen, Nora! Hört, Kinder, wenn ihr hier fertig seid, dann kommt hinauf zu mir – heut abend soll's ein ordentliches Fest geben!« 13. Eine große Rede und eine kleine Stadt. Noch an demselben Abend erfuhr Thomas, was Pastor Green von seiner Rede dachte; Karl Wangen teilte es ihm mit. Thomas ging ihm entgegen, als er ihn die Allee heraufkommen sah. Die beiden machten einen weiten Gang tief ins Land hinein. Pastor Green hatte geglaubt, daß, wenn Thomas seinen Schulplan entwickeln wolle, er von dem Schulplan und nicht von etwas ganz anderem reden würde. Nicht einen Augenblick hatte er sich die Möglichkeit gedacht, daß er eine Programmrede im großen Stil, worin der Plan nur angedeutet war, zu hören bekommen würde. Vielleicht könne eine solche Rede über einen solchen Gegenstand schon jetzt hier im Lande gehalten werden; aber doch nur in einigen größeren Städten. In jedem Falle müsse die Rede von jemand gehalten werden, der unabhängig dastehe. Ein Mann, der eine Schule damit eröffnen wolle – ja, ein unbesonneneres Beginnen konnte der alte Herr sich nicht denken. Karl hatte den Auftrag, ihm dieses mitzuteilen. Thomas dürfe sich nämlich keinen Illusionen darüber hingeben, was jetzt folgen würde. Bleibe die Schule nach diesem Vorfall noch bestehen, so habe er das einzig und allein dem Ansehen zu danken, zu dem seine Mutter sie gebracht. Nach einer solchen Herausforderung würde man die Schule nicht mehr beurteilen nach dem, was gelehrt würde; nein, jedes Mädchen, das sie besucht habe, würde von jetzt an nach seinen strengen Erziehungsgrundsätzen beurteilt werden. Begehe sie einen Fehltritt, würde man das ohne weiteres der Schule schuld geben. Der Pastor hatte aus der Rede herausgehört, daß Thomas das selbst befürchtete. Warum in aller Welt hatte er denn nicht geschwiegen? Ein einziger Vorfall könne jetzt die Schule zugrunde richten. Diese Mitteilungen machten auf Thomas einen sehr tiefen Eindruck. Er fühlte, daß sein Freund Karl schon jetzt die Ansicht des Pastors teilte. Er fühlte, daß auch seine Mutter zu ihnen übergehen würde! Er hatte eine große Torheit begangen ... Es war schon Mitternacht, als sie nach Hause kamen. Mit seiner Mutter konnte er an diesem Abend nicht mehr sprechen. Auch herrschte schon tiefste Stille im ganzen Hause. Thomas bewohnte sein altes Zimmer, das neben der Badestube. Karl hatte das daranstoßende Eckzimmer. Das Abendessen war ihnen ins Zimmer gestellt worden; aber sie waren beide so niedergeschlagen, daß sie nichts anrührten. Karl hatte sich schon längst niedergelegt, als Thomas noch auf seinem Bett saß. Erst gegen Tagesanbruch schloß er die Augen. Am folgenden Morgen – es war ein Sonntag – begab sich Frau Rendalen hinunter nach der Stadt zu Laura Hansen. Auf dem Rückwege hatte sie den Pfad eingeschlagen, den die Kirchengänger wählten. Von seinem Fenster aus sah Karl sie kommen und meldete das Thomas; er selbst mußte nach der Kirche. Thomas ging seiner Mutter entgegen. Sie schien sehr bekümmert. Also einmal Nils Hansen und seine Frau – ? Nein. Nils Hansen selbst hatte gesagt, es passe ihm nicht »in der Kirche ausgeschimpft zu werden.« – Was er damit meinte? – Ja, daß er zu einem öffentlichen Vortrage gehe, um etwas zu lernen oder Vergnügen davon zu haben, nicht aber, um angefahren zu werden, oder hören zu müssen, wie andere angefahren würden. Frau Rendalen hatte ihm geantwortet, es müsse jedem, der einen belehrenden Vortrag halte, gestattet sein, auf die Fehler der Menschen hinzuweisen. – »Man dürfe aber die Leute nicht einladen , um ihnen ihre Fehler vorzuhalten ...« Aber Frau Hansen? Laura glaube nicht, daß sein Vorschlag richtig sei; »Kinder dürften nicht alles erfahren.« Dagegen habe jedoch ihr Mann eingewendet, seine Bauernerfahrung lehre ihn das Gegenteil. Auf dem Lande wüßten die Kinder von früh auf alles; und wenn auch auf dem Lande die Unsittlichkeit groß sei, so rühre das nicht davon her, sondern von etwas ganz anderem. Er selbst wäre in einem kleinen Orte aufgewachsen, wo Knaben und Mädchen in dieselbe Schule gingen und dieselben Spiele spielten, bis sie groß seien; da erführen sie alles; aber er denke an jene Zeit ohne Gewissensskrupel zurück. Das hatte Nils Hansen schon früher so oft gesagt, daß Thomas sich darüber wunderte, wie die Mutter es nur wiederholen konnte. Das tat sie auch nur, um Zeit zu gewinnen. Frau Emilie Engel war nämlich krank geworden. Man hatte sie gestern abend aus ihrem Wagen direkt ins Bett getragen. Der Doktor war gestern abend, heute nacht, ja sogar schon diesen Morgen dagewesen; Frau Rendalen war ihm begegnet. Sie begann zu weinen. Wenn Emilie jetzt mit Tode abgehe, so trage Frau Rendalen die Schuld. Sie hätte ja begreifen müssen, daß Emilie es nicht ertragen konnte, daß von der Untreue der Männer gesprochen wurde, wenn ihr eigener Mann neben ihr saß – so schwach und zart war Emilie! Um jeden Preis hätte Frau Rendalen ihren Sohn verhindern müssen, so scharf und rücksichtslos seine Gedanken über Erziehung mitzuteilen. Statt dessen hatte sie sich noch darüber gefreut! Das kam daher, weil sie und alle, die mit Thomas verkehrten, stets seiner Ansicht waren – mochten sie es nun wirklich sein oder nicht. Ja natürlich, Thomas war zu weit gegangen; das hatte auch der Doktor gesagt. Was hatte er denn gesagt? Er hat gesagt, es seien »die verwünschten Nerven« – »die Kurtsche Maßlosigkeit, wenn auch in anderer Fasson.« Und von neuem begann sie zu weinen. Und als hätte Thomas ihr auf der Stelle beweisen wollen, daß sie und der Doktor Recht hatten, geriet er in hellen Zorn. Das war ja geradezu schrecklich, daß er in solch erbärmliche Verhältnisse nach Hause zurückgekehrt war; unter solch leichtfertigen, feigen Menschen arbeiten zu müssen, die sofort zusammenschreckten, wenn eine Reform auf Widerstand stieß. »Es war nicht die Reform selbst, sondern die Art und Weise!« Die Art und Weise! Eine Reform könne sich doch nicht heimlich einschleichen! Offen müsse sie kommen und sich geben, wie sie wirklich sei. Gestern abend, als er müde war, empfand auch er diese eisige Kälte; es fror ihn. Aber jetzt ward es ihm zu arg. Mochten auch alle weichen, er wollte standhalten. Freilich hatte er seine Mutter für fester gehalten; denn das meiste von dem, was er gestern vorgetragen, war ja doch nur die Summe ihrer eigenen Erfahrungen ... Das war am Sonntagvormittag draußen im Garten. Am Dienstagvormittag wurde die Zeitung der Stadt, »Der Zuschauer«, zu den Abonnenten herumgetragen. Unter einem großen Fragezeichen als Überschrift wünschte ein Einsender zu wissen, ob es wirklich möglich sein könne, daß in einer großen Schule hier in der Stadt der größte Teil der Kinder sich einem unsittlichen Lebenswandel ergeben hätte? Obgleich der Leiter der Schule selbst es mehreren hundert Menschen gesagt, gestatte man sich doch daran zu zweifeln. Daß man ihn nicht mißverstanden, dafür bürge der Umstand, daß er seine Behauptung wiederholt habe. »Diese« (die Unsittlichkeit nämlich) »sei die Regel,« habe er behauptet; »das andere wäre die Ausnahme«. Der Artikel war nicht unterzeichnet. Jetzt machte sich die stumme Gärung Luft; die Unzufriedenheit brach in hellen Flammen aus! Alle sprachen nur noch von Thomas' Rede. Die Schulmädchen sahen am nächsten Tage aus wie der bleiche Schrecken. Beim Morgengebet fanden sich alle, Schülerinnen und Lehrerinnen, wie zur Strafe ein. Auch Karl Wangen sah angegriffen aus und konnte nicht von Herzen beten. Still und mutlos ging er an die Tagesarbeit. Thomas kam nicht zum Vorschein. Er antwortete mit voller Namensunterschrift in der nächsten am Donnerstag erscheinenden Nummer, daß, wäre dieses »Mißverständnis« ein absichtliches, es eine »Erbärmlichkeit« sei, wäre es ein unabsichtliches, so hätte man unter allen Umständen sich auf privatem Wege Aufklärung verschaffen müssen. Niemals sei etwas Ähnliches, wie ihm da vorgeworfen würde, gesagt worden. Er habe nur ausgeführt, die Übergangszeit sei für die meisten Kinder so schwer, daß sie gefährlich würde; sie erheische daher eine sorgfältige Überwachung. Was die Schulvorsteherin beobachtet habe, sei, daß die Kinder in jenem Alter ein anderes Wesen annähmen, ihres Fleißes, ihrer Ordnungsliebe verlustig gingen; das sei die Regel, das andere die Ausnahme. Ob jemand in diese Worte so schreckliche Dinge hineinlegen könne, wie der Einsender es tue? Die Antwort war gut; aber sie blieb wirkungslos; die Erhitzung der Gemüter war schon so groß, daß mit Worten nichts zu erreichen war. Warum denn die Übergangszeit gefährlich sei, meinte man. Im Grunde bestätige Herr Rendalen nur die Behauptung – wenn auch mit etwas anderen Worten. Unmittelbar unter Thomas' Antwort stand in derselben Nummer eine neue Frage, ein einziger Satz, unterzeichnet: »eine Mutter«. – Warum es von so großer Wichtigkeit sei, daß kleine Kinder lernten, wie die Fortpflanzung der Arten geschehe? Durch diese Frage kam eine andere Seite des Ärgernisses, das die Stadt erfüllte, zum Ausdruck. Unter dieser Frage stand noch eine, überschrieben: »An den Herrn Schulvorsteher Thomas Rendalen!« Die Frage ward »mit aller Hochachtung« gestellt; man erkundigte sich nur, ob er die interessante Rede, die er am vorigen Sonnabend im neuen Turnsaal der Mädchenschule gehalten, nicht drucken lassen wolle. Die, welche sie gehört, möchten sich den Genuß noch einmal beschaffen, und die, welche nicht so glücklich gewesen seien, sie zu hören, dürfe er der Gelegenheit nicht berauben, etwas so einzig Dastehendes kennen zu lernen. Unterschrieben: »Ein Freund gesunder und wahrer Aufklärung.« Die nächste (Sonnabends-) Nummer brachte Thomas' Antwort. Die Kinder lernten schon jetzt Naturgeschichte und würden folglich auch in den Grundzügen der Fortpflanzungslehre der Arten unterrichtet; warum das geschehe, könne somit jeder Schulvorsteher oder Rektor ebensogut oder vielmehr noch besser beantworten als er. Dieser Punkt sei durchaus nicht das Neue in seinem Vorschlage und die Elementarschule käme hierbei kaum in Betracht. Auf die zweite Frage antwortete er, daß ein Vortrag, zu welchem nur Eltern zugelassen würden, sich selbstverständlich für die volle Öffentlichkeit nicht eigne. Nur wenige fanden diese Antworten befriedigend. Er suchte seinen Kopf nur aus der Schlinge zu ziehen. Mindestens dreihundert Menschen hätten den Vortrag gehört; er könne also getrost die Druckerschwärze vertragen. In derselben Nummer drei neue Artikel. Der erste gab der Freude des Publikums darüber Ausdruck, daß es so prompte Antworten erhielt. – Ob Herr Rendalen jetzt nicht auch erklären wolle, wie der Drang zur Sünde bei jungen Menschen durch Mikroskope ausgerottet werden könne? Man merkte es diesem Witz sofort an, daß er den französischen Dösen zum Verfasser hatte. Nummer zwei unterzeichnete sich »Arithmetikus« und rechnete aus, was es dem Lande kosten würde, wenn von jetzt an jede Schule einen Arzt zum Lehrer habe. Herr Arithmetikus bekam für diesen einen Posten eine Summe von jährlich einer Million Kronen heraus. Und wenn jede Schule auch noch einen Geistlichen erhalte, gäb's wieder eine Million! Nach einem oberflächlichen Überschlage würden die nach Rendalens Plan notwendigen Apparate und sonstiges Material kaum weniger als 100 000 Kronen jährlich kosten, – die Zinsen noch gar nicht mitgerechnet. Das bedeute eine Mehrbelastung des Schuletats von vorläufig 2 100 000 Kronen jährlich. Arithmetikus fragte, ob das Land diese Last tragen könne. Dann kam eine Apostrophe an »Herrn Thomas Kurt, auch Thomas Rendalen genannt«. Das sei ein schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutze. Wenn es hier in der Stadt ärger aussehe als in anderen Städten, was der Einsender sich zu bezweifeln erlaube, so trage sicherlich die eigene Familie des Vortragenden die meiste Schuld daran. Er habe also am allerwenigsten das Recht, sich darüber zu beklagen. Der Einsender unterzeichnete sich » suum cuique «. * An demselben Tage hielt Thomas seinen zweiten Vortrag. Zu diesem fanden sich – da es ausschließlich um technische Dinge sich handelte – einschließlich der Lehrerinnen 20 (zwanzig) Menschen ein. Während des Vortrages selbst kamen dann noch zehn. Man konnte es Thomas, Frau Rendalen und Karl ansehen, daß diese acht Tage sie hart mitgenommen hatten. Heut begann Thomas in ganz anderer Weise – schüchtern, matt, tastend; seine Nervosität war gerade peinlich geworden. In einem fort wanderte das Schnupftuch aus der Tasche und wieder in die Tasche zurück; die Karaffe ward vollständig geleert, das Haar aufgebauscht, die Hände spielten und die Füße bewegten sich, als träten sie die Orgel. Sowie er wieder auf den Schulplan zu sprechen kam und sein Material und seine Apparate zu zeigen und zu erklären begann, fing er Feuer und war sofort wieder der alte. Seine außerordentliche Begabung, alles klar darzustellen und Interesse dafür zu erregen, kam wieder zur Geltung. Während er redete, ward ein Mikroskop mit einem Blatt darunter herumgereicht; immer hatte er etwas Neues zur Hand, entweder ganze Sammlungen oder große farbige Zeichnungen, oder gar vollständig ausgeführte Nachahmungen, die bis in die kleinsten Teile auseinandergenommen und studiert werden konnten, wie z. B. die Brust, der Hals waren in vergrößertem Maßstabe vorhanden. Noch niemals war, wie er selbst erzählte, hier im Lande ein solches Material gesammelt worden; dem Interesse der großen Welt hätten wir es zu danken, daß auch wir in unserer Abgeschiedenheit und Kleinheit so etwas zu sehen bekämen, – daß es ihm überhaupt möglich geworden, es anzuschaffen; einiges davon habe er geschenkt erhalten. Die wenigen, welche dem Vortrage beiwohnten, waren sehr damit zufrieden. Sie meinten, wenn er auch eine unglückliche Antrittsrede gehalten, könne er doch noch wieder ins rechte Fahrwasser kommen. Allein diese wohlwollende Auffassung wurde von zu wenigen geteilt, um der Gegenströmung einen Damm entgegensetzen zu können. In der Dienstagsnummer des »Zuschauers« wies ein Einsender darauf hin, wie unverschämt es sei, daß ein junger Mann, der obendrein während des größten Teils seiner Lehrjahre nicht daheim gewesen, mit prahlerischer Überhebung über die Sitten seiner Vaterstadt zu Gericht sitzen wolle! Zudem tue er so, als kenne er sämtliche Schiffer des Landes! Als sei er rings in der ganzen Welt mit ihnen umhergereist und habe ihnen Herzen und Nieren erforscht! Und um der Unverschämtheit die Krone aufzusetzen, gebe er sich den Anschein, als kenne er auch den Kaufmannsstand der ganzen bewohnten Erde! Ein Mann mit solcher Unverfrorenheit und solch leichtfertiger Ausdrucksweise eigne sich nicht zum Lehrer an einer Erziehungsanstalt, am wenigsten zu ihrem Leiter. Unter solchen Umständen müsse zunächst die Aufforderung zur Errichtung einer neuen Schule an die Bewohner ergehen. Es sei hinlänglich bekannt, daß eine wohlgemeinte Aufforderung an die frühere Vorsteherin der Schule, sie ohne Herrn Rendalen in dem alten Geiste weiterzuleiten, vergebens gewesen. Nun wohl, so wolle denn er, der Einsender, Männer von Ansehen und Bedeutung aufgefordert haben, sich an die Spitze eines Komitees behufs Errichtung einer neuen Schule zu stellen. Der tatkräftigen Unterstützung der ganzen Stadt könnten sie sich versichert halten. Verwundert fragte man sich in der Stadt, wer dieser Einsender sein möchte. Im Klub wurde noch an demselben Abend sein Vorschlag zur Diskussion gestellt, aber auch hier gab er sich nicht zu erkennen. Man einigte sich dahin, des Konsuls Engel wegen noch zu warten; man bezweifelte nicht, daß auch er dem Komitee beitreten würde; wußte man ja doch nur zu gut, welche Folgen Herrn Rendalens Rede in der Familie des Konsuls gehabt; aber es ging doch nicht an, ihn jetzt mit dem Plan zu behelligen, denn Frau Engel lag schwer krank. Obschon diese Beratung nur einige Minuten dauerte, erzielte man doch eine vollständige Einigkeit. Nach der Beratung war es erst neun Uhr, so daß Doktor Holmsen, der passiver Zuhörer gewesen, direkt vom Klub, der am Markt lag, hinauf zum Gute ging und Thomas alles berichtete. Je früher er es erfuhr, um so besser, meinte Holmsen. »In einem solchen Nest soll der Teufel noch länger Schulmeister sein!« rief er entrüstet aus. Thomas nahm den Doktor mit zu seiner Mutter, erzählte ihr alles und fügte hinzu, daß er sofort abreisen würde. Gleich darauf kam auch Karl Wangen nach Hause. Auch ihm wurde die Neuigkeit mitgeteilt, und auch er meinte, unter solchen Umständen könne es nichts nützen, den Unterricht fortzusetzen. Aber unter keinen Umständen wollte Frau Rendalen freiwillig das Feld räumen. Lieber den ganzen Schulplan und die Begründung in einem Buche niederlegen und von der Stadt an das Land appellieren. So viele verständige Eltern müsse es doch in Norwegen geben, daß sie eine solche Schule am Leben erhielten! Es sei dies nicht, fügte sie hinzu, ihr eigener, sondern ihres Sohnes Vorschlag, und den müsse er auch ausführen! Sie kannte ihren Sohn; es galt nur über die einzelnen aufreibenden Eindrücke hinwegzukommen; dann würde er schon seinen Mann stehen. Man trennte sich erst zwölf Uhr nachts, und da hatten alle fest beschlossen, standzuhalten. Die unausgesetzte tägliche Schularbeit verlieh Thomas Kraft und Stärke. Er war ein vorzüglicher Schulmann; die Schule mit allem, was drum und dran, war sein Lebenselement und seine Lebenslust. Und er warf sich mit ganzer Seele auf die Arbeit. Er machte die amüsantesten und lehrreichsten Experimente, die ihm bekannt waren, und in einemfort erzählte und erklärte er. Die oberste Klasse hatte er seit seiner Rückkehr alle Woche einmal des Abends zu einer besonderen Unterweisung ins Zimmer seiner Mutter geladen. Dort hatte er sie mit der großen Frauenfrage bekanntgemacht, welche damals in der ganzen zivilisierten Welt die Gemüter bewegte. Er las den Mädchen vor und machte Musik mit ihnen. Jetzt hatten diese Zusammenkünfte natürlich eine besondere Bedeutung für ihn. Nicht mit einem Worte berührte er den herrschenden Streit; aber durch die Wahl der Lektüre und der Gespräche, welche er veranlaßte, ja sogar durch die Musikstücke, welche gespielt wurden, erhielten sie unwillkürlich den Eindruck, daß er fest an seine große Sache glaubte. Aber sie fühlten auch heraus, was er bei seiner Gemütstiefe und seiner beweglichen Natur leiden mußte. Die oberste Klasse glaubte unerschütterlich an ihn, und diese übte auf die anderen einen großen Einfluß. Bald übernahm er den Gesangsunterricht der ganzen Schule und studierte größere Chöre und fröhliche Lieder mit ihr ein. Das knüpfte ein neues Band um Lehrer und Schülerinnen. Aber trotz alledem zeigten sich Symptome der Empörung. Daß diese sich immer wieder verloren, hatte man namentlich der Morgenandacht zu danken, welche Karl Wangen mit den Schülerinnen und Lehrerinnen hielt. Karl war kein hochbegabter Kopf, aber er hatte eine Eigenschaft, die viel Verstand aufwog: er hatte niemals eine Unwahrheit gesagt. Was er fühlte, sagte er auch, davon vermochte niemand und nichts ihn abzubringen. Er hatte eine kummervolle Jugend und glückliche Jünglingsjahre verlebt, das prägte sich in seinem Wesen, ja sogar in seiner wahrhaftigen Stimme aus. Sie griff dem Menschen ans Herz. Er betete so innig zu Gott, der Schule doch den Frieden zu erhalten; der Streit da draußen dürfe nicht über die Schwelle dieser Anstalt kommen. »Nicht wahr, wir hier meinen es ja nur gut miteinander?« ... Noch ein paar Worte, und einige begannen zu weinen. Eines Morgens fügte er die Bemerkung hinzu, er sei ermächtigt zu erklären, daß die, welche irgendwie an der Schule zweifelten, sie jeden Augenblick verlassen könnten; niemand brauche sich an irgendeinen Termin zu kehren. Das möchten die Schülerinnen ihren Eltern mitteilen und ihnen zugleich sagen, ob sie hier zufrieden seien oder nicht – wahrheitsgetreu, genau so, wie sie es meinten. Hatten die Feinde der Schule erfahren, welche Macht Karl Wangen besaß? Jetzt richteten sich nämlich die Angriffe wider ihn. Der »Zuschauer« brachte einen Artikel mit der Überschrift: »An den Theologen Karl Wangen!« Man hege alle Achtung vor seiner Moral wie seinem guten Willen; darum errege es die höchste Verwunderung, daß er sich Anschauungen, wie den hier ausgesprochenen anschließen könne. Kein Mensch – er sei denn geistig gar zu beschränkt oder allzu vertrauensvoll – vermöchte sich darüber zu täuschen, daß es sich hier darum handele, die Religion beiseite zu schieben und die Naturwissenschaften auf den Thron zu setzen. Dies gab das Signal zu einer ganzen Reihe ähnlicher Artikel. Nur einer soll hier mitgeteilt werden. »Der, welcher dieses schreibt,« hieß es, »kann nicht umhin, seinen tiefen Schmerz auszudrücken über das, was er jüngst erlebt; darüber nämlich, daß, als eine freche Stimme im Turnsaal der Mädchenschule vom Katheder herab fragte, ob es nicht wahr sei, daß nur auf sehr wenige die Religion einen bleibenden Einfluß übe, ›,4 – sage und schreibe vier – Priester‹, sitzen blieben! Sagten sie in ihrem Herzen Ja und Amen zu einer solch gotteslästerlichen Rede? Ist denn nicht Christi große Botschaft ergangen an alle Völker? (Siehe Matth. 28, 19; Mark. 16, 15; Luk. 24, 47; Apostelgesch. 10, 42. 43; Koloss. 1, 23.) In der Weise erging sie an alle, daß sie vornehmlich von den Einfältigen begriffen und beherzigt wird. (Siehe Matth. 11, 25; Luk. 10, 21; I. Kor. 1, 19-27; Röm. 1, 21. 22.) Wenn darum nicht unbedingt alle von der göttlichen Wahrheit auf immer ergriffen würden, welche schreckliche Schlußfolgerungen könnte man daraus ziehen? Ja, könnte dann die Bibel überhaupt göttliche Wahrheit sein? Der Mann, der diese vermessene Frage stellte, lebt mitten unter den Lehrern der Kirche; ja, er gehört zu ihren Freunden. Darum darf ich getrost sagen, daß es die Stimme ist des Unglaubens, ausgegangen aus unserer Mitte. (Siehe Joh. 1, 2. 19; Apostelgesch. 15, 24 und 20, 30; Gal. 2, 4.) Wo waren da die vier Zionswächter? Ich war auf dem Sprung, mich zu erheben; aber ich wartete auf sie. Mit Schmerz wiederhole ich es: wo waren sie da? Sie schliefen doch wohl nicht? (Siehe Matth. 24, 42. 43 und 25, 5; Mark. 13, 33; Luk. 21, 36; I. Kor. 15, 33. 34; I. Thess. 5, 6; Eph. 5, 14.) Wenn ich meinen Namen hier untersetzte, würde das nichts ausdrücken, was irgend jemand zum Nachdenken anregte. Darum setze ich folgende heilige Worte hierher: ›,Psalm 80, 7‹,.« Die ganze Stadt schlug den achtzigsten Psalm Davids beim siebenten Vers auf und las: »Du stelltest uns auf zur Zanklust; unsere Nachbarn und unsere Feinde spotten unser.« In diesem Hinweis kam der Zorn zum Ausdruck, den alle darüber empfanden, daß durch diesen Streit die Stadt zum Gespött der Nachbarorte geworden. Denn für die eifersüchtige Presse der Nachbarstädte war dieser Skandal ein förmlicher Schmaus. Es hagelte geradezu spöttische Berichte und Enthüllungen. Die Stadt hatte niemals im Geruche weder der Frömmigkeit noch der Sittlichkeit noch endlich der Tugendhaftigkeit überhaupt gestanden. Um so mehr im Rufe des Reichtums und der Unternehmungslust und eines flotten gesellschaftlichen Lebens. Und nun standen in den Blättern der kleinen umliegenden Städte fortwährend die unverschämtesten und beleidigendsten Lobpreisungen zu lesen über den plötzlichen Umschlag und den großen sittlichen Ernst, der einzig und allein durch ein Wunder über »Klein-Babylon« gekommen sei. Vor ein paar Tagen hatte einer dieser Kläffer ein Feuilleton begonnen, das offenbar in der »bekehrten« Stadt selbst geschrieben worden. Auch war es aus »Klein-Babylon« datiert und erzählte mit sehr viel Witz die Skandalchronik der Stadt – natürlich mit erdichteten Namen; aber jedermann setzte sofort dafür die richtigen. Das Feuilleton schloß mit der Aufzählung der Gründe, warum es für »Klein-Babylon« eine heilige Pflicht sei, eine Reform der ortsüblichen Sitten der Stadt zu verhindern. Da diese Artikel das einzige waren, was zugunsten von Rendalens neuer Schule in die Öffentlichkeit gelangte, so glaubte man in fanatischem Parteieifer, Thomas habe diese Artikel, wenn auch nicht selbst geschrieben, so doch veranlaßt. Jetzt lud der Seemannsverein mit großen Buchstaben die Bürger zu einer Versammlung ein »aus Anlaß der Beschuldigungen wider unseren wackeren Seemannsstand, die von einer gewissen Stelle dagegengeschleudert worden.« Die Versammlung hatte die Eigentümlichkeit, daß nur drei Seeleute zugegen waren. Den Vorsitz in der Versammlung führte der Eigentümer einer Schiffswerft, der niemals auf der See gewesen. Als Hauptredner trat der Hafenmeister der Stadt auf. Allerdings war dieser Schiffer gewesen, aber schon vor langer Zeit. Er donnerte entsetzlich. Auch hatte er den Protest verfaßt, welcher »der Verachtung des Seemannsstandes« gegen eine solche Rede Ausdruck gab; eine Abschrift dieses Protestes wurde Thomas sofort zugeschickt. Soweit war alles in schönster Ordnung. Aber nun kam der Punsch; und da man diesem sofort scharf zusetzte, wurde die Versammlung allzu feurig und offenherzig. Und so beliebte es dem einzigen anwesenden Schiffer, Kaspar Johannsen, zu behaupten: »Der Thomas Rendalen hat, hol' mich der Teufel, ganz recht.« Gab es da einen Lärm! Schließlich stellte der Hafenmeister den Antrag, »diesen neuen Ehrenschänder« sofort hinauszuwerfen. Kaspar Johannsen aber ließ sich durchaus nicht hinauswerfen »von einem Menschen, der Prozente eingesteckt« habe! Der Werftbesitzer wollte die Sache mit Würde beilegen; Kaspar Johannsen aber ersuchte ihn, gefälligst vor seiner eigenen unsauberen Tür zu kehren. Als ob nicht alle Welt wüßte, daß er an seeuntüchtigen Schuten reich geworden! Hatte das der Agent des Lloyd nicht selbst gesagt? »Ja, da zeigt sich, hol' mich dieser und jener, seine zärtliche Liebe für den Seemann!« usw. usw. Die Entrüstungsversammlung endete mit einer Prügelei auf der Straße. Die Sache selbst aber war damit noch nicht beendet. Sie beschäftigte die Stadt noch den ganzen Sommer. Man redete von nichts anderem mehr als von der Schule. Wochenlang sprach man nur noch davon, welche Schiffer ehrlich und welche von ihnen Prozentdiebe seien, – dann in feiner Unterscheidung von den großen und den kleinen Dieben, sowie von Schiffern schlechtweg und von ehrlichen Schiffern! Als im Herbst die Fahrzeuge heimkehrten, wurden einige Schiffer verabschiedet. Diese aber bezeichneten gerade diejenigen als unehrlich, welche nicht verabschiedet worden. Steuermänner und Matrosen wollten nicht als Zeugen auftreten, wurden aber dazu gepreßt. Man faßte den grimmigsten Haß widereinander – oder kämpfte ihn auf der Stelle aus. Der »Schifferkrieg« rettete die Schule. Die Stadt war nicht groß genug, um zwei brennende Fragen zugleich auf der Tagesordnung zu haben. Die Folge war, daß diejenige, bei der es sich um den Verdienst handelte, als die wichtigste anerkannt wurde und die Oberhand behielt. Aber wenn der »Schifferkrieg« vorläufig auch die Schule rettete, so war damit keineswegs Thomas Rendalen gerettet. Gelegentlich sollte auch mit diesem noch abgerechnet werden. Daran wurde er unangenehm erinnert, als er kurz nach Ausbruch des Krieges eines Sonntagmorgens ganz früh mit einem Wagen hinunter nach dem Hafen mußte. Er wollte Fräulein Hall abholen, die mit einem englischen Dampfer kam. Der Gesang- und der Turnverein wollten an diesem Tage einen Ausflug machen. Trotz der frühen Stunde waren also schon einige hundert junge Menschen im Hafen versammelt. Es war Thomas in ihrer Nähe etwas unbehaglich zumute. Nicht als ob sie ihn persönlich belästigt hätten; aber er sah ihre bösen Blicke und vernahm ihre drohenden Anspielungen. Als er ins Boot stieg, wurde das Tau so losgeworfen, daß es ihm den Hut vom Kopfe schlug und ihn beschmutzte – natürlich aus Ungeschicklichkeit. Man ahnte, warum er mit dem Wagen gekommen war; allem Anschein nach, um die neue Tugendwächterin der Stadt, den amerikanischen weiblichen Doktor, abzuholen. Der schwere Bug des englischen Dampfers näherte sich gerade; man verschob die eigene Abreise, bis man die Miß zu sehen bekommen. Da nahm Rendalen sie und ihr Gepäck in sein Boot. Sie war der einzige Passagier. Etwas so Merkwürdiges mußte man sich doch ansehen. Welch ein Kind das war! Ein kleines, schmächtiges, behendes Frauenzimmerchen, das alle Hilfeleistung ablehnte, als sie ins Boot stieg. Eins zwei drei, hurtig, leicht, lächelnd war sie die Treppe hinauf und in den Wagen gehüpft. Und erst als sie sich dort gesetzt, blickte sie verwundert auf diese schwerfällige mißtrauische Menge zurück. Ein langer, forschender Blick aus ein paar großen Augen glitt darüber hin. Thomas besorgte inzwischen ihr Gepäck, ordnete etwas an den Zügeln und stieg dann auf den Bock. Die weiblichen Doktoraugen hatten diese Zeit gut benutzt. Der Ausdruck der Verwunderung hatte sich in den einer unbefangenen kalten Beobachtung verwandelt. Sie schwebten nicht mehr ziellos umher, sondern nahmen sich da und dort einige Gesichter aus der jugendlichen Schar heraus; fest, rasch, sicher. Und die, auf welche der Blick sich richtete, fühlten ihn bis ins Innerste. Da war keiner von all den zweihundert jungen Leuten auf der Schiffsbrücke, der daran zweifelte, daß diese Augen gar mancherlei zu entdecken imstande seien. Als der Schifferkrieg eine Zeitlang gewütet, nämlich kurz vor dem Ende der Ferien, verbreitete sich in der Stadt die Nachricht, daß die liebenswürdige Emilie Engel, die Freundin aller Notleidenden, ja der ganzen Menschheit, von den Ärzten aufgegeben sei. Emiliens Krankheit hatte Frau Rendalen immer heftigere Gewissensbisse verursacht – die Nachricht war deshalb für sie ein betäubender Schlag. Von allen ihren Schülerinnen war ihr keine so ans Herz gewachsen wie Emilie. Sie war so schön und verständig und gut. Und Emilie hatte sich an Frau Rendalen angeschlossen wie an eine Mutter und nur ihr allein volles Vertrauen geschenkt, als sie unglücklich wurde – unglücklich, weil sie den liebte, der sie betrog. Längst hatte die ganze Stadt gewußt, was sie erst in den letzten Jahren erfuhr. Und nun? Weder Thomas noch seine Mutter waren einen Augenblick im Zweifel darüber, daß alle es so auslegen würden, als hätte Thomas Rendalen durch seine rücksichtslose Sprache ihr Leiden verursacht. Heftiger denn je mußte von neuem die Erbitterung sich gegen ihn richten. Es war Frau Rendalen vom Arzt nicht gestattet worden, mit Emilie zu sprechen. Doktor Holmsen hatte in seiner ungehobelten Weise gesagt, sie sei mit dem Vortragenden zu nahe verwandt. Diese Äußerung war bekanntgeworden. Da eines Morgens entschlummerte Emilie Engel bei Anbruch des Tages. Am Nachmittag kam ihr Seelsorger, der alte Pastor Green, herauf zum Gute gefahren. Er überbrachte Frau Rendalen den letzten Gruß der Entschlafenen und übergab ihr Emiliens Sparkassenbuch. Darein hatte Emilie mit bebender Hand die Worte geschrieben: »Für die Schule. Ihre E.« Der Pastor teilte ihr mit, daß dies mit Einwilligung ihres Mannes geschehen sei. Das Sparkassenbuch lautete auf fünftausend Kronen. Die Rührung und Freude – und zugleich der Schmerz und die Dankbarkeit der Frau Rendalen waren so groß, daß sie den alten Geistlichen allein lassen und sich zurückziehen mußte. In dem Augenblick, als er mit Hilfe des Dieners die große Treppe hinabsteigen wollte, kam Thomas nach Hause. Der alte Geistliche bat ihn, sich zur Mutter zu begeben; sie wünsche ihn gewiß zu sprechen. Thomas wurde unruhig; beherrschte sich aber und half dem Geistlichen in den Wagen. Frau Rendalen befand sich im Schlafzimmer, wo sie heftig weinend auf und ab ging. Als sie ihren Sohn kommen sah, schloß sie ihn in ihre Arme, und er bat sie, ihm um Gottes willen zu sagen, was geschehen. Endlich gewann sie so viel Fassung, daß sie auf das Buch deuten konnte. Er nahm es auf. In demselben Augenblick fühlte er, daß dies Buch ihm Rettung brachte. Da erst ward es der Mutter offenbar, was er gelitten; auch ihm drangen Tränen in die Augen. Am nächsten Morgen erging an die Eltern der Schülerinnen eine Einladung. Frau Rendalen fragte, ob es den Kindern gestattet sei, im Namen der Schule der Gedächtnisfeier für Frau Engel beizuwohnen. In dem Falle möchten alle weißgekleidet am Begräbnistage an der Kirchhofspforte erscheinen, um dem Sarge vorauszugehen, die Kleinen blumenstreuend, die anderen ein Kirchenlied und am Grabe einen Choral singend. Erhielten sie die Erlaubnis, so müßten alle Punkt zwölf sich in der Schule einfinden. Da in einigen Tagen der Unterricht wieder begann, befanden sich fast alle Schülerinnen in der Stadt; die letzten trafen inzwischen ein. Nicht eine einzige fehlte. Nun war es erstaunlich, was Thomas in wenigen Tagen alles ausrichtete; er wußte, daß hier eine Schlacht geliefert wurde. Die nächste Nummer des »Zuschauers« meldete kurz den Todesfall, hob rühmend Frau Engels große Mildtätigkeit hervor und fügte folgendes hinzu: »Dem Vernehmen nach soll sie einer hiesigen Anstalt ein nicht unbedeutendes Legat zugewendet haben.« Was diese Mitteilung an Bestimmtheit zu wünschen ließ, ward durch den übrigen Inhalt des Blattes wieder gut gemacht – es stand an diesem Tage nicht der geringste Angriff auf die Schule in der Zeitung. Unter diesen Umständen gestaltete sich Frau Engels Begräbnis zu einer großen Begebenheit. Als solche kündete es sich bereits an durch die Vorbereitungen, welche überall gemacht, durch die Gerüchte, welche in der ganzen Stadt umgingen. Sämtliche Schüler hatten an diesem Tage frei; ja man beschloß sogar, alle Verkaufsläden zu schließen, die Straßen, durch welche der Zug sich bewegte, mit Tannenreisern zu bestreuen und von einem Flaggenschiff Ehrenschüsse abzufeuern. Es wurde erzählt, daß die Regimentsmusik der nächsten Garnisonstadt aufgeboten sei und Erlaubnis erhalten habe, zur Leichenfeier herüberzukommen. Die bedeutendsten Kaufleute der Nachbarstädte wollten an der Kirchhofspforte den Sarg vom Wagen heben und zur Grabstätte tragen. Von der Nord- wie von der Südküste her kamen mehrere Dampfer mit Menschen, welche das Gerücht von der großartigen Feier herbeigelockt hatte. Als am Begräbnistage die Kirchenglocken zu läuten begannen, waren bereits alle Straßen mit Menschen angefüllt. An der Kirchhofspforte vermochte fast niemand mehr Platz zu finden. Wäre ein solches Gedränge nicht vorausgesehen und die Polizeimannschaft durch Freiwillige aus der Bürgerschaft nicht erheblich verstärkt worden – keine Dame hätte sich dorthin wagen können. Jetzt bekamen die Schülerinnen, deren Mütter und Geschwister einen guten Platz. Trotzdem entstand ein starkes Gedränge, als das Flaggenschiff seine Kanonen abzufeuern begann und die Klänge der Musik herauftönten, namentlich aber, als der Zug sichtbar wurde. Da und dort vernahm man einen Aufschrei, diese und jene ward von Angst ergriffen, aber das ging vorüber – nur die Spannung wuchs. Die Musik zog an der Pforte vorbei, nahm dann Aufstellung und spielte draußen an der Kirchhofsmauer weiter, während der Leichenwagen hielt, die Kaufherren vortraten, den Sarg in Empfang nahmen und die üblichen Blumenmassen, welche darauf nicht Platz gefunden, sammelten, um sie der Bahre nachzutragen. Gleichzeitig hatte Thomas sich aus dem Zuge herausgewunden und seine weiße Schar an der Innenseite der Kirchhofspforte geordnet. Der Sarg ward hereingetragen, aber man blieb stehen, bis der Wagen vorübergefahren war und das Gefolge sich angeschlossen hatte. Die Musik verstummte. Die Schulkinder stimmten ihren Gesang an, kräftig feierlich und schön, – und dieser Übergang von der Musik der Blasinstrumente zum Kindergesang wirkte ergreifend. Von diesem feierlichen Augenblick an und dann später, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte – die blumenstreuenden weißgekleideten Kleinen vorauf, dann die singenden älteren Schülerinnen und endlich der Sarg –, von diesem Augenblicke an nahm die Begräbnisfeier einen anderen Charakter an. Bisher war es ein Festzug gewesen: der Schmerz hatte sich in Schönheit, in eine Ehrenbezeugung gewandelt; der Triumphzug des Reichtums hatte draußen an der Pforte dieser Stätte der Toten haltgemacht. Frau Emilie Engel ward wie eine regierende Fürstin beerdigt. Aber in demselben Augenblick, als an der Spitze des Zuges die Mädchenstimmen ertönten und all die zierlichen kleinen Hände in den Körbchen nach Blumen griffen, wandten aller Augen sich dorthin, aller Gedanken folgten diesem weißen Zuge, welcher am Friedhofshügel sich hinaufwand inmitten der dunklen Frauenschar; denn diese strömte beständig mit. Alle gedachten des Kampfes, der noch kürzlich gerast hatte; er folgte ihnen gleichsam zu Häupten in der dräuenden Luft und inmitten des schwarzen, nachdrängenden Gefolges. Jetzt gewahrten sie mit einemmal Frau Engels bleiches Antlitz hinter der singenden Kinderschar. Es war die arme, arme Emilie, die man in die Erde bettete; die hundertfältig betrogene Emilie, welche alle, die nicht mehr ganz jung waren, von Kindheit an gekannt und Sonntag für Sonntag in der Kirche gesehen, abgehärmt, bleich, schwermütig. War es nicht, als hätten diese weißen Kinder von der großen Schar sich losgelöst, um ihr die Tote zu entreißen, – sie, die ihnen gehörte? Durch ihr Vermächtnis hatte sie sich selbst diesen Kleinen anvertraut. Und dann ordnete sich diese lange weiße Schar da oben an der einen mit Brettern belegten Seite des Grabes. Thomas trat mit dem Hut in der Hand unter sie. All die kleinen blumenstreuenden Kinder hatten wieder ihre Körbchen gefüllt und stellten sich jetzt vor ihm in geordneten Reihen auf. Der Sarg ward in die Gruft gesenkt; einige Augenblick herrschte tiefes Schweigen; dann gab Thomas das Zeichen. Eine gedämpfte Musik intonierte und der Chor fiel ein. Mit leichter Handbewegung leitete er den Gesang, sonst stand er, ganz von dem feierlichen Augenblick beherrscht, völlig regungslos da. All diese Stimmen gaben gleichsam statt seiner Antwort; sie sangen über dem Grabe den Dank seiner Schule. Die Frauen waren tief ergriffen. Karl Wangens besorgte Blicke suchten Frau Rendalen. Er sah, wie erschüttert sie war, und arbeitete sich zu ihr hin. Doch als sie seinen Arm fühlte, wollte sie zu dem singenden Chor; sie mußte das Grab sehen. Und er führte sie dorthin. Aber als auch sie am Grabe stand, hatten alle das Bewußtsein, daß von der anderen Seite her sich ihm etwas genähert hatte, das nicht dorthin gehörte. Vielleicht wurde es nur dunkel gefühlt; doch als nach beendetem Gesang der ehrwürdige Pastor Green, von zwei Männern unterstützt, unter die Schülerinnen trat und seine Rede begann, da fühlten es alle klar und deutlich. Er führte verschiedene Äußerungen der Entschlafenen an, welche ein anmutiges Bild von ihr gaben. Alles war gesagt mit diesen Worten, und doch wieder nichts; alle verstanden, ohne daß irgend jemand verletzt wurde. Und derjenige, der ganz besonders ergriffen sein mußte, war Konsul Engel; denn einige dieser Worte offenbarten ihre große Hingebung für ihn. Und bevor er sich dessen selbst bewußt wurde, zwangen diese Worte ihn zu heftigem Weinen. Es war ihm nicht möglich, die Tränen zurückzudrängen. Da beendete Pastor Green seine Rede, Er schloß mit den Worten, welche ihre Gabe für die Schule begleitet hatten: »Es gibt in dieser Sache zwei Parteien ...« Mit dieser Ehrengabe habe sie sich einer dieser Parteien angeschlossen, fügte er hinzu. Von neuem fiel die Musik ein und dann der Chor. Man half dem ehrwürdigen Geistlichen von der erhöhten Stelle herunter, während die Kleinen sich an das Reck auf der einen Seite des Grabes drückten, um ihre letzten Blumen hinabzustreuen. In demselben Augenblick donnerte es im Westen; weithin lag das Meer da wie eine schwarze Fläche; es war ein Regensturm im Anzug; allem Anschein nach ein sehr heftiger. Man schaute nach der Stadt hinüber, wo die Fahnen schlaff herabhingen an dem dunkeln Himmel; alles verkündete einen heftigen Regen. Neuer krachender Donner, viel stärker und näher. Die Trauerschar begann zu wanken und dann allmählich sich zu zerstreuen. Einige eilten davon, ohne erst in das Grab hinabzublicken oder von der Familie sich zu verabschieden ... Eine Weile später ward die weiße Mädchenschar in großen Flocken unten auf dem Wege in der dunkel gewordenen Luft und auf dem grünen Grunde sichtbar; einige von ihnen begannen zu laufen und zu springen, – dann mehrere, ja zu Frau Rendalens Schrecken sogar zu lachen und zu rufen. Kurz nach ihrer Rückkehr erhielt Frau Rendalen einige kleine anonyme Geschenke mit dem Motto: »Es gibt zwei Parteien.« Im Laufe des Nachmittags kamen noch mehrere, alle anonym und ziemlich unbedeutend. Aber das bewies doch, daß die Schule nicht bloß Feinde hatte. Sie hatte nicht Zeit, lange darüber nachzudenken; am Abend nämlich sollte ein kleines Erinnerungsfest in der Schule gefeiert werden, wozu die Freundinnen der Frau Engel und die beiden obersten Klassen geladen waren. Frau Rendalen wollte Erinnerungen aus ihrem Verkehr mit der Verstorbenen mitteilen. Auch der alte Pastor Green hatte sein Erscheinen zugesagt. Ferner sollte Musik gemacht und der am Grabe gesungene Choral wiederholt werden usw. Den ganzen Tag war man im Festlokal mit Vorbereitungen beschäftigt gewesen; aber man hatte doch noch alle Hände voll zu tun, um fertig zu werden. Noch einmal trat eine Unterbrechung ein durch einen Brief des Doktors Holmsen. Der Name des Doktors stand nicht darunter, aber die Handschrift war ebenso bekannt, wie der Diener, der ihn gebracht hatte. Der Brief lautete: »Lieber Rendalen! Es gibt zwei Parteien! Das leidet keinen Zweifel. Und wenn ich auch der Ansicht bin, daß die eine der beiden Parteien sich ganz verwünscht dumm benommen, und ich auch in Zukunft mich ihr nicht anzuschließen gedenke, – so liegt hier doch eine Anweisung bei auf drei ›,Mikroskope‹, – da Dein harter Kurtscher Schädel sich nun einmal vorgenommen hat, daß es mit Mikroskopen gemacht werden solle! Ich gebe nicht einen Pfifferling darauf; ich glaube ebensowenig an die Macht der Wissenschaft wie an die der Religion; in diesem Punkt, Verehrtester wirst du nicht das mindeste ändern. Aber da flatterte heut etwas Weißes, ja etwas wie eine Art Gesang durch die Luft – – wie gesagt, hier ist das Geld.« – – Die Schülerinnen der obersten Klassen fanden sich nach und nach bei den auf dem Gut wohnenden Pensionärinnen ein. Die jungen Damen sollten in Trauerkleidern erscheinen – je nach Umständen und Geschmack – und das war ihnen ja etwas ganz Neues und Amüsantes, daß sie nicht zu früh kommen sollten. Das Fest fand im »Laboratorium«, d. h. in dem ehemaligen Rittersaal statt. Es hatte natürlich Mühe gekostet, ihn in einen Trauersaal zu verwandeln; aber als die ersten Damen erschienen, war die Umwandlung vollzogen – nur Emiliens Porträt war noch nicht zur Stelle. Langsam kam der Wagen mit den beiden dänischen Pferden und der grauen Livree auf dem Bock die Allee herauf. Frau Rendalen und Thomas begaben sich zum Empfang hinunter auf die große Treppe. Thomas hob eine junge Dame in tiefer Trauer aus dem Wagen. Sie warf sich Frau Rendalen an die Brust; es war die einzige Tochter der Verstorbenen. Auch sie hieß Emilie und sollte dieses Jahr noch am Unterricht teilnehmen. Sie war ein außerordentlich schönes Mädchen, und ihre schlanke Gestalt und das überaus feine bleiche Gesicht nahmen sich sehr anmutig aus in der tiefschwarzen Umrahmung. Das Haar – ein echtes Engelshaar, weder rötlich noch gelblich – bedeckte weiter nichts als ein schwarzer Schleier. Weinend stieg sie an Frau Rendalens Arm die Treppe hinan. Thomas folgte mit dem Porträt, das mit einem Tuch verhüllt war. Alle erhoben sich, als sie eintraten. Da mußte die junge Dame noch heftiger weinen, und sie suchte sich ein Plätzchen aus, wo sie hinter ihrem Schleier und Taschentuch unbemerkt bleiben konnte. Das Porträt ward über dem mit einem schwarzen Tuch verhüllten Kamin aufgehängt. Zu beiden Seiten war die norwegische Flagge angebracht; und nun wurden Kränze um das Porträt geschlungen. Das Fest begann mit einem vierhändig gespielten Trauermarsch, ausgeführt von Thomas und derjenigen, die heut oben auf dem Kirchhof ein kurzes Altsolo vorgetragen hatte, von Auguste Hansens Schwester, derselben, die an jenem Sonnabend sich unter dem Tuche versteckt hatte. Dann Vorträge, und hierauf der Chor. Alles nahm einen glücklichen Verlauf; es herrschte eine feierliche, bisweilen bewegte Stimmung. Zum Schluß ein Kirchenlied als Einleitung zu einer kurzen Ansprache Karl Wangens. Inzwischen war das bei allen Schulfesten übliche bescheidene Mahl in Frau Rendalens Zimmer, bei dem Wein nicht fehlte, angerichtet worden. Thomas wollte nämlich zum Schluß Gelegenheit haben, in einem Trinkspruch den beiden obersten Klassen und allen denen, welche zur Verschönerung der heutigen Feier beigetragen, seinen Dank auszusprechen. Alle die, welche heute da oben am Grabeshügel der Verstorbenen Trauerlieder gesungen, mit der Stadt tief unter sich und einem großen Teil ihrer Einwohner ringsum sich auf dem Friedhofe, würden es empfunden haben, daß etwas wie ein geheimer Bund sie mit der Schule vereinte; durch diese Begräbnisfeier habe er gewissermaßen seine Weihe erhalten. »Nicht wahr,« so schloß er, »diesem Bund wollen wir alle treu bleiben?« »Ja, ja!« rief, die Gläser zu ihm erhebend, unwillkürlich die ganze Schar. Wie die jungen Augen funkelten! Die, welche zuerst mit ihm anstieß, war die Tochter der Verstorbenen; alle anderen machten ihr Platz. Sie errötete vor Erregung und Dankbarkeit, während sie sich ihm näherte ... Gegen zehn Uhr war man wieder allein. Als Thomas aufstand, um sich in sein Zimmer zu begeben, sagte er zu seiner Mutter: »Ein sehr törichter Einfall war es doch nicht, daß ich im Turnsaal die Rede hielt – was meinst du, Mutter?« »Ja, Thomas, ich fange wirklich an auch zu glauben – – – Nein, nein, es war doch töricht! Lassen wir das.« Ein Mädchen brachte einen Brief herein, der heute während des Festes abgegeben worden war. »Siehst du, Mutter! Siehst du!« rief er lachend und öffnete ihn: »Ja, nun bildest Du Dir wohl ein, Du hättest gesiegt, Du Ehrenschänder! Ich war heute Zeuge Deines Hochmuts, als Du da oben am Grabe standest mitten unter all den blühenden jungen Mädchen, die Du dazu verleitet, für Dich zu paradieren. Die Selbstsucht leuchtete Dir förmlich aus dem sommersprossigen, grauäugigen Gesicht und dem borstigen Judashaar. Pfui! Aber warte nur! Wenn Du's am wenigsten erwartest, trifft Dich der entscheidende Schlag. Ein Freund der Wahrheit.« 14. Der Generalstab. Die blonde Milla, die braune Thora, Die breite Tinka, die schmale Nora. Es wurde darüber gestritten, wo dieser ausgezeichnete Vers mit seinen schönen Rhythmen und Reimen zuerst aufgetaucht war, ob in der obersten Klasse der lateinischen oder der Realschule. Der Streit kann nicht mehr entschieden werden; aber so oft diese vier Damen sich zeigten, wurde der Vers ihnen nachgebrüllt – anfangs abwechselnd mit einem anderen von Anton Dösen gedichteten »Verse«, der also lautete: » Thora, Nora, ora pro nobis! « – der sich jedoch, da die beiden Namen Tinka und Milla nicht darin vorkamen, gegen den ersten Vers auf die Dauer nicht halten konnte. Doch auch dieser verlor bald den Reiz der Neuheit. Wer der Vater des neuen Wortes war, konnte diesmal durchaus nicht zweifelhaft sein. Thomas nämlich hatte die vier Damen bei einer gewissen Gelegenheit als seinen »Generalstab« bezeichnet, – und nun gab erst die ganze Mädchenschule, dann die Knabenschule und hierauf gewissermaßen die ganze Stadt ihnen diesen Ehrentitel. Drei von diesem Generalstab kennen wir bereits. Die blonde Milla ist keine andere als Emilie Engel, welche in ihrem Trauerkleide aussah wie ein Emailbild; die breite Tinka ist Katinka Hansen, Augustas Schwester, die Altstimme; und die schmale Nora des Amtmanns Töchterlein, welche mit Katinka bei der Einweihung des Turnsaals unter dem Tuch sich versteckt hatte – die mit den großen Augen und dem »flammenden« Haar. Die braune Thora kennen wir noch gar nicht, – und sie mag für uns noch eine Weile eine mystische Persönlichkeit bleiben. Vor einem Jahr hatte die Gegend einen neuen Amtmann bekommen. Er hieß Jens Tue, mit dem Beinamen »der Damen-Jens«. Statt jedoch seinen Posten sofort anzutreten, reiste er mit seiner Gattin, die brustkrank zu werden drohte, ins Ausland. Aber während sie sich im Auslande aufhielten, blieb ihre Tochter daheim. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie in Christiania bei Verwandten und Freunden zu lassen. Aber es hieß, Frau Rendalens Schule und Pension wären so ausgezeichnet. Doch das war wohl nicht der einzige Grund. Man war sehr neugierig auf die Amtmannstochter... Eine moderne Dame, hoch und schlank. Wenn auch nicht gerade elegant, so doch flott in ihren Toiletten sowohl wie in ihrem ganzen Wesen, und dabei so überlegen! Aber sie hatte nichts Unangenehmes an sich; dazu war sie zu geschmeidig, zu liebenswürdig. Sie brachte Leben und Bewegung in alles und alle, mit denen sie in Berührung kam; und dann vergeben die Menschen viel. Niemand jedoch wollte ihr die unglaublich vielen Briefe verzeihen, die sie teils selbst schrieb, teils von bekannten Personen empfing. Die Lehrerinnen nicht, weil sie ihre Schularbeiten versäumte, ihre Mitschülerinnen nicht, weil sie vernachlässigt wurden. Ja, diese hatte sie erst kaum angesehen! Des Abends schlief sie immer ein mit Tinte an den Fingern und einem Haufen Briefe vor dem Bett. Entweder schrieb sie Briefe oder sie las Briefe oder weinte über Briefen. In jeder freien Viertelstunde hüpfte sie hinauf in ihr Zimmer, um ein paar Zeilen hinzuzufügen oder noch einmal einen Brief zu überfliegen, den sie soeben erhalten hatte. Da die anderen sie überall verfolgten, war sie nach dem Essen immer sofort verschwunden. Wo steckte sie? Man machte Jagd auf sie, und gewöhnlich fand man sie oben auf dem Boden, natürlich schreibend; diesmal auf einer großer Tonne. Vor Kälte war sie ganz blau geworden. Mindestens zwanzig »Busenfreundinnen« hatte sie in Christiania zurückgelassen, und alle diese zwanzig Freundinnen schrieben ihr und alle erhielten Antworten, lange Antworten. Zum Glück hatte sie noch eine andere Leidenschaft; und es geschieht gar oft, daß die eine uns von der anderen erlöst. Sie schwärmte nämlich für Musik. Manchmal sang sie überraschend poetisch, aber teils konnte sie in ihrem Alter nicht lange genug auf einmal singen, teils war sie zu wenig ausgebildet, um eine feine Auffassung so auszuführen, daß es ein harmonisches Ganzes wurde. Aber wie sie auch war, sie wurde von ihren Mitschülerinnen bewundert – und von keiner glühender, als von Tinka Hansen. Denn Tinka war selbst musikalisch, wenn auch in anderer und bescheidenerer Weise. Wie ihre Schwester Auguste hatte sie sich früh entwickelt, namentlich in bezug auf logisches Denken. Katinka war einfach, klar, sicher; sie konnte alles auswendig und verstand Klavier zu spielen; und das war sehr viel. So kam sie dazu, Noras Gesang auf dem Piano ehrfurchtsvoll zu begleiten. Aber ihr Vortrag war nicht viel wert. Da übte Nora sich so lange, bis sie es so machte, wie sie es haben wollte. Dafür war ihr Tinka außerordentlich dankbar. Dann entdeckte Nora eines Tages Tinkas tiefe Altstimme, Und von diesem Tage an gab es Duette über Duette! Das Alter, in dem sie standen, erheischte jedoch Vorsicht, und wollte Nora nicht maßhalten, so wollte und konnte es Tinka. Nora war gewöhnt zu befehlen, so daß es manchmal selbst zu Handgreiflichkeiten kam; aber Tinka war so sehr gewöhnt zu siegen, wo ihr Gewissen ihr recht gab, daß Nora wie ein Hühnchen überwunden wurde Das war die Grundlage dieser Freundschaft. Eine Mitschülerin, die Nora bewunderte und zugleich im Zaume hielt – die eignete sich ausgezeichnet zur Busenfreundin. Aber auf Tinka wirkte Nora etwas so wie eine Reihe Kunsteindrücke auf denjenigen, der bisher nichts gesehen hat. Da Nora zudem unbedingtes Vertrauen zeigte, meinte die gewissenhafte Tinka, es müßte erwidert werden. Alle wußten es, aber keiner sterblichen Seele hatte Tinka es vertraut: – Tinka war verlobt! »Er« war gerade in diesen Tagen als Student nach Christiania gezogen. Alle acht Tage bekam sie einen Brief von ihm; mehr als diesen einen wollte sie aus verschiedenen Gründen nicht haben. Fredrik war sein Name, Fredrik Tygesen. Sein Vater war der Kreisrichter Tygesen. Nora war »die erste in der ganzen Welt«, der sie dieses gestanden. Gott, wie entzückt Nora war! Wirklich richtig verlobt – mit einem Brief wöchentlich und unter stillschweigender Einwilligung der Eltern! Wie war das zugegangen? Ja, das war das Merkwürdige, daß niemand von ihnen das wußte. Sie hatte einmal, als sie acht Jahre alt war, durch eine offene Tür Frau Rendalen und ihre Mutter von Auguste und Thomas Rendalen sprechen hören, – nämlich, was er zu seiner Mutter von Auguste, und was sie zu ihrer Mutter von Thomas gesagt. Und seitdem hatten diese beiden Kinder zusammengehalten, just wie jene es getan, aber niemals sich verabredet. Niemals. Auf dieser einen festgegründeten Vertraulichkeit baute sich eine unwandelbare Freundschaft auf und durch Tinka schlang sich das Freundschaftsband weiter um andere Mitschülerinnen. Bald schrieb Nora ihren besten Freundinnen in Christiania nur noch von Zeit zu Zeit, und die Briefe begannen stets mit den Worten: »Es ist schon schrecklich lange her –; es macht mir wirklich Gewissensbisse, daß ich erst heute –« usw. Aber es gab doch eine bestimmte Grenze für ihre Eroberungen in der obersten Klasse; und das war Nora durchaus nicht recht; am liebsten hätte sie ja gerade diejenigen zu Freundinnen gehabt, welche sich kühl gegen sie verhielten. Allein über diese Grenze konnte sie nicht hinaus. Der Grund lag darin, daß hier früher eine Königin gethront hatte; ja sie residierte hier noch. Ihre Machtmittel waren anderer Art; ob sie aber von geringerer Wirkung waren, mußte erst die Gegenprobe erweisen. Zunächst war sie die reichste Erbin der Stadt. Zweitens kam bei der geringsten Aussicht auf Regen oder Schnee oder Sturm ein Diener mit einer Equipage herauf zur Schule gefahren, um sie abzuholen. Dann entstand die große Frage, wer mitfahren durfte. Fast immer hatte sie etwas Schönes und Neues; in bezug auf Taschengeld war sie so gestellt, daß sie, je mehr sie ausgab, um so mehr zur Verfügung hatte; die kleine zierliche Börse war in dieser Beziehung unglaublich weit. Sie bekam von Mama, sie bekam von Papa, sie bekam von den beiden unverheirateten Onkeln. Zudem war sie schön, taktvoll und rücksichtsvoll. Niemand hatte sie je ein heftiges Wort gebrauchen hören oder eine heftige Bewegung machen sehen, nicht einmal im Turnsaal; sie sprach stets in etwas gedämpftem Ton; alles an ihr hatte eine harmonische Form. In ihren Augen gab es nichts Häßlicheres, als sich selbst vergessen. Sie lebte dahin, als wandelte sie beständig auf Blumen. Und wer ihres Umgangs gewürdigt wurde, wandelte ebenfalls auf Blumen. Wir kennen sie bereits: es ist Milla Engel. Sonderlich begabt war sie nicht, aber fleißig; sie gab sich wirklich Mühe, wenn es eine Schwierigkeit zu überwinden galt. Alle mochten sie sehr gern leiden; manche bettelten gleichsam um ihre Gunst und einige schwärmten förmlich für sie. Zu keiner dieser Gruppen gehörte Tinka Hansen. Wollte Tinka sich hingeben, so konnte sie das nur an ein Wesen, welches das Gegenteil von ihr war; die ruhige pflichttreue Milla war ihr viel zu ähnlich. Als dann Nora kam und sich zunächst an Tinka und durch Tinka an andere anschloß, da fühlte sich Milla verletzt, und als Nora sich auch an sie wandte, war es zu spät. Sie war sehr artig, sehr dienstwillig – aber nicht ein Wort über ihren Gesang, nicht ein Lächeln über ihre großstädtischen Bemerkungen, nicht ein Augenaufschlag, wenn die ganze Klasse bei einem ihrer lebendigen Vorträge bewundernd an ihren Lippen hing. Diese Gleichgültigkeit vermochte Nora nicht zu ertragen; sie ließ sich herbei, um Milla zu werben, – nach all den verschiedenartigen Methoden, welche nur ein junges Mädchen zur Verfügung hat ... Dann kam's zur Parteibildung. Nora fand Milla nichtssagend, selbstsüchtig, kalt, pedantisch, damenhaft. Milla fand Nora – nein, Milla fand nichts an Nora; Milla ließ ihre Freundin reden und hörte nur zu. Noras flotte, großstädtische Sprache und freies Wesen waren unpassend; ihr launenhafter Umgang war unerträglich für jede, die etwas auf sich selbst hielt; ihre Begabung war nach jeder Richtung mittelmäßig; sie hatte keinen Charakter. Ferner meinte man aus gewissen Äußerungen schließen zu dürfen, daß sie auch keine Religion habe, und Millas Partei war religiös. Sie selbst wurde Ostern konfirmiert und ihre religiöse Mutter wurde immer kränklicher, was einen Hauch von Schwärmerei über ihr Antlitz wie über ihre Denkungsweise breitete. Sie fühlte sich wohl bei diesem Anflug von Schwärmerei; ja sie bedurfte ihrer, und sie war bemüht, auch ihrer Tochter ihre Eigenart mitzuteilen. Während der Konfirmationszeit fand diese eine Vertraute an der Nichte der Fräulein Jensen, an der kleinen Anne Rogne, die damals sehr stark religiös angehaucht war. Sie war ein paar Jahre älter, aber von kleinem Wuchs; ihre Gesundheit ließ viel zu wünschen, ja mehr als einmal war sie sogar dem Tode nahe gewesen. Anna hatte mehr Kenntnisse in der Religion als viele Erwachsene, und Karl Wangen war geradezu entzückt von ihr während der Konfirmationszeit. Etwas von ihrer Schwärmerei übertrug sie auf Milla, die nichts dagegen hatte, ein wenig zu schwärmen. Als die kleine Anna merkte, daß Milla empfänglich geworden, war sie überaus glücklich und erklärte Milla für »geistvoll«; es war ihr unbegreiflich, daß die beiden sich nicht schon früher entdeckt hatten. Dann kam die Zeit, wo Millas Mutter von den Ärzten aufgegeben wurde. Da hatte die kleine Anna geradezu übernatürliche Kräfte; sie wachte gemeinsam mit ihrer Freundin bei der Kranken; sie las und sang und betete ihr vor; denn Frau Engel sollte und mußte gerettet werden! Der Arzt vermochte sie nicht zu retten, aber das Gebet, – wie fest sie daran glaubte! Und als dann Frau Engel dennoch starb, hätte sie buchstäblich gern ihr Leben für die Tochter hingegeben. An und für sich war es ihr ein so schöner Anblick, die reiche, von allen Bequemlichkeiten des Lebens umgebene Erbin auf den Knien inbrünstig zu Christus beten zu sehen, Und nun die Gebete nichts genützt und sie dennoch glaubte, ja bei all ihrer Trostlosigkeit Gott noch für die Schicksalsschläge dankte und ganz Demut und Ergebenheit war, da schloß die kleine Anna einen Bund mit ihr, den nicht einmal der Tod lösen sollte. Milla begann drei Wochen später als die anderen am Unterricht wieder teilzunehmen. Sie setzte sich zu Anna Rogne; und mit ihr kam sie auch fast täglich gefahren; und sie nahm sie nach Beendigung des Unterrichts wieder zu sich in den Wagen. Sie wohnte nämlich noch auf dem Lande, und Anna war fast immer bei ihr. Es machte Aufsehen, als sie wieder zur Schule kam. Ihr Trauerkleid stand ihr zum Entzücken; ihr blasses Antlitz, ihr gedämpftes Wesen paßten dazu, wie matte Silberarbeit zum Samt. Durch die stille Weichheit, mit der sie alle, auch Noras Anbeterinnen, behandelte, sicherte sie sich eine rücksichtsvolle Freundlichkeit. Einige Tage war es, als begehe man nur eine Trauerfeierlichkeit zu Millas Ehren. Allein da waren ein paar neue Augen, ein neuer Rücken, ein neuer Hals und neue Arme gekommen, gerade auf der Bank vor ihr. Eine neue Stimme, neue Bewegungen und – bei Milla kam dieses nicht zuletzt – ein neues Kleid. Und als dann auch der neue Hut und der neue Mantel hinzukamen, da sagte sich Milla, daß dieses ein kühnerer Farbenreichtum, ein feinerer Schnitt, eine reichere Ausstattung im einzelnen sei, als sie je an einem Kleide gesehen. Sie wußte, wer diese neue Schülerin war – die Tochter des Oberzollkontrolleurs Holm aus Bergen, des Mannes mit dem braunen Gesicht, den großen, dunklen Augen und dem kreideweißen Lockenhaar, – ein merkwürdig scheuer Mensch, der trank, ja trank, so daß er sein Verbleiben im Amte nur der Nachsicht seiner Vorgesetzten zu danken hatte ... Er hatte zehn Kinder! Thora war die älteste und von ihrem zwölften Jahre an teils in England teils in Frankreich erzogen worden, – bei einem Oheim, der erst in dem einen, dann in dem anderen Lande Schiffsmakler gewesen. Jetzt war er tot und hatte seiner Pflegetochter eine kleine Leibrente hinterlassen. Das alles wußte Milla. Dann hatte Anna ihr gelegentlich auch erzählt, daß Thora Holm hübsch sei. Aber das war nicht das rechte Wort. Wo hatte denn Anna ihre Augen gehabt? Thora war geradezu eine Schönheit, – und dann hatte sie etwas so Besonderes, etwas so »Ausländisches« an sich ... Anna hatte doch wirklich ein schlechtes Auge; denn hierüber waren alle einig. Am ersten Tage mußte Milla in einem fort Thora ansehen. Und obschon diese ihr den Rücken zukehrte, konnte sie das doch nicht still hinnehmen, sondern wandte sich und bückte sich, als fühlte sie Millas Augen im Nacken. Je unruhiger Thora wurde, desto ruhiger studierte Milla sie ... Zu Hause im Wohnzimmer stand der junge marmorne Augustuskopf: den hatte Milla von klein auf bewundert. Hier nun saß dieser Kopf auf der Bank vor ihr auf weiblichen Schultern und drehte und wendete sich im Glanz der Sonne und der Farben! Ganz dieselbe Stirn, ganz dieselbe Kopfform; die Breite, die Wölbung der Wangen, die Schwingung der Brauen, die Rundung des Kinns – ganz wie am Augustuskopf! Die Augen waren anders und lebhafter, – d. h. die des Augustuskopfes machten den Eindruck, als wären sie etwas erstorben oder doch verschleiert. Diese spielten unablässig in bläulichgrauen Brechungen unter den langen dichten dunklen Wimpern. Die Lippen voll und gebogen. Das Haar braunschwarz, je nachdem das Licht darauf fiel. Der Teint spielte ins Bräunlich-Bleiche, – Milla fand nicht die rechte Bezeichnung dafür; es war eine Mischung, die sie noch nie gesehen. Und auf der linken Wange ein etwas zu großes Muttermal; das mußte sie genieren; denn niemals kehrte sie ihr diese Wange zu, so oft sie sich umwandte, um Milla anzusehen. Die Gestalt war voll entwickelt; recht kräftig und wie ausgemeißelt. Vermutlich war sie über sechzehn Jahre alt. Augenblicklich machte sie den Eindruck, als sei sie nicht ganz wohl; sie hatte leichte blaue Ränder unter den Augen. Die ganze Erscheinung war aufsehenerregend; Milla betrachtete sie ohne eine Spur von Neid. Der Geschmack der neuen Dame war feiner als der all der Mädchen, die sie bisher gekannt; wieviel mußte sie wissen! Von Zeit zu Zeit betrachtete Milla die neben ihr sitzenden Mitschülerinnen. Da saß Anna – spitz und mager; namentlich die verhältnismäßig langen, dünnen, bläulich-bleichen Finger beschäftigten heute Milla ganz besonders. Das war doch etwas ganz anderes! Sollte sie mit der neuen Mitschülerin sprechen, sich entgegenkommend verhalten? Vielleicht ging das etwas zu weit ... Und als sie sie in der zweiten Pause mit Nora Arm in Arm gehen sah, konnte davon natürlich nicht mehr die Rede sein. Auch war da etwas geschehen in den drei Wochen vor Millas Rückkehr; in aller Stille hatte sich eine Wandlung vollzogen. Eines Morgens hatte Thora Holm ihren Einzug in die Schule gehalten – und der war nicht glücklich ausgefallen. Sie kam zu spät, traf niemand in dem großen Flur und wußte nicht wohin; alle waren zum Morgengebet in dem Laboratorium versammelt. Da kam Karl Wangen, der zu einem Kranken geholt worden, und stürmte sie fast über den Haufen. Er wurde so verlegen, wie es nur ein Geistlicher werden kann, hielt sie für die neue Lehrerin und machte sie und sich selbst mit seinem linkischen Wesen verwirrt. Es dauerte daher eine Weile, ehe sie in ihrer Bergenser Sprache erklären konnte, wer sie war; und als er das hörte und es ihm durch den Kopf fuhr, daß sie nach des Onkels Tode manche Unannehmlichkeiten gehabt und nun zu Hause so betrübende Zustände gefunden, rief er aus: »Hier wollen wir alle so freundlich, so lieb gegen Sie sein –!« und ergriff ihre Hand. »Willkommen! Willkommen!« Das genügte; sie brach in Tränen aus. Sie war nervös und furchtsam; alles war ihr so neu und unbekannt. Aber er wußte sich nicht anders zu helfen, als die Tür zu öffnen und »Mutter!« zu rufen. Und heraus kam Frau Rendalen mit der schiefsitzenden Brille und fragte etwas kurzab – denn Frau Rendalen drückte sich immer bündig aus, was sie auch von allen anderen verlangte –: »Was gibt's, Karl?« »Da ist Fräulein Holm, die Tochter des Oberzollkontrolleurs Holm.« »Gut, laß sie eintreten,« antwortete Frau Rendalen und machte die Tür ganz offen. »Willkommen!« sagte sie auf der Schwelle erscheinend und dem jungen Mädchen in dem nicht ganz hellen Flur die Hand reichend. Es lag etwas zuviel Befehlendes in diesen Worten, als daß Thora nicht sofort hätte gehorchen sollen. Da sah denn Frau Rendalen, daß sie weinend zur Schule kam – wie kleine fünfjährige Kinder. Verwundert sah sie die junge Dame an, deutete auf einen Stuhl, den Thora schüchtern einnahm, und bat eine der Lehrerinnen, ihr beim Ablegen von Hut und Mantel behilflich zu sein. Sie sangen ein geistliches Lied, und Karl Wangen hielt eine kurze Ansprache. Er verbreitete sich über die guten Eigenschaften, die wir an unseren Mitmenschen fänden. Wir sollten immer denken, daß dies von Gott dem Menschen eingepflanzte Tugenden wären und darum jeden Menschen als ein Geschöpf Gottes achten und lieben. Das klang Thora in die Ohren wie eine Harmonie schöner Stimmen. Sie fühlte sich bedrückt infolge ihres unglücklichen ersten Auftretens und des Eindrucks, den es gemacht – namentlich auf Frau Rendalen; aber auch auf die anderen; das hatte sie wohl gemerkt. Sie konnte keine Ruhe finden, drehte sich hin und her, wenn jemand sie ansah, und wandte sich ihren Mitschülerinnen bald zu, bald von ihnen ab, als wollte sie gesehen und auch wieder nicht gesehen sein. Sprach man mit ihr, so wurde sie rot und antwortete etwas, das sie im nächsten Augenblick widerrief. Und so war es nicht bloß am ersten Tage, sondern auch am zweiten und dritten. Der norwegischen Geographie und Geschichte war sie ganz unkundig; ja sie verstand kaum etwas anderes als englisch und französisch und errötete über das ganze Gesicht, als das entdeckt wurde. Als es sich dann aber zeigte, daß sie diese beiden Sprachen fließend redete, wurde sie ebenfalls rot. Zum Turnen wollte sie sich gar nicht verstehen; schließlich wendete sie ein, sie habe keinen Turnanzug. Dann nähte sie sich einen zurecht, der ein Meisterwerk von Koketterie war. Aber das stellte sie wieder in Abrede; es war ein ganz gewöhnlicher, ja im Grunde häßlicher Anzug. Ferner konnte sie, obgleich sehr kräftig, das Turnen nicht vertragen und begann zu weinen. Fräulein Hall, welche die Turnübungen leitete und je nach den körperlichen Eigenheiten der Schülerinnen besondere Bewegungen einführte, nahm sie auf die Seite und sah sie an. Fräulein Hall hatte ihre Muttersprache zum Teil vergessen und erinnerte sich im Augenblick nicht, daß Thora englisch sprach; und während sie sie untersuchte, bemühte sie sich, das rechte Wort zu finden. Thora mißverstand das, lief von ihr fort, kleidete sich um, rannte geraden Weges nach Hause und wollte nicht mehr in die Schule. Es kostete große Mühe, sie zu bewegen, wieder die Schule zu besuchen. Sie mußte bessere Kost haben, als sie sie zu Hause erhielt; denn sie hatte Anlage zur Bleichsucht. Das war das Wort, auf welches Fräulein Hall nicht hatte kommen können. Thora wohnte nun mit Fräulein Hall in demselben Zimmer. Sie war die erste, der das gestattet wurde; von dieser Zeit an wohnte fast immer eine Schülerin mit Fräulein Hall zusammen. Nach und nach legte Thora ihr ursprüngliches Wesen wenigstens so weit ab, daß sie still sitzen konnte; doch war ihr das nicht möglich, wenn jemand sie unverwandt anblickte oder von ihr sprach. Sie fühlte das im Rücken, meinten die Mitschülerinnen. Sie stellten Versuche an und amüsierten sich köstlich, wenn sie wirklich unruhig zu werden anfing, sich schließlich umdrehte und sie wieder anblickte. Während des ganzen vorhergehenden Jahres hatte Thora in der Pension gewohnt; weshalb sie natürlich auch jetzt noch darin wohnte. Mit Nora sprach sie nicht anders als im Vorbeigehen. Eines Sonntags jedoch fragte Thora sie, ob sie erlauben wolle, ihr das Haar zu machen. Das erregte in der Pension ein solches Aufsehen, als ob sie Nora neues Haar angeboten hätte. Von Zimmer zu Zimmer ging eine Botschaft, und alle kamen zusammen, die Großen wie die Kleinen; alle wollten sehen, wie Nora neues Haar bekam. Sie hingen förmlich übereinander, während das große Ereignis sich zutrug. Aber das, was nun wirklich geschah, war nicht minder seltsam – das Gelächter verwandelte sich bald in einen wahren, von Händeklatschen begleiteten Jubel. Als eines Tages Noras Haar in Unordnung geraten war, hatte Thora sogleich gesehen, daß sie dies kleidete. Das paßte zu diesen großen, weitgeöffneten Augen, welche ihr kleines Gesicht ganz beherrschten. Eine Stirn war fast gar nicht vorhanden. Von Wangen kaum eine Spur, und der Mund so groß wie eine Kirsche; die Nase dagegen war verhältnismäßig groß; aber sie gab den Augen gleichsam die Richtung, so daß sie sich den Augen ebenfalls unterordnen mußte. Jetzt galt es, eine Haartracht zu erfinden, welche zu den Augen paßte. Thora hatte viel gesehen und war gewohnt, »Inspirationen« zu bekommen, aber im Punkte eigentümlicher Haartrachten hatte sie noch keine gehabt... Da hatte sie's! Natürlich begann sie damit, das Haar aufzulösen und es zu kämmen; dann nahm sie das Haar des Vorderkopfes, legte es lose geflochten in zwei große Wulste, auf jede Seite einen. Das war an und für sich sehr wenig, aber die Wirkung war überraschend. Wenn Nora mit den Augen aufblickte, so nahm sich das Haar aus, als hebe es seine Schwingen und wolle davonfliegen. Dann wieder war es, als flammte es – es spielte ja auch ein wenig ins Goldbraune. Bisher hatte man Nora niemals schön genannt; an ihr zog etwas anderes die Aufmerksamkeit auf sich. Aber jetzt mußte sogar Thomas, der sonst die einzelnen Schülerinnen nicht sonderlich zu beachten pflegte, in der nächsten Unterrichtsstunde innehalten, als er zufällig aufblickte und Nora ansah. Die ganze Klasse wußte was er dachte. Diejenige, welche vielleicht am wenigsten sich daraus machte, war Nora selbst. Sie war jetzt mit ihrem Haar fertig und brauchte sich in Zukunft nicht mehr darum zu kümmern. Aber als Thora Holm bei der weiteren Entwicklung ihrer Freundschaft für Toilette zu schwärmen anfing und mit der ihr eigenen Übertreibungssucht versicherte, Nora sei »ganz ätherisch«, Noras Spiel »entzücke einen förmlich« – – ja das war etwas! Derartige Äußerungen der Bewunderung mußte sie mehr hören, und so pflegte sie diese Freundschaft. Thora Holm machte immer neue Entdeckungen; vor allem die, daß Nora stets recht hatte, selbst wenn sie gegen andere launenhaft und heftig gewesen, ja sogar, wenn sie ihre kleinen Anfälle von Untreue gehabt ... Im Grunde genommen hatte Nora immer recht, immer ... Da wurde sich Nora bewußt, daß Thora Holm die erste war, welche sie je ganz verstanden. Wie seltsam, daß eine Fremde, ein Mädchen, das mit neuen, unparteiischen Augen sah, sie sofort entdeckt hatte! Je inniger der Verkehr dieser beiden sich gestaltete, um so begabter wurden sie. Nichts ging über Thoras Talent fürs Geschichtenerzählen, meinte Nora; und sie versammelte alle ihre Freundinnen, damit sie zuhörten – und dann ging's los! Märchen und Romane um die Wette – was hatte Thora nicht alles gelesen, welch einen reichen Schatz barg sie in ihrem Gedächtnis! Tausend und eine Nacht – nicht den Auszug für Kinder, nein die echten Geschichten – konnten die Mädchen wieder mit demselben Interesse anhören wie kleine Kinder. Daneben liebte sie auch ganz moderne Geschichten; doch mußte das Liebespaar immer edel und unglücklich sein. Diese fünfzehn-, sechzehn-, siebenzehnjährigen Damen besaßen aus verschiedenen Gründen außer ihren Schulbüchern nur eine zusammengestohlene Lektüre, was zu allerlei Heimlichkeiten führte. Die Bücher, welche Thomas ihnen vorgelesen, hatten schnell ihren Horizont erweitert und ihre Sehnsucht gesteigert, so daß Thora ihnen höchst willkommen war. Aber während der Zeit, wo nichts erzählt wurde, wollte Nora sie ganz für sich haben, sie vollständig besitzen; Nora–Thora; Thora–Nora waren förmlich ineinander verschlungen; niemand vermochte sie zu trennen. Auch erklärte es Nora ganz frei heraus, daß sie mit ihrer Freundin am liebsten allein sein möchte. Man kannte Nora und wußte, daß dies nach einigen Tagen vorübergehen würde; man lachte nur darüber. Aber da war eine, die nicht lachte. Tinka Hansen konnte Treulosigkeit nicht ertragen. Einige Male hatte sie Nora streng ins Gebet genommen und sie verwarnt. Diesmal bewahrte sie Schweigen und ließ die Strafe darin bestehen, daß sie sich vollständig fernhielt; selbst beim Geschichtenerzählen vermochte Nora sie niemals heranzuziehen. Bald kam es Nora öde und leer vor in all den herrlichen morgenländischen Schlössern. Sie wurde sich allmählich bewußt, daß sie ohne Tinka sich nicht mit voller Freiheit hingeben konnte; ohne sie wagte sie nicht einmal ordentlich zuzuhören; Thoras Romane waren oft recht »französisch«. Aber ein Jahr war sie nun an Tinkas Grenzen gewöhnt; sie war sich nicht sicher, ob sie sich innerhalb oder außerhalb dieser Grenzen befand; sie empfand etwas wie ein böses Gewissen. Und dann ging es bald über Thora her. Sie wußte nicht, woran sie sich halten sollte; despotisch unterbrach sie die angefangenen Erzählungen und befahl etwas anderes vorzutragen; aber auch davon wollte sie nichts hören. Sie gab Versprechungen und hielt sie nicht – sie langweilte sich. Gerade als diese Periode begonnen hatte, kam Milla wieder zur Schule. Am Donnerstagabend bei Frau Rendalen – Thomas sollte ihnen gerade ein neues Schauspiel vorlesen – kam Thora Holm zufällig in Millas Nähe und betrachtete deren neues schwarzes Kleid; es war nicht dasselbe, welches sie in der Schule trug. Indem sie, ohne dem Kleide nahezukommen, mit den Fingern Figuren in der Luft zeichnete, sagte sie: »Die Garnierung müßte so sein und nicht so – auch würde sie sich etwas schmaler viel schöner ausnehmen.« Auf Antwort wartete sie nicht; sie ging weiter und setzte sich. Am folgenden Tage kam Milla vor der Morgenandacht zu ihr und bedankte sich, sie hatte es probiert und gefunden, daß sie recht habe. Zu einem längeren Gespräch war keine Zeit mehr, aber in der ersten Pause suchten sie sich unwillkürlich einander auf. »Wie konnten Sie das nur gleich sehen?« fragte Milla. »Ich hatte es kürzlich an einer Puppe probiert,« antwortete Thora. »An einer Puppe?« fragte Milla leicht errötend. Da fühlte Thora, daß sie das vielleicht nicht hätte verraten sollen, sie war nie mit sich einig, was das Richtige sei. Welch einen feinen Instinkt Milla Engel haben mußte, daß sie sogar ihretwegen errötete! »Also Sie haben Puppen?« fragte am folgenden Tage Milla Engel lächelnd, indem sie vorbeiglitt. Thora versicherte ... ja, es war nicht recht zu verstehen, was sie eigentlich versicherte: daß sie oder ihre Schwester Puppen habe, – daß sogar verheiratete Frauen oft noch Puppen hätten, so daß also nichts Schlimmes dabei sein könnte, – und daß sie sehr wohl das Unpassende einer solchen Liebhaberei einsehe ... Dieses und anderes sagte in ihrer singenden Sprechweise die Bergenserin, und Milla lächelte dazu. »Möchten Sie mich nicht heut nachmittag besuchen? Wir sind jetzt vom Lande zurückgekehrt.« Thora wurde sich dieser Wendung erst bewußt, als sie sich schon verneigt hatte. Dann war auch dieses ihr höchst unangenehm. Aber gegen sechs Uhr fand sie sich ein ... Das Haus des Konsuls Engel war das einzige in der Stadt, welches auch am Tage verschlossen blieb. Wenn man klingelte, kam zu gewissen Zeiten ein Diener und öffnete; zu anderen Stunden ein Dienstmädchen. Und dann trat man in ein Haus, in welchem die Brüsseler Teppiche nicht bloß in den Zimmern, sondern auch in den Korridoren und auf den Treppen lagen, – in welchem man gleich an der Haustür sich zwischen zwei Spiegelwänden befand, in denen man sich von den Füßen bis zur Hutfeder betrachten konnte. Thora ward nach oben geführt. Dort befanden sich die Zimmer des »gnädigen Fräuleins«. Sie ward herzlich empfangen. Es waren dieselben Gemächer, in welchen Frau Engel während der letzten Jahre sich aufgehalten und die sie nur selten verlassen hatte. Hier war sie auch gestorben. Das war zugleich der Grund, weshalb in diesem Jahre die Familie so spät aufs Land gezogen und erst jetzt zurückgekehrt war. Alles war hier vereint, was ein Zimmer Anheimelndes und Bequemes enthalten kann. Die Möbel waren alle wie weiche Decken; wohin man sich setzte, wohin man faßte, alles gab nach. Der Bezug war von moosgrüner Seide; ebenso die Gardinen und Portieren. Die Wände hatten eine unbestimmte dunkle Farbe. Eine altertümliche Chiffonniere von Rosenholz mit eingelegter Arbeit und unzähligen Gemmen ... Thora konnte sich gar nicht müde sehen. Ein Erard mit geschnitzten Köpfen und Emblemen; ein Bücherschrank in demselben Stil. Aber den Gemälden, namentlich den Landschaften, schwebte etwas von jenem stimmungsvollen Sehnen, wie es die Abendsonne hervorruft; gedämpft, beinahe schwül. Thora ging von einem Gegenstand zum anderen; jeden einzelnen betrachtete sie wie eine Persönlichkeit, mit welcher sie in nähere Beziehung zu kommen wünschte. Dann ins Schlafzimmer! Hier bewunderte sie den weichen Teppich, in welchem der Fuß fast verschwand, die kleine Chaiselongue in der einen Ecke, das Bett mit den kostbaren Vorhängen, die durch ihre Mannigfaltigkeit und Zierlichkeit auffallenden Toilettengegenstände ... Milla freute sich, ihr dies alles zeigen zu können. Noch niemals, bemerkte sie, habe sie jemand die Gemächer ihrer seligen Mutter gezeigt. Nur an einem Möbelstück ging Thora stets achtlos vorüber; aber schließlich konnte sie nicht mehr an sich halten; das störte ja die ganze Harmonie. »Liebe, was ist denn in dem Schrank?« fragte sie. »Warum steht der hier?« Lächelnd antwortete Milla, er steche allerdings sehr von seiner Umgebung ab, das wisse sie; früher habe er auch nicht dagestanden. Er gehörte nämlich Milla und war ihr von Anfang an überallhin gefolgt. »Aber kann er denn nicht anderswo stehen?« »Nein, das läßt sich nicht gut machen.« Es lag etwas Zurückhaltendes in der Antwort; Thora konnte nicht weiterfragen. Als Thora sich verabschiedete, bat Milla sie herzlich, doch bald wiederzukommen. Aber das beste sei, sie sagte es ihr vorher, damit sie allein sein könnten; dann wär's am angenehmsten. Thora begriff, daß dies an Anna Rognes Adresse gerichtet war; aber das war ja nicht ihre Sache. Dann geschah es, daß sie, als sie das nächste Mal in der Dämmerung Nora und ihren Freundinnen – welche sich auf Decken und Teppichen gelagert hatten – ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht erzählte, leichthin die Bemerkung machte: »Diejenigen von allen meinen Freundinnen, welche Gulnare am meisten gleicht, ist Milla Engel.« Das nahm sich in dieser Umgebung aus, wie wenn in des Königs Nähe gesagt wird, er sei nicht der weiseste Mann im Reiche. Nora blickte erstaunt auf; die Freundinnen waren empört. Thora fühlte, daß sie etwas Unpassendes gesagt, sie suchte sich näher zu erklären, indem sie Milla jene »passive« Schönheit beilegte, auf welche es hier ankam. Die Worte »aktiv« und »passiv« waren damals Schlagworte in der obersten Klasse; es gab »aktive« und »passive« Menschen; »aktive« und »passive« Augen; »aktive« und »passive« Farben. »Aber du lieber Gott,« sagte eine der Freundinnen, »Milla hat ja nicht einmal schwarzes Haar! Sie ist ja blond!« »Das ist ja Nora ebenfalls,« antwortete die unbesonnene Bergenserin. »Ich will keine passive Schönheit – keine orientalische Prinzessin sein,« entgegnete diese beleidigt. »Nein, das meint' ich ja auch nicht; damit meint' ich nur – –« Sie stockte, sie wußte wirklich nicht, was sie eigentlich gemeint hatte. »Das ist ja vollständig Unsinn,« sagten die anderen und setzten Thora so lange zu, bis sie mit Tränen in den Augen erklärte, Milla sei die Feinste und Schönste in der Schule; sie (Thora) fühle sich unendlich glücklich, eine Freundin zu haben, die so taktvoll, so rücksichtsvoll sei. Das waren sicherlich nicht alle. Das ging über alle Grenzen! Selbst Gina Krog, die sonst immer so nachsichtig war, trug jetzt kein Bedenken, mitzuteilen, was sie schon vor zwei Tagen erfahren, aber niemand hatte sagen wollen: daß Thora Milla besucht habe und daß sie sich duzten! Es wurde still, grabesstill. Nach einer Weile war Nora verschwunden ... die Gesellschaft hatte sich aufgelöst. Thora suchte eine Erklärung abzugeben, aber niemand wollte sie anhören. Keine von den Mädchen hatte je einen Fuß in Milla Engels Zimmer gesetzt – aus dem einfachen Grunde, weil sie nie eingeladen waren ... Wie Thora sich und ihr Kopfkissen an diesem Abend auch drehen und wenden mochte, sie fand keinen Schlaf. Es wurmte und peinigte und schmerzte sie, daß sie mit keiner innig befreundet sein konnte, ohne sich mit den anderen zu verfeinden. Jetzt hielt die ganze Pension sie für ein treuloses Mädchen – der Gott da oben wußte, daß sie das nicht wahr! ... Vielleicht hatte sie sich mit einem unauslöschlichen Makel behaftet ... Sie empfand eine so schreckliche Unruhe; sie suchte sich an etwas Festes anzuklammern, aber immer entglitt es ihr wieder. Dann begann sie bitterlich zu weinen. Sie mochte beide, Milla wie Nora, gern leiden – jede in ihrer Weise; sie waren ja auch so verschiedene Naturen. Warum durfte sie das nicht, wenn es ihr Bedürfnis war? Was sollte sie beginnen? Sie wollte weder die eine noch die andere opfern ... Der nächste Tag war ein Sonntag; auch sie mußte zur Kirche gehen; aber es war ihr gar nicht möglich, auf andere zu warten, welche ebenfalls zur Kirche gingen ... Sie stahl sich fort und ging zu Milla. Auch Milla war zum Kirchengehen angekleidet; sie begegneten sich im Korridor. Aber als Thora sie dringend um eine Unterredung bat, sah sie sie überrascht an, nahm sie mit sich ins Zimmer und drehte den Schlüssel um. Jetzt begann Thora zu weinen und alles wahrheitsgetreu zu erzählen; sie verhehlte es nicht, daß und warum sie beide gern leiden möchte; sie fühle sich so unendlich verlassen, und Gott wisse, welche Folgen das für die Zukunft haben könnte. Nora habe eine solche Macht in der Pension und in der Schule. Während der Erzählung und in dem Augenblick, als Thora ein Weilchen innehielt, um zu weinen, hörte Milla jemand an der Tür ... Da klopfte es sogar. Sie öffnete so weit, daß sie gerade hinausschlüpfen konnte. Nach einer Weile kam sie wieder herein und erzählte, sie habe sich mit Anna Rogne verabredet, in die Kirche zu gehen; jetzt aber hätte sie sich mit Kopfweh entschuldigt; zwar hätte sie das am vorigen Sonntag auch getan, aber es ginge nicht anders, daran lasse sich nichts mehr ändern. Milla tat es sehr leid um Thora; sie war ihr aufrichtig zugetan; das zeigte sich jetzt klar. Sie gelobte, es nicht übelzunehmen, was Thora etwa ersinnen möchte, um mit Nora und ihren vielen Freundinnen wieder auf guten Fuß zu kommen. Milla war wirklich sehr lieb und nett. Thora konnte ihre Freundin wegen dieser Nachsicht nur noch eben umarmen und küssen: sie mußte fort, um sich in der Kirche zu zeigen. Aber durfte sie nicht am Nachmittage wiederkommen? Wie getröstet sie sich jetzt schon fühlte! Doch sie mußte sich noch weiter mit ihr besprechen, es war ihr so ängstlich zumute; alles müsse sie mit ihr überlegen. Milla bat sie, wiederzukommen, sobald sie frei sei. Gleich nach dem Kaffee war sie wieder da, und Milla flüsterte, nachdem sie abgeschlossen und während sie den Arm um ihren Nacken schlang – nun wolle sie ihr eine Freude bereiten; wenigstens glaube sie, daß es ihr Freude machen würde. Niemand, absolut niemand habe sie bisher gezeigt, was sie jetzt sehen solle. »Der Schrank dort –« »Der Schrank dort –?« »Ist früher mein Puppenschrank gewesen.« »Dein Puppenschrank!« »Aber alle wissen, daß er das jetzt nicht mehr ist,« fuhr Milla fort. Mit diesen Worten öffnete sie den Schrank – die großen Flügeltüren, die unteren sowohl wie die oberen, drehten sich zu gleicher Zeit, und die Mädchen blickten in die vielen Stockwerke eines Hauses, von denen das unterste eine vollständige, ungemein kokette Küche, sowie Speisezimmer und Waschstube, der oberste Stock einen großen und eleganten Salon mit den feinsten mit Seide bezogenen Möbeln, einen Tisch von Rosenholz, Kaminspiegel und Uhr enthielt ... Im dritten Stock befanden sich die Schlafgemächer mit den reizendsten Bettchen. Der vierte Stock war für die Garderobe bestimmt – eine großartige Puppengarderobe in Seide, Samt und Moiré antique in verschiedenen Farben; ein ganzes Lager von Stoffen, die noch nicht zugeschnitten waren, allerlei Reste, die offenbar jahrelang mit großem Fleiß gesammelt waren. Und welch ein Vorrat von Leinen und Strümpfen, Unterkleidern, Hüten, Mänteln, Gürteln und Schmucksachen! ... Thora schrie hell auf. Bald lag sie auf den Knien, bald richtete sie sich auf den Zehen hoch auf; aber noch hatte sie nicht das geringste mit einem Finger angerührt, sondern nur alles mit den Augen verschlungen. Mit einem Blick ließ sich das nicht übersehen, dazu war es zu viel, zu verschiedenartig, zu mannigfach, zu unerwartet; nicht einmal die Puppen hatte sie bis jetzt gezählt, – eins, zwei, drei, vier – fünf – sechs! sieben!! acht!!!– Leise hatte sie begonnen, aber bei jeder Nummer hob sie die Stimme, so daß Milla sich beeilte, ihr zu sagen: »Zwölf, zwölf! – Es sind zwölf!« »Zwölf! Ein ganzes Dutzend! Himmlischer Vater! Du hast also alle Puppen aufbewahrt, die du je bekommen? Nicht eine einzige verdorben und zerschlagen?« – O doch; aber nicht mehr von ihrem siebenten Jahr an. »Wart' mal!« Und mit einer Feierlichkeit, als fürchtete sie, sie könnten verschwinden, streckte Thora behutsam die Hand nach den Schätzen aus und nahm die allerreizendste Puppe, die große in der hellroten Seide, mit Schuhen und Hut von derselben Farbe, einem dunkelroten Sonnenschirm und einem im Gürtel steckenden Fächer und mit Unterkleidern, die, als wären sie für eine erwachsene Dame bestimmt, mit Spitzen und Stickereien gesäumt waren, während das Kleid eine Tasche mit Taschentuch hatte und an den Händen so elegante und ausgezeichnet passende französische Handschuhe steckten –; und dann noch eine reizende kleine Brosche in Form eines Vergißmeinnicht und Armband und Uhr in demselben Geschmack ... Sie war stumm vor Bewunderung, und während sie die Puppen drehte und wendete, den Schnitt des Kleides, die Zusammensetzung der Unterkleider musterte, sie bald weit von sich ab, bald nahe haltend – da klopfte es leise an die Tür. Es war jemand die Treppe herauf und durch den Korridor gekommen, ohne daß die aufgeregten Mädchen etwas gehört hatten. Sie fuhren erschreckt zusammen. Milla legte einen Finger an den Mund; nicht einen Laut! Sie wurde rot und dann plötzlich ganz bleich. Natürlich war's Anna. Aber Anna hatte niemals die Puppen gesehen, durfte sie nicht sehen. Sie würde so etwas gar nicht begreifen! Hier waren, erklärte sie später, sogar zwei Puppen in Trauer; aber Anna hatte Milla in der letzten Zeit so viel in Anspruch genommen, daß sie mehr als diese nicht hatte umkleiden können, – es wäre ihre Absicht gewesen, sie ihr alle in Trauer zu zeigen; das wäre sicherlich ganz reizend gewesen ... Da klopfte es zum zweitenmal, unsicher, matt ... Sie hielten den Atem an; Milla war ganz außer sich ... Dann hörten sie sich entfernende Schritte; und jetzt lauschten sie mit solcher Spannung, daß sie sogar die Schritte auf der Treppe vernahmen. Eine solche Unannehmlichkeit, es war zum Verzweifeln! Milla hatte doch die Anordnung getroffen, daß niemand als Thora vorgelassen würde! Aber das Mädchen, an welches sie diese Verfügung erlassen – ihr eigenes Kammermädchen – mußte nicht zugegen gewesen sein, obgleich sie gerade jetzt Dienst hatte. Was sollte Milla beginnen? Aber von diesen Betrachtungen ward sie durch einen Sturmwind abgelenkt. * Nora lag bei Tinka Hansen auf dem Bett. Es war eine kleine, blaugestrichene Wachstube in Schuhmacher Hansens neuem Hause am Markt. Außer dem Bett befanden sich darin ein braun angestrichener Bücherschrank, ein paar Stühle, eine große, für drei Personen bestimmte Waschtoilette, ein kurzes hohes Sofa, auf welchem jetzt Tinka saß und ihre Freundin betrachtete, während sie den rechten Arm auf den Tisch vor sich gestützt hatte. Schluchzend lag Nora auf dem Bett, und Tinka sah sich das gelassen an. Jetzt hatte auch Nora erfahren, wie einem die Treulosigkeit ans Herz greift; jetzt wußte sie, wie es wurmt und peinigt, einer anderen wegen verlassen zu werden. Aber es war mehr als dieses Verlassensein. Sie war abgesetzt worden, in den Staub getreten, vernichtet. Erst hatte Thora sie hoch erhoben; an ihr haftete ja kein Makel; jetzt hatte diese selbe Thora sie fallen gelassen, – der Milla Engel wegen! Oh, die Welt war eitel Lug und Trug! »Mein Gott, Tinka, warum magst du mich denn nicht leiden? Nu weißt nicht, wie unglücklich ich bin!« Aber Tinka bewahrte Schweigen. »Ohne dich kann ich nicht leben, Tinka; nein, nein, ich kann nicht! Seit heute morgen weiß ich, daß ich nur Fehler an mir habe. Es ist kein Halt in mir.« »Das ist's nicht,« tröstete Tinka. »Nein, es ist kein Halt in mir. O Gott, was soll ich beginnen? Kannst du mir denn gar nicht zureden?« Und sie brach in noch heftigeres Weinen aus. »Du willst bloß angebetet sein, Nora.« »Sage das nicht, Tinka.« »Ohne Anbetung fühlst du dich nicht glücklich ... und der Anbetung wird man endlich überdrüssig.« »Was soll ich machen, Tinka? Bei Gott, ich bin ihrer selbst überdrüssig. Das glaubst du nicht? Aber es ist wahr. Namentlich jetzt, seitdem auch Milla angebetet wird. Hu, so etwas ekelt einen an!« »Wohl nur deshalb, weil jetzt Milla an die Reihe gekommen ist.« »Nein, bei Gott, Tinka, nicht deshalb« – und sie richtete sich auf den Ellbogen auf. »Thora hat es zu arg gemacht, deshalb bin ich der Sache überdrüssig. Ja, das bin ich! Und bedenke, jetzt ist sie bei Milla!« Und sie warf sich wieder hin und weinte vor Gram und Beschämung. Plötzlich richtete sie sich auf: »Das ist ja widerwärtig; ich verachte mich selbst! Du weißt nicht, was für Gedanken mir seit heute morgen durch den Kopf gegangen sind! Hilf mir, Tinka! Du bist die einzige von allen, die aufrichtig gegen mich ist.« Tinka saß unbeweglich. Nora warf sich wieder hin, wandte sich ab und weinte. »Ich kann es nicht begreifen,« sprach endlich Tinka; »daß du, die so sehr schwärmt für – –« »Sprich das Wort nicht mehr aus, Tinka!« unterbrach sie Nora, mit der Hand eine abwehrende Bewegung machend; »es ist mir so zuwider, seitdem auch Milla es gebraucht; auch Milla schwärmt! Kannst du dir so etwas denken!« »Gut, ich will nicht mehr ›schwärmen‹ sagen – –« »Ich bitte dich darum –« »Sondern ›interessieren‹; also ich kann nicht begreifen, daß du dich so sehr für alles interessierst, was schön und groß ist, und daß du auch so mutig bist – denn das bist du doch ... Du würdest ja in den Tod gehen für das, was du für wahr und recht hältst ...« »Ja, das kann ich, Tinka! Ich glaube, das könnt' ich!« Sie richtete sich halb auf ... »Oh, wie wohl es tut, wieder so etwas zu hören – und nun aus deinem Munde; ich war wie zerschlagen!« »Ja, nun kommt es, was ich sagen wollte: Ist es nicht eine Schande, daß jemand, der gut ist, doch ein solcher Pfau sein kann!« ... »Pfau, Tinka?!« »Ja, Pfau ... Du siehst aus wie ein Pfau.« »Ich? Ich meine, du – –« »Ich hab' es nicht gesagt –« »Das konnt ich mir denken.« »Thora hat es gesagt ...« »Thora –? Oh, die Falsche!« »Aber Thora hat recht: du gleichst auf ein Haar einem Pfau, Nora ... Dein dünnes kleines Gesicht ... Und dann bist du so schmächtig ...« »Aber Tinka?!« »Ja, es ist die Wahrheit. Darüber sind wir Freundinnen alle einig. Wir andern sollten gleichsam die Augen auf deinem Pfauenschweif sein ... Ach, das wäre nett.« Nora warf sich hin, schluchzte und heulte und vergrub sich mit Kopf und Händen im Kissen. »Ja, natürlich hast du Thora beleidigt; du bist ja so launenhaft ...« »Ja, das bin ich,« tönte es aus dem Kissen hervor. »Gewiß bist du das. Das sagt Fredrik auch.« »Was sagt Fredrik?« Augenblicklich hob sie das rote Gesicht vom Kissen empor. Fredrik war eine Autorität. »Ich will's dir vorlesen,« antwortete die andere, öffnete das Pult und nahm einen mindestens fünf Bogen starken Brief hervor. »Hier steht's,« fuhr sie fort, indem sie die vierte Seite des vierten Bogens umwandte, mit derselben langsamen Sicherheit, mit der sie das Pult geöffnet, den Brief gesucht und das Pult wieder geschlossen hatte. Und sie las: »Du mußt nicht streng gegen sie sein. Denn wäre sie so von Natur, sie würde sich anders benehmen und es verstehen, ihre Anbeter festzuhalten. Jetzt ist sie bloß ein verwöhntes Kind, das nie etwas getan, ohne dafür gelobt zu werden; infolgedessen ist sie zugleich so launenhaft geworden, daß sie heut schon derjenigen, die sie gestern lobte, überdrüssig ist.« »Gott, wie wahr, Tinka!« »Aber vielleicht wird sie dieser Lobsprüche auch einmal überdrüssig. Denn sie verlangt ja nach etwas besserem; den Eindruck habe ich diesen Sommer erhalten. Du, Tinka, mußt ihr dabei helfen – –« »Ja, tu das!« Nora hatte sich erhoben und saß jetzt auf der Bettkante; sie hatte ihre Hände gefaltet und sah Tinka an. »Du wirst immer mit mir zusammen sein, Tinka! Ich bin nicht mit mir zufrieden, wenn du es nicht bist, Tinka! ... Nie, nie, nie werd' ich wieder so sein! Wenn du auch nur eine Spur solcher Anzeichen an mir bemerkst, so nimm mich sogleich vor! Du weißt ja, ich möchte so gern besser werden ... Ich möchte so gern gut und vortrefflich werden – ja, lache nur! Im Grunde ist es mir gar nicht darum zu tun, den anderen etwas vorzusingen und Komödie vorzuspielen und gerühmt und gepriesen zu werden. Aber das ist so gekommen: ich verstehe es nicht! ... Ich habe keine Lust; ich möchte etwas Besonderes können, bei etwas Besonderem beteiligt sein! Ja, dazu hab' ich Lust! Manchmal ist es mir, als müßt ich in den Krieg ziehen; oder mit den Nihilisten in Rußland sterben ... Oder in der Welt umherreisen und öffentlich reden, um ausgezischt und verhöhnt zu werden. Ja, das könnt ich ... Ich weiß selbst nicht, für welche Sache; aber dazu hätt' ich Lust ... Ich sage das nicht aus Prahlerei, Tinka; ich sag's nur, weil ich es so fühle, – bei Gott, so fühle ich's! ... Vielleicht ist es nur ein unbestimmtes Sehnen – ich weiß es selbst nicht; aber mich erfüllt eine so große, unnennbare Sehnsucht!« Sie hatte sich erhoben; unter Tränen funkelten ihre Augen; das Haar hatte sich aufgelöst; und als die Tränen hervorbrachen, breitete sie die langen Arme aus – jetzt warf sie sich wieder hin. Tinka vermochte all den guten Erinnerungen, die Nora in ihr hervorgerufen, nicht zu widerstehen. In all ihrer Fülle und Breite kam sie zu ihr und legte sich über sie. Und dann saßen sie eine Weile zusammen unter jenem traulichen leisen Geplauder, wie es dem Glück der Versöhnung eigen ist. Tinka vergaß nicht, was sie in diesen Tagen ihrem Gedächtnisse eingeprägt hatte und das für Nora bestimmt war; allein es hatte nichts Verletzendes mehr. Noras freimütige Antworten machten es fast langweilig. Schließlich mußte sie über das, was ihr noch soeben außerordentlich ernst und bedenklich geschienen, geradezu lachen. Mitten in diesem versöhnlichen Geplauder stürmte jemand die Treppe herauf. Die erste Treppe ging's Schlag auf Schlag, wie Trommelstöcke; dann die zweite, jetzt die dritte und dann durch den dunklen Gang mit demselben rasenden Ungestüm ... Das war jemand, der nur zuweilen kam ... doch wohl nicht ...? Da oben unter dem Dache war die Tür nicht verriegelt, da oben wurde nicht geklopft. Da riß man die Tür so ohne weiteres auf – ja, es war Thora ... Thora in eigener Person! Dies Erstaunen, dies Beleidigttun, diese Würde der beiden Mädchen! ... An einem Fürstenhof hätte man das nicht besser machen können. Tinkas vollständige Unwissenheit darüber, daß es auf der Welt ein Wesen namens Thora Holm geben konnte, und Noras vornehmes, unnahbares und wortloses »Rührmichnichtan« – ausgezeichnet! Niemals ist eine vorzügliche Darstellung jämmerlicher zuschanden geworden. Thora war eitel Freude und Siegesjubel. Sie erzählte von zwölf Puppen, von denen mehrere größer als gewöhnliche Kinder; und von einem halben Hundert – ja soviel waren's mindestens – Puppenkleidern in allen Sorten, von Moiré antique , Seide und Samt bis herab zu den Morgenröcken. Von Hemden mit Stickereien und Beinkleidern, seidenen Strümpfen und Handschuhen, Regenschirmen, Sonnenschirmen usw. usw.; von Betten mit Vorhängen, Waschtoiletten mit allen möglichen Zutaten; von allem, von der Küche bis zum Salon und der Saloneinrichtung, von einem großartigen Plan, wie alle diese Puppen zu Königs Geburtstag auf den Hofball sollten, von Milla, die hunderttausendmal besser war als sie ahnten, und die nichts dagegen hatte, nein, es sogar wünschte, daß sie beide zu ihr kommen und die Herrlichkeit betrachten und dem Hofball beiwohnen möchten ... natürlich in allertiefstem Schweigen. Ja, das war wahr! »bei Gott« wahr! Und dann erzählte sie, wie das zugegangen; von Millas Zimmern und ihrer Ausstattung, und daß Thora dort viele Male gewesen, ohne eine Andeutung über die Puppen zu erhalten, aber heut hatte sie ihr rein aus Herzensgute, um sie zu trösten, die Herrlichkeit gezeigt, jetzt wollte sie sie auch den anderen zeigen, wenn es dann nur wieder gut und schön und alle vier dann wieder liebe Freundinnen werden könnten! Dieser Vorschlag war von Thora ausgegangen. Milla war erst ängstlich geworden; aber dann war sie auf den Plan eingegangen, und schließlich hatte sie ihn »ganz herrlich« gefunden. Milla war gut – und das mußten ja auch sie sein! Keine Bedenken – sie mußten ! Wozu zwei Parteien? Im Grunde hatten sie einander nicht das mindeste getan; nicht das allermindeste! »Brechen wir sofort auf; unterwegs können wir dann weiter darüber reden!