Arthur Conan Doyle Die tanzenden Männchen und andere Detektivgeschichten Sherlock Holmes-Serie Gesammelte Detektivgeschichten von Conan Doyle VIII Die tanzenden Männchen. Sherlock Holmes hatte stundenlang über eine Porzellanschale gebeugt gesessen, in der er ein besonders übelriechendes chemisches Produkt braute. Sein Kopf war auf die Brust herabgesunken, und der lange, schmale Rücken war so gekrümmt, daß die Gestalt meines Freundes einem schlanken Vogel mit grauem Gefieder und schwarzer Haube glich. »Du willst also keine südafrikanischen Papiere kaufen, Watson?« sagte er urplötzlich. Ich konnte mein Erstaunen über diese Frage nicht unterdrücken. Obgleich er mir schon häufig Beweise bewunderswerter Fähigkeiten gegeben hatte, war mir doch dieses Erraten meiner innersten Gedanken gänzlich unfaßbar. »Woher in aller Welt weißt du das?« fragte ich ihn. Holmes drehte sich auf seinem Stuhl um. Er hatte ein rauchendes Reagensröhrchen in der Hand, und seine tiefliegenden Augen zeigten eine vergnügte Stimmung an. »Nun, Watson, du bist überrascht?« sagte er. »Das bin ich allerdings.« »Dieses Zugeständnis sollte ich mir eigentlich schriftlich von dir geben lassen.« »Warum?« »Weil du in fünf Minuten sagen wirst, auf diesen Gedanken zu kommen, sei ungeheuer einfach gewesen.« »Das werde ich sicher nicht sagen.« »Pass' mal auf, mein lieber Watson,« – er steckte das Probierröhrchen in das Gestell und begann mit der Miene eines Lehrers zu reden, der zu seinen Schülern spricht – »es ist tatsächlich nicht so schwer, eine Reihe von Schlüssen zu ziehen, von denen jeder aus dem vorhergehenden folgt, und von denen jeder einzelne sehr leicht ist. Wenn man das tut, und dann die mittleren wegläßt, und seinen Zuhörern nur den ersten und letzten sagt, so kann man eine verblüffende, mitunter eine geradezu wunderbare Wirkung erzielen. So war es wahrhaftig keine Kunst, an deinem linken Zeigefinger und Daumen zu erkennen, daß du die Absicht, dein kleines Vermögen in afrikanischen Minenwerten anzulegen, aufgegeben hattest.« »Hier sehe ich keinerlei Verbindung.« »Das ist wohl möglich, aber ich kann dir schnell die einzelnen Glieder der Kette der Reihe nach zeigen. Erstens: Als du gestern abend aus dem Klub kamst, hattest du Kreidespuren an Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Zweitens: Das ist nur der Fall, wenn du Billard gespielt und das Queue mit Kreide bestrichen hast. Drittens: Du spielst nur mit Thurston Billard. Viertens: Du erzähltest mir vor vier Wochen, daß Thurston südafrikanische Aktien, die nach einem Monat ausgegeben würden, zu kaufen gedenke, und du dich daran beteiligen wolltest. Fünftens: Dein Scheckbuch ist in meinem Schrank eingeschlossen, und du hast bis heute noch nicht nach dem Schlüssel gefragt. Sechstens: Du hast also die Absicht aufgegeben, dein Geld in diesen Werten anzulegen.« »Wie ungeheuer einfach!« rief ich unwillkürlich aus. »Genau, wie ich gesagt hatte,« fuhr mein Freund etwas ärgerlich fort. »Jedes Problem erscheint dir kinderleicht, nachdem man dir's erklärt hat. Hier habe ich aber eins, das noch nicht erklärt ist. Sieh, was du damit machen kannst, alter Freund.« Er warf mir ein Blatt Papier auf den Tisch und wandte sich selbst wieder seiner chemischen Analyse zu. Ich betrachtete erstaunt die merkwürdigen Hieroglyphen auf dem Papier. »Ei nun, Holmes,« rief ich, »das hat ein Kind gemacht!« »Das ist deine Ansicht!« »Was soll es denn sonst sein?« »Ja, das möchte Herr Hilton Cubitt aus Riding in Norfolk auch gerne wissen. Das kleine Rätsel ist mit der ersten Post eingelaufen, und der Absender selbst will mit dem nächsten Zug kommen . . . Es klingelt, Watson, und es sollte mich gar nicht überraschen, wenn er's schon wäre.« Auf der Treppe wurden schwere Tritte hörbar, und im nächsten Moment machte ein großer, frisch aussehender Herr mit glattrasiertem Gesicht unsere Stubentür auf. Seine klaren Augen und seine blühende Gesichtsfarbe sagten uns, daß er entschieden keinen Beruf hatte, der ihn an die Bakerstraße In dieser befand sich Holmes' Wohnung. fesselte. Er schien bei seinem Eintritt einen Hauch der kräftigen, nervenstärkenden Seeluft seiner Heimat mitzubringen. Als er jedem von uns die Hand geschüttelt hatte und Platz nehmen wollte, fiel sein Blick auf das Papier mit den sonderbaren Zeichen, das ich eben in der Hand gehabt und wieder auf den Tisch gelegt hatte. »Nun, Herr Holmes, was meinen Sie dazu?« rief er mit markiger Stimme aus. »Man hat mir erzählt, daß Ihnen solche rätselhaften Sachen Spaß machten, und ich glaube kaum, daß es eine rätselhaftere gibt als diese. Ich habe den Zettel vorausgeschickt, damit Sie ihn vor meiner Ankunft studieren könnten.« »Es ist wirklich eine seltsame Schreiberei,« erwiderte Holmes. »Auf den ersten Blick könnte man es für das Gekritzel eines Kindes halten. Es besteht aus einer Anzahl kleiner Figuren, die über das Papier tanzen. Warum legen Sie diesem dummen Zeug überhaupt eine besondere Bedeutung und so große Wichtigkeit bei?« »Mir würde es gar nicht einfallen, aber meine Frau tut's. Sie ist darüber zu Tod erschrocken. Sie sagt zwar nichts, ich kann ihr aber die Furcht aus den Augen ablesen, und darum möchte ich der Sache auf den Grund kommen.« Holmes nahm den Zettel und hielt ihn gegen das helle Tageslicht. Es war ein Blatt aus einem Notizbuch. Die Zeilen waren mit Bleistift gemacht und sahen ungefähr so aus: Holmes prüfte das Blatt eine Zeitlang, faltete es dann sorgfältig zusammen und legte es in sein Notizbuch. »Es verspricht, ein äußerst interessanter und ungewöhnlicher Fall zu werden,« sagte er. »Sie haben mir in Ihrem Briefe bereits einige näheren Angaben gemacht, es würde mir aber angenehm sein, wenn Sie im Interesse meines Freundes Dr. Watson hier das Ganze noch einmal im Zusammenhang erzählen wollten.« »Ich bin nichts weniger als ein glänzender Erzähler,« sagte unser Besucher und rieb sich nervös die großen, kräftigen Hände; »Sie müssen mich fragen, wenn ich die Sache nicht ordentlich klar mache. Ich muß mit meiner Verehelichung im vorigen Jahr anfangen. Ich will noch vorausschicken, daß, wenn ich auch kein reicher Mann bin, meine Vorfahren jedoch seit fünfhundert Jahren in Riding ansässig sind, und meine Familie die bekannteste in der ganzen Grafschaft ist. Vergangenes Jahr kam ich zum Jubiläum nach London 'rauf und logierte in einem Haus am Russell-Platz, weil der Geistliche unserer Gemeinde, Pastor Parker, auch da wohnte. Dort war auch 'ne junge Amerikanerin – namens Patrick – Elsie Patrick. Wir befreundeten uns, und ehe noch ein Monat um war, war ich so in sie verliebt, wie's ein Mann nur sein kann. Wir ließen uns in aller Stille trauen und kehrten als junges Ehepaar nach Norfolk zurück. Es wird Ihnen als recht leichtsinnig erscheinen, Herr Holmes, daß ein Mann aus einer guten alten Familie sich in dieser Weise eine Frau nimmt, das heißt, ohne etwas über ihre Herkunft und ihre Vergangenheit zu wissen; wenn Sie sie aber sähen und näher kännten, würden Sie's begreiflich finden. »Sie war sehr offen in dieser Beziehung, die Elsie. Sie hielt wahrhaftig nicht damit hinter'm Berge, als ich sie fragte. ›Ich habe sehr unangenehme Verhältnisse in meinem Leben durchgemacht,‹ antwortete sie, ›ich suche sie zu vergessen. Ich spreche nicht gerne davon, denn es ruft stets peinliche Erinnerungen in mir wach. Wenn du mich zur Frau nimmst, bekommst du eine, die nichts auf dem Gewissen hat, dessen sie sich persönlich zu schämen braucht; aber du mußt dich mit meinem Wort zufrieden geben und mir versichern, daß du mich über das, was bis zu meiner Verheiratung vorgefallen ist, nicht fragen willst. Wenn du diese Bedingung nicht einhalten zu können glaubst, so gehst du lieber allein nach Norfolk und läßt mich das einsame Leben weiter führen, das ich bisher geführt habe.‹ Erst am Tage vor der Hochzeit sprach sie in dieser Weise zu mir. Ich antwortete darauf, daß ich sie unter der von ihr selbst gestellten Bedingung nehmen wollte, und habe mein Wort seither gehalten. »Wir sind nun ein Jahr verheiratet und haben sehr glücklich miteinander gelebt. Doch vor etwa einem Monat, Ende Juni, bemerkte ich die ersten Anzeichen einer Veränderung in unserem Verhältnis. Eines Tages bekam meine Frau aus Amerika einen Brief. Ich erkannte die amerikanische Marke. Sie wurde leichenblaß, las das Schreiben und warf es ins Feuer. Sie erwähnte die Sache später mit keinem Wort, und ich fing auch nicht davon an, denn versprochen bleibt versprochen; aber sie hat seit jener Zeit keine vergnügte Stunde mehr gehabt. Ihr Gesicht verrät stets eine gewisse Angst, sie sieht aus, als ob sie etwas Schlimmes befürchte. Es würde besser sein, wenn sie sich mir anvertraute. Sie würde in mir ihren besten Freund finden. Aber wenn sie sich nicht selbst zu reden entschließt – ich darf den Anfang nicht machen. Wohlverstanden, sie ist ein treues Weib, Herr Holmes, und was auch früher vorgefallen sein mag, sie trägt sicher nicht die Schuld daran. Ich bin ein einfacher Gutsbesitzer in Norfolk, aber in ganz England hält niemand seine Familie höher als ich. Das weiß sie sehr genau, und sie wußte es auch bereits vor unserer Verheiratung. Sie würde nie einen Makel darauf geladen haben – dess' bin ich sicher. »Ich komme nun erst auf den Kern der ganzen beunruhigenden Angelegenheit, auf den Teil, zu dessen Lösung ich Ihre Hilfe in Anspruch nehmen möchte. Vor ungefähr acht Tagen – es war am Dienstag voriger Woche – entdeckte ich auf einer Fensterschwelle eine Anzahl kleiner tanzender Figuren, wie die hier auf dem Papier. Sie waren mit Kreide d'rauf gekritzelt. Ich dachte, der Stalljunge wäre es gewesen, er schwor jedoch, nichts davon zu wissen. Wie dem auch sein mochte, sie waren während der Nacht dahin gekommen. Ich wischte sie aus und erwähnte es meiner Frau gegenüber erst später. Zu meiner Ueberraschung nahm sie die Sache sehr ernst und bat mich, wenn ich wieder welche fände, sie ihr gleich zu zeigen. Eine Woche lang erschienen keine neuen Männchen, aber gestern morgen lag dieses Papier hier auf der Sonnenuhr im Garten. Ich gab es Elsie, und sie fiel in Ohnmacht. Seitdem trägt sie ein ganz träumerisches Wesen zur Schau, ist vollkommen verstört, und die Furcht guckt ihr aus beiden Augen. Ich schrieb sofort an Sie, Herr Holmes, und legte Ihnen den Zettel bei. Ich konnte die Sache nicht der Polizei übergeben, denn sie würde mich ausgelacht haben, aber Sie werden mir raten können, was ich tun soll. Ich bin kein reicher Mann; aber wenn meiner Frau Unheil droht, bin ich bereit, den letzten Heller zu opfern.« Er war eine sympathische Erscheinung, dieser Mann von altem Schrot und Korn, einfach, gerade und edel, mit treuen blauen Augen und einem offenen hübschen Gesicht. Die Liebe und das Vertrauen zu seiner Frau sprachen aus seinen Zügen und aus seinen Aeußerungen. Holmes hatte der Erzählung aufmerksam zugehört und saß, in Nachdenken versunken, schweigend auf seinem Stuhl. »Meinen Sie nicht, Herr Cubitt,« sagte er nach einiger Zeit, »daß es die beste Lösung wäre, wenn Sie sich direkt mit Ihrer Frau verständigten und sie bäten, Ihnen ihr Geheimnis anzuvertrauen?« Hilton Cubitt schüttelte sein Haupt. »Versprechen bleibt Versprechen, Herr Holmes. Wenn mir's Elsie mitteilen wollte, würde sie's freiwillig tun. Wenn sie's nicht will, kann ich sie nicht zwingen. Aber das Recht habe ich, anderweitig die nötigen Schritte zur Aufklärung der Sache zu tun – und das will ich.« »Dann will ich Ihnen mit allen Kräften beistehen. Also, vor allen Dingen, haben Sie etwas von Fremden in Ihrer Nachbarschaft gesehen oder gehört?« »Nein.« »In Ihrer Heimat ist doch wohl wenig Verkehr, sodaß jedes fremde Gesicht auffallen würde?« »In der unmittelbaren Umgebung, ja. Aber etwas weiter ab liegen einige kleine Badeorte, deren Bewohner im Sommer Gäste aufnehmen.« »Diese Hieroglyphen sind sicher nicht ohne Bedeutung. Wenn sie rein willkürlich gewählt sind, wird es uns kaum möglich sein, sie zu entziffern. Liegt dagegen ein System darin, so zweifle ich nicht, daß wir eine Lösung finden werden. Das vorliegende Muster ist jedoch zu klein, um etwas damit anfangen zu können, und die Tatsachen, die Sie uns erzählt haben, sind zu unbestimmt, um eine sichere Unterlage für die weitere Untersuchung abgeben zu können. Ich möchte Ihnen daher den Vorschlag machen, jetzt wieder nach Norfolk zurückzukehren, genau auf alles aufzupassen und irgend welche neuen tanzenden Männchen getreu zu kopieren. Es ist außerordentlich schade, daß wir keine Abschrift der ersten Zeichen haben, die mit Kreide auf das Fensterbrett geschrieben waren. Erkundigen Sie sich auch vorsichtig nach etwaigen Fremden in der Umgegend. Sobald Sie etwas Neues in Erfahrung gebracht haben, kommen Sie gleich wieder zu mir. Einen anderen Rat kann ich Ihnen vorläufig nicht geben, Herr Cubitt. In dringenden Fällen bin ich stets bereit, hinunter zu fahren und Sie persönlich aufzusuchen.« Nach diesem Interview war mein Freund sehr nachdenklich, und im Lauf der nächsten Tage sah ich ihn wiederholt das Blättchen Papier aus dem Notizbuch nehmen und lange und ernst die merkwürdigen Zeichen betrachten. Er sprach jedoch nie wieder von dieser Angelegenheit, bis ich, nach vierzehn Tagen oder noch später, ausgehen wollte und er mir plötzlich zurief: »Du würdest besser hier bleiben, Watson.« »Warum?« »Weil ich heute morgen von Cubitt – du erinnerst dich doch noch des Mannes mit den tanzenden Figuren? – ein Telegramm erhalten habe. Er will ein Uhr zwanzig auf der Station Liverpoolstraße ankommen, und muß also jeden Augenblick hier sein. Ich schließe aus der Depesche, daß er wichtige Nachrichten mitbringen wird.« Es dauerte gar nicht lange, als unser Norfolker Klient auch schon in schnellstem Tempo in einer Droschke vorgefahren kam. Er sah sehr niedergeschlagen und abgespannt aus, die klaren Augen waren trübe, und die heitere Stirne war in Falten gezogen. »Die Geschichte fällt mir allmählich auf die Nerven, Herr Holmes,« begann er, und ließ sich ermattet in einen Lehnstuhl sinken. »Es ist schon ein ziemlich unbehagliches Gefühl, sich heimlich von unbekannten Menschen umgeben zu wissen, die etwas gegen einen im Schild führen; wenn man aber zudem mitansehen muß, wie die eigene Frau dabei zugrunde geht, wird die Sache nachgerade unerträglich. Sie wird immer siecher, zusehends siecher.« »Hat sie noch nichts geäußert?« »Nein, Herr Holmes; kein Wort. Und doch hat das arme Weib manchmal das Bedürfnis gehabt, zu sprechen – ich hab's ihr angesehen – aber sie hat's nicht über sich gebracht. Ich hab's ihr erleichtern wollen, aber ich muß sagen, ich hab's so ungeschickt angefangen, daß ich's ihr vielmehr erschwert und sie davon abgebracht habe. Sie redete von meiner alten Familie, von unserem guten Ruf in der Grafschaft und von unserem Stolz auf unsere unbefleckte Ehre. Ich merkte, daß sie etwas auf dem Herzen hatte, aber auf einmal sprang sie von diesem Thema ab, ohne zu Ende gekommen zu sein.« »Aber Sie haben für sich neue Entdeckungen gemacht?« »Mancherlei, Herr Holmes. Ich bringe Ihnen hier verschiedene frische tanzende Männchen zur Prüfung mit, und, was das Wichtigste ist, ich habe den Kerl gesehen.« »Was, den Schreiber der Figuren?« »Jawohl, ich habe ihn bei der Arbeit beobachtet. Aber ich will Ihnen alles in der richtigen Reihenfolge berichten. Als ich nach dem Besuche bei Ihnen nach Hause zurückgekehrt war, fand ich gleich am nächsten Morgen wieder neue tanzende Männchen. Sie waren mit Kreide an das schwarze hölzerne Tor der Wagenremise gezeichnet, die man von den vorderen Fenstern unseres Wohnhauses direkt vor Augen hat. Ich habe sie genau nachgemacht, hier ist die Kopie.« Er faltete einen Zettel auseinander und legte ihn auf den Tisch. Die Zeichen sahen folgendermaßen aus: »Ausgezeichnet!« sagte Holmes. »Ausgezeichnet! Bitte, fahren Sie fort.« »Nachdem ich die Abschrift genommen hatte, löschte ich die Dinger aus; am übernächsten Morgen war jedoch wieder eine neue Serie dort, deren Kopie ich hier habe. Holmes rieb sich die Hände und lachte vor Vergnügen über die günstige Weiterentwicklung. »Unser Material mehrt sich erfreulich schnell,« sagte er. »Drei Tage darauf fand ich wieder ein Blatt Papier mit den rätselhaften Figuren an der Sonnenuhr. Ich habe es hier. Es sind, wie Sie sehen, genau dieselben Zeichen darauf, wie auf dem letzten. Nun entschloß ich mich endlich, dem Schreiber aufzulauern. Ich nahm meinen Revolver und setzte mich in mein Zimmer, von dem aus ich den Hof und den Garten überblicken konnte. Im Zimmer hatte ich kein Licht, draußen war es mondhell. Als ich so gegen zwei Uhr nachts am Fenster saß, hörte ich Schritte; es war meine Frau im Schlafgewand. Sie bat mich inständig, zu Bett zu gehen. Ich erklärte ihr frei heraus, daß ich den Menschen sehen wollte, der ein so eigentümliches Spiel mit uns trieb. Sie antwortete, es handle sich nur um einen schlechten Scherz, und ich solle gar keine Notiz davon nehmen. »›Wenn es dich wirklich beunruhigt, Hilton, können wir ja zusammen verreisen und uns so dieser Störung entziehen.‹ »›Was, uns von einem übeln Witzbold aus unserem eigenen Haus treiben lassen?‹ erwiderte ich. ›Die ganze Nachbarschaft würde uns ja auslachen.‹ »›Wir können morgen früh weiter darüber reden, komm' jetzt, bitte, zu Bett,‹ versetzte sie zärtlich. »Während sie noch sprach, sah ich in dem Mondschein ihr bleiches Gesicht plötzlich noch bleicher werden. Im Schatten der Remise bewegte sich etwas. Eine dunkle Gestalt kroch um die Ecke und kauerte vor dem Tor nieder. Ich ergriff meine Waffe und wollte hinausstürzen. Aber meine Frau schlang die Arme um meine Brust und hielt mich krampfhaft fest. Ich versuchte, sie abzuschütteln, sie ließ aber nicht los. Endlich machte ich mich frei, aber ehe ich zur Tür hinauskam und das Gebäude erreichte, war der Kerl verschwunden. Er hatte jedoch eine Spur hinterlassen; an dem Tor befand sich wieder dieselbe Reihe tanzender Figuren wie die beiden vorhergehenden Male, und wie ich sie auf jenem Blatt nachgezeichnet habe. Sonst war nichts von ihm zu sehen, obwohl ich das ganze Terrain absuchte. Das ist umso auffallender, als er sich auch später noch in der Nähe aufgehalten haben muß, denn, als ich am Morgen das Tor wieder untersuchte, hatte er unter die Zeile, die ich bereits gesehen hatte, neue Zeichen gesetzt.« »Haben Sie diese frischen Figuren auch kopiert?« »Ja, es sind nur wenige; hier sind sie.« Er zog abermals ein Papier aus der Tasche, das folgende Zeichen enthielt: »Sagen Sie 'mal,« fragte Holmes, dem ich die starke Erregung an den Augen ansehen konnte, »war dies ein bloßer Zusatz zu der ersten Reihe, oder machte es den Eindruck, als ob es gar nicht dazu gehörte?« »Es stand auf einem ganz anderen Teil des Tores.« »Großartig! Das ist von der größten Bedeutung zur Erreichung unseres Zwecks. Es erfüllt mich mit neuen Hoffnungen. Nun, erzählen Sie weiter, Herr Cubitt.« »Ich kann nur noch hinzufügen, Herr Holmes, daß ich auf meine Frau sehr böse war, weil sie mich in jener Nacht daran verhindert hatte, den heimtückischen Burschen womöglich in meine Gewalt zu bekommen. Sie sagte zwar, sie hätte sich gefürchtet, es möchte mir ein Leid geschehen, aber einen Augenblick kam mir der Gedanke, daß sie in Wirklichkeit gefürchtet haben möchte, daß er Schaden nehme, denn ich konnte nicht daran zweifeln, daß sie den Mann und auch die Bedeutung dieser Zeichen kannte. Doch in der Stimme meiner Frau liegt ein Klang und in ihren Augen ein Ausdruck, der alle Zweifel verscheucht, und ich bin jetzt wieder der festen Ueberzeugung, Herr Holmes, daß sie tatsächlich um mein eigenes Wohl besorgt war. – Ich habe Ihnen hiermit den ganzen Fall genau dargestellt und bitte Sie nun um Ihren Rat, was zu tun ist. Ich selbst möchte am liebsten ein halbes Dutzend meiner Leute aufstellen und dem Kerl, wenn er wieder kommt, eine so derbe Lektion erteilen lassen, daß er uns in Zukunft in Frieden läßt.« »Ich fürchte, dieser Fall ist schon zu weit vorgeschritten und nicht mehr durch eine so einfache Kur zu heilen,« sagte Holmes. »Wie lange können Sie in London bleiben?« »Ich muß heute wieder zurück, unbedingt. Ich möchte meine Frau um alles in der Welt nicht allein lassen während der Nacht. Sie ist sehr nervös und bat mich dringend, zurückzukehren.« »Wenn's so steht, kann ich Ihnen nur recht geben. Aber wenn Sie einen oder zwei Tage Zeit gehabt hätten, würde ich dann vielleicht mit Ihnen nach Hause gefahren sein. Lassen Sie mir alle diese Zettel unterdessen hier. Ich denke, ich werde Ihnen höchstwahrscheinlich in kurzem einen Besuch machen und einiges Licht in diese dunkle Sache bringen können.« Holmes bewahrte während der Anwesenheit unseres Besuchers seine geschäftsmäßige Ruhe, obgleich er stark erregt war, wie ich wohl merkte. Sobald aber Hilton Cubitts breiter Rücken in der Tür verschwunden war, schritt er schnell zum Schreibtisch, breitete die sämtlichen Papierzettel darauf vor sich aus und begann eine schwierige und mühsame Berechnung. Zwei Stunden lang beobachtete ich ihn, wie er ein Blatt nach dem anderen mit Figuren und Zeichen beschrieb und so sehr in die Arbeit vertieft war, daß er meine Gegenwart augenscheinlich ganz vergessen hatte. Manchmal, wenn es mit seiner Lösung vorwärts ging, fing er an zu pfeifen und zu singen, manchmal, wenn er in Verlegenheit kam, sah er längere Zeit mit gerunzelter Stirn starr vor sich hin. Endlich sprang er mit einem Ausruf der Befriedigung vom Stuhl auf und ging, sich die Hände reibend, im Zimmer auf und ab. Dann nahm er ein Depeschenformular und setzte ein langes Telegramm auf. »Wenn ich darauf die gewünschte Antwort erhalte, wirst du einen sehr hübschen Fall für deine Sammlung bekommen, Watson,« sagte er dann zu mir. »Ich hoffe, daß wir morgen nach Norfolk hinunter fahren können, um unserem Freund definitiven Bescheid bezüglich seiner Kümmernis zu bringen.« Ich muß gestehen, daß ich neugierig war. Da ich aber wußte, daß Holmes seine Enthüllungen zu seiner Zeit und auf seine eigene Weise bekannt zu geben pflegte, so wartete ich geduldig, bis es ihm passen würde, mich ins Vertrauen zu ziehen. In der Beantwortung des Telegramms trat jedoch eine Verzögerung ein. Es folgten zwei Tage, während deren Holmes sehr ungeduldig war und bei jedem Klingeln emporfuhr. Am Abend des zweiten Tages traf dagegen wieder eine Nachricht von Cubitt ein. Es sei alles ruhig geworden, nur heute morgen habe er an der Sonnenuhr eine lange Reihe tanzender Männchen gefunden. Er lege eine Abschrift derselben bei. Sie sah folgendermaßen aus: Holmes beugte sich einige Minuten über diese seltsamen Zeichen, dann stieß er plötzlich einen Schrei der Ueberraschung und des Entsetzens aus. Sein Gesicht war ganz entstellt von Schrecken. »Wir haben der Sache nun lange genug ihren Lauf gelassen,« sagte er, »es ist die höchste Zeit, daß wir einschreiten. Geht heute nacht noch ein Zug nach North Walsham?« Ich sah sofort auf dem Fahrplan nach. Der letzte war gerade abgegangen. »Dann müssen wir morgen bald frühstücken und gleich den ersten Zug benutzen,« war seine Antwort. »Unsere Anwesenheit ist dringend nötig. Aha, hier kommt auch die erwartete Depesche. Einen Augenblick, Frau Hudson, vielleicht muß ich darauf antworten. Nein, es ist gut so. Diese Nachricht zeigt noch deutlicher, daß wir keine Minute Zeit verlieren dürfen, um Cubitt vom Stand der Dinge in Kenntnis zu setzen. Der gute Mann ist in ein gefährliches Netz geraten.« Tatsächlich erwies es sich so. Und auch jetzt, wo ich nun das Ende dieser tragischen Geschichte erzählen muß, die mir anfangs kindisch und töricht erschienen war, empfinde ich wieder von neuem jenen Schauder und Schrecken, der mir damals durch die Glieder ging. Ich wünschte, meinen Lesern einen glücklicheren Ausgang berichten zu können. Ich muß jedoch den Vorgang so schildern, wie er sich wirklich zugetragen hat, und darf auch das schreckliche Ende nicht verschweigen, das Riding eine Zeitlang zu einer traurigen Berühmtheit verholfen hat. Wir waren kaum in North Walsham ausgestiegen und hatten einen Wagen zu unserer Weiterreise bestellt, als der Stationsvorstand auf uns zueilte und uns anredete: »Ich vermute, daß Sie die Londoner Geheimpolizisten sind?« Holmes war durch diese Frage unangenehm berührt. »Woraus schließen Sie das?« »Weil Inspektor Martin aus Norwich auch eben durchgekommen ist. Vielleicht sind Sie auch die Aerzte. Sie ist nicht tot – wenigstens nach den letzten Nachrichten noch nicht. Möglicherweise treffen Sie noch rechtzeitig ein, um sie vom Tode zu retten – wenn's auch nur für den Galgen ist.« Holmes' Antlitz verfinsterte sich. »Wir wollen allerdings nach Riding,« sagte er, »aber von dem, was sich nach Ihren Reden dort zugetragen hat, haben wir noch nichts gehört.« »Ein furchtbares Blutbad,« fuhr der Bahnhofsvorsteher fort, »sie sind beide erschossen, Herr Cubitt und seine Frau. Sie hat ihn erschossen und dann sich selbst – wenigstens sagt das Personal so aus. Er ist bereits gestorben, und sie schwebt in Lebensgefahr. Heiliger Herr! eine der ältesten und geachtetsten Familien in der ganzen Grafschaft.« Ohne ein Wort zu verlieren sprang Holmes in den Wagen. Er sprach während der ganzen Fahrt kein Wort. Ich habe ihn selten in einer so verzweifelten Stimmung gesehen. Er war schon von Anfang an unruhig gewesen, und hatte, wie mir nicht entgangen war, die Morgenzeitungen ängstlich durchgeblättert; aber diese plötzliche Verwirklichung seiner schlimmsten Befürchtungen hatte ihn vollends niedergedrückt. Er saß zurückgelehnt in seiner Ecke und war in düsteres Nachdenken versunken, trotzdem es vielerlei Interessantes zu sehen gab, denn wir fuhren durch eine der schönsten und eigenartigsten Gegenden in ganz England. Kleine, zerstreut liegende Häuschen repräsentierten die heutige Zeit, während die gewaltigen Kirchen mit den viereckigen Türmen, welche sich zu beiden Seiten des Weges aus der flachen, grünen Landschaft hervorhoben, von dem Reichtum und der Macht Alt-Englands Zeugnis ablegten. Endlich sah man hinter der grünen Küste von Norfolk die blauen Fluten der Nordsee auftauchen, und der Kutscher zeigte mit der Peitsche auf zwei alte Giebel aus Stein- und Holzfachwerk, die hinter einem Haine hervorlugten. »Das ist Riding,« sagte er. Als wir durch das Parktor die Allee entlang fuhren, erblickte ich gerade vor uns die alte Remise und die Sonnenuhr, an die sich so merkwürdige Beziehungen knüpften. Aus einem Jagdwagen war eben ein flinker, kleiner Mann mit einem großen, gewichsten Schnurrbart ausgestiegen. Er stellte sich uns selbst als Inspektor Martin von der Norfolker Kriminalpolizei vor, und zeigte sich nicht wenig erstaunt, als er den Namen meines Gefährten hörte. »Ei, Herr Holmes, das Verbrechen ist erst heute nacht um drei Uhr verübt worden, wie konnten Sie das schon in London wissen und so früh am Tatort eintreffen wie ich?« »Ich ahnte es. Ich kam in der Absicht, es zu verhüten.« »Dann müssen Sie Material haben, das wir nicht kennen; denn soviel uns gesagt worden ist, hat das Ehepaar sehr einig gelebt.« »Ich kenne nur die Geschichte von den tanzenden Männchen,« erwiderte Holmes. »Ich werde Ihnen das später auseinandersetzen. Zunächst will ich, da ich das Unglück nicht habe verhüten können, diese meine Kenntnis benutzen, um den Täter zu ermitteln. Wollen Sie mich bei diesen Nachforschungen unterstützen, oder wollen Sie lieber unabhängig von mir vorgehen?« »Es würde mich außerordentlich freuen, wenn ich mit Ihnen zusammen arbeiten dürfte, Herr Holmes,« antwortete der Inspektor ernst. »Dann wollen wir unverzüglich den Tatbestand aufnehmen und danach gleich mit den Vorarbeiten anfangen.« Inspektor Martin war so vernünftig, meinen Freund allein gewähren zu lassen und sich damit zu begnügen, die Resultate sorgfältig zu notieren. Der Arzt des Ortes, ein älterer Herr mit weißem Haar und Bart, kam gerade aus dem Zimmer der Frau Cubitt. Er teilte uns mit, daß ihre Verletzungen zwar schwer, aber nicht unbedingt tödlich seien. Die Kugel sei durch das Stirnbein ins Gehirn gedrungen, und es würde voraussichtlich längere Zeit dauern, ehe sie das Bewußtsein wieder erlangen würde. Auf die Frage, ob sie erschossen worden sei, oder sich selbst erschossen habe, wagte er keine bindende Antwort zu geben. Es sei nur soviel sicher, daß die Kugel aus unmittelbarer Nähe gekommen sei. Im Zimmer sei nur ein Revolver gefunden worden, aus dem zwei Patronen abgefeuert worden seien. Herr Cubitt sei mitten ins Herz getroffen. Es wäre ebenso gut denkbar, daß er sie zuerst und dann sich selbst getötet habe, denn die Schußwaffe läge auf dem Boden in der Mitte zwischen beiden. »Ist die Leiche schon von der Stelle geschafft worden?« fragte Holmes. »Es wurde nur die schwerverwundete Frau weggetragen, denn man konnte sie unmöglich auf dem Boden liegen lassen.« »Wie lange sind Sie schon hier, Herr Doktor?« »Seit vier Uhr.« »Ist sonst noch jemand hier?« »Ja, der Polizeidiener hier.« »Und Sie haben nichts angefaßt?« »Gar nichts.« »Dann sind Sie sehr vernünftig gewesen. Wer hat Sie holen lassen?« »Das Hausmädchen Saunders.« »Hat sie Lärm geschlagen?« »Sie und die Köchin, Fräulein King.« »Wo sind die Mädchen jetzt?« »Ich glaube, in der Küche.« »Dann wollen wir sie sofort verhören.« Die alte Vorhalle mit Eichenholztäfelung und den hohen Fenstern wurde in einen Gerichtssaal verwandelt. Holmes nahm auf einem großen altmodischen Lehnstuhl Platz. Er war ernst und niedergeschlagen, aber in seinem Blick lag Trotz und Unerbittlichkeit. Ich konnte in seinen Augen den festen Vorsatz lesen, daß er seinen Klienten, den er leider nicht gerettet hatte, wenigstens unter allen Umständen rächen wollte. Der Inspektor, der alte grauhaarige Landdoktor, ein Ortspolizist und ich bildeten die Beisitzer dieses eigenartigen Gerichtshofes. Die beiden Mädchen gaben eine ziemlich klare Darstellung des Vorfalls. Sie waren bei einem lauten Knall aus dem Schlaf aufgewacht; kurz darauf hatten sie einen zweiten gehört. Sie schliefen in zwei aneinander stoßenden Kammern. Fräulein King war zur Saunders gestürzt, und sie waren zusammen die Treppe hinuntergelaufen. Die Tür des Arbeitszimmers stand offen, und auf dem Tisch brannte eine Kerze. Ihr Herr lag mitten im Zimmer auf dem Fußboden, das Gesicht nach unten gekehrt. Er war vollständig tot. In der Nähe des Fensters lag seine Frau, mit dem Kopf an die Wand gelehnt. Sie hatte eine furchtbare Verwundung, und die eine Seite war ganz von Blut überströmt. Sie gab noch Lebenszeichen von sich, konnte aber nicht sprechen. Gang und Zimmer waren voll von Pulverdampf. Das Fenster war zu und von innen geschlossen. In diesem Punkt stimmten die Aussagen beider Mädchen vollständig überein. Sie hatten sofort zum Arzt und zur Polizei geschickt. Dann hatten sie mit Hilfe des Dieners und des Stallburschen ihre verwundete Herrin in ihr Zimmer gebracht. Beide Ehegatten hatten vorher das Bett benutzt. Die Frau war angekleidet, der Mann hatte über den Unterkleidern seinen Schlafrock an. Im Arbeitszimmer war nichts angerührt, es stand noch jedes Ding an seinem Platz. Soweit die Mädchen wußten, hatten die Eheleute im besten Einvernehmen gelebt und allgemein als ein sehr glückliches Paar gegolten. Das waren die hauptsächlichsten Angaben. Auf eine Frage des Inspektors Martin konnten sie bestimmt behaupten, daß alle Haustüren von innen geschlossen gewesen waren, und niemand aus dem Haus entwischt sein konnte. Holmes antworteten sie, daß ihnen, sobald sie aus ihren Zimmern auf den Flur gestürzt seien, augenblicklich ein starker Pulvergeruch aufgefallen sei. »Auf diesen Punkt mache ich Sie ganz besonders aufmerksam,« sagte Holmes zu seinem Berufsgenossen Martin. »Und nun können wir uns, glaube ich, an die Untersuchung des Zimmers begeben.« Das Arbeitszimmer des Herrn Cubitt war nicht allzu groß; an drei Wänden standen Bücherregale, an einem gewöhnlichen Fenster stand ein Schreibtisch. Von hier aus konnte man den Hof und den Garten überschauen. Unsere erste Aufmerksamkeit galt der Leiche des unglücklichen Besitzers, dessen kolossaler Körper ausgestreckt am Boden lag. Daraus, daß seine Kleidung nicht ganz geordnet war, konnte man entnehmen, daß er Eile gehabt hatte. Die Kugel war von vorne gekommen, und, nachdem sie das Herz durchbohrt hatte, im Körper stecken geblieben. Der Tod mußte augenblicklich und schmerzlos eingetreten sein. Weder sein Schlafrock, noch seine Hände zeigten irgendwelche Pulverspuren. Nach Aussage des Arztes waren dagegen im Gesicht der Frau solche Flecken wahrnehmbar, aber an ihren Händen auch nicht. »Das Fehlen dieser Flecken beweist nichts, wenn auch ihr Vorhandensein sehr vielsagend ist,« bemerkte Holmes. »Wenn man nicht gerade schlechte Patronen hat, bei denen der Boden reißt und das Pulver rückwärts fliegt, kann man eine Menge Schüsse abfeuern, ohne Pulverspuren an die Hand zu bekommen. Ich glaube, wir können Herrn Cubitts Leiche nun wegtragen lassen. Die Kugel, welche die Frau getroffen hat, haben Sie wohl nicht gefunden. Herr Doktor?« »Dazu ist eine schwierige Operation nötig. Aber im Revolver stecken noch vier Kugeln. Zwei Schüsse sind abgegeben, und zwei Verwundungen sind zu konstatieren; es muß also jede Kugel getroffen haben.« »So könnte es scheinen,« sagte Holmes. »Aber welche Kugel hat denn den Fensterrahmen durchschlagen?« Er drehte sich rasch um und zeigte mit seinem langen dünnen Finger auf ein Loch im unteren Fensterrahmen, ungefähr einen Zoll über dem Fensterbrett. »Weiß Gott!« rief der Inspektor. »Wie haben Sie das nur sehen können?« »Weil ich danach gesucht habe.« »Wunderbar!« sagte der Arzt. »Sie haben sicher recht. Dann muß ein dritter Schuß gefallen und auch eine dritte Person zugegen gewesen sein. Aber wer mag dies gewesen und wie mag sie hinausgekommen sein?« »Diese Frage müssen wir nun zu beantworten suchen,« sagte Holmes. »Sie erinnern sich noch, Herr Martin, daß ich Ihnen den Umstand, daß die beiden Mädchen beim Verlassen ihrer Kammern sofort Pulvergeruch wahrgenommen haben, als außerordentlich wichtig bezeichnete?« »Jawohl; aber ich muß offen gestehen, daß ich Ihnen nicht ganz zu folgen vermochte.« »Im Augenblick, als die Schüsse fielen, hat wahrscheinlich sowohl die Tür wie das Fenster offengestanden. Wenn es nicht gezogen hätte, würde sich der Pulvergeruch nicht so schnell durch das ganze Haus verbreitet haben. Aber Tür und Fenster sind bald wieder zugemacht worden.« »Woraus schließen Sie das?« »Daraus, daß das Licht nicht ausgeblasen worden ist.« »Großartig!« rief der Inspektor, »großartig!« »Ich hatte die feste Ueberzeugung, daß das Fenster, während das Unheil passiert ist, offen war. Daraus schloß ich weiter, daß eine dritte Person ihre Hand im Spiel gehabt habe. Diese mußte draußen gestanden und geschossen haben. Ein Schuß hinwieder auf diese Person konnte leicht den Fensterrahmen getroffen haben. Ich sah nach und fand denn auch das Loch.« »Aber wer soll das Fenster zugemacht und von innen verriegelt haben?« »Das hat sicher gleich die Frau getan. Aber, hallo! was seh' ich hier?« Auf dem Schreibtisch lag das Handtäschchen einer Dame, ein niedliches kleines Täschchen aus Krokodilleder und mit Silber beschlagen. Holmes öffnete es und stülpte es um. Was kam zum Vorschein? – Ein Bündel von zwanzig Fünfzigpfundscheinen der Bank von England, die mit einem roten Bändchen zusammengebunden waren – weiter nichts. »Das muß aufgehoben werden, denn es wird in der Verhandlung eine Rolle spielen,« sagte Holmes und händigte das Täschchen nebst Inhalt dem Polizeiinspektor ein. »Wir müssen uns zunächst nun mit dieser dritten Kugel etwas eingehender beschäftigen. Wie sich an den Splittern im Holz erkennen läßt, ist sie vom Zimmer aus gekommen. Ich möchte die Köchin gerne noch etwas fragen. – Sie sagten vorhin, Fräulein King, daß Sie durch einen lauten Knall geweckt worden seien. Wollten Sie mit diesem Beiwort sagen, daß Ihnen der erste Schuß lauter vorgekommen ist als der zweite?« »Nun, ich erwachte gerade aus dem Schlaf, und kann daher nicht allzu genau urteilen, mein Herr; er erschien mir allerdings sehr laut.« »Glauben Sie nicht, daß vielleicht im selben Moment zwei Schüsse gefallen sind?« »Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, Herr.« »Ich glaube das ganz sicher. Im übrigen, Herr Martin, bin ich der Meinung, daß wir hier in diesem Zimmer nichts mehr zu suchen haben. Wir wollen nun lieber einen Rundgang durch den Garten machen und sehen, was wir dort für neues Beweismaterial finden.« Vor dem Fenster von Herrn Cubitts Arbeitszimmer war ein Blumenbeet. Als wir in dessen Nähe kamen, sahen wir zu unserer größten Ueberraschung, daß die Blumen zusammengetreten waren. Der weiche Erdboden zeigte noch deutlich zahlreiche Spuren von großen Mannsfüßen mit auffallend langen, spitzen Schuhen. Holmes spürte wie ein Jagdhund, der ein verwundetes Stück Wild sucht, in dem Gras und den Blättern herum. Plötzlich stieß er einen Ruf der Befriedigung aus, bückte sich und hob eine kleine Metallhülse auf. »Das dachte ich mir gleich,« sagte er, »der Revolver hat einen Auswerfer gehabt, das ist also die dritte Patrone. Ich glaube wahrhaftig, Herr Martin, unsere Untersuchung ist schon ziemlich beendigt.« Der Inspektor war über die raschen Fortschritte, die seines Kollegen Nachforschungen machten, ganz erstaunt. Er war verwundert über die meisterhafte Leitung und folgte ihr, ohne selbst einzugreifen. »Wen haben Sie in Verdacht?« fragte er. »Darauf werde ich erst später eingehen, ich muß Ihnen dann überhaupt noch verschiedenes erklären. Nachdem ich nun soweit gediehen bin, muß ich vorläufig diesen Weg weiter verfolgen und Ihnen dann die ganze Sache auf einmal und im Zusammenhang auseinandersetzen.« »Ganz wie Sie meinen, Herr Holmes. Wenn wir nur unseren Mann bekommen.« »Ich bin sonst kein Freund von Geheimtuerei, aber jetzt in dem Augenblick, wo wir handeln müssen, fehlt mir die Zeit zu langen und schwierigen Erörterungen. Ich habe jetzt alle Fäden in meiner Hand. Selbst wenn die Frau das Bewußtsein nie wieder erlangen sollte, können wir doch das Drama der vergangenen Nacht aufklären und die gerichtliche Bestrafung des Schuldigen herbeiführen. Zunächst möchte ich nun wissen, ob in der Nachbarschaft eine Oertlichkeit, ein Gutshof oder dergleichen, unter dem Namen ›Elrige‹ bekannt ist.« Die Bediensteten wurden in ein Kreuzverhör genommen, aber keiner hatte von einer solchen gehört. Endlich fiel dem Stalljungen ein, daß ein Landwirt dieses Namens einige Meilen von hier nach Ost-Ruston zu ein Besitztum habe. »Ist es abgelegen?« »Ganz abgelegen, Herr.« »Man wird also dort von dem hiesigen Unglück wahrscheinlich noch keine Nachricht haben?« »Das kann sein.« Holmes überlegte einige Sekunden, dann spielte ein zufriedenes Lächeln um seinen Mund. »Sattele ein Pferd, mein Junge,« sagte er zu dem Burschen. »Du sollst einen Brief nach Elrige's Hof bringen.« Er nahm die verschiedenen Blätter mit den tanzenden Männchen aus der Tasche, breitete sie vor sich auf dem Schreibtisch aus und schrieb eine Zeitlang. Endlich übergab er dem Jungen ein Schreiben mit der Anweisung, es dem Adressaten persönlich einzuhändigen und auf keinerlei Fragen, die man etwa an ihn richten sollte, Aufschluß zu geben. Ich bemerkte, daß die Adresse auf dem Umschlag nicht Holmes' gewöhnliche feste Handschrift zeigte, sondern weitläufige, unzusammenhängende, ungleichmäßige Schriftzüge; sie lautete: Herrn Abe Slaney Elrige's Hof Ost-Ruston, Norfolk »Ich halte es für ratsam, wenn Sie um Verstärkung telegraphieren, Herr Inspektor, denn wenn sich meine Berechnung als richtig erweist, werden Sie einen besonders gefährlichen Gefangenen zu transportieren haben. Der Junge, der den Brief besorgt, könnte gleich das Telegramm aufgeben. – Wenn nachmittags ein Zug nach London abgeht, wollen wir wieder zurückfahren, Watson, ich habe nämlich eine interessante chemische Analyse fertig zu machen, und diese Untersuchung hier wird bald zum Abschluß kommen.« Als der Junge mit dem Brief fort war, gab Holmes der Dienerschaft die nötigen Anweisungen. Wenn irgend jemand nach Frau Cubitt fragen sollte, dürfe ihm nichts über ihr Befinden gesagt werden, sondern er müsse sofort ins Empfangszimmer geführt werden. Er schärfte ihnen das sehr ernstlich ein. Darauf ging er selbst mit uns ins Empfangszimmer und sagte uns, daß wir einstweilen in der Sache nichts mehr tun könnten. Wir sollten ruhig abwarten, wie sich die Angelegenheit weiter entwickeln würde, und uns unterdessen nach Belieben die Zeit vertreiben. Der Arzt ging auf seine Praxis, und nur der Inspektor und ich blieben bei Holmes zurück. »Ich glaube, wir können diese Wartezeit ganz angenehm und nützlich ausfüllen,« sagte er, indem er seinen Stuhl an den Tisch rückte und die verschiedenen Papiere mit den rätselhaften tanzenden Figuren vor sich ausbreitete. »Dir, mein Freund Watson, zolle ich die größte Hochachtung dafür, daß du deine natürliche Neugierde so lange bemeistert hast. Ihnen, Herr Inspektor Martin, mag der Fall als eine interessante Fachstudie dienen. Ich muß Ihnen vor allen Dingen das mitteilen, was ich durch Herrn Cubitt erfahren habe; er hat mich zweimal in der Bakerstraße aufgesucht.« Holmes wiederholte dann kurz die Tatsachen, die ich oben bereits erzählt habe. »Ich habe hier diese eigentümlichen Produkte vor mir liegen; wenn sie nicht die Vorläufer einer so furchtbaren Tragödie gewesen wären, möchte man darüber lachen. Ich bin mit allen Arten von Geheimschriften ziemlich vertraut, ich habe sogar eine kleine Abhandlung darüber veröffentlicht und darin hundertundsechzig verschiedene Chiffern nachgewiesen. Doch muß ich gestehen, daß mir diese Form vollkommen neu ist. Der Erfinder dieses Systems hat offenbar den Glauben erwecken wollen, als ob diese Figuren gar nicht zur Uebermittelung irgendwelcher Nachrichten dienten, sondern das zufällige Gekritzel von Kinderhand wären. »Nachdem ich aber einmal erkannt hatte, daß die Zeichen an Stelle von Buchstaben standen, und gefunden hatte, daß dieselben Regeln wie bei allen übrigen Geheimschriften befolgt waren, machte mir ihre Lösung keine allzu großen Schwierigkeiten mehr. Die erste Probe, die mir übermittelt wurde, war zu kurz, um mehr herauszubringen, als daß das Zeichen ein e vorstellen müßte. Wie Sie wissen, ist e der häufigste Buchstabe im Englischen; er ist so vorherrschend, daß man das schon in einem kurzen Satze bestätigt findet. Von fünfzehn Zeichen in der ersten Nachricht waren vier gleich, was meine Annahme also ziemlich rechtfertigte. Nun trug diese Figur manchmal eine Flagge und manchmal nicht, aber aus der Art ihrer Verteilung ging mit einiger Wahrscheinlichkeit hervor, daß diese Fähnchen dazu dienen sollten, den Satz in einzelne Worte zu zergliedern. Ich legte diese Annahme zugrunde und setzte für dieses ein e . »Die weitere Untersuchung gestaltete sich jedoch nicht so einfach. Die Häufigkeit der übrigen Buchstaben im Englischen ist durchaus nicht feststehend. Die Reihenfolge auf einer Druckseite ergab ungefähr folgendes Resultat: t, a, o, i, n, s, h, r, d, l. Nun sind aber die Unterschiede in der Häufigkeit des Vorkommens zwischen t, a, o und i sehr gering, und es war unmöglich, alle Kombinationen zu versuchen, bis sich aus dem Satze ein Sinn ergab. Ich wartete also auf neues Material. Bei seinem zweiten Besuche konnte mir Herr Cubitt zwei andere kurze Sätze und ein einzelnes Wort übergeben. Daß das letztere kein Satz war, sondern nur ein Wort, schien daraus hervorzugehen, daß kein Fähnchen dabei war. Da habe ich diese Zeichen. In diesem einzelnen Wort kannte ich nun die beiden e ; das eine steht an zweiter, das andere an vierter Stelle bei fünf Buchstaben. Es konnte also sever, lever oder never [niemals] heißen. Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß die letzte Bedeutung als Antwort auf eine Aufforderung die wahrscheinlichste war, und aus den Umständen ging hervor, daß es eine Erwiderung auf einen Vorschlag der Frau Cubitt war. Nehmen wir diese Vermutung als richtig an, so können wir bereits sagen, daß die Zeichen den Buchstaben n, v, r entsprechen. »Aber auch jetzt waren noch nicht alle Schwierigkeiten überwunden; doch ein glücklicher Einfall ließ mich mehrere andere Zeichen enträtseln. Ich kam auf den Gedanken, daß, wenn diese Zuschrift meiner Vermutung entsprechend von jemand herrührte, der früher in näheren Beziehungen zu der Dame gestanden hatte, ein Wort mit je einem e am Anfang und am Ende und mit drei anderen Buchstaben dazwischen wohl den Namen Elsie bedeuten könnte. Bei genauer Prüfung fand ich denn auch, daß diese Zeichenverbindung in drei aufeinanderfolgenden Fällen den Schluß der Mitteilung bildete. Es war also sicher eine Aufforderung an Elsie. Auf diese Weise kannte ich l, s und i. Aber was war der Inhalt dieser vorausgehenden Mitteilung? Das Wort vor Elsie bestand aus vier Buchstaben, deren letzter ein e war. Es mußte wohl come [komm!] heißen. Ich probierte alle anderen Wörter mit vier Buchstaben und einem e am Schluß durch, aber kein anderes paßte in diesen Zusammenhang. So hatte ich denn auch c, o und m herausgebracht und konnte nunmehr die Auflösung der ersten Zuschrift wieder von neuem in Angriff nehmen. Ich teilte sie in Worte ab und ersetzte die bekannten Zeichen durch die entsprechenden Buchstaben und die unbekannten durch Punkte. Auf diese Weise erhielt ich folgendes: . m . e r e .. e s l . n e. »Der erste Buchstabe kann nur ein a sein. Diese Entdeckung war sehr wichtig, weil dasselbe Zeichen in dem kurzen Satz dreimal vorkommt. Im zweiten Wort fehlt vorne offenbar ein h; setzen wir das ein, so ergibt sich: am here a. e slane und wenn man die leeren Stellen im dritten und vierten Wort, was sicher der Name ist, noch durch die offenbar fehlenden Buchstaben ergänzt: am here abe slaney [Bin hier Abe Slaney] »Ich hatte nun so viele Buchstaben gefunden, daß ich zuversichtlich an die Entzifferung der zweiten Nachricht gehen konnte, die vorläufig folgende Gestalt annahm: a. elri . es Das ergab nur einen Sinn, wenn ich an die Stelle der Punkte ein t beziehungsweise ein g setzte, sodaß die Botschaft hieß: at elriges [in Elriges], und annahm, daß es der Name irgend eines Wirtshauses oder Hofes sei, wo der Schreiber wohnte.« Inspektor Martin und ich hatten mit größtem Interesse den klaren und ausführlichen Auseinandersetzungen meines Freundes zugehört, wodurch er alle Schwierigkeiten dieses verzwickten Falles aus dem Weg geräumt hatte. »Was taten Sie dann weiter?« fragte der Inspektor. »Ich vermutete mit gutem Grunde, daß dieser Abe Slaney ein Amerikaner sei, weil Abe eine amerikanische Zusammenziehung ist, und weil mit einem Brief aus Amerika die ganze Geschichte ihren Anfang genommen hatte. Ich hatte ferner alle Ursache, anzunehmen, daß irgend ein heimliches Verbrechen dahintersteckte. Die Anspielungen der Dame auf ihre Vergangenheit und ihre Weigerung, ihrem Gatten das Geheimnis anzuvertrauen, wiesen stark darauf hin. Ich telegraphierte daher an meinen Freund Wilson Hargreave von der New Yorker Polizei, dem ich auch schon verschiedentlich zu Diensten gestanden hatte, und fragte an, ob ihm der Name Abe Slaney bekannt sei. Hier habe ich seine Antwort: ›Ist der gefährlichste Kunde in Chicago‹. An demselben Abend, kurz bevor ich diese Nachricht erhielt, bekam ich auch einen Brief von Herrn Cubitt, worin er mir die letzte Nachricht Slaneys zusandte. Mit Hilfe meiner mittlerweile erlangten Kenntnisse konnte ich sie folgendermaßen entziffern: elsie . re . are to meet thy go . Durch Hinzufügung zweier p und eines d am Ende erhielt ich den Satz: elsie prepare to meet thy god [Elsie, mache dich bereit, deinem Gott gegenüberzutreten]. Aus dieser Mitteilung konnte ich entnehmen, daß der Kerl von Ueberredungen zu Drohungen übergegangen war, und soweit ich die Chicagoer Verbrecher kannte, ließen sie den Worten rasch die Tat folgen. Ich eilte also, sobald es möglich war, mit meinem Freunde und Kollegen Dr. Watson nach Norfolk, wo ich leider aber schon zu spät eintraf, und das Unglück bereits geschehen war.« »Es ist ein großer Vorzug, mit Ihnen gemeinsam einen Fall behandeln zu können,« sagte der Inspektor gerührt. »Sie werden jedoch entschuldigen, wenn ich so frei bin, Ihnen zu sagen, daß Sie nur sich selbst Rechenschaft zu geben brauchen, während ich mich aber vor meinen Vorgesetzten zu verantworten habe. Wenn dieser Abe Slaney in Elriges wirklich der Mörder ist, und, während ich untätig hier sitze, die Flucht ergreift, würde ich große Unannehmlichkeiten bekommen.« »Sie brauchen sich in keiner Weise zu beunruhigen. Er wird noch nicht einmal den Versuch machen, zu entfliehen.« »Woher wissen Sie das?« »Durch die Flucht würde er sich ja schuldig bekennen.« »Dann wollen wir ihn in seiner Wohnung festnehmen?« »Ich erwarte ihn jeden Augenblick hier.« »Aber warum sollte er hierher kommen?« »Weil ich ihm geschrieben und ihn darum gebeten habe.« »Das ist doch nicht sehr glaubwürdig, Herr Holmes! Warum sollte er kommen, weil Sie ihn darum ersucht haben. Sollte ihm diese Bitte nicht eher verdächtig vorkommen und ihn zur Flucht veranlassen?« »Sie können mir wohl zutrauen, daß ich den Brief darnach abgefaßt habe,« erwiderte Holmes. »Uebrigens, wenn ich nicht irre, kommt er dort schon den Weg herauf.« Auf dem Gartenweg kam nach der Haustüre zu ein Mann einhergeschritten. Es war ein großer, stattlicher Kerl mit sonnverbranntem Gesicht. Er trug einen grauen Sommeranzug und einen Panamahut, hatte einen struppigen, schwarzen Bart, eine starke, gebogene Nase und schwang einen Spazierstock in der Hand. Er kam an wie der Herr des Hauses und klingelte laut und zuversichtlich. »Ich glaube, meine Herren,« sagte Holmes in aller Ruhe, »es ist am besten, wenn wir uns hinter der Türe aufstellen. Wenn man es mit einem solchen Burschen zu tun hat, ist die größte Vorsicht am Platze. Sie werden die Handschellen anwenden müssen, Herr Martin; die mündliche Unterhaltung können Sie mir überlassen.« Wir warteten schweigend eine Minute – eine jener Minuten, die ich nie vergessen werde. Dann ging die Tür auf, und herein trat unser Mann. Im Nu setzte ihm Holmes die Pistole auf die Brust, und Martin und ich legten ihm die Handschellen an. Es geschah dies so plötzlich und rasch, daß er bereits überwältigt war, ehe er seine Lage richtig erkannte. Er starrte uns mit seinen flammenden, schwarzen Augen nacheinander an und begann dann bitter zu lachen. »Nun, meine Herren, diesmal haben Sie mich allerdings überrumpelt. Ich scheine an die verkehrte Adresse gekommen zu sein. Ich folgte einer Einladung der Frau Cubitt. Ich hoffe nicht, daß sie an diesem Anschlag beteiligt ist, nein, ich glaube nicht, daß sie dazu geholfen hat, mich in die Falle zu locken.« »Frau Hilton ist schwer verwundet und kann jeden Augenblick sterben.« Als er das hörte, stieß der Mann einen Schmerzensschrei aus, der durch das ganze Haus drang. »Sie sind nicht recht bei Trost!« schrie er wütend. »Er wurde verletzt, nicht sie. Wer könnte der kleinen Elsie ein Leid antun? Ich mag ihr gedroht haben, Gott verzeih' mir's, aber ich würde ihr noch kein Haar krümmen können. Nehmen Sie dies Wort zurück! Sagen Sie, daß sie nicht verletzt ist!« »Sie wurde schwerverwundet neben der Leiche ihres Gatten gefunden.« Da sank der Mann stöhnend auf einen Lehnstuhl und verbarg das Gesicht in seinen gefesselten Händen. Einige Minuten saß er ganz regungslos und gab keinen Laut von sich. Dann hob er den Kopf in die Höhe und sprach mit der kalten Ruhe der Verzweiflung: »Ich brauche Ihnen nichts mehr zu verheimlichen, meine Herren,« begann er. »Wenn ich den Mann getötet habe, so geschah es, nachdem er auf mich einen Schuß abgegeben hatte; das ist kein Mord. Wenn Sie aber glauben, ich hätte die Frau verwundet, kennen Sie weder mich, noch sie. Ich schwöre Ihnen, noch kein Mann auf Erden hat ein Weib mehr geliebt, als ich sie geliebt habe. Ich hatte ein Anrecht auf sie. Sie war vor Jahren meine Braut. Warum mußte dieser Engländer dazwischen treten? Ich versichere Ihnen nochmals, ich hatte das erste Recht an sie, und nur das beanspruchte ich.« »Sie entzog sich aber Ihrem Einfluß, als sie merkte, was Sie für ein Mensch sind,« erwiderte Holmes. »Sie floh von Amerika, um Sie los zu werden, und heiratete in England einen ehrbaren Mann. Sie spürten sie auf und verfolgten sie und verbitterten ihr das Leben, indem Sie sie aufforderten, ihren Gatten zu verlassen, den sie liebte und achtete, und mit Ihnen zu fliehen, den sie fürchtete und haßte. Sie haben schließlich einen braven Mann erschossen und seiner Frau den Revolver in die Hand gedrückt, um sich selbst zu töten. Das haben Sie erreicht, Herr Abe Slaney, und vor Gericht zu verantworten.« »Wenn Elsie stirbt, ist mir's gleichgültig, was aus mir wird,« sagte der Amerikaner. Er machte die eine Hand auf und starrte lange auf ein zerknittertes Papier, das er darin hielt. »Sehen Sie hier, Herr,« rief er, und Verdacht leuchtete aus seinen Augen. »Das schafft mir schlimmen Argwohn und schwere Sorge. Wie soll ich mir das erklären? Wenn die Dame so schwer verwundet ist, wie Sie behaupten, wer hat dann diese Notiz geschrieben? Sagen Sie mir das!« Und damit warf er den Zettel auf den Tisch. »Die habe ich geschrieben, um Sie hierher zu bringen.« »Das haben Sie geschrieben? Kein Mensch auf der Welt außer unserer Gesellschaft kannte das Geheimnis der tanzenden Männchen. Wie konnten Sie in dieser Schrift schreiben?« »Was ein Mensch erfindet, kann ein anderer aufdecken,« antwortete Holmes. »Es ist übrigens eine Droschke unterwegs, die Sie nach Norwich bringen wird, Herr Slaney. Die Zeit bis zu ihrer Ankunft können Sie noch benutzen, um das begangene Unrecht wenigstens einigermaßen wieder gutzumachen. Wissen Sie, daß Frau Cubitt stark im Verdacht stand, ihren Mann ermordet zu haben, und es nur meiner Gegenwart und meiner zufälligen Kenntnis des ganzen Falls verdankt, daß sie nicht unter Anklage gestellt wird? Zum wenigsten sind Sie ihr schuldig, vor aller Welt offen auszusprechen, daß sie in keiner Weise, weder direkt, noch indirekt, an dem tragischen Ende ihres Gatten eine Schuld trifft.« »Nichts tue ich lieber als das,« versetzte der Amerikaner. »Ich halte es selbst für das beste, was ich tun kann, die volle Wahrheit zu sagen.« »Ich habe die Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie nichts Belastendes gegen sich selbst auszusagen brauchen,« rief der Inspektor dazwischen – der bekannte Paragraph des englischen Strafgesetzbuches. Slaney zuckte mit der Schulter. »Ich werde mich darnach richten,« sagte er. »Vor allem, meine Herren, muß ich Ihnen mitteilen, daß ich die Dame von Kindheit an kenne. Wir waren sieben Mann in Chicago, und Elsies Vater war die Stütze unseres Bundes. Er war 'n feiner Kerl, der alte Patrick. Er hat auch diese Schrift erfunden, die für das Gekritzel von Kindern gehalten worden wäre, wenn Sie nicht jetzt die Lösung gefunden hätten. Auch Elsie lernte einige unserer Schliche, aber ihr sagte diese Tätigkeit nicht zu; sie nahm ihr bißchen ehrlich erworbenes Vermögen, verließ uns und ging nach London. Sie war mit mir verlobt und würde mich, glaube ich, auch geheiratet haben, wenn ich eine andere Laufbahn eingeschlagen hätte; aber von einem solchen Leben wollte sie nichts wissen. Erst nach ihrer Verheiratung mit diesem Engländer gelang es mir, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Ich schrieb ihr, erhielt jedoch keine Antwort. Dann kam ich selbst herüber, und da Briefe nichts nützten, schrieb ich meine Mitteilungen dahin, wo sie sie sehen und lesen mußte. »Ich bin nun einen Monat hier. Ich wohnte auf jenem Hof, wo ich im Erdgeschoß ein Zimmer inne hatte und alle Nacht nach Belieben ein- und ausgehen konnte. Ich kam aber nicht weiter. Ich versuchte alles, was ich konnte, um Elsie zur Trennung von ihrem Mann zu bewegen. Ich wandte zuerst Schmeicheleien an, später ging ich zu Drohungen über. Daß sie meine Nachrichten las, wußte ich, denn sie hatte einmal eine Antwort darunter geschrieben. Zuletzt schickte sie mir einen Brief, worin sie mich inständig bat, fortzugehen; es würde ihr das Herz brechen, wenn ihr Mann einen Skandal erleben müßte. Sie schrieb, daß sie um drei Uhr morgens, während ihr Mann schliefe, ans Fenster herunterkommen und mit mir sprechen wollte. Sie erschien und brachte Geld mit, um mich dadurch zur Abreise zu bewegen. Das machte mich wahnsinnig. Ich ergriff ihren Arm und suchte sie durchs Fenster zu ziehen. In diesem Moment stürzte der Mann ins Zimmer. Er hatte einen Revolver in der Hand. Elsie war zu Boden gesunken, und wir Männer standen uns gegenüber, von Angesicht zu Angesicht. Ich war ebenfalls bewaffnet und hielt ihm den Revolver entgegen. Er schoß, und ich beinahe zugleich mit ihm; er aber fehlte, während mein Schuß tödlich war. Ich machte mich sofort durch den Garten aus dem Staub; ich hörte nur noch, wie hinter mir das Fenster geschlossen wurde. So, bei Gott, ist es gewesen, das ist die volle Wahrheit, meine Herren. Ich habe dann weiter nichts mehr über die Sache erfahren, bis vorhin der Junge zu mir geritten kam und mir die Botschaft brachte, die mich veranlaßte, hierher zu kommen und wie ein Vogel ins Garn zu gehen.« Während der Amerikaner dieses Geständnis abgelegt hatte, war der Wagen mit zwei uniformierten Schutzleuten vorgefahren. Inspektor Martin stand auf und klopfte seinen Gefangenen auf die Schulter: »Wir müssen gehen.« »Kann ich sie erst noch 'mal sehen?« »Nein, sie ist bewußtlos. – Herr Holmes, ich hoffe weiter nichts, als daß mir in schwierigen Fällen stets das Glück zuteil wird, Sie an der Seite zu haben.« Wir standen am Fenster und sahen dem davonfahrenden Wagen nach. Als ich mich umwandte, fiel mein Blick auf das zerknitterte Papier, das der Gefangene auf den Tisch geworfen hatte. Es enthielt die Notiz, womit ihn Holmes hinters Licht geführt hatte. »Sieh 'mal, ob du's lesen kannst, Watson,« sagte er lächelnd. Es stand weiter nichts darauf als folgende Reihe tanzender Männchen: »Wenn du meine Ausführungen von vorhin begriffen hast, wirst du leicht finden, daß es einfach heißt: come here at once [komme sofort hierher]. Ich war überzeugt, daß er diese Einladung nicht ausschlagen würde, weil er sich nicht denken konnte, daß sie von einem anderen Menschen als von ihr käme. Auf diese Weise, mein lieber Watson, haben wir die tanzenden Männchen auch einmal in den Dienst des Guten gestellt, nachdem sie so oft bösen Zwecken gedient haben, und ich glaube, mein Versprechen, dir etwas Ungewöhnliches für dein Buch zu liefern, gehalten zu haben. Drei Uhr vierzig geht unser Zug, sodaß wir zum Essen wieder in der Bakerstraße sein können.« Noch ein paar Worte zum Schluß! Der Amerikaner Abe Slaney wurde zum Tode verurteilt, aber in Anbetracht der mildernden Umstände, und weil feststand, daß Hilton Cubitt zuerst geschossen hatte, zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt. Von Frau Cubitt habe ich nur gehört, daß sie noch Witwe ist. Sie ist vollständig wiederhergestellt und widmet ihr Leben der Fürsorge für die Armen und der Verwaltung des Gutes ihres Gatten. Die Entführung aus der Klosterschule. Obwohl wir in unserem bescheidenen Heim in der Bakerstraße schon manchen Besucher in recht dramatischer Weise hatten kommen und gehen sehen, kann ich mich an kein plötzlicheres und merkwürdigeres Auftreten erinnern als es das des Herrn Dr. Thorneycroft Huxtable war, da er zum ersten Male bei uns erschien. Zuerst kam seine Visitenkarte, die zu klein erschien, um alle seine akademischen Grade und Würden fassen zu können, nach wenigen Sekunden trat er selbst ein – so fest, pomphaft und würdevoll, als ob er die verkörperte Kraft und Selbstzucht wäre. Und doch war, als er kaum die Türe hinter sich geschlossen hatte, seine erste Tat die, daß er gegen den Tisch taumelte und umfiel. So lag denn seine majestätische Gestalt regungslos der Länge nach auf unserem Zimmerteppich. Wir sprangen auf und starrten einen Moment, sprachlos vor Ueberraschung, auf dieses gewaltige Wrack, das einem unvorhergesehenen, plötzlichen Sturm weit draußen auf dem Ozean des Lebens zum Opfer gefallen zu sein schien. Dann holte Holmes rasch ein Kissen, um es ihm unter den Kopf zu legen, und ich brachte Branntwein, womit ich seine Lippen benetzte. Das totenblasse Gesicht zeigte die Spuren schwerer Sorge, die dicken Wassersäcke unter den geschlossenen Augen waren schwarzblau wie Blei, um den offenen Mund spielten schmerzliche Züge. Er war nicht rasiert und nicht gekämmt. Kragen und Hemd deuteten darauf hin, daß der arme Mann, der vor uns gebrochen am Boden lag, eine lange Reise hinter sich hatte. »Was ist's, Watson?« fragte mich Holmes. »Vollkommene Erschöpfung – möglicherweise bloß Hunger und Müdigkeit,« antwortete ich, während ich den schwachen Puls fühlte. »Er hat eine Rückfahrkarte von Mackleton in Nord-England,« sagte Holmes, indem er sie aus der Westentasche herauszog. »Es ist jetzt noch nicht ganz zwölf Uhr. Er muß sehr früh aufgebrochen sein.« Die faltigen Augenlider fingen zu zucken an, und bald blickte ein Paar offener, grauer Augen zu uns empor. Im nächsten Augenblick war der Mann wieder auf den Beinen, und die starke Röte in seinem Gesicht verriet seine Scham. »Verzeihen Sie diese Schwäche, Herr Holmes, ich bin etwas übermüdet. – Danke Ihnen. Wenn ich ein Glas Milch und ein Stückchen Zwieback bekommen könnte, würde ich rasch wieder wohl sein. Ich bin persönlich gekommen, um Sie dazu zu bewegen, mit mir zurückzufahren. Ich befürchtete, daß Sie ein Telegramm von der Dringlichkeit meines Falles nicht hinreichend überzeugen würde.« »Wenn Sie sich ganz erholt haben –« »Ich fühle mich wieder vollkommen wohl. Ich begreife gar nicht, wie ich so schwach sein konnte. Ich bitte Sie, Herr Holmes, mit dem nächsten Zug mit mir nach Mackleton zu kommen.« Mein Freund schüttelte den Kopf. »Mein Kollege Dr. Watson wird mir bestätigen, daß wir gegenwärtig sehr stark beschäftigt sind. Ich habe noch mit den Ferrersschen Dokumenten zu tun, außerdem steht in Kürze die Abergavennyer Mordaffäre zur Verhandlung; es könnte mich also nur eine außergewöhnlich wichtige Angelegenheit zu einer Reise veranlassen.« »Richtig!« rief unser Besucher und schlug die Hände überm Kopf zusammen. »Haben Sie denn noch nichts von der Entführung des einzigen Sohnes des Herzogs von Holdernesse gehört?« »Was! des ehemaligen Ministerpräsidenten?« »Gewiß. Wir hatten versucht, es tot zu schweigen, aber der »Globe« hat in der gestrigen Abendnummer Andeutungen gebracht. Ich glaubte, es wäre Ihnen schon zu Ohren gekommen.« Holmes streckte seinen langen dünnen Arm aus und nahm den Band mit ›H‹ aus seiner Enzyklopädie vom Bücherbrett. »›Holdernesse, sechster Herzog, Dr. juris, Dr. philosophiae u.s.w., Professor, Staatsrat, Baron Beverley, Graf von Carston‹ – um Gottes willen – was für eine Menge Titel! – ›Lord Hallamshire seit 1900. Verheiratet mit Edith, der Tochter des Freiherrn von Appledore 1888. Erbe und einziges Kind Lord Saltire. Grundbesitz ungefähr zweihundertfünfzigtausend Morgen groß. Bergwerke in Lancashire und Wales. Adressen: Carlton House Terrace; Holdernesse Hall, Hallamshire; Carston Castle, Bangor, Wales. Lord der Admiralität, 1872; Staatssekretär –‹ Das genügt, der Mann ist sicher einer der hervorragendsten Bürger!« »Der hervorragendste und vielleicht auch der reichste. Ich weiß wohl, Herr Holmes, daß Sie nicht um des Geldes, sondern um der Sache willen arbeiten, aber ich will Ihnen doch sagen, daß Seine Hoheit mir schon angedeutet hat, demjenigen, der den Aufenthaltsort seines Sohnes ausfindig macht, fünftausend Pfund, und demjenigen, der ihm die Räuber seines Kindes namhaft machen kann, weitere tausend Pfund auszahlen zu wollen.« »Das ist ein fürstliches Angebot,« sagte Holmes. »Ich denke, Watson, wir begleiten Herrn Direktor Huxtable nach dem Norden zurück. Und nun, Herr Doktor, können Sie mir, wenn Sie Ihre Milch verzehrt haben, gütigst erzählen, wann und wie sich die Sache zugetragen hat, und schließlich auch, was Dr. Huxtable von der Klosterschule in Mackleton mit der Sache zu tun hat, und warum er erst nach drei Tagen – so lange haben Sie sich nicht rasiert – kommt, um meine Dienste in Anspruch zu nehmen.« Unser Besucher bekam nach dem kleinen Imbiß wieder glänzende Augen und rote Wangen. Nachdem er sich in Positur gesetzt hatte, begann er seine Schilderung des Vorfalles. »Zuerst muß ich Ihnen mitteilen, meine Herren, daß die Klosterschule eine Vorbereitungsanstalt ist, die ich gegründet habe, und der ich nun vorstehe. ›Huxtables Commentar des Horaz‹ wird Ihnen von früher vielleicht noch bekannt sein. Die Klosterschule ist bei weitem das beste und vornehmste Vorbereitungsinstitut in England. Lord Leverstoke, der Graf von Blackwater, der Baron Soames haben mir alle ihre Söhne anvertraut. Aber als mir vor drei Wochen der Herzog von Holdernesse seinen Sekretär Herrn James Wilder schickte, um mit mir über die Aufnahme des jungen zehnjährigen Lord Saltire, seines einzigen Sohnes und Erben, verhandeln zu lassen, glaubte ich mit meiner Schule auf der Höhe des Ruhmes angelangt zu sein. Ich ahnte nicht, daß es das Vorspiel zu meinem größten Unheil sein sollte. »Am ersten Mai, dem Anfang des Sommerhalbjahrs, kam der Knabe an. Er war ein reizender Junge und gewöhnte sich schnell ein. Ich will Ihnen nicht verschweigen – ich glaube mich dadurch keiner Indiskretion schuldig zu machen, und Mangel an Zutrauen ist in einem solchen Falle sehr verkehrt – daß er sich zu Hause nicht recht wohl fühlte. Es ist ein offenes Geheimnis, daß der Herzog mit seiner Gemahlin nicht glücklich gelebt hat und die Ehe mit beiderseitiger Einwilligung geschieden worden ist, worauf die Herzogin in Südfrankreich ihren Wohnsitz genommen hat. Diese Trennung ist vor noch nicht langer Zeit erfolgt, und der Junge hing sehr an seiner Mutter. Er wurde nach ihrer Abreise ganz melancholisch und träumerisch, und aus diesem Grunde wünschte der Herzog, sein Kind in meine Obhut zu geben. Nach vierzehn Tagen war der Junge bei uns denn auch schon wie zu Hause und augenscheinlich vollkommen zufrieden. »Zum letzten Male sahen wir ihn in der Nacht zum dreizehnten Mai – also in der vergangenen Montagsnacht. Sein Zimmer lag im zweiten Stock und grenzte an ein anderes größeres Zimmer, wo zwei Jungen schliefen. Dieselben haben jedoch nichts gehört und gesehen. Daraus geht sicher hervor, daß der junge Saltire nicht auf dem richtigen Weg an jener Kammer vorbeigekommen ist. In seinem Schlafzimmer stand aber das Fenster offen, und darunter ist ein starker Efeustamm. Wenn wir auch am Boden keine Fußspuren finden konnten, so ist doch klar, daß er nur auf diesem Wege ins Freie gelangt sein kann. »Sein Fehlen wurde am Dienstagmorgen um sieben Uhr bemerkt. Sein Bett war benutzt worden. Er hatte sich vor dem Gehen vollständig angezogen, und zwar seine gewöhnlichen Schulkleider, eine blaue Jacke und dunkelgrüne Hosen. Im Zimmer war keine Spur von einer zweiten Person zu finden, außerdem würde Schreien, wie überhaupt jeder stärkere Lärm in dem Nebenzimmer gehört worden sein, denn der ältere der beiden darin schlafenden Knaben schläft nur sehr leicht. »Als mir das Verschwinden des jungen Lord gemeldet worden war, versammelte ich sofort sämtliche Schüler, Lehrer und Diener, um über die Sache zu beraten. Wir kamen dabei zu dem Schluß, daß Lord Saltire nicht allein geflohen sein könne. Herr Heidegger, der den Unterricht im Deutschen erteilte, wurde gleichfalls vermißt. Sein Zimmer lag ebenfalls in der ersten Etage, am Ende des Hauses, und mündete auf denselben Flur. Er hatte auch im Bett gelegen, war aber offenbar nur notdürftig bekleidet weggegangen, weil sein Hemd und seine Strümpfe noch auf dem Boden lagen. Er hatte sich zweifellos an dem Efeu hinuntergelassen, denn wir konnten unten auf dem Rasen seine Spuren sehen. Sein Rad, das er in einem kleinen Schuppen in der Nähe aufbewahrte, war auch fort. »Er war zwei Jahre bei mir in Stellung und mit den besten Empfehlungen gekommen; aber er war ein mürrischer, verschlossener Mann, weder bei seinen Kollegen, noch bei seinen Schülern sehr beliebt. Von den Flüchtlingen war keine Spur zu sehen, und heute am Donnerstag morgen wissen wir noch ebenso wenig wie wir am Dienstag wußten. In Holdernesse Hall wurde natürlich sofort angefragt. Es liegt nur wenige Meilen von Mackleton entfernt, und wir glaubten, daß der Junge in einer plötzlichen Anwandelung von Heimweh nach Hause zu seinem Vater gelaufen wäre; aber kein Mensch hatte dort etwas von ihm gesehen oder gehört. Der Herzog ist aufs höchste erregt – und was mich anbelangt, so sind Sie ja eben selbst Zeuge meines Zustandes gewesen und haben gesehen, wie nervös und hinfällig ich infolge der Aufregung und der schweren Verantwortung geworden bin. Wenn Sie je Ihre ganze Kraft einsetzen, so flehe ich Sie an, es jetzt zu tun, denn einen lohnenderen Fall werden Sie kaum im Leben wieder bekommen.« Holmes hatte den Bericht des unglücklichen Schulmannes mit äußerster Spannung angehört. Die tiefen Falten auf seiner Stirne zeigten, daß es keiner besonderen Mahnung bedurfte, um seine ganze Aufmerksamkeit auf ein Problem zu konzentrieren, das, abgesehen von dem großen materiellen Interesse, so recht seiner Vorliebe für das Verwickelte und Außergewöhnliche entsprach. Er nahm sein Taschenbuch heraus und machte sich ein paar Notizen. »Es war ein großer Fehler, daß Sie nicht eher zu mir gekommen sind,« sagte er dann in strengem Ton. »Die Aufklärung wird dadurch bedeutend schwieriger für mich. Es müßte zum Beispiel sonderbar zugehen, wenn der Efeu und der Rasenplatz einem erfahrenen Beobachter keinen Anhaltspunkt liefern sollte.« »Mich trifft keine Schuld, Herr Holmes. Seine Hoheit wünschte durchaus, jeden öffentlichen Skandal zu vermeiden. Er fürchtete, daß seine unglücklichen Familienverhältnisse dadurch an den Tag kämen; und davor hatte er eine große Scheu.« »Aber offiziell ist doch wohl eine Untersuchung eingeleitet?« »Allerdings. Sie hat aber zu keinem Ergebnis geführt. Es fand sich gleich eine Spur. Wir erhielten alsbald die Nachricht, daß auf einer benachbarten Bahnstation ein Knabe und ein jüngerer Herr, die einen Frühzug benützt hätten, gesehen worden seien. Und vergangene Nacht wurde gemeldet, daß die beiden in Liverpool aufgetaucht seien, aber mit unserer Sache gar nicht in Beziehung ständen. Nach einer schlaflosen Nacht bin ich in meiner Verzweiflung und Bedrängnis mit dem ersten Zug schnurstracks zu Ihnen gefahren.« »Ich vermute, daß man die falsche Spur verfolgt und darüber die örtliche Untersuchung vernachlässigt hat?« »Ja, diese hat man vollständig außer acht gelassen.« »Auf diese Weise hat man drei Tage verloren. Die ganze Sache ist furchtbar verkehrt angefaßt worden.« »Das fühle ich auch und gebe es unumwunden zu.« »Und doch müßte sich das Problem lösen lassen. Ich freue mich, bald einen näheren Einblick in die Angelegenheit tun zu können. Haben Sie irgend einen Zusammenhang zwischen dem fehlenden Schüler und dem deutschen Lehrer herstellen können?« »Absolut nicht.« »War der Junge in der Klasse dieses Lehrers?« »Nein; meines Wissens haben die beiden kein Wort miteinander gewechselt.« »Das ist allerdings sehr sonderbar. Hatte der Knabe ein Fahrrad?« »Nein.« »Fehlte sonst irgend ein Rad?« »Nein.« »Wissen Sie das genau?« »Jawohl.« »Nun, Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, daß der deutsche Lehrer im Dunkel der Nacht davongefahren ist und den Jungen im Arm gehabt hat?« »Gewiß nicht.« »Wie denken Sie sich denn die ganze Sache?« »Vielleicht hat er das Rad nur zum Schein mit weggenommen, es dann irgendwo verborgen und ist doch mit dem Knaben zu Fuß fortgegangen.« »Das ist nicht unmöglich; freilich wäre es immerhin eine eigentümliche Art der Täuschung, nicht wahr? Standen noch mehr Fahrräder in dem Schuppen?« »Verschiedene.« »Sollte er dann nicht lieber zwei versteckt haben, wenn er glauben machen wollte, sie seien per Rad entflohen?« »Man sollte es wohl annehmen.« »Natürlich würde er das getan haben. Die Theorie, daß er dadurch eine Irreführung beabsichtigt habe, stimmt also nicht. Außerdem ist ein Rad kein Gegenstand, der sich so leicht verbergen oder vernichten läßt. Nun noch eine Frage. Hat der Junge am Tage vor seinem Verschwinden Besuch gehabt?« »Nein.« »Hat er auch keine Briefe bekommen?« »Ja, einen.« »Von wem?« »Von seinem Vater.« »Pflegen Sie die Briefe an Ihre Zöglinge zu öffnen?« »Nein.« »Woher wissen Sie dann, daß der Brief von seinem Vater war?« »Weil der Umschlag das Wappen des Herzogs trug, und weil die Adresse, wie ich an der Handschrift sah, von ihm selbst geschrieben war.« »Wie lange vorher hatte er keine Briefe erhalten?« »Mehrere Tage nicht.« »Ist je ein Brief aus Frankreich an ihn gekommen?« »Nein, niemals.« »Sie werden an meinen Fragen merken, worauf ich hinaus will. Entweder ist der Junge mit Gewalt entführt worden, oder er ist freiwillig gegangen. Im letzteren Fall muß von außen auf ihn eingewirkt worden sein, denn ein Knabe von zehn Jahren tut so etwas nicht aus eigenem Antrieb. Wenn er nun keinen Besuch gehabt hat, so muß diese Einwirkung schriftlich ausgeübt worden sein. Aus diesem Grund erkundige ich mich nach seinem Briefwechsel.« »Ich fürchte, daß ich Ihnen darüber wenig sagen kann. Soviel mir bekannt ist, war der Vater sein einziger Korrespondent.« »War das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ein herzliches?« »Seine Hoheit ist gegen niemanden besonders freundlich. Er wird vollständig von den großen politischen Fragen in Anspruch genommen und hat für die gewöhnlichen menschlichen Regungen nichts übrig. Aber in seiner Art war er gegen den Knaben immer gut.« »Trotzdem waren die Sympathien des Kindes auf Seiten der Mutter?« »Ja.« »Sagte er das selbst?« »Nein.« »Der Herzog doch nicht?« »Gott behüte, auf keinen Fall.« »Woher wissen Sie's dann?« »Ich habe ein paar vertrauliche Unterredungen mit dem Sekretär des Herzogs, Herrn Wilder, gehabt und in deren Verlauf über die Herzensneigung des jungen Lords Aufschluß bekommen.« »Ich verstehe. Ist übrigens der letzte Brief des Herzogs, nachdem der Junge fort war, in seinem Zimmer gefunden worden?« »Nein; er hatte ihn mitgenommen. – Ich glaube, Herr Holmes, es ist Zeit, daß wir aufbrechen.« »Ich will einen Wagen bestellen. In einer Viertelstunde werden wir Ihnen zu Diensten sein. Falls Sie nach Hause telegraphieren, Herr Direktor, so tun Sie nur so, als ob wir noch die Spur in Liverpool weiter verfolgen wollten. Unterdessen werde ich in aller Stille ganz in Ihrer Nähe arbeiten, und möglicherweise gelingt es zwei so alten Spürhunden wie Dr. Watson und mir, die Fährte Ihrer zwei Flüchtlinge doch noch auszuschnüffeln.« Gegen Abend erreichten wir das Heim des Herrn Huxtable; es war schon dunkel, als wir die berühmte Anstalt betraten. Im Hausflur auf einem Tisch lag eine Visitenkarte, und der Diener flüsterte seinem Herrn etwas ins Ohr, worauf uns dieser sehr erregt mitteilte, daß der Herzog und sein Sekretär, Herr Wilder, im Sprechzimmer warteten. »Kommen Sie mit, meine Herren,« fuhr er dann fort, »ich werde Sie sogleich vorstellen.« Ich kannte natürlich die Bilder des berühmten Staatsmannes sehr wohl, aber er sah in Wirklichkeit ganz anders aus. Er war ein schlanker, stattlicher Herr mit langem, aristokratischem Gesicht und einer Nase von seltener Krümmung und Länge; seine Kleidung war sehr sorgfältig. Die kreideweiße Gesichtsfarbe trat durch den langen, hellroten Vollbart noch stärker hervor. Er sah uns streng an. Neben ihm stand sein Privatsekretär, ein blutjunger Mann, klein und gewandt, mit klugen hellblauen Augen und lebhaftem Gesichtsausdruck. Er eröffnete auch sofort die Unterhaltung; sein Ton war schneidend und bestimmt. »Ich kam bereits heute früh in Ihre Wohnung, Herr Direktor, leider zu spät, um Ihre Reise nach London zu verhindern. Ich hörte, daß der Zweck derselben war, Herrn Sherlock Holmes den Fall zu übergeben. Seine Hoheit ist ungehalten darüber, daß Sie diesen Schritt getan haben, ohne vorher seine Einwilligung einzuholen.« »Als ich erfuhr, daß die Polizei eine falsche Fährte verfolgte –« »Seine Hoheit ist durchaus nicht der Ansicht, daß die polizeiliche Spur falsch ist.« »Aber sicher, Herr Wilder –« »Sie wissen sehr wohl, Herr Direktor, daß Seine Hoheit in erster Linie jeden öffentlichen Skandal vermieden haben will. Er wünscht, so wenig Menschen wie möglich ins Vertrauen zu ziehen.« »Die Sache ist ja leicht wieder gutzumachen,« antwortete schüchtern Herr Huxtable; »Herr Holmes kann morgen mit dem ersten Zug gleich wieder nach London zurückkehren.« »Das werde ich schwerlich tun, Herr Direktor,« versetzte Holmes ganz sanftmütig. »Die nordische Bergluft ist sehr kräftigend und angenehm, und ich beabsichtige daher, einige Tage auf dem Moor zu verleben und mir nach meinem Belieben die Zeit zu vertreiben. Ob ich freilich bei Ihnen wohne oder im Gasthaus, darüber haben Sie natürlich zu entscheiden.« Ich merkte, daß sich der unglückliche Direktor in der größten Verlegenheit befand. Zum Glück kam ihm der Herzog selbst zu Hilfe. Mit tiefer, starker Stimme sagte er: »Ich muß Herrn Wilder beistimmen, daß es besser gewesen wäre, Herr Direktor Huxtable, wenn Sie mich vorher gefragt hätten. Da Herr Holmes jedoch bereits ins Vertrauen gezogen ist, würde es töricht sein, wenn wir seine Dienste nicht benutzen wollten. Sie brauchen nicht ins Gasthaus zu gehen, Herr Holmes, ich würde mich vielmehr freuen, wenn Sie mit mir nach Holdernesse Hall kommen und dort mein Gast sein wollten.« »Ich danke Eurer Hoheit. Im Interesse meiner Nachforschungen halte ich es aber für zweckmäßiger, hier zu bleiben, wo die Sache passiert ist.« »Ganz wie Sie wollen, Herr Holmes. Herr Wilder und ich sind selbstverständlich gerne bereit, Ihnen jede gewünschte Auskunft zu erteilen.« »Ich werde Sie wahrscheinlich später im Schloß besuchen müssen,« erwiderte Holmes. »Jetzt möchte ich Sie nur noch fragen, ob Sie sich selbst bereits eine Meinung darüber gebildet haben, wie das plötzliche geheimnisvolle Verschwinden Ihres Sohnes wohl zu erklären ist?« »Nein, ich habe noch keine.« »Entschuldigen Sie, wenn ich einen für Sie peinlichen Punkt berühre, ich kann jedoch nicht umhin. Glauben Sie, daß die Herzogin ihre Hand dabei im Spiel hat?« Der Minister zögerte begreiflicherweise etwas. »Ich glaube nicht,« sagte er endlich. »Die andere einleuchtende Erklärung würde dann sein, daß das Kind geraubt oder entführt ist, um ein Lösegeld zu erpressen. Ist noch keine derartige Aufforderung an Sie ergangen?« »Nein.« »Noch eine Frage, Euere Hoheit. Soviel ich verstanden habe, haben Sie Ihrem Sohne am Tage vor der unheilvollen Nacht einen Brief geschrieben.« »Nein, am Tag vorher.« »Jawohl, aber der Brief ist an diesem Tage angekommen?« »Ja.« »Stand vielleicht irgend etwas darin, was den Jungen zu einem solchen Schritt veranlaßt haben könnte?« »Nein, durchaus nicht.« »Haben Sie den Brief persönlich zur Post gegeben?« An Stelle des Herzogs erwiderte sein Sekretär, indem er erregt ins Wort fiel: »Seine Hoheit pflegt überhaupt keine Briefschaften persönlich aufzugeben. Der Brief lag mit anderen auf seinem Arbeitstisch, und ich habe die Sachen selbst befördert.« »Wissen Sie genau, daß dieser Brief dabei war?« »Jawohl; ich habe ihn bemerkt.« »Wieviele Briefe haben Euere Hoheit an jenem Tage geschrieben?« »Zwanzig bis dreißig; ich habe eine sehr umfangreiche Korrespondenz. Doch, ist das nicht nebensächlich?« »Nicht ganz,« sagte Holmes. »Ich habe aus eigenem Antrieb,« fuhr der Herzog fort, »der Polizei geraten, ihre Aufmerksamkeit nach Südfrankreich zu richten. Ich habe schon erwähnt, daß ich zwar nicht glaube, daß die Herzogin eine solche Tat unterstützt, aber der Junge hatte die absonderlichsten Ideen, sodaß es nicht ausgeschlossen erscheint, daß er auf Anstiftung und mit Hilfe dieses Deutschen zu ihr geflohen ist. Ich glaube, Herr Direktor, daß wir nun ins Schloß zurückkehren können.« Ich konnte Holmes ansehen, daß er gerne noch mehr Fragen gestellt hätte, aber der Herzog hatte auf diese unerwartete Art das Gespräch plötzlich abgebrochen. Ich fand es begreiflich, daß seiner hoch aristokratischen Natur die Erörterung seiner intimsten Familienverhältnisse mit einem Fremden sehr unangenehm war, und daß er fürchtete, jede neue Frage könnte neues Licht in die dunklen Schatten seiner sorgfältig verheimlichten persönlichen Angelegenheiten bringen. Als der Herzog und sein Sekretär abgefahren waren, machte sich mein Freund sofort mit dem ihm eigenen Eifer an die Arbeit. Zunächst wurde eine gründliche Untersuchung der Schlafkammer des Jungen vorgenommen; sie hatte jedoch weiter kein Ergebnis, als die Ueberzeugung in uns zu festigen, daß er nur durch das Fenster entkommen sein konnte. Auch die Besichtigung des Zimmers des deutschen Lehrers lieferte keine neuen Anhaltspunkte. Er war ebenfalls an dem starken Efeugeranke durch das Fenster hinuntergeklettert, denn wir sahen einen Zweig, der unter seinem Gewicht abgebrochen war, und als wir mit der Laterne den Boden absuchten, fanden wir einen Eindruck auf dem Rasen, wo der Lehrer niedergesprungen war. Das war aber auch die einzige sichtbare Spur dieser rätselhaften nächtlichen Flucht. Holmes ging dann allein weg und kam erst um elf Uhr wieder. Er hatte sich eine genaue Generalstabskarte von der Gegend verschafft und brachte sie mit in mein Zimmer, wo er sie auf meinem Bett ausbreitete. Nachdem er dann das Licht zurechtgestellt hatte, beugte er sich mit der Pfeife darüber und bezeichnete mir gelegentlich interessante Punkte mit der rauchenden Bernsteinspitze. »Dieser Fall übersteigt die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit, Watson,« sagte er. »Er hat entschieden eigentümliche begleitende Umstände. Wir müssen zuerst die Oertlichkeit genau studieren, das ist für unsere späteren Nachforschungen von größter Wichtigkeit. »Sieh 'mal hierher. Dieses dunkele Viereck ist die Klosterschule. Ich will eine Stecknadel dahin stecken. Diese Linie hier bedeutet die Hauptstraße. Sie läuft, wie du siehst, von Westen nach Osten und läßt die Schule links liegen, und ungefähr eine Meile weit zweigt sich kein Seitenweg oder Pfad davon ab. Wenn die zwei Leute überhaupt eine Straße benutzt haben, so muß es unbedingt diese gewesen sein.« »Allerdings.« »Infolge eines günstigen Zufalls sind wir nun über die Vorgänge auf dem in Betracht kommenden Teil dieser Straße während der fraglichen Nacht ziemlich genau unterrichtet. An der Stelle, wo ich mit der Pfeife hindeute, stand von zwölf bis sechs ein Gendarm Wache. Es ist, wie du sehen kannst, der erste Kreuzweg nach Osten. Der Mann erklärt nun, daß er seinen Posten keinen Augenblick verlassen hat und mit Bestimmtheit weiß, daß weder ein Knabe noch ein Mann vorbeigekommen ist; er hätte sie unbedingt sehen müssen. Ich habe heute abend selbst mit ihm gesprochen, und er hat einen durchaus glaubwürdigen Eindruck auf mich gemacht. Sie könnten sich nun westwärts gewandt haben. An diesem Teil des Weges befindet sich ein Wirtshaus, der ›Rote Ochse‹, dessen Besitzerin krank zu Bett lag. Diese hatte nach Mackleton zum Arzt geschickt, der aber zu einem anderen Fall über Land geholt war und darum erst am Morgen ankam. Die Familie war die ganze Nacht auf und wartete, und es hat stets jemand am Fenster gestanden und die Straße entlang nach dem Doktor geguckt. Die Leute behaupten ebenfalls, keinen Menschen gesehen zu haben. Wenn ihre Aussage richtig ist, können wir auch die Flucht nach dieser Richtung ausschalten und überhaupt konstatieren, daß die Flüchtlinge gar keine Straße benutzt haben.« »Aber sie hatten doch ein Rad,« warf ich ein. »Ganz recht. Wir werden gleich darauf zu sprechen kommen. Fahren wir nur in unserem Gedankengang fort. Wenn die beiden die Landstraße vermieden haben, müssen sie sich nach Norden oder Süden gewandt haben. Soviel steht fest. Wir wollen diese zwei Möglichkeiten gegen einander abwägen. Südlich von hier erstreckt sich eine weite Fläche urbaren Landes. Diese Felder sind durch Mauern von einander abgegrenzt, die den Gebrauch eines Fahrrades ziemlich unmöglich machen. Diese Annahme können wir also auch fallen lassen. Es bleibt nun bloß noch die nördliche Richtung zu berücksichtigen. Nach dieser Seite zieht sich ein kleiner Hain hin, und jenseits desselben breitet sich ein großes Moor aus, das Lower Gill Moor, das allmählich nach Norden ansteigt. Hier, an der einen Seite dieses öden Landstrichs, liegt Holdernesse Hall, der Straße nach zehn Meilen von hier entfernt, aber über das Moor sind es nur sechs. Dieses Moorland ist sehr unfruchtbar, und nur einige wenige Bauern leben hier von der Schaf- und Rindviehzucht. Bis hinauf auf die Chesterfielder Chaussee bilden diese wenigen Säugetiere und größere Mengen Flugwildes die gesamte Bewohnerschaft dieser Einöde. Dort befindet sich neben ein paar Häuschen und einer Wirtschaft eine Kirche. Unsere Nachforschungen müssen sich zweifellos in dieser Richtung, nach Norden hin bewegen.« »Aber das Rad?« warf ich wieder ein. »Nun,« sagte Holmes etwas pikiert, »ein guter Radfahrer braucht nicht absolut eine Landstraße. Im Moor gibt es viele Pfade, und außerdem war Vollmond. Halt! was soll das bedeuten?« Es klopfte heftig an die Türe, und im nächsten Moment stand Direktor Huxtable in unserem Zimmer. Er hielt eine blaue Mütze in der Hand. »Endlich haben wir eine Spur!« rief er. »Gott sei Dank! Endlich haben wir seine Fährte gefunden! Das ist seine Mütze.« »Wo ist sie gefunden worden?« »In einem Zigeunerwagen. Die Zigeuner sind am Dienstag hier durchgekommen und kampierten im Moor. Die Polizei hat sie aufgespürt und die Karawane durchsucht, wobei man dies gefunden hat.« »Wie haben sie sich über diesen Besitz ausgewiesen?« »Sie haben Ausflüchte gemacht und gelogen – gesagt, sie hätten sie Dienstag morgen im Moor gefunden. Die Schurken wissen, wo er ist! Sie sitzen glücklicherweise sicher hinter Schloß und Riegel. Die Furcht vor Strafe oder das Geld des Herzogs wird schon alles aus ihnen herausbringen, was sie wissen.« Als Huxtable hinaus war, sagte Holmes: »Dieser Umstand beweist wenigstens die Richtigkeit unserer Theorie, daß wir nur in der Richtung des Lower Gill Moors Erfolge zu erwarten haben. Die Polizei hat weiter nichts getan, als diese Zigeuner verhaftet. Sieh, Watson! Hier läuft ein Wassergraben durch das Moor; er ist hier auf der Karte eingezeichnet. An einigen Stellen erweitert er sich zu Morasten, hauptsächlich zwischen Holdernesse Hall und der Schule. Bei dieser trockenen Witterung ist es nutzlos, sonst nach Fußspuren zu suchen, aber dort ist es durchaus nicht aussichtslos. Ich werde dich morgen ziemlich früh wecken, und dann wollen wir zusammen versuchen, ein bißchen Licht in diese geheimnisvolle Sache zu bringen.