Felix Dahn Stilicho Historischer Roman aus der Völkerwanderung Erstes Buch. I. In dem Palatium des großen Kaisers Theodosius zu Mailand diente ein umfangreicher, auf allen vier Seiten von Säulengängen umgebener Hof den kriegerischen Spielen der vornehmen Knaben und Jünglinge wie der Römer so der vielen befreundeten oder auch unterworfenen Völker, die als Zöglinge, als »Gäste«, in Wahrheit oft als Geiseln, unter Aufsicht und Gewalt des Imperators in Italien lebten. In diesem Hofe tummelten sich gegen Ende des vierten Jahrhunderts unter Römern, Griechen, Asiaten auch zahlreiche junge Germanen von mancherlei Stämmen. Der Älteste von diesen, auch seiner Volksgenossen hohe Gestalten um Haupteslänge überragend, aber das blonde Haar nach Römersitte kurz geschnitten und den sprossenden Flaumbart beschoren, in römische Tunika gekleidet, mit römischen Sandalen beschuht, hatte sich aus dem Getümmel der wettspielenden Genossen zurückgezogen und auf eine der hohen Stufen des Säulengangs gesetzt, von wo er sinnend das Auge über die eifrig, ja hitzig mit Ringen, Speerwurf, Pfeilschuß Wettkämpfenden gleiten ließ. Lange saß er so, ruhig, verhalten, mit ernsterem Ausdruck als seinen Jahren zukam. Da störte ihn aus seinem Nachdenken auf ein etwa fünf Jahre jüngerer Freund, der, ebenfalls unverkennbar ein Germane, nichts Römisches an sich trug, sondern in allen Stücken die Tracht seines Volkes. »Eh Stilicho, höre!« rief er mit heller, wohllautender Stimme in der Sprache der Westgoten, einen gotischen Wurfspeer schwingend, »hast du gesehen wie ich eben den Schild der römischen Legionäre – aus norischem Erz! – dicht am Stachel mit dem Wurfger durchbohrte? Hei, gotischer Speer bricht römischen Schild! Nicht du könntest stärker werfen!« – »Vielleicht nicht,« lächelte der andre. »Aber schärfer zielen. Hast du vergessen...?»« – »Beim Schwerte Gottes, ich vergeß es nicht! Wie du neulich meinen Speer, der den Zielring der Scheibe getroffen, mit deiner Lanze zerspellt!« – »Scharf zielen, mein Alarich, ist noch besser als stark werfen.« »Wohl, wohl! – – Aber laß doch dies Latein. Sprich dein Vandalisch wie ich mein Gotisch: wir verstehen uns damit prächtig. Sind wir doch alle Goten, deine Vandalen wie wir.« – »Ja, aber ich habe seit des Vaters Tod fast ganz vergessen sie zu sprechen, die Sprache der...« – »Barbaren, willst du sagen,« rief Alarich zornig. »Hei, darüber ließe sich viel reden.« – »Gewiß, mein Wildfang! Aber ich fürchte, wir sind – beide! – noch zu jung, was Gescheites darüber zu reden.« – »Magst Recht haben!« rief Alarich, ließ die Lanze fallen und sprang mit einem Satz die mehreren Marmorstufen hinan, sich neben ihm niederlassend und vertraulich an seine Schulter lehnend: »Uf! Macht Speerwerfen heiß in diesem schönen, aber schwülen Land! Oh, Vetter Ataulf, sorg' uns für einen kühlen Trunk!« »Gern,« antwortete ein ihm ungefähr gleichaltriger, aber ganz hervorragend, ganz auffallend schöner Jüngling in wallendem Goldgelock. »Komm mit, Heraclian, hilf aussuchen: du verstehst dich auf die Falerner des Imperators.« – »Aber nicht für Goten und Vandalen,« erwiderte ein junger Römer mit feindseligem Blick. »Ihr Bären!« – »So spüre denn des Bären Pranken!« rief Ataulf, sprang von vorn auf ihn zu, hob ihn im Ringkampf flugs in die Höhe und hätte ihn auf den Rücken in den hochaufgeschütteten Sand geworfen, wäre nicht ein andrer junger Römer plötzlich hinterrücks herangesprungen und hätte ihn niedergerissen, so daß beide Ringer auf den Boden rollten. Sofort war Ataulf wieder auf den Füßen und faßte den Überfallenden an der Gurgel: »Carinus! Elender Neiding!« – Aber dieser Römer war stark und zäh: er riß sich los, sprang zurück, raffte eine Lanze aus dem Stand der Speere an der Wand und fällte sie gegen Ataulfs Brust. – Da sauste mit einem Sprung Stilicho herab und warf sich zwischen den Römer und den Goten: »Halt! Haltet an! Wollt ihr des Imperators Haus und Wirtlichkeit mit Blut beflecken? Er riß Carinus den Speer aus der Hand. Auch Alarich trat jetzt herzu: »Was hast du, Vetter, mit den beiden Walen?« – »Ah,« meinte der die Faust drohend erhebend, »der eine gönnt uns keinen Tropfen Wein, der andere überhaupt gar nichts.« – »Am liebsten nicht einmal das Leben. Ihr Barbaren seid das Unglück des Römerreichs,« sprach Heraclian, eines Senators Sohn, und schritt hinaus. – »Und Carinus?« fragte Stilicho. Bevor Ataulf antworten konnte, rief jener: »Wenn dieser gelbzottige Skythe noch einmal wagt, der Kaisertochter Placidia auf seiner mißtönigen Harfe vorzuklimpern – so tief sind wir gesunken im Haus des Imperators! – reiß' ich ihm die blauen Glotzaugen aus.« Damit folgte er seinem Freund Heraclian. »Sind liebe Leute!« lachte Alarich, ihnen nachblickend. – »Bei aller imperatorischen Pracht, – ich find' es unbehaglich in diesem Palatium. Ah, hoffentlich ruft der Vater mich und den Vetter, seinen Mündel, bald ab aus dieser – wie soll ich sagen? – Erziehung oder Vergeiselung? hinaus in die rauhen Wälder und zu den Auerstieren am Danubius! Sind mir lieber als diese giftgeschwollnen Walen. Ungern, Freund Stilicho, laß ich dich hier zurück.« »Warum? Ich gehöre hierher. Wohin sollte ich gehen?« – »Du kannst fragen? Zu deinem Volk! Dahin gehörst du.« – »Ja,« meinte Ataulf, »zu den tapfern Vandalen in Pannonien. Man sagt ja, du stammest aus ihrem Königsgeschlecht, den Asdingen.« – »Gewiß! Aber der Vater befahl mir sterbend, – für den großen Imperator starb er, nach einem Sieg über die Franken – todwund brachten sie ihn mir über die Alpen hierher – er befahl mir, bei Theodosius und dessen Haus solang ich lebe auszuharren in treuem Waffendienst für Rom. Er stammelte dann noch was von Dankespflicht, von Sühnen einer Schuld, – ich konnt' es nicht mehr verstehn. Aber er ließ mich schwören. Ich schwor: und nun halt ich meinen Eid.« II. Und viele Jahre verstrichen. – Aus dem Jüngling Stilicho war ein reifer, ein herrlicher Mann geworden, ein Held, der in vielen Schlachten die germanischen Reitergeschwader Roms zum Siege geführt hatte: gegen Anmaßer, die sich wider Theodosius erhoben, aber auch gar oft gegen Germanen von allerlei Stämmen. Jedoch auch ein Staatsmann war er, der, von aller Bildung der damaligen Römerwelt durchdrungen, in dem Rat des großen Imperators eine stets befragte, meist befolgte Stimme führte. Jetzt kam dieser edle Herrscher zu sterben: und er wußte das und bestellte sein Haus und sein Reich. Er entließ die vornehmen Beamten des Palastes, die er zu sich beschieden, und gebot, Stilicho zu rufen. Mit feindseligen Neidesblicken sahen die scheidenden Römer den »Barbaren« – allein – über die Schwelle des kaiserlichen Schlafgemachs schreiten. Der Imperator winkte ihm, sich auf den Rand des niederen Pfühls zu setzen, richtete sich auf aus den Kissen und begann: »Ich schließe die Augen leichter, Magister militum, hat mein letzter Blick auf dir geruht. Denn – mag es meinen Stolz – den eines Römers vom ältesten Adel der Quiriten! – schmerzen – das Reich Cäsars, das Reich Trajans ist so weit gekommen, daß nach meinem Tod ein Germane seine stärkste, ach fast seine einzige Stütze sein wird. Stütze, Schild gegen Feinde auf allen Seiten – vor allem gegen deine Germanen. Großes, Größtes vertrau' ich dir an. Wohl hab' ich dich schon bisher hoch geehrt, dir mehr vertraut als allen Römern meines Hofes: meine Lieblingsnichte, die fromme Serena, hab' ich dir vermählt, dich so zu einem Glied meines Hauses erhoben: aber jetzt erst – nach meinem Tode – sollst du mein höchstes Vertrauen ...« Er stockte: Schwäche hemmte ihm die Zunge. Nach einer Weile fuhr er fort: »Nimm die Urkunde dort aus jener Kapsel. Du weißt, meine Erben sind zwei Knaben: Arcadius, der ältere, soll in Byzanz das Ostreich . . ach, ,beherrschen?' Ihn und das Ostreich wird Rufinus leiten.« – »Mein Todfeind,« dachte Stilicho, »schon seit der Schulzeit.« Aber er verneigte sich und schwieg. – »Honorius aber, das Kind, und das Westreich sollst du mir schützen, zum Guten führen, beherrschen: du, der Vandale, das ewige Rom!« – »Du ehrst mich hoch, Imperator.« – »Aber versprich mir: nie, niemals Krieg zwischen den Brüdern!« – »Behüte! Welch Unheil wär's für beide!« – »In allen Stücken, die das Ostreich angehen, gehorchst du Arcadius.« – »Und Rufinus,« dachte Stilicho. – »Er ist dein Herr wie Honorius. Und nun kommt das Letzte, Schwerste für dich zu vernehmen. Ich hab' es dir erspart bis zur letzten Stunde meines Lebens. Erfahre jetzt, daß ich besondern Grund habe, dir zu – mißtrauen.« »Theodosius,« rief Stilicho tief verletzt und sprang auf. – »Still. Höre! Ich habe nicht mehr viel Zeit. – Wenn nun doch einmal der Germane, der Vandale in dir – das liegt ja im Blut! – sich so mächtig regte, daß du – bei aufgezwungener Entscheidung! – mehr als Germane denn als Römer fühltest, dachtest, handeltest?« – »Oh Imperator! Allüberall, im Palast, im Heer, in Italien, in den Provinzen, tritt mir dies Mißtrauen, dieser Haß gegen den ,Barbaren' entgegen: bald heimlich, bald offen drohend. Das hemmt meine Schritte, das verbittert, vergiftet mein Leben. Die Germanen schelten mich abtrünnig, die Römer schelten mich den rohen, treulosen Barbaren. Wohl: es ist mein Schicksal, es wird der Kampf meines Lebens – mit andern. Aber, daß auch mein Kaiser, daß du...! Du hast kein Recht zu solcher Kränkung.« – »Doch ... vielleicht. Wär's denn ein Wunder, wär's ein schändliches Geschehnis, wenn im Widerstreit deines römischen Staates und deines germanischen Blutes dieses einmal – vorübergehend! – siegte?« »Das ist unmöglich!« – »Das ist möglich: denn es ist geschehn.« – »Wie? Wer? Welcher Verräter ...?« – »Schweig! Schilt ihn nicht: denn es war dein Vater.« Stilicho fuhr auf-. »Mein ... mein Vater? Nein!« »Ja. Er focht lange tapfer und treu für mich. Aber kurz vor seinem Tode drangen in das Reich – dort in Pannonien – seine Volksgenossen, die Vandalen: sie verhandelten mit ihm, der den Limes verteidigte – in seiner Sprache: lange hatte er sie nicht gehört: mächtig drang sie an sein Ohr, allzumächtig in sein Herz: er wollte zu ihnen übergehn – gegen Rom.« – »Undenkbar!« – »Dort ... in jenem Schrein liegt sein aufgefangener Brief an König Wisumer. Ich rief ihn ab, bevor er den Plan ausführen konnte. Hier, in diesem Gemach, an jenem Fenster dort, zeigte ich ihm den Brief und – begnadigte ihn.« – »O Theodosius!« – »Er fiel mir zu Füßen und rief: ,Ach Imperator, du weißt nicht, wie stark, wie zwingend das Blut, das Volksblut im Manne wirkt. Sollte ich die Meinen zusammenhauen? Du weißt nicht ...!' Aber ich wußte. Auch ich habe ja ein Volk, bin ein Römer. Und ich verzieh ihm, ließ ihm Rang und Würden, vertraute – unbeschränkt! – seinem Sohn. Aber du begreifst: was den Vater hingerissen, könnte auch den Sohn ...« – »Niemals! Ich schwör's.« – »Gut. So schwöre auf diesen Splitter vom Kreuze Christi, – in jener Arca liegt er – daß du dich solang du atmest nur als Römer fühlen wirst, als Schirmer dieses Reiches, nie abfallen wirst in Tat oder Gedanken zu deinen Germanen.« Stilicho, tief erschüttert, trat dicht an das Bett: »Laß den Splitter von altem Holz, laß auch den Schwur. Ich verspreche dir hier mit dem Schlag meiner Rechten auf Treu' und Ehre – Splitter und Eid würden mich nicht fester binden – ich gelobe, ich werde tun, wie du begehrst. Ich gelobe es auf mein Schwert.« Und er legte die Hand auf den ehernen Griff. »Seltsam,« sprach der Kranke. »Er verspricht Rom, ein Römer zu sein – auf germanische Art. Aber du wirst's halten, ich weiß. – Und nun, mein Freund, meine einzige Hoffnung für des Reiches Zukunft, nun das Letzte: nimm dies Kodizill zu meinem Testament – dort – in dem Geheimfach der Marmorwand – links – öffne es nach meinem Tod: – aber allein. Und halt' es geheim solang wie irgend möglich. Hoffentlich – ich flehe darum zu Gott! – hoffentlich wirst du nie nötig finden, es zu brauchen. Wird es aber nötig – ah entsetzlich! –, dann brauch' es schonungslos. Erst das Reich, dann erst meine Söhne. – Geh jetzt, laß mich. Ich will allein sterben: mit den Menschen bin ich fertig: nun muß ich mit meinem Gott reden.« III. Und abermals waren viele Jahre verflossen. Stilicho hatte, seinem Worte getreu, nur für das Römerreich gelebt in Krieg und Frieden, zunächst für das ihm besonders anvertraute Westreich. Siegreich hatte er in Italien, in Gallien, in Rätien, in Noricum, am Po, am Rhein, an der Donau. Einfälle der Germanen von gar manchen Stämmen abgewehrt. Sein und der Kaisernichte Serena Sohn, Eucherius, war zum stattlichen Jüngling herangewachsen. Den Imperator Honorius hatte er, ihn noch fester an sich zu fesseln als durch die Dankbarkeit – sie ist oft gar schwach bei kleinen Menschen auf Kaiserthronen – mit seiner Tochter Maria, dann, nach deren frühem, kinderlosem Tod, mit der zweiten, Thermantia, vermählt. Allein dies war der erste Plan, der dem erfolgreichen Staatsmann fehlschlug: der Hof wußte, – oder flüsterte doch – daß die beiden Bräute von dem fast noch knabenhaften Bräutigam unberührt geblieben waren, und die Eunuchen des Palastes flüsterten noch leiser, der Grund sei, daß dem Imperator seine üppig schöne und geistig allen Frauen – und sehr vielen Männern! – des Hofes, ja des Reiches überlegene Halbschwester, Galla Placidia, viel besser gefalle als seine beiden Frauen und alle Frauen, die er kannte. Mit Gram sah der Vater wie die erste so die zweite Tochter, seinen Liebling, in allem Pomp der Kaiserschaft, vom Gatten vernachlässigt, dahin welken. Er entschloß sich kühn und offen, wie er war, Abhilfe zu suchen da, wo ihm die Wurzel des Übels zu liegen schien: bei Placidia selbst. Vorsichtig, schonend begann er in dem Sprechsaal des Palastes zu Mailand ein Zwiegespräch mit der Warnung vor dem – »freilich ja verleumderischen!« – Gerede der zahlreichen Priester am Hofe, die an der Zärtlichkeit der Geschwister Anstoß nahmen, ja sogar mit leisen Andeutungen schon in ihren Predigten ... Aber übel kam er an! Das von Gesundheit und Kraft strotzende, von Schönheit strahlende Geschöpf schüttelte das prachtvolle blauschwarze Gelock, das von der goldnen Stirnbinde kaum gebändigt werden konnte und lachte dem Mächtigen übermütig, aber so anmutig ins Gesicht, daß er ihr nicht zürnen konnte: »Ei, lieber Held und Barbarenbesieger, wer sagt dir, daß sie verleumden?« – »Placidia!« – »Nun, nun, nur nicht gleich das Ärgste denken von der armen Kaisertochter, tugendsamer Germane! Was kann ich dafür, daß ich schöner bin als alle Mädchen und Frauen, die ich je gesehn? Und daß ich das so gut weiß? Nun, es ist kein Wunder: haben es mir doch alle Männer gesagt, die ich je gesehn: – ausgenommen du, gestreng ernster Magister militum! Und das soll mich nicht freuen? Dann wär' ich kein Weib! Ich bin aber eins, ach, so sehr.« Sie lachte vor sich hin: »Denke nur, gestern hätten sich Ataulf, der Gesandte der Westgoten – ein bildschönes Stück von einem Barbaren, ja ein germanischer Apoll!« – sie errötete leicht – »und der Präfekt Carinus – schon als flaumbärtige Buben haben sie sich um mich gerauft! – schier mit den Schwertern um mich beworben, wild mir nahend: aber ich lief davon und setzte mich an des Imperators Seite. Großer Staatslenker und Schlachtensieger, ich hoffe, ich bring' es noch zu höherer Macht im Reich mit meiner Schönheit als du mit all' deiner Weisheit und Heldenschaft. Und hab' ich Mäuslein – treulich hielt ich stets zu dir! – nicht schon manches Netz zernagt, das seine Feinde über des Löwen Haupt geworfen? Ich bin deine beste Verbündete: also freue dich, hält der Kaiser was auf Placidia. Aber vergib: ich enteile. Er hat mich zu sich befohlen: und ›dem Herrscher gehorchen ist höchstes Gesetz‹ – oder doch höchste Schlauheit.« Und wieder lachte sie und schwebte anmutvoll hinaus. Er sah ihr sinnend, kopfschüttelnd nach: »Ich werde nicht klug aus dem herrlichen Mädchen! Was ist stärker in ihr? Die Lust zu herrschen wie eine Kaiserin – eben als des Theodosius Tochter – oder des Weibes Drang, gepriesen zu werden? Sollte nicht bald in ihr auch ein andrer Drang erwachen: der, geliebt zu werden? Heißer noch, der Drang zu lieben? Mir ist, sie wirft sich in die Herrschsucht, jenem holden Sehnen zu entrinnen: sie will nicht Weib, – Herrscherin will sie sein. Wie lang noch wird ihr das genügen? Und was dann, wann das andre kommt? Dann, fürcht' ich, werden Westreich und Ostreich zusammen nicht ausreichen, dieses Weib abzuhalten von seinem ›Glück‹ – oder von seinem Verderben!« IV. Nachdenklich wollte er das dumpfe Gemach verlassen, draußen auf dem weiten Reitplatz vor dem Palast durch eine Schau über die neu angeworbenen germanischen Leibwachen – die »Custodes« – des Kaisers sich zu erfrischen, da traten über die Schwelle seine Gattin und sein Sohn, offenbar in Unfrieden untereinander: seufzend bemerkte das der Gemahl und Vater. Serenas edle Züge hatten unter den Jahre hindurch fortgesetzten frommen Übungen einen allzustrengen, ja finsteren Ausdruck angenommen: sie begann: »Herr Sohn, verklage mich beim Vater wenigstens in meiner Gegenwart,« Der Jüngling mit den traurigen Augen schüttelte die dunkeln Locken: »Mutter, ich wagte nur, zu bitten.« – »Aber als das nichts half, da wardst du ...« – »Betrübt. Nicht meinethalben wahrlich.« – »Was ist?« fragte Stilicho ermüdet. »Es ist, daß dein Sohn ein halber Heide ist. Ja, ja! Er verkehrt, er lebt nur mit Künstlern, Kunstforschern, Gelehrten und Poeten: man weiß aber, all' diese Menschen denken mehr an Apollo denn an Christus. Und zumal sein Busenfreund, der junge Claudian, der Versedrechsler! Man sagt, der sei ein ganzer Heide.« – »Jedenfalls ein ganzer Dichter ,« sprach Stilicho ernst, »der größte seit Vergilius.« – »Unser Sohn verdirbt es mit der heiligen Kirche!« – »Die möchte am liebsten mich verderben,« lächelte der Vater bitter. – »Am letzten Sonntag soll sogar schon in der Basilika Sankt Johannis gegen ihn und gegen Claudian gepredigt worden sein.« – »Gegen was und gegen wen predigen sie nicht , diese deine Heiligen auf Erden!« – »Nicht gegen dich, da sei Gott vor,« rief sie erschrocken. »Wir dürfen nicht die Gunst der Heiligen verwirken, nicht der im Himmel, nicht der auf Erden.« – »Unter diesen sind gar sonderbare,« grollte Stilicho. »Aber euer Streit ...?« »Kein Streit, Vater, Ich bat nur die Mutter ...« – »Zurückzuweichen vor dem Zorn seiner heidnischen Freunde und Götzendiener! Ich erfuhr, daß in dem längst – seit Constantius – geschlossenen Tempel der Rhea das Marmorbild der Götzin eine kostbare Halskette trage. Was braucht die Dämonin solchen Schmuck? Ich ließ mir die Cella öffnen, nahm den Schmuck ...« – »Ei nicht doch!« zürnte der Gatte. – »Warte doch mit deiner Schelte! Nicht für mich wahrlich! Es sind herrliche Perlenschnüre. Ich schenkte sie dem Bild der heiligen Jungfrau in ihrer ärmlichen Kapelle jenseit des Tibers. Das erfuhren die Heidenfreunde – und sie toben.« – »Sie toben nicht, Mutter, sie klagen.« – »Wie erfuhren sie's?« forschte Stilicho. – »Ja, wie? Durch Rechtsbruch! Denn immer noch stehlen sich die Götzendiener, kirchlichen und weltlichen Gesetzen trotzend, durch Bestechung der Pförtner in ihre gesperrten Tempel, dort zu opfern. So fanden sie's aus. Keinesfalls darfst du der Heiligen einen Schmuck wieder nehmen, den sie einmal hat. Schwer würde sie zürnen!« Stilicho lächelte: »Ist also wie andere Frauen!« Nun aber furchte er die Brauen: »Ich werde dem Tempel – er ist nur geschlossen, nicht eingezogen – den Wert ersetzen, obwohl ich des Geldes zur Zeit zu ganz anderem dringend bedarf. Übrigens, Eucherius, glaubst du an die Wunder der Göttin Rhea?« – »So wenig, mein Vater, wie an die der Jungfrau Maria.« – »Unseliger!« rief die Mutter und schlug ein Kreuz. Aber Stilicho lächelte schon wieder: »Lassen wir allen Leuten ihren Glauben, Eucherius. Aber auch ihren Unglauben, Frau. – Allein, lieber Sohn, nun wirst du auch deinen Vater anklagen bei deinen Heiden. Ich brauche Gold, viel Gold: mehr noch als für Rom, für Byzanz, dem ich Söldner werde schicken müssen – gegen Freund Alarich. Zum Dank wird mich Rufinus wieder des Hochverrats beschuldigen bei beiden Kaisern. Da hab' ich denn eine kleine Anleihe gemacht bei dem Jupiter des Kapitols: ich habe die schweren Goldplatten der Wände einschmelzen lassen, Hunnen und Alanen damit zu werben.« – »Ich weiß darum, Vater: ich schelte nicht: das Imperium geht allem vor, so lehrtest du mich vom Knaben an. Aber weißt du auch, was sich auf der Rückseite der Platten eingeritzt fand? ›Fluch dem Räuber!‹ Eine Verwünschung hast du auf dich geladen, die uralt ist.« – »Doch nicht,« lachte der Vater. »Der Fluch ist geflucht in den Schriftzügen unserer Tage: nach der Abnahme eingeritzt. Priester sind Priester: man muß sich alle vom Leibe halten.« – »Du lästerst, mein Gemahl! Die Zeit kann kommen, da nur der Christenpriester Gebet dich retten mag.« – »Dann bin ich verloren. – Und nun, vertragt euch. Rom hat Raum für viele Götter nebeneinander.« – »Ja, du läßt sogar deine germanischen Söldner ihren Götzen opfern!« grollte Serena. »Gewiß. Weh dem, der Göttern opfert, an die er nicht glaubt. – Genug! – Komm mit, Eucherius! Nicht immer bei den Büchern! Aufs Pferd! Alanische Reiter find frisch angekommen; Saulus führt sie, ein abenteuernder Haudegen, ein wilder Heide, aber auch ein wilder Reiter. Wir wollen sehen, wie er führt und reitet! Heute hab' ich noch eine freie Stunde: – morgen gilt es wichtige Entscheidung.« V. Er ahnte nicht, wie wichtig sie werden sollte – für beide Reiche: und für ihn. Schon längere Zeit weilte an dem Hof Ataulf, der »apollinische« Vetter Alarichs, als dessen Gesandter: er sollte ein Waffenbündnis herbeiführen zwischen dem Westreich und denjenigen westgotischen Gauen, die sich – locker genug – an jenen baltischen Adeling geschlossen hatten. Denn ein König der Westgoten fehlte seit fast einem Menschenalter, seit das Volk vor den Hunnen über die Donau geflüchtet war. Alarich war nur der freie und ohne Verpflichtung zu dauernder Verbindung gekorene Führer heimatlos gewordener Scharen, die seit jener Flucht im Ostreich eine neue Heimat zu finden vergeblich suchten. Das Unsichere in der Stellung des Goten mußte den besonnenen, nur auf das Wohl des Reichs bedachten Staatsmann zaudern lassen, unter den zahlreichen germanischen Führern, die sich um ein solches Bündnis bewarben, gerade dem Jugendfreund, – so herzlich er ihn liebte, – den Vorzug zu geben; zumal er den ungemessenen Wagemut des Mannes kannte, dessen Sippe nicht umsonst seit grauer Vorzeit den Namen der »Balten«, das heißt der Kühnen, führte. Er fürchtete, sein heldensinniger Freund werde, wenn der Sorge vor dem Westreich enthoben, gar bald die Waffen gegen das Ostreich wenden, dessen reichste Provinzen, dessen üppige Hauptstadt von den gotischen Sitzen in Thrakien leicht zu erreichen waren: Stilicho aber vergaß keinen Augenblick sein Versprechen, das ganze Römerreich – also auch dessen östlichen Teil – vor jeder Gefahr zu schirmen. So hatte er geraume Zeit den ungestüm drängenden Ataulf hingehalten: er erklärte offen, er müsse, bevor er sich entscheide, den Bericht seiner nach Byzanz entsendeten Boten vernehmen, auch der von Kaiser Arcadius angekündeten Gesandten, die mit jenen zugleich unterwegs waren und durch Eilreiter ihr Eintreffen in Mailand – von Ravenna her – für den folgenden Tag angezeigt hatten. Es verlautete, auch neue Gesandte Alarichs hätten sich diesem Zug angeschlossen. Deshalb war Ataulf den Kommenden auf der alten Römerstraße, – der ämilischen – entgegengeritten. Aber wie erstaunte er, als er den Führer der gotischen Gesandtschaft erblickte: Alarich selbst! »Vetter,« rief er freudig, sein Weißroß spornend, »du, du selbst in Italien!« »Ja, ich bin mein eigner Gesandter,« lachte jener und strich die blonden Locken zurück, die wallend unter dem Adlerhelm hervordrängten. »Ich dachte, du habest einstweilen schon losgeschlagen da drüben.« »Wird wohl bald klirren! Wirst zufrieden sein. Erst aber muß ich diesen unsern Freund – den unbegreiflich Eigensinnigen! – gewonnen haben.« »Wird dir schwer werden. Seit Wochen quäle ich mich mit ihm. Er hält dich für zu schwach.« »So? Nun, da kann ich ihn jetzt beruhigen! Aber schweige: da haben uns die neugierigen byzantinischen Leisetreter eingeholt. Vorwärts, Vetter. Lassen wir die Rößlein springen. Folgt mir, meine Goten! Großem Geschick reitet ihr entgegen.« Und sausend sprengte der kleine Zug in die östliche Vorstadt von Mailand, VI. Alsbald hatte Stilicho, unter Genehmigung des Imperators, eine Versammlung des kaiserlichen Rates berufen in den prunkvollen, mit Edelsteinen, Edelmetallen und Mosaiken an der niedrig gewölbten Decke, den dicken Säulen und den marmorgetäfelten Wänden überladen geschmückten Empfangsaal, hier die Gesandten zu vernehmen. Honorius ließ sich – im letzten Augenblick– entschuldigen: sein ihn soeben wieder wie fast immer quälender Kopfschmerz verstatte keinerlei Anstrengung: er werde sich mit seiner Schwester in der Sänfte in den Hühnerhof des Palatiums tragen lassen und dort seine Lieblinge füttern; er sei im voraus mit allen Entscheidungen des Magister militum einverstanden. Der furchte die Stirn: »Es handelt sich um Byzanz und Rom und er füttert das Geflügel!« Er befahl, den Purpurthron zu verhängen und setzte sich auf dessen oberste Stufe nieder. Er hatte angeordnet, erst seine eignen zurückgekehrten Boten allein eintreten zu lassen, den schlauen Alanen Goar, den Bruder des Saulus, und den Senator Ämilius, einen ihm treu ergebenen Jugendfreund: aus ihrem Bericht wollte er den Maßstab gewinnen, die Aussagen der Byzantiner, die Forderungen der Goten richtig zu würdigen: aber es kam anders. – Sobald die Ostiarii, die von Gold an ihren langen Gewändern starrenden Türhüter, das breite Haupttor des Saales öffneten, jene beiden einzulassen, wurden sie samt den Hereinzuführenden zur Seite geschoben und über die Schwelle drängte, gefolgt von Ataulf, des Balten hochragende Gestalt. Er eilte mit raschen Schritten auf den Thron zu und hatte Stilicho in die Arme geschlossen, bevor der erstaunt sich Erhebende ihn recht erkannt hatte. »Stilicho! Alter Genoß! Ah, dich wieder sehn ist allein schon die lange Reise wert!« – »Alarich! Du selbst hier! Also – Gott sei Dank! – Kein Krieg mit Byzanz!« – »Sage: noch kein Krieg!« lachte der Gote, »'s ist richtiger. Ob Krieg sein wird oder nicht, – du hast es zu entscheiden.« Er trat zurück und rief den jetzt erst, beleidigt, eintretenden Byzantinern und Römern zu: »Kommt nun nur auch herein, vielfromme, vielgelehrte, vielkluge Herren, Verzeiht mein Ungestüm: aber ich habe ihn so lang nicht gesehn, diesen lieben Barbarenverderber! Was ihr zu sagen habt, könnt ihr ohne Scheu auch vor mir sagen, wenn's wahr sein sollte: wenn nicht, bleibt's besser ungesagt. Und ich? Hei, ich habe keine Geheimnisse vor euch! Ihr wißt längst, was ich will! Und daß dich, Freund, die großen Staatsmänner von Byzanz nicht täuschen, – vielgeübte Meister sind sie dieser ihrer Hauptstaatskunst! – dafür sorgt dein treuer Alarich besser als deine eignen Kundschafter.« Den Geärgerten blieb nichts übrig, als sich zu fügen, da Stilicho, den offenbar das Wiedersehn ebenfalls erfreute, keine Anstalt machte, den kecken Streich rückgängig zu machen. Vielmehr winkte er den Ostiarii einer Seitentür, durch welche nun die draußen harrenden Palasträte, die Consiliarii sancti consistorii, eintraten. Sie nahmen auf den mit kostbaren persischen Teppichen belegten Marmorbänken im Halbkreis gegenüber dem Throne Platz. »Sprecht ihr zuerst, Gesandte des Imperators des Ostreichs. Sagt an, was begehrt Byzanz von der älteren Schwester Roma? Und aus welchen Gründen des Rechts oder der Not? Meine eignen Boten mögen widersprechen, aus eigner Anschauung – wenn ihr etwa – aus Versehen! – euch ... täuschen solltet,« Der Älteste der Byzantiner, der Protonotarius Archelaos, neigte sich und begann: »Recht und Not! Treffend, o Magister militum, nennst du beide: denn ein Recht auf Hilfe hat eine Schwester gegenüber der andern. Und die Not? Sie ist wahrlich groß! Das wird auch er bezeugen, – er kann's am besten! – der sie schafft: dieser Häuptling der Barbaren.« »Ja,« lachte Alarich behaglich vor sich hin, beide Hände auf den Griff des Langschwerts stützend, »es geht ihnen, wie dem aufgetauten Strom, mit Grundeis: kein Rat und keine Hilfe!« – »Aber sie haben's selbst verschuldet,« meinte Ataulf. »Dagegen ruf' ich die Heiligen zu Zeugen,« sprach der zweite Byzantiner, der Bischof Christophoros von Nikomedia. »Ja, es ist freilich wahr, wir hatten den Horden dieses Häuptlings, um sie zur Abwehr anderer Barbaren zu gewinnen, Wohnsitze in Thrakien angewiesen und Geldzahlungen und Getreidelieferungen versprochen...« »Aber die Wohnsitze,« grollte der Balte, »erwiesen sich als um die Hälfte zu schmal, die Geldzahlungen blieben ganz aus und ebenso das Getreide. Beim Schwerte Gottes! Wir würden das Korn, das wir brauchen, wahrlich lieber selber bauen als geliefert erhalten: – oder vielmehr nicht geliefert erhalten! – aber auf dem schlechten Boden wächst nicht, was unsere stets überquellende Volkszahl braucht. Wir hungern! Warum habt ihr nicht Wort gehalten?« »Geldmangel,« sprach achselzuckend der Protonotar, – »Mißernte,« entschuldigte kopfnickend der Bischof. »Und dabei wahnsinnige Vergeudung in Byzanz!« rief Ataulf. – »Ja! Jede Woche, jeden Tag! Bei den Festen, zu denen sie die Frechheit hatten, mich selbst einzuladen. Soll mein Volk verhungern, indes Byzanz in Schlemmerei versinkt? Nein, bei meinem Schwert! Und deshalb hab' ich, Freund Stilicho, zwar noch immer nicht den Waffenschrei gerufen wider den wortbrüchigen Imperator: aber die Zufuhr – zu Lande wenigstens! – hab' ich ihm abgesperrt: sie sollen's lernen dort im ,Goldnen Haus', wie der Mangel drückt. Und wird meinem Volke nicht sein Recht, so ziehen meine Tausendschaften zugleich gegen Byzanz und Athen. Dies Unheil abzuwenden, ruf' ich dich an, Stilicho, den gerechten Mann: mahne Arcadius, sein Wort zu halten und, weigert er sich wider alles Recht, so zwing' ihn dazu im Bunde mit mir. Sprich, willst du dem Rechte helfen, Stilicho?« schloß er ungestüm. Aber der schüttelte bedächtig das Haupt: »Meine Boten, Goar, und du, Ämilius, gründlicher Rechtskenner, was sagt ihr dazu?« – Der Senator erwiderte: »Alles ist, wie der Gote behauptet: sein Recht ist verletzt: er klagt mit Fug.« Nun trat, in seinem Panzer von Hornringen, der Alane vor, den die gelbe Haut und die plattgedrückte Stumpfnase als Mongolen kennzeichneten: er rief: »Mag sein! Versteh' nichts von Recht und Unrecht. Aber Byzanz ist schwer bedrängt, braucht dringend Hilfe: oder die Stadt fällt: fällt durch Hunger in dieser Germanen Hand.« »Da sei Gott vor,« sprach Stilicho. »Gott, und die ewige Roma! – Freund Alarich, du hast's gewollt, – du selbst! – daß wir hier vor den Gesandten von Byzanz verhandeln: du hast das eigenmächtig herbeigezwungen: – trage nun die Folgen! Denn laut sag' ich dir hier vor ihnen: du magst im Rechte sein, ich glaub' es. Aber bin ich Richter über den Sohn des großen Theodosius? Das sei fern. Niemals hoffe, daß ich die Legionen der alten Roma gegen die neue führe! Das wäre Selbstmord, wäre Zerstörung des Werkes der Cäsaren von Konstantin bis Theodosius, wäre ...« Bruch meines Wortes wollte er sagen: aber er brach ab, das Geheimnis wahrend. »Arcadius wird dir danken!« rief der Protonotar. – »Schlimm wär's, tät ich's um diesen Dank! Ich kenne Rufinus.« – »Der Herr wird dir lohnen im Jenseits,« beteuerte der Bischof. – »Weh' dem, der nur um Himmelslohn seine Pflicht auf Erden tut.« – »Und nebenbei ist's das Schlauste,« lachte der Alane. »Mag für den Augenblick Byzanz ein wenig fasten müssen, – es ist feist, kann lange wie der Dachs im Winterschlaf von seinem Fette zehren. Bald ist die Not vorbei, fahren seine Getreideschiffe ein. Und was vermag überhaupt auf die Dauer gegen das Ostreich, das von der Donau bis nach Persien reicht, ein Häuptling weniger Horden blonder Germanen, die auseinander leichter und lieber laufen als zusammen? Byzanz hat viele Völker, viele Könige bezwungen: – was ist dieser Balte?« Da trat Alarich vor gegen ihn: ganz ruhig, verhalten, keine Waffe, kein Rüstzeug an ihm klirrte: »Das will ich dir sagen, Soldknecht,« sprach er langsam. »Vor dir steht der König des Volkes der Westgoten.« Da ging gewaltige Erregung durch die Versammelten: Überraschung, Schreck, Entsetzen. Auch Stilicho sprang staunend auf, »Nicht wahr, welch ein Wort?« jubelte Ataulf. »Ja, Freund Stilicho, ich sehe, du kannst es würdigen. Ich, – ich ward von der Tat überrascht wie ihr von dem Wort. Ich hatt' es längst als notwendig erkannt, sollten wir nicht untergehn, seit Jahrzehnten in mehr als zwanzig Splitter unseres Volks gespalten. Aber nicht an mich dacht' ich, bei Gottes Schwert. Ich hätte manchen mir vorgezogen, Vetter Ataulf, Vetter Sarus etwa. Aber eines Tages, plötzlich, nachdem mein Vorschlag, Byzanz abzusperren, gut geheißen war im Lager, da erbrausten viele tausend Stimmen auf einmal: ›Heil Alarich, dem König der Westgoten‹. Und bevor ich wußte, wie mir geschah, hatten sie mich auf einen breiten Schild gehoben und trugen mich, ›Heil!‹ jauchzend, durch die Gassen der Zelthütten. Ich konnte nicht widersprechen: wie ein Sturm riß es mich wie alle fort. Und hätt' ich's gekonnt, – ich hätt' es nicht getan. Denn längst hatt' ich's eingesehn: was uns fehlte all' die vielen Jahre, das war ein Haupt, ein einziges, unseres Volkes. Ein Haupt, das den Ränken der beiden Kaiserreiche – ja, Freund Stilicho, der beiden! – aufmerksam folgen, sie abwehren konnte in Frieden und Krieg. All' unsere Siege hatten uns später – im Frieden – nichts genützt: so wie wir den Speer aus der Hand legten, drohte der Hunger. Denn sie gaben uns kein Ackerland, keine eigene Scholle, kein Vaterland! Das müssen wir haben, oder untergehn: das heißt aufgehn in Byzantinern und Römern.« »Und wäre das ein Unglück, Alarich?« Mit dieser ganz ruhig, bedachtsam gesprochenen Frage unterbrach Stilicho den Begeisterten. Der fuhr auf: »Wa ...? Wie? Was? Du sprichst zum König der Westgoten, zum Haupte eines Volkes! Du Armer, armer Herr der halben Welt! Du freilich hast kein Volk. Wie kannst du leben?« »Ich lebe für das Römerreich. Und damit auch für alle Germanen, die nicht dem Wahnwitz verfallen sind, jemals dies Reich zerstören, ersetzen zu wollen. Aber genug davon heute und hier. Mir ist, die Stunde kommt, da wir diesen Streit mit Stärkerem als mit Worten entscheiden. – Also König! – Das ändert deine Macht, nicht meine Pflicht. Niemals kämpfe ich gegen den Sohn des Theodosius. Höre mein letztes Wort: ziehe deine Scharen zurück, die Byzanz bedrohen: dann will ich versuchen, Arcadius zu bewegen, deine Wünsche zu erfüllen.« »Und weigert er sich, wirst du ihn dann mit mir zusammen zwingen? O Stilicho, wir beide Schild an Schild, – Wer auf Erden kann uns widerstehen?