Daniel Defoe Oberst Hannes 1919 Die merkwürdige Lebensgeschichte des sehr ehrenwerten Obersten Johannes gemeinhin Oberst Hannes genannt der als Edelmann geboren ward aber in die Lehre eines Erzspitzbuben kam und sechsundzwanzig Jahre das Diebshandwerk trieb dann als Sklave nach Virginien verkauft wurde und als reicher Kaufmann wieder heimkehrte der viermal heiratete indes erwiesen sich seine Frauen sämtlich als Huren der in den Krieg ging sich dort tapfer schlug und am Ende wirklich zum Obersten eines Regiments gemacht wurde Von Daniel Defoe Des Autors Vorrede. Es ist allgemeine Sitte geworden, in Büchern von der Art des gegenwärtigen, um ihnen bei seinen Lesern eine günstigere Aufnahme zu verschaffen, eine Vorrede vorauszuschicken, so daß ich mich nicht erwehren kann, ein gleiches zu tun, obschon das nachfolgende Buch einer Vorrede so wenig bedarf wie manches andere auch. Denn der unterhaltsame Teil spricht für sich selbst, der nützliche und belehrende ist weitreichend genug und gibt Anlaß zu Nutzanwendungen in mancherlei Betracht. Die verschiedenen Wechselfälle des Glücks bieten im gegenwärtigen Buche dem Leser einen vergnüglichen Garten, in dem er sich ergehen kann, und wo er nur heilkräftige Arzeneikräuter, keineswegs aber Giftpflanzen findet; wo er die Tugend und Klugheit in hohen Ehren sieht, jedoch zugleich wahrnimmt, wie Laster und Unehre Arm in Arm gehen müssen. Solche und ähnliche Grundsätze sind die Richtschnur dieses Buches, und ich brauche kein Wort zur Rechtfertigung, weder eines Abschnittes noch des Ganzen, hinzuzufügen. Es kann wohl nichts wider einen Autor gesagt werden, der es sich angelegen sein läßt, das Laster zu entmutigen und die Tugend zu ermuntern. Wenn aber schon etwas Erdachtes geeignet ist Gutes zu wirken, so muß es die Schilderung wirklicher Begebenheiten noch viel mehr sein. Da meine Lebensbeschreibung fast so buntscheckig und würflicht aussieht wie eine eingelegte Tischlerarbeit, und ich nunmehr imstande bin, von einem weit sicherern Ausblick auf mein Leben zurückzusehen als den Gesellen der ehrbaren Zunft, zu welcher ich ehemals gehörte, ihr Schicksal insgemein erlaubt, so hoffe ich: meine Geschichte wird von der großen Welt ebenso gut aufgenommen werden wie manche andere auch, die ich sie alle Tage mit Vergnügen lesen sehe, obschon sie nicht so lustig und erbaulich und nicht so voller Abwechselung sind, als man hoffentlich die meinige befinden wird. Meine Herkunft ist vielleicht so vornehm wie die eines andern, denn meine Mutter hat, wie ich glaubwürdig berichtet bin, keinen schlechten Umgang gepflogen. Allein dieser Punkt gehört mehr in ihre als in meine Geschichte. Alles was ich davon weiß, habe ich nur vom Hörensagen. Meine Pflegemutter erzählte mir, meine Frau Mutter sei eine Edelfrau und mein Herr Vater eine Standesperson gewesen, weil sie – nämlich meine Pflegerin – ein gut Stück Geld bekommen habe, damit sie mich annähme und meinen Herrn Vater und meine Frau Mutter von den Ungelegenheiten befreite, welche gemeinhin das Unglück begleiten, wenn ein Kind geboren wird, von dem nichts gehört oder gesehen werden soll. Wie es scheint, hat mein Herr Vater meiner Pflegemutter noch etwas darüber gegeben, als meine Frau Mutter in ihrem Vergleiche ausgemacht hatte, und zwar nach einem feierlichen Versprechen, daß sie mich wohl halten und in die Schule schicken wolle. Wobei er ihr auch noch dieses eingeschärft: wenn ich größer und ein wenig zu Verstande gelangt sein würde, so daß ich wüßte, was es zu bedeuten hätte, so sollte sie jederzeit Sorge tragen, mich mit Nachdruck zu erinnern, daß ich ein junger Edelmann wäre. Und dieses, habe er gesagt, wäre das hauptsächlichste, worauf sie bei meiner Auferziehung achten sollte. Denn er zweifle nicht, habe er hinzugefügt, daß mir diese bloße Weisung schon Gedanken einflößen würde, die meiner Geburt gemäß wären, sodaß ich mich gewißlich als ein Edelmann aufführen würde, wenn ich nur glaubte, daß ich einer wäre. Allein meine Unsterne waren nicht so bald auf einen guten Endzweck gerichtet, wie solches auch nur selten mit Unglücklichen geschieht. So wie die Großen in der Welt gleichsam stufenweise zum Gipfel ihrer Herrlichkeit steigen, in welcher sie prangen, also sinken auch die Elenden gleichsam durch eine beständige Reihe von Unglück zu der Tiefe ihres Elends hinab und schweben sozusagen lange zwischen Tür und Angel oder auf der Folter und in der Klemme ihrer jämmerlichen Umstände, ehe das Glücksrad sich umkehrt und ihnen, wenn es überhaupt geschieht, die Aussicht einer Erlösung zeigt. Meine Pflegemutter kam dem, was sie versprochen, so redlich nach, als man von einer ihrem löblichen Gewerbe zugetanen Person nur erwarten konnte. Wenigstens erwies sie sich als so ehrlich, wie es ihre Umstände erlaubten. Denn sie zog mich mit ihrem eigenen und noch einem andern unter ebensolchen Bedingungen angenommenen Sohne sehr sorgfältig auf. Mein Name sei Johannes, hat sie mir berichtet. Allein weder sie noch ich wußten etwas von einem Zunamen, der mir gehörte. Also war es mir freigestellt, mich zu nennen wie ich wollte, je nachdem mir das Glück und bessere Umstände die Gelegenheit dazu an die Hand geben würden. Nun trug es sich zu, daß ihr eigener Sohn – denn sie hatte selbst einen kleinen Jungen, der ungefähr ein Jahr älter als ich sein mochte – auch Johannes hieß. Und ungefähr zwei Jahre danach nahm sie noch einen andern fremden Sohn an, um solchen ebenfalls aufzuziehen, dessen Name ebenso Johannes war. Gleichwie wir nun alle Johannes hießen, also hießen wir auch alle Hannes und wurden auch so gerufen. Denn in demjenigen Teile der Stadt, wo wir aufgezogen wurden, werden die Johannes gemeinhin Hannes gerufen. Allein meine Pflegemutter, welche die Freiheit zu haben vermeinte, ihren eigenen Sohn vor den übrigen zu unterscheiden, wollte haben, man sollte ihn, weil er der älteste wäre, den Hauptmann nennen. Ich wurde darüber sehr aufgebracht, daß dieser Junge sollte Hauptmann gerufen werden, fing an zu weinen und vermeldete meiner Pflegemutter, daß ich Hauptmann genannt sein müßte, denn sie hätte mir doch gesagt, daß ich ein Edelmann wäre, daher wollte ich auch Hauptmann sein. Darauf hieß sie mich Oberst, was um ein groß Teil besser wäre als Hauptmann. Denn, mein liebes Kind, sprach sie, jedweder Schiffsknecht, wenn er blos ein Leutnant von einem kleinen Schiff wird, das Gaffelsegel führt, wird schon Hauptmann genannt, aber Obersten, das sind Kriegshelden, wozu niemand gemacht wird, es sei denn, er könnte seinen Adelsstand dartun. Überdies habe ich Obersten gekannt, setzte sie hinzu, die Lords und Generale geworden sind, ungeachtet sie von Geburt nur Bankerte waren, und deshalb sollst du auch Oberst genannt werden. Hiermit wurde ich nun für diesesmal beruhigt, aber nicht gänzlich zufriedengestellt, bis ich sie eine kleine Weile hernach zu ihrem eigenen Jungen sagen hörte, daß ich ein Edelmann wäre, und er mich daher Oberst nennen müsse. Darüber fing er an zu heulen, und nun wollte er Oberst genannt werden. Dieses vergnügte mich im Grunde meines Herzens, daß der Junge deswegen schrie, denn dadurch ward ich für gewiß überzeugt, daß Oberst mehr als ein Hauptmann sein müßte. So allgemein hat der Ehrgeiz in den menschlichen Gemütern Sitz genommen, daß auch kein Betteljunge zu finden ist, der nicht seinen Teil davon hätte. Also gab es nun einen Obersten Hannes und einen Hauptmann Hannes. Was den dritten Jungen anbelangte, so wurde er etliche Jahre lang nur schlechtweg Hannes gerufen, bis er durch das Verdienst seiner Geburt, wie man an seinem Orte hören wird, ebenfalls einen Vorrang erlangte. Wir waren alle drei hoffnungsvolle Burschen und verhießen sehr frühzeitig durch viele Umstände unseres Lebens, daß wir alle miteinander einstmals Erzgalgenvögel werden würden. Indes kann ich nicht anders sagen, wenn das, was ich von meiner Pflegerin Gemütsart erzählen kann, wahr ist: daß die ehrliche Frau alles getan hat, was ihr möglich gewesen, dieses zu verhüten. Ehe ich mit der Erzählung unserer Geschichte weiter fortfahre, wird es nicht undienlich sein, von unserer unterschiedlichen Gemütsart, soweit ich mich in meinem Gedächtnis entsinnen kann, eine kurze jedoch unparteiliche Nachricht zu geben. Der Hauptmann Hannes war der älteste unter uns allen, und zwar um ein ganzes Jahr älter als wir. Er war ein quatschlicher, starker, ausgewachsener Junge und verhieß ein stämmiger Kerl zu werden, schwerlich aber konnte man ihn lang aufgeschossen und schlank von Leibe nennen. Von Natur war er schlau, verdrießlich, heimtückisch, boshaft und rachgierig. Dabei hatte er etwas Gewalttätiges, Grausames und Blutgieriges an sich. Seinen Sitten nach war er ein rechter Bauer, der hinter dem Mistkarren auferzogen worden, war leichtfertig wie ein Gassenrange sein muß, aber ein recht dummer und ungelehriger Klotz von Kindheit an. Er hatte gar vieles von der Art eines Bullenbeißers an sich. Er war verzweifelt kühn, aber gar nicht großmütig. Alle Schulmeister, zu denen wir gingen, konnten ihm nichts, ja nicht einmal die ersten Buchstaben des ABC beibringen. Und gleichwie er zu einem Spitzbuben geboren war, also pflegte er alles zu stehlen, was ihm zu nahe kam, auch schon von der Zeit an, da er kaum reden konnte, und nicht nur von seiner Mutter, sondern von jedermann, sogar von uns, die wir seine guten Brüder und Spielkameraden waren. Er war von Natur ein Spitzbube und ein Dieb von Mutterleibe an. Denn er pflegte die leichtfertigsten, gottlosesten Schelmenstreiche aus eigenem Triebe und aus Neigung vorzunehmen. Er hatte gar kein Gefühl für das, was Ehre heißt, ich meine auch in Ansehung seiner andern Kumpane oder Spitzbubengesellen, oder woraus andere Diebe eine Ehrensache machen, nämlich sich ehrlich gegeneinander zu erweisen. Der andere, nämlich der jüngste unter uns drei Hannes, wurde der Major Hannes genannt, und zwar mit folgendem Grunde: Die ehrliche Frau, welche unserer Pflegemutter dieses Liebespfand anvertraute, hatte ihr gestanden, daß ein Major von der Garde Vater von diesem Kinde wäre, sie wäre aber verbunden seinen Namen zu verschweigen, und das sei genug. Also wurde er erst Johannes der Major, hernach Major, und endlich, als wir anfingen miteinander herumzuschweifen, nach dem Beispiele der übrigen Major Hannes genannt. Denn sein Name war ebenfalls, wie ich bereits vermerkte, Johannes. Der Major Hannes war ein lustiger, aufgelegter, artiger Junge, hatte einen guten natürlichen Verstand und wußte gleich, wie man sagt, einen Schwank aus dem Stegreif zu erfinden. Er hatte auch etwas von einem Edelmann an sich: er besaß von Natur eine wahre männliche Herzhaftigkeit, fürchtete sich vor nichts und konnte ohne Zittern dem Tod in die Augen sehen. Und auch, wenn er den Vorteil hatte, erwies er sich als der großmütigste und mitleidigste Mensch von der Welt. Die Höflichkeit schien ihm gleichfalls angeboren zu sein, ohne von dem brutalen und schrecklichen Wesen, wie es der Hauptmann an sich hatte, versteckt zu werden. Es fehlte ihm mit einem Wort nichts mehr als die Ehrlichkeit, um ihn zu einem vortrefflichen Menschen zu machen. Er hatte Lesen gelernt ebenso wie ich, und gleichwie er sehr wohl zu reden wußte, also schrieb er auch überaus vernünftig und in einer sehr reinen Sprache, wie man aus dem Verfolg seiner Geschichte ersehen wird. Was nun, lieber Leser, deinen gehorsamen Diener, den Obersten Hannes, betrifft, so war er ein armer, gutwilliger, unglücklicher Narr, der Anlage und Gelegenheit genug hatte alles zu lernen, wenn er nur jemand besseren als den Teufel aus der Hölle zum Schulmeister gehabt hätte. Er begab sich so frühzeitig hinaus in die Welt, daß, als er anfing Übles zu tun, er weder die Gottlosigkeit desselben noch auch, was er danach zu erwarten hatte, recht verstand. Ich entsinne mich noch sehr wohl, daß einmal, als ich wegen eines Diebstahls, dessen ich nicht schuldig war, vor den Richter geführt wurde, und mich durch Beweistum verteidigte und die Irrtümer meiner Ankläger aufzeigte, wie sie einander widersprächen, der Richter zu mir sagte, es wäre schade um mich, daß ich zu nichts Besserem gebraucht worden wäre, da ich gewiß eines Besseren belehrt worden sein müsse. Worin sich indes der gute Herr Richter irrte, denn es war mir niemals etwas anderes gelehrt worden als ein Dieb zu werden, ausgenommen Lesen und Schreiben, und das war bis zu meinem zehnten Jahre alles. Allein ich hatte die Gabe der natürlichen Rede und wußte so viel mit gutem Geschick zu einer Sache vorzubringen als mancher andere nicht, der eine geraume Zeit länger studiert hat als ich. Ich galt unter meinen Kameraden als ein kühner, unerschrockener Junge, der sich mit dem Teufel und seiner Großmutter herumgeschlagen hätte. Allein ich hegte eine ganz andere Meinung von mir selbst und vermied daher das Prügeln soviel als ich konnte, wagte es aber doch etliche Male und kam sehr gut davon, weil ich ziemlich stark und zugleich hurtig von Beschaffenheit war. Wo ich aber meine Hände nicht für zureichend hielt, schlug ich mich zuweilen mit der Zunge durch, und zwar sowohl als erwachsener Mann wie schon damals, als ich noch ein Knabe war. Ich bewies mich behutsam und geschickt in meinem Handwerk und wurde nicht so oft erwischt wie meine Spießgesellen. Denn solange ich diesem sauberen Handwerk nachging, bin ich doch – dem Himmel sei Dank – nicht gehängt und, wie man hernach hören wird, nicht ein einziges Mal ins Gefängnis gekommen. Was meine Person betrifft, so ist freilich nichts anderes zu vermuten als daß ich, solange ich noch ein schmutziger Glashüttenjunge war, der des Nachts in der Asche schlief und den ganzen Tag in der Gasse im Dreck manschte, demjenigen glich, der ich in der Tat gewesen, nämlich ein barfüßiger, lausiger, nackichter Betteljunge, verächtlich und elend im höchsten Grade. Und dennoch erinnere ich mich, daß die Leute von mir zu sagen pflegten: dieser Junge hat ein feines Gesicht, und wenn er nur gewaschen und sauber gekleidet wäre, würde er ein artiger Knabe sein, seht nur, was für schöne Augen er hat und was für ein hübsches lächelndes Gesicht! Es ist schade um ihn – ich wundere mich, wer des Schelmen Vater und Mutter gewesen sein mögen! Alsdann pflegten sie mich zu sich zu rufen und mich zu fragen, wie mein Name wäre. Ich sagte ihnen dann: mein Name wäre Hannes. Aber wie heißt dein Zuname, du Schelm? sprachen sie. Das weiß ich nicht. Wie, hast du denn keinen gehabt? fragten sie wieder. Nein, sprach ich, ich weiß von keinem. Da schüttelten sie denn ihre Köpfe und pflegten zu sagen: du armer Junge! es ist schade! und dergleichen – und ließen mich wieder laufen. Allein ich schrieb mir alle diese Reden hinter die Ohren. Ich war ungefähr zehn Jahre alt, der Hauptmann elf und der Major etwa acht, als die gute Frau, unsere Pflegemutter, ihren Abschied von der Welt nahm. Ihr Mann war ein Schiffer gewesen und nicht gar lange vorher mit einem von des Königs Schiffen untergegangen, welches zur Zeit des Königs Carl des Zweiten mit dem Herzog von Yorck nach Schottland gesegelt und verschlagen worden: und weil die arme Frau sehr arm starb, so wurde sie auf des Kirchspiels Unkosten begraben. Wir drei Jungen gingen hinter der Leiche: ich, denn wir wurden alle wie ihre eigenen Kinder gehalten, trug das Leid oder vertrat die Stelle des hinterlassenen betrübten Witwers, während der Hauptmann als der älteste Sohn ganz traurig hinterdrein ging. Da nun die gute Frau gestorben war, stand uns drei Hansen die ganze Welt offen. Das Kirchspiel hätte uns zwar versorgen müssen, allein danach sehnten wir uns gar nicht. Wir streiften alle drei überall herum, und weil uns die Leute im Rosmariengäßchen, in Ratcliff und da herum sehr gut kannten, so bekamen wir leicht satt zu essen und zwar ohne erst lange darum zu bitten. Ich für meinen Teil erwarb mir bald den Ruf eines anständigen ehrlichen Jungen. Denn wenn ich nach etwas geschickt wurde, so verrichtete ich es allemal auf das genaueste und sorgfältigste und kam in einem Augenblick wieder. Und wenn mir etwas anvertraut wurde, so rührte ich es nicht an, sondern machte mir eine besondere Ehre daraus, allem, was mir geheißen wurde, aufs genaueste nachzukommen, während ich doch in allen andern Fällen ein so arger Erzdieb war als nur irgendeiner von der übrigen Kameradschaft. So pflegten mich einige von den armen Krämern öfters vor ihrer Tür auf ihren Laden achtgeben zu lassen, wenn sie bei Tische waren oder über die Gasse in ein Bierhaus gingen, was ich jederzeit überaus freudig und willig tat und mich recht ehrlich dabei aufführte. Der Hauptmann Hannes dagegen, ein trotziger, tückischer, roher Junge, dem nichts Gutes aus den Augen blickte, brachte kein Wort hervor, was Geschick oder Sinn hatte. Er konnte nicht mehr sagen als Ja und Nein, wenn er gefragt wurde, das war alles. Er führte sich so auf, daß ihm kein Mensch zugetan war. Wenn er fortgeschickt wurde, so vergaß er die Hälfte von dem, was ihm aufgetragen war, oder ging dem Spiel nach, wenn er ein paar Jungen traf, aber ging nicht dahin, wohin er sollte, oder er kam überhaupt nicht wieder zurück. Er hatte ein so unachtsames und liederliches Betragen, daß ihm kein Mensch gut gesinnt war, sondern über ihn jedermann sagte: der Spitzbube sähe ihm aus den Augen, und er würde noch einmal gehängt werden. Mit einem Wort: er bekam von keinem Menschen gutwillig etwas, sondern sah sich gleichsam gezwungen ein Dieb zu werden, damit er nur einen Bissen Brot zu essen bekäme. Denn wenn er bettelte, so tat er es mit einer so unangenehmen Stimme und auf so trotzige Art, daß er die Leute mehr anzuherrschen als sie um etwas anzusprechen schien, so daß einer, der ihm etwas gegeben hatte und ihn kannte, eines Tages zu ihm sagte: Hauptmann Hannes, du bist schon jetzt, wo du erst ein Junge bist, ein garstiger häßlicher Bettler, ich besorge, wenn du nur etwas älter geworden bist, wirst du geschickter sein, jemanden um seinen Beutel anzusprechen als um ein Almosen! Der Major war ein lustiger aufgeräumter Geselle, immer fröhlich, niemals traurig, er mochte etwas zu essen haben oder nicht. Er beklagte sich niemals und machte sich so sehr durch seine gute Aufführung beliebt, daß ihm die Nachbarn recht gewogen waren und er auf die eine oder andere Weise zu essen und zu trinken genug bekam. Also waren wir alle drei bemüht, wie wir uns des Hungers erwehren möchten. Was unser Quartier betraf, so lagen wir zur Sommerszeit um die Wachthäuser und äußersten Teile der Schiffe, oder um die Türen der Kramläden, wo wir bekannt waren, herum. Was ein Bett war, wußten wir nach unserer Pflegemutter Tode viele Jahre nicht: im Winter krochen wir in die Aschenlöcher und warmen Mauern einer Glashütte im Rosmariengäßchen oder im Ratcliff-Highway. Auf diese Art lebten wir etliche Jahre, und da konnte es denn nicht fehlen, daß wir unter die gleiche Rotte lumpiger, nackichter Galgenschwengel geraten mußten, als wir selbst waren: nämlich so saubere Bürschchen, wie sie sich der Teufel in der Zölle in einem so frühen Alter nur wünschen konnte, reif zu aller Art Unfug. Ich erinnere mich, daß wir einmal in einer kalten Winternacht aus unserer Ruhe von der Scharwache aufgescheucht wurden, welche mit ihrem Geschrei einen, den sie Krummhals hießen, suchte, der eine Spitzbüberei verübt hatte und den die Wache unter den Betteljungen in dem warmen Gemäuer der Glashütte anzutreffen hoffte. Wir wurden unter Lärm mit der Aufforderung geweckt: Kommt heraus, ihr Teufelsbrut! Kommt heraus und laßt sehen, wer ihr seid! – Dann wurden wir alle hervorgeholt. Einige kamen von selbst heraus, rieben sich die Augen und kratzten sich an den Köpfen, andere wurden mit Gewalt hervorgezogen. Wenn ich mich recht erinnere, waren wir unser zusammen siebzehn. Aber der Krummhals, den sie suchten, war nicht darunter. Wie ich später erfuhr, war dieser ein dicker stämmiger Junge, der die Nacht vorher bei einer Dieberei dabei gewesen war und den sein Kamerad, der ergriffen worden, in der Hoffnung, der Strafe zu entgehen, genannt hatte und auch angezeigt, wo er für gewöhnlich seine Herberge aufzuschlagen pflege. Allein dieser hatte den Braten gerochen und sich, wenigstens für eine Zeitlang aus dem Staube gemacht. Also erhielten wir Erlaubnis, wieder in unser warmes Lager unter die Steinkohlenasche zurückzukriechen, wo ich manche kalte Winternacht, ja ich kann wohl sagen, manchen Winter so sanft und vergnügt geschlafen habe, wie seit der Zeit nicht wieder in den allerbesten Quartieren. Auf diese Art lebten wir eine gute Weile fast zwei Jahre dahin und taten niemandem viel zuleide, was auch kaum in unserer Absicht lag. Wir gingen gemeinsam alle drei miteinander. Denn der Hauptmann war ein so ungeschickter Tölpel und hatte etwas so Unbequemes an sich, daß er wohl Hungers hätte sterben müssen, wenn wir ihn nicht bei uns behalten hätten. Wir waren auch fast überall beisammen und daher allgemein unter dem Namen die drei Hannes bekannt. Aber der Oberst Hannes hatte in vielen Stücken jederzeit den Vorzug. Der Major war lustig und kurzweilig, aber der Oberst ließ sich jederzeit mit den freundlichen Leuten, die sich auch mit Betteljungen abgaben, in ein Gespräch ein. In solchen Gesprächen forschte ich bald nach diesem bald nach jenem, und fragte wohl nach dem, was öffentlich und im geheimen vor sich ging. Insbesondere redete ich gern mit Schiffsleuten und Soldaten vom Kriege, von berühmten Schlachten auf der See oder auf dem festen Lande, an denen der eine oder der andere von ihnen teilgenommen hatte. Von dem, was sie mir erzählten, vergaß ich niemals wieder etwas, so daß ich nach etlichen Jahren eine fast ebenso gute Nachricht von den Kriegen in Holland, von den bekanntesten Schlachten in Flandern und dergleichen geben konnte als nur irgendeiner, der dabei gewesen war. Und dies machte, daß diese alten Kriegsgurgeln und Pechfackeln auch überaus gern mit mir redeten und mir alle Geschichten erzählten, deren sie sich nur erinnern konnten, und zwar nicht nur von den damaligen Kriegen, sondern auch von denen zu Cromwells Zeiten, vom Tode Carls des Ersten und dergleichen. Hierdurch wurde ich, so jung ich auch war, ein rechter Geschichtskundiger. Und obgleich ich keine Bücher gelesen und auch niemals welche zu lesen bekommen hatte, so konnte ich doch eine hinlängliche Nachricht geben von dem, was geschehen war und was damals in der Welt vorging, besonders von denjenigen Dingen, von denen unser eigenes Volk betroffen wurde. Ich wußte die Namen eines jeden Schiffes der Flotte, desgleichen wer es befehligte, und alles dieses, als ich vierzehn Jahre oder nicht viel älter war. Der Hauptmann Hannes geriet mittlerweile in eine böse Gesellschaft und lief von uns fort. Es verging auch eine gute Weile, ehe wir etwas von ihm hörten, bis ich ungefähr nach einem halben Jahre soviel erfuhr, daß er unter eine Rotte von Kinderdieben oder Menschenräubern geraten war, die im Finstern den Leuten die Kinder wegfingen, ihnen den Mund zuhielten und sie in solche Häuser trugen, wo sich andere Räuber in Bereitschaft hielten, um solche abzunehmen und sie auf Schiffen nach Virginia zu bringen und daselbst zu verkaufen. Dies war ein Handwerk, wozu sich der Hauptmann sehr wohl schickte, besonders was die Gewalttätigkeit betraf. Denn wenn er ein kleines Kind in seine Klauen bekam, so pflegte er ihm den Atem zuzuhalten und bekümmerte sich nicht viel darum, ob das Kind erstickte oder nicht, wenn er es nur am Schreien verhindern konnte. Von dieser Rotte war nun zu der Zeit ein Bubenstück verübt worden, ich weiß nicht mehr, ob sie ein Kind sogar ermordet oder ihm nur sonst übel mitgespielt hatten. Vermutlich aber war es eines vornehmen Bürgers Kind gewesen und die Eltern hatten zu rechter Zeit Wind davon bekommen, so daß sie zwar ihr Kind gerettet aber in einem sehr üblen Zustand und fast halbtot wiedererlangt hatten. Ich war damals noch jung, und es ist zu lange her, als daß ich mich der ganzen Geschichte noch so genau erinnern könnte. Sie wurden aber alle abgefaßt und nach Newgate gebracht, der Hauptmann Hannes unter den übrigen, obgleich er noch nicht viel über dreizehn Jahre alt war. Welche Strafe die Schelme dieser Rotte bekamen, kann ich nicht sagen. Der Hauptmann aber, weil er noch ein Junge war, erhielt einen guten derben Stockschilling, indem ihn der Stadtschreiber wissen ließ, daß es nur aus Mitleid gegen ihn geschehe, wenn man ihn diesmal vom Galgen bewahrte. Wobei er ihm vorhielt, zumal ihm nicht viel Gutes aus den Augen sähe, daß er sich vor dem dreigiebeligen Gerüste oder dem Galgen wohl in acht nehmen sollte. So merkwürdig war des Hauptmanns Gesicht schon, als er noch jung war, und später mußte er sich dies noch bei manchen Gelegenheiten unter die Nase reiben lassen. Als er ins Stockhaus gesetzt war, hörte ich von seinem Unglück und ging daher mit dem Major hin, um ihn zu besuchen. An dem Tage, als wir hingingen, sollte er gerade gestäupt werden und zwar, wie das Urteil lautete, auf eine recht derbe und nachdrückliche Weise. Sie kamen auch dem Urteilsspruch genau nach. Denn der Aldermann, der damalige Aufseher über das Stockhaus, hielt ihm erstlich eine scharfe Predigt, hielt ihm seine Jugend vor und wie schade es sei, daß ein solcher Junge am Galgen baumeln sollte, wie er sich dieses sollte zur Warnung dienen lassen, was für eine verruchte, gottlose Verderbtheit es sei, ehrlichen Leuten ihre armen unschuldigen Kinder wegzustehlen und dergleichen. Währenddessen gab ihm der Mann mit dem blauen Abzeichen eine ganz unbarmherzige Tracht und durfte nicht eher damit aufhören, bis der Aldermann mit dem kleinen Hämmerchen auf die Tafel schlug. Der arme Hauptmann stampfte und tanzte und schrie, als ob er am Spieße steckte. Ich muß gestehen, ich war halbtot vor Schrecken. Denn obschon ich als kleiner Junge nicht nahe genug herankommen konnte, um sehen zu können, wie mit ihm umgesprungen wurde, so sah ich ihn doch zuletzt mit seinem blutigen Buckel, der über und über voller Striemen und Eiterbeulen war, ich hätte bei diesem Anblick in die Erde sinken mögen. Es wurde mir schwarz vor den Augen, allein an solche Dinge gewöhnte ich mich später. Ich tat mein möglichstes, um den armen Hauptmann zu trösten, als ich wieder die Erlaubnis bekam zu ihm zu gehen. Allein die Sache war noch nicht ganz überstanden. Das schlimmste stand noch aus. Denn er sollte noch zwei solcher Zahlungen bekommen, ehe sie ihn auf freien Fuß setzen wollten. Sie stäupten ihm auch den Buckel so nachdrücklich aus, daß ihm die Lust zum Kinderrauben eine geraume Weile verging. Er geriet aber dennoch wieder in diesen verfluchten Handel und blieb dabei so lange, bis ihm nach etlichen Jahren das Handwerk gelegt wurde. Diese scharfe Lektion, die dem Hauptmann gelesen wurde, machte auf mich und den Major, obgleich wir noch sehr jung waren, einen tiefen Eindruck, so daß wir sozusagen mitgezüchtigt wurden, obschon wir nicht an der Tat beteiligt waren. Es war ungefähr ein Jahr vergangen, als der Major von ein paar jungen Spitzbuben, die auch in der Glashütte nächtigten, hinweggelockt wurde, mit ihnen einen Spaziergang zu machen. Diese jungen Burschen paßten vortrefflich zusammen. Der Major war ungefähr zwölf Jahre alt, und der älteste von den zweien, die ihn anführten, war nicht über vierzehn Jahre. Ihr Vorhaben war, auf den Bartholomäimarkt zu gehen. Der Endzweck dieses Besuches aber war mit einem Wort gesagt: Taschendieberei. Der Major verstand nichts von diesem Handel und sollte deshalb auch damit nichts zu tun haben. Sie versprachen ihm aber trotzdem einen Anteil davon. Also machten sie sich auf den Weg. Die zwei geschickten jungen Spitzbuben drehten ihr Ding so, daß sie um acht Uhr abends wieder zu unserm staubigen Nachtquartier in der Glashütte zurückkehrten. Dort setzten sie sich in einen Winkel nieder und bei dem Licht des Feuers in der Glashütte teilten sie ihre Beute. Der Major brachte die gestohlenen Sachen hervor, denn sobald sie einen Fund gemacht hatten, so gaben sie ihm alles, damit, wenn sie ergriffen würden, nichts bei ihnen gefunden würde. Es war ein verdammt glücklicher Tag für sie. Der Teufel hatte seinen Segen dazu gegeben, daß sie eine solche Beute machten und einen jungen Menschen ins Spiel ziehen konnten, der vorher durch des Hauptmanns üble Vergütung abgeschreckt worden war. Die Beute, die sie am ersten Abend in diesem ehrlichen Gewerbe heimbrachten, war ein weißes Schnupftuch von einer Bäuerin, als sie nach einem Hanswurst gegafft hatte, darinnen waren drei Schillinge und eine Reihe Nadeln in einem Zipfel eingebunden; dann ein farbiges Schnupftuch aus eines jungen Bauern Rucksack, als er sich eine frische Pomeranze kaufte; zum dritten eine Frauenzimmertasche mit elf Schillingen und einem silbernen Fingerhut darinnen. NB. Sie vermißte ihre Tasche alsbald, weil sie aber den Dieb nicht sah, so beschuldigte sie einen Kerl, der etwas aufklauben wollte, und fing an zu schreien: Spitzbube! Spitzbube! Also fiel er dem gemeinen Pöbel in die Hände, aber weil er in der Straße bekannt war, so kam er, wiewohl nicht ohne Schwierigkeit, so doch mit einem blauen Auge davon. Viertens ein Messer und eine Gabel, die ein paar Knaben eben gekauft hatten und damit nach Haus gehen wollten: der junge Spitzbube, der sie stahl, erhaschte sie in dem Augenblick, als der Knabe sie gerade in den Rucksack steckte; fünftens ein kleines silbernes Büchschen, worin sieben Schillinge waren, welche eine Magd aus ihrer Tasche herausgezogen hatte, als sie sich die Puppenspiele ansehen wollte: da hatte der kleine Spitzbube mit der Hand hineingelangt und hatte es weggehascht, eben als sie es wieder einstecken wollte; sechstens ein anderes seidenes Schnupftuch aus eines ansehnlichen Herrn Tasche; endlich ein gedrechseltes Püppchen und einen kleinen Spiegel, den sie auf dem Jahrmarkt einem weggenommen hatten, der Spielsachen für Kinder feil hielt. Diese Beute, die an einem einzigen Nachmittage oder Abende nur von zwei ganz kleinen jungen Spitzbuben nach Hause gebracht wurde, war gewiß außerordentlich, daher bildete sich auch der Major am folgenden Tage nicht wenig darauf ein. Er kam sehr frühe zu mir, der ich nicht weit von ihm lag, und sprach zu mir: Oberst Hannes, ich habe mir dir zu reden. Nun, sprach ich, was ist es denn? Ja, antwortete er, es ist eine Sache von Wichtigkeit, ich kann hier nicht davon sprechen. Also gingen wir hinaus. Sobald wir in ein enges Gäßchen in der Nähe der Glashütte gekommen waren, fing er an und sagte: Sieh her: und seine Hand war ganz voll Geld. Ich war voller Verwunderung darüber. Er steckte es wieder ein, zog aber seine Hand bald wieder mit den Worten heraus: du sollst auch etwas davon haben, und gab mir ein Sechsgroschenstück und einen Schilling von dem kleinen Silbergeld. Dies war mir sehr willkommen, da ich mir wohl auf meine vornehme Geburt als Edelmann viel einbildete, aber niemals vorher in meinem ganzen Leben einen Schilling Geld als mein eigen besessen hatte. Ich drängte ihn sehr eifrig mir zu sagen, wie er zu diesem Reichtum gekommen wäre. Denn er hatte als Anteil sieben Schillinge sechs Groschen an Geld, den silbernen Fingerhut und ein seidenes Schnupftuch bekommen, was für ihn, der sowohl wie ich seiner Lebtag keinen Schilling besessen hatte, ein Vermögen war. Was willst du nun damit machen, Hannes? fragte ich. Was ich damit machen soll? Zuerst will ich auf den Markt gehen und mir ein Paar Schuhe und Strümpfe kaufen. Daran tust du recht, sprach ich, so will ich es auch machen. Also gingen wir miteinander und kauften uns jeder ein Paar Strümpfe für fünf Groschen. Nicht das Paar für fünf Groschen, sondern beide für fünf Groschen zusammen, und es waren gewiß sehr gute Strümpfe, wohl noch viel zu gut für uns zu der damaligen Zeit. Uns mit Schuhen zu versehen, war viel schwieriger. Nachdem wir uns aber eine gute Weile danach umgesehen hatten, ehe wir passende für uns finden konnten, kamen wir endlich zu einem Schusterladen, der welche für uns hatte, und kauften hier zwei Paar für sechzehn Groschen. Wir zogen sie mit großer Freude alsbald an. Keiner von uns hatte je einen Strumpf an den Füßen gehabt. Ich fand mich recht davon erfrischt, daß ich ein Paar warme Strümpfe und ein Paar trockne Schuhe an den Füßen hatte. Dies waren wie gesagt Dinge, die ich seit langem nicht mehr gekannt hatte, und so fing ich auch wieder an, mich meines Adelstandes zu erinnern, der meine Gedanken viel beschäftigte. Nachdem wir uns also herausstaffiert hatten, fing der Major wieder an und sprach: Höre doch, Oberst Hannes, du und ich haben unser Lebtage kein Geld in Händen gehabt und haben auch noch niemals eine gute Mahlzeit gegessen, wie wäre es, wenn wir irgendwo etwas essen gingen, ich bin sehr hungrig? Also gingen wir zu einem Koch im Rosmariengäßchen, wo wir uns stattlich auffahren ließen. Wir bekamen gekochtes Rindfleisch, Pudding, Semmeln und ein ganzes Maß starkes Bier, was alles in allem sieben Groschen kostete. Ich trage auch nach, daß wir beide eine überaus gute Rindfleischbrühe bekamen. Und was mich im Grunde meines Herzens am meisten freute, war, daß die Magd und der Junge, so oft sie an dem Tische, an dem wir saßen, vorbeigingen, uns fragten: Haben die Herren gerufen, belieben die Herren etwas? Dies tat mir ebenso wohl wie meine Mittagmahlzeit. Der Lord Mayor zu London, ja der größte Herr auf Erden könnte in seiner Einbildung nicht glücklicher sein, als ich es in meiner neuen Glückseligkeit war. Mit einem Wort: niemand, der früher im Elend gelebt hat, kann sich für glücklicher halten, als ich es damals tat. Und dabei hatte ich doch nicht mehr als achtzehn Groschen von der Beute bekommen! In dieser Nacht freuten wir uns über unser Glück und schliefen zufrieden an unserm gewöhnlichen Orte, wo mir oben von der Wärme des Feuers der Glashütte bestrahlt wurden, aber uns dafür unten in der staubigen Asche herumwälzen mußten. Diejenigen, welche die Anlage der Glashütten und die gewölbten Bögen kennen, wo die gläsernen Flaschen, wenn sie geblasen sind, allmählich hart werden, wissen gar wohl, daß die Stellen, wo die Asche hingeschüttet wird, und wo wir armen Jungen lagen, Höhlen in dem Mauerwerk sind, die so warm zu sein pflegen wie eine Badestube, so daß man unmöglich darin frieren kann, auch wenn die Glashütten in Grönland oder Novaja Semlja lägen. Demnach waren wir Jungen nicht nur sicher, sondern hatten es auch bequem, ausgenommen was die Asche anbelangt, die wir eben mit in den Kauf nehmen mußten. Am andern Tage gingen der Major und seine Kameraden wieder aus und hatten abermals Glück und wurden von keinem Ungemach betroffen. Der Major Hannes wurde in sehr kurzer Zeit durch öftere Nachahmungen und Anweisungen ein sehr geschickter Taschenspitzbube. Er hatte auch manche Fehlschläge durchzumachen, auf die ich mich hier aber nicht weiter einlassen sondern wieder auf meine eigene Geschichte zurückkommen will, die doch die Hauptsache ist, die ich hier zu erzählen habe. Der Major verfehlte nicht, mich die Wirkungen seiner neuen Glückseligkeit alle Tage sehen zu lassen, und war so gütig, mir öfters ein paar Groschen und bisweilen sogar einen Schilling hinzuwerfen. Ich merkte, daß er anfing, Kleider auf seinen nackten Leib zu ziehen und das Aschenhaus zu verlassen, da er sich eine Stube gemietet hatte, doch darüber will ich noch bei einer andern Gelegenheit sprechen. Ja was noch mehr war, er fing an ein Hemd zu tragen, was weder er noch ich vor drei Jahren gewagt hätten. Ich merkte aber all diese Zeit über, obgleich der Major so glücklich war, und seine Lebenslage sich so verbessert hatte, sich auch immer gegen mich freigebig und gütig erwies, daß er mich doch niemals aufforderte, mich in seine Gesellschaft zu begeben oder mit ihm auszugehen, wodurch ich hätte ebenso glücklich werden können wie er. Er empfahl mir nicht einmal das Gewerbe, das er trieb. Es gefiel mir nicht, daß er so mißtrauisch gegen mich war und so hinter dem Berge hielt. Soviel hatte ich aber doch von ihm erfahren, daß man dieses Geschäft das Beutelschneiden nannte, und ich dachte mir, daß es bei diesem ehrlichen Handwerk hauptsächlich auf eine gute Geschicklichkeit und eine geschwinde Hand ankäme und solches nicht allzu schwer zu erlernen wäre. Insbesondere dachte ich mir, es gäbe so viele Gelegenheiten, und das Bauernvolk, das nach London käme, sei so einfältig, so närrisch und so neugierig, gaffte überall herum und hielte Maulaffen feil, so daß es ein Handel wäre, der mit keiner gar zu großen Gefahr verknüpft und leichtlich zu erlernen wäre, wenn ich überhaupt nur ein wenig zu diesem Handwerk Geschick hätte. Der Teufel, der bei allen Gelegenheiten bereit ist seine List spielen zu lassen, räumte auch diese Schwierigkeiten aus dem Wege und vermittelte mir die vertrauliche Bekanntschaft des geschicktesten Beutelschneiders der ganzen Stadt. Und unsere Vertraulichkeit lief dahinaus, daß er, weil ich Neigung und Geschicklichkeit bezeigte, Sorge tragen wollte, daß ich in meinen Hoffnungen nicht getäuscht würde. Er übertraf die kleinen Beutelschneider, die herumliefen und Kleinigkeiten und Spielsachen auf dem Bartholomäimarkt stahlen, bei weitem. Er hatte wichtigere Dinge im Auge. Seine Absichten gingen auf nichts Geringeres als auf ansehnliche Geldsummen und Wechselbriefe hinaus. Er redete mir ernstlich zu, ich sollte mit ihm auf Kundschaft ausgehen, und wenn er mich geschickt genug dazu gemacht hätte, sollte ich für mich allein gehen und die Kunst selber betreiben, wozu er mir schon im voraus viel Glück wünschte. Gleichwie der Major Hannes mit seinem Lehrmeister ausging, nur um zuzusehen und das Erbeutete an sich zu nehmen und doch seinen Teil davon zu fordern, so wollte er mir, wenn er glücklich wäre, einen Teil davon geben, als wenn ich gleich dem Meister das Hauptwerk selbst verrichtet hätte. Und dies wäre, versicherte er mir, Brauch bei diesem Handwerk, um junge Anfänger anzuspornen. Denn hierbei sei nichts zu machen, wenn einer nicht ein Löwenherz und Greiffenklauen hätte. Ich überlegte es mir eine gute Weile. Die Sache schien mir bedenklich und ich wendete die Gefahr ein, die dabei bestünde, und erzählte, wie es dem Hauptmann Hannes, meinem ältesten Bruder, gegangen wäre. Ich merke wohl, sprach er, du bist feige und wer feige ist, schickt sich nicht für unser Handwerk, denn damit kann nur ein kühner und beherzter Mann zurecht kommen. Allein, da du das erstemal nichts dabei zu tun hast, so läufst du auch keine Gefahr dabei. Wenn ich gefangen werde, so geht das dich nichts an. Sie werden dich frei gehen lassen, denn es wird leicht zu beweisen sein, daß du mit dem, was ich ausgeübt habe, nichts zu schaffen gehabt. Auf dieses Zureden hin wagte ich mich mit ihm hinaus. Da wurde ich denn bald gewahr, daß mein neuer Freund ein recht vornehmer Dieb und ein Beutelschneider ersten Ranges war, der weit höhere Ziele verfolgte als mein dummer Bruder, der Hauptmann Hannes. Er war ein gut Teil größer als ich. Denn obschon ich jetzt wohl mehr als sechzehn Jahre zählte, so war ich doch für mein Alter nicht groß. Was die Sache selbst betraf, so war mir dieselbe noch ganz unklar. Ich kam sehr jung zu dieser Zunft, verstand aber auch jetzt noch nichts davon und dachte, daß ich keine weitere Gefahr liefe als eingetaucht oder geplumpst zu werden, welches wir Einweihen. oder Einweichen hießen, und daß damit alles überstanden wäre. Wir fragten nicht viel danach, ob unsere Lumpen ein wenig naß würden. Ich kam nicht eher dahinter, daß es ein Verbrechen sei, das mit dem Tode bestraft würde, als bis ein großer Kerl, ein Mann von unserer Gesellschaft, deswegen gehängt wurde. Und da befiel mich ein großer Schrecken, wie man alsbald hören wird. Von meinem Lehrmeister überredet, spazierte ich nun hinaus mit ihm und hatte, soviel ich mich noch erinnere, keine üblen Absichten. Am ersten Tage führte er mich geradenwegs in die Stadt hinein, und nachdem wir auf der Wasserseite angelangt waren, auf den langen Platz beim Zollhause. Wir sahen nicht viel besser aus als Gassenjungen, ich sah noch am schlimmsten aus, denn mein Anführer hatte noch einen Hut, ein Hemde und ein Halstuch; was mich betraf, so war ich mit nichts dergleichen versehen. Seit dem Tode meiner Pflegemutter, was schon einige Jahre her war, war ich nicht so unhöflich gewesen, einen Hut auf den Kopf zu bringen. Mein Kumpan befahl mir, ich sollte ihn jederzeit im Auge behalten, aber nicht nahe an ihn herankommen, auch nicht tun, als ob er zu mir gehöre, bis er an mich heranträte. Und wenn eine Verwirrung oder ein Lärm entstünde, so sollte ich tun, als ob ich ihn nicht kennte und nichts mit ihm zu schaffen hätte. Ich kam seinen Anweisungen bis aufs kleinste nach, während er in alle Winkel hineinguckte, überall herumlungerte und seine Augen überall hatte. Ich sah unverwandt auf ihn, aber hielt mich jederzeit in gemessener Entfernung von ihm auf der andern Seite des langen Platzes, tat gleichsam als ob ich Nadeln suchte, las solche auch aus dem Staube auf und steckte sie auf meinen Ärmel, bis ich endlich vierzig bis fünfzig gute Nadeln beisammen hatte. Inzwischen hatte ich meine Augen beständig auf meinen Spießgesellen gerichtet, welcher unter der großen Volksmenge, die an der Tafel stand und bei den Zollbeamten, welche Freizettel ausschrieben, sich überaus geschäftig zeigte. Endlich kam er zu mir herüber, bückte sich, als ob er eine Nadel gerade neben mir aufheben wollte, praktizierte mir etwas in die Hand und sagte: Stecke dieses ein und folge mir geschwind die Treppe hinunter! – Er rannte nicht, sondern drängte sich langsam durchs Volk hindurch, ging auch nicht die große Treppe, welche wir hinaufgestiegen waren, sondern am andern Ende des Platzes eine Wendeltreppe hinunter. Er merkte, daß ich ihm folgte, und ging unten weiter, ohne stehen zu bleiben oder auch nur ein einziges Wort mit mir zu reden, bis wir durch unzählige Straßen und Gäßchen und dunkle Wege nach den Fleischhallen gelangten. Es fand an diesem Tage gerade kein Fleischmarkt statt, also hatten wir Platz, uns auf eine Fleischbank niederzusetzen. Da befahl er mir herauszuziehen, was er mir gegeben hätte. Es war ein kleines ledernes Brieffutteral, worin ein französischer Kalender steckte und eine große Menge Papiere aller Art. Er sah alle durch und fand, daß verschiedene Wechselbriefe und Zahlungsanweisungen von hohem Werte darunter waren, alles Dinge, von denen ich nichts verstand, unter anderm war ein Wechsel an einen Goldschmied Stephan Evans über 300 Pfund Sterling an denjenigen zahlbar, der ihn bringen würde. Außerdem fand sich noch ein anderer Wechsel auf 12 Pfund 10 Schillinge, der auch auf einen Goldschmied lautete, dessen Namen ich aber vergessen habe. Es waren auch etliche französische Wechselbriefe darunter, die keiner