« Die beiden sahen sich an – aber Thora ließ ihnen keine Zeit. »Wir müssen zu Hause sagen, daß wir dort bis zum Abend bleiben; denn das ist unsere Absicht! Es geht wohl nicht an, eine solche Einladung abzulehnen? Eine förmliche Einladung von Engels!?« Thora war wie der Sturmwind; sogar körperlich riß sie die beiden anderen mit sich fort. Und während des Sturmes war Feuer in ihre Augen und gleichsam in ihre Bewegungen gekommen; sie sprühte und funkelte förmlich, Und die anderen steckte sie mit ihrem Ungestüm an. – – Nicht lange nachher standen sie alle vier vor dem Schrank. Die Einleitung, die anfängliche Verlegenheit, die Entschuldigungen, die Gegenentschuldigungen nahmen kaum einige Minuten in Anspruch. Thora faßte Milla und schob sie sanft vor den Schrank. »Schließ auf! Schließ auf! Reden können wir später! Schließ auf!« Milla selbst fühlte, daß hier handeln besser war als reden, und öffnete. Noras und Tinkas Ausrufe der Verzückung waren ihr ein voller Lohn! Sie war sich bewußt, es lag eine Summe von Fleiß, Ordnung und Schönheitssinn in dieser kleinen Sammlung, und das machte sie ihr lieb und wert. Es war ihr Schatz; wenige hatten ihn bisher gesehen; ja, in den letzten Jahren nicht ein einziges fremdes Auge; es umschwebte ihn also ein ganz eigener geheimnisvoller Reiz. Der mußte genossen werden, wenn er den überraschten Augen anderer enthüllt wurde – und jetzt wurde er genossen! Eine jede fand etwas, das sie besonders entzückte. Tinka erblickte in den Puppen ebenso viele kleine Kinder; und sie redete die Kindersprache mit ihnen. Sie begann eine davon auszukleiden, um das Vergnügen zu haben, sie wieder anzukleiden. Thora jubelte über die Stoffe, befühlte sie, hielt sie gegen das Licht, verglich sie miteinander. Namentlich ein Stück Brokat, das sie erst jetzt bemerkte (Milla suchte es ihr hervor), versetzte sie geradezu in Verzückung; und da machte sie Plan auf Plan und redete unablässig. Nora betrachtete den Schrank als eine Kunstsammlung. Milla stand in einer ganz neuen Gestalt vor ihr; man fühlte förmlich, was jetzt Nora von ihr dachte – auch an Millas leichtem Erröten. Den ganzen Abend behandelten sie einander mit einer Auszeichnung, welche die anderen ganz natürlich fanden. Bald saßen sie alle mit den Puppen zwischen sich um den Tisch. Die Stoffe und all die Garderobe, welche man für den großen Zweck – den Hofball – geeignet hielt, lagen auf dem Tische ausgebreitet, und acht Augen und vierzig Finger waren unablässig beschäftigt. Man konnte nicht einig werden. Thora bestand auf einen Kostümball, und ihre stürmische Rede erfüllte das Zimmer mit Bildern und bunten Farben; es wimmelte förmlich von Edelfräulein aus der Ritterzeit und von Rokokodamen mit Bändern, Federn und Hüten. Milla war für die Gegenwart; sie hielt sich an das Modenjournal; namentlich einige ganz neue Moden entzückten sie. Nora war bald auf Millas, bald auf Thoras Seite, je nachdem irgend etwas Besonderes ihre Phantasie anregte. Tinka opponierte gegen die Idee selbst. Jede mochte ihre Puppen schmücken, wie es ihr gerade paßte. Das empörte Nora und Thora; das ganze mußte doch Stil haben! Milla behandelte den Vorschlag mit mehr Rücksicht, war aber ebenfalls dagegen. Nora wurde bald etwas ungeduldig, und infolge eines Kunstgriffs, den nur Mädchen verstehen, verwandelte sich dann die ganze Debatte in ein Gespräch – über Thomas Rendalen und Karl Wangen! Nicht zwischen Tinka und den anderen, sondern zwischen Thora einerseits und Nora und Tinka andererseits. Thoras Nervosität hielt gegen diejenige Rendalens nicht stand. Entweder war's ihre Nervosität oder ihre Oppositionslust – anders konnte es nicht erklärt werden, daß sie vom ersten Tage an sich mit Rendalen nicht hatte stellen können. Ein gewagter Vergleich zwischen rotgeflecktem Stoff und Rendalens Händen hatte den Streit entfacht. Nora nämlich antwortete sofort, daß er lebhafte, ja geradezu redende Hände habe; Wangens Hände dagegen seien »dumm und lang, oben so breit wie unten!« Wenn es in einer Mädchenschule zwei Lehrer gibt, so können die Schülerinnen sie nicht leicht beide loben, der eine muß getadelt werden, wenn der andere gerühmt wird. Und in dieser Schule war es der wohlanständige Karl Wangen, der es in der Regel entgelten mußte, wenn die Mädchen den Drang fühlten, sich für den »geistvollen« Rendalen zu begeistern. Aber hier war Thora entgegengesetzter Ansicht. Von dem Augenblick an, da Karl Wangen ihre Hand in die seine genommen zu einem warmen Willkommen und sie zugleich mit seinen guten Augen so freundlich angesehen, ja sogar noch an dem Morgen bei der Andacht gewissermaßen diese Begegnung zum Text seiner Ansprache gewählt – seit diesem Augenblick war sie für ihn eingenommen, und zwar um so mehr, je linkischer und gutmütiger er war; sie schlug sich förmlich für ihn, so daß die anderen sie ärgern mußten . Diesmal begann es mit einem kleinen Scharmützel. Sie drangen mit Karl Wangens »gelehrtem leerem« Kopf, seinem langen Mund, seinen langen Fingern, seinen langen Beinen auf sie ein. Da kam sie mit Thomas Rendalens rotem Haar, seiner frauenhaften Empfindlichkeit, seinem parfümierten Taschentuch. Aber dann kam schwereres Geschütz. Thora führte Beispiele an von Rendalens unbändiger Hitze und Heftigkeit – und wie er sich dann irren konnte; Beispiele seiner oft wechselnden Stimmung. Manchmal lief er ganze Viertelstunden in der Klasse auf und ab, ohne etwas zu sagen, zu hören und zu sehen. Dann war er wieder eitel Leben und Lebhaftigkeit, geradezu übermütig lustig. Die anderen fanden diese Ausstellungen ungerecht, weil, wenn man sie einzeln für sich nahm, man eine falsche Vorstellung von Thomas Rendalen bekomme, der doch jedenfalls der gescheiteste und feinste Lehrer war, den es gab. Tinka besaß ein nicht geringes Nachahmungstalent und nicht die mindeste Anlage zur Frömmigkeit, so daß Karl Wangen ihr leicht etwas komisch vorkam; und jetzt begann sie nach seiner Art zu predigen – mit starren, zum Himmel gerichteten Blicken. Nora konnte sich vor Lachen nicht halten, und Thora weinte. Auch Milla hatte sich eines Lächelns nicht erwehren können. Jetzt aber nahm sie für Karl Wangen Partei. Sie bemerkte ruhig, sie fände ihn sehr fein. Über Thomas äußerte sie sich nicht. Da Milla die Wirtin war und Nora und Tinka sich zum erstenmal bei ihr befanden, widersprachen sie nicht; jetzt sang sie erst recht ein Loblied auf Karl Wangen. Um nicht antworten zu müssen und um zugleich anzudeuten, jetzt dürfte es wohl genug sein, stand Nora auf und sah sinnend zum Fenster hinaus. »Mein Gott, da geht ja Anna Rogne!« rief sie. »Ist sie hier gewesen?« fragte Milla, stand ganz bleich auf und trat ans Fenster, »Gewiß!« Sie sahen Anna von dannen eilen, sie mußte in heftiger Aufregung sein. Milla stürmte mit all der Schnelligkeit, welche die Wohlanständigkeit gestattet, zur Tür hinaus und die Treppe hinunter. Es währte eine Weile, ehe sie zurückkam. Da war sie still und sehr erregt. Anna war oben, ja sogar vor der Tür gewesen! Allgemeine Verwunderung. Dann erzählte Milla, was an demselben Vormittag geschehen und wie unschuldig sie im Grunde daran sei. Thora nahm dies sofort auf sich und fühlte sich schrecklich unglücklich. »Nein, ich allein trage die Schuld,« meinte Milla. Was sollte sie anfangen? Sie hatte den Wagen anspannen lassen. Niemand antwortete; aber unwillkürlich blickte sie auf Tinka. »Ja,« meinte Tinka, »wir wollen alle miteinander Anna abholen und ihr erklären, wie es zugegangen.« Nora und Thora waren sofort einverstanden. Das war das einzig richtige! Auch Milla gab zu, daß dies das beste wäre. Aber niemals hatte sie gegen Anna ein Wort über die Puppen fallen lassen; so etwas mochte Anna nicht leiden. Und jetzt konnte diese Puppengeschichte Anna, ohne sie zu verletzen, nicht gut auseinandergesetzt werden. Nora und Thora sahen das ein; das ging nicht. Tinka war anderer Ansicht. Sie wollte es gern übernehmen; sie allein. Nein, sollte es überhaupt geschehen, so mußte Milla selbst die Erklärung abgeben. Das brachte Milla auf den Gedanken, ihr zu schreiben! Sie sagte einfach, die anderen hätten sie besucht; ob sie nicht ebenfalls kommen wolle, dann schickte sie den Wagen. Ja, meinten die anderen, so könne es gemacht werden. »Fahre selbst zu ihr,« sagte Tinka. »Nein, unhöflich bin ich nicht gegen meine Gäste,« lachte Milla und setzte sich, um zu schreiben. Die anderen waren still geworden. Aber da rief Nora plötzlich aus: »Tinka hat ganz recht: fahre selbst zu ihr! Wir können ja solange hinausgehen.« »Nein,« antwortete Milla, den Kopf vom Briefe aufrichtend, »Anna braucht ja gar nicht zu wissen, daß wir sie gesehen haben. Da ist es ja das Natürlichste von der Welt, daß ich ihr die Mitteilung mache, ihr wäret zu mir gekommen.« Das fanden die anderen ausgezeichnet. Sie machte den Brief fertig und eilte hinunter. Als sie wieder eintrat, hörte sie den Wagen zu dem Tor neben dem Hause hinausfahren. Milla lächelte: Ich habe ihr geschrieben, ein andermal würde ich ihr erklären, weshalb ihr gekommen wäret. Dann bat ich Hans, sich zu beeilen und einen kleinen Umweg zu machen, um mit Anna nicht zusammenzutreffen; vielleicht ist der Wagen eher da als sie selbst.« Sie war offenbar sehr mit sich zufrieden, daß sie einer so verwickelten Situation gewachsen war. Nun wurden die Verhandlungen über das Puppenfest wieder aufgenommen; aber die Puppen und ihre Toiletten mußten wieder in den Schrank, ehe der Wagen mit Anna zurückkehrte. Plötzlich rief Nora aus: »Wenn wir Anna nichts von den Puppen sagen sollen, warum in aller Welt konnten wir da nicht alle zusammen fahren?« Eine Weile sahen sie sich verwundert an ... Das war ja wahr! Sie brachen in helles Lachen aus ... Wie waren sie denn auf den verrückten Gedanken gekommen, daß ihr Puppengeheimnis verraten wurde, wenn sie alle miteinander sich entfernten! Sie versuchten sich wieder an den Gang des Gesprächs zu erinnern, was jedoch nicht leicht gelang. Dann wurden sie einig darüber, daß dies jedenfalls der Beweis eines bösen Gewissens sei. Tinka machte den Vorschlag, beizeiten die Puppen, die Garderobe und die Stoffe unter Millas Aufsicht wieder in den Schrank zu legen, aber Milla erbot sich, später das alles selbst zu tun. Dagegen opponierten die anderen, das Ordnen der Puppen und der Garderobe war außerordentlich amüsant. Und so begaben sie sich an die Arbeit. Der Wagen kehrte ohne Anna zurück; sie hatte Kopfweh. Thora sah Milla, Milla sah Thora an: das war die Vergeltung für den früheren Besuch. Eine Weile waren sie alle verstimmt, aber da sie bedachten, daß sie ja jetzt wieder die Puppen vornehmen konnten, ließen die drei Gäste sich bald trösten. Sobald sie wieder an ihrer Arbeit waren, fiel das Gespräch natürlich auf Anna. Keine von den dreien mochte sie leiden. Sie fanden sie gekünstelt, »prétencieuse «, wie Thora mit spitzer französischer Aussprache sich ausdrückte. Anna wollte immer etwas Besonderes sein, alles, was sie sagte und tat, sollte das Richtige sein. Aber alle waren darüber einig, daß sie einen guten Stil schrieb. Dann fielen sie spöttisch über ihre religiöse Schwärmerei her. Über das erstere hatte Milla sich nicht geäußert, bei diesem Punkte begnügte sie sich mit der Bemerkung, daß sie vielleicht etwas zuviel Schwärmerei besitze. Nora war die erste, welche den Tisch verließ, sie konnte es nicht länger aushalten, sie mußte Musik haben. Man probierte den Erard; man befürchtete, er möchte nicht richtig gestimmt sein. Diese Befürchtung erwies sich als begründet. Und doch welche Schönheit! Nora sang, während die andern mit den Puppen beschäftigt waren. Dann verlangten sie, daß auch Tinka singe, aber Tinka wollte ihre blaue Puppe nicht verlassen. Schließlich wurde sie auch von Milla gebeten. Als sie ein paar Nummern gesungen hatten, wurde geklopft. Millas Stubenmädchen meldete, der Herr Konsul sei gekommen. Große Überraschung; man hatte ihn nicht erwartet. Milla eilte hinunter. Die anderen kamen überein, daß sie jetzt gehen müßten; es würde zu genant sein, zusammen mit dem Konsul zu Abend zu essen. Diese Ansicht wurde namentlich von Thora eifrig vertreten; ihre Manschetten waren in etwas zweifelhaftem Zustand. Ob es wohl anging, Milla zu bitten, ihr ein Paar zu leihen? Während dieser Verhandlung ging die Tür auf und Milla eilte viel schneller herein, als es jemand für möglich gehalten hätte. »Papa kommt!« flüsterte sie, und stürmte zum Tische. Alle ihr nach; von dort zum Schrank, vom Schrank zum Tisch ... Aneinanderprallen von Stirn und Schultern; gedämpftes Aufschreien, Lachen und Schelten, namentlich wenn auf die Zehen getreten wurde ... Alles war vom Tisch abgeräumt und eingeschlossen, als der Konsul klopfte. Nora hatte Tinka gestoßen, daß sie auf das Sofa gefallen war; sie selbst saß jetzt mit würdevollem Ernst auf einem Stuhl; Milla und Thora standen am Schrank. Der Konsul trat ein, elegant, lächelnd, wie immer; er sah, daß die vier puterrot waren vor verhaltenem Lachen, oder was es sein mochte, in verlegener, gemachter Haltung. Was zum Geier geht hier vor? dachte er und trat zu Nora, der Amtmannstochter, grüßte artig und fragte nach ihren Eltern. Dann zu den beiden andern, welche Milla vorstellte; hierauf kehrte er zu Nora zurück und fragte heiter, ob er das Vergnügen haben könne, das Fräulein zu Tisch zu führen. Er komme vom Dampfschiff und sei so ausgehungert, wie man es nach einer Seereise nur sein könne. Sie reichte ihm den Arm; aber er wünschte, daß die anderen Damen vorangingen, und dagegen sträubten diese sich ein wenig; es sah aus, als wartete die eine auf die andere. Tinka konnte schließlich nicht begreifen, warum Thora sich nicht rührte, und da der Konsul sich wiederholt zu ihr wandte, ging sie voran, obgleich es ihr unangenehm war. Warum half Milla ihr nicht aus der Verlegenheit? Auch sie nämlich stand da wie angewurzelt. Der Konsul gab seiner Tochter einen leichten Stoß: »Avancez, mes demoiselles!« Tinka tat einige Schritte, und siehe da, der untere Teil einer Puppe wurde sichtbar! Thora suchte sie zu verdecken; aber der Konsul hatte sie schon bemerkt und mit den Worten: »Um Verzeihung, Fräulein!« sich gebückt und sie aufgehoben. Zuerst lief Thora davon, dann Tinka und Milla und endlich riß sich auch Nora los und lief hinaus; der Konsul mit der Puppe ihnen nach. »Was ist das? Was in aller Welt ist das?« Alle stürzten zum Speisezimmer hinein und standen da wie in einem Knäuel und krümmten sich vor Lachen, als der Konsul mit der wie eine Flagge hochgehaltenen Puppe hereinkam. Es war die blaue Puppe, welche Tinka zum drittenmal ausgekleidet hatte und zu Bett legen wollte, als der Konsul hereinkam und alles im Nu fortgeräumt wurde. Sie mußte boshafterweise auf die Erde geglitten sein, als der Schrank geschlossen wurde. Milla und Thora hatten sie zugleich entdeckt und sich gleichzeitig darüber gestellt. Der Konsul ging mit der Puppe zu Tisch. Erst hatte er sie im Arm; dann legte er sie auf seine Serviette, und nachdem er sie ein paarmal gewiegt, legte er sie, mit einer Teetasse unter dem Kopf, auf den Tisch. Da wurde sie von Milla fortgerissen. »Habt ihr wirklich mit Puppen gespielt?« Gott behüte! Sie waren zusammengekommen, um die Weihnachtsgeschenke zurechtzumachen. »Warum denn einen so unschuldigen Gegenstand verstecken?« fragte der Konsul. »Natürlich weil die Puppe nicht angekleidet war,« gab die Tochter zur Antwort. Man hörte es ihr an, daß sie in solchen Gefechten geübt war. Dann kam ihr Nora zu Hilfe; auch sie hatte Übung in solchen Dingen, denn sie hatte ebenfalls einen Vater, der junge Mädchen gern neckte. Die beiden anderen kamen gleichsam ein wenig aus der Unterhaltung hinaus. Aber dafür waren des Konsuls Augen fast die ganze Zeit auf sie gerichtet. Tinka konnte es sehr wohl begreifen, daß Thora seine Aufmerksamkeit erregen mußte. Aber sie selbst? Allmählich wurde sie unruhig. Sollte ihr irgendwo am Arm die Naht geplatzt sein? Das passierte ihr bisweilen. Sie sah nach, so gut es gehen wollte, vermochte aber nichts zu entdecken. Sie hatte ein Gefühl, als säße sie unangekleidet da am Tische. Der Konsul war in sehr muntrer Stimmung. Plötzlich richtete seine ganze Aufmerksamkeit sich auf Thora. Man hatte noch nicht lange bei Tische gesessen, und doch war Thora schon fertig! Die unglückseligen Manschetten peinigten nämlich Thora über alle Maßen, und da sah der Konsul sie noch obendrein an; zwar den Fettflecken konnte er nicht sehen; denn es war ihr geglückt, ihn Milla zuzukehren. Aber er sah doch nicht ihr Gesicht an, er blickte tiefer hinab. Da legte sie Messer und Gabel hin und wischte sich unter dem Tisch die Hände ab. »Liebes Fräulein Holm, Sie essen ja gar nicht! ... Ist Ihnen nicht wohl? ... Was fehlt Ihnen? Oder haben Sie irgendeinen Wunsch? Sagen Sie es nur! ... Milla, reiche Fräulein Holm noch eine Tasse Tee, – ja? ... Keinen Tee? ... Ein Glas Wein? Sehr wohl! ... Ein Glas Wein! ... Prosit, Fräulein! ... Aber Sie trinken ja gar nicht! ... Ziehen Sie Madeira vor? ... Aber, liebes Fräulein, darum werden Sie so rot? ... Kopfweh? ... Oh, oh! ... Vielleicht möchten Sie –? ... Soll Milla Ihnen helfen? ... Auch nicht? ... So sagen Sie doch, was Ihnen fehlt, liebes Fräulein – – – Haben Sie oft Kopfweh, Fräulein Holm? ... Nicht? ... Ich kannte einmal ein junges Mädchen, das bekam schon Kopfweh, wenn die Manschetten widerspenstig waren.« Thora hatte ein Gefühl der Ohnmacht, das sie schon bei viel unbedeutenderen Anlässen beschlich, und dann drängten sich jedesmal die Tränen hervor; sie mußte den Tisch verlassen und hinaufeilen. In demselben Augenblick stand Milla auf, und zwar mit einer Würde, die von ihren Freundinnen geradezu bewundert wurde; sie folgte Thora ... Als die anderen ebenfalls hinaufkamen, war Thora fort. Milla war ganz bleich, ließ sich aber mit keinem Wort über das Vorgefallene aus; auch Nora und Tinka entfernten sich; Milla ließ es geschehen. Sie küßte sie und bat sie, bald wiederzukommen; unten im Hausflur wiederholte sie diese Bitte. Erst als sie wieder im Zimmer war und die Tür verschlossen, brach sie in heftiges Weinen aus. So etwas wäre nie und nimmer geschehen, wenn ihre selige Mutter mit am Tisch gesessen hätte; sie selbst füllte ihren Platz noch nicht aus: ja sie hatte er ebenfalls gekränkt. Ihre Mutter hatte sie allzu früh verlassen. O Mutter, Mutter! Da klopfte es. Sie fragte, wer es sei. Ihr Vater. Da mußte sie selbstverständlich öffnen; aber sie kehrte zum Sofa zurück und warf sich weinend in die äußerste Ecke. Still nahm er Platz, und nach einer Weile sagte er, vorsichtig, fast flüsternd: »Höre, Milla, es tut mir leid, daß es so gekommen ist... Ich begreife es nicht. Aber es ist ärgerlich – natürlich zunächst deinetwegen. Ich konnte ja nicht wissen, daß sie es sich so zu Herzen nehmen würde. Es freut mich so, daß deine Freundinnen, und namentlich diese jungen Mädchen dich besuchen; indes – – vielleicht war es dieses Gefühl, das mich dazu veranlaßte ... bist du auch vorsichtig genug in der Wahl aller deiner Freundinnen gewesen, Milla?« »Was meinst du damit?« »Nichts Bestimmtes ... Liebes Kind, nimm es doch nicht so heftig! Du verstehst mich nicht! Ein Mädchen, das eine so unsichere Haltung hat ... Das man so leicht verlegen machen kann ... Es könnte einmal ein Tag kommen, wo du ihren Umgang bereust.« Kreidebleich stand Milla auf; sie hatte ein Gefühl, als hätte er von ihr selbst gesprochen. Aber sie sagte kein Wort. Sie brach in heftiges Weinen aus, begab sich in ihr Schlafzimmer und schloß die Tür hinter sich ab ... Kaum begann am folgenden Tage die erste Pause, da nahm Milla ihre Freundin Thora unter den Arm; und das wiederholte sich in allen folgenden Pausen. Sie befanden sich beide in ausgezeichneter Stimmung. Nora und Tinka bewunderten Milla geradezu wegen dieser Haltung. Sie hatten nicht gedacht, daß sie so viel Herz und Mut hatte – und mehr als alles andere bildete diese kleine Begebenheit die Grundlage ihrer Freundschaft. 15. Der Verein. Man merkte bald, daß die beiden obersten Klassen unter einem gemeinsamen Einfluß standen. Thomas frappierte die Veränderung derart, daß er schließlich nach der Ursache fragte, und da wurde sie ihm mitgeteilt. Darüber amüsierte er sich über alle Maßen, gab den vier jungen Damen ihren berühmten Namen und machte ihnen zugleich den Vorschlag, einen Verein zu bilden. Allerdings hatten sie bei seiner Mutter einen Versammlungsabend; den konnten sie ja auch fernerhin beibehalten; aber besser war es doch, daß sie die Sache selbst in die Hand nahmen und bestimmten, was ihnen vorgelesen oder vorgetragen werden sollte, und über was sie debattieren wollten. Namentlich der letztere Punkt war von Wichtigkeit. Junge Mädchen hätten so viele »Nippessachen« im Kopf, daß sie sich früh daran gewöhnen müßten, einen Gedanken auszudenken, für irgend etwas Besonderes Interesse zu hegen. Ein Verein! Die oberste Klasse sollte einen Verein gründen! Freundinnen aus der Stadt konnten aufgenommen werden; auch ältere Schülerinnen aus der nächstobersten Klasse; und in dem Verein können sie frei über alles reden, einladen, wen sie wollen, ja sogar Vorlesungen halten und Musik machen ... Sie selbst haben alles zu bestimmen – sie und niemand anders. Sie können Gesetze erlassen, einen Präsidenten – das heißt eine Präsidentin und einen Sekretär wählen und Strafen dekretieren! ... Welche Phantasien regte das an – nicht bloß in den obersten Klassen, sondern in allen bis herab zu derjenigen, wo die kleinen Kinder saßen und buchstabieren lernten und Verslein sangen vom Miezekätzchen ... Welch ein Leben gab das auf und unter den Tischen, welch ein Flüstern und Zischeln und Debattieren während und außerhalb der Unterrichtsstunden! Wenn von einer Schule eine Frage aufgegriffen wird, von welcher in den Unterrichtsstunden nicht laut geredet werden darf, so ist es für die Lehrer zum Verzweifeln. Niemand lernt, niemand hört, niemand ist ruhig. Will man sich über die heimliche Bewegung in der Schule wirklich amüsieren, so darf man nicht vorausgehen, sondern man muß hinten nachfolgen, wo man die Zöpfe im Auge hat. Man sollte meinen, sie hätten ein selbständiges Leben bekommen. Sie hüpfen, tanzen, verschlingen und lösen sich; und der Farbenunterschied wirkt mit seiner außerordentlichen Unruhe geradezu komisch. All die brandroten, braunroten gegen die dunklen, welche wasserfarbig aussehen oder goldig glänzen; gegen die, welche außen schwarz und innen braun oder ganz bläulich-rabenschwarz sind. Und die Zöpfe sind so eifrig und beweglich, als plauderten sie miteinander, als machten sie Kunststücke und Sprünge miteinander; das Leben auf dem Rücken ist ein treuer Reflex des wirklichen Lebens. In der ersten, d. h. der konstituierenden Versammlung des Vereins wurde Nora zur Präsidentin gewählt. Tinka war so sehr gewohnt, daß alle Arbeit ihr aufgebürdet wurde, daß sie zum voraus wußte, sie werde zum Sekretär ernannt werden, und das wurde sie denn auch einstimmig. Das hatte den Vorteil, meinte Nora, daß sie das Verhandlungsprotokoll für ihren Fredrik abschreiben könne. Der erste Paragraph des Statuts bestimmte, daß für die Verhandlungen die Öffentlichkeit ausgeschlossen wurde; aber Tinka war ja verlobt. Die erste Bestimmung war allerdings, daß alles geheim bleiben sollte. Im übrigen wurden keine Statuten festgesetzt. Aber Fredrik verlangte von Christiania aus auf das bestimmteste ein Vereinsgesetz. Er schickte einen Entwurf ein mit Strafen für das Ausbleiben, Strafen für Widerspenstigkeit, Strafen für Ruhestörung und Stimmenthaltung. Aber die Mädchen nahmen die Sache praktischer als ihr »Dorsch«, wie Tinka ihn bei dieser Gelegenheit titulierte; in aller Stille arbeiteten Nora und sie einen Gesetzentwurf aus, und darüber wurde in der nächsten Versammlung unter großer Fröhlichkeit debattiert; für Gesetze schienen sie keinen Sinn zu haben. In der Stadt nahm man den Verein von der heitern Seite; es gab auch Leute, welche die Sache unpassend, ja sogar gefährlich fanden. Aber da um dieselbe Zeit eine reisende Schauspielergesellschaft die Stadt besuchte und ihren vornehmsten Spielabend am Vereinstag hatte, ohne daß dessen Mitglieder, bis auf wenige Ausnahmen, sich bewegen ließen, den Verein zu opfern, wurde dies als eine Generalprobe des Vereins betrachtet. Man hielt es nicht der Mühe wert, es zur Hauptvorstellung kommen zu lassen. Bald stellte sich ein gefährlicher Mangel an Vereinsgesetzen heraus. Jedes Mitglied konnte anonym der Präsidentin Vorschläge für die Verhandlungen einsenden; dann stimmte man darüber ab, ob diese Vorschläge auf die Tagesordnung gesetzt werden sollten. So ward einmal anonym ein Antrag gestellt, über die Unsterblichkeit zu verhandeln; die Abstimmung ergab eine einzige Stimme für den Antrag; die Antragstellerin war selbstverständlich nicht Mitglied des Vereins. Ein anderer Antrag lautete: »Unter welchen Bedingungen soll es den Männern gestattet sein, Schnurrbärte zu tragen?« – und diese Anfrage war von derselben Hand geschrieben. Jetzt wurde der Vorschlag gemacht, alle Anträge unberücksichtigt zu lassen, welche nicht während der Versammlung auf den Tisch des Sekretärs gelegt wurden. Man wendete ein, daß dann nicht mehr die Anträge anonym gestellt werden könnten; aber man verließ sich auf die eigene Geschicklichkeit, und der Antrag wurde angenommen. Obgleich die Öffentlichkeit für die Verhandlungen vollständig ausgeschlossen war, behauptete man doch in der Stadt, daß eine junge Dame in einem Antrage es schrecklich, über alle Maßen erbärmlich von den Männern gefunden habe, daß sie ihr Keuschheitsgelübde nicht ebensogut halten könnten, wie die Frauen. Bei dieser Gelegenheit machte der französische Dösen sein berühmtes Epigramm: » Thora, Nora, ora pro nobis! « Im übrigen konnte man niemals herausbekommen, was die Mädchen verhandelten. Sie waren übereingekommen zu tun, als ob alles, was über sie verbreitet wurde, wahr sei; eine schelmische Freimaurerei leistete diesem Entschluß Vorschub. Derjenige, welcher die jungen Damen am schlimmsten hänselte, war der Konsul Engel. Er war sofort mit dem Generalstab wieder versöhnt, da er durch seine Tochter sich hatte entschuldigen lassen. Außerdem ließ er Thora ein japanisches Kästchen mit einer Anzahl kleiner Kästchen, in deren Innern eine reizende Nadel lag, verehren. Und um alles vollständig wieder gut zu machen, veranstaltete er ein Versöhnungsfest, wozu Milla mehrere ihrer Freundinnen einladen mußte. Bei Tische überraschte er die jungen Damen dadurch, daß er ihnen feierlich eine prachtvolle Puppe überreichte. Tinka hatte ihr dauerhaftestes Kleid an; Thora, die neben Milla saß, war ausgezeichnet bei Laune, sie plauderte unablässig, so daß Milla sie unter dem Tisch in den Arm kniff, um sie zum Schweigen zu bringen, was aber die entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte. Nora sprang während des Desserts zum Piano, um ein Lied zu singen, das der Konsul noch nicht gehört hatte. Er versicherte später, noch niemals habe er sich so unschuldig amüsiert. Die einzige Art, sich mit ihnen zu unterhalten, bestand darin, daß er sie neckte; in der Regel ging es über den Verein her. Sie lachten über seine Scherze und griffen sie zum eigenen Gebrauch auf; aber sie verrieten nichts; denn das Weib ist gewohnt, Spott zu ertragen, wenn es sich um etwas handelt, das ihm am Herzen liegt. Der Verein war etwas neues in ihrem Leben; aber bald wurde er ihnen noch mehr. Doch das nötigt uns zu einer zurückzukehren, die uns schon längst erwartet. Anna Rogne kam an jenem Montag, da sie Milla vergebens besucht hatte, nicht zur Schule. Milla erschien mit sehr beschwertem Gewissen. Gleich nach der Schule suchte Milla sie mit ihrem Wagen auf; aber Anna war krank. Die Tanten versicherten lächelnd, Anna dürfe nicht gestört werden. Am folgenden Morgen erschien Milla zum zweitenmal. Sie fragte, ob sie die Kranke nicht wenigstens sehen dürfe. Anna und sie hätten die »Fabiola« gemeinsam zu lesen angefangen – ob sie jetzt Anna nicht vorlesen dürfe? Die kleine Anna entschuldigte sich. Lächelnd überbrachten ihr die Tanten Annas Entschuldigung und Milla ging wieder. Drei Wochen lang kam Anna nicht zur Schule; noch verschiedene Male suchte Milla sie auf, wurde aber nicht vorgelassen. Dann stellte sie ihre Besuche ein. Anna war nicht krank. Unumwunden vertraute sie den Tanten, was ihr fehlte: sie war betrogen und verschmäht, ja noch mehr, geplündert worden. Was sich mit dem letzteren meinte, damit wollte sie nicht heraus; das konnte sie nicht sagen; sie mußte ganz allein bleiben. Und den ganzen Tag hörte man sie in ihrer Stube auf und ab gehen, bisweilen auch des Nachts. Die Tanten waren in der größten Angst, taten aber, was von ihnen verlangt wurde. So oft Hausandacht war, wurde sie benachrichtigt; aber sie erschien niemals. Da sie die Tanten immer erstaunter und besorgter werden sah, kam es endlich heraus, daß sie gerade in religiöser Beziehung den schwersten Verlust erlitten; denn alles, was ihr das Liebste gewesen, hatte sie mit Milla geteilt. Von dem gemeinsamen Bekenntnis abgesehen, gab es kein Gebet, kein Kirchenlied, keine Bibelstelle, die sie nicht miteinander ausgetauscht – just wie man Verlobungsringe tauscht, Geschenke wechselt und gegenseitig die Bildnisse küßt... sie konnte es nicht mehr hören, nicht mehr daran denken! Sie weinte nicht, jedenfalls nicht, wenn jemand es sah; oh, die kleine Anna hatte einen eisernen Willen! Sie betrachtete das Geschehene, wie ein Feind den anderen betrachtet. Sie haßt die andere und verachtet sich selbst. Ihr Irrtum bis zum letzten Augenblick des letzten Tages, da sie vor Millas Tür stand und die anderen da drinnen lachen hörte – konnte man sich etwas Lächerlicheres denken? Was sie in heiligstem Ernst mit einem solchen Mädchen zusammen vorgenommen – vor Scham mochte sie in die Erde sinken, wenn sie nur daran dachte! Und doch mußte sie daran denken. Sie zwang sich, es den Tanten zu gestehen; sie zwang sich, es zu untersuchen bis auf den innersten Grund. Das gab mancherlei Arbeit. Aber sie erholte sich dabei; – sie begann lange einsame Wanderungen zu unternehmen ... Nach Verlauf von drei Wochen kam sie wieder zur Schule, etwas blasser als gewöhnlich und etwas abgemagert; aber in jeder anderen Beziehung hatte sie sich anscheinend gar nicht verändert. Sie setzte sich auf ihren alten Platz, war aber freundlich gegen alle, – auch gegen Milla. Diese versuchte nicht mehr eine Erklärung abzugeben; doch geschah es vielleicht nicht ohne ihr Wissen, daß Thora den Versuch machte. Anna hörte sie an – und bat sie um einen gelben Faden; am nächsten Tage solle sie ihn zurückerhalten. Fleißig nahm sie an allen Vereinsversammlungen teil, offenbar interessierte sie sich dafür; aber sie nahm nicht aktiv teil. Kurz vor Weihnachten wurde Thomas – auf Noras Antrag – aufgefordert, einen Vortrag über Henrik Ibsens »Gespenster« zu halten. Er lehnte ab, erbot sich jedoch, einen kleinen Vortrag über verwandtschaftliche Verantwortlichkeit zu halten. Er meinte nämlich, aus diesem Gegenstand ließen sich, wenn er sorgfältig durchgearbeitet würde, mehrere neue Sittenregeln ableiten; ja auf manchen Gebieten würde er eine vollständige Revolution zur Folge haben. Diese Behauptung erregte große Spannung; man freute sich auf eine interessante Darstellung – und erhielt einen abgerissenen, aber erschütternden Vortrag. Die Mädchen saßen da ganz erschreckt, sowohl über Rendalens Erregtheit wie über seine Worte; zum Schluß sprach er mit gehobener Stimme: Diejenigen, welche vererbliche Krankheiten über ihre Kinder brächten, in deren Familie z. B, wiederholt der Wahnsinn aufgetreten sei und welche trotzdem sich verheirateten; diejenigen, welche um des Geldes willen sich mit Geistesschwachen oder Ungesunden verheirateten und Kinder mit ihnen zeugten, seien ärger als die größten Schurken, ärger als Diebe, Fälscher, Räuber, Mörder! ... Es mußte etwas geschehen sein. Auch Frau Rendalen war mehrere Tage mit roten Augen umhergegangen; und Thomas selbst war einige Tage abwesend gewesen, vermutlich in Christiania. Anna trat zu ihm und dankte ihm in der ihr eigenen »prätentiösen« Weise für den Vortrag. Als er fort war, bemerkte sie, das sei das Beste, was sie je gehört. Nur eine stimmte ihr bei, nämlich Fräulein Hall; die andern sagten nichts; ja lange Zeit herrschte ein peinliches Schweigen. Endlich bemerkte eine, das scheine ihr ein schrecklich heftiger Vortrag zu sein. Darauf antwortete die kleine Anna, man müsse aufgerüttelt werden; alles, was man veranstaltet, bezwecke nichts als die »Unterhaltung« – auch hier im Verein sei man bereits in das Unterhaltungsfieber geraten. Das verstimmte noch mehr; Nora fühlte sich beleidigt und sie fragte, ob denn nicht Anna etwas für die Belehrung des Vereins tun wolle. Anna errötete; aber zu aller Überraschung entgegnete sie, daß sie den Versuch machen wolle. Dann blieb sie mehrere Tage aus der Schule fort; aber am nächsten Vereinsabend – dem letzten vor Weihnachten – meldete sie einen Vortrag an. Sie wünschte, daß nicht bloß Thomas Rendalen, sondern auch seine Mutter und Karl Wangen dem Vortrag beiwohnen möchten; sie war gerade nicht bestrebt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, meinten die Freundinnen. Die Eingeladenen fanden sich natürlich ein. Die kleine Anna sah angegriffen aus, als sie in den Saal trat. Ihre Hände zitterten, als die dünnen, bleichen Finger da oben auf dem Katheder in der Handschrift blätterten und die Kerzen zurechtstellten. Die Stimme und die Vortragsweise waren abgemessen, bisweilen fast scharf; ihre großen Augen blickten nicht gern auf; so oft das jedoch geschah, lag etwas so Vielsagendes in ihrer ganzen Haltung, daß es irritieren konnte. Sie las ihren Vortrag Wort für Wort ab. Der Anfang war ganz besonders zugespitzt. »Die Frau arbeitet nicht in demselben Maße an ihrer Selbsterziehung, als sie das vom Manne verlangt. Sie legt nicht die Fehler ab, die sie sich in anderen und schlimmeren Verhältnissen angeeignet hat. Ich will heut abend nur einen Fehler nennen: das Lügen. Als die Schwächere hatte sie sich das Lügen angewöhnt. Aber die Frau steht nicht mehr so unsicher da, daß sie zum Lügen ihre Zuflucht zu nehmen brauchte. Sobald sich ein Fremder zeigt, lügt sie – d. h. sie macht sich dann so sanft, so fromm, so liebenswürdig gegenüber diesem Fremden ... und hat es für sie etwas Unangenehmes, den geraden Weg zu gehen, so macht sie sofort einen Umweg. Soll sie etwas tun, wozu sie keine Lust hat, so bekommt sie Kopfweh; erscheint jemand, den sie nicht gern sieht, so ist sie ausgegangen. Es geniert sie nicht im mindesten, ihr Dienstmädchen, ihre Tochter, ihre Freundin für sich lügen zu lassen, wenn sie es selbst nicht kann. Einige Damen – vielleicht auch viele – haben sich derart daran gewöhnt, unwahre Gründe anzugeben oder die wahren zu verschweigen, daß sie es ohne jede äußere Veranlassung tun; sie gefallen sich darin, es ist ihnen eine Art von Koketterie geworden. Wenn das bloß in ihren Beziehungen zu den Männern wäre! Aber auch in ihrem Verhältnis zu Gott lügen sie. Über diesen Punkt will ich einen Sittenschilderer für mich reden lassen. Er sagt: »Es ist schwer, über den religiösen Glauben der Frau sich eine Vorstellung zu machen, solange die Religion ganz allein ihr geistiges Interesse in Anspruch nimmt. Aber wenn man hundert, zweihundert, dreihundert Damen um einen einzigen Modegeistlichen sich drängen sieht, so wittert man Unrat. Die leichteste Art des Denkens besteht natürlich darin, sich eines anderen Worte anzueignen; aber noch leichter findet man mit der Verpflichtung, denken zu müssen, sich dadurch ab, daß man für diesen andern schwärmt, und am allerleichtesten dadurch, daß man so tut, als schwärme man, weil andere schwärmen – – – »Der Glaube, der hier auf Erden seine Ideale verloren und sie in den Himmel verlegt, ist eines guten Empfanges dort oben wahrlich nicht so sicher, als die Priester verheißen. Und in der Regel kommt man ja über einen unbestimmten inneren Drang nicht hinaus – – –« So zitierte sie weiter, und einige ihrer Zitate erregten Lachen – seltsamerweise auch bei Karl Wangen. Dann ging sie zu den »Vereinsfrauen« über – zu jenen Damen, welche zu wohltätigen Zwecken lustige Bälle arrangierten, für die Hinterlassenen von Ertrunkenen oder Abgebrannten fröhliche Bazare, ja sogar Theatervorstellungen veranstalteten. Sie schilderte, wie die Frau in solchen Vereinen sich mit großen Fragen amüsiere und für einzelne Vorleser schwärme. Anna war sehr scharf, – wie es die Jugend fast immer ist, wenn sie sich auf Kritik einläßt. Als sie ihren Vortrag beendet hatte, begriff sie anfangs nicht, was man ihr sagte. Sie gab verkehrte Antworten und wiederholte mehrmals dieselbe Frage. Aber allmählich faßte sie sich wieder – sie sah sich nach Thomas Rendalen um. Er hatte sich entfernt. Das wunderte sie im höchsten Grade. Dann glitt sie hinüber zu Frau Rendalen, um sich nach der Ursache zu erkundigen. Aber sie mußte das Gespräch damit beginnen, daß sie fragte, wie ihr der Vortrag gefallen habe. »Ja, mein liebes Kind, in verschiedenen Punkten hast du gewiß recht; aber ich befürchte, daß ihr die Sache jetzt aufbauscht und zu ernsthaft nehmt ...« Endlich aber brachte Anna ihre Frage heraus, langsam, vorsichtig: »Warum ist Herr Rendalen fortgegangen?« »Das mag Gott wissen!« entgegnete die Mutter. Seufzend blickte sie nach der Tür, durch welche er verschwunden war, stand auf und ging ebenfalls. Karl Wangen unterhielt sich mit Thora. Jetzt sah er Anna allein dastehen, kam zu ihr, um ihr zu sagen, er hätte sich über einige ihrer Zitate köstlich amüsiert. Er kenne das Buch ... Karl Wangen war nahe daran gewesen, ein Modegeistlicher zu werden. Glücklicherweise war er den Damen wieder entschlüpft; aber der Schreck saß ihm noch in den Gliedern. Das wußte Anna von ihren Tanten – sie besaß also den geheimen Schlüssel zu seinen Worten. Da fragte sie nach seiner Meinung über den übrigen Teil ihres Vortrages. »Ich kenne die Frauen fast nur in ihrem Verhältnis zur Religion,« entgegnete er leicht errötend; »ich bin also nicht berechtigt, über ihr sonstiges Verhalten ein Urteil abzugeben.« Sobald die älteren Zuhörer fort waren, brauste es los, denn die Mädchen waren begeistert. »Die kleine Anna« war die älteste von ihnen, was man leicht vergaß, weil sie körperlich zurückgeblieben war. So etwas hatten sie ihr nicht zugetraut. Wie vorzüglich das von ihr beobachtet und wie gut es gesagt war! Und einen solchen Vortrag hatte eine aus ihrer Mitte gehalten. Namentlich Nora und Thora waren entzückt. »Ja, so sind wir! Ganz so unwahr und verlogen, wie Anna uns geschildert hat; selbstverständlich fast nur im kleinen. Und wie wir mit ernsten Dingen tändeln, – oh! Nein, es bedarf der Taten; oder wenn nicht der Taten, so doch – –« »Des Niespulvers,« ergänzte eine, und die ganze Schar lachte hell auf. Aber sie kehrten zur Sache zurück. »Es ist wahr; bei Gott, es ist wahr! Es muß anders werden, denn es ist ja eine Schande, wie wir jetzt sind!« Um sogleich den Anfang zu machen, wollten alle Anna nach Hause begleiten. Und das taten sie denn auch, so daß die beiden schiefen Tanten Annas ganz erschreckt wurden in ihren Nachthauben, als sie zwischen elf und zwölf Uhr nachts den Schwarm da draußen rumoren und zwanzig helle Mädchenstimmen »Gute Nacht! Gute Nacht!« rufen hörten. Und die kleine Anna selbst? Sie mußte noch hinein zu den Tanten und ihnen erzählen, was geschehen war; aber sie sagte weiter nichts, als daß ihre Mitschülerinnen sie nach Hause gebracht hätten. Mit dem anderen mochte sie nicht sofort heraus; ihre Eindrücke waren noch zu unbestimmt. Sie hatte das Vorgetragene mit ihrem Herzblut geschrieben; sie hatte ihre bitterste Lebenserfahrung in einen Angriff umgesetzt; sie war überzeugt gewesen, daß man deshalb über sie herfallen, sie verlästern, sie beschimpfen würde – und da hatte sie Dank und wieder Dank, Jubel über Jubel, Lob über Lob dafür geerntet!... Die ganze Nacht vermochte sie kein Auge zu schließen. War es Freude oder Furcht? Oder hatte sie irgendeine Begabung in sich entdeckt? Es waren keine unangenehmen Gefühle ... Zur selben Zeit lag mehr als ein kleiner Mädchenkopf schlaflos und spekulierte und grübelte darüber, wie in aller Welt sie sich denn zu benehmen hätten. Der Drang, das Leben ernst zu nehmen, in allem wahr zu sein, mußte neue Nahrung haben, sonst erstarb ja dieser Drang. Und es ward ein Mittel gefunden! Milla hatte Trauer; sie konnte den Weihnachtsball nicht besuchen, und darum wollte überhaupt keine zu Weihnachten tanzen! Und das ward einstimmig beschlossen; eine trauernde Freundin läßt man nicht im Stich. Den ganzen Winter über wollte keine von dem »Generalstab« einen Ball besuchen. Milla fühlte sich geschmeichelt durch so viel Teilnahme; aber – kein aber! – es ist ein unumstößlicher einstimmiger Beschluß, Und dabei sollte es nicht bleiben, es war noch mehr in Aussicht ... Die männliche Jugend der Stadt trauerte darüber, daß so viele junge fröhliche Balldamen im Saale vermißt wurden; aber alles Trauern war umsonst. Ja, die jungen Mädchen freuten sich sogar, daß man um sie trauerte. 16. Auf der Treppe. Dieses feste Zusammenhalten, dieser lebhafte Drang nach Wissen, nach Selbständigkeit waren ein unleugbarer Beweis dafür, daß die Schule ein großes Ziel verfolgte – mochten sich auch kritische und etwas spöttische Bemerkungen daran knüpfen. Ein jeder war erstaunt, daß durch die Überlegenheit des Unterrichtsstoffes, der Experimente, der Methode die Kinder so gründliche und vor allem so liebgewordene Kenntnisse sich erwarben, und zwar in Dingen, welche alle begreifen konnten und die zu den notwendigsten Bedürfnissen des Lebens gehörten. Mit einem früher nie gekannten Eifer erzählten die Kinder zu Hause von dem, was sie gelernt und bettelten ihre Väter an, ihnen Apparate zu chemischen und physikalischen Experimenten, Mikroskope, historische Abbildungen zu kaufen, welche die Sitten aller Völker und Zeiten illustrierten. Der große Eifer und der Reichtum an Apparaten machte die Unterrichtsstunden zu einer angenehmen Beschäftigung. Und nach dem Unterricht sprangen die Mädchen am Nachmittage froh und glücklich, ohne Bücher, ohne Schultasche den Hügel hinunter nach Haus, frei, völlig frei! ... Aber die Glücklichsten waren Frau Rendalen und Karl Wangen. Wo Frau Rendalen mit ihrer unmusikalischen Stimme und ihrer Brille auf der Nase umherging, war es allen wohl zumute; sie verbreitete schon durch ihre Gegenwart gewissermaßen Wohlbehagen und Freude um sich her. Auf Karl Wangens Gesicht schwebte von früh morgens bis zum Abend ein ewiges Lächeln. Er strahlte förmlich, wenn nur jemand zur Schule hinaufblickte, und konnte wieder und wieder all die kleinen Begebenheiten der Schule erzählen oder sich erzählen lassen; ihm war alles bedeutungsvoll und amüsant. Nur mit Thomas war nicht alles in Ordnung. Es fehlte ihm irgend etwas, aber was? Entweder rannte er in den Gartenwegen gegen Karl Wangen an, oder er lief pfeifend und mit den Händen in den Taschen so beharrlich auf und ab, daß einem, wenn man das eine Zeitlang ansah, ordentlich schwindlig wurde. Oder er spielte stundenlang Klavier oder arbeitete halbe Tage lang ohne Ruh und Rast; oder er las ein neues Buch und ließ sich durch nichts stören; oder er machte endlose Spaziergänge; oder las den Mädchen vor und amüsierte sich mit ihnen wie mit Kameraden, – oder er mochte sie und die Schule und alles, was dazu gehörte, nicht sehen. Dann mußte seine Mutter die Literaturstunde, Fräulein Hall Chemie und Physik und Nora den Gesang übernehmen – er wollte, er konnte nicht unterrichten. Dann kehrte er wieder zurück, froher, frischer als je, und arbeitete für zwei. Die Mutter schrieb das auf Rechnung all der Jahre, in denen er keine regelmäßige Beschäftigung gehabt hatte. Hatten sie Gäste, so kam er gar nicht zum Vorschein; oder er kam, setzte sich in eine Ecke und blieb während der ganzen Zeit stumm. Oder er stand da herum und sagte: »Ja, ja; gewiß; versteht sich; natürlich« – und ging wieder fort. Nun – man brachte das unter den Gesichtswinkel des Genialen; Thomas Rendalen hatte etwas Geniales an sich. Ehe er nach Amerika ging, hatte er eine Geschichtslehrerin »entdeckt«; überhaupt war er sehr stark im »Entdecken«. Sie hieß Karen Lothe und gab Unterricht in Handarbeiten, Schreiben und Zeichnen. Thomas waren ihre Kenntnisse in verschiedenen Fächern aufgefallen, und er fand bald, daß das junge Mädchen einen nicht geringen Schatz kunsthistorischen Wissens besaß. »Eignen Sie sich auch gründliche Kenntnisse in der Kulturgeschichte an,« sagte er zu der jungen Karen. Diesen Rat zu erteilen, wurde er niemals müde. Hier bei uns zulande ist es mit kulturhistorischen Kenntnissen mehr als ärmlich bestellt, und doch haben bloß diese Kenntnisse Wert für eine Schule. Schon jetzt begann er die große Sammlung kulturhistorischer Zeichnungen anzulegen, welche die Schule sich nach und nach erwarb, und hierdurch fesselte er ihr Interesse. Er hielt es fortwährend lebendig, indem er ihr von seinen Reisen aus weitere Zeichnungen, sowie Bücher und guten Rat sandte; und kaum war er nach Hause zurückgekehrt, so übernahm er den gesamten Geschichtsunterricht der Schule, um ihr zu zeigen, was er meinte. Die Entwicklung, den Zusammenhang suchte er in einer großen historischen Übersicht, die wieder durch kulturhistorische Zeichnungen und Karten verständlich und klargemacht wurde. Sein Vortrag war einseitig; aber er hatte Kraft und Farbe; man bekam eine echt geschichtliche Vorstellung. Karen Lothe war ganz hingerissen. Das Neue an seiner Person, seine Ansichten, sein wunderbares pädagogisches Talent, die eindringliche Art dieses Talents, die einen glauben machte, niemand anders sei für ihn in der ganzen Welt vorhanden als derjenige, den er ansah, – der ausgesuchte Geschmack, mit dem er sich kleidete, das Gefällige seines ganzen Wesens – bis herab auf den kaum merklichen Duft einer feinen Essenz, – das begabte Mädchen hatte trotz ihres tiefen Gemüts und ihrer 26 Jahre niemals etwas erlebt, das auch nur von ferne diesem glich, da er sie Tag für Tag mit etwas Interessantem unterhalten konnte. Die Mißverständnisse und Verfolgungen, welche er sich gefallen lassen mußte, steigerten ihre Gefühle für ihn zu wahrer Schwärmerei. Aber sie behelligte niemand damit. Dann übernahm er die Schule als deren Leiter. Er kam und hörte sie unterrichten – wobei er dann eifrig sich beteiligte oder wieder fortging, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Bald ließ er sich längere Zeit gar nicht sehen, bald kam er Tag für Tag, nahm ihr ganze Stunden ab, oder ging stumm auf und ab, auf und ab. Kurz vor Weihnachten begab sich Karen Lothe zu Frau Rendalen und versicherte ihr, sie könne keinen Tag länger in der Schule bleiben. Wenn sie nur seine Schritte im Korridor höre, fahre sie zusammen; in seiner Gegenwart könne sie nicht die einfachste Begebenheit erzählen, geschweige denn Unterricht erteilen. – Aber warum denn nicht? – Er zeige ihr die offenbarste Geringschätzung. – Und die Lehrerin begann zu schluchzen. – Geringschätzung? – Ja! Entweder falle er ihr beständig ins Wort und nehme ihr den Unterricht vollständig ab, – oder er würdige sie nicht einer Bemerkung, kehre ihr den Rücken, grüße nicht und lasse sich nicht sehen usw. Frau Rendalen rief die Lehrerinnen zusammen und legte ihnen Fräulein Lothes Klage vor, überzeugt, daß hier ein ganz merkwürdiges Mißverständnis obwalte. Aber die Lehrerin, welche Fräulein Lothes Zeichenunterricht übernommen hatte, versicherte, hätte sie nicht ihre Mutter zu versorgen, so hätte auch sie schon längst die Schule verlassen; sein beständiges Zurechtweisen in Gegenwart der Kinder war nicht zum Aushalten. Er war ein unerträglicher Tyrann. Er habe sie so nervös gemacht, daß sie schon zittere, wenn sie ihn nur gehen höre. Und auch sie begann zu weinen. Die erschreckte Frau Rendalen wendete sich hastig an die anderen Lehrerinnen. Was war denn das? Die Sprachlehrerin, ihre ehemalige Schülerin und gute Freundin, welche mit ihrer Unterstützung sich im Auslande weiter ausgebildet hatte – sie mußte jetzt reden. Ja, sie seien allerdings der Ansicht, daß ihr Sohn selbst keine Ahnung davon habe, daß er sie »zurechtwies« – ebensowenig davon, daß er verletze, wenn er in einer Weise in den Unterricht eingriff, daß die Kinder seine große Überlegenheit merkten –, aber jedenfalls war das oft kränkend. Er war so ungleichmäßig in seinem Wesen, sowohl den Lehrerinnen wie den Kindern gegenüber; er behandelte dieselben Dinge nicht in derselben Weise, sondern je nach seiner Stimmung. Ihre Meinung – und diese wurde von allen anderen Lehrerinnen geteilt – ging dahin, daß er zum Leiter einer Schule kaum geeignet sei. Sogar Fräulein Hall, die sonst über nichts zu klagen hatte, war dieser Ansicht. Frau Rendalen bat sie, um Gottes willen die Sache wohl zu überlegen. Es könnte doch nicht ihre Absicht sein, die Schule zugrunde zu richten! Sie war sehr erregt und sagte, vorläufig übernehme sie die Leitung. Aber sie müßten es nicht bekannt werden lassen! Mit der ihr eigenen Heftigkeit und Energie griff sie sofort ein. Da wurden die anderen erschreckt; es gab rührende Auftritte; die eine rühmte ihren Sohn noch mehr als die andere; ja, wer das Vorhergehende nicht gehört, hätte meinen sollen, sie glühten alle vor eitel Begeisterung. Alles wohlerwogen: einen ausgezeichneten Schulplan nach den besten Mustern der Gegenwart entwerfen und selbst ein hervorragender Lehrer sein – das ist etwas ganz anderes und weit mehr als ein tüchtiger Schulvorsteher sein. Darüber waren sie und Frau Rendalen bald einig; und damit trösteten sie einander, so gut es ging. Aber für Thomas handelte es sich hier um sein Lebensziel; ging dieses ihm verloren, so blieb ihm nichts mehr. Als Auguste ins Grab sank und er sich bewußt wurde, daß es für ihn nichts Verlockendes hatte, eine Familie zu gründen, war das Ziel, die Schule der Mutter zu übernehmen und sie zu dem zu machen, wovon sie geträumt, ohne es zu erreichen, gewissermaßen seine Verlobung, seine Ehe, die Begründung eines Familienverhältnisses gewesen. Und darauf war er stolz. Dies war die treibende Kraft in seiner ersten Jugend, bei seiner Arbeit, in seinem makellosen Leben. Dies war es, worauf Karl Wangens unerschütterliche Bewunderung beruhte, der geheime Text zu Frau Rendalens Gesprächen und Briefen. Allein es kamen mancherlei Kämpfe, und seine unbändige Natur bestand sie nicht alle glücklich. Aber jedesmal ergriff ihn ein Schamgefühl wegen seines Ideals, das sich in einen Gegenstand des Schreckens – jenes tiefen Schreckens verwandelte, den seine Mutter empfand, als sie ihn unter dem Herzen trug. Mit starken Farben hatte sie ihn oft geschildert; aber was war dieser Schrecken gegen das, was er erlebte! Es war furchtbar. Das brachte ihn wieder zu einem vertraulichen Verhältnis mit seiner Mutter und veranlaßte ihn, unerschütterlich an dieser Vertraulichkeit festzuhalten. Zwischen Mutter und Sohn war es heiligster Ernst; sie hatten ein gemeinsames Lebensziel. Vielleicht hätte er sie, das Lebensziel sowohl wie den Schrecken, gleichsam über den Haufen geworfen, hätten seine sinnlichen Liebesregungen sich auf eine einzige konzentriert, um dann von dieser einzigen festgehalten zu werden; denn er besaß eine wilde Energie, und es fehlte weiter nichts, als daß ein anderer fester Wille dem seinen sich vereinte. Aber die angeborene Unruhe seiner Natur ließ den einen Eindruck von dem andern sich bald wieder verwischen; der Schrecken konnte sich stets mit immer größerer Macht dazwischendrängen, – und so blieb schließlich die Furcht vor dem Ehestande die stärkste Empfindung. Doch das Lebensziel war gerettet. Von dem Augenblick an, da er vollständig gesiegt hatte, entwickelte sich etwas fieberhaft Abstraktes in ihm. Der Keim dazu war stets vorhanden gewesen. Es erinnerte dies an seines Vaters Vorliebe für Bilder und Gleichnisse, an seinen Drang, die Dinge immer im großen zu nehmen. Die Studien wurden forciert; niemals wurde erst ein Gegenstand für sich bewältigt, sondern mit einer Art Eifersucht der eine gleichsam innerhalb des anderen. Hätten die Prüfungsfächer seinen Neigungen nicht ganz besonders zugesagt, er würde nie ein Examen gemacht haben. Er war längst mit den Schulfächern fertig und hatte sich bereits auf vielen anderen Wissensgebieten getummelt, als er sein Examen ablegte. Er war immer dem, womit er gerade schulmäßig beschäftigt war, weit voraus; es ward zu einem Gliede in einem von ihm geschauten oder gedachten Ganzen. Karl Wangen, der ihn studieren sah, konnte oft nicht begreifen, was er mit seinen Kenntnissen anfing. Ganz dasselbe Verhältnis im Umgange mit Menschen; oft schien er gar nicht zugegen zu sein und empfing doch ganz originale Eindrücke. Nur solange als es bei den Lehrerinnen darauf ankam, seine historische Methode anzuwenden, interessierte er sich für sie in jeder Weise; damit war seine Teilnahme völlig erschöpft. Aber seine eigene Arbeit? – Nachdem die jahrelange, rastlose Jagd nach dem besten Unterrichtsstoff und der besten Lehrmethode beendet war, – nachdem der Schulplan nach zahlreichen Änderungen und Verbesserungen praktisch zur Anwendung gekommen – und als namentlich der äußere Widerstand zu Boden geschlagen war – ja, was war da noch im Wege? Alle um ihnen herum freuten sich seiner Tüchtigkeit, seiner Erfolge; namentlich die Freude seiner Mutter war überaus rührend. »So habe ich mir die Schule immer gedacht, mein lieber Sohn!