Pedro Calderón de la Barca Drei Vergeltungen in Einer Übersetzt von Johann Diederich Gries Personen:         Don Pedro , König von Aragon . Don Lope de Urrea , hochbejahrt . Doña Blanca , dessen Gemahlin . Don Lope , ihr Sohn . Don Mendo de Torrellas . Doña Violante , dessen Tochter . Don Guillen de Azagra . Beatriz , Dienerin der Doña Blanca . Elvira , Dienerin der Doña Violante . Vicente , Don Lopes Diener . Ritter, Diener und Gefolge . Räuber . Volk . Erster Aufzug Zweiter Aufzug Dritter Aufzug Erster Aufzug. Waldgebirg. Hinter der Szene fallen Schüsse. Don Mendo und Doña Violante treten auf, verfolgt von vier Räubern, unter welchen Vicente . Don Mendo (fechtend) . Barbarisch wilde Horden! Nicht euer Schwert, ringsum gezückt zum Morden, Und nicht des Bleies Grauen Soll, eh ich tot bin, je besiegt mich schauen. Denn nichts ist, was mein Mut zu fürchten hätte, Im Sterben, noch im Leben. Violante .                                     Himmel, rette! Erster Räuber . Siehst du dich hier umschlossen Vom Waldgebirg, das von den steilsten Sprossen Des Gipfels bis zum Thale Dem Wandrer zeigt graunvolle Todesmale: Wie (ob dein Mut auch mit dem Kriegsgott ränge) Wagst du zu widerstehn so großer Menge? Vicente . Ha, diese seltne Schöne, Die selbst die Sonn' erbleichen macht, gewöhne Zu besserm Dienst sich heute, Bestimmt zu unsers Hauptmanns Siegesbeute. Don Mendo . Eh dieser Schönheit Blüten Verletzt sich schaun, muß euer grimmes Wüten Mein Leben durch des Siegs Gewalt vernichten; Und mag sodann der schnelle Ruf berichten, Daß ich, wenn nicht ihr Rettung zu erwerben, Zum mindesten vermocht, für sie zu sterben. Zweiter Räuber . Das kann gar bald geschehen. Violante . Weh mir! Don Mendo .           Ihr zaudert noch? Don Lope tritt auf, als Räuber. Don Lope .                                           Was muß ich sehen? Vicente . Auf diesen Felsensteigen, In Labyrinthen, die der Lenz aus Zweigen Unkünstlerisch erbaut, traf unsre Bande Die Dame hier, die, um dem Sonnenbrande Sich zu entziehn, soeben Der Sänft' entstieg, von wen'gen nur umgeben. Die feigen Diener nahmen Reißaus, sobald wir kamen; Und dieser Greis nur, dem es eingefallen, Sie zu befreien, schützt sie vor uns allen. Don Lope (zu Don Mendo) . Wie konnte, sprich, dein Mut für rätlich schätzen, Sich solcher Uebermacht zu widersetzen? Don Mendo . Wenn ich zu leben dächte, Wär's offenbar nur Thorheit, daß ich fechte; Doch denk' ich nur zu sterben, So kann mein Mut den Tadel nicht erwerben. Und da dein Spruch mein Leben Zu richten hat, verlang' ich ohne Beben, Daß Strenge deiner Streng' Obrichter werde. Nicht Gnade will ich flehn. (Er kniet.) Don Lope .                                   Auf von der Erde! Denn du bist's, dessen Stimme Zuerst mein Herz zur Milde lenkt vom Grimme. Die Dame hier, wohl eine nah Verwandte, Ist sie dein Weib? Don Mendo .                 Mein Kind ist Violante. Violante . Und so sehr seines Blutes Und seiner Würde Kind und seines Mutes, Daß, wähnst du durch sein Sterben Dir meines Lebens Herrschaft zu erwerben, Hast du umsonst gewettet. Denn eher braucht' ich, wenn kein Stahl mich rettet, Die eignen Händ' als meines Nackens Seile, Mich selbst erdrosselnd, stürzt' ich von der Steile Des Berges mich hernieder Ins tiefste Thal, zerschmetternd meine Glieder. Don Lope . O Schönheit sondergleichen, Laß deines Bangens Traurigkeit entweichen. Denn ob sie nicht vergebens Der ungestümen Wildheit meines Lebens Entschuld'gung würde spenden, Ist sie's auch, die vermocht, mein Thun zu wenden, Weil ich vor ihrem Bilde Zuerst empfand, was Achtung ist und Milde. – (Zu Don Mendo.) Wohin geht deine Reise? Don Mendo . Nach Zaragoza. und auf welche Weise Es immer sei, verhoff' ich dort einstmalen Den Lohn für deine Milde dir zu zahlen. Don Lope . Wer bist du denn? Don Mendo .                           Man nennet Don Mendo de Torrellas mich und kennet In Frankreich, Rom und Napel mich seit Jahren Als Diener unsers Herrn. Ihm zu willfahren, Muß ich zur Hauptstadt eilen, Wo er ein wicht'ges Amt mir will erteilen. Drum geb' ich dir mein Wort: wenn das Verhängnis Durch grausame Bedrängnis Dich zwang zu solchen Thaten, Will ich dir helfen, raten, Verzeihung deiner Sünden Für meine Dienst' eintauschen und verkünden, Daß meine Seele dankbar dir ergeben Und Schuldnerin dir bleibt für Ehr' und Leben. Don Lope . Dein Wort würd' ich empfangen, Wenn ich Verzeihung hoffte zu erlangen Für meiner Thorheit Schulden. Doch mehrmals schon verdammt, den Tod zu dulden Um schnöden Leichtsinns Thaten (Der Bosheit nicht), bin ich so weit geraten, Daß, nur dem Mißtraun offen, Ich nun mein Leben fortführ' ohne Hoffen Und meine Schuld vermehr' an jedem Tage. Denn meines Unglücks Plage Gebietet mir, zu meiner Sichrung Zwecke, Daß ich Verbrechen durch Verbrechen decke. Don Mendo . Verzweifle nicht so ganz an deinem Leben! Willst du Vertraun nur meiner Wahrheit geben, Kann ich so schlimmer Lage Dich immer noch entziehn. Drum, Jüngling, sage Mir, wer du bist; damit man deutlich schaue, Daß mir dein Herz vertraue. Denn keine Gunst will ich vom König flehen, Bis ich dein Schicksal werd' erleichtert sehen. Don Lope . Fruchtlos, in jedem Falle, Ist dein Bemühn; doch sei's! – Entfernt euch alle. (Die Räuber gehen ab.) Don Lope . Wißt, großmütiger Don Mendo, Lope de Urrea bin ich, Sohn Don Lopes de Urrea. Wären so nur meine Sitten Unbefleckt, wie meine Herkunft Und mein Blut es sind! Don Mendo .                         Gewißlich; Kann mein Wort auch wenig gelten. Denn ich und Don Lope hielten Vormals Freundschaft; und deshalb Fühl' ich stärker mich verpflichtet, Was ich kann, für Euch zu thun. Don Lope . Nein, Herr; wie ich hieraus schließe, Werdet Ihr nichts thun für mich. Denn da ich als Freund Euch finde Meines Vaters, und da eben Er's ist, den so unzufrieden Meine Thorheit macht, so mürrisch Mein Betragen, so verdrießlich Meine Wildheit, und zuletzt, Den so arm gemacht mein Schwindel: Könnt Ihr, denk' ich, als sein Freund, Nicht mit mir auch Freundschaft schließen. Obwohl, dächt' ich auf Entschuld'gung Einzugehn, ich Euch versichre, Daß ich's könnte; denn er war Meines Mißgeschicks Beginner. Don Mendo . Welcher Weise? Don Lope .                               Dieser Weise: Don Mendo . Sprecht! Ich hör' Euch mit Begierde. Violante . Endlich komm' ich, nach und nach, Doch zu freiem Atem wieder. Don Lope . Höret denn: Mein Vater war, Wie man oftmals mir berichtet, Schon seit seinen frühsten Jahren (Mag's zum Lob, zum Tadel dienen Abgeneigt, sich zu vermählen. Doch befürchtend, die Familie, So erlaucht, so alt und edel, Werd' ein Majorat verlieren, Und getrieben von Verwandten, Oder von sich selbst getrieben, Faßt' er, schon im höhern Alter, Seiner Neigung ganz zuwider, Den Entschluß, sich zu verändern. Zu dem Ende nun erkiest' er Eine Jungfrau gleichen Adels, Großer Tugend, reiner Sitte; Ob er wohl in einem Stück Sehr bei seiner Wahl sich irrte. Dies war die Verschiedenheit Ihrer Jahre; denn er kieste Doña Blanca Sol de Vila, Die kaum funfzehn Jahr' erblickte, Zur Gemahlin, und auf ihn Schneite schon der kalte Winter Eis'ge Flocken, die verwelkten Blüten abgelebter Sinne. Don Mendo . Ja, ich weiß es wohl; und wollte Gott, ich wüßt' es nicht! (Beiseite.) (Was dringt ihr, Läst'ge Bilder, auf mich ein?) Redet, fahret fort! Don Lope .                   Ich will es. Sie erwehrte sich der Heirat, Etwa, weil sie mochte wissen, Daß bei solchen Ungleichheiten Schwer sich Liebe läßt erzwingen. Doch den Frauen höhern Standes Ward nie freie Wahl beschieden; Und so mußte sie, ungern, Ihre Wahl zum Opfer bringen. Sie vermählte sich, gezwungen Von den Eltern. O wahnsinn'ger Zwang der Schicklichkeiten, was Fehlt dir noch zum Mordvollbringen? Er, mit sehr geringer Neigung Für den Stand, den er ergriffen; Sie, mit wenigem Gefallen – Nun erwäget Ihr und schließet Selber, was für Lebenssäfte Mußt' ein Sohn in sich verbinden, Der zur Welt kam als Erzeugnis Solcher schläfrig lauen Liebe. Wohl gedachte man, ich würde, Wie's geschehn bei andern Kindern, Neuer Friede sein den Gatten; Doch die Folge war so widrig, Daß ich ward ein neuer Krieg Beiden durch verschiedne Triebe: Lieb' erzeugt' ich in der Mutter Und im Vater Widerwillen. Ganz entgegen der Natur, Liebt' er mich auch nicht im mindsten; Ja, so haßt' er mich, als ob Zauberei zum Haß ihn zwinge. Er erzog mich ohne Lehrer; Und weit frecher machte dieser Unfug mich, als ich geworden, Wenn nur meine Fehler irgend Wen gehabt, der sie verbeßre; Denn das scheueste, das wildste Tier wird lenkbar doch zuletzt, Sei's durch Schmeicheln, sei's durch Zwingen. Kaum demnach wies Ueberlegung Mir den ersten schwachen Schimmer Von aufdämmernder Vernunft, Als ich schon, so frei mich findend, Schlechtem Umgang mich ergab, Ohne daß es ward gehindert Durch die Lässigkeit des Vaters, Durch der Mutter heiße Liebe. So, von aller Aufsicht frei, Lief mein ausgelaßner Wille Ohne Zaum und ohne Zügel Durch der Lasterbahn Gefilde. Spiel und Weiber wurden bald Das hauptsächlichste Getriebe Meines Lebens, und auf solchem Grunde ward der Bau errichtet Meiner Jahre; nun erwägt, Wie ein Bau, der im Beginnen Wankend ist, so leicht und schnell Muß in sich zusammensinken. Endlich, erst nach langen Tagen, Da ich schon zu Grund gerichtet, Weil Ausschweifungen mich gänzlich Unterjocht, ersah mein blinder Vater, ich sei schlecht erzogen; Und nun wollt' er, spät und hitzig, Grade richten einen Stamm, Den er selber ließ entsprießen Aus so fehlerhafter Wurzel Und im Wuchs sich so verbiegen. In der That, ihm zu gefallen, War gewiß mein Wunsch; doch nimmer, Soll ich wahr sein, glückt' es mir, Das zu thun, was ihm beliebte. Einer so den andern duldend, Doch einander stets zuwider, Lebten wir und waren beide Die beständ'gen Qualenbringer Meiner Mutter, die noch jetzt Immer fühlt ihr Herz geschieden In zwei Teile, deren einen Sie, den andern ich besitze. Deshalb, wenn ich wohl bei Nacht Mich vermummt zu ihr geschlichen (Denn für ihren Gram und meinen Gibt's kein andres Lindrungsmittel), Gab sie mir des Hauses Schlüssel, Und ich kam so ganz im stillen, Daß mein Vater nicht mich hörte. Wer sah jemals wohl hienieden, Daß der Mutter Zärtlichkeit, Daß die Zärtlichkeit des Kindes Mußten einer Tugend selbst Des Verbrechens Larve bieten? Doch damit ich auf einmal Fort Euch führe zu den schlimmsten Schicksalsfügungen, die endlich Mich in diesen Abgrund stießen, Schweig' ich von den Liebesstreichen, Spielgelagen, Händeln, Zwisten, Die uns beid', in Armut ihn, In Verhaßtsein mich gerissen. Wißt, daß neben unserm Hause Eine Dame wohnt' – ich irre; Denn nicht dies, sie war der Schönheit Größtes Wunder, war des Witzes Ganzer Inbegriff, in dem Die zwei äußersten der Dinge, Edelmütig sich vereinend, Die uralte Trennung tilgten, Welche die Vollkommenheit In Verstand und Reiz geschieden. Ich macht' ihr den Hof, und anfangs Waren meiner Glut Vermittler Stumme Zeichen, die hernach, Erst in Seufzer umgebildet, Uebergingen in Versuche, Gut gedacht und schlecht geschrieben. Ich bekannt' ihr meine Qualen In wohl tausend Blättern, schriftlich, Die, in ihr mitleidig Ohr Sich mit leichtem Fluge schmiegend, Schlau genug, gefäll'gen Eingang Bahnten endlich auch der Stimme. Manchmal, wann die stille Nacht Zeugin war von meiner Liebe, Horchte sie am Gitterfenster, Welches schien Vertrag zu schließen Mit der Brust; denn dieses Eisen, Durchgefeilt von meinen bittern Schmerzen, folgte bald dem Beispiel Ihres schon erweichten Willens. Ja, sie hörte mich; und damit Hab' ich Euch zugleich berichtet, Daß sie meiner Pein erkenntlich Sich bewies; denn sicher ist es, Daß, die einmal sich nicht weigert, Sie zu hören, auch sie billigt. Ich nun, stolz und aufgeblasen Durch dies erste Gunstgewinnen, Nährte so auf ein'ge Zeit Meine Hoffnung; bis die Liebe Wollte, daß mein kühnes Streben Fliegen sollte bis zum Gipfel Ihres Glückes. – O wie falsch Nenn' ich's Glück, wenn ich erblicke, So tyrannisch sei die Herrschaft In dem weiten Reich der Liebe, Daß der Körper selbst des Glückes Der Gefahr zum Schatten dienet! Wirklich gönnte sie mir Zutritt In ihr Haus, nachdem durch viele Schwüre, zahllose Gelübde Meine Hand ich ihr gesichert. O wie leicht ist's, sie zu thun! O wie schwer, sie zu vollbringen! Denn kaum fand sich im Besitz Ihrer Schönheit meine Liebe, Als sie, ihre Bind' abnehmend, Sah in minder reinem Spiegel, Sie sei schön, doch zu gefällig. Ehre, wilder Basiliske! Selber gibst du dir den Tod, Wann du selber dich erblickest. So, verliebt in einer Rücksicht, In der andern Reu' empfindend, Liebt' ich stets noch ihre Schönheit Und verabscheut' ihre Sitte. Und demnach, um ohne Furcht Ihre Reize zu genießen, Sucht' ich schlau, durch die Entschuldung, Ich sei Haussohn, aufzuschieben Die Erfüllung ihrer Wünsche; Bis sie, aus dem allen schließend, Dieser Aufschub sei nichts andres, Als ein künstlich Truggebilde, Listig sich den Anschein gab, Als erachte sie für richtig Meinen Vorwand, ohne daß Nur an der geringsten Miene Sich erspähen ließ, sie habe Falsches gegen mich im Sinne. Einen Bruder hatte sie, Außerhalb der Stadt, verwiesen, Weil er einen Mann von Stande Hatte meuchlings hingeliefert. Dieser nun, von ihr berufen, Kam zurück aus dem Gebirge; Und in ihrem Hause heimlich Ihn verbergend, gab die List'ge Ihm alsbald Bericht vom Zustand Ihrer Ehre. Hoch ergrimmend, Nahm er zu des Plans Vollführung Noch zwei Kameraden mit sich. Mit derselben Sicherheit, Wie in andern Nächten, ging ich Zu ihr auch in dieser Nacht; Doch, kaum tret' ich in ihr Zimmer, Seh ich plötzlich von den Dreien Mich verrätrisch angegriffen, So zugleich, daß eine Wendung Mich errettet von drei Stichen; Und schnell ein Pistol vorhaltend, Dessen, um des Lärmens willen, Sie sich nicht bedienen durften, Gab . . . (Man vernimmt Getöse.) Stimmen (hinter der Szene) .               Ins Thal! Andere .                         Zum Berg! Andere .                                           Ins Dickicht! Don Mendo . Was ist dieses? Vicente tritt auf. Vicente .                                 Herr! Don Lope .                                       Sprich eilig. Don Mendo . Was verkündet Ihr? Violante .                                       