Hedwig Dohm Die Mütter Beitrag zur Erziehungsfrage Berlin, S. Fischer Verlag, 1903 Inhalt: Die Mutter und die Babies Sind Mutterschaft und Hausfrauentum vereinbar mit Berufstätigkeit Die absoluten Gegner der Berufsfrau Die Halben Die Mütter Anregungen zur Erziehungsfrage Einleitung Die Mutter als Erzieherin Der Einfluss der Umgebung Über die Strafe Die Strafe in der Familie Erziehung in der Schule Einwirkung der Schüler aufeinander Erziehungsheime Eine sexuelle Frage der weiblichen Erziehung Die Mutter der erwachsenen Tochter Die Schwiegermutter der Zukunft Die alte Frau Die Mutter und die Babies Der mongolische Kaiser Dschingis, der die Kindes- und Elternliebe der Chinesen kannte, deckte, als er sie bekriegte, seine Vorhut mit den Kindern und Eltern seiner Feinde. So decken die Antifeministen mit der Mutterschaft ihre Argumente, um die Invasion des weiblichen Feindes in ihre Gebiete zu verhindern. Trotz der Heiligsprechung der Mutterschaft ist das Kind in der Menschheitsgeschichte noch nie zu seinem Recht gekommen. Die ungeheure Sterblichkeit der Säuglinge legt Zeugnis davon ab. Und es ist das Recht des Kindes zu leben. Generationen von Kindern verrohen, entarten im Gifthauch einer entsittlichten Umgebung. Schutz vor körperlichen und geistigen Misshandlungen ist das Recht des Kindes. Wer nicht schaudernd, von grenzenlosem Erbarmen durchglüht, die Berichte über das Kinderelend in den englischen Fabriken gelesen hat, trägt ein Herz von Stein in der Brust. Zunächst will ich von dem kleinen Kinde sprechen, von dem Baby, für das andere verantwortlich sind. Welche andere? Die Mutter? Ja, wenn wir an die Mutter von Gottes Gnaden glauben. Wie? Diese kleinen Kinder, die liebende Mütter haben, auch die kämen nicht zu ihrem Recht? Auch sie – in der Mehrzahl – nicht. Die Gegner der modernen Frauenbewegung freilich sehen in der Mütterlichkeit des Weibes die Verbürgung der Rechte des Kindes. Daher ihre feindliche Haltung gegen die umstürzlerischen Weiber der Emanzipation, die, wie es scheint, nichts Geringeres planen als einen neuen bethlehemitischen geistigen Kindermord. Daß alle seelischen und physischen Kräfte des Weibes nur der Mutterschaft zu dienen haben, daß auf der Mütterlichkeit ihre Genialität beruhe, wird immer wieder mit den Zeusgebärden souveränen Allwissens der Welt verkündet. Wie sich in Wirklichkeit das Leben der Frau als Mutter der Babies abspielt, will ich hier zu schildern versuchen. Die Mutterliebe ist ein Naturtrieb. So recht von Herzen kann ich nicht einmal an diesen, kaum je bezweifelten Naturinstinkt glauben. Lege ein fremdes Kind statt des eigenen der Mutter, die eben geboren hat, in die Wiege, und sie wird das untergeschobene Geschöpfchen – falls sie von der Vertauschung nichts weiß – in ihr Herz schließen, als wäre es ihr leibliches Kind. Ich kenne Fälle, wo kinderlose Frauen ein adoptiertes Kind mit der denkbar inbrünstigsten Mutterliebe umfassten. Nicht der Naturinstinkt scheint mir der Grundpfeiler der menschlichen Mutterliebe, eher ist es das Schaffen und Wirken an dem Kinde. Die Mutter fühlt sich als das Schicksal des kleinen hilflosen Geschöpfes, das ihr anvertraut wurde, wobei allerdings die Vorstellung, daß es ihr eigenes Fleisch und Blut ist, mitwirkt. Die Vorstellung, sage ich, nicht die Tatsache. Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben mag das Gesagte erläutern. Aus irgend welchem Anlass wohnte eine kleine Nichte einige Monate bei mir. In kürzester Zeit liebte ich das Kind, das ich vorher kaum gekannt hatte (die Eltern lebten in einer anderen Stadt), wie nur eine Mutter ihr Kind lieber kann. Seine Gegenliebe bereitete mir Entzücken, es war mein Geschöpfchen, das ich zu behüten, zu versorgen hatte, für das ich verantwortlich war. Als das Kind mir wieder genommen wurde, entschwand es allmählich aus meinem Gedächtnis und aus meinem Herzen. Ein noch markanteres Beispiel, wobei es sich freilich um einen Mann handelt, einen älteren Herrn und vielbeschäftigten Kaufmann. Dieser Mann – ein naher Verwandter von mir – hatte acht Kinder, denen er keinerlei Interesse zuwandte; höchstens zeigte er an ihren weltlichen Erfolgen einige Anteilnahme. Die Kinder gehörten ganz der eifrigen, willensstarken Mutter. Der charakterschwache Vater war eine Null im Hause. Einer seiner Söhne starb mit der Bitte auf den Lippen, daß der Vater sich seines verlassenen unehelichen kleinen Mädchens annehmen möge. Und dieser trockene Geschäftsmann, der sich um seine eigenen Kinder nie gekümmert hatte, wurde diesem Kinde ein überzärtlicher Vater. Sein ganzes Gemütsleben konzentrierte sich auf die Kleine, die wahrscheinlich ohne ihn gestorben oder verdorben wäre. Es war rührend, zu beobachten, wie er heimlich, fast mit dem Gefühl einer Schuld, Tag für Tag zu dem Kinde schlich und sich mit Geschenken und zarter Fürsorge für die Enkelin nicht genug tun konnte. Und das Kind gab ihm Liebe für Liebe. Daß es ja in der Tat aus seinem Blute stammte, hatte mit seiner Liebe nichts zu tun. Es ist eine oft gemachte Wahrnehmung, daß ein Vater seinem ehelichen Kinde häufig erst dann ein echter, fügsorgender Vater wird, wenn der Tod ihm die Gattin, dem Kinde die Mutter entrissen hat. Zum Bestand der Mutterliebe gehört als wesentliches Element die Gegenliebe des Kindes. Denken wir uns diese Liebe ausgeschaltet, so dürfte die Mutterzärtlichkeit eine starke Abkühlung erfahren. Ich kenne Fälle, wo Mütter mit einer zahlreichen Kinderschar diejenigen Kinder, die sie mit der eigenen Milch genährt, leidenschaftlich liebten, den Ammenkindern aber, die, von der Mutter sich wendend, nach der Amme schrieen, abhold waren. Kluge und gute Frauen freilich werden es verstehen, sich ihrer Kindchen, wenn die Amme entlassen ist, zu bemächtigen. Welches aber auch der Grund und Urgrund der Mutterliebe sein mag: sie ist da, sie wird immer da sein, selbst wenn Titaniden der Emanzipation den Himmel dieser Gemütswelt zu stürmen sich unterfangen wollten. – Immer ist sie da gewesen? Selbst das scheint nicht einmal sicher. Kulturhistoriker bezweifeln es. Richard Muther sagt in einer Abhandlung "Das Kind in der Kunst", daß man erst am Ende des 18. Jahrhunderts anfing, mit dem Mutterglück zu posieren, von dem man vorher sehr geringschätzig gedacht; und er führt diese Umwandlung auf Rousseau zurück. Ob man in Indien – doch auch ein Kulturland – vor der Invasion der Engländer von Mutterliebe etwas wusste? Was geschah nur mit den Kindern all der verbrannten Witwen, unter denen es doch sicher viele junge Mütter gab? Zugleich Witwenverbrennung und hohe Einschätzung der Mutterliebe, das geht doch nicht. Warum aber soll die Mutterliebe eine so überaus geniale, das Leben der Frau erschöpfende Leistung sein? Schlechte und gute Frauen lieben in gleicher Weise ihre Kinder; und sie lieben auch ihre seelisch missratenen Sprösslinge, die voraussichtlich der Menschheit Unheil bringen. Und solcher Liebe ein Heiligenschein? Wir bewundern doch auch den Künstler nicht, der sein misslungenes Werk anbetet; eher lächeln wir mitleidig darüber hinweg. Die Zärtlichkeitbeweise, die Liebkosungen, die eine Begleiterscheinung der Liebe zu den Babies sind, machen offenbar der Mutter mehr Vergnügen als dem Kinde. Diese Liebe, die ein so kleines, hirn- und seelenloses Wesen brünstig umklammert, es förmlich in sich saugt in ekstasischer Wonne, bezeichnet das starke sinnliche Element in der Mutterliebe. Die Kinder vor Liebe aufessen, ist eine oft angewandte Redensart. Und doch – mag man dieser Mutterpassion auch Blindheit, in vielen Fällen Entartung bis zur Affenliebe nachsagen, dennoch ist ein ergreifender Zug in ihr, irgend ein geistiges Prinzip, das ich nicht klar erkenne, ein transzendentales Schauen, als wäre nun ein Schatz, der verborgen im Innersten der jungen Mutter geruht, von dem Kindlein da gehoben, als wäre es eine Antwort auf eine drängend sehnsüchtige Frage. Eine Liebe mit leichtem Anklingen an Mystisches, das das Kind in Zusammenhang bringt mit dem"Woher?" "Wohin" aller Kreatur, und als ob in der klaren Tiefe dieser fragenden Kinderaugen noch ein Abglanz ruhte von einer andern Welt, aus der sie kommen, Engelsbilder, die irgendwo Flügel verloren, ein Erinnern an den Platonischen Mythus von der Präexistenz der Seele, in der die noch ungeborene die reine Bedeutung der Dinge schaute. Die zärtlichen Muttergefühle immer auf dem Präsentierteller, als pièce de résistance in der Argumentation gegen die Frauenbewegung, ist aufdringlich, abstoßend. Wie man in seinem Kämmerlein betet, so liebe man daheim sein Kindchen. Aber ich sehe keinen Grund, Gefühle, die einen so reichen Lohn schon in sich selbst tragen, als ungeheure, Ehrfurcht gebietende Qualitäten an die große Glocke zu hängen, Heiligenscheine dafür als Dutzendware auf den Markt zu werfen, auch für Stirnen, hinter denen nie eines Gedankens Glut gestrahlt, nie ein Funke von Edelsinn auch nur geglimmt hat. Mir ist dieses Protzen mit der Mutterliebe widrig. Frauen können ihren Kindern die zärtlichsten Gefühle weihen, und sich anderen Kindern, ja, der ganzen übrigen Menschheit gegenüber herz- und gemütlos erweisen. Das wäre die echte Mutter, die allen Kindern hold ist. Viele Frauen haben vielleicht keine andern Vorzüge, aber gar keine; sie können vielleicht nicht einmal kochen; da bleibt ihnen doch immer noch die Mutterliebe. Die kostet keine Arbeit, wird nicht erworben, ist von selbst da, und je heftiger sie da ist, um so mehr rückt sie die Mutter in eine verklärende Beleuchtung. Die Mutterliebe entbehrt der Idealität, die man ihr zuspricht, wenn es mir auch fern liegt, zu leugnen, daß es eine Mutterliebe gibt, die rührend und ergreifend ist, eine Liebe, die immer tröstet, immer verzeiht, die immer gibt, niemals nimmt, die selbst an dem entgleisten Kinde, das am Pranger der Menschheit steht, in unverbrüchlicher Treue festhält. In Romanen kommen diese Mütter noch häufiger vor als im Leben. Doch, was ist nicht alles Mutterliebe! Oft genug ist sie nur eine Interessenliebe, und der Begriff der Familienehre liegt ihr zu Grunde. Es kommt vor, daß eine Mutter aus verschiedenen Gründen, oder auch grundlos, das eine oder das andere ihrer Kinder gar nicht oder weniger liebt als seine Geschwister. Ihre übrigen Mutterinstinkte aber bleiben wach, auch den ungeliebten Kindern gegenüber. Sie ist auf ihre Talente und Erfolge ebenso stolz wie auf diejenigen ihrer Lieblinge. 0 ja, die Mutterliebe treibt oft Blüten, aus denen nicht Blumen und nicht Früchte werden. Erinnerungen aus meinem Jung-Frauenleben tauchen in mir auf. Wir hatten ein Gärtchen bei der Wohnung. In dem saß ich oft lange Vormittage und languettierte Unterröckchen und Schürzchen für meine kleinen Kinder, und ich stickte rote Pünktchen hinein, eine mühselige Arbeit für meine talentlosen Finger. Und Unterröckchen und Schürzchen wären ebenso nützlich und sogar feiner gewesen ohne Languetten und rote Pünktchen. Aber – das war Mutterliebe. Und wenn ich – wie es öfter geschah – einige Wochen mit den Kindern am Ostseestrand zubrachte, suchte ich, wie sich‘s gehört, Steinchen und Muscheln für sie, aber – ich bemalte sie auch, in einer Weise, die sicher im Gegensatz zu der "Kunst im Leben des Kindes" stand. Und es war wieder eine mühselige, zeitraubende Arbeit für meine talentlosen Finger. Aber – es war Mutterliebe. O, wie leidenschaftlich gern hätte ich in späteren Jahren diese vielen verschleuderten Stunden aus dem Schoß der Vergangenheit zurück gehabt, um sie in den Dienst einer für mich und die Kinder fruchtbareren Entwicklung zu stellen. An einem Badeort war ich Zuschauer bei einem Kinderfest. Eine der Nummern des Festprogramms hieß: Bonbonregen. Der maitre de plaisir stellte sich auf einen hohen Stuhl und warf aus einer großen Tüte Bonbons in die Kinderschar hinein. Ein wüstes Gebalge – von Staubwolken eingehüllt – begann, nicht nur zwischen den Kindern, sondern auch zwischen den Müttern der Kinder. Geradezu widrig die Gier, mit der sich die Mütter auf die im Staub halb zertretenen Bonbons stürzten, um für ihre Lieblinge zu retten, was vor den andern, fremden Kindern zu retten war. Mutterliebe! Zwei kleine, mir verwandte Mädchen, Lili und Traut, Cousinen, spielen auf dem Balkon von Trautchens Mutter. Eins der Kinder beugt sich weit über die Balustrade des Balkons hinaus. Trautchens Mutter sieht es. Entsetzt springt sie hinzu: "Traut! Um Gottes ‘Willen, Traut !" Plötzlich wird sie ganz ruhig. "Ach so, es ist ja Lili." Mutterliebe! Mutterliebe ist auch der Hass der Mutter gegen die Töchter anderer Mütter, die die ihrigen in den Schatten stellen. Und diese Gehässigkeiten bleiben nicht immer passiv. Sie äußern sich oft recht aktiv, indem man – mit innigster Mutterliebe – der Konkurrentin der Tochter eine kleine Schwindsucht oder ein paar schwarze Charakterdefekte aufredet, zur Abschreckung für Verlobungslustige. O ja, Mutterliebe wird in immensen Quantitäten produziert. Aber nicht die Quantität dieser Gefühle, sondern ihre Qualität, ihr Ergebnis, dürfte für den Wert der Mutterschaft entscheidend sein. Da ist ein Künst1er, der pinselt und pinselt mit leidenschaftlicher Glut an seinem Bilde. Er liebt es, denn es ist sein Bild, – ein garstiges Bild. Zeige mir dein Kind, und ich will dir sagen, ob du eine gute Mutter bist. Das Muttersein ist ohne Bedeutung für das Kind, wenn es nicht durch ein gedeihliches Wirken an ihm in die Sphäre des Wertes erhoben wird. Es sind die kleinen, hilflosen Geschöpfe, die Babies, denen die Mutter die größte Zärtlichkeit widmet. Der Säugling in der Tat ist von der Natur auf die Mutter angewiesen. Bei der heutigen Beschaffenheit der Frau kommt das Säugeamt nur zu oft in Wegfall. Surrogate für die Muttermilch mögen in vollkommener chemischer Zusammensetzung noch nicht vorhanden sein. Sie herzustellen, bleibt der Zukunft vorbehalten. Es ist vorauszusehen, daß die Mutter der Zukunft imstande sein wird, ihre Nährpflicht besser zu erfüllen als die jetzige Generation. Die Erfahrung widerlegt die Ansicht, daß Nährtätigkeit auf den geistigen und körperlichen Zustand der Frau ungünstig einwirke. Im Gegenteil, viele Frauen fühlen sich in dieser Zeit besonders wohl. Vorkehrungen zu treffen, daß die Mutter ihres Säugeamtes neben einer Berufstätigkeit walten kann, liegt im Bereich der Möglichkeit. Eine ausgezeichnete Schriftstellerin weist auf "die ungeheure psychologische Bedeutung hin, die die persönliche Pflege des Kindes für die Mutter habe." Die persönliche Pflege und Fürsorge . . . Hm! Die Mutter wäscht, wickelt, badet Tag für Tag das kleine Kindchen, sie gibt ihm das Fläschchen und kocht ihm das Süppchen, füttert es, trägt oder fährt es spazieren, singt es in den Schlaf, näht und wäscht seine Kleidchen und besorgt nachts, was zu besorgen ist. Tut sie das? Bewahre! Dazu ist ja die Kinderfrau da. Ob eine Pflicht für die Frau besteht, ihr ganzes Leben den Kindern zu widmen, darüber mag man verschiedener Meinung sein. Daß kaum eine Frau dieser Pflicht nachkommt, ist sicher; sie kann es auch nicht, ohne ihre soziale Stellung, ihre gesellschaftlichen Beziehungen, ihren Gatten an den Nagel zu hängen (ich meine das bildlich). Wohlgemerkt: ich spreche hier immer nur von der Mütterlichkeit mit Ausschluss des Proletariats, bei dem die Notlage die Kinderfürsorge auf ein Minimum herabdrückt. Das Warten der kleinen Kinder ist außerordentlich angreifend. Eine durch lange Übung erworbene Geduld gehört dazu, Ruhe, starke Arme und sogar eine gewisse Freiheit von allzu heftigen Liebesaffekten. (Siehe: Klein Eyolf.) Das kleine Kind bedarf der unausgesetzten Beaufsichtigung. Ich kenne eine wahnsinnig zärtliche Mutter, die, als sie von einer seltsamen Krankheit hörte, die irgendwo unten im Süden ausgebrochen sein sollte, bei der Vorstellung, daß ihre Lieblinge davon ergriffen werden könnten, in heiße Tränen ausbrach. Dieselbe junge Frau aber versicherte, sie würde lieber Holz hacken, als ihre Kinder den ganzen Tag warten. In Frankreich und Italien wurden und werden noch heute vielfach die kleinen Kinder aufs Land gegeben, teils aus hygienischen Gründen, teils, weil es eben Landesbrauch war. Daß die Mutterliebe in diesen Ländern ausgestorben ist, bezweifle ich. Die Tage, an denen die Kinder besucht werden, sind Festtage für die Familie. In keinem Lande Europas gibt es zärtlichere Eltern als in Italien. Und sind die Engländerinnen etwa Rabenmütter? In England ist die Pflege der kleinen und kleineren Kinder völlig der nurse überlassen. Die nurse ist eine gründlich und trefflich für ihren Beruf geschulte Person, die ihre ganz bestimmten, weitgehenden Rechte hat, Rechte, die selbst die Mutter nicht anzutasten wagt, und auch nicht anzutasten braucht. Ja, eine englische Mutter schickt ihre Kinder allein mit der nurse in bestimmte Seebäder und darf der Überzeugung sein, daß sie selbst nicht besser für die Kinder dort sorgen könnte, als die nurse es tut. Auch bei uns in Deutschland sind die Kinderfrauen Machthaberinnen; leider nicht annähernd so tüchtig und geschult wie die englischen nurses. Ihre Unzulänglichkeit beruht aber doch nicht auf einer Naturnotwendigkeit. Man wird für Institute zu sorgen haben, aus denen Kinderpflegerinnen hervorgehen, die den englischen ebenbürtig sind. Und sind nicht auch Kindergärten denkbar, die, von echten Pädagoginnen geleitet, von rechten Ärztinnen überwacht, der Vorstellung eines Kinderparadieses annähernd entsprechen dürften? Wer die Seeligkeit der Kinder, auch der ganz kleinen, an den Ostseestränden gesehen hat, dem ist ein Fingerzeig gegeben, wie solche Gärten beschaffen sein müssen. Erstes Prinzip: Freiester Spielraum für die Schaffenslust der Kinder. Ich habe verkehrt und verkehre noch in einer großen Anzahl gebildeter und intelligenter Familien. Einige davon sind reich, andere unbemittelt. In allen diesen Familien werden die Kinder zärtlich geliebt, oft über das vernünftige Maß hinaus, und in allen ist der Verkehr der Mütter mit ihren Kindern völlig gleich. Die Mutter ist den Tag über zwei, wenn es hoch kommt, drei Stunden mit ihren Kindern zusammen. Die Kinderfrau (später das Kinderfräulein) bringt morgens das Kindchen zum Morgengruß ins Schlaf- oder Wohnzimmer der Mutter, die kost und spielt ein halbes Stündchen mit ihm. Dann zieht sich die Wärterin mit dein Kleinen wieder in die Kinderstube zurück. Ist das Kindchen noch ganz jung, so wird Muttchen wohl zu ihrem Vergnügen als Zuschauer zum Baden eingeladen. Nach Tisch zum Dessert und nachmittags beim Kaffee präsentiert die Kinderfrau abermals das Herzblättchen auf kurze Zeit. Und ab und zu im Laufe des Tages steckt Muttchen noch flüchtig den Kopf ins Kinderzimmer, mit dem kleinen Schatz liebäugelnd oder ihn mit vielen, vielen Küssen erstickend. Und liegt Kindchen abends im Bett, so ruft die Kinderfrau sie zum Gutenachtsagen und zum Gebet, falls das Muttchen nicht gerade durch Theater, Konzerte oder Gesellschaften in Anspruch genommen ist. Baby ist Muttchens Zeitvertreib und Spielen und Kosen sein Inhalt. Den größten Teil des Tages gehören die Kinder der Kinderfrau oder dem Fräulein. Die Mutter stattet nur Besuche im Kinderzimmer ab, das Kind nur Besuche im Wohnzimmer. So ist es. Wer aber meint, daß hier Wandel geschafft werden müsse, damit der Mutter allein "der ungeheure psychologische Vorteil der persönlichen Pflege des Kindes" zufalle, der trete offen für die Abschaffung der Kinderfrauen ein, statt – wie es gewöhnlich geschieht – diese breiten Machthaberinnen in der Kinderstube völlig zu ignorieren. Meine Ausführungen gelten vorwiegend den gutsituierten, gebildeten Mittelständen. Die Wärterin meiner Kinder bekam Wutanfälle, wenn ich einmal mein Kind selbst baden, wickeln oder im Garten spazieren fahren wollte. Das sei ihre Sache. Sie empfand mein Eingreifen als eine Ehrverletzung, eine tödliche Kränkung. Und ich, – ich suchte heimlich hinter ihrem Rücken, meinem Kindchen beizukommen Die Despotin an die Luft zu setzen, wäre natürlich vernünftiger gewesen. Gewiss hat die Mutter immer und überall die Pflicht zur Oberaufsicht über die Kinderwärterinnen Die Wirksamkeit der Oberaufsicht aber hängt viel weniger von ihrer Liebe und der Zeitdauer ab, die sie dieser Tätigkeit widmet, als von ihrer Intelligenz und ihrem Charakter. Ist die Mutter als Pflegerin und Erzieherin eine absolute Notwendigkeit für das Kind? Ist die Untrennbarkeit von Mutter und Kind ein für alle Ewigkeit geltendes Prinzip? Zwei Gesichtspunkte kommen dabei in Frage; erstens: die Freude und das Glück der Mutter am Kinde; und zweitens: die Wohlfahrt des Kindes. Die Freude und das Glück der Mutter! Ja, wissen denn die Frauen nicht selbst, wo ihr Glück, wo ihre Freuden blühen? Ist das Kind ihr größtes Glück, ihre intimste Freude, so werden sie es sich um keinen Preis der Welt entreißen lassen, am allerwenigsten aber werden sie sich dieses Glückes freiwillig entäußern. Und es ist ein Luxus der Großherzigkeit, wenn die Männer sich so feurig für das Glück ihrer Schwestern ereifern. Das Gedeihen des Kindes. Ist das Herz der Mutter nicht sein bester Hort? Darauf antworte ich: Des Kindes Wohlfahrt wird da am besten gewahrt, wo eine erzieherisch begabte Persönlichkeit von Intelligenz und Herzensgüte über ihm wacht, es leitet und führt. Besitzt die Mutter diese Eigenschaften – um so besser. Besitzt sie sie nicht, dann wird das Kind in ihrer Sphäre das bestmöglichste Gedeihen nicht finden. Und die hellseherische Kraft des Mutterinstinktes? Gehört sie doch zu den auswendig gelernten Wahrheiten, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererben. Erst kürzlich las ich in der Schrift eines warmen Feministen, daß "selbstverständlich, wie bisher, so auch in Zukunft die wunderbar hellseherische Kraft des liebevollen Mutterinstinktes das Beste tun wird." So lange man sich von dieser alteingesessenen Wahnvorstellung nicht freimacht, wird der milden Engelmacherei der Instinktmütter Vorschub geleistet. Ich glaube nicht an die Wunderwirkung des Mutterinstinktes; eher scheint mir die Mutterliebe, die nur in Ausnahmefällen nicht blind ist, ein Hemmnis des fruchtbaren Wirkens am Kinde. Und das Glück des Kindes? Braucht das Kind nicht Liebe? Gewiss. Aber es gilt ihm gleich, von wem die Liebe kommt. Es kann die Mutter sein, sie braucht es aber nicht zu sein. Die Liebe des Kindes zur Mutter ist ganz sicher kein Naturinstinkt. Sein instinktives Bedürfnis nach Liebe und Anhänglichkeit fällt den Personen zu, die ihm Lust bringen, sei es durch Nahrung, Spielzeug, oder was ihm sonst Behagen schafft. Der Säugling von sechs Monaten jauchzt der Amme, nicht der Mutter entgegen. Bei dieser Kindesliebe ist eben auch die Gewohnheit dauernden Beisammenseins und das Gefühl der Abhängigkeit von der pflegenden Persönlichkeit ein stark mitwirkendes Element. Darauf ist zum Teil die merkwürdige Erscheinung im Kindesleben zurückzuführen, die mich oft mit Staunen und Groll erfüllt hat: daß die kleinen Kinder ihren Wärterinnen, auch wenn sie schlecht und ungerecht von ihnen behandelt werden, leidenschaftlich anhängen. Ich betone hier ausdrücklich, daß nie und nimmer ein Gewaltakt das Kind von der Mutter reißen soll. Was das Recht des Kindes erheischt, wird sich in langsamer, allmählicher Entwickelung zu höheren Kulturstufen von selbst ergeben. Wenn die Kindchen bei der Aufziehung durch ungeschulte Kinderfrauen und unreife Kindermädchen nicht zu ihrem Recht kommen: der Mutter ist kein Vorwurf zu machen. Sie ist eben, wie sie sein kann. Die Babies kommen nicht zu ihrem Recht, weil die Mütter selbst nicht zu ihrem Recht gekommen sind, das heißt, nicht zur Entwickelung der Intelligenz, die ihnen das Verständnis für die Psyche des Kindes erschlossen hätte, der Kenntnisse, von denen das leibliche Wohl des Kindes abhängt, wobei natürlich nicht ausgeschlossen ist, daß auch eine Frau, trotz aller Intelligenz und allem Wissen, wenn ihr die erzieherische Begabung abgeht oder schlechte Charaktereigenschaften ihre Geistesvorzüge neutralisieren, eine ungute Mutter sein wird. Die Mutterschaft soll mehr sein als eine auf selbstischen Vorstellungen beruhende, undisziplinierte Gefühlsschwelgerei. Bisher ist in dem Verhältnis von Mutter und Kind die Mutter mehr zu ihrem Recht gekommen als das Kind. Sehr erklärlich. Die Mutter redet, das Kind nicht. Auch die Umwertung der Mutterschaft steht auf dem Programm der Zeit. Daß sie eine unvergleichliche Vertiefung und Veredelung erfahren wird, wenn die Frau erst zu Lebens- und Erkenntnis-Höhen gestiegen ist, die ihr bis jetzt nicht zugänglich waren, unterliegt für mich keinem Zweifel. Die Mutter Von heute und gestern wird nicht mehr die Mutter der Zukunft sein. Man vergleicht gern die Mutter mit dem Kind im Arm einem Madonnenbild. Und das wäre wohl die rechte Mutter, die, gleich der Mutter Maria, mit ehrfürchtiger Inbrunst auf das Kind in ihrem Schoß blickte, in der Erkenntnis, daß das Kind die Zukunft bedeutet, das heißt: einen Fortschritt der Menschheit. Die Emanzipation des Weibes ist das Recht des Kindes. Sind Mutterschaft und Hausfrauentum vereinbar mit Berufstätigkeit? Die Mutterschaft erfreut sich augenblicklich einer immensen Wertschätzung. Die Folge ist, daß selbst kaltherzige Mütter und Frauen, die gar keine Kinder haben, Mutterenthusiasmus heucheln. Wird die Mutterschaft an autoritativen Stellen wirklich so hoch bewertet? Wer von der zähen, offiziellen Erheuchelung einer Gesellschaft, deren Mund von der Heiligkeit der Mutterschaft trieft, den Schleier ziehen will, mache die Prozessakten der Ehescheidungen zu seinem Studium. Er wird eine erschütternde Tragik erleben. Mit Entsetzen wird er wahrnehmen, wie oft man erbarmungslos einer Mutter das Kind entreißt, um es aus formalen Gründen dem Vater zuzusprechen. Und die Mutter hat sich vielleicht nichts anderes zu schulden kommen lassen, als daß sie die Gemeinschaft mit einem Gatten, der ihr tödlich zuwider war, nicht ertrug. Wer das Dogma von der heiligen Mutterschaft nicht ohne weiteres akzeptiert, wird der Ketzerei beschuldigt. Zwar schleudern die Verketzerer nicht, wie weiland Luther, ihr Tintenfass gegen den Teufel der Emanzipation, sie begnügen sich, die Teufelsanhängerinnen in ihr Tintenfass zu tauchen, so daß sie kohlschwarz, wie der Nikolas im ;‚Struwwelpeter", wieder herauskommen. Was für ein ungeheurer Widerspruch, für eine unsinnige Verlogenheit, vor der Herrlichkeit des heiligen, unaustilgbaren Naturtriebes der Mütterlichkeit in Bewunderung zu ersterben und, sobald eine Frau sich vom Fleck rührt, aufzujammern: sie bringt die Naturtriebe um. Das Kind und seine Rechte steht ja gerade im Zentrum jenes ideellen Programms, dessen Realisierung die Freidenkerinnen anstreben. Wohl jeder, der öffentliche Meinungen vertritt, die noch nicht in das Gefühlsleben der Majorität übergegangen sind, wird mit einer größeren oder geringeren Anzahl von Zuschriften – gedruckten und ungedruckten – bedacht, die, über seine Torheit streng zu Gericht sitzend, bemüht sind, mit der eigenen Weisheit sein Dunkel gütig oder zornig zu erhellen. öfter zornig als gütig. – Mir sind auf Schriften, die die Frauenfrage betrafen, Briefe zugegangen, von einer so brutalen Roheit, daß kein Australneger sie übertreffen könnte. Die Gentlemen schützen sich aber durch Anonymität vor dem – Staatsanwalt. Nicht im höchsten Maß befremdlich, daß jeder einzelne – mag seine Intelligenz auch den bescheidensten Durchschnitt nicht erreichen – sich für befugt hält, seine Ansichten als das einzig mögliche Fundament zu proklamieren, auf dem der Gesellschaftsbau zu errichten ist, falls er nicht zusammenstürzen soll! Gewiss, jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern; das Recht aber, diese Meinung mit der Wahrheit zu identifizieren und für den Andersdenkenden Scheiterhaufen zu errichten, das hat er nicht. Nie würde es mir in den Sinn kommen etwas anderes auf dem Gebiet der Frauenbewegung zu fordern, als das freie Selbstbestimmungsrecht der Frauen und die Beseitigung aller derjenigen Hindernisse, die diesem Recht entgegenstehen. Den Frauen aber vorschreiben: dies sollt ihr tun, jenes lassen, diese Tür öffne ich euch, jene verschließe ich – welch eine Willkür! Der Streit um das Für und Wider in der Berufsfrage ist um so heftiger entbrannt, je mehr die Frage sich einer definitiven Lösung nähert. Aber immer noch schrillt durch alles Kampfgetöse eine Oberstimme: "Sie soll! sie soll!" Was soll sie? Man spricht in die Seele des Weibes hinein wie in ein öffentliches Telephon: orakelnd, krächzend, schmeichelnd, drohend, säuselnd mit Flötenton, gebietend, höhnend. Von allen Seiten. Und die Sprecher, lauter ehrenwerte Leute, unter ihnen Berühmte, Erlauchte. Horch hin! Ducke dich, Weib! Du bist von Gottes Ungnaden ein sieches, krankes Geschöpf. Das Haus – dein Lazarett! Ducke dich nicht. Empor das Haupt! Hohepriesterin sollst du sein am Altar des häuslichen Herdes! Hohepriesterin? Jawohl, am Altar der Venus. Geliebte sollst du sein! "Der echte Mann kann sich das Weib" – der Leser weiß schon.