« Der Tag brach gerade an, als ich die lange, hagere Gestalt meines Freundes an meinem Bett erblickte. Er war vollständig angekleidet und offenbar schon draußen gewesen. »Ich habe mir bereits den Rasenplatz und den Fahrradschuppen angesehen, und auch schon einen Spaziergang durch das kleine Wäldchen gemacht. Im Zimmer nebenan steht eine Tasse Kakao für dich bereit, Watson. Ich bitte dich, dich zu beeilen, denn wir haben heute viel vor.« Seine Wangen warm gerötet und seine Augen glänzten vor Freude, wie sie der Meister empfindet, der sich seiner Aufgabe gewachsen fühlt. Dieser tatkräftige, muntere Mann schien ein ganz anderer zu sein als der in sich gekehrte Träumer in der Bakerstraße. Als ich seine geschmeidige Erscheinung betrachtete, die Lebhaftigkeit und die Energie seines Ausdrucks sah, fühlte ich, daß wirklich eine schwere Arbeit unserer harrte. Und doch fing unser Werk gleich sehr unglücklich an. Mit den schönsten Hoffnungen wanderten wir über das schmutzigbraune Moor mit den unzähligen Pfaden, bis wir an den Rand des breiten, hellgrünen Sumpfes kamen, der zwischen uns und Holdernesse Hall lag. Wenn der Knabe sich heimwärts gewandt hatte, mußte er hier durchgekommen sein und Spuren hinterlassen haben. Wir konnten aber weder von ihm, noch von dem deutschen Lehrer die geringste Fährte entdecken. Verstimmt ging mein Freund am Rande des Sumpfes hin und prüfte aufmerksam jeden Eindruck auf dem mit Moos bewachsenen Boden. Aber nur Schafe und einige Rinder hatten hier ihre Hufe abgedrückt, von menschlichen Spuren war nichts zu sehen. »Das ist die erste Enttäuschung,« sagte Holmes, indem er mißmutig über das weite Moor schaute. »Dort drüben liegt noch ein anderer Morast. Hallo! was ist das?« Wir waren auf einen schmalen, schwarzen Pfad gekommen, auf dem wir deutlich die Fährte eines Fahrrades sahen. »Hurra!« rief ich. »Wir haben's.« Doch Holmes schüttelte den Kopf und machte eher ein verwundertes als ein erfreutes Gesicht. »Ein Rad sicherlich, aber nicht das Rad,« sagte er. »Ich kenne zweiundvierzig verschiedene Radspuren. Diese ist von einem Dunlopreifen, der an zwei Stellen geflickt ist. Heidegger hatte aber eine Palmer-Pneumatik, die parallele Rinnen hinterläßt. Es kann also nicht Heideggers Fährte sein.« »Vielleicht die des Jungen?« »Das wäre nicht unmöglich. Wir haben aber bis jetzt noch gar nicht nachweisen können, daß der Junge ein Rad mitgenommen hat. Diese Spur führt allerdings, wie du sehen wirst, von der Schule herwärts.« »Ich glaube eigentlich eher, nach ihr hin.« »Nein, nein, mein lieber Watson. Den tiefsten Eindruck macht immer das Hinterrad, auf dem das Gewicht des Fahrers ruht. An verschiedenen Stellen, wo das Hinterrad die Spur des Vorderrads durchkreuzt hat, läßt sich nun beobachten, daß die eine Spur tiefer ist als die andere. Der Radfahrer ist zweifellos in der Richtung von der Schule her gekommen. Es mag nun mit unseren Nachforschungen in Zusammenhang stehen oder nicht, jedenfalls wollen wir die Spur rückwärts verfolgen, ehe wir weiter gehen.« Als wir ein paar hundert Meter zurückgewandert waren, wurde der Pfad trocken, und unsere Spur hörte natürlich auf. Wir gingen trotzdem auf demselben Pfad noch ein Stück weiter zurück und kamen an eine feuchte Stelle, wo ein Wässerchen lief. Hier fanden wir wieder die alte Fährte, wenn auch durch eine große Menge Hufspuren von Kühen beinahe verwischt. Dann hörte sie wieder auf. Der Pfad führte direkt nach dem kleinen Wald vor der Schule. Das Fahrrad mußte entschieden dorther gekommen sein. Holmes setzte sich auf einen Stein und versank, das Kinn auf die Hand gestützt, in tiefes Nachdenken. Ich hatte zwei Zigaretten aufgeraucht, ehe er sich erhob. Dann sagte er endlich: »Allerdings kann ein geriebener Kerl die Spur seines Rades verändern, um die Polizei zu täuschen. Mit einem solchen Verbrecher zu tun zu haben, würde ich stolz sein. Doch, darauf wollen wir jetzt nicht weiter eingehen, sondern wieder nach unserem Sumpf zurückkehren, denn wir haben dort noch viel zu untersuchen.« Wir fuhren mit unserer systematischen Besichtigung fort und wurden für unsere Ausdauer bald belohnt. Rechts durch den höher gelegenen Teil des Moors schlängelte sich ein feuchter Pfad. Als wir in dessen Nähe kamen, stieß Holmes einen Freudenschrei aus. Mitten durch lief die geriefte Fährte eines Palmerreifens. »Hier ist Herr Heidegger durchgefahren!« rief er frohlockend. »Meine Berechnung scheint doch richtig zu sein, Watson.« »Ich gratuliere.« »Wir sind aber noch lange nicht am Ziel. Laß uns nun dieser Spur nachgehen. Sie wird, fürchte ich, nicht sehr weit führen.« Dieser Teil des Moors war jedoch von schwachen, feuchten Vertiefungen durchzogen, sodaß wir die Fährte, obgleich wir sie häufig verloren, doch immer wieder fanden. »Siehst du,« sagte Holmes, »daß der Mann hier zweifellos sein Tempo beschleunigt hat? Das steht sicher fest. Betrachte dir 'mal diesen Eindruck, wo man beide Räder unterscheiden kann. Das eine hat genau so tief eingeschnitten wie das andere. Das ist nur dann der Fall, wenn jemand sich stark auf die Lenkstange beugt, wie es bei rascher Fahrt geschieht. Bei Gott! er muß gestürzt sein.« Wir sahen eine breite, unregelmäßige Fährte, die ein paar Meter lang die Spur verdeckte, einige Fußtapfen, und dann tauchte die alte Radfährte wieder auf. »Er scheint ausgerutscht zu sein,« sagte ich. Holmes hielt mir einen abgebrochenen Zweig blühenden Stechginsters hin. Zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß die gelben Blüten rote Blutflecken zeigten. Auch auf dem Weg und an dem Heidekraut waren schwarze Flecken von geronnenem Blut. »Schlimm!« rief Holmes. »Schlimm! Bleib stehen, Watson! Keinen unbedachten Schritt! Was muß ich daraus entnehmen? Er wurde verwundet und fiel zu Boden, stand wieder auf, sprang wieder aufs Rad und fuhr weiter. Aber von anderen Personen sind keine Spuren da, nur von einigem Vieh hier neben dem Pfad. Er wird doch nicht etwa von einem Bullen aufgespießt worden sein? Nein, das ist nicht möglich! Aber das Fehlen von menschlichen Fußspuren kann ich mir nicht erklären. Wir müssen weiter, Watson. Da wir zwei Fährten haben, können wir nicht mehr fehlgehen.« Unsere Suche dauerte nicht lange. Die Radspur zeigte allmählich sehr eigentümliche Biegungen und Krümmungen. Plötzlich, als ich nach vorne sah, fiel mein Auge auf einen glänzenden Gegenstand in den dicken Ginsterbüschen. Es war ein Fahrrad, das eine Pedal war verbogen, und vorne war die ganze Maschine schrecklich mit Blut besudelt. Zur Seite des Rades lag der unglückliche Radler. Er war ein großer Mann mit einem Vollbart und einer Brille, deren eines Glas herausgeschlagen war. Die Todesursache war ein furchtbarer Schlag auf den Kopf gewesen, wodurch die Schädeldecke teilweise zertrümmert war. Daß er sich mit einer solchen Wunde noch hatte fortbewegen können, sprach für seine Zähigkeit und Manneskraft. Er hatte Schuhe an, aber keine Strümpfe, und unter dem offenen Rock guckte das Nachthemd hervor. Es war ohne Zweifel der deutsche Lehrer. Holmes drehte die Leiche behutsam herum und untersuchte sie aufmerksam. Dann setzte er sich daneben nieder und dachte eine Zeitlang angestrengt nach. Ich konnte aber an den Falten seiner Stirn erkennen, daß diese fürchterliche Entdeckung seiner Meinung nach unsere Nachforschung nicht besonders förderte. »Es ist wahrhaftig schwer zu sagen, was man nun tun soll, Watson,« sagte er endlich. »Ich selbst neige dazu, unsere Untersuchung fortzusetzen, denn wir haben schon soviel Zeit verloren, daß wir jede Stunde ausnützen müssen. Andererseits haben wir die Pflicht, die Polizei von unserem Fund in Kenntnis zu setzen und dafür zu sorgen, daß man sich der Leiche dieses unglücklichen Mannes annimmt.« »Diese Nachricht könnte ich ja übermitteln.« »Aber ich brauche deine Gesellschaft und deine Hilfe. Warte 'mal. Dort drüben sticht jemand Torf. Hol' ihn her, er kann dann die Polizei hierher führen.« Ich brachte den Bauern herüber, und Holmes händigte ihm eine Notiz an Direktor Huxtable ein. »Nun, Watson,« fuhr er dann fort, »wir haben heute morgen zwei Spuren aufgefunden; eine von einer Palmer- und eine von einer Dunlop-Pneumatik. Die erste Fährte ist für uns erledigt, und, ehe wir die zweite weiter verfolgen, wollen wir uns erst einmal richtig klarzumachen suchen, was wir wirklich wissen, und das Wesentliche vom Nebensächlichen und Zufälligen trennen.« »In erster Linie muß ich dir sagen, daß der Junge ganz sicher freiwillig gegangen ist. Er ist durchs Fenster entflohen, entweder allein oder in Begleitung einer zweiten Person. Daran ist nicht zu zweifeln.« Ich stimmte ihm bei. »Gut, nun wollen wir uns zu dem unglücklichen Lehrer und seinem Schicksal wenden. Der Knabe war vollständig angekleidet, als er floh. Er hat also vorher gewußt, was er wollte. Der Lehrer dagegen ist ohne Strümpfe fortgeeilt, hat also keine Zeit gehabt und kurz entschlossen gehandelt.« »Zweifellos.« »Warum ist er fortgegangen? Weil er vom Schlafzimmerfenster aus den Schüler hat fliehen sehen, weil er ihn einholen und zurückbringen wollte. Er nahm sein Rad, fuhr hinter dem Jungen her und fand bei dieser Verfolgung den Tod.« »So könnte es scheinen.« »Nun komme ich zum wichtigsten Punkt. Am natürlichsten würde es sein, daß ein Mann, der einen kleinen Jungen verfolgt, hinter ihm her läuft , weil er weiß, daß er ihn so bald einholen kann. Der Deutsche tut das nicht; er bedient sich des Rades. Ich habe erfahren, daß er ein ausgezeichneter Radler war. Er würde nicht zu diesem Mittel gegriffen haben, wenn er nicht gesehen hätte, daß auch der Junge schnellgehende Hilfsmittel auf seiner Flucht zur Verfügung hatte.« »Das andere Rad.« »Lass' uns erst weiter schließen. Die Leiche liegt fünf Meilen von der Schule – der Tod ist, wohlgemerkt, nicht durch eine Kugel herbeigeführt worden, die möglicherweise ja auch ein Junge abschießen kann, sondern durch einen wuchtigen Schlag von einem starken Mannesarm. Der Knabe muß also einen Gefährten auf seiner Flucht gehabt haben. Diese Flucht ist eine sehr eilige gewesen, denn ein guter Radfahrer hat fünf Meilen gebraucht, ehe er die Flüchtlinge eingeholt hat. Wir untersuchen das Gelände am Tatort. Was finden wir? Nur ein paar Hufspuren von Rindern, sonst nichts. Ich habe die ganze Umgegend in einem weiten Umkreis durchforscht, aber innerhalb fünfzig Metern ist kein Weg. Irgend ein anderer Radfahrer konnte kein Interesse an der Ermordung haben. Uebrigens waren auch keine Spuren eines Menschen zu sehen.« »Holmes,« rief ich, »so ist's unmöglich!« »Wunderbar!« antwortete er. »Eine sehr richtige Bemerkung. Es ist unmöglich, wie ich es darstelle, also muß meine Beweisführung in irgend einer Hinsicht nicht ganz richtig sein. Nun denke selbst 'mal darüber nach. Kannst du mir einen falschen Punkt darin angeben?« »Könnte er sich nicht durch einen Sturz die Verletzung zugezogen haben?« »Auf weichem Sumpfboden, Watson?« »Dann weiß ich auch nicht.« »Nur nicht gleich den Mut verloren! Wir haben schon schwierigere Probleme gelöst. Wir haben wenigstens genug Material, wir müssen's nur richtig verwerten. Komm' jetzt, nachdem die Palmerspur abgetan ist, wollen wir uns nach der anderen von dem Rad der Firma Dunlop umschauen und sehen, was wir dabei für ein Resultat finden.« Wir nahmen jene Spur wieder auf und verfolgten sie vorwärts. Aber nach kurzer Zeit kamen wir an einen Graben, jenseits dessen das Moor allmählich in eine sanft ansteigende Heidelandschaft überging, wo wir keine Spuren mehr erwarten konnten. Von der Stelle, wo wir zum letztenmal die Fährte des geflickten Dunlopreifens sahen, konnte sie ebensowohl nach Holdernesse Hall hinüberführen, dessen stattliche Türme wir einige Meilen links emporragen sahen, wie hinauf nach dem kleinen Dörfchen an der Chesterfielder Chaussee. Als wir in die Nähe des verheißungsvollen Wirtshauses mit einem Kampfhahn über dem Eingang kamen, stieß Holmes plötzlich einen Schrei aus und erfaßte meine Schulter, um nicht hinzufallen. Er hatte sich den Fuß vertreten. Er humpelte beschwerlich nach der Tür zu, in der ein stämmiger, dunkeler Mann stand und eine Tonpfeife rauchte. »Wie geht's, Herr Hayes?« redete ihn Holmes an. »Wer sind Sie denn, und woher wissen Sie meinen Namen?« antwortete der Wirt, indem Argwohn aus seinen listigen Augen blitzte. »Ei! er steht ja über Ihrer Tür. Und den Besitzer eines Hauses zu erkennen, ist nicht schwer. Haben Sie nicht irgend ein Fuhrwerk?« »Nein, das hab' ich nicht.« »Ich kann kaum mit dem Fuß auftreten.« »Dann lassen Sie's doch bleiben.« »Aber ich kann nicht richtig gehen.« »Dann hüpfen Sie doch.« Herrn Hayes Benehmen war nicht gerade entgegenkommend und höflich, aber Holmes nahm es merkwürdig gut hin. »Schauen Sie her, lieber Mann,« sagte er. »Die Geschichte kommt mir jetzt wahrhaftig sehr ungelegen. Ich muß weiter und weiß nicht, wie ich fortkommen soll.« »Ich weiß auch nicht,« erwiderte der grobe Wirt. »Die Sache ist sehr dringend. Ich gebe Ihnen einen Sovereign, wenn Sie mir ein Rad verschaffen; wenn ich auch nur mit dem einen Bein treten kann, so komme ich doch noch rascher und bequemer weiter als zu Fuß. Der Wirt spitzte die Ohren. »Wo woll'n S'e denn hin?« »Nach Holdernesse Hall.« »Wohl zum Herzog selbst?« sagte der Wirt, indem er höhnisch auf unsere mit Dreck bespritzten Hosen blickte. »Er wird denn doch froh sein, wenn wir kommen.« »Warum?« »Weil wir ihm Nachricht von seinem Sohn bringen.« Der Wirt fuhr sichtlich zusammen. »Was, Sie sind ihm auf der Spur?« »Er ist in Liverpool gesehen worden. Man hofft, ihn jede Stunde wiederzubekommen.« Da veränderte sich das Gesicht des Wirtes wieder und er wurde rasch vergnügt. »Ich hab' ebensowenig Grund, dem Herzog wohlgesinnt zu sein, wie die meisten anderen Leute,« sagte er. »Ich war früher sein Leibkutscher, aber er hat mich furchtbar schlecht behandelt. Auf die Verdächtigung eines verlogenen Getreidehändlers hin hat er mich gleich 'nausgeworfen. Aber ich freue mich doch, daß der junge Lord in Liverpool gesehen worden ist, und will Ihnen behilflich sein, diese Botschaft zu übermitteln.« »Ich danke Ihnen,« sagte Holmes. »Wir wollen aber erst etwas essen. Dann können Sie das Rad herbringen.« »Ich hab' kein Rad.« Holmes zeigte ihm das Goldstück. »Mann, ich sage Ihnen doch, daß ich keins hab'. Ich will Ihnen aber ein Paar Pferde geben.« »Schön,« antwortete Holmes. »Wir wollen die Sache nach dem Essen abmachen.« Als wir allein in der Küche waren, bemerkte ich, wie erstaunlich schnell meines Freundes Fußverstauchung geheilt war. Es war im Dunkelwerden, und wir hatten seit dem frühen Morgen nichts gegessen; brauchten aber trotzdem ziemlich viel Zeit, ehe wir mit unserem Mahl fertig waren. Holmes war in Gedanken versunken und ging ein paarmal ans Fenster und sah sich um. Man blickte in einen schmutzigen Hof. In der gegenüberliegenden Ecke befand sich eine Schmiede, worin ein Geselle an der Arbeit war. Auf der anderen Seite befanden sich die Ställe. Holmes hatte sich nach seinen Exkursionen wieder auf seinen Platz gesetzt, aber plötzlich sprang er auf und rief mit lauter Stimme: »Wahrhaftig, Watson, ich glaub', ich hab's 'raus! Ja, ja, so ist's. Erinnerst du dich noch, Watson, daß du heute Spuren von Kühen gesehen hast?« »Jawohl, mehrere.« »Wo?« »Nun, allenthalben. Im Sumpf und auf dem Pfad und auch in der Nähe der Stelle, wo der arme Heidegger den Tod gefunden hat.« »Allerdings. Nun sag' mir 'mal, Watson, wieviel Kühe hast du eigentlich auf dem Moor gesehen?« »Nicht eine einzige, so weit ich mich entsinnen kann.« »Sonderbar, Watson, daß man überall Rinderspuren sieht und keine Kühe, sehr sonderbar, Watson, wie?« »O ja, das ist freilich merkwürdig.« »Nun, denk' 'mal nach, mein Lieber! Kannst du dir diese Spuren noch richtig vorstellen?« »Jawohl.« »Kannst du dich noch erinnern, daß diese Fährten zuweilen dieses Bild zeigten« – er legte eine Anzahl Brotkrumen in folgender Weise zusammen –  : : : : :  – »und manchmal so aussahen – : · : · :  und verschiedentlich wieder so – . · . · . · .  – kannst du dich noch darauf besinnen?« »Nein, so genau habe ich sie nicht beobachtet.« »Aber ich. Ich könnte darauf schwören. Wir können jedoch zurückgehen und nachsehen, wenn du willst. Wie verblendet bin ich doch gewesen, daß ich daraus keine Schlüsse gezogen habe!« »Ja, was willst du denn daraus folgern?« »Weiter nichts, als daß es eine komische Kuh gewesen sein muß, die Schritt geht, Trab läuft und Galopp rennt. Bei Gott, Watson, das war kein dummer Bauer, der eine solche Täuschung ausgedacht hat! Die Luft scheint rein zu sein, wenn wir von dem Burschen in der Schmiede absehen. Wir wollen uns hinausschleichen und sehen, was wir entdecken können.« In dem baufälligen Stall standen zwei struppige Pferde. Holmes hob bei dem einen den Hinterhuf auf und mußte laut lachen. »Alte Eisen, aber frisch aufgelegt – alte Eisen und neue Nägel. Dieser Fall ist einzig. Lass' uns hinübergehen in die Schmiede.« Der Geselle arbeitete weiter, ohne uns zu beachten. Ich sah, wie Holmes mit seinen Blicken auf dem Boden unter den umherliegenden Eisen- und Holzstücken eifrig suchte. Plötzlich hörten wir einen schweren Schritt, und hinter uns stand der Wirt. Er schaute uns wütend an, in seinem finsteren Gesicht zuckte es vor Zorn, und in der Hand hatte er ein kurzes Stück Eisen mit einem schweren Knopf. Er kam in einer Weise auf uns zu, daß ich recht froh war, meinen Revolver in der Tasche zu haben. »Ihr verfluchten Spione!« schrie er uns an. »Was macht ihr hier?« »Ei, Herr Hayes,« antwortete Holmes kaltblütig, »man möchte fast glauben, Sie fürchteten, daß wir etwas finden könnten.« Mit großer Anstrengung bezwang der Mann seine Wut und zeigte ein erzwungenes Lachen. Er sah dabei jedoch noch gefährlicher aus als vorher. »In meiner Schmiede werden Sie nichts Verdächtiges finden,« sagte er. »Aber trotzdem bin ich kein Freund von Leuten, die ohne meine Erlaubnis alles durchstöbern, und es ist mir am liebsten, wenn Sie möglichst bald Ihre Rechnung bezahlen und machen, daß Sie fortkommen.« »Schön, Herr Hayes – nichts für ungut,« erwiderte Holmes. »Wir haben uns nur Ihre Pferde angesehen, aber ich hoffe, daß ich wieder gehen kann. Es ist wohl nicht zu weit.« »Nur zwei Meilen. Den Weg rechts.« Er guckte mit finsteren Blicken hinter uns her, bis wir sein Gehöft verlassen hatten. Wir gingen aber nicht weit auf der bezeichneten Straße. Sobald wir um die Ecke herum waren, sodaß uns der Wirt nicht mehr sehen konnte, blieb Holmes stehen. »In diesem Wirtshaus hat man uns warm gemacht,« sagte er dann, »Jeden Schritt weiter werde ich kühler. Nein, nein; ich muß noch einmal dahin zurück.« »Ich bin fest überzeugt,« antwortete ich, »daß dieser Hayes alles weiß. Ich habe im Leben keinen Kerl gesehen, der sich so verraten hätte.« »Ah! einen solchen Eindruck hat er auf dich gemacht, wirklich? Die Pferde, die Schmiede. Es ist sicher ein interessanter Ort dieser ›Kampfhahn‹. Ich hoffe, daß wir ihn ein anderesmal in einer weniger aufdringlichen Weise besichtigen können.« Hinter uns zog sich eine lange Straße am Fuße eines Hügels hin. Wir waren vom Wege abgegangen und wanderten querfeldein nach Holdernesse Hall zu. Als ich zufällig emporblickte, sah ich einen Radfahrer rasch die Landstraße herunter kommen. »Bück' dich, Watson!« rief Holmes und drückte mich gleichzeitig nieder. Wir hatten uns kaum so verborgen, daß er uns nicht erkennen konnte, als er an uns vorbeisauste. In einer Staubwolke bemerkte ich für einen Moment ein blasses, erregtes Gesicht – ein Gesicht, in dem jeder einzelne Zug Schrecken und Furcht verriet: der Mund stand weit offen und die vorgetretenen Augen stierten gerade aus. Es erschien mir wie eine Karrikatur des flinken kleinen Wilder, den wir am gestrigen Abend gesehen hatten. »Der Sekretär des Herzogs!« rief Holmes. »Komm', Watson, wir wollen hinter ihm her und sehen, was er macht.« Wir kletterten von Fels zu Fels, bis wir nach ein paar Augenblicken einen Punkt gefunden hatten, von dem aus wir den Eingang zum Wirtshaus überblicken konnten. Wilders Fahrrad war an die Mauer daneben gelehnt. Um das Haus herum war kein Mensch zu sehen, auch an den Fenstern zeigte sich kein Gesicht. Langsam sank die Dämmerung hernieder, und nachdem es dunkel geworden war, bemerkten wir im Hofe des Wirtshauses die Lichter zweier Wagenlaternen, und kurz danach hörten wir den Hufschlag der Pferde. In rasendem Tempo fuhr ein Geschirr nach Chesterfield zu. »Was hältst du davon, Watson?« flüsterte mir Holmes zu. »Es macht den Eindruck einer Flucht.« »In dem Fuhrwerk saß, so weit ich sehen konnte, nur ein einzelner Mann. Doch war es sicher nicht Herr Wilder, denn er steht ja dort im Eingang.« In der Mitte eines hellen Lichtscheines, der durch die Haustür fiel, konnte man die dunkele Gestalt des Sekretärs erkennen; er steckte den Kopf hinaus und starrte in die Nacht. Er wartete offenbar auf jemanden. Dann hörte man Tritte auf der Straße, sah eine zweite Person in dem Lichtschein; die Tür wurde zugemacht, und alles war wieder finster. Nach etwa fünf Minuten wurde in einem Zimmer des ersten Stockwerks eine Lampe angezündet. »Der ›Kampfhahn‹ scheint eigentümliche Gäste zu haben,« meinte Holmes. »Das Schanklokal liegt auf der anderen Seite.« »Ganz recht. Das sind sogenannte Logiergäste. Was in aller Welt mag dieser Wilder um diese späte Stunde in einer solchen Kneipe zu schaffen haben, und wer mag sein Gefährte sein, der mit ihm dort zusammen trifft? Komm', Watson, wir müssen's wirklich wagen und uns die Geschichte etwas in der Nähe betrachten.« Wir schlichen uns zusammen auf die Straße und krochen hinüber nach dem Eingang zum Wirtshaus. Das Rad stand noch an der Mauer. Holmes steckte ein Streichholz an und hielt es an das Hinterrad; und ich hörte ihn leise lachen, als er die Reparatur und den Reifen von Dunlop gewahr wurde. Gerade über uns befand sich das erleuchtete Fenster. »Ich muß entschieden einen Blick durch die Scheiben werfen, Watson. Wenn du dich bückst und an der Mauer festhältst, glaube ich's fertig zu bringen.« Im nächsten Moment stand er auf meinen Schultern. Er war jedoch kaum oben, als er auch schon wieder unten war. »Komm', mein Lieber,« sagte er. »Wir haben heute lange genug gearbeitet, und ich glaube, auch genug erreicht. Es ist noch ein tüchtiger Marsch nach der Schule, und je früher wir uns auf den Weg machen, um so besser.« Während unserer mühseligen Wanderung über das Moor sprach er kein Wort, er ging auch nicht in die Klosterschule, als wir ankamen, sondern zunächst nach der Station Mackleton, wo er einige Depeschen aufgeben konnte. Spät in der Nacht hörte ich ihn noch den Direktor Huxtable trösten, der durch das traurige Ende seines Lehrers tief erschüttert worden war, und noch später kam er ebenso munter und kräftig in mein Zimmer, wie er am Morgen beim Aufbruch gewesen war. »Es geht alles gut, lieber Freund,« sagte er zu mir. »Ich verspreche dir, daß wir vor morgen abend das Geheimnis aufgedeckt haben.« * Am nächsten Morgen um elf Uhr wandelten wir durch die berühmte Taxusallee von Holdernesse Hall. Wir wurden durch den prächtigen Elisabetheingang in das Arbeitszimmer des Herzogs geführt. Dort fanden wir Herrn Wilder. Er war bescheiden und höflich, aber in seinen Augen und Zügen lag noch eine Spur des Schreckens von der vorhergehenden Nacht. »Sie wünschen Seine Hoheit zu sprechen? Es tut mir leid; aber der Herzog ist tatsächlich durchaus nicht wohl. Er ist durch die tragische Neuigkeit von gestern sehr aufgeregt worden. Wir erhielten am Nachmittag ein Telegramm von Direktor Huxtable, worin er uns Ihre Entdeckung mitteilte.« »Ich muß aber den Herzog sehen, Herr Wilder.« »Er ist noch in seinem Schlafzimmer.« »Dann will ich ihn dort sprechen.« »Ich glaube, er liegt sogar noch zu Bett.« »So will ich ihn dort sprechen.« Das kalte und unerschütterliche Wesen meines Freundes mochte dem Sekretär wohl sagen, daß es nutzlos sei, weitere Einwendungen zu machen. »Also gut, Herr Holmes; ich werde ihm sagen, daß Sie hier sind.« Nach etwa einer halben Stunde trat der Minister herein. Sein Gesicht war leichenähnlicher als je zuvor, er ging niedergebeugt und machte mir einen viel älteren Eindruck als am ersten Tage. Er begrüßte uns höflich und setzte sich an seinen Schreibtisch, sodaß sein roter Bart auf die Tischplatte herabhing. »Nun, Herr Holmes?« begann er. Mein Freund faßte jedoch den Sekretär scharf ins Auge, welcher neben dem Stuhl seines Herrn stand. »Ich würde in der Abwesenheit des Herrn Wilder freier sprechen können, Hoheit.« Der Sekretär wurde noch einen Ton weißer und warf meinem Freund einen bösartigen Blick zu. »Wenn Eure Hoheit wünschen –« »Ja, ja; es ist besser, wenn Sie gehen. Nun, Herr Holmes, was haben Sie mir mitzuteilen?« Mein Freund wartete, bis sich hinter dem abtretenden Sekretär die Tür geschlossen hatte, dann antwortete er: »Herr Huxtable hat meinem Kollegen Doktor Watson und mir die Mitteilung gemacht, daß Euere Hoheit eine Belohnung in diesem Falle ausgesetzt hätten. Ich möchte das von Ihnen selbst bestätigt haben.« »Gewiß, Herr Holmes.« »Sie belief sich, wenn ich recht unterrichtet bin, auf fünftausend Pfund für denjenigen, der Ihnen angeben kann, wo sich Ihr Sohn aufhält?« »Sehr richtig.« »Und weitere tausend Pfund demjenigen, der Ihnen die Person oder die Personen namhaft macht, die ihn verborgen halten?« »Jawohl.« »Darunter sind doch sicher nicht nur diejenigen verstanden, die ihn entführt haben, sondern auch diejenigen, die ihn jetzt eventuell festhalten?« »Allerdings, natürlich,« rief der Herzog ungeduldig. »Wenn Sie Ihre Sache gut machen, werden Sie sich bei mir nicht über Knauserei zu beklagen haben.« Mein Freund rieb sich die mageren Hände und zeigte eine Begehrlichkeit, die mich überraschte, weil ich seine Anspruchslosigkeit kannte. »Ich glaube, Ihrer Hoheit Scheckbuch liegt dort auf dem Tisch,« sagte er weiter. »Es würde mich freuen, wenn Sie mir einen Wechsel auf sechstausend Pfund ausstellten. Sie können das Geld der Länder-Bank in der Oxforderstraße in London überweisen, wo ich mein Konto habe.« »Soll das ein Scherz sein?« antwortete der Herzog, der sich in seinem Stuhl in die Höhe gerichtet hatte und Holmes streng und starr ansah. »Die Sache ist kaum zu einem Ulk geeignet.« »Allerdings nicht, Hoheit. Ich bin nie im Leben ernster gewesen als jetzt.« »Was wollen Sie denn also damit sagen?« »Ich will damit sagen, daß ich die Belohnung verdient habe. Ich kenne den Aufenthaltsort Ihres Sohnes und kenne auch, wenigstens teilweise, die Leute, die ihn festhalten.« Des Herzogs Bart erschien noch röter und sein Gesicht noch bleicher. »Wo ist er?« fragte er mit zitternder Stimme. »Er ist oder war wenigstens vergangene Nacht im Wirtshaus zum Kampfhahn, ungefähr zwei Meilen von Ihren Toren entfernt.« Der Herzog sank in seinen Stuhl zurück. »Und wen beschuldigen Sie? – wer hält ihn versteckt?« Holmes' Antwort auf diese Frage lautete ganz überraschend. Er ging rasch ein paar Schritte nach vorne und klopfte den Herzog leicht auf die Schulter. »Sie,« sagte er dann. »Und nun darf ich Euere Hoheit wohl um den Scheck bitten.« Nimmermehr werde ich die Erscheinung des Herzogs vergessen, als er aufsprang und um sich griff wie jemand, der in einem Abgrund versinkt. Dann setzte er sich mit großer Selbstbeherrschung wieder nieder und verbarg das Gesicht mit seinen Händen. Es dauerte verschiedene Minuten, ehe er sprechen konnte. »Wieviel wissen Sie?« fragte er endlich, ohne den Kopf emporzuheben. »Ich habe Sie gestern abend zusammen gesehen.« »Weiß es noch jemand außer Ihrem Freund?« »Ich habe es niemandem gesagt.« Der Herzog ergriff mit zitternder Hand eine Feder und schlug das Scheckbuch auf. »Ich werde mein Wort halten, Herr Holmes. Ich bin im Begriff Ihre Anweisung auszuschreiben, wenn mir auch Ihre Auskunft nicht sehr angenehm klingt. Als ich die Belohnung aussetzte, dachte ich nicht im entferntesten daran, daß die Sache eine derartige Wendung nehmen sollte. Aber Sie und Ihr Freund sind doch verschwiegene Leute, Herr Holmes?« »Ich verstehe Euere Hoheit nicht recht.« »Dann will ich's Ihnen deutlicher sagen, Herr Holmes. Wenn Sie beide allein den Vorfall kennen, so liegt kein Grund vor, daß ihn andere erfahren. Zwölftausend Pfund bin ich Ihnen schuldig, nicht?« Holmes lächelte und schüttelte den Kopf. »Euere Hoheit, ich habe die Befürchtung, daß sich die Angelegenheit schwerlich so leicht regeln läßt. Wir müssen, den Tod des Lehrers noch in Berücksichtigung ziehen.« »Davon hat James nichts gewußt. Dafür können Sie ihn nicht verantwortlich machen. Das ist die Tat des rohen Gesellen, den er unglücklicherweise in seinen Dienst genommen hatte.« »Ich stehe auf dem Standpunkt, Euere Hoheit, daß jemand, der sich eines Verbrechens schuldig macht, moralisch auch die Schuld an einem anderen trägt, das sich aus dem ersten entwickelt.« »Moralisch, Herr Holmes. Insofern haben Sie zweifellos recht. Aber sicherlich nicht in den Augen des Richters. Ein Mann kann nicht verurteilt werden wegen eines Mordes, bei dem er nicht zugegen war, und den er ebenso sehr mißbilligt und verabscheut wie Sie selbst. Gleich, nachdem er die Untat erfahren hatte, hat er mir ein volles Geständnis abgelegt, einen solchen Schauder und solche Gewissensbisse empfand er darüber. Er hat keine Minute verloren, um mit dem Mörder vollständig zu brechen. Oh, Herr Holmes, Sie müssen ihn retten – müssen ihn retten! Ich beschwöre Sie, retten Sie ihn!« Der Herzog hatte alle Herrschaft über sich verloren. Er lief wie wahnsinnig im Zimmer umher und rang verzweifelt die Hände. Endlich wurde er wieder Herr seiner selbst und setzte sich zum zweitenmal an den Schreibtisch. »Ich rechne es Ihnen hoch an, daß Sie hierher gekommen sind, ehe Sie irgend einem anderen etwas gesagt haben,« fuhr er fort. »So können wir wenigstens miteinander beraten, auf welche Weise wir diesen schrecklichen Skandal am besten unterdrücken.« »Allerdings,« antwortete Holmes. »Dazu gehört jedoch, daß wir ganz offen zu einander sprechen, Hoheit. Ich habe die Absicht, Ihnen nach besten Kräften zu helfen; um das jedoch zu können, muß ich alle Verhältnisse bis ins kleinste kennen. Ich weiß, daß Sie Herrn Wilder in Schutz nehmen wollen, und daß er nicht der Mörder ist.« »Nein; der Mörder ist entkommen.« Holmes lächelte. »Euere Hoheit haben wahrscheinlich noch nichts von dem bescheidenen Ruf gehört, dessen ich mich erfreue, sonst würden Sie nicht glauben, daß man mir so leicht entschlüpft. Herr Hayes ist auf meine Veranlassung gestern abend um elf Uhr in Chesterfield verhaftet worden. Ich habe von dem Ortspolizeiinspektor, ehe ich heute morgen die Klosterschule verließ, ein diesbezügliches Telegramm bekommen.« Der Herzog lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah meinen Freund starr vor Erstaunen an. »Sie scheinen fast übermenschliche Fähigkeiten zu besitzen,« sagte er nach einer Weile. »Hayes ist also wirklich festgenommen? Ich bin sehr froh, das zu hören, falls es nicht auf James' Schicksal einen ungünstigen Einfluß ausübt.« »Ihres Sekretärs?« »Nein, Herr; meines Sohnes.« Darüber mußte nun Holmes staunen. »Ich gestehe, daß mir diese Enthüllung vollkommen neu ist, Hoheit. Ich muß Sie ersuchen, sich näher darüber auszusprechen.« »Ich will Ihnen nichts verheimlichen. Ich stimme mit Ihnen darin überein, daß absolute Offenheit in der verzweifelten Lage, in die wir durch James' Torheit und Neid geraten sind, noch das Beste und Klügste ist. Als blutjunger Mensch, Herr Holmes, liebte ich, wie man nur einmal im Leben lieben kann. Ich bot der Dame die Heirat an, sie schlug es aber aus, weil eine solche Verbindung mich in meiner Karriere schädigen könnte. Wenn sie am Leben geblieben wäre, würde ich nie eine andere zur Frau genommen haben. Sie starb jedoch und hinterließ mir dieses einzige Kind, das ich aus Liebe zu ihr gepflegt und versorgt habe. Der Welt gegenüber konnte ich die Vaterschaft nicht anerkennen; ich gab ihm aber eine sehr gute Erziehung, und als er herangewachsen war, habe ich ihn zu mir genommen. Er erfuhr mein Geheimnis und hat seitdem stets auf seine Ansprüche an mich und auf seine Gewalt gepocht, daß er einen Skandal provozieren könne, der mir furchtbar sein würde. Seine Gegenwart war auch an dem Unglück meiner Ehe mit schuld. Einen besonderen Haß hatte er vom ersten Augenblick an gegen meinen jüngeren Sohn und rechtmäßigen Erben. Sie werden mich vielleicht fragen, warum ich James unter diesen Umständen zu Hause behalten habe. Das geschah nur darum, weil ich seiner Mutter Gesicht in ihm wiedersah, und dieser teueren Erinnerung zuliebe duldete ich alles. Ich fand nicht die Kraft, ihn fortzuschicken. Aber ich fürchtete, er möchte Artur – das ist Lord Saltire – ein Leid antun, und deshalb brachte ich den Kleinen zu seiner eigenen Sicherheit zu Huxtable auf die Schule. »James kam mit diesem verruchten Hayes, einem meiner Bauern, in Berührung, weil er die Verwaltung führte. Dieser Kerl war ein Schurke von Anfang an, aber merkwürdigerweise wurde James doch vertraut mit ihm. Er hatte immer eine Vorliebe für schlechten Umgang. Als James entschlossen war, Lord Saltire zu entführen, bediente er sich dieses Menschen zur Ausführung seines Planes. Sie werden sich erinnern, daß ich an jenem letzten Tage an Artur geschrieben hatte. Nun, James öffnete den Brief und legte einen Zettel bei, worauf er Artur bat, in einem nahegelegenen Wäldchen mit ihm zusammenzutreffen. Er mißbrauchte den Namen der Herzogin, und veranlaßte auf diese Weise das Kind, zu kommen. An jenem Abend radelte James hinunter – ich erzähle Ihnen alles so, wie er mir's selbst eingestanden hat – und sagte zu Artur, der sich wirklich eingefunden hatte, daß seine Mutter Sehnsucht nach ihm hätte und auf dem Moor auf ihn wartete; wenn er um Mitternacht wieder in den Wald ginge, würde er einen Mann mit einem Pferd bereit finden, der ihn zu ihr bringen wollte. Der arme Junge fiel darauf herein. Er stellte sich an dem bestimmten Orte ein und traf diesen elenden Hayes mit einem Ponny. Artur stieg auf, und sie ritten zusammen los. Sie scheinen nun, wie James erst gestern erfahren hat, verfolgt worden zu sein, wobei Hayes den Verfolger mit dem Stock so wuchtig über den Kopf geschlagen hat, daß der Mann infolge der Verletzung gestorben ist. Hayes brachte Artur dann in sein Logierhaus, den ›Kampfhahn‹, wo er im oberen Stock in ein Zimmer eingeschlossen wurde, und sich Frau Hayes seiner annahm; sie ist eine gute Frau, muß sich aber ihrem brutalen Manne vollkommen fügen. »So, Herr Holmes, stand die Sache, als ich Sie vor zwei Tagen zum erstenmal sah. Sie werden mich hier fragen, was für einen Beweggrund James zu dieser Handlungsweise hatte. In dem Haß gegen meinen Erben war viel Unvernunft und Fanatismus. In seinem Sinn sollte er selbst der Erbe meiner Besitzungen sein, und er empfand die gesetzlichen Bestimmungen, die es unmöglich machen, als sehr ungerecht. Er hatte aber auch noch ein bestimmtes Motiv. Er bestand darauf, daß ich das Testament umstoßen sollte, was seiner Ansicht nach wohl in meiner Macht stände. Er wollte einen Druck auf mich ausüben – Artur mir wiederbringen, wenn ich das Testament änderte und ihm dadurch die Möglichkeit gäbe, seine Erbschaft antreten zu können. Er wußte genau, daß ich nun und nimmer die Hilfe der Polizei gegen ihn in Anspruch nehmen würde. Ich muß hervorheben, daß er mir das zumuten wollte, in Wirklichkeit ist er nicht dazu gekommen, denn es ging zu schnell, und er fand nicht die Zeit, seine Pläne in die Tat umzusetzen. »Was alle seine bösen Absichten zum Scheitern brachte, war Ihre Auffindung von Heideggers Leiche. Bei dieser Kunde wurde James von Schrecken erfüllt. Sie erreichte uns, als wir gestern in diesem Zimmer zusammensaßen. Direktor Huxtable hatte telegraphiert. James war so von Sorge und Aufregung überwältigt, daß mir mein Verdacht, den ich immer gehabt hatte, augenblicklich zur Gewißheit wurde und ich ihn zur Rede stellte. Er legte freiwillig ein volles Geständnis ab und bat mich nachher, sein Geheimnis nur noch drei Tage zu bewahren, um seinem elenden Genossen Gelegenheit zu geben, seine Person in Sicherheit zu bringen. Ich gab seinen Bitten nach, wie ich immer nachgegeben habe. James fuhr sofort nach dem Wirtshaus, um Hayes zu warnen und ihm die Mittel zur Flucht zu geben. Ich konnte bei Tage nicht hingehen, ohne zu Redereien Veranlassung zu geben, aber sobald es Nacht geworden war, eilte ich hin, um meinen lieben Jungen zu sehen. Ich traf ihn wohl und munter, aber über alle Maßen entsetzt über die Bluttat, deren Zeuge er gewesen war. In Anbetracht meines Versprechens, wenn auch gegen meinen Willen, gab ich meine Einwilligung, den Jungen noch drei Tage unter der Obhut der Frau Hayes zu lassen, denn es war unmöglich, die Polizei von seinem Aufenthalt zu benachrichtigen, ohne gleichzeitig den Mörder zu verraten, und dieser konnte nicht bestraft werden, ohne meinen unglücklichen James mit ins Verderben zu ziehen. »Sie baten mich um Offenheit, Herr Holmes, und ich habe Ihren Wunsch erfüllt und Ihnen alles ohne Umschweife und Heimlichkeit erzählt. Nun seien Sie Ihrerseits ebenso freimütig gegen mich.« »Das will ich,« sagte Holmes. »In erster Linie fühle ich mich verpflichtet, Euere Hoheit darauf aufmerksam zu machen, daß Sie sich selbst in eine recht üble Lage gebracht haben. Vom gesetzlichen Standpunkt aus betrachtet, haben Sie sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht, indem Sie einem Mörder mit zur Flucht verholfen haben, denn es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß das Geld, welches James Wilder seinem Komplizen zur Flucht übergeben hat, aus Ihrer Tasche gekommen ist.« Der Herzog nickte zustimmend. »Dieser Punkt ist nicht leicht zu nehmen. Aber eine noch schwerere Schuld haben Sie durch das Benehmen Ihrem jüngeren Sohne gegenüber meiner Meinung nach auf sich geladen. Sie lassen ihn drei Tage in einer solchen Räuberhöhle.« »Nach feierlichen Versprechungen –« »Was für einen Wert haben Versprechungen bei solchem Volk wie dieses? Wer bürgt Ihnen dafür, daß er nicht wieder weggelockt wird? Um Ihrem schuldigen älteren Sohn einen Gefallen zu tun, haben Sie Ihren unschuldigen jüngeren Sohn einer ungeheueren und unnötigen Gefahr ausgesetzt. Das war sehr unrecht von Ihnen.« An eine solche Tonart, noch dazu in seinen eigenen Gemächern, war der stolze Lord von Holdernesse nicht gewöhnt. Seine hohe Stirn wurde rot vor Zorn, aber sein Gewissen hieß ihn schweigen. »Ich will Ihnen beistehen, aber nur unter einer Bedingung. Sie müssen Ihrem Diener klingeln und mich ihm die Befehle geben lassen, die ich für gut halte.« Ohne ein Wort zu sagen, drückte der Herzog auf den Knopf der elektrischen Klingel. Ein Lakai trat ein. »Sie werden sich freuen, zu hören, daß Ihr junger Herr wiedergefunden ist,« sagte Holmes zu ihm. »Seine Hoheit wünscht, daß sofort ein Wagen nach dem »Kampfhahn« abgeht, um den Lord Saltire nach Hause zurückzubringen.« Als der Diener hocherfreut hinausgegangen war, fuhr Holmes fort: »Nachdem wir nun die Zukunft sichergestellt haben, können wir das Vergangene in Ruhe erörtern. Ich bin kein Beamter und habe also keine Veranlassung, alles, was ich weiß, aufzudecken. Was Hayes betrifft, kann ich weiter nichts tun. Er gehört an den Galgen, und ich würde keine Hand rühren, ihn zu retten. Was er offenbaren wird, kann ich nicht sagen. Ich bin aber überzeugt, daß Euere Hoheit ihm zu verstehen geben könnte, daß Schweigen auch in seinem eigensten Interesse liegt. Nach Ansicht der Polizei hat er den Knaben entführt, um ein Lösegeld zu erpressen. Wenn sie selbst nichts weiter herausbringt, so habe ich keinen Grund, ihren Gesichtskreis zu erweitern. Ich möchte Euere Hoheit nur noch darauf aufmerksam machen, daß die weitere Anwesenheit des Herrn Wilder in Ihrer Familie nur Unglück über Sie bringen kann.« »Das begreife ich, Herr Holmes, und es ist schon abgemacht, daß er mich für immer verlassen und in Australien sein Glück versuchen soll.« »Wenn das der Fall ist, würde ich Ihnen raten, da Sie ja selbst die Schuld an Ihrem ehelichen Unglück seiner Gegenwart zugeschrieben haben, soweit es möglich ist, der Herzogin entgegenzukommen und sie wieder in die früheren Rechte einzusetzen und die alten Beziehungen, die so unglücklich unterbrochen waren, wieder herzustellen.« »Auch dies habe ich schon in die Wege geleitet, Herr Holmes. Ich habe heute morgen bereits an die Herzogin geschrieben.« »Dann können wir Ihnen, glaube ich, gratulieren. Wir können uns aber gleichzeitig auch selbst beglückwünschen, daß unsere kleine Reise nach dem Norden so schöne Erfolge gezeitigt hat. Ueber etwas möchte ich gerne noch Aufschluß haben. Dieser Hayes hatte seine Pferde mit Eisen beschlagen, die die Abdrücke von Rinderhufen gaben. Hat er diesen ausgezeichneten Kniff von Herrn Wilder gelernt?« Der Herzog besann sich einen Augenblick und machte ein ganz erstauntes Gesicht. Dann öffnete er eine Türe und führte uns in ein großes Zimmer, das wie ein Museum eingerichtet war. Er zeigte uns einen Glasschrank in einer Ecke und deutete auf einen beschriebenen Zettel, dessen Inhalt lautete: »Diese Eisen wurden beim Umgraben in der Nähe von Holdernesse Hall gefunden. Sie sind für Pferde gemacht, haben auf der unteren Seite aber einen gespaltenen Eisenbeschlag, wie ihn Rinder tragen, um Verfolger in der Fährte zu täuschen. Sie haben wahrscheinlich einem der plündernden Raubritter des Mittelalters gute Dienste geleistet.« Holmes machte die Glastür auf und strich mit dem feuchten Finger über die Eisen. Der Finger zeigte Spuren von frischem Schmutz. »Ich danke Ihnen,« sagte er, als er den Vorhang wieder vorschob und die Glastür des Schrankes schloß. »Das ist der zweite, höchst interessante Gegenstand, den ich hier im Norden gesehen habe.« »Und der erste?