Was gibt es? Vicente . Die entflohnen Diener haben Aufgerufen die Gerichte Jenes nahen Orts, und alle Kommen nun, uns zu erwischen. Don Lope . Ins Gebirge denn! Don Mendo .                           Dorthin Flüchtet Euch; entgegen will ich, Um zu hindern die Verfolgung, Und noch einmal Euch versichern Der Erfüllung meines Wortes. Don Lope . Ich nehm's an. Don Mendo .                     Nur eines bitt' ich.: Gebt ein Zeichen mir, ein Pfand, Das dem Boten, wenn ich schicke, Euch zu suchen, Zugang schaffe. Don Lope . Weiß ich gar nichts doch zu finden, Das ich könnt' als Pfand Euch geben! Aber nehmt, statt andrer Dinge, Dies Jagdmesser an; wer dies Bei sich führt, kommt ungehindert. (Er reicht ihm sein Jagdmesser.) Don Mendo . Wie? Ein Messer? Don Lope .                                 Und was sonst, Das nicht wär' ein Todesdiener, Könnt' ich geben? Don Mendo .               Wohl, ich nehm' es, Um zu stumpfen ihm die Klinge. Don Lope . Nehmt und lebet wohl! Don Mendo .                                   Lebt wohl! Don Lope . Ich Unsel'ger, weh! Don Mendo .                             Was gibt es? Don Lope . In der Unruh, Euch es gebend, Ritzt' ich mir die Hand und zittre, Da ich's in der Euern sehe; Weil, obwohl nicht rachbegierig Gegen mich Ihr Euch beweiset . . . Don Mendo . Sicher nur ein Truggebilde Der Bestürzung ist's; denn ich . . . Stimmen (wie vorhin) . Fort, ins Thal! Zum Berg! Ins Dickicht. Vicente . Näher kommen schon die Leute. Violante . Haltet Euch nicht auf, entfliehet! Meine Seele hängt an einem Faden, Eure Fährd' erblickend. Don Lope . Ich entflieh', um eurer Sorg Mehr, als meiner Fährde willen. – (Beiseite.) O mein Wahn, wie vieles sahen Wir in einem Augenblicke! (Ab mit Vicente.) Don Mendo . Fort! Laß uns entgegen eilen, Daß sie weiter vor nicht dringen. – (Beiseite.) O wie viele Dinge, Zufall, Bringst du dem Gedächtnis wieder! Violante (beiseite) . Nein, gewiß, so liebenswert Sah ich das Verbrechen nimmer. O mein Herz, wie vieles nehm' ich Mit mir fort, um nachzusinnen! (Beide ab.)     Audienzsaal im königlichen Schlosse zu Zaragoza. Don Lope , der Vater, und Don Guillen treten auf. Don Guillen . Da ich seit den frühsten Jahren Mit Don Lope, Euerm Sohn, Freundschaft hielt, verzeiht Ihr schon, Daß ich wünsche zu erfahren (Weil ich Euch so traurig finde), Ob Ihr meines Diensts begehrt. Don Lope . Glaubt mir, daß ich ganz den Wert Eurer Freundlichkeit empfinde. – Und wann seid Ihr angekommen? Don Guillen . Gestern; einer Sache wegen, Woran vieles mir gelegen, Bin von Napel ich gekommen. Don Lope . Mit dem König wünsch' ich sehr Hier zu sprechen; doch ich zage, Daß er mein Gesuch versage. Don Guillen . Schon kommt der Monarch hieher. Der König tritt auf, mit Gefolge. Don Lope . Unbesiegter Herr, Ihr sehet Lope de Urrea hier, Den Ihr kennt. König .                     Was wünschet Ihr? Don Lope . Heut sei nicht von Euch erflehet, Was ich oft, zu andrer Zeit, Schriftlich schon von Euch erbeten; Heute führt zu diesen Stätten Mich getrösteter mein Leid. Knieend, bitt' ich Euch von Herzen, Großer Herr, daß Ihr mich hört. König . Sprecht! Don Lope .         Beklommen und verstört, Thu' ich kund Euch meine Schmerzen. Mein mir gleich benamter Sohn Sagte sich als Ehemann Einer Dame zu, und dann (Es zu sagen, kränkt mich schon), Wohl vor meinem Zorn in Bangen, Weil ich's nicht bewilligt hatte, Schob er's immer auf, als Gatte Die Verlobte zu empfangen. Wähnend, dieses Zögerns Grund Sei nicht Vorsicht, sei Verschmähen, Machte sie nun, was geschehen, Ihrem fernen Bruder kund. Dieser kommt mit zwei Genossen, Die zur Nachtzeit ihn umringen Und bedrohn ihn umzubringen; Doch der Jüngling, kühn, entschlossen Und nicht fähig, zu ertragen So verwegnen Uebermut, Wagt', in seines Zornes Glut, Sich mit allen Drei'n zu schlagen. Einen fällt' er; doch, fürwahr, Dies kann kein Gesetz beleid'gen, Denn den Trieb, sich zu verteid'gen, Fühlet auch das Tier sogar. Als er auf die Gasse trat, Da verletzt' er einen Schergen; Falls er nun – ich will's nicht bergen, – Hiedurch Euch beleidigt hat, So bedenkt, es wäre frecher, Wenn er, das Gericht verachtend, Nicht ihm zu entfliehen trachtend, Ruhig dablieb als Verbrecher. Freilich, auf des Krieges Feldern Wär' er würd'ger Eurer Huld, Als nun, mehrend seine Schuld, Wegelagernd in den Wäldern; Doch als Ehrenpunkt verteidigt Wird, Ihr wißt, in Aragon, Daß kein Edler je entflohn, Der ein edles Haus beleidigt. Jenes Weib, das er verließ, Das bei diesem Unglücksschlage Hat ein doppelt Recht zur Klage, Erstlich, weil er ihr verhieß, Sie zu freien, und zum zweiten, Weil ihr Bruder ward gefällt, Will nun, ferne von der Welt, Sich ein besser Los bereiten Und verspricht, wie ich gebeten, Abzustehn von dieser Sache, Wenn ich ihr den Mahlschatz mache Um ins Kloster einzutreten. Und obwohl ich bin so arm, Daß ich in der tiefsten Not Suchen muß mein spärlich Brot, Hab' ich dennoch, ohne Harm, Mich entäußernd jeder Habe, Nicht nur ihr das Eintrittsgeld, Auch ein Jahrgehalt bestellt: Und zur Leistung dieser Gabe Muß ich meine Wohnung nehmen In dem ärmlichsten Quartier Meines Hauses, um bei mir Den Don Mendo aufzunehmen. Habt nun meines Flehens acht Und laßt nicht umsonst mich knieen! Schenkt – da die Partei verziehen Und nun Eure Königsmacht Einzig ist Partei zu nennen – Schenkt von Euerm Herrscherthron Gnade mir für meinen Sohn, Die Ihr mögt ihm zuerkennen, Nicht um sein Verdienst, noch mein, Um so viel berühmter Ahnen, Deren Thaten laut Euch mahnen, Ihrem Sprößling zu verzeihn. Forschet, Herr, was seit so langen Jahren durch mein Haus geschah; Tausend Helden seht Ihr da, Die Euch Sieg und Ruhm errangen. Laßt Euch dauern dieses Schneees, Den der Vaterliebe Glut Schmelzt durch meiner Augen Flut, Beim Berichte meines Wehes. Und darf Vaterzärtlichkeit Nicht auf Königsgnade bauen, Rühr' Euch einer edeln Frauen, Seiner Mutter, tiefes Leid. Dieser Gram – ihr Herz zerbricht er! Weil Ihr seid Ihr selber, spendet Huldreich diese Gnad' uns! König .                                         Wendet Euch an meinen Oberrichter. Don Lope . Ach! mein Unglücksstern verspricht Wenig Hellung meinem Pfade; Denn ich fleh' Euch an um Gnade, Und Ihr weist mich ans Gericht. König . Wird bei diesem das Vergehen Vorgebracht nach Recht und Brauch, Muß es nicht erkennen auch Den Erlaß? Don Lope .         Ich muß gestehen; Doch was hilft's? Es gibt ja keinen Oberrichter Aragons, Seit dem Tode Don Ramons. König . Ja; noch heut wird er erscheinen. Don Lope . Meine Seufzer, meine Zähren, Rühren mögen sie Eu'r Herz! König . Wer sieht dich, o Vaterschmerz! Ohne Mitleid zu gewähren? (Ab mit Don Guillen und Gefolge.) Don Lope . O notwendige Verpflichtung Einer edeln, wackern Brust, Was nicht hast du thun gemußt Für die allgemeine Richtung Eines Volksurteils, und dies Ohne reine Vaterliebe! Nicht als hegt' ich Hassestriebe Gegen Lope; doch gewiß, Zu der Wendung dieses Falles Böt' ich freudiger die Hände, Wenn ich wahre Lieb' empfände. Doch für Blanca thu' ich alles, Weil ich so sie lieb' und achte (Glaubt sie schon das Gegenteil), Daß ich, wär's zu ihrem Heil, Wenig aus dem Tod mir machte.     (Geräusch hinter der Szene.) Doch wer tritt, mit solcher Schar, Eben zum Palast herein? Mendo, glaub' ich, muß es sein, Der mein Freund vor Zeiten war. Gerne möcht' ich zwar vermeiden, Daß er so allhier mich sähe; Aber da er künftig (wehe!) Meine Wohnung (bittres Leiden!) Teilen soll, so kann ich kaum, Ihn zu grüßen, mich entbrechen. – Doch Gelegenheit zum Sprechen Findet jetzt für mich nicht Raum. Denn der König, der vernommen Von Don Mendos Wiederkehr, Wird zum zweitenmal hieher In den Audienzsaal kommen. Der König kommt von der einen Seite, von der andern Don Mendo , beide mit Gefolge. Don Mendo . Gönnet, Herr, daß mir das reiche Glück, Euch zu verehren, werde! (Er kniet.) König . Auf, Don Mendo, von der Erde! Oberrichter meiner Reiche, Stehet auf! Don Mendo .     So weigert nicht Mir die Hand zum Kuß; sie gönne Beistand mir, damit ich könne Aufstehn unter dem Gewicht, Das Ihr auf mich Schwachen ladet. Schütze Gott Eu'r Diadem! König . Wie ergeht es Euch? Don Mendo .                         Wie dem, Der von Euch so hoch begnadet Sich erblickt. König .                   Ermüdet sein Müßt Ihr; geht und gönnt Euch Rast. Morgen früh kommt zum Palast; Und dann, sind wir beid' allein, Will ich Euch die Absicht sagen, Derenthalb es mir gefiel, Euch an Hof zu ziehn. Gar viel Denk' ich Euch zu übertragen. Don Mendo . Seel' und Leben, Herr, sind Euer Und nie besser zu gebrauchen, Als für Euch sie zu verhauchen. (Der König und Gefolge gehen ab.) Don Lope . Daß der Edle, was ihm teuer War vordem, nicht leicht vergißt, Laßt, Don Mendo, jetzt den grauen Lope de Urrea schauen. Don Mendo . Könnt' ich in der längsten Frist Die Verbindlichkeit vergessen Gegen unsrer Freundschaft Band? Don Lope . Freudig küss' ich Eure Hand Und in doppeltem Ermessen: Erstlich, Eurer Ankunft wegen, Des Bewohners meiner Zimmer, Wo zu Euern Diensten immer Ich und Blanca sind zugegen; Dann auch, weil Ihr dieser Reiche Oberrichter seid forthin Und ich Eu'r Bewerber bin. Don Mendo . Zur Zufriedenheit gereiche Euch mein Dienen. Don Lope .                     Meine Sache Hat der König, eh Ihr diesen Ort gesehn, an Euch verwiesen. Don Mendo . Daß ich für Eu'r Bestes wache, Glaubt, und daß ich jeden Falles Werd' Euch treu und dienstlich sein. Don Lope . Wißt, mein Sohn hat . . . Don Mendo .                                     Haltet ein! Schon bekannt ist mir dies alles, Und ich achte diesen Schmerz, Den Ihr zeigt; denn freilich, schon Ward mir kund, für Euern Sohn Hättet Ihr kein Vaterherz. Don Lope . Vielen, Herr, hat wohl geschienen, Daß ich oft zu nah ihm trat; Doch was ich für ihn nicht that, Mag er schwerlich auch verdienen. Denn um seiner Streiche willen Bin ich jedermann zur Last, Durch sein Bösesthun verhaßt Und verarmt durch seine Grillen. Don Mendo . Laßt nun Euern Schmerz vergehn; Und, da ich die Stellung habe, Daß ich geben kann die Gabe, Die ich dachte zu erflehn, Haltet jetzt sein schlimmes Glück Für gebessert; denn das Leben, Das er mildreich mir gegeben, Geb' ich dankbar ihm zurück. Kunde werd' ich Euch erteilen Von dem allen. Kommt nach Haus; Alles weiset dort sich aus. Aber kommt nun, laßt uns eilen; Denn ich ließ zurück vorhin, Als ich zum Palast mich wandte, Meine Tochter Violante, Der ich Freund und Vater bin, Und ich sorg', ob sie gekommen. Don Lope . Freuen wird's mich in der That, Wenn sie wohl mein Haus betrat, Wo zu ihrem Dienst und Frommen Blanca, meine Gattin, harrt, Die ich, Herr, von ganzer Seele Euch zur Dienerin empfehle. Don Mendo . Ehr' ist mir die Gegenwart Meiner Herrin und Verwandten. – (Beiseite.) Himmel, könnt' ich doch entgehn Diesem bangen Wiedersehn Blancas, ach, der Wohlbekannten! (Beide ab.)     Vorsaal im Hause des Don Lope. Von der einen Seite Violante in Reisekleidung, von der andern Doña Blanca . Blanca . Glücklich, daß sich meine Wohnung Darf so schönen Gastes rühmen, Dem ich hier zu jeder Stunde Dienen kann, wie sich's gebühret. Um willkommen Euch zu heißen, Violante, und zur Hilfe Eurer Frauen kam aus meinem Zimmer ich zu Euch herüber. Violante . Ich wohl muß mich glücklich nennen; Denn dies Land als Fremde grüßend, Kann ich sagen, daß ich hier Mich wie in der Heimat fühle. Doch verzeiht, daß ich in diesem Vorsaal Euch empfangen müssen, Welcher unsre Wohnung trennt; Denn nicht wag' ich, Euch zu führen In mein ungeordnet Zimmer. Blanca . Diese Schuld habt Ihr zu büßen, Nicht die Diener; denn Ihr wurdet Nicht erwartet hier so frühe. Violante . Und mir schien's noch immer spät; So sehr, ich beteur' es, wünscht' ich Mich zu sehn auf dieser Seite Des Gebirges, stets befürchtend Eine zweite Fahr des Lebens. Blanca . Also gab's schon eine früher? Violante . Und so große, sollt Ihr wissen, Daß sie meine Seel' erschüttert Noch bis jetzt (beiseite) , (weil eben jetzt Mehr ich, als zuvor, sie fühle). Blanca . Aber wie? Violante .               Um vor der Sonne Mich zu wahren, die mit glühnden Strahlen, wie mit Feu'r und Schwert, Schien die Felder zu verwüsten, Stieg ich endlich aus der Sänfte In dem lieblichsten der Gründe, Einem Waffenplatz der Blumen, Weil sie drinnen, wohl beschützet Durch die Schanzen und die Gräben Eines Bachs, nicht durften fürchten Das Belagrungszeug der Sonne, Noch die Streiferein der Stürme: Als auf einmal vier bis sechs Männer aus den Bergen stürzten, Die an meiner Ehr', am Leben Meines Vaters Zwang zu üben Sich vermaßen; und gar leicht Konnte die Gewaltthat glücken, Kam in diesem Augenblick Nicht ein kühner, schmucker Jüngling, Ein verbannter Edelmann, Der großmütig . . . Was bekümmert Euch so sehr? Ihr weinet? Blanca .                                     Weil ich, Da Ihr Eu'r Geschick enthüllet, Um mein eignes Schicksal traure. Fahret fort. Violante .           Ich will verhüten, Daß mein Leid Euch Anlaß gebe, Euer eignes Leid zu fühlen. Blanca . Sagt mir, sah Eu'r Vater diesen, Den so glänzend Ihr, so günstig Schildert? Violante .          Dankt er doch zum mindsten Ehr' und Leben diesem Jüngling. Blanca (beiseite) . Weh ihm, daß er nicht, durch Rache Meiner Ehr', ein Beispiel übte, Um der Welt . . . Allein was sag' ich? Gott im Himmel! Was enthüllt' ich? Ich war thöricht – o verzeiht! Denn in meiner Seele Gründen Ist ein Gram so eingewurzelt, Daß er manchmal mir die Stütze Der Vernunft entzieht. Nicht wundern Darf Euch, Fräulein, dieses Uebel; Denn der Jüngling ist mein Sohn, Und des Schicksals hartes Fügen Macht ihn elend, seinen Vater Lieblos und mich unvernünftig. Violante . Wohl entdeckt' er, wer er sei; Doch ich konnte – so zerrüttet Waren meine Sinne – damals Jene Namen nicht genügend Mir einprägen, um zu merken, Daß er Euch so nah berühre; Sonst hätt' ich von ihm geschwiegen. Don Mendo und Don Lope , der Vater, treten auf. Don Lope . Botenlohn wird mir gebühren, Blanca; denn in unser Haus Ziehen heut Glück und Vergnügen. Blanca . Das ist viel; denn lange schon Fanden sie's nicht mehr. Don Lope .                             Wie übel That ich! (Zu Violante) Reichet mir, Señora, Eure Hand, daß ich sie küsse, Und verzeihet mir. – Du, Blanca, Wisse: Herr Don Mendo, künftig Unser Gast, ist Oberrichter Aragons (was unsers Glückes Erster Teil ist), und ihm hat (Zweiter Teil) des Königs Güte Die Begnadigung Don Lopes Ueberlassen. Blanca (beiseite) .   