von uns verstand, sie schienen aber großen Wert zu haben. Mein Meister verstand gar wohl, was es mit dem Goldschmiedwechsel auf sich hatte, denn als er den Wechsel des Herrn Evans las, ließ er verlauten: dieser ist zu groß für mich, ich mag mich damit nicht abgeben! Als er aber zu dem Wechsel über 12 Pfund 10 Schilling kam, sprach er: dieser mag hingehen, komm mit, Hannes! Hiermit lief er fort nach der Lombardstraße zu, ich ihm nach, nachdem er die andern Papiere schnell wieder in die Brieftasche gesteckt hatte. Er forschte unterwegs bald den Namen aus und ging geradewegs auf den Laden zu, setzte ein ernsthaftes Gesicht auf und bekam das Geld, ohne daß er angehalten oder auch nur im geringsten gefragt wurde. Ich stand auf der andern Seite des Weges und sah mich auf der Straße um, als ob ich gar nichts zu tun hätte. Merkte aber, daß er den Wechselbrief vorzeigte und das Brieffutteral herauszog, als ob er ein Kaufmannsjunge wäre, der sich gar wohl auf den Handel verstünde und noch mehrere Wechselbriefe bei sich hätte. Sie zahlten ihm darauf das Geld in Gold aus. Er zählte es geschwind noch einmal durch und ging dann seines Weges an mir vorbei nach dem dritten Königshof auf der andern Seite des Weges. Alsdann eilten wir, so schnell wir konnten, nach der Wasserseite zu und dingten ein kleines Schifferboot, um uns über das Wasser nach der St. Marytreppe bringen zu lassen, wo wir landeten und sicher genug waren. Hier wendete er sich zu mir: Oberst Hannes, ich glaube, du bist ein Sonntagskind – dies ist ein guter Fund. Wir wollen nach dem St. Georgsfeld gehen und unsere Beute teilen! – Wir gingen durch die Felder und setzten uns weit genug vom Wege ins Gras, wo er das Geld herauszog und sagte: Sieh her, Hannes, hast du in deinem Leben schon einmal dergleichen gesehen? Nein, niemals, sagte ich und fragte etwas einfältig: Dürfen wir das alles behalten? Wir haben es, sprach er, wer soll es denn sonst haben? – Darf der Mann, fragte ich, der es verloren hat, nichts davon wieder haben? – Was wiederhaben, sprach er, was meinst du damit? – Das weiß ich nicht, versetzte ich, aber du sagtest, du wolltest ihn die andern Wechselbriefe wieder holen lassen, die zu groß für dich wären. Er lachte über mich und sagte: du bist zwar noch ein Junge, das ist wahr, aber für ein solches Kind hätte ich dich nicht mehr gehalten. – Er erklärte mir die Sache ganz ernsthaft, daß der Wechsel des Herrn Stephan Evans ein großer Wechsel über 300 Pfund Sterling wäre. Wenn ich nun, sprach er, als ein armer Kerl es wagen würde hinzugehen, um das Geld zu fordern, so würden sie mich alsbald fragen, wie ich zu einem solchen Wechsel käme, und daß ich solchen entweder gefunden oder gestohlen haben müßte, und da würden sie mich anhalten, ihn mir wegnehmen und mich deswegen in die äußerste Bedrängnis bringen. Deshalb kann ich mich nicht damit befassen und würde ihn dem Manne lieber zurückgeben, wenn ich nur wüßte, wie dies zu machen wäre. Jedoch was das Geld anlangt, Hannes, das wir bekommen haben, so soll er davon nichts bekommen. Im übrigen, fügte er hinzu, wird der, der die Brieftasche verloren hat, sobald er sie vermißt, zum Goldschmied gelaufen sein und ihn angewiesen haben: wenn jemand nach dem Gelde käme, solle er ihn anhalten. Allein dafür bin ich ihnen zu gescheit, fügte er hinzu. Was willst du denn nun mit dem Wechselbrief machen, fragte ich, willst du ihn wegwerfen? Dann wird ihn jemand anderes finden und hingehen, um das Geld einzustreichen. Nein, nein, versetzte er, da würde er sicher angehalten und ausgefragt werden. Ich wußte nicht recht, was er damit sagen wollte, also redete ich nicht mehr davon sondern nahm das Geld. Meiner Lebtag hatte ich niemals soviel beisammen gesehen, auch wußte ich nicht, was ich damit anfangen sollte, und war mehr als einmal willens ihn zu ersuchen, es mir aufzuheben, was gewiß recht kindisch von mir gewesen wäre, denn ich würde wohl schwerlich je etwas davon wiedergesehen haben. Da ich aber darüber den Mund hielt, so teilte er das Geld recht ehrlich mit mir, ließ jedoch dabei verlauten, daß er mir zwar die Hälfte versprochen, da es nun aber das erstemal sei und ich dabei weiter nichts getan als zugesehen hätte, so hielte er es für billig, daß ich etwas weniger bekäme als er. Also teilte er das Geld, das 12 Pfund Sterling und 10 Schillinge betrüg, in zwei gleiche Teile und zog mir dann 1 Pfund 5 Schillinge von meinem Teil ab: dieses Geld wolle er von mir als Lehrgeld annehmen. Gut, sprach ich, nimm es nur, denn dir gehört ja alles. Was soll ich nun mit diesem Gelde anfangen, sagte ich, denn ich weiß nicht, wo ich es hinstecken soll. Hast du keine Taschen? fragte er. Ja, sagte ich, ich habe wohl Taschen, aber sie sind voller Löcher. Ich habe seit der Zeit oft daran gedacht und darüber lachen müssen, wie ich damals wirklich mehr Reichtum besaß, als ich unterbringen konnte. Denn ich hatte keine Wohnung, also auch weder Schrank noch Schubkasten, wo ich mein Geld verwahren konnte, und meine Taschen waren wie gesagt voller Löcher. Ich kannte auch keinen Menschen, dem ich das Geld zur Aufbewahrung hätte geben können. Denn da ich ein armer, nackichter, zerlumpter Junge war, fürchtete ich, die Leute würden alsbald denken, ich hätte das Geld gestohlen, und würden mich vielleicht anzeigen. Also war ich voller Sorge, wie ich mein Geld in Sicherheit bringen sollte. Und dies machte mich endlich so verdrießlich, daß ich mich am folgenden Tage hinsetzte und darüber weinen mußte. Dieses Geld war mir die ganze Nacht eine große Last. Ich trug es eine gute Weile in meiner Hand, denn bis auf 14 Schillinge bestand es in Gold, das heißt es waren vier Guineen. Diese 14 Schillinge waren beschwerlicher zu tragen als die vier Guineen zusammen. Endlich setzte ich mich nieder, zog einen meiner Schuhe aus und steckte das Gold hinein. Nachdem ich aber eine Weile damit gegangen war, drückte mich mein Schuh solchermaßen, daß ich nicht weiter gehen konnte. Also sah ich mich genötigt mich wieder zu setzen, das Geld herauszunehmen und es in der Hand zu tragen. Da fand ich einen schmutzigen Lumpen Leinewand auf der Gasse, den hob ich auf, wickelte meinen Schatz hinein und trug ihn darin ein gutes Stück weiter. Ich habe die Leute seit der Zeit öfters sagen hören: ich wollte, daß ich es in einem schmutzigen Lumpen hätte! Der meine aber war mehr als schmutzig, allein ich war froh, daß ich ihn nur hatte, denn er diente mir doch, bis ich an einen bequemen Ort kam, wo ich den Lappen in dem Flusse, der durch die Stadt läuft, wusch und dann mein Geld wieder hineinband. Ich nahm es nun mit mir in mein Nachtquartier, die Glashütte. Als es aber zum Schlafengehen kam, wußte ich nicht, was ich damit anfangen sollte. Wenn ich einen von der schwarzen Rotte, unter welcher ich mich befand, etwas davon hätte merken lassen, so würde ich entweder in der Asche erstickt oder auf eine andere Art beraubt worden sein. Daß sie mir einen Possen gespielt haben würden, ist gewiß. Also lag ich da und hielt es in meiner Hand, die ich in den Busen gesteckt hatte, und der Schlaf floh meine Augen. Wenn ich dann und wann in einen leichten Schlummer fiel, träumte mir, mein Geld sei fort, so daß ich voller Schrecken aus dem Schlafe auffuhr. Wenn ich dann merkte, daß ich es noch fest in meiner Hand hielt, so versuchte ich aufs neue wieder einzuschlafen, konnte aber eine gute Weile kein Auge zutun, oder wenn ich gar ein wenig eingenickt war, fuhr ich alsbald wieder in die Höhe. Endlich machte ich mir darüber Sorgen, daß ich vielleicht, wenn ich einschliefe, von dem Gelde träumen und im Schlaf davon reden und mich so verraten könnte, daß ich Geld bei mir hätte. Und wenn mich nun einer von den Schelmen davon reden hörte, so würde er mir, ohne daß ich erwachte, das Geld aus meinem Busen und meiner Hand nehmen. Als mir dieses eingefallen war, konnte ich kein Auge mehr zutun, sondern verbrachte die ganze Nacht in Angst und Sorge. Und ich kann wohl sagen, daß dieses die erste Nacht war, da mich die Sorgen dieses Lebens um meine Ruhe gebracht haben. Sobald es Tag wurde, kroch ich aus dem Loche, in dem wir lagen, heraus und lief auf das Feld. Da stand ich still und überlegte, was ich nun mit dem Gelde anfangen sollte. Ich wünschte wirklich, ich hätte es gar nicht besessen. Denn nach allem Beratschlagen und Kopfzerbrechen, wo ich es unterbringen sollte, fiel mir kein Mittel ein, das mir sicher genug erschienen wäre. Dies machte mich so verwirrt, daß ich mich endlich, wie bereits gesagt, hinsetzte und bitterlich weinte. Nachdem ich mich ausgeweint hatte, fühlte ich mich noch immer mit meinem Kummer beladen. Ich hatte das Geld noch immer und wußte nicht, was damit anfangen. Endlich fiel mir ein, mich nach einem hohlen Baume umzusehen, in dem ich es verbergen könnte, bis ich es brauchen würde. Ich war recht froh über diesen Einfall und sah mich alsbald nach einem Baume um. Allein auf den Feldern waren keine Bäume, die mir für mein Vorhaben geeignet schienen. Und wenn ich einen erblickte, den ich genauer in Augenschein zu nehmen gedachte, so war das Feld so voller Volk, daß man mich unbedingt gesehen haben würde, wenn ich etwas hätte verbergen wollen. Ja, ich bildete mir sogar schon ein, daß aller Augen auf mich gerichtet wären und daß mir zwei Männer auf dem Fuße folgten, um zu sehen, was ich vornehmen würde. Dies trieb mich noch weiter fort, bis ich in der Stadt ein Gäßchen hinabging, das auf die Blind Beggars zugeht. Als ich durch das Gäßchen ging, fand ich einen Fußsteig, der über die Felder führte, und auf diesen Feldern verschiedene Bäume, die mir für mein Vorhaben passend schienen. Ich fand einen, in welchen von oben ein Loch hineinging. Es war aber so hoch, daß ich es nicht erreichen konnte, und ich kletterte daher den Baum hinauf. Als ich an das Loch kam, steckte ich meine Hand hinein und hielt es für einen sehr geeigneten Ort, meinen Schatz zu verbergen, worüber ich sehr froh war. Als ich meine Hand wieder hineinsteckte, um das Päckchen noch bequemer hinzulegen, entwischte es mir plötzlich und fiel so tief in den hohlen Baum hinunter, daß ich es nicht erreichen konnte, wußte auch nicht, wie weit das Loch hinunterging. Mit einem Wort, all das Geld war fort und unwiederbringlich verloren, und ich hatte nicht die geringste Hoffnung, es jemals wieder zu sehen, zumal es ein sehr großer und starker Baum war. So jung ich war, so merkte ich doch, was ich für ein Narr gewesen war, so weit herzulaufen und das Geld in ein Loch zu werfen, aus dem ich es nicht wieder herausbekommen konnte. Ich steckte meine Hand bis zum Ellenbogen hinein, allein da war kein Boden noch Ende zu verspüren. Ich brach einen Stecken vom Baum und stieß diesen ein gutes Stück hinein, aber es war vergebliche Arbeit. Da fing ich an zu weinen, ja zu heulen und zu schreien, und war so aufgeregt, daß ich den Baum bald hinab bald hinauf stieg und meine Hand ein über das andere Mal hineinsteckte, bis ich mir den Arm ganz zerritzt hatte, daß er blutete, und ich mittlerweile ganz jämmerlich weinte. Und wenn ich daran dachte, daß ich nunmehr nicht einen einzigen Groschen übrig hätte, so daß ich nicht einmal meinen hungrigen Magen stopfen konnte, fing ich von neuem an zu heulen. Bald lief ich voller Verzweiflung fort, heulte und schrie wie ein kleiner Bube, der ausgepeitscht worden; bald lief ich wieder zum Baume und kletterte an ihm hinauf und hinab. Dies tat ich zu verschiedenen Malen. Das letztemal stieg ich den Baum auf der andern Seite hinauf, als ich bisher hinauf- und hinuntergestiegen war, und kam also auch auf der andern Seite des Hügels hinunter. Da hatte denn der Baum ganz dicht über der Erde eine große Öffnung, wie alte Bäume öfters zu haben pflegen. Und als ich in diese offene Stelle hineinblickte, lag zu meiner unaussprechlichen Freude mein Geld noch eingewickelt in den Lumpen darin, wie ich es in das Loch hineingesteckt hatte. Denn weil der Baum von oben bis unten ganz hohl gewesen war, mochte wohl einiges Moos oder anderes Zeug inwendig nachgegeben haben, als ich das Geld aus meiner Hand fallen ließ, und war auf einmal ganz hinuntergerutscht. Ich war noch ein Kind und freute mich auch wie ein Kind, ich schrie vor Freude so laut ich konnte, als ich es wieder hatte. Ich hob es geschwinde auf, herzte und küßte den dreckigen Lumpen wohl an hundertmal, tanzte und sprang umher und hüpfte von einem Ende des Feldes bis ans andere. Kurzum ich wußte nicht, was ich tat, und will es auch niemandem verraten. Doch werde ich wohl mein Lebenlang nicht vergessen, welchen Kummer meinem Herzen der Verlust verursachte, und welcher Strom von Lust mich gleichsam überschwemmte, als ich es wiedergefunden hatte. Als ich mich etwas beruhigt hatte, setzte ich mich nieder, machte den schmutzigen Lumpen auf, worin das Geld war, zählte es nach und fand, daß noch alles beisammen lag. Dann fing ich wieder so arg an zu weinen wie vorher, als ich glaubte, alles verloren zu haben. Ich würde den Leser ermüden, wenn ich alle die kindischen Possen erzählen wollte, die ich vor ausgelassenster Freude und Zufriedenheit trieb, als ich mein Geld wieder hatte. Die Freude ist eine ebenso ausschweifende Leidenschaft wie die Traurigkeit. Nachdem ich älter geworden, habe ich öfters daran gedacht, wenn dergleichen einen erwachsenen Menschen trifft, daß er all sein Hab und Gut verliert und nicht einen Bissen Brot mehr zu essen hat, daß er dann Hand an sich legen oder vor Freude sterben würde, wenn er auf so seltsame Weise wiederfände, was er schon vollkommen aufgegeben hatte. Ich begab mich nun mit meinem Gelde fort. Nachdem ich sechs Groschen herausgenommen hatte, ging ich in einen Kramladen und kaufte mir für einen halben Groschen Semmeln und für einen halben Groschen Käse dazu, setzte mich vor die Tür, wo ich es gekauft hatte, nieder und aß es mit gutem Appetit auf, bat dann um ein wenig Bier, welches mir die gute Frau auch willig reichte. Hierauf begab ich mich in die Stadt, um zu sehen, ob ich einige von meinen Kameraden finden könnte, und nahm mir vor, keine hohlen Bäume mehr zur Verbergung meines Schatzes auf die Probe zu stellen. Als ich von Whitechapel herkam, gelangte ich zu einem Trödlerladen, der Kirche gegenüber, wo alte Kleider zu verkaufen waren, denn ich hatte nichts als zerrissene Lumpen an. Ich blieb bei der Bude stehen und sah mich unter den Kleidern, die vor der Tür hingen, ein Weilchen um, worauf ein Mann, der in der Tür stand, zu mir sagte: Guter Freund, was beliebt euch? Sucht ihr etwas, was euch paßt? Wollt ihr einen hübschen Rock kaufen? Denn ihr seht fast so aus, als ob ihr zu einem gar lumpigen Regiment gehöret! Da mich diese Rede verdroß, sagte ich zu dem Kerl: Was geht es euch an, ob ich lumpig aussehe. Wenn ich etwas gefunden hätte, was mir gefiele, so würde ich schon das Geld gehabt haben, es auch zu bezahlen. Allein ich kann ja dorthin gehen, wo ich mir etwas ansehen kann, ohne zuvor verspottet zu werden. Als ich dem Kerl dieses ziemlich dreist gesagt hatte, kam eine Frau heraus und sprach: Was beliebt euch? Und zu dem Manne sagte sie: Mußt du denn unsere Kundschaft so grob abschrecken? Das Geld eines armen Kerls ist mir genau soviel wert wie das des Bürgermeisters! Wenn arme Leute keine Kleider kauften, würde es schlecht mit unserm Handel aussehen! Worauf sie sich wieder zu mir wandte und sagte: Komm her, mein Kind, wenn dir etwas gefällt, was ich habe, so brauchst du dich nicht erst von jenem anschnauzen zu lassen. Dieses Bürschchen ist ein artiges Bürschchen, sprach sie zu einer andern Frau, die mittlerweile herzugekommen war. Es ist wahr, sprach die andere: der Bursche sieht sehr nett aus und wenn er reinlich und gut gekleidet wäre, so könnte er ganz gut für eines Edelmannes Sohn gelten! Komm her, mein Kind, sprach die Händlerin, sage mir, was du haben willst! Es gefiel mir ungemein wohl, daß man mich für eines Edelmannes Sohn hielt, als ich aber bedachte, daß sie zugleich mein schmutziges, lumpiges Aussehen erwähnt hatte, stiegen mir die Tränen auf. Sie drang in mich, ich sollte ihr nur sagen, ob mir etwas gefiele. Ich antwortete, ich sähe nichts für mich darunter, da alle Kleider, die aushingen, für mich wohl zu groß wären. Komm her, Kind, sprach sie, ich habe hier zwei Sachen, die dir gut passen werden, und ich versichere dir, dies sind ein paar gute, feste Hosen. Und wenn du soviel Geld bekommen solltest, daß du nicht weißt, wohin damit, so sind hier ein paar vortreffliche Taschen mit kleinen Nebenfächern, um Gold oder die Uhr hineinzustecken, wenn du eine bekommst. Ich empfand eine rechte Freude, daß ich einen Platz für mein Geld bekommen sollte, damit ich nicht mehr nötig hätte, es in einem hohlen Baume zu verbergen. Ich riß der Frau die Hosen vor Freude gleichsam aus der Hand und wunderte mich, daß ich ein solcher Narr gewesen war und nicht früher daran gedacht hatte, mir ein Paar Hosen zu kaufen, die auch eine Tasche hätten, mein Geld hineinzustecken und nicht gezwungen sein müssen, es zwei ganze Tage in meinem Schuh oder in der Hand herumzuschleppen. Mit einem Wort, ich gab ihr zwei Schillinge für die Hosen, ging hinüber auf den Kirchhof, wo ich sie anzog, steckte mein Geld in meine neuen Taschen und war so vergnügt in meinem Herzen wie ein Prinz in seiner Kutsche mit sechs Pferden. Ich bedankte mich bei der guten Frau auch wegen des Hutes und sagte ihr, ich wollte wiederkommen, wenn ich mehr Geld hätte, um noch einige andere notwendige Sachen zu kaufen. Nun hielt ich mich für einen Mann, nachdem ich eine Tasche bekommen hatte, in welche ich mein Geld hineinstecken konnte. Ich machte mich nun auf, meinen Kameraden zu suchen, von dem ich das Geld bekommen hatte. Allein ich wußte vor Schreck nicht, wie mir geschah, als ich hörte, daß er in Untersuchungshaft abgeführt worden sei. Ich zweifelte keineswegs, daß es wegen der Brieftasche sei und daß ich ebenfalls dahin geführt werden würde. Als mir dann meines armen Bruders, des Hauptmanns Hannes, Stockschilling einfiel, und daß ich ebenso grausam gepeitscht werden würde, geriet ich in solchen Schrecken, daß ich nicht wußte, was ich tun sollte. Des Nachmittags aber traf ich ihn, er war zwar dieses Handels wegen abgeführt worden, aber auch gleich wieder losgekommen. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Nachdem er am Tage vorher bei dem Zollhause so glücklich gewesen war, machte er wieder einen Spaziergang dorthin. Als er auf dem langen Platze herumstand und herumgaffte, ergriff ihn jemand beim Arme und rief einem von den Schreibern, die hinter ihm saßen, zu: Das ist der junge Spitzbube, den ich gestern hier herumschleichen sah, als der Herr seine Brieftasche verlor, ich wette, daß er der Dieb gewesen ist. Hierauf sammelte sich das Volk haufenweise um den Jungen und sagte ihm die Tat gerade ins Gesicht. Allein er war auf dergleichen Dinge vorbereitet und bekannte nichts vor Schreck; sie hätten ihm auch schwerlich etwas beweisen können. Er hatte auch nicht das geringste Geld davon bei sich außer sechs Groschen und einigen lumpigen Pfennigen. Sie drohten ihm, zerrten und zausten ihn so derb, daß sie ihm fast alle Kleider vom Leibe gerissen hätten, als ihn schließlich die Polizei ausfragte. Allein er gestand nichts und blieb dabei, daß er sowohl diesesmal wie auch das vorige nur durch die Stube gegangen sei, um sich ein wenig dort umzusehen. Da nun kein Beweis für die Tat aufzubringen war, sah die Polizei sich endlich genötigt, ihn wieder laufen zu lassen, trotzdem tat sie so, als wenn sie ihn in Untersuchung abführen wollte. Sie führten ihn auch wirklich bis vor die Tür des Gefängnisses, um ihn dadurch vielleicht zu einem Bekenntnis zu bringen. Allein er gestand nichts. Und weil sie keinen Befehl zum Verhaften hatten, so durften sie ihn nicht in das Haus führen, wo die Leute ihn ohne Befehl auch nicht angenommen hätten. Als sie nun nichts aus Will – denn dies war sein Name – herausbringen konnten, führten sie ihn in ein Bierhaus und sagten ihm, daß verschiedene Wechsel von großem Werte in der Brieftasche gewesen wären, daß diese dem Spitzbuben, der sie hätte, nichts nützen könnten, für den Herrn aber, der sie verloren, einen großen Schaden bedeuteten, und daß er versprochen, demjenigen 30 Pfund Sterling zu geben, der ihm die Wechsel wiederbrächte, auch ihm keine Ungelegenheiten zu machen. Will war eben erst aus ihren Händen entronnen, als ich ihn antraf. Er erzählte mir die ganze Begebenheit und sagte: Ich habe nichts bekannt, und so bin ich ungestraft davongekommen und ihnen diesesmal entwischt. Das ist mir lieb, sagte ich, aber was willst du nun mit der Brieftasche und den Wechseln machen? Willst du sie dem armen Manne nicht wieder zukommen lassen? Das werde ich wohl bleiben lassen, war seine Antwort, was frage ich nach den Wechseln? Es schien mir, so jung ich auch war, etwas Grausames zu sein, einem Manne Wechsel von großem Werte fortzunehmen und selbst nicht den geringsten Vorteil davon zu haben. Denn ich meinte, daß derjenige, dem die Wechsel gehörten, alles wiederbekommen und wir beide ein gutes Stück Geld dabei verdienen könnten. Es schien mir unverantwortlich, daß Will die Wechsel behielt und den armen Mann für nichts und wieder nichts um soviel Geld brachte. Und obgleich ich es nicht recht verstand, so lastete es doch schwer auf mir, so daß ich bei jeder Gelegenheit zu ihm sagte: Gib doch dem armen Manne seine Wechsel wieder, tu es doch bitte! Tu es doch! Ich plagte ihn so lange damit, bis er unwirsch wurde und sagte: Du willst wohl, daß man mich ausfindig macht und ins Gefängnis abführt und mich so auspeitscht wie deinen Bruder, den Hauptmann Hannes? Nein, antwortete ich, das will ich nicht, aber ich möchte, daß der Mann seine Wechsel wieder bekommt, die dir doch nichts nützen können. Und als ich von neuem anfing ihn zu drängen, schnauzte er mich an und sagte: Wie soll ich sie ihm denn wieder zustellen, wer soll sie denn hintragen, ich für meinen Teil bedanke mich dafür. Denn sie werden mich anhalten, den Goldschmied herbeirufen, um zu sehen, ob er mich kennt, und dann wird es herauskommen, daß ich das Geld empfangen und den Diebstahl begangen habe, und ich werde an den Galgen wandern müssen. Willst du denn, daß ich gehängt werden soll, Hannes? Hierdurch wurde ich für eine gute Weile zum Schweigen gebracht, da ich hierauf nichts zu erwidern wußte. Allein eines Tages rief er mich zu sich und sprach: Oberst Hannes, ich habe ein Mittel ersonnen, wie der Mann seine Wechsel bekommen könnte, wenn du nur ehrlich an mir handeln wolltest, wie ich ehrlich an dir gehandelt habe. Wahrhaftig, Will, sagte ich zu ihm, ich will ehrlich gegen dich sein, sage mir, wie es zu machen ist! denn ich wollte gern, daß er seine Wechsel wieder hätte. Höre, sagte Will, die Leute haben mir erzählt, daß er demjenigen 30 Pfund Sterling geben wolle, der ihm die Wechsel wiederbrächte, auch ihn nicht im geringsten weiter belangen würde. Nun denke ich, du könntest als armer unschuldiger Knabe in den langen Saal gehen und dem Schreiber sagen, wenn der Herr, der die Brieftasche verloren, seinem Versprechen nachkommen würde, so glaubtest du sie beschaffen zu können. Wenn sie nun höflich gegen dich sind und das Versprechen einhalten, so sollst du die Brieftasche haben, um sie ihnen zu bringen. Allein, Oberst Hannes, setzte er hinzu, wenn sie dich nun beim Kopfe kriegen und dir mit einem Stockschilling drohen, wirst du mich ihnen dann verraten? Nein, sprach ich, und wenn sie mich zu Tode peitschen sollten, ich würde es ihnen nicht entdecken! Nun denn, sprach er, da hast du die Brieftasche, und geh! Dann gab er mir Anweisungen, wie ich mich zu verhalten und was ich zu sagen hätte. Doch wollte ich die Brieftasche nicht mit mir nehmen, damit sie, wenn sie mich festnehmen sollten, nichts bei mir finden und mich des Diebstahls nicht beschuldigen könnten. Also ließ ich die Tasche bei ihm. Am folgenden Morgen ging ich nach unserer Verabredung aufs Zollhaus. Aus dem, was sich dort ereignete, wird hervorgehen, welche Anweisungen er mir gegeben hatte, die ich hier, um eine Wiederholung zu vermeiden, mit Stillschweigen übergehen will. Dies war gewiß kein Geschäft für einen so jungen Knaben, der in der Spitzbüberei noch wenig geübt war. Zwei Dinge hatte ich mir aber fest vorgenommen. Vorerst, daß der Mann seine Wechsel wiederhaben sollte, denn es schien mir grausam, wenn er um sein Geld käme, nur weil wir die Brieftasche nicht wiederbringen wollten, dann, daß ich, möge kommen was da wolle, meinen Kameraden Will nie und nimmer verraten wollte. Mit diesen edlen Gedanken und mit einem männlichen Herzen, wenn auch mit kindlichem Verstand, ging ich am folgenden Tage in den langen Saal im Zollhause. Sobald ich an den Ort kam, wo die Tat geschehen war, sah ich den Schreiber an demselben Ort sitzen, wo er auch damals gesessen hatte. Ich trat hinzu und ging an die Seite des Schreibtisches, der so hoch war, daß ich meinen Arm hinauflegen konnte. Wie ich so dastand, stieß mich einer hierhin, der andere dorthin, und der Mann, der hinten saß, wurde mich gewahr. Endlich rief er: Was hat der Junge da zu suchen? Fort, geh deiner Wege. Bist wohl auch einer von den Galgenvögeln, die dem ehrlichen Herrn vergangenen Montag die Brieftasche gestohlen haben? Hierauf wandte er sich an einen andern, mit dem er gerade sprach, und fuhr fort: Hier verlor Herr N. letztes Montag durch einen unglücklichen Zufall seine Brieftasche. Hier stand er, gerade auf der Stelle, und zog, indem er seine Waren aufmachte, seine Brieftasche heraus und legte sie hin. Kaum hatte er sie aus der Hand gelegt, als sie in demselben Augenblicke auch schon ein Junge, während er mit der Feder ins Tintenfaß tauchte, gestohlen hatte. Wer mag der Spitzbube wohl gewesen sein? fragte der andere. Das weiß kein Mensch, aber einer von unsern Aufsehern will ein paar junge Galgenvögel gesehen haben, wie dieser da – indem er mit dem Finger auf mich wies – die, ehe man sichs versehen habe, verschwunden gewesen wären. Jedenfalls ist der Verlust ein ungeheurer Schaden für den Mann. Meines Erachtens sollte er eine Belohnung aussetzen und solches öffentlich bekannt geben, damit diejenigen, welche die Tasche haben, bewogen würden sie wiederzubringen. Ich glaube ganz bestimmt, er würde dann alsbald zu seiner Tasche kommen. Er hat es schon an der Tür anschlagen lassen, sagte der andere, daß er eine Belohnung dafür geben will. Das ist ganz gut, er sollte aber auch versprechen, denjenigen, der sie wiederbringt, weder anzuhalten noch ihm irgendwelche Ungelegenheiten zu machen. Auch das hat er getan, allein ich fürchte, die Diebe werden der Sache nicht trauen. Das ist wohl wahr er könnte in einem solchen Falle sein Wort brechen. Das sollte aber niemand tun, denn sonst wird es kein Spitzbube mehr wagen, Gestohlenes wiederzubringen, und hierdurch würden andere, die nach ihm Schaden leiden, großen Nachteil erleiden. Soweit sprachen sie hiervon, dann redeten sie von etwas anderem. Ich hörte alles mit an, wußte aber lange nicht, wozu ich mich entschließen sollte. Ich gab acht, bis der Herr fortging, und lief ihm nach, um mit ihm zu reden, allein er ging sehr schnell an das andere Ende des Saales in ein oder zwei Stuben hinein, die voller Menschen waren, und als ich ihm folgen wollte, stießen mich die Türwärter zurück und sagten, ich dürfte dort nicht hinein. Also ging ich zurück und schlenderte herum, zögerte und blieb dort so lange, bis ich die Uhr zwölf schlagen hörte, und das Volk in der Stube etwas lichter zu werden begann. Da sah ich ihn endlich sitzen und schreiben, ohne daß jemand bei seinem Tische stand wie den ganzen Morgen. Als ich ein wenig näher an den Tisch trat, sah er von seinem Schreiben auf und sagte zu mir: Ich habe dich den ganzen Morgen auf und ab schlendern sehen, was hast du hier im Sinne? Gewiß nichts Gutes! Nein, Herr, ich habe nichts Böses vor, sagte ich. Nun, es ist gut, versetzte er, wenn du nichts Böses im Sinne hast, was hast du denn aber hier in der langen Stube zu tun, da du kein Kaufmann bist? Ich möchte gern ein paar Worte mit euch reden, sprach ich. Mit mir, versetzte er, was hast du mit mir zu reden? Ich habe euch etwas zu sagen, sprach ich, wenn ihr mir versprecht, daß ihr mir deswegen nichts tun wollt. Kind, was sollte ich dir wohl tun, versetzte er ganz freundlich. So kann ich mich darauf verlassen, daß ihr mir nichts tun werdet, sprach ich. Ja, Kind, du kannst dich darauf verlassen, daß ich dir nichts tun will. Was hast du mir zu sagen? Weißt du vielleicht etwas von des Herrn Brieftasche? Ich antwortete, redete aber so leise, daß er mich nicht verstehen konnte. Deshalb trat er hinüber in den Stuhl, der neben ihm stand, und ließ mich zu sich hinein kommen. Dann fragte er mich wieder, ob ich etwas von der Brieftasche wüßte. Ich redete wieder leise und sagte, die Leute würden ihn hören. Da zischelte er leise und fragte mich wiederum. Ich sagte ihm nun, ich glaubte ihm etwas von der Brieftasche mitteilen zu können, ich hätte sie nicht und wäre auch nicht bei der Entwendung beteiligt gewesen, allein sie wäre einem Knaben in die Hände geraten, der sie hätte verbrennen wollen, wenn ich ihn nicht daran gehindert hätte, und daß ich ihn hätte sagen hören, der Herr würde froh sein sie wiederzubekommen und würde auch eine Summe Geldes dafür geben. Das habe ich gesagt, Kind, und wenn du die Brieftasche wiederbringen kannst, so soll er dir eine gute Belohnung, nämlich 30 Pfund Sterling, aussetzen. Mein Herr, sprach ich, ihr sagtet auch, daß deswegen niemand ins Unglück kommen würde. Nein, dir soll kein Unglück geschehen, darauf gebe ich dir mein Wort. Sie dürfen mich aber auch nicht zwingen, andere Leute deswegen ins Unglück zu bringen. Nein, du sollst nach keinem Namen gefragt werden, brauchst auch nicht zu sagen, wer derjenige gewesen ist, der die Brieftasche gestohlen hat. Ich bin nur ein armer Junge und würde es gern sehen, daß der Herr seine Wechsel wieder bekäme, aber ich habe sie wahrhaftig nicht gestohlen und sie auch nicht bekommen. Aber wie soll sie der Herr denn wiedererhalten? Wenn ich sie bekommen kann, so bringe ich sie morgen früh zu euch. Kannst du es nicht heute abend tun? Ich glaube, ich könnte es tun, wenn ich nur wüßte, wohin. Komm in mein Haus, wo ich wohne, mein Kind. Ich weiß nicht, wo der Herr wohnt, sagte ich. Komm mit mir, so wirst du es sehen. Alsdann führte er mich in die Towerstraße, zeigte mir sein Haus und befahl mir abends um 5 Uhr dahin zu kommen. Als ich kam, fragte mich der Herr, ob ich das Buch bei mir hätte. Es ist kein Buch, sprach ich. Nun, die Brieftasche, sagte er, es ist dasselbe. Ihr verspracht mir doch, mein Herr, daß mir nichts geschehen sollte, sagte ich und fing an zu weinen. Fürchte dich nicht, mein Sohn, ich will dir nichts tun, kein Mensch soll dir etwas tun, du armer Junge! Hier ist sie, sprach ich und zog die Tasche heraus. Hierauf führte er denjenigen herein, dem die Brieftasche gehörte, und fragte ihn, ob es die rechte sei, was jener bejahte. Dann fragte er mich, ob alle Wechselbriefe darin wären. Ich antwortete ihm, ich hätte sagen hören, daß einer davon fehle, ich glaubte aber, daß alle übrigen darin wären. Warum glaubst du das, fragte er. Weil ich den Jungen, der sie, wie ich glaube, gestohlen hat, sagen hörte, sie seien zu groß für ihn, er könnte nichts damit anfangen. Hierauf fragte der Herr, dem die Tasche gehörte, wo ist der Junge? Da fiel ihm der andere ins Wort und sagte: Nein, danach dürft ihr ihn nicht fragen, ich habe ihm mein Wort gegeben, daß dies nicht geschehen und daß er nicht gezwungen werden solle es jemandem zu sagen. Dann, mein Kind, sprach er, wollen wir die Brieftasche aufmachen und sehen, ob die Wechselbriefe alle darin sind. Ja, sprach ich, tut das! Also wieviel Wechselbriefe waren denn darinnen, fragte der erste Herr. Nur drei, sprach er, außer dem Wechsel über 12 Pfund 10 Schillingen waren Herrn Stephan Evans Handschrift über 300 Pfund und noch zwei andere Wechsel darinnen. Und wenn sie noch in der Brieftasche sind, so soll der Knabe 30 Pfund Sterling haben, nicht wahr? Ja, sprach jener Herr, er soll sie haben. So komm denn, Kind, sprach er, und laß die Tasche sehen. Hiermit gab ich sie ihm und er öffnete sie. Es fanden sich alle drei Wechsel nebst verschiedenen andern Papieren noch schön sauber darinnen, es war nichts davon verwischt oder beschädigt. Der Kaufmann erklärte darauf, daß alles richtig sei. Da sagte der erste Herr: ich habe dem armen Jungen für das Geld gebürgt. Gut, sagte der andere, aber die Schelme haben 12 Pfund Sterling und 10 Schillinge bekommen, das soll als ein Teil von 30 Pfund abgerechnet werden. Sie wechselten darüber einige Worte, so daß ich dachte, sie würden darüber in Streit geraten, allem sie gaben beide endlich ein wenig nach, und der Kaufmann gab mir 25 Pfund Sterling in Guineen, die er mir in meine Hand zählte. Als dieses geschehen war, fragte er mich, ob es mir so recht wäre. Ich sagte, ich wüßte es nicht, ich glaubte es aber. Warum glaubst du es, kannst du es nicht zählen? Ich antwortete, ich hätte meiner Lebtage nicht soviel Geld beisammen gesehen, hätte auch nicht zählen gelernt. Weißt du denn auch, daß es Guineen sind? fragte er. Nein, sagte ich ihm, ich wüßte nicht, wieviel ein Guinee wäre. Warum sagtest du denn, sprach er, du glaubtest, daß es recht wäre? Ich gab ihm zu erkennen, daß ich ihm vertraute, er würde mir nicht unrecht tun. Du armes Kind, sprach er, du weißt so wenig von der Welt, wer bist du? Ich bin ein armer Junge, sprach ich und fing an zu weinen. Wie heißt du, doch halt, ich habe vergessen, daß ich dir versprochen, dich nicht nach deinem Namen zu fragen, also hast du nicht nötig, mir ihn zu nennen. Ich heiße Hannes. Hast du denn keinen andern Namen außer Hannes? Ja, sie nennen mich Oberst Hannes. Aber hast du keinen andern Namen? Nein, sagte ich. Wie kommt es denn, daß du Oberst Hannes genannt wirst? Sie sagten mir, sprach ich, mein Vater hätte Oberst geheißen. Sind deine Eltern noch am Leben? Nein, mein Vater ist tot. Wo ist denn deine Mutter, fragte er. Ich habe niemals eine Mutter gehabt. Dieses brachte ihn zum Lachen. Was, sagte er, du hast keine Mutter gehabt? Was hast du denn gehabt, wenn du keine Mutter gehabt hast? Ich hatte eine Pflegerin, sprach ich, aber sie war nicht meine Mutter. Ich versichere euch, sprach er zu dem Kaufmann, dieser Knabe ist nicht der Dieb gewesen. Wahrhaftig, mein Herr, ich habe sie nicht gestohlen, rief ich und fing wieder an zu weinen. Nein, nein, mein Kind, sagte er, wir glauben es dir ja, daß du es nicht getan hast. Dies ist ein artiger und ehrlicher Junge, sagte er zu dem andern Herrn, aber sehr unwissend. Es ist schade, daß sich keiner um ihn bekümmert und nichts für ihn getan wird. Wir wollen uns ein wenig länger mit ihm unterhalten. Sie setzten sich nieder, tranken Wein und schenkten mir auch etwas ein. Dann redete mich der erste Herr wieder an: Was willst du nun mit dem Gelde anfangen? Das weiß ich nicht, sprach ich. Wo willst du es denn hinlegen? fragte er. In meine Tasche, versetzte ich. In deine Tasche? Ist deine Tasche auch heil? Wirst du es auch nicht verlieren? Nein, sagte ich, meine Tasche ist heil. Und wohin willst du es tun, wenn du heim kommst? Ich habe kein Heim, sprach ich und fing wieder an zu weinen. Du armes Kind, sagte er, womit bringst du denn dein Leben hin? Ich besorge Wege für die Leute im Rosmariengäßchen, wenn sie niemanden sonst zu schicken haben. Wo hast du denn dein Nachtquartier? Ich schlafe in der Glashütte, sprach ich. Wie, du schläfst in der Glashütte, gibt es denn dort Betten? Ich habe meiner Lebtag nicht in einem Bette gelegen, soviel ich mich erinnern kann. Worauf liegst du denn in der Glashütte? Auf der Erde, sprach ich, bisweilen auf Stroh oder in der warmen Asche. Da sagte der Herr, dem die Wechsel gestohlen worden waren: Dieses arme Kind stimmt mich traurig bis zum Weinen und läßt mich Gott danken, daß er mich nicht in solch ein Elend hat geraten lassen. Die Tränen steigen mir dabei in die Augen. Mir auch, versetzte der andere. Aber höre doch, Hannes, sprach der erstere Herr, gaben sie dir denn kein Geld dafür, wenn sie dich fortschicken? Sie gaben mir zu essen, sagte ich, und das ist mir lieber. Aber woher bekommst du Kleidung, oder was mußt du dafür tun? Sie geben mir bisweilen alte Sachen, die sie ablegen und nicht mehr brauchen, antwortete ich. Ich glaube, du hast wohl nicht einmal ein Hemd auf dem Leibe, du armer Schelm, fuhr er fort, oder hast du eines an? Nein, sprach ich, ich habe seit meiner Pflegemutter Tode kein Hemd mehr auf dem Leibe gehabt. Wielange ist das wohl her, fragte er. Sechs Winter, wenn dieser vorüber ist, antwortete ich. Wie alt bist du denn? fragte er. Das kann ich nicht sagen, sprach ich. Willst du dir nun nicht von diesem Gelde einige Kleider und vor allem ein Hemd kaufen, fragte er. Ja, sprach ich, ich werde mir einige Kleider kaufen. Was willst du denn mit dem übrigen machen, fragte er. Das weiß ich nicht, versetzte ich und fing an zu weinen. Warum weinst du, Hannes, sprach er. Ich fürchte mich, sagte ich und weinte wieder. Wovor fürchtest du dich denn? fragte er. Sie werden merken, daß ich Geld habe, sagte ich. Wer wird es merken? fragte er. Die Jungen in der Glashütte, sagte ich. Was schadet denn das, sprach er, laß sie es doch ruhig merken. Ich kann dann nicht mehr in der warmen Glashütte schlafen und werde wohl erfrieren müssen, sprach ich. Aber warum kannst du denn nicht mehr dort schlafen? Weil sie mir mein Geld fortnehmen werden, gab ich zur Antwort. Ich wette, sagte der Schreiber, als dieser arme Junge noch kein Geld gehabt hat, hat er die ganze Nacht hindurch auf dem Stroh oder in der warmen Asche in der Glashütte sanft und sorgenlos geschlafen wie es nur ein Mensch mit vollkommener Gemütsruhe kann, nun aber, sobald er Geld bekommen, erfüllt die Sorge, es zu behalten, ihn mit Furcht. Sie fragten mich noch nach allerhand anderen Dingen, worauf ich ihnen in meiner kindischen Einfalt antwortete, so gut ich konnte, aber doch so, daß sie wohl ganz zufrieden damit zu sein schienen. Ich begab mich endlich mit einer schweren Tasche und keinem leichten Herzen fort. Ich war voller Furcht wegen des vielen Geldes, das ich bekommen hatte, weil ich doch nicht wußte, ich damit anfangen sollte. Ich ging immer weiter, hätte aber nicht sagen können wohin, oder was ich vorhätte. Nachdem ich zwei gute Stunden umhergewandert war, ging ich wieder zurück bis an des Herrn Tür, ich setzte mich dort nieder, wagte aber nicht noch einmal anzuklopfen. Ich hatte nicht lange dort gesessen, als mich jemand von den Leuten im Hause bemerkte. Eine Magd kam und redete mich an. Ich gab ihr aber wenig zur Antwort, sondern weinte nur. Endlich kam es dem Herrn zu Ohren. Der Kaufmann war schon fortgegangen. Als der Herr von mir hörte, rief er mich herein und fing aufs neue an mit mir zu reden und fragte mich, worauf ich noch wartete. Ich sagte ihm, daß ich nicht die ganze Zeit dort gewartet hätte, sondern daß ich eine gute Weile fortgewesen wäre, aber jetzt zurückgekehrt sei. Aber weshalb bist du wiedergekommen? fragte er. Ich weiß es selbst nicht, sagte ich. Warum weinst du denn aber so sehr, fuhr er fort. Ich will nicht hoffen, daß du dein Geld verloren hast. Hast du es noch? Nein, sprach ich, ich habe es nicht verloren, ich fürchte aber, daß ich es verlieren könnte. Und deshalb weinst du? fragte er. Ich sagte ihm, ich wüßte gewiß, ich würde nicht imstande sein das Geld zu behalten, sondern sie würden mich darum betrügen oder vielleicht gar totschlagen, um es mir wegzunehmen. Nun, Hannes, sprach er, wie soll ich dir denn helfen? Willst du das Geld bei mir lassen, daß ich es dir aufhebe? Ja, sagte ich, wenn der Herr so gut sein will. So komm, sprach er, und gib es mir, und damit du eine Sicherheit hast, will ich dir einen Wechsel dafür geben, und den kannst du sicher genug aufheben. Und wenn du ihn verlieren solltest, oder man ihn dir auch vielleicht stehlen würde, so soll doch niemand das Geld empfangen als du selbst, kein anderer Mensch soll davon auch nur einen Schilling in die Hände bekommen. Da zog ich das Geld heraus und gab es ihm. Ich behielt nicht mehr als 15 Schillinge für mich, um einige Kleider zu kaufen. Hiermit war unser Gespräch für dieses Mal zu Ende. Nachdem ich also mein Geld zu meiner vollkommenen Befriedigung in Sicherheit gebracht hatte, beruhigte sich mein Gemüt wieder, und die traurigen Gedanken, die mich vorher geplagt hatten, verschwanden. Der erste glückliche Umstand, der sich mir in der Welt darbot, war nun vorüber. Ich hatte Geld bekommen, kannte aber weder seinen Wert, noch wußte ich es zu gebrauchen. Die Lebensweise, die ich geführt hatte, war mir gleichsam zur zweiten Natur geworden, daß ich sie nicht zu verändern wünschte. Mich verlangte gar nicht danach, neue Kleider oder auch nur ein grobes Hemd zu kaufen. Noch weniger dachte ich an ein anderes Quartier als das in der Glashütte. Ich fühlte mich überall zu Hause und auch beim Herumschlendern auf den Gassen recht wohl. Denn ich wußte nicht, was gut und was schlecht war, auch das Leben, das ich führte, war in meinen Augen kein übles. Mein Kamerad, der mir die Wechsel zurückgegeben, was er wohl nie getan hätte, wenn ich ihn nicht so sehr gebeten hätte, fragte mich nicht einmal, was ich bekommen hätte, sondern sagte mir, was sie mir gegeben sollte mein eigen sein. Was ihn beträfe, so hätte er nicht wagen können, sich bei der Zurückgabe sehen zu lassen, daher verdiente ich die Belohnung ganz allein. Ich schlenderte nun wie sonst in den Gassen auf und ab, lief ebenso willig wie früher Gänge, wenn man mich brauchte, und nahm alles, was mir gegeben wurde, mit derselben Dankbarkeit wie früher an. Der einzige Unterschied zwischen meiner jetzigen und meiner früheren Lebensweise bestand darin, daß ich, wenn ich hungrig war und niemand meine Dienste nötig hatte, mir folglich auch niemand etwas zu essen gab, nicht mehr von einer Tür zur andern zu betteln brauchte, sondern eine Garküche aufsuchte und mir für einen halben Groschen Fleischbrühe und ein Stück Brot, selten auch einiges Fleisch geben ließ. Wenn ich mir etwas recht Gutes antun wollte, so kaufte ich mir für einen halben Groschen Käse. Diese Ausgaben beliefen sich die Woche auf nicht mehr als zwei oder drei Groschen. Nachdem ich so einen Monat umhergestrolcht und nichts getan hatte, kam mein Kamerad, wie ich ihn nannte, eines Morgens zu mir und sagte: Oberst Hannes, wann wollen wir wieder einmal einen Spaziergang miteinander machen? Wann du willst, war meine Antwort. Hast du noch nichts zu tun bekommen, fragte er? Nein, sprach ich. Nachdem wir hin- und hergeredet hatten, sagte er mir, daß ich ein Glückskind sei. Er