« sagte sie fast Tag für Tag. Er war ihr dankbar für diese Anerkennung, sie war ihm Bedürfnis. Und dennoch – das Unterrichten, sein Haupttalent – es konnte ihm wohl ein Sporn sein, die schwierigsten Gegenstände klar und anschaulich darzustellen; es konnte ihm wohl Vergnügen machen, einen neuen Gedanken gegenüber älteren Personen zu verteidigen oder ihre Aufmerksamkeit auf eine die Gegenwart bewegende Frage zu richten. Alle Gegenstände, deren Lösung Schwierigkeiten bereitete, behandelte er mit hartnäckiger Geduld; aber damit war sie erschöpft. Er fühlte seine Mängel. Da er sich sehr viel mit sich selbst beschäftigte, peinigten diese ihn im höchsten Grade. Er hatte Augenblicke, in welchen ihm die Schule geradezu verhaßt war. Dann fühlte er sich von allem Lebensmut verlassen; es war so öde in ihm, so – liebeleer, hätte er gesagt, wären seine Mutter und sein Freund nicht gewesen; denn an beiden hing er mit inniger Liebe. Sehnsucht nach dem Weibe und der Familie war es nicht; wenigstens nicht zunächst; denn er fühlte sich zu keinem weiblichen Wesen besonders hingezogen ... Lag hierin vielleicht das Unglück, – in dieser seiner Unfähigkeit, zu einem Weibe in ein inniges Verhältnis treten zu können? Ein Mann, der tagtäglich mit solchen Grübeleien umhergeht und dann eines Abends von seiner Mutter Tränen und Klagen heimgesucht wird, weil die Lehrerinnen ihn nicht länger als ihren Vorgesetzten dulden wollen, – ein solcher Mann fährt nicht auf wie von einem unerwarteten Schlage getroffen. Thomas blieb während ihrer Mitteilung ruhig an dem Piano sitzen, an welchem er gerade saß; von Zeit zu Zeit schlug er mit einem Finger auf eine Taste während ihrer langen, oft unterbrochenen Auseinandersetzung; er sah, wie verzweifelt seine Mutter war, und so maskierte er seine eigene Verzweiflung. Er fühlte es, er hatte jetzt nichts mehr in der Schule zu tun. Gelassen bemerkte er, vielleicht könnte sie selbst vorläufig die Leitung übernehmen. Er klimperte dazu, als hätte das weiter nichts zu bedeuten. Sie erwiderte, das habe sie den Lehrerinnen bereits gesagt. Er war leichenblaß. Sie beeilte sich hinzuzufügen, selbstverständlich könnte nur er allein die Ausführung seines Unterrichtsplanes überwachen. Sie bat ihn, sofort mit den Lehrerinnen zu sprechen. Er nahm ja mit niemand Rücksprache. Man mußte ihn deshalb völlig mißverstehen; er verletzte die Lehrerinnen, weil er ihnen kein Vertrauen zeigte, ja, es sogar manchmal an Rücksicht fehlen ließ. Mochte er sie denn nicht leiden? Das war Thomas zu viel. Er warf sich über das Piano und brach unwillkürlich in Tränen aus; sprang dann auf, griff nach Hut und Überrock und eilte hinaus, trotz der Bitten seiner Mutter, doch zu bleiben und mit ihr zu sprechen wie in alten Tagen. Aber das war ihm unmöglich. Denn auch in seinem Verhältnis zur Mutter lag etwas, das ihn schmerzte. Als er von seiner Weltreise heimkehrte, hatte sie ihn mit der größten Bewunderung empfangen; alles was er damals sagte und plante, war richtig; aber – nach seiner Programmrede waren ihr Zweifel gekommen. Und diese Zweifel waren mehr und mehr gewachsen, so daß sie jetzt allem, was er sagte, ein Fragezeichen hinzufügte. Bei der ersten Klage der Lehrerinnen nahm sie ihm die Schule ab! Nicht daß er sie ihrer Zweifel wegen angeklagt hätte; er vermochte diesen Zustand nur nicht zu ertragen. Seine Art, mit den Menschen umzugehen, mußte grundverkehrt sein, wenn man ihn in der Weise mißverstehen konnte. Vielleicht war dies der innerste Grund des ihn quälenden Gefühls der Unlust und Leere ...? Diese Damen hatten ja alle für ihn geschwärmt. Die Lehrerinnen sowohl wie die oberste Klasse und – – War auch das eine Illusion, ein Selbstbetrug? Oder war es jetzt damit vorbei? »Schwärmen« ... Was heißt das? Voll Verachtung wies er alle Schwärmerei von sich ... Und doch hatte er sich ihrer gefreut und sich dadurch in Illusionen wiegen lassen. Er hatte das Schwärmen für etwas Wirkliches gehalten. Nein; wer haben will, muß auch geben. Wer Liebe heischt, muß selbst lieben können. Und das vermochte er nicht – wenigstens nicht so wie andere ... Er unternahm eine lange Wanderung – ganz wie an jenem Frühlingsabend, als er seinen Vortrag gehalten. Er dachte daran zurück, mit welch frohem, vollem Herzen er aus Amerika heimgekehrt war; wie ihn einzig der Ehrgeiz erfüllt hatte, sich seinem Vaterland nützlich zu machen. Gab es etwas Herrlicheres für ein kleines Volk, als seine beste Kraft in der Erziehung seiner Kinder zu betätigen? Dafür alle Opfer zu bringen? Mögen doch die großen Völker die Früchte ihrer Arbeit für Armeen vergeuden! ... Wie er an jenem Abend nach dem Vortrage in seinem Innersten verwundet und bangen Herzens plan- und ziellos umhergeschweift war – Karl war unablässig stumm neben ihm hergetrabt wie ein hochbeiniger Hund mit guten, treuen Augen –, so wanderte er auch jetzt wieder umher, nur daß es Winter war und er sich ganz allein befand; er hätte sich jetzt vor seinem Freunde geschämt. Da und dort lagen einzelne Schneeflächen auf den Feldern (es war Tauwetter gewesen), und das nahm sich im Mondschein geradezu gespensterhaft aus. Im Walde unter den Tannen lag der Schnee noch fest und zum Teil auch auf den Wegen, so daß das Gehen sehr beschwerlich war. Er war an Leib und Seele völlig ermattet, als er nach Hause zurückkehrte. In der Nähe des neuen Kirchhofs, auf dem sein Vater und sein Großvater ruhten und der an der einen Seite von den schwarzen Meereswellen bespült wurde, hatte er ein Gefühl, als müßte er Ruhe suchen in den Wogen oder in der Friedhofserde, oder in beiden – das ließ sich ja vereinen ... Es war zwölf Uhr geworden. Wie in jener Nacht nach dem Vortrag wollte er nicht eher nach Hause, als bis er sicher sein konnte, daß die Mutter nicht mehr auf ihn wartete; in der Regel legte sie sich zwischen 9 und 10 Uhr zur Ruhe. Aber als er die Allee hinaufging, bemerkte er sowohl in ihrem wie in Karls Zimmer Licht. Wäre er nicht völlig ermattet gewesen, er würde wieder umgekehrt sein ... Mit dem Licht in der Hand kam ihm die Mutter im Korridor entgegen: »Mein Gott, Thomas, wie du mich erschreckt hast!« sagte sie leise. Was meinte sie damit? Er sah sie an. Die Ärmste, sie war, schien es ihm, wenigstens zehn Jahre älter geworden; so verweint und bekümmert und abgehärmt sah sie aus. »Laß uns doch, lieber Thomas,« begann sie – »Nein, nein, Mutter,« fiel er ihr ins Wort und machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, »ich bin ganz erschöpft.« – Und ohne »Gute Nacht« zu sagen und ohne sich umzusehen, suchte er sein Zimmer auf. Sie vernahm seine Schritte in dem Gang; sie hörte ihn die Tür öffnen und wieder schließen – und den Schlüssel im Schloß umdrehen! Oh, das war ihr ein entsetzliches Geräusch, dieses Knarren des Schlüssels ... Und warum schloß er sich ein? Es war ihr, als hätte er eine Scheidewand zwischen sich und ihr aufgerichtet ... Während er die Lampe anzündete, hörte er Karl kommen, und im nächsten Augenblick gewahrte er des Freundes kummervolles, bleiches Gesicht in der Türöffnung. Er hätte sich ihm an die Brust werfen und laut weinen mögen. Alles, was er gewaltsam zurückgehalten, als er seine Mutter erblickte, wollte auch jetzt wieder hervor. Karls unerschütterliches Vertrauen war ihm die kräftigste Stütze, die er außer sich hatte. »Nein, lieber Karl, nicht heut abend; ich bin müde, entsetzlich müde.« Langsam, lautlos zog Karl seine langen Beine wieder zurück und drückte die Tür leise ins Schloß. Thomas begab sich sofort zu Bett, schlief augenblicklich ein und erwachte erst nach acht Uhr. Das war ein langer, gesunder Schlaf gewesen, und all die peinigenden Gefühle vom vorhergehenden Tage hatten ihn verlassen. Er sprang auf und kleidete sich hastig an. Nein, dachte er, wenn ich noch so gesund schlafen kann, steht es noch nicht verzweifelt mit mir; vielleicht gibt es doch noch irgendeine Lebensaufgabe für mich ... Er beschloß, auf einige Tage zu verreisen. Er wollte alles gewissenhaft erwägen und allein sein, während er mit sich zu Rate ging. Das war der ganze Bescheid, den seine Mutter erhielt, als sie, während er sein Frühstück einnahm, zu ihm kam. Er bat sie, Karl zu grüßen, und reiste sofort ab. Das war ihr nicht unangenehm. Sie wußte, wie schnell seine Stimmungen wechselten, wie rasch dem Gedanken die Tat folgte. Vielleicht, dachte sie, kehrt er völlig verwandelt von seiner Reise zurück. Ihre Hoffnung ging nicht in Erfüllung. Er war fast ganz der Alte geblieben; nur merkte sie, daß er auf die Lehrerinnen erbittert war. Traf er mit ihnen zusammen, so peinigte er sie mit eleganter Höflichkeit; er war geradezu grausam gegen sie. Er übernahm wieder seine früheren Unterrichtsstunden, mit Ausnahme des Gesangsunterrichts, den er Nora übertrug, welche also jetzt zugleich Lehrerin und Schülerin war. Er versicherte, sie besitze ein ausgezeichnetes pädagogisches Talent. Vielleicht, dachte Karl, kann er sich wieder für die Schule interessieren, wenn andere Lehrerinnen angestellt werden! Er teilte diesen Gedanken Frau Rendalen mit. Sie möchte die Sache vorsichtig untersuchen und ihrem Sohne zunächst von dem Observatorium sprechen, das man im Turm einzurichten begonnen; wegen Geldmangels hatte man die Arbeiten vorläufig einstellen müssen. Im nächsten Sommer, meinte sie, würden genügende Mittel vorhanden sein. »Gott weiß, wo ich dann bin!« rief er aus und eilte davon. Wenn ich die Lehrerinnen veranlaßte, ihn um Verzeihung zu bitten, dachte sie ... Und an dem Tage vor Weihnachten versammelte sie diese um sich und teilte ihnen mit, verschiedene Äußerungen ihres Sohnes deuteten darauf hin, daß er abreisen wolle. Vor Schreck waren sie eine Weile ganz sprachlos. Endlich nahm Fräulein Lothe das Wort. So hatte sie es nicht gemeint; – sie hatte nur gemeint, – sie hatte gar nichts gemeint, sondern war nur schrecklich nervös gewesen. Sie glaube, er sei nicht mit ihr zufrieden. Die Lehrerin für Zeichnen und Handarbeit, eine lange blonde Dame mit gutem Kopf wurde ganz hitzig. Diese Spencersche Zeichenmethode, die Rendalen eingeführt, war einem im Anfang ein wahres Kreuz. Aber trotzdem hätte sie sich nicht beklagen sollen, nicht im mindesten. Und sie begann zu weinen. Sämtliche Lehrerinnen beteuerten ihre Dankbarkeit; er war ja so außerordentlich tüchtig in allen Fächern. Aber er behandelte sie so von oben herab – wie ein Nichts. Frau Rendalen riß sich die Brille ab, putzte sie und setzte sie wieder auf – riß sie wieder ab, putzte sie und schob sie von neuem auf die Nase. Nein, da mußte Fräulein Hall denn doch sagen, woran es lag. Es kam daher, weil er alle und alles so ungleichmäßig behandelte. Das machte die Lehrerinnen unsicher und verletzte das Gerechtigkeitsgefühl der Kinder. Sie möchte so gern mit Rendalen sprechen, sagte die kleine Amerikanerin; aber er mache sich geradezu unzugänglich. – Heute war auch sie nervös. Das warf Frau Rendalens Plan völlig über den Haufen. Sie wußte nicht, was sie darauf antworten sollte. Vorläufig jedoch wurden alle weiteren Verhandlungen abgebrochen. Auf der Freitreppe nämlich stimmte ein großer Chor jubelnder Mädchenstimmen einen Gesang an, und alle eilten an die Fenster. Es war Nora mit ihren Schülerinnen. In den letzten Tagen hatte sie verschiedene Chorgesänge mit ihnen eingeübt, und diese Singübungen endeten jedesmal da draußen auf der Treppe, – einer von Noras vielen Einfällen. Mit diesem ihren Einfall hatte sie besonderes Glück gehabt; denn nicht bloß die kleinen Schülerinnen, welche noch nicht mitsangen, warteten in der Nähe der Treppe auf den großen Augenblick, sondern auch erwachsene Leute blieben in der Allee stehen. Sobald die Mädchen um die Ecke gestürmt kamen und die Treppe hinaneilten, sammelte sich eine immer größer werdende Menschenmenge in der Allee. Kein Wunder daher, daß auch Frau Rendalen und die Lehrerinnen jetzt an die Fenster eilten. Die Mädchen hatten sich amphitheatralisch auf den Treppenstufen aufgestellt; die Kleinen, welche nicht mitsangen, hatten sich rechts und links von ihnen geordnet. Ganz unten stand Nora mit dem zurückgeworfenen hellblonden Haar unter der Kapuze, welche stets im Nacken lag. Sie hatte sich Rendalens Art des Taktschlagens angeeignet – das einzige, was dieser unruhige Mensch mit Ruhe machte; er bewegte nur das rechte Handgelenk und gab mit der linken Hand das Zeichen. Nora hielt die rechte Hand ganz so wie er vor die Brust. Herrlich und kräftig tönte der Gesang über die Stadt hinunter. Vielleicht trug auch die Aussicht, welche die Phantasie in Klänge und Farben umsetzte, das Ihre dazu bei. Da lag die Stadt unter ihnen mit dem Hafen zwischen den beiden Landzungen. Und in der Bucht all die emsigen Fabrikwerkstätten und die großen Holzlager. Zur Linken der Berg mit seinem Häusergewimmel; und dann in weiterer Ferne die Inseln und das Meer. Das Wetter an der Küste ist voller Unruhe: gewöhnlich, wenn die jungen Mädchen da auf der Treppe standen und sangen, jagten hastige Wolken vorüber oder es breiteten sich gebrochene Lichtstrahlen über die Landschaft; oder wenn es am Lande hell und friedlich war, so grollte und drohte das Meer. Vielleicht erklärte es sich daher, daß die Mädchen mit Vorliebe schwermütige Lieder wählten. Für die Lehrerinnen wie für die Schülerinnen war das Singen auf der Treppe vom ersten Tage an der Glanzpunkt der Schule. Die älteren Mädchen, namentlich die Mitglieder des Vereins, hatten dann eine Empfindung, als schlössen sie sich fester aneinander. Was zwei oder mehrere im guten Gemeinsames haben, erfährt stets eine Kräftigung, wenn gesungen wird; alles ideale Streben steht in natürlicher Verwandtschaft mit harmonisch geordneten Tönen. Aber derjenige, den dieser Gesang am tiefsten ergriff, hielt sich hinter einem geschlossenen Fenster verborgen; um keinen Preis mochte er gesehen sein. Er selbst sah Nora in ihrem hellen Mantel; sah das zurückgeworfene Köpfchen und die Taktbewegungen. Aber er blieb in seinem Versteck. Der an die Stadt gerichtete Gesang lieh gleichsam alledem Ausdruck, was er auf Erden erstrebt. Wie unglücklich ihn jetzt diese Mädchenstimmen machten! Aber hatte er denn nicht in der Tat vieles erreicht? – trotz hartnäckigem Widerstand? Nicht jeder konnte auf solche Erfolge zurückblicken ... und dennoch – hier stand er an seiner Grenze. Aber was war es eigentlich, das ihn so unglücklich machte? ... Er dachte an seine Mutter und an sein Verhältnis zu ihr, an sein Verhältnis zu seiner Umgebung ... Da stürmte die ganze Schar in jubelnden Gruppen die Allee hinunter, zuletzt der Generalstab. Thora hatte den anderen irgend etwas zu erzählen oder einen Vorschlag zu machen. Sie gingen langsam und blieben von Zeit zu Zeit stehen ... Ja, das war es, darauf kam es an: ein Wesen zu haben, mit dem er alles, Freud' und Leid teilen konnte! ... 17. Frau oder Kind? Der Frühling stellte sich sehr zeitig ein. Im Lager der Jugend herrschte großer Jubel. Die erwachende Natur steckte ihr im Blut. Wie das lärmte und rumorte! Es gab Tage, an denen die Schulmaschine in Stücke zu gehen drohte und die Autorität ernstlich in Gefahr war. Es erforderte ungemein viel Menschenkenntnis und Diplomatie, um das kleine Schiff durch die gefährlichen Frühlingswogen zu lenken ohne ernstliche Zusammenstöße und Erschütterungen. Sogar der Verein schwebte in Gefahr. Fräulein Hall hatte in den obersten Klassen mit Energie eine Art Grundlage zu schaffen gesucht für die Vorträge, welche sie in diesen Klassen zu halten hatte. Die Folge war, daß die Schülerinnen bei dieser strengen Arbeit volles Vertrauen gefaßt hatten zu dieser kleinen Dame; mit aller Offenheit wurde von allem gesprochen, was die Konstitution und Gesundheit der Frau betraf. Für den Verein hatte dieses Wissen und vor allem dieses vertrauliche Verhältnis zur Folge, daß die Frauenfrage allmählich auf das physische Gebiet hinübergespielt wurde und dort ihre Begründung suchte. Ein Buch, das den Satz entwickelte, die Freiheit, welche der Mann sich vor der Ehe und oft auch später noch nehme, untergrabe den Charakter des Mannes und die Stellung der Frau und vererbe gleichsam die Treulosigkeit und Tyrannei von Geschlecht zu Geschlecht, – dieses Buch wurde von neuem hervorgezogen. Karen Lothe hatte in ihren kulturhistorischen Studien namentlich der Entwicklungsgeschichte der Ehe besondere Beachtung geschenkt. Sie wußte jetzt, daß der Ausweg, der so oft vorgeschlagen worden, nämlich der Frau dieselbe Freiheit zu geben, welche der Mann sich nehme, ein Rückschritt, ein unerhörter Bruch mit der Kulturentwicklung sein würde; mit großem Nachdruck vertrat sie den Standpunkt der vollständigen Monogamie; die müsse dem Manne ebenso heilig sein wie der Frau. Jetzt nahm Fräulein Hall in der nächsten Versammlung die Sache von ihrer physischen Seite. Kann physisch bewiesen werden, daß der Mann größeren Versuchungen ausgesetzt ist als die Frau, und deshalb eher zu entschuldigen ist? Sie bewies, daß im Gegenteil die Frau größere Versuchungen zu überwinden habe. Trotzdem sei die Regel, daß die Frau die Ehe in einem keuschen Leben respektiere, während man wohl durchweg mit Recht behaupten könne, daß auf seiten des Mannes das Gegenteil der Fall sei. Das rief eine heftige Aufregung hervor. Der Mann hatte also auch hier sich das Recht des Stärkeren angemaßt, – angemaßt zu seinem vermeintlichen Vorteil, aber in Wirklichkeit zu seinem eignen Verderben und dem der Gesellschaft. Die Frau dagegen hatte in der zivilisierten Gesellschaft durch Hunderte von Gliedern nur einem Manne angehört. Dadurch hatte sie eine angeborene Fähigkeit erlangt, die Treue zu bewahren. Folglich könne sich auch der Mann diese Fähigkeit erwerben. Während des Meinungsaustausches, der dem Vortrag folgte, stieg noch die Erregung, und im Laufe der Woche gingen den jungen Damen so viele Gedanken über diesen Gegenstand durch den Kopf, daß eine neue Versammlung angesetzt werden mußte. Zum erstenmal seit Gründung des Vereins nahm Tinka Hansen das Wort. Die Frau, welche einen Mann heirate, der eine unsittliche Vergangenheit hinter sich habe, mache sich mitschuldig. Sie billigte es, daß ihr Geschlecht so behandelt werde. Und sie selbst erhielt die Strafe dafür. Ob denn die Frau sich einbilde, daß ein Mann, der an ein solches Leben sich gewöhnt habe, je damit brechen könne? Jedenfalls könnten diejenigen sich das nicht einbilden, welche in den letzten Jahren einen Teil der Vorträge gehört, in welchen bewiesen worden, daß die Gewohnheit eine Nervenfrage sei. Kaum der Hundertste besiegt eine Gewohnheit aus freien Stücken; in der Regel muß dem guten Willen eine harte Notwendigkeit zu Hilfe kommen. Wie immer hatte Tinka die Frage mit Fredrik verhandelt; kein Wunder daher, daß sie mit solcher Zuversicht sprach. Das hatte eine ungeheure Erregung zur Folge. Überall vernahm man Äußerungen wie: »Denke dir, einen Mann zu umarmen, der –!« – »Denke dir, Leib an Leib mit einem Manne, der –!« Diese geflüsterten Beweise des Ärgernisses sammelte Nora, als sie das Katheder bestieg und erklärte: Heute abend dürften sie sich nicht trennen, ohne einander zu geloben, daß sie wenigstens alles tun würden, damit die Frau sich ihrer Verantwortlichkeit bewußt werde und vor sich selbst Achtung hegen lerne. Noch hatte sie nicht ausgeredet, als alle sich erhoben und dies Gelübde ablegten. Einige Tage später fand wieder eine Versammlung statt. Es war etwas Neues geschehen. Thora trug gern phantastische Märchen und abenteuerliche Geschichten vor, – ihr Lieblingsbuch war Bulwers seltsame Geschichte. Ihr kleiner Augustuskopf, der schon so voll war von putz- und farbenreichen Stoffen, fremden Sprachen, heimlichen Klatschgeschichten und aller weiblichen Eitelkeit, – er schwärmte noch für Musik! Plötzlich jedoch hörte man nichts mehr davon. Wo sie auch mit Karl Wangen zusammentraf, sei es allein, sei es in Gegenwart anderer – sie wußte es so einzurichten, daß sie miteinander flüsterten. Worüber ihre Freundinnen sich nicht wenig wunderten. Was in aller Welt hatte sie mit dem Geistlichen zu verhandeln? Er hatte ihr just in diesen Tagen »John Wesley« zu lesen gegeben. Sie verschlang das Buch, wie sie alle Bücher verschlang, und dann unterhielten sich die beiden über John Wesleys plötzliche Bekehrungen. Die Menschen, welche unter den Einfluß seines Blickes, seiner Rede kamen, waren von dem Augenblick an wie verwandelt. John Wesley stammte von Vaters- und von Muttersseite von einer alten Predigerfamilie; natürlich hatte das in hohem Grade in ihm die Fähigkeit entwickelt, auf gläubige Gemüter einzuwirken. Seine Rede war wie ein elektrischer Schlag, dem gewisse Naturen nicht zu widerstehen vermochten. Wie dies Thora auf das Kurtsche Geschlecht führte, welches sie um diese Zeit außerordentlich interessierte, – das ist ihr Geheimnis. Aber gar bald erzählte ihr der ehrliche Karl Wangen begeistert von Thomas Rendalens Kampf, um sich von dem Erbübel seiner Familie zu befreien. Auch früher schon hatte eine Blutmischung in dem Geschlecht und ein Kampf mit dessen Gewohnheiten stattgefunden; allein Thomas Rendalens Selbsterziehung und Kampf waren bewundernswürdig. Geheimnisvoll fragte Karl, ob ihr nicht Thomas' Sauberkeit, seine ausgesuchte Art sich zu kleiden, der leichte, fast unmerkliche Duft seiner – und o so teurer! – Essenzen aufgefallen sei. Der sei stets und überall an ihm zu spüren; fortwährend wasche und bade er sich, fügte der junge Geistliche errötend hinzu ... Die meisten Leute glaubten, das rühre von Eitelkeit her – und eitel sei er ja wirklich, aber ob sie nicht ahne, was das zu bedeuten habe? ... Thomas Rendalen hätte infolge seiner Kämpfe schließlich denselben Sinn für die Reinlichkeit sich angeeignet, welcher jungen Mädchen angeboren sei. Ihm wäre die Pflege und das Schmücken des Körpers eine Art Tempeldienst – ganz so wie den jungen Frauen, wenn Mittel und Zeit es ihnen gestatteten ... Durch verschiedene Äußerungen hätte Thomas ihn auf diese einzig richtige Deutung gebracht. Ja, wäre es nicht seltsam, daß es diese Form angenommen? Aber das rührte vielleicht daher, daß er unter Mädchen aufgewachsen wäre. Was sie dazu sage? ... Karl Wangen stellte diese halbe Frage mit großer Scheu; aus mehr als einem Grund lege er Gewicht darauf, daß sie ja nicht außer acht lasse, man könne sehr wohl ein makel- und tadelloser Mann sein, ohne sich gerade zu schmücken und mit Essenzen zu besprengen. Von diesem Augenblick an schwärmte Thora Holm noch für einen andern Mann. Jetzt bildete sie sich ein, Thomas Rendalens Lebensplan und Verhalten zu verstehen – und begriff sie die Ursache seiner Stimmungsunruhe, seiner Haltlosigkeit auch nicht, oder vielmehr dachte sie auch nicht darüber nach – es störte nicht mehr das Bild, das sie sich von dieser »energischen« Natur gemacht hatte. Sie liebte ihn! Es gab kein anderes Wort dafür, daß sie alles, ja alles für ihn tun konnte, und so teilte sie es auch mit; zunächst ihren Busenfreundinnen, dann ihren gewöhnlichen Freundinnen. Mit wie großem Nachdruck erzählte sie dieselbe Geschichte in derselben begeisterten Stimmung zehn-, zwanzigmal der ganzen großen Schar ihrer Freundinnen! So viel Begeisterung steckt an; wer von ihren Freundinnen bisher noch nicht für Thomas Rendalen geschwärmt hatte, die schwärmte jetzt! Trotz des roten Haares, trotz der Sommersprossen und der flachen Nase, der fahlen Augen und des unruhigen Gesichts ohne Augenbrauen war er das Ideal eines Mannes! Er selbst dämpfte diese Begeisterung einigermaßen, wenn er in die Klasse kam und an den Bänken auf und ab zu rennen begann, ohne eine einzige anzusehen. Oder wenn er hitzig – ja sogar zornig, so daß sie erschreckt zusammenfuhren – sich auf etwas stürzte, das den Unterricht störte – denn in dieser Beziehung war nicht mit ihm zu scherzen! ... Aber kaum hatte er das Klassenzimmer verlassen, so stand sein Idealbild wieder rein und makellos da, namentlich aber wenn er besonders aufgelegt war und mit seinem wunderbar pädagogischem Talent in großen Zügen eine überaus anschauliche Darstellung irgendeiner geschichtlichen Begebenheit gab – dann war auf der ganzen Welt kein Mann mit ihm zu vergleichen! Aber eben darum, weil es nur einen Thomas Rendalen gab, war es so natürlich, daß einige von den schwächeren Naturen sich zu fragen anfingen: »Aber, du lieber Gott, – da es nur einen gibt, und unser so viele sind? ...« Ja, diese Frage legten sie sich vor. Ich will nicht sagen, wer es war, nicht einmal, wie viele es waren, welche sich diesem Zweifel hingaben. Die Frage selbst ist das Unbedeutendste an der Sache; es kommt nur auf die Antwort an. Die Antwort! Denn wir können nicht umhin zu verraten, daß einige dieser Mädchen an dem Abend, da sie so einstimmig ja sagten zu Tinka Hansens hochherziger Darstellung und Thoras Gelübde, sich ein wenig über ihre Kräfte angestrengt hatten. Das erkennt man erst später, wenn man die Ruhe an den einen denkt, den man liebt oder von dem man so gern geliebt sein möchte ... und von dem man weiß, daß er schon – – Ja, ja; denn das alte Städtchen war ein fürchterliches Klatschnest. Dann kommen einem leise Zweifel. Sollte nicht der betreffende junge Mann, gleichviel was er getan, Vertrauen verdienen, wenn er ihr etwas gelobte? Und wenn sie auch ihrerseits etwas gelobte? O gewiß! Er sollte schon ein ganz netter, lieber fügsamer Junge werden, wenn sie seiner nur habhaft werden könnte. Von großen Worten und erhabenen Grundsätzen kann man nicht leben. Aber da fand eine von ihnen, daß dies ein Verrat sei an ihrem Gelübde, und so gerieten sie hart aneinander, und es mußte eine neue Versammlung abgehalten werden. Darin wurden diejenigen aufgefordert sich zu rechtfertigen, welche sich erkühnt hatten ihre Ansicht zu ändern. Anfangs wollte keine hervortreten; aber schließlich sagte doch wirklich ein mutiges, schwarzlockiges Mädchen ganz offenherzig: Nach ihrer Meinung wären sie in der letzten Versammlung zu weit gegangen. Wären alle Männer so, – so, wie man sie damals sich gewünscht habe, – ja, dann! Aber sie seien nun einmal nicht so – und was sei bei dieser Lage der Sache zu tun? ... Ja, nun stehen wir allein da! »Gut, so bleiben wir allein dastehen!« lautete die Antwort. Auch auf diese heroische Antwort erfolgte eine Replik, – und so bildeten sich zwei Parteien und eine Mittelpartei. Auf die letztere war jedoch nicht fest zu bauen, was bei Mittelparteien gewöhnlich der Fall ist. Tinka Hansen (und Fredrik) und alle, die mit ihr und ihm (der Partei Fredrik) einverstanden waren, stellten den Antrag, die unbedingte Gleichheit der beiden Geschlechter zu proklamieren. Die Unkeuschheit dürfte fortan nicht mehr so streng beurteilt werden, mochte der Mann oder die Frau sich ihrer schuldig machen. Fräulein Hall war die einzige Lehrerin, welche an dieser Versammlung teilnahm, und sie sprach sich sehr energisch für die »Partei Fredrik« aus. Wenn unser Wissensgebiet sich mehr erweitert habe, äußerte sie, dann brauchten auch die Folgen der Unkeuschheit für die beiden Geschlechter nicht mehr verschieden zu sein. Selbst dieser Grund könnte also nicht als eine besondere Anklage gegen die Frau aufrechterhalten werden. Diejenigen, welche den Unterschied darin erblickten, daß das Vergehen der Frau die Familie schände, während das des Mannes eines anderen Familie, eines anderen Frau, eines anderen Tochter schände, diese sollten sich schämen und schweigen. Zweimal kam Fräulein Hall hierauf zurück, weil niemand darauf antwortete. Die Gegenpartei glitt über das Ganze hinweg; sie wiederholte in einem fort: ein Mann könne sehr gut sein, auch wenn er, wie die Verhältnisse nun einmal wären, sich vergangen habe. Nur die offenkundige Unsittlichkeit mache eine Ehe unmöglich. Die Partei Fredrik nahm argen Anstoß an diesen »leichtfertigen« Worten. Das hieß ja, einem nichtsnutzigen Leben einen Freibrief erteilen. Es wurden so starke Worte gebraucht, daß auch die Gegenpartei zornig wurde. Man ward sehr erregt; alle redeten zugleich und niemand wollte zuhören. Das war am Donnerstag. Am Abend hatte der Generalstab sich bei Milla versammelt. Man hatte mit demselben Gegenstand begonnen, war jedoch nach und nach auf Rendalen zurückgekommen. Tinka saß da und kritzelte seine Handschrift auf großen Halbbogen nach. Die anderen folgten diesem Versuche mit besonderer Aufmerksamkeit. Seine Handschrift bildete geradezu einen Gegensatz zu seiner sorgfältigen Toilette, so sorglos, ja so gleichgültig reihten sich Buchstaben und Worte aneinander. Tinkas karikierte Proben glichen einem Stickmuster. Sie schrieb: »Ich halt's nicht mehr aus – erwarte mich heute abend neun Uhr auf dem Markt!« – Sie schrieb das als Randglosse zu dem, worüber sie sprachen, und Blatt für Blatt füllte sie kreuz und quer mit diesen Worten an. Welche aber war es, welche vorschlug, was jetzt folgte? Darüber konnten sie später nicht einig werden. Nur das stand fest, daß nur Milla eine Einwendung machte; aber diese war so schwach, daß sie mit Recht für das Gegenteil dessen gehalten wurde, wofür sie sich ausgab. Jede von ihnen besorgte am Sonnabend vormittag ihren Brief. Der eine wurde in Karen Lothes Manteltasche, der andere in die Tasche der Zeichenlehrerin gesteckt; der dritte und der vierte mußten sich in die Jacken des Fräuleins Hall und einer Sprachlehrerin schleichen. Die Briefe waren nicht unterzeichnet, die Umschläge offen und ohne Adresse; – die Aufforderung war so flott hingeworfen, daß das Ganze für einen Scherz gelten konnte. Aber das war gerade das Verlockende an der Sache. Denn man durfte hoffen, daß gerade die scheinbar achtlos hingeworfene Schrift als von Rendalen herrührend betrachtet wurde, wenn die Sache eine unangenehme Wendung nahm. Um neun Uhr am Samstagabend lag eine solch milde Ruhe in der Luft, daß kein Mensch an Arges dachte. Friedlich kehrten die letzten Spaziergänger von ihrer poetischen Tour zurück; die meisten führte der Weg über den Marktplatz. Um dieselbe Zeit kamen die Mädchenscharen von der Schule durch die Allee gestürmt. Es war so ausgerechnet, daß der Generalstab sich an eine dieser Scharen anschließen konnte, um keinen Verdacht zu erregen. Natürlich waren alle vier zur Stelle. Sie schlossen sich an einige Freundinnen an, welche mit saurem Gesicht aus der Schule kamen. Es wurde so eingerichtet, daß sie gerade um die angesetzte Stunde über den Markt gingen. Richtig – da wandelte Karen Lothe auf dem Marktplatz umher; ja, sie war es; ihre schlanke Gestalt, ihr grauer Mantel und ihre Hutfeder ließen keinen Zweifel darüber. Gerade sie hier zu finden, war ihnen so unerwartet, daß sie sich beinahe verraten hätten. Konnte das wirklich Karen Lothe sein? Da wandte sie sich wieder nach links. Ganz offen vor aller Welt wanderte sie also hier auf und ab und erwartete jemand! Die vier sahen sich starr an; sie lachten nicht, sie gaben sich kein Zeichen, – sie waren geradezu erschreckt. Aber ihre Stimmung schlug plötzlich um, als sie die lange Zeichenlehrerin in die Allee einbiegen sahen! Schnell kam sie auf sie zu; sie hatte nämlich ganz um dieselbe Zeit ein Stelldichein in der Allee. Milla kroch hinter Thora, und Thora hätte sich ebenfalls gern hinter jemand verkrochen. Sie mußten irgendeinen Streich ersinnen, um einen Vorwand zum Lachen zu finden. Als die Zeichenlehrerin mit fieberhafter Hast vorbeisegelte, hatten sie Tinka Hansen gerade in einen Graben gestoßen, der zum Glück trocken war. Jetzt galt es noch zu erfahren, ob auch die beiden anderen Lehrerinnen in die Falle gegangen waren! Die vier kehrten in die Zimmer der Pensionärinnen zurück, von wo sie den Hof überschauen konnten. Fräulein Hall hatten sie hinter dem Turnlokal ein Stelldichein gegeben; aber wenn sie nicht ganz regungslos an der bezeichneten Stelle stand, so hatte sie sich nicht eingefunden. Die Sprachlehrerin war hinter den Garten beordert. Und richtig, da kam sie den Fußpfad vom Walde her herunter. Aber sie war nicht allein; und dabei sah sie sich nicht ein einziges Mal um. Wenn sie den Brief gelesen, so hatte sie ihn für Scherz gehalten ... Die vier schlichen sich durch das Gartenpförtchen auf demselben Wege von dannen; sie wollten Karen Lothe nicht noch einmal begegnen. Aber einige Stunden vorher hatte sich etwas zugetragen, das, wäre es nicht dazwischen gekommen, alles an den Tag gebracht hätte; und dann würde keine der vier jungen Damen wieder einen Fuß in die Schule gesetzt haben. Fräulein Hall hatte, als sie um sechs Uhr von ihrem Spaziergange nach Hause gekommen war, sehr nervös und sehr dringend Herrn Rendalen zu sprechen verlangt. Als er kam, reichte sie ihm sofort den Brief. Er nahm und las ihn, hielt ihn auf Armeslänge von sich und begann zu lächeln; und als sie die Sache ernst nahm, verwandelte sich sein Lächeln in ein helles übermütiges Lachen ... Zehn Minuten später hatte er einen Brief von Fräulein Hall in Händen, worin sie ihm mitteilte, daß sie mit dem nächsten Dampfer abreise. Ganz wütend suchte er seine Mutter auf, teilte ihr den Vorfall mit und bemerkte, Fräulein Hall müsse verrückt geworden sein. Jetzt stürmte Frau Rendalen zu Fräulein Hall. Diese war noch in der größten Aufregung, weinte und gab wunderliche, heftige Erklärungen ab, während Frau Rendalen sich ein über das andere Mal die Brille abriß; die Sache war ihr ein vollständiges Rätsel. Vielleicht, dachte sie, kommt Licht hinein, wenn wir englisch miteinander reden. Aber es blieb alles so dunkel und geheimnisvoll wie zuvor. – Kurz und gut: weshalb war sie so aufgebracht? Warum wollte sie abreisen? Was sollte geschehen? Welche Genugtuung verlangte sie? – Sie verlangte, daß die Schuldige ihre Strafe erhielt! – Weiter nichts! ... Beide eilten in die Zimmer der Pensionärinnen. Sie waren leer. Da begannen sie die Schreibbücher und Briefmappen zu untersuchen. Es mußte sich doch herausstellen, welche von den Schülerinnen so nichtsnutzig gewesen, Rendalens Handschrift nachzuahmen. Dann hinunter in die Klassenzimmer. Die der obersten Klassen waren noch ganz so wie in dem Augenblick, da die Schülerinnen sie verlassen. Sorgfältig wurden alle fortgeworfenen Papierschnitzel gesammelt und studiert, die Schreibbücher, die Schulbücher und die Pulte untersucht. Sie wollten und mußten es heraushaben, wer die unglückselige war, welche Rendalens Handschrift nachahmte. Das taten alle – alle miteinander! – Als diese Tatsache offenbar wurde, als gar kein Zweifel mehr darüber obwalten konnte, daß alle erwachsenen Mädchen in der Schule sich unablässig mit Rendalen, mit Thomas Rendalen und nur mit Rendalen beschäftigten, da ward Fräulein Hall ruhiger, und schließlich verließen die beiden Damen die Schulzimmer, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Fräulein Hall hat niemals wieder von der Sache gesprochen ... Aber Frau Rendalen sprach mit Karl Wangen. Am nächsten Montag nahm er in der Religionsstunde die Worte zum Text: »Was man nicht wollte, daß andere uns täten, müßte man auch niemals einem andern tun.« Das gelte namentlich von der Jugend, welche eine große Freude daran habe, eines anderen schwache und empfindliche Seite aufzusuchen. Die vier wagten nicht aufzusehen, – was sie jedoch nicht hinderte, verstohlen von der Seite nach der Zeichenlehrerin zu blicken, welche gerade an diesem Tage den Einfall gehabt, sich an den Tisch des Laboratoriums zu setzen. Sie stützte ihre langen Arme auf den Tisch, und der Kopf ruhte etwas seitwärts geneigt auf der Handfläche; die andere Hand war mit einem Gegenstand auf dem Tische beschäftigt, den sie unverwandt betrachtete; aber da rollte ihr Träne auf Träne über das Gesicht, ohne daß sie sich rührte oder die Tränen trocknete; sie war ganz außer Fassung. Alle vier sahen es. Als die Lehrerin in der vierten Pause noch ebenso trostlos war, noch ebenso heftig weinte, – da vermochte Nora es nicht mehr auszuhalten. Sie zog sie mit sich in eines der Pensionszimmer, schlang die Arme um ihren Nacken und bat sie leise wieder und wieder um Verzeihung. Was verziehen werden sollte, wurde nicht gesagt. In stummer Vertraulichkeit schmiegten sie sich aneinander; Gram, Mitgefühl, Scham, Verzeihung – das alles verschmolz zu einer einzigen Empfindung ... Das große arme Mädchen, dem sie durch ihren Streich ihr teuerstes Herzensgeheimnis entlockt, tröstete sich schließlich angesichts einer so grenzenlosen Reue, eines so tiefen Verständnisses, einer so herzlichen Hingebung. Noch am selben Tage erfuhren Thora und Tinka, was Nora getan. Sie wollten dasselbe tun; aber das untersagte sie ihnen; die Unglückliche durfte um keinen Preis ahnen, daß mehr als eine der Schülerinnen um ihr Geheimnis wußte. Karen Lothe wurde krank. Thomas mußte ihren Unterricht übernehmen und trat einige seiner Stunden an Fräulein Hall ab. Alle drei fühlten, daß niemand sich Karen Lothe nähern dürfe. Wie hatten sie nur auf einen so abscheulichen Streich verfallen können? Und das, während sie gerade tiefernste Debatten über die Stellung, die Ehre und die Verantwortlichkeit der Frau geführt?! Milla wollte mit den anderen gar nicht mehr reden. In der Schule hielt sie sich ganz für sich, und besuchte sie jemand zu Hause, so war ihre Tür abgeschlossen. Alle hatten eine Empfindung, als befänden sie sich am Vorabend eines Sturmes. Aber daß Milla sich von ihnen zurückzog, als ob sie allein die Schuldigen wären – das konnte Nora nicht ertragen ... Eines Tages nahmen sie daher alle drei Milla auf die Seite und verlangten Rechenschaft von ihr. Beleidigt wollte Milla sich entfernen; aber das nützte ihr nichts. Und da erklärte denn Milla, sie hätten sie zu diesem Unrecht verleitet. Sie wollte mit solchen Dingen nichts mehr zu tun haben. Die ganze Antwort, die sie bekam, bestand darin, daß Nora große Augen machte; aber Milla errötete vor diesen großen Augen. »Natürlich sei auch sie an dem Geschehenen mitschuldig; aber sie möchte nicht noch einmal in die Lage kommen, sich schämen zu müssen.« – Da fragten die anderen, ob sie etwa meine, sie hätten sich nicht geschämt. Jetzt vertraute ihnen Milla etwas vornehm an, in ihrem ersten Schreck über Karl Wangens Rede habe sie ihren Vater gefragt, ob er sie auf seiner Reise nach Süddeutschland mitnehmen wolle. Mit großer Freude habe er sich bereit erklärt; sie könne jetzt nicht mehr zurücktreten; in einigen Tagen reise sie ab. Die Freundinnen fühlten sich etwas gekränkt, daß Milla die Absicht gehabt, so ohne weiteres zu verschwinden. Aber auch Milla fühlte, daß ihr Verhalten ein wenig kränkend war; denn sie versuchte den üblen Eindruck möglichst zu verwischen. Jetzt war sie in jeder Beziehung die Liebenswürdigste. Als dann die Zeichenlehrerin in einem sehr schönen Mantel und Hut auftrat, ohne daß man herausbekommen konnte, wer die gute Freundin war, welche ihr diese Sachen verehrt hatte, – da war es den drei sofort klar, daß Milla die Spenderin sei. Zwar stellte Milla das in Abrede; aber das war ja nur ein neuer schöner Zug von ihr. Und so verwandelte die kurze Verstimmung auf beiden Seiten sich in ein noch innigeres Verhältnis während der wenigen Tage bis zur Abreise. Ihr Vater veranstaltete ein Abschiedsfest. Das Hauptereignis dabei war die Enthüllung eines Kuchens, auf dessen Spitze vier Zuckermädchen einander an fingerlosen Händen hielten und um eine rote Fahne mit der Inschrift »Emanzipation« herumtanzten. Und rings um den Sockel stand: »Der Verein«. Aber dieser Spott machte keinen Eindruck. Am folgenden Tage veranstaltete dieser selbe Verein Milla zu Ehren ein Abschiedsbankett. Alle guten Geister waren bei dieser letzten Zusammenkunft zugegen und umschwebten gewissermaßen die vielen kurzen Reden, die Musik, den Gesang, die ganze Stimmung ... Ein sehr ernstes Mädchen erinnerte daran, daß all das Schöne, das sie in diesem Schuljahr erlebt, gleichsam an der Grabstätte der Frau Engel begonnen hatte, und jetzt fand es hier mit dem Abschiedsfest für Milla seinen Abschluß. Da wurde Milla von ihren Gefühlen überwältigt. Sie erklärte, sie sei ihrer Freundinnen ganz unwürdig; sie verdiene all die Liebe nicht, welche ihr erwiesen wurde, sie sei nicht so gut, als ihre Freundinnen glaubten. Da trat Thora zu ihr und umarmte sie. Thora fühlte sich, wie sie Milla zuflüsterte, von unendlicher Dankbarkeit erfüllt für die schönsten Tage ihres Lebens. Man beschloß Milla nach Hause zu begleiten, und sie nahm Thora unter den Arm. »Jetzt kommen für mich böse Tage,« sagte Thora schluchzend. »Aber ich kehre ja doch wieder, Thora!« Als sie an Millas Tür Abschied nahmen, eilte Thora die Treppe hinauf und hinein in den Hausflur. Dort zog sie ein Kästchen hervor, das Milla sofort wiedererkannte. Darin lag ihr einziges Kleinod, das sie von ihrem Oheim geerbt; dieser hatte es in seiner Jugend aus Kalifornien mitgebracht. Es waren kleine, ungeprägte Goldstücke, welche an einer schweren Kette befestigt waren. Ein Prachtstück! Sie drückte es Milla in die Hand; sie selbst hatte es nie getragen. Milla wollte das Geschenk um keinen Preis annehmen; sie wußte nicht einmal, wie sie einen solchen Schritt vor ihrem Vater rechtfertigen sollte. Sie schlug es auf das bestimmteste und schließlich sogar in kaltem Tone aus, so daß Thora gekränkt forteilte. Aber Milla holte sie wieder ein und nötigte sie zu sich hinauf in ihr Zimmer, wo sie sie herzlich küßte. Ob sie meine, Milla wisse es nicht zu schätzen, was sie ihr zugedacht habe. Aber es sei Milla eine Gewissenssache, das Geschenk abzulehnen. So jedoch dürften sie nicht scheiden. Thora müsse bei ihr bleiben, die ganze Nacht mit ihr zusammen sein, »Nicht wahr?« Und Thora blieb. Wenn junge Mädchen sich wirklich lieben, müssen sie auch zusammen schlafen. Die da draußen warteten eine Weile. Als Thora nicht zurückkehrte, entfernten sie sich eine Strecke. Sie ärgerten sich über sie. Doch kehrten sie bald wieder um und begaben sich leise in den Garten. Und kurz darauf vernahmen die beiden Freundinnen da oben im Schlafzimmer einen gedämpften Damenchor unter dem Fenster. Sie sangen zu Tinkas Altsolo das Lied: »Ruhe sanft!« Da ward die Gardine zurückgeschoben, und die Blonde und die Brünette, beide in weißem Nachtgewande und fest umschlungen, nickten lächelnd in den Garten hinab. Am folgenden Tage war die ganze Schule an der Landungsbrücke. Frau Rendalen, die Lehrer und die Lehrerinnen, kurz alle mit Ausnahme von Anna Rogne; sie hatte auch an dem Abschiedsessen des Vereins nicht teilgenommen. Lautes, allgemeines Weinen und Küssen; doch eine ebenso große Bewunderung für Millas Reisetoilette. Auch die Kleinen mußten dabei sein; zwar weinen konnten sie noch nicht, aber küssen. Die verweinte Thora war zugleich mit Milla und ihrem Vater erschienen, der eitel Höflichkeit gegen sie war; aber jetzt hielt sie sich ganz zurück. Milla mußte sie geradezu aufsuchen, um ihr den letzten Händedruck, den letzten Kuß zu geben. Als der Dampfer bei seiner letzten Wendung an der Brücke vorbeifuhr und die schlanke schwarze Mädchengestalt – deren Hutschleier sich halb losgerissen, so daß er im Winde flatterte – mit ihrem Taschentuch den Freundinnen zuwinkte, da ward es augenblicklich weiß auf der Brücke; die kleinen sowohl wie die hinter ihnen stehenden großen Schülerinnen, alle winkten mit ihren Taschentüchern; und vom Dampfschiff nahm sich das aus, als hätte ein Wasserfall mit hohen Schaumwogen sich dort ins Meer gestürzt ... 