Wie bedürftig Bin ich deiner jetzt, Geduld! – (Zu Don Mendo.) Dankbar bin ich meinem Glücke, Herr, das Euch hieher gebracht, Wo ich Euch zu dienen wünsche. Meinen Sohn betreffend, weiß ich, Wer Ihr seid, und denk', Ihr fühlet, Daß Ihr die Verpflichtung habt, Eurethalb ihn zu beschützen, Weil Ihr ihm, sagt Violante, Einen Dienst habt zu vergüten. Don Mendo . Stets, um sein- und Eurentwillen, Blanca, wünsch' ich Euch zu nützen; Denn ich denk', Ihr wißt, wie sehr Ich in Eurer Schuld mich fühle. Elvira tritt auf. Elvira (zu Violante) . Jetzt, Señora, ist dein Zimmer Aufgeschmückt und zugerüstet. Violante . So verzeiht und gönnt mir, Blanca, Güt'gen Urlaub, denn ich wünsche Auszuruhn. Blanca .             So gönnet mir, Daß ich Euch begleiten dürfe. Don Lope . Mir, dem Greise, kommt es zu, Euch als Kammerherr zu führen. Violante . Nur vom Hausherrn nehm' ich's an, Wenn ich annehm' Eure Mühe. – (Zu Blanca.) Bleibt mit Gott! Blanca .                     Er mög' Euch wahren! Violante (beiseite) . Auf nun! uns zum Kampf gerüstet, Mein Gemüt, mit jener Viper, Die mir Leben gab und kürzte! (Don Lope führt Violanten ab; Elvira folgt.) Don Mendo . Daß ich dieses Euch erlaube, Thu' ich, weil ich's kann vergüten, Wenn ich Blanca'n nun begleite. – (Beiseite.) Eh sie mich anredet, wünsch' ich Ihren Klagen zu begegnen. Blanca (beiseite) . Geisteskraft, jetzt mir zu Hilfe!     (Sie geht; Don Mendo will sie begleiten.) Herr, wohin? Don Mendo .         Euch zu bedienen. Blanca . Bleibt, Señor. Don Mendo .               O daß Ihr wüßtet, Wie ich die Gelegenheit Mir ersehnt! Blanca .               Aus welchen Gründen? Wenn Ihr keinen andern Zweck Dabei habt, als Ihr verkündet. Don Mendo . Euch zu sagen, wie mich's quält, Finden Euch im Gram zu müssen. Zwar, Ihr könntet wohl erwidern, Daß es nicht mich wundern dürfe, Da ich Euch im Gram verließ. Blanca . Keines doch von beiden wüßt' ich. Ihr im Grame mich verlassen? Wie und wann? Denn, wie mich dünket, Sah ich Euch noch nie im Leben. Don Mendo . Blanca! O! Blanca .                           Nicht weiter führet, Herr Don Mendo, ein Gespräch, Das nur Höflichkeit begründet. Und wenn Euch vielleicht Erinnrung Von verworrner Art verführte, Euch so sehr in mir zu irren: Wie das Schweigen sie verhüllte, Laßt das Schweigen sie vernichten; Und nach solcher Zeitenlücke, Bitt' ich Euch, vergeßt dies alles, Denn mir blieb davon nichts übrig. Don Mendo . O wie klüglich, teure Blanca, Wißt Ihr Euern Geist zu nützen! Blanca . Warum sagt Ihr das? Ich weiß nicht. Don Mendo . Ich wohl. Blanca .                         So laßt dies Euch gnügen. Don Mendo . Dies soll mir zur Weisung dienen; Aber, soll ich sie erfüllen, Wie hab ich's zu machen? Blanca .                                     Schweigend. Don Mendo . Und wie schweigt man? Blanca .                                               Still sich fügend. Don Mendo . Werd' ich's können? Blanca .                                         Lernt's von mir. Don Mendo . Durch welch Mittel? Blanca .                                           Leicht zu üben. Don Mendo . Sagt es! Blanca (rufend) .         Beatriz! Beatriz tritt auf. Beatriz .                                   Señora? Blanca . Herrn Don Mendo leucht' hinüber. – So nimmt man Gelegenheiten. Don Mendo . Nein, so mehrt man Qual und Bürde. (Alle ab.)     Violantens Zimmer. Violante tritt auf, ihren Kopfputz lösend, Elvira mit Lichtern. Violante . Schließ die Thüren ab, Elvira; Und wofern mein Vater würde Nach mir fragen, sag', ich sei Schon im Bette, höchst ermüdet. Denn nicht ihn, noch irgend jemand Will ich sprechen mehr; ich wünsche Nur die Einsamkeit zur Freundin. Elvira . Seltsam, was dich so erschüttert! Violante . Und noch lange nicht geschildert Hab' ich's dir, wie ich es fühle. – Hilf mir nun die Locken lösen, Und hier diese Kleidungsstücke Leg' auf jenen Tisch. Elvira .                               Kurzum, Diese Räuber sind – was dünkt dich? – Nicht so grausam, wie man sagt. Violante . Wuchs, Gesicht und Stimme drückten Sich so tief in mein Gedächtnis, Daß ich sie mit aller Mühe Nicht vertreiben kann; so tief, Daß, wohin ich nur mein schüchtern Auge wenden mag, da glaub' ich Ihn zu sehen. (Sie treten in den Alkoven.) Von außen wird eine Thür aufgeschlossen; Don Lope , der Sohn, und Vicente treten auf. Don Lope .             Ei, was spür' ich? Sieh, wie herrlich ist dies Zimmer Aufgeputzt und zugerüstet! Vicente . Nun, wir irrten uns im Hause; Denn, fürwahr, in deinem wüßt' ich Eine Lampe kaum zu finden. Don Lope (in den Alkoven sehend) . Halt, bleib stehn! Vicente .                       Ich halte pünktlich. Don Lope . Siehst ein Weib . . .? Vicente .                                       Und zwei sogar. Don Lope . Das des Putzes, der es schmückte, Stolz verachtend sich entledigt, Als unnöt'ger Siegesfrüchte, Als entbehrlicher Trophäen Ihrer Schönheit, sagend, dünkt mich: Besser, als in Waffen Pallas, Sieget Venus ohne Hülle. Vicente . Ei, ich seh's; und wenn's so fortgeht, Werden wir in kurzem hübsche Dinge schaun. Don Lope .             Wer mag es sein? Vicente . Meine Mutter ist's natürlich, Wenn nicht deine. Don Lope .                   Nahen will ich, Ob ich ihr Gesicht enthülle . . . Vicente . Und ich auch. Don Lope .                   Und ob ich höre, Was sie spricht. Doch leiser schlüpfe! Vicente . Wie? Noch leiser? Und beträt' ich Stufen eines Grabgerüstes, Nicht den Silberflor verderbt' ich. Violante und Elvira kommen wieder hervor. Elvira . Was für seltsame Gefühle! Violante . Kurz, so nah ist mir, so sehr Gegenwärtig dieser Jüngling, Daß ich schwören möchte – Himmel! Eben dort ihn schaun zu müssen. Elvira . Nun, man wird dir nicht die Zähne Ausziehn wegen falscher Schwüre; Denn ich möcht' es auch beschwören. Vicente . Nun ist weiter keine Hilfe. Don Lope . Jene Dam' ist's, die ich sah. – Sagt mir, reizendes Entzücken, Sagt mir, schönes Wunderbildnis . . . Violante . Schatten meines leeren Dünkens, Täuschung meiner regen Sinne, Seele meines irren Grübelns, Körper meiner Phantasie, Stimme meines Wahns – denn wirklich, Bist du Schatten gleich und Täuschung, Traumbild, Wahn und Sinnenlüge, Ohne Seele, Hüll' und Stimme, Hast du Stimme, Seel' und Hülle – Wie bist du hier eingedrungen? Don Lope . Reinster Schönheit Wunderblüte, Wohl laßt Ihr die Phantasie Auf Euch ein zu lebhaft wirken. Kommt mir, bitt' ich, nicht zuvor In den Zweifeln, die ich fühle; Denn ich frag' aus besserm Grunde, Welch Geschick hieher Euch führte? Violante . Dieses ist mein Haus. Don Lope .                                   Auch meins; Denn, kam ich . . . Violante .                       Schweigt, Ungestümer! Don Lope (zu Elvira) . Daß sie ruhig werde, höret Ihr mich! Elvira .           Ich? Aus welchen Gründen? Nein, erscheinet meiner Herrin, Ihr gespenst'ger Räuberjüngling, Denn sie ist ja die Verliebte. Aber warum mir? Ich fühle Wahrlich nichts für Euch. Don Lope (zu Violante) .           Bemerkt, Wie Euch Eure Furcht betrüget. Ich bin dieses Hauses Sohn, Und um Blanca zu begrüßen, Kam ich her, um ihr zu sagen, Was Ihr wisset; denn ich wünsche, Daß sie jene Gunst betreibe, Die Don Mendo mir verbürgte. In dies Zimmer trat ich ein Mittels meines eignen Schlüssels, Nicht vermutend, wahrlich, Euch Hier zu sehn. Und wenn mir's glückte, Euch des Staunens zu entbinden, Leistet mir die gleiche Hilfe Und erklärt mir, wie es zugeht, Daß ich Euch hier finden dürfe. Violante . Was Ihr sagt, ich wußt' es freilich; Doch mich übermannten früher Der Einbildungskraft Phantome, Als des Wissens sichre Gründe. Und noch kaum erhol' ich mich Jetzt sogar, den Trug enthüllend; Denn vertreibt Ihr eine Furcht, Laßt Ihr andre noch mir übrig. Die Ihr schuft als Wahnerzeugnis, Schafft Ihr nun als Wahrheitsbürge, Und als Wahrheit oder Täuschung Seid Ihr immer mir zu fürchten..– Dieses Haus ist meine Wohnung; Denn die Diener, welche früher Kamen, haben es bestellt. Euer Vater, wie mich dünket, Wohnt im andern Teil des Hauses. Sucht Ihr ihn, so geht hinüber Und verlaßt mich, daß für diese Zartheit ich Euch danken dürfe. Don Lope . Muß ich gleich als Gottesdiener Eurer Schönheit mich verkünden, Bin ich's mit so heil'ger Liebe, Mit so reiner Achtungsfülle, Mit so weit entfernter Hoffnung, So nachgiebigem Gemüte, Daß, wie treu ich Euch verehre, So ich Euerm Wunsch mich füge. Lebet wohl und wißt: von allen Seid Ihr's, der zuerst es glückte, Meinen Willensdrang zu mäß'gen, Meinen Ungestüm zu zügeln. Violante . Lebet wohl und wißt auch Ihr: Dankbar bin ich Eurer Güte. Und auch Ihr seid ja der erste, Dem's gelang, mich so zu rühren. Don Lope . Ha, wer mit dem Preis des eignen Lebens wüßt' es zu vergüten! Violante . Wollt vergüten Ihr, Don Lope? Don Lope . Ja! Violante .         So geht, und unverzüglich. Don Lope . Ich will's thun; komm mit, Vicente. Vicente (der indes mit Elvira gesprochen) . Geh nur, wenn es dich gelüstet; Aber ich bleib' hier heut nacht. Violante . Was für seltsame Gefühle! Don Lope . Welche wundervolle Schönheit! Violante . Lieb' erregend, ohne Wünsche! Don Lope . Neigung weckend, ohne Sehnen! Violante . Geht mit Gott! Don Lope .                       Er mög' Euch schützen! Zweiter Aufzug. Vorsaal im Hause des Don Lope. Von der einen Seite Don Lope , der Vater, Blanca und Beatriz , von der andern Don Lope , der Sohn, und Vicente , in Reisekleidern. Don Lope, Sohn . Einmal und viel tausendmal Sei, Señor, der Tag gesegnet, Da in Demut meine Liebe Deinen Füßen darf sich nähern! (Er kniet.) Don Lope, Vater . Auf doch, Lope, auf vom Boden! Sei willkommen uns so herzlich, Wie du deinen Eltern lange Warst ersehnt. Don Lope, Sohn .   Eh du die Hände Mir zum Kusse reichest, darf ich Nicht vom Boden mich erheben. Don Lope, Vater . Nimm; und bessern mag dich Gott, Wie ich's wünsche. – Nun komm näher, Küsse deiner Mutter Hand. Don Lope, Sohn . Mit Beschämung und mit Beben Tret' ich, Herrin, vor die Augen, Die so viel mitleid'ge Thränen Um mich weinten. Blanca .                         Nicht nur, Lope, Kostest du mich jene Thränen; Nein, auch diese. Doch entspringen Beid' aus sehr verschiedner Quelle; Denn die frühern weinte Gram, Freude weinet diese Zähren. Sei mir tausendmal willkommen! Vicente (zum Alten) . Wird nun auch Verlaub gegeben Einem Einsiedler des Teufels, Der da zwischen Felsen lebte Und in seinem Dienste längst Buße that mit größter Strenge, Daß er nahen dürf', um deine Hand zu küssen? Don Lope, Vater .     Ei, der Edle! Seid Ihr auch gekommen? Vicente .                                   Bin ich Dieses Schnappsacks Satteldecke, Dieser Satteldecke Sattel, Endlich dieses Sattels Schlepptier: War's da nicht notwendig, Herr, Daß wir zwei zusammenkämen? Don Lope, Vater . In so trefflicher Gesellschaft Kann die Besserung nicht fehlen. Vicente . Seht doch! hältst du sie für übel? Nein, zum Henker! sie ist trefflich. Don Lope, Vater . Fluchet nicht! Vicente .                                       Nur Ueberbleibsel, Die mir aus dem bösen Leben Angeklebt sind. – Ihr, Señora, Gönnet, daß ich mich erkecke, Nicht zu küssen Eure Hand, Doch den hochbeglückten Teppich, Den Ihr tretet. Blanca .                 Steh nur auf, Denn ich muß mit Dank erkennen, Daß du meinem Sohn so treulich Anhängst und in keiner Fährde Von ihm weichst. Vicente .                       Ein Diener bin ich, Adquisitus ad perpetuam Rei memoriam . Beatriz .                     Ist mein Herr Endlich da? (Zu Blanca.) Du mußt vergeben, Daß ich selbst in deinem Beisein Ihn umarmen muß, auf Ehre! Don Lope, Sohn . Gott behüt' Euch, Beatriz! Don Lope, Vater . Alle freun sich, dich zu sehen, Doch vor allen andern ich. Jetzt ist nötig, daß ich gehe, Um Don Mendo'n Dank zu sagen, Der so eifrig und gefällig Mitgewirkt zu deiner Gunst. Beatriz, geh, um zu sehen, Was er macht; und du, mein Sohn, Acht' indes auf meine Rede. Vicente (zu Don Lope, Sohn) . Eine gute Predigt, mein' ich, Wird es setzen. Don Lope, Sohn .     Still, ergeben! Denn du weißt, wir sind gekommen, Abgeschmacktes zu vernehmen. Don Lope, Vater . Unsern übeln Zustand, Lope, Siehst du wohl. Die Güter sämtlich (Und das ist noch das Geringste) Sind zerrüttet und verpfändet. Jene Dam', Estefania, Die uns so viel Not erregte, Ist im Kloster, und ich mußte Mitgift ihr und Jahrgeld geben. Gott weiß, daß, um dies zu können Und zufrieden sie zu stellen, Mir beinah nichts übrig blieb, Als von Thür zu Thür zu betteln. Doch, mein Sohn, du siehest nun Durch das edelmüt'ge Streben Des Don Mendo dich begnadigt, Und damit scheint sich zu enden Alles, was wir ausgestanden. Was ich nun von dir erflehe Mit den Thränen in den Augen, Mit den Seufzern auf dem Herzen, Und selbst knieend, wenn mein graues Haar mir dieses zugestände, Ist, mein Sohn, daß du in etwas Mögst fortan dein Leben bessern. Stellen wir die fast verlorne Meinung her; und jetzt erhelle, Daß Mühseligkeiten den, Der Verstand besitzt, belehren. Lope, laß uns Freunde sein, Und kein Wettstreit mehr bestehe Unter uns in Lieb' und Haß. Laß in stiller Ruh uns leben, Friedlich; und was er vermag, Thu' auf seiner Seit' ein jeder. Von der meinen will ich Liebe, Zärtlichkeit und Sorgfalt geben. Gib du von der deinen, Lope, Nur Gehorsam mir dagegen; Darum bittet dich dein Vater. Und zuletzt, mein Sohn, bedenke, Daß nicht stets ein Mittler da ist; Und wohl könnt' es sein, es käme Eine Zeit, da diese Liebe, Diese Gunst, von dir verschmähet, Umgewandelt einst in Rache, Selbst gefährdeten dein Leben. Vicente (beiseite) . Nun bedürft' es nur des Gratias , Dann des Gloria , und die Predigt Wäre ganz vollkommen. Don Lope, Sohn .                   Herr, Ich gelobe, du sollst sehen Von heut an so wahre Beßrung Meiner Sitten, daß du gerne Meinem überstandnen Schicksal Danken wirst für ihr Erkenntnis. Don Mendo und Beatriz treten auf. Don Mendo . Und ich komme her als Bürge Für solch billiges Versprechen. Don Lope, Vater . Herr . . . Don Mendo .                       