wollte daher noch eine Probe mit mir machen. Denn das erstemal, Hannes, lassen wir einen noch unerfahrenen Bruder allemal den vollen Teil an der Beute haben, um ihn dadurch anzuspornen. Hernach aber muß er mit der bloßen Höflichkeit zufrieden sein, es sei denn, daß er sich sehr hervortäte und sich in die gleiche Gefahr begäbe. Da wir nun Ehrenmänner sind, handeln wir auch jederzeit ehrlich aneinander. Wenn du mir vertrauest und mir alles überlässest, so werde ich jederzeit redlich mit dir umgehen. Darauf kannst du dich verlassen. Ich bedeutete ihm, daß ich nicht imstande wäre etwas zu unternehmen, denn ich verstünde diese Kunst nicht. Daher könnte ich auch nicht hoffen, darin es zu etwas zu bringen. Immerhin wollte ich es machen, wie er es haben wollte, und tun, was er mich hieße. Also wanderten wir wieder miteinander los. Wir gingen nicht mehr auf das Zollhaus, es wäre zu gewagt gewesen; auch wollte ich mich dort nicht gern in seiner Gesellschaft sehen lassen. Daher gingen wir gerade auf die Börse zu und schlenderten vor den Türen der Kaffeehäuser herum. Es war ein sehr unglücklicher Tag, denn wir erbeuteten nicht mehr als zwei oder drei Taschentücher und kamen des Abends wieder in das alte Quartier in der Glashütte. So hatte ich den ganzen Tag weiter nichts zu essen und zu trinken als ein Stück Brot, das Will mir gab, und den Wein, den mir die Wasserröhre des Brunnens vor der Börse spendete. Daher machte ich mich auf, nachdem Will fort war, denn er schlief nicht in der Glashütte, in meine gewohnte Garküche und sättigte mich mit einer Suppe. Am andern Tage ging ich ganz früh aus, um Will zu treffen, wie er mir befohlen hatte. Weil es noch sehr früh am Morgen war, nahm er seinen Weg nach Billingstor, wo zwei Arten von Leuten, sobald es nur Tag wird, in großer Anzahl versammelt sind: nämlich die Besitzer der Steinkohlenschiffe oder Kohlenhändler, und die Fischhändler, sowohl die, welche Fische kaufen wie die, welche sie verkaufen. Auf die Kohlenhändler richtete er zuerst sein Augenmerk. Er gab mir folgenden Befehl: Geh du, sagte er, in alle Bierhäuser, die auf dem Wege liegen, und gib acht, wo Leute sind, die Geld zählen. Wenn du einen findest, so komm schnell und sage es mir! Also ging ich in die Häuser, während er vor der Türe wartete. Da nun die Schiffsherren und Steinkohlenhändler ihre Kohlen am Tore verkaufen, empfangen sie ihr Geld auch in solchen Bierhäusern. Es dauerte nicht lange, so brachte ich ihm von verschiedenen Nachricht. Hierauf ging er hinein, machte seine Beobachtungen, fand aber nichts, was in seinen Kram paßte. Endlich brachte ich ihm Bescheid, daß in dem und dem Hause ein Mann wäre, der eine große Summe Geld von verschiedenen Leuten bekommen habe, das in besondere Haufen abgeteilt auf dem Tische läge, der aber eifrig dabei beschäftigt wäre, die Summen aufzuschreiben und das Geld in verschiedene Säcke zu stecken. Ist das wahr? sprach er, ich will sicherlich auch etwas davon erhalten. Hiermit ging er hinein, spazierte vor dem Hause auf und ab und horchte, ob er erfahren könne, wie der Mann hieße. Da hörte er, wie ihn jemand mit Namen nannte. Darauf trat er bei Gelegenheit neben ihn hin und erzählte ihm eine lange Geschichte, unter anderm, daß zwei Herren im Gasthause zur Kanone wären, die ihn hergeschickt hätten, ihm zu melden, daß sie mit ihm reden wollten. Der Steinkohlenhändler hatte sein Geld vor sich liegen und zwei oder drei kleine abgezählte Summen, die er in kleine schmutzige Säcke hineingetan hatte, besonders gelegt. Da es nun noch nicht recht Tag war, so fand mein Kamerad Gelegenheit, seine Hand beim Ausrichten seiner Botschaft auf einen dieser Säcke zu legen und ihn unbemerkt hinwegzustehlen. Als dies geschehen war, kam er zu mir heraus vor die Tür, zupfte mich beim Ärmel und sagte mir ins Ohr: Lauf Hannes, lauf, wenn dir unser Leben lieb ist! Hiermit rannte er fort und ich hinterdrein. Wir hörten nicht auf, sahen uns auch nicht um, bis wir auf die Moorfelder gekommen waren. Mittlerweile hatten wir auch nicht mehr die Kraft, sehr schnell zu laufen. Wir hätten aber nicht nötig gehabt so weit zu laufen, denn niemand folgte uns nach. Als wir nach den Moorfeldern gekommen waren und uns ein wenig verschnauft hatten, fragte ich, ihn, weswegen er solche Furcht gezeigt hätte. Du Narr, ich habe einen verflucht großen Sack Geld erwischt, sprach er, laß uns hinaus auf die Felder gehen, wo uns niemand sehen kann, da will ich ihn dir zeigen! So führte er mich hinüber auf das freie Feld, wo wir uns niedersetzen wollten. Da aber alles voll Wasser war, gingen wir wieder fort hinaus auf das Feld, wo jetzt das große Spital steht. Und als wir einen abgelegenen Ort gefunden hatten, setzten wir uns nieder und er zog den Sack Geld heraus. Du bist ein Glückspilz, Hannes, sagte er, du verdienst einen guten Teil von diesem Fang, wahrhaftig du hasts verdient. Dir habe ich es zu danken, daß ich es erwischt habe! Hierauf schüttete er alles in meinen Hut, denn wie ich bereits erzählt habe, hatte ich jetzt einen Hut. Wie er es angestellt hatte, einen solchen Sack Geld einem Manne, der wach und bei gesundem Verstande war, wegzustehlen, vermag ich keinem Menschen zu sagen. Es war sehr viel Geld im Sack und auch noch ein besonderes Papier voll. Als das Papier aus dem Sack herausfiel, sagte er: Ha, dies ist Gold. Und er fing an zu jauchzen und zu jubeln, als er ob rein närrisch wäre. Allein hierin sah er sich betrogen. Denn das Papier war voll alter schottländischer und irländischer Münzen. Immerhin waren doch 17 bis 18 Pfund Sterling in dem Sack, wie ich von ihm vernahm. Denn ich konnte noch kein Geld zählen. Er teilte das Geld in drei gleiche Teile, zwei für sich selbst und einen für mich, und fragte mich, ob ich damit zufrieden wäre. Ich sagte ihm, ich hätte wohl Ursache zufrieden zu sein. Überdies wäre dies so viel Geld, das noch zu dem, was ich von der vorigen Beute übrig hätte, hinzukäme, so daß ich nicht wüßte, was ich damit anfangen sollte. Da wir nun so reich waren, wollte er mich nicht länger in der Glashütte schlafen, mich auch nicht mehr so zerrissen und zerlumpt wie bisher herumlaufen lassen, und zwang mich, mir zwei Hemden, eine Weste und einen weiten Rock zu kaufen. Denn ein weiter Rock sei bei dem Geschäft, das wir trieben, dienlicher als ein anderer. Also kleidete ich mich ein, wie er es haben wollte. Er mietete mir eine Stube in demselben Hause, wo er wohnte, so daß wir zusammen in einer kleinen Wohnung hausten die für unsern Stand und Handel am besten geeignet war. Bald darauf spazierten wir wieder hinaus und versuchten unser Glück in der Gegend der Börse zum andern Male. Hier fingen wir an, unsere Kunst jeder für sich zu betreiben, und ich wagte es auf eigene Gefahr loszugehen. Der erste Streich, der mir gelang, erforderte für einen Anfänger einige Vorsicht. Denn ich hatte noch wenig von der halsbrecherischen Arbeit verrichten sehen. Ich sah zwei Kaufleute heftig miteinander streiten, einer zog seine Brieftasche zwei- bis dreimal heraus und steckte sie wieder in die Hintere Tasche seines Rockes, dann nahm er sie wieder heraus, entnahm Schriftstücke und legte andere hinein. Alsdann steckte er sie wieder ein und dies tat er zu verschiedenen Malen, indem er beständig mit dem andern Manne in einem heftigen Wortwechsel begriffen war, zwei oder drei andere Leute standen noch dabei herum. Das letztemal steckte er seine Brieftasche so unvorsichtig ein, daß sie quer auf etwas anderm lag, was er noch in der Tasche hatte, so daß sie nicht ganz hineinging, sondern mit einer Ecke heraussah. Die unachtsame Art der Leute, ihre Brieftaschen in ihre Rocktasche zu stecken, daß der kleinste Junge, der sich nur ein bischen darauf versteht, bequem mit der Hand hineingreifen kann, kann nicht genug getadelt werden. Die Kaufleute sind in großer Eile, ihre Köpfe und Gedanken sind ganz benommen, und es ist unmöglich, daß sie sich vor einem kleinen Spitzbuben, der Augen wie ein Falle hat, genug in acht nehmen können. Deshalb sollten sie ihre Taschenbücher entweder gar nicht einstecken, oder auf sie besser acht geben, oder wenigstens nichts Wertvolles hineinlegen. Als ich nun dieses Buch so in die Tasche ein- und ausspazieren sah, kam mir der Gedanke, daß ich dies Buch gewiß hinwegschnappen könnte, wenn ich schnell genug dabei wäre. Als ich es heraushängen sah, sprach ich zu mir selbst: nun ist es gleich. Ich ging über die Straße, streifte ganz nahe mit meiner an der Seite herabhängenden Hand an dem Manne vorbei und ergriff es bei der Ecke, die heraussah. Das Buch kam so leicht in meine Hand, daß der Kaufmann auch nicht die geringste Bewegung davon spürte, oder sonst irgend jemand es merkte. Ich ging geradeaus weiter auf den breiten Platz an der Nordseite der Börse, alsdann ging ich durch die Straßen, durch welche man nach London Wall gelangt, weiter durch Moorgate und setzte mich in dem andern Viertel der Moorfelder in der Mitte des Feldes nieder ins Gras. Dies war der Ort, welchen Will und ich zu unserer Zusammenkunft bestimmt hatten, wenn einer von uns etwas erbeutet hätte. Als ich hinkam, war Will noch nicht da. Nach einer halben Stunde aber sah ich ihn ankommen. Als er ankam, fragte ich ihn, was er für Beute gemacht hätte. Er sah ganz blaß und erschrocken aus. Er sagte: Ich habe nichts erbeutet, aber du, mein Sohn, was hast du erwischt? Hast du nicht des Kaufmanns Taschenbuch genommen? Ja, sprach ich und lachte, woher weißt du das? Wie sollte ich es nicht wissen, antwortete er, der Kaufmann ist ganz außer sich, stampft mit den Füßen, rauft sich das Haar und reißt sich bald die Kleider vom Leibe. Er sagte, es sei um ihn geschehen und sein Ruin gewiß, und die Leute in der Straße sagten, es wären, ich weiß nicht wieviel tausend Pfund Sterling, darinnen. Ei, es muß doch wohl so viel darin sein, komm, laß uns nachsehen! Hiermit legten wir uns mitten im Felde ganz in das Gras nieder, so daß niemand uns sehen konnte und öffneten das Buch. Es waren eine große Menge Wechsel und Schriftstücke darin, wovon einige einem Goldschmiede und andere einer Versicherungsgesellschaft für Waren gehörten. Das aber, was soviel Wert hatte wie alles andere zusammen, war ein Futteral mit verschiedenen Fächern in einer Falte des Umschlages, in dem ein Papier voll ungefaßter Diamanten steckte. Der Kaufmann war, wie wir später erfuhren, ein Juwelier, der mit solchen Sachen handelte, und der gewiß besser auf dieselben hätte acht geben sollen. Dieser Raub war selbst für Will zu groß, um ihn verwerten zu können. Es ging uns fast wie der Henne in der Fabel. Denn alle diese Wechsel, einer darunter von 1200 Pfund Sterling, und alle diese Diamanten, die über 150 Pfund Sterling wert sein sollten, schienen uns nicht viel nützen zu können. Ein kleiner Beutel Geld wäre uns lieber gewesen als alles dieses. Komm her, sprach Will, und laß uns die Wechsel durchsehen, ob nicht ein kleiner darunter ist. Wir sahen die Wechsel alle durch und fanden einen über 32 Pfund darunter. Komm, sprach Will, laß uns gehen und fragen, wo dieser Mann wohnt. Also gingen wir wieder in die Stadt und Will ging auf die Post und fragte dort. Er erfuhr, daß der Mann in Temple Bar wohne. Wohlan, sprach Will, ich will es wagen und will sehen, ob ich das Geld in Empfang nehmen kann. Vielleicht ist es ihm nicht eingefallen hinzuschicken und der Bezahlung Einhalt zu tun. Allein er überlegte es sich noch und beschloß, einen noch sichereren Weg zu gehen. Warte, sprach er, ich will in das Gäßchen gehen und versuchen, etwas von dem, was sich ereignet hat, zu erfahren, denn ich glaube, die Aufregung ist noch nicht vorüber. Wenn ich recht gesehen habe, wurde der Mann, der das Buch verloren hat, am Ende dieses Gäßchens in den Gasthof, der des Königs Haupt zum Zeichen hat, geführt, und ein großer Haufen Volks sammelte sich vor der Tür an. Also ging Will von mir, lauerte und wartete bei dem Gasthof, bis er verschiedene Leute zusammenstehen sah, und fragte den einen oder den andern, was es hier gäbe. Sie erzählten ihm ausführlich die ganze Begebenheit, daß ein Kaufmann seine Brieftasche verloren habe, worin ein großer Sack Diamanten und Wechsel von vielen hunderttausend Pfunden und wer weiß was sonst noch alles gewesen wären, und daß es eben jetzt ausgerufen und demjenigen 100 Pfund Sterling zur Belohnung Versprochen würden, der die verlorenen Sachen dem Besitzer wieder zustellen würde. Ich wünschte, sagte er zu einem von den Leuten, mit denen er redete, daß ich wüßte, wer es hätte, ich wollte schon sehen, ihm wieder dazu zu verhelfen. Erinnert er sich keines Menschen, keines Jungen, oder irgendeines Kerln, der neben ihm gestanden? Wenn er denselben nur beschreiben könnte, müßte es schon herauskommen. Einer, der ihn so reden hörte, war so eifrig, dem armen Kaufmann helfen zu wollen, daß einige hinaufgingen und ihm mitteilten, was ein junger Bursche, indem sie Will meinten, vor der Tür gesagt hätte. Darauf kam ein anderer Kaufmann herab, nahm Will beiseite und fragte ihn, was er gesagt hätte. Bill war ein sehr ernster junger Mann, und trotzdem er ein alter Diebsgeselle war, hatte er doch nichts in seinem Gesichte, was ihn verriet. Daher antwortete er, er hätte an einem Ort zu tun, wo eine Menge von kleinen Taschendieben hausten, und wenn er nur die geringste Beschreibung von der verdächtigen Person hätte, so glaubte er, ihn ausfindig zu machen und vielleicht die Sachen wiederzubekommen. Hierauf ersuchte ihn der Herr, mit ihm zu dem Kaufmann zu kommen. Dieser saß da, hatte seinen Kopf auf den Lehnstuhl gestützt und sah so blaß aus wie ein Laken und schien ganz untröstlich zu sein. Will beschrieb ihn: er habe ausgesehen wie ein zum Tode Verurteilter. Als sie ihn fragten, ob er keinen Jungen oder schlecht gekleideten Buben neben sich hätte stehen oder vorbeigehen sehen, antwortete er: Nein. Nicht einen einzigen. Er könne sich auch nicht erinnern, daß ihm ein Mensch nahegekommen sei. So wird es dann sehr schwer halten, wenn nicht ganz unmöglich sein, den Dieb herauszufinden. Trotzdem, fuhr Will fort, will ich mich, wenn man es für gut hält, unter diese Rotte begeben. Obwohl ich mich nicht gern bei ihnen blicken lasse, will ich mich doch umsehen bei ihnen, und wenn es einer von diesen Schelmen gewesen ist, so will ich zehn gegen eins wetten, daß ich etwas erfahren werde. Sie fragten ihn dann, ob er nicht gehört hätte, was der Kaufmann demjenigen geboten hatte, der ihm seine Sachen wieder verschaffen würde. Er verneinte, obgleich er es doch vor der Tür gehört hatte. Sie berichteten ihm, daß der Kaufmann 100 Pfund Sterling geboten hätte. Das ist zuviel, sagte Will, allein, wenn ihr mir die Sache überlassen wollt, so will ich euch die Brieftasche für eine viel geringere Belohnung verschaffen. Der bestohlene Kaufmann sagte zu dem andern: Sagt ihm doch, wenn er das Geld wohlfeiler wiederbekommen kann, so soll er das, was übrig bleibt, für sich behalten. Also, junger Mann, sagte einer von den Kaufleuten, was ihr auch dem Meister, der dieses Kunststück vollbracht hat, bewilligt, denn ein Meister ist er, mag er sein, wer er will, so soll er bezahlt werden, und die 50 Pfund sind dafür bestimmt, und der Kaufmann will euch für eure Bemühung noch 50 Pfund außerdem geben. Alsdann ließ sich Will Anweisungen geben, zu wem oder wohin er Nachricht geben sollte, wenn er etwas erfahren hätte. Will gab mir eine umständliche Erklärung von der ganzen Unterredung. Besonders erzählte er mir, in welcher Aufregung sich der Kaufmann befände, der die Brieftasche verloren hatte, und daß er nicht zweifle, ein ansehnliches Stück Geld für die Entdeckung des Diebstahls zu bekommen. Wir berieten den ganzen Abend darüber und beschlossen, er solle den ganzen nächsten Tag nichts von sich hören lassen. Den dritten Tag aber sollte er hingehen, aber nur soviel sagen, daß er Wind von der Sache bekommen habe und hoffe, seine Bemühungen sollten nicht ohne Erfolg sein. Er sollte aber die Sache als sehr schwierig hinstellen und so viel Einwendungen machen wie nur möglich. Er ging also am dritten Tage hin zu dem Kaufmann, der wegen des langen Ausbleibens schon ganz unruhig war. Er gab Will zu verstehen, daß er schon besorgt wäre, er habe ihm nur etwas vormachen wollen, um etwas zu bekommen, und daß er allzu leichtgläubig gewesen wäre, ihn ohne genauere Prüfung gehen zu lassen. Will aber gab jenem auf eine sehr ernste Weise zu verstehen, daß man sich nicht in ihm getäuscht hätte und daß man aus seiner Wiederkunft sehen könnte, daß man ihm unrecht getan, und wenn sie meinten, durch ein genaueres Verhör mit ihm sicherer zu gehen, daß sie es jetzt nach Belieben mit ihm vornehmen könnten. Er könnte ihnen aber diesmal nichts weiter mitteilen, als daß er entdeckt habe, wo einige von den jungen Spitzbuben, die ihm verdächtig erschienen, ihre Schlupfwinkel hätten. Indes hege er die Hoffnung, daß sie durch genaueres Nachforschen und wenn man ihnen Geld böte oder dergleichen, dahin gebracht werden könnten, einander zu verraten. Auf diese Art hoffte er von ihnen etwas herauszulocken, er wäre bereit, dieses vor dem Friedensrichter auszusagen, wenn sie es für nötig hielten, könnte ihnen im übrigen versichern, daß er ihretwegen zwei Tage Arbeit versäumt habe, um keinen andern Dank für seine Mühe zu bekommen als für verdächtig gehalten zu werden. Damit habe er genug getan, sie möchten selbst sehen, wie sie zu ihren gestohlenen Sachen kämen. Sie horchten auf und fragten ihn, ob er ihnen einige Hoffnung auf Wiedererlangung ihrer Sachen machen könnte. Er gab ihnen zu verstehen, daß er kein Bedenken trage ihnen mitzuteilen, daß er wirklich etwas ausgekundschaftet hätte, und wenn dieses nicht geschehen wäre, würden die Wechsel samt dem Buch schon verbrannt worden sein. Er bäte nur, daß man ihn mit mehrerem Fragen verschonen möge, bis man ihm vorher auf einiges Auskunft gegeben hätte. Sie wollten ihm Genüge tun und ersuchten ihn, frei zu sagen, was er von ihnen verlange. Mein Herr, sprach er, wie könnt ihr hoffen, daß ein Dieb, der euch Sachen von so großem Wert gestohlen hat, wiederkommen und sich euren Händen anvertrauen, die Entwendung eurer Waren gestehen und euch solche wieder Zustellen werde, wenn ihr nicht vorher die Versicherung gebt, daß ihr nicht nur die versprochene Belohnung auszahlen, sondern auch denjenigen, der euch wieder dazu verhilft, weder anhalten noch ausfragen, viel weniger vor der Obrigkeit zur Rechenschaft ziehen wollet? Sie sagten, sie wollten alle möglichen Versicherungen dieserhalb geben. Ja, sprach Will, ich weiß nicht, welche Sicherheit ihr mir geben könnt. Denn wenn ein armer Teufel einmal in eurer Hand ist und euch euer Gut gezeigt hat, so könntet ihr ihn als Dieb ergreifen, und dann hilft es nichts, er muß dafür gelten. Alsdann nehmt ihr ihm das eurige ab und schickt ihn ins Stockhaus, wo er nimmermehr das geringste Recht von euch verlangen kann. Durch diese Schwierigkeit wurden sie gänzlich aus dem Konzept gebracht. Sie ersuchten ihn, er sollte nur sehen, die Sachen in seine Hände zu bekommen, sie wollten ihm das Geld auszahlen, ehe er gezwungen sein sollte, sie aus der Hand zu geben; er sollte auch eine halbe Stunde eher weggehen, bevor sie einen Fuß zur Stube hinaussetzen würden. Nein, meine Herren, sprach er, dieses genügt mir noch nicht. Wenn ihr mir diese Versicherung vorher gegeben hättet, ehe ihr verlauten ließet, mich in sicheren Gewahrsam zu bringen, so hätte ich euren Worten getraut: Nun ist es klar, daß ihr etwas Schlimmes vorgehabt habt, wie kann ich nun noch meiner Haut sicher sein? Sie sagten ihm, sie wüßten nicht, was sie ihm tun sollten, es sei schlimm, daß er ihnen gar nicht vertrauen wolle. Er sagte, er wolle ihnen schon gern vertrauen und ihnen dienen, es würde aber schlimm für ihn sein, wenn er seiner Diensteifrigkeit wegen des Diebstahls beschuldigt und ins Verderben gestürzt würde. Sie erboten sich nun, ihm ein mit ihrer Unterschrift versehenes Zeugnis auszustellen, daß sie gegen ihn nicht den geringsten Verdacht hätten, daß sie ihn auch niemals einer Schuld anklagen wollten, und daß sie ihm bei Vorzeigung der wiedererlangten Güter noch vor deren Aushändigung das Geld auszahlen wollten, ohne ihn zu verpflichten, die Person, von welcher er die Güter empfangen, bloßzustellen oder auch nur ihren Namen zu nennen. Nachdem diese Schrift von drei anwesenden Kaufleuten, besonders aber von dem, der die Sachen verloren hatte, unterzeichnet worden war, gab ihnen der junge Gauner zu verstehen, daß er sein äußerstes tun wolle, das Taschenbuch mit allem, was darinnen wäre, wiederzubekommen. Dann verlangte er, daß sie vorher ein schriftliches Verzeichnis aller Sachen, die in dem Buche enthalten wären, aufstellen sollten, damit man, wenn er es brächte, nicht sagen könne, es fehle etwas daran. Dieses Schriftstück sollten sie ihm versiegelt ausstellen, er wolle das Buch, wenn es ihm gegeben würde, gleichfalls versiegeln lassen. Sie willigten ein und der Kaufmann machte eine Aufstellung von den Wechseln, die nach seiner Erinnerung in der Brieftasche gewesen waren, auch ein Verzeichnis von den Diamanten. Nun hatte Bill seinen Zweck erreicht. Daher kam er in sehr guter Laune zu mir und erzählte mir den Hergang der Unterhandlungen. Dann übergab ich ihm das Buch. Er meinte, daß es ganz recht sei, wenn wir die ganze Summe nehmen würden. Denn es sollte den Anschein haben, als wenn er ihnen einen guten Dienst geleistet habe, um sie desto sicherer zu machen. Ich ging auf alles ein. Am folgenden Tage begab er sich an den bestimmten Ort, wo auch die Herren mit ihm zusammentrafen. Er gab ihnen sogleich zu verstehen, daß er ihre Geschäfte nach Wunsch erledigt hätte, und fügte hinzu, daß, wenn die Diamanten nicht dabei gewesen wären, er alles für zehn Pfund Sterling bekommen hätte. Allein die Diamanten hätten dem Jungen derart in die Augen gestochen, daß er gesagt hätte, er wolle damit nach Frankreich oder Holland fliehen und bis an sein Lebensende als ein Edelmann dort leben. Darüber lachten sie. Hier meine Herren, sprach er, ist das Buch und zog es heraus, so wie er es in ein schmutziges Stück von einem zerrissenen Taschentuch, das kohlschwarz war, eingewickelt und mit einem bischen Wachs, wobei ein kupferner Pfennig als Petschaft gedient hatte, zugesiegelt hatte. Nachdem er das Siegel erbrochen hatte, riß er gleichzeitig den Lumpen auf und zeigte dem Kaufmann seine Brieftasche, worüber dieser so voller Freude war, daß er ein Glas Wein oder Branntwein verlangte, um nicht in Ohnmacht zu sinken. Das Buch wurde geöffnet, das Papier mit den Diamanten zuerst herausgenommen und diese noch vollzählig vorgefunden. Nur das kleine Papier lag besonders und die rohen Diamanten, die darin waren, lose unter den übrigen. Allein er versicherte, sie wären alle richtig und unversehrt darinnen. Hierauf wurden die Wechsel nacheinander durchgesehen. Da fanden sie denn noch einen Wechsel von 80 Pfund Sterling mehr darin, als im Verzeichnis aufgeführt war, nebst verschiedenen anderen Schriftstücken, die zwar kein Geld bedeuteten, aber dem Kaufmann doch unentbehrlich waren, und er mußte gestehen, daß ihm alles ehrlich wieder eingehändigt worden war. Nun, mein Sohn, sprach er, sollst du sehen, daß wir mit dir ebenso ehrlich verfahren, und zahlten ihm zuerst 50 Pfund Sterling für ihn selbst aus und dann auch die 50 Pfund, die mir gehören sollten. Er nahm die 50 Pfund für sich und steckte sie, nachdem er sie, weil sie in Gold bestanden, in Papier eingewickelt hatte, in seine Tasche. Dann fing er an, die andern 50 Pfund zu zählen und nachdem er 30 Pfund abgezählt hatte, sagte er: Ihr Herrn, nachdem ich soweit ehrlich gegen dir gewesen bin, sollt ihr keine Ursache haben zu sagen, daß ich mich nicht bis ans Ende so erwiesen hätte. Ich habe 30 Pfund genommen, soviel habe ich dem Jungen zu geben versprochen. Also bekommt ihr 20 Pfund Sterling von eurem Geld wieder. Sie sahen sich erstaunt an und konnten sich über die Ehrlichkeit dieses Kerln nicht genug wundern. Denn im Geheimen hatten sie doch den Argwohn gehegt, er könnte doch der Dieb sein. Durch diesen Streich stand seine Ehrlichkeit aber über allem Zweifel erhaben. Der Kaufmann, welcher seine Wechsel wiederbekommen hatte, sagte leise zu den andern: Gebt ihm alles. Aber der andere gab ihm leise zur Antwort: Nein, da er es dem andern abgezogen hat und mit den 50 Pfund, die er bekommen hat, zufrieden ist, so laßt es gut sein und bleiben wie es ist. Dies wurde nicht so leise gesprochen, als daß Will es nicht gehört hätte. Daher sagte er auch: Nein, ich bin sehr zufrieden, es ist mir lieb, daß ich euch wieder dazu verhelfen konnte. Hierauf trennten sie sich. Als er sich entfernen wollte, sagte einer von den Kaufleuten zu ihm: Junger Mann, ihr seht, daß wir gerecht und redlich gegen euch gehandelt haben ebenso wie ihr gegen uns, und wir verlangen auch nicht von euch, daß ihr uns sagt, wer der listige Vogel war, der dem Herrn einen solchen Schatz entführt hat. Allein, da ihr doch mit ihm geredet habt, möchte ich wissen, ob ihr uns nicht sagen könntet, wie er es angestellt hat, damit man sich in Zukunft vor einem solchen Gesellen in acht nehmen könne. Mein Herr, sprach Will, wenn ich euch erzählen würde, was die Spitzbuben sagten, und wie die Umstände gelegen haben, so müßte sich der Kaufmann selbst die größte Schuld beizumessen haben. Jedenfalls ist er nicht mehr oder weniger zu tadeln als jemand anderer. Es ist seltsam, daß solche Herren ihre Brieftaschen, in denen sie solche Kostbarkeiten bewahren, in so offene Taschen und zwar auf so unachtsame Weise einstecken. Das ist wohl wahr, sagte der Kaufmann, die Leute sollten klüger sein. Nachdem sie noch das eine oder andere Wort ohne besondere Wichtigkeit gewechselt hatten, kam er wieder zu mir. Wir teilten das Geld in gleiche Teile, denn obwohl die Beute dem Gewinne nach mir zukam, hatte er doch durch seine Geschicklichkeit und Klugheit das Geld herangeschafft. Sonst hätten weder er noch ich großen Nutzen von diesem Diebstahl haben können. Ich war nun reich, so reich, daß ich nicht wußte, was ich mit meinem Gelde oder auch mit mir selbst anfangen sollte. Ich hatte so sparsam und so schlecht gelebt, daß ich im ganzen Jahr nicht einmal 15 Schillinge verbraucht hatte, die ich von dem Geld des Zollbeamten zurückgelegt hatte. Ich hatte auch immer noch vier Schillinge, die von dieser Beute noch übrig waren, in meiner Tasche. Ich meine: von dem Geld, das ich in den hohlen Baum hineinfallen ließ. Nun aber strebte ich höheren Dingen zu. Obgleich Will und ich verschiedene Male miteinander ausgingen, so wollten wir uns doch, wenn sich Kleinigkeiten wie Brieftaschen und dergleichen Lumpereien darböten, nicht damit befassen und uns deswegen nicht einer so großen Gefahr aussetzen. Wir machten verschiedene Spaziergänge, manchmal miteinander, manchmal in einer kleinen Entfernung voneinander, gingen auch verschiedentlich auf Abenteuer aus, waren aber durch unsern letzten Glücksfall so hochmütig geworden, daß wir uns nicht mehr mit Kleinigkeiten abgeben mochten, nicht einmal mit solchen Sachen, worüber andere noch sehr froh gewesen wären. Uns reizte nichts anderes als Taschenbücher, Brieftaschen und ganz große Summen Geldes. Indes unternahmen wir allerhand, bald dieser bald jener Art, und hatten stets Glück dabei, so daß wir auch nicht im geringsten in Gefahr kamen ergriffen zu werden. Mein Kamerad Will, der nun groß und männlich geworden war, und durch diese Begebenheiten angefeuert wurde, geriet auf einen ganz andern gottlosen Weg, nämlich in eine Rotte nichtswürdiger Spitzbuben, die ihre Hände nach jedem Dinge, das nur leichtfertig und ehrlos sich ansah, ausstreckten. Eines Tages kam er unvermutet zu mir und fragte auf recht freundliche Weise, wie ich fortkäme in meiner Kunst. Ich sagte ihm, daß ich das alte Handwerk noch immer betriebe und daß ich die eine oder andere gute Probe darin abgelegt hätte: so bei einer jungen Frau, deren Tasche ich um elf Guineen erleichtert hätte, dann wieder bei einer Frau vom Lande, die von ihrem Landwagen abgestiegen war. Ich erzählte ihm noch verschiedene andere Streiche, wo ich ziemlich gute Beute gemacht hatte und dabei, wie er immer sagte, ein Glückspilz gewesen war. Allein, Oberst Hannes, sprach er, du bist nun bald ein erwachsener Mann und solltest nicht länger mit Stecknadeln spielen. Ich mache bessere Geschäfte und du solltest auch daran denken. Ich will dich in eine brave Gesellschaft einführen, Hannes, wo wir als Edelleute leben wollen! Dann erzählte er mir, worin dieses saubere Gewerbe bestünde, nämlich in den Handgriffen einer Rotte Spitzbuben, die die zwei verzweifeltsten Zweige der Diebskunst ausübten. Abends wären sie Räuber auf der Straße und nachts brächen sie in die Häuser ein. Will erzählte mir von so großartigen Dingen, daß ich mich von ihm überreden ließ, ohne Bedenken mit ihm zu gehen. Es war zwar bei meiner Erziehung kein Grund zur Tugend gelegt worden, und da ich durch mein Verhängnis sehr jung zum Bösen verleitet wurde, so hatte ich desto weniger Empfindung für die Schändlichkeit dessen, was ich tat. Doch als ich älter wurde und zu Verstande kam und auch erkennen lernte, daß ich ein Dieb und in allen Arten der Leichtfertigkeit und Schurkerei aufgewachsen war, daß ich wohl allmählich reif für den Galgen würde, kam mir doch öfters der Gedanke, daß ich mich auf einer unrechten Bahn und auf dem Wege zur Hölle befände. Ich dachte viel darüber nach und fragte mich oft, ob dies wohl das Leben eines Edelmannes sei. Allein diese Betrachtungen verschwanden wie sie kamen, und ich ging dem alten Diebshandwerk immer wieder nach, besonders wenn Will kam und mich anfeuerte, denn er war mein Wegweiser und Anführer in allen diesen Dingen, und ich hatte durch Gewohnheit, Fleiß und genaue Beobachtung seiner Kunstgriffe so viel gelernt, daß ich meinem Meister in dieser Kunst wenig nachgab. Um wieder auf meine Rede zu kommen: Will kam also zu mir und teilte mir mit, daß er in ein besseres Geschäft geraten sei, und daß ich mit ihm gehen sollte, wenn ich wie ein Edelmann leben wollte. Das erstemal, als ich mit ihm ging, führte er mich nur in die Gesellschaft von zwei jungen Burschen. Wir kamen ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang zusammen und gingen hinaus auf die Felder auf einen Ort zu, der Pinder of Wakefield genannt wird, wo es eine große Menge Ziegelöfen gibt. Hier wurde beschlossen, daß wir uns von dem Feldwege aus auf die Landstraße begeben wollten, um vielleicht ein Wildpret oder Weidwerk ausfindig zu machen, welches sie, wie sie sagten, im Fluge schießen könnten. Auf dem Fußsteige trafen Will und einer von den beiden andern unserer Rotte einen Mann, der nach der Stadt zuging, als es schon anfing finster zu werden. Will schrie: Mark ho! welches die Losung war. Worauf wir alle von weitem stillbleiben mußten, damit wir ihm wenn er Hilfe brauchte, auf ein Zeichen beispringen könnten. Will ging auf den Mann los, hielt ihn an und legte ihm die gewöhnliche Frage vor: Wo habt ihr euer Geld, Mann? Als der Mann sah, daß er allein war, schlug er mit dem spanischen Rohr nach Will, aber dieser, der ein hurtiger starker Kerl war, fiel über ihn her und warf ihn zu Boden. Da bat der Mann um sein Leben, weil ihm Will drohte, ihm den Hals zu brechen. In dem Augenblicke, da dies geschah, kam eine Mietskutsche auf der Straße daher, und der vierte Strauchdieb, der auf dem Wege stand, schrie: Markho! Dies war das Zeichen, daß es eine Beute zu erjagen gäbe. Darauf ging der nächste Räuber zu ihm, um ihm beizustehen. Sie hielten die Kutsche an, in welcher ein Doktor der Medizin und ein Chirurg saßen, die einen vornehmen Patienten besucht hatten und sicher eine ansehnliche Bezahlung bekommen hatten. Sie erbeuteten hier zwei gute Beutel, einen mit elf oder zwölf Guineen, den andern mit einigem Kleingeld, zwei Uhren, einen Diamantring und ein chirurgisches Besteck, das mit meist silbernen Instrumenten angefüllt war. Während sie mit dieser Arbeit beschäftigt waren, hielt Will den Mann, der unter ihm, lag, am Boden fest. Er versprach ihm, ihn nicht zu töten, wenn er keinen Lärm machte, ließ ihn aber doch nicht eher frei, als bis er die Kutsche fortfahren hörte, woraus er entnahm, daß das Bubenstück gelungen war. Dann führte er ihn ein Stück vom Wege ab, band ihm die Hände auf dem Rücken und gebot ihm still zu liegen und keinen Lärm zu machen, bis er ihn in einer halben Stunde losbinden würde. Wenn er aber zu schreien anfinge, so würde er ihn ohne Mitleid kalt machen. Der arme Mann versprach ganz still zu sein, und hielt es auch. Er hatte nicht über elf Schillinge elf Groschen in seiner Tasche, welche ihm Will abnahm und dann zu seinen Spießgesellen zurückkehrte. Während sie beieinander standen, fing ich auf der andern Seite auch an zu schreien: Mark-ho! Ich hatte ein paar Weiber, von denen die eine eine Kinderwärterin, die andere eine Magd zu sein schien, nach der Stadt zu gehen sehen. Da Will mußte, daß ich noch ein junger Anfänger war, kam er wie auf Flügeln zu mir. Als er sah, daß es eine leichte Arbeit war, sagte er: Heran, Oberst, ans Werk! Greif an! Ich ging auf die Frauen los, redete die ältere an und sagte: Nur nicht so eilig, ich habe ein Wörtchen mit euch zu reden! Worauf sie beide still standen und ein wenig erschrocken aussahen. Erschreckt nicht, Kind, sprach ich zu der Magd, etwas Geld aus eurer Tasche wird alles gut machen, und ich will euch nicht das geringste Leid antun. Inzwischen kam Will zu uns, den sie vorher nicht gesehen hatten. Da fingen sie an zu schreien. Ruhe! sprach er, macht keinen Lärm, oder ihr zwingt uns, euch zu ermorden. Gebt euer Geld heraus und macht nicht viel Worte, so soll euch nichts geschehen! Da zog die arme Magd fünf Schillinge sechs Groschen und die alte Frau eine Guinee und einen Schilling heraus, und heulten dabei jämmerlich um ihr Geld. Sie sagten, es sei alles, was sie überhaupt besäßen. Wir zeigten aber kein Mitleid mit ihnen und nahmen es ihnen trotzdem ab. Mir blutete das Herz, als ich die Todesangst des armen Weibes sah, die ihr Geld hergeben mußte. Ich fragte sie, woher sie wäre und wie sie hieße. Sie sagte, ihr Name wäre Smith und sie wohnte in Kentish-Town. Ich ließ sie dann ihres Weges gehen und gab Will das Geld. In wenigen Minuten waren wir alle wieder beieinander. Wohlan, sagte einer von den Spitzbuben, laßt es genug sein, es ist Zeit, daß wir gehen. Also gingen wir quer über das Feld aus dem Fußsteig heraus nach Tottenham zu. Aber wartet! fing Will an. Ich muß hingehen und den Mann losbinden! Wer fragt nach dem verdammten Hund, sprach einer von ihnen, laß ihn liegen. Nein, sprach Will, ich halte mein Wort, ich will hingehen und ihn aufbinden. Als er an den Ort kam, war der Mann schon fort. Ob er sich selbst losgebunden, oder ob jemand des Weges gekommen war, den er um Hilfe angerufen und der ihn aufgebunden hatte, kann ich nicht sagen, jedenfalls war er nicht mehr zu finden und auch nicht durch Rufen zu erreichen. Hierauf machten wir uns um so schneller fort auf einer andern Landstraße. Hier wagten es Will und einer von den andern wieder eine Kutsche zu plündern, worin ein Edelmann und ein Frauenzimmer, die er sich wohl aufgegabelt hatte, saßen. Sie nahmen dem Edelmann seine Uhr und seinen silbernen Degen ab. Als sie sich nun an die Dame machen wollten, fing diese an zu fluchen und zu schimpfen, und wünschte uns zu allen Teufeln, daß wir den ehrlichen Herrn seines Geldes beraubt hätten und nichts für sie übrig gelassen. Denn obgleich sie ziemlich aufgeputzt war, versicherte sie, sie sei doch nur ein armes Geschöpf, die nicht einen Sechser bei sich habe. Als dieses Abenteuer vorüber war, verließen wir auch diese Straße und gingen über die Felder nach Chelsea. Als wir nach Chelsea kamen, nahmen wir eine ganz andere Arbeit vor, die ich noch nicht mitgemacht hatte, nämlich in ein Haus einzubrechen. Die Spitzbuben waren im Einverständnis mit einem Diener des Hauses, der auch zu ihrer Rotte gehörte. Mit diesem hatten sie ein bestimmtes Losungswort verabredet, auf welches er sie hineinlassen wollte. Dieser Geselle aber betrog uns um unsere Hoffnung, weil er sich betrunken und nicht aufgepaßt hatte. Er hatte versprochen, um zwei Uhr morgens aufzustehen und uns alle hineinzulassen, weil er aber viel getrunken hatte und bis elf Uhr nicht nach Hause gekommen war, hatte ihn sein Herr ausgesperrt und die Tür vor ihm verschlossen und dem übrigen Gesinde verboten ihn hereinzulassen. Wir gingen gegen ein Uhr um das Haus herum, um unsere Beobachtungen zu machen, und wollten uns unter eine Mauer legen, bis die Uhr zwei schlüge. Aber als wir an das Haus kamen, lag der Kerl vor der Tür im festen Schlaf und gänzlich betrunken. Will, welcher der Anführer bei allem war, weckte ihn auf, und da er fast zwei Stunden geschlafen hatte, kam er ein wenig zu sich. Er erzählte ihnen sein Pech, daß er nicht ins Haus könne. Sie hatten zwar einige Werkzeuge bei sich, mit denen sie hätten mit Gewalt einbrechen können, aber Will hielt es für besser auf eine Zeit zu warten, wo sie in aller Stille eingelassen werden würden, und sie gaben ihr Vorhaben dieses Mal auf. Dies war indes ein Glück für die Familie, denn der Gauner hatte in seiner Betrunkenheit einige Worte fallen lassen und gedroht, sie sollten es teuer bezahlen, daß sie ihn nicht ins Haus gelassen und dergleichen. Da nun der Herr hiervon hörte, jagte er ihn am andern Morgen fort und verbot ihm, wieder in sein Haus zu kommen. Dadurch wurde also die Familie vor einem Unglück bewahrt. Ich streifte die ganze Nacht mit ihnen herum. Sie gingen von Chelsea, wo sie nichts hatten ausrichten können, nach Kensington, wo sie in ein Brau- und Waschhaus einbrachen, und dort einen kupfernen Kessel von der Kette lösten und forttrugen, außerdem über 100 Pfund Zinn stahlen und auch glücklich beiseite brachten. Jeder ging nun seinen eigenen Weg, um in die verschiedenen Schlupfwinkel zu gelangen, wo die Sachen untergebracht und geteilt wurden. Am folgenden Tage verhielten wir uns still und teilten die Sachen, die wir nachts gestohlen hatten. Mein Anteil betrug acht Pfund und zehn Schilling. Als das Kupfer und das Zinn gewogen und geschätzt wurde, fand sich jemand, der es für das halbe Geld annahm. Am Nachmittage begaben Will und ich uns wieder fort. Aber mein Herz war von dem Elend der armen Frau aus Kentish-Town ganz bedrückt, und ich beschloß, wenn es möglich sein würde, sie aufzusuchen und ihr das Geld wiederzugeben. Es konnte nicht anders sein, es stellte sich bei mir ein Mißbehagen an der Sache selbst ein, und so war ich erst recht überzeugt, daß dies gewiß nicht das Leben eines Edelmanns sein könnte. Will und ich trennten uns diesmal und kamen erst am andern Morgen wieder zusammen. Da war Will überaus lustig und aufgeräumt und sprach: Nun, Oberst Hannes, werden wir bald reich werden! Ja, versetzte ich, und was wollen wir tun, wenn wir reich sind? Wir wollen uns ein paar gute Pferde kaufen und damit zu Felde ziehen, sprach er. Was verstehst du unter »zu Felde ziehen« ? fragte ich. Wir wollen als Raubritter ausziehen und die Landstraßen bewachen und dadurch werden wir Geld genug bekommen. Gut, sagte ich, und was werden wir dann hernach tun? Was wir tun werden, sprach er, nun wir werden dann als Ritter und Edelleute leben. Will, sagte ich, wenn wir nun viel Geld erlangt haben, wollen wir dieses Handwerk dann nicht aufgeben, um uns in Ruhe und Sicherheit niederzulassen? Ja, sagte Will, wenn wir ein großes Vermögen zusammen haben, so wollen wir das Handwerk gern niederlegen. Allein wohin werden wir gekommen sein, sagte ich, ehe die glückselige Zeit kommt, wenn wir dieses verfluchte Handwerk weiter betreiben werden? Ich bitte dich, daran denke niemals, sprach Will, wenn du an solche Dinge denkst, so wirst du nimmermehr einen Edelmann vorstellen können. Hiermit packte er mich am rechten Ort, denn es lag mir noch immer im Sinne, für einen Edelmann zu gelten, und ich wurde für eine Weile ganz stumm und schweigsam. Allein bald sammelte ich mich wieder und sagte ganz keck zu ihm: Will, nennst du diese Art zu leben das Leben eines Edelmanns? War es wie ein Edelmann von mir gehandelt, daß ich einer armen alten Frau 22 Schillinge fortnahm, als sie mich auf den Knien anflehte, ihr doch nicht ihr letztes Vermögen zu nehmen, so daß sie nun nicht einmal Brot für sich und Ihr krankes Kind zu Hause kaufen kann? Glaubst du, daß ich hätte so grausam sein können, wenn du nicht dabei gestanden und mich dazu angestachelt hättest? Mein Herz drehte sich mir herum, als ich die arme Frau so jammern sah, obwohl ich es nicht merken ließ. Du Narr, sprach Will, du wirst nimmermehr fähig sein, etwas Tüchtiges zu vollbringen, ja du passest gar nicht für unser Gewerbe, wenn du dir solche Dinge in den Kopf setzest. Ich will dir diese Grillen bald austreiben. Wenn du zu etwas taugen und für solche Geschäfte geeignet sein willst, so mußt du kämpfen lernen, wenn sie Widerstand leisten wollen, und ihnen die Hälse brechen, die Kehle abschneiden und den Kopf zerspalten, wenn sie sich nicht unterwerfen. Du mußt es lernen, ihnen den Mund zu verstopfen, daß ihnen das Bitten und Flehen vergeht. Mitleid hin, Mitleid her. Was heißt Mitleid? Ich frage dich, wer wird mit uns Mitleid haben, wenn wir in das alte Gefängnis abgeführt werden? Ich bin dir gut und bürge dafür, die jammernde alte Frau, die so flehentlich um ihre 22 Schillinge bat, würde mich und dich auf unsern Knien betteln lassen und doch uns das Leben nicht retten, sondern mit ihrer Aussage gegen uns zeugen. Hast du wohl jemals ein solch altes Scheusal weinen sehen, wenn ein rechtschaffener Kerl zum Galgen geführt wurde? Meine Meinung, Will, sprach ich, ist, daß wir besser daran täten, bei unserm alten Gewerbe zu bleiben, das keine so grausame und mörderische Arbeit war, und wobei wir mehr Geld gewannen als vielleicht durch dieses, was wir jetzt betreiben. Nein, sprach Will, du bist ein Narr, du weißt nicht, was für vortreffliche Dinge wir in kurzem verrichten werden. Nach dieser Unterredung trennten wir uns für diesmal. Allein ich beschloß bei mir, daß ich auf solche Weise nichts mehr mit ihm zu schaffen haben wollte. Zwei Tage darauf kam Will zu mir auf meine Stube. Denn ich hatte mir nun auch eine Wohnung gemietet, mir auch ziemlich gute Kleider und einige Hemden angeschafft und fing an menschlicher auszusehen und zu leben wie andere Leute. Will wußte noch nicht, daß einer seiner Kameraden eingefangen worden war, obwohl ihm nicht unbekannt blieb, daß man ihnen dicht auf den Fersen war, so daß sie genötigt gewesen waren, sich zu zerstreuen und jeder auf seiner Hut zu sein. Zu seinem großen Glück war er abends nach Hause gekommen, als die Häscher, die ihn gesucht