Alphonse Daudet Der Unsterbliche Roman Erstes Kapitel. Im »Lexikon der Zeitgenössischen Berühmtheiten«, Jahrgang 1880, steht unter Astier-Réhu zu lesen: »Astier, genannt Astier-Réhu (Peter Alexander Léonard), Mitglied der französischen Akademie, ist geboren 1816 in Sauvagnat (Puy-de-Dôme) als Sohn einfacher Landleute. Von Jugend auf zeigte er hervorragende Begabung für historische Forschung. Studien von einer Gründlichkeit, wie sie heutzutage immer seltener wird, im Lyceum von Riom begonnen und im Gymnasium Louis-le-Grand, an welcher Lehranstalt er später als Professor thätig werden sollte, vollendet, erschlossen ihm die Pforten der oberen Ecole Normale. Nachdem er dieselbe durchlaufen, ward er Professor der Geschichte am Lyceum von Mende, wo er seine ›Studie über Mark Aurel‹ schrieb, welche von der Akademie preisgekrönt wurde. Das Jahr darauf von Herrn von Salvandy nach Paris berufen, wußte der hochbegabte junge Gelehrte seine Dankbarkeit für die ihm zu teil gewordene sehr berechtigte Bevorzugung dadurch an den Tag zu legen, dass er Schlag auf Schlag: ›Die großen Staatsmänner Ludwig XIV.‹ (preisgekrönt von der französischen Akademie), ›Bonaparte und das Konkordat‹ (preisgekrönt von der französischen Akademie) und die bewundernswerte ›Einleitung zur Geschichte des Hauses Orleans‹ veröffentlichte, welche den großartigen Vorhof jenes gewaltigen Werkes bildet, an welches der Geschichtschreiber zwanzig Jahre seines Lebens gewendet hat. Die Akademie hatte ihm keinen Preis mehr zu bieten; sie bot ihm Sitz und Stimme ihrer Auserwählten. Vorher schon hatte er ein wenig zur Familie gehört, indem er Fräulein Réhu, die Tochter des vielbeklagten berühmten Architekten und Mitglieds der Akademie der Inschriften und schönen Wissenschaften, Paulin Réhu und die Enkelin Jean Réhus, des Dekans der französischen Akademie, meisterhaften Ovid-Uebersetzers und Verfassers der ›Briefe an Urania‹, dessen jugendfrohes Alter die Freude und Bewunderung des Instituts ist, heimgeführt hatte. »Man weiß, mit welch edler Uneigennützigkeit der durch seinen Kollegen und Freund, Herrn Thiers, zum Archivar des Auswärtigen Amtes berufene Léonard Astier-Réhu nach Verlauf einiger Jahre diesen Posten niederlegte (1878), weil er seine Feder und die Würde der geschichtlichen Wahrheit nicht unter die Forderung unsrer gegenwärtigen Regierungen beugen konnte. Des ihm so wichtigen archivistischen Amtes beraubt, wußte er seine Muße wohl zu nutzen und hat uns im Verlauf von zwei Jahren die drei letzten Bände seiner Geschichte gegeben und uns einen ›Galilei‹ noch ungedruckten und höchst merkwürdigen Dokumenten angekündigt. Die sämtlichen Werke Astier-Réhus sind im Verlag der Akademischen Buchhandlung von Petit-Séquard erschienen.« Da der Herausgeber des »Lexikons der Berühmtheiten« es jedem Beteiligten anheimstellt, über sich selbst Bericht zu erstatten, so ist die Richtigkeit seiner Mitteilungen nicht anzuzweifeln. Aber weshalb behaupten, dass Astier-Réhu seine Entlassung als Archivar genommen habe, während jedes Kind weiß, dass er abgesetzt, abgelohnt wurde wie der nächste beste Droschkenkutscher, weil der Geschichtschreiber des Hauses Orleans sich Band V, Seite 327 den unvorsichtigen Satz hatte entschlüpfen lassen: »Damals, wie heute, war Frankreich von einer demagogischen Hochflut überschwemmt ...« Was doch eine solche Metapher nicht anrichten kann! Die zwölftausend Franken Jahreseinkommen, eine Wohnung am Quai d'Orsan, Heizung, Beleuchtung, und überdies jene unschätzbaren historischen Räume, in denen seine Bücher Leben und Wirklichkeit gewonnen hatten, das alles riß diese »demagogische Hochflut«, seine Hochflut mit sich fort! Der arme Mann erholte sich nie mehr von diesem Schlage. Selbst nach zwei Jahren grämte er sich noch um jene äußeren Vorteile und der Schmerz um die Ehren seines Amtes nagte an seinem Herzen und zwar an gewissen Tagen, an bestimmten Monats- und Wochentagen, mit erhöhter Lebhaftigkeit. Am schlimmsten war es an Teyssèdres Tag. Teyssèdres Beruf war, Fußböden zu bohnern. Er übte denselben regelmäßig am Mittwoch im Hause Astier und am Nachmittag dieses Mittwochs hielt Frau Astier ihren Empfangstag und zwar in dem Arbeitszimmer ihres Gatten, dem einzigen gesellschaftswürdigen Raume dieses dritten Stockwerkes in der Rue de Beaune, einer weiland glänzenden, mit äußerst großartigen Plafonds geschmückten, aber entsetzlich unbequemen Behausung. Man kann sich leicht vorstellen, in welchen Zustand dieser allwöchentlich wiederkehrende Mittwoch den in seiner fleißigen, systematischen Arbeit unterbrochenen berühmten Geschichtschreiber versetzte: er hatte allmählich einen leidenschaftlichen Haß auf diesen Bodenwichser geworfen, auf seinen ›Landsmann‹ mit dem Quittengesicht, das so hart und gelb war, wie seine Stücke Wachs, auf diesen ganzen Teyssèdre, der unter dem Vorwande, daß er von Riom sei und Herr Astier nur von »Chauvagnat«, ohne einen Anflug von Respekt den schweren mit Manuskripten, Notizen, Zettelchen und Büchern beladenen Tisch hin und her bugsierte und den armen großen Mann von einem Zimmer ins andre jagte, bis derselbe sich schließlich genötigt sah, seine Zuflucht in einem seinem Arbeitszimmer in der Höhe abgewonnenen Hängeboden zu nehmen, wo er, trotzdem er eben nicht hochgewachsen war, nur sitzend sich aufhalten konnte. Dieser mit einem verblichenen gestickten Lehnstuhle, einem alten Spiel- und einem Schreibtische ausgestattete Schlupfwinkel empfing sein Licht von den obersten Scheiben des darunter liegenden Bogenfensters, was ungefähr wie eine niedere Gewächshausthüre aussah, durch die man den Gelehrten, wenn er, wie der Kardinal Balue in seinem Käfig, mühselig zusammengekauert über die Arbeit gebeugt saß, vom Kopf bis zu den Füßen erblicken konnte. Hier saß er eines Morgens, die Augen fest auf eine alte Scharteke geheftet, als mitten in das Donnergetöse, mit welchem Teyssèdres Thätigkeit den Raum erfüllte, die Klingel der Vorthüre ertönte. »Sind Sie es, Fage?« fragte die tiefe, metallische Stimme des Akademikers. »Nein, Herr Astier ... es ist der junge Herr,« erwiderte Teyssèdre, welcher am Mittwoch morgen Portierdienst versah, weil Corentine der gnädigen Frau beim Ankleiden half. »Was macht der Meister?« rief Paul Astier, dabei eilig auf das Zimmer seiner Mutter zusteuernd. Der Akademiker gab keine Antwort. Die Ironie, mit der sein Sohn ihn Meister, lieber Meister nannte, nur um den Titel zu verhöhnen, der ihm sonst so wohl that, verletzte ihn immer aufs neue. »Wenn Fage kommt, soll man ihn sogleich heraufschicken,« befahl der Hausherr, ohne sich mit einer direkten Anrede an Teyssèdre zu wenden. »Jawohl, Herr Astier ...« und wiederum erschütterte Donnergetöse das Haus. »Guten Morgen, Mama ...« »Ach, das ist ja Paul, komm doch herein. ... Vorsichtig mit den Plissés, Corentine.« Frau Astier schlüpfte eben vor dem Spiegel in einen Rock. Mit ihrer schmalen und schlanken Gestalt sah sie trotz der Müdigkeit, die sich in ihren Zügen ausprägte, und der Haut, die allzu dünn war, um zu den sehr haltbaren zu gehören, noch recht gut aus. Ohne sich vom Fleck zu rühren, bot sie dem Sohne die gepuderte Wange zum Kuß, die er mit dem spitzen, blonden Schnurrbart leicht berührte; von keiner Seite lag große Zärtlichkeit in dieser Begrüßung. »Bleibt der Herr Paul zum Frühstück?« fragte die dienstthuende Corentine, ein kräftiges Landmädchen mit fettig glänzendem, von Pockennarben durchfurchtem Gesicht, die wie die Hirtin auf der Wiese am Boden kauerte und am Gewand ihrer Herrin, einem fadenscheinigen schwarzen Fähnchen, etwas ausbesserte. Ton und Haltung zeugten von jener Vertraulichkeit, wie sie das schlecht bezahlte »Mädchen für alles« sich gern herausnimmt. Nein, Paul blieb nicht beim Frühstück; er wurde erwartet und hatte sein Boghey vor der Thüre. Er war nur gekommen, um ein Wort mit der Mutter zu sprechen. »Deinen kleinen englischen Wagen ... wie? Den müssen wir uns besehen.« Frau Astier trat an das offne Fenster, schob die von der hellen Maisonne beschienene Jalousie ein wenig auseinander, nur eben weit genug, um einen Ausblick auf das flotte, höchst elegante, nagelneue kleine Gespann mit dem funkelnden Beschlag und dem frisch lackierten Holzwerk und den Diener in neuer Livree, der das Pferd am Zaume hielt, zu gewinnen. »Oh! Ist das schön, gnädige Frau!« flüsterte Corentine, die gleichfalls hinunterblickte. »Wie muß der Herr Paul sich da drin nobel ausnehmen.« Die Mutter war strahlend, allein nun gingen auch gegenüber Fenster auf, Leute blieben stehen, um sich die Equipage zu besehen, die das ganze Ende der Rue de Beaune in Aufruhr versetzte, und Frau Astier zog sich ins Innere des Zimmers zurück, entließ das Dienstmädchen und vollendete, sich auf den Rand einer Chaiselongue setzend, die Reparatur am Saume ihres Kleides selbst. Trotzdem sie ausschließlich mit ihrer Nähterei beschäftigt zu sein schien, wartete sie mit großer Spannung auf die Mitteilungen ihres Sohnes, deren Inhalt sie im großen ganzen so ziemlich vorher wußte. Paul Astier hatte sich in einem Lehnstuhle ausgestreckt und spielte mit einem Elfenbeinfächer, einem alten Dinge, das er, solange er denken konnte, bei seiner Mutter gesehen, und sprach ebensowenig. Die Aehnlichkeit zwischen Mutter und Sohn war auffallend, derselbe rosige kreolische Fleischton, gehoben durch dunkles Haar, dieselbe Zierlichkeit im Wuchs, das unerforschliche, verschleierte graue Auge, in beiden Gesichtern die nämlichen kaum wahrnehmbaren Mängel, die feine etwas schiefe Nase, die ihnen einen Ausdruck von Durchtriebenheit verlieh, jedenfalls nicht vertrauenerweckend wirkte. Schweigend beobachteten sie sich gegenseitig, jedes auf eine Bemerkung des andern wartend; von draußen herein ertönten Teyssèdres wuchtige Bürstenstriche. »Niedlich, das alles ...« sagte Paul vor sich hin. »Was, das alles?« fragte seine Mutter aufblickend. Nachlässig, wie wenn er sich einem Modell gegenüber befände, deutete er mit dem Fächer auf Frau Astiers entblößte Arme und die unter einem Leibchen von Battist verborgenen fein gezeichneten Schultern. »Ja, aber das ist weniger niedlich,« sagte sie lachend und wies ihm den ungemein langen Hals, an dem Falten und Fältchen von ihrem Alter Zeugnis ablegten. »Oh! Und überhaupt ...« Ihr Gedanke war: »Was schadet das, wenn du nur schön bist,« sie sprach ihn aber nicht aus. Diese berühmte Meisterin der Konversation, die über alle Künste der Rede, alle Lügen der Gesellschaft verfügte, alles zu sagen oder erraten zu lassen verstand, sie hatte für die einzige wahre Empfindung, die ihr Leben erfüllte, keinen Ausdruck. Sie gehörte in der That nicht zu denen, die sich nicht entschließen können, alt zu werden. Lange vor der Zeit, da die Asche die Glut erstickt – es mochte sein, daß die Glut bei ihr nie sehr heftig gewesen war – hatte sie alle Koketterie, alles weibliche Verlangen zu erobern und zu verführen, all ihr Dichten und Trachten nach Ruhm und Erfolg, sei es in der Liebe oder der Gesellschaft, auf den Sohn übertragen, auf den hübschen großen Jungen mit der tadellos eleganten Erscheinung des modernen Künstlers, dem kecken Schnurrbart, dem an der Stirne modisch zugestutzten Haar und dem militärischen Zuschnitt, den das Freiwilligenjahr der heutigen Jugend verleiht. »Ist dein erster Stock vermietet?« fragte die Mutter endlich. »Hübsch vermietet! Keine Katze! Annoncen, Anschreiben am Hause, nichts zieht! Ich kann auch sagen, wie Bédrine bei seiner Privatausstellung: »Ich weiß nicht, was die Leute haben: sie kommen nicht.« Er lachte leise und herzlich vor sich hin bei der Erinnerung, wie Bédrine sich mitten unter seinen Bildhauer- und Mosaikarbeiten mit friedlichem Selbstgefühl und stolzer Gewißheit, ohne Groll und Gereiztheit über das Ausbleiben des Publikums verwundert hatte. Aber Frau Astier lachte nicht: dieser prachtvolle erste Stock stand seit zwei Jahren leer! ... Rue Fortuny! Eine glänzende Lage, ein Haus im Stil Ludwig XII. ... ein von ihrem Sohne erbautes Haus! Was konnten die Leute denn mehr verlangen? Sie, diese Menschen, vermutlich ganz die nämlichen, die nicht in Bédrines Ausstellung gingen. ... Den Faden ihrer Nähterei mit den Zähnen abbeißend, bemerkte sie: »Und doch müßte eigentlich ein gutes Geschäft mit dem Hause zu machen sein!« »Vorzüglich, versteht sich, aber Geld gehört dazu, um es zu betreiben.« Der Crédit Foncier hatte ihm alles abgenommen, dann sind ihm die Bauunternehmer auf den Hals gekommen. ... Ende des Monats sind zehntausend Franken für Tischlerarbeit zu bezahlen und kein Heller in der Kasse. Die Mutter, welche eben vor dem Spiegel ihre Taille anzog, erbleichte und sah sich erbleichen. Es war jenes Schauern des Duellanten, wenn er die Waffe des Gegners sich erheben und auf sich zielen sieht. »Das Honorar für die Restauration von Mousseaux hast du doch erhalten?« »Mousseaux! Längst!« »Und das Rosensche Grab?« »Immer dasselbe Lied. ... Bédrine macht seine Figur nicht fertig.« »Weshalb hast du den Auftrag auch Bédrine gegeben? Dein Vater hat dir doch gesagt ...« »Weiß ich, weiß ich. ... Den Herren vom Institut ist er das schwarze Schaf.« Er stand auf und ging im Zimmer hin und her. »Du kennst mich ja: laß mich doch zufrieden! Praktisch bin ich, und wenn ich ihn und keinen andern für die Figur genommen habe, so werde ich vermutlich meine Gründe dafür gehabt haben.« »Du hast sie wohl nicht, meine zehntausend Franken?« sagte er, plötzlich vor der Mutter stehen bleibend. Das hatte sie erwartet, seit er eingetreten war; aus andrer Veranlassung kam er nie zu ihr. »Zehntausend Franken? ... Wie sollte ich? ...« Sie sprach nicht weiter, aber der Schmerzenszug um den Mund und ihr Blick sagten deutlich genug: »Du weißt es ja, daß ich dir alles gegeben habe, daß ich meine Toilette aus abgelegten Kleidern von andern zusammenstückle, daß ich mir seit drei Jahren keinen Hut gekauft habe, daß Corentine mein Weißzeug in der Küche wäscht, weil ich mich schämen würde, einer Wäscherin diese fadenscheinigen Lappen zu geben, und du weißt auch, daß dir nicht geben können, was du verlangst, schlimmer ist als alles andre Elend, weshalb also thust du mir das zuleid?« Und so beredt war dieser stumme Vorwurf, daß Paul Astier laut darauf erwiderte: »Natürlich; an dich habe ich ja gar nicht gedacht. ... Du, ach freilich! Ja, wenn du könntest ...« Dann fuhr er mit seiner kühlen, ironischen Miene fort: »Aber, der da droben, der Meister.... Vielleicht, daß du es herausschlagen könntest. ... Du weißt, mit ihm umzugehen!« »Jetzt nicht mehr; das ist vorüber.« »Nun, der Mann arbeitet ja doch, seine Bücher werden gekauft, ihr braucht so gut wie nichts ...« Sein Blick überflog in dem Dämmerlicht des Raumes prüfend die ganze Armseligkeit dieser Einrichtung, die verblichenen Gardinen, den fadenscheinigen Teppich – nichts war in den dreißig Jahren dieses Ehestandes erneuert worden. Wohin kam denn alles Geld? »Himmel ... sollte denn der Urheber meiner Tage zufällig und insgeheim ein Lebemann sein?« Léonard Astier-Réhu ein Lebemann! Der Gedanke war so ungeheuerlich, so unwahrscheinlich, daß seine Frau trotz allen Herzeleids lachen mußte. Nein, was das betraf, glaubte sie, daß man ruhig sein könne. »Die Sache ist einfach die, daß er mißtrauisch ist, daß er Heimlichkeiten hat; der Bauer vergräbt seine Sparpfennige in der Erde; wir haben ihm zu viel zuleide gethan.« Sie sprachen leise, wie Verschwörer, die Augen fest auf den Bodenteppich geheftet. »Und der Großpapa?« meinte Paul ohne rechte Zuversicht. »Wenn du's versuchtest?« »Der Großvater! Du bist verrückt!« Er kannte ihn doch wahrhaftig hinreichend, den alten Réhu mit der grausamen Selbstsucht, den fast Hundertjährigen, der sie lieber alle vor seinen Augen hätte hinsterben sehen, als auf eine Prise Tabak verzichtet oder sich einer der Stecknadeln beraubt, mit denen die Umschläge seines Rockes stets besteckt waren. Ach, in welcher Not mußte das arme Kind sein, um auf eine derartige Idee zu verfallen. »Laß uns einmal nachdenken ... willst du, daß ich einen Versuch mache ...« »Bei wem?« »Rue de Courcelles.... Ein Vorschuß auf das Grabmal.« »Das verbiete ich dir ein für allemal, hörst du!« Der Ton war herrisch, seine Lippen ganz blaß und in den Augen lag ein böser Blick, sofort aber veränderte sich sein Ausdruck wieder und mit gleichmütiger, etwas spöttischer Miene fuhr er fort: »Mach dir doch keine Sorgen über die Geschichte und befasse dich nicht damit. Es ist eine Krisis, wie ich ihrer schon viele hinter mir habe.« Sie reichte ihm den Hut, nach dem er sich suchend umblickte; da er nichts erlangen konnte, wollte er gehen, und nur um ihn ein paar Minuten langer festzuhalten, fing sie an, ihm von einer sehr wichtigen Angelegenheit, einer Heirat, mit deren Zustandebringen sie beauftragt sei, zu erzählen. Beim Worte Heirat zuckte er leicht zusammen, sah sie von der Seite an und fragte: »Wer denn?« Sie hatte ihr Wort gegeben, noch keine Silbe darüber zu sprechen, aber ihm. ... »Der Fürst Athis.« »Samy! ... Und die Dame?« Auch sie zeigte ihr schlaues Näschen nun im Profil. »Du kennst sie nicht.... Eine Ausländerin ... ungeheuer reich. Wenn mir's gelingt, kann ich dir aus aller Not helfen ... die Bedingungen sind schwarz auf weiß festgestellt.« Er lächelte, sichtlich vollkommen beruhigt. »Und die Herzogin?« »Hat keine Ahnung, wie du dir denken kannst.« »Ihr Samy, ihr Fürst! Eine Liebe, die fünfzehn Jahre gedauert hat!« Frau Astier machte eine gleichgültige Handbewegung, in der sich die ganze herzlose Grausamkeit, deren die Frau gegen ihr eignes Geschlecht fähig ist, verriet. »Pah! Das ist ihre Sache! Sie ist in einem Alter ...« »In welchem Alter eigentlich?« »1827 ist sie geboren... Wir schreiben jetzt 80. Das Rechenexempel ist nicht allzu schwer. Gerade ein Jahr älter als ich.« »Die Herzogin!« stieß Paul ganz verblüfft hervor. »Nun ja, natürlich, du Schlingel!« lachte die Mutter. »Was setzt dich denn so in Erstaunen? Du hast sie wohl für zwanzig Jahre jünger gehalten? Es ist also richtig, daß auch die durchtriebensten von euch sich darin herzlich schlecht auskennen. ... Nun denn, du wirst wohl einsehen, daß dieser arme Fürst nicht lebenslang diese Halfter mit sich umherschleppen konnte, um so weniger, als der alte Herzog eines schönen Tages sterben kann und er sie dann heiraten müßte. Und heiraten ... diese alte Frau ...« »Beneidenswertes Glück, dich zur Freundin zu haben.« Nun ward sie heftig: Die Herzogin, ihre Freundin! Ja wahrhaftig! Eine Frau, die mit sechsmalhunderttausend Franken Jahresrente nie auf den Gedanken gekommen war, ihr zu helfen, nie, obwohl sie intim standen, obwohl sie ihr elendes, armseliges Dasein von Grund aus kannte ... höchstens von Zeit zu Zeit ein Kleid, die Erlaubnis, bei ihrer Putzmacherin einen Hut zu bestellen ... unnütze Geschenke, die einem keine Freude machen können ... »Wie Großpapa Réhus Neujahrsgaben,« bemerkte Paul beistimmend, »ein Atlas, ein Globus ...« »O! Ich glaube, daß Antonia noch geiziger ist! Erinnere dich nur in Mousseaux, was für Pfläumchen mir da in der besten Fruchtzeit zum Nachtisch bekamen, wenn Samy nicht da war. Und dabei Obst- und Gemüsegärten in Menge, aber alles kommt auf den Markt nach Blois oder Vendôme. Das liegt im Blute; ihr Vater, der Marschall, war am Hofe Ludwig Philipps berüchtigt, und an dem Hofe für geizig gelten, wollte schon etwas heißen. Sie sind eine wie die andre, diese korsischen Familien, filzig und aufgeblasen! Auf Silbergeschirr mit Wappen essen sie Kastanien, die den Schweinen nicht gut genug waren. Die Herzogin! Sie rechnet selbst ab mit ihrem Hausmeister, jeden Morgen muß man ihr das Fleisch herausbringen, und abends hält sie in ihrem spitzenbesetzten Nachthemd – ich weiß das vom Fürsten selbst – noch Kassensturz!« Frau Astiers schwache Stimme klang, als sie ihren Gefühlen so freien Lauf ließ, scharf und pfeifend, wie der Schrei eines Seevogels, der sich für einen Augenblick auf einem Mast niederläßt. Ihr Sohn war anfangs belustigt über diese Herzensergießungen, bald aber ward er ungeduldig und hörte nur mit halbem Ohr zu. »Muß machen, daß ich fortkomme,« unterbrach er sie plötzlich. »Ein geschäftliches Frühstück ... handelt sich um Wichtiges ...« »Einen Auftrag?« »Nein, für diesmal keine Architekterei.« Die Neugier der Mutter war erweckt; sie wollte mehr wissen. »Ein andermal, später ... die Sache ist noch im Werden,« vertröstete er sie, und als er vor dem Gehen einen flüchtigen Kuß auf ihre Wange drückte, flüsterte er ihr ins Ohr: »Wenn du Gelegenheit hast, so denke doch an die zehntausend Franken ...« Ohne diesen erwachsenen Sohn, der insgeheim die Scheidewand zwischen ihnen bildete, wäre das Zusammenleben des Astier-Réhuschen Ehepaares nach den Begriffen der Gesellschaft und namentlich denen der akademischen Kreise ein vollkommen glückliches gewesen. Heute, nach dreißig Jahren, waren ihre gegenseitigen Empfindungen dieselben wie zu Anfang ihrer Ehe; sie hatten sich wie unter einer Schneedecke, in der Kalthaustemperatur, wie die Gärtner das nennen, trefflich konserviert. Als der vom Institut preisgekrönte Professor Astier gegen das Jahr 1850 um die Hand des Fräulein Adelaide Réhu, welches damals bei ihrem Großvater im Palais Mazarin lebte, warb, war es nicht ihre ätherische Schönheit, nicht ihre rosige, jugendfrische Haut gewesen, was ihn hauptsächlich anzog, auch das Geld spielte keine Rolle bei dieser Werbung, denn Adelaides Eltern, welche urplötzlich an der Cholera verstorben waren, hatten wenig hinterlassen, und der Großvater, ein Kreole von der Insel Martinique, der unter dem Direktorium die Rolle eines schönen Stutzers, Spielers, Lebemanns, Duellanten und Witzboldes gespielt hatte, versicherte hoch und teuer, daß er die magere Mitgift nicht um einen Heller vermehren werde. Was diesen Sohn des Sauvagnat, der noch weit mehr ehrgeizig als geldgierig war, lockte und verführte, war die Akademie. Wenn er die beiden Höfe durchschritt, um seine tägliche Blumenspende zu überreichen, wenn er die feierlichen Vorsäle mit den staubigen, breiten Treppen durcheilte, so wandelte er eher auf Pfaden des Ruhmes, als der Liebe, und als er Fräulein Adelaide als Gattin in die Arme schloß, umfing er mit ihr das ganze Institut, seine Löwen, seine Kuppel, diesen Dom, nach dem er sich gesehnt wie der Gläubige nach Mekka, Paulin Réhu, den Mann der Inschriften und schönen Wissenschaften, und Jean Réhu, den Verfasser der »Briefe an Urania.« Diese Schönheit war so erhaben über die Vergänglichkeit, dieser Leidenschaft konnte der Zahn der Zeit so wenig anhaben, und sie erhielt sich in solcher Stärke, daß er seiner Frau gegenüber immer in der Stellung eines Sterblichen verblieb, dem der Götter einer sein Kind gewährt, wie es in den mythologischen Zeiten zu geschehen pflegte. Auch nachdem er durch vier Wahlgänge selbst zum Gott geworden, verminderte sich diese Ehrfurcht keineswegs. Frau Astier ihrerseits, die auf diese Heirat nur eingegangen war, um dem Leben an der Seite des ewig Anekdoten erzählenden, selbstsüchtigen, harten Großvaters zu entfliehen, hatte nicht ermangelt, sehr bald herauszufinden, mit wie wenig Geist dies bäuerlich arbeitsame Gehirn Oktavbände hervorbrachte, welche Beschränktheit sich hinter der feierlichen Lorbeerkrone der Akademie und hinter dem Posaunenklang dieser Rednerstimme barg. Als sie aber dann mit Hilfe von großen und kleinen Intriguen, durch vieles Anpochen an Vorder- und Hinterthüren ihn zum Akademiker gemacht hatte, überkam sie eine Art von Verehrung für seine Größe und sie vergaß, daß sie selbst es gewesen war, welche ihm zu dem palmengestickten Frack, der seine Mittelmäßigkeit so trefflich verhüllte, verholfen hatte. In dieser freudlosen Verbindung ohne innere Zusammengehörigkeit und herzlichen Austausch war das einzig Naturgemäße und echt Menschliche das Kind, und gerade das Kind war es, welches den Frieden störte. Von allem, was der Vater für den Sohn erstrebte und träumte, Auszeichnungen auf der Schule, Erwerbung von Preisen, später die Ecole Normale und ein Professorat, erfüllte sich nichts. Im Lyceum trug Paul nur im Turnen und Fechten Preise davon und zeichnete sich im übrigen durch eigensinnige und absichtliche Unwissenheit aus, hinter welcher sich ein praktischer Sinn und eine etwas verfrühte Lebensklugheit verbargen. Die größte Sorgfalt auf seinen äußeren Menschen verwendend, begab er sich nie auf den Spaziergang, ohne den Jungens hoch und heilig zu versichern, daß sich wieder eine reiche Dame in ihn vergaffen werde. Zwei- oder dreimal wollte der Vater bei Fällen von Widerspenstigkeit und Faulheit auf kräftige, in der Auvergne bräuchliche Art eingreifen, allein die Mutter war immer bereit zu entschuldigen und zu beschönigen. Astier-Réhu schalt und wetterte, daß seine vorgeschobene Kinnlade, die ihm in den Zeiten des Lehramts den Spottnamen Krokodilus eingetragen hatte, bedenklich knackte, und in letzter Instanz griff er zu der Drohung, daß er seinen Koffer packen und nach Sauvagnat zurückkehren werde, um seine Weinberge zu bebauen. »O Léonard! Léonard!« sagte dann Frau Astier mit leisem Spott, und alles blieb beim alten. Eines Tages aber kam es doch wirklich so weit, daß der Koffer gepackt wurde, und das war, als Paul Astier sich nach dreijährigem Architekturstudium in der Ecole des Beaux Arts rundweg weigerte, sich an der Konkurrenz um den römischen Preis zu beteiligen. Fassungslos vor Entrüstung stammelte der Vater: »Ja, Unglücksmensch... weißt du denn nicht ... daß Rom ... Rom ... Rom, das bedeutet das Institut!« Der junge Mann schlug ihm ein Schnippchen. Sein Trachten ging nach Reichtum, und den verlieh das Institut nicht, dafür hatte er an seinem Vater, seinem Großvater und dem Urahnen Réhu überzeugende Beispiele. Sich in die Höhe schwingen, umtriebig sein, Aufträge bekommen, große Aufträge und auf der Stelle Geld verdienen, dahin stand sein Ehrgeiz; die Palmen auf dem grünen Frack lockten ihn gar nicht! Léonard Astier war am Ersticken vor Wut. Seinen Sohn derartige Blasphemieen aussprechen hören und erleben müssen, daß seine Frau, die Tochter der Réhus, ihm beistimmte! Nun wurde urplötzlich der Koffer vom Speicher geholt, der alte Koffer, den er als Lehrer in der Provinz gehabt, mit großen Nägeln beschlagen und mit Scharnieren wie die Thürangeln eines Tempelthores versehen, hoch und tief genug, daß er dereinst das ganze ungeheure Manuskript des »Mark Aurel« samt allen Träumen von Ruhm und Ehre beherbergt hatte, mit denen der Historiker sich die Stufen zur Akademie hinaufgeschwungen. Diesmal verfing es nicht, daß Frau Astier ihren Mund kraus zog und: »O Léonard ... Léonard! ...« flötete, diesmal half alles nichts, es wurde gepackt. Zwei Tage lang versperrte das Kofferungetüm sein Arbeitszimmer, dann gelangte er auf den Vorplatz, von wo er sich nicht mehr rührte und allmählich Stellung und Pflichten einer Holzkiste einnahm. Thatsache war, daß Paul Astier anfänglich vom Erfolg Recht bekam: durch seine Mutter und ihre Beziehungen zu der vornehmen Welt, die sie mit Geschicklichkeit und persönlicher Anmut zu nutzen wußte, erhielt er nach kurzer Zeit Aufträge, die von ihm reden machten. Die Herzogin Padovani, die Frau des früheren Gesandten und Ministers, vertraute ihm die Restaurierung des merkwürdigen Schlosses Mousseaux-sur-la-Loire an, einer ehemals königlichen Behausung, die dem Verfall nahe war und deren charakteristisches Gepräge er mit Geschmack und einer Erfindungskraft, die an dem höchst mittelmäßigen Schüler der Beaux Arts wirklich verblüffte, wiederherzustellen wußte. Mousseaux trug ihm dann das neue Hotel der türkischen Botschaft ein, und endlich beehrte ihn die Fürstin Rosen mit dem Auftrag, dem bei der Expedition Christians von Illyrien tragisch ums Leben gekommenen Fürsten Herbert ein Mausoleum zu errichten. Nun glaubte der junge Mann sein Glück in Händen zu halten: Vater Astier ließ sich von seiner Frau bereden, achtzigtausend Franken Ersparnisse auf den Ankauf eines Grundstückes in der Rue Fortuny zu verwenden, wo Paul sich einen Palast erbaute oder vielmehr den Flügel eines solchen, den er mit einem eleganten Zinshaus künstlerisch verband, denn er war ein praktischer junger Mann, und wenn er wie jeder Künstler, der in der Mode ist, seinen kleinen Palast haben wollte, so sollte ihm dieser auch die zum Bewohnen eines solchen nötigen Zinsen abwerfen. Unglücklicherweise thun Zinshäuser nicht immer ihre Schuldigkeit und sind zuweilen schwierig zu vermieten, und die Art, wie der junge Baumeister seinen Hausstand einrichtete, zwei Pferde im Stall, ein Wagen- und ein Reitpferd, der Klub, die Gesellschaft, Schwierigkeiten beim Einkassieren von Ausständen, das alles raubte ihm die Möglichkeit, zuzuwarten. Ueberdies erklärte Vater Astier mit einem Male, daß er von jetzt ab durchaus nichts mehr hergebe, und alles, was die Mutter zu gunsten des Sohnes unternehmen und vorbringen konnte, scheiterte an dieser felsenfesten Entschlossenheit, die ihrem bis dahin im Hause maßgebenden Willen eisernen Widerstand entgegensetzte. Damit begann ein endloser Kampf, in dem die Mutter alle Schlauheit aufbot und wie ein ungetreuer Verwalter auf alle Ausgaben draufschlug, nur um Geld in die Hand zu bekommen und die Bitten ihres Sohnes nicht abschlägig beantworten zu müssen, während Léonard mißtrauisch wurde, sich zur Wehr setzte und die Rechnungen nachsah. In diesem demütigenden Treiben war es die feinere Natur der Frau, die zuerst müde ward und unterlag, und es mußte wahrhaftig schlimm um Paul stehen, wenn sie einen erneuten Versuch wagte. Als sie den langen, düsteren Speisesaal betrat, der von hohen, schmalen Fenstern, zu welchen ein paar Stufen hinaufführten, sein spärliches Licht empfing – früher hatten Geistliche hier einen Kosttisch gehabt – fand Frau Astier ihren Mann mit verdrießlicher, fast zorniger Miene, am Tische sitzend. Das war etwas Ungewöhnliches, denn in der Regel erschien der Meister bei sämtlichen Mahlzeiten mit einer gleichmäßigen, behaglichen Fröhlichkeit, die ebenso unverwüstlich war wie sein Appetit und seine Berghundzähne, denen nichts widerstand, weder das steinalte Brot, noch das lederzähe Fleisch, noch all die mannigfaltigen Verdrießlichkeiten, die ihm jeder Lebenstag brachte. »Weil Teyssèdre da ist, ohne Zweifel ...« dachte Frau Astier, während sie in dem raschelnden Gesellschaftskleid ihren Platz einnahm und einigermaßen erstaunt war, das Kompliment, welches er ihr sonst jeden Mittwoch über ihre noch so armselige Toilette zu machen pflegte, heute nicht vernehmen zu dürfen. Zuversichtlich darauf rechnend, daß die böse Stimmung sich mit den ersten Bissen verflüchtigen werde, beschloß sie, mit ihrem Angriff noch eine Weile zu warten: allein obwohl der Meister tapfer schluckte, war die üble Laune noch im Zunehmen; der Wein schmeckte nach dem Kork, die Würstchen aus übrig gebliebenem Suppenfleisch waren verbrannt. »Das heißt es nur, weil Ihr Herr Fage Sie heute morgen hat sitzen lassen,« schrie Corentine wütend aus der daneben liegenden Küche herein, und ihr glänzendes, narbenbedecktes Gesicht erschien, von Zorn und Herdfeuer gerötet, unter dem Schiebfensterchen in der Mauer, durch welches zur Zeit der geistlichen Herren die Platten hereingeschoben wurden. Schmetternd flog das Fenster wieder zu, und Léonard Astier seufzte: »Dies Mädchen ist von einer Unverschämtheit ...« wobei ihm sehr beklommen zu Mute war, denn wenn der Name Fage vor seiner Frau genannt wurde, so hatte das nichts Gutes zu bedeuten. Zu jeder andern Zeit würde Frau Astier auch nicht ermangelt haben, ihm sofort zu bemerken: »Ach! Ach! ... Schon wieder dieser Fage ... schon wieder dein Buchbinder ...« und eine häusliche Szene wäre unfehlbar daraus entstanden, worauf Corentine, als sie das verräterische Wort hereingeworfen, jedenfalls mit Sicherheit gerechnet hatte. Heute aber galt es, den Meister nicht zu erzürnen, sondern ihn im Gegenteil durch geschickte Wendungen und Einleitungen auf den Punkt zu bringen, wo man ihn haben wollte; zu dem Zweck empfahl es sich zum Beispiel, ihm etwas von Loisillon, dem lebenslänglichen Sekretär der Akademie, zu erzählen, dessen Gesundheitszustand sich von Tag zu Tag verschlimmerte. Loisillons Amt und seine Wohnung im Institut sollten Léonaro Astier als Ersatz für die verlorene Stellung zufallen, und obwohl er zu dem sterbenden Kollegen in den herzlichsten Beziehungen stand, machte die Hoffnung auf ein gutes Gehalt, eine bequeme, luftige Behausung und verschiedene andre Annehmlichkeiten, daß ihm der Gedanke an dies nahe Ende in sehr rosigem Lichte erschien, worüber er sich möglicherweise insgeheim schämen mochte, was aber im engsten Familienkreise unbefangen ausgesprochen wurde. Heute jedoch gelang es nicht einmal durch Berührung dieses Punktes die Falten seiner Stirne zu glätten. »Der arme Loisillon,« flötete Frau Astier, »jetzt findet er sogar die Wörter nicht mehr! Lavaux hat uns gestern bei der Herzogin erzählt, daß er keinen Satz mehr zusammenbringt und immer sagt: ›Bi–bi–biblio–Bibliothek!‹ Und dabei,« setzte sie mit eingekniffenen Lippen und langgestrecktem Halse hinzu, »dabei ist der Mann Mitarbeiter am Wörterbuche.« Astier-Réhu verzog keine Miene. »Als Witz nicht übel,« sagte er in lehrhaftem Tone, die Kinnladen mit Geräusch bewegend. »Allein ich habe in einer meiner Arbeiten ausgesprochen: ›In Frankreich hat nichts Dauer als das Provisorium‹. Seit zehn Jahren ist er am Tode und wird uns alle überleben. ... Alle.... Alle,« wiederholte er wütend, indem er sein Stück hartes Brot auseinanderbrach. Teyssèdre hatte ihn heute entschieden ganz querköpfig gemacht. Dann fing Frau Astier von der in einigen Tagen bevorstehenden großen Sitzung der fünf Akademieen an, welcher der Großherzog von Finnland beiwohnen sollte. Es traf sich, daß Astier-Réhu, der für dieses Vierteljahr Vorstand war, der, Sitzung präsidieren und die Eröffnungsrede mit einer verbindlichen Wendung für Seine Hoheit sprechen sollte. Durch einige geschickt gestellte Fragen nach dieser Rede, die schon zu Faden geschlagen war, in Zug gebracht, skizzierte er den Inhalt derselben in großen Zügen und betonte hauptsächlich, welch einen gewaltigen Streich er gegen die neueste Richtung in der Literatur zu führen gedenke; diese Lumpen, diese Paviane sollten einmal öffentlich wuchtige Peitschenhiebe bekommen! ... Aus dem viereckigen Gesichte, dessen Stirn sich unter dem dichten Gestrüpp der im Gegensatz zu dem vollkommen weißen Bart schwarz gebliebenen Augbrauen tiefer rötete, leuchteten die runden großen Augen, die sehr von der Eßlust ihres Besitzers zeugten. »Dabei fällt mir ein,« unterbrach er sich hastig, »mein Frack? ... Hat man danach gesehen? ... Als wir Montribot begruben, habe ich ihn zum letztenmal getragen, und seither ...« Als ob die Frauen nicht an alles dächten! Natürlich hatte Frau Astier heute früh das Staatskleid einer gründlichen Prüfung unterzogen. Die Seide der Palmen war aufgeworfen und locker geworden, das Futter taugte nichts mehr, mein Gott, der Frack war auch alt genug ... er stammte aus dem Jahre ... ja, wahrhaftig, vom Tage seiner Aufnahme in die Akademie, am 12. Oktober 1866 stammte er her! Das Richtige wäre entschieden, sich für die Sitzung einen neuen machen zu lassen. Die fünf Akademieen, eine Hoheit, ganz Paris würde kommen... man war der Sache das schuldig. Léonard widersprach, aber ohne rechte Energie: er gab vor, daß die Ausgabe zu groß sei, um so mehr, als der neue Frack auch die Anschaffung einer neuen Weste nach sich ziehen werde, allermindenstens einer Weste, das Uniformbeinkleld trug man ja eigentlich nicht mehr. »Es ist aber dringend nötig, mein Freund, es muß sein.« Sie beharrte darauf. Aus lauter Sparsamkeit machten sie sich einfach lächerlich. Die Dinge, welche sie umgaben, würden alt und morsch, zum Beispiel ihre Zimmereinrichtung ... sie mußte sich ja schämen, so oft eine Freundin zu ihr kam, und für eine verhältnismäßig kleine Summe ... »Latet anguis in herba,« sagte Astier-Réhu, der nicht ungern bei den Klassikern eine Anleihe machte, leise. Die Falte auf seiner Stirn ward tiefer, sie schob sich wie der Riegel eines Ladens vor, dies kaum noch so offne, ehrliche Gesicht verschließend. Wie oft hatte er nicht Geld hergegeben, um die Rechnung einer Putzmacherin, einer Schneiderin zu bereinigen, oder um neue Vorhänge anzuschaffen, Lücken im Wäscheschrank auszufüllen, und hinterdrein hatte sich herausgestellt, daß keine Rechnung bezahlt, nichts angeschafft worden und das Geld in das unersättliche Sieb der Rue Fortuny geflossen war – damit war er fertig; so leicht war er nicht mehr dranzukriegen. Er machte seinen Rücken rund, hielt die Augen fest auf seinen Teller geheftet, auf dem ein riesiges Stück Auvergner Käse lag, und sprach keine Silbe mehr. Frau Astier kannte dieses eigensinnige Schweigen, diesen passiven Widerstand eines Wollsacks, sobald die Geldfrage zwischen ihnen aufs Tapet kam, allein diesmal hatte sie sich geschworen, ihm eine Antwort abzuringen. »Ach so! Du ziehst dich in dein Schneckenhaus zurück ... o, wir kennen das, du machst wieder einmal den Igel! Kein Geld vorhanden, nicht wahr? Keinen Heller, keinen Pfennig hast du?« Der Rücken wurde immer runder und runder. »Und doch findest du stets welches für Herrn Fage ...« Léonard Astier erbebte, richtete sich auf, sah seiner Frau mit ängstlicher Spannung ins Gesicht.... Geld! ... Er ... dem Fage! »Wenn ich dran denke, was das kostet, deine Einbände,« fuhr sie fort, überglücklich, ihn aus der festen Burg des Schweigens herausgedrängt zu haben, »und wozu, wenn ich fragen darf, der Aufwand für die Papierwische?« Er atmete auf; sie wußte offenbar nichts, und ihr Angriff ging ins Blaue. Aber das Wort »Papierwische« traf ihn ins Herz; Handschriften von unvergleichlichem Wert, Briefe mit Namensunterschrift von Richelieu, Colbert, Newton, Galilei, Pascal nannte sie Wische; wahre Weltwunder, die er für ein Naswasser erstand und die ein Vermögen repräsentierten. »Ja wohl, meine Gnädige, ein Vermögen.« Er steigerte sich immer mehr, er führte Zahlen an, nannte die Höhe der Angebote, die man ihm gemacht; Bos, der berühmte Bos aus der Rue de l'Abbaye – und der verstand sich doch wahrhaftig ein wenig darauf – war jeden Tag bereit, ihm für drei einzelne Stücke aus seiner Sammlung, für drei Briefe Karl V. an François Rabelais, zwanzigtausend Franken zu geben. »Wische! Ja freilich ›Wische‹ sind das – nette Wische!« Frau Astier hörte ihm staunend zu. Sie wußte ja, daß er seit zwei oder drei Jahren angefangen hatte, Handschriften zu sammeln, er hatte ihr auch zuweilen von einem oder dem andern glücklichen Fund erzählt, und sie hatte ihm mit halbem Ohre zugehört, zerstreut und gleichgültig, wie man dem Manne zuhört, dessen Stimme man seit dreißig Jahren vernimmt, aber nie wäre sie auf die Vermutung gekommen, daß ... zwanzigtausend Franken für drei Blätter! ... Ja, und wie war es denn möglich, daß er das nicht annahm? Nun aber gab es bei dem wackeren Forscher einen vulkanischen Ausbruch. »Meine Handschriften Karl V. verkaufen? ... Nie und nimmermehr! ... Und wenn ich euch alle hungern, an den Thüren um ein Stück Brot betteln sehen müßte, nicht berühren würde ich sie!« Ganz bleich, den Mund vorgeschoben, wild wie ein Wahnsinniger, schlug er auf den Tisch; dieser Astier-Réhu war seiner Frau bis auf den heutigen Tag ein Unbekannter geblieben. Im grellen Lichtschein der Leidenschaft bietet der Mensch zuweilen selbst seinen Nächsten einen ungeahnten, fremden Anblick. Sofort wieder ruhig werdend und etwas beschämt über seine Heftigkeit, setzte der Akademiker dann auseinander, daß diese Dokumente ihm für die Herstellung seiner Bücher unentbehrlich seien, zumal jetzt, da er die Archive des Auswärtigen Amtes nicht mehr zur Verfügung habe. Sein Material verkaufen, das hieße einfach der schriftstellerischen Thätigkeit entsagen! Er hatte im Gegenteil die Absicht, seine Sammlung zu erweitern und zu vergrößern, und einen wunden und heikeln Punkt berührend, setzte er in einem Tone, in dem all sein getäuschtes und betrogenes Vatergefühl durchklang, hinzu: »Mein Herr Sohn wird ja nach meinem Tode alles verkaufen, sobald es ihm beliebt, und da er nur das eine Streben hat, reich zu werden, wird er sein Ziel sicherlich erreichen.« »Ja, aber einstweilen ...« Dieses in einem so erschreckend natürlichen und ruhigen Tone geflötete »einstweilen« rief Léonards ganze Eifersucht gegen den Sohn, der ihm das Herz seiner Frau vorenthielt, wach, und mit gewaltigem Vorschieben der Kinnladen sprach er: »Einstweilen soll er sich nach der Decke strecken, wie sein Vater. Ich habe keinen Palast und keine Pferde und keine englischen Dogcarts. Mir thut's die Pferdebahn für meine Besorgungen, und als Wohnung begnüge ich mich mit einem dritten Stock, der ein vierter wäre, wenn man das Zwischengeschoß zählen dürfte, und in dem ich das Opfer dieses Teyssèdre bin. Ich häufe Buch auf Buch, ich arbeite Tag und Nacht, jedes Jahr zwei bis drei Oktavbände, ich gehöre zwei akademischen Kommissionen an und fehle in keiner Sitzung, ich bin bei jedem Begräbnis auf meinem Posten und gestatte mir nicht einmal den Luxus, im Sommer eine Einladung aufs Land anzunehmen, um nicht in Gefahr zu kommen, ein paar Pfennige im Spiel zu verlieren. Ich will es meinem Herrn Sohn wünschen, daß er mit fünfundsechzig Jahren noch ebensoviel Ausdauer und Mut zeigen möge.« Es war seit langer Zeit zum erstenmal, daß er von Paul sprach, und das mit solcher Herbigkeit! Die Mutter war erschüttert, und doch lag in dem harten, fast grausamen Blick, den sie auf ihren Mann warf, ein Anflug von Respekt, der vorhin nicht drin gewesen. »Es klingelt,« sagte Léonard, der schon aufgestanden war und seine Serviette über den Stuhlrücken hing. »Das wird der Erwartete sein.« »Zur gnädigen Frau. ... Heute geht's einmal zeitig los.« Corentine legte mit den hastig an der Schürze abgetrockneten groben Küchenfingern eine Karte auf den Tischrand. Frau Astier warf einen raschen Blick darauf: »Vicomte von Freydet;« es blitzte freudig auf in ihrem Auge, allein ohne ihre Befriedigung laut werden zu lassen, fragte sie im ruhigsten Tone: »Freydet ist also in Paris?« »Ja, wegen seines Buches.« ... »Ach! Mein Gott, sein Buch! ... Und ich habe es noch nicht aufgeschnitten! Was steht denn drin ... wovon handelt es denn?« Sie verschluckte hastig die letzten Bissen und spülte die schlanken weißen Finger in ihrem Wasserglase, während der Professor ihr in sehr zerstreuter Weise über den neuen Band von Freydet das Nötigste mitteilte. »Gott in der Natur« hieß das Buch und war eine philosophische Dichtung, die für den Preis Boisseau in Vorschlag kommen sollte. »Ach so! Und er wird den Preis bekommen, nicht? ... Er muß ihn bekommen. Sie sind so reizende Menschen, er und seine Schwester. ... Und grenzenlos gut ist er gegen daß arme gelähmte Geschöpf.« Astier machte eine ausweichende Gebärde. Er konnte für nichts einstehen, doch würde er selbstverständlich die Wahl der Freydetschen Dichtung befürworten, zumal der Verfasser, seiner Ansicht nach, entschieden erfreuliche Fortschritte machte. »Mein persönliches Urteil, falls er dich danach fragen sollte, lautet dahin, daß für meinen Geschmack immer noch zu viel davon drin ist, wenn auch bedeutend weniger als in seinen andern Büchern. Jedenfalls sag' ihm, daß sein alter Lehrer zufrieden ist.« Wovon war zu viel drin, wovon weniger? Frau Astier mußte das offenbar wissen, denn ohne eine nähere Erklärung zu verlangen, stand sie vom Tische auf und schwebte leicht und anmutig in das für heute zum Salon umgeschaffene Arbeitszimmer ihres Mannes. Einige Augenblicke blieb Léonard Astier noch im Speisezimmer; mehr und mehr wieder in trübe Gedanken versinkend, zerschnitt er achtlos die Stückchen Käse, die noch auf seinem Teller lagen, in winzige Krümelchen. Dann riß ihn Corentine, die, ohne auf ihn zu achten, geräuschvoll und hastig abzuräumen begann, aus seinem Nachdenken, er erhob sich schwerfällig, erreichte mit Hilfe eines gewundenen Hühnerstiegchens seinen Hängeboden und nahm die Lupe und die alte Scharteke, deren Untersuchung ihn den ganzen Morgen in Anspruch genommen, wieder zur Hand. Zweites Kapitel Prr! ... Prr! ... Auf dem zweiräderigen englischen Wägelchen, das er selbst in tadellos strammer Haltung, die Zügel hoch, lenkt, saust Paul Astier in raschem Trabe seinem geheimnisvollen geschäftlichen Frühstück zu, vorüber am Pont Royal, den Quais, der Place de la Concorde. Der Morgen ist so herrlich, der Weg so eben, daß er mit ein bißchen Phantasie im Kopf sich auf Fortunas Schwingen durch diese Dekoration von Terrassen, Springbrunnen, Grün und Strom getragen wähnen könnte, aber der junge Mann hat keine mythologischen Anwandlungen, er prüft im Fahren den blanken Beschlag des Riemenwerkes und zieht bei dem vierschrötigen, neben ihm eingespeidelten jungen Groom mit der großsprecherischen, bärbeißigen Miene eines kleinen Rattenfängers Erkundigungen nach dem Getreidehändler ein. Auch einer von denen, dieser Getreidehändler, die bei jeder Lieferung brummiger werden und bezahlt sein wollen. »So so!« sagt Paul zerstreut, denn er denkt längst an andres. Die vertraulichen Mitteilungen seiner Mutter gehen ihm im Kopfe herum. ... Die schöne Antonia, dreiundfünfzig Jahre alt! ... Dieser Nacken, diese Schultern, in der ganzen Saison hat das Ballkleid keine tadelloseren Formen enthüllt. Es ist nicht zu glauben, mit dem besten Willen nicht. »Hallo! Prr! ...« Er erinnert sich ihrer, wie sie letzten Sommer in Mousseaux bei Tagesanbruch, wenn der Tau noch lag, den Park mit ihren Hunden durchstreifte, die Haare im Winde flatternd, die Lippen frisch und rosig.... Das sah doch wahrhaftig nicht nach einer künstlich zurechtgemachten Schönheit aus! Und dann eines Tages im Wagen, was hatte er da für einen Rüffel erhalten, einen Rüffel wie ein Sklave, freilich nicht mit Worten, nein nur mit einem einzigen Blick, weil er ein Bein gestreift hatte, das Bein einer Hebe, schlank, fein, elastisch.... Dreiundfünfzig Jahre alt sollte dieses Bein sein? Nie und nimmer! »Ho, ho! Achtung! Ein verwünschtes Ausweichen an dieser Biegung der Avenue d'Antin. ...« Alles einerlei! Aber es ist und bleibt ein häßlicher Streich, den man dieser armen Frau spielt, indem man ihren Fürsten verheiratet. Und schließlich, die Mama mag sagen, was sie will, der Salon der Herzogin hat ihnen allen gehörig Nutzen gebracht. ... Wäre denn der Vater Akademiker geworden ohne diese Frau; und er selbst und all' seine Aufträge. ... Und die sichere Erbschaft Loisillons, die Aussicht auf die herrliche Wohnung unter der Kuppel. ... Nein, die Weiber sind scheußliche Geschöpfe ... Und dabei die Männer – dieser Athis, wenn man bedenkt, was sie für ihn gethan hat! Ruiniert, abgebrannt, ein Lump war er, als sie sich kennen lernten, heute ist er bevollmächtigter Minister, auf Grund eines Buches über: »Die Mission der Frau in der Gesellschaft«, von dem er keine Silbe geschrieben, Mitglied der Akademie der »Sciences politiques et morales« . Und während sie Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um ihm einen Botschafterposten zu angeln, wartet er nur die Ernennung im »Officiel« ab, um sich aus dem Staube zu machen und nach fünfzehn Jahren ungetrübten Glückes seiner Herzogin den Hund vor die Füße zu werfen. ... Erfaßt hatte er sie, die »Mission der Frau in der Gesellschaft«. Man mußte sich in der That vornehmen, es ihm nachzuthun und nicht ewig ein Gimpel zu bleiben. »Ho ho! ... Vorwärts, wenn's beliebt.« Der Monolog ist zu Ende, der Wagen hält vor einem reichen Hause der Rue de Courcelles, dessen Portal langsam und zögernd die schweren Flügel aufthut, als ob es ganz außer Uebung wäre, diese Pflicht zu erfüllen. Hier lebte die Fürstin Colette von Rosen seit ihrer Trauer und der tragischen Katastrophe, die sie mit sechsundzwanzig Jahren zur Witwe gemacht, in klösterlicher Zurückgezogenheit. Die Chronik der vornehmen Welt hat mit lauten Trompetenstößen von der Verzweiflung der jungen Witwe, den blonden Haaren, die kurz abgeschoren und dem Gatten in den Sarg gelegt worden waren, dem in eine Totenkapelle verwandelten Zimmer, den einsamen Mahlzeiten mit zwei Gedecken, dem Hut und Stock und den Handschuhen des Fürsten, die Tag für Tag auf ihrem bestimmten Platz im Vorzimmer liegen mußten, wie wenn er noch da wäre und ausgehen wollte, Bericht erstattet; wovon aber kein Mensch gesprochen hat, ist die liebevolle Hingebung und die fast mütterliche Sorgfalt, welche Frau Astier unter diesen schmerzlichen Verhältnissen für die »arme Kleine« an den Tag gelegt hat. Die Bekanntschaft der beiden Damen geht einige Jahre weiter zurück und schreibt sich von der Zeit her, da der Fürst Rosen für ein historisches Werk, über welches Astier-Réhu Berichterstatter gewesen, von der Akademie einen Preis erhalten hatte, allein erst die Trauer der Fürstin überbrückte die Kluft, welche durch Verschiedenheit des Alters und der Lebensstellung die beiden Frauen naturgemäß trennte. Frau Astier allein war in den vollständigen Bruch mit der Gesellschaft nicht eingeschlossen, sie allein überschritt die Schwelle des zum Kloster gewordenen Palastes, in dem die arme schwarze Karmeliterin mit dem kahlgeschorenen Haupt ihr Schicksal beweinte; ihr allein war gestattet, zweimal in der Woche der Messe beizuwohnen, die in St. Philipp für die Seele des Fürsten Herbert gelesen wurde, und auch die Briefe, welche Colette jeden Abend an ihren teuern Abgeschiedenen schrieb, und in welchen sie ihm ihr Leben schilderte und ihm erzählte, wie sie den Tag hingebracht, wurden ihr mitgeteilt. Auch bei der strengsten, tiefsten Trauer kann der Mensch nicht unbehelligt bleiben von kleinen Sorgen und Mühen, die der Würde des Schmerzes widerstreben und welche die Welt nichtsdestoweniger fordert; Livreen müssen gewählt, Wagen ausgeschlagen werden, so herzzerreißend auch jede Berührung mit der gewerbsmäßigen, heuchlerischen Schmerzensmiene solcher Lieferanten ist. Dem allen hatte sich Frau Astier mit unermüdlicher Geduld unterzogen, und indem sie die schwerfällige Haushaltsmaschine, welche den schönen Augen durch einen Nebelschleier verhüllt war, unter ihre Obhut genommen, hatte sie der jungen Witwe alles ferngehalten, was ihre Verzweiflung stören, ihre Stunden des Gebets, der Thränen, des Briefschreibens ins Jenseits hätte unterbrechen können, und ungehindert konnte dieselbe die herrlichsten, seltensten Blumen nach dem Père-Lachaise tragen, wo Paul Astier die Errichtung des riesigen, auf Wunsch der Fürstin aus erinnerungs- und beziehungsvollen, an der Stätte des Unglücks gebrochenen Steinen ausgeführten Grabmals beaufsichtigte. Unglücklicherweise hatten die Gewinnung der Steine, der Transport dieser dalmatinischen Felsblöcke, die Härte des zu bearbeitenden Granits, sowie die Vielheit der Pläne, die wechselvollen Einfälle der jungen Witwe, der nichts pomphaft, nichts großartig genug sein wollte, um an die Heldengröße ihres Toten hinanzureichen, so viel Verzug und Hemmnisse hervorgebracht, daß im Mai 1880, zwei Jahre nach dem Todesfall und dem Beginn der Arbeiten, das Monument noch nicht vollendet war. Für einen so ausdrucksbedürftigen Schmerz, der immer auf dem Höhepunkt sein, sich in jeder Minute ganz ausgeben will, sind zwei Jahre eine lange Zeit. Die Trauer dauerte in ihrer strengen Unerbittlichkeit fort, das Hotel Rosen blieb stumm und verschlossen wie ein Grab; aber statt der lebenden Statue, die weinend und betend in der Krypta geknieet, bewegte sich durch die totenstillen Räume eine junge liebliche Frau, deren Haare wieder hervorsproßten, dicht und seidig, in leichten Locken und sanft gewellt. Von diesem neu entstehenden blonden Gelock ging eine Leuchtkraft aus, die das schwarze Witwengewand all seines düsteren Ernstes beraubte, daß es nur noch wie eine der Kleidsamkeit halber gewählte Tracht erschien, und in Haltung und Stimme der Fürstin fühlte man einen frühlingsfrohen Drang nach Thätigkeit und Bewegung, jenen erleichterten, friedlichen Ausdruck, welcher der jungen Witwe im zweiten Teil ihrer Trauerzeit eigen zu sein pflegt und voll Reiz ist. Zum erstenmal genießt die Frau das Gefühl der Befreiung, des unumschränkten Besitzes ihrer selbst, den sie, die ganz jung vom Elternhause in die Hand des Gatten übergegangen, nie gekannt; was plump und roh an der männlichen Natur ist, verletzt sie nicht mehr, besonders aber ist sie der Angst vor Mutterpflichten, diesem Schrecken der modernen jungen Gattin, enthoben. Diese so ganz natürliche Wandlung des überströmenden Schmerzes in vollkommenen, heiteren Frieden vollzog sich hier unter dem äußeren Zutagetreten eines untröstlichen Witwenleides, dem Ausdruck zu geben Colette fortfahren mußte, nicht aus Heuchelei, sondern weil es einfach nicht thunlich war, den Befehl zu geben, daß der Hut, der im Vorzimmer seines Trägers harrte, weggenommen, der Spazierstock beiseite gebracht werden solle, ohne daß die Dienerschaft gelächelt hätte; und hätte sie etwa sagen sollen, das zweite Gedeck brauche nicht mehr aufgelegt zu werden, denn: »Der Fürst kommt heute abend nicht zu Tische?« Nur die mystische Korrespondenz: »An Herbert, im Himmel,« hatte nachgelassen, die Briefe folgten sich in größeren Zwischenräumen und schließlich beschränkte sich der Mitteilungsdrang auf ein recht kühles und ruhiges Tagebuch, was Colettes kluger Freundin insgeheim großen Spaß machte. Sie hatte nämlich einen Plan, diese Frau Astier. Der Einfall hatte in ihrem klaren, verständigen kleinen Kopfe Wurzel geschlagen, nachdem Fürst Athis ihr an einem Dienstagabend im Théatre français vertraulich zugeraunt hatte: »Ach! Meine arme Adelaide. ... Sie glauben nicht, wie ich mich langweile... solche Last...« Sofort kam ihr der Gedanke, ihn mit der jungen Fürstin zu verheiraten, und die neue, der bisherigen so entgegengesetzte Rolle, die sie nun zu spielen unternahm, war nicht minder anziehend und Kunst erfordernd. Nun galt es nicht mehr, die Ewigkeit des Liebesschwures zu predigen, nicht mehr in Joubert und andern ehrbaren Philosophen nach Aussprüchen, wie der, welchen die Fürstin als Motto über ihr Tagebuch geschrieben: »Das Weib ist würdigerweise nur einmal Gattin und Witwe,« zu suchen, und es war auch nicht mehr nötig, über die männliche Schönheit und Anmut des jugendlichen Helden, dessen Bild in Marmor und auf Leinwand, in ganzer und halber Figur, in einviertel und dreiviertel Profil überall im Hause zu sehen war, in Ekstase zu geraten. Im Gegenteil, eine stufenmäßige, weise eingeleitete Minderschätzung dieser Vorzüge war am Platz. »Finden Sie nicht auch, liebes Herz, daß die untere Partie des Gesichtes auf all diesen Bildern zu breit und plump erscheint... freilich der Fürst hatte sehr starke Backenknochen...«, so gelangte man mit ganz kleinen, aber ein wenig giftigen Nadelstichen, mit unendlicher Liebenswürdigkeit und Geschicklichkeit, alles zurücknehmend, sobald man fühlte, daß man eine Linie zu weit gegangen, scharf beobachtend, ob solch eine kleine Bosheit Colette ein Lächeln entlockte oder nicht, schließlich dahin, daß die junge Frau zugeben mußte, Fürst Herbert habe eigentlich viel vom Landsknecht an sich gehabt und sei Edelmann mehr dem Namen als den Manieren nach gewesen, und auch in seinem Aeußeren ohne jene Vornehmheit, die zum Beispiel Fürst Athis, den sie letzten Sonntag in der Vorhalle von St. Philipp begegnet, in so hohem Maße besitze. »Der ist zu haben, liebes Kind, wenn er Ihnen gefällt ...« Die Bemerkung wurde erstmals nur so ins Blaue hinein gemacht, scherzhaft hingeworfen, dann wieder aufgenommen, wiederholt, stärker betont. Und weshalb denn nicht? Die Verhältnisse stimmten trefflich überein, alter, guter Name, bedeutende Stellung in der Diplomatie, und weder an Form noch an Titel eine Veränderung nötig, was seine bedeutenden Vorzüge in ökonomischer Hinsicht hat. »Und schließlich, meine Liebe, muß ich Ihnen sagen, daß dieser Mann aufs lebhafteste für Sie empfindet, falls Sie das nicht längst selbst bemerkt haben.« Diese Mitteilung berührte die Fürstin förmlich beleidigend, allein sie gewöhnte sich allmählich an den Gedanken. Man traf Athis in der Kirche, im tiefsten Geheimnis auch in der Rue de Beaune und Colette gestand nach einiger Zeit, daß wenn jemand dazu angethan wäre, sie dem Witwenstande abtrünnig zu machen, dieser es sein würde. Aber ach! Ihr armer Rosen hatte sie mit solcher Hingebung, solcher Ausschließlichkeit geliebt! »Ausschließlichkeit?« wiederholte Frau Astier mit einem vielsagenden leisen Lächeln, und diesem Lächeln folgten Andeutungen, halbe Worte, und das Gift ward eingeträufelt, wie es allezeit unter Frauen der Brauch gewesen. »Aber, liebste Freundin, einzige Liebe, treue Ehemänner, das gibt es ja überhaupt nicht! Die besten, die hochgesinnten, sind die, welche sich die Mühe nehmen, jede Störung des häuslichen Friedens zu vermeiden, ihren Frauen Demütigungen und Betrübnis zu ersparen.« »Und Sie glauben, daß auch Herbert ...?« »Mein Gott! Er war ein Mann!« Die Fürstin war empört, sie grollte, schwamm in Thränen, in Thränen von jener leicht fließenden Art, welche so beruhigend und erfrischend auf die Frauen wirken, wie ein Gewitterregen auf einen Rasenplatz. Aber trotz alledem war sie zu Frau Astiers großem Verdruß nicht vollständig zu gewinnen, und zwar blieb die wirkliche Ursache dieses Widerstands der klugen Frau gänzlich verborgen. Die Wahrheit war, daß Paul Astier und die Fürstin so oft und so lange Grundrisse, Skizzen und Entwürfe des Mausoleums, Zeichnungen der Statue und Pläne des Grabgewölbes miteinander angesehen hatten und daß dabei beider Hände und Haare so häufig miteinander in Berührung gekommen waren, daß kameradschaftliche Beziehungen zwischen ihnen entstanden, eine Sympathie, die von Tag zu Tag inniger wurde, bis Paul Astier eines schönen Morgens in dem auf ihn gehefteten Blick Neigung, ja fast ein Geständnis lesen durfte. Die Möglichkeit, der Traum, das Wunder, daß die Fürstin Rosen mit ihren zwanzig bis dreißig Millionen die Seine werden könnte, tauchte vor ihm auf! Selbstverständlich nach langer, geduldig überstandener Wartezeit, nach einer Belagerung in aller Form und mit allen Feinheiten der Kriegskunst. Vor allem also galt es Vorsicht, Vorsicht namentlich der Mama gegenüber, die trotz aller Klugheit und Geschicklichkeit, gerade wenn es sich um ihren Sohn handelte, aus Uebereifer leicht einen Mißgriff that. Sie würde aus lauter Ungeduld, zum Ziel zu gelangen, alles verderben. Er ließ die Mutter also keinen Blick in seine Karten werfen und ging, ahnungslos, daß dieselbe im ganz entgegengesetzten Sinne den Hebel ansetzte, allein langsam und bedächtig zu Werke, bezauberte die Fürstin durch Jugend und Eleganz, Heiterkeit und Witz, wobei er aber die Tigerklauen seiner spottlustigen Natur wohlweislich zu verstecken Sorge trug, denn er wußte, daß die Frau wie das Volk, das Kind und alle nur dem Impuls gehorchenden Wesen die Ironie, die sie aus der Fassung bringt und in welcher sie unbewußt das Widerspiel aller Begeisterung, aller Liebesträume erkennen, naturgemäß hassen und verabscheuen. Mit noch mehr Zuversichtlichkeit als sonst stellte sich Astier an diesem Frühlingsmorgen bei der Fürstin ein. Zum erstenmal sollte er, unter dem Vorwand einer auf heute verabredeten gemeinsamen Besichtigung der Arbeiten auf dem Friedhof, im Hotel Rosen frühstücken. Man hatte zu diesem Zweck mit unausgesprochener Absichtlichkeit und in schweigendem Einverständnis Frau Astiers Empfangstag, den Mittwoch, gewählt, um sie nicht als dritte im Bunde mitnehmen zu müssen, und als der junge Mann heute die Stufen der Freitreppe hinaufstieg, konnte er trotz seiner verständigen Zurückhaltung nicht umhin, über den weiten Hof, die stattlichen Stallungen und den ganzen prächtigen Bau einen Rundblick zu werfen, in welchem schon ein Besitzergreifen lag. Allerdings kühlte sich seine Siegesgewißheit wieder einigermaßen ab, als er im Vorsaal Portier und Diener in tiefster, feierlichster Trauerlivree gelangweilt und halb schlafend auf ihren Posten fand, als ob sie die Leichenwacht hielten bei dem Hute des Toten, einem wunderhübschen grauen, der Jahreszeit angemessenen Hute, der von dem eigensinnigen Festhalten der Fürstin an dieser Gedächtnisfeier Zeugnis ablegte. Paul fühlte sich verstimmt und gereizt, wie wenn ihm ein Nebenbuhler in den Weg getreten wäre; konnte er sich doch kaum einen Begriff davon machen, wie schwer es für Colette war, sich der Fesseln zu entledigen, die sie sich selbst im Uebermaß ihres Schmerzes angelegt. Wütend fragte er sich im stillen: »Wird sie mir etwa in seiner angenehmen Gesellschaft ein Frühstück anbieten?« als ihm der Diener, der ihm Hut und Stock abnahm, die Meldung machte, daß die Frau Fürstin Herrn Astier im kleinen Salon erwarte. Beim Eintritt in die glasbedeckte, mit seltenen Pflanzen geschmückte Rotunde hatte er sofort den beruhigenden Anblick eines ganz kleinen Tisches, dessen Anordnung die junge Frau persönlich überwachte und der nur zwei Gedecke trug. »Ein Einfall von mir,« erklärte sie, »als ich heute früh den herrlichen Sonnenschein sah! Hier können wir uns einbilden, auf dem Lande zu sein ...« Die ganze Nacht hatte sie darüber gegrübelt, wie sie es anfangen sollte, um nicht an der Seite dieses hübschen Jungen mit dem Gedeck für den andern speisen zu müssen, und da sie keinen Weg fand, die Beseitigung desselben anzuordnen, war ihr in Sinn gekommen, das Feld zu räumen und plötzlich, scheinbar einer flüchtigen Laune nachgebend, den Befehl zu erteilen: »Im Wintergarten.