… Auf die Kniee! Ich will das Weib unter dem Kreuz sehen, die Bibel in der Hand! (Stimme eines hervorragenden Geistlichen.) "Die Frauen sollen samt und sonders zu denkenden Köchinnen erzogen werden." (Eine Schriftstellerin ruft‘s.) Sei Lamm dem Gatten gegenüber, gehorsam und ergeben. – Umgekehrt. Nicht Lamm, eher ein mit Argusaugen verschärfter Cerberus, sollst du im Hause Untergebenen und Dienstboten gegenüber herrschend, befehlend, Gehorsam heischend, ein robustes Regiment führen! Du sollst nicht studieren! (Stimme eines gewichtigen Medizinherrn), zum Kaufmann aber langt‘s bei dir. Schluss! Schluss! Nein! hör, liebe Schwester, noch ein letztes Wort, mein Wort! Du sollst nichts! du darfst alles! Die zehn Gebote und noch einige andere mehr wirst du ja von selbst halten. – Eine sehr energische Persönlichkeit schreibt mir: "Es gibt nur ein Entweder – Oder. Entweder Beruf, oder Ehe und Mutterschaft. Beides – ein Unding." Ein Diktum, so töricht und überheblich, als wollte ich ihm das andere Diktum gegenüberstellen: die Frau muss neben Ehe und Mutterschaft noch einen Beruf ausfüllen. Ob sie es will oder nicht will, ob sie es kann oder nicht kann, das ist ihre Sache, nicht die meine. Die meine ist, soweit ich es vermag: Grenzen abschaffen. Man redet viel von der Sphinxnatur des Weibes. Scheint dem Mann ihre Seelenschrift gleich der eines Palimpsestes, so liegt es daran, daß er nur die äußere, die obere Schicht der Schrift, die er selbst geschrieben hat, lesen kann. Die Urschrift aber kann und wird nur die Frau selbst entziffern. Viel Zeit läuft wohl noch ins Meer der Ewigkeit, ehe sie ganz entziffert sein wird. In der Beantwortung der Frage, ob Mutterschaft und Berufstätigkeit vereinbar sind, treten alle möglichen Meinungsschattierungen zutage. Wie die absoluten Verneiner, wie die lauen Befürworter der Berufstätigkeit – die Halben – wie die Mütter selbst und wie die freien Frauen sich zu dem Thema stellen, will ich kurz charakterisieren. *           * * Die absoluten Gegner der Berufsfrau Ihr nur allzu oft schon diskutiertes Hauptargument: "Die Frau hat Kinder zu gebären. Punktum!" will ich noch einmal flüchtig streifen. Einmal liefern ja nicht alle Frauen Kinder, und tun sie es etwa ohne die Erlaubnis des Standesamts, so nimmt man es ihnen entsetzlich übel, mit Ausnahme vielleicht der Elternpaare, die einer Amme benötigt sind. Mag die Frau nicht heiraten, nicht Kinder zur Welt bringen, so braucht sie es nicht, ebenso wenig wie der Mann Ideen zu produzieren (soll seine Mission sein) angehalten werden kann. Ferner: Zur Kinderproduktion gehört gar nicht soviel Zeit, wie die Gegner der Frauenbewegung annehmen. Ethisch und ästhetisch nicht zu beanstandende Vorbeugungen – Enthaltsamkeit in erster Linie – werden oder können den Kindersegen in einer Familie auf die heilige Zahl drei beschränken. (Schon im Volksmund heißt es. aller guten Dinge sind drei.) Soviel ich weiß, beträgt in der Tat die Durchschnittszahl der Kinder in einer deutschen Familie drei bis vier. Wenn wir die Schonzeit vor und nach der Geburt auf je vier Wochen festsetzen (für eine normale Frau völlig ausreichend), würde für die Mutter der Zeitverlust, den drei Geburten mit sich bringen, sechs Monate betragen, bewilligen wir vier Kinder – acht Monate. Wie viel mehr Zeit verliert der Mann bei seinem Militärdienst, von dem gemeinen Soldaten mit seiner dreijährigen Dienstpflicht gar nicht zu reden. Und die Geburten sind doch immerhin für den Bestand der Menschheit wesentlicher als das Getötetwerden im Kriege. Man wird den Frauen das Kindergebären noch ganz verleiden mit der Sucht, sie damit für alle andern Lebensansprüche abfinden zu wollen. Lächerlich und eitel Hohn ist‘s, dem Weib zu sagen: "Gebäre Kinder! Kinder! Kinder!" Es aber für unweiblich, scham- und sittenlos zu halten, wollte sie auch nur durch eine Mine verraten, daß sie den zur Mutterschaft benötigten Mann herbeisehnt, geschweige denn, daß sie einen Finger rührt, um ihren Wünschen Nachdruck zu geben. Abzuwarten hat sie, bis Gott oder eine kluge Tante, Schicksal oder Zufall, und wie die Möglichkeiten alle heißen, ihr das Mittel für ihren Lebenszweck: einen Mann – es kann unter Umständen der erste beste sein – besorgt. Braucht denn die Gesellschaft oder die Menschheit so riesig viel Kinder? Sind es ihrer zu wenig, könnte man die Lücken nicht damit füllen, daß man versuchte, die ungeheure Menge von Kindern, die als Säuglinge sterben, am Leben zu erhalten? Weniger Kinderleichen – und Mehrgeburten wären nicht so dringend. Auch dürften frühe Heiraten und der Wegfall der Prostitution erfreuliche Resultate auf diesem Gebiet liefern. Übrigens wird es ja immer Frauen geben, voraussichtlich eine der Nachfrage des Mannes entsprechende Anzahl, die nichts anderes wollen, als im Schoß der Familie zu verbleiben und sich der ehelichen Zärtlichkeit zu freuen; und ihrer etwaigen Sehnsucht nach einer unbegrenzten Kinderschar wird niemand eine Grenze setzen, der Gatte sicher nicht, wenn er Antifeminist ist. Der führt ja die Kinder, die die Frau zu kriegen hat, immer im Munde. Wie sich die Kinderzahl durch das Verhüten der grausigen und massenhaften Säuglingssterblichkeit wesentlich erhöhen, so ließe sich auch die Ziffer der Berufsfrauen wesentlich vermindern, wenn man die vielen, vielen Frauen, (das Proletariat ziehe ich dabei nicht in Betracht), die der Not, nicht dem eigenen Triebe gehorchend, außer dem Hause einem Beruf widerwillig obliegen, von ihrer Bürde entlastete. Wieviel Lehrerinnen, Buchhalterinnen, Telephonistinnen u.s.w. schmachten nach dem ihnen verschlossenen Paradies der Ehe mit allem, was dazu gehört. Erschließt es ihnen doch! Dazu seid ihr nicht imstande? Ihre Aussperrung könnt ihr nicht hindern? So enthaltet euch auch der Einsperrung derer, die heraus wollen. Diejenigen, so die Titelfrage resolut verneinen, berufen sich auch auf die langen, langen Zeiträume, in denen die Frauen als Nurmütter und Nurhausfrauen beglückt und beglückend im Hause walteten. Von diesem Frauenglück vergangener Zeiten wissen wir wenig. Sie sind ja nun alle tot, jene Frauen, und Memoiren haben sie nicht hinterlassen, und die, welche sie hinterließen – Hausfrauen etwa? Und ist denn das historisch, daß jene längst entschwundenen Generationen wirtschaftliche Berufe nicht ausübten? Erfahren wir nicht aus jeder Kulturgeschichte, daß den Frauen neben der Funktion der Mutterschaft alle möglichen Tätigkeiten zufielen, oft recht schwierige, zeitraubende, darunter auch solche, die weitab von Kinderstube und Ehegemach lagen: Obst- und Gemüsekultur, das Backen, Waschen, Weinabziehen, Wäschebleichen, Seifesieden u. s. w. Und daß es so verschiedenartige und mannigfache Gewerbe waren, anstatt eines einzigen, wie es die Frau heut anstrebt, steigerte doch die Ansprüche an ihre Arbeitskraft, anstatt sie zu verringern. Die nichtsrechtestuenden, drohnenartigen Damen sind erst eine soziale Erscheinung neuerer Zeiten. Die Frauenbewegung beginnt sie zu dezimieren. Als man kürzlich einer jungen Dame mitteilte, daß in England die Köchinnen samt und sonders kochen können und die nurses die Kinderpflege gründlich verstehen, rief sie ganz erschrocken: "Ja, aber dann haben wir ja nichts zu tun, was wird aus uns?" – In einer Gesellschaft, im Gespräch mit zwei jungen, nicht mehr ganz jungen Mädchen aus einer sehr distinguierten und wohlhabenden Familie, erfuhr ich, daß der Vormittag ihnen oft so lang wäre, man wüsste ihn nicht recht hinzubringen: baden, Blumen begießen, sticken, ein bisschen dies, ein bisschen das, – es wäre nicht genug. Sie wären immer froh, wenn man um zwölf das Lunch servierte. Nachmittag – da ginge es besser. Kommissionen in der Stadt, Besuche machen und empfangen, ein Kunstsalon u.s.w., das reiche schon bis zur Dinerstunde. Diese Lebensführung und Auffassung ist typisch, auch heut noch, für die Töchter feiner und wohlhabender Familien und nimmt sich schauerlich kläglich der Tatsache gegenüber aus, daß im Volk Tausende und aber Tausende weiblicher Geschöpfe bis zur äußersten Erschöpfung arbeiten müssen. Und nun verringert sich noch von Jahr zu Jahr das häusliche Arbeitsquantum für die Frau der mittleren Stände. Bei der immer mehr spezialisierten Arbeitsteilung sind die noch bis vor wenigen Jahrzehnten im Hause geleisteten Arbeiten in die großen Betriebe übergegangen. Ich nenne nur die Waschanstalten, Schneiderinnen-Ateliers, Konservenfabriken, Konfektionshäuser. Und auf allen diesen Gebieten ist eine stetige Vervollkommnung mehr als wahrscheinlich. Und schon machen sich die Anfänge zur Abrüstung der Hausküche bemerkbar. In welcher Weise ihre Beseitigung vor sich gehen wird, ob durch Wirtschaftsgenossenschaften, ob durch öffentliche, in allen Stadtteilen anzusiedelnde Küchen, die die Speisen ins Haus liefern, ob durch die Erfindung von Kochgeräten und Kochmethoden, unter Anwendung einer unglaublich vervollkommeten elektrischen Technik, die das Märchen vom "Tischlein decke dich" nahezu realisieren dürfte, ist heut noch unbestimmbar. Gegen die öffentlichen Küchen ließe sich einwenden, daß die von ihnen in die Häuser gesandten Speisen minderwertig zu sein pflegen. Müssen sie minderwertig bleiben? Nicht denkbar, daß den Kücheninhabern die Erkenntnis käme, daß der Vorteil des Käufers auch immer zugleich der Vorteil des Verkäufers ist? Am eifrigsten protestieren die Verneiner gegen die Kopfarbeit der Frau, die mehr noch als die mechanisch-wirtschaftlichen Berufe ihre Seelen- und Körperkräfte zugrunde richte. Ja, wird denn das Gehirn nur von Denkarbeit belastet? Verbrauchen nicht Alterationen der Seele ebensoviel oder mehr organische Kräfte, als die Alterationen des Denkens? Und wurzeln die Zentren des Gefühlslebens nicht auch im Gehirn? Gibt es z. B. einen eminenteren Feind der Gesundheit körperlicher wie geistiger – als eine unglückliche Ehe? Sollte die nicht das Gehirn ganz anders und gründlicher aus allen Fugen rütteln als eine anstrengende geistige Arbeit? So vieler Mütter Herz (anstatt Herz können wir auch Gehirn setzen) bricht, wenn ein geliebtes Kind stirbt oder verdirbt. Ich glaube, daß eine wissenschaftliche oder künstlerische Tätigkeit, oder sonst irgend ein ernst aufgefasster und ernst durchgeführter Beruf für diese, im Stoff zu weich geratenen Persönlichkeiten eine Ablenkung von dem zerstörenden Gram bedeuten, ein fester Ankergrund sein würde, an dem die ‘Wogen des Schmerzes sich brechen. Jene aber glauben, daß die Gefühle überhaupt, vor allem die Mutterliebe – die pièce de résistance der Weiblichkeit – unter der Belastung mit Berufsarbeit ein Defizit aufweisen, gewissermaßen die Welt entherzen und vermaterialisieren müssten. Manche Leute geben den Armen kein Geld, weil sie sich doch nur Schnaps dafür kaufen würden. So verweigert man der Frau die Mittel für ihren geistigen Aufstieg, in der Befürchtung, daß die Ausbildung ihrer Intelligenz als eine Art Schnaps ihre Gefühlswerte betäuben würde. Wie? Die Gefühle des Weibes, vor allem ihre Mutterliebe, müssten aus dem Leim gehen, wenn sie eine Kunst oder ein Amt ausübte? Wo sind denn die Menschen, – die Männer mit eingerechnet – die so ganz in ihrem Beruf aufgingen, daß sie wie mit Scheuklappen an allen Gefühlen vorbeirasten? Eine Frau kann ihre Kinder lieben, unsinnig lieben – das ist nämlich kein Kunststück – und trotzdem sie vernachlässigen. Liebe und Pflichterfüllung decken sich durchaus nicht. Wie ? Weil ich Schriftstellerin oder Ärztin oder Malerin bin, sollte ich meine Kinder weniger oder gar nicht lieben?! Aber das ist ja Unsinn, barster Unsinn! Männer dürfen hier nicht mitsprechen – da sie ja nach ihrem eigenen Urteil anders fühlen als Frauen – und wenn Frauen, wie es vorkommt, derselben Meinung sind, so können es nur kinderlose Frauen sein! Wenn ich noch so emsig in einem Beruf arbeitete, würde ich mich nicht doch an der Liebe und Zärtlichkeit meines Gatten erfreuen? Für Musik, Theater, für alle feineren und gröberen Lustbarkeiten und Genüsse blieben meine Organe empfänglich, und nur der Sinn für Mütterlichkeit sollte mir eingehen? Um das höchste Glück, die intimste Wonne sollte das Weib sich selbst bringen? Aber das Weib denkt ja nicht daran! So dumm ist keine Frau – keine! Übrigens, ich bestreite durchaus nicht, daß die Seele einer berufstätigen Frau nicht so völlig von ihren Kindern erfüllt sein wird, wie es bei einer berufslosen Mutter im Bereich der Möglichkeit liegt. (Der Möglichkeit, sage ich, denn tatsächlich ist die Zahl der Mütter – auch noch so berufsreiner – die jenseits der Mutterschaft seelen- und zeitabsorbierende Interessengebiete – selten auf Höhen gelegene – haben eine sehr große.) Ich meine aber, daß es einzig und allein darauf ankommt, ob es den Kindern nützlich und nötig ist, daß die Mutter ganz von ihnen aufgesogen wird. Mir will scheinen, daß nicht der Umfang der Gefühle und der Zeit, die die Mutter den Kindern widmet, nicht das unausgesetzte Beisammensein mit ihnen und die Einzelbetätigungen an ihnen für ihre Wohlfahrt – und diese ist doch der Gesamtsinn der Mutterschaft – entscheidend sind, sondern die Güte des Charakters, die Pflichtvergessenheit ausschließt, und die kluge Einsicht der Frau, die Mutter ist, eine Einsicht, die sie erkennen und verstehen lehrt, was die seelische und körperliche Entwicklung der Kinder fordert, die sie befähigt, die Mittel für die Verwirklichung dieses Zweckes zu finden. Ohne den Unterbau dieser Qualitäten gleichen die Muttergefühle der schönen Fassade eines Hauses, das zu bewohnen ungesund ist. Brave und kluge Frauen werden als Mütter ihre Lebenswege so gestalten (falls äußere Verhältnisse nicht einen Druck auf sie ausüben), daß ihre Mutterpflichten keinen Abbruch zu erleiden brauchen, gleichgültig, ob das Kind ihres Daseins ganzer Inhalt ist oder ob sie Beruf und Mutterschaft zu vereinigen wissen. Die Mutterliebe ist dabei nur ein sekundäres Erfordernis. Es geht sogar unter Umständen auch ohne sie, nur wäre die Pflichterfüllung dann eine ungleich schwerere. Die Halben. Unter den lauen Förderern der Frauenbewegung gibt es eine Kategorie, die lavierend zwischen der Hausfrau und der freien Frau der Zukunft – zwischen der alten und der neuen Frau – eine Vermittelung anstrebt. Sie beantworten die vorliegende Frage nicht mit ja und nicht mit nein, oder mit einem halben Ja und einem halben Nein. Im wesentlichen laufen ihre Vermittlungsvorschläge darauf hinaus: "Die Frau darf studieren, aber nicht zu sehr; sie darf beruflich tätig sein, aber nicht als Regel, nur wenn es sich gerade so macht; besser aber, wenn es sich nicht so macht." Solange sie das Berufliche nur so nebenbei betreibt – als Amateurin – kann sie allenfalls, wenigstens teilweise, ihre weiblichen Qualitäten konservieren; ihre Leistungen freilich, die werden dann nur so so sein. Arbeitet sie aber stramm in einem Beruf drauf los, so kann sie zwar Wertvolles leisten, aber – das Mannweib erscheint auf der Bildfläche. Diese Halben plaidieren gelegentlich auch für die Zulassung der Frau zur Universität, aber nur, damit ihre ausgebildetere Intelligenz der Kindererziehung zugute komme, damit unter anderem die akademisch gebildete Frau den Söhnen bei den lateinischen Aufsätzen helfend zur Seite stehen könne, obwohl solche Hilfe eigentlich gegen das Schulreglement verstößt. Einzelne dieser Kategorie versteigen sich sogar bis zur Forderung des Stimmrechts, aber nur, damit die Frau als Mutter, im Interesse ihrer Kinder, den Gesetzgebern auf die Fingern sehen könne. Also auch bei diesen Halben die Frau nur als ein Durchgang zum eigentlichen Menschen, eine lebenslängliche Amme, die essen oder lernen, muss, um Nahrung für andere zu sammeln. Und ist des Weibes Drang nach beruflicher Tätigkeit undämmbar – so dekretieren sie weiter – oder zwingt eine Notlage sie zum Erwerb, so soll sie diejenigen Arbeitsgebiete wählen, die einmal der weiblichen Wesensart entsprechen, und zweitens solche, bei denen eine Konkurrenz mit dem Manne nicht stattfindet. Gibt es Berufsarten, die einen Wettbewerb mit dem Manne ausschließen? Ich kenne keine. Müssten nicht die Frauen, wenn sie der Konkurrenz mit dem Manne ausweichen wollten, sich auch des Schneiderns, des Frisierens, des Kochens, der Geburtshülfe u.s.w. enthalten? Ja, selbst bei denjenigen Arbeitsgebieten, von denen man annehmen sollte, daß sie – weil unmittelbar an der Person der Frau haftend – nur der Frau eignen dürften, steht der Mann in vollem Wettbewerb mit ihr. Den Damenschneidern sind die allerdekolletiertesten Anproben anheim gegeben. Es gibt Damenfriseure, Damenmasseure. Ich kenne ein Sanatorium, wo der Arzt allein seine Patientinnen massiert. In der Türkei liegt das Metier des Kochens und des Bügelns vorzugsweise den Männern ob. Sämtliche sogenannten weiblichen Berufsarten stehen dem Manne offen, nur mit dem Unterschied, daß seine Leistungen höher entlohnt werden als die der Frau, teils mit Recht, weil sie, infolge einer gründlicheren Ausbildung, besser sind als die seiner Konkurrentin, teils weil er eben der Mann ist und sie die Frau. Übrigens scheint es so ziemlich gleichgültig, was diese Pechvögel der Schöpfung, die Frauen, tun oder lassen. Etwas Ordentliches bringen sie ja doch nicht zustande, jedenfalls nichts, was der Mann nicht besser machen könnte. Aber man lobt sie doch als Lehrerin? In einer parlamentarischen Debatte warnte ein Abgeordneter dringend vor einer stärkeren Verwendung der Lehrerinnen, die gegen das Interesse der Kinder sei, indem sie zu einer Verweichlichung des Unterrichts führen würde. Als Erzieherin aber innerhalb der Familie ist sie hochbewertet? nicht? Hm! wo man des Arguments der mütterlichen Erziehungsfähigkeit nicht bedarf, um die Frau – ihre lästigen Ansprüche ablehnend – in die Kinderstube abzuschieben – zeiht man sie gern eines kläglichen Dilettantismus in der Kindererziehung. In einem Vortrag, den ich über Nietzsche hörte, führte der dozierende Professor aus: Nietzsche wäre von vier Frauen erzogen worden: Mutter, Großmutter und zwei Tanten (daß die Tanten an einem andern Ort wohnten, schien unwesentlich). Diese vier Frauen, alle gottesfürchtig und von vortrefflichem Charakter, wären das Unglück des Knaben gewesen, indem sie seine Eitelkeit und seinen Ehrgeiz großzogen. (Gottesfurcht und trefflicher Charakter hinderten sie nicht daran?) Und sie trugen die Schuld, daß er sich für einen Ausnahmemenschen hielt. (War er das nicht?) Gelt! Aber nähen kann das Weib? Mein Mann sagte einmal, als ich sehr erstaunt ihn beim Annähen eines Knopfes betraf, er täte das selbst, weil keine Frau verstünde, einen Knopf ordentlich anzunähen. Und gibt es einen Mann, der nicht schon einmal geäußert, daß keine Frau verstünde, Kaffee zu kochen? Indessen, vom Kaffee abgesehen, in der Küche ist sie doch zu Hause? Bezweifelt es jemand? Nietzsche findet sie in der Küche geradezu dumm. In einer gerühmten Schrift las ich von der Behauptung eines Fabrikherrn, der noch niemals ein Mädchen gefunden haben wollte, das die Mechanik einer Maschine begriffen hätte. Solche Putchen! Müsste sich nicht aus den Lobpreisungen der mütterlichen Qualitäten des Weibes von selbst die Konsequenz ergeben, daß z. B. die Waisenpflege ihr zuzufallen habe? Kein Gedanke! Nach langen schwierigen Kämpfen hat sie es endlich, endlich soweit gebracht, den Waisenrat als inferiore Instanz unterstützen zu dürfen. Es geht den armen Frauen gerade wie den Juden. Tut ein Jude Böses, so tut er es nicht als böser Mensch, sondern als Jude, und die ganze Rasse wird für sein Tun verantwortlich gemacht. Lässt eine Frau sich in einem Beruf etwas zuschulden kommen, so tut sie es nicht als Frl. Schulz oder Frau Müller, nein, es wird auf das Konto ihres Weibtums gesetzt. Man höre nur, wie jemand, der am Telephon nicht gleich Anschluss bekommt oder missverstanden wird, seinen Zorn in den härtesten Ausdrücken gegen das Weib als Telefonistin entladet. Was beim Styx verstehen denn nun diese Weiblein? Da wären wir ja wieder – – Der Leser weiß schon. Es ist unverkennbar, daß der Mann, wenn er der Frau ein Sollen oder Nichtsollen vorschreibt, bei dem Nichtsollen vor allem seinen eigenen Beruf im Auge hat. Ist‘s nicht beinah, als fürchtete man, daß die nach Selbständigkeit trachtenden Frauen den Männern von ihrem Wissen und Können etwas fortnehmen würden? Verliert denn jemand von seinen Vorzügen, wenn andere sie auch erwerben? Wird ein Gipfel dadurch niedriger, daß nicht nur wenige, sondern viele ihn erklimmen? Bei einer realen Bergsteigung scheint es in der Tat so, daß sie an Reiz und Wert verliert, wenn anstatt einzelner viele den Gipfel erreichen. Aber – wer weiß – vielleicht wählen die Frauen andere Gipfel, und es sind andere Wege, die dahin führen. Einer der Halben, ein Kluger, Milder, schreibt mir, daß nach seiner Meinung die Frau, soviel sie will, studieren mag, er fügt sogar hinzu: "Hierin wird sie die Unterstützung jedes vernünftig denkenden Mannes finden." – (Das geht doch wohl nicht an, die Majorität der Männer für unvernünftig zu halten?) Aber – in keinem Fall darf sie das Erstudierte für einen Beruf verwerten. O, das darf sie nicht? ich meine, die Gewährung der Mittel, ihre geistige Individualität zu entwickeln, bedeutet für die Frau noch kein Ziel. Ebenso wie die körperlichen Kräfte, brauchen das erworbene Wissen, die entwickelte Intellektualität Anwendung, Expansion. Kräfte, die sich nicht in Leistungen umsetzen, führen leicht dazu, daß, wie Nietzsche es ausdrückt, "der Mensch an sich leidet". Nietzsche ist es auch, der den stärksten Accent darauf legt, daß die Freiheit von etwas nur Wert habe, wenn ihre Konsequenz die Freiheit zu etwas ist. "Was", ruft derselbe halbe Freund, "und Weib will die Frau bei einer ernst aufgefassten Tätigkeit auch noch bleiben! Die Frau wird ebenso werden wie der Mann, wenn sie dieselbe Tätigkeit aufnimmt. Sie wird – (Ha! dacht‘ ich‘s doch!) – Mannweib! Der Kampf und die Sorge um klingende und geistige Anerkennung werden ihr eben alles rauben, was bisher die Weiblichkeit ausmachte." Ach, lieber Herr, auch ohne Beruf bleibt der Frau die Sorge um klingende und um geistige Anerkennung nicht erspart, solange Eitelkeit, gesellschaftlicher Ehrgeiz und – das Wirtschaftsgeld nicht abgeschafft sind. "Sie wird werden wie der Mann!" Oho, der liebe und doch oft auch so milde und weise Mann ein Schreckbild für die Frau! Das Weib braucht sich doch nicht gerade den allerdings vielbewunderten Räuberhauptmann Musolino oder den verknöcherten Bureauoffizianten zum Modell zu nehmen, da wäre ja auch noch Spinoza, Tolstoi oder – die Oder‘s würden kein Ende nehmen, denn unvergleichlich ist der Reichtum an Charakterbildern, die das männliche Geschlecht – das weibliche natürlich auch – liefert. "Und in dieser Frage" (der Weiblichkeit), fährt er fort – "stützen Sie sich getrost auf das Urteil des Mannes, der wohl am besten wissen wird, was Weiblichkeit ist, und der doch auch gefragt sein will." Ach nein, ach nein, nur das nicht, lieber Herr. Wir kennen Euch, Jupiterlein, und wissen, was Euch an der Frau gefällt. "Der rechte Mann kann sich das Weib nur orientalisch denken ;" – (siehe Schopenhauer, Nietzsche, Lombroso und das Heer ihrer Gesinnungsgenossen) – wenn auch nicht alle für echte Weiblichkeit Schwärmenden das Ideal Maupassants zu dem ihrigen machen: die Canaille. Zuweilen begegnen wir bei diesen Lauen auch recht phantasievollen Einwänden, wo es sich um die Ablehnung der Frau im Berufsleben handelt. Im Gespräch mit einem sehr intelligenten Bankdirektor stellte ich ihm die Frage, ob er nicht einmal den Versuch mit weiblichen Angestellten machen möchte. "Nein", sagte er; er wäre überzeugt, daß sie ebenso Tüchtiges leisten würden, wie seine jungen Männer, ihr Anblick aber würde ihn traurig stimmen. Da säßen sie nun, die armen Dinger, an der Schreibmaschine oder vor den Kopierbüchern, jahraus, jahrein, ohne irgend eine Aussicht, jemals weiterzukommen oder selbständig zu werden – "wie die Verhältnisse nun einmal heut liegen", fügte er hinzu. Eine eigentümliche Belehrung wurde einer Lehrerin zuteil, die bei einem einflussreichen Schulmann um die Anstellung einer verheirateten Kollegin petitionierte. Nein, sie stellten verheiratete Lehrerinnen nicht an, weil sie Kinder bekommen könnten. Sie hätten schlechte Erfahrungen gemacht. "Welche Erfahrungen?" fragte die Dame. Ja, da wäre z.B. die Frau B., die hätte zwar keine Kinder, aber es wäre doch ersichtlich, daß sie ihren Mann durch ihr Amt unglücklich mache. Sie sähe zwar blühend wie das Leben aus, aber er verkäme, zweifellos, weil ihm die häusliche Behaglichkeit fehle. Hm! So braucht das Weib also, um blühend wie das Leben auszusehen, absolut der häuslichen Unbehaglichkeit? Übrigens, daß der Mann ohne ein angetrautes Weib zu keiner häuslichen Behaglichkeit gelangen könne, gehört zu den Axiomen, die auf Wahrheit keinen Anspruch haben. Hat er Sinn für Ordnung, Sauberkeit und Schönheit und verfügt er über ausreichende Mittel, so wird er, kraft der ihm allseitig zugesprochenen Intelligenz, seine Bediensteten gut zu wählen, und kraft der ihm ebenso allseitig zugesprochenen Konsequenz und Energie, ihre Disziplinierung ohne besonderen Zeitaufwand zu bewerkstelligen wissen. Der Offiziersbursche des unverheirateten Offiziers genießt in Betreff seiner Leistungen ein ausgezeichnetes Renommee. Ich allein kenne persönlich zwei Junggesellen – sie haben das vierzigste Lebensjahr noch nicht erreicht – die sich eine so schöne Häuslichkeit geschaffen haben, daß sie nicht heiraten, aus Furcht, sie zu verlieren. Fehlt dem Mann aber der Sinn für eine ästhetische Umgebung, so wird er, ob mit, ob ohne Gattin, den Mangel des häuslichen Komforts nicht empfinden. *           * * Die Mütter. Bei einer Rundfrage, ob Mutterschaft und Beruf vereinbar seien, in einem Kreise von Müttern der gebildeten und gutsituierten Stände getan, würde die Antwort beinah einstimmig lauten: Berufsarten außer dem Hause, mit kleinen Kindern im Hause, nein; ein Beruf im Hause – ja. Aber auch dieses "Ja" würde noch ein sehr bedingtes und zögerndes sein. Von vornherein widersprechen die Tatsachen dem "Nein". Wir kennen alle eine beträchtliche Anzahl von Frauen, die, unbeschadet ihrer treulich erfüllten Mutter- und Hausfrauenpflichten, einen Beruf ausüben. Ich persönlich wüsste unter den vielen mir bekannten Berufsfrauen keine einzige lieblose oder pflichtvergessene Mutter. Meine Zahnärztin z.B. – die erste, die in Berlin ansässig wurde – ist bis zu ihrem 64sten Jahr in rüstiger Tätigkeit verblieben. Sie hat außer ihren zwei Söhnen ein halbes Dutzend Neffen und Nichten großgezogen, sie nimmt an allen gemeinnützigen Bestrebungen teil, hat das liebevollste Herz von der Welt und lebt in glücklicher Ehe. Von anderen als künstlerischen Berufsarten lässt sich vorläufig kaum sprechen, weil sie, mit Ausnahme des ärztlichen, verheirateten Frauen nicht zugänglich sind. Lehrerinnen, Telefonistinnen gehen in Deutschland, wenn sie sich verheiraten, ihres Amtes verlustig. Die meisten professionellen Berufe – ebenso wie die künstlerischen – können in einer mit der Wohnung zusammenhängenden Werkstätte oder in der Wohnung selbst betrieben werden. Warum erheben die Gegner der Frauenbewegung ihre Stimmen nie und niemals gegen den Beruf der Hebammen, die sie doch auch nicht zur Ehelosigkeit verdammen wollen? Aber im Gegenteil, der wird den Frauen aufs heftigste angelobt. Ob Berufsarten, die außer dem Hause betrieben werden, angetan sind, die Mütterlichkeit zu beeinträchtigen, ist zweifelhaft. Ich halte es bei den heutigen Verhältnissen für wahrscheinlich Ich meine aber, daß auch hier die Schwierigkeiten nicht auf einer Naturnotwendigkeit beruhen. Unter anderm verweise ich auf die schon erwähnten Kindergärten und auf die Schulung der Kinderpflegerinnen, denen kein Naturgesetz im Wege steht, die Tüchtigkeit der englischen nurse zu erreichen. Wenn wir von den proletarischen Betrieben absehen, gibt es gar nicht soviel Berufsarten, besonders nicht wissenschaftliche, die eine den ganzen Tag beanspruchende Tätigkeit der Frau außer dem Hause erfordern. Ein Jurist, ein Prediger, ein Lehrer ist täglich nur stundenweise vom Hause abwesend, gar nicht von den Universitätsprofessoren zu reden, deren ganze Tätigkeit außer dem Hause sich auf sechs bis acht Vorträge wöchentlich beschränkt. Dazu kommen fünf bis sechs Monate Ferien im Jahr. Es wären demnach die Ämter eines Professors, Predigers oder Lehrers wie geschaffen für die Frau, die zugleich Mutter ist, würde ich sagen, wenn nicht inbetracht zu ziehen wäre, (auch einer meiner Briefsteller macht mich darauf aufmerksam), daß es nicht allein die Tätigkeit außer dem Hause ist, die die Kräfte absorbiert mehr Zeit noch dürften die Vorarbeiten für das Amt und das nie auszusetzende Studium in der betreffenden Wissenschaft erfordern. Das ist richtig. Aber bei dieser vorbereitenden Tätigkeit wäre die Frau doch dann eben zu Hause. Sie könnte um Rat gefragt werden, Wenn es Not tut; die Akten oder den griechischen Klassiker oder eine angefangene Predigt beiseite legend, einspringen; sie könnte in geeigneten kleinen Pausen – dem Zug ihres Herzens folgend – sich am Kinde freuen. Wäre es wahr, daß der Beamte, der Gelehrte, der Gewerbetreibende wirklich so aufgerieben von seiner Berufsarbeit heimkommt, wie man es zur Abschreckung des Berufsweibes ausmalt, müsste da nicht der Staat der Überbürdung seiner Angestellten steuern? Ist er so arm, daß er Raubbau mit den geistigen Kräften der Nation treiben muss? Und überanstrengt sich der Gelehrte, der