hatten, gerade zur Tür hinaus waren. Denn sein Kamerad, der gefangen worden war, hatte sich durch das Versprechen, begnadigt und vom Galgen errettet zu werden, bewegen lassen, seine Spießgesellen, und unter diesen auch Will, den Hauptanführer, zu verraten. Will bekam zur rechten Zeit Wind davon und machte sich aus dem Staube, um ihren Händen zu entgehen. Er kam zu mir und wollte sehen, wie es mir ginge. Allein zu meinem Glück war ich gerade nicht zu Hause. Indessen ließ er seine Beute, die er in einem alten Rock, der unter meinem Bette lag, verborgen, auf meiner Stube mit der Nachricht, daß mein guter Bruder Will dagewesen wäre und seinen Rock, den er von mir geborgt hätte, wieder gebracht und unter mein Bett gelegt hätte. Ich konnte nichts daraus entnehmen, als ich aber hinaufging und zu Bett gehen wollte, und das Päckchen fand, erschrak ich bis ins Innerste, als ich sah, daß über 100 Pfund an Geld und Silbersachen hineingewickelt waren, ohne daß ich wußte, wo der Bruder Will geblieben war. Während der folgenden drei bis vier Tage hörte und sah ich auch nichts von ihm. Nach vier Tagen erfuhr ich zufällig, daß Will gefangen sei und gehenkt werden würde. Am nächsten Tag erwischte mich ein armer Schuhmacher, der mir sonst die eine oder andere Gefälligkeit erwiesen und mich ehedem auszuschicken pflegte, als er mich im Rosmariengäßchen bei sich vorbeigehen sah, ehe ich es mich versah, am Ärmel und sprach: Hört junger Mensch! Treffen wir uns hier? Hiermit schleppte er mich, als ob er der Gerichtsdiener und ich ein auf frischer Tat ergriffener Dieb wäre, immer weiter mit sich fort. Hört, hört, Oberst Hannes, sprach er, kommt mit mir, ich habe etwas Notwendiges mit euch zu besprechen! Wie? Seid ihr auch unter diese verfluchte Bande geraten? Kommt, kommt, ihr sollt gewißlich gehenkt werden! Es war mir schrecklich, diese Worte zu hören. Denn obgleich ich mich an der Tat, die in Frage stand, unschuldig wußte, war ich doch sehr erschrocken und wußte nicht, wessen mich Will, der, wie ich vernommen, gefangen war, beschuldigt hätte. Bei diesen Worten zerrte und schleppte mich der Schuster mit sich fort, wie er zu tun pflegte, als ich noch ein kleiner Straßenjunge war. Als ich mich aber wieder sammelte und mich aufs höchste gekränkt fand, sprach ich zu ihm: Was wollt ihr, Meister? Laßt mich in Frieden, sonst zwingt ihr mich, andere Saiten aufzuziehen! Hiermit hielt ich an und zeigte ihm, daß ich ein wenig zu groß und stark wäre, um mich von ihm so hin- und herzerren zu lassen wie früher, da ich für ihn noch Botengänge machte, und tat mit der Hand eine Bewegung, als ob ich ihm ins Gesicht schlagen wollte. Was, Hannes? sprach er, wollt ihr mich schlagen? Wollt ihr euren alten guten Freund schlagen? Alsdann ließ er meinen Arm los und fing an zu lachen. Aber hört, Hannes, sprach er, es ist mein Ernst, ich habe Übles von euch gehört, man sagt, ihr wäret unter eine Bande Spitzbuben geraten, und daß dieser Will euch seinen Bruder nannte. Er ist ein Erzbösewicht und wird, wie ich gehört habe, einer bei einem Diebstahl verübten blutdürstigen Grausamkeit beschuldigt und wird ganz gewiß gehenkt werden, wenn sie ihn beim Kopf bekommen haben. Ich will nicht hoffen, daß ihr mit an dieser Tat beteiligt seid. Wenn ihr kein gutes Gewissen habt, so wollte ich euch geraten haben, euch beizeiten aus dem Staube zu machen, denn der Gerichtsdiener mit seinen Gehilfen ist heute nach ihm aus, und wenn er euch einer Sache beschuldigen kann, so seid versichert, daß er es nicht unterlassen wird. Er wird euch gewiß an den Galgen bringen, um selber davon frei zu kommen. Ich dankte ihm für seinen Rat und ging fort, allein ich muß gestehen, mit der größten Sorge. Ich wußte nicht, was ich anfangen und wo ich meinen auf unehrliche Weise erworbenen Reichtum hinstecken sollte. Ich ging in tiefen Gedanken und ganz allein auf die Felder meinen gewohnten Weg und fing an zu überlegen, was zu tun sei. Da Will seine Beute in meiner Kammer gelassen hatte, so kam mir der Gedanke, daß, wenn er gestehen und die Gerichtsdiener hinsenden würde, die Sachen zu suchen, und sie diese fänden, es gewiß um mich geschehen sein und ich für einen Genossen dieser Bande gehalten und gefangengenommen werden würde, obgleich ich doch nichts von der Sache wußte und nichts damit zu tun gehabt hatte. Indem ich nun so in tiefem Nachdenken dahinging und in der größten Bekümmernis war, hörte ich jemanden mit lauter Stimme rufen und schreien, und als ich mich umsah, erblickte ich Will, der spornstreichs auf mich zugelaufen kam. Ich wußte anfangs nicht, was ich davon denken sollte, aber da ich ihn ganz allein sah, faßte ich mich, blieb stehen und wartete auf ihn. Als er zu mir kam, fragte ich ihn: Was gibt es? Will, was gibt es? Mehr als zuviel! Es ist um mich geschehen! Ich bin verloren! Wann bist du zu Hause gewesen? Ich habe gesehen, was du dagelassen hast, sprach ich. Was wolltest du damit anfangen, und wo hast du es bekommen? Ist das dein Unglück und Verderben? Ja freilich, sprach Will, ist das mein Unglück, denn die Gerichtsdiener sind hinter mir her, und ich bin ein toter Mann, wenn sie mich bekommen. Denn der Georg ist verhaftet und hat, um sein Leben zu retten, mich und die andern verraten. Sein Leben? sprach ich, warum solltest du denn dein Leben verlieren, wenn sie dich ergreifen, was würden sie dir tun? Was sie tun würden? sprach er, sie würden mich henken und würden mich so gewiß henken, wie ich jetzt lebe und sollte der König keinen einzigen Mann mehr unter seinem Volk behalten. Dies war mir entsetzlich zu hören, daher fragte ich ihn: Was willst du nun tun? Das weiß ich wahrhaftig nicht, sprach er, ich würde meinem Vaterlande gern den Rücken kehren, wenn ich nur wüßte, wohin ich mich wenden sollte. Allein ich weiß nicht aus noch ein und kann mich auf nichts besinnen, was ich tun könnte; gib mir einen Rat, Hannes, ich bitte dich, sage mir, wohin ich mich wenden soll. Ich habe nicht übel Lust, zur See zu gehen. Du redest von Fortgehen, sprach ich, was willst du denn mit all dem anfangen, was du in meiner Kammer verborgen hast? Es kann dort nicht bleiben, denn ich würde deswegen verhaftet werden, wenn es herauskäme, daß es das Geld ist, was ihr gestohlen habt, und ich würde zur Belohnung dafür den Strick bekommen. Ich frage nichts danach, sprach Will, es mag hinkommen, wohin es will, ich muß fort, nimm es und mache damit, was du willst. Ich muß fliehen und kann es nicht mitnehmen. Ich mag es nicht haben, sagte ich, ich will gehen und es dir holen, ich mag nichts damit zu tun haben. Außerdem ist Silbergeschirr dabei, was sollte ich damit wohl machen? Wenn ich es jemals verkaufen wollte, würden sie mich gewiß dabei abfassen. Was dies betrifft, so wollte ich schon Rat schaffen, wenn ich es nur hier hätte, sprach Will. Allein ich darf mich unter meinen alten Bekannten nicht sehen lassen, denn da ich nun einmal vogelfrei bin, würden mich alle verraten. Allein, ich will dir sagen, wo du hingehen und es verkaufen könntest, wenn du wolltest, wo sie dich kein Wort fragen werden, wenn du ihnen die Losung sagst, die ich dir geben werde! Darauf gab er mir die Losung und noch einige Anweisungen an einen Wucherer, der auf Pfänder lieh. Das Losungswort war: Good Tower Standard! Nachdem er mir diese Unterweisung gegeben hatte, sah er mich an und sagte: Oberst Hannes, ich hoffe, du wirst mich nicht verraten. Denn ich verspreche dir, deinen Namen nicht zu nennen, wenn ich auch ergriffen und gehenkt werden sollte. Ich will in ein gewisses Haus im Bow gehen, wo wir, wie dir bekannt ist, schon öfters gewesen sind, daselbst will ich warten, bis es finster ist, und will nachts auf die Straße kommen und unter dem Heuhaufen, den du auch weißt, liegen. Wenn du aber nicht fertig werden und du nicht dorthin kommen kannst, so will ich zurück nach dem Bow gehen. Ich ging zurück, holte das Bündel, ging in das Haus am Kleidermarkt und gab das Losungswort: Good Tower Standard! Darauf nahmen sie mir stillschweigend das Silbergeschirr und die Wechsel ab, wogen alles und gaben mir nach der Taxe zwei Schillinge für das Lot. Also kam ich glücklich davon, und ging dahin, wo ich Will anzutreffen hoffte. Allein es war schon zu spät, ihn an dem ersten verabredeten Ort zu treffen. Daher ging ich zu dem Heuhaufen, wo ich ihn im festen Schlafe liegend fand. Ich gab ihm den Erlös seiner Beute. Wie hoch sie sich belief, kann ich nicht sagen, da ich das Geld nicht gezählt hatte. Dann ging ich sehr spät und ganz müde nach Hause und begab mich alsbald zur Ruhe. Aber trotzdem ich so müde war, konnte ich doch verschiedene Stunden nicht einschlafen. Als ich endlich vom Schlaf übermannt wurde und kaum ein wenig geschlummert hatte, wurde ich durch ein Getümmel von Leuten, die gegen meine Tür anstürmten, wieder geweckt. Ich hörte sie ein über das andere Mal schreien und rufen: Ihr Leute im Hause, stehet auf und lasset die Polizei herein, wir wollen euren Hausgenossen in der Oberstube abholen. Ich war so erschrocken, daß ich mich kaum fassen konnte, und fuhr von meinem Bette in die Höhe. Aber als ich ganz munter geworden war, hörte ich kein Lärmen mehr, außer daß zwei Wächter mit ihren Stangen an die Türe stießen und riefen, daß die Uhr drei geschlagen hätte und daß es ein regnerischer Morgen wäre. Ich war recht froh, als ich merkte, daß alles nur ein Traum gewesen. Ich legte mich wieder ins Bett, wurde aber zum andern Male wieder von demselben Lärm und demselben Geschrei aufgeweckt. Ich sprang aus dem Bette, lief ans Fenster und fand, daß ich wieder eine Stunde geschlafen hatte und die Wächter um vier Uhr gehört hatte, die eben in aller Stille wieder fortgingen. Also legte ich mich beruhigt wieder nieder und schlief die übrige Nacht ungestört. Ich habe nie viel auf Träume gegeben, hätte auch damals nicht geglaubt, daß sie von irgendwelcher Wichtigkeit wären. Allein, als ich am folgenden Tage ausging, um meinen Bruder Will zu treffen, begegnete mir mein Bruder, der Hauptmann Hannes. Als er mich erblickte, kam er in seiner gewohnten plumpen Art gerade auf mich zu und sagte: Hast du schon das neueste gehört? Dein alter Kamerad und Lehrmeister ist an diesem Morgen gefangen und nach Newgate geführt worden. Wie, sprach ich, heute morgen? Ja, sprach er, heute morgen ist er eines Diebstahls und einer Mordtat, die er irgendwo bei Brentford begangen, beschuldigt worden, und was das schlimmste ist, einer von seiner Bande hat ihn angezeigt, um sein Leben zu retten. Daher wirst du gut tun, dir zu überlegen, wie es mit dir steht. Was willst du damit sagen? fragte ich. Nun, Bruder, sprach er, du wirst am besten wissen, ob du in Gefahr bist oder nicht. Es sollte mir sonst lieb sein, aber ich denke, du bist daran beteiligt gewesen. Nein, ich versichere dir, ich bin nicht dabei gewesen, sagte ich. Nun gut, sprach er, allein wenn du auch dieses Mal nicht dabei warst, so bist du doch andere Male mit ihnen zusammen gewesen, und das ist ebenso schlimm. Nein, sagte ich, du bist falsch unterrichtet, ich gehöre nicht zu ihrer Rotte, sie sind mir zu groß und vornehm. Nachdem wir darüber noch gesprochen hatten, trennten wir uns, und Hauptmann Hannes ging seiner Wege, ich merkte aber, daß er beim Weggehen den Kopf schüttelte und um mich mehr bekümmert zu sein schien, als ich zuerst dachte. Und gewiß hatte er auch alle Ursache, meinetwegen besorgt zu sein, davon werden wir bald mehr hören. Ich wurde überaus unruhig, als ich hörte, daß Will in Newgate sei, und wenn ich gewußt hätte, wohin, so wäre ich so weit geflohen, wie mich meine Beine hätten tragen können. Ich zitterte am ganzen Leibe und dachte in die Erde sinken zu müssen. Ja ich fand den ganzen Abend und die darauffolgende Nacht keine Ruhe. Ich sah nichts weiter in meinen Gedanken vor Augen als Newgate und den Galgen, an den ich kommen würde und den ich ja auch verdient hatte, und wenn auch wegen nichts anderem, als daß ich der armen Frau ihre 22 Schillinge genommen hatte. Das erste, worauf meine verworrenen Sinne ihre Sorgfalt richteten, war mein Geld. Ich trug alles bei mir, es mochten über 60 Pfund Sterling sein, denn ich vertat nichts und wußte nicht, was ich damit anfangen sollte. Endlich fiel mir ein, zu meinem Wohltäter, dem Schreiber auf dem Zollhaus, zu gehen, um ihn zu bitten, mein übriges Geld auch in Verwahrung zu nehmen. Die einzige Schwierigkeit dabei war, ihm die Sache als wahrscheinlich darzustellen, damit er nicht in Verwunderung über das viele Geld geriete. Allein in meinem Kopf kam bald ein guter Einfall. In einem von den Häusern, wo wir unsere Zusammenkünfte hatten, lag ein Haufen Kleider, welche sich dort beständig befanden, damit sie jeder von der Bande bei einer besonderen Gelegenheit, um sich zu verkleiden, anziehen könnte. Dies war eine graue Livree mit nelkenfarbener Borte eingefaßt und auch mit solchem Zeug gefüttert. Dazu ein eingefaßter Hut, ein paar Stiefeln und eine Karbatsche. Ich zog diese Livree an und ging zu meinem Bankier in der Townstraße, wo ich ihn bei guter Gesundheit und als denselben guten Freund antraf wie früher. Er sah mich zuerst starr an, als ich zu ihm kam. Ich verbeugte mich verschiedene Male tief vor ihm und hatte meinen Hut unter dem Arm. Er erkannte mich aber nicht und sprach: Wollt ihr etwas von mir, junger Mann? Ich antwortete: Ja, Herr, Euer Gnaden kennen mich wohl nicht mehr – denn ich hatte schon feinere Manieren angenommen – ich bin der arme Hannes. Darauf sah er mich scharf an, erkannte mich dann und sagte: Was? Der Oberst Hannes? Ja, wo wart ihr denn die ganze Zeit über? Es ist ungefähr sechs Jahre her, daß ich euch nicht gesehen habe? Ich bin auf dem Lande in Diensten gewesen, Herr, gab ich zur Antwort. Ei, ei, Oberst Hannes, ihr gebt langen Kredit. Warum habt ihr die ganze Zeit über weder euer Geld noch die Zinsen eingefordert? ihr werdet mit der Zeit durch die Zinsen eures Geldes so reich werden, daß ihr nicht wißt, was ihr damit anfangen sollt. Ich antwortete nichts darauf, sondern verbeugte mich ein über das andere Mal. Nun, Oberst Hannes, sprach er, kommt herein, ich will euch euer Geld mit den Zinsen geben. Ich gab ihm aufs neue mit vielen Bücklingen und großer Unterwürfigkeit zu erkennen, daß ich nicht meines Geldes wegen käme, denn da ich an verschiedenen Orten einen guten Dienst gehabt hätte, brauchte ich mein Geld nicht. So, so, Oberst Hannes, wo seid ihr denn jetzt? Bei Herrn Jonathan Loxham in Sommersetshire, Euer Gnaden, sprach ich. Dies war ein Name, den ich irgendwo gehört hatte, wußte aber nichts von einem solchen Edelmanne noch dem Lande, wo er wohnte. So wollt ihr also euer Geld nicht wiederhaben? sagte er. Nein, Herr, sprach ich, wenn Euer Gnaden es bei sich behalten wollen, ich habe einen guten Dienst und brauche es nicht. Dann begreife ich nicht, was ihr wollt, Hannes, sprach er. Euer Gnaden wollen vernehmen, daß mir meines alten Herrn, Sir Jonathans Vater, bei seinem Tode 30 Pfund Sterling nebst einem Trauerkleide ... Was, Hannes, unterbrach er mich, bringt ihr mir etwa noch mehr Geld zum aufheben – und dann verstand er, was ich von ihm wollte. Ja, sprach ich, Euer Gnaden mögen so gut sein es anzunehmen und mit dem andern zusammenzutun, auch das, was ich noch von meinem Lohn erspart habe. Habe ich euch nicht gesagt, Hannes, daß ihr reich werden würdet! Hannes, sprach er, wieviel habt ihr denn zusammengebracht, kommt, laßt sehen! Ich zog es heraus und er war so gütig es anzunehmen und gab mir seine Unterschrift für die ganze Summe, die sich auf 94 Pfund Sterling belief, nämlich: 25 Pfund das erste Geld, 6 " für 6 Jahre Zinsen, und 60 " die ich ihm jetzt gab, zus. 94 Pfund Sterling. Ich war recht froh, als ich wieder fortging und machte ihm wieder einen Haufen Bücklinge und Verbeugungen und ließ es mir angelegen sein, meine Kleider wieder zu wechseln. Ich faßte den festen Entschluß, mich von London zu entfernen und es in langer Zeit nicht wiederzusehen. Allein ich. war nicht wenig bestürzt, als ich am nächsten Morgen durchs Rosmariengäßchen ging und ans Ende des Wollmarktplatzes kam, jemanden Hannes! rufen hörte. Als ich nun meinen Namen rufen hörte, sah ich mich um und wurde alsbald drei Männer gewahr, hinter denen ein Gerichtsdiener herging, und die mit großem Ungestüm auf mich zukamen. Ich erschrak und wollte die Flucht ergreifen. Allein einer von ihnen sprang auf mich los und faßte mich beim Arm. Als ich mich nun von ihnen umringt und gefangen sah, fragte ich, was sie von mir wollten und was ich getan hätte. Sie antworteten mir, es wäre da nicht der Ort, um darüber zu reden. Sie zeigten mir aber den Befehl, den sie von der Obrigkeit hätten, und hießen mich ihn lesen. Das übrige würde ich erfahren, wenn ich vor den Richter käme. Dann führten sie mich mit Gewalt fort. Ich nahm zwar den Befehl in die Hand, wußte aber zu meinem großen Leidwesen nicht mehr als vorher, weil ich doch nicht lesen konnte. Ich ersuchte sie also, mir den Befehl vorzulesen. Da erfuhr ich denn, daß sie einen Dieb, der einer der drei Hannes wäre, verhaften sollten, weil er auf eine eidliche Aussage hin angeklagt worden sei, an einem Diebstahl und Mord an dem und dem Tage und an dem und dem Ort teilgenommen zu haben. Es half mir nun nichts, daß ich leugnete und sagte, ich wüßte nichts davon. Allein sie bedeuteten mir, das wäre nicht ihres Amtes sondern müßte vor dem Richter ausgemacht werden, wo ich bald erfahren würde, daß jener ausdrücklich gegen mich gezeugt hätte, worüber ich dortselbst Gewißheit haben würde. Mir blieb nichts anderes übrig als geduldig abzuwarten. Und da mein Herz voll Furcht und Schrecken, und mein Gewissen nicht rein war, so wünschte ich mir lieber tot zu sein, während sie mich so fortschleppten. Denn obgleich ich mich dieser Tat nicht schuldig fühlte, zweifelte ich nicht daran, daß ich nach Newgate geschickt und schließlich aufgeknüpft werden würde. Denn nach Newgate geführt und gehenkt zu werden kamen mir wie Dinge vor, die notwendig aufeinander folgen müßten. Allein, ehe es so weit kam, hatte ich vor dem Richter einen harten Strauß auszufechten. Als ich hingelangt war, und der Gerichtsfron mich hineingeführt hatte, fragte mich der Richter nach meinem Namen: Doch halt, junger Mann, sprach er, ehe ich euch nach eurem Namen frage, muß ich euch Gerechtigkeit widerfahren lassen. Denn ihr seid nicht verpflichtet zu antworten, ehe nicht eure Ankläger zugegen sind! Hiermit wandte er sich an den Gerichtsfron und fragte ihn nach dem Haftbefehl. Ihr habt, sprach er zu ihm, diesen jungen Mann hierher geführt – ist er die Person, gegen die der Befehl ausgegeben worden ist? Der Gerichtsfron antwortete: Ich glaube es, Herr Richter. Ihr glaubt es nur, sagte der Richter, seid ihr denn dessen nicht gewiß? Der Gerichtsdiener antwortete: Euer Gnaden mögen verzeihen, die Leute sagten es mir, als ich ihn in Haft nahm. Darauf sagte der Richter: Dies erscheint mir eine sonderliche Art, einen Befehl und eine Vollmacht zu benutzen und einen jungen Menschen abzuführen, der nur unter dem Namen Hannes bekannt ist und der nicht einmal einen Zunamen hat, außer daß man sagt, er werde Hauptmann Hannes oder so genannt. Junger Mann, sagt mir, ist euer Name Hauptmann Hannes oder werdet ihr allgemein so genannt? Ich merkte bald, daß die Männer, die mich aufgegriffen, nichts von mir wußten, und der Gerichtsdiener mich nur auf Hörensagen hin verhaftet hatte. Daher faßte ich mir ein Herz und bat den Richter mir zu erlauben mich zu verantworten, zumal es meines Erachtens jetzt nicht das wichtigste war, wie ich hieße, sondern was diese oder andere Leute gegen mich vorbringen wollen, und ob ich die Person wäre oder nicht, gegen die sie den Verhaftungsbefehl ausführen sollten. Der Richter lächelte und sprach: Es ist wahr, was ihr sagt, und ich versichere euch, wenn sie euch hergeführt haben, ohne euch zu kennen, und kein Mensch da ist, der euch anklagt, so haben sie dies zu ihrem eigenen Schaden getan. Ich sagte hierauf zum Richter: Wenn mein Ankläger herbeigeführt würde, so wollte ich meinen Namen nicht länger verschweigen. Dies ist nicht mehr als recht, sagte der Richter und wendete sich zu dem Gerichtsdiener: Seid ihr gewiß, daß dieses die Person ist, die in eurer Vollmacht gemeint ist? Wenn ihr dessen nicht sicher seid, so müßt ihr den herbeiholen, der die Anklage erhoben und den Eid darauf abgelegt hat. Sie versuchten es durch viele Umstände zu beweisen, daß ich die rechte Person und demnach auch verpflichtet sei meinen Namen zu sagen. Ich blieb dabei, daß ich dieses Verlangen unbillig fände und keineswegs gesonnen wäre mich selbst anzuklagen. Der Richter konnte mir auch hierin nicht unrecht geben und gab ihnen mit deutlichen Worten zu verstehen, daß er mich nicht zwingen könne, wenn ich es nicht freiwillig täte. Ihr seht, sprach der Richter, er ist zu gescheit dazu, als daß er sich hierin etwas vergäbe. Die Sache zog sich über eine Stunde hin, währenddessen sie sich vor dem Richter stritten und ich mich gegen einen von ihnen verteidigte. Endlich sagte der Richter, sie müßten entweder den Ankläger herbeiführen, oder er müßte mich frei lassen. Hierdurch wurde ich etwas aufgemuntert und kämpfte um so kräftiger für mich. Endlich wurde der Ankläger mit Ketten und Fesseln, wie er im Kerker war, herbeigebracht. Ich war heilfroh, als ich sah, daß ich ihn gar nicht kannte und er keiner der beiden Schelme war, mit denen ich in jener Nacht ausgezogen war, als wir die arme Frau plünderten. Der Gefangene wurde in die Stube gebracht und mir gerade gegenübergestellt. Kennt ihr diesen jungen Menschen, fragte der Richter. Nein, Herr Richter, sprach der Gefangene, ich habe ihn in meinem Leben nie gesehen. Hm, sprach der Richter, habt ihr nicht einen beschuldigt, der unter dem Namen Hannes oder Hauptmann Hannes bekannt ist, daß er mit bei dem Diebstahl und Mord beteiligt gewesen, weswegen ihr verhaftet seid? Der Gefangene sagte: Ja, Herr Richter, so ist es. Worauf der Richter wieder fragte: Ist dies nun der Mann oder ist er es nicht? Dies ist nicht der Mann, Herr Richter, sprach der Gefangene, ich habe diesen Menschen niemals vorher gesehen. Da haben wir es, sprach der Richter zu dem Gerichtsfron, was sollen wir machen? Ich muß mich wundern, sprach der Gerichtsdiener, als ich bei einem gewissen Hause war und dieser junge Mann vorbei ging, fing das Volk an zu schreien: Das ist der Hannes, das ist euer Mann! Worauf ihm die Leute nachliefen und ihn ergriffen. Nun gut, sprach der Richter, haben denn die Leute etwas gegen ihn gehabt? Können sie beweisen, daß er die gesuchte Person ist? Der erste sagte nein, der zweite sagte nein, der dritte sagte nein, mit einem Wort: sie sagten alle nein. Nun fing der Richter an: Was ist hier zu tun? wir müssen den jungen Menschen wieder laufen lassen. Ich kann euch aber nicht verhehlen, Gerichtsfron, daß der junge Mann euch wegen eurer Übereilung Ungelegenheiten machen kann, wenn er es tun will. Allein, junger Mann, sagte der Richter zu mir, es ist euch keine Gewalt angetan worden, und der Gerichtsdiener, der sich geirrt hat, hat dabei keine böse Absicht gehabt, sondern wollte nur seiner Pflicht getreulich nachkommen. Ich dächte, ihr könntet es gut sein lassen. Ich sagte ihm, ich wollte es dabei bewenden lassen, wie er mir geraten, möchte aber beantragen, daß der Gerichtsdiener und die übrigen Gerichtspersonen mit mir an den Ort zurückkehren sollten, wo sie mich auf so schimpfliche Weise angehalten hätten, und dort öffentlich bekannt machen, daß ich in allen Ehren wieder auf freien Fuß gesetzt worden und nicht der Täter gewesen sei. Der Richter sagte, dies wäre recht und billig; der Gerichtsfron mit seinen Helfern versprach es auch zu tun. Wir gingen also als gute Freunde wieder auseinander, und ich war zu meiner größten Freude freigesprochen. Notabene: Dies war die Begebenheit, die ich oben erwähnt habe, da der Richter meinte, ich sei zu besseren Dingen geboren, und er schlösse aus dem, was ich zu meiner eigenen Verteidigung angeführt hätte, daß ich eine gute Erziehung gehabt haben müsse, und es täte ihm daher leid, daß mir solche Unannehmlichkeit begegnet wäre, wovon ich doch so rühmlich losgesprochen worden. Obwohl sich der Richter in dem, was meine Erziehung betraf, irrte, so bewirkte es doch in mir den Entschluß, lesen und schreiben zu lernen, es mochte kosten, was es wolle, ich mochte nicht länger ein solch unwissendes Tier bleiben, das nicht einmal imstande wäre, einen schriftlichen Befehl zu lesen und zu sehen, ob ich die Person, die verhaftet werden sollte, sei oder nicht. Allein es steckte doch mehr dahinter, als ich gemerkt hatte. Denn es klärte sich allmählich auf, daß mein Bruder, der Hauptmann Hannes, der mir so eifrig vorgehalten, ich sollte mich prüfen, ob ich zu der Diebesbande gehöre, selbst dazu gehörte und alle Ursache hatte die Flucht zu ergreifen, und zwar zu der Zeit, als er mich für vogelfrei erklären wollte. Als mir dieses einfiel, ließ ich es mir angelegen sein ihn auszuforschen, um ihm Nachricht darüber zukommen zu lassen. Da ich mich nun selber gänzlich in Sicherheit fühlte, hatte ich meinetwegen keinen großen Kummer mehr, sondern es wurde mir angst und bange um den armen Will, meinen Lehrmeister und Anführer, welcher zu Newgate in Ketten und Banden saß, während ich glücklich in Freiheit war. Daher verlangte es mich, ihn aufzusuchen und mit ihm zu sprechen. Ich fand ihn in einem traurigen Zustande, mit schweren Fesseln beladen und ohne Trost und Hoffnung mit dem Leben davon zu kommen. Er sagte mir unverhohlen, daß er werde daran glauben müssen, aber ich sollte mir deswegen nur keine Sorgen machen. Ich könnte mich darauf verlassen, daß er mir keine Ungelegenheiten machen würde, da es ihm ja auch nichts hilfe, wenn er mich anklagte, da ich nur das eine Mal mit ihm auf Raub ausgewesen wäre. Der Galgenvogel, der sie alle verraten habe, könne mir auch nichts schaden, denn er habe mich in seinem Leben mit keinem Auge gesehen. Aber, Oberst Hannes, sprach er, ich will euch sagen, wer mit uns gewesen ist: nämlich dein Bruder, der Hauptmann Hannes, und jener Schelm hat ihn sicherlich namhaft gemacht, daher gib ihm, wenn du kannst, Nachricht, daß er sich aus dem Staube machen soll. Hierauf fing er an mir eine sehr erbauliche Predigt zu halten, seinen Fußstapfen nicht länger nachzufolgen: Ich irrte mich sehr, mein lieber Hannes, sprach er, als ich dir sagte, ein berühmter Dieb sein hieße ein Edelmann sein! Er hatte eine große Summe Geldes bei sich: es war das, was ich ihm zu dem Heuhaufen gebracht, und er hatte es so gut verborgen, daß die, welche ihn in Haft genommen, es nicht gewahr geworden waren. Er gab mir den größten Teil davon, damit ich es seiner Mutter brächte. Ich lieferte es ihr auch ehrlich ab und ging mit schwerem Herzen fort. Ich habe ihn auch nach dieser Zeit nicht wieder gesehen, denn er wurde gleich am nächstfolgenden Gerichtstag verurteilt und ungefähr drei Wochen danach gehenkt. Meine größte Sorge ging nun darauf aus, wie ich den Hauptmann antreffen könnte, von welchem ich auch endlich, obgleich nicht ohne große Mühe, Nachricht einzog. Ich erzählte ihm die ganze Begebenheit, wie ich irrtümlich statt seiner verhaftet gewesen aber wieder auf freien Fuß gesetzt worden wäre, und teilte ihm mit, daß noch immer ein Befehl auf ihn ausgestellt sei und überaus scharf nach ihm nachgeforscht würde. Als ich ihm dies alles erzählte, verriet er sich bald selbst durch seine Bestürzung, daß er bei dem Diebstahl beteiligt gewesen war und den größten Teil der Beute in Verwahrung hatte. Er bat mich daher um meinen Rat, den ich ihm aber nicht geben konnte, da ich gar zu wenig von der Welt wußte. Da teilte er mir mit, daß er nach Schottland fliehen wollte, was wohl leicht zu bewerkstelligen wäre. Er fragte mich, ob ich mit ihm gehen möchte. Ich sagte: Von Herzen gern, wenn ich nur soviel hätte die Reisekosten zu zahlen. Er hatte aber noch immer das alte Handwerk im Sinn. Ich versichere dir, sprach er, wir wollen es schon so anfangen, daß uns die Reise auch die Kosten einbringt. Nein, versetzte ich, wir dürfen nicht mehr daran denken, unser Leben auf diese Art aufs Spiel zu setzen. Überdies wenn uns ein Unglück träfe, dem wir nicht gewachsen wären, so würden wir uns nimmermehr wieder herausauswickeln können, und es würde dann gewiß um uns geschehen sein. Ei, sprach er, man wird kein Mitleid mit uns haben, wo man uns auch erwischt, sie können uns außerhalb Londons auch nichts Schlimmeres antun. Ich bin entschlossen es noch einmal zu wagen. Aber Hauptmann, sprach ich, hast du denn so schlecht Haus gehalten, daß du kein Geld hast, um dich aus solcher Not zu retten, in der du jetzt steckst? Ich habe, sagte er, jetzt in der Tat sehr wenig, denn ich habe letzthin Unglück gehabt. Es war aber nicht so, denn er hatte einen großen Teil der Beute, die sie bei ihrem letzten Diebstahl erworben hatten, beiseite gebracht. Die andern hatten sich sogar beschwert, daß er und der Will fast alles davon genommen und die übrigen um ihren Anteil gebracht hätten, was sie um so eher bewogen hatte, die beiden zu verraten. Trotzdem gestand er, ungefähr 22 Pfund Sterling bei sich zu haben und noch sonst manches, was man versilbern könne, was vielleicht Küchengeschirr war. Allein er wollte es mir nicht verraten, wo es läge und wo er es hätte, sondern sagte nur, er dürfe nicht hingehen es zu holen, wenn er nicht ergriffen werden wollte. Darum wollte er es liegen lassen und ohne jenes in die Welt hinausziehen. Wir werden schon noch zu gelegener Zeit zurückkommen, setzte er noch hinzu. Ich zog alles Geld, was ich hatte, 16 Pfund Sterling und etliche Schillinge, hervor. Wenn wir gut haushalten und sparsam auf unserer Reise sind, sagte ich, wird uns dies schon außer Gefahr bringen. Denn wir glaubten beide, daß wir, wenn wir aus England heraus wären, beide in Sicherheit sein würden, so daß uns kein Mensch mehr etwas anhaben könnte, wenn man uns auch kennen sollte. Allein wir wußten damals beide noch nicht, daß dies viel Vorsicht und Behutsamkeit erfordert. Ich redete mir ein, daß ich mich in ebenso großer Gefahr befände wie mein Bruder Hannes. Aber obgleich ich in ebensolcher Furcht schwebte wie er, so stand es doch nicht so schlimm um mich. Ich will nicht vergessen zu erzählen, daß ich, während diese Dinge vorgingen, ganz allein einen Spaziergang auf das Feld hinaus machte, um nach Kentishtown zu gehen und der alten Muhme ihr Recht widerfahren zu lassen. Da geschah es, daß ich gerade an den Ort kam, wo ich die arme alte Frau und die Magd ausgeplündert hatte. Mein Gewissen hatte mir schon oft diese grausame Tat vorgehalten, ich hatte auch schon bei mir selbst gelobt, Mittel und Wege zu suchen, um ihnen ihr Geld wiederzugeben, wozu ich mir denn auch diesen Tag ausersehen hatte. Ich erschrak aber doch ein wenig, als ich mich plötzlich an dem Unglücksort befand, da er mich an die Schurkerei, welche ich dort begangen hatte, erinnerte, und ich hegte den heimlichen Wunsch – Gebet kann ich es nicht nennen, weil ich hiervon nichts wußte –, daß ich dieses verfluchte Handwerk aufgeben möchte. Ich wünschte ein ehrliches Gewerbe zu verstehen, durch das ich meinen Lebensunterhalt verdienen könnte, dann wollte ich niemanden mehr berauben! Ich setzte meinen Weg nach Kentishtown fort und fragte eine arme Frau, die von dort war, ob sie eine Frau namens Smith kenne. Sie antwortete: Ja, sehr gut, sie ist keine ansässige Einwohnerin, sondern wohnt nur zur Miete, ist aber ein armes ehrliches und fleißiges Weib, das durch mühselige Arbeit einen kranken Mann ernähren muß, der vor einigen Jahren zu Schaden gekommen ist, so daß er sich selbst nicht helfen kann. Ich fand ohne Mühe heraus, wo sie wohnte. Als ich ein kleines Mädchen vor der Tür nach der Frau fragte, hörte sie es drinnen und kam heraus. Ich redete sie an und sprach: Ehrliche Frau, seid ihr ungefähr vor einem Jahr, als ihr von London nach Hause ginget, ausgeplündert worden? Ja freilich wurde ich geplündert, sagte sie, und bin vor Schreck bald umgekommen. Wieviel wurde euch denn genommen, fragte ich. Sie haben mir alles Geld weggenommen, was ich besaß, und was ich mir auch blutsauer verdient hatte, es war auch Geld dabei für ein Kind, das ich damals zu verpflegen hatte und wofür ich in London das Geld bekommen. Wieviel war es denn? fragte ich. Sie sagte: es waren 22 Schillinge, 6 Groschen, alles halbe Groschen, 21 Schillinge hatte ich mir erst geholt, das übrige hatte ich bei mir gehabt. Hierbei stiegen mir die Tränen in die Augen, obgleich ich mir alle Mühe gab sie zu unterdrücken. Ihr armes Weib, sagte ich, es ist erbärmlich, daß solche Galgenvögel eine arme Frau, wie ihr seid, ausplündern und sie des ihrigen berauben. Nun, der Täter hat jetzt Zeit es zu bereuen. Ich merke, daß ihr sehr mitleidig seid, mein Herr, sagte sie, ich wünsche, daß der Verbrecher die Zeit, die Gott ihm noch schenken will, recht wohl anwenden und sich bekehren möge. Haltet eure Hand auf, sprach ich. Sie tat es. Da zählte ich ihr denn neun halbe Kronen in die Hand. Da, sagte ich, habt ihr eure 22 Schillinge und 6 Groschen wieder, die euch geraubt wurden. Die Zeit über, als ich ihre Hand hielt, merkte ich, da ich ihr beständig ins Gesicht sah, daß sie bald weiß bald rot wurde vor äußerster Verwunderung, Bestürzung und Freude. Gott vergelte es euch, sprach sie. Sie bewegte mich derart mit ihrem Wunsch, daß ich mit der Hand noch einmal in die Tasche griff. Nun, sprach ich, da habt ihr noch etwas über euren Verlust! Und hiermit gab ich noch eine Krone mehr. Dann fragte ich sie, wer diejenige gewesen, die gleich ihr geplündert worden wäre. Sie sagte, es sei eine Magd, die in der Stadt wohne, sie wäre aber aus ihrem Dienst getreten und sie wüßte nicht, wo sie sich aufhielte. Nun, sprach ich, wenn ihr erfahret, wo sie wohnt, so hinterlasset Nachricht, wo sie anzutreffen ist. Und wenn ich euch dann wieder besuche, so will ich das Geld für sie auch wiederbekommen, ich denke, es wird nicht viel gewesen sein. Nein, sprach sie, es waren nur fünf Shillinge und sechs Groschen. Also versuchet es zu erfahren, wo sie ist, sagte ich. Sie versprach es mir und ich machte mich wieder fort. Dies gab mir eine große Zufriedenheit. Allein die ganz natürliche Folge davon wäre gewesen, daß mir tiefsinnige Überlegungen kämen, und daß ich zu dem Schluß gebracht würde; daß ich nun allen, denen ich auf gleiche Weise Unrecht getan hätte, das ihrige zurückerstatten müßte. Aber wie sollte ich dies tun und wie hätte ich es anfangen sollen? Mit der Zeit verloren sich diese Gedanken, denn es war eben eine Unmöglichkeit, da ich doch gar kein Vermögen dazu hatte. Ich kannte ja auch niemanden von den Leuten, die ich geschädigt, und so schlug ich denn alles bald in den Wind. Ich komme nun jetzt auf meine Reise mit dem Hauptmann Hannes. Wir begaben uns zu Fuß von London fort und wanderten den ersten Tag bis nach Ware. Denn wir hatten uns erkundigt, daß wir unsern Weg durch diese Stadt nehmen müßten. Wir waren müde genug, weil wir das Reisen noch gar nicht gewohnt waren. Trotzdem gingen wir einmal durch die Stadt hindurch, als wir dort angelangt waren. Ich merkte bald, daß Hauptmann Hannes diesen Spaziergang durch die Stadt nicht zur Besichtigung und zur Befriedigung seiner Neugierde unternahm, sondern daß sein Zweck war, eine Gelegenheit zum Rauben ausfindig zu machen. Es bot sich aber in Ware nichts, was nach seinem Sinn gewesen wäre, weil kein Markttag war. Was mich betraf, so war ich, obgleich ich mir kein Gewissen daraus machte, auf Kosten seiner Spitzbüberei zu essen und zu trinken, doch fest entschlossen, mich in nichts einzulassen und nicht das geringste fortzunehmen. Als der Hauptmann merkte, wie ich hierin dachte, fragte er mich, wie ich zu reisen gedächte. Ich fragte ihn wieder, was er sich dächte, da er doch gewiß gehenkt werden würde, sei das Verbrechen auch noch so klein, wenn er ergriffen würde. Wie kann das sein, sprach er, sie kennen mich doch nicht auf dem Lande? Ja, sagte ich, denkst du, es wird kein Steckbrief davon nach Newgate gesandt. Sobald ein Dieb auf dem Lande ergriffen wird, forschen sie nach, wer ihnen entflohen ist, damit er angehalten wird. Sei versichert, die Gefängnisse führen den genauesten Briefwechsel miteinander und wenn du hier nur einen Korb Eier stiehlst und dabei ertappt wirst, so wird bald ein Ankläger geschickt werden, um zu sehen, ob er dich kennt. Dies schreckte ihn eine Weile ab und hieß ihn ein paar Tage ehrlich bleiben. Allein dies dauerte nicht lange. Denn er verübte später eine ganze Menge Spitzbubenstreiche ohne mich, bis er endlich auch sein Ende fand, was allerdings erst nach einer Reihe von Jahren geschah, wie man später erfahren wird. Da aber diese Diebshändel nicht in meine Geschichte eingreifen, sondern nur ihn betreffen, dessen Leben und Taten ein dickeres Buch ausfüllen würden als dieses ist, so will ich alles fortlassen, wobei ich nicht selber beteiligt gewesen bin. Von Ware reisten wir nach Cambridge, obwohl es nicht gerade an unserer Landstraße lag. Dies machte sich so. Als wir auf dem Wege durch ein Dorf, Puckeridge genannt, kamen, kehrten wir dort im Gasthof »Zum Falken« ein. Während wir dort saßen, kam ein Landmann in den Gasthof und band sein Pferd vor der Tür an, um hineinzugehen und eins zu trinken. Wir saßen im Torweg und hatten uns einen Krug Bier geben lassen. Wir hatten uns bei dem Stallknecht erkundigt, wo der Weg nach Schottland ginge. Er sagte uns, wir müßten auf der Straße nach Royston fragen. Allein, sprach er, es geht gleich hier ein Weg ab, den ihr nicht gehen dürft, denn er führt nach Cambridge. Wir hatten unser Bier bezahlt und saßen nur noch, um uns ein wenig auszuruhen, als plötzlich eines Edelmanns Kutsche, mit vier Pferden bespannt, vor der Türe hielt. Die, welche zu Pferde saßen, ritten geradenwegs in den Hof, und der Stallknecht mußte mit ihnen gehen. Daher sprach er zum Hauptmann. Seid doch so gut und haltet dieses Pferd ein wenig! Damit meinte er des vorhergenannten Landmanns Pferd, das er aus dem Wege ziehen mußte, um der Kutsche Platz zu machen. Der Hauptmann tat dies und winkte mir, daß ich ihm folgen sollte. Wir gingen vorsichtig bis zum abzweigenden Wege. Er sagte mir, ich solle sachte vor ihm hergehen, er wolle mir schon folgen. Ich ging den Fußsteig hinauf und in wenigen Minuten saß er zu Pferde und folgte mir. Komm, setz dich auf, sprach er, ich will des Henkers sein, wenn wir das Pferd nicht glücklich wegbringen! Es machte mir keine Schwierigkeit, hinten hinaufzuspringen. Wir galoppierten eine gute Strecke fort, weil es ein starkes Pferd war. Wir verloren keine Zeit, sondern ritten eine Stunde lang, bis wir dachten, wir wären nun weit genug, daß sie uns nicht mehr einholen könnten, zumal der Bauersmann, wenn er sein Pferd vermissen und hören sollte, daß wir nach dem Weg nach Royston gefragt hätten, uns gewiß auf diesem Wege und nicht auf dem nach Cambridge verfolgen würde. Wir ritten nun ein wenig langsamer, nachdem wir etliche Stunden so gejagt hatten, und wenn wir durch eine Stadt oder ein Dorf kamen, stiegen wir abwechselnd ab, um nicht zu zweien hindurchzureiten. Da es dem Hauptmann unmöglich war, eine Gelegenheit vorbeigehen zu lassen, wo es etwas zu stehlen gab, so war jetzt, da er ein Pferd hatte, um die gestohlenen Sachen fortzubringen, die Versuchung nur noch größer geworden. Wir ritten durch ein Dorf, wo man gewaschen und die Wäsche auf den Zaun neben der Straße aufgehängt hatte. Er konnte es nicht übers Herz bringen vorbeizugehen, ohne ein paar Hemden zu erwischen, die halb trocken waren, darauf holte er mich spornstreichs ein, denn ich war ein wenig vorausgegangen. Ich sprang geschwind hintenauf, und wir galoppierten so schnell davon, als unser Gaul nur traben wollte. Hierbei gerieten wir zu unserm großen Glück ganz von der Straße ab. Denn da wir es versäumt hatten, nach dem Wege zu fragen, so verirrten wir uns viele Meilen zu weit rechts, bis wir durch Bishop-Stratford auf die Landstraße gelangten, die von London nach Cambridge geht. Die besonderen Umstände, die uns bewogen hatten, so fort zu wandern, waren diese: Das Land bestand aus lauter offenen Kornfeldern, die nicht umzäunt waren. Als wir auf einem etwas höher gelegenen Grunde waren, hieß ich ihn das Pferd anhalten, weil ich absteigen und ein wenig zu Fuß gehen wollte, da meine Beine vom langen Reiten ganz steif geworden waren, zumal ich hintenauf gesessen und ohne Steigbügel geritten hatte. Als ich abgestiegen war und mich ein wenig umsah, konnte ich die große breite Straße gar deutlich sehen, die wir hätten reiten sollen und die beinahe zwei Meilen von uns entfernt lag. Als ich mich aber ein wenig zur Linken umsah, erblickte ich einige Reiter, die in voller Eile herankamen, einige mit einem Vorsprung vor den andern, welche jagten, als ob sie einem Kurier nachsetzten. Ha, Bruder Hannes, sprach ich, steig augenblicklich vom Pferde und sieh, was es dort gibt! Was gibts denn? fragte er. Sieh dorthin! Es ist gut, daß wir unsern Weg verfehlt haben. Siehst du dort die Reiter? Ich versichere dir, sie setzen uns nach – entweder verfolgen sie dich vom letzten Dorf aus wegen der Hemden, oder von Puckeridge aus wegen des Pferdes. Sein findiger Sinn riet ihm, das Pferd hinter einen großen Dornbusch zu ziehen, der gleich daneben stand. Also konnten sie das Pferd keineswegs sehen, das sie sonst, da wir gerade auf einer Anhöhe waren, hätten sehen müssen, worauf sie uns dann ohne Zweifel auf diesem Wege verfolgt hätten. Ebenso wie es ihnen aber unmöglich war das Pferd zu sehen, war es ihnen auch nicht möglich, uns selber auf solche Entfernung zu erblicken, weil wir uns auf die Erde gesetzt hatten, um ihnen aus desto größerer Sicherheit nachsehen zu können. Sie ritten so schnell als ihre Pferde nur konnten. Als wir sie ganz aus dem Gesicht verloren hatten, saßen wir wieder auf und säumten nicht unsere Reise fortzusetzen. Denn obgleich wir zu zweien auf einem Pferde ritten, blieben wir doch unserm Wege nichts schuldig, wo es derselbe zuließ, fragten auch keinen Menschen, wo der Weg hinführe, bis wir ungefähr nach zwei Stunden zu einer Stadt kamen, die Chesterford hieß. Hier hielten wir an, fragten aber in keinem Orte nach unserm Weg, sondern nur, wo dieser Weg überhaupt hinginge und erfuhren, daß es die Landstraße nach Cambridge war. Wir ruhten eine Zeitlang aus, weil wir uns sicher glaubten, gegen Abend ritten wir weiter bis an einen Ort, der Bournbridge hieß, wo sich die Landstraße nach Cambridge auf die Straße nach Newmarket zuwendet und wo nur zwei Häuser stehen, die beides Wirtshäuser sind. Hier sagte der Hauptmann zu mir: Höre! du siehst, daß wir auf dem Wege nach Cambridge verfolgt und daselbst angehalten werden, wenn wir dorthin