« – »Die Pflicht: sie ist mächtiger als alles,« – »Also ich soll weichen: und hilft das nicht, hilfst du mir auch nicht? Und weiche ich nicht und ziehe auf die Stadt der Lüge und fasse sie an der Kehle, dann...?« – »Führe ich mein Heer und meine Flotte zum Entsatz, das heißt: des Imperators Honorius Heer und Flotte,« verbesserte er rasch: er hatte Heraclian und Carinus, jetzt vornehme Heerführer, und Beamte, einverstandne Blicke tauschen sehen. Aber Alarich fuhr fort: »Also Krieg! Denn ich kann nicht zurück. Mein Volk! Es darbt. Krieg zwischen uns, alter Waffengenoß! O Stilicho, das sollte nicht sein! Bist du denn ganz – und nur! – Römer? Weh um dich! Auf Wiedersehen denn auf dem Feld der Schlacht!« Und er wandte sich und stürmte hinaus. VII. Ataulf, der ihm auf dem Fuße gefolgt war, hielt ihn draußen am Mantel fest: »warte noch!« flüsterte er. »Nicht Stilicho doch ist Imperator: der heißt Honorius, Und seine Schwester, die Vielschöne, die heißt Placidia! Und sie, die Herrliche, beschied mich geheim in ihr Gemach sobald die Versammlung zu Ende sei. Dort – hinter der Säule, siehst du! – wartet ihre Sklavin. Ich folge ihr. Mir eilt's. Sie ist zauberschön und ...« »Ein Rätsel! Weiß Gott, was die eigentlich will. Vielleicht weiß sie's selbst nicht. Hüte dich, Vetter! Und komm bald. Ich rüste zum Heimritt.« Die Kaiserschwester bewohnte mit ihrem zahlreichen Hofstaat von Hausbeamten, Freigelassenen und unfreien Dienern und Dienerinnen den ganzen Ostflügel des Palastes, dessen drei Bauseiten gegen Osten, Westen und Norden Türen und Fenster öffneten, aber nicht – der Hitze wegen – gegen Süden, wo sich breite Hofräume anschlossen und darüber hinaus schattige Gärten. Pracht und Prunk herrschten überall: aber am üppigsten in einem kleinen Gemach des Frauen-Baus, das zwischen dem großen Empfangsaal und dem Schlafzimmer lag. Es hatte außer der breiten Doppeltür jener Saal zwei geheime schmale Pforten, eingelassen in die Wände aus dem kostbaren numidischen Marmor, dessen tief dunkles Rot, zusammenwirkend mit dem undurchsichtigen Marienglas des einzigen schmalen Rundbogenfensters zwischen dicken byzantinischen Säulen, gar wenig Licht aufkommen ließ in dem niedrig gewölbten Gelaß, in dem die hoch auf dem Mosaik-Estrich gehäuften syrischen Teppiche jeden Schall dämpften, jedes Wort wie geflüstert vernehmen ließen. Vor dem über Leibeshöhe ragenden schmalen Spiegel aus geglättetem spanischem Silber glimmte Tag wie Nacht Licht in einer goldbraunen Bernstein-Ampel, die im Verbrennen des Dochtes Duft, allzustarken Duft, ausströmte: die Herrin war's gewöhnt: aber ihre Besucher überkam dabei traumhafte, süße, berauschende Betäubung. Das ansehnlichste Gerät in dem ziemlich leeren Gemach war ein nur wenig vom Boden erhöhtes Ruhebett: schwer golden das Gestell mit seinen Löwenpranken nachgebildeten vier Füßen: Seide, kostbarste, serische, gelbe die Kissen, gefüllt mit dem weichen Brustflaum der Wildgans aus Germanien, dunkelpurpurn die goldgefranste Decke; über dem Kopfende ragte ein Elfenbeingestell mit wallenden Flamingo-Federn vom Nil, deren unablässiges Neigen und Nicken die Arbeit der Fächersklavin ersparte. In dieses Gemach trat nun aus dem Schlafzimmer, wo sie die Gartengewandung mit dem Abendkleid vertauscht hatte, durch die enge Geheimtür Placidia, und ließ den herrlichen Leib langsam auf die Kline gleiten: sie wandte das Antlitz dem Spiegel zu und stützte das Haupt auf die Hand. Sie seufzte schwer, »Ah, unerträglich! Dies Leben ist lebender Tod. Drei Stunden Honorius, Honorius ! Seine Leerheit und – noch ärger! – seine ekle Zärtlichkeit. Stilicho hat recht: schon merken's die Leute. Neulich meinte mein Beichtvater, der heilige Vater könne – für viele Gebete und noch mehr Solidi – auch Bruder und Schwester entbinden von ...! Und Ehe sei ja gar nicht nötig, wenn nur die Schwester gehorsam die Zärtlichkeit des kaiserlichen Bruders dulde. Der Niederträchtige! Nie kommt er wieder in meine Nähe! Nein, Priester! Wehe dem Weibe, das sich gibt, wenn es nicht muß – aus Hunger des Herzens.« – Sie hielt inne und seufzte. Dann fuhr sie fort: »Kann es kommen, daß es muß? Was mir die ›Freundinnen‹ – aber ich habe nicht eine , einsam bin ich, wie auf öder Insel verbannt! – was mir die beneidenswerten Törinnen erzählen von Venus, die rasen mache, so daß sie – wie die Nachtmotten ins Licht – sich ins Verderben stürzen müssen – in Schmach, Elend, Tod, – ah, es mag herrlich sein, so zu erglühen. Aber ach ich Arme! Ich werde es nie erleben. – – Schönheit, Mannesschönheit? Je nun, der Schönste, den ich jemals sah, ist jener goldblonde Gote. Oft muß ich sein gedenken, ... recht oft. Aber ist das Liebe? Mein Bruder sagt: ›deine Leidenschaft heißt Herrschen, nicht Lieben. Nicht nach dem Brautschleier, nach einer Krone verlangt dein Haupt.‹ Wenig weiß der Schwächling, wie wahr er spricht. Seit jene alte ägyptische Sibylle – eine Zauberin wohl! – in meiner Hand gelesen: ›Kaisertochter, Kaiserschwester, dir wird nur wohl als Kaiserin‹, – seitdem hat dieses Wort wie ein Zauberspruch all' mein Gehirn erfüllt: – ach, ich fürchte, mit Gift erfüllt – und wohl auch den Ort wo andern Mädchen das Herz schlägt. – Kaiserin! Aber die eigenen Brüder versperren mir – beide! – den Thron von Rom und den von Byzanz. Hm! Müssen denn gerade meine Brüder Kaiser sein hüben und drüben? Ohnmächtige Knaben sind sie beide! Wie viele Imperatoren sind durch Gegen-Imperatoren, durch meuternde Feldherren ersetzt worden! Sollten,« lachte sie vor sich hin »Arcadius und Honorius wirklich unersetzlich sein für das Wohl des Cäsarischen Reiches? Diesem läßt man seine Hühner, jenem seine noch dümmeren Goldfische und sie sind zufrieden. Sollte denn unter diesen ränkereichen Römern, unter diesen kühnen Germanen nicht ein Mann Mut und Lust haben, einen dieser Papyros-Throne umzublasen mit einem Hauch und – außer dem Kaiserdiadem – zu gewinnen das schönste Weib der Erde –? Wie sie alle sagen. Ja,« lächelte sie in den Spiegel, sich ein wenig aufrichtend, »du bist wirklich schön, Placidia.« Und sie strich das üppige Haar unter die Stirnbinde zurück, die weißen Schläfe, das zierliche kleine Ohr frei machend. »Aber ach, für wen bin ich schön? Nur für den toten Spiegel. Nicht für einen geliebten Mann. Wenn er dann auch nicht Kaiser oder König wäre! Pfui, Placidia, auf welchen Gedanken ertappe ich dich? Liebe statt Herrschaft? Nein, nein, nein.« – Über ein kleines fuhr sie fort: »Da rühmen sie so laut meine neu vermählte Schwägerin, des Herrn Bruders in Byzanz Gemahlin, eine Barbarin, ein fränkisch Weib aus Gallien, sagt man, mit roten Haaren! Pfui! welch Unglück, rothaarig zu sein! Aber doch! Wie ich sie beneide! Schön und – Kaiserin! Eine Barbarin! Und ich, des großen Theodosius Tochter, darf Hühner füttern. Freilich: nur des Arcadius Kaiserin: lieber tot! – Nein, da lob' ich mir doch vor allen Männern – ihn ! (Schon wieder: er !) Er soll mir sagen, wer schöner ist: ich oder jene? Aber mir ist nicht bang darum: er liebt mich tief. Aber auch er denkt nicht daran, sich selbst den Purpur umzuwerfen. Muß ich wählen zwischen dem Diadem und ihm? – Oder Eucherius, der Verträumte? Auch er liebt mich. Könnte nicht Stilicho den Sohn auf den Thron in Byzanz erheben? Und dann Placidia in der goldenen Stadt herrschen, viel herrlicher als in dem verfallenden Rom, dem sumpfigen Ravenna, diesem flachen Mailand. Und die rothaarige Barbarin? Bah, die schickt man zurück in die Wälder des Rheins. Also Krieg zwischen Arcadius und Eucherius? Und wenn der Pflichtengel Stilicho nicht will? Ei, dann bleibt mir mein schöner Gote. Der lärmt wohl ohnehin bald mit seinen Waffen vor den Toren des Arcadius! Ei ja, welch ein stattlicher Imperator des Orients! Er wäre mir der aller-allerliebste Herrscher und – Gemahl. Mit den andern Namen spielen nur meine Gedanken, sie segeln irr umher, um stets bei ihm zu landen: an ihn allein denk' ich im geheimen. Und wag' ich doch dies Haupt bei so kühnem Spiel um das Diadem, dann will ich ihn dabei gewinnen ... O du Törin! Hüte dich, ihm in die Arme zu springen – auch ohne Diadem. ›Königin der Schönheit‹ hat er mich genannt: ›stets gehst du deshalb unter Krone!‹ Das war hübsch! Ist er doch auch an Geist und Seele schön. Oh, ich denke schon wieder an ihn. Horch, leise knirscht es in der Marmorwand: ich erschrecke: und ich weiß doch: er ist es!« VIII. Von der Begleiterin, die außen stehen blieb, durch die schmale Pforte hereingeschoben, sah sich der Germane erstaunt um in dem Gemach, das er noch nie hatte betreten dürfen. Das Dämmerdunkel, der starke Duft des süßlichen Rauchwerks – Myrrhen und Bernsteinstaub – die stille Abgeschlossenheit, die Lautlosigkeit wirkten drückend, bewältigend. Und nun erst der Anblick des herrlichen Weibes auf dem Pfühl! Ohne sich zu regen wandte sie nur langsam leise das Haupt auf dem Kissen ihm zu: dabei löste sich das schmale goldene Stirnband und die Flut des schwarzen Gelocks wallte auf die weißen Schultern, die blendenden und vollen Arme, als sie lächelnd flüsterte: »Endlich!« Heiß schoß ihm das Blut zu Herzen. Er trat rasch an das Ruhelager heran, kniete nieder, hob den goldnen Reif, der auf den Teppich geglitten war, und reichte ihn dar. Aber sie schüttelte das Haupt, daß das dunkle Gewoge noch freier flutete: »behalt' es, Freund! Zum Gedächtnis dieser Stunde.« »O Placidia, es ist ein Diadem! Das ziemt mir nicht!« »Auch nicht, wenn ich es dir verleihe? – Steh' auf! Nein, nicht mich berühren. Tritt zurück – gleich! Sonst ruft,« lächelte sie, »ein Druck auf diesen Knopf von Topas alle Wachen des Palastes zum Schutz der armen Kaiserschwester wider den Barbaren!« »Du rufst und stößest zurück! Du scheinst viel zu geben und versagst alles. Der letzte Sklave, der deine Sänfte trägt, darf beim Einsteigen den Druck deines Armes auf seiner Schulter fühlen und ich ...« – »Ja,« lachte sie, »der Sklave ist mein. Du aber bist ein freier Gote, ein Edeling: ich habe kein Recht an dir, keine Macht über dich.« – »Keine Macht über mich! Und mir vergehn bei deinem Anblick Denken und Sinnen.« – »Ei, wenn das wahr wäre? Wirklich? So zeig' es durch die Tat. Du kommst aus der Versammlung: dort hat dein Vetter verkündet – seine Königschaft. Du staunst? Woher ich's weiß? Ei nun, der Vertraute, den Honorius beauftragt hatte, ihm alles gleich zu verkünden, hat doch den Umweg vorgezogen, der durch dies Gemach führt: vor dem Imperator erfährt gar vieles des Imperators Schwester. – Aber mir tat die Nachricht weh.« »Dir? Warum? Was hast du gegen meinen Vetter?« – »Nichts – als daß er nicht du ist.« – »Wie? Versteh ' ich recht?« – »Ist doch leicht zu verstehen!« Sie richtete sich jetzt ein wenig auf: »Ich vermisse längst eins – nur eins! – an diesem schönen Haupt.« – »Was?« – »Die Krone, die ihm gebührt.« – »Placidia!« – »Nun wählen diese blonden Toren endlich einen König – und wählen den Falschen! Lassen den gebornen König stehn!« »Alarich ist drei Jahre älter und ohne Zweifel der klügste Kopf wie der größte Held unsres Volkes.« Sie zuckte die Achseln: »aber dein Kopf gefällt mir besser! Du bist ... doch wozu dir wiederholen, was dir schon allzuviele Weiber gesagt haben? Übrigens gibt es noch Höheres als den schlichten Reif eines Germanenkönigs!« Sie schwieg eine Weile und sah zur Erde: dann schlug sie die dunkelblauen Augen weit auf: »also jetzt gibt es Krieg mit Byzanz?« »Ja, dank Alarich und dem Himmel. Und diesmal soll er Ernst verspüren, der Jammerkaiser ... vergib, er ist dein ... –« »Bitte, tu' dir keinen Zwang an. Ich verachte ihn tiefer, denn ich kenne ihn besser als du. Wo wird der Krieg enden?« – »Hoffentlich in dem Saal, in dem – bisher! sein Thron stand!« Nun setzte sie sich aufrecht: »und dieser leere Thron, – was wirst du damit anfangen?« »Ich meine,« lächelte er, »ich werf' ihn ins Meer.« »Nein!« rief sie und stand auf: sie reichte ihm bis an die Stirn: »Besteigen sollst du ihn! Und dies goldne Ding da setze auf: es ist ein Kaiserdiadem: – und dann, Imperator des Orients, denke daran, wer dir jene Krone gab und – diesen Gedanken!« Und bevor der Staunende sich selbst wieder gefunden, rauschte die hohe Gestalt an ihm vorbei: sie war durch die geheime Tür des Schlafgemachs verschwunden: laut hörte er drinnen einen Riegel vorschieben. Er sah ihr nach wie betäubt, dann auf das Diadem in seiner Hand: nun faßte er betroffen an die heiß erglühende Stirn, und stürmte dann hinaus in den Empfangsaal: »zu Alarich!« rief er. Zweites Buch. I. Eine Zeitlang hatte es nun den Anschein, als sollte der Thron des Arcadius in der Tat leer werden für einen kühneren Beschreiter. – Alarich und Ataulf, aus Italien zurückgekehrt, hatten sofort ihre Tausendschaften von Griechenland in Eilmärschen auf die große alte Straße nach Nordosten gen Byzanz geführt und die unfähigen Feldherren, die ihnen den Weg versperren wollten, zurückgeworfen: die Bahn nach der ungenügend besetzten, ausgedehnten Hauptstadt war frei. Aber plötzlich sahen sie sich zugleich von vorn und von der rechten östlichen Flanke, von der Meerseite her, bedroht – von Stilicho. Dieser hatte seine zahlreichen Schiffe geteilt, die Hälfte seiner Mannschaften auf der Straße selbst, in einer Linie mit der Küste, zwischen der Spitze des Gotenheeres und Byzanz, die andere in des Königs vorüberziehender Flanke gelandet und beide Bedrohungen mit so überlegener – römischer – Feldherrnschaft verwertet, daß den Goten nur der Rückzug nach Südwesten übrig blieb. Es kam fast gar nicht zum Gefecht. Der König war aufs schwerste gehemmt in seinen Bewegungen durch den ungeheuren Troß, den er mit sich führte: Weiber, Kinder, Greise, Kranke, unfreie Knechte und Mägde, kopfreiche Herden, Zelte, diese auf vielen mit je acht Rindern bespannten breiten Wagen und Karren, welche dazu die Fahrhabe des Wandervolkes bargen. Er konnte, wollte diese Wehrlosen, welche die Zahl seiner Krieger ganz gewaltig überstiegen, nicht den Folgen einer Niederlage: – Vernichtung ober Verknechtung – aussetzen. Nur Ataulf, der schon vor Stilichos Landung unaufhaltsam vorwärts gedrängt hatte – »ich muß Arcadius auf seinem Thron etwas bestellen von seiner schönen Schwester!« hatte er auf des Königs staunende Frage mit Lachen geantwortet – wollte auch jetzt noch um jeden Preis den Durchbruch nach Byzanz erkämpfen. Kaum hatte er den heiß erbetnen Befehl über die Nachhut des weichenden Volksheeres erhalten, als er sofort, anstatt dem Troßzug deckend zu folgen, seine Reiter Kehrt machen ließ und in rasendem Anlauf die Vorhut der verfolgenden Kaiserlichen anfiel. Übel kam er an: es waren in fünffacher Übermacht die erlesensten Geschwader Stilichos, lauter Germanen, geführt von Sarus, aus einem andern Zweig des Baltengeschlechts, der dem um zehn Jahre jüngeren Vetter bei dessen Erhebung auf den Königschild den Tod geschworen hatte. Dazu kamen die zahlreichen, im vieljährigen Dienst für die Römer erprobten Alanen auf ihren kleinen zottigen, höchst ausdauernden Mongolen-Gäulen unter ihrem Häuptling Saul. Ataulf brach den hoffnungslosen Kampf nicht ab, solang er das Schwert führen konnte: und als Saul seine rechte Schulter getroffen, nahm er das Schwert in die Linke, mit der Rechten den Zügel haltend. Erst als ein grimmer Streitaxthieb des Sarus ihm durch den zerschrotenen Helm ziemlich tief in den Schädel gedrungen war, mußte er es geschehen lassen, daß die Gefolgen den Weißhengst herumrissen und mit dem Wunden zurückjagten. Das war fast der einzige Zusammenstoß der Heere. Sehr geschickt führte der König quer durch ganz Griechenland, immer nach Südwesten zurückweichend, seine unbehilflich schwerfälligen Massen stets dicht vor der drohenden Umklafterung davon. Wortreich war der Dank des geretteten Imperators in Byzanz! Und nicht nur in Worten bestand er, – auch in allerlei Zeichen, die nach viel aussahen und wenig kosteten. So sandte ihm Arcadius sein Mosaikbild, verlieh ihm den Titel »Patricius« und versprach ihm ein Reiterstandbild vor dem Haupttor des Palatiums. Ja, die Gesandten stellten den baldigen Besuch des Kaisers im Lager in Aussicht: er wolle seinem Befreier mündlich danken. Aber die ihm entgegengesandten Ehrenwachen kehrten mit der Meldung zurück, der kaiserliche Zug sei auf der Heerstraße nicht zu sehen. II. Stilicho saß allein in seinem Zelt, bei dem flackernden Licht einer Pechfackel über die Straßenkarte von Thessalien gebeugt, wohin die Goten zurückgewichen waren. In Nachsinnen und Berechnungen vertieft, achtete er kaum darauf daß vor seinem Zelt mehrere ihm fremde Stimmen vernehmbar wurden, aber auch die seiner – germanischen – Zeltwächter. Plötzlich ward der Zeltvorhang aufgeschlagen und vor ihn trat ein wunderschönes, ja unheimlich schönes Weib: im Schein der Fackel schien ihr rotes Haar wie Feuer zu flammen. Hoch aufgerichtet, schweigend stand sie vor ihm. Er sprang auf und neigte sich tief: »Imperatrix Eudoxia! Nie noch hab' ich, Basilissa, dein Antlitz geschaut: aber du bist es.« »Richtig geraten, Held Stilicho,« lächelte sie und ließ sich auf einen Feldstuhl gleiten, den dunkeln Mantel abwerfend: das weißseidene Untergewand umflutete nun in langen Falten die schlanke Gestalt. »Der Imperator, mein hoher Herr und Gemahl, ist – wie gewöhnlich – krank. Oder doch – wie immer! – schwach. So hab' ich es an seiner Statt übernommen, dir zu danken: nimm den Dank Eudoxias dazu, Retter und Befreier.« Und sie reichte ihm über den Tisch hinüber die Hand, die grauen Augen tief in die seinen senkend. »Ich tat nur meine Pflicht.« – »Aber du hattest die Kraft , sie zu tun. Du hast überhaupt Kraft – nein,« verbesserte sie langsam, ihn genau musternd, – »du bist Kraft. Mein hoher Gemahl und Herr, – er sollte doch seine Heere führen, – heißt er doch vom ›Imperium‹ – er sollte ihnen vorfechten im Speerkampf: du weißt, ich bin eine Germanin: das königliche Blut der Merowingen stürmt in diesen Adern. Wohlan: bei uns ist der kein Herrscher, der kein Held. Mein hoher Herr und Gemahl aber ist immer – müd'. Nicht er hat, du hast mich vor Schmach gerettet. Dank, Held Stilicho.« Und ihr Auge nahm durstig sein männlich schönes, ernstes Bild in sich auf. »Wie kamst du ...? Ich hörte nur wenig – und fast Unglaubliches von dir, Basilissa.« »Wie ich, die Barbarin, auf den Thron der Cäsaren kam?« fragte sie lachend, »Ja, 's ist seltsam. Hei, um dieser roten Haare willen. Das Königskind war früh als Geisel in die goldne Stadt gebracht: ach, ihm war sie nicht golden. Finstre Weiber, in grau und schwarz gewandet, in einem weihrauchdufterfüllten finstern Gewölbe rissen mir Frikk und Berahta aus der Seele: das konnten sie: aber ihre blutigen Märtyrer konnten sie mir nicht einpflanzen. So glaubte und glaub' ich an – nichts! So wuchs ich heran. Rufinus – du kennst ihn?« Stilicho nickte stumm. »Rufinus, der bisher meinen hohen Gemahl und Herrn beherrscht hatte, wollte ihm seine Tochter vermählen: Arcadius tat alles, was der wollte: er hätte auch das getan! Aber des Rufinus Nebenbuhler, der Obereunuch ...« – »Eutropius.« – »Entdeckte mich in meinem Klosterkerker, verpflanzte mich in sein Haus, nächst dem Palast und, kam Arcadius vorüber, mußte ich mich in der offenen Säulenhalle zeigen: mein Feuerhaar gefiel ihm. Und als Rufinus den kaiserlichen Hochzeitzug aus dem Palast anführte, die Tochter aus dem Vaterhaus – an der Ecke der Straße – abzuholen, siehe, da machte der Imperator drei Türen vor diesem Eckhause – vor meiner Säulenhalle – Halt, stieg aus der Sänfte, trat ein und führte mich als Braut in seinen Palast.« »Das ist wie eine Dichtung Ovids! Oder Claudians!« »Ach, ich mußte gleich beim Eintritt in das Kaiserhaus meinen schönen Namen ›Hildgundis‹ mit dem fremden Eudoxia vertauschen. Das war das erste Bittere. Und seither nichts als Bitteres. Nächte, Tage, Monde, Jahre – nichts als Bitteres, als Ekel. Ekel an ... anderen. Und zuletzt – an mir selbst.« Das schöne Weib legte beide Arme auf den Tisch und drückte das Antlitz auf die verschlungenen Hände. Mitleidvoll betrachtete er sie eine Zeitlang: dann sprach er: »Imperatrix! Bedenke, wieviel Gutes kannst du tun.« »Ich hab's versucht,« fuhr sie, sich aufrichtend, fort: »scheffelweise habe ich das Gold den Armen gespendet: – die Verwalter haben's unterschlagen! – Auch den Kirchen – denen ich nicht glaube –: die Bischöfe haben's vergeudet. Ah, es hilft alles nicht. Hier, in diesem heißen Herzen ist's leer. Oder übersiedend voll? Ich weiß es nicht! Aber es tut sehr weh.« – »Arme, schöne Frau.« – Sie sprang auf: »Schön?« »Du nennst mich schön? Du ein Mann, ein Held! Oh, das tat wohl! Das ist mehr als alle Schmeichelei der Höflinge, mehr als ganz Byzanz und seine Krone. Wahrlich du bist ein Mann. Du bist ... Laß mich jetzt scheiden! Es ist wohl besser. Sie haben mein Prunkzelt mitgeschleppt: darin werd' ich liegen. Liegen –, nicht schlafen. Nur vielleicht träumen? Auf morgen Stilicho!« III. Gar früh am andern Tag ward der Feldherr in das Zelt der Basilissa gerufen: er fand sie reisefertig. Bei seinem Eintreten sprang sie auf, schritt ihm rasch entgegen, faßte des Überraschten beide Hände: »Mein Traum von heute Nacht hat sich – zur ersten Hälfte – schon erfüllt: die zweite steht noch aus: wird sie sich, – wirst du sie erfüllen?« – »Ich verstehe nicht, Herrin.« – »Du hast seit gestern Abend keinen Boten aus Byzanz gesprochen?« – »Ich habe keinen gesehen.« – »Aber ich! Rufinus, meine Feinde, – übrigens auch deine Todfeinde ...« – »Ich weiß.« – »Haben mein Fernsein rasch benutzt bei ... bei dem Unaussprechlichen! Hei, er kann des Gänglers nicht einen Tag entbehren: ich war fern – so ließ er sich von jenen leiten – zu plötzlichem Umschlag! Meine Freunde, meine Verteidiger am Hof, in der Stadt, im Heer, – meist Germanen, zumal Franken, – sind verhaftet oder verbannt. Ein par sind hierher entflohen, mich zu warnen: kehre ich zurück, wird der Palast mein Kerker. Wohlan, ich will zurückkehren: aber der Palast soll andrer Leute Kerker werden. Auf, Stilicho, du erster Mann, den ich erlebt: führe du mich zurück an der Spitze deines Heeres: Byzanz liegt dir zu Füßen, – wehrlos. Du allein warst seine Wehre. In den Bosporus mit Rufinus! In ein Kloster mit dem Schwächling Arcadius: – das ist sein richtiger Platz. Dein Platz aber ist der Kaiserthron und ... –« hier stockte sie: eine Blutwelle schoß in die alabasterweißen Wangen – »der Platz an Hildgunds Seite, wenn du sie nicht verschmähst: du hast sie schön genannt.« Sie trat hastig noch einen Schritt auf ihn zu und hielt ihm die Rechte entgegen, – das Antlitz emporgerichtet, nahe dem seinen. Bestürzt trat er zurück: »Imperatrix ...« – »Hildgund heiß ich – für dich.« Und die grauen Augen funkelten seltsam. – »Die Überraschung, der gerechte Zorn haben dich verwirrt. So hast du vergessen ... unsere Eide. Wir beide haben dem Sohn des Theodosius geschworen: ich Untertanentreue, du Ehetreue, gleichwie ich Serena, dem einzigen Weib, das ich liebe.« Hoch bäumte sie auf, dann schnellte sie zurück: »Ah, ah, das mir! Verschmäht von ihm, von dem einzigen, der ... Geduld, du sollst dieser Stunde gedenken.« Und sie schoß an ihm vorbei aus dem Zelt ins Freie, wie eine sehr schöne, aber sehr zornige Schlange. – IV. Wenige Wochen darauf finden wir Stilicho und sein Heer sowie den Gotenkönig und dessen Volk in den Engen und Schluchten des Gebirges Pholoë, an den Quellen des Pheneus. Schritt für Schritt hatte der Magister militum die Weichenden vor sich hergedrängt in diese Bergklüfte, aus denen ein Entrinnen nur möglich schien, wenn die Verzweifelten, denen der Weg nach West, Nord und Süd durch undurchgängige Felswände versperrt war, sich Bahn brachen nach Osten, durch das meisterhaft gewählte und meisterhaft befestigte Lager Stilichos: – ein aussichtsloses Unternehmen! Dieser konnte sonder eitle Überhebung die Ergebung des tapferen Balten und seines Volkes – ohne jede Bedingung – in nahen Tagen erwarten. – Verhandlungen hierüber vermutete er als Zweck der Unterredung, zu der Alarich freies Geleit in das kaiserliche Lager und daraus zurück erbat und sofort bewilligt erhielt. Stilicho erschrak, als er des geliebten Feindes Antlitz wieder sah – zum erstenmal seit der Kriegserklärung zu Mailand. Die Wangen waren eingefallen, die hohe Stirn gefurcht, die blauen Augen hatten den heitern, den lachenden Glanz verloren. Bestürzt faßte er des Eintretenden Hände, die dieser ihm willig, aber ohne Gegendruck überließ. »Du leidest, Freund!« rief Stilicho. – »Ich litt – viele Wochen.« – »Du bist erschöpft – von dem kurzen Ritt!« – »Von der langen Absperrung.« – »Da, Nimm!« Mit eigner Hand füllte er aus hohem Erzkrug zwei der schmalen Goldbecher auf dem Zelttisch und bot dem Gast den einen hin: köstlich duftete der edle, tief dunkelrote Trank. Alarich nahm ihn und während jener trank, schüttete er den Wein bedachtsam zur Erde: »Da sei Gott vor, daß der König Wein trinkt, während sein Volk nach Wasser verschmachtet. Seit ihr uns die Leitung Hadrians vom Pheneus her abgeschnitten habt – der eherne Himmel dieses Glutsommers spendet keinen Tropfen Regen! – schlürfen wir die paar Tautropfen, die zuweilen die Nacht bringt. Zu Hunderten verschmachten sie, die Weiber, die Kinder.« – »So mach' ein Ende.« – »Deshalb bin ich hier. Hei, hätt' ich Krieger allein, wie du! Ganz anders wär's längst gegangen. Aber Hunderttausend mit sich schleppen –, die nicht fechten können, die nur genährt und geschützt werden müssen, die niemand vor Unfreiheit schirmt, sind wir Männer gefallen, ein Troß, der mit seinen Wagen meilenlang die Wege verstopft, stecken bleibt, den Feind anlockt, – wahrlich, auch geringere Feldherrnschaft als Stilichos wäre bei solchem Kampf mir überlegen. Wie oft in diesen Wochen hätt' ich Gelegenheit gehabt, in raschem Durchbruch mein Heer zu retten, aber um den Preis, mein Volk im Stich zu lassen.« – »Nun lernst du, Freund, wie falsch dein stolzes Wort ist: ›das höchste Gut des Mannes ist sein Volk!‹ – Dein höchstes Übel ist in diesem Kampf dein Volk.« Aufleuchteten da blitzend des Königs Augen. »Und doch lieber, zehnmal lieber für dies mein Volk fallen denn siegen als der Mietling Roms.« – »Alarich! Du vergißt ...!« – »O nein: ich vergesse nicht: du bist – oder wirst alsbald – mein Besieger. Aber für wen hast du dann gesiegt, für wen bin ich gefallen?« – »Ich könnte sagen: Stilicho siegt für Rom: das heißt für alles Größte, was die Menschheit geschaffen hat in Staat, Recht, Bildung, – kurz, in allem Menschlichen: der tapfre Balte aber fiel ...!« – »Für ein Barbarenvolk, willst du sagen.« – »Wohl: aber für Barbaren, aus denen andres als Barbarisches werden mochte. Höre mich ruhig zu Ende: es ist der mächtigste Gedanke meines Lebens, es ist der Plan meines ganzen Waltens in diesem Römerreich: längst wollte ich ihn dir vertrauen, dich dafür gewinnen: wärest du heute nicht zu mir, – morgen wäre ich damit zu dir gekommen. Denn mich jammert das Elend deiner Wehrlosen. Allein erst mußtest du« – er lächelte ein wenig und verbarg dies rasch – »nun ... ein wenig mürbe gehämmert sein durch die Not, bevor du mich nur anhörtest.« – »Nun, des Hämmerns ist genug, mein' ich!« rief der König und warf sich auf einen der Zeltstühle: »Rede! Ich muß wohl hören.« Auch Stilicho setzte sich und, ihm scharf ins Auge sehend, hob er an: »Du hast wohl mehr als einmal in diesen Wochen bemerkt, gar guter Feldherr, der du bist, wenn du nicht an Weiber, Kinder, Kranke, Herden, Karren und Wagen mehr denken mußt als an die Wegpläne deiner Feinde! – daß ich dich hätte umzingeln und vernichten können und dich doch – mit geringer Schwächung! – entschlüpfen ließ.« Alarich setzte unwirsch den Adlerhelm auf den Tisch und strich sich quer über die Stirn: »ja, beim Schwerte Gottes! Ich verstand es nicht! An der Landenge bei Korinth! Und in dem Paß an dem Erymanthos! Nicht ein Helm der Feinde wäre mir – an deiner Stelle – dort entgangen. Du aber ließest mir beidemale ein Löchlein offen. Wahrlich, erfährt man's in Byzanz ...« – »Man hat es erfahren.« – »Kann dir's zum Hochverrat gedeihen.« – »Es wird.« – »Es rührte mich! Daß du die alte Jugendfreundschaft ...« – »Doch nicht. Du vergissest immer, daß ich ein Römer bin.« – »Das lügst du dir vor!« – »Nun, dann aber recht lange schon. Und mit starkem Erfolg. Und der Römer Stilicho, der Magister militum des Westreiches, würde den Jugendfreund zermalmt haben, mit tiefem Schmerz, aber ohne Schonung, hätte Stilicho dessen Vernichtung heilsam erfunden für das Römerreich.« »Hm,« lächelte der Balte und strich den breiten Bart, »ich an deiner Stelle hätte dann den Gotenkönig doch vernichtet: es ist immer sicherer: man weiß nicht, was der noch vor hat und – bleibt er leben, – noch vor sich bringt.« »Was er vor hat, weiß ich nicht: aber was ich mit ihm vor habe, – das weiß ich. Oder Gott oder das Fatum mit ihm vor hat, nenn's, wie du willst. Und nun merk' auf: es ist das Größte, was du in deinem Leben vernommen.« – »Ich höre.« »Du willst das Römerreich zerstören mit deinem Volk; ich aber sage dir: du sollst es retten und verjüngen mit deinem Volk.« – »Nicht ganz meine Absicht,« meinte der König, grimmig lachend und die blonden Locken schüttelnd. – »Aber deine Bestimmung, – nach meiner, vielleicht auch nach des Himmels Absicht. Höre. Auch ich, so viele Jahre – Jahrzehnte! – lebend mitten im ganzen Leben des Reiches – in Krieg und Frieden – ich hab' es erkannt: – nicht ohne tiefen Schmerz: denn ich bin ein Römer ...« – »Nicht wahr ist's! Ist der Mann so gescheit und weiß nicht einmal, was er ist!« – »Ich hab' es erkannt: das Römerreich ist durch Römer allein nicht fortzuführen.« – »Drum muß es fallen!« rief Alarich und schlug auf den Tisch. – »Nein. Drum muß ein neues Volk es fortführen.« – »Wir vielleicht?« lachte der Gote. »Wenig Willen und Gabe haben wir dazu.« »Nicht ihr! Ein neues Volk, sagte ich, ein Volk, hervorgegangen aus römischer Bildung und aus germanischer Kraft: jene zu morsch, diese zu unreif, für sich allein das zu leisten. Ihr Goten, dann andre Germanen an Rhein und Donau, ihr sollt aus den Bekämpfern die Stützen des Reiches werden.« – »Das sind wir seit Jahrhunderten! Gegen Land, Getreide, Geld haben wir eure Kriege geführt seit Geschlechtern!« – »Als Söldner. Aber, – das ist mein Neues – nicht mehr als Söldner: – der fällt ab, ist seine Soldzeit um –« – »Oder wird der Sold – wie gewöhnlich – nicht bezahlt!« – »Als Glieder des Reiches sollt ihr fortab, als Halbrömer ...« – »Halbrömer?« stutzte der Germane. »Wie das?« – »Nach meinem Vorschlag. Ich entlasse dich und dein Volk aus eurer Lage: sie ist ziemlich ...« – »Gleich dem Mauseloch, vor dem ein sehr kluger Kater sitzt.« – »Ihr siedelt euch an –« – »Wo?« fragte der König rasch. – » Nicht in meinem Italien.« »So?« meinte Alarich enttäuscht. »Ah, hörtest du, was unablässig in meiner Brust eine drängende Stimme ruft!« – »Aber irgendwo an der Grenze des West- und Ost-Reichs, um beiden rasch helfen zu können gegen andere ...« – »Barbaren, willst du sagen,« nickte der Gote. – »Es wird euch Ehegenossenschaft mit den Römern eingeräumt: – das ist ein Großes.« – »Sehr gnädig,« lächelte Alarich bitter. »Aber wir haben das schon selbst ausgeführt: wenigstens mit schönen Römerinnen. Und auch – ohne Priester!« – »Es wird darauf hingestrebt, – planmäßig: bei Mischehen werden beide ausgestattet – daß diese Vermischung ein neues Volk: – eben ein Mischvolk! – erzeuge mit allen Tugenden beider ...« – »Oder doch jedenfalls mit beider Fehlern! Und das Haupt dieses Mischvolks ist ...« – »Der Imperator, wie sich versteht. Einen Gotenkönig gibt es sowenig mehr ...« – »Wie ein Gotenvolk!« brach Alarich los. »Unsere Eigenart, unser Recht, unsere Freiheit, ja am Ende gar unsere Sprache, – alles dahin: um jenes Mischbreis willen?« – »Nun, der ist ja noch nicht! Nein: um der Germanen selbst wie um der Römer willen: so, verschmolzen, können beide fortleben: in ihrem Kampfe gehen beide unter.« – »Untergehn? So sei's,« rief der Gote aufspringend. »Glückauf zu solchem Untergang, bevor wir, mit Beschluß und Vorbedacht, unser eigen Volk auslöschen. Nein, Stilicho, dieser Gedanke ...« – »Ist der Gedanke meines ganzen bisherigen Handelns und die ganze Hoffnung meiner Zukunft,« sprach Stilicho, sich erhebend. – »Ein Wahn ist's, an dem du untergehst – du sicher. Vielleicht auch wir. Aber lieber untergehn als verrömert werden.« – »Ich habe dich und dein Volk geschont, – mehr als einmal. Ich durfte es ohne Verrat an Rom, denn ich tat's nicht um des Freundes willen: ich tat's für Rom – in jener Hoffnung. Zerstörst du mir diese Hoffnung durch dein töricht trotzig Nein ...« – »Ein Wahn ist sie, sag' ich, diese deine Hoffnung für dich, und für uns Schmach und Selbstmord,« – »Dein letztes Wort?« – »Mein letztes!« »Dann,« sprach Stilicho mit drohendem Ernst, »kann ich euch nicht mehr retten: nun wär' es Verrat. So bleibt denn in euren Felsklüften, bis euch der Hunger verzehrt.« »Nicht der langsame Hunger,« rief Alarich »das rasche Schwert! Mach' dich gefaßt, Freund! Sobald ich zurück bin, führ' ich die Meinen zum letzten Kampf heraus: dann wirst du erleben, was vierzigtausend Verzweifelte vermögen.« »Nichts, als vor meinen Felsschanzen zu fallen. – Noch einmal, Freund ...« Da ward der Vorhang des Zeltes aufgehoben und die davor aufgestellte Wache meldete: »Fremde Gesandte, Magister militum. Sie verlangen Gehör.« Stilicho nickte Gewährung und hielt den König, der scheiden wollte, auf: »Bleib', mein armer Alarich,« sprach er finster, »du wirst sehr bald keine Geheimnisse mehr ausplaudern können.« V. Nun traten drei hohe Kriegergestalten ein, unverkennbar – nach Leibesgestalt, Tracht und Gewaffen – Germanen. Sie neigten sich vor Stilicho und der Älteste, in silberweißem Haar und Bart begann seine Ansprache in einer schön lautenden germanischen Mundart. »Verzeiht,« unterbrach sofort der Feldherr auf Latein, »das ist, mein' ich, vandalisch? Nicht? Ich verstehe es nicht. Bitte, sprecht die Sprache Roms.« – »Ein übles Vorzeichen!« raunte der Alte, zu den beiden andern gewandt noch in seiner Sprache. Dann fuhr er auf Lateinisch fort: »Weither kommen wir, dich zu finden, o Stilicho, Stiliberts Sohn. Bis von der Marosch schilfigen Ufern. Wir suchten dich in Itala-Land. Dort erfuhren wir, daß du hier zu Felde liegst. Wir eilten zu dir über die brüllende See: denn wir brauchen dich dringend: dein Volk bedarf dein. Und ein Großes bringen wir: das Größte, was ein Volk zu bieten hat: schau her!« Er wandte sich zu dem zweiten Gesandten, der unter seinem Mantel hervor einen weißen Stab mit goldner Kugel langte: »den Königstab der Vandalen.« »Mir?