« Holmes faltete als Antwort seinen Scheck zusammen und legte ihn sorgfältig in sein Notizbuch. »Ich bin kein reicher Mann,« sagte er, während er das Buch zärtlich in der Hand hielt und dann in der Tiefe seiner inneren Tasche verschwinden ließ. Der schwarze Peter. Ich habe meinen Freund Sherlock Holmes nie in einer besseren Verfassung des Körpers und Geistes gesehen als im Jahre 1895. Seine zunehmende Berühmtheit brachte ihm eine ungeheuere Kundschaft. Ich kann jedoch, ohne indiskret zu werden, die Persönlichkeiten aus den höchsten Kreisen, welche unser bescheidenes Heim in der Bakerstraße aufsuchten, nicht einmal andeutungsweise bezeichnen. Holmes lebte aber, wie alle großen Künstler, nur seiner Kunst, und, abgesehen vom Fall des Herzogs von Holdernesse, habe ich ihn selten eine größere Summe für seine unschätzbaren Dienste verlangen hören. Er war so wenig materiell veranlagt – oder vielmehr, er war so eigensinnig – daß er häufig Mächtigen und Reichen seinen Beistand versagte, wenn ihm ihre Fälle nicht paßten, während er für die Angelegenheiten irgend eines armen Klienten oft wochenlang angestrengt arbeitete, wenn sie jene eigenen Umstände und Verwickelungen zeigten, die seine Einbildungskraft reizten und seinen Scharfsinn anspornten. In diesem denkwürdigen Jahr 1895 hatten eine Menge der eigentümlichsten und absonderlichsten Fälle seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, von der berühmten Aufklärung des plötzlichen Todes des Kardinals Tosca – eine Untersuchung, die er auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes betrieben hatte – bis hinunter zu der Festnahme Wilsons, des bekannten Kanarienzüchters, wodurch aus dem Osten Londons ein wahrer Schandfleck beseitigt wurde. Auf diese beiden Fälle folgte die Tragödie von Woodmans Lee, jene dunkele Geschichte vom Tode des Kapitäns Peter Carey. Eine Niederschrift der Taten Sherlock Holmes', die gerade diese ungewöhnliche und auffallende Begebenheit nicht enthielte, würde nicht vollständig sein. Während der ersten Juliwoche war mein Freund so häufig und so lange von Hause weg gewesen, daß ich merkte, er müsse etwas Wichtiges vorhaben. Aus der Tatsache, daß in dieser Zeit mehrere handfeste Kerle ankamen und nach Kapitän Basil fragten, entnahm ich, daß Holmes irgendwo in einer seiner zahlreichen Verkleidungen und unter einem falschen Namen arbeitete. Er hatte nämlich in den verschiedenen Teilen Londons mindestens fünf kleine Schlupfwinkel, wo er sich umkleiden und seine gefürchtete Persönlichkeit verheimlichen konnte. Er hatte mir nichts von seinem Vorhaben gesagt, und ich pflegte nicht, Vertrauen zu erzwingen. Das erste Anzeichen, aus dem ich auf seine Tätigkeit schließen konnte, war ganz ungewöhnlicher Art. Er war vor dem Frühstück fortgegangen, und als ich am Tische saß, trat er ins Zimmer, den Hut auf dem Kopf und einen riesigen Speer wie einen Regenschirm unter dem Arm. »Heiliger Himmel, Holmes!« rief ich. »Du bist doch nicht etwa mit diesem Ding in London umherspaziert?« »Ich bin damit zu einem Schlächter gefahren und wieder zurück.« »Zu einem Schlächter?« »Ja, und ich bringe einen guten Appetit mit. Körperliche Uebungen vor dem Frühstück sind zweifellos sehr wertvoll. Aber ich wette mit dir, daß du nicht raten wirst, worin meine Uebung bestanden hat.« »Das will ich lieber gar nicht versuchen.« Er schüttelte sich vor Lachen, als er sich den Kaffee eingoß. »Wenn du in Allardyce's Metzgerladen einen Blick hättest werfen können, so würdest du nach dem Hof zu ein totes Schwein an einem Haken an der Decke haben hängen sehen, das fortwährend hin- und herpendelte, und dazu einen Herrn in Hemdärmeln, der mit diesem Instrument wütend darauf losstach. Diese energische Person war ich. Und ich habe zu meiner Befriedigung festgestellt, daß ich auch bei der äußersten Kraftanstrengung das Schwein nicht mit einem einzigen Stich durchbohren kann. Vielleicht versuchst du's auch 'mal?« »Um alles in der Welt nicht. Aber wozu hast du das getan?« »Weil es mir indirekt mit dem Geheimnis von Woodmans Lee in Zusammenhang zu stehen schien. – Ah, Herr Hopkins, ich erhielt gestern abend Ihre Drahtnachricht und erwartete Sie. Kommen Sie her und frühstücken Sie mit uns.« Unser Besucher war ein ungeheuer lebhafter Mann von etwa dreißig Jahren. Er trug einen einfachen Anzug, man konnte an seiner strammen Haltung aber doch sehen, daß er an Uniformen gewöhnt war. Ich erkannte in ihm sofort den jungen Polizeiinspektor Stanley Hopkins wieder, auf dessen Zukunft Holmes große Hoffnungen setzte, und der seinerseits wie ein Schüler die wissenschaftlichen Methoden des berühmten Dilettanten mit Bewunderung und Hochachtung hörte und verfolgte. Hopkins hatte die Stirne in Falten gezogen und zeigte sich sehr niedergeschlagen. »Nein, danke, Herr Holmes. Ich habe schon gefrühstückt, ehe ich herkam. Ich bin die Nacht in der Stadt geblieben, nachdem ich gestern abend bei Ihnen war, um Ihnen Bericht zu erstatten.« »Und was haben Sie mir zu berichten?« »Fehlschläge, lauter Fehlschläge.« »Sie haben keine Fortschritte gemacht?« »Gar keinen.« »Ei, ei! Da muß ich mir die Sache 'mal ansehen.« »Ich wünschte bei Gott, daß Sie's täten, Herr Holmes. Es ist meine erste größere und aussichtsreichere Sache, und ich komme nicht weiter. Seien Sie so gut und helfen Sie mir.« »Glücklicherweise kenne ich schon den Tatbestand und habe auch den Bericht über die erste Untersuchung ziemlich sorgfältig studiert. Nebenbei bemerkt, was haben Sie aus dem Tabaksbeutel gemacht, den man auf dem Schauplatz des Verbrechens gefunden hat? Bietet der keinen Anhaltspunkt?« Hopkins sah meinen Freund überrascht an. »Er gehörte doch dem Ermordeten, die Anfangsbuchstaben seines Namens standen innen drin. Er ist aus Seehundsfell – und sein Besitzer ein alter Seemann.« »Er hatte aber selbst keine Pfeife.« »Allerdings nicht; eine Pfeife haben wir nicht gefunden; er war auch nur ein ganz schwacher Raucher und hat den Tabak nur für seine Freunde gehabt.« »Ohne Zweifel. Ich erwähne es auch nur, weil ich ihn zum Ausgangspunkt meiner Untersuchung gemacht haben würde, wenn ich den Fall aufzuklären gehabt hätte. Jedoch, mein Freund Dr. Watson kennt die Sache noch gar nicht, und auch ich würde die Ereignisse gerne noch einmal in der richtigen Folge und im Zusammenhang hören. Erzählen Sie uns also die Geschichte kurz noch einmal.« Hopkins nahm ein Blatt Papier aus der Tasche. »Ich habe mir hier ein paar Daten notiert, aus denen Sie die Laufbahn des Ermordeten ersehen können. Peter Carey wurde 1845 geboren – stand also im Alter von fünfzig Jahren. Er war ein äußerst verwegener Robben- und Walfischjäger. Im Jahre 1883 war er Kapitän des Walfischdampfers »Sea Unicorn« aus Dundee. Auf diesem hat er mehrere erfolgreiche Reisen gemacht und sich im folgenden Jahre, 1884, zurückgezogen. Dann hat er ein paar Jahre größere Landreisen unternommen, und schließlich ein kleines Grundstück: Woodmans Lee bei Forest Row in Sussex gekauft. Dort hat er sechs Jahre gelebt, und dort ist er gerade heute vor acht Tagen gestorben. »Es war ein sonderbarer Mann, dieser Kapitän. Gewöhnlich war er ein strenger Puritaner – ein wortkarger, finsterer Mensch. Sein Haushalt bestand aus seiner Frau und einer Tochter von zwanzig Jahren und zwei Dienstmädchen, die sehr häufig wechselten, denn ihre Stellung war nie sehr angenehm und zuweilen unerträglich. Er war ein periodischer Säufer, und wenn er in seinem Stadium war, gebärdete er sich wie der leibhaftige Teufel. Er hat dann öfter mitten in der Nacht Frau und Tochter zum Haus hinausgejagt und sie im Garten geschlagen, sodaß durch ihr Schreien die ganze Nachbarschaft aufgeweckt worden ist. »Er war einmal wegen eines Angriffs auf den alten Ortsgeistlichen angeklagt, der gerufen worden war, um ihm wegen seines Benehmens Vorstellungen zu machen. Kurzum, Herr Holmes, im ganzen Umkreis existierte kein gefährlicherer Kerl als Peter Carey, und ich habe mir sagen lassen, daß er schon ebenso gewesen ist, als er sein Schiff befehligte. Er war in der Handelsflotte unter dem Namen ›Der schwarze Peter‹ bekannt, der ihm nicht nur wegen seiner dunkelbraunen Gesichtsfarbe und wegen seines riesigen schwarzen Bartes beigelegt worden war, sondern auch wegen seiner wilden Sinnesart, die ihn zum Schrecken seiner Umgebung machte. Ich brauche kaum zu sagen, daß er von allen seinen Nachbarn verwünscht und gemieden wurde, und daß ich kein einziges Wort des Mitleids für ihn aus Anlaß seines schrecklichen Todes gehört habe. »Sie werden auch von der Kajüte gelesen haben, Herr Holmes, aber Ihr Freund wird es nicht wissen. Der Kapitän hatte sich nämlich, ein paar hundert Meter vom Wohnhaus entfernt, eine kleine hölzerne Hütte hergestellt, die er stets als seine Kajüte bezeichnete und worin er zu schlafen pflegte. Das kleine Häuschen bestand aus einem einzigen Raum, der nur sechzehn Fuß lang und zehn Fuß breit war. Den Schlüssel dazu hatte er immer in der Tasche; er machte das Bett selbst, machte selbst rein, und es durfte ihm niemand über die Schwelle kommen. An zwei Seiten sind kleine Fensterchen, die verhängt waren und nie geöffnet wurden. Eins lag nach der Straße zu, und wenn die Leute des Nachts Licht im Zimmer sahen, machte einer den anderen darauf aufmerksam, und man wunderte sich, was der schwarze Peter wohl drin machte. Dieses Fenster, Herr Holmes, ist, wie sich aus der Beweisaufnahme ergeben hat, auch der einzige schwache Anhalt, den wir haben. »Sie werden sich erinnern, daß zwei Tage vor dem Mord in der Nacht um zwei Uhr ein Steinmetz, namens Slater, der von Forest Row kam, stehen geblieben ist, als er an dem Grundstück vorüber ging und noch Licht sah. Er schwört, daß der Schatten eines Männerkopfes deutlich an dem Fenstervorhang zu erkennen war, daß es aber keinesfalls der Peter Careys war, den er gut kannte. Es war zwar auch ein bärtiger Kopf, aber dieser Bart war kurz und ganz anders als derjenige des Kapitäns. Das ist seine bestimmte Angabe, aber der Mann hatte vorher zwei Stunden im Wirtshaus gesessen, und außerdem ist die Entfernung von der Straße bis zum Fenster ziemlich groß. Im übrigen war das am Montag, und das Verbrechen ist am Mittwoch passiert. »Am Dienstag befand sich Peter Carey in einer der furchtbarsten Stimmungen, er trank schrecklich und war wie ein wildes Tier. Er strich um das Haus herum, und die Weiber flüchteten, als sie ihn kommen hörten. Spät am Abend ging er hinunter in seine Kajüte. Um zwei Uhr nachts hörte seine Tochter, die bei offenem Fenster schlief, einen entsetzlichen Schrei aus dieser Richtung. Da es jedoch nichts Ungewöhnliches war, daß er in seinem Rausch schrie und lärmte, achtete sie nicht weiter darauf. Am Morgen sah eines der Mädchen, daß die Tür seiner Kajüte offen stand; es hatten aber alle eine so fürchterliche Angst vor dem Mann, daß es bis zum Mittag dauerte, ehe sich jemand hinunter wagte, um nachzusehen. Als sie durch die offene Tür guckten, bot sich ihnen ein Anblick, daß sie schreckensbleich ins Dorf flohen. In einer Stunde war ich zur Stelle, um den Tatbestand aufzunehmen. »Nun, wie Sie wissen, Herr Holmes, habe ich leidlich starke Nerven, aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich zusammenfuhr als ich in die Hütte trat. Ein Schwarm grauer Stubenfliegen und blauer Schmeißfliegen summte, als ob ein Harmonium gespielt würde, und Fußboden und Wände sahen aus wie in einem Schlachthaus. Er hatte das Ding Kajüte genannt, es machte auch wirklich den Eindruck einer Kajüte, denn man konnte sich recht gut auf ein Schiff versetzt fühlen. Sie war tatsächlich so ausgestattet wie ein Kapitänszimmer, an den Wänden standen Bänke und Koffer, hingen Land- und Seekarten und ein Bild der ›Sea Unicorn‹, und auf einem Wandbrett stand eine Reihe gebundener Schiffsjournale. Mitten zwischen all' diesen Sachen hing an einer Wand der Kapitän selbst. Das Gesicht war furchtbar verzerrt und entstellt, und sein mächtiger struppiger Bart starrte steif in die Höhe. Durch seine breite Brust war eine eiserne Harpune gejagt und steckte noch tief in der Wand. Er war aufgespießt wie ein Käfer auf einem Karton. Selbstverständlich war er vollkommen tot, und war es schon von dem Augenblick an gewesen, wo er jenen gellenden Schrei ausgestoßen hatte. »Ich kenne Ihre Methoden, Herr Holmes, und brachte sie zur Anwendung. Ehe ich irgend etwas anrühren ließ, untersuchte ich sehr sorgfältig den Boden draußen und im Zimmer, fand aber keine Fußspuren.« »Das heißt, Sie sahen keine?« »Ich versichere Ihnen, es waren keine da.« »Mein lieber Hopkins, ich habe schon manches Verbrechen untersucht, aber noch nie gefunden, daß eins von einem fliegenden Wesen verübt worden ist. So lange die Verbrecher sich noch auf zwei Beinen bewegen, müssen sie auch irgendwelche Abdrücke, Kritze, kleine Abschabungen oder sonstige winzige Spuren hinterlassen, die ein erfahrener, scharfer Beobachter entdecken kann. Ich kann nicht glauben, daß dieser blutbefleckte Raum keinerlei Fährte aufweisen soll, die uns weiterhelfen könnte. Wenn ich den Untersuchungsbericht verstanden habe, haben Sie freilich verschiedene Sachen übersehen.« Der junge Inspektor suchte den ironischen Ausführungen meines Freundes auszuweichen. »Es war allerdings töricht von mir, Sie nicht gleich zuzuziehen, Herr Holmes. Das läßt sich jetzt aber nicht mehr ändern. Jawohl, es war noch manches im Zimmer, was eine spezielle Beachtung erfordert hätte. Erstens die Harpune, womit der tödliche Stoß ausgeführt worden ist. Sie ist von der Wand heruntergerissen worden. Zwei andere hingen noch dran, und für die dritte war die leere Stelle zu sehen. Der Schaft trug die eingebrannte Aufschrift: ›Sea Unicorn, Dundee‹. Daraus war zu entnehmen, daß der Mörder in der Wut gehandelt und die erste beste Waffe ergriffen hatte, die ihm in die Hand gekommen war. Der Umstand, daß das Verbrechen um zwei Uhr nachts begangen worden ist und Peter Carey noch vollständig angezogen war, ließ darauf schließen, daß der Mörder zu Besuch bei ihm gewesen ist, was auch mit Bestimmtheit daraus hervorgeht, daß eine Flasche mit Rum und zwei gebrauchte Gläser auf dem Tisch standen.« »Gewiß,« sagte Holmes. »Ich halte beide Folgerungen für zulässig. Waren außer dem Rum noch andere Spirituosen im Zimmer?« »Jawohl; auf einem Schiffskoffer stand ein Krug mit Kornbranntwein und Whisky. Dies kommt aber für uns nicht weiter in Betracht, weil er noch voll und nicht gebraucht war.« »Immerhin ist es nicht ohne Bedeutung,« bemerkte Holmes. »Erzählen Sie aber nur erst weiter von solchen Dingen, die Ihnen für die Untersuchung des Falles von größerer Wichtigkeit zu sein scheinen.« »Auf dem Tisch lag dieser Tabaksbeutel.« »An welcher Stelle?« »In der Mitte. Er war von grobem Seehundsfell und wurde mit einem Lederriemen zugebunden. Innen stand P.C., und es war ungefähr eine halbe Unze starker Schiffstabak drin.« »Ausgezeichnet! Wissen Sie noch mehr?« Stanley zog ein schmutziggraues Notizbuch aus der Tasche. Der Einband war sehr abgenützt und das Papier vergilbt. Auf der ersten Seite standen die Anfangsbuchstaben J.H.N. und die Jahreszahl 1883. Holmes nahm es in die Hand und prüfte es in seiner Weise, während ihm Hopkins und ich über die Schultern guckten. Auf der zweiten Seite stand gedruckt: C.P.R., und dann folgten mehrere Blätter mit Zahlen. Es kamen noch Ueberschriften wie Argentinien, Costa Rica, Sao Paulo, und unter jeder derselben befanden sich Schriftzeichen und Ziffern. »Was fangen Sie damit an?« fragte Holmes. »Es scheinen Listen von Börsenpapieren zu sein. Ich dachte mir, das J.H.N. seien die Anfangsbuchstaben des Namens eines Maklers, und das C.P.R. diejenigen des Kunden.« »Versuchen Sie's 'mal mit Canadian Pacific Railway (Canadische Pacific-Bahn). Hopkins fluchte leise und schlug sich aufs Bein. »Was für ein Tor bin ich gewesen!« rief er. »Natürlich heißt's so. Dann haben wir also nur noch die Bedeutung des J.H.N. herauszubringen. Ich habe schon die alten Maklerverzeichnisse nachgesehen, kann aber aus dem Jahre 1883 keinen Namen finden, dessen Initialen diesen entsprechen. Aber ich fühle doch, daß das die wichtigste Spur ist, die ich habe. Diese Buchstaben könnten auch den Namen des Mörders bedeuten, halten Sie das nicht auch für möglich, Herr Holmes? Ueberdies würde die Einsichtnahme in ein solches Dokument, das ein Verzeichnis so vieler Wertpapiere enthält, auch, vorläufig wenigstens, die Mordtat überhaupt erklärlich machen.« Holmes konnte man am Gesicht ablesen, daß er durch diese neue Wendung der Dinge vollständig aus dem Geleise gekommen war. »Ich muß Ihre beiden Vermutungen zugeben,« sagte er nach einer Weile. »Ich muß eingestehen, daß dieses Notizbuch, das im Protokoll nicht erwähnt ist, meine Annahme etwas beeinträchtigt. Ich hatte mir eine Theorie gebildet, in die das Buch nicht hineinpaßt. Haben Sie schon Schritte getan, um eines der hier notierten Papiere ausfindig zu machen?« »Es wird jetzt gerade an den Banken Nachfrage darüber gehalten; ich fürchte freilich, daß das vollständige Register der Aktionäre dieser südamerikanischen Werte sich in Amerika befindet und einige Wochen hingehen, ehe wir Nachricht bekommen.« Holmes hatte die Einbanddecke des Notizbuches mit der Lupe betrachtet. »Hier ist irgend ein Flecken,« sagte er. »Gewiß, ein Blutflecken. Ich erzählte Ihnen doch, daß ich das Buch vom Boden aufgehoben habe.« »War der Blutflecken oben oder unten?« »Auf der Seite, die den Boden berührte.« »Daraus geht natürlich hervor, daß das Buch heruntergefallen ist, nachdem das Verbrechen geschehen war.« »Allerdings, Herr Holmes. Ich habe diesen Umstand auch berücksichtigt und vermutet, daß es der Mörder bei der eiligen Flucht verloren hat. Es lag nahe an der Türe.« »Von den Papieren selbst ist wohl keins im Besitz des Ermordeten gefunden worden?« »Nein.« »Glauben Sie aus irgend einem Grunde, daß Raub vorliegen könnte?« »Nein, Herr Holmes. Es schien nichts berührt zu sein.« »Weiß der Himmel! Es ist ein interessanter Fall. Da war doch auch noch ein Messer, nicht wahr?« »Ja, ein Dolchmesser, das noch in der Scheide steckte. Es lag zu seinen Füßen, und Frau Carey hat es als ihres Mannes Eigentum erkannt.« Holmes überlegte einen Augenblick. »Gut,« sagte er schließlich, »ich muß doch mitkommen und mir alles selbst einmal ansehen.« Hopkins stieß einen Freudenschrei aus. »Ich danke Ihnen, Herr Holmes. Sie nehmen mir wirklich einen Stein vom Herzen.« »Vor acht Tagen würde ich's leichter gehabt haben,« antwortete Holmes. »Aber auch jetzt dürfte mein Besuch noch nicht ganz fruchtlos sein. Watson, falls du Zeit hast, würde es mir recht sein, wenn du mich begleitetest. Wenn Sie einen Wagen bestellen wollen, Herr Hopkins – in einer Viertelstunde werden wir fertig sein zur Abfahrt nach Forest Row.« * Einige Meilen fuhren wir durch die Ueberreste einst gewaltiger Wälder, einen Teil des großen Sachsenwaldes, der diese Eroberer so lange aufgehalten und den Briten sechzig Jahre als Bollwerk gedient hatte. Weite Strecken desselben sind abgeschlagen, und hier sind die ersten Eisenwerke entstanden, und mit dem Holz der Bäume ist das erste Erz geschmolzen worden. Diese Lager wurden infolge der Ausbeutung der reicheren Felder des Nordens stillgelegt und jetzt zeigen nur noch die verwüsteten Waldungen und die großen Löcher in der Erde die Arbeit vergangener Zeiten. Hier stand auf einer Lichtung am Fuße eines grünen Hügels ein langes, niedriges, steinernes Haus in der Nähe eines Feldwegs. Näher am Weg und auf drei Seiten von Bäumen und Buschwerk umgeben war ein kleines Häuschen, dessen Tür und eines der Fenster wir von dem Weg aus sehen konnten. Es war der Schauplatz des Mordes! Hopkins führte uns zunächst ins Wohnhaus, wo er uns einer Frau mit grauem Haar, der Witwe Carey, vorstellte. Ihr abgehärmtes Gesicht mit tiefen Furchen und die rotgeränderten Augen, in deren Tiefen noch der Schrecken zu erkennen war, erzählten von den Jahren der Mißhandlung und des Kummers, die sie erduldet hatte. Neben ihr stand die Tochter, ein blasses, blondes Mädchen, das uns trotzig anblickte, während sie sagte, daß sie über den Tod ihres Vaters froh sei und die Hand segne, die ihn durchbohrt habe. Es waren schreckliche Familienverhältnisse, in die wir einen Einblick erhielten, und wir fühlten eine wahre Erleichterung, als wir wieder draußen im Sonnenschein waren und auf dem Pfad, den der Ermordete getreten hatte, nach seiner Kajüte zuschritten. Diese Hütte war eine der einfachsten Behausungen. Die Wände waren von Holz, das Dach war bloß geschindelt, neben der Tür war ein Fensterchen und ihr gegenüber noch eins. Hopkins zog den Schlüssel aus der Tasche und wollte aufschließen, als er plötzlich inne hielt und eine gewisse Spannung und Ueberraschung zeigte. »Es ist jemand an der Tür gewesen,« sagte er. Das war allerdings eine unbestreitbare Tatsache. Im Holz zeigten sich Einschnitte, Schrammen und Kritze, die noch so neu aussahen, als ob sie eben erst gemacht worden wären. Holmes hatte das Fenster untersucht. »Es hat auch jemand hier einzudringen versucht. Wer es auch gewesen sein mag, es ist ihm jedenfalls nicht gelungen, einen Eingang zu finden. Es muß ein trauriger Einbrecher gewesen sein.« »Die Sache ist von größter Wichtigkeit,« sagte der Inspektor; »ich möchte beschwören, daß diese Spuren gestern abend noch nicht da waren.« »Vielleicht ein neugieriger Einwohner aus dem Dorf,« bemerkte ich. »Sehr unwahrscheinlich. Die wagen meistenteils nicht einmal das Grundstück zu betreten, geschweige denn sich einen Weg in die Kajüte zu erzwingen. Wie denken Sie darüber, Herr Holmes?« »Ich denke, daß uns Fortuna sehr hold ist.« »Meinen Sie, daß der Betreffende wiederkommen wird?« »Das ist wahrscheinlich. Er erwartete, die Tür offen zu finden. Er versuchte, das Schloß mit einer Federmesserklinge aufzubringen, was aber nicht ging. Was wird er nun machen?« »Nächste Nacht mit einem passenderen Werkzeug wiederkommen.« »Das glaube ich auch. Es wird also unsere Schuld sein, wenn wir ihn nicht in Empfang nehmen. Einstweilen will ich mir die Kajüte von innen betrachten.« Die Blutspuren waren aufgewischt, aber die Einrichtung des kleinen Raumes stand noch genau so wie in der Nacht, als das Verbrechen geschehen war. Zwei Stunden lang untersuchte Holmes jedes Ding mit größter Aufmerksamkeit, aber ich sah an seinem Gesicht, daß er trotzdem keinen Erfolg hatte. Nur ein einzigesmal unterbrach er seine mühevolle Arbeit. »Haben Sie von diesem Wandbrett etwas fortgenommen, Hopkins?« »Nein, absolut nichts.« »Aber es ist etwas weggenommen. In der Ecke hier ist weniger Staub als sonst. Es hat vielleicht ein Buch an dieser Stelle gelegen, es kann auch eine Schachtel gewesen sein. Ich kann hier übrigens weiter nichts ausrichten. Wir wollen ein paar Stunden im Wald spazieren gehen, Watson, und die Blumen betrachten und dem Gesang der Vögel lauschen. Wir werden Sie später wieder hier treffen, Herr Hopkins, und dann zusammen abwarten, ob wir mit dem Herrn, der in der vergangenen Nacht hier gewesen ist, nicht in engere Fühlung treten können.« * Es war elf Uhr vorbei, als wir unsere Empfangsvorbereitungen trafen. Hopkins war dafür, die Türe offen zu lassen, aber Holmes war der Meinung, daß dies bei dem Fremden Verdacht erregen würde. Das Schloß war ganz einfach, und man brauchte nur ein starkes Messer, um den Riegel zurückzuschieben. Holmes schlug auch vor, nicht drinnen zu warten, sondern draußen in den Büschen vor dem hinteren Fenster. Auf diese Weise könnten wir unseren Mann beobachten und sehen, ob er Licht machen würde, und was er bei seinem heimlichen nächtlichen Besuch eigentlich suchte. Es war ein langes, trübsinniges Warten, aber wir fühlten doch etwas von der Spannung, die der Jäger empfindet, wenn er in der Nähe der Quelle liegt und auf das durstige Wild lauert. Was für ein wildes Wesen mochte es sein, das im Dunkel der Nacht herbeischleichen würde? Sollte es ein schrecklicher Tiger sein mit furchtbaren Zähnen und Krallen, der nur nach hartem Kampfe zu überwältigen wäre, oder ein harmloser Schakal, der nur Schwachen und Wehrlosen gefährlich werden konnte? Schweigend und auf alles gefaßt steckten wir unter den Büschen. Anfangs brachten uns die Schritte vereinzelter Dorfbewohner und der Schall von Stimmen aus dem Oertchen ein wenig Zerstreuung. Allmählich blieben aber auch diese kleinen Unterbrechungen aus und es trat vollkommene Stille ein. Nur der Schlag der Turmuhr von der Kirche des Dörfchens verriet uns, daß die Zeit verging. Und durch das Blätterwerk, das uns bedachte, rieselte ein feiner Regen auf uns nieder. Es hatte halb drei geschlagen, als wir vom Gartentor her einen scharfen Laut hörten. Es mußte jemand die Türe zugeschlagen haben. Dann war längere Zeit wieder alles ruhig, sodaß ich schon fürchtete, es wäre ein trügerisches Geräusch gewesen. Da vernahmen wir auf der anderen Seite des Häuschens Fußtritte und kurz darauf ein metallisches Kratzen und Klingen. Der Mann versuchte das Schloß zu erbrechen! Diesmal war er geschickter oder sein Instrument besser, eine Feder schnappte ein, und die Tür knarrte. Es wurde ein Streichholz angezündet, und im nächsten Augenblick sahen wir ein stetes Licht im Innern der Hütte. Durch den dünnen Vorhang konnten wir alles beobachten, was in der Kajüte vorging. Der nächtliche Besucher war ein junger, dünner, schwächlicher Mensch mit einem schwarzen Schnurrbärtchen, das seine blasse Gesichtsfarbe noch stärker hervortreten ließ. Er konnte nicht viel über zwanzig Jahre zählen. Ich habe nie jemanden gesehen, der solche Furcht und solchen Schrecken ausstand; er klapperte mit den Zähnen und zitterte am ganzen Leibe. Er war gut gekleidet und trug eine Joppe, Kniehosen und eine Tuchmütze. Wir sahen, wie er sich ängstlich umschaute. Dann steckte er die Kerze in eine Flasche, stellte sie auf den Tisch und verschwand in einer Ecke des Zimmers. Als er wieder auftauchte, hatte er ein großes Buch, einen Band aus der Reihe der Schiffsjournale, die auf dem Wandbrett standen. Er lehnte sich auf den Tisch und blätterte hastig in dem Band, bis er die Stelle fand, die er suchte. Dann erhob er die zorngeballte Faust, machte das Buch wieder zu, stellte es an seinen Platz zurück und löschte das Licht aus. Als er sich kaum zum Gehen gewandt hatte, erwischte ihn Hopkins an der Schulter. Er stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als er merkte, daß er verhaftet war. Die Kerze wurde wieder angezündet, und wir konnten unseren erbarmungswürdigen Gefangenen nun zitternd und bebend in der Gewalt des Polizeibeamten sehen. Er sank auf einen Koffer nieder und blickte uns hilflos an. »Nun, Sie sauberer Bursche,« sagte Hopkins, »wer sind Sie, und was suchen Sie hier?« Der Mann knickte zusammen. Als er sich endlich von seinem Schrecken erholt hatte und gefaßt genug war, um sprechen zu können, antwortete er: »Sie sind vermutlich Geheimpolizisten? Sie glauben, ich stehe in Beziehung zu dem an Peter Carey begangenen Mord? Ich versichere Ihnen, daß ich unschuldig bin.« »Darüber sprechen wir später,« erwiderte Hopkins. »Vorerst, wie heißen Sie?« »John Hopley Neligan.« Ich bemerkte, wie Holmes und Hopkins rasche Blicke wechselten. »Was tun Sie hier?« »Kann ich privatim und im Vertrauen zu Ihnen sprechen?« »Nein, ganz gewiß nicht.« »Warum sollte ich Ihnen dann überhaupt etwas sagen?« »Wenn Sie keine Antwort geben, wird's Ihnen vor Gericht schlecht bekommen.« Der junge Mann suchte erst auszuweichen, aber bald bequemte er sich zu einer Aussage. »Nun gut, ich will's Ihnen erzählen,« begann er. »Warum sollte ich's nicht? Freilich ist mir der Gedanke widerwärtig, daß dieser alte Skandal wieder aufgerührt werden soll. Haben Sie je von Dawson und Neligan gehört?« An Hopkins' Gesicht konnte ich sehen, daß es seinerseits nicht der Fall war; dagegen zeigte mein Freund Holmes ein lebhaftes Interesse. »Sie meinen die Bankfirma,« sagte er. »Sie machten mit einer halben Million Pfund Bankerott, ruinierten die meisten Familien in der ganzen Grafschaft Cornwall, und Neligan wurde flüchtig und verschwand.« »Jawohl, und dieser Neligan war mein Vater.« Endlich erfuhren wir etwas Positives. Freilich bestand noch eine große Kluft zwischen einem durchgebrannten Bankier und dem mit seiner eigenen Harpune aufgespießten Kapitän. Wir lauschten alle gespannt den Worten des jungen Mannes. »Der Hauptbeteiligte war mein Vater. Dawson hatte sich zurückgezogen. Ich zählte damals erst zehn Jahre, war aber doch alt genug, um all' die Schande und den Schrecken zu empfinden. Es wurde stets behauptet, mein Vater hätte die sämtlichen Papiere gestohlen und dann die Flucht ergriffen. Das ist nicht wahr. Er glaubte, wenn ihm die nötige Zeit gelassen würde, sie zu verwerten, würde noch alles gut gehen und jeder Gläubiger voll befriedigt werden können. Ehe der Verhaftungsbefehl erlassen wurde, fuhr er in seiner kleinen Yacht nach Norwegen ab. Ich erinnere mich noch sehr wohl jener letzten Nacht, als er von meiner Mutter Abschied nahm. Er ließ uns ein Verzeichnis der Papiere, die er mitnahm, zurück und schwor, daß er bei seiner Rückkehr seine Ehre gerettet haben würde, und daß niemand, der ihm Vertrauen geschenkt hätte, geschädigt werden sollte. Aber wir haben kein Wort wieder von ihm gehört. Die Yacht und er selbst waren verschollen. Meine Mutter und ich glaubten, daß sie am Meeresgrunde lägen, samt allen Papieren, die er mitgenommen hatte. Wir hatten aber einen vertrauten Freund, einen Geschäftsmann, und dieser entdeckte vor einiger Zeit, daß einige dieser Papiere meines Vaters auf dem Londoner Geldmarkt auftauchten. Sie können sich unser Erstaunen denken. Ich verwendete Monate darauf, ihre Spur zurückzuverfolgen; endlich nach vielen Mühen machte ich ausfindig, daß der Besitzer dieser Hütte, Kapitän Peter Carey, der ursprüngliche Verkäufer war. »Ich zog natürlich Erkundigungen nach dem Mann ein und fand, daß er Kommandeur eines Walfischfängers gewesen, welcher gerade um dieselbe Zeit, wo mein Vater nach Norwegen gefahren war, aus den arktischen Gewässern zurückkommen mußte. In jenem Herbst war es sehr stürmisch, und lange Zeit wehten Südwinde. Meines Vaters Jacht kann also sehr leicht nach Norden verschlagen worden und dort mit Kapitän Careys Schiff zusammengetroffen sein. Wenn sich das so verhielt, was war aus meinem Vater geworden? Auf jeden Fall würde ich von Kapitän Carey erfahren können, wie die Papiere auf den Markt gekommen waren, und dadurch nachzuweisen imstande sein, daß sie mein Vater nicht veräußert, und also keinen persönlichen Vorteil bei ihrer Mitnahme im Auge gehabt hatte. »Ich kam mit der Absicht hierher, den Kapitän aufzusuchen, aber um dieselbe Stunde fand er gerade sein grauenvolles Ende. Ich las dann eine Beschreibung seiner Kajüte, woraus ich erfuhr, daß die alten Schiffsbücher darin aufbewahrt seien. Da kam mir der Gedanke, daß ich nur in dem Bericht über die Ereignisse auf der »Sea Unicorn« im Monat August 1883 nachzulesen brauchte, um vielleicht das Geheimnis meines Vaters zu enthüllen. Ich versuchte vorige Nacht, die Journale in die Hand zu bekommen, brachte aber die Tür nicht auf. Heute nacht versuchte ich's nochmals, und es gelang mir; aber die Blätter, die über jenen Monat Auskunft geben müßten, sind aus dem Buch herausgerissen. Im Augenblick, als ich gehen wollte, haben Sie mich dann festgenommen.« »Ist das alles?« fragte Hopkins. »Jawohl, das ist alles.« Er schlug die Augen nieder, als er antwortete. »Sie haben gar nichts mehr zu sagen?« Er zögerte. »Nein; nichts weiter.« »Vor der gestrigen Nacht sind Sie nicht hier gewesen?« »Nein.« »Wie stellen Sie sich dann dazu? « schrie Hopkins unseren Gefangenen an und hielt ihm das verräterische Notizbuch mit seinen Initialen auf der ersten Seite und dem Blutflecken auf dem Einband unter die Nase. Der unglückliche Mann brach ganz zusammen. Er verbarg das Gesicht in seinen Händen und zitterte entsetzlich. »Wo haben Sie das her?« stöhnte er. »Ich wußte nicht, wo es geblieben war. Ich dachte, ich hätt's im Gasthaus verloren.« »Das genügt,« sagte Hopkins strenge. »Was Sie etwa sonst noch zu sagen haben, können Sie vor Gericht sagen. Sie gehen jetzt mit mir zur Polizeiwache. Herr Holmes, ich danke Ihnen und Ihrem Freund bestens, daß Sie mit mir herunter gekommen sind, um mir zu helfen. Wie sich's nun herausgestellt hat, würde Ihre Gegenwart nicht nötig gewesen sein, und ich würde den Fall auch ohne Sie zu diesem gedeihlichen Ende geführt haben; aber nichtsdestoweniger bin ich Ihnen dankbar. Im Hotel Brambletye habe ich für die Nacht Zimmer für Sie reservieren lassen; wir wollen nun zusammen hinuntergehen ins Dorf.« »Nun, Watson, wie denkst du über den Fall?« fragte mich Holmes, als wir nach kurzem Nachtschlaf zurückfuhren. »Ich sehe, daß du nicht befriedigt bist.« »O ja, mein lieber Watson, ich bin vollkommen befriedigt. Trotzdem will mir die Hopkinssche Methode nicht gefallen. Ich habe mich in ihm getäuscht. Ich hätte Besseres von ihm erwartet. Man muß sich immer nach einer anderen Möglichkeit umsehen und die eine gegen die andere abwägen. Das ist die erste Regel bei jeder kriminellen Untersuchung.« »Und welches ist die andere Möglichkeit in diesem Falle?« »Die Spur, die ich verfolgt habe. Es kommt vielleicht nichts dabei 'raus. Das kann ich vorläufig nicht wissen. Aber ich werde trotzdem in dieser Richtung weiter gehen bis zum Schluß.« In der Bakerstraße fanden wir mehrere Briefe vor. Er nahm einen davon, öffnete ihn rasch und fing befriedigt zu lächeln an. »Fein, Watson. Die andere Möglichkeit entwickelt sich schon weiter. Hast du Depeschenformulare? Du kannst gleich ein paar Telegramme für mich schreiben. ›Summer, Schiffsagent, Ratcliff Highway. Schicken Sie mir drei Mann, müssen morgen vormittag um zehn hier sein. – Basil.‹ So heiße ich in jener Gegend. Nun die nächste: ›Inspektor Hopkins, 46 Lord Street, Brixton. Kommen Sie morgen zum Frühstück um halb zehn. Wichtig. Erbitte telegraphische Rückantwort, wenn unmöglich. – Holmes.‹ Ja, Watson, dieser verfluchte Fall hat mir schon zehn Tage keine Ruhe gelassen. Hiermit ist er nun für mich erledigt, und morgen werden wir voraussichtlich das letztemal von ihm hören.« Genau um die angegebene Zeit erschien Inspektor Hopkins. Dann setzten wir uns zu dem ausgezeichneten Frühstück nieder, das uns Frau Hudson zurecht gemacht hatte. Der junge Beamte war in guter Stimmung ob seines Erfolgs. »Glauben Sie wirklich, daß Ihre Lösung richtig ist?« fragte ihn Holmes. »Ich könnte mir gar keine vollständigere Lösung denken.« »Auf mich hat sie diesen Eindruck nicht gemacht.« »Das wundert mich, Herr Holmes. Wie soll man sich's besser wünschen?« »Deckt Ihre Erklärung tatsächlich jeden Punkt in dieser Mordaffäre?« »Zweifellos. Der junge Neligan ist gerade am Tage des Verbrechens im Brambletye-Hotel angekommen. Er gab an, Golf spielen zu wollen. Er mietete ein Parterrezimmer, wo er beliebig ein- und ausgehen konnte. In jener Nacht begab er sich nach Woodmans Lee, suchte Peter Carey in seiner Kajüte auf, fing Streit mit ihm an und tötete ihn mit der Harpune. Dann floh er, entsetzt über seine Tat, eiligst hinaus, verlor das Notizbuch, das er mitgebracht hatte, um den Kapitän über die verschiedenen Papiere zu befragen. Sie haben vielleicht bemerkt, daß einige der Nummern des Verzeichnisses angestrichen waren. Die bezeichneten Papiere sind in London ausfindig gemacht worden, während sich alle übrigen vermutlich noch im Besitz des Kapitäns befanden; diese wollte sich der junge Neligan, wie er selbst sagt, aneignen, um seines Vaters Gläubiger zu befriedigen. Nach seiner Flucht wagte er sich nicht gleich wieder an die Hütte heran, endlich aber faßte er den Entschluß dazu, um sich die nötige Einsicht zu verschaffen. Das ist doch alles sicherlich sehr einfach und klar.« Holmes lächelte und schüttelte den Kopf. »Die Sache scheint mir nur einen Haken zu haben, Hopkins, sie ist nämlich schlechterdings unmöglich. Haben Sie 'mal versucht, einen Körper mit einer Harpune zu durchbohren? Nein? Ja, ja, mein lieber Herr, das ist aber gerade sehr wichtig. Mein Freund Watson wird Ihnen sagen können, daß ich einen ganzen Morgen auf diese Uebung verwandt habe. Es ist keine leichte Sache und erfordert einen starken und erfahrenen Arm. Dieser Stoß ist jedoch mit solcher Gewalt ausgeführt worden, daß die Spitze des Instruments sogar noch tief in die Wand gedrungen ist. Glauben Sie, daß dieser bleiche Jüngling einer solchen Tat fähig ist? Halten Sie ihn für den Mann, der bis tief in die Nacht mit dem schwarzen Peter Rum zechen kann? Waren es seine Umrisse, die zwei Nächte vorher auf dem Vorhang gesehen worden sind? Nein, nein, Hopkins; wir müssen uns nach einem anderen, gefährlicheren Mann umsehen.« Das Gesicht des Inspektors war während dieser Ausführungen meines Freundes länger und immer länger geworden. Alle seine ehrgeizigen Hoffnungen sanken dahin. Aber er wollte seine Stellung wenigstens nicht ohne Kampf aufgeben. »Sie können aber nicht leugnen, Herr Holmes, daß Neligan in jener Nacht dort gewesen ist. Das beweist doch das Notizbuch. Ich glaube immerhin, zu einer Anklage genug Beweismaterial zu haben, selbst wenn Sie eine Lücke in die Kette reißen können. Außerdem habe ich meinen Mann in der Hand, wo haben Sie aber Ihren gefährlicheren Kerl?« »Ich glaube, er kommt eben die Treppe herauf,« erwiderte Holmes. »Ich denke, Watson, du tust gut, deinen Revolver in greifbare Nähe zu legen.« Er stand auf und legte ein beschriebenes Papier auf einen Seitentisch. »Nun kann's losgehen,« sagte er. Wir hörten rauhe Männerstimmen draußen, und gleich machte auch Frau Hudson die Türe auf und meldete, daß drei Männer nach Kapitän Basil fragten. »Lassen Sie sie, einen nach dem anderen, 'reinkommen,« sagte Holmes. Zuerst trat ein kleiner Mann mit roten Backen und blondem Bart herein. Holmes nahm einen Brief aus der Tasche. »Wie heißen Sie?« fragte er. »James Lancaster.« »Es tut mir leid, Lancaster, aber der Posten ist besetzt. Hier haben Sie zehn Schilling für Ihre Bemühung. Gehen Sie dort ins Nebenzimmer und warten Sie 'n paar Minuten.« Der Zweite war ein langer, ausgemergelter Mann mit spärlichem Haarwuchs und von fahler Gesichtsfarbe. Sein Name war Hugh Pattins. Er wurde gleichfalls abgewiesen, bekam seinen halben Sovereign und den Befehl zu warten. Der dritte Bewerber war eine auffallende Erscheinung. Er hatte ein wildes Bulldoggesicht, wüstes Kopf- und Barthaar und unter einem Paar dichter, vorstehender, buschiger Brauen dunkle, funkelnde Augen. Er grüßte und hielt nach Seemannsart die Mütze in der Hand. »Ihr Name?« fragte Holmes. »Patrick Cairns.« »Harpunierer?« »Jawohl, Herr. Sechsundzwanzig Reisen.« »Dundee, vermutlich?« »Jawohl, Herr.« »Und bereit, eine Entdeckungsreise mitzumachen?« »Jawohl.« »Wieviel Löhnung?« »Acht Pfund den Monat.« »Könnten Sie gleich eintreten?« »Jawohl; jederzeit.« »Haben Sie Ihre Papiere bei sich?« »Jawohl, Herr.« Er zog ein Bündel zerrissener und fettiger Briefschaften aus der Tasche. Holmes warf einen flüchtigen Blick hinein und gab sie ihm zurück. »Sie sind der richtige Mann, den ich brauche,« sagte er dann. »Dort auf dem kleinen Tisch liegt Ihr Vertrag. Unterzeichnen Sie, und die Sache ist abgemacht.« Der Seemann stapfte durchs Zimmer und nahm die Feder in die Hand. »Soll ich meinen Namen hierhin setzen?« fragte er, als er sich über den Tisch beugte. Holmes beugte sich über seine breiten Schultern und legte beide Hände auf den gewaltigen Nacken. »So ist's gut,« sagte er. Ich hörte Eisen klirren und ein Gebrüll wie das eines wütenden Bullen. Holmes faßte den Seemann von hinten um den Leib; im nächsten Moment wälzten sich beide auf dem Fußboden herum. Er hatte so riesige Körperkräfte, daß er trotz der Handschellen, womit ihm Holmes so geschickt die Fäuste zusammengebunden hatte, meinen Freund sehr schnell überwältigt haben würde, wenn ihm Hopkins und ich nicht zu Hilfe gekommen wären. Erst als ich ihm die Mündung des Revolvers an die Schläfe drückte, merkte er endlich, daß weiterer Widerstand vergeblich sei. Wir banden ihm noch die Füße mit einem Strick zusammen und erhoben uns dann atemlos vom Kampfplatz. »Ich muß Sie wirklich um Entschuldigung bitten, Hopkins,« begann Holmes; »das Rührei wird unterdessen kalt geworden sein. Na, das übrige wird Ihnen umso besser schmecken, schon bei dem Gedanken, daß Sie Ihren Fall zu einem so triumphierenden Ende gebracht haben.« Hopkins war sprachlos vor Staunen. »Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, Herr Holmes,« platzte er endlich heraus, ganz rot im Gesicht. »Mir scheint, ich habe mir vom Anfang an Schwachheiten eingebildet. Ich sehe ein, ich hätte nie vergessen sollen, daß ich der Schüler bin und Sie der Meister. Denn selbst jetzt noch, wo ich sehe, was Sie getan haben, verstehe ich nicht, wie Sie es angefangen haben, und was es bedeuten soll.« »Nun ja,« meinte Holmes gutmütig, »wir werden alle erst durch Erfahrung klug, und Sie können aus diesem Fall die Lehre für sich ziehen, daß man nie die andere Möglichkeit aus dem Auge verlieren darf. Sie waren so von der Schuld des jungen Neligan überzeugt, daß Sie an Patrick Cairns, den wirklichen Mörder Peter Careys, nicht denken konnten.« Hier fiel ihm der Seemann mit seiner rauhen Stimme ins Wort. »Herr,« rief er, »ich will mich nicht beklagen, daß Sie mich in dieser Weise behandelt haben, aber ich verlange, daß Sie die Dinge beim rechten Namen nennen. Sie haben gesagt, daß ich Peter Carey ermordet hatte, das ist nicht wahr, ich habe ihn totgeschlagen. Das ist 'n Unterschied. Sie glauben mir vielleicht nicht, denken vielleicht, ich will Ihnen was weismachen, aber . . .« »Durchaus nicht,« versetzte Holmes. »Erzählen Sie nur, was Sie zu sagen haben.« »'s ist bald erzählt, und, bei Gott, wahr. Ich kannte den ›Schwarzen Peter‹, und als er das Messer hervorholte, stieß ich ihm eine Harpune durch den Leib, denn ich wußte, daß es galt: er oder ich. So war's. Sie nennen's Mord; meinetwegen, ob ich mit dem Strick um den Hals sterbe, oder mit dem Messer des ›Schwarzen Peter‹ im Leib, ist einerlei.« »Wie sind Sie denn zusammen gekommen?« fragte Holmes. »Ich will's Ihnen vom Anfang an erzählen. Richten Sie mich aber erst 'n bißchen in die Höhe, damit ich leichter sprechen kann. Es war 1883 im August. Peter Carey war Kapitän der ›Sea Unicorn‹, und ich war Harpunierer. Als wir aus dem Eis heraus und heimwärts fuhren, stießen wir auf ein kleines Boot, das von den starken Südwinden nach Norden getrieben war. Es war nur noch ein Mann drin – 'n Landbewohner. Die Mannschaft hatte gefürchtet, es würde scheitern, und war nach der norwegischen Küste geflohen. Ich glaube, sie sind alle untergegangen. Also, wir nahmen den Mann an Bord, und der Kapitän verhandelte lange mit ihm in der Kajüte. Sein ganzes Gepäck war ein kleines Kistchen gewesen. Soviel ich weiß, ist sein Name nie genannt worden, und in der zweiten Nacht war er schon für ewig verschwunden. Es wurde bekannt gemacht, daß er entweder selbst über Bord gegangen, oder in dem schweren Wetter, das wir hatten, über Bord gespült worden wäre. Nur einer wußte, wie's zugegangen war, und das war ich, denn ich hatte mit eigenen Augen gesehen, wie ihn der Kapitän in einer finstern Nacht, zwei Tage bevor wir die Feuer der Shetlandinseln sichteten, an den Beinen gepackt und über die Reeling geworfen hatte. »Nun, ich war ruhig und wartete, was kommen würde. Als wir in Schottland landeten, wurde die Sache einfach vertuscht; kein Mensch fragte genauer nach. Ein Fremder war infolge eines Unfalles umgekommen, wer hatte ein Interesse daran? Kurz darnach gab Peter Carey das Seeleben auf, und es hat lange Jahre gedauert, ehe ich seinen Aufenthaltsort ausfindig machen konnte. Ich vermutete, daß er die Tat des kleinen Kistchens halber begangen hätte, um den Inhalt an sich zu bringen, und wünschte nun eine Entschädigung für mein Schweigen. »Durch einen Seemann, der ihn in London getroffen hatte, erfuhr ich, wo er war. Ich ging hinunter, um einen Druck auf ihn auszuüben. Die erste Nacht war er ziemlich vernünftig und bereit, mir soviel zu geben, daß ich nicht mehr auf See zu fahren brauchte. Wir kamen überein, am übernächsten Abend alles fertig zu machen. Als ich wiederkam, war er aber dreiviertel betrunken und hatte sehr schlechte Laune. Wir saßen zusammen und tranken und erzählten lange Geschichten und Heldentaten, aus alten Zeiten. Aber je mehr er trank, desto weniger gefiel mir sein Gesicht. Ich ersah mir jene Harpune an der Wand als Waffe aus und nahm mir vor, sie zu gebrauchen, ehe ich mich von ihm niederstechen ließe. Endlich fuhr er auf mich los, scheltend und fluchend, mit wildfunkelnden Augen und griff nach einem großen Messer. Bevor er's aber aus der Scheide gezogen hatte, steckte schon die Harpune in seinem Leib. Himmel! was stieß er für'n Schrei aus! Und sein Gesicht werde ich noch im Traum sehen! Das Blut spritzte um mich herum. Ich lauschte einen Moment. Alles war ruhig. Ich faßte mir nochmal ein Herz. Ich schaute mich um. Das Kistchen, das ich sofort erkannte, stand auf dem Wandbrett. Ich hatte genau soviel Anrecht drauf als Peter Carey. Ich nahm's also mit und verließ das Häuschen. In meiner Dummheit ließ ich meinen Tabaksbeutel auf dem Tisch liegen. »Nun kommt das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte. Ich war kaum draußen, als ich Schritte hörte. Ich verbarg mich im Gebüsch. Es schlich sich jemand an die Hütte, ging 'nein, stieß 'n Schrei aus, als wenn er 'nen Geist gesehen hätte, und lief fort, so rasch ihn seine Beine trugen. Wer er war und was er wollte, weiß ich nicht. Ich meinesteils wanderte zehn Meilen zu Fuß, erreichte in Tunbridge Wells den Zug und fuhr nach London. »Sobald ich dann Gelegenheit hatte, untersuchte ich das Kistchen, es war aber kein Geld drin, sondern nur Papiere, die ich nicht zu verkaufen wagen durfte. Ich hatte nun meine Stütze am schwarzen Peter verloren und stand ohne einen Pfennig in London. Es blieb mir also nichts weiter übrig, als wieder in meinem Beruf ein Unterkommen zu suchen. Ich las die Anzeige, daß Harpunierer gesucht würden, und zwar gegen hohen Lohn. Ich ging zum Agenten, der mich hierher schickte. Was ist alles, was ich aussagen kann, und ich wiederhole, daß ich den schwarzen Peter getötet habe, und dafür kann mir die Behörde dankbar sein, weil ich ihr dadurch das Geld für'n Strick gespart habe.