gehen. Newmarket ist nur zehn Meilen von hier, dort sind wir in Sicherheit und können vielleicht Gelegenheit finden ein Geschäft zu machen. Sieh dich vor, Hannes, sagte ich, sprich nicht mehr von solchen Geschäften, ich will damit nichts zu tun haben. Ich möchte dich gern nach Schottland bringen, ehe sie dir ein hänfernes Halsgeschmeide umlegen, und ich möchte nicht gern, daß du in England gehenkt würdest, deshalb gehe ich nicht mit nach Newmarket, wenn du mir nicht versprichst, deine alten Schliche dort zu lassen. Nun, sprach er, wenn ich nicht darf, so darf ich nicht. Allein ich hoffe, du wirst mir erlauben zu sehen, wie wir noch ein Pferd bekommen können, um desto geschwinder zu reisen. Nein, sprach ich, dies will ich nicht erlauben, dazu gebe ich meine Einwilligung nicht. Wenn du zugibst, daß ich dieses Pferd wieder zurückschicke, so will ich dir sagen, wie wir nachher Pferde mieten und sie behalten können, so weit wie wir wollen. Wir brauchen nur dem Eigentümer einen Brief zu senden, daß er das Pferd holen lassen solle und wenn wir auch deswegen angehalten werden, so wird uns doch deswegen kein Schaden zugefügt werden. Du bist ein schlauer Kopf, sprach Hannes, allein ich denke, es ist so am besten, wie es ist. Denn wir sind außer aller Gefahr, unterwegs angehalten zu werden, wenn wir von hier fort sind. Während wir noch darüber redeten, kam, obgleich es schon finstere Nacht war, ein Mann vor die Tür des andern Wirtshauses und forderte einen Krug Bier. Allein die Leute waren schon zu Bett gegangen und wollten nicht aufstehen. Da fragte er sie, ob sie nicht zwei Kerle hätten diesen Weg kommen sehen, die beide auf einem Pferde gesessen hätten. Der Wirt sagte, daß er sie wohl gesehen hätte, sie wären am Nachmittage vorbeigeritten und hätten nach dem Weg nach Cambridge gefragt, aber nicht so lange angehalten, bis sie einen Krug Bier ausgetrunken hätten. So sind sie, sprach er, nach Cambridge gegangen, und ich werde sie bald haben! Ich war noch nicht eingeschlafen, sondern wachte noch in der kleinen Kammer der Herberge, wo wir logierten. Als ich den Kerl vor der Tür rufen hörte, stand ich auf, ging zum Fenster, zumal mir jedes raschelnde Blatt Unruhe machte. Auf diese Weise hörte ich das ganze Gespräch. Diesmal waren wir also noch davongekommen. Unser Schicksal hatte also noch ganz andere Dinge mit uns vor. Die Sache verhielt sich so: Als wir zuerst nach Bournbridge gekommen waren, hatten wir in dem ersten Hause gefragt, welches der Weg nach Cambridge sei, hatten einen Krug Bier getrunken und waren fortgegangen, und man mochte gesehen haben, daß wir uns auf den Weg zuhielten, den man uns gezeigt hatte. Da aber die Nacht hereinbrach und wir sehr müde waren, so fürchteten wir den Weg zu verfehlen. Daher waren wir in der Dämmerung wieder zurückgekommen und im andern Wirtshause eingekehrt, weil dieses bei unserm Rückweg das erste war – wo wir uns zuerst erkundigten, war bei unserer Ankunft das erste gewesen. Man kann mir glauben, daß mir nicht sehr wohl zumute war, als ich das Gespräch hörte, und ich hatte auch wohl alle Ursache dazu. Der Hauptmann lag im tiefsten Schlafe, ich schüttelte und rüttelte ihn so lange, bis ich ihn aufgeweckt hatte. Steh auf, Hannes, sprach ich, wir sind beide verloren! Sie sind uns hierher nachgekommen! Ich tat unrecht daran, ihn auf solche Weise zu erschrecken, denn er fuhr in die Höhe, sprang aus dem Bett und rannte gerade aufs Fenster zu, ohne zu wissen, wo er sei, und wollte mit halboffenen Augen zum Fenster hinausspringen. Ich ergriff ihn aber an einem Arm und sagte: Was willst du tun? Ich will mich nicht fangen lassen, sprach er, laß mich zufrieden, wo sind sie? So groß war seine Bestürzung, und er war vor Furcht so außer sich geraten und dabei noch so schlaftrunken, daß ich alle Mühe hatte ihn abzuhalten, daß er nicht aus dem Fenster hinaussprang. Allein ich hielt ihn fest, bis er völlig wach war, und dann war alles wieder gut, und er kam alsbald zur Besinnung. Alsbald erzählte ich ihm die ganze Begebenheit und wir setzten uns auf das Bett und überlegten, was zu tun wäre. Da aber der Kerl, der auf unserer Spur war, seinen Weg nach Cambridge genommen hatte, so brauchten wir nichts zu fürchten und konnten in aller Stille abwarten, bis es Tag werden würde, alsdann aufsitzen und unsern Weg fortsetzen. Sobald also der Tag anbrach, machten wir uns auf, und da wir uns glücklicherweise nach dem Wege bei dem andern Hause erkundigt und erfahren hatten, daß die Straße nach Cambridge links abbog, die Straße nach Newmarket aber geradeaus ging, so vermeldete mir der Hauptmann, er wolle zu Fuß nach Newmarket gehen, so daß ich, wenn ich mich aufmachte, nur ein einzelner Reisender zu sein schien. Hierauf ging er alsbald voraus und zwar so schnell, daß ich mehr als einmal dachte, wir hätten uns verfehlt. Denn obgleich ich scharf zuritt, konnte ich ihn doch eine Stunde lang nicht zu Gesicht bekommen. Endlich aber, da ich den großen Damm hinter mir hatte, den man den Teufelsgraben nennt, traf ich auf ihn und nahm ihn hinter mir aufs Pferd, und wir ritten zu zweien, bis wir beinahe am Städtchen Newmarket angelangt waren. Gerade am ersten Hause der Stadt stand ein Pferd vor der Tür, genau so wie zu Puckeridge. Nun sprach Hannes: Wenn dieses Pferd am andern Ende der Stadt stünde, so sollte es gewiß unser sein, ebenso wie das, welches wir von Puckeridge mitnahmen. Allein es ließ sich nicht machen, also stieg er ab und ging auf der rechten Seite des Weges durch die Stadt. Er war noch nicht bis zur Hälfte der Stadt gegangen, so kam das Pferd, das sich auf irgendeine Weise losgerissen hatte, in sanftem Trabe von selbst hinterher und kein Mensch verfolgte es. Der Hauptmann als ein alter erfahrener Soldat in dergleichen Freibeuterei fing an, dem Pferde nachzulaufen, sobald dasselbe ein gutes Stück vor ihm war und er niemanden sah, der ihm folgte. Sowie aber das Pferd ihn nachfolgen hörte, lief es schneller. Da fing der Hauptmann an zu rufen: Haltet das Pferd an! Mittlerweile war es bis ans andere Ende der Stadt gelangt, weil es die Leute, denen es gehörte, die ganze Zeit nicht vermißt hatten. Als er nun rief, das Pferd aufzuhalten, kamen die Leute, die am nächsten zur Hand waren, von beiden Seiten des Weges herzu und hielten das Pferd auf, so gut es möglich war. Da kam Hannes ganz gravitätisch auf das Pferd zu, gab ihm etliche Hiebe mit der Peitsche und nannte es ein verfluchtes Aas, das ihm durchgegangen wäre. Er gab dem Manne, der es eingefangen, zwei Groschen Trinkgeld, setzte sich auf und kam mir in aller Gemütsruhe nachgeritten. Nun war die Frage, wohin wir unsern Weg nehmen sollten. Wir hatten vier Wege vor uns, und einer war uns so wenig bekannt wie der andere. Da wir nun nicht wußten, welchen Weg wir einschlagen sollten und wie wir auf die große Straße nach Norden, die wir verlassen hatten, gelangen sollten, nahmen wir auf gut Glück den Weg nach Brandon und von da nach Lynn. Ich beobachtete dabei diese Regel: Wenn wir nach einem Wege fragten, nahmen wir niemals diese Straße, sondern eine andere, auf welche uns die zufällige Unterredung mit den Leuten brachte. Und so machten wir es auch hier. Denn da wir hauptsächlich nach dem Wege, der auf die Nordstraße führte, gefragt hatten, so entschlossen wir uns, geradenwegs nach Lynn zu gehen. Dies ist eine große volkreiche Stadt, und es war gerade Markttag, als wir ankamen. Wir kehrten am äußersten Ende der Stadt in einem Häuschen ein und gingen in die Stadt hinein. Hier war es nicht möglich, den Hauptmann abzuhalten, seine Kunstgriffe aufs neue zu versuchen. Ich sagte es ihm rund heraus, daß ich nicht mit ihm gehen wollte. Denn es heißt: mitgegangen, mitgehangen! Allein er kehrte sich nicht daran. Ich aber war über die Vermessenheit dieses Wagehalses derart besorgt, daß ich mich nicht getraute, einen Fuß aus unserm Quartier hinauszusetzen. Er ging auf den Markt und fand dort einen Quacksalber, gerade die Gelegenheit, die er suchte. In einer Viertelstunde hatte er einige Beutel abgeschnitten und ein Stück holländisch Tuch von acht oder neun Ellen nebst einem andern Stoff in unser Quartier gebracht, darauf in weniger als zwei Stunden noch manch andern losen Streich gespielt. Auch wie er später noch einen Doktor der Medizin ausgeplündert und doch allemal nicht abgefaßt wurde, gehört in die Erzählung seiner Geschichte und nicht hierher. Ich will in meine eigene Geschichte keine seiner Streiche mehr bringen, – sie verdienen, an besonderer Stelle erzählt zu werden – sondern ich will nur das anmerken, was sich auf unsere Reise bezieht. Ich schleppte ihn so schnell wie ich konnte mit mir fort, bis wir nach Leeds in Yorkshire kamen. Hier konnte er nicht viel ausrichten, trotzdem es eine große volkreiche Stadt war. Auch zu Wakefield wollte ihm das Glück nicht hold sein. Er meinte, die Leute im Norden müßten alle Diebe sein. Warum, sprach ich, die Leute sehen doch wie andere Menschen aus. Nein, nein, sprach er, sie haben ihre Augen überall und sind so umsichtig, daß sie einen jeden, der ihnen zu nahe kommt, für einen Beutelschneider halten, sonst wäre es unmöglich, daß sie so auf ihrer Hut sind. Überdies, sagte er, sind sie so arm, daß wenig bei ihnen zu holen ist, und ich fürchte, je weiter wir nach Norden kommen, desto schlimmer wird es bestellt sein. Ich schließe daraus, daß es für uns dort nichts zu tun geben wird, und daß wir ebensogut nach dem Süden zurückgehen können, um dort gehenkt zu werden, als nach dem Norden, um dort Hungers zu sterben. Wir gelangten endlich nach Newcastle am Tyne. Hier war an einem Markttage ein großes Volksgedränge, da jedermann aus der Stadt auf den Markt ging, um Vorräte einzukaufen. Hier spielte er seine Streiche wieder, betrog einen Krämer um fünfzehn Pfund Sterling Wert an Waren und kam auch glücklich davon; stahl ein Pferd und verkaufte das, auf dem wir angekommen waren. Er spielte so gottlose Streiche, daß mir angst und bange wurde. Ich meine um ihn, denn für mich selbst hatte ich nichts zu fürchten, da ich aus dem Hause, wo ich logierte, keinen Fuß heraussetzte, zum mindesten niemals mit ihm ausging, sondern stets mit den andern, die in dem Gasthofe waren und die meine Zeugen sein konnten. Ich hatte auch sehr gut daran getan, so vorsichtig zu sein, denn er war durch seine Spitzbübereien allgemach so bekannt geworden, daß ihm allenthalben nachgestellt wurde. Und hätte er nicht in listiger Weise verbreitet, daß er von Schottland käme und nach London ginge, wenn er nach dem Wege fragte, so daß die, welche ihm nachtrachteten, auf falscher Fährte waren, so wäre er sicher ohne Zweifel gefangen und aufgeknüpft worden. Durch diese Arglist aber gelangte er eine halbe Tagereise von ihnen weg. Dessenungeachtet waren sie ihm so dicht auf den Fersen, daß er sich gezwungen sah, mit dem Pferde in den Fluß Tweed hineinzusprengen und hinüberzuschwimmen, damit sie ihn nicht beim Kragen bekämen. Da befand er sich schon auf schottländischem Grund und Boden, so daß sie keine Gewalt mehr über ihn hatten, wenn sich ihm jemand in den Weg gestellt hätte. Da sie ihm aber aufs hitzigste nachsetzten, würden sie alles daran gewagt haben, um ihn nur einzuholen. Man hätte ihn auch ausliefern müssen, wenn jemand deswegen hätte die Forderung stellen wollen. Allein da er einmal über den Tweed und sicher gelandet war, konnten sie ihm nicht weiter nachfolgen, weil das Wasser an der Stelle der gewöhnlichen Überfahrt sehr breit war. Nachdem er so geflohen war, ging er nach Kelso, wohin ich ihm nachfolgen sollte. Ich folgte ihm schweren Herzens, und dachte alle Augenblicke, ihn auf der Straße in den Händen der Gerichtsdiener und Häscher anzutreffen, oder zu hören, daß man ihn ergriffen hätte. Allein als ich in einem Ort am Ufer ankam, vernahm ich, daß er zwar scharf verfolgt worden, aber glücklich entkommen sei. Als ich nach Kelso kam, war es leicht, ihn ausfindig zu machen, denn da er den reißenden Tweed auf so verzweifelte Weise durchschwommen, hatte er sich so berühmt gemacht, daß jeder davon redete, obwohl ihnen weder die Ursache noch sonst etwas von seinen heimlichen Mucken bekannt war. Denn er war gescheit genug, dies alles zu verbergen und so zurückgezogen wie nur möglich zu leben, bis ich zu ihm kam. Ich fragte ihn hierauf, wie er sich in diesem Lande aufzuführen gedächte. Er erklärte mir kurz, das wisse er nicht, er glaube aber, die Leute seien arm. Wenn sie aber doch etwas Geld hätten, so wäre er entschlossen, auch etwas davon zu bekommen. Wir machten uns nun wieder auf den Weg, worüber ich innerlich froh war, und setzten unsere Reise nach Edinburg fort. Auf dem ganzen Wege dorthin kamen wir durch eine größere Stadt, und es war übel für uns zu reisen, da wir Fremde waren. Denn wir trafen Gewässer an, die wegen des vielen Regens sehr gefährlich zu passieren waren, besonders an dem Orte, der Lauderdal hieß, wo mein Hauptmann wirklich in Gefahr war zu ertrinken, weil sein Pferd den Fluß hinuntergetrieben wurde und er herunterfiel, wodurch der arme Stockfisch eingewässert und seine gestohlenen Sachen, die er bisher stets trocken erhalten hatte, da er sie auf seinen Armen hoch überm Wasser hielt, verdorben wurden. Es fehlte nicht viel, daß er samt seinem Pferd untergegangen wäre, denn das Wasser war nicht allein sehr tief, sondern auch sehr reißend. Allein er bildete sich ein, daß er nicht ersaufen könne, sondern für eine höhere Todesart vorbehalten bleiben sollte, wie ich später erzählen werde. Am dritten Tage, nachdem wir von Kelso abgereist waren und einen ganzen Tag in einem Gasthofe zu Hill stillgelegen hatten, um unsere Sachen zu trocknen und uns ein wenig zu erfrischen, wurden wir zu Edinburg am folgenden Tage, als wir dort angekommen waren, auf eine seltsame Art bewillkommnet. Mein Hauptmann verspürte Lust ein bischen spazieren zu gehen und fragte mich, ob ich mitkommen wolle, um die Stadt zu besichtigen. Ich sagte, ich wolle ein wenig mitgehen. Also gingen wir miteinander fort und kamen durch ein Tor, das Nether-Bow hieß, auf die große Highstreet, die hinauf zu dem Kreuz ging. Wir gerieten in Verwunderung, als wir ein furchtbares Volksgedränge erblickten. Ha, sagte mein Hauptmann, hier gibt es etwas zu tun. Allein er hatte mir versprechen müssen, an diesem Tage keinen seiner verwegenen Streiche zu unternehmen, sonst wäre ich nicht mit ihm gegangen, so hielt ich ihn denn beim Ärmel fest und wollte ihn nicht von meiner Seite lassen. Dann kamen wir hinauf zu dem Kreuz, wo wir außer der großen Menge Volks eine Versammlung von mehreren vornehmen Herren erblickten, was meinem Hauptmann wieder Mut machte und woran er ein rechtes Wohlgefallen hatte. Während wir so dastanden und das Maul vor Verwunderung aufsperrten, wurden wir von einem Anblick in Schrecken gesetzt, dessen wir uns nicht versehen hatten. Wir sahen das Volk haufenweise zusammenlaufen, als ob etwas ganz Außerordentliches geschehen würde. Es war auch gewiß etwas Seltsames. Wir sahen zwei Kerle, die nackt bis auf die Hüften waren, geschwind wie der Wind bei uns vorbeilaufen. Wir dachten, diese Kerle veranstalteten einen großen Wettlauf. In diesem Augenblicke aber wurden wir zwei dünne lange Seile gewahr, die erst schlaff herabhingen, nun aber straff angezogen wurden, um die Läufer anzuhalten, die nun dicht beieinander stillstanden. Wir konnten nicht begreifen, was das bedeuten sollte. Allein wie groß war unsere Bestürzung, als wir einen Mann nachfolgen sahen, der die beiden Enden von den Seilen in der Hand hatte und der, als er zu ihnen kam, jedem zwei schreckliche Hiebe mit einer Drahtpeitsche gab, die er in der Hand hielt. Dann rannten die beiden armen nackten Kerle wieder so weit fort, als ihre Seile gingen, wo sie von neuem die Schläge erhielten und so mußten sie die ganze Straße hindurch, so lang sie war, hindurchtanzen. Bei diesem Anblick wurde meinem Hauptmann fast schwarz vor Augen, denn es erinnerte ihn daran, was er zu erwarten hatte, sondern auch an das, was er an dem berühmten Orte Bridewell bereits ausgestanden hatte. Allein dieses war noch nicht alles. Denn da wir die Vollziehung der Strafe mit ansahen, so waren wir auch neugierig, die Ursache derselben zu erfahren. Wir fragten einen jungen Menschen, der neben uns stand, was diese armen Teufel verbrochen hätten und weswegen sie diese Strafe erleiden müßten. Dieser Kerl, ein boshafter, heimtückischer Schotte, der unserer Sprache anhörte, daß wir Engländer waren, gab uns in recht lügnerischer Weise zur Antwort: Es sind zwei Engländer, die deshalb gepeitscht werden, weil sie Beutelschneiderei verübt haben und noch allerhand andere Diebereien, und sie sollen danach wieder über die Grenze nach England zurückgebracht werden. Es war aber kein wahres Wort daran, sondern er hatte es nur schnell erfunden, um uns Engländern eins auszuwischen. Denn als wir weiter nachfragten, vernahmen wir, daß es Schotten waren und wegen der gewöhnlichen Verbrechen wie auch bei uns in England gestäupt wurden. Der Mann, der dies so nachdrücklich tat, war der Henker der Stadt, der dort sehr angesehen war, zumal er eine anständige Besoldung erhielt, und nicht nur ein sehr reicher, sondern auch ein sehr geschickter Bursche in seinem Handwerk war, womit er jährlich ein ansehnliches Kapital verdiente. Wie gesagt, war uns der Anblick ein Dorn im Auge, und mein ehrlicher Hauptmann kehrte sich zu mir und sagte: Komm laß uns fortgehen, ich mag hier nicht länger bleiben. Niemand war froher als ich, aber ich glaubte noch nicht recht daran, daß es sein Ernst sei, jedoch gingen wir wirklich in unser Quartier zurück. Wir hielten uns zu Hause, trauten uns auch nicht eher hinaus, als bis es Abend war, dann gingen wir ein wenig spazieren. Aber auch dann fand mein Hauptmann kein Geschäft und keine Anregung dazu. Zwar erbeutete er einige Krämer- und Galanteriewaren, allein wenn er sie hatte, wußte er nicht, was er damit anfangen sollte. Daher mußte er wider Willen ehrlich sein, was er sonst wohl hätte bleiben lassen. Wir blieben über einen Monat hier, als mein Hauptmann plötzlich mit dem Pferde und allem Plunder auf einmal verschwunden war, und ich wußte nicht, was mit ihm geschehen war. Ich bekam auch 18 Monate lang nichts von ihm zu hören und zu sehen. Er hatte auch nicht eine Zeile zurückgelassen, wo er hingegangen oder ob er jemals wieder nach Edinburg zurückkehren würde. Ich war von seinem heimlichen Abschied nicht angenehm betroffen, da auch ich nicht wußte, was ich als Fremder in der Stadt anfangen sollte, zumal auch mein Geld auf die Neige ging. Ich hatte die ganze Zeit über die Last auf dem Halse, mein Pferd zu erhalten. Und da die Pferde in Schottland sehr wenig gelten, hatte ich auch keine Gelegenheit, etwas daraus zu markten. Außerdem war ich fest entschlossen, es, wenn ich nach England zurückkäme, seinem Herrn zu Puckeridge wieder zuzustellen. Ich hätte ihn dann um nichts gebracht, als daß er es solange nicht hatte benutzen können. Bald fand ich eine Gelegenheit, die vortrefflich mit meinen Wünschen zusammenfiel. Es kam ein Mann zu dem Staller – so wurden in Edinburg die Leute genannt, die Pferde aufnehmen und halten – und fragte, ob er von Pferden wisse, die nach England zurückgingen. Mein Wirt kam gerade auf mich zu und fragte mich, ob das Pferd, das ich hätte, mein eigen wäre. Dies war eine seltsame Frage und machte mich anfangs stutzig. Ich fragte ihn, warum er solches wissen wolle. Er sagte: Weil ich euch, wenn es ein gemietetes Pferd aus England wäre, zu einer Gelegenheit verhelfen kann, es wieder zurückzusenden und euch noch ein Stück Geld von dem, der es reitet, zu verschaffen. Ich war über diese Gelegenheit recht froh und ließ mir von dem Mann eine Bescheinigung geben, daß ich ihm das Pferd frisch und gesund übergeben hatte, und bekam noch 15 Schillinge von dem, der es ritt. Nach dieser Abmachung gab ich ihm auf, das Pferd zu Puckeridge im Gasthofe »Zum Falken« abzuliefern. Ich erfuhr erst viele Jahre danach, daß es ehrlich dort abgegeben worden war und daß es sein erster Herr wiederbekommen hatte, aber daß niemand ihm etwas für die Ausleihung gegeben hatte. Da ich also von den Unkosten, die mir das Pferd verursachte, befreit war und gar nichts zu tun hatte, überlegte ich bei mir, was ich wohl vorderhand unternehmen könnte. Ich hatte zwar mein Kapital noch nicht sonderlich angegriffen. Denn obschon ich mich auf der ganzen Reise nicht in des Hauptmanns verzweifelte Unternehmungen einließ, machte ich mir doch kein Gewissen daraus auf seine Kosten zu leben, was, da ich nur seinetwegen aus England fortgegangen war, nur recht und billig gewesen wäre, wenn ich nicht gewußt hätte, daß alles, was er auf mich verwandt, ehrlichen Leuten weggeraubt worden war und ich die ganze Zeit über nichts anderes als der Hehler der gestohlenen Güter gewesen war. Allein so weit war ich noch nicht gekommen, daß ich mir hierüber Gedanken machte. Ich war aber wegen der Abnahme meines Geldes nicht sehr bekümmert, da ich doch in London einen Notgroschen zurückgelassen hatte. Indes hätte ich doch gern ein ehrliches Gewerbe angefangen, um etwas zu verdienen. Denn ich war des wüsten Lebens eines Landstreichers wirklich überdrüssig und daher entschlossen, der Dieberei Valet zu sagen. Bei diesem Entschlusse fiel mir schwer auf die Seele, daß ich weder lesen noch schreiben konnte. Dies lag wie ein schwerer Alp auf mir. Allein der Staller befreite mich von meiner Angst und brachte mich zu einem armen jungen Menschen, der es übernahm, mich in kurzer Zeit und für geringes Geld lesen und schreiben zu lehren, wenn ich nur ein wenig Mühe anwenden wollte. Ich versprach den größten Fleiß und griff das Werk mit besonderem Ernst an. Es stellte sich heraus, daß mir das Schreiben viel schwerer fiel als das Lesen. Ich konnte ungefähr in einem halben Jahre lesen und auch so ziemlich schreiben. Ich schmeichelte mir nun, daß ich geschickt genug zu einem Beruf wäre, und kam in den Dienst eines Zollbeamten, der mich eine Zeitlang beschäftigte. Allein er gab mir wenig zu tun, ließ mich nur mit den Rechnungen, die er für die Zollpächter ausschrieb, zwischen Leith und Edinburg hin- und hergehen, und da ich mich aus meiner eigenen Tasche beköstigen mußte, bis mein Gehalt fällig war, so gab ich das wenige Geld, das ich noch übrig hatte, für Kleidung und Unterhalt aus. Als das Jahr zu Ende ging und ich meine zwölf Pfund Sterling Lohn bekommen sollte, wurde mein Herr seines Amtes entsetzt, und was das schlimmste war, er wurde einiger Unterschlagungen beschuldigt und sah sich gezwungen, seine Zuflucht nach England zu nehmen, also mußten wir Untergebenen – wir waren unserer drei – sehen, wie wir fertig wurden. Dies war ein harter Schlag für mich, und ich wurde dadurch in die äußerste Not versetzt. Ich hätte nun nach England gehen können, zumal mir der Kapitän eines englischen Schiffes, als ich ihm mein Unglück erzählte, anbot mich mitzunehmen und meinem Wort vertraute, ihm in England bei unserer Ankunft die 10 Schillinge, die er verlangte, zu zahlen. Allein mein Hauptmann erschien damals unter ganz neuen Umständen, welche ihn dazubleiben nötigten, und ich wollte ihn nicht gern verlassen. Er hatte in dieser Zeit manche Streiferei und manches Abenteuer erlebt. Er war nach Glasgow geritten, hatte dort recht leichtsinnige Streiche begangen, war auf wunderbare Weise dem Galgen entschlüpft, war in Irland umhergewandert und hatte sich auch dort als Räuber aufgeführt. Er war dann von Londonderry entwischt, war in die Gebirge von Schottland entflohen und ungefähr einen Monat, ehe ich von meinem Herrn zu Leith verlassen wurde, kam mein edler Hauptmann Hannes angefahren mit der Fähre von Fife und war nach allen ausgestandenen Gefahren, nachdem er in ein Rekrutenregiment im Norden aufgenommen worden war, zur Würde eines Musketiers aufgerückt. Da es nun leider fast ebenso schlimm um mich stand wie um den Hauptmann, sah ich kein besseres Mittel vor mir, als mich ebenfalls anwerben zu lassen, und so wurden wir in einem Gliede nebeneinander gestellt und prangten beide mit einer Muskete auf den Schultern. Ich muß gestehen, es kam mir nicht so schlimm vor, wie ich mir zuerst gedacht hatte. Obgleich ich nicht gut lebte und dazu ein elendes Nachtquartier hatte, wie es den armen Soldaten in der Welt meistens zu gehen pflegt, so erschien mir dies, der ich in der Asche in der Glashütte geschlafen hatte, nicht gar so schlimm. Ich empfand ein inneres Behagen, daß ich nun nicht mehr gezwungen war, andere Leute zu bestehlen und in steter Furcht vor dem Gefängnis und dem Henker zu leben brauchte. Denn die Stäupung, die ich in Edinburg gesehen, hatte auf mich einen so schrecklichen Eindruck gemacht, daß ich nicht ohne Entsetzen daran zurückdenken konnte. Daher gereichte es mir zu einer großen Gemütsruhe, daß ich jetzt eine gewisse Lebensart ausübte, die ehrlich, ja vielleicht sogar eines Edelmanns würdig war. So groß auch meine Zufriedenheit in dieser Hinsicht war, so kamen doch andere Umstände dazu, die mir das Leben nicht so erträglich machten, wie es hätte sein können: Nachdem wir uns ungefähr sechs Monate in diesem Stande befunden hatten, erhielten wir Rekruten den Befehl, nach England zu marschieren und zu Newcastle oder Hull uns einschiffen zu lassen, um zu dem Regiment, das damals in Flandern stand, zu stoßen. Ich lebte wie gesagt ganz zufrieden, und das Soldatenleben behagte mir. Ich machte meine Übungen so gut, daß der Sergeant, der uns einexerzierte und uns die Waffen führen lehrte, mich fragte, ob ich wirklich vorher noch niemals eine Waffe geführt hätte. Ich sagte: Nein! Darauf sagte er im Scherz: Sie nennen dich Oberst und ich glaube, du wirst es noch bis zum Obersten bringen, oder du mußt eines Obersten natürlicher Sohn sein. Sonst ists unmöglich, daß du dein Gewehr so führen kannst, wie du es tust, obschon es dir nicht öfter als ein bis zwei Male gezeigt worden ist. Dies schmeichelte mir heimlich und stachelte mich an, so daß mir das Soldatenleben recht gut gefiel. Allein als der Hauptmann mir die Nachricht brachte, daß wir nach England marschieren und zu Newcastle am Tyne nach Flandern zu Schiff gehen sollten, erschrak ich recht sehr und wurde ganz anders gesinnt. Denn erstlich war des Hauptmanns Lage etwas gefährlich: er durfte sich zu Newcastle nicht sehen lassen, wenn er aber mit dem Bataillon gegangen wäre, so hätte er sich öffentlich sehen lassen müssen. Und dann würde er ohne Zweifel in Haft genommen und ausgehändigt worden sein. Hierbei fiel mir auch ein, daß ich 100 Pfund Sterling bares Geld in London hatte. Wenn ich nun alle Soldaten im Regiment gefragt hätte, wer von ihnen nach Flandern gehen und als gemeiner Soldat Schildwache stehen wollte, wenn er 100 Pfund Sterling in der Tasche hätte, so glaube ich, daß keiner mit Ja darauf geantwortet hätte, zumal da 100 Pfund zu jener Zeit genug waren, sich eine Charge in einem neuen Regiment zu kaufen, obwohl es in diesem Regiment, das alt und schon längst errichtet war, nicht angegangen wäre. Dies stärkte meinen Ehrgeiz, daß ich von nichts anderem als von einem Offizier, Edelmann und einem Kriegshelden träumte. Da nun diese zwei Umstände zusammenkamen, fing ich an sehr unruhig und in meinen Gedanken höchst unwillig zu werden, als ein armer Musketier nach Flandern zu gehen und sich für wöchentlich 3 Schillinge 6 Groschen totschlagen zu lassen. Indem ich nun hierüber täglich nachdachte, wie es nun gehen würde, kam der Hauptmann Hannes eines Abends zu mir und sprach: Höre, Hannes, ich muß etwas mit dir bereden. Laß uns zusammen einen Spaziergang auf das Feld machen, auf daß wir ein wenig vom Hause fortkommen. Wir spazierten hin und her, und der Hauptmann erzählte mir, wie unsere Sachen stünden, und daß er mit dem Bataillon nicht nach Newcastle marschieren dürfe, wenn er nicht aus dem Gliede herausgegriffen und zum Strang verurteilt werden wollte. Heimlich möchte ich wohl nach Newcastle gehen, sagte er, sogar mitten durch die Stadt hindurch. Aber mich öffentlich dort zeigen hieße ins Verderben gehen. Was willst du nun machen? fragte ich. Was ich machen will, sagte er, meinst du, ich wäre verpflichtet mich ihretwegen henken zu lassen? Nein, ich bin entschlossen auf und davon zu gehen, und wir möchten dich auch gern bei uns haben. Es ist noch ein anderer ehrlicher Kerl dabei, auch ein Engländer, der entschlossen ist auszurücken. Er ist schon lange im Dienst und sagt, er wisse gar wohl, wie es uns draußen gehen würde, ja er wollte eher sterben, als mit nach Flandern gehen. Ei, sprach ich, ihr werdet, wenn sie euch als Überläufer ergreifen, erschossen werden. Sie werden sofort Steckbriefe und Kundschafter durch das ganze Land schicken, so daß ihr ihren Händen schwerlich entrinnen werdet. Darum ist uns nicht bange, antwortete er. Mein Kamerad kennt alle Wege und Stege und kann sich im Finstern zurecht finden. Er versichert, uns an das Ufer des Tweed bringen zu können, ehe sie uns einholen, und sobald wir uns auf der andern Seite des Flusses befinden, dürfen sie uns nichts anhaben. Wann wollt ihr euch denn aufmachen? sprach ich. Diesen Augenblick noch, sagte er, es ist keine Zeit zu verlieren. Es ist heute eine helle Nacht, da Mondschein ist. Ich habe nichts von meinem Gepäck bei mir, sprach ich, laßt mich erst zurückgehen und meine Wäsche und einige andere Sachen holen. Deine Wäsche ist nicht wichtig, sagte er, wir wollen schon andere in England bekommen auf die alte Weise. Nein, nein, sprach ich, sage mir nichts mehr von der alten Weise. Deiner alten Weise und deinen alten Wegen verdanken wir es, daß wir jetzt in der Klemme sitzen. Sei nur still, meine alten Wege sind besser als das Hungerleiderleben solcher Edelleute, wie wir es jetzt sind. Aber wir haben ja kein Geld in der Tasche, sprach ich, wovon wollen wir denn reisen? Ich habe soviel als genügt, um nach Newcastle zu gelangen, und wenn wir unterwegs keines bekommen sollten, so wollen wir uns auf ein Steinkohlenschiff begeben und darauf bis nach London fahren. Dieser Vorschlag gefällt mir am besten, sagte ich. Ich willigte nun ein mitzugehen und machte mich unverzüglich mit ihm auf die Beine. Der listige Galgenvogel hatte seinen Kumpan eine Meile entfernt unter den Bergen lauern lassen und hatte mich immer langsam in dem Gespräch auf diesem Wege fortgelockt, so daß ich fast in dem Augenblicke, wo ich einwilligte, auch an dem Orte war, wo ich ihn zu Gesicht bekam und er mir sagte: Sieh, da ist mein Kamerad. Ich kannte ihn schon, da ich ihn unter dem Volk gesehen hatte. Da wir also unter die Berge und eine Meile vom Wege weg gelangt waren, und sich der Tag neigte, schritten wir kräftig aus, damit wir so weit wie möglich kämen und unsere Verfolger uns nicht mehr einholen könnten, wenn sie uns vermissen sollten und etwas von unserer Flucht erführen. Wir nützten unsere Zeit und eilten so rasch, daß wir uns morgens um 5 Uhr bei einem kleinen Dorfe, dessen Name mir entfallen ist, befanden. Die Leute sagten uns, daß wir ungefähr noch acht Meilen vom Tweed entfernt wären und uns, sobald wir über den Fluß kämen, auf englischem Boden befinden würden. Wir erfrischten uns hier ein wenig, setzten aber unsern Weg nach kurzer Rast wieder fort. Es war 9 Uhr morgens, als wir den Tweed erreichten. Es waren wenigstens zwölf Meilen bis dahin gewesen statt acht, wie sie uns gesagt hatten. Hier holten wir noch zwei andere von diesem Regiment ein, die von Huddingtown ausgerückt waren, wo eine andere Kompagnie mit Rekruten einquartiert lag. Dieses waren Schotten und sehr arme Teufel, die nicht einen Heller in ihrer Tasche hatten, da sie zusammen bei ihrer Flucht nicht mehr als sechs Schillinge besessen hatten. Als sie uns sahen und merkten, daß wir von demselben Regiment waren, hielten sie uns für ihre Verfolger, die ihnen an den Kragen wollten. Daher machten sie sich zur Verteidigung bereit, da sie wie wir das Seitengewehr ihres Regiments bei sich hatten. Die Uniform indes sollten wir nicht eher bekommen als bis wir in Flandern angelangt wären. Wir ließen sie nicht lange bei diesem Irrtum sondern gaben ihnen zu verstehen, daß wir in derselben Lage wie sie wären. Also vereinigten wir uns und bildeten eine kleine Kompagnie. Nachdem wir auf der andern Seite des Flusses auf englischem Grund und Boden angelangt waren und uns eine Weile ausgeruht hatten, denn wir waren alle hundemüde, setzten wir unsern Weg nach Newcastle fort und waren entschlossen uns dort umzusehen, wie wir zu Wasser nach London kommen könnten. Zumal wir kein Geld hatten die Reise länger fortzusetzen. Unser Geld ging ganz auf die Neige. Denn obwohl ich noch ein Goldstück in meiner Tasche hatte, das ich für den höchsten Notfall aufgehoben hatte, so war es doch auch nicht mehr als eine halbe Guinee, und mein Hauptmann hatte alle unsere Reisekosten getragen, solange sein Geld reichte. Als wir nach Newcastle kamen, hatten wir nicht mehr als sechs Groschen alles in allem, die zwei Schotten hatten sich den ganzen Weg mit Betteln weitergeholfen. Wir beschlossen, in der Dämmerung in die Stadt hineinzugehen. Aber auch dann durften wir nicht recht wagen, uns mitten in der Stadt sehen zu lassen. Daher wandten wir uns ein wenig unterhalb der Stadt, wo einige Glashütten standen, nach dem Flusse zu. Unser Schicksal wollte, da wir uns äußerst vorsehen mußten, daß wir in einem abgelegenen Wirtshause einkehrten und einen Krug Bier verlangten. Diese Wirtschaft wurde von einer Frau besorgt, wenigstens sahen wir niemanden sonst dort. Da sie uns sehr vertrauensvoll entgegenkam und uns freundlich begegnete, so trugen wir kein Bedenken, ihr unsere Lage zu entdecken und sie zu fragen, ob sie uns nicht einen Kapitän eines Kohlenschiffes nennen könne, der uns zu Wasser mit nach London nehmen würde. Die geschickte Schlange, die alsbald sah, daß wir an ihren Köder anbeißen würden, gab uns die freundlichsten Worte von der Welt und sagte, es täte ihr herzlich leid, daß wir nicht einen Tag früher gekommen wären. Ein guter Bekannter von ihr, ein Kohlenhändler, wäre mit der Morgenflut abgesegelt, und das Schiff wäre schon bis Shields, sie glaube aber, daß es noch nicht aus der Mündung des Flusses heraus sei und wolle zu dem Schiffsherrn schicken, um zu sehen, ob er schon an Bord gegangen sei. Denn bisweilen gingen die Schiffsherren nicht eher an Bord, als bis das Schiff schon auf offener See wäre. Wenn er noch nicht fort sein sollte, so wollte sie ihn bewegen, uns alle mitzunehmen. Allein, da müßt ihr noch an diesem Abend an Bord gehen. Wir baten sie doch hinzuschicken, denn wir wüßten nicht, was wir tun sollten. Und wenn sie den Kapitän dahin bringen könnte, uns an Bord zu nehmen, so wäre es uns ganz gleich, zu welcher Zeit es geschähe. Denn da wir kein Geld hätten, so hätten wir auch kein Nachtquartier und wünschten nichts weiter als an Bord zu sein. Wir sahen es als eine hohe Gunst an, daß sie zu dem Herrn hinschickte. Ungefähr eine Stunde darauf brachte sie uns zu unserer unaussprechlichen Freude die angenehme Nachricht, daß der Kapitän noch nicht fort, sondern in einem Gasthofe der Stadt wäre, und daß er sagen lasse, er wolle auf dem Heimwege selbst vorbeikommen. Alles schien uns zu unserem Glück zu sein, und wir waren alle recht froh darüber. Ungefähr eine Stunde darauf, als unsere Wirtin bei uns in der Stube war, kam die Magd und sagte, der Herr sei gekommen. Nun wollte sie ihm unsere Sache vorstellen und ihn bereden, uns an Bord zu nehmen. Nach einiger Zeit kam sie mit ihm herauf und führte ihn zu uns in die Stube. Wo sind die tapferen Herren Soldaten, sprach er, die in solcher Not schweben? Wir erhoben uns alle und bezeigten ihm unsere Hochachtung. Nun, ihr Herren, sprach er, habt ihr all euer Geld verzehrt? Jawohl, antwortete einer von uns, wir würden euch deshalb unendlich verbunden sein, wenn ihr uns umsonst mitnehmen wolltet, wir wollen gern alle möglichen Dienste auf dem Schiffe verrichten, obschon wir keine Seeleute sind. So, sprach er, ist keiner von euch jemals zur See gefahren? Nein, sagten wir, nicht ein einziger von uns. So werdet ihr wohl nicht imstande sein, mir Dienste zu leisten, sprach er, sondern werdet ohne Zweifel alle krank werden. Jedoch um meiner guten Frau Wirtin einen Gefallen zu tun, will ich euch alle mitnehmen. Aber seid ihr denn alle bereit sogleich an Bord zu gehen, denn es muß noch heute abend geschehen. Ja, Herr, versetzten wir, wir sind bereit noch in diesem Augenblicke mitzugehen. Nein, sprach er, überaus freundlich, wir müssen erst noch eines miteinander trinken. Geht, Frau Wirtin, und bringt diesen Herren einen guten Punsch! Wir sahen einander an. Denn wir wußten alle, daß wir kein Geld hatten. Er bemerkte es und sagte: Macht euch keine Sorgen, daß ihr kein Geld habt. Meine Frau Wirtin und ich scheiden niemals mit trockenen Lippen voneinander. Kommt, Frau Wirtin, macht den Punsch wie ich euch gesagt habe. Wir bedankten uns bei ihm und sagten: Gott vergelte es euch hunderttausendmal, Herr Kapitän, und waren unseres Glückes wegen in tausend Freuden. Während wir Punsch tranken, rief er die Wirtin und sprach zu ihr: Ich will einen Gang nach Hause machen und meine Sachen zusammenpacken und den Befehl geben, daß sie, wenn hohe Flut ist, mit dem Boot hier vorbeifahren und mich von hier aus mitnehmen. Inzwischen macht eine Abendmahlzeit bereit. Kann ich diesen ehrlichen Herren freie Fahrt geben, so kann ich ihnen auch einen Bissen Abendbrot geben, sie werden ohnehin keine allzu kräftige Mittagsmahlzeit eingenommen haben. Hierauf ging er fort und ein Weilchen darauf hörten wir den Bratenspieß sich drehen. Einer von uns schlich sich die Treppe hinunter und meldete uns bei seiner Rückkunft, daß eine große schöne Hammelkeule am Feuer briete. In kaum einer Stunde kam unser Kapitän wieder zu uns und schalt, daß wir den Punsch nicht ausgetrunken hätten. Kommt, sagte er, geniert euch nicht, wenn dieser alle ist, können wir noch mehr davon haben. Wenn ich armen Leuten etwas Gutes antun will, soll es an nichts fehlen. Wir tranken den Punsch aus, worauf mehr gebracht wurde, wozu er uns eifrigst nötigte. Alsdann wurde die Hammelkeule aufgetragen, und es ist wohl nicht erst nötig zu erwähnen, daß wir tapfer zulangten und es uns wohl schmecken ließen, besonders da verschiedene Male betont wurde, daß wir nichts zu bezahlen brauchten. Als die Mahlzeit vorbei war, befahl er der Wirtin nachzufragen, ob das Boot gekommen sei. Sie brachte zur Antwort, es sei noch nicht da. Dann gebt uns noch etwas Punsch, befahl er. Es wurde also noch mehr Punsch hereingebracht, in den, wie man uns hernach gestanden, etwas hineingetan worden, wenigstens mehr Branntwein, als es üblich war, so daß wir, ehe der Punsch ausgetrunken war, alle sehr angetrunken waren, und ich an meinem Platze lag und wie eine Ratte schlief. Mittlerweile wurde uns gemeldet, das Boot sei angekommen, also taumelten wir hinaus und fielen bald einer über den andern, als wir ins Boot gelangten. Hierauf gings fort, unser Kapitän kam in dem Boote mit. Die meisten, ich glaube wohl alle, fielen in einen festen Schlaf, bis wir nach einiger Zeit, da wir nicht wußten, wie schnell wir gefahren waren, anhielten und geweckt wurden mit der Mitteilung, daß wir auf dem Schiffe angekommen wären, was auch der Fall war. Wir gelangten endlich alle mit vieler Unterstützung und Hilfe, damit wir nicht über Bord fielen, auf das Schiff. Alles, woran ich mich noch zu erinnern vermag, ist, daß unser Kapitän, als wir an Bord waren, ausrief: He, Bootsmann, gib acht auf diese Herren und räume ihnen gute Kajüten ein und laß sie ein wenig schlafen, denn sie sind sehr müde. Und das waren wir auch in der Tat und noch sehr betrunken dazu, zumal es das erstemal in meinem Leben war, daß ich Punsch getrunken hatte. Es wurde nun ordentlich für uns gesorgt, wir bekamen gute Kajüten angewiesen, wo wir uns sogleich schlafen legten. Mittlerweile lichtete das Schiff, das fertig dalag, um auf Befehl unter Segel zu gehen, die Anker, fuhr durch die Mündung und stach in See, und als wir erwachten und hinaussahen, war es schon Nachmittag. Am folgenden Tag waren wir schon sehr weit auf See. Wir konnten zwar noch das Land sehen, aber nur noch in sehr großer Entfernung. Nun ging es auf London zu, wie wir uns dachten. Wir wurden sehr gut behandelt und waren in den ersten drei Tagen mit unserer Lage sehr zufrieden, bis wir anfingen zu fragen, ob wir nicht bald in den Fluß kämen, oder wielange es noch dauern könne. In welchen Fluß? gab einer von den Seeleuten die Frage zurück. Nun, in die Themse, sagte der Hauptmann Hannes. Die Themse, sagten die Schiffer, was meint ihr denn damit? Habt ihr noch nicht Zeit genug gehabt, euren Rausch auszuschlafen? Der Hauptmann Hannes sagte diesmal weiter nichts, sondern sah sich um, als ob er närrisch wäre, bis eine Weile darauf ein anderer von uns dieselbe Frage tat und die Seeleute, die nichts von dem Betruge wußten, merkten, daß uns ein Possen gespielt worden war. Daher sagte einer zu dem Engländer, der bei uns war: Wohin denkt ihr denn, daß ihr fahret? Nun nach London, sprach er, wo sollten wir sonst hinwollen? Wir sind mit dem Kapitän einig geworden, daß er uns nach London nehmen werde. Nicht mit dem Kapitän, sprach er, ich kann euch versichern, daß es nicht der Kapitän war. Ihr armen Leute, ihr seid alle betrogen, ich kam gleich auf diesen Gedanken, als ich euch mit dem Menschendieb an Bord kommen sah. Ihr armen Leute, ihr seid betrogen, ihr segelt nirgend anders wohin als nach Virginien. Der Engländer fing an zu wüten und zu toben wie ein Irrsinniger. Wir sammelten uns um ihn wie die Krähen um eine Eule. Kann sich wohl ein Mensch vorstellen, wie groß unser Erstaunen und unsere Verwirrung war, als wir vernahmen, wie es um uns stand? Wir zogen blank und fingen an tapfer um uns herumzuschlagen und erregten solchen Aufruhr im Schiff, daß die Seeleute um Hilfe rufen mußten. Das erste, was der Kapitän befahl, war, daß man uns entwaffnen sollte, was aber nicht ohne Wunden und Schläge abging. Nachdem sie sich unser bemächtigt und uns die Wehr abgenommen hatten, ließ er uns in die große Kajüte bringen. Hier redete er mit ruhigem Ernst auf uns ein und sagte, es täte ihm wahrhaftig recht leid, daß uns solches betroffen, und er merke wohl, daß wir verraten und verkauft worden wären, und daß der Kerl, der uns an Bord gebracht hätte, ein Schuft sein müsse, der von einer Rotte gottloser Händler angestiftet wäre. Er selber wüßte es nicht anders, als daß er uns als Verfrachter des Schiffes vorgestellt worden sei. Wir gaben ihm nun eine weitläufige Nachricht von uns, wie wir in des Weibes Haus gekommen, und wie uns dieser Mann versprochen, uns in seinem eigenen Schiffe nach London mitzunehmen. Er sagte uns, es wäre ihm sehr leid, er hätte aber an dem Anschlag