« Das geschäftliche Frühstück nahm sich im ganzen genommen sehr gut aus; der weiße Romanée stand zur Kühlung in dem kleinen Bassin des künstlichen Felsens unter Farrnkraut und Frauenhaar, die Sonnenstrahlen blitzten farbig in den Kristallgläsern und spielten auf dem saftigen Grün der Blattpflanzen und die beiden jungen Leute saßen sich gegenüber, fast Knie an Knie, er sehr ruhig, seine hellen Augen kalt und doch zündend, sie rosig und blond, mit den noch kurzen flaumigen gewellten Haaren, die ohne jede künstliche Nachhilfe den anmutigen Umriß des kleinen Köpfchens zeigten. Und während sie von allerhand gleichgültigen Dingen sprachen und das, woran sie wirklich dachten, in Schweigen und Lüge hüllten, flog Paul Astiers Blick, so oft der geräuschlos hin und her eilende Diener die Thür öffnete, triumphierend nach dem verödeten Speisesaale hinüber, wo das Gedeck des Verstorbenen zum erstenmal der Einsamkeit und Langeweile preisgegeben war. Drittes Kapitel. »Fräulein Germaine von Freydet Clos-Jallanges bei Mousseaux (Loire-et-Cher). »Du sollst ganz genau wissen, Schwesterherz, wie ich meine Zeit in Paris zubringe. Ich habe im Sinn, während meines hiesigen Aufenthaltes jeden Abend zu schreiben und zweimal die Woche ein Briefpaket an Dich abgehen zu lassen. »Also denn: Angekommen diesen Morgen – Montag. Abgestiegen wie immer in meinem ruhigen kleinen Hotel in der Rue Servandoni, wo ich vom ganzen großen Paris nichts höre als die Glocken von Saint Sulpice und das Getöse einer nahe gelegenen Schmiedewerkstatt, was mir nicht unlieb ist, weil das taktmäßige Eisengehämmer mich an unser Dorf gemahnt. Sofort zum Verleger gelaufen: ›Wann kommen wir heraus?‹ »›Ihr Buch? Ja, das ist ja schon vor acht Tagen erschienen.‹ »Erschienen und sogar schon wieder verschwunden in den grauenvollen Tiefen der Manivetschen Büchermacherei, die schnaubend, atemlos, immerzu neuen Schund in die Welt setzt. Just heute, am Montag, wurde ein großer Roman von Herrscher: ›Die Mänade‹ vom Stapel gelassen, in ich weiß nicht wie viel fünfzigtausend Exemplaren gedruckt, aufgestapelt bis an die Decke der Buchhandlung, in Ballen, Kisten umherstehend, und Du kannst Dir vielleicht denken, wie verblüfft und geistesabwesend mir die Commis Bescheid erteilten, mit welch erstaunter Miene, wie ein eben vom Monde Gefallener, mich der wackere Manivet anstarrte, als ich von meinem armseligen Band Verse und meinen Aussichten auf den Boisseau-Preis zu sprechen anfing. Ich ließ mir einige für die Mitglieder des Preisgerichtes bestimmte Exemplare geben und machte mich, indem ich mich zwischen bis an die Decke reichenden Bergen von ›Mänaden‹ durchdrängte, aus dem Staube. Im Wagen mein Buch angesehen, durchblättert; es gefiel mir nicht übel mit seinem ernsthaften Titel: ›Gott in der Natur‹; vielleicht hätte derselbe bei näherer Ueberlegung in etwas fetterer Schrift, ein bißchen mehr in die Augen fallend, gedruckt werden dürfen, aber einerlei! Dein hübscher Name Germaine auf dem Widmungsblatt wird uns schon Glück bringen. Zwei Exemplare Rue de Beaune bei den Astiers abgegeben, die ja, wie Du weißt, ihre Amtswohnung in dem Ministerium des Auswärtigen nicht mehr innehaben. Frau Astier hat aber ihren Empfangstag wie früher, und ich werde also am Mittwoch erfahren, was mein alter Lehrer von mir hält; drauf fahre ich direkt ins Institut, wo ich noch wie eine geheizte Dampfmaschine anlange. »Es ist wahrhaftig etwas Wunderbares um diese fieberhafte Thätigkeit und Rührigkeit in Paris, wunderbar namentlich für unsereinen, der das ganze Jahr in der friedlichen Ruhe seiner Felder und Wiesen lebt. Picheral – Du erinnerst Dich des höflichen Herrn vom Sekretariat, der Dich vor drei Jahren in der Sitzung, in welcher mir der Preis erteilt wurde, so gut untergebracht hat – Picheral und seine Gehilfen traf ich vertieft in einem Geschwirr und Durcheinander von Namen und Adressen, die von einem Bureau zum andern getragen und gerufen wurden, mitten in einem Chaos von blauen, gelben und grünen Karten für Tribünen, Halbkreis, Stehplatz, Eingang A, Eingang B, kurz im Begriff, die Einladungen zu der großen jährlichen Sitzung, welche diesmal eine auf Reisen befindliche Hoheit mit ihrer Gegenwart beehren wird, nach allen Himmelsrichtungen zu erlassen. ›Bedaure unsäglich, Herr Vicomte‹ – Picheral nennt mich nie anders, wird wohl eine Reminiscenz an Chateaubriand sein – ›allein Sie müssen sich gedulden. ...‹ ›Bitte, bitte, lassen Sie sich nicht stören, Herr Picheral.‹ »Der gute Mann ist köstlich und so außerordentlich höflich und höfisch, daß ich immer an unsre Anstandslektionen in der bedeckten Galerie bei der Großmutter in Jallanges denken muß – und dabei reizbar und heftig, wenn man ihm in die Quere kommt, wie unser einstiger Tanzlehrer. Ich hätte nur gewünscht, daß Du seine Unterredung mit dem Grafen Brétigny, dem gewesenen Minister und einem der großen Herren der Akademie, hättest mit anhören können. Derselbe kam, solange ich da warten mußte, und zwar um Diäten, die ihm nicht ausbezahlt worden, einzufordern. Du mußt nämlich wissen, daß der Akademiker für seine Anwesenheit bei einer Sitzung sechs Franken, den alten Sechsfrankenthaler, erhält: vierzig Mitglieder der Akademie sind es, thut zweihundertvierzig Franken per Sitzung, welche unter den Anwohnenden verteilt werden, derart, daß die den einzelnen treffende Summe natürlich um so größer ist, je kleiner ihre Zahl. Zugestellt erhält man den Betrag monatlich in Frankenthalern, welche in Säckchen von grobem Papier stecken, deren jedes einen mit Stecknadeln angehefteten weißen Zettel, wie ein Wäscheverzeichnis, trägt. Brétigny fand, daß die Rechnung bei ihm nicht stimme und daß er zwei Sitzungsgelder mehr zu fordern habe, und etwas Komischeres konnte man nicht sehen, als diesen steinreichen Mann, Präsidenten ich weiß nicht wie vieler Verwaltungsräte, der in einem eleganten Coupé vorgefahren kam, um seine zwölf Franken zu reklamieren. Er bekam nur sechs, welche ihm Picheral nach langem Hin- und Herreden sehr von oben herab wie einem Dienstmann zuwarf, die der Unsterbliche aber mit wahrer Herzensfreude einsackte. Wie wohl thut einem doch solch ein im Schweiße seines Angesichtes verdientes Stück Geld! Denn man darf ja nicht denken, daß in der Akademie gebummelt wird: Diese Vermächtnisse und Stiftungen, deren Zahl von Jahr zu Jahr zunimmt, die Arbeiten, die man lesen muß, die Berichte, die auszuarbeiten sind, und das Wörterbuch, und die Reden! ›Geben Sie Ihr Buch einfach ab, kommen Sie den Herren aber nicht vor die Augen,‹ hat mir Picheral gesagt; als er hörte, daß ich mich um den Preis bewerbe. ›Es macht unsre Herren wild auf die Bewerber, wenn man sie zu lesen zwingt und ihnen die Pistole auf die Brust setzt.‹ »In der That ist mir der Empfang, den ich bei Gelegenheit meiner letzten Preisbewerbung bei Ripault-Babin und Laniboire fand, unvergeßlich. Handelt es sich dagegen um eine hübsche Frau, so gestaltet sich die Sache freilich anders; Laniboire wird gemütlich, und Ripault-Babin, der gleich Feuer fängt, trotzdem er ein Achtziger ist, bietet der Kandidatin eine Eibischpastille an und meckert: ›Bitte, führen Sie das an Ihre Lippen ... ich werde es hernach verzehren.‹ Die Geschichte ist mir, auf dem Sekretariat selbst, wo man die Unsterblichen mit liebenswürdiger Ungeniertheit behandelt, erzählt worden. ›Der Boisseau-Preis? Warten Sie 'mal ... da haben Sie zwei Herzoge, drei Petdeloups, zwei Schnurranten.‹ In diese Klassen wird die französische Akademie im vertrauteren Büreaukreise eingeteilt; Herzoge sind die Adligen und die geistlichen Herren, unter dem Namen Petdeloup faßt man die Professoren und Gelehrten zusammen und unter Schnurranten sind Advokaten, Leute vom Theater, von der Presse, Romanschreiber etc. inbegriffen. »Nachdem ich die Adressen meiner Petdeloups, Herzoge und Schnurranten in Empfang genommen, habe ich dem zuvorkommenden Picheral eins meiner Exemplare gewidmet, ein andres, der Form halber, dem armen Loisillon, dem ständigen Sekretär, bei dem es, wie man sagt, bald zu Ende gehen wird, und die übrigen habe ich in höchster Eile an den verschiedensten Enden von Paris verteilt. Es war ein herrlicher Tag; im Bois de Boulogne, durch das ich auf dem Rückwege von Ripault-Babin – ›führen Sie es zuerst an Ihre Lippen‹ – kam, dufteten Weißdorn und Veilchen so köstlich, daß ich mich ganz nach Hause versetzt fühlte in jene flüchtigen Frühlingstage, wo die Luft so frisch und kühl und die Sonne so heiß ist, und ein Verlangen, den ganzen Kram stehen zu lassen und nach Jallanges zu fahren, erfaßte mich mit Macht. Gespeist am Boulevard, ganz allein, trübselig, dann ins Théâtre français gegangen, wo der »Letzte Frontin« von Desminières gegeben wurde. Auch ein Preisrichter der mein Geschick zu entscheiden hat, dieser Desminières, deshalb werde ich nur Dir sagen, wie mich seine Verse gelangweilt haben, dazu die Hitze, das Gas, kurz, das Blut stieg mir zu Kopfe. Die Schauspieler spielten, wie wenn sie vor Ludwig XIV. stünden; und während sie ihre Alexandriner abhaspelten, wie man eine Mumie aus ihren Leinenstreifen wickelt, ließ mir der Duft von Jallanges' Weißdornen keine Ruhe und ich mußte mir immer wieder die hübschen Verse von du Bellay, unsrem halben Landsmann, vorsagen: Mehr preis' ich mir den Schiefer als kalten Marmors Glätte, Mehr Anjous weiche Luft als salz'gen Hauch der See, Und meinen Liré mehr als Palatinus' Höh', Als Tibers Felsgeklüft, der Loire fruchtbar Bette. »Dienstag. Den ganzen Morgen in Paris umhergelaufen, bei jeder Buchhandlung Station gemacht und mein Buch in der Auslage gesucht. Nichts als ›Die Mänade‹ ... ›Die Mänade‹ ... war überall zu sehen, mit dem breiten weißen Streifen: » soeben erschienen « darüber; höchstens von Zeit zu Zeit ein in die Ecke gedrängtes, schüchternes: »Gott in der Natur,« das recht jämmerlich dreinsah. Wenn gerade niemand auf mich acht hatte, zog ich es aus dem Bücherstoße hervor und legte es obenan, daß es recht in die Augen fallen mußte, aber kein Mensch blieb stehen. Doch, einer; am Boulevard des Italiens, ein Neger, ein höchst anständig und intelligent aussehender Mensch; fünf Minuten blätterte er in meinem Büchlein, dann ging er weiter, ohne es zu kaufen. Ich hatte nicht übel Lust, es ihm zu schenken. »Drauf Frühstück in einem Winkel der englischen Taverne; Zeitungen gelesen. Nicht ein Sterbenswort über mich, nicht einmal eine kleine Annonce. Dieser Manivet ist auch von einer Nachlässigkeit! Ich zweifle, ob er das Buch überhaupt versandt hat, wie er mir versichert. Und dann erscheint jeden Tag etwas Neues, Paris ist mit Büchern überschwemmt. Ehrlich gesagt, es ist doch bitter, diese Verse, die man mit bebender Hand und pochendem Herzen in froher Schaffenslust, in fieberhaftem Drange niedergeschrieben, die einem so schön vorkamen, so dazu angethan, die Welt zu erfüllen, zu erleuchten, diese Verse nun so unbeachtet ihren Weg gehen zu sehen, fast weniger gekannt, als da sie einem noch dumpf und unklar im Kopfe schwirrten; eine Geschichte ungefähr wie die der Ballkleider, die unter enthusiastischem Beifall der Familie angelegt werden, von denen man sich einbildet, daß sie alles in den Hintergrund drängen, alles überstrahlen werden, und die sich dann im Lichte des Ballsaales spurlos in der Menge verlieren. Ach! Dieser Herrscher, der ist glücklich! Er wird gelesen, er wird verstanden. Wie oft habe ich den frisch erschienenen gelben Band von Frauen nach Hause tragen, aus Manteltaschen hervorblicken sehen. ... Wir sind übel dran! Es ist alles recht schön und gut mit diesem sich über die Menge, außerhalb des Stromes Stellen, wir schreiben aber doch für diese Menge. Ob Robinson von allem abgeschnitten, auf seiner Insel, ohne Hoffnung, je ein Segel am Horizont auftauchen zu sehen, Verse gemacht haben würde, auch wenn er ein großer Dichter gewesen wäre? Lange über die Frage nachgedacht, wahrend ich, in dem ungeheuern Menschenstrom verloren wie mein Buch, durch die Champs Elysées hinausschlenderte. »Ich trat den Heimweg an, um zum Diner in mein Hotel zurückzukehren. Trüb genug war mir zu Mute, wie Du Dir denken kannst. Plötzlich pralle ich auf dem Quai d'Orsay vor der grünumsponnenen Ruine der Cour des Comptes auf einen den Weg versperrenden, plumpen, zerstreuten Gesellen: ›Freydet!‹ – ›Bédrine!‹ Du hast ihn ja keinenfalls vergessen, meinen Freund, den Bildhauer Bédrine, der zur Zeit, als er in Mousseaux arbeitete, mit seiner jungen, reizenden Frau auf einen Nachmittag nach Clos-Jallanges herübergekommen ist. Er ist sich unverändert gleich geblieben, nur ein bißchen weiß an den Schläfen; an der Hand führte er das schöne Kind mit den fieberischen Augen, das Du damals so bewundertest, hoch erhobenen Hauptes, mit den langsamen, plastischen Bewegungen schritt er daher, stolz und frei, als ob er über dem Erdenleben in elysäischen Gefilden wandelte; in einiger Entfernung folgte seine Frau, einen Kinderwagen mit dem nach seinem Aufenthalt in der Touraine geborenen lachenden kleinen Mädelchen vor sich herschiebend. »›Sie hat ihrer jetzt drei, mich mit eingerechnet‹, sagte mir Védrine, auf seine Frau zeigend, und allerdings liegt in dem Blick, mit dem sie den Gatten umfängt, die innige, friedenvolle Mütterlichkeit einer niederländischen Madonna, die anbetend vor ihrem Sohn und Gott kniet. Ueber die Brüstung des Quais gebeugt, haben wir lange geplaudert; es hat mir wohl gethan, diese Begegnung mit den braven Menschen. Dieser Védrine, das ist nun einmal ein Mensch, der sich um Erfolg, Publikum und akademische Preise den Teufel kümmert. Mit der Vetterschaft, die er hat, verwandt mit Loisillon, dem Baron Huchenard und andern, brauchte er nur zu wollen, seinen allzu herben Wein nur mit ein paar Tropfen Wasser zu verdünnen, und die Bestellungen wären da, der zweijährige Preis desgleichen, und morgen könnte er dem Institut angehören. Aber ihn reizt das alles nicht, nicht einmal der Ruhm. ›Ich habe ihn zwei oder dreimal gekostet, den Ruhm‹, sagte er mir, ›ich kenne die Geschichte, es ist, ja wie... wie wenn man zufällig die Cigarre verkehrt in den Mund steckt, genau dasselbe! Eine gute Cigarre, aber die brennende Seite mitsamt der Asche im Munde – das ist der Ruhm‹. »›Ja aber Védrine, wenn Du weder um Ruhm noch um Geld arbeitest? –‹ »›Oh! Was das betrifft –‹ »›Ja, ja! Ich kenne Deine souveräne Verachtung für diesen Artikel ... aber wofür mühst Du Dich denn so ab?‹ »›Für mich! Zu meiner persönlichen Freude, weil ich muß! Weil ich schaffen, mich ausdrücken muß!‹ »Dieser würde also auch auf einer wüsten Insel seine Arbeit fortsetzen. Das ist der wahre Künstler, rastlos, ungeduldig, voll des Dranges nach neuen Formen und, wenn er von der eigentlichen Arbeit ruht, das Verlangen nach dem nie Dagewesenen durch andre Materialien, andre Stoffe befriedigend. Er hat Majoliken gemacht, Emailarbeit, das herrliche Mosaik, das man in der Salle des gardes in Mousseaux bewundert. Sobald die Sache vollendet, die Schwierigkeit überwunden ist, greift er nach einer andern; gegenwärtig ist sein Dichten und Trachten, sich in der Malerei zu versuchen, und sobald sein Paladin, eine große Bronzefigur für das Fürst Rosensche Grabmal, vollendet sein wird, gedenkt er ›sich ins Oel zu stürzen‹, wie er sagt. Und seine Frau billigt alles, stimmt ihm immer bei, hilft ihm bei jedem neuen Steckenpferd in die Bügel, die wahre Künstlersfrau, schweigsam bewundernd, alles beseitigend, was das große Kind unsanft aus seinem Traume wecken könnte, jeden Stein aus dem Wege räumend, an dem der Fuß des Sternsehers sich stoßen könnte. Eine Frau, meine liebe Germaine, die einem die Ehe wünschenswert machen kann. Wenn ich eine zweite fände wie sie, so würde ich sie mit mir nach Clos-Jallanges nehmen, und ich weiß, Du würdest sie lieb haben; erschrick aber nicht, Schwesterherz, die Sorte ist selten und wir werden das Leben miteinander weiter führen bis ans Ende. »Beim Auseinandergehen wurde verabredet, daß ich sie Donnerstag besuchen solle, nicht in ihrem Hause in Neuilly, sondern im Atelier am Quai d'Orsay, wo sie den Tag gemeinsam zubringen. Dieses Atelier scheint das außerordentlichste Ding von der Welt zu sein, ein Winkel der alten Cour des Comptes, wo, in Gestrüpp und Trümmern, unter den wuchernden Schlingpflanzen arbeiten zu dürfen, er herausgeschlagen hat. Nachdem sie von mir weg waren, drehte ich mich um und sah ihnen nach, wie sie den Quai entlang gingen, Vater, Mutter und Kinder, alle in das goldne Licht der untergehenden Sonne getaucht, das sie zur heiligen Familie verklärte; abends im Hotel sind mir ein paar Strophen darüber in Sinn gekommen, aber die Nachbarschaft beengte mich, ich wagte nicht recht, meine Stimme zu erheben. Dazu muß ich mein großes Zimmer in Jallanges haben, mit den drei Fenstern nach dem Flusse, und meine Rebengelände. »Nun hätten wir ihn endlich den Mittwoch, den großen Tag mit seinen großen Neuigkeiten, über die Du recht eingehenden, gründlichen Bericht haben sollst. Ich gestehe Dir, daß ich meinem Besuch bei den Astiers mit einer gewissen Spannung entgegensah, die sich zum Herzklopfen steigerte, als ich das alte, feierliche, nach Feuchtigkeit riechende Treppenhaus in der Rue de Beaune betrat. Was wird man mir über mein Buch sagen? Wird mein alter Lehrer auch nur Zeit gefunden haben, es aufzuschlagen? Für mich ist ja das Urteil dieses vortrefflichen Mannes, der mir immer der Professor auf dem Katheder bleiben wird und dem gegenüber ich nie aufhören werde, mich als Schüler zu fühlen, sogar schwerwiegend. Sein unparteiisches und sicheres Urteil wird ohne Zweifel auch der Akademie, die den Boisseau-Preis zu erteilen hat, maßgebend sein. Ungeduld und Angst stürmten auf mich ein, während ich in dem großen Arbeitszimmer, welches der Meister an den Empfangstagen seiner Frau überläßt, eine Weile warten mußte. »Ach! Wie anders hier, als in ihrer Wohnung im Ministerium! Der Schreibtisch des Historikers ist in eine Ecke geschoben und mit einem großen mit altem Stoff bezogenen Wandschirm, der zugleich einen Teil der Bibliothek verhüllt, maskiert. Dem Eintretenden gegenüber, am Ehrenplatz, hängt das Bild der noch jugendlichen Frau Astier; die Aehnlichkeit mit ihrem Sohne und auch mit dem alten Réhu, den ich seit kurzem kenne, ist eine ganz außergewöhnliche. Das Porträt ist von einer etwas düsteren Vornehmheit, kalt und glatt wie dieser große teppichlose Raum mit den dunkeln Vorhängen an den Fenstern, die auf einen noch dunkleren Hof hinausgehen. Aber Frau Astier braucht nur einzutreten, und die liebenswürdige Herzlichkeit ihrer Begrüßung schafft Licht und Wärme. Liegt es denn an der Pariser Luft, daß der Reiz eines Frauengesichtes sich weit über die Altersgrenze hinaus erhält, wie ein Pastellbild unter Glas? Um drei Jahre jünger geworden finde ich die zarte Blondine mit den hellen, scharfblickenden Augen. Zuerst hat sie von Dir gesprochen, Deiner lieben Gesundheit und hat großes Interesse an unserm Geschwisterhaushalt gezeigt, dann aber:›Und Ihr Buch! Sprechen wir von Ihrem Buche! ... Wie herrlich! Die ganze Nacht durch habe ich gelesen...‹ und dann folgte ein zart empfundenes Lob dem andern, zwei oder drei Verse wurden richtig citiert und mir die Versicherung gegeben, daß mein Meister Astier entzückt davon sei; er habe sie, für den Fall, daß er von seinen Handschriften nicht loskomme, beauftragt, mir das zu sagen. Rot ist mein Kopf in der Regel, jetzt muß ich aber bläulich geschimmert haben, wie am Schlusse eines Jagddiners; allein mit der frohen Stimmung war es bald zu Ende, infolge der vertraulichen Mitteilungen über ihre elende Lage, welche die arme Frau sich gedrungen fühlte, mir zu machen. Geldverluste, die Ungnade, in die sie gefallen, der Meister Tag und Nacht arbeitend an seinen historischen Büchern, deren Herstellung so langwierig und so kostspielig ist und die das Publikum nicht kauft. Dann ihr Großvater, der alte Réhu, den man unterstützen muß, weil er rein auf seine Diäten angewiesen ist und in seinem Alter, mit achtundneunzig Jahren, natürlich alle möglichen Bequemlichkeiten und Leckerbissen nötig hat. Freilich ist Paul ein vortrefflicher Sohn und fleißig und tüchtig, auch im besten Zuge, rasch vorwärts zu kommen, nur fordert der Beginn seiner Laufbahn endlose, schreckliche Opfer. Deshalb verschweigt und verbirgt ihm Frau Astier ihre Lage, gerade so wie ihrem Gatten, dem armen, guten, großen Manne, dessen schweren, gleichmäßigen Schritt ich über unsrem Kopfe vernahm, indes seine Frau mit bebenden Lippen mich fragte ... nach Worten rang, um mich zu fragen ... mühsam herausbrachte, ob ich. ... Ach! Das edle himmlische Wesen! Wie hätte ich den Saum ihres Gewandes küssen mögen! Jetzt weißt Du auch, herzliebe Schwester, was die Depesche zu bedeuten hat, die Du heute von mir erhalten, und für wen die zehntausend Franken bestimmt sind, die postwendend an mich abgehen zu lassen ich Dich bitte. Ich nehme an, daß Du sofort zu Gobineau geschickt hast. Direkt habe ich mich nicht an ihn gewendet, weil wir zwei, Du und ich, in allem ›halb und halb‹ machen und unsre Regungen von Großmut und Mitleid gemeinsam sein sollen, wie alles übrige. Aber, Liebste, es hat etwas Erschreckendes, diese vornehme, glänzende, ruhmredige Pariser Außenseite, hinter welcher sich solche Schmerzen bergen. »Fünf Minuten nach diesen peinvollen Geständnissen fand sich Gesellschaft ein, der Salon füllte sich, Frau Astier sprach und antwortete mit vollständiger Ruhe und Sicherheit, heiterer Stimme und glücklichem Gesichtsausdruck, daß mich ordentlich eine Gänsehaut überlief. Gesehen habe ich Frau Loisillon, die Gattin des Sekretärs, die bedeutend besser daran thun würde, bei ihrem Kranken zu bleiben, als die Gesellschaft durch Aufzählung aller Reize und Vorzüge ihrer entzückenden Wohnung, der komfortabelsten des ganzen Institutes, die jetzt drei Zimmer mehr hat, als zu Villemains Zeiten, zu ermüden. Wenn sie das nicht mindestens zehnmal mit ihrer rauhen Stimme und schreiend wie ein Inventierer beim Aufstreich wiederholt hat, müßte ich mich sehr getäuscht haben, und das im Hause einer Freundin, die sich in engen Räumen, im ehemaligen Quartier einer Kostgeberei behelfen muß. »Bei Frau Ancelin, einem Namen, der in den fashionablen Zeitungen häufig genannt wird, ist derartiges nicht zu fürchten. Die gute, dicke, runde Dame mit dem roten Puppengesicht ist wohl eins der liebenswürdigsten Menschenkinder und flötet jedes Wort, das sie spricht, oder vielmehr aufgelesen hat und weitergibt. Auch sie hat die ganze Nacht damit hingebracht, mein Buch zu lesen, was, danach zu schließen, wohl eine landläufige Redensart sein muß. Uebrigens steht ihr Salon mir sperrangelweit offen, und derselbe ist einer von den dreien, wo sich die hohe Akademie einfindet und verkehrt. Picheral würde wohl meinen, daß Frau Ancelin, die eine Theaternärrin ist, am liebsten die Schnurranten empfange, Frau Astier die Petdeloups und die Padovani die Herzöge, den hohen Adel des Institutes mit Beschlag belege. So streng ist die Trennung nun eben nicht und diese drei Wohnstätten des Ruhmes und der Intrigue haben Verbindungsthüren, denn ich habe am Mittwoch in der Rue de Beaune Unsterbliche jeder Kategorie angetroffen: Danjou, den Dramatiker, Rousse, Boissier, Dumas, de Brétigny, den Baron Huchenard, den Mann der Inschriften und schönen Wissenschaften, und den Fürsten Athis, Mitglied der Akademie für politische und allgemeine Wissenschaft. Ein vierter Salon ist noch im Entstehen, der einer Frau Eviza, einer Jüdin mit vollen Wangen, schmalen, langgeschlitzten Augen, die mit dem ganzen Institut, dessen Farben sie trägt, ja dessen grüne Stickerei sie auf einer frühlingsfrischen Weste nachgeahmt hat, so gut wie den zweischlangigen Merkursstab auf ihrem Hütchen, aufs ernstlichste kokettiert, aber kokettiert bis an die Grenze des Erlaubten! Ich hörte sie zu Danjou, den sie dringend aufforderte, zu ihr zu kommen, sagen: Bei Frau Ancelin heißt es: ›Hier wird diniert‹, bei mir: ›Hier wird geliebt‹. »›Der Mensch muß beides haben ... Wohnung und Nahrung‹, erwiderte Danjou, den ich unter seiner harten, unbeweglichen Maske mit dem dichten schwarzen Wollhaar eines römischen Hirten, für einen vollkommenen Cyniker halte, kalt und ruhig. Eine hübsche Schwätzerin, diese Frau Eviza, von einer unerschöpflichen Gelehrsamkeit. Dem alten Baron Huchenard citierte sie ganze Sätze aus seinen ›Höhlenbewohnern‹, und mit einem blutjungen Zeitungskritiker in gemessener, feierlicher, tadelloser Haltung, mit sehr hohem Hemdkragen unter dem spitzen Kinn, unterhielt sie sich über Shelley. »In meiner Jugend pflegte man zuerst mit Versen aufzutreten, um dann irgend einen Weg einzuschlagen, sei's zur Prosaschriftstellerei, in die Beamtenlaufbahn oder in die Advokatur. Jetzt beginnt man als Kritiker und zwar womöglich mit einer Studie über Shelley. Frau Astier hat mich mit diesem jungen Herrn, dessen Aussprüche in der litterarischen Welt schon in die Wagschale fallen, bekannt gemacht, aber mein Schnurrbart und mein Anstrich vom soldatischen Landmann werden ihm wohl nicht behagt haben, und so haben wir uns auf wenig Worte beschränkt und ich konnte wieder meine Beobachtungen anstellen über die Komödie, welche Kandidaten und Frauen oder Verwandte derselben aufführen, wie sie kommen, um sich zu zeigen, um den Leuten auf den Zahn zu fühlen. Ripault-Babin ist ja sehr alt und Loisillon am Erlöschen, folglich zwei Sitze zu vergeben, um die man sich jetzt schon Dolchblicke zuwirft und giftige Reden gegeneinander führt. »Weißt Du, daß Dalzon, Dein Liebling unter den Romanschreibern, da gewesen ist? Ein ehrliches, gutes, geistvolles Gesicht, gerade wie sein Talent, nur hätte es Dir weh gethan, ihn de- und wehmütig schweifwedeln zu sehen vor einer Null wie Brétigny, der nie etwas geschaffen hat, der in der Akademie keine andre Rolle spielt, als die des Weltmannes, die des ›Armen‹ aus der Provinz in der Tischgesellschaft aus den Tagen der Könige. Aber nicht nur um Brétigny hat er sich so bemüht, sondern um jeden Akademiker, der hereinkam; mit größter Aufmerksamkeit ließ er sich vom alten Réhu Anekdoten erzählen, brach beim geringsten Witzwort Danjous in jenes schülerhafte, erbärmliche Gelächter aus, das Védrine im Gymnasium das ›Professorenlachen‹ nannte, und das alles, um die zwölf Stimmen, die er letztes Jahr gehabt, bis zur nötigen Majorität zu vermehren. »Eine Weile lang fand sich auch der alte Jean Réhu bei seiner Tochter ein; wunderbar, wie frisch und kerzengerade er daherkommt, fest zusammengeschnürt in seinem langen Rocke, das kleine Gesicht eingeschrumpft, wie wenn es am Feuer getrocknet wäre, der Bart kurz und wollig, wie das Moos, das auf alten Steinen wuchert. Die Augen sind voll Leben, das Gedächtnis von einer wunderbaren Treue, nur ist er zu seinem großen Schmerz leider taub und also in der Gesellschaft zu Monologen verurteilt, in welchen er persönlich Erlebtes interessant vorträgt. Heute beschrieb er uns die Kaiserin Josephine, die er seine Landsmännin nennt, da sie beide Kreolen von der Insel Martinique sind, und ihre Umgebung in Malmaison; er schilderte sie in ihren Musselinkleidern und Shawls, nach Moschus duftend, daß man beinahe umkam, und zu allen Zeiten mit Blumen aus den fernen Kolonialstaaten umgeben, welche die feindlichen Flotten selbst während der Kriege, ritterlich genug waren, passieren zu lassen. Auch von Davids Atelier in den Tagen des Konsulates sprach er, machte den Maler nach, wie er mit der geschwollenen Backe, dem schiefen Munde, der immer voll Brei zu sein schien, seine Schüler, die er alle duzte, grob und rauh zurechtwies. Und am Schluß jeder solchen Geschichte nickt dieser Augenzeuge einer längst vergangenen Zeit mit dem Kopfe, sieht wie in weite Ferne hinaus und sagt mit lauter Stimme: ›Ich habe das miterlebt, ich‹ ... gerade als wollte er dem Bilde zum Beweise der Echtheit seine Namensunterschrift beisetzen. »Uebrigens war ich der einzige, der an den Erzählungen der Patriarchen Interesse nahm, Dalzon freilich ausgenommen, der mit gut erheuchelter Spannung an seinen Lippen hing. Jedenfalls war mir diese Unterhaltung weit anziehender, als die Histörchen eines gewissen Lavaux, eines Zeitungsschreibers oder Bibliothekars, was weiß ich, jedenfalls aber eines entsetzlich geschwätzigen, von allem unterrichteten Menschen. Sobald er sich blicken ließ, rief man: ›Ach! Lavaux ... Lavaux ist da ... Lavaux‹ ... und sofort bildet sich ein Kreis um ihn, man lacht, man zankt sich; der wortkargste, noch so finster blickende Unsterbliche erheitert und erwärmt sich bei den Anekdoten des fetten Mannes mit dem heuchlerischen, glattrasierten, kupferfarbigen Pfaffengesicht und den runden Augen, dessen Reden und Klatschereien reichlich gespickt sind mit: ›Ich sagte zu von Broglie. ... Dumas hat mir neulich erzählt. ... Ich weiß das von der Herzogin‹ ... und immer mit großen Namen und Berühmtheiten aller Art geschmückt. Von allen Damen, denen er das Neueste über den Stand der akademischen, litterarischen, politischen und gesellschaftlichen Intriguen mitteilt, verhätschelt und gefeiert, thut er sehr vertraut mit Danjou, den er Du nennt, ebenso mit dem Fürsten Athis, in dessen Gesellschaft er hereinkam, behandelt Dalzon von oben herunter und den jugendlichen Kritiker Shelleys nicht minder, und besitzt offenbar eine Macht und ein Ansehen, die ich mir in keiner Weise erklären kann. »Aus dem Anekdotenplunder, der in unerschöpflicher Fülle seinem Rüssel entströmte und der größtenteils für einen naiven Provinzler wie ich, rätselhaft war, hat mich nur eine gefesselt: das Abenteuer eines jungen päpstlichen Offiziers, des Grafen Adriani, der mit seinem Vorgesetzten durch Paris reiste, um, ich weiß nicht wem, Hut und Käppchen eines Kardinals zu überbringen, und diese beiden Zeichen geistlicher Würde bei einer Schönen zurückließ, welcher er auf dem Bahnhof gerade beim Herausspringen aus dem Wagen begegnet war und von welcher der arme nach Paris hereingeschneite Junge weder Namen noch Wohnung wußte. Blieb also nichts andres übrig, als nach Rom zu schreiben und um einen Ersatz dieser priesterlichen Kopfbedeckungen zu bitten, mit welchen das Mädchen schwerlich viel anzufangen gewußt hat. Das Pikante an der Sache ist, daß dieser kleine Adriani der eigne Neffe des Nuntius ist und daß er in der letzten Soiree bei der Herzogin – man sagt hier auch einfach die Herzogin so gut wie in Mousseaux – seine Geschichte in aller Harmlosigkeit und in einem köstlichen Sprachgemengsel, das Lavaux vortrefflich nachmacht, selbst erzählt hat. Im Bahnhof sagt Monsignore zu mir: ›Pepino, trage den Kardinalshut... das Zucchetto hatte ich schon ... mit dem Hut sind es gewest zwei Dinge.‹ Und das Augenrollen des feurigen jungen Papisten, als er vor der Dirne wie angenagelt stehen blieb: ›Bella, bellissima! Christo! Wie schön du seiest!‹ »Während alles lachte, kicherte und durcheinanderrief: ›Ach! ... Dieser Lavaux ... dieser Lavaux‹ ... fragte ich die neben mir sitzende Frau Ancelin: ›Was ist denn dieser Herr Lavaux? Was thut er eigentlich?‹ Die gute Dame schien ganz verblüfft über meine Frage; ›Lavaux ... Sie wissen nicht? ... Ja aber, er ist ja das Zebra der Herzogin‹ ... damit lief sie von mir weg, um Danjou etwas zu sagen, und ich war so klug wie zuvor. Diese Pariser sind eine sonderbare Menschensorte und ihr Sprachschatz erneuert und verwandelt sich mit jedem Jahre. Zebra, ein Zebra! Was in aller Welt soll das heißen? Drüber fällt mir ein, daß ich meinen Besuch unerlaubt lange ausdehne und daß mein Meister Astier nicht herunterkommt. Es heißt also den Rückzug antreten. Ich winde mich zwischen den Stühlen durch, um mich bei der Frau des Hauses zu verabschieden: im Vorübergehen bemerke ich Fräulein Moser, die an Bretignys weißer Weste Thränen vergießt. In den zehn Jahren, die er sich um einen Sitz im Institut bewirbt, hat der arme Moser ein wenig den Mut verloren und schickt statt seiner die Tochter, die, etwas ältlich und gar nicht hübsch, sich allen Leiden einer Antigone unterzieht, Treppen erklettert, den Akademikern und ihren Frauen Frondienste thut, Korrekturen liest, Besorgungen macht, bald den bald jenen bei rheumatischen Schmerzen pflegt und all die Muße, die ihr trauriges Zölibat ihr gewährt, für die Jagd nach dem Fauteuil verwendet, den ihr Vater nie erlangen wird. In ihrem armseligen schwarzen Kleidchen, mit der unvorteilhaften Frisur und der verschüchterten Haltung steht sie, den Ausgang versperrend, unweit von Dalzon, der sich in großer Erregung gegen zwei Akademiker mit richterlichen Mienen zur Wehr setzt und mit erstickter Stimme einwendet: ›Unwahr ... eine elende Verleumdung! ... Habe das nie geschrieben.‹ »Sehr geheimnisvoll ... Frau Astier, die mir wohl eine Aufklärung zu geben im stande wäre, ist selbst in angelegentlicher Unterredung mit Lavaux und dem Fürsten Athis. »Du hast ihn gewiß gesehen, diesen Athis, im Wagen mit der Herzogin auf der Straße von Mousseaux, Samy, wie man ihn nennt, ein langer, schmaler, kahlköpfiger, verlebter Geselle, das welke Gesicht wachsweiß, ein schwarzer Bart bis auf die Brust herab, als ob alle die Haare, welche oben fehlen, sich hierher geflüchtet hätten; ein Mensch, der den Mund nicht aufthut und in dessen Blick, so oft er einen ansieht, eine gewisse Entrüstung zu lesen ist, daß andre Leute in derselben Luft mit ihm zu atmen wagen. Er ist bevollmächtigter Minister, eine zugeknöpfte, zurückhaltende Persönlichkeit, ganz im englischen Stil – er ist ein Großneffe von Lord Palmerston – und wird im Institut wie am Quai d'Orsay sehr hoch geschätzt. Er scheint der einzige unsrer Geschäftsträger zu sein, der selbst Bismarck imponiert hat; jetzt, sagt man, sei er auf dem Punkte, einen der bedeutendsten Botschafterposten zu übernehmen. Was wird dann aus der Herzogin? Wird sie mit ihm gehen? Paris verlassen, das wäre sehr hart für diese Frau. Und dann wäre es auch sehr die Frage, wie man im Auslande dieses Verhältnis auffassen würde, das man hier als einfache Thatsache annimmt und das man, dank ihrer Haltung, den nach außen bewahrten Rücksichten und dem traurigen Zustande des halbgelähmten, zwanzig Jahre älteren Gatten, der überdies ihr Onkel ist, sich als eine rechtmäßige Ehe anzusehen gewöhnt hat. »Ohne Zweifel waren es eben diese schwierigen Fragen, in deren Erörterung der Fürst mit Lavaux und Frau Astier begriffen war, als ich zu ihnen trat. Als neuer Ankömmling, gleichviel in welchem Kreise, hat man sehr bald inne zu werden, wie wenig man dazu gehört; nichts ist einem vertraut und verständlich, weder Worte noch Gedanken, überall ist man ein Ueberlästiger. Ich war im Begriff zu gehen, als die gute Frau Astier mich zurückruft: ›Besuchen Sie ihn doch in seinem Vogelkäfig ... er wird sich so herzlich freuen‹ ... und ich steige natürlich sofort auf einer schmalen geheimen Treppe zu meinem Lehrer hinauf. Aus der Tiefe des Ganges vernehme ich seine klangvolle Stimme: ›Sind Sie es, Fage?‹ »›Nein, mein guter Meister.‹ »›Ach! Freydet! Nehmen Sie sich in acht, bücken Sie sich....‹ »Allerdings nicht die geringste Möglichkeit, diesen Hängeboden aufrecht zu betreten – ach, wie anders in der hohen, mit Wappengestalten tapezierten Galerie im Archiv des auswärtigen Amtes, wo ich ihn zuletzt gesehen. ›Ein Hundeloch, nicht?‹ sagte der prächtige Mann lächelnd. ›Aber wenn Sie wüßten, welchen Reichtum, welche Schätze...‹ Und dabei wies er auf eine große Mappe mit Handschriften, die vielleicht zehntausend der seltensten von ihm im Laufe der letzten Jahre zusammengetragenen Autographe enthalten mochte. ›Da steckt Geschichte drin, ja, ja,‹ wiederholte er, sich aufrichtend und seine Lupe hin und herschwenkend, ›Neues und Wahres, sie mögen sagen, was sie wollen.‹ Im Grunde jedoch erschien er mir tief verstimmt und höchst reizbar. Man hat ihm auch übel genug mitgespielt. Erst durch gewaltthätige Entlassung und dann, als er, auf gründliche Quellenforschung gestützt, fortfuhr, Bücher herauszugeben, ist die Behauptung laut geworden, er habe Schriftstücke aus den bourbonischen Familienarchiven entwendet. Und woher rührte diese Verleumdung? Sie kam aus der Mitte des Institutes selbst, von keinem andern als diesem Baron Huchenard, der sich den König der Autographenfreunde nennt und den die Astiersche Sammlung zur Verzweiflung bringt. Daraufhin ist ein Krieg auf Tod und Leben ausgebrochen, ein Krieg, in dem Heuchelei und Treulosigkeit die Waffen führen und jeder Angriff heimtückisch und meuchlerisch geschieht. ›Bis auf meinen Karl V. hinaus ... meine Handschriften von Karl V. ... auch die fechten sie mir jetzt an! Und mit was für Gründen frage ich Sie? Einer Lappalie, eines Schreibfehlers wegen. ... Meister Rabelais statt Bruder Rabelais ... als ob die Federn der Kaiser sich nicht auch irren könnten. ... Eine Schlechtigkeit! Ganz erbärmlich!‹ Und als er sah, wie ich seine Entrüstung teilte, drückte mein guter Meister mir herzlich die Hände und rief: ›Lassen wir das häßliche Zeug ruhen. ... Meine Frau hat Ihnen doch gesagt, über Ihr Buch – nicht? Für meinen Geschmack immer noch ein bißchen zu viel drin ... aber gleichviel, ich bin zufrieden!‹ Was er in meinen Versen ›zu viel‹ findet, ist das Unkraut der Einbildungskraft, der Phantasie; im Gymnasium schon hat er das bekämpft, hat es mit Feuer und Schwert verfolgt, ausgerupft und ausgejätet. Jetzt aber merke wohl auf, Germaine, Du sollst den Schluß unserer Unterredung Wort für Wort haben: Ich: ›Glauben Sie wirklich, Meister, daß ich einige Aussicht auf den Boisseau-Preis habe?‹ Er: ›Nach diesem Buche, mein lieber Sohn, handelt es sich für Sie nicht mehr um einen Preis, sondern um einen Sitz in der Akademie. Loisillon pfeift aus dem letzten Loch, Ripault kann nicht mehr länger vorhalten. ... Rühren Sie sich nicht von der Stelle, lassen Sie mich nur machen.... In meinen Augen steht Ihre Kandidatur fest. ...‹ Was ich gesagt oder geantwortet habe? Ich weiß es nicht. Meine Aufregung, mein innerer Jubel waren so groß, daß ich noch zu träumen glaube. Ich! Ich! Mitglied der französischen Akademie! O pflege Dich, Schwesterherz; mach, daß Deine verwünschten Beine gesund werden und Du nach Paris kommen und an dem großen Tage Deinen Bruder mit dem Degen an der Seite, im grünen palmengestickten Frack seinen Platz einnehmen sehen kannst bei denen, die Frankreich seine berühmten Männer nennt. Ach! Der Kopf schwindelt mir; ich küsse Dich und will mich schlafen legen. Dein Bruder, der Dich sehr lieb hat, Abel von Freydet. Du kannst Dir wohl denken, daß ich all meine Einkäufe, Samen, Setzlinge, Sträucher, in diesem ereignisreichen Leben vergessen habe, soll aber doch besorgt werden, denn ich bleibe jedenfalls noch einige Zeit hier. Astier-Réhu hat mir sehr auf die Seele gebunden, nirgends etwas zu äußern, aber die akademischen Kreise zu besuchen. Mich zeigen, gesehen werden, das ist jetzt die Hauptsache. Viertes Kapitel. Sei auf deiner Hut, Freydet! Die Geschichte kennen wir, das ist der Handschlag des Werbers. ... Im Grunde genommen wissen diese Leute, daß es zu Ende ist mit ihnen, daß sie auf dem besten Wege sind, unter ihrer Kuppel zu verschimmeln. Die Akademie ist aus der Mode, niemand findet mehr Geschmack daran, der Ehrgeiz verfolgt andre Ziele und ihre Erfolge haben nur noch ein Scheinleben. Deshalb hat es auch die erhabene Gesellschaft seit Jahr und Tag aufgegeben, den Bewerber im eignen Hause zu erwarten, nein, sie begibt sich höchstselbst auf das Straßenpflaster und legt sich in den Hinterhalt. Allerorten, im Ballsaal, in der Künstlerwerkstatt, in der Buchhandlung, im Foyer der Theater, in jedem Mittelpunkt litterarischen oder künstlerischen Lebens tritt der verkappte Werbeoffizier der Akademie auf, mit einem wohlwollenden Lächeln für die aufkeimenden jungen Talente. ›Die Akademie wird Sie im Auge behalten, junger Mann!‹ heißt es dann. Wenn der Name schon gemacht ist, wenn einer seinen dritten, vierten Band geschrieben hat, wie du, dann ist die Aufforderung weniger verblümt. ›Denken Sie an uns, mein Bester, jetzt ist der Augenblick ...‹ oder aber wird mit einem liebevollen Rippenstoß ganz einfach auf den Leib gerückt: ›Na, aber, wahrhaftig, weshalb wollen Sie denn nicht zu den Unsrigen zählen?‹ Feiner, einschmeichelnder, aber nicht minder planvoll wird dem Manne von Welt, dem vornehmen Dilettanten, der seinen Ariost übersetzt und ein paar Liebhaberkomödien geschrieben hat, die Schlinge umgeworfen. ›Ja, ja ... sagen Sie mir doch. ... Wissen Sie denn, daß ...?‹ Und wenn der Weltmann sich dagegen auflehnt, seine Unwürdigkeit, die Geringfügigkeit dessen, was er ist und gethan hat, hervorhebt, o da hat der Werber sogleich den geheiligten Satz bereit: ›Die Akademie ist ein Salon‹ – Herr des Himmels, was hat die Phrase schon herhalten müssen! ... ›Die Akademie ist eine Gesellschaft, die nicht nur das Geschaffene aufnimmt, sondern den Menschen, die Persönlichkeit selbst ... ‹ Einstweilen aber wird natürlich der Herr Werber empfangen, verhätschelt, zu jedem Diner, jeder Festlichkeit beigezogen und nährt sich als schmeichelnder Parasit von den Hoffnungen, die er selbst ins Leben gerufen und groß gezogen hat ...« Jetzt fuhr der gute Freydet entrüstet auf. Nie und nimmer würde sein Lehrer und Freund Astier sich zu solch niedriger Handlungsweise hergeben! »Der, der ist ja der Gefährlichste von allen,« entgegnete Védrine achselzuckend, »der uneigennützige, gläubige Werber ... Er glaubt an die Akademie: sie umschließt alles, was ihm das Leben wert macht, und wenn er mit einem Zungenschnalzen, als ob er einen reifen Pfirsich verspeiste, einem sagt: ›Sie glauben nicht, wie schön das ist,‹ so spricht er nur seine innerste Herzensmeinung aus, und die Lockspeise ist deshalb nur um so gefährlicher und verführerischer. Sitzt der Angelhaken dann gehörig fest, hat man sich ordentlich drein verbissen, so bekümmert sich die Akademie nicht mehr um ihren Patienten, läßt ihn sich drehen und wenden, schnappen und zappeln gerade wie ... nun, du bist ja ein großer Fischer, wie nennst du denn das, wenn du einen schönen Barschen, einen schweren Karpfen geangelt hast und ihn an der Schnur hinter deinem Boote herziehst?« »Den Fisch ersäufen.« »Richtig! Sieh dir diesen Moser an – sieht er nicht aus wie so ein armer Teufel von Fisch? ... Seit zehn Jahren schleift man ihn im Schlepptau umher. Und Salèle, Guérineau und so viele andre, die nicht einmal mehr zappeln.« »Allein zu guter Letzt erreicht man's doch; man wird Akademiker.« »Wer im Schlepptau ist, nie. Und wenn man's wird, was ist denn dann erreicht? Was bringt die Geschichte denn ein? Geld? Bewahre, da ist dein Heu nützlicher. ... Berühmtheit? Nun ja, in einem Kirchspiel, das nicht größer ist als eine Hutform. Wenn wenigstens Talent dadurch verliehen würde und nicht vielmehr das vorhandene in der eisigen Atmosphäre des Hauses erfrieren, verkümmern müßte. Die Akademie ist ein Salon; du mußt wissen, was das heißt, man muß sich dem herrschenden Tone anpassen, unterordnen, es gibt Dinge, die man nicht sagen darf oder doch nur in homöopathischer Verdünnung. Aus und vorbei ist's mit den neuen Gedanken, aus und vorbei mit dem kühnen Flug, bei dem man gelegentlich den Hals bricht. Die Wildesten, Waghalsigsten rühren sich nicht mehr, sie haben ja Angst, sie konnten sich den grünen Frack zerreißen. Es ist wie bei den Kindern, wenn man sie in Sonntagsstaat steckt: ›Seid recht vergnügt, aber macht euch nicht schmutzig.‹ Nun, die Sorte Vergnügen kennt man. Was ihnen bleibt, ist der schmeichelnde Dunstkreis akademischer Suppentöpfe und die schönen Damen, welche das Gebräu zu Tag fördern. Aber das ist so langweilig! Ich kann aus Erfahrung davon reden, denn ich habe mich mehrmals verführen lassen, hinzugehen, und kann also sagen wie der alte Réhu: ›Ich habe das miterlebt, ich!‹ Gezierte, anspruchsvolle Wiederkäuer haben mir unverdaute Phrasen aus Zeitschriften und Büchern aufgesagt, die ihnen zum Schnabel herauswuchsen wie auf unsern alten Bildern den Heiligen das Spruchband. Frau Ancelin, die gute dicke Mama, die so dumm ist, wie der Zufall selber, habe ich bei Danjous geistvollen Bemerkungen und im Theater aufgelesenen, an den Haaren herbeigezogenen Redensarten vor Entzücken glucksen hören, und das Zeug hatte doch so wenig Natur wie das Gekräusel seiner Perücke.« Freydet konnte sich nicht fassen: Danjou, sein römischer Hirte, eine Perücke! »O nur eine kleine, nur so ein Schmerkäppchen ... ich habe bei Frau Astier ethnographische Vorlesungen mit anhören müssen, die einem Hippopotamus auf die Nerven gegangen wären, und habe am Tische der hochmütigen, strengen Herzogin diesen alten Affen von Laniboire den Ehrenplatz einnehmen sehen und mit seiner häßlichen Fratze Zoten reißen hören, für die man jeden andern als einen Unsterblichen einfach an die Luft gesetzt haben würde, das kann ich dir sagen. ... Das Ergötzliche an der Sache ist aber, daß die Herzogin, die diesen Laniboire ganz klein und demütig, um eine Stelle winselnd und bittend zu ihren Füßen gesehen hat und schließlich zu meinem Vetter Loisillon sagte: ›Wählen Sie ihn doch, nur damit ich ihn los werde,‹ daß diese selbe Herzogin ihm jetzt göttliche Ehren erweist, ihn unfehlbar bei Tische neben sich sitzen hat und ihre Verachtung von ehedem durch die urteilsloseste Bewunderung wieder gut macht, gerade wie der Wilde vor dem Götzenbild, das er sich selbst zurechtgezimmert, kniet und zittert. Ob ich sie kenne, diese akademischen Salons mit ihren Nichtigkeiten und Albernheiten und häßlichen kleinen Intriguen! ... Und da hinein willst du dich stecken lassen? Weshalb denn, so frage ich mich. Du hast das schönste, reichste Leben von der Welt; ich, der ich wahrhaftig nicht viel Wert auf Außendinge lege, ich habe dich beinahe beneidet, als ich dich mit deiner Schwester in Clos-Jallanges sah: das ideale Haus am Hügel, hohe Räume, Kamine, in die man aufrecht hineinschreiten kann, Eichen, Korn, Reben, den Fluß, das Dasein eines Landedelmannes, wie man es in Tolstois Romanen findet, Fischfang, Jagd, gute Bücher, die Nachbarschaft nicht allzu dumm, nicht allzu viel Diebsgesindel unter deinen Pächtern und, damit du in diesem immerwährenden Wohlleben nicht schwerfällig und gleichgültig wirst, das vergeistigte Lächeln deiner Kranken, die in ihrem Invalidenstuhl ein so volles Leben führt, so glücklich ist, wenn du ihr bei der Heimkehr von einem tüchtigen Marsch ein schönes Sonett vorliest, aus dem Herzen quellende, wahr empfundene Verse, die du im Sattel sitzend oder lang ausgestreckt im Grase mit deinem Bleistift hingekritzelt. Im Grase liegen wir hier freilich auch, nur leider Gottes mit diesem heillosen Getöse der Lastwagen und Trompeten ...« Védrine mußte notgedrungen mit Sprechen innehalten. Schwere, mit Eisenstangen beladene Güterwagen, die Boden und Häuser erzittern machten, schmetternde Trompetensignale aus der nahegelegenen Dragonerkaserne, das heisere Brüllen eines Nebelhorns auf einem Remorqueur, eine Orgel, die Glocken von Sainte Clotilde, das alles schwoll zu jenem wirren, betäubenden Getöse an, welches das Getriebe einer großen Stadt in einzelnen Momenten verursacht, und der Gegensatz zwischen diesem ohrzerreißenden babylonischen Geschwirre, das man aus nächster Nähe vernahm, und der schweigenden Wildnis von Farnen und Unkraut und hohem schattigen Gebüsch, in der die beiden alten Kameraden von Louis le Grand ihre Cigarren rauchten und nach Herzenslust plauderten, war ein seltsamer. An der Ecke des Quai d'Orsay und der Rue de Bellechasse war es, auf jener verwitterten Terrasse der einstigen Cour des Comptes, die von wilden Blumen und Unkraut überwuchert ist, wie ein Steinbruch mitten im Walde, wenn der Frühling kommt. Dichtes Gebüsch von Fliedersträuchern, die eben abgeblüht hatten, Gruppen von Platanen und Ahorn, die längs der von Epheu und Klematis umrankten Steinbalustrade standen, bildeten einen lauschigen, geschützten Raum, in dem sich die Tauben häuslich niederließen, wo die Bienen schwirrten und wo in einem goldenen Sonnenstrahl das ruhige, schöne Profil der Frau Védrine sich abhob, die ihrem Kleinsten die Brust reichte, während der Aeltere mit Steinwürfen die zahllosen grauen, schwarzen, gelben Katzen aller Art verscheuchte, welche in diesen mitten in Paris gelegenen Dschungeln die Rolle der Tiger spielen. »Und weil wir von deinen Versen sprechen – nicht wahr, alter Freund, ich darf offen sein? – Dein Buch.... Nun ja, dein Buch, in dem ich kaum erst geblättert, es atmet nicht den Duft der Maiblumen, des Heidekrauts, den die andern mir zugetragen – es riecht nach akademischem Lorbeer, dein ›Gott in der Natur‹ und ich fürchte sehr, daß du dieses Mal die Anspruchslosigkeit der echten Idylle, alle deine waldesfrischen Zauber geopfert und als Brückengeld in den Rachen des Krokodilus geworfen hast.« Der Spottname des einstigen Lehrers, der, längst vergessen, ihm plötzlich wie in Schülertagen wieder auf die Lippen getreten war, machte ihnen eine Weile lang Spaß. Sie sahen ihn wieder vor sich, den guten Astier-Réhu auf dem Katheder, mit glühendem Gesicht, das Barett verschoben, eine Elle roten Bandes auf dem schwarzen Talar, wie er seine regelmäßig wiederkehrenden Witze mit feierlichen Bewegungen, Hin- und Herschwenken der langen Aermel begleitete oder seine schwülstigen Deklamationen im Stile Vicq d'Azirs, dessen Nachfolger an der Akademie er dereinst werden sollte, hinausposaunte. Freydet machte sich jedoch nach kurzer Zeit Vorwürfe, seinen alten Lehrer verspottet zu haben, und stimmte ein Loblied an auf dessen geschichtliches Werk, für das er so viele Archive durchstöbert, so viel Unbekanntes aus Staub und Moder zu Tage gefördert habe. »Ist gar nichts wert,« bemerkte Védrine wegwerfend. In seinen Augen hatten auch die kostbarsten, merkwürdigsten Briefe und Dokumente keinen Wert, wenn es ein Dummkopf war, der sie bearbeitete, so wenig ein interessantes Menschenschicksal Bedeutung gewinnt, wenn ein schlechter Romanschreiber sich desselben bemächtigt. Das Goldstück verwandelt sich in das welke Blatt! ... Und sich mehr und mehr steigernd, fuhr er fort: »Sag doch selbst, ob das ein Anrecht auf den Namen eines Geschichtschreibers gibt, wenn man ungedruckte Schriftstücke in schwere Oktavbände verarbeitet, in die Länge zieht, in Bücher, die kein Mensch liest, die in den Bibliotheken im Fach der belehrenden Bücher stehen, der Bücher »zum äußerlichen Gebrauch« ... »vor dem Gebrauch zu schütteln« ... Nur unser französischer Leichtsinn kann derartiges zusammengetragenes Zeug ernsthaft nehmen. Wie lachen uns Deutsche und Engländer damit aus! ›Ineptissimus vir Astier-Réhu,‹ sagt Mommsen in einer seiner Noten.« »Die du, herzloses Ungeheuer, den armen Mann in versammelter Klasse hast lesen lassen.« »Dafür habe ich auch meinen ›Affen‹ und ›Taugenichts‹ an den Kopf gekriegt, gerade wie an dem Tage, als ich es müde geworden war, ihn immer wieder versichern zu hören, daß der menschliche Wille eine Hebeschraube sei, vermittelst derer man alles, gar alles erreichen könne, und ich, seine Stimme nachahmend, von meiner Bank aus rief: ›Und die Flügel, Herr Astier, Flügel sind doch auch brauchbar!‹« Freydet lachte herzlich, und indem er den Historiker zu gunsten des Universitätslehrers preisgab, suchte er Astier-Réhu als solchen in Schutz zu nehmen. Aber jetzt geriet Védrine erst recht in Eifer. »Jawohl, sprechen wir von dem Schulmeister, von dem Elenden, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, in Tausenden von Köpfen das ›Unkraut‹ zu zerstören, mit Stumpf und Stiel auszurotten, was an Originellem, Eigenem, Ursprünglichem darin gewesen, all' die Lebenskeime zu vernichten, die ein Lehrer von Gott und Rechts wegen erhalten und kräftigen sollte! Wie hat uns der Schmutzfink mit plumper Hand zurechtgezupft, abgeschabt, glatt gestriegelt. ... Einzelne haben dem Spaten und dem Kratzeisen Widerstand geleistet, aber der Alte nahm die Nägel zu Hilfe und handhabte seine Instrumente mit solcher Wut, bis wir schließlich glatt gehobelt und kahl aussahen wie eine Schulbank. Du darfst sie dir ja nur ansehen, alle, die durch seine Hände gegangen sind, mit Ausnahme von ein paar Querköpfen wie Herrscher, der in seinem Haß gegen das Konventionelle ins Ungeheuerliche und Unedle verfällt, und wie ich, der ich diesem alten Schafskopf den Sinn für das Absonderliche, an der Grenze des Erreichbaren Liegende, ›meine Muskelorgien‹ wie sie es nennen, verdanke ... alle andern sind glatt geschoren, zahm gemacht, leer ...« »Nun, und ich?« sagte Freydet mit komischer Betrübnis. »O, dich hat deine bessre Natur bis jetzt bewahrt, aber nimm dich in acht, daß du dich nicht wieder unter die Zucht des ›Krokodilus‹ begibst! Und um uns solche Pädagogen zu liefern, errichtet der Staat Schulen, dafür zahlt man sie, gibt ihnen Orden und Ehren, dafür wird ihnen die Akademie zu teil!« Der Länge nach im Grase ausgestreckt, den Kopf auf dem Ellbogen liegend, ein Farnkraut, mit dem er sich die Sonnenstrahlen abwehrte, leise hin und her bewegend, sprach Védrine all' diese wilden Anklagen mit weicher, gleichmäßiger Stimme, ohne daß in seinem blassen, großen, aufgedunsenen Gesichte, das an einen indischen Gott gemahnte und dessen Gleichmut und Träumerei ein Paar kleiner, lachender Augen noch mehr hervorhoben, ein Muskel gezuckt hätte. Aus seiner gewohnheitsmäßigen Ehrfurcht und Verehrung aufgeschreckt, hörte ihm der andre verblüfft zu. »Wie bringst du es aber fertig, mit diesem Haß gegen den Vater der Freund des Sohnes zu sein?« »Ich bin des einen Freund so wenig wie der des andern, aber es interessiert mich dieser Paul Astier mit seiner selbstgefälligen Zierbengelei und seinem hübschen Spitzbubengesicht... ich möchte wohl erleben, was noch aus dem Jungen wird ...« »Ach, Herr von Freydet,« mischte sich nun Frau Védrine von ihrem Platze aus ins Gespräch, »wenn Sie wüßten, wie er meinen Mann ausnutzt und ausbeutet. Die ganze Restauration des Schlosses in Mousseaux, die neue Galerie am Flusse, den Musikpavillon, die Kapelle, alles hat Védrine gemacht! Und vollends das Rosensche Grabmal! Er erhält nichts bezahlt als die Bildhauerarbeit, und der Aufbau, die ganze Idee, alles, alles ist von ihm, kein Strich von einem andern.« »So laß ihn doch ... laß ihn doch,« sagte der Künstler mit Seelenruhe. »Du lieber Himmel, dieses Mousseaux! Der Bengel würde ja unter dem Wust von Dummheit, den die Herren Baupfuscher seit dreißig Jahren drum und dran aufgestapelt hatten, nie ein einziges Gesims wieder herausgebracht haben, auch wenn er sich jämmerlich abgequält hätte; dazu kam die herrliche Gegend, die liebenswürdige Herzogin, die einem jeden lästigen Formenzwang erließ, und Freund Freydet, den man in Clos-Jallanges wieder aufgegabelt. ... Und dann, wißt ihr, ich habe zu viele Ideen; sie beengen mich, sie reiben mich auf. ... Mir davon abnehmen ist wirklich verdienstlich und schafft mir Erleichterung,.... Mein Gehirn hat einige Aehnlichkeit mit einem Rangierbahnhof, wo auf jedem Geleise Lokomotiven geheizt werden, um nach allen Himmelsrichtungen abzugehen. Das hat der junge Mann erfaßt, und da bei ihm Mangel an Erfindungskraft vorhanden, so bedient er sich der meinigen, nimmt meine Gedanken, stellt sie seinen Kunden zur Verfügung. Daß ich keinen Widerspruch erhebe, dessen ist er sicher, daß ich mich aber von ihm täuschen lasse, weniger! Ich weiß es immer schon im voraus, wenn er kommt, mir etwas wegzukapern ... eine spöttische, großrednerische Miene, gleichgültiger, gelangweilter Blick, dann plötzlich ein nervöses Zucken des Mundwinkels. Hat ihm schon ... wupp! In die Tasche damit! Im stillen denkt er natürlich: ›Gott, ist dieser Védrine ein Einfaltspinsel! Läßt sich nicht träumen, daß ich ihn plündre, ihn aussauge.‹ ... Jetzt aber,« setzte der Bildhauer sich erhebend hinzu, »will ich dir meinen Paladin zeigen, dann sehen nur uns das Nest da drin an ... wunderlich genug, sollst du sehen.« Sie verließen die Terrasse, um in den Palast einzutreten, schritten die wenigen Stufen einer kreisförmigen Freitreppe hinan und traten in einen quadratischen Saal, das einstige Sekretariat des Staatsrates, der weder Boden noch Decke hatte. Die oberen Stockwerke waren eingestürzt und durch die weiten Zwischenräume der vom Feuer gekrümmten Eisenschienen, auf denen das Gebälk geruht hatte, blickte der blaue Himmel herein. In einer Ecke, wo eine große Zahl gußeiserner Röhren von Grün umrankt an der Mauer lehnten, lag mitten unter Brennnesseln und Schutt in drei Stücken ein kleines Gipsmodell des Rosenschen Grabmals. »Du siehst«, sagte Védrine, »oder vielmehr nein, du kannst das ja nicht sehen ...« und nun erklärte und schilderte er ihm das Monument. Leicht war es nicht gewesen, der Gräberphantasie der Fürstin gerecht zu werden; es hatte manchen Entwurf gekostet und viele Versuche waren gemacht, nach ägyptischen, assyrischen, ninivitischen Grabmotiven war gearbeitet worden, bis endlich Védrines Gedanke, über den die Architekten Zeter schreien würden, dem aber niemand Großartigkeit absprechen konnte, zur Reife gelangt und zur Ausführung angenommen worden. Ein Soldatengrab sollte es sein, so hatte er ein Zelt genommen, durch dessen zurückgeschlagene Vorhänge man im Inneren vor einem Altar den breiten, niederen, als Feldbett behandelten Sarkophag erblickt, auf dem der tapfere Kreuzesritter, der für seinen König und seinen Glauben in den Tod gegangen, ruhte, an seiner Seite den zerbrochenen Degen, zu seinen Füßen einen großen Jagdhund. Die außerordentliche Härte des dalmatinischen Granites, auf dessen Verwendung die Fürstin nun einmal bestand, hatte die Arbeit sehr erschwert, und Védrine hatte Hammer und Meißel nehmen müssen, um unter dem Bretterverschlag auf dem Pèzre Lachaise zu arbeiten wie ein Tagelöhner, jetzt aber stand der Felsblock endlich nach viel saurer Mühe und Not. »Und dieser Schlingel von einem Paul Astier wird Ruhm und Ehre davontragen,« setzte der Bildhauer lächelnd, ohne die geringste Spur von Bitterkeit hinzu. Dann hob er einen Teppich auf, der ein Loch in der Mauer, welches seiner Zeit eine Thür gewesen, verdeckte, und ließ Freydet in ein weites, mächtiges Vestibül treten, das sich einer Balkendecke erfreute und mit Strohmatten belegt war: über die zerfallenen, vielfach geborstenen Wände hingen Stoffe und Teppiche und das war Védrines Atelier. Wie ein etwas ungeordneter Schuppen oder noch eher wie ein bedeckter Hof sah das Ding aus, denn in einem Winkel, wo die Sonnenstrahlen lustig durch ein ungeheures Loch in der Decke hereindrangen, gedieh stolz und fröhlich ein Feigenbaum und breitete seine schön geformten Blätter weit aus, und nahe dabei machte der Rumpf eines geborstenen Ofens, der mit Epheu und Geißblatt dicht bewachsen war, den Eindruck eines alten Brunnens. Hier arbeitete er seit zwei vollen Jahren Tag für Tag, ohne sich von dem Nebel, den er vom nahen Flusse aus erster Hand empfing, oder von dem scharfen, eisigen Nordwind vertreiben zu lassen, »ohne einen einzigen Schnupfen«, wie er versicherte, friedlich und kraftvoll wie einer der großen Künstler der Renaissance, deren Vielseitigkeit und fruchtbare Phantasie er sein eigen nannte. Jetzt zum Beispiel hatte er an Bildhauerei und Architektur so vollauf genug, wie wenn er eine Tragödie geschrieben hätte. Am Tage, da die Figur aufgestellt und bezahlt sein würde, wollte er sich auf und davon machen, in einer Dahbieh mit feinem Zelt den Nil hinaufschiffen und »malen, malen vom Morgen bis zum Abend«. Während er so sprach, schob er einen Schemel, einen Modellierstuhl beiseite und führte seinen Freund vor eine riesige, erst aus dem Groben herausgearbeitete Figur. »Da ist mein Paladin ... sag mir offen, wie du ihn findest.« Freydet stand etwas verblüfft und verlegen vor dem Werke, dessen weit über Lebensgröße hinausgehende Verhältnisse, welche natürlich mit der Höhe des hier fehlenden Zeltes im Einklang standen, ihn verwirrten. Die stark hervortretende, kraftvoll ausgebildete Muskulatur, welche Védrines Arbeiten etwas Unfertiges, Vorsündflutliches, Lehmiges gibt, als ob das schöne Werk sich noch nicht recht vom Steine losgelöst hätte, eine Eigentümlichkeit, die in seinem Abscheu vor allem Geleckten begründet sein mag, trat hier in dem rissigen Thone noch übertriebener zu Tage, und trotzdem gewann die Riesengestalt des Kriegers, je mehr Freydet sehen und begreifen lernte, an Leben und stellte sich ihm endlich mit jenem siegenden, strahlenden Zauber dar, der eben die Schönheit in der Kunst ist. »Herrlich!« sprach er im Tone echter Ueberzeugung. »Aber nicht auf den ersten Blick?« sagte der andre mit einem humoristischen Zwinkern seiner gutmütigen Augen. »Man muß sich ein wenig einleben in meine Art, und es ist mir bange, daß die Fürstin, wenn sie den greulichen Kerl sieht ...