« »Ein recht klarer Tatbestand,« sagte Holmes und zündete sich seine Pfeife an. »Ich halte es nun fürs beste, Herr Hopkins, wenn Sie Ihren Gefangenen möglichst bald an einen sicheren Ort bringen. Dieses Zimmer ist nicht als Zelle eingerichtet, und Herr Patrick Cairns nimmt einen verhältnismäßig zu großen Teil des Teppichs für sich in Anspruch.« »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Holmes,« antwortete Hopkins, »Aber ich habe auch jetzt noch nicht begriffen, wie Sie zu diesem Resultat gekommen sind.« »Einfach dadurch, daß ich von Anfang an das Glück hatte, die richtige Spur zu finden. Es ist leicht möglich, daß mich das Notizbuch, wenn ich etwas davon gewußt hätte, ebenso wie Sie abgelenkt und auf eine falsche Fährte geführt haben würde. Aber alles, was ich erfahren hatte, wies nach der einen Richtung: Die bewunderungswerte Kraft, die Geschicklichkeit im Gebrauch einer Harpune, der Rum, der seehundslederne Tabaksbeutel mit dem schweren Tabak – das alles deutete auf einen Seemann hin, und zwar auf einen alten Walfischfänger. Ich war überzeugt, daß die Buchstaben P.C. in dem Beutel nur auf einer zufälligen Uebereinstimmung beruhten, aber nicht Peter Carey bedeuteten, weil er nur selten rauchte, und keine Pfeife in seiner Kajüte gefunden wurde. Erinnern Sie sich noch, daß ich fragte, ob außerdem Whisky und Kornbranntwein im Zimmer gewesen sei? Sie antworteten, ja. Welcher Landbewohner würde Rum trinken, wenn er diese letzteren Spirituosen haben könnte? Das konnte nur ein Seemann tun.« »Und wie haben Sie ihn gefunden?« »Lieber Herr, dieses Problem war sehr einfach geworden. Wenn es ein Seemann war, konnte es nur einer sein, der mit Peter Carey auf der »Sea Unicorn« gewesen war. Soviel ich in Erfahrung bringen konnte, war er auf keinem anderen Schiff gefahren. Ich zog drei Tage lang telegraphisch in Dundee Erkundigungen ein und stellte die Namen der Besatzung der »Sea Unicorn« im Jahre 1883 fest. Als ich unter den Harpunierern den Namen Patrick Cairns fand, war meine Untersuchung nahezu vollendet. Ich dachte mir, daß der Mann in London sein und gerne eine Zeitlang außer Landes gehen würde. Ich hielt mich dann einige Tage in Westend auf, ersann eine arktische Expedition, suchte unter günstigen Bedingungen Harpunierer, die unter Kapitän Basil dienen wollten – und hatte das Ergebnis, das Sie ja kennen.« »Wunderbar!« rief Hopkins. »Wunderbar!« »Sie müssen nun sobald als möglich die Freilassung des jungen Neligan erwirken,« sagte Holmes. »Ich glaube, Sie dürfen sich ruhig bei ihm entschuldigen. Das Kistchen muß ihm ausgeliefert werden; freilich sind die Papiere, die Peter Carey veräußert hat, für immer verloren. Draußen steht die Droschke, Herr Hopkins; Sie können Ihren Mann nun fortschaffen. Wenn Sie meiner zur Gerichtsverhandlung bedürfen, meine und Dr. Watsons Adresse wird irgendwo in Norwegen sein – ich werde sie Ihnen später genauer mitteilen.« Die sechs Napoleonbüsten. Es war nichts Ungewöhnliches, wenn Inspektor Lestrade von Scotland Yard sich des Abends bei uns einfand. Seine Besuche waren Holmes schon aus dem Grunde nicht unangenehm, weil er dadurch mit den Vorgängen im Hauptpolizeiamt in Fühlung blieb. Er hörte die Erzählungen Lestrades aufmerksam an und gab ihm aus seinem reichen Schatz von Kenntnissen und Erfahrungen gerne einen Wink oder eine Andeutung, ohne selbst handelnd einzugreifen. Eines Abends nun war Lestrade, nachdem er die üblichen Bemerkungen über die Witterung und die letzten Zeitungsneuigkeiten gemacht hatte, auffallend still und beschränkte sich darauf, nachdenklich an seiner Zigarre zu ziehen. Holmes sah ihn scharf an. »Sonst nichts los?« fragte er nach einer Weile. »Nichts von Bedeutung, Herr Holmes.« »Nur 'raus mit der Sprache!« Lestrade lachte. »Nun, Herr Holmes, Leugnen hat Ihnen gegenüber ja doch keinen Zweck; ich hab' tatsächlich etwas auf dem Herzen, aber 's ist 'ne so dumme Geschichte, daß ich Sie eigentlich nicht damit belästigen wollte. Auf der anderen Seite ist die Sache doch wieder merkwürdig, und meines Wissens haben Sie ja gerade für das Außergewöhnliche eine besondere Vorliebe. Freilich schlägt es nach meinem Dafürhalten mehr in Dr. Watsons Fach als in unseres.« »Also 'was Krankhaftes?« fragte ich. »Ja, 'was Verrücktes,« antwortete er, »sogar 'was besonders Verrücktes. Können Sie sich vorstellen, daß es heute noch einen Menschen gibt, der von einem solchen Haß gegen Napoleon I. erfüllt ist, daß er alle Büsten von ihm, deren er habhaft werden kann, in Stücke zerschlägt?« Holmes sank teilnahmlos in seinen Stuhl zurück. »Das ist nichts für mich,« sagte er. »Das hab' ich mir auch gedacht. Aber immerhin, wenn jemand nächtlicherweile einbricht und fremde Büsten stiehlt und vernichtet, so muß sich außer dem Arzt auch die Polizei mit ihm beschäftigen.« Holmes setzte sich wieder aufrecht. »Einbruch! Das klingt schon interessanter. Erzählen Sie weiter.« Lestrade zog sein amtliches Notizbuch aus der Tasche, um an der Hand seiner Aufzeichnungen die Einzelheiten in sein Gedächtnis zurückzurufen. »Der erste Fall hat sich vor vier Tagen ereignet,« fuhr er fort. »Es war bei Morse Hudson, der einen Verkaufsladen für Bilder und Büsten in der Kenningtonstraße hat. Der Verkäufer hatte den vorderen Verkaufsraum einen Augenblick verlassen, als er plötzlich einen starken Krach hörte. Er stürzte rasch herbei und fand eine Gipsfigur Napoleons, die mit mehreren anderen Kunstwerken auf dem Ladentisch gestanden hatte, zertrümmert am Boden liegen. Er lief schnell 'naus auf die Straße, konnte aber, trotzdem ihm verschiedene Leute erklärten, sie hätten einen Mann aus dem Laden herauskommen sehen, weder diesen Menschen selbst erblicken, noch einen Anhaltspunkt zu seiner Ermittlung finden. Es schien sich um einen jener sinnlosen Akte von Zerstörungswut zu handeln, wie sie von Zeit zu Zeit vorkommen; und als solcher wurde er auch dem diensttuenden Polizisten gemeldet. Der Wert der Figur betrug nur wenige Schillinge, und die ganze Sache erschien zu unbedeutend, um eine eingehendere Untersuchung einzuleiten. Der zweite Fall war jedoch schon ernster und auch eigentümlicher. Er hat sich erst vergangene Nacht zugetragen. »In der Kenningtonstraße, nur ein paar Hundert Meter von dem Hudsonschen Geschäft entfernt, wohnt ein sehr bekannter praktischer Arzt namens Barnicot, der eine sehr ausgedehnte Praxis südlich der Themse hat. Seine Wohnung und sein Hauptsprechzimmer befinden sich in der Kenningtonstraße, außerdem hält er aber noch in einem Hause der Lower Brixton-Straße, zwei Meilen entfernt, Sprechstunden ab. Dieser Dr. Barnicot ist ein begeisterter Verehrer Napoleons und besitzt eine Menge Bilder, Bücher und sonstige Andenken von dem französischen Kaiser. Vor kurzem hat er auch bei Hudson zwei Gipsbüsten des berühmten Napoleonkopfes von dem französischen Bildhauer Devine gekauft. Die eine derselben stellte er im Eingang seines Hauses in der Kenningtonstraße auf, die andere auf dem Kaminsims seines Sprechzimmers in der Lower Brixton-Straße. Als Dr. Barnicot heute früh nun herunter kam, fand er zu seiner Ueberraschung, daß während der Nacht in seiner Wohnung eingebrochen, aber weiter nichts gestohlen worden war als die Napoleonbüste in der Vorhalle. Sie war hinausgetragen und mit Gewalt gegen die Gartenmauer geworfen worden, wo man die Bruchstücke noch liegen sehen konnte.« Holmes rieb sich die Hände. »Das ist entschieden merkwürdig,« sagte er. »Ich dachte mir, daß Sie's interessieren würde. So lassen Sie mich weiter erzählen, die Sache ist noch nicht zu Ende. Mittags ging Dr. Barnicot in sein zweites Sprechzimmer, und, siehe da, dort war das Fenster geöffnet und die Trümmer der zweiten Büste lagen am Boden umher; sie war an ihrem Standorte vollständig in Stücke zerschlagen worden. In beiden Fällen hat der Verbrecher oder Geisteskranke keine Spur zurückgelassen, die uns auch nur den geringsten Anhaltspunkt zu seiner Ergreifung liefern könnte. Das sind die Tatsachen, Herr Holmes.« »Sie sind eigenartig, ganz seltsam,« sagte Holmes. »Können Sie mir vielleicht angeben, ob die beiden Büsten des Dr. Barnicot genau ebenso waren wie die bei Hudson zerschlagene?« »Es waren ganz gleiche Nachbildungen desselben Modells.« »Dieser Umstand spricht gegen die Annahme, daß der Täter von einem allgemeinen Haß gegen Napoleon geleitet worden sei. Denn wenn man bedenkt, wieviel Hundert Statuen des großen Kaisers in London stehen, ist es äußerst unwahrscheinlich, daß ein wahnsinniger Bilderstürmer zufällig gerade hintereinander drei Stück von demselben Modell erwischen sollte.« »Das habe ich mir auch gesagt,« antwortete Lestrade. »Andererseits ist Hudson der Büstenlieferant für diesen ganzen Stadtteil, und diese drei Köpfe waren die einzigen dieser Art und hatten schon jahrelang in seinem Laden gestanden. Daher ist es, obwohl es, wie Sie ganz richtig bemerken, in London Hunderte von Napoleonbüsten gibt, doch nicht unwahrscheinlich, daß in diesem Bezirk nur diese drei existierten. Ein Fanatiker aus jener Gegend könnte also sehr wohl damit sein allgemeines Zerstörungswerk angefangen haben. Wie denken Sie darüber, Herr Dr. Watson?« »Bei dieser Krankheitsform ist alles möglich,« erklärte ich. »Es handelt sich offenbar um jene geistige Störung, die die neuere Psychopathie als ›fixe Idee‹ bezeichnet. Dieselbe äußert sich oft nur in unmerklichen Anzeichen, und der Kranke kann sonst vollkommen normal sein. Bei einem Mann, der sich stark in die Lektüre Napoleonischer Geschichte vertieft oder dessen Familie womöglich infolge der Kriege Unbill erlitten hat, könnte sich leicht eine solche ›fixe Idee‹ gebildet haben, unter deren Einfluß er zu jeder Gewalttat in dieser Richtung fähig wäre.« »Deine medizinischen Ausführungen vermögen meinem Laienverstand nicht recht einzuleuchten, mein lieber Watson,« sagte Holmes kopfschüttelnd. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie auch die stärkste ›fixe Idee‹ deinen interessanten Kranken in den Stand setzen sollte, die zwei Büsten des Dr. Barnicot ausfindig zu machen.« »Nun, wie erklärst du dir's denn?« »Ich kann die Sache überhaupt noch nicht ganz durchschauen. Ich wollte vorläufig nur soviel bemerken, daß dieser exzentrische Herr nach einer ganz bestimmten Methode vorgeht und mit Ueberlegung handelt. So hat er zum Beispiel im Wohnhaus des Dr. Barnicot, wo ein Geräusch die Familie hätte wecken können, die Büste mit hinausgenommen und erst draußen zerschlagen, wohingegen er sie in dem anderen Sprechzimmer, wo diese Gefahr geringer war, gleich an Ort und Stelle zertrümmert hat. Die ganze Sache ist scheinbar sehr geringfügig, wenn ich aber bedenke, daß meine berühmtesten Fälle immer einen wenig versprechenden Anfang hatten, so wage ich nichts mehr als unbedeutend anzusehen. Erinnerst du dich noch, Watson, wie die furchtbare Tragödie der Familie Abernetty zuerst in Gestalt eines kaum wahrnehmbaren Eindrucks, den an einem heißen Sommertage ein Stengelchen Petersilie auf der Butter hinterlassen hatte, zu meiner Kenntnis gelangte? Ich kann mich also einstweilen nicht mit einem erhabenen Lächeln über die Sache hinwegsetzen, Lestrade, und Sie werden mich sehr verbinden, wenn Sie mir von irgend welchen neuen Vorfällen in dieser sonderbaren Angelegenheit sofort Mitteilung machen.« Diese Nachricht traf rascher ein und lautete ernster, als sich mein Freund gedacht haben mochte. Als ich am nächsten Morgen noch mit Ankleiden beschäftigt war, klopfte es an die Tür meines Schlafzimmers und herein trat Holmes mit einem Telegramm in der Hand. Er las es laut vor: »Sofort kommen, Pittstraße 131, Kensington. – Lestrade.« »Was mag denn los sein?« fragte ich. »Weiß auch nicht – irgend 'was. Aber ich vermute, es ist die Fortsetzung der Geschichte von den Statuen. In diesem Falle würde unser Freund Bilderstürmer den Schauplatz seiner Tätigkeit in ein anderes Viertel verlegt haben. Das Frühstück steht schon auf dem Tisch, Watson, und die Droschke vor der Tür.« Nach einer halben Stunde waren wir bereits in der Pittstraße, einer kleinen, ruhigen Straße, ganz in der Nähe der belebtesten Londoner Geschäftsgegend. Nr. 131 war eins der schmucklosen, alten Häuser, wo man möglichst unromantisch wohnt. Als wir vorfuhren, fanden wir das Gitter vor dem Hause von einer neugierigen Menge umlagert. Holmes gab ein Zeichen mit der Pfeife. »Wahrhaftig, Watson, es ist zum mindesten ein Mordversuch gemacht worden, sonst würde kein Berichterstatter hier sein; sieh 'mal, wie er sich vorbeugt und beinahe den Hals ausreckt! 's deutet alles auf eine Gewalttat hin. Und was soll das heißen? Die oberen Treppenstufen sind naß und die unteren trocken. Ah, dort am Fenster sehe ich Lestrade, er wird uns bald den nötigen Aufschluß geben können.« Er empfing uns mit ernster Miene und geleitete uns in ein Empfangszimmer, in dem ein unsauber aussehender älterer Herr in einem Schlafrock aufgeregt auf- und abging. Lestrade stellte ihn uns als den Eigentümer des Hauses – Herrn Horace Harker vom »Zentral-Presse-Syndikat« vor. Dann sagte er: »Es handelt sich um die alte Geschichte von den Napoleonbüsten. Sie schienen sich gestern abend dafür zu interessieren, Herr Holmes, und daher glaubte ich, es würde Ihnen nicht unangenehm sein, die Fortsetzung zu erfahren. Die Sache hat schon eine ernstere Wendung genommen.« »Wie weit hat sie sich denn entwickelt?« »Bis zum Mord. – Herr Harker, wollen Sie diesen Herren den Vorgang genau erzählen?« Der Mann im Schlafrock wandte sich uns zu. Er war gänzlich niedergeschlagen. »Es ist eine der eigentümlichsten Begebenheiten,« begann er, »ich habe mich mein Lebtag damit beschäftigt, alle möglichen Neuigkeiten zu erfahren und journalistisch zu verwerten, und jetzt, wo sich bei mir selbst ein Aufsehen erregender Fall ereignet hat, bin ich nun derartig verwirrt, daß ich keinen Satz ordentlich zusammenbringen kann. Wenn das in einem fremden Haus passiert wäre, würde ich im Abendblatt zwei Spalten darüber gebracht haben. Aber so bin ich ganz unfähig, erzähle die Sache anderen und muß untätig zusehen, wie sie sie ausschlachten. Wenn Sie aber diese rätselhafte Angelegenheit aufklären, Herr Holmes, – ich kenne Ihren Namen, – so habe ich eine hinreichende Entschädigung für meinen Bericht.« Holmes setzte sich und hörte zu. »Der springende Punkt bei der ganzen Sache scheint mir die Napoleonbüste zu sein, die ich vor etwa vier Monaten für dieses Zimmer angeschafft habe. Ich erstand sie für ein billiges Geld bei den Gebrüdern Harding, die zwei Häuser von der Station High Street ihr Geschäft haben. Meine journalistische Tätigkeit nötigt mich, vielfach die Nacht über aufzubleiben, und ich schreibe häufig bis zum frühen Morgen. Das war auch vergangene Nacht wieder der Fall. Ich saß wie gewöhnlich in meinem Studierzimmer hinten im obersten Stock; es mochte gegen drei Uhr sein, da hörte ich von unten ein Geräusch. Ich horchte auf, aber es regte sich nichts weiter, und ich dachte daher, der Lärm wäre von außen gekommen. Doch kaum fünf Minuten später, Herr Holmes, drang ein schreckliches Geschrei an mein Ohr – das furchtbarste, das ich je gehört habe. Es wird mir mein Leben lang in den Ohren gellen. Eine oder zwei Minuten saß ich, vom Schreck wie angenagelt, auf meinem Stuhl, dann ergriff ich den Ofenhaken und lief die Treppe hinunter. Als ich in dieses Zimmer hier trat, stand das Fenster weit offen, und meine Büste war verschwunden. Wie ein Dieb sich an einem solchen Ding vergreifen konnte, war mir unverständlich, denn es war ein einfacher Gipsabguß ohne besonderen Wert. »Wie Sie selbst sehen können, war nur ein Mann mit sehr langen Beinen imstande, durch einen Sprung durch das offene Fenster die obere Treppenstufe zu erreichen. Als ich nun die Haustüre öffnete und hinaustrat, fiel ich in der Dunkelheit beinahe über eine Leiche. Ich lief zurück und holte ein Licht. Auf dem obersten Treppenstein lag ein Mann mit angezogenen Knien und weit geöffnetem Munde, er hatte eine klaffende Wunde am Hals und schwamm in seinem Blute – sein Bild wird mir noch im Traum erscheinen. Ich gab schnell einen Notpfiff und muß dann in Ohnmacht gefallen sein, denn ich kann mich auf nichts mehr besinnen, bis ich die Schutzleute erblickte, die mir zu Hilfe geeilt und über mich gebeugt waren.« »Und wer war der Ermordete?« fragte Holmes. »Wir haben noch keine Zeit gehabt, seine Persönlichkeit festzustellen,« antwortete Lestrade. »Sie werden ihn in der Leichenhalle sehen. Er ist ein großer, kräftiger Mann mit sonngebräuntem Gesicht und kann höchstens dreißig Jahre alt sein. Er ist zwar ärmlich gekleidet, macht aber doch nicht den Eindruck, als ob er dem Arbeiterstand angehöre. Neben ihm in einer Blutlache lag ein schwedisches Messer mit Horngriff. Ob der Mord damit ausgeführt ist, weiß ich nicht. Die Kleidungsstücke des Toten zeigten keinen Namenszug, und in den Taschen fanden wir weiter nichts als einen Apfel, einen Strick, einen Plan von London und eine Photographie. Ich habe sie hier.« Es war allem Anschein nach eine Momentaufnahme. Sie stellte einen lebhaften, flinken Mann dar mit affenartigen Zügen und tierischen Augenbrauen, sodaß die untere Gesichtspartie wie bei einem Pavian aussah. »Und was ist aus der Büste geworden?« fragte Holmes, nachdem er die Photographie genau betrachtet hatte. »Darüber haben wir erst kurz vor Ihrer Ankunft Mitteilung bekommen. Sie ist in dem Vorgarten eines unbewohnten Hauses in der Campdonstraße gefunden worden. Sie ist in Stücke zerschlagen. Ich will eben hingehen und sie in Augenschein nehmen. Wenn Sie mitkommen wollen – –?« »Gewiß. Ich will mich nur erst hier einen Augenblick umsehen.« Er untersuchte das Fenster und das Gärtchen. »Der Kerl hat entweder außergewöhnlich lange Beine, oder ist ein ausgezeichneter Springer,« sagte er. »Vom Garten aus war es sehr schwer, das Fenster zu erreichen und zu öffnen. Der Rückweg war verhältnismäßig einfach. Wollen Sie auch mitkommen, Herr Harker, um die Ueberreste der Büste zu sehen?« Der untröstliche Journalist hatte sich mittlerweile an den Schreibtisch, gesetzt. »Ich muß doch noch versuchen, die Sache auszunutzen,« erwiderte er, »wenn auch jedenfalls die ersten Ausgaben der Abendblätter schon ausführliche Berichte bringen werden. Es ist eben mein gewohntes Pech! Wissen Sie noch, wie der Posten in Doncaster erschossen wurde? Damals war ich der einzige Zeitungsmann am Tatort, und meine Zeitung die einzige, in der nichts über den Vorfall stand, weil ich auch zu erschüttert war, um schreiben zu können. Und jetzt werde ich sogar mit der Meldung eines Mordes, der vor meiner eigenen Haustür passiert ist, zu spät herauskommen.« Als wir hinausgingen, hörten wir seine Feder kratzend über das Papier fahren. Die Stelle, wo die Bruchstücke der Büste gefunden worden waren, war nur ein paar hundert Meter entfernt. Hier sahen wir zum ersten Male die Scherben der Büste des großen Kaisers, der einen so furchtbaren Haß in der Seele des Unbekannten erregt zu haben schien. Holmes hob einige auf und unterwarf sie einer genauen Untersuchung. Die Spannung auf seinem Gesicht und sein ganzes Benehmen verrieten mir, daß sie nicht ganz ergebnislos gewesen war, daß er wenigstens eine Spur gefunden haben mußte. »Nun?« fragte Lestrade. Holmes zuckte die Achseln. »Wir sind noch weit vom Ziel,« sagte er. »Immerhin – nun, immerhin haben wir einige Hinweise, denen wir folgen können. Der Besitz dieser Gipsbrocken war dem merkwürdigen Verbrecher mehr wert als ein Menschenleben. Das ist ein Punkt. Weiter besteht die auffällige Tatsache, daß er die Büste nicht im Hause oder unmittelbar davor zertrümmert hat, wenn es ihm überhaupt lediglich auf ihre Vernichtung angekommen ist.« »Er ist wahrscheinlich von dem anderen Burschen überrascht worden und wußte kaum, was er tat.« »Jawohl, das ist nicht unmöglich. Ich möchte aber doch nicht verfehlen, Ihr Augenmerk besonders aus die Lage dieses Grundstücks zu richten.« Lestrade sah meinen Freund an. »Das Haus ist nicht bewohnt; er wußte also, daß er in diesem Garten nicht gestört würde.« »Allerdings, aber in dieser selben Straße liegt noch ein leeres Haus, an dem er vorbei mußte, um hierher zu kommen. Warum hat er die Büste nicht in jenem Vorgarten zerbrochen, mußte doch jeder Schritt weiter die Gefahr, gesehen zu werden, erhöhen?« »Ich bin am Ende meines Witzes,« antwortete Lestrade. Holmes deutete auf die Straßenlaterne über uns. »Hier konnte er sehen, dort nicht. Das wird wohl der Grund gewesen sein.« »Wirklich! Das ist richtig,« sagte Lestrade. »Nun fällt mir auch wieder ein, daß Dr. Barnicots Büste in der Nähe der Lampe zerschlagen worden ist. Aber was schließen Sie aus diesem Umstand, Herr Holmes?« »Man darf ihn nicht vergessen – muß ihn stets im Auge behalten. Vielleicht werden wir im späteren Verlauf der Sache darauf zurückkommen müssen. Welche Schritte beabsichtigen Sie nun weiter zu tun, Herr Lestrade?« »Am besten wird es meiner Ansicht nach sein, zunächst die Leiche zu identifizieren. Das wird keine Schwierigkeiten machen. Wenn wir dann wissen, wer er ist und wer seine Genossen sind, werden wir auch leicht herausbekommen, was er vergangene Nacht in der Pittstraße getan hat, mit wem er hier zusammengestoßen ist und wer ihn auf der Treppe des Herrn Harter erstochen hat. Meinen Sie das nicht auch?« »Das hört sich nicht übel an; aber doch ist es nicht genau der Weg, den ich einschlagen würde, um der Sache auf den Grund zu kommen.« »Wie würden Sie's denn machen?« »Oh, lassen Sie sich durch mich in keiner Weise beeinflussen! Es ist besser, wenn jeder von uns seinen eigenen Weg geht. Wir können dann hinterher vergleichen und einander ergänzen.« »Gut,« sagte Lestrade. »Wenn Sie in die Pittstraße zurückgehen und Herrn Harker sehen, können Sie ihm sagen, ich wäre zu dem sicheren Schluß gelangt, daß ein gefährlicher, blutdürstiger Irrsinniger mit Napoleon-Wahnvorstellungen ihm nächtlicherweile einen Besuch abgestattet hatte. Er kann dieses Urteil in seinem Artikel gut verwerten.« Lestrade sah Holmes erstaunt an. »Das ist doch nicht Ihre ernstliche Ueberzeugung?« Mein Freund lächelte. »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Auf alle Fälle wird sie Herrn Harker und den Abonnenten des »Zentral-Presse-Syndikats« interessant sein. Nun, lieber Watson, wir wollen aufbrechen. Wir haben heute ein langes und ziemlich anstrengendes Tagewerk vor uns. Sie, Herr Lestrade, würde ich gerne, wenn Sie's irgendwie möglich machen können, heute abend um sechs Uhr in der Bakerstraße wieder sprechen. Bis dorthin möchte ich die Photographie, die bei dem Toten gefunden worden ist, bei mir behalten. Möglicherweise muß ich Sie um Ihr Geleit zu einer kleinen Expedition in der kommenden Nacht ersuchen. Wenn meine Vermutungen sich als richtig erweisen, wird es sich nicht umgehen lassen. Bis dahin, adieu und viel Glück!« Sherlock Holmes und ich wanderten zusammen nach der Hochstraße, wo wir den Laden der Gebrüder Harding besuchten, von denen die Büste gekauft worden war. Ein junger Mann erklärte uns, daß Herr Harding erst am Nachmittag wieder ins Geschäft zurückkehren würde und er selbst nicht in der Lage sei, uns Aufschluß zu geben, weil er erst vor kurzem eingetreten sei. Holmes war anfangs etwas verstimmt, dann sagte er aber: »Nun ja, Watson, wir können nicht erwarten, daß alles gleich nach Wunsch geht. Wir müssen eben am Nachmittag wieder nachfragen. Wie du ohne Zweifel bereits geahnt haben wirst, bin ich im Begriff, den Ursprung dieser Büsten zu ermitteln. Auf diese Weise könnte man womöglich herausbekommen, ob es eine besondere Bewandtnis damit hat, und daraus vielleicht ihr merkwürdiges Geschick erklären. Wir wollen deshalb jetzt zu Hudson in der Kenningtonstraße fahren und sehen, ob wir dort irgendwelchen Bescheid bekommen.« Nach einer Stunde befanden wir uns in jenem Geschäft dem Besitzer gegenüber. Er war ein kleiner, dicker Mann mit rotem Gesicht und von hitzigem Temperament. »Jawohl, mein Herr. Auf meinem Ladentisch,« antwortete er eifrig auf Holmes' Frage. »Ich weiß wirklich nicht, wozu wir Steuern und Abgaben zahlen, wenn jeder Schurke eindringen und unentdeckt und ungestraft einem die Waren zerstören darf. Allerdings, Dr. Barnicot hat die beiden Statuen bei mir gekauft. 's ist 'ne Schande! 'ne Nihilistentat, denk' ich mir. Nur ein Anarchist kann solche Statuen vernichten! Rote Republikaner! Von wem ich die Büsten bezogen habe? Ich seh' zwar nicht ein, was das mit der Sache zu tun hat, wenn Sie's aber durchaus wissen wollen: ich hab' sie von Gelder \& Co. in Church Street, Stepney. Es ist 'ne bekannte Firma, schon seit zwanzig Jahren. Wieviel ich hatte? Drei – eins und zwei ist drei – die eine, die in meinem eigenen Laden am hellichten Tag zerschlagen worden ist, und die zwei, die ich an Dr. Barnicot verkauft hatte. Ob ich die Photographie kenne? Nein, die kenn' ich nicht. Ja, ich kenn' sie doch. Ei, 's ist Beppo! Er war 'n Italiener, der sich im Geschäft nützlich machte. Er konnte anstreichen, vergolden, einrahmen und dergleichen mehr. Er ist vorige Woche von mir fortgegangen, und ich hab' seitdem nichts wieder von ihm gehört. Nein, ich weiß weder wo er hergekommen, noch wo er hingegangen ist. Ich war nicht unzufrieden mit ihm, so lange er hier war. Als die Büste heruntergeworfen wurde, war er zwei Tage von mir weg.« »Mehr konnten wir vernünftigerweise nicht verlangen, von Herrn Hudson zu hören,« sagte mein Freund zu mir, als wir hinaustraten. »Dieser Beppo spielt sowohl in Kennington wie in Kensington eine gewisse Rolle, es dürfte sich also eine Fahrt von zehn Meilen wohl lohnen. Wir wollen nun ohne Verzug nach Stepney zu Gelder fahren, wo die Büsten fabriziert worden sind. Es sollte mich sehr wundern, wenn wir dort keinen nennenswerten Aufschluß bekämen.« Unser Weg führte durch das vornehme London, durch die Hotel- und Theatergegend, durch das Zeitungs- und Geschäftsviertel und endlich durch das Hafenviertel, bis wir in einem Themse-Stadtteil von ungefähr 100 000 Einwohnern ankamen, wo in schwarzgeräucherten Mietskasernen die Ausgestoßenen Europas hausen. Hier fanden wir in einer breiten Nebenstraße, wo einst reiche Kaufleute gewohnt hatten, die Bildhauerei, die wir suchten. Draußen im Hof befanden sich viele Denkmäler und Statuen, im Innern des Gebäudes waren in einem großen Saal etwa fünfzig Arbeiter mit Aushauen und Formen beschäftigt. Der Werkmeister, ein großer, blonder Deutscher, empfing uns höflich und gab Holmes auf alle Fragen klare Antworten. Aus seinen Büchern ging hervor, daß von einer Marmorkopie des Devineschen Napoleonkopfes Hunderte von Gipsnachbildungen angefertigt worden waren, daß aber die drei, die vor etwa einem Jahre an Morse Hudson gegangen waren, aus einem gemeinschaftlichen Teig für sechs Abgüsse stammten, von denen die anderen drei die Gebrüder Harding in Kensington geliefert erhielten. Es lag kein Grund vor, daß diese sechs von denen irgend einer anderen Serie verschieden sein sollten. Er konnte auch nicht einsehen, weshalb sie jemand gerne vernichten möchte – er mußte bei dem Gedanken wirklich lachen. Der Fabrikpreis betrug sechs Schilling, der Händler nehme zwölf und darüber. Die Herstellung geschah so, daß von dem Modell von jeder Gesichtshälfte ein Abguß gemacht und dann diese beiden Profile zusammengesetzt wurden, womit die Büste fertig war. Dann kamen die nassen Büsten zum Trocknen auf einen Tisch im Flur und endlich ins Magazin. Die Hauptarbeit wurde von Italienern verrichtet. Soweit setzte er uns alles ganz ruhig auseinander. Als er aber die Photographie sah, ging eine plötzliche Veränderung mit ihm vor, er zog die Stirn in Falten und wurde rot vor Wut und Zorn. »Ah, dieser Schurke!« rief er. »Ja, in der Tat, ich erkenne ihn wieder. Wir waren immer eine geachtete Firma, und das einzigemal, wo die Polizei bei uns war, war es auch wegen dieses Schufts. Es ist jetzt ein Jahr her. Er hatte auf der Straße einen Landsmann mit dem Messer gestochen, kam dann zur Arbeit hierher, die Polizei folgte ihm auf den Fersen und nahm ihn fort. Beppo hieß er – den Zunamen habe ich nie gekannt. Gott behüte mich davor, daß ich je wieder 'nen Menschen mit 'nem solchen Affengesicht einstelle. Aber er war 'n tüchtiger Arbeiter, einer von den besten.« »Wieviel Strafe hat er damals bekommen?« »Der Verletzte ist nicht gestorben, und so ist er mit einem Jahr davongekommen. Ich glaube, daß er jetzt wieder 'raus ist; er hat sich aber noch nicht wieder hier sehen lassen. Ein Vetter von ihm steht noch in unseren Diensten, ich nehme an, daß der Ihnen Näheres sagen kann.« »Nein, nein,« rief Holmes. »Sagen Sie seinem Vetter um Gottes willen kein Wort – kein Wort, ich bitte Sie darum. Die Sache ist von größter Wichtigkeit, und je weiter ich sie verfolge und je mehr ich darüber nachdenke, um so wichtiger erscheint sie mir. – Als Sie im Buch nachsahen, wann diese Büsten verkauft worden sind, bemerkte ich. daß es am dritten Juni vergangenen Jahres gewesen ist. Wissen Sie vielleicht noch das Datum von Beppos Verhaftung?« »Aus der Lohnliste läßt es sich ungefähr ersehen,« antwortete der Werkmeister. »Jawohl,« fuhr er fort, nachdem er eine Zeitlang nachgeblättert hatte, »zum letztenmal hat er am zwanzigsten Mai Lohn bekommen.« »Ich danke Ihnen,« sagte Holmes. »Ich glaube nicht, daß ich Sie noch weiter zu bemühen brauche.« Nachdem er der Vorsicht halber nochmals gebeten hatte, über unsere Nachforschungen strengstes Schweigen zu beobachten, entfernten wir uns und lenkten unsere Schritte nach Westen zurück. Es war bereits am späten Nachmittag, als wir endlich Zeit fanden, in einem Restaurant einen Imbiß zu nehmen. Am Eingang desselben erblickten wir ein Extrablatt mit der Ueberschrift: › Schreckenstat in Kensington. Mord eines Irrsinnigen .‹ Holmes ließ sich eines geben, um es beim Essen zu lesen. In zwei Spalten war in höchst sensationeller Weise das ganze Ereignis in den grellsten Farben geschildert. Ein paarmal mußte Holmes lachen. »Unser Freund Harker hat seine Sache noch gut gemacht – sehr gut, Watson; hör' 'mal folgende Stelle: »Zu unserer Befriedigung können wir feststellen, daß in diesem Fall keinerlei Meinungsverschiedenheit besteht, denn Herr Lestrade, einer der erfahrensten Beamten von Scotland Yard und der bekannte Privat-Detektiv Sherlock Holmes sind ganz unabhängig von einander zu dem übereinstimmenden Ergebnis gelangt, daß die verschiedenen auffälligen Vorkommnisse der letzten Tage, die nun ein so tragisches Ende genommen haben, eher die Tat eines Irrsinnigen als eines überlegenden Verbrechers sind. Den Umstanden nach kann nur ein Geisteskranker der Täter sein.« »Die Presse,« fügte er dann selbst hinzu, »ist eine sehr schätzenswerte Einrichtung, wenn man sie zu benutzen versteht. – Und nun wollen wir, sobald du mit dem Essen fertig bist, wieder nach Kensington zurück und sehen, was wir bei den Gebrüdern Harding über die Sache in Erfahrung bringen können.« Der Gründer dieses großen Kaufhauses war ein lebhafter kleiner Herr, körperlich und geistig gewandt. »Jawohl, mein Herr, ich habe den Bericht schon in den Abendblättern gelesen. Herr Harter ist ein Kunde von mir. Wir haben ihm den Kopf vor einigen Monaten geliefert. Wir hatten drei von Gelder \& Co., sie sind alle verkauft. An wen? Das können wir Ihnen an der Hand unserer Bücher ganz leicht sagen. Jawohl, hier habe ich's schon: eine an Herrn Harker, eine an Herrn Josiah Brown in Chiswick und eine an Herrn Sandeford in Reading – wollen Sie sich, bitte, selbst überzeugen? Nein, das Gesicht auf der Photographie habe ich nie gesehen. Man würde es wegen seiner auffallenden Häßlichkeit schwerlich vergessen, ich habe kaum jemals ein häßlicheres Bild gesehen. Ob bei uns irgendwelche Italiener in Diensten stehen? Ja, wir haben einige als Arbeiter und als Putzer. Dieselben konnten gut einen Einblick in das Verkaufsbuch nehmen, wenn sie Lust dazu hatten. Wir haben keinen Grund, es unter Verschluß zu halten. Ja, ja, es ist allerdings 'ne eigentümliche, verzwickte Sache. Ich will hoffen, daß Ihre Nachforschungen von Erfolg sind, und daß Sie mir dann 'mal Nachricht geben.« Holmes hatte sich, während Herr Harding mit ihm sprach, einige Notizen gemacht, und ich konnte ihm ansehen, daß ihn der Verlauf der Angelegenheit vollauf befriedigte. Er sagte freilich nichts, sondern bemerkte nur, daß wir zu unserer Verabredung mit Lestrade zu spät kommen würden, wenn wir uns nicht sehr beeilten. Als wir in der Bakerstraße ankamen, war der Inspektor denn auch schon da und schritt ungeduldig in unserem Zimmer auf und ab. An seiner wichtigen Miene war zu erkennen, daß seine Arbeit an diesem Tage nicht vergeblich gewesen war. »Nun?« fragte er. »Glück gehabt, Herr Holmes?« »Wir haben heute ein gutes Stück Arbeit hinter uns, und zwar erfolgreiche,« antwortete mein Freund. »Wir haben sowohl die Verkäufer wie die Fabrikanten der Büsten aufgesucht. Ich kann ihre Spuren nun von Anfang an verfolgen.« »Der Büsten!« rief Lestrade, »Ja, ja, Sie haben Ihre eigenen Methoden, und es kommt mir nicht zu, etwas dagegen zu sagen, doch glaube ich, ein besseres Tagewerk verrichtet zu haben als Sie. Ich habe die Leiche identifiziert.« »Was Sie sagen!?« »Und den Grund zum Verbrechen gefunden.« »Ausgezeichnet!« »Wir haben nämlich einen Inspektor Saffron Hill, einen genauen Kenner des italienischen Viertels. Aus einem Wahrzeichen der katholischen Kirche, das der Ermordete um den Hals trug, und aus seiner braunen Gesichtsfarbe schloß ich, daß er ein Italiener sei; und Hill, den ich hinzuzog, erkannte die Leiche sofort wieder. Er heißt Pietro Benucci, stammt aus Neapel und ist einer der gefährlichsten Burschen in London. Er ist Mitglied der Maffia, wie Sie wissen ein Geheimbund, der den Mord auf sein Banner geschrieben hat. Die Sache klärt sich nun folgendermaßen auf: Sein Mörder ist auch 'n Italiener und gehört ebenfalls der Maffia an. Dieser hat sich aber gegen die Vorschriften vergangen, und Pietro ist mit seiner Verfolgung betraut worden. Die Photographie, die wir bei der Leiche gefunden haben, ist wahrscheinlich die des Mörders; Pietro hat sie bekommen, um keinen Falschen niederzustechen. Er hat ihn nun verfolgt, in ein Haus einbrechen sehen, ihm draußen aufgelauert und in dem entstandenen Handgemenge selbst den Todesstoß bekommen. Was sagen Sie dazu, Herr Holmes?« Holmes klatschte beifällig in die Hände. »Großartig, Herr Lestrade, großartig!« rief er. »Aber ich habe Ihre Erklärung von der Zerstörung der Büsten nicht recht verstanden.« »Der Büsten?! Spuken Ihnen die Büsten immer noch im Kopf 'rum? Das ist ganz nebensächlich; gewöhnlicher Diebstahl, sechs Monate Gefängnis im höchsten Fall. In erster Linie müssen wir doch den Mörder suchen, und ich kann Ihnen sagen, daß ich alle Fäden bereits in der Hand halte.« »Und was gedenken Sie nun zunächst zu tun?« »Das ist sehr einfach. Ich werde mit Hill ins italienische Viertel gehen, den Mann mit Hilfe unserer Photographie ausfindig machen und ihn wegen Mordes verhaften. Wollen Sie mitkommen?« »Ich denke nicht. Ich glaube, wir können unser Ziel auf noch einfachere Weise erreichen. Ich kann's zwar nicht mit Bestimmtheit sagen, weil alles davon abhängt – nun, weil alles von einem Punkte abhängt, der sich unserer Kontrolle vollständig entzieht. Aber ich hege große Hoffnung – in der Tat, ich möchte zwei gegen eins wetten – daß, wenn Sie sich heute nacht uns anschließen, ich Ihnen behilflich sein kann, ihn dingfest zu machen. »Im italienischen Viertel?« »Nein; in Chiswick ist eine Adresse, wo wir ihn, glaube ich, eher finden werden. Wenn Sie heute nacht mit mir nach Chiswick kommen wollen, Lestrade, verspreche ich Ihnen, Sie morgen ins italienische Viertel zu begleiten; die Verzögerung kann ja nichts schaden. Nun werden uns allen ein paar Stunden Schlaf gut tun, und ich schlage vor, nicht vor elf Uhr aufzubrechen, denn wir werden aller Voraussicht nach vor Tagesanbruch nicht zurückkommen. Sie können mit uns essen, Lestrade, und sich dann auf dem Sofa etwas ausruhen. Du kannst einstweilen nach einem Extraboten klingeln, Watson, denn ich muß vorher noch einen sehr wichtigen Brief wegschicken.« Holmes durchstöberte den ganzen Abend die alten Zeitungen in unserer Rumpelkammer. Als er endlich herunter kam, machte er ein triumphierendes Gesicht, sagte aber keinem von uns beiden ein Wort über das Ergebnis seiner Tätigkeit. Ich für meinen Teil, der ich den Methoden, womit er die verschiedenen Irrwege dieses verwickelten Falles aufgespürt hatte, genau gefolgt war, verstand sehr wohl, wenn ich auch das Endziel seines Strebens noch nicht erkennen konnte, daß er diesen eigenartigen Verbrecher bei dem Diebstahl der zwei übrig gebliebenen Büsten abfassen wollte, von denen sich die eine, wie ich mich erinnerte, in Chiswick befand. Zweifellos sollte er von uns auf frischer Tat ertappt werden, und ich wunderte mich über die Schlauheit, womit mein Freund eine falsche Fährte in die Abendblätter lanciert hatte, um den Kerl in dem Wahn zu lassen, daß er sein Handwerk ruhig fortsetzen könnte. Es überraschte mich daher auch nicht, als mir Holmes den guten Rat gab, mich mit einem Revolver zu versehen. Er selbst hatte seine geladene Pistole, seine Lieblingswaffe, zu sich gesteckt. Um elf stand ein Wagen vor unserem Haus. Wir fuhren in demselben bis zur Hammersmith-Brücke, wo der Kutscher halten mußte. Wir gingen von hier noch eine kurze Strecke zu Fuß und kamen dann in eine Straße von niedlichen Häusern mit hübschen Vorgärten. Am Eingang eines derselben konnten wir im Scheine einer Straßenlaterne den Namen ›Laburnum-Villa‹ lesen. Die Bewohner waren offenbar schon zu Bett gegangen, denn es war alles dunkel, nur durch ein kleines rundes Fenster über der Haustür fiel schwaches Licht auf den Gartenweg. Ein dichter hölzerner Zaun, der das Grundstück von der Straße trennte, warf seinen schwarzen Schatten nach innen. Hier versteckten wir uns. »Ich fürchte, wir können lange warten,« flüsterte Holmes. »Wir müssen froh sein, daß es nicht regnet. Ich glaube, wir dürfen nicht einmal rauchen, um uns die Zeit zu vertreiben. Aber wir haben die doppelte Aussicht, unsere Mühe belohnt zu sehen.« Unsere Wache war jedoch nicht von so langer Dauer, wie Holmes vermutet hatte. Nach gar nicht langer Zeit, ohne daß wir vorher auch nur einen Laut gehört hatten, ging plötzlich die Gartentüre auf und eine geschmeidige dunkele Gestalt bewegte sich, so gewandt und flink wie ein Affe, auf dem Gartenpfad nach dem Haus zu. Wir sahen sie durch den Lichtschein huschen und im Schatten des Hauses verschwinden. Es trat eine längere Pause ein, und es war so still, daß wir den Atem anhalten mußten, dann drang ein knarrendes Geräusch an unsere Ohren. Das Fenster wurde aufgemacht. Eine neue Ruhepause – und der Kerl stieg ein. Wir sahen einen Moment den Schein einer Laterne. Was der Einbrecher suchte, schien er nicht gefunden zu haben, denn bald darauf bemerkten wir denselben Lichtschein durch ein anderes Fenster und noch durch ein drittes. »Jetzt müssen wir uns an das offene Fenster schleichen,« flüsterte uns Lestrade zu. »Wir wollen ihn packen, wenn er 'rausklettert.« Ehe wir aber seiner Aufforderung nachkommen konnten, war der Kerl schon wieder herausgesprungen. Als er in den Lichtschein des Haustürfensters kam, sahen wir, daß er etwas Weißes unter dem Arm hatte. Er blickte sich verstohlen um. Die Ruhe auf der leblosen Straße machte ihn sicher. Er legte seinen Raub auf die Erde, und im nächsten Augenblick hörten wir einen scharfen Schlag, dem ein Klirren und Rasseln folgte. Der Mann hatte uns den Rücken zugekehrt und war derart in seine Arbeit vertieft, daß er nicht merkte, wie wir über den Rasen krochen. Wie ein Tiger sprang ihm Holmes mit einem gewaltigen Satz in den Nacken, und im Nu hatten Lestrade und ich seine Hände erfaßt und ihm die Schellen angelegt. Als wir ihn auf den Rücken legten, stierte uns ein häßliches, fahles Gesicht mit verzerrten, wütenden Zügen entgegen. Ich erkannte an der affenartigen Bildung desselben sofort den Mann auf der Photographie. Holmes kümmerte sich weiter nicht um unseren Gefangenen. Er hockte auf der Haustreppe und prüfte in der sorgfältigsten Weise die Trümmer des weißen Gegenstandes, den der Dieb gestohlen und zerschlagen hatte. Es war eine ebensolche Büste Napoleons gewesen, wie wir bereits am Morgen eine gesehen hatten, und sie war in gleicher Weise in Stücke zerbrochen. Holmes hielt jeden Teil einzeln gegen das Licht, aber keiner unterschied sich irgendwie von einem beliebigen anderen Stück Gips. Er war gerade mit seiner Untersuchung fertig, als im Hausflur ein neues Licht auftauchte und gleich darauf die Haustür geöffnet wurde. Es schien der Eigentümer des Grundstückes, ein jovialer, wohlbeleibter Herr, in Hemd und Hosen. »Herr Josiah Brown?« sagte Holmes. »Zu dienen, mein Herr; und Sie sind gewiß Herr Sherlock Holmes? Ich empfing Ihren Brief, den Sie mir durch einen Sonderboten zusandten, und handelte genau nach Ihren Vorschriften. Wir verschlossen sämtliche Türen im Innern des Hauses und warteten ruhig der Dinge, die da kommen sollten. Nun, es freut mich, daß Sie den Kunden erwischt haben. Ich darf Sie wohl einladen, herein zu kommen und eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen.« Lestrade wollte jedoch seinen Mann möglichst schnell in Sicherheit bringen. Daher wurde unser Aufenthalt nicht lange ausgedehnt. Als nach einigen Minuten unser Wagen kam, stiegen wir alsbald ein und fuhren zusammen nach London. Unser Gefangener gab keinen Ton von sich; er stierte uns unheimlich an, und als ich zufällig einmal mit der Hand in den Bereich seiner Zähne kam, schnappte er darnach wie ein wildes Tier. Die Untersuchung auf der Polizeiwache nahm ziemlich viel Zeit in Anspruch, sie förderte aber weiter nichts zutage als ein paar Schilling Geld und ein langes, dolchartiges Messer mit Scheide, was allerdings insofern von Bedeutung war, als sich noch frische Blutspuren daran befanden. »Alles weitere wird sich schon finden,« sagte Lestrade, als wir uns trennten. »Hill kennt die ganze Gesellschaft, er wird auch diesen kennen. Sie werden sehen, daß meine Theorie von der Maffia richtig ist und die ganze Sache erklärt. Vorläufig spreche ich Ihnen meinen besten Dank aus für die rasche und kunstgerechte Ergreifung des Mordgesellen. Ganz klar ist mir die Geschichte übrigens augenblicklich doch noch nicht.« »Zu längeren Auseinandersetzungen ist es etwas zu spät geworden,« erwiderte Holmes. »Außerdem ist ein Punkt auch für mich noch nicht vollständig aufgeklärt. Der Fall scheint es jedoch zu lohnen, daß man ihn bis zum letzten Ende verfolgt. Wenn Sie morgen abend um sechs Uhr wieder in meine Wohnung kommen wollen, glaube ich Ihnen zeigen zu können, daß Sie die Sache auch jetzt noch nicht begriffen haben; sie ist in mancher Beziehung ohne Beispiel in der Kriminalgeschichte. Wenn ich dir je die Erlaubnis erteile, meine kleinen Erlebnisse weiter zu veröffentlichen, wird voraussichtlich die Erzählung von den sechs Napoleonbüsten ein besonders interessantes Kapitel in deinem Buche bilden, lieber Watson.« Als Lestrade am Abend zu uns kam, war er in der Lage, über unseren Gefangenen viele Angaben zu machen. Sein Vorname sei wahrscheinlich Beppo, der Zuname sei noch nicht bekannt. Er sei ein bekannter Taugenichts in der italienischen Kolonie, aber vordem ein geschickter und fleißiger Bildhauer gewesen. Er sei eben auf Abwege geraten und schon zweimal mit Gefängnis vorbestraft – einmal wegen Diebstahls und einmal wegen einer Stecherei. Er könne perfekt Englisch. Seine Gründe zur Vernichtung der Büsten seien noch unbekannt, und er verweigere jede Auskunft darüber. Die Polizei habe jedoch ermittelt, daß er diese Büsten sehr wohl selbst angefertigt haben könne, weil er solche Arbeiten bei Gelder \& Co. ausgeführt habe. Holmes hörte diese Mitteilungen, obwohl sie uns meistenteils bekannt waren, freundlich an, aber ich kannte ihn zu gut, um deutlich zu sehen, daß er mit seinen Gedanken anderswo war. Trotzdem er seine gewöhnliche Miene zur Schau trug, merkte ich ihm eine gewisse Ungeduld und Erwartung an. Endlich sprang er vom Stuhl auf, seine Augen glänzten. Es hatte geklingelt. Gleich darauf vernahmen wir Schritte, und ein ältlicher Herr mit gerötetem Gesicht und grauem Backenbart wurde hereingeführt. Er hatte in der rechten Hand eine große, altmodische Reisetasche, die er vorsichtig auf den Tisch setzte. »Bin ich hier recht bei Herrn Sherlock Holmes?« Mein Freund verbeugte sich lächelnd und sagte: »Sie sind gewiß Herr Sandeford aus Reading?« »Jawohl, mein Herr; ich habe mich leider etwas verspätet, aber die Züge lagen ungünstig. Sie schrieben mir wegen einer Büste, die sich in meinem Besitz befindet.« »Gewiß.« »Ich habe Ihren Brief mitgebracht. Sie schreiben: ›Ich beabsichtige, eine Kopie von Devines Napoleon zu kaufen, und würde Ihnen für die Ihrige zehn Pfund zahlen.‹ Stimmt das?« »Allerdings.« »Ihr Brief hat mich etwas überrascht. Ich konnte mir nicht denken, woher Sie wissen sollten, daß ich ein solches Ding hatte.« »Natürlich müssen Sie darüber erstaunt gewesen sein. Die Erklärung ist jedoch sehr einfach. Herr Harding, der Inhaber der Firma Gebrüder Harding, teilte mir mit, daß Sie die letzte derartige Büste bekommen hätten, und gab mir gleichzeitig Ihre Adresse.« »So verhält sich also die Sache! Hat er Ihnen auch den Preis gesagt?« »Nein; das hat er nicht getan.« »Nun, ich bin ein ehrlicher, wenn auch kein reicher Mann. Ich habe fünfzehn Schilling bezahlt; ich will Ihnen das nicht verheimlichen, ehe ich die zehn Pfund annehme.« »Ihre Rechtschaffenheit macht Ihnen alle Ehre, Herr Sandeford, aber nachdem ich Ihnen nun 'mal diese Summe geboten habe, will ich auch dabei bleiben.« »Gut, Sie sind sehr nobel. Ich habe den Kopf Ihrem Wunsche gemäß gleich mitgebracht. Hier ist er!« Er machte die Reisetasche auf, und heraus kam eine getreue Nachbildung des Devineschen Napoleon aus Gips, wie wir sie in ihren Stücken schon ein paarmal gesehen hatten. Holmes zog ein Papier aus der Tasche und legte eine Zehnpfundnote auf den Tisch. »Wollen Sie, bitte, dieses Schreiben in Gegenwart dieser Zeugen unterzeichnen, Herr Sandeford? Es besagt nur, daß Sie jedwedes Recht, das Sie an der Büste haben, auf mich übertragen. Ich bin ein vorsichtiger Mann, wie Sie sehen; und man weiß nie, was sich später aus einer Sache entspinnt. – Danke, Herr Sandeford; hier ist Ihr Geld. Ich wünsche Ihnen einen schönen guten Abend.« Sobald unser Besucher hinaus war, zeigte mein Freund ein eigentümliches Verhalten. Er nahm aus einer Schublade ein reines Tuch und breitete es auf dem Tisch aus. Dann stellte er seine eben erworbene Büste darauf. Zum Schluß nahm er seine Pistole und gab einen scharfen Schuß auf das Haupt Napoleons ab. Die Figur zerbrach in Stücke, die Holmes begierig betrachtete. Im nächsten Moment stieß er einen Freudenschrei aus und hob ein Stück in die Höhe, in dem ein runder, dunkeler Gegenstand steckte, wie eine Rosine in einem Kuchen »Meine Herren!« rief er triumphierend, »darf ich Ihnen die berühmte schwarze Perle der Borgia zeigen?« Lestrade und ich waren eine Weile sprachlos, dann aber brachen wir ganz unwillkürlich in lautes Beifallklatschen aus, wie ein Theaterpublikum, wenn die Lösung des Stückes kommt. Eine flüchtige Röte überflog meines Freundes bleiche Wangen und er verbeugte sich wie der dramatische Künstler, der für den Beifall des Auditoriums dankt. In solchen Augenblicken war er nicht mehr die denkende, fühllose Maschine, sondern verriet die allgemein menschliche Liebe für Bewunderung und Beifall. Wenn er auch als stolzer und zurückhaltender Mann öffentliches Lob verabscheute, so konnte er doch durch die unwillkürliche Beifallskundgebung eines Freundes tief erschüttert werden. »Ja, meine Herren,« sagte er, »es ist die berühmteste Perle der Welt, und ich habe Glück gehabt, ihre Spur durch eine Reihe logischer Schlüsse vom Schlafzimmer des Fürsten Calonna im Dacre-Hotel, wo sie abhanden kam, bis in das Innere dieser letzten von sechs Napoleonbüsten von Gelder \& Co. in Stepney verfolgt zu haben. Sie werden sich noch des Aufsehens erinnern, Lestrade, welches das Verschwinden dieses kostbaren Kleinods damals erregte, und wie die Londoner Polizei sich vergeblich bemühte, es wieder zu finden. Ich wurde auch zurate gezogen, vermochte aber damals ebensowenig Licht in das Dunkel zu bringen wie die übrigen. Der Verdacht fiel auf die Zofe der Gräfin, eine junge Italienerin. Es konnte ihr aber nur nachgewiesen werden, daß ein Bruder von ihr in London lebte; ein engerer Zusammenhang war jedoch nicht zu finden. Das Mädchen hieß Lucretia Venucci, und dieser Pietro, der in der vorgestrigen Nacht ermordet worden ist, ist kein anderer als ihr Bruder. Ich habe in den alten Zeitungen nach den Daten gesucht und daraus ersehen, daß die Perle gerade zwei Tage vor Beppos Verhaftung verschwunden war – er wurde damals wegen einer Messeraffäre verfolgt und in der Werkstatt bei Gelder \& Co. im selben Moment ergriffen, als diese Büsten hergestellt wurden. Sie werden nun das Folgende, wenn auch in anderer Reihenfolge als ich, ohne Schwierigkeiten begreifen können. Beppo hatte die Perle in seinem Besitz, vielleicht hatte er sie von Pietro gestohlen, vielleicht war er auch sein Komplize, womöglich gar der Zwischenträger zwischen Pietro und seiner Schwester. Ob die eine oder die andere Annahme richtig ist, tut nichts zur Sache. »Es kommt nur darauf an, daß er die Perle hatte , und zur Zeit, als ihn die Polizei verfolgte, bei sich trug. Er lief in die Werkstatt, er wußte, daß er in etlichen Minuten eine Durchsuchung zu gewärtigen hatte, bei der man die Perle finden würde, da sah er sechs Napoleonbüsten im Gang zum Trocknen stehen. Eine derselben war noch weich. Ohne Besinnen machte Beppo, ein geschickter Arbeiter, ein kleines Loch in die feuchte Gipsmasse, steckte rasch die Perle hinein und machte die Oeffnung durch ein paar kunstgerechte Fingerbewegungen wieder zu. Es war ein vortreffliches Versteck. Kein Mensch konnte die Perle an dieser Stelle vermuten und finden. Beppo mußte nun ein Jahr ins Gefängnis, währenddessen die sechs Büsten über ganz London zerstreut wurden. Er wußte selbstverständlich nicht, in welcher der Schatz verborgen war. Er konnte ihn nur finden, wenn er sie nacheinander zerschlug, denn einfaches Schütteln half nichts, weil die Perle in dem nassen Gips wahrscheinlich festgeklebt war – wie es tatsächlich auch der Fall ist. Beppo begab sich mit anerkennenswertem Eifer und der nötigen Zähigkeit auf die Suche. Durch einen Vetter, der bei Gelder arbeitet, erfuhr er die Namen der Käufer jener Büsten. Es gelang ihm, bei Morse Hudson Beschäftigung zu finden, wo er drei davon auskundschaftete. Die Perle war nicht drin. Mit Hilfe eines italienischen Angestellten von Harding brachte er in Erfahrung, wo die drei anderen hingekommen waren. Die eine hatte Harker bekommen. Dorthin folgte ihm sein Genosse Pietro, um ihn wegen des Verlustes der Perle zur Rechenschaft zu ziehen, wurde aber im Verlauf des darüber entbrannten Streites erstochen.« »Wenn Beppo sein Genosse war, warum hatte Pietro dann seine Photographie in der Tasche?« warf ich ein. »Um ihn aufzufinden, wenn er sich bei dritten Personen nach ihm erkundigen wollte. Einen anderen Grund kann es wohl kaum gehabt haben. Nach dieser Tat mußte Beppo meiner Berechnung nach seine Nachforschungen eher beschleunigen als verzögern, denn er hatte zu befürchten, daß die Polizei das Geheimnis durchschaue, und er mußte deshalb die Perle auf jeden Fall eher wiederzuerlangen suchen, als die Polizei seiner habhaft werden konnte. Selbstverständlich wußte ich nicht, ob er sie nicht schon in der Harkerschen Büste gefunden hatte, ja ich wußte nicht einmal genau, ob es sich um diese Perle handelte; nur soviel war mir klar, daß er etwas in der Büste gesucht hatte, denn sonst würde er sie nicht an verschiedenen Häusern vorbei gerade in den Garten getragen haben, wo eine Laterne Licht verbreitete. Da Harkers Büste eine von dreien war, so standen meine Chancen wie zwei zu eins, wie ich gestern abend schon sagte. Es waren noch zwei Büsten übrig, und es war anzunehmen, daß er zuerst die in der Stadt befindliche holen würde.. Ich schickte daher an die Bewohner dieses Hauses einen Brief, worin ich sie auf das Bevorstehende aufmerksam machte, und wir begaben uns dann selbst dorthin und hatten das beste Resultat. Nun wurde es mir natürlich zur Gewißheit, daß es sich um die Borgia-Perle handelte. Der Name des Ermordeten bildete das Verbindungsglied zwischen den zwei Fallen. Es war nun nur noch eine einzige Gipsfigur vorhanden – die in Reading – in dieser mußte die Perle sein. Ich habe diese letzte Büste in Ihrer Gegenwart ihrem Besitzer abgekauft – und hier ist die Perle.« Wir waren eine Weile stumm. »Ich habe Sie schon viele Fälle behandeln sehen, Herr Holmes,« sagte dann Lestrade, »mehr Scharfsinn und Umsicht haben Sie aber, so viel ich mich entsinnen kann, noch bei keinem an den Tag gelegt. Wir sind nicht eifersüchtig auf Sie in Scotland Yard. Nein, im Gegenteil, wir sind stolz auf Sie, und wenn Sie morgen zu uns hinunterkommen, wird Ihnen jeder; vom ältesten Inspektor bis zum jüngsten Schutzmann, mit Freuden die Hand schütteln und gratulieren.« »Ich danke Ihnen,« sagte Holmes, »ich danke Ihnen!« Er drehte sich um und schien mir stärker gerührt zu sein als je zuvor. Einen Augenblick später war er aber schon wieder der kalte, geschäftsmäßige Denker. »Lege die Perle in den Schrank, Watson,« sagte er, »und nimm die Akten über den Conk-Singleton-Münzprozeß heraus. Adieu, Herr Lestrade! Wenn Sie wieder mal eine kleine Aufgabe haben, bin ich gern bereit, soweit es in meinen Kräften steht, Ihnen bei der Lösung behilflich zu sein.« Der Mord in Abbey Grange. Es war an einem bitterkalten Wintermorgen des Jahres 1897, als jemand meine Bettdecke wegzog und mich munter machte. Es war Holmes. Die Kerze in seiner Hand warf einen hellen Schein auf sein Gesicht, und ich merkte auf den ersten Blick, daß er etwas Wichtiges vorhatte. »Komm', Watson, komm'!« rief er. »Die Jagd geht los. Keine Widerreden! In die Kleider und fort!« Nach zehn Minuten saßen wir beide bereits in einer Droschke auf dem Wege nach der Station Sharing Croß. Die Straßen waren noch leer, nur hie und da sahen wir in dem dunkelen Londoner Nebel, der von den ersten Strahlen der Morgendämmerung schwach erleuchtet wurde, die verschwommenen, unbestimmten Umrisse eines Arbeiters, der früh an sein Tagewerk ging. Holmes hüllte sich schweigend in seinen schweren Ueberzieher, und ich tat das gleiche, denn die Luft war eisig und wir hatten beide noch nichts im Magen. Erst als wir am Bahnhof etwas heißen Tee genossen und in dem Zuge nach Kent unsere Plätze eingenommen hatten, waren wir soweit aufgetaut, daß er sprechen und ich zuhören konnte. Er nahm einen Brief aus der Tasche und las ihn mir laut vor: »Abbey Grange, Marsham, Kent,     3 h 30 m früh. Lieber Herr Holmes, – ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sofort kommen wollten, um mir bei einem Falle, der außerordentlich merkwürdig zu werden verspricht, Ihre Hilfe zu Teil werden zu lassen. Es ist etwas nach Ihrem Geschmack. Außer der Befreiung der Dame will ich dafür sorgen, daß alles genau so bleibt, wie ich es angetroffen habe, aber ich bitte Sie, keinen Augenblick Zeit zu verlieren, weil es unmöglich ist, Herrn Edward lange liegen zu lassen. Ihr ergebener Stanley Hopkins.« »Hopkins hat mich in sieben Fällen beigezogen, und jedesmal war seine Aufforderung gerechtfertigt,« sagte Holmes. »Ich glaube, du hast jeden dieser Fälle in deine Sammlung aufgenommen, und ich muß gestehen, Watson, daß du eine glückliche Wahl zu treffen verstehst, die manches wieder gutmacht, was mir in deinen Geschichten mißfällt. Deine leidige Gepflogenheit, alles vom Standpunkt des Erzählers, statt von dem des Gelehrten zu betrachten, hat es verhindert, daß eine belehrende und vielleicht vorbildliche Serie klassischer Beweisfälle daraus geworden ist. Du gehst über Stellen der schwierigsten und feinsten Geistesarbeit rasch hinweg, um bei sensationellen Einzelheiten desto länger zu verweilen, die ja den Leser fesseln mögen, aber sicher nicht belehren können.« »Warum schreibst du sie denn nicht selbst?« versetzte ich, etwas verletzt. »Das beabsichtige ich jetzt auch, mein lieber Watson, das werde ich ganz gewiß noch tun. Augenblicklich bin ich jedoch, wie du weißt, stark beschäftigt, aber ich habe mir vorgenommen, meine späteren Jahre der Ausarbeitung eines Werkes zu widmen, welches die ganze Detektivkunst in einem einzigen Bande zusammenfassend enthalten soll. Gegenwärtig scheint es sich um einen Mord zu handeln.« »Du meinst also, daß dieser Herr Edward tot ist?« »Das ist allerdings meine Ansicht. Hopkins' Brief verrät eine starke Aufregung, und er ist nicht gerade ein Gemütsmensch. Ja, ich nehme an, daß ein Gewaltakt vorliegt und daß man die Leiche liegen gelassen hat, damit wir sie an Ort und Stelle in Augenschein nehmen können. Bei einem einfachen Selbstmord würde er mich nicht gerufen haben. Was die Befreiung der Dame anbelangt, will es mir scheinen, daß sie während der Ermordung in ihr Zimmer eingeschlossen gewesen ist. Wir haben's mit feinen Leuten zu tun, Watson; beste Briefbogen, Monogramm E. B., Wappen, künstlerisch ausgestattete Kuverts. Ich vermute, daß Freund Hopkins seinen Ruf erhöhen wird, und daß uns ein interessanter Vormittag bevorsteht. Das Verbrechen ist heute nacht vor zwölf verübt worden.« »Woher weißt du das?« »Durch einen Blick ins Kursbuch und durch Berechnung der Zeit. Zuerst mußte die Ortspolizei in Kenntnis gesetzt werden, diese mußte sich mit der Londoner Polizei verbinden, Hopkins mußte hinausfahren und seinerseits wieder nach mir schicken. Das alles zusammen kostet wohl eine Nacht Zeit. Nun, hier sind wir in Chislehurst, und bald werden unsere Zweifel gehoben sein.« Eine Fahrt von ein paar Meilen auf schmalen Feldwegen brachte uns an einen Park. Ein alter Pförtner, von dessen magerem Gesicht man ablesen konnte, daß ein großes Unglück passiert war, öffnete uns die breiten Tore. Wir befanden uns in einem herrlichen Park und schritten eine mit alten Ulmen bestandene Allee entlang, deren Abschluß ein weites, niedriges Gebäude in palladinischem Stil bildete. Der mittlere Teil war offenbar sehr alt und ganz mit Efeu überzogen, aber die großen Fenster wiesen auf moderne Veränderungen hin, und ein Flügel schien überhaupt ganz neu zu sein. Am Eingang kam uns Inspektor Hopkins entgegen. »Ich bin sehr froh, daß Sie gekommen sind, Herr Holmes, und Sie auch, Herr Dr. Watson! Aber trotzdem würde ich Sie, wenn ich's jetzt noch 'mal zu tun hätte, nicht belästigen, denn die Dame hat, sobald sie wieder zu sich gekommen war, einen so klaren Bericht des Hergangs gegeben, daß uns nicht viel zu tun übrig bleibt. Sie kennen doch die Lewishamer Einbrecherbande?« »Was, die drei Randalls?« »Jawohl; der Vater mit seinen zwei Söhnen. Die haben's verübt. Daran ist gar nicht zu zweifeln. Vor vierzehn Tagen haben sie in Sydenham einen großen Einbruchsdiebstahl ausgeführt und sind gesehen und beschrieben worden. Es ist zwar etwas frech, so kurz darauf und so nahe dabei einen zweiten zu wagen, aber sie sind's gewesen, das steht fest. Diesesmal geht's ihnen an den Kragen.« »Dann ist der Baron Edward wohl tot?« »Ja; man hat ihm mit seinem eigenen Ofenhaken den Schädel eingeschlagen.« »Wie mir der Kutscher sagte, handelt es sich um den Baron Alfred Brackenstall.« »Ganz recht – einen der reichsten Männer in Kent. Die Baronin Brackenstall ist in ihrem Schlafzimmer. Die arme Frau hat Schreckliches durchgemacht. Sie schien halb tot, als ich sie zum erstenmal sah. Es ist am besten, wenn Sie gleich zu ihr gehen und sich erzählen lassen, wie sich's zugetragen hat. Dann wollen wir gemeinsam das Speisezimmer besichtigen.« Baronin Brackenstall war keine alltägliche Erscheinung. Ich habe selten eine so anmutige Gestalt, eine so echt weibliche Persönlichkeit und ein so schönes Gesicht gesehen. Sie war eine Blondine mit goldenem Haar und blauen Augen und würde zweifelsohne auch die sonstigen Eigentümlichkeiten dieses Typs gehabt haben, wenn sie nicht das Erlebnis der verflossenen Nacht verstört und bleich gemacht hätte. Sie litt sowohl körperlich wie seelisch. Ueber dem einen Auge hatte sie eine häßliche schwarzblaue Geschwulst, die ihre Dienerin, ein großes, ernstes Weib, unablässig mit Wasser und Essig badete. Die Baronin lag erschöpft auf einer Chaiselongue, aber ihr munterer Blick, mit dem sie uns sofort beim Eintreten bemerkte, und der lebhafte Ausdruck ihres hübschen Gesichts zeigte uns, daß weder ihr Bewußtsein getrübt, noch ihr Lebensmut durch die vorhergegangenen Schrecken erschüttert war. Sie war in ein blau und weißes, loses Morgenkleid gehüllt, aber daneben auf einem Sofa lag ein schwarzes, goldbesetztes Gesellschaftskleid ausgebreitet. »Ich habe Ihnen ja bereits alles erzählt, Herr Hopkins,« sagte sie müde, »könnten Sie's nicht für mich wiederholen? Doch, wenn Sie's für nötig halten, will ich's den Herren noch 'mal erzählen. Sind Sie schon im Speisesalon gewesen?« »Ich dachte, es sei besser, wenn die Herren zuerst aus Ihrem Munde erführen, wie sich's zugetragen hat.« »Es würde mir sehr angenehm sein, wenn Sie die Sache in Ordnung bringen könnten. Der Gedanke, daß er noch immer dort liegt, ist mir schrecklich.« Sie erschauderte und verbarg einen Augenblick das Gesicht mit den Händen. Bei dieser Bewegung fielen die weiten Aermel zurück, und Holmes bemerkte zwei rote Stellen an dem einen der weißen, wohlgerundeten Arme. »Sie haben noch andere Verletzungen, gnädige Frau!« rief er aus. »Woher kommt das?« Sie deckte sie rasch zu. »Es ist nichts. Es hängt in keiner Weise mit der furchtbaren Begebenheit der vergangenen Nacht zusammen. Wenn Sie und Ihr Freund Platz nehmen wollen, will ich Ihnen alles erklären, soweit es mir möglich ist. »Ich bin die Frau des Barons Edward Brackenstall. Ich bin seit ungefähr einem Jahre verheiratet. Ich glaube, es ist zwecklos, Ihnen zu verheimlichen, daß unsere Ehe nicht sehr glücklich gewesen ist. Ich befürchte, selbst wenn ich's leugnen wollte, würden Sie's von allen unseren Nachbarn hören. Vielleicht mag die Schuld zum Teil an mir liegen. Ich bin in der freieren, weniger förmlichen Atmosphäre Südaustraliens erzogen, und dieses englische Leben mit seiner Etikette und Ziererei behagt mir nicht. Aber das Schlimmste war, daß, wie alle Welt weiß, mein Mann ein wirklicher Trinker war. Es ist nicht angenehm, mit einem solchen Menschen auch nur eine Stunde zusammen zu sein. Nun können Sie sich vorstellen, was es für ein empfindsames und stolzes Weib heißen will, an einen solchen Mann Tag und Nacht gekettet zu sein. Es ist unerhört, es ist eine Schmach, von gesetzeswegen eine solche Ehe für bindend zu erklären! Ich kann Ihnen nur sagen, daß solche ungeheuerlichen Gesetze einen Fluch über Ihr Land bringen – der Himmel will nicht, daß ein derartiges Verhältnis von Dauer sein soll!« Sie richtete sich einen Augenblick auf, ihre Wangen röteten sich und ihre Augen funkelten unter der furchtbaren Verletzung ihrer Stirne hervor. Dann drückte die starke Hand ihrer Zofe ihren Kopf wieder sanft auf das Kissen nieder, und der wilde Zorn ging in leidenschaftliches Schluchzen über. Endlich fuhr sie fort: »Ich will Ihnen nun von der verflossenen Nacht erzählen. Es ist Ihnen vielleicht schon bekannt, daß in diesem Hause die gesamte Dienerschaft in dem neuen Flügel schläft. Dieses Mittelgebäude enthält vorne die Wohnräume und hinten die Küche und darüber unser Schlafzimmer. Ueber meinem Zimmer befindet sich die Schlafstube meiner Zofe Theresa. Außer ihr hält sich hier niemand auf, und die in dem anderen Flügel konnten den Lärm unmöglich hören. Das müssen die Räuber genau gewußt haben, denn sonst hatten sie nicht in der Weise vorgehen können, wie sie's getan haben. »Baron Edward zog sich gegen halb elf zurück. Das Personal war schon zu Bett gegangen. Nur meine Dienerin Theresa war noch auf. Sie hatte in ihrem Zimmer gewartet, bis ich ihre Dienste in Anspruch nehmen würde. Ich saß bis nach elf Uhr in diesem Zimmer, in die Lektüre eines Buches vertieft. Dann machte ich die Runde, um zu sehen, ob alles in Ordnung wäre. Ich pflegte das immer selbst zu tun, ehe ich hinaufging, denn, wie ich erwähnt habe, war Baron Alfred nicht immer zuverlässig. Ich ging in die Küche, ins Anrichtezimmer, in die Speisekammer, ins Billard- und Empfangszimmer und endlich in den Speisesalon. Als ich hier in die Nähe des Fensters kam, das mit schweren Vorhängen behängt ist, spürte ich, daß mir der Wind ins Gesicht blies; ich vergewisserte mich, daß es offen stand. Ich schlug die Vorhänge beiseite und fand mich einem breitschulterigen, älteren Mann gegenüber, der gerade hereingestiegen war. Es ist ein großes französisches Fenster, das in Wirklichkeit eine Tür bildet, die nach dem Garten führt. Ich hatte ein Licht in der Hand, und in seinem Scheine sah ich hinter dem ersten Kerl noch zwei andere stehen, im Begriff, ebenfalls einzutreten. Ich lief zurück, aber der Bursche hatte mich gleich eingeholt. Er erwischte mich erst an den Händen und dann am Halse. Ich wollte schreien, aber er versetzte mir einen furchtbaren Faustschlag auf das Auge und warf mich zu Boden. Ich muß ein paar Minuten bewußtlos gewesen sein, denn als ich wieder zu mir kam, merkte ich, daß sie die Klingelschnur abgerissen und mich damit an den eichenen Stuhl, der am Kopf des Eßtisches steht, festgebunden hatten, und zwar derart, daß ich mich nicht rühren konnte; und ein Tuch, das mir über den Mund geschnürt war, verhinderte mich, auch nur einen Ton herauszubringen. In diesem Augenblick trat mein unglücklicher Gatte ins Zimmer. Er hatte offenbar ein verdächtiges Geräusch gehört und war auf etwas Schlimmes gefaßt. Er hatte nur Hemd und Hose an und in der Hand seinen gewöhnlichen schweren Schwarzdornstock. Er stürzte auf den einen Einbrecher los, aber ein anderer – es war der ältere – bückte sich, ergriff den Ofenhaken und versetzte ihm im Vorbeilaufen einen entsetzlichen Schlag. Er fiel lautlos um und zuckte mit keinem Glied mehr. Ich wurde wieder ohnmächtig, aber auch diesesmal konnte ich nur ganz kurze Zeit bewußtlos gewesen sein. Als ich die Augen aufschlug, sah ich, daß sie vom Serviertisch das Silberzeug weggenommen und auch eine Flasche Wein, die dort gestanden hatte, aufgemacht hatten. Jeder von ihnen hielt ein Glas in der Hand. Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß einer älter war und einen Bart hatte, während die beiden anderen junge, bartlose Burschen waren. Es konnte ein Vater mit seinen zwei Söhnen sein. Sie flüsterten miteinander. Dann kamen sie an mich heran und überzeugten sich, daß ich noch festgebunden war. Endlich verließen sie das Zimmer wieder und machten das Fenster hinter sich zu. Es verging eine volle Viertelstunde, ehe ich den Mund frei bekam. Als ich dann schrie, kam meine Zofe herbeigeeilt. Bald waren auch die anderen Dienstboten alarmiert, und wir schickten zur Ortspolizei, die sich sofort mit der Londoner in Verbindung setzte. Das ist in der Tat alles, was ich Ihnen mitteilen kann, meine Herren, und ich hoffe, daß ich diese peinliche Geschichte nicht noch einmal erzählen muß.« »Wollen Sie sonst noch eine Frage stellen, Herr Holmes?« sagte Hopkins. »Ich will die Geduld und die Zeit der gnädigen Frau nicht länger in Anspruch nehmen,« antwortete mein Freund. »Ehe ich ins Speisezimmer gehe, möchte ich nur noch gerne hören, was Sie über den Fall wissen.« Er sah die Dienerin an. »Ich habe die Kerle gesehen, ehe sie ins Haus gekommen sind. Als ich an meinem Schlafkammerfenster saß, bemerkte ich im Mondschein drei Männer drüben am Portierhäuschen; ich dachte mir aber nichts weiter dabei. Ueber eine Stunde danach hörte ich meine Herrin jammern; als ich daraufhin hinunter lief, fand ich das arme Wesen, genau wie sie's geschildert hat, und ihn am Boden liegen; Blut und Hirn war umhergespritzt. Es war genug, um eine Frau von Sinnen zu bringen, festgebunden und ihr eigenes Kleid von seinem Blut besudelt! Aber sie war als Mädchen schon sehr mutig, das Fräulein Mary Fraser aus Adelaide, und ist es auch als Baronin Brackenstall von Abbey Grange geblieben. Sie haben sie nun lang genug ausgefragt, meine Herrn, sie will nun bei ihrer alten Theresa die nötige Ruhe haben.« Mit mütterlicher Zärtlichkeit legte die schwerfällige Dienerin ihren Arm um ihre Herrin und führte sie zum Zimmer hinaus. »Sie ist ihr Lebenlang bei ihr gewesen,« bemerkte Hopkins. »Sie hat sie als Amme genährt und ist dann mit ihr nach England gegangen, als sie vor nun achtzehn Monaten Australien zum erstenmal verließen. Sie heißt Theresa Wright, und solche Dienstboten gibt's heutzutage nicht mehr. Hierher, Herr Holmes, wenn ich bitten darf!« Das lebhafte Interesse war aus Holmes' ausdrucksvollem Gesicht gewichen, und ich merkte, daß mit dem Geheimnis auch der ganze Reiz an dem Fall für ihn verschwunden war. Was blieb noch zu tun? Die Kunden festzunehmen; aber was sollte er sich mit so gewöhnlichen Verbrechern befassen? Als gewiegter, erfahrener Spezialist, der sich zu einem gewöhnlichen Fall geholt sah, mußte er den Unwillen zeigen, den ich in meines Freundes Gesicht lesen konnte. Aber die Szene im Speisezimmer war merkwürdig genug, um seine Aufmerksamkeit zu fesseln und das schwindende Interesse zurückzurufen. Es war ein sehr großes, hohes Zimmer. Die Decke war von Eichenholz, das prächtige Schnitzereien zeigte, und ebenso die Täfelung. An den Wänden befanden sich zahlreiche Hirschgeweihe und Rehgehörne und verschiedene alte Waffen. An der, der Tür gegenüberliegenden Wand war das französische Fenster, von dem wir gehört hatten. Durch drei kleinere Fenster zur Rechten schien die Wintersonne. Zur Linken befand sich ein großer Kamin. Daneben stand ein schwerer eichener Armsessel, um den noch der rote Baumwollstrick geschlungen war. Beim Freimachen der Dame war das Seil nur heruntergezogen, die Knoten, mittels deren es festgebunden war, aber nicht gelöst worden, sodaß man noch genau sehen konnte, in welcher Weise sie geschlungen waren. Doch diesen Einzelheiten widmeten wir erst später größere Aufmerksamkeit, vorläufig ward unser ganzes Denken von dem schrecklichen Anblick des Leichnams eingenommen, der auf dem Teppich lag. Es war die Leiche eines großen, gutgebauten Mannes im Alter von vierzig Jahren. Er lag auf dem Rücken, das Gesicht nach oben gewandt, und die weißen Zähne blinkten durch den kurzen, schwarzen Bart. Die zusammengekrampften Hände lagen über dem Kopf, und ein schwerer Schwarzdornstock quer darüber. Sein dunkeles, hübsches Männergesicht war krampfhaft verzogen; Haß und Rache kamen darauf zum Ausdruck und gaben ihm ein teuflisches, wildes Aussehen. Er hatte offenbar im Bett gelegen, als er den Lärm gehört hatte, denn er war nur mit einem Nachthemd und einer Hose bekleidet, aus der die nackten Füße herausguckten. Der Kopf trug eine schreckliche Wunde, und überall im Zimmer konnte man die Spuren der Furchtbarkeit des Schlages erkennen, der ihn niedergeschmettert hatte. Neben ihm lag der eiserne Haken, der sich von der Wucht des Schlages gekrümmt hatte. Holmes untersuchte beide, das Werkzeug und die entsetzliche Verletzung, die es bewirkt hatte. »Er muß ein kräftiger Kerl sein, dieser ältere Randall,« bemerkte er. »Jawohl,« sagte Hopkins. »Ich kenne einige Streiche von ihm, er ist ein roher Bursche.« »Es wird Ihnen keine Schwierigkeit machen, ihn zu bekommen.« »Nicht die geringste. Wir hatten ihn schon auf dem Korn, und es schien beinahe, als ob er nach Amerika entkommen wäre. Nun, wo wir wissen, daß die Bande noch hier ist, sehe ich nicht ein, wie sie uns entschlüpfen sollte. Wir haben bereits an alle Häfen telegraphiert, und vor dem Abend wird auch noch eine Belohnung ausgesetzt werden. Was mich wundert, ist, daß sie so verrückt sein konnten, eine solche Tat zu begehen, wo sie doch wußten, daß die Dame sie beschreiben konnte, und daß wir sie aus dieser Beschreibung sofort erkennen würden.« »Das ist wahr. Man hätte erwarten sollen, daß sie Frau Brackenstall ebenfalls mundtot machen würden.« »Sie haben vielleicht nicht gewußt, daß sie sich von ihrer Ohnmacht erholt hatte,« warf ich ein. »Das klingt nicht unwahrscheinlich. Wenn sie sie für besinnungslos hielten, brauchten sie ihr nicht das Leben zu nehmen. Was ist eigentlich mit diesem armen Kerl hier am Boden, Hopkins? Ich glaube merkwürdige Geschichten von ihm gehört zu haben.« »Er war ein ganz guter Kerl, wann er nüchtern war, aber ein vollkommenes Vieh, wann er betrunken war, oder vielmehr, wann er halb betrunken war, denn er wurde fast nie ganz betrunken. Dann schien der Teufel in ihm zu stecken, und er war zu allem fähig. Soviel ich gehört habe, wäre er trotz seines Reichtums und Standes ein paarmal beinahe mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt gekommen. Es war einmal ein furchtbarer Skandal, daß er einen Hund mit Petroleum begossen und ins Feuer geworfen habe – und, was das Schlimmste war, den Hund seiner Frau – die Sache wurde damals noch mit vieler Mühe unterdrückt. Dann wieder einmal warf er einen Armleuchter nach der Dienerin, der Theresa Wright, was großes Aufsehen erregte. Im großen und ganzen, und unter uns gesagt, die Familie wird froh sein, daß er tot ist. – Was untersuchen Sie denn da?« Holmes lag auf den Knien und betrachtete sehr eingehend die Knoten an dem roten Strick, womit die Frau festgebunden gewesen war. Dann prüfte er noch sorgfältig das abgerissene Ende und auch die entsprechende Stelle am Klingelzug. »Als der Dieb dieses Stück heruntergerissen hat, muß es in der Küche doch laut geläutet haben,« bemerkte er dann. »Das konnte kein Mensch hören. Die Küche befindet sich ganz hinten im Hause.« »Woher wußte der Einbrecher, daß es niemand hören würde? Wie konnte er in so unsinniger Weise an einem Klingelzug zerren?« »Gewiß, Herr Holmes, gewiß. Sie stellen dieselbe Frage, die ich mir auch schon immer und immer wieder vorgelegt habe. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Kerl das Haus und die Gepflogenheiten in demselben gekannt hat. Er muß entschieden gewußt haben, daß die ganze Dienerschaft um diese verhältnismäßig frühe Stunde schon zu Bett war, und somit niemand das Klingeln in der Küche hören konnte. Er muß also mit einem der Bediensteten in naher Beziehung gestanden haben. Das ist ganz sicher. Aber alle acht sind zuverlässige Leute.« »Unter sonst gleichen Umständen,« sagte Holmes, »sollte man es der Dienerin zutrauen, der der Herr einen Leuchter an den Kopf geworfen hat. Dies würde aber wiederum gleichzeitig einen Verrat an der Herrin vorstellen, und dieser scheint sie doch sehr ergeben zu sein. Nun, der Punkt ist ja ganz nebensächlich; wenn Sie Randall haben, werden Sie wahrscheinlich leicht herausbringen, was für Helfershelfer er gehabt hat. Die Aussagen der Frau werden allem Anschein nach durch den Tatbestand gestützt und bestätigt, wie wir ihn hier vor unseren Augen sehen.« Er ging an das französische Fenster und öffnete es. »Hier finden sich keinerlei Spuren, aber bei dem steinhart gefrorenen Boden konnte man auch keine erwarten. Wie ich sehe, sind diese Lichter auf dem Kaminsims gebrannt worden.« »Jawohl; bei ihrem Schein und dem der Kerze, welche die gnädige Frau in der Hand hatte, haben die Diebe ja die Silbersachen gestohlen.« »Was haben sie denn mitgenommen?« »Nun, nicht gerade viel – nur ein halbes Dutzend silberner Gegenstände von dem Wandtisch. Die Baronin vermutet, daß sie über den unbeabsichtigten Mord selbst so bestürzt gewesen seien, daß sie das Haus nicht so durchsucht und ausgeplündert hätten, wie sie es sonst wohl getan haben würden.« »Das ist zweifelsohne wahr. Und doch haben sie Wein getrunken, wenn ich richtig verstanden habe.« »Um ihre Nerven zu stählen.« »Richtig. Diese drei Gläser auf dem Seitentisch sind später hoffentlich nicht angerührt worden?« »Nein; und die Flasche steht auch noch ebenso da, wie sie die Diebe verlassen haben.« »Wir wollen sie uns 'mal näher betrachten. Holla, was ist das?« Die drei Trinkgläser waren zusammengerückt und in jedem war Wein gewesen; in einem befand sich ein fester Rückstand. Daneben stand die Flasche. Sie war noch zwei Drittel voll und in der Nähe der Flasche lag ein langer, dunkeler Korkstöpsel. Der Pfropfen und der Staub der Flasche bewiesen, daß die Mörder keinen schlechten Tropfen getrunken hatten. Holmes' Wesen hatte sich verändert. Sein gleichgültiger Gesichtsausdruck war verschwunden und seine glänzenden, tiefliegenden Augen zeigten mir, daß sein Interesse wieder lebendig geworden war. Er nahm den Kork in die Hand und untersuchte ihn genau. »Womit haben sie den 'rausgezogen?« fragte er. Hopkins deutete auf eine halboffene Schublade. Darin lag einiges Tischzeug und ein großer Korkzieher. »Hat Frau Brackenstall gesagt, daß sie diesen Korkzieher benutzt hätten?« »Nein; Sie werden sich erinnern, daß sie in dem Augenblick, als die Flasche aufgemacht wurde, gerade besinnungslos war.« »Ganz recht. In der Tat ist dieser Korkzieher nicht benützt worden. Diese Flasche ist mit einem Taschenpfropfenzieher geöffnet worden, wie man sie an Taschenmessern hat, und er ist höchstens eineinhalb Zoll lang gewesen. Wenn Sie den Pfropfen genauer betrachten, so werden Sie am oberen Ende sehen, daß der Korkzieher dreimal angesetzt worden ist. Der Kork ist nicht ganz durchbohrt worden. Mit dem langen Pfropfenzieher würde er vollständig durchbohrt und auf einen einzigen Zug herausgekommen sein. Wenn Sie den Kunden fangen, werden Sie finden, daß er ein solches Messer bei sich hat.« »Ausgezeichnet!« sagte Hopkins. »Auf jeden Fall, diese Gläser bringen mich in Verlegenheit, machen mich irre; ich kann mir nicht helfen. Die Baronin hat doch die drei Männer wirklich trinken sehen, nicht wahr?« »Jawohl; darüber war sie sich vollkommen klar.« »Dann begreif' ich's nicht. Was soll ich weiter sagen? Und trotzdem müssen Sie doch selbst zugeben, Hopkins, daß es mit den drei Gläsern eine auffallende Sache ist. Wie, Sie bemerken nichts Auffallendes! Gut, dann wollen wir's lassen. Es ist möglich, daß ein Mann mit besonderen Kenntnissen und einer besonderen Beobachtungs- und Kombinationsgabe, wie ich sie besitze, eine verwickeltere Erklärung sucht, wo eine einfachere auf der Hand liegt. Es muß dann eben ein merkwürdiger Zufall sein mit den Gläsern. Also, Guten Morgen, Herr Hopkins. Ich sehe nicht ein, wozu ich Ihnen hier noch nützen sollte, Sie scheinen sich ja über den Fall ganz klar zu sein. Lassen Sie mich wissen, wann Sie den Randall festgenommen haben, und benachrichtigen Sie mich auch von eventuellen sonstigen Entwicklungen. Ich hoffe, Sie bald zu einem erfolgreichen Abschluß beglückwünschen zu können. Komm', Watson, ich, glaube, wir können uns zu Hause nützlicher beschäftigen.« Auf der Rückfahrt konnte ich meinem Freunde anmerken, daß ihm noch irgend etwas, was er beobachtet hatte, Kopfschmerzen machte. Hie und da suchte er gewaltsam diesen Eindruck los zu werden und so über die Angelegenheit zu sprechen, als ob sie ihm klar wäre, dann kamen ihm aber wieder seine Zweifel, und die Falten auf seiner Stirne und sein Blick verrieten, daß seine Gedanken wieder in dem großen Speisezimmer von Abbey Grange waren, in dem sich die mitternächtige Tragödie abgespielt hatte. Endlich, als unser Zug sich an einer Vorortstation gerade wieder in Bewegung setzen wollte, sprang er mit einem Male hinaus auf den Bahnsteig und zog mich hinter sich her. »Entschuldige, mein Lieber,« begann er, als wir die letzten Wagen unseres Zuges an einer Biegung verschwinden sahen; »es tut mir leid, dir mit einer Sache kommen zu müssen, die dir als ein bloßes Hirngespinst von mir erscheinen mag, aber, so wahr ich lebe, Watson, ich kann einfach den Fall nicht in diesem Stadium aufgeben. Mein innerstes Empfinden empört sich dagegen. Es ist falsch – 's ist alles falsch – ich will d'rauf schwören, daß alles falsch ist. Und doch, die Erzählung der Dame war erschöpfend, die Bestätigung und Ergänzung durch die Dienerin ausreichend, es stimmte ganz genau. Was habe ich dem entgegenzusetzen? Weiter nichts als drei Weingläser. Aber, wenn ich die Dinge nicht von vornherein als wahr hingenommen, wenn ich alles mit der Sorgfalt untersucht hätte, die ich an den Tag gelegt haben würde, wenn wir vorurteilslos und ohne die schön zurecht gelegte Erzählung vorher gehört zu haben, an die Sache herangegangen wären, würde ich dann nicht eine festere Grundlage gefunden haben, worauf ich hätte weiter bauen können? Sicher würde ich das getan haben. Setz' dich auf diese Bank, Watson, bis der Zug nach Chislehurst kommt. Ich will dir 'mal die Sache klar legen. Vorher muß ich dich aber bitten, den Glauben aufzugeben, daß das, was das Mädchen und die Herrin ausgesagt haben, unbedingt wahr sein muß. Das reizende Aeußere der Frau darf nicht unsere Urteilskraft beeinträchtigen. »Ihre Erzählung enthält entschieden einzelne Punkte, die uns bei einer kühlen Betrachtung verdächtig vorkommen würden. Die Einbrecher haben vor vierzehn Tagen in Sydenham einen guten Fang gemacht. Die Zeitungen brachten eingehende Beschreibungen von ihnen, die natürlich von jemandem benutzt werden konnten, der eine Geschichte erfinden wollte, worin Einbrecher eine Rolle spielen sollten. Tatsächlich pflegen Diebe, denen eine reichliche Beute in die Hände gefallen ist, das Gestohlene regelmäßig in Ruhe und Frieden zu verzehren, bevor sie auf ein gefährliches neues Unternehmen ausgehen. Auch ist es ungewöhnlich, daß Einbrecher so früh an die Arbeit gehen. Ferner ist es nicht ihre Art, eine Frau zu schlagen, um sie vom Schreien abzuhalten, denn man sollte meinen, das sei das beste Mittel, sie zum Schreien zu veranlassen. Sie ermorden auch kaum jemanden, wenn sie in der Ueberzahl sind und einen einzelnen Mann so überwältigen können, Sie geben sich auch nicht mit einer bescheidenen Beute zufrieden, wenn sie eine viel größere haben können, und endlich möchte ich auch noch sagen, daß solche Leute nicht die Gewohnheit haben, eine Flasche halb leer zu lassen. Was für einen Eindruck machen alle diese Unwahrscheinlichkeiten auf dich, Watson?« »Zusammen üben sie eine beträchtliche Wirkung aus; doch ist jeder einzelne Punkt, für sich allein, durchaus nicht unmöglich. Mir erscheint es am sonderbarsten, daß die Baronin an den Stuhl gebunden war.« »Das will ich nicht gerade sagen, Watson; sie mußten die Frau entweder töten oder sie sonst derartig fest machen, daß sie nicht gleich die Verfolgung veranlassen konnte. Aber auf jeden Fall habe ich doch bewiesen, daß die Geschichte der Frau in mehr als einer Hinsicht unwahrscheinlich klingt; ist das nicht wahr, Watson? Und den Gipfelpunkt bildet der Umstand mit den Weingläsern.« »Was ist denn mit den Weingläsern los?« »Kannst du sie dir noch richtig vorstellen?« »Ganz deutlich.« »Man hat uns gesagt, es hätten drei Männer daraus getrunken. Hältst du das für wahrscheinlich?« »Warum nicht? Es war doch in jedem Wein gewesen.« »Allerdings; aber nur in einem befand sich ein Rückstand. Diese Tatsache ist zu berücksichtigen. Was sagst du dazu?« »Daß in dem Glase, das zuletzt gefüllt wurde, ein Bodensatz ist, ist doch sehr wahrscheinlich.« »Durchaus nicht. In der ganzen Flasche schwammen feste Teilchen umher, und es ist unbegreiflich, daß die beiden ersten Gläser ziemlich rein sind, während das dritte einen ganz dicken Niederschlag enthält. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen, aber auch nur zwei. Die eine ist die, daß, nachdem das zweite Glas eingeschenkt war, die Flasche stark geschüttelt worden ist und dadurch das dritte Glas sehr viel mehr abbekommen hat. Das ist nicht gut anzunehmen. Nein, nein; meine Vermutung ist sicher richtig.« »Was vermutest du denn?« »Daß nur zwei Gläser benutzt worden sind, und daß der Satz aus diesen beiden in ein drittes gegossen worden ist, um den Anschein zu erwecken, daß drei Menschen dagewesen waren. Auf diese Weise würde das Ganze in das letzte Glas gekommen sein, nicht wahr? Ja, ich bin überzeugt, so ist's. Wenn sich aber dieser nebensächliche Umstand so verhält, wie ich bestimmt glaube, dann wird der Fall augenblicklich von einem gewöhnlichen zu einem außerordentlich merkwürdigen, denn dann haben Frau Brackenstall und ihre Zofe absichtlich die Unwahrheit gesagt, und wir können ihnen ihre ganze Erzählung nicht mehr glauben; sie müssen dann sehr gewichtige Gründe haben, den wirklichen Verbrecher zu verheimlichen, und wir müssen dann ohne ihre Hilfe den Fall von vorne und für uns allein zu ergründen suchen. Diese Aufgabe haben wir jetzt vor uns, Watson, und hier kommt der Chislehurster Zug.