Künstler u.s.w. freiwillig, so handelt er ebenso unverantwortlich töricht, wie der Wüstling, der aus Genussgier seine Kräfte aufreibt. Brauchen die Frauen ihm nachzuahmen? Ist der Beamte, der Gelehrte, der Künstler nicht auch Familienvater? Gehört es nicht zum Familienleben, – es soll ja die Vorbedingung jedes geordneten Staatswesens sein – daß sich auch der Vater um die Kinder, (sie sollen ja in der Familie die Achse sein, um die sich alles dreht), besonders um ihre Erziehung kümmere? Nach antifeministischen Schriften sollte man meinen, daß der Vater ein den Familienfreuden und –Sorgen fernstehender Arbeitsfanatiker ist. So ist es doch in Wirklichkeit nicht. Ja, haben nicht viele Männer neben der Berufsarbeit und neben dem Familienleben noch andere Interessen und Beschäftigungen? Sie verwalten das Vermögen, sie haben ihren Klub oder Stammtisch, sie beschäftigen sich mit Politik, besuchen Theater, Konzerte und nehmen an allen geselligen Divertissements der Gattin teil, vom Skat gar nicht zu reden. Ja, noch mehr. Es gibt Männer, gütige, von edler Verständigkeit, die neben ihrer Berufsarbeit der Gattin im Hause helfen. Sie deshalb der Unwürdigkeit oder Weibischkeit zu zeihen, wäre zelotische Geschlechtssimpelei. Ich denke dabei an ein Schweizer Ehepaar meiner Bekanntschaft. Der Gatte ist Leiter einer vornehmen Mädchenschule, seine Frau die Hauptlehrerin an der Schule. Das Ehepaar hat sieben Kinder. Die Geldmittel sind karg. Der Frau liegt die Führung des großen Haushaltes ob und die Herstellung der gesamten Kindergarderobe. Und der Gatte hilft ihr dabei, indem er – horribile dictu – die gesamte Nähmaschinenarbeit übernimmt. Es ist so armselig, immer wie eingegittert in dem engen Denkkreis seines Jahrzehnts zu verharren, und doch beginnt meist erst jenseits des Gitters der Weg, der aufwärts führt. Man nenne mir einen vor der Vernunft standhaltenden Grund, der dem Teilnehmen des Mannes an der Hausarbeit – immer vorausgesetzt, daß er willig dazu ist – entgegensteht. Einem bedeutenden Juristen meiner Verwandtschaft machte es besonderes Pläsir, die Lampen (man brannte noch Öl) in seinem Haushalt herzurichten. Er tat‘s aber bei verschlossenen Türen. Unter Umständen wehrt man es auch den Frauen, speziell weibliche Arbeiten zu verrichten, wenn sie in ihrem Milieu nicht üblich sind. Gabriele von Bülow, die einfach und häuslich erzogene Gattin des deutschen Botschafters in London, erzählt in ihren Memoiren, daß sie ihre Strümpfe heimlich stopfen musste, immer in Angst, bei diesem frevelhaften Beginnen überrascht zu werden. In einem Frauenklub, gelegentlich einer Diskussion über dieses Thema, betonte eine junge, muntere Frau – sie war Konzertsängerin – sehr lebhaft die Schwierigkeit, ja beinah die Unmöglichkeit, ihre Berufspflichten mit ihren Mutterpflichten zu vereinigen, obwohl sie nur ein einziges, noch kleines Kind hatte. Ja, warum gab denn die junge Dame das Singen nicht auf? War es möglicherweise eine finanzielle Frage für sie, nun, so musste sie doch wohl der Ansicht sein, daß ihr Verbleiben in dem Beruf, der Familie, zu der doch vor allen Dingen das Kind gehörte, zum Vorteil gereichte, andernfalls hätte sie gewissenlos gehandelt. Nicht Kinderpflegerinnen, – wie eine andere Dame vorgeschlagen hatte – sollte man ausbilden, sondern die Mütter zu Kinderpflegerinnen erziehen. Die Widerlegung der Konzertsängerin, die eine Ungarin in wenige Worte fasste, wirkte sensationell. Diese Frau, groß und stark, legte den Gedanken an einen weiblichen Herkules nahe. Sie machte den Eindruck einer kaum Vierzigjährigen. "Meine Damen," sagte sie in einem geradebrechten Deutsch, "ich habe sechs Kinder. Blühend und gesund sind alle sechs aufgewachsen. Ich arbeite seit 25 Jahren in drei Sprachen, ungarisch, deutsch und französisch. Ich bin 50 Jahr alt. Und nun – sehen Sie mich an!" An diesem ziemlich einmütigen Widerspruch der Mütter gegen ein Arbeitsfeld außer dem Hause hat – so meine ich – die Gewöhnung einen wesentlichen und starken Anteil. Warum, wenn ich mein Kind in gutem Schutz weiß, sei es in einem der erwähnten paradiesischen Kindergärten, oder bei irgend einer Persönlichkeit meines vollen Vertrauens, warum, sage ich, sollte ich nicht einen Teil des Tages außer dem Hause in einem Amt zubringen dürfen? Es ist die Ungewohntheit eines gezwungenen und regelmäßigen Fernbleibens zu bestimmten Stunden, die erschreckend für die Mutter ist. Daß bei gutem Wetter die Kinderfrau täglich stundenlang – je länger je besser – im Freien mit den Kindern sich aufhält, erscheint der Mutter wünschenswert und selbstverständlich. Oder die Mutter selbst verlässt stundenlang das Haus, die Kinder der Wärterin – und welchen Wärterinnen oft – überlassend. Und wenn das Kind erkrankt? Ist die Erkrankung eine leichte, so ist es natürlich die Pflicht sowohl des Vaters wie der Mutter, Sorge zu tragen, daß alle Anordnungen des Arztes aufs peinlichste befolgt werden, daß eine Vernachlässigung in der Pflege nicht vorkommen kann. Bei schwereren Erkrankungen des Kindes ist der Platz der Mutter zweifellos am Bett des kleinen Patienten. Nun – in solchen Fällen – ein Kind erkrankt nicht jahrein, jahraus schwer – wird die von den Vorgesetzten und Prinzipalen zu fordernde menschliche Rücksicht den Angestellten gegenüber in Kraft treten. Der Vorgesetzte hat der Mutter einen Urlaub zu bewilligen und für den zeitweisen Ersatz ihrer Arbeitskraft zu sorgen, wie es ja auch jetzt selbstverständlich ist, wenn die oder der Angestellte selbst erkrankt. Eine junge Verwandte von mir, die Buchhalterin ist, erhielt ohne weiteres einen wochenlangen Urlaub von ihrem Prinzipal, um ihre schwer erkrankte Mutter zu pflegen. In vielen Fällen würde auch die eine Angestellte die Pflichten der anderen bereitwillig übernehmen. Sind Fälle, daß Männer sich aus irgend einem Grunde vertreten lassen, so selten? Aber, wer weiß, vielleicht ist vielen Frauen überhaupt die Vorstellung, zu bestimmten Stunden zu bestimmten Arbeiten außerhalb des Hauses verpflichtet zu sein, in hohem Grade unsympathisch. Ob sie es den Männern nicht auch wäre, wenn bei ihnen nicht auf der einen Seite das Müssen, auf der andern die Gewöhnung vorläge? Eine mir verwandte jüngere Frau gehört zu den eifrigsten Gegnerinnen der weiblichen Berufsarbeit außer dem Hause. Sie hat zwei Töchterchen, die schon schulpflichtig sind. Ihr Verhältnis zu den Kindern ist ein unaussprechlich zärtliches. Sie arbeitet unausgesetzt in einem bestimmten schriftstellerischen Fach, aber im Hause. Da trat der Fall ein, daß ihr Mann aus Gesundheitsrücksichten einen Winter im Süden zubringen musste. Wollte er seine Stellung an einem Lehrinstitut nicht verlieren, so musste sie ihn vertreten, ein Amt, das einschließlich der Hin- und Rückwege den ganzen Vormittag in Anspruch nahm. Und siehe, es änderte sich absolut nichts in dem Verhältnis zu ihren Kindern. Ebenso wenig litt die Haushaltung darunter. Nicht ungern würde sie das Amt beibehalten. In einer anderen Frau meiner Bekanntschaft, deren Kinder zwar erwachsen sind, die aber einen außerordentlich großen und vornehmen Haushalt zu leiten hat, ist ein Johannistrieb für wissenschaftliche Studien erwacht. Sie besucht die Universität. Eine befreundete Dame bewunderte zwar ihre Vielseitigkeit, begriff aber nicht, wie ihre Wirtschaft dabei bestehen könne. "O," entgegnete die andere, "es geht alles in gleichem Tempo weiter, meist Trab, zuweilen Galopp, niemals Schritt. Heut z. B. habe ich um 9 Uhr morgens das Haus verlassen und bin um 1 Uhr heimgekommen. Zwei Vorträge in der Universität. Von der Universität musste ich zur Schneiderin, ein Winterkostüm anpassen, dann Einkäufe: Wurst, Kaffee u. s. w. Darauf zwei Krankenbesuche, und heut Abend habe ich eine kleine Gesellschaft. Und Sie sehen, meine Wirtschaft besteht, und es geht sehr glatt, und das liegt an meinen Hausfrauentugenden." Diese Frau hat ein erlösendes Wort gesprochen. Geschätzte Hausfrauen sehen oft den Wald vor Bäumen nicht; das heißt: vor all den Einzelbetätigungen im Haushalt, den Mitteln und Mittelchen dazu verlieren sie die Blickweite für den Zweck, für die Totalität ihres Hauswesens. Bei den reingefegtesten Zimmern, dem gutgekochtesten Essen, den glattgeplättesten Oberhemden, den artigsten Kindern kann dem Haus der Zauber des traulichen Heims fehlen. Worin eigentlich diese Hausfrauenqualität besteht, lässt sich nicht mit dürren Worten sagen, wenn auch eine gewisse organisatorische Energie dabei wünschenswert ist. Es ist das Sein der Frau, nicht ihr Tun, das ein harmonisches Gesamtbild der Häuslichkeit schafft, wie die Beleuchtung erst einer Gegend Reiz und Stimmung gibt. Ich weiß wohl, es gibt Frauen aus den gebildeten Ständen, die nicht imstande sind, mehr als ein Mädchen zu halten. Und diesem schon in der Regel überbürdeten Mädchen noch die Kinderpflege zuzumuten, ist kaum angängig, obwohl auch das vielfach geschieht. Ich weiß von Leistungen auf diesem Gebiet, die geradezu einzig dastehen. Ich möchte hier an ein Beispiel einer ausgezeichneten Frau erinnern, die vor einigen Jahrzehnten in der Berliner Gesellschaft angestaunt und angeschwärmt wurde. Frau S., eine reiche Frau, nahm, trotzdem sie eine eigene reizende Tochter hatte, zwölf bis vierzehn verwaiste Proletarierkinder im Alter von einem bis acht Jahren zu sich, um sie in ihren Grundsätzen, die auf Rousseauscher Basis beruhten, zu erziehen. Sie hielt keine Dienstboten. Die Kinderschar, das Aufräumen der Zimmer, die Küche besorgte sie allein, nur mussten die größeren Kinder ihr hilfreich zur Hand gehen. Die Einrichtung der Zimmer, die Kleidung der Kinder, die Nahrung (eine rein vegetarische) waren von einer förmlich mit Raffinement ausgesonnenen Einfachheit, so daß die Arbeitslast, die sie mit sich brachten, ganz gering war. Daneben erzog sie die eigene Tochter – seltsamerweise – zu einer glänzenden Gesellschaftsdame und sorgte dafür, daß ihre reichen Talente aufs sorgfältigste ausgebildet wurden. Und diese vielen, vielen Kinder spielten stundenlang unbeaufsichtigt im Garten, und sie gediehen – sie gediehen! Diese Frau – sie war von zarter Konstitution – halte ich natürlich für eine Ausnahme, und ich möchte keiner Mutter raten, in gleicher Weise zu verfahren; ich gebe vielmehr zu, daß ein Haushalt mit nur einem Dienstmädchen und drei bis vier Kindern der Mutter andere als Familienaufgaben nur in beschränktestem Maß gestatten dürfte. Aber wie, wenn diese Frau, deren finanzielle Mittel so beschränkt sind, nun in einem Beruf, einem künstlerischen, gewerblichen oder wissenschaftlichen tätig wäre und damit eine beträchtliche Einnahme erzielte, könnte sie nicht einen kleinen Teil ihres Verdienstes auf eine Kinderpflegerin verwenden und damit diese Schwierigkeit – zum Teil – lösen? Die freien Frauen endlich – vorläufig noch eine kleine Minderheit –‚ diejenigen, die unabhängig von vorgeschriebenen Normen, nach den Gesetzen ihres eigenen Wesens ihr Dasein zu gestalten trachten, bejahen energisch die Titelfrage. Sie tun es mit der eigentlich selbstverständlichen, von mir schon erwähnten Einschränkung, daß jede Frau für sich die Frage, ob Beruf oder Nichtberuf, zu entscheiden hat, denn – jedes Bild passt nicht in jeden Rahmen. Diese radikal gesinnten Frauen pflegt man gern, sehr mit Unrecht, einer Geringschätzung der Nurhausfrau zu zeihen. Eine Frau, die mit kluger Umsicht, mit Gewissenhaftigkeit, Sachkenntnis und finanziellem Talent einen größeren Haushalt leitet und ihre Kinderschar in musterhafter Ordnung hält – alle Achtung vor solcher Tüchtigkeit! Niemand hat etwas dagegen, ich am allerwenigsten. Alle Achtung aber auch den andern Frauen, die in einer außerhäuslichen Tätigkeit den Schwerpunkt ihres Seins suchen und finden. Hat doch schon Christus neben Martha auch Maria gelten lassen, und es sieht beinah so aus, als hätte er die Maria ein wenig vorgezogen. Freilich läge der Maria die Pflicht ob, geeignete Hilfsgeister für den Haushalt zu wählen. Und wenn es ihr an Intelligenz, sie zu wählen, fehlt? Nun, wenn die Dummen nicht Dummheiten machten, so wären sie eben nicht dumm. Ein Gänschen wird auch als "Nurhausfrau" nach keiner Richtung hin das Familienleben auf einen grünen Zweig bringen. Nach meiner persönlichen Erfahrung reimen sich Berufstätigkeit und Beschäftigung im Haushalte aufs schönste zusammen. Es gibt keinen Arzt, der nicht zur Erhaltung der Gesundheit die Abwechslung von Ruhe und Bewegung, von geistiger und körperlicher Arbeit für geboten hält. Wenn ich einige Stunden geschrieben habe, fühle ich förmlich einen Drang, mich im Haushalt zu beschäftigen, und die vorangegangene – wenn es nicht unbescheiden klingt – Geistestätigkeit hindert mich nicht im geringsten, mit Vergnügen und Interesse die Anordnung zum Mittagessen oder zu einer Teegesellschaft oder einer Kinderschokolade zu treffen und dafür zu sorgen, daß alles so hübsch und schmackhaft wie möglich gerät. Mir scheint sogar diese Art der Erholung von geistiger Arbeit hygienischer und nutztragender als Skat und Zigarre, die für die Männer genießendes Ausruhen und Erholung bedeuten. Gewiss gibt es auch unter den Freidenkerinnen eine Anzahl von Frauen, die für ihre Person die gleichzeitige Ausübung mütterlicher und beruflicher Funktionen ablehnen, sei es in dem Erkennen, daß ihr psychisches und physisches Kräftemaß – das ja bei verschiedenen Personen immer unendlich verschieden sein wird – solcher Doppelaufgabe nicht gewachsen ist, sei es, weil ihr Wesenskern, ihre Individualität dem Berufsleben überhaupt widerstrebt. Gehören diese Frauen zu den Feinen, Klugen, so finden sie wohl, wenn ihre aktive Mutterperiode geschlossen ist, andere Interessenbezirke für ihre geistige Selbsterhaltung, für ihr Aktionsbedürfnis. Aus ihren Reihen werden vielleicht eine nicht geringe Anzahl beruflicher Jugendbildnerinnen hervorgehen, die, wenn sie ihr Werk an den eigenen Kindern getan, es an anderen Kindern fortsetzen. Wie aber auch jede einzelne dieser freien Frauen subjektiv ihr Leben zu gestalten wünscht, einig sind sie alle in der Grundüberzeugung, daß die Freiheit der Persönlichkeit, das Sichselbstgehören, die vornehmste und unumgänglichste Existenzforderung der Frau ist, diejenige Forderung, die sie von dem Fluch erlöst, als Mensch nur Dilettant oder ein von andern bewegter Mechanismus zu sein. Viele von den höherbegabten Frauen der älteren und allerältesten Generation blicken an der Schwelle des Todes mit schaudernder Verwunderung, mit tödlicher Bitterkeit auf ein Leben zurück, das nicht ihr eigenes Leben war, und klagend senken sie das müde weiße Haupt: "Weh‘ mir, daß ich kein Enkel bin – nein – daß ich kein Urenkel bin, denn auch die Enkelinnen von uns Alten kämpfen noch um ihre Eigenheit." Es ist schon deshalb nicht wahr, daß die Frau sich ganz auf ihre Mütterlichkeit als ihren Daseinszweck zurückzuziehen hat, weil ihr Leben sich weit über die Grenze hinaus erstreckt, in der das Kind ihrer bedarf. Was der Mensch zum Inhalt seines Lebens macht, muss so sein, daß seine Wirkung und Bedeutung alle Lebensalter umfasst, nicht das eine überreich bedenkt, während das andere leer ausgeht. Mit einiger Übertreibung könnte man sagen, daß die Mutterschaft einen Saisoncharakter trägt. Unser Leben währt sieben oder acht Jahrzehnte. Die Zeit, in der das Kind auf die Mutter angewiesen ist, beträgt wenig mehr als ein Jahrzehnt. Sich einen neuen Daseinszweck zu schaffen, mit der Berufsausbildung erst zu beginnen, wenn die Kinder erwachsen sind, dürfte in den meisten Fällen viel zu spät sein. Und so geschieht es, daß Frauen in vorgerückten Jahren, aber mit noch ungebrochener Kraft – von Männern derselben Altersstufe sagt man, daß sie im besten Mannesalter stehen – als Schwiegermütter und Großmütter von der Kinder oder Kindeskinder Gnade leben, die Schwiegermutter nicht selten als Friedensbrecher, die Großmutter als eine platonische Existenz ohne Gebrauchswert. Ich möchte hier eine drollige Unterhaltung, die ich mit anhörte und die zwischen meiner fünfjährigen Enkelin und der Köchin des Hauses stattfand, einflechten: Dorchen: "Haben Sie eine Mutter, Marie?" Köchin: "Leider nein." Dorchen: "Warum denn leider, Köchinnen haben doch keine Mutter, und sie brauchen auch keine." Köchin: "Hat denn Dein Muttchen nicht auch eine Mutter?" Dorchen: "Ja, aber sie braucht keine." Köchin: "Würde es ihr nicht leid tun, wenn sie stürbe?" Dorchen: "Das glaube ich schon, aber am Ende, wenn sie nicht mehr da ist, ist sie nicht mehr da, Muttchen hat uns doch." O, ahnungsvoller Engel du! Gewiss, es gibt unter den Frauen auch den Typus: Mutterweibchen, und er kann sympathisch und herzrührend sein. Im allgemeinen aber macht des Weibes Einzelleistung als Mutter nicht ihre Gesamtpersönlichkeit aus. Jede einzelne Frau ist von Hause aus mit keiner andern verwechselbar, (beim männlichen Geschlecht ist‘s dasselbe); jede hat ihre individuelle Psyche. Es scheint aber, man stellt sich das Frauentum wie eine Form vor, in die alle weiblichen Geschöpfe hineinzuschlüpfen haben, um – nach Gottes Ratschluss – versämtlicht zu werden, so daß die eine von der andern sich nicht mehr wesentlich unterscheidet. Alle tun, fühlen, denken dasselbe. Kommt diese gewalttätige Gleichformung nicht einer Verstümmelung gleich, die – man könnte beinah sagen – schon im Mutterleibe (durch Vererbung vieler Generationen) oder doch wenigstens von Kindesbeinen an geschieht und die Kräfte und Organe, von der Natur vielleicht zu hohen Dingen ausersehen, zu rudimentären werden lässt? In der Tat kann, wenn wir unermesslich lange Zeiträume ins Auge fassen, aus Unbenutztheit sich Unbenutzbarkeit ergeben. Ihr alle, die ihr vor dem Heraufkommen des Mannweibes drei Kreuze macht, löscht die Kreuze! Es steht gar nicht in der Frauen Macht, des Weibseins sich zu begeben. Ich bin und bleibe Weib, ob ich eine Mutter von zwölf Kindern, ob ich die fanatischste aller Frauenrechtlerinnen, ob ich eine Messalina oder eine Griseldis bin. Des Weibseins werde ich nun und nimmer ledig. Aber – ich soll ein echtes, ein wahres Weib sein! Was ist denn das: ein wahres Weib? Muss ich, um ein wahres Weib zu sein, bügeln, nähen, kochen und kleine Kinder waschen? Und wenn ich einen Handel treibe oder predige oder Philosophie studiere, bin ich kein wahres Weib mehr? Nebenbei gesagt: ich habe den Mann im Verdacht, daß er gar nicht so sehr darauf erpicht ist, daß die Frau im allgemeinen kleine Kinder wäscht und Oberhemden bügelt; es liegt ihm nur daran, daß sie seine Kinder wäscht und seine Oberhemden bügelt. Die Gänse bannt man dadurch in einen bestimmten Raum, daß man diesen Raum mit einem Kreidestrich umzieht. Und es sind eben Gänse, die den Kreidestrich respektieren. Sollen die armen Langhälse der Frauen Vorbild sein? Ihr Brüder und Gegner der Frauenfreiheit, gewiss, es ist euer Recht, als Heißsporne eurer Wahrheiten, als Kommentatoren eurer Weltordnung euren Schwestern den Kreidestrich zu ziehen. Aber bitte, seid fein und vornehm, und schickt eure Warnungsrufe – ich sage nicht Unkenrufe – erst in die Welt hinaus, nachdem alle Arbeitsschranken für die Frauen gefallen sind, nachdem man ihnen Universität und Akademie, Kanzel und Werkstatt bedingungslos geöffnet hat. Tut ihr es vorher, so setzt ihr euch, liebe Brüder, dem Verdacht aus, daß der Menschenhort, den ihr hüten wollt, eure Privilegien sind. Und bei dem "Nachher" habt ihr noch den Vorteil, daß euch die Frauen selbst – durch die Minderwertigkeit ihrer Leistungen, von denen ihr ja felsenfest überzeugt seid – das Beweismaterial für eure Weltordnung in die Hände liefern werden. Übrigens: die Leute, die zäh und leidenschaftlich an der Idee, daß Mütterlichkeit und Familienleben der alleinige Daseinszweck des Weibes seien, festhalten, mögen ruhig sein. Haben sie Recht, so werden sie Recht behalten. Kein Mensch kann auf die Dauer in einem Element leben, das über oder außerhalb seiner Natur liegt. Ich sah einen Menschen, der mit den Füßen schrieb, aber er hatte keine Hände. Misslingt, was die Frauenbewegung will, trägt es keine oder saure Früchte, so werden die Betörten bald genug von Kanzeln und Tribünen wieder herabsteigen, sie werden Ateliers, Universitäten und Werkstätten räumen und demütig und reumütig in die alleinseligmachenden Kinderstuben und Ehegemächer zurückkehren, wo man zum Empfang der reuigen Sünderin das Kalb der Versöhnung schlachten wird. Wir warten noch auf die erste, die diesen Weg nach Kanossa antreten wird. Warum ertrug das Weib Jahrtausende lang geduldig ihre Versklavung? Daß in primitiven Zeiten das Übergewicht der physischen Kraft über den Wert einer Rasse oder eines Geschlechts entschied und deshalb lange Zeiträume hindurch der Mann der Gebieter, das Weib die Gehorchende war, ist erklärlich. Einem psychisch-historischen Gesetz zufolge werden durch langandauernde Gewohnheiten geschaffene Zustände von den Menschen als unantastbare Gegebenheiten, als Selbstverständlichkeiten empfunden. Erst ganz langsam und allmählich lockert die mit immer größerer Rapidität sich aufwärtsbewegende Kulturentwicklung die Fundamente solcher Wertungen, bis schließlich Sturmfluten des Geistes kommen, die sie entwurzeln. Wir leben in einer solchen Sturmflut. Wenn sich die Wasser werden verlaufen haben, wird das Weib ihres Halbsklaventums ledig sein. Und Mann und Weib in schöner fruchtbarer Wechselwirkung werden als Gleiche nebeneinander stehen, kein Geschlecht das erste, keins das zweite. Und über der Lösung eines Menschheitproblems sehe ich die Taube mit dem Ölzweig schweben. Anregungen zur Erziehungsfrage Einleitung. Bei allen umfassenden Reformbestrebungen ist derselbe Gang zu verzeichnen: Erst wenn die Erkenntnisse einer kleinen Minorität ein Umfühlen in der Majorität bewirkt haben, ist die Zeit reif für ihre Realisierung. Wir sahen es bei der Frauenbewegung. Dieselben Ideen, die heut auf der Tagesordnung stehen, wurden schon vor mehr als hundert Jahren propagiert, ohne bemerkenswerte Spuren zu hinterlassen. Erst als ihre Zeit gekommen war, in diesem Fall, als die volkswirtschaftlichen Umwälzungen die Bewegung gleichsam auf ihre Flügel nahmen, gelangten die Ideen zu lebendiger Wirkung. Dasselbe auf dem Gebiet der Erziehung. Montaigne, Locke, Rousseau, später Pestalozzi hatten Grundsätze voll Weisheit und Gerechtigkeit aufgestellt. Hier und da, in eine Gruppe, eine Familie fiel ein Funke dieser Ideen und zündete. Bald aber erlosch er wieder. Er fand keinen brennbaren Stoff vor. Eine der Schriften Casanovas gibt uns einen Begriff, wie man früher die Erziehung einschätzte. Friedrich der Große gewährte einmal diesem berüchtigten Abenteurer eine Audienz. Der König fand an dem übermütigen witzigen Weltfahrer Gefallen und bot ihm eine Erzieherstelle am pommerschen Kadettencorps an. In unserem Zeitalter nun geht im Reich der Erziehung ein wahrer Funkenregen nieder, und er fällt auf brennbaren Stoff. Es ist: "Das Jahrhundert des Kindes". Es lag in meiner Absicht, meine Ideen über Erziehung zu einer umfassenden Studie über diese Frage – vielleicht die wichtigste der gesamten Kulturwelt – zu erweitern. Ich gab diese Absicht auf, nachdem ich in dem Buch "Das Jahrhundert des Kindes" von Ellen Key den Abschnitt über Erziehung gelesen. Meine Ansichten und Empfindungen in betreff des Kindes stimmen so völlig mit den ihrigen überein, daß es hieße, Eulen nach Athen tragen, wollte ich mit anderen Worten dasselbe sagen wie sie. Meine absolute Übereinstimmung mit Ellen Key auf diesem Gebiet (auf einem anderen habe ich sie bekämpft) kommt auch darin zum Ausdruck, daß ich, ganz unabhängig von ihr, für unser Zeitalter dieselbe Bezeichnung wie sie, "Das Jahrhundert des Kindes", gefunden habe. Daß ich ihr das Wort nicht entlehnen konnte, erhellt schon daraus, daß mein Buch (Christa Ruland), in dem es steht, gleichzeitig mit dem ihrigen erschien. Hätte ich das Recht und die Mittel, ich würde den Keyschen Aufsatz über Erziehung (mit Auslassung einiger ethischer und utopistischer Überschwänglichkeiten) in Millionen von Exemplaren drucken lassen. Jeder Lehrende und jeder Erziehende, jedes Elternpaar müsste ein Exemplar der Schrift erhalten. Eine zündende, eine reformatorische Schrift! Eine Tat intelligentesten Erkennens und tiefgründigster Menschenliebe. Beinah möchte ich diese Schrift mit Onkel Toms Hütte vergleichen, mit dem Buch, das ein Hauptfaktor für die Befreiung wirklicher Sklaven wurde. Das Keysche Buch will der Kinderpsyche, die Haus- und Schultyrannei entflügelt hat, die Flügel zurückerobern. Ich werde bei meinen Ausführungen den Aussprüchen aus Kindermund einen größeren Raum gestatten, in der Meinung, daß nichts geeigneter ist, mehr und überraschendere Aufschlüsse über die Psyche des Kindes zu geben, als solche spontanen, naiven Äußerungen der Kinder selbst, Äußerungen, die ein helles und scharfes Licht auf die elterliche Erziehung und auf die Einflüsse, die die Umgebung auf das Kind übt, werfen. Die Kinder, deren Worte ich zitieren werde, gehören samt und sonders sehr angesehenen und sittlich durchaus einwandfreien Familien an. *           * * Die Mutter als Erzieherin. In Schriften gegen die Frauenbewegung – besonders da, wo es gilt, die Frauen von den Feldern zu scheuchen, deren Ernte dem Manne gebühren soll – pflegt man der unvergleichlichen erzieherischen Tätigkeit der Mutter das höchste Lob zu zollen. Ernst gemeint ist das zwar nicht, denn nach den Gesetzen, die der konzentrierte Ausdruck herrschender Meinungen sind, steht bei allen Erziehungsangelegenheiten dem Vater die entscheidende Stimme zu. Tut nichts. Es bleibt dabei: Die Mutter ist die von Gott berufene, geweihte und gesalbte Erzieherin ihrer Kinder. Je älter ich werde, je mehr staune ich über die menschliche Virtuosität im Erträumen, Erdichten und freien Erfinden von Zuständen und Verhältnissen, die kaum irgendwo existieren, ich staune über die unverfrorene Dreistigkeit im Ableugnen und Hinwegsehen Tatsachen gegenüber, die offen vor aller Welt liegen. Daß die Mütter die geborenen und notwendigen Erzieherinnen ihrer Kinder sind, gehört zu den offiziellen Erheuchlungen, die überall Kurs haben und die man als Trumpf gegen die Frauenbewegung ausspielt. Und doch bedarf es hier nicht einmal eines tieferen Nachdenkens – ein flüchtiges Hineinblicken in das positive Leben genügt, um zu erkennen, daß im großen und ganzen die Mütter die schlechtesten Erzieherinnen ihrer Kinder sind. Man frage nur die eine Mutter, was sie von der Erziehung der andern Mutter hält, und man wird die härtesten und schroffsten Urteile hören. Ja, nimmt man denn an, daß auch die vielen, vielen Frauen, die als Nichtmütter kaum den bescheidensten Ansprüchen an Moral und Klugheit genügen, als Mütter sich in Tugendspiegel und geistige Potenzen verwandeln? Daß sie, plötzlich von einem Drang zum Idealismus befallen, herrlich erzieherisch auf ihre Kinder wirken werden? Ist es nicht wahrscheinlicher, daß Frauen als erziehende Mütter dieselben Eigenschaften an den Tag legen werden, die auch sonst im Leben an ihnen zu schätzen oder zu verwerfen sind? Eine oberflächliche, törichte Frau wird ihre Kinder töricht erziehen, und es wäre in diesen Fällen ein Segen für die Kinder, wenn ihre Kraftentfaltung wo anders als in der Kinderstube vor sich ginge. Wo und wie soll denn auch die Frau – falls nicht die Kraft des Mutterinstinkts Wunder in ihr wirkt – die eminenten Fähigkeiten, die das Erziehungswerk erfordert, erwerben? Etwa in der höheren Töchterschule? Die Apologetinnen der Mütterlichkeit sperren sie ja schon von der Geburt des ersten Kindes an (das sie naturgemäß in jungen Jahren zur Welt bringt) in die Kinderstube, noch dazu mit der ungebildeten Kinderfrau zusammen. Die Emanzipationsbestrebungen tragen kaum seit einem Jahrzehnt Früchte. So war ja wohl bisher dem Erziehungsdrang der Mütter keine Schranke gezogen. Und die Resultate? Müsste nicht jede Mutter, die einen Sohn hat, schaudernd erheben, wenn sie von der Wüstheit des Studentenlebens erfährt, von dem Sauf- und Raufreglement (noch viel Schlimmeres gar nicht zu nennen), dem die meisten dieser kaum flüggen Knaben verfallen? Wo waren die mütterlichen Erzieherinnen, die eine Saat in die jungen Seelen streuten, der solches Unkraut nie hätte entsprießen dürfen? Trotz der bewiesenen Unfähigkeit der mütterlichen Erziehung werden wir immer wieder mit der Behauptung belästigt, daß erst infolge der Emanzipation die erziehlichen Leistungen der Mütter unter den Nullpunkt sinken würden. Ein Gegner der Frauenbewegung schreibt: "Abgespannt und müde kommt die Frau von der Arbeit (in einem Beruf) heim, und soll sich nun ihrer vornehmsten Aufgabe, der Kindererziehung, widmen?" Ja, was versteht man denn unter mütterlicher Erziehung? Bedarf sie eines bestimmten Zeitquantums? Besteht sie etwa im Erteilen von Lektionen zu bestimmten Tageszeiten? in Moralvorhaltungen die dem Gedächtnis einzuprägen sind? In der Tat stellt sich eine Schriftstellerin auf diesen Standpunkt. In einem Journal findet sich, als Abwehr auf meinen Aufsatz über Erziehung, folgender – die moralische Erziehung des Kindes betreffender – Passus: "Die einfachste Mutter erzieht ihr Kind gut, indem sie ihm jene wenigen aber wichtigen Grundsätze der Lebensführung einprägt, deren ein wackerer Mensch auf dem Lebenswege