« Paul Astier wollte sie in wenigen Tagen, wenn alles vollends ausgearbeitet, poliert und zum Abgang in die Gießerei fertig sein würde, herführen, und Védrine graute vor diesem Besuch, denn er kannte den Geschmack der vornehmen Damen; er hatte im »Salon«, an den Tagen der hohen Eintrittspreise dies schablonenhafte Geschwätz, das sich durch alle Säle fortpflanzt und lustig um die Skulpturen umherschwirrt, oft genug mitanhören müssen. Wie sie lügen, wie sie sich Zwang auferlegen! Aufrichtig und ernst gemeint ist nichts an ihnen als die nagelneuen Frühlingstoiletten, die zum erstenmal zu zeigen, der »Salon« die lang ersehnte Gelegenheit bietet. »Ueberhaupt, Alterchen,« fuhr Védrine fort, indem er seinen Freund mit sich aus dem Atelier zog, »von allen Grimassen des Parisers, von allen Lügen der Gesellschaft ist keine so unverfroren, so pudelnärrisch wie die Kunstschwärmerei. Ein Possenspiel, in dem jeder mitwirkt und an das keiner glaubt – man könnte sich totlachen. Mit der Musik ist es ganz das nämliche ... wenn Du sie sähest am Sonntag ...« Sie hatten einen langen Säulengang betreten, der gleichfalls von jener seltsamen Pflanzenwelt überwuchert war, deren von allen Himmelsrichtungen zusammengetragene Samenkörner hier keimten, den zertrümmerten Fußboden mit Grün bedeckten und sich zwischen den einst bemalten, jetzt geborstenen, flammengeschwärzten Wänden in üppiger Fülle hervordrängten; dann kamen sie in den Staatshof, dessen früher mit feinem Sande bestreuter Boden heute ein bunt mit Hafer, Wegerich, Steinklee und Kreuzkraut, dessen lange Stiele der Epheu wie kleine Thyrsusstäbe umschlungen hielt, bewachsenes Feld war, und in dessen Mitte ein mit Brettern eingezäunter und von Sonnenblumen umstandener kleiner Gemüsegarten sich heraushob, in dem Erdbeeren und Kürbisse reiften, ein Gärtchen, wie es sich ein erster Ansiedler am Saume des Urwaldes anlegt, welchem Eindruck auch ein im Hintergrunde stehendes rohes Backsteinhäuschen völlig entsprach. »Gärtchen und Bude eines Buchbinders,« sagte Védrine mit dem Finger auf den Namen weisend, der in fußhohen Buchstaben über der offen stehenden Thür zu lesen war: Albin Fage Buchbinderarbeiten jeder Art. Dieser Fage, der bei der Cour des Comptes und dem Staatsrat als Buchbinder beschäftigt gewesen und die Erlaubnis erhalten hatte, seine von den Flammen verschont gebliebene Behausung beizubehalten, war mit dem Portier der einzige Bewohner des Palastes. »Gehen wir zu ihm hinein,« sagte Védrine, »du siehst da einen originellen Typus.« Auf das Häuschen zugehend, rief er: »He! Papa Fage!« ... aber die bescheidene Werkstatt war leer, der Arbeitstisch am Fenster mit Papierschnitzeln, großen Scheren zum Pappdeckelschneiden und unter der Presse liegenden grünen Folianten mit Metallecken beladen. Das Eigentümliche an dieser Einrichtung war, daß die Heftlade, das Tischgestell, der leere Stuhl davor, die Bücherbretter, auf denen die Bände aufgestapelt waren, ja der Rasierspiegel, welcher an einem Drehriegel hing, eins wie das andre so klein und niedrig war, daß ein Kind von zwölf Jahren alles bequem hätte erreichen und benutzen können; wie eine Zwergenhöhle oder eine Buchbinderwerkstatt im Lande Liliput sah sich das Ganze an. »Es ist ein Buckliger,« flüsterte Védrine dem Freunde zu, »und zwar einer, der den Weibern nachläuft, sich parfümiert und pomadisiert.« Ein betäubender Dunst, in dem Rosenwasser und alle Düfte einer Friseurstube sich mit dem Kleister- und Leimgeruch verbanden, schlug ihnen entgegen. Bédrine rief noch einmal laut nach dem Hintergrunde, wo sich das Schlafzimmer des Besitzers befand, dann gingen sie wieder hinaus, Freydet sehr belustigt über die Vorstellung eines buckligen Don Juan. »Vielleicht ist er in guten Verhältnissen, denn ...« »Du lachst. ... Glaube mir, mein Lieber, dieser mißgebildete Mensch weiß die Gunst der hübschesten Weiber in Paris zu erringen, wenigstens ist seine Stube mit Photographieen tapeziert, die samt und sonders Namensunterschrift tragen und zärtliche Widmungen wie: ›Meinem Albin‹, ›Meinem teuren kleinen Fage‹ ... und nicht etwa schmieriges Volk, nein, Mädchen vom Theater, die höhere Sorte dieses Handwerks. Hierher bringt er keine, aber von Zeit zu Zeit erscheint er nach einem Wanderleben von zwei, drei Tagen munter und schmunzelnd bei mir im Atelier und erzählt mir mit seinem häßlichen Grinsen und Mundaufreißen, daß er sich einen stolzen Oktavband oder ein niedliches Diamantausgäbchen zu Gemüt geführt habe, denn in diese Klassen teilt er, seinem Berufe getreu, seine Eroberungen je nach ihrem Format ein.« »Und du sagst, er sei häßlich?« »Ein Scheusal.« »Ohne Geld?« »Ein armseliger kleiner Buchbinder, Kartonarbeiter, der von seinem Verdienst und seinen Gemüsen lebt, dabei intelligent, von einer philologischen Gelehrsamkeit, einem Gedächtnis ohnegleichen. Wir treffen ihn jedenfalls noch in irgend einem Winkel des Palastes, wo er sich herumtreibt, denn er ist ein großer Lungerer und Träumer wie alle leidenschaftlichen Menschen. ... Komm nur mit, aber sei vorsichtig und lasse deinen Pfad nicht außer Auge, er ist nicht gerade sehr eben und gefahrlos ...« Sie stiegen eine breite Treppe hinan, deren erste Stufen wie auch das verrostete, an manchen Stellen zersprungene und gekrümmte Geländer noch so ziemlich standhielten, dann kam man plötzlich auf eine nicht sehr zuverlässig aussehende, auf die Querbalken der Treppe gestützte hölzerne Brücke, die an hohen Mauern entlang führte, auf denen sich noch Reste großer, zerfressener, zerrissener und verwaschener Fresken ahnen ließen, da und dort tauchte die Kruppe eines Pferdes oder ein nackter Frauenkörper auf, und darüber stand auf einst vergoldet gewesenen zierlichen Gesimsen in kaum noch erkennbarer Schrift: »Das Nachdenken« ... »Das Schweigen« ... »Der Handel verbindet die Völker« ... Im ersten Stockwerk verlor sich ein langer gewölbter Gang, wie er sich in der Arena von Nimes oder Arles auch findet, zwischen rauchgeschwärzten, von Eidechsen bewohnten Mauern, die hie und da durch klaffende Spalten einen vollen Lichtstrahl hereinließen. Der Eingang zu dieser Galerie zeigte die Aufschrift: Corridor des huissiers. Ueberall lagen Trümmerhaufen von Stuccaturarbeit, geschmolzenem Blech, ein unentwirrbares Chaos. Alles war ungefähr wie im Bogengange des unteren Stockwerkes, nur daß hier von einer Decke nicht mehr die Rede, und daß der Gang nichts als eine lange, gestrüppbewachsene Terrasse war, von der die Schlingpflanzen, welche sich um die noch stehenden Säulen gerankt, in leichten, flatternden Zweigen bis hinunter hingen in den Staatshof. Von diesem oberen Geschoß aus aber überblickte man die Dächer der nahe gelegenen Häuser, die weißen Mauern der Kaserne in der Rue de Poitiers, die großen Platanen des herzoglich Padovanischen Palastes, in deren Wipfeln die bis zum Winter verödeten Nester der Krähen hin und her schwankten, und unmittelbar unter sich den einsamen Hof im hellen Sonnenglanz, den kleinen Buchbindergarten mit dem engbrüstigen Häuschen. »Ist das nicht schön, Alterchen, prächtig!« sagte Védrine auf die wilde Vegetation weisend, die in solcher Ueppigkeit und wunderbarer Mannigfaltigkeit das ganze Gebäude umsponnen hatte ... »wenn Krokodilus das ›Unkraut‹ sähe, wie würde er sich ärgern!« Plötzlich trat er einen Schritt zurück: »Na, wahrhaftig, da seh' doch einer ...« Unten in der Richtung des Buchbinderhäuschens war soeben Astier-Réhu erschienen, deutlich zu erkennen an seinem langen, flaschengrünen Rock und seinem breiten, niederen Cylinder, diesem am linken Seineufer berühmten Hute, der immer weit hinausgerückt auf den ergrauenden Locken saß und einen Heiligenschein um diesen Erzengel des Magistertums, den wackeren Krokodilus in Person bildete. Er war in lebhaftem Gespräch mit einem ganz kleinen Männchen begriffen, dessen unbedecktes Haupt von Pomade glänzte und dessen enganliegendes helles Röckchen den mißgebildeten Rücken so deutlich zur Anschauung brachte, als hielte sein Besitzer ihn für eine sonderliche Zierde. Die Worte konnte man nicht verstehen, aber Astier schien sehr erregt zu sein, fuchtelte mit dem Stocke umher und beugte seine lange Gestalt zum Gesicht des Kleinen herunter, der im Gegensatze dazu äußerst ruhig und bedächtig dreinsah, die Hände rückwärts unter seinem Buckel übereinandergelegt. »Er arbeitet also auch fürs Institut, dieser Knirps?« fragte Freydet, der sich nun plötzlich erinnerte, den Namen Fage bei seinem Lehrer gehört zu haben. Védrine gab keine Antwort; er war allzu eifrig in die Beobachtung der beiden Männer vertieft, deren Unterredung ein plötzliches Ende erreichte, indem der Bucklige mit einer Handbewegung, die zu sagen schien: »Ganz, nach Belieben ...« in sein Haus ging, während Astier-Réhu mit großen, zornigen Schritten dem Ausgang des Palastes nach der Rue de Lille zueilte, dann zögernd stillestand, sich umdrehte, den Rückweg einschlug und gleichfalls in das Haus des Buchbinders eintrat, das sich hinter ihm schloß. »Wunderlich,« sagte der Bildhauer vor sich hin... »Weshalb hat mir Fage nie eine Silbe davon gesagt?... Was der kleine Kerl für Heimlichkeiten hat!... Am Ende, wer weiß, sucht der große Akademiker auch solche Oktavbände und Diamantausgäbchen, wie der Bucklige, und dieser hilft ihm dazu!...« »O! Bédrine!« Freydet hatte seinen Besuch beendigt und schritt langsam am Qual d'Orsay hinauf, den Kopf voll Gedanken an sein Buch, seine ehrgeizigen Träume von einem Sitze in der Akademie, und dabei unsicher gemacht und erschüttert von den herben Wahrheiten, die er zu hören bekommen. Wie wenig man doch im ganzen genommen ein andrer wird! Wie früh unser Wesen schon seine bestimmte Richtung hat!... Nach fünfundzwanzig Jahren, mit Falten im Gesicht und ergrauendem Haar und allem, was das Leben einem umhängt und anthut, hatten sich die Schulfreunde von Louis-le-Grand wiedergefunden, wie sie einst auf derselben Bank gesessen hatten: Der eine leidenschaftlich, heftig, in ewiger Rebellion, der andre fügsam, gläubig, mit einem gewissen Mangel an Thatkraft, der sich in der Stille des Landlebens noch mehr entwickelt hatte. Schließlich hatte Bédrine ja wohl recht – war es denn der Mühe wert, sich aufzuregen und abzuquälen, selbst angenommen, daß man das Ziel erreichen würde? Besonders im Gedanken an seine Schwester schreckte er davor zurück, sich all der Mühe zu unterziehen; die arme, hilflos ans Haus Gebundene mußte ja allein in Clos-Jallanges zurückbleiben, während er die für seine Kandidatur erforderlichen Schritte that, Besuche machte. Schon die wenigen Tage seiner jetzigen Abwesenheit waren für sie eine schmerzliche Entbehrung, ein Kummer, und er hatte aus ihrem heutigen Briefe eine tiefe Traurigkeit herausgelesen. Er ging an der Dragonerkaserne vorüber, und der Anblick der Hungernden, welche auf der andern Seite der Straße warteten, bis der Ueberrest der Suppe verteilt wurde, entriß ihn seinem Nachdenken. Lange vor der Zeit hatten sie sich eingefunden, um ja nicht zu fehlen, wenn die Reihe an sie kam; auf den Bänken umhersitzend oder an die Brüstung des Quais gelehnt, erdfahl, schmutzig, mit verwildertem, wirrem Haar und struppigen Bärten, in greuliche Lumpen gehüllt, standen sie da, ohne sich zu rühren, ohne ein Wort zu sprechen, wie eine Herde, scharf beobachtend, ob im Hintergrunde des großen Hofes noch keine Soldatenschüsseln zum Vorschein kämen, und gierig auf das Zeichen des Adjutanten wartend, das ihnen den Eintritt gestattete. In dem hellen Sonnenscheine des klaren Tages war der Anblick dieser Reihe von wortlosen hungerigen Schnauzen, von verlangenden Augen, die alle mit demselben Ausdruck tierischer Gier auf die weit offen stehenden Thore gerichtet waren, entsetzlich. »Was machen Sie denn da, liebes Kind?« Damit hatte Astier-Réhu, der strahlend seines Weges dahergekommen war, seinen Arm in den des ehemaligen Schülers geschoben. Er folgte mit den Augen der Handbewegung des Dichters, welcher ihm dies jammervolle Bild großstädtischen Elendes auf der gegenüberliegenden Seite der Straße wies. »In der That... in der That...« Aber die runden Augen des Schulmannes verstanden nur in Büchern zu lesen, von den Dingen dieses Lebens hatten sie keine Anschauung und wurden sie nicht berührt. Ja, man konnte aus der Art, wie er Freydet mit sich fortzog und ihm sagte: »Begleiten Sie mich doch ins Institut,« entnehmen, daß er solches Zeitvertrödeln in der Straße gar nicht billigte und eines ernsthaften Mannes nicht für würdig hielt. Leicht auf den Arm seines Lieblingsschülers gestützt, vertraute er ihm an, was sein Herz mit solchem Jubel, solcher Glückseligkeit erfüllte, welch wunderbaren Fund er eben gethan: einen Brief Katharina II. an Diderot, in dem sie sich über die Akademie äußert, und das gerade jetzt, da er mit der Anrede an den Großherzog beschäftigt war! Er gedachte, das Wunder aller Wunder in der Sitzung selbst vorzulesen und, je nachdem alles sich gestalten würde, seiner Hoheit das Autograph seiner erhabenen Verwandten im Namen der Akademie als Geschenk anzubieten. Jedenfalls würde der Baron von Huchenard vor Neid platzen. »Da fällt mir ein, meine Handschriften Karl V., Sie wissen ja?... Verleumdung, reine Verleumdung. ... Aber ich bin jetzt im Besitze der Mittel, um diesen Zoïle zu vernichten!« Dabei schlug er mit seiner großen, breiten Hand auf den Lederumschlag einer schweren Mappe, die er im Arme trug, und um im Drange seiner Herzensfreude auch Freydet in fröhliche Stimmung zu versetzen, lenkte er das Gespräch wieder auf ihre gestrige Besprechung und auf dessen Bewerbung um den ersten frei werdenden Sitz in der Akademie. Es müßte ja herrlich sein, wenn Lehrer und Schüler nebeneinander unter der Kuppel säßen! »Sie werden sehen, wie schön das ist, wie wohl man sich da fühlt... man macht sich gar keinen Begriff davon, ehe man drin ist.« Wenn man ihn so sprechen hörte, mußte man entschieden zu der Ueberzeugung gelangen, daß diese Pforte alles ausschloß, was Erdenleid und Kummer heißt. Bis an die Schwelle folgten sie dem Menschen, weiter nicht; die aber eingeführt waren, die schwebten hoch im reinen Aether, im ewigen Frieden, erhaben über Neid und Tadel, geweiht, geheiligt. Man war befriedigt, man nannte alles, alles sein, kein Verlangen regte sich mehr.... Ach! Diese Akademie! Ihre Lästerer waren es entweder, weil sie keinen Begriff von ihr hatten, oder aus eifersüchtigem Zorn, weil sie ihnen verschlossen war, dem Gesindel! Seine mächtige Stimme ertönte so weithin, daß alle Vorübergehenden stehen blieben und sich umsahen; einzelne, die ihn erkannten, nannten den Namen Astier-Réhu. Die Buchhändler und Antiquare, Kuriositäten- und Kupferstichhändler, die unter ihrer Ladenthür standen und gewöhnt waren, den Meister zu regelmäßigen Stunden vorübergehen zu sehen, grüßten, indem sie ehrfurchtsvoll einen Schritt zurücktraten. »Sehen Sie hin, Freydet!« rief sein Lehrer, ihm den Palast Mazarin, vor dem sie eben angelangt waren, zeigend. »Da ist es, mein Institut, da ist es, wie es vor meiner Seele stand seit meiner frühesten Jugend als Signet auf den Umschlägen der Didot. Damals schon habe ich mir gesagt: Da mußt du hineinkommen ... und ich bin hineingekommen. ... Nun ist die Reihe, zu wollen, an Ihnen, mein Sohn ... auf baldiges Wiedersehen!« Er trat mit raschem Schritt durch das linke Portal des Hauptgebäudes, eilte dann durch eine Reihe gepflasterter, feierlich schweigender, großer Höfe, in denen sein Schatten lang und immer länger dahinglitt. Längst war er verschwunden, allein Freydet stand noch unbeweglich, ganz zurückgewonnen und sah ihm nach, und auf seinem guten, sonnverbrannten vollen Gesicht, in seinen milden, runden Augen lag derselbe Ausdruck, wie in den hungrigen Physiognomieen jener Tiermenschen, die vor der Kaserne ihres Töpfchens Suppe harrten. Von nun an war es entschieden, daß er das Institut nie mehr mit andern Augen werde ansehen können. Fünftes Kapitel. Heute abend Galadiner, später kleiner Empfang im Palast Padovani. Der Herzog Leopold empfängt am Tische seiner »idealen Freundin«, wie er die Herzogin nennt, einzelne Mitglieder des Institutes, welche zugleich Vertreter der verschiedenen Abteilungen desselben sind, und erwidert auf diese Weise die ehrenvolle Aufnahme, welche die fünf Akademieen ihm zu teil werden ließen, und zeigt sich dankbar für die Weihrauchwolken, in welche ihr Vorsitzender ihn gehüllt. Wie immer sind die diplomatischen Kreise bei der einstigen Botschafterin glänzend vertreten, doch hat dieses Mal das Institut entschieden den Vorrang, und in der Tischordnung tritt die Bedeutung des Diners und sein Zweck deutlich hervor. Der Großherzog, welcher der Dame des Hauses gegenüber sitzt, hat zu seiner Rechten Frau Astier, zu seiner Linken die Gräfin Foder, die Frau des ersten Sekretärs der finnländischen Botschaft, welcher als Gesandter funktioniert. Zur Rechten der Herzogin befindet sich Léonard Astier, zu ihrer Linken Monsignore Adriani, der päpstliche Nuntius, dann folgen auf beiden Seiten der Baron Huchenard, Mitglied der Akademie der Inschriften und schönen Wissenschaften, Murad Bey, der türkische Gesandte, der Chemiker Delpech von der Akademie der Wissenschaften, der belgische Bevollmächtigte, der Komponist Landry von der Akademie der Künste, Danjou, der dramatische Schriftsteller, einer von Picherals sogenannten Schnurranten, und endlich der Fürst Athis, der in seiner doppelten Eigenschaft als bevollmächtigter Minister und Mitglied der Académie des sciences politiques et morales in seiner Person den beiden Richtungen dieses Salons Ausdruck verleiht. Am Ende des Tisches bilden der Adjutant seiner Hoheit, ein General, und der junge Nobelgardist Graf Adriani, Neffe des Nuntius, mit Lavaux, dem unvermeidlichen Manne aller Feste, eine besondre Gruppe. Das weibliche Element entbehrt entschieden des Reizes. Bis an die scharfe kleine Nase in Spitzen steckend, erinnert die fürchterlich magere Gräfin Foder mit dem roten Gesicht und den lebhaften Augen an ein Eichhörnchen, das sich einen Schnupfen geholt hat. Die schnurrbärtige Baronin Huchenard, deren Alter schwer zu bestimmen, macht den Eindruck eines wohlbeleibten älteren Herrn, der sich in Damenkleider gesteckt hat; Frau Astier in einem von der Herzogin geschenkten Samtkleid mit viereckigem Ausschnitt hat ihrer Freundin Antonia das Opfer gebracht, das, was noch schön an ihr ist, Schultern und Arme, zu verhüllen, und dank dieser feinen Aufmerksamkeit erscheint die Herzogin Padovani in ihrer weißen Toilette von Dingsda als die einzige Frau in diesem Kreise. Auf der großen hohen Gestalt sitzt ein auffallend kleines Köpfchen mit schönen goldnen Augen, die, stolz und beweglich, voll Güte, Zärtlichkeit und Zorn unter den langen, fast zusammengewachsenen Augenbrauen hervorleuchten können; die Nase ist kurz, der Mund sinnlich und leidenschaftlich, die Haut von seltenem Jugendglanz und der Frische einer Frau von dreißig Jahren, ein Vorzug, den sie der Gewohnheit verdankt, immer wenn sie abends ausgeht oder Gesellschaft bei sich sieht, den Nachmittag im Bett zu bleiben. Während ihres langen Aufenthaltes im Auslande, wo sie als Botschafterin in Wien, Petersburg und Konstantinopel berechtigt und verpflichtet gewesen war, in französischem Sinne tonangebend zu wirken, hat sie sich eine gewisse lehrhafte, hofmeisterliche Art angeeignet, welche die Pariserinnen ihr zum Vorwurf machen, denn sie hat im Verkehr mit ihnen jene Herabneigung beibehalten, die sie mit Fremden geübt, belehrt sie über Dinge, welche sie genau ebenso gut wissen, wie die Herzogin. In ihrem Salon in der Rue de Poitiers fährt die Herzogin fort, Paris zu repräsentieren, wie sie es bei den Kurden gethan, und das ist das einzige, was an dieser edlen, strahlenden Erscheinung etwa auszusetzen. Trotz des Mangels an Frauen, deren helle Toiletten, entblößte Arme und Schultern sonst die Einförmigkeit der schwarzen Fräcke brillanten- und blumenschillernd so wohlthätig unterbrechen, ist das Bild der Tischgesellschaft heiter und farbenreich. Die violette Soutane des Nuntius mit dem breiten Moiréegürtel, die purpurne Chechia des Murad Bey, der scharlachrote Waffenrock des Nobelgardisten mit dem goldnen Kragen, den blau und goldgestickten Streifen auf der Brust, von welcher sich überdies das Kreuz der Ehrenlegion, welches der junge Italiener an diesem Morgen erst erhalten hat, weil man es im Elysée für nötig hielt, die glückliche Vollbringung seiner Mission als Träger des Kardinalshutes zu belohnen, sich leuchtend abhob, bringen Leben in das Ganze. Ueberdies ist da und dort ein Farbenklecks in Gestalt der grünen, blauen und roten Bänder der Großkreuze aufgesetzt, und die blitzenden Steine im matten Silber der Ordensrosetten und -sterne werfen helle Lichter. Um zehn Uhr ist das Diner seinem Ende nahe, ohne daß an dem duftenden Blumenschmuck der Tafelaufsätze und des Tisches ein Blättchen geknickt, ohne daß ein Wort mit erhöhter Stimme gesprochen oder eine lebhaftere Bewegung gemacht worden wäre, und zwar trotzdem, daß die gastronomischen Leistungen des Palastes Padovani auserlesen sind, einem der selten werdenden Häuser, wo man noch Wein zu trinken bekommt, der diesen Namen verdient. Man merkt, daß ein Feinschmecker im Hause, und das ist nicht die Herzogin, die als richtige Pariserin ein Diner immer gut findet, wenn ihre Toilette kleidsam ist und der Tisch künstlerisch arrangiert, blumengeschmückt und reich gedeckt, sondern ihr treuer Verehrer Fürst Athis, besitzt den empfindlichen Gaumen und den wohlgeschulten, von der Klubküche etwas angekränkelten Magen und pflegt sich nicht von Silbergeschirr allein und dem Anblick von Galalivreen mit tadellos weißen, wohl ausgefüllten Strümpfen zu ernähren. Ihm zuliebe bildet die Zusammensetzung des Speisezettels eine der Hauptbeschäftigungen der schönen Antonia, ihm gilt die ausgesuchte Feinheit der Speisen und die Feuerglut der Weine, welchen es heute freilich nicht gelang, die Tafelrunde zu erwärmen. Dieselbe steife Zurückhaltung, die nämliche Starrheit beim Nachtisch wie bei der Suppe, kaum daß sich Wangen und Nasen der Damen ein wenig gerötet hatten. Eine Gesellschaft von Wachspuppen, feierlich und würdevoll, von jener majestätischen Haltung, die sich hauptsächlich durch Weiträumigkeit der Umgebung, hohe Säle, weit auseinander stehende Sitze, die jede Vertraulichkeit von Ellbogen an Ellbogen ausschließen, entwickelt. Trotz der milden Juninacht, deren lauer Hauch dufterfüllt vom Garten hereindringt und die geschlossenen Jalousieen leise hin und her schwanken läßt, liegt es zwischen jedem Gedeck wie ein feuchtkalter tiefer Abgrund; man spricht miteinander wie aus weiter Ferne, von oben herab, mit spitzen Lippen, einem starren, feststehenden Lächeln, und was man sich sagt, ist Lüge, und jedes Wort fällt gleichgültig, unwahr und verbraucht auf das Tischtuch zurück, zwischen die künstlichen Bonbons des Nachtisches. Die Sprache bleibt maskiert, wie die Gesichter, und das ist ein Glück, denn wenn mit einem Schlage jeder seinen Gedanken unverblümt Ausdruck gegeben haben würde, welcher Aufruhr in dem erhabenen Kreise! Der Großherzog mit dem breiten, blassen Gesicht zwischen dem schier allzu schwarzen, wie englischer Rasen zugeschnittenen Backenbart, ein richtiger, Fürstenkopf für illustrierte Zeitungen, denkt, während er mit wahrem Feuereifer an den Baron Huchenard über dessen kürzlich veröffentlichte Arbeit Fragen stellt: »Mein Gott! Wie langweilt mich dieser fürchterliche Gelehrte mit seinen nach dem Vorbilde der Bäume aufgebauten Hütten... wie viel wohler wäre mir zu Mute im Ballette der Roxelane mit dieser göttlichen kleinen Déa... es heißt, der Verfasser der Roxelane sei hier, aber das scheint ein sehr häßlicher, trübseliger Herr zu sein. Ach! Das Bein, die Taille meiner kleinen Déa!« Der Nuntius mit der großen Nase und den schmalen Lippen, ein geistreiches, echt römisches Gesicht mit dunkeln Augen, die sich tiefschwarz von der etwas leberkranken Haut abheben, hört ebenfalls, sich aufmerksam hinüberbeugend, die Geschichte der menschlichen Wohnung mit an und seufzt im stillen mit einem Blick auf seine wie polierte Muscheln glänzenden Nägel: »Das herrliche Frittomisto, das ich heute früh auf der Nuntiatur gegessen, liegt mir noch im Magen ... Gioachino hat mir den Gürtel zu fest angezogen. ... Ich wollte, man stünde jetzt von Tische auf.....« Der türkische Botschafter, eine stumpfe Physiognomie mit wulstigen Lippen, die Augen fast vom Fes bedeckt, mit vorgestrecktem Halse und gelber Haut, füllt eben das Glas der Baronin Huchenard und sagt sich: »Greuliches Volk, diese Europäer! Ihre Frauen im Stadium des Zerfalles noch der Welt zu zeigen ... lieber aufgeknüpft werden, wahrhaftig lieber aufgeknüpft, als die Welt glauben lassen, daß ich diese fette Dame je geliebt!« Und unter dem süßen Lächeln, mit dem die Baronin Seine Excellenz für diesen kleinen Dienst belohnt, verbirgt sich: »Wie gemein dieser Türke ist; er widert mich an!« Auch was Frau Astier spricht, hat mit dem, was sie innerlich beschäftigt, wenig Zusammenhang. »Wenn nur Paul nicht vergessen hat, den Großpapa zu holen ... es wird sich so hübsch machen, der alte Mann auf die Schulter des Urenkels gestützt.... Wenn wir nur der Hoheit einen Auftrag abschwindeln könnten.« Dann mit einem zärtlichen Blick auf die Herzogin: »Sie ist schön heute abend... wahrscheinlich gute Nachrichten über ihren Botschafterposten.... Freue dich nur, mein Kind, und genieße die Zeit, die dir bleibt. In vier Wochen ist Samy verheiratet!« Frau Astier hat recht gesehen: der Großherzog hat seiner idealen Freundin die Zusage der Regierung mitgebracht, Athis wird den Posten erhalten, in wenigen Tagen folgt die Ernennung. Eine überströmende Glückseligkeit, die sie nur mühsam verbergen kann und die ihr ganzes Wesen durchglüht, mit einem ungewohnten Schimmer umgibt, erfüllt die Herzogin. Das alles hat sie erreicht für den Mann ihrer Liebe, so hoch hinauf hat sie ihn gestellt! Und schon macht sie Pläne für ihren eignen Umzug nach Petersburg, wo sie in einem kleinen Palaste an der Newa, nicht allzu weit vom Gesandtschaftshotel, sich häuslich einrichten wird, indes der Fürst mit dem fahlen Gesicht und den eingefallenen Wangen, den Blick – jenen Blick, dessen Schärfe Bismarck nie hat standhalten können – zerstreut ins Weite gerichtet, auf den hochmütig geschürzten Lippen das gleichzeitig sybillinische und dogmatische Lächeln des Diplomaten und Akademikers, bei sich überlegt: »Jetzt muß Colette sich entscheiden ... sie könnte ganz einfach dorthin kommen, man ließe sich in der Pagenkapelle in aller Stille trauen ... und die Sache wäre fertig und unlöslich, ehe noch die Herzogin ein Wort davon wüßte.« So kreisen unter derselben gefirnißten Hülle die ungehörigsten, widersprechendsten, übermütigen Gedanken in den Köpfen der Tischgenossen. Bei Leonard Astier ist alles tiefe Befriedigung, denn er hat heute früh in Erwiderung der Aufmerksamkeit, welche er Seiner Hoheit durch die Übersendung seiner Rede erwiesen, an deren erstem Blatte das geschickt in die Bewillkommnung verflochtene Autograph Katharina II. angeheftet war, den Stanislausorden zweiter Klasse erhalten. Seit zwei Tagen beschäftigt dieses geschichtliche Schriftstück, das zum Hauptinhalt der Sitzung geworden war, die Presse; die Kunde von demselben dringt durch ganz Europa und trägt mit sich den Namen Astier-Réhus, den Ruhm seiner Sammlung, seiner Werke und ruft überall jenes betäubende, in gar keinem Verhältnis zur Ursache stehende Echo der Berge wach, welches durch die Tausendstimmigkeit der Presse jedem zeitgenössischen Ereignis zu teil wird. Jetzt kann der Baron Huchenard wohl wühlen und zernagen und beißen und in seinem süßlichen Tone murmeln: »Mein lieber Kollege, ich mache Sie darauf aufmerksam ...«; kein Mensch wird sich mehr um ihn kümmern! Und weil er das fühlt, der Fürst der Autographensammler, wirft er seinem lieben Kollegen für jeden Satz dieser wissenschaftlichen Marktschreierei einen Wutblick zu, jede Vertiefung in dem schräg abgeschnittenen, schmalen Gesichte mit der porösen Haut, die es wie aus Bimsstein gehauen erscheinen läßt, ist voll Gift. Auch in dem schönen Danjou kocht es heimlich vor Wut, freilich aus andern Gründen, als beim Baron: die Herzogin hat seine Frau nicht eingeladen. Diese Vernachlässigung und Ausschließung verletzt ihn in seiner Eigenliebe als Gatte, die noch viel reizbarer ist, als die persönliche, und trotzdem er darauf brennt, vor dem Herzog zu glänzen, bleibt ihm der ganze Schatz fast noch ungedruckter Witze und Geistreichigkeiten, mit dem er sich versehen, im Halse stecken. Und noch einer lächelt sauer und erzwungen, der Chemiker Delpech, welchen Seine Hoheit bei der Vorstellung zu seinen Arbeiten über die Keilschrift beglückwünscht hat, was auf einer Verwechselung mit seinem Kollegen von der Akademie der Inschriften beruhte. Nun muß man freilich bedenken, daß der Großherzog von all den beim Diner anwesenden Berühmtheiten mit Ausnahme von Danjou, dessen Komödien auch im Ausland gegeben werden, nie ein Sterbenswort gehört hatte. Lavaux hatte heute früh mit Hilfe des Adjutanten kleine Speisezettel angefertigt, deren jeder Namen und Bedeutung, auch Schriften und Werke der Eingeladenen aufzählte. Daß Seine Hoheit bei der Begrüßung nicht mehr Fehlgriffe gethan, beweist ein hohes Maß von Geistesgegenwart und ein wahrhaft fürstliches Gedächtnis. Allein die Soiree ist noch lange nicht zu Ende, andre akademische Größen werden auf den Schauplatz treten, schon hört man dumpfes Räderrollen, Wagenschläge werden in der Vorhalle aufgerissen und zugeworfen und Monsignore wird sich bald von der langen Sitzung erholen können. Vorderhand streitet Seine Hoheit noch in weichem Ton, langsam, die Worte suchend, die sich zum guten Teil in seine Nase verirren, über irgend einen mit dem Briefe Katharina II. in Verbindung stehenden Punkt der Geschichte mit Astier-Réhu. Längst haben die Fingergläser die Runde gemacht, niemand berührt mehr Speisen oder Getränke, ja man wagt aus lauter Furcht, dieses interessante Zwiegespräch zu unterbrechen, kaum mehr zu atmen, und die ganze hypnotisierte Tafelrunde hängt, so unwillig sie auch über den Verzug ist, buchstäblich an den kaiserlichen Lippen. Plötzlich hört das Genäsel auf und Léonard Astier, der nur der Form halber, nur um den Sieg des Gegners zu einem noch glänzenderen zu gestalten, so lange seinen Widerspruch aufrecht erhalten hatte, erklärte, die Arme wie eine zerbrochene Waffe herunter hängen lassend, im Brustton der Ueberzeugung: »Ach! Hoheit beschämen mich!« ... Der Zauber war gebrochen, die Tafel aufgehoben, mit einem Staunen und Murmeln der Bewunderung erhebt man sich, die Thüren werden aufgerissen, die Frau des Hauses hat den Arm des Großherzogs genommen, Murad Bey führt die Baronin, und während die Gesellschaft unter dem Rauschen der Schleppen, dem Gepolter der gerückten Stühle sich in Bewegung setzt und in Reih und Glied nach dem Salon abgeht, macht Firmin, der würdevolle Haushofmeister mit dem steifen Kinn, bei sich den Ueberschlag: »Bei solchem Diner könnte ich überall sonst tausend Franken herausschlagen ... Ueberreste und Nutzen beim Einkaufen... aber bei der wird sich's was haben! ... Dreihundert, wenn's gut geht...« dann sagt er ganz laut, als ob er auf die Schleppe der stolzen Frau Herzogin spuckte: »Weibsbild, altes!« »Hoheit erlauben... mein Großvater, Dekan der fünf Akademieen.« Die schrille Stimme Frau Astiers ertönt weithin schallend durch die glänzend beleuchteten, ziemlich öden Salons, in welchen sich der heute zugelassene engere Kreis eingefunden; sie spricht so überlaut, damit der alte Herr verstehen soll, wem er vorgestellt wird, und dementsprechend erwidern. Er schaut stolz drein, der alte Réhu, wie er seine hohe Gestalt aufrichtet und den kleinen Kopf mit dem vom Alter ganz dunkel und rissig gewordenen echten Kreolengesicht noch immer hoch trägt. Dabei stützt er sich auf seinen Urenkel Paul Astier, eine elegante und gewinnende Erscheinung: auf der andern Seite steht Frau Astier und dahinter vollendet der große Geschichtschreiber die Familiengruppe, die stark an einen sentimentalen Greuze erinnert und sich auf der hellen Fläche über der Vertäfelung an den Wänden, die fast Zeitgenossen des seltsamen Greises sein mochten, nicht schlecht ausnehmen würde. Der Großherzog ist tiefbewegt und sucht nach irgend einer passenden Wendung: unglücklicherweise befindet sich der Verfasser der »Briefe an Urania« nicht auf seinem Programm. Er sucht sich mit einigen unbestimmten, schmeichelhaften Phrasen aus der Not zu helfen, auf welche der alte Réhu, gewöhnt über sein Alter befragt zu werden, die Antwort erteilt: »Achtundneunzig in vierzehn Tagen, Hoheit.« ... Dann setzt er, was ebensowenig auf die auszeichnende Anrede des Herzogs paßt, hinzu: »Seit 1803 nicht mehr, Hoheit... die Stadt muß sich sehr verändert haben« . .. und während dieses wunderlichen Zwiegespräches flüstert Paul seiner Mutter zu: »Sei so gut und bringe du ihn nach Hause, ich werde es hübsch bleiben lassen. Er ist in einer bärenmäßigen Laune ... im Wagen hat er mir die ganze Zeit Fußtritte an meine Beine versetzt, um seine Nerven zu strecken, wie er sagte.« ... Er selbst, ihr Sohn, hat heute abend etwas entsetzlich Nervöses, Schneidendes im Klang der Stimme, in seinen weichen Zügen liegt ein gepreßter, fast verzerrter Ausdruck, den die Mutter wohl an ihm kennt und den sie auf den ersten Blick wahrgenommen. Was kann er nur haben? Sie beobachtet ihn ängstlich, sucht in seinen klaren Augen zu lesen, die sich ihr entziehen und immer undurchdringlicher, härter, abweisender werden. Und die Kälte, die beim Diner geherrscht, die feierliche Kälte wankt und weicht auch jetzt nicht: sie schleicht sich ein bei allen Geladenen, wo sie sich auch bewegen und gruppieren, die wenigen Frauen auf niederen Stühlchen im Kreise umhersitzend, die Männer stehend, auf und ab gehend oder an der Wand lehnend, einzelne mit dem sichtlichen Bestreben, die Blicke Seiner Hoheit auf sich zu ziehen, tiefsinnige gelehrte Gespräche fingierend. – Nur für den Großherzog verharrt der Musiker Landry an den Kamin gelehnt in seiner träumerischen Stellung, das geniale Auge nach oben gerichtet, wobei auch der Apostelbart vorteilhaft zur Geltung kommt; für ihn steht der Chemiker Delpech am andern Ende des Kamins, das Kinn in die Hand gestützt, die Augenbrauen sorgenvoll zusammengezogen, in tiefem Brüten, vornübergebeugt, wie wenn er mit einer höchst merkwürdigen Sprengmasse den ersten Versuch anstellte. Laniboire, der durch seine Aehnlichkeit mit Pascal berühmte Philosoph, irrt umher, wieder und wieder streift er an dem Sofa vorüber, auf welchem Hoheit das Opfer des alten Réhu wird; man hat vergessen, ihn vorzustellen, und kläglich und jämmerlich verlängert sich die große Nase und scheint aus der Entfernung zu flehen: »Aber sehen Sie doch, ist das nicht der reine Pascal!« Und nach diesem nämlichen Sofa sendet Frau Eviza hinter kaum geöffneten Lidern hervor einen Blick, der alles gewährt, alles verspricht, was Hoheit wünschen kann, vorausgesetzt nur, daß er sie besucht, an ihrem nächsten Empfangstage gesehen wird. Ach! Die Szene wechselt wohl, die Komödie bleibt sich immer gleich; Eitelkeit, Niedrigkeit, Geschmeidigkeit im Kriechen, das lakaienhafte Bedürfnis, sich platt auf die Erde zu werfen, sich zu demütigen! Mögen fürstliche Besuche nur kommen, wir haben in unsrer Rumpelkammer alles, was zu ihrem Empfange von nöten. »General!« »Hoheit?« »Ich werde gewiß zu spät zum Ballett kommen?« »Ja, weshalb brechen Hoheit denn nicht auf?« »Ich weiß nicht recht. ... es steht noch eine Ueberraschung bevor... man wartet nur ab, daß der Nuntius sich zurückzieht« ... Die wenigen Worte werden leise geflüstert, ohne daß Adjutant und Fürst sich ansehen, ohne daß ihre offiziellen Gesichter sich auch nur um ein Muskelzucken verändern. Kerzengerade und steif wie auf einer Parade oder im Vordergrund der kaiserlichen Loge im Theater Michel steht der General, den Arm in die Seite gestemmt, neben dem Diwan, auf welchem sein Gebieter, dessen näselndes Sprechen, langsame Bewegungen und feierliche Haltung er sich ganz und gar angeeignet, noch immer ausharren muß, weil der vor ihm stehende alte Réhu weder Platz nehmen, noch aufhören will zu sprechen und seine staubigen, modernden Erinnerungen fast eines Jahrhunderts vor dem Großherzog auszukramen. Er hat ja so viele Menschen gekannt, so viele Moden erlebt und selbst getragen, und je weiter etwas zurück liegt, desto deutlicher steht es noch vor ihm: »Ich habe das gesehen, ich.« Am Schluß jeder seiner kleinen Geschichten hält er einen Augenblick inne, sieht verloren ins Weite hinaus, der entfliehenden Vergangenheit nach, und fängt dann sofort mit einer andern Anekdote an. Jetzt war er in Brunay, bei Talma oder im Boudoir der Kaiserin Josephine mit seinen zahllosen Spieluhren und hüpfenden und flügelschlagenden Brillanten-Kolibris. Dann frühstückt er in der Rue de Babylone mit Frau Tallien; er schildert sie, mit der herrlichen bis zu den Hüften entblößten Gestalt und dem Kaschmirgewand, das sich eng um die klassisch geformten Beine schmiegt, die Schultern von den lang herabwallenden, gekräuselten Haaren bedeckt. Er hat sie gesehen, diese blendend schöne Spanierin mit dem schneeigweißen Leib und bei dieser Erinnerung kneift er die kleinen, wimperlosen, tief in ihren Höhlen liegenden Aeuglein zusammen. Draußen auf der Terrasse in der milden, würzigen Luft des Gartens wird mit halblauter Stimme geplaudert, ersticktes Lachen ertönt durch das Dunkel, in welchem brennende Cigarren wie Glühwürmchen leuchten. Lavaux macht sich den Spaß, zum Besten von Danjou und Paul Astier den jungen Nobelgardisten die Geschichte des Kardinalshutes und des »Zucchetto« erzählen zu lassen: »Pepino, sagt mir Monsignore ...« »Und die Dame, Graf, die Dame vom Bahnhof?« » Christo , wie ist sie gewesen bella !« sagt der Italiener mit dumpfer, gluterfüllter Stimme und setzt sofort, um das allzu Leidenschaftliche dieses Geständnisses zu verbessern, süßlich hinzu: » Simpatica , mehr noch simpatica !« Ach, sie sind ihm alle so sympathisch, diese schönen Pariserinnen, wenn ihn nur der Dienst nicht zurückriefe ... und da ihm die französischen Weine die Zunge gelöst, schildert er das Leben in der päpstlichen Garde, die Vorteile dieses Standes, die Aussicht auf eine glänzende Heirat, mit der jeder diese Laufbahn ergreift, die Hoffnung, eines Tages bei Gelegenheit einer päpstlichen Audienz eine reiche, katholische Engländerin oder eine fanatische Spanierin, die von Südamerika herübergekommen, um dem Vatikan ihre Huldigungen darzubringen, im Sturm zu erobern. »Sie müss' denken, daß die unifoma nostra sehr schön, und dann der Unglück des heiligen Vaters macht uns Soldat eine romanesco , ritterlich Ansehen, eine gewisse Sache, die signore meisten lieben und finden interessante ...« Und wirklich gemahnt er mit dem männlich schönen, jugendlichen Kopf, den im Mondlicht sanft flimmernden Stickereien, dem enganliegenden weißledernen Beinkleid an die Helden eines Ariost und Tasso. »Nun mein lieber Pepino,« sagte der dicke Lavaux mit seinem spöttischen Tone und dem bösen Hundeblicke, »was Sie da suchen, können Sie hier in nächster Nähe haben; Sie halten es in der Hand ...« » Come ! ... In die Hand! ...« Paul Astier fährt zusammen und spitzt die Ohren; so oft von einer reichen Heirat die Rede ist, hat er Angst, man könnte ihm die seinige wegschnappen wollen. »Die Herzogin, das will ich meinen!... Der alte Padovani treibt es nicht mehr lang; der jetzige Anfall wird wohl der letzte sein.« » Ma ... Fürst Athis?« »Der wird sie niemals heiraten ...« Lavaux ist dafür jedenfalls eine zuverlässige Quelle, denn er ist der Freund des Fürsten, freilich auch der der Herzogin, aber bei der nahe bevorstehenden Trennung dieses Bundes hat er sich auf die Seite gestellt, welche er für die dauerhaftere, nützlichere hält. »Steuern Sie nur geradeswegs darauf los, mein lieber Graf. ... Geld ist da, viel Geld, große Verbindungen nicht minder... die Frau noch nicht zu sehr vom Zahn der Zeit benagt ...« » Christo ! Sie sei bellisima ,« seufzte der junge Mann. » Simpatica , mehr noch simpatica !« kicherte Danjou. Der päpstliche Offizier sah einen Augenblick etwas verblüfft drein, dann stimmte er, ganz entzückt, mit einem so geistreichen Akademiker einer Ansicht zu sein, feurig bei: » Si, si ... simpatica precisamente ... ich habe auch gedacht.« »Und dann,« fuhr Lavaux fort, »wenn Sie Geschmack an Schönheitswassern, falschen Haaren, Panzern und derlei Dingen haben, so können Sie das zur Genüge finden ... man sagt, die schöne Frau stecke in Stahl und Eisen.« Er spricht laut, ohne sich den geringsten Zwang aufzuerlegen, gerade vor dem Speisesaale, durch dessen offenstehende Balkonthür ein Lichtstrahl auf sein gerötetes, cynisches Schmarotzergesicht eines Freigelassenen fällt, niedrige, gemeine Verleumdungen gehen aus dem Munde hervor, der eben die Trüffeln und Pasteten, alle Herrlichkeiten des prachtvollen Diners mit solchem Hochgenuß verspeist und verschluckt hat. So! Das hast du jetzt für deine farcierten Trüffeln, deine Haselhühner, deinen Bordeaux, das Glas zu zwanzig Franken! Sie führen es zu zweien aus, dieses in der Gesellschaft so beliebte Spiel des Heruntersetzens. Lavaux gibt das Stichwort aus, Danjou tritt die Sache breit, und an Stoff gebricht es ihnen nicht, sie wissen etwas zu erzählen. Der naive italienische kleine Graf weiß nicht recht, was er glauben soll und was nicht; er versucht zu lachen, aber das Bewußtsein, daß die Herzogin jeden Augenblick heraustreten und sie überraschen könnte, schnürt ihm die Kehle zu, und schließlich ist es ihm eine wahre Erlösung, als vom andern Ende der Terrasse die Stimme seines Onkels ertönt: »O! ... Pepino....« Die Nuntiatur begibt sich zeitig zur Ruhe und seit dem Mißgeschick mit dem Kardinalshut wird ihm strenge Buße auferlegt. »Gute Nacht, meine Herren.« »Viel Glück, junger Mann.« Der Nuntius ist fort, nun schnell die Ueberraschung! Auf ein Zeichen der Wirtin setzt sich der Komponist der Roxelane an den Flügel und schlägt, den langen Bart über die Tasten schleifend, ein paar weiche Accorde an. Sofort wird ganz im Hintergrunde ein Vorhang zurückgeschlagen, und durch die lange Reihe der lichtstrahlenden Salons trippelt in goldnen Schühchen auf den Zehenspitzen eine entzückende Brünette im Tänzerinnenkostüm mit gebauschten, fliegenden Röckchen, die ein düster blickender Mann mit kurzem Kraushaar, das bleiche Gesicht von einem steif gewichsten Schnurrbart in zwei Hälften geteilt, an der Hand führt. Déa, Déa, das Entzücken von Paris, das Modespielzeug, Déa, über die man den Verstand verliert, und mit ihr der Ballettmeister der großen Oper, ihr Lehrer Valère. Man hat heute abend die Roxelane der Oper vorangehen lassen, und noch glühend vom Triumph ihrer Sarabande erscheint die Kleine, um sie vor dem erlauchten Gaste der Herzogin ein zweites Mal zu tanzen. Eine angenehmere Ueberraschung hätte die ideale Freundin nicht ersinnen können. Welche Wonne, diese kleine Tüllwolke vor sich, für sich, fast in unmittelbarer Nähe umherwirbeln zu sehen, den Hauch ihres jungen, frischen Mundes zu fühlen, jeden Nerv des kleinen Geschöpfs sich anspannen zu sehen, wie die Leine eines Segels! Und die kaiserliche Hoheit ist nicht der einzige, der sie zu würdigen weiß: von der ersten Pirouette an haben sich die Herren herbeigedrängt und bilden einen dichten, enggeschlossenen Kreis von schwarzen Fräcken, während die wenigen anwesenden Frauen auf ein Zusehen aus der Ferne angewiesen sind. Der Großherzog verschwindet in dieser Menge, erhält seine Rippenstöße so gut wie jeder andre, denn je weiter der Tanz sich entwickelt, desto enger zieht sich der Kreis zusammen, so daß die Tänzerin Gefahr läuft, nicht mehr den nötigen Spielraum für ihre Bewegungen zu haben. Vorgebeugt, stark atmend, mit langgestreckten Hälsen, an denen die Großkreuze und Sterne wie Glöckchen baumeln, stehen Akademiker und Diplomaten, vor Freude den Mund aufreißend, daß man hinter den schmunzelnden Lippen Einblick in manchen entvölkerten Kiefer gewinnt, von Zeit zu Zeit fröhlich auflachend, daß es wie ein Wiehern klingt. Sogar der Fürst Athis gestattet der hochmütigen, weltverachtenden Linie seines Profils eine etwas menschlichere Biegung und läßt vor diesem Wunder von Jugend und Anmut, das mit der Fußspitze allen die Maske vom Gesicht gerissen, seine Blasiertheit etwas beiseite, und Murad Bey, der Türke, welcher den ganzen Abend den Mund nicht aufgethan hat und sich müde in seinem Fauteuil verkrochen, steht jetzt in erster Reihe, bläst die Nüstern auf und stößt widerliche Töne aus. Unter frenetischen Beifallsrufen fliegt und springt die leichte kleine Gestalt hin und her und weiß die ungeheure Muskelleistung ihres Körpers so wohl zu verbergen, vergessen zu machen, daß ihr Tanz wie eine natürliche Aeußerung der Lebensfreude, die Lustbarkeit einer Libelle erscheinen würde, wenn nicht auf dem reizenden weißen Nacken da und dort ein paar Schweißtropfen die Anstrengung verrieten und das gemachte schärfer und schärfer werdende, fast böse Lächeln von der Ermüdung des entzückenden kleinen Tierchens zeugte. Paul Astier, der am Tanze kein Vergnügen findet, ist auf der Terrasse geblieben, um zu rauchen. Aus der Ferne dringt das Geräusch des Händeklatschens und die hellen Klänge des Klaviers zu ihm herüber und bilden die Begleitung zu einer träumerischen Selbstbetrachtung, bei der sein inneres Auge allmählich immer klarer sieht, gerade wie er nach und nach, als er sich an die Dunkelheit gewöhnt hat, die Stämme der großen Bäume im Garten, ihr zitterndes Laubwerk, die feine, durchbrochene Arbeit einer Fassade im alten Geschmack, die in der Perspektive aus der hinteren Mauer sichtbar wird, unterscheidet. ... Wie schwer ist es doch, ans Ziel zu gelangen, wie viel Atem muß man nicht aufwenden, um zu erreichen, wonach man strebt, diesen Punkt, den man immer zu berühren, immer in Händen zu haben glaubt und der in jedem Augenblick höher, ferner rückt. ... Ein seltsames Wesen, diese Colette! Es gibt Momente, wo sie drauf und dran zu sein scheint, ihm in die Arme zu sinken, dann, wenn er wiederkommt, muß alles von vorn angefangen, die ganze Belagerung von neuem eingeleitet werden. Gerade, als ob jemand sich in seiner jeweiligen Abwesenheit ein Vergnügen daraus machte, sein Werk wieder zu zerstören. Aber wer? Der Tote? Zum Henker, dieser eklige Tote. ... Man müßte eben immer um sie sein, von morgens bis abends, aber wie das angreifen, wie es vereinen mit dem Getriebe, der lästigen Arbeit, dem Rennen und Jagen um das leidige Geld. Ein leichter Schritt, das Rauschen eines schweren Samtkleides; es ist seine Mutter, die ihn sucht, die seinetwegen in Sorge ist. Weshalb kommt er nicht in den Salon zu den übrigen? Sie stützt sich neben ihm auf die Balustrade und will wissen, was in ihm vorgeht, ihn bekümmert. »Nichts ... nichts . ...« Sie dringt stärker in ihn, fordert eine Antwort. Nun ja, er hat es eben satt, dies Nagen am Hungertuche! Nichts als protestierte Wechsel, nichts als Forderungen ... immer ein Loch verstopfen, um ein andres aufzureißen. ... Er ist fertig; er kann nicht mehr; das ist alles! Im Salon ertönt tolles Lachen, übermütige Rufe, man hört des Ballettmeisters harte Stimme heraus, wie er Dèa die Karikatur eines altmodischen Ballettes darstellen läßt: »Ein battement ... zwei battements . ... Amor sinnt nach, wie er den Diebstahl verüben soll ...« »Wie viel mußt du haben?« flüstert die Mutter, am ganzen Leibe zitternd. So hat sie ihn noch nie gesehen. »Wozu denn? Du kannst ja nicht... es ist zu viel, diesmal.« »Wieviel?« drängt sie ihn. »Zwanzigtausend ...« und zwar müßte die Summe morgen vor fünf Uhr beim Gerichtsvollzieher sein. ... Wenn nicht, so würde gepfändet, versteigert, kurz eine Menge widerlicher Dinge verhängt, die zu überleben er nicht im geringsten... er kaut wütend an seiner Cigarre und murmelt: »Lieber schieße ich mir eine Kugel vor den Kopf ...« Mehr braucht es nicht. »Schweige davon, ich bitte dich, schweige ... morgen vor fünf Uhr ...« und zwei bebende, leidenschaftliche Hände drücken sich auf seine Lippen, sie zu versiegeln, um das entsetzliche Wort des Todes von ihnen wegzuwischen, es auf ewig zu bannen. Sechstes Kapitel Sie schlief nicht in dieser Nacht, die entsetzliche Summe bohrte und wühlte in ihrem Gehirn wie ein scharfes Messer. Zwanzigtausend Franken! Zwanzigtausend Franken! Wo sie finden? An wen sich wenden? Und die Frist so kurz! Namen, Zahlen huschten blitzartig an dem Plafond, den das Nachtlicht mit seinem bläulichen Scheine erhellt, dahin, um sofort wieder zu verschwinden und andern Namen, andern Gesichtern Platz zu machen, die ebenso rasch wieder verblaßten. Freydet? Den hatte sie soeben benutzt. ... Samy? Hatte keinen Heller, ehe die Heirat zustande gebracht war. ... Ja, und dann? Kann man denn zwanzigtausend Franken entlehnen? Leiht irgend jemand zwanzigtausend Franken? Ein Dichter aus der Provinz möglicherweise. ... In Paris, in der »Gesellschaft« spielt das Geld nur eine sehr geheimnisvolle, unterirdische Rolle.... Man nimmt an, daß jeder welches hat, daß man wie in den vornehmen Komödien über die Niedrigkeit solcher Sorgen erhaben ist; diese Pflicht des Anstands nicht zu erfüllen, hieße sich selbst von der Gesellschaft ausschließen. Und während Frau Astier in fieberhafter Aufregung ihren Gedanken nachhing, hob und senkte sich der gewölbte Rücken ihres Mannes unter seinen regelmäßigen Atemzügen. Dreißig Jahre teilten sie denselben Raum und nichts war ihnen gemeinsam als das Betttuch, aber noch niemals hatte der Gleichmut ihres regungslosen Genossen sie so im Innersten empört, rasend gemacht. Ihn wecken, wozu? Ihm sagen, welche Gefahr über dem Haupt ihres Kindes schwebte, welche Drohung ihr Sohn ausgestoßen? Sie wußte ja nur zu gut, daß er nicht daran glauben, es kaum der Mühe wert finden würde, das Schilderhaus seines Rückens, hinter dem er sich immer verschanzte, umzuwenden. Einen Augenblick durchzuckte sie das Verlangen, über ihn herzufallen, ihn mit Faustschlägen, mit den Krallen zu bearbeiten und diesen Egoisten mit dem Rufe: »Dein Archiv brennt!« aus diesem selbstsüchtigen Schlafe zu reißen. Und als der Gedanke an dies Archiv ihr durch den Sinn fuhr, hätte wenig gefehlt, so wäre sie selbst aus dem Bett gestürzt. Gefunden, gefunden, die zwanzigtausend Franken! Da oben lagen sie, in dem Schreibtische! ... Wie war es nur möglich gewesen, daß sie nicht längst daran gedacht? ... Bis zum Tagesanbruch, bis zum letzten Aufzucken und Verglimmen des Nachtlichtes überlegte sie ihren Plan; ruhig geworden, regungslos, mit dem gierigen Blick einer Diebin in den weitgeöffneten Augen, lag sie da. Schon in aller Frühe war sie angekleidet und trieb sich rastlos im Hause umher, ihren Mann, der im Sinne gehabt, morgens auszugehen, sich dann aber anders entschlossen hatte und bis zum Frühstück an seinen Manuskripten ordnete, keine Minute außer Auge lassend. Mit Papieren beladen ging Leonard, wohlgelaunt und vor sich hinträllernd, zwischen dem Hängeboden und seinem Arbeitszimmer hin und her; er war viel zu dickhäutig, um die nervöse Unruhe, welche die Atmosphäre der engen Wohnung erfüllte, die sich jedem Stück Hausrat mitteilte, Thürklinken und Fenster ins Zittern brachte, zu fühlen. So schweigsam und ruhig er bei seiner Arbeit gewesen war, so gesprächig war er bei Tische, erzählte die dümmsten Geschichten, die sie alle auswendig kannte und die ebensowenig ein Ende nahmen; wie das Zerbröckeln des unvermeidlichen Auvergner Käse mit der Spitze des Dessertmessers, und jedesmal nahm er sich noch ein Stückchen Käse und jedesmal holte er noch eine Anekdote aus seiner Vorratskammer. Und wie qualvoll war die Langsamkeit, mit der er sich zu einer Sitzung des Institutes fertig machte, obwohl vor derselben noch die Kommission für das Wörterbuch tagte, welche Zeit er für die geringsten Kleinigkeiten verschwendete, trotzdem sie alles that, um ihn zur Eile zu drängen, ihn hinauszuschieben! Als er um die Ecke der Rue de Beaune war, lief sie, ohne auch nur das Fenster vorher zu schließen, an Corentines Schieberchen: »Rasch, einen Wagen!« Und jetzt endlich allein, flog sie die kleine Treppe zu dem schwebenden Archiv hinauf. Gebückten Hauptes, um nicht mit der Decke in unliebsame Berührung zu geraten, versuchte sie einen kleinen Bund Schlüssel an dem gemeinsamen Schlosse der verschiedenen Einzelfächer des Schreibtisches. Es ging nicht, die Zeit drängte und sie versuchte einfach eine der Leisten zu sprengen, allein ihre Kraft reichte nicht aus, sie zersplitterte sich die Nägel und ihre Hände zitterten. Sie mußte einen Hebel, irgend ein Instrument haben, suchend blickte sie umher, riß aufs Geratewohl die Schublade des Spieltisches auf und – da lagen die drei Briefe, die sie suchte, die drei Briefe Karl V., vergilbt und zerknittert wie sie waren, vor ihren Augen. Es geschehen noch Wunder! ... Sich bis zur Mitte des tiefliegenden Fensterchens herabbeugend, vergewisserte sie sich, daß es die richtigen waren. »An François Rabelais, Meister in allen Wissenschaften und Künsten.« Mehr las sie nicht; sie rannte sich den Kopf fürchterlich an die Decke, als sie sich hastig aufrichtete, fühlte aber erst, als sie schon in der Droschke saß, die sie zu Bos bringen sollte, etwas davon. Am Eingang in die Rue de l'Abbaye verließ sie ihren Wagen: die Straße war kurz und ruhig, im Schatten von Saint Germain des Près geborgen; vor den roten Backsteinbauten der älteren Teile des chirurgischen Institutes hielten ein paar elegante Coupés mit der glänzenden Livree der Herren Professoren. Wenige Menschen waren zu erblicken: ihr Schritt scheuchte die Tauben auf, welche ihre Körnchen sogar vom Trottoir wegpickten: sie stand an ihrem Ziele. Der Laden, der halb Buchhandlung, halb Kuriositätengeschäft war, entfaltete gerade dem Institut gegenüber sein archaistisches Wahrzeichen, das in diesem verborgenen Winkel des alten Paris so wohl an seinem Platz: »Bos, Zögling der Archivistenschule.« In dieser Auslage war so ziemlich von allem etwas: vergilbte Manuskripte, Hauptbücher mit halbverschimmelten Rändern, alte Meßbücher, die einst vergoldet gewesen, Buchklammern, Bücherhülsen, dann, an die hohen Scheiben angeklebt, Assignate, alte Maueranschläge, Pläne von Paris, Klagschriften, blutbefleckte Tagesbefehle an Wachtposten, Autographe jeder Art, ein Gedicht von Frau Lafargue, zwei Briefe von Chateaubriand an den Schuhmacher Pertuzé: Einladungskarten mit alten und neuen Berühmtheiten darunter, zuweilen auch Bettelbriefe, jammervolle Geständnisse von Not und Elend und vertrauliches Liebesgeplauder, so daß einem das Schreiben für alle Zeit entleidet werden konnte. An jedes Autograph war der Verkaufspreis angeheftet, und Frau Astier, die eine Weile vor dem Schaufenster stehen blieb, konnte neben einem mit dreihundert Franken ausgezeichneten Brief der Rachel, ein Billet von Astier-Réhu an seinen Verleger Petit Séquard erblicken, welches auf zweihundertfünfzig Franken taxiert war. Aber nicht darauf richtete sie ihre forschenden Blicke, was sie hinter dem grünseidenen Vorhängchen, welches das Innere des Ladens verbarg, zu erspähen suchte, war das Profil des »Zöglings der Archivistenschule«, des Mannes, mit dem sie es zu thun haben würde. Eine furchtbare Möglichkeit stieg plötzlich vor ihr auf: Wenn er nicht zu Hause wäre! Der Gedanke, daß Paul sie erwarte, drängte zum Handeln, sie öffnete die Thür und trat in die tiefe Dunkelheit, in den stauberfüllten Innenraum des Ladens, und nachdem man sie sofort in ein noch weiter hinten gelegenes Privatkabinett geführt, fing sie an, dem Herrn Bos, einem großen, breiten Manne mit rotem Gesicht, zerzaustem Haar und dem Kopfe eines Volksredner, ihre augenblickliche Verlegenheit zu erklären und ihm auseinanderzusetzen, daß ihr Mann sich nicht habe entschließen können, selbst zu kommen. Er ließ ihr nicht Zeit, ihre Erfindungskraft voll zu entfalten: »Ach bitte, bitte, gnädige Frau!« Und rasch ein Check auf die Lyoner Bank, Bücklinge, schöne Redensarten und persönliche Begleitung bis an ihre Droschke. »Wirklich eine vornehme Dame,« dachte er, hocherfreut über seinen Kauf, und sie sagte, als sie den im Handschuh geborgenen Check hervorzog, um die beglückende Zahl noch einmal zu lesen, halblaut vor sich hin: »Wirklich ein netter Mann!« Uebrigens war von Gewissensbissen, von jenem Unbehagen, das der bösen That nach der Vollbringung folgt, nicht die Rede: die Frauen kennen dergleichen nicht! Ganz von dem Bedürfnis des Augenblicks erfüllt, hat ihnen die Natur Scheuleder verliehen, die sie an allem Seitwärtsblicken verhindern und ihnen all die Reflexionen ersparen, mit denen sich der Mann seine entscheidenden Handlungen verdüstert. Von Zeit zu Zeit dachte sie wohl an den Zorn ihres Gatten, wenn er den Diebstahl entdecken und feststellen werde, allein das schwebte ihr nur undeutlich, in weiter Ferne vor, vielleicht war es ihr insgeheim eine Genugthuung, zu allem, was sie seit gestern innerlich erlebt und gelitten, auch noch diese Prüfung hinzu rechnen zu dürfen. »Auch das noch für mein Kind ... meinem Sohne zuliebe.« Denn unter ihrer ruhigen Außenseite, unter der Schale der akademischen Weltdame lebte bei ihr, was bei allen lebt, Weltdame oder nicht, die Leidenschaft. Der Gatte findet es nicht immer, dies Pedal, welches die weibliche Klaviatur in Bewegung setzt, auch der Liebhaber tritt häufig daneben, der Sohn nie. In dem traurigen Roman ohne Liebe, den das Dasein so vieler Frauen aufweist, ist er der Held, spielt er die große, einzige Rolle. Ihr Paul war es, dem Frau Astier, zumal seit er ein Mann geworden, die einzigen wahren Gemütsbewegungen ihres Lebens dankte, jene köstliche Angst der Erwartung, das Erblassen, Frieren, das Glühen und Prickeln der inneren Handfläche, jenes übernatürliche Erkennungsvermögen, welches, lange ehe der Wagen anhält, zur unfehlbaren Gewißheit macht: »Er ist's,« alle diese Erregungen, die ihr auch in dem ersten Jahre ihrer Ehe, selbst in der Zeit, als die Welt sie der Leichtfertigkeit anklagte und Leonard Astier harmlos zu äußern pflegte: »Sonderbar ... ich rauche doch niemals und alle die Schleierchen meiner Frau riechen nach Tabak ...« fremd geblieben waren. Ach, die wahnsinnige Unruhe, die über sie kam, als sie die Rue Fortuny erreicht hatte und der erste Druck auf die Klingel unbeantwortet blieb! Das vielbewunderte kleine Haus im Stil Ludwig XII., wie entsetzlich düster erschien es ihr nicht auf einmal, als es so vor ihr lag, stumm und verschlossen unter dem hohen zinngedeckten Dache, und nicht minder düster das damit verbundene, ebenfalls von Stil strotzende Gebäude, dessen beide oberen Etagen hinter den Fenstern große Plakate mit: »Zu vermieten ... Zu vermieten ...« zeigten. Beim zweiten Druck auf die Klingel, welche diesmal schrill und lange im ganzen Hause widerhallte, ließ sich endlich der Hitzkopf Stenne, ein kleiner Diener in großer Gala, eingezwängt in die himmelblaue Livree, blicken, und zwar stotterte derselbe mit ziemlich verlegener Miene seine Antworten her: »Allerdings sei Herr Paul zu Hause ... nur, daß ... ja, nur ...« Die unglückliche Mutter, vor welcher seit gestern abend unablässig das Schreckgespenst einer Gewaltthat stand, sah ihren Sohn in seinem Blute schwimmen, und den Vorsaal durcheilend, stieg sie drei Stufen zu seinem Salon-Atelier hinauf, das sie nach Atem ringend erreichte und betrat. Paul war an der Arbeit. Er stand aufrecht an einem hohen Tische in der tiefen Fensternische mit den prachtvollen gemalten Glasscheiben; durch einen offenstehenden Flügel fiel ein voller Lichtstrom auf die Tuscharbeit, die er eben begonnen, und den geöffneten Aquarellmalkasten, während der tiefer zurückliegende Teil des Raumes in einem duftigen, wohligen Halbdunkel lag. Er blieb so vertieft über sein Blatt gebeugt stehen, als ob er keinen Wagen anfahren, nicht zweimal die Klingel ertönen und kein Rauschen von Frauenkleidern auf dem Vorplatz vernommen hätte. Aber es war nicht dieses armselige, vertragene schwarze Kleidchen, was er erwartete, nicht für diese Besucherin hielt er die Profilstellung fest, in welcher er unverwandt auf seine Skizze blickte, nicht für sie waren die schlanken Büschel großer Blumen, Tulpen und Lilien in den Vasen verteilt und auch die schön geformte Schale und die geschliffenen Karaffen auf einem englischen Tischchen harrten nicht ihrer. Jede andre als seine Mutter hätte das aus dem Tone seines: »Du bist's?« herausgehört, aber sie achtete nicht darauf, sie war geblendet von seinem Anblicke, selig, ihn hübsch und elegant wie immer vor sich zu sehen, und ohne ein Wort zu sprechen, knöpfte sie hastig ihren Handschuh auf und reichte ihm triumphierend den Check. Er fragte nicht, woher das Geld komme, nicht, was es ihr gekostet habe, es ihm zu verschaffen, er zog sie nur zärtlich, wenn auch mit einiger Vorsicht, um das wertvolle Blatt Papier nicht zu zerknüllen, an sich her und flüsterte: »Mama, Mama,« und das war alles. Sie fühlte sich hinreichend belohnt dadurch, und doch empfand sie, daß im Wesen ihres Sohnes, statt der großen Freude, die sie erwartet hatte, eine gewisse Verlegenheit, etwas Gezwungenes herrschte. »Wohin gehst du von hier aus?« fragte er nachdenklich, den Check immer noch in der Hand. »Von hier aus?« Sie sah ihm überrascht, schmerzlich berührt in die Augen. Sie war ja doch eben erst gekommen, hatte so sehr darauf gerechnet, eine Weile behaglich bei ihm zu bleiben; freilich, wenn sie ihn störte.... »Wohin ich gehe? ... Zur Fürstin ... aber, es eilt gar nicht, oh! gar nicht ... sie ist wirklich ermüdend mit ihrem ewigen Gewinsel. Manchmal glaubt man, sie habe die Geschichte vergessen, dann fängt der teure Herbert plötzlich wieder zu spuken an.