« In Abbey Grange war man über unsere Rückkehr sehr überrascht. Aber Holmes nahm, als er sah, daß Hopkins ins Hauptpolizeiamt gegangen war, um Bericht zu erstatten, einfach von dem Eßzimmer Besitz, schloß die Tür von innen ab und verbrachte gegen zwei Stunden mit einer jener genauen und anstrengenden Untersuchungen, welche die feste Basis bildeten, worauf er seine glänzenden Beweisführungen gründete. Ich saß in einer Ecke und verfolgte wie ein aufmerksamer Student jeden Schritt dieser merkwürdigen Prüfung. Das Fenster, die Vorhänge, der Teppich, der Stuhl, der Strick – jedes Ding wurde wiederholt peinlich untersucht und alles genau erwogen. Die Leiche des unglücklichen Barons war fortgeschafft, aber sonst lag und stand noch alles, wie wir's am Vormittag vorgefunden hatten. Dann kletterte Holmes zu meiner Ueberraschung auf das Kaminsims. Hoch über seinem Kopf hing das nur wenige Zoll lange rote Strickende. Er blickte lange Zeit hinauf, endlich stützte er sich, um näher daran zu kommen, mit dem Knie auf einen Querbalken an der Wand. Dadurch konnte er bis auf ein paar Zoll an das übriggebliebene Stück Schnur mit der Hand hinanreichen, aber dieses selbst schien seine Aufmerksamkeit weniger zu fesseln als der Querbalken selbst. Endlich sprang er mit einem Ausruf der Befriedigung herunter. »Es ist schon recht, Watson,« sagte er. »Wir haben unseren Fall schon aufgeklärt – es ist einer der eigenartigsten in unserer Sammlung. Aber, wahrhaftig, wie wenig gewitzigt bin ich doch vorhin gewesen, und wie leicht hätte ich nicht den gröbsten Schnitzer gemacht in meinem ganzen Leben! Nun denke ich, daß meine Kette, abgesehen von wenigen fehlenden Gliedern, beinahe vollständig ist.« »Du weißt, wer die Mörder sind?« » Der Mörder. Watson, der Mörder. Es ist nur einer, aber ein fürchterlicher Kerl. Stark wie ein Löwe – das bezeugt der Schlag, der den Ofenhaken krumm gebogen hat; sechs Fuß drei Zoll hoch, gewandt wie ein Eichhörnchen, von großer Fingerfertigkeit, und auch nicht auf den Kopf gefallen, denn diese ganze Geschichte hat er ersonnen. Jawohl, Watson, wir sind der Arbeit eines ganz besonderen Verbrechers auf die Spur gekommen. Und doch hat er uns in diesem Klingelzug eine Fährte hinterlassen, die uns über alle Zweifel hätte erheben müssen.« »Worin besteht diese Fährte?« »Wenn du eine solche Schnur abreißen wolltest, Watson, wo würdest du erwarten, daß sie abreiße? Entschieden an der Stelle, wo sie an der Leitung befestigt ist. Warum sollte sie drei Zoll darunter abreißen, wie es hier geschehen ist?« »Weil sie dort abgescheuert und dünner ist?« »Sehr richtig. Das Ende, welches wir nachsehen können, ist abgerieben. Das hat er schlauerweise mit dem Messer gemacht. Aber das entsprechende andere ist nicht abgenutzt. Du konntest es von hier aus nicht sehen, wenn du aber auf dem Kaminsims ständest, würdest du bemerken, daß es glatt mit dem Messer abgeschnitten ist. Daraus ergibt sich folgendes. Der Mann brauchte den Strick. Er wollte ihn nicht abreißen, aus Furcht, daß das Klingeln zu starken Lärm machen würde. Was tat er? Er sprang auf das Ofensims, konnte aber nicht ganz hinaufreichen, er stemmte sein Knie an den Querbalken – der Eindruck ist noch im Staub zu sehen – nahm das Messer heraus und schnitt das Seil durch. Ich konnte nur bis auf drei Zoll daran gelangen, woraus ich entnehme, daß er wenigstens drei Zoll größer ist als ich. Schau' den Flecken auf dem Stuhl da! Was ist das?« »Blut.« »Zweifellos ist's Blut. Das allein macht die Aussage der Baronin unglaubhaft. Wenn sie, als das Verbrechen begangen wurde, auf dem Stuhl gesessen hätte, wie könnte denn dieser Blutflecken drauf sein? Nein, nein; sie wurde erst draufgebunden, als ihr Mann schon ermordet war. Ich möchte wetten, daß das schwarze Kleid einen entsprechenden Flecken aufweist. Ich würde jetzt gerne ein paar Worte mit dieser Theresa sprechen. Wir müssen aber vorsichtig zu Werke gehen, um die nötige Information zu bekommen.« Sie war eine interessante Person, diese kalte australische Amme, schweigsam, argwöhnisch, unfreundlich. Es dauerte längere Zeit, ehe sie meines Freundes Liebenswürdigkeit und Freimütigkeit erwiderte. Sie versuchte ihren Haß gegen ihren ermordeten Herrn in keiner Weise zu verbergen. »Ja, mein Herr, es ist wahr, daß er den Leuchter nach mir geworfen hat. Ich hörte, wie er meiner Herrin ein Schimpfwort zurief, und ich sagte ihm, daß er in Gegenwart ihres Bruders nicht so zu sprechen wagen würde. Darauf schleuderte er mir den Leuchter an den Kopf. Mir hätte er ja ein Dutzend ins Gesicht werfen können, wenn er nur mein gutes Kind in Ruhe gelassen hätte. Er hat sie immer schlecht behandelt, und sie war zu stolz, um zu klagen. Sie will mir noch nicht 'mal alles sagen, was er ihr für Leid angetan hat. Die Flecken, die Sie heute morgen bemerkten, kannte ich nicht, aber ich weiß sehr wohl, daß sie von einer Hutnadel sind. Der elende Kerl – Gott verzeih' mir's, daß ich nach seinem Tode so von ihm spreche, aber er war einer der schlechtesten Kerle, die's je gegeben hat. Er zerfloß vor Süßigkeit, als wir ihn vor achtzehn Monaten zum erstenmal kennen lernten, aber sie kommen uns jetzt wie achtzehn Jahre vor. Sie war gerade in London angekommen – vorher war sie nie von Hause weg gewesen. Er gewann sie durch seinen Titel und sein Geld und durch seine Falschheit. Wenn sie eine Schuld dabei trifft, so hat sie die so schwer gesühnt wie nur je eine Frau. In welchem Monat trafen wir ihn? Richtig, ich erwähnte ja bereits, daß es gleich nach unserer Ankunft in London war. Wir kamen im Juni an, es war also im Juli. Im Januar vorigen Jahres war die Hochzeit. Jawohl, sie ist unten in ihrem Zimmer, und ich glaube sicher, daß sie Sie empfangen wird, aber Sie dürfen sie nicht zuviel fragen, denn sie hat Dinge erlebt, die einem das Herz im Leibe erschüttern.« Die Baronin Brackenstall lag noch ebenso da wie am Morgen, nur ihre Augen waren wieder heller und lebhafter. Die Dienerin war mit uns eingetreten und begann wieder, die Wunde an ihrer Herrin Stirn zu kühlen. »Ich hoffe,« sagte sie, »daß Sie nicht gekommen sind, ein zweites Verhör mit mir anzustellen?« »Nein,« antwortete Holmes sehr sanft, »ich will Sie durchaus nicht unnötig belästigen, gnädige Frau, ich will Sie im Gegenteil beruhigen, denn ich weiß, daß Sie viel durchgemacht haben. Wenn Sie mich als Freund behandeln und mir Vertrauen schenken wollen, werden Sie sehen, daß Sie sich in mir nicht getäuscht haben.« »Was wünschen Sie, daß ich tun soll?« »Mir die Wahrheit sagen.« »Herr Holmes!« »Gnädige Frau! Es hilft Ihnen nichts. Sie haben vielleicht von meinem kleinen Ruf gehört. Ich setze ihn ganz zum Pfand, daß Ihre ganze Geschichte eitel Mache ist.« Herrin und Dienerin starrten Holmes starr und erschrocken an. »Sie unverschämter Mensch!« schrie Theresa. »Meinen Sie damit, daß meine Herrin Lügen erzählt hat?« Holmes stand von seinem Stuhl auf. »Haben Sie mir weiter nichts mitzuteilen?« »Ich habe Ihnen alles gesagt.« »Ueberlegen Sie sich's noch 'mal, gnädige Frau. Sollte es nicht besser sein, wenn Sie offen wären?« Sie besann sich einen Moment und zögerte, dann verzog sie eigensinnig ihr schönes Gesicht und sagte: »Ich habe Ihnen alles mitgeteilt, was ich weiß.« Holmes nahm den Hut und zuckte die Schultern. »Es tut mir leid,« sagte er, und ohne ein weiteres Wort verließen wir das Zimmer und das Haus. Im Park war ein Teich. Mein Freund lenkte seine Schritte darauf zu. Er war mit einer Eisdecke überzogen, nur für einen einsamen Schwan war eine freie Stelle gelassen. Holmes blickte hinein und ging dann weiter dem Tore zu. Hier schrieb er eine kurze Notiz für Hopkins und gab den Zettel dem Pförtner. »Es mag nun zum Guten oder zum Bösen ausschlagen,« sagte er dann zu mir, »aber einen Wink müssen wir unserem Freunde Hopkins schon geben, wir müssen unseren zweiten Besuch wenigstens rechtfertigen. Ich will ihn noch nicht ganz ins Vertrauen ziehen. Ich glaube, zunächst müssen wir uns nun nach dem Bureau der Adelaide-Southampton-Linie begeben, das sich, wenn ich mich recht erinnere, am Ende der Pall Mall-Straße befindet. Es gibt noch eine zweite Dampferverbindung zwischen Südaustralien und England, aber wir wollen erst zu der größeren gehen.« Als Holmes seine Karte abgegeben hatte, stellte sich uns der Geschäftsführer sofort zur Verfügung und gab uns bereitwilligst die verlangte Auskunft. Im Jahre 1895 war nur ein einziger Dampfer der Gesellschaft in London angekommen, der »Gibraltar«, ihr größtes und bestes Schiff. Die Passagierliste ergab, daß Fräulein Fraser aus Adelaide und ihre Dienerin die Reise darauf gemacht hatten. Das Schiff war jetzt auf der Ausreise nach Australien, südlich von Suez. Die Offiziere waren die nämlichen wie 1895, nur der erste Offizier, Herr Jack Croker, war zum Kapitän befördert worden und sollte einen neuen Dampfer, den »Baß Rock«, übernehmen, der in zwei Tagen von Southampton abfahren sollte. Der Kapitän Croker wohne in Sydenham, würde aber wahrscheinlich heute vormittag hierher kommen, um seine Anweisungen für die Reise in Empfang zu nehmen; wenn wir wollten, könnten wir auf ihn warten. Nein; Herr Holmes brauchte ihn nicht zu sprechen, er würde nur gerne etwas über seine Vergangenheit und seinen Charakter hören. Die Gesellschaft stellte ihm ein glänzendes Zeugnis aus. In der ganzen Handelsflotte reiche kein zweiter Offizier an ihn heran. Als Mensch sei er sehr pflichtgetreu, an Bord ein strenger, energischer Mann, hitzig und leicht erregbar, aber im übrigen ein ehrenwerter und gutmütiger Charakter. Mit dieser Information verließ Holmes das Bureau der Adelaide-Southampton-Compagnie. Von hier fuhr er nach Scotland Yard, aber er ging nicht hinein, sondern blieb mit gefalteter Stirne und tief in Gedanken versunken im Wagen sitzen. Schließlich fuhr er nach dem Telegraphenamt in Charing Croß, gab eine Depesche auf, und danach begaben wir uns wieder nach der Bakerstraße. »Nein, ich konnte es nicht über mich gewinnen, Watson,« sagte er, als wir in unser Zimmer getreten waren. »Wenn der Befehl einmal ergangen war, konnte ihn kein Mensch auf der Welt mehr retten. Ich fühle, daß ich ein- oder zweimal in meiner Laufbahn durch meine Entdeckung mehr Unglück gestiftet habe, als der Verbrecher durch sein Verbrechen angerichtet hatte. Ich bin daher vorsichtig geworden, und ich will lieber den englischen Gesetzen ein Schnippchen schlagen als mein Gewissen beunruhigen. Wir wollen noch etwas mehr in Erfahrung zu bringen suchen, ehe wir handeln.« Vor Eintritt der Nacht besuchte uns Inspektor Hopkins. Die Dinge nahmen keinen sehr günstigen Verlauf für ihn. »Ich glaube, Sie sind ein Hexenmeister, Herr Holmes. Ich denke zuweilen wirklich, daß Sie übermenschliche Kräfte besitzen. Wie in aller Welt konnten Sie jetzt wieder wissen, daß die gestohlenen Silbersachen dort in jenem Teich lagen?« »Ich wußte es nicht.« »Aber Sie rieten mir, einmal dort nachzusehen.« »Haben Sie sie denn gefunden?« »Allerdings waren sie dort.« »Es freut mich, wenn ich Ihnen geholfen habe.« »Aber Sie haben mir damit nicht geholfen. Sie haben die Sache nur viel schwieriger gemacht. Was müssen das für sonderbare Einbrecher sein, die Silber stehlen und es dann in den nächsten Teich werfen?« »Das ist allerdings ziemlich merkwürdig. Ich hatte nur den Gedanken, daß, falls solche Leute das Silberzeug weggenommen hätten, die es nicht brauchten, die es nur zum Schein gestohlen hätten, sie's natürlich möglichst schnell wieder los sein möchten.« »Aber wie kamen Sie auf einen solchen Gedanken?« »Nun, ich hielt es nicht für ausgeschlossen. Als sie durch das französische Fenster wieder ins Freie traten, lag ihnen der zugefrorene Teich mit der einzigen eisfreien Stelle ja gerade vor der Nase. Konnten sie sich einen besseren Platz zum Verstecken der Beute wünschen?« »Aha, ein Versteck – das klingt schon glaubwürdiger!« rief Hopkins. »Ja, ja, jetzt begreife ich die Sache vollkommen! Es war noch früh, es waren noch Leute auf den Wegen, sie fürchteten, mit dem Silber gesehen zu werden, und beabsichtigten, es abzuholen, wenn's sicherer wäre. Großartig! Das ist 'ne bessere Idee, Herr Holmes, als die, daß sie's nur auf 'ne Irreführung der Polizei abgesehen hätten.« »Ganz recht so; Sie haben eine wunderbare Theorie. Zweifelsohne hatte ich nur ganz verschwommene Vorstellungen, aber immerhin müssen Sie zugeben, daß sie zur Entdeckung des Silberzeugs geführt haben.« »Gewiß, Herr Holmes, natürlich. Es war nur Ihr Werk. Aber ich habe einen gehörigen Dämpfer bekommen.« »Einen Dämpfer?« »Jawohl, Herr Holmes. Die Randalls sind heute morgen in New York festgenommen worden.« »Teufel auch, Hopkins! Das spricht allerdings ziemlich deutlich gegen Ihre Annahme, daß sie vergangene Nacht in Kent einen Mord begangen haben sollen.« »Das ist fatal, Herr Holmes, sehr fatal. Doch es gibt außer den Randalls auch noch andere Diebesbanden von drei Mann, vielleicht ist es auch eine neue Bande, von der die Polizei noch gar nichts gehört hat.« »Gewiß; das ist leicht möglich. Was gedenken Sie nun zu tun?« »Ja, Herr Holmes; ich werde nicht eher ruhen, bis ich dieser Sache auf den Grund gekommen bin. Sie können mir wohl keinen Wink geben?« »Ich habe Ihnen ja einen gegeben.« »Was denn für einen?« »Nun, ich spielte auf eine Täuschung an.« »Aber wieso, Herr Holmes, wozu?« »Ja, das ist natürlich die Frage. Aber ich kann Ihnen nur empfehlen, auf diese Anregung näher einzugehen. Vielleicht finden Sie doch, daß sie nicht so ganz ohne ist. Wollen Sie nicht zum Essen hier bleiben? Nein? Dann Guten Abend, und lassen Sie uns Nachricht zukommen, wie's weiter geht.« Wir waren mit der Abendmahlzeit fertig, und der Tisch war abgeräumt, bevor Holmes wieder auf die Angelegenheit zu sprechen kam. Er hatte seine Pfeife angezündet, die Schuhe ausgezogen und erfreute sich an dem prasselnden Feuer im Kamin. Plötzlich, sah er nach der Uhr. »Ich erwarte Enthüllungen, Watson.« »Wann?« »Nun – innerhalb der nächsten Minuten. Ich glaube, du dachtest, ich handelte eben nicht schön an Hopkins?« »Ich vertraue deinem Urteil.« »Das ist sehr verständig, Watson. Du mußt folgendes beachten: was ich weiß, ist nicht amtlich; was er weiß, ist amtlich. Ich kann tun und lassen, was ich will; er nicht. Er muß alles anzeigen, oder er vergeht sich gegen seine Stellung. In diesem Falle wollte ich ihn nicht in Verlegenheit bringen, deshalb behalte ich mein Wissen für mich und warte, bis ich selbst ganz im klaren bin.« »Aber wann wird das sein?« »Die Zeit ist schon da. Du wirst jetzt der letzten Szene dieses kleinen Dramas beiwohnen.« Ich hörte eine Stimme draußen, die Zimmertür tat sich auf und herein trat eine so stattliche Erscheinung von einem Manne, wie selten einer unsere Schwelle überschritten hatte. Es war ein sehr großer jüngerer Herr mit goldblondem Schnurrbart, blauen Augen und einer Gesichtsfarbe, welche die Spuren der tropischen Sonne erkennen ließ. Er hatte einen elastischen Schritt, der zeigte, daß sein mächtiger Körper ebenso gewandt wie kräftig war. Er machte die Türe hinter sich zu und blieb mit geballten Fäusten und heftig auf- und abgehender Brust vor uns stehen; er kämpfte offenbar eine gewaltige Erregung nieder. »Setzen Sie sich, Herr Kapitän. Sie haben mein Telegramm erhalten?« Unser Besucher ließ sich in einen Lehnstuhl niedersinken und sah uns nacheinander fragend an. »Ich habe Ihre Depesche empfangen und bin um die angegebene Stunde hierher gekommen. Ich habe gehört, daß Sie drunten im Bureau gewesen sind. Da gab's kein Entrinnen mehr. Sagen Sie nur gleich, was Sie mit mir machen wollen, und wenn's auch das Schlimmste ist. Wollen Sie mich verhaften? Reden Sie, Mann! Sie können nicht da sitzen und mit mir spielen wie die Katze mit der Maus.« »Gib ihm 'ne Zigarre,« sagte Holmes. »Rauchen Sie, Herr Kapitän, und lassen Sie Ihre Nerven nicht mit sich durchgehen. Ich würde nicht so gemütlich hier meine Pfeife schmauchen, wenn ich Sie für einen gewöhnlichen Verbrecher hielte, dess' können Sie versichert sein. Seien Sie offen und frei gegen mich, dann werden wir's schon zu einem guten Ende bringen. Machen Sie aber Geschichten, dann vernichte ich Sie.« »Was verlangen Sie von mir?« »Einen wahren Bericht über die Vorgänge der letzten Nacht in Abbey Grange – einen wahren Bericht, wohlverstanden, ohne etwas hinzuzusetzen oder wegzulassen. Ich weiß schon soviel, daß, wenn Sie auch nur zollbreit von der Wahrheit abweichen, ich mit dieser Pfeife zum Fenster hinaus der Polizei ein Zeichen geben werde, wodurch die Sache dann für immer aus meiner Hand genommen sein wird.« Der Seemann besann sich eine Weile. Dann schlug er sich mit seiner sonnengebräunten Hand auf den Schenkel. »Ich werd's versuchen,« rief er aus. »Ich halte Sie für einen Mann von Wort, für einen anständigen Mann. Ich will Ihnen den ganzen Hergang der Sache erzählen. Aber eins will ich Ihnen gleich zuerst sagen. Was mich anbelangt, ich bedaure nichts und fürchte nichts, und ich würd's noch 'mal machen und stolz darauf sein. Dieser verdammte Schurke, und wenn er so viele Köpfe hätte wie die Hydra, ich würde sie ihm alle einschlagen! Aber die Frau, Mary – Mary Fraser – denn ich will sie nie bei diesem verfluchten Mannsnamen nennen. Wenn ich daran denke, daß ich sie in Unannehmlichkeiten bringen sollte, ich, der sein Leben hingeben würde, um ihrem teueren Gesicht ein Lächeln abzunötigen, das macht mich weich und traurig. Und doch – und doch – was könnte ich dagegen tun? Ich will Ihnen die Geschichte erzählen, meine Herren, und Sie dann fragen, Mann gegen Mann, was ich hätte tun sollen. »Ich muß etwas weit ausholen. Sie scheinen von allem unterrichtet zu sein, dann werden Sie wahrscheinlich auch wissen, daß sie als Reisende an Bord des »Gibraltar« war, dessen erster Offizier ich war. Vom ersten Tag an, als ich sie kennen lernte, existierten die anderen Damen für mich nicht mehr. Ich habe sie alle Tage während der Reise lieber gewonnen und manche Nacht auf den Knien gelegen und das Deck des Schiffes geküßt, das ihr teurer Fuß betreten hatte. Sie war nicht mit mir verlobt. Sie behandelte mich so artig, wie ein Weib einen Mann nur behandeln kann. Ich klage nicht. Die Liebe war nur auf meiner Seite, auf ihrer war's nur Kameradschaft und Freundschaft. Als wir uns trennten, war sie ein freies Weib, aber ich, war kein freier Mann mehr. »Als ich das nächstemal von der Reise zurückkam, hörte ich von ihrer Verheiratung. Gut, warum sollte sie nicht nehmen, wen sie wollte? Sie war zu allem Schönen und Feinen geboren. Ich nahm ihr's nicht übel. Ich war nicht so'n selbstsüchtiger Schuft. Ich freute mich vielmehr, daß sie Glück gehabt und ihr Ziel erreicht hatte, und daß sie sich nicht an einen armen Seemann weggeworfen hatte. So liebte ich Mary Fraser. »Nun, ich dachte nicht, daß ich sie je wiedersehen würde; aber nach der letzten Fahrt wurde ich befördert, und das neue Schiff war noch nicht vom Stapel gelassen; ich mußte also ein paar Monate mit meinen Leuten in Sydenham warten. Eines Tages traf ich draußen auf einem Feldweg Theresa Wright, ihre alte Magd. Sie erzählte mir von ihr, von ihm, von allem. Ich kann Ihnen sagen, meine Herren, es brachte mich bald von Sinnen. Dieser versoffene Kerl, der sollte es wagen, die Hand gegen sie zu erheben, der er nicht würdig war, die Schuhriemen zu lösen! Ich traf Theresa wieder. Dann traf ich Mary selbst – und traf sie noch einmal. Dann wollte sie nicht mehr mit mir zusammenkommen. Aber neulich bekam ich die Nachricht, daß ich in einer Woche auslaufen müßte, und ich beschloß daher, sie vorher noch 'mal aufzusuchen. Theresa war mir immer zugetan gewesen, denn sie liebte Mary und haßte diesen Schuft fast ebenso sehr wie ich. Von ihr erfuhr ich die Gepflogenheiten des Hauses. Mary pflegte aufzubleiben und unten in ihrem Zimmer zu lesen. Ich schlich mich die vergangene Nacht heran und klopfte leise ans Fenster. Erst wollte sie mir nicht öffnen, aber daß sie mich jetzt herzlich liebt, weiß ich, und sie konnte mich nicht in der Frostnacht draußen stehen lassen. Sie flüsterte mir zu, an das große Fenster an der anderen Seite zu kommen, und ich fand es offen, um ins Speisezimmer zu treten. Wieder hörte ich von ihren eigenen Lippen Dinge, die mir das Blut in den Adern stocken ließen, und ich verwünschte diesen Unmenschen, der das Weib mißhandelte, das ich liebte. Ich stand gerade mit ihr am Fenster, in aller Unschuld, der Himmel soll mein Zeuge sein, als er wie ein Wahnsinniger ins Zimmer stürzte, die häßlichsten Schimpfreden gegen sie ausstieß, die ein Mann einem Weibe gegenüber nur anwenden kann, und sie mit dem Knüppel, den er in der Hand hielt, ins Gesicht schlug. Ich hatte den Ofenhaken aufgehoben, und es war ein schöner Kampf zwischen uns. Sehen Sie hier auf meinen Arm, wo mich sein erster Schlag traf. Dann kam ich an die Reihe. Ich hieb auf ihn los wie auf einen verfaulten Kürbis. Glauben Sie, daß es mir leid tat? Durchaus nicht! Es handelte sich darum, ob er am Leben bleiben sollte oder ich, aber noch mehr darum, ob er am Leben bleiben sollte oder sie , denn wie hätte ich sie in der Gewalt dieses Wahnsinnigen lassen können? So ist er von mir getötet worden. Hatte ich unrecht? Was würde jeder von Ihnen getan haben, meine Herren, wenn Sie an meiner Stelle gewesen wären? »Sie hatte geschrien, als er sie geschlagen hatte, und dadurch kam die alte Theresa von oben 'runter. Auf dem Anrichtetisch an der Seite stand eine Flasche Wein, ich machte sie auf und goß etwas davon auf Marys Lippen, denn sie war halbtot vor Schrecken. Dann nahm ich selbst einen Schluck. Theresa war so kalt wie Eis, es war ja ebenso gut ihr Anschlag wie meiner. Wir mußten den Anschein erwecken, als ob's Einbrecher getan hätten. Theresa wiederholte unsere Geschichte ihrer Herrin immer wieder, während ich mich hinaufschwang und den Klingelzug abschnitt. Dann band ich sie auf dem Stuhl fest und franste das Ende des ›Taues‹ etwas aus, damit es natürlich, d. h. wie abgerissen aussehen sollte, weil man sich sonst wundern würde, wie ein Dieb hätte dort hinauf kommen können, um es abzuschneiden. Darauf suchte ich ein Paar silberne Schalen und Teller zusammen, um den Gedanken an einen Einbruch nahezulegen, und dann verließ ich die beiden mit dem Befehl, wenn ich eine Viertelstunde fort wäre, Lärm zu machen. Ich versenkte die Sachen im Teich und machte mich in der Richtung nach Sydenham aus dem Staube; ich hatte das Gefühl, daß ich wenigstens einmal in meinem Leben eine wahrhaft gute Nachtarbeit geleistet hätte. Das ist die Wahrheit, die volle Wahrheit, Herr Holmes, und wenn's den Kopf kostet.« Holmes rauchte eine Zeitlang, ohne ein Wort zu äußern. Dann stand er auf, ging auf unseren Besucher zu und schüttelte ihm die Hand. »Das ist meine Meinung auch,« sagte er zu ihm. »Ich weiß, daß jedes Wort wahr ist, denn Sie haben kaum ein Wort gesagt, das ich nicht wußte. Niemand außer einem Akrobaten oder einem Seemann konnte an den Klingelzug dort oben kommen, und auch nur ein Seemann konnte die Knoten gemacht haben, mit denen das Seil am Stuhl befestigt war. Die Dame war nur ein einzigesmal im Leben mit Seeleuten in Berührung gekommen, das war auf ihrer Reise gewesen, und der Täter mußte ihrer eigenen Gesellschaftsklasse angehören, weil sie ihn hartnäckig zu decken suchte und dadurch ihre Liebe verriet. Sie sehen, wie leicht es für mich war, Sie ausfindig zu machen, nachdem ich einmal die Sache richtig angefaßt hatte.« »Ich glaubte, die Polizei würde niemals hinter unsere Schliche kommen.« »Die Polizei ist ja auch nicht dahinter gekommen und wird's auch nie, wie ich sicher glaube. Aber sehen Sie, Kapitän Croker, es ist eine sehr ernste Sache, wenn ich auch gerne zugebe, daß Sie so stark gereizt waren, wie ein Mann nur gereizt sein kann. Ich weiß nicht genau, ob Ihre Tat als Notwehr angesehen werden würde. Doch das ist vom Gericht zu entscheiden. Auf alle Fälle habe ich soviel Sympathie mit Ihnen, daß, wenn Sie innerhalb vierundzwanzig Stunden verschwinden wollen, Sie niemand daran hindern soll, das verspreche ich Ihnen.« »Und dann soll alles an den Tag kommen?« »Gewiß wird's bekannt werden.« Der Kapitän wurde rot vor Wut. »Was ist das für ein Vorschlag für einen Mann? Ich verstehe soviel vom Gesetz, um zu wissen, daß Mary der Beihilfe angeklagt werden würde. Glauben Sie von mir, daß ich sie allein hier im Gefängnis schmachten lassen würde, während ich mich dünn machte? Nein; sie mögen mit mir machen, was sie wollen, aber ums Himmels willen, Herr Holmes, finden Sie einen Ausweg, daß meine arme Mary nichts mit dem Gericht zu tun bekommt.« Holmes schüttelte zum zweiten Male dem Seemann die Hand. »Ich wollte Sie nur prüfen; aber Sie bleiben stets wahr. Ich nehme zwar eine große Verantwortung auf mich, doch ich habe Hopkins ja einen guten Wink gegeben, wenn er ihn nun nicht auszunützen versteht, kann ich ihm weiter nicht helfen. Nun, Herr Kapitän, um der Form des Gesetzes zu genügen, wollen wir folgendes tun. Sie sind der Angeklagte. Watson, du bist ein britischer Geschworener, und ich kann mir übrigens keine passendere Persönlichkeit zu dieser Würde vorstellen. Ich selbst werde den Richter spielen. Nun, Herr Geschworener, Sie kennen die Beweisaufnahme. Halten Sie den Angeklagten für schuldig oder nichtschuldig?« »Nicht schuldig!« lautete mein Wahrspruch. »Des Volkes Stimme, Gottes Stimme! Sie sind freigesprochen, Kapitän Croker. So lange das Gesetz in der Sache kein unschuldiges Opfer verurteilt, haben Sie von mir aus nichts zu befürchten. Kehren Sie in einem Jahre zu dieser Dame zurück, und möge uns Ihre beiderseitige Zukunft beweisen, daß wir heute abend ein gutes und wahres Urteil gefällt haben.« Der zweite Blutflecken. Ich hatte die Absicht, mit dem »Mord in Abbey Grange« meine Veröffentlichung der Taten meines Freundes Sherlock Holmes endgültig zu beschließen. Dieser Entschluß entsprang nicht etwa dem Mangel an Stoff, denn ich habe noch Hunderte von Fällen in meinem Tagebuch aufnotiert, die ich noch nicht benutzt habe. Auch das Schwinden des Interesses auf seiten meiner Leser hat mich nicht dazu veranlaßt, denn die eigenartige Persönlichkeit und die einzigartigen Methoden dieses merkwürdigen Mannes üben immer wieder neuen Reiz auf den Leser aus. Der wirkliche Grund war das Aergernis, das Holmes selbst an dieser fortgesetzten Veröffentlichung nahm. So lange er seinen Beruf noch praktisch ausübte, war ihm die Bekanntgebung seiner Erfolge noch einigermaßen wertvoll; seitdem er sich aber definitiv von London zurückgezogen und sich in den freundlichen Niederungen von Sussex dem Studium und der Bienenzucht gewidmet hat, ist es ihm widerwärtig, noch bekannter zu werden, und er hat mich streng gebeten, seinen diesbezüglichen Wünschen ein für allemal entgegenzukommen. Erst auf meine dringende Vorstellung, daß ich einem mir bekannten Vertreter einer europäischen Großmacht das Versprechen gegeben hätte, die Geschichte von dem zweiten Blutflecken zu veröffentlichen, wann die Umstände es erlaubten, und auf meinen Hinweis, daß die lange Reihe von Erzählungen in diesem wichtigsten internationalen Fall, der ihm je übertragen sei, ihren Gipfelpunkt finden müsse, gelang es mir endlich, seine Einwilligung zu erhalten, daß ich zum Schluß diesen sehr sorgfältig durchgesehenen Aufsatz dem Publikum vorlegen darf. Wenn jemand hie und da einzelne Angaben zu unbestimmt finden sollte, so möge er dabei bedenken, daß ich zu meiner Zurückhaltung gewichtige Gründe habe. * Es war also in einem gewissen Jahre und in einem gewissen Jahrzehnt, als sich eines Dienstagmorgens zwei Besucher von europäischem Ruf in unserem bescheidenen Heim in der Bakerstraße einfanden. Der eine, ein stolzer Mann mit vorstehender, gebogener Nase und Adleraugen, war kein anderer als der berühmte Lord Bellinger, der Premierminister von Großbritannien. Der andere, ein eleganter, dunkeler Herr in kaum mittleren Jahren, war der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Trelawney Hope, ein aufgehender Stern am politischen Himmel Europas. Sie saßen nebeneinander auf unserem Sofa, und man konnte ihnen von ihren erregten und bekümmerten Gesichtern ablesen, daß sie ein sehr dringendes Geschäft zu uns führte. Der Premier hatte seine dünnen, blaugeäderten Hände auf den Elfenbeingriff seines Regenschirms gelegt, und sein mageres, asketisches Gesicht blickte düster bald auf Holmes, bald auf mich. Der Sekretär drehte nervös an seinem Schnurrbart und spielte mit der anderen Hand aufgeregt an dem Behang seiner Uhrkette. »Als ich heute morgen meinen Verlust entdeckte, Herr Holmes, – es war um acht Uhr, – setzte ich sofort den Premierminister davon in Kenntnis. Auf sein Anraten sind wir beide zu Ihnen gekommen.« »Haben Sie die Polizei benachrichtigt?« »Nein,« antwortete der Premierminister in seiner raschen, entschiedenen Weise. »Das haben wir nicht getan und können es auch unmöglich tun. Die Polizei benachrichtigen, läuft am Ende darauf hinaus, das Publikum zu benachrichtigen. Und das wollten wir in erster Linie gerade vermeiden.« »Und warum?« »Weil das fragliche Schriftstück von so ungeheuerer Bedeutung ist, daß sein Bekanntwerden sehr leicht – ich möchte fast sagen, sehr wahrscheinlich – die schwierigsten europäischen Verwickelungen zur Folge haben könnte. Es ist nicht zu viel gesagt, daß Krieg oder Frieden von dem Ausgang der Angelegenheit abhängen. Wenn seine Wiederbeschaffung nicht vollkommen geheim geschehen kann, braucht es ebensogut überhaupt nicht wiedergefunden zu werden, denn die Diebe verfolgen auch nur den Zweck, seinen Inhalt in die große Öffentlichkeit zu bringen.« »Ich verstehe. Nun, Herr Staatssekretär, ich würde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie mir genau angeben wollten, unter welchen Umständen dieses Dokument verschwunden ist.« »Das kann ich Ihnen in wenigen Worten mitteilen, Herr Holmes. Der Brief – es war nämlich ein Brief von einem fremden Potentaten – traf vor sechs Tagen bei uns ein. Er war von derartiger Bedeutung, daß ich ihn nie in meinem Bureauschrank liegen ließ, sondern allabendlich in meine Privatwohnung in Whitehall Terrace mitnahm und ihn in meinem Schlafzimmer in meinem verschließbaren Briefbehälter aufbewahrte. Er war auch vergangene Nacht darin. Das weiß ich bestimmt. Ich schloß erst, während ich mich zum Essen umkleidete, das Kästchen auf und sah das Schriftstück noch d'rin. Heute morgen war es fort. Das Kästchen hatte die ganze Nacht auf meinem Toilettetisch gestanden. Ich schlafe sehr leicht und meine Frau gleichfalls. Wir können beide beschwören, daß während der Nacht kein Mensch ins Zimmer gekommen sein kann. Und doch fehlt der Brief.« »Um wieviel Uhr speisten Sie?« »Um halb acht Uhr.« »Wann gingen Sie zu Bett?« »Meine Frau war im Theater. Ich wartete auf sie. Es war halb zwölf, als wir uns ins Schlafzimmer zurückzogen.« »Dann hatte der Kasten mit dem Brief also vier Stunden unbewacht dort gestanden?« »Es ist aber keinem Menschen gestattet, dieses Zimmer zu betreten, außer des Morgens dem Zimmermädchen und meinem Diener und der Zofe meiner Frau. Es sind lauter zuverlässige Leute, die schon lange im Hause sind. Außerdem konnte keines von ihnen wissen, daß sich etwas Wertvolleres als die gewöhnlichen geschäftlichen Schreiben in dem Kästchen befand.« »Wer kannte das Vorhandensein dieses Briefes?« »Niemand im Hause.« »Ihre Gattin wußte es doch wohl?« »Auch nicht; ich hatte meiner Frau nichts davon gesagt, erst heute früh habe ich ihr den Verlust mitgeteilt.« Der Premier nickte zustimmend mit dem Kopf. »Ich habe stets gewußt, wie hoch Sie Ihre amtlichen Pflichten einschätzen,« sagte er. »Ich bin überzeugt, daß sie Ihnen, wenn es sich um ein geheimes Aktenstück von solcher Wichtigkeit handelt, über Ihre Familienbande gehen.« Der Sekretär verneigte sich tief. »Sie lassen mir Gerechtigkeit widerfahren. Bis heute morgen habe ich meiner Frau keine Silbe davon gesagt.« »Könnte Sie's vermutet haben?« »Nein, Herr Holmes, das konnte sie ebensowenig wie sonst jemand.« »Sind Ihnen früher schon Dokumente abhanden gekommen?« »Nein.« »Wer in ganz England hat Kenntnis von der Existenz dieses Schriftstücks gehabt?« »Sämtliche Kabinettsmitglieder sind gestern davon verständigt worden; aber das Gelöbnis der Verschwiegenheit, welches jeder Sitzung folgt, wurde durch eine besondere Warnung des Ministerpräsidenten in diesem Falle noch verschärft. Heiliger Himmel, wie hätte ich damals denken können, daß ich nach ein paar Stunden den ganzen Brief verlieren würde!« Aus seinen schönen Zügen sprach die Verzweiflung, er wollte sich das Haar ausraufen. Einen Augenblick zeigte sich die wahre Natur dieses Mannes, impulsiv, lebhaft, erregbar. Im nächsten Moment aber hatte er die aristokratische Maske wieder vor und die sanfte, glatte Sprache wiedergefunden. »Außer den Mitgliedern des Kabinetts sind es nur noch zwei oder drei Beamte meines Departements, die von dem Briefe wissen. Sonst niemand in ganz England, Herr Holmes, ich versichere Sie dessen.« »Aber außerhalb Englands?« »Ich glaube, daß ihn außer dem Manne, der ihn geschrieben, kein Mensch zu Gesicht bekommen hat. Ich bin fest überzeugt, daß die Minister und die üblichen Instanzen umgangen worden sind.« Holmes dachte eine Zeitlang nach. »Nun, mein Herr, muß ich Sie um eingehendere Auskunft bitten. Was war es für ein Schreiben, und warum soll sein Verschwinden von so unermeßlichen Folgen begleitet sein?« Die beiden Staatsmänner tauschten rasch einen Blick miteinander aus und der Minister zog die finstere Stirn in schwere Falten. »Herr Holmes, der Umschlag ist lang und schmal und von hellblauer Farbe. Er trägt ein rotes Siegel mit einem lauernden Löwen. Die Adresse ist in großen, markigen Zügen geschrieben und –« »Ich fürchte,« warf Holmes hier ein, »so interessant und auch wesentlich diese Angaben sind, daß ich doch mit meinen Fragen der Sache auf den Grund gehen muß. Was stand in dem Brief?« »Das ist ein Staatsgeheimnis von höchster Bedeutung, welches ich Ihnen nicht sagen kann, und ich sehe auch nicht ein, daß es notwendig ist. Wenn Sie mit Hilfe der großen Fähigkeiten, die man Ihnen nachsagt, einen Umschlag, wie ich ihn Ihnen eben beschrieben habe, mit seinem Inhalt auffinden, haben Sie sich um Ihr Vaterland sehr verdient gemacht und werden einen Lohn erhalten, so hoch wir ihn nur bemessen können.« Sherlock Holmes stand lächelnd vom Stuhl auf. »Sie sind zwei der vielbeschäftigsten Männer im ganzen Lande,« sagte er, »und ich habe in meiner bescheidenen Weise auch viel zu tun. Ich bedauere außerordentlich, Ihnen in dieser Angelegenheit nicht weiter dienen zu können, und jede Fortsetzung dieser Verhandlung würde also bloßer Zeitverlust sein.« Der Premier sprang in die Höhe und warf meinem Freunde jene scharfen grimmen Blicke aus den tiefliegenden Augen zu, vor denen ein ganzes Kabinett erzitterte. »Ich bin nicht gewöhnt, mein Herr –«, begann er, aber er mäßigte seinen Zorn und setzte sich wieder nieder. Eine Minute herrschte vollkommenes Schweigen, dann zuckte der alte Politiker die Achseln. »Wir müssen Ihre Bedingungen annehmen, Herr Holmes, und es ist ja auch unvernünftig von uns, zu erwarten, daß Sie für uns tätig sein sollen, ohne daß wir Ihnen unser volles Vertrauen schenken.« »Ich stimme mit Ihrer Ansicht überein,« fügte der Sekretär hinzu. »Dann will ich's Ihnen, indem ich auf Ihre und Ihres Kollegen Dr. Watson Ehre rechne, also sagen. Ich appelliere auch noch an Ihre Vaterlandsliebe, denn ich vermag mir kein größeres Unheil für das Land vorzustellen, als wenn diese Sache an die Oeffentlichkeit käme.« »Sie dürfen uns ruhig vertrauen.« »Der Brief stammt von einem fremden Herrscher, der durch einige neuerliche koloniale Verwickelungen aus der Fassung gebracht worden ist. Das Schreiben ist in großer Eile abgefaßt und ein rein persönlicher Akt des Fürsten. Nachforschungen haben ergeben, daß die Minister keine Ahnung davon haben. Gleichzeitig ist es so unglücklich gehalten, und gewisse Sätze darin sind so verletzend, daß ihre Veröffentlichung die Bewohner dieses Landes in eine große Erregung versetzen und eine derartige Gärung zur Folge haben würde, daß ich mit gutem Grunde glauben muß, jener Staat würde sich acht Tage nach dem Bekanntwerden dieses Schreibens im Kriegszustand befinden.« Holmes schrieb auf einen Zettel einen Namen und reichte ihn dem Premier. »Jawohl. Dieser war's. Und dessen Brief – – der Brief, der eine Ausgabe von tausend Millionen und das Leben von hunderttausend Mann in sich schließt – ist auf eine so rätselhafte Art verloren gegangen.« »Haben Sie den Absender davon unterrichtet?« »Ja, wir haben ihm ein geheimes Telegramm geschickt.« »Vielleicht wünscht er die Veröffentlichung des Briefes?« »Nein, Herr Holmes; wir haben triftige Gründe, anzunehmen, daß er bereits einsieht, wie indiskret und voreilig er gehandelt hat. Für ihn und sein Volk würde es ein schwererer Schlag sein, wenn die Sache herauskäme, als für uns.« »Wenn sich's so verhält, wer hat dann an der Bekanntgabe überhaupt ein Interesse? Warum sollte ihn denn jemand zu entwenden oder zu veröffentlichen suchen?« »Mit dieser Frage bringen Sie mich auf das Gebiet der höheren internationalen Politik, Herr Holmes. Wenn Sie die allgemeine Lage Europas betrachten, werden Sie jedoch den Beweggrund ohne Schwierigkeiten einsehen. Ganz Europa ist ein einziges Kriegslager. Zwei große Bünde halten sich in militärischer Beziehung das Gleichgewicht. Großbritannien bildet das Zünglein der Wage. Wenn nun England zum Krieg mit dem einen Bund getrieben würde, so würde sich der andere das Uebergewicht sichern, ob er sich einmischte oder nicht. Folgen Sie meinen Ausführungen?« »Sehr wohl. Dann haben eben die Feinde dieses Bundes ein Interesse an dem Brief und seiner Veröffentlichung, um zwischen ihm und uns einen Bruch herbeizuführen?« »Ganz recht.« »Und an wen würde dieses Dokument gesandt werden, wenn es in die Hände der Feinde fiele?« »An eine der großen europäischen Kanzleien. Wahrscheinlich eilt er im gegenwärtigen Augenblick schon mit der ganzen Geschwindigkeit, welche die Dampfkraft gewähren kann, seinem Bestimmungsort entgegen.« Herr Trelawney Hope ließ den Kopf auf die Brust sinken und stieß einen tiefen Seufzer aus. Der Minister legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. »Es ist ein unglücklicher Zufall, mein Lieber. Niemand kann Ihnen deshalb einen Vorwurf machen. Sie haben keine Vorsichtsmaßregel außer acht gelassen. Nun, Herr Holmes, Sie haben den vollen Tatbestand gehört. Was empfehlen Sie zu tun?« Holmes schüttelte traurig den Kopf. »Sie meinen, daß, falls das Schriftstück nicht wieder beigeschafft wird, Krieg ausbrechen wird?« »Ich halte es für sehr wahrscheinlich.« »Dann rüsten Sie zum Krieg.« »Das ist ein schlechter Trost, Herr Holmes.« »Vergegenwärtigen Sie sich die Sachlage, Exzellenz. Daß der Brief nach halb zwölf Uhr weggekommen ist, scheint mir sehr fraglich, denn, soviel ich verstanden habe, hat Herr Hope und seine Gemahlin von dieser Zeit an bis zum Morgen, wo er vermißt wurde, das Zimmer nicht verlassen. Er muß also gestern abend zwischen halb acht und halb zwölf fortgekommen sein, wahrscheinlich näher an dem früheren Zeitpunkt, weil, wer ihn auch entwendet haben mag, offenbar gewußt hat, daß er dort steckte und sich ihn möglichst bald anzueignen versucht hat. Wenn nun ein Dokument von solcher Wichtigkeit um diese Stunde gestohlen worden ist, wo mag es da jetzt schon sein? Niemand wird es behalten haben, sondern es wird möglichst rasch denen übermittelt worden sein, die es gebrauchen können. Welche Aussichten bestehen unter diesen Umständen für uns, es zu überholen oder überhaupt aufzuspüren? Es liegt außerhalb des Bereichs der Möglichkeit.« Der Premierminister stand von seinem Sitz auf. »Was Sie sagen, ist vollkommen logisch gedacht, Herr Holmes. Ich sehe ein, daß uns die Sache in der Tat aus der Hand genommen ist.« »Wir wollen einmal, um nichts unversucht zu lassen, den Fall annehmen, daß ihn das Mädchen oder der Diener genommen hatte –« »Es sind beide alte, erprobte Leute.« »Ihr Schlafgemach liegt, wie Sie gesagt haben, im zweiten Stock, hat keinen Eingang von außen und von innen kann niemand hineingehen, ohne bemerkt zu werden. Es muß also jemand aus dem Hause gewesen sein. Wem würde es der Dieb überbringen? Einem der verschiedenen internationalen Spione und Geheimagenten, deren Namen ich so ziemlich kenne. Drei können als die Meister ihrer Zunft gelten. Ich werde meine Nachforschungen damit beginnen, dieselben aufzusuchen und nachzusehen, ob sie zu Hause sind. Ist einer fort – besonders seit der letzten Nacht – so werden wir einen Anhaltspunkt dafür haben, wo der Brief hingekommen ist.« »Warum sollte er weg sein?« fragte der Staatssekretär. »Er könnte das Schriftstück doch ebensogut einer Gesandtschaft in London übergeben.« »Das glaube ich nicht. Diese Agenten handeln unabhängig, und ihre Beziehungen zu den Botschaften sind oft gespannt.« Der Minister nickte zustimmend. »Ich glaube, Sie haben recht, Herr Holmes. Ein so wertvolles Stück würden sie persönlich und der betreffenden Regierung selbst überbringen. Ich bin der Ansicht, daß Sie in dieser Weise sehr geschickt vorgehen. Uebrigens können wir nicht alle unsere übrigen Pflichten vernachlässigen, Herr Hope; dieses Mißgeschick können wir doch nicht mehr ändern. Sollten im Laufe des Tages irgendwelche Wendungen eintreten, so werden wir Sie's wissen lassen, Herr Holmes, und Sie werden uns umgekehrt auch die Ergebnisse Ihrer Untersuchungen mitteilen.« Die beiden Staatsmänner verbeugten sich und gingen ernst zur Tür hinaus. Als sie weg waren, zündete Holmes schweigend seine Pfeife an und saß längere Zeit tief in Gedanken versunken auf seinem Stuhl. Ich hatte die Morgenzeitung zur Hand genommen und las mit großem Interesse einen Artikel über ein sensationelles Verbrechen, das während der Nacht in London passiert war, als mein Freund plötzlich aufstand und die Pfeife beiseite legte. »Jawohl,« sagte er dann, »es gibt keinen anderen Weg, um einen Ausgangspunkt zu finden. Die Situation ist verzweifelt, aber nicht hoffnungslos. Wenn wir jetzt sicher feststellen könnten, welcher derselben es im Besitz hat, wäre es gerade noch möglich, die Weitergabe zu verhindern. Jedenfalls ist es bei diesen Gaunern nur eine Geldfrage, und ich habe die Staatskasse zur Verfügung. Wenn das Schriftstück noch auf dem Markt ist, werde ich's kaufen, es mag kosten was es will. Es ist anzunehmen, daß es der Kerl zurückhält, um zu sehn, was für Angebote ihm von dieser Seite gemacht werden, bevor er sein Glück anderswo versucht. Nur die drei sind imstande, ein so gewagtes Spiel zu spielen, Oberstein, La Rothiere und Eduardo Lucas. Ich will jeden aufsuchen.« Ich guckte auf mein Zeitungsblatt. »Ist das der Eduardo Lucas aus der Godolphinstraße?« »Jawohl.« »Den wirst du nicht treffen.« »Warum nicht?« »Er ist die vorige Nacht in seiner Wohnung ermordet worden.