Da ich vernahm, du wolltest Mich besuchen, wär's ein Fehler, Käm' ich nicht geschwind zuvor Diesem freundlichen Bestreben. Don Lope, Vater . Nicht nur gebt Ihr Gunstbeweise, Sondern wißt auch so zu geben, Daß noch mehr, als das Geschenk, Achtbar ist die Art des Schenkens. Don Lope, Sohn . Gib mir deine Hand, Señor; Und gefall' es Gott, du stehest So fest in des Königs Gnade, Daß der Neid, des Hofes frecher Basilisk, nie deines Namens Kund' empfang', und nur ihn kenne Freud'ger Beifall, der auf Tafeln Reinen Goldes ihn verew'ge! Don Mendo . Komm in meinen Arm, Don Lope, Und sei nicht für das erkenntlich, Was ich noch nicht that für dich. Denn mein Herz hat nicht vergessen, Daß es Ehr' und Sein dir schuldigt; Und so ein Erlaß ist schwerlich Ein genügend Pfand, den Vorschuß Zweier Schulden zu ersetzen. Blanca . Wolle Gott, Herr, daß der Himmel . . . Don Mendo . Blanca, nein, laßt Eure Rede Nicht mich loben; nur durch Schweigen Sprecht zu mir. Blanca .                     Noch höher schätzen Muß ich diese Gunst, als alles Andre; denn auf diesem Wege Löst Ihr mich von einer Scheu, Die mich unaufhörlich quälte. (ab.) Don Mendo . Lebet wohl; ich muß zu Seiner Majestät mich jetzt begeben. Don Lope, Vater . Und auf mich harrt ein Geschäft. Don Lope, Sohn . Könnt' ich teilen doch mich selber, Um euch beide zu bedienen! Doch da nötig ist, zu wählen, Wird mein Vater mir erlauben, (zu Don Mendo) Daß ich Euch Begleitung gebe. Don Lope. Vater . Ganz gewiß, und wohl mit Neid, Solche kluge Wahl zu sehen. (ab.) Don Mendo . Und ich nehm' es an, Don Lope; Nicht zwar, weil sie dieses wäre, Sondern weil Ihr, mich geleitend, Sicher mich entschuld'gen werdet, Daß ich länger bei Euch bleibe. Denn so sehr ist meine Seele Stolz und fröhlich und zufrieden, Euch erblickend, daß sie gerne Möcht' auch keinen Augenblick Eurer Gegenwart entbehren. (Beide ab.) Vicente . Höre, Beatriz! Beatriz .                         Was willst du? Vicente . Da die Herrschaft sich entfernte, Sprich, verdient' ich nicht – und wenn's auch Nur als Neugekommner wäre – So ein abgelegtes Küßchen? Beatriz . Und selbst eins frisch von der Elle Weggeholt. (Er umarmt sie.) Vicente .             Ach, Beatriz, Wie viel litt ich deinetwegen! Beatriz . Guter Scherz! wenn meine Liebe Sich zweitausend Monden sehnte, Dich zu schaun, und du zu keinem Absprung dich hieher bequemtest. Vicente . Nicht? Und kamen wir, mein Herr Und ich selbst, vor wenig Nächten Nicht hieher und gingen grade, Als ob wir zu Hause wären, In die Wohnung des Don Mendo, Wo wir Violanten eben Beim Geschäft des Ausziehns trafen, Wo es hieß: »Halt ein!« »O hemme!« »Schatten!« »Täuschung!« samt gehör'gem Kram von Ohnmachten und Krämpfen? Beatriz . Schweige! schweig! Erzähle nicht Solch ein fabelhaft Begebnis. Vicente . Wollt's mein Himmel, Beatriz! Denn so wäre ja mein Herr nicht Von der Art, daß er nicht fabel, Sondern babelhaft sich meldet. Denn er läßt zu keiner Stunde Weder schlafen mich, noch essen, Immer von nichts anderm schwatzend, Als, ob ihre Reize hehrer, Schöner, trefflicher mit Wickeln Oder ohne Wickeln wären. Beatriz . So demnach stehn unsre Sachen? Vicente . Nun? Weshalb kann dich dies eben Kümmern? Beatriz .             Ei, ist eine Liebschaft Hier im Werk, mußt du notwendig Ja sein Lauf-sieh-sag'-ihr sein; Und beim Kommen und beim Gehen Wird Elvira, die dem Fräulein Als Vertraute dient, erklärlich Ihre Rechte nicht verlieren. Vicente . Beatriz, ach! sähst du eben Die Elvira so wie ich: Wenig Eifersucht erregten Ihre Reize dir. Beatriz .                   Wie so? Vicente . Weil sie in dem Menschenfelle Lernas Hyder ist. Sie hatte, Da es spät war und sie schwerlich Noch Besuch erwarten konnte, Abgelegt die Lockenflechten. Beatriz . Wie? Was? Abgelegt? Vicente .                                     Von Grund aus. Beatriz . Sie ist kahl? Vicente .                     Wie meine Hände. Außerdem auch hatte sie Nicht, wie sich's gehört, vollzählig In dem Futteral des Mundes Das notwend'ge Kaugeräte. Beatriz . Wie? Dies Mädchen, noch so jung, Falsche Zähne? Vicente .                   Falsche Zähne! Andrer Dinge zu geschweigen; Denn von Frauen schlecht zu sprechen, Ziemt nicht Leuten meiner Art. Meine Zunge soll kein Mädchen Um die letzte Hoffnung bringen. – Doch da kommt mein Herr, der eben Den Don Mendo an die Kutsche Convoyirt. Beatriz .           Leb wohl, Vicente. – Ei, wer hätte dem Gesichtchen Angesehn so arge Mängel? O gewiß muß man die Nacht Prüfstein aller Schönheit nennen! (ab.) Don Lope , der Sohn, tritt auf. Don Lope . Sprich, Vicente, sahst du nicht Gier an einem dieser Fenster Violanten? Vicente .           Nein, Señor. Und wenn ich sie sähe, denk' ich, Daß ich nicht sie kennen würde. Don Lope . Antwort, wie sie deiner wert ist! Vicente . Herr, an das, was mich nicht angeht, Denk' ich weiter nicht; das wäre Ein Gedächtnis eigner Art. Don Lope . Kann es sein, daß du vergessen, Wie du ihre Locken sahest, Die, bei Auflösung der Flechten, Liehen goldne Flut den Lüften, Widerspiel von andern Wellen? Dort sind's Perlen, welche hin Ueber Sand von Gold sich drängen; Und hier, bei des Haars Entkräuseln, Ist der Locken Ueberschwemmen Auf dem reinen Schnee des Halses Von so ganz verschiednem Wesen, Daß hier über Perlenufer Sich ergießen goldne Bäche. Des gedenkst du nicht? Vicente .                               Nein, Herr; Denk' es nicht und mag's nicht denken, Weil ich nicht dran denken will, Daß ich dort – um wahr zu reden – Ihr zur Seite sah Elviren, Nicht wetteifernd, übertreffend Ihre Schönheit. Don Lope .               Welch ein Narr! Vicente . Wär's das erstemal gewesen, Daß die Zofe besser ist, Als die Herrin? Don Lope .               Könnt' ich endlich Nur an irgend einem Ort Violanten sehn! Vicente .                   Bedenke, Herr, daß wir mit großer Not Kaum entwischten einer Fährde. Stecken wir uns nicht in andre, Gleiche, Violantens wegen. Don Lope . Meinem Vater nahm ich's übel, Daß er wagte, mich zu schelten; Denke nun, wie ich's von dir Werd' ertragen. Ich begehre, Daß um meine Neigung niemand Sich bekümmre. – Doch wer nähert Hier sich? Vicente .           Don Guillen de Azagra. Don Guillen tritt auf. Don Lope . Und kein Botenlohn begehrtest Du von mir? In Zaragoza Don Guillen? Don Guillen .         Und meinem Herzen Wär's unmöglich schier, Don Lope, Länger sich von Euch zu trennen. Kaum erfuhr ich Euer Hiersein, Als ich mit der größten Schnelle Euch zu suchen ging; zwar nicht, Um Glückwünschung Euch zu geben, Sondern nur, um sie von Euch Zu empfahn. Don Lope .           Mit vollem Rechte, Don Guillen, macht unsre Freundschaft Anspruch auf solch zart Benehmen. Und um in der gleichen Münze Dieser Schuld mich zu entled'gen, Wünsch' ich, daß Ihr kommt zum Glücke. Don Guillen . Könnte das auch dem begegnen, Der so bitterm Kummer nachgeht? Dem der Schmerz nur ist lebendig Und die Hoffnung tot? Don Lope .                           Wie so? Don Guillen . Ihr erinnert Euch, ich denke, Daß zum Krieg ich vor drei Jahren Nach Neapel ging. Don Lope .                     Zum bessern Zeichen, Freund, erinnr' ich mich, Daß wir Abschied dort auf jenem Platze del Aseo nahmen, Mit so großem Leid und Schmerze, Als ob wir schon damals ahnten, Welch ein trauriges Verhängnis, Don Guillen, in Euerm Fernsein Mir bevorstand zu erleben. Don Guillen . Ich vernahm's; und weiß der Himmel, Ob's mich quält', es zu vernehmen. Doch vom meinen laßt mich sagen, Da das Eure nun sich endet. Denn Ihr sollt, so wie ich hoffe, Meines mir erleichtern helfen. Don Lope . Ich bin Eu'r, und meine Freundschaft Ist Euch jederzeit gewärtig. Don Guillen . Nun, ich ging nach Napel, wo Unser König mit der Heere Macht zu rächen denkt den Tod, Den, unmenschlich und verwegen, Der von Napel gab dem großen Konradin, dem Kaiserenkel; Denn er ließ auf öffentlichem Blutgerüst den Kopf ihm nehmen. Doch gehört dies nicht zur Sache; Andres hab' ich zu erzählen. Als ich in Neapel einzog, Schien in einem schönen Mädchen Mir die Sonn' ein einz'ger Strahl, Schien der Himmel eine Sphäre, Eine Thräne nur Aurora, Eine Blume nur das Lenzfeld. Dieses hoch getriebne Lob Werdet Ihr als wahr erkennen, Wenn Ihr wißt, es war die Schöne, Die in Napel mir begegnet . . . Vicente (anmeldend) . Doña Violante, Herr. Don Lope . Wie? Was sagst du? Weh dir, wehe! Vicente . Weshalb? Sag' ich mehr, als daß Sie aus ihrer Wohnung eben Kommt hieher und, da sie Leute Hier erblickt, sich wieder wendet? Don Lope . Habt die Güte, Don Guillen, Euch ein wenig zu entfernen. Hindern wir am Durchgang nicht Diese Dame. Don Guillen .       Meinetwegen! Mir auch wär's nicht lieb, daß diese Jetzt mit Euch mich sähe sprechen. (ab.) Don Lope . Ha, bei Gott! mir bangte, sie Sei die Dame dort gewesen. Vicente . Aber konnt' ich das erraten? Sprich nun mit ihr, eh sie weggeht. Violante und Elvira treten auf. Don Lope . Wie? So schnell zurückgegangen? Herrin, es ist Grausamkeit, Soll ein Augenblick der Zeit Eines Tages Raum umfangen. Wenn Ihr, kaum im Morgenprangen – Sonne, die mein Herz durchfacht! – Schon auf Umkehr seid bedacht, Schafft ein Chaos Ihr, Señora, Aus dem Lichte der Aurora Und dem düstern Graun der Nacht. Kehrt nicht um, geht ruhig weiter! Nicht verdrieß' Euch, mich zu schauen; Keine Sorg' erweck' Euch Grauen, Kein Verdacht sei Eur Begleiter. Schönste, seht, es taget heiter! Nicht, umhüllt von nächt'gen Schwingen, Komm' ich, feindlich einzudringen; Nein, mein Dasein Euch zu geben, Ganz für Euern Dienst zu leben Und Euch zwiefach Dank zu bringen. Violante . Solche Furcht mir angethan Habt Ihr, daß ich stets noch zage Und nicht weiß, obwohl bei Tage, Seid Ihr Wahrheit, seid Ihr Wahn. Doch, Don Lope, von dem Plan, Blanca zu besuchen, wandte Nicht mich, daß ich Euch erkannte; Sondern daß ich eben da Einen andern Schatten sah, Den selbst nicht der Tag verbannte. Don Lope . Wißt, ein Freund, mir lieb und wert, Sprach mit mir an diesem Ort, Und Euch sehend ging er fort, Daß Ihr nicht gehindert wärt. Denn das Herz, das Euch verehrt, Brauchte wider Eur Verschmähn Dies Entfernen; was geschehn, Damit ich Euch spräche. Violante (leise zu Elvira) .       Ha! War es Don Guillen nicht? Elvira .                                         Ja. Violante . Also spricht er von Guillen! Don Lope . Und geht Ihr in mein Quartier, Gönnt mir die Gelegenheit, Die Ihr selber mir verleiht: Laßt begleiten Euch von mir. Violante . Spart die Mühe, bleibet hier! Don Lope . Soll ich so das Leben meiden? Violante . Also nicht zu unterscheiden Sind Gelegenheit und Leben? Don Lope . Nein; denn, einmal aufgegeben, Kehrt uns wieder keins von beiden. Violante . Nützt denn, die Ihr habt. Wohlan! Ich vernehm' Euch. Was zu sagen Wünscht Ihr? Don Lope .           Was aus vor'gen Tagen Euch Erinnrung sagen kann. Violante . Macht Ihr Euch zum Mittelsmann? Don Lope . Erster wag' ich nicht zu sein, Drum als Mittler tret' ich ein; Denn die schüchterne Verehrung Kommt so besser zur Erklärung. Violante . Ist es so, dann sag' ich: Nein, Nicht werd' Euch Gehör geschenkt! Denn ich will, Ihr sollet schauen, Wie das kecke Selbstvertrauen Der Erinnrung dort mich kränkt. Ihr betrügt Euch, falls Ihr denkt, Daß es mir Vergnügen mache, Wenn Ihr wagt, mir jene flache Keckheit dort zu wiederholen. Sagt ihr das – und Gott befohlen! Don Lope . Hört! Violante .             Nichts mehr von dieser Sache! (ab.) Don Lope . Wohl verstand sie, daß ich eben Ihr mich zu erklären dachte; Und, so klug wie reizend, machte Ihre Strenge mein Bestreben Sich zum Weg, um kund zu geben, Hoffen dürf' ich weiter nicht. Doch Verstellung sei mir Pflicht! – (Zu Vicente.) Käme Don Guillen einstweilen, Bitt' ihn, kurze Zeit zu weilen. (ab.) Vicente . Nun, Elvirchen? Elvira .                               Nun, Herr Wicht? Vicente . Grau's Eu'r Gnaden nicht, in Ehren Mein Gesicht bei Tag zu schauen. Elvira . Ist's bei Tage doch zum Grauen, Wie bei Nacht! Vicente .                   Nur ein Begehren Mußt du, Herzchen, mir gewähren. Elvira . Was für ein Begehren? Sprich! Vicente . Den Verstand verlier um mich; Denn ich bitte bei gewissen Damen nie um Leckerbissen. Elvira . O das thät' ich sicherlich, Wüßt' ich nicht, mit welchen Schwüren Herr Vicente sich vordem Beatrizen weihte. Vicente .                       Wem? Elvira . Beatrizen. Alles spüren Wir, die lauschen an den Thüren. Vicente . Beatrizen? O wer die Gründlich kennt, glaubt so was nie. Elvira . Weshalb? Vicente .               Weil's für Ungeheuer Scythiens, Afrikas kein treuer Vorbild gibt, als eben sie. Sieh nur all den äußern Schimmer, Blendend ist er fürs Gesicht; Doch, wenn man sie nahe spricht, Glaub' es, riecht ihr Atem schlimmer Als die Pest, und doch kommt immer Noch das Schlimmste hinterdrein. Nun, ich will verschwiegen sein, Frauen wasch' ich nicht mit Lauge; Doch von Glas hat sie ein Auge Und von Holz das eine Bein. Elvira . Lügner, nein, du machst mir Wind. Vicente . Sieh nur zu, recht aufmerksam: Auf der Rechten ist sie lahm, Auf der Linken ist sie blind. Don Guillen tritt auf. Don Guillen (für sich) . Sehen muß ich doch geschwind, Ging schon Violante fort? Blieb Don Lope? Ach, kein Ort, Der dem Kummer Rast verspräche! Don Lope , der Sohn, tritt auf. Don Lope (für sich) . Mit der Mutter im Gespräche Ließ ich Violanten dort; Und nun such' ich Don Guillen Wieder auf. Elvira (zu Vicente) . Die beiden Herrn! Vicente . Künftig mehr! Elvira .                           Von Herzen gern. – Wer die Beatriz gesehn, Wen nicht überraschten, wen, Himmel! solche Neuigkeiten? (ab.) Don Lope (zu Don Guillen) . Violanten zu begleiten, Hielt mich auf; o zürnet nicht! Don Guillen . Die Entschuld'gung hat Gewicht. Don Lope . Lasset weiter nun uns schreiten. Don Guillen . Wobei blieben wir? Don Lope .                                     Dabei, Don Guillen, daß Ihr in Napel, Nach bewirktem Waffenstillstand, Sahet eine schöne Dame. Don Guillen . Ich vergaß vorhin, Don Lope, Einen Umstand Euch zu sagen, Den ich jetzt Euch sagen muß. Don Lope . Welchen? Don Guillen .             