« Paul zögerte; es lag ihm auf der Zunge, etwas zu sagen, aber er sagte es nicht. »Willst du mir einen Gefallen thun, Mama? ... Ich muß hier jemand erwarten ... sei so gut und laß dir die Summe für mich auszahlen und löse meinen Wechsel beim Gerichtsvollzieher ein.... Willst du?« Ob sie wollte! Wenn sie etwas für ihn thun konnte, war sie da nicht um so länger mit ihm? Während er den Check unterschrieb, überflog der Blick der Mutter den mit Teppichen und Guipurevorhängen geschmückten Raum, in welchem außer einem X-Tisch in altem Nußbaum, einigen historischen Abgüssen und etlichen hier und da aufgehängten Bruchstücken von Gesimsen nichts an den Beruf des Bewohners gemahnte, und plötzlich wieder an ihre Qual und Angst von vorhin denkend, drängte sich ihr der Gedanke auf, daß diese langstieligen, künstlerisch angeordneten Blumen und der zierliche kleine Tisch mit Erfrischungen seltsame Vorbereitungen zu einem Selbstmord seien. Sie lächelte ohne alle Bitterkeit, ohne jeden Vorwurf.... »Ach, das niedliche Ungeheuer! ...« und begnügte sich, ihm zu bemerken, indem sie mit der Spitze ihres Sonnenschirmes lachend auf die mit Bonbons gefüllte Schale wies: »Alles, um dir eine Kugel ... wie hast du doch gesagt?« Auch er fing an zu lachen. »Oh! Seit gestern hat sich vieles umgestaltet.... Meine Angelegenheit, du weißt ja, die wichtige, von der ich dir gesagt. ... Nun, ich glaube, es wird jetzt endlich zum Klappen kommen....« »Ach! Gerade wie bei der meinigen. ...« »Ach so! ... Ja, ja, Samy ... die Heirat ...« Die hübschen falschen Augen beider von dem nämlichen harten Stahlgrau, die nur bei der Mutter etwas erloschen waren, kreuzten sich, tauchten einen Augenblick ineinander. »Du wirst schon sehen, wir wissen zuletzt gar nicht, was anfangen mit dem vielen Gelde ...« sagte er schließlich, und sie sanft hinausdrängend: »Rasch ans Werk, Mama ... eile dich.« An diesem Morgen hatte er ein Billet der Fürstin erhalten, in welchem sie ihn benachrichtigte, daß sie ihn abholen werde, um mit ihm »hinaus« zu fahren. Hinaus, das hieß auf den Père Lachaise. Seit einiger Zeit »spukte Herbert wieder«, wie Frau Astier richtig bemerkt hatte. Zweimal die Woche trug die Witwe Blumen nach dem Kirchhofe, Lampen, Betstühle für die Kapelle, trieb die Arbeiter zu erhöhtem Fleiße an und überwachte ihre Fortschritte. Die Sache war, daß nach langem, schmerzlichem Kampfe zwischen Eitelkeit und Liebe, zwischen dem Verlangen, Fürstin zu bleiben, und dem berückenden Zauber, den dieser Paul Astier auf sie übte – ein Kampf, der um so grausamer gewesen war, als sie keinen Vertrauten dafür gehabt als den armen Herbert, dem sie jeden Abend in ihrem Tagebuche ihr Herz ausgeschüttet hatte – Samys Ernennung zum russischen Botschafter durchschlagend gewirkt hatte, und daß sie es für passend hielt, den ersten Gatten endgültig zu bestatten, ehe sie einen zweiten beglückte, und dem Bau des Mausoleums wie dem vertrauten Verkehr mit seinem allzu verführerischen Erbauer ein Ende zu machen. Paul Astier nahm all' die Wandlungen und Wallungen dieses närrischen kleinen Herzens wahr und freute sich derselben, ohne ihre Ursache zu verstehen; er sah darin ein günstiges Symptom, die letzte Krisis vor der großen Entscheidung. Jetzt mußte die Lösung rasch herbeigeführt werden; er mußte sich diesen Besuch zu nutze machen, den Colette ihm längst zugesagt und immer wieder aufgeschoben hatte, als ob sie sich vor einem Alleinsein fürchte, das in seinem Hause ein viel vollständigeres sein mußte, als in ihrem Palaste oder Wagen, wo stets eine beobachtende Livree zugegen war. Nicht, daß er sich je kühn und zudringlich gezeigt hatte; daß er vielleicht ihre Hand etwas länger als unbedingt nötig festgehalten, ihr etwas näher gerückt, als strenge Höflichkeit gebot, war alles, was sich hervorheben ließe. Aber sie hatte Angst vor sich selbst und gab damit diesem vermessenen jungen Manne, der ein geschickter Stratege auf dem Felde der Liebe war und sie beim ersten Blicke in die Kategorie der offenen Städte verwiesen hatte, vollkommen recht. Was er mit diesem Ausdruck bezeichnete, waren die anscheinend so wohl geborgenen, mit Schutzwällen umgebenen, gegen Ost und West verschanzten, durch Berg und Strom geschützten hochgestellten Damen der großen Welt, die in Wirklichkeit mit einem Handstreich genommen werden. In diesem Falle plante er jedoch keinerlei Gewaltstreich, keine Ueberrumpelung; eine etwas lebhafte Annäherung, ein paar Stunden feuriger Huldigung und Liebeswerbens, gerade hinreichend, um seine Macht fühlen zu lassen, ohne jedoch die Frau zu demütigen, und dem Toten war ein für allemal der Abschied erteilt, die Hochzeit und die dreißig Millionen verstanden sich dann von selbst. Das war der beglückende Traum, in welchem Frau Astier ihren Sohn unterbrochen hatte und den er, sobald sie fort war, an dem nämlichen Tische, in der nämlichen sinnenden Haltung weiterspann, als die Hausglocke von neuem ertönte. Es folgte ein Durcheinanderreden, ein Zögern: ungeduldig riß Paul die Thüre auf: »Was gibt es?« Ein stattlicher Diener in schwarzer Trauerlivree, dessen Schatten lang hinausfiel auf die regenfeuchte Straße, erwiderte ihm mit respektvoller Unverschämtheit von ferne, daß die Frau Fürstin Herrn Astier im Wagen erwarte. Obwohl ihm die Kehle fast zugeschnürt war, hatte Paul Fassung genug, ein »Sofort« zu rufen, aber welche Wut tobte in ihm, wie viel unedle Schmähungen gegen diesen Toten, diesen ekelhaften, häßlichen Toten, der natürlich dasjenige war, was sie wieder zurückhielt, brummte er nicht vor sich hin. Sofort aber tauchte die Hoffnung auf eine vermutlich sehr drastische und ihm nahe bevorstehende Rache in ihm auf, und der Gedanke setzte ihn in den Stand, seinen Zügen ihren gewohnten kühlen Ausdruck wiederzugeben, mit welchem er dem Geheiß der Fürstin Folge leistete. Etwas blässer war er als sonst, im übrigen war von seinem Zorne nichts mehr Zu sehen. Es war sehr heiß in dem Coupé, dessen Fenster man wegen des plötzlichen Regenschauers hatte schließen müssen. Riesige Veilchensträuße, Blumenkränze, schwer wie Torten, füllten den Platz neben der jungen Witwe aus und lagen auf ihren Knieen. »Die Blumen sind Ihnen vielleicht unangenehm ... soll ich aufmachen?« fragte sie mit der anmutigen Heuchelmiene einer Frau, die uns einen bösen Streich gespielt hat und doch möchte, daß man ihr gut bleibt. Paul machte eine sehr würdevolle, ausweichende Gebärde. Ob die Fenster offen waren oder geschlossen, das war ihm ja doch ganz gleichgültig. Die Fürstin fühlte sich unter ihrem Witwenschleier, der für den Gang nach dem Kirchhofe immer wieder angelegt wurde und unter dem ihr Gesichtchen mit dem goldnen Heiligenschein rosig hervorleuchtete, nichts weniger als behaglich und hätte weit lieber Vorwürfe gehört. Sie war ja so grausam gegen diesen jungen Mann, ach! noch weit grausamer, als er ahnte.... Und die Hand sanft auf die Pauls legend, fragte sie mit weicher Stimme: »Sind Sie mir böse?« Er? Ganz und gar nicht. Weshalb sollte er ihr denn böse sein? »Weil ich nicht hineingekommen bin. ... Es ist ja wahr, daß ich es versprochen hatte ... aber im letzten Augenblick . .. ich dachte nicht, daß ich Ihnen weh thun würde.« »Und haben es doch so namenlos gethan.« Ach! Diese förmlichen, korrekten, zurückhaltenden Männer! Wenn sie sich einmal ein Wort der Empfindung entschlüpfen lassen, welche Bedeutung gewinnt es dann nicht im Herzen der Frau! Es bringt fast eine so große Wandlung hervor, wie wenn sie einen Offizier in Uniform weinen sehen. »Oh! Nein, nein ... ich bitte Sie ... seien Sie um meinetwillen nicht traurig ... sagen Sie mir, daß Sie mir nicht mehr böse sind.« Zu ihm hinübergebeugt, daß die Blumen von ihrem Schoß herabfielen, flüsterte sie ihm ihre Bitten zu, fühlte sie sich doch durch die zwei breiten schwarzen Rücken auf dem Kutschersitz unter ihren hohen Hüten mit schwarzen Kokarden, die ein großer gemeinsamer Regenschirm überspannte, vor jeder Gefahr geschützt. »Hören Sie mich, ich verspreche Ihnen, einmal zu kommen, einmal wenigstens, ehe ...« Sie hielt erschrocken inne, war sie doch in der Aufrichtigkeit ihres Bedauerns nahe daran gewesen, ihm ihre bevorstehende Trennung und ihre Abreise nach Petersburg zu verraten. Sich rasch fassend, gelobte sie ihm, an einem Nachmittag, wenn sie nachher nicht auf den Kirchhof gehen werde, überraschend bei ihm zu erscheinen. »Sie gehen ja jeden Tag auf den Kirchhof,« stieß er mit aufeinandergepreßten Zähnen in einem so komisch wirkenden Tone kalter Wut hervor, daß unter dem Schleier ein Lächeln über das junge Gesicht flog und sie hastig das Fenster öffnete, um ihre Haltung zu bewahren. Der Gewitterregen hatte aufgehört: ein heißer, fast sommerlicher Sonnenschein verkündete der ärmlichen und fröhlichen Vorstadtstraße, in die der Wagen eben eingelenkt hatte, daß der Jammer zu Ende, und glitt fröhlich über die schmierigen Ladenfenster mit ihren kläglichen Auslagen, über die kleinen Handkarren in den zu Bächen angeschwollenen Rinnsteinen, die buntbemalten Schilder und Maueranschläge und die Lumpen, die zu den Fenstern heraushingen. Gleichgültig und verständnislos, wie alle die Menschen, welche die Städte nur vom Wagenfenster, zwei Fuß hoch über dem Boden schwebend, kennen, blickte die Fürstin auf diese geringfügigen Einzelheiten des Straßenlebens. Das sanfte Wiegen in den Federn, die Undurchdringlichkeit ihrer Fensterscheiben macht, daß diese Bevorzugten von alle dem, was nicht auf gleicher Höhe mit ihrer Sehlinie ist, eine ganz besondre Anschauung erhalten. »Wie er mich liebt und wie gut er aussieht,« sagte sich die junge Frau im stillen. »Der andre« hatte allerdings etwas Vornehmeres, aber mit diesem wäre es doch weit hübscher gewesen. Ach! Auch das glücklichste Leben ist und bleibt doch immer Stückwerk, in dem die vollkommene Harmonie so wenig herzustellen, wie bei Tafelgeschirr, das nicht zusammenpaßt! Sie kamen in die Nähe des Friedhofes. Zu beiden Seiten des Weges erhoben sich die Bretterbuden der Marmorarbeiter, aus denen rohe Blöcke, Steinplatten, Figuren, Kreuze hervorragten, dazwischen das Goldgelb der Immortellen, Weihbilder und weiß und schwarze Kränze von Glasperlen. »Und Bédrine? Seine Figur ... wofür entscheiden wir uns?« unvermittelt, im Tone eines Mannes, der entschlossen ist, einzig und allein von Geschäften zu sprechen, stellte Paul Astier seine Frage. »Ja, ich ... nämlich ...« ganz trostlos brach sie in die Worte aus: »Ach! Mein Gott, jetzt muß ich Ihnen abermals weh thun ...« »Mir ... weshalb denn?« Gestern waren sie beide wieder bei Bédrine gewesen, um den Paladin, ehe er in die Gießerei gesandt wurde, ein letztes Mal zu sehen. Schon bei ihrem ersten Besuche war der Eindruck, den die Fürstin empfangen, ein leidiger gewesen, freilich weniger durch den Anblick des Kunstwerkes, das sie kaum ins Auge gefaßt hatte, als durch den dieses wunderlichen Ateliers, in welchem Bäume wuchsen, Eidechsen und Kellerasseln an den Wänden entlang huschten und ringsum Trümmer, eingestürzte Decken und geborstene Pfeiler von Feuersbrunst und Revolution zeugten. Von dieser zweiten Besprechung im Atelier war die kleine Frau buchstäblich krank und elend nach Hause gekommen. »Das Abscheulichste, was Sie sich denken können, meine Liebe... fürchterlich!« so hatte ihr wahres Urteil gelautet, das sie aber nur Frau Astier, nicht aber deren Sohn anzuvertrauen wagte, denn einmal wußte sie, daß er ein Freund des Bildhauers war, andrerseits gehörte der Name Bédrine zu den wenigen, welche die vornehme Welt im Widerspruch mit ihrem wenigstens inneren Gefühl, ihrer Erziehung und Denkungsweise schrankenlos bewundert und auf den Schild hebt, ohne zu wissen, weshalb, einzig weil die Parole von seiner künstlerischen Originalität einmal ausgegeben ist. Diese unförmliche, plumpe Figur auf der Ruhestätte ihres Herbert! ... Nein, nein ... das durfte nicht sein ... und doch fand sie keinen Vorwand, unter welchem sie es hätte abwenden können. »Unter uns gesagt, Herr Paul ... ohne Zweifel, ist die Figur ja als Kunstwerk herrlich ... gewiß, gewiß, ein wunderschöner Védrine . .. aber, Sie müssen doch zugeben, daß ... daß es ein wenig traurig ist!« »Nun ... für eine Grabstätte?« »Und dann ... ich weiß nicht, wie ich Ihnen das sagen soll.« Stotternd, zögernd gestand sie, daß dieser völlig unbekleidete Mann auf seinem Feldbett ihr nicht recht schicklich vorkam, daß man glauben könnte, er sei Porträt. »Und Sie müssen bedenken, mein armer Herbert, der in allem so korrekt, so zurückhaltend war. ... Wie würde denn das den Leuten vorkommen?« »Allerdings, wenn ich mir's überlege« ... bemerkte Paul sehr ernsthaft und seinen Freund Védrine über Bord gleiten lassend, wie man einen Wurf junger Katzen ersäuft. »Schließlich, wenn diese Figur Ihnen mißfällt, so nimmt man eben eine andre, oder – gar keine. Vielleicht würde es von der allerergreifendsten Wirkung sein, das leere Zelt, das bereitstehende Lager, und niemand ...« »O! Welches Glück!« rief die Fürstin begeistert, ganz selig bei dem Gedanken, daß man den häßlichen nackten Schläfer nicht zu sehen bekommen werde. »Wie reizend von Ihnen! Ach! Jetzt kann ich es ja gestehen – ich habe die ganze Nacht darüber geweint.« Als sie an der Friedhofpforte angelangt waren, nahm der Bediente wie jedesmal die Kränze aus dem Wagen und folgte mit denselben in einiger Entfernung, während Colette und Paul in sengendem Sonnenschein den vom Gewitterregen aufgeweichten Pfad hinaufwandelten; sie hatte seinen Arm angenommen und stützte sich darauf, von Zeit zu Zeit sich entschuldigend: »Ich mache Sie wohl müde ...« was er mit einem wehmütigen Lächeln verneinte. Es war leer auf dem Friedhofe. Ein Gärtner, ein Aufseher grüßten die hier so wohlbekannte Fürstin ehrfurchtsvoll, als sie aber den Hauptweg verlassen, die oberen Terrassen überschritten hatten, umgab sie völlige Einsamkeit und tiefer Schatten; nichts war zu vernehmen als Vogelgezwitscher und hie und da ein Meißelschlag oder das Knirschen einer Steinsäge, ein Geräusch, das auf dem Pére Lachaise, dieser nie ausgebauten, allezeit im Wachsen begriffenen Totenstadt, niemals verstummt. Zwei oder dreimal hatte die junge Frau den ärgerlichen Blick aufgefangen, welchen ihr Begleiter von Zeit zu Zeit nach dem hochgewachsenen Lakaien im langen schwarzen Ueberrock mit der Trauerkokarde am Hute, diesem unvermeidlichen düsteren Gefährten ihrer Liebe, warf, und bestrebt, ihm alles zu Gefallen zu thun, wie sie es heute war, bat sie ihn plötzlich, etwas zu warten. Sie belud sich selbst mit den Blumen und Kränzen, entließ den Diener und gleich darauf waren sie durch eine Biegung der Allee den Blicken desselben entrückt und völlig allein. Diese liebenswürdige Aufmerksamkeit reichte jedoch nicht hin, die finster zusammengezogenen Augenbrauen zu glätten, und da Paul an seinem freigebliebenen linken Arm nun selbst drei oder vier Blumenräder von russischen Veilchen, Immortellen, persischem Flieder hängen hatte, steigerte sich sein Zorn gegen den Verstorbenen immer noch, und: »Du sollst mir das bezahlen,« war der Gedanke, den er wutschnaubend bei sich wiederholte. Sie dagegen war von einem seltsamen Glücksgefühl durchbebt, erfüllt von jenem selbstsüchtigen Jugend- und Gesundheitsbewußtsein, das an der Stätte der Toten zuweilen über uns kommt. Vielleicht auch, daß die Hitze des Tages, diese duftende Blumenmasse, deren feiner Hauch sich dem stärkeren Gerüche des Buchses und Taxusbaumes, dem Dunste der vom Regen dampfenden Erde und einem andern, ihr wohlbekannten, durchdringenden, scharfen, widerlichen Gerüche, der sie aber heute nicht trostlos stimmte, wie sonst, zugesellte, eine betäubende, berauschende Wirkung auf sie hatten. Plötzlich durchlief sie ein Beben. Der junge Mann hatte ihre Hand, die auf seinem Arme lag, ergriffen, er hielt sie fest, er preßte sie an sich, er umschlang sie, wie die Gestalt einer Frau, diese kleine Hand, die nicht den Mut hatte, sich ihm zu entziehen. Er wollte die niedlichen Finger auseinanderziehen, um die seinigen dazwischen zu schieben, sie ganz zu besitzen, aber das Händchen leistete Widerstand, es ballte sich krampfhaft zusammen: »Nein, nein ... nicht so!« und indes gingen sie ihres Weges weiter, eins neben dem andern, ohne zu sprechen, ohne sich anzusehen, bewegt, erschüttert, denn auch in der Liebeslust kann das Allerkleinste alles bedeuten. Endlich ergab sie sich, that sich auf, diese kleine zusammengekrallte Hand, und beider Finger schlangen sich ineinander, daß sie ihre Handschuhe fast zersprengten: eine selige Minute des Gewährens und Gestehens, des vollkommenen Besitzes. Aber augenblicklich erwachte der Stolz der Frau; sie wollte sprechen, an Tag legen, daß sie unberührt geblieben, daß alles fern von ihr geschehe, ja, daß sie ganz und gar nichts davon wisse, und da sie nichts zu sagen fand, las sie laut die Inschrift eines liegenden epheuumschlungenen Grabsteines: »Augusta, 1847«, und, heftig atmend, flüsterte er: »Die Geschichte einer Liebe, ohne Zweifel.« Die Amseln zwitscherten über ihren Häuptern und die Meisen ließen ihren Ton hören, der ein wenig knarrend ist, wie das Geräusch der Bauarbeiten, das aus der Ferne herüberdrang. Sie gelangten an die zwanzigste Abteilung, jenen Teil des Friedhofes der das Alt-Paris des Père Lachaise ist, wo die Wege schmäler, die Bäume höher, die Gräber enger aneinandergereiht sind, ein wirres Durcheinander von Gittern, Säulen, griechischen Tempeln, Pyramiden, Genien, Büsten, Engeln, mit geöffneten oder gesenkten Flügeln. Von diesen alltäglichen oder barocken, originellen, einfachen, pathetischen, anspruchsvollen und bescheidenen Grabstätten, die sich so gut voneinander unterschieden, wie ihre stillen Bewohner sich im Leben unterschieden haben mochten, zeigten die einen glatt und rein gehaltene Platten, mit Blumen bestreut, mit Weihbildern geschmückt und von farbenprangenden kleinen Miniaturgärten chinesischen Geschmackes umgeben. Bei den andern waren die moosigen, mit Brombeergestrüppe und hohem Grase umwachsenen steinernen Ruhekissen mit Grün bedeckt und zersprungen, alle aber zeigten sie bekannte Namen, echte Pariser Namen: Notare, Magistratspersonen, hervorragende Leute aus der Geschäftswelt, die hier wie in dem Handelsviertel und dem Justizgebäude ihren Vortritt behaupteten, und vielfach Doppelnamen, die Verbindung zweier Familien, in denen sich Reichtum uns Stellung einte, vollwertige Unterschriften, die, nachdem sie von der Börse, vom Giro der Banken verschwunden, nun unveränderlich und sicher auf den Gräbern eingehauen standen. Und die Fürstin las dieselben: »Ach! Der auch . .. o und der« ... mit dem nämlichen Tone freudiger Ueberraschung, wie man im Bois de Boulogne einen bekannten Wagen begrüßt. »Mario? ... Ist das der Sänger?« ... und das alles nur, um vorgeben zu können, daß sie von dem engen Umschlungensein ihrer beiden Hände keine Ahnung habe. In ihrer Nähe knirschte plötzlich die Gitterthüre eines Familiengrabes und eine rundliche, frisch aussehende, große Dame ward sichtbar, die, ihr Gießkännchen in der Hand, hier den kleinen Haushalt der Toten versah, das Gärtchen pflegte, die Kapelle rein hielt, alles gelassen und unbefangen, als ob sie sich weit von Paris in einem ländlichen Hüttchen befände. Ueber die Umzäunung herüber nickte sie den beiden einen Gruß zu, dem ein gutes, liebevolles, für sich selbst entsagendes Lächeln beigesellt war, das zu sagen schien: »Habt euch nur recht lieb; das Leben ist kurz, und das ist das Beste, was wir drin haben.« Verlegen lösten sie ihre Hände, und plötzlich von dem bösen Zauber befreit, eilte die Fürstin in großer Verwirrung voraus und schritt, um abzuschneiden, quer über einige Gräber nach dem Mausoleum des Fürsten. Dasselbe nahm auf der höchsten Stelle der »zwanzigsten« ein großes mit Rasen und Blumen bedecktes Grundstück ein, welches von kunstvollem schmiedeisernen Gitterwerk im Stil des Gitters am Grabe der Scaliger in Verona eingefaßt war. Gewollterweise war der Gesamteindruck, welcher durch das schlichte Zelt mit den rauhen, schwerfälligen Falten des Segeltuches, dem der dalmatische Granit einen rötlichen Ton verlieh, bestimmt wurde, ein herber, ernster, schlichter. Drei breite Stufen von diesem Gestein, dann that sich die Zeltöffnung auseinander, auf jeder Seite stand ein Fußgestell in schwarzer glänzender Bronze mit einem hohen Dreifuß für die Totenfackel. Ueber dem Eingange prangte das Rosensche Wappen in reicher Umrahmung, ebenfalls in Bronze ausgeführt, und hing so gleichsam als Schirm und Schild über dem Zelte des wackeren entschlafenen Ritters. Nachdem sie das Gitter geöffnet, die Kränze an die beiden Dreifüße und an die abgerundeten Steinknäufe verteilt, die wie riesige Zeltpflöcke auf dem Fundament ruhten, kniete die Prinzessin vor dem Altar im Hintergrunde nieder, ganz in dem tief beschatteten Winkel, aus dem die silbernen Fransen zweier Betstühle, das matte Gold eines gotischen Kruzifixes und schwere massive Armleuchter hervorschimmerten. Es war eine gute Stätte zum Beten hier auf den glatten, kühlen Fliesen, mit der schwarzen Marmoreinlage, von der sich der Name des Fürsten samt all seinen Titeln goldfunkelnd abhob, auf der andern Seite Verse aus dem Prediger und den Psalmen. Aber heute waren es leere Worte, welche die Fürstin zerstreut und voll Scham über die Gedanken, die sich unabweislich aufdrängten, hermurmelte. Sie stand wieder auf, machte sich mit den Blumen zu schaffen, trat einige Schritte weg, um die Wirkung des Sarkophagbettes zu beobachten. Schon lag das Kopfkissen aus schwarzer Bronze mit silbernem Namenszug, und sie fand es schön und einfach, dies harte Lager ohne etwas darauf. Und dennoch mußte sie sich noch einmal eingehend mit Herrn Paul, den sie auf dem Kies des Gärtchens wartend auf und ab gehen hörte, besprechen, und indem sie im stillen seiner bescheidenen Zurückhaltung Anerkennung spendete, schickte sie sich an, ihn herbeizurufen, als das Gewölbe sich plötzlich verdüsterte. Der Regen fiel klatschend auf die kleeblattförmigen Glasfenster der Kuppel. »Herr Paul ... Herr Paul!« ... Unbeweglich auf einer der Stufen sitzend, ließ er die Flut sich ruhig über ihn ergießen und lehnte es durch eine stumme Handbewegung ab, Folge zu leisten. »Aber so kommen Sie doch herein!« Er schüttelte den Kopf und sagte hastig und leise: »Ich will nicht ... Sie lieben ihn zu sehr!« ... »Doch, doch, Sie müssen kommen.« Sie zog ihn mit der Hand unter die schützende Wölbung des Daches, aber die schweren Tropfen, die von vorn hereindrangen, zwangen die beiden, sich allmählich bis zu dem Sarkophage zurückzuziehen, an den sie sich stehend, eng aneinander gedrängt, lehnten und von wo sie unter dem tief hängenden, düsteren Gewölk das Alt-Paris der Totenstadt überblickten, das, an dem vor ihnen liegenden Abhange hinunter gelagert, mit seinen Minarets, seinen grauen Steinfiguren und seiner Masse von niederen, wie Druidendenkmäler im grünen Dickicht verborgenen Grabsteinen zu ihren Füßen sich ausbreitete. Kein Laut, kein Vogelgesang, kein Geräusch von Werkzeugen, nichts als das Rieseln des Wassers auf allen Seiten, und unter der Schutzhütte eines im Bau begriffenen nahe gelegenen Monumentes zwei eintönige Stimmen von Werkleuten, die sich über das Elend und die Sorgen der Arbeit aussprachen. Die Blumen dufteten betäubend in der heißen Luft, wie sie bei Gewitterregen im bedeckten Räume entsteht, und darein mischte sich immer und immer jener unbestimmbare Geruch. Die Fürstin hatte ihren Schleier zurückgeschlagen, mit trockenen Lippen fühlte sie sich, wie vorhin in der Allee betäubt, einer Ohnmacht nahe. Und in ihrer Unbeweglichkeit waren die beiden schweigenden Gestalten so ganz ein Teil des Grabmals, daß ein rostfarbiges Vögelein vertrauensvoll hereinkam, seine regennassen Flügelchen schüttelte und einen kleinen Wurm von der Steinplatte aufpickte. »Eine Nachtigall,« klang Pauls Stimme leise durch das schwüle, beengende Schweigen. Sie wollte fragen: »Singen die denn in diesem Monat noch?« Aber er hatte sie umschlungen, sie am Rande des Granitlagers auf seine Kniee gezogen, und ihr Köpfchen zurückbiegend, drückte er einen langen, wonnigen Kuh auf die halbgeöffneten Lippen, die ihn glühend zurückgaben. »Denn Liebe ist stark wie der Tod,« sagte der Spruch des Hohenliedes, der über ihren Häuptern in Marmor gegraben stand. Als die Fürstin zurückgekehrt war in die Rue de Courcelles, schluchzte sie, von den Armen des Sohnes in die der Mutter übergehend, die ihr freilich ebensowenig Sicherheit boten, wie die des ersteren, lange und krampfhaft an der Schulter der ihrer harrenden Frau Astier und strömte das Uebermaß ihrer Verzweiflung in vielfach unterbrochenen, halberstickten, unverständlichen Worten aus. »Ach! Meine liebe Freundin, wie unglücklich bin ich ... wenn Sie wüßten... wenn Sie eine Ahnung hätten ...« Ihr Jammer war ebenso groß wie ihre Hilflosigkeit, angesichts dieser unentwirrbar schwierigen Lage. – Offiziell verlobt mit dem Fürsten Athis, hatte sie sich von diesem Herzenbezwinger, diesem Zauberer, diesem Hexenmeister, den sie von ganzer Seele verwünschte, hinreißen lassen. Und das Grausamste an der Sache war, daß sie der zärtlichen, verständigen Freundin ihre Schwachheit nicht gestehen, ihr Herz nicht ausschütten konnte, denn sie wußte wohl, daß die Mutter sich nach dem ersten Worte ihres Bekenntnisses auf die Seite des Sohnes und gegen Samy, auf die Seite des Herzens gegen die Vernunft stellen und sie möglicherweise zu dieser nicht standesgemäßen Heirat, diesem nicht auszudenkenden Herabsteigen moralisch zwingen würde. »Ja was ist denn? ... Mein Herzchen! ...« sagte Frau Astier, ohne sich über diese Schmerzensausbrüche groß aufzuregen. »Sie kommen vom Kirchhofe, denke ich mir; Sie haben sich wieder einmal hinein gesteigert.... Schließlich, muß ich doch sagen, meine liebe Artemisia ...« und die schwachen Seiten dieser eiteln Natur genau kennend, zog sie diese ins Unendliche verlängerte Schaustellung des Schmerzes ins Komische, zeigte ihr, daß dieselbe vor der Welt lächerlich und auf alle Fälle der Schönheit nicht zuträglich sei. Ja wenn es sich um eine zweite Neigungsheirat handelte, allein hier war es doch vornehmlich die Verbindung zweier großer Namen, die Verschmelzung zweier gleichwertiger Titel, die sich anbahnte.... Herbert selbst, wenn er vom Jenseits auf sie herniedersah, konnte nur befriedigt darüber sein. »Ach! Das ist wahr! Er verstand mich ja in allem, mein armer Freund!« schluchzte Colette, Fürstin Rosen, geborene Sauvadon, der das Botschafteramt sehr am Herzen lag, mehr noch aber die Beibehaltung ihres Fürstinnentitels. »Hören Sie mich an, Kindchen, wenn Sie einen guten Rat wollen ... machen Sie, daß Sie fortkommen, fliehen Sie.... Samy reist in acht Tagen ... warten Sie nicht auf ihn, nehmen Sie Lavaux mit, er kennt Petersburg und wird Sie trefflich unterbringen und alles besorgen. Ganz abgesehen davon, daß Sie auf diese Weise einer peinlichen Szene mit der Herzogin entgehen – und Sie wissen ja, diese Korsen sind zu allem fähig – wäre dies allein das Richtige.« »Abreisen? Ja ... vielleicht....« Die junge Witwe erblickte darin hauptsächlich ein Mittel, sich weiteren Zudringlichkeiten zu entziehen, das, was »da draußen« geschehen, ihre eigne Verirrung einer Minute, von sich wegzuschieben. »Das Grab?« fuhr Frau Astier fort, ihr Zögern in dieser Weise deutend. »Das Grab macht Ihnen Sorge? Ach! Das wird Paul schon allein fertig bringen.... Aber nicht weinen, süßes Herz! Die Thränenschauer kleiden Sie ja, aber allzu viel Feuchtigkeit macht schließlich schimmelig.« »Puh! ... Dieser Athis hat keine Ahnung, was es mich kostet, ihn glücklich zu versorgen!« seufzte die mütterliche Freundin, als sie bei einbrechender Dunkelheit den Rosenschen Palast verlassen hatte und auf den Omnibus wartete. Das Gefühl großer Ermüdung, ein übermäßiges Bedürfnis nach Ruhe, die sie nach so vieler Fronarbeit dringend nötig hatte, brachte ihr plötzlich ins Gedächtnis, daß ja das Schlimmste und Angreifendste ihr noch bevorstand: das Heimkommen, die Szene. Sie hatte noch nicht Zeit gehabt, den Punkt ernstlich ins Auge zu fassen; jetzt eilte sie der Entscheidung entgegen, jede Drehung des Rades an dem schwerfälligen Rumpelkasten brachte sie diesem Ziele näher. Sie schauderte im voraus, nicht vor Angst, nein! Aber das Geschrei, die Wut, die laute, gemeine Stimme Astier-Néhus, die Antworten, die man ihm geben mußte, und dann der Koffer! Der Koffer, der unfehlbar wieder aufs Tapet kam! Mein Gott, wie greulich.... Und sie, übermüdet von der schlaflosen Nacht, von dem aufregenden Tage.... Konnte denn die Geschichte nicht wenigstens bis morgen verschoben werden? Sie fühlte sich versucht, den Verdacht auf irgend jemand anders zu lenken, nicht sofort zu gestehen: »Ich war es....« Tenssèdre zum Beispiel könnte man die Schuld aufhalsen, nur bis morgen früh natürlich; dann hätte sie doch wenigstens eine ruhige Nacht. »Ach! Da sind Sie ja... na, bei uns geht's zu!« sagte Corentine, hastig die Thüre öffnend, ganz bestürzt und verwirrt, mit hoch geröteten Pockennarben, wie es ihr bei großen Gemütsbewegungen zu geschehen pflegte. Frau Astier wollte eilig nach ihrem Zimmer gehen, allein die Studierstube that sich auf und ein gebieterisches: »Adelaide!« zwang sie einzutreten. Leonard empfing sie und der Schein seiner Lampe zeigte ihr, daß seine Züge einen ganz seltsamen Ausdruck trugen. Er nahm ihre Hände, zog sie ans Licht, küßte sie auf beide Wangen und sprach mit bebender Stimme: »Loisillon ist gestorben.« Nichts! Er wußte noch nichts, hatte sein Archiv noch nicht berührt; seit zwei Stunden ging er mit großen Schritten in seinem Arbeitszimmer auf und ab, voll Ungeduld, sie heimkehren zu sehen, ihr die große Nachricht mitteilen zu können, deren drei Worte ihr beider Leben umgestaltete: »Loisillon ist gestorben.« Siebentes Kapitel. Fräulein Germaine von Freydet Clos-Jallanges. »Deine Briefe stimmen mich ganz trostlos, Schwesterchen, Du langweilst Dich, Du leidest, Du möchtest mich bei Dir haben – ja, aber wie das möglich machen? Bedenke doch den Rat meines Meisters: ›Zeigen Sie sich.... Sie müssen gesehen werden ...‹ Ja meinst Du denn, ich könne in Clos-Jallanges in Jagdgamaschen und Juppe meine Kandidatur fördern? Denn das ist außer Zweifel, die Sache steht uns nahe bevor. Loisillon nimmt augenscheinlich jeden Tag mehr ab und ich nutze diesen zögernden, langsamen Kampf zwischen Leben und Tod, um mir in den Kreisen der Akademiker Sympathieen zu schaffen, die hernach zu Stimmen werden sollen. Léonard Astier hat mich schon verschiedenen der Herren vorgestellt; ich hole ihn oft nach der Sitzung ab und es gibt nichts Köstlicheres, als solch ein Nachhauseweg vom Institut: all diese Männer fast ebenso bejahrt wie berühmt, in Gruppen von dreien und vieren, Arm in Arm, lebhaft, strahlend, laut sprechend, das ganze Trottoir in Beschlag nehmend, die Augen noch feucht vom Lachen über die gelungenen Witze, die sie da drin gehört und erlebt. ›Dieser Pailleron, der Satanskerl, so sprudelnd! ... Und wie Danjou ihm's heimgegeben hat! ...‹ Ich, ich hänge mich wie eine Klette an Astier-Réhus Arm, und im Gefolge der Unsterblichen erscheine ich selbst wie ein solcher. Allmählich zerstreuen sich die einzelnen, an einer Straßenecke, an der Brücke trennt man sich: ›Donnerstag also! Daß Sie ja nicht fehlen ...‹ heißt es. Und ich gehe mit meinem alten Lehrer nach der Rue de Beaune; er macht mir Mut, gibt mir allerhand Ratschläge, und des Erfolges sicher, sagt er mit seinem breiten, behaglichen Lachen: ›Sehen Sie mich an, Freydet, um zwanzig Jahre bin ich jünger, wenn ich da herauskomme!‹ »Spaß beiseite, ich glaube wahrhaftig, die Kuppel konserviert. Wo fände man sonst einen so leichtfüßigen, beweglichen Greis wie Jean Réhu, dessen achtundneunzigsten Geburtstag wir gestern abend bei Voisin gefeiert haben? Es war ein Einfall von Lavaux, diese Festlichkeit, die mich zwar ihre zwölfhundert Franken gekostet hat, mir aber Gelegenheit gab, meine Streitkräfte zu zählen. Wir waren unsrer fünfundzwanzig, lauter Akademiker bis auf Picheral, Lavaux und mich; siebzehn oder achtzehn Stimmen habe ich sicher, die übrigen sind noch im Schwanken, aber mir doch günstig. Das Diner war vortrefflich, gut serviert, Stimmung angeregt und heiter. »Ach, weil ich gerade dran denke – ich habe Lavaux für die Ferienzeit des Institutes Mazarin, an dem er Bibliothekar ist, nach Clos-Jallanges gebeten. Man kann ihm das große Zimmer im Vorsprung bei der Fasanerie geben. Ich halte eigentlich nicht viel von ihm, von diesem Lavaux, aber haben muß man ihn, er ist ja das Zebra der Herzogin. Habe ich Dir schon erzählt, daß unsre Damen darunter einen Junggesellen verstehen, der Hausfreund, unbeschäftigt, behende, verschwiegen, allezeit bei der Hand, immer sprungbereit ist und all die heikleren Aufträge, zu denen sich ein Diener nicht verwenden läßt, besorgt und übernimmt? Eine Art von Läufer und Vermittler zwischen den Mächten, genießt das Zebra zuweilen, wenn es noch in jugendlichem Alter steht, auch süßen Lohn, in der Regel aber zeigt sich das Haustier äußerst anspruchslos und mäßig, leicht zu ernähren, nimmt mit der kleinsten Gunst vorlieb, begnügt sich mit einem Platze am Tischende und der Ehre, mit seiner Dame und ihrem Salon renommieren zu dürfen. Lavaux muß meiner Ansicht nach bei seinem Amte noch etwas mehr herausgeschlagen haben. Er ist sehr gewandt und geschickt und trotz der gutmütigen, harmlosen Maske gefürchtet: als erster Küchenjunge in der akademischen wie in der diplomatischen Garküche – so nennt er sich selbst – macht er mich auf alle Schlagbäume und Fußangeln aufmerksam, mit denen der Weg ins Institut verlegt ist und von deren Vorhandensein mein Meister Astier bis auf den heutigen Tag keine Ahnung hat. Er, das gute große Kind, hat die Höhe erstiegen, ohne rechts und links zu blicken, ohne Ahnung der Gefahren, den Blick unverwandt auf die Kuppel geheftet, der eignen Kraft und seinem Werke vertrauend, und würde hundertmal den Hals gebrochen haben, wenn nicht seine Frau, die Klügste unter den Klugen, ihn, ohne daß er's wußte, geführt und geleitet hätte. »Lavaux hat mich ganz davon abgebracht, meine ›Gedanken eines Landmanns‹, jetzt, vor dem nächsten Freiwerden eines Fauteuils, zu veröffentlichen. ›Nein, nein,‹ sagte er mir, ›Sie haben vollkommen genug gethan ... ja, wenn Sie zu verstehen geben könnten, daß Sie mit Ihrer Produktionskraft zu Ende, daß Sie nicht mehr arbeiten, fertig sind, einfach ein gebildeter Mann, so ... die Akademie sieht das lieber als alles.‹ Das stimmt vollkommen zu Picherals unbezahlbarer Warnung: ›Bringen Sie ihnen keine Bücher.‹ Ich merke jetzt, daß man um so mehr Aussicht hat, je weniger Werke man geliefert. Dieser Picheral hat großen Einfluß; auch den werden wir diesen Sommer bei uns haben; ein Zimmer im zweiten Stock, vielleicht die frühere Vorratsstube, Du wirst ja sehen. Nicht wahr, meine arme Germaine, das ist viel Unruhe und Getriebe für Dich in Deinem Zustande? Aber, wie soll ich's ändern? Es ist schon widerwärtig genug, keine Winterwohnung in Paris zu haben und nicht bei sich empfangen zu können wie Dalzon, Moser und meine andern Mitbewerber. Ach! Pflege Dich doch, mach, daß Du gesund wirst! »Um auf mein Diner zurückzukommen, so war bei demselben natürlich viel von der Akademie die Rede, von den Wahlen, dem was man dabei zu thun hat, dem Ueblen und dem Guten, was das Publikum darüber denkt. Nach der Ansicht unsrer Unsterblichen sind alle, welche die Akademie schlecht machen, einer wie der andre, arme Schlucker, die man nicht hereingelassen hat, und was die Fälle betrifft, in denen es wirklich unerklärlich zu sein scheint, daß einer vergessen worden, so liegt immer ein triftiger Grund vor. Und als ich schüchtern den Namen unsres großen Landsmannes Balzac nannte, wurde Desminières, der Romanschreiber und frühere Arrangeur der Charaden in Compiègne, ganz ärgerlich: ›Balzac! Ja, haben Sie ihn denn gekannt? Wissen Sie denn, wovon Sie da sprechen, mein Herr? ... Von der Lumperei, dem Vagabundentum! ... Balzac, mein Herr, war ein Mensch, der nie zwanzig Franken in der Tasche gehabt hat ... ich weiß das ganz genau, aus dem Munde seines Freundes Frédéric Lemaitre. ... Nie zwanzig Franken . . und Sie hätten gewünscht, daß die Akademie. ...‹ Der alte Jean Réhu, der, die Hand am Ohr, verstanden hatte, daß von Diäten die Rede sei, hat uns dann den hübschen Streich seines Freundes Suard erzählt, der am 21. Januar 93, am Tage der Hinrichtung des Königs, in die Akademie kam und die Abwesenheit sämtlicher Kollegen dazu benutzte, die zweihundertvierzig Franken Sitzungsgeld in seine Tasche zu stecken. »Er erzählt gut, der alte Papa, mit seinem: ›Ich habe das erlebt‹ ... und wäre ohne seine Taubheit ein prächtiger Gesellschafter. Auf einen kleinen Toast in Versen, den ich ausbrachte und in dem ich sein Alter und seine Frische feierte, hat der wackere Mann mir sehr wohlwollend geantwortet und mich seinen ›lieben Kollegen‹ genannt. ›Zukunftskollege‹ hat ihn mein Lehrer Astier verbessert, und dieser Titel wurde mir von allen gegeben, als sie sich sehr herzlich mit vielsagendem, warmem Händedruck und einem: ›Auf Wiedersehen‹ ... ›Auf demnächst‹ ... das sich auf meinen bevorstehenden Besuch bezog, von mir verabschiedeten. Abgeschmacktes, dummes Zeug, diese akademischen Besuche, aber jeder hat es einmal durchgemacht. Astier-Réhu hat mir auf dem Heimwege vom Voisinschen Diner erzählt, daß der alte Dufaure ihn bei Gelegenheit seiner Wahl zehnmal kommen ließ, ohne ihn anzunehmen. Nun, der Meister setzte seinen Kopf darauf, vorgelassen zu werden, und beim elften Besuche wurden die Thüren sperrangelweit vor ihm aufgerissen. Man muß nur wollen. »Wenn Ripault-Babin oder Loisillon mit Tode abgingen – beide sind lebensgefährlich krank, aber ich rechne bei Ripault-Babin mit mehr Zuversicht darauf – so wäre mein einziger Mitbewerber, um den es sich ernstlich handeln könnte, Dalzon. Talent, Vermögen, intimes Verhältnis zu den Herzögen, einen vortrefflichen Keller, das alles hat er für sich; gegen sich nur eine kürzlich aufgedeckte Jugendsünde: ›Splitternackt‹, ein Bändchen von sechshundert Verszeilen, das in Eropolis seiner Zeit anonym herausgekommen und gehörig schlüpfrig sein soll! Man sagt, er habe alles aufgekauft und in die Papiermühle befördert, aber einige Exemplare mit Widmung und Namensunterschrift von seiner Hand sind noch im Umlauf. Der arme Dalzon protestiert, setzt sich zur Wehr und haut um sich wie ein Teufel, und die Akademie hüllt sich in Schweigen, zieht sich zurück, bis die Enquete zu Ende. Deshalb hat mir mein alter Lehrer gestern abend, ohne näher darauf einzugehen, sehr ernsthaft erklärt: ›Für Herrn Dalzon werde ich nicht mehr stimmen.‹ Die Akademie ist ein Salon, das muß man sich vor allen Dingen klar machen und nicht außer Auge lassen. Nur im Gesellschaftsanzug und mit unbefleckten Händen findet man Einlaß. Jedenfalls achte ich meinen Gegner zu hoch und bin zu ritterlich, um mich geheimer Waffen zu bedienen, und ich habe Fage, den Buchbinder von der Cour des Comptes, den sonderbaren Buckligen, den ich zuweilen in Védrines Atelier treffe und der über alle Kuriositäten im Buchhandel unterrichtet ist, gründlich abfahren lassen, als er mir anbot, mir eins der mit Namen gezeichneten Exemplare von ›Splitternackt‹ zu verschaffen. ›Dann bekommt es Herr Moser,‹ erwiderte er, ohne sich im geringsten aus der Fassung bringen zu lassen. »Was Védrine anbetrifft, so bin ich einigermaßen in Verlegenheit und meine Stellung ist keine leichte. In der herzlichen Aufwallung unsrer ersten Begegnungen habe ich ihm das Versprechen abgenommen, mit Kind und Kegel zu uns aufs Land zu kommen. Wie soll ich nun aber seinen Besuch mit der Anwesenheit der Astiers, Lavaux und der andern, die ihn alle nicht ausstehen können, vereinen? Er ist solch ein rauhborstiger, origineller Kerl! Kannst Du Dir einen Begriff davon machen, daß er von Adel ist, ein Marquis von Védrine, und daß er schon auf der Schule in Louis le Grand das kleine Beiwort weggelassen und verleugnet hat, um das ihn in dieser demokratischen Zeit, wo alles um Geld zu haben ist, nur das nicht, so viele beneiden würden. Sein Grund? Er will um seiner selbst willen geliebt und beurteilt werden – nun mach Dir einen Vers dazu! Mittlerweile hat die Fürstin Rosen den für die Grabstätte ihres Gatten ausgehauenen Paladin, von dem in diesem Künstlerhause, wo Schmalhans oft die Küche regiert, so viel die Rede war, einfach abgelehnt. ›Wenn wir den Paladin verkauft haben, schenkt mir der Papa ein Schaukelpferd‹, pflegte der kleine Junge zu sagen, und auch die arme Mutter rechnete auf den Paladin, um ihre leeren Schränke ein bißchen besser zu füllen, indes Védrine davon träumte, den Erlös aus dem Meisterwerke in einer dreimonatlichen Nilfahrt auf einer Dahbieh anzulegen. Nun wohl und gut – der Paladin ist weder verkauft noch bezahlt, wird letzteres vielleicht einmal, Gott weiß wann, nach einem langweiligen Urteilsspruch von sachverständigen Schiedsrichtern; wenn Du aber glaubst, daß die Leutchen dadurch aus ihrer Behaglichkeit gerissen seien, so täuschest Du Dich sehr. Als ich am Tage nach der betrüblichen Nachricht in die Cour des Comptes kam, fand ich meinen Védrine glückselig, strahlend vor einer aufgespannten riesigen Leinwand, auf welche er den seltsamen Urwald seiner Ruinen in großen Zügen hinwarf; hinter ihm stehend Frau und Kinder, in voller Begeisterung, und Frau Védrine sagte mir ganz leise, im höchsten Ernst, indem sie ihr kleines Mädchen auf den Armen wiegte: ›Wir sind jetzt so froh ... endlich hat sich mein Mann an die Oelmalerei machen können.‹ Soll man da lachen oder weinen? »Lieb Schwesterherz, das Abgerissene, Unklare dieses Briefes wird mehr als alles andre dazu angethan sein, Dir eine Vorstellung zu geben von dem fieberhaften Zustande, in welchen die Vorbereitungen für meine Bewerbung mich versetzen. Ich besuche die ›Jours fixes‹ der einen, wie der andern, Diners, Gesellschaften aller Art, ja weil ich jeden Freitag mit treuem Pflichteifer in ihrem Salon bin und am Dienstagabend im Théatre français mich in ihrer Loge zeige, macht man mich schon zum Zebra der guten Frau Ancelin. Jedenfalls ein etwas ländliches, ungeschlachtes Zebra trotz der Veränderungen, die nach allen Seiten, im gelehrten und weltmännischen Sinne mit meiner Person vor sich gegangen sind. Du kannst Dich entschieden auf einiges Ueberraschende gefaßt machen, wenn ich nach Hause komme. Letzten Montag war Empfangsabend im Hotel Padovani, nur für einen engeren Kreis, und ich hatte die Ehre, dem Großherzog Leopold vorgestellt zu werden. Seine Hoheit haben mir über mein letztes Buch und alle früheren viel Schmeichelhaftes gesagt; er scheint meine Sachen so genau zu kennen, wie ich selbst – diese Ausländer sind doch merkwürdige Leute! Am wohlsten ist mir's aber immer bei den Astiers, in dieser einfachen, patriarchalischen Familie, die unter sich so ganz ein Herz und eine Seele ist. Neulich kam nach dem Frühstück ein neuer Akademikersfrack für den Meister vom Schneider und wir haben ihn anprobiert: wir, sage ich, denn er bestand darauf, die Palmen und ihre Wirkung an mir zu begutachten. Ich habe also den Frack angezogen, den Hut aufgesetzt und den Degen angelegt, einen wahrhaftigen richtigen Degen, der aus der Scheide geht und in der Mitte eine kleine Rinne für das abfließende Blut hat, und, meiner Seele, ich habe Eindruck gemacht auf mich selbst! Erzählt sei Dir's, um Dir zu zeigen, wie vertraulich ich mit ihnen stehe. »Wenn ich dann in meine ruhige, kleine Gasthofszelle zurückkehre und es zu spät ist, um Dir zu schreiben, so wird noch ein wenig ›punktiert‹. Auf der vollständigen Liste aller Akademiker, die ich mir beigelegt habe, bezeichne ich mir die, von denen ich weiß, daß sie für mich sind, und die, welche zu Dalzon halten. Ich ziehe ab, zähle zusammen, die Sache macht einem wirklich besondern Spaß. Du sollst nur sehen; ich werde Dir's zeigen. Es ist also, wie ich Dir sagte, Dalzon hat die Herzöge auf seiner Seite, aber der Historiker des Hauses Orleans, der in Chantilly Zutritt hat, wird mich in Bälde dort einführen. Gefalle ich – und ich lerne zu dem Zweck die Geschichte einer Schlacht bei Rocroy auswendig, Du siehst, Dein Bruder wird ein ganz durchtriebener Geselle! – so verliert der Verfasser von ›Splitternackt‹, Eropolis, seine zuverlässigste Stütze. Was meine politischen Ueberzeugungen betrifft, so werde ich mich natürlich wohl hüten, sie zu verleugnen. Ich bin Republikaner; allerdings kann man darin auch zu weit gehen. Vorläufig aber bin ich vor allem Kandidat. Zu meiner Germaine gedenke ich nach dieser kleinen Reise baldmöglichst heimzukehren und bitte sie, sich nicht zu quälen, nicht ungeduldig zu werden und der Freude des nahenden großen Tages eingedenk zu sein. Ja, Schwesterchen, wir werden hineinkommen, in den ›Gänsepferch‹, wie dieses Zigeunerblut von einem Védrine sich ausdrückt, aber Mut gehört dazu, Ausdauer und Geduld. Dein Bruder, der Dich sehr lieb hat, Abel von Freydet.« »Ich mache meinen Brief noch einmal auf: die Morgenblätter bringen die Nachricht vom Tode Loisillons. Diese Schicksalsschläge erschüttern uns, selbst wenn wir sie lange vorhergesehen haben. Welch ein großer Verlust für die französische Wissenschaft, wie unsäglich traurig! Mein armes Schwesterlein, nun muß die Heimfahrt abermals aufgeschoben werden. Bringe die Sache mit den Pächtern ins reine. Bald sollst Du Nachricht haben.« Achtes Kapitel Dieser Loisillon sollte nun einmal in allem Glück haben, folglich auch in der Wahl seiner Sterbestunde. Acht Tage später und die Salons wären geschlossen, Paris auseinander gestoben, die Abgeordnetenkammer vertagt, die Akademie in Ferien gewesen und einige Vertreter der zahlreichen gelehrten Gesellschaften, deren Vorsitzender oder Schriftführer er war, hätten ihm in Gemeinschaft der Diätenausträger des Instituts allein die letzte Ehre erwiesen. Findig, wie er seiner Lebtage gewesen, trat er seine letzte Reise gerade zur günstigsten Stunde an, am Vorabende der großen Preisverteilung, in einer ganz unbesetzten Woche ohne Verbrechen, ohne Duell, ohne großen Prozeß oder politische Katastrophe, einer Woche, in der das Schauspiel der Leichenfeierlichkeit des Sekretärs der Akademie die einzige Zerstreuung der Pariser abgab. Auf mittags zwölf Uhr war die Totenmesse angeordnet, und schon lange vor dieser Zeit bewegten sich ungeheure Menschenmassen um Saint-Germain des Près her; die Zufahrt war gesperrt, nur die Wagen der Eingeladenen hatten das Recht, auf den Platz zu fahren, von dem ein strenges Regiment führender, in regelmäßigen Zwischenräumen aufgestellter Kreis von Stadtsergeanten das Publikum fern hielt. Was Loisillon gewesen, was er in den siebzig Jahren, die er unter ihnen gelebt, gethan und geleistet, was der silbergestickte Anfangsbuchstabe auf dem feierlichen schwarzen Behäng zu bedeuten hatte, das wußten in dieser wogenden Menschenmenge nur wenige, aber die Entfaltung der Polizeimacht, der weite Raum, der für den einen toten Mann frei gelassen wurde, das machte Eindruck. Durch die Entfernung, durch gähnenden leeren Raum drückt sich ja allezeit Majestät und Ehrfurcht aus! Das Gerücht, daß alle möglichen berühmten Männer und auch Damen von der Bühne sich einfinden werden, hatte sich verbreitet, und die Maulaffen feilhaltende Pariser Volksmenge gab den plaudernd in Gruppen vor der Kirche Umherstehenden alle möglichen Namen. Hier war es, unter der schwarz ausgeschlagenen Vorhalle, wo man die Totenklage um Loisillon hören mußte, die wahre, aufrichtige, nicht die, welche bald darauf am Montparnasse gesprochen werden sollte; hier vernahm man über den Mann und seine Leistungen die wirkliche Kritik, die von den morgen in der Zeitung stehenden Artikeln wesentlich verschieden war. Die Leistungen waren: »Eine Reise nach dem Andorrathal« und zwei Berichte, die zur Zeit, als Loisillon Leiter der Beaux Arts gewesen, in der Staatsdruckerei herausgegeben worden waren. Seinem innersten Wesen nach war er der Typus eines durchtriebenen Winkeladvokaten gewesen, mit gekrümmtem Lakaienrücken, geistlos, winselnd, mit dem stehenden Ausdruck des um Verzeihung Bittens, um Verzeihung für seine Ehrenkreuze, seine Palmen, seinen Platz in der Akademie, wo seine etwas gaunerhafte Gewandtheit ihn zum Vermittler und Bindeglied zwischen so vielen verschiedenen Elementen, deren keinem man ihn beigesellen konnte, werden ließ; um Verzeihung für sein außerordentliches Glück, für den der Nichtigkeit, der schweifwedelnden Niedrigkeit eingeräumten Vorzug. Man erinnerte sich gegenseitig an einen Ausspruch, den er bei Gelegenheit eines akademischen Diners gethan, wo er sich, eine Serviette überm Arme, am Tische zu schaffen gemacht und ganz stolz ausgerufen hatte: »Gott, was für einen vortrefflichen Bedienten hätte ich gegeben!« Das wäre die richtige Grabschrift für ihn! Und während man über die Nichtigkeit dieser Existenz tiefsinnige Betrachtungen anstellte, ward diesem Nichts, diesem unbedeutenden Menschen im Tode noch ein Triumph zu teil. Ein Privatwagen nach dem andern rollte an der Freitreppe der Kirche heran; die langen braunen oder blauen Ueberröcke der herrschaftlichen Diener flogen, flatterten, schleiften an der Erde und kehrten die Vorhalle unter dem Geräusch herabgelassener Wagentritte und zugeworfener Thüren; die Gruppen der Berichterstatter der Presse wichen ehrfurchtsvoll vor der stolzen hohen Gestalt der Herzogin Padovani auseinander: Frau Ancelin erschien blühend wie immer in ihrer Kreppwolke, Frau Eviza, deren langgeschlitzte Augen unter dem Schleier glühende, versengende Blicke schossen, die einen Cato vom Pfade der Tugend abzulenken vermocht hätten, die ganze Gemeinschaft der Gläubigen, die frommen, eifrigen Priesterinnen und Anhängerinnen der Akademie, fanden sich ein, weniger um dem Gedächtnis des verstorbenen Loisillon eine Ehre anzuthun, als um ihre Götzenbilder zu betrachten, diese von ihnen auf den Altar erhobenen, von ihren geschickten kleinen Händen geformten Unsterblichen, diese wahrhaftigen Erzeugnisse weiblicher Handarbeit, auf welche sie all ihr brach liegendes Vermögen an Stolz, Ehrgeiz, Schlauheit, Willenskraft verwendet hatten. Unter dem Vorwande irgend einer Stiftung für die Waisen dramatischer Künstler, deren Vorstand der Tote gewesen, erschienen die Schauspielerinnen, in Wahrheit aber führte sie nichts andres her als das in allen brennende Verlangen, mit dabei zu sein, zur Gesellschaft zu gehören. Und als sie nun kamen, aufgelöst in Schmerz, pathetisch und tief ergriffen, war man versucht, sie für die nächststehenden aller Leidtragenden zu halten. Plötzlich thut sich ein Wagenschlag auf, schwarze Schleier wälzen sich heraus, hilflos, schwankend, ein Jammerbild, dessen Anblick kaum zu ertragen ist. Die Witwe? Nein! Marguérite Oger, die große dramatische Künstlerin, deren Erscheinen an allen Enden des Platzes stürmische Erregung, erneute Versuche, sich vorwärts zu drängen, Rippenstöße und Quetschungen zur Folge hat. Von der Vorhalle fliegt ein Herr von der Presse ihr entgegen, drückt ihr die Hände, reicht ihr stützend den Arm und spricht ihr Mut ein. »Ja, ja ... Sie haben recht. Ich werde stark sein.« Die Thränen verschluckend und das Taschentuch heftig auf die Augen pressend, tritt sie, oder vielmehr hält sie ihren Einzug in das düstere Mittelschiff der Kirche, in dessen Tiefe die Kerzen flimmern, sinkt neben den andern Damen auf einem Betstuhl in die Kniee, kraftlos, im Schmerze versinkend. Nach einer Weile richtet sie sich, immer noch schwach und jammervoll, ein wenig auf und fragt eine neben ihr knieende Kollegin: »Wie viel ging gestern im Vaudeville ein?« »Viertausendzweihundert!« erwidert die Freundin, ebenfalls im Tone tiefsten Schmerzes. In der Menge verloren und schier erdrückt, hörte Freydet, der sich ganz hinten befand, alles um sich rufen und sagen: »Marguérite! ... Das ist Marguérite! ... Ach, wie hübsch sie hineingegangen ist. ...« Allein seine Kleinheit war ihm in diesem Falle sehr hinderlich und er mühte sich vergeblich, sich Bahn zu brechen, als eine Hand sich auf seine Schulter legte: »Was, noch in Paris? ... Die arme Schwester wird nicht sehr vergnügt darüber sein. ...« Zu gleicher Zeit riß ihn Védrine mit sich fort, gebrauchte seine kräftigen Ellbogen als Ruder und teilte das Menschengewoge, das er um Haupteslänge überragte, mit der Bemerkung: »Gehören zur Familie, meine Herren ...« und lotste den Provinzler, der über diese Begegnung einerseits von Herzen froh, andrerseits etwas verlegen war, weil der Bildhauer nach seiner Art sich laut und unumwunden aussprach, glücklich bis in die erste Reihe der Schaulustigen. »Hm! Hm! Dieser Glückspilz, der Loisillon.... Gerade so viel Leute wie bei Béranger ... das muß unsrer hoffnungsvollen Jugend ja das Wasser im Munde zusammenziehen.« Plötzlich, als er Freydet beim Herannahen des Leichenzugs den Hut abnehmen sah, sagte er: »Du siehst ja ganz anders aus ... was hast du denn mit dir angefangen? Dreh dich doch ... ja, du Unglückseliger, du siehst ja wie Ludwig Philipp aus? ... Der Schnurrbart war abrasiert, die Haare zum Toupé frisiert und das gute, sonnengebräunte, rötliche Gesicht des Dichters, der seine kleine Person mit feierlicher Steifheit stramm aufgerichtet hielt, strahlte zwischen kunstvoll zugestutzten, ergrauenden Kotelettes. »Ach! Ich begreife ...« lachte Védrine, »den Kopf hast du dir für die Herzöge, für Chantilly zurechtstutzen lassen. ... Die Akademie hat dich also immer noch nicht losgelassen? ... Aber so sieh dir doch nur dies Fastnachtsspiel an....« Es war ein entsetzliches Schauspiel, das sich auf dem weiten, von Menschen gesäuberten Platze im hellen Sonnenschein dem Auge darbot: hinter dem Leichenwagen kamen die Mitglieder des Büreaus der Akademie, und es war, als ob man eine grausame Wette gemacht hätte, die lächerlichsten Greisengestalten zu diesem Behuf auszulesen, welche in dem von David gezeichneten Kostüme, dem Frack mit den grünen Stickereien, dem dreieckigen Hut, dem Galadegen, der an so mißbildeten Beinen herumbaumelte, wie David sie jedenfalls nicht vorausgesetzt hatte, noch häßlicher aussahen, als sonst wohl. Gazan war der erste, den Hut quer über den unregelmäßigen, eckigen Schädel, und das helle Pflanzengrün des Frackes ganz geeignet, die Erdfarbe der fetten, schuppigen Rüsseltiermaske noch hervorzuheben. Neben ihm der düstere, himmellange Laniboire, mit dem bläulich gefleckten Gesichte und dem vom Schlage schief gezogenen Hanswurstmunde; er verbarg seine Palmen unter einem Ueberrock, der ihm zu kurz war und die Spitze des Degens und die Frackschöße frei ließ, was ihm, im Verein mit dem spitzen Hute, das Ansehen eines Leichenvorgängers verlieh, wenn er sich auch an Anstand und Würde beileibe nicht mit dem Pedell messen konnte, der, den Ebenholzstab in der Hand, dem Büreau voranschritt. Andre folgten, Astier-Réhu, Desmininières, einer wie der andre mit beklommener Miene, verlegen, beschämt, durch demütige Haltung um Entschuldigung bittend für das Groteske ihrer Ordenstracht, die in dem kalten, feierlichen, gewissermaßen historischen Lichte ihres Kuppelsaales noch annehmbar war, hier aber im Alltagslichte, auf offener Straße, mitten im Leben drin, jeden Zuschauer lächeln machte wie ein Affenputz. »Wahrhaftig! Man möchte doch gleich eine Handvoll Nüsse unter sie werfen, um sie auf allen vieren danach haschen zu sehen. ...« Aber Freydet vernahm diese ruchlose Aeußerung seines gefährlichen Begleiters nicht mehr. Er drückte sich unbemerkt von seiner Seite weg, mischte sich unter das Leichengefolge und schritt mit demselben zwischen zwei Reihen Soldaten mit Gewehr bei Fuß hindurch in das Innere der Kirche. Eigentlich bedeutete Loisillons Tod ja für ihn eine große Freude; persönlich gekannt hatte er ihn nicht, und ihn in seinen Werken zu lieben, war etwas schwierig, da solche nicht vorhanden; das einzige, wofür er ihm Dank schuldig, war eben nur sein Tod, der so gerade zur rechten Zeit einen Sitz in der Akademie frei machte. Trotzdem aber verfehlte dieser Trauergang, gegen den der eingeborene Pariser durch die Gewohnheit abgestumpft ist, auf ihn seine Wirkung nicht; diese Spaliere von Soldaten, den Tornister auf dem Rücken, das dumpfe Aufschlagen der Gewehrkolben auf den Steinfliesen, das auf einen Ruck, wie aus einer Hand erfolgte – ein schneidiger kleiner Lieutenant, blutjung, in einem Stehkragen bis an die Ohren steckend und noch weit entfernt, an seine Bequemlichkeit zu denken, kommandierte diese Beisetzung und betrieb seine Aufgabe als erste Feldherrnthat – die Trauermusik, die schwarz verhüllten Trommeln, das alles erfüllte ihn mit ehrfurchtsvoller Rührung, und wie immer, wenn eine lebhafte Empfindung sich seiner bemächtigte, strömten ihm die Verse von selbst zu. Es war ein schöner Anfang, ein großartiges, packendes Bild der Verwirrung, der inneren Bangigkeit, der geistigen Dunkelheit und Verdüsterung, die das Erlöschen eines seiner großen Männer in der Atmosphäre eines Landes zurückläßt. Er unterbrach sich aber in seinem schöpferischen Sinnen, um Danjou einen Platz anzubieten, der, sehr verspätet, unter einem Kreuzfeuer weiblicher Blicke und allgemeinem Geflüster eingetreten war, den harten, stolzen Kopf hochtragend und gewohnheitsmäßig von Zeit zu Zeit mit der flachen Hand darüber streichend, jedenfalls, um sich zu vergewissern, ob der künstliche Haarboden an seiner richtigen Stelle sitze. »Er hat mich nicht erkannt ...« sagte sich Freydet, verstimmt durch den vernichtenden Blick, mit dem der Akademiker diesen Wurm, der es gewagt hatte, ihm ein Zeichen zu machen, in den Staub zurück verwies, »vermutlich mein Backenbart...«, und da der Strom der Verse nun schon abgelenkt war, machte sich der Kandidat wieder daran, seinen Schlachtplan zu entwerfen, seine Besuche zu überdenken und den offiziellen Brief, welchen er an den Sekretär zu richten hatte. Freilich war der ja jetzt tot ... ob Astier-Réhus Ernennung wohl noch vor den Ferien erfolgen würde? Und wann die Neuwahl? Die Frage beschäftigte ihn bis in ihre geringsten Einzelheiten, bis auf den Frack; sollte er Astier-Réhus Schneider nehmen oder nicht? Und lieferte dieser Schneider zugleich auch Degen und Hut? » Pie Jesu, Domine  ...« eine herrliche Opernstimme stieg hinter dem Altar auf und bat um Frieden für Loisillon, den der Gott der Barmherzigkeit offenbar furchtbar zu martern im Sinne haben mußte, denn in allen Tonarten und Registern, Einzelstimmen und Chor ertönte es durch die Kirche: »Ruhe für ihn, Ruhe o Gott! ... Laß ihn im Frieden schlafen nach so viel Aufregung und Streit und Widerstreit! ...« Und auf diesen Gesang mit seiner unwiderstehlichen Traurigkeit antwortete aus dem Schiffe das Weinen der Frauen, beherrscht und übertönt von Marguérite Ogers tragischem Schluchzen, ihrem entsetzlichen, ergreifenden Schluchzen aus »Musidora«. All diese Klänge rührten dem guten Kandidaten ans Herz, andre Thränen, andre Schmerzen, andres Leid lebte in ihm wieder auf und gesellte sich zu diesem; er dachte an seine verstorbenen Lieben, an die Schwester, die ihm eine Mutter war, die es wußte, daß sie zum Tode verurteilt, die in all ihren Briefen davon sprach. Ach! – Ob sie auch nur den Tag seines Triumphes erlebte? ... Seine Augen strömten über, thränenblind stand er da und griff nach seinem Taschentuche. »Sie thun zu viel ... zu viel ... das glaubt Ihnen kein Mensch ...« kicherte die Fratze des dicken Lavaux an sein Ohr. Entrüstet wandte er sich um, allein die Stimme des jungen Offiziers kommandierte donnernd: »Gewehr – auf!« und die Bajonette klirrten an den Gewehren, während die Orgel dumpf grollend, den »Trauermarsch auf den Tod eines Helden« mächtig erklingen ließ. Nun begann der Zug sich nach dem Ausgang in Bewegung zu setzen, das Bureau wieder an der Spitze, Gazan, Lamboire, Desminières, sein guter Lehrer Astier-Réhu. Sie sahen jetzt stattlich aus, wie sie in dem geheimnisvollen Halbdunkel der Kirche, wo das lächerliche Papageigrün der Amtstracht mild abgetönt erschien, zu zwei und zwei das Schiff entlang schritten, langsam, zögernd, als ob sie sich nur höchst ungern in das grelle Tageslicht hinauswagten, von dem ein breiter Streifen durch das geöffnete Portal hereinfiel. Hinter ihnen die ganze Gesellschaft unter Vortritt ihres Dekans, des merkwürdigen Jean Réhu, der, in einem langen Ueberrock noch größer erscheinend, sein winziges braunes Köpfchen, das wie eine geschnitzte Kokosnuß aussah, hoch und steif trug und mit einem geistesabwesenden, verächtlichen Blicke die Ceremonie überflog, in dem deutlich zu lesen stand: »Ich habe das schon unzählbar oft mitgemacht!