« rief Stilicho und trat bestürzt einen Schritt zurück. Aber Alarich schritt mit erhobener Hand freudig auf den Sprecher zu. »Ja, dir, Stilicho, vor allen Sterblichen dir. Bist du doch entstammt dem uralten Königshaus unseres Volkes, der ruhmvollen Sippe der Asdingen. Und zu dem Ruhm der Ahnen hast du den eignen gefügt, der alle Lande, alle Völker durchdringt. An den Ufern der Marosch liegt, in blutiger Schlacht von den Greuthungen erschlagen, unser König Wisumer, der große Held: sein einziger Sohn, Godigisel, ist ein waffenunreif Knäblein: wir aber, rings von Feinden umdroht, wir bedürfen, uns zu führen im Harst der grauen Geere eines streitbaren Helden. So hat unser ganzes Heer – nicht eine Hand hob sich dagegen! – dich zum König gekoren. Komm, komm rasch zu deinem Volk, das dein Vater nie hätte verlassen sollen um fremden Dienst. Nimm diesen Königsstab, deiner großen Ahnen großes Erbe. Komm, führe, schütze, rette dein Volk, Herr König der Vandalen!« Und alle drei Männer traten, lebhaft bewegt, mit bittenden Gebärden, näher an ihn heran. Alarich aber rief lebhaft: »Bei Gottes Schwert! Das ist ein Wunder des Himmels! Jetzt gerade – in dieser Stunde! – dringt an dein Ohr der Ruf, der uns allen – allen! – das Heil verkündet: deinem Volk, meinem Volk und wahrlich auch dir. Wirf diesen gleißenden römischen Flitter von dir, verlaß diese ganze falsche und – du selber erkennest es! – faulende Welt, in der du doch dein Leben lang ein Fremdling bleibst, ja ein verachteter Barbar. Jetzt, da sie dich brauchen, schmeicheln sie dir, aber – gib acht, denk' an dies mein warnend Wort und an diese Stunde! – sobald sie meinen, dein entraten zu können, werden sie dir lohnen mit schwarzem Undank: denn Undank ist der Dank der Kaiser: merk' dir dies Wort, – – Rette dein Volk, das schwer bedrängte: ihm gilt deine nächste, deine höchste Pflicht, – nicht Rom und nicht Byzanz. Kampfe, siege, steige zu Heldenruhm empor für dich und die Deinen, nicht für ...« »Laß ab!« sprach Stilicho und schob mit rauher Handbewegung den ihm hingereichten Stab zurück. »Du, Alarich, solltest mich besser kennen. Diese Fremden da ...« »Wie? Fremde? Wir sind deines Volkes!« sprachen zürnend die drei Männer wie aus einem Munde. » Ihnen muß ich mein Nein begründen, erklären. Ich danke euch und eurer Heerversammlung: ihr wolltet hoch mich ehren. Allein ihr habt geirrt in eurer Wahl. Ihr wolltet doch zum Könige der Vandalen einen Vandalen, nicht? Wohlan: ich aber bin ein Römer, ein Römer durch und durch. Und nichts als das.« »Wie? Was? Abgefallen?« riefen die Gesandten durcheinander. Aber ruhig fuhr jener fort: »Abgefallen! Das träfe meinen Vater, nicht mich, der ich in Mailand geboren bin als Sohn eines römischen Bürgers und Legaten. Mein Vater aber ...? Ist der Mann abgefallen zu nennen, der da aus den Sümpfen des Urwalds glänzend aufsteigt zu den Zinnen Roms? Ihr habt's gehört: nicht einmal eure Sprache versteh' ich: barbarisch schlägt sie an mein Ohr! Geht und meldet den Vandalen: ›Wir haben einen Römer gefunden‹.« Sprachlos vor Entrüstung, vor Zorn, vor Beschämung standen die drei Männer. Alarich aber rief: »O Stilicho, dies Wort wird dein Verderben! Du ein Römer! Wähnst du denn, irgend ein Mensch in diesem Reich – außer dir selbst! – nimmt dich für einen Römer? Freund, Freund, in dieser Stunde hast du deinem guten Geist den Rücken gewandt auf immerdar.« Erst jetzt fand der Sprecher der Gesandtschaft Worte: »Ja, Speergenossen, gehen wir. Wir sind zu schwach, jetzt, hier, diese Schmach zu rächen: aber ist unser Königsknabe schwertreif gewachsen – dann wehe Rom, das uns diesen Mann gestohlen! – Allein jetzt schon, wehe dir und Fluch über dich , du Elender, der du dein Volk in seiner Not verlässest. So soll dich verlassen und verraten diese Römerwelt, um derentwillen du die Deinen von dir stöß'st.« – »Wehe dir, Fluch dir und Verderben!« wiederholten die beiden andern und stürmisch eilten alle drei hinaus. VI. Schweigen, ahnungsschweres Schweigen füllte das Zelt. Betroffen, leis erschauernd sah Stilicho ihnen nach. Auch der König schwieg, langsam das Haupt schüttelnd: endlich setzte er den Helm auf und bot dem Freunde die Hand: »Leb' wohl denn, Stilicho! Ich lasse dich allein – mit – mit dem Fluch deines Volkes! Wahrlich, verzweifelt wie ich daran bin, – ich tausche jetzt nicht mit dir! In wenigen Stunden lieg' ich auf meinem Schild, ein stiller Mann: aber an der Spitze meines Heerkeils, gefallen mit meinem Volk, für mein Volk: ich tausche nicht mit dir.« »Halt, Alarich, halt noch einen Augenblick. Laß uns einen Ausweg suchen, der ...« – »Es gibt keinen! Denn lieber sterb' ich, stirbt mein ganzes Volk, als daß wir Goten die Hälblinge deines Planes werden.« Und er wandte sich dem Ausgang zu. Hier trat ihm die Wache entgegen und meldete: »Mein Feldherr, eine große Gesandtschaft des Imperators aus Byzanz. In seinem Namen fordern sie sofortiges Gehör, bei – zürne nicht! – bei seiner Ungnade,« – »Der Drohung bedurfte es nicht,« erwiderte Stilicho ruhig. »Ich kenne meine Pflicht, Führ' sie herein.« Sogleich trat eine Anzahl reich gekleideter Byzantiner ein: Krieger, hohe Beamte, Höflinge, auch zwei Bischöfe: an ihren unfreundlichen Mienen, an dem Ausbleiben der sonst so schmeichlerischen Begrüßung erkannte der Feldherr sofort den feindseligen Zweck ihrer Botschaft. Der König wollte sich entfernen: aber einer der Heerführer, der Archistrategos Antiochos, erkannte ihn und rief: »Alarich, der Gotenkönig! Hier! Im Zelt des Magister militum! Allein mit ihm! Das bestätigt den ...« – »Hochverrat!« schloß einer der Höflinge, in dessen gelbem, gedunsenem Gesicht die kleinen blitzenden Augen schwer zu finden waren. »Aber für uns trifft sich's bequem: bleib, bitten wir, tapfrer Held! Wir haben auch an dich eine Botschaft.« Stilicho, der bis dahin von den Gesandten ganz unbeachtet geblieben war, trat nun vor und fragte den häßlichen Sprecher im goldgestickten Gewand: »wer bist du?« »Olympios, der Geheimschreiber und Protonotar des heiligen Gemaches der Basilissa, die Gott segne. Von der hab' ich dir noch ganz Besonderes auszurichten, Vandale. – Vorher aber vernimm den Befehl des Imperators Arcadios, deines Herrn. Seit der Rückkunft der Imperatrix (die sich so weit herabgelassen hatte, den Barbaren in seinem Lager aufzusuchen!) hat sich in dem vom Himmel erleuchteten Haupt des Imperators – gerade noch zu rechter Zeit! – wieder einmal ein heilsamer Umschlag der Gedanken vollzogen. Nachrichten aus dem Heer über wiederholtes Entrinnenlassen der schon umstellten Goten – Berichte aus Mailand, nur wenigen zu Byzanz bekannt geworden, – trafen zusammen mit den Warnungen dieser heiligen Bischöfe vor deines Sohnes Hinneigung zum Götzendienst, vor deiner eignen Feindseligkeit gegen die Kirche, deiner Begünstigung der germanischen Arianer und Heiden in deinem Heer ..., kurz, der Imperator Arcadios hat dich des Befehls über seine Truppen in deinem Lager enthoben. Hier, Antiochos, der Magister militum des Orients, übernimmt ihn in diesem Augenblick: ergreife, Freund, den Feldherrnstab! – auf jenem Schrein seh' ich ihn liegen. – Dir aber gebeut der Imperator, sofort, in dieser Stunde noch, dein Lager hier abzubrechen, deine Schanzen zu räumen ...« »Und die Goten?« unterbrach Stilicho. »Ah, Ah! Der Imperator spricht aus meinem Mund: wer wagt, ihm ins Wort zu fallen? – Er befiehlt, die Goten frei abziehen zu lassen, wohin Arcadios gebeut.« »Abzieh'n schon!« rief Alarich leuchtenden Auges, »aber wohin wir wollen!« »Gern wirst du dahin wollen, Held Alarich, wohin Arcadios dich einlädt. – Du aber, Vandale, eilst mit den Truppen des Honorios – nie hätte er sie dir anvertrauen sollen! – sofort zu deiner Flotte nach Kyllene und schiffst dich und die Deinen ein nach Italien. Wirst du nach sieben Tagen noch auf dem Boden des Ostreichs betroffen, giltst du als Feind und dein Haupt ist verfallen.« Da wich Stilicho einen Schritt zurück: er war sehr bleich geworden. Olympios holte unter seinem Mantel eine lange vergoldete Pergamentkapsel hervor und warf sie auf den Tisch: »Da! lies den Wortlaut selbst! Sieh hier, das heilige Siegel.« – – Nun wandte er sich zu Alarich: »Dir aber, Gotenkönig, dankt der Imperator, daß du nicht, wie du wohl vermocht hättest – trotz der kampfscheuen Feldherrnkunst des Vandalen! – die Not der Belagerung verhängt hast über die geheiligten Mauern von Byzanz ...« – »Nun,« lachte Alarich gerad hinaus, »am Willen hat es weder mir gefehlt noch Vetter Ataulf.« – »Der Imperator schließt Frieden mit dir.« – »Dazu gehören aber zwei.« – »Du wirst schon einwilligen, hörst du seine Vorschläge. Außer dem freien Abzug für dich und dein Heer ...« – »Und mein Volk!« – »Und dein Volk! Bezahlung der seit lange geschuldeten Jahrgelder ...« – »Wo sind sie?« fragte der Gote, höchst mißtrauisch. – »Draußen vor deinem Zelt, liegen sie in zwölf Truhen: zwölf tausend Pfund für die letzten Jahre und zweitausend im Voraus für die nächsten zwei Jahre.« Aber der König schüttelte das Haupt: »Von hartem Gold können unsere Weiber und Kinder nicht zehren. Sie hungern. Und hier ist kein Markt.« – »Wir bringen an Getreide dreißigtausend Modii.« – »Gut! Das langt – einstweilen! Allein wohin weist uns der Kaiser?« – »Er läßt dir die Wahl zwischen drei der fruchtbarsten Provinzen seines Reiches: Makedonien, Dardanien und Epirus.« – »Eia, Epirus. Und unsere Gegenleistung?« – »Nur Verteidigung der gewählten Landschaft gegen alle Feinde: aber – hörst du? – gegen alle .« – »Epirus wird gut verteidigt werden. Gilt es doch dem eignen Herd.« – »Und im Notfall« – hier trat er dicht an ihn heran und flüsterte in sein Ohr –«führst du als Magister militum des Orients unsern Angriff auf – Rom.« – Alarich machte große Augen: das Blut schoß ihm in die bleichen Wangen: dann nickte er tief atmend, und flüsterte leise vor sich hin: » nach Rom! die innere Stimme! Nach Rom!« »Es ist so,« sprach da dumpfen Tones Stilicho, der die Lesung der Rolle beendet hatte. »Der Kaiser befiehlt: – ich gehorche.« – »Wie? Wa... Was?« brachte Alarich kaum hörbar hervor. – »Du tust wohl daran,« lachte Olympios, die kleinen Augen zusammenkneifend. »Andernfalls hätte ich mit unsern Byzantinern diesen Haftbefehl« – er holte ein Wachstäfelein aus der Gewandfalte auf der Brust – »vollstreckt und dein Haupt ...« – »Genug. Ich gehorche.« – »So kommt, Genossen! Komm auch du, König! Unheilsam ist die Luft in der Nähe dessen, der in des Herrschers Ungnade gefallen. – Nur noch ein Wort:« er trat dicht an ihn heran und raunte ihm zu: »all' das schickt dir die Kaiserin, läßt sie dir sagen.« Die Gesandten entfernten sich nun. »Ich folge gleich!« rief ihnen Alarich nach. Nun glitt Stilicho auf den Zeltstuhl und legte das Haupt an die Lehne zurück, lautlos: aber das Antlitz bedeckte er mit den Händen. Rasch schritt der König auf ihn zu, legte die Rechte auf seine Schulter und rüttelte ihn: »Mann, Mann, das tust du? du fügst dich? Held Stilicho, wo ist dein Heldentum? Diesem niederträchtigen Undank – echtem Kaiserdank! – unterwirfst du dich? Auf, Freund! Ich werfe denen ihr Geld und ihren Frieden ins Gesicht. Auf! Mein Volksheer – führe du es: du führst es besser als ich. Und viele Tausende, wenn nicht alle deine Krieger aus dem Westreich – doch gewiß alle Germanen in deinem Lager! – werden den geliebten Feldherrn schützen. Du und dein Heer, ich und das Meine, wir fegen vereint die schwachen Byzantiner in die See: der Weg nach Byzanz, Byzanz selbst liegt unbeschützt vor uns und wir fragen den Buben auf seinem geleimten Thron, ob er ...« – Aber Stilicho sprang auf: »Nichts! Schweige! Ich muß gehorchen. Ich gab mein Wort.« Drittes Buch. I. Wenige Tage nach der Rückkehr Stilichos mit Flotte und Heer nach Italien, hatte sein Sohn Eucherius in einem kleinen Gemach des Palatiums zu Mailand zwei Freunde gleicher Jugend zu einem jener einfachen »Symposia« geladen, deren beste Gerichte vierhundert Jahre alt, scherzte einer der Genossen, ein schöner Jüngling mit echtem, scharf geschnittenem Römerkopf und römischer – kurzer und runder – Schur des krausen, tief schwarzen Haares. »Nun ja,« meinte der jugendliche Wirt, den kaum berührten Becher zurückschiebend, »ganz so goldschweren Inhalts, von so altrömischem Pomp wie die Verse Vergils sind die deinen nicht, – noch nicht! – mein Claudian: aber die Lyra des großen Mantuaners hat nie seither solchen Widerhall geweckt wie in deiner wohllautreichen Seele.« »So sagt Rom, der Hof, ganz Italien,« bekräftigte kopfnickend der andre etwas ältere Gast, ein blonder Markomanne. »Ihr denkt jetzt, was versteht der Barbar von unsern Versen? Ich rede auch nur vom Inhalt: vom Heldentum Stilichos, das sie verherrlichen. Und darauf versteh' ich mich ein wenig, mein' ich.« Und er trank einen herzhaften Trunk. »Das eben ist mein Unglück,« sprach Claudian: »der Mann ist zu hoch für meine kurz gewachsene Muse. Nun, was meiner Kunst gebricht – die Liebe, die Treue, die Begeisterung für den Helden muß es ersetzen.« – »Und sie kann es wahrlich,« rief der Sohn, ihm auf die Schulter klopfend. – »Aber mein Dank,« fiel der Germane ein, »kann's kaum, ob ich zehnmal für ihn mein Leben ließe!« – »Du hast's erprobt, Held Adalger,« rief Claudian, »in mehr als sieben Schlachten.« – »Ja,« sprach Eucherius, »diese Narbe da über die ganze Wange hin ...« – »Bah, nur ein Hunnenpfeil, der ihm galt, und den ich in der Geschwindigkeit – Schwert und Schild hatten mit andren zu tun! – mit dem Gesicht auffing. Das war ein kleiner Dank für eine große Tat. In Gallien war's, am jungen Rhein: ich hatte schweifende Hunnenhorden nach Kräften abgewehrt, ihnen viele der kleinen zottigen Gäule reiterlos gemacht: sie haßten mich wie nur Hunnen hassen: durch Verrat der hunnischen Söldner auf unsrer Seite griffen sie mich im Schlaf in meinem Zelt, schleppten mich fort und wollten mich lebendig verbrennen: der Feldherr erfuhr's, setzte nach – mit gar schwacher Schar, – hieb mich heraus, mit dem eigenen Schwert! – als sie mich schon auf die Hürde geworfen hatten. Ein Schwirrgewölk von Pfeilen – nun, ich fing auf, was ich konnte! – Aber lieber hör' ich solch Gezisch als das der Worte in dem Palatium zu Byzanz, wo Claudian und ich in den letzten Monaten die Sache des Helden vertreten sollten. Schlecht gelang es uns!« – »Nie mehr geh' ich hin!« rief der Poet. – »Außer er schickt uns! Dann geh' ich in die heiße Hölle der Christen wie in die dunkle Hel meiner Landsleute an der Donau.« »Erzählt doch,« bat Eucherius, – »noch hab' ich den Vater nicht gesehn seit seiner Rückkehr! – Wie ging das zuletzt in Byzanz? Ich sollte ja hier den Hof überwachen und rasch melden, was etwa bedrohlich aufsteige an Wettergewölk. Aber ich hatte nichts zu melden, als daß ...« – »Honorius die Hühner füttert,« lachte der Markomanne und trank. – »Ach laß den Spott! Ich muß ihn nächstens wieder lobpreisen,« klagte Claudian. »Mach' mir das Schwere nicht noch schwerer.« – »Warum tust du's?« schalt Adalger. – »Weil ich muß! Sonst darf ich auch ihn – »den Mann« sagt man in ganz Italien – nicht mehr loben. Wenigstens nicht mehr vor den Leuten: und das will, das muß ich doch! Der Imperator ist eifersüchtig und meinte jüngst – ein gar schöner Mund hat mich gewarnt! – man müsse die Lyra zerschlagen, die lauter den Diener lobe als den Herrn.« – »Honorius loben!« erwiderte der Germane, »Ist schwerer als Saul dem Alanen vorreiten.« »Aber sagt endlich,« mahnte Eucherius, »was hat den Umschlag in Byzanz bewirkt?« – »Jedenfalls,« schalt Adalger, »das Rauschen eines Weibergewandes und das Zischen einer Weiberzunge,« – »Die Imperatrix war in Ungnade gefallen beim Imperator.« – »Rufinus, ihr alter Feind, hatte wieder einmal dessen Ohr.« – »Sie sollte gefangen gesetzt werden im Meerturm am Bosporus.« – »Da kam sie plötzlich zurück – unerwartet...« – »Überraschte Arcadius zur Nacht, in seinem Schlafgemach...« – »Sie ist ja zauberhaft schön! ...« meinte Adalger. – »Am andern Morgen führte sie ihm einen chaldäischen Sterndeuter zu, der in derselben Nacht in den Plejaden gelesen hatte ...« – »Stilicho sei des Imperators gefährlichster Feind ...« – »Eudoxia aber werde in neun Monden einen Sohn gebären ...« – »Die bisher Kinderlose!« – »Der werde Westrom, wie Ostrom beherrschen als der größte Imperator seit Trajan.« »Und das hat Arcadius ...?« zweifelte Eucherius. – »Alles geglaubt!« – »Wird aber das Kind nicht geboren?« – »Es wird geboren oder sonst beigeschafft, verlaß dich drauf!« – »Oder wird's ein Mädchen?« – »Es wird ein Knabe,« meinte der Germane. – »Und jedenfalls sind neun Monate Herrschaft gewonnen.« »Und darum, deshalb meines Vaters Mißhandlung?« »Ja, weiß Gott, – oder vielleicht genauer der Teufel! –« zürnte Adalger, »was die schöne Walandine gegen ihn hat!« »Vielleicht wollte sie durch ihn Rufinus stürzen . .« – »Beider gemeinschaftlichen Feind ...« – »Und so das Ostreich beherrschen: und das schlug ihr irgendwie fehl.« – »Aber wer errät ein Weib! Gleichviel: Byzanz ist fern,« tröstete der Markomanne: »von dort aus kann sie ihm nicht schaden.« »O doch,« seufzte der Sohn. »Denn sie hat sich hier gegenwärtig gemacht – durch den gefährlichsten ihrer Anhänger.« – »Nicht Olympios doch?« rief Claudian. »Sag' nein!« – Aber Claudian fiel kopfnickend ein: »Olympios! Er soll fortab dauernd den Hof von Byzanz d. h. die Sache der Basilissa hier vertreten.« »Ich ward schon gewarnt vor seinen Ränken,« bestätigte Eucherius. – »Ei gewiß durch das schönste Weib des Erdballs,« rief Claudian. »Die Herrliche ist dir gar sehr gewogen.« – Eucherius errötete über und über: »Wohl mehr noch dem Poeta.« – »Sie macht alles verrückt, was Bart trägt,« lachte Adalger. »Die Edle weiß,« erwiderte Eucherius, »was mein Vater für das Reich bedeutet, was ihr Bruder ihm zu danken hat. Deshalb sucht sie ihn in jeder Gefahr zu schützen und....« – »Und ein wenig Eifersucht ist auch dabei,« lächelte der Germane. »Manche Leute rühmen nicht sie, rühmen die Merowingin das schönste Weib beider Reiche. Das verträgt Jungfrau Placidia schlecht,« – »Die Feuerhaarige ist zwar eine barbarische Schönheit,« nickte Claudian: »aber sie steht kaum zurück hinter unsrer Herrin.« – »Das kann ich mir nicht vorstellen,« meinte Eucherius. – »Ja freilich,« lachte Adalger, »das Auge der Liebe ist blind für andre Schönheit und man weiß, man weiß ...« Aber Claudian winkte ihm zu schweigen: – er kannte des Freundes mädchenzarte Scheu – und lenkte ab: »Eucherius, du solltest deine Mutter warnen. Allzuviel hört sie auf die Bischöfe, allzuviel teilt sie den Priestern mit.« – »Meine Warnung würde nur reizen, erbittern, nichts bessern.« – »Sie sind deines Vaters schlimmste Feinde: sie halten dich für einen Heiden, den »Mann« für einen Ketzer, einen Arianer.« Der Sohn zuckte die Achseln: »Soll der Vater – neben seinen übrigen Sorgen, – auch noch, wie sie täglich verlangen, die Ketzer verfolgen?« »Die Ketzer?« rief Adalger. »Ei, wir Germanen alle in seinem Dienst, der Kern seines Heeres, sind Arianer, Ketzer, wenn nicht – wie ich – Heiden. Soll er seine treusten Helfer, seine einzigen Stützen verfolgen?« »Das wollen die Priester,« meinte Eucherius. »Im engsten Bunde mit den Senatoren, den alten »Quiriten«, wie sie selbst sich nennen.« – »Ach, leider ohne jedes Recht!« klagte der Poet. – »Ja, ja,« nickte Adalger. »Das sind die Heraclianus ...« – »Carinus vor allen! Ihnen sind wir Germanen ein Greuel, den sie am liebsten austilgen möchten von der Erde. ,Fort, bepelzter Barbar, hinaus!' scholl es mir neulich entgegen in Rom, als ich der Kurie eine Botschaft des Mannes überbrachte. Als ich aber an den Scramasachs griff, da verstummte das Geschrei.« »Freunde,« sprach da tiefen Ernstes Claudian, »daß ich's nur gestehe: – es gab eine Zeit, da dachte, vielmehr da fühlte ich ebenso. Ich war noch sehr jung, ich kannte nicht das Leben, nur die Bücher: die Bücher der großen Alten: ich wollte da fortfahren, wo Cäsar, wo Augustus aufgehört, fortfahren mit der Verachtung der Barbaren. Aber seit ich die Gegenwart, die Wirklichkeit, seit ich ihn vor allen kennen gelernt, hab' ich auch lernen müssen: ihr seid dem Reich längst unentbehrlich geworden: ihr seid« – er lächelte fein – »ein höchst notwendiges Übel, ihr Germanen!« – »Oho,« lachte der Markomanne. – »Und manche von euch,« fuhr der Poet fort, »manche von euch sind sogar ein höchst notwendiges, ein unentbehrliches Gut geworden von wegen eurer Kraft und Treue.« II. In der gleichen Nachtstunde gewährte der Imperator in einem abgelegenen kleinen Gemach desselben – vielräumigen – Palastes Gehör vier Männern, die dringend im Namen von Kirche, Hof, Senat und Heer von Rom um geheime Unterredung gebeten hatten: – geheim zumal vor dem Magister militum. Schon seit mehreren Tagen hatten sie unermüdlich, durch wiederholte Ablehnung nicht verdrossen, diese Bitte, ja Forderung wiederholt. Lange Zeit sonder Erfolg. Der Imperator, unter dessen indischen und persischen Prachthühnern eine Seuche ausgebrochen war, hatte ganz andre – nähere – Sorgen als um Kirche, Hof, Senat und Heer von Rom. Seine angeborne und liebevoll gepflegte Gedankenträgheit hatte seit Jahren ganz erheblich zu Stilichos Machtherrlichkeit beigetragen, auch zu Placidias Herrschaft über Hof und Palast: was sollte er sich mühen mit anstrengenden oder langweiligen Geschäften, welche diese beiden »fast« ebensogut, – meinte er – wahrnehmen konnten wie er selbst? Aber freilich fand diese Trägheit ihr Gegengewicht in einer unberechenbaren Eifersucht bezüglich seiner imperatorischen, über alles Irdische erhabnen Majestät: sein Wille, wenn er einmal – ausnahmsweise! – einen faßte oder sich zu fassen in den Kopf setzte, sollte in allen Stücken oberstes Gesetz sein: wehe dem, der dann seinen grenzenlosen, oft kindischen Eigensinn kreuzte! Gelang es den Feinden Stilichos oder der schönen Schwester, diese Eifersucht geschickt zu wecken, so machte der halsstarrige Schwächling wenigstens immer wieder einen Versuch, die Herrschaft jener beiden überlegnen Geister und Willen abzuschütteln. Oder doch in kleinlicher Bosheit des Trotzes in irgend einer unerheblichen – und mühelosen! – Sache ihnen zum Tort, nun gerade nicht nach ihren Wünschen und Ratschlägen zu handeln, sondern – zur Abwechslung – nun auch einmal ihren Widersachern zu willfahren. So war es heute ergangen. Er hatte sich schon bei dem – jetzt täglich zweimaligen – Besuch in dem Hühnerhof über seine »herzliebe« Schwester geärgert, die – gegen ihre sonst vortrefflich gespielte Teilnahme an allen Familienereignissen in der Federvieh-Gesellschaft! – heute Zerstreutheit, – »herzlose Gleichgültigkeit«, grollte der Bruder – nicht ganz verhüllen konnte. Sogar als der oberste Curopalatii tieferschüttert das plötzliche Ableben der kaiserlichen Lieblingshenne – Roma hieß sie und folgte auf diesen Namen! – meldete und die heftige Kolik ihrer jüngern Schwester – Byzanz, – teilte Placidia nicht den laut klagenden Schmerz des Imperators, sondern sah, in Träumerei versunken, die dunkelschönen Augen halb geschlossen, sehnend vor sich hin wie in weite Ferne. »Was hat sie wieder zu sinnen und planen?« dachte er erbittert und strich über das schwache zurückfliehende Kinn mit den kärglichen Bartstoppeln. »Nun warte, du sollst auch nicht alles durchsetzen, was dir gefällt. Und ei, ich habe ja, was sie ärgert,« lachte er hämisch vor sich hin. Erbost kehrte er mit ihr aus dem Hühnerhof in das Palatium zurück; er lehnte sich bei jedem seiner müden Schritte die Marmorstufen hinan auf den vollen Arm der viel höher gewachsenen Jungfrau. In dem Saale, der die Flucht der kaiserlichen und der Frauengemächer trennte, nahm er zärtlich Abschied: sie ertrug seine drei Küsse auf Stirne, Mund und Nacken wie stets mit schwer verhaltnem Widerstreben: – dann wandte er sich und schien in sein Ruhegemach schreiten zu wollen. Aber plötzlich blieb er stehen: »Goldne Schwester, beinah vergaß ich's – ich habe freudige Nachricht für dich.« Sie kehrte sich – mißtrauisch – ihm wieder zu: »Du – du hast heute Briefe erhalten: aus Byzanz, nicht?« sprach sie, scheinbar gleichgültig. – »Sieh, sieh,« grinste er, die kleinen Augen blinzend zusammenkneifend, »wie gut du bedient bist, wie rasch unterrichtet von allem, was vorgeht im Palast! Besser und rascher als der Imperator. Nun, da weißt du wohl auch, was die Briefe melden?« – »Wie sollte ich?« – »Dann bereite dich auf frohe Überraschung.« Er trat ihr nun wieder einen Schritt näher und sah ihr scharf ins Gesicht: »Schwägerin Eudoxia kommt nächstens auf Besuch.« Er weidete sich an ihrem vergeblichen Versuch allerlei Aufregung zu verhüllen. »Welche Freude, eh?« – »Leider vermag ich diesen Freudentag ... –« – »Ih, Wochen, Monate!« – »Nicht zu teilen. Ich reise, bevor sie eintrifft.« – »Wie?« schien er zu staunen. »Du liebst sie nicht? Aber du kennst sie ja gar nicht! So wenig wie ich. Sie muß sehr schön sein, alle sagen's,« schloß er lauernd. – »Ich kann sie nicht bewundern helfen.« – »Warum?« – »Ich kann nicht mit ihr im Palaste weilen. Sie würde – als Kaiserin – den Vortritt vergangen.« – »Gewiß,« lachte er verschmitzt. Nun brach es hervor: »Die Barbarin! Das vergeiselte, hergelaufene, fränkische Rothaar! Ich bin des großen Theodosius Tochter: ich weiche ihr nicht. Ich verbanne mich selbst aus meines Vaters Haus und dem meines – so zärtlichen! – Bruders.« Und stolz rauschte sie hinüber in ihre Gemächer. III. Betroffen, ja erschrocken blieb er stehn: sogar einige Röte stieg in die wachsbleichen, fahlen Wangen: »Ih, so weit hatt' ich es nicht treiben wollen! – Aber welche Herrschsucht! Welcher Trotz! Welche Hoffart! Wie ist sie gewöhnt, jede Laune durchzusetzen! Hei, wenn ich nur jetzt noch was wüßte, was sie beißend ärgert!« Da brachte einer der Briefsklaven auf goldner Schale ein Schreiben, überreichte es kniefällig und glitt hinaus. Mit vor Ärger noch zitternden Fingern riß er es auf: »Ah, dieselbe Bitte um geheimes Gehör. Viermal hab' ich's verweigert: – auf ihren Rat, auf ihr heftig Drängen. Denn sie hält es immer mit meinem – lieben – Doppelschwiegervater! Nun warte, stolze Placidia, warte. Jetzt laß ich die Männer vor.« So war es gekommen, daß die Feinde Stilichos wider Erwarten ihr Begehren erfüllt sahen: wenig ahnten sie, welchen Ursachen sie diesen Erfolg verdankten. Während sie in einem goldstarrenden, ambraduftenden, schwach erleuchteten Gemach des Kaisers warteten, erörterten sie untereinander die überraschende Wendung. Der Älteste, Bischof Venerius von Mailand, ein Greis, aber von ungebrochner Kraft, mit scharf geschnittnen Zügen und funkelnden Augen, flüsterte: »Danken wir Gott dem Herrn, der den Ketzerfreund aus Palast und Stadt entfernt hat. In seiner Nähe hätte der Imperator uns nie vorgelassen.« – »Ja,« meinte Heraclian der Präfekt, »den fürchtet er mehr als Franken, Goten und Hunnen.« – »Ich hatte schon auf die Unterredung ganz verzichtet und einen schriftlichen Bericht an ihn aufgesetzt,« meinte Olympios. »Aber er liest ja nichts als Hühnerbücher.« – »Kaum Gebetbücher,« seufzte der Bischof. »Da lob' ich mir Tochter Serena.« – »Wo mag der Ketzer weilen?« – »Er mustert die Besatzungen im Osten, gen Ravenna hin,« erklärte Carinus der Legat. »Selbstverständlich lauter Barbaren.« – »Jawohl, Goten aller Stämme, und andre Germanen. Dann Alanen, Hunnen,« grollte der Präfekt. »Römern vertraut er ja römische Festen nicht mehr an. Beim Genius Roms! So geht es nicht mehr fort. Tut der Imperator auch diesmal nicht nach unsrem Willen ...« – »So wisset ihr nun,« fiel Olympios ein, »aus meinem Munde, daß Arcadius, daß Eudoxia vor allem stets hierzu bereit ist.« – »Ja,« seufzte der Bischof, »säßen doch diese beiden auf den Thronen hier! Arcadius ist ein gehorsamer Sohn der heiligen Kirche; das zeigt die Bestrafung aller Ketzer in seinem Reich, zumal der Arianer.« – »Wohl!« sprach Heraclian, »kann der jüngere Sohn des Theodosius sein Scepter nicht gegen die Faust eines Barbaren schützen, mag es der Ältere ergreifen und ...« – »Ich denke noch nicht an dies Letzte,« meinte der Legat. »Mag Honorius auf dem Thron bleiben, beherrscht von seiner prächtigen Schwester ...« – »Und deren tapferem Gemahl Carinus« flüsterte ihm Heraclianus zu. – »Fallen muß nur der Vandale, der verkappte Freund des Gotenkönigs,« fuhr jener fort. »Aber still – der Imperator.« Nachdem sich die vier Männer von der Proskynese erhoben, ließ sich Honorius auf dem mit Byssos bedeckten Elfenbein-Stuhl nieder, an dessen Rückwand er den immer müden Kopf lehnte: er schien verloren zu gehn in den weiten Falten seines Purpurgewandes. Eine Weile musterte er schweigend die Harrenden: ein häßlich höhnisch Lächeln spielte um die eingekniffnen Lippen, als er begann: »Wenn ihr vier geheim reden wollt, dann weiß ich, von wem ihr reden wollt: von ›dem Mann‹, wie die dummfrechen Leute sagen: denn offen wagt ihr nicht, ihn anzuklagen.« – »Doch, Imperator!« sprachen alle vier wie ans einem Munde. – Honorius stutzte: »Das ist was Neues. Dann gab die Furcht vor ihm euch den Mut gegen ihn.« – »Nein, in Christo geliebter Sohn,« erwiderte salbungsvoll der Bischof. »Sondern die heilige Kirche kann es nicht länger ertragen, daß die gottverhaßten Arianer, die Germanen ...« – Aber der Augustus winkte verdrießlich mit der Linken ab: »Laß das gut sein, Venerius! Muhme Serena, dein Sprachrohr, predigt mir das täglich zur Genüge. Die Törin! Sie sägt emsig an dem Ast, auf dem ihr Gatte sitzt. Glaubst du, ich behielte diese Pelztiere, könnt' ich sie entbehren? Vielleicht kommt ein Tag ... – Was hast du für Schmerzen, Olympios?« – »Kaiserlicher Herr, ich durfte dir die Antwort deiner hohen Schwägerin auf deine Einladung ...« – »Still! Nicht so laut!« Honorius blickte ängstlich nach rechts –: in der Richtung von Placidias Gemächern. – »Zu einem Besuch hier bringen. Sie käme ja so gern: aber unmöglich kann sie unter einem Dache weilen mit ihrem Todfeind, dem Verräter, dem Freund des Balten, ... dem Vandalen.« – Er lächelte spöttisch: »Meine schöne Schwägerin soll sich beruhigen: ich schicke ihn auf Reisen. Er kann dann Placidia begleiten,« kicherte er vor sich hin. – »Dank! Aber er darf nie zurückkehren in deinen Palast.« – Da zuckte der Imperator die Achseln: »Vielleicht. Auf Reisen gibt es allerlei Unfälle. Schon mancher Reisende ist nicht zurückgekehrt,« und wieder lächelte er. Da tauschten Heraclian und Carinus bedeutungsvolle Blicke und dieser hob an: »Von solchen Zufällen darf das Geschick des Reiches nicht abhängen, oh Imperator. Du mußt Feind und Freund deinen Willen, deinen Herrscherwillen fühlen lassen.« – Das gefiel dem Männlein in Purpur: »Hm,« nickte er. »Gut gesprochen, Legat: das Wort verdient Lob und Lohn. Ich schicke dir mein Perlhuhn aus Numidia.« – Ermutigt fuhr jener nach tiefer Verneigung fort: »Mein Dank, o Herr, sei volle Offenheit. Wir dürfen dich nicht länger schonen: du mußt die ganze Wahrheit hören: du bist groß und stark genug, sie zu ertragen.« – »Ja,« fiel der Präfekt ein, »der Senat, alles was echtes Römerblut in den Adern hat, wie ich das Blut der Catonen, alles ist empört, daß dieser Barbar, wie er deine Heere befehligt, ...« – »So,« fuhr Carinus fort, »dem zitternden Senat befiehlt,« – »Und diese deine Heere ...« – »Das heißt alle Römer darin ...« – »Sind reif zur Empörung gegen den barbarischen Feldherrn.« – Da erschrak Honorius auf seinem Thron. – »Der in allen Stücken seine germanischen Söldner bevorzugt.« – »Schick' ihn fort,« drängte Heraclian ungestüm, »aus deiner Nähe ...« – »Aus dem Palast!« – »Aus dem Reich,« mahnte Olympios, »Wir verlangen nicht sein Haupt,« beteuerte mit frommem Augenaufschlag der Bischof, »ist er doch der Gatte deiner Base, der Vater deiner Gemahlin ...« – »Aber ein Verräter ist er, der seinen gotischen Freund mehr als einmal entwischen ließ,« schürte der Legat. – »Die Römer hassen ihn tödlich: wir können nicht einstehen für sein Leben,« warnte der Präfekt. – »Gerade um sein Leben zu sichern,« fügte der Bischof bei, »mußt du ...« Diese Ausrede, diese Beschönigung schien dem Herrscher einzuleuchten: er nickte vor sich hin. Carinus aber rief ungeduldig und laut: »Ach was! Fort! Fortschicken mußt du diesen Stilicho!« Da scholl auf dem Marmor der Vorhalle ein schwer dröhnender, hastig nahender Schritt, der Vorhang des Gemaches ward aufgerissen und vor ihnen stand in vollen Waffen, den Kriegsmantel vom Staub scharfen Rittes bedeckt »der Mann«. » Was muß man mit diesem Stilicho tun?« fragte er mit rollender Stimme, und trat dicht vor den Römer, der erschrocken zurückwich. »Vergib, Imperator, mein rasches Eintreten. Aber Eile tut not! Ich treffe soeben ein – Tag und Nacht im Sattel von Ravenna her, – mein eigner Bote. Ich will dich sprechen: du schläfst, lügt man. Ich dringe an dein Bett: es ist leer. Ich suche dich im ganzen Palast: endlich, – dank einem Wink deiner Schwester! – find' ich dich hier versteckt! Mit diesen Verschworenen! – Mich wollt ihr verjagen, Legat? Mich ersetzen, Präfekt? Und ich bin doch der einzige, der Kaiser und Reich, Senat und Heer – ja und auch die Kirche, Bischof! – noch retten kann – vielleicht! – vor dem drohenden Verderben. In Ravenna erreichte mich die Nachricht: König Alarich steht in Italien mit hunderttausend Speeren. Hinweggefegt hat er am Timavus dein – ›römisches!‹ – Heer unter Heraclius, Heraclians Bruder, nicht mein ›germanisches‹, und Alarich – hör' es, Honorius! – zieht auf Rom. Jetzt schicke Stilicho fort!« IV. Wild war der Schreck, ratlos die Verwirrung, welche die Botschaft verbreitete in dem Kaiserpalast. Und von dem Hof aus wirkte die Bestürzung auf alle Kreise der Stadt, bald ganz Italiens. Zumal die Kirche bangte um das Leben ihrer Priester, die Sicherheit ihrer schon damals reichen Schätze an Schmuck und Gerät: denn die Goten waren zwar Christen, aber Ketzer, Arianer, und man hatte alle Ursache, Wiedervergeltung der Verfolgung ihrer Glaubensgenossen in beiden Reichen zu befürchten. Gemeinsame Gebete in den Basiliken, öffentliche Bittgänge auf den Straßen und Plätzen, Gelübde für die heilige Dreieinigkeit, welche ja die Arianer mit der Göttlichkeit Christi leugneten, für den Fall der Abwehr dieser ihrer Feinde, Gaben an alle Heiligen wurden gehäuft. In Mailand stieg die Angst vor den Barbaren und zugleich die religiöse Erregung so hoch, daß die Zuschauer wie die Veranstalter der betenden, psallierenden, Rauchfässer schwingenden Umzüge in Verzückung, in Raserei, in Selbstzerfleischung gerieten. Da verbot sie »der Mann«: seine Germanen, teils Arianer, teils Heiden, trieben die trotz des Verbotes fortgesetzten Umzüge mit Gewalt, mit den Speerschäften auseinander; auch in der Basilika von Sankt Ambrosius: dabei floß Blut: furchtbar blutig sollte dies dereinst den »Heiligtumschändern« vergolten werden: einstweilen sprach Erzbischof Venerius den Bannfluch »über alle hieran schuld Tragende«. Aber auch die Verehrer der alten Götter Roms, deren es in den senatorischen Häusern noch gar viele gab, riefen in ihrer Angst die alten Helfer an: kaum bemühten sie sich, die längst seit Constantius (und seit Julians Tod wieder) verbotenen Opfer für Jupiter-Stator und Mars Repulsor zu verbergen, deren Duldung die Christen, deren Unterdrückung die Heiden Stilicho zu schwerem Vorwurfe machten. Sogar der eigene Sohn eilte erregt zu ihm und forschte: »Ist es wahr, Vater? Ich will's nicht glauben! Du hast Befehl gegeben, die Sibyllinischen Bücher nie wieder zu öffnen? Sonst würdest du sie verbrennen! Das altehrwürdige Heiligtum Roms! Die Offenbarung seiner Götter!