18. Im Taubenschlag. Eines Nachmittags im Monat Mai, als die obersten Klassen im Turnlokal übten, – und zwar, weil das Wetter gar zu schön war, etwas träge –, und das große, dem Berge zugekehrte Fenster offen stand, so daß der Duft der Blumen und der Bäume hereinströmte; – – eines Nachmittags, just als Fräulein Hall in den Turnsaal kam und wie gewöhnlich die regelmäßigen Übungen dadurch unterbrach, daß sie durch einzelne Schülerinnen besondere Bewegungen ausführen ließ; – – und als infolgedessen eine Anzahl Mädchen sich zum Fenster zurückzogen, um die Hunderte von blühenden Obstbäumen zu betrachten, welche amphitheatralisch ein großes Quadrat der Böschung über ihnen mit einer einzigen, dichten Krone bedecken; – – und als diese Mädchen diese Pause nicht so voll genießen konnten, als sie wohl mochten, weil dicht unter dem Fenster verschiedene naseweise junge Bäume in diesem Jahr so fabelhaft hoch emporgeschossen, daß es fast unmöglich war, die Herrlichkeit da draußen zu betrachten, – was noch dadurch erschwert wurde, daß diese jungen Bäume die Bienen aus den Stöcken nebenan an sich lotsten, und daß diese Bienen noch naseweiser waren, – denn sie summten zu dem offenen Fenster herein und erschreckten die Mädchen, wenn sie zwischen den Schößlingen hindurchlugen wollten, – – da neigten sich all die Hunderte von Bäumen, weil ein grimmiger »Landwind« plötzlich mit feinem Sand und Samenhülsen einen Anfall auf sie machte und sie unversehens so heftig rüttelte und schüttelte, daß im nächsten Augenblick Millionen und aber Millionen Blütenschwingen hoch in den Lüften wirbelten. Die Mädchen jubelten, schrien, klatschten und stürzten ans Fenster, während dieses Frühlingswunder leuchtend über den Garten hinzog. Dann stürmten sie mit einem lauten Aufschrei nach der Eingangstür, die halb offen stand; sie wollten ihnen folgen, diesen schimmernden Flüchtlingen der Obstbäume. Sie vergaßen, daß sie Turnanzüge trugen; aber hinter den Häusern hatte das ja nichts zu bedeuten; – laut jubelnd stürmten sie fort. Da ward die Tür von draußen ganz offen geschoben. Auf der Treppe stand ein junger Mann in weißen Beinkleidern und der Uniform eines Marineoffiziers. Er lachte und grüßte – grüßte und lachte wieder. Es war Nils Fürst. Hinter ihm stand Kaja Gröndal mit einem kapuzenartigen Hut und einem violetten Sonnenschirm. Sie sah prachtvoll aus. Auch sie lachte. »Ist Elise nicht hier?« fragte er. In den beiden obersten Klassen hieß keine einzige Elise, und niemand kannte eine Elise in der Schule. »Nein, nicht Elise,« sprach er; »vielleicht Olava?« Auch eine Olava gab es nicht in den beiden obersten Klassen. Olava? Niemand kannte eine Olava. Alle merkten, daß dies nur Scherz war; aber was kümmerte sie das? Er betrachtete sie in ihren Turnanzügen, die eine nach der anderen ... Er hatte Blumen in den Händen; die, welche er in der rechten hatte, mußte er an die Brust legen und sie mit dem linken Arm an sich drücken, wenn er grüßen wollte. Auch Frau Gröndal hatte Blumen. Offenbar hatten sie sie soeben erst gekauft, und da sie gehört, daß gerade jetzt geturnt wurde, wollten sie sich das ansehen. »Verzeihen Sie,« sprach er, »vielleicht hieß sie Petra? ... oder vielleicht war sie auch gar nicht hier?« Er lüftete den Hut, und es war, als ob sein ganzes hellblondes Lockenhaar ebenfalls lache; und jetzt brachen sämtliche Mädchen in ein so schallendes Lachen aus, daß es von den Wänden des Turnsaals widertönte. Er ging die Treppe wieder hinunter, Frau Gröndal wandte sich und ging mit ihm fort. Als er um die Ecke bog, winkte er zurück. Die lachenden Mädchen waren in eine eigentümliche Erhitzung geraten. Sie liefen ziel- und planlos umher, und fragten in einem fort, ohne auf eine Antwort zu warten; wo drei zusammenstanden, drängten sich die anderen herbei; lachte irgendeine lauter als die anderen, so stürmten alle dorthin. Da kamen zwei in Streit. Erst gesellten sich einige, dann alle anderen zu ihnen, und der Streit wurde sehr hitzig. Es handelte sich um den großen in der Tür stehenden Taubendieb. Die eine der Streitenden war Tinka. Sie war empört über seine Unverschämtheit; und sie sah sich nach Unterstützung um. Da erblickte sie Thora, welche sich auf eine Bank neben der Tür gesetzt hatte und leichenblaß war. Fräulein Hall machte sich gerade mit ihr zu schaffen, Tinka sprang auf sie zu und fragte in einem fort: »Was ist geschehen? Was ist geschehen?« Thora hatte ganz allein geturnt; sie war nämlich eine leidenschaftliche Turnerin geworden und hatte sich ein eigenes System gebildet. Gerade als sie mitten in ihren Übungen war, bemerkte sie durch die halb offenstehende Tür ein paar Vögel, welche über einem Busch hin- und herflatterten. Befand sich da jemand unter dem Busch? Hatten sie darin ihr Nest? Oder spielten sie bloß? Dann sieht sie Kaja Gröndals helles Kleid den Busch bedecken; statt der Vögel erblickt sie ein großes Bukett und einen Sonnenschirm; einen jungen Mann in der Uniform der Marineoffiziere mit Blumen in beiden Händen. Sie kannte ihn nicht. Jetzt wurde sie von Kaja bemerkt, und ob Kaja wirklich sagte: »Das ist sie!« oder ob Thora sich das nur einbildete, – es war ihr plötzlich, als wäre sie von unberufenen Augen entdeckt worden. Auch der Marineoffizier sah jetzt nach Thora herüber. Und er hielt seine Augen unverwandt auf sie gerichtet; sie lachten und stachen, diese Augen. Kaja wollte ihn zurückhalten und trat selbst zurück; aber er näherte sich immer mehr und schritt sogar die Treppe hinan, ohne den Blick auch nur ein einziges Mal von ihr zu wenden. Sie konnte sich nicht rühren. Der große Lärm am Fenster, der Windstoß, der Frau Gröndals Schleier emporhob und ihren Sonnenschirm umzuwenden drohte, das Hin- und Herwiegen des Busches, das Sausen in den Bäumen ... sie sah es, sie hörte es, aber wie von fern. Sie konnte es nicht recht begreifen ... Eine seltsame Mattigkeit überkam sie, namentlich in den Knien, die Beine wollten sie nicht mehr tragen. Da schrien die Mädchen entsetzt auf und stürzten nach der Tür; dann stieß er mit dem Fuß die Tür ganz offen. Da empfand sie einen frischen Luftzug; es war ihr, als hätte jemand sie gefaßt und von unten gestützt. Aber so lange er dastand, konnte sie nicht von der Stelle. Erst als er sich entfernte, suchte sie sich zu erinnern, wo die Bank war; und erst als sie sich gesetzt, war es ihr, als müßte sie die Besinnung verlieren. Sie kämpfte, sie suchte sich aufrechtzuhalten; Fräulein Hall kam hinzu; und dann Tinka. Und als diese laut und heftig fragte, ward ihr anders, sie konnte jetzt weinen. Die anderen kamen herbeigestürmt; aber beim Anblick ihres leichenblassen Gesichts wurden sie ganz still; sie fragten nicht einmal. »Sie hat zu angestrengt geturnt,« flüsterte Fräulein Hall. »Das tut sie immer,« fügte Nora sanft hinzu, sich neben sie setzend und ihren Kopf an sich legend. Die andern zogen sich auf Fräulein Halls Bitten zurück. Man hörte sie in dem kleinen Nebenzimmer, wo sie die Kleider wechselten und allmählich die alte Fröhlichkeit wiedergewannen; und dann entfernten sie sich, die eine Gruppe nach der andern. Als zu Mittag geläutet wurde, saß Thora noch immer da, mit Tinka und Nora neben und Fräulein Hall vor sich. Wiederholt hatte Thora versichert, jetzt sei ihr ganz wohl. Alle drei glaubten, sie habe zu eifrig geturnt. Plötzlich sagte sie: »Gott, welch ein abscheulicher, schlechter Mensch!« Die anderen sahen sich einander an. »Meinst du Nils Fürst?« Sie antwortete nicht sofort. »Also das war Nils Fürst?« – – Dann erbebte sie wie vor Kälte. Aber irgendeine andere Erklärung gab sie nicht. Sie begriff, was geschehen; daß ihr Unwohlsein vom Turnen herrührte, aber sein Erscheinen hatte ihr Unwohlsein in eigentümlicher Weise verschlimmert. Sie wollte lieber nicht davon reden. Auch Fräulein Hall entfernte sich. Die beiden Freundinnen blieben bei ihr. Es tat ihr so wohl, ihre Hände in den ihren zu halten ... 19. In den Ferien. Schon am folgenden Tage hörte Thora, Nils Fürst habe gesagt, sie sei das »verflixt hübscheste Mädel«, das er je gesehen. Anfangs wollte sie das nicht glauben; aber von allen Seiten wurde es ihr bestätigt. Als sie das nächste Mal mit Kaja Gröndal zusammentraf, erzählte auch diese es; die beiden Damen hatten sich durch Milla kennen gelernt. Wenn Leutnant Fürst nicht einen so schlechten Geschmack hätte, gab Thora zur Antwort, so würden sich die jungen Damen in einer unangenehmen Lage befinden. Der Sommer stellte sich mit großer Wärme ein; alle, denen es die Mittel erlaubten, waren aufs Land gezogen, entweder an die Küste oder hoch in die Gebirgsgegenden. Sobald die Ferien begannen, verschwanden die Schülerinnen; nur einige arme blieben zurück. Unter diesen befand sich auch Thora. Nora reiste mit ihrer Mutter in ein Bad; Tinkas Eltern waren ja reich, sie besaßen irgendwo ein Gut. Anna Rogne blieb in der Stadt; mit Thomas' Hilfe bildete sie sich zur Lehrerin aus. Es war ihr die Stelle Karen Lothes, welche die Schule verlassen hatte, zugedacht. Aber Anna war wenig zugänglich, namentlich für Thora, und zwar wegen ihrer Freundschaft mit Milla. Und als Thora trotzdem wieder mit ihr anzuknüpfen suchte, fand sie Anna so beschäftigt und ängstlich – sie wollte schon gleich nach den Ferien in den untersten Klassen unterrichten –, so daß Thora sich wieder zurückzog. Thora wohnte wieder auf der Landzunge bei ihrer Mutter (vom Vater war gar nicht die Rede). Sie wohnte gemeinsam mit zwei Schwestern in einer ziemlich ärmlichen und unordentlichen Dachstube. Es hatte sie eine große Unlust erfaßt, welche sie dadurch von sich abzuschütteln suchte, daß sie häufig Wanderungen unternahm in den Wald oberhalb des Gutes oder nach den »Hainen«. Es war dies ein Vergnügungsort im Walde unmittelbar an der Landstraße, ein großer freier Platz mit zahlreichen kleinen »Hainen«, d. h. ausgerodeten Stellen, auf denen Bänke und Tische angebracht waren. Als sie an einem Sonnabendnachmittag diesen Ort wieder aufsuchen wollte, begegnete sie in der Stadt Kaja Gröndal. Sie war nach der Stadt gekommen, um ihren Mann abzuholen; er war aber nicht gekommen. Ob Thora nicht mit ihr aufs Land fahren wolle? Der Dampfer ging in einer Stunde ab. Thora war allen Einladungen gegenüber sehr schwach. Ehe die Stunde um war, kehrte sie mit einer großen Hutschachtel zurück, in welcher sich ein weißes Kleid befand. Am nächsten Morgen – einem Sonntag – stand sie vor Gröndals kleinem Landhaus auf dem Altan. Rechts von ihr waren sämtliche Blumen des Hauses hinausgetragen, damit sie vom Regen erquickt würden. An den Garten zur Rechten schloß sich unmittelbar der Tannenwald; sie konnte die ersten Bäume und einen Teil des sich nach der See hinunterziehenden Berges sehen; auch ein matt schimmernder Streifen des Meeres war hier oben sichtbar. Die wassergefüllten Wolken hingen sehr tief, und kein Lüftchen regte sich. Sie hörte den Dampfer fahren; kurz vorher hatte sie von der Landungsstelle her ein scharfes Pfeifen vernommen; jetzt eilte der Dampfer in weiterer Ferne vorüber. Durch den Garten und zwischen den alten, hohen Bäumen dahinter führte ein Pfad nach einem anderen sich weithin dehnenden Garten. Sie wußte, daß dort mehrere Häuser lagen, die sie auf dem Altan nicht sehen konnte. Dort nämlich wohnten Wingards, und dort sollte heut der Jugend zu Ehren ein Fest stattfinden. Wem konnte sie dort begegnen? Darüber grübelte sie jetzt nach. Frau Wingard war eine geborene Fürst ... Ob wohl Nils Fürst auch zugegen war? Warum nicht? Es ist ja heut Sonntag. Und warum sollte er nicht verschiedene Kameraden mitgebracht haben? Hätte Thora das gewußt, ehe sie sich gestern auf das Dampfschiff begab – würde sie dann hierher gefahren sein? Wiederholt legte sie sich diese Frage vor. Sobald sie von dem Fest gehört, hatte eine eigentümliche Empfindung sie durchzuckt; und auch heute war ihr noch eigen zumute; doch waren es keine unangenehmen Empfindungen mehr. Wünschte sie ihm denn wirklich zu begegnen? ... Sie wünschte nicht von ihm berührt zu werden. Nein, nein! – Auch mochte sie nicht wieder so von ihm gesehen werden wie das letztemal ... Aber ihn sehen? Und von ihm gesehen werden – wenn es ganz zufällig geschehen konnte ...? Ja, danach verlangte sie. Wenn sie auf dem Altan bis nach der Treppe ging, welche links heraufführte, konnte sie ins Wohnzimmer sehen; ja auch in einen Spiegel konnte sie blicken, wenn die Tür zu Frau Gröndals Schlafzimmer offen stand. Nein, diese Tür war jetzt verschlossen. Sie trat wieder zurück. Noch immer konnte sie dem Dampfer folgen, das heißt einem beweglichen dunklen Punkte. Das Geländer des Altans war feucht; sie trocknete sich die Hände, vergaß das und legte sie wieder auf das Geländer. Es fiel ein sehr feiner Regen. Die Vögel badeten sich in der feuchten Luft und sangen dabei rings um sie her. Auch die Bäume, Blumen und Gräser badeten sich, und gierig sog Thora die kräftigen, so verschiedenartigen Düfte ein. Einer dieser Düfte führte ihre Gedanken weit, weit fort nach einem Landhaus bei Havre, an die Meeresküste... Blaue scharfe Luft, Segelschiffe, ein langer Sandstreifen und darüberhin das dumpfe Gemurmel der Wellen. Unmittelbar an der See ein Landhaus, plump und grau; darin wohnte sie; das schmale Gartenpförtchen war offen; in kurzem Kleidchen und mit nackten Armen stand sie im Garten auf einer Steinbank; sie betrachtete ihre langen, gestreiften Strümpfe, die sie so bewundert hatte, als sie sie zum erstenmal anzog. Sie lugte über den Zaun, und dabei führte die Luft ihr stoßweise den Duft zu, den sie auch hier einatmete. Es ging auf den Abend; sie erwartete ihren Oheim, der nach der Stadt gegangen war. Der Pfad durch den dunkeln Garten war mit Kies bestreut... Da vernahm sie seine Schritte. In dem feinen Regen, da zur Linken gewahrt sie einen ungeheuren Schirm, und darunter weiße Beinkleider. Sie kann nicht sehen, wer sich unter dem Schirm befindet; selbst jetzt, wo ein Gartenpförtchen geöffnet werden soll, wird er nicht gehoben. Er gleitet noch tiefer vornüber... Aber sie weiß jetzt, daß jene Schritte in dem Sande nicht nach dem Landhaufe bei Havre führen... Es war nicht ihr Oheim, sondern...? Der Schirm wird emporgehoben; da steht der Träger des Schirmes im Garten. Sie gewahrt einen dunklen Rock, einen Strohhut und ein sehr verwundertes Gesicht. Es erfaßt sie etwas von jener Beklommenheit, von der sie sich völlig befreit glaubte. Aber in dem Augenblick, wo er sie bemerkte, ging es vorüber – ganz anders, als da sie sich zum letztenmal sahen. Offenbar hatte er nicht erwartet, eine Dame auf dem Altan zu finden. Aber unangenehm war es ihm durchaus nicht! Er lächelte und grüßte ... heut hatten seine Augen gar nichts Stechendes. An der Treppe blieb er stehen. Der Schirm ruhte auf dem rechten Arm, während er den linken auf das Geländer legte, um sich daranzulehnen. Eine wohlgeformte Hand mit einem Siegelring. Er war schlank und geschmeidig, der Kopf zeichnete sich durch drei Dinge aus: eine nervöse, sinnliche Mundpartie, die fortwährend in Bewegung war; ein Paar große schelmische lachlustige Augen, die aber sehr stechend blickten, wenn er den Kopf etwas zurücklegte und sie halb schloß; ein volles, in das Gelbliche spielendes Lockenhaar und rötliche, lange Whiskers. Still und ruhig, wie um den Anblick voll zu genießen, betrachtete er sie, während er am Geländer lehnte. Seine Haltung hatte etwas an sich, das unwillkürlich an die Katze erinnerte. Das sah und fühlte Thora; aber trotzdem empfand sie heute mehr Neugierde als Furcht. »Sie hier zu treffen kommt mir wirklich unerwartet. Sind Sie schon lange hier?« »Ich bin gestern abend mit Frau Gröndal gekommen,« Und nun gerieten die beiden in ein Gespräch über die Fahrt auf dem Dampfer, das Wetter, den Ort, ohne daß sie einander vorgestellt waren – ein Gespräch, das keinen anderen Zweck hatte, als einen Vorwand zu haben, sich miteinander unterhalten zu können. Was sie sagten, war bedeutungslos, ohne Farbe, manchmal sogar ohne Sinn; wenn nur das zuletzt Gesagte nicht das letzte blieb. Er stand da unten und studierte sie mit wachsendem Wohlgefallen. Diese Kopfform, diese auffallend harmonische Gesichtsbildung – und dann der Ausdruck dieses Antlitzes! Die Augen funkelten förmlich unter den dichten langen Wimpern. Was für eine Farbe mochten sie nur haben! Es schien, als seien sie dunkel; aber ...? Und dann die Büste! Und die Figur! Hals, Brust, Arme, Hautfarbe, das tiefschwarze Haar, ihr Anzug ... Wie lange er sie betrachtete, wußte keiner von beiden; aber es dauerte ziemlich lange. Er wollte sich und sie wollte ihn nicht stören. Sie betrachtete sich gleichsam in einem lebenden Spiegel; aber unschuldig war das Vergnügen nicht; denn allmählich berauschten sie sich daran. Endlich nahm sie sich zusammen und brach ab; sie trat quer über den Altan zu einigen Blumen und machte sich mit ihren Blättern, die sie grausam mißhandelte, zu schaffen. Dann ging er hinauf auf den Altan, langsam, mit dem Regenschirm auf der Schulter, die linke Hand auf dem Geländer. »Sie kommen doch auch heute nachmittag mit zu meiner Schwester?« »Frau Gröndal will mir eine Einladung verschaffen.« »Natürlich; wir werden auch tanzen ... Darf ich um den ersten Walzer bitten?« Sie blickte nicht auf. »Wollen Sie den ersten Walzer mit mir tanzen?« Sie fühlte, daß sie hierauf nicht antworten konnte. »Um Verzeihung, da fällt mir eben ein, daß ich mich noch nicht vorgestellt habe. Aber wenn Sie wissen, wer meine Schwester ist, so dürften Sie auch wissen, wer ich bin?« Er lächelte und kam näher, immer noch unter dem großen Regenschirm, während die linke Hand noch fortwährend über das Geländer glitt. Sie richtete sich auf, antwortete aber nicht. »Wir sind also einig über den ersten Walzer?« Er sagte das achtlos, etwas überlegen, beinahe als fühlte er sich verletzt. Er machte den Regenschirm zu und wandte sich nach dem Eingang. »Frau Gröndal ist doch zu Hause?« Er trat ein. Thora wollte schnell hinzufügen: »Aber sie ist noch nicht aufgestanden,« – allein das wäre ja gleichbedeutend gewesen mit der Bitte, er möchte noch bleiben, und zudem war Frau Gröndal jetzt wohl so weit aufgestanden, daß sie ihn selbst abwehren konnte, wenn sie ihn ins Zimmer treten hörte. Und er trat ein; aber er kehrte nicht zurück. War denn Frau Gröndal schon zu sprechen? ... Nein, gesprochen wurde noch nicht im Zimmer. Sie ging nach der Treppe hin und blickte in den Spiegel: die Tür des Schlafzimmers stand weit offen. Sie eilte die Treppe hinunter durch den Garten, und aus dem Garten hinaus in den Wald. Aber sie kehrte bald wieder um, denn es war dort sehr feucht. Sie begab sich hinaus auf die Anhöhe an der See. Dort setzte sie sich auf einen großen Stein. Sie bebte, und der Busen wogte, als wollte da drinnen etwas zerspringen. »Fräulein Holm!« rief Frau Gröndal. Sie hatte also schon Toilette gemacht. Ihr Ruf mußte vom Altan oder aus dem Garten kommen. Frau Gröndal war vielleicht schon draußen gewesen, als er ins Zimmer trat. Aber Thora konnte Frau Gröndal nicht sofort antworten; sie fühlte sich so beengt. Da sie nicht zum erstenmal geantwortet, glaubte sie auch beim zweiten Ruf schweigen zu müssen. Dann vernahm sie nichts mehr. Wieviel Uhr war es? Schickte es sich denn, daß er schon so früh am Morgen eine Dame besuchte? Daß er unmittelbar vom Dampfer sich zu Frau Gröndal begab – und nicht erst zu seiner Schwester? Wieviel Uhr ist es? Aber sie hatte ihre Uhr nicht bei sich ... Da nähern sich ihr ja wieder die weißen Beinkleider... und auch der Regenschirm! Sie war in größter Aufregung ... »Aber, liebes Fräulein, hören Sie denn nicht, daß Frau Gröndal nach Ihnen ruft?« Thora antwortete nicht. »Und wie naß Sie sind! ... Und ohne Schirm? ... Bitte ... Warum sind Sie denn fortgelaufen?« »Wieviel Uhr ist es?« »Wieviel Uhr? ... Elf!« »Elf?« »Ja, sehen Sie!« Er hielt ihr eine massive amerikanische goldene Uhr hin, wobei er den Deckel aufspringen ließ. Sie schwieg und folgte. Als sie den Garten wieder erreicht hatten, wollte sie wissen, wie er sie so schnell gefunden. Er hatte ihre Fußspur hier im Sande entdeckt und das übrige hatte er sich zurechtgelegt; denn in den nassen Wald konnte sie ja nicht gegangen sein. Dann frühstückten sie zusammen. Aber eine Stunde später saß Thora allein in ihrem Zimmer. Sie hatte sich eingeschlossen. Und um sechs Uhr nachmittags, gerade als die Gäste sich bei Frau Wingard einfanden, saß sie auf dem Dampfer, der nach der Stadt zurückkehrte. Was war geschehen? Nichts, gar nichts. Aber gleich der Wolke, welche noch immer, wenn auch nicht mehr so niedrig wie am Vormittag über der Landschaft hing, lagerte auch hier überall etwas, das ihr unklar, unbegreiflich, unfaßbar war. Es war ihr unmöglich, mit Leutnant Fürst und Frau Gröndal zusammenzusein; sie kam sich dann so unnatürlich, so gekünstelt vor; alles, was sie sagte und tat, war verkehrt. Daher wagte sie sich nicht in die Gesellschaft; und schon bei dem Gedanken, mit dem Leutnant den Walzer tanzen zu müssen, erbebte sie. Das war ihr unmöglich. Nun, so blieb ihr denn nichts anderes übrig, als zu fliehen. Sie gab sich schreckliche Blößen, indem sie alle möglichen Gründe für ihre Flucht zu erfinden suchte. Aber gleichviel: jetzt saß sie auf dem Dampfer. Das war fast eine Tat, und sie freute sich ihrer. Die übrigen Passagiere saßen teils auf dem Deck, teils in der Kajüte, wo die Fenster geöffnet waren. Sie trat nach vorn, wo ein paar Arbeiter saßen. Nicht weit von ihnen suchte sie sich ein einsames Plätzchen. Es wurde ihr freier zumute, als der Dampfer sich mehr und mehr von der Küste entfernte und in die offene See gelangte. Trotz des bewölkten Himmels war der Abend schön und milde; auch regnete es nicht mehr. Die Inseln, zwischen denen sie hindurchfuhren, lagen so hell und klar da; ihre vielfarbigen Anhöhen, die grünen Grasflächen, die Gärten mit den Häusern darin – alles war so deutlich zu sehen; ebenso die Menschen, welche vor den Häusern standen, um den Dampfer vorüberfahren zu sehen. Sie wünschte sich ein solches Häuschen zum Wohnsitz ... Es träumte ihr, daß sie wirklich in einem solchen Häuschen wohne ... und sie richtete es ganz nach ihrem Geschmack ein. Und dann kehrten die unheimlichen Empfindungen zurück; sie fühlte sich so bedrückt und beunruhigt – aber wovon? ... Natürlich ist es die Erinnerung an ihn, dachte sie. Unwillkürlich wandte sie sich um und blickte zurück. Da stand er! Vier fünf Schritt von ihr stand er auf dem Deck! ... Er grüßte und lächelte ... Kreidebleich und im nächsten Augenblick feuerrot, wandte sie sich mit großer Erbitterung von ihm ab. »Nein, Sie müssen nicht böse auf mich sein! ... Ich will lieber mit Ihnen nach der Stadt fahren, als hier bis fünf Uhr morgen früh tanzen. Ist denn das so seltsam? Verdiene ich darum Ihre Verachtung?« Jetzt setzte er sich hinter sie. Sie fühlte es und rückte ein wenig von ihm ab. »Warum tun Sie das? Natürlich bin ich nur mitgefahren, um mit Ihnen plaudern zu können ...« Es erfaßte sie ein eigenes Gefühl der Scham und zugleich der Furcht. Jetzt war sie allein, fern von den anderen; sie hätte nach ihnen rufen mögen. So oft Thora sich verlassen fühlte, begann sie zu weinen. Das sah er, und mit ganz veränderter Stimme sagte er: »Liebes Fräulein, Sie müssen mich nicht mißverstehen! Ich will Sie durchaus nicht belästigen; nicht im mindesten! Es ist wahr, ich hätte mich so gern mit Ihnen unterhalten. Darf ich das nicht? Warum wünschen Sie das nicht?« Sie gab keine Antwort; aber sie weinte auch nicht mehr. Er begann von gleichgültigen Dingen zu reden, und sie beruhigte sich allmählich. Er bedauerte, daß sie sich nicht schon früher kennen gelernt. »Als ich Sie zum erstenmal sah, sagte ich mir: – aber das ist ja gleichgültig, was ich mir sagte. Jedenfalls hatte ich den Wunsch, Sie noch einmal zu sehen. Ganz unerwartet ist mir heut dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Aber unterhalten haben wir uns nicht. Sie waren wirklich etwas seltsam. Warum? ... Oder waren Sie etwa nicht seltsam? Zum Beispiel, warum wollten Sie nach Hause zurückkehren? ... Ich mußte ja glauben, daß ich daran schuld sei. Vor meiner Ankunft hatten Sie ja nicht die Absicht, wieder zurückzureisen ... Nun ja, ich gestehe es, das machte mich neugierig. Wenn ich Sie erschreckte ... Vielleicht mit meinem großen Regenschirm? Sehen Sie, Fräulein, nun lächeln Sie! Aber wirklich, liebes Fräulein, warum wollten Sie unbedingt abreisen? Sagen Sie mir das.« Er rückte etwas näher, und sie blieb sitzen. Unaufhörlich plauderte er, leicht und scherzend. Endlich wandte sie sich einmal halb nach ihm um; da sah sie sein Spaßvogelgesicht und stimmte ein in sein Lachen. Immerhin war er ein lustiger Gesellschafter. In der Nähe einer der vielen Haltestellen lag ein rotes Haus, vor welchem eine Anzahl junger Leute um einige Turnapparate herumstanden. Ein junger Mann und ein junges Mädchen hielten sich an einem Seil im Rundlauf. Aus allen Kräften suchte er sie zu erhaschen. Erst berührte er einige Mal die Erde, dann ein langer Luftsprung, darauf wieder einige Schritte, dann von neuem ein großer weiter Luftschritt. Ob er sie je erreichte? Niemals. Sie war leichter und geschmeidiger und ihre Beine augenscheinlich viel elastischer; es war, als flöge sie durch die Luft! Das Haar und das Kleid flossen ihr nach wie auf einer Iris. Gespannt, aber stumm folgten Thora und ihr Begleiter dieser Jagd . .. Mit einemmal fühlte Thora seine Gegenwart in ihrem Rücken wie Feuer; er war ihr noch näher gerückt. Und mit einem plötzlichen Sprung erhob sie sich, trat in die Kajüte und setzte sich mitten unter die anderen Passagiere ... Sie wollte vor dem Hafen aussteigen. Er eilte ihr voraus, um ihr die Hand zu reichen. Aber sie entzog sich ihm. Er wollte ihre Schachtel tragen; sie lief fort ... Er begab sich wieder an Bord, um im Hafen abzusteigen ... 20. Auf der Jagd. Sie kam fast gleichzeitig mit ihrem Vater nach Haus, der mit einigen Kollegen eine Kahnpartie gemacht hatte. Die Kinder flüchteten, Thora schloß sich in der Bodenkammer ein und wagte nicht einmal hinunterzugehen und zu Abend zu essen, obgleich sie sehr hungrig war. Dann mußte sie ihren Schwestern öffnen. Sie geriet mit ihnen in Streit. Diese hatten ihre feinsten Schuhe getragen und fast vollständig zugrunde gerichtet. Der Streit endete damit, daß eine ihrer Schwestern ihr die Schuhe an den Kopf warf; und so gerieten sie in eine Prügelei. Über dem lauten Lärm kam auch die Mutter zornig herauf. Thora weinte, bis sie einschlief, ganz wie ein Kind. Am andern Tage versuchte sie der Mutter im Haushalt behilflich zu sein; aber auch das ging nicht ohne harte Worte und spitze Bemerkungen ab: So feine, vornehme Fräulein wären nur im Wege. Aber sie setzte ihren Willen durch, das heißt, sie fuhr fort, der Mutter zu helfen. Von ihrer kleinen Leibrente steuerte sie bei, was sie nur irgend entbehren konnte, so daß sich die Verhältnisse etwas erträglicher gestalteten. Aber dagegen, meinte Thora, habe sie das Recht, ein wenig für sich zu leben. Kurz vor dem Abendessen ließ sie sich nach der anderen Landzunge hinübersetzen und begab sich entweder in den Wald oberhalb des Gutes oder hinaus in die »Haine«; zu Hause herrschte ja nur Unfrieden. Mit etwas beklommenem Herzen ging Thora in der Nähe des Marktes an dem Hause vorbei, welches dem Leutnant Fürst gehörte – obgleich der schreckliche Mensch gar nicht hier, sondern draußen auf dem Orlogsschiffe war. Diese Angst war ihr eine Veränderung, eine Beschäftigung, so daß sie gleichsam mit zu ihrem Spaziergange gehörte. In den kleinen norwegischen Städtchen geht ein junges Mädchen ganz allein, wohin es nur will. Unterwegs begegnet es anderen jungen Mädchen und schließt sich ihnen entweder an oder setzt den Weg allein fort. Thora hatte in der Regel nur den Wunsch, ein paar Stunden ganz allein zu sein. Gewöhnlich hatte sie ihre festen Punkte und Plätze; und dort angekommen, zog sie ein Buch hervor und las oder gab sich Träumereien hin. Oder – und das war heut der Fall – sie schrieb lange Briefe über all das Merkwürdige, was ihr begegnet war. Sie hatte eine Mappe und ein Tintenfaß mitgenommen; mit der Mappe vor sich auf einem Stein legte sie sich ins Gras, oder sie setzte sich auf den Stein mit der Mappe auf dem Schoß und dem Tintenfaß neben sich. Es ging ausgezeichnet, die Worte kamen ihr so frei und leicht wie der Wind, der sie umfächelte. Und wie herrlich war es da in dem Dickicht, in welches sich da und dort die Sonnenstrahlen hineinstahlen, in welchem sie unaufhörlich das Gezwitscher der Vögel vernahm, welche nur die Eichhörnchen zu erschrecken vermochten, wenn sie geräuschvoll über die Zweige hüpften. Der ferne Lärm im Hafen, der Fabrikstätten am Elv oder der im Hain oder auf der Landstraße Lustwandelnden war nur geeignet, ihr die Waldeinsamkeit noch traulicher zu machen. Das war ihre einzige Sommerpoesie. Sobald sie des Morgens die Augen aufschlug, sehnte sie sich hinüber in die »Haine«. Das Lärmen und Zanken zu Hause glitten an ihr ab, als ginge sie das alles nichts an; hier, hier im Walde war sie heimisch, hier lebte sie! Ihr großer Ausflug zu Frau Gröndal und ihre merkwürdige Dampfschiffahrt nach Hause zurück wurden natürlich hier draußen im Walde in einem Briefe an Milla, in einem zweiten an Nora und in einem dritten an Tinka geschildert. Am vierten Tage wollte sie diese Beschreibungen wieder durchlesen, – sie freute sich förmlich darauf. Sie wußte, sie hatte den Gegenstand mit viel Glück variiert. Aber schon beim Lesen des ersten Briefes wurde sie ein wenig bedenklich. Die Verschiedenheit der Darstellung in den drei Briefen war doch etwas zu auffallend. Sollten ihre Freundinnen einmal zufällig ihre Briefe vergleichen – ja, dann konnte es leicht zu einem ärgerlichen Auftritt kommen, wenn Thora zur Rechenschaft gezogen wurde. Nein, das mußte vermieden werden. Im ersten Brief hatte sie die Sache mit Ernst behandelt, ihre Verlegenheit und Angst geschildert; wer den Brief las, konnte nicht im Zweifel darüber sein, daß sie es mit einem Manne zu tun gehabt, vor dem sie sich fürchtete. In dem zweiten Briefe machte sie sich über sich selbst und ihn und die ganze Sache lustig. In dem dritten schilderte sie ein junges Mädchen mit dunklem Haar. Dies Mädchen wandelte an einem fremden Gestade. Da entstieg ein Meermann mit blonden Whiskers und Lockenhaar den Schaumwogen. In ihrer Angst floh das dunkelhaarige Mädchen an Bord eines Schiffes, um in die Heimat zurückzukehren; aber der Meermann schwamm die ganze Zeit hinter dem Schiffe her mit der Hand auf dem Herzen. Als sie ans Land stieg, stieß er einen schmerzlichen Klageruf aus; der tönte ihr während der folgenden Nacht in ihren Träumen beständig in den Ohren. Sie zerriß alle drei Briefe, ohne einen neuen zu schreiben. Aber ihren Wanderungen blieb sie treu. Sie ahnte nicht, daß Nils Fürst in die Stadt zurückgekehrt war, daß ein Kamerad seinen Dienst übernommen, daß er in aller Stille fremde Sprachen studierte, um sich auf eine neue glänzendere Karriere vorzubereiten, ohne daß er jetzt in seinem Hause wohnte. Noch weniger ahnte sie, daß er sie an dem ersten Tage, da er sich wieder in der Stadt befand, in seinem Fensterspiegel vorübergehen und etwas scheu nach seinem Hause blicken sah; und daß er das auch am folgenden Tage beobachtete. Er wußte, daß dies nicht der kürzeste Weg nach dem Walde war. An beiden Tagen war er ihr gefolgt. Jetzt am dritten Tage saß er zum Ausgehen bereit, um ihr nicht bloß zu folgen; er wollte sich auch anschließen... Er glaubte sie jetzt zu verstehen. Er kannte die Mädchen, welche wollten und auch wieder nicht wollten; genau so benahm sie sich. Richtig, auch heute blickte sie ängstlich zum Fenster hinauf und wanderte dann weiter mit ihrer Mappe am Arm. Sie ward von jemand aufgehalten, infolgedessen blickte sie zurück. Da entdeckte sie ihn! Schnell kam er auf sie zu; er war auf der Jagd, er hatte ihre Spur gefunden. Sobald es ohne Aufsehen geschehen konnte, verabschiedete sie sich und verließ ihren gewöhnlichen Weg; sie war ängstlich, unerklärlich ängstlich geworden. Sie hätte sich nicht umwenden sollen; aber heut konnte sie seine Augen nicht ertragen, und hier war niemand in der Nähe. So eilte sie denn weiter, schnell, immer schneller; aber es ahnte ihr, daß er ihr nacheilte; sie fühlte es beinahe. Zu laufen wagte sie nicht auf der Landstraße. Aber sie verließ sich darauf, daß sie im »Hain« besser Bescheid wußte als er und ihm so leicht entschlüpfen konnte. Sie verließ daher die Straße und schlug einen in den Wald führenden Pfad ein. Zu ihrem Schrecken sah sie, daß auch er sofort in den Wald sprang, um ihr zu folgen. Da wagte sie es, zu laufen; aber nach der Richtung hin, woher er kam; dann duckte sie sich hinter einem großen Stein. Das war ein guter Einfall; denn im nächsten Augenblick sah sie ihn vorbei- und weiter fortstürmen, ganz nahe an der Stelle, wo sie sich versteckt hatte. Das Herz pochte ihr so gewaltsam, daß die Brust sie schmerzte. Hier, wo niemand ihn sehen konnte, sprang, lief, hüpfte er; er kannte gar kein Hindernis. Sie wartete, bis er ihren Augen vollständig entschwunden war, und eilte dann in der entgegengesetzten Richtung fort durch den Wald. Sie machte nicht eher halt, als bis sie hoch oberhalb des Gutes an einem Stein unter einer einsam stehenden Tanne mit Laubbäumen rings umher angelangt war. Und während sie mit fliegendem Atem und flammenden Blicken sich umsah, stand er vor ihren Augen da so, wie er unten an dem Stein im Walde an ihr vorübergestürmt war... Er war häßlich, widerwärtig! Und niemals ward sie sein Bild wieder los. Stets und überall stand er vor ihr, als gäbe es nichts anderes in der Welt. Oder vielmehr: fortwährend flüchtete sie vor ihm; aber überall ward sie von ihm verfolgt. Ihre Schwestern teilten ihr mit, daß er in der Nähe des Hauses herumlungere und nach ihr hinaufblicke; daß er sie auf der Straße anrede und bitte, Thora von ihm zu grüßen. Das brachte sie in Feuer und Flammen; sie war ganz entrüstet; die Behauptung, daß Thora das »verflixt hübscheste Mädel« sei, war auch ihnen zu Ohren gekommen. Aber je hartnäckiger er sie verfolgte, um so größer wurde ihre Furcht vor ihm. Wo sollte sie hin? Frau Rendalen sowohl wie ihr Sohn waren verreist, und die Ferien dauerten noch fast drei Wochen. Anderen Menschen konnte sie sich nicht anvertrauen. Einen Augenblick dachte sie an Frau Hansen; aber diese war so streng in diesem Punkt; sie würde das kaum verstehen. An ihre eigene Mutter dachte sie nicht einmal. Aber das Ganze war ihr etwas, das sich nur in ihrem Innern zutrug; sie brauchte sich ja in keines Menschen Gewalt zu begeben, wenn sie nicht wollte. Gewiß nicht; aber wenn sie ihn nicht einmal aus ihren Gedanken bannen konnte?... Am Samstagabend warf sie sich müde auf ihr Bett, als hätte sie den ganzen Tag die anstrengendste körperliche Arbeit verrichtet. Durch das Fenster betrachtete sie die Rahen eines vorüberfahrenden Schiffes; sie folgte dem leicht im Winde flatternden Segel. Es schien ihr so nahe, als könnte sie es mit der Hand berühren. Am nächsten Tage mußte sie zur Kirche. In dem Augenblick, da sie daran dachte, stand ihr Karl Wangens mildes, würdiges Gesicht vor Augen, und das beruhigte sie einigermaßen. Wäre er ein Mädchen gewesen, sie würde sofort zu ihm hingegangen sein und ihm alles anvertraut haben. Sie setzte sich am andern Morgen in der Kirche auf die letzte Bank. Karl Wangen war ihr begegnet, hatte sie gegrüßt und ihr gesagt, mit Beginn des neuen Schuljahres würde sie ja wieder in der Schule wohnen. Diese Worte hatten sie veranlaßt, sich auf die hinterste Bank zu setzen; sie war sich nicht gewiß, ob ihr nicht das Weinen ankommen würde. Aber sie wußte sich zu beherrschen. Die Kirche sowohl wie die Menschen darin hatten etwas so Kühles und Stilles an sich; es war gar nicht, als ob da draußen ein heller Sommertag lachte. Und zudem, als Karl Wangen die Kanzel bestieg und zu beten begann, wurde sie an den Tag erinnert, da sie zum erstenmal die Schule betrat. Und diese Erinnerung beengte sie. Auch das Gebet, das Karl Wangen sprach, – es hatte für sie etwas wie eine Zurechtweisung. Ebenso die Predigt. Das brachte sie in eine eigentümlich traumhafte Erregtheit. Wie lange sie in diesem Zustand dasaß, wußte sie nicht. Fortgehen konnte sie noch nicht, da die Predigt noch nicht zu Ende war; und noch ferner zuhören wollte sie nicht. Endlich konnte sie die Kirche verlassen. Während all dieser Tage war sie nicht draußen gewesen; heute nachmittag aber mußte sie hinaus in die freie Natur. Aus Furcht vor dem Leutnant Fürst begab sie sich nach dem »Berge« und von dort in den Wald in der Nähe des Kirchhofs; von hier gelangte sie wieder zu der großen Tanne. Sie setzte sich auf den Stein darunter; er war niedrig und flach. Sie trug sich mit einem sehr ernsten Plan. Nicht Träumerei und Genuß suchte sie, nein, Hilfe! Diese letzten schweren Tage hatten sie aufgeklärt. Sie wußte jetzt, wie leichtbeweglich ihre Natur war, und daß sie deshalb viel leichter als jede andere die Beute eines Schurken werden konnte. Sie hatte sich nicht von Anfang an gewehrt; sie war vollständig unvorbereitet; ja die Gefahr hatte sogar etwas Verlockendes für sie!... Das mußte überwunden werden. Sie mußte sich Arbeit schaffen, gleichviel welche; wenn sie nur davon festgehalten wurde. Es war nicht mehr Ehrgeiz, was sie beherrschte, sondern nur noch Angst... Sie warf sich auf die Knie und richtete ein heißes Gebet an Gott. Es war das demütigste, beklommenste Flehen, das je aus einem geängsteten Mädchenherzen emporgestiegen ist. Sie war geradezu verzweifelt in ihrer Not... Oh, dieser Widerstreit in ihrem Innern! Sie sah sich im Geiste mit aller Kraft ausgerüstet, sie sah sich frei von aller Furcht; sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und das war ihr so tröstend. Ja, in diesem Augenblick konnte sie sich kein größeres Glück, keine größere Ehre, keinen größeren Reichtum denken als eine schwere Aufgabe zu haben. Da nahm ihr Gedankengang plötzlich eine andere Richtung. Es war ihr wie eine Störung, daß sie mit einem Male an ihre Freundinnen denken mußte, Millas größte Besorgnis in ihrem letzten Briefe hatte darin bestanden, daß das Wetter in den nächsten Tagen vielleicht weniger herrlich sein möchte; und Nora hatte die Befürchtung ausgesprochen, man könnte vergessen, ihr die neueste Musik zu schicken. Warum hatte sie allein, die sich hier in der Einsamkeit versteckte, ein so schweres Los getroffen? Ihre verlassene Lage hätte die Menschen barmherziger machen sollen; aber gerade diese wurde ausgenutzt... An die große Tanne gelehnt, hatte sie sich von der Landschaft abgewendet. Vor ihr lag ein Erlengehölz, junges, aber üppig wucherndes Buschwerk und blühende Farnkräuter. Mein Gott, wie wertlos und nichtig war alles, was sie im Verein besprochen und verabredet hatten! Kaum einige Wochen waren vergangen, und schon mußte sie sich hier verstecken. Wurde das bekannt – wer weiß, ob sie dann nicht von ihren Freundinnen verachtet wurde; ja vielleicht sogar von Frau Rendalen! Das preßte ihr Tränen in die Augen. Aber sie wollte sich zusammennehmen. Das schweißbedeckte, erhitzte Gesicht da unten aus dem Walde – oh, wie sie es verabscheute! Es machte sie schaudern... Sie mußte sich selbst gestehen, daß die Angst, mit der sie sich fortwährend peinigte, gefährlicher für sie war als ihr Verfolger selbst. * Gerade als Thora zum Berge hinaufging, schlenderte Nils Fürst auf dem Deck eines Schiffes umher, dessen Kapitän ein Bekannter von ihm war. Und gerade als sie den flachen Stein unter der Tanne erreichte, probierte er das neue Schiffsfernrohr. Er stellte es und richtete es auf die Anhöhen, um die daran hinaufführenden Pfade zu verfolgen. Kaum hatte sie sich auf den Stein gesetzt, da erreichte sie das Fernrohr ... Er erkannte sie ... Er schlug den Pfad rechts von den Gärten des Gutes ein ... In den letzten Tagen hatte er an nichts anderes gedacht. Er konnte nichts mehr vornehmen, ja sogar der Schlaf drohte ihn zu fliehen. Ein solches Prachtwild hatte er noch niemals gejagt. Wenn sie Tag für Tag an seinem Hause vorüberging und sich dennoch versteckte, sobald sie seiner ansichtig wurde, so war sie noch unschuldig. Es galt also nur, sie in ihrem Versteck aufzufinden. Einen angenehmeren Dienst konnte ihr niemand erweisen. Je öfter sie sich versteckte, um so heißer wurde ihr Wunsch gefunden zu werden. Jetzt begriff er, warum sie damals Frau Gröndal verlassen hatte; jetzt begriff er, warum sie auf dem Dampfer geweint hatte – oh, diese unschuldigen kleinen Mädchen! Aber diese Jagd wirkte aufreibend, wenn sie sich zu sehr in die Länge zog. Auch seine »Ehre« konnte dabei zu Schaden kommen; denn auf den Gedanken durfte niemand geraten, daß man ihn – den Leutnant Fürst! – zum besten halten könnte! ... Als er in die Nähe der Tanne gekommen war, verließ er den Pfad und schlich sich vorsichtig durch das Unterholz weiter. Wenn er sich nur erst so weit an sie herangeschlichen, daß er sie sehen konnte –! Sie befand sich noch immer in der früheren Stellung; aber während der ganzen Zeit hatte sie mit der Versuchung gekämpft, sich umzuwenden ... Da knackte ein Zweig hinter ihr, tiefer unten im Walde ... War denn da irgend etwas hinter ihr? ... Sie blickte hinunter ... Im ersten Augenblick gewahrte sie nichts ... Ja doch, da bewegten sich einige Zweige ... Auch vernahm sie ein Rascheln im Laube ... Das konnte ein Pferd oder eine Kuh vom Gute sein; man ließ sie ja um diese Zeit frei umhergehen ... Aber es wurde doch etwas zu heiß hier oben ... Sie wollte aufstehen und weitergehen ... Allein ihre Augen blieben unwillkürlich an einem Zweige da unten haften ... Es schien sich etwas Dunkles darunter zu befinden ... Da kam ein Kopf zum Vorschein – ein Mann – er! ... Wie in aller Welt – ?! Wußte er, daß sie –? ... Ein namenloses Entsetzen packte sie ... Da blickte er auf. Mit aller Macht stand sie auf, obgleich es ihr war, als hätten sich zentnerschwere Lasten an sie gehängt ... Aber sie wendete den Blick nicht von ihm ab, und es war ihr nicht möglich, den Fuß von der Stelle zu setzen ... und nach und nach verlor sie auch den Willen dazu ... Jetzt trennte sie nur noch der Stein ... Ein kalter Schauder überlief sie ... Jetzt wandte sie den Kopf und tat strauchelnd einige Schritte ... und stieß auf ihn. Sie wandte sich hastig nach der Seite. Er berührte ihre Hand, sein Arm schmiegte sich unter den ihren ... es war ihr; als legte sich ihr ein eiserner Gürtel um den Leib ... Da fiel sie so unerwartet und schwer, daß er beinah mit ihr gefallen wäre ... 21. Bei Hofe. »Liebe Nora! Ich weiß zum voraus, daß dies kein ordentlicher Brief wird; dazu hab' ich keine Zeit. Ja, ich glaube sogar, du darfst ihn den anderen gar nicht zeigen; sie würden meine Gefühle kaum begreifen. Schließlich gibt es doch immerhin etwas, das uns von den anderen scheidet; das sagt mir schon mein Gefühl. Wenn ich mir nur einigermaßen über das klar werden könnte, was ich jetzt – fühle, hätt' ich beinah wieder geschrieben. Du mußt nämlich wissen, heut habe ich den größten, den schönsten, den herrlichsten Tag in meinem ganzen Dasein erlebt! Ja, nicht wahr, nun wirst Du neugierig? Ich will Dich nicht auf die Folter spannen, aber zunächst muß ich doch erzählen, wie es gekommen ist. Als wir in Kopenhagen anlangten, wen traf ich da auf dem Bahnhof? Nils Fürst! Selbstverständlich war es eine Verabredung zwischen ihm und Papa; aber Papa versteht ja so schön über alles zu schweigen. Und weißt Du, woher Nils Fürst kam? Von Sofiero! Ja, nun ist's geschrieben, und nun wirst Du wohl alles begreifen. Ich habe Dir schon früher erzählt, daß Papa bereits vor längerer Zeit die Ehre hatte, von Seiner Majestät die Aufforderung zu erhalten, nach Sofiero zu kommen, wenn er wieder ins Ausland reise. Es gibt nicht viele Norweger, denen diese Ehre zuteil geworden; sie ist also außerordentlich schmeichelhaft für Papa. Davon nun hatte er mir nichts gesagt. Er wollte mich nicht zu früh ›nervös‹ machen, wie er sagte. Fürst kam direkt von Sofiero. Denke Dir! Vielleicht wird er Ordonnanzoffizier bei dem Prinzen, der Seemann ist, nämlich bei Seiner Königl. Hoheit dem Prinzen Oskar. Fürst sagte uns, um welche Zeit die Züge am nächsten Tage abgingen. Mein Gott, schon am nächsten Tage! Da wurden wir erwartet! Es war gar nicht möglich, irgendwelche Toilette zu machen. Ich sowohl wie Papa sollten einfach in unserm Reisekostüm erscheinen. Der boshafte Leutnant Fürst – Du weißt, er ist noch mit uns verwandt, er nennt mich Cousine, was ich natürlich nicht bin – Fürst also sagte mir, ich sei so, wie ich ginge und stände, schön genug. Kennst Du ihn? Dann galt es nach der Reise ein wenig zu schlafen; denn man sieht nicht gut aus, wenn man nicht geschlafen hat. Aber niemals ist mir das Schlafen so schwer geworden; Du mußt nämlich wissen, ich war in schrecklicher Aufregung. Ich dachte fortwährend an etwas ganz Absonderliches. Erinnerst Du Dich der Nase des Oberzollkontrolleurs Jakobsen? Da lag ich in der Finsternis und starrte seine Nase an, bis ich endlich wirklich in Schlaf sank. Doch so müde war ich, daß ich nun aber auch schlief wie ein Stein. Gott sei Dank! Ich fühlte mich recht wohl, als ich aufstand. Aber dann ward es schlimm – rein zum Verzweifeln! Du bist noch niemals in einer solchen Lage gewesen, wirst es also vielleicht seltsam finden, daß ich, je mehr ich an den großen Augenblick dachte – eine Dame konnte ich ja nicht befragen, und die Männer verstehen sich auf so etwas nicht; sie lachen einen nur aus – ich nur um so schreckhafter wurde. Zudem war der Morgen auch etwas kühl, und das eine in Verbindung mit dem andern, ich meine die Kühle und den Schrecken – Fürst nannte es Kanonenfieber – hatte schließlich Folgen. Das war entsetzlich unangenehm; denn auf die Dauer ließ es sich ja doch nicht verheimlichen ... Nun, Du verstehst mich schon. Aber ich muß mich damit trösten, daß ich nicht das erste junge Mädchen bin, dem so etwas passiert ist, wenn es galt, bei Hofe vorgestellt zu werden. Schließlich wurde ich ganz krank, so daß ich von der Reise kaum etwas zu erzählen weiß. Nur so viel, ich geriet in einen Streit. Fürst sagte, das Königtum suche in allen Ländern den Reichtum um sich her zu sammeln wider die niedern Klassen. Das scheint mir denn doch zu arg. Ist das Königtum dazu da, um sich zu verteidigen? Ich dächte, es ist dazu da, um die niedern Klassen zu verteidigen, und das sagte ich denn auch. Da begann Papa mich mit der Schule, dem Verein und Karen Lothes Geschichtsunterricht zu necken: – nicht wahr, Du hörst ihn förmlich? Fürst fragte, wer dann den Reichtum verteidigen solle. Der, entgegnete ich, verteidigt sich schon selbst. Jedenfalls aber wäre es häßlich von ihm, die anderen Klassen zu verraten. Nicht wahr? Gott, wie entzückend Öresund ist! Als wir übersetzten (ich habe vergessen, Dir zu sagen, daß wir mit der Eisenbahn nach Helsingör kamen) – ja, da kannst Du sehen, wie ich heute bin! – – – – Nein, ich streiche alles wieder aus. Sonst werde ich gar nicht fertig. Papa hat mich aufgefordert, ihn heute vormittag zu begleiten – Du sollst sogleich erfahren, weshalb. Ich beginne mit dem Schloß, das man vom Sund aus erblickt. Es liegt wundervoll. Aber so groß, als wir geglaubt hatten, ist es nicht. Dann kamen wir nach Helsingborg. Dort – ja, nun wirst Du staunen! – dort erwartete uns ein königlicher Wagen. Papa sowohl wie Fürst taten, als wäre das gar nichts; aber ich bin fest überzeugt, sie waren mindestens ebenso überrascht wie ich. Sonst war es ein Wagen wie alle andern Wagen. Aber siehst Du, die Livree, darauf kommt's an! Ich befand mich in dem größten Schreck. Wie wird es zugehen? Obschon das Wetter sehr schön geworden, mußt' ich doch, ehe wir in den Wagen stiegen, erst allein sein. Wie sehr mir dadurch die ganze Freude verdorben wurde, kannst Du daraus schließen, daß mir der Schweiß durch die Handschuhe drang. Aber natürlich hatte ich noch andere Handschuhe bei mir. Papa brachte mich bald zur Verzweiflung mit seiner Bemerkung: »Wie schlecht Du aussiehst, mein Kind!