keinen Teil, es stünde auch nicht in seinem Vermögen uns zu helfen. Er sagte uns auch unverhohlen, was unsere Lage sei, nämlich daß wir uns auf seinem Schiffe als Sklaven befänden, die nach Maryland an einen gewissen Herrn, den er auch nannte, ausgeliefert werden sollten. Inzwischen wolle er uns, wenn wir uns ruhig und wie es sich gehörte auf dem Schiffe aufführten, alle Güte erzeigen und Sorge tragen, daß uns wohl begegnet würde. Wenn wir uns aber unruhig und widerspenstig benähmen, so müßten wir uns versehen, daß er solche Mittel und Wege nehmen würde, uns mit Gewalt zur Ruhe zu bringen, daß man uns die Hände binden und als Gefangene unter das Verdeck des Schiffes bringen würde. Der Hauptmann Hannes raste wie toll, fluchte und schimpfte auf den Kapitän, drohte ihm entweder an Bord oder am Ufer den Hals zu brechen und die Kehle abzuschneiden, sobald er ihm nur beikommen könnte, und wenn es ihm jetzt nicht möglich wäre, so wollte er sich zu rächen wissen, und sollten zehn Jahre darüber vergehen. Dieser Vorsatz ist sehr christlich, sagte der Kapitän lächelnd. Indessen muß ich Sorge für euch tragen, solange ich euch hier habe, nachher werde ich mich schon selbst in acht zu nehmen wissen. Macht es so arg, wie ihr könnt, sprach Hannes trotzig, ich will euch schon einmal rechtschaffen dafür bezahlen. Ich werde dem zu begegnen wissen, mein lieber Bursche, sagte der Kapitän ganz gelassen, jetzt aber müssen wir etwas anders miteinander reden! Hiermit befahl er dem Bootsmann, daß er ihn ins Gewahrsam abführen sollte. Ich redete ihm gut zu und ermahnte ihn, geduldig und ruhig zu sein, und sagte, daß der Kapitän von unserm Unglück ja nichts gewußt habe. Nichts davon gewußt? sprach Hannes und sah mich scheel über die Achsel an, der verdammte Schuft, denkst du denn, der ist nicht mit im Bunde bei dieser Spitzbüberei! Würde wohl ein ehrlicher Mann unschuldige Leute an Bord seines Schiffes nehmen, ohne sie nach ihren Verhältnissen zu fragen, sondern sie so im stillen, ohne ein Wort mit ihnen zu reden, hinwegführen? Und nun, da er alles weiß und sieht, wie grausam man mit uns umgegangen ist, könnte er uns da nicht wieder ans Land setzen? Ich sage euch, er ist ein Schurke und nichts anderes! Warum macht er seine Gemeinheit nicht voll und ermordet uns, um unserer Rache zu entgehen? Nichts anderes soll ihn aus meinen Händen retten, als daß er uns zum Teufel schickt oder wir ihm dahin verhelfen, ich benehme mich noch ehrlich gegen ihn, indem ich ihm ins Gesicht sage, wie er mit uns umgegangen ist, und dies mit weniger Zorn, als er zu haben scheint! Der Kapitän wurde über diese Kühnheit wirklich ein wenig stutzig. Denn der Hannes redete mit einem ungestümen Feuer und großer Treuherzigkeit, ohne daß deswegen sein Gemüt in Unordnung geraten zu sein schien. Ich mußte mich in der Tat darüber wundern. Ich hatte ihn meiner Lebtage nicht mit solcher Beredsamkeit und Geschicklichkeit reden hören. Ich sage, der Kapitän war darüber ein wenig stutzig. Trotzdem redete er ganz glimpflich mit ihm und sagte: Mein lieber Freund, ich habe Mitleid mit euch und muß gestehen, daß euer Schicksal hart ist. Indes kann ich eure Drohungen nicht vertragen und ihr nötigt mich dadurch, strenger mit euch umzugehen, als ich sonst getan haben würde, jedoch will ich euch nichts antun, als was zur Erhaltung meines Lebens, eurer Drohungen wegen, unumgänglich notwendig ist. Der Bootsmann befahl, ihn ins Geschirr zu bringen und ihm die neue Katze zu kosten zu geben, welches alles solche Redensarten waren, die wir nicht verstanden, sondern erst viel später. Es hieß nämlich soviel, er sollte gepeitscht und eingepökelt werden. Denn sie sagten, sein leichtfertiges Maul dürfe nicht so ungestraft hingehen, denn es wäre nicht zu ertragen. Aber der Kapitän sagte: Nein, nein, dem ehrlichen Menschen ist wirklich übel mitgespielt worden und er hat alle Ursache sehr ungehalten zu sein. Allein er habe ihnen nicht wehgetan, sagte er und beteuerte es hoch und heilig, er habe seine Hand nicht in diesem Spiele gehabt, sondern er wäre uns von den Agenten der Handelsleute und auf ihre Verantwortung an Bord gebracht worden. Es sei zwar richtig, daß sie mit leibeigenen Knechten handelten und deren viele auf jeder Reise fortführten, das brächte aber ihm als Kapitän keinen Gewinn ein, sondern sie würden allemal von den Schiffseigentümern an Bord gebracht, es wäre aber seines Amtes nicht, sich ihrethalben so genau zu erkundigen. Um uns aber zu beweisen, daß er nichts damit zu tun gehabt hätte, sondern ihm im Gegenteil die ruchlose Tat recht leid täte, und er nicht ihr Werkzeug sein wolle, uns wider unsern Willen fortzuführen, so wolle er uns, wenn es Wind und Wetter zulassen würde, wieder ans Land setzen, wiewohl es damals, da der Wind sehr stark aus Südwesten blies, und sie schon so weit von den Orkney-Inseln wären, unmöglich sei. Allein mein Hauptmann blieb standhaft. Er sagte ihm, der Wind möge so viel blasen als er wolle, so dürfte er uns doch nicht wider unsern Willen fortführen. Er möge dem Schiffseigentümer schuld geben so viel er wolle, das wasche ihn doch nicht rein. Denn er, der Kapitän, wäre es, der uns hinwegführte, es mochte uns nun an Bord verkauft haben, wer da wolle, so dürfte er uns doch jetzt, da er alles wisse, wenn er ein ehrlicher Mann wäre, ebensowenig hinwegführen, wie er das Recht hätte uns zu ermorden. Daher verlange er nichts weiter als an Land gebracht zu werden. Wenn nicht, so wäre der Kapitän ein Lump, ein Dieb, ein Mörder. Der Kapitän blieb bei seiner vorigen Gelassenheit. Alsdann brachte ich einen solchen Grund vor, der uns vielleicht, wenn das Wetter nicht wirklich hinderlich gewesen wäre, alle wieder zurückgebracht hätte. In der Tat, als ich mich besser auf das Seewesen verstehen lernte, sah ich auch ein, daß es unmöglich gewesen war. Ich gab dem Kapitän zu erkennen, es täte mir leid, daß der Hauptmann, mein Bruder, so hitzig gewesen wäre, indes könnte er auch selbst nicht leugnen, daß man recht gemein an uns gehandelt habe. Alsdann maßte ich mir eine Art an, mit der mein Anzug wohl nicht ganz übereinstimmte. Ich teilte ihm mit, daß wir keine Leute wären, die als Sklaven verkauft werden dürften. Obgleich wir schon das Unglück hatten, in solchen Verhältnissen zu sein, die uns nötigten, unsern Stand zu verbergen, da wir uns nur verkleidet hätten, um nicht mit der Armee nach Flandern zu gehen, so wären wir doch Leute von Vermögen und schon imstande, uns von der Knechtschaft, wenn es so weit käme, loszukaufen. Und um ihn davon zu überzeugen, wollte ich ihm eine hinlängliche Versicherung geben, zwanzig Pfund Sterling für mich selbst, und zwanzig Pfund Sterling für meinen Bruder zu bezahlen, und so schnell wir es von dem Ort aus, wo wir landeten, absenden könnten, sollte er es in London abheben können. Um zu zeigen, daß ich vermögend wäre, solches zu tun, zog ich meinen Wechselbrief über 94 Pfund Sterling mit des Zollbeamten Namen heraus, welchen er, sobald er den Wechsel sah, zu meiner unaussprechlichen Freude kannte. Er erstaunte hierüber und sagte, indem er die Hand emporhielt: Durch was für Leute seid ihr hierhergebracht worden! Was dies betrifft, sagte ich, haben wir euch den Verlauf der Sache bereits erzählt und wir haben weiter nichts hinzuzufügen, sondern wir bestehen darauf, daß ihr uns jetzt Gerechtigkeit widerfahren lasset. Gewiß, sprach er, es ist mir leid, allein ich kann nicht versprechen, das Schiff zurückgehen zu lassen, es ist auch ganz unmöglich, selbst wenn ich es wollte. Die zwei Schotten und der andere Engländer sagten nicht ein Wort während des Gesprächs mit dem Kapitän. Allein als ich mich damit zufriedenzugeben schien, redete der eine Schotte etwas, was ich nicht wiederholen würde, wenn es nicht wegen des lustigen Streiches wäre, der darauf folgte. Nachdem die Schotten alles gesagt hatten, was sie konnten, und ihnen der Kapitän immer wieder versicherte, sie müßten sich darein ergeben, sagten sie: So wollt ihr uns denn nach Virginia führen? Und wir sollen verkauft werden, wenn wir hinkommen? Beides wird geschehen, sprach der Kapitän. Nun so wird euch der Teufel, versetzte der eine Schotte, in den Handel kommen. Weil ihr es sagt? fragte der Kapitän lächelnd, dafür laßt den Teufel und mich sorgen, wir wollen uns schon deswegen miteinander einigen. Seid ihr nur ruhig und zeigt euch höflich wie sichs gebührt, so soll euch wieder freundlich begegnet werden, sowohl hier als dort, soweit es in meiner Macht steht. Die armen Schotten wußten so wenig darauf zu antworten wie einer von uns, denn wir sahen ein, es gab kein anderes Mittel, als dem Teufel und dem Kapitän die Freiheit zu lassen, sich unsertwegen miteinander zu vergleichen, wie der Kapitän selbst ehrlich zugegeben hatte. So waren wir mit einem Worte alle genötigt, uns unserm Schicksal zu unterwerfen. Allein als mein Hauptmann sah, daß ich ein solches Kapital besaß, wurde er nur noch halsstarriger, daß all mein Zureden nichts bei ihm helfen wollte. Ja der Kapitän und er hatten noch manchen lustigen Wortwechsel miteinander auf dieser Reise, wobei ihn Hannes mit keinem andern Titel belegte, als Menschendieb, Schuft, Galgenvogel, und von nichts anderem redete, als sich an ihm rächen und ihm den Hals brechen zu wollen. Der Wind wehte noch immer stark, obwohl es ein guter Wind war, bis wir, wie die Seeleute sagten, die Inseln, die im Norden von Schottland liegen, passiert hatten und anfingen, westwärts zu steuern. Da nun viele hundert Meilen weit kein Land zu sehen war, so blieb uns nichts anderes übrig als die Geduld und uns so ruhig zu verhalten wie nur möglich, außer daß mein wunderlicher Bruder Hannes den ganzen Weg über sich gleich blieb. Es begegnete uns nichts Besonderes auf dieser Reise, wir lebten auch ziemlich eingeschränkt, so daß uns nicht leicht etwas Absonderliches begegnen konnte. Als wir an Land kamen, was bei einem großen Flusse, welcher Potomack hieß, geschah, fragte uns der Kapitän, besonders aber mich, ob ich ihm etwas mitzuteilen hätte. Ja, antwortete der Hannes, ich habe euch etwas mitzuteilen, Kapitän, nämlich daß ich halten werde, was ich euch versprochen habe, euch den Hals zu brechen, und ihr könnt euch darauf verlassen. Nun, sprach der Kapitän, wenn ihr euch nicht anders helfen könnt, so sollt ihr es tun. Hiermit wandte er sich zu mir. Ich wußte gar wohl, was er haben wollte. Allein es war nun keine Hilfe mehr nötig und, was meinen Wechsel betraf, war er nichts weiter als ein Stückchen Papier, das nichts wert war. Denn es konnte ihn niemand erheben als ich selbst. Ich sah keinen Ausweg und so redete ich ganz kaltblütig zu ihm davon als von einer Sache, die mir gleichgültig sei. Ich war auch in der Tat ganz gleichgültig geworden. Denn ich überlegte auf dem ganzen Wege, daß ich als ein Landstreicher aufgezogen worden, einen Beutelschneider abgegeben, als ein Soldat gedient, von meinem Regiment geflohen, keinen bestimmten Aufenthalt in der Welt hätte, auch keinen Beruf oder kein Gewerbe verstünde, wodurch ich etwas verdienen könnte, ausgenommen das gottlose Handwerk, worin ich ausgelernt hatte, das endlich den Galgen zur Belohnung hat. Also sah ich nicht, warum mir dieser Dienst nicht ebensowohl wie ein anderes Geschäft anstehen sollte. Ich wurde noch mehr darin bestärkt, als sie mir versicherten, wenn ich meine fünf Dienstjahre überstanden hätte, sollte ich die Vorteile des Landes genießen, das heißt, ich sollte einen gewissen Landstrich für mich selbst zum Anpflanzen und Bebauen bekommen, so daß ich nun die Hoffnung hegen konnte, etwas vornehmen zu können, womit ich mein Leben ehrlich durchbringen könnte. In dieser Gemütsverfassung befand ich mich, als wir in Virginia anlangten. Als mich daher der Kapitän fragte, was ich zu tun gesonnen sei, und ob ich ihm etwas vorzutragen hätte, das sollte heißen, ob ich ihm meinen Wechsel geben wollte, nach dem es ihm in allen Fingern juckte, so antwortete ich ihm ganz kaltblütig: Mein Wechsel könnte mir nun nichts mehr nützen, zumal hier kein Mensch etwas darauf geben würde, aber wenn er mich und den Hauptmann wieder zurück nach London brächte, so wollte ich ihm die versprochenen 20 Pfund Sterling für einen jeden von uns von meinem Wechsel bezahlen. Hierzu hatte er keine Lust. Was meinen Bruder betrifft, sagte er, so wollte er ihn nicht wieder in sein Schiff nehmen und wenn ich ihm noch 20 Pfund dazu gäbe. Er ist ein solcher verstockter und verzweifelter Galgenvogel, daß ich mich genötigt sehen würde, ihn wieder in Eisen und Banden hinzubringen, wie ich ihn hergeführt habe. Also schieden wir und unser Herr Kapitän oder Menschendieb, welchen Titel er vielleicht eher verdiente, voneinander. Wir wurden alsdann den Kaufleuten überliefert, denen wir zugeschickt waren, die wiederum mit uns verfuhren, wie sie es für gut befanden, und in wenig Tagen wurden wir voneinander getrennt. Was den Hauptmann Hannes betraf, so hatte dieser Schelm das Glück, einen sehr milden Herrn zu bekommen, dessen Geschäft und Güte er mißbrauchte und eine Gelegenheit ersah, mit einem Boote durchzugehen, welches sein Herr ihm und noch einem andern anvertraut hatte, einige Vorräte den Fluß hinabzuführen zu einer andern Plantage, die er daselbst hatte. Mit diesem Boote und den Vorräten gingen sie durch und segelten nordwärts gegen den Grund der Reede, wie sie es nennen und in einen Fluß, Suasquehannah genannt, wo sie das Boot verließen und durch die Wälder wanderten, bis sie nach Pennsylvanien kamen, von dort suchten sie eine Gelegenheit nach Neu-England und von da nach Hause zu kommen. Als er dort angelangt war, geriet er unter die alte Rotte und in das alte Diebshandwerk, bis er endlich einen Monat, ehe ich wieder nach London kam, ergriffen und gehenkt wurde. Mein Schicksal war zwar härter im Anfang, aber glücklicher am Ende. Ich wurde an einen reichen Pflanzer verkauft und außer mir noch der andere Engländer, der mit mir als Soldat durchgebrannt war. Wir waren also beide Knechte geworden, und unser Los ging dahin, daß wir einen kleinen Fluß oder Meerbusen hinaufgeführt wurden, der ungefähr acht Meilen von dem großen Fluß in den Potomackfluß hineinmündet. Hier wurden wir zu einer Plantage gebracht und zu fünfzig andern leibeigenen Knechten, sowohl schwarzen wie weißen gesteckt. Und als wir dem Aufseher der Plantage überliefert waren, bedeutete er uns, daß wir nichts anderes zu tun hätten, als scharf und hart zu arbeiten, denn nur zu diesem Zwecke kaufe sein Herr Knechte. Ich gab ihm ganz demütig zu verstehen, daß, nachdem es unser Unglück so hätte haben wollen, in einen solch elenden Zustand zu geraten, so könnten wir freilich nichts anderes erwarten, nur wollten wir ihn höflichst ersucht haben, daß uns unsere Arbeit erst gezeigt und uns erlaubt würde, sie erst nach und nach zu lernen, zumal wir ihm versichern könnten, daß wir die Arbeit noch nicht gewöhnt wären. Ich fügte hinzu, wenn er eigentlich wüßte, auf welche gottlose Art und Weise wir dahingebracht und verraten worden, würde er vielleicht Veranlassung nehmen, uns zum wenigsten diese Gütigkeit widerfahren zu lassen, auch wenn wir keine andere erlangen könnten. Ich sagte dies mit so bewegter Stimme, daß es ihn neugierig machte und nach den Umständen unseres Zustandes fragte, welche ich ihm auch weitläufig, jedoch ein wenig mehr unseren als der Wahrheit Vorteil wahrnehmend, erzählte. Diese Erzählung unseres elenden Zustandes bewegte ihn, wie ich gehofft hatte, zu einigem Mitleid. Trotzdem meldete er uns, seines Herrn Geschäfte müßten verrichtet werden, da gäbe es keinen andern Rat, als daß wir uns zur Arbeit bequemen müßten. Daher ergaben wir uns darein und fingen an zu arbeiten. Dabei hatten wir drei beschwerliche Plagen auszustehen. Wir mußten scharf arbeiten, hatten ein übles Nachtlager und bekamen überaus schlechte Kost. Das erste war mir bisher ganz unbekannt gewesen, aus den letzten beiden Dingen aber pflegte ich mir nicht gar zu viel zu machen. Unter diesen Umständen hatte ich Zeit genug, an mein voriges Leben zurückzudenken und zu erwägen, was ich bisher in der Welt geleistet hatte. Und obschon ich nicht fähig war, mir ein richtiges Urteil darüber zu bilden, oder zu einer klaren inneren Überzeugung zu gelangen, so machte es doch einen ziemlichen Eindruck auf mein Gemüt. Der Herr, bei dem ich als Sklave diente, war ein reicher und angesehener Mann im Lande und hatte sehr viele leibeigene Knechte, sowohl Schwarze wie Engländer. Wenn ich mich nicht irre, belief sich ihre Zahl auf nahezu zweihundert. Unter einer solchen Menge wurden alle Jahre einige schwach und unfähig zur Arbeit, andere gingen fort, wenn ihre Zeit um war, andere starben. Durch dergleichen Zufälle und Veränderungen nahm die Anzahl ab, wenn sie nicht öfter wieder ergänzt und vollgemacht wurde, und dies nötigte ihn, alle Jahre andere zu kaufen. Es begab sich, während ich dort war, daß ein Schiff mit verschiedenen Sklaven von London ankam, worunter sich 17 transportierte Spitzbuben befanden, von denen einige an der Hand gebrandmalt waren, andere aber nicht. Von diesen kaufte mein Herr acht für die in ihrem zur Überfahrt von der Obrigkeit erhaltenen Paß bestimmte Zeit, wonach einige länger, andere kürzere Frist von Jahren zu dienen hatten. Unser Herr war ein vornehmer Mann im Lande und außerdem Friedensrichter. Er pflegte gar selten in eigener Person nach der Plantage zu kommen, wo ich mich befand. Allein als diese neuen Sklaven ans Land gebracht und an unsere Plantage ausgeliefert wurden, kam der gestrenge Herr in einem recht ansehnlichen Staate selbst dahin, um sie zu sehen und in Empfang zu nehmen. Nachdem sie der Herr besehen hatte, wurden sie von einer Wache vom Schiff gebracht. Der Oberbootsmann kam mit ihnen, um sie unserm Herrn zu überliefern. Als unser Herr die obrigkeitlichen Befehle, die die Vollmacht zu ihrer Überbringung erteilten, alle durchgelesen hatte, rief er einen nach dem andern mit seinem Namen zu sich. Nachdem er jedem von ihnen seinen Befehl vorgelesen und ihm mitgeteilt, welcher Verbrechen wegen er herübergebracht worden war, ermahnte er jeden einzelnen nachdrücklich und stellte ihnen vor, welche große Gnade ihnen widerfahren sei, daß sie vom Galgen, den sie nach dem Gesetz verdient hätten, errettet worden und auf ihr demütiges Bitten und Flehen die Bewilligung zur Überfahrt erlangt hätten. Er führte ihnen hierbei zu Gemüte, daß sie das Leben, das sie jetzt anträten, so anzusehen hätten, als wenn sie von neuem in der Welt zu leben anfingen. Wenn sie sich fleißig, gehorsam und bescheiden aufführen wollten, so würden sie, wenn die Zeit ihrer Leibeigenschaft um wäre, nach der Landesordnung aufgefordert werden, sich dort niederzulassen und sich anzubauen. Ja, wenn er sähe, daß sie ihre Zeit getreulich aushielten, so pflegte er seinen Knechten alle möglichen Vorteile zu gewähren, um sich im Land anzubauen und festzusetzen, wenn sie es durch ihr Betragen verdient hätten. Sie würden verschiedene Pflanzer um sich herum sehen und kennen lernen, die sich jetzt in sehr guten Verhältnissen befänden, obgleich sie vorher auch nur Sklaven gewesen wären und sich in demselben Zustand wie sie befunden hätten, ja auch von demselben Orte, von Newgate, oder eigentlich vom Galgen hergekommen wären. Einige darunter hätten das Zeichen noch an ihren Händen, wären aber jetzt ehrliche Leute und lebten in hohem Ansehen. Ich wurde durch die nachdrucksvolle Rede meines Herrn ungemein bewegt. Denn ich dachte nicht anders, als daß mein Herr dies alles nur für mich gesagt hätte. Daher dachte ich mir, mein Herr müßte mehr als Brot essen können, zum wenigsten ein außergewöhnlicher Mensch sein, weil er alles so haarklein kannte, was ich in meinem Leben verübt hatte. Ich erschrak, daß ich nicht wußte, wie mir geschah, als mein Herr die übrigen Sklaven alle entließ und, indem er mit dem Finger auf mich wies, zu seinem Oberschreiber sagte: Bringt diesen jungen Mann zu mir her! Ich hatte wohl fast ein Jahr lang auf der Plantage gearbeitet und mich so fleißig dabei bewiesen, daß mir der Aufseher entweder schmeichelte oder es wirklich meinte, wenn er mir sagte, daß ich mich wohl aufführte und meine Sache gut machte. Indes erschrak ich doch heftig, als ich mich bei meinem Namen rufen hörte, da man im allgemeinen nur diejenigen, die etwas versehen oder angestiftet haben, aufzurufen pflegte, um sie hernach zu stäupen oder auf andere Weise zu züchtigen. Ich kam wohl so recht wie ein Übeltäter hinein und sah nicht anders aus wie einer, der auf frischer Tat ertappt worden und nun vor den Richter geführt wird. Die Ansprache und Vermahnung, die der Herr an die andern hielt, war in einem großen Saale gehalten worden, wo er wie ein Richter auf seinem Stuhle, oder besser wie ein König auf seinem Throne sah. Ich aber wurde durch einen hinteren Raum im Hause zu ihm hineingeführt. Als ich eingetreten war, hieß er seinen Diener fortgehen und ich stand halbnackt, mit bloßem Kopfe und mit der Hacke in der Hand, da ich von der Arbeit fortgeholt worden war, nicht weit von der Tür. Er hieß mich meine Hacke wegzulegen und zu ihm zu kommen, und er schien mir schon ein wenig freundlicher und leutseliger auszusehen, als ich mir vorher eingebildet hatte. Höre, junger Mann, sprach er, wie alt bist du? Das weiß ich nicht, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gestrenger Herr, antwortete ich. Wie heißest du? Man nennt mich Oberst, aber mein Name ist Hannes, gestrenger Herr. Aber sage mir doch deinen Namen. Mein Name ist Hannes. Wie, heißt du denn mit deinem Taufnamen Oberst und mit deinem Zunamen Hannes? Wahrhaftig, gestrenger Herr, um euch die Wahrheit zu sagen, ich weiß wenig oder gar nichts von mir selbst, und so weiß ich auch nicht, wie mein rechter Name ist. Allein ich bin immer nur so genannt worden, soweit ich mich erinnern kann. Welches aber mein Vor- oder Zuname, mein Tauf- oder christlicher Name ist, oder ob ich jemals getauft und zum Christen gemacht worden bin, weiß ich nicht zu sagen. Nun, dem sei wie dem wolle, es war wenigstens ehrlich, wenn auch einfältig geantwortet. Aber sage mir doch, wie du hierher gekommen, und aus welchen Ursachen du hier zum Sklaven gemacht worden bist? Ich wollte wünschen, Euer Gnaden könnten sich die Zeit nehmen, meinen kurzen Lebenslauf anzuhören, Sie würden gestehen müssen, daß Ihnen kaum etwas Abenteuerlicheres zu Ohren gekommen sei. Nun wohl, erzähle er mir doch etwas davon, ich will es gern anhören, und wenn es eine Stunde lang währen sollte. Dies flößte mir Mut ein. Daher machte ich mit meinem Soldatenleben den Anfang und erzählte, wie ich mich hätte bereden lassen, zu Dunbar mit den andern durchzugehen und schilderte ihm alle Umstände, wie ich sie oben angeführt habe, von der Zeit an, da ich ans Ufer gekommen, bis der Kapitän wegen meines Wechsels mit mir geredet hatte, als ich hier angelangt war. Er erhob verschiedene Male seine Hand, um seinen Abscheu gegen die Gewissenlosigkeit, die zu Newcastle an mir verübt worden war, zu bezeugen und fragte nach dem Namen des Kapitäns. Denn dieser Kapitän, meinte er, müsse trotz all seiner glatten Worte ein Schuft gewesen sein. Also nannte ich ihm seinen Namen nebst dem Namen des Schiffes, was er alles in sein Taschenbuch schrieb. Darauf fuhren wir in unserm Gespräche fort und er fragte mich weiter: Da ich nun deine Lage kenne, sage mir doch, was ich für dich tun kann, Hannes. Dies müssen Euer Gnaden am besten wissen, sagte ich. Aber du hast mir von einem Wechsel über 94 Pfund erzählt, wovon du dem Kapitän 40 Pfund für deine Freiheit geben wolltest. Hast du diesen Wechsel noch in Verwahrung? Ja, gnädiger Herr, hier ist er, sagte ich und damit zog ich ihn aus dem Hosenbund heraus, wo ich ihn in Papier eingewickelt zu verwahren pflegte, er war aber von dem öfteren Ein- und Auswickeln, Einstecken und Herausziehen ganz abgenutzt, und gab ihn ihm zu lesen, was er auch tat. Darauf sagte er: Ist denn dieser Mensch noch am Leben, dem du den Wechsel gegeben hast? Ja, Euer Gnaden, er war noch am Leben und bei guter Gesundheit, als ich von London fortging, wie auch aus dem Datum zu ersehen ist, denn ich begab mich am folgenden Tag hinweg. Ich wundere mich gar nicht, daß dir der Kapitän diesen Wechsel gern abgenommen hätte, als du hier an Land kamst. Ich würde ihm den Wechsel auch ausgehändigt haben, wenn er mich und meinen Bruder wieder zurück nach England gebracht hätte. Dann würde ich ihm so viel davon gegeben haben, als er verlangt hätte. Er hat den Handel besser verstanden, denn er wußte, daß du einige Freunde daselbst hattest, die ihn schon zur Rechenschaft gezogen hätten. Allein es wundert mich, daß er ihn dir nicht mit List oder Gewalt abgenommen hat, als ihr noch auf See waret. Ich konnte ihm nicht nachsagen, daß er danach getrachtet hätte. Nun, Hannes, ich will sehen, ob ich dir in dieser Sache helfen kann. Auf mein Wort, wenn das Geld ausbezahlt werden kann und du es sicher hierher schaffen kannst, so könnte ich dir Mittel und Wege an die Hand geben, wie du es noch weiter bringen könntest als dein Herr, wenn du dich ehrlich und fleißig erweisest. Da ich mich in eurem Dienst befinde, gnädiger Herr, so muß ich die Beurteilung meiner Aufführung und des übrigen Ew. Gnaden selbst überlassen. Vielleicht aber sehnst du dich danach, wieder nach England zurückzukehren? Nein, wahrhaftig nicht, gnädiger Herr, wenn ich nur mein Brot hier ehrlich erwerben kann, so habe ich keine Lust, wieder nach England zu gehen. Denn ich weiß nicht, womit ich dort meinen Lebensunterhalt verdienen sollte. Wenn ich dies gekonnt hätte, so hätte ich mich nicht als Soldat anwerben lassen. Wir wollen das jetzt gut sein lassen, allein ich muß dich hierüber noch ein andermal befragen. Denn es ist in der Tat seltsam, daß du Soldat geworden bist, wenn du 94 Pfund Sterling dein eigen nanntest. Ich will Euer Gnaden ausführlich hierüber Bericht erstatten, und ebenso ehrlich wie über meinen Lebenslauf, wenn Euer Gnaden Geduld haben möchten, es noch anzuhören, da es etwas lang sein wird. Gut, hierzu werden wir ein andermal Zeit finden. Jetzt muß ich dich nur noch dieses fragen: Bist du damit einverstanden, daß ich jemanden nach London schicke, der mit dem Herrn, der dir den Wechsel ausgestellt hat, reden soll. Er wird das Geld nicht in Empfang nehmen, sondern ihn nur fragen, ob er die Summe von dir in Händen hat, und ob er sie auszahlen würde, wenn du es verlangtest und du ihm den Wechsel oder eine Abschrift übersenden würdest? Ja, Ew. Gnaden, von Herzen gern! Ich will den Wechsel in eure Hände geben, denn euch kann ich ihn besser anvertrauen als dem Kapitän. Nun, Hannes, wenn du willst, will ich ihn dir aufheben. Aber ich will dir einen Schein mit meiner Unterschrift ausstellen, daß ich den Wechsel in Verwahrung habe und ihn dir auf dein Verlangen jederzeit zurückgeben würde, das ist so gut, als ob du den Wechsel selber hättest. Denn so gehst du am sichersten. Ich war ganz zufrieden und gab meinem Herrn den Wechsel, er stellte mir dagegen einen Schein aus, und ich fand an ihm einen treuen Vormund und Verwahrer, wie man später noch hören wird. Nach dieser Unterredung entließ er mich und ich ging wieder an die Arbeit. Aber ungefähr zwei Stunden darauf kam der Verwalter oder Aufseher der Plantage, als er vorbeiritt, zu mir hin, wo ich arbeitete, zog eine Flasche aus der Tasche, rief mich zu sich und gab mir einen Schluck Rum; weil ich aber aus Höflichkeit nur ein kleines Schlückchen tat und nur ein wenig nippte, hielt er mir die Flasche noch einmal hin und hieß mich noch einen Schluck nehmen, redete auch überaus freundlich mit mir, ganz anders, wie er sonst zu tun pflegte. Dies gab mir Mut und richtete mich ein wenig auf. Jedoch machte ich mir noch nicht viel Hoffnung, wußte auch nicht, woher mir Hilfe kommen sollte. Ein paar Tage danach, als wir morgens alle wieder an unsere Arbeit gingen, rief mich der Aufseher zu sich und gab mir abermals einen Schluck Rum und ein großes Stück Brot dazu und befahl mir, ich sollte um ein Uhr mit meiner Arbeit aufhören und zu ihm ins Haus kommen, da er etwas mit mir zu bereden habe. Ich ging zu ihm in der Kleidung eines armen halbnackten Sklaven. Komm her, junger Mann, sagte er, und gib mir deine Hacke. Als ich sie ihm überreichte, sagte er: du sollst nun nicht mehr auf der Plantage arbeiten. Ich erschrak und geriet ganz in Verwirrung. Was habe ich getan, mein Herr? fragte ich. Wohin soll ich geschickt werden? Erschrick nicht, sprach er, es ist nicht zu deinem Schaden. Ich habe Befehl, einen Aufseher aus dir zu machen, denn du sollst nicht länger ein Sklave sein. Ich! Ein Aufseher? sprach ich. Ich befinde mich nicht in dem Vermögen dazu. Ich habe weder Kleider noch Wäsche noch sonst etwas, womit ich mir zu helfen wüßte. Komm nur mit, sprach er, es steht besser um dich als du denkst! Er führte mich in ein großes Lagerhaus, oder vielmehr durch eine ganze Reihe großer Packhäuser hintereinander, wo die große Niederlage war. Sobald wir dahin kamen, rief er den Aufseher über das Lagerhaus und sprach zu ihm: Ihr sollt diesen jungen Menschen einkleiden und ihm alles geben was nötig ist und zwar auf den Fuß Nr. 5, alsdann gebt ihm das Verzeichnis davon, unser Herr hat mir befohlen, solches in die Rechnung der Westlichen Plantage einzusetzen. Dies war die Plantage, wohin ich mich begeben sollte. Darauf führte mich der Hausverwalter in ein Lagerhaus hinein, wo verschiedene solcher Kleider lagen, wie sie für mich vorgeschrieben waren: einfache, aber sehr gute Kleider, die schon fertig und von gutem dicken Tuch waren, wovon die Elle in England wohl elf Schillinge wert sein mochte. Dazu gab er mir drei gute Hemden, zwei Paar Schuhe, Strümpfe und Handschuhe, einen Hut, sechs Halstücher und überhaupt alles, was ich brauchte. Und nachdem er alles zusammengesucht und ordentlich hingelegt hatte, führte er mich in eine kleine Stube und ich sagte zu mir: Hier trete ich ein als Sklave und komme heraus als ein Edelmann! Hierauf trug er alle Sachen in die Stube, schloß die Türe zu und sagte, ich sollte mich ankleiden, was ich auch bereitwilligst tat. Nun fing ich freilich an, wie leicht zu verstehen ist, auf bessere Zeiten zu hoffen als ich bisher gehabt hatte. Nach einer kleinen Weile kam der Aufseher wieder und bezeigte mir seine Freude über meine neue Kleidung und forderte mich auf mit ihm zu gehen. Ich wurde nun also zu einer andern Plantage geführt, die noch größer war als die erste, und wo zwei Aufseher und zwei Schreiber waren, je einer daheim und draußen. Von den Aufsehern war einer nach einer andern Plantage versetzt worden, und ich trat an seine Stelle. Mein Amt war, nach den schwarzen Sklaven zu sehen und dafür Sorge zu tragen, daß sie ihre Arbeit verrichteten, desgleichen sie mit Essen zu versehen, mit einem Worte: sie zu regieren und zu überwachen. Wer diese Erhöhung wurde ich nicht wenig aufgerichtet in meinen Gedanken, und es ist unmöglich, die Freude meines Herzens, die ich darüber empfand, in Worten auszudrücken. Es wurde mir auch ein Pferd gegeben nebst einer langen Peitsche, damit ich die ganze Plantage bereiten könnte, um die Schwarzen und Knechte zu beaufsichtigen. Denn da die Plantage sehr weitläufig war, konnte es zu Fuß nicht geschehen, wenigstens nicht so oft, wie es nötig war. Die Peitsche aber wurde mir gegeben, um die Sklaven und leibeigenen Knechte zu züchtigen und zu peitschen, wenn sie nachlässig waren, sich untereinander zankten, oder sonst etwas Unrechtes anstifteten. Es geschah einige Zeit danach, daß mich unser großer Meister, wie wir ihn nannten, wieder zu sich in seine Wohnung holen ließ und mir mitteilte, daß er von seinem Freunde, aus England, dem er wegen meines Wechsels geschrieben hatte, Antwort erhalten hätte. Ich wurde einigermaßen, stutzig und dachte, er würde ihn von mir haben wollen, um ihn nach England zu senden. Allein er sagte nichts dergleichen sondern erzählte mir, daß sein Freund bei dem Herrn in London gewesen sei und daß er zugegeben habe, den Wechsel gegeben zu haben und das Geld in seinem Besitz zu halten. Allein er habe dem jungen Menschen, der ihm das Geld anvertraut hätte, versprochen, das Geld keinem andern Menschen, sollte er ihm auch den Wechsel bringen, als ihm selbst auszuhändigen. Aber nun, Oberst Hannes, sprach er, da ihr ihm Nachricht gegeben, wo ihr euch befindet und durch welche gottlose Künste ihr hintergangen worden, und es euch unmöglich sei, eure Freiheit zu erlangen, bis ihr das Geld bekommen hättet, so hat mir mein Freund geschrieben, daß er euch, wenn ihr hier eine Abschrift von dem Wechsel habt machen lassen, die notariell beglaubigt ist, und ihr euch verpflichtet, das Original nach Bezahlung des Geldes auf seine Order zurückzustellen, das Geld auszahlen wolle. Ich erklärte ihm, daß ich willens wäre alles zu tun, was er für gut hielte, und so wurden die Abschriften auf die gehörige Art ausgestellt. Allein, was wollt ihr nun mit dem Gelde machen, Hannes, sagte er mit freundlichem Lächeln. Wollt ihr eure Freiheit von mir erkaufen und ein Pflanzer werden? Ich wollte hierin nun schlau sein. Denn ich erinnerte mich gar wohl seiner Versprechungen und hatte seine Redlichkeit und Güte viel zu genau erfahren, als daß ich an der Erfüllung seiner Worte zweifeln sollte. Ich deutete mir daher seine Frage ganz anders. Ich wußte gar wohl, daß er, wenn er mich fragte, ob ich meine Freiheit erkaufen und mich anbauen wollte, mich nur prüfen wollte, ob ich die Absicht hätte ihn zu verlassen. Daher gab ich ihm folgende Antwort: Was das betrifft, gnädiger Herr, daß ich mir meine Freiheit erkaufen möchte und mich anbauen, so versichere ich euch, daß ich viel lieber noch einige Zeit in eurem Dienst bleiben möchte und es mir nur leid tut, daß ich nur noch zwei Jahre euch zu dienen habe. Stille, Hannes, sagte er, schmeichelt mir nicht, ich liebe die Aufrichtigkeit. Die Freiheit ist ein kostbares Kleinod und jedermann angenehm. Wenn ihr Lust habt, daß euer Geld herübergebracht wird, so sollt ihr eure Freiheit haben, um für euch selbst anzufangen, ich aber will Sorge tragen, daß euch hierzulande wohl begegnet werde und ich will euch zu einer guten Plantage verhelfen. Ich versicherte ihm nochmals, daß ich seinen Dienst nicht um die beste Plantage in Maryland verlassen möchte. Er hätte sich mir gegenüber so gütig erwiesen, begegnete mir auch beständig noch so, überdies schiene ich ihm so nützlich zu sein, daß ich nicht daran dächte ihn zu verlassen. Ich hoffte, er werde mir nicht zutrauen, so wenig Dankbarkeit wie ein Schwarzer zu hegen. Er lächelte und sagte, er verlange nicht, daß man ihm auf solche Art und unter solchen Bedingungen dienen sollte. Er habe noch nicht vergessen, was er mir versprochen, noch die Treue, die ich ihm auf seiner Plantage bewiesen hätte. Daher wäre er entschlossen, mir zuerst meine Freiheit zu geben. Hiermit zog er ein Stück Papier heraus und gab es mir. Das, sprach er, ist das Zeugnis, daß ihr ins Land gekommen und mir auf fünf Jahre verkauft worden seid, von denen ihr drei bei mir ausgehalten habt, und hiermit erkläre ich euch nun frei und für euren eigenen Herrn. Ich verneigte mich und sagte ihm, wenn ich auch nun mein eigener Herr wäre, so wollte ich doch so lange sein Diener sein, als er mich brauchen könne. Wir bekomplimentierten einander und keiner wollte dem andern eine Höflichkeit schuldig bleiben. Schließlich sagte er zu mir, wenn es nicht anders ginge, so sollte ich in seinem Dienste bleiben, allein dies sollte unter folgenden zwei Bedingungen geschehen: Erstens, daß er mir fürs Jahr 30 Pfund Sterling nebst freier Kost für die Verwaltung der Plantage, in welcher ich damals beschäftigt war, geben und zweitens, daß er mir zugleich eine neue Plantage verschaffen wolle, auf der ich für mich selbst anfangen könnte. Denn, Oberst Hannes, sagte er lächelnd, obgleich ihr noch jung seid, so ist es doch Zeit, daß ihr etwas auf eigene Faust anfanget. Ich antwortete ihm, ich würde für mich selbst auf einer Plantage wenig ausrichten können, wenn ich seine Geschäfte nicht vernachlässigen wollte, und dies möchte ich auf keinen Fall, sondern ihm treulich dienen, solange er meine Dienste annehmen wollte. Also schieden wir für diesmal voneinander. Das erste gute, das er mir nach erteilter Freiheit erwies, war, daß er mich der Fruchtbarkeit und Güte des Landes versicherte, sowie daß mir ein gutes Landstück zugeteilt wurde, wo ich mich selbst anpflanzen könnte. Allein dieses ordnete er nach seinem eigenen Willen an und kaufte, wie ich später erfuhr, 300 Acker Land für mich an einem günstiger gelegenen Orte, als mir sonst eingeräumt worden wäre. Dies konnte er vermöge seines Ansehens tun, in dem er bei den Machthabern stand. So wurde mir ein großes Stück Land, nicht weit von seiner eigenen Plantage, abgesteckt und angewiesen. Als ich ihm meine Erkenntlichkeit hierüber beweisen wollte, sagte er, daß ich hierzu keine Ursache hätte, denn er täte dies, damit ich nicht genötigt wäre, wegen der Verrichtung meiner eigenen Geschäfte die seinigen zu versäumen, und daher wolle er mir das Geld nicht anrechnen, das er bezahlt hätte, und das eben keine sehr große Summe wäre. Wenn ich mich recht entsinne, waren es ungefähr 40 oder 50 Pfund Sterling. Also gab er mir auf eine sehr großmütige Weise nicht nur meine Freiheit wieder, sondern schoß mir dieses Geld auch freiwillig vor, setzte mich selbst in eine Plantage ein und gab mir jährlich noch 30 Pfund Sterling Lohn dazu, damit ich zugleich nach seiner eigenen Plantage sehen sollte. Allein, Oberst Hannes, sprach er, es ist nicht genug, daß ich euch diese Plantage gebe, wenn ich euch nicht dabei unter die Arme greife, damit ihr sie erhalten und hochbringen könnt, so würdet ihr wenig Nutzen davon haben. Deswegen will ich euch für alles, was ihr für eure Einrichtung braucht und was da erforderlich sein wird, wie Pferde, Kühe und Schweine, Knechte und Gesinde, wie auch zu Anfang einige Sklaven, Kredit geben, auch damit ihr Baumaterialien kaufen könnt, um Häuser und die übrigen zur Plantage nötigen Gebäude aufzuführen. Wenn dann eure Geldsendung aus London ankommt, will ich sehen, wie ich mir das ausgelegte Geld davon wieder abrechne. Dies war nun sehr gütig und zuvorkommend von ihm, zumal er mir zwei von seinen Leuten, die Zimmerleute waren, sandte. An Bauholz, Brettern und Planken war in einem Lande, das fast nur aus Wald bestand, kein Mangel. Die Zimmerleute führten mir in einigen Wochen ein hübsches Holzhäuschen auf, worin ich drei Stuben und eine Küche hatte, ein Nebengebäude und zwei große Schuppen, die ein wenig vom Hause entfernt lagen, als meine Lagerhäuser, desgleichen nicht weit davon Ställe. So hatte ich mich denn in der Welt an einem bestimmten Orte niedergelassen und festgesetzt und war nach und nach von einem Beutelschneider zu einem nach Virginien verkauften Sklaven, von einem Sklaven zu einem Oberaufseher der Sklaven und von einem Oberaufseher zum Eigentümer einer ansehnlichen Plantage aufgerückt. Ich hatte, wie gesagt, ein Haus, einen Stall, zwei Lagerhäuser und 300 Acker Land. Allein »bloße Mauern machen schwindlige Hausmütter« sagt man, und ohne Kredit hätte ich nämlich weder Axt noch Hacke gehabt, um die Bäume zu fällen, weder Pferd noch Schwein, weder großes noch kleines Vieh, das ich hätte auf die Weide treiben können, nicht einmal einen Spaten oder ein Grabscheit, um den Boden umzugraben, ich hatte nur einzig und allein meine eigenen beiden Hände, um ans Werk zu gehen. Aus der Gelegentlichkeit ist nun eine Gewohnheit geworden, daß man den derartigen Anfängern durch Werkzeuge, Eisenwaren und Kleider, kurz alles, was man zum Anfang nötig hat, hilft, dafür machen sich die Personen, die den Kredit geben, von dem Tabak, der gepflanzt und gebaut wird, bezahlt, und der Schuldner kann den Gläubiger nicht um die Bezahlung betrügen. Und gleichwie der Tabak sowohl ihr Geld wie auch die Hauptfrucht des Landes ist, so wird auch alles für eine gewisse Menge Tabak, wobei ein fester Preis angenommen wird, gekauft. Also hat der vermögenslose Pflanzer zu seinem Anfang Kredit und geht daher alsbald eifrig ans Werk, um das Land fruchtbar zu machen und Tabak zu pflanzen. Von diesem armseligen Anfang an haben es einige Pflanzer sowohl in Virginien wie in Maryland sehr weit gebracht. Und wer anfangs kaum einen Hut aufzusetzen und Schuhe anzuziehen hatte, brachte es zu einem Vermögen von mehr als 50000 Pfund Sterling. Und sicherlich ist es keinem fleißigen Menschen, der gesund war, der arbeitete und sparsam haushielt, schlecht gegangen. Denn da er alle Jahre mehr Land hinzunehmen und bebauen, und so mehr Tabak pflanzen kann, der so gut wie bares Geld ist, so muß er notwendig nach und nach an Vermögen zunehmen, bis er endlich so viel vor sich gebracht hat, daß er schwarze Sklaven nebst andern Knechten kaufen kann und dann nicht länger mehr selbst zu arbeiten braucht. Es war für mich ein großer Vorteil, daß ich einen so wohlgesinnten Herrn hatte, der mir in jeder Notlage beistand. Denn in dem allerersten Jahre hatte ich einen schweren Schicksalsschlag zu überwinden. Wie schon erwähnt, hatte ich die beglaubigte Abschrift meines Wechsels nach London gesandt, wo mir mein gütiger Freund, der Zollbeamte, das Geld auch auszahlte. Der Kaufmann in London hatte auf Anraten meines Herrn das Geld in eine Schiffsladung gesteckt, wo es so gut angelegt war, daß es auf einmal einen reichen Mann aus mir gemacht hätte. Allein zu meinem unaussprechlichen Schrecken und Jammer ging das Schiff unter. Es wurden zwar einige von den Gütern gerettet, allein sie waren so verdorben, daß nichts als Nägel, Werkzeug und Eisenteile mehr zu gebrauchen waren. Und obschon der Wert davon sich noch ziemlich hoch belief, so war mein Verlust doch weit größer, und zwar schon deswegen, weil er mir als ein unersetzlicher und folgenschwerer erschien. Ich war über die Nachricht dieses Verlustes recht betroffen, weil ich wußte, daß ich nun meinem Herrn so viel schuldete, daß ich es ihm auch in vielen Jahren nicht wiedererstatten konnte. Da er mir diese unangenehme Botschaft selbst brachte, wurde er bald meine Verwirrung, in der ich mich befand, gewahr, allein er redete mich freundlich an: Seid getrost und nicht so niedergeschlagen, sprach er, ihr könnt diesen Verlust schon verwinden. Gestrenger Herr, sprach ich, es war alles, was ich hatte, und ich werde nun niemals aus meiner Schuld herauskommen. Nun gut, sprach er, ihr habt ja keinen Gläubiger sonst außer mir, und ich erinnere mich, daß ich einmal zu euch gesagt habe, ich wollte einen Mann aus euch machen, nun ich will euch dieses Unglücks wegen nicht um eure Hoffnung betrügen. Ich dankte ihm und tat es mit mehr Ehrerbietung als je, weil ich mich jetzt mehr denn je in der Klemme befand. Allein