bedarf: Sei gut und rechtschaffen, vermeide das Unehrenhafte, trachte vorwärts zu kommen im Leben durch redliches Streben, durch ehrliche Arbeit. Und eine Mutter, mag sie auch sonst kaum den bescheidensten Anforderungen an Moral und Klugheit genügen, wird, von Ausnahmefällen abgesehen, ihrem Kind diese Grundsätze einprägen." Gelt! Diese Dame macht es sich leicht. Sprüche einprägen! Daß sie sich mit dem bescheidensten Maß von Moral einprägen lassen, ist ohne weiteres zuzugeben. Ob diese Wortlehren – noch dazu so allgemein gehaltene – genügen sollten, wenn die Erziehende sie den Kindern nicht durch ihre Lebenshaltung lebendig veranschaulicht? Und auf eine musterhafte Lebensführung ist doch wohl kaum bei jenen einfachen Frauen zu rechnen, die mit dem bescheidensten Maß von Moral auskommen? Ich bin doch eher der Meinung, daß eine Frau: je höher ihre intellektuellen und moralischen Qualitäten entwickelt sind, um so besser ihren Mutterpflichten nachzukommen imstande sein wird; um so schlechter, je weniger dieser Entwicklung Rechnung getragen ist. Gleichgültig aber für das Gedeihen oder das Nichtgedeihen meines Kindes ist es, ob ich eigenhändig und persönlich meine Intelligenz oder meine Dummheit bei seiner Erziehung walten lasse, oder ob ich den von mir gewählten und für würdig erachteten Persönlichkeiten dieselbe anvertraue. Auch bei dieser Wahl wird wiederum meine intellektuelle und moralische Beschaffenheit den Ausschlag geben. Die Mutterliebe soll auf dem Felde der Erziehung Wunder wirken. Glaube ich nicht. Gerade sie ist es, die die Erziehung eher hemmend als fördernd beeinflusst, die der Mutter das klare, objektive Urteil über den Charakter ihrer Kinder raubt, welches die Vorbedingung jedes fruchtbaren erziehlichen Wirkens sein muss. Die fast absolute Unkenntnis der meisten Mütter, was den Charakter ihrer Kinder betrifft, ist angetan, Staunen und Mitleid zu erregen. Das Mitleid freilich ist unangebracht, denn, wüssten die Mütter oft, wer und was ihre Kinder sind, es öffnete sich ihnen eine unversiegbare Quelle des Grams. Wer wagt es, einer Mutter die Wahrheit über ihre Kinder zu sagen! (und wäre es auch nur die, daß ihre kleinen Genies kaum Dutzendgeschöpfchen sind); nur wer sich nicht scheut, Wunden zu reißen, aus denen Herzblut quillt. Und sie wären auch unnütz, diese grausamen Verletzungen. Zeichne selbst der klügsten Frau ein treffendes Charakterbild ihres Kindes – sie wird es für eine unverschämte lieblose Karikatur halten, dieselbe Frau, die vielleicht, wo es sich um die schlimmen Eigenschaften fremder Kinder handelt, den denkbar schärfsten Blick hat. Diese Klugen wären möglicherweise befähigt, fremde Kinder zu erziehen – ihre eigenen nicht. Ich kenne liebevolle Mütter, die zugleich gute und kluge Frauen sind und die jede planmäßige und überhaupt jede bewusste Erziehung für überflüssig halten. Die Natur müsse man walten lassen, sagen sie, damit dem Kinde seine Originalität bewahrt bleibe. Allen Vorstellungen begegnen sie mit dem Einwand: "Kommt der Verstand, gibt sich alles von selbst, das Leben wird mein Bübchen schon erziehen." Diese Mütter haben sicher recht, wenn nur gewisse typische Eigenschaften des Kindes in Betracht kommen. Fast alle Kinder sind radikale Egoisten, Zerstörer, Lärmmacher, kleine Prahlhänse, eigenwillig und eigensinnig. Derartige, für das Kindesalter typische Eigenschaften, die mit der Zeit von selbst verschwinden, durch strenge Maßregelungen unterdrücken zu wollen, würde eine Kraftverschwendung von seiten des Erziehers und eine Quälerei an dem Kinde bedeuten. Freilich kann man in diesem Prinzip der Nichterziehung zu weit gehen, wie ein Vater aus meinem Bekanntenkreis, der für die rasendsten, das ganze Haus alarmierenden Temperamentsausschreitungen seines Söhnchens nur das bewundernde Wort hat: "Ein göttlicher Schlingel." Ähnlich fühlte die Mutter eines andern Kindes. Jeden erziehlichen Eingriff in das Tun ihres Söhnchens, so sagte sie mir, nähme sie mit bösem Gewissen vor, sie empfände ihn als eine Beugung oder Biegung einer ursprünglichen Ganzheit, wie ein Hineinpfuschen in eine Originalschöpfung. Und nur auf Verlangen ihres Mannes ließe sie Ge- und Verbote über das Kind ergehen. Eine derartige exzentrische Auffassung, die ja der heutigen, abrichtenden Erziehung gegenüber einen Kern von Berechtigung hat, wäre in der Praxis kaum durchführbar. Dem Gewährenlassen ist eine Grenze zu ziehen. Und hier ist das höchste Maß von Psychologischem Eingehen in die Kindesnatur geboten, um harmlose, dem Kindesalter entsprechende Ungezügeltheiten zu unterscheiden von den gefährlichen Charaktertendenzen, an denen der Erwachsene später scheitern kann. Es ist möglich, kommt gewiss vor, daß spätere, zufällig günstige Entwicklungsbedingungen die Vernachlässigungen der Kindheit paralysieren. Es gibt auch Kinder, aus so festem, edlem Stoff gebildete, bei denen eine früheinsetzende Selbsterziehung die Fehler der Kindheiterziehung aufhebt. Die Regel ist es nicht. Mir scheint die planmäßige, intelligente Erziehung des Kindes von unermesslicher Wichtigkeit. Wie viel leben- und freudezerstörende Eigenschaften werden in dem Kinde durch eine verkehrte Erziehung oder durch die Unfähigkeit, schädliche Einwirkungen von ihm abzuhalten, erst entwickelt, Eigenschaften wie Furchtsamkeit, Feigheit, übergroße Schüchternheit, Willenlosigkeit, unästhetisches Verhalten. Die Angewöhnung schlechter Eigenschaften ist leicht, sie dem Kinde abzugewöhnen, – sehr schwer. Ich kenne kaum eine Frau (aus der Geschichte höchstens die Mutter der Gracchen oder die der Makkabäer), die der hohen ethischen Aufgabe der Erziehung gewachsen wäre, oder die sie nur auf sich genommen hätte. Die meisten Mütter erziehen ganz willkürlich, regellos, in Anfällen, mit Plötzlichkeiten, je nach ihren Impulsen, ihrer subjektiven Stimmung. Einige Züge zur Charakteristik erziehender Mütter mögen hier eine Stelle finden. Erscheinen sie auch bedeutungslos, sie sind dennoch für den erziehlichen Verkehr der Durchschnittsmutter mit ihren Kindern durchaus typisch. Die Mutter hat Besuch. Ihre kleine Grete hat einen roten Hals und soll gurgeln. Das Kindermädchen erscheint auf der Veranda. "Gnädige Frau, Grete will nicht gurgeln." –"Sie soll auf der Stelle gurgeln." Kindermädchen ab. Nach wenigen Minuten ist es wieder da. "Gnädige Frau, Grete will nur gurgeln, wenn gnädige Frau selbst kommen." "Ja, ich komme schon." – Muttchen plaudert weiter. Kindermädchen kommt. "Gnädige Frau, Grete hat mir mit der Reckstange gehauen." Mutter: (zu dem Besuch) "Sehen Sie, so ist meine Grete, immer muss der kleine Schelm necken." Dorchen will nicht zu Bett gehen. Mutter: "Du gehst auf der Stelle zu Bett." Dore: "Muttchen, ich muss erst Vater etwas zeigen." Mutter: "Was denn?" Dore: "Das sage ich nicht." Auf das Drängen der Mutter sagt sie es doch, sie will dem Vater zeigen, wie sie an dem Apfelbaum emporklettern kann. Mutter: "Aber das hat der Vater Dir doch streng verboten." Dore: "Na ja." Mutter: "Also zu Bett, oder Du darfst morgen nicht schwimmen." Dore: (sehr vergnügt) "Dann bleibe ich auf und gehe morgen nicht schwimmen.‘‘ Mutter: (nach der Uhr sehend) "Ich gebe dir eine Minute Bedenkzeit. Ich zähle bis fünf: eins – zwei – drei – vier – fünf!" Dore rührt sich nicht. Mutter: "Marsch, zu Bett!" Dore: "Was, zwei Strafen auf einmal? Nicht schwimmen und doch zu Bett gehen?" Grete: "Muttchen, darf ich noch eine Birne?" Mutter: "Nein, Du hast schon mehr als genug." Grete: "Ach bitte, bitte, liebstes Muttchen." Mutter: "Las das abscheuliche Quälen, nimm die Birne und mach, daß Du fortkommst." Ich sah eine Mutter mit Entzücken auf ihr dreijähriges Töchterchen schauen, das tanzend – ich gebe zu, mit unnachahmlicher Drolerie – ein ganz vulgäres, wenn auch nicht gerade unanständiges Couplet sang. Ich saß im Coupee der Eisenbahn mit einer jungen Frau und ihrem fünf- bis sechsjährigen Söhnchen. Das sehr lebhafte Kind richtete Frage auf Frage an die Mutter, die las. Sie wies ihn ungeduldig zur Ruhe mit dem hässlichen: "Halt den Mund." Das Kind sah sich hilflos um, wurde weinerlich, ungebärdig. Ein ganz junger Mann, – wohl Student – der neben dem Knaben saß, begann sich mit ihm zu beschäftigen, er gab ihm geographische Rätsel auf, erklärte ihm, was die Bauern da auf den Feldern trieben, u.s.w. Und siehe, bald strahlte das Bübchen vor Glück und Frohsinn. Ob es eine Lehre für die junge Mutter war? Das Kind ist ganz Aktivität; es zur Passivität zwingen, ist so unbarmherzig,, als wollte man einen Fisch aufs Trockene zerren. Die Erziehung soll nicht das Temperament des Kindes unterdrücken, oder gar brechen; sein leidenschaftliches Wollen mit einem Inhalt zu erfüllen, ist ihre Aufgabe. Kinder von rascher seelischer Beweglichkeit wollen beschäftigt, für irgend etwas, das innerhalb ihres Verständnisses liegt, interessiert werden. Ich erinnere mich einer Familie, in der die Mutter die ungezogenen Kinder, zur Strafe und zu ihrer Bequemlichkeit, bei hellem lichten Tage, etwa am frühen Nachmittag, stundenlang ins Bett steckte, eine Grausamkeit, von der sie sich sicher keine Rechenschaft gab. Ich selbst, im Unverstand meiner jungen Jahre, schloss einmal mein renitentes Söhnchen auf einige Stunden in einem Zimmer ein, während draußen alles Sonne und Lust war. Noch heut – er starb so jung – tönen mir im Ohr seine gehenden Hilferufe: "Mach auf! mach auf!" Immer artig zu sein, hält ein Knicken ja gar nicht aus. Ein Beispiel: Der Vater des kleinen Reinhaut ist verreist. Den artigen Kindern will er etwas mitbringen, den unartigen nicht. Das sonst nicht berühmt artige Reinhardchen will nun mit Gewalt artig sein. Wenn sonst die Anna kam, ihn zum Zubettgehen zu holen, zeigte er sich widerspenstig. Jetzt geht er sofort, macht aber die Mutter auf seine Guttat aufmerksam: "Mutti, ich gehe schon." Wenn die Mutter sagt: "Reinhard, hör‘ auf zu lärmen" – "jawohl, Muttchen, ich höre schon auf." Er fühlt auch das lebhafte Bedürfnis, die Mutter darauf aufmerksam zu machen, wie seine Artigkeit sich von den Unarten der Geschwister abhebt. Er wird "Petze". "Muttchen, die Ilse sitzt schon wieder auf dem Kopf des Bären, – Käthe gehorcht Fräulein nicht" u.s.w. Aber bei all diesen Denunziationen sprüht ihm der Neid aus den Äuglein, daß er bei den schönsten Teufeleien nur den Zuschauer abgeben muss. Schließlich, am letzten Tag vor der Ankunft des Vaters, als die Geschwister in ihren guten Kleidern sich durch den Speisesaal rollen, da bricht die Kraft seiner Artigkeit, und er rollt mit, und rollt und rollt; und wie die Mutter dazukommt, hat er das größte Loch in seinen Höschen. Die kleinen Kritiker mögen selbst reden. Märtchen (fünfjährig, als der Vater sie gezüchtigt hat): "Ich finde es feig, daß ein so alter Mann ein so kleines Kind haut." Lili ist böse. Alle Welt ärgere und quäle sie, nur der Vater nicht. "Und Muttchen ist auch ungerecht?" fragt jemand. Lili: "Jawohl, wenn ich mit Märtchen im Garten bin, da heißt es: gib Märtchen die Hand. Märtchen weint. Tröste Märtchen! spiele mit ihr, pass auf sie auf. So geht es immerzu. Der Vater sagt einfach: im Garten kann Märtchen nichts geschehen, da kann sie laufen, wohin sie will." Gretchen legt sich mit dem Butterbrot in der Hand auf die Sammetdecke der Chaiselongue. "Erlauben dir das deine Eltern?" frage ich. Und Gretchen: "Papa sagt nein, aber Mutter sagt: "lass sie doch!" "Du solltest nicht so viel Kartoffeln essen," sagt die Großmama zu Gretchen, die etwas dickleibig ist. Gretchen: "Ja, der Vater sagt auch, ich soll nicht so viel Kartoffeln essen; wenn er mir aber eine Kartoffel vom Teller nimmt, legt Muttchen mir gleich zwei andere dafür hin." Lili soll einen Teelöffel Rhabarberwein einnehmen. "Weil ich ihn aber so gern trinke, gibt Muttchen mir immer drei Esslöffel davon." Ein anderes Muttchen liebt innig das nachgeborene Bübchen, das kann aber schimpfen! wie ein Rohrsperling. "Schwein!" sagt es zu der erwachsenen Schwester. Die schilt. Und die Mutter? "Du gönnst dem Kind auch gar kein Vergnügen." Es gibt aber auch konsequente, korrekte Mütter, die unbeirrt durch Liebe und Zärtlichkeit ein strenges Erziehungsprogramm durchzuführen für ihre Pflicht halten. Wehe den Kindern, wenn diese strengen, energischen Mütter nicht zugleich mit starker Intelligenz, mit Güte und feinstem Verständnis für die Kindespsyche begabt sind. Sind sie es nicht, so fällt ihre Prinzipienstrammheit vergällend und vergiftend auf die zarten Jugendblüten, macht die derber gearteten dickfellig, die zarter organisierten werden verschüchtert oder gebrochen. Solche hartnervigen Damen mit plumpen Händen und groben Seelen verwechseln Abrichtung mit Erziehung. Eine Mutter aus meinem Bekanntenkreise gilt für eine Erzieherin par excellence. Ihre Kinder hatten irgend welche harmlose Unarten verübt. Geharnischt trat das mütterliche Heldenweib unter die Waffen ihrer Prinzipien. Zum Unglück der Kinder war gerade Weihnachten. Sie wurden ins Weihnachtszimmer gerufen. Am Baum brannten alle Lichter, sie brannten so recht zum Hohn; denn unter dem Baum lag nichts, nichts als – eine Rute. Die Kinder schluchzten zum Steinerweichen, alle Dienstboten weinten mit. Diese eifrige Pädagogin zerriss drei Kinderherzen, weil übermütige Kinderbeinchen widerrechtlich über Tische gesprungen, weil kleine Kinderhändchen gerauft hatten. In einem Ostseebade, in dem ich mich allsommerlich aufhalte, spielt sich das Familienleben auf den offenen Veranden ab. Wie oft habe ich da Gelegenheit gehabt, vor den Erziehungsmethoden allzu temperamentvoller Mütter zu schaudern. Ich gehe an einer Veranda vorüber. Ich höre das jämmerliche Schreien eines Kindes, das regelrecht abgeprügelt wird. Die Mutter schreit auch, immer dasselbe: "Wirst du jetzt still sein, auf der Stelle still sein!" Und da das Kind nicht still sein konnte, weil das Schluchzen krampfhaft geworden war, schlug sie unentwegt weiter. Schauderhaft! Ich erkundigte mich nach der Dame. O, eine treffliche Mutter! In den Ostseebädern pflegt man noch recht kleine Kinder im Meer zu baden. Die Würmchen heulen bei dieser Prozedur fast alle um die Wette mit den Wellen, in wahnsinniger Angst vor dem Gewoge um sie her. Und je mehr sie schreien, je öfter werden sie untergetaucht. Das soll gesund sein. In einer Badezelle neben der meinigen geschah es, daß so ein armes fünfjähriges Kindchen, das noch von der ausgestandenen Tortur am ganzen Leibe bebte, wacker von der Mutter gehauen wurde, bei jedem Schlag mit den höhnischen Worten: "So, nun kannst du schreien, nun hast du wenigstens Ursache dazu!" und die Exekution wollte kein Ende nehmen. Auch eine Mutter par excellence. Daß sie nach bestem Gewissen verfuhr, bezweifle ich nicht. Das ändert aber nichts an der Dummheit und Grausamkeit ihres Verfahrens. Ein mäßiger Grad von pädagogischer Einsicht hätte sie sanftere und wirksamere Mittel gelehrt, um dem Kinde die so natürliche Furcht vor dem Wogengraus abzugewöhnen. Aus den angeführten Tatsachen folgere ich nichts anderes, als daß selbst die pflichttreuesten Mütter noch keine wünschenswerten Erzieherinnen zu sein brauchen. *           * * Der Einfluss der Umgebung. Denjenigen Müttern, die das Gewährenlassen, das Nichterziehen dem Kinde gegenüber für das Richtige halten, läge immerhin noch die Pflicht ob, die schädigenden Einflüsse, die dem Kinde drohen, von wem immer sie ausgehen mögen, so viel als möglich abzuwehren. Die kleinen Kinder werden in erster Linie – wie schon erwähnt – von Kinderfrauen und Kinderfräuleins erzogen, die den weitaus größten Teil des Tages mit ihnen zusammen sind und die die Kinder um so stärker beeinflussen müssen, da ihre naivere Denk- und Empfindungsart dem Kindeswesen näher verwandt ist, als die der kultivierteren Mutter. Es ist kaum begreiflich, wie liebevolle Mütter den ungebildeten oder kaum halbgebildeten und viel zu jungen Fräuleins die Erziehung ihrer Kinder anvertrauen mögen; ja, sie halten es vielfach für ihre Pflicht, ihre verkehrtesten Maßregeln zu dulden, in der Meinung, sie dürften sie vor den Kindern nicht bloßstellen. Wenn die Mütter wüssten, in wie unverantwortlicher Weise die Wärterinnen oft genug ihr Vertrauen missbrauchen! Ich bin ein friedfertiger Mensch, aber schon oft habe ich in den Straßen Berlins oder im Tiergarten heftige Szenen mit Kinderfrauen oder –Fräuleins gehabt, wenn ich sah, wie sie die ihnen anvertrauten Kinder pufften. Selbstverständlich gibt es auch Fräuleins von Güte und Intelligenz, bei denen irgend eine Misshandlung der Kinder ausgeschlossen ist. Zur Erzieherin qualifizierte gibt es kaum, Gott müsste es ihnen denn im Schlafe gegeben haben. Mehr oder weniger neigen sie zur Prügelpädagogik. Ein von ihrer Hausfrau hochgeschätztes Fräulein sagte mir kürzlich: "Der Fritz hat schon wieder miserabel geschrieben, da habe ich den Stock genommen, und eine tüchtige Tracht Prügel hat gewirkt." Ein anderes Fräulein verfuhr noch härter. Alle Unarten, die das Kind im Laufe des Tages sich hatte zuschulden kommen lassen, schrieb sie in ihr Gedächtnis. Und abends, wenn das Kind im Bett lag, rekapitulierte sie seine Frevel. Sie nahm ihm gewissermaßen eine Beichte ab. "Bist du heute ungehorsam gewesen, Lieschen?" – "Ja." – Klatsch, eine Ohrfeige. – "Warst du es, die ein Stück Zucker genascht hat?" – "Ja." – Klatsch, eine Ohrfeige. – "Hast du versucht, mich zu belügen?" – "Ja." – Klatsch, eine Ohrfeige. In einer grausamen Genussgier brachte diese, für ein Büttelamt prädestinierte Dame es oft auf 6–8 Ohrfeigen. Und dann erst, nach der Beichte, durfte das heulende Kind beten. Hänschen, siebenjährig, soll mit Fräulein die Rechenarbeit durchnehmen. Er ist zerstreut. Das Fenster steht offen, ein Vögelchen fliegt ab und zu. Fräulein schreit aus vollem Halse: "Wenn du fünf Äpfel hast, und sollst sie fünf Kindern geben, wie viel Äpfel kriegt jedes Kind?" Hänschen, verwirrt durch den zänkischen, schreienden Ton, hat im voraus das Gefühl, daß er etwas sehr Dummes sagen wird. Er schweigt, Fräulein schreit immer heftiger und lauter auf ihn ein: "Du bist ja zu dumm, nun reißt mir die Geduld. Du denkst wohl, ich habe keine Nerven, da möchte man ja lieber Steine karren, als dir was beibringen. Ein Brett hast du vor dem Kopf…" und so ging es weiter. In den meisten Fällen liegt dieser indianermässigen Erziehung nicht böser Wille, sondern mangelnde Kultur und pädagogische Unfähigkeit zugrunde. Abgesehen aber von solchen groben oder handgreiflichen Ausschreitungen, ist auch der Einfluss, den diese impulsiven Erzieherinnen auf Gesinnung und Anschauung der Kinder ausüben, nicht zu unterschätzen. Hänschen, der schon sehr viel Spielzeug hat, will sich noch ein neues kaufen. "Willst du nicht lieber einem armen Kind das Geld schenken?" fragt die Tante. "Aber nein," sagt er, "die Kinderfrau hat mir erzählt, da war einmal eine arme Frau, die ging mit einem Leierkasten umher und war ganz zerrissen; wenn sie aber abends nach Hause kam, dann hatte sie Gesellschaft und es gab Braten." Der achtjährige Otto, Kind einer sehr reichen Familie, erhält den Besuch seiner Cousinen, deren Eltern in bescheidenen Verhältnissen leben. Die ältere ist schon zwölf Jahr. Sie will nach Tisch ein wenig lesen. Ottos Fräulein verbietet es ihr, sie sei zu Ottochens Vergnügen, nicht zu ihrem eigenen eingeladen. Die kleinere Cousine darf Ottochen im Wägelchen durch den Garten fahren, je mehr, je besser, aber nicht umgekehrt. Denn Otto ist das Herrschaftskind. Als ich einmal einem Enkelchen eine gräuliche, von dem Kindermädchen stammende Höllengeschichte ausreden wollte, beharrte es dabei: "Aber die Anna hat‘s gesagt, die muss es wissen, weißt du, Großmuttchen, du bist zu alt, du hast das schon vergessen." In einem Seebad wollen Kinder am Strand mit den armen Ferienkindern eines Kinderasyls spielen. Ihr Fräulein verbietet es: »Das schickt sich nicht, das ist unter eurem Stand." Glücklicherweise pflegt dieser Einfluss der Kinderwärterinnen nicht vorzuhalten. Sobald das Kind schulpflichtig geworden, weicht er maßgebenderen Faktoren, bei denen wieder der Mutter eine bedeutsame Rolle zufällt. Es gibt eine Art der Erziehung, die von einer Kraft und Wirksamkeit ohnegleichen ist, die keine direkte Tätigkeit erfordert, kein pädagogisches Talent, keine Zeit, keine Mühe. Es ist das Beispiel der Eltern. Wer je über Erziehung ein Wort gesagt oder geschrieben, hat auf dieses stärkste aller Erziehungsmittel hingewiesen. Es liegt auf der Hand, es drängt sich dem Gedankenlosesten auf. Nichts kann verhindern, daß die Mutter erzieherisch auf die Kinder einwirke. Ob sie will oder nicht will, ob sie dem Kinde schadet oder nützt, sie tut es in jeder Stunde ihres Lebens, in der sie mit den Kindern zusammen ist. Oft wird für eine systematisch gute Erziehung gehalten, was einfach die Eigenart des Vaters oder der Mutter an den Kindern bewirkt hat. Ich weiß ein markantes Beispiel: Die Kinder der Frau, von der ich sprechen will, erregen das Erstaunen aller Welt und den Neid der Mütter durch die Reife ihrer Intelligenz, die Selbständigkeit und Klarheit ihres Denkens. Man findet nicht Worte genug, um die ausgezeichnete mütterliche Erziehung, der man diese Resultate zuschreibt, zu rühmen. In Wahrheit aber lag nicht die geringste bewusste erzieherische Absicht der Mutter vor. Diese Mutter ist eine Frau von starker Intelligenz und schärfster Logik. Faseleien, leeres Geschwätz, selbst nur konventionelles Hinreden sind ihr, nicht nur bei ihren Kindern, auch bei allen Personen ihres Umgangskreises unerträglich. Durch ihr schroffes Zurückweisen von Urteilen und Behauptungen, die nicht begründet werden, schüchtert sie die Selbstbewusstesten ein und zwingt sie zu denken, ehe sie reden, oder – zu schweigen. Und allein der Persönlichkeit, der Wesensart dieser Mutter, verdanken die Kinder ihre Intelligenzqualitäten, ihre frühzeitige Vernunft und Denkentwicklung. Neben den Eltern ist es die weitere Umgebung, das ganze Milieu, in dem das Kind aufwächst, das einen bestimmenden Einfluss auf sein ganzes Leben gewinnen kann. Nachahmungslust und –Sucht ist fast allen Kindern gemeinsam. Eine kleine Verwandte von mir brachte einen Winter mit ihren Eltern in Rom zu. Während einiger Monate besuchte sie eine Nonnenschule. Es dauerte nicht lange, so bekreuzte sie sich heimlich und sang Kirchenlieder. Ihr Lieblingsspiel wurde: Messe lesen. Das Weihrauchfass war eine Schüssel, gelegentlich auch eine mit Pflaumen- oder Apfelmus gefüllte, die sie über der frommen Gemeinde schwang, die aus ihrem Schwesterchen und einer Holz-Menagerie von Hunden, Schafen u.s.w. bestand. Und sie war sehr böse, als das Schwesterchen sich weigerte, die vorgeschriebenen frommen Knickse zu machen. Auch wollte sie unter allen Umständen Nonne oder – Eseltreiber werden. Dore will ihrem englischen Fräulein nicht mehr die Hand geben; warum? natürlich wegen der Buren. Der fünfjährige Andreas wird aufgefordert, mit anderen Kindern bestimmte Kinderlieder zu singen. "Ach nein," sagt er, "so dumme Lieder singe ich nicht, ich singe nur Wagner.‘‘ Ich kaufe mit Märtchen Kuchen ein, und sage: "Wir wollen der Waschfrau auch ein Stück Kuchen mitbringen. Sie sieht mich erstaunt an: "Aber nein, Waschfrauen kriegen doch keinen Kuchen?" Die Kinder hören, wie der Vater in verächtlichen Ausdrücken von einem Journal spricht. Eine Tante kommt zu Besuch, und als Reinhard zufällig hört, daß sie auf dieses Journal abonniert ist, will er sie nicht begrüßen, sie soll erst ihr Abonnement auf das "Saublatt\<‘ aufgeben. Reinhard ruft seine Mutter, er habe etwas Wunderschönes gebaut. Was war es? Zwei Säulen, durch einen langen Faden verbunden, an dem verschiedene Soldaten hingen. Die Säulen stellten einen Galgen vor, die Soldaten waren Franzosen, die die Deutschen gefangen und aufgehängt hatten. Franz und Fritz (zehn- und elfjährig) benutzen die Konzertbillets ihrer Eltern. Auf dem Hinweg werden sie darüber einig, daß es einesteils sehr fein und sehr musikalisch aussehe, bei besonders schwierigen Stellen mitzuzählen, und anderenteils einen sehr erwachsenen Eindruck mache, wenn man in den Pausen aufstehe und das Publikum betrachte. Und dementsprechend benehmen sie sich denn auch. *           * * Bei Kindern, die in Reichtum aufwachsen, macht sich der Einfluss des Milieus oft in trauriger Weise bemerkbar. Woher kommt es, daß häufig Söhne sehr reicher Häuser entgleisen, oder über ein geistig inferiores Niveau nicht hinauskommen? Es braucht hier durchaus keine persönliche Verschuldung der Eltern vorzuliegen. Der Vater hat vielleicht in rastlosem Fleiß, mit dem Aufbieten all seiner physischen und psychischen Kräfte die Millionen erst erworben, und kein Makel haftet an ihm oder an seiner Gattin. Es ist vielmehr die ganze Atmosphäre des Reichtums, des Luxus, die allen Sinnenreizen schmeichelnde Üppigkeit der ganzen Lebenshaltung, die diese Reize fördernde Überernährung, es ist die unsoziale Denk- und Anschauungsweise mit ihrer Überschätzung des materiellen Moments – ein Charakteristikum der Geldmacht – all das ist angetan, die sittlichen Kräfte des Kindes schon an ihrem Ausgangspunkt zu brechen. Dinge, die sie sehen und hören, legen sich, bei ihrer eminenten Aufnahmefähigkeit, leicht in ihnen fest als Keime, aus denen Verkrüppeltes aufwächst. (z.B. der Rentier von 25 Jahren), falls nicht eine natürliche, starke und edle Veranlagung ihnen entgegenwirkt. Die Kinder solcher Häuser haben keine Widerstände zu überwinden, an denen die sittliche Kraft wird und wächst. Die gebratenen Tauben fliegen ihnen gewissermaßen von selbst in den Mund. Wünsche, Ansprüche, die immer gleich erfüllt werden, erzeugen sofort neue und immer steigende. Man beobachte: je mehr Spielzeug ein Kind hat, je mehr verlangt es. Auch das Dienstpersonal in sehr reichen Häusern, von deren Protzenhaftigkeit man sich keine Vorstellung machen kann, spielt dabei eine Rolle. Ich habe mit eigenen Ohren gehört – auch die Kinder hörten es –, wie ein Diener sich weigerte, dem Lehrer und der Lehrerin dieser Kinder ein Frühstück zu servieren. Das sei Sache des "Stubenmädchens", er habe nur "Herrschaften" zu bedienen. Hätte man frühzeitig diejenigen Kinder, deren Charakteranlagen Anlass zu Befürchtungen bot, aus der Schwüle dieser allzu materiellen Lebenshaltung heraus in eine andere, frischere, härtere Luft versetzt, wo ideelleren Tendenzen günstigere Winde wehen, sie wären voraussichtlich der Gefahr der Entgleisung entgangen. Die Gewohnheiten des Elternhauses werden den Kindern eine Norm für die Beurteilung aller Lebensinhalte. *           * * Die Kinder haben das Wort. Ottochen, 4 Jahre alt, ist der Sohn eines millionären Bankdirektors. Er darf zu seinem Geburtstag eine Kindergesellschaft geben. "Nein," sagt er, "ich will lieber eine Generalversammlung geben." Ottoleins Vater ist Jude. "Ich will aber nicht als Jude begraben werden," sagt das Bübchen, "weil ich vierspännig begraben werden will." Erichs Mutter fragt den Fünfjährigen, ob es bei der projektierten Kindergesellschaft Schokolade geben soll. "Nein," sagt er, "ich glaube, Tee ist jetzt eleganter, bei Fritzchen gab es auch Tee." Dasselbe Kind findet auch, daß eine Hochzeit ohne Diener eine wahre Lumpenhochzeit ist. Die sechsjährigen Zwillinge Ruth und Fritz sind bei einer Freundin der Mutter zu Tisch geladen. Ruth (sie hat eine französische Bonne und verwelscht vielfach das Deutsche), ein Kind von süßestem Liebreiz, berichtet der Mutter darüber: sie sei gar nicht avide gewesen. Allerdings hätte sie auch geglaubt, das Diner würde besser sein. Nämlich: "in der Suppe war so etwas komik Weichliches, und der vol au vent ist bei uns viel besser, er hatte kein bisschen gelbe Sauce, und der Kalbsschlegel war sec und sehr gesalzen, und das glace hatte einen so unangenehmen arrière-goût " u.s.w. Der zwölfjährige Ernst hat auf seinen Schrank eine Büste von Nietzsche gestellt: "Was," sagt sein elfjähriger Freund, "den liest du? ich nicht, so ein fader Geselle." Ernst dichtet auch. Seine Dichtungen aber sind derartig, daß die Mutter ihm verboten hat, sie – seine eigenen Gedichte – zu lesen. Der Wintergarten und geschminkte Dirnen sollen darin vorkommen. Sein Freund, der Fritz (14 Jahre alt), fragt seine Mutter: "Darf ich das Buch lesen?" "Ja." – "Dann lese ich es nicht." Der zwölfjährige Georg sagt zu seinem achtjährigen Bruder: "Die Frauen sind alle Kanaillen." Und Fritzchen antwortet: "Ja, besonders die Klara Z." Über die Strafe. Sie scheint das unerlässlichste aller Erziehungsmittel. Auf dem Gebiet der Strafe sind die markantesten Verfehlungen zu verzeichnen. Unter den Strafarten spielen die Prügel noch immer eine Hauptrolle, eine wilde Sitte, auf die künftige Zeitalter wahrscheinlich mit demselben schaudernden Befremden zurückblicken werden, wie wir auf den Kannibalismus. Das Prügeln ist aus der Reihe der Strafmittel zu streichen, abgesehen von kleinen Denkzetteln im ersten Kindesalter. Ein sehr schönes Wort sagt Ellen Key darüber: "Sobald sich das Kind an einen Schlag erinnern kann, ist es zu alt, um ihn zu empfangen." Ich teile ganz ihren Abscheu vor diesem Erziehungsmittel. Wahrhaft herzzerreißend sind die Sitten und Gebräuche, die das Proletarierkind von früh auf dem Stock überliefern. Aus einer Gerichtsverhandlung erfahren wir von einem