« Ich glaube sogar, die Tränen kamen mir in die Augen; denn Fürst, der mir gegenüber saß, fing an, mich zu necken. Aber ich hörte fast gar nicht, was er sagte. Du kannst Dir nicht denken, was mir in meiner Angst alles durch den Kopf fuhr. Hätte ich alles, was ich Schönes besaß, hingeben müssen, um wieder zurück nach Hause zu kommen – bei Gott, ich hätt's getan ... Wir fuhren durch einen kleinen Wald und gelangten dann auf einen großen freien Platz – das Schloß! Als ich den Schloßplatz und das Gras darauf bemerkte, erinnerte ich mich plötzlich, daß uns einmal in der Schule gesagt wurde, ein solcher Platz heiße auf englisch bowlinggreen, und daß Frau Rendalen gerade in dem Augenblick in die Klasse trat und fragte, warum er bowlinggreen heiße, und daß Thora mir das zuflüsterte – wie geschickt Thora so etwas machen konnte! ... Ja, jetzt weiß ich nicht mehr, woher der Name kommt. Als wir aussteigen wollten, kam ein sehr vornehmer Herr auf uns zu und reichte mir den Arm. Es wurde uns ein Toilettenzimmer angewiesen; eine Dame folgte mir. Gott sei Dank! Bisher war ich gar nicht Mensch gewesen. Ich ward es erst wieder, als ich auch hier allein sein konnte – Du verstehst mich. Wenn ich's Dir nicht erzählte, obschon es mir auf der Zunge brennt – – Du mußt es erfahren. Es war entsetzlich. Wie unzertrennlich doch das Hohe verknüpft ist mit dem Niedrigen. Ich blickte in den Spiegel: mein Gott, wie sah ich aus! Auch konnte ich's Papa deutlich anmerken, als wir in einem Zimmer wieder zusammentrafen – denke Dir, ich begriff nicht einmal, in welcher Richtung wir gingen oder wo das Gemach lag! Weißt Du, wo wir hinsollten? In den Garten, um dort mit Ihren Majestäten das »Lunch« einzunehmen. Nicht wahr, größer kann die königliche Gnade gar nicht sein gegen einfache Bürgerliche aus einem norwegischen Städtchen? Erinnerst Du Dich noch, wie wir die Puppen zum Hofball ankleideten? Derselbe vornehme Herr – Fürst erinnerte sich seines Namens nicht mehr, ich glaube, er war Kammerherr – geleitete mich und sagte etwas auf schwedisch zu mir, – was, ja das begriff ich nicht; ich war ganz außer Fassung. In einer größeren Pein kann man sich gar nicht befinden ... Als ich den Garten erblickte und betrat, ja – da schwamm alles vor meinen Augen: Bäume, Menschen, Tische, Diener, Stühle; in der tödlichen Angst, die mich ergriffen hatte, wär' ich beinahe in Ohnmacht gefallen. Ich versichere Dich, ich nahm alle meine Kräfte zusammen ... Der Herr, welcher mich führte, mußte das Zittern meines Armes gefühlt haben oder er las mir alles vom Gesicht ab, denn er bat mich, doch nicht ängstlich zu sein; Ihre Majestäten seien so liebenswürdig ... Und das waren sie denn auch wirklich. Du himmlischer Vater, wie über alle Begriffe gütig, namentlich Seine Majestät der König! Nein, dieses Lächeln, dieser Händedruck, diese Augen! Ein wahres Meer von Güte. Was sag' ich Güte! Er hat etwas an sich, namentlich in den Augen, das geradezu entzückt – oder »verzückt«, wie Thora zu sagen pflegte. Ich möchte doch von diesen Augen lieber das Bild vom Himmel als das vom Meere gebrauchen. Nur die Südländer haben solche Augen. Wie kalt und egoistisch sind wir – ich kann es nicht verschweigen – wenn wir hineinblicken. Wenigstens habe ich dies Gefühl. Nun sollst Du mein Wunder hören, denn ein Wunder ist es fast. Von demselben Augenblick – ja, ich kann sagen, von derselben Sekunde an, als Seiner Majestät Augen auf mir ruhten, war ich wieder gesund. Was sag' ich: gesund! Ich fühlte, wie dieser Blick meinen Körper durchzuckte und erwärmte. Ist das nicht merkwürdig? Aber bei Gott, es ist wahr. Ich war glücklich, glückselig! Und weißt Du was der König sagte? »Willkommen in meinem Hause, Fräulein!«, Und zwar in dem schönsten, klangvollsten Norwegisch, das ich je gehört. Die Königin lächelte. Sie fragte, aus welcher Stadt ich sei. Der König antwortete für mich. – »Wie heißt der Ortsgeistliche?« fragte die Königin. – »Karl Wangen« entgegnete ich. Aber das war verkehrt; ich hätte den Propst oder die älteren Geistlichen nennen müssen. – In demselben Augenblick begrüßte der König meinen Vater, welcher sich mit Fürst genähert hatte, und sprach zu ihm: »Ich finde, daß der Herr Leutnant einen ausgezeichneten Geschmack hat« – Das waren ganz genau seine Worte. Ich habe später sehr oft darüber nachgedacht; denn diese Worte beweisen ja, daß Nils Fürst an diesem allerhöchsten Ort oft von mir gesprochen hat. Ich wußte nicht, daß man sich hier mit etwas so Kleinem beschäftigen könnte. Dann begaben wir uns zur Tafel. Derselbe elegante Herr führte mich. »Nun?« sprach er auf schwedisch, und ich beeilte mich, ihm zu bemerken, daß ich ganz begeistert sei. Das sind alle, versicherte er. Wir nahmen nicht Platz, sondern gingen nach Belieben umher; und jetzt kam der eine nach dem andern und ließ sich mir vorstellen – denke Dir! Alle andern! Der eine war Graf, der andere Baron; die eine Gräfin, die andere Baronin; einer von ihnen war Oberstallmeister, und dieser namentlich redete beständig mit mir. Nicht in dem, was sie sagten, sondern in ihrem ganzen Wesen und Benehmen lag etwas außerordentlich Geistesvolles und Gewinnendes. Aber das rührte wohl auch zum Teil von der Umgebung und dem Ort her, denn ich kam mir gar nicht wie auf Erden vor. Schon die Diener machten mich unsicher und kleinmütig, so genau, so aufmerksam, so überlegen waren sie in ihrem ganzen Auftreten. Sicherlich habe ich mich nicht immer ganz richtig benommen; wir Norwegerinnen lernen ja garnichts. Es hatte alles einen solchen Adel, eine solche Schönheit und Güte und Hoheit – aber von den Prinzen war keiner anwesend. Die Namen der Gerichte – ich rührte fast gar nichts an – weiß ich trotzdem auswendig; ich habe mir vorgenommen, alles in meinem Tagebuch zu verzeichnen und es für Thora abzuschreiben, sowohl die Einrichtung des Schlosses wie tausend andere Dinge, welche Dir gleichgültig sind, – denn Du verstehst Dich ja nicht einmal auf gute Speisen. Aber ich mache es so, daß ich Dir das mehr Geistige schicke, – aber Du zeigst den Brief keiner lebenden Seele! Mein Gott, wenn Du das dennoch tätest! Nora, ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich muß jemand haben, dem ich's sagen kann, sonst wird das Glück mir zur Last. Und so glücklich wie gestern und heute bin ich noch nie gewesen; ich fühle mich gleichsam aufgelöst. Thora werde ich meinen Anzug schildern; natürlich habe ich jetzt einen neuen, mit dem ich euch alle zu überraschen gedachte, obgleich sich aus schwarzem Stoff nicht viel machen läßt. Aber ich glaube, er kleidet mich gut. Auch sah ich gar nicht mehr krank aus; ich konnte wiederholt einen Blick in verschiedene Spiegel im Schlosse werfen; Du mußt nämlich wissen, wir wurden herumgeführt. Zunächst auf der Seite, wo wir eintraten; von dort ging's nach dem großen Saal, wo die königlichen Banketts mit aller Pracht gefeiert wurden. Ach, wer einmal dabei sein könnte! In dem weißen Saal gewahrt man eine Arabeske auf blauem Grunde und große, große Gemälde; eins darunter ist von Markus Larsson – ich weiß nicht, was es darstellt; es ist so seltsam; und dann Diwan und Stühle in blauer Seide, ein ungeheurer Kronleuchter von buntem Glas – prachtvoll! – An der Wand halten zwei reich vergoldete Negerinnen Lampen – wahre Kunstwerke! – Ein ungeheurer Marmorkamin und reich vergoldete Uhren und Porzellanvasen. Ein höchst merkwürdiger Blumentisch aus japanesischem Porzellan. Welch eine Seltenheit das! Ebenso ein chinesischer oder japanesischer Schreibtisch aus schwarzem Holz mit Goldbeschlag; doch der stand im Kabinett. Aber da bin ich mitten in der Beschreibung! Das war nicht meine Absicht; ich will daher das Kabinett wieder streichen. Das alles magst Du in Thoras Brief nachlesen. Ich versichere Dich, eine Aussicht, wie die von dem großen Balkon über den Sund und all die Segel- und Dampfschiffe und Helsingborg und Kronborg – eine solche Aussicht gibt es wohl kaum noch im ganzen Norden. Wo sollte sie auch sein? Denke Dir, auch in den Schlafgemächern waren wir! Ich weiß nicht, ob wir recht daran taten, aber wir waren darin. Ich kann mich nicht nur mit Gewalt enthalten, sie Dir zu beschreiben, diese Schlafgemächer, sowie die Wohnzimmer Ihrer Majestäten. Gott, Du hättest nur diese weißen seidenen Überzüge und den Schreibtisch in dem Gemach der Königin sehen sollen! Und das Zimmer des Königs – wie einfach-edel! Im Schlafkabinett Seiner Majestät bemerkte ich auf dem Kopfkissen zwei Haare – Du weißt ja, wie scharfe Augen ich habe. Darauf nun hatte ich's gleich abgesehen und, ohne daß jemand es bemerkte, nahm ich sie; es gelang mir, sie in meiner Uhr zu verstecken. Aber das erinnert mich an mein großes Erlebnis. Als wir uns wieder in den Garten begaben, fiel das Licht ungemein scharf gerade auf das Tor. Da bemerkte ich etwas Geschriebenes, nämlich am Pfosten. Ich hin. Es war französisch und rührte ohne Zweifel von einer Dame her. – – – Ja, Du siehst, ich habe auch dies wieder ausgestrichen. Denn wenn man sich selbst das Wort gegeben, niemals zu erzählen, was da stand, so darf man's auch nicht der besten Freundin schreiben. Es war abscheulich. Ich kratzte es mit dem Finger aus; aber dabei mußt' ich mich beeilen, so daß ich mir den Handschuh zerriß und den Finger an einem Splitter ritzte, so daß er tüchtig blutete – infolgedessen wischte ich die Inschrift mit meinem Blute aus. Keiner lebenden Seele habe ich bis jetzt ein Sterbenswort davon gesagt, und auch Du wirst es niemand verraten. Dem Papa machte ich weis, ich hätte mich gestochen, als ich mir eine Rose pflücken wollte. Ob niemand mich gesehen? Aber alle standen ja ein wenig abseits und betrachteten irgend etwas im Garten. Und daß sonst niemand gesehen, was da geschrieben stand, ehe ich es bemerkte? Ist das nicht wunderbar? Die königlichen Herrschaften und ihre Gesellschaft befanden sich nicht mehr im Garten. Aber der Herr, welcher uns empfangen hatte, fand sich jetzt wieder ein. Da er keine Miene machte, uns zu der übrigen Gesellschaft zu führen, bat Papa, Ihren Majestäten unsere untertänigsten Grüße zu überbringen, und dann verließen wir den Garten. Der Wagen fuhr wieder vor, und mein eleganter Kavalier überreichte mir ein schönes Bukett »aus dem königlichen Garten« – denke Dir! Das steht, während ich dies schreibe, hier vor mir. Es hat die schwedischen und norwegischen Farben. Fürst behauptet zwar, die wären den meisten Blumen eigen, aber ich glaube doch, es liegt ein tiefer Sinn darin. Vor allem bewundere ich eine Lilie und eine Rose. Einige Vergißmeinnicht lege ich dir hier in den Brief. Denn Du mußt wissen, meine liebe Nora, ich kehre jetzt noch nicht nach Hause zurück. Die große Überraschung kommt Dir doch ebenso unerwartet, wie mir, als Papa es mir heute morgen mitteilte: ich soll nämlich nach Paris, um vollkommen französisch zu lernen! Hat er denn etwas Besonderes mit Dir vor? Warum hat er Dir's nicht schon früher gesagt? fragst Du natürlich. Schon morgen reisen wir ab. Was sagst Du dazu? Papa kann nicht länger abwesend sein. Wir müssen uns also beeilen. Aber warum reistet Ihr denn nicht direkt nach Paris? fragst Du wieder. Nicht wahr? Auch ich stellte diese Frage – obgleich ich, bei Gott, den gestrigen Tag um keinen Preis aus meinem Leben auslöschen möchte. Papa antwortete, er habe erst gestern diesen Entschluß gefaßt. Leutnant Fürst machte ihn darauf aufmerksam, daß alle schwedischen Damen von guter Erziehung ebenso fließend französisch wie schwedisch sprächen; und das verständen auch alle deutschen und russischen Damen – wie überhaupt jede gebildete Dame das Französische wie ihre Muttersprache reden müsse. Es ist mir nicht unangenehm, daß ich nach Paris reise. Ich muß dort allerdings mindestens ein Jahr bleiben. Es muß also zwischen uns geschieden sein. Aber um so mehr haben wir einander zu erzählen, wenn wir uns wiedersehen. Noch eins muß ich Dich fragen. Leutnant Fürst sagt – – – So weit war ich heute vormittag gekommen, als Papa hereinkam und ich den Brief verstecken mußte. Er forderte mich auf, mit ihm auszugehen, und soeben, neun Uhr abends sind wir zurückgekehrt – – und weißt Du, warum!? Um einzupacken und abzureisen! Sofort! ... Ein neuer Plan. Leutnant Fürst macht Papa das Vergnügen mitzureisen! Ich muß also den Brief, so wie er ist, auf dem Bahnhof in den Kasten werfen. Irgendeine Ahnung sagt mir, wenn ich ihn noch einmal durchlese, schicke ich ihn nicht ab. So leb' denn herzlich wohl! Deine Milla.« Nora hatte mit ihrer Mutter bereits den Badeort verlassen, als der Brief ankam. Er wurde ihnen nach Christiania, wo sie sich gerade aufhielten, nachgeschickt. Bei ihrer Ankunft in der Heimat fand sie ein in Hamburg aufgegebenes Telegramm vor. Es lautete: »Lies den Brief nicht, der an Dich unterwegs ist. Schick' ihn mir nach Paris, Hotel Continental.« Aber da war der Brief bereits gelesen. 22. Eine Unglückliche. Kurz nach Beginn des Schuljahres begann Fräulein Hall für die Damen der Stadt einen Kursus von Vorlesungen. Es war Mode geworden, etwas von all dem Unanständigen zu erfahren, das ihre Töchter im abgelaufenen Jahre zu hören bekamen. Die Vorlesungen fanden zweimal wöchentlich im großen Laboratorium statt. Der Saal war in der Regel vollständig gefüllt. Die meisten derjenigen Damen, welche im vorigen Jahre in der obersten Klasse gesessen und die Schule verlassen hatten, nahmen ebenfalls an diesen Vorlesungen teil... Gegen Ende Oktober trat eines Tages auch Thora in Begleitung ihrer Freundinnen in den Saal. Allgemeines Staunen und Grüßen. Wo war sie gewesen? Warum sah sie so bleich aus? Großer Gott – wie mager sie geworden! Also wirklich krank gewesen? Hatte sie sich im Westen aufgehalten? Wann war sie zurückgekehrt? Wohnte sie jetzt wieder in der Schule? Die Unterhaltung wurde durch das Erscheinen der Frau Rendalen und des Fräuleins Hall unterbrochen. Die, welche noch nicht saßen, beeilten sich einen Platz zu finden. Aber nicht alle fanden Platz; so groß war das Gedränge noch nie gewesen. Fräulein Hall nämlich hielt Vorträge über gewisse Nervenerscheinungen, die man früher übersehen oder sogar geleugnet hatte; und diese Vorträge wurden mit jeder Stunde interessanter. Um Raum zu gewinnen, ward heute die große Doppeltür nach dem äußeren Gang, der zugleich abgeschlossen wurde, geöffnet. Und nun setzte man eine Anzahl Stühle draußen in den Gang; ebenso neben den Tisch des Laboratoriums. Auf diesen wurden auch Thora und ihren Freundinnen Plätze angewiesen. Fräulein Hall begann mit dem Thema, mit dem sie das letztemal geschlossen: »daß die Gesundheit und Moral der Menschheit gebieterisch eine Stärkung der Nerven der Frau erheischten«. Dazu genüge es nicht, daß sie sich materiell wohl befinde, auch ihre Willenskraft müsse durch Erweiterung ihres Wissensgebietes gekräftigt werden; sie müsse ein Lebensziel haben, das sie nicht so leicht zum Werkzeug eines anderen Menschen herabsinken lasse. Nach Professorenart ging sie dann für diejenigen, welche das letztemal nicht zugegen waren, wieder durch, was sie bereits über den Gegenstand vorgetragen hatte. Nervenschwache und namentlich hysterische Naturen könnten durch gewisse mechanische Einwirkungen in hypnotisch-magnetisch-somnambule Zustände versetzt werden. Ein solcher Zustand sei bewußte Ohnmacht; in dieser Ohnmacht täten wir, was derjenige wünschte, welcher uns hinein versetzt habe. Wir würden sein Opfer, sein Werkzeug. Und zwar nicht bloß, während wir schliefen, – auch später, wenn wir wieder erwacht wären, leisteten wir unbedingt den Befehlen Folge, die wir erhalten, während wir uns in jenem Zustand befanden. Das wurde an einigen Beispielen erläutert. In diesem Zustand könnten die Vorstellungen des einzelnen sich mit den Gedanken eines anderen, sowohl eines Anwesenden wie eines Abwesenden, begegnen. Manche könnten sogar vorahnen. Diese Tatsache lasse sich nicht mehr leugnen; aber erklärt könne sie nicht werden. Früher nahm man an, diese Fähigkeit sei vom Glauben abhängig; jetzt wisse man, daß sie mit dem Glauben nichts zu tun habe. In diesen abnormen Zustand aber könne der einzelne auch sich selbst versetzen – die einen durch schwere Anstrengung, andere schon durch den bloßen Willen. Das geschehe dadurch, daß sie unverwandt auf irgendeinen Gegenstand hinstarrten, entweder in Gedanken oder mit den leiblichen Augen. Die meisten von uns seien einigermaßen mit der Wirkung bekannt, welche dadurch hervorgerufen werde; aber nur Nervenschwache könnten unter gewissen Bedingungen sich dadurch in einen erhitzten Zustand versetzen. Auf diese Weise erfolgten viele Bekehrungen, namentlich unter den Frauen ... »Jetzt kommen wir zu dem, was für die Frau das gefährlichste ist. Gewisse Menschen haben die Gabe, andere, namentlich Frauen, in diesen Zustand zu versetzen, ohne das übliche mechanische Mittel, ohne daß sie ihnen sehr nahe sind, ohne irgendwelche Berührung – bloß durch ihren Blick. Sie können die Betreffenden zwingen, sie anzusehen, und während die Augen aufeinander gerichtet sind, sich ihrem Willen zu unterjochen!« Fräulein Hall erzählte, was einmal einer der größten Sängerinnen der Welt begegnet war – sie hatte es ihr selbst mitgeteilt. Als sie eines Tages im Eisenbahncoupé stand – der Zug hatte gerade auf einer Station haltgemacht und sie blickte zum Fenster hinaus – fühlte sie sich plötzlich unwohl. Sie mußte sich umwenden, und da bemerkte sie ein Paar stechende Augen, welche sofort in die ihren hineinstarrten. Sie eilte sofort hinaus und ließ sich ein anderes Coupé anweisen; aber der Mann kam ihr nach; vermutlich kannte er seine Macht und wollte davon Gebrauch machen. Sie fand ihren Impresario und bat ihn, sie von »diesen grünen Augen« zu befreien. Das geschah. Aber sie versicherte, sonst wäre sie verloren gewesen. »Die Sängerin nun war sich zufällig ihrer Schwäche bewußt. Wie viele aber sind das? Namentlich wenn die Berührung hinzukommt, sind sie sofort verloren. Ein Mann, der nicht weiß, was das ist, meint natürlich, die Frau habe die Absicht weiterzugehen, und handelt danach. Aber dieser Absicht, dieses freien Willens bedarf es nicht erst. Ich kann versichern, daß manche Frau zu Falle gebracht wird, die daran so unschuldig ist wie ein unwissendes Kind. Und darum – –« Man vernahm das Poltern eines umstürzenden Stuhles... dann fiel etwas Weiches, Schweres zu Boden... Im nächsten Augenblick an derselben Stelle allgemeines Knarren von Stühlen... Mehrere in der Nähe sitzende Damen stießen einen jähen Schrei aus ... Da erhoben sich alle; die hintersten stiegen auf die Bänke. Dann hörte man die Worte: »Zurück, zurück!« Es war die Stimme der Frau Rendalen. Die, welche auf den Bänken standen, konnten trotzdem nichts sehen und fragten einander im flüsternden Ton. Nur die Allernächsten sahen, um was es sich handelte, und diese antworteten nicht; auch rührten sie sich nicht von der Stelle, bis Frau Rendalen und einige andere Damen sich mit einem leblosen Körper, den Frau Rendalen auf die Arme nahm und forttrug, erhoben. Es war Thora. »Zurück!« hörte man von neuem sagen. Fräulein Hall eilte sofort nach, dann Nora und Tinka und Anna Rogne. Hierauf mehrere andere Freundinnen. Fräulein Hall öffnete Frau Rendalen die Tür zum Wohnzimmer. Sie eilte hinein und legte auf dem Sofa ein Kissen zurecht. Während Frau Rendalen, von Nora unterstützt, ihre Bürde hinlegte, wandte Fräulein Hall sich an die Umstehenden und bat sie fortzugehen. Sobald Frau Rendalen sich wiederaufrichten konnte, wiederholte sie die Aufforderung in strengem Ton. Alle gingen hinaus. Draußen in dem großen Gang stießen sie auf den aus dem Laboratorium kommenden Strom. Man war neugierig geworden. Nur Nora, welche leichenblaß war, fand es angemessen zu bleiben. Aber als ihre arme Freundin wieder ein Lebenszeichen zu geben anfing, packte sie eine entsetzliche Ahnung. Sie sprang auf die Tür zu und verschloß sie. Kaum war das geschehen, so hörte sie Thora rufen: »Ja, ja, das ist mir begegnet!« Und dann ein verzweiflungsvolles Schluchzen. Es tönte in dem Gang wieder. Hatte es jemand da draußen gehört? Nora eilte hinaus in den inneren Gang, wo sie die Damen traf. Sie wußte nicht recht, was sie eigentlich wollte, um zu verhindern, daß sie sich den Türen näherten. Sie begriff selbst nicht recht, warum sie sich durch diese ganze Menge von jungen und älteren Damen drängte – und warum sie nicht in den Saal zurückkehren sollten. Sie stieg auf das Katheder, nahm ein Lineal und klopfte mit aller Macht. Die Damen kamen wieder herein. Sie schlug noch einmal mit dem Lineal, – es ward still. Sie erklärte: »Thora Holm hat das Nervenfieber gehabt. Die Luft hier im Saal ward so schwül, und das, was vorgetragen wurde, hat sie erschreckt, geängstet. Und dann – und dann – ja, nun kommt gleich Fräulein Hall.« Das letzte sagte sie, weil sie nichts mehr zu sagen wußte. Sie stürzte fort, um nicht hier im Saal schon in Tränen auszubrechen. Fräulein Hall konnte nicht kommen, und das Ende war, daß Frau Rendalen erscheinen mußte. Sie ging auf das Katheder und bemerkte: »Wir bitten um Entschuldigung. Fräulein Hall muß bei der Kranken bleiben. Einen Teil der Schuld muß ich selbst auf mich nehmen. Fräulein Holm ist krank gewesen; ich hätte sie also nicht hier in dem Gedränge dulden sollen. Übrigens bin ich nicht gleich auf sie aufmerksam geworden. Der Gegenstand nahm mich ganz in Anspruch. Es ist ja Zeit, daß wir alle, denen die Erziehung der Jugend obliegt, uns hiermit befassen.« Ihre Stimme bebte, sie war so weiß wie ihre Haare; und ohne auf die, welche mit ihr sprechen wollten, zu achten, ging sie wieder hinaus... Aber da drinnen in Frau Rendalens Schlafzimmer stand Nora, drückte sich an Tinka und zitterte und weinte. Tinka hatte alle Fassung verloren. Eine der Mitschülerinnen blickte spähend zur Tür herein. Da niemand es ihr verbot, trat sie still ein. Mit großen forschenden Augen blickte sie alle an. Es war Anna Rogne. »Was bedeutet das?« flüsterte sie. Nora hob ihr Antlitz. Beide starrten sie an. Anna hatte vom Sommer her einige Äußerungen Thoras im Gedächtnis bewahrt. Auf diesen Äußerungen baute sie jetzt weiter und flüsterte: »Mir ahnt das Schlimmste!« Sie faltete die Hände, und Tränen rannen ihr über die Wangen. Nora legte ihren Kopf wieder an Tinkas Schulter und begann heftig zu weinen. In demselben Augenblick vernahmen sie Thoras Stimme da drinnen im Wohnzimmer. Die Worte vermochten sie nicht zu unterscheiden; sie kamen nur stoßweise heraus; wilde, verzweiflungsvolle Worte... Dann ward es ganz still. Diese Stille war noch qualvoller. Und jetzt ward es auch im Schlafzimmer ganz still. Das wurde endlich unerträglich. Was hatte das zu bedeuten? Sie wechselten Blicke und wollten gerade ins Wohnzimmer eilen, als sie schwere hastige Schritte vernahmen. Die Tür ward aufgerissen, Frau Rendalen stürzte herein und mit den Händen hoch über dem Kopf an ihnen vorbei ... Was war das? Allmächtiger Gott, was war das? Sie drangen ein ... Thora lag jetzt am Boden ... Fräulein Hall stand über sie geneigt. Auf dem Tische befand sich eine Schüssel mit Wasser. Fräulein Hall blickte hastig auf. »Helfen Sie mir! ... Wir müssen sie wieder aufrichten!« Sie halfen. Thora war nicht ohnmächtig, aber sie ließ alles mit sich geschehen. Als sie wieder auf dem Sofa lag, ganz todblau, abgemagert, aufgelöst, wandte Fräulein Hall sich mit einem seltsamen Blick an die anderen. Erschreckt sahen diese sie an. Fräulein Hall antwortete bejahend mit wiederholtem ernstem Kopfnicken ... Alle drei wichen ein paar Schritt zurück. Nach einer Weile schlich erst die eine hinein zu Frau Rendalen, dann die zweite und zuletzt die dritte. Frau Rendalen lag regungslos in dem großen Lehnstuhl. Nora trat zu ihr und legte den Kopf in ihren Schoß. Kein Wort wurde gesprochen. Aber dann vernahmen sie wieder Thora da drinnen. Sie hörten sie erzählen weinen jammern. Und dann kam Fräulein Hall zu ihnen herein. »Was gibt's nun wieder?« fragte Frau Rendalen fast unwillig. »Es war noch schlimmer,« sprach Fräulein Hall; »er hat sie noch einmal verfolgt!« Alle starrten die Lehrerin an. »Sie hatte sich auf eine Insel zu einer Lotsenfamilie geflüchtet. Das hatte er entdeckt und lauerte ihr auch dort auf. Der Schurke! Dann flüchtete sie wieder nach der westlichen Küste, wo sie krank wurde.« »Das arme Kind!« rief Frau Rendalen. Ihr Mitleid war wieder erwacht; sie stand auf und begab sich zurück zu Thora; sie hätte sie niemals verlassen sollen. »Mein liebes, liebes Kind!« sprach sie. Aber Thora bemerkte sie erst, als sie sich umwandte, und da hob sie beide Arme zu ihr auf und rief: »Nein, nein, nein! Kommen Sie nicht zu mir! Nahen Sie mir nicht! Nein, nein, nein! ... Es war nicht meine Schuld, es war nicht meine Schuld! ... O Gott, ja, ja, es war auch meine Schuld ...« Und wiederum brach sie in das heftigste Weinen aus. Aber Frau Rendalen trat zu ihr und sprach: »Nimm es dir nicht so zu Herzen, mein Kind! Wir werden dich darum nicht verstoßen.« Das schien sie zu beruhigen. Doch als Frau Rendalen bemerkte, hier müßte unverzüglich etwas geschehen – sie müsse mit ihrem Sohn darüber sprechen, da begann sie von neuem zu schluchzen und zu jammern. »Nein, nein, nein! O Gott, nein, nein!« Sie geriet ganz außer sich. »Aber, geliebtes Kind, du weißt selbst, wie die Dinge stehen; es muß sein; denn über uns wird man morgen wegen dieser Sache herfallen ...« »Das weiß ich, das weiß ich! Aber ihm nichts sagen! Noch nicht! Nein! Erst muß ich fort sein! ... Oh, sagen Sie ihm nichts! Es ist ja nicht nötig!« Sie war wie wahnsinnig, und ihre Stimme war so herzzerreißend, daß die andern alle hereingeeilt kamen. Sie suchten sie zu beruhigen, indem sie ihre Hände und ihren Kopf hielten; aber sie schien niemand zu sehen. Sie befreite ihre Hände und ihren Kopf immer wieder, wand sich und rang die Hände und weinte und flehte, sie möchten doch schweigen, schweigen, schweigen! ... Darüber kam Thomas. Zufällig hatte er das Badezimmer geöffnet und hörte sofort das Weinen und Jammern. Er glaubte, es sei im Schlafzimmer und hatte sich hineinbegeben, und nun stand er da. Thora fuhr empor, schrie auf – und warf sich dann kopfüber mit den Händen vor dem Gesicht zu Boden. Frau Rendalen trat zu ihrem Sohn, nahm ihn bei der Hand und begab sich mit ihm in sein Zimmer. Thora wollte hinaus ... Jetzt konnte und wollte sie nicht mehr leben, – um keinen Preis! Sie rang mit denen, die um sie waren. Wäre Tinka nicht dabei gewesen, sie hätte sich losgerissen; sie war ganz wahnsinnig, sie biß und kratzte und schlug um sich. Aber Tinka hielt sie fest, bis alle ihre Kräfte sie verlassen hatten, und bat dann um Hilfe. Anna holte Frau Rendalen wieder herein, und sobald Thora diese erblickte, ergab sie sich. Von ihr ließ sie sich zum Sofa führen, und dann, als sie ruhiger geworden war, ins Schlafzimmer und dort in ein Bett legen, das neben das Lager der Frau Rendalen gerollt war ... Und sie mußte bei der unglücklichen sitzenbleiben und ihre Hand halten. Noch im Schlafe schluchzte sie wie ein Kind und klagte sich an. 23. Abrechnung. Als Frau Rendalen sich mit ihrem Sohn entfernte, um die Sache mit ihm zu besprechen, war ihr keineswegs leicht zumute. Im Gegenteil, sie fühlte sich sehr bedrückt. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn hatte schon längst den Charakter der Vertraulichkeit verloren; später war es nicht einmal ein gutes gewesen, und in der letzten Zeit geradezu ein gespanntes. Auf seiner Seite sah es geradezu aus, wie ein Bruch. Niemand konnte hier vermitteln, nicht einmal Karl Wangen. Thomas weigerte sich, mit ihm darüber zu sprechen; er war schmerzlich berührt, so oft Karl nur darauf hindeutete. Äußerlich war diese letzte Wendung etwas zufällig gekommen. Nach der Absprache hatte Thora Holm Frau Rendalen unterstützen sollen; aber als sie krank wurde, bot Nora ihre Dienste an. Noras Fähigkeiten waren anderer Art als diejenigen Thoras; was sie leistete, war deshalb auch etwas anderes; so mußte sie unter anderem auch die Bücher führen. Als Nora eines Tages in einer Mußestunde in den Büchern herumblätterte und verglich, und Thomas durch das Zimmer schritt, fragte sie: »Was ist das für eine Thomasine, die so oft Geld gebraucht hat? Ihre Mutter ist es nicht. Denn bei ihren Ausgaben macht sie immer den Vermerk: für mich selbst.« »Thomasine? ... Ich habe nie von einer Thomasine gehört.« Er trat nun näher heran, stellte den Hut von sich und neigte sich, kurzsichtig wie er war, tief über das Buch. Die hellen Brauen richteten sich in die Höhe, und die grauen durchdringenden Augen blickten scharf auf die Eintragungen. Sie blätterte und zeigte ihm die Monat für Monat eingetragenen Posten; die letzte Eintragung war schon mehrere Jahre alt. Für sie hatte die Sache kein besonderes Interesse, aber ihm schien sie von der höchsten Wichtigkeit. Während er die Bücher studierte, beobachtete sie ihn sowie die Wirkung, welche seine körperliche Nähe auf sie übte. Es war eine angenehme Wirkung. Sie betrachtete die Sommersprossen in dem glattrasierten Gesicht; in dieser Stellung schienen die scharfen Linien des Mundes noch schärfer, der hastige Blick der Augen noch hastiger, und die Klarheit der Stirn noch klarer; die kräftige Wangenpartie und das widerspenstige rote Haar amüsierten sie. Sie folgte den kurzen, breiten, etwas nervösen Fingern, während sie da blätterten oder an der Seite des Buches herabglitten. Eine kräftige, mit Sommersprossen bedeckte und dicht mit hellen Haarbüscheln bewachsene Hand, ein breites Handgelenk, den Arm konnte sie gleichsam fühlen; unwillkürlich blickte sie daran hinauf bis zur Schulter; er mußte sehr kräftig sein. Sie hörte das Knittern des Hemdes und der Halsbinde, wenn er atmete; sie empfand den Duft des leichten Aromas, das sich jetzt, da sein Kopf ihr so nahe war, mit dem Duft seiner Haut mischte. Eine Art Angst oder Rausch hatte sich ihrer bemächtigt und ein Gefühl geschärfter Intelligenz. Sie dachte leichter und schneller, sie befand sich in einer stärkeren Spannung. Sie wünschte, daß dies so bleiben möchte; es war ihr so wohltuend. »Wo ist die Mutter?« »Das weiß ich nicht.« »Das ist doch seltsam.« Er griff nach dem Hut und ging. Nach kaum fünf Minuten kamen Mutter und Sohn beide wieder hereingestürmt: »Aber Thomas, was hast du denn?« »Was ich habe – ?« Als sie Nora im Zimmer bemerkte, wandte sie sich hastig nach ihr um und trat ins Schlafzimmer. Er folgte ihr. Nora hörte ihn in heftigem Ton unaufhörlich reden. Auch Frau Rendalens Stimme vernahm sie: abwehrend und zuletzt sogar weinend verantwortete sie sich. Endlich ging er. Lange nachher kam sie herein, ermattet und gramvoll. »Ich habe wohl etwas recht Verkehrtes getan,« sprach Nora verlegen. Frau Rendalen antwortete nicht. In einem fort ging sie auf und nieder. Aber was sie bedrückte war mehr, als sie allein tragen konnte, und Noras sichtliche Teilnahme verleitete sie zum Reden. »Gott weiß es, ich glaubte, dies wäre eine meiner besten Handlungen, und da höre ich, daß es die schlechteste war!« Die Tränen befeuchteten ihre Brille, und wie gewöhnlich begann sie sie zu putzen, indem sie sich setzte. Nora stand auf und trat teilnahmsvoll zu ihr: »Aber liebe Frau Rendalen!« Sie kniete neben ihr nieder. Die alte Dame bedurfte dieser Herzlichkeit, sie mußte sich jemand anvertrauen können, und so vernahm denn Nora, daß »Thomasine« ihres Sohnes Schwester gewesen. Anfangs hatte sich das Mädchen gut gehalten, aber dann war sie nach Amerika gegangen, wo sie auf schlechte Wege geraten war, um später geisteskrank in die Heimat zurückgeschickt zu werden. Frau Rendalen hatte bis zu ihrem Tode alles für sie bezahlt. Dies alles hatte die Mutter ihrem Sohn verschwiegen. Wozu brauchte er es auch zu wissen? Aber jetzt richtete er die schrecklichsten Anklagen wider sie. Die Verstorbene hatte dasselbe Recht an das Vermögen ihres Vaters wie er; die Gesetze hierüber seien niederträchtig; kein ehrenhafter Mensch könne dieselben befolgen. Mit den heftigsten Worten hatte er Frau Rendalen wegen des Unglücks seiner Schwester angeklagt. Sie hätte es zu verantworten! Nora ward ganz erschreckt. Zwar hatte sie das eine und andere gehört, seitdem sie Frau Rendalens Schule besuchte, aber so etwas –! Thomas' Wesen in der Zeit, die nun folgte, erschreckte sie womöglich noch mehr; sie litt ebensosehr, wie Frau Rendalen. Er behandelte nämlich seine Mutter wie eine Fremde, ja geradezu hart, wenn er mit ihr zusammen sein mußte; für gewöhnlich ging er ihr aus dem Wege. Von Kindheit an hatte Thomas eine Empfindung gehabt, als wäre seine Mutter derb und plump in ihrem Wesen, ja als sei er gar nicht mit ihr verwandt. Die kindliche Dankbarkeit, die Übereinstimmung in ihren Lebensanschauungen und Plänen hatten diese Empfindung immer wieder in ihm unterdrückt, und welches auch seine Gefühle waren, immer hegte er wahre Bewunderung für ihre Energie und Tüchtigkeit im Erziehungswesen und allen wirtschaftlichen Dingen. Die Mißstimmung stellte sich immer jäh bei ihm ein und ging gleich wieder vorüber. In der späteren Zeit dagegen – – – Die Mutter begriff es nicht; Karl ebensowenig. Aber sie begriff, daß er unglücklich war. Es hatte den Anschein, als befände er sich in einem Zustande immer größer werdender Selbstquälerei. Darin jedoch irrte sie. Seine Grübelei ging dahin, daß, wäre er nicht gewesen, seine Schwester glücklich geworden sein würde. Dann wäre ihr das Vermögen zugefallen, und sie hätte eine entsprechende Erziehung genossen. Dann würde das ihrer Natur angeborene Element, das sie zum Wahnsinn führte, keine Macht über sie gewonnen haben. Oder er dachte sich seine Schwester mit sich selbst, mit Auguste, mit all den anderen Mädchen erzogen. Diese Fremden waren hier in seines Vater Haus ein- und ausgegangen, nur nicht sie, seine Schwester, seines Vaters Tochter. Daß seine Mutter diese unabweisliche Pflicht mit einer armseligen monatlichen Abzahlung zu erfüllen wähnte! Daß sie sich nie zu größeren Zahlungen verpflichtet fühlte! Welches Verbrechen war da wider die Unglückliche begangen! Und das nicht einmal begreifen! ... Während ihn diese Grübeleien noch beschäftigten, wurde Thoras Unglück bekannt. Die Mutter wollte mit ihm sprechen. Das erstemal wurde sie, wie wir wissen, heftig unterbrochen. Aber als Thora schlief, begab sie sich zu ihm und vertraute ihm alles an. Er erkannte sofort, von welcher Tragweite diese Sache für die Schule, für Thoras Freundinnen und ihn selbst war und geriet in eine solche Wut wider Nils Fürst, den er nie hatte leiden mögen, daß er ausrief: »Hätt' ich ihn hier, mit diesen meinen beiden Fäusten würde ich ihn zermalmen!« Obgleich Thomas äußerlich keine sonderliche Ähnlichkeit hatte mit seinem Vater, konnte er ihm doch in einer Weise gleichen, daß Frau Rendalen schauderte. Aber gerade diese Angst verlieh ihr Mut. Sie hatte jetzt wohl ein ganzes Jahr lang seine Unduldsamkeit, seine Gereiztheit, seine leicht erregbare Wut mehr und mehr wachsen sehen. So oft sie selbst Anlaß gab zum Ausbruch, konnte sie sich nur verteidigen oder ihm aus dem Wege gehen; nach und nach war er wirklich ihr Tyrann geworden. Allein jetzt galt es eine andere; Thoras Verzweiflung war ihr ein Sporn; diese Verzweiflung hatte sogar eine beängstigende Ähnlichkeit mit seinem eigenen Zustande ... Als er nach einem neuen furchtbaren Ausbruch davonstürzen wollte, stellte sie sich ihm in den Weg: »Thomas, du bringst mich unter die Erde mit dieser Heftigkeit! Du läßt ihr jetzt immer so sehr die Zügel, daß sie dir noch über den Kopf wächst, mein Sohn!« Er fuhr zusammen und ward leichenblaß. »Ja, Maßlosigkeit ist und bleibt Maßlosigkeit; und ich meine, du mußt etwas mehr auf dich achten.« Ihre Stimme bebte – ihre Augen begegneten sich. Die seinen deuteten auf innere Verbitterung und heftige Seelenkämpfe. »Aber, Thomas, ist es mir denn nicht einmal gestattet, dich zu warnen, mir, deiner Mutter? ... Nein, sieh mich doch nicht so an, ich bin nicht schuld daran! Ich habe gehandelt, wie ich glaubte handeln zu müssen – schon vor deiner Geburt, Thomas. Und so denke ich auch in Zukunft zu handeln. Erst seit einem Jahr kämpfst du nicht mehr wider deine Natur an. Und namentlich mich läßt du alles entgelten.« Er stand am Fenster und schaute hinaus. Jetzt wandte er sich um; in seinen Blicken lag tiefer Schmerz. »Was ist es, Thomas – um Gottes willen, sage mir's!« Aber er wandte sich ab und legte den Kopf auf den Arm. »Ich begreife dich nicht, Thomas! Du bist mir ja so überlegen. Du sagtest einmal, ich hätte etwas Blindgeborenes an mir, und das erkenne ich. Ja, du demütigst mich oft. Nicht bloß vor mir selbst, was ja in der Ordnung ist, sondern auch vor andern, was ja nicht notwendig ist. Aber du solltest es auch ertragen können, daß ich darauf aufmerksam mache, wenn auch du fehlst.« Die letzten Worte sprach sie in fast demütigem Ton. Sie machten eine tiefe Wirkung. Er antwortete nicht, aber er wandte sich und begann in sichtlicher Aufregung schnell auf und ab zu gehen. »Wenn ich nur erfahren könnte, was du gegen mich hast! Daß du mich zurechtweisest, ist ja nicht das einzige ... Ja, Thomas, du kannst es nicht ertragen, daß ich dieses Wort gebrauche. Aber – ich – ich muß mehr ertragen als ein einziges Wort. Was fehlt dir eigentlich? Warum sprichst du dich nicht mehr aus, Thomas – weder mir noch Karl gegenüber? Du bist selbst unglücklich. Meinst du, wir bemerkten das nicht? Ich möchte dir so gerne etwas sein. Wenn ich auch unter dir stehe – –« »Das Wort kann ich nicht hören!« schrie er. »Nein, – nein – aber du läßt dich ja nicht einmal herbei, mit mir zu sprechen. Da muß ich ja denken und grübeln.« »Nein, ich will's nicht sagen!« »Aber da siehst du ja selbst, wie du bist ... Dir gegenüber darf man nicht einmal solche Worte gebrauchen ... Ich sehe, du leidest. Wenn du bedächtest, daß auch ich leide! Mein Gott, und das dauert nun schon ein Jahr ... Wenn es etwas ist, das ich in Ordnung bringen kann, so sage mir's doch, ja sage mir, was es ist! Kannst du mir denn kein Vertrauen schenken?« »Und kannst du mir kein Vertrauen schenken?« kam es gewaltsam aus ihm heraus; und das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, warf er sich aufs Sofa. – – – Und dann kam es an den Tag, daß er sich innerlich verzehrte, daß er eine warme, heftige Natur war, welche Vertrauen heischte, Vertrauen und Liebe, und wenn es sein Leben kostete; daß das in sich gekehrte, vereinsamte Leben, an das er sich gewöhnt, und das sich in fieberhaften Studien, häufigen Reisen und allerlei Plänen entwickelt hatte, in ein Sehnen sich verwandelt hatte, das von dem heftigsten Verlangen nach festen Verhältnissen abgelöst wurde, während er die Menschen um sich herum voll herzlicher opferfreudiger Eingebung miteinander verkehren sah; daß sein ganzes Wesen nach dem verlangte, was er um sich sah und wobei Vertrauen, Vertrauen und immer wieder Vertrauen die Grundlage war. Sie mußten Nachsicht mit ihm haben und ihn nehmen können, wie er war, weil sie an ihn glaubten. Sonst ging er zugrunde ... Und Frau Rendalen saß da schließlich mit seinem Kopf in ihrem Schoß ... Sie hörte und hörte, und ihre Brust weitete sich und ihre Brillengläser wurden feucht. Sie dachte: er hat recht – Gott, wie recht hat er! Ein Bild nach dem andern stieg vor ihr auf, aber vor allem dachte sie an das, was sie mit den Lehrerinnen erlebt hatte. Ihnen hatte sie sofort vertraut. Und um ihnen gefällig zu sein, hatte sie ihm die Schule gleich abgenommen, ja seit jener Zeit eine Art Oberaufsicht ausgeübt ... Bis zu diesem Augenblick hatte sie in dem holden Wahn gelebt, das sei ihm gleichgültig, – oh, wie fühlte sie sich jetzt erleichtert! Und dann begann sie zu ahnen, was auch sie gefehlt haben konnte – sie hatte nicht das rechte Verständnis für diese seine empfindliche Natur. Wenn die zurückgedrängten Triebe wieder Macht über ihn gewannen, so hatte sie das verschuldet. »Du meinst das mit den Lehrerinnen, Thomas?« fragte sie, und in ihrer Stimme lag etwas wie eine Selbstanklage. Dann ergriff er ihre Hände und hielt sie fest, während er abrechnete. Es kam eine so lange Reihe heraus – von großen und kleinen Posten –, von so kleinen, daß sie von ihrer Existenz keine Ahnung gehabt; – von Antworten, von beiläufigen Ratschlägen, von Worten, die sie an andere gerichtet, ja sogar von stummen Blicken bei etwas, das er gesagt ... Und in ihrem Schrecken bat die ehrliche Frau Rendalen mit Hand und Mund und Arm und Brust um Verzeihung und schwur, daß, wenn er künftig sage, er wolle zum Monde gehen, sie ihm glauben würde. Aber kaum hatte sie sich zu dieser kräftigen Übertreibung, über die auch Thomas lächeln mußte, emporgeschwungen, so erwachte auch ihr Gedächtnis wieder. Klar erinnerte sie sich, wie es zugegangen, wie sie zum erstenmal Mißtrauen gefaßt hatte. Das war damals nach seiner großen Rede. Da hatte er sie mit sich aufs Glatteis geführt, viel weiter, als sie ihm hatte folgen wollen, und das merkte sie erst später. Das war die Ursache! Die Macht seiner Überzeugungen, seine Überredungskunst und ein Etwas, für das sie keinen Namen hatte, ließ den Menschen, die mit ihm in Berührung kamen, nicht die Freiheit des Handelns; ohne Zweifel hatten sich auch die Lehrerinnen ihrer inneren Freiheit beraubt gefühlt. Aber so sind wir Menschen, daß, sobald wir entdecken, daß wir uns weiter haben fortziehen lassen, als es uns angenehm ist, wir uns nicht bloß zur Wehr setzen – das wäre ja nur in der Ordnung –, nein, von diesem Augenblick an betrachten wir alles, was uns gesagt wird, mit Mißtrauen ... Frau Rendalen war sich bewußt, daß sie so gehandelt; sie wußte, daß sie versucht hatte, es wieder gut zu machen; aber sie ahnte nicht, daß er das merkte. Wohl hatte sie gefühlt, daß sie sich selbst schadete, wenn sie das tat; aber erst jetzt kam es ihr zum Bewußtsein, daß sie auch ihm schadete. Ja, in dieser Weise wurde hier abgerechnet. Sie wurden gestört, aber in den nächsten Tagen ward die Abrechnung immer wieder fortgesetzt. Dabei wurde über das Schicksal der armen Thora für die nächste Zukunft ein Beschluß gefaßt. Es war nur eine kleine Abzahlung einer großen Schuld. Und jetzt brachte man sich auf beiden Seiten volles Vertrauen entgegen. Er gab sich so unmittelbar, so zärtlich und so treu in den geringfügigsten Dingen, daß sie ihn mehr als bewunderte – sie verliebte sich förmlich in ihn. Wenn sie da saß, oder in Gedanken umherging und er unerwartet zu ihr trat, errötete sie. Wie sich nur sein Schritt vernehmen ließ, konnte man ihr das ansehen; sie erriet, was er wollte, und alles, was er wollte, war ausgezeichnet. Sah sie ihn in guter Laune, so begann sie zu singen – das ärgste, was sie vornehmen konnte. Nora hätte sich unglücklich gefühlt, wenn sie nicht ebenfalls an diesem großen Versöhnungsfest, das vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen währte, hätte teilnehmen können. Während diese Wandlung sich vollzog, wurde also Thoras nächste Zukunft geordnet. Thomas war bald mit sich einig darüber, was geschehen mußte. Fürst war, wie die Zeitungen gemeldet hatten, nach Stockholm kommandiert worden, und Thomas erbot sich sofort mit Thora dorthin zu reisen. Fürst sollte gezwungen werden, Thora zu heiraten – natürlich nicht, damit sie mit einem solchen Schurken zusammenlebe, sondern damit das Kind seinen Namen und sie selbst die Mittel erhielt, für ihr Kind sorgen zu können. Und mußte Thomas sich an Fürsts Vorgesetzte, ja sogar an den König wenden – er wollte dafür sorgen, daß der Schurke seine Pflicht tat. Niemand von den Eingeweihten und am wenigsten die Mutter zweifelte einen Augenblick an dem Erfolge. Eine sehr optimistische Stimmung hatte sich aller bemächtigt. Der armen Thora war von Anfang an Rendalens Vorschlag widerwärtig gewesen. Das Entscheidende für ihre Nachgiebigkeit war die Rücksicht auf die Schule und ihren Freundeskreis, damit auf beide nur ein möglichst kleiner Schatten fiele. Man war schonend genug, es nicht zu nennen – es nannte sich selbst. Nur in einem Punkte wurde Thomas' Plan geändert; Frau Rendalen mußte reisen und nicht er – das hätte unangenehme Folgen haben können. Zwei Tage nachdem der Plan entworfen, und drei Tage nach der gewaltsam unterbrochenen Vorlesung reiste sie ab. Am Nachmittag des letzten Tages ward Frau Rendalen mit einem Male mißmutig. Man wußte, daß wegen des Geldes nicht alles in Ordnung gewesen – aber das kam ja in diesem Hause so oft vor – und gerade jetzt war man damit ins reine gekommen; trotzdem blieb der Himmel bewölkt. Thomas begab sich zu ihr und wollte die Ursache wissen. Mehrere Male wich sie ihm unter einem Vorwand aus; aber da er sich nicht abweisen ließ, mußte sie denn schließlich erklären, daß sie es nicht sagen könnte; es sei ein fremdes Geheimnis – nicht Thoras Geheimnis, beeilte sie sich hinzuzufügen. »Öffne deine Augen, so brauch' ich dir's nicht zu sagen!« Und er öffnete seine Augen, aber es war ihm ganz und gar unmöglich, zu begreifen, woher die Verstimmung seiner Mutter rührte. Sie reiste mit ihrem Geheimnis ab. Er ging umher und fragte die anderen; aber sie waren alle gleich dumm. In der Stadt erregte es Aufsehen, daß Frau Rendalen um diese Jahreszeit und mitten in der dringendsten Schularbeit nach Stockholm reiste; und daß sie als ihre Stütze und Begleitung die kranke Thora Holm mitnahm. Thora Holms Mutter erzählte stolz, vielleicht würde ihre Tochter gar nicht zurückkehren; erweise sich nämlich Stockholm als der rechte Ort für sie, so sollte sie dort ihre »Studien« fortsetzen ... Alle hatten gehört, daß Thora ungewöhnlich begabt war, so daß dies nicht weiter auffiel. Frau Rendalen war beim Amtmann Tue gewesen und hatte mit ihm und seiner Frau über Nora gesprochen. Nach ihrer Ansicht hatte Nora besondere Anlage für das Erziehungswesen. Frau Rendalen fragte, ob Nora nicht in der Schule wohnen könnte, um jetzt während ihrer Abwesenheit die Aufsicht über das Hauswesen, die Pension und die Schule zu führen. Später könnte sie sich dann vielleicht für das Schulfach weiter ausbilden. Dazu gaben beide Eltern sofort und unbedingt ihre Einwilligung. Sie hatten von ihrer Tochter dieselbe Ansicht wie Frau Rendalen. Lächelnd fügte der Vater hinzu, es komme ihm höchst unwahrscheinlich vor, daß sie sich in einen Mann verlieben könnte. »Nein,« bemerkte die Mutter, »zur Ehe hat sie gar keinen Beruf.« Auf dem Gute fand man es sehr seltsam, daß die jüngste Lehrerin, die im vorigen Jahre selbst noch Schülerin gewesen, über alle anderen gesetzt wurde; aber in der Tat offenbarte Nora jetzt ihre besten Eigenschaften; sie war immer heiter, immer hilfsbereit. Mit Thomas fand sie sich sehr gut ab; er schien besonderes Gefallen an ihr zu finden ... Obgleich noch nicht dreißig Jahre alt, hatte er sich nach und nach eigentümliche Gewohnheiten angeeignet. In der Schule war er jetzt wie in der ersten Zeit nach seiner Heimkehr. Er war ganz Lust und Liebe, und geriet auf die absonderlichsten Dinge, um den Gegenstand, um den es sich handelte, recht klarzumachen. Den Lehrerinnen freilich war er in gewissem Sinne wieder ein Quälgeist, aber er wurde nicht mehr mißverstanden, wenn er sich in den Unterricht mischte. Wurde irgend etwas nicht begriffen, so begab man sich unbedenklich zu ihm, um sich von ihm Aufklärung zu verschaffen, und dann war er unwiderstehlich liebenswürdig. Aber darum hörten die Mißverständnisse nicht auf; er war jedoch so freimütig, daß er sofort um Verzeihung bat, wenn er auf einen Mißgriff aufmerksam gemacht wurde ... Frau Rendalen meldete aus Stockholm, Fürst sei abwesend, würde aber in einigen Tagen zurückkommen; sie müsse also bleiben und warten; inzwischen werde sie Thora bei einer achtbaren Familie unterzubringen suchen. Trotz der späten Jahreszeit war ihnen die Reise nach Stockholm sehr gut bekommen. Thora erholte sich zusehends mit jedem Tage. Thomas war in der besten Laune; wer ihn nicht kannte, hätte glauben können, er betrachte Thoras Unglück als das größte Glück. Aber er sowohl wie alle anderen Freunde Thoras erfuhren eine große Enttäuschung, als in der Stadt sich das Gerücht verbreitete, Nils Fürst sei verlobt! Und mit wem? Mit Thoras treuer Freundin – Milla Engel! ... Das Gerücht wurde von Anton Dösen, Fürsts bestem Freunde verbreitet. Er stellte es nur als eine Vermutung hin, aber er glaubte seiner Sache ganz sicher zu sein. Die Familien verhielten sich beide diplomatisch. Welche Gesichter machten Millas Freundinnen und die Mitglieder des Vereins, so oft sie sich in diesen Tagen begegneten! Namentlich Tinka Hansen, wenn sie feierlich das Protokoll aufschlug und auf Millas Namen stieß; einen feierlichen Eid wollte sie darauf ablegen, daß alle bei der »absoluten Unsittlichkeit« an Nils Fürst gedacht hatte. Und damals sei Milla eine der strengsten gewesen. Das war ja auch selbstverständlich nach dem Vermächtnis ihrer Mutter ... Nein, eine solche Verlobung war unmöglich! So schlecht konnte man nicht von Milla denken; das wäre ja gegen Lebende wie gegen Tote gleich treulos. Millas verschiedene Pariser Briefe an Nora wurden jetzt wieder gelesen. Sie wohnte gemeinsam mit einer amerikanischen Dame bei einer französischen Familie, die herbe Schicksalsschläge erlitten, aber vornehme Freunde und Verwandte hatte. Sie bewegte sich in aristokratischer Luft; sie hatte Gelegenheit, alles »Aristokratische und Feine« zu bewundern; alles, was damals in Paris Mode war oder durch Schönheit und Talent sich hervortat, lernte sie kennen; und sie wußte die Gelegenheit zu benutzen. »Du kennst ja mein schwärmerisches Temperament,« schrieb sie an Nora. Sie hatte als treues Mitglied des Vereins begonnen. Aber fast unmerklich vollzog sich der Umschlag. Gemälde, Romane und Theatervorstellungen entzückten sie. Das äußere Leben übte einen besonderen Reiz auf sie – wenn sie es auch nur in gewisser Entfernung beobachten konnte ... Die Eindrücke, die sie empfing, kamen nicht immer aus erster Hand; man glaubte gleichsam die Stimmen ihrer amerikanischen Freundinnen zu vernehmen. Aber just darum hatte man ihren Berichten nicht die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt. Milla schrieb, was sie als Mädchen in der Schule alles geplant und sich eingebildet, sei nicht immer mit dem wirklichen Leben verträglich; ihr Vater habe recht gehabt. In jedem Briefe erzählte sie das eine oder andere, was diesen Satz beweisen sollte – es hatte nicht im entferntesten einen schlüpfrigen Anstrich; im Gegenteil, sie schrieb mit einer Feinheit, die man geradezu Kunst nennen konnte. Man dürfe sich keine Illusionen machen, dann werde man auch nicht so gleich unglücklich. Nora hatte ihr geantwortet, wie sie fühlte und dachte. Alle diese Bemerkungen Millas erhielten jetzt eine neue Bedeutung. Sollte ihre neue Anschauungsweise mehr sein als ein zufälliger Schlagschatten des vorüberrauschenden Lebens? Sollte es wirklich eine wohlüberlegte Einleitung sein zu der Verlobung mit Nils Fürst? Unmöglich! So schlecht konnte Nora nicht von ihrer Freundin denken. Sie hatte Thora das feierliche Versprechen gegeben, Milla nichts zu sagen. Jetzt glaubte sie sich ihres Wortes entbunden und schrieb, wie es ihr ums Herz war. Auch Tinka schrieb, empört wie sie war über das große Verbrechen, das an Thora begangen war. Unverblümt sprach sie von dem Gerücht, daß mit einem solchen Menschen Thoras beste Freundin sich verlobt habe – sie, deren Namen im Protokoll stand! – – Ganze fünf Tage gingen hin, ehe wieder ein Brief von Frau Rendalen kam, und dann erhielten sie eine kurze trockene Nachricht. Fürst nämlich war noch nicht nach Stockholm zurückgekehrt. Gleich darauf kam ein langer rührender Brief von Thora; aber dann vergingen wieder mehrere Tage, ohne daß eine neue Nachricht einlief. Zehn Tage waren nun bereits verflossen, seitdem Nora und Tinka an Milla geschrieben. Hätte sie sofort geantwortet, so mußten sie schon einen Brief von ihr in Händen haben; und nach einer solchen Mitteilung und einer solchen Beschuldigung hätte sie doch sofort antworten müssen ... Sie wurden alle im höchsten Grade unruhig, namentlich als eine der Freundinnen äußerte: als sie gehört, Milla und Fürst reisten zusammen, habe sie sich gleich gedacht, das gebe ein sehr passendes Paar. Natürlich war es Anna Rogne, die diese Bemerkung machte. Warum hatte sie denn früher nichts gesagt? Weil die anderen das mit Mißtrauen aufgefaßt hätten, meinte sie. Endlich eines Vormittags, gerade als der Unterricht beendet war, fand Nora ein versiegeltes Kuvert auf ihrem Tische. Es ahnte ihr Schlimmes, weil Thomas Rendalen ihr den Brief nicht sofort gebracht hatte. Den andern hatte sie versprochen, den Brief nicht eher zu lesen, als bis alle zugegen seien; aber derartige Gelübde kann man ja unmöglich halten. Frau Rendalen hatte eine große Unterredung mit Nils Fürst gehabt. Er hatte Frau Rendalen mit höflicher Ruhe angehört, als wäre er auf alles wohl vorbereitet gewesen, und als er endlich sich erklären mußte, hatte er bloß gesagt, das sei eine heikle Sache; man könne verschiedener Ansicht sein über die Person, um die es sich handle. In seinen Augen war Thora Holm ein ungewöhnlich sinnlich veranlagtes Mädchen, welches in der Nähe eines Mannes sich nicht zu beherrschen wußte. Die Frage, ob er wisse, welche Macht er auf sie ausgeübt, hatte er mit ja beantwortet. Doch wirke seine Macht nur auf eine gewisse Art von Frauen, und zu diesen gehörte auch Thora. Er hatte durchaus nicht irgendwelche größern Verpflichtungen sie zu heiraten, als er all die anderen, mit denen er in Verbindung gestanden, heiraten müßte. Für das Kind würde er sorgen und auch für sie selbst – das heißt eine angemessene Reihe von Jahren. Frau Rendalen drohte damit, daß sie seinen Vorgesetzten alles erzählen würde – ja, sogar keinen Anstand nehmen werde, zum König zu gehen, wenn es sein müsse. »Haben Sie die Freundlichkeit! Es ist ja bekannt, daß mein Arm nicht so weit reicht als der Ihrige, gnädige Frau.