er hielt sein Wort redlich und ließ mich auch nicht im geringsten Mangel leiden. Nun ging es mit mir sichtlich vorwärts. Ich hatte eine große Strecke Land urbar gemacht, das heißt vom Holze gesäubert, und durfte auf eine gute Tabakernte hoffen. Ich bekam auch drei Knechte dazu und einen Schwarzen, so daß ich also fünf weiße Knechte und zwei Schwarze hatte, mit deren Hilfe meine Arbeit wohl fortschritt. Im ersten Jahre nahm ich zwar mein Gehalt, das aus 30 Pfund Sterling bestand, an, weil ich dessen sehr benötigte. Das zweite und dritte Jahr aber entschloß ich mich, gar nichts anzunehmen, sondern das Geld in der Hand meines Wohltäters zu lassen und die Schulden hiermit abzutragen. Nun muß ich den geneigten Leser um die Erlaubnis einer kleinen Abschweifung ersuchen. Obwohl ich mich keines einzigen Vorteils einer guten Erziehung zu rühmen hatte, so spürte ich nunmehr doch, als ich zu empfinden anfing, daß ich in der Welt lebte und zu einem freien unabhängigen Zustand gelangt war, und überdies die Hoffnung vor Augen hatte, mit der Zeit es zu etwas Ansehnlichem zu bringen, daß sich ganz andere Ansichten in meinem Gemüte bildeten. Es war mir eine unaussprechliche Freude, daß ich nunmehr hoffen konnte, nicht nur als gemachter Mann, sondern auch als ein ehrlicher und rechtschaffener Mensch in der Welt zu leben. Und es verursachte mir ein großes Behagen, mich von der Knechtschaft eines Landstreichers, Diebes und Übeltäters, der ich von Kindheit an gewesen war, befreit und von der Leibeigenschaft eines nach Virginien verkauften elenden Sklaven erlöst zu sehen. Indem ich weiter blickte und betrachtete, wie sich alles mit mir geändert hatte, und daß ich von dem Ertrage meiner eigenen Arbeit leben konnte und nicht mehr genötigt war einen Spitzbuben abzugeben, der sein Brot mit Gefahr seines Lebens und zum Verderben anderer ehrlicher Leute gewinnt, so hatte dieses etwas ganz ungemein Angenehmes und Erfreuliches in sich, ja es verursachte mir ein solches Vergnügen, wie es mir bisher ganz unbekannt gewesen war. Ich hatte einen solchen Abscheu vor dem ruchlosen Leben, das ich bisher geführt hatte, daß ich heimlich froh war und geradezu ein Vergnügen darüber empfand, daß das Unglück mit dem Schiffbruch mich betroffen hatte. Denn obwohl ich es nicht anders als einen Verlust betrachten konnte, so dachte ich doch wenig darüber nach, daß dieses verloren gegangene Gut ein unrecht erworbenes war und das Sprichwort sich auch hier erfüllt hatte: Wie gewonnen, so zerronnen. Denn ich sah das Geld wie ein fremdes Gut an, das mir nicht zukam und das wie Feuer in meinem Flachs gewesen wäre, wenn ich es mit meinem jetzigen Vermögen vermischt hätte, das ich mit Ehren erlangt hatte und das mir gleichsam vom Himmel gesandt war, um den Grund zu meinem Glücke zu legen, bei dem das andere nur eine Motte gewesen wäre, die es verzehrt hätte. Da ich nun in Schottland Lesen und Schreiben gelernt hatte, kam es mir jetzt gut zustatten, daß ich es nur aufzufrischen brauchte, und fing nun an die Bücher liebzugewinnen. Insbesondere hatte ich Gelegenheit einige sehr nutzbringende Bücher zu lesen. Zum Beispiel des Livius Römische Geschichte, die Geschichte der Türkei, die Geschichte von England, die Beschreibung der Niederländischen Kriege, das Leben Gustav Adolfs, des Königs von Schweden, die Geschichte der von Spanien eroberten Provinz und der Stadt Mexiko, nebst verschiedenen andern, von denen ich einige aus dem Nachlaß eines Pflanzers, der gestorben war und dessen Güter veräußert wurden, kaufte. Andere borgte ich mir. Indes spielte mir ein gütiges Schicksal, das noch etwas Besseres für mich aufgehoben hatte, eine Gelegenheit in die Hände, um mich weiterbilden zu können. Es kam ein rechter Bursche bei mir an, der von Bristol nach Virginien verschickt worden war, da er sein Leben verwirkt hatte. Dieser wurde mein Leibeigener. Er gestand mir aufrichtig ein, ein liederliches Leben geführt zu haben, daß ihn Mangel und Not ein wenig zu sehr gedrückt, daß er sich aufs Rauben und Plündern gelegt und gemeint hätte, ein Straßenritter wäre besser daran als ein armer Ritter. Aber statt bei einer schlimmeren Gelegenheit war er bei einer geringfügigen Spitzbüberei ertappt, verurteilt und nach Virginien geschickt worden, wobei er froh gewesen, daß er so glimpflich davongekommen. Er war ein außerordentlich gelehrter Mensch. Und da ich dies merkte, fragte ich ihn um Rat, wie ich die lateinische Sprache erlernen könnte. Er lächelte ein wenig und sagte: Ich würde sie euch in drei Monaten lehren, wenn ihr mir die Bücher dazu verschaffet, oder ohne Bücher, wenn wir nur Zeit genug darauf verwenden dürften. Ich sagte ihm, daß mir schiene, ein Buch würde seinen Händen besser anstehen als die Hacke, und wenn er es nur so weit mit mir bringen könnte, daß ich lateinisch lesen und andere Sprachen dadurch verstehen lernte, so wollte ich ihn gern von der Arbeit erlösen, mit welcher ich ihn jetzt beschweren müßte. Mit diesen Gedanken ging ich freudig an meine Arbeit. Da ich nun fünf Knechte hatte, ging meine Pflanzung, wenn auch langsam, doch recht glücklich vorwärts und nahm von Tag zu Tag Zu. Das dritte Jahr aber kaufte ich mit Hilfe meines alten Wohltäters noch zwei Schwarze, so daß ich nun im ganzen sieben Knechte hatte, und da mein Land ziemlich fruchtbar und ergiebig war, so machte mir ihre Erhaltung keine große Schwierigkeit. Und da ich für meine Person nicht viel auszugeben brauchte sondern auf meines früheren Herrn Unkosten versorgt wurde und überdies noch jährlich 30 Pfund Sterling bekam, so konnte ich all meinen Gewinst zurücklegen und das Kapital von Tag zu Tag dadurch vermehren. So lebte ich zwölf Jahre lang überaus glücklich auf meiner Plantage. Ich hatte durch meinen Herrn, mit dem ich nunmehr freundschaftlich verkehrte, einen Abnehmer in London bekommen, mit dem ich Handel trieb. Ich verschiffte meinen Tabak an ihn und erhielt europäische Waren dafür, die ich teils zur Fortführung meiner Pflanzung brauchte, teils auch wieder an andere verkaufte. Während dieser meiner in- und auswärtigen Tätigkeit ging mein guter Freund und Wohltäter den Weg alles Irdischen und ließ mich in Ansehung des durch seinen Tod erlittenen unschätzbaren Verlusts höchst traurig zurück. Er war mir wie ein Vater gewesen, und ich war nun eine verlassene Waise ohne ihn, daher fremd und ungewandt. Zwar war mir das Land und der Handel gut genug bekannt, da ich sein ganzes Geschäft lange Zeit geführt hatte, jedoch fehlte mir mein bester Ratgeber und meine höchste Instanz, zu welcher ich in allen Fällen meine Zuflucht zu nehmen brauchte. Allein hiergegen gab es kein Mittel. Indes war ich doch auch jetzt imstande für mich selbst weiterzukommen. Ich hatte eine sehr ausgedehnte Pflanzung und beinahe 70 Schwarze und andere Knechte. Ja ich war nun, wenn ich bedachte, daß ich doch mit leeren Händen angefangen hatte, wirklich reich geworden. Denn obschon ich kein Kapital zu meinem Anfang besessen, so hatte ich doch eines solchen Mannes Freundschaft und Beistand, was viel mehr wert war. Und wenn ich auch 500 Pfund Sterling gehabt hätte, so würde ich es doch nicht soweit damit gebracht haben, wenn mir mein Ratgeber und mein Rückhalt gefehlt hätte. Nun war ich nicht blos ein Pflanzer sondern auch ein dem Lernen ergebener Freund der Wissenschaften. Mein Lehrmeister, den ich schon erwähnte, war ein überaus hingebender und tüchtiger Mensch. Er ließ mich eine Sache nicht blos oberflächlich sondern mit Verstand und Nutzen lernen, er besah nicht nur gebührenden Eifer und Treue, desgleichen eine unvergleichliche Klugheit und Bescheidenheit, sondern auch was man mit einem Worte Takt nennt, bei seiner Unterweisung. Denn ich habe seit der Zeit an vielen Beispielen gesehen, daß sich nicht jeder große Gelehrte zum tüchtigen Lehrer eignet, und daß die Kunst, andern eine Sprache gründlich zu lehren, von der Kunst, sie selbst gründlich zu verstehen, sehr weit verschieden ist. Ich nahm mir einmal die Freiheit ihn zu fragen, wie es gekommen sei, daß er als ein Mensch, der allem Anschein nach eine sehr gute Erziehung und die vortrefflichsten Anlagen, sein Glück in der Welt zu machen, gehabt haben müsse, in solche elenden Umstände geraten sei, in denen er sich befunden, als er herübergekommen sei. Ich war aber so vorsichtig, daß ich ihm sagte, ich wollte ihn hiermit keineswegs ausforschen, um etwas von ihm zu erfahren, was er lieber geheim halten wolle. Ja, falls er Bedenken hege, sich darüber mit mir in ein Gespräch einzulassen, so wollte ich es gern entschuldigen und es nicht weiter übelnehmen. Denn gegen Leute, die so viel durchgemacht haben, soll man sich jederzeit vorsichtig und rücksichtsvoll benehmen und nicht von ihnen verlangen, etwas von sich selbst zu erzählen, was ihnen schmerzlich ist, oder was sie lieber verborgen halten wollen. Er gestand mir aufrichtig, daß die Betrachtung seines Lebens freilich nichts anderes mit sich bringen könne als den Schmerz wieder aufzuwühlen. Daher tat ich denn keine weitere Frage mehr sondern sagte ihm, es täte mir leid, daß ich ihn durch meine Neugierde beunruhigt hätte. Er unterrichtete mich auch in der Weltgeschichte, und wenn es uns an Büchern fehlte, oder diese nicht ausreichten, so wußte er Sachen hinzuzufügen, die die neuesten Geschichtschreiber mit Stillschweigen übergangen oder wenigstens nicht richtig dargestellt hatten. Hierdurch weckte er einen unlöschlichen Durst in mir nach den Dingen, die in andern Weltteilen vorgingen. Und zwar um so mehr, weil damals der größte Teil der Welt mehr oder weniger in den schweren Krieg verwickelt war, in welchem der König von Frankreich allein fast allen europäischen Mächten die Spitze zu bieten versuchte. Ich kam mir vor als ein Mensch, der in dem entlegensten Teile der Welt vergraben war, und von dem, was geschehen war, das wenigste zu hören bekam, und dies auch nicht eher als vielleicht nach Ablauf eines halben oder gar eines ganzen Jahres, wenn es an andern Orten schon wieder vergessen war. Mit einem Wort, der alte Gedanke tauchte wieder bei mir auf, daß auch dies noch nicht das Leben eines Edelmannes sein könnte. So viel war wohl gewiß, daß es demselben viel näher kam als der Beruf eines Beutelschneiders und auch noch näher als der verächtliche Stand eines Sklaven. Allein dies schien mir trotzdem nicht genug zu sein und ich konnte keine Befriedigung darin finden. Ich hatte nun noch eine Plantage dazu, die auch sehr ausgedehnt war und glücklich vorwärts ging. Ich hatte bereits über 100 Knechte aller Art und einen guten Verwalter, auf den ich mich verlassen konnte. Außerdem besaß ich noch eine dritte Plantage, die ich erst neu angelegt hatte, und die sozusagen noch als unreife Frucht anzusehen war. Überdies fand sich auch nichts, was mich hätte abhalten können hinzugehen, wohin es mir beliebte. Ich fing demnach an meine Gedanken auf eine Reise nach England zu richten. Ich hatte den Entschluß gefaßt, mich alsdann in die Umstände zu schicken, wie sie mir das Glück an die Hand geben würde. Jedoch mit der Absicht, mich wenn möglich besser in der Welt umzusehen, um das, wovon bisher die Bücher meinem Geiste nur entfernte Bilder eingeprägt hatten, mit Augen zu betrachten und zu meinem wirklichen Nutzen anzuwenden. Demnach suchte ich die Einrichtung meiner dritten Plantage nach Möglichkeit zu beschleunigen, um sie so instand zu setzen, daß ich sie entweder einem Pächter oder einem guten Aufseher anvertrauen konnte. Hätte ich sie einem Aufseher oder Verwalter übergeben wollen, so würde sich niemand besser dafür geeignet haben als mein Hofmeister. Ich konnte mich aber nicht entschließen, mich von dem zu trennen, der die Begierde zu reisen in mir erweckt hatte, und gedachte ihn zu meinem Reisegefährten zu erwählen. Es gingen drei Jahre darauf hin, ehe ich meine Angelegenheiten so weit geordnet hatte, daß ich das Land verlassen konnte. Inzwischen befreite ich meinen Hofmeister von der Knechtschaft und würde ihm seine völlige Freiheit erteilt haben, wenn ich nicht zu meinem größten Mißvergnügen gefunden hätte, daß ich ihn nach den Umständen seiner Transportierung, die eingetragen waren, unmöglich bevollmächtigen konnte, ehe seine Zeit abgelaufen war, nach England zu gehen. Also machte ich ihn zu einem von meinen Aufsehern und setzte ihn dadurch instand, auf solche Weise zu leben und ebenso nach und nach zu steigen, wie mich mein Wohltäter erhöht hatte. Nur daß ich ihm soviel Beistand nicht leisten konnte, als ich gehabt hatte, selbst eine Pflanzung für sich anzufangen. Allein er brachte es durch Fleiß und seine Bemühungen auch ohne meinen Beistand weiter, als ich ihn durch die Stellung als mein Aufseher zu bringen versucht hatte, welches ihm vorläufig als Erleichterung und Befreiung von der harten Arbeit und Kost diente, die er als Knecht auszustehen gehabt. Er führte sich in diesem Dienst so treu und fleißig auf, daß er sich dadurch im ganzen Lande beliebt machte. Und als ich zurückkam, fand ich ihn in ganz andern Verhältnissen wieder, als ich ihn verlassen hatte. Er war noch an zwanzig Jahre mein oberster Verwalter, wie ich noch an anderer Stelle erzählen werde. Ich fing nun an die nötigen Anstalten zu meiner Reise nach England zu machen, nachdem ich meine Plantagen solchen Händen anvertraut hatte, mit denen ich, wie ich hoffte, vollkommen zufrieden sein konnte. Meine erste Sorge war, mich mit einem solchen Vorrat an Waren und Geld zu versehen, als mir zu einem Leben im Auslande nötig sein würde, um insbesondere mich aber instandzusehen, große Posten von Waren, die meinen Plantagen von Nutzen sein konnten, einzukaufen. Als ich es mir aber genauer überlegte, fand ich es nicht für geraten, meine ganze Ladung auf dem Schiffe unterzubringen, auf dem ich selbst fuhr. Daher schickte ich zu verschiedenen Malen und auf verschiedenen Schiffen 500 Fässer Tabak nach England, und gab meinem Geschäftsfreunde in England Nachricht, daß ich zu der und der Zeit an Bord gehen und selbst hinüberkommen wollte, wobei ich ihm den Auftrag gab, für meine Ladung mit einer ansehnlichen Summe gutzustehen. Ungefähr zwei Monate darauf verließ ich das Land und begab mich auf ein festes Schiff, welches 24 Stück schweres Geschütz und über 600 Fässer Tabak mit sich führte, um nach England zu gehen. Wir hatten die ersten vierzehn Tage, trotzdem eine Jahreszeit war, in der gutes Wetter zu sein pflegte, eine sehr schwierige und rauhe Reise. Nachdem wir ungefähr elf Tage auf See gewesen waren, in welcher Zeit der Wind meistens stark aus Westen oder zwischen Westen und Nordwesten geblasen hatte und wir dadurch von der gewöhnlichen Fahrtrichtung nach England eine ganze Strecke nach Osten abgetrieben worden waren, befiel uns ein gewaltiger Sturm, der fünf Tage anhielt und die ganze Zeit über entsetzlich tobte, so daß wir uns genötigt sahen, vor dem Winde – wie die Seeleute sagen – zu laufen und abzuwarten, wohin uns der Zufall treiben würde. Durch diesen Sturm wurde unser Schiff heftig beschädigt, daß es an verschiedenen Stellen leck wurde oder Löcher bekam, die aber durch den unverdrossenen Fleiß der Seeleute zu rechter Zeit wieder verstopft wurden. Trotzdem sah sich der Kapitän, nachdem er Wind und Wetter so lange wie möglich äußersten Widerstand entgegengesetzt hatte, da die See sehr hoch ging, endlich gezwungen den Entschluß zu fassen, seinen Kurs nach den Bermudas zu richten. Wir waren aber schon so weit gefahren, daß wir diese Inseln nicht mehr erreichen konnten. Hierauf legten mir mit nordwestlichem Winde einen guten Weg zurück, daß wir nach vierzehn Tagen das Kap Teneriffa, der ein ungeheurer Berg auf einer der Kanarischen Inseln ist, erreichten. Hier erquickten wir uns ein wenig, versahen uns mit frischem Wasser und anderem Proviant, desgleichen mit vortrefflichem Wein, fanden aber keinen Hafen, in den wir einlaufen und unser Schiff, das nach dem ausgestandenen schlechten Wetter leck war, ausbessern konnten. Also mußten wir es machen so gut es ging und wieder in die See stechen, nachdem wir vor den Kanarischen Inseln nur vier Tage vor Anker gelegen hatten. Von den Kanarischen Inseln an hatten wir wieder erträgliches Wetter und ruhige See, bis wir in die Mündung des Britischen Kanals gelangten. Als ich nach London kam, wurde ich von meinem Freunde, an den ich meine Waren überwiesen hatte, sehr freundlich aufgenommen und sah, daß ich mich in sehr günstigen Verhältnissen befand. Denn es waren alle meine Güter, die ich, wie bereits erwähnt, auf verschiedenen Schiffen an ihn gesandt hatte, glücklich in seine Hände gelangt. Ich hatte nun für nichts weiter zu sorgen, als mich vor allen, die mich früher gekannt hatten, gänzlich verborgen zu halten, was aber keine allzu große Schwierigkeiten erforderte. Denn ich war jedem, der mich gekannt hatte, aus dem Gedächtnis entfallen. Ich konnte mich selbst auf sie kaum mehr besinnen. Mein Hauptmann, der mit mir von London fortgegangen war und mich mit nach Schottland geschleppt hatte, war, wie ich auf mein Nachfragen erfuhr, überall in der Welt herumgestreift, hernach aber wieder nach London gekommen und hatte sein altes Handwerk weiter getrieben, bis er ein richtiger Straßenräuber geworden und sein Ende am Galgen gefunden hatte. Mein anderer Bruder Hannes, der sich Major nannte, war dem gleichen Handwerk weiter nachgegangen und hatte, obgleich er unzählige Räubereien verübt hatte, doch jederzeit so viel Geschicklichkeit dabei bewiesen, daß er den Kopf immer wieder aus der Schlinge zu ziehen wußte, bis er endlich in Newgate festgemacht und mit Fesseln und Banden beladen wurde. Er war aber ein so geschickter Kumpan, daß kein Kerker, keine Fesseln und Banden stark genug waren ihn halten zu können. Daher hatte er auch hier nebst zwei andern Spießgesellen Mittel gefunden, die Fesseln abzustreifen und sich einen Weg durch die Mauer des Gefängnisses hinaus zu bahnen und sich in der Nacht an der Außenseite herunterzulassen. Somit waren sie entwischt und hatten Gelegenheit gefunden, nach Frankreich zu gehen, wo er dasselbe Handwerk fortsetzte, und zwar mit so viel Glück, daß er unter dem Namen Antoni ein recht berühmter Straßenräuber wurde und die Ehre hatte, mit drei andern Kameraden, denen er die englische Manier, großmütig zu plündern – wie sie es nannten – das heißt ohne die Beraubten zu ermorden, zu verwunden oder übel zu behandeln, gelehrt hatte, zu Greve, das ist der Richtplatz zu Paris, aufs Rad geflochten zu werden. Alles dieses erfuhr ich von einigen ihrer Kameraden, die das Glück gehabt hatten, dergleichen Strafe durch die Flucht zu entkommen, die mir dies alles mitteilten, ohne daß sie nur im geringsten ahnen konnten, wer ich sei, oder aus welchen Ursachen ich so genau danach fragte. Was mich betraf, so sah ich mich nun sozusagen auf dem Gipfel des Glücks. Zum mindesten befand ich mich in überaus vorteilhaften Verhältnissen. Und da ich mich von Anfang an einer sparsamen Lebensart beflissen hatte, so hielt ich mein Vermögen immer zusammen, ohne deswegen Not zu leiden oder zu darben, und so stand ich denn in dem Rufe eines reichen Kaufmanns, der aus Virginien herübergekommen war. Ich lebte unverheiratet und wohnte bei fremden Leuten, wurde aber nichtsdestoweniger allzu bekannt in der Stadt, ich galt für einen Ausländer und zwar für einen Franzosen. Es war mir dies recht lieb und schmeichelte mir heimlich, wenn mich jemand für einen Franzosen hielt. Und da ich sehr gut französisch sprach, ging ich in London in die französische Kirche und sprach bei allen Gelegenheiten französisch, wo es nur anging. Um dies noch wahrscheinlicher zu machen, hielt ich mir einen Diener, der ein Franzose war; er mußte auch mithelfen, meinen Tabak in Empfang zu nehmen und zu veräußern, wovon ich 500 bis 600 Fässer alle Jahre aus meinen Plantagen erhielt, auch meine Leute mit allem, was ihnen nötig war, zu versehen. Unter diesen Verhältnissen lebte ich noch ungefähr zwei Jahre, als der Teufel, der mir seit der Zeit, da ich aufgehört hatte ein Dieb zu sein, beständig gram gewesen war, mir auf eine solche Art ein Bein stellte, daß ich wohl sagen kann, ich sei rechtschaffen von ihm bezahlt worden, indem er mir einen Fallstrick legte, der beinahe mein gänzliches Verderben wurde. Dem Hause, in dem ich wohnte, gerade gegenüber lebte ein Frauenzimmer, das sehr gut aussah, wohlgekleidet ging und eine außerordentlich schöne Person war. Sie hatte eine gute Erziehung genossen und konnte überaus schön singen, und da die Häuser sich gerade gegenüber lagen, so konnte ich sie in dem engen Hofe oftmals ganz deutlich hören. Dieses Frauenzimmer lief mir so oft über den Weg, daß ich anstandshalber unmöglich vermeiden konnte, wenn ich sie vor dem Fenster oder vor der Tür sah, ihr mein Kompliment zu machen und sie zu grüßen, so daß wir nach und nach von ferne Bekanntschaft miteinander schlossen. Bisweilen stattete sie auch in dem Hause, wo ich wohnte, einen Besuch ab, wobei es sich immer gerade so traf, daß ich gerade hineingehen mußte, wenn sie kam, wodurch wir noch mehr bekannt wurden, und öfters im Hause, jedoch stets in Gegenwart anderer Leute, uns eine Zeitlang unterhielten. Ich war noch ein reines Kind in Liebessachen, und es gab kaum jemanden, der weniger von einer Frau wußte als ich. Der Gedanke an eine Frau oder an ein Verhältnis war mir nie in den Sinn gekommen und der Begriff einer Frau war mir bisher gänzlich unbekannt geblieben, ich hatte mich stets so wenig darum bekümmert als wie ich noch ein Knabe von zehn Jahren war und in der Glashütte auf einem Haufen Asche lag. Allein ich weiß nicht, durch welche Zauberei ich durch den Umgang mit diesem Frauenzimmer, die ihre Augen auf mich geworfen hatte, nach und nach bestrickt wurde. Meine Gedanken wurden plötzlich solchermaßen von ihr eingenommen, daß sie mich wie eine Hexe zu jeder Zeit in ihrem Banne hatte. Wenn sie nicht eine von den verschlagensten Weibern auf der Welt gewesen wäre, hätte sie mich nimmermehr dahin gebracht, daß ich mir ihretwegen auch nur die geringste Mühe gegeben. Da ich aber durch den Trieb einer verborgenen Neigung, die imstande war, ein noch männlicheres Gemüt als das meinige zu überwältigen, gleichsam mit Gewalt dazu gezwungen wurde, so war es mir unmöglich zu widerstehen. Sie bezauberte mich mehr und mehr durch ihre artige Aufführung und mit solchen Künsten, die unmöglich wirkungslos abprallen konnten. Sie schwebte mir beständig vor Augen, hielt sich aber, auch wenn wir zusammen in Gesellschaft waren, stets mit Absicht von mir entfernt und legte mir solche Hindernisse in den Weg, daß es verschiedene Monate dauerte, ehe ich Gelegenheit hatte mit ihr zu sprechen, weil sie immer so auf ihrer Hut war, daß ich meine Worte nie bei ihr anbringen konnte. Diese Sprödigkeit war mir ein rechtes Geheimnis, da sie mir doch gleichzeitig niemals aus dem Gesichtskreis ging, auch nicht vor den Leuten meine Person zu meiden suchte, aber doch Sorge trug, daß ich auch nicht ein einziges Mal neben sie zu sitzen kam, damit ich nicht etwa Gelegenheit hätte, ihr einen Brief zuzustecken, oder ihr etwas zuzuflüstern. Sie wußte es so einzurichten, daß immer eine Person zwischen uns saß oder stand, damit ich ihr nie nahe war, und so zog sie mich viele Monate zwischen Furcht und Hoffnung hin, als ob sie wirklich nichts mit mir zu tun haben wollte. Inzwischen war mir nichts sicherer geworden, als daß sie mich gern gehabt und eingefangen hätte. Es war in der Tat ein Fang oder eine Bestrickung zu nennen. Denn sie arbeitete nur mit List und Ränken und zog mich mit Absicht auf solche langsame Weise zu sich heran, daß es fast ein Wunder gewesen wäre, wenn ich nicht berückt geworden wäre. Sie schien indes kein sehr armes und auch kein schlechtes Frauenzimmer zu sein, oder sich in irgendeinem Zustande zu befinden, der es nötig machte, einen Menschen an sich zu ziehen, der Betrug war allein auf meiner Seite. Denn man hatte ihr berichtet, daß ich ein sehr reicher und vornehmer Kaufmann wäre, mit welchem sie wie eine Fürstin leben könnte. Ich war natürlich keineswegs gesonnen dieses zu tun, wußte damals aber nicht, daß sie auf solche Dinge ausging. Sie war zu klug, als daß sie mich merken ließ, wie leicht ich sie bekommen könnte. Im Gegenteil setzte sie sich der Gefahr aus, daß ich sie gänzlich verachten möchte, damit ich nicht ihre Absicht merken sollte. Ich habe mich seit der Zeit öfters über mich selbst wundern müssen, daß es mir nicht möglich war, mein Herz von ihr abzuwenden. Zumal ich bis dahin eine vollkommene Gleichgültigkeit gegen das weibliche Geschlecht gehegt und niemals die geringsten Liebesgedanken im Kopf gehabt hatte, so daß es nicht mehr Gewalt über mich hatte als ein gemaltes Bild an der Wand. Da wir nun öffentlich vor den Leuten miteinander verkehrten, äußerte sie sich oftmals etwas höhnisch über die Männer, denen sie es als eine Schwachheit auslegte, daß sie sich von den Frauen derart einnehmen ließen. Die Weiber hätten die Männer so überlistet, daß sie vor ihnen auf die Knie fielen und sie anbeteten. Ich werde mich morgen davon überzeugen, Madame, sagte ich, wenn ich die Ehre haben werde, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Sie sollen darin nicht betrogen werden, mein Herr, versetzte sie, denn ich will Ihnen den Korb schon heute geben, ehe sie sich die Mühe nehmen, sich ihn morgen von mir zu holen. Ich war von dieser boshaften und verteufelten Antwort so entmutigt, daß ich ziemlich ernsthaft antwortete: Ich werde Ihre Güte zurzeit nicht mehr mißbrauchen, Madame, und wenn ich es tue, werde ich sehr achtsam sein, daß ich Sie nicht beleidige. Hierdurch werden Sie mir die größte Hochachtung erweisen, mein Herr, sagte sie, und die angenehmste Gefälligkeit dazu, ausgenommen eine, die ich in kurzem von Ihnen zu erhalten hoffe. Was ich für Sie tun kann, Madame, soll jederzeit geschehen, sobald Sie befehlen werden. Dies sagte ich ihr noch mit einiger Empfindlichkeit, aber es war ganz aufrichtig gemeint. Das einzige, was ich wünsche, mein Herr, sprach sie, ist, daß Sie mir versprechen sollen mich zu hassen, ebenso wie ich mich bemühen will, dasselbe mit Ihnen zu tun. Ich habe Ihnen diese Bitte bereits vor sieben Jahren gewährt, Madame, sprach ich, also lange vorher, ehe ich Sie kannte und ehe Sie die Bitte an mich ergehen ließen. Denn ich habe das ganze weibliche Geschlecht überhaupt gehaßt und ich weiß nicht, wie es gekommen ist, daß ich diese gute Gewohnheit im Umgange mit Ihnen aus unnötiger Rücksicht habe ablegen können. Ich versichere Ihnen aber, diese Verirrung ist so gering, daß sie Ihrem Wunsche keinen Eintrag tun soll. Dahinter steckt gewiß ein Geheimnis, mein Herr, sprach sie, denn ich meinte, Ihrem Abscheu vor der Frau noch auf eine besondere Weise zu Hilfe zu kommen, und hätte nimmermehr vermutet, daß er durch meine Aufführung einigen Abbruch erleiden sollte. Wir stichelten so einander noch eine ziemliche Zeitlang. Allein sie übertraf mich, denn sie hatte eine so spitze Zunge, daß es ihr wohl noch kein Wesen an Boshaftigkeit gleichgetan hatte, und dennoch war sie dabei die artigste und verbindlichste Person im Umgang, und alles, was sie sagte, meinte sie nicht so. Allein ich muß gestehen, dies diente keineswegs zur Erreichung ihres Endzwecks. Denn es löschte wirklich das in meinem Herzen für sie entzündete Liebesfeuer wieder aus, und da ich mein Leben lang eine vollkommene Gleichgültigkeit gegen das weibliche Geschlecht gehegt hatte, so war ich leicht wieder dahin zu bringen und fing an, mich bei allen Gelegenheiten sehr kalt und unaufmerksam gegen sie zu erweisen. Sie merkte bald, daß sie ein wenig zu weit gegangen war und daß sie sich in ihrer Berechnung getäuscht hatte, daß sie es mit jemand zu tun hatte, der sich nicht für die Rolle eines hitzigen Liebhabers eignete und nicht gelernt hatte, eine Liebste anzubeten, damit sie ihn nur betörte. Ja, sie sah ein, daß es mit mir nicht wäre wie mit andern Liebhabern, die durch Kälte gleichsam erhitzt werden, und deren Leidenschaft immer heftiger wird, jemehr sie bei der Frau abnimmt. Sie sah im Gegenteil, daß ich ganz verändert war. Ich zeigte mich zwar höflich gegen sie, stellte mich aber nicht so geschwind ans Fenster, wenn ich sie an dem ihren stehen sah. Ich öffnete das Fenster nicht mehr, um ihr ein Kompliment zu machen oder mit ihr zu reden. Wenn sie sang und ich es leicht hören konnte, horchte ich nicht mehr hin. Wenn sie in dem Hause, in dem ich wohnte, einen Besuch abstattete, so kam ich nicht jedesmal herunter, oder wenn ich es tat, so schützte ich Geschäfte vor, die mich auszugehen nötigten. Da ich mich aber ihrer Gesellschaft auf keinerlei Weise entziehen konnte, so stellte ich mich so verbindlich gegen sie an, wie ich es zuvor getan hatte. Ich konnte mir leicht erklären, daß ihr dies einen heimlichen Verdruß verursachte und sie im höchsten Grade verwirrte. Allein sie war eine echte Komödiantin in der Liebe, die alle Augenblicke eine andere Gestalt annehmen konnte. Sie war viel zu klug, als daß sie einige Begierde oder Sehnsucht, die einer Zuneigung gleichgekommen wäre, hätte blicken lassen. Sie wußte wohl, daß dies die niedrigste Stufe ist, die eine Frau einnehmen könne, wenn sie sich dem Manne, den sie zum Liebsten haben will, an den Hals würfe. Zuneigung ist noch nicht die letzte Gunst, aber sie steht dicht vor der letzten, die eine Frau einem Manne bewilligen kann, und die sie fast ebenso sehr anheimgibt. Sie ist damit auf die Barmherzigkeit des Mannes angewiesen, dem sie diese erweist. Dieses Chamäleon nahm alsbald eine andere Farbe an und wandelte sich plötzlich in die ernsthafteste, ehrbarste und hoheitsvollste Matrone, so daß man meinen konnte, sie wäre in einer Woche vom 22. in ihr 50. Jahr gelangt, und dies verstand sie mit solcher Beherrschung durchzuführen, daß es nicht einmal wie Verstellung aussah. Und wenn es auch nur Verstellung war, so kam es doch der Natur so gleich, daß es kein Mensch hätte unterscheiden können. Sie sang oft und ließ sich sowohl allein, als auch mit zwei andern jungen Frauenzimmern, die sie besuchten, hören. Ich konnte an den Noten und an der Laute in ihrer Hand sehen, daß sie sang, aber sie machte das Fenster niemals mehr auf, wie sie sonst zu tun pflegte. Wenn ich an das Fenster trat, so hielt sie das ihrige geschlossen, oder wenn es gerade offen war, so saß sie daneben und hantierte eifrigst mit etwas und sah wohl während einer halben Stunde gar nicht auf. Wenn sie mich zufällig einmal erblickte, so fing sie an zu lächeln und so freundlich zu reden als vorher, es waren aber nur ein paar Worte, dann machte sie eine Verbeugung und ging fort. So verkehrten wir wieder auf solche Weise miteinander wie in der ersten Woche meiner Ankunft. Sie kam öfters in das Haus, wo ich wohnte, und wir waren öfters zusammen, speisten zusammen, spielten Karten und tanzten auch wohl miteinander. Allein sie war ein ganz anderes Geschöpf als sie vorher gewesen war, und benahm sich ganz anders gegen mich, daß ich mir bald dachte, ihre vorige Zuvorkommenheit müßte nur eine jähe Hitze oder ein kurzer Schwarm gewesen sein, der entweder einer großen Leichtsinnigkeit, die ihr anhing, entsprang, oder um es den gemeinen Frauenzimmern in der Stadt gleichzutun, weil sie glaubte, sich damit bei mir, den sie für einen Franzosen hielt, und der für solcherlei eine Vorliebe hätte, beliebt zu machen. Allein dieser neue Ernst war ihre natürlichere Art und stand ihr am besten, wenigstens wußte sie es so geschickt anzustellen, daß es mich wirklich wieder dermaßen für sie einnahm, daß ich nicht nur wieder so viel, sondern noch mehr Lust zu ihr bekam als ich vorher gehabt hatte. Inzwischen verging eine geraume Zeit, ehe ich mir etwas merken ließ, und ich war fleißig bemüht dahinter zu kommen, ob diese Veränderung wahrhaft oder nur Verstellung sei. Denn ich konnte mir unmöglich einbilden, daß das fröhliche Gemüt, das sie zeigte, nur Verstellung sein könne. Es vergingen über fünfviertel Jahre, ehe ich zu einem Entschlusse kam. Und dies geschah auch nur ganz zufällig bei einer Unterredung, die wir miteinander hatten. Sie machte ihren gewöhnlichen Besuch in unserm Hause, und zwar zu einer Zeit, da alle Frauen ausgegangen waren. Es fügte sich, daß ich eben auf dem Wege am Eingang des Hauses und schon auf der Treppe war, als sie an die Tür klopfte. Ich ging zurück und machte die Tür auf, worauf sie hereinkam, als ob sie nicht anders glaubte, die Wirtsfrau sei drinnen. Ich ging ihr nach, weil ich nicht anders konnte, um ihr zu sagen, daß niemand zu Hause wäre. Als ich hinein kam, fragte sie nach der Wirtsfrau. Ich gab ihr zur Antwort, daß sie wohl diesmal ihren Besuch bei mir abstatten müsse, da die Frau ausgegangen wäre. Sie tat darüber ganz verwundert. Später erfuhr ich, daß sie es wohl gewußt hatte, auch daß ich zu Hause sein würde. Alsdann stand sie auf und wollte wieder gehen. Nein, Madame, sprach ich, gehen Sie bitte nicht gleich wieder fort. Wenn mich eine Dame besucht, so pflegt sie meiner Gesellschaft nicht so bald überdrüssig zu werden. Das ist recht boshaft geredet, sprach sie, der Herr glaube nur nicht, daß ich gekommen bin, um ihn aufzusuchen. Ich weiß, zu wem ich gehen wollte, und bin gewiß, daß der Herr es auch weiß. Ja, Madame, versetzte ich, allein da ich von der ganzen Familie allein zu Hause bin, so sind Sie allerdings mich besuchen gekommen! Ich werde niemals diejenigen besuchen, die mich hassen, sprach sie. Sie sind recht geradezu, sagte ich, allein Sie haben mir auch niemals Gelegenheit gegeben, Ihnen zu sagen, warum ich Sie hasse. Ich hasse Sie, weil Sie mir niemals Gelegenheit geben wollten Ihnen zu sagen, wie ich Sie liebe. Sie müssen mich gewiß für ein rechtes Ungeheuer gehalten haben, daß Sie mir niemals so nahe kommen wollten, damit ich Ihnen auch nur ein Wörtchen von meiner Liebe sagen konnte. Ich mag dergleichen unangenehmes Gewäsch niemals hören, und wenn es mir auch noch so leise ins Ohr gesagt wird, war ihre Antwort. Wir führten eine halbe Stunde lang solche spitzige Reden miteinander. Sie besaß eine ungemeine Fertigkeit darin, der ich nicht gewachsen war. Und wenn sie mich schon ein oder das andere Mal so aufbrachte, daß ich schon das Wort auf der Zunge hatte ihr zu sagen, daß ich ihre Gesellschaft satt hätte und sie, wenn es ihr beliebte, bis an die Tür geleiten wollte, so war sie doch bei allem wieder so bezaubernd, daß ich es unterließ, bis wir endlich nach und nach so weit kamen, daß wir ernsthaft vom Heiraten zu reden anfingen. Sie hörte mich in diesem Punkte mit Gelassenheit an und gab mir auf vieles eine kurze richtige Antwort. Sie gab mir zum Beispiel zu verstehen, wenn ich sie vielleicht mit nach Frankreich oder gar mit nach Virginia nehmen wollte, sie sich nicht entschließen könne, ihr liebes Vaterland England zu verlassen. Ich sagte ihr darauf, ich hoffte, sie würde mich für keinen Menschenräuber ansehen. Sie meinte, dergleichen traue sie mir allerdings nicht zu, aber die Wichtigkeit meiner Geschäfte, die ich, wie es schiene, meistenteils auswärts zu erledigen hätte, könnten mich wider meinen Willen dazu zwingen. Sie könnte sich aber nicht entschließen, einen Mann zu heiraten, mit dem sie in der ganzen Welt herumreisen müßte. Dies sagte sie auf sehr artige Weise, allein ich beruhigte sie hierüber vollkommen. Wir fingen nun wieder voll der Hauptsache zu reden an, wozu sie mich in ihrer arglistigen verschlagenen Weise brachte, daß alles sich bei unserm Heiratskontrakt zu ihrem Vorteil wenden mußte. Sie brachte mich so weit, daß ich mich um sie bewarb, da sie doch die Absicht hatte, sich mit der äußersten Geschicklichkeit um mich zu bewerben, und dies verstand sie auf eine so verschmitzte Art auszuführen, daß mir ihre Absicht bis zum letzten Augenblick verborgen blieb. Kurz wir kamen nun jedesmal, wenn wir zusammen waren, der Hauptsache immer näher, und nach einem ebensolchen zufälligen Besuch, wobei ich die besondere Gunst hatte, mit ihr allein zu reden, machte ich ihr alle Tage in ihrem Zimmer meine Aufwartung. So machten wir die Sache ab und ließen uns, die vielen Umstände und Zeremonien einer öffentlichen Hochzeit umgehend, im geheimen miteinander trauen. Wir fanden bald ein zu unserer Wohnung geeignetes Haus und fingen einen ordentlichen Haushalt an. Wir waren noch nicht lange verheiratet, als ich fand, daß meine Frau ihre lustige Gemütsart wieder bekam und die Larve ihrer angenommenen Ernsthaftigkeit und guten Aufführung, die ich bisher für ihre Natur gehalten hatte, wieder ablegte. Da sie nun keine Ursache mehr hatte sich zu verstellen, so wollte sie diejenige scheinen, die sie wirklich war, nämlich eine zügellose unverschämte Megäre, die recht liederlich und leichtsinnig war und weder die geringste Unart noch die größte Untugend verbarg. Sie trieb den Leichtsinn so weit, daß ich nicht umhin konnte, über die Unkosten, die mir daraus entstanden, ungehalten zu werden. Denn sie hatte einen Verkehr, der mir nicht lieb war und lebte auf größerem Fuße, als ich aushalten konnte, verlor bisweilen auch beim Spiel mehr, als ich Lust hatte zu bezahlen. Eines Tages nahm ich Gelegenheit, eines oder das andere ihr gegenüber kurz zu erwähnen, und sagte gleichsam nur im Spaß zu ihr, daß wir eigentlich ein recht lustiges Leben führten, wie lange es wohl dauern würde. Sie gab mir eine kurze Antwort und fragte, was ich damit meinte, sie hoffe, sie werde mir doch keine Last sein. Nein, nein, Kind, sprach ich, keineswegs, allein es geht mich doch wohl etwas an, was meine Frau vertut, und ob sie mehr verbraucht, als ich schaffen kann. Ich verlange nichts als zu wissen, wielange sie ihrer Ansicht nach es also fortzutreiben gedenkt, bis sie mich ums Leben gebracht hat, denn ich möchte mich nicht gern allzu lange quälen lassen. Ich weiß nicht, was du hiermit sagen willst, sprach sie, du magst so langsam oder so geschwind sterben wie du willst, wenn deine Zeit kommt, meines Wissens gehe ich keinesfalls darauf aus, dich ums Leben zu bringen. Aber, liebes Kind, sprach ich, du gehst darauf hinaus, mich dahin zu bringen, daß ich verhungern muß. Und Hungers sterben ist ein ebenso langsamer Tod als von unten hinauf gerädert zu werden. Ich soll schuld daran sein, wenn du Hungers sterben mußt? sagte sie. Bist du denn nicht ein reicher virginischer Kaufmann und habe ich nicht 1500 Pfund Sterling mit in die Ehe gebracht? Was willst du denn? Du wirst ja wohl noch deine Frau ernähren können? Ja, mein Kind, versetzte ich, ich kann wohl eine Frau aber keine Spielerin ernähren. Obwohl du mir so viel eingebracht hast, daß es das Jahr einige hundert Pfund Sterling abwirft, so ist doch für dieses Opern- und Spielhaus kein Vermögen groß genug. Dies verdroß sie, daß sie zornig auffuhr und mir mit vielen Worten zu erkennen gab, daß sie keinen Grund hätte sich zu ändern, und wenn ich sie nicht länger erhalten wolle, so würde sie schon Mittel und Wege zu finden wissen sich selbst zu ernähren. Einige Zeit nach diesem Streit tat sie mir die Ehre an mich wissen zu lassen, daß sie sich gesegneten Leibes befände. Es war mir dieses anfangs sehr lieb, und ich hegte die Hoffnung, daß es dazu dienen würde, sie ein wenig vernünftiger zu machen. Allein sie blieb immer dieselbe, und ihre Schwangerschaft machte sie nur noch närrischer. Denn sie traf solche Vorbereitungen für ihr Wochenbett, daß ich nicht anders dachte, sie hätte ihren Verstand verloren. Ich nahm mir daher eines Tages die Freiheit und vermeldete ihr, daß sie sowohl sich als auch mich auf diese Art bald ins äußerste Verderben stürzen würde, und gab ihr zu bedenken, daß dieser Aufwand für uns viel zu groß sei, als daß wir ihn weiter betreiben könnten. Mit einem Worte, ich sagte ihr, daß ich solche Unkosten weder tragen noch weiter zulassen wollte, daß mich auf solche Art zwei oder drei Kinder, mit denen sie in den Wochen liegen würde, zugrunde richten würden, deswegen ersuchte ich sie wohl zu erwägen, was sie täte. Sie gab mir auf eine verächtliche Weise zur Antwort, es sei nicht ihre Sache darüber Betrachtungen anzustellen. Wenn ich solches nicht zulassen könnte, so wollte sie sich selbst die Erlaubnis dazu nehmen, ich möchte sehen, wie ich dabei zurecht käme. Ich bat sie, sich hierbei nicht zu übereilen und mich dadurch nicht zu nötigen, zu den äußersten Mitteln zu greifen. Ich hätte sie geheiratet, daß ich sie lieb und wert halten und ihr in allem wie einer rechtschaffenen Frau begegnen wollte, nicht aber, um von ihr an den Bettelstab gebracht zu werden. Allein sie war nicht zu erweichen. Nichts konnte sie auf bessere Gedanken bringen, keine Vorstellung sie zur Mäßigung bewegen, sondern sie nahm es vielmehr sehr übel auf und beschuldigte mich: ich suchte mir mit Zwang Gewalt über sie anzumaßen, wodurch sie allzusehr eingeschränkt würde. Ja sie sagte mir rund heraus, sie wolle nur erst ihre Bürde bei mir ablegen, und wenn mir alsdann ihre Lebensart nicht ferner gefiele, so wollte sie auch nicht eine Stunde länger bei mir bleiben. Denn sie ließe sich nicht derartig zwingen und einschränken, auf daß sie wie eine Sklavin leben müsse. Ich sagte ihr darauf, was ihr Kind beträfe, welches sie eine Bürde nenne, so sollte ihr es nicht länger eine Last sein, als sie es unter ihrem Herzen trüge, im übrigen möchte sie tun, was ihr beliebte. Mir würde am wenigsten damit gedient sein, daß sie dergleichen kostspielige Sechswochen, die mich 130 Pfund Sterling kosteten, wie sie jetzt anzuordnen suchte, öfters bei mir abhielte. Sie antwortete mir, dies könne sie nicht sagen, wenn sie keine Kinder mehr von mir bekäme, so könnte sie solche wohl von jemand anderm bekommen. So, mein Herz! sprach ich, seid ihr von solcher Art? So sollen dann diejenigen, die Väter dazu sind, auch eure Bastarde erhalten. Sie wollte hiervon nichts wissen und hören, sondern schlug ein Hohngelächter und ging spottend zur Tür hinaus. Die schimpflichen Worte verdrossen mich, muß ich gestehen, aufs empfindlichste, und zwar um so mehr, weil es weder das erste- noch das letztemal war, daß wir, solche miteinander wechselten. Es währten auch diese Anzüglichkeiten so lange, bis wir endlich anfingen, in aller Gelassenheit und Freundlichkeit über unsere Scheidung zu verhandeln. Nichts war dabei ärgerlicher als die Zänkereien, die wir auch dabei hatten. Sie verlangte ihren besonderen Unterhalt und zwar auf solche Weise, daß ihr jährlich 300 Pfund Sterling ausgemacht würden. Und ich verlangte Bürgschaft von ihr, daß sie keine Schulden auf meinen Namen machen wollte. Sie drang ferner auf die Erhaltung des Kindes und wollte jährlich 100 Pfund Sterling dafür ausgesetzt haben, und ich bestand darauf, eine Sicherheit zu bekommen, daß ich keinen Bastard, den sie ihrer Drohung zufolge von irgendeinem andern auflesen möchte, erhalten würde. Während