Hört: Als Abgesandter War zu Rom um jene Zeit, Da der Stillstand unsrer Waffen Unterhandelt ward, Don Mendo, Dem der König aufgetragen (Weil sein greises Haar in solchen Dingen viel Erfahrung hatte; Denn in Frankreich und in Rom Dient' er mehr als zwanzig Jahre), Sich nach Napel zu begeben Zur Verhandlung des Vertrages. Und so sagt' ich Euch zugleich, Denk' ich, wer sie war, die Dame. Denn Euch sagen, daß Don Mendo In der angeführten Sache Kam nach Napel; daß ich dort Eine Wunderschönheit sahe; Daß ich kam nach Zaragoza, Mehr gelockt vom Hoffnungswahne, Als von meiner Dienstbewerbung; Und daß ich Euch nötig habe (Denn sie wohnt in Euerm Hause) Zur Erleichtrung meiner Qualen: Gibt wohl zu verstehn, es sei Violante die erhabne Gottheit, deren heil'gem Dienste Auf dem reinen Weihaltare Kleines Opfer ist die Seele, Wenn das Leben niedre Gabe. Vicente (beiseite) . Das sind herrliche Geschichten! Was gilt's? Eh wir gehn vom Platze, Setzt es ein'ge Rippenstöße. Don Lope (beiseite) . Wer sah solch verworrnen Handel? Doch Verstellung, Eifersucht! Und ist bitter gleich die Schale, Leeren wir auf einen Zug Alles Gift, das noch uns mangelt! – (Laut.) Sprächet Ihr von minder würd'gem Gegenstand, als Violante, Würd' es schwer sein, Don Guillen, Solchen Lobspruch zu erwahren. Sagt, auf welchem Punkt Ihr steht Mit dem Fräulein, daß ich baldigst Thue, was zu thun mir obliegt. Don Guillen . Ach! zwei kleine Wörter sagen Leicht, auf welchem Punkt ich stehe. Don Lope . Welche? Don Guillen .           Lieben und Verschmachten. Ja, ich lieb' und lieb' unglücklich. Vicente (beiseite) . Das ist übel; doch Courage! Don Guillen . Da sie ging nach Zaragoza, Folgt' ich eiligst ihrem Pfade; Und mit Eurer Hilfe hoff' ich Mich gefällig ihr zu machen. Denn da sie bei Euch, Don Lope, Ihre Wohnung aufgeschlagen, Kann ich manchmal, Euch besuchend, Wohl sie sehn, ein Wort ihr sagen, Ja, Euch bitten, daß Ihr selbst Mit ihr sprecht von meinen Qualen. Nutzen wir den Augenblick, Lope! und kehrt Violante Vom Besuch zurück, bemüht Euch Um Gelegenheit, ihr baldigst Einen Brief von mir zu geben. Denn daß sie mich hier gewahre, Eh sie weiß von meinem Hiersein, Scheint mir deshalb nicht geraten, Weil die Ueberraschung leicht Rächend meinen Eifer strafte. Schreiben will ich diesen Brief, Wo Gelegenheit sich antrifft, Weil ich jetzt in Eure Wohnung Nicht hineinzugehen wage. Gleich komm' ich zurück, Don Lope; Wartet hier, bis ich ihn brachte. (ab.) Vicente . Herr, leb wohl! Don Lope .                       Wo willst du hin? Vicente . Wo ich hin will? Auf den Waldberg, Dein zu harren; denn ich weiß, Dahin kommst du bald. Don Lope .                           Noch warte. Ja, sie ist mir wert, und er Kränkt mich tief durch sein Verlangen. Aber, daß auch ich sie liebe, Bringt Verwirrung in mein Handeln Und gebietet mir, zu schonen, Was ich für Beleid'gung achte. Etwas dulden wir einmal! Und, Vicente, laß uns trachten, Daß wir klüglich, ohne rauhen Friedensbruch, der schlimmen Sache Uns entziehn mit guter Art. Vicente . Löblich ist's, daß du dermalen Der Vernunft dich willst befleiß'gen. Ich weiß Rat. Don Lope .             Sag' an! Vicente .                               Verlassen Mußt du sie, weil du im Anfang Deiner Liebe bist. Don Lope .                   O wahrlich, Hätt' ich dazu das Vermögen, Thät' ich's gleich. Doch nun wär' alle Müh' umsonst; ich kann es nicht. Vicente . Was denn thun? Don Lope .                       Wer weiß? – Doch warte, Denn sie tritt aus meiner Wohnung. Vicente . Kurzer Zuspruch! Don Lope .                           Nein, ein langer; Denn mir sind in dieser kurzen Zeit Jahrhunderte vergangen. Violante tritt auf. Violante . Wie, Señor Don Lope? Noch Seid Ihr hier? Don Lope .             Nicht leicht verlassen Kann ein Ding in dieser Welt Seinen Mittelpunkt. Die Wasser Suchen immerfort das Meer, Wo's auch seine Wellen schlage; Immer flieht der Stein zur Erde, Welcher Hand er auch entfalle; Immer sucht der Wind den Wind, Von woher er eben blase; Und die Flamme steigt zur Sphäre, Welcher Stoff sie auch entfache. So such' ich, als flücht'ger Bach, Stets den Meergrund meiner Plagen; Als geworfner Stein die Erde, Heimat meiner schweren Lasten; Als bewegt Atom die Lüfte, Wohnsitz meines Hoffnungwahnes; Und als Blitz such' ich das Feuer, Sphäre meiner heißen Qualen; Daß ich so, entbrannt, bewegt, Irrend, fallend, immer trachte, Als Bach, Stein, Atom und Blitz, Nach Meer, Erde, Luft und Flamme. Violante . Zwar ist diese Weisheitslehre So sehr klar, so leicht zu fassen, Daß ich wohl den Satz begreife, Doch den Grund nicht dieses Satzes. Don Lope . Ist er doch nicht eben schwierig; Denn der ganze Schluß will sagen, Daß, wo Ihr seid, meine Seele Ihren Mittelpunkt erlange. Violante . Diese Höflichkeit, Don Lope, Paßt nicht zur vorhergegangnen. Don Lope . Weshalb nicht? Violante .                             Ihr wechselt ja Mit der Roll' in dieser Farce; Denn erst spieltet Ihr die dritte, Jetzt die erste. Don Lope .             Gnüge schafft es, Daß Ihr jenen Ton vermißt, Den ich brauchte. Laut nun sage Meine Rede, der Enttäuschung Düstre Wolkenhülle spaltend, Was sie erst nur angedeutet. Wissend, daß es Euch gefalle, Will ich jetzt den Zufall nützen. Don Guillen demnach . . . Don Guillen erscheint im Hintergrunde. Don Guillen .                           Da kam ich Eben recht; er spricht von mir. Don Lope . Kam hieher selbst aus Italien, Eurer Liebe Sonnenblume, Folgend stets den hellen Strahlen Einer Sonne, die ihn umschafft Zur vernünft'gen Menschenpflanze. Mir gebot er, Euch's zu melden Und die Gunst ihm zu erlangen, Daß Ihr ihn vernehmt. Don Guillen (im Hintergrunde) . Welch treuer, Zarter Freund! – Verderben falle Auf den Mann da, der hieher kommt Und der Antwort Violantens Mich beraubt! (ab.) Violante .               Nicht wohl, Don Lope, Kann der zweite Ton von aller Schuld des ersten Euch befrein. Und da beide nun so klare Kränkung sind, könnt' ich den einen Wohl verzeihn, doch beide gar nicht. Don Lope . Sagt denn, welche Schuld mir bleibt, Daß ich die Entschuld'gung wage. Denn, Señora, meine Wünsche Sind ein Rätsel, so geartet, Daß ich's nicht zu lösen weiß. Violante . So werd' ich's zu lösen wagen. Sagt demnach dem Don Guillen, Daß er nicht sich meinethalben Mag bemühen – denn er weiß, Wie ich stets sein Liebestrachten Abwies – und daß er dem Winde Seine Hoffnung überlasse. Don Lope . Und was sag' ich mir zur Antwort? Violante . Sagt Euch, daß Ihr nichts erfahren. Ist die Schuld hier gleich und gleich Auch der Richter in der Sache, Und er sagt: dies sollt Ihr jenem Sagen – nun, so liegt am Tage . . . Don Lope . Was? Violante .           Daß er für Euch sein Urteil Jenem widersprechend fasse. Denn wär's eines und dasselbe, Hätt' er schwerlich wohl gespalten Seinen Richterspruch; mit einem Könnt' er beide ja entlassen. Don Lope . Wahrlich, ja! Die Seele schwebte, Bis Ihr Euch erklärt, in Bangen. Don Guillen kommt zurück. Don Guillen (im Hintergrunde) . Fort ist jener Mann; nun lausch' ich Ihrer Antwort. Violante .                 Was ich sagte, Ist genug für jetzt, Don Lope; Sollt' ich nicht noch dieses sagen, Daß, obwohl ich eine Zeitlang Demant war und Erz und Statue, Welche Meißel, Feil' und Stahl Hemmen, abmühn und ermatten, Alles nachgibt doch am Ende; Schleifen lassen sich Demanten, Schmelzen läßt sich sprödes Erz Und der Marmor sich behandeln. Don Guillen (wie vorhin) . Himmel, tausend Dank! Leutsel'ger, Menschlicher gibt Violante, Da er von mir spricht, ihm Antwort. Don Lope . Tausendmal, für solche Gnade, Küss' ich deine weißen Hände. Don Guillen (wie vorhin) . Welch ein treuer Freund! Kaum fassen Kann er sich, als wär' er selbst Der Beglückte. Don Lope .               Ohne Maßen Wäre jetzt mein Glück, Señora, Wenn mit irgend einem Pfande, Zeugnis solchen Glücks, Ihr Bürgschaft Eurer Gunst mir wolltet schaffen. Violante (gibt ihm eine Blume) . Nehmt, Don Lope, diese Blume, Um als Zeugnis sie zu tragen Meiner Hoffnung; denn sie selbst Trägt ja meiner Hoffnung Farbe. Don Lope . Ewig leben wird ihr Glanz, Ohne daß, ihn anzutasten, Wagen soll des Nordes Wüten, Noch des Südwinds freches Rasen. Glücklich, wer sie mit sich nimmt! (Violante ab.) Don Guillen (hervortretend) . Glücklicher, wer sie erwartet! Denn sie ist es, die sie sendet, Und Ihr seid's, der sie behandelt. Doch bevor Ihr sie mir gebt, Laßt mich Euch zu Füßen fallen . . . Vicente (beiseite) . Ei, wie kommt er so behende! Don Guillen . Denn ich bin zu zweienmalen Euch zur Huldigung verpflichtet. Einmal, Lope, für so zarte Freundschaft; und sodann, um so Den Smaragd hier zu empfangen, Den mit mindrer Ehrbezeigung Nicht ich zu berühren wage. (Er kniet.) Don Lope . Stehet auf, Freund Don Guillen! Denn entzückt Euch so die Farbe Dieser grünen Blume – wißt, Daß sich Blumen leicht verwandeln. Don Guillen . Wie? Was saget Ihr? Vicente (beiseite) .                           Was gilt's? Von der Blume heißt's im Sange, Daß ins Grün der Eifersucht Sie der Hoffnung Grün verwandelt. Don Lope . Wißt: obwohl in meiner Hand Und obwohl von Violanten, Ist sie nicht für Euch. Don Guillen .                     Und hört' ich Nicht Euch selbst von meiner Flamme Mit ihr reden? Don Lope .               Ja. Don Guillen .                 Und trieb Gleich ein Diener, der sich nahte, Mich hinweg, vernahm ich nicht, Himmel! daß sie selbst, entsagend Ihrem spröden Stolz, als Zeugnis, Daß sich Marmor läßt behandeln, Daß Gebirge sich verändern, Daß man schleifen kann Demanten, Diese Blume gab? Don Lope .                   Das erste Mal ist dies, da seinen Schaden Der nicht hört, der horcht. Don Guillen .                             Wie das? Don Lope . Weil, wenn Ihr von aufgefangnen Worten hörtet, was Euch gut ist, Was Euch übel ist, Euch mangelt. Violantens Antwort lautet, Daß Eu'r Werben ihr zur Last fällt. Don Guillen . Aber, wenn von mir das Fräulein Mit Euch sprach, für wen bekannte Sie sich minder hart? Don Lope .                         Für mich. Vicente (beiseite) . Da stürzt Pferd und Last zusammen! Don Guillen . Für Euch? Don Lope .                       Ja. Don Guillen .                         Bedenkt, Don Lope: Da Euch dieses Wort entgangen, Zwingt Ihr meine Freundschaft fast, Zu bezweifeln, was Ihr saget. Don Lope . Wer, was ich gesagt, bezweifelt, Wird sehn, was er wagt. Don Guillen .                         Der Marter Sei genug, womit Ihr wollt Daß ich solches Glück bezahle! Gebt die Blume mir. Don Lope .                       Mein ist sie, Und drum will ich sie behalten. Don Guillen . Wes sie sei: nicht Euer ist sie, Und drum will ich sie empfangen. Don Lope . Sagt doch, wie soll das geschehn? Don Guillen . So, daß wir Eu'r Haus verlassen Und Ihr mit sie nehmt dahin, Wo ich, falsche Freundschaft strafend, Rache meiner Eifersucht Schaffen will mit blut'gem Stahle. (ab.) Don Lope . Nur voran! Ich folg' Euch schon. (Er will gehn.) Violante und Blanca treten auf, von verschiedenen Seiten. Violante . Was ist dies, Don Lope? Don Lope .                                       Gar nichts. Vicente (beiseite) . O vom Schlagen sind wir weit! Blanca . In dem Zimmer dort vernahm ich Deine Stimme. Violante .                 Ich in jenem. Blanca . Wohin? Don Lope .         Was weiß ich's? O laß mich! Violante . Warte! Don Lope .           Gleich zurück, Señora, Komm' ich, dein Gebot empfangend. Blanca . Lope, wie? So bald schon willst du Dich in neue Händel wagen? Vicente (beiseite) . O vom Schlagen sind wir weit! Violante . Was, Don Lope, war der Antrieb Dieses Streits? Ich bin des Todes! Don Lope . Euer Argwohn täuscht euch alle; Was für Händel hab' ich denn? Blanca . Kannst du nicht im Frieden lassen Dieses Haus nur eine Stunde? Don Lope . Aber sprich (o wilde Marter!), Welchen Krieg erreg' ich dir? Violante . Welcher Zweck denn? Blanca .                                         Welches Absehn? Vicente (beiseite) . O vom Schlagen sind wir weit! Don Lope , der Vater, tritt auf. Don Lope, Vater . Was ist dieses? Du, im argen Wortgehader hier mit Blanca Streitend und mit Violanten? Was denn gab es? Blanca .                         Lope, Herr . . . (beiseite) (Himmel, eine List mir schaffe, Um dem Vater zu verbergen, Daß er schon sich Händel machte!) (laut) Hatte hier mit dem Vicente Einen Zwist; er wollt' ihn strafen; Und wir beiden, uns ins Mittel Legend . . . Vicente (beiseite) . Endlich fällt noch alles Mir zur Last! Blanca .                 Verwehrten Lopen, Ihn zu schlagen. Don Lope, Vater .     Wie gewaltig Rauh ist, Lope, dein Gemüt! Don Lope, Sohn . Nichts, Señor, ist vorgegangen. Vicente . Rechnung fordert er von einem Lumpenheller, der ihm mangelt; Und darüber . . . Don Lope, Vater .     Gut schon, gut; Geht nur, geht ins Teufels Namen! Vicente . Für dich gibt es keine Gründe. (ab.) Don Lope, Vater (zum Sohne) . Und Ihr könnt, in Violantens Gegenwart, um so Geringes Nicht Euch mäß'gen? Don Lope, Sohn .             Worte mangeln, Der Beschuld'gung zu entgegnen; Und so sei, mich zu entlasten, Schweigen mir genug. – (Beiseite.) O wüßt' ich, Wo mich Don Guillen erwartet! (ab.) Blanca . Lasset ihn nicht gehn, Señor! Don Lope, Vater . Besser, daß er uns verlasse Und davon geh'. – (Zu Violante.) Ihr, Señora, Seht ihm nach; denn so geartet Ist sein Zorn, daß er nicht mich, Noch sonst irgend jemand achtet. Violante . Er ist längst bei mir entschuldigt – (Beiseite.) Denn die Schuld hab' ich zu tragen, Ich allein. Blanca (beiseite) . Ich Unglücksel'ge! Eben das, wodurch ich dachte, Ihn am Fortgehn zu verhindern, Hat die Thür ihm freigelassen. Was nur soll ich thun? Violante (beiseite) .             Mir bangt, Daß ein Unglück draus erwachse. (Degengeklirr hinter der Szene.) Don Guillen (hinter der Szene) . Auf die Art, Verräter, findet Falsche Freundschaft ihre Strafe! Don Lope, Sohn (ebenso) . Eifersucht ist kein Verrat. Don Lope, Vater . Was ist dieses? Elvira und Beatriz treten auf. Elvira .                                             Auf der Gasse Gibt es Schlägerei. Beatriz .                         Mein Herr Ist's, der ficht. Du kannst noch warten? Eile, Herr, es ist dein Sohn. Don Lope, Vater . Blanca, schon erstaunt' ich wahrlich, Daß ein Tag in Ruh verginge. Liebe soll mir Flügel schaffen; Mischt' ich gleich mich jederzeit Ungern nur in seine Sachen. (Alle ab.)     Platz vor Don Lopes Hause, dem königlichen Schlosse gegenüber. Don Lope , der Sohn, und Don Guillen , im Zweikampf begriffen. Zwei Kavaliere suchen sie zu trennen. Leute umher. Don Lope , der Vater, und Vicente kommen aus dem Hause. Don Lope, Vater . Halt da, Lope! Don Guillen! Erster Kavalier . Eben kamen wir herzu; Seht, wir bringen sie zur Ruh. Don Guillen . Falscher Freund! Don Lope, Sohn .                       