« Sie bemerkte ihm, daß dies einen erbitterten Kampf geben werde. Er aber entgegnete ihr, daß er sehr wohl wisse, wie er geführt werden müsse. Er lasse sich nicht von Intriganten aus seiner Karriere drängen. Die Dame, um die es sich hier handle, war einfach dazu bestimmt, eine femme entretenue der feinern Gesellschaft zu werden; ihn zwingen wollen, sie zu seiner Frau zu machen, sei geradezu empörend. Aber er wußte, was es hier galt – er sollte sich für die Schule opfern; allein dazu war er ganz und gar nicht bereit. Er wußte, was für Vorträge in der Schule gehalten worden; auch war ihm nicht unbekannt, welche Lektüre den Schülerinnen gestattet gewesen; das alles war durchaus geeignet, sinnliche Naturen zu reizen. Darum müsse die Schule auch die Folgen tragen; diese würden wohl auch sonst noch zutage treten. Frau Rendalen erhielt den bestimmten Eindruck, daß etwas geschehen sei, daß er schon vorher sich wohl instruiert und mit andern beraten habe. Das Gespräch hatte sie so angegriffen, daß sie krank wurde; das war zugleich der Grund, daß sie nicht eher geschrieben. Ferner meldete sie, daß sie am nächsten Tage die Rückreise antreten würde. Es gebrach ihr an Mut, hier an fremdem Ort weitere Schritte zu unternehmen. Wenn sie Fürst richtig verstanden hatte, so wünschte er gerade einen offenen Kampf. Er nahm bereits eine Stellung ein, daß man sich vor ihm hüten mußte. Sie machte kein Hehl daraus, daß diese Angelegenheit die Schule in Gefahr bringen und auch für Thora und ihre unschuldigen Freundinnen schlimme Folgen haben könnte. Thora war ganz außer sich. Es bangte beiden vor dem Abschied. Der Brief schloß mit einer Klage darüber, daß diese Kämpfe mit der Schule niemals ein Ende nehmen wollten. Spät am selben Abend – Fräulein Hall, Tinka und Anna Rogne hatten alle den Brief gelesen und saßen bei Nora im Wohnzimmer – kam ein Telegramm. Man glaubte, es sei von Frau Rendalen, und Nora stand sofort auf, um es Thomas zu schicken, als Tinka ausrief: »Es ist ja nicht an Thomas, sondern an dich selbst gerichtet!« »An mich?« fragte Nora und kehrte wieder um. Richtig, die Depesche war von Milla. Sie lautete: »Abscheulich; Gerücht unwahr!« Vierzehn Tage waren verflossen, seitdem Nora und Tinka geschrieben hatten. Zehn Tage also war Milla im Besitz ihrer Briefe gewesen, und dann schickte sie – ein Telegramm! Was hatte das zu bedeuten? Während die anderen die Depesche bald wieder über den Nachrichten vergaßen, welche Frau Rendalen geschickt, saß Anna Rogne grübelnd da mit Millas Telegramm in der Hand. Sie fragten sich, ob auch sie jetzt mit in den Skandal hineingezogen werden sollten. Vielleicht war der »Krieg« schon erklärt. Nils Fürst hatte an einen Freund in der Stadt geschrieben und seine Auffassung der Sache auseinandergesetzt. Was war jetzt zu erwarten! Vielleicht durfte fortan keine von ihnen sich mehr auf der Straße zeigen! Da gab Anna Rogne ihren Betrachtungen eine andere Richtung. Sollten sie diese Depesche nicht Thomas Rendalen mitteilen? – Ja natürlich – und es geschah sofort. Alle glaubten, Thomas würde sogleich zu ihnen hereinkommen; aber sie warteten vergebens – nach einer Weile hörten sie ihn auf dem Piano spielen. »Ja, wenn nicht einmal Herr Rendalen der Depesche irgendwelche Bedeutung beilegt, so darf ich wohl sagen, wie es zugegangen ist,« bemerkte Anna Rogne förmlich. Der Zusammenhang, meinte sie, sei der, daß Milla und Fürst wirklich verlobt seien. Aber auf Noras Brief habe sie sofort Nils Fürst Mitteilung gemacht. Eben darum sei er in jeder Beziehung vorbereitet gewesen, als Frau Rendalen nach Stockholm gekommen war; eben darum wünschte er einen öffentlichen Krieg; sonst war die Sache für ihn verloren. Und unterliegen durfte er nicht; die Verheiratung mit der reichsten Erbin an der ganzen Küste war für seine Karriere eine unerläßliche Vorbedingung. Eben weil Milla mit ihm verlobt gewesen, hatte sie nicht schreiben können. Sie hatte sich so lange bedacht – sich vielleicht auch geprüft –, bis sie den Ausweg gefunden hatte ihnen zu telegraphieren. Anna Rogne schloß mit den Worten: »Meiner Ansicht nach befindet sich in diesem Augenblick Leutnant Fürst in Paris – oder doch auf dem Wege nach Paris.« Seltsam: Annas Verhältnis zu Milla wurde für die letztere verhängnisvoll. Dieses Verhältnis übte seinen Einfluß – zunächst auf diejenigen, mit denen sie täglich verkehrte, und später auch auf Frau Rendalen. Nils Fürst befand sich richtig auf dem Wege nach Paris; aber hätten Millas Freundinnen Frau Rendalens Brief ihr sofort zugeschickt, sie hätte ihn kaum empfangen. Und hätten sie Thora gebeten, Milla zu schreiben, – er hätte sich ihr sicherlich nicht nahen dürfen, weder persönlich noch mit einem Brief. Selbst jetzt durfte er das nicht einmal. Dazu bedurfte es einer kräftigen Unterstützung von seiten ihres Vaters. All das hatte er vorausgesehen und danach seine Maßregeln getroffen. 24. Krieg. Schon am Tage vor der Ankunft des Briefes und des Telegramms hatte Anton Dösen von Fürst einen Brief erhalten. Er war offenbar so abgefaßt, daß andere ihn lesen konnten – und so machte er denn sofort die Runde. In seiner Darstellung des Sachverhalts legte er seiner Begegnung mit Thora im Landhause der Frau Gröndal große Bedeutung bei. Er hatte sie früher nur einmal flüchtig gesehen und nicht geahnt, daß er ihr auf dem Lande begegnen würde. Bis zu seiner Ankunft war sie unterhaltend und liebenswürdig gewesen, hatte ihm Frau Gröndal gesagt. Aber bei seinem Erscheinen ward sie sofort unnatürlich. Sie konnte es nicht ertragen, daß er sich mit Frau Gröndal unterhielt. Sie versteckte sich, ließ sich im Walde aufsuchen – und nahm dann die Flucht. Natürlich folgte er ihr, um zu sehen, was denn das zu bedeuten habe. Kaum näherte er sich ihr auf dem Dampfer, so begann sie zu weinen! Als sie ans Land stieg, lehnte sie jede Hilfe ab; aber Tag für Tag lief sie an seiner Wohnung vorbei und guckte verstohlen hinein, ob er zu Hause sei! Dann machte sie weite Wanderungen im Walde – ganz allein. Er erinnerte an gewisse Vorlesungen und Verhandlungen in der Schule. Seiner Ansicht nach konnte ein junges Mädchen, das in einer solchen die Sinne erhitzenden Luft gelebt, sich kaum anders benehmen. Nach seiner Meinung waren dies »magnetische Einflüsse« genug, anderer Einflüsse bedurfte es nicht. Er wollte es nicht als eine Entschuldigung für sich anführen, daß er sich schließlich dazu hatte verleiten lassen, ihr zu folgen hinaus in den Wald, wo sie sich damit amüsiert hatte, Versteckens mit ihm zu spielen – in dieser Weise fingen ja die kleinen Mädchen alle an. Aber er fragte, ob irgendein Mann, der sich selbst achte, ein Mädchen heiraten könnte, das täglich an seinen Fenstern vorbeilaufe, um ihn hinaus in den Wald zu locken. Frau Rendalen denke anders darüber. Sie sei nach Stockholm gekommen, um eine Ehe zu stiften. Das müsse eine Ehe werden nach dem Muster ihrer eigenen. Er seinerseits habe eine zu hohe Vorstellung von der Ehe, um sie in solcher Weise zu entheiligen. Er habe sich erboten, für sie zu sorgen – jedenfalls so lange, als das Kind der Mutter bedürfe; auch habe er sich bereit erklärt, das Kind als das seine anzuerkennen. Soweit geboten ihm Ehre und Pflicht zu gehen. Aber weiter! – Das hieße eine törichte Handlung mit einer noch törichteren wieder gutmachen wollen. Und darin gaben ihm alle die recht, welchen Dösen den Brief vorlas. Und das geschah im Laden, auf der Straße, im Klub. Verschiedene liehen ihn sich. Obgleich der Briefschreiber so vorsichtig gewesen, sehr starkes Papier zu wählen, wanderte der Brief doch so lange in der Stadt umher, bis er nur noch ein unleserlicher Fetzen war. Zwei Abschriften wurden davon angefertigt: die eine für Thomas Rendalen (auf seinen eigenen Wunsch) und die andere für – ja Dösen trug einen Augenblick Bedenken, es zu verraten; aber auf wiederholte Bitten konnte er es nicht länger verschweigen – für Thora Holms Mutter. Diese letztere Abschrift bereitete ihm eine besondere Freude. Thoras Mutter war eine heftige, durch den Lebenskampf verbitterte Frau. Für fast alles, Menschen und Dinge, hatte sie nur höhnische Zweifel. Geriet sie in Zorn, so kannte sie keine Rücksicht. Und eines Morgens, mitten während des Unterrichts, stand sie in schwerem, abgetragenem Düffelmantel, einem Hut mit kampflustiger Feder und mit bloßen Händen und einem alten Muff, mit dem sie herumfuchtelte, weinend und schreiend in den Gängen der Schule. Sie verlangte ihre Tochter zurück! Sie hatten sie ihr gestohlen und verführt! Sie kam als braves Mädchen in die Schule, aber in diesem verwünschten Hause, auf dem ein Fluch ruhte, war sie verdorben worden. Und jetzt war sie im Munde der Leute und mit Schande bedeckt – Gott verzeih es ihnen! Aber das sollten sie ihr büßen! Sie werde sie vors Gericht bringen – ihnen die Polizei auf den Hals schicken! Ihr Zorn kannte keine Grenzen; aber ihr Schmerz war echt. Alles wich ihr aus. Aber sie stürmte in eines der Zimmer – die Klasse hatte sich aufgelöst, da die Lehrerin die Flucht ergriffen. Auf diese Weise glückte es ihr, drei Klassen zu sprengen. Sie brachte eine ungeheure Verwirrung hervor. Die Schülerinnen gerieten in einen solchen Schreck, daß sie auf den Boden hinauf flüchteten, wo sie eine Weile standen, vor Kälte zitterten und lauschten, ob sie sich wieder hinunterwagen dürften. Einige der älteren Schülerinnen, welche sich aus der Weltgeschichte erinnerten, bei gewissen Gelegenheiten müsse man Mut an den Tag legen, hielten stand, um ihr mit Reden zu Leibe zu gehen. Aber da geriet sie außer sich. Offenbar lebte sie in der Vorstellung, in dieser Schule würden die Mädchen zur Unanständigkeit angeleitet. Es empörte sie, daß »anständiger Leute Kinder« so etwas verteidigen wollten ... Auch diese Schülerinnen nahmen die Flucht, einige mit den Händen vor den Ohren. Nur die Kleinen hatten ihre helle Freude an ihr. Sie umringten sie und zogen jubelnd hinter ihr her. Der ganze Schwarm kam schließlich zur Küche hereingestürmt. Dort hatte man Mitleid mit ihr; aber man hütete sich, ein Wort zu sagen. Dann ging's wieder hinaus in den Flur vor Rendalens Tür – sie war verschlossen. Darauf vor Karl Wangens Tür – verschlossen. Zurück nach Frau Rendalens Tür, welche offenstand. Dort zogen sie hinein; sie wollte sehen, ob denn Rendalen gar nicht zu finden sei. Thomas war in der Stadt und wurde erst in einer Stunde erwartet. Aber da erschien Karl Wangen. Mit großem Ernst gebot er Ruhe, entfernte die Kinder und nahm die arme Mutter mit sich in sein Zimmer. Dort saß sie etwa eine Stunde und schüttete ihr Herz aus. In ihrer Verzweiflung jammerte sie bald über Thora, bald über ihren trunksüchtigen Mann, bald über ihre bittere Not ... Mit hundert Kronen in der Tasche und still weinend kehrte sie endlich nach Hause zurück. In der Schule sah es aus, wie in einem Hühnerhof, in den irgendein Feind eingebrochen ist. Wer hätte ein solches Schauspiel nicht schon erlebt! Erst fliegen die Hühner unter entsetzlichem Geschrei an Fenstern und Wänden und Leitern hinauf, bis sie ganz betäubt und ermattet sind und nicht mehr fliegen können. Dann rennen sie laut gackernd am Boden durcheinander und gegeneinander. Und ist die Gefahr vorüber, so sitzt sie ihnen doch noch in den Gliedern: sie gackern und jammern und schreien mit ungeschwächten Kräften und alle zugleich; und das nimmt gar kein Ende; denn wenn die einen aufhören, setzen die anderen um so nachdrücklicher wieder ein; und so lebt der Schrecken von neuem in ihnen auf, und die ganze Schar gackert ärger denn je. Endlich putzt man sich die Federn, schüttelt die Schwingen und sträubt das Gefieder – man ist wieder im alten Gleise ... Aber die Schule konnte diesen ganzen Tag nicht wieder ins alte Gleis kommen. Die Erschütterung war zu heftig gewesen; sie drohte sogar gefährlich zu werden. Welch eine Schadenfreude herrschte in der Stadt! War das ein Spotten und Lachen, – in den Kontors, auf den Straßen, auf den Schiffsbrücken. Von etwas anderem wurde gar nicht mehr gesprochen. Als Frau Rendalen ein paar Tage später zurückkehrte, war der ganze Hafen dicht gedrängt voll Menschen – meist männliche Jugend – um sie zu empfangen. Man hatte in der Schule am Sonnabend erfahren, daß sie am Sonntagnachmittag mit dem Dampfer zurückkam. Zu etwas Besserem konnte man seine Mußestunden nicht benutzen, als zu sehen, wie eine solche Größe aus einer verlorenen Schlacht heimkehre. Der Skandal, den sie mit ihrer Reise hatte verheimlichen wollen, war jetzt nicht bloß stadt-, sondern landeskundig geworden. Als Thomas mit dem Wagen zum Hafen fuhr, vermochte er durch die Menge nicht hindurchzudringen. Nora, Tinka, Anna und einige andere Freundinnen, welche sich verabredet hatten, Frau Rendalen zu empfangen, wurden stutzig, als sie die Menge erblickten – und kehrten dann wieder um, indem sie St. Peters Beispiel folgten, natürlich mit der Abweichung, welche unsere moderne Zeit gestattet. Nur das kleine Fräulein Hall trotzte den dräuenden Kriegsrüstungen. Sie drängte sich so weit vor, bis sie neben den nervösen Thomas gelangte, gerade in dem Augenblick, als er an Bord gehen wollte. Frau Rendalen sah angegriffen aus. Die Blicke, welche sie hastig mit ihrem Sohn und Fräulein Hall wechselte, sagten deutlich, daß sie sehr wohl begriff, warum dieser Volkshaufen sich hier drängte, und daß sie sich keineswegs sicher fühlte. Sie nahm ihren Sohn sehr fest unter den Arm. Aber die Achtung, die man vor ihr hegte, vielleicht auch das Mitleid, das man mit ihr empfand, nun man sich Aug' in Auge gegenüberstand, bewirkten, daß niemand etwas unternahm. Man machte ihr Platz. Natürlich war es in aller Augen und Mienen zu lesen, daß man hier nicht als Ehrenwache stand. Sogar einige ältere Bekannte waren zugegen. Unter anderen der Bürgermeister nebst Frau. Kaum daß sie grüßten. Von der Höhe eines strengen, sittlichen Standpunktes herab sahen sie die Sünder vorbeigehen. Die, welche nahe an der Schiffsbrücke standen, suchten sich zum Wagen vorzudrängen. Nach und nach folgten alle die ihrem Beispiel, an denen die drei vorübergekommen waren. Der Wagen war vollständig umringt, als Frau Rendalen sich hineinsetzte. Natürlich mußte sie ganz langsam, Schritt für Schritt die Menge noch einmal passieren. Kaum aber waren sie aus dem Schwarm heraus, da schlug Thomas heftig auf die Pferde ein – er war ganz erbittert. Da sah er vom Ende der Straße her Anton Dösen nebst einer ganzen Schar Freunde auf den Wagen zueilen. Sie hatten alle erhitzte Gesichter; offenbar kamen sie direkt von einem Mittagsgelage. Alle grüßten außerordentlich ehrerbietig. Ob nun Dösen unartig grüßte oder ob das Thomas in seiner Hitze nur so schien – im Nu hatte er die Pferde zum Stehen gebracht, warf Fräulein Hall die Zügel zu, stand im nächsten Augenblick Dösen gegenüber und gab ihm eine Ohrfeige, daß er auf die Seite flog. Wie der Blitz war er wieder im Wagen – und dieser rollte schon oben über die Straße dahin, als die anderen recht zur Besinnung kamen. Droben in der Schule standen die drei Ausreißer, Tinka, Anna und Nora im Flur. Fräulein Hall eilte zuerst die Treppe hinan und erzählte mit strahlendem Gesicht, was geschehen. Aber Frau Rendalen war nicht davon entzückt. Auch Thomas verschwand, sobald er seine Mutter in ihr Zimmer geleitet hatte. Es dauerte geraume Zeit, ehe er wieder zum Vorschein kam; und da war er verstimmt. Das Gespräch drehte sich ausschließlich um den dunklen Punkt in Thoras Geschichte, auf den sie selbst kein Gewicht gelegt, ja, den sie selbst kaum erwähnt hatte – um ihre Begegnung mit Fürst in Frau Gröndals Landhause. Hieran waren in der Stadt alle Versuche, die Schuld auf Nils Fürst zu schieben, völlig gescheitert. Frau Gröndal hatte Fürsts Auffassung in allen Punkten bestätigt. »Thora Holm war vor Verliebtheit ganz närrisch; sie kehrte nur nach der Stadt zurück, um Fürst mit sich zu locken.« Frau Rendalen konnte versichern, daß das einzige, was Thora »närrisch« gemacht, die vertrauliche Art gewesen, in welcher Frau Gröndal und Fürst damals miteinander verkehrten; die habe sie empört. Vielleicht war dabei der Umstand im Spiel, daß sie auf dem Wege war, sich für ihn zu interessieren; erst später war ihr das klar geworden. Man kam überein, Thora selbst diese Episode erzählen zu lassen. Noch an diesem Abend schrieb ihr Tinka. Inzwischen war Thomas gekommen, und jetzt wurde davon gesprochen, wie Thora sich während der letzten Zeit verhalten habe. Gerade als Frau Rendalen zu erzählen anfangen wollte und alle sich in höchster Spannung befanden, trat Karl Wangen ein. Er war in der Kirche gewesen. Das Wiedersehen zwischen ihm und seiner Pflegemutter war überaus herzlich. Nach einigen Augenblicken entfernte sie sich mit ihm. Den ganzen Abend ließ sie sich nicht wieder sehen. Niemand hatte Thoras Unglück tiefer ergriffen als Karl Wangen; aber außer Frau Rendalen hatte keiner davon eine Ahnung. Er war der glücklichste Mensch gewesen auf Gottes weiter Erde, und ganz still für sich. Und sie wurde offenbar so froh, wenn sie sich begegneten. Allein das wagte er nicht etwa so zu deuten, als liebte sie ihn – Gott behüte! Aber er liebte sie und meinte, wenn Frau Rendalen ihm einmal ein wenig helfen wollte, so könnte vielleicht die anmutige Thora doch dahin kommen, ein wenig Teilnahme für das zu empfinden, was ihn interessierte. Und konnte sie das erst, so verschmähte sie vielleicht nicht seine große Liebe zu ihr. Und dann fühlte sie es vielleicht, daß er etwas tun konnte, damit auch sie glücklich würde. Frau Rendalen hatte ihn oft genug mit Thora reden sehen, ihn oft genug über Thora reden hören; aber nicht eher etwas geahnt, als bis sie ihm an jenem Morgen erzählte, was geschehen. Da war er totenbleich geworden; und statt ein Wort des Mitleids zu äußern, war er verstummt. Auch dieser Vorfall war ihr noch nicht entscheidend gewesen; ihr neues Verhältnis zu ihrem Sohn nahm sie ja ganz in Anspruch; aber sie begann doch die Wahrheit zu ahnen. Als dann das Geld, dessen sie zur Reise bedurfte, nicht gleich zu beschaffen war und Karl sie mit sich in sein Zimmer zog und ihr seine Sparpfennige und eine kleine Erbschaft anbot – da las er in ihren Augen, daß sie alles begriff. Und da vermochte er nicht mehr an sich zu halten, er verhüllte das Antlitz mit beiden Händen und sagte schluchzend: »Ja, Mutter, ich liebte sie!« »Meine liebe Nora! Ich weiß nicht, was Du von mir denkst, weil ich so lange nicht geschrieben habe. Aber Deine letzten Mitteilungen über unsere teure Thora haben mich in eine solche Aufregung versetzt, daß ich wirklich nicht wußte, was ich schreiben sollte. Wie verlegen und hilflos und – laß es mich gleich hinzufügen – wie schamerfüllt steht man angesichts solcher Dinge, liebe Nora! Wenn ich bedenke, daß so etwas einem Mädchen widerfahren konnte, mit dem wir Umgang gehabt! – Niemals vergesse ich, was mein Vater sagte an dem Tage, da er sie zum erstenmal bei mir sah. Damals war ich sehr empört darüber; wir dachten ja so gut voneinander. Bist Du Dir auch sicher, meine liebe Nora, daß es sich ganz so zugetragen, wie Thora es erzählt hat? Du weißt ja, sie nahm es nicht immer sehr genau. Und namentlich bei einem solchen Ereignis, denk' ich mir, ist man später geneigt, andere Farben beizumischen. Meinst Du nicht auch? Ich will nicht von dem sprechen, was ich gehört habe. Auch das mag auf Irrtum oder Übertreibung beruhen. Aber Du weißt selbst, liebe Nora, vorsichtig ist sie nie gewesen. Erinnerst Du Dich noch, daß Du ihr wiederholt ins Wort fallen mußtest, wenn sie etwas erzählte? Nun, sie war ja in Frankreich gewesen, – sie wußte mehr als wir anderen. Wenn ich jetzt an das zurückdenke, was sie mir bisweilen erzählt hat, so muß ich sagen, es war – gar mancherlei ... Ob ihr nicht etwas davon im Blute steckte? Damit will ich natürlich keinen Vorwurf ausgesprochen haben! Das kann mir jetzt, da sie unglücklich ist, am wenigsten in den Sinn kommen. Aber vielleicht wird dadurch das eine oder andere erklärlich. Sie dauert mich in innerster Seele, und Du würdest mir einen sehr großen Gefallen erweisen, wenn Du mir zu sagen vermöchtest, auf welche Weise ich, ohne sie zu verletzen oder sie verlegen zu machen, ihr nützlich sein könnte. Heut komme ich noch nicht dazu, unserer guten Freundin Tinka zu antworten. Grüße sie freundlichst von mir und sage ihr, der Ausdruck: »Thoras beste Freundin« – den sie in ihrem letzten Briefe gebraucht – passe jedenfalls nicht auf mich. Es konnte zwar damals so aussehen; das leugne ich nicht; aber es war ganz und gar Thoras Schuld. Sie drängte sich mir nicht auf, – ich müßte lügen, wenn ich das sagte –; aber wer mit ihr verkehrte, konnte es nicht vermeiden, etwas zu weit zu gehen. Ich mußte mich mehr mit ihr einlassen, als mir angenehm war; und das währte bis zur letzten Stunde des letzten Tages. Weißt Du, ich war noch keine drei Tage allein gewesen, da empfand ich geradezu eine Art Entrüstung gegen sie. Das war vielleicht recht häßlich von mir. Ihr Einfluß auf mich machte sich übrigens auch nach unserer Trennung noch geltend. Dessen ward ich mir nicht sofort bewußt; aber ich habe dafür einen Beweis hier vor mir liegen – den Brief, den Du so freundlich warst mir auf meine Bitten zurückzuschicken, und in welchem ich in aller Hast einige meiner Eindrücke aus Sofiero niedergekritzelt hatte. Ich werd' ihn mir aufbewahren; darin soll meine Strafe bestehen. Soeben erst hab' ich ihn wieder durchgelesen. Da Du ihn leider ebenfalls gelesen (was ich mir nie verzeihe), so kannst Du selbst beurteilen, ob ein Brief mir weniger ähnlich sehen kann als dieser. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber fortwährend seh ich Thora in diesem Briefe. Seitdem hab' ich nicht mehr an sie schreiben können. Hier, wo alles seine Form hat, wo kein Raum ist für sentimentale Vertraulichkeit, verletzt es einen schon im höchsten Grade, an so etwas sich auch nur erinnern zu müssen. Es ist fast ebenso schlimm, als wollte man hier ohne eine ordentliche Coiffüre und – in bloßen Unterbeinkleidern auf die Straße gehen. Aber vielleicht urteile ich zu streng. Denn vieles rührt von dem gesellschaftlichen Ton her, der bei uns zu Hause herrscht. Daran ward ich erst kürzlich wieder erinnert, als ich mit einigen Deutschen bekannt wurde; die sind geradeso. Allein Thora war die schlimmste, die mir je begegnet ist. Aber wie talentvoll war sie! Ich kann kein neues Kleid anziehen, kein Muster studieren, ja keine neue Mode sehen, die mich interessiert, ohne daß ich ihrer gedenke. Könnte sie nicht Modistin werden? Sollte ich in dieser Beziehung etwas für sie tun können, ich wäre mit großem Vergnügen bereit. Was soll sie auch sonst anfangen? Sie dauert mich wirklich von Herzen! Ich hätte Dir, liebe Nora, noch viel zu erzählen; fast Tag für Tag erleb' ich ja etwas Neues. Aber dies mit Thora hat mich in eine schrecklich trübe Stimmung versetzt; es fehlt mir an Lust, Dir etwas Heiteres zu berichten. Die arme Thora! Ich bitte Dich dringend, grüß sie von mir; teile ihr aber nichts von dem mit, was ich Dir hier in aller Vertraulichkeit geschrieben habe; es würde sie verletzen, ohne daß es einer von uns etwas nützen könnte. Das Schicksal hat ja jetzt eine Scheidewand zwischen uns errichtet. Grüße Tinka, Frau Rendalen und alle die, welche sich erkundigen nach Deiner treuen – und im übrigen sehr glücklichen – Freundin Milla Engel. « 25. In beiden Lagern. Nach Millas Brief verschwand Nora aus dem Zimmer; ja, es war ihr sogar mehrere Tage nicht möglich, ihre Beschäftigung wieder aufzunehmen; sie war wie gelähmt. Erst Thora in ihrer Weise und jetzt Milla ... das war ihr zu viel, ihr, die in ihrem gemeinsamen Leben die ratende Stellung eingenommen. In der letzten Zeit hatte sie viel Spott hinnehmen müssen, und nicht am wenigsten von ihrem Vater, namentlich als sich herausstellte, daß ihre Eigenschaft als Vorsitzende ihr nur Hohn und Ärger einbrachte. Sie hatte sich dagegen zu wehren gesucht; aber nach Millas Brief gab sie den Kampf auf. Auch früher schon hatte sie manchmal eine Empfindung gehabt, als ob ihr Leben doch zu oberflächlich und äußerlich sei. Aber nach dieser Erfahrung! Wieder und wieder dachte sie zurück an all die Stimmungen und Erlebnisse ihrer Freundinnen, seitdem sie hierher gekommen war; und überall fand sie auf der einen Seite hohes Streben, auf der anderen jämmerliche Feigheit, wenn es Ernst wurde – und nicht am wenigsten bei sich selbst. Leichtbegeistert und unsäglich flüchtig, die Köpfe voller Redensarten, Eitelkeit und Eifersucht ... Sie wollte dem Verein nicht mehr präsidieren, ja womöglich nicht einmal mehr Mitglied sein. Welche nützlichen Zwecke hatte er denn? Und dann war auch gerade jetzt das Verhältnis zwischen ihren Eltern kein gutes. Nora klammerte sich an die Schule. Sie versteckte sich dort förmlich. Es kam Weihnachten. Sie hatte frei und sollte nach Hause gehen, aber sie bat um die Erlaubnis bleiben zu dürfen. Sie war sehr viel allein. Tinka war ganz von ihrem Verlobten in Anspruch genommen, der für die Weihnachtszeit nach Hause gekommen war. Die Verlobung war jetzt öffentlich. Anna Rogne studierte mit Rendalen Philosophie und dünkte sich so gelehrt und glücklich, daß mit ihr nicht umzugehen war. Oft wenn jemand hereinkam, saß Nora da und weinte. Sie hatte eine eigentümliche hastige Art, ihre Tränen zu entfernen: die Hand fuhr so schnell über die Augen, als jagte sie eine Fliege fort. Und dann lächelte sie dem Eintretenden freimütig entgegen, gleichviel wer es war; die Ursache ihrer Verstimmung konnte also nicht im Hause selbst gesucht werden. Nora mißmutig? ... Alle wußten, daß das wohl vorkommen konnte, aber diesmal währte diese Stimmung sehr lange. Natürlich wurde sie mit Fragen bestürmt; aber dann ward Nora gleich so vornehm, daß niemand zweimal zu fragen wagte. Endlich kam der lang erwartete Brief von Thora. Die Einleitung des Briefes erklärte sofort, was man wissen wollte. Die erregte, von zahlreichen Umschreibungen, Versicherungen, Einschaltungen unterbrochene Darstellung gab ein treues Bild von Thora. Es war bei Rendalen gerade eine Gesellschaft versammelt, und in dieser las Anna Rogne den Brief vor. Sie las etwas abgemessen, mit gleichmäßiger Betonung. Dadurch erhielten die vielen Einschiebsel ein eigentümlich lustiges Gepräge. Man lachte und war gerührt. Während des Vorlesens hatte Rendalen Nora fortwährend angesehen. Er hatte kurz vorher gehört, daß sie dem Verein nicht mehr präsidieren wollte, und so mußte er die Zurückhaltung, die er sich auferlegt hatte, aufgeben. Da die anderen ganz mit dem Brief beschäftigt waren, setzte Rendalen sich zu Nora und sprach sehr lange und sehr lebhaft mit ihr –, bis die eine und andere entdeckte, daß sie sehr oft mit der Hand über ihre großen Augen fuhr. Da ward es ganz still. Man begann die beiden anzusehen. Frau Rendalen schlug vor, Musik zu machen und wandte sich zunächst an ihren Sohn. »Gern,« gab er zur Antwort, blieb aber gedankenvoll sitzen. Und als er dann von neuem gemahnt wurde, begann er, statt Musik zu machen, einen Vortrag zu halten über die Vererblichkeit. Auf einigen Umwegen kam er schließlich auf Thoras ererbte Schwäche. Es würde vielfach behauptet, die Kenntnis des wirklichen Lebens und der Umgang mit Menschen vermöchten in dieser Beziehung nichts zu ändern. Was beweise uns aber dagegen der soeben vorgelesene Brief? Vor allem, daß, wenn Fräulein Hall ihren Vortrag vier Monate früher gehalten, Thora gerettet worden wäre. Es ergäbe sich für jeden daraus die Lehre: Helft euch einander mit eurem Wissen und mit furchtlosem Rat. Die Frau ist vielfach zur Absonderung verurteilt; der Mann sucht die Gesellschaft und kann sich eine genaue Kenntnis des Lebens aneignen. Erst in der Gesellschaft lerne die Frau für ihre Sache kämpfen. Die innere Entwicklung habe oft Krisen zu bestehen, und dadurch würde der Verkehr der Menschen vielfach erschwert. Diese Bemerkungen hatten die Wirkung, daß die Frauen, welche in der Stadt die Sache der Schule führten, sich in der nächsten Zeit fester aneinander schlossen. Auch hatte von der Zeit an der Verein eine wirkliche Macht über die Schule. Jeder Mißton wurde gedämpft, ehe er die Lehrer erreichte. Schon früher hatten die Vereinsmitglieder sich über alle Klassen verteilt, um beizeiten die schwächeren Mitschülerinnen unterstützen zu können; dadurch hatte er einen großen Einfluß gewonnen. Es war schon Mitternacht vorbei, als die Versammlung sich trennte. Frau Rendalen hatte sich bereits auszukleiden begonnen, als sie zu ihrem Erstaunen hörte, daß ihr Sohn noch auszugehen beabsichtigte. Sie öffnete deshalb ein wenig die Tür und fragte, wohin er wolle. »Oh, es ist eine so schöne, sternenhelle Nacht ...« Frau Rendalen besaß nicht, was man poetischen Sinn nennt. Sie trat ans Fenster und blickte hinter die Gardine. Ja, es war eine sternenhelle Nacht. Eine Schulmutter hat an gar mancherlei zu denken, für die Sterne hat sie keine Zeit übrig ... Aber in welchem Tone er von den Sternen sprach ... Eigentlich war Thomas in der letzten Zeit nie so heiter gewesen, wie an diesem Abend; auch hatte er niemals so lange unter den Schülerinnen ausgehalten ... »Frau Rendalen!« »Mein Gott, wer ist da noch?« »Ich bin es!« »Aber liebe Nora, hast du dich noch nicht zur Ruhe gelegt? ... Ich schließe gleich auf ... Was seh ich, du bist noch in vollem Staat?« »Ja, es war eine so schöne, sternenhelle Nacht ...« »Thomas ist noch ausgegangen.« »Das hört' ich ... Ach Gott, Frau Rendalen!« »Was ist dir, mein Kind? ... Du mußt entschuldigen, ich begebe mich ins Bett ... Nun ...?« »Ich bin so glücklich.« »Wirklich? ... Das freut mich; denn du bist längere Zeit ganz unglücklich gewesen.« »Frau Rendalen, geht es wohl an, daß ich Ihrem Sohn für seine heutige Belehrung danke?« »Ob das angeht –? Was meinst du damit, mein liebes Kind?« »Ich hatte keine Ruhe, eh' ich dies geschrieben.« »Geschrieben? Obgleich ihr in demselben Haus wohnt?« »Ich wollte es ihm noch heute abend schicken.« »Heute nacht, meinst du! Warte doch lieber bis morgen, Nora ... und dann kannst du es ihm sagen ... Du weißt, Thomas ist oft etwas eigentümlich.« »Aber nicht wahr, heute abend ist er guter Laune?« »Du willst ihm also absolut einen Brief ins Zimmer legen?« »Nein, nicht ich! Denken Sie, wenn Pastor Wangen oder Herr Rendalen selbst hereinkäme ...!« »Du wünschtest, also, daß ich selbst ...?« »Liebe Frau Rendalen!« »Gib mir mal die Brille ... laß mal sehen!« »Hier, hier ist der Brief!« Und Frau Rendalen las: »Herr Rendalen, ich kann nicht schlafen, eh' ich Ihnen für heute abend gedankt; es ist mir Bedürfnis, Ihnen mitzuteilen, wie sehr es mich dazu drängt. Aber ich fand keine Gelegenheit, Ihnen mündlich zu danken, und so muß ich diesen Weg einschlagen. Haben Sie Dank! Ergebenst Nora Tue .« Frau Rendalen richtete sich im Bett auf. »Ich will ihm den Brief auf den Tisch neben das Licht legen ... Hast du ein Kuvert? ... Gut ... und schon mit der Adresse versehen?« »Ja...« »So, nun reiche mir die Pantoffeln! ... Das war schön von dir, Nora... Ja, heute abend war er in guter Stimmung ...« Und Frau Rendalen verließ das Zimmer. Als sie sich wieder ins Bett legte, fragte sie: »Aber Nora, nun sage mir mal aufrichtig, warum hast du ihm nicht gleich gedankt?« Statt jeder Antwort schmiegte Nora ihr Köpfchen an Frau Rendalens ehrwürdiges Haupt, gab ihr einen Kuß und lief fort. In der Tür wandte sie sich um: »Soll ich das Licht auslöschen?« »Nein; gute Nacht, mein Kind.« * Der Winter ging zu Ende, man begann zu hoffen, daß es auch mit dem Kriege bald ein Ende nehmen würde. Aber wenn die Gemüter erregt sind, hofft man in der Regel vergebens. Der politische Streit raste gerade jetzt am ärgsten; die sogenannte Volkspartei hatte ein eigenes Blatt gegründet; man war der Ansicht, daß der »Zuschauer« auf dem Gipfel seiner Nichtsnutzigkeit angekommen sei. Zwischen dieser Zeitung und dem neuen Blatt – dem »Freimütigen« – entbrannte sofort der heftigste Krieg, so daß die Gemüter immer mehr erhitzt wurden. An Rendalens Geburtstag kam der Verein auf den unglückseligen Gedanken, auf dem Turm eine große Flaggenstange anzubringen, und an dem großen Tage wehte eine ungeheure norwegische Fahne hoch in den Lüften, und zwar ohne das Zeichen, welches als Sinnbild der Vereinigung Schwedens und Norwegens dient. Ohne Zweifel dachten die Mädchen gar nicht an den alten Fahnenstreit. Die Fahne ward als eine »Demonstration« aufgefaßt. Das hieß in der Schule Politik treiben. Rendalen ließ deshalb die Fahne nicht wieder aufhissen; er wollte einen neuen Streit vermeiden. Aber das half ihm nichts; die bösen Geister waren einmal geweckt; und all die alten Anklagen tauchten wieder in den Spalten des »Zuschauers« auf. Im Klub trat plötzlich der Bürgermeister mit einem Geschenk von 5000 Kronen hervor für »eine neue Schule ohne Politik, ohne tendenziösen Unterricht und ohne eine Methode, welche wider die guten Sitten verstieß«. Der Geber wollte ungenannt bleiben. Damit war der entscheidende Schritt getan. Der Bürgermeister und seine Frau fügten je 1000 Kronen hinzu; auch war er es, der das vorige Mal die Errichtung einer neuen Schule in Vorschlag gebracht hatte; jetzt trat er öffentlich hervor. Das namenlose Geschenk war gerade so groß wie das Vermächtnis der Frau Engel ... War vielleicht Konsul Engel der Geber? ... Auf der Stelle wurden mehrere Beiträge gezeichnet; aber es waren nur kleine Summen. Thomas suchte Mitglied des Klubs zu werden; gleichzeitig mit ihm mehrere seiner Freunde, namentlich Karl Wangen und Nils Hansen. Sie alle wurden in einer zahlreich besuchten Versammlung aufgenommen, Nils Hansen jedoch nur mit knapper Mehrheit. Und er hatte seine Aufnahme vorzugsweise dem Umstande zu danken, daß sich der Klub auf seinem Grund und Boden befand. Rendalens Aufnahme dagegen wurde ausgesetzt. Zwar bestimmten die Statuten, daß jedes Aufnahmegesuch in der nächstfolgenden Sitzung erledigt werden sollte; aber zum Glück befanden sich unter den Mitgliedern viele Juristen, so daß diese unzweideutige Bestimmung einer Auslegung unterzogen werden konnte, und da stellte sich denn sonnenklar heraus, daß die Worte »in der nächstfolgenden Sitzung« eigentlich bedeuteten: »in einer der nächstfolgenden Sitzungen«. Die betreffende nächstfolgende Sitzung war sehr stark besucht. Der Bürgermeister eröffnete sie mit der überraschenden Erklärung, daß Herr Rendalen »im Interesse des Friedens« dem Verein fern gehalten werden müsse. Nun waren aber eine Anzahl Mitglieder von ihren Frauen lediglich zu dem Zweck abgeschickt, um für Rendalen zu stimmen, und einer dieser klugen Weibermänner machte die schüchterne Bemerkung, daß durch den Antrag des Bürgermeisters der »Friede« bereits gestört sei. Hierüber ward der Bürgermeister so erbittert, daß er längere Zeit gar keine Worte fand, so daß der Advokat des Konsuls Engel, der erste Redner der Stadt, Bugge mit Namen, es angemessen fand, ihm zu Hilfe zu eilen. Ihm schlossen sich verschiedene andere Advokaten an und alle redeten mehr oder weniger von Frieden, Moral und Christentum – Dinge, das die sie alle nur vom Hörensagen kannten. Karl Wangen fragte, was in aller Welt diese große Frage damit zu tun hätte, daß Rendalen Mitglied eines gesellschaftlichen Vereins werden wollen. Aber kaum hatte Karl Wangen sich erhoben, so zog der Bürgermeister eine lange Liste aus der Tasche und fragte, ob er Herrn Pastor Wangen einige Fragen vorlegen dürfte. »Fragen Sie nur, ich werde antworten!« »Erste Frage: Ist es wahr, daß Herr Rendalen gesagt hat, der Geschichtsunterricht könne nicht gut solchen Personen übertragen werden, welche glaubten, die Erde sei ursprünglich ein Paradies und die ersten Bewohner vollkommene Menschen gewesen?« Atemloses Schweigen; und dann bemerkte Karl Wangen etwas zögernd: »Ja, das ist wahr, aber –« »Ich habe das Wort,« unterbrach ihn der Bürgermeister. »Nein«, meinte einer der klugen Weibermänner, »Pastor Wangen hat das Wort. Sie haben ihn ja gefragt!« Große Aufregung. Aber zum Glück befanden sich die wirklichen Männer in der Mehrheit. »Zweite Frage: Ist es wahr, daß Herr Rendalen gesagt hat –?« »Aber sehr verehrter Herr Bürgermeister,« rief ihm Nils Hansen zu, »will denn Herr Rendalen etwa in den Klub aufgenommen werden, um sich in der Religion examinieren zu lassen?« Lautes Gelächter in der ganzen Versammlung, ohne jeden Parteiunterschied. Der Bürgermeister wartete, bis die Heiterkeit sich gelegt hatte. Als es wieder ruhig war, begann er von neuem: »Zweite Frage: Ist es wahr – ?« Neues Gelächter, noch ärger als zuvor. Da packte der Bürgermeister seine Fragen zusammen und zog sich zurück. Jetzt trat Karl Wangen auf. Sein Freund Rendalen sei der Ansicht, der Geschichtsunterricht müsse gewissenhaft alle Resultate der Wissenschaft berücksichtigen, also namentlich auch die Entwicklung des Christentums; aber das Menschenleben als etwas von Gott Geleitetes darstellen gehöre in die Kirchengeschichte. »Ist er denn kein Christ?« fragte Rechtsanwalt Bugge. »Diese Frage steht nicht auf der Tagesordnung!« rief Nils Hansen. »Ist er denn kein Christ?« wiederholte Bugge. »Nein, ein Christ ist er nicht,« antwortete Karl Wangen, rot wie ein Schulknabe. »Der Dummkopf!« hörte man Nils Hansen halblaut sagen, und jetzt zog auch er sich zurück. »Dann hat er uns hintergangen,« rief Bugge. »Das hätte er gleich sagen sollen,« meinte ein zweiter. Jetzt riefen verschiedene durcheinander, und es entstand eine große Unruhe. All die klugen Weibermänner hielten erschreckt den Mund. Da meldete sich ein angesehener Bürger zum Wort: »Ja,« begann er, »ich kann es mir eigentlich erklären, daß Herr Rendalen kein Christ ist. Die Frau dem Manne gleichstellen – das widerstreitet dem Christentum.« Da kehrte Pastor Wangen auf die Rednerbühne zurück, und jetzt sprach er mit vieler Wärme. Sein Freund Rendalen habe durchaus ehrlich gehandelt. So lange das Christentum das moralische Bewußtsein des Menschen trage, müsse jeder Schulvorsteher darauf achten, daß die Kinder vom Geiste des Christentums wahrhaft durchdrungen würden. Und nach diesem Grundsatz habe Rendalen gehandelt. Es sei nur zu bedauern, daß das Werkzeug so schwach wäre, denn das sei er, Karl Wangen, selbst. Er könne aber der Versammlung die Versicherung geben, daß er vollauf Gelegenheit habe, sein Können in jeder Beziehung zu betätigen. Diese Worte machten einen guten Eindruck, und einen Augenblick ließ es sich an, als wäre die Sache damit abgetan. Aber der ruhige angesehene Bürger meldete sich wieder zum Wort. Ob Thomas Rendalen dies gesagt habe, als er vor zwei Jahren im Turnlokal die berühmte Rede gehalten? Hätte er damals gesagt: »Ich bin kein Christ!« so wäre aus der Schule nichts geworden. Darauf wußte Karl Wangen in der Eile nichts zu antworten; diese Bemerkung schien ihm selbst ziemlich plausibel. Unmittelbar darauf fand die Abstimmung statt, und mit überwältigender Mehrheit wurde Rendalens Aufnahmegesuch abgelehnt. »Nicht deshalb,« bemerkte Rechtsanwalt Bugge, »weil Herr Rendalen kein Christ ist, – denn wir sind tolerante Leute – sondern weil er nicht ehrlich gewesen.« Sobald es Thomas möglich war, versammelte er seine Freunde und alle, welche sich für die Sache interessierten, im Turnsaal. Er war vollständig gefüllt. Es war dies ein Kampf, an welchem sich fast alle interessierten. Auch über die eigentliche Frage war man jetzt anders aufgeklärt als vor zwei Jahren. Thomas konnte frei von der Leber reden. Er begann mit der Erklärung, daß man sich hier an die Religion als den letzten Strohhalm geklammert habe. Das habe er längst erwartet. Er gab der Versammlung ein belustigendes Bild von der christlich-moralischen Gewissenhaftigkeit des Klubs inmitten seiner Tabakswolken und an den mit Punschgläsern besetzten Kartentischen – sowie ferner von den Männertugenden, welche darin beständen, hohe Ansprüche zu stellen an die Tugend der Frau; sie wäre nämlich ein Leckerbissen für die Männer selbst. Eine Bestrebung, welche auf größere Gleichstellung von Mann und Frau gerichtet sei, könne man nimmermehr als eine christentumsfeindliche bezeichnen. Er selbst habe als Geschichtslehrer auf die Vorzüge des Christentums unaufhörlich hingewiesen. Wenn er dagegen in den Naturwissenschaften unterrichte, so könne er nicht umhin, hervorzuheben, daß verschiedene Ergebnisse der neueren Wissenschaft sich gegen die jüdische Tradition wendeten; selbst in der christlichsten Schule müsse ein ehrlicher Lehrer der Naturwissenschaft in diese Lage kommen. Aber die Hauptdogmen, der Glaube an Gott, an die Erlösung durch Christus blieben unberührt. Der Unterweisung in den Lehren des Christentums sei in der Schule nicht die mindeste Schranke gesetzt; sie ruhe in den Händen eines Geistlichen, der von allen hochgeachtet werde. Er befände sich in seinem guten Recht, wenn er verlange, daß man seinen eigenen Glauben aus dem Spiele lasse. Diesmal stieß die der Schule feindliche Strömung auf einen sehr kräftigen Gegenstrom. Und es war ein sehr gutes Zeichen, daß Fräulein Halls öffentliche Vorlesungen in der Schule auch fernerhin gut besucht waren. Aber was würden Thomas und seine eifrigen Parteigänger gesagt haben, hätten sie gewußt, daß die ganze Bewegung vom Aufhissen der Fahne an von draußen geleitet wurde? Daß die besten Angriffe des »Zuschauers« nicht einmal in der Stadt selbst geschrieben wurden? Daß der Bürgermeister nur ein Werkzeug war in einer leichten, aber starken Hand? Daß die 5000 Kronen, welche auf seine – und seiner Gattin – Moral so ungemein kräftigend wirkten, gar nicht von dem Konsul Engel herrührten? Was würden der Bürgermeister, was der Advokat Bugge und seine Kollegen gesagt haben, hätten sie gewußt, daß der große Ungenannte, welcher ihrer Beredsamkeit eine so überzeugende Wärme verlieh, ein Schelm war, der genau berechnet hatte, daß diese Leute sich just so benehmen würden, wenn sie glaubten, Konsul Engel sei der Geber? Was würden alle diese achtungswerten Männer und Frauen, welche da für Moral und Christentum kämpften, gesagt haben, hätten sie gewußt, daß da in Stockholm ein Mann saß, welcher ihren Eifer und ihre Vorurteilslosigkeit sowohl wie anderer Leute Kriecherei und Verschlagenheit mit derselben Überlegenheit berechnete, mit welcher die Stärke der plumpen Naturkräfte für unsere Zwecke in Anschlag gebracht wird? Dennoch vermochte ein Abwesender die Widerstandsfähigkeit nicht vollkommen genau abzuwägen; wo Frauen mit im Spiele sind, ist es nicht immer gut, sich auf seine Berechnungen zu verlassen. Es galt daher, eine Mine zu legen, um den Widerstand wenigstens teilweis zu brechen! Und das geschah ... Das Gerücht von der Verlobung des Leutnants Fürst mit Milla Engel war gleichsam von der Bildfläche verschwunden. Jetzt lebte es wieder auf, und zwar mit der ganzen Erbitterung der Frauenpartei! Aus Rendalens Umgebung wurden höhnische beißende Worte über die Stadt geschleudert; sie trafen, und schmerzten beide Familien, die des Leutnants und die des Konsuls, aufs empfindlichste. Namentlich fühlte Konsul Engel sich dadurch auf das tiefste verletzt, daß Thomas gesagt haben sollte: »Dem Hochzeitszuge seiner Tochter müßten eigentlich seine sämtlichen Maitressen als Brautjungfern vorangehen.« Konsul Engel ließ Herrn Rendalen mitteilen, bis jetzt habe er sich dem Streit ferngehalten. Aber wenn die Hochzeit zustande käme, so würden der neuen Schule am Hochzeitstage ein eigenes Haus und reichliche Geldmittel zur Verfügung gestellt. Derjenige, welcher Thomas diese Botschaft überbrachte, erhielt sofort zur Antwort: »Es ist sehr vorsichtig von dem Konsul, daß er ein ›wenn‹ hinzugefügt, denn in keiner Kirche dieser Stadt wird Milla Engel es wagen sich mit Nils Fürst trauen zu lassen.« Das ging denn doch über alle Grenzen. Jetzt war der Konsul genötigt zu handeln. Milla war nämlich nicht mit Nils Fürst verlobt; das Gerücht beruhte auf Unwahrheit, es war nur ein Kniff gewesen. Bis jetzt hatte der Konsul sich nicht in die Sache gemischt. Er hatte sich damit begnügt, Ausschnitte aus dem »Zuschauer« und kleine Geschichtchen, Anekdoten usw. zu verschicken ... Auch hatte er andere veranlaßt zu schreiben; seine Tochter stand ja nicht mehr mit den Bewohnern des Guts in Briefwechsel. Aber jetzt schrieb er direkt an sie. Er war so glücklich, ihr einen Aufsatz aus einer lutherischen Wochenschrift senden zu können, worin ein sehr angesehener Geistlicher gerade die Behauptung prüfte: die Frau verlange vom Manne mit demselben Recht ein keusches Leben, wie der Mann von der Frau. Die streng logische Prüfung führte zu dem Ergebnis, daß diese Forderung unchristlich wäre. »Da siehst Du,« schrieb der Vater, »daß Dir gar nichts im Wege steht. Du liebst ja Nils Fürst. Machst Du Deine Verehelichung noch von irgendeiner Bedingung abhängig, so nenne sie, mein Kind! Dein und mein Ansehen erfordert es, daß Du unsern Verhältnissen entsprechend in Deiner Vaterstadt getraut wirst.