solche Streitigkeiten zwischen uns vorfielen, wurde sie entbunden und brachte mir einen Sohn, ein recht feines Knäblein, zur Welt. Sie war doch so gnädig, daß sie von den großen Unkosten, die sie auf den Staat, wenn sie in den Wochen läge, wenden wollte, einiges abließ. Denn nicht ohne Schwierigkeit und vieles Zureden wurde sie endlich soweit gebracht, mit einem leinenen Wochenputz von 15 Pfund Sterling statt einem von 60 Pfund, wie sie gesonnen gewesen war, vorlieb zu nehmen. Und dies wußte sie als einen besonderen Beweis ihrer Herablassung und Gefälligkeit gegen mein geiziges Wesen herauszustreichen. Allein als sie wieder wohlauf war, fing sie dasselbe wieder an wie zuvor. Sie setzte ihren lustigen Lebenswandel auf solche ausschweifende Weise fort, daß noch andere und gröbere Unordnung daraus entstand und gewisse Burschen sie besuchen kamen, die mir gar nicht gefielen, zumal sie sogar einmal eine Nacht vom Hause fort blieb. Als sie am andern Tage nach Hause kam, erzählte sie mir mit viel Geschrei, wo sie gewesen, nämlich bei einem Kindstaufschmause, wobei sich die Gesellschaft etwas verspätet hätte. Wenn ich es ihr nicht glauben wollte, so möchte ich mich selbst nach den Umständen erkundigen, damit ich wüßte, wo sie geblieben sei, und was sie gemacht hätte, und dergleichen trotzige Reden mehr. Ich gab ihr zur Antwort: Ihr tut wohl daran, Frau, daß ihr selbst einsehet, daß ich Ursache habe, euretwegen mißvergnügt zu sein; was aber das betrifft, daß ich herumlaufen und mich nach euren Schlupfwinkeln, wo ihr Nachtlager haltet, erkundigen soll, so gestatten mir dies meine Geschäfte nicht, es liegt euch vielmehr ob, mir Zeugnisse eures guten Verhaltens zu bringen und mir zu erklären, wo ihr über Nacht geblieben seid und in welcher Gemeinschaft ihr euch befunden habt, es ist genug, daß ihr ohne eures Mannes Wissen und Willen aus eurem eigenen Hause weggeblieben seid, und ehe ich wieder etwas mit euch zu tun haben will, muß ich vorher in diesem Punkte volle Gewißheit erlangt haben. Sie antwortete: Von Herzen gern. Sie wäre so gleichgültig wie ich. Denn da ich es so übelzunehmen schiene, daß sie einmal bei einer außerordentlichen Gelegenheit bei einer guten Freundin geblieben wäre, so sollte ich wissen, daß dies wohl künftig öfter vorkommen und daß sie mich nicht erst darum fragen würde, ob sie dies auch dürfte oder nicht, wenn sie es nur für gut hielte. Nun gut, sagte ich, wenn ich mich dessen versehen soll, was ich nicht gern haben möchte, so mögt ihr euch versehen, daß ich bei Tage meine Türen vor dem verschlossen halte, der des Nachts über aus meinem Hause fort bleibt. Sie versetzte, sie wolle es dabei auf die Probe ankommen lassen. Und wenn ich die Türen vor ihr verschließen würde, so wollte sie schon Mittel und Wege finden, dieselben wieder zu öffnen. Ei, Frau, sprach ich, ihr setzt mir hart zu, ich wollte euch aber geraten haben, es euch vorher noch einmal zu überlegen, ehe ihr es darauf ankommen lasset. Denn ich versichere euch, daß ich mein Wort halten werde. Allein es dauerte nicht lange, daß wir unter diesen Umständen beieinander blieben. Denn ich kam bald dahinter, welcher Art Verkehr sie pflegte und daß sie eine Lebensart führte, bei welcher ich ihr unmöglich durch die Finger sehen konnte. Also sonderte ich mich zuerst ab und versagte ihr mein Ehebett. Denn ich sagte ihr gerade heraus, daß ich mir durchaus keine Bastarde, die nicht meine eigenen Kinder wären, wollte aufhängen lassen. Da nun die Verbitterung zwischen uns nach und nach immer größer geworden, daß wir dieses Leben nicht mehr ertragen konnten, ging sie eines Nachmittags weg und ließ mir einige Zeilen zurück, worin sie mir zu erkennen gab, daß es nunmehr so weit gekommen zu sein schiene und daß sie es nicht für gut hielte, mir Gelegenheit zu geben sie hinauszuschmeißen, und daß sie sich an den und den Ort begeben würde, wobei sie hoffte, ich würde sie der Mühe überheben, daß sie ihren Unterhalt erst auf dem Rechtswege erhalten müßte, sondern ihr zu erlauben, je nachdem es die Gelegenheit erforderte, Wechsel auf mich auszustellen, die ich jederzeit anzunehmen hätte. Ich war mit diesem Verfahren überaus zufrieden und ließ sie solches auch wissen, obwohl ich ihr keine Antwort auf ihren Brief erteilte. Und da ich schon vorher Sorge getragen hatte, daß sie nicht allzuviel mit sich fortschleppen konnte, wenn sie mir einen Possen spielen würde, so gab ich, sobald sie fort war, unverzüglich meine Haushaltung auf, versteigerte meinen Hausrat und veräußerte dabei auch alles, was ihr eigen war, schlug auch einen Zettel an meine Tür, wodurch ich ihr kund tat, daß sie die Kirchenordnung übertreten und sich selbst derart vergangen habe, daß keine Hoffnung für sie bestünde jemals wieder zurückkehren zu dürfen. Dies würde ich nimmermehr getan haben, wenn ich nur die geringste Hoffnung ihrer Besserung hätte haben können. Allein sie hatte mir solche Beweise ihres von ihrem Manne so gänzlich verschiedenen Gemütes gegeben, daß es in der Tat unmöglich war, später wieder zu einem Vergleich zu kommen. Nichtsdestoweniger hatte ich meine vertrauten Agenten, die ihr so scharf auf die Finger sahen, daß ich von ihrem Tun und Treiben genaue Nachricht erhielt. Ich ließ sie von mir weiter nichts erfahren, als daß ich nach Frankreich hinübergegangen wäre. Indes hielt sie in dem, was die Wechsel betraf, die sie auf mich ziehen wollte, redlich ihr Wort, indem sie einen auf 30 Pfund Sterling auf meinen Namen ausstellte, den ich mich aber anzunehmen weigerte und ihr damit die Gelegenheit nahm, noch andere auf mich auszustellen. Ich muß gestehen, daß mich dieses alles sehr hart ankam, und wenn sie sich nicht gar so ungeheuerlich betragen und mich nicht ununterbrochen aufs höchste getränkt hätte, würde ich mich nimmermehr zu einer solchen Scheidung haben entschließen können. Denn ich liebte sie recht aufrichtig und herzlich und hätte eher alles Unglück mit ihr geteilt als ein Bettler oder Hahnrei zu werden. Aber dieses war mir unerträglich, zumal sie mir solches noch mit Trotz und Vermessenheit vorzuhalten suchte. Nachdem wir ein Jahr voneinander getrennt waren, und sie sich zu solcher Gesellschaft gehalten hatte, die ihrer würdig gewesen, befand sie sich wieder in gesegneten Umständen, wobei sie jedoch so ehrlich war, nicht zu behaupten, daß sie mit mir etwas zu tun gehabt hatte. Was für ein elendes Leben sie danach fühlte, und wie sie in die äußerste Not geriet, werde ich einmal bei anderer Gelegenheit mitteilen. Ich hatte nach unserer Trennung gar bald herausgefunden, daß ich große Ursache gehabt hatte, mich gleich anfangs aufs kräftigste dagegen zu stemmen, wenn ich nicht von ihr betrogen sein wollte. Denn ich erfuhr gar zu bald, daß sie an verschiedenen Stellen ansehnliche Schulden gemacht hatte, indem sie die Gläubiger in den Glauben versetzte, ich würde sie bezahlen. Allein ich war fort, und es war auch unumgänglich nötig gewesen, daß ich mich aus dem Staube gemacht hatte. Worauf sie sich genötigt sah, die meisten Schulden von dem gottlosen Gewinn, den sie durch ihren eigenen Leib hatte, abzutragen. Sobald sie das Kind geboren hatte, worüber ich so gut unterrichtet wurde, daß ich den unzweifelhaften Beweis davon bekam, so belangte ich sie vor das geistliche Gericht, um eine Ehescheidung durchzusetzen. Da sie es nun wohl für unmöglich hielt dieselbe abzuweisen, so wollte sie sich deswegen auf keine Verteidigung einlassen, und ich erhielt nach der gewöhnlichen Zeit, die solche Prozesse dauern, den Ausspruch einer wirklichen Ehescheidung und schätzte mich nun wieder für einen freien Menschen und hatte den Ehestand von Herzen satt. Ich lebte nun ganz zurückgezogen. Denn ich wußte, daß sie Schulden gemacht hatte, die ich bezahlen sollte, allein ich hatte mich an einen Ort begeben, wo ich nicht aufzufinden war. Denn es war nötig, daß ich dort verweilte, bis die virginische Flotte ankam, bei welcher ich wenigstens 300 Fässer Tabak hatte, die ausreichen sollten, um alle Löcher zuzustopfen. Denn die Verschwendung, der ich drei Jahre mit dieser Frau ausgesetzt gewesen war, hatte mich recht weit heruntergebracht, so daß ich kaum noch soviel besaß, wie ihr eingebrachtes Gut betrug, welches sich nicht einmal auf 100 Pfund Sterling belief. Allein die Verdrießlichkeiten, die mich bei dieser unglücklichen Heirat betrafen, waren noch nicht zu Ende. Denn nachdem ich drei Monate von ihr getrennt gewesen war, auch ihren Wechsel über 30 Pfund verweigert hatte, wobei ich meine erste Wohnung geändert hatte, so daß ich mich wirklich sicher genug glaubte, nicht ausgeforscht zu werden, so kam dennoch eines Tages ein wohlgekleideter Herr zu mir in meine Wohnung und wurde hereingelassen, ehe ich etwas davon erfahren hatte, denn sonst würde ich ihm keinen Zutritt gewährt haben. Man hatte ihn in eine Nebenstube geführt, und ich kam in Schlafrock und Pantoffeln zu ihm. Als ich eintrat, nannte er mich vertraulich bei meinem Namen, wie wenn wir schon zwanzig Jahre bekannt gewesen, zog eine Brieftasche heraus und zeigte mir einen Wechsel, den meine Frau auf mich gezogen hatte, welches eben der Wechsel über 30 Pfund war, den ich vorher schon anzunehmen verweigert hatte. Mein Herr, sprach ich, dieser Wechsel ist mir schon einmal vorgelegt worden, und ich habe schon dazumal, meine Antwort darauf gegeben. Eine Antwort? Mein Herr, sprach er auf eine spöttische und trotzige Art, ich verstehe nicht, was ihr mit einer Antwort sagen wollt. Die Angelegenheit besteht nicht in einer Frage, sondern in einem Wechsel, der zu bezahlen ist. Wohl recht, mein Herr, sagte ich, es ist ein Wechsel, das weiß ich sehr gut und habe dieserhalb meine Antwort schon darauf gegeben. Mein lieber Herr, versetzte er sehr hochmütig, eure Antwort? Es bedarf keiner Antwort auf einen Wechsel, ein Wechsel wird bezahlt aber nicht beantwortet. Man sagt, daß ihr ein Kaufmann seid, mein Herr, und Kaufleute pflegen ihre Wechsel stets zur rechten Zeit einzulösen. Ich fing gleichfalls an ein wenig ungehalten zu werden, denn ich fand, daß der Kerl ein wenig naseweis tat, und davon war ich kein Freund. Daher sagte ich: Ich sehe, mein Herr, daß ihr nicht gewohnt seid Wechsel zu präsentieren. Ein Wechsel wird immer erst präsentiert, und diese Präsentierung bedeutet soviel wie eine Frage, ob ich den Wechsel annehmen und bezahlen will oder nicht, und wenn ich nun Ja oder Nein sage, so ist es die Antwort darauf. Wenn der Wechsel aber angenommen ist, alsdann ist freilich keine weitere Antwort erforderlich als die Bezahlung, wenn er fällig wird. Wenn sich der Herr deswegen erkundigen will, so wird er hören, daß dies hier der Brauch ist, welchen alle Kauf- und Handelsleute, auf welche Wechsel gezogen werden, zu beobachten pflegen. Laßt es genug sein, sprach er, was steht im Wege, die 30 Pfund Sterling auf den Wechsel zu bezahlen, den ich in meinen Händen habe? Es steht nur dieses im Wege, mein Herr, sagte ich, daß ich der Person, die mir den Wechsel präsentierte, gesagt habe, daß ich den Wechsel nicht einlösen würde. Nicht bezahlen? sprach er, aber ihr werdet ihn bezahlen und müßt ihn bezahlen! Diejenige, die den Wechsel auf mich ausstellte, hatte kein Recht dazu, und folglich werde ich auch keinen Wechsel, den sie auf mich ausgestellt hat, bezahlen, des könnt ihr versichert sein. Darauf fuhr er mich recht hochmütig an und sagte: Mein Herr, diejenige, die diesen Wechsel ausgestellt hat, ist eine Person, die viel zuviel Ehrgefühl besitzt, als daß sie ohne Ursache einen Wechsel unterschreiben sollte, und es ist eine Beschimpfung für sie, wenn ihr sie dessen beschuldigt, weshalb ich deswegen besonders Genugtuung von euch verlange. Aber vorerst bezahlt den Wechsel. Den Wechsel müht ihr bezahlen, da hilft euch alles nichts. Ich war ebenso kurz angebunden und sagte ihm: Ich beschimpfe niemanden, mein Herr, ich kenne die Person vielleicht ebensogut wie ihr, und was ich von ihr gesagt habe, ist keine Beschimpfung. Denn ich sage es noch einmal, sie hatte kein Recht, einen Wechsel auf mich auszustellen, weil ich ihr nichts schuldig bin. Ich will nicht die Flüche und Schwüre zu Papier bringen, mit denen er seine Rede ausstattete. Aber er sagte mir, er wolle mir zu erkennen geben, daß sie Freunde hätte, die ihr beistünden: Ich hätte nicht rechtschaffen an ihr gehandelt, das wollte er mir schon beweisen und ihr zum Recht verhelfen, ich sollte ihm aber vorerst den Wechsel bezahlen. Ich antwortete ihm kurz, daß ich den Wechsel nicht bezahlen würde und zwar weder diesen noch irgendeinen andern, den sie auf mich ziehen würde. Hiermit trat er zur Tür, schloß sie ab und schwur bei Himmel und Hölle, er wolle mich zwingen, den Wechsel zu bezahlen, ehe wir voneinander schieden, und legte seine Hand an seinen Degen, zog ihn aber noch nicht heraus. Ich gestehe, daß ich hierüber nicht wenig erschrak. Denn ich hatte keinen Degen. Und wenn ich auch einen gehabt hätte, so hätte ich doch nicht damit umzugehen gewußt. Denn obgleich ich viele artige Künste gelernt hatte, die mich zu einem Kavalier zu machen vermöchten, so hatte ich doch auf die Hauptsache, wie ich nämlich den Degen führen sollte, was allerorts üblich zu sein pflegt, gänzlich vergessen. In Wahrheit, ich war in dergleichen Kämpfen völlig ungeübt. Daher war ich so bestürzt, als er die Tür abschloß, daß ich nicht wußte, was ich anfangen oder antworten sollte. Jedoch die Leute im Hause, die uns ziemlich laut reden hörten, kamen an die Tür und machten Lärm, um mir dadurch zu erkennen zu geben, daß sie zur Hand wären. Und als einer von den Dienern an die Tür faßte und fand, daß sie verschlossen war, rief er mir zu: Um Gottes willen, Herr, macht die Tür auf, was gibt es denn? Sollen wir den Viertelsmeister holen? Ich gab zwar keine Antwort, aber faßte doch Mut. Ich saß ganz gelassen auf einem Stuhl und sagte nur: Mein Herr, dies ist nicht der Weg, um mich zur Bezahlung des Wechsels zu veranlassen, ihr tätet besser daran, euch ruhig zu verhalten und eure Genugtuung auf andere Weise zu suchen. Er verstand dies so, als ob ich ihm eine Verständigung anbieten wollte, was mir jedoch ganz fern lag, sondern ich meinte damit nur, daß er besser daran tun würde, die Sache auf gerichtlichem Wege auszutragen. Von ganzem Herzen, sprach er, man sagt, ihr seiet ein Edelmann und heißet euch Oberst, und wenn ihr ein Edelmann seid, so nehme ich eure Herausforderung willig an, und wenn ihr mit mir hinausgehen wollt, so will ich es gegen die völlige Bezahlung des Wechsels annehmen, und wir wollen die Sache beilegen, wie es Edelleuten gebührt. Ich will euch nicht herausfordern, mein Herr, ich meinte nur, daß dies nicht der Weg sei, mich zur Bezahlung eines Wechsels, den ich nicht angenommen hatte, zu nötigen, und daß ihr besser daran tätet mich zu verklagen und die Sache dem Gericht zu übergeben. Recht hin, Recht her, sprach er, das Kavaliersrecht ist mein Recht. Mit einem Wort, Herr, ihr sollt bezahlen oder euch mit mir schlagen! Worauf er alsbald, als ob er sich geirrt hätte, sagte: Nein! ihr sollt euch schlagen und mich auch bezahlen. Denn ich will ihre Ehre verteidigen! Und fügte seiner Rede noch ein paar Verwünschungen hinzu. Dieser Wortwechsel befreite mich indes von dem Eisenfresser. Denn eben bei Aussprechung der Worte »mit mir schlagen, denn ich will ihre Ehre verteidigen« hatte die Magd den Hausverwalter mit drei oder vier Nachbarn zum Beistand hereingebracht. Er hörte sie hereinkommen und geriet einigermaßen darüber in Wut und fragte mich, ob ich ihm statt der Bezahlung den Pöbel auf den Hals hetzen wollte, dabei legte er die Hand an seinen Degen und sagte, wenn sich jemand unterstünde hereinzukommen, so wolle er mir im nächsten Augenblicke den Degen in den Leib rennen, auf daß er es dann mit weniger Leuten zu tun hätte. Ich antwortete ihm, er wisse wohl, daß ich nicht um Hilfe gerufen hätte, da ich angenommen, daß es ihm um das, was er gesagt, nicht ernst wäre. Und wenn es jemand unternähme hereinzukommen, so geschehe es aus keiner andern Ursache, als um das Unglück zu verhüten, womit er gedroht hätte und dem gegenüber ich, wie er wohl sähe, wehrlos wäre. Hierauf rief der Viertelsmeister und gebot uns allen beiden in des Königs Namen, die Tür zu öffnen. Ich saß auf einem Stuhl und wollte von demselben aufstehen. Da machte er eine Bewegung, als ob er blank ziehen wollte, worauf ich mich wieder niedersetzte. Und weil die Tür nicht geöffnet wurde, stieß der Amtmann mit seinem Fuße dagegen und kam herein. Was soll dies bedeuten, sprach mein Kavalier, was wollt ihr hier? Mein Herr, sprach der Viertelsmeister, ihr werdet sehen, was ich verlange. Ich bin dazu berufen Frieden zu halten. Nun bin ich von den Leuten des Hauses herbeigeholt worden, weil sie fürchteten, es könnte ein Unglück geschehen, dem wollte ich vorbeugen. Was für ein Unglück haben sie befürchtet? Ich glaube, sagte der Viertelsmeister, daß sie besorgen, ihr möchtet euch miteinander schlagen. Wenn sie diesen Kerl hier besser gekannt hätten, sprach er, so würden sie euch nicht herbeigerufen haben. Es ist keine Gefahr, daß er sich schlägt, sie heißen ihn wohl Oberst, und ich möchte wünschen, daß er einer wäre, er ist aber zu einer feigen Memme geboren. Er schlägt sich wohl nicht leicht, denn er kann keinen Degen sehen; wenn er ein rechtschaffener Kerl wäre, so würde er mit mir hinausgegangen sein, allein er hält nicht viel von der Tapferkeit. Wenn sie ihn gekannt hätten wie ich, so würden sie euch nichts vom Schlagen gesagt haben. Ich versichere euch, Herr Amtmann, er ist ein verzagter Kerl und ein verzagter Kerl ist ebensoviel wert wie ein Feigling. Hiermit trat er vor mich hin und schimpfte mir recht derb ins Gesicht, lachte und spottete meiner aufs schrecklichste, als ob ich der feigste Kerl von der Welt wäre. Es mochte wohl etwas daran sein, was er sagte, und er mochte in diesem Punkte nicht so ganz Unrecht haben. Allein ich war nun ein Verzagter, der verzweifelt war, und ein solcher ist dann einer von den schlimmsten in der Welt, wenn man mit ihm anbindet. Denn da ich in Wut geraten war, fuhr ich ihm ins Gesicht, kriegte ihn um den Leib zu fassen und warf ihn gar säuberlich auf den Rücken, und wenn nicht der Viertelsmeister dazwischen gekommen wäre und mich zurückgehalten hätte, so würde ich ihn gewiß mit den Füßen zu Tode gestampft haben. Denn mein Blut kochte nunmehr sozusagen hochauf, und die Leute im Hause gerieten in Furcht, daß ich ihm den Rest geben würde, obgleich ich doch nicht die geringste Waffe in der Hand hatte. Der Viertelsmeister tadelte meine Hitze, allein ich sagte zu ihm: Herr Viertelsmeister, meint ihr nicht, daß ich allzusehr gereizt worden bin? Wer kann dergleichen Beschimpfung ertragen? Ich verlange zu wissen, wer dieser Kerl ist und wer ihn hierher gesandt hat. Ich bin ein Kavalier, rief dieser, und komme mit einem Wechsel und will Geld von ihm haben, er aber weigert sich zu zahlen. Gut, sagte der Viertelsmeister sehr weise, dies geht mich nichts an. Ich bin kein Richter, der solche Sachen zu untersuchen hat. Machet dies untereinander selbst aus, legt aber keine Hand aneinander, das ist das einzige, was ich von euch verlange. Und deshalb, mein Herr, sprach der Viertelsmeister zu ihm, wenn ich euch raten soll, so würdet ihr gut daran tun, es jetzt dabei bewenden zu lassen, und ginget in Frieden von hier fort, da er den Wechsel doch nicht bezahlen will, und lasset das Gericht zwischen euch entscheiden. Der andere stieß noch viele ungereimte Reden wegen des Wechsels aus und bestand auf Zahlung, da der Wechsel von meiner eigenen Frau ausgestellt worden wäre. Ich sagte nun im Zorn darauf: Ja, von einer Hure ist er ausgestellt worden! Er sagte mir hierauf, ich dürfte ihm an einem andern Orte nicht so kommen. Ich antwortete, ich wollte sie öffentlich vor aller Welt für eine Hure erklären und sie vor allen Leuten zu schanden machen. Wir zankten uns so beinahe eine halbe Stunde herum. Denn des Viertelsmeisters Gegenwart machte mich beherzt, weil ich wohl wußte, daß er uns vom Schlagen abhalten würde, wozu ich gar wenig Lust hatte. Ich wurde aber dieses seltsamen Vorfalls wegen recht von Herzen bekümmert, um so mehr weil man mein Quartier ausgekundschaftet hatte, welches ich doch so ängstlich zu verbergen gesucht hatte. Deswegen entschloß ich mich, es am andern Tage zu wechseln. Den ganzen Tag über hielt ich mich im Hause und ging nicht hinaus bis zum Abend, gedachte dann aber nicht wieder zurückzukehren. Als ich bis in die Gnadenkirchstraße gekommen war, wurde ich gewahr, daß mir ein Kerl mit einem Beine und zwei Krücken nachgehumpelt kam – das andere trug er auf dem Polster eines Stelzfußes – und um ein Almosen bettelte. Weil ich ihm aber nichts geben wollte, folgte mir der Kerl immer weiter nach, bis ich in einen Hof kam, wo ich ihn etwas hart anfuhr und zu ihm sagte: Ich habe nichts für euch, quält mich doch nicht so! Bei diesen Worten schlug er mir mit seiner Krücke eines hinter die Ohren, daß ich zu Boden fiel. Weil ich nun von dem derben Schlage ganz betäubt war, wußte ich nicht, wie mir geschah, als ich aber wieder ein wenig zu mir kam, fand ich, daß ich an verschiedenen Stellen meines Körpers heftig verwundet, meine Nase aufgeschlitzt, eins von meinen Ohren fast abgeschnitten war und eine große Schramme auf einer meiner Schläfen, wie auch einen Stich, der aber nicht so gefährlich war, in meinem Leibe hatte. Wer außer dem Krüppel, der mir eines mit seiner Krücke gegeben, dabei gewesen oder mich verwundet hatte, bekam ich nicht zu wissen und weiß es auch heute noch nicht. Ich lag eine gute Weile auf der Erde und blutete, bis ich wieder zu mir kam und um Hilfe rufen konnte. Als nun die Leute herbeikamen, führten mich einige wieder zurück in mein Quartier, wo ich länger als zwei Monate zubrachte, ehe ich wieder imstande war auszugehen. Und dann fürchtete ich, es stünden an allen Ecken Spitzbuben, die auf eine Gelegenheit lauerten, mir den Kopf noch einmal mit der vorigen Lauge zu waschen. Dies machte mich so unruhig, daß ich den Entschluß faßte, um mich von dieser Gefahr zu befreien, entweder hinüber nach Frankreich oder gar nach Virginien zu gehen, damit ich solchen Schelmen und Meuchelmördern aus dem Weg wäre. Denn so oft ich hier ausging, war ich allemal in Lebensgefahr. Gleichwie ich vorher nur des Abends ausging, um dadurch verborgen zu bleiben, so ging ich jetzt niemals aus als am hellen Tage und niemals ohne etliche Begleiter, die meine Leibwache bilden mußten. Allein ich muß hier meiner Frau die gebührende Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß dies keineswegs auf ihr Anstiften geschehen war. Denn als sie gehört hatte, was mir begegnet war, schrieb sie mir einen Brief, in dem sie mir viel geziemender als sonst ihre Art war begegnete. Sie gab mir die Versicherung, daß es ihr sehr leid täte, daß mir so übel mitgespielt worden sei, und zwar um so mehr, da es, wie sie erfahren hatte, nach der Präsentierung ihres Wechsels geschah. Sie hoffe, fügte sie hinzu, daß ich sie bei allen ihren schlimmen Neigungen in keinem so harten Verdacht haben könnte, daß ich glauben könne, es sei mit ihrem Wissen und mit ihrer Einwilligung geschehen, noch viel weniger auf ihr Anstiften. Sie hätte gegen solche Dinge einen Abscheu und beteuerte hoch und heilig, wenn sie auch nur im geringsten wissen oder nur mutmaßen könnte, wer die Schelme gewesen seien, sie mir solche selbst entdecken wollte. Sie teilte mir hierbei den Namen desjenigen mit, dem sie den Wechsel gegeben hatte, und stellte mir anheim, ihn zu veranlassen, den Kerl, der mir den Wechsel überbracht und mir so ungebührlich begegnet sei, anzuzeigen. Wobei sie wünschte, daß ich es herausbringen möchte, damit er mit der größten Strenge des Gesetzes bestraft würde. Dies gefiel mir so von meiner Frau, daß ich sie wahrhaftig wieder angenommen haben würde, wenn sie hierauf selbst zu mir gekommen wäre und mich besucht hätte. Allein sie ließ es bei der Höflichkeit noch eines zweiten Briefes an mich bewenden, worin sie mich ersuchte, ihr so oft wie möglich Nachricht von mir zu geben, wie es mir ginge, und fügte die Versicherung hinzu, daß es ihr zur besonderen Zufriedenheit gereichen würde zu hören, daß ich wieder völlig genesen sei, und gleichzeitig zu erfahren, daß der Täter zu Tyburn gehangen worden wäre. Sie ließ noch etliche Worte mit einfließen, welche, wie ich sie verstand, ihre Bekümmernis über unsere Trennung und ihre noch bestehende Hochachtung gegen mich zu erkennen gaben, aber worin sie nichts von einer etwaigen Wiederkehr verlauten ließ. Darauf führte sie einige Gründe an, mit denen sie mich zur Bezahlung ihrer Wechsel bewegen wollte, indem sie mich daran erinnerte, daß sie mir ein ansehnliches Vermögen eingebracht und jetzt doch nicht soviel hätte, als sie zu ihrem nötigsten Unterhalt gebrauchte, was sie sehr strenge von mir gegen sie gehandelt fände. Ich gab ihr eine Antwort auf diesen Brief, obwohl ich den ersten unbeantwortet gelassen hatte, und tat ihr kund, wie übel mir mitgespielt worden, vermeldete ihr auch zugleich, daß ich der Versicherung ihres Briefes gar gerne glauben wolle, daß sie nichts darum gewußt hätte, und daß ich sie keineswegs für einen so boshaften Charakter hielte, der so leichtfertig an mir handeln könnte, da ich sie weder beleidigt noch Gewalt gegen sie angewendet hätte und auch nicht die Ursache unserer Trennung gewesen sei. Was ihre Wechsel beträfe, so dürfte ihr nicht unbekannt sein, wie sehr mich ihre verschwenderische Lebensart herunter- und mein Vermögen auf die Neige gebracht hätte, und wenn es länger so fortgegangen wäre, so würde ich dadurch in das äußerste Verderben gelangt sein. Zumal sie in den drei Jahren viel mehr verbraucht, als sie eingebracht hätte, sie wäre auch nicht willens gewesen ihre reichliche Haushaltung einzuschränken und sparsamer zu leben, trotzdem ich sie aufs sanftmütigste darum gebeten und ihr vorgestellt hätte, daß ich solche große Unkosten nicht aushalten könnte. So hätte sie denn lieber ihr Hauswesen verlassen und sei von mir gegangen, anstatt sich in gehörigen Schranken halten zu wollen. Ich hätte ihr gegenüber nie Gewalt sondern nur Bitten und ernstliche Ermahnungen angewendet, indem ich ihr vorgestellt hätte, daß diese Lebensführung uns endlich an den Bettelstab bringen müßte. Jedoch, wenn sie ihren Wechsel widerrufen wollte, so würde ich ihr 30 Pfund Sterling schicken und sie, soweit mein Vermögen es erlaubte, und wenn sie sich in gebührenden Schranken hielte, keine Not leiden lassen. Ich könne ihr aber nicht verschweigen, daß ich schlimme Nachrichten über sie erhalten hätte: daß sie Gemeinschaft mit einem übelbeleumdeten Kerl hätte, den ich ihr mit Namen nannte. Es käme mir zwar schwer an, dergleichen Dinge von ihr zu glauben und um solcher Nachrede ein Ende zu machen und ihre Ehre wiederherzustellen, ließe ich sie wissen, daß ich trotz allem, was ich von ihr gehört, dennoch willig und bereit wäre, sie wieder anzunehmen und alles, was zwischen uns gewesen sei, zu vergeben und zu vergessen, wenn sie sich nur entschließen wollte, ohne Zwang in den engen Grenzen meines Vermögens mit mir zu leben und mir mit derselben Güte, Liebe und Zärtlichkeit zu begegnen, wie ich ihr jederzeit entgegengekommen wäre und auch ferner begegnen wollte. Falls sie sich aber jetzt weigerte, so würde dies für ewig sein. Denn wenn sie mein Anerbieten ausschlüge, so wäre ich entschlossen, hier nicht länger zu verweilen, wo ich bei vielen Gelegenheiten so übel behandelt worden wäre, sondern wieder in mein Land zurückzukehren, wo ich meine Tage in Ruhe und Einsamkeit hinzubringen wünschte. Sie gab mir hierauf nicht die Antwort, die ich erwartete. Obwohl sie sich für die 30 Pfund Sterling bedankte, so suchte sie sich doch in allen Punkten zu rechtfertigen. Und wiewohl sie nicht mit ausdrücklichen Worten ausschlug wieder zu mir zu kommen, so sagte sie doch auch nichts, daß sie mein Anerbieten annähme. Sie antwortete mit einem Wort wenig oder gar nichts darauf, sondern schien nur eine völlige Rechtfertigung ihrer verletzten Ehre zu wünschen und dergleichen Gerede mehr. Dies setzte mich anfangs in Verwunderung. Denn ich hatte gemeint, eine Frau, die sich in ihrer Lage befände, würde mit beiden Händen zugreifen, wenn sie ihrem Elend ein Ende machen und die ihr anhaftende Schmach und Verachtung durch eine solche Aussöhnung wieder abwenden könnte, um so mehr da zur selben Zeit Schmalhans bei ihr Küchenmeister war. Allein es war eine besondere Ursache vorhanden, die ihre Rückkunft verhinderte, und die sie in ihrem Briefe nicht gut vorbringen konnte, die aber wichtig genug war ein solches Anerbieten auszuschlagen, worüber sie zu einer andern Zeit froh gewesen wäre. Und diese wichtige Ursache war, daß sie in sehr schlechte Gesellschaft geraten war und einem Schmeichler ihre Tugend preisgegeben hatte. Mit einem Wort, sie war schwanger geworden, und unter diesen Umständen konnte sie mein Anerbieten nicht annehmen. Wie ich später erfuhr, war sie gesonnen gewesen, den völligen Vergleich mit mir solange hinzuhalten, bis sie ihre Bürde, wie sie es selbst bezeichnet hatte, abgelegt hätte. Nachdem sie heimlich entbunden hätte, wollte sie auf meinen Vorschlag eingehen. Und dies war auch gewiß der sicherste Weg, den sie gehen konnte, und die einzige Zuflucht, die sie noch hatte. Allein ich war zu gut über ihr Tun unterrichtet, als daß mir eine solch wichtige Sache verborgen bleiben konnte, sie hätte sich denn fortbegeben müssen, ehe man ihren dicken Leib sah oder zum mindesten sich weiter entfernen müssen als sie es tat. Und so war nun von meinem Vorsatz, sie wieder aufzunehmen, weiter nicht die Rede. Trotzdem sie mir verschiedene sehr unterwürfige Briefe schrieb, worin sie ihr Laster bekannte und mich um Vergebung bat. Da die Sachen so lagen, blieb ich bei meinem Entschluß, hinüber nach Frankreich zu gehen, sobald ich meine Sendung aus Virginia erhalten haben würde. Danach setzte ich über nach Dünkirchen und machte hier die Bekanntschaft einiger irländischer Offiziere vom Dillonschen Regiment, die mich nach und nach zum Soldatendienst überredeten und mit Hilfe eines Generalleutnants und einigen Geldes erhielt ich in jenem Regiment eine Kompagnie und zog also geradenwegs ins Feld. Ich war recht froh über meine neue Ehrenstelle, und nun vermeinte ich wirklich geworden zu sein, wozu ich geboren war, nämlich ein Edelmann, und daß ich noch niemals so vornehm gelebt hätte wie jetzt. Als ich eine Weile Offizier war, erhielt unser Regiment Befehl, nach Italien zu gehen. Dort machte ich einen wichtigen Vorfall mit, nämlich die berühmte Überrumpelung der Stadt Cremona im Mailändischen, wo die Deutschen von Verrätern nachts heimlich durch einen Graben, der den Unrat der Stadt ableitet, hineingelassen wurden, den größten Teil in Besitz nahmen, den Marschall Herzog von Villeroy, als er eben aus seinem Quartier herausgekommen war, zum Kriegsgefangenen machten und die wenigen französischen Truppen, die in die Festung hineingelassen worden waren, niederschlugen. Aber mitten in ihrem besten Siege wurden sie von zwei irländischen Regimentern, die an der Straße, die zum Po hinuntergeht, verteilt waren und das Wassertor besetzt hielten, durch das die Verstärkung der Deutschen hereinkommen sollte; dermaßen tapfer und beherzt angegriffen, daß ihnen nach einem recht verzweifelten Kampfe der Sieg wieder entrissen wurde. Denn weil sie nicht imstande waren, durch uns hindurchzubrechen, um ihre Leute einzulassen, so sahen sie sich endlich gezwungen, die Stadt zum unsterblichen Ruhme der irländischen Regimenter und dieser ganzen Nation wieder aufzugeben, weswegen uns denn auch hernach vom Könige von Frankreich ein sehr höfliches Kompliment gemacht wurde. Ich hatte nun das Vergnügen, und zwar gleich das erstemal, überzeugt zu werden, daß ich keineswegs der verzagte, armselige Tropf sei, der ich war, als mich der Prahlhans auf meiner Stube wegen des Wechsels über 30 Pfund so schrecklich anfuhr. Allein der Mensch lernt sich niemals eher recht kennen, als bis er auf die Probe gestellt wird, und die Herzhaftigkeit und die Tapferkeit wird erst durch die Erfahrung mit der Zeit erlangt. Philipp de Comines erzählt, daß der Graf de Charlois, der vorher den äußersten Abscheu vor dem Kriege und Kriegswesen gehabt hatte, durch die in der Schlacht bei Monteleri erlangte Ehre derart verändert worden sei, daß später die Armee sein liebster Aufenthalt, und die Beschwerlichkeiten des Krieges sein angenehmstes Vergnügen gewesen sei. Ich kann mich zwar diesem berühmten Helden keineswegs an die Seite stellen, ich muß aber doch gestehen, daß mich die Schmeicheleien, die man mir wegen meiner Tapferkeit sagte, so hochmütig machten, daß ich mich wirklich für einen recht tapferen und kühnen Helden hielt und daher meine Kühnheit und Verwegenheit bei allen Gelegenheiten an den Tag zu legen versuchte. Dieser Ehrgeiz wurde noch vermehrt, als jemand dem Hofe eine umständliche Nachricht davon erteilte, wie ich durch meine Verteidigung des Wassertors und die spätere Behauptung desselben, nachdem der Oberstleutnant getötet worden war, sehr viel zur Entsetzung der Stadt und Erhaltung des ganzen Cremoner Gebietes beigetragen hätte. Worauf mir der König nicht nur ein öffentliches Zeugnis, wie angenehm ihm meine Dienste wären, sondern auch eine schriftliche Ernennung zum Oberstleutnant übersandte. Ich hatte mir schon vorher in Scharmützeln und Ausfällen den Ruhm eines guten Offiziers erworben, es kam auch vor, daß ich mich bei ewigen Streifzügen befand, wo es etwas gab, was mir noch weit besser gefiel: nämlich wo es reiche Beute setzte. In der Stadt, die wir zuerst einnehmen sollten, in Alexandrien, hausten die Bürger auf eine recht grimmige Weise und trieben die ganze Besatzung, die aus 800 Franzosen bestand, mit Gewalt zum Tore hinaus. Ich wurde mit acht Mann und meinem Reitknecht in ein Bürgerhaus gleich am Tore gelegt, wo ich mit meinen Leuten einen kleinen Kriegsrat hielt und dann beschlossen, das Haus bis auf den letzten Blutstropfen so lange zu behaupten, bis wir von dem kommandierenden Offizier Befehl erhielten es zu verlassen. Als ich daher sah, daß meine Leute auf der Straße nicht Stand halten konnten, sondern den mit aller Gewalt eindringenden Bürgern weichen mußten, jagte ich alles zum Hause hinaus und verteidigte es wie ein festes Schloß, dessen Burgvogt ich war. Und weil das Haus am Tore lag, so entschloß ich mich der letzte zu sein, der den Ort verlassen würde, weil mir mein Rückzug durch das so nahegelegene Tor sicher genug schien. Nachdem wir also das Haus von seinen Einwohnern geräumt hatten, machten wir uns kein Gewissen daraus, unsere Taschen mit allem, was wir darin fanden, anzufüllen. Mit einem Wort wir ließen nichts im Stich, was wir nur mit uns fortschleppen konnten. Wobei ich durch Zufall in des Hausvaters Wandschrank geriet und über 200 Pistolen an Geld und Silbergeschmeide mit fortnahm. Es wurden dieser Gewalttätigkeit wegen bei dem Prinzen Vaudemant, dem damaligen Mailändischen Statthalter, arge Klagen geführt. Da aber die Hartnäckigkeit der Bürger seinen Absichten überhaupt entgegen war, und dieser Prinz damals ganz auf des Königs Philipp Seite stand, so konnten die Bürger nichts erreichen, und ich glaube, wenn wir die ganze Stadt geplündert hätten, würde nicht ein Hahn danach gekräht haben. Jedoch hatten wir Befehl, kein Feuer auf die Bürger zu geben, wenn wir nicht durch die äußerste Not dazu gezwungen würden. Weswegen wir den Ort denn lieber aufgeben wollten, als uns mit einem verzweifelten Haufen aufgebrachter Bürger herumzuschlagen, denen es an keinem Vorteil über uns fehlte, denn wir besaßen nur ein Tor und zwei Basteien, die wir zu unserm Rückzug brauchten. Denn erstlich waren ihrer noch einmal soviel an der Zahl, weil die Bürger, die durch sieben Kompagnien regulärer Truppen verstärkt worden waren, noch ungerechnet das Lumpengesindel, das noch viel mehr ausmachte, über 1600 Mann betrugen, wir aber alles in allem nicht über 800 Mann stark waren. Auch hatten sie das Schloß inne, so daß wir ihnen hätten wenig anhaben können, wenn wir auch einen Angriff hätten wagen wollen. Hierauf lagen wir acht Monate im Quartier stille. Denn da der Prinz dem König Philipp das ganze Mailändische Gebiet genommen hatte, und eine gute Weile sich kein Feind blicken ließ, so fanden wir nichts weiter zu tun, als die Hilfstruppen, die aus Frankreich gekommen waren, unter uns einzuordnen. Wir lagen zu Mantua im Quartier, wurden aber später auf Befehl des nachmaligen Marschalls von Frankreich herausgezogen, um die französische Armee bis zu der Ankunft des Herzogs von Vendôme, der damals das Oberkommando führte, zu unterstützen. Hier hatten wir im Jahre 1701 einen sehr schweren Feldzug, da wir mit dem tapferen Prinzen Eugen von Savoyen und einer Armee von 40000 Deutschen, alles alten erprobten Soldaten, zu tun hatten. Und obschon die französische Armee um 25000 Mann stärker war als die deutsche, so konnten wir doch nur langsam vorgehen, hatten viele Posten zu decken und wußten nicht, wo uns der Prinz von Savoyen, der die kaiserliche Armee kommandierte, angreifen würde. Daher sahen sich die Franzosen genötigt, ihre Truppen zu verteilen und so weit auseinanderzuziehen, daß die Deutschen, wie die Geschichte davon umständlich berichtet, ihre Anschläge mit großem Glück ausführten. Ich machte im Monat Juli 1701 das Treffen zu Capri mit, wo uns die Deutschen wirklich überlegen und wir genötigt waren, unser Lager aufzugeben und dem Prinzen den ganzen Fluß Etsch abzutreten. Hierbei erlitt unser Regiment auch einige Verluste, obschon der Feind wenig dadurch gewann. Catinat, der zu dieser Zeit den Oberbefehl führte, stellte sich am nächsten Tage den Deutschen gegenüber in voller Schlachtordnung auf und forderte sie zum Kampfe heraus. Allein jene wollten sich nicht regen, obwohl ihnen zwei Tage nacheinander die Schlacht angeboten wurde. Denn da sie durch unsern Rückzug aus der Gegend von Rivoli einen freien Paß über den Fluß Etsch erlangt hatten, spürten sie gewonnenes Spiel in der Hand. Als unsere Generale sahen, daß es zu keinem Haupttreffen kommen wollte, so beunruhigten sie die Deutschen in ihren Quartieren und nötigten sie, einen jeden Fuß breit Boden, den sie gewonnen, mit dem Degen zu behaupten. Endlich griffen wir sie im folgenden September in ihren Verschanzungen zu Chiara an. Hier brachen wir mitten in das Herz ihres Lagers hinein, wo wir eine schreckliche Metzelei anrichteten. Ich weiß aber nicht, durch welchen Irrtum unserer Generale, oder durch welche verkehrte Ausführung ihrer Befehle das Korps aus der Normandie und unser irländisches Korps, die doch so tapfer in die Verschanzungen der Deutschen eingedrungen waren, wie sich es gehört hätte, nicht unterstützt wurden. So waren wir gezwungen, den Ansturm der ganzen Armee auszuhalten, um endlich doch den Vorteil, den wir hatten, nicht ohne große Verluste wieder abzugeben. Weil wir aber noch beizeiten durch ein zahlreiches Reiterkorps verstärkt wurden, so mußten die Feinde wieder weichen und sich bis in ihr Lager zurückziehen. Die Deutschen rühmten sich, hier einen großen Sieg erlangt zu haben, und es war auch wohl gewiß, da sie uns nach Einnahme wieder zurücktrieben, daß sie einen Vorteil über uns hatten. Wenn uns aber Tesse mit den 12000 Mann Fußvolk, die er bei sich hatte, zu Hilfe gekommen wäre, wie er nach des alten Catinat Meinung allerdings hätte tun sollen, so würde dieser Tag dem ganzen Kriege ein Ende gemacht haben, und der Prinz Eugen würde in größerer Eile als er gekommen wieder nach Deutschland zurückgegangen sein, wenn wir ihm nicht vielleicht gar den Weg dahin abgeschnitten hätten. Allein das Schicksal hatte anders über uns beschlossen, und die Deutschen machten in diesem Feldzuge immer weitere Eroberungen und rückten von einem Posten zum andern vor, bis sie uns endlich gänzlich aus dem Mailändischen hinausschlugen. Gegen das Ende bestand dieser Feldzug nur noch in kleinen Scharmützeln, weil die Franzosen nach ihrer flüchtigen Art sich täglich draußen sehen ließen, um entweder den Proviant der Feinde zu überfallen oder zu plündern, obschon sie hierbei öfters den kürzeren zogen und mit blutigen Köpfen wieder zurückkamen. Denn die Deutschen hatten bei verschiedenen Gelegenheiten den Vorteil über sie, ja es büßten bei diesen kleinen Streifereien sogar viele ihr Leben ein, so daß ich glaube, wenn ich diejenigen mitrechne, die an Krankheiten starben, die sie sich durch harten Dienst und üble Quartiere zuzogen und weil sie bis Mitte Dezember in einem Lande, das voller Kanäle und Flüsse ist, in lauter Wasser und Sumpf gestanden: daß wir dort mehr Leute eingebüßt haben, als wir in einer Hauptschlacht je verloren haben würden. Um dem Herzog von Vendôme seinen gebührenden Ruhm zu lassen, so drang er ernstlich darauf, es mit dem Prinzen Eugen zu einer Schlacht zu bringen. Allein der Herzog von Villeroy, auch Catinat und der Graf de Tesse waren dagegen. Der hauptsächlichste Grund war, daß ihnen die Schwäche der Truppen, die bei so vielen Gelegenheiten so Schweres ausgestanden hatten und sich nicht in dem Zustande befanden, sich mit den Deutschen in einer Schlacht zu messen, nur zu gut bekannt war, also bezogen wir, nachdem wir einander drei Monate lang mit Plänkeleien matt gemacht hatten, die Winterquartiere. Allein ich wende mich wieder meiner eigenen Geschichte zu, denn ich bin nicht gesonnen, ein Tagebuch des Krieges, den ich gar nicht lange genug mitgemacht habe, abzufassen. Den Sommer darauf mußten unsere beiden irländischen Regimenter ins Feld rücken, wo sie manchen Kampf mit den Deutschen zu bestehen hatten. Denn der Prinz Eugen, ein wachsamer Feldherr, ließ uns gar wenig Ruhe und gewann uns durch seine unaufhörlichen Bewegungen, mit denen er sowohl seine eigenen Leute wie auch uns schwächte, manchen Vorteil ab. Und wenn man den Franzosen ihr gebührendes Lob nicht vorenthalten will und mit angesehen hat, wie sie sich dabei betragen haben, so wird man gestehen müssen, daß sie die Deutschen nicht gemieden, sondern sich ihnen bei allen Gelegenheiten mit dem größten Mute entgegengestellt haben. Und ob es schon unzähligen wackeren Offizieren und Soldaten das Leben kostete, so bezahlte doch der Herzog von Vendôme, welcher jetzt kommandierte, obgleich König Philipp in diesem Feldzug selbst zugegen war, dem Prinzen von Savoyen mit gleicher Münze heim und trieb ihn von einem Posten zum andern, bis er sich entschloß, Italien ganz zu verlassen. Von dieser ganzen unvergleichlichen Armee, welche der Prinz Eugen nach Italien gebracht, dergleichen vortreffliche Truppen man kaum jemals dort gesehen, fanden viele Tausende ihr Grab in diesem Lande, bis das Glück Frankreich an andern