Falsch nenn' ich den . . . Don Lope, Vater . Wilder! Siehst du, daß ich kam, Und willst doch die Wut nicht zähmen? Don Lope, Sohn . Weil du Ehre willst mir nehmen, Die ich nicht von dir bekam. Don Lope, Vater . Wollte Gott, du hättest deren Nur so viel, wie ich dir gab! – Aber schlägt mein Sohn mir ab, Hier mein graues Haupt zu ehren, So thut Ihr es, Don Guillen; Denn Ihr werdet, seh' ich schon, Mehr mich achten, als mein Sohn. Don Guillen . Und Ihr habt nicht falsch gesehn. Achtend diese grauen Haare Und die Degen dieser beiden Kavaliere, will ich scheiden Aus dem Zweikampf und bewahre Mir das Recht, für meine Sache Bald geheimern Ort zu wählen. Don Lope, Sohn . Das heißt nur die Furcht verhehlen, Die ich deiner Feigheit mache. Don Guillen . Furcht? Ich? (Sie fangen wieder an zu fechten.) Don Lope, Vater .             Rasender, halt ein! Da du siehst, wie auf mein Kommen Er sich achtungsvoll benommen, Achtest du mich für so klein? Ha, bei Gott, verwegner Sohn! Bald schreckt meine Kraft dich ab. (Er droht ihm mit dem Stocke.) Don Lope, Sohn . Halt und sieh dich vor! Den Stab Hebe nicht, mich zu bedrohn; Sonst, bei Gott! will ich nicht ruhn, Bis ich dich gezüchtigt habe. Don Lope, Vater . Lehrt dich, undankbarer Knabe, Nicht dein Feind, was du zu thun? Don Lope, Sohn . Nein; denn ob dich dieser achte, Feigen Sinns, kann ich nicht sagen, Tugend sei's; es ist nur Zagen. Don Guillen . Ha, wer sagte, wer nur dachte, Daß ich fürchte . . . Don Lope, Vater .         Wer das sagt, Lüget; das sag' ich sofort, Sagt Ihr's nicht. Don Lope, Sohn .     Hast du dies Wort Auszusprechen hier gewagt, Und für ihn, so kommt vor allen Hier Genugthuung mir zu. Nimm denn, Greis! (Er gibt ihm einen Backenstreich; der Alte fällt zu Boden.) Vicente .                         Was thatest du? Don Lope, Vater . Mag auf dich der Himmel fallen! Zeugen soll er mir mit Fug, Denn sein ist zuerst die Sache. Alle (außer dem Alten und Vicente) . Alle schaffen wir dir Rache; Sterbe, wer den Vater schlug! (Sie stürmen auf Don Lope ein und gehen mit ihm kämpfend ab.) Vicente . Mir nur liegt von diesen allen Nichts an Of- noch Defension. – Herr, steh auf. (Er hilft dem Alten aufstehen.) Don Lope, Vater .   Mißratner Sohn, Mag auf dich der Himmel fallen! Diese Schwerter, welche nun Meine Schmach zu rächen streben, Seien Blitze, die dein Leben Treffen! Und sie werden's thun; Denn, ein Werkzeug würd'ger Rache, Durch dein Sterben, durch mein Weinen, Wird der Stahl als Blitz erscheinen, Wann er rächet Gottes Sache. Jene freche Hand, die diesen Schnee gewagt hat zu beleid'gen, Will sie noch die Schmach verteid'gen, Die dem Himmel du erwiesen? Und er , schauend alle Schrecken Deines Frevels, meiner Qualen, Er verhüllt nicht seine Strahlen? Er zerreißt nicht seine Decken Und verstört, ein Graun der Welt, Nicht die Luft, die deiner pflegt, Nicht die Erde, die dich trägt, Und das Licht, das dich erhellt? Vicente . Herr, nimm deinen Hut einmal; Dir den Mantel umzulegen Helf' ich; nimm den Stab. Don Lope, Vater .                   Weswegen? Ist er doch nur Holz, nicht Stahl! Aber ja, du magst ihn geben; Denn es ziemt dem Stab allein, Rächer eines Schlags zu sein. Und wenn er im Kampf soeben Schonend einem Vater war, So ziemt mir es, daß ich schone, Eher noch bei einem Sohne, Jenem wilden. – Reich' ihn dar, Daß ich mit dem Stab mich räche. – Doch weh mir! Vergeblich Ringen! Will ich mit der Hand ihn schwingen, Wankt der Fuß. Unsel'ge Schwäche! Schicksal, das mich hart beschwert! Kann der Stab zur Rache nützen, Wenn er selbst, der, mich zu stützen, Dienen soll, mich jetzt belehrt, Daß ich ihn zu brauchen habe Nur als Klopfer, an die Erde Pochend, daß geöffnet werde Mir die Thür zu meinem Grabe. (Das Volk versammelt sich umher.) Vicente . Mäß'ge dich! Bedenke doch, Alle Leute stehn und gaffen Rings dich an. Don Lope, Vater .   Was kann's mir schaffen? Was verlieren kann ich noch? Mögen sie mich schaun und wissen, Wie ich schändlich bin entehrt; Denn, dem ich das Sein gewährt, Der hat mir die Ehr' entrissen. – Menschen, seht mich, unverteidigt, Tief, wie keiner je, gebeugt; Denn, mich tilgt, den ich gezeugt. Und von meinem Blut beleidigt, Heisch' ich Rach' an meinem Blut. Nicht vom Himmel nur, der Sache Höchstem Richter, heisch' ich Rache Für des Sohnes Frevelmut: Zu euch allen, zum Gericht Unsers Königs will ich schreien Und dem Schmerze Lust verleihen. (Er nähert sich dem Palaste.) Vicente . Herr, bedenk', es schickt sich nicht, So, umringt vom Volkgewimmel, Durch des Schlosses Thor zu schreiten. Don Lope, Vater . O durchmäß' ich so den weiten Raum bis an das Thor der Himmel! – Fürst von Aragon, Don Pedro, Christlicher Monarch und Held, Den der weise Mann rechtpflegend, Der unweise grausam nennt! Der König , Don Mendo und Gefolge kommen aus dem Palast. König . Wer hier ruft mich? Don Lope, Vater .               Ein Unsel'ger, Der zu Euern Füßen, Herr, Um Gerechtigkeit Euch anfleht. König . Wohl, ich kenn' Euch, Lope; denn, Meine Milde brauchend, hab' ich Euerm Sohn Verzeihn geschenkt. Doch da er begnadigt ist, Was begehrt Ihr noch? Don Lope .                           Daß er's Nicht sei, fleh' ich, um als treuer Unterthan vor Euch zu stehn; Denn die Stimme, die um Milde Euch gefleht, fleht auch um Recht. Mein Sohn, wenn er ist mein Sohn. (O vergib mir dieses Schmähn, Blanca, neben deren Tugend Rein nicht ist das Strahlenhell Jener Sonne, die, sie schauend, Nicht mehr leuchtet, nicht mehr glänzt) Fehlt' an Gott, an Euch und mir, Seinem Gotte, Vater, Herrn. Trotz dem vierten der Gebote, Das auf jene folgt zuerst, Welche Gottes Dienst betreffen, Legt' er, weil ich ihn geschmält, Seine Hand an mein Gesicht. Und da mir die Kraft entsteht, Mich zu rächen, klag' ich peinlich Hier ihn an um solch Vergehn. Einst ja fand ich bei Euch Milde, Da um Mild' ich Euch gefleht: Drum, da ich um Recht nun flehe, Herr, verweigert nicht mir Recht; Sonst muß ich von Euch zum Himmel, Als dem höchsten Richter, gehn. Sieh, o Himmel, wiß, o Erde, Hört, ihr Menschen rings umher, Daß ein Sohn, der grausam handelt, Grausam macht den Vater selbst. (Ab mit Vicente; das Volk entfernt sich.) König . Mendo! Don Mendo .     Herr? König .                         Zum Oberrichter Meines Reichs seid Ihr bestellt; Also Euch trifft diese Sache. Meine Macht und Würde stehn Zur Verfügung Euch; drum fanget Jenen Mann, und eh's geschehn, Kommt nicht wieder mir vor Augen. Don Mendo . Augenblicklich eil' ich, Herr, So viel Sorgfalt anzuwenden, Wie nur irgend möglich steht. König . Wißt, daß mehr daran mir liege, Als Ihr denkt. Don Mendo .         Weswegen, Herr? König . Weil mir dieser Fall vor andern Viel Gedanken aufgeregt; Denn ich seh', in allen Zeiten War kein König auf der Welt, Dem man jemals solche Klage Vorgebracht. (Ab mit Gefolge.) Don Mendo . Was thu' ich jetzt? Schreckliches Gedankenbild, Was begehrst du? Bleibe fern! Denn ich gebe dir mein Wort, Forschen will ich, bis erhellt, Daß nicht Dieser Sohn von Jenem , Der nicht Vater ist von dem . Dritter Aufzug. Waldgebirg. Don Mendo tritt auf, mit bewaffneten Dienern. Erster Diener . Diese Felsenschlucht, Señor, Wo der Ebro wildern Stromes Seine Fluten wälzt, die Bäche Jener Berge mit sich rollend, Ist es, wo er durchzuschlüpfen Sich bemüht. Don Mendo .         Ihr alle folgt ihm, Fels vor Fels und Stamm vor Stamm Diesen ganzen Raum durchforschend. (Die Diener ab.) Wer sah jemals auf der Welt So von Drangsal sich umschlossen, Wie jetzt ich? Nachsuchen muß ich, Weh mir! was ich lieber wollte Nicht auffinden: eine That, Nur der Eifersucht entsprossen. Einerseits befiehlt der König, Strengen oder milden Wollens, Nicht vor Augen ihm zu treten, Ehe (wilde Qual!) Don Lope Sei gefangen. Andrerseits Ist die Pflichtschuld, die mir obliegt, Die Zuneigung, die ich hege, Mächt'ge Hemmung meines Forschens. Fang' ich ihn, so zürnt mein Herz; Thu' ich's nicht – vielleicht verloren Geht mir dann des Königs Gnade. Wie nur, Himmel! wie nur soll ich, Zwischen Dienerpflicht und Liebe, Beiden auf einmal gehorchen? Don Lope , der Sohn, tritt auf, mit blutigem Gesicht, im Gefecht mit den Dienern. Don Lope . Ja, ich seh', es ist unmöglich, Mit dem Leben zu entkommen; Doch zu wenig seid ihr alle Für den Kaufpreis, den ich fordre. Don Mendo . Schonet sein! Lebendig haben Muß ich ihn. – (Beiseite.) O daß ich Lope'n Könnte fahn, damit hernach Mir ein Mittel würd' ersonnen, Um sein Leben zu erretten! – Halt, Don Lope! Don Lope .                 Eh'r am Tone Kenn' ich dich, als am Gesicht; Denn der Zweifelnde, Verworrne, Findet dreifach sich geblendet Vom Gestäube, Blut und Zorne. Und ich weiß nicht, war's ein Ruf, Oder war's ein lauter Donner; Denn ich blieb bei seinem Halle Regungslos, betäubt, beklommen. Was verlangst du? Was verlangst du? Denn du, du allein, vermochtest Mehr des Grauens, mehr der Furcht Mir zu schaffen mit dem Tone Deiner Stimme nur, Don Mendo, Als mit ihrer Wehr die Rotte. Don Mendo . Ich verlange deinen Degen, Und daß du, mit minderm Stolze, Dich gefangen gebst. Don Lope .                         Ich? Don Mendo .                             Ja. Don Lope . Nicht so leicht ist, was du forderst. Don Mendo . Ich verspreche dir . . . Don Lope .                                         Ich glaub' es, Herr, doch kann ich nicht gehorchen; Denn mir ziemt nicht, mit der Furcht Zu vertragen. Don Mendo .         Wilder! Toller! Was denn willst du? Don Lope .                       Tötend sterben – Doch umsonst, daß ich es wollte; Denn, Herr, gegen dich allein Kann ich keinen Mut erproben. Zittern muß ich deinem Blicke, Schaudern muß ich deinem Tone; Thränen wollen mich ertränken, Seufzer wollen mich erdrosseln. Erd' und Himmel, wann ich wage Mit dem Schwert dich zu bedrohen, Fühl' ich schwanken, seh' ich dunkeln. Don Mendo . Solches Graun ist das Gefolge Der Gerechtigkeit, die Gott Furchtbar macht' und schreckendrohend Dem Verbrecher. Don Lope .                   Das ist's nicht; Denn obwohl ich unverhohlen Mich erkenne für Verbrecher, Könnt' ich, gleich dem wunden, tollen Hunde, hier die Deinen alle Noch zerfleischen. Du nur konntest Scheu und Furcht in mir erregen. Deshalb muß ich dir gehorchen. (Er kniet.) Dieses Schwert, den Flammenblitz, Von der Spitze bis zum Knopfe Blutig oft in meiner Hand, Leg' ich hier besiegt zu Boden, Während meine Lippen (weh mir!) Küsse deinen Füßen zollen. Don Mendo . Steh auf, Lope; denn der Himmel Weiß gar wohl, daß ich in solchem Schicksaldrange – du Verbrecher, Und ich Richter! – gern, mit Wonne, Mein Los mit dem deinen tauschte; Denn mehr Glück würd' ich erproben, Deine Todsgefahr erleidend, Als erleidend meine Folter. Doch nicht fürchte, weil ich hier Gegen dich verfuhr mit voller Richterstreng'; ich mußt' es thun, Weil der König mir im Zorne Dies gebot. Don Lope .         Was weiß der König Schon von mir? Don Mendo .             Dein Vater, Lope, Fleht' ihn wider dich um Recht. Don Lope . Laß mein Schwert mich wieder fordern. Don Mendo (es aufhebend) . Nimmermehr! In meiner Hand Ist es schon. Don Lope .           O grauenvoller Himmel! Da in ihr ich's sehe, Zittr' ich, beb' ich bis zum Tode, Wie einst, jenes Messer sehend. Welche Furcht macht mich erschrocken? Welche Zagheit macht mich beben? Weiß ich doch, daß, wenn gedoppelt Mich mein Vater Lügen strafte, Ich die That auch wiederholte! Don Mendo . Holla! Erster Diener .         Herr? Don Mendo .                       Mit einem Mantel Decket das Gesicht Don Lopen, Und auf diese Weise führet Ins Gefängnis ihn. – Du dorten, Komm beiseite! Zweiter Diener .       Was befiehlst du? Don Mendo . Daß das Aufsehn bei dem Volke Minder sei, führ' ihn in meine Eigne Wohnung durch die Pforte, Die aufs Feld geht, ohne daß Er das Wo und Wie erforsche. Heilen laß ihn dort, indes Ich den König vom Erfolge Unterrichte. – (Für sich.) Welche Qual, Welch ein Toben, Aengsten, Grollen Drangt sich, um mit Herrschgewalt Mein Gemüt zu unterjochen? (Alle ab.)     Zimmer im königlichen Schlosse. Der König tritt auf. König . Mich bedrückt der Sorge Last, Ob Don Mendo wohl verrichtet Das, wozu ich ihn verpflichtet; Eh er kommt, hab' ich nicht Rast. – Mit so unerhörtem, neuen Frevel konnt' ein Sohn, verwegen, Hand an seinen Vater legen, Ohne meine Macht zu scheuen? Doch gerechter Strenge Proben Schauen soll heut Aragon, Wann ich strafe diesen Sohn, Seine Wut, sein stolzes Toben. Das wird meiner Herrschaft frommen; Schaun, bei Gott! soll man forthin, Ob ich noch Don Pedro bin. – Doch da seh' ich Mendo kommen. Don Mendo tritt auf. Don Mendo . Herr, mög' Eure Majestät Mir die Hand zum Kuß gewähren! König (ihn umarmend) . Mit Umarmung muß ich ehren Den, der als ein Atlas steht Meines Reichs, mit dem ich endlich Teilen kann die schwere Plage Dieser Bürde. Don Mendo .           Herr, Euch sage Mein Gehorsam, wie erkenntlich Für die Gunst, die ich empfangen, Ich Euch meinen Dank entrichte. König . Da Ihr meinem Angesichte Nahet, zweifl' ich nicht, gefangen Ist Don Lope. Don Mendo .         Sichre Haft Gab ich ihm in meinem Hause, Wo kein Mensch naht seiner Klause. König . Nie hat Eures Eifers Kraft Größern Dienst noch mir verliehn; Denn ich will den Ruhm des wahren Rechtbeschützers mir bewahren, Und bekräft'gen will ich ihn Bei dem furchtbarsten Verbrechen, Das je sahn des Himmels Lichter. Don Mendo . Niemals darf der höchste Richter Lassen sein Gemüt bestechen Durch des Vorgangs erste Kunde; Denn soviel ich weiß bisher, War die That wohl nicht so schwer, Wie sie scheint in Klägers Munde. König . Ist hier nicht ein Sohn vorhanden, Der des Vaters Haupt geschlagen? Nicht ein Vater, der mit Klagen Wider seinen Sohn gestanden? Mendo, was kann schwerer sein? Don Mendo . Wahr ist alles dies vollkommen; Doch du hast noch nicht vernommen, Was Entschuld'gung kann verleihn Seiner That. König .                 Ich wäre froh, Mendo, könnt' er mir beweisen, Daß in meiner Herrschaft Kreisen Keine Schuld, so neu, so roh, So entsetzlich, so verrucht, Sei begangen. Don Mendo .           