« Und wirklich mußte er in den sechzig Jahren, die er die Diäten der Akademie genoß, unzähligemal diese Psalmodieen gehört, Weihwasser auf ruhmbedeckte Katafalke gesprengt haben! Aber wenn dieser seinen Titel eines Unsterblichen in wunderbarer Weise rechtfertigte, so erschien sein Gefolge von Großvätern als eine wehmütige, stark aufgetragene Parodie desselben. Altersschwach, gebeugt, gekrümmt wie alte Obstbäume, mit bleiernen Füßen, schlotternden Beinen, gingen sie, da sie nicht geführt wurden, schwankend, unsicher, mit den Händen tastend ihres Weges, und ihre Namen, welche die Umstehenden sich zuraunten, riefen längst vergessene Werke ins Gedächtnis. Im Vergleich mit diesen aus dem Grabe Erstandenen, diesen »Urlaubern des Père Lachaise«, wie eine böse Zunge im Trauerzuge sie nannte, erschienen die übrigen Akademiker jugendlich: sie schritten, ihren Wuchs möglichst zur Geltung bringend, stramm dahin unter den begeisterten Blicken der Frauen, die versengend durch die schwarzen Schleier drangen, durch das Gewoge der Menschenmasse, zwischen den Tschakos und Tornistern der erstaunten Krieger. Auch dieses Mal erfolgte auf den Gruß, den Freydet an zwei oder drei »Zukunftskollegen« richtete, nur ein kaltes, verächtliches Lächeln, wie es uns in bangen Träumen zu widerfahren pflegt, daß unsre liebsten Freunde uns nicht mehr erkennen. Aber er hatte nicht viel Zeit, sich darüber zu betrüben, der Strom und Gegenstrom, der sich nach dem Ausgang und nach dem Chor der Kirche zu bewegte, hatte ihn erfaßt. »Nun, nun! Herr Vicomte, jetzt gilt es sich zu rühren ...« Dieser wohlmeinende Rat, den ihm der liebenswürdige Picheral mitten in dem Getöse, dem Durcheinander von Stühlen, ins Ohr flüsterte, ließ das erstarrte Blut wieder etwas frischer durch die Adern des Kandidaten fließen; als er sich jedoch zu dem Katafalk durchgearbeitet hatte, murmelte Danjou, der ihm den Weihwedel reichte, ohne ihn anzusehen: »Nur jetzt nichts thun... lassen Sie allem seinen Lauf! ...« Die Beine zitterten ihm. Rühren Sie sich, lassen Sie allem seinen Lauf! ... Welcher Rat war der bessre, welchen sollte er befolgen? Der einzige, der ihm das sagen konnte, war sein Meister Astier, und den hoffte er draußen zu treffen. Leicht war das nun gerade nicht, in der dicht mit Menschen gefüllten Vorhalle, wo sich der Zug in Ordnung aufstellte, während der mit Blumen überladene Sarg auf den Wagen gehoben wurde. Nirgends geht es lebhafter zu, als wenn man, die Kirche nach einem Trauergottesdienst verlassend, in den hellen Sonnenschein eines schönen Sommertages heraustritt; man begrüßt sich, winkt sich zu, spricht ein paar Worte, die mit der ernsten Handlung nicht im geringsten Zusammenhang stehen; auf allen Gesichtern ist Erleichterung zu lesen, ein Verlangen, sich für die endlos lange Stunde des regungslosen Verharrens und Anhörens von Totenklagen möglichst rasch zu entschädigen. Verabredungen, die getroffen werden, Reisepläne, die man bespricht, alles zeugt von der Ungeduld des Lebens, das so rasch als möglich nach kurzem, gezwungenem Innehalten wieder aufgenommen wird und den armen Loisillon sofort dahin verweist, wo er von nun ab hingehört, in die Vergangenheit. »Vergessen Sie nicht ... im Théatre français heute abend ... es ist der letzte Dienstag ...« miaute Frau Ancelin. »Machen Sie die Geschichte bis zum Ende mit?« fragte Paul Astier den dicken Lavaux. »Nein; ich bringe Frau Eviza nach Hause.« »Um sechs Uhr also bei Keyser; wird einem wohlthun nach den Reden.« Während die Privatcoupés nach verschiedenen Richtungen in raschem Trabe davoneilten, fuhren die Wagen des Trauergefolges in langer Reihe auf. Die Fenster der umliegenden Häuser waren dicht mit Menschen besetzt und in der Richtung des Boulevards St. Germain drängte man sich auf den Wagen der Pferdebahn, die nicht weiter fahren konnte; Kopf über Kopf standen die Leute, daß ihre dunkeln Reihen in den blauen Himmel hineinzuragen schienen. Geblendet von der Sonne, den Hut als Schirm dagegen haltend, stand Freydet und weidete sich am Anblick dieser unabsehbaren Menschenmenge, ein Anblick, der sein Herz mit Stolz erfüllte, denn da man diese ruhmvollen Ehrenbezeigungen wahrhaftig nicht wohl auf den Verfasser der »Reise im Andorrathale« beziehen konnte, so galten sie in seinen Augen der Akademie. Zu gleicher Zeit mußte er sich aber zu seinem größten Leidwesen zugestehen, daß die teuern »Zukunftskollegen« sich sehr ablehnend gegen ihn verhielten, bei seinem Herannahen stets vollkommen in ihr Gespräch vertieft waren, ihm den Rücken kehrten, sich gegen den Eindringling zusammenrotteten. Und das waren die nämlichen Männer, die ihm vorgestern bei Voisin die Hand gedrückt, ihn vertraulich beiseite gezogen und gefragt hatten: »Wann werden Sie denn einer von den Unsrigen sein?« Die schmerzlichste Niederlage aber sollte er bei Astier-Réhu erleben! »Wie traurig, lieber Meister ...« sagte der Kandidat, mit vorschriftsmäßig gerührter Miene auf ihn zutretend, um mit ihm zu sprechen, ein bißchen Sympathie zu ergattern. Ohne zu antworten, stand der andre neben dem Leichenwagen und blätterte in dem Entwurf der Rede, die er zu halten im Sinne hatte, und Freydet wiederholte sein: »Wie traurig! ...« »Mein bester Freydet, das ist einfach unanständig ...« sprach der Meister mit lauter, grober Stimme, klappte die Kinnlade energisch zusammen und widmete sich wieder seinen Blättern. Unanständig! ... Wieso? ... Mit einer unwillkürlichen Bewegung griff der Aermste nach seinen Knöpfen, warf einen prüfenden Blick über seinen ganzen Anzug bis zur Stiefelspitze, konnte sich jedoch das vorwurfsschwere Wort in keiner Weise erklären. Was ging denn vor? Was hatte er sich denn zu schulden kommen lassen? Einige Minuten war er wie betäubt; es schwirrte ihm im Kopfe; undeutlich wie durch einen Schleier sah er die schwankende Blumenpyramide des Leichenwagens sich in Bewegung setzen, grüne Fräcke an ihren vier Ecken, andre grüne Fräcke dahinter, dann die ganze akademische Gesellschaft und unmittelbar hinter derselben, jedoch mit einem wohlabgemessenen Zwischenraum, eine Gruppe, in die er sich, ohne zu wissen wie, aufgenommen, verschmolzen sah. Es waren junge Männer und alte, alle fürchterlich mutlos, müde und traurig dreinschauend, alle die nämliche tiefe Falte einer fixen Idee auf der Stirne, alle mit dem nämlichen gehässigen, mißtrauischen Blick den Nachbar betrachtend. Und als er, sich von seiner Bestürzung erholend, diese Persönlichkeiten wieder zu benennen im stande war, erkannte er die welken, enttäuschten Züge Vater Mosers, des ewigen Kandidaten; das ehrliche Gesicht von Dalzon, dem Verfasser des Buches, der bei den letzten Wahlen durchgefallen war, und von Salèles und Guérineau. Das Schleppschiff! Wahrhaftig! Alle die, um welche sich die Akademie nicht mehr bekümmert, die sie in der schimmernden Furche ihres stolzen Bootes nach sich zieht, sicher, daß sie sich gehörig in den zuverlässigen Angelhaken verbissen. Da waren sie, einer wie der andre, die armen Gefangenen, zum Teil schon tot, tief unterm Wasser fortgezogen, zum Teil noch zappelnd, schnappend, mit einem begehrlichen, schmerzvollen Blick, der verlangt, fordert, ewig verlangen und zürnen wird. Und während er sich im stillen gelobt, diesem Schicksal nicht anheimzufallen, folgte Abel von Freydet unverrückt der vorgehaltenen Lockspeise; auch er mit fortgezogen von dem Angelhaken, der ihm schon viel zu tief ins Fleisch gedrungen war, als daß er sich noch hätte losreißen können. Weit vorn auf dem für das Leichengefolge freigehaltenen Wege wechselte dumpfes Trommeln mit hellem Trompetengeschmetter, das auf der ganzen Strecke die Bewohner der Häuser an ihre Fenster rief, die Vorübergehenden stehen bleiben machte, und dann stimmte die Musik in langgezogenen Tönen wieder den Trauermarsch an. Und angesichts dieser gewaltigen Ehrenbezeigungen, dieses Totengeleites einer ganzen Nation, dieser hoffärtigen Auflehnung des zu Staub gewordenen, gedemütigten Menschen, der vom Tode besiegt, seine Niederlage noch schmückt, noch verherrlicht, war es ein schöner Gedanke, daß dies alles Loisillon galt, Loisillon, dem ständigen Sekretär der französischen Akademie, das heißt einem Nichts. Neuntes Kapitel. Jeden Tag zwischen vier und sechs Uhr, etwas früher oder später, je nach der Jahreszeit, nahm Paul in der »Keyserschen Kaltwasserheilanstalt« im Faubourg St. Honoré seine Douche. Zwanzig Minuten körperlicher Uebung mit dem Degen, dem Stock oder der kunstgerecht boxenden Faust, dann der kalte Strahl, das Schwimmbad, und hernach ein kurzer Aufenthalt bei der Blumenhändlerin der Rue du Cirque, um sich eine frische Nelke ins Knopfloch heften zu lassen, und zur Wiedergewinnung der nötigen Blutwärme bis zum Arc de l'Etoile zu Fuße gegangen. Stenne folgte im Schritt mit dem Wagen nebenher. Dann einmal um die Akazien im Bois de Boulogne herum, wo Paul mit seiner frischen Haut glänzte, einer Haut von weiblicher Zartheit, die alle Frauen in Entzücken versetzte und die er allein dieser Gewohnheit modischer Gesundheitspflege verdankte. Diese Sitzung bei Keyser ersparte ihm zugleich das Zeitungslesen, denn für seinen Bedarf an Wissen genügte der Klatsch, der von Kabine zu Kabine getragen wurde, auf den Diwans im Fechtsaal, in der Schützenjuppe oder im Flanellschlafrock oder auch vor der Thüre des Doktors, aus dessen Hand man der Reihe nach seinen kalten Strahl empfing, ausgetauscht wurde. Was sich in den Klubs, den Salons, der Kammer der Abgeordneten, der Börse oder dem Gerichtssaal im Laufe des Tages an Neuem ereignet hatte, wurde hier freimütig erörtert, und zwar mit erhobener Stimme beim Geklirr der Degen, dem Getöse der Stöcke, dem Rufen nach dem Badediener, dem Klatschen der den bloßen Körper bearbeitenden Hände, dem Geräusch der Rollstühle für die Rheumatismuskranken, dem dumpfen Plumps, den jeder ins Schwimmbad Springende in dem hochgewölbten Raume hervorrief, und der alles Plätschern und Rauschen des Wassers übertönenden Stimme des guten Doktor Keyser, der, auf seiner Tribüne stehend, unermüdlich und endlos sein Leitmotiv: »Drehen Sie sich« wiederholte. An diesem Tag »drehte« sich Paul Astier mit besondrer Wonne unter dem wohlthätigen Regen, in dem er die Migräne zurückließ und allen Staub von sich abspülte, der ihm bei der notgedrungenen Leichenbegleitung angeflogen, und ebenso die Erinnerung an das Gekrächze akademischen Schmerzes im Stile Astier-Réhu: »Die erzene Glockenstimme hatte ihm die Stunden zugemessen. ... Die zu Eis erstarrende Hand Loisillons ... der Becher des Glückes, der geleert.« ... O Papa! Teurer Meister! Da brauchte man freilich einen Platzregen, einen Wasserfall, um sich von diesem Trauerwortschwall rein zu waschen. Noch triefend begegnete er einem großen menschlichen Körper, der vom Schwimmbade heraufgestiegen kam und ihm zähneklappernd mit dem Kopfe, der in einer ungeheuren den Schädel und einen Teil des Gesichts vollständig bedeckenden Kautschukhaube stak, einen Gruß zunickte. Beim Anblick der fürchterlichen, skelettartigen Magerkeit, des steifen, krampfigen Ganges glaubte Paul einen jener armen Nervenkranken vor sich zu haben, die bei Keyser aus und ein gehen und die, wenn sie um sich zu wägen in den Fechtsaal kamen, mit ihren stummen, nachtvogelartigen Erscheinungen einen seltsamen Gegensatz zu dem dort herrschenden frohen Lachen und überschäumenden Kraftgefühl bilden. Dann aber riefen ihm die hoffärtige Biegung dieser Nase, der verächtliche, blasierte Ausdruck, der sich um den Mund in tiefen Falten festgesetzt hatte, undeutlich irgend ein Gesicht aus der Gesellschaft in Erinnerung und er fragte in seiner Kabine den ihn tüchtig striegelnden Badediener: »Wer hat mich denn da eben gegrüßt, Raymond?« »Das war ja der Fürst Athis, Herr Astier« ... erwiderte Raymond mit jenem Selbstgefühl, mit welchem das Volk einen derartigen Titel ausspricht. »Er kommt schon seit einiger Zeit zur Douche, immer am Morgen. Heute hat er sich verspätet: er ist bei einem Begräbnis gewesen, hat er zu Joseph gesagt.« Durch die während dieser Unterredung halb offenstehende Thür sah man in der jenseits des schmalen Ganges gelegenen Kabine den dicken Lavaux sitzen, der noch ganz nackt in seiner fahlen, unförmlichen Fettmasse dasaß und im Begriff war, seine Strümpfe, die er wie Frauen oder Priester lang bis über dem Knie trug, mit Schnallenstrumpfbändern zu befestigen. »Sag 'mal Paul, du hast doch Samy gesehen, wie er sich Kräfte holt?« ... und er zwinkerte lächelnd mit den Augen. »Kräfte?« »Ja natürlich! In vierzehn Tagen macht er Hochzeit, mußt du wissen, und da kann der arme Teufel ein bißchen Jugend und Frische schon brauchen, hat sich deshalb wacker ins kalte Wasser gestürzt« ... »Und der Botschafterposten, wann tritt er den an?« »Sofort. Die Fürstin ist vorausgereist. Sie lassen sich dort trauen.« Die Ahnung eines bevorstehenden Mißgeschickes befiel Paul. »Die Fürstin! ... Wen heiratet er denn?« »Na, wo hast denn du gesteckt, daß du das nicht weißt? ... Seit zwei Tagen spricht ganz Paris davon.... Colette! Meiner Seel'! Colette, die untröstliche Witwe. ... Das Gesicht der Herzogin möcht ich wohl sehen. Sie hat sich tapfer gehalten, heute bei Loisillons Begräbnis, aber den Schleier nicht aufgeschlagen, mit keinem Menschen gesprochen. ... Schlucken muß sie, Herrgott! ... Gestern haben wir noch miteinander Stoffe ausgesucht für des Treulosen Behausung in Petersburg.« Mit seiner boshaften Fettstimme eines richtigen Klatschweibes erzählte er das alles in sichtlichem Behagen, dabei immer noch mit dem Befestigen der Strumpfbänder beschäftigt, und als Musikbegleitung zu dieser tollen Geschichte hörte man, zwei Kabinen weiter entfernt, den Fürsten, unter gleichmäßigem, weit hintönendem Klatschen, dem Badediener an der Douche ermutigend zurufen: »Stärker, Joseph ... stärker. ... Nur keine Angst!« Ja, ja, er nahm zu an Kraft, der Bandit, der! Paul Astier, der bei Lavaux' ersten Worten über den kleinen Gang herübergekommen war, um besser zu hören, empfand ein brennendes Verlangen, mit einem Fußtritt die Thür an des Fürsten Kabine zu sprengen, sich auf ihn zu werfen, sich mit dem Elenden, der ihm sein Glück aus den Händen riß, aufs gewaltsamste auseinanderzusetzen. Plötzlich fiel ihm ein, daß er noch völlig unbekleidet war und die Gelegenheit nicht sehr zweckentsprechend wäre; er kehrte in seine Zelle zurück, um sich anzukleiden, sich ein wenig zu beruhigen, wobei er sich klar machte, daß es vor allen Dingen nötig sei, mit seiner Mutter zu sprechen, von ihr genau zu erfahren, wie die Dinge stünden. Ausnahmsweise blieb sein Knopfloch an diesem Abend leer, und während die Blicke der Damen, die müßig und gelangweilt in ihren langsam in der Reihe vorrückenden Wagen lagen, den hübschen jungen Mann in der Allee suchten, wo er sonst regelmäßig zu erscheinen pflegte, fuhr er in gestrecktem Trabe nach der Rue de Beaune. Corentine empfing ihn mit aufgestülpten Aermeln und einer nassen Scheuerschürze: sie hatte sich die Abwesenheit der gnädigen Frau zu nutze gemacht, um eine gründliche Aufwascherei vorzunehmen. »Bei wem ist meine Mutter zu Tische gebeten, wissen Sie es?« Nein. Die gnädige Frau hatte ihr nichts gesagt, aber der Herr war zu Hause; er wühlte da oben in seinen Papieren. Die kleine Hintertreppe zu dem Archiv krachte unter Léonard Astiers wuchtigem Tritt. »Bist du es, Paul?« Das Halbdunkel des Flurs, die Aufregung, in welcher er sich selbst befand, ließen den jungen Mann nicht dazu kommen, den seltsamen Ausdruck seines Vaters und dessen bebende Stimme zu bemerken. »Wie geht's dem Meister?« erwiderte er. »Mama ist nicht da?« »Nein: sie speist bei Frau Ancelin und fährt nachher mit ihr ins Théatre français. ... Dort werde ich sie später abholen.« Daraufhin hatten Vater und Sohn nichts mehr zu sagen; fremd standen sie sich gegenüber, aber fremd wie von feindlicher Rasse. Heute zwar würde Paul in seiner Ungeduld den Vater gern gefragt haben, ob er von dieser Heirat etwas wisse, allein sofort sagte er sich: »Wie sollte er! Mama hat sicher nie vor ihm davon gesprochen; er ist ja viel zu dumm!« Auch Léonard Astier war von banger Unruhe erfüllt, auch ihm schwebte eine Frage auf den Lippen, und mit verlegener Miene den Sohn zurückrufend, begann er: »Höre doch, Paul ... stell dir vor, es fehlen mir ... Ich suche da eben ...« »Du suchst?« Astier-Réhu zögerte einen Augenblick, blickte aus nächster Nähe fest in das hübsche junge Gesicht, dessen Ausdruck wegen der Abweichung der Nase niemals ein ganz offner war, und setzte dann traurig und mürrisch hinzu: »Nichts ... es hat keinen Wert ... du kannst gehen.« Paul Astier konnte nun nichts thun, als seine Mutter im Theater, in der Ancelinschen Loge aufsuchen, bis dahin aber waren noch zwei bis drei Stunden totzuschlagen. Er schickte den Wagen nach Hause, bestellte Stenne mit seinem Gesellschaftsanzuge in den Klub und fing an langsam, mit ganz kleinen Schritten in dem zarten Pariser Dämmerlicht dahinzuschlendern, in welchem die kugelförmig zugeschnittenen Sträucher auf der Terrasse vor den Tuilerien um so leuchtendere Färbung annahmen, je mehr der Himmel sich verdüsterte. Für Träumer und Spekulanten etwas Köstliches dieses unbestimmte Licht; die Wagen werden seltener: die Schatten wachsen rasch, hüllen uns ein; durch nichts werden die Gedanken abgelenkt. Und dieser junge Mann mit der ehrgeizigen Seele dachte nach, überlegte klar und hell, mit vollständig wiedergewonnener Kaltblütigkeit. Er überlegte wie Napoleon in den letzten Stunden der Schlacht von Waterloo: den ganzen Tag war der Sieg mit ihm gewesen, jetzt am Abend kam das Mißgeschick. Weshalb? Was für einen Fehler hatte er gemacht? Er stellte das Schachbrett wieder auf, ging Zug für Zug durch, suchte und fand nichts. Vielleicht war es eine Unvorsichtigkeit gewesen, sie zwei Tage lang nicht aufzusuchen; aber gehörte es denn nicht zum strategischen ABC, die Frau nach dem auf dem Père Lachaise Geschehenen, ihr bißchen Gewissensnot in Ruhe verdauen zu lassen. Wie hätte er auf eine so plötzliche Flucht gefaßt sein können? Und mit einem Mal kam ihm die tröstliche Möglichkeit in Sinn, daß die Fürstin am Ende doch noch in Paris sei, er kannte sie ja, die kleine Vogelnatur, die von Entschluß zu Entschluß flatterte wie von einem Stängchen im Käfig zum andern. Vielleicht, daß er sie mitten in ihren Reisevorbereitungen traf, verzweifelnd, unentschieden, immerfort Herberts Bild anflehend: »Sag du mir, was ich thun soll?« Und dann war sie mit einem einzigen Ansichziehen zurückerobert. Jetzt verstand und wußte er ja, wie sich in diesem kleinen Köpfchen der Roman ihres Lebens widerspiegelte. Er nahm einen Wagen nach der Rue de Courcelles. Niemand mehr da. Heute früh hatte sich die Fürstin auf Reisen begeben, sagte man ihm. Ein namenloses Gefühl der Entmutigung kam über ihn und er ging nach Hause, um nicht im Klub mit jemand sprechen, jemand Rede stehen zu müssen. Seine mittelalterliche Baracke mit ihrer hungerturmartigen, mit Sprüchen und Inschriften überdeckten Fassade machte ihm vollends das Herz schwer, da sie ihm einen Stoß unbezahlter Rechnungen ins Gedächtnis rief; ebensowenig erheiternd war das tastende Eintreten in den dunkeln Vorplatz, der wie der ganze kleine Palast nach geschmorten Zwiebeln roch, denn wenn der Herr im Klub aß, pflegte sich der bärbeißige kleine Diener den Genuß seines vorstädtlichen Leibgerichts zu Gemüte zu führen. Im Atelier war noch ein letzter Schimmer Tageslicht und Paul, der sich mit der Frage, welch ein Dämon all' seine geschickt ersonnenen und ausgeführten Pläne zunichte mache, auf einen Diwan geworfen, versank trotz der trüben Gedanken in einen festen Schlaf, aus welchem er erst nach Verlauf von zwei Stunden und als ein völlig andrer erwachte. Wie das Gedächtnis sich während des Schlafes schärft, so hatten Willenskraft und Talent zur Intrigue bei ihm während der leiblichen Ruhe weitergearbeitet: er hatte einen neuen Feldzugsplan entworfen und jene kühle, unerschütterliche Entschlossenheit wiedergewonnen, die sich bei dem jungen Franzosen so viel seltener findet, als militärische Tapferkeit. Rasch angekleidet, den Magen nur mit einer Tasse Thee und zwei Eiern beschwert, den Schnurrbart noch ein wenig warm von dem kleinen Brenneisen, eilte er ins Theater, und als er dem Billetabnehmer Frau Ancelins Namen nannte, hätte auch der feinfühligste Beobachter in diesem eleganten jungen Weltmanne keinerlei innere Kümmernisse vermuten können, und niemand hätte diesem wohlverschlossenen, schwarz und weiß lackierten, niedlichen Salonmöbel seinen Inhalt angesehen. Frau Ancelin brachte der offiziellen Litteratur ihre fromme Verehrung in zwei Tempeln dar, der französischen Akademie und dem Théatre français; da die erstere ihre Hallen der Inbrunst ihrer Getreuen nur selten und in unregelmäßigen Zwischenräumen erschloß, so hielt sie sich an der andern Gebetsstätte schadlos und wohnte hier mit der größten Gewissenhaftigkeit jedem heiligen Akt bei, niemals eine große oder kleine Première oder einen abonnierten Dienstag versäumend. Wie sie nur die mit dem Stempel der Akademie versehenen Bücher las, so waren auch die Künstler des klassischen kleinen Theaters die einzigen, die sie mit Andacht und warmer Freude vernahm, und mit einem gerührten oder leidenschaftlichen Entzücken, das beim Billetabnehmer und den zwei großen weißmarmornen Weihwasserbecken, welche die Phantasie der guten Dame am Eingang von Molières Haus, zu Füßen von Talmas und Rachels Statuen erblickte, seinen Anfang nahm. »Wie das gehalten ist! ... Dies Personal! ... Was für ein Theater!« Ihre kleinen runden Arme, die mit kurzen Bewegungen in der Luft herumfuchtelten, das etwas geräuschvolle Atmen der wohlbeleibten Schwärmerin erfüllten Gänge und Garderoben mit einer äußerungsbedürftigen, stürmischen Freude und von Loge zu Loge lief es: »Frau Ancelin ist da.« An den Dienstagen besonders bildete die Teilnahmlosigkeit des eleganten, zu ganz andern Zwecken hierher gekommenen Publikums einen großen Gegensatz zu jener Stelle an der Brüstung der Galerie, wo diese gute fette Taube mit den rötlichen Aeuglein weit vornübergebeugt, vor Wonne ganz außer sich, girrend und glucksend, überlaut zwitscherte: »Oh! Dieser Coquelin! ... Oh! Dieser Delaunay! ... Wie jung er wieder ist! ... Ach! Dies Theater! ...« und dabei nicht duldete, daß von irgend etwas anderm, als der Aufführung, gesprochen wurde, und jeden ihrer Zwischenaktsbesucher mit einem Schrei der Bewunderung über das Genie des Verfassers der heutigen Komödie oder die Anmut einer lebenslänglich angestellten Künstlerin empfing. Als Paul Astier eintrat, war der Vorhang schon aufgegangen, und wohl vertraut mit den Bräuchen dieser Gemeinde und dem unerbittlich strengen Verbot des Sprechens, Grüßens oder Stuhlrückens, wartete er regungslos in dem kleinen, um eine Stufe niedriger gelegenen, zur Loge gehörigen Salon, während Frau Ancelin zwischen Frau Astier und Frau Eviza in der vordersten Reihe in Verzückung geriet, Danjou und Freydet mit Gefangenenmienen hinter ihnen saßen. Bei dem eigentümlichen Ton der sich öffnenden und schließenden Logenthüre, der dem den Gottesdienst störenden Eindringling sofort ein vernichtendes: »Bst!« zuzog, hatte sich Frau Astier halb umgewandt und erschrak im Innersten, als sie ihren Sohn erkannte. Was war geschehen? Was konnte er ihr zu sagen haben, das ernst und dringend genug war, um ihn hierher zu führen in dies Spinnennetz der Langeweile, ihn, der sich höchstens für einen wichtigen Zweck der Gefahr sich zu langweilen aussetzte. Ohne Zweifel abermals Geld, das entsetzliche Geld! Glücklicherweise sollte sie es ja nun bald in Hülle und Fülle haben; Samys Heirat machte sie reich. Und ganz vom Wunsch erfüllt, ihrem Sohn das zu sagen, ihm die frohe Kunde vom Gelingen ihres Werkes, von dem er vielleicht noch nichts wußte, mitzuteilen, war sie gezwungen, auf ihrem Platze auszuharren, auf die Bühne zu sehen und mit ihrer Wirtin einzustimmen in das: »Oh! Dieser Coquelin! ... Oh! Dieser Delaunay! ... Oh! ... Oh!« Es war hart für sie, diese Qual ungeduldiger Erwartung, nicht minder aber für Paul, der nichts sah, als den Lichterstreif der Rampe und in dem in die Wand eingelassenen Spiegel an seiner Seite einen Teil des Hauses, Parkett, Logen und Fauteuils, Reihen von Gesichtern, Toiletten, Hüten, alles wie von bläulichen Gazeschleiern verhüllt, farblos, geisterhaft, wie Gegenstände, die man durch eine Wasserschicht hindurch sieht. Im Zwischenakt, die ganze Tonleiter der Komplimente in der Front durchzumachen! »Und das Kleid der Reichemberg, haben Sie es gesehen, Herr Paul? Das Tablier von Rosa Schmelz? ... Den keilförmigen Spickel von Band? ... Haben Sie es gesehen? ... Nein, wahrhaftig, so wie hier weiß man sich nirgends zu kleiden!« Besuche fanden sich ein, und die Mutter konnte endlich ihres Sohnes habhaft werden, ihn mit sich nach dem Sofa ziehen, und hier konnten sie zwischen duftigen Hüllen und Theatermänteln ungestört sprechen. »Antworte mir kurz und bündig,« begann er. »Samy heiratet?« »Ja; die Herzogin weiß es seit gestern, ist aber heute doch hier ... stolz sind sie, diese Korsen!« »Und der Name dieser Ausländerin ... kannst du mir den jetzt nennen?« »Colette, natürlich. Du hast dir's ja wohl gedacht?« »Keineswegs. ... Was trägt dir die Geschichte ein?« Triumphierend flüsterte sie: »Zweimalhunderttausend« ... »Und mich kostet sie zwanzig Millionen, deine Intriguenwirtschaft! ... Zwanzig Millionen und die Frau« ... und ihr wütend die Handgelenke zerquetschend, warf er ihr ein »Verfluchte Tölpelhaftigkeit« ins Gesicht. Nach Atem ringend, stumm und stumpf vor Bestürzung stand sie da. Er war es gewesen, er, dessen Widerstand sie an manchen Tagen deutlich gefühlt hatte, der ihr entgegengearbeitet, ihr Werk so oft ungethan gemacht hatte; er hatte hinter diesem »wenn Sie wüßten« gesteckt, mit dem das kleine Gänschen sich schluchzend in ihre Arme geworfen. Und nun, nachdem sie beide von der entgegengesetzten Seite nach dem Schatz gegraben, mit so viel List und Fleiß in so tiefer Heimlichkeit die Erde durchwühlt, nun brachte sie der letzte Spatenstich einander gegenüber und sie sahen sich ins Gesicht, der eine so arm wie der andre. Sie sprachen nicht mehr, sie blickten sich an mit den schiefen Nasen und die zwei gleichen Augenpaare flammten wild in dem dämmerigen Raum während des Gehens und Kommens von Besuchen, dem Schwatzen, Lachen, Bewundern ihrer Umgebung. Sie führt strenge Disziplin, die Gesellschaft; ein eisernes Gesetz muß es sein, um in diesen beiden Menschen den Wutschrei zu ersticken, das Stampfen zurückzuhalten, das Bedürfnis, aufzubrüllen und dem andern die Nägel ins Fleisch zu schlagen, von dem beider Seelen überschwollen. Frau Astier war es, die zuerst laut zu denken vermochte. »Wenn die Fürstin nur nicht fort wäre....« Ihre Lippen verzerrten sich in Wut: diese plötzliche Abreise war ja eben ihr eigenster Gedanke. »Man wird sorgen, daß sie zurückkommt!« zischte Paul. »Wie das?« »Ist Samy im Theater?« fragte er, ohne ihr zu antworten. »Oh! Ich glaube nicht ... die Herzogin ist ja da. ... Wohin gehst du? Was willst du thun? ...« »Wirst du die Güte haben, mich jetzt in Ruhe zu lassen? ... Du hast dich in nichts zu mischen ... deine Hand ist wahrhaftig nicht besonders glücklich....« Er ging mit dem ganzen Schwarme von Besuchern, welche der Schluß des Zwischenaktes verscheuchte, hinaus, und sie nahm ihren Platz zur Linken der noch ganz ebenso begeisterten, in fortdauernder Verzückung befindlichen Frau Ancelin wieder ein. »Oh! Dieser Coquelin! ... Wie geistvoll! ... Aber so sehen Sie doch hin, meine Liebe!« »Meine Liebe« war in der That zerstreut, mit geistesabwesenden Blicken, dem schmerzlich verzerrten Lächeln einer ausgepfiffenen Tänzerin saß sie da und blickte unter dem Vorwande, daß ihr das Rampenlicht Augenschmerzen mache, im Zuschauerraume umher, wo sie ihren Sohn suchte. Ein Streit mit dem Fürsten, vielleicht, wenn er da ist.... Und durch ihre Schuld, durch ihre unfaßlich thörichte Ungeschicklichkeit. »Oh! Dieser Delaunay! ... Haben Sie ihn gesehen? ... Haben Sie?« Nein, sie sah nichts als die Loge der Herzogin, wo soeben jemand eingetreten war, dessen elegante, jugendliche Erscheinung an Paul erinnerte; aber er war es nicht; es war der junge Graf Adriani, der, wie ganz Paris, von dem Bruch wußte und sich sofort ans Werk machte. Bis zum Schlusse der Aufführung mußte die Mutter ausharren, von Angst gefoltert, tausend unklare Pläne entwerfend und verwerfend, die sich in ihrem Kopfe drängten und immer wieder von Gedanken an Vergangenes, an einzelne Momente, die sie hätten aufmerksam machen müssen, zurückgedrängt wurden. Ach! So dumm, so verblendet. ... Wie war's denn möglich, daß ihr nie der Gedanke gekommen! ... Endlich fällt der Vorhang; man geht hinaus, aber wie langsam, bei jedem Schritt ein Aufenthalt, Grüßen, Lächeln, Sichverabschieden: »Was thun Sie diesen Sommer? Besuchen Sie uns doch in Deauville! ...« Und in dem engen Gange, wo man sich stößt und drängt und schiebt, wo die Damen sich vollends einhüllen, alle mit der nämlichen anmutigen Handbewegung sich vom Vorhandensein ihrer Ohrringe überzeugend, auf der breiten weißen Marmortreppe, an deren Fuß die Livreediener warten, sieht sich die Mutter, schwatzend und plaudernd wie die andern, mit gespannter Aufmerksamkeit um, beobachtet, horcht, lauscht, sucht mit ängstlicher Spannung in dem Geschwirre dieses für Monate auseinanderfliegenden Bienenschwarmes der großen Welt eine Aeußerung, ein Wort aufzuschnappen, das auf eine möglicherweise auf dem Korridor stattgehabte Szene deutete. Da kommt gerade die Herzogin; stolz und kerzengerade steigt sie in ihrem weiß und goldnen Mantel am Arm des jungen Italieners die Treppe herab. Sie weiß, welchen erbärmlichen Streich ihr die Freundin gespielt hat, und im Vorübergehen tauschen die beiden Frauen einen Blick aus, kalt, ausdruckslos, und doch furchtbarer als die entsetzlichsten Schimpfreden im Waschhause. Jede weiß nun, womit sie zu rechnen hat, und daß in diesem Kampfe aufs Messer, der an Stelle der schwesterlichen Vertraulichkeit tritt, jeder Pfeil treffen, jeder von klugen, wohlgeübten Händen an der richtigen Stelle beigebrachte Hieb verwunden wird; aber sie beugen sich dem Sklavenjoche der Gesellschaft, sie halten die Maske der Kaltblütigkeit fest, und der machtvolle, großartige Haß der einen kann sich mit dem giftigen Abscheu der andern berühren, sich streifen, ohne daß es Funken gibt. Unten in der langen Reihe der Bedienten und der jungen Herren vom Klub steht Léonard Astier und erwartet versprochenerweise seine Frau. »Ach! Unser Meister,« ruft Frau Ancelin, und ihre Finger ein letztes Mal in das Weihwasser tauchend, besprengt sie alle Welt damit, den Meister Astier-Réhu, den Meister Danjou und diesen Coquelin, diesen Delaunan. ... Oh! ... Ah! ... Léonard gab keine Antwort auf diese Ergüsse; seine Frau am Arme, den Rockkragen wegen des hier herrschenden Zuges aufgeschlagen, folgte er der Schwärmerin. Draußen regnete es. Frau Ancelin erbot sich, die Astiers nach Hause zu bringen, aber ohne jede Dringlichkeit, wie es Leute thun, die ihre Pferde zu ermüden, vor allem aber den Unmut ihres Kutschers hervorzurufen fürchten, ihres Kutschers, der einstimmig als der erste Kutscher in Paris anerkannt wird. Uebrigens hatte Astier-Réhu eine Droschke da und schnitt die liebenswürdigen Beteuerungen der guten Dame kurz ab, worauf sie noch: »Ja, ja, wir kennen das ... nur um allein zu sein ... mein Gott! Solch ein zärtliches Paar ...« gluckste und Astier seine Frau durch die vom Regen überströmte Vorhalle rasch mit sich fortzog. Wenn man am Schlusse eines Balles oder einer Gesellschaft ein Ehepaar aus der großen Welt miteinander in den Wagen steigen sieht, ist man immer versucht, die Frage auszuwerfen: »Was werden sie jetzt sprechen, was hat eins dem andern zu sagen?« Meist blutwenig, denn der Mann verläßt in der Regel todmüde, schläfrig und an allen Gliedern zerschlagen ein solches Fest, an welchem die Frau im Dunkel des Wagens noch weiter zehrt und spinnt, tiefsinnige Vergleiche zwischen ihrer eignen Erscheinung und der der andern anstellt, über Veränderungen in ihrer Hauseinrichtung oder ihrer Toilette nachdenkt. Und doch hat die gesellschaftliche Grimasse eine so freche Stirne, ist die Heuchelei so ungeheuerlich, daß man wohl berechtigt ist, mit einiger Neugier an den Zustand zu denken, der unmittelbar nach Lösung der Fesseln eintritt; daß man das Verlangen empfindet, den wahren Ton der Stimmen, die Natürlichkeit, die wirklichen Beziehungen zwischen diesen Menschen zu belauschen, die plötzlich vom Zwang befreit, mit abgenommener Maske im engen Raum bei einander durch das menschenleere, von flackernden Lampen erhellte Paris dahinrollen. Bei dem Ehepaar Astier war eine solche Heimfahrt sehr charakteristisch. Sobald sie allein, ließ Frau Astier die vor der Welt zur Schau getragene Verehrung für ihren Gatten, das Interesse für seine Arbeiten sofort fallen, ihr Ton ward herb und schroff und sie entschädigte sich für das Opfer, das sie gebracht, indem sie die hundertmal gehörten Geschichten und Anekdötchen, bei denen sie vor Langeweile verging, wieder hatte über sich ergehen lassen; er, von Natur wohlwollend, immer mit sich und den andern zufrieden, kehrte regelmäßig ganz entzückt von jeder Gesellschaft heim und war jedesmal wieder verblüfft über die entsetzlichen Dinge, welche seine Frau über das eben verlassene Freundeshaus und die Menschen, welche man dort getroffen, vorbrachte, wobei sie mit Seelenruhe die fürchterlichsten Beschuldigungen aufstellte, mit jenem Leichtsinn und jener gedankenlosen Übertreibung im Ausdruck und Urteil, die in der Pariser Geselligkeit gang und gäbe. Um sie nicht noch mehr zu reizen, schwieg er dann gewöhnlich, machte seinen Rücken rund und erfreute sich in seiner Wagenecke eines kurzen Vorschläfchens. An diesem Abend aber setzte sich Astier-Réhu breitspurig hin, und von dem: »So gib doch auf mein Kleid acht!« seiner Frau, das in jenem heftigen, gereizten Tone gesprochen wurde, mit dem jede Beeinträchtigung dieses Kleinods bestraft wird, nahm er nicht im geringsten Notiz. Was kümmerte ihn ihr Kleid! »Man hat mich bestohlen,« fing er an und zwar mit Stentorstimme, daß die Wagenfenster klirrten. Ach! Mein Gott ... die Autographen! Sie dachte nicht mehr daran, namentlich jetzt nicht, da so viel beängstigendere Unruhe sie quälte, und so war ihr Erstaunen keineswegs ein gemachtes. Bestohlen war er, ja, seine Handschriften Karl V., gerade die drei wertvollsten Stücke fehlten. ... Aber schon verlor sein Angriff an Sicherheit und Heftigkeit angesichts von Adelaides wirklicher Ueberraschung. Sie war übrigens jetzt ganz bei der Sache. »Wer, meinst du denn, daß es sein könnte?« Corentine hielt sie für ehrlich ... nicht unmöglich, daß Teyssèdre ... aber wie konnte man denken, daß solch ein ungebildeter Mensch ... Teyssèdre! Er stieß einen Schrei aus, so sonnenklar kam ihm die Sache vor. Und da sein Haß gegen den Bürstenmann ihm zu Hilfe kam, mußte er sich den Zusammenhang sehr wohl zu erklären, er verfolgte die Spur des Verbrechers bis in dessen allererste Anfänge und erinnerte sich genau, selbst bei Tisch ein Wort über den Wert dieser Handschriften verloren zu haben, was Corentine aufgeschnappt und in aller Harmlosigkeit wiederholt haben mußte. ... Ach! Der Schurke! So hatte er seinen Verbrecherkopf doch nicht umsonst, und wie thöricht war man doch, wenn man den Warnungen seines Instinkts keine Beachtung schenkte! Es war ja doch wahrhaftig nicht natürlich, daß er, Léonard Astier, Mitglied der Akademie, gegen diesen Bohner von Anfang an eine Abneigung, einen Haß empfunden hatte, der nun mehr als gerechtfertigt war. Aber das Scheusal sollte es büßen: man wird ihn schon auf die Galeeren bringen, »Meine drei Briefe Karl V.! ... Das Ungeheuer! ...« Auf der Stelle, jetzt, ehe er nach Hause ging, mußte die Anzeige bei der Polizei gemacht werden. Sie suchte ihn zurückzuhalten: »Bist du verrückt? Zum Polizeikommissär, jetzt, nach Mitternacht! ...« Allein er beharrte eigensinnig auf seinem Entschluß und beugte seinen breiten, viereckigen Rücken in den Regen hinaus, um dem Kutscher die nötigen Anweisungen zu geben. Sie sah sich gezwungen, ihn mit Gewalt wieder hereinzuzerren, und müde, erschöpft, zu mutlos, um ihre Lüge weiter aufrecht zu halten, sachte vorzugehen, abzuwarten und den günstigen Moment zu erhaschen, warf sie die Flinte ins Korn. »Teyssèdre ist unschuldig ... ich habe es gethan ... jetzt weißt du die Wahrheit. ...« Dann erzählte sie ihm in einem Atem die ganze Geschichte, wie sie die zwanzigtausend Franken um jeden Preis hatte haben müssen, bei Bos gewesen war und das Geld erhalten hatte. Das Schweigen, welches ihrem Bekenntnis folgte, war so lang andauernd, daß sie an eine Ohnmacht, einen Schlaganfall dachte. Nein, davon war nicht die Rede, aber wie ein Kind, das sich angestoßen hat oder gefallen ist, hatte der arme Krokodilus zum Zweck des Zornesausbruchs seinen Mund so weit aufgerissen, einen solchen Anlauf genommen, daß er nicht im stande war, einen Laut hervorzubringen. Endlich ertönte ein Wutgebrüll, laut genug, um die ganze Place du Carroussel, über welche die Droschke eben durch Wasserströme dahinrasselte, zu erfüllen. »Bestohlen! Bestohlen bin ich ... meine Frau hat mich bestohlen für ihren Sohn ...« und im Wahnsinn des Zornes mischten sich seine heimischen Schimpfworte: »Ach! Diese Luder... die Racker ...« mit den klassischen Theaterrufen: »Gerechtigkeit! ... Gerechter Himmel! ... Ich bin verloren ...« eines Harpagon, der um seine entwendete Kassette klagt, und andrer Bühnenstücke, die er weiß wie oft mit seinen Schülern gelesen. Es war taghell auf dem weiten Platze mit den hohen elektrischen Bogenlampen, in deren Schein das ganze Heer von Omnibussen und Wagen, die sich nach Schluß der Theater in Bewegung setzen, wie ein aufgeregter Ameisenhaufen wimmelte. »So schweige doch,« sagte Frau Astier, »alle Welt kennt dich ja!« »Nur Sie nicht, meine Gnädige. ...« Sie glaubte, daß er drauf und dran sei, sie zu schlagen, und bei dem krampfhaften Zucken, in dem ihre Nerven sich befanden, wäre ihr das vielleicht nicht einmal unlieb gewesen. Allein Furcht vor Skandal brachte ihn plötzlich zu einiger Fassung und er schloss mit dem Schwur, den er bei der Asche seiner Mutter that, seinen Koffer in dieser Nacht noch zu packen, sich ganz einfach nach Sauvagnat zu verziehen und die gnädige Frau die ja dann mit ihrem Schurken von Sohn, dem alles verschlingenden, die Beute ihres Raubanfalls genießen könne, ihrem Schicksal zu überlassen. Noch einmal hielt die große, alte, nägelbeschlagene Truhe ihren Einzug ins Studierzimmer, wohin sie vom Vorplatz aus mit starker Hand geschleppt wurde. Es waren noch ein paar Scheite Holz drin, aber das störte den Unsterblichen nicht, und eine volle Stunde ertönte das Gepolter von Holzblöcken, Hin- und Herrücken von Kasten, deren Fächer er durchwühlte, um Wäsche, Kleidungsstücke, Stiefel, ja sogar den sorgfältig in eine Serviette gehüllten grünen Frack und die gestickte Weste der großen Sitzungen in fröhlichem Durcheinander in den mit Staub, Holzrinde und Spänen bedeckten Koffer zu stopfen. Die Anstrengung wirkte besänftigend auf sein Gemüt; im selben Verhältnis, wie die Kiste sich füllte, nahm sein Zorn ab, und der Rest von dumpfem Grollen und Brummen und Knirschen entsprang hauptsächlich dem Gefühl der eignen Schwachheit, des von allen Seiten Gefangen- und unlöslich Gebundenseins, während Frau Astier, die im Nachtkleid, ein Spitzenmützchen auf dem Kopf, am Rand eines Lehnstuhls saß, ihm ruhig zusah und mit etwas ironischem Gähnen bemerkte: »Aber Léonard ... Léonard ... so sei doch vernünftig.« Zehntes Kapitel. »Für mich haben Menschen und Dinge eine Stelle, an der man sie packen und anfassen kann und muß; jeder hat eine Handhabe, die man herausfinden muß, um ihn fest und sicher zu halten, nach Belieben mit ihm umzuspringen, und das Herausfinden ist meine Stärke!... Kutscher, zum ›Schwarzen Kopf!‹« Auf Paul Astiers Geheiß fuhr der offene Landauer, aus welchem Freydet, Védrine und er selbst ihre feierlichen hohen Hüte mit ihrer begräbnismäßigen Schwärze in den strahlend hellen, sonnigen Nachmittag hineinstreckten, vor dem bezeichneten Gasthof zur Rechten der Brücke von Saint Cloud vor und bei jeder Schwankung des soliden Lohnfuhrwerks auf dem Kies des Platzes konnte man einen vielsagenden langen Ueberzug von grünem Stoff aus dem zurückgeschlagenen Dach des Wagens hervorragen sehen. Paul hatte als Zeugen seines Duells mit Athis in erster Linie den Vicomte von Freydet gewählt, den sein Titel und das kleine Beiwort für diesen Zweck empfahlen, und ferner den Grafen Adriani; allein die hohe Nuntiatur war nach der Geschichte mit dem Kardinalshut sehr besorgt, in kein weiteres Gerede verwickelt zu werden, und so war er genötigt gewesen, an Stelle des jungen Pepino den Bildhauer um diesen Dienst anzugehen, nicht ohne die stille Hoffnung, daß Védrine bei Gelegenheit der Besprechung dieser Sache in der Presse sich am Ende doch zum Marquis bekennen werde. Von großem Belang schien übrigens der ganze Handel nicht zu sein; ein kleiner Wortwechsel am Spieltisch des Klubs, als der Prinz vor seiner Abreise nach Petersburg ein letztes Mal dort erschienen war. Beizulegen war die Sache nicht wohl gewesen, da man mit einem Tausendsasa wie Paul Astier, der sich auf dem Fechtboden so sehr auszeichnete und dessen durchschossene As am Schießstand der Avenue d'Antin unter Glas und Rahmen hingen, doch nicht zurücktreten konnte. Während der Wagen sich vor der Terrasse des Restaurants aufstellte, von allen Kellnern verständnis- und rücksichtsvoll ins Auge gefaßt, sah man einen kurzen, dicken Herrn in weißen Gamaschen, weißer Krawatte, Seidenhut und der ganzen gezierten Eleganz eines Badearztes ein enges, abschüssiges Sträßchen herabkugeln und von weitem schon heftige Zeichen mit seinem Sonnenschirm machen. »Da ist Gomès,« sagte Paul. Doktor Gomès, der früher an einem Spital angestellt gewesen und sich durchs Spiel und eine Liebschaft, von der er nicht mehr loskommen konnte, zu Grund gerichtet hatte, war das »Onkelchen« aller Dirnen, ein Abenteurer niederster Sorte, nicht eben schlecht, aber zu allem bereit und Spezialist für Ausflüge der hier vorliegenden Art, für die er seinen festen Preis hatte: fünfzig Franken und das Frühstück. Augenblicklich befand er sich bei der schönen Cloclo in Ville d'Arvay in der Sommerfrische, von wo er atemlos an den ihm bestimmten Ort kam, in der Hand eine große Reisetasche, die sein Besteck, Verbandzeug, ein paar Phiolen, kurz alles für eine fliegende Ambulanz nötige enthielt. »Hieb oder Stich?« fragte er, Paul gegenüber im Wagen Platz nehmend. »Stich, ... Stich, Doktor. Die Degen des Instituts ... die französische Akademie gegen die sciences morales et politiques !« Gomès lächelte, seine Tasche zwischen seinen Füßen unterbringend. »Das wußte ich nicht und habe den großen Apparat mitgeschleppt.« »Muß ausgepackt werden, kann dem Feind Eindruck machen,« verkündete Védrine mit gewohnter Ruhe. Der Doktor blinzelte, etwas aus der Fassung gebracht durch diese ihm gänzlich unbekannten Zeugen, welchen er von Paul Astier, der ihn ganz als Bedienten behandelte, nicht vorgestellt wurde. Als der Landauer sich wieder in Bewegung setzte, that sich oben in einem »Gesellschaftszimmer« ein Fenster auf und ein neugieriges Paar ward an demselben sichtbar, ein langes, schlankes Mädchen mit Kornblumenaugen, entblößten Armen und Schultern, die Frühstücksserviette nachlässig um den Hals geworfen. Neben ihr ein bärtiger, buckliger Mensch, ein Zwerg, wie man sie auf Jahrmärkten für Geld sieht, mit einem pomadisierten Kopf, der kaum über das Fenstergesims heraufreichte, und den unverhältnismäßig langen Arm wie ein Fühlhorn um die herabgebeugte Gestalt seiner Begleiterin geschlungen, der Marie Douval, munteren Liebhaberin am Théatre Gymnase, deren Namen der Doktor laut nannte. »Wen hat sie denn da bei sich?« Die andern sahen hinauf, das Mädchen war jedoch verschwunden und der lange Kopf des Buckligen ruhte wie abgeschnitten auf der Fensterbrüstung. »Eh! Papa Fage ...« Védrine grüßte mit der Hand hinauf und belustigte sich höchlich über Freydets Entsetzen. »Hab' ich dir's nicht gesagt? Die hübschesten Weiber von Paris ...« »Scheußlich!« »Das setzt Sie in Erstaunen, Herr von Freydet?« Und Paul Astier entwarf nun eine Schilderung der weiblichen Natur, die nichts als Gift und Verachtung atmete. Das Weib sei ein verderbtes, verdrehtes Kind, mit all den Widersprüchen und Unarten des Kindes, seinem Hang zur Dieberei, Lüge, Neckerei, Bosheit, Feigheit. ... Und dann erpicht auf Leckerbissen, und eitel, neugierig! Schwadronieren können, ja, aber keinen eignen Gedanken, und ließ man sich mit ihnen in ein ernstliches Gespräch ein, nichts als Versenklöcher, Hinterthüren, Wortverdrehungen, glatt und schlüpfrig wie ein Trottoir bei Glatteis. Plaudern mit einer Frau, das gebe es nicht! ... Nichts sei in ihnen, weder Güte, noch Mitleid, noch Geiz, nicht einmal landläufiger, gesunder Menschenverstand. Den Gatten hintergehen mit einem Geliebten, dem sie um kein Haar treuer; eine Todesangst, Mutter zu werden ... das sei die Frau von heutzutage. Für eine neue Hutform, eine Toilette von Spricht fähig zu stehlen und jede Gesetzesübertretung zu begehen, denn die Toilette, die liebe sie wahrhaft, das sei aber auch das einzige! ... Um zu wissen, bis zu welchem Grad von Leidenschaft diese Liebe gehen könne, müsse man wie er die Damen aus der vornehmsten Welt, die feinsten, elegantesten in die Empfangsräume des großen Schneiders begleitet haben! ... Auf dem vertrautesten Fuß mit den ersten Arbeiterinnen stehend, die sie zum Frühstück in ihre Schlösser einluden, erwiesen sie dem Meister Spricht eine Ehrfurcht, die nicht weit hinter der vor dem heiligen Vater zurückblieb. ... Die Marquise von Rocanera führte ihm, kaum daß sie der Schule entronnen waren, ihre Töchter zu, und wenig fehlte, so bäte sie ihn, die Mädchen zu segnen. »Vollkommen richtig,« bemerkte der Doktor mit dem automatischen Beifallsnicken eines Untergebenen, dessen Halswirbel sich durch die fortwährende Zustimmung einer besondern Gelenkigkeit erfreuen. Es trat eine kleine Pause ein, man war überrascht und verlegen, das Gleichgewicht der Unterhaltung war durch diesen derben, heftigen und unerklärlichen Ausfall des sonst so kühlen, zurückhaltenden jungen Mannes ins Schwanken gekommen. Die Sonne brannte sengend heiß auf den steilen Hohlweg, den die Pferde mit Anstrengung hinanstiegen, und wurde von den hohen Steinmauern, welche ihn zu beiden Seiten begrenzten, mit doppelter Gewalt zurückgestrahlt. »Was weibliches Mitgefühl und Nächstenliebe betrifft, so habe ich eine Szene mitangesehen,« sprach Védrine, das Haupt nach hinten gelegt, auf dem umgelegten Wagendach ruhend, die Augen, vor denen in aller Deutlichkeit ein nur für ihn sichtbares Bild stand, halb geschlossen. »Nicht bei dem großen Schneider, nein! ... sondern im Spital, in Bouchereaus Dienst. Eine weißgetünchte Zelle, ein eisernes Bett, die Decken am Boden liegend, und darauf ein Tobsüchtiger im letzten Paroxismus, nackt, mit Schweiß und Schaum überzogen, zusammengekrampft, mit verrenkten Gliedern, gekrümmt wie ein Clown, in die Höhe geworfen von Zuckungen, ein Geheul ausstoßend, daß der Platz vor Notre-Dame davon widerhallte, ... am Kopfende des Bettes zwei weibliche Wesen, an jeder Seite eine, die barmherzige Schwester und eine kleine Studentin aus Bouchereaus Kurs, beide noch sehr jung, und beide ohne Widerwillen, ohne Furcht über diesen Unseligen gebeugt, dem niemand in die Nähe kommen wollte, ihm Stirne und Mund von Todesschweiß reinigend, den Schaum, der ihn zu ersticken drohte, von seinen Lippen nehmend. ... Die Schwester betete dabei, die andre nicht, aber in dem Leuchten ihrer Augen, in der weichen Zärtlichkeit dieser mutigen, kleinen Hände, die zwischen die Zähne des Gemarterten hineingriffen, um ihn von dem erstickenden Speichel zu befreien, in der heldenhaften Mütterlichkeit ihrer Bewegungen, in ihrem Nichtmüdewerden, da fühlte man in beiden – das Weib! Und es war, um weinend in die Kniee zu sinken.« »Dank dir, Védrine,« flüsterte Freydet, vom Gedanken an seine Schwester überwältigt. Der Doktor machte eine Bewegung mit dem Kopfe: »O! Sehr richtig ...« Aber trocken und gereizt schnitt ihm Paul Astier das Wort ab: »Nun ja, Krankenpflegerinnen, das geb' ich zu ... Gebrechliche Geschöpfe, wie sie selbst sind, finden sie ein ungeheures Vergnügen am Pflegen, Verbinden, heißen Tüchern, einem Bad, einem Umschlag ... namentlich aber an der Macht über die Kranken, Geschwächten ...« Seine Stimme war kreischend, klang so hoch und scharf wie die seiner Mutter und in seinem kalten Auge flackerte ein böser Glanz, so daß alle sich fragten: »Was hat er nur?« und sich dem Doktor der sachverständige Gedanke aufdrängte: »... Er hat gut sagen, Stich und akademische Degen; ich für mein Teil möchte nicht in des Fürsten Haut stecken.« »Was den Instinkt, der Mütterlichkeit betrifft,« kicherte Paul Astier, »so wäre allerhand zu erzählen, und zwar aus unsern Bekanntenkreisen, und im Punkt von Treue und Feingefühl, da ist die kleine Witwe, die in der Gruft, auf dem Grabstein des Verstorbenen ...« »Du erzählst uns wohl die Geschichte der Witwe von Ephesus,« unterbrach ihn Védrine. Die Beteiligung am Gespräch ward nun allgemeiner, und tüchtig hin und her gerüttelt auf dem holperigen Weg, setzten sie das zwischen Männern nie zum Abschluß kommende Gespräch über die Frau und die Liebe fort. »Achtung, meine Herren,« sagte der Doktor, der von seinem Rücksitz aus zwei Wagen in rascher Gangart hinter ihnen den Abhang heraufkommen sah. Im ersten, einer offenen Kalesche, saßen die Zeugen des Fürsten, und Gomès, der sich erhoben hatte und nun wieder an seinem Platz saß, nannte halblaut und mit einer gewissen Ehrfurcht ihre Namen. »Marquis d'Urbin ... General Bonneuil ... vom Jockeyklub ... eleganter Sportsmann! ... und mein Kollege Aubouis.« Ein ausgehungerter Kerl, dieser Doktor Aubouis, aber er hatte einen Orden, somit kostete es bei ihm hundert Franken. Dem offenen Wagen folgte ein herrschaftliches Coupé, in welchem der tief verstimmte Fürst mit seinem Getreuen Lavaux saß. Noch fünf Minuten, und die drei Wagen befanden sich dicht hintereinander, wie Hochzeits- oder Leichenkutschen, und man vernahm nichts als das Geräusch der Räder und das Schnauben und Pusten der erhitzten Pferde, die ihre Kinnketten schüttelten. »Vorfahren!« befahl eine näselnde, herausfordernde, hochmütige Stimme. »Das ist nicht mehr als recht und billig,« sagte Paul, »sie wollen uns Quartier machen.« Die Wagenräder gerieten bei Ausführung des Befehls auf dem schmalen Weg in etwas bedenkliche Berührung miteinander, die Zeugen tauschten einen höflichen Gruß aus, die beiden Aerzte ein kollegialisches Lächeln; dann fuhr das Coupé vorüber und man erblickte hinter dem trotz der Hitze geschlossenen Wagenfenster ein unbewegliches, leichenblasses, trübselig dreinschauendes Profil. »Viel weißer wird er nicht aussehen, wenn sie ihn in einer Stunde heimbringen mit durchbohrter Brust,« dachte Paul bei sich, und er sah den Stich vor sich: eine Finte in Sekund, und dann geradeaus zwischen die dritte und vierte Rippe. Auf der Höhe wurde die Luft frischer, sie war wunderbar durchwürzt von Lindenblüten-, Akazien- und Rosenduft, und hinter der niederen Umzäunung des Parkes wurden sanft abfallende, prachtvolle Wiesengründe sichtbar, da und dort von dunklen Baumschatten gefleckt. Man hörte eine Thorglocke hell durch die Landschaft bimmeln. »Wir sind am Ziel,« sagte der Doktor, welchem der Platz wohlbekannt war: es war das Gestüt des Marquis d'Urbin, welches dieser schon seit zwei Jahren zum Verkaufe ausbot, und in welchem außer ein paar Stutenfüllen, die hinter hohen Einfriedigungen in den Wiesen ihre Sprünge machten, keine Pferde mehr waren. Die Stätte des Zweikampfes sollte ein breiter, ebener Streifen vor einem weißgetünchten, verlassenen Stalle an der tiefsten Stelle des Besitztumes sein, wohin man durch sanft hinabführende moos- und grasbewachsene Alleen gelangte, welche die feindlichen Parteien vereint, schweigend, in tadelloser Korrektheit durchschritten. Nur Védrine, dem diese Förmlichkeit und Steifheit ans Leben ging, rief zur Verzweiflung des in seinem engen Hemdkragen sehr feierlichen Freydet plötzlich: »Halt! Maiblumen!« bückte sich und pflückte welche, und, hingerissen von der wandellosen, friedlichen Schönheit der Dinge im Gegensatze zu der thörichten Erregung der Menschen, von den herrlichen Wäldern, welche den gegenüberliegenden Hügel bekleideten, dem Fernblicke auf vereinzelt daliegende Dächergruppen, dem schimmernden Flusse und dem nebelartigen bläulichen Dufte des heißen Sommertages, der alle Linien weich verhüllte, brach er in die bewundernden Worte aus: »Ist das schön! Ist das still!« und wies unwillkürlich mit der Hand dem hinter ihm Gehenden, dessen seine Stiefel er krachen hörte, den weiten Horizont. Ach! Mit welch unendlicher Verachtung ward dieser inkorrekte Védrine samt seinem Horizont und seinem Himmel ordentlich überflutet, denn darin war Fürst Athis groß, aufs Verachten verstand er sich. Verachtung drückte sein Auge aus, dies berühmte Auge, dessen Blick Bismarck nicht hatte standhalten, können, Verachtung drückte die große Pferdenase aus, Verachtung der Mund mit den tief herabgezogenen Winkeln; ohne zu wissen weshalb, ohne zu sprechen, ohne zu hören, ohne etwas zu lesen oder zu begreifen, verachtete er alles, und sein Glück als Diplomat, seine Erfolge in der Gesellschaft und bei den Frauen dankte er dieser allgemeinen, sich auf alles erstreckenden Verachtung. Im Grunde genommen eine hohle Schelle, dieser Samy, eine Strohpuppe, welche das Mitleid einer bedeutenden Frau aus dem Kehrichtwagen, unter den Austernschalen der nächtlichen Wirtshäuser aufgelesen, aufgerichtet, in die Höhe gehoben hatte, dem sie eingeblasen, was er zu sagen, und noch mehr, was er zu verschweigen habe, dessen Schritte, Handlungen, Bewegungen sie geleitet bis zu dem Tage, da er den Gipfel erreicht hatte und nun mit einem Fußtritte die Leiter wegstieß, deren er nicht mehr bedurfte. Die Welt im allgemeinen fand das heldenhaft, Védrines Ansicht lautete anders, und das auf Talleyrand angewendete Wort: »Ein seidener Strumpf mit Schmutz ausgefüllt« kam ihm in den Sinn, als er dies Geschöpf von so lobenswerter und selbstbewußter Korrektheit würdevoll an sich vorüberschreiten sah. Offenbar war diese Herzogin eine Frau von Geist, die, um die Nichtigkeit ihres Geliebten zu maskieren, ihn zum Diplomaten und Akademiker gemacht und ihn so in die beiden vom offiziellen Karneval vorgeschriebenen Dominos gehüllt hatte, die, so abgetragen und fadenscheinig sie auch alle beide sind, doch in der Gesellschaft noch für voll gelten; daß diese Frau ihn aber geliebt hatte, diesen ausgebrannten Menschen, diese komische Figur mit dem harten Herzen, das konnte Védrine sich kaum erklären. Sein Fürstentitel? Sie war von ebenso erlauchter Familie wie er. Sein englischer Schick, der Rock, der diesen Rücken eines Gehenkten so eng umschloß, dieses schmutzfarbige Beinkleid, das keineswegs edle Formen zeigte? Sollte man denn diesem kleinen Piraten von einem Paul Astier glauben, daß die Frauen am Niedrigen, körperlich oder geistig Mißgestalteten Gefallen finden? Der Fürst war an dem zu halber Manneshöhe reichenden hölzernen Gatter angelangt, welches die Allee von dem Weidegrunde trennte, und sei es, daß er in seine schlotternden Beine wenig Vertrauen hatte, sei es, daß er eine solche Körperanstrengung für einen Mann von Anstand nicht passend fand, kurz, er zögerte, sichtlich beengt von der Nähe dieses großen Lümmels von einem Künstler, den er sich auf der Ferse fühlte, und entschloß sich dann, den Umweg bis zu einer Oeffnung des kunstlosen Zaunes zu machen. Der andre zwinkerte mit den kleinen Aeuglein. »Geh du nur, mein Bester, es hilft doch nichts, einmal mußt du ja doch hin vor das weiße Haus, und wer weiß, ob dir nicht dort der Lohn für deine Gemeinheit ausbezahlt wird ... verdient hast du ihn ... und zuguterletzt kommt immer alles ins Reine auf dieser Welt. ...« Befriedigt und erquickt durch dies Selbstgespräch, schwang sich der Bildhauer dann, ohne auch nur die Hand zu Hilfe zu nehmen, mit kraftvollem aber ganz inkorrektem Satze über den Verschlag und gesellte sich den übrigen Zeugen zu, welche eifrig beschäftigt waren, Degen und Plätze zu verlosen. Trotz der pedantischen Steifheit und dem Ernste der Köpfe war man versucht, die mit ängstlicher Aufmerksamkeit über die rollenden Geldstücke gebeugten und hastig nach »Kopf oder Schrift« Fragenden für eine Gesellschaft runzeliger und ergrauender Schuljungen zu halten, die sich in der Pause die Zeit vertreiben. Während der Beratung über einen Fall, in dem die Lage des Geldstückes zweifelhaft geblieben, hörte Védrine sich halblaut beim Namen rufen und zwar von Paul Astier, der im Begriffe war, sich hinter dem Häuschen auszukleiden, und eben mit großer Kaltblütigkeit seine Taschen leerte, »Was schwatzt er denn da, der General? ... Mit seinem Stock im Bereich unsrer Degen sein, um Unglück zu verhüten! Das will ich nicht, verstehst du mich ... ich will kein Duell grüner Jungen in diesem Falle.... Wir sind beide gewitzte Leute!« Das klang humoristisch, aber er preßte die Zähne aufeinander, und in seinem Auge war ein wildes Leuchten. »Ernsthaft also?« fragte Védrine mit einem Blick, der den jungen Mann durch und durch zu erforschen schien. »So ernsthaft, als nur etwas sein kann.« »Sonderbar ... mir ahnte das.« Und der Bildhauer ging, dem General die nötigen Erklärungen abzugeben. Dieser, ein alter Reiteroffizier, gespalten von den Fußsohlen bis zu den Satyrohren, die an glühendem Kolorit mit denen Védrines wetteiferten und sich jetzt so scharlachrot färbten, daß man das Blut herausspritzen zu sehen glaubte, schnarrte sein: »Angenommen, mein Herr! ... Ganz zu Befehl, mein Herr! ...« daß die Worte einem wie Peitschenhiebe ins Gesicht flogen. Ob Samy, welchem der Doktor eben behilflich war, den Hemdärmel zurückzuschlagen, sie gehört hatte? War es das Erscheinen des gelenkigen, geschmeidigen und kräftigen jungen Mannes, der eben mit bloßem Hals und Armen, die rund und voll waren wie die einer Frau, und dem erbarmungslosen Blick heraustrat? Thatsache ist, daß, nachdem er hierher gekommen war, weil es eben der Leute halber sein mußte, aber ohne einen Schein von Besorgtheit, als Kavalier, der nicht seinen ersten Ehrenhandel ausficht und der genau weiß, was zwei gute Zeugen wert sind, sein Gesicht sich nun jäh verwandelte, erdfahl wurde und unter dem Bart sich ein gewisses Zittern der Kinnlade verriet, die häßliche Grimasse der Furcht. Trotzdem bewahrte er seine Haltung und trat mit Anstand und ziemlich tapfer vor. »Voran, meine Herren!« Ja, alles empfängt seine Vergeltung. Das kam ihm heute innerlich zum Bewußtsein angesichts dieser unerbittlichen Degenspitze, die auf ihn gezückt war, ihn aus der Entfernung gleichsam betastete, ihn da und dort zu schonen schien, um anderwärts desto sicherer zu treffen. Man ging darauf aus, ihn zu töten ... dessen war er sicher. Und während er, den langen mageren Arm weit vorgestreckt, im Geklirr der Degen stand, kamen ihm zum allererstenmal Gewissensbisse darüber, daß er so niedriger Weise, so unedel die Geliebte verlassen, sie, die ihn aus Schlamm und Schmutz hervorgezogen, emporgehoben, und zugleich hatte er das bestimmte Gefühl, daß diese Frau der nahen, ihn rings umdrohenden Gefahr nicht fremd war, dieser Gefahr, welche ihm die ganze Atmosphäre zu verwandeln schien, die den Himmel, der ihm wie ein Traumlicht hoch und weit geöffnet vorkam, sich weiter entfernen, sich drehen ließ, die ihm alle Gesichter der Zeugen, der Aerzte, ja der beiden Stalljungen, welche die neugierig von der Weide herüberkommenden Pferde mit Gertenhieben zurückjagten, so seltsam und verschwommen erscheinen ließ. »Genug, genug ... so halten Sie doch ein ...« schrieen plötzlich heftige, grobe Stimmen. Was war geschehen? Die Gefahr ist vorüber, fern gerückt, der Himmel wieder unbeweglich wie immer, jedes Ding hat wieder seine Form und Farbe. Aber zu seinen Füßen, auf dem aufgewühlten, zertretenen Boden breitet sich eine große Blutlache aus und färbt die gelbe Erde schwarz, und mitten drin liegt Paul Astier, den Hals an mehreren Stellen durchbohrt, geschlachtet wie ein Schwein, und in dem bestürzten, erschütternden Schweigen des Kampfplatzes summt die Wiese ringsum ihr zirpendes, surrendes Sommerlied weiter, und die Pferde, auf die niemand mehr acht hat, stehen in einiger Entfernung beisammen und strecken die Hälse, reißen die Nüstern auf und blicken neugierig auf den Körper des Besiegten. Er verstand es doch wahrhaftig mit dem Degen umzugehen. In seiner Hand, die den Degengriff so eisern umschlossen hielt, wußte die Klinge zu surren und zu sausen und zu blitzen und sich zu biegen und zu strecken, wahrend der andre, der da vor ihm steht, nichts in Händen hält als einen unsicher wackelnden, furchtsamen Bratspieß. Wie ist es nur geschehen? Sie werden sagen, und heute Abend werden die Zeitungen es nachsprechen und morgen wird es ganz Paris diesen nachsprechen, daß Paul Astier im Ausfall ausgeglitten und in sein eigenes Eisen gestürzt sei; man wird das sehr eingehend und ausführlich und genau erzählen, aber steht die Genauigkeit unsrer Worte nicht immer in umgekehrtem Verhältnis zu unsrer Kenntnis der Thatsachen? Selbst für die, welche Zeugen eines Zweikampfes sind, selbst für die, welche ihn ausfechten, ist der entscheidende Moment etwas verschleiert; der Augenblick, in welchem, allen Voraussetzungen, aller Logik entgegen, das Schicksal sein Wort spricht, ist immer in jene dunkle Wolke gehüllt, die sich in den Gesängen Homers auf jeden Entscheidungskampf herabsenkt. In der kleinen Wohnung des Stallknechts, die unmittelbar in der Nähe gewesen, schlug Paul Astier nach langer, tiefer Ohnmacht die Augen wieder auf, und das erste, worauf sein Blick von dem eisernen Bett, auf dem er lag, aus fiel, war eine Lithographie des kaiserlichen Prinzen, die an derselben Wand, über einer mit chirurgischen Instrumenten beladenen Kommode hing, und in dem Bewußtsein, das ihm mit dem Erkennen der Außendinge zurückkehrte, erschien ihm das melancholische Gesicht mit den durch die Feuchtigkeit der Mauer verblaßten Augen, dies düstere Geschick einer so jäh hingerafften Jugend wie eine böse Vorbedeutung. Diese ehrgeizige, schlaue Natur war aber auch unerschrocken und furchtlos, und mühsam den Kopf erhebend, dessen Bewegung durch zahlreiche Binden und Verbände gehemmt war, fragte er mit schwacher, aber immer noch spöttischer Stimme: »Hieb oder Stich, Doktor?