« »Ich würde auch die Bibel verbrennen lassen, schadete sie dem Reich. Die Heiden haben in diesen Tagen zu Rom aus jenen Blättern den Sieg Alarichs, seinen Einzug in die Stadt herausgelesen und in allen Städten Italiens verkündet: das hat die schmachvolle Angst deiner geliebten ›Alt-Quiriten‹ zur Verzweiflung gesteigert: haufenweis entlaufen sie den Kohorten, die ›echt-latinischen‹ Helden, mit welchen allein die Carinus und Heraclian die Barbaren zurückzujagen sich berühmten. Wahrlich, Honorius, Rom und das ganze Westreich wären verloren, hätte ich nicht die gehaßten germanischen Söldner, die heidnischen Markomannen und Alamannen, die ketzerischen Heruler und Rugier. Allein ich habe ihrer nicht genug im Lande: ich muß ihrer noch viel mehr herbeiholen.« »O Vater, das werden dir die Römer nie verzeihn!« – »Sie werden! Denn sie sehen sich lieber gerettet durch Barbaren als zu Grunde gerichtet durch andre Barbaren.« – »Aber woher willst du ...?« – »Ja, das ist das Schwerste an der Sache. Ich muß fort: noch heute.« – »Jetzt? Da ganz Italien vor Angst vergeht? Wohin?« – »Über die Alpen.« – Eucherius erschrak. – »Nach Gallien, Rätien, Noricum. An den Rhein, an die Donau. Dort stehen viele Tausende meiner besten Söldner.« – »Lauter Germanen! Und sie willst du abrufen von jenen stets bedrohten Grenzen? Gerade jetzt sollen wieder die grimmen Sueven, die raschen Franken unter ihren Königen ... – »Ja, sie sind wieder einmal eingebrochen, die wilden Helden. Aber laß sehen, ob ich sie nicht aus Angreifern Galliens zu Verteidigern Italiens machen kann.« »Vater! Du bist kühn bis zur ...« – »Verwegenheit. Ja. Aber hier ist die Verwegenheit die wahre Klugheit.« – »Und welche Scharen nimmst du mit zur Bedeckung?« – »Nicht einen Mann. Ich bedecke mich selbst. Und ihr werdet hier bald jeden Helm brauchen.« – » Ihr ! Ich begleite dich doch?« – »Nein. Du bleibst und übernimmst mit Adalger – nach meinen Weisungen! – die Verteidigung Italiens, bald vielleicht Mailands. Denn ich besorge, ich kann nicht zurück sein, bevor der schnelle Balte vor diesen Toren steht.« – »Und Honorius? Was wird er dazu sagen?« – »Das ist die Sorge! Aber du meldest ihm meinen Entschluß erst, wann ich unterwegs bin.« – »Er wird schelten, klagen, verzagen.« – »Ohne Zweifel: – alle drei Dinge. Aber du bürgst mir dafür, daß er nicht in seinem Verzagen sich und diese Feste dem Goten ergibt. Hörst du? Das fordert meine Ehre, Roms Ehre. Ich vertraue dir sie an. Und du vertraue deinem Vater, daß er nicht Italien, nicht die Seinen im Stiche läßt: gelobe mir, auszuharren, bis ich zurück bin. Bleib' ich am Leben, komm' ich zu rechter Zeit. Dein Vater baut fest auf dich, bau' du fest auf deinen Vater. Und bekappe meinen besten Jagdfalken, den Greif, den ich schon früher mit in Gallien hatte. Ich nehme ihn mit: er kennt den Weg zurück: oft hat er ihn überflogen. Leb wohl, mein Sohn! Auf Wiedersehn – im Siege!« V. Das Erscheinen des Gotenkönigs in Italien bewirkte einen völligen Umschwung der Lage der am Hofe zu Mailand miteinander ringenden Parteien. Kirche, Senat und Römertum im Bunde hatten mit Erfolg die Machtstellung des »ketzerischen«, des »barbarischen« Staatsleiters zu untergraben, die Gunst des Imperators ihm zu entziehen begonnen: jetzt aber vereitelte all' diese Streuungen, machte rückgängig jene Erfolge die in der Seele des Honorius mächtigste Macht: die Furcht. Schon sah er im Geist die dichten Mengen des einwandernden Volkes sich durch die oberitalische Ebene gegen sein Mailand heranwälzen, schon hörte er im Traum das Wiehern ihrer ungezählten Rosse vor den dünn bemannten Mauern: und nur einen Riegel dieser Tore wußte er vorzuwerfen, nur einen Helfer und Retter anzurufen, den Mann, von dem sich seine Gnade eben hatte abwenden wollen: – Stilicho. Mächtiger denn je war dessen Macht, widerspruchlos ward, willenlos, sein Rat als sein Befehl befolgt. Die Gegner wagten keinen Widerstand, keinen Einspruch beim Herrscher mehr: »es ist, als habe er sich den Angriff des Goten bestellt,« grollten sie, »Wer weiß, ob er den Freund nicht herbeigeladen, seine Unentbehrlichkeit darzutun? Aber wie dem sei' – jetzt kann nur er schützen.« Das war die Überzeugung auch der Feinde, selbst der Carinus und Heraclian, die mit Grimm und Beschämung die Fahnenflucht so vieler Römer aus allen Kohorten, aus allen bedrohten Plätzen der Halbinsel erfuhren und die sie in Mailand selbst nur dadurch verhindern konnten, daß sie von dem Gehaßten die Besetzung aller Tore mit den verachteten Germanen erbaten: oft kam es hier zum Blutvergießen, da die Ausreißer sich den Ausweg mit Gewalt zu bahnen versuchten. Der alte Haß, der Römer und Barbaren im Heer unauslöschbar erfüllte, ward in diesen Tagen zu heißen Gluten entfacht: noch hielt die gemeinsam drohende äußere Gefahr den Ausbruch der Flammen nieder: aber bald sollte in diesem Abgrund manch stolzes Haupt versinken, und die vielen Leichen vermochten nicht, ihn zu füllen. Durch dies schwüle Gewölk der mannigfaltigsten wilden Leidenschaften zuckte nun plötzlich wie ein greller Blitz die Nachricht von Stilichos Verschwinden, die Eucherius, sobald er den Vater in Sicherheit – d. h. uneinholbar – wußte, am folgenden Tag zuerst dem Imperator allein verkündete. Die Wirkung überstieg alle Befürchtungen. Honorius raste: niemand hätte dem Schwächling solche Kraft der Wut zugetraut: zuerst schrie er so laut auf, daß alle in dem Vorsaal Weilenden entsetzt hereinstürzten: sie glaubten ihn in den Händen eines Mörders: vor aller Augen warf er sich dann zur Erde, zerriß sein Purpurgewand, raufte sein spärlich Haar und schrie unaufhörlich den Namen des Verräters: »Ah, der Hund! Der undankbare, falsche, niederträchtige Barbar!« rief er aufspringend. »Nie hab' ich ihm getraut, nicht eine Stunde, seit mein Vater, der große Tor, ihn als meinen Tyrannen über mich verhängt hat. Er verläßt mich! Heimlich! Jetzt, in der höchsten Not! In der Not, in die nur er mich gestürzt hat! Nach Gallien? O nein! Zu dem Goten ist er, seinem Jugendfreund! Natürlich: Barbar zu Barbar! Mit ihm zieht er gegen mich heran! Aber warte nur! Ich habe ja zwei Geiseln! Verhaftet sofort seine Tochter, die Kaiserin, in ihrem Palast. Ergreift und fesselt hier seinen Sohn. Und reitet der Verräter mit dem Goten heran, – werft ihm beider Köpfe von der Zinne entgegen.« Aber seine Befehle wurden nicht ausgeführt: niemand rührte sich: Eucherius blieb regungslos stehen: niemand wagte Hand an den Sohn »des Mannes« zu legen: auch Olympios nicht, der schmerzlich unter den Anwesenden Carinus und Heraclian vermißte. Und bevor der Wütende das Gebot wiederholen konnte, legte sich eine weiße Hand auf seine Schulter. »Placidia! Schwester! Weißt du ...?« »Mehr als du, Bruder, – Denn ich weiß,« – flüsterte sie jetzt leis in sein Ohr – »daß du verloren bist, fügst du dich nicht, weiß, daß Adalger alle Germanen vor den Palast berufen hat – zur Waffenschau!: – sieh, durch jenes Fenster kannst du ihre Speere blitzen sehn auf dem Forum Marc Aurels – berufen, gerade zu der Stunde, da Eucherius dir die Nachricht zu bringen ging. Sie gehorchen nicht mehr dir, – versuch' es nicht! – nur Adalger. Gib nach! Oder sofort heißt der Imperator des Westreichs: – Eucherius!« Er erbleichte: erschrocken wich er einen Schritt zurück. »Dank, schöne Schwester,« erwiderte er leise. Dann rief er: »haltet ein!« – kein Mensch hatte daran gedacht, nicht einzuhalten! –) »meine Schwester ... sie hat das Mißverständnis aufgeklärt. Ich hatte vergessen – ... mein Kopfschmerz wirkt oft so – der Magister militum verreiste ja mit meiner Erlaubnis: bald kehrt er zurück zu unserer Hilfe.« Und er wankte in sein Schlafgemach. Olympios aber eilte zu Carinus, der die Römer der Besatzung zu einer Art Gegen-Waffenschau am Tor des Constantin versammelt hatte: – wenige und mutlose Kohorten. Er erzählte ihm alles und beruhigte den Erbitterten: »Sei getrost! Diesmal hat Adalger mit seinen Barbaren das rollende Rad des Verderbens noch gehemmt. Aber aufgedeckt hat uns diese Stunde den abgrundtiefen Haß, den Neid, das Mißtrauen des Imperators gegen den Vandalen: diese Entdeckung ist unbezahlbar! Es kommt der Tag, da Adalger und seine Bepelzten nicht schützend zwischen ihm und jenem Hasse stehn: ja: ›Einst wird kommen der Tag, da die Macht der Barbaren dahin sinkt, – Stilicho selbst und der Schwarm der lanzenkund'gen Germanen!‹« VI. In derselben Stunde stand Eucherius vor der Kaiserschwester in deren Empfangsaal: seine Wangen glühten, seine Augen leuchteten. »Placidia,« schloß er seine warmen Worte, »Zauberin, nicht weiß ich, welche magischen Worte du ihm zugeflüstert – sind doch magisch alle deine Worte! –: aber das weiß ich, du hast die Schwester, mich, hast des Vaters Machtstellung gerettet. Wie soll ich dir danken?« »Gar nicht,« lächelte sie, sich auf der Kline ein wenig aufrichtend. »Denn erstens hab' ich es nicht für euch getan, sondern für mich. Sollte gar kein Schirmwall mehr stehen zwischen mir und dem wilden Werben dieses Carinus?« »Ich hasse ihn,« knirschte der Jüngling. – »Er dich noch mehr, verlaß dich drauf! – Und zweitens: der einzige Dank, den ich annehmen würde – gern annehmen! – wäre das Kaiserdiadem, mir dargereicht von Imperator – Eucherius.« – »Placidia! Welcher Frevel! Treubruch!« – »Siehst du, wie du erschrickst beim bloßen Gedanken? Und dieser Zaghafte gibt vor, – bildet sich wirklich ein, – Placidia zu lieben! Der schöne Gote hätte heute nicht gezögert, hätte er sechstausend Germanen vor dem Palast des Honorius geschart gehabt. Geh', tugendsamer Jüngling! Heute konntest du mit einem Griff diese Hand greifen, und den Purpur. Du hast die Stunde versäumt: nie kehrt sie wieder. Geh!« Während er gesenkten Hauptes hinausschritt, sprang sie ungestüm auf, reckte sich hoch, hob beide Arme empor und sprach: »Nun eile dich, goldlockiger Ataulf! Byzanz war zu fest, Stilicho zu nah: Mailand aber ist nicht so fest und Stilicho ist weit. Ich harre dein: – mit oder ohne Purpur, komm!« VII. Und alsbald schien es wirklich, der blonde Ataulf werde demnächst durch das zertrümmerte Tor von Mailand reiten. Unaufhaltsam war das Gotenheer, vortrefflich gerüstet aus den byzantinischen Waffenhäusern in Epirus, die Alarich als Magister militum per orientem waren übergeben worden, über die Julischen Alpen in den Nordosten der Halbinsel eingedrungen auf altvertrauten Wegen: wiederholt hatte sie der Balte, im Kampfe gegen Anmaßer wider Theodosius sieghaft durchzogen. Diesmal hatte er am Timavus, dem alten Grenzfluß Italiens, ein römisches Heer geschlagen, den Übergang durch Gefecht erzwingend, und nun über Aquileja, Treviso, Vicenza, das starke Verona nördlich umgehend, am Südufer des Gardasees dahinziehend, die Adda erreicht. An deren rechtem Ufer schlug er Lager bei den »Altären des Mars«: hier ließ er den größten Teil des Fußvolks rasten, sowie die gewaltige Menge des wehrunfähigen Volkes, die auch diesmal die Beweglichkeit des Heeres schwer hemmte. Diesen Scharen vertraute er die Bewachung der einzigen Brücke über den Fluß an, während er mit den andern Tausendschaften des Fußvolks und Ataulf mit seinen raschen Reitern an der Spitze den Zug auf Mailand eilig fortsetzte. Kein Feind trat ihnen noch im freien Feld entgegen. Eucherius und Adalger befolgten treulich den Befehl des scheidenden Feldherrn, die einzigen tüchtigen Truppen, die germanischen Söldner, in Mailand zur Verteidigung dieser Stadt und der Person des Kaisers beisammen zu halten. Carinus, dem es an Mut nicht gebrach, wagte mit seinen römischen Kohorten einen Ausfall gegen die Heranziehenden, ward aber von den gotischen Reitern rasch und blutig zurückgeworfen; er selbst, durch Schild und Panzer hindurch verwundet von dem Wurfspeer Ataulfs, – starker Haß hatte ihn beschwingt – wäre der Gefangennahme nicht entgangen, hätten ihn nicht Saul und Goar, die Alanen, und Sarus der Balte, die zur Aufnahme der Fliehenden aus den Toren brachen, herausgehauen. Das Gerücht übertrieb alsbald, je weiter es sich von dem Schauplatz entfernte, die Bedeutung dieser Schlappe; groß war und größer ward von Tag zu Tag der »gotische« wie weiland der »kimbrische« Schreck. In Rom fürchtete man, demnächst Alarich sein Roß im Tiber tränken zu sehen und flickte ängstlich die Mauern, die dereinst Aurelian erneut hatte und im nächsten Jahrhundert Belisar gegen König Witichis verstärken sollte. Der Senat beriet bereits die Flucht nach Sardinien, nach Korsika: mit Mühe hielten einige Mutigere wie Heraclian und Symmachus die verzagenden Väter zurück: durch das Westreich und durch das Ostreich flog das Gerücht, Honorius sei in dem eroberten Mailand gefangen, Rom genommen. Allein Alarich konnte weder, Mailand und Ravenna mit ihren Besatzungen im Rücken lassend, auf Rom ziehen noch Mailand ohne weiteres mit stürmender Hand nehmen: die sturmfreie Feste forderte regelrechte Belagerung: für diese aber fehlten dem Wandervolk die Belagerungswerkzeuge jeder Art, die Mauerbrecher, die Katapulte, die Torsplitterer, die Skorpione und Ballisten, um die Zinnen von Verteidigern säubern zu können, die hohen, fahrbaren Türme, um die Wälle zu überhöhen und Fallbrücken auf deren Kronen niedergleiten zu lassen, die Schutzdächer, aus Brettern, Flechtwerk, Hürden, Drahtgittern zusammengefügt, um darunter die den Toren und Mauern nahenden Minierer und die Bediener der Sturmmaschinen zu bergen gegen die Wurflanzen, Pfeile, Steine, Feuerbrände und Güsse von heißem Öl oder Wasser, die von den Zinnen auf sie herabregneten. Und wie die Bezwingung fester Plätze damals immer noch – wie übrigens noch Jahrhunderte später – die schwächste Seite germanischer Kriegführung war, so gebrach es den Goten zumal an kundigen Werkmeistern für Herstellung so kunstreicher Maschinen: sie waren dafür angewiesen auf die wenig zahlreichen Handwerker unter den Gefangenen, die sich auf solche Geräte verstanden und die nur gezwungen, deshalb schwerfällig und äußerst langsam arbeiteten, auch wohl absichtlich Fehler scheinbarer Fahrlässigkeit begingen, welche dann die Leistungen von Tagen und Wochen vereitelten. Ungeduldiger noch als Alarich ertrug Ataulf dieses Zögern. Des Königs Trost, schließlich werde der Hunger die Ergebung der Belagerten erzwingen, machte ihn ganz zornig: »Wenig eilt dir's!« schalt er. »Aber mir eilt's: du willst nur den Jämmerling Honorius fangen: – ich aber seine Schwester!« Und als er einmal bei einem Ritt um die Wälle nahe dem ligurischen Tor Placidia erschaute, die auf der Mauerkrone stand – den Imperator sah man nie auf den Wällen – und, wie er deutlich wahrnahm, ihm huldvoll zunickte, da war der Jüngling nicht zu halten. Er ließ sein Reitergeschwader absitzen und suchte mittels einiger vom Fußvolk hier fertig gestellten Leitern die hohen Mauern zu erklettern, er allen voran. Ein recht ansehnlicher Stein traf seinen Helm und warf ihn von der Leiter. Aber er hatte im Fallen Placidias erschrocknen Wehschrei gehört: – da schmerzte die Wunde nicht. Eucherius hatte Mühe, die Besorgte, die sich ängstlich weit vorbeugte, mit dem Schild gegen die Pfeile der gotischen Bogenschützen zu decken und von der Wallkrone herunterzubringen. »Sieh,« sprach sie, »du Beinah-Imperator, dem liegt daran, zu mir zu kommen! Ihn hemmt kaum der hohe Wall. Er kann wirklich nicht zu mir. Jedoch ...«, zu sich selbst flüsternd, schloß sie ... »kann ich auch nicht zu ihm? Er ist sehr, ach sehr schön. Wie blitzte sein Auge! Aber ruhig, Placidia. Nicht! Noch nicht!« VIII. In der Stunde dieses kleinen Gefechts vor Mailand standen in dem Prätorium des halbverbrannten Castrums von Speier Markomer, ein Gaukönig der Uferfranken und Ruthwalt, ein Gaukönig der Alamannen: unfroh blickten sie beide: denn die Hände waren jedem auf dem Rücken zusammengebunden. Lange schwiegen sie, einander abgewandt, jeder zu einem andern Fenster des Cönaculums hinausschauend. Endlich wandte sich der riesige Alamanne dem kleineren Franken zu und sprach: »Nun, Markomer, Markofrieds Sohn, übler Nachbar, wollen wir nicht Frieden schließen in der letzten Stunde unseres Lebens? Bei Ziu! Nach dem Tode können wir doch nicht mehr, wie diese letzten zehn Jahre, darüber kämpfen, ob dieses götterverfluchte Römernest fränkisch wird oder alamannisch.« »Hast Recht! Aus ist's. Römisch wird's wieder. Oder doch – stilichonisch. Denn, liegt der tot, – welcher Unhold hat ihn plötzlich hergeblasen? – unsere Söhne mögen wieder darum kämpfen, wem es zufällt: denn dann fällt es doch wieder.« »Wohl: – und mit der Stadt gewinnen sie dann die Gräber ihrer Väter. Denn mir ist, ich sehe die Sonne nicht mehr zu Golde gehn. Unheimlich sind mir die Mienen seiner Schreiber.« »Ja! Als ich dem einen, der so drohend redete, sagte: ›ich bin mitten im Kampf gefangen: schwertgefangnen Mann tötet man nicht‹, da lachte mir der Tabellio ins Gesicht: ›aber Schwurbrüchige!‹ Ja, der Eid! Das ist das Übel! Wohl hatte ich Stilicho geschworen, Ruhe zu halten ...« – »Ich auch!« »Aber nur ihm , von Held zu Held!« – »Als es nun hieß, er sei gefallen ...« – »Im Ostreich, durch den Balten ...« – »Da war ich wieder frei von meinem Schwur, bei Wodan, und schlug los.« – »Auch ich: gegen dich wie gegen die Kohorten.« »Aber die Römer – auch er ! – verstehn das anders als wir: › Rom stirbt nicht !‹ erwiderte er, als ich nach der Gefangennahme mein Wiederlosschlagen entschuldigte.« – »Ja! Er kann uns köpfen: – nach seinem Römerrecht. Und er sieht danach aus, als hab' er's ernstlich vor.« – »Köpfen!« meinte der Franke. »Wenn's das nur ist! Aber einen meiner Ahnen hat ihr frömmster Imperator – Constantinus hieß er und im Eisstrom Hels schwimme seine Seele! – den wilden Tieren vorgeworfen in dem runden Haus zu Trier. Das ...« – »Das tut der nicht. – Da kommt er.« Stilicho trat ein, in vollen Waffen, sehr ernsten Angesichts. Ein Centurio folgte ihm und blieb auf der Schwelle stehn. »Was seh' ich?« rief der Feldherr unwillig. »Gefesselt! Könige! Götterentstammte! Wie sie selbst glauben gleich ihren Völkern. Ein Wahn meinst du, Sempronius? Gewiß, aber man soll ehren, was andern heilig. Warum diese Stricke?« Und er schritt hinzu und durchschnitt sie mit dem Dolche. »Magister militum, du wolltest sie allein sprechen: sie haben vier sehr starke Arme ...« »Glaubst du, ich fürchte sie? Geh, laß uns allein.« Markomer reckte die gelösten Arme: »Dank! Das Seil schmerzte.« – »Mehr noch die Schmach. Dank!« sprach Ruthwalt. – »Nicht ich, euer Treubruch hat sie euch bereitet. Wohlan, ihr sollt's gut machen. Ich komme, euch dazu zu helfen: denn ich vertraue euch: Ich glaub ' euch, daß ihr vermeintet, mir nur für meine Lebtage Ruhe geschworen zu haben und daß ihr glaubtet, ich liege tot vor Byzanz. Jenen Wahn gebt auf: ihr schwört jetzt der ewigen Roma. Hört ihr? Versteht ihr? Oder – besser noch! – jetzt nicht nur schwören: wir wollen – nach eurer Sitte! – Blutsbrüderschaft schließen: das bindet euch am stärksten. Geht: ihr seid frei!« – »Stilicho!« – »Feldherr! – »Wie sollen wir dir danken?« – »Wodurch?« »Durch Treue. – Wißt ihr, weshalb ich euch starke Recken so leicht – in zwei kurzen Treffen! – bezwingen, fangen konnte? Weil die himmlischen Gewalten euren Eidbruch strafen wollten, weil sie – unsichtbar! – für Rom kämpften. Seid treu – und ihr werdet wieder – wie so oft früher – siegen: aber nicht gegen Rom, für Rom sollt ihr kämpfen. Hört, was ich nur euch vertraue: ich muß heute noch mit allen germanischen Söldnern, die ich hier in Gallien, dann in Rätien, Vindelicien, Noricum aufgerafft, eilig aufbrechen nach Italien, das mein bedarf. Entblößt von Wächtern – schutzlos! – laß ich den Rhein und die Donau zurück ...: doch nun – nicht schutzlos. Denn ich vertraue sie – eurer Treue! Ihr, meine Blutsbrüder, sollt mir die Grenzen schirmen gegen schlimme Nachbarn, – so schlimme wie ihr selbst gewesen seid. Dir, Uferfranke, vertraue ich den Mittel- und den Nieder-Rhein, die Maas und die Mosel: hüte sie gegen die landgierigen Salier, die Merowinger. Du, Alamanne, schütze mir den Oberrhein bis Straßburg, bis Basel gegen deine Stammesvettern, die wilden Sueven. Macht eure Sache gut: an reichem Goldlohn für euch, an Getreide für eure Gauleute soll's nicht fehlen. Holt eure Helme, draußen hängen sie: geht damit zu meinem Quästor Manlius: er hat Befehl, sie randvoll zu füllen mit den neugeprägten Goldsolidi, den Honorianici: 's ist nur einstweilen ein Abschlag. Mehr folgt, führ' ich – in Bälde! – die Kohorten hierher zurück und erfand euch treu. Sprecht offen, ihr Könige, darf ich euch trauen?« Da eilten die harten Männer auf ihn zu und drückten seine Hände: »Treu bis zum Tod, bei Wodans Speer!« rief Markomer. »Bei Ziu, ein Neiding wäre, wer dich täuschte!« fiel der Alamanne ein. »Ich glaub' euch!« – Er trat mit ihnen hinaus in die Vorhalle, wo zahlreiche Heerführer versammelt standen: »Auf!« befahl er, »auf, meine Tribunen, laßt die Tuba schmettern durch eure Reihn: zum Aufbruch. Eilt! Italien und den Kaiser gilt's zu retten!« IX. Wohl hatte der Gotenkönig, da die Werkmeister in seinem Lager noch immer nicht die erforderliche Zahl von Maschinen fertiggestellt hatten, Eilboten nach Epirus geschickt, aus den dortigen kaiserlichen Waffenlagern Ballisten und Mauerbrecher zu holen: aber weder die gewünschten Sendungen trafen ein, noch kehrten die Boten zurück. Und Tag um Tag verstrich und noch immer war kein Sturm auf Mailand möglich. Mißmutig ritten eines Abends der König und Ataulf aus den Reihen der Vorposten zurück gegen die Addabrücke. Die Märzsonne, die hinter Mailand zu Rüste ging, warf ihre Strahlen schon fast wagrecht über die weite Ebene, die im Osten der Stadt jener Fluß durchzieht. Es war ein friedlicher Frühlingsabend: vor der Feste ruhten die Waffen und der Lärm aus dem Lager des Volkes an der Brücke drang nicht bis zu den beiden Reitern. Die zahllosen Lerchen dieser Landschaft stiegen trillernd, in immer höherem, schraubenförmigem Aufflug in die Luft: ihre silbernen Stimmlein unterbrachen allein die feierliche Abendstille. Ataulf spornte das Weißroß zu rascherem Gange: »Ich begreife deine Ruhe nicht!« eiferte er. – »Aber ich begreife deine Unruhe,« lächelte der König. »Doch hat sie dir bisher nur einen eingeschlagnen schönen Helm und einen angeschlagnen schönen Kopf eingetragen. Placidia ...« – »Ah, laß das! – Nein, ich meine, deine Ruhe wegen – Stilichos. Kein Mensch weiß zu sagen, wo er steckt: nur gewiß nicht in Mailand! Was er treibt: nur gewiß nichts Gutes für uns. Unbegreiflich, daß er davon ging – wohl ganz aus Italien – wissend, daß wir kamen.« Alarich schüttelte den Kopf: »Nicht unbegreiflich! Mit den Scharen, die er in Italien hat, allein hätte er die Schlacht am Timavus auch verloren – nicht so rasch und so gründlich wie Freund Heraclians Bruder, aber auch ! – Er holt sich Helme: allein kann auch er Italien nicht verteidigen.« – »Schlimm, kömmt er zurück, während wir noch vor Mailand liegen.« – »Kommt darauf an. – Mir wär's ganz lieb gewesen, hätt' ich ihn daheim getroffen in seinem Italien.« – »Nun höre! Dann stünden wir wohl nicht vor Mailand.« – »Aber vielleicht schon viel weiter. Erfuhr er die Absicht, das wahre Ziel meines Zuges, mußte er selbst mir dazu helfen, es zu erreichen. Wenn ihn nicht einer seiner unberechenbaren, unbeugbaren Pflichtgedanken, eines seiner unsinnigen Versprechensworte hemmte. Wenn er kommt und uns nicht gleich ganz mausetot schlägt, – und dazu gehören doch zwei! – – viel Blut und Zeit und Arbeit könnt' er sparen. Auf meine wiederholten Anfragen hat er nicht geantwortet. Schriftlich ist so was auch schlecht verhandeln. – Aber sieh, dort hinter den noch blattlosen Reben steigt weißer Rauch empor: eine dünne Säule. Was mag's bedeuten? Woher rühren? Laß sehn!« Beide sprangen ab, banden die Hengste an zwei junge Olivenbäume, die zu beiden Seiten des schmalen Eingangpförtleins der Weinbergmauer ragten und traten über die Steinschwelle des Rebgärtleins. Es erwies sich als sorgfältig, als liebevoll gepflegt: die mit gelbem, rotem, weißem Sande bestreuten schmalen Pfade glänzten in dem Licht der Abendsonne, die ungehindert durch die noch unbelaubten Weinstöcke, die flach gewölbten, Lauben ähnlichen Rebdächer, die »pontones«, ihre Strahlen über das niedrige Mäuerlein herein sandte. Die Rebgänge waren zierlich eingefaßt durch Rasenstreifen, in denen zur Zeit alle Blumen des italischen Frühlings, buntgereiht, prangten und dufteten: Krokus, Narzissen, Anemonen und Veilchen. Im Hintergrund des gartenähnlichen Weinbergs stand ein höchst einfacher Altar, aufgerichtet aus einigen alten Marmorplatten, die einst wohl einem reicheren Bau angehört hatten. Der oberste Querstein trug weder ein Kreuz noch die Büste oder Herme eines Gottes: ein paar Stücke Holz mit dürrem Reisig brannten darauf und ließen in der Windstille des friedlichen Lenzabends eine weiße Rauchsäule kerzengerad in die laue Luft des blauen Himmels steigen. Vor dem Altar kniete ein alter Mann mit silberweißem Haar in unscheinbarem Gewand: er hielt die Arme betend empor in der Haltung, in der man die Götter des Olympos angerufen hatte. Er ließ sich in seiner Andacht nicht stören, als die beiden hohen Kriegergestalten rechts und links an seine Seiten traten und ihn musterten: er sprach sein Gebet zu Ende: unhörbar, kaum die Lippen bewegend: erst als er ausgebetet hatte, erhob er sich – mühsam – und begrüßte die Fremden: verwundert sahen diese in sein Antlitz, das bei offenbar recht hohem Alter keine Falte, aber rosige Wangen wie eines Knaben zeigte. »Willkommen, ihr Goten, im Namen des Gottes,« sprach er, sie freundlich anblickend. – »Welches Gottes?« fragte der König. »Dein Altar ist leer.« – »Der Gott ist überall, also auch auf diesem leeren Altar. – Darf ich euch mit meinem Wein erquicken? Er ist gut.« Und ohne die Antwort abzuwarten, schritt er zur Rechten in eine Reblaube, wo vor einer halbkreisförmigen Holzbank ein Steintisch stand, aus dem gleichen rotbraunen Marmor wie der Altar gefertigt. Er holte unter der Bank drei kleine Zinnbecher hervor und einen irdenen, wohlvergipsten Henkelkrug, schenkte ein und tat den Gästen Bescheid. »Trefflich ist dein Wein,« sprach Ataulf, »hab' Dank! – Aber sage, fürchtest du dich denn nicht? Du bist hier, scheint es, ganz allein und rings um dich her tobt der Krieg. Wenn wir dich nun tot schlügen?« – »Ich lebe schon achtzig Jahre. Das ist genug,« – »Oder dich ausraubten?« meinte der König. »Dich und dein Häuslein dort hinter den Lorbeerhecken?« – Der Alte lächelte: »Würdet nicht viel finden! Seht übrigens nicht aus wie Räuber. Erinnert mich an ... Aber das Alter schwätzt.« Er verstummte und sah an ihnen vorbei weit in die Ferne –: wie in die Vergangenheit. – »Nein,« lachte Ataulf, »es schweigt leider statt zu erzählen. An was, an wen erinnern wir dich?« – »An Strataburg, wie sie jetzt sprechen, statt Argentoratum. Und an sieben Könige.« – »Wie?« forschte Alarich, »du warst am Rhein?« – Der Alte nickte: »Mit ihm , dem Unvergleichlichen!« – »Mit wem?« fragten beide zugleich.« – »Mit dem Cäsar Julian, meinem Feldherrn, als er sieben Alamannen-Könige zwang. Die sahen aus wie ihr. So seid ihr wohl Könige der Goten?« – »Schau, Alarich! Da hat wirklich der Alte eine lange, lange Narbe am Halse.« – »Ja, ja, sie hatten gar lange Schwerte. Dieser Streich hatte ihm gegolten: – ich sprang vor und fing ihn auf. Der Gütevolle vergaß es nie. Als er gegen die Perser aufbrach – mein Hals war steif geworden – schenkte er mir dies Gütlein. Lang ist's her. Seitdem hab' ich diesen Garten nicht mehr verlassen: Frau, Sohn, Sohneskinder hab' ich begraben – da drüben neben dem Häuslein: nun hab' ich nur noch den Urenkel: – da kommt er gerade gesprungen: Brot und Milch hat er – gegen unsern Wein – getauscht beim Nachbar –: komm nur herzu, Julian!« Der schöne Knabe im kurzkrausen schwarzen Gelock, nackt an Armen und Beinen, den Leib nur von braunwolligem Schafvlies bis an die Knie bedeckt, blieb an der Eingangspforte stehen, stellte Milchkrug und Brotkorb nieder und starrte staunend die hohen, in reichem Waffenschmuck prangenden Gestalten an. »Ahn, sind das Götter?« fragte er. Die beiden lachten: »Solche Schmeichelei bringt Claudian nicht für Honorius, ja nicht für seinen Stilicho fertig,« meinte Ataulf. Der Alte aber sprach, mild verweisend: »Es gibt keine Götter. Es gibt nur den Gott.« – »Den Gott der Christen?« forschte der König. – Der Alte schüttelte das Haupt. – »Also Jupiter?« drängte Ataulf. – »Nichts von beiden. Seht dort meinen Altar. Er trug einen Jupiterkopf als Constantinus herrschte. Sein Sohn Constantius ließ den Jupiter zerschlagen und durch ein Kreuz ersetzen. Ein Priester des Jupiter unter Julian – wahrlich nicht der Cäsar selbst! – zerschlug das Kreuz und setzte wieder einen Jupiter darauf. Da kamen heidnische Alanen: die glauben nur an den Drachen-Dämon, sie schlugen den Jupiter und den ganzen Altar in Trümmer und trabten weiter. Mich hatten sie nicht gesehn in dem dichten Gebüsch. Ich kroch heraus und baute aus ein paar Marmorplatten einen neuen Altar – meinem Gott.« – »Und wer ist das?« – »Der Unbekannte! Der unausdenkbar ist und den ich doch denken muß! Der ewig war und ewig sein wird, wann keine Seele mehr an Jupiter oder an Christus glauben wird. Sonder Anfang, sonder Ende! Ich kann's nicht denken und kann auch nicht lassen, es zu denken. Was der tut, das ist wohlgetan. Aber man kann nicht beten zu ihm, etwas zu erlangen oder abzuwenden: beten ändert nichts. – ›Glaube doch nicht durch Gebet die Beschlüsse der Götter zu ändern,‹ – so sprach einmal ein Philosoph zu Julian, da der unablässig opferte.« »Aber auch du hast gebetet, als wir kamen,« wandte der König ein. – »Nur ein Dankgebet: zu danken drängt mich die Seele dem Gott für alles, was er mir gespendet hat. Freilich mußte er wohl.« – »Warum?« fragte Ataulf. – »Weil er gut sein muß ! 's ist sein Wesen so.« – »Wenn er dir aber wehe tut?« – »Dann muß er auch. Er hat nicht Willen, wie die Menschen, die da sprechen, ›das tu' ich und jenes lass' ich.‹ Ah und sind so wenig frei, wie der fallende Stein, der zu fliegen wähnt gleich dem Adler.« »Und wie lautet dein Dankgebet?« fragte Alarich. »›Gott ich danke für das, was du mir des Guten gegeben, und für das Üble zumal, welches du von mir gewehrt.‹ So betete mein Cäsar zu seinem unbesiegbaren Sonnengott. Aber den gibt es nicht. Und er fügte ein Bittgebet hinzu: ›Vater, das Gute verleih', auch wenn wir nicht darum bitten, aber das Böse versag', bäten wir selber darum.‹ Das war schön: aber sinnlos. Wir müssen uns in den Gott ergeben.« »Ein beneidenswerter Glaube,« meinte der König, – »für einen Greis. – Mir aber ziemt's, für mein Volk zu sorgen, zu handeln: ich folge der inneren Stimme, die mich unablässig ruft nach ... Genug! Du ,« lächelte er, »brauchst ihr ja nicht zu folgen.« Er legte einen Goldsolidus auf den Tisch. »Für den Wein!« – »Dies ist kein Wirtshaus. Dich schickte mir der Gott. Gib's den Armen.« – Mit Beschämung nahm der Gote die Münze an sich: »Soll ich dir nicht ein paar Speerträger schicken, dich Einsamen zu schützen?« – »Mich schützt der Gott. – Er müßte dann,« lächelte er, »nur auch noch deine beiden Speerträger schützen.« Alarich reichte ihm die Hand: »Wahrlich, immer noch ein Held!« – »Des Glaubens,« fügte Ataulf bei. »Des Unglaubens, würden die Priester sagen.« – »Brauchst du je etwas, was ich gewähren kann, dir oder deinem Urenkel dort, oder hast du sonst Wichtiges zu melden, so schicke den schönen Buben ins Gotenlager und laß ihn fragen nach König Alarich.« – »Oder nach Ataulf, dessen Vetter,« rief dieser im Fortgehn zurück. »Dann soll euch Hilfe werden.« X. Aber schon am Morgen, der diesem Abend folgte, war es verschwunden, das Gotenlager an der Adda. Wohl hatte der Balte – in Erwartung der Rückkehr Stilichos – auf allen Straßen, die von Osten und von Norden her auf die Addabrücke führten, – dem einzigen Übergang über den durch die Schneeschmelze und den Frühlingsregen hochgeschwellten Fluß – stundenweit in seinem Rücken berittene Wachen ausgestellt, die sofort jede Annäherung des Entsatzheeres in das Brückenlager melden sollten, jede Überraschung zu verhüten. Wohl hatte er die wichtige Brücke selbst an ihrer Ostmündung, also im Rücken des Lagers, so stark befestigt, als damals gotische und auch römische Kriegskunst verstand: denn auch Gefangene, – Legionäre wie Handwerker – waren hierzu verwendet worden, so daß die aus Felsblöcken und Balken errichtete Schutzwehr nur gar schmalen Durchgang für je einen Reiter gewährte und jedes Eindringen auf die Brücke von Osten her sehr leicht auch von geringer Besatzung abgewehrt werden konnte. Allein alles kam ganz anders als die Goten erwartet hatten. Und dadurch sollte sich jene Sperre des feindlichen Angriffs zu verderblichster Hemmung des eigenen Rückzugs gestalten. – Alarich und Ataulf verbrachten wie gewöhnlich die Nacht nicht in dem großen Volkslager bei der Brücke, bei den Wehrunfähigen, den Herden und Vorräten, sondern in dem kleinen Zeltlager auf dem Westufer des hier von Nord nach Süd ziehenden Flusses, ganz nahe der Stadt und der Vorhut des Heeres, zumal der Reiterei, bei der langen Reihe der fertig gestellten Belagerungswerkzeuge, hart vor der Porta Cremonensis oder orientalis der vordersten Mauer. Dem Drängen Ataulfs nachgebend hatte der König – noch an jenem Abend – darauf verzichtet, die Zahl der gewaltigen Maschinen noch zu mehren und beschlossen, am folgenden Tag mit allen verfügbaren Tausendschaften den Gewaltangriff auf den Ostwall zu unternehmen: deshalb waren bei Einbruch der Dunkelheit die Geschütze und die Sturmdächer schon so nah an die Mauer geschoben, als die Vorsicht irgend verstattete. Mitten unter diesen seinen mühsam hergestellten, riesigen Holzbauten hatte der König für diese Nacht sein Lederzelt aufschlagen lassen. Früh in der Nacht hatte er befohlen, die Feuer zu löschen, den Schlaf zu suchen, die Kräfte für den kommenden Tag zu stärken. So war es nun still geworden in dem Lager: nur das Wiehern eines Rosses, das Klirren einer Waffe, das Anschlagen eines wachsamen Hundes unterbrach zuweilen das tiefe Schweigen der dunkeln, mond- und sternenlosen Nacht, deren Gewölk heftiger Westwind immer wieder zusammenballte. Plötzlich aber – Mitternacht war vorüber – bellten alle Lagerhunde grimmig: nicht gegen die Stadtmauer zu – rückwärts, gegen den Fluß: aber nicht in der Richtung der Brücke, viel weiter südlich, flußabwärts. Die Wachen eilten darauf zu: aber sie kamen nicht weit: kaum hatten sie die südöstlichsten Zelte erreicht, als sie überritten zu Boden lagen: und brausend ergoß sich eine Flut von Reitern in das völlig überraschte Lager. Der Schreck, das Entsetzen, die Verwirrung vermehrte noch das Grauenvolle, daß der Überfall in fast völliger Dunkelheit geschehen war: erst innerhalb des Lagers tauchten jetzt einige Reiter mit Pechfackeln statt mit Speeren in den Händen auf. »Stilicho!