« Und Milla nannte die Bedingung. Wenn der Seelsorger ihrer teuren Mutter, der alte Propst Green, welcher das Vermächtnis ihrer Mutter der Schule überbracht hatte, sie persönlich trauen wolle, so möge Papa den Hochzeitstag sofort bestimmen. Also der alte Green, der angesehenste Mann der Stadt, sollte sich gewissermaßen für die Partie verwenden! Diese Bedingung konnte ja unmöglich erfüllt werden! Er schrieb Nils Fürst, jetzt habe er wenig Hoffnung. Der Leutnant war anderer Meinung. Alle alten Leute hätten eine Schwäche für Kompromisse. Er instruierte seinen Schwager, und nachdem dieser mit dem Propst Rücksprache genommen, schrieb der Leutnant dem Konsul, die Aussichten seien besser als er glaube. Sofort begann der Konsul das Eisen zu schmieden. Allerdings wunderte es ihn ein wenig, daß der alte Herr bestimmt erklärte, dann müsse es auch mit den Angriffen auf die Schule ein Ende haben. Ein eigentümliches Lächeln glitt über des Konsuls Gesicht, als er bedauernd bemerkte: So mächtig wäre sein Einfluß nicht. Der alte Geistliche setzte dem Lächeln ein Lächeln entgegen und meinte, mit dem Einfluß habe es keine Not. Und dabei blieb es ... Es war an einem Freitagmorgen, als gedruckte Briefe zu den Freunden in der Stadt und den Nachbarstädten mit der Einladung auf die Post gegeben wurden, man möchte dem Konsul Engel die Ehre erweisen, bei der Trauung seiner Tochter mit Herrn Marineleutnant Nils Fürst zugegen zu sein. Bereits in acht Tagen, am nächsten Montag, nachmittags gegen vier Uhr, sollte die Trauung in der Kreuzkirche stattfinden. Den Briefen, welche an die ältesten Freunde des Konsuls gerichtet waren, fügte er eigenhändig hinzu, daß der alte Seelsorger seiner Familie, der Freund seiner unvergeßlichen Gattin, der Propst Green dem jungen Paare die Ehre erweisen werde, es persönlich zu trauen. An demselben Tage ging der Konsul um die Mittagszeit an der Landungsbrücke vorüber, just als die Geschäftsleute sich dorthin begaben oder von dort zurückkehrten. Allgemeines Grüßen mit strahlenden Gesichtern und großes Hutschwingen; und diejenigen, welche sich solche Vertraulichkeiten gestatten durften, drückten dem glücklichen Konsul lächelnd die Hand. Es hatte die Leute empört, daß Thomas Rendalen vorschreiben wollte, wer sich verheiraten sollte oder nicht – just wie in alten Tagen Max Kurt. Er, der mit Schulden beladene arme Teufel, dessen Schule ihm jeden Tag über dem Kopf zusammenstürzen konnte! Die Nachricht von der Trauung segelte am Tage darauf mit dem Dampfschiff an der Nord- wie an der Südküste entlang, sprang an den Inseln ans Land und stahl sich hinauf in die entlegensten Gebirgsgegenden. Überall brachte sie Leben und Bewegung hervor. Die eine Partei jubelte, die andere war im höchsten Grade entrüstet. Aber auf welcher Seite die Frauen auch stehen mochten, alle erklärten, am Tage der Trauung würden sie in der Stadt sein. Kurz darauf kam das Gerücht nachgehinkt, daß der, welcher die 5000 Kronen für die neue Schule hergegeben – das Geld zurückverlangt habe! Daß der Konsul Engel den »Spektakel« mit der Schule ernstlich getadelt habe! Ginge das Treiben so weiter, so sehe er sich veranlaßt, das Vermächtnis seiner seligen Gattin zu erneuern; ihr Andenken heische das von ihm. War hier ein Kompromiß geschlossen worden? Sollte Milla als ein Engel des Friedens, des Christentums und der Moral heimkehren? Lachen auf der einen, Entrüstung auf der anderen Seite. Einige, und darunter der Bürgermeister, wollten sich nicht fügen. Aber was mit der neuen Schule anfangen ohne Konsul Engel? Und zudem: alle Welt wollte endlich Ruhe haben, als man mit kaltem Blut die Vorteile dieser Ruhe erwog ... Die Tochter der Wohltäterin von Rendalens Schule verheiratet mit Nils Fürst ... Noch ein paar ähnliche Ehestiftungen – womöglich mit den hervorragendsten Zöglingen der Schule – und die gute alte Tugend und die Machtverteilung zwischen den Geschlechtern war wider alle Anfechtungen gesichert. Rendalen und der Verein und Fräulein Hall mochten dann machen, was sie wollten ... Von Thora war nicht mehr die Rede. Am Montag sollte Milla getraut werden, um noch an demselben Abend die Hochzeitsreise anzutreten. Am Freitagabend wollte sie kommen. Sie gedachte sich nur drei Tage in der Stadt aufzuhalten ... Das deutete auf mancherlei hin, meinten ihre ehemaligen Freundinnen. Keine von ihnen ging hinunter zum Hafen, um sie zu empfangen; aber das war auch nicht nötig; trotz des Regens war eine große Menschenmenge versammelt. Die Hochzeit, zu welcher sie heimkehrte, war, selbst wenn nichts vorausgegangen wäre, die merkwürdigste seit Menschengedenken. Der Bräutigam konnte, unterstützt von dem ungeheuren Vermögen seines Schwiegervaters, bei Hofe eine Karriere beginnen, die ihn zu den höchsten Stellungen im Lande führen mußte. Alle, welche ihn kannten, nannten ihn einen geborenen Staatsmann – was für diesen Stand gerade keine Schmeichelei war. Die Braut war eine Schönheit, hatte zudem das Talent zu einer vollendeten Weltdame, auch blieb sie nur so kurze Zeit zu Hause, daß man sich die Gelegenheit sichern mußte, ihrer ansichtig zu werden. Überall waren Flaggen aufgezogen; aber verschämt hingen sie wie abgeschabte Farbenklexe an den Stangen herab. Die schönen mit Grün bedeckten Anhöhen ringsum die Stadt waren fast ganz von Wolken verhüllt; die Häuser, die Gärten, der Hafen – alles war durch einen grauen Nebeldunst verschleiert. Die Dächer der Häuser waren nicht rotbraun, sondern schwarz; die Häuser selbst nicht weiß, sondern schmutzigaschfarben, nicht gelb, sondern rußig. Alle Farben waren gewissermaßen gedämpft, und die Häuser schienen dichter zusammenzukriechen und nahmen sich so wunderlich klein aus in den Augen derjenigen, die da von Paris kam und im Regenwetter auf dem Dampfschiff stand, während es zwischen den Holmen hindurchglitt. Nur das Hauptgebäude des Gutes und die Mauern an den Alleen nahmen sich groß aus in ihrem Kranz von Bäumen und Grün. Der gewaltige Turm stand da gleichsam auf der Lauer. Als Milla ihm näher kam, gewahrte sie eine ungeheure weiße Flaggenstange darauf, aber ohne Flagge ... Verschlossen und breit und drohend lag da die Schule. Ihre Augen suchten eine andere Richtung, sie wandten sich nach der Kreuzkirche und ihrem schlanken Turm, unter dessen Schutz gewissermaßen Max Kurts fröhliche Seele zum Himmel emporgestiegen war. Daran jedoch dachte Milla nicht, aber unter diesem Turm sollte sie trotzdem – – Mein Gott, was ist das! Die schwarze, bewegliche, große Masse da oben an der Landungsstelle? ... Ganz hinauf bis an die Häuser? Ein Wald von Regenschirmen ... Was hatte das zu bedeuten? Aus all' den Erklärungen und Mitteilungen, die ihr geschickt waren, und noch mehr aus denen, die ihr nicht geschickt waren, hatte sie die Vorstellung gewonnen, daß, wenn auch nicht alles so sei, wie sie es wünschte, doch jedenfalls jetzt hier Frieden herrschte, und sie keinerlei Gefahr zu befürchten habe. Die Autorität des Propstes Green deckte sie, und sie selbst wollte sicherlich keinem Menschen zu nahe treten. Aber beim Anblick all dieser Menschen zuckte ihr eine Erinnerung daran durch den Kopf, wie die arme Frau Rendalen begrüßt wurde, als sie mit Thora zurückkehrte. Und Milla ward leichenblaß – ein namenloses Entsetzen packte sie. So sehr sie sich auch wehrte, sie begann am ganzen Leibe zu zittern; sie mußte sich festhalten, sich setzen. In wenigen Minuten empfand sie mehr, weit mehr, als da ihre Mutter starb; denn damals hatte sie eine Trösterin zur Seite, damals hielt sie die Hoffnung auf ein Wiedersehen aufrecht. Aber jetzt sah sie sich ganz allein in den Abgrund gestürzt. Unbarmherziges Lachen ringsum sie her; man griff nach ihren Händen, – wo konnte sie sich verstecken? Ihr Vater war mit auf dem Schiffe, aber in diesem Augenblick unten, um das Reisegepäck zu sammeln. Er hörte das Schiff plätschernd eine Wendung machen, dann wieder und wieder ein donnerndes Hurra. Er eilte hinauf – da stürzte ihm seine Tochter entgegen und drückte ihn, am ganzen Körper heftig bebend, fest an sich. »Aber Milla, sie rufen ja nur der Braut ein Hurra zu! Milla!« »Halt' mich fest!« flüsterte sie, »ich muß mich erst fassen, das wußte ich nicht ... ich glaubte –« Und sie begann zu weinen. Zum Glück war an der Landungsbrücke etwas nicht in Ordnung; es dauerte daher einige Zeit, ehe das Schiff in eine günstige Lage kam. Der Kapitän fluchte, die Mannschaft arbeitete und die Spannung legte sich, so daß sie, als sie an ihres Vaters Arm ans Land stieg, zwar bleich und ein wenig bebend, immerhin lächeln konnte in ihrem reizenden Reiseanzug und dem koketten Hut. Es kleidete sie so schön, daß sie geweint hatte! Abermals ein donnerndes Hurra der Braut und dem Konsul Engel! Es waren fast nur Männer da, und keinen kannte sie näher ... ja doch, da waren auch Fürsts Schwestern und Frau Gröndal. Da kam auch Wingard, und dann gab's Blumen und Willkommsrufe, und dann wieder und wieder Hurrarufe – auf allen Seiten Jubel und Freude und Grüße und Blumen, immer neue Blumen! Der Wagen vermochte sie fast nicht alle zu fassen! ... Vor vierzehn Monaten war sie mit Thora hinunter in den Hafen gefahren – jetzt hatte sie keine Zeit, sich dessen zu erinnern ... Aber dieser Empfang – es war über alle Beschreibung herrlich ... * In der folgenden Nacht, kurz nach zwei Uhr, fuhr ein Einspänner die Allee hinauf nach der Schule. In dem Wagen saß eine dichtverschleierte Dame mit einem Kinde in den Armen. Sie wurde erwartet. Denn Thomas kam sofort herunter, sie zu empfangen und hinaufzuführen. Auf der Treppe stand Frau Rendalen ... Es war ein erschütterndes Wiedersehen! ... 26. Man flaggt in der Stadt und im Hafen. Zwischen zwei und drei Uhr trabten zwei arme Teufel von Zeitungsausträgern nach verschiedenen Richtungen mit dem »Zuschauer« durch die Stadt. Sie warfen ihn in die Hausflure, schoben ihn durch die Fenster in die Zimmer, steckten ihn unter die Türen. Weiter, immer weiter! ... Die Kirche war schon längst voll Menschen; auch der Markt war bereits mit einer neugierigen Menge angefüllt. Als die wackern Hochzeitsgäste wieder nach Hause kamen und den »Zuschauer« fanden, lasen sie folgendes: »In dem Augenblick, da diese Nummer in die Presse geht, bietet unsere Stadt einen sehr feierlichen Anblick: Herr Marineleutnant Nils Fürst und Fräulein Emilie Engel, beide den ältesten und geachtetsten Familien der Stadt angehörend, werden heute um vier Uhr in der Kreuzkirche von unserm allverehrten Herrn Propst getraut. Vom Lande, wo sämtliche Familien, denen es die Mittel gestatten, die Sommermonate zubringen, ist alles zur Feier herbeigeströmt. Auch eine ansehnliche Menge Fremde füllt unsere Straßen. Man erzählt sich, daß Herr Konsul Engel durch den ersten Oberkammerherrn am norwegischen Hofe die Glückwünsche Seiner Majestät des Königs empfangen habe. Herr Konsul Engel hat aus Anlaß dieses erfreulichen Familienereignisses dem ›Verein für unterstützungsbedürftige Wöchnerinnen‹ die Summe von 10 000 Kronen übersandt. Sämtliche Arme der Stadt werden heute auf Kosten des Herrn Konsuls gespeist. Ferner hören wir, daß er 2000 Kronen behufs Reparatur der ausgezeichneten Orgel unserer Kreuzkirche zur Verfügung gestellt hat. Man flaggt in der Stadt und im Hafen. « * Um die Mittagszeit hatte eine frische Brise die glühendheißen Straßen ein wenig abgekühlt; jetzt bewegte nur hin und wieder ein launenhafter Luftzug die Fahnen, und jedesmal, wenn sie sich erhoben, schwebte ein reicher Farbenflor über der ganzen Stadt und dem Hafen; mehrere Schiffe hatten sich von den Mastspitzen bis zum Deck mit Flaggen geschmückt. Eine Barke – die am reichsten geschmückte – ist ein wenig weiter hinaus in die See gegangen, um von dem Augenblick an, wo das junge Paar getraut wird, bis zu dem Moment, wo der Brautwagen vor dem Hause des Konsuls anhält, Freudenschüsse abzufeuern; und dann soll während des Hochzeitsmahls salutiert werden. Über Berg und See und Stadt lacht ein herrlicher Himmel; und wie traulich die Stadt sich ausnimmt in dem lachenden Sonnenschein! Und überall auf den Straßen ein festtägliches Treiben, denn um drei Uhr waren fast alle Arbeiten eingestellt worden. Vom »Berge« sah man ganze Scharen von Knaben und Mädchen nach dem Markt hinabziehen; etwas später folgten alte und junge Frauen. Auf der am Kirchhof vorbeiführenden Straße wurde ein langer Streifen von Fußgängern sichtbar. Es waren Bewohner aus der nächsten Umgebung der Stadt, und zwischen den Inseln strebte ein kleines Dampfboot plätschernd und prustend dem Hafen zu; denn es hatte sich verspätet. Es kommt mit Passagieren aus der nächsten Stadt und hat ein Hornistenquartett an Bord. Der »Berg« nahm sich für den, welcher sich von der Meeresseite der Stadt näherte, wie ein im Sonnenschein aus der See auftauchender Ameisenhaufen aus. Aber das Bild nahm eine andere Gestalt an, wenn man näherkam; dann glichen die kleinen Häuser auf dem »Berge« zum Trocknen aufgehängten Strümpfen und Linnenzeug. Von Zeit zu Zeit wandten die Leute die Köpfe hinauf nach der Schule; das mächtige Gebäude funkelte und strahlte in der Sonne; aber keine Fahne wehte auf dem Turm. Noch um halb vier ging Konsul Engel mit der Zigarre im Munde auf den Boden, um zu sehen, ob noch keine Fahne zum Vorschein gekommen. Milla wollte gerade die Treppe hinuntergehen. Als sie ihrem Vater begegnete, errötete sie. »Was machst du hier oben, mein Kind?« »Ich suche –« Sie glitt vorbei, ohne zu sagen, was sie suchte. Noch immer keine Fahne auf dem Turm! ... Der Konsul dachte: Wäre es auch nur eine Fahne ohne das Unionszeichen gewesen, heute hätte sie sich doch sehr gut ausgenommen. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, Thora Holm befinde sich mit ihrem Kinde auf dem Gute. Es war ihm, als hinge dort ein Felsen auf dem Berge, bereit auf ihn zu stürzen, ihn zu zermalmen ... Das hatte ihm all die Gaben abgepreßt ... Hätte nur irgend jemand um mehr gebeten, er würde gern noch weit mehr gegeben haben. Er hatte zwei schlaflose Nächte gehabt. War es wahr, daß Thomas Rendalen dem alten Propst einen Brief geschrieben, worin er ihm, wenn auch mit aller Ehrerbietigkeit, aber doch auf das bestimmteste erklärt hatte, daß, wenn dies der »Friede« sei, es sich wieder einmal bewahrheite, daß der Friede dem Teufel, der Kampf aber Gott gehöre. Was hatten sie im Sinn? Einen Skandal? ... Diese Frage legte man sich unaufhörlich in der ganzen Stadt vor. Daß Thora gerade jetzt mit ihrem Kinde gekommen war – das mußte einen besonderen Zweck haben. Das eine stand fest: Thora Holm wagt es sich zu zeigen, und Thomas Rendalen und seine Mutter und all ihre Freunde und Freundinnen stehen unwandelbar auf ihrer Seite. Bisher hatte man immer nur gelacht über Nils Fürsts Junggesellenabenteuer. Jetzt verstummte das Lachen. Die Geschichten konnten Thoras Anwesenheit nicht vertragen; da nahmen sie eine andere, oft häßliche Gestalt an. Und dann das Leben des Schwiegervaters! Auch das ward wieder hervorgezogen. Zwar keine kühnen Verführungen, keine unerwarteten aufsehenerregenden Eroberungen, und keine Skandalgeschichten – Gott behüte! Aber man kannte gewisse stille Verhältnisse, von denen oft mehrere gleichzeitig gespielt hatten. Auch von kostbaren Geschenken und kleinen Leibrenten wußte man zu erzählen. Man kannte Kinder, die für die seinen galten; einige davon hatten eine unverschämte Ähnlichkeit mit ihm. Jetzt kam das alles wieder zum Vorschein; selbst mehr als zwanzigjährige »Unvorsichtigkeiten« tauchten wieder auf. Ein solches Provinzialstädtchen hat ein ärgerlich treues Gedächtnis! ... Noch vor kurzem hatten die Leute darüber gejubelt, daß das Vermächtnis der Frau Engel ein Gegenvermächtnis hervorgerufen hatte, so daß die »Unanständigkeit« da oben in der Schule jetzt ein Ende nehmen müsse. An dem heutigen Tage erinnerte man sich wieder des schönen Tages, da Frau Engel begraben wurde. Was ihre Tochter heute vorhatte, war doch im Grunde eine Versündigung an dem Andenken der Mutter. Sie selbst war die einzige, welche nicht wußte, daß Thora in der Stadt war. Fürst war am Sonnabend vormittag gekommen, und da wurde es ihm sofort mitgeteilt. Er sowohl wie sein Vater meinten, Thora sei gekommen, um sich an Milla heranzudrängen. Es galt daher unter allen Umständen zu verhüten, daß weder Thora selbst noch eine Botschaft, noch ein Brief oder irgendein Zeichen von ihr zu Milla gelangte. Ihre ganze Umgebung war instruiert. Zudem bestand diese ausschließlich aus Mitgliedern der beiden Familien. Die Brautjungfern fanden sich am Sonntag ein; auch sie waren Verwandte und mit Ausnahme einer einzigen alle von außerhalb. Milla wußte weiter nichts, als daß die Gegenpartei geschlagen und vernichtet sei; man sehne sich auf beiden Seiten nach Ruhe. Ihr Vater hatte den festen Willen, der Schule zu helfen; sie konnte ja doch viel Gutes wirken, wenn einige ihrer Phantastereien fallen gelassen wurden. Und für dieses Versprechen war Milla dem Vater sehr dankbar. Du lieber Gott, warum nicht gut sein gegen einander? Das wollen wir ja auch, versicherte Fürst. Rendalen hat Frieden geschlossen; der alte Propst Green ist ja ein lebender Beweis dafür. – Es ist wahr, der alte Propst ist ein Beweis dafür, wiederholte Milla, wenn ihr Zweifel kamen. Am Sonntag war sie in der Kirche und hörte ihn predigen. Das tat ihr so wohl. Und am Nachmittag machte sie ihm mit ihrem Vater einen Besuch. Er ermahnte sie zur Geduld; wir schwachen Menschen vermöchten die Welt nicht zu ändern, aber wir könnten ihr ein gutes Beispiel geben; das habe ihre Mutter getan ... Da kam Milla in eine so gerührte Stimmung: Ach, wenn doch alle Menschen gut wären! Niemals war ihr Vater so lieb und freundlich gegen sie gewesen wie jetzt. Seine unerschöpfliche Güte erinnerte an die Zeit, da ihre selige Mutter krank war. Und dann die edelmütige Weise, in welcher er seinen Wohltätigkeitssinn bewährt hatte ... In einer schöneren, zarteren Weise hätte er ihr Andenken nicht ehren können ... Ihr Bräutigam war immer heiter, und zwar in einer so überlegen vornehmen Weise! Er erzählte vom Hofe, übrigens in schrecklich boshafter Art; wie angenehm und geistvoll sie waren, diese Manieren ihres Bräutigams! Milla fühlte sich wirklich glücklich – das heißt mit einem kleinen Beigeschmack von ungestilltem Sehnen und ein wenig Unruhe. Doch war die Unruhe stark genug, daß sie sich im letzten Augenblick gedrungen fühlte, hinauf auf den Boden zu gehen, um sich zu überzeugen, ob auf dem Turm keine Fahne wehe. Nein! ... Ob vielleicht niemand zu Hause war? Das wäre ja auch für beide Teile das beste. Sie konnten sich ja ein andermal wiedersehen ... Jetzt das Brautkleid! Wenn Thora das gesehen hätte! ... Die arme Thora! ... Aber so geht's, wenn man nicht vorsichtig genug ist. Milla bat das Kammermädchen, doch ja darauf zu achten, daß die Falten recht harmonisch sich ausnahmen. In diesem Augenblick kam Frau Wingard mit dem Brautkranz ... Alle, welche von den nächsten Straßen her nach dem Markt kamen, bemerkten etwas Rotes an der offenen Eichentür der Kirche. Es war das rote Hemd eines langen Matrosen. Der Kirchendiener hatte ihn fortschaffen wollen. Unmöglich. Ringsherum standen Damen, welche gern den besten Platz eingenommen hätten. Er hatte ihnen geantwortet, er habe ebensoviel Recht dazustehen, wie jeder andere. Und das war freilich unbestreitbar. Er war nicht aus der Stadt, niemand kannte ihn. Aus einem bestimmten Abzeichen ergab sich, daß er auf einem Kriegsschiff gewesen. Er war ein riesenstarker Bursch. Im übrigen standen auf der Treppe und in deren unmittelbarer Nähe nur Damen, alte, ältere und junge; alle, welche nicht in die Kirche hatten kommen können. So oft die Tür geöffnet wurde und man in die Kirche hineinblicken konnte, bemerkte man da drinnen bis hinauf zum Chor nur Hüte mit Blumen, Federn und Schleiern. Ein einzelner unbedeckter Mannskopf in einer Stuhlreihe nahm sich aus wie eine vereinzelte überreife Stachelbeere im Spätherbst. Hätte der selige Herr Max von dem Chor, unter welchem er ruhte, aufstehen können, es wäre ihm ein wohltuender Anblick gewesen für seine frauenfreundlichen Augen, namentlich da die weibliche Jugend die ersten Reihen einnahm. Sie war besonders glücklich gewesen in dem Kampf um die Plätze. Auf dem Markt und der Treppe der Kirche gewahrte man fast ausschließlich Sonnenschirme – ein vielfarbiges bewegliches Schilddach, unter welchem allerlei pikante Geschichten erzählt wurden. Die Gabe für die bedürftigen Wöchnerinnen schien allen ein sehr glücklicher Einfall. Daß Engel, der so taktvoll war ... Nun, das kam natürlich daher, weil Frau Wingard die Vorsteherin des Vereins war; sie hatte ihn dazu veranlaßt, die Schelmin! Auf der Treppe standen auch die beiden armen Schwestern, welche den Klub und das Hotel gehabt, bis sie beide hatten abgeben müssen – an Engels Haushälterin. Sie hatten gar keine Veranlassung, Engel oder seine Gäste zu schonen. Etwas weiter zurück trat der Sonnenschirm nur sporadisch auf; da herrschten das Kopftuch und die barhäuptige Jugend. Und die Feierlichkeit imponierte so wenig wie die Autorität des Bürgermeisters, der mit seiner Gattin unter dem Arm um ein Viertel vor vier Uhr sich hindurchdrängte, um sich zu den geladenen Gästen zu verfügen. Hier wurden sie mit fröhlichen Blicken begrüßt, man betrachtete sie fast als Kameraden. Die Stadt war nicht wiederzuerkennen. Als zwei Knaben auf den Schornstein eines der der Kirche gegenüberliegenden Häuser kletterten, wurden sie mit lautem Beifallklatschen und Zurufen begrüßt. Und das gerade in dem Augenblick, als der Bürgermeister vorüberkam. Mitten unter einer Anzahl Hochzeitsgäste und fast unmittelbar hinter dem Bürgermeister tauchte der Organist auf, und zwar vollständig betrunken. Er war ein langer junger Mensch mit blondem Haar. Er stammte aus Schwaben und war vor vier Jahren auf einer Konzertreise nach der Stadt verschlagen worden, wo er sich festgesetzt hatte. Der Organist hatte gerade das Zeitliche gesegnet, und er spielte die Orgel ausgezeichnet; zudem hatte die Stadt ja auch ein stark besuchtes Seebad. Ein phantastischer, echt musikalischer Mensch, der an den Wochentagen allen zur Zielscheibe ihrer Witze diente und mehr zu tun hatte als er leisten konnte, der aber bei besonders festlichen Gelegenheiten, das heißt wenn »Konstantinopel erobert« war, unterschiedliche Glas über den Durst trank. Das geschah nur selten, aber dafür leistete er dann auch, was nur in seinen Kräften stand. Heut hatte er den sehr glücklichen Einfall gehabt, fröhlich zu Konsul Engel zu gehen und ihn um das Geld für die Reparatur der Orgel zu bitten. Und das bekam er sofort in Gestalt einer Anweisung! Also war Konstantinopel wieder einmal erobert, und die Champagnerpfropfen knallten. Der erste beste konnte mittrinken. Selig und mit großen Gestikulationen kam er daher. Alle lachten, und er selbst stimmte fröhlich ein in dieses Lachen. Unmittelbar hinter dem Bürgermeister und seiner Frau trabte er dahin! Und so steif, so steif schritt das bürgermeisterliche Ehepaar, als hätte der Organist ihm Zügel angelegt und führe jetzt mit ihm zur Kirche. Großer Lärm entstand, als ein Wagen sich einen Weg bahnen wollte; bisher waren alle zu Fuß gekommen. Für Wagen ist hier kein Platz, antwortete man, und versperrte den Weg, so daß die Polizei zu Hilfe kommen mußte. In dem Wagen saß eine hübsche pikante Dame von unbestimmtem Alter neben einem etwas feisten Herrn mit ausgezeichnet geformten Kopf und von vornehmer Haltung. Der Dame gegenüber saß ein ältlicher Herr mit rotem Gesicht, großem Militärschnurrbart und einer Menge Orden. Während der ganzen Zeit redete er und tat, als säßen die drei in einem verschlossenen Zimmer, wo niemand sie sehen könnte. Sie waren nicht aus der Stadt; niemand erkannte sie eher, als bis sie ausgestiegen waren und der Mann mit den Orden der Dame den Arm reichte. Da erzählten die Hotelwirtinnen, er sei ein Generalkonsul aus Christiania, die Dame an seinem Arme wäre nicht seine Frau, sondern die des neben ihm gehenden Herrn. Das war Konsul Garman von der Firma Garman und Worse. Unmittelbar hinter ihnen gingen zwei andere Fremde, die Konsuln Bernick und Ries. Allbekannte Gestalten aus der neuesten norwegischen Literatur. Siehe Kiellands Roman »Garmand und Worse«, Henrik Ibsens »Stützen der Gesellschaft« und Björnsons Schauspiel »Das neue System«. Der erstere begab sich zu einem Begräbnis mit dem Stock in der Hand, der andere zu einem Ball mit seinem Olafsorden an der Brust. Dann folgten noch verschiedene Matadore – mit und ohne Frau – Holz-, Eis- und Heringsmillionäre. In die schwarze Einförmigkeit ihrer Erscheinung brachte etwas Abwechslung der Amtmann in großer Uniform und ohne Frau, der mit einem alten, von der Gicht geplagten General, einem Verwandten der Familie Fürst, daherkam. Dann durcheinander Beamte und Kaufleute, die meisten mit ihren Frauen. Sie hingen an den Armen ihrer Männer wie vollgepackte, sehr kostbare Körbe, ohne welche der Mann sich nicht gut öffentlich zeigen konnte. Das vollständigste Schweigen breitete sich von dem untersten Ende des Marktes her aus wie ein langsamer Ölstrom über eine aufgeregte See. Es war der Bräutigam, der dort unten in Begleitung seines Schwagers, des Konsuls Wingard, ausstieg; aus einem zweiten Wagen stiegen ein paar Marineoffiziere und zwei Zivilpersonen; der eine von ihnen war der französische Dösen; diese vier schlossen sich dem Bräutigam und seinem Schwager an. All die ausgezeichneten Manöver, infolge deren der Marineleutnant heut hier durch die Menge nach der Kreuzkirche schreiten konnte, bewundert oder beneidet oder verabscheut – er hatte sie selbst angeordnet und ausgeführt; insofern gebührte ihm die Ehre eines Triumphators. Allein er schritt nicht wie ein Triumphator durch die Menge; das sah jeder auf den ersten Blick. Er befand sich nämlich in der tödlichsten Angst. Thora war nicht zum Vorschein gekommen, hatte weder eine Nachricht noch einen Brief geschickt; weder sie noch irgendeine ihrer Freundinnen hatte sich dem Hause des Konsuls Engel auch nur genähert. Also nicht, um Milla zu überreden oder zu erschrecken, war sie heimgekehrt. Warum war sie denn gekommen? Was hatte Thomas Rendalen mit seiner Drohung im Sinn? Die Gefahr lag auf dem Wege bis zur Kirche. Da drinnen schützte sie die Heiligkeit des Orts und der ehrwürdige Priester. Aber hier –! Seine Augen suchten die Richtung nach der Schule ... Es war das eigentlich nur ein Versehen; denn nicht dort, nur hier konnten sie oder andere vor ihm auftauchen! War sie ja doch nicht die einzige, welche er fürchtete. Seine halbgeschlossenen Augen spähten, sein wetterbraunes Gesicht war so katzenartig vorsichtig geworden; jeder Schritt konnte ja Unglück bringen. Galt es nicht ihm, so erwartete es diejenige, welche nachfolgte. Überall funkelnde, oft sehr scharfe Augen! Er konnte weit und nach beiden Seiten um sich blicken. Aber nirgends Augen, die er zu fürchten hatte! ... Er hatte gerade den Fuß auf die erste Treppenstufe gestellt, als der lange Matrose einen Schritt vorwärts tat: »Ich soll schön grüßen von Anne-Marie!« Die zunächst Stehenden hörten es, die ferner Stehenden sahen die Bewegung: »Sagte er etwas? Was sagte er?« ... Dann allgemeines Zischen, das sich bis zu den ganz abseits Stehenden fortpflanzte. Fürst blieb stehen. Seine Augen verschwanden gleichsam, ganz wie wenn ihn ein feiner Regen ins Gesicht getroffen hätte. Die behandschuhte Hand griff nach dem Taschentuch, infolgedessen sich ein feines Aroma um ihn verbreitete. Er schneuzte sich – und ging weiter. Sein Gefolge hielt sich dicht hinter ihm. Da im Innern der Kirche war es im ersten Augenblick, als er aus dem sonnenhellen Tag hineintrat, etwas dunkel; aber in der Dunkelheit überall Augen, Frauenaugen! Hier saßen Thoras Freundinnen! Er erkannte sie alle; er musterte sie, eine nach der anderen. Sie saßen in den ersten Reihen, gespannt, unruhig, drohend. Es mußte doch etwas in der Luft liegen! In demselben Augenblick begannen die großen Kirchenglocken zu läuten; jetzt also wurde der Wagen der Braut am Ende des Marktes sichtbar. Was wird jetzt geschehen? Nora, Tinka und Anna Rogne saßen unmittelbar zu seiner Linken, als er zum Chor hinaufschritt. Unwillkürlich blickten seine Augen nach der entgegengesetzten Seite; dort stand der erste Stuhl leer. Im Chor erhob man sich beim Erscheinen des Bräutigams. Draußen entstand eine Bewegung. Denn es näherten sich nicht bloß der Wagen der Braut, an welchen die Wagen der Brautjungfern und der Frau Gröndal sich anschlossen; es wollte auch der Kutscher in der grauen Livree sich nach der Kirche vordrängen, und das ging nicht. Die Zunächststehenden drängten zurück, um Platz zu schaffen, aber die hinter ihnen wollten sich nicht drängen lassen und setzten sich zur Wehr, so daß manche gegen die Wagenfenster fielen. Schreien, zornige Worte, Kommandorufe und Schrecken da in den Wagen. Konsul Engel steckte den Kopf heraus; aber man hörte nicht, was er sagte. Da stieg er aus. Die Polizei war gleich zur Hand und machte dem Geldfürsten Platz, während die Braut ihren Wagen verließ; unmittelbar darauf auch die Brautjungfern. Sie ordneten sich und schritten weiter. Überall wich man zurück. Mit dem Myrtenkranz auf dem gelblichroten Haar sah die Braut aus wie die untadelhafte Arbeit eines englischen Akademikers. Die Gesichtszüge regelmäßig und echt englisch; die Farbe zart und sehr weiß; die Schulterlinien etwas gesenkt; ein außerordentlich schöner Arm; die ganze Figur die althergebrachte eines schamhaften Jungfräuleins. Sie ging etwas vornübergebeugt, ohne irgend jemand anzusehen. Die Hand ruhte leicht auf dem Arm des Vaters; etwas unterhalb seines Olafsordens gewahrte man ihren Diamantschmuck; doch war dieser nur für solche sichtbar, welche vor ihnen oder höher standen. Eine altertümliche Agraffe, ein kostbares Kleinod, das man von ihrer Mutter her, welche es gerne trug, noch kannte, hielt ein Bukett an ihrer Brust fest. Ein Windstoß hob ihren Schleier, als sie die Treppe hinanstieg. Er schlug nach dem Gesicht des Matrosen, traf es aber nicht. Ein Strom von Aroma wurde vom Winde weit über den Markt getragen. Wie fühlte Konsul Engel sich erleichtert, als er in der Tür stand! Das war das schwerste Stück Weges, das er je in seinem Leben zurückgelegt. Und doch hatte er sich nicht beeilt. Bescheiden, sachte, milde und fromm war er vorwärts geschritten; seine Augen hielt er auf einen einzigen Punkt gerichtet – war dies das Nadelöhr, durch welches er hindurch mußte? Sein regelmäßiges, hübsches Gesicht nahm sich aus, als wäre es niemals von etwas berührt worden, das im Widerspruch stand mit ehrbaren Sitten. Ja, das Leben hatte es ihm nicht einmal zum Bewußtsein gebracht, was das eigentlich wäre. Sein Haus war stets ein Haus gewesen der Gottesfurcht und frommen Sitte; durch drei Generationen hindurch waren immer Vermächtnisse gestiftet worden. Welche Gefahr konnte denn unter solchen Umständen in der Luft liegen? ... Nun sind wir ja in der Kirche! ... Die Orgel fiel ein mit der ganzen Spielwut eines betrunkenen Schwaben; ihre vollen Akkorde strömten Engel gleichsam in die Seele und erfüllten ihn mit dem ihm eigenen Selbstbewußtsein. Es gibt kein größeres Glück als das einer Dutzendnatur, welche sich in Gefahr wähnte – und dann entdeckt, daß gar keine Gefahr vorhanden war! Sie jubelt nicht, diese Glücksempfindung – still verteilt sie sich in alle Organe als ein satter, edler Selbstgenuß ... Er hob sein allerschönstes Antlitz hinauf zur Kanzel, während er sich gewissermaßen von all den Augen ringsum getragen fühlte. Er ahnte etwas wie Neid, und der kitzelte so angenehm. Welche Zukunft führte er aber auch da am Arm. Da erbebte die Hand der Braut. Hastig wandten seine Augen sich von der Kanzel ab. Sie war totenbleich; ihre Augen blickten starr, und es ward ihr schwer, sich aufrechtzuerhalten ... Was war das? Nora, Tinka, Anna Rogne und noch mehrere andere saßen da vor ihr, da, wo sie vorbeimußte ... Nun ja, war denn das so gefährlich? Entrüstung und eine Mischung von Schadenfreude und Schrecken lagen auf allen Gesichtern – auf allen, wohin er auch blickte ... und das wirkte ansteckend. Was war das? Unwillkürlich suchten seine Augen den Chor. Hätten sie nur dort hindringen können. Dort mußte es ja ruhig sein. Aber alle auf dem Chor hatten sich erhoben. Erschreckt standen sie da und blickten hinunter, nicht nach der Seite, nach der entgegengesetzten. Und seine Tochter stieß sogar einen jähen Schrei aus und trat, ihn mit sich ziehend, ein wenig zurück ... Dort in dem äußersten Kirchenstuhl, rechts von ihnen, war gerade jetzt – also von der Sakristei, also durch den Chor! – Pastor Wangen getreten; und ihm folgten Thora Holm mit irgendeinem Gegenstand auf dem Arm ... und dann Fräulein Hall und darauf Thomas Rendalen. Thora hatte einen doppelten schwarzen Schleier vor dem Antlitz und über dem, was sie auf dem Arme trug; und der war so fest geheftet, daß sie erst jetzt mit Fräulein Halls Hilfe sich etwas frei machte und sich mit offenem Antlitz und ihrem Kinde auf dem Arme nach derjenigen hinwandte, welche da hereinkam. Es lag eine unheilverkündende Spannung in der Luft, und die Orgeltöne steigerten sie bis zu fieberhafter Aufregung. Dann wurde Milla weitergeschleppt. Kreidebleich gelangte sie auf den Chor. Ein Knistern und Zischeln und Rascheln, ein Durcheinander von Händen und Köpfen und Buketts und Augen, so daß Milla weder mit sich selbst noch mit ihrem Stuhl, noch mit ihrem Bukett, noch mit ihrem Taschentuch fertig werden konnte. Endlich kamen ihr alle mit Kölnischem Wasser zu Hilfe. Das letzte war das rote Ungeheuer mit dem großen Militärschnurrbart und den vielen Orden. Als ihr endlich freier wurde und sie aus tiefster Brust aufatmen konnte, – da begann sie zu weinen. Sie zog ihren Schleier herab. Das war ja entsetzlich, was man ihr angetan hatte! Und dann ward sie zornig, o so zornig. Konsul Engel bekam den ersten Blick – und nach alledem, was er hier hatte hinnehmen müssen, wirkte dieser Blick wie der letzte Trunk, der einem das Bewußtsein raubt; als er sich setzte, kam er sich so klein, so ohnmächtig vor ... Der elegante Marineleutnant saß neben ihm. Bald nahm er den Hut in die rechte, bald in die linke Hand; bald schlug er das rechte Bein über das linke, bald das linke über das rechte. Ihm, ja ihm galt dies alles, und der zukünftige Staatsmann hatte es noch nicht so weit gebracht, daß er stillsitzen konnte, während er moralisch in Stücke gerissen wurde. Anton Dösen, der unmittelbar hinter ihm saß, strich mit seinen weißen Handschuhen die äußersten Spitzen seines blonden Schnurrbarts, bald rechts, bald links, heftig, immer heftiger. Er war unglaublich fleißig. Die Leute in der Kirche sahen diese weißen Handschuhe sich fortwährend unter der Nase hin und her bewegen und meinten, er mache Kunststücke oder gebe jemand ein Zeichen; man konnte nur nicht begreifen, wem. Die Matadore fühlten sich bei dieser beklemmenden Situation höchst unbehaglich. Aber trotzdem mußten sie doch noch einen Blick zurückwerfen nach der mit dem Kinde; sie war so verwünscht hübsch, sie hatte etwas so – so Ausländisches an sich. Und sie drehten und wendeten sich und reckten die Hälse. Sogar Konsul Bernick bekam einen so langen und verdrehten Hals, wie junge Hähne, wenn sie krähen lernen. Zu diesem Unglück kam noch, daß der Propst auf sich warten ließ; der Küster ging aus und ein, ein und aus mit seinem feierlich albernen Gesicht. Der Organist arbeitete weiter. Es wollte ihm scheinen, als bliebe der Propst doch etwas lange; er ging deshalb zu einem Kirchenliede über. Das Pompöse hatte er längst verbraucht; er war jetzt zu dem gerade Entgegengesetzten übergesprungen. Es kamen lauter Hirtenflötentöne zum Vorschein. Seine Phantasie wurde unzweifelhaft angeregt von all den Kleinen, welche aus dieser Ehe hervorgehen würden; er streckte gleichsam den Finger nach ihnen aus und sagte in der Quinte »ti-ti-ti!« Endlich hatte Engel sich so weit erholt, daß er wieder den Unterschied empfand zwischen fein und grob, zwischen wohlerzogen und unerzogen. Für Menschen der letzteren Sorte gab es kein höheres Vergnügen als Skandal. Aber dieser Skandal war ganz neu, ganz unerhört. Etwas so Wahnsinniges konnte nur von einem »Kurt« ausgeheckt und in Szene gesetzt werden. Sein Taschentuch war schon naß, seine Handschuhe begannen grau zu werden. Und während er sich fortwährend trocknete und mit Aroma versorgte, rückte er verstohlen und ängstlich nach seiner Tochter. Sie haßte ihn! Er betete zu Gott – ja, Konsul Emil Engel betete zu Gott! – aus innerstem Herzen flehte er Gott an, daß doch seine Sünden nicht über dieses arme, unschuldige Kind kommen möchten! Er hatte es verkauft, verhandelt, aber in der besten Absicht von der Welt; niemand wußte das ja besser als Gott selbst! Aber wer wäre auch darauf gefaßt gewesen, daß etwas so Wahnsinniges unternommen werden könnte, als diese Schändung des Heiligtums! Für gewöhnlich fluchte Konsul Engel nicht, dazu war er ein zu feiner Mann; aber unmittelbar nach seinem Gebet zu Gott fluchte er aus Herzensgrund und aus aller Kraft: »Oh, hol' doch der Satan das ganze Gesindel!« Das nasse Taschentuch mußte wieder zum Vorschein, und gleichzeitig dachte Milla an seiner Seite: »Soll ich aufstehen und gehen?« Konsul Engel las es in ihren Augen, sah es ihren unruhigen Bewegungen an. Auch Fürst bemerkte es. Beide fühlten es wie tausend elektrische Schläge, aber sie konnten doch nicht die letzte Hoffnung fahren lassen, daß Milla zu wohlerzogen sei, um den Skandal noch zu vergrößern. Der erstere fühlte, daß, wenn sie auch jetzt bliebe, er von nun an ein beschimpfter Mann sei ... Der andere fühlte, daß, wenn sie nur mit ihm zum Altar ginge, er schon Karriere machen würde! Aber der Pastor Green! Er kam immer noch nicht! Jetzt richteten aller Gedanken sich auf ihn; die Situation ward entsetzlich peinlich! Aller Augen starrten nach der Tür der Sakristei. War er krank geworden? Oder stellte er sich krank, um das Paar nicht trauen zu müssen? Wo war denn der Hilfsprediger? Heraus mit dem Hilfsprediger! Warum stand nicht Karl Wangen auf? Die Frauen auf dem Chor, welche sich von dem ersten Schreck noch nicht erholt hatten – viele von ihnen hatten sich mit der Hand an dem Stuhl festhalten müssen, damit das Zittern aufhörte – sie wurden ganz krank durch diese neue Spannung; mehrere von ihnen begannen zu weinen. Ja, dachte Milla, es ist sündhaft von mir, schrecklich sündhaft! O Gott, wenn meine Mutter noch lebte! Und jetzt begann sie aus Herzensgrund zu weinen. Alle Menschen hatten sich gegen sie, die doch nichts getan, verschworen. Sollte nun auch der alte Pastor Green sie so grausam im Stich lassen? Es war ihr, als stände sie am Schandpfahl! – all diesen häßlichen, o so häßlichen Menschen zur Freude! Und nun begann sie zu grübeln, und das Gefühl der Verlassenheit packte sie mit aller Macht, so daß, als Pastor Green endlich kam, sie das wie eine Erlösung empfand. Aber hatte sie nicht einmal einen Augenblick so weit aus sich herausgehen können, daß sie nachzudenken vermochte, warum all dieses geschah? – Nun, diejenigen, welche da auf dem Chor saßen, dachten darüber nach. Nicht bloß die, welche zu den Eingeweihten gehörten, nein, sämtliche Frauen empfanden das Empörende, daß Milla nach alledem, was sich ihr bis jetzt in den Weg gestellt, doch noch weitergehen wollte! War sie auch bis hierher geschleppt worden, warum erhob sie sich jetzt nicht? Warum riß sie sich nicht von ihnen los? Von Minute zu Minute, von Sekunde zu Sekunde erwarteten sie das von ihr. Aber Milla blieb sitzen! War das wirklich möglich nach einer so mächtigen Mahnung an ihr Gewissen? Jede gute Frau, welche tadellos und frei dasteht, nimmt unwillkürlich Partei für den Schwachen, für den, welcher Unrecht leidet ... Die Gemüter wurden immer erregter; die Empörung immer größer. Ist es möglich, daß sie mit einem solchen Schurken vor den Altar treten will? Dann Schmach und Schande über sie! Alle starrten nach dem Altar. Kam denn der alte Pastor noch nicht? Im letzten Augenblick noch zauderte er, ihr den Segen der Kirche zu erteilen! Das hätte Karl Wangen niemals getan! Da saß er neben derjenigen, welche er, der Bräutigam, verführt und betrogen hatte! Wie mancher dankbare Blick richtete sich auf sein großes Gesicht! ... Jetzt bemerkte man auf dem Chor, daß endlich der alte Green erschien. Also doch noch! – – Langsam und krank kam er, ja, er war sehr krank. Er sähe ganz aus wie ein kirchliches Kompromiß, wurde nicht weit von ihm geflüstert. Kaum stand er vor dem Altar, da wurde das Kirchenlied angestimmt. Die ganze Versammlung auf dem Chor sang mit. In ihrem Eifer, im Gefühl ihrer Erleichterung und Dankbarkeit gegen die Vorsehung sangen alle mit; der Bräutigam, der Schwiegervater, der General und der Generalkonsul, Bernick, Dösen, Ries, die Matadore, der Amtmann – sie sangen von der ersten Braut, welche von Gott persönlich dem Bräutigam zugeführt wurde. Nicht ein einziger von ihnen glaubte daran, aber sie sangen es, sangen mit der Orgel um die Wette. Auch ihre Frauen stimmten mit ein; sie waren so erschreckt, daß sie das Lied in dem Buch nicht fanden, aber sie konnten es so ziemlich auswendig. Diejenige, welche am herzhaftesten das Glück der Ehe pries, war Frau Garman. Aber außer ihnen und dem Küster sang niemand in der ganzen Kirche. Die Entrüstung wurde so groß, so allgemein, daß manche nicht mehr sitzen konnten. Sie erhoben sich. Die, welche ganz hinten standen, wollten auch sehen und erhoben sich ebenfalls. Aber vor allen anderen Thora. Was die um sie herum gefühlt hatten und fühlten, war bei aller Heftigkeit doch nur matt gegen das, was sie selbst empfand. Wenn ihr tiefstes Innere aufgewühlt war, so war sie ganz die Tochter ihrer Mutter, und dabei hatten sie die Reise und die Erlebnisse der letzten Tage in eine Spannung versetzt, welche nur ihre kräftige Natur zu ertragen vermochte. Wenn nicht aus anderen Gründen, so doch um Millas selbst willen mußte es verhindert werden, daß sie diesen Schurken heiratete. Dazu war erforderlich, daß sie sich zeigten, sie und ihr Kind. Alles andere mochte wirkungslos bleiben, das aber mußte Milla zwingen, noch im letzten Augenblick zurückzuschrecken. Sie kannte sie! Es kam nur darauf an, ob Thora den Willen und den Mut dazu hatte. Ja, das hatte sie! Denn ihre Freundinnen und Freunde hatten den Willen und den Mut, mit ihr zu gehen. Es handelte sich ja nicht bloß um sie selbst; es handelte sich auch um die Schule, um Milla, um eine große Sache, um das Wohl von Tausenden. Niemand, am allerwenigsten sie selbst hegte auch nur den leisesten Zweifel, daß dieses Mittel, sich der Braut mit dem Kinde auf dem Arm zu zeigen, wirken würde. Von dem Augenblick an, da Milla da oben auf dem Chor zu weinen begann und dennoch sitzen blieb ... bis zu dem Moment, als der Pastor erschien, steigerte sich Thoras Aufregung und Entrüstung in einem Grade, daß ihre Begleiter ängstlich wurden. Auch in der Bankreihe gegenüber konnte man sie sehen. Alle fühlten, jetzt mußte etwas geschehen, an das weder sie noch Thora selbst dachte, ehe es geschah. Thora war Thora, und ganz richtig – – – Leutnant Fürst stand, vom Konsul Wingard geleitet, schon vor dem Altar, vorsichtig schritt Engel über den Teppich, um seine Tochter ihm zuzuführen. Sie erhob sich und ließ sich von den Brautjungfern schleppen und den Schleier ordnen – da stürzte Thora nach dem Altar. Dort blickten jetzt alle auf die Braut, welche ihrem Vater die Hand reichte und sich mit ihm dem Altar zuwendete. Sie sahen Thora nicht kommen. Sie vernahmen hinter sich ein Etwas, wie wenn eine Welle hereinstürzt – und in demselben Augenblick fuhr etwas Schwarzes an ihnen vorbei. Die Damen schrien auf, die Herren erstarrten. Die am Altar wandten sich um, Konsul Engel taumelte zurück – Thora stand zwischen ihm und seiner Tochter! »Soll ich das Kind vor dich hinlegen? Willst du auf mein Kind knien?« »Nein, nein!« rief Milla entsetzt. Sie wich zurück, und die Hände weit ausgestreckt, floh sie vom Chor – der Schleier flatterte ihr nach. Alle waren aufgesprungen. Thora war weitergestürmt, hinein in die Sakristei. Sie fühlte, jetzt waren alle ihre Kräfte erschöpft. Fräulein Hall folgte ihr. Aber als Milla den Chor verlassen hatte, wußte sie nicht wohin. Es mußte ihr doch jemand folgen; das sagte ihr ihr weiblicher Takt. Sie wandte sich um und sah sich verzweifelt um. Da ward die Tür der Sakristei geöffnet, und von dort vernahm sie ein herzzerreißendes Weinen und Schluchzen – nur so lange als nötig war, die Tür zu öffnen und zu schließen; das genügte. Auch Milla brach in Weinen aus. Da legte jemand den Arm um ihren Leib und zog sie fort. Es war Nora. Von diesem Augenblick an war alles vorüber. Aller Zorn war mit einem Male verschwunden, Thomas war sofort an ihrer Seite; dann ging er voraus, ihr den Weg zu bahnen. Der Organist, welcher den Anfang nicht gesehen hatte, nach dem ersten Verse des Gesanges aber die Rede erwartete, erhob sich, als die Bewegung etwas laut wurde. Was ist das? Er bemerkt die Braut unten in der Kirche, die anderen auf dem Chor, die ganze Versammlung war auf den Beinen ... »Aber das ist ja kurios. Wird denn nichts daraus? Oho, ich habe meine 2000 in der Tasche!« Und er begann wieder die Orgel zu spielen. Man wollte ihn davon abhalten, aber er fragte, was sie denn der Braut getan hätten? Der würde die Musik wohltun. Und kaum vernahm der Glöckner die Orgeltöne, so dachte er: »So, jetzt sind sie getraut; jetzt kann's losgehen!« – und er begann aus aller Macht zu läuten. Und kaum hörten die da draußen auf dem Salutschiffe die Glocken läuten, da begannen die Kanonen zu donnern. Es sollte geschossen werden, bis die Braut vor dem Hause aus dem Wagen stieg; und da sie das vom Schiff aus nicht sehen konnten, sondern durch ein Zeichen benachrichtigt werden sollten und man in der Verwirrung vergaß, dies Zeichen zu geben, so schossen sie in einem fort, unaufhörlich, stundenlang ... Schließlich meinten sie selbst, eigentlich sei nun genug geschossen, aber das war ja nicht ihre Sache – solange sie Pulver hatten, konnte immerhin geknallt werden. Denn auch die da unten auf dem Schiffe hatten tapfer getrunken. Und dieses alles erregte eine ungeheure Heiterkeit; die ernste Sache erhielt etwas ungemein Lächerliches – erst unter der Menge, welche unter Orgelton und Glockenklang und Kanonendonner aus der Kirche ging; dann verpflanzte das Lachen, immer kräftiger werdend, sich über den Marktplatz, und vom Markt verbreitete es sich durch die ganze Stadt. Seit Menschengedenken war nicht soviel gelacht worden. Und auch die Leute vom Lande kehrten unter dem Donner der Kanonen lachend heim; und überall, wohin sie kamen, wurde ebenfalls gelacht. Man flaggte in der Stadt und im Hafen! Man donnerte und flaggte, flaggte und donnerte – unter unaufhörlichem Lachen! Die Hochzeitsgäste sahen sich im ersten Augenblick voll Entsetzen an, zersprengt und zerstreut drängten sie sich aus der Kirche. Aber das Lachen da draußen wirkte ansteckend. Als sie nach Hause kamen und den »Zuschauer« lasen, mußten auch sie lachen. Ja, sogar der Bürgermeister lachte! ... Durch die Allee hinauf nach der Schule gingen Nora und Rendalen. Noch immer donnerten die Kanonen, und sie blickten zurück, um die Flaggen in der Stadt und im Hafen zu betrachten – und lachten. Karl Wangen stürmte mit seinen langen Beinen an ihnen vorbei. Thora befand sich bei Nils Hansen. Es hatte sie eine ungeheure Mattigkeit erfaßt, aber sie war jetzt ruhig und zufrieden. Er kam nur hinauf wegen eines Wagens – und fort war er. Nicht weniger als fünfzehn junge Mädchen stürmten an ihnen vorbei zu Frau Rendalen. Eine zweite große Schar folgte. Sie gingen nicht, sie jagten förmlich. Frau Rendalen kam heraus auf die Treppe, um ihren Sohn und Nora zu empfangen, aber Nora und Thomas schienen weniger Eile zu haben; sie blieben jeden Augenblick stehen ... Die Mutter verlangte so sehnsüchtig nach ihnen! Daß man sie auch so ganz und gar vergessen konnte. Mit einem Male riß sie sich die Brille ab und begann sie zu putzen ... Dann setzte sie sie langsam wieder auf. – Thomas hielt da unten in der Allee eine Art Vortrag. Er meinte, in seiner ersten Rede habe noch viel Einseitiges und Unklares, vieles von einer fixen Idee gesteckt. Und ähnlich verhalte es sich mit seiner Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen wäre. Aber »das Leben ist eine Schule,« sagte er, und das gelte in erster Linie vom Schulmeister. Das heißt, von alledem sagte er jetzt nicht ein Wort. Etwas so Steifes und Kaltes konnte er jetzt nicht gebrauchen. Offen herausgesagt: während man da in der Stadt und im Hafen so unfreiwillig zur Krönung seines Lebenszieles flaggte, ging er da in der Allee herum und freite, und zwar um die mit dem blonden Haar. Sie meinte, sie wäre seiner nicht würdig und jagte sich in einem fort Fliegen von den Augen. Aber es war ihr so vollständig unmöglich, etwas anderes zu wollen, als er – Und dann einigten sie sich über viele, viele Dinge – namentlich darüber, daß, wenn man etwas unternehme, es noch einmal so gut vonstatten gehe, wenn es von zwei zugleich angefaßt würde. – – – Fünfzehn Mädchen waren zugleich auf den Turm gestiegen. Heute fühlten sie das Bedürfnis, eine Fahne aufzuhissen, die nicht ein Sinnbild der Verlogenheit war. Und zwar wegen einer Sache, an der ebenfalls nichts Verlogenes haftete. Sie riefen von oben herunter und baten um die Erlaubnis. Da unten stand Thomas Rendalen auf der Treppe; und er lachte zu ihnen hinauf. Nora war von ihm fortgelaufen zu seiner Mutter. Sie hatte sich fest, oh so fest an sie geschmiegt ... »Ach nein,« rief Thomas zu den Mädchen im Turm hinauf, »nicht heute ... um Millas willen! Aber in einigen Wochen wird von neuem geflaggt – überall, in der Stadt und im Hafen!«