Knaben – er mag bös veranlagt gewesen sein –, der ein schweres Verbrechen beging (er warf das Kind seines Lehrherrn ins Wasser), um eine langjährige Gefängnisstrafe zu erhalten, bis an die Altersgrenze, die ihn vor der Einlieferung in das Zwangserziehungshaus sicherte, dessen Bekanntschaft er schon gemacht hatte. Das Gefängnis schien ihm eine Wohltat im Vergleich mit jenem Erziehungshaus, in dem er aufs furchtbarste verprügelt worden war. In dem Buch von Ferrario über den italienischen Kinderhandel lesen wir schaudernd von dem An- und Verkauf von Kindern, von Eltern, die ihre Kinder um jeden Preis losschlagen, von den Käufern, die ihnen ein Los bereiten, das, wie Ferrario ausführt, ihnen nach nicht allzu langer Zeit nur die Wahl lässt zwischen Spital, Wahnsinn oder Zuchthaus. Wir brauchen aber unser Mitleid nicht bis nach Italien zu schicken. In den Volksschulen des preußischen Staates wird unentwegt geprügelt. "Ohne Prügel," sagte mir eine Lehrerin, "ist bei diesen Kindern nichts auszurichten. Sie sind ja auch von Hause aus so daran gewöhnt, daß es ihnen nichts ausmacht." Wir lesen immer wieder in den Zeitungen von Lehrern, die Kinder – oft kränkliche und geistig verkümmerte – in barbarischer Weise gezüchtigt haben, und diese Gentlemen kommen vor Gericht mit einem Verweis oder einer leichten Geldstrafe davon, weil "sie ja das Leben des Kindes nicht gefährdet haben." Und das sind wahrscheinlich dieselben Lehrer, die den Religionsunterricht erteilen, und den Kindern das Evangelium der Liebe verkünden, die darauf bezüglichen Sprüche ihnen aber mit dem Stock einbläuen. Mir kommen, wenn ich von so Grässlichem höre, Gedanken an Lynchjustiz, von den Müttern der gemisshandelten Kinder zu üben an den – ich hätte beinah Kerlen gesagt, die mit den Fäusten erziehen. "Das Faustrecht" nannte einer unserer vornehmsten Universitätslehrer "die Ethik der muskulösen Dummköpfe." Wenn Weiber überhaupt zu Furien werden können, warum werden sie es nicht bei solchen Gelegenheiten? Wie? Ihr Mütter behauptet, eure Kinder zu lieben, und ihr lasst sie von fremden Menschen zu schanden hauen! Ihr duldet es, daß eure Lieblinge mit Wunden und Striemen bedeckt nach Hause kommen! Sprecht mir nicht von Mutterliebe! In einer landwirtschaftlichen Zeitung, die von der Erziehung der Bullen und der Füllen handelt, heißt es: Vor allem sei darauf zu achten, daß der Bullenknabe und –Jüngling fromm werde und bleibe. Deshalb müsse man ihn von Kindheit auf liebreich und freundlich behandeln und dürfe ihm ja keinen rohen Wärter geben; rohe Wärter und böse Bullen finde man immer beisammen. Und die Anweisungen zur Erziehung der Füllen: Nicht erschrecken, nicht necken, nicht reizen, nicht ärgern, nur freundlich und sanft anreden, streicheln, Zucker reichen, darauf liefe die Pferdepädagogik hinaus; beobachte man diese Regeln nicht, so bekomme man ein störrisches Pferd, das scheut, das nicht zieht, das ausschlägt und heißt. Und die Nutzanwendung lautete: "Wann werden sich die Menschenpädagogen, die Regierungen, die Behörden, die Schulmeister endlich einmal zur Höhe jener vernünftigen Humanität aufschwingen, auf der die Pferde-, Rindvieh- und Hundepädagogen und sogar auch die Dresseure in den Menagerien schon seit langem stehen!" *           * * Die Strafe in der Familie. Ich habe Gelegenheit gehabt, in vielen gebildeten Familien die Wirkung der Strafen zu beobachten, und ich bin zu dem Resultat gelangt, daß sie in den meisten Fällen zwecklos waren, zwecklos, weil sie zur Besserung und Veredlung des Kindes nicht dienten. Allenfalls waren sie als Schreckmittel anzuwenden, wo es galt, eine Selbstbeschädigung des Kindes zu verhüten. Die Rute hinter dem Spiegel (früher allgemeiner Gebrauch) ist symptomatisch für eine Erziehungsmethode, bei der die Strafe wie ein Damoklesschwert über Kinder-Glück und –Freude schwebt. Über die dem Kind zu erteilenden Strafen pflegt die Durchschnittsmutter nicht sonderlich nachzudenken: Einsperren, in die Ecke stellen, Nahrung entziehen, prügeln, Beschämung vor anderen, und – schelten, ja schelten – das ist die Hauptsache. Und doch ist dieses unaufhörliche, jedem ästhetischen Sinn zuwidere Schelten das wirkungsloseste aller Strafmittel, ein das Ehrgefühl abstumpfendes, die Atmosphäre des Hauses wie mit übler Luft erfüllendes. Der Mutter (dem Vater aber auch) fehlt es zumeist an der kühlen Ruhe, der Zucht der Nerven, dem objektiven Überderstrafestehen, die das Strafamt heischt. Die Eltern tragen ihre Erzürntheit, ihre leidenschaftlichen Affekte in die Strafe hinein, sie wächst ihnen gewissermaßen über den Kopf, so daß sie dann nicht selten über das beabsichtigte Maß hinaus zur Ausführung gelangt und eher den Eindruck einer Entladung des elterlichen Zorns, als den eines auf die Besserung des Kindes abzielenden Tuns macht. Muss denn immer so viel Getöse bei der Erziehung sein? Mir will scheinen, sie müsste wie auf leisen Sohlen zu bewerkstelligen sein, wie hinter dem Rücken des Kindes. Ich hörte, wie eine Mutter ihr Kind am Weihnachtsfest derb und heftig schalt und dann zu den Umstehenden sagte: "Wie schön ist‘s doch, zu Weihnachten im Kreis der Familie das Fest des Friedens zu feiern." Man beobachte, wie etwa auf einem Spaziergang die Mutter sich zu den Kindern verhält. Schelten und Anschreien ist in Permanenz: "Lotte, du fällst ins Wasser" (das Kind denkt gar nicht daran). "Ernst, nicht so nah an den Baum, du machst dich grün, – Friedchen, herkommen, du hast ja Blaubeeren genascht. –" "Du sollst nicht, – du darfst nicht, – willst du gleich, – wirst du dich in acht nehmen, – mehr nach rechts gehen, – lass das, – tu das –" u.s.w. Ein Spaziergang mit einer solchen Mutter ist nicht vergnüglich. Wofür so ein kleines Herzblättchen nicht alles gescholten wird! Auch für die herzigsten Äußerungen seiner kindlichen Unschuld und Naivität "Geh," sagt die Mutter zu dem fünfjährigen Söhnchen, "frage den Großpapa, wie er geschlafen hat." "Ach, das interessiert mich gar nicht," sagt das aufrichtige Kind. Da hatte es seine Schelte weg. Die Mutter verbietet in scharfer Tonart der elfjährigen Hilde, mit dem Schwesterchen, das im Bett liegt und schlafen soll, zu spielen. Sie tut es trotzdem. Die Mutter will aufbrausen. "Weißt du, Muttchen, mit Freundlichkeit kommst du bei uns viel weiter." Wie unzählige Kindertränen werden geweint, die bei einer liebevollen Erziehung ungeweint bleiben könnten. Jede Mutter, die ein geliebtes Kind durch den Tod verlor, weiß, wie jeder Schlag, jedes böse Wort, jeder Wunsch, den sie aus Bequemlichkeit oder wenigstens grundlos versagte, auf ihrer Seele brennt. Furchtbar sind die Strafen, die ein Kind unschuldig treffen. Sie werden niemals von ihm vergessen. Die erwachsenen Kinder halten sie den Eltern noch nach Jahrzehnten vor. Eine der an Kindern verübten Grausamkeiten ist, sie zu Speisen zu zwingen, die sie nicht mögen. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, daß mir Erbsen widerstanden. Man zwang mich, sie zu essen. Ich erbrach sie. Später aß ich sie sogar gern. Eine Familienszene wie folgende ist typisch: Ein Paulchen, das ich kenne, mochte seine Suppe nicht essen. Langsam, langsam löffelt er etwas davon. "Iß schneller," herrscht der Vater ihn an. Paulchen vertieft sich in den Suppenteller und will sich, – um die Aufmerksamkeit von der Suppe abzulenken – eine Bemerkung über die Figuren am Rand erlauben. – "Schweig und iss." – Er löffelt, mit Tränen kämpfend, weiter. Endlich – es ist vollbracht. Tief aufatmend legt er den Löffel fort. Das Argusauge des Vaters bemerkt, daß auf dem Grund des Tellers noch ein paar Löffelchen zusammenrinnen. – "Auf der Stelle wird die Suppe aufgegessen!" Paulchen verzieht‘s Mäulchen, ein Schluchzen steigt ihm in die Kehle. Er isst und schluckt seine Tränen mit herunter. "‘Was, du weinst? Hinaus mit dir!" Geheul. Prügel. – Die ganze Tafel ist verstört. Nach einer Viertelstunde erscheint das verheulte Paulchen wieder, der ganze kleine Körper zuckend vor Erregung, und muss Abbitte leisten. Abscheulich solche Szenen! Ein anderes, ansprechenderes Familienbild: Reinhard will auch seine Suppe nicht essen. Es sind nicht genug Klöße darin. "Iß sie nicht," sagt die Mutter, "die Klöße aber kannst du Lottchen geben." Reinhard miauzt noch ein Weilchen, dann isst er still seine Klöße selber. Und ungestört bleibt der Familienfrieden, unvergällt das Mahl. Ein kleiner Knabe kommt häufig zu spät zu Tisch. Die Mutter dekretiert: "Kommt Fritzchen wieder zu spät, so tun wir, als wäre er gar nicht da, er ist Luft für uns." – Fritzchen kommt zu spät, niemand erwidert seinen "Guten Tag," niemand antwortet ihm, wenn er fragt. Dieses Luftfürallesein, diese stille, lärmlose Strafe trifft den Knaben aufs empfindlichste. Es geschieht auch vielfach, daß Eltern Verfehlungen der Kinder strafen, die sie sich selbst zuschulden kommen lassen. Daß nichts geeigneter ist, die elterliche Autorität zu untergraben, liegt auf der Hand. Ich sah bei Tisch einen Vater unmanierlich essen. Als er einmal aufsah und bemerkte, daß das Kind auch unmanierlich aß, schlug er es auf die Finger, weil es tat wie er. Ich hörte denselben Vater das Kind wegen seiner schlechten Haltung schelten. Es stößt die ältere Schwester an und flüstert ihr zu: "Sich mal, wie Vater sitzt." – Die Eltern strafen auch nicht selten das Kind, wenn es ihnen zufällig und unabsichtlich einen Ärger, eine Verletzung oder einen Schaden zufügt. Fritzchen hat dem Vater aus Versehen die Zigarre aus der Hand gestoßen, daß er sich daran verbrannte. Lieschen hat das Butterbrot auf das gute Kleid der Mutter fallen lassen. Derartige kleine Ungeschicklichkeiten, gewiss nicht strafbare, pflegen die Eltern durch einen tüchtigen Klaps zu sühnen; und sie verfahren dabei nicht verständiger als ein Kind, das den Tisch schlägt, an dem es sich gestoßen hat. Klein Erich arbeitet im Salon umher. "Muttchen, komm!" Muttchen kommt. Das fleißige Kind hat ein riesiges Stück Seife in den Händen, mit dem es aus allen Kräften die hochelegante und sehr empfindliche Plüschdecke abreibt. Und voll Stolz und Tatendrang teilt er der Mutter mit: "Muttchen, schau, dein Sofa ist so verschmutzt, ich tu‘s sauber abwaschen." Ach Gott, das brave Kerlchen trug einen Katzenkopf davon. Die Tat war bös, aber das Kind gut, und es kommt doch auf das Kind an, nicht auf die Tat. Die Autorität der Eltern fördernd und den Kindern ersprießlich sind auch diejenigen Strafen nicht, die so obenhin, ohne Ernst erteilt werden, nur so, um den Vater oder die Mutter herauszukehren, und die den Kindern zum Gespaß werden. Lili hat rohe Schoten gegessen und wird deshalb von der Mutter gescholten. Sie will sich darüber vor Lachen kugeln. "Wie, du lachst, wenn ich schelte?" – "Na ja, weil ich mir nichts daraus mache." – "Du machst dir nichts daraus?" – "Weil du doch gar nicht wirklich böse bist." Reinhard ist unartig. "Auf der Stelle gehst du da in die Ecke," schilt die Mutter. Reinhard springt vergnügt auf. "Ja, Muttchen, aber ich gehe lieber in die andere Ecke, die gefällt mir viel besser." Reinhard hat gelogen. Der Vater ist sehr betrübt darüber. Die Mutter fragt: »Tut es dir nicht sehr leid, Reinhard, daß du den Vater betrübt hast?" Reinhard: "Nein, wenn er nicht da ist." Mutter: "Weißt du nicht, daß lügen etwas sehr Hässliches ist?" Reinhard: "Unartig sein ist doch viel schlimmer." Mutter: "Was verstehst du unter unartig sein?" Reinhard: "Wenn ich nicht tue, was du mir sagst." Mutter: "Du wirst zur Strafe eine ganze Woche im Kinderzimmer essen." Reinhard: "Ei, ich esse sehr gern mit Fräulein." Mutter: "Nicht mit Fräulein, ganz allein." Reinhard: "Aber nicht auf der Wachstuchdecke, du musst ein Tischtuch für mich ganz allein aufdecken." Die Mutter verkündet dem ungezogenen Lieschen: "Zur Strafe darfst du die nächste Einladung nicht annehmen." Die nächste Einladung geht von einer kleinen Cousine aus. Die Mutter und die ältere Schwester sind miteingeladen. Muttchen erlaubt daher, daß Lieschen die Einladung annimmt. "Oho," sagt Lieschen, "das lasse ich mir nicht gefallen. Erst verbieten und dann erlauben?" Es gehört wohl zum Katechismus der Pädagogik, daß die Eltern einig in der Erziehung des Kindes sein müssen. Müssen? Wäre die Einmütigkeit nicht befremdlich, da Mann und Frau doch, wie man annimmt, so grundverschieden von einander sind? Warum sollten überhaupt zwei Menschen, – ob Eheleute oder nicht – die fast auf allen Gebieten verschieden denken, die auf einer verschiedenen Bildungsstufe stehen, gerade in ihren pädagogischen Ansichten übereinstimmen? Und in der Tat, daß Vater und Mutter in ihren Erziehungsmitteln und ihren Erziehungszielen von einander abweichen, ist beinahe die Regel. Die übereinstimmende Erziehung der Kinder setzt eine harmonische Ehe voraus. Sind die guten harmonischen Ehen, deren Segen die Kinder verspüren, in der Majorität? Meine Erfahrung verneint es. Fast immer werden die Kinder in die Missstimmungen und Konflikte der Ehe mit hineingezogen. Die Tränen der Mutter, der Zorn des Vaters fallen schwer auf die jungen Herzen. Sehr gering ist die Zahl der Eltern, die ihre Zerwürfnisse vor den Kindern geheim halten. Ja, nicht selten wird von Seiten der Eltern an das Urteil der größeren Kinder appelliert: "Wer hat Recht, Vater oder Mutter?" Und nicht nur ausnahmsweise kommt es vor, daß sich die Eltern in Gegenwart der Kinder über die Erziehung der Kinder streiten, was ihnen zu verbieten oder zu gestatten, wie sie zu strafen oder zu belohnen seien. Der liebe, gute Herr Stephan, Lehrer einer kleinen Privatschule (ich werde nachher noch von ihm reden), erklärt den Kindern die zehn Gebote. Das sechste Gebot: "Du sollst nicht ehebrechen" erläutert er folgendermaßen: Kein Zwist und Unfrieden dürfe die Ehe stören, zeitlebens müssten Mann und Frau in Liebe und Frieden zusammenhalten, "wie ihr, liebe Kinder, es ja bei euren Eltern vor Augen habt." Ein Schreien der Kinder durcheinander: ,,Aber nein, nein, unsere Eltern zanken sich sehr oft, manchmal Papa und manchmal Mama.‘ "Aber, liebe Kinder," unterbricht sie der ganz konsternierte Lehrer, "das ist dann nicht ernst gemeint." – "Doch, doch – ja ganz ernst gemeint," und Mariechen Meißner ruft: "Wenn ich mir morgens die Zähne putze, dann ist nebenan schon Krach." Als Traut zu Hause die Sache erzählt, fragt die Mutter: "Du hast doch nicht mitgeschrieen, Trautchen?" "Jawohl, natürlich habe ich mitgeschrieen, ihr zankt euch doch sehr oft." *           * * Erziehung in der Schule Durch den falschen Ehrgeiz der Eltern und die pedantische Strenge der Lehrer – die in den unteren Klassen ein flinkes Ohrfeigen einschließt –, vielfach auch durch ihren Mangel an Lehrtalent, wird die Schule den Rindern zu einer Stätte des Leidens und der Langeweile, die ihre Schatten bis ins Elternhaus wirft. Die Freude aus der Schule verbannen, heißt den Kindern ihr Lebenselement rauben. Mein siebenjähriges Enkelchen findet den Tod schöner als das Leben. "Warum?" fragt man ihn. "Man muss soviel arbeiten, wenn man lebt." Die Autorität des Lehrers, die die Schuldisziplin heischt, muss auf seiner Persönlichkeit beruhen. Wo sie durch harte Maßregelungen erzwungen wird, ruft sie eine Reaktion hervor, die sich hinterrücks in Karikaturen, Spottgedichten u. s. w. gegen den Lehrer entladet. Ein Lehrer von Würde und Charakter, und der den Kindern durch den Unterricht inhaltlich Wertvolles bietet, wird fast ausnahmslos von ihnen respektiert und, verbindet er Güte mit diesen Vorzügen, auch geliebt. Ein meiner Meinung nach wundervolles Prinzip herrscht in den Landerziehungsheimen, von denen ich am Schluss sprechen werde. Jeder anzustellende Lehrer hat eine Probezeit vor den Kindern abzulegen, und kein Lehrer wird angestellt, den die Kinder nicht wollen. Es gibt Väter oder Mütter, die, wenn ihre Kinder ein fehlerhaftes Diktat geschrieben oder in der Klasse heruntergesetzt sind, sie hart anlassen, so daß die Kinder nach einem solchen Schicksalsschlag, schon immer ganz verängstigt, mit geknickten Flügelchen nach Hause kommen. Und sie konnten es doch nicht besser machen. Trautchen – sie war die zweite in der Klasse – war wegen eines Fehlers im Diktat vierte gekommen. Das väterliche Donnerwetter brach los: keine süße Speise sollte sie bekommen, u.s.w. Das Kind – ein sehr sensitives – bekämpft erst tapfer seine Tränen, dann aber bricht es in ein wildes, krampfhaftes Schluchzen aus. Ich hörte einen Vater zu seinem neunjährigen Sohn sagen: "18 Fehler im Diktat sind ein Verbrechen." Ach Gott! Wo ein milder, gütiger Lehrer seines Amtes waltet, gehen die Kinder sehr gern in die Schule. Ich erwähnte schon des Lehrers Stephan, der in seinem Privatschülchen Knaben und Mädchen zwischen 6–9 Jahren gemeinschaftlich unterrichtet. Die Eltern meinen, der Herr Stephan wäre zu milde. Freilich ist er ebenso sparsam mit Tadeln wie verschwenderisch mit Loben. Schier unglaublich ist die Zahl der Lobe, die die Kinder mit nach Hause bringen. Eines Tages bekam Trautchen ein Lob, nicht gerade, weil sie letzte gekommen war, sondern – weil sie darüber nicht geweint hatte. Eine pädagogische Feinheit des Lehrers, denn das herzliebe Trautchen ist ein überempfindliches Kind; eine Feinheit, der der Gedanke zugrunde liegt, daß man Fehler nicht nur mit Tadeln, sondern auch mit Loben korrigieren kann. Der Herr Stephan verkehrt mit den Kindern wie ein lieber, guter Onkel; die Kleinen dürfen sagen, was sie denken. Kein Zwang bindet ihre Zünglein. Auch kleine Scherze streut er gern in den Unterricht. Otto und Trautchen haben jedes nur einen halben Fehler im Diktat. Der Herr Stephan sinnt: "Ja, wer kommt Erster? wie machen wir es? Wir wollen losen!" Trautchen zieht das längste Los. "Herr Stephan, Herr Stephan," ruft Ottolein, "Sie haben doch nicht gemogelt?" Der milde Verweis, den der Knabe davontrug, hat wahrscheinlich nicht weniger gewirkt, als wenn eine harte Strafe dem Kind Tränenströme entlockt hätte. Und in diesem Schülchen lernen die Kinder gut und schnell. Die Nivellierung der Eigenart der Kinder wird in den Schulen angebahnt, teils durch die starre Schuldisziplin, und die von jeder Individualisierung absehende, gleichmäßige Behandlung der Kinder, teils durch die Einwirkung der Kinder aufeinander. Es herrscht in den Schulen eine Massensuggestion, ungefähr wie bei Volksmengen. Ob diese Suggestion als eine herabziehende oder hebende Kraft sich zeigt, hängt von dem Gesamtgeist der Schule ab, und dieser wieder von ihrem Leiter. Freilich mag es selbst für die edelgesinntesten, intelligentesten Direktoren ungeheure Schwierigkeiten bieten, in einer Schule mit Dutzenden von Lehrern und Hunderten von Kindern ihre etwaigen idealen Intentionen zur Geltung zu bringen. Aber die Schule von heute wird nicht die Schule der Zukunft sein. Bei all ihren Worten und Handlungen dürften die Lehrenden nie vergessen, daß sie nicht nur Lehrer, sondern auch Erzieher im besten und höchsten Sinne sein sollen. Wenn die Knaben sehen (und Kinder sehen und hören fein und scharf), wie der Lehrer die Kinder vornehmer Eltern vorzieht, wie er jüdische Kinder zurücksetzt, wie er plötzlich, wenn der Schulrat oder der Direktor erscheinen eine andere Haltung annimmt, so ist das eine praktische Lehre, die ganz anders direkt und stärker wirkt, als alle Moralreden in den Religionsstunden. In einer süddeutschen Schule wurde vorübergehend ein kleiner Prinz unterrichtet. Einer der Schüler, Erwin D., benimmt sich unartig gegen das vornehme Kind. "Wünschen Sie, Prinz," fragt der Lehrer das Fürstenkind, "daß ich den Erwin bestrafe?" Ruth (das Kind mit der französischen Bonne, siebenjährig) erzählt zu Hause: der Lehrer verlange, daß sie auch zu Hause viel beten und allsonntäglich zur Kirche gehen sollen. "Ich finde," sagt sie zur Mutter, "wenn man einem die Frömmigkeit anzwingen will, so wird man von die ganze Religion degoutiert." *           * * Einwirkung der Schüler aufeinander. Kaum haben die Bübchen Schulluft gerochen, so nehmen sie all die unter Schuljungen üblichen Rohheiten und Vorurteile an. Ich gehe mit dem Söhnchen einer Verwandten spazieren. Mein Hänschen gebraucht unanständige Worte, und als ich das hässlich finden will, versichert er ganz ernsthaft, so rede man eben in der Schule, und wer es nicht täte, dem ginge es schlecht. Einem vorübergehenden, stark hinkenden Knaben ruft er "Humpelmeier" nach. "O, pfui," sage ich. "Nein, gar nicht pfui. Sie nennen ihn alle Humpelmeier, und tu ich‘s nicht, so sagen sie: der will sich dicke tun." Eine leichte Scham schien ihn doch zu überkommen, denn er setzte hinzu: "Er ist ja auch schuld daran, daß ihm der Fuß abgenommen wurde, warum ist er über den Damm gelaufen, gerade als die Pferdebahn kam." Diejenigen Knäbchen der untersten Klasse, die bis dahin zu Hause vielleicht zierliche Anzüge getragen, verwerfen sie trotzig. Sie wollen aussehen, wie die anderen Buben auch, je derber und je geschmackloser, desto besser. Erich bekommt eine Frühstücksbüchse, auf der steht "Guten Appetit", und er hat sich so sehr darüber gefreut und konnte es gar nicht erwarten, sie in Gebrauch zu nehmen. Die hartherzigen Buben in der Schule haben ihn aber so ausgelacht und gehänselt, daß er sie mit Tränen im Herzen (denn in den Augen darf ein echter Lateinschüler keine mehr haben) beiseite stellt. Daß im kameradschaftlichen Schulverkehr der Kinder den Feigen Mut, der "Petze" Anständigkeit eingebläut wird, gehört zu den guten Seiten dieses Verkehrs. Es erhöht die ethische Einwirkung der Schule nicht, wenn man durch die niedrige Einschätzung des Charakters der Kinder ihr Ehrgefühl antastet, sie zu innerer Auflehnung reizt. Daß die Eltern sich selten gegen solche moralischen Herabsetzungen wehren, ist verwunderlich. Es unterbleibt wohl aus Furcht, durch eine Beschwerde den Kindern von seiten des betreffenden Lehrers eine unfreundliche Behandlung zuzuziehen. In einem mir bekannten Fall ließ es sich der Vater allerdings nicht gefallen. Der Lehrer brachte die Ungebühr, die sich ein Knabe hatte zuschulden kommen lassen, durch einen Zettel zur Kenntnis des Vaters. Diesen Zettel musste ein Mitschüler, in Gegenwart des Delinquenten, dem Vater überreichen, da, wie der Lehrer sagte, der Knabe den Zettel sicher unterschlagen haben würde. In einem sehr energischen Brief – der ohne Antwort blieb – verbat es sich der Vater, seinen Sohn für einen Betrüger zu halten. In einer Mädchenklasse teilt ein Kind der Lehrerin wahrheitsgetreu mit, aus welchem Grunde sie eine bestimmte Arbeit nicht machen konnte. "Lügenhafte Ausreden," schreit die Lehrerin sie an, "ich schicke deiner Mutter per Post einen Brief zu, denn" (zu der Klasse gewendet) "ihr würdet solche Briefe ja doch unterschlagen." Das neunjährige Kind geriet – allerdings erst zu Hause – in hellen Zorn. Das Muttchen verharrte tatenlos. Ein anderer Fall. Er ereignete sich kürzlich während der Religionsstunde in einer Mädchenklasse (natürlich außerhalb Berlins). Die Mädchen waren im Alter von 14–16 Jahren. Frieda M., eine der Schülerinnen, zeichnete sich derartig durch eine unvergleichliche Wahrheitsliebe und eine fast übernatürliche Bravheit aus, daß sie teils die Bewunderung, teils den Spott ihrer Mitschülerinnen erregte. Im übrigen herrschte in der Klasse – aus verschiedenen Gründen – eine etwas lockere Disziplin. Eine beliebte Unart der jungen Mädchen bestand darin, daß sie sich während des Unterrichts kleine Briefchen zuwarfen. Einen dieser Briefe fing der Religionslehrer – ein Geistlicher – auf. "Frieda M., du hast diesen Zettel geworfen." Das Kind verneint mit Entschiedenheit. "Du lügst," fuhr er zornig auf. Und nun geschah etwas ganz Ungewöhnliches. Die ganze Klasse erhob sich wie ein Mann und rief: "Frieda lügt niemals!" "Alte lügt ihr, alle, und ihr seid Flegel." Auch diesmal reagierte die Mutter des Kindes energisch, wozu sie durchaus berechtigt war, denn diese Mutter war in der Tat eine echte und rechte Erzieherin ihrer Kinder. Ja, hat denn die Erkenntnis – ich hielt sie für Gemeingut –, daß es den Menschen verschlechtere, wenn man ihn für schlecht hält, nur in den Schulen keinen Eingang gefunden? Und was soll ich von der Erziehung in den Privat-Mädchenschulen sagen! In ihrer jetzigen Formulierung passen sie nicht mehr in unsere Zeit, sie sind abzuschaffen. Daß die pekuniäre Existenz der Leiterin von dem Schulgeld abhängt, daß jedes einzelne Kind ihre Einnahmen erhöht, sie vermindert, wenn es abgeht, führt zu Konsequenzen, die auf der Hand liegen. Eine der Konsequenzen dieser Verquickung der finanziellen mit den Schulinteressen ist die ganz menschenunwürdige Besoldung der Lehrerin. Selbst das anspruchsloseste weibliche Wesen kann mit 130 Mark monatlich nicht existieren. In den seltensten Fällen übersteigt die Entlohnung der Lehrerin in diesen Schulen 75 Mark. Ferner: die Lehrerinnen mit der dürftigen Seminarbildung – wenn diese bei begabteren Persönlichkeiten nicht durch Selbststudium eine Aufbesserung erfährt – reichen für die höheren Klassen einer Mädchenschule nicht aus. Selbst die Ausdrucksweise einer solchen Lehrerin bleibt oft unter dem Niveau der Schülerinnen der ersten Klasse, falls diese in einem Milieu von reicher Bildung aufgewachsen sind. Es ist schier unglaublich, welchen für ihre Stellung durchaus unqualifizierten Persönlichkeiten die Leitung von Mädchenschulen anvertraut wird. Der Einfluss der Vorsteherin in der Privatschule wird in der Regel stärker sein, als der des Direktors einer städtischen Schule; denn, je geringer die Anzahl der Schülerinnen ist, je intimer und persönlicher wird sich der Verkehr zwischen den Kindern und der Leiterin gestalten, je häufiger und unmittelbarer wird ihr Eingreifen sein, wobei noch besonders ins Gewicht fällt, daß die Direktorin fast immer zugleich Lehrerin an der Schule ist. Weiter: die angestellten Lehrerinnen befinden sich in viel direkterer und persönlicherer Abhängigkeit von der Vorsteherin, als es bei den Staatsangestellten der öffentlichen Schulen der Fall ist. Sie können von ihr ganz nach Willkür entlassen werden, was eine Gefügigkeit ihrerseits ergibt, selbst solchen Maßregelungen und unwürdigen Tendenzen der Leiterin gegenüber, die sie von Herzen missbilligen. Auch führt die geringe Besoldung in den Privat-Schulen dazu, daß die besseren Lehrkräfte den öffentlichen Schulen zufallen. Eine Reihe kleiner Vorkommnisse, (sie ließen sich bis ins Unendliche vermehren) charakteristisch für die Pädagogik dieser Schulen, seien hier mitgeteilt. Die Auslegung des Schillerschen Verses "Errötend folgt er ihren Spuren," u.s.w., die eine Lehrerin den Schülerinnen gab, mag wohl einem Köpfchen von exzeptioneller Kümmerlichkeit entsprungen sein: "Die Jungfrau nämlich," meinte das Lehrfräulein, "hat soviel gelernt, französisch, englisch, und immer ist sie fleißig gewesen. Der Jüngling hingegen war faul und hat nichts gelernt, darum errötet er vor ihr." In einer andern Schule sagt ein Lehrer – er gebraucht auch mit Vorliebe das Wort "Schaute" – zu den beinahe erwachsenen Mädchen: "Ihr seid ja wahre Straßenmädchen, was müsst ihr für Eltern haben, die euch so miserabel erzogen haben!" Nicht eine sonderbare Art, den Kindern das vierte Gebot einzuprägen? Ein Kind hat ein Heft zu Hause gelassen. Die Lehrerin, die erfahren hat, daß die Kleine demnächst in eine Pension kommen wird, fährt sie an: "Gott sei Dank, daß du in eine Pension kommst, dann sind wir dich Gräuel los." Auf einer Landpartie, die die Klasse unternimmt, kaufen sich die Kinder Ansichtskarten. Fräulein B. verbietet es ihnen. "Überlasst das gefälligst den Gemeindeschülerinnen. Für euch schickt es sich nicht." Von der Pflege sozialer Gesinnung wird in diesen Schulen nicht ein Hauch verspürt. Es wird die Stelle aus dem Gesangbuch vorgelesen: "von Mutterleib und Kindesbeinen an." Fräulein B. bemerkt, daß ein Kind lächelt: "Du bist ja schon ein ganz verdorbenes Kind, ich müsste allen andern Kindern verbieten, mit dir umzugehen. Aus der Schule müsste ich dich jagen" u.s.w. Ein Kind kommt nach dem Tode des Vaters in tiefer Trauer zum erstenmal wieder in die Schule. "Dein Vater," herrscht die feinsinnige Lehrerin sie an, "ist gewiss aus Ärger über deine schlechten Zensuren gestorben." Dieselbe Dame warnt die Mädchen vor dem zu vielen Denken. Wer zuviel denkt, würde wie Nietzsche wahnsinnig. Den Kindern, auch denen der untersten Klasse, ist verboten, während des Unterrichts hinauszugehen, weil das "unanständig" wäre. Erst als ein paar Mal ein Malheur passiert ist, nimmt man das Verbot zurück. Ein Kind in der ersten Klasse einer Mädchenschule (natürlich außerhalb Berlins) trägt das Haar unordentlich in die Stirn gekämmt. "Du siehst ja aus," sagt die Lehrerin, "wie eine Konfektioneuse oder wie ein Mädchen aus der Friedrichstraße." (Ich möchte beinah annehmen, daß die Lehrerin selbst die Bedeutung dieser Worte nicht kannte.) Das unschuldige Kind geht zu allen Mitschülerinnen, ob sie ihr nicht sagen können, was das heißt: "Mädchen aus der Friedrichstraße." Die Eltern nehmen das Kind aus der Schule. Am andern Tage fragt das Fräulein die Schülerinnen der Klasse: "Na, ihr freut euch doch gewiss, daß Erna fort ist?" "Ja" antworten die Feiglinge. Die Privat-Mädchenschulen sind – nicht alle selbstverständlich – Pflegestätten des Antisemitismus. In, einer