« rief der König bei dem ersten Schrei, der ihn weckte. »Das ist Stilicho.« Er faßte das Schwert, ließ alle Schußwaffen liegen und stürmte vor das Zelt. Hier traf er auf Ataulf, der, schon im Sattel, des Königs Pferd heranführte: »Ja, Stilicho! Ist er auf Flügeln über den Fluß gekommen? Denn die Brücke kann er nicht genommen haben: Dort, im Norden, ist alles ruhig.« Aber Alarich war schon hinweg: wo die meisten Fackeln leuchteten, da suchte er Stilicho. Er fand ihn nicht, hatte auch nicht Zeit, in dieser Richtung – gen Süden hin – weiter zu suchen. Denn urplötzlich rief ihn gen Westen, gegen die Stadt hin eine andere Gefahr: ein ganzer Strom von Licht und Feuer. Aufgetan hatte sich das Osttor, sobald die ersten Fackeln von Süden her im Lager aufgetaucht waren und ein grimmer Ausfall der barbarischen Söldner traf die westlichsten Zeltreihen der Belagerer – und die Holzbauten der Maschinen. »Rettet die Türme, die Katapulte,« schrie Alarich und riß den Rappen rechts herum. Aber es war zu spät. Adalger hatte von Anbeginn sich auf jene geworfen, den Kampf Eucherius überlassend, der sich durch die Masse der Fliehenden den blutigen Weg zu dem Vater im Süden bahnte. Der Markomanne hatte mit eigner Hand den ersten Brand auf ein Schutzdach von Stroh und Tannenlatten geworfen: lichterloh war es aufgeflammt: schon züngelte, schon hüpfte die Flamme, von dem starken Westwind entfacht und nach Osten in das Lager vertragen, auf den Nachbarbau: zwei Katapulte: da fingen die Seile Feuer, welche diese und die Fallbrücken der Türme daneben spannten: wie feurige Schlangen flackerten sie auf, verbrannten und ließen die schweren Brückenbohlen krachend zur Erde stürzen: schon waren vier zerstört: zum Schutz des letzten Turmes sprengte Alarich herbei: »Hilf, Hailswinth,« schrie er einem stattlichen älteren Krieger zu, »hilf mir den Turm da retten.« Der Getreue spornte ein Pferd heran, geriet aber dabei in einen Schwarm hunnischer Reiter und in arge Bedrängnis. Zugleich stürzte die Fallbrücke auch dieses Turmes, begrub das Pferd des Königs unter sich und betäubte den Reiter, der darunter lag. Mit harter Mühe zogen ihn die Gefolgen hervor und schützten ihn vor der Gefangennehmung durch Adalger, der jetzt gewaltig nachdrängte. Bald bildeten die dicht nebeneinander aufgereihten Holzbauten ein einzig Flammenmeer. Einstweilen hatte Eucherius den Vater erreicht, der die Scharen Ataulfs aus den brennenden Zelten – in diese hatten die Entsatztruppen ihre Fackeln geschleudert – vor sich her gegen die Brücke, gen Nordosten, zu trieb. »Willkommen, lieber Vater, in Italien!« – »Willkommen, lieber Sohn, im Siege! Also hat der treue kluge Falke den Zettel, der Nacht und Stunde angab, glücklich durch die Lüfte über die Feinde hinweg zu dir getragen?« – »Vor zwei Tagen kam er an. Seither haben wir alles für diese Stunde bereitet.« – »Gut bereitet! – Jetzt nach! Wo sind Saul und Goar mit ihren Alanen?« – »Aus dem Nordtor brachen sie, wie du befahlst, gleichzeitig mit uns gegen die Brücke. Hörst du das Geschrei von dorther?« – »Nach! Auf die Brücke! 's ist der einzige Rückweg, wollen sie nicht schwimmen, wie ich und meine Reiter taten, dort im Süden bei der Furt.« – »Ein schmaler Rückweg! Haben sie doch, sich gegen dich zu schützen, das Ostende der Brücke fest verrammelt ...« – »Sie wähnten, ich müsse gerade dort den Übergang suchen und mir an ihren Schanzen den Kopf einrennen!« – »Und haben sich so den Ausweg selbst versperrt!« – Und also war's. Und auf der schmalen Brücke hob alsbald ein Ringen an, ein Kämpfen unter den Flüchtlingen selbst: sie stießen sich, drängten sich an die Holzgeländer auf beiden Seiten, bis diese barsten und nun Mann und Roß nach links und nach rechts in die hier stark reißende wirbelnde Flut stürzten: mehr Leute, viel mehr fanden so hier in den dunkeln Wellen den Tod als durch das Schwert der Sieger. Die Wehrunfähigen in dem Ost-Lager, der starke Troß, die Wagen und Karren und Herden erschwerten auch den glücklich auf das linke Ufer Gelangten, sowie den hier Gelagerten, die Flucht. So war die Zahl der Gefangenen groß: aber Alarich und Ataulf waren nicht darunter: eifrig musterte der Feldherr bei Tagesanbruch diese Haufen: traurig sprach er: »Sie werden doch nicht gefallen sein?« Hoch auf horchte da Carinus, der neben ihm ritt: »Dies Wort merke dir,« flüsterte er Heraclianus zu, »du wirst es einst bezeugen müssen.« »Ei,« lachte Saul, »die sind doch besser tot als lebendig, alle beide.« – »Nichts riecht so gut,« grinste Goar, »wie ein erschlagener Feind.« – »Sie sind gar gefährlich gewesen,« grollte jener. – »Als Feinde!« schloß Stilicho. »Ich gebe die Hoffnung nicht auf, sie noch zu Freunden zu gewinnen.« Bedeutungsvoll nickten sich die beiden Römer zu. »Jetzt aber, Magister militum ...« mahnte Claudian. – »Ei sieh,« rief jener, sich zu ihm vom Pferde herab neigend, »unser Poeta blutet.« – »Jawohl, mir beispringend ward er getroffen,« sprach Eucherius, – »'s ist nur der linke Arm und seine Hand: die Rechte kann heute schon das Plektrum führen, und deinen Sieg auf der Lyra feiern. Jetzt aber komm zu dem befreiten Imperator, dir deinen Dank zu holen.« – »Ich erwarte keinen,« erwiderte Stilicho, das Roß gegen die Stadt zu wendend. »Das ist weise getan,« flüsterte Heraclian höhnisch dem Genossen zu. »Hei,« lachte Sarus, der Gote, »dieser Imperator des Römischen Reiches hat sich nicht einmal zu dem Zweck auf den Wall begeben, seine Befreiung mit anzusehen.« – »Ja,« meinte Adalger, »da könnten am Ende Pfeile herauffliegen wie herunter.« – »Da lob' ich mir seine Schwester,« sprach Eucherius ernst. – »Jawohl,« fuhr Claudianus fort, »sobald sie von dem geplanten nächtlichen Ausfall erfuhr, erschien sie – allein – auf der Wallkrone des Osttors und spähte eifrig auf die Kämpfenden herab.« – »Und sieh,« rief Carinus grimmig: »da, das ist ihre Sänfte. Sie läßt sich wahrhaftig aus dem Tor auf das blutige Schlachtfeld tragen – wem, wem entgegen? Wen sucht sie? Da, sie steigt aus, sie naht.« Schon stand sie, in einen dunkeln Überwurf gehüllt, vor Stilicho, der, wie sein Roß, mit Ruß, mit Aschenstaub, mit Blut bedeckt war. Sie sah sehr bleich im roten Schein der Fackeln, den allmählich das Dämmern des Märzmorgens überleuchtete. Sie reichte ihm die Hand, die zitterte. »Ich mußte die erste sein, dir zu danken.« – »Du scheinst aber gar nicht sehr erfreut über deine Befreiung,« lächelte er. – Heiß schoß ihr da das Blut in die Wangen: »Dein Sieg ist groß, aber wohl sehr, sehr blutig? Sprich, was ward aus den gotischen Führern? Dem König? Und ... ?« Da drängte Carinus dicht an sie heran und flüsterte ihr ins Ohr: »Und er ? Leider weder gefangen noch gefallen! Ich suchte scharf! Entflohen! Aber ich hol' ihn ein, ob auch erst in der Hölle!« XI. Einen Tag, nachdem das Gotenlager, halb verbrannt, verlassen war, irrte durch die Zeltgassen hin ein schöner Knabe von etwa vierzehn Jahren: barhäuptig, barfüßig, einen Hirtenstecken in der Hand, über dem braunen Schafvlies, seiner einzigen Bekleidung, an einem Strick einen Kürbiskrug geschnürt. Es war ein schöner Abend des Vorfrühlings: die fein gebogene schmale Mondsichel sah aus den noch vom Sonnenuntergang rötlich behauchten, vor dem Westwind langsam flutenden Wolken auf die breiten Gefilde an der Adda grünenden Ufern herab. Es war so feierlich still hier, wo vor kurzem der klirrende Lärm der Schlacht getobt hatte: eine Lerche sang noch, allmählich aus den Lüften sich niederlassend: nun schwieg auch sie, in die junge Saat geduckt, da war es ganz still. – – Der Knabe schritt weiter und weiter. Er stieg auch zuweilen über eine der Leichen, die noch lange nicht alle bestattet waren: er tat's ohne Grauen: wußte er doch kaum, was das all' bedeute. Nur vermied er, nachdem er einigen in die verzerrten Gesichter gesehen, leise fröstelnd, diesen Anblick. Allmählich ermüdete er: er lehnte sich an die Stange eines stehen gebliebenen Zeltes und rief: »Alarich, König der Goten! Wo bist du? Jetzt komm aber bald. Sechsmal hab' ich dich gerufen. Lange lauf' ich über stumme Menschen, blutige Pferde, zerbrochene Waffen. Komm endlich! Müde bin ich. Alarich, komm!« Da rührte sich etwas in dem Zelt, dessen rauchgeschwärztes Lattendach zur Hälfte nach innen herabgestürzt war, die Eingangsfalten rauschten und ein etwa gleichaltriges Mädchen lugte neugierig dadurch. Nun trat das Kind heraus: dichte blonde Zöpfe fielen auf das lange weiße Wollhemd, das, ihr einziges Gewand, bis an die Knöchel reichte, aber die unbeschuhten Füßlein sehen ließ. Lieblich klang die Stimme, als sie, die blauen Augen groß aufschlagend, fragte: »Was bist denn du für einer?« – »Ich? Ich bin doch Julianus. Und ich suche den König der Goten.« – »Das hab' ich dich rufen hören. Aber die sind fort. Alle. Oder tot.« Sie blickte erschauernd auf die Leiche, die dicht vor dem Zelte lag. »Ich muß ihm aber sagen, daß der Großvater in der Erde liegt: das war sein letzter Auftrag. Weißt du, wo sie hin sind, die Goten?« Sie schüttelte schweigend den Kopf. »Hm, wer bist aber du?« – »Ich? Ich bin Hailiko, Hailswinths Kind. – Und nun bin ich ganz allein. Wir waren unser acht: Vater, Mutter und die fünf Geschwister. Jetzt sind sie alle fort. Wo mögen sie hin sein? – Wie war es doch?« Und sie griff mit der Hand an die Stirn. Da sah der Knabe geronnenes, kaum erst getrocknetes Blut unter den gelben Flechten an der rechten Schläfe. »Du blutest! Hast du Schmerzen?« – »Nicht mehr viel. – Aber wie war doch alles? Kaum weiß ich's noch. Ja, ja, so war's: wir, die Mutter und die Geschwister, wir lagen da drinnen und schliefen. Der Vater stand auf Wache bei den hohen Holzböcken. Da plötzlich Geschrei – arges Geschrei! – Waffenlärm – durch die Zeltfalten Feuerschein. Auf sprang die Mutter, nahm den Kleinsten auf den Arm, riß die zweite mit der Linken dahin und schrie uns zu ›lauft! lauft mir nach‹. Ich wollte gern laufen: aber auf einmal stürzte das Dach über mir zusammen: – eine Latte traf meine Stirn: – ich sank zu Boden: – seither hab' ich nichts mehr gedacht, gesehn, gehört, bis dein Ruf mich weckte. Habe Dank!« »Arme Hailiko! Bist so zart, so ... so anders! Was fängst du nun an?« – »Ich suche die Eltern.« – »Ja, aber wo?« Die Kleine sann nach: »Ei, ich weiß! Der Vater ist Herrn Ataulfs Gefolge. Ich suche Herrn Ataulf, den viel Gütigen.« – »Ataulf? So hieß der andre, des Königs Vetter. Weißt du was, Hailiko? Die Vettern werden wohl beisammen sein. Da könnten wohl wir beiden miteinander gehn, sie suchen: nicht? Weißt du, es ist doch besser für dich. Du bist gar so ... nun, so fein, so anders. Und so jung. Leicht könnte dir was geschehen! Ich werde dich schützen.« Und ohne Grauen löste er dem toten Goten, der neben ihnen auf dem Rücken lag, das Kurzschwert aus der erstarrten Hand, schwang es und steckte es in den Strick, der ihm den Gürtel ersetzte. »Nun komm mit mir! Ich schütze dich!« wiederholte er. – »Ich danke dir. Aber ich bedarf deines Schutzes nicht. Mich schützt der gute Himmelsherr da droben, der Vater, der alle Haare gezählt hat auf meinem Haupt. Und sein Engel fliegt vor mir her.« Verwundert sah der Knabe nach oben: »Ich seh' ihn nicht. Und ein Vater im Himmel da oben? Hab nie was von ihm gehört.« Die Kleine erschrak: »Nichts vom Himmelvater? O du Armer! Wie kannst du leben?« – »Weiß nicht, wie. Aber ich lebe.« – »Höre du, da will ich freilich mit dir gehn: da schützt dich mein Gebet besser als das Schwert da mich. Und wäre schade, geschähe dir was. Denn du bist gut, – glaub' ich. – Der Weg wird vielleicht weit. Denn wo mögen sie sein, die wir suchen? Darum wart' einen Augenblick: wir hatten noch Brot im Zelt und Ziegenkäse: das nehmen wir mit.« Gleich kam sie wieder heraus, eine Jagdtasche an braunem Riemen um die Schulter geschlungen, beide Hände voll Brot und Käse: sie gab ihm die Hälfte: »Da, iß! Sonst mag ich auch nicht essen. Und bin doch hungrig.« Er nahm und aß: dabei betrachtete er sie nachdenklich: »Das Blut da! Es paßt nicht zu dir. Bist sonst so weiß an der Stirne. Bücke dich. Ich wasch' dir's weg.« Gehorsam neigte sie das Köpflein: er öffnete die Kürbisflasche, besprengte die Stelle und wusch sie ab, mit gar leiser, leiser Berührung; »tat das weh?« – »Nein, wohl hat's getan. So kühl! Dank! Siehst du, ich sagte ja, du bist gut.« – »Nun komm, eh' es dunkel wird. Wir wollen übernachten in Großvaters Hüttlein. Er liegt daneben im Grabe, das er sich selbst – schon lange! – gegraben. Und wie er zu sterben kam, legte er sich selbst hinein: ich hatte nur, nachdem er nicht mehr atmete, die Erde darauf zu schütten. Du fürchtest dich doch nicht vor dem Toten?!« – »Ich werd' an seinem Grabe für ihn beten.« – »Also komm!« »Erst laß uns beten. Knie nieder wie ich und sprich gleich mir: ›Allmächtiger Vater im Himmel! Schütz' uns zwei arme Kinder auf unsern Wegen. Denn wir wissen nicht wohin. Aber du wirst uns führen Nacht und Tag, über Berg und Tal, durch Wald und Heide. Beschirm' uns vor bösen Menschen und bösen Tieren und bösen Geistern. Wir vertrauen dir ganz, hörst du, lieber Gott?‹« Sie sprang auf: »Nun komm: nun kann uns nichts geschehen.« Und raschen Ganges, munter, schritten sie dahin. Kaum hatten sie dem Zelte den Rücken gewandt, als hinter ihm hervor zwei Kerle schlichen, die Hailiko wohl zu den bösen Geistern würde gerechnet haben: römische Troßknechte waren's, Sklaven, bepackt mit Gold, mit Schmuckstücken, Ringen, auch mit kostbaren Waffen, die sie in den Zelten, in der Asche, bei den Leichen aufgelesen. Tierische Roheit lag auf den häßlichen Gesichtern. »Du bist ein Hasenherz,« lachte der eine und bückte sich: denn er erblickte an dem Goldfinger des toten Goten einen Ring mit einem leuchtenden Rubin: sofort schnitt er den starren Finger mit seinem Dolche durch, ließ den roten Stein im letzten Strahl der Sonne spielen und steckte ihn in seinen schon strotzenden Lederranzen. »Hasenherz! Ich hätte den Jungen gemurxt, das bildschöne Mädel hätt' ich mir gezähmt. Und dann verkauft.« »Wäre dumm gewesen! Die Senatoren in Rom, auch Priester dort, zahlen für einen schönen Jungen viel mehr als für ein Mädel. Ich hätte den Buben verhandelt. Aber wie die Kleine gen Himmel sah, – mit den Augen! – erwürgt hätt' ich dich, griffst du sie an.« XII. Karg und kühl, wie Stilicho erwartet hatte, fiel der Dank des Imperators aus. Gar seltsam war der Widerspruch seiner Würdigung der durch die Belagerung drohenden Gefahr vor und nach dem Entsatz: noch gestern war er nahe daran gewesen, die Feste und sich zu ergeben: nur mit äußerster Mühe hatten Eucherius, Adalger und übrigens auch Carinus und Heraclian ihn davon zurückgehalten, obwohl Mangel bisher nur die Bevölkerung, kaum noch das Heer und gar nicht den Palast getroffen hatte: unerträglich fand er schon den nun Wochen hindurch währenden Waffenlärm, die Aufregung der Belagerung. Das dringe bis in seinen Hühnerhof und hindere die fleißigsten Hennen am Legen: Alarich habe ihm ja ehrenvolle Haft zugesichert. Aber nach dem Einzug Stilichos in die Stadt meinte er achselzuckend, man übertreibe die Gefährlichkeit der Einschließung und daher das Verdienst des Entsatzes, vielmehr müsse er Rechenschaft fordern für die unverantwortliche Entblößung der Rhein- und der Donau-Grenzen. Und als Stilicho auf die beiden zu Mark-Wächtern gewonnenen Könige hinwies, erwiderte er giftig, daß der ›Vandale‹ gar nicht genug Germanen in das Reich ziehen könne. Stilicho entzog sich diesem Undank und diesen Vorwürfen so rasch er konnte. Schon am folgenden Tage nahm er mit allen in Mailand vorhandenen und von ihm herangeführten Truppen die Verfolgung der weichenden Goten auf. Alarich, den die Seinen, ausgestreckt in einem Fischerkahn, den Ataulf steuerte, auf das linke Ufer gerettet hatten, leitete, sobald er sich aus seiner Betäubung erholt hatte, mit Umsicht den Rückzug nach Ligurien, um, falls er sich mit den stark geschwächten Wehrfähigen des Volkes gegen den jetzt übermächtigen Sieger in Italien nicht sollte halten können, über die Cottischen Alpen nach Gallien abzuziehen und in diesem nun von Truppen entblößten Lande für sein wandermüdes Volk die lang gesuchte ruhige Heimat – » quieta patria « sagte man – zu finden. Zwar ward der schwerfällige Wagenzug schon bei Asti am Tanarus von den raschen Reitern des Sarus und des Saul eingeholt und die schwache Nachhut nach Süden zu die Hügel hinab gedrängt: allein es gelang dem König gleichwohl, das ganze Volk auf den schwierigen Wegen auf dem linken Flußufer in Sicherheit bis Pollentia zu führen, vor welchem Städtlein in guter Stellung zwei befestigte Lager geschlagen wurden: ein kleineres etwas weiter südlich, ein größeres, zumal für die Waffenunfähigen, weiter nördlich. Hier mußte er den ermüdeten Menschen und noch mehr den erschöpften Gespann-Tieren des Zuges einige Tage Erholung gönnen. Hier konnte man den Angriff der Verfolger in Deckung abwarten, von hier aus im Notfall, das heißt bei weiterem Rückzug nach Westen rasch die schirmenden Wasserläufe der Stura und des Po zwischen sich und Stilichos Geschwader legen, etwa bei Susa die Pässe nach Gallien gewinnen und unter dem Schutz der Dora riparia unverfolgt überschreiten. Aber es kam anders: nicht damals schon und nicht unter Alarich sollte das Wandervolk nach Gallien gelangen. Der Ostersonntag fiel in diesem Jahr auf den sechsten April: am Abend des Karfreitags, des vierten Aprils, stieg das Heer Stilichos von Aquae Statiellae (Acqui), von Nordosten, her, dem Lauf des Tanarus entgegen, die Höhen im Osten von Pollentia herab und schlug dort Lager. Alarich hatte keinen Versuch gemacht, es aufzuhalten: kam es zum Angriff, wollte er ihn vor und in dem stark besetzten Pollentia erwarten. Allein er hoffte, weiteren Kampf zu vermeiden. Er verlangte und erhielt ohne weiteres zugesagt eine Unterredung mit Stilicho für den fünften April auf einer kleinen von Pinien beschatteten Anhöhe in der Mitte der beiden feindlichen Lager. Als die Sonne im Mittag stand, ritten gleichzeitig je zwei Reiter den sandigen Hang hinan: es waren Alarich und Ataulf von Westen, von Osten Stilicho und sein Sohn. Alle sprangen auf dem Gipfel von den Gäulen, die sie im Schatten der Pinien an deren Stämme banden. Nun schritten die vier Männer einander entgegen; treuherzig reckte Stilicho dem Balten die Rechte hin. Aber dieser ergriff sie nicht: finstern Blickes sprach der sonst so freudige Held: »Nein. Nicht fass' ich diese Rechte, die meinem Volk so blutige Wunden schlug, weil sie es verschmähte, zu antworten – auf vier Briefe!« Und zürnend nickte Ataulf. – »Vier Briefe?« staunte Stilicho. »Nicht einen hab' ich erhalten.« – »Und meine Boten, die mündlich das Wichtigste – das unter uns beiden Geheimste! – antragen, deine Antwort zurücktragen sollten? Du hast sie gefangen gesetzt!« – »Nicht einen hab' ich gesehn.« »Vater,« sprach Eucherius, – »Boten und Briefe, – frage nach ihnen bei Olympios.« – »Wahrscheinlich,« grollte der Magister militum. »Dann – deine Hand!« rief Alarich mit entwölkter Stirn. – »Ja, diese Hand,« sprach Ataulf, »obzwar rot von dem Blut der Unsern.« – »Es blieb unvergossen – wie viel Römisches –! erhieltst du meine Botschaften.« – »So hoffen wir wenigstens,« fügte Ataulf bei. »Rede nun, König! Sag' ihm, was wir suchen in Italien. Hoffentlich erspart das weiteres Schild- und Schädel-Spalten.« »In Italien?« erwiderte Stilicho kopfschüttelnd. »Ich sagte dir längst: nichts hast du zu suchen in meinem Italien.« – »Als ein Grab, denkst du jetzt,« meinte der Balte. »Das such' ich nun freilich – noch! – nicht. Sondern ich suche in Italien: – Afrika.« Vater und Sohn staunten. »Wie meinst du das?« forschte Stilicho. – »Nicht anders als ich's sage. In Europa ist unsres Bleibens nicht mehr: nicht im Ostreich ... –« – »Und nicht im Westreich,« ergänzte Ataulf. »Wir haben's bitten gelernt.« – »Im Westreich duldet uns Freund Stilicho nicht –« – »Niemals! Warum bliebt ihr nicht, wo ihr wart? Du warst Herr und Meister von Epirus. Aus den Waffenhäusern des Arcadius bezogst du die trefflichen Helme, Schilde, Brünnen, Schwerte, die ihr gegen uns führt. Schatzung an Gold zahlte euch Byzanz, Land zum Ackerbau ...« – »Hatten sie damals versprochen, haben's nie gegeben!« – »Nun denn – statt dessen Lieferungen Getreide ...« – »Haben's nie geliefert!« brach der König zornig los. »Verhungert wäre da drüben mein ganzes Volk: – sollte verhungern nach der Griechen Meinung. Nun was tun? Byzanz angreifen? Ei, dann rief es wieder nach dem treuen Helfer Stilicho, dem törichtsten aller Helden. Und der kam auch wieder, trotz dem Undank von Pholoe und half wieder . Nicht?« – »Ohne Zweifel!« nickte Stilicho ernsthaft. – »Ah, Wahnsinn der Treue! Und Treue gegen wen ? Gegen denselben Arcadius, – will sagen: Olympios – will sagen Eudoxia, die mir goldene Berge versprachen, schickt' ich des vielgetreuen Stilicho Kopf nach Byzanz, die mir ganz Italien, ja jedes Land des Westreichs preiszugeben, ja feierlich zu verleihen gelobten, entriß ich es dem Vandalen, dem Lebenden oder – lieber! – dem Toten.« Stilicho furchte die hohe Stirn. Aber Eucherius sprach fest: »Nicht jenen Menschen, – dem Römerreich hat mein Vater Treue und Schutz versprochen.« Der König fuhr fort: »Was also tun? Byzanz kann ich nicht zwingen: – Dank Freund Stilicho.« – »Wir wollen nicht noch einmal nach Pholoë,« grollte Ataulf. – »Italien oder sonst ein Stück des Westreichs gibt mir Freund Stilicho weder in Güte ...« – »Noch durch Gewalt, – die Adda sah's,« nickte Ataulf. – »Da kam mir der Gedanke: › Afrika !‹ Die Kornkammer des Reichs! Unberührt von Feindeshand! Blühend, reich genug, zwei Völker wie das meine zu nähren. Und unbehütet: zum Ostreich gehörig, nicht Stilichos.« – »Nicht des Honorius willst du sagen,« verbesserte jener. – »Das ist dasselbe! Afrika hilft uns allen. Aber von Osten her, über das Ionische Meer, das die Trieren von Byzanz beherrschen – ich habe nicht ein Segel – kommen wir nie nach Afrika: nur von Italien, von Rom aus, über Sizilien. Deshalb nur brach ich in dieses Land. Nur Durchzug verlangte ich, durch Briefe, – durch die Boten an dich – friedlichen Durchzug bis Rom: – nach Rom, nach Rom ruft mich seit lange eine innere Stimme! – dann Einschiffung in Rhegium, in Lilybäum – nach Karthago!« Staunend blickten Vater und Sohn auf den hoch Erregten. »Ich schrieb so dringend: galt es doch unser aller Heil! Ja bittend: denn es galt meinem Volk! – Keine Antwort von dem Jugendfreund!« – »O doch! Brennende Katapulte, stürzende Türme!« zürnte der Vetter. – »Jetzt aber schauen wir uns Aug' in Auge. Jetzt kann alles noch gut werden. Du siehst wie ich erglühe in dem Wunsch, mein Volk zu retten und du weißt, was sein Volk dem Manne ist!« – »Ach nein, er weiß es ja nicht!« rief Ataulf mit bittrem Mitleid. »Wie sollte er auch? Der arme Sieger hat nie ein Volk gehabt. Das er hatte, – er hat's abgeschüttelt, wie fremden Staub! Schau nur, wie kalt er blickt bei deiner schönen Wärme. Wie sollte er sie verstehen!« – »Ataulf!« warnte Eucherius. Aber sein Vater sprach eisig: »Laß den Barbaren reden, mein Sohn. Was weiß er von der ewigen Roma!« – »Daß sie nicht ewig ist,« brach Alarich los. »Ich werd es zeigen!« – »Das wart' ich ab. – Einstweilen aber mäßige dich. Dein Gedanke zwar ist kühn: nicht umsonst heißest du der Balte.« – »All meine Ahnen hießen so!« – »Aber du vergaßest: Afrika gehört zum Reich der Römer.« – »Nicht zu deinem, nicht zum Westreich.« – »Gleichviel: das ganze Reich des Theodosius zu schützen hab' ich versprochen, jedem der Brüder das Erbteil zu wahren, das der Vater ihnen abgegrenzt.« – »Auch diesem Hofe zu Byzanz? So wiss' es denn: sie haben dort – insgeheim! – hohen Preis auf deinen Kopf gesetzt!« – »Das war unklug. Denn dieser Kopf denkt, so lang er denkt, für sie .« – »Das ist die Treue des – ...« schalt Ataulf. – »Des Stilicho, wolltest du sagen,« unterbrach Eucherius, drohend sich aufrichtend und stolz auf den Vater blickend. Der König zuckte die Achseln und wandte sich seinem Pferde zu. Aber noch einmal machte er Halt: »Stilicho, alter Genoss'! Nur Durchzug – friedlichen Durchzug.« Der Feldherr schüttelte stumm das hochbehelmte Haupt mit dem purpurnen Helmbusch auf dem geschweiften römischen Kamm. »Gut denn! Also nochmal Kampf! Allein morgen ...« – »Am heiligen Ostertag ...« ergänzte der Vetter. – »Ruhn die Waffen jedes Christen, das versteht sich,« nickte Stilicho. – »Also am Montag!« rief zornig Ataulf, in den Sattel des Weißrosses springend. »Aber am hellen Tag, nicht bei Nacht und Nebel wie vor Mailand, in offner Schlacht, nicht in tückischem Überfall. Weh euch! Jetzt gibt es keinen Frieden mehr zwischen uns.« Und sausend sprengten beide Goten davon. Ernsten Blickes sah ihnen Stilicho nach: »Vielleicht doch,« sprach er dann bedächtig. »Komm, mein Sohn, zurück ins Lager, allen für morgen die Waffenruhe zu befehlen.« XIII. Als aber Eucherius den Balten Sarus und den Alanen Saul nach der befohlenen Einschärfung verlassen hatte, sprang jener von dem Zelttisch auf, an dem die beiden eng Befreundeten gezecht hatten, warf einen drohenden Blick auf die friedlich im Abendschein des italischen Frühlings ruhenden Gotenlager und flüsterte: »Freund! Ich hab' einen herrlichen Einfall. Hilfst du dazu, sind uns Sieg, Ruhm, reiche Beute und vor allem der Rache furchtbare Wollust sicher.« – »Was meinst du?« fragte der Alane mit schwerer Zunge: wankend hielt er sich an dem Tisch. – »Mein Vetter, der sich König nennen läßt, wähnt sich morgen so sicher wie in dem Himmel der Christen: reiten wir in aller Frühe hinüber und schlachten ihn ab und die ganze Gesellschaft.« – »Nicht übel,« grinste der andere und zwinkerte mit den schief gestellten schmalen Schlitzaugen, indem er den braunroten Schnurrbart wischte, der in seinen zwei dünn herabhängenden Strähnen vom Weine troff. »Du weißt, ich fürchte nichts als den Drachen-Teufel. Aber – der Feldherr?« – »Bah, der Sieg entschuldigt alles. Und zürnt auch er – der tugendsame Knecht seiner Worte! – des Kaisers Verzeihung, Gunst, reicher Lohn sind uns sicher. Den freut ein Sieg ohne den ›Mann‹ – ja gegen ihn – erfochten, mehr als zehn Triumphe seines verhaßten Schwiegervaters. Aber mir ist's nicht um Ruhm, Beute und Lohn: – ich lasse dir alles! – Mir ist's um das Herzblut dieser Vettern, die seit Geschlechtern uns, den älteren Zweig der Balten, zurückgedrängt, jetzt gar den Königstab unseres Volkes erlistet haben! Ich muß dies Herzblut endlich rinnen sehn. Meine Hunnen sind Heiden wie deine Alanen: sie alle bindet morgen nicht ›die fromme Christenpflicht, das heilige Fest‹, von denen Eucherius predigte: und uns folgen sie in die Hölle.« – »Aber du?« – stotterte der Alane. – »Du selbst bist Christ, eh?« – »Wohl: aber katholisch! Es ist fromm Werk, diese arianischen Ketzer zu versäbeln. Und im Notfall beicht' ich's beim Bischof von Mailand: der spricht mich sicher los. Tut er's nicht, – tu' ich's selbst. Nun komm herein in mein Zelt, den Plan geheim und genau zu beraten. Denn rasch muß es geschehen – bevor Freund und Feind etwas ahnen.« Und rasch geschah's! Kaum hatte am andern Morgen die Sonne die Höhenzüge östlich des Tanarus überstiegen und ihre ersten Strahlen über die Ebene leuchten lassen, in welcher die drei Lager in geringer Entfernung voneinander aufgeschlagen waren, als aus der linken, der südlichsten Hälfte der römischen Zelte die Hunnen und Alanen, fast die gesamte Reiterei des Heeres, lautlos hervorbrachen und in rasendem Rennen sich auf die nächsten gotischen Zeltreihen ihnen gerade gegenüber warfen. Erst als sie das Lager erreicht hatten, stießen sie ihr wildes Kampfgeheul aus, dem Schrei der Hyäne vergleichbar: schrill zerrissen die grellen Töne die frommen Gesänge, mit welchen die Goten psallierend unter Führung ihrer Geistlichen, die Krieger ohne Waffen, die zahlreichen Frauen und Kinder die blonden Häupter mit Frühlingsblumen umkränzt, in den Gassen des Lagers umherzogen, und an reich geschmückten Altären nach alter christlicher, schon von Wulfila eingeführter Sitte gleich nach Sonnenaufgang die österliche Morgenandacht verrichteten. Furchtbar war die Wirkung des plötzlichen sturmgleichen Überfalls. Niedergeritten waren sofort die wenigen Wachen, die der König, fest auf Stilichos Wort vertrauend, lediglich der Kriegsgewohnheit folgend, an den Eingängen der Lager aufgestellt hatte: sie kamen gar nicht dazu, in den Zelten das Heranjagen der Reiter zu melden. Diese meldeten sich selber schrecklich an! Sie sprengten mitten in die dichten Haufen der wehrlosen Gebetgänger und was die Gäule nicht niederrannten, hieb der sichelähnliche Krummsäbel des Alanen, streckte die neunsträngige Geißel des Hunnen, jeder Strang in eine Eisenkugel auslaufend, zu Boden. Das Jammergeschrei der Weiber und Kinder, die in den gelbbraunen, gellenden, spornenden, metzelnden Reitern mit Entsetzen höllische Unholde sahen, das Wutgeschrei der widerstandlos geschlachteten Krieger stieg gen Himmel, erweckte die noch in den Zelten Ruhenden: es drang hinüber in das römische Lager. Empört erkannte Stilicho, was geschehen: er befahl sofort, alles Fußvolk und die wenigen ihm verbliebenen Reiter zusammenzuscharen, ordnete sie in aller Eile und führte sie selbst in der Richtung auf das überfallene Lager, dem vertragsbrüchigen Blutbad ein Ende zu machen: seinen Sohn schickte er auf raschestem Roß mit weißem Heroldstab voraus, die Kämpfenden zu trennen, Sarus und Saul bei schwerster Strafe zurückzurufen. Aber einstweilen hatte sich das Blatt gewendet: die Angreifer waren die Angegriffenen, ja die Eingeschlossenen geworden: sie konnten nicht mehr vorwärts noch zurück. Als der Lärm des Überfalls, das Geschrei der Seinen, den König erreichte, geriet er wohl in höchsten Zorn, aber nicht in Schreck: bei heißester Erregung verlor er nicht die kühle Überlegung des geübten Feldherrn, die nur einem Stilicho nicht gewachsen war. Sobald er von dem hohen Streithengst herab die Drachenwimpel der Alanen, aber keine römischen Feldzeichen erblickte, rief er: »Gott Dank, Stilicho hat nicht die Treue gebrochen!« – es war sein erstes Wort! – »das ist nur Saul!« Und nun hinter diesem Haufen die Hunnen erkennend an ihren kleinen zottigen Kleppern, schloß er: »und Sarus hat es angestiftet. Nun wartet!« Er gab Ataulf einen raschen kurzen Befehl: der brauste mit seinen Reitern seitwärts – gen Süden – zum Lager hinaus, wahrend Alarich mit allem erreichbaren Fußvolk, das nun zu den Waffen gegriffen hatte, von West nach Ost sich den Feinden geradewegs entgegenwarf. Diese waren nach dem Erfolg des ersten Anpralls nicht weit vorwärts gekommen: zuerst hatten sie die hochgetürmten Haufen der Erschlagenen gehemmt: dann stießen ihre Gäule in den engen Lagergassen auf die vielen Wagen und Karren, den langen Troß des Wagenzuges: das hielt sie fest: daneben vorbei konnten sie die Pferde nicht zwängen: bei dem Versuch, darüber hinwegzusetzen, stürzte Roß und Mann, während das gotische Fußvolk zu beiden Seiten der Wagen mit gefällten Speeren und geschwungenen Schlachtäxten auf sie eindrang im Nahekampf mit der grimmigen Kraft der Rache. Jetzt erschauten sich Alarich und Sarus. »Fort mit dem Wagen da!« rief der König. »Schafft mir Platz.« Sechs Speerträger faßten den Karren und schoben ihn zur Seite. »Ah, der Balte!« schrie Sarus. »Stirb, Herr König der Goten!« – »Treubrüchiger Hund!« gab dieser zurück. Und beide sprengten widereinander mit eingelegten Lanzen. Die des Sarus zersplitterte an der Ringbrünne des Königs: zwar flog der unter der Wucht des Stoßes auf dem sattellosen Hengst bis auf dessen Hüften zurück, aber er hielt sich gerade noch und sah den Feind, in die Kehle durch und durch gestoßen, vom Pferde stürzen: heiser klang sein Todesschrei. Da entscharte, wie diesen Horden gar oft geschah, des Führers Fall sofort die Hunnen: sie rissen die Gäule herum und flohen. Das heißt: sie wollten fliehen; aber sie stießen in vollem Rennen auf die Alanen in ihrem Rücken und rissen diese, deren Reihen durchbrechend, in Verwirrung mit sich fort: vergebens mühte sich Saul, die Flucht zu stellen: seine Alanen gehorchten ihm, soweit sie konnten: aber nicht die meisterlosen Hunnen. »Nun denn, meine Drachen,« schrie er zuletzt erbost, »so weicht auch ihr! Zurück! Heraus aus dem verfluchten Lager.« Und er wandte das Pferd dem Ausgang zu. Da erschrak der so furchtlose Mann. Der Ausgang war nicht mehr frei: mit lautem Kampfes- bald Sieges-Geschrei sprengte Ataulf mit seiner ganzen Reiterei, die langen Speere vorgestreckt, gegen die weichenden Alanen, die fliehenden Hunnen heran. Im Augenblick waren beide Geschwader zurückgeworfen in das Lager hinein in die Lanzenreihen des grimmig verfolgenden Fußvolks Alarichs. »Hui,« knirschte Saul, »das hat der schöne Ataulf getan. Wart', Milchgesicht, ich mach' dich noch schöner.« Und scharf gezielt, gerade zwischen die Augen, schleuderte er den kurzen Wurfspeer gegen den Goten. Aber Ataulf schlug das Geschoß mit dem Langschwert zur Seite und spaltete mit dem zweiten Streiche des Alanen spitze Mütze von schwarzem Lammfell und auch den Kopf darunter bis ins Kinn. Grell kreischten seine Reiter, als sie den vieljährigen, tapfern Führer fallen sahen. In diesem Augenblick erreichte Eucherius, sich durch die hintersten Reihen Ataulfs drängend, diesen: er winkte mit dem weißen Stab und rief: »Halt ein! Stilicho ist schuldlos!« – »Das glaub' ich! Aber deine Drachenbrut!« Und er hieb wieder einen Alanen vom Gaul. – »Ich rufe sie ab! Ich führe sie sofort zurück.« – »Nein,« lachte Ataulf, »wahrlich nein! Schau die erschlagenen Frauen am Boden! Da vorn mäht der König die Hunnen: die Alanen sind mein. Jetzt haben wir die falschen Wölfe. Nicht einer soll zurück!« – »Nicht einer !« jauchzten die nächsten Goten, Eucherius erkannte die Unmöglichkeit, die zornigen Rächer umzustimmen. Er jagte zurück zu dem Vater, den er bereits auf halbem Wege nach den Lagern der Goten an der Spitze des Fußvolks fand. Er meldete, was er gesehen, gehört. Der Feldherr hielt das Pferd an, er sann einen Augenblick nach: er suchte Rat. »Überlaß sie doch,« mahnte Adalger an seiner Seite »ihrem Schicksal. Sie haben's reich verdient, die Treu- und Ehre-Brecher!« – »Des Kaisers beste Reiterscharen? Nein, ich darf nicht. Ich muß sie retten! Aber wie? Wie am sichersten, am raschesten? Ah, ich hab's! Rechtsum! Vorwärts auf das andre Lager der Goten! Dort haben sie die meisten ihrer Weiber, ihrer Kinder. Sehen sie diese gefährdet, – gebt acht, wie schnell sie von unsern Reitern lassen. Vorwärts! Nach rechts! Im Sturmschritt auf jenes Lager.