«, Gomès, der eben im Begriff war, seine Jodoformgazestreifen aufzurollen, gebot ihm mit großartiger Handbewegung zu schweigen, »Stich, Glückspilz, der Sie sind ... aber nur ein Haarbreit weiter, und ... Aubouis und ich hielten schon die Arterie für durchstochen« ... Der junge Mann bekam ein wenig Farbe, seine Augen leuchteten. Es thut so wohl, nicht sterben zu müssen! Und mit sofort wieder erwachtem Lebenstrieb und Ehrgeiz wollte er genau wissen, wieviel Zeit die Heilung, die völlige Genesung ihm kosten werde. »Drei Wochen ... einen Monat« ... nach Ansicht des Doktors, der ihm sehr nachlässig, mit einem komisch wirkenden Anflug von Verachtung Antwort gab, ärgerlich wie er im Grund war und durch die Niederlage seines Patienten gekränkt. Paul überlegte, die Blicke nach der Wand gekehrt ... Athis war fort, Colette verheiratet, ehe er sich nur rühren konnte. ... Die Sache war mißglückt, man mußte etwas andres finden! Die Thür ging auf und ein breiter Strom von Licht fiel herein. Oh! Das Leben, die liebe Sonne ... Védrine und Freydet traten auf das Bett zu; fröhlich streckte ihm der Bildhauer die Hand entgegen. »Du hast uns einen netten Schrecken eingejagt.« Er hatte seinen kleinen Tausendsasa wirklich lieb; er war ihm wert, wie ein Kunstwerk. »Ja, wahrhaftig« ... bestätigte der Vicomte, sich den Schweiß von der Stirne trocknend, mit sichtlich großer Erleichterung. Hatte er doch vorhin seine Wahl, all seine Hoffnungen auf die Akademie in dieser Blutlache am Boden liegen sehen. Nie und nimmermehr würde der Vater Astier ins Zeug gegangen sein für einen Mann, der in eine solch entsetzliche Katastrophe mitverwickelt! Ein wackres Herz von Haus aus, dieser Freydet, aber die fixe Idee seiner Kandidatur zog ihn an wie der Pol die Magnetnadel; wie er sich auch drehen und wenden mochte, wie das Leben ihn auch schüttelte, auf diesen Punkt kam er immer wieder zurück. Und während der Verwundete seinen Freunden zulächelte, ein wenig beschämt freilich, daß er, der starke, der ganze Kerl, hier ausgestreckt auf dem Schragen lag, erging sich Freydet in Ausdrücken der Begeisterung über die korrekte Haltung der Zeugen, mit denen man sich soeben über den Kampfbericht verständigt, das korrekte Benehmen des Doktors Aubouis, der sich erboten hatte, seinem Kollegen Hilfe zu leisten, und endlich die Korrektheit des Fürsten, der im offenen Wagen zurückgefahren war und für Paul Astier sein sanft gehendes, einspänniges Coupé dagelassen hatte, das bis dicht an das kleine Häuschen gelangen konnte. Oh! So korrekt! »Ist der langweilig mit seiner Korrektheit!« warf Védrine hin, als er bemerkte, daß Paul nicht unterlassen konnte, ein Gesicht zu schneiden. »... Eine sehr sonderbare Geschichte« , . . flüsterte der junge Mann mit undeutlicher Stimme, wie in tiefen Gedanken vor sich hin. Er und nicht der andre war es also! Sein bleiches, blutbeflecktes Gesicht wird hinter dem Fenster des im Schritt fahrenden Coupés zu erblicken sein. Was doch so ein einziger Fehlstich ... Trotz der Einsprache des Doktors richtete er mit einemmal sich hastig auf, durchblätterte seine Brieftasche, nahm eine Visitenkarte heraus und schrieb mit unsicher geführtem Bleistift rasch und flüchtig darauf: »Das Schicksal ist so treulos wie die Menschen. Ich wollte Sie rächen ... ich habe es nicht vermocht. Verzeihen Sie mir!« Er unterzeichnete, las das Geschriebene durch, dachte nach, las es noch einmal, und nachdem er die Karte in ein Kouvert gesteckt, in ein entsetzliches Kouvert, das irgend einem ländlichen Spezereiladen entsprungen sein mochte und das sich in der staubigen Kommode vorgefunden hatte, schrieb er die Adresse: »Herzogin Padovani« und bat Freydet inständig, das Billet so bald als möglich persönlich zu übergeben. »In einer Stunde soll es geschehen sein, mein lieber Paul.« Er dankte mit einer Handbewegung, winkte ihnen verabschiedend zu, streckte sich dann lang aus, schloß die Augen und blieb stumm und regungslos bis zur Abfahrt. An sein Ohr drang das Zirpen und Surren der Tausende von Mückchen und Käferchen auf der sonnebeschienenen Wiese. Das Gesurre kam ihm vor wie das dumpfe Brausen des nahenden Fiebers und unter den geschlossenen Lidern verfolgte er alle Krümmungen und Windungen der neuen Intrigue, die so ganz verschieden war von der vorigen, und die er jetzt eben auf dem Kampfplatz, in voller Niederlage so wunderbar, wie durch Eingebung eingeleitet hatte. Handelte es sich wirklich um eine völlige Improvisation? Darin täuschte sich der ehrgeizige Junge vielleicht, denn die Triebfeder unsrer Handlungen entgeht uns oft, ist uns verloren, verborgen unter all dem, was in den Stunden der Entscheidung auf uns eindringt, in uns sich regt, wie der Führer, der sie erregt und in Bewegung gebracht hat, in der Menge verschwindet. Ein Mensch ist auch eine Menge. Vielfältig, aus verschiedenstem zusammengesetzt wie eine solche, hat er wie sie unklare, plötzliche, nicht vorhergesehene Regungen, aber der Anführer ist da, er steht hinter der Handlung, und so spontan, so ganz vom Augenblick geboren unsre Bewegungen erscheinen mögen, sie sind immer vorbereitet, so gut wie die der großen Massen. Von dem Abend auf der Terrasse des Hotel Padovani an, wo Lavaux dem jungen Nobelgardisten die Herzogin als eine glänzende Partie bezeichnet hatte, war Paul Astier der Gedanke gekommen, daß, wenn es mit der Fürstin Rosen nichts sein sollte, die schöne Antonia ihm immer noch bliebe. Auch vorgestern hatte er daran gedacht, als er im Theater den Grafen Adriani in der Loge der Herzogin bemerkte, aber nur so nebenbei, undeutlich, seine Seele war von andrem erfüllt, seine Kraft in andrer Richtung in Anspruch genommen, und er glaubte noch an seinen Sieg. Nun war das Spiel endgültig verloren und sein erster Gedanke, als er sich dem Leben wiedergegeben fühlte, war: Die Herzogin! Und so war dieser plötzlich, fast unbewußt ausgeführte Entschluß nur das Aufgehen einer schon lange in ihm keimenden Saat. »Ich wollte Sie rächen. Ich habe es nicht vermocht!« Gut, großherzig, leidenschaftlich und rachsüchtig wie er sie kannte, sie, welche die Corsen Mari Anto nannten, würde sie morgen an seinem Bett sitzen. Dafür zu sorgen, daß sie nicht mehr von ihm lasse, war dann seine Sache. Als Védrine und Freydet in dem Landauer, welcher das aus Rücksicht auf den Kranken Schritt fahrende Coupé weit hinter sich gelassen, nach der Stadt zurückkehrten, stellen beide angesichts der leeren Sitze, auf welchen in ihrem grünen Ueberzug die Degen des Zweikampfes lagen, ihre Betrachtungen an. »Sie machen jetzt weniger Lärm als im Herfahren, die erbärmlichen Dinger ...« sagte Védrine, die Futterale mit dem Fuße anstoßend. Freydet dachte laut: »Es ist richtig, es sind die der Akademie« ... und wieder seine wichtig thuende, korrekte Zeugenmiene aufsetzend: »Wir hatten alle Vorteile auf unsrer Seite, das Terrain, die Waffen, einen Schläger ersten Ranges.... Wie er gesagt hat, die Sache ist sehr sonderbar.« ... Die Schönheit des von der untergehenden Sonne in Gold- und Purpurtinten gehüllten Stromes nahm sie eine Weile gefangen und hinderte sie, ihr Gespräch fortzusetzen. Nachdem die Brücke überschritten war, lenkte der Kutscher im Trab in die Rue de Boulogne ein. »Im ganzen,« sagte Védrine, plötzlich die Unterhaltung fortsetzend, als ob kein langes Schweigen dazwischen läge, »ist der Junge, trotzdem ihm alles zu glücken scheint, ein Pechvogel. Ich habe ihn jetzt ein paarmal vom Leben ordentlich gezaust werden sehen, in Lagen, die ein Prüfstein dafür sind, ob der Mensch Glück hat, bei denen er alle Anlage dazu, die ihm in der Haut stecken mag, ausschwitzt. Nun denn, er denkt an alles, ist schlau und durchtrieben, richtet sich die Palette ganz prächtig her, und im letzten Augenblick klappt es nicht, geschieht etwas, das ihn zwar nicht zu Grunde richtet, ihn aber auch nicht zu seinem Ziel gelangen läßt.... Weshalb? ... Vielleicht ganz einfach, weil er eine schiefe Nase hat. ... Ich versichere dich, daß derartige Abweichungen und Unregelmäßigkeiten fast immer das Zeichen eines unwahren Geistes, einer nicht ehrlichen Sinnesart sind. Ein falscher Meißelschlag und alles ist verpfuscht!« Sie freuten sich dieses Einfalls und plauderten dann des Weiteren über Glück und Unstern; Védrine erzählte einen seltsamen Fall, der sich während seines Aufenthalts in Corsica bei den Padovanis fast unter seinen Augen zugetragen hatte. Es war in Barbicaglia gewesen, am Ufer des Meeres, dem Leuchtturm der Sanguinaires gerade gegenüber. Den Dienst in diesem Leuchtturm versah ein alter, pflichtgetreuer Wächter, der nahe daran war, sich in den Ruhestand zurückzuziehen. In einer Nacht, da er die Wache hatte, schlummert der Alte ein, schläft fünf Minuten lang, keine einzige länger, und hemmt mit lang ausgestrecktem Fuß den Mechanismus des farbigen Blickfeuers. Nun will es der Zufall, daß in dieser Nacht, im nämlichen Augenblick, der General-Inspektor, der auf einem Aviso seine jährliche Inspektionsreise macht, sich dem Leuchtturm gerade gegenüber befindet, zu seinem Erstaunen in demselben festes Licht erblickt, halten läßt, beobachtet und den Thatbestand feststellt. Am andern Morgen erscheint die offizielle Schaluppe und bringt einen Aushilfswächter auf die Insel samt dem Befehl, den armen Alten sofort vom Amt zu jagen. »Ich glaube,« setzte der Bildhauer hinzu, »daß dies ein seltenes Beispiel von Mißgeschick ist, das zeitliche und räumliche Zusammentreffen des kurzen Schlummers des alten Mannes und des untersuchenden Späherblicks.« Mit einer seiner großen, ruhigen Armbewegungen machte er den Freund auf ein breites Stück tiefgrünen Himmels, da und dort mit aufgehenden, in den letzten Augenblicken des schönen Tages schon sichtbar werdenden Sternen besäet, aufmerksam, das sich leuchtend hinter der Place de la Concorde, auf der sie sich nun befanden, hinspannte. Wenige Augenblicke nachher hielt der Wagen in der schon dunkeln kurzen Rue de Poitiers vor dem hohen wappengeschmückten Palast Padovani, dessen Vorhänge und Rouleaux fest geschlossen waren und aus dessen Garten ein übermütiges Jubilieren der Vögel herüberscholl. Die Herzogin war abgereist, nach Mousseaux zum Sommeraufenthalt. Freydet hielt unschlüssig sein großes Briefkouvert in der Hand. Ganz darauf vorbereitet, von der schönen Antonia empfangen zu werden und einen herzergreifenden Bericht über den Zweikampf abzustatten, vielleicht auch ein Wort von seiner Kandidatur einfließen zu lassen, wußte er nun nicht, ob es besser wäre, den Brief hier abzugeben, oder ihn binnen drei bis vier Tagen, von Clos-Jallanges aus, eigenhändig abzuliefern. Schließlich übergab er ihn doch dem Diener und kehrte zum Wagen zurück. »Armer Junge! ... Er hat mir so dringend gesagt, daß der Brief Eile habe.« »Ohne Zweifel,« sagte Védrine, indes der Landauer sie den Quai entlang, an dem in regelmäßigen Zwischenräumen eben ein gelbliches Flämmchen nach dem andern aufflackerte, zu dem für die Abfassung des Protokolls vereinbarten Ort trug, »ohne Zweifel ... ich weiß nicht, was das Billet enthält, aber demnach, daß er sich die Mühe gegeben hat, es zu dieser Stunde, in dieser Lage zu schreiben, muß es etwas sehr Wichtiges, sehr fein Ersonnenes, ein merkwürdig kluger Streich sein. ... Da haben wir's wieder . . . die Sache hat die größte Eile – und die Herzogin ist fort.« Und ganz ernsthaft seine Nasenspitze zwischen den Fingern krumm biegend, setzte er hinzu: »Das kommt davon, siehst du.« Elftes Kapitel. Der Degenstich, der ihren Sohn um ein kleines zum stillen Mann gemacht hätte, bildete für die ehelichen Zwistigkeiten des Hauses Astier eine Ableitung. Bis ins Innerste erschüttert in seinem Vatergefühl, wurde Léonard weich und verzieh, und da Frau Astier während der drei Wochen ihres Dienstes am Krankenbett nur für Augenblicke in die Rue de Beaune kam, um Wäsche zu holen oder ihre Kleider zu wechseln, gab es keine Gelegenheit zu Anspielungen, versteckten oder offenen Vorwürfen, wie sie im Zusammenleben zweier Menschen so oft auch nach erteilter Vergebung, nach dem Friedensschluß, einen Streit wieder aufleben machen. Was dann nach Pauls Wiederherstellung und seiner schleunigen Abreise nach Mousseaux, wohin eine dringende Einladung der Herzogin ihn rief, vollends dazu beitrug, den Frieden des akademischen Haushalts vollständig wiederherzustellen, demselben wenigstens seine gewohnte Kalthaustemperatur zurückzugeben, war die Uebersiedlung ins Institut, in Amt und Wohnung des verstorbenen Loisillon, dessen Witwe zur Vorsteherin der Schule von Ecouen ernannt worden war und durch ihren unmittelbar darauf erfolgenden Abzug es dem neuen »Ständigen« ermöglichte, fast am Tag nach seiner Ernennung umzuziehen. Die Einrichtung in diesen so lang beneideten, überwachten, ersehnten Räumen, auf die man gelauert hatte, deren geheimsten Winkel und sämtliche Vorzüge man genau kannte, kostete nicht viel Zeit. Wenn man mitansah, mit welcher Geschwindigkeit und Sicherheit jedes Stück Möbel von der Rue de Beaune an Ort und Stelle kam, so hatte man den Eindruck, daß es sich hier nicht um einen Einzug, sondern um die Heimkehr einer Einrichtung vom sommerlichen Landhaus handle, wobei jedes Stück sich ganz naturgemäß wieder zurechtfand, sich von selbst an die gewohnte Stelle, auf den von ihm in Fußboden oder Wand zurückgelassenen Abdruck verfügte. Verschönerungen wurden nicht vorgenommen, – höchstens eine gründlichere Reinigung des Zimmers, in dem Loisillon gestorben, eine neue Tapete in dem einstigen Salon Villemains, aus welchem Léonard sein Studierzimmer machte, um Licht und Stille aus dem Hof, auf den es ging, zu beziehen und um in einer sehr hohen und sehr hellen kleinen Kabine daneben seine Autographen unterzubringen, die er unter Fages Beistand mittels viermaliger Droschkenfahrt persönlich übersiedelte. Und jeden Morgen war es ihm eine wahre Wonne, ein immer neues Entzücken, sein »Archiv« zu betrachten, das fast ebenso bequem war wie jenes im Auswärtigen Amt, wo er hocherhobenen Hauptes eintreten konnte und keine Hühnerstiegchen zu erklettern hatte wie zum Hängeboden der Rue de Beaune, an welche er nur mit Empörung und heftigem Widerwillen zurückdenken konnte, wie der Mensch überhaupt jedem Ort, an dem er gelitten hat, einen dauernden, unversöhnlichen Haß bewahrt. Man söhnt sich aus mit lebenden Wesen, die, Wandlungen unterworfen, uns in verschiedenem Lichte erscheinen, aber nicht mit leblosen Dingen in ihrer steinernen Unbeweglichkeit. In der Freude des Umzugs und des neuen Einrichtens konnte Astier-Réhu seinen Groll vergessen, das Vergehen seiner Frau, ja sogar seinen Aerger über Teyssèdre, der die Erlaubnis erhielt, nach wie vor am Mittwoch morgen seine glättende Thätigkeit zu entfalten, aber wenn er nur an den schwebenden Käfig dachte, in welchen man ihn einst allwöchentlich einen vollen Tag gesperrt hatte, so knirschte die vorspringende Kinnlade und ward der große Geschichtschreiber wieder zum Krokodilus. Ist es aber irgendwie zu verstehen, daß diesen Teyssèdre die Ehre, im Institut Böden bohnern zu dürfen, genau ebenso kalt ließ, wie alles andre, daß die Hoheit dieser Räume keinerlei Wirkung auf sein Gemüt hatte, daß er fortfuhr, den Tisch herumzustoßen, Papierstreifen und zahllose Notizen und Berichte des »Ständigen« durcheinanderzuwerfen, mit der nämlichen herausfordernden, schweigenden Ueberlegenheit des Bürgers von Riom einem gewöhnlichen Sauvagnaten gegenüber! Ohne es einzugestehen, daß diese zermalmende Nichtachtung ihn beengte und in Verlegenheit setzte, machte Astier-Réhu von Zeit zu Zeit den Versuch, diesem Ungeheuer die Majestät des Ortes, an welchen, seine Bürste und sein gelbes Wachs ihre Wirkung thaten, klarzumachen. »Teyssèdre,« sagte er eines Tages, »dies war einst der Salon des großen Villemain, ... Ich bitte Sie, den Raum darnach zu behandeln,« und um den stolzen Auvergner doch nicht zu sehr zu verletzen, war er feig genug, Corentine gleichzeitig zu sagen: »Geben Sie dem Mann ein Glas Wein.« ... Die sehr verblüffte Dienerin vollzog den Befehl und der Bohner leerte das ihm gereichte Glas, den Schrupper in der Hand, die Augen vor Freude glitzernd, mit einem Zuge, wischte sich dann den Mund am Aermel ab, und das Glas, auf dem seine wulstigen Lippen einen breiten Streifen zurückgelassen, abstellend, sagte er: »Sehen Sie, Herr Astier, ein Glas frischen Wein – das ist doch eigentlich das einzige, was der Mensch im Leben Gutes hat.« ... In seiner Stimme erklang ein solcher Herzenston tiefster, wahrster Ueberzeugung, sein Zungenschnalzen drückte ein so wonniges Wohlbehagen aus, daß der ständige Sekretär des Instituts, zu seinen Archiven zurückkehrend, ärgerlich die Thüre hinter sich zuschlug. Denn schließlich, war es denn der Mühe wert, sich die Beine abzulaufen, sich vom niedrigen Anfänger so hoch hinaufgeschwungen zu haben, auf den Gipfel litterarischen Ruhmes, Historiker des Hauses Orleans, Schlüsselbewahrer zum Allerheiligsten der Französischen Akademie zu sein, wenn ein bescheidenes Glas Wein hinreichte, einem Tölpel zu einem Glücksgefühl zu verhelfen, das dem allem mindestens gleichkam! Als er aber einen Augenblick später den Bohner lachend zu Corentine sagen hörte, daß er sich den Teufel drum kümmre, ob diese Stube einmal einem Herrn Villemain gehört habe, da zuckte Léonard Astier die Schultern; seine Aufwallung von Neid zerfiel angesichts einer solchen Unwissenheit und an ihre Stelle trat tiefes, wohlwollendes Mitleid. Für Frau Astier, der, im Institut erzogen, groß geworden, jeder Pflasterstein des Hofes, jede Stufe der ehrwürdigen und staubbedeckten Treppe B Kindheitserinnerungen wachrief, war dieser Einzug wie eine Heimkehr nach langer Abwesenheit, und weit mehr als ihr Gatte würdigte und genoß sie die materiellen Vorteile ihrer Stellung. Keinen Mietzins mehr zu bezahlen, Beleuchtung und Heizung frei, was besonders für die winterlichen Empfangstage eine ganz bedeutende Ersparnis war, dazu natürlich ein höherer Gehalt, eine vermehrte gesellschaftliche Bedeutung, einflußreiche Beziehungen und Verbindungen, die sie besonders für Paul zu benutzen und für die Jagd nach Aufträgen auszubeuten gedachte! Wenn Frau Loisillon dereinst die Reize und Vorzüge der Wohnung im Institut gerühmt, hatte sie nie ermangelt hinzuzusetzen: »Selbst regierende Fürstinnen habe ich hier empfangen!« »Ja, aber fragt mich nur nicht wo,« hatte die gute Adelaide, ihren langen Hals reckend, bissig bemerkt. Und allerdings kam es nicht selten vor, daß nach Schluß der langen und sehr ermüdenden Sitzungen eine hohe Dame, vielleicht eine königliche Hoheit auf Reisen, oder eine einflußreiche Weltdame, die dem Ministerium nahe stand, der Frau des Sekretärs einen kurzen, etwas eigennützigen Besuch abstattete. Frau Loisillon verdankte ihre Anstellung als Schulvorsteherin wesentlich der in dieser Richtung erwiesenen Gastfreundschaft, und ohne Zweifel würde auch Frau Astier sich nicht minder geschickt darin zeigen, aus diesem unscheinbaren Teil ihrer Wohnung Nutzen zu ziehen. Nur eins war es, was im Augenblick ihren Triumph störte, und das war der Bruch mit der Herzogin, welcher es ihr unmöglich machte, ihren Paul in Mousseaux zu treffen. Nun traf aber zu günstiger Stunde eine Einladung nach Clos-Jallanges ein, wo sie doch wenigstens in nachbarlicher Nähe mit ihrem Sohn war und die überdies die Hoffnung in ihr erweckte, die Beziehungen zur Herzogin, für welche sie wieder ganz zärtlich gestimmt war, seit sie ihrem Jungen Gutes erwies, von neuem anknüpfen zu können. Léonard, den seine durch Loisillons lange Krankheit sehr im Rückstand befindlichen Amtsgeschäfte in Paris festhielten, ließ seine Frau gerne reisen und versprach ihr, von Zeit zu Zeit auf ein paar Stunden zu ihren gemeinsamen Freunden zu gehen, während er in Wirklichkeit fest entschlossen war, keinen Fuß aus dem Institut zu setzen. Ach wie wohl fühlte man sich nicht in demselben, wie hatte man Ruhe! Zwei Sitzungen in der Woche, zu welchen er nur über den Hof zu gehen brauchte, Sommersitzungen, vertrauliche, familiäre, wo nur ein halbes Dutzend Diätenschnapper unter dem heißen Glasdach schlummerten. Den übrigen Teil der Woche vollkommene, ungestörte Muße, die der arbeitsame Greis zu nützen wußte, indem er die Korrektur des endlich zum Abschluß gebrachten Galilei las, der zu Anfang des Winters erscheinen sollte, und eine zweite Ausgabe seiner Geschichte des Hauses Orleans vorbereitete, welche, mit neuen, bisher ungedruckten Dokumenten bereichert, nun noch einmal so wertvoll sein würde als die erste. Die Welt wird alt; die Geschichte – das Gedächtnis der Menschheit, das wie diese selbst allen Krankheiten, Schwächen, Lücken und Irrtümern unterworfen ist – muß sich mehr als je auf Texte, Originalschriftstücke stützen, sich auffrischen und, wenn sie nicht des Irrtums und der Faselei geziehen werden will, strenge Quellenforschung betreiben. Welche stolze Genugthuung denn auch für Astier-Réhu, welche Seligkeit, in diesen sengend heißen Augusttagen auf den wohlbekannten Blättern immer wieder diese wohlbegründete, auf Originaldokumenten beruhende Beweisführung zu lesen, ehe er sie dem Verleger Petit-Séquard wieder zustellte, mit dem Titelblatt, wo zum erstenmal unter seinem Namen der »Ständige Sekretär der Französischen Akademie« prangte, ein Titel, an den er sich noch nicht gewöhnt hatte und dessen Glanz ihn noch immer blendete wie der weiße, sonnenbeschienene Hof vor seinem Fenster. Er war ungeheuer groß, dieser zweite Hof des Instituts, still, majestätisch, kaum daß einmal ein Schwalben- oder Sperlingsgezwitscher sich darin vernehmen ließ; besonders feierlich wirkte eine Bronzebüste der Minerva und zehn vor der Mauer im Hintergrunde in wohlgemessenen Zwischenräumen aufgestellte monumentale Prellpfeiler. Den ganzen Raum beherrschte und überragte das Riesenkamin des benachbarten Münzgebäudes. Gegen vier Uhr nachmittags, wenn der behelmte Schatten der Büste der Minerva länger zu werden anfing, ertönte der nervöse, harte Tritt des alten Jean Réhu auf den Steinfliesen. Er wohnte über den Astiers und machte jeden Tag regelmäßig seinen langen Spaziergang, wobei zu seinem Schutz, aber in ziemlicher Entfernung, ein Diener mitging, dessen Arm zu nehmen er sich hartnäckig weigerte. Während sich seine Taubheit und Unzugänglichkeit mehr und mehr steigerten, nahmen seine Geistesfähigkeiten unter dem Einfluß dieses ausnahmsweise heißen Sommers sichtlich ab, besonders das Gedächtnis, welchem auch die als Merkzeichen in die Rockklappen gesteckten Stecknadeln nicht mehr aufzuhelfen im stände waren: bei all seinen Erzählungen verlor er den Faden, irrte pfadlos in seinen Erinnerungen umher wie der alte Livingstone in den Sümpfen Mittelafrikas, tastend, unsicher, strauchelnd, bis ihm jemand zu Hilfe kam, und da ihn dies demütigte, beschämte und verstimmte, so sprach er überhaupt mit gar niemand mehr, sondern hielt im Gehen Selbstgespräche, wobei er dann plötzlich stehen blieb, mit dem Kopfe nickte und das unvermeidliche: »Ich habe das erlebt, ich!« vor sich hinmurmelte, so oft eine Geschichte oder Anekdote zu Ende war. Im übrigen war er noch immer stramm und bolzgerade, fand genau wie zur Zeit des Direktoriums den größten Spaß an kleinen Mystifikationen und vergnügte sich damit, die Schar von allzu lebensfreudigen Maulaffen, welche sich täglich in Briefen mit der Frage an ihn wandte, welchen hygienischen Mitteln er seine unerschütterliche Gesundheit und die lange Lebensdauer verdanke, bald zum Verzicht auf Wein, bald zu dem auf Fleisch zu verdammen und ihnen die verschiedentlichste und drolligste Diät vorzuschreiben. Und wahrend er dem einen Gemüse, dem andern Milch oder Apfelwein verordnete, andre wieder auf Schnecken und Eierschalen verwies, versagte er sich selbst gar nichts, trank tüchtig und ohne alle Zuthat von Wasser bei den Mahlzeiten, auf welche stets eine kleine Siesta folgte und des Abends eine tüchtige Zimmerpromenade, deren Dröhnen Léonard Astier über sich vernahm. Seit der Ernennung des akademischen Sekretärs waren zwei Monate verflossen, der August und September, zwei volle Monate eines beglückenden, fruchtbaren inneren und äußeren Friedens, eine Ruhepause des Ehrgeizes, wie er in seinem ganzen Leben keine ähnliche verschmeckt und genossen hatte. Frau Astier war noch immer in Clos-Jallanges, sprach aber nun von baldiger Rückkehr, schon ließen die ersten Nebel den Himmel von Paris etwas bleiern erscheinen, einzelne Akademiker waren von der Reise heimgekehrt, die Sitzungen nahmen einen weniger vertraulichen Charakter an, und Léonard Astier hatte in seinen Arbeitsstunden im ehemaligen Salon Villemain nicht mehr nötig, zum Schütze gegen die sengende Sonnenglut der Hofseite die Rouleaux herunterzulassen. Er saß eines Nachmittags an seinem Tisch, im Begriff, dem guten Freydet erfreuliche Kunde über seine Aussichten in Bezug auf die Kandidatur mitzuteilen, als die altmodische, schwächliche Thürklingel mit so großer Heftigkeit gezogen wurde, daß sie mit all der ihr gebliebenen Kraft durchs Haus ertönte. Corentine war eben ausgegangen, der Gelehrte öffnete also selbst und war höchlich betroffen, sich dem Baron Huchenard und dem Paläographen Bos gegenüber zu sehen. Hohläugig und aufgeregt drängte sich letzterer sofort ins Arbeitszimmer des Meisters und brach, die Arme zum Himmel erhebend und hinter dem roten Bart hervorschnaubend, mit gesträubtem Haupthaar, in die Worte aus: »Die Stücke sind gefälscht.... Ich habe den Beweis ... den Beweis!« Astier-Réhu, der im ersten Augenblick gar nicht begriff, wovon die Rede, sah den Baron an, welcher seinerseits in Betrachtung des Thürgesimses versenkt schien; als er dann aber aus dem Gebrüll und Gestöhne des Paläographen heraushörte, daß man die Echtheit der drei von Frau Astier an Bos verkauften und von diesem an Baron Huchenard übergegangenen Briefe Karl V. in Abrede zog, lächelte er sehr von oben herab und erbot sich, seine drei Autographen, deren Integrität in seinen Augen durch nichts, durchaus nichts anzufechten war, zurückzukaufen. »Erlauben Sie mir, Herr Sekretär des Instituts, Ihre Aufmerksamkeit auf, ...« Der Baron Huchenard knöpfte, während er so sprach, seinen lehmfarbigen Ueberrock auf, zog ein großes Kouvert aus der Tasche und entnahm demselben die drei Pergamente, die, zur Unkenntlichkeit verwandelt, mit Pottasche behandelt, von ihrer vergilbten, räucherigen Farbe in ein glänzendes Weiß übergegangen waren, und deren jedes in der Mitte der Seite, vollkommen leserlich und klar, unter der Unterschrift Karl V., den Stempel trug: B. B. Angoulème 1836. »Der Chemiker Delpech, unser berühmter Kollege von der Akademie der Wissenschaften ...« aber diese Auseinandersetzungen drangen nur wie ein dumpfes Surren ans Ohr des armen Léonard, der plötzlich verblaßt war, blutlos bis in die Fingerspitzen der groben, behaarten Hände, in welchen die drei Handschriften zitternd hin und her flogen. »Die zwanzigtausend Franken werden heute abend in Ihren Händen sein, Herr Bos,« stotterte er endlich mit entfärbten Lippen. »Zweiundzwanzigtausend hat mir der Herr Baron bezahlt,« berichtigte dieser kläglich. »Zweiundzwanzigtausend, also!« sprach Astier-Réhu und hatte die Kraft, den Herren das Geleite an die Vorthür zu geben. Im Halbdunkel des Vorplatzes jedoch hielt er seinen Kollegen von der Akademie der Inschriften zurück und bat ihn mit sehr demütiger, jämmerlicher Stimme, der Ehre des Instituts zuliebe über den Fall Schweigen zu bewahren. »Mit Freuden, mein lieber Meister, nur habe ich dabei eine kleine Bedingung ...« »Sprechen Sie; sprechen Sie ...« »Sie werden morgen den Brief, mit meiner Bewerbung um Loisillons freigewordenen Fauteuil erhalten ...« Ein kräftiger Händedruck war die Antwort des ständigen Sekretärs und enthielt dessen feste Zusage, samt seinen Freunden für den Baron einzutreten. Wieder allein, saß der Unglückliche völlig gebrochen vor dem mit Korrekturbogen beladenen Tische, wo die drei gefälschten Briefe von Rabelais offen lagen. Stumpfsinnig starrte er darauf hin und las mechanisch: »Meister Rabelais, der Ihr seyd feinen und klugen Geistes ...« Die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, wirbelten in einem Strom von Tinte umher, die sich in große Flecken von schwefelsaurem Eisen zersetzte, und diese flüssige Masse sah er steigen, höher und höher anschwellen und seine ganze Sammlung, seine zwölftausend Handschriften verschlingen, feine Autographen, die alle, ach! ein und derselben Quelle entstammten. ... Wenn diese drei gefälscht waren ... war es dann nicht auch sein Galilei ... sein Haus Orleans ... sein Brief Katharina II., den er dem Großherzog überreicht, sein Brief von Rotrou, den er öffentlich der Akademie als Ehrengabe dargebracht! ... Dann ... dann. ... Mit furchtbarer Willensanstrengung raffte er sich auf. Zu Fage! Er mußte auf der Stelle mit Fage sprechen! ... Seine Beziehungen zu dem Buchbinder waren schon einige Jahre alt und schrieben sich von dem Tage her, an dem der kleine Mann im Archiv der Auswärtigen Angelegenheiten erschienen war, um die Ansicht des hochgelahrten und berühmten Herrn Direktors zu vernehmen in bezug auf einen Brief, den Maria von Medicis zu gunsten von Galilei an den Papst Urban geschrieben. Es traf sich, daß Petit-Séquard, der unter dem Gesamttitel »Unterhaltungen für das Schuljahr« eine Serie von kurzen Geschichtsbildern herausgab, darunter einen Galilei von Astier-Réhu, Mitglied der Akademie, angekündigt hatte, und als der Archivar nun, gestützt auf langjährige Erfahrung und große Sachkenntnis, die Echtheit des Schriftstücks erkannt und bestätigt hatte und vernahm, daß Fage auch die Antwort des Papstes Urban, ein Dankschreiben Galileis an die Königin und noch andre darauf bezügliche Schriftstücke in Händen hatte, stieg ihm plötzlich der Gedanke auf, an Stelle dieser litterarischen Kleinigkeit einen richtigen Band Geschichte über den Gegenstand zu schreiben. Zu gleicher Zeit empfand er jedoch als ehrlicher Mann einige Skrupel über die Herkunft dieser Dokumente, und den Buckligen fest ins Auge fassend und das lange, farblose Gesicht mit den zwinkernden, geröteten Augenlidern so eingehend studierend, als ob dieser selbst ein wichtiges Autograph wäre, fragte er mit einem strenge klingenden Knacken der Kinnlade: »Sind diese Handschriften Ihr Eigentum, Herr Fage?« »O nein, verehrter Meister. ...« Er, der bescheidene Buchbinder, machte nur den Vermittler für eine Persönlichkeit, die ... für ein altes Fräulein aus vornehmer Familie, das durch traurige Verhältnisse gezwungen war, sich Stück für Stück einer sehr reichen Sammlung, die schon zur Zeit Ludwig XVI. in ihrem Haus angelegt worden war, zu entäußern. Er hatte sich dem Auftrag auch nicht einmal unterziehen wollen, wenigstens nicht ohne die Ansicht eines Gelehrten darüber gehört zu haben, des berühmtesten und gründlichsten von allen. Jetzt, nachdem er dieselbe vernommen, gedachte er, sich an wohlhabende Sammler zu wenden, zum Beispiel an den Baron Huchenard. ... »Wozu das? Ganz überflüssig!« fiel ihm Astier-Réhu ins Wort. »Bringen Sie mir alles auf Galilei bezügliche, was Sie in Händen haben. Ich finde schon eine Verwendung dafür.« Dann waren Leute gekommen und hatten sich an den kleinen Tischen niedergelassen, das gewohnte Publikum des Archivs, Forscher und Spürer, schweigsame, fahle Gesichter wie die von Erdarbeitern der Katakomben, die nach Schimmel, eingeschlossener Luft, Moder rochen. »Da oben ... in mein Arbeitszimmer ... nicht hierher ...« hatte der Archivar dem Zwerg noch ins Ohr geflüstert, der fein behandschuht, pomadisiert, mit wohlfrisiertem Scheitel und jener hoffärtigen Selbstzufriedenheit, die bei derartigen Gebrechen häufig vorkommt, den Saal verließ. Es war wirklich ein Schatz, diese Sammlung von Mesnil-Case – unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit hatte Albin Fage seinem Abnehmer den Namen des alten Fräuleins anvertraut – ein unerschöpflicher Schatz an Blättern des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, verschiedenartige, wunderbare Schriftstücke, die häufig ein ganz neues Licht auf die Vergangenheit warfen, oft mit einem Wort, einem Datum alles bisher Angenommene über Menschen und Dinge umstießen. So schweres Geld sie auch kosten mochten, Léonard Astier ließ sich keins dieser Dokumente entgehen, die fast immer mit seinen begonnenen oder geplanten Arbeiten in Beziehung standen. Und kein Schatten eines Zweifels bei den Erzählungen des kleinen Mannes, seinen Beschreibungen der Stöße von Handschriften, die noch unter Staub und Spinnweben auf den Speichern von Ménilmontant lagen! Und wenn auch infolge irgend einer giftigen Bemerkung von seiten des Königs der Autographomanen ein leiser Verdacht sein Vertrauen erschütterte, wie hätte derselbe standhalten sollen angesichts des kaltblütigen Buchbinders, der über die Arbeit gebeugt an seinem Tische saß oder im Frieden des grünen Kreuzganges seinen Salat begoß, vor allem aber gegenüber der höchst einleuchtenden und natürlichen Erklärung, die er für Lücken, Risse und Verwischtes damit zu geben wußte, daß die Mesnil-Casesche Sammlung zur Zeit der Revolution nach England geflüchtet worden sei. Beruhigt, bestärkt und getröstet schritt dann Astier-Réhu mit elastischen Schritten über den Hof zurück, nicht ohne jedesmal eine neue Erwerbung in seiner Rocktasche mit nach Hause zu bringen, für welche er, je nach der Bedeutung der Handschrift, einen Check über fünfhundert, tausend, ja zweitausend Franken ausgestellt hatte. Was er sich auch zur Beruhigung seines Gewissens vorsagen mochte, im Grund genommen hatte an dieser Verschwendung, von der seine Umgebung noch nichts ahnte, der Sammler größeren Anteil als der Geschichtschreiber. So düster und lichtlos der Hängeboden, auf dem in der Regel ein solcher Handel abgeschlossen wurde, auch war, so hätte ein aufmerksamer Beobachter sich doch darüber nicht täuschen können. Diese gemachte Gleichgültigkeit im Ton, diese trockenen Lippen, die halblaut: »So lassen Sie einmal sehen,« flüsterten, das gierige Zittern und Zucken der Finger, das alles verriet die überhandnehmende Leidenschaft, bald die fixe Idee, das gefräßige, alle Kräfte und Säfte zum Zweck seiner ungeheuerlichen Entwickelung an sich ziehende Geschwür. Astier wurde zum Harpagon, wie er im Buche steht, unerbittlich hart gegen die Seinigen wie gegen sich selbst, über jede Ausgabe Wehe schreiend, sich nur die Pferdebahn als Fahrgelegenheit gestattend, und dabei tröpfelten im Verlauf von zwei Jahren hundertsechzigtausend Franken erspartes Geld insgeheim in die Tasche des Buckligen, und um seiner Frau, dem Dienstmädchen und selbst Teyssédre gegenüber das häufige Aus- und Eingehen des kleinen Mannes zu erklären, gab ihm der Akademiker Manuskripte, Akten und so weiter zu heften, die er dann mit fortnahm und wieder brachte. Unter sich bedienten sie sich einer gewissen Geheimsprache. Albin Fage schrieb auf einer Postkarte: »Ich habe Ihnen neue Pressungen zu zeigen: Ein Band aus dem sechzehnten Jahrhundert, gut erhalten, selten.« Léonard Astier zögerte noch: »Danke, ich brauche nichts ... warten wir noch. ...« Neue Meldung: »Bitte, sich keinen Zwang aufzuerlegen, verehrter Meister. ... Ich werde mich anderswohin wenden ...« Worauf dann unfehlbar die Antwort des Akademikers eintraf: »Morgen früh ... zeitig. Bringen Sie mir das Bewußte.« Und das war das Elend und die traurige Seite seiner Sammlerfreuden; man mußte kaufen, immer kaufen, oder Gefahr laufen, daß dieser wunderbare Schatz in die Hände von Bos, Huchenard oder andrer Liebhaber überging. Zuweilen, wenn er daran dachte, daß sein Geld eines schönen Morgens einfach zu Ende sein werde, erfaßte ihn eine dumpfe Wut, und er stellte dann den Krüppel, dessen selbstzufriedenes, kühles, unveränderliches Gesicht ihn fast wahnsinnig machte, zur Rede: »Ueber hundertsechzigtausend Franken in zwei Jahren! ... Und Sie behaupten, daß sie immer noch mehr braucht. ... Ja, was für ein Leben führt denn Ihr adeliges Fräulein?« In solchen Augenblicken wünschte er der alten Dame von Herzen den Tod, ja er wünschte die Vernichtung dieses Buchbinders, einen Krieg, die Kommune, ja einen ungeheuren sozialen Umsturz, der die Schätze von Mesnil-Case samt den Schatzgräbern verschlänge. Nun, der Umsturz schien jetzt nahe zu sein, freilich nicht so, wie er ihn sich gedacht, denn das Schicksal hat das, um was wir bitten, auch nicht immer zur Hand; aber eine plötzliche und unheilvolle Entwickelung der Sache stand ihm bevor, bei der sein Werk, sein Name, sein Vermögen, sein Ruhm, alles was er war und hatte, zu Grunde gehen konnte. Und als man ihn heute mit Riesenschritten, leichenblaß, laut vor sich hin sprechend der Cour des Comptes zueilen sah, ohne daß er einen der Grüße erwiderte, die er sonst durch einen Blick bis ins Innerste des Ladens herausgefordert, hervorgerufen hatte, da erkannten die kleinen Buchhändler und Antiquitätenhändler der Quais ihren Astier-Réhu kaum wieder. Er sah nichts, niemand. In seiner Einbildung hielt er den Buckligen an der Kehle gefaßt, schüttelte ihn an der schönen; mit einer Nadel geschmückten Krawatte tüchtig hin und her, ihm die durch Delpechs Untersuchung entehrten »Karl V.« unter die Nase haltend. »So lassen Sie doch hören … sprechen Sie … was haben Sie denn diesmal für eine Ausrede?« In der Rue de Lille angelangt, stieß er die aus unregelmäßigen Brettern schlecht zusammengefügte Thür der Umzäunung, welche die ganze Ruine umgibt, auf, schritt die Freitreppe hinauf und klingelte am Gitter, klingelte noch einmal und fühlte sich dabei plötzlich betroffen von dem unheimlichen Anblick, den das seiner Blumen und grünen Ranken beraubte Gebäude bot, das nun als düstere, dem Zusammenfall nahe Ruine mit gähnenden Spalten zum Himmel starrte, mit gekrümmtem Eisenwerk und entblätterten Lianen als gleich unschönen Schmuck. Ueber den frostigen Hof ertönte das Geklapper von Holzschuhen. Die dicke Portiersfrau erschien, den Besen in der Hand, und sagte, ohne das Gitterthor zu öffnen: »Sie wollen zu dem Buchbinder … haben ihn nicht mehr im Haus.« Fort der Vater Fage, ausgezogen, ohne seine Adresse zu hinterlassen; ja sie war sogar eben dran, die Wohnung für seinen Nachfolger an der Cour des Comptes zu säubern, denn er hatte seine Entlassung genommen. Anstandshalber stammelte Astier-Réhu noch ein paar unzusammenhängende Worte, aber seine Stimme wurde übertönt von dem heiseren, wilden, von den Gewölben widerklingenden Gekrächze einer ganzen Wolke von schwarzen Vögeln, die sich im Hofe niedersenkte. »So, so! … Die Krähen vom Palast Padovani,« sagte die Frau mit einem respektvollen Hinüberdeuten nach den grauen Platanen, die über das vor ihnen liegende Dach herüberblickten … »kommen dies Jahr vor der Herzogin … da kriegen wir einen frühen Winter.« Das Herz voll Entsetzen ging er von dannen. Zwölftes Kapitel. Am Morgen nach jenem Theaterabende, an dem sie sich der Welt mit lächelnder Miene gezeigt und damit den Frauen der Gesellschaft eine letzte erhabenste Lehre der Selbstbeherrschung und Haltung gegeben, war die Herzogin Padovani wie alljährlich um diese Zeit nach Mousseaux abgereist. Aeußerlich ging in ihrem Leben keinerlei Veränderung vor. Die Einladungen für die Sommermonate waren erlassen, sie widerrief keine, aber in den wenigen Tagen, ehe die ersten Gäste eintrafen, in der Einsamkeit dieser kurzen Frist, die sie sonst dazu verwendet hatte, sich bis in die kleinste Einzelheit um die Vorbereitungen zur Aufnahme der Geladenen zu bekümmern und alles nachzusehen, weilte sie dieses Jahr vom Morgen bis zum Abend im Park von Mousseaux, der sich unabsehbar an den hügeligen Ufern der Loire hindehnte; vom Morgengrauen bis zur Nacht durchrannte sie ihn, wahnsinnig, wie ein zu Tode verwundetes Wild, das, rings umstellt, von Müdigkeit überwältigt, einen Augenblick innehält, dann mit dumpfem Schmerzgestöhn wieder von dannen stürmt. »Feigling! … Erbärmlicher! … Schurke!« … Sie überflutete den Abwesenden mit Schimpfreden, wie wenn er an ihrer Seite gewesen wäre, wie wenn er Schritt hielte mit ihr in dem fiebrischen Laufe durch dies Labyrinth tiefgrüner, schattiger Alleen, die sich in ungeheurer Ausdehnung bis zum Flusse hinunter erstreckten. Und jetzt nicht mehr Herzogin, nicht mehr Weltdame, jetzt ohne Maske, einfach menschlich, überließ sie sich der Verzweiflung, die vielleicht minder heftig war, als ihr Zorn, denn der verletzte Stolz war es, was am lautesten die Stimme erhob in ihrem Herzen, und die seltenen Thränen, die sich zwischen ihren Lidern hervordrängten, flossen nicht, strömten nicht, sie zischten nur wie der Wassertropfen auf glühendem Eisen. Rache, Rache! Sie sann auf blutige Mittel; bald malte sie sich aus, daß einer ihrer Forstwächter, Bertoli oder Salviato, hingehen, ihm am Tage der Hochzeit eine Ladung Rehposten ins Hirn jagen solle. … Aber, nein, nein! Selbst mußte sie ihn treffen, mußte die Wonne der Vendetta in der eignen Hand, dem eignen Arme fühlen …. Sie beneidete die Leute aus dem Volke, die unter der Hausthür ihrem Feinde auflauern, ihm eine Flasche Vitriol ins Gesicht schleudern und eine nicht minder giftige Flut von Schimpfreden obendrein …. O warum kannte sie keine jener scheußlichen Reden, die das Herz erleichtern, irgend eine gemeine unerhörte Beschimpfung, die sie dem schurkischen, niedrigen, verräterischen Gesellen, den sie immer vor sich sah, wie er ihr bei der letzten Begegnung erschienen, mit dem unsicheren, hündischen Blick, dem erzwungenen, mühsamen, falschen Lächeln, hätte ins Gesicht schleudern können. Aber selbst in ihrem korsischen Dialekt der roten Insel fand die Patrizierin keine häßlichen Worte, und wenn sie es hinausgebrüllt hatte, ihr: »Feigling! … Elender! … Schurke!« so verzerrte sich ihr schöner Mund in ohnmächtiger Wut. Des Abends, nach ihrer einsamen Mahlzeit in dem riesigen Speisesaale, dessen alte Ledertapeten der Strahl der untergehenden Sonne vergoldete, fing der Lauf des zusammenbrechenden Wildes von neuem an, diesmal in der Galerie nach dem Flusse, die Paul Astier mit dem spitzenartig durchbrochenen Ornament ihrer Arkaden und den zwei hübschen vorspringenden Türmchen so entzückend restauriert hatte. Weit unten floß, breit wie ein See, die Loire, auf welcher noch ein letzter zarter Silberschimmer zitterte, von dem beschienen sich gegen Chaumont hin die Weidengebüsche und die Sandinselchen des trägen Stromes in der milden Luft hinzogen. Aber sie hatte kein Auge für die Landschaft, die arme Mari Anto, wenn sie müde von ihrem kummervollen Lauf sich mit beiden Armen auf die Balustrade stützte und irr hinausstarrte. Ihr Leben erschien ihr so verwüstet, so elend zu Grunde gerichtet, und das in einem Alter, in dem es sich schwer von neuem beginnen läßt. Helle Stimmen klangen von Mousseaux herauf von einem kleinen Häuflein niedriger Hütten am Landungsplatze; der Anker eines Bootes knirschte durch die kühler werdende Nacht. Wie sie sich in trostlosem Jammer weit vornüber beugte, wie nah lag da der Ausweg aus all diesem Elend … nur eine einzige Linie weiter und …. Aber was würde die Welt dazu sagen? In ihrem Alter, eine Frau in ihrer Stellung, den Selbstmord einer verlassenen Dirne! Am dritten Tage traf Paul Astiers Billet ein und gleichzeitig brachten alle Blätter eine ausführliche Schilderung des Zweikampfes. Es überlief sie wie die wonnige Glut einer Umarmung. Es gab also noch einen, der sie liebte, der sie hatte rächen wollen mit Gefahr seines Lebens: nicht Leidenschaft war es, was sie darin sah, nein, nichts als dankbare, liebevolle Anhänglichkeit, treu bewahrte Erinnerung an die Dienste, die sie dem jungen Manne und den Seinigen erwiesen, vielleicht auch ein edles inneres Bedürfnis, die Verräterei der Mutter wieder gut zu machen. Hochsinniges, braves, warmherziges Kind! Wäre sie in Paris gewesen, sie wäre zu ihm geeilt; von hier aus, wo sie jeden Augenblick der Ankunft ihrer Gäste gewärtig sein mußte, konnte sie ihm nur schreiben, ihm ihren Arzt schicken. Fast jede Stunde brachte nun neue Gäste, teils von Blois, teils von Onzain, da Mousseaux von beiden Bahnstationen gleich weit entfernt war, und der Landauer, die Kalesche, das Break fuhren ein ums andremal vor der Freitreppe des Empfangshofes an, wo die Klingel unaufhörlich ertönte, und setzten berühmte alte Freunde der Rue de Poitiers ab, Akademiker und Diplomaten, Graf und Gräfin Foder, den Grafen und Vicomte Brétigny, letzterer Gesandtschaftssekretär, Herrn und Frau Desminiéres, den Philosophen Laniboire, der im Schlosse seinen Bericht über die Tugendpreise abfassen wollte, den jungen Kritiker Shelleys, der es durch den Salon Padovani sehr weit gebracht hatte, und Danjou, den schönen Danjou, ganz allein ohne seine Frau, die zwar dieses Mal eingeladen worden war, die ihm aber bei der Ausführung gewisser Pläne, welche er unter dem Lockenhaar eines ganz neuen Perückchens ausbrütete, hätte im Wege sein können. Sofort kam das Leben im Schlosse in sein alljährliches Geleise. Am Morgen Besuche machen oder stille Arbeit auf dem Zimmer, die Mahlzeiten, ein Plauderstündchen, allgemeine Siesta, dann, wenn die größte Hitze vorüber, Wagenfahrten durch die Wälder oder kleine Ausflüge auf dem Flusse in der am Ende des Parkes liegenden kleinen Bootflotte. Man nahm dann auf einer Insel einen mitgebrachten Imbiß ein, hob gemeinsam die Netze, die allezeit mit zappelnder Beute gefüllt waren, weil der Aufseher der Fischerei sie am Vorabend derartiger Unternehmungen stets frisch füllte. Nach dem Schlosse zurückgekehrt, wurde für das Diner, welches immer sehr feierlich war, große Toilette gemacht, nachher rauchten die Herren auf der Terrasse oder der Galerie ihre Cigarre und fanden sich später in dem merkwürdigen Salon ein, welcher einst der Beratungssaal der Katharina von Medicis gewesen. Große Gobelins erzählten an den endlos langen Wänden des mächtigen Raumes von Didos Liebe und ihrer Verzweiflung bei der Flucht der trojanischen Flotte, eine seltsame Ironie des Schicksals, die jedoch von niemand bemerkt wurde, dank jener Teilnahmslosigkeit an den Dingen der Außenwelt, die sich in der Gesellschaft so häufig findet und die weit weniger einem Mangel an Kunstsinn oder einer Ungeschicklichkeit des menschlichen Auges entspringt, als vielmehr dem ausschließlichen mit sich selbst Beschäftigtsein, der Aufmerksamkeit, die man auf seine Haltung und sein Benehmen und auf den Eindruck, welchen man hervorbringt, verwendet. Und doch konnte man nicht leicht einen schlagenderen Gegensatz sehen, als den zwischen der tragischen Wut dieser Königin, welche mit zum Himmel erhobenen Armen, die Augen voll Thränen jenem am Horizont verschwindenden Punkte nachsieht, und der lächelnden Ruhe, mit welcher die Herzogin jedes Beisammensein ihrer Gaste leitete, stets ihre Herrschaft über die Frauen, deren Toilette und Lektüre sie angab und beeinflußte, beibehaltend, sich an den Gesprächen und Debatten Laniboires mit dem jungen Kritiker beteiligend, so gut wie an dem Streite über die Aussicht der Kandidaten für den Fauteuil Loisillon, in welchen Desminiéres und Danjou sich immer aufs neue vertieften. Wahrhaftig, wenn der Fürst sie hätte sehen können, er, dieser Samy, an den alle unablässig dachten und von dem kein Mensch sprach, so hätte seine Eitelkeit sich wohl etwas verletzt gefühlt von dem Eindruck, daß seine Abwesenheit in dem Dasein dieser Frau so wenig eine Leere gelassen zu haben schien, als in diesem königlichen Wohnsitz, der wie sonst voll Leben und Heiterkeit war und an dessen langer Fassade nur drei Jalousieen geschlossen blieben, der sogenannte Pavillon des Fürsten. »Sie trägt es schön ...« hatte Danjou gleich am ersten Abend gesagt, und die kleine Gräfin Foder, deren spitzes Näschen geschäftig und neugierig aus ihrer Spitzenflut hervorguckte, wie die sentimentale Frau Desminières, die sich auf Vertrauensergüsse, gemeinsam fließende Thränen und ein Meer von Jammer gefaßt gemacht hatte, konnten kein Ende finden, das Lob dieser erhabenen, mutigen Seele zu singen. Im innersten Herzen freilich machten sie es ihr bitter zum Vorwurf, daß durch ihre »Absage« die Tragödie, auf die sie sich gefreut, nicht zur Aufführung gelangte, während den Männern diese gefaßte Heiterkeit der verlassenen Ariadne eine Aufforderung zur Bewerbung um die freigewordene Nachfolge zu enthalten schien. Und in diesem Punkte machte sich nun für die Herzogin eine völlige Wandlung geltend; in der Haltung aller oder doch nahezu aller, die sie umgaben, zeigte sich größere Freiheit, größere Wärme, ein Wetteifer ihr zu gefallen, ein emsiges Drängen um ihren Lehnstuhl, das der Frau galt und nicht nur ihrem Einfluß. Allerdings war Mari Anto nie schöner gewesen, und wenn sie in den Speisesaal trat mit dem Elfenbeinschimmer ihrer Haut, den klassischen Schultern, welche das duftige Sommerkleid durchblicken ließ, so ging von ihrer Schönheit ein lichter Glanz aus, der alle andern in Schatten stellte, selbst die Marquise von Roca Nera, die häufig von ihrem jenseits der Loire gelegenen Schlosse herüberkam. Jünger war sie, die Marquise, und doch würde keiner, der die beiden Frauen nebeneinander sah, zweifeln, welcher der Preis der Schönheit gebührte. Und dann verdankte die schöne Antonia dem plötzlichen Losreißen ihres Geliebten jenen geheimnisvollen Reiz, den man sich nicht zugesteht und nicht zu erklären vermag, jene merkwürdige Anziehungskraft, welche der eben verlassene Platz des Liebhabers hat und welche so oft zur Teufelsklaue wird. Der Philosoph Laniboire, Berichterstatter über den Tugendpreis, empfand die Wirkung dieser nicht eben edeln Macht in voller Stärke. Er war Witwer in reifen Jahren, von etwas bläulicher Gesichtsfarbe und melancholischen Zügen, und suchte das Herz der Schloßherrin durch die Entfaltung männlicher Kraft und ritterlicher Künste zu besiegen, wobei er indes einiges Mißgeschick zu erleiden hatte. Eines Tages, als er bei der Wasserfahrt den Bootsriemen mit ungeheurer Entfaltung von Muskelkraft regieren wollte, fiel er in den Fluß, und ein andres Mal, als er in kurzem Galopp neben dem Wagen der Herzogin hertänzelte, drückte sein Pferd ihm das eine Bein so heftig gegen das Rad, daß er ein paar Tage das Bett hüten und Kataplasmen auflegen mußte. Im Salon aber, da war es herrlich anzusehen, wenn er nach Danjous Ausdruck vor der Bundeslade hertanzte, seinen umfangreichen Körper bog und krümmte und den jungen Kritiker zu geistigen Wettkämpfen herausforderte, in welchen er mit seinem unzerstörbaren Optimismus den schwarzen dreiundzwanzigjährigen Pessimismus seines Gegners vernichtete. Er hatte freilich seine besondern Gründe, das Leben für eine gute, ja vortreffliche Einrichtung zu halten, dieser Philosoph Laniboire, dessen Frau an einer Diphtheritis gestorben war, die sie sich am Krankenbett ihrer Kinder, die ihr im Tode folgten, geholt, und stets schloß er, wenn er eine Hymne auf die Schönheit des Daseins gesungen und seine Theorieen entwickelt hatte, mit einer Art von Anschauungsunterricht, einem bewundernden Hinweis auf das durchsichtige Kleid der Herzogin, als wollte er sagen: »Wer kann das Leben schmähen angesichts solcher Schultern?« Der junge Kritiker seinerseits ging etwas feiner und verschwiegener, vielleicht aber nicht minder praktisch zu Werke. Er war ein feuriger Bewunderer des Fürsten Athis, und noch in jenem Alter stehend, in dem man nachahmen zu müssen glaubt, was man verehrt, kopierte er von seinem ersten Auftreten in der Gesellschaft an Samys Haltung, Gang, Miene, den gewölbten Rücken, das geistesabwesende, verschlossene Lächeln und sein wegwerfendes, hochmütiges Schweigen: jetzt betonte er diese Aehnlichkeit durch kleine Einzelheiten im Anzug, die er kindisch abgelauscht, aufgeschnappt hatte, noch stärker und kam seinem Vorbilde in der Art, wie dasselbe die Krawatte ansteckt, in der Schweifung des Kragens und dem englischen Schnitt des karrierten gelblichen Beinkleides ziemlich nahe. Unglücklicherweise gestattete ihm ein großer Reichtum an Haupthaar und ein vollständiger Mangel auch nur des leisesten Bartflaums nicht, die Aehnlichkeit noch weiter zu treiben, ein Umstand, durch welchen er sich die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen und das Ausbleiben jedes erschrockenen, erinnerungsreichen Blickes bei der einstigen Geliebten des Fürsten erklärte, welche seinen englischen Karrierten eine so vollständige Gleichgültigkeit entgegenbrachte, wie dem hinsterbenden Aeugeln Brétignys des jüngeren und dem kraftvollen Druck, den Brétigny der Vater, wenn er sie zu Tische führte, ihrem Arme angedeihen ließ. Nur trug dies alles dazu bei, um sie her jene schwüle Atmosphäre von galantem Eifer und ritterlicher Hingebung zu erhalten, an welche Athis sie so lange gewöhnt hatte, indem er seine Pagenrolle bis zur Verzerrung fortgespielt, und der Eitelkeit der Frau ward dadurch die Schmach des Verlassenseins weniger empfindlich. Unter all diesen Prätendenten nahm Danjou eine etwas andre, ihm eigne Stellung ein. Er hielt sich in einiger Entfernung und brachte die Herzogin, indem er sie mit seinem Theaterklatsch zu amüsieren wußte, zum Lachen, was bei manchen von großem Erfolg ist. Eines Morgens, als sie in Begleitung ihrer Hunde ihren täglichen einsamen Spaziergang im Walde antrat, jenen heftigen Lauf, bei dem sie ihren Zorn hinaustrug in die grüne Lichtung, wo der erste Sonnenstrahl das Vogelgezwitscher wachrief, ihn eintauchte in den Tau der Wiesen und sich Kühlung und Beruhigung schaffte in den von Baum und Strauch fallenden Tropfen, trat er ihr dann plötzlich unter die Augen, ging rasch auf sie zu und versuchte, nun, da er sie genügend vorbereitet glaubte, einen Handstreich. In seinem vollständigen Anzug von weißer Wolle, das Beinkleid im Stiefel, die platte baskische Mütze auf dem Kopfe, schon rasiert, erging er sich angeblich hier in aller Frühe, um die Lösung für einen Dreiakter zu suchen, den das Théatre français für den kommenden Winter von ihm haben wollte: der Titel war: »Der Schein,« das Thema aus der Gesellschaft gegriffen und äußerst herb; das Ganze fix und fertig bis auf die letzte Szene. »Nun denn, machen wir uns gemeinsam auf die Suche ...« sagte sie heiter, dabei mit der langen, kurzstieligen, mit einer silbernen Pfeife versehenen Peitsche knallend, die sie immer bei sich führte, um ihre Meute beisammenzuhalten. Aber vom ersten Schritte an begann er ihr von seiner Liebe zu sprechen, malte ihr aus, wie traurig es für sie sein würde, allein zu sein mit ihrem Herzen, und trug sich ihr schließlich, cynisch wie ein Danjou, geradezu an. Den Kopf stolz und heftig zurückwerfend, hielt die Herzogin den Griff ihrer kleinen Hundepeitsche krampfhaft umfaßt, vollkommen bereit, den Verwegenen, der es wagte, ihr Vorschläge zu machen, wie man sie hinter den Coulissen einer Statistin bietet, zu züchtigen. Aber was ihre Würde so schnöd verletzte, enthielt zugleich eine Huldigung für ihre auf der Neige befindliche Schönheit und in die flammende Röte, die plötzlich in ihre Wangen stieg, mischte sich ebenso viel Freude, wie Entrüstung. Er gab jedoch seine Sache keineswegs verloren, sprach weiter, drang in sie, suchte durch den Brillantschliff seiner Redensarten ihr Urteil zu verwirren und zu blenden, that, als ob er das Ganze weit weniger als Herzenssache, denn als eine Verbindung gleicher Interessen ansähe, als ein Bündnis der Geister. Ein Mann wie er! ... Eine Frau wie sie! ... Verbunden würden sie die Gesellschaft, die Welt zu beherrschen vermögen. »Ich danke, mein lieber Danjou; derartige schöne Sophistereien kenne ich und weine noch darüber ...« und mit einer stolzen Gebärde, die keine Widerrede duldete, dem Dramatiker die schattige Allee weisend, die er zu gehen habe, sagte sie: »Suchen Sie Ihre Lösung, ich kehre hier um. ...« Sehr verblüfft blieb er wie festgewurzelt stehen und sah der hochgewachsenen, schlanken Gestalt nach, die sich leichten, elastischen Ganges rasch entfernte. »Nicht einmal als Zebra?« stieß er noch kläglich hervor. Die schwarzen Augenbrauen finster zusammengezogen, wandte sie sich nach ihm um: »Richtig, das ist ja wahr ... der Posten ist frei. ...« Sie dachte an Laaux, an diese niedrige Bedientenseele, dem sie so viel Gutes erwiesen. ... Und ohne ein Lächeln, mit müder Stimme kam es von ihren Lippen: »Wenn Sie das wollen, als Zebra ...« Dann verschwand sie hinter einem Boskett gelber Rosen, stolzer, herrlicher, aber allzu weit erschlossener Blüten, die der erste lebhaftere Windhauch zerflattern lassen mußte. Schön war es doch, daß sie ihn wenigstens angehört, die stolze Mari Anto! In diesem Tone hatte vermutlich noch kein Mann, auch ihr Fürst nicht, zu ihr gesprochen. Voll Kühnheit, Hoffnung und Schwung, belebt, erwärmt und erschüttert von den zündenden Reden, die ihm zu seinem eignen Erstaunen auf die Lippen getreten, hatte der dramatische Dichter nun keine Schwierigkeit mehr, die gesuchte Schlußszene zu finden. Er kehrte ebenfalls ins Haus zurück, um das Ersonnene noch vor dem Frühstück zu Papier zu bringen, blieb aber plötzlich bestürzt stehen, als er zwischen den Bäumen durch gewahr wurde, daß die Fenster der vom Fürsten bewohnten Räume weit offenstanden. Für wen wurden sie gelüftet und zurecht gemacht? Welchem Günstling ward die Auszeichnung zu teil, diese äußerst bequeme, prachtvolle Einrichtung benutzen zu dürfen und sich von dort des herrlichen Blickes sowohl auf die Loire wie auf den Park zu erfreuen? Er zog sofort Erkundigungen ein, die ihn wieder etwas beruhigten. Der Architekt der Frau Herzogin, welcher zur Erholung nach schweren Leiden hierherkommen sollte, war der erwartete Gast. Da allgemein bekannt war, welch alte und vertraute Beziehungen zwischen der Schloßherrin und den Astiers bestanden, so war es ja ganz selbstverständlich, daß Paul in diesem Mousseaux, das zum guten Teil sein Werk war, wie ein Kind des Hauses aufgenommen wurde. Als der neue Gast jedoch seinen Platz am Frühstückstische einnahm mit dem hübschen, durch die Krankheit vergeistigten Gesicht, welches ein weißes Crêpe de Chine-Tuch noch blässer machte, schien seine Erscheinung, das Duell, die Wunde, mit all der Romantik, die drum und dran hing und die man sich noch hinzudachte, einen so tiefen Eindruck auf die Damen zu machen, umgab die Herzogin ihn mit so liebevoller Sorgfalt und erwies ihm so große Gunst, daß der schöne Danjou, der eine jener Naturen war, die alles an sich ziehen und welchen jeder Erfolg eines andern als eine Schädigung ihrer Rechte, fast als ein Raub erscheint, den Schlangenbiß der Eifersucht empfand. Die Augen auf den Teller geheftet, sich den Ehrenplatz, den er einnahm, zu nutze machend, begann er mit leiser Stimme, den hübschen jungen Menschen, der durch das mütterliche Erbteil der schiefen Nase so unglücklich entstellt war, seines Nimbus zu entkleiden: er bespöttelte das Duell, seine Verwundung, diese ganze Fechtsaalberühmtheit, die beim ersten ernstlichen Kampfe an einem Hautritz in die Brüche geht. Ohne eine Ahnung, wie richtig und wohlangebracht seine Behauptung war, setzte er hinzu: »Der Streit am Spieltische mußte ja nur den Deckmantel abgeben .. natürlich hat sich's um eine Frau gehandelt ...« »Bei dem Duell ... Sie glauben das?« Er nickte vielsagend mit dem Kopfe. »Ich glaube es nicht nur, ich weiß es!« Und entzückt von seiner wunderbaren Geschicklichkeit und Schlauheit, wandte er sich nun wieder der Gesellschaft im allgemeinen zu und belustigte und blendete den ganzen Tisch durch ein kleines Taschenfeuerwerk von geistreichen Witzworten, Anekdoten und Schnurren. Auf diesem Gebiete war ihm Paul Astier nicht gewachsen, und die Teilnahme und Aufmerksamkeit der Frauen wendete sich bald wieder diesem Meister des Plauderns zu, um so mehr, als derselbe die Mitteilung machte, daß die Lösung des dramatischen Knotens gefunden sei, das Stück vollendet, und daß er es während der heißen Tagesstunden im Salon vorzulesen gedenke. Dies seltene Vergnügen, diese reizende Unterbrechung des alltäglichen Einerlei wurde allseitig mit Freudenrufen willkommen geheißen, war es doch für diese Bevorzugten, die ihre Korrespondenz mit erhöhtem Eifer betrieben, nur weil sie stolz waren, ihre Briefe von Mousseaux datieren zu können, ein wahrer Fund, allen abwesenden Freundinnen über ein ungedrucktes, von ihm selbst vorgetragenes Stück von Danjou Bericht erstatten zu können und dann diesen Winter, bei Gelegenheit der Aufführung, nachlässig hinzuwerfen: »Ach, Danjous Stück! Ich kenne es schon; er hat es uns im Schlosse vorgelesen.