Dir wird klar, Daß sie's ist anscheinlich zwar, Doch nicht, gründlich untersucht. Wisse denn: Don Lope, Herr, War im Kampf mit Don Guillen, Weshalb, konnt' ich nicht erspähn; Doch gefangen ist auch er. Da sein Vater nun gekommen, Wollte Don Guillen soeben Eine Lüge schuld ihm geben Und war schon, von Zorn entglommen, Im Begriff, das Wort zu sprechen, Als, damit nicht er es wagte, Es der Vater selber sagte. Doch der Sohn, um sich zu rächen, Beider Stimmen Ton vermengend, Blind, verstört, führt' also gleich Nach dem Gegner einen Streich, Der vom Vater, ein sich drängend Zwischen beid', empfangen ward; Und so kommt es klar ans Licht: Nach dem Vater schlug er nicht . Doch Don Lope, der so hart Sich vom Sohne sah mißhandelt, Fiel, dem ersten Zorn zum Raube, Dir zu Fuß; allein ich glaube, Er hat längst in Reu verwandelt Seinen Zorn und wird beklagen, Daß er solche Rach' erstrebt. Er ist alt und abgelebt; Und wohl zeiget sein Betragen, Es war Greises-Irrgeschwätz, Was er, Herr, vor deinem Thron Klagte gegen seinen Sohn. Und will nun ein alt Gesetz, Welches die Natur verteidigt: Väter, Söhne soll man nicht Hören vor dem Peingericht, Wenn einander sie beleidigt; So würd' ich nun alles hier Niederschlagen, was geschah. König . Und gerecht scheint dies Euch? Don Mendo .                                           Ja. König . Aber nicht, Don Mendo, mir . Hingestellt sei das Vergehen, Die Beschuldigung dazu; Doch die Klage lass' ich zu, Und die Schuld will ich erspähen: Ob die Möglichkeit sich weise, Daß, bei näherem Erwägen, Nicht ein Sohn war so verwegen, Nicht ein Vater so unweise. Und Ihr, während dieser Dinge, Nehmt den Vater auch in Wacht; Denn ich will, daß er die Nacht Nicht in seinem Haus verbringe. (ab.) Don Mendo . Ich will's thun! – Gott mag mir gnaden! Welch verworrner, wilder Schmerz Quält mein tief bewegtes Herz? Ich befürchte großen Schaden. (ab.)     Violantens Zimmer. Violante und Elvira treten auf. Elvira . Was erzeugt dir solches Leid? Violante . Furchtsamkeit. Elvira . Was ist's, das dich fürchten macht? Violante . Ein Verdacht. Elvira . Was setzt deinem Mut Beschränkung? Violante . Harte Kränkung. Denn so will's des Himmels Lenkung, Daß, in meinem tiefen Schmerz, Brechen sollen mir das Herz Furchtsamkeit, Verdacht und Kränkung. Elvira . Was ist's, das dein Glück bedroht? Violante . Bittre Not. Elvira . Was gibt's, das in Not dich triebe? Violante . Meine Liebe. Elvira . Sprich, was ängstet jetzt dich schon? Violante . Unglücksdrohn. Und da Mitleid ganz entflohn, Weiß ich keinen Trost zu finden, Weil sich gegen mich verbinden Not und Lieb' und Unglücksdrohn. Elvira . Was hält dir die Freude fern? Violante . Ach! mein Stern. Elvira . Dämpf' ihn eignen Glanzes Wonne! Violante . Ist mein Stern doch selbst die Sonne! Elvira . Sie verfinsternd, sprich ihr Hohn. Violante . Ach! abnehmend ist mein Mon. Drum ist Hoffnung ganz entflohn Meiner Brust; ich bin verloren, Denn zu meinem Sturz verschworen Seh' ich Stern und Sonn' und Mon. Elvira . Welches Unheil, das dir droht? Violante . Naher Tod. Elvira . Was bringt Tod vor deinen Blick? Violante . Mein Geschick. Elvira . Mache dich frei von Beschränkung! Violante . Himmelslenkung Wehrt es mir; so harter Kränkung Muß ich rettungslos erliegen; Denn wer könnte je besiegen Tod, Geschick und Himmelslenkung? – Laß dein Fragen, laß dein Spüren! Denn Elvira, da ich sah (Sind schon wieder Thränen da?) In die Haft Don Lope führen, Tötet mich dein ängstlich Fragen, Was mir solche Schmerzen schafft? Ach! bei ihm, in seiner Haft, Sind (um nochmals es zu sagen) Furchtsamkeit, Verdacht und Kränkung, Not und Lieb' und Unglücksdrohn, Stern sogar und Sonn' und Mon, Tod, Geschick und Himmelslenkung. Elvira . In die Wohnung meines Herrn, Durch des Hauses Hinterthüren Sah ich den Gefangnen führen. Violante . O Elvira, wie so gern Weihte meine Zärtlichkeit Einen großen Dienst dem Armen! Elvira . Welchen größern, als so warmen Anteil schenken seinem Leid? Violante . Größern noch; denn ihn in Ketten Sehend, rings von Qual umgeben, Muß verlieren ich das Leben, Oder ihm das Leben retten. So will's meiner Liebe Glut! Gib den Schlüssel mir einmal, Den du hast. Elvira .                 Den Kapital Hat mein Herr in eigner Hut; Doch den andern nimm. (Sie gibt Violanten den Schlüssel.) Violante .                               Gib her, Daß ich Rat und Trost ihm sage; Seit ich um sein Unglück zage, Fürcht' ich für mich selbst nicht mehr. Warte du vor dem Gefängnis Und zeig' augenblicklich an, Wenn sich jemand sollte nahn. (Beide ab.)     Gefängnis. Don Lope , der Sohn. Don Lope . O unseliges Verhängnis! Welch ein Kerker schauerlich, Wohin man den Blinden sandte? Welchen Preis, o Violante, Kostet deine Schönheit mich! Doch es schmerzt mich nur um dich, Daß sich meiner Tage Schluß Jetzt schon nahet; kein Verdruß, Meinem Leben zu entsagen, Quält mich; dies nur macht mich zagen, Daß ich dir entsagen muß. Man schließt die Thür auf; Violante tritt ein. Violante (beiseite) . Blut bedeckt sein Angesicht; Hat er Wunden auch bekommen? – Ha, Don Lope! Don Lope .               Wer ist kommen, Der hier meinen Namen spricht? Der den Unglücksel'gen nicht Seufzen, rufen läßt vergebens? Violante . Die, im Drang mitleid'gen Strebens, Solchen Schritt sich muß gestatten. Don Lope . Meines Tods lebend'ger Schatten, Totes Abbild meines Lebens! Körper meiner Denkgewalt, Seele meiner Phantasie! Luftgebild, dem die Magie Meiner Liebe gab Gestalt! Stimme, meinem Ton enthallt – Martre so mich nicht im Grimme, Daß in leere Luft verschwimme Körper, Seel' und Stimme! Violante .                                     Nein! Wie auch, sollt' ich Täuschung sein, Hätt' ich Körper, Seel' und Stimme? Don Lope . Es ist wahr; doch ich gestehe, Schwankend auf des Zweifels Wogen Glaubt' ich mich vom Traum betrogen; Und noch zweifl' ich, was ich sehe. Violante . Deiner Neigung mich verpflichtend, Deinen Leiden Mitleid schenkend, Dankbar deiner Liebe denkend, Teilhaft deiner Schuld mich richtend, Komm' ich, jeden Zwang vernichtend, Dir zu sagen: diese Nacht Wird die Thür dir aufgemacht; Dann entfliehe du und rette So dein Leben. – Wer nun hätte, Selbst tot, Leben schon gebracht? Don Lope . Seltne Tugend ward dem Saft Jener Pflanze zugeteilt, Die, wo Wunden sind, sie heilt Und, wo keine sind, sie schafft. Violante, diese Kraft Wiederholt in dir sich eben: Du, die mir den Tod gegeben, Rettest mich; und so ist klar, Du gibst Tod, wo Leben war, Und wo Tod war, gibst du Leben. Violante . Auch zwei Kräuter sind gefunden, Die man als ein Wunder nennt, Weil sie Gift sind, wenn getrennt, Und Heilmittel, wenn verbunden. Ihre Wirkung zu erkunden, Blicke nur auf dich und mich: Ohne mich stirbst du , und ich Ohne dich. Vereine dauernd Uns die Liebe, daß nicht, trauernd, Jedes sterb' allein für sich! – Ich nun, die Bericht bekommen, Wie der König sich ergrimmt Gegen dich, bin fest bestimmt, Alles . . . Wird nicht Lärm vernommen? Elvira tritt auf. Elvira . Schnell! Dein Vater ist gekommen. Violante . Leb wohl! Don Lope .                 Kommst du bald? Ich flehe! Violante . Ja, dich zu befreien. Don Lope .                                 Wehe! Deshalb fragt' ich nicht – o nein! – Daß du solltest mich befrein; Nur, daß ich dich wieder sähe. (Violante und Elvira ab.)     Vorsaal. Violante und Elvira treten auf. Violante . Schließ, Elvira, diese Thür Und entfliehen laß uns beide; Daß in seinem Wohnbezirk Nicht mein Vater uns ereile. Elvira . So zu eilen, ist nicht nötig; Denn, soviel ich unterscheide, Trat mein Herr in Blancas Wohnung Eher ein, als in die eigne. Violante . Dennoch fühl' ich mich nicht sicher, Ich will gehn und Nachricht einziehn, Was im Hause des Don Lope Etwa Neues sich ereignet; Denn wie das Verbrechen mutig, Ist die Ueberraschung feige. (ab.) Elvira . Ich schließ' ab; dann will ich spähen, Was es gibt. (Sie schließen die Thür ab, durch welche sie eingetreten.) Vicente tritt auf. Vicente (für sich) .   Hol' dich der Geier, Du Faustschlag, du Backenstreich, Du Maulschelle, du Ohrfeige, Du Kinnstoß, du Nasenstüber, Du Bartraufer, du Zahnreißer! Wäre wohl mehr Lärm entstanden, Hätt' auf eigne Hand gebeiert Dort die Glocke von Velilla? Elvira . Ei, Vicente, so in Eifer? Vicente . Eifern muß ich wohl, Elvira; Denn fürwahr, Zorn hab' ich reichlich. Elvira . Und auf wen? Vicente .                     Ach, es ist nichts! Auf die ganze Welt, auf meine Herrn, den jungen wie den alten. Elvira . Weshalb? Vicente .               Erstlich, weil sie leider Meine Herren sind; und dann, Weil sie so verrückt sind beide, Daß der gibt, wo man's nicht fordert, Und der nicht gibt und nicht schweiget; Da doch eben, wer nicht gibt, Nicht den Mund hat aufzureißen, Und wer gibt, was es auch sein mag, Nur allein darf laut sich zeigen. Zorn hab' ich auf meine Herrin, Weil sie seit dem Backenstreiche, Auch wenn sie kein Salve betet, Nichts als seufzen thut und weinen. Zorn auf deinen Herrn, Don Mendo, Der seit heut mit solchem Eifer Sich ergeben der Betrachtung Jenes hochehrwürd'gen Leidens Der Gefangennehmung, daß er Andachtvoll, in kurzer Weile, Meinen Herrn fing und Guillen Und nun, um noch mehr zu leisten, Auch den Alten fängt. – Zorn hab' ich Auf den König. Elvira .                     Bist voll Weines? Vicente . Wollt's der Himmel! Elvira .                                     Auf den König? Vicente . Ja. Hab' ich der Backenstreiche Doch zweitausend wohl bekommen, Und er quälte sich um keinen; Und der eine , den ein andrer Mitnahm, setzt ihn so in Eifer, Daß er wirklich aus den Augen, Sagt man, Basilisken speiet. – Und zuletzt nun hab' ich Zorn Auch auf dich. Elvira .                     Nur dieses einz'ge Sage mir: weshalb auf mich? Vicente . Weil du, zwar mit allen deinen Funfzig Sinnen mich anbetend, Nie ein Ständchen mir geleiert, Nie mir einen Brief geschrieben, Nie mir nur die Hand gestreichelt. Elvira . Sagt' ich nicht, daß Beatriz Alles dieses mir verleidet? Vicente . Und sagt' ich dir nicht, es sollte Ihrenthalb kein Haar dir greisen? Elvira . Ach, Vicente, wär' es Wahrheit, Könnt' ich dir ein Küßchen reichen. Vicente . Gib es mir, mit der Bedingung, Gleich es wieder einzustreichen, Wenn du wahrnimmst, es sei Lüge. Elvira . Sei es! Denn auf andre Weise Thät' es meine Vorsicht nimmer. (Er umarmt sie.) Beatriz tritt auf. Beatriz . Gottlob! Find' ich euch so einig? Vicente . Beatriz! Elvira .                 Was liegt dran? Vicente .                                         Was? Sehen wirst du's um ein Kleines. Beatriz . Seid nur ruhig, meine Herrschaft; Braucht mir kein Gesicht zu schneiden, Noch, weil ihr beim Mausen seid, Wie Mauskatzen wegzuschleichen. Hab' ich's doch gesehn; was thut's? Hier mag's wie im Sprichwort heißen: Zieh ein andrer diesen Schuh an, Denn ich brauch' ihn nun nicht weiter. Elvira . Neue Schuhe trag' ich nur Und will nicht um alte feilschen; Mindstens nicht in Euerm Laden, Wo von Holz sind Fuß und Leisten. Vicente . Nun geht's los! Beatriz .                         Was will das sagen? Bin ich etwa, zufallsweise, Tochter des Korsaren Holzfuß? Elvira . Ein'germaßen! Vicente .                       Das war beißend! Beatriz . Diese Hände, die Ihr seht, Sollten Euch das Schmähn verleiden, Wüßt ich nicht, daß Ihr's nicht fühlt, Wenn sie Eu'r Tuppeh zerreißen. Vicente . Das war deutlich! Elvira .                                 Ist denn etwa Dieses Haar hier nicht mein eignes, So wie Euer linkes Auge, Das von Glas ist? Beatriz .                       Was? Vicente .                               Nicht weiter! Sprechen wir davon nicht mehr! Elvira . Warum nicht? Die Zähne weisen Darf ich ihr auf alle Fälle. Beatriz . Ja, das könnt Ihr ohne Zweifel; Denn obwohl nicht mehr ein Kind, Wechselt Ihr sie noch bisweilen. Elvira . Sind hier meine Zähne falsch? Beatriz . Sind Glasaugen hier die meinen? Elvira . Sind dies etwa fremde Haare? Beatriz . Und sind hölzern diese Beine? Vicente . Halt da, zeige sie nur nicht! Sieh doch, wo wir sind und bleiben. Elvira . Dieser Schurke . . . Beatriz .                               Dieser Schelm . . . Elvira . Dieser Bube . . . Beatriz .                           Dieser Schleicher . . . Elvira . Hat die Schuld. Beatriz .                         So hab' er denn Auch den Lohn! (Sie schlagen ihn.) Vicente .                     Ihr Damen, leiser! Elvira . Still, man kommt! Beatriz .                             So unterbrechen Wir das Strafgeschäft einstweilen. Vicente . Also denkt ihr's fortzusetzen? Elvira . Und wie steht es mit uns beiden? Beatriz . Lieb und hold. Elvira .                           Mit Gott! Beatriz .                                         Mit Gott! (Beide ab.) Vicente . Mit dem Teufel, sollt' es heißen, Der euch hol', ihr falschen Hexen! Welche Sündflut derber Streiche Ist auf mich hereingeplatzt! Und von allem diesen Leiden Ist das schlimmste dies: der König Kümmert drum sich keinen Dreier. (ab.)     Blancas Zimmer. Nacht. Der König tritt auf, vermummt; Blanca folgt ihm. Blanca . Himmel! wer ist dieser da, Der, da schon der Tag verglommen, Bis hieher sich eindrängt? Ha! Weshalb, Mensch, bist du gekommen? Bringst du noch mehr Unheil? Ja, Wirst du sagen, unbedingt; Denn das Haus des Kummervollen, Dem sich jeder Trost entringt, Kann nur der betreten wollen, Der noch mehr des Unheils bringt. – Er will sein Gesicht nicht zeigen Und antwortet nur durch Schweigen. Beatriz, schnell, Licht herein! – Schier zu Eis wird mein Gebein.     (Beatriz bringt Lichter.) Welcher Plan, Mensch, ist dir eigen? Graun erregt mir deine Nähe. König . Bleib allein, so wirst du's fassen. Blanca (zu Beatriz) . Ich bin furchtlos; geh nur, gehe! (Beatriz ab.) . Vor mir schau' ich so viel Wehe, Wie ich hinter mir gelassen. – Und noch nicht enthüllst du dich? König . Erst verschlossen sei die Thüre. (Er schließ ab.) Blanca . Gab es Angst, die dieser glich? Holla! König .       Schweige! Blanca .                       Weh! ich spüre Todesfrost. – Wer bist du? König (sich enthüllend) .               Ich. Blanca . Himmel, steh mir bei! Was seh' ich? König . Kennt Ihr mich? Blanca .                         Mein König, wohl; Denn aus jeglicher Verhüllung Bricht der Sonne Glanz hervor. Ihr, in meinem Haus, um diese Zeit, in dieser Kleidung, so Mich besuchend? Was befehlt Ihr? Alles steht Euch zu Gebot. Reißt aus diesem neuen Wirrsal, Reißet mich heraus, um Gott! Laßt mich wissen, Herr, ob dieser Zuspruch Straf' ist oder Lohn. König . Er ist weder Lohn noch Strafe, Blanca, sondern Pflichtgebot Meines Amts; denn Königtum Ist doch auch ein Amt. Blanca .                               Señor, Welche Pflicht legt gegen mich Königtum Euch auf? König .                             