« Er hatte recht. Sowie Alarich und Ataulf die ganze Wucht des römischen Fußvolkes in ihrem Rücken auf das größere Lager fallen sahen, – bald scholl der Kampfruf der Männer, das Geschrei der Weiber zu ihnen herüber – wandten sie sich, diesen zu helfen: Alanen und Hunnen, so frei gegeben, jagten, was die Gäule laufen konnten, zurück ins römische Lager: sie konnten heute nichts mehr leisten. – Aber Ataulf hatte eine weite Schwenkung um das kleinere Lager herum zu vollziehen, bis er in den Kampf um das größere eingreifen konnte: er kam zu spät. Der Sieg Stilichos auf diesem – dem nördlichen – Teil des Schlachtfeldes war rasch entschieden: er hatte mit der erdrückenden Übermacht seines Fußvolkes – der trefflichen germanischen Söldner zumal – den Widerstand der gotischen Verteidiger hier schnell überwältigt, das Lager genommen, in Brand gesteckt, viele Wehrunfähige gefangen. Ataulf und auch der früher eintreffende König konnten nicht mehr erreichen als die Flucht des Volkes, den Abzug auch des stark geschwächten Heeres in die schützenden Mauern des Städtleins Pollentia im Rücken des Nordlagers zu decken. Und auch dies gelang nur durch immer wiederholte Vorstöße der beiden unermüdbaren Führer, die Verfolger aufzuhalten. Doch diese Versuche halfen immer nur auf kurze Zeit und wurden unter schwersten Verlusten der sich aufopfernden Nachhut ausgeführt. So ward der Tag von Pollentia trotz der Niederlage seiner Reiterei schließlich ein großer Sieg Stilichos. XIV. Ein wie großer, den ganzen Feldzug entscheidender, – das sollte Besiegten und Siegern in seiner ganzen Bedeutung erst der folgende Tag zeigen. Noch am Abend des Sonntags umschloß der Feldherr die kleine, nicht sturmfrei befestigte Stadt von allen Seiten: am nächsten Morgen sollten die niedrigen Mauern, die morschen Tore fallen: und dann war das ganze Wandervolk, waren auch die stark gelichteten Tausendschaften der Krieger Gefangene, das heißt Sklaven in der Römer Hand. Stilicho überlegte nur noch, ob es nicht klüger – und menschlicher? – sei, die Eingeschlossenen in wenigen Tagen zur Ergebung zu zwingen durch den Hunger. Das Landstädtlein mit seinen nicht zehntausend Einwohnern hatte nicht Lebensmittel genug, auch nur ganz kurze Zeit die plötzlich darin eingepferchten Massen zu ernähren, die fast sämtlich auf den Straßen lagerten: die Häuser boten – neben den Einwohnern – kaum den Verwundeten ausreichend Unterkunft: die reichen Vorräte, die der König, überallher zusammengerafft, mitgeführt hatte, waren mit den beiden Lagern in die Hände der Sieger gefallen. Während Stilicho die für den nächsten Tag zu treffenden Maßregeln überlegte, traf in dem Zelt des nördlichen Goten-Lagers, darin er die Nacht verbringen wollte, ein Bote des Königs ein, der für diesen und Ataulf freies Geleit erbat behufs einer Unterredung – »wohl die letzte im Leben,« sollte der Herold melden. Sofort ward sie gewährt und alsbald erschienen die beiden – in arg zerhämmerten Helmen und Brünnen – vor Stilicho, der seinen Sohn und den Markomannen herbeibeschieden hatte. Er schritt den tiefernst und tieftraurig, aber nicht zornig darein Blickenden entgegen: »Es war nicht meine Tat, geschah gegen meinen Willen.« – »Ich weiß,« erwiderte der König, die hingereichte Hand ergreifend, »sonst stünd' ich nicht vor dir.« – »Nicht einen Augenblick hab' ich's geglaubt,« schloß Ataulf. – Erfreut sprach Stilicho: »Dank! – Du kommst nun, abermals zu verhandeln?« – Der König nickte: »Und weitres Blut zu sparen.« Nachdeutlich erwiderte der Feldherr: »Es ist billig, – ich seh' es ein! – daß euch Genugtuung wird für den treuebrecherischen Verrat, für den Riß durch das Recht aller Völker. Ich schulde euch das. Zwar, hättet ihr den Kampf abgebrochen, als mein Sohn mahnte – ...« – Beide Goten fuhren auf: »Und die Verräter, die Mordbuben ungestraft entkommen lassen?« rief Ataulf. – »Das kannst du selbst nicht ernsthaft meinen,« schloß der König. »Du hättest uns helfen sollen gegen sie.« – Der Feldherr zuckte die Achseln: »und zusehn, wie ihr des Imperators ganze Reiterei schlachtet, noch dazu helfen? Nein! Sie wären ihrer Strafe nicht entgangen. Jedoch: ich wiederhole: Genugtuung gebührt euch: ich bin in eurer Schuld: was verlangst du zur Sühne, König?« »Nichts für mich: tot liegen die Neidinge: das genügt mir . Aber mein Volk ! Stets vergissest du, daß ich nur lebe für mein Volk. Thiudans, Volkskönig, heiß ich. Was kannst du als Sühne bieten den Kindern für die gemordeten Eltern, was den Eltern für ihre Kinder, den Witwen für die Gatten? – Gewiß zwar wirst du den Besiegten, Eingeschlossenen nicht gewähren, was du den Unbesiegten vor dieser Mordschlacht abgeschlagen hast: freien Durchzug nach Afrika. Nicht das darf ich verlangen. Allein du selbst sprachst zuerst das Wort: Genugtuung. Sühne, Volkssühne will ich's nennen: du schuldest sie dem grausam getäuschten Gotenvolk, das Stilichos Treue vertraute und maßlos dafür litt.« Der Feldherr senkte die hohe Stirn und sah erschüttert vor sich hin. Er schwieg. Eucherius trat an ihn heran und legte leise die Hand auf seine Schulter. »Oder willst du wirklich,« hob nun Ataulf an – »ich leugne nicht: du kannst es! – morgen in jene Mauern dringen und abermals viele Tausende von Wehrlosen neben uns Kriegern erschlagen oder verknechten? Willst du es denn ganz ausmorden, das Volk der Westgoten?« Mit raschem Kopfschütteln erwiderte Stilicho: »Nicht, wahrlich nicht, kann ich's vermeiden. Gedenke, mein Alarich, an Pholoë und meine dort enthüllten Pläne. Aber ich bin des Imperators Feldherr. Pflicht und Neigung reißen mich nach rechts und links, sie zerreißen mich noch! Sprich daher, König, welche Sühne verlangst du für dein Volk?« »Freien Abzug aus Italien.« – »Wohin?« – »Wohin du willst.« – »Hm, das ... das muß reiflich überlegt sein. Jedenfalls schelten sie mich wieder Verräter, laß ich euch überhaupt entrinnen. Aber das gilt mir gleich: ich bin's gewohnt. – Allein wohin?« fragte er nun sich selbst. – »Etwa nach Ost-Illyricum?« meinte Ataulf und der König nickte, auch Eucherius und Adalger stimmten bei. – »Was fällt euch ein,« zürnte Stilicho. »Ist Ost-Illyricum mein? (will sagen: des Honorius.) Es gehört – so gut wie Afrika – Byzanz. Kann ich Arcadius berauben?« – »Oh, um diesen Wahn der Treuepflicht!« rief Alarich. »Glaubst du, Byzanz, Arcadius würden einen Augenblick zögern, dich zu vernichten, könnten sie's? Ich sagte dir doch: einen Preis auf deinen Kopf ...« – »Gleichviel! Ich schütze auch des Arcadius Besitz und Grenzen. Ich reiße nichts von seinem Reiche ab und niemals werd' ich ...« Da meldete die Zeltwache: »Eine geschlossene Sänfte, Magister militum, trifft ein im Lager, begleitet von einigen Reitern. Ihr Führer nennt sich Claudius Claudianus: er verlangt dringend sofortiges Gehör.« – »Mein Claudian!« rief Eucherius hinauseilend. – »Er kann nur aus Mailand kommen – vom Hof,« sprach Stilicho erstaunt. »Führt ihn herein.« – Schon zog ihn Eucherius an der Hand in das Zelt: jener neigte sich, sein Antlitz zeigte hohe Erregung; er fand nicht gleich Worte. »Willkommen im Lager, Poet. Wichtiges muß es sein, was dich bewog, den Hof zu verlassen. Ich hatte dir doch befohlen, über Honorius zu wachen, die Ränke meiner Feinde zu vereiteln oder doch mir zu melden, zusammen mit meiner Gönnerin Placidia, die ...« – »Placidia, Herr, ist nicht mehr am Hof.« – »Wo ist Placidia?« fragten alle fünf Männer zugleich. »Hier ist Placidia,« antwortete eine wohllautreiche Stimme und lächelnd schwebte die herrliche Gestalt herein. – »Placidia!« rief Ataulf und, alles sonst vergessend, ergriff er mit beiden Händen ihre Rechte: sie ließ sie ihm willig. »Was ist mit dir geschehen?« forschte Stilicho staunend; er schob ihr einen Zeltstuhl hin. Aber sie blieb stehen: »Danke! Bin genug gesessen und gelegen in der engen Sänfte von Mailand bis hierher. – Was mit mir ist? Verbannt bin ich vom Hof, in Ungnade fortgeschickt.« – »Unmöglich!« rief Eucherius. – »Was ist unmöglich bei Honorius?« erwiderte sie, – »Und warum?« fragte der Feldherr. – »Warum? Weil ich seinen schändlichen Undank gegen dich endlich einmal – es riß mir die Geduld und der Zorn verbrannte die Klugheit! – beim rechten Namen nannte, weil ich die Ränke, die er mit Byzanz gegen dich spinnt, aufdeckte, und dich zu warnen drohte. Und noch aus einem Grunde, der« – sie errötete – »euch Männer nichts angeht.« – »Was für Ränke mit Byzanz?« forschte Stilicho. – »Der Protonotar Archelaos, der Führer der letzten Gesandtschaft des Arcadius, – sie kamen und gingen jetzt unaufhörlich! – verlor bei seiner Verabschiedung von mir eine Papyrus-Rolle: ich las sie auf: sie enthielt den zwischen den beiden Höfen abgeschlossenen Vertrag: hier ist er: lies! Er geht dich nahe an.« Er begann zu lesen: da entfärbte sich sein Antlitz: es zuckte ihm wie Wetterleuchten über die Stirn: »Wie? Was ist das? Erstens: West-Illyricum wird vom Westreich abgerissen und Byzanz abgetreten: aber nicht für Byzanz: vielmehr hat es Arcadius bereits abgetreten den Jazygen, ...« – »Den wilden räuberischen Sarmaten!« rief Eucherius, »deren er sich nicht mehr erwehren kann.« – »Ein Erzraubgesindel,« warf Adalger dazwischen. – »Nächste Vettern der Hunnen!« lachte der König. Aber Stilicho fuhr fort: »Schon sind diese greulichen Unholde unterwegs dahin. Dafür zahlt Arcadius an Honorius dreitausend Centenare Silbers – Stilicho, sagt der Vertrag, wird sich dem widersetzen« – ›wahrscheinlich‹ unterbrach er selbst sein Lesen. »Alsdann wird er seiner Ämter entsetzt ...« – »Weiter nichts?« lachte Adalger, den Schwertgriff drückend. – »Doch Freund! Noch mehr, ›Die Ehe mit Thermantia wird gelöst – ah niederträchtig, mein armes weißes Lamm! Welche Schmach! – Und das ganze Geschlecht wird für immer nach Sardinien verbannt‹ Nein, Honorius, das ist zu viel!« stöhnte der Gequälte in bitterstem Weh. – »Das fand ich auch,« sprach Placidia, »und sagte ihm das recht deutlich. Ich verriet aber nicht die Quelle meiner Kenntnis. Hier, Claudian, der treue Poet, verwahrte mir die Rolle, und als der erboste Bruder mich nach Rom verwies, begleitete mich der Wackere, ja, er folgte mir in das gefährliche Wagnis, in Genua den begleitenden Prätorianern mit meinen Sklavinnen zu entschlüpfen, zu Schiff nach Albigaunum zu entfliehen und, als wir die Nähe deines Lagers erkundet hatten, zu dir zu eilen.« »Herrlich!« rief Ataulf. »Und kamst du gestern in dies Zelt, so trafst du darin – mich und warst meine Gefangene.« – »Welch Unglück dann!« seufzte sie schalkhaft lächelnd. Dies Lächeln entzückte den Goten. – »Aber,« mahnte Claudian, »Eile tut not, Magister militum: was immer du beschließen magst: – eile! Schon traben die Rößlein der Jazygen gen Illyricum.« Stilicho hatte mit raschen Schritten schweigend das Zelt durchmessen: jetzt blieb er plötzlich stehen: »Sie sollen's nicht haben, die Scheusale! Nichts vom Westreich wird losgerissen, ich hab's gelobt, ich halt' es. Auf, Gotenkönig, rasch: nun ist dir geholfen. Führe dein Volk nach West-Illyricum, als mein Vertreter, mein Feldherr und des Honorius Statthalter. Er wird nicht wollen, meint ihr? Ah, ich sage euch« – er stampfte heftig mit dem Fuß – » er wird wollen müssen ! Geht, ihr Goten, schützt mir im Dienste Roms römisch Land gegen Barbaren! Siehst du, Freund Alarich: nun erfüllen sie sich doch, meine Pläne von Pholoë! Goten als Helfer Roms kämpfen gegen wüste Barbaren. Schützt eure neue Heimat.« XV. Und an dem Tage, der die unvermeidliche Vernichtung des Gotenvolkes hätte schauen müssen, setzte sich der lange Zug aus den Toren von Pollentia gen Ostnordost in Bewegung. Eucherius, Adalger, Claudian und zahlreiche andere Heerführer und Vertraute Stilichos geleiteten die Abziehenden, Gewalttaten der Goten gegen die Bevölkerung, wie Angriffe römischer Scharen auf jene zu verhüten. Alle Fragen, die bei dem Abzug aus der Halbinsel, dem Einrücken in Illyricum, der Ansiedelung daselbst, der Einfügung in das Westreich auftauchen konnten, wurden in dem von Stilicho entworfenen, von Alarich mit wenigen Änderungen angenommenen Föderat-, d. h. Bündnis-Vertrag genau geregelt und im voraus entschieden: einen Bündnis vertrag mit dem Reiche zu schließen sträubte sich der Stolz des Balten nicht: seit Menschenaltern waren alle gotischen Völker hieran gewöhnt und nicht der Kaiser, ihr König sollte ja an der Spitze des Gotenstaates in Illyricum stehen; der Zorn der beiden Imperatoren kümmerte den Balten wenig. Ortskundige Wegweiser – Eingeborne – geleiteten die Abziehenden. Bald hinter Pollentia überschritten sie ein unbedeutend Wässerlein, schmal und seicht, nur die Wagen etwa mußten sich einer Furt bedienen. Alarich ritt ohne Schwierigkeit durch das Flüßchen: »Wie heißt es?« fragte er den Kolonen, der das Roß am Zügel führte. – »Roma.« – »Was? Wie?« – »Roma, Herr!« – »Also dies die Erfüllung der Weissagung! Trügerisches Volk der Seher, der Wahrsager! Un-Wahr-Sager sind sie!« »Was schiltst du?« fragte Eucherius, der neben ihm ritt. – »Ei, vor dem Aufbruch nach Italien befragte ich eine ›Pythonissa‹ – so nannte sie sich – zu Larissa, ob ich auf diesem Zuge Rom – Roma! – erreichen werde. Die alte Vettel blickte lang in ihren schwarzen Zaubersud: dann sprach sie zuversichtlich: ›Ja, Herr, du wirst auf diesem Zuge Rom erreichen.‹ Bah, dies Rinnlein hat sie gemeint. Ataulf! Man muß es ihm sagen. Auch er hat fest daran geglaubt. Ihm hat sie verheißen, er werde die Kaisertochter erreichen. Wo ist Ataulf?« Aber Ataulf war weit voraus. Dringend, so gut es vor den andern in dem Zelt geschehen mochte, hatte er von der Geliebten eine Unterredung noch vor Nacht erbeten: den Finger auf den Mund legend, hatte sie leise das Haupt geschüttelt. Am andern Morgen hatte der Glühende vor dem Aufbruch sie im Lager Stilichos in dem ihr eingeräumten Zelt gesucht: er hatte es leer gefunden: sie war nirgends zu erkunden. In bittrem Weh war er dann aufgebrochen. Gestern noch hatte er die Herrliche nah, so nah gesehn: heute mußte er ihr den Rücken wenden – auf unbestimmte Zeit – vielleicht für immerdar! In wahrem Grimm des Schmerzes hatte er die Führung der Vorhut – seiner wackern Reiter – übernommen, aber auch das vorderste Geschwader weit hinter sich gelassen, in den lachenden Frühlingsmorgen hineinsprengend, als gelte es vor sich das Glück zu erjagen, das er doch – wohl für immer – hinter sich gelassen. So war er, den Seinen weit voran, ganz allem in ein wenig dichtes Pinien-Wäldchen gelangt, in dem die breite Heerstraße nach Osten mehrfach durch schmale Seitenpfade gekreuzt ward. An der Einmündung eines solchen Querweges von rechts, von Süden her, der rascher zu dem Lager Stilichos führte, sah er ein Paar Reiter und eine Sänfte halten, die offenbar auf den Zug der Goten warteten. Sowie er heran war, öffnete sich die Sänfte und heraus trat – Placidia. In heißem, süßem Schrecken sprang er vom Pferd und eilte auf sie zu: da sah er mit Staunen, daß ihre beiden Handknöchel ein goldenes Kettlein umschlossen hielt. »Placidia! Geliebte!« rief er. »Was bedeutet das?« – »Das bedeutet,« lächelte sie, »daß die Schwester des Imperators, mit dem du Krieg führst, kriegsgefangen in deine Hände fiel. Nimm mich, ich bin dein. Ich kann nicht anders. Lange, lange hab' ich mich gewehrt gegen den Apollo der Germanen: aber er ist stärker als mein Stolz. Und glaube nicht, ich komme, weil ich nicht zurück kann: vier Boten und Briefe hat mir mein Bruder nachgesandt schon bis Genua, meine Rückkehr erflehend, mir vollste Herrschaft in Palast und Reich versprechend: ich aber – will zu dir, dir dienen als dein schmiegsam Weib: dich lieben, von dir geliebt werden ist köstlicher als den ganzen Erdkreis beherrschen!« Viertes Buch. I. Gleich hierauf führte den Magister militum der Rückweg nach Mailand über Pavia. In dieser ganz überwiegend von Römern besetzten Feste war es wiederholt zu Reibungen, zu offenem Streit, zuletzt zu blutigen Händeln gekommen zwischen einer schwachen Schar germanischer Söldner – Friesen waren's und Franken –, die vor der Stadt lagerten auf ihrem Weg über die Alpen, in Gallien und Rätien die entblößten Grenzen wieder zu besetzen, die einstweilen nur von jenen beiden Königen waren gehütet worden – mit musterhafter Treue und bestem Erfolg. Stilicho hielt strenges Gericht in der Stadt: es hatte sich herausgestellt, daß wieder einmal, wie so oft geschah, die Römer, wo sie sich in erdrückender Überzahl wußten, plötzlich über die »Barbaren« hergefallen waren. In Europa wie in Kleinasien waren solche »Vespern«, in denen auch die Weiber und Kinder der angesiedelten Söldner ermordet wurden, schon seit zwei Jahrhunderten nicht selten gewesen: der alte Haß, die Verachtung der »Ketzer«, die junge neidische Eifersucht auf die Bevorzugung durch den »Vandalen« bedurften zu solchem Aufflackern keines Grundes, kaum eines Vorwandes. Schwere Strafen hatte »der Mann« über die Schuldigen in Pavia verhängt: ein Centurio der »Kohorte der Samniten«, der drei Friesen nachts in ihrem Zelt im Schlaf erdolcht hatte, ward mit gefesselten Händen an ihm vorbei zum Tode geführt: er blieb vor dessen Pferd stehen: »nur noch eine Frage, Vandale.« – »Magister militum bin ich.« – »Ja, so nennst du dich. Aber Barbar bist und bleibst du! Sprich, warum ziehst du deine Germanen überall vor? Warum bezahlst du sie besser als uns Römer?« – »Weil sie bessere Soldaten sind!« – »Ah, bei Mars dem Rächer! Fluch dir! Das sagst du mir, dem Samniten? Jahrhunderte hindurch haben meine Ahnen euch kühestehlende Barbaren zu Tausenden gegriffen und als Sklaven verkauft.« – »Ja! Aber schon lange nicht mehr, wenn euch nicht führten – Germanen.« – »Warte nur! Einst werden sie dich doch noch zerreißen, die Söhne der Wölfin!« drohte der Verurteilte, die geketteten Fäuste gegen ihn reckend, – »Wer oder was wird sie aber dann schützen, die Wölflein, vor den germanischen Bären? Gewiß nicht nächtliche Mordtat, Samnite. – Fort mit ihm.« Ernst, schweigsam ritt Stilicho mit seinem kleinen Gefolge von der Richtstätte hinweg den Fluß aufwärts nach »Pons Tessini«, wo ähnliche Verbrechen zu ahnden waren. »Hat dich der Fluch verstört, Vater?« fragte Eucherius besorgt. – »Nicht der Fluch gegen mich, lieber Sohn. Aber der Fluch, der, Unheil brütend, über diesem Reiche liegt: der unauslöschliche Haß der beiden Völker. Seit Jahren such' ich sie zu verschmelzen: Haß, Verachtung, Totschlag, Mord ist das Ergebnis. Sollte er dennoch schließlich Recht behalten, der blonde Gotenkönig? Muß ich doch einst wie jener Decius in den Abgrund springen, diesmal in den, der zwischen Römern und Germanen gähnt? Und wird er sich dann wenigstens schließen für immerdar? – – Aber sieh, was drängt sich dort lärmend neben dem Fluß? Priester sind's, Bauern, Liktoren. Rauch steigt auf am Ufer neben der Brücke. Gebet, – Psalmen, – Geheul! Sehen wir näher.« Sein Zug war jetzt außerhalb der Mauern von Pavia in gartengleichem Reb- und Olivenland. Er sprengte auf das Ufer zu in den dichtesten Knäuel von Menschen hinein. »Was gibt's hier, Diakon?« rief er einen schwarz gekleideten Priester mit haßverzerrten Zügen an. – »Magister militum, ein Strafgericht der Kirche und des Staats. Diese alte Hexe da – Sibylle rühmen sie die Leute – wird verbrannt. Sieh dort den Scheiterhaufen.« – »Hier? Auf freiem Feld? – Heda, Liktoren, warum nicht in der Stadt?« – »Herr, das betörte Volk würde es nicht leiden. Sie halten sie für schuldlos und ihre Sprüche treffen ein.« – »Ja, durch Hilfe der Hölle,« erklärte der Diakon. – »Was hat sie jetzt verbrochen?« – »Geweissagt hat sie wieder.« – »Das tut ihr auch, – sogar aus der Bibel.« – »Und gezaubert!« – »Das tätet ihr so gern, – könntet ihr's.« – »Sie hat ihrem kranken Mann durch bloßes Bestreichen der Glieder die Schmerzen vertrieben, beschworen.« – »Könnte man doch alle so beschwören!« – »Und als er starb, hat sie ihn, statt ihn zu beerdigen, verbrannt.« – »Das tun wir daheim alle,« lachte ein friesischer Reiter. – »Verfluchter Heide! – Aber im Reiche der Römer steht darauf seit Constantius der Feuertod: die Kirche gebeut's und ...« – »Gemach! – Warum gebeut das die heilige Kirche?« – »Weil da geschrieben steht: ›der Mensch soll zur Erde werden, daraus er genommen‹.« Stilicho lächelte bitter: »Also tot darf man die Leute nicht verbrennen, aber lebendig? Heiliger Unsinn! – Rasch, tapferer Sigiboto, binde die Alte los – sie ist begnadigt – und führe sie in Sicherheit.« Der Friese sprang hurtig ab und zerhieb die Stricke. Die Befreite wankte auf den Feldherrn zu: eine alte Frau in weißem Haar: sie küßte seinen Fuß im Steigbügel: »Das wird dir vergolten, Stilicho. Vergolten von den ewigen Göttern!« rief sie dem bereits Davonsprengenden nach. – »Nein,« knirschte der Diakon, mit erhobener Faust ihm nachblickend, »aber von der heiligen Kirche!« II. Nach Mailand zurückgekehrt, fand der Sieger von Pollentia – wie nach dem Entsatz jener Stadt – durchaus nicht den verdienten Empfang. Diesmal sogar nicht im eigenen Hause. Serena begrüßte ihn mit stummer Kälte, die seine schmerzliche Frage bald in laute Vorwürfe auflöste: »Du kannst fragen?« schalt sie. »Nie hättest du den Gotenkönig und sein Volk entrinnen lassen sollen: daß du das getan, weiß bereits das ganze Reich. Schwer zürnt dir Honorius. Aber ärger noch ist: du hast diese gottverhaßten Ketzer, die Verächter des Herrn Christus, losgelassen, ja gehetzt wider den rechtgläubigen Imperator von Byzanz, den Sohn deines Wohltäters Theodosius: du brachst dein ihm gegebenes Wort.« Mit tiefem Schmerz erwiderte der Gescholtene: »Das sollte Serena – meine Serena – nicht sagen, nicht denken können! Hab' ich versprochen, mich nicht zu verteidigen, greift Arcadius an? Wem gehört West-Illyricum? Ihm oder mir?« – »Keinem von beiden, sondern Honorius. Und der hat es abgetreten – ›freiwillig‹.« – »Wann hatte Honorius jemals freien Willen? Diesmal hieß sein Wille: ›Olympios!‹ Und abgetreten an wen? Nicht an Byzanz! An die schnöden Jazygen. Das sind Heiden: und solches billigt die fromme Tochter der Kirche?« – »Besser Heiden, zehnmal besser als deine Ketzer.« – Stilicho nickte bitter: »lehrt Papst Innocentius! Oft schrieb er mir's. Jetzt hör' ich's auch aus dem Munde, ach aus der Seele meines Weibes, das er mir längst genommen.« – »Ja, das lehrt er, dieser schon auf Erden fast Heilige. Er eilte auf die erste Kunde von Rom hierher, Honorius zu beschwören, den Bund zu zerreißen, den du mit den Goten geschlossen. Er drang – mit Bischof Venerius – in mich, dich zu ...« Unwillig unterbrach der Gatte: »Die beiden haben dich wohl auch gelehrt, mich zu empfangen, wie du getan? O Serena!« fuhr er weicher fort, »gedenke doch all der vielen Jahre der Liebe, der Treue, die wir zusammen gelebt, bevor du dich ganz von mir hinweg und zu den Priestern gewendet hast. Vereint uns denn nicht schon der Schmerz um das Los Thermantias, unseres armen Kindes, das unter dem Kaiserpurpur das Weh einer ungeliebten Gattin trägt? Komm, Serena, um unserer Kinder willen, kehre zurück zu mir. O komm in meine Arme.« Und mit warmer Empfindung trat er auf sie zu. – Schroff wich sie zurück: »Nein, nein! Ich muß dich meiden. Gott will es, die heiligen Bischöfe gebieten es: du, der Erretter der Arianer, bist jetzt ein offener Feind der Kirche geworden, wie du niemals ihr treuer Sohn gewesen. Du bist ausgestoßen aus der Kirche, bis du bereut hast, bis du – vor allem dies heischen sie! – deine ketzerischen und heidnischen Söldner im Heere, die Germanen, von dir gestoßen, ihren Gottes- und Götzen-Dienst verboten hast. Bis dahin verlaß ich dein Haus: die Religiosen, die frommen Frauen der heiligen Jungfrau, haben versprochen, mich aufzunehmen.« – Da fuhr der Gequälte grimmig auf: »So geh! Auch das dank' ich den Priestern! Nun, bei meiner Treu, es wird vergolten. Jetzt – jetzt zu Honorius!« Aber nicht an diesem Tage und nicht am zweiten und am dritten gelang es dem siegreichen Feldherrn, des Herrschers, den er gerettet, ansichtig zu werden. Der ließ ihm durch Olympios und Carinus sagen, er möge versuchen, schriftlich seinen Ungehorsam, seine an Hochverrat streifende Eigenmacht zu rechtfertigen, bevor er der Gnade gewürdigt werde, das Angesicht des Imperators wieder zu schauen. Tief verwundet durch die Zerstörung seiner Ehe, empört über soviel Undank sprach der »Mann« zu den Boten: »Nein. Ich schreibe nicht. Sagt dem Imperator, ich habe seinem Vater gelobt, die beiden Reiche in den Grenzen zu erhalten, die er ihnen vorgezeichnet. West-Illyricum gehört zu Rom, nicht zu Byzanz, und die Jazygen erhalten keine Scholle römischen Landes, solang' ich lebe. Er soll mich nicht zwingen, daß ich ihn zwinge: ich habe wie die Macht dazu, so das Recht.« – Die Boten wurden starr vor Staunen. – »Ja, ja; auch das Recht, Sagt ihm das. Er soll mich nicht nötigen, ihm das jemals zu beweisen. Und schließlich sagt meinem Schwiegersohn: er sieht mich nicht wieder, bis er mich selbst ruft.« – »Da kann er lange warten,« höhnten die beiden im Fortgehn. Aber nein: das sollte gar bald geschehn. Denn abermals zerriß das Gewebe, das in diesen Tagen geschäftig und geschmeidig die Hand seiner vielen Feinde um den Helden gesponnen hatten, mit eherner Faust die furchtbarste Gefahr. Bischof Venerius, Olympios, Carinus und Heraclian hatten leichtes Spiel gehabt, den bei aller Willensschwäche eiteln, auf seine Herrschergewalt höchst reizbar eifersüchtigen, – jetzt dreiundzwanzigjährigen – Imperator heißer und heißer gegen den eigenmächtigen Bevormunder zu erzürnen: schon erwog er bei sich einen Haftbefehl oder doch die Umstellung des Hauses des »Verräters« durch die verlässigen Römer Heraclians. Allein er zauderte doch immer wieder: aus Furcht, dann aus der langen Gewohnheit des Gehorsams des Schwachen gegenüber dem Starken. Bitter vermißte der Unschlüssige, der stets fremdem Rat gefolgt war, seine neben dem »Mann« bisher einflußreichste Beraterin – ja Beherrscherin! –: Placidia. Schwer bereute er schon lang, sie von sich gestoßen, vertrieben zu haben. »Was war sie auch so zimperlich, so scheu, das üppige Geschöpf?« sprach er zu sich selbst. »Einem so zärtlichen Bruder, einem Kaiserlichen, darf eine so schöne Schwester keine Liebkosung verübeln. Bis vor kurzem war ich ein Knabe: – aber allmählich regt sich in meinem Blut allerlei – allerlei! Aber wie fuhr sie mich an! Ja, sie hob die Hand zum Schlage gegen mein kaiserlich Antlitz, als ich nur ... Ah, an Thermantia verwies sie mich, den germanischen Eiszapfen. Gibt es denn nicht irgendwo ein Weib, das, schön wie Placidia, aber nicht so unnahbar ist? Und nun ist die Unnahbare gar in des Barbaren Hände gefallen, nein, gelaufen , flüstert das Gerücht! Gefangen? Wie gern löst' ich sie mit dem dritten Teile des Reiches! Aber gar keine Antwort auf meinen Lösungsantrag hat mir jener Ataulf gegeben! Hätt' ich sie doch wieder mit ihrem klugen, kühnen, schönen Kopf voller Gedanken! Freilich, sie sprach immer zu Gunsten des ›Mannes‹.« In solchen Gedanken und Selbstgesprächen trippelte der immer noch halb knabenhafte, aber neuerlich von flackernden Begierden Entzündete hin und her auf dem Mosaik-Estrich seines Schlafgemaches, das ihm das Arbeitszimmer ersetzte. Da trat ein Eunuch eilfertig ein und nach der Proskynese überreichte er auf einer Schildpattschale ein verschnürtes und versiegeltes Schreiben: »von Lucretius Macer, deinem Comes von Venetien; es habe höchste Eile.« – »Ah, alles hat immer höchste Eile bei diesem wichtig tuenden Feldherrn. Mir eilt nichts;« und lässig schnitt er die Schnüre auf, blickte in den Papyrus und sank halb ohnmächtig auf das Ruhebett: »Himmel! Lucretius geschlagen – ein Skythenkönig – wie heißt er? – Rhadagais – in Italien eingedrungen – mit mehr als einer halben Million Barbaren – er zieht schon auf Florenz! Wo ist Stilicho? – Ja so! – Rasch ruft mir Stilicho. Er soll kommen! Gleich! Im Augenblick! Sagt ihm, alles sei vergeben. Nein, nein! Das wird ihn erzürnen! Sagt ihm, ich erbitte seine Verzeihung! Aber gleich soll er kommen.« III. Und Eile allerdings tat Not! Denn zwar hatte das Entsetzen der Italier die Menge der Barbaren maßlos übertrieben, nicht eine halbe, kaum eine viertel Million zählten sie –: aber nicht übertrieben, ja gar nicht zu übertreiben war die Wildheit dieser »Skythen«: dagegen waren die Goten Engel des Himmels, meinten die Flüchtlinge. Zwar waren unter diesen Haufen auch Germanen, zumal Goten aller Stämme: Ostgoten, Gepiden, Heruler, Rugier, Skiren, Turkilinge, Taisalen, Viktosalen, aber sie verschwanden unter der Menge ungermanischer Horden: Hunnen, Jazygen, Alanen, Boranen, Sarmaten, Uturguren, Akazieren und andre kaum sonst gehörte Namen, diese sämtlich Heiden, jene, wenn getauft, Arianer. So hatten denn am schwersten unter dem Einbruch zu leiden die katholischen Priester, deren Kirchen und Kirchengüter. Und der sogenannte »König«, das heißt der Häuptling dieser zusammengelaufenen Räuber, der riesenhafte Rugier Rhadagais – er maß siebeneinhalbmal seinen eignen Fuß, flüsterte die Angst – tat wahrlich nichts, dies Wüten seiner Horden zu bändigen. Man raunte, er habe einen furchtbaren Eid geschworen, jeden katholischen Priester, dessen er habhaft werde, zu töten und den Bischof von Rom auf dem Altar der Peterskirche seinem Kriegsgott Tius als Opfertier zu schlachten, so seine Eltern zu rächen, die, dereinst in Mösien gefangen und getauft, auf Anklage von Priestern von dem Dux von Mösien lebendig seien verbrannt worden, weil sie, rückfällig geworden, jenem Gott heimlich ein Roßopfer dargebracht hatten. Der zwölfjährige Knabe habe das mit ansehn müssen und damals jenes Rachegelübde getan, das er nun schrecklich erfüllte. Von Osten her, aus Pannonien, durch das Tal der Drau und über Ämona (Laibach) brach – wie so mancher Einfall in Italien vor- und nachher – auch dieser Unhold in die Halbinsel ein: kein wanderndes Volk diesmal, nur ein ungeheures Heer von Räubern vieler Horden, deshalb viel gefährlicher, weil viel beweglicher und weil nicht gebändigt durch gemeinschaftliche Volkessitte und gemildert durch die bloße Anwesenheit schon von Frauen und Kindern. Wie eine Lawine ein dünnes Gehölz von Bergtannen fegte der ungeheure Anprall die schwachen Reihen der Römer dort im Osten unter dem Comes Lucretius hinweg: sie konnten nicht daran denken, das offene Feld zu halten: so flüchteten sie in die festen Plätze, die Kastelle, die Städte, wohin sich auch die gesamte Bevölkerung zusammendrängte, die zu entrinnen vermochte, bevor die raschen Hunnengäule der Vorhut in die Dörfer sprengten. So ergoß sich der Strom der Verwüstung durch ganz Venetien und alles Land nördlich des Po, widerstandslos. Denn mit Belagerung hielten sich die solcher Kriegskunst Unkundigen nicht auf: sie ließen auf ihrem Wege liegen, was sich nicht beim ersten Anlauf ergab: »Friede mit den Steinen!« lachte der Riese: jede Gefahr, die so etwa ihrem Rücken drohen mochte, ließ sie die ungeheure Überzahl verachten. Bei Besello überschritten sie den Po: wohl hatten die Umwohner auf Befehl der Eilboten Stilichos die breite Steinbrücke dort zerstört und alle Kähne versenkt oder auf das südliche Ufer gebracht: aber lachend hatten sich die ungezählten Haufen dicht nebeneinander in den Fluß geworfen, die zahlreichen Reiter je mit einem, auch mit zwei Fußgängern hinter sich, diese auch schwimmend, auf ihre langen Schilde gelegt. So gelangten sie fast ohne Verlust vor Florenz: sie forderten, wie gewöhnlich, die Feste zur Übergabe auf: dann sollten nur die Priester sterben, die Laien mit Plünderung davonkommen. Aber in Florenz befehligte Adalger, der, mit einer kleinen, doch erlesenen Schar germanischer Söldner, von dem Feldherrn in Eilmärschen vorausgeschickt, die Stadt vor mehreren Tagen erreicht und, so gut es die knappe Zeit verstattete, in ihren Befestigungen verstärkt hatte: ein leichtfertig unternommener tolldreister Anlauf ward mit schweren Verlusten der Stürmer blutig abgewehrt: es war die erste Schlappe des grimmen Königs. Er tobte. Aber bald lachte er wieder: »Bah, lassen wir das alte Nest liegen gleich den andern. Auf dem Heimweg brennen wir sie alle nieder. Jetzt hab' ich keine Zeit: ich muß zu meinem Freund in Sankt Peter: ich hab's ihm schon lang versprochen. Wort muß man halten. Wir rasten heute noch hier: morgen geht's über die Berge dort im Süden: nach Rom!« Aber am andern Morgen stand auf diesen Bergen – »der Mann«! Und zwar in meisterhaft gewählter Stellung jeden Übergang über die Höhen nach Süden und Westen sperrend. Wohl war er an Zahl gar sehr viel schwächer als der »Skythe«: aber es waren seine besten Truppen Franken, Friesen, Alamannen, Markomannen, andre germanische Söldner – und er war – Stilicho! Zweimal stürmte Rhadagais hinan wie ein Bergstier: beide Male erlitt er auf halbem Wege so furchtbare Verluste, Niederlagen, daß er den Gewaltangriff aufgab: den Weg nach Norden sperrte das vortrefflich verteidigte Florenz: zum Rückweg nach Osten konnte sich sein Stolz nicht entschließen: so verbrachte er mehrere Tage in ratloser, tatloser Ruhe. In dieser Woche aber brütete die Hitze des italischen Sommers, den Riesenleibern der Nordländer unertragbar, schlimme Seuchen aus: das massenhaft von den Durstenden getrunkene schlammige Flußwasser vermehrte das Übel: das böse Sumpffieber raffte Tausende gerade der Stärksten dahin, die Leichen, auf dem harten Felsboden (um Fiesole) nicht zu begraben und daher in den Arno geworfen, verpesteten Wasser und Luft. Dazu kam in der zweiten Woche der Mangel, der Hunger. Vorräte hatten die siegreichen und raubfrohen Plünderer nie mitgeführt: wie die Heuschrecken von dem Boden lebend, den sie bedeckten. Von den fruchtbaren Landschaften Etruriens waren sie abgesperrt durch Stilicho, die Mauern von Florenz und im Rücken durch den Fluß: auf den steinigen Höhen von Fiesole, wo sie sich eingezwängt sahen, fanden sie schon am zweiten Tage nicht mehr, was sie für Mann und Roß brauchten. In wenigen Tagen waren die meisten Pferde geschlachtet und verzehrt: nur die Hunnen hatten die geliebten »Springerlein« verschont, deren Hälse mit den zottigen Mähnen umklammert, die hungrigen Genossen abgewehrt: »Wie soll ich leben, wozu soll ich essen, kann ich nicht mehr reiten?« meinte Bleda, ihr Häuptling: es gedieh ihnen zum Heile: nur von diesen Berittenen entgingen einzelne dem allgemeinen Verderben. – Da, in äußerster Not, – zum Sturm auf die Felsenkronen Stilichos waren sie nicht noch einmal zu bringen! – bestürmten sie ihren Führer, endlich in den Rückzug nach Osten zu willigen. Schweren Herzens, verzweifelnd gab er nach: nicht mehr Stolz und Trotz, wie in den ersten Tagen hielt ihn ab, nein, die Erkenntnis, daß dieser Rückzug der Untergang sei. Denn seit einigen Tagen war ein zweites Heer unter Carinus im Norden und Osten des Arno erschienen: wie sollten die entmutigten, geschwächten, vom Fieber geschüttelten Überbleibsel seiner Scharen den brückenlosen Fluß überschreiten im Angesicht eines Heeres und im Rücken verfolgt von Stilicho, der gewiß aus seiner unheimlichen Ruhe auf den Berghöhen da oben auf die ihm Entfliehenden furchtbar herunterbrechen würde. Und als nun Rhadagais – zögernd – den Befehl, vielmehr die Erlaubnis zu dem Rückzug nach Osten erteilt hatte, – da war es nicht mehr ein abziehendes Heer, da waren es Haufen verzweifelter Flüchtlinge, welche, die nutzlosen, die hemmenden Waffen wegwerfend, auf den Fluß zu stürzten, einzeln, paarweise, oder in wehrlosen, hilflosen Klumpen und in das Wasser sprangen, wo sie es erreichten. Nur wenige gelangten hinüber. Denn von drei Seiten zugleich wurden die Widerstandunfähigen niedergemacht: von den Ufern drüben ergoß sich ein Hagel von Pfeilen und Wurfgeschossen jeder Art auf die Schwimmer wie auf Zielscheiben. Aus den Toren von Florenz traf in ihre linke Flanke ein grimmiger Ausfall Adalgers und tödlich, vernichtend, umklammerten die Germanen Stilichos ihren Rücken und die rechte Flanke von Westen und von Süden her. Kampf wagten die wenigsten: ganze Rudel ließen sich von einzelnen Reitern greifen: »Brot! Nochmal Brot vorm Sterben!