« Als man sich in freudiger Wallung über diese frohe Neuigkeit von Tische erhoben hatte, trat die Herzogin auf Paul Astier zu, und mit ihrer etwas herrischen Anmut seinen Arm nehmend, sagte sie: »Gehen wir auf die Galerie hinaus ... hier ist es ja zum Ersticken....« Die Luft war dumpf und schwül auch hier auf der Höhe, wo die bleiern daliegende Loire heiße Dünste herauf sandte, die wie lichte Dampfwölkchen das grüne Dickicht ihrer Ufer und die halb überschwemmten Inselchen verhüllten und umgaben. Sie zog den jungen Mann mit sich fort bis zur letzten Arkade, seitab von den Rauchern, und seine beiden Hände ergreifend und drückend, flüsterte sie: »Um meinetwillen, also . .. für mich. ...« »Für Sie, Frau Herzogin ...«erwiderte er, preßte dann die Lippen fest zusammen und setzte tief atmend hinzu: »Es ist noch nicht zu Ende ... wir werden den Kampf wieder aufnehmen ...« »Ob Sie gleich davon schweigen wollen, Sie böses Kind!« Sie hielt inne, denn der schleichende Schritt eines Neugierigen ließ sich vernehmen: »Danjou!« »Frau Herzogin?« »Meinen Fächer, den ich auf dem Tische gelassen ... wollten Sie die Güte haben? ... Es wäre wirklich nett von Ihnen ...« und als er sich genügend weit entfernt hatte: »Ich verbiete Ihnen das, Paul ... erstens schlägt man sich überhaupt mit einem solchen Elenden gar nicht. Ach! Wenn wir allein wären – wenn ich Ihnen sagen könnte. ...« In dem nervösen Zucken ihrer Hände, im Beben ihrer Stimme lag eine Leidenschaftlichkeit, die Paul Astier in Erstaunen setzte. Ein Monat war über die Sache hingegangen; er hatte sie gefaßter zu finden gehofft. Das war eine Enttäuschung für ihn, eine Enttäuschung, welche ihm das unwiderstehliche: »Ich liebe Sie – ich habe Sie stets geliebt,« welches er für die ersten Auseinandersetzungen nach seiner Ankunft vorbereitet hatte, abschnitt. Er beschied sich also damit, ihr von dem Duell zu erzählen, das ihre Neugierde sehr zu erregen schien, und bald kehrte der Akademiker mit dem Fächer zurück. »Ein artiges Zebra, Danjou!« lautete ihr heiterer Dank. Der andre verzog den Mund ein wenig und erwiderte im selben Tone halblaut: »Ja ... aber nur, wenn es Aussicht auf Avancement hat, denn sonst ...« »Schon Bedingungen, das geht nicht!« und er erhielt zur Strafe einen leichten Schlag mit dem Fächer. Da sie ihn aber für seine Vorlesung in guter Stimmung haben wollte, nahm sie seinen Arm, um in den Salon zurückzukehren, wo das Manuskript auf einem koketten, zierlichen Spieltische, im hellen Lichte eines hohen Fensters, durch das man auf köstliche Baumgruppen und frisches Rasengrün hinausblickte, bereit lag. »Der Schein ... Schauspiel in drei Akten. Personen: ...« Die Frauen im Kreise – sie saßen so nahe als möglich um ihn her – überlief es mit jenem angenehmen Frösteln, das durch die Erwartung eines Vergnügens hervorgerufen zu werden pflegt. Danjous Lesen bewies, daß Picheral ihn mit Recht in die Kategorie der Schnurranten rechnete; er machte Pausen, nahm sich Zeit, seine Lippen mit dem neben ihm stehenden Glase Wasser anzufeuchten, wischte sie dann mit einem feinen Battisttuche ab und ließ die zu Ende gelesene Seite, ein Blatt in großem Format, ganz bis zum Rande in seiner winzigen Handschrift beschrieben, jedesmal nachlässig zu seinen Füßen auf den Teppich gleiten, und jedesmal bückte sich die Gräfin Foder, die auf berühmte Männer ausgehende Fremde, geräuschlos, hob das zu Boden gefallene Blatt auf und legte es mit wahrer Ehrfurcht auf einen neben ihr stehenden Fauteuil, und zwar schnurgerade und in der richtigen Reihenfolge. Es war ihr eine Wonne, diese bescheidene kleine Thätigkeit, die sie dem Meister nahe brachte, ihr an seinem Werte einen Anteil gab, gerade wie wenn sie einem Liszt oder Rubinstein beim Spielen die Noten gewendet hätte. Bis zum Schluß des ersten Aktes ging alles gut; die fesselnde, prickelnde Exposition wurde mit kleinen Ausrufen des Entzückens, übertriebenem Lachen und enthusiastischen Beifallsäußerungen aufgenommen; dann, nach einem tiefen Schweigen, währenddessen man vom Park herein das Surren und Zirpen der Fliegen und Käfer in Gras und Strauch vernahm, fuhr der Vortragende, sich den Bart wischend, fort: »Zweiter Akt. ... die Szene stellt dar ...-« aber seine Stimme klang plötzlich verändert, ward von Satz zu Satz undeutlicher, erstickter. Er hätte in der ersten Reihe der um ihn gescharten Damen einen leeren Stuhl bemerkt, und zwar war es gerade Antonias Stuhl, und nun flog sein Auge suchend über den Zwicker hinweg durch den weiten Raum, in welchem Pflanzengruppen und Wandschirme eine reiche Auswahl von, Sonderplätzchen boten, wo der Zuhörer gesammelt und andächtig zuhören oder ein wenig einnicken konnte. Endlich, als während einer der häufigen und wohlberechneten Pausen, die sein Wasserglas ihm verschaffte, ein leises Geflüster an sein Ohr drang und er ein helles Kleid schimmern sah, entdeckte er ganz im Hintergrunde die Herzogin, die, auf einem Diwan sitzend, ihr vorhin auf der Galerie abgebrochenes Gespräch mit Paul Astier fortsetzte. Für einen so verwöhnten Liebling aller Erfolge, wie Danjou, war diese Kränkung sehr empfindlich. Er hatte jedoch Selbstbeherrschung genug, fortzufahren, wobei die Blätter jetzt nur nicht mehr auf den Boden glitten, sondern mit großer Energie geschleudert wurden, so daß sie weit hinausflogen und die kleine Gräfin sie auf allen Vieren kriechend erhaschen mußte. Schließlich jedoch, als das Geflüster gar kein Ende nahm, brach er plötzlich ab, entschuldigte sich mit Heiserkeit und verlegte Fortsetzung und Schluß auf den folgenden Tag. Die Herzogin aber, deren Gedanken ganz und gar bei dem Duell waren, von dem zu hören sie nicht müde wurde, glaubte nicht anders, als das Stück sei zu Ende, und rief, lebhaft in die schönen Hände klatschend, aus der Ferne: »Bravo Danjou ... die Lösung ist wirklich wunderhübsch!« Am selben Abend befiel den großen Mann ein Anfall seines Leberleidens, oder er gab wenigstens vor, einen solchen zu haben, und verließ mit Tagesanbruch Mousseaux, ohne irgend einen seiner Bewohner wieder gesehen zu haben. War das einfach gekränkte Schriftstellereitelkeit, oder glaubte er wirklich, daß der junge Astier den Fürsten ersetzen werde? Jedenfalls war es auch eine volle Woche nach seiner Flucht Paul noch nicht gelungen, ein erstes zärtliches Wort verlauten zu lassen. Man begegnete ihm mit der zartesten Rücksicht, umgab ihn mit beinahe mütterlicher Fürsorge, war voll Aufmerksamkeit, fragte des Tages zehnmal nach seinem Befinden, ob es auch nicht zu heiß sei in dem nach Süden gelegenen Türmchen, ob der Wagen nicht stoße und ob ihn die Bewegung nicht ermüde, oder ob es für ihn nicht gefährlich sei, sich der Nachtluft auf dem Flusse auszusetzen, sobald er aber ein Wort von Liebe zu flüstern wagte, entschlüpfte man ihm, ohne ihn verstehen zu wollen. Und doch war die Herzogin, wie er sie in diesem Jahre vorfand, himmelweit verschieden von der stolzen Antonia, die er sonst gekannt, die hoheitsvoll und unnahbar jeden Unbescheidenen und Allzukühnen mit einem Zucken der Augenbrauen in seine Schranken zu verweisen gewußt hatte. Ruhig und sicher, wie ein Strom zwischen wohlgebauten Dämmen, war sie ihre Bahn gezogen, jetzt krachte der Damm, ließ da und dort eine gähnende Spalte sehen, durch welche die wahre Natur dieser Frau ausbrach, überschäumte. Sie hatte Momente der Auflehnung gegen die Sitte, gegen jene Gesetze der Gesellschaft, die sie sonst so eifrig gewahrt und hoch gehalten hatte; ein Bedürfnis nach Bewegung, nach Wechsel des Ortes machte sich geltend und äußerte sich in wunderlichen, tollen Unternehmungen. Sie plante Feste, Illuminationen, für den Herbst Schnitzeljagden, die sie selbst führen wollte, obwohl sie seit Jahren nicht mehr im Sattel gesessen. Immer auf dem Anstand liegend, beobachtete der junge Mann alle Regungen und Verirrungen dieser im Innersten erregten Natur, und entschlossen, wie er war, sich hier nicht wie bei Colette von Rosen zwei Jahre lang an der Nase herumziehen zu lassen, entging seinem Sperberauge nicht das Kleinste. Man war heute abend zeitig auseinandergegangen, da sich alle von einem Tagesausflug und langer Wagenfahrt mehr oder weniger ermüdet gefühlt hatten. Paul hatte sich in seinem Zimmer des Rockes und Hemdkragens entledigt, Pantoffeln angezogen, eine gute Cigarre angesteckt und saß nun im leichten Seidenhemd am Schreibtische, wo er, die Worte sehr auf die Goldwage legend, eine Epistel an seine Mutter verfaßte. Es galt, die Mama, welche sich in Clos-Jallanges in der Sommerfrische befand und sich die Augen fast ausguckte, um jenseits der Biegungen der Loire am fernen Horizont die vier Türmchen von Mousseaux zu erspähen, es galt, sie zu überzeugen, daß eine Versöhnung, ja nur ein Zusammentreffen zwischen ihr und der einstigen Freundin für den Augenblick wenigstens ausgeschlossen und vollkommen undenkbar sei. ... Ja, danke schön! Die gute Frau mit ihrer Anlage, Ungeschicklichkeiten zu begehen und aus Uebereifer sein angelegte Pläne zum Scheitern zu bringen, war ihm am besten weit vom Spiele und so weit als möglich von seinen persönlichen Angelegenheiten. Zugleich mußte sie aber auch an die herannahende Verfallzeit des Wechsels erinnert werden und an ihr Versprechen, dem kleinen Stenne, welcher allein in der Rue Fortuny zurückgeblieben war, um die Schätze des stilvollen Hauses zu bewachen und zu verteidigen, das Geld zuzustellen. Stand die von Samy zu erwartende Summe je noch aus, so mußte man eben bei den Freydets eine Anleihe machen, welche diese sicher nicht verweigern würden, um so weniger, als es sich ja dabei nur um eine kurze Frist handeln konnte, denn heute früh hatten die Pariser Zeitungen unter den auswärtigen Korrespondenzen die Nachricht von der Verheiratung unsres Botschafters in Petersburg, samt allen Einzelheiten gebracht, wobei die Anwesenheit des Großfürsten, die Toilette der Braut und der Name des polnischen Bischofs, welcher das Paar eingesegnet, nicht unerwähnt geblieben waren. Und nun konnte sich Mama ja wohl denken, wie diese Morgenpost sich am Frühstückstische in Mousseaux fühlbar gemacht, wo jeder sie gelesen hatte, die Frau des Hauses sie in jedem Auge geschrieben fand und namentlich dadurch, daß jeder Gast mit erzwungener Lebhaftigkeit von etwas anderm sprach, die Gewißheit bekam, daß alle daran dachten. Nach schweigend überstandener Mahlzeit hatte die arme Herzogin trotz der großen Hitze das Bedürfnis empfunden, sich durchrütteln zu lassen, und hatte ihre Gäste, ohne ihnen vorher eine Siesta zu gönnen, samt und sonders in drei Wagen nach dem Schlosse de la Poissonnière, wo der Dichter Ronsard das Licht der Welt erblickt, gefahren; sechs Meilen in glühendem Sonnenbrände, in dem weißen, knirschenden Sand und Staub, einzig um den gräßlichen Laniboire sich auf einen alten Säulenstumpf, ebenso baufällig wie er selbst, schwingen zu sehen und vortragen zu hören: » Mignonne, allons voir si la rose. « Auf dem Rückwege ein Besuch des vom alten Padovani gegründeten Waisenhauses für das Landvolk – die Mama kannte es zweifellos – Besichtigung des Schlafsaales, Waschhauses, der Ackerbaugeräte und der Schulhefte: unausstehlich das alles, und dabei eine Hitze! Der alte Laniboire hatte zu allem hin noch dumme Reden an die jungen Feldbebauer mit den trübseligen Sträflingsköpfen gehalten und sie versichert, daß das Leben eine ganz vortreffliche Sache sei. Zum Schlüsse noch ein ganz und gar unerquicklicher Aufenthalt bei den Hochöfen in der Nähe von Onzain, eine Stunde lang der vollen Glut der Abendsonne ausgesetzt, eingehüllt in Ruß und Rauch und Kohlengeruch, wie drei riesige Backsteintürme sie ausspieen, dabei über Geleise stolpern, kleine Rollwagen und Schaufeln mit weißglühendem Metall in Riesenblöcken, die Feuer abtropfen lassen, wie ein roter Eiswürfel, der im Schmelzen begriffen ist. Die Herzogin war unermüdlich, rastlos und ruhelos, sah und hörte nichts von dem, was sie umgab und um sie her vorging, hing immer am Arme Brétignys des Vaters und schien sich aufs heftigste mit ihm zu streiten und zu unterhalten, während ihre Gedanken von Hüttenwerken und Hochöfen ebenso fern waren, wie von dem Dichter Ronsard und dem ländlichen Waisenhause. So weit war Paul mit seinem Briefe gediehen, in welchem er sein möglichstes gethan, das Leben in Mousseaux gründlich langweilig darzustellen, um die Sehnsucht der Mutter abzuschwächen, als ein leises Klopfen an seiner Thüre sich hören ließ. Er dachte erst an den jungen Kritiker, an Brétigny den Sohn, ja sogar an Laniboire, der seit einiger Zeit etwas erregt war. Alle die Herren liebten es, in seinem Zimmer, welches das größte, bequemste im Hause war und noch dazu ein mit großer Zierlichkeit eingerichtetes Anhängsel von einem Rauchzimmer besaß, den Abend ein wenig auszudehnen und zu verlängern, und Paul war sehr erstaunt, beim Oeffnen der Thür die lange Galerie des ersten Geschosses im farbigen Lichtschimmer ihrer gemalten Scheiben schweigend und bis in ihr hinterstes Ende, bis an die massive Thür der Salle des gardes, deren Schnitzmerk ein Mondstrahl hell beleuchtete, völlig leer zu finden. Er setzte sich wieder an seinen Tisch, aber es klopfte abermals, und jetzt unterschied er, daß es aus dem Rauchzimmer kam, welches durch ein enges Gängchen in der dicken Mauer und eine kleine Tapetenthür mit den Gemächern der Herzogin in Verbindung stand. Diese Einrichtung, welche weit älteren Datums war als die Restauration von Mousseaux, war ihm fremd gewesen, und der hübsche Spötter sagte sich, sofort an einige gar nicht für weibliche Ohren bestimmte Unterhaltungen, die hier geführt worden, an Laniboires sehr gepfefferte Anekdoten denkend: »Kuckuck, wenn sie das gehört hat!« Er schob den Riegel zurück, und ohne ein Wort zu sprechen, trat die Herzogin ein, ging an ihm vorüber und legte auf den Tisch, an dem er geschrieben, ein dickes Bund vergilbter Papiere, über die ihre schöne Hand in nervöser Hast hinstrich. »Raten Sie mir,« sprach sie mit ernster Stimme. ... »Sie sind mein Freund... sind der einzige, zu dem ich Vertrauen habe. ...« Er der einzige! Unglückliche Frau! Und dieser Blick eines Raubtieres, dieser lauernde, tückische Blick, der von dem Briefe, der unvorsichtigerweise offen auf dem Tische liegen geblieben war und den sie mit Leichtigkeit hätte lesen können, hinüberglitt zu den schönen Armen, die entblößt aus den weiten Aermeln des spitzenbesetzten Frisiermantels hervorblickten, zu den für die Nacht in reichen Flechten aufgesteckten Haaren, er warnte sie nicht! »Was will sie nur? Was kann sie hier suchen?« dachte er bei sich. Und sie, ganz erfüllt und beherrscht von Zorn, versinkend in dem Rachewirbel, der sie seit heute früh fortriß, in dem sie zu ersticken fürchtete, begann nach Atem ringend, in abgehackten Sätzen: »Einige Tage vor Ihrer Ankunft hat er mir den Lavaux geschickt... ja, er hat es gewagt... um seine Briefe zurückzuverlangen. Ach! Ich habe ihn danach empfangen, daß es ihn nicht gelüsten wird, wiederzukommen mit seiner gemeinen Fratze. ... Seine Briefe, Unsinn, das... das hier hat er haben wollen...« Sie streckte ihm den Pack Papiere hin, die Geschichte und die sämtlichen Akten ihrer Liebe, den Beweis, was dieser Mann sie gekostet, mit welchen Unsummen sie ihn aus dem Schlamme gezogen. »Oh! Nehmen Sie, sehen Sie es durch... es ist nicht uninteressant... gewiß nicht!« Und während er diese Papierschnitzel überflog und durchblätterte, die mit dem Parfüm, das sie immer an sich hatte, gesättigt waren, im übrigen aber besser in die Auslage von Bos, als in schöne Frauenhand getaugt hätten, fragliche Rechnungen von Kuriositätenhändlern, Juwelieren, Wäscherinnen, Erbauern von Jachten, Händlern in moussierendem Wein der Touraine, Checks für einst berühmte, jetzt vom Schauplatze verschwundene, gestorbene oder verheiratete Dirnen, Quittungen von Hotelbesitzern, Klubkellnern, aller Arten von Pariser Wucherern, kurz die vollständige Liquidation eines Lebemannes, sagte Mari Anto mit dumpfem Groll: »Die Restauration dieses Edelmannes ist, wie Sie sehen, kostspieliger gewesen als die von Mousseaux!... Ich hatte das Zeug all die Jahre in einer alten Schublade, einzig weil ich alles aufhebe, nicht weil ich je daran gedacht hätte, mich desselben zu bedienen... nie, Gott ist mein Zeuge! Jetzt aber bin ich andrer Meinung. ... Er ist reich und ich will mein Geld wieder haben, mein Geld und die Zinsen, wenn nicht, so klage ich, so führe ich einen Prozeß. ... Bin ich nicht im Rechte?« »Zweifelsohne... nur,«... er drehte die fahlblonde Spitze seines Bartes... »hatte Fürst Athis nicht unter Kuratel gestanden, damals als er diese Wechsel ausgestellt?« »Ja, allerdings, das weiß ich... Brétigny hat es mir gesagt... da man mit Lavaux nichts ausgerichtet, hat man sich schriftlich an Brétigny gewendet und ihn zum Schiedsrichter aufgestellt.... Unter Akademikern konnte man ja solch einen Freundschaftsdienst übernehmen, nicht wahr?«... Sie lachte hellauf, ein Lachen grenzenloser Verachtung, das die Ansprüche des Botschafters und die des früheren Ministers in Bezug auf akademische Würde auf ein und dieselbe Linie stellte, dann fuhr sie mit glühender Entrüstung fort: »Allerdings hätte es mir freigestanden, nicht zu bezahlen, aber ich wollte ihn reinlich haben... mit einem Schiedsrichterspruch habe ich also nichts zu thun.... Ich habe bezahlt, und das soll man mir ersetzen... oder ich gehe vor die Gerichte, den Skandal scheue ich nicht; ich will seinen Namen in Schmutz ziehen, seinen Namen und seinen Botschaftertitel.... Wenn ich ihn nur entlarvt und entehrt habe, dann ist mir der Prozeß gewonnen.« »Das gilt gleich,« sagte Paul Astier, seine Hand auf den Stoß Papiere legend und damit zugleich den angefangenen Brief an seine Mutter zudeckend, »aber daß man Ihnen solche Beweise in Händen gelassen hat... ein so kluger, geschickter Mensch.«... »Klug, er?« Und alles, was sie nicht aussprach, lag in ihrem Achselzucken. Er aber fand ein Vergnügen darin, sie zu weiteren Aeußerungen zu treiben, denn man weiß ja schließlich nicht, wohin der Wahnsinn der Rache eine Frau führt. »Doch jedenfalls einer unsrer besten Diplomaten...« »Den ich dazu geschminkt habe und am Drähtchen hielt. Er versteht von dem Handwerk nur so viel ich ihn gelehrt.« »Ach, und die Legende von Bismarck?« »Der ihm nicht hat ins Gesicht sehen können? Ach! Die niedliche Geschichte!... Sehr wahrscheinlich... o ja gewiß... auch ein Minister wendet sich ab, wenn ihm übel wird!« Wie beschämt, verhüllte sie ihr Gesicht mit den Händen und suchte ihr Schluchzen zu ersticken; ein Zornesröcheln entrang sich ihrer Brust: »Unerhört! Unausdenkbar... Zwölf Jahre einem solchen Menschen angehört haben... Und jetzt verläßt er mich, ist meiner überdrüssig... er meiner!... Meiner!« Ihr Stolz bäumte sich wild auf bei diesem Gedanken, mit großen Schritten eilte sie in dem Zimmer umher, es ganz durchmessend bis in den Hintergrund, wo das niedere Bett mit den alten, wertvollen Vorhängen stand, trat dann wieder in den Lichtkreis der Lampe und suchte Gründe für diesen Bruch, den sie sich, laut denkend, erklären wollte. »Weshalb?« fragte sie, »weshalb denn? Weil unsre Lage eine zweideutige war? Er wußte ja, daß dies bald sein Ende erreicht haben würde, daß wir binnen Jahresfrist verheiratet sein konnten. Das Geld – die Millionen dieses Gänschens?... Wie wenn sie nicht auch reich wäre, nicht auch Geld hätte, und Beziehungen, Einfluß, wovon bei der gebornen Sauvadon keine Spur. ... Was war's denn also? Die Jugend? Sie stieß ein Wutgelächter aus. ... Ach! Ach! Das arme Kind!... Ihre Jugend könnte einem wahrhaftig leid thun!« ... »Das glaube ich«... flüsterte Paul, lächelnd näher tretend. Das war er, der wunde Fleck; und sie wühlte darin, um sich noch mehr Leiden zu schaffen. »Jung! ... Jung! ... Sieht man das Alter einer Frau etwa im Kalender? ... O der Herr Botschafter könnte sich da verrechnet haben. ...« Und mit einer blitzartigen Gebärde rissen die schönen Hände die Spitzen auseinander, die ihren runden, tadel- und faltenlosen Hals verbargen, den herrlichen Ansatz des Kopfes. »Hier, hier, ist's, wo die Frauen ihre Jugend haben.« Aber schon streckten sich kühne stürmische Hände nach ihr aus und vollführten die kaum angedeutete Bewegung, der Frisiermantel flog zur Erde und wie eine Glutwelle hielt es sie umfangen, heiß, versengend, unwiderstehlich – ein Etwas das sie nie gekannt, die schöne, stolze Frau, dem sie keinen Widerstand entgegenzusetzen vermochte.... Ob sie sich dessen versehen, als sie diese Schwelle überschritten? War es das, was sie zu suchen gekommen war, wie er glauben mochte und konnte? Nein! Ein bis zum Wahnsinn gekränkter Stolz, ein Schwindel der Wut, des Ekels, des Abscheus, das ganze Weib wie in einem Schiffbruch Wind und Wellen preisgegeben, aber nie etwas Niedriges, nie etwas Berechnetes. Jetzt gewinnt sie Fassung, Gewalt über sich wieder, sie erkennt, sie bangt, sie fragt... Sie!... Dieser junge Mensch!... Und so rasch? ... Sie glaubt vor Scham in die Erde versinken zu müssen. Und er kniet vor ihr und flüstert: »Ich liebe dich ja ... ich habe dich ja immer geliebt ... so entsinne dich doch!« Und von neuem umspielen jene Glutwellen ihre Hände, teilen sich ihrem ganzen Wesen mit. Aber sie reißt sich los, sie flieht, fassungslos, nicht einmal das Werkzeug ihrer Rache, jene Papiere, mit sich nehmend. Sich rächen? An wem? Wozu denn? Sie kennt den Haß nicht mehr in dieser Stunde, denn sie liebt. Und so neu, so seltsam, so wunderbar und fremd ist diesem Weltkinde die Liebe, mit ihrer Seligkeit und ihrem Wonneschauer, daß sie in Wahrheit daran zu sterben glaubt. Dem aber folgte ein Stillerwerden, ein tiefer Frieden, eine Weichheit, wie sie der nach langer Krankheit dem Leben Zurückgegebene empfindet; sie wurde eine völlig andre Frau, eine von jenen, die das Volk, wenn es sie am Arme eines Gatten oder Geliebten, langsamen Schrittes, wie geschaukelt, dahin gehen sieht, sagt: »Die hat, was sie braucht.« Die Sorte ist seltener, als man in der Regel annimmt, zumal in der Gesellschaft. Und in diesem Falle war es schwierig, mit dieser inneren Glückseligkeit zu vereinen, was die Welt an Haltung erforderte, die Pflichten einer Schloßherrin, die kein Gebiet außer acht lassen darf, die Ankunft und Beherbergung einer zweiten Serie von Gästen überwachen muß, und zwar einer weit zahlreicheren, minder innig befreundeten, die der akademischen Aristokratie: Der Herzog Courson-Launay, Fürst und Fürstin Fitz-Roy, die von Circourts, die Huchenards, Saint-Avol, der bevollmächtigte Minister, Moser und seine Tochter, Herr und Frau Henry von dem amerikanischen Konsulat. Ein hartes Stück Arbeit, all' diese Menschen zu ernähren und zu zerstreuen, die verschiedenartigen Elemente zu verbinden, in Zusammenhang zu bringen. Sonst verstand die Herzogin diese Kunst, wie niemand außer ihr; jetzt ward ihr alles zur Last, zum verdrießlichen, ermüdenden Frondienst. Sie hätte sich nicht von der Stelle bewegen, über ihr Glück nachsinnen und träumen, sich ganz und gar in den einen, alles andre verdrängenden Gedanken versenken mögen, und, unfähig zur Zerstreuung ihrer Gäste Neues zu ersinnen, blieb es bei den unvermeidlichen Besuchen der Fischereibassins, des Schlosses, wo Ronsard geboren, des Waisenhauses, und sie war froh und zufrieden, wenn ihre Hand bei solchen Ausflügen manchmal mit der Pauls in Berührung kam, wenn der Zufall sie im Wagen oder Boot zusammenführte. Bei Gelegenheit einer dieser ziemlich langweiligen Fahrten auf der Loire, an einem Tage, da die kleine herzogliche Bootflotte mit ihren seidenen Baldachinen, ihren wappengeschmückten Flaggen, die sich lustig wehend im Wasser spiegelten, ein wenig weiter gefahren war, als sonst ihr Brauch, ward Paul Astier, dessen Boot dem der Geliebten voraus war, die Freude zu teil, von dem neben ihm im Stern sitzenden Laniboire ins Vertrauen gezogen zu werden. Weil er die Erlaubnis erhalten hatte, seinen Aufenthalt in Mousseaux bis zur Vollendung seines Berichtes auszudehnen, bildete der alte Narr sich nämlich ein, daß seine Aktien im Steigen und er wirklich Aussicht habe, Samys Nachfolger zu werden, und wie das in solchen Fällen zu geschehen pflegt, war es gerade Paul, den er sich ausersah, um ihm von seinen wohlbegründeten Hoffnungen zu erzählen, von dem, was er gesagt, was man ihm erwidert, was da und dort geschehen, und: »Nun, junger Mann, was würden Sie an meiner Stelle thun?« so schloß er. Ein heller, klangvoller Ruf, der aus der nächstfolgenden Barke kam, tönte übers Wasser: »Herr Astier!« »Herzogin?« »Sehen Sie doch, dort im Schiffe – sieht das nicht aus wie Védrine?« Und Védrine war es in der That, mit Frau und Kindern, der auf einem alten flachen Boote, das an einem Ulmenzweige befestigt dalag, in voller Arbeit war, von einer grünen Insel, auf der sich die Bachstelzen heiser schrieen, eine Farbenskizze aufzunehmen. Man steuerte rasch auf ihn zu, befand sich in Bälde Bord an Bord, denn für die fortgesetzte Langeweile der vornehmen Leute war ja alles hochwillkommene Zerstreuung, und während die Herzogin ihr lieblichstes Lächeln Védrines Frau spendete, die sie einmal eine Zeitlang in Mousseaux bei sich gesehen, blickten die andern Damen neugierig auf diese schwimmende Künstlerwirtschaft, die schönen, von Liebe und Licht durchglühten Kinder, die im Schatten der überhängenden Zweige ruhend da lagen, im tiefen Frieden der klaren Flut, in deren Spiegel das Bild dieses Glückes ein gedoppeltes wurde. Ohne die Palette aus der Hand zu legen, tauschte Védrine Grüße aus, und erzählte dann Paul, wie es in Clos-Jallanges stehe, dessen langes, weißes Wohnhaus mit dem flachen italienischen Dache man in halber Höhe durch den Nebel des Flusses herüberschimmern sah. »Mein Bester, die ganze Gesellschaft da unten ist toll, rein toll! Die Loisillonsche Nachfolge hat ihnen völlig die Köpfe verdreht. ›Punktieren‹ ist ihre einzige Lebensaufgabe, damit füllen sie ihren Tag aus; alle, deine Mutter, Picheral und sogar die arme Kranke in ihrem Rollstuhle.... Das akademische Fieber hat auch sie nicht verschont. Sie spricht davon, in Paris wohnen zu wollen, Feste zu geben, Empfangstage, nur um die Kandidatur ihres Bruders zu unterstützen.« Er, Védrine, hatte natürlich das Bedürfnis, diesem Irrenhause zu entfliehen, und machte sich jeden Tag aus dem Staube, arbeitete hier außen mit Weib und Kind, und mit Lachen auf seine alte Fähre zeigend, sagte er ohne den leisesten Anflug von Bitterkeit: »Siehst du, meine Dahbieh ... meine große Stromfahrt auf dem Nil.« Plötzlich ließ sich das helle Stimmchen des Knaben vernehmen, der trotz der vielen Menschen, der hübschen Frauen und heiteren Toiletten nur für Papa Laniboire Augen zu haben schien: »Sag doch, bist du der Herr von der Akademie, der bald hundert Jahre alt wird?« Um ein Haar wäre der alte Berichterstatter, der eben unter den Augen der schönen Antonia bemüht war, ein Bild männlicher Kraft und nautischer Tüchtigkeit darzustellen, von der Bank gefallen, und das tolle Gelächter mußte sich erst ein wenig legen, ehe Védrine im stande war, zu erklären, daß der Knabe für Jean Réhu, den er nicht kannte, nie gesehen hatte, ein ganz besondres Interesse habe, einzig weil derselbe nahe am hundertsten Jahre stehe. Jeden Morgen erkundigte sich der schöne Kleine nach dem alten Manne und fragte: »Wie geht es ihm?« und es lag in dieser Ehrfurcht des kleinen Wesens vor dem Leben etwas Selbstsüchtiges, die Hoffnung, es auch auf hundert Jahre zu bringen, wenn andre vor ihm so lange gelebt. Aber die Luft ward kühler, die Schleier flatterten im Winde, die Bewimpelungen der kleinen Masten geriet in Unruhe, von der Seite von Blois her schob sich eine schwarze Wolkenwand und in der Richtung von Mousseaux, wo die auf den Zinnen der vier Türmchen angebrachten Laternen hell leuchteten, verschleierte ein Regenstreifen den Horizont. Ein Augenblick der Verwirrung trat ein, alles hastete durcheinander, stieß sich an, und als sich die Barken dann zwischen den gelben Sandbänken in eiliger Flucht entfernten, alle in der nämlichen Wasserfurche einander folgend, weil hier der Fluß durch die Inseln zum schmalen Kanal wurde, sah Védrine freudig dem bunten Farbengewimmel nach, das sich von der gewitterschwarzen Wolkenbank abhob, den prächtigen Konturen der aufrecht im Bug stehenden Matrosen, die mit langen Stangen die Boote durch die Stromenge bugsierten, und sich dann zu seiner Frau wendend, die am Boden des Kahnes kniete, die Kinder einwickelte, Palette, Pinsel und Malkasten zusammenpackte, rief er: »Sieh dir das an, Mama... du weißt, ich sage von einem guten Kameraden gern, wir sind von einem Boote... da vor uns, da kann ich dir mein Bild lebendig und anschaulich machen... all' diese Barken in langer Reihe, die sich vor Wind und Wetter, vor der einbrechenden Nacht flüchten, das sind die Generationen in der Kunst.... Die Leute auf einem Boote mögen sich zieren wie sie wollen, man kennt sich doch, man ist Ellbogen an Ellbogen, man wird zu Freunden, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, wenn man miteinander dasselbe Ufer entlang schwimmt. Aber die, welche da vor uns sind, wie sie einander aufhalten, sich den Weg versperren. Nichts ist gemeinsam zwischen ihrem Boote und dem unsrigen! Man ist zu weit auseinander; man versteht sich nicht mehr. Nur so weit befassen wir uns noch mit ihnen, als wir ihnen zurufen: ›Vorwärts! So fahrt doch!‹, während wir dem Boote, das hinter uns herkommt, das uns in übermütiger Jugendkraft auf den Fersen ist, uns über den Leib fahren will, ein zorniges: ›Sachte, sachte!... Wozu denn solche Eile?‹ ins Gesicht schleudern. Nun, und ich, ich!« er richtete seine mächtige Gestalt, die Fluß und Ufer beherrschte, hoch auf. »Ich gehöre zu meinem Boote ganz gewiß, und ich habe es lieb, aber die, welche hinter mir kommen, und die, welche vor mir sind, liegen mir ebenso am Herzen, sind mir ebenso wichtig wie das meinige. Ich rufe sie an, ich mache ihnen Zeichen, ich suche mich mit ihnen allen in Verbindung zu halten, denn sie alle, eins wie das andre, sind von denselben Gefahren bedroht, für den Nachzügler wie für den Vordermann sind die Strömungen bedenklich, der Himmel verräterisch, die Nacht so nahe.... Jetzt, aber, losgebunden meine Lieben, Anker gelichtet! Der Regen ist da.« Dreizehntes Kapitel. »Betet für die Ruhe der Seele des hohen und mächtigen Herrn und Herzogs Karl Heinrich Franz Padovani, Fürst von Olmütz, gewesenen Senators, Botschafters und Ministers, Inhabers des Großkreuzes der Ehrenlegion, verschieden am 20. dieses Septembermonats auf seinen Gütern in Barbicaglia, wo seine irdischen Ueberreste beigesetzt sind. Am nächsten Sonntag wird in der Schloßkapelle eine Messe für seine Seele gelesen, und ihr seid geladen, derselbigen beizuwohnen.« Paul Astier, der eben zum zweiten Frühstück aus seinem Zimmer herunterkam, empfand eine Regung jubelnder Freude, unendlichen Stolzes, als er diese seltsame Proklamation vernahm, die von Mousseaux bis Onzain an beiden Ufern der Loire von Angestellten des großen Leichenbesorgers Vafflard, verkündigt wurde, wobei dieselben dumpfe Glocken trugen, die sie im Gehen erklingen ließen, und hohe Hüte mit Kreppdekorationen, die bis zur Erde reichten. Die jetzt schon vier Tage alte Nachricht vom Tode des Herzogs hatte auf Mousseaux' Bewohner ungefähr die Wirkung gehabt, wie ein Flintenschuß auf einen Flug Rebhühner, und hatte die zweite Serie von Gästen auseinandergescheucht, sie nach Seebädern und höchst unvorhergesehenen Plätzen davonschwärmen lassen, die Herzogin aber gezwungen, urplötzlich nach Korsika abzureisen, wobei sie nur wenige vertraute Freunde im Schlosse zurückgelassen hatte. Trotz allem verlieh die düstere Eintönigkeit dieser klagenden Stimmen, dieser wandelnden Glocke, deren Klang der Wind von der Loire herauf durch das altertümliche Fenster des Treppenhauses hereintrug, dieser Abschiedsgruß, der auf so königliche Art und in so wenig zeitgemäßer Weise dem Volke verkündigt wurde, dem Feudalsitze Mousseaux eine seltsame Großartigkeit, und es war, als ob seine vier Türme höher wüchsen, die hundertjährigen Bäume ihre Kronen stolzer trügen. Da aber dies alles nun sein eigen sein sollte, da die Geliebte ihn bei ihrer Abreise inständig gebeten hatte, im Schlosse zu bleiben, weil nach ihrer Rückkehr große Entschließungen zu fassen seien, erschien ihm diese feierlich durch die Lande getragene Todesbotschaft wie die Verkündigung seines Regierungsantrittes.... »Betet für die Ruhe der Seele....« Endlich hielt er es in Händen, das Glück und den Reichtum, und diesmal sollten sie ihm nicht entrissen werden... »gewesenen Senators, Botschafters und Ministers.«... »Wie traurig sie klingen, diese Glocken, nicht, Herr Paul?« bemerkte ihm Fräulein Moser, die mit ihrem Vater und Laniboire, dem Akademiker, schon bei Tische saß. Die Herzogin hatte die beiden auch in Mousseaux behalten, sowohl um Paul Astiers Einsamkeit ein wenig zu beleben, als um der armen Antigone, welche die Sklavenketten der akademischen Kandidatur ihres Vaters angeschmiedet trug, ein wenig mehr Ruhe und gute Luft zu verschaffen. Von ihr hatte sie als Frau keine Rivalität zu fürchten: ihre Augen eines geschlagenen Hundes, die farblosen Haare und die unausgesetzte demütigende Beschäftigung mit diesem unerreichbaren Fauteuil machten sie völlig harmlos. An diesem Morgen aber hatte sie offenbar ein bißchen mehr Sorgfalt auf ihr Aeußeres verwendet: ein frisches Waschkleid mit einem kleinen Ausschnitt war schon etwas. Das Stückchen Hals, das dabei sichtbar wurde, war freilich mager und dürr genug, aber schließlich in der Not frißt der Teufel Fliegen. Und Laniboire, der in glänzender Laune war, neckte und quälte sie, sagte Dinge.... Er fand sie nicht traurig diese Totenglocken und das in der Ferne verklingende: »Betet für die Ruhe...« trübte ihm die Stimmung nicht. Im Gegenteil, das Leben schien ihm durch den Gegensatz noch viel erfreulicher als sonst, der Wein von Vouvray schimmerte noch goldner in den Krystallkaraffen und seine unsauberen Geschichten erklangen seltsam in dem für die paar Menschen viel zu großen Saale. Moser, der ewige Kandidat mit dem verschwommenen Gesicht von stets verbindlichem Ausdruck, lachte aus Höflichkeit, obwohl er seiner Tochter wegen einigermaßen in Verlegenheit war; aber mein Gott, der Philosoph war ja so einflußreich in der Akademie! Nachdem man auf der Terrasse den Kaffee eingenommen, rief Laniboire, dessen Kopf blaurot war: »Gehen wir an unsre Arbeit, Fräulein Moser, ich bin heute in der Stimmung.... Ich glaube, daß ich meinen Bericht vor Abend fertig bekommen werde.« Das sanfte arme Mädchen, das zuweilen Sekretärsdienste bei ihm versah, erhob sich diesmal ein bißchen zögernd und sichtlich mit einigem Bedauern. Sie hätte an dem herrlichen Tage, dem ersten, den leichter Herbstdunst verschleierte, lieber einen größeren Spaziergang unternommen, vielleicht auch gern in der Galerie mit diesem hübschen, wohlerzogenen Herrn Paul ein bißchen weiter geplaudert; jedenfalls schien es ihr nicht sehr lockend, nach dem Diktat Vater Laniboires Lobeshymnen auf alte treue Dienstboten oder musterhafte Krankenpflegerinnen niederzuschreiben. Aber der Vater drängte: »Geh nur, geh nur, mein Kind... der Meister ruft dich.« Sie gehorchte und stieg hinter dem Philosophen die Treppe hinauf; der alte Moser folgte, um auf seinem Zimmer Siesta zu halten. Was geschah dann? Von was für einem Auftritte war das Zimmer Laniboires, der wohl Pascals Nase, aber nicht dessen edle Mäßigung hatte, Zeuge? Als Paul Astier von einem langen Gange durch Park und Wald, auf dem er seine ehrgeizige Ungeduld zu beschwichtigen gesucht, heimkehrte, sah er in dem Empfangshofe den eingespannten Break, dessen Pferde ungeduldig scharrten, vor der großen Freitreppe stehen, und darauf saß schon reisefertig Fräulein Moser zwischen Köfferchen, Reisetaschen und Plaidrollen, indes der Vater Moser ziemlich verzweiflungsvoll auf der Treppe stand und in seinen Taschen umherkramte, um zwei oder drei mit spöttischen Gesichtern herumlungernden Dienern Trinkgelder zu geben. Er trat an den Wagen und fragte überrascht: »Sie verlassen uns, Fräulein Moser?« Sie streckte ihm die Hand hin, eine lange, schmale, feuchtkalte Hand, über die sie einen Handschuh zu ziehen vergessen hatte, und ohne ein Wort zu sprechen, ohne das Tuch von den Augen zu nehmen, nickte sie ihm schluchzend ein Lebewohl zu. Eine weitere Aufklärung ward ihm auch von seiten Mosers nicht zu teil, der, einen Fuß auf dem Wagentritt, leise, traurig und wutbebend stotterte: »Ja freilich... sie... sie will abreisen... sie sagt, daß man es an... Achtung hat fehlen lassen... aber ich kann das nicht glauben...« und mit einem tiefen Seufzer, bei dem die breite Falte auf seiner Stirn, die akademische Falte der getäuschten Hoffnungen, tief eingegraben und gerötet wie die Narbe eines Säbelhiebes hervortrat, setzte er hinzu: »Das ist ein großes Unglück für meine Wahl.« Laniboire, der den ganzen Nachmittag auf seinem Zimmer geblieben war, sagte, als er sich bei Tische Paul gegenübersetzte: »Wissen Sie, weshalb unsre lieben Freunde, die Mosers uns so unerwartet schnell verlassen haben?« »Nein, lieber Meister... und Sie?« »Sonderbar! Verwunderlich!« Aus Rücksicht auf das natürlich von dem Abenteuer genau unterrichtete, bei Tische aufwartende Personal zwang er sich, die größte Ruhe an den Tag zu legen, allein man fühlte, wie wenig ruhig, wie ängstlich und aufgeregt er in Wahrheit war. Nach und nach gewann er jedoch wieder etwas mehr Sicherheit, versöhnte sich mit einem Dasein, gegen das er bei der Mahlzeit wenigstens keinen Groll hegen konnte, und gestand seinem jungen Freunde schließlich so beiläufig, daß er möglicherweise das gute Kind erschreckt, verletzt haben könne, daß er vielleicht zu weit gegangen sei.... Er schwang dabei sein Weinglas mit einer vielsagenden Eroberersmiene. Das Wort blieb ihm aber in der Kehle stecken, als der andre kurz die Frage hinwarf: »Und die Herzogin?« Fräulein Moser mußte ihr doch für die plötzliche Abreise einen Grund angeben, würde ihr also sicherlich schreiben und Klage führen. »Glauben Sie?« sagte Laniboire erblassend. Um sich den widerlichen Aufschneider vom Halse zu schaffen, beharrte Paul bei dieser Ansicht. Und sollte je das junge Mädchen Schweigen bewahren, so war doch von seiten der Dienerschaft ein Klatsch, ein Gerede mit Sicherheit zu fürchten; die kleine Spitzbubennase hin und her wiegend, meinte er noch: »An Ihrer Stelle, mein lieber Meister ...« »Ah bah! Seien Sie ganz ruhig. Ich komme mit einer Szene davon, die meinen Bestrebungen eher förderlich als nachteilig ist! Die Weiber, eine wie die andre, verzeihen derlei Dinge leicht!« Er spielte den Mutigen, Unbesorgten, zog es aber doch vor, am Abend vor der Rückkehr der Herzogin zu verduften. Die akademischen Wahlen mit ihren Vorbereitungen riefen ihn plötzlich dringend zurück, die abendliche Feuchtigkeit war ungünstig für seine Rheumatismen, und das fertige Manuskript des Berichtes über den Tugendpreis in der Tasche, machte er sich aus dem Staube. Sie kehrte zurück, um der Messe beizuwohnen, die am Sonntag mit großem Pomp in der Renaissancekapelle stattfand, welche Védrine, der Tausendkünstler, wieder mit wundervollen Glasmalereien ausgestattet und mit einer herrlich geschnitzten Altarwand nach altem Muster versehen hatte. Eine ungeheure Menge von dörflichen Nachbarn aus dem ganzen Umkreise hatte sich eingefunden. In abscheulichen, kurzleibigen Röcken steckend, mit langen, gesteiften, glänzenden blauen Blusen, weißen Hauben, von Stärke starrenden Halstüchern, von deren Blauweiß sich die sonnverbrannte Haut doppelt dunkel abhob, standen sie dichtgedrängt in der Kapelle und füllten auch noch den ganzen Hof. Weder die kirchliche Ceremonie, noch Verehrung für den alten Herzog, der der Gegend völlig unbekannt geblieben war, hatte sie herbeigelockt, sie erwiesen dem Toten diese Ehre einzig dem Leichenschmause zuliebe, der nach alter Sitte stattfinden sollte und für den im Freien, in der vornehmen Avenue, lange Tische und Bänke aufgeschlagen waren, an welchen nach dem Gottesdienst zwei- bis dreitausend Landleute mit Leichtigkeit unterkommen konnten. Anfangs ein wenig verlegen und befangen, auch etwas ernster gestimmt von dem feierlich düsteren Gottesdienst und eingeschüchtert von den Forstwächtern und Dienern mit den langen Kreppschleifen, unterhielten sie sich im Schatten der herrlichen alten Rüstern nur halblaut; bald aber that der Wein seine Schuldigkeit, die Lebensmittel verschwanden reißend und der Leichenschmaus ward zum lärmenden, wilden Gelage. Um den Greueln dieser Schmauserei zu entgehen, fuhren die Herzogin und Paul Astier in einem mit Schwarz ausgeschlagenen Landauer in raschem Trabe durch die sonntäglichen, einsamen Felder und Straßen. Die hohen Hüte mit schwarzen Kokarden auf dem Bock, die langen Schleier der neben ihm sitzenden Witwe erinnerten den jungen Mann unwillkürlich an andre derartige Fahrten. »Es scheint ein für allemal bestimmt zu sein, daß bei meinen Herzensangelegenheiten der Tod ein Wort mitredet,« dachte er bei sich und konnte nicht umhin, das niedliche kleine Gesicht Colettes von Rosen mit dem kurzen, lockigen Blondhaar, das so leuchtend aus den schwarzen Hüllen hervorgeblickt hatte, ein wenig zu vermissen. Ermüdet von der Reise und etwas schwerfällig in den eilig zurechtgemachten Trauergewändern, hatte die Herzogin doch immerhin jene Vornehmheit in Haltung und Bewegung voraus, die der andern so gründlich abgingen, und dann war bei ihr der Tote selbst so ganz und gar nicht störend, denn sie war viel zu stolz und freidenkend, um jene Schmerzensgrimasse zur Schau zu tragen, zu welcher niedrigere Naturen sich in solchem Falle verpflichtet glauben, selbst wenn der verstorbene Gemahl gehaßt, verabscheut und tausendfach hintergangen worden ist. Unter dem weithin tönenden Aufschlag der Pferde rollten sie die schöne Straße entlang, die aufsteigend, dann wieder sanft abfallend, bald durch junges Eichengehölz oder über weite Ebenen dahinführt, wo ganze Scharen von Raben die mächtigen Heuschober umflatterten. Das Gewölk hing tief, die Luft war warm und regenweich, hie und da blitzte die Sonne durch einen Wolkenritz. Um sich beim raschen Fahren vor Wind zu schützen, hatten sie eine Decke übergebreitet, die beider Kniee eng aneinander geschmiegt umhüllte, indes die Herzogin von ihrem Korsika erzählte und von einem wunderbaren vocero , den ihre Kammerfrau bei dem Leichenbegängnis improvisiert hatte. »Matéa?« »Jawohl, Matéa! Sie ist eine große Dichterin, müssen Sie wissen....« Und sie citierte einige Verse des Klaggesanges in dem stolzen, wohllautenden korsischen Dialekt, für den sich ihre schöne Altstimme prächtig eignete. Was die ernsten Entschließungen betraf, so verlautete darüber keine Silbe. Und doch interessierten dieselben ihn gar sehr und lagen ihm weit mehr am Herzen als die poetischen Ergüsse der Kammerfrau. Ohne Zweifel wollte sie erst abends darauf zu sprechen kommen. Und um sie zu zerstreuen, erzählte er ihr mit leiser Stimme die Geschichtchen von Laniboire und wie klug er es angefangen hatte, um sich den Akademiker vom Halse zu schaffen. »Die arme, kleine Moser,« sagte die Herzogin, »nun muß ihr Vater diesmal aber gewählt werden... Sie hat es sauer verdient....« Dann wurde ihre Unterhaltung immer einsilbiger und sie gaben sich ganz der Wonne des nahen Beisammenseins in dem sanft wiegenden Wagen hin, während der Tag rasch zur Neige ging und Bäume und Felder sich in immer tiefere Schatten hüllten, so daß man aus den Hochöfen von Zeit zu Zeit die Flammenglut auflodern sah, Blitzen gleich bis zu den Wolken aufzüngelnd. Der Rückweg ward unglücklicherweise sehr gestört durch das Geschrei, Gejohle und Gebrüll der vom Gelage heimkehrenden Bauern, die wie tölpische Tiere an die Wagenräder stießen, in die Straßengräben hinunterkollerten, aus welchen zu beiden Seiten des Weges Geschnarche und wüstes Geheul herauftönte, offenbar ihre Art, das angeordnete Gebet für die Ruhe der Seele des sehr hohen und mächtigen Herrn und Herzogs zu verrichten. Bei ihrem gewohnten Abendspaziergang in der Galerie blickte sie, an seine Schulter gelehnt, zwischen den schweren, den weiten Horizont begrenzenden Pfeilern in die Nacht hinaus und flüsterte: »Wie selig ... so zu zweien! Und allein! ...« Aber wieder sprach sie nicht von dem, was Paul zu hören erwartete. Er suchte sie darauf hinzulenken, und die Lippen auf ihr Haar gedrückt, fragte er sie, wo sie diesen Winter zu verleben gedenke, ob sie nach Paris zurückkehren werde. O! Nein, gewiß nicht! Paris mitsamt seiner lügnerischen, stets hinter der Maske auf Verrat sinnenden Gesellschaft war ihr zuwider. Sie wußte nur noch nicht, ob sie sich in Mousseaux einpuppen oder eine große Reise nach Syrien und Palästina unternehmen sollte. Was er davon hielt? Das waren also die großen Entscheidungen, die sie mit ihm treffen wollte, nichts als ein Vorwand ihn zurückzuhalten war es gewesen, weil sie davor zitterte, daß andre während ihrer Abwesenheit ihn ihr entreißen würden, wenn er nach Paris zurückkehrte. Paul biß sich auf die Lippen; er hielt sich für getäuscht, hatte das Gefühl, daß man mit ihm gespielt habe. »Ach! Wenn du es so meinst, meine Schöne ... dann, ja, wir werden ja sehen!« Müde von der Reise und dem im Freien zugebrachten Tage, stieg sie matten und schleppenden Schrittes die Treppe hinauf, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Mit einem Händedruck und einem von Paul verstohlen und zärtlich geflüsterten: »Auf Wiedersehen!« pflegten sie sonst des Abends auseinanderzugehen, und dieses leise: »Auf Wiedersehen!« verhieß nach des Tages Zwang und Trennung die volle ungestörte, trunkene Seligkeit nächtlicher Stunden. Aber heute abend kam das Wort nicht über Paul Astiers Lippen und trotz ihres Schmerzes darüber erblickte sie in dieser Zurückhaltung nichts als Scheu und Ehrfurcht für ihre noch so frische Trauer, die noch schwarz behängte Kapelle und ihr letzter Gedanke beim Einschlafen war, wie vornehm und edel er darin empfunden. Am folgenden Morgen sah man sich kaum; die Herzogin hatte Geschäfte; sie brachte mit ihrem Haushofmeister und den Pächtern die Rechnungen in Ordnung, wobei sie sich die größte Bewunderung des Notars Gobineau erwarb, der beim Frühstück mit einem Gesicht, in dem jedes Fältchen voll Bosheit steckte, zu Paul sagte: »Das ist eine Frau, die sich kein X für ein U vormachen läßt.« »Was weiß er davon?« dachte der auf der Lauer liegende junge Jägersmann, indem er seinen blonden Schnurrbart drehte. Aber die Genauigkeit und Kaltblütigkeit, mit der die klangvolle Altstimme, die so süß von Liebe zu flüstern wußte, Zahlen feststellte und für ihren Vorteil eintrat, brachten ihn wohl zum Bewußtsein, daß es Vorsicht galt in diesem gefährlichen Spiele. Nach dem Frühstück traf die erste Directrice aus dem Sprichtschen Atelier mit großen Kisten und zwei Fräulein zum Anprobieren ein. Nach vier Uhr endlich kam die Herzogin in einem Wunder von Trauergewand, das ihre Figur mädchenhaft schlank und jugendlich erscheinen ließ, zum Vorschein und machte ihm den Vorschlag, einen Gang durch den Park zu thun. Nebeneinander wandelten sie elastischen Schrittes dahin, die Alleen hinunter, stets dem Geräusche der großen Rechen ausweichend, mit welchen die Gärtner dreimal täglich gegen den alles bedeckenden Fall der welken Blätter ankämpften. Freilich war diese Arbeit eine ziemlich fruchtlose, denn so eifrig sie auch ausgeführt werden mochte, eine Stunde darauf waren Weg und Steg immer aufs neue mit dem weichen orientalischen Teppich in seinen grünen, braungelben, purpurnen, fahlen Falbentönen bedeckt, durch den im Strahle der tiefstehenden, noch immer heißen Sonne ihre Tritte raschelten und rauschten. Sie sprach von dem Gatten, der sie in den Tagen der Jugend so elend gemacht; es lag ihr daran, in ihm die Gewißheit zu bestärken, daß sie nur nach außen, aus Anstandsrücksichten diese Trauer trug, von der ihr Herz nichts wußte. Paul verstand das vollkommen und lächelte, ohne sich indes in seiner Taktik der Kälte beirren zu lassen. Ganz unten im Park setzten sie sich in die Nähe eines hinter Ahorn und Weiden versteckten Pavillons, welcher den Fischernetzen und den Rudern der kleinen Bootsflotte zum Aufbewahrungsorte diente. Sie übersahen von hier die sich wellenförmig zum Flusse herabziehenden Weidegründe, einzelne Partieen Hochwald und junges Gehölz, da und dort von einem warmen Sonnenstrahle vergoldet; die Bäume gewährten ihnen aber einen freien Durchblick auf das Schloß, welches mit den so plötzlich vereinsamten und verödeten Terrassen, den zum größeren Teile geschlossenen Fenstern, den hochragenden Türmen mit ihren stolz getragenen Laternen, gewachsen zu sein schien, mehr Würde atmete als sonst, gleichsam der Geschichte zurückgegeben war. »Welch ein Schmerz, all' diese Herrlichkeit zu verlassen ...« sagte er mit einem schwachen Seufzer. Sie sah ihn an, bestürzt, die Brauen sturmdrohend zusammengezogen.... Abreisen, er? ... Und wozu? »Mein Gott, das Leben – der Beruf... man muß ja. ... »Uns trennen? ... Und ich? und die große Reise, die wir miteinander geplant?« »Ich wollte Ihre Freude nicht stören. ...« Aber wie sollte ein armer Künstler sich den Luxus einer Spazierfahrt nach Palästina gestatten? Das waren Träume, unausführbare..., Wie Védrines Nil-Dahbieh, die zu einer Loirefähre geworden. Sie zuckte die schönen, blaublütigen Schultern: »Unsinn, Paul, wer wird solche Kindereim behaupten! ... Ist nicht alles, was mein ist, auch dein?« »Mit welchem Rechte?« Da war es ausgesprochen! Aber noch ahnte, noch erriet sie nicht, worauf er abgelte. Und er, in der Furcht zu rasch vorgegangen zu sein, setzte hinzu: »Ja, in welcher Eigenschaft soll ich dem engherzigen Urteil der Welt gegenüber mit dir reisen?« »Nun gut, so bleiben wir in Mousseaux.« Er verbeugte sich mit leiser Ironie: »Der Architekt der Frau Herzogin hat hier nichts mehr zu thun.« »Bah! Wir werden schon Arbeit für ihn finden . .. und müßte ich heute nacht das Schloß in Brand stecken. ...« Sie lachte ihr schönes, zärtliches, übermütiges Lachen, schmiegte sich an ihn, nahm seine Hände und fuhr sich damit übers Gesicht, streichelte ihr Haar damit und trieb glückliche, thörichte Liebeständelei: aber das Wort kam nicht, auf das Paul wartete, das er sie auszusprechen zwingen wollte. Mit unterdrückter Heftigkeit sprach er dann: »Wenn du mich liebst, Maria Antonia, so laß mich ziehen; ich muß mir eine Existenz gründen, mir und den Meinigen. Die Welt würde mir nie verzeihen, eine solche aus der Hand einer Frau, die meine Gattin nicht ist und nicht sein wird, anzunehmen.« Jetzt hatte sie ihn verstanden, sie drückte die Augen zu vor dem Abgrunde, der sie angähnte, und ein Schweigen folgte so tief und lang, ein Schweigen, in dem man, vom leisen Abendhauch verweht, die Blätter von den Bäumen fallen hörte, die einen noch schwer von Saft, von Zweig zu Zweig gleitend, die andern dürr, flüchtig, leise raschelnd wie ein leichtes Kleid, und rings um die Weiden tönte es wie huschende Tritte, wie das leise Gehen schweigender Scharen. Fröstelnd erhob sie sich. »Es wird kühl; wir wollen nach Hause.« Sie hatte das Opfer gebracht. Sie würde daran sterben, ohne Zweifel, aber die Welt wird nicht mit ansehen, daß die Herzogin Padovani sich erniedrigt, ihren Architekten zu heiraten, Frau Paul Astier zu werden. Den Abend über beschäftigte sich Paul, ohne viel Aufhebens davon zu machen, mit den Vorbereitungen zu seiner Abreise, gab Anweisungen für die Beförderung seiner Koffer, verteilte fürstliche Trinkgelder, erkundigte sich nach dem Fahrplan der Eisenbahn, das alles mit voller Ruhe und Geistesfreiheit, plaudernd wie sonst, aber ohne; daß es ihm gelungen wäre, das schweigende Grollen der schönen Antonia zu brechen, welche in eine Revue vertieft war, deren Blätter sie nie umwandte. Nur als er ihr lebewohl sagte und seinen Dank für die lange, herzliche Gastfreundschaft aussprach, bemerkte er in dem rosigen Lichte, das der spitzenbesetzte Lampenschirm auf diese stolzen Züge fallen ließ, ihre Seelenangst, den flehenden, fragenden Blick eines zu Tode getroffenen Wildes. In seinem Zimmer angelangt, vergewisserte der junge Mann sich in erster Linie, daß der Riegel des Rauchkabinettes vorgeschoben war, löschte die Kerzen und setzte sich regungslos, in gespannter Erwartung auf einen kleinen Diwan neben der Thür. Kam sie nicht, so hatte er sich getäuscht, und alles mußte von neuem begonnen werden. Aber ein leichtes Geräusch, das Knistern von Seide in dem geheimen Gängchen ward hörbar, ein überraschtes plötzliches Stillstehen, als die Thür sich nicht sofort aufthat, dann ein leises Pochen mit der Fingerspitze, mehr ein Tippen als ein Klopfen. Er rührte sich nicht von der Stelle, gab selbst auf ein halblautes, benachrichtigendes Husten kein Lebenszeichen und hörte sie dann mit nervösen, stockenden Schritten sich entfernen. »Jetzt,« dachte er, »ist sie in der Falle. Jetzt mache ich aus ihr, was ich will ...« und ruhig legte er sich schlafen. »Würden Sie nach Ablauf Ihrer Trauerzeit meine Frau werden, wenn ich Fürst Athis hieße? ... Und dieser Athis hat Sie nicht geliebt, Paul Astier liebt Sie, und stolz auf diese Liebe, möchte er sie vor aller Welt zur Schau tragen, statt sie zu verbergen, wie eine Schande. Ach! Mari Anto! Mari Anto! ... Wie schön war der Traum, aus dem ich erwache. Leben Sie wohl.« Diese Zeilen las sie mit halboffenen, von nächtlichen Thränen geschwollenen Augen. »Ist Herr Astier abgereist?« Die Kammerfrau, welche sich eben zum Fenster hinausbeugte, um die Jalousieen zu befestigen, erblickte den Wagen, welcher Herrn Paul von dannen trug, ganz am Ende der Avenue, schon außer Hörweite. Die Herzogin sprang aus dem Bett und lief nach der Wanduhr: »Neun!« Der Schnellzug ging in Onzain erst um zehn Uhr ab. »Schnell einen Boten ... Bertoli ... er soll das beste Pferd nehmen! ... Wenn er quer durch die Wälder reitet, kann er abschneiden, vor dem Wagen dort sein.« Während ein Befehl über den andern erfolgt, schreibt sie, stehend, im Nachthemd: ,Kommen Sie hierher zurück.... Alles wird nach Ihrem Wunsche geschehen!...« Nein, das war zu kalt. Das war nicht genug, um ihn zurückzurufen. Das Billet ward zerrissen: das neue lautete: »Dein Weib oder Deine Geliebte, was Du willst, aber Dein! Dein!« Die Unterschrift: »Herzogin Padovani.« Dann plötzlich, fast wahnsinnig werdend bei der Vorstellung, daß er doch nicht kommen könnte: »Ich werde selbst gehen ... mein Reitkleid, schnell!« Und zum Fenster hinaus rief sie Bertoli, dessen Pferd vor der Freitreppe ungeduldig stampfte, den Befehl zu, »Mademoiselle Oger« für sie zu satteln. Seit fünf Jahren hatte sie kein Pferd mehr bestiegen. Das Reitkleid krachte, sie war stärker geworden: einige Haken wollten nicht zugehen. »Laß nur, Matéa, laß!...« Die Schleppe überm Arm stieg sie die Treppe hinunter, zwischen den sprachlos verblüfften Dienern hindurch, die sie starr anglotzten, und flog im schärfsten Galopp die Avenue entlang. Da war das Parkthor; jetzt die Landstraße. Nun ist sie im Walde unter den Bäumen, auf den noch taufrischen grünbewachsenen Wegen, wo der Hufschlag bald einen Flug Vögel, bald ein Rudel Wild aufscheucht. Sie will ihn haben, sie muß ihn haben, den Mann, den Geliebten, ihn, der ihr bald den Tod, bald die Auferstehung gibt! Jetzt, da sie sie kennt, die Liebe, gibt es denn außer dieser noch etwas auf der Welt? Und, vornübergebeugt, späht sie umher, lauscht angsterfüllt auf den Ton der Dampfpfeife. Wenn sie nur zur Zeit hinkommt! ... Arme Thörin! Wozu dem hübschen Flüchtling in diesem rasenden Tempo nachjagen? Er ist ja ihr Verhängnis und das entgeht einem nie. Vierzehntes Kapitel Fräulein Germaine von Freydet Villa Beauséjour, Paris-Passy. Café d'Orsay, 11 Uhr. Während des Frühstücks. »Alle zwei Stunden, wenn ich kann, noch öfter, werde ich Dir einen dieser blaues Eilbriefe schicken, und zwar, ebensowohl um Dir die Zeit der Angst und Spannung zu kürzen und Dich zu beruhigen, Schwesterherz, als um die Freude zu haben, diesen ganzen großen Tag, den ich trotz aller in der elften Stunde abtrünnig Gewordenen mit einer Siegesbotschaft zu beschließen hoffe, im Geiste mit Dir zu verleben. Picheral hat mir vorhin einen Ausspruch Laniboires zugetragen: ›In die Akademie tritt man, den Degen an der Seite, nicht in der Hand.‹ Das bezieht sich auf das Astiersche Duell. Ich bin es doch wahrhaftig nicht, der sich geschlagen hat, aber die Bestie hängt jedenfalls weit mehr an ihrem geistreichen Witzworte, als an dem mir gegebenen Versprechen. Auf Danjou ist auch nicht mehr zu zählen. Nachdem er mir so oft gesagt: ›Werden Sie einer von den Unsrigen,‹ hat er mir heute früh auf dem Sekretariat ins Ohr getuschelt: ›Lassen Sie sich suchen,‹ was vielleicht noch das hübscheste Wort seines Repertoires ist. Einerlei! Die Wahl habe ich in der Tasche. Meine Nebenbuhler kommen gar nicht in Betracht. Der Baron Huchenard, der Verfasser der ›Höhlenbewohner‹, Mitglied der französischen Akademie! Ganz Paris würde sich dagegen auflehnen! Was Dalzon angeht, so finde ich seine Kandidatur auch sehr gewagt. Ich bin im Besitz seines Buches, seines berüchtigten Buches.... Gebrauch werde ich schwerlich davon machen, aber in acht nehmen soll er sich! Zwei Uhr. »Im Institut: bei meinem guten Meister, wo ich das Resultat der Abstimmung abwarte. ... Kannst Du Dir das erklären? Ich habe das Gefühl, daß mein doch vorher verabredetes Hierherkommen Störungen hervorgerufen hat. Unsre Freunde hatten just ihr Frühstück beendigt. Thüren werden zugeworfen, eine häusliche Verwirrung entsteht, Corentine führt mich nicht in den Salon, sondern schiebt mich ins Archiv, wo mein Meister zu mir gekommen ist, aber mit befangener Miene, leise sprechend und mir die größte Ruhe und Zurückhaltung anempfehlend, und dabei so traurig.... Sollte er schlimme Nachrichten haben? ...›Nein, nein, mein gutes Kind...‹ dann ein warmer Händedruck: ›Kopf hoch! Den Mut nicht verlieren ...‹ Schon seit einiger Zeit ist der wackere Mann nicht mehr er selbst. Man fühlt immer, daß sein Herz von Leid überfließt, daß er die Thränen zurückhält. Irgend ein geheimer Kummer, welcher natürlich mit meiner Kandidatur nicht im Zusammenhang steht, nur in meiner Stimmung, meinem Geisteszustände ... »Noch mehr als eine Stunde der Erwartung. Meine einzige Zerstreuung ist, hinüberzublicken in den Sitzungssaal, durch dessen große Glasscheiben ich die lange Reihe der Büsten von Akademikern übersehe. Soll das eine Vorbedeutung sein? Fünfzehn Minuten vor drei Uhr. »Eben habe ich all' meine Richter unter mir vorbeiziehen sehen, siebenunddreißig, wenn ich recht gezählt habe; die Akademie ist also vollzählig, mit Ausnahme von Epinchard, der in Nizza, Ripault-Babin, der in seinem Bett, und Loisillon, der auf dem Père Lachaise ist. Ein stolzer Anblick, wenn all' diese Berühmten in den Hof eintreten; die Jungen langsam und ernst, das Haupt gesenkt wie unter der Last einer allzu schweren Verantwortung; die Alten lebhaft, leichtfüßig, in freier Haltung; einzelne Gichtische oder Rheumatiker wie Courson-Launay lassen den Wagen bis an die ersten Treppenstufen fahren, stützen sich auf den Arm eines Kollegen. Ehe man hinaufgeht, wird eine Weile gewartet, geplaudert, kleine Gruppen bilden sich, man sieht Achselzucken, Kopfschütteln, Gestikulieren mit den Händen. Was würde ich nicht drum geben, diese letzte Besprechung über meine Aussichten und Hoffnungen mitanhören zu können! Ich mache das Fenster sachte halb auf; aber ein mit großen Koffern beladener Wagen fährt eben rasselnd in den Hof und setzt einen in Pelze gewickelten Reisenden mit einer Ottermütze ab. Epinchard ist's, Schwester, Epinchard, der mit dem Eilzuge von Nizza herbeikommt, eigens um mir seine Stimme zu geben. Wackerer Mann! ... Dann ging mein alter Lehrer hinüber, ganz beschattet von seinem breitrandigen Hute, das Exemplar von ›Splitternackt‹ durchblätternd, das ihm zuzustellen ich mich zuguterletzt doch entschlossen habe, für den Fall.... Was willst Du machen? Im Kriege gilt es, sich seiner Haut zu wehren! »Nichts mehr zu sehen, als die zwei Wagen, welche warten, und die Schildwache stehende Büste der Minerva. Sei du meine Beschützerin, Göttin! Droben fängt der Namensaufruf an und die vorschriftsmäßige Frage an jeden einzelnen, ob er seine Stimme frei und unbeeinflußt abgeben werde. Eine leere Formalität, wie Du Dir denken kannst, die mit pagodenhaftem Kopfnicken der Reihe nach beantwortet wird. *   *   * »Etwas Unerhörtes. Eben hatte ich Corentine meine letzten Zeilen an Dich zur Beförderung übergeben und trat, um Luft zu schöpfen, ans Fenster, mich abmühend, aus der düsteren Fassade mir gegenüber mein Schicksal zu entziffern, als ich plötzlich an dem Kreuzstock neben dem meinigen, nur durch die Wand getrennt, Huchenard erblicke, der ebenfalls frische Luft schöpft, mir so nah ist, daß wir uns die Hand reichen könnten ... Huchenard, mein Nebenbuhler, Astier-Réhus Todfeind in seinem Arbeitszimmer! ... Er, nicht weniger verblüfft als ich, grüßte, ich desgleichen, dann zogen wir uns, vom nämlichen Impuls geleitet, beide hastig vom Fenster zurück. ... Aber er ist da; ich höre ihn; ich fühle seine Nähe hinter dem Verschlage. Kein Zweifel, auch er wartet hier den Verlauf der akademischen Sitzung ab, die Entscheidung; nur daß er zu diesem Zweck den weiträumigen einstigen Salon Villemain zur Verfügung hat, während ich in diesem vollgestopften, modrig riechenden Winkel von einem Archiv ersticke. Jetzt kann ich mir freilich erklären, daß mein Erscheinen Verwirrung angerichtet hat ... aber weshalb? Wie konnte das geschehen? Schwester, der Kopf wirbelt mir. Welcher ist es, über den man sich hier lustig macht? »Unheil und Verrat! Gemeine akademische Intrigue, für die ich noch keinen Schlüssel in Händen habe, für welche ich keine Worte finde! Erster Wahlgang.   