Zuvor Sammelt Farbe, sammelt Atem Und Eu'r banges Herz erholt, Blanca; denn Ihr seid, im Innern Eurer selbst seid Ihr mir not. – Euer Sohn hat Euern Gatten Tief gekränkt an offnem Ort; Euer Gatte hat, und gleichfalls Offenkundig, Euern Sohn Angeklagt vor meinem Richtstuhl; Und der Fehltritt, wiederholt Von den beiden, bringet Argwohn, Blanca, gegen Euch hervor. Ihr habt recht, bestürzt zu werden, Recht, im vollsten Sinn des Worts; Denn es ist so ungewöhnlich Dies Verhör, daß nimmer noch Einen gleichen Fall die Sonne Aufschrieb mit der Strahlen Gold. Wissen muß ich, ob es wirklich Konnte wahr sein, daß der Groll So hoch zwischen Sohn und Vater, Zwischen Vater stieg und Sohn, Daß der kränkt und der verklagt; Und da mir Ergründung not, Um den Fall wohl zu erkennen, Ruf' ich Euch als Zeugin vor. Sprecht zu mir, Euch fest verlassend Auf die Treue meines Worts, Daß auch nicht der kleinste Zweifel Jemals soll Verletzung drohn Euerm Ruf und Eurer Ehre. Wir sind hier allein am Ort, Und kein Mittelding sei zwischen Eurer Stimm' und meinem Ohr. Oder sonst – beim Himmel! Blanca, Kommt es so weit, daß . . . Blanca .                                       Señor, Haltet ein! So schnell nicht schreitet Von Gelindigkeit zum Zorn, Von Barmherzigkeit zur Strenge Und von Freundlichkeit zum Groll. Denn obwohl ich in dem Kerker Meiner Brust bis jetzt verschloß Ein hochwichtiges Geheimnis, Nie geahnt und nie erforscht; Und obwohl ich fest mir vornahm, Es zu hüten: doch, Señor, Da ich den Verdacht gewahre, Den Ihr anzeigt, fehlt' ich hoch, Wenn ich's länger noch verhehlte. Denn so edel ist mein Stolz, So gehört mir meine Würde, Mein Ruf meinem Gatten so, Daß ich nicht darf wachsen lassen Jenen Irrwahn, der mir droht. Und deshalb bin ich verpflichtet, Aufzuhellen dies Phantom Euch, Señor, der Welt, dem Himmel. Hört mich aufmerksam! König .                                   Fahrt fort! Blanca . Arm und dürftig war mein Vater Und von solchem Adel doch, Daß selbst, minder rein, die Sonne Ihren Glanz mit seinem wog. Sehend nun, er könne nimmer Messen nach dem gleichen Zoll Adel und Vermögen, dacht' er, Mich in zarten Jahren schon Zu vermählen; einz'ge Mitgift Waren sie dem Schwiegersohn, Damit seine Jahr' ergänzten, Was gebrach an Lieb' und Gold. Kurz, wir waren sehr verschieden Alters, als der Bund sich schloß, Ich im Mai und er im Jänner, Ich die Blüt' und er der Frost. Doch weiß Gott, ich liebt' ihn mehr Als das Leben selbst, obwohl Durch Gleichgültigkeit und Kaltsinn Er nicht warb um solchen Lohn; Denn da er gestimmt im alten, Ich gestimmt im neuen Ton, Hatten wir verschiedne Neigung, Aber gleiches Pflichtgebot. Da mir schien, daß eine Klammer Unsrer Liebe wohl ein Sohn Könnte sein (denn Kinder binden Ungleichart'ge Neigung oft), Wünscht' ich den so leidenschaftlich, Daß zur Strafe Gott beschloß, Keinen mir zu geben; denn, Da er kennt das beste Wohl, Will Vernunft, daß man um alles Und um nichts soll flehn zu Gott. Doch hier umgewandt die Blätter! Uebergehen wir, Señor, Häusliche Verdrießlichkeiten, Mein und Lopes traurig Los, Und vernehmt: Mein Vater hatte Eine jüngre Tochter noch, Die ich, um bei meines Gatten Rauher Sinnesart mir Trost Und Erquickung zu verschaffen, Ein'ge Lindrung meiner Not, Zu mir nahm in meine Wohnung. Zur Geliebten nun erkor Sie ein Ritter; und verdiente Meine Demut ein'gen Lohn, Sei es der, ihn nicht zu nennen; Denn zur reinen Wahrheit kommt Hierauf nichts an, und der Name Könnt' erregen Euern Groll. – Doch, was sag' ich? Was bedenk' ich? Nein, zu meiner Ehre Hort Darf ich nicht des kleinsten Zweifels Uebrig lassen ein Atom. Wißt: Don Mendo de Torrellas War der Mann, der, ohn' Erfolg Seine Glut für meine Schwester Sehend, andern Weg erkor. Und so bracht' ein Hausgenosse Ihn zur Nachtzeit vom Balkon In ihr Zimmer, wo er sicher Sich zu ihrem Gatten schwor Unter Anrufung des Himmels. Sie nun glaubte seinem Wort, Und er, der als Räuber einstieg, Ging als Eigentümer fort. Nachmals ward er einer andern Gatte; denn kein Mann ist wohl, Der nicht frevlerisch den Nutzen Setzte vor der Pflicht Gebot. Wen'ge Tage nach dem Vorfall Schickt' Eu'r Vater, Herr, sofort Als Gesandten ihn nach Frankreich; Und so mied er Aragon, Ohne (wie noch jetzt) zu wissen, Was nun Ihr erfahren sollt. Ich nun, sehend meiner Schwester Kränklichkeit und immerfort Sie gequält von Nervenspannung, Wollt' erforschen ihre Not; Und mit Bitten, und mit Schmeicheln Und mit Thränen, welche doch Als Beschwörungen der Liebe Gehen selbst dem Blute vor, Zwang ich sie, mir das zu sagen, Was ich Euch, und dieses noch, Daß sie, ihres Fehlers Zeugen, Bergen müss' in ihrem Schoß Eine Natter, welche doppelt Nahrung aus dem Herzen sog. Sie war meine Schwester; Mitleid Zeigt' ich ihr, nicht Groll, Señor; Denn vergeblich ist, zu tadeln, Was geschehn, und hart ist's wohl, Wenn, wer Trost und Hilfe suchte, Zorn und Vorwurf finden soll. Weh uns, guter Himmel! sagt' ich Tausendmal; wo sah man schon, Daß aus einem einz'gen Grunde Zweien Wesen Leid entsproß? Denn dasselbe, was für mich Glück wär' und der reichste Lohn, Wird zum Unglück nun für dich. Und mit schnellem Geist erwog Und bedacht' ich mir dies alles, Bis sich meine List entschloß, Ihre Plag' und meine Plage Zum Geheimnis und zum Trost Für uns beide zu benutzen; Und so tauschten wir das Los: Sie, die Schwangerschaft verhehlend, Ich, verkündend sie sofort. So kam des Gebärens Tag; Wer sah seltnern Fall zuvor, Da die eine Schmerz verhehlte Und die andre Schmerzen log? Laura, andre Krankheit nennend, Fand in der Geburt den Tod, Weil sie anders ihrer Pflichtschuld Nicht genugzuthun vermocht. Eine Wehfrau nahm allein Teil an unserm Fehl, den sonst Niemand hat bis heut erfahren, Noch erfahren würd' hinfort; Denn im Busen eingekerkert Lag er unter sicherm Schloß, Wenn nicht Ihr es bracht durch Martern, Die Ihr meiner Ehre droht. – Dies ist meine Schuld; zu Euern Füßen knie' ich demutsvoll: Werft die ganze Last des Zornes Nur auf mich allein; denn wohl Bin ich schuldig dieses Frevels. Aber für den Trug, Señor, Nehmt in Gegenrechnung, fleh' ich, Liebe für den Gatten doch, Liebe doch für meine Schwester; Denket, daß, in solcher Not, Ich die Treu' erhielt dem einen Und der andern Ehre hob. Endlich nun, wenn Ihr, Don Pedro, Großer Fürst von Aragon, Den man nennt des Rechtes Pfleger, So an mir Euch zeigen wollt: Sehet, hier zu Euern Füßen Liegt mein Leben, demutsvoll. Nicht um Gnade will ich flehen, Nur um diesen einz'gen Lohn: Laßt den Ruf bei meinem Tode Kund es thun mit lautem Ton, Daß ich täuschte meinen Gatten Und die Welt; nur nicht jedoch, Daß ich meiner Würd' entwich, Daß ich ließ von meinem Stolz, Daß ich dunkelte mein Blut, Daß ich minderte mein Lob, Daß ich fleckte meinen Ruhm, Noch vergaß mein Ehrenwohl. Denn bei Frauen meiner Art Kann ein Fehler, wenn auch groß, Allenfalls bestehn in Täuschung, Aber in nichts anderm sonst. König (für sich) . O wie freut mich die Erfüllung Meiner Ahnung, da ich schloß, Jener Kläger sei nicht Vater, Jener Frevler sei nicht Sohn! Bin ich gleich in diesem Falle Noch nicht der Verwirrung los; Denn es bleibt mir stets dieselbe Und dazu zwei andre noch. Lope kränkte seinen Vater, Nach der Meinung alles Volks; Und nicht ziemt mir, das Geheimnis Zu enthüllen, denn mein Wort Bürgt Verschwiegenheit. – Don Mendo Hinterging mit frechem Hohn Lauras, der Verstorbnen, Ehre; Und auch Blanca hier betrog Ihren Gatten: drei Verbrechen, Offen und geheimnisvoll. Folglich, weiß ich gleich, daß jener Nicht der Sohn ist, muß ich doch – Lopes, Blancas, Mendos wegen Und auch meinetwegen schon – Oeffentlichen Missethaten Geben öffentlichen Lohn Und verborgnen Lohn verborgnen. – Lebt wohl, Blanca! Blanca .                           Schütz' Euch Gott So viel Jahre . . . (Man klopft an die Thür.) König .                         Pocht man? Blanca .                                           Ja. König . Oeffnet denn die Thür sofort Und sagt keinem, daß ich hier bin, Noch auch, wer ich bin. (Er verbirgt sich.) Blanca (öffnet) .                       Wer klopft? Don Mendo tritt herein. Don Mendo . Ich bin's, Blanca. Blanca .                                     Was verlangt Ihr? Himmel, welche neue Not! Don Mendo . Nur, um Euch zu sagen, komm' ich, Daß Euch nichts erschrecken soll, Was Ihr auch erblickt. In meinen Händen liegt der Sach' Erfolg; Und wer wagte wohl, zu sagen, Was nicht mir beliebt? König (hervortretend) .           Ich wohl. Don Mendo (bestürzt) . Wie? Ihr selber, Herr . . . König .                                       Schon gut. Gebt mir jenen Schlüssel doch Zu dem Kerker, wo Don Lope Sitzt gefangen. Don Mendo (reicht ihm den Schlüssel) . Hier, Señor. Aber wisset . . . König .                       Ich weiß alles. Blanca, Ihr begebt Euch fort; Ihr, Don Mendo, bleibet da. Sehn soll mich die Welt, bei Gott! Diese Nacht als Rechtbeschützer. (ab.) Don Mendo . Blanca, was ist dies? Blanca .                                           Der Lohn Deines Frevels und des meinen, Den uns wog des Himmels Zorn. – Nach dem König! Fleh' um Gnade! Ach! er weiß, daß nicht mein Sohn Lope, daß er dein und Lauras Sohn ist. Don Mendo .   Nun, so helf' uns Gott! Leben soll er, ob ich sterbe! Blanca . Ich vergehe! Don Mendo .             Fort nun, fort! (Beide ab.)     Saal vor dem Gefängnisse, mit einer Mittelthür und zwei Seitenthüren. Violante und Elvira treten auf. Elvira . Sieh doch nur . . . Violante .                           Es muß nun sein. Elvira . Ueberleg' . . . Violante .                   Ich bin entschieden. Elvira . Denke doch . . . Violante .                       Laß mich zufrieden! Elvira . Herrin, siehst du denn nicht ein, Daß man glauben muß, dein Vater Sei es, der ihn ließ entfliehn? Violante . Wirft man auch die Schuld auf ihn, Was denn thut's? Nicht zum Berater Rief ich dich, drum schweige doch. Oeffne jene Thür, geschwind! Elvira . Ich will's thun, vor Schrecken blind. (Sie nähert sich der Mittelthür.) Leute drinnen! Violante .                 Warte noch, Und eh wir das Mittel wählen, Aufzuschließen, laß uns hier Horchen, spähn; sonst könnten wir Unsern Endzweck leicht verfehlen, Wenn wohl durch die andre Thüre Jemand ins Gefängnis trat Und man so den Zweck der That, Ohne daß sie glückt, erführe. Leg' ans Schlüsselloch dein Ohr Und gib acht. Elvira (horchend) .   Auf diese Weise Hör' ich nichts; sie sprechen leise. Ohne Worte dringt hervor, Schwirrend, nur des Tones Flug. Violante . Fort da! Ich will sehn, ob mein Ohr etwas vernehme. (Sie horcht.) Nein! Doch der Lärm ist stark genug, Um die Oeffnung nicht zu wagen, Viele Leute sind's. Elvira .                           Auch ich Hörte so. Don Mendo tritt auf. Don Mendo .   Weh über mich! Violante . Herr, was fehlt dir? Don Mendo .                           Kann ich's sagen? Doch, ich kann's; verzeihe mir! Wahrlich, meiner Plagen Last, Bei wem fände sie wohl Rast, Fände sie nicht Rast bei dir? Wie viel Leiden uns bedrohn! Lope – weh, ich bin verloren! – Ist von Blanca nicht geboren, Ist dein Bruder und mein Sohn. Violante . Welch ein Wort! Es starrt mein Blut! Don Mendo . Und ich komm', im festen Streben, Aufzuopfern Ehr' und Leben, Fürstengunst und Rang und Gut, Daß ihm Freiheit werd' errungen. Violante . Mir auch, eh ich dies gewußt, Ward vom Rettungstrieb die Brust Bei des Armen Not durchdrungen. – Still ist in dem Zimmer hier Das Geräusch, das man gemacht. Ich will öffnen. (Sie nähert sich der Mittelthür.) Don Mendo .             Mit Bedacht! Don Lope, Sohn (drinnen) . Ich Unseliger! Weh mir! Don Mendo . Grausen weckt mit Recht dir Armen Dieses klägliche Gewimmer. Violante . Mich verstört's! Ich kann das Zimmer Nicht mehr öffnen. Don Lope (wie vorhin) .   Gott, Erbarmen! Don Mendo . Gib den Schlüssel mir; obwohl Dieser Schrei mich ganz entmutigt, Will ich öffnen. Violante (Gibt ihm den Schlüssel) . Nimm ihn; Tod Hat mein Leben schon bezwungen. (Man pocht an beide Seitenthüren.) Don Mendo . Horch! Vor dieser Thür und jener Wird zugleich gepocht, gerufen. Violante . Wer mag's sein? O hilf uns, Himmel!. Don Mendo . Oeffnen will ich diese; hurtig! Oeffne jene Thür. Beide schließen auf. Durch Don Mendos Thür treten ein Don Lope , der Vater, und Vicente ; durch Violantens Thür Blanca und Beatriz . Don Lope, Vater .         Der König Heißt mich, Euch, Don Mendo, suchen, Um von Euch hier zu empfangen Kunde des gerechten Spruches, Der mir soll genugthun. Blanca .                                 Ich, Violante, komm' und suche Trost bei Euch für diese Qualen, Die voreilend mich verwunden. Vicente . Und ich, mich in alles mengend, Folge nur dem andern Zuge. Don Mendo . Der Monarch, Don Lope, gab Mir von keinem Urteil Kunde. Violante . Schlecht wird die Euch trösten können, Blanca, die selbst Tröstung suchet. Don Mendo . Doch vielleicht verbirgt des Königs Urteil sich in jener Stube, Wo gefangen sitzt Don Lope. Er schließt die Mittelthür auf. Das Hinterzimmer ist erleuchtet; man erblickt Don Lope, den Sohn, erdrosselt auf einem Stuhle, in seiner Hand ein Rapier. Don Mendo . Was erblick' ich? Blanca .                                     Grauses Unbild! Violante . Welch ein Jammer! Vicente .                                 Welch ein Greuel! Beatriz . Welche Marter! Elvira .                             Welches Unrecht! Don Lope, Vater . Aller Haß und aller Groll Löst sich auf in Gram und Kummer. Don Mendo . Ist die Schrift in seiner Hand, Lope, Zeugnis jenes Spruches, Den ich Euch mitteilen soll: Leset selbst; denn mich umdunkelt Solches Grauen, daß ich muß, Wie ein Bild von Eis, verstummen. – (Beiseite.) O mein Sohn! die längst verschobne Straf' ist dies für mein Verschulden. Doch es berge diese Stimme Sich in Innern meines Busens! Blanca (beiseite) . Ha! zur schweren Strafe wird Mir das Werkzeug meines Truges. Wehe mir! Doch diese Qual Muß die Seele schweigend dulden. Don Lope, Vater (nimmt das Rapier ans der Hand des Toten und liest) . »Wer dem, der ihm Vater war, Kränkung zufügt, Schmach und Unbill, Sterb'; und sterben soll ihn sehn, Wer ein reines Blut verunehrt; Und beweinen seinen Tod Auch, wer sich bedient des Truges; Drei Vergeltungen in einer So verbindend für drei Schulden.« Alle . Und um alle fernern Mängel Mögt den Dichter ihr entschuld'gen!