« flehten sie. So wuchs die Zahl der Gefangenen gewaltig: nur einen Goldsolidus, etwa zwölf und eine halbe Mark, zahlten die in Menge herbeiströmenden römischen Sklavenhändler für den Kopf. Auch Rhadagais war unter den Gefangenen: Adalger hatte ihn, der all' die Seinen überragte, erschaut und nicht geruht, bis er ihn erreicht und in ungestümem Jagen überritten: aber vier Krieger waren erforderlich, den auf dem Rücken Liegenden zu fesseln. Als er vor Stilicho gebracht ward, verkündete dieser ihm sofort das Todesurteil: der Kaiser hatte im voraus die Hinrichtung angeordnet: die Ermordung so vieler Priester, meinte auch der Feldherr, habe diese Strafe verdient. Trotzig hörte der Gefesselte ihn zu Ende: dann lachte er: »Wohl! Aber das wisse, ich sterbe, nicht weil ich zu viele Priester, nein, weil ich einen zu wenig umgebracht habe: den in Rom. Drum zürnt mir der Kriegsgott. Aber er hätte mich doch ihn erreichen lassen sollen. Auf baldig Wiedersehn in Hel, Stilicho.« Und trotzig schritt er hinaus. IV. Italien aber, das befreite gerettete Italien atmete hoch auf. Kaum minder der noch unberührte Süden als der verwüstete Norden, der mit Schrecken der Rückkehr der Unholde und wiederholter Zertretung entgegensah. Alle Städte der Halbinsel wetteiferten in dankbaren Ehrungen des Erretters: sie errichteten ihm Bildsäulen, – so Rom selbst eine aus Bronze und Silber auf dem alten Forum – weihten ihm Inschriften, benannten Marktplätze und Tore nach seinem Namen. Sogar der Kaiser vermochte nicht, sich der Pflicht der Dankbezeugung gänzlich zu entziehen: als Senat und Volk von Rom ihn einluden, zur Feier der Siege von Pollentia und Florenz im Triumph in die Stadt einzuziehen, die in den letzten hundert Jahren nur dreimal einen Imperator in ihren Mauern gesehen hatte, erkannte er die Unmöglichkeit, den Sieger in diesen Schlachten von deren Feier auszuschließen. So durfte der denn den Platz zur Linken in dem Wagen des Triumphators Honorius einnehmen: aber freilich ward das Fest amtlich nicht als Feier jener Siege bezeichnet, während deren der Triumphator, der »durch Christus siegende Imperator« in dem fernen Mailand gesessen, sondern zur Feier des Konsulats, das Honorius zum sechsten Mal zu bekleiden die Gnade hatte. Eucherius ritt in vollem Waffenschmuck dicht vor dem Wagen der beiden von der milvischen Brücke bis zum Palatin. Mit dem hochsinnigen Jüngling war eine seltsame, aber heilsame Veränderung vorgegangen seit dem Tage, da Placidia in des Goten Arme geeilt. Wohl schmerzte ihn bitter der Verlust des schönsten Seelenwunsches: aber dieser Schmerz stählte ihn und reifte ihn zum Manne. Zumal das Verhältnis zum Vater war noch inniger, noch edler geworden: der Sohn ging nun völlig auf in dem Schutz, in der Hilfe des von allen Seiten immer schwerer Bedrohten. Vor einem neu erbauten Triumphbogen auf dem Wege vom Forum nach dem Kapitol hielt der Sohn das Roß an und las die goldfunkelnde Inschrift: »Unter den gütigen und höchst glücklichen Auspizien der auf dem ganzen Erdkreis siegreichen Kaiser, unserer Herren Arcadius und Honorius, der Augusti, zum ewigen Denkmal des Triumphes, durch welchen sie das Volk der Goten für alle Ewigkeit unterjocht haben, errichteten Senat und Volk von Rom diesen Bogen und schmückten ihn mit deren Bildern und mit Siegeszeichen.« Der Sohn flüsterte dem Vater unwillig in das Ohr. Dieser lächelte bitter: »Laß gut sein! Der Vater war groß und daher dankbar, der Sohn ist klein und daher undankbar. Ich tat's nicht um seinen Dank! Wenn nur niemals ein anderer diese Lüge in Marmor liest – mit Hohnlachen.« – »Wer?« – »Freund Alarich.« Kurze Zeit darauf sollte der sie lesen – in dem bezwungenen Rom. »Nur eines soll er, darf er mir nicht antun: unserer Thermantia Tränen noch reicher fließen machen.« – »Ah, sie, dein und aller Liebling« – – »Ausgenommen ihres Gatten! Er soll sie mir nicht kränken! Sonst ...« Er brach rasch ab. An diesem Tage schien Stilicho auf dem Gipfel seiner Macht und Herrlichkeit zu stehen: aber gerade an diesem Tage schloß sich um ihn der Kreis der feindlichen Kräfte, die ihn von allen Seiten umzingeln und vernichten sollten. Am Nachmittag nach dem Prunkmahl, das der Senat dem Imperator und dessen Begleitern gab, hielt dieser seinerseits in dem Circus des Maximus glänzende Spiele ab unter dem brausenden Jubel des römischen Volkes. Denn nicht nur Tierkämpfe, auch die so leidenschaftlich von den mit Wolfsblut Gesäugten geliebten Gladiatoren-Gemetzel wurden gewährt. Stilicho hatte den Imperator nicht in den Circus begleitet: er hatte schon das Gelage in dem Palast des Constantin lange vor dem Ende verlassen und in seinem Absteigequartier auf dem Aventin angelegentlich und bis tief in die Nacht hinein verhandelt mit Boten – oder Gesandten? – in germanischer Tracht, die, den Imperator und dessen andere Berater sorgfältig meidend, eilfertig und heimlich den Feldherrn aufgesucht und sich bei ihm verborgen gehalten hatten. Ungewöhnlich früh am andern Morgen meldete sich der bei dem Herrscher und ließ sich nicht abweisen von Heraclian, der jetzt das einflußreiche Vertrauens-Amt des obersten Kämmerers – Cubicularius – bekleidete: »Ich werde hier warten,« sprach er im Vorzimmer des Schlafgemachs, »bis mein Schwiegersohn ausgeschlafen hat,« und er nahm ohne weiteres Platz und vertiefte sich in die zahlreichen Urkunden und Briefe, die er mitgebracht hatte. Ungnädig empfing ihn der Langschläfer, der sich von den Anstrengungen der gestrigen Genüsse noch nicht erholt hatte. »Ah, nicht eine Stunde Ruhe läßt man mir! Übel begann der Tag: auf dem Tisch des Badegemaches finde ich diese Meldung – da! – aus Mailand: ›Mantua ist hin.‹ Du staunst? Nun ja, freilich nicht das alte Fiebernest am Mincio – nein: die kostbarste meiner Fasan-Hennen. Schlimme Vorbedeutung dieses Tages! – Was bringst du? Weh, welche Menge Papyrus und Pergament! Im Tiber warten an der Brücke meine römischen Enten.« Stilicho furchte die Brauen: »Laß jetzt Enten und Fasanen. Und höre sehr Ernstes. Ich erfuhr erst spät in der Nacht, was im Circus geschah: hundert Paare Gladiatoren hast du – hinter meinem Rücken! – aufgestellt: von diesen allen hast du nur sieben Köpfen das Leben gelassen: einhundertdreiundneunzig Menschen hast du schlachten sehen ...« – »Pah, meist Gefangene: – nur Germanen!« – »Und du hast auch zugesehen, wie jener junge Mönch ...« Honorius zuckte zusammen. »Aus Ägypten, jener fromme Telemachos, von den Reihen der Zuschauer herab auf die blutgetränkte Arena eilte, sich zwischen die Kämpfenden warf und beim Namen ›Christus‹ sie beschwor, abzulassen von diesem grausen Morden ...« – »Was hat der Hund gebellt wider den Willen des Kaisers? Mein Wille ist oberstes Gesetz.« – »Er flehte dich an, ein Ende zu machen. Du aber ...« – »Ich befahl nur, fortzufahren. Daß er dabei im Getümmel niedergestoßen ward,« – er zuckte die Achseln – »ist nicht meine Schuld.« »Wenig lieb' ich die Mönche: aber dieser war ein Held seines Glaubens. Du läßt die Bischöfe, die Priester in Dinge reden, die sie nichts angehen und wo sie wirklich in Christi Geiste mahnen, hörst du sie nicht. Du weißt; auf der Kirche Andringen hat schon der große Constantin diese Menschenmorde verboten: sein Edikt ist nie aufgehoben worden.« – »Gut, so hab' ich's gebrochen!« – »Ich aber hab' es soeben erneut.« – Statt zu zürnen lachte der Herrscher hämisch und rieb sich die Hände: »Gut! Vortrefflich! Das verzeihen dir die Römer nie!« – »Ich mußte sie noch mehr erzürnen. Als das Verbot auf dem Forum verkündet war, erschien bei mir der Kustos der Sibyllinischen Bücher, – er ist wohl heute noch insgeheim Priester des Jupiter – legte sie mir vor und verlas daraus die Weissagung, das Reich werde fallen, sehen Jupiter und Mars dies Blut nicht mehr fließen.« – »Und du? Was sagtest du?« – »Nichts sagte ich. Ich erfüllte nur meine frühere Drohung: ich ließ die sibyllinischen Unheilsblätter verbrennen.« Honorius sprang auf: »Das wagtest du? Das tatest du?« – »Ich wage und tue alles, was des Reiches Wohl erheischt: denn des Reiches Wohl, Honorius, nicht dein Wille, ist oberstes Gesetz.« Jener preßte die schmalen Lippen aufeinander: »O wenn ich ihn nur entbehren könnte, diesen Kopf,« dachte er, »längst flog er vom Rumpf.« Ein sehr bösartiger Blick aus den kleinen grünen Augen traf den Feldherrn. Aber dieser fuhr ruhig fort: »Das sind kleine Dinge im Vergleich mit dem Großen, was ich dir jetzt zu künden habe. Dein Bruder – oder vielmehr dessen Beherrscherin, seine Gemahlin, und meine andern Feinde in Byzanz – haben, nachdem der gegen mich gerichtete Plan, – der geheime Bund mit dir – gescheitert, wieder einmal umgeschlagen und den Angriff auf dich beschlossen. Nein, zweifle nicht. Sie haben Alarich in Illyricum – längst hat er deine Jazygen in ihre Steppen zurückgejagt! – auch Epirus hat er ihnen entrissen – zum Bündnis gegen dich ...« – »Das heißt: gegen Stilicho!« dachte Honorius. – »Aufgefordert und ihm dafür abermals versprochen das Amt des Magister militum des Orients und achttausend Pfund Gold. Aber der Gotenkönig hat ihre geheimen Briefe mir geschickt: hier sind sie.« »Ah freilich,« zischte der Kaiser. »Das ist der Dank für – für seinen Retter bei Pollentia,« – »Ja, Honorius! Und du, du danke dem Himmel, daß ich ihn damals verschont habe: jetzt rettet er dich . Denn der Wackere erbietet sich, für dich gegen Byzanz zu kämpfen, neben mir, Schild an Schild, die Angreifer schon drüben abzuwehren, so daß nicht abermals die Schrecken des Krieges sich über dein Italien ergießen. Und er verlangt von dir kein Amt und nur die Hälfte des Goldes, das Byzanz ihm bietet.« – »Nein, nein. Nicht einen Solidus.« Er stampfte mit dem Fuß. »Ich will nichts hören von diesem Alarich und seinen Goten.« – »Ich fürchte, du wirst noch viel hören müssen von diesem Alarich und seinen Goten: – als Freund oder Feind! Ich muß dich bitten, mir Vollmacht zu geben, den Bündnisvertrag, den ich heut' Nacht mit seinen Gesandten ...« – »Aha, aha, also Westgoten waren die Barbaren, die ...« – »Die Olympios und Heraclian, in deinem Auftrag meine Wohnung umschleichend, gesehen und dir gemeldet haben. – Also Vollmacht, den Vertrag abzuschließen und heute noch im Senat als von dir genehmigt zu verkünden. Denn der Senat muß das Gold dafür bewilligen.« – »So? Und wenn ich nun nicht will?« – »Dann« – er erhob sich – »verteidige dich selbst gegen Alarich und Byzanz zugleich. Ich lege meine Ämter nieder und gehe nach ...« – »Aber so bleib' doch sitzen!« schrie Honorius in äußerster Bestürzung. »Ich muß doch überlegen ... einen Tag ...« »Nicht eine Stunde. Alarichs Gesandte reisen heute Abend ab – mit deinem Ja oder Nein. Und ich berufe augenblicklich den Senat, ihm deinen Entschluß zu verkünden. Also: ja oder nein, Honorius?« – »Ja denn, in aller Dämonen Namen!« schrie der Erboste. »Gib her.« Stilicho reichte ihm die in Purpurtinte getauchte Rohrfeder: er unterschrieb die Vollmacht. »Das Reich dankt dir,« sprach der Feldherr, den Papyrus an sich nehmend. »Das Reich: nicht ich. Ich wäre lieber gegangen. Denn ich bin deines Palastes müde.« Und er wandte sich und schritt hinaus. Honorius aber fuhr auf, warf die Rohrfeder auf den Estrich und zertrat sie mit dem Fuß: »Warte, Barbar! Diese Stunde zahl' ich dir heim. Wie dieses Rohr zertrete ich dich!« V. In dem »Palast der Cäsaren« trat, von Stilicho eilig berufen, am Mittag dieses Tages der Senat zusammen, dem der »Barbar« wenigstens äußerlich und in den Formen mehr Ehren erwies und – scheinbar – mehr Einfluß einräumte, als diese tief gesunkene Körperschaft unter Soldatenkaisern seit Jahrhunderten gewöhnt war: gerade um den Haß gegen den »Vandalen« abzuschwächen geschah das: – wenig sollte es nützen! Vielmehr wurden die Senatoren, plötzlich auf solche Höhe gehoben, schwindlig und versuchten eine Macht wirklich auszuüben, deren Schein ihnen doch nur aus Klugheit oder Höflichkeit eingeräumt war: freilich regte sich dabei in den Tüchtigsten unter ihnen auch noch ein Wiedererwachen altrömischen Geistes. So in dem greisen Lampadius, dem »Princeps senatus«, der seinen Stammbaum – durch Adoption – bis auf die Scipionen zurückleitete: er war der Vater Heraclians, aber sein Haß gegen den Germanen nicht wie bei dem Sohn auf Neid und Eifersucht, auf gut-altrömischen Stolz und Barbarenhaß gegründet. Er zuerst fand den Mut des Wortes, des Widerstandes, als Stilicho seinen Vortrag und Antrag geendet, und, unter Berufung auf des Kaisers Genehmigung, die Zustimmung der »hochehrwürdigen Väter der Stadt und des Reiches« zu dem mit dem Gotenkönig zu schließenden Bündnis, zumal zu den zu zahlenden Hilfsgeldern gefordert hatte. Die flammende Röte des Zorns stieg in das bleiche Antlitz des Greises, als er, rasch aufspringend, rief: »So ist er denn erreicht, der Gipfel der Schmach, entehrt der Senat und entweiht das Haus der Cäsaren. Seit lange freilich tragen wir es schon, daß die Barbaren herrschen in dem Reich des Augustus und Trajan. Bepelzte Skythen füllen die Kurien der Städte, tragen in Rom, in Mailand, in Ravenna die höchsten Würden in Heer, Hof und Reich. Die Germanen sind die Männer, wir Römer die Weiber in diesem Staat. Und sie helfen zusammen, diese Barbaren: in diesem Reich, – das sind wir gewöhnt! Aber jetzt reichen bereits die im Reich die Hände über die Grenzen hinaus – ihren Stammgenossen draußen und sie ziehen sie bei den Armen herein, ihre Macht zu mehren. Einen Bündnisvertrag nennst du das, Vandale, und Hilfsgelder? Ein Vertrag der Knechtschaft ist es und der Tribut der Unterworfenen. Ich sage Nein, und nein mit mir sagt jeder echte Römer.« Er setzte sich: ein brausender Beifallsruf durchflog die Reihen der Senatoren. Nun erhob sich, bevor Stilicho erwidern konnte, des Lampadius Nachbar, der wenig jüngere Stadtpräfekt Symmachus, ein gefeierter Redner und Schriftsteller: »Wahr hast du gesprochen, Princeps senatus, aber nicht die ganze Wahrheit hast du aufgedeckt! Woher denn rührt das Elend dieses Reiches? Warum denn und seit wann sind wir so tief gesunken, daß es von Barbaren im Innern beherrscht, von Barbaren von außen bedroht wird und nur durch Tribut an andre Barbaren deren Schutz erkaufen kann? Seit wann? Seit uns die Götter zürnen, die großen Götter unsrer großen Ahnen, von denen wir abgefallen. Abwärts geht es seit den Tagen des Constantius, der die Tempel schloß und die Opfer verbot. Noch einmal ging uns die Sonne des Sieges auf, noch einmal schlugen wir Alamannen und Perser, als jener Liebling des unbesiegten Sonnengotts, als Julianus die Götter versöhnte durch Rückkehr zu deren heiligem Dienst. Aber gleich sein Nachfolger fiel wieder von ihnen ab und grollend sandten sie Niederlagen, Hunger, Seuchen. Wie kann der Römer auf Sieg hoffen, wenn er den Altar der Siegesgöttin in diesem Saal umstürzt, ihre Bildsäule aus dieser alten Wohnung der Cäsaren hinausschleppt? Schaut hin auf die häßliche Lücke dort mitten in der Reihe der Säulen: leer ist der Ort, verwaist die geweihte Stätte: entfernt hat der Imperator auf Drängen seiner Priester die Siegesgöttin aus seinem Hause, damit den Sieg verscheucht von den Legionen. Und dieser Barbar hier – unser Meister! – verbietet die den Göttern geweihten Spiele und verbrennt unsere ältesten Heiligtümer. Ich kann nicht mehr weilen in diesem entgötterten Saal, nicht dem Feind der Götter regieren helfen, nicht seine barbarischen Helfer bereichern.« Damit verließ er hastigen Schrittes die Versammlung. Sofort begann nun Stilicho: »Lampadius, ich wünsche dir Glück zu deiner Rede: aber du hättest sie vor vierhundert Jahren halten müssen. Du bist ein echter Römer, aber ein Römer Cäsars, nicht des Honorius. Deinem Freund Symmachus aber sage, ich habe gestern dem Imperator in Gegenwart des Bischofs dieser Stadt den Rat erteilt, Altar und Standbild der Viktoria hier wieder aufzustellen. Da erklärte der heilige Vater, dann Kaiser und Senat und mich aus der Kirche mit Verfluchung auszustoßen. Wollt ihr das, versammelte Väter?« – »Nein! Um Gottes Willen nein! Nur das nicht!« ging es laut durch die Bänke der Senatoren: die weniger zahlreichen Anhänger der alten Götter wagten kaum Einsprache. »Und um euch, ihr verspäteten Diener der Olympier, meine Unparteilichkeit zu zeigen,« fuhr er mit dem leisen Lächeln der Überlegenheit fort, »will ich euch mitteilen, daß ich – die Not zwingt mich, leer sind unsre Kassen! – auch gegen meine eigne Kirche, die katholische, die Forderungen des Staates durchsetzen muß: ich habe heute die Steuerfreiheit aller rechtgläubigen Kirchen aufgehoben: sie müssen aus den unermeßlichen Reichtümern, die sie aus der Freigebigkeit der frommen Kaiser geschöpft haben, ein klein Scherflein ablassen zur Rettung des Reichs!« – »Diese Unparteilichkeit! Hohn ist sie!« riefen die katholischen Senatoren. – »Den Vertrag mit dem Gotenkönig aber,« fuhr er schärfer, strenger fort, »den – wisset es nun! – hat der Imperator bereits abgeschlossen: seht her, hier steht sein Name. Ich wollte euch ehren, schonen, indem ich euch erst zu befragen schien. Nun ihr aber trotzen wollt, lernt, daß ihr nein zu sagen weder Recht noch Macht habt. Wer unter euch wagt es, dem Imperator zu widersprechen? Das wäre crimen laesae majestatis. Schaut hinaus zu jenem Bogenfenster: da rücken sie an, meine germanischen Söldner, gegen dieses Haus. Wessen Namen soll ich hinausrufen als eines Hochverräters?« Keiner nannte sich: nur Lampadius rief: »Das ist Gewalt, Barbar! Hüte dich! Gewalt geht durch Gewalt zu Scherben.« VI. Zu Aulon, in Epirus, in einer stattlichen römischen Villa saßen in dem von immergrünenden Büschen, von Lorbeer, Oleander, Myrten und Eiben umhegten Garten, dessen weit offene Doppeltür den Blick auf die Straße nach dem Hafen hin gewährte, auf halbkreisförmigen niedern Bänken von weißem Marmor ein blonder Mann und eine dunkelhaarige Frau. Zu deren Seite stand ein römisches, schön aus Zedernholz geschnitztes Kinderbett, gefüllt mit Pfühlen und Decken römischer Art, aber über ihnen und dem Bett lag ein langer germanischer Schild: der trug den Körper des Kleinen. Es war Sommer: doch die hohen und dichten Edelbäume und Edelbüsche hatten den ganzen Tag über die Glut der Sonne abgehalten und nun, da sie zu Rüste ging, wehte von der See her liebliche Kühle durch den hainähnlichen Garten. Das Paar war mit einer lateinischen Dichtung beschäftigt, der Mann schien dabei der Lernende, die Frau die Lehrerin zu sein: sie las vor: emsig, gespannt horchte der Mann und unterbrach zuweilen mit einer Frage, wo er nicht rasch genug folgen konnte: dann hielt die schöne Meisterin geduldig an, wiederholte den Vers langsam und, wenn nötig, erklärte sie ihn in lateinischer Prosa, wahrend der goldlockige Schüler mit dem starken Zeigefinger die Zeile verfolgte; aber oft neigte er dem Kinde zu, das der Mutter lachend die beiden Ärmchen entgegenreckte. »Du mußt schon verzeihen,« entschuldigte der Gatte nach einer solchen Stockung, »kann ich nicht alles gleich verstehen. Habe zwar euer Latein gleichzeitig mit der Muttersprache gelernt und sprech' es und versteh' es ganz glatt: aber ›Prosa‹, wie du's nennst! Dies Geschreibsel jedoch von Stilichos vielgepriesenem Freund Claudian – das sind ›poemata‹, Verse. Ach, und was für lange! Unter sechs Hopsern in einer Reihe tut er's nie. Und es klingt ja auch gar schön, 's ist wahr ...« – »Pompa sermonis Latini,« nickte die Frau und küßte ihren Knaben. »Wirst auch einmal so pompös reden, Theodosiuncule!« – »Wenn nur der liebe Poet nicht in wahrhaft teuflischer Weise ...« – »Diabolice heißt es, nicht wahr, mein Söhnlein?« – »Immer alle Wörter auseinanderreißen wollte, die zusammengehören! Oft muß man ihnen um die Ecke der zweiten, ja bis in die dritte Zeile nachlaufen, um ein Adjektivum – nicht wahr, so sagt man?« – »Gut hast du gelernt!« – »Zu finden, das nach seinem schon lang wieder vergeßnen Objektivum, ... nicht?« – »Nein, Subjektivum!« – »Subjektivum hinauf will. Zum Beispiel, hier ...« – »Ja, Lieber, das weiß ich schon ziemlich lang. Das ist eben das Schöne.« – »So? Nun: ich sage lieber: ich liebe dich, Placidia, weil du so schön bist, als etwa: So weil ich Placidia bist dich schön liebe du.« – Sie lachte: »Ich höre beides gleich gern. Und versteh's. Haben wir uns doch auf Lateinisch und Gotisch gleich lieb, du pulcher-sagr: und das griechische ›χλοσ‹ kriegst du obenein mit diesem Kuß.« – »Du Holde! – Aber Griechisch lern' ich nicht auch noch!« – »Sollst nicht! Folge nur auf Lateinisch hübsch in allem, was ich dir sage. Omphale spielen ist süß mit einem solchen Herakles. Aber das versteht er nicht, mein Barbar! – Ach, Ataulf, wie ich dich liebe! Wie glücklich bin ich!« – »Auch ohne Diadem?« lächelte er. »Ich gab dir's zurück nach Pollentia. Wo ist es?« – »Ich warf's ins Meer nach unsrem Hochzeitstag. Dein sein, dein Weib, ist alles. Oh wie töricht war ich, als ich herrschen wollte statt lieben! – Aber du, mein Büblein, du mußtest noch hinzukommen« – sie wandte sich wieder dem Kinde zu –: »erst du hast den Kranz meines Glückes geschlossen: du, Alarich Theodosius! Ah, was der weise Stilicho seit vielen Jahren sich – recht vergeblich! – abmüht, zu erreichen, die ›Verschmelzung Roms und der Germanen‹, wie er's nennt, – wir zwei beide, wir haben's schön und mühelos und selig erreicht: da liegt es vor uns, strampfend, strotzend von Lebenskraft und Lebenslust.« Eine bange Ahnung stieg dunkel auf in des Goten lichter Seele: – »Wird er uns bleiben, der Knabe?« Aber er schwieg und strich mit der Hand über die Stirn, wie um Gewölk zu verscheuchen. »Nun aber, mein Herr und Schüler und Gemahl, mußt du belohnt werden für das trockne Lernen. Ich weiß: dies ist deine durstige Stunde: – die Sonne sinkt – oder besser: deine durstigste, o schönster der viel trinkenden Germanen. Ich will rufen ...: aber schau, dein treuer Hailswinth, der kennt dich noch besser, weil länger, als Placidia. Da kommt er schon aus dem Hause mit dem Mischkrug. Der erste, der treuste deiner ›Gefolgen‹. Ich hab' es verstehen gelernt, weshalb gerade der dein Mundschenk ward: bei uns sind's Sklaven, – bei euch ist's das wichtigste aller Hausämter, – fast ein Staatsamt.« Der mächtige Mann in gotischer Gewandung und Gewaffnung brachte aus dem Wohnhaus über die Porphyrstufen in den Garten herab einen kleinen Krug Weines, einen breiten Mischkrug und zwei silberne Becher: er stellte sie auf den runden Marmortisch vor den Gatten, neigte sich und wollte wieder gehen. Aber Ataulf winkte ihm zu bleiben: »Die Herrin, – die meine wie die deine! – schalt so schlimm über unser Trinken! Sie soll wenigstens wissen, warum,« lachte er. »Von morgen ab den Wein in den dicken, das Wasser in den dünnen Krug.« Er schenkte einen der Becher aus dem Weinkrug voll, und reichte ihn dem Mann: »Da trink, herzhaft: – gotischen Schluck! Schau her, Kaiserkind, siehst du da über Stirn und Wange die tiefe Narbe ziehn? – blutrot? Der Hieb galt mir in jener Mordnacht an der Adda; der Treue fing ihn auf – für mich! – und stieß zugleich den Hunnen vom Gaul.« – »Ja, jene Nacht, die Flammennacht!« Die Miene des Gefolgen verdüsterte sich: er stellte dankend den leeren Becher auf den Tisch und wandte sich dem Gartentore zu. Plötzlich blieb er – wie angewurzelt – stehn und reckte sprachlos beide Arme gen Himmel: »Ah, Himmelvater! Sie ... sie ist's! Nur viel schöner. Ihre Seele! Hailiko!« Das Ehepaar erhob sich erstaunt: in der offenen Gartentür stand auf der Schwelle ein Mädchen von etwa fünfzehn Jahren in weißem Wollgewand: das blonde Haar flutete gelöst auf die Schultern: sie trug einen Stab in der Hand. Zögernd blieb sie eine Weile stehn: dann rief sie jauchzend: »Vater! Vater!« – »Du bist's! Du selbst!« Sie ließ den Stab fallen und eilte auf Hailswinth zu, der sie stürmisch in die Arme schloß. Placidia war nun heran: »Ist das ...? Ja, ja, gewiß! Deine Tochter, die du verbrannt geglaubt in jener Nacht.« – »Ja, sie ist's!« rief der Vater, sie loslassend, um in ihr Antlitz zu schauen. »Nur größer ... schöner: wie ein Engel des Herrn.« Nun ward in der Türe ihr Begleiter sichtbar: scheu hielt er sich zurück: aber Ataulf ging auf ihn zu: »Gehört der zu dir?« fragte er Hailiko. – »Ja, freilich, freilich! Der gehört zu mir! Komm, Freund!« Und sie zog ihn an der Hand herzu: »Vater, der da ...: der hat dein Kind gerettet ... – mehr als einmal. Will sagen: durch ihn der Himmelsherr. Aber die Mutter? Die Geschwister? Wo ... wo sind sie?« – Mit tiefernstem Blick nach oben hob der Vater die Hand: »Dort!« – »Oh, die Mutter! Die Schwestern? Das Brüderlein?« – »Alle! – Ich kehrte, nachdem ich den Herrn geborgen gesehn, nochmal zu den Zelten zurück und suchte – ich sah kaum aus den Augen vor Blut – und fand sie endlich – erschlagen. Alle sechs! Die Mutter hielt den Säugling noch im Arm. Nur du fehltest. Ich rief dich – ich schrie deinen Namen –: keine Antwort und keine Spur von dir in dem Schutt, der Asche der Zelte. Da floh ich und weinte um euch alle.« »Aber nun erzählt ihr beiden!« mahnte Ataulf. »Doch erst labt euch! Trinkt. Hier setzt euch – alle drei – zu uns.« Und nun berichteten die Kinder, in Wechselrede sich ablösend und ergänzend, ihr Zusammentreffen auf dem Schlachtfeld und ihren Aufbruch. »Und vom Grabe meines Ahns hinweg verfolgten wir die Spur des Gotenheeres. Wohl war sie leicht zu finden: aber überall kamen wir zu spät. Denn nur gar langsam kamen wir vorwärts.« – »Betteln wollten wir nicht: so mußten wir arbeiten, unsere Wegzehrung zu verdienen.« – »Arbeiten?« lachte Placidia, beide Becher wieder vollschenkend. »Ihr Kinder, was könnt ihr denn?« – »O viel, schöne Herrin,« erwiderte das Mädchen, »man kann viel, wenn man nur muß: die Not ist scharfe Lehrerin. Ich hütete Geflügel, auch Schafe und Ziegen auf den Villen am Wege ...« – »Und ich die Pferde. Nachdem ich fünfmal heruntergekugelt,« lachte der Knabe, »konnt' ich reiten. Und Hailiko konnte so zierlich spinnen und weben ...« – »Die liebe Mutter hatte mich's früh gelehrt. Aber mein Freund hier, – gar viel hielten auf ihn als Gärtner die Reichen in den Villen: er verstand die Weinberge und die Blumen so gut zu pflegen ...« – »Ei, das hatte ich dem Ahn abgesehn. Hatten wir so wieder ein par Dreilinge beisammen, so ging es weiter.« – »Und es gibt doch viel mehr gute Menschen als böse,« meinte Hailiko. »Ganz abgewiesen hat uns niemand.« –« Dich abweisen?« lächelte Placidia, über das blonde Köpflein streichend. »Wer könnte das?« – »Im Gegenteil,« fuhr Julianus fort. »Oft wollten sie uns länger, wollten uns auch wohl für immer behalten.« – »Wie Ataulf und Placidia tun werden,« sprach diese. – »Aber wir machten uns immer wieder los,« erzählte Hailiko. »Ich mußte ja doch zum Vater, ach, zu den Meinen.« – »Und ich zu König Alarich. Wo ... wo ist er? Ich muß ... der Ahn gebot ...« – Er sprang auf, Ataulf zog ihn wieder auf die Bank: »Gedulde dich! Bald kommt er, das Nachtmahl mit uns zu teilen.« »So wanderten wir weiter und weiter gen Aufgang und gen Mittag,« fuhr er fort. »Darüber vergingen Sommer und Schneezeit. Immer fragten wir nach den Goten. Endlich, zur Erntezeit, erfuhren wir, sie seien gar nicht mehr im Lande: sondern in Landen, von denen ich nie gehört: Epirus und Illyricum.« – »Da kamen mir die Tränen,« klagte das Mädchen. »Aber mein Freund trocknete sie mit lieber Hand. Und nun mahnte er mich an den Himmelsherrn und seine Weg-Engel. Denn auf dem langen Wandelgange hatte er beten gelernt.« – »Ja,« sprach der Knabe feierlich. »Und warum? Weil uns jedesmal aus Zweifel, Gefahr und Not war geholfen worden, sah Hailiko so ... so gen Himmel, wie nur sie schauen kann, und betete dazu.« – »So taten wir auch damals auf dem lärmenden Forum einer volkreichen Stadt, – weiß nicht mehr, wie sie hieß – als wir erfuhren, wir müßten die Goten jenseit eines großen Wassers suchen und wo ich fast verzweifelt wäre. Da knieten wir, wo wir standen, nebeneinander nieder und beteten laut, der Himmelvater solle uns den Weg an das Weltwasser weisen und uns dann hinüberhelfen. Das hörte ein guter Priester, der des Weges kam: den rührte unsre Not ...« – »Und euer Glaube,« sprach Placidia. – »Und er brachte uns in das Haus seines Bruders ...« – »Der war ein großer Kaufherr ...« – »Und fuhr gar oft mit seinem Handelsschiff voll Waren übers Meer. Und auf Bitten des guten Priesters nahm der uns mit nach einer Hafenstadt ... wie hieß sie doch, Julianus?« – »Brundusium. Und nahm uns mit auf seinem Schiff hinüber nach Dyrrhachium.« – »Und mein Freund wollte durchaus als Ruderer arbeiten, so den Fahrlohn zu verdienen.« – »Aber der freundliche Kaufherr lachte und sprach: Laß gut sein! Ich stelle die da – die Blonde – vorn an den Bugspriet als Schiffbild: wie ein Heiligenbild wehrt sie mir Sturm, Brandung und Klippen ab.« – »Als wir nun aber – nach der Landung – durch dies rauhe Berg- und Wald-Land wandern mußten, da kam erst noch der schlimmste Teil unsres Weges.« – »Bah, war nicht so arg! Wußte ich doch jetzt, – endlich! – wo wir König Alarich mit seinem Vetter sicher zu finden hatten: hier in Aulon, der Hafenstadt. So mußte ich denn nach Aulon, durch alles hindurch, was hemmen wollte.« – »Und manches hemmte uns! Von einem schmalen regennassen Steg glitt ich in einen Wildbach hinab: er sprang nach und holte mich heraus. In einer Nacht verfolgten uns Wölfe – ein ganzes Rudel –: ich konnte nicht mehr laufen: er hob mich auf einen Baum, versprach, nachzuklettern, tat's aber nicht, lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm und erstach mit diesem Schwertlein ihrer drei ...« – »Nur zwei. Die andern heulten und liefen.« – »Und das Ärgste kam am Tage darauf!« Sie zitterte bei dem Gedanken. »Im ödesten Felsgebirge, aus dichtem, dichtem Buschwald brachen aus dem Dickicht zwei Waldriesen – es gibt solche, sagte die Mutter – ganz schwarz.« – »Kohlenbrenner waren's,« lachte der Knabe. – »Und wollten mich greifen. Sie hatten Riesenstangen ...« – »Nur Schürstangen. Aber übel hatten sie's vor mit ihr, wie sie drohten.« – »Ihn wollten sie laufen lassen. Aber er sprang schützend vor mich. Sie zerschlugen ihm den Arm ...« –«Nur den linken.« – »Aber er erstach beide.« – »Nur den größeren. Der andre blieb verwundet liegen. Mochte ihn nicht abstechen wie ein Kalb, als er so wehrlos vor mir lag.« – »Da! Trink, Bub!« sprach Ataulf und reichte ihm den Becher. – »Das war der Fährnisse letzte,« schloß das Mädchen. »Bald darauf erreichten wir die Stadt. Herrn Ataulfs Villa kannte jedes Kind. Und so sind wir nun da, dem Himmelsherrn sei Dank.« Und sie faltete die Hände zum Gebet. Placidia aber schloß sie in die Arme: »Ja, jetzt seid ihr bei uns. Und niemals, niemals dürft ihr von uns gehn.« Fünftes Buch. I. Die Luft, die über dem Palatium, dem Senat, dem Heer, der Kirche, den Anhängern des Heidentums und allen Feinden der Barbaren in ganz Italien brütete, war seit jenem Tage zu Rom so schwül, daß die hochgespannten Leidenschaften der Parteien sich alsbald in einem furchtbaren Gewitter entladen mußten – über dem Scheitel Stilichos. Denn so heftig sich zum Beispiel Katholiken und Heiden bekämpften, – in dem Haß gegen den »Barbaren« stimmten sie überein: rücksichtslos nur dem Staate dienend hatte er die Priester Christi wie die Jupiters herausgefordert. Die »römischen Legionen« des Carinus hielt nur die Furcht von blutigen Angriffen auf die germanischen Söldner ab, und wo sie die Überzahl hatten, brachen Haß, Eifersucht, Neid auf die Bevorzugten, besser Bezahlten in Mord und Totschlag hervor. Zumal die Familien der in Italien angesiedelten Söldner, um Bologna und Pavia, die wehrlosen Weiber und Kinder auf dem flachen Lande wurden oft von diesen »Römern« in ihren Gehöften überfallen, beraubt, mißhandelt, gemordet, während ihre Gatten, Väter, Brüder in den Kastellen dienten: es war wie Wetterleuchten, das von fernher aufsteigendes Gewitter verkündet. Da schlug der erste Blitz ein und entfesselte eine ganze Reihe verderblicher Schläge. Während Stilicho in Ravenna weilte, die dort neu anzulegenden Befestigungen zu ordnen, erhielt der Kaiser zu Mailand ein Schreiben seiner Schwägerin Eudoxia und des Senates von Byzanz, das ihm den plötzlichen Tod seines Bruders meldete und die Thronbesteigung von dessen Knäblein Theodosios. Olympios war es, der, als Haupt einer Art von ständiger Gesandtschaft des oströmischen Hofes stets in des Honorius Nähe, das große amtliche Schreiben feierlich überreichte. Aber darauf, als die andern Berater des Imperators abgetreten waren, zog er eine kleine runde Elfenbeinkapsel aus dem Gewand und legte sie, sich tief verneigend, in des Herrschers Hände: »Dies hier gilt nicht dem Staat, dem Reich, – mit dem man dich unablässig quält, – dies gilt dir selbst: dem Mann, dem jugendlich blühenden, den man zweimal vermählt hat – als Knaben – nicht um seinet-, nur um des Doppel-Schwiegervaters willen. Wenig Freude fandest du an den bleichen Seufzerinnen! Dies gilt dir, dem Mann.« Honorius öffnete gespannt die Kapsel: das kleine Brustbild – Mosaik – eines wunderschönen Weibes, verhüllt nur wenig von einer Flut rotleuchtenden Haares lächelte ihn an; aus einem schmalen Papyrus-Streifen aber standen die Worte: »Komm! Nimm die Krone des Ostreichs und dieses Weib dazu. Komm rasch!« Auf sprang Honorius von seinem Thron, heiß entzündet, wie von einem Liebestrank berauscht. Er schien ganz verwandelt: die träge knabenhafte Schlaffheit war von einem einzigen Gluttrieb abgelöst: »Zu dir!« rief er, »in diese vollen Arme!« Leichtes Spiel hatten von diesem Augenblick an die Führer der gegen den »Mann« verbündeten Parteien. Ja, verbündet durch den gemeinsamen Haß; sie gelobten jetzt feierlich, bis zur erreichten Vernichtung des Gefürchteten nicht widereinander, nur gegen ihn zu kämpfen. Bischof Venerius von Mailand forderte unter Androhung des Kirchenbannes die Aufhebung der Kirchenbesteuerung. Symmachus verlangte in einer beredten, schwungvollen Epistel Sühne der »sibyllinischen Frevel«, der Senat von Rom drohte durch Lampadius mit einer Strafanklage wegen Gewalt und beschloß, daß kein Barbar mehr seine Versammlungen besuchen dürfe, Heraclian forderte Ausschluß der Germanen von allen Hof- und Staats-Ämtern, Carinus wies auf die Zerrüttung des »römischen Heeres« durch die Söldner hin: er lehnte jede Verantwortung für einen Racheausbruch der »Legionen« ab, falls jene nicht aus Italien entlassen würden. Alle aber stimmten zusammen in der dringenden Mahnung, der Kaiser müsse nach Byzanz eilen und dort die Vormundschaft und Regentschaft für seinen Neffen übernehmen: der Meister, der dies Konzert vielstimmiger Töne im geheimen leitete, war Olympios. Allein am wirksamsten redete das stumme Bild des halbnackten Weibes im stets verschlossenen Schlafgemach des verzückten, des liebesiechen Imperators. II. Als die Nachricht von des Arcadius Tod Stilicho in Ravenna erreichte, – nicht der Kaiser hatte sie ihm gesandt, Eucherius sie überbracht – eilte er Tag und Nacht nach Mailand an den Hof. Unterwegs schilderte ihm der Sohn die gar nicht mehr heimlich betriebenen Ränke der Feinde. Der Vater blieb ruhig dabei: er fragte nur den neben ihm Reitenden: »Hältst du's für möglich, daß er wirklich die germanischen Söldner entläßt?« Eucherius nickte: »Das ist mir das wahrscheinlichste, was er tun wird, von allem, was sie verlangen.« – »Nein! Noch wahrscheinlicher tut er nicht was die andern verlangen, wonach ihn selbst verlangt. Er aber will nach Byzanz. Schon lange plante er einen Besuch dort. Ich hielt ihn nur ab, indem ich ihn warnte, sein lieber Bruder werde ihn gar nie mehr fortlassen, in den Meerturm sperren und selbst das Westreich beherrschen. Auch Eudoxia wollte er schon lange durchaus kennen lernen: – er lud sie ein. Sie sollte ihm eine zweite Placidia werden. Jetzt vollends ist sie Witwe und ... ich kenne sie! Aber nein!« rief er mit aufflammendem Zorn, »der Bube soll nicht meine zweite Tochter schmachvoll verstoßen, wie er die erste wehevoll verblühen ließ. Nein. Jetzt kämpf' ich nicht nur mehr für dieses Reich der Römer, – für mein Haus und meines Hauses Ehre wie die meine.« – Nach einer Weile fuhr er ernst, fast traurig fort: – »Kämpfen? Dazu braucht's zwei. Aber nur er hat Kampfmittel. Die Legionen! Die Söldner? Auch sie haben ihm geschworen, nicht mir . Schickt er sie fort, lohnt er sie ab, – die Kirche bot ihm, ich weiß, das Gold dazu, sind's doch Heiden und Ketzer! gehen sie, müssen gehn. Und ich? Wen hab' ich, der unbedingt, der ohne Wank zu mir steht? Einen Sohn, Adalger, einen Poeten. Oh beneidenswerter Alarich! Hinter dir steht, bis zum Tode getreu, wie du ihm gegen eine Welt, dein Volk ! Ich habe kein Volk. Mein Reich ist Rom: – aber wo ist mein Volk?« »Höre, Vater, ein Gedanke. Du müßtest Söldner haben, die nur dir, nicht ihm geschworen haben, die er dir sowenig nehmen kann, wie dem Balten seine Goten. Die ihm geschworen, bindet dieser erste Schwur, auch wenn du sie dir schwören ließest. Nun aber sagte mir Adalger jüngst unterwegs in Bologna, neuntausend Söldner, von Byzanz entlassen, Germanen, – weiß nicht, welches Stammes – stehen hart an unsrer Grenze. Zwei Führer fragten bei ihm an ...« – »Vortrefflich, mein lieber Sohn! Ich schicke von der nächsten Positio der Reichspost Eilboten an Adalger, er soll mir jene Germanen sofort anwerben: nötigenfalls dich zu ihnen schicken. Denn er selbst soll flugs nach Ravenna, wo meine treuesten Söldner stehn, diese Feste mir zu sichern. Und schleunig soll er mir Botschaft senden von dem Vertragsschluß.« – »Aber das Geld? Du weißt, gar oft getäuscht von beiden Reichen, verlangen sie jetzt stets Barzahlung.« – Stilicho sann nach; seine Stirn umwölkte sich, dann sprach er finster: »Das Geld? das Geld muß der Staat geben.« – Eucherius erschrak: »Der Staat? Das ist der Imperator. Sein Geld – gegen ihn ? Vater, das hättest du früher nicht getan!« – »Wohl,« erwiderte Stilicho mit drohender Stimme. »Aber jetzt bin ich der Staat der Römer. Erhalt' ich mich, halt' ich das Reich. Selbstsucht? Bah, jetzt ward sie Pflicht. Nun, Knabe Honorius, Alarich und Rhadagais hab ich bezwungen und viele andre mehr –, laß sehn, ob du mich bezwingst oder ich dich.« III. Allein der Imperator scheute den Kampf Aug' in Auge mit dem Gewaltigen, dem zu widerstehn er all' diese Jahre oft versucht, aber nie vermocht hatte: er entzog sich nach Kräften dem Zusammenstoß mit dem Schwiegervater, dessen Tochter zu verstoßen er im Begriffe, mit dem Staatsmann, gegen dessen Willen, wie er wohl wußte, die Regentschaft des Ostreichs zu übernehmen, seinen Herrschersitz nach Byzanz zu verlegen er entschlossen war. Freilich, so ganz entschlossen hierzu war er doch noch nicht: er hoffte immer noch, des Ministers »Erlaubnis« hierfür zu erlangen. Aber die Reise zu Eudoxia durchzusetzen war er um jeden Preis gewillt. Um jeden? Ja, zumal auch um den Preis von Stilichos Verlust. Denn er haßte ihn seit jener Demütigung zu Rom noch bitterer als je zuvor. Nur weil er ihn für unentbehrlich hielt, hatte er ihn seither noch ertragen. Und für unentbehrlich mußte er ihn trotz der Gegenreden seines Hofes halten, immer noch, wenn er kühl nachdachte: wer aus all seinen Feinden sollte ihn in Krieg und Frieden ersetzen, diesen »Mann«? Allein nun war der Tag gekommen, da das kühle Nachdenken ausgeschlossen war durch den heißen Zauber jenes kleinen Bildes. Die erste Enttäuschung erwartete Stilicho in Mailand: er fand den Kaiser nicht in dem dortigen Palast: ohne seinem Minister Kenntnis zu geben, hatte er die Stadt verlassen, begleitet von Olympios und Heraclian, jetzt seine ständige Umgebung. Es verlautete – gewiß wußte es niemand zu sagen – er sei nach Pavia gereist, die dort stehenden Truppen zu mustern. »Pavia!« rief Stilicho sofort. Und zu Eucherius sprach er: »Jawohl! Dort stehen nur Römer, Carinus befehligt sie. Der hat das geplant, hat ihn zu dieser ›Musterung‹ bewogen, das heißt ihn aus meinem Machtbereich gelöst und in seinen ›Schutz‹ genommen. Auf nach Pavia!« – »Vater, geh' nicht nach Pavia. Deine germanischen Söldner sind in Ravenna, nur ihre Weiber und Kinder in und um Pavia angesiedelt. Geh nicht ohne Schutz in ...« – »In die Höhle des Löwen Honorius, willst du doch nicht etwa sagen? Solcher Hohn wäre crimen laesae! Soll ich auf meine alten Tage noch lernen, mich fürchten? Und vor Honorius? Wäre schwer! Nein,« schloß er zornig, »der Bube wagt nicht, mir mit einem Nein ins Auge zu sehn, Ich hab's oft erprobt: zuletzt wieder in Rom. Ich such' ihn auf, stelle ihn in Mitte seiner Römer.« – »Ich begleite dich. – Aber ehe wir aufbrechen, wünscht eine Bittende, dich zu sprechen. Hier ist sie schon. Ich gehe.« – »Nein, bleib, lieber Bruder,« bat eine sanfte, traurige Stimme und über die Schwelle des Gemaches schwebte eine zarte, ganz in Weiß gekleidete Gestalt, »Bleib und hilf mir den Vater bitten.« – »Mein lieb Töchterlein!« rief Stilicho, ihre beiden Hände fassend. »Himmel, wie bleich du bist! Und wie dünn diese Finger! Und eiskalt.« Er führte sie an eine Kline. »Bist du leidend?« – »Nicht mehr als sonst,« erwiderte sie, sich niederlassend. »Die letzten Tage brachten nur mehr ... ein wenig mehr des Bittern, als ich gewöhnt bin. Der Imperator ...« – »Was hat er dir getan?« Grimmig drohend kam die Frage. – »Ich klage ihn nicht etwa an: – gewiß nicht. Es ist meine Schuld, nicht die seine: – daß ich sein Herz ...« – »Hat er eins?« lachte der Vater bitter. – »Nicht zu gewinnen vermocht habe. So wenig wie die Schwester, die Glückliche.« – »Warum preisest du sie glücklich, die Tote?« fragte der Bruder. – » Weil sie tot ist. Und weil sie es nicht so lang wie ich – vergeblich! – versucht hat.« Sie strich das ganz helle, weißgelbe Blondhaar zurück. Der Vater aber schlug die Hand vor die Stirn: »Meine beiden Töchter geopfert! Ihr blühend Leben dem toten Begriff des Römerreichs! Sprich, mein armes, weißes Täublein, was hat er dir ...?« – »Ich wiederhole, ich klage ihn nicht an. Aber ich muß doch sagen, was mich zu meiner Bitte zwingt.« – »Rede! Aber sag' alles, verschweige nichts, ihn zu schonen. Alles muß ich wissen.« – »Ja, sonst erfüllst du mein Begehren nicht. – Am Abend vor seinem Aufbruch aus dem Palast hatte ich mich, der Hofordnung gemäß, in seinem Gemach von ihm zu verabschieden. Ich fand ihn ... nun, sehr erregt. Es war gleich nach seiner Coena: er hatte wohl wieder mit Heraclian und Olympios ...« – »Um die Wette getrunken,« ergänzte der Vater. »Ja, das haben sie den verachteten Germanen abgelernt.« – »Er war ... nicht freundlich. Mir kamen die Tränen. Ich wollte es verbergen: ich wandte mich ab: doch er sah mein Gesicht in dem Silberspiegel der Marmorwand: ›Heulen?‹ schrie er. ›Schon wieder einmal heulen? Es ist nicht anzusehen! Wie sie aussieht! Wie eine Lemure! Da, du bleich' Gespenst, –‹ er taumelte an sein Bett, riß unter dem Kopfkissen eine runde Kapsel von Elfenbein hervor, öffnete sie und hielt mir ein Mosaikbild vor die Augen: ›da schau her, so muß ein Weib aussehn. So sieht das Weib aus, von dem du, Jammerbild, mich trennst ...‹« – »Das Weib ... es hatte rote Haare?« fragte der Vater mit dräuendem Kopfnicken. – »Ja. Aber ich sah nicht viel davon. Ich schlug sofort die Augen nieder. Es war ...« – »Kann mir's denken!« – »Nun, lieber Vater, – o blicke nicht so furchtbar! – danach kann ich doch nicht mehr des Imperators Gattin auch nur heißen .« – »Wahrlich nein,« rief Eucherius. – »Ich will nicht sein Unheil sein, will ihn nicht trennen von dem, was er sein Glück nennt. Laß dieses Band – es ist ja keine Ehe! – von der Kirche trennen: sie kann es.« »Ja,« lachte Stilicho wild, »sie kann es. Und sie wird es gern tun, die Tochter des Ketzerfreundes in Schmach verstoßen. Und sie wird den frommen Kaiser auch gern von dem Verbot entbinden, die Schwägerin zu heiraten, gewiß. Aber beim Zorne Gottes, daraus wird nichts. Du bleibst Imperatrix,« – »Vater, ich kann doch nicht ...« – »Gewiß, mein Kind, kannst du nicht, sollst du nicht bleiben bei dem Elenden: du bleibst fortab bei deinem Vater. Ach, jetzt fehlt die Mutter!« – »Sie fehlt nicht mehr! Sie ist da! Sie wird nie mehr von euch lassen,« rief Serena in dem düstern Gewand der Religiosae in das Gemach stürmend. »O mein Gatte, vergib! Kannst du vergeben?« Und sie warf sich vor ihm auf die Knie. Rasch erhob er sie und zog sie an die Brust: heiß strömten die Tränen: lange fand die Schluchzende die Worte nicht. »Was ist geschehen, Mutter?« forschte Eucherius. – »Was führt dich uns zurück?« fragte der Gemahl. – »Ach, die Erkenntnis der Ruchlosigkeit dieser Priester!« – »Sie kommt dir spät!« meinte Stilicho. – »Nicht zu spät, wenn du verzeihen kannst.« – »Verzeihen! Du handeltest in frommem Wahn. Ich liebe dich: das ist mehr als verzeihn. Jene aber – sie alle! – hasse ich und sie sollen's spüren!« – »Was haben sie dir getan, Mutter?« bangte die Tochter, ihre Hand fassend. – »Ach, was haben sie mir nicht getan, mein Kind? Entfremdet haben sie mich dem Manne, dem Sohn: sie als Sünder mir verleidet, mich von ihnen hinweggerissen in ihren Seelenkerker, das Kloster, und dort, dort haben sie mir alle Treu und Ehre zertreten wollen. Ich sollte ...« sie stockte. – »Nun?« drängte Stilicho. – »Zuerst sollte ich ihnen – in der Beichte! – alles verraten, was du mir je an Staatsgeheimnissen anvertraut, ich sollte angeben, wo im Palast oder in unserem Hause du deine Briefe, zumal die von und an Alarich, birgst. Und endlich – oh, es ist schändlich, ist unglaublich ...« – »Bei denen? Wenig!« – »Ich sollte vor dem Imperator beschwören, als Zeugin ... denn sie erheben Anklage gegen dich wegen Hochverrats ...« – »Sie wollen! Aber sie kommen nicht mehr dazu. Ich bin rascher.« – »Ich sollte beschwören, du habest mir deinen Plan anvertraut, unsern Sohn zum Kaiser des Ostreichs zu erheben mit Hilfe des Gotenkönigs: deshalb habest du den wiederholt entschlüpfen lassen, dafür ihm die Hilfsgelder bezahlt. Tu' ich es, würden sie Eucherius als uneingeweiht, als schuldlos hinstellen, weiger' ich es, ihn mit dir verderben, mich aber aus der Kirche stoßen. Und da ich sie mit Abscheu von mir wies, fesselten sie mich, schlugen mich ...« – »Ah, mein Weib!« schrie Stilicho. – »Und wollten mich in einen finstern Kerker werfen. Aber ich entkam mit Hilfe einer mitleidigen Nonne und floh zu dir. Verzeiht mir!« – »Du bist genug gestraft, bei Gott. Eucherius, du sperrst sofort jenes Kloster. Dann geleitest du Mutter und Schwester in mein sicheres Ravenna. Von dort aber fliegst du – es ist noch immer kein Bescheid von Adalger und jenen Germanen eingetroffen und nun eilt es gar sehr – zu diesen Söldnern an der Grenze, nimmst sie für mich in Eid und führst sie auch nach Ravenna. Das Geld erhebst du hier aus dem geheimen Thesaurus des Palastes.« – »Vater, das ist ...« – »Gehorche!« – »Und du, mein Gemahl?« – »Ich gehe zu Honorius.« – »Allein?« warnte Eucherius. – »Nein. Mit dem Gott der Rache.« IV. In dem kleinen Palatium zu Pavia, das dicht am Ufer des Ticinus lag, fand das glänzende Gefolge des Imperators, dem sich zahlreiche Heerführer aus dem Lager der »Römer« vor der Stadt angeschlossen hatten, kaum Unterkunft. Die Vorzimmer seines Gemaches waren von Geistlichen, Beamten, Kriegern dicht gefüllt. Wohlgefällig musterte Heraclian die zahlreichen Kriegstribunen mit den echt römisch geschnittenen Gesichtern und römischen Schutz- und Trutz-Waffen, oft mit Namen altrömischer Geschlechter. »Wagt er sich wirklich hierher,« meinte er zu Olympios – »schwerlich kommt er aus soviel Haß lebendig wieder heraus. Aber er kommt wohl nicht.« – »Doch!« gab der Byzantiner zurück. »Wie ich ihn kenne, kommt er.« – »Er ist schon da,« rief Carinus, der im Eintreten diese Worte vernommen. »Er ritt mitten durch die Gassen meines Lagers. Meine Leute knirschten. Ein Pfeil traf von hinten seinen Helm. Ich hatte Mühe, die tosenden Kohorten zurückzuhalten.« – »Warum gabst du dir diese Mühe?« grollte Heraclian. – »Befehl des Kaisers. Heut' in aller Früh' ergangen.« – »Was? Wie? sollte er abermals umgeschlagen haben?« forschte Olympios erbleichend. – »Weiß nicht,« erwiderte Carinus achselzuckend. »Aber heute Nacht ist etwas vorgegangen in dem heiligen Schlafgemach.« – »Was? Was? Erzähle!« – »Tretet näher. Ganz leise! Ich hatte die Wache im Vorzimmer. Kurz vor Mitternacht führte der Eunuch ein verhülltes Weib in das Schlafzimmer.« – »Ah, ein Weib?« rief Olympios. »Und mein ganzer Plan? Und Eudoxia?« – »Ohne Sorge,« lachte Carinus, »Das ist keine Nebenbuhlerin! Der Eunuch ging mit ihr hinein. Er trug einen weitbauchigen Erzkessel. Und als sie nach einer Stunde wieder herauskam, glitt ihr – gerade unter der Ampel – das schwarze Kopftuch herab: es war die alte Hexe, die man die Sibylle vom Ticinus nennt.« – »Ah, die greise Vettel, die da draußen in einer Höhle am Flußufer wohnt,« erklärte Heraclian. – »Die ganze Stadt, all' meine Römer,« fuhr Carinus fort, »glauben an ihre Weissagungen fester als an die Bibel. Er hat offenbar von ihr und ihrem Ruhm gehört und ...« – »Er wird wieder einmal schwankend geworden sein.« – »Ist er doch allzulang an seine Knechtschaft unter dem Vandalen gewöhnt!« – »Und nun wollte er erforschen, was seine, was des Barbaren Zukunft birgt. Kurz: heute früh erging an mich der Befehl, den Magister militum um jeden Preis zu beschützen: kein Haar darf ihm gekrümmt werden: ich hafte dafür mit meinem Kopf, daß ihm kein Leid geschieht: unversehrt muß er nach Ravenna zurückkehren.« – »Verflucht! Das ist seine sicherste Burg.« – » Gewesen !« höhnte Carinus, ganz leise. »Er wird sich wundern, sieht er sie wieder. Honorius hat auf meinen Rat im geheimen befohlen ... du Heraclian sollst heute noch ... aber still, da ist er.« Stilicho trat raschen Schrittes ein: erhobenen Hauptes, schweigend, nahm er die Begrüßungen entgegen, die seinem Range gebührten und die man ihm nicht zu versagen wagte. »Ostiarius,« sprach er ruhig. »Melde mich dem Imperator. Ich muß ihn sofort sprechen – gleich. Und er muß entschuldigen – den Staub der Reise an meiner Gewandung: es eilt. Ich kann nicht baden und mich umkleiden, wie's Palast-Gebot. – Nein, melde lieber nicht. Ich gehe ungemeldet hinein.« Er schob den Staunenden zurück, öffnete die Tür und trat ein. Der Ostiarius wankte, fassungslos: »Er hat ihn zugelassen – ungemeldet. Das war noch nie! Das ist des Reiches Ende!« V. Es schien wenigstens Stilichos Ende zu sein. Honorius mit seinem bösen Gewissen war froh, die Unterredung mit einem Vorwurf beginnen zu können, bei dem er unzweifelhaft im Rechte war. Ohne sich von dem Ruhebett zu erheben, auf dem er lässig ausgestreckt lag und vor sich hin träumte, sprach er mit einem Stirnrunzeln, das erschrecken sollte, aber viel zu übertrieben war, um zu wirken: »Seit wann tritt man so vor den Imperator?« Aber Stilicho ließ sich nicht aufhalten in seinem Ansturm: »Seitdem der Imperator und – was viel mehr! – das Imperium am Abgrund steht. Laß jedes Scheingefecht, Honorius. Es gilt das Reich, das Werk meines Lebens. Antworte kurz auf meine kurzen Fragen. Ist es wahr, daß du die germanischen Söldner entlassen wirst?« – »Und ... wenn?« – »Antworte! Ja oder nein?« – »Nun denn – ja!« zögerte er. – »Ist es wahr, daß du nach Byzanz gehen wirst?« – »Ja, jawohl!« Ganz rasch kam das heraus. – »Ist es wahr, daß du die Regentschaft des Ostreichs übernehmen, deinen Herrschaftsitz nach Byzanz verlegen wirst?« – »Ja,« rief Honorius, mit steigender Erbitterung und daher wachsendem Mut. – »Ist es wahr, daß du dort die ...« Das Antlitz des Vaters flammte auf, er wollte jetzt ... aber er bezwang sich noch. »Alle diese vier Dinge, bitte ich dich, Imperator, nicht zu tun.« Diese Bitte erhöhte noch die Festigkeit des Schwächlings: »Eine Bitte!« dachte er, »die kann der Gebetene gewähren oder abschlagen.« Und lebhafter entgegnete er: »Und warum?« – »Weil jene Söldner allein das Reich schützen, weil die Reise nach Byzanz in dem Augenblick unmöglich ist, da ein Anmaßer, Constantinus, Britannien, Gallien, Spanien genommen hat und den Angriff auf Italien rüstet, weil du kaum im stande bist, das schwer gefährdete Westreich zu verwalten: und willst das Ostreich hinzu übernehmen? Deshalb bitte ich dich dringend – hörst du, ich bitte ! – laß diese Gedanken fallen.« – »Weiter nichts?« lachte Honorius höhnisch. »Horch auf, ich will dir deine wahren Gründe sagen: weil nur jene Söldner dich schützen vor dem Haß der Römer in Heer und Senat und dem Fluche der heiligen Kirche, weil du diesen Constantinus jetzt verwendest wie früher jenen Alarich, als dein Werkzeug, dich als unentbehrlich hinzustellen ...« – »Honorius!« – »Und weil du freilich nicht zum Regenten, aber zum Imperator des Ostreichs erheben willst – deinen Sohn Eucherius!« Da fiel Stilicho grimmig lächelnd ein: »Serena, nicht wahr, wird's bezeugen? Die eigne Gattin und die eigne Mutter! Wie belastend, wie vernichtend!« – Aber er bezwang sich noch einmal – »laß das und gib nach, ich bitte.« – »Nein.« – »Wohlan denn, Sohn des Theodosius, so höre, was ich dir ersparen wollte: gib nach: ich befehl's dir.« Da sprang der im Purpur auf und fuhr auf ihn zu: »Ah, crimen laesae! Dein Kopf ...« Aber vor der unerschütterlichen Ruhe der hohen Heldengestalt, die, ohne eine Miene zu verziehen, vor ihm stehen blieb, verflackerte auch diese aufflackernde Flamme: feig wich er zurück. »So spricht ein Wahnwitziger,« meinte er achselzuckend. – »Nein, so spricht dein Vater, der große Theodosius. Lies! Lies dies Kodizill. Du kennst Schrift und Siegel.« Er zog aus dem Wehrgurt eine Papyrus-Rolle und reichte sie ihm. Der überflog die ersten Zeilen: »Vermöge der erprobten Weisheit Stilichos ...« plötzlich stockte er: »Wa... was steht hier? ›Und endlich gebiete ich meinem Sohn Honorius, daß er, auch nach beendeter Vormundschaft, dem Wort, dem ... Befehl des Magister militum in allen Staatssachen unweigerlich gehorsame, wie wenn ich selbst solchen Befehl erteilt‹ ... »ah, schändlich, schändlich! Das hast du erzwungen, erlistet, erschlichen bei dem Fiebernden, Sterbenden. Da! Dies die Antwort! Barbar!« Und er zerriß die Rolle in zwei Fetzen und warf sie ihm ins Gesicht. Der trat einen Schritt zurück mit dem Aufschrei eines getroffenen Tieres, aber sogleich faßte er sich wieder, bückte sich, hob die Stücke auf und hielt sie aneinander; tonlos sprach er dann: »Diese Tat tut mir leid – für dich .« – »Für mich ?« höhnte Honorius. – »Ja. Denn du hast den Schlußsatz nicht gelesen: ›sollte aber mein Sohn Honorius, nachdem sich Stilicho für einen Befehl auf dies mein Kodizill ausdrücklich berufen irgendwie durch Wort und Tat ihm –, das heißt mir ! – den Gehorsam weigern oder dies Kodizill irgendwie mißachten, so soll von Stund an die kaiserliche Gewalt übergehn auf Stilicho, meinem Sohn Honorius aber nur der kaiserliche Name und Purpur verbleiben: das ist dann Senat, Heer und Volk der Römer zu verkünden‹.« – Da sank Honorius nach rückwärts auf das Ruhebett: er ballte die Fäuste in ohnmächtiger Wut: »Dies Blatt in seinen Händen! Er darf nicht leben!« dachte er. »Vor dieser Türe harren hundert Schwerte und Dolche, die sich mit Wollust in sein Herz bohren. Also ... Aber die Prophezeiung! Erst in Ravenna ...« Stilicho schien diese Mordgedanken zu erraten. Während er die durchrissene Rolle wieder in den Wehrgurt steckte, sprach er bedachtsam: »Gewalt? Sie hilft dir nicht. Beglaubigte Abschriften hüten drei meiner Freunde. Willst du jetzt nachgeben?« Aber der Liebessieche dachte der Rotlockigen: sein Blick streifte die Elfenbeinkapsel, die ihm gegenüber auf dem Kopfpfühl seines Bettes lag. Stilicho erhaschte den Blick: er folgte ihm: er sah die Kapsel: da ward er furchtbar bleich. »Nein!« rief nun Honorius. »Tu' was du willst mit deinem Papyrus. Geh!« »Ich gehe. – Zum Abschied nur noch eine Frage: ist es wahr, daß du meine Tochter verstoßen und deines Bruders Witwe heiraten wirst?« Er trat zwei Schritte näher: so drohend war das Antlitz des rachedurstigen Vaters, – der Erschrockene fand zuerst kein Wort: dann nur das Wort der Lüge: er versuchte aufzustehen, aber die Kniee versagten ihm: er hielt sich an den Citrustisch vor ihm: »Was?« stotterte er. »Eudoxia? Was fällt dir ein? Ich ... Ich weiß ja nichts von ihr – gar nichts.« Da ergriff Stilicho die Kapsel, riß das Mosaikbild heraus, hielt es ihm dicht vor die Augen und schmetterte es auf den Marmorestrich, daß es in hundert Stücklein zersprang. – Grell aufkreischte Honorius: er taumelte empor. Ohne ein Wort schritt Stilicho hinaus und durch die dichten Reihen seiner Hasser. Die Türhüter stürzten nun in das Gemach: sie fanden den Imperator ohnmächtig auf dem Boden liegend. VI. Als der Feldherr raschen Schritts das Atrium erreicht hatte, – allein, niemand begleitete den sonst so Umschmeichelten – sah er in dem halb finstern Gang, der hier von rechts her einmündete, eine dunkle Gestalt, die, einen schwarzen Mantel über Kopf und Schultern geschlagen, sich vorsichtig, geduckt, näher heranschlich. Er griff ans Schwert und schritt der Erscheinung entgegen: »Wer bist du? Und was willst du?« Da fiel der Mantel und vor ihm stand ein weißhaarig Weib, zitternd, sprachlos vor Erregung. »Ich glaube, dich zu kennen,« meinte er nachsinnend, »mich zu erinnern. Bist du nicht ...?« – »Die Hexe vom Ticin, wie sie mich nennen, die du vor dem Scheiterhaufen gerettet hast. Ich wollte dich einmal noch im Leben sehn, dir danken und dich warnen.« – »Ich bin genug gewarnt!« lachte er bitter. – »Nun denn, mahnen. Du wirft zwar dein Ravenna sicher erreichen ...« – »Hast du das in den Sternen gelesen?« lächelte er gutmütig.« – »Mehr,« erwiderte sie in gleichem Scherzton, »das hab' ich sogar ... gezaubert. Der Imperator ließ mich holen heute Nacht. Er schwankte über sein Verhalten gegen dich, gestern am Tag und auch die Nacht noch.« – »Jetzt schwankt er nicht mehr. Ich bin gerichtet. Nur die Vollstreckung steht noch aus. Die werd' ich abwehren,« schloß er fest. – »Wohl: Zeit hab' ich dir dafür gewonnen. Ich hab' ihm geweissagt aus den Linien seiner Hand, – sie ist schlaff! – aus dem Sud meines Kessels, aus der Stellung der Gestirne: er stirbt binnen zwei Tagen, läßt er dich nicht unversehrt nach Ravenna zurückkehren.« – »Und das hat er geglaubt?« – »Gewiß! Alle Feiglinge sind abergläubisch. Und ist doch schon manches eingetroffen, was ich ihm voraus verkündet. Er zitterte bei meinen drohenden Worten: er zerschnitt vor meinen Augen einen rot verschnürten Papyrus ...« – »Ein Todesurteil! Das meine.« – »Aber eile! Nicht auf allzulange Probe stelle seinen Glauben! In Ravenna bist du doch sicher?« – »Wie im Schoße Gottes.« – »So möge dein Gott dich schützen. Leb' wohl!« Sie ergriff den Saum des Mantels, küßte ihn und verschwand wieder in dem finstern Gang. Im selben Augenblick jagte Heraclian mit einem starken Geschwader der raschesten römischen Reiter zum Osttor hinaus – auf der Straße nach Ravenna. VII. Obwohl der Feldherr nun genau wußte, daß sein Leben nur so lang gesichert war, bis er diese Feste erreicht hatte, eilte er doch Tag und Nacht unermüdlich auf die verhängnisvolle Stadt zu. Er fühlte, daß es jetzt keine Versöhnung mehr gab mit Honorius, aber er vertraute, gestützt auf seine vielen tausende von germanischen Söldnern, dem Schwächling die Bedingungen vorzuschreiben, unter denen er auf Veröffentlichung jenes Kodizills, das heißt auf die tatsächliche Entthronung verzichten wollte: andernfalls rechtfertigte ja diese Urkunde seinen offenen Widerstand vor Senat, Volk und Heer. Und kam es zum Kampf mit den Römern des Carinus und Heraclian, so konnte er in jener noch nie bezwungenen Festung der Sümpfe, Lagunen und Kanäle sich leicht so lange halten, bis ihm Entsatz gebracht wurde durch – Alarich! Er zweifelte keinen Augenblick, der Balte werde ihm die Verschonung bei Pollentia vergelten. Aber nur rächen, nicht mehr retten konnte der Gotenkönig den Freund! Schwer ertrug des Ungeduldigen Eile einen Aufenthalt von drei Tagen zu Ostiglio, wo die einzige Pobrücke der Straße nach Ravenna kurz vor seinem Eintreffen von Überschwemmungen fortgerissen und die Furt ungangbar gemacht war. Erst am vierten Tag gelangte er auf einer Notbrücke hinüber. Schon als er nach noch einigen Tagen scharfen Reitens mit wenigen Begleitern sich von weitem den Mauern Ravennas näherte, fiel ihm auf, daß deren Zinnen so schwach bemannt waren: und zwar sah er nur römische Feldzeichen. »Wo sind die Söldner, die Germanen?« war seine erste Frage an Adalger, der ihm schon im mailändischen Tor entgegenkam. – »Wo du sie hinverschickt hast, zu unser aller stärkstem Staunen.« – »Ich? Sie verschickt? Niemals! Wohin denn?« – »Weit weg von hier, verstreut, verzettelt, durch ganz Ämilien, Tuscien, Ligurien: in kleinen Häuflein von zehn, zwanzig Speeren.« – »Verrat!« rief Stilicho. »Wann hätt' ich das befohlen? Wo ...?« – »Hier! In dieser Urkunde, deinem Befehl an mich: er trägt des Kaisers Namen und Siegel und – da – deine Unterschrift!« – »Gefälscht! Wer hat sie gebracht?« – »Heraclian.« – »Herbei mit ihm! Wo steckt er?« – »Mit all' seinen Römern in den zehn Türmen der Nord- und der Westtore.« – »Adalger, wie konntest du ...?« – »Ich mußte doch deinem Befehl gehorchen! Mit welcher Wut im Herzen! Schau nur her! Das ist doch deine Schrift ...« – »Weiß Gott, das hätte mich selbst getäuscht!« – »Ich wagte das Äußerste: gegen diesen Befehl behielt ich zweihundert Söldner zurück, Heraclian zum Trotz, zur Bedeckung deiner Frau und Tochter, gab ich vor!« – »Wohlgetan!« Aber der Treue zuckte die Achseln: »Zweihundert gegen viele Tausend.« – »Getrost! Bald kommt Verstärkung. Wo ist Eucherius?« – »Noch nicht zurück.« – »Er muß jede Stunde eintreffen mit den neuen Germanen, meinen Söldnern! Dann wehe Heraclian! Nun komm mit zu Serena, zu Thermantia: wo weilen sie?« – »Nicht mehr in dem offenen Sommerpalast. Seit Heraclian mit seinen Reitern eintraf, hab' ich sie geborgen in dem festen Turm des Theodosius: dort liegt ein gut Teil meiner Söldner. – »Vortrefflich, Freund. Aber sieh, da sprengt ein Reiter heran ...« – »Vom faventinischen Tor!« – »Es ist Eucherius. Willkommen mein Sohn. Hochwillkommen und zu rechter Stunde: ein Retter in der Not. Du bringst doch die neuntausend Germanen? Die Neugeworbenen?« Mit trauervoller Miene schüttelte der Sohn das Haupt. »Nun, wieviele bringst du?« drängte der Markomanne. »Nicht einen !« – »Du botest doch reichen Sold?« forschte der Vater. – »Alles, was sie verlangten. Und noch mehr.« – »Das ist schlimm,« sprach Stilicho, ernst, doch gefaßt. »Was sind's für Germanen?« – »Ach Vater!« – »Nun, rede. Was für welche?« – »Das eben ist's: Vandalen.« – »Ich ahne!« seufzte Adalger. – »Als sie erfuhren, dir, dir allein sollten sie schwören, dich schützen, – da war's aus! Ihr Führer rief mir zu: ›Sag deinem Vater – er ist ja Römer, wie er mir stolz rühmte, als ich ihm den Königsstab seines –, nein unsres Volkes! – brachte, ist nicht ein vandalischer Barbar! – sag' ihm, der Römer soll sich von seinen Römern helfen lassen. Auf, Genossen, wir reiten heim.‹ Und wandte das Roß und trabte davon.« Da verstummte Stilicho und schlug den braunen Reitermantel vor sein Antlitz, Endlich sprach er: »Ach, um ein Volk! Jetzt um ein Volk! Oh Alarich ...!« – »Vater, ich muß eilen, noch eins zu berichten: ein Heer, ein starkes Heer ist in raschem Anzug auf diese Stadt. So erzählten Reitknechte der Reichspost, die meinen Weg kreuzten.« – »Woher? Welches Weges?« – »Den Po entlang.« – »Von Pavia! Das ist Carinus. Nun wird es Ernst.« VIII. Ja, nun ward es Ernst. Rascher als der rings Bedrohte ahnte, sollten sich seine Geschicke erfüllen. Noch während er bei den nun schnell aufgesuchten Frauen in jenem Turme weilte. Und er tat nichts, den Gang des Schicksals aufzuhalten, ihm zu entweichen. Die Seinen beschworen ihn, zu fliehen, solang es noch Zeit, solang noch nicht alle Tore der Festung von den Feinden besetzt waren, sich draußen zu verbergen, etwa die nächsten seiner alten Söldner zu erreichen. Er schwieg. »Stilicho flieht nicht,« nickte der Markomanne. »Er hat's nie gelernt!« – »Und lernt's nicht mehr,« schloß dieser. – »Auch ist es schon zu spät,« rief der Sohn. »Carinus ist schon herein: man kennt seine Kohorten an den schwarzen Helmbüschen. Sieh, sie besetzen dort das Tor von Comaclum.« – »Das letzte, das frei war,« sprach Adalger tief ernst. – »Aber die See,« forschte Serena, »die Hafenstadt Classis, die Flotte?« – »Befehligt Carus, des Carinus Bruder,« erklärte jener. – »Da! Auf dem Forum des Hercules treffen die Einziehenden des Carinus und die Geschwader Heraclians zusammen,« zeigte der Sohn. –«Auf, komm, Eucherius,« rief Adalger. »Ich lasse mich nicht greifen und hinrichten. Ich sammle mein Häuflein Germanen hier im Turm und hinaus und drauf!« – »Halt, kein Blut als meines,« gebot Stilicho. Da trat Heraclian draußen dicht an den Turm und rief hinauf zu dem Rundbogenfenster, an dem der Gesuchte und die Seinen sichtbar waren: »Ergib dich, Magister militum. Sonst müssen wir den Turm stürmen.« – »Kommt nur!« schrie der Markomanne und zog das Schwert. – »Nein: ich komme. Kein Blut als meines,« wiederholte Stilicho. – »Auch deines wird nicht fließen,« versicherte Heraclian. »Sieh, gestern kam dies Schreiben an mich aus Pavia: der Imperator erklärt darin deine Begnadigung zur Verbannung aus dem Reich.« Freudige Hoffnung lebte auf in den Frauen: »O geh, geh, Vater, und erhalte uns dein Leben,« bat Thermantia. Schweigend schritt er die vielgewundene Steintreppe hinab, dicht gefolgt von Sohn und Freund. Unten auf der Straße vor Heraclian angelangt, löste er das Schwert – das gefürchtete, – samt der breiten Scheide aus dem Wehrgurt und reichte es ihm, der es hastig ergriff. Sofort trat aus der zweiten Reihe der Kohorte Carinus mit bloßem Schwert: »Ich aber bringe einen jüngeren Befehl des Imperators: Verräter, Rebell, du mußt sterben.« – Und er stieß dem Wehrlosen das Schwert in die Kehle; im selben Augenblick erstach Heraclian den Sohn. Aber Adalger wehrte sich grimmig wie der gestellte Eber: »Zu Hilfe,« schrie er, »zu mir, meine Germanen. Rächt den Helden.« Das Häuflein brach aus dem Tore des Turms: wild klirrten eine Weile die Waffen gegeneinander: aber nicht lang: bald war es totenstill vor dem Tore. Und in blutig rotem Scheine sank die Sonne in die Lagunen von Ravenna. IX. Wenige Tage darauf stand zu Aulon in dem Garten der Villa vor Alarich, Ataulf und Placidia ein schwer wunder Mann, gestützt auf einen zerspellten Speer, eine blutige Binde um das helmlose Haupt geschlungen: er lehnte vorgebeugt mit der andern Hand auf den Marmortisch: es war Adalger. Erschüttert schwiegen die drei, als er seinen Bericht beendet. Endlich fragte der König: »Aber du selbst? Durch welches Wunder entkamst du?« – »Sie hielten mich – nach diesen Wunden! – für tot und warfen mich im Finstern in den nächsten Kanal. Aber das Wasser belebte, weckte mich: ich schwamm geräuschlos: wo Wachen standen, tauchte ich. So gelangte ich unter vielen Brücken durch vor die Stadt hinaus. Alte Krieger ›des Mannes‹, die er hier angesiedelt hatte, erkannten mich, verbargen mich, verhalfen mir zur Flucht ans Meer.« »Und Serena?« fragte Placidia. – »Starb seiner würdig. Sie boten ihr das Leben, wenn sie seine Briefe ausliefere und zumal ein Kodizill des Theodosius: sie lehnte ab und starb. Thermantia floh zu den Religiosae in Rom. – Aber noch ein andrer starb, dem Manne getreu: Claudian, der Poet. All' seine früheren Loblieder auf Honorius sollten ihm jetzt nichts helfen: übrigens waren sie verstummt, seit er zwischen Honorius und Stilicho zu wählen hatte! Dies Verstummen hatte längst empört: er war als glühender Verherrlicher des Feldherrn allbekannt, als sein treuer Anhänger gehaßt: der Kaiser verurteilte ihn zum Tode, verhieß aber Begnadigung, wenn er in einem Widerrufsgedicht das Andenken des Verräters brandmarken, dessen Ermordung rechtfertigen wolle. Der Wackre ließ sich lieber köpfen.« – »Ich hab' ihn lieb gehabt, diesen zweiten Vergil,« sprach Placidia, eine Träne zerdrückend. »Ich fühl' es erst jetzt.« – »Aber,« fuhr der Markomanne grimmig fort, sich hoch aufbäumend, trotz seiner Wunden, »ihr wißt ja noch längst nicht alles, nicht das Blutigste! Auch ich erfuhr es erst nach und nach während meiner Flucht von Ravenna bis Otranto quer durchs Land. Hört, Tausende, ja Zehntausende von Germanen, Alarich, hast du zu rächen: von deinen Westgoten sehr viele, dann Ostgoten, andre Goten in Menge, aber auch von den Stämmen in Gallien, an Rhein und Donau. Und nicht nur Männer, Söldner: nein, Weiber, Kinder, Greise. An einem Tage – dem vierten nach dem Mord – wurden von Heraclian und Carinus nicht nur die vielen, vielen Tausende der verstreuten Söldner überfallen und erschlagen, – nein, auch ihre um Pavia, Bologna und sonst angesiedelten Frauen und Kinder. Bürger und Kohorten wüteten um die Wette unter den Wehrlosen. Viele Frauen und Mädchen sprangen in den Ticinus um ...« – »Ah, halt ein!« rief der König. »Ich kann's nicht – tatlos – hören! Beim Schwerte Gottes und bei meinem Schwert: ich will sie furchtbar rächen! Alle! Dich, edler, heißgeliebter Feind, dich vor allen. Aber auch den Geringsten unter den Hingeschlachteten unserer Völker. Wieder ruft in mir jene Stimme: ›nach Rom, Alarich, nach Rom!‹ Wohlan, ich folge ihr. Und diesmal steht kein Stilicho zwischen mir und dem Kapitol. Auf, Ataulf, laß das Heerhorn wieder schmettern. Zur Rache auf – nach Rom!«