Zweiter Wahlgang. Baron Huchenard 17 Stimmen   Baron Huchenard 19 Stimmen Dalzon 15 "   Dalzon 15 " Vicomte von Freydet 5 "   Vicomte von Freydet 8 " Moser 1 "   Moser 1 " Dritter Wahlgang Baron Huchenard 33 Stimmen Dalzon 4 " Vicomte von Freydet 0 (!!) " Moser 1 " »Offenbar hat man zwischen dem zweiten und dritten Wahlgang das Exemplar von ›splitternackt‹ die Runde machen lassen und zwar zu gunsten von Baron Huchenard. ... Die Erklärung all dieser Vorgänge! Ich will sie haben ... ich fordere sie ... ich werde dies Haus nicht verlassen, ohne daß man sie mir gegeben. Vier Uhr. »Du kannst Dir denken, Herzensschwester, in welcher Aufregung ich mich befunden, als, nachdem ich in dem nebenanliegenden Zimmer Herrn und Frau Astier, den alten Réhu und einen ganzen Schwarm von Besuchern den Verfasser der Höhlenbewohner mit Glückwünschen hatte überfluten hören, die Thüre des Archivs aufging und mein Meister mit ausgestreckten Händen auf mich zueilte: ›Verzeihung, mein teurer Sohn ...‹ die Hitze, Aufregung, er rang nach Atem ... ›Verzeihung, dieser Mensch hielt mich an der Kehle ... ich mußte ... ich mußte ... ich wähnte, das Unglück, das über meinem Haupte schwebt, abwenden zu können, aber man wendet nichts ab, was uns bestimmt ist, nicht einmal um den Preis einer Ehrlosigkeit!‹ Er breitete die Arme aus, und ich warf mich ohne Groll und Rachegedanken an seine Brust, ohne auch nur zu verstehen, von was für einem geheimen Kummer er sprach, was für Qualen er mit sich herumtrug. »Bei Lichte besehen, wird der Schaden bald gut gemacht sein. Ich habe die besten Nachrichten über Ripault-Babin: es ist zweifelhaft, ob er die Woche überlebt. Dann ein zweiter Feldzug, lieb Schwesterchen. Unglücklicherweise bleibt der Salon Padovani wegen tiefer Trauer den Winter über geschlossen. Wir haben somit als Feld der Thätigkeit nur die ›jours fixes‹ der Damen Astier, Ancelin und Eviza, deren Montage durch den Besuch des Großherzogs einen bedeutenden Aufschwung genommen haben. Vor allem aber, meine gute Germaine, wirst Du hierher übersiedeln müssen. Passy ist zu entlegen: die Akademie verkehrt dort nicht. Du wirst denken, daß ich Dich abermals aus der Ruhe reiße und quäle, aber die Sache ist eben von solcher Wichtigkeit! Sieh Dir diesen Huchenard an, seine Ansprüche auf einen Fauteuil beruhten einzig auf den von ihm gegebenen Gesellschaften ... ich bin bei meinem Meister zu Tische: warte nicht auf mich. Von Herzen Dein Bruder Abel von Freydet.« Die einzige Stimme, welche Moser bei allen drei Mahlgängen erhalten hat, ist die von Laniboire, dem Berichterstatter über die Tugendpreise. Man erzählt sich über diesen Punkt eine Geschichte, die sehr anzüglich ist ... aber einerlei ... die Kuppel deckt alles! Gott, was für eine Komödie!« Fünfzehntes Kapitel. »Das ist eine Scheußlichkeit!« »Es muß darauf geantwortet werden. Die Akademie kann nicht auf sich sitzen lassen ...« »Wie können Sie so etwas denken? Im Gegenteil, die Akademie ist sich schuldig ...« In dem kleinen Saale der vertraulichen Beratungen, vor dem großen Kamin, über welchem das Porträt des Kardinals Richelieu in ganzer Figur hängt, waren die Unsterblichen vor Beginn der Sitzung in eifriger Unterredung begriffen. Das rauchige Licht eines kalten Pariser Wintertages, welches durch das große Fenster in der Decke hereinfiel, machte die frostige Feierlichkeit der in Reih und Glied an der Wand stehenden Marmorbüsten noch fühlbarer als sonst, und das riesige Feuer im Kamin, das an Glut mit dem Kardinalsrock Richelieus wetteiferte, brachte es nicht fertig, diese Art von kleinem Parlament zu durchwärmen, das mit seinen Lederstühlen, dem halbkreisförmigen Tische vor dem Pulte und dem Pedell mit der Kette, welcher nicht weit von Picheral stehend, die Thüre bewachte, fast den Eindruck eines Gerichtsaals machte. Meist ist das beste an allen Sitzungen jene Viertelstunde Galgenfrist, die den Spätlingen vergönnt wird und welche man in der Regel damit zubringt, in kleinen Gruppen, den Rücken am Feuer, die Hände in den Taschen, vertraulich zu klatschen und zu schwatzen. Heute aber ward die Unterhaltung allgemein, ja sie nahm den Ton einer wild erregten öffentlichen Debatte an, zu welcher die Ankommenden schon von der Thüre her, während sie ihren Namen in die Präsenzliste zeichneten, ihr Teil beitrugen. Einzelne donnerten sogar schon draußen, während sie sich ihrer Pelzröcke, Halstücher, Ueberschuhe in dem öden Saale der Akademie der Wissenschaften entledigten, durch die halb geöffnete Thüre über Schlechtigkeit, Scheußlichkeit, Ehrlosigkeit! Die Veranlassung solchen Aufruhrs bildete der Abdruck, den eine der Morgenzeitungen von einem höchst beleidigenden, übelwollenden Berichte der Akademie von Florenz über den Galilei von Astier-Réhu gebracht hatte, in welchem die das Buch begleitenden historischen Originalbriefe als vollkommen apokryph und spaßhaft ( sic!) bezeichnet wurden. Dieser Bericht, der unter dem Siegel des Geheimnisses dem Direktor der französischen Akademie mitgeteilt worden war, hatte im Institut schon seit einigen Tagen ein dumpfes Schwirren, eine gewisse Aufregung hervorgerufen, und alles war in fieberhafter Erwartung der Schritte, die Astier-Réhu thun würde, Astier-Réhu, der bis jetzt jeden Fragenden mit der Antwort abgespeist hatte: »Ich weiß ... ich weiß ... das Nötige wird geschehen.« Und nun forderte man mit einem Schlage Rechenschaft über eine Sache, über welche sie allein unterrichtet zu sein glaubten; wie ein Alarmschuß stand die Geschichte heute früh auf der ersten Seite einer der gelesensten Zeitungen, mit höchst verletzenden, beschimpfenden Bemerkungen an die Adresse des ständigen Sekretärs und der ganzen erhabenen Gesellschaft. Daher denn Entsetzen, Wut, Hautschauder, Abscheu, Empörung über die Unverschämtheit des Zeitungsschreibers und die Dummheit Astier-Réhus, die ihnen diese seit langer Zeit nicht mehr erlebten Angriffe eingetragen hatte, welche zu vermeiden der Akademie gelungen war, seit sie klug genug gewesen, ihre Pforten den Herren von der Presse aufzuthun. Der Heißsporn Laniboire, der ja in jedem Sport seinen Mann stellte, sprach schon davon, diesem Herrn die Ohren abzuschneiden, und es bedurfte eines Kraftaufwandes von seiten zweier oder dreier Kollegen, um ihn zurückzuhalten. »Unsinn, Laniboire. Die Hand am Degen, nicht den Degen in der Hand. ... Das Wort stammt von Ihnen, zum Kuckuck, wenn die Akademie es sich auch angeeignet hat.« »Sie wissen, meine Herren, daß Plinius der Aeltere im Buch XIII seiner Naturgeschichte« ... ließ sich plötzlich Gazan, welcher ganz atemlos mit seinem Dickhäutertrabe angelangt war, vernehmen ... »schon Fälschungen von Handschriften nachweist, unter andern einen auf Papyrus geschriebenen unechten Brief des Königs Priamos.« ... »Herr Gazan hat sich nicht in die Liste eingetragen,« erklang es in Picherals spitzigem Falsett. »Ach, entschuldigen Sie,« und der dicke Mann eilte, diese Pflicht zu erfüllen, sprach dabei aber unablässig weiter von dem Papyrus, seinem König Priamos, welche Gelehrsamkeit jedoch in dem allgemeinen Stimmengewirr verloren ging, aus welchem man nur das Wort: »Akademie« unterscheiden konnte, von der alle sprachen wie von einer wirklichen, greifbaren Persönlichkeit, die lebte und atmete und deren innerste Gedanken und wahre Natur jeder einzelne allein kannte und wiedergab. Plötzlich verstummte Gekreisch und Gerede beim Eintritt Astier-Réhus, der sich einschrieb, die schwere Mappe, die er unterm Arm trug, sehr ruhig an den für den Sekretär bestimmten Platz legte und dann, vortretend, zu seinen Kollegen gewendet, begann: »Meine Herren, ich habe Ihnen eine schmerzliche Mitteilung zu machen. ... Zum Zweck einer Untersuchung habe ich die zwölf- bis fünfzehntausend handschriftlichen Stücke, aus welchen das, was ich meine Sammlung nannte, bestand, nach der Bibliothek schaffen lassen. ... Nun denn, meine Herren, alles ist gefälscht, alles. Die Akademie von Florenz hat wahr gesprochen. Ich bin das Opfer einer ungeheuren Mystifikation.« – Während er sich nach der furchtbaren Selbstüberwindung dieses Geständnisses die schweren Tropfen abwischte, die ihm auf die Stirn getreten waren, fragte in herausforderndem Tone eine Stimme: »Und dann, Herr Sekretär der Akademie?« »Dann, Herr Danjou, blieb mir nichts mehr übrig, als bei den Gerichten Klage zu erheben ... das ist geschehen.« ... Und da von allen Seiten Widerspruch laut wurde und die Herren insgesamt erklärten, daß ein solcher Prozeß, der die Akademie der Lächerlichkeit preisgeben würde, undenkbar, unmöglich sei, fuhr er fort: »Ich bedauere unendlich, Ihr Mißfallen erregen zu müssen, meine Herren, allein mein Entschluß ist unwiderruflich. ... Uebrigens ist der Mann bereits in Untersuchungshaft und das Verfahren in vollem Gange.« Der kleine Beratungssaal mochte, seitdem er erbaut worden, nie ein solches Gebrüll, Getöse und Wutschnauben vernommen haben, wie diese Erklärung es hervorrief, und wie immer zeichnete sich Laniboire unter den ärgsten Schreiern aus, indem er giftig hervorzischte, daß die Akademie am besten thäte, sich eines so gefahrbringenden Mitgliedes ein für allemal zu entledigen. In der ersten heftigen Aufwallung ward die Ausführbarkeit dieses Vorschlages von einzelnen ganz laut in Erwägung gezogen. War es thunlich? Konnte die Akademie, wenn einer der Ihrigen sie bloßgestellt, diesem sagen: »Mach, daß du fortkommst, ich nehme mein Urteil zurück, das dich einst würdig fand, ein Unsterblicher zu heißen ... versinke du wieder in die niedrige Vergänglichkeit der Staubgeborenen!« Mit einem Mal, sei es, daß er irgend ein mit besondrer Heftigkeit hervorgestoßenes Wort der Debatte verstanden hatte, oder daß jenes seltsame Ahnungsvermögen über ihn gekommen, welches manchmal die vollständigste Taubheit erleuchtet, kurz der alte Réhu, der sich abseits von den andern und aus Furcht vor einem Anfalle in möglichster Entfernung vom Feuer aufgestellt hatte, ließ sich plötzlich mit seiner starken, eintönigen Stimme vernehmen: »Unter der Restauration haben wir aus Gründen einfacher Politik bis zu elf Mitgliedern ausgestoßen.« Dabei schien sein unvermeidliches bestätigendes Kopfnicken die Zeitgenossen, welche mit leeren Augenhöhlen, in weißem Marmor auf ihren Sockeln ringsum im Saale in Reih und Glied standen, zu Zeugen aufzurufen. »Elf, Donnerwetter!« ... murmelte Danjou, während alles schwieg, und Laniboire, der allezeit cynische, rief: »Alle Körperschaften sind feig! ... Das liegt in der menschlichen Natur ... es ist der Trieb der Selbsterhaltung. ...« Da trat Epinchard, der sich am Eingange beim Sekretär Picheral zu schaffen gemacht hatte, wieder zu den Kollegen und erklärte mit schwacher, von Hustenanfällen unterbrochener Stimme, daß der ständige Sekretär in dieser Angelegenheit nicht der einzige Schuldige sei; zum Beleg dafür diene das Protokoll der Sitzung vom 8. Juli 1879, welches sofort verlesen werden solle. Von seinem Platze ließ sich nun Picherals dünne Stimme vernehmen, die hastig und wohlgemut herunterlas: »Den 8. Juli 1879. Léonard Pierre Alexander Astier-Réhu macht der französischen Akademie einen Brief Notrous an den Kardinal Richelieu, dessen Inhalt sich auf die Statuten der Gesellschaft bezieht, zum Geschenk. Nachdem die Akademie von dem bisher ungedruckten, höchst merkwürdigen Schriftstück Einsicht genommen, beglückwünscht dieselbe den Donator und beschließt, daß der Brief Rotrous in das Protokoll aufgenommen werde. Der Wortlaut desselben ist buchstäblich« – hier ward der Vortrag langsamer und auf jedes einzelne Wort wurde ein besondrer Nachdruck gelegt – »buchstäblich, das heißt, mit all den kleinen Nachlässigkeiten und Mängeln, wie sie sich im vertraulichen Briefwechsel vorfinden und wie sie der Echtheit des Dokumentes zur Bestätigung dienen.« In dem fahlen Lichte, das durch die mächtigen Scheiben hereinfiel, standen sie alle unbeweglich und hörten, jeder den Blick des andern vermeidend, verblüfft und bestürzt zu. »Soll ich den Brief auch lesen?« fragte Picheral lächelnd und sichtlich ergötzt. »Gewiß, auch den Brief,« sagte Epinchard. Aber gleich nach den ersten Sätzen hieß es: »Das genügt ... bitte ... mehr als genug.« ... Sie schämten sich jetzt gründlich an diesem Briefe Rotrous, dessen Fälschung in die Augen sprang. Das war ja eine Nachahmung, wie jeder Schuljunge sie zustande bringen konnte, schlecht stilisiert, die Hälfte der Wörter damals noch gar nicht vorhanden. Wie war's nur möglich gewesen? Waren sie denn alle mit Blindheit geschlagen gewesen? »Sie sehen also, meine Herren, daß es durchaus nicht an uns ist, unsern unglücklichen Kollegen noch tiefer zu beugen,« nahm Epinchard wieder das Wort, und sich an Astier wendend, beschwor er denselben, auf den Skandal eines Gerichtsverfahrens zu verzichten, welches die ganze Körperschaft, ja den großen Kardinal selbst treffen und beflecken würde. Allein weder die Wärme dieser Anrede, noch die oratorische Großartigkeit der Handbewegung gegen das Bildnis des Kardinals Stifters besiegten die wilde Entschlossenheit Astier-Réhus, der, fest und kerzengerade in der Mitte des Saales vor dem kleinen Tische, der bei Vorlesungen und Mitteilungen als Rednerbühne diente, stehend, die Fäuste geballt hielt, als ob er Angst hätte, jemand könnte ihm seine Willenskraft aus der Hand reißen, und versicherte, daß: »Nichts! Hören Sie, gar nichts,« seinen Entschluß erschüttern könne. Und mit den fest zusammengepreßten plumpen Händen auf den Tisch schlagend, daß es dröhnte, erklärte er: »Oh! Meine Herren! Ich habe aus Gründen und Erwägungen dieser Art nur allzu lange gewartet. ... Sie müssen ja begreifen, daß er mir den Atem benimmt, mir das Leben unmöglich macht, dieser Galilei, den aufzukaufen ich nicht reich genug bin und auf dessen Titelblatt ich an jedem Schaufenster einer Buchhandlung meinen Namen als Mitschuldigen eines Fälschers erblicken muß!« Was wollte er denn schließlich? Mit eigner Hand jedes verdächtige, unwahre Blatt aus seinem Werke reißen, vor aller Welt ein Autodafé anstellen, und die Möglichkeit dazu lieferte ihm einzig und allein das öffentliche Verfahren. »Sie sprechen von Lächerlichkeit? Die Akademie steht viel zu hoch, um sich vor derselben zu scheuen. Was aber mich betrifft, so bleibt mir, dem zu Grunde Gerichteten, Verhöhnten, Verdammten, wenigstens das stolze Bewußtsein, meinen Namen, mein Werk und die Würde der Geschichte unter den Schutz des Rechtes gestellt zu haben. Mehr verlange ich nicht.« Wackerer Krokodilus! Das Pathos dieser Worte trug einen Klang von Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit in sich, der in diesen mit Kompromissen, Halbheiten, Umschreibungen und Verdrehungen dicht behangenen Wänden nicht widerhallen konnte. Plötzlich verkündete der Thürsteher: »Meine Herren, vier Uhr. ...« Vier Uhr! Und die Feier des Leichenbegängnisses von Ripault-Babin war noch nicht endgültig festgestellt. »In der That, ja ... der arme Ripault-Babin ...« meinte Danjou spöttisch. »Er hat zu rechter Zeit zu sterben gewußt,« deklamierte Laniboire finster. Allein diese geistvolle Bemerkung verhallte wirkungslos, indem der Ruf ertönte: »An Ihre Plätze!« Der Direktor rührte seine Klingel, zu seiner Rechten hatte er Desminières, den Kanzler, und zur Linken den ständigen Sekretär, welcher seine ruhige Sicherheit vollständig wiedergewonnen hatte und mit fester Stimme den Bericht der Kommission für Trauerfeiern verlas, indes bei den übrigen das Geflüster kein Ende nahm und ein mit Schnee vermischter Regen an die Scheiben schlug. »Aber heut sind Sie spät fertig geworden,« bemerkte, ihrem Herrn die Thüre öffnend, Corentine, welche auch zu denen gehörte, auf welche die Würde des Instituts nicht den geringsten Eindruck machte. »Der Herr Paul ist in Ihrem Studierzimmer mit der gnädigen Frau ... gehen Sie nur durchs Archiv ... im Salon sind eine Menge Leute, die zu Ihnen wollen.« Es war ein düsterer Anblick dieses Archiv, in dem, wie nach einem Brande oder einem Raubeinfalle, nichts zurückgeblieben war als die leeren Mappengestelle. In der Regel vermied er es jetzt auch, den Raum zu betreten, heute aber durchschritt er denselben stolz und hocherhobenen Hauptes, innerlich aufgerichtet durch den gefaßten Entschluß und durch die Erklärung, welche er soeben in der Sitzung abgegeben. Nach diesem ungeheuren Aufwand an Willensstärke und Mut war ihm der Gedanke, daß sein Sohn ihn erwarte, wohlthuend; es lag Trost und Erholung darin. Seit dem Duell hatte er ihn nicht wiedergesehen, seit jener Stunde, da er tiefbewegt vor seinem großen Jungen gestanden hatte, der leblos hingestreckt, weißer als die Betttücher auf seinem Lager ruhte, und nun sehnte er sich, ihm mit offnen Armen entgegenzueilen, ihn zu umfangen und ihn lange, lange ohne ein Wort zu sprechen, ans Herz zu drücken. Sobald er jedoch eingetreten war und Mutter und Sohn noch in vertraulichem Flüstern, die Augen zu Boden gesenkt, geheimnisvoll und mit Verschwörermienen wie immer, beisammen stehen sah, war seine warme Regung verschwunden. »So kommst du doch endlich!« sagte Frau Astier, welche den Hut auf hatte und ganz zum Ausgehen bereit war. Dann stellte sie halb ernsthaft, halb ironisch in feierlichem Tone vor: »Lieber Mann ... der Herr Graf Paul Astier.« »Meister ...« begann Paul, sich verneigend. Astier-Réhus Blick flog von einem zum andern und seine Augenbrauen zogen sich finster zusammen: » Graf Paul Astier?« Der junge Mann, der mit der gebräunten Hautfarbe, die er sich auf sechsmonatlicher Seefahrt geholt, eher noch hübscher war, als vorher, erzählte nun, daß eben ein römischer Grafentitel frei geworden sei und daß er sich um denselben beworben, weniger um seiner selbst willen, als zu Ehren der Frau, welche im Begriff stehe, seinen Namen anzunehmen. »Du heiratest?« fragte der Vater mit steigendem Mißtrauen. »Und wen denn?« »Die Herzogin Padovani.« »Du bist verrückt! ... Die Herzogin ... die ist fünfundzwanzig Jahre älter als du ... und überdies. ...« Er zögerte, bestrebt, für seinen Gedanken einen höflichen Ausdruck zu finden, sagte dann aber plötzlich sehr derb: »Man heiratet keine Frau, die, wie jedermann weiß und gesehen hat, jahrelang einem andern gehörte.« »Was uns nebenbei nie abgehalten hat, regelmäßig bei ihr zu Tische zu sein und ihr sehr viel Dank schuldig zu werden,« zischte Frau Astier, den Kopf kampfbereit zurückwerfend. Ohne sie einer Erwiderung zu würdigen, ohne sie auch nur anzusehen, gleich als ob ihr Urteil im Punkte der Ehre von vornherein nicht zuständig wäre, trat der wackere Mann auf seinen Sohn zu, und indem seine breiten Backenknochen vor Erregung bebten, fuhr er mit dem Tone ehrlichster Ueberzeugung fort: »Thu das nicht, Paul ... dem Namen zuliebe nicht, den du trägst, thue das nicht, mein Sohn ... ich bitte dich darum.« Er faßte ihn um die Schultern, er schüttelte ihn mit gerührter Herzlichkeit, die Stimme zitterte ihm. Aber der junge Mann, der solche Gefühlsäußerungen gar nicht nach seinem Geschmack fand, machte sich los und suchte sich mit unklaren Redensarten zu verteidigen: »Ich kann das durchaus nicht so ansehen ... meine Empfindung ist hierin eine völlig andre.« Und angesichts der Verschlossenheit dieser Züge, dieses Blickes, der niemand stand hielt, angesichts dieses Sohnes, dem er sich so fremd und fern fühlte, der so unerreichbar vor ihm stand, erhob der Vater unwillkürlich die Stimme höher und berief sich auf sein Recht als Haupt der Familie. Ein leises Lächeln, das Mutter und Sohn austauschten, das ihm nicht entging und ihm den Beweis lieferte, daß die beiden auch diesen schmachvollen Plan gemeinsam ausgeheckt hatten, brachte ihn vollends außer sich. Er raste, donnerte, drohte mit seinem öffentlichen Einspruch, mit einer Mitteilung an sämtliche Zeitungen, einer Brandmarkung von Mutter und Sohn in seinem Werke, seiner Geschichte. Das war die entsetzlichste Drohung, die ihm zu Gebote stand! Wenn er von einer historischen Persönlichkeit sagte: »Ich habe dieselbe in meiner Geschichte an den Pranger gestellt ...« so war das in seinen Augen eine Züchtigung, der keine andre gleichkam. Die Verbündeten jedoch rührte das alles wenig. Frau Astier war an die angedrohte Brandmarkung fast so sehr gewöhnt, wie an das über den Vorplatz Zerren des großen Koffers, und begnügte sich, mit Seelenruhe ihre Handschuhe zuzuknöpfen und warnend zu bemerken: »Du weißt, daß man nebenan alles hört.« Trotz der Thür und der dichten Vorhänge an derselben unterschied man allerdings plaudernde Stimmen im Salon. Dann seinen ganzen Zorn in einem halblauten, röchelnden Tone zusammenfassend, sprach Léonard Astier, indem er seinem Sohne den Zeigefinger vors Gesicht hielt: »Höre mich wohl an, Paul, wenn das, wovon du jetzt sprichst, zur Ausführung kommt, so denke nicht daran, mich jemals wiederzusehen. ... Ich werde am Tage deiner Hochzeit dir nicht nahe sein. ... Ich werde dich nicht zu mir rufen, auch an mein Sterbebett nicht. ... Du bist mein Sohn nicht mehr. ... Ich jage dich aus meinem Hause; ich fluche dir!« Vollkommen ruhig, nur den Körper etwas zurückbeugend vor dem Finger, der ihn streifte, versetzte der junge Mann: »Ach! Mein lieber Vater, weißt du, fluchen und segnen, das sind veraltete Geschichten, die in der Familie vollständig aus der Mode sind. Selbst in der Komödie wird nicht mehr verflucht und nicht mehr gesegnet.« »Aber man züchtigt noch, Herr Hanswurst!« grollte der Alte mit zum Schlage aushebender Hand. Die Mutter stieß einen Wutschrei aus: »Léonard! ...« während Paul, vollkommen ruhig und Herr seiner selbst, wie im Keyserschen Fechtsaale mit einer eleganten Boxerparade den Schlag abwandte und, ohne das niedergedrückte Handgelenk des Vaters loszulassen, flüsterte: »Ach nein, nein, das geht nicht, niemals!« Der alte Auvergnate strebte wütend, sich von der ihn umfassenden Hand frei zu machen, allein so kraftvoll er auch noch war, hier hatte er seinen Meister gefunden. In diesem entsetzlichen Augenblicke, da Vater und Sohn sich mit Mörderblicken durchbohrten, den heißen Atem des Hasses einander ins Gesicht hauchten, that sich in der Salonthür ein Spalt auf und herein blickte ein mit Blumen und Federn geschmückter rundlicher Kopf mit einem gutherzigen, kindlichen Puppenlächeln. »Verzeihung, lieber Meister, nur auf ein Wort. ... Ach! Sieh da! Adelaide hier und auch Herr Paul ... wie reizend wahrhaftig, ein ganzes Familienbild ... göttlich!« Und Frau Ancelin sprach wahr. Ein Familienbild war es allerdings, das Bild der modernen Familie, die gespalten ist von dem klaffenden Riß, der die europäische Gesellschaft von oben nach unten zersprengt, sie in ihren Grundfesten der Autorität, der Rangordnung erschüttert; ein Riß, der hier unter der feierlichen Kuppel des Institutes, welches häusliche Tugend und gute Sitte richtet und lohnt, erschütternder als sonstwo zu Tage trat. Sechzehntes Kapitel. Es war zum Ersticken voll im Zimmer Nr. VIII, wo nach endloser Voruntersuchung und Aufgebot eines ganzen Apparates hoher Einflüsse, um das Verfahren zu hemmen, die Anklage gegen Albin Fage zur Verhandlung kam. Niemals hatte dieser Saal der Strafkammer, dessen blau bemalte, verblichene Wände mit den rautenförmigen Vergoldungen einen fettigen Geruch von Elend und Armut aushauchen, auf seinen schmutzigen Bänken ein solches Publikum sich niederlassen, in den Gängen eine so elegante, vornehme Menschenmenge sich ansammeln und aufstellen sehen, so viel blumengeschmückte Hüte und Frühlingstoiletten, welche den Stempel erster Künstlerhände trugen und von welchen das matte Schwarz der Roben und Barette kräftig abstach. Und immer noch drängte die Menge durch die Doppelthüren des Einganges, deren Flügel unaufhörlich auf und zu klappten, hinter einem bunten Strom von aneinander gedrängten, in die Höhe blickenden Köpfen, welche erst, wenn sie in das helle Licht des Treppenhauses traten, deutlich sichtbar wurden. Sie waren alle bekannt, nur zu bekannt, zum Weinen alltäglich, diese Statisten der Pariser Festlichkeiten, vornehmen Leichenbegängnisse und ersten Theateraufführungen: im Vortrab kamen Marguérite Oger und die kleine Gräfin Foder und die schöne Frau Henry vom amerikanischen Konsulat. Dann die zur akademischen Gemeinde gehörigen Damen: Frau Ancelin in Blaßlila am Arme des Vorstandes der Anwaltskammer, Herrn Raverand; Frau Eviza wie ein junger Rosenstrauch, umringt von einem Bienenschwarm summender, diensteifriger Referendare; und hinter den Richtern, an den reservierten Plätzen stand Danjou, mit verschränkten Armen, Richter und Publikum überblickend, sein scharfes, regelmäßiges Profil, das richtige Komödiantengesicht, das man seit vierzig Jahren überall gesehen und das zum Typus gesellschaftlicher Trivialität in ihren mannigfachen Kundgebungen geworden ist, zur Ansicht bietend. Mit Ausnahme von den als Zeugen geladenen Akademikern Astier-Réhu und Baron Huchenard war er der einzige Unsterbliche, welcher es gewagt hatte, der jedenfalls höchst respektswidrigen Verteidigung von Albin Fages Advokaten die Stirn zu bieten, jenem gefährlichen Spötter Margery, dessen näselnder Ton schon beim ersten Worte, das er spricht, Richterbank und Publikum vor Lachen bersten macht. Daß es an Stoff zur Heiterkeit heute nicht fehlen werde, lag in der Luft, das sah man an dem Uebermut, mit welchem die feierlichen Barette der Herren Richter zusammengesteckt wurden, an dem Leuchten und boshaften Zwinkern der Augen und dem Lächeln, das verständnisinnig und vielversprechend von Mund zu Mund flog. Eine Menge Geschichten über die galanten Heldenthaten des kleinen Buckligen waren im Umlauf, und nun wurde derselbe auf die Anklagebank geführt, hob den langen pomadisierten Kopf hoch und warf über die Barriere hinüber durch den ganzen Saal einen jener Sperberblicke, welche die Frauen nie mißverstehen. Es war von sehr kompromittierenden Briefen die Rede, von einer Art Selbstbiographie des Angeklagten, in welcher die Namen von zwei oder drei eine große Rolle spielenden Damen, Namen, die in jede schmutzige Geschichte verwickelt sind und immer wieder aufs Tapet kommen, unverblümt genannt sein sollten. Auf der Journalistenbank ging thatsächlich ein Exemplar dieser eigenhändigen Darlegung seiner Rechtssache, welche er allerdings bis zu einer äußerst naiven und anspruchsvollen Selbstbiographie erweitert hatte, welche aber die ihr im Publikum unterlegten Enthüllungen nicht enthielt, von Hand zu Hand. In der Langeweile der Untersuchungshaft hatte Fage für seine Richter niedergeschrieben, daß er in der Nähe von Bassy (Haute-Marne) geboren sei und zwar so gerad und wohlgebaut wie je einer – das behaupten sie nämlich alle – daß aber ein Sturz vom Pferde ihm im fünfzehnten Lebensjahre eine Verkrüppelung seines Rückens zugezogen habe. Seine Leidenschaft für die Weiber war erst ziemlich spät, dann aber mit unerhörter Heftigkeit erwacht; er war damals bei einem Buchhändler in der Passage des Panoramas in Arbeit. Da ihm sein mißbildeter Körper bei derartigen Eroberungen sehr hinderlich war, sah er sich nach einem Mittel um, viel Geld zu verdienen, und die Aufzählung seiner Liebschaften, abwechselnd mit der seiner Fälschungen, die Schilderung des angewandten Verfahrens, des dazu verwendeten Materials lieferte Kapitelüberschriften wie diese: »Meine erste Geliebte. – Angelina, die Bücherhefterin. – Um ein hochrotes Band. – Besuch des Lebkuchenmarktes. – Ich trete in Beziehungen zu Astier-Réhu. – Die geheimnisvolle Tinte. – Herausforderung an die Herren Chemiker des Institutes. ...« Diese Uebersicht genügt, um die Geckenhaftigkeit des Buckligen, zu welcher sich die Selbstüberhebung des Autodidakten, des Arbeiters, der sich aus eigner Kraft ein gewisses Maß von Kenntnissen erworben, gesellte: der Haupteindruck jedoch, der nach Lesung dieses Schriftstückes zurückblieb, war der einer förmlichen Bestürzung darüber, daß ein ständiger Sekretär der französischen Akademie, die offizielle Wissenschaft und Litteratur sich zwei oder drei Jahre fortgesetzt auf so plumpe Weise durch diese unwissende Mißgeburt, deren Hirn mit allerhand zusammengelesenem, schlecht verdautem Wissenskram und Abfällen von Büchern angefüllt war, hatte betrügen lassen; darin lag der Humor der Sache, und das erklärte Anteil und Andrang der Leute. In der Person Astier-Réhus erblickte man die Akademie selbst auf dem Armensünderstühlchen, dieses Anblicks halber kam man her und aller Augen flogen nach der Zeugenbank, wo der Aermste regungslos, in Gedanken verloren, saß, ohne ein einziges Mal den Kopf umzuwenden nach Freydet, der, hinter ihm stehend, mit schwarzen Handschuhen, Krepp um den Hut, in tiefer Trauer um seine kürzlich verstorbene Schwester, es für angemessen hielt, seinem alten Lehrer fade Trostesworte und Versicherungen seiner Verehrung zu spenden, auf welche Astier nur einsilbig Antwort gab. Da er von seiten der Verteidigung als Zeuge benannt worden, hatte der Kandidat Sorge, dieser Umstand könnte ihm in den Augen seines verehrten Meisters schaden, und er entschuldigte sich deshalb und setzte ihm auseinander, wie ein mehrfaches, rein zufälliges Zusammentreffen mit diesem erbärmlichen Fage in Védrines Atelier ihm diese höchst unerwartete Zeugenschaft eingetragen und ihn in diese mißliche Lage versetzt habe. Allein sein Flüstern verlor sich in dem Geräusch, das den ganzen Saal erfüllte, in dem dumpfen Summen der unentwegt vor sich gehenden Rechtsprechung, bei der Namen aufgerufen und Strafsachen mit dem eintönigen: »Vertagt . .. über acht Tage ...« erledigt wurden, das wie das Beil der Guillotine herabfiel, die Auseinandersetzungen und Einsprache der Advokaten einfach abschnitt, der flehentlichen Klage der armen Teufel, die mit rotem Kopfe, sich den Schweiß von der Stirn reibend, vor den Schranken standen, ein Ende machte. »Aber, Herr Präsident....« »Vertagt.« Zuweilen ertönte, wenn ein Name aufgerufen wurde, aus dem Hintergründe des Saales ein jämmerlicher Ruf, verzweiflungsvoll winkende Arme wurden sichtbar: »Ich bin da, Herr Präsident... aber ich kann nicht durchkommen ... man läßt mich nicht vor.« ... »Vertagt.« Ach! Wenn man mitangesehen hat, wie die Geschäftslast in dieser Weise beseitigt, aus dem Wege geschafft wird, wenn man erlebt hat, wie die traditionelle Wage der Gerechtigkeit mit solcher Geschwindigkeit und Fingerfertigkeit gehandhabt wird, da nimmt man von der französischen Rechtspflege einen großen Eindruck mit fort; es ist ungefähr, wie wenn bei einem Armenbegräbnis in hastiger Ueberstürzung von einem fremden Priester, der den Toten nie im Leben gesehen, die Messe gelesen wird. »Anklage gegen Albin Fage,« ertönte die Stimme des Präsidenten, und Schweigen verbreitete sich über den ganzen Saal bis hinaus auf Vorplatz und Treppe, wo die Leute auf Bänke stiegen, um hereinsehen zu können. Dann nach kurzem Gemurmel am Richtertische begaben sich die Zeugen Mann für Mann in langer Reihe nach dem für sie bestimmten Saale, einem kahlen, frostigen Raume mit abgetretenen, einst rot gewesenen Fliesen, der von einem engen Gäßchen her ein spärliches Licht empfing. Astier-Réhu, welcher jedenfalls zuerst aufgerufen werden mußte, ging gar nicht hinein, sondern schritt in dem dunkeln Korridor zwischen den beiden Sälen auf und ab, Freydet wollte ihm Gesellschaft leisten, er erklärte jedoch dumpf und bestimmt: »Nein, nein ... lassen Sie mich allein ... ich will Ruhe haben! ...« worauf der Kandidat sich zu den übrigen Zeugen begab, die in kleinen Gruppen plaudernd umherstanden. Der Baron Huchenard war da und Bos, der Paläograph, der Chemiker Delpech von der Akademie der Wissenschaften, verschiedene Sachverständige und Handschriftenkundige, ferner zwei oder drei hübsche Dämchen, von denen, deren Photographieen in Albin Fages Behausung als Wandschmuck prangten, die, glückselig über die Reklame, welche die Gerichtsverhandlung ihnen machen mußte, sehr laut sprachen und lachten und wahrhaft verblüffende kleine Gebäude von Frühlingshütchen zur Schau trugen, welche in lebhaftem Gegensatz zu der weißen Haube und den gestrickten Handschuhen der Portiersfrau von der Cour des Comptes standen. Auch Védrine war vorgeladen und Freydet ließ sich neben ihm auf dem breiten Sims des niedrigen, offenstehenden Fensters nieder. Die beiden Kameraden, von entgegengesetzten Strömungen fortgetragen, in verschiedener Richtung sich bewegend, was in Paris die Menschen so rasch und gänzlich trennt, hatten sich seit dem vorhergegangenen Sommer und dem kürzlich stattgehabten Leichenbegängnis der armen Germaine von Freydet nicht wieder gesehen, und Védrine drückte dem Freunde mit Wärme die Hand, fragte teilnehmend, wie es nach diesem entsetzlichen Schlage körperlich und geistig um ihn stehe. Freydet zuckte die Achseln: »Hart ist es allerdings ... sehr hart, aber was willst du machen? Ich bin daran gewöhnt ...« Und als der andre angesichts einer so rohen Selbstsucht die Augen weit aufriß, setzte er hinzu: »Ja, ja, so ist's! Bedenke doch, daß sie mich zweimal ... zweimal in einem Jahre abgelehnt haben. ...« Der entsetzliche Schlag, das war für ihn nichts andres als seine Niederlage bei der Bewerbung um den Fauteuil Ripault-Babins, der ihm soeben entgangen war wie der von Loisillon; schließlich begriff er aber doch, woran Védrine dachte, und stieß einen tiefen Seufzer aus: »Ach ja ... meine arme Germaine. ...« Den ganzen Winter hatte sie sich abgemüht für diese unglückselige Kandidatur. ... Zwei Diners in der Woche und bis nachts zwölf, ein Uhr ihren Fahrstuhl von einer Ecke des Salons in die andre gerollt ... ihre letzte Kraft hatte sie der Sache geopfert, an der sie noch leidenschaftlicher hing, noch zäher festhielt als ihr Bruder. ... Und noch zuletzt, ganz zuletzt, als sie nicht mehr sprechen konnte, da hatten ihre armen verkrümmten, eingebogenen Finger auf dem Betttuche noch punktiert. »Ja, mein Lieber, punktierend, meine Aussichten auf die Nachfolge Ripault-Babins berechnend, überdenkend, ist sie gestorben. ... O, und wär's auch nur um ihretwillen, ich muß, ich will das Ziel erreichen, trotz aller Widersacher, nur dem Andenken dieser teuern Toten zu Ehren. ...« Er hielt plötzlich inne und fuhr dann mit ganz veränderter, tieferer Stimme fort: »Wahrhaftig, ich weiß nicht, weshalb ich dir solches Zeug vorschwatze. ... Die Wahrheit ist ja, daß ich für nichts mehr Gedanken und Empfindung habe, seit sie mir diesen Ehrgeiz eingeredet haben. ... Meine Schwester starb, kaum daß ich eine Thräne für sie gehabt ... ich mußte ja meine Besuche machen, um die Akademie betteln, wie der andre sagt. Mein Herz vertrocknet darüber, ich gehe zu Grunde – es ist ein Wahnsinn!« Wie wenig konnte der Bildhauer seinen milden, weichen, höflichen, lebensfrohen Freydet in diesen herben Worten, in dem fieberischen Tone, der sie noch heftiger, noch gereizter klingen ließ, wiederfinden; das zerstreute, unstäte Auge, die tiefe Sorgenfalte auf der Stirn, die brennend heißen Hände, alles bestätigte die Macht der Leidenschaft, das Vorhandensein einer fixen Idee, doch schien die Begegnung mit Védrine wohlthätig zu wirken, ein gewisses Nachlassen der Spannung herbeizuführen, und weich und herzlich fragte er: »Was treibst du? ... Was machst du? ... Wie geht es deiner Frau? Den Kindern? ...« Mit seinem guten, ruhigen Lächeln versicherte Védrine, daß Gott sei Dank, die ganze Familie wohlauf sei. Die Kleine sollte jetzt entwöhnt werden; der Junge erfüllte seinen Beruf, schön zu sein, vortrefflich wie immer und wartete mit Spannung auf den hundertjährigen Geburtstag des alten Réhu. Er selber war an der Arbeit. Zwei Bilder hatte er dieses Jahr in den Salon geschickt; sie waren nicht schlecht aufgehängt gewesen und nicht schlecht verkauft worden. Ein ebenso unkluger wie blutgieriger Gläubiger hatte sich des Paladins bemächtigt, welcher, von Stufe zu Stufe sinkend, erst in einem wundervollen Erdgeschosse der Rue Saint-Pétersbourg den Platz versperrt hatte, dann in eine Stallung der Batignolles übergesiedelt war und sich nun im Schuppen eines Viehhändlers in Levallois, wo ihm die ganze Familie von Zeit zu Zeit einen Besuch abstattete, einen Schnupfen holte. »Und das ist der Ruhm!« setzte Védrine lachend hinzu, während die Stimme des Gerichtsdieners soeben den Zeugen Astier-Réhu aufrief. Einen Augenblick ward die Gestalt des ständigen Sekretärs in dem stauberfüllten Lichtstreifen, der durch die geöffnete Thür des Sitzungssaales in den dunkeln Gang fiel, sichtbar: steif und fest stand er da, nur der Rücken, den er unbeobachtet glaubte, und die breiten, fröstelnd in die Höhe gezogenen Schultern verrieten eine lebhafte Erregung: »Armer Mann!« sagte der Bildhauer halblaut, »er hat schwere Prüfungen zu bestehen. ... Diese Geschichte mit den Handschriften, die Heirat seines Sohnes ...« »Paul Astier ist verheiratet?« »Seit drei Tagen – mit der Herzogin. Eine Art morganatischer Ehe. Der Trauung wohnte niemand bei als die Frau Mama und die vier vorschriftsmäßigen Zeugen. Du kannst dir ja denken, daß ich einer derselben war, denn es scheint ein eigentümliches Verhängnis zu sein, daß ich mit allem Thun und Treiben dieser Astiers etwas zu schaffen habe.« Und Védrine schilderte, wie es ihn gepackt habe, als er in dem Rathaussaale die Herzogin erscheinen gesehen, bleich wie eine Tote, immer noch stolz, aber innerlich gebrochen, schmerzdurchwühlt, das Haupt dicht bedeckt mit vollständig grauen Haaren, ihren schönen braunen Haaren, die sie zu färben nicht mehr der Mühe wert fand. An ihrer Seite Paul Astier, der Herr Graf, hübsch wie immer, kühl und lächelnd. Man sieht sich gegenseitig an, niemand findet das richtige Wort, bis auf den Standesbeamten, der, nachdem er die beiden alten Damen ins Auge gefaßt hat, das Bedürfnis empfindet, mit einer tiefen Verbeugung und süßer Miene zu bemerken: »Wir erwarten nur noch die Braut ...« »Die Braut ist hier,« erwidert die Herzogin, hoch erhobenen Hauptes vortretend, mit einem qualvoll bitteren Lächeln, das ihren schönen Mund entstellt und verzerrt. Vom Standesamt, wo der den Trauungsakt vornehmende Beamte so viel Takt hat, ihnen jegliche Rede zu ersparen, begibt man sich ins Institut catholique, Rue de Vaugirard. Eine sehr aristokratische Kirche, ganz vergoldet, mit Blumen geschmückt, ein Meer von Kerzenlicht und kein Mensch darin. Niemand als die Hochzeitsgesellschaft auf einer einzigen Reihe von Stühlen hört den päpstlichen Nuntius, Monsignore Adriani, endlose Homilien herplappern, die er aus einem kunstvoll bemalten, mit Miniaturen geschmückten Kirchenbuche abliest. Es war ein prächtiges Bild, dieser weltmännische Prälat mit der großen, scharfgeschnittenen Nase, den schmalen Lippen, den breiten Schultern, für die der violette Kragen zu eng erschien, wie er mit einem schauspielerischen, ironischen Seitenblick, der über die samtnen Betstühle des traurigen Paares hinglitt, von der vielgerühmten Ehre des Gatten, der vielgerühmten Anmut und Schönheit der Braut sprach. Dann kam der Aufbruch, kalte, förmliche Begrüßungen und Glückwünsche wurden zwischen den Arkaden des kleinen Kreuzganges ausgetauscht, und in dem erleichterten Aufatmen der Herzogin, in ihrem aus tiefstem Herzen kommenden: »Gott sei Dank, es ist überstanden!« lag die tiefe Verzweiflung und Enttäuschung der Frau, welche den ungeheuern Abgrund ermessen und sich, treu ihrem verpfändeten Worte, geschlossenen Auges hinabstürzt. »Herr Gott im Himmel, ich habe doch in meinem Leben schon genug Düsteres, Klägliches, Jammervolles mit angesehen – etwas Herzzerreißenderes als Paul Astiers Hochzeit aber sicher nicht,« schloß Védrine bewegt. »Doch ein hochnäsiger Schlingel, unser junger Freund,« murmelte Freydet zwischen den Zähnen. »Jawohl, einer unsrer niedlichen »struggle for life« . Der Bildhauer wiederholte das Wort, mit welchem er dies neuerstandene Geschlecht civilisierter Raubtiere bezeichnete, welchen das abgedroschene, dehnbare Stichwort vom »Kampf ums Dasein« zur heuchlerischen Bemäntelung jeder Art von Niedrigkeit dient. »Immerhin,« entgegnete Freydet, »hat er's erreicht. Jetzt ist er reich, und danach ging sein Streben. Diesmal hat sie ihn nicht irre geleitet, die schiefe Nase!« »Wollen's abwarten! Eine bequeme Frau ist die Herzogin nun eben nicht und sie hat ihn mit einem verteufelt bösen Blick angesehen auf dem Standesamte! Wenn er seiner Alten allzu überdrüssig wird, so können wir's erleben, diesen Sohn und Enkel von Unsterblichen noch vor dem Schwurgericht zu erblicken.« »Zeuge Védrine!« rief der Gerichtsdiener mit lauter Stimme. Zu gleicher Zeit drang durch die sich öffnende Saalthür schallendes Gelächter der dichtgedrängten, mitteilsamen Zuschauermenge. »Sapperlot! Da drin haben sie keine Langeweile!« sagte der im Vorsaale aufgestellte Mann von der Pariser Garde. Der Zeugensaal, welcher sich während des Gespräches zwischen den beiden alten Schulkameraden allmählich geleert hatte, beherbergte nun niemand mehr als den Vicomte von Frendet und die Portiersfrau von der Cour des Comptes, für welche das »Vor-Gericht-müssen« sehr erschütternd war und die mit der Gebärde einer Geistesgestörten fortgesetzt ihre Haubenbänder zerknüllte und dann wieder glatt strich. Für den guten Kandidaten dagegen war diese Verhandlung eine höchst erwünschte Gelegenheit, der französischen Akademie im allgemeinen und seinem einstigen Lehrer im besondern Weihrauch zu streuen, und als er, nachdem auch die wackere Frau an die Reihe gekommen, den Raum ganz für sich allein hatte, ging er mit großen Schritten auf und ab, stellte sich dann ans Fenster, drechselte wohlgerundete, herrlich klingende Sätze und begleitete dieselben mit zweckentsprechenden großartigen Bewegungen seiner schwarz bekleideten Hände, was jedoch in dem gegenüberliegenden Hause, einem alten, düsteren, schmierigen Gemäuer, welchem das ehrlose, schändliche Gewerbe, welchem es Obdach bot, auf der Stirn geschrieben stand, offenbar zu einem Mißverständnis Veranlassung gab.... Eine rundliche Hand an einem dicken, entblößten Arm schob einen rosa Vorhang beiseite und machte eine einladende Gebärde.... O! Dieses Paris! Die Röte der Scham stieg in Frendets Wangen, hastig zog er sich von dem Fenster zurück und suchte im Korridor Schutz und Sicherheit. »Das ist der Staatsanwalt, der jetzt spricht,« sagte ihm ganz leise der Aufwärter, während in der Stickluft des überfüllten Saales eine Stimme mit gemachter, unwahrer Entrüstung deklamierte: »Sie haben die unschuldige Leidenschaft eines alten Mannes mißbraucht ...« »Nun . . und was wird mit mir?« sagte Freydet laut vor sich hin. »Scheint, daß man Sie vergessen hat . ..« Im ersten Augenblick war er sprachlos, dann im höchsten Grade unwillig über das seltsame Geschick, das ihm unmöglich machte, sich zu zeigen, sich als kampfesmutigen Ritter der Akademie aufzuspielen, von sich reden zu machen, seinen Namen wenigstens einmal in allen Zeitungen zu lesen. In diesem Augenblick wurde die Eröffnung der angeblichen Sammlung Mesnil-Case mit einer fürchterlichen Lachsalve begrüßt: Briefe von Königen, Päpsten, Kaiserinnen, von Turenne, Buffon, Montaigne, La Boëtie, Clemence Isaure. Dieses phantastische Inhaltsverzeichnis reichte hin, die unglaubliche Kindlichkeit des offiziellen Historiographen darzuthun, der sich von diesem Gnomen hatte nasführen lassen. Allein beim Gedanken, daß dieses respektwidrige Gelächter seinem Lehrer und Beschützer Astier-Réhu ans Leben ging, empfand Freydet eine Entrüstung, in die sich freilich ein gut Teil Selbstsucht mischte, war er es doch, welcher den Rückschlag zu empfinden haben mußte, dessen Kandidatur dadurch abermals im höchsten Grade fraglich wurde. Er schlich sich hinaus, mischte sich in das Durcheinander des allgemeinen Aufbruches, den diensteifrig wimmelnde Livreen und Wagenrollen verkündigten und der gleich darauf im prächtigen Abendsonnenschein des schönen Junitages stattfand, wobei rosa, weiße und fliederfarbige Sonnenschirme, die hastig geöffnet wurden, wie riesige Blumen erschienen. Helles Lachen ertönte noch von allen Seiten, wie wenn man nach einer übermütigen, zündenden Komödie nach Hause geht: »Gesalzen hatte er's gekriegt, der kleine Bucklige; fünf Jahre Gefängnis und die Kosten! Aber wie köstlich er wieder gewesen ist, dieser Margery!« »Ach! Kinder ... Kinder! Wie drollig! ...« jubelte Marguérite Oger, und Danjou, der Frau Eviza an ihren Wagen geleitete, sagte mit lauter Stimme, cynisch wie immer: »Man hat der hohen Akademie ins Gesicht gespuckt, mitten hinein, und wohl gezielt. ...« Trotz der hier und da geflüsterten Warnung: »Nehmen Sie sich in acht; er ist in der Nähe!«, bekam Léonard Astier, der ganz allein, ohne rechts oder links zu blicken, durch die Menge schritt, diesen Ausspruch und noch andre zu hören, und das war für ihn der Anfang der Mißachtung, seiner anerkannten, von ganz Paris bewitzelten Lächerlichkeit. »Nehmen Sie meinen Arm, lieber Meister,« sprach Freydet, der sich, einem unwiderstehlichen Drange seines Herzens folgend, ihm zugesellt hatte. »Ach! Mein Freund, wie wohl thun Sie mir!« sagte der Greis mit dumpfer, thränenumflorter Stimme. Eine Zeitlang schritten sie schweigend dahin. Das frische Grün beschattete und schmückte die Steine des Quais; das Treiben der Straße und das Rauschen des Wassers klangen fröhlich zusammen in der heiteren Luft. Es war einer jener Tage, wo man zu fühlen glaubt, daß menschliches Leid und Elend sich eine Ruhepause gestatten. »Wohin?« fragte Freydet. »Wohin Sie wollen, nur nicht nach Hause ...« erwiderte der Aermste, welchen beim Gedanken an den Auftritt bei Tische, den seine Frau ihm keinesfalls erlassen würde, ein kindliches Gruseln befiel. Sie speisten miteinander in der Nahe des Point-du-Jour, nachdem sie lange dem Wasser entlang gegangen waren, und die warmen, guten Worte des Zöglings, verbunden mit der weichen, wohligen Abendluft, trugen das Ihrige dazu bei, den unglücklichen Astier-Réhu zu beruhigen, so daß er schließlich gefaßt und in leidlicher Stimmung zu später Stunde den Heimweg antrat, erholt von den fünf Stunden des Prangerstehens im Zimmer Nro. VIII, fünf Stunden, die er mit gefesselten Händen unter dem beleidigenden Gelächter der Menge und dem giftigen Stachel des Advokaten hatte aushalten müssen: »Lache nur, lache nur, du Affengesindel! ... Die Nachwelt wird Richter sein!« So tröstete er sich selbst, während er die weiten Höfe des Institutes, in dem alles schwieg, alles schlief, jedes Licht verlöscht war und wo die breiten Freitreppen zur Rechten und zur Linken wie riesige schwarze, rechtwinkelige Löcher erschienen, durchschritt. Nachdem er sich die Treppe hinaufgetastet, gelang es ihm, ohne das mindeste Geräusch zu erregen, leise wie ein Dieb in sein Arbeitszimmer zu schlüpfen. Seit der Verheiratung Pauls und seinem Bruche mit dem Sohne warf er sich allabendlich hier auf ein selbst zurechtgemachtes Lager, um jenen endlosen, eigensinnigen nächtlichen Debatten und Zänkereien zu entgehen, in welchen die Frau durch die nicht zu erschöpfende Sprungkraft ihrer Nerven immer siegreich bleibt, und der Mann zuguterletzt um des lieben Friedens und des ersehnten Rechtes auf Schlaf willen alles verspricht, in allem nachgibt! Schlaf! Nie hatte er eine solche Sehnsucht, ein solches Bedürfnis nach diesem Tröster empfunden, wie heute nach diesem langen Tage der Aufregung und Anstrengung, und der Eintritt in den vollkommen dunkeln Raum berührte ihn schon wie tiefe Ruhe, als er plötzlich am Fensterkreuz die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt unterschied. »So! Nun bist du also befriedigt. ...« Seine Frau! Seine Frau, die ihm auflauerte, ihn erwartete und deren zornige Stimme ihn in der Dunkelheit auf die Stelle gebannt hielt. »Jetzt hast du ihn ja gehabt, diesen Prozeß.... Du hast sie ja haben wollen, die Lächerlichkeit, nun steckst du darin, nun bist du damit übergossen vom Kopf bis zu den Zehen, daß du dich vor keinem Menschen mehr sehen lassen kannst. ... Das war wohl der Mühe wert, Lärm zu schlagen, ein Geschrei zu erheben, dein Sohn entehre dich, ihn zu beschimpfen, ihm zu fluchen; er hat sehr wohl daran gethan, seinen Namen zu ändern, der arme Junge, jetzt wo der deinige gleichbedeutend mit Unwissenheit und Einfaltspinselei ist und kein Mensch ihn aussprechen kann, ohne zu lachen. ... Und das alles, frage ich dich ... das alles deinem Geschichtswerk zuliebe? ... Aber, Unglücksmensch! Wer kennt es denn, dein Geschichtswerk? Wen interessiert es denn, ob deine Dokumente echt sind oder gefälscht? Du weißt es ja sehr wohl, daß du nicht gelesen wirst. ...« So ging der Redestrom fort und fort, das scharfe, fadendünne Stimmchen ward zur höchsten Höhe hinaufgeschraubt und ihm kam es vor, als ob das Prangerstehen wieder begonnen habe, als ob die offizielle rechtlich erlaubte Beschimpfung von heute nur ihren Fortgang nähme, und wie dort im Zimmer Nro. VIII versuchte er keine Einwendung, machte keine drohende Bewegung, sondern ließ alles über sich ergehen, im Gefühl, daß hier eine Macht waltete, die ihm unerreichbar war, ein Gerichtshof, der keine Entgegnung duldete, und jede Beleidigung nahm er hin – hier, wie er sie dort hingenommen. Aber grausam war er, dieser unsichtbare Mund, der ihn zerfleischte, die spitze Zunge, die ihn an der empfindlichsten Stelle traf, die scharfen Zähne, die seine Eitelkeit als Mann und Schriftsteller erbarmungslos in Fetzen rissen. ... Ein netter Quark, seine Bücher! Bildete er sich vielleicht zufällig ein, daß diese ihm den Sitz in der Akademie eingetragen? Seiner Frau verdankte er den grünen Frack, und nichts andrem auf der weiten Welt! Ein Leben voll Intriguen, voll Umtriebe und Kunstgriffe, um eine Thür nach der andern aufzustoßen, zu erschleichen ... die ganze Jugend eines Weibes meckernden Erklärungen und Zudringlichkeiten alter Männer, die ihren tiefsten Widerwillen erregt, geopfert. ... »Ja freilich! Mein Bester, das mußte eben sein ... in die Akademie gelangt man mit Talent, das hattest du nicht – mit einem großen Namen oder einer bedeutenden Stellung. ... Das alles fehlte dir ... und so mußte, wohl oder übel, ich die Sache in die Hand nehmen. ...« Und in der Besorgnis, er könne diese Worte nicht buchstäblich nehmen, er könne darin nur den Ausbruch der Verzweiflung einer gekränkten, in ihrer Eitelkeit als Gattin gedemütigten, in ihrer blinden Mutterliebe verletzten Frau erblicken, ging sie genau auf alle Einzelheiten jener Wahl ein, erinnerte ihn an seinen berühmten Ausspruch, daß Frau Astiers Schleierchen nach Tabak röchen, obwohl er nicht rauche ... »ein Wort, mein Lieber, das dich weit berühmter gemacht hat, als all' deine Bücher samt und sonders ...« Aus seiner Brust drang ein leiser, tiefer Schmerzenslaut, der dumpfe Schrei eines Menschen, dem man den Leib aufgeschlitzt hat und der mit beiden Händen nach seinen Eingeweiden greift. Ohne sich rühren zu lassen, fuhr die spitze Stimme fort: »Nun! So packe ihn doch, deinen Koffer, packe ihn doch, aber diesmal endlich im vollen Ernst! Verschwinde, daß man nichts mehr von dir hört! ... Dein Sohn ist reich, glücklicherweise. ... Er wird dir so viel schicken, daß du davon leben kannst ... denn daß du jetzt weder einen Verleger, noch eine Zeitschrift findest, die deine Albernheiten drucken, das sagst du dir doch vielleicht selbst, und so wird es Pauls sogenannte Ehrlosigkeit sein, die dich vor dem Hungertode schützt!« »Das ist zu viel!« murmelte der arme Mann, indem er sich zum Gehen wandte, und als er, vor dieser versengenden Wut flüchtend, sich an den Mauern entlang tastete, durch die dunkeln Gänge und Treppen, durch die Höfe, wo jeder Fußtritt weithin dröhnend durch die Nacht schallte, murmelte er, dem Weinen nahe: »Das ist zu viel ... das ist zu viel ...« Wohin geht er? Gerade aus, wie in einem Traume; er geht über den Platz und bis zur Mitte der Brücke, auf welcher die frische, feuchte Luft ihn belebt, zu sich bringt. Er setzt sich auf eine Bank, rückt sich den Hut aus der Stirn und schiebt die Aermel zurück, um seinen pochenden Adern Freiheit und Kühlung zu verschaffen: das gleichmäßige Rauschen und Gurgeln des Wassers bringt ihm Ruhe und Sammlung, damit aber auch Erinnerung und tiefes Weh. Was für ein Weib! Was für ein Ungeheuer! Und fünfunddreißig Jahre hatte er neben ihr dahinleben können, ohne sie zu verstehen. ... Ein Schauer überschleicht ihn, Abscheu ergreift ihn beim Gedanken an all' die Schändlichkeiten, die er zu hören bekommen. Sie hat nichts verschont, nichts am Leben gelassen in ihm, nicht einmal das bißchen Stolz, das ihn noch aufrecht gehalten: den Glauben an sein Werk, den Glauben an die Akademie. Unwillkürlich wendet er sich um, als ihm die Akademie in den Sinn kommt. Am Ausgang der menschenleeren Brücke, die sich als breite Avenue bis zum Fuße des Gebäudes fortsetzt, erhebt der massige, in der Nacht gewaltig hervortretende Palast Mazarin seinen Portikus und seine Kuppel genau so, wie auf den Bücherumschlägen der Didots, die er in seiner Jugend so oft angesehen, und genau so, wie er denselben in dem ehrgeizigen Traume seines ganzen Lebens unausgesetzt vor Augen gehabt. Oh! Diese Kuppel, diese Steine, das trügerische Ziel, die Ursache all seines Unglücks . .. dort hat er sich seine Frau geholt! Ohne Liebe, ohne Freudigkeit hat er um sie geworben, nur weil er mit ihrer Hand das Institut zu erlangen gehofft! Und er hat ihn errungen, diesen Platz, den ihm viele neiden! Er weiß jetzt auch, auf welche Weise! ... In diesem Augenblicke nähern sich Schritte der Brücke, Lachen und Plaudern ertönt: es sind Studenten, die mit ihren Mädchen am Arme nach Hause gehen. Er fürchtet, erkannt zu werden, steht auf, beugt sich über die Brüstung, und während die ausgelassene Schar an ihm vorüberstreift, ohne sich um ihn zu bekümmern, denkt er mit Bitterkeit, daß er sich keine Freude gegönnt hat, daß er nie eine schöne Nacht wie diese durchschwärmt und im Sternenschein gesungen hat; der Ehrgeiz hatte ja immer all' seine Fibern angespannt erhalten, er war ja immer unterwegs gewesen nach jener Kuppel, die einem Tempel ähnelte – einem Tempel, dessen Glaubenssätze und dessen Heiligkeit er im voraus anerkannte und verehrte. Und was hatte er in Erwiderung all dieser Treue empfangen? Nichts – das Nichts. Schon am Tage seiner Aufnahme hatte ihn, nachdem die Reden beendigt, die kleinen Bosheiten ausgetauscht gewesen, jenes Gefühl der Leere, der getäuschten Hoffnung beschlichen, und in der Droschke, mit der er nach Hause fuhr, um den grünen Frack abzulegen, hatte er sich gesagt: »Nun hab' ich's erreicht! Nun bin ich drin ... ist's denn nur das?« Seither aber hatte er sich selbst vorgeredet, von den Kollegen wiederholen hören und selbst wiederholt, daß es etwas Schönes, Herrliches sei, und schließlich hatte er's auch geglaubt. ... Aber jetzt ist der Schleier zerrissen, die Lüge vernichtet, jetzt sieht er klar und mit hundert Stimmen möchte er der Jugend Frankreichs zurufen: »Die Akademie ist ein Trugbild, ein Köder, eine Täuschung! ... Geht euern Weg ohne sie, vollendet euer Werk draußen, vor allem aber opfert ihr nichts, denn sie hat euch keinen Lohn zu bieten, nichts, weder Talent, noch Ruhm, noch jenes köstliche Gut des Selbstbewußtseins, der inneren Befriedigung! Sie ist weder eine Zufluchts- noch eine Friedensstätte, die Akademie! ... Ein hohles Götzenbild, eine Religion, die allen Trostes bar. Das Elend des Lebens, seine großen Schmerzen befallen uns dort wie anderswo, unter dieser Kuppel ist man schon zum Selbstmörder geworden und zum Irrsinnigen. Und die, welche in Jammer und Leid sich zu ihr gewendet, welche die Arme, die des Liebens oder Fluchens müde geworden, nach ihr ausgestreckt, die haben nichts als einen wesenlosen Schatten umfangen.« Er redet laut mit entblößtem Haupte, der alte Professor, beide Hände auf die Brüstung der Brücke gestützt, wie es einst in seinen Vorlesungen sein Brauch gewesen, sie auf den Katheder zu legen. Unter ihm rauscht und wogt der Fluß, Schatten huschen drüber hin und die unabsehbare Reihe der Gasflammen zu seinen beiden Seiten blinzelt und zwinkert mit jenem geheimnisvollen Leben des Lichtes, unheimlich und beängstigend, wie alles, was sich bewegt, uns ansieht und sich nicht auszudrücken vermag. An der steilen Böschung ertönt, sich allmählich entfernend, der meckernde Gesang eines Betrunkenen: »Wenn Kupido ... am Morgen ... erwacht. ...« Irgend ein Auvergnate, der sich in froher Weinlaune wieder auf sein Kohlenschiff begibt. Das erinnert ihn an Teyssédre, den Bohner, und sein Glas Wein; er sieht ihn vor sich, wie er sich mit dem Rockärmel den Mund wischt: »Das ist das einzig Gute, was man im Leben hat!« Sogar diese bescheidene Wonne der Natur, er hat sie nicht gekannt, nicht genossen! selbst diesen Elenden, er muß ihn beneiden. Und sich einsam und verlassen fühlend, ohne Zuflucht, ohne eine Brust, an der er sich ausweinen könnte, gelangt er zu der Erkenntnis, daß jenes Scheusal recht gehabt hat und daß Léonard Astier seinen Koffer endlich in vollem Ernst packen muß. Die Schutzmänner finden des Morgens auf einer Bank des Ponts des Arts einen breitkrempigen Hut, einen jener Hüte, auf welche sich die Individualität des Eigentümers einigermaßen übertragen hat. In demselben liegt eine schwere, dicke goldne Uhr und eine Visitenkarte mit dem Namen: »Léonard Astier-Réhu, ständiger Sekretär der französischen Akademie«, und quer über diesen Zeilen steht in hastiger, flüchtiger Schrift: »Ich sterbe freiwillig, durch eigne Hand. ...« Oh ja! Freiwillig gewiß und auch gern! Als ihn die Bootsleute, nachdem sie einen ganzen Vormittag nach ihm gesucht, aus den weiten Maschen eines eisernen Netzes, welches ganz in der Nähe der Brücke ein Damenbad umgab, hervorzogen, da war auf diesen Zügen, auf diesen zusammengepreßten Lippen, dem vorgeschobenen Kiefer der feste Entschluß zum Sterben ebenso deutlich zu lesen, wie in jenem kurzen Satze der langgezogenen, bestimmten Handschrift. Man hatte ihn zuerst nach der nächstgelegenen Hilfsstation gebracht, wo Picheral hinkam, um die Identität festzustellen, bei welcher Thätigkeit sich seltsam genug ausnahm, wie er mit entblößtem Kopfe, im Frack an dem Uferabhange hin und her lief und hüpfte. Es war nicht der erste »Ständige«, den man aus der Seine zog; dieselbe Geschichte hatte sich zu Zeiten Picherals des Vaters ereignet und zwar fast unter den nämlichen Verhältnissen. Der Sohn schien daher auch weniger erschüttert zu sein, als verdrießlich darüber, daß man die Nacht nicht abwarten konnte, um Astier-Réhu nach Hause zu schaffen; allein man mußte sich die Abwesenheit seiner Gattin zu nutze machen und, um ihr eine zu heftige Gemütsbewegung zu ersparen, ihn jetzt heimbringen, solange sie zum Frühstück bei ihrem Sohn war. Die Turmuhr des Palastes Mazarin schlug ein Uhr, als die Tragbahre der Polizeistation unter der Kuppel eintraf; weithin erdröhnte der schwere Schritt der Träger und eine nasse Spur bezeichnete unheimlich ihren Weg. Unten an der Treppe B ward abgesetzt und Atem geschöpft; ein viereckiges Stück tiefblauen Himmels leuchtete über dem im Sonnenlichte blendend daliegenden Hofe. Man hatte die Decke der Bahre zurückgeschlagen und die Kollegen von der Wörterbuchkommission, welche zum Zeichen der Trauer ihre Sitzung plötzlich aufgehoben hatten, blickten zum letztenmal in die Züge Leonard Astier-Réhus. Die Hüte in der Hand, umstanden sie ihn, einigermaßen bestürzt und ein wenig verletzt. Auch Neugierige sammelten sich, Arbeiter, kleine Beamte, Lehrburschen, denn das Institut dient als Durchgang von der Rue Mazarin zum Quai. Mitten unter ihnen stand der gute Freydet, wischte sich die Augen und schämte sich im stillen, daß sein erster Gedanke gewesen war: Wieder ein Fauteuil frei. Eben kam der alte Réhu die Treppe herab; es war die Stunde seines Verdauungsganges. Er wußte von nichts, schien sehr verwundert über die Menschenansammlung, die er von den letzten Treppenstufen aus übersah, und ohne sich von der erschrockenen Gebärde einzelner abhalten zu lassen, trat er näher, um die Ursache dieses Auflaufes zu sehen. Ob er die Sachlage erfaßte? Ob er den Toten erkannte? Seine Züge blieben unbeweglich, auch seine Augen so leer und ausdruckslos, wie die der Minerva unter ihrem Marmorhelm; dann schritt er, nachdem er aufmerksam hingesehen, während man das gestreifte Tuch wieder über das stille Gesicht des armen Mannes zog, aufrecht und stolz seines Weges, neben ihm her der langgezogene, schmale Schatten. Dieser war ein Unsterblicher, wahrhaftig, und ein greisenhaftes Kopfnicken, wie es den Geistesgestörten eigen, schien zu sagen: »Auch das habe ich noch erlebt, ich!« Ende.