« Mein Freund hatte mich im Verlauf unserer Abenteuer so häufig in Erstaunen gesetzt, daß ich mit einer gewissen Genugtuung bemerkte, wie gewaltig ich ihn überrascht hatte. Er starrte mich verwundert an und riß mir dann die Zeitung aus der Hand. Der Bericht, in den ich vertieft gewesen war, als er vom Stuhl aufstand, lautete folgendermaßen: Mord in Westminster. Ein geheimnisvolles Verbrechen ist in der vergangenen Nacht in der Godolphinstrahe 16 verübt worden, deren altmodische Häuserreihen zwischen der Themse und der Abtei liegen, fast unmittelbar hinter dem Parlamentsgebäude. Das kleine, aber vornehme Haus ist seit einigen Jahren von dem Herrn Eduardo Lucas bewohnt worden, einem wegen seiner reizenden Persönlichkeit und seiner musikalischen Begabung in den Kreisen der besseren Gesellschaft allgemein bekannten Herrn. Er ist unverheiratet, vierunddreißig Jahre alt, und sein Haushalt besteht aus einer älteren Wirtschafterin, Frau Pringle, und seinem Diener Mitton. Jene geht früh zu Bett und schläft im obersten Stockwerk. Der Diener war am Abend bei einem Freund in Hammersmith zu Besuch. Von zehn Uhr an war Herr Lucas allein zu Hause. Was sich dann ereignet hat, ist noch nicht ermittelt, aber um dreiviertel zwölf bemerkte der Schutzmann Barrett, als er durch die Godolphinstraße ging, daß in Nr. 16 die Haustür offen stand. Er klopfte, erhielt aber keine Antwort. Da er im Vorderzimmer Licht sah, ging er in den Hausflur und klopfte wieder, bekam aber wieder keine Antwort. Darauf öffnete er die Türe zu diesem Zimmer und trat ein. Hier herrschte eine wüste Unordnung, die sämtlichen Möbel waren auf eine Seite gerückt und ein Stuhl lag mitten auf dem Boden. Neben diesem Stuhl, ihn noch an einem Bein festhaltend, lag die Leiche des unglücklichen Hausherrn. Er war ins Herz gestochen und mußte auf der Stelle tot gewesen sein. Das Messer, womit das Verbrechen ausgeführt worden, war ein krummer indischer Dolch, der aus einer Anzahl orientalischer Waffen, die als Wandschmuck dienten, genommen worden war. Raub scheint nicht das Motiv zur Tat gewesen zu sein, denn von den Wertgegenständen im Zimmer fehlte nichts. Herr Eduardo Lucas war sehr bekannt und überall beliebt, daß sein jähes und geheimnisvolles Ende in den Kreisen seiner zahlreichen Freunde großes Aufsehen und tiefes Mitleid erregen wird. »Nun, Watson, was sagst du dazu?« fragte Holmes nach einer langen Pause. »Es ist ein wunderbares Zusammentreffen.« »Ein Zusammentreffen! Denke 'mal an, Watson, einer der drei Männer, die wir als mögliche Täter bezeichnet hatten, wird gerade um dieselbe Zeit, während der das Dokument gestohlen worden sein muß, auf gewaltsame Weise ermordet. Das spricht ganz entschieden gegen die Annahme eines blinden Zufalls. Nein, mein Lieber, die beiden Ereignisse stehen in Zusammenhang – müssen in Zusammenhang stehen. Und wir müssen den Zusammenhang herstellen.« »Aber nun muß die offizielle Polizei alles erfahren.« »Durchaus nicht. Sie erfährt nur das, was sie in der Godolphinstraße vor Augen sieht. Von Whitehall Terrace erfährt sie nichts – und soll nichts erfahren. Nur wir kennen beide Vorfälle und sind imstande, eine Verbindung zwischen ihnen aufzuspüren. Ein naheliegender Punkt würde meinen Verdacht sowieso auf Lucas gelenkt haben. Von der Godolphinstraße sind es nämlich nur wenige Minuten nach der Whitehall Terrace. Die anderen Geheimagenten, die ich genannt habe, wohnen weit draußen in Westend. Es war also für Lucas am leichtesten, mit der Haushaltung des Staatssekretärs Hope in Beziehung zu treten und Nachrichten von dort zu erlangen – ein geringfügiger Umstand zwar, der aber doch in diesem Falle, wo sich die beiden Ereignisse in ein paar Stunden abgespielt haben, sich als wesentlich erweisen kann. Na nun! was bedeutet das?« Frau Hudson hatte die Visitenkarte einer Dame gebracht. Holmes warf einen Blick darauf, zog die Augenbrauen in die Höhe und reichte sie mir herüber. »Bitten Sie Frau Hilda Trelawney Hope, gütigst näherzutreten,« sagte Holmes. Im nächsten Augenblick erschien in unserem bescheidenen Arbeitszimmer, das heute früh schon so hohen Besuch gehabt hatte, die schönste Frau in London. Ich hatte schon oft von der Schönheit der jüngsten Tochter des Herzogs von Belminster gehört, aber keine Beschreibung und keine Photographie war auch nur annähernd imstande gewesen, die feinen, zarten Reize und die prächtige Farbe dieses vornehmen Gesichtes wiederzugeben. Und trotzdem fiel an diesem Herbstmorgen dem aufmerksamen Beobachter nicht in erster Linie die Schönheit dieses Gesichtes auf. Die Wangen waren wohl lieblich, aber bleich vor Erregung; die Augen glänzten zwar hell, aber es war der Glanz des Fiebers; der reizende Mund war wohl geschlossen und ruhig, aber man merkte die Selbstbeherrschung, die es kostete. Der Schrecken auf ihren Zügen – nicht die Schönheit – sprang einem in die Augen, als unsere Besucherin einen Moment in der offenen Türe stand. »Ist mein Gatte hier gewesen, Herr Holmes?« »Jawohl, gnädige Frau, er ist hier gewesen.« »Ich bitte Sie, Herr Holmes, sagen Sie ihm nicht, daß ich auch hier war.« Holmes verbeugte sich kühl und lud die Dame ein, Platz zu nehmen. »Gnädige Frau bringen mich in eine sehr peinliche Lage. Ich bitte Sie, sich zu setzen und mir zu sagen, was Sie wünschen; freilich fürchte ich, Ihnen irgend ein bindendes Versprechen nicht geben zu können.« Sie schwebte durch das Zimmer und setzte sich dann mit dem Rücken gegen das Fenster. Sie war eine königliche Gestalt – hoch, anmutig und echt weiblich. »Herr Holmes,« sagte sie, während sie die weißbehandschuhten Hände öffnete und schloß, »ich will offen zu Ihnen reden und hoffe, daß Sie dann auch frei zu mir sprechen. Zwischen meinem Gemahl und mir besteht volles Vertrauen in allen Dingen, außer einem. Dieses ist die Politik. Darüber äußert er mir gegenüber kein Wort. Nun hat sich vergangene Nacht ein höchst bedauernswerter Vorfall zugetragen. Wie er mir gesagt hat, ist ein Schriftstück aus unserem Hause verschwunden. Da es sich jedoch um eine politische Sache handelt, weigert er sich, mich ganz ins Vertrauen zu ziehen. Trotzdem ist es wesentlich – ich wiederhole es, wesentlich – daß ich voll und ganz Bescheid weiß. Sie sind nun, außer diesen Politikern, der einzige Mann, der den Tatbestand genau kennt. Ich bitte Sie daher, Herr Holmes, mir wahrheitsgetreu mitzuteilen, was passiert ist und wozu es führen wird. Verschweigen Sie mir nichts, Herr Holmes. Nehmen Sie keinerlei Rücksichten auf das Interesse Ihrer Klienten, denn ich versichere Ihnen, daß, wenn er's nur einsehen wollte, seinen Interessen am besten gedient sein würde, wenn er mir volles Vertrauen schenkte. Was enthielt dieses gestohlene Papier?« »Gnädige Frau, ich kann Ihre Bitte wirklich nicht erfüllen.« Sie seufzte und bedeckte das Gesicht mit ihren Händen. »Sie müssen sich selbst sagen, daß ich nicht anders kann, gnädige Frau. Wenn Ihr Gemahl es nicht für gut hält, Sie in die Sache einzuweihen, wie soll ich's dann tun können, dem die Angelegenheit nur als Berufsgeheimnis unterbreitet ist? Es ist nicht vornehm, mich darnach zu fragen. An ihn müssen Sie sich wenden.« »Das habe ich getan. Ich komme zu Ihnen als letzte Zufluchtsstätte. Aber auch ohne mir etwas Bestimmtes zu sagen, könnten Sie mir einen großen Dienst erweisen, wenn Sie mich über einen Punkt aufklären wollten.« »Der ist, gnädige Frau?« »Ist es wahrscheinlich, daß meines Gatten politische Laufbahn durch diesen Vorfall beeinträchtigt wird?« »Ja, gnädige Frau, wenn die Sache nicht wieder in Ordnung gebracht wird, wird sie wohl sicher einen sehr ungünstigen Einfluß darauf ausüben.« »Ah!« Sie atmete auf, wie jemand, dessen Zweifel gelöst sind. »Noch eine Frage, Herr Holmes. Aus einer Aeußerung, die mein Mann im ersten Schrecken über dieses Unglück fallen ließ, habe ich entnommen, daß der Verlust dieses Schriftstücks furchtbare Folgen für die Allgemeinheit haben könnte« »Wenn er das gesagt hat, kann ich es sicherlich nicht in Abrede stellen.« »Welcher Natur sind sie?« »Da fragen Sie mich wieder mehr, gnädige Frau, als ich Ihnen beantworten kann.« »Dann will ich Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen. Ich kann Ihnen keinen Vorwurf daraus machen, Herr Holmes, daß Sie sich nicht deutlicher ausgesprochen haben, und Sie Ihrerseits werden gewiß nicht geringer von mir denken, weil ich, selbst gegen seinen Willen, an den Bekümmernissen meines Gatten teilzunehmen wünsche. Ich ersuche Sie nochmals, ihm nichts von meinem Besuch zu sagen.« Sie warf uns von der Türe noch einen letzten Blick zu, und ich sah noch einmal das schöne, abgehärmte Gesicht, die geängstigten Augen und die zuckenden Lippen. Dann war sie verschwunden. »Nun, Watson, das schöne Geschlecht ist deine Spezialität,« sagte Holmes lächelnd, als sich die Türe hinter den rauschenden seidenen Kleidern geschlossen hatte. »Welche Rolle mag sie in der Sache spielen? Was wollte sie eigentlich?« »Ihre Angaben waren ganz klar und ihre Besorgnis ist sehr natürlich.« »Hm! Bedenke ihr Auftreten, Watson – ihr Wesen, ihre unterdrückte Erregung, ihre Unruhe, ihre Hartnäckigkeit, mit der sie immer wieder Fragen stellte. Bedenke, daß sie einer Gesellschaftsklasse angehört, die nicht leicht Erregung verrät.« »Sie war sicherlich sehr aufgeregt.« »Bedenke auch den auffallenden Ernst, mit dem sie versicherte, daß es für ihren Mann am besten sei, wenn sie vollständig unterrichtet würde. Was meinte sie damit? Außerdem mußt du auch bemerkt haben, Watson, wie sie sich bemühte, das Licht im Rücken zu haben. Sie wollte nicht, daß wir ihren Gesichtsausdruck sähen.« »Jawohl; sie suchte sich den einzigen Stuhl aus, der so stand.« »Und doch sind die Motive bei Frauen so unergründlich. Du wirst dich des Weibes in Margate entsinnen, die mir aus derselben Veranlassung verdächtig erschien. Daß sie nicht gepudert war, stellte sich schließlich als die wirkliche Ursache heraus. Was kann man aus einem solchen Nebenumstand für Schlüsse ziehen? Die kleinste Handlung kann ganze Bände bedeuten, wie auch das ausfallendste Benehmen auf eine Haarnadel oder Lockenschere zurückzuführen sein kann. Guten Morgen, Watson.« »Du gehst weg?« »Ja; ich will den Vormittag mit unseren Kollegen von der offiziellen Polizei in der Godolphinstraße verbringen. Bei Eduardo Lucas liegt die Lösung unseres Problems; freilich muß ich gestehen, daß ich noch keine blasse Ahnung habe, wie sie sich gestalten wird. Es ist ein Hauptfehler, mit seinen theoretischen Ueberlegungen den Tatsachen vorauszueilen. Bleibe du hier auf Wache, mein lieber Watson, um etwaige neue Besucher zu empfangen. Ich werde zum Mittagessen wieder hier sein, wenn's möglich ist.« Während dieses Tages und während des nächsten und auch noch am übernächsten war Holmes in einer Laune, die seine Freunde schweigsam und andere Leute mürrisch zu nennen pflegen. Er lief aus und ein, rauchte unaufhörlich, ergriff die Geige, versank in Träumereien, verschlang zu ungewohnten Stunden belegte Brötchen und gab auf meine gelegentlichen Fragen kaum eine Antwort. Es war mir klar, daß ihm die Sache nicht nach Wunsch ging, Er sagte mir kein Wort über den Verlauf des Falles, und ich erfuhr nur aus den Zeitungen Näheres über die Untersuchung und die Verhaftung John Mittons, des Dieners des Ermordeten, und die darauf erfolgte Freilassung desselben. Die gerichtliche Leichenschau und Vorverhandlung stellte vorsätzlichen ›Mord‹ fest, aber die Täter konnten nicht ermittelt werden. Auch kein Beweggrund war zu finden. Im Zimmer befanden sich eine Menge Wertgegenstände, aber es war keiner mitgenommen worden. Die Briefschaften des Verstorbenen waren nicht angerührt worden. Sie wurden sorgfältig geprüft und zeigten, daß er die internationalen politischen Beziehungen genau verfolgt hatte, daß er ein ausgezeichneter Sprachkenner und ein unermüdlicher Briefschreiber gewesen war. Mit den führenden Politikern mehrerer Staaten hatte er auf vertrautem Fuße gestanden. Aber Aufsehenerregendes wurde unter den Stößen von Briefschaften nicht gefunden. Mit Frauen schien er zahlreiche, aber nur oberflächliche Verhältnisse unterhalten zu haben. Er hatte viele Bekannte, aber wenige Freundinnen und keine Geliebte. Er hatte regelmäßig gelebt und niemandem ein Leid zugefügt. Sein gewaltsames Ende war ein vollkommenes Geheimnis und würde wohl auch eins bleiben. Die Festnahme des Dieners Mitton war nur ein Schritt der Verzweiflung, weil sonst jede Verdachtsspur fehlte und doch etwas geschehen sollte. Es konnte nichts gegen ihn vorgebracht werden. Er hatte in Hammersmith an jenem Abend Freunde besucht. Sein Alibi war nicht anzuzweifeln. Er war zwar so frühzeitig dort aufgebrochen, daß er eher in Westminster hätte eintreffen können, als das Verbrechen entdeckt war, aber seine eigene Erklärung, daß er einen Teil des Weges zu Fuß zurückgelegt habe, erschien schon in Anbetracht des prächtigen Wetters in jener Nacht ziemlich glaubwürdig. Er war tatsächlich denn auch erst um zwölf Uhr heimgekehrt und durch das unvorhergesehene Unglück ganz erschüttert. Er hatte sich mit seinem Herrn stets sehr gut gestanden. Verschiedene Kleinigkeiten, die in den Koffern des Dieners gefunden wurden – besonders ein Besteck mit Rasiermessern – stellten sich nach seiner eigenen und der Haushälterin Aussagen als Geschenke des Ermordeten heraus. Mitton hatte drei Jahre in den Diensten des Herrn Lucas gestanden. Auf Reisen hatte Mitton seinen Herrn nicht begleitet. Während verschiedener monatelanger Reisen, die Lucas nach Paris gemacht hatte, war Mitton mit der Aufsicht über die Wohnung in der Godolphinstraße betraut worden. Die Wirtschafterin hatte in der Nacht nichts von dem Verbrechen gehört. Wenn ihr Herr Besuch gehabt habe, so müsse er ihn selbst eingelassen haben. Soweit ich aus den Zeitungen ersehen konnte, machten die polizeilichen Nachforschungen tagelang keine Fortschritte. Wenn Holmes mehr wußte, so behielt er's für sich. Als er mir mitteilte, daß ihn Inspektor Lestrade zurate gezogen hätte, wußte ich, daß er in enger Fühlung mit der Polizei stände und von jeder weiteren Entwickelung der Sache unterrichtet werden würde. Am vierten Tage kam ein längeres Telegramm aus Paris, welches die ganze Frage zu lösen schien: »Die Pariser Polizei hat soeben eine Entdeckung gemacht,« hieß es im »Daily Telegraph«, »welche den Schleier lüftet, der über dem tragischen Geschick des Herrn Eduardo Lucas lag, der in der letzten Montagnacht in der Godolphinstraße in Westminster einen gewaltsamen Tod gefunden hat. Unsere Leser werden sich erinnern, daß dieser Herr in seinem Zimmer erdolcht aufgefunden wurde. Die Verhaftung seines Dieners, auf den sich der Verdacht gelenkt hatte, mußte auf Grund seines Alibi wieder aufgehoben werden. Gestern wurde nun eine Dame, die als Frau Henri Fournaye bekannt ist und eine kleine Villa in der Austerlitzstraße in Paris bewohnt, den Behörden als geistesgestört gemeldet. Die Untersuchung ergab, daß sie wirklich an gefährlichen und anhaltenden Wahnvorstellungen litt. Die Polizei hat festgestellt, daß diese Frau Henri Fournaye vergangenen Dienstag von einer Reise aus London zurückgekehrt ist und offenbar zu dem Verbrechen in Westminster in Beziehung steht. Aus einem Vergleich der Photographien geht bestimmt hervor, daß Herr Henri Fournaye und Eduardo Lucas in Wirklichkeit ein- und dieselbe Person sind, und daß der Verstorbene aus irgendwelchen Gründen in Paris und in London einen anderen Namen geführt hat. Frau Fournaye, eine Kreolin von Geburt, ist eine äußerst reizbare Natur und hat schon lange Eifersuchtsanfälle gehabt, die sich nun zum Wahnsinn gesteigert haben. Es liegt daher die Vermutung nahe, daß sie in diesem Zustand das schreckliche Verbrechen beging, das in London so furchtbares Aufsehen erregt hat. Ihrem Aufenthalt in der Montagnacht ist noch nicht nachgespürt worden, aber es ist nicht zu bezweifeln, daß die Beschreibung eines Weibes auf sie paßt, das durch sein wildes Aussehen und seine fürchterlichen Gebärden am Dienstagmorgen auf der Station Sharing Croß die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Wahrscheinlich hat sie also den Mord im Wahnsinn begangen, oder die Geistesstörung ist die unmittelbare Folge ihrer Tat. Gegenwärtig ist sie nicht imstande, einen zusammenhängenden Bericht über ihre letzte Vergangenheit zu geben, und die Aerzte hegen keine große Hoffnung, daß sie geheilt werden wird. Zeugen bekunden, daß sich in der Montagnacht ein Weib mehrere Stunden vor dem Haus des Herrn Lucas in der Godolphinstraße aufgehalten habe, welches sehr gut diese Frau Fournaye gewesen sein könne.« »Was sagst du dazu, Holmes?« Ich hatte ihm den Artikel laut vorgelesen, während er frühstückte. »Lieber Watson,« erwiderte er, als er vom Tische aufstand und im Zimmer auf- und abschritt, »du bist ein sehr langmütiger Mensch, aber wenn ich dir in den letzten drei Tagen nichts erzählt habe, so hat es seinen Grund einzig und allein darin, daß ich nichts zu erzählen habe. Selbst diese Nachricht aus Paris wird uns nicht viel helfen.« »Sie klärt wenigstens den Tod des Mannes endlich auf.« »Der Tod des Mannes ist ein bloßer Nebenumstand – eine ganz gleichgültige Sache – im Vergleich mit unserer wirklichen Aufgabe, die darin besteht, diesem Dokument auf die Spur zu kommen und Europa vor einer Katastrophe zu bewahren. In den letzten drei Tagen ist nur ein wichtiges Ereignis zu verzeichnen, das ist das, daß sich nichts ereignet hat. Ich erhalte fast stündlich Nachricht von der Regierung, Und soviel ist sicher, daß nirgends Anzeichen von Beunruhigung vorliegen. Wenn nun dieser Brief abgesandt wäre – nein, er kann nicht abgesandt sein! – aber, wenn er nicht abgesandt ist, wo mag er sein? Wer hat ihn? Warum wurde er zurückbehalten? Diese Fragen hämmern in meinem Gehirn. War es wirklich ein bloßer Zufall, daß Lucas in derselben Nacht vom Tode ereilt wurde, in welcher der Brief weggekommen ist? Hat ihn der Brief noch erreicht? Wenn es der Fall ist, warum befindet er sich dann nicht unter den anderen Papieren? Hat ihn dieses wahnsinnige Weib, seine Frau, mitgenommen? Wenn ja, liegt er in ihrer Wohnung in Paris? Wie könnte ich darnach suchen, ohne die französische Polizei argwöhnisch zu machen? Es ist ein Fall, mein lieber Watson, wo die Gesetze uns so gefährlich sind wie die Verbrecher. Es ist alles gegen uns, und doch stehen kolossale Interessen auf dem Spiel. Sollte ich ihn zu einem glücklichen Ende bringen, so wird er sicher den Gipfelpunkt meiner Laufbahn bilden. Ah, jetzt kommt meine letzte Rettung!« Er warf einen flüchtigen Blick auf einen Zettel, der hereingebracht wurde. »Hallo! Lestrade scheint eine interessante Entdeckung gemacht zu haben. Setz' den Hut auf, Watson, wir wollen zusammen nach Westminster hinunterwandern.« Für mich war es der erste Besuch des Schauplatzes des Verbrechens – es war ein hohes, dunkelgraues, schmales Gebäude im Stil des sechzehnten Jahrhunderts. Im vorderen Fenster hielt Lestrade Umschau nach uns und begrüßte uns herzlich, als uns ein dicker Polizist die Tür geöffnet und hineingeführt hatte. Es war das Zimmer, in dem das Verbrechen begangen worden war, aber jetzt war außer einem häßlichen, unregelmäßigen Blutflecken auf dem Teppich keine Spur mehr davon zu sehen. Es war ein kleiner quadratischer Droguetteppich, der mitten im Zimmer lag, an den vier Seiten war überall der blanke, schöne, altmodische Holzfußboden zu sehen. Ueber dem Kamin befand sich eine stattliche Sammlung von Waffen, von denen eine in jener verhängnisvollen Nacht gebraucht worden war. Vor dem Fenster stand ein kostbarer Schreibtisch, und das ganze Mobiliar, die Gemälde, die Decken, die Vorhänge, alles zeigte auf einen fast weiblichen Hang zum Luxus hin. »Haben Sie die Neuigkeit aus Paris gelesen?« fragte Lestrade. Holmes nickte. »Unsere französischen Kollegen scheinen diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Es ist zweifelsohne, wie sie sagen. Sie klopfte an die Tür – ein überraschender Besuch, das geb' ich zu, denn Lucas hing sehr am Leben. Er machte ihr auf – konnte er sie doch nicht auf der Straße stehen lassen. Sie sagte ihm, wie sie ihn endlich aufgespürt habe, machte ihm Vorwürfe, ein Wort gab das andere, und dann versetzte sie ihm mit dem Dolch, der ihr gerade zur Hand war, den Todesstoß. Es geschah nicht alles in wenigen Augenblicken, natürlich, denn diese Stühle waren alle auf eine Seite gestellt, und einen hielt er noch fest in der Hand, als ob er sie damit abhalten wollte. Uns ist der ganze Vorgang so klar, als ob wir dabei gewesen wären.« Holmes zog die Augenbrauen hoch. »Und trotzdem haben Sie nach mir geschickt?« »Ach so, da ist noch 'ne Sache – ein unwesentlicher Nebenumstand nur, aber von der Sorte, für die Sie eine besondere Vorliebe haben – seltsam, wissen Sie, man könnte fast sagen, wunderbar. Er hat nichts mit der eigentlichen Tatsache zu tun – kann nichts damit zu tun haben.« »Und was ist es?« »Nun, wissen Sie, bei einem derartigen Verbrechen sorgen wir dafür, daß jedes Ding an seiner ursprünglichen Stelle liegen bleibt. Es ist nichts angerührt worden. Ein uniformierter Beamter war Tag und Nacht hier auf Wache. Heute morgen, nachdem die Leiche beerdigt und die Untersuchung beendigt war – wenigstens soweit sie sich auf das Zimmer erstreckt – dachten wir, wir könnten etwas aufräumen. Dieser Teppich ist, wie Sie sehen, nicht besonders festgemacht, nur so hingelegt. Als wir ihn aufhoben, fanden wir –« »Nun? was denn?« Holmes war ganz gespannt vor Neugierde und Besorgnis. »Nun, Sie würden's in hundert Jahren nicht erraten, glaube ich, was wir fanden. Sehen Sie diesen Flecken auf dem Teppich? Gut, es muß viel eingedrungen sein, nicht wahr?« »Zweifellos.« »Nun, Sie werden erstaunt sein, zu hören, daß auf dem weißen Holzfußboden darunter kein entsprechender Flecken ist.« »Kein Flecken! Aber der muß da sein –« »Ja, so sagen Sie. Aber tatsächlich ist doch keiner da.« Er hob den Teppich an der Ecke auf, legte ihn um und zeigte uns, daß es wirklich so war, wie er gesagt hatte. »Aber die untere Seite ist ebenso von Blut durchtränkt, wie die obere; sie muß einen Abdruck zurückgelassen haben.« Lestrade freute sich unbändig, den berühmten Sachverständigen in Verlegenheit gebracht zu haben. »Nun will ich Ihnen auch die Erklärung zeigen. Es ist ein zweiter Flecken da, aber nicht an der entsprechenden Stelle. Sehen Sie selbst her.« Während er das sagte, nahm er einen anderen Teil des Teppichs auf, und da befand sich in der Tat ein großer roter Flecken darunter, der sich von dem weißen altmodischen Holzboden deutlich abhob. »Wie erklären Sie das, Herr Holmes?« »Ei, das ist ziemlich einfach. Die beiden Flecken entsprachen einander, aber der Teppich, ist herumgedreht worden. Da er quadratisch und nicht festgemacht ist, war das sehr leicht.« »Die Polizei braucht Sie nicht, Herr Holmes, um zu wissen, daß der Teppich 'rumgedreht worden sein muß. Das wissen wir allein, denn die Flecken passen aufeinander – wenn Sie den Teppich so legen. Was ich gerne wissen möchte, ist, wer den Teppich anders 'rumgelegt hat, und wozu?« Ich konnte Holmes an seinem strengen Gesicht absehen, daß er vor innerer Aufregung zitterte. »Hören Sie, Herr Lestrade, ist dieser Schutzmann draußen während der ganzen Zeit hier in Dienst gewesen?« »Jawohl.« »Nun, dann befolgen Sie meinen Rat. Vernehmen Sie ihn vorsichtig und eindringlich. Tun Sie's aber nicht in unserer Gegenwart. Wir wollen hier warten. Gehen Sie mit ihm in das hintere Zimmer. Er wird dann eher ein Geständnis ablegen, wenn Sie allein sind. Fragen Sie ihn, wie er sich hätte unterstehen können, Leuten den Zutritt zu gestatten und sie allein im Zimmer zu lassen. Fragen Sie ihn nicht, ob er es getan hat Sagen Sie's ihm auf den Kopf zu. Sagen Sie ihm, Sie wissen , daß jemand hier gewesen ist. Drücken Sie gehörig auf. Sagen Sie ihm, daß ihn nur ein volles Geständnis vor Strafe schützen kann. Machen Sie's genau so, wie ich Ihnen angebe!« »Bei Gott, wenn er's weiß, will ich's schon aus ihm 'raus kriegen!« rief Lestrade. Er stürzte hinaus auf den Flur, und ein paar Sekunden später hörten wir ihn im Hinterzimmer schreien. »Jetzt, Watson, jetzt!« rief Holmes in größter Aufregung. Die ganze dämonische Kraft des Mannes, die er hinter jener augenscheinlichen Gleichgültigkeit verborgen hatte, kam jetzt zum Ausdruck. Er riß den Teppich in die Höhe, und in einem Moment lag er auf den Knien, kratzte mit den Nägeln auf dem Boden herum und untersuchte die einzelnen Bodenbretter. Eines ließ sich am Rande fassen und in die Höhe klappen, wenn man einen besonderen Handgriff anwandte. Darunter befand sich eine kleine schwarze Vertiefung. Holmes tat einen raschen Griff hinein, zog aber die Hand wieder zurück, indem er ärgerlich und enttäuscht ein paar bittere Worte murmelte. Es war nichts drin. »Rasch, Watson, rasch!« Eiligst wurde alles wieder in Ordnung gebracht, und der Teppich war kaum zurecht gelegt, als wir im Gang Lestrade zurückkommen hörten. Als er eintrat, stand Holmes nachlässig am Ofen, gleichgültig und gelangweilt, er bemühte sich, das Gähnen zu unterdrücken. »Es tut mir leid, daß ich Sie so lange habe warten lassen müssen, Herr Holmes. Ich sehe Ihnen an, daß Ihnen die ganze Sache wenig Spaß macht. Nun, er hat's eingestanden. Kommen Sie hier 'rein, Pherson. Erzählen Sie diesen Herren Ihr ganz unentschuldbares Benehmen.« Der dicke Schutzmann kam mit rotem Kopf und zerknirschtem Gesicht ins Zimmer gewackelt. »Ich ahnte nichts Böses, meine Herrn, sicher nicht. Die junge Dame kam gestern abend hier an die Tür – sie irrte sich im Haus, wirklich. Wir kamen ins Gespräch. Es ist einsam, den ganzen Tag hier Wache zu stehen.« »Was geschah dann also?« »Sie wollte sehen, wo das Verbrechen verübt worden war – sie hatte 's in der Zeitung gelesen, sagte sie. Sie war ein sehr anständiges, wohlerzogenes Weib, meine Herrn, sodaß ich kein Bedenken trug, sie einen Blick ins Zimmer tun zu lassen. Als sie aber den Blutflecken sah, fiel sie um und lag wie tot am Fußboden. Ich lief hinaus und ließ mir etwas heißes Wasser geben, konnte sie damit aber nicht wieder zu sich bringen. Dann holte ich rasch im »Grünen Baum«, um die Ecke 'rum, ein bißchen Branntwein, aber als ich damit zurückkam, hatte sich die junge Dame bereits erholt und war wieder auf – sie schämte sich vor sich selbst, kann ich wohl sagen, und wagte nicht, mir ins Gesicht zu schauen.« »Wie war das aber mit dem Teppich?« »Nun, mein Herr, er hatte 'n paar Falten, jawohl, als ich zurückkehrte. Seh'n Sie, sie ist drauf gefallen, und er liegt nur so lose, er ist nicht festgemacht. Ich breitete ihn nachher wieder ordentlich aus.« »Es ist eine Lehre für Sie, Pherson, Sie sehen, daß Sie mir nichts vormachen können,« sagte Lestrade mit großer Würde. »Sie glaubten sicher, daß Ihre Pflichtverletzung nie ans Licht kommen würde, und doch genügte für mich ein einziger Blick auf den Teppich, um zu wissen, daß Sie jemanden ins Zimmer gelassen hatten. Es ist ein Glück für Sie, lieber Mann, daß nichts fort ist, sonst würden Sie selbst ins Gefängnis marschieren. Es tut mir leid, Herr Holmes, daß ich Sie wegen einer solchen Lappalie hier herunter bemüht habe, aber ich dachte, der Umstand, daß der zweite Flecken nicht unter dem ersten war, würde Sie interessieren.« »Allerdings, es war mir auch sehr interessant. Ist die Frau nur einmal hier gewesen, Schutzmann?« »Jawohl, Herr.« »Wer war sie?« »Wie sie heißt, weiß ich nicht. Sie wollte auf ein Inserat wegen Schreibmaschinenschreiben anfragen, und hatte die Hausnummer verwechselt – sehr nett, 'n niedliches, junges Weib, Herr.« »Groß? Hübsch?« »Ja, Herr; 'n schön gewachsenes Weib. Ich glaube, Sie würden sie als hübsch bezeichnen. Mancher würde sie sogar sehr hübsch finden. ›Oh, Schutzmann, lassen Sie mich doch 'mal 'neingucken!‹ sagte sie. Sie hatte 'ne angenehme, einschmeichelnde Art, und ich glaubte, es hätte keine Gefahr, sie den Kopf durch die Tür stecken zu lassen.« »Wie war sie gekleidet?« »Sehr einfach, Herr, sie hatte einen langen bis auf die Füße hängenden Mantel an.« »Um welche Zeit war's?« »Es war im Dunkelwerden, die Laternen wurden gerade angezündet, als ich mit dem Branntwein zurückkam.« »Das genügt mir,« sagte Holmes. »Komm', Watson, ich glaube, wir haben anderswo Wichtigeres zu tun.« Als wir hinausgingen, blieb Lestrade im Zimmer. Der reumütige Schutzmann begleitete uns an die Haustüre und ließ uns hinaus. Auf der Treppe drehte sich Holmes um und hielt uns etwas hin. Der Polizist starrte ihn erstaunt an. »Heiliger Herr!« rief er. Holmes legte den Finger auf die Lippen, steckte das Ding wieder in die Brusttasche und fing laut zu lachen an, als wir die Straße hinunter schritten. »Großartig!« sagte er dann. »Komm', lieber Freund, der Vorhang hebt sich vor'm letzten Akt. Du wirst erleichtert aufatmen, wenn ich dir sage, daß es keinen Krieg geben, daß der Staatssekretär Trelawney Hope nicht in seiner Karriere behindert werden, daß jener impulsive indiskrete Monarch für seine Indiskretion nicht bestraft werden, daß der Premierminister keine europäische Komplikation zu zerstreuen haben wird, und daß bei etwas Takt und Geschicklichkeit auf unserer Seite niemand durch diese häßliche Geschichte zu leiden hat.« Ich empfand von neuem eine große Bewunderung für diesen außerordentlichen Mann. »Du hast das Rätsel also gelöst!« rief ich aus. »Was will ich noch nicht sagen, Watson. Einige Punkte sind noch so dunkel wie vorher. Aber wir haben soviel 'raus, daß es unsere eigene Schuld wäre, wenn wir das übrige nicht auch noch fänden. Wir wollen direkt nach der Whitehall Terrace gehen und die Sache zur Entscheidung bringen.« Als wir im Hause des Staatssekretärs des Auswärtigen anlangten, fragte Holmes nach der Dame des Hauses. Wir wurden darauf in ihr Empfangszimmer geführt. »Herr Holmes!« sagte sie entrüstet, »das ist sicher nicht schön und kavaliermäßig von Ihnen gehandelt. Ich bat Sie, wie Sie wissen, meinen Besuch bei Ihnen geheim zu halten, damit mein Gemahl nicht glauben sollte, daß ich mich in seine Angelegenheiten mischte. Und nun kommen Sie doch hierher und stellen mich bloß, zeigen, daß geschäftliche Verbindungen zwischen uns bestehen.« »Leider hatte ich keine andere Wahl, gnädige Frau. Ich habe den Auftrag, dieses ungeheuer wichtige Schriftstück wieder zu beschaffen. Ich muß Sie daher ersuchen, gnädige Frau, mir es gütigst einzuhändigen.« Die Dame sprang auf, jeder Blutstropfen war aus ihrem schönen Gesicht gewichen. Ihre Augen waren starr – sie wankte – ich glaubte, sie fiele in Ohnmacht. Dann gelang es ihr durch eine gewaltige Willensanstrengung, sich zu bemeistern, nur höchstes Erstaunen und höchste Entrüstung standen noch, auf ihren Zügen. »Sie – Sie beleidigen mich, Herr Holmes.« »Machen Sie, machen Sie! gnädige Frau, es ist zwecklos. Geben Sie den Brief heraus!« Sie stürzte an die Klingel. »Der Hausdiener soll Sie hinausweisen.« »Läuten Sie nicht, gnädige Frau. Wenn Sie's tun, werden alle meine ernstlichen Bemühungen, einen Skandal zu vermeiden, vergeblich sein. Wenn Sie sich aber mit mir verständigen, so kann ich noch alles zum Guten wenden. Arbeiten Sie mir jedoch entgegen, so muß ich Sie kompromittieren. Geben Sie also den Brief her, und alles wird geregelt werden.« Trotz bietend stand sie da, eine fürstliche Erscheinung, ihre Augen auf seine gerichtet, als ob sie ihm ins Herz sehen wollte. Die Hand hatte sie auf dem Knopf, aber sie hatte noch nicht gedrückt. »Sie wollen mich ins Bockshorn jagen. Es ist eines Mannes nicht sehr würdig, Herr Holmes, hierher zu kommen und eine Frau einzuschüchtern. Sie behaupten, etwas zu wissen. Was wissen Sie?« »Bitte, setzen Sie sich, gnädige Frau. Sie verletzen sich sonst, wenn Sie umsinken. Ich will nicht eher reden, bis Sie sitzen. Danke Ihnen.« »Ich gebe Ihnen noch fünf Minuten, Herr Holmes.« »Es genügt eine einzige, gnädige Frau. Ich weiß von Ihrem Besuch bei Eduardo Lucas, weiß, daß Sie ihm das Schriftstück gegeben haben, weiß, daß Sie gestern abend wieder dort waren, und weiß, auf welche Weise Sie den Brief wieder von dem verborgenen Plätzchen unter dem Teppich hervorgeholt haben.« Sie starrte meinen Freund entsetzt an, sie war aschfahl geworden, sie mußte erst nach Worten ringen. »Sie sind verrückt, Herr Holmes – Sie sind wahnsinnig!« rief sie endlich. Er zog ein kleines Stückchen Karton aus der Tasche. Es enthielt das Bild eines Weibes, das aus einer Photographie herausgeschnitten war. »Ich habe dies mitgebracht, weil ich glaubte, es könnte vielleicht von Nutzen sein,« sagte er. »Der Schutzmann hat es erkannt.« Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und ließ den Kopf in ihren Stuhl zurücksinken. »Machen Sie rasch, gnädige Frau! Sie haben den Brief. Die Sache läßt sich noch in Ordnung bringen. Ich wünsche durchaus nicht, Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten. Ich habe meine Pflicht erfüllt, sobald ich Ihrem Gemahl das vermißte Schreiben eingehändigt habe. Befolgen Sie meinen Rat und seien Sie offen gegen mich; es ist Ihre einzige Chance.« Sie besaß einen bewundernswerten Mut. Selbst jetzt wollte sie sich noch nicht ergeben. »Ich kann Ihnen nur erwidern, Herr Holmes, daß Sie in einem merkwürdigen Irrtum befangen sind.« Holmes stand vom Stuhle auf. »Es tut mir leid, gnädige Frau. Ich habe es gut mit Ihnen gemeint, ich sehe aber, daß alles nutzlos ist.« Er klingelte. Ein Diener trat ein. »Ist Herr Trelawney Hope zu sprechen?« »Er will um dreiviertel eins wieder hier sein.« Holmes sah nach der Uhr. »Noch eine Viertelstunde,« sagte er. »Es ist gut, ich werde so lange warten.« Wer Diener hatte kaum die Türe hinter sich zugemacht, als Frau Hilda Trelawney Hope meinem Freund zu Füßen lag. Sie hob die Hände empor und blickte ihn mit Tränen in den Augen flehentlich an. »Oh, schonen Sie mich, Herr Holmes! Haben Sie Nachsicht mit einem Weibe!« bat sie inständig. »Ums Himmels willen, sagen Sie ihm nichts! Ich liebe ihn so sehr! Ich will ihm keinen Kummer bereiten, denn das würde ihm sein edles Herz brechen.« Holmes hob die Dame auf. »Ich freue mich, gnädige Frau, daß Sie noch im letzten Moment zur Besinnung gekommen sind! Wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren. Wo haben Sie den Brief?« Sie lief rasch an den Schreibtisch hinüber, schloß ihn auf und zog einen langen, blauen Briefumschlag hervor. »Hier ist er, Herr Holmes. Oh! daß ich ihn nie gesehen hätte!« »Wie können wir ihn nun zurückerstatten?« murmelte Holmes leise vor sich hin. »Rasch, rasch, wir müssen einen Ausweg finden! Wo ist das Kästchen?« »Noch im Schlafzimmer.« »Was für 'n Glück! Geschwind, gnädige Frau, Bringen Sie's!« Im nächsten Moment erschien sie mit dem Korrespondenzkästchen. »Wie öffneten Sie es das erstemal? Sie haben einen Nachschlüssel? Jawohl, gewiß haben Sie einen. Schließen Sie auf!« Sie zog einen kleinen Schlüssel aus ihrem Busen. Der Kasten wurde schnell aufgeschlossen. Er war vollgestopft mit Briefen. Holmes steckte den blauen Umschlag ganz unten hin zwischen andere Briefschaften. Das Kästchen wurde zugemacht, verschlossen und wieder ins Schlafzimmer gebracht. »Nun kann er kommen,« sagte Holmes; »wir haben noch immer zehn Minuten Zeit. Ich werde alles aufbieten, um Sie zu schützen. Ich bitte Sie nun, Ihrerseits diese Zeit dazu zu benutzen, mir frei und offen zu erzählen, wie sich diese außergewöhnliche Sache eigentlich verhält.« »Ich will Ihnen alles mitteilen, Herr Holmes,« rief sie. »Oh, Herr Holmes, ich würde mir lieber die Hand abhacken, als ihm Kummer machen! In ganz London gibt's keine zweite Frau, die ihren Mann so liebt wie ich, und doch, wenn er wüßte, was ich getan habe – was ich zu tun gezwungen war – würde er mir nie verzeihen. Denn er steht selbst zu hoch, um einen Fehler eines anderen vergessen oder vergeben zu können. Helfen Sie, Herr Holmes! Mein Glück, sein Glück, ja unser Leben steht auf dem Spiel!« »Schnell, gnädige Frau, die Zeit ist bald abgelaufen!« »Es war ein Brief von mir, Herr Holmes, ein unvorsichtiger Brief, den ich vor der Ehe geschrieben hatte – ein törichter Brief, ein Brief eines impulsiven jungen Mädchens. Ich ahnte nichts Böses, aber er würde es doch für ein Verbrechen gehalten haben. Wenn er den Brief gelesen hätte, würde er sein Zutrauen für alle Zeit verloren haben. Es sind Jahre vergangen seitdem. Ich dachte, die ganze Sache wäre vergessen. Da erfuhr ich, daß er diesem Lucas in die Hände gefallen sei, und daß er ihn meinem Gatten geben würde. Ich bat ihn um Gnade. Er antwortete, daß er mir den Brief aushändigen wollte, wenn ich ihm dafür ein gewisses Schriftstück aus dem Briefkasten meines Mannes verschaffte; er beschrieb mir's. Er hatte Spione im Bureau, die ihm dessen Existenz verraten hatten. Er versicherte mir, daß es meinem Gatten nichts schaden würde. Versetzen Sie sich in meine Lage, Herr Holmes! Was sollte ich tun?« »Ihren Gemahl ins Vertrauen ziehen!« »Das ging nicht, Herr Holmes, das konnte ich nicht! Auf der einen Seite war mir der Ruin sicher; auf der anderen konnte ich, so schrecklich mir's auch schien, meinem Manne einen Brief zu entwenden, die Folgen nicht übersehen, da es sich um politische Dinge handelte; aber in Bezug auf Liebe und Vertrauen waren sie mir nur zu klar. Ich tat's, Herr Holmes! Ich machte einen Abdruck von seinem Schlüssel, und dieser Lucas lieferte mir einen zweiten. Ich öffnete das Kästchen, nahm den Brief und brachte ihn in die Godolphinstraße.« »Was geschah dann weiter, gnädige Frau?« »Ich klopfte der Verabredung gemäß an die Haustür, Lucas öffnete. Ich folgte ihm in sein Zimmer, ließ aber die Tür etwas offen, weil ich mich fürchtete, mit dem Mann allein zu sein. Ich erinnere mich noch, daß ein Weib draußen herumschlich, als ich hineinging. Unser Geschäft war bald erledigt. Er hatte meinen Brief im Schreibpult liegen; ich gab ihm das Dokument und er mir den Brief. In diesem Augenblick pochte es draußen heftig an die Türe. Im Flur wurden Schritte hörbar. Lucas hob rasch den Teppich auf, steckte das Schriftstück an irgend einen verborgenen Platz und deckte ihn wieder drauf. »Was dann geschah, kommt mir vor wie ein schrecklicher Traum. Ich habe eine Vorstellung von einem dunkelen, wütenden Gesicht, von einer Frauenstimme, die auf Französisch schrie: ›Mein Warten ist nicht umsonst. Endlich, endlich hab' ich dich mit ihr erwischt!‹ Es entstand ein wilder Streit. Ich sah ihn mit einem Stuhl in der Hand, in ihrer blitzte ein Dolch. Ich stürzte hinweg von dem schrecklichen Schauplatz, hinaus aus dem Haus und erfuhr erst am nächsten Morgen durch die Zeitungen das gräßliche Ende. Ich war glücklich in jener Nacht, hatte ich doch meinen Brief wieder, und was daraus folgen würde, wußte ich nicht. »Erst am Morgen wurde mir klar, daß ich eine Sorge gegen eine andere vertauscht hatte. Die Angst meines Mannes über seinen Verlust ging mir zu Herzen. Ich konnte kaum umhin, vor ihm niederzuknien und ihm meine Tat zu gestehen. Dadurch hatte ich aber auch das Vergangene beichten müssen. Ich lief zu Ihnen an jenem Morgen, um die ganze Größe meiner Sünde zu erfahren. Von dem Moment an, wo ich sie begriffen hatte, hatte ich nur noch den einen Gedanken, das Schriftstück wieder in meine Hände zu bekommen. Es mußte noch dort liegen, wo es Lucas versteckt hatte, ehe das furchtbare Weib eintrat. Wenn sie nicht dazwischen gekommen wäre, würde ich nie seinen Aufbewahrungsort gekannt haben. Wie sollte ich aber hineinkommen? Zwei Tage lang hatte ich aufgepaßt, doch die Tür war stets verschlossen. Gestern abend machte ich einen letzten Versuch. Wie ich's anfing und wie mir's gelang, haben Sie bereits gehört. Ich brachte das Schreiben zurück. Ich wollte es vernichten, weil ich keinen Weg sah, es zurückzugeben, ohne meinem Manne meine Schuld zu gestehen, Himmel, ich höre seine Schritte auf der Treppe!« Der Staatssekretär stürzte ins Zimmer. »Nichts Neues, Herr Holmes, nichts gefunden?« rief er meinem Freunde entgegen. »Ich habe Hoffnung.« »Ah, Gott sei Dank!« Er strahlte vor Freude. »Der Premierminister wird bei mir speisen. Kann ich ihm die freudige Nachricht mitteilen? Er hat eiserne Nerven, aber ich weiß, daß er seit dem schrecklichen Vorfall kaum eine Stunde Schlaf gefunden hat. Jacobs, bitte den Premierminister heraufzukommen. Du, meine Liebe, kannst einstweilen ins Speisezimmer gehen. Es wird auf die Politik die Rede kommen. Wir werden dich in ein paar Minuten dort treffen.« Der Premier beherrschte sich, aber am Glanz seiner Augen und am Jucken seiner mageren Hände konnte ich erkennen, daß er die Aufregung seines jüngeren Kollegen teilte. »Ich vermute, Sie haben uns etwas zu berichte», Herr Holmes?« »Bis jetzt nur Negatives,« antwortete mein Freund. »Ich habe überall nachgeforscht, wo der Brief sein könnte, und ich glaube sicher, daß keine Gefahr zu befürchten ist.« »Das genügt aber nicht, Herr Holmes. Wir können nicht ewig in dieser Ungewißheit leben. Wir müssen etwas Bestimmtes wissen.« »Ich hoffe das herauszubekommen. Deshalb bin ich hier. Je mehr ich über die Sache nachdenke, um so mehr gewinne ich die Ueberzeugung, daß der Brief nie aus diesem Hause hinausgekommen ist.« »Herr Holmes!« »Wenn es der Fall wäre, würde es nunmehr bekannt sein.« »Aber warum sollte ihn jemand nehmen, um ihn hier im Hause zu behalten?« »Ich bin überhaupt nicht der Ansicht, daß ihn jemand genommen hat.« »Wie könnte er dann aber aus dem Kasten verschwunden sein?« »Ich glaube gar nicht, daß er je daraus verschwunden ist.« »Herr Holmes, Ihr Scherzen ist wahrhaftig nicht am Platze. Ich versichere Ihnen, daß er fort ist.« »Haben Sie das Kästchen seit Dienstag morgen wieder nachgesehen?« »Nein; das war nicht nötig.« »Sie könnten ihn doch übersehen haben.« »Das ist unmöglich, sag' ich Ihnen.« »Aber ich bin doch nicht überzeugt davon; ich weiß, daß Derartiges schon vorgekommen ist. Ich vermute, daß noch andere Briefschaften drin sind. Er kann möglicherweise dazwischen geraten sein.« »Er lag oben drauf.« »Vielleicht hat jemand daran geschüttelt und die Sachen durcheinandergebracht.« »Nein, nein; ich hatte alles ausgepackt.« »Es läßt sich ja leicht feststellen,« fiel der Premier ein. »Lassen Sie doch den Kasten hereinbringen.« Der Staatssekretär klingelte. »Jacobs, bring' meinen Kasten mit den Briefschaften herunter. Es ist ein überflüssiger Zeitverlust, da Sie sich jedoch sonst nicht überzeugen lassen wollen, soll's geschehen. Danke, stell' ihn hierher, Jacobs. Ich habe den Schlüssel stets an der Uhrkette gehabt. Hier sind die Briefschaften, sehen Sie. Brief von Lord Merrow, Bericht von Charles Hardy, Note aus Belgrad, Note über den russisch-deutschen Getreidezollvertrag, Brief von Madrid, Schreiben von Lord Flowers – heiliger Herr! was ist das? Lord Bellinger! Lord Bellinger!« Der Premier riß ihm das blaue Kuvert aus der Hand. »Ja, er ist's – und vollkommen unversehrt. Herr Hope, ich gratuliere Ihnen.« »Danke Ihnen! danke! Was für ein Stein ist mir vom Herzen. Aber es ist unbegreiflich – unmöglich! Herr Holmes, Sie sind ein Hexenmeister, ein Zauberer! Woher wußten Sie, daß er drin war?« »Weil er sonst nirgends war.« »Ich kann meinen Augen nicht trauen!« Er rannte wie besessen zur Tür hinaus. »Wo ist meine Frau? Ich muß ihr sagen, daß wieder alles gut ist. Hilda! Hilda!« hörten wir ihn auf der Treppe rufen. Der Premier blinzelte Holmes mit den Augen. »Kommen Sie 'mal her, mein lieber Herr,« sagte er. »Diese Sache liegt tiefer. Wie ist der Brief in den Kasten zurückgekommen?« Holmes wich den tiefforschenden Blicken dieser wunderbaren Augen lächelnd aus. »Wir haben auch unsere diplomatischen Geheimnisse,« versetzte er, nahm seinen Hut und ging zur Türe.