dieser Schulen ist immer die Rede. davon, welches Kind Jüdin ist und welches nicht. "Darfst du mit einer Jüdin umgehen, Lili?" – "I, bewahre." "Ich auch nicht." Fast unglaublich erscheint die Äußerung, zu der sich ein Lehrer im antisemitischen Feuereifer hinreißen ließ (natürlich außerhalb Berlins). Gelegentlich einer Erörterung des modernen Dramas teilte er den jungen Mädchen mit: In einem der großen Berliner Theater habe der Direktor die Rolle einer frommen Christin von einer Jüdin darstellen lassen, um sich die Protektion der reichen Berliner Jüdinnen zu sichern. Gehört es nicht zu den überall propagierten Ideen, daß Schule und Haus Hand in Hand gehen sollen? Die Mütter scheinen diese Ideen in das Repertoire ihrer ethisch-pädagogischen Vorstellungen noch nicht aufgenommen zu haben. Ihre Gleichgültigkeit oder wenigstens Gleichmütigkeit und Tatenlosigkeit Fehlgriffen der Schule gegenüber, die einer ethischen und intellektuellen Entwicklung ihrer Töchter direkt entgegenwirken, entrüsten den Anwalt der Kinder. Zweifellos gibt es auch Privat-Mädchenschulen, in denen ein edler Geist herrscht, in denen es den bestimmenden Persönlichkeiten mit der Charakter- und Intelligenzbildung der weiblichen Kinder Ernst ist. Ebenso zweifellos aber ist es, daß sie in der Minorität sind. Das Morgenrot einer besseren Zeit für die weibliche Kultur scheint anzubrechen. Endlich haben zwei Vororte Berlins die Konzession erhalten zu einem – halben Gymnasium. Gymnasialkurse bestehen in Berlin, ich glaube seit 6–7 Jahren. Die Wehen, die der Geburt dieser Halbgymnasien vorausgingen, waren schwere. Daß es nur Versuche, Experimente sein sollen, wird nachdrücklich von den Machthabern betont. Die Resultate dieser Versuche dürften kaum Beweiskraft haben. Sie sind wie ein Wettlauf, wo man der einen Partei Gewichte an die Füße hängt. Solche Gewichte sind die widersinnigen, lieblosen Gymnasialkurse, die in die Nachmittags- und Abendstunden fallen, die jungen Mädchen vom 16. bis zum 21. Lebensjahr aller geselligen Vergnügungen berauben und die außerdem störend in das Familienleben eingreifen. Andere ihrer Missstände hier zu erörtern, würde zu weit führen. Ein anderes Gewicht, wenn auch von kleinerem Kaliber, ist die Verfügung, daß in die eben erst zu errichtenden Gymnasien die weiblichen Kinder vor dem zwölften Jahr nicht eintreten dürfen, und auch nur dann, wenn ihnen ein Gesundheitsattest vom Arzt ausgestellt wird. (Für die Ehe aber würden die Nichtgesunden gesund genug sein?) Welche Schwierigkeiten und Schikanen die jetzt eingehenden zwei Privat-Gymnasialklassen zu überwinden hatten, ehe man ihre Eröffnung gestattete, ist unsagbar. Verwundert blicken wir auf den Schneckengang, mit dem man sich an den maßgebenden Stellen bei der Zulassung des weiblichen Geschlechts zu Gymnasien und Universitäten vorwärts bewegt, immer erst in langen Zwischenräumen eine winzig kleine Konzession nach der andern machend, und immer in der Stimmung, als wäre nun schon das Äußerste getan, und zwar etwas, das jederzeit zurücknehmbar wäre. Sehen sie denn nicht, diese Minister, Dekane u.s.w., daß ihr missmutiges Zurückhalten auf der einen Seite eine Ungerechtigkeit und Härte ist? denn sie errichten damit für die Vorwärtsdrängenden Barrieren, die zu überwinden für das weibliche Geschlecht einen Kraftverbrauch erheischt, der dem männlichen erspart bleibt. Und auf der andern Seite bekunden sie mit ihrem Verfahren die sonderbare Naivität, hindern zu wollen, was kein Sterblicher zu hindern vermag; eine Zukunftsblindheit, die nicht ahnt, daß dem Schritt, den sie heute tun, morgen ein zweiter, übermorgen ein dritter folgen muß . Sie taten aber auch den ersten Schritt nicht freiwillig! Wenn es von ihrem Willen abhinge, würde nie eine Frau die Schwelle der Universität überschritten, würde nie ein weibliches Kind in einer Gymnasialklasse gesessen haben. Sie sind von ihrem Standpunkt, daß die Frau ins Haus gehöre, noch nicht um eines Fingers Breite abgewichen Wir brauchen Uns nur an ihre eigenen, im Reichstag gesprochenen Worte zu halten. Nicht freiwillig? Wer zwingt sie, gegen ihre Überzeugung zu handeln? Etwa die Agitation der Frauenrechtlerinnen? Nein. Sie sind die Handlanger einer unabweisbaren Notwendigkeit. Sie werden vergewaltigt von einer Macht, die, Waffen- und wehrlos, niemals kämpft und immer siegt, die immer entflieht und doch immer da ist. Selbst ohne Willen und Wollen bricht an ihr sich jeder Wille wie Glas. Diese Allgewaltige ist die Zeit, ist die Kulturentwicklung über allem wilden Streiten schreitet sie ruhig und unaufhaltsam vorwärts, mit einem Schritt von Erz, in der Rechten eine Fackel, die in alle Weltwinkel hineinleuchtet. Auf ihren sausenden Flügeln trägt sie Tod und Geburt. Das Tote bleibt hinter ihr. Was sie geboren, lebt weiter, trotz aller Minister und Universitätsdekane. Es gibt für unsere Gegner kein Entrinnen. *           * * Erziehungsheime. Wenn nun in der Regel nicht die Mütter, nicht die Väter, nicht die Lehrer (Lehrer sind nur ausnahmsweise Erzieher) die rechten Jugendbildner sind, wo finden wir sie? Vorläufig kaum irgendwo, es sei denn, daß ein Glück wie aus der Götter Schoß (es heiße Vater, Mutter oder Lehrer) dem Kinde hold ist. Im Schoß der Zukunft aber ruhen noch soviel Erleuchtungen, zu erhellen, was heut noch dunkel ist. Einen Schimmer dieses Lichts der Zukunft zu erspähen bin ich nicht die erste. Ich sehe eine priesterliche Kaste von Erziehern erstehen, Erziehern, wie ähnlich der Griechenjüngling sie in Plato und Sokrates fand, wie sie vorläufig nicht existieren, aber in Zukunft existieren können und werden. Der Stand der Erzieher müsste der vornehmste der Nation sein, ein ehrfurchtheischender. Soll der Dichter mit dem König gehen, um wie viel mehr der Jugendbildner, denn ein Seelenschöpfer ist er, dem kein größter Dichter sich vergleichen darf. Es schweben mir ideale Erziehungshäuser vor, es können auch Villen oder Paläste sein, säulengetragene meinetwegen, hohe sonnige Räume mit großen Gärten, die Wände mit Kunstwerken bedeckt, Fresken, die zugleich als Lehrmittel für die Geschichte dienen könnten. Es brauchte nicht gerade eine Massenerziehung zu sein. Den subtilsten Gliederungen wäre freier Spielraum zu lassen. Bei der Erziehung im elterlichen Hause sind die Kinder der Willkür einzelner preisgegeben, sie mögen sein, wie sie wollen, bös oder gut, dumm oder klug. Soll eines Kindes Schicksal immer von der Zufälligkeit einer mütterlichen Subjektivität abhängen? Von der unberechenbaren Impulsivität einer unentwickelten Intelligenz, oder der beschränkten Rückständigkeit einer Philisterseele? Da sagt eine Mutter etwa: Ich erziehe meine Tochter einzig und allein zur Hausfrau und Mutter, alles andere ist Schnickschnack. Nun aber kriegt die Tochter – die arm ist und nicht hübsch – keinen Mann, und sie kriegt kein Kind, – was nun? Iphigeniens Monolog: "Der Frauen Schicksal ist beklagenswert" auswendig lernen? ein schwacher Trost. Nicht die Beschaffenheit der Mutter, – nein, diejenige des Kindes soll für seine Erziehung maßgebend sein. Wahrlich, die Zahl der Elternhäuser ist klein, über deren Pforten die Worte stehen könnten: "Nur das Beste ist gut genug für meine Kinder." Wären die Eltern aber auch intelligent und edelgesinnt, sie könnten doch der Vielseitigkeit einer idealeren Erziehungsweise nicht annähernd gerecht werden, einer Erziehung, die, wenn wir auch von der Erwerbung von Kenntnissen absehen, die ganze ethische und ästhetische, körperliche und intellektuelle Entwicklung des Kindes, seine Charakter- und Gemütsbildung in sich schließt, und die von dem Erzieher nicht nur die erlesensten Geistes- und Gemütsqualitäten verlangt, sondern auch, daß er von Gott und Natur die Weihen zu seinem königlichen Amt empfangen, das heißt, daß er der geborene Pädagoge, daß die Erziehung sein Daseinszweck sei. In den Erziehungsstätten würden die Kinder nach den höchsten Erkenntnissen, die die Zeit überhaupt zu bieten imstande ist, erzogen werden, immer unter der Voraussetzung, daß ihre Leiter auf der Menschheit Höhen wandeln, daß ihr Geist frei und hoch, ihr Gemüt groß und rein ist. In dem Erzieher muss gewissermaßen die verdichtete Liebe all der Mütter sich finden, deren Kinder er zu bilden hat, eine Liebe, die frei sein wird von den Schlacken, die das Gold der Mutterliebe verdunkeln, frei von Eitelkeit, Ehrgeiz, von Besitzesstolz und selbstischem Genießen. Die Liebe des Erziehers wird eher vergleichbar sein der Hingegebenheit des Künstlers an sein Werk. Die Erzieher werden, um ein Wort Nietzsches zu gebrauchen, "die männlichen Mütter sein." Damit soll absolut nicht gesagt sein, daß die Erziehenden der Zukunft nicht auch Frauen sein dürfen. Mir scheint vielmehr, daß der Frauen feine Klugheit, wenn eine voll entwickelte Intellektualität sie erst vertieft haben wird, daß die Schärfe und Flinkigkeit ihrer Beobachtung, ihr Wirklichkeitssinn, daß die Geduld, Güte, Gemütskraft, die man ihnen nachrühmt, sie recht eigentlich zu Erzieherinnen der Zukunft prädestinieren, im Gegensatz zu den erziehenden Müttern der Gegenwart. Freilich, selbst in den vornehmsten Erziehungsstätten kann nicht jeder einzelne Lehrer oder jede Lehrerin den höchsten Anforderungen entsprechen, aber der Geist des Ganzen wird jedes einzelne Glied durchdringen. Der Leiter oder die Leiterin wird dem Kapellmeister gleichen, der dem Orchester Ton und Rhythmus gibt. Eine Utopie? Ja, aber eine Utopie ist alles, was jenseits eines Berges von Schwierigkeiten liegt. Die herrlichsten Wirklichkeiten unserer Zeit sind einmal für Utopien gehalten worden. Als ich mit einer Mutter von dieser Erziehungsweise reden wollte, unterbrach sie mich: "Ich habe meine Kinder geboren, es sind meine Kinder, und ich will auch meine Freude an ihnen haben," eine Meinungsäußerung, die wohl so ziemlich allen Müttern aus der Seele gesprochen ist. Darauf wäre der Mutter zu erwidern: Erstens, daß du die Kinder geboren hast, daran kommt dir kein Verdienst zu; du folgtest damit nur dem Naturtrieb der Fortpflanzung, ob feinere oder gröbere Erotik ihm zugrunde lag. Sage selbst, müsste deine Mutterfreude nicht wachsen im Verhältnis zum intellektuellen und seelischen Wachstum des Kindes? Ist die Freude am Kinde nur auf die räumliche nächste Nähe beschränkt? In allen Zungen preist man die Opferfreudigkeit der Mutter, und sie versagt bei dem Kernpunkt, da, wo es sich darum handelt, der Entwicklung des Kindes einen grenzenlosen Spielraum zu gewähren? Sie versagt, weil die Mutter eine Beeinträchtigung ihrer Freude an dem Kinde fürchtet? Zweitens: Ein Teil der Mutterfreuden besteht darin, daß die Kinder Tätigkeitsobjekte für die Mutter sind. Unser Herz wächst allmählich in unsere Tätigkeit hinein. Wenn ich als Malerin meine Kräfte der Aufgabe widmete, Kinder zu malen, anstatt sie zur Welt zu bringen, würde ich auch die gemalten Kinder zärtlich im Gemüte hegen. Das krasseste Beispiel eines leidenschaftlichen Genießens der eigenen produktiven Arbeit liefert jener Goldschmied, der die Käufer seiner Schmucksachen ermordete, weil er sich von seinen Schöpfungen nicht zu trennen vermochte. Drittens: Die Beeinträchtigung der Mutterfreuden durch die Erziehungsheime ist möglich; sicher und unvermeidlich ist sie nicht. Es kann keine Rede davon sein, daß durch die Erziehungsstätten die Eltern außer Verkehr mit ihren Kindern gesetzt werden. In welcher Art dieser Verkehr zu regeln wäre, wer wollte das heute sagen! Ich meine aber, wo ein natürliches, gerechtes und starkes Bedürfnis vorliegt, werden sich Organisationen schaffen lassen, die diesem Bedürfnis entgegenkommen. Müssen nicht auch jetzt schon Eltern, die auf dem Lande oder in kleinen Städten leben, ihre Knaben vom zehnten oder elften Jahre an in größere Städte auf ein Gymnasium und in Pensionen schicken? Wurden die Familienbande dadurch gestört oder auch nur gelockert? Im Gegenteil, die Ferienbesuche, die Briefe, die man schreibt und empfängt, das Abschicken der kleinen Kisten mit Naschwerk und anderem hübschem Kram, der Wechsel von Trennung und Wiedersehen, – das alles knüpft die Familienbande nur um so fester und inniger. In England ist es selbstverständlich, daß ein Knabe schon vom siebenten Jahr an einem Institut übergeben wird. Kein Zwang soll auf die Mutter ausgeübt werden. Ich halte es aber für wahrscheinlich, daß selbst die zärtlichsten Mütter freiwillig ihre Kinder den Erziehungsheimen anvertrauen werden, sobald sie wahrnehmen, daß die Kinder anderer Mütter, die in diesen Anstalten erzogen wurden, die ihrigen an körperlicher, sittlicher und geistiger Kultur überragen. In absehbarer Zeit werden die Frauen das Stimmrecht haben, dann mögen sie selbst in aktiver Teilnahme an der Gesetzgebung den Werdegang ihrer Kinder mitbestimmen. Und ob im letzten Grunde, in seinen Endresultaten die selbstlose Opferfreudigkeit der Mutter nicht einer berechnenden, auf den eigenen Vorteil gerichteten Klugheit gleichkäme? Denn das Kind, das durch eine unvergleichliche Erziehung zu einem herrlichen Menschenbild geworden ist, würde der älteren und alten Mutter im reichsten Maß die Entbehrungen vergelten, die die junge Mutter sich um des Kindes willen auferlegte. Eine Utopie, sagte ich, – nein, keine Utopie mehr. Die ersten Schritte zur Realisierung idealerer Erziehungsstätten sind bereits getan. In Haubinda in Thüringen, in Ilsenburg im Harz hat Dr. Liez nach dem Muster der englischen Erziehungsanstalt Emlohstoba Landerziehungsheime ins Leben gerufen, die den neuen reformatorischen Erziehungsprinzipien die neue Form gefunden haben, die ihnen gebührt. Ober die Ideen und Prinzipien der Landerziehungsheime liegen bereits treffliche und ausführliche Schriften vor. In Ellen Keys Buch findet sich ein Verzeichnis dieser Schriften. Der Andrang zu diesen Landerziehungsheimen ist so groß, daß ihnen gerade um dessentwillen Gefahr droht, die Gefahr, daß eine der Haupttendenzen der Anstalten: die Wahrnehmung der Individualität jedes einzelnen Kindes, eine Beeinträchtigung erfahren dürfte. Und woher alle diese priesterlichen Erzieher, diese Weisen (sieben hatte ja nur das Griechenland) nehmen? Ist die Kultur an einen Punkt gelangt, wo die vorhandenen Mittel und Kräfte zu ihrer Fortentwicklung nicht ausreichen, so tun sich, wie auf den geheimnisvollen Wink unsichtbarer Kräfte hin, neue Kulturquellen auf, oft scheinbar dem Zufall entsprungene, aber: "was uns Zufall dünkt, gerade das steigt aus den tiefsten Quellen." Als die Kriegführung dahin gelangt war, mit ungeheuren Massen zu operieren, die den Einzelkampf unmöglich machten, erfand man das Schießpulver. Als für die immer steigende Anhäufung von Wissen und Erkenntnissen und das ebenso sich steigernde Verlangen der Menschen, sie sich anzueignen, die Mitteilung von Mund zu Mund und das geschriebene Wort nicht mehr genügten, wurde die Buchdruckerkunst erfunden. So werden wir, da der Mechanismus unserer Schulen von der Kultur überholt ist, die Erzieher haben, weil wir sie brauchen. Sie sind das Recht der Kinder. Eine sexuelle Frage der weiblichen Erziehung. Eine Wiener Ärztin hat kürzlich eine Schrift veröffentlicht: "Was sollen unsere erwachsenen Töchter von der Ehe wissen?" Zweck der Schrift: die Mutter der Pflicht zu entheben, ihre Töchter über die Geschlechtsverhältnisse zu unterrichten. "Lege das Büchelchen," schreibt die Ärztin, "zutrauensvoll in die Hände deiner erwachsenden oder erwachsenen Töchter, der Segen Gottes für sie und ihre Kinder wird nicht ausbleiben." Auf wenigen Seiten des Büchelchens, (der größte Teil enthält moralische Vorschriften,) gibt die Ärztin eine naturwissenschaftliche Darstellung der Fortpflanzungsvorgänge, wie sie bei den organischen Wesen von der Pflanze und den niedersten Tiergattungen an bis zum Menschen hinauf stattfinden. Dieser kurze, trockene Bericht, – er liest sich wie ein wissenschaftlicher Katechismus, – scheint mir für die angestrebte Aufklärung nicht ausreichend und nicht geeignet. Einmal, weil er der forschenden Neugierde des Kindes noch immer einen zu großen Spielraum lässt, da die Art der menschlichen Zeugung und Empfängnis nach wie vor verschleiert bleibt. Ferner: die Aufzählung und Beschreibung der Organe, die zur Fortpflanzung dienen, dürfte gerade an dieser Stelle den ästhetischen Sinn des Kindes verletzen. An anderer Stelle, etwa beim Unterricht über die körperliche Beschaffenheit des Menschen wäre sie am Platz. Drittens: ich glaube nicht, daß ein heranwachsendes, naturgeschichtlich nicht vorgebildetes junges Mädchen der trockenen Schrift Verständnis und Interesse entgegenbringen würde. Wahrscheinlich ist, daß es nach der Lektüre ebenso klug sein würde wie vorher. Meines Dafürhaltens ist bei einer so schwierig und zart zu behandelnden Materie die gedruckte Belehrung auszuschließen. Nur die mündliche Belehrung kann der Eigenart des Kindes, die maßgebend für die Form der Belehrung sein muss, kann seinen Fragen Rechnung tragen. Ich teile die Ansicht der Ärztin, daß das junge Mädchen, bevor sie in die Ehe tritt, die physischen Vorgänge des Liebeslebens kennen muss. Die ängstliche und geflissentliche Verhüllung des Ursprungs unseres Daseins, wie sie in Schule und Haus üblich ist, bewirkt das Gegenteil von dem, was damit beabsichtigt wird. Anstatt den jungen weiblichen Geschöpfen Reinheit und Unbefangenheit zu erhalten, erweckt sie in ihnen eine verhängnisvolle Neugierde, eine Aufstachelung, einen Schleier zu lüften, hinter dem das heranwachsende Rind etwas verführerisch Aufregendes, eine zwar verbotene aber begehrenswerte Frucht ahnt. – Der Apfel, der vom Baum der Erkenntnis gestohlen wird, führt meistens einen Schritt aus dem Paradies heraus. Durch eine frühzeitige Aufklärung fiele das heimlich lüsterne Spüren nach den Geschlechtsgeheimnissen – Konversationslexikon und Bibel sind die beliebtesten Quellen – das oft auf Jahre hinaus die Phantasie des weiblichen Kindes beschäftigt und vergiftet, fort. Jedes nicht ganz einfältige Kind verliert sehr früh den Glauben an den Storch, und nichts ist natürlicher, als daß es sucht, was an seine Stelle zu setzen ist. Ferner beugt eine rechtzeitige Belehrung von Berufenen der Gefahr vor, daß sie dem Kinde von Unberufenen, vielleicht in brutaler Form zuteil wird. Ich kenne einige junge Mädchen, die sich zur Ehe nicht entschließen konnten, weil sie sich von den widrigen Vorstellungen, die solche Mitteilungen in ihnen hinterlassen hatten, nicht zu befreien vermochten. Die Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit der Belehrung zugegeben, so tauchen sofort andere Fragen auf. Wer soll die Belehrende sein? Die Mutter? Ja, wenn sie die geeignete Persönlichkeit ist, das heißt: intelligent, zartfühlend, von feinstem Takt und über das nötige Wissen verfügend. Diese Eigenschaften zugleich besitzt die Mutter in den seltensten Fällen. Sie fühlt es, und schweigt deshalb fast immer, die Aufklärung bequem und zutrauensvoll dem Zufall überlassend. Man hat vorgeschlagen, die weiblichen Kinder durch Vorträge (die etwa von einer klugen Ärztin zu halten wären) über die Fortpflanzungsvorgänge zu unterrichten. Schwer zu überwindende Schwierigkeiten dürften sich dieser Belehrungsform entgegenstellen. Solange das Kind die Schule besucht, wären die Vorträge aus verschiedenen Gründen unstatthaft. Das erwachsene junge Mädchen aber hat in der Regel schon auf spürenden Schleichwegen ein halbes Wissen erworben, dessen Wirkung nicht mehr rückgängig zu machen ist, ganz abgesehen davon, daß in einem größeren Auditorium sich leicht perverse Elemente finden, die in frivoler Weise das Gehörte den andern jungen Mädchen gegenüber missbrauchen könnten. Auch würde bei Vorträgen vor einer größeren Anzahl von Kindern die durchaus gebotene Beachtung der Eigenart des einzelnen Kindes fortfallen. Mir will als das Zweckmäßigste erscheinen, daß man die Mütter oder Erzieherinnen durch Vorträge darüber belehre, wie die schwierige Aufgabe der Aufklärung des Kindes am besten und würdigsten zu lösen sei, Vorträge, die zugleich der Mutter die naturwissenschaftlichen Kenntnisse, falls sie ihr fehlen sollten, beizubringen hätten. Für intelligente und kenntnisreiche Frauen dürfte eine durch Schriften vermittelte Unterweisung ausreichend sein. Der Mutter bliebe immerhin noch anheim gegeben, den geeignetsten Zeitpunkt für die Wissensmitteilung zu wählen, der je nach der leiblichen und geistigen Beschaffenheit des Kindes ein verschiedener sein würde, der aber unweigerlich vor dem Erwachen des Geschlechtstriebes, vor der Pubertät eintreten müsste. Diesen Zeitpunkt richtig zu treffen, halte ich nicht für besonders schwer. Schon heut wird fast jede verständige Mutter, wenn ihr kleines Mädchen sie fragt, wie die Kinder zur Welt kommen, – da das mit dem Storch doch Unsinn wäre, – dem Kinde die ungefähren Geburtsvorgänge mitteilen. Eine solche Frage stellt das Kind gewöhnlich zwischen dem 6. und 8. Jahr. Die Kinder pflegen – was jede Mutter bestätigen wird – die Mitteilung ohne besondere Verwunderung oder Erregung hinzunehmen als eine einfache Tatsache, die fernerhin weder ihre Gedanken noch ihre Phantasie beschäftigt. Und so meine ich, müsste auch die so sehr viel subtilere Aufklärung über die sexuellen Beziehungen stattfinden, sobald das Kind die darauf bezügliche Frage an die Mutter richtet. Das weibliche Kind merkt sehr bald, daß man verheiratet sein muss, um Kinder zu haben. "Was hat der Mann dabei zu tun?" ist die Frage, die das Kind in irgend einer Form unfehlbar eines Tages an die Mutter richtet, wenigstens in all den Fällen, wo nicht ein allzustrenges Respektsverhältnis die herzlich intime Vertrautheit zwischen Mutter und Tochter hemmt. Meiner Erfahrung nach wird diese Frage in der Regel zwischen dem 10. und 12. Lebensjahr, zuweilen noch früher gestellt. Die Aufklärung muss einfach und klar sein, ohne moralisierendes Beiwerk und allzu poetische Ausschmückung, das Hauptgewicht darauf legend, daß Zeugung und Empfängnis auf einem Naturgesetz beruhe, dem alle organischen Wesen unterworfen sind und das die Fortexistenz der Menschheit bedingt. Bei Halbheit und Verschleierung der Vorgänge würde abermals der ausschweifenden Phantasie, dem lüsternen Forschen des Kindes Tor und Tür geöffnet sein. In dem Carpenterschen Buch: "Wenn die Menschen reif zur Liebe werden," das kühn und klar, vom ethischen Geist getragen, das Problem der Liebe behandelt, findet sich im Anhang eine wenige Seiten umfassende Übersetzung aus dem französischen Werk: "La révendication des droits feminins" über das vorliegende Thema. Die darin gegebene Belehrung ist so klar, und zartsinnig, daß kaum Besseres an ihre Stelle zu setzen wäre. Ich gebe die Hauptstelle der Übersetzung hier wieder. Der Autor analysiert in der Botanikstunde seinem Töchterchen eine Pflanze wie folgt: "Ich zeigte ihr die Schönheit der Farbe, die zarte Nuance, die Verschiedenheit der Teile, aus denen die Blume bestand. Nach und nach sagte ich ihr, wie diese Teile genannt würden. Ich zeigte ihr den Pollen, der wie ein schöner Goldstaub an ihren rosigen kleinen Fingern klebte. Ich zeigte ihr unter dem Mikroskop, daß dieser Staub aus einer unendlichen Zahl winziger Samenkörner bestand. Ich ließ sie den Stempel näher untersuchen und zeigte ihr am Ende des Kanals den Fruchtknoten, den ich "ein kleines Haus voll winzig kleiner Kindlein" nannte. Ich zeigte ihr, wie der Pollen am Stengel klebte, und sagte ihr, daß, wenn der Blütenstaub einer Blume vom Wind oder von den Insekten fortgetragen würde und auf den Stempel einer anderen Blüte fiele, die kleinen Samenkörner stürben und ein winziger flüssiger Tropfen durch den Kanal in das kleine Haus dringe, wo die winzigen Kindlein wären, und daß die winzigen Kindlein lauter kleine Eierchen wären, daß in jedem dieser kleinen Eier eine fast unsichtbare Öffnung sei, durch die ein wenig von dem kleinen Tropfen dringe, und daß, wenn dieser Tropfen des Samenstaubes sich mit einem anderen wundersamen Staube, der im Ovarium läge, vermische, beide vereint Leben geben und die Eier sich entwickeln und zu Samen oder Früchten werden. Ich habe ihr Blüten gezeigt, die nur einen Stempel und andere, die nur Stämme hatten. Und ich sagte ihr lächelnd, daß die Stempel gleichsam kleine Mütter und die Staubfäden gleichsam kleine Väter der Früchte seien. . . . Nun mag mein kleines Mädchen mir, sobald sie will, die so gefürchtete Frage stellen, ich werde sie nur an die Botanikstunden erinnern müssen und einfach hinzufügen: Ganz dasselbe geschieht den Menschen, nur mit dem Unterschied, daß, was von den Pflanzen unbewusst getan wird, von uns bewusst geschieht; und daß unter Menschen, die so sind, wie sie sein sollen, man sich nur mit dem Menschen vereinigt, den man liebt." Meine Überzeugung ist, daß eine solche Aufklärung – immer vorausgesetzt, daß die Form eine würdige und weise sei, und daß sie vor der Pubertät stattfinde – ebenso wenig als es früher die Belehrung über die Geburtsvorgänge tat, eine schreckhafte oder außergewöhnliche Erregung bei dem Kinde hervorrufen wird. Ich weiß von wahrhaft tragischen Geschehnissen, die bei der Ehevollziehung infolge der völligen Unwissenheit des jungen Mädchens sich abspielten. So manche Jungfrau, wäre sie wissend gewesen, sie würde gerade dem Gatten, zu dem man sie vielleicht überredete, niemals die Hand gereicht haben. Es kommt vor, daß Mütter – es mögen Ausnahmen sein – dem Töchterchen absichtlich verhehlen, was die Ehe ist, damit die Tochter den Mann, gewöhnlich den reichen Mann, der den Eltern erwünscht ist, nicht zurückweise. Ich verkenne das Gewicht der Bedenken nicht, die sich gegen das frühzeitige Wissen des weiblichen Kindes erheben, die Besorgnis nämlich, daß bei den jungen wissenden weiblichen Wesen sich eine scheue, den harmlosen Verkehr hemmende Befangenheit dem Mann gegenüber einstellen werde. Hierauf wäre zu entgegnen, daß die völlige Unkenntnis der sexuellen Dinge bei erwachsenen Mädchen auch ohne sachgemäße Belehrung Berufener selten ist, bei klugen und geweckten Mädchen bildet sie wohl die Ausnahme. Und ein ungenaues halbes Wissen dürfte die Phantasie des jungen Geschöpfes mehr beschäftigen, seine Sinne mehr reizen, als ein klares, objektives Wissen. Eine zopfige Prüderie, die auch heut noch in maßgebenden Kreisen der Metropole der Intelligenz herrscht, veranlasste kürzlich einen Vorfall, der eine Anzahl von Kinderherzen bis zu schmerzlicher Betrübnis erregte und der nur darauf beruhen konnte, daß man die Geheimhaltung der Geschlechtsvorgänge den jungen Mädchen gegenüber für geboten hält und ihre Unkenntnis derselben voraussetzt. Ein inspizierender Schulmann bemerkte, daß die Leiterin einer Privatklasse, eine verheiratete und studierte Frau, guter Hoffnung war. Am andern Tag ging ihr die strenge Weisung zu, sofort von ihrer Stellung zurückzutreten. Sämtliche 15 Kinder, sie waren zwischen 12 und 15 Jahr alt, wussten, daß ihre vielgeliebte Lehrerin Mutterfreuden erwartete, und die Folge: sie überboten sich in Aufmerksamkeiten gegen die junge Frau und zeigten in rührender Weise, wie ganz sie die Situation begriffen. Die Annahme, daß ein ästhetisches Bedenken obwaltete, war wohl ausgeschlossen, einmal, weil die Reformtracht der jungen Frau die Auffälligkeit der äußeren Erscheinung nahezu beseitigte, und dann – ob nicht auch männliche Lehrer zuweilen mit ihrem Leibesmaß über die Stränge der Ästhetik schlagen? Ich bin der Ansicht, daß in Zukunft durch eine einfachere, weniger in unlauterer Geheimnistuerei herumschleichende Auffassung des physischen Liebeslebens der allzubreite Raum, den es bisher im Leben oder in der Phantasie des Weibes eingenommen hat, eine Einschränkung erfahren wird, zu Gunsten der Entfaltung höherer Kräfte. , Die Mutter der erwachsenen Tochter Schon von dem schulpflichtigen Alter an wird eine Distanz zwischen Mutter und Kind bemerkbar. Die Liebe wird verquickt mit Sorgen und Enttäuschungen aller Art, die nie mehr aufhören, sich vielmehr mit dem zunehmenden Alter des Kindes zu steigern pflegen. Die Mutterliebe entäußert sich allmählich ihres stürmischen Charakters in dem Maß, als das Kind seiner Hilflosigkeit entwächst, und des Kindes früher so leidenschaftliche Hingabe an die Mutter weicht anderen Interessen. Schon das zehnjährige Knäbchen fühlt sich durch eine Liebkosung der Mutter in Gegenwart seiner Kameraden beschämt. Und nur allzuschnell ist der Zeitpunkt da, wo das heranwachsende Kind nicht der Mutter, sondern sich selbst gehören will, wo es seinen Willen an dem ihren misst. Es ist noch nicht allzu lange her, da bestimmten Sitte und Gewohnheit das Schicksal der Töchter. Das Schicksal hieß: das Haus, der Gatte, das Kind. Was darüber hinausging, war vom Übel und stürzte irgend welche Altäre: Religion, Natur, die Weltordnung. Fand die Tochter nicht den Gatten, der ihr eine geistige und materielle Existenz schuf, so verfiel sie mit den Jahren oft genug der Hysterie oder einer stumpfen Resignation, wie es Gabriele Reuter in ihrem Buch "Aus guter Familie" so meisterhaft schildert. Dieses Zeitalter geht auf die Neige. Langsam vollzieht sich unter unseren Augen eine der größten Reformationen, so sacht und allmählich, daß die Majorität es kaum wahrnimmt oder doch diesen "Sturm im Glase Wasser" für eine vorübergehende Erscheinung hält. Auch das Verhältnis zwischen Mutter und Kind, ihre gegenseitigen Rechte und Pflichten werden in diesen Evolutionsprozess hineingezogen und gehen einer Neuwertung entgegen. Die heutigen Mütter stehen mit wenigen Ausnahmen noch in den Anschauungen der alten Zeit, Anschauungen, die den erwachsenen Kindern nicht gerecht werden. Die Erziehungskunst, selbst pädagogisch veranlagter Mütter, die sich an den kleinen und kleineren Kindern bewähren mag, versagt fast immer an den Heranwachsenden und Herangewachsenen. Zwar opfert kein Vater mehr seine Tochter auf Befehl Gottes, nicht mehr sind Flüche und Vergewaltigungen an der Tagesordnung (obwohl sie noch vorkommen). Die Töchter aber werden vielfach noch immer althergebrachten Sitten und Vorurteilen, den Willensbestimmungen der Eltern geopfert. Ob nicht heut noch in der Gesinnung der Eltern, die eine Tochter verheiraten, eine Reminiszenz jener alten Zeiten erkennbar ist, wo die Eltern Gewinn aus der Tochter zogen, wo der Bräutigam einen Preis für die Braut bezahlte, je nach ihrem Wert, für die wohlbeleibte mehr als für die magere? (Heut würde das Preisverhältnis ein umgekehrtes sein.) In der Tochter will die Mutter eine zweite Auflage ihres Selbst erleben; ihren Lebensauffassungen, ihren Werturteilen soll das erwachsene Mädchen sich anpassen, und ist es nicht willig, so gebraucht sie die Gewalt der mütterlichen Autorität, eine erziehliche Aufdringlichkeit, die fast auf Hypnotismus hinausläuft und gegen welche die Tochter im tagwachen Zustand sich auflehnt, freilich nur dann, wenn sie selbstdenkend, selbstwollend, wenn sie eine Eigene ist. Dutzendmenschen oder untergeordnete Naturen folgen – um Nietzsches Wort zu gebrauchen – dem Herdentrieb und pflegen sich kampflos der Schablone einzufügen. Die Mutter setzt mühelos ihre Absichten durch, wo Natur und Art der Tochter mit ihr im Bunde ist. Sind aber die Wesensrichtungen von Mutter und Tochter verschiedene oder gar entgegengesetzte, so ist der Boden geschaffen für geheime und offene Konflikte, für kleine Zerwürfnisse und große Zwietrachten, die für beide Teile eine zwecklose, das Gemüt verödende Kraftverschwendung bedeuten. Das Gruppenbild von Mutter und Tochter, das so recht nach dem Herzen Gottes sein könnte, wird verzerrt. Wenn die Mütter aufrichtig sein wollten – sie sind es nicht, weil sie den Verlust des Heiligenscheines der Mutterliebe fürchten –, so würden sie zugeben, daß sie in den weitaus meisten Fällen, die in ihrem inneren Leben selbständig gewordene Tochter aus dem Hause wünschen, nicht aus mangelnder Mutterliebe: es ist vielmehr die Schuld der Tochter, wenn man Schuld nennen kann, was die naturgemäße Entwicklung einer Persönlichkeit mit sich bringt. So um das zwanzigste Jahr herum (der Zeitpunkt wechselt natürlich je nach ihrer Eigenart) wird in der Jungfrau eine Unbefriedigtheit bemerkbar. Sie weiß nicht mehr recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. In den ersten Jahren ihres Erwachsenseins reichen allenfalls die Neuheiten des gesellschaftlichen Treibens, Flirt, Toilette, Theater, dilettierende Kunstübungen aus, um Geist und Gemüt des jungen Menschen zu beschäftigen. Je begabter aber ein Mädchen ist, desto schnel1er tritt die Reaktion ein, der Überdruss an der banalen Ziellosigkeit ihrer Existenz. Sie wird nervös, anspruchsvoll, übellaunig, zu Opposition geneigt, unbequem. Sie passt nicht mehr in das Haus, dem die Mutter, nicht sie, das Gepräge aufdrückt. Das Haus ist das Reich der Mutter. Sie liebt keine Mitregentin. Und heimlich trägt sie es der Tochter nach, daß sie noch immer "den Mann" nicht gefunden hat. Der Mann für die Tochter ist die Achse, um die sich – mit Recht – alle mütterlichen Gedanken drehen, und nicht nur die mütterlichen; der Mann (der besonders, der nicht kommen will) zieht das ganze Haus in Mitleidenschaft, Brüder, Tanten, Großmütter, und ist eine Urgroßmutter da, auch die. Der Jüngling gehört, sobald er die Universität bezieht oder in ein Atelier, eine Werkstatt, ein Geschäft tritt, sich selbst an, modelt sein Leben nach seinem Willen. Wie stark das Freiheitsbedürfnis in jungen Menschen ist, geht daraus hervor, daß sie, selbst wenn das Elternhaus ihnen eine unvergleichliche Behaglichkeit bietet, lieber in einer fremden Stadt als im Heimatsort ihre Studien beginnen. Und zwingen die Verhältnisse den Jüngling, im elterlichen Hause zu bleiben, so erhält er wenigstens – als Symbol der Freiheit – den Hausschlüssel. Die Welt steht ihm offen, soweit sein Wechsel reicht. Die Tochter aber bleibt in strenger Abhängigkeit von den Eltern. Sie darf – wenigstens in den höheren Schichten der Gesellschaft – nicht einmal allein über die Straße gehen. Früher wurde diese enge Gebundenheit an das Elternhaus und die elterliche Autorität von dem jungen Mädchen leidlich ertragen. Die Auffassung von der Unabwendbarkeit des Frauenschicksales beschwichtigte den inneren Aufruhr und die äußere Auflehnung. Dieser Glaube an eine unentrinnbare Notwendigkeit ist im Entschwinden. Die erwachsene Tochter erkennt das Eigentumsrecht der Mutter an ihrer Person nicht mehr willig an. Früher hatten wohl die Söhne mit den Eltern um die Durchsetzung ihrer Persönlichkeit gerungen. Die Töchter – von Ausnahmefällen abgesehen – nicht. Nun aber revoltieren auch die Töchter. Die temperamentvollen, starken Naturen oft in herber Form. Bei den sensitiveren, schwächeren sehen wir ein allmähliches Auseinanderleben von Mutter und Tochter. Wenn die erwachsene Tochter vor die Wahl gestellt wird, von der Mutter immer weiter abzurücken oder von sich selbst, das heißt, ihr Eigenleben aufzugeben, so erscheint ihre Selbstbehauptung als das Einfache, Natürliche, Selbstverständliche, denn der Selbsterhaltungstrieb gilt sowohl für das physische wie für das seelische Dasein. Jede herrschsüchtige, vorurteilsvolle, beschränkte Mutter kann ihren Kindern – trotz aller Mutterliebe – Steine auf den Lebensweg werfen. Und je willensstärker, prinzipienfester diese Frau ist, um so verhängnisvoller wird ihr Eingreifen in das Leben ihrer Kinder – trotz aller Mutterliebe – sich erweisen. Wenn ich ein Rohr ein wenig biege und lasse es aus der Hand, so springt es in seine natürliche Form zurück; habe ich es aber durch zu starken Druck eingeknickt, so bleibt es für immer geknickt, ohne die Möglichkeit, sich wieder aufzurichten. Ich konnte schon in der Schule immer ganz wütend werden, wenn die Lehrer uns das Leben berühmter Männer erzählten, und ich hörte, wie die Eltern ihre genialen Kinder durch Härte und Herrschsucht – oft mit Hilfe des Stockes und der Flüche – zur Verzweiflung brachten, weil sie nicht wollten, wie die Eltern wollten; und sie konnten doch nicht. Nachklänge solcher Vergewaltigungen den Söhnen gegenüber gellen noch bis in unsere Zeit hinein. Ich kenne eine Familie, wo eine ebenso beschränkte wie eminent energische Mutter von dem Sohn verlangte, er solle seine künstlerischen Neigungen bezähmen und das Studium seines Vaters ergreifen. Konflikt auf Konflikt, bis die sensible Natur des Sohnes es nicht mehr ertrug und er sich vor den Augen seiner Mutter eine Kugel durch den Kopf jagte. Das geschah in der ausgezeichneten, makellosen Familie eines hervorragenden Gelehrten. Und das hatte mit dem starken Glauben an ihr Eigentumsrecht an den Kindern eine der bravsten Mütter getan. Ein anderer Vorgang, der sich kürzlich abspielte: Ein junger Professor heiratete eine junge Frau, die sich seinetwegen von ihrem Manne hatte scheiden lassen. Die tugendstrenge Mutter des Professors erklärte, der Sohn sei fortan für sie tot, nie wolle sie ihn wiedersehen. Auch diese Frau des kategorischen Imperativs hielt den vierunddreißigjährigen Sohn für ihren Seeleneigenen, der, bei Strafe des Verlustes ihrer Liebe, sich ihrer Ethik zu fügen habe. Das sind die Mütter, die den Heiligenschein ihrer Mutterliebe mit dem Herzblut ihrer Kinder färben, die die tragische Rolle des Fatums in ihrem Leben spielen. Mit einem halben Lächeln (eigentlich ist es gar nicht zum Lächeln) denke ich auch zurück an unsere uralte Näherin (sie war über achtzig Jahre alt). Die lebte mit ihrer sechzigjährigen verwitweten Tochter zusammen, und diese Tochter musste ihr aufs Wort parieren, und mehrmals kam das sechzigjährige Kind weinend zu mir: ihre Mutter habe sie geohrfeigt, weil sie ihr nicht zu Willen gewesen sei. Sollen etwa die Eltern ohne Widerrede die Tochter tun lassen, was ihnen irrig, falsch erscheint? Ohne Widerrede? Nein. Sie sollen ihren Rat, ihre Beredsamkeit, ihr Wissen, ihre Erfahrung in den Dienst der Tochter stellen. Aber ihre Widerrede, ihr Widerhandeln soll sich in den Grenzen halten, die ein Freund sich dem Freund steckt. Sind sie intelligenter als die Tochter, so werden sie mit stillem, klugem Walten, abseits von Autorität und Befehl, die Tochter zu leiten verstehen. Die Tochter aber in eine Selbstentfremdung drängen, sie einen Nagel zu ihrem Sarge nennen, wenn sie dem kategorischen mütterlichen "Du sollst!" mit einem "Ich will!" widerstrebt – ist das Mutterliebe? Was die Tochter der Gegenwart will, ist nicht Lösung von der Familie (der Jüngling, der die Universität bezieht, will sie ja auch nicht), sondern nur Lösung von der Zwangskindschaft. Die innere Selbständigkeit ersehnt die äußere. Dieser Freiheit- und Schaffensdrang in der jungen weiblichen Generation der Gegenwart ist tief und mächtig und einer der charakteristischsten Züge der Zeit. In Russland kommt es vor, daß junge Mädchen (wie Sophie Kowalewska) irgend eine Scheinehe eingehen, nur um sich der Autorität der Eltern zu entziehen, und zwar – und das ist wohl zu merken – nicht etwa, um ein ungebundenes, lockeres Leben zu führen, sondern, um sich durch künstlerische oder wissenschaftliche Studien einen selbstgewählten Pflichten- und Tätigkeitkreis zu schaffen. Ich kenne persönlich eine größere Anzahl junger Mädchen (einige davon liebe ich), die das Dahinleben im elterlichen Haus, das ihrer Wesensart widersprach, nicht mehr ertrugen. In einigen Fällen waren die Mütter weltlichster Art; sie machten ihr Haus zu einem Markt der Eitelkeit. In anderen Fällen wirkte eine Atmosphäre engherzigster Beschränktheit auf die, Emporstrebenden wie Stickluft, in der sie nicht atmen konnten. Einige unter diesen Freiwerdenden und Freigewordenen stürmen mit schwingender Begeisterung auf der neuen Bahn vorwärts, mit reinem Gewissen, kühn und stolz die elterliche Autorität abweisend. Andere freilich tragen in dem Kampf Wunden davon, die sich nie ganz schließen werden und deren Narben noch schmerzen würden. Diejenigen, die das Elternhaus ohne Erlaubnis und natürlich auch ohne Geld verließen, hatten dann jahrelang während ihrer Studienzeit mit den bittersten Entbehrungen zu kämpfen. Andere erhielten schließlich widerwillig die Erlaubnis zu einer Berufsvorbereitung, meist auch mit wenig Geld, während den Brüdern ausreichende Mittel zur Verfügung gestellt wurden. Diese Widerwilligkeit trübte ihnen die Freudigkeit für den Anfang ihrer Laufbahn. Unter diesen jungen Mädchen waren auch etliche, die, obwohl sie gegen den mütterlichen Wunsch und Willen eine berufliche Tätigkeit ausübten, im Elternhause verblieben. Mutter und Tochter aber lebten dann wie in zwei getrennten Welten. Die Mutter ignorierte geringschätzig oder mit verletzender Absichtlichkeit die Tätigkeit der Tochter und schuf im Hause eine Atmosphäre feindlicher Kälte, die ihrem Kinde Glück und Frohsinn stahl. Aber die Mütter wollen doch das Beste ihrer Kinder? Gewiss. Nur pflegen sie ihr Bestes für das Beste der Kinder zu halten. Mütter, die es im Geist und in der Wahrheit sind, werden Opfer von ihren Kindern (etwa bei der Wahl eines Berufes oder eines Gatten) nicht nur nicht verlangen, sie werden sich sogar schämen, sie anzunehmen. Die Mutter gibt, aber sie nimmt nicht: denn dies ist Mutterliebe. Es ist erklärlich, daß in unserm Zeitalter, weil es eine Übergangsepoche ist, sich leichter und häufiger eine Kluft zwischen Mutter und Tochter öffnet, als es in früheren Zeiten der Fall war. Die Mutter hat sich noch mit der geringen Mädchenschulbildung ihrer Generation begnügen müssen, während die Tochter, die in vielen Fällen schon an einer höheren Bildung partizipiert, über das geistige Niveau der Mutter hinausgewachsen ist. Eine Folge dieser höheren, vielseitigeren Entwicklung ist es, wenn nun auch die Interessen von Mutter und Tochter auseinander gehen. Die Bücher, die Theaterstücke, die Kunstwerke, die der Mutter gefallen, verschmäht die Tochter, und die Mutter wiederum hat keinen Sinn für das, was die Tochter anzieht und beschäftigt. Und gerade weil die Beziehungen zwischen Mutter und Tochter so intime sind und, schon durch die räumliche Nähe bedingt, so unausgesetzte Berührungen zwischen ihnen stattfinden, treten die im Bilden begriffenen oder schon herausgebildeten Gegensätze um so schroffer hervor, platzen die Geister um so leichter aufeinander. An diesen Konflikten trägt die größere Schuld die Mutter, die Schuld, daß sie ihr Recht an den Kindern überschätzt, es falsch auslegt, sich bei dem Abmessen von Rechten und Pflichten in Bezug auf die Rechte den Löwenanteil zuspricht; Pflichten aber haben eine Grenze an dem Unrecht des andern, woraus ich nicht folgere, daß in den Beziehungen zwischen Mutter und Tochter Pflichten und Rechte gemessen werden sollen. Gemütsimponderabilien wirken hier bestimmend ein. Die Mutter fühlt sich in ihrem Besitzrecht. Sie hat in der Tochter eine ihr fürs Leben Verpflichtete gesehen, sie ist die Gläubigerin, die Tochter die Schuldnerin. Sie kann sich nicht damit abfinden, daß sie ihren Lohn dahin hat, in den Entzückungen, die ihr die Tochter in den Kinderjahren gewährte. Sie kann nicht begreifen, daß die Mutterliebe eine Gratisleistung sein muss, daß, wenn das Jugendstadium in der Entwicklung der Tochter vollendet ist, die Erwachsene neuen Entwicklungen zustrebt. Hält sie, wenn sie die Stärkere ist, die Tochter als ihren rechtmäßigen Besitz fest, so wird sie in ihr etwas zerbrechen; der Familienzusammenhang wird zur Familienhörigkeit. Ist die Tochter die Stärkere, so wird die Opposition der Mutter die Gemütsbande zwischen ihnen zerreißen, oft so radikal, daß sie für alle Zukunft zerrissen bleiben. Für die allmähliche Lockerung des engen Familienzusammenhangs lässt sich wohl auch noch eine tiefere Motivierung denken, als der individualistische Zug der Zeit es ist. Die Motivierung, daß in die grandiose Veränderung, die das Weltbild in den letzten Jahrzehnten erfahren hat, auch das Familienleben mit einbezogen ist. Die unglaubliche Höhe der modernen Technik, die Errungenschaften der Telegraphie, Telephonie, Elektrizität, die Luxuszüge, mit denen man in wenigen Tagen Europa durchquert, die schwindelnde Fahrraserei der Automobile, die Raschheit des Tempos und der Beweglichkeit auf fast allen Gebieten, und nicht am wenigsten die von allen Seiten zuströmenden Bildungsquellen – freie Hochschulen scheinen aus dem Boden zu wachsen – alles das weist hinaus aus der Begrenztheit in die Weite der Welt, es lockt die Sehnsucht ins Ferne, Große, Neue, es rüttelt an aller Stabilität, stürzt Grenzpfähle, die für Ewigkeiten errichtet schienen. Die Lockerung der Familienbande ist ein historisches Geschehen, denn die Familie ist ebenso einer Umgestaltung fähig und in der Flucht der Zeiten ihrer bedürftig, wie alle andern sozialen Gebilde. Unsere Zeit braucht die "Neue Mutter" wie das liebe Brot – die Mutter, die sich freiwillig und rechtzeitig ihrer Autorität begibt. Bei dem Entstehen der "Neuen Mutter" bekundet sich ein scheinbar naturwidriges Geschehen. Es sind die "Neuen Töchter", die von ihrer Zeit emporgetragenen, die sich die "Neuen Mütter" schaffen, oft so, daß die klugen und guten "Alten Mütter" (ich zähle dabei nicht die Jahre) an ihren Töchtern neu werden. Was aber am meisten zur Erziehung und Bekehrung der "Aalten Mutter" beitragen wird, mehr als Einsicht, Gerechtigkeit, als das Abstreifen von Vorurteilen und eingewurzelten Gewohnheiten, dürfte eben die Mutterliebe sein, im Bunde mit der Notwendigkeit. Bisher fand die Mutterliebe, wo es der Tochter Zukunftgestaltung galt, wenig Spielraum, denn in den Schicksalsurnen aller weiblichen Kreatur lagen nur Myrten oder Dornen. Das heißt: das Weib wurde Gattin oder eine stellenlos Darbende. Früher war daran nichts zu ändern. Jetzt aber ist es zu ändern. Und die Mutter müsste schon recht dickschädelig und kaltherzig sein, die um ihrer Prinzipien willen den Töchtern die Möglichkeit einer befriedigenden Existenz abschnitte. Solche Handlungsweise würde sich so ziemlich mit der Anschauung jenes Arztes decken, der meinte: "Mag der Patient sterben, wenn nur meine Methode besteht." In der nächsten Generation dürften die Autoritätmütter zu den Ausnahmen gehören. Die freigewordenen Töchter von heute (ist ihre Zahl auch noch eine beschränkte) werden im Gemüt behalten, was sie durch die Einkapselung in den engen Familienkreis und dadurch, daß sie sich ihr Recht erst schwer kämpfend erringen mussten, an Kraft und Lebensinhalt verloren haben. Und in Selbstbeschränkung, mit intelligenter Einsicht, werden sie nicht nur für fremde Menschen, sondern zuerst an den eigenen, zu Individualitäten gereiften Kindern das Selbstbestimmungrecht anerkennen. Sie werden ihren Töchtern die Wege ebnen zu den Tempeln, wo sie dem Gott, den sie im Busen tragen, dienen wollen, mögen die Mütter auch an anderen Altären beten. Denn dies ist Mutterliebe. Lassen sich aber die verschiedenen Welten, in denen Mutter und Tochter möglicherweise zu Hause sind, durch Kindes- und Mutterliebe nicht wie durch hohe Brückenbögen verbinden, nun, so hat die Natur eben die Bande, die sie knüpfte, wieder gelöst, und Resignation – die Wehmut der Vernunft – ziemt beiden Teilen. Eine Liebe auf höheren, selbst auf allerhöchsten Befehl gibt es nicht. Immerdar ist die Mutterschaft von Illusion und Hoffnung begleitet. Die Antizipation künftigen Glücks ist eins ihrer Elemente. Immer hofft und wartet die Mutter auf etwas, das noch nicht da ist, auf ein Morgen, das noch schöner sein wird als das Heute. Bei dem Säugling denkt sie, wie wundervoll wird es sein, wenn mein Kindchen erst gehen kann und Mama sagen, und meine Liebkosungen erwidern wird. Und kann es das alles, so wartet sie darauf, daß sie mit ihm wird ordentlich reden können, von Herz zu Herzen, von Verstand zu Verstande. Und ist das Kind so weit, so wartet sie auf den Jüngling, und ist es ein Jüngling geworden, so wartet sie auf den Mann. Und während sie immer noch hofft und wartet, entgleitet ihr schon unmerklich der Sohn oder die Tochter, und der goldene Ton der Hoffnung wird zum Grau der Resignation. Fast alle Mütter haben einen Niobidenzug. Tötet auch kein Apollo ihre Kinder, sie kommen ihnen auf die eine oder die andere Art abhanden. Ein Sohn missrät, eine Tochter lebt in unglücklicher Ehe. Andere siedeln sich fern von der Heimat an, ein Liebling stirbt. Und selbst wenn nur heitere Lose ihren Kindern in den Schoß fallen, so rücken sie ihr doch allmählich ferner, weil aufsteigende und absteigende Linien sich nicht treffen. Die Tochter, die Mutter geworden ist, hört auf, Tochter zu sein. Und nun hofft die junge Mutter wieder für die Zukunft auf ihre Kinder, und ihre zur Großmutter gewordene Mutter sieht, daß die Kinder nichts versprechen. Dieser immerwährende melancholische Kreislauf: das war das Los der Mutter. "Wie glücklich müssen Sie im Besitz Ihrer Kinder sein," sagte jemand zu einer feinen, klugen Frau, die erwachsene, ungewöhnlich begabte Söhne hatte. – "Im Besitz?" sagte sie mit einem Lächeln voll Wehmut. "Mein jüngster Achtzehnjähriger geht jetzt schon seine eigenen Wege, innerlich und äußerlich, von seinem Seelenleben weiß ich kaum etwas, trotz aller Liebe zwischen uns. Und sie werden sich verheiraten, meine Söhne, und ich werde ihre Frauen nicht mögen, und dann – ganz allmählich wird nur noch das freundliche Band der Pietät mich mit meinen Söhnen zusammenhalten." Zieht eine Greisin das Fazit der Mutterschaft, so wird sie in den meisten Fällen zugeben, daß dabei der Sorgen und Bitternisse mehr waren, als der Freuden. Allein der Schmerz und die Verzweiflung über den Tod eines geliebten Kindes kann durch alles Glück, das die Lebenden bringen, nicht aufgewogen werden. Arme Mutter, deine ganze Seele hast du auf das Kind konzentriert. Du hast keine Zukunft jenseits des Kindes. Des Kindes Zukunft aber liegt jenseits der Mutter. Ja, indem ich das Recht der Kinder wahrnehme, nehme ich zugleich das Recht und das Glück der Mütter wahr. Zu ihrem eigenen Unheil klammern sie sich an ihre erwachsenen Kinder, die ihrer nicht mehr bedürfen, flüchten sie sich, um der Einsamkeit und der geistigen Öde des Alters zu entgehen, in das Leben dieser Kinder. Viele Frauen von seelischer und geistiger Armut (Resultat ihrer Erziehung) haben sonst nichts in der Welt, das an ihnen hängt, oder an dem sie hängen. Und weil sie selbst nichts Eigenes geworden sind, keinen eigenen Lebensinhalt haben, machen sie die Kinder zu ihrem Selbst. Das Aufgeben aller andern Lebensinhalte und Tätigkeitssphären um der Kinder willen scheint mir ein Verfahren gleich dem des Esau, der sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkaufte. Das Erstgeburtsrecht aller Menschen ist – so denke ich – das Recht der eigenen Individualität, des Eigenlebens, das Recht, Selbstzweck zu sein. Hat der gelebt, der nichts anderes und nichts mehr war, als nur ein Mittel für das Dasein anderer? Wenn der Künstler sein Werk vollendet hat, so verlässt es ihn, er verkauft es. Hat er deshalb vergebens gemalt? War das Schaffen an dem Werk nicht herrliche Befriedigung? nicht Entzücken? Und hat er mit der Trennung von seinem Werk die Kraft, aus der heraus er es schuf, verloren? Eher ist sie gewachsen, gewachsen zu anderen, neuen Werken. So schaffe auch du, Mutter, wenn Sohn oder Tochter naturgemäß von dir gegangen sind. Schaffe jenseits der Mutterschaft! Wie und wo, das freilich werden erst die Mütter der Zukunft wissen. Wohl kann sich aus der instinktiven Mutter- und Kindesliebe auf seelischer Grundlage, frei von Autorität und Pflichtenzwang, eine höhere, reinere Liebe entwickeln. Die Mutter Freundin der Tochter, die Tochter Freundin der Mutter! Das wäre die dem Verhältnis zwischen Mutter und Tochter entsprießende schönste Blüte. Die Gegenwart streut den Samen. , Die Schwiegermutter der Zukunft Vor einiger Zeit war ein Gassenhauer im Schwange: "Wir brauchen keine Schwiegermama." Vox populi, vox dei. Die Schwiegermutter als Übel ist wirklich kein leerer Wahn. Sie existiert. Sie muss bekämpft werden. Nur meine ich, man legt auch hier Personen zur Last, was gesellschaftliche Zustände verschulden. Nicht auf die Schwiegermütter sollten wir Steine werfen, sondern eine Gesellschaft missbilligen, aus der sie mit Naturnotwendigkeit hervorwachsen mussten. Was heißt Schwiegermutter sein? Doch wohl: sich unbefugt in die ehelichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten verheirateter Söhne und Töchter einmischen, aus einem natürlichen Zweibund einen gewaltsamen Dreibund herstellen und in dieses dreieckige Verhältnis den Baum pflanzen, der die Erisäpfel trägt. Die Schwiegermutter ist – im Volksgefühl – der Mehltau auf dem Blütenstaub junger Ehen; sie ist eine harte Nuss, eine bittere Pille, das dicke Ende, das nachkommt, wenn man heiratet; sie ist, selbst mit der schlankesten Taille, ein fetter Braten für Witzbolde. Und alle Witze über sie haben dieselbe gräßliche Pointe: wäre sie tot! Zur Illustration einen der neuesten, der vor einigen Tagen im Figaro stand. Zwei Bekannte begegnen sich. Der eine: "Ist das heut ein Frühlingswetter! Bleibt es so, so ist in drei Tagen alles aus der Erde heraus." Der andere: Scht! scht! um Gotteswillen nicht! ich habe vor drei Tagen meine Schwiegermutter begraben!" In der Maienblüte ihrer Sünde steht die Schwiegermutter, wenn sie, unter der Flagge mütterlicher Autorität, vom Rat zur Tat übergeht und Miene macht, ihren Willen, ihre Lebensführung den verheirateten Kindern aufzuzwingen. Dann wird aus dem Zankapfel ein Drache, und aus dem – sonst vielleicht mit Gummischuhen oder mit Goldshares handelnden – Schwiegersohn erwächst ein heiliger Georg. Nach dieser Definition gebe ich dem Begriff der Schwiegermutter noch eine weitere Ausdehnung: ich werfe Mutter und Schwiegermutter in einen Topf und behaupte schlankweg, daß auch die Mutter der eigenen verheirateten Tochter gegenüber Schwiegermutter werden kann. Die angeheiratete Schwiegermutter ist sogar oft leichter zu beseitigen als die angeborene, da man jene durch eispolhöfliche Formen kaltstellen oder wenigstens in Schranken halten kann, während die Ansichten und Anordnungen der leiblichen Mutter von einer pietätvollen Tochter vielfach berücksichtigt werden, wenn auch mit heimlichem Widerstreben und in dem ärgerlichen Gefühl einer Abhängigkeit, der sie entronnen zu sein glaubte, als sie heiratete. Die in die Länge gezogene Mutter kann selbst der zärtlichsten Tochter zuviel werden. Daß auch gelegentlich Tanten oder Schwägerinnen Schwiegermutter spielen, dürfte bekannt sein. Nebenbei möchte ich bemerken, daß ich – von Ausnahmen abgesehen – die Zwietracht säende Schwiegermutter dem Schwiegersohn gegenüber für ein Geschöpf der fahle convenue halte. Selten liegen den Schwiegermutter-Scherzen und –Schmerzen des Tochtermannes reale Tatsachen zu Grunde. Viel öfter hat die Schwiegermutter allen Respekt vor dem Schwiegersohn und ist froh, wenn er ihr nichts tut. Trotz aller Anfeindungen aber kann die Vielgeschmähte zu hohen Ehren kommen. Der heilige Hiëronymus – seit wie viel Jahrhunderten er die ewige Seligkeit hat, weiß ich nicht genau – weiß Rat. Er macht einer Mutter, die ihre Tochter vom klösterlichen Leben abhalten will, bittere Vorwürfe. "Du solltest dich freuen, daß deine Tochter die Braut Christi werden wollte. Dadurch erhob sie dich sozusagen zum Range einer Schwiegermutter des himmlischen Herrn." Die Mutter, sage ich, wird oft Schwiegermutter. Sich nicht in die Angelegenheiten ihrer verheirateten Kinder einzumischen: diese Entsagung fordert selbst von den besten und einsichtvollsten Müttern und Schwiegermüttern einen hohen Grad durchtriebener Klugheit und konsequenter Selbstüberwindung. Selten sind es niedrige Motive oder Charakterbosheit die zu solcher Einmischung reizen. Ihre Quelle ist in den weitaus meisten Fällen eitel Liebe und Muttersorge. Die Mutter wünscht ihren Kindern den Himmel auf Erden und hält sich für den vermittelnden Erzengel. In der Behandlung der Dienstboten, der kleinen Kinder, der Wäsche, der Ehemänner, im Aufspüren der besten Roastbeefquellen und der vorteilhaftesten Gelegenheitkäufe ist sie doch Meisterin, die Tochter Lehrling. Und sie sollte dem Kinde nicht hilfreich beispringen? Wie? Das Mutterherz soll nicht bluten, bei der Wahrnehmung, daß die Köchin, teils mit, teils ohne Landsmann oder Cousin, in der Küche Orgien in Bier und widerrechtlich belegten Butterstullen feiert? Das Mutterauge soll sich verschließen vor dem Staub auf einem Schrank, der den Ruf der Tochter als Hausfrau zu gefährden droht? Die Muttergalle soll nicht überlaufen beim Anblick der Löcher, die die Waschfrau mit ihrem fressenden Zeug in die teure Ausstattungwäsche reißt?! Und ist es nicht einfach Mutterpflicht, gewisse Lebensfragen mit der Tochter zu erörtern? Zum Beispiel: ob man die goldigen Kindermähnen besser lockt, zöpft oder abschneidet, ob der Kalbsbraten gespickt oder. ungespickt, der Spinat mit oder ohne Muskatnuß und Mehl bekömmlicher ist, ob in Krankheitfällen der ebenso billige wie alleinseligmachende Kneipp oder eine kostspielige ärztliche Autorität zu Rat zu ziehen sei, und so weiter ins Unendliche. Und diese Fragen werden erörtert, kampfbereit, oft genug in der Form von Angriff und Abwehr und mit dem etwas galligen Refrain: Tu übrigens, was du willst, mein Kind, – du bist ja die Hausfrau! Das Mutterherz, das Mutterauge, die Mutterpflicht – alle Achtung! Wo aber bleibt die Mutterklugheit? Nur durch Erfahrung wird man klug, – das ist eine ewige Wahrheit. Aber nur durch eigene Erfahrung, selten durch die Erfahrung anderer. Geht ihr zu euren verheirateten Kindern, ihr zärtlichen Mütter, ihr wohlmeinenden Schwiegermütter, dann nehmt Scheuklappen mit für eure Augen, legt ein Schloss vor den Mund und stopft Wachs in die Ohren! Seine Klugheit und seine Erfahrung – unter Umständen – für sich behalten – diese feine Kunst, übt sie! Die Schwiegermutterperiode dauert ungefähr vom vierzigsten bis zum sechzigsten Jahr, füllt also einen Lebensabschnitt, in dem der normale Mensch noch in geistiger und körperlicher Frische zum Schaffen disponiert ist. Mit dem Beginn des Greisenalters, wenn der Tätigkeitstrieb dem Bedürfnis nach Ruhe und Frieden weicht, pflegt die schwiegermütterliche Mutter und die Schwiegermutter vom Schauplatz abzutreten. Schwiegermutter wird Großmutter. Ist die Domäne der Frau einzig und allein Ehe, Hauswirtschaft und Kinderaufziehung, so wird, wenn diese Quellen der Tätigkeit im eigenen Hause allmählich versiegen, die so begrenzte Frau sie da aufsuchen, wo sie frisch sprudeln: im Hause ihrer Kinder. Der Arbeitlose sucht sein Dasein zu fristen wie und wo er kann, wenn es nicht anders geht, auf Kosten anderer. Müßiggang ist nicht nur aller Laster, sondern auch aller Schwiegermütter Anfang. Unkluger Mann, der du gegen die Berufsfrau eiferst! Jedwede etwas reichlich bemessene Berufstätigkeit saugt dir deine Schwiegermutter auf, und auch die etwaigen Tanten, Großmütter und sonstigen weiblichen verwandten Anhängsel, die dich bisher pekuniär oder gemütlich genierten. Und "das alte Weib" stirbt aus, – bei Lebzeiten meine ich – das die Männer nicht gern haben, obwohl es doch nichts dafür kann. Denn, die Frau, die in einem Beruf wirkt, hat gar keinen Seelendrang, Schwiegermutter, Tante oder Großmutter zu sein. Wer die Hände nach den goldenen Äpfeln der Hesperiden ausstrecken darf, findet an sauren Erisäpfeln keinen Geschmack mehr. Und wer weiß, unter Umständen könnte die Schwiegermutter sogar als Kollegin, Mitarbeiterin, hochvermögende Beamtin oder Goldquelle sich dem Mann, der ihr verwandt ist, nützlich und brauchbar erweisen. Als ich mich verheiratete, blieb eine Schar von Kindern im elterlichen Hause zurück. Meine Mutter, eine rasche, energische, arbeitfrohe Frau, der es sicher nicht an Schwiegermuttereigenschaften fehlte, hat bei ihren spärlichen Besuchen in meinem Hause nie den geringsten Versuch gemacht, sich in meine wirtschaftlichen oder ehelichen Verhältnisse zu mischen. Und sie unterließ es nicht etwa aus kluger Einsicht, sondern einfach, weil ihr Schaffensdrang im eigenen Hause volles Genüge fand. Gibt es bei den armen Leuten, im "Volk", Schwiegermütter? Sie sind seltene Ausnahmen. Die Proletarierin hat keine Zeit, Schwiegermutter zu sein. Sie muss arbeiten, arbeiten, bis ihr der Atem ausgeht und ihr der Kriegsfuß, auf dem die Schwiegermutter mit Vorliebe stehen soll, erlahmt. Und warum, meine Herren, gibt es keine Schwiegerväter, im schlimmen Sinn meine ich natürlich? Weil die Männer beruflich verhindert sind, es zu sein. An schwiegermütterlichen, zwietrachtsäenden Eigenschaften werden auch die Männer keinen Mangel leiden; sie lagern aber diese Qualitäten innerhalb ihrer Berufskreise ab. Auch die Weltdame par excellence, die im Strudel weltlichen Treibens lustig fortschwimmt, solange "das Lämpchen glüht", pflegt von ihrem Schwiegermutterstande keinen Gebrauch zu machen, – eben weil sie anderweitig ihre Felder bestellt. Damit möchte ich übrigens diese Kategorie von Nichtschwiegermüttern der Nachahmung nicht empfehlen. Die Schwiegermutter ist ein Zopf, den die kommende Generation abschneiden wird. Vor dem morgenrötlichen Hahnenschrei der Emanzipation verschwindet die lästige Ahne, und aus der Asche der Schwiegermutter steigt der Phönix der berufstüchtigen, wenn auch immerhin ältlichen Frau. Oder sollte der bejahrte Phönix gegen die Zoologie verstoßen? Wie sieht – im traditionellen Aberglauben – die Schwiegermutter von heute aus? Dick, rot, asthmatisch. Viele Haare – auf den Zähnen. Sie trägt mit Vorliebe Samt und Seide, etwas, das rauscht. Federn auf dem Hut. Etwas Rindsledernes im Auftreten. Und das Bewusstsein, überall die Hauptperson zu sein. Und die Schwiegermutter der Zukunft? Sie ist von jugendlicher Schlankheit. Andauernde Betätigung der Nerven-, Geistes- oder Körperkräfte hindert die Wohlbeleibtheit. Keine Federn auf dem Hut. Nichts, was rauscht, fegt oder wippt. Man sieht sie oft mit einem Medizin-, Mal- oder Geigenkasten, mit einer Akten-, Musik- oder sonstigen Mappe unter dem Arm. Ihre Unterhaltung mit der Tochter oder Schwiegertochter besteht nicht mehr in Angriff und Abwehr, bewegt sich vielmehr in den Gleisen eines Meinungsaustausches, wie er sich zwischen zwei gleich selbständigen Persönlichkeiten, die ernste Interessen wahrzunehmen haben, von selbst ergibt. Die alte Schwiegermutter steht schon heute auf dem Aussterbeetat: bald tönt durch alle Lande der froh lockende Ruf: Die Schwiegermutter ist tot! Es lebe die Ärztin, die Staatsanwältin, die Präsidentin künftiger Republiken, die – ja warum nicht auch die Päpstin? Ruft da jemand: Blasphemie, sich den Stellvertreter Gottes auf Erden als Weib zu denken ? Warum? Darum, weil der himmlische Vater selbst die Inferiorität des Weibes auf ewige Tafeln geschrieben hat, indem er die Menschheit zu erlösen seinen Sohn zur Erde niedersandte. Die alte Frau Oft schon habe ich für die Rechte der Frau gekämpft, für die Rechte des jungen Mädchens, der Gattin, der Mutter. Die alte Frau habe ich kaum hier und da gestreift. Von ihr will ich jetzt reden; von dem armen alten Weibe, das einem Schatten gleicht, den die Schöpfung – zum Missvergnügen der Menschheit – wirft. Ist oder war die Frau im allgemeinen – bis vor kurzem – der Paria des Menschengeschlechtes, so war‘s die alte Frau dreifach; und sie ist es auch heute noch. Die junge und jüngere – schon unter glücklicheren Sternen geborene Generation – hat eben noch nicht Zeit gehabt, alt zu werden. Ich will von des alten Weibes Leiden sprechen und sagen, wie ihnen abzuhelfen ist. Daß man bis in die neuste Zeit hinein dem Weib nur einen geschlechtlichen Wert zubilligte, ist oft genug gesagt und beklagt worden. Ich sage es noch einmal, denn dieser Werteinschätzung entspringt die Missachtung, der die alte Frau verfällt. War das Weib untauglich geworden zur Gebärerin, Kinderpflegerin und Geliebten, so hörte ihre Existenzberechtigung auf. Alle Ansprüche, die sie fürder noch an die Gesellschaft zu erheben gewillt war, schienen mehr oder weniger lächerlich; von milder und gültiger Gesinnten wurden sie wenigstens ignoriert. Geschlechtlicher Reiz und Nutzen des Weibes Wertmesser! Eine animalische Auffassung ihrer Wesenheit, eine naive Schamlosigkeit, die einem früheren Zeitalter entsprochen haben mag, der Reife und Höhe des jetzigen aber Hohn spricht; denn: sie entmenscht das Weib. Daß bei der Verurteilung dieser Anschauungsweise die sinnliche und ästhetische Freude an Jugend und Schönheit, die Wonne genießender Liebe unangetastet bleibt, ist selbstverständlich. Es gibt Totengrüfte für Lebendige: Siechtum, unheilbaren Gram. Auch das Greisentum der Frau ist solch eine Totengruft. Sie wird bei Lebzeiten darin beigesetzt. Arme Alte! Alles geht mählich von dir. Anfangs verfolgen deine sehnsüchtigen Blicke die dir Enteilenden: die Kinder, die Freunde, die Gesellschaft; doch weiter und weiter entfernen sie sich, – sie entschwinden. Einsamkeit hüllt dich wie in ein Leichentuch, Vergessenheit ist die Inschrift über deinem Hause, das Rabenlied der Hoffnungslosigkeit krächzt über deinem Lager. Schweigen ist um dich; und auch du selbst schweigst, weil niemand dich hören will. Arme Alte! Dir ist, als müsstest du dich schämen, daß du, nun so unnütz und so alt schon, noch lebst. Das Alter lastet wie eine Schuld auf dir, als usurpiertest du einen Platz, der anderen gebührt. Du fühlst um dich her eine Gesinnung, die dich aus dem Leben fortdrängt. Ein berühmter Künstler sagte mir einmal (dabei saß ich ihm zu einem Bilde und ich war über vierzig Jahr alt), daß Frauen, die das vierzigste Lebensjahr überschritten haben, Ballast für die Gesellschaft seien und am besten täten, sich zu ihren Vätern zu versammeln. Die frühere Sitte barbarischer Völker, die überflüssige weibliche Kinder gleich nach der Geburt beseitigte, erscheint mir milder, da Neugeborene, mit der schönen Gewohnheit des Daseins noch nicht vertraut, weniger empfindlich gegen eine beschleunigte Beförderung ins Jenseits sein dürften als reichlich Erwachsene. Von guten und wohlwollenden Menschen habe ich aussprechen hören, alte Frauen seien "etwas Grässliches". Ich hörte diesen Ausspruch auch aus dem Munde einer jungen Frau, die eine Mutter hatte. Ich will hier nicht der furchtbaren Tragik gedenken – sie ist nicht so selten, wie man meint –‚ die entsteht, wenn die Alten den Angehörigen zu lange leben. So grausame Regungen werden in den gebildeten Ständen in des Busens tiefster Tiefe verschlossen. Im Volk dagegen kommt der fromme Wunsch, Gott möge die Alten abrufen, oft genug zum offenen Ausdruck. Die Greisin – oder auch der Greis – auf dem Altenteil ist ein tragischer Stoff, der in der Literatur seine Bearbeiter gefunden hat. Ich erinnere an König Lear, an Zolas "La Terre", an Turgeniews "Lear der Steppe", an Balzacs "Père Goriot". Wehe der Greisin, die einen solchen Wunsch auf der Stirn eines Menschen liest! Der Delinquent, dem man auf der Richtstätte ein nasses Tuch um den Hals schlang, starb an der Vorstellung, daß es das Richtbeil sei. Nichts scheint mir für die alte Frau lähmender, abstumpfender, als das von der Gesellschaft ihr aufgezwungene Bewusstsein: Du warst, du bist nicht mehr. Sie erschauert darunter, als hörte sie die rufende Glocke, die der Tod läutet. Ich kenne Alte – sensitive Naturen –, die am liebsten fern von ihren Angehörigen leben, in fremden Städten, fremden Ländern, in der instinktiven Furcht, den Ihren zur Last zu fallen, gleich dem kranken Tier, das sich ins Dickicht des Waldes verkriecht. Ich aber: ich liebe euch, ihr alten Frauen. Gern klopfe ich an die schon halb zugesperrten Türen eurer Seelen, und wird mir aufgetan, so erlebe ich oft lebendige Stunden, aus denen es mir klingt wie von Abendgebeten unter stillen Sternen. Einige unter euch verstehen die Stimmen, die aus Gräbern kommen; bei anderen hat man die Empfindung (wenn man nämlich Theosoph ist); daß ihr ätherischer, ihr Astralleib sich halb schon aus dem Gefängnis befreit hat, in das der grobe, materielle Leib ihn einschloss; es ist, als suchten sie, gelöst von der alten Heimat, eine neue, von dunklem Geheimnis umwobene. Das, was in nächster Nähe um sie her vorgeht, sehen und hören sie nur noch unvollkommen. Sie sehen und hören ins Ferne, ins Weite hinaus oder tief in sich hinein. Die Gärten der Greise grenzen an ein Jenseits. Man sollte meinen, wenn eine Frau aufgehört hat, durch ihren geschlechtlichen Reiz zu wirken, müsse die Gesellschaft sie einfach als Menschen, je nach ihrem individuellen Wert, abschätzen und würdigen. Das geschieht nicht. Der Begriff "Altes Weib" schließt ein Vorurteil ein, die gerechte Würdigung aus. Wenn einem Jäger morgens zuerst ein altes Weib begegnet, so bedeutet es Unglück. Das Gruseln vor der Hexe, die immer eine alte, alte Hexe ist, lernen schon die kleinen Kinder. Der Teufel ist gar bös. Den Gipfel der Bösheit aber erklimmt seine Großmutter. Hu! Des Teufels Großmutter! Von des Teufels Mutter schweigt die Geschichte. Das Gesamtgefühl der Gesellschaft ist gegen die Alte. Zürnende Rufe höre ich: Oho! das gilt doch nicht für alle! Nein, es gibt Ausnahmen. Ich kannte solche. Sie gehörten der Bühne oder der hohen Aristokratie an. Es waren Frauen, die in einem reichen, bewegten Leben Schätze von Erfahrung gesammelt, originelle, mit Humor begabte Frauen, die sich bis ins hohe Alter Geistesfrische und die Gabe, zu amüsieren, bewahrt hatten. Zu diesen Ausnahmen gehören auch die Greisinnen von unaussprechlicher Herzensgüte, die eine lieblich weiche Atmosphäre um uns schaffen, die wir wie Veilchenduft atmen. Auch Berühmtheit, Reichtum, Vornehmheit sind mildernde Umstände für "das alte Weib". Diese Eigenschaften müssen aber in hoher Potenz vorhanden sein, um das Vergehen des Alters zu sühnen; ihre Abendsonne muss der ganzen Umgebung leuchten. Von diesen Ausnahmen abgesehen, hatte die alte Frau bisher Bedeutung und Einfluß nur als Gattin oder Mutter eines berühmten oder hochgestellten Mannes. Wäre, zum Beispiel, je ein Wort von der Frau Rat, trotz ihrer urwüchsigen, geistsprühenden Drolerie, auf die Nachwelt gekommen, wenn sie nicht Goethes Mutter gewesen wäre? Die alte Frau wirft ihren Schatten voraus in der ältlichen Frau. Die ältliche denkt man sich mit Vorliebe im Bilde der Schwiegermutter, die alte im Bilde der Großmutter. Von der Schwiegermutter habe ich schon gesprochen. Ich bemerke hier nur, daß die Mutter, wenn sie von zarter Seelenkonstruktion ist, selbst der eigenen verheirateten Tochter gegenüber leicht unter einem schwiegermütterlichen Bewusstsein leidet; immer muss sie auf der Hut sein, uni nicht in die Macht- und Willenssphäre von Tochter und Schwiegersohn einzugreifen und zurückgewiesen zu werden. Doch von der Großmutter will ich reden. Lange, lange schon steht die Kinderstube ihr leer, das Reich, in dem sie einst unumschränkte Herrscherrechte übte, in dem ihr Herz Orgien der Lust und Zärtlichkeit feierte, wo ein geschäftiges Sorgen und Tun ihre Zeit und ihr Denken ausfüllte. Ach, Großmütterlein, Großmütterlein! willst du etwa in der Kinderstube deiner Tochter unterkriechen? Bleib draußen! Nicht mehr Herrscherin bist du dort, nicht einmal Vizeherrscherin; nur eine höhere Kinderfrau mit weniger Autorität als die eigentliche Kinderfrau, die durch Strenge und Keifen sich behauptet, während Großmütterlein als Angstmeier bei den Kindern verschrieen ist. Mir sagte einmal ein fünfjähriges Enkelchen, als ich es wegen einer Unart schalt: "Aber Großmutter, du hast hier gar nichts zu bedeuten!" Und es war ein herzig süßes Kind. Und die Hauptsache fehlt: die Liebe des Kindes. Enkelliebe ist ein leerer Wahn, ein Luxus im sparsamen Haushalt der Natur, und kommt nur in Ausnahmen vor. Der Instinkt des Kindes ist gegen das Alte. Und die Liebe der Großmutter für die Enkel ist auch mehr eine Fautedemieux-Liebe, in Ermangelung anderer, ergiebigerer Anklammerungen. Und will Großmütterlein durchaus bei den Enkeln einen Stein im Brett haben, so muss sie durch allerlei Leistungen, etwa als Schokoladen. oder Spielsachenlieferantin um ihre Gunst buhlen. Liebkosungen gehören in dieses Ressort nicht. Übrigens – nebenbei sei es bemerkt, das Großmütterlein in der Kinderstube der Tochter, wie es in der Vorstellung der Leute als gebrechliches Alterchen lebt, ist eine Legende. Es existiert nicht, oder doch nur ausnahmsweise, denn, wenn die Enkelchen noch Kinderchen in der Kinderstube sind, ist die Großmutter weder alt noch gebrechlich, vielmehr in der Regel noch eine rüstige, schaffenskräftige Frau. Meine eigene Mutter gebar noch zwei Kinder, als sie schon drei Enkel hatte. Das wacklige Großmütterchen verwirklicht sich erst mit den erwachsenen Enkeln. Man verwechselt die Großmutter mit der Urgroßmutter. Die Großmutter in der Kinderstube der Tochter ist eine fließende Quelle für Konflikte zwischen Mutter und Tochter. Und die Ehrfurcht vor dem Alter? Allüberall wird sie gepredigt. Mit Recht? Nein. Ehrfurcht heischt, was aufwärts zu Höhen führt, wo Tempel stehen, in denen Götter wohnen. Nicht aber heischt Ehrfurcht das Verfallende, Rückwärtsweisende. Pietätvolle Sympathie, Verständnis für ihre Bedürfnisse Nachsicht mit ihren Schwächen, in einzelnen Fällen Dankbarkeit dürfen die Alten von uns fordern, mehr nicht. Der Mensch wird doch nicht alt aus Moral, um einer hohen ethischen Verpflichtung nachzukommen; er wird‘s ganz von selbst und sehr gern. Und aus purer Selbstliebe will er meist, wenn er auch noch so alt ist, noch immer älter werden. Im Volkssprichwort heißt es: "Neunzig Jahr ist Kinder Spott." Ach, der Spott setzt schon früher ein, er beginnt, sobald sich die Schwächen des Alters bemerkbar machen, und wären es auch nur Gedächtnisschwächen oder körperliche Ungeschicklichkeiten. Die Äußerungen der Spottlust kann eine gute Erziehung im Zaum halten, an ihre Stelle Ehrfurcht setzen kann sie nicht. Daß man gegenwärtig dem Alter mehr Pietät als Ehrerbietung zollt, ist unleugbar. Vielleicht ist diese psychische Zeiterscheinung – wenigstens teilweise – auf folgendes zurückzuführen: In früheren Zeitepochen war die Erwerbung von Wissen und Kenntnissen nur einer kleinen Minorität zugänglich. Die Majorität war auf das angewiesen, was ihr durch mündliche Mitteilung zusickerte. Je älter nun ein Mensch wurde, je mehr Erfahrungskenntnisse sammelten sich naturgemäß bei ihm an; und die Alten wurden so zu einer Wissensquelle, aus der die junge Generation schöpfte und deren Wert sie mit Ehrerbietung honorierte. Heute nun bieten sich alle Wissensinhalte in so konzentrierter und auch populärer Form jedwedem dar, und sie wachsen in alle Höhen und Tiefen so hinreißend schnell, daß die Alten fast immer als Überholte erscheinen und man ihrer für eine geistige Bereicherung nicht mehr bedarf. Und wie verhält sich der Salon, die Geselligkeit zu den alten Frauen? Sonderbar: wenn die Menschen nicht immer lögen, auch da, wo jeder merkt, daß sie lügen, so würden sie zugeben (mündlich geben sie es ja auch zu, aber bei Leibe nicht 'gedruckt'), daß die alte Frau im Salon, in Gesellschaften unwillkommen ist. In der Regel geraten die Gastgeber bei ihrer Placierung in Verlegenheit, da doch der männliche Gast, je älter er ist, um so stärkere Abneigung gegen die Nachbarschaft einer gleichaltrigen Dame verrät; oft nimmt er diese Tischnachbarschaft geradezu übel. Und die alte Frau neben einen jungen Herrn zu setzen, das ist des Landes nicht der Brauch. Ich kenne eine alte, sehr muntere und lebenslustige Dame, die außerordentlich gern in Gesellschaften ginge. Sie lehnt aber jede Einladung ab. Als nach dem Grund ihrer Ablehnungen gefragt wurde, antwortete sie in ihrer schlesischen Mundart: "Man ist so ibrig." Ja, sie hat recht. Die Alte ist so "ibrig". Wenn die Frau als Geschlechtswesen nicht mehr in Betracht kommt, interessiert auch ihre Unterhaltung nicht mehr. Was sie denkt, fühlt, urteilt, ist "ibrig". Für den alten Mann ist die Geselligkeit keineswegs ausgeschlossen. Ist er im vorgerückten Greisenalter auch nicht mehr schaffenskräftig, so ist er doch durch seine Kenntnisse, Erfahrungen, durch seine sozialen oder politischen Beziehungen zur Welt immer noch reich genug, um Freude an sich selbst haben und anderen schenken zu können. Und außerdem hat er den ungeheuren Vorzug, kein "altes Weib" zu sein. Und hat diese Zurück- und Beisetzung der alten Frau keinerlei Berechtigung? Sie hat eine Berechtigung, wenn auch kein Verständiger den brutalen Aussprüchen des bekannten Leipziger Arztes, der das alte Weib als ein Scheusal schildert, zustimmen wird. Die Berechtigung liegt in ihrer Überflüssigkeit. Die ist unbestreitbar, wenn man die heutige Gesellschaftsordnung in Bezug auf die alte Frau als die für alle Ewigkeit 215] einzig normale gelten lässt. Ist der Daseinszweck des Weibes – wie die Majorität annimmt – Kindergebären und Kinderaufziehen, so hat sie, wenn die Kinder erwachsen sind, ihren Zweck erfüllt. "Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen." In vielen Fällen lässt die Überflüssigkeit noch eine Steigerung zu: sie wird zur Lästigkeit, wenn – wie es häufig geschieht – die Alte für sich Rücksichten und Aufmerksamkeiten beansprucht, die ihren Angehörigen Opfer auferlegen, sei es an Zeit, Behagen, Geld. Die alte Frau gibt dann nicht mehr, sie nimmt nur. Freilich: dem unabwendbaren Menschenschicksal, im höchsten Greisenalter zu verfallen, entgehen wenige. Und da niemand den Volksgebrauch der alten Inder, die ihre Greise auf dem Ganges ins Schattenreich entsandten, gutheißen wird, so muss den Altersschwachen die Hilfsbereitschaft der Familie, und wo keine vorhanden ist, des Staates beistehen. Diese Hilfe wird ja auch einmal der heute Helfende in Anspruch nehmen, wenn das Alter ihn gebrochen hat. Und damit wäre dann doch ein Ausgleich zwischen Geben und Nehmen hergestellt. Bei der erwähnten Lästigkeit fällt die Finanzfrage schwer ins Gewicht. In den höheren, gebildeten Ständen kommt es vor, daß ein junger Mann keine eigene Familie begründen kann, weil er weibliche Angehörige unterstützen oder erhalten muss. Furchtbar lastet diese finanzielle Pflicht auf dem Volk. Die Bediensteten, die von ihrem kargen Lohn die alte Mutter erhalten müssen, tun es schweren Herzens, fast immer voll Groll und Bitterkeit. Ich traf eines Tages mein Mädchen – ein gutes, treues Geschöpf – in der Küche fassungslos schluchzend. Auf meine Fragen erfuhr ich, daß ihre Mutter (sie wohnte in einem kleinen ostpreußischen Nest) eine Reise unternommen habe, um einen verheirateten Sohn, den sie seit vielen Jahren nicht sah, zu besuchen Die Reise kostete fünfzehn Mark. Um dieser fünfzehn Mark willen heulte das Mädchen. Sie unterstützte die Mutter mit zehn Mark monatlich, – der Hälfte ihres Lohnes. Zu den allgemeinen unerfreulichen Begleiterscheinungen des Alters gehört der Verlust der Schönheit, – wenn solche vorhanden war, was gar nicht so häufig der Fall ist, wie man bei der Gegenüberstellung von Jugend und Alter anzunehmen pflegt. In den höheren Ständen tritt die Hässlichkeit des Alters bei den Frauen auffälliger hervor als bei den Männern. Im Volk, bei den Bauern ist der Greis nicht hübscher als die Greisin. Ich schalte hier ein, daß die deutsche alte Frau im allgemeinen hässlicher ist als alte Engländerinnen, Amerikanerinnen, Norwegerinnen. Es ist eine für deutsch-patriotische Gemüter unliebsame Wahrnehmung – auf Reisen hat man Gelegenheit, sie zu machen – wie die charaktervollen, interessanten Köpfe, die schlanken, hohen Gestalten dieser Ausländerinnen die untersetzteren, fetteren deutschen alten Damen mit den verschwommenen Zügen in den Schatten stellen. Die Ursache dieser Erscheinung sehe ich weniger in einer National- und Rassenverschiedenheit als darin, daß in den genannten Nationen die Hausmütter (in den höheren Klassen) selten sind, Frauen, die, wenn ihnen die Objekte ihrer Tätigkeit entzogen sind und ihr enger Interessenkreis gesprengt ist, leicht träg, stumpf und dick werden. Das geistige Wesen schafft sich die Physiognomie. Wir lesen in den Gesichtern gewissermaßen zwischen den Zeilen, durch alle Runzeln hindurch leuchtet die Schrift, die eine Seele in die Züge schrieb. Ich wiederhole ein Zitat, das ich schon einmal anwandte: "Es ist eine Gerechtigkeit auf Erden, daß die Gesichter wie die Menschen werden." Das Alter zerstört die Schönheit der Formen und Linien. Die Wirkungen dieser Zerstörung können gemildert, in nicht seltenen Fällen aufgehoben werden. Alte Frauen pflegen ihre äußere Erscheinung zu vernachlässigen, weil sie glauben, es sei ja ganz gleichgültig, wie sie aussehen. Sie zählen nicht mehr mit. Wer achtet ihrer? So machen sie sich‘s wenigstens bequem. Sie haben unrecht. Ich möchte, daß die alte Frau sich weiß kleide. Ich meine, ihr gebührt die Farbe, die dem Licht verwandt ist. Etwas Priesterliches, Erdentrücktes, Lichtsuchendes möchte ich an ihr sehen. Aber nicht nur ein kaum noch moderner Symbolismus, auch ästhetische Gründe sprechen für das weiße Kleid. Niemand sollte mehr die Regeln der Ästhetik beobachten als die alte Frau. Peinlichste Sauberkeit und Sorgfalt in der Körperpflege, in der Kleidung sei ihr Gesetz. Zur Körperpflege gehört jede Art hygienischer Vorsorge, gehört alles, was zur Erhaltung der Kraft und Geschmeidigkeit, zur Vermeidung von Schwerfälligkeit und Fettleibigkeit dient. Man wird einwenden, daß die alte Frau den Spott herausfordert, wenn sie Dinge tut, die ihrem Alter nicht angemessen sind. Nicht angemessen sind oder nicht für angemessen gelten? Dieser Unterschied ist wichtig. Von dem, was für unangemessen gilt, beruht das meiste auf Gewohnheit und Zeitvorurteil. Ein Beweis dafür ist, daß ein Tun, das die alte Frau lächerlich macht, bei dem gleichaltrigen Mann Beifall, oft den allerlebhaftesten, findet. Eine alte Frau mit Schlittschuhen an den Füßen, auf dem Fahrrad, auf dem Pferd, – lächerlich; der achtzigjährige Moltke auf dem Pferd wurde als eine bewundernswerte Erscheinung angestaunt; dem weißbärtigen Schlittschuhläufer folgen nur wohlwollende Blicke. Meine Kindheit fällt noch in die Zeit, wo ein weibliches Wesen auf dem Eis Staunen und Entrüstung erregte. Hätte ich in meinem fünfundvierzigsten Jahr einen runden Hut mit Blumen getragen, die Straßenjugend hätte hinter mir hergejubelt. Heute trägt die Vierzigerin denselben Hut wie ihre Tochter, und man findet es in der Ordnung. Eine sechzigjährige Dame meiner Bekanntschaft wollte auf Anraten ihres Arztes, einer Blutstockung wegen, reiten, natürlich nur in der Bahn. Sie gab es wieder auf, weil sie die Witz- und Spottreden ihres Bekanntenkreises nicht ertrug. Eine andere, mir verwandte Greisin brannte darauf, den Vortrag eines bestimmten Universitätsprofessors zu hören. Sie hatte nicht den Mut, sich den verwunderten Blicken der Jünglinge auszusetzen. Höre, alte Frau, was eine andere alte Frau dir sagt: Stemme dich an! Habe Mut zum Leben! Denke keinen Augenblick an dein Alter. Du bist sechzig Jahre alt. Du kannst siebenzig werden, achtzig, sogar neunzig. Die Jüngsten können vor dir ins Grab steigen. Den Tod vorausdenken, vorausfühlen, heißt ihm entgegeneilen, heißt die Gegenwart entrechten. Wenn du nur noch einen einzigen Tag lebst, hast du eine Zukunft vor dir. Das Leben ist ein Kampf. Alle sagen es. Man kämpft gegen Feinde. Das Alter ist ein Feind. Kämpfe! Tu, was dir Freude ist, soweit deine Geistes- und Körperkräfte reichen. Gerade, weil du nicht mehr lange Zeit vor dir hast, schöpfe jede Minute aus. Die theosophische Vorstellung: je reicher an Hirn und Herz wir ins Grab steigen, um so glorreicher wird unsere Wiederkehr sein, ist von feierlicher Vornehmheit. Spotte des Spottes, mit dem man dich einschüchtern, dir die Türen zur Freude sperren will. Das Recht, zu leben, hat das Kind wie die Greisin. Werde immerhin alt für die anderen: nicht aber für dich. Was habt ihr Alten denn nach der Gesellschaft – die längst über euch hinweg gegangen ist – zu fragen? Wer von der Gesellschaft nichts mehr will, hat nichts mehr von ihr zu fürchten. Das Grab gönnt jeder uns. Duckmäuser ihr! Was horcht ihr noch immer auf Beifall und Zischen dieser Gesellschaft? Wenn ihr Lust und Kraft dazu habt, so radelt, reitet, schwimmt, entdeckt auf Reisen neue Schönheiten, neue Welten. Ein sechsundsiebenzigjähriger berühmter englischer Arzt erzählt von seinen langen Kamelritten durch die Wüste. Vielleicht könnt ihr stark wie dieser Arzt werden und wie er auf Kamelen durch die Wüste reiten. Lasst euer weißes Haar, wenn ihr es habt und es euch bequem ist, frei um das Haupt wallen. Mischt euch unter die Lernenden. Beinahe kommt es mir lächerlich vor, daß ihr euch schämt, noch nach Wissen zu trachten, als wäre das Absterben ein lieblich ernstes Geschäft, das zu hemmen indezent wäre. Ein Baum, auch wenn er all seine Früchte hergab, lebt fort, prangend in der neuen Schönheit herbstlichen Laubes, bis er am Winterfrost stirbt. Ich kenne eine dreiundsiebenzigjährige Greisin, die anfängt, Lateinisch zu lernen; freilich nimmt sie den Unterricht in einem entlegenen Pavillon ihres Parkas, damit kein Lauscher ihren Frevel erspähe. Eine andere kenne ich: als die merkte, daß Worte und Ausdrücke für das, was sie sagen wollte, ihr zu fehlen anfingen, gestattete sie den Gehirnnerven dieses Erschlaffen nicht ohne weiteres. Wie ein Kind sich übt, sprechen zu lernen, so übte sie sich, es nicht zu verlernen. Sie hielt sich Monologe, Vorträge; mit feiner Kunst fesselte sie ihr fliehendes Gedächtnis, ersetzte es zum Teil durch eine musterhafte Ordnung. Sie schrieb ein Tagebuch, um sich über ihre Geistesverfassung Rechenschaft zu geben. Und sie brachte es zu erstaunlichen Erfolgen. Klagst du, Alte, daß die Menschen nichts mehr von dir wissen wollen? Und wollen die Irdischen, meist allzu Irdischen nichts mehr von dir wissen: es gibt Übersinnliches. Bade die Seele im Mondlicht der Geister. Sind nur lebendige Menschen Freudenbringer? Da ist die ganze holde und wilde Natur mit ihren Geheimnissen und Offenbarungen. Da sind die Tiere. Die wissen nichts von Alter und Hässlichkeit. Die lieben dich um dessentwillen, was du an ihnen tust. Da sind vor allem die Toten. Mit ihnen redet man oft besser als mit den Lebendigen. Durch ihre Werke leben sie uns. Unerschöpflich sind die Schätze an Geist und Gemüt, die sie bergen. So rede nicht von Einsamkeit. Man hat dich die Zaubersprüche nicht gelehrt, mit denen man diese Schätze hebt? Ja: das ist‘s. Die Zukunft wird diese Ratschläge, die der Gegenwart gelten, nicht brauchen. Glich bisher das Los der alten Frau dem des Abgebrannten, der trauernd auf dem Grabe seiner Habe kauert – muss es so bleiben? Nein. Die Überflüssigkeit der gealterten und alten Frau auf die von der Natur gesetzten, unüberschreitbaren Grenzen zu beschränken, wird eine der Konsequenzen der Frauenbewegung sein. Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen; aber gegen den zu frühen Tod des Weibes sind viele Kräutlein gewachsen. Das kräftigste heißt: bedingunglose Emanzipation der Frau und damit die Erlösung von dem brutalen Aberglauben, daß ihr Daseinsrecht nur auf dem Geschlecht beruhe. Gebt der Frau einen reicheren Lebensinhalt, praktische oder geistige Interessen, die über die engere Familie hinausragen, die sie, wenn sie alt wird, in die große Menschheitsfamilie einreihen, sie durch die Gemeinsamkeit solcher Interessen mit dem allgemeinen sozialen Leben verbinden. Stellt sie auf sich selbst, statt immer nur auf andere. Sind die andern von ihr gegangen, sie bleibt immer übrig; und ist sich nicht "ibrig‘ Andauerndes Schaffen, sei es mit Hand oder Kopf, wird, wie das Öl die Maschine, ihre Nerven- und Gehirnkräfte elastisch erhalten und ihr eine geistige Langlebigkeit verbürgen weit über die Jahre hinaus, die bisher für sie den Abschied vom Leben bedeuteten. Untätigkeit ist der Schlaftrunk, den man dir, alte Frau, reicht. Trink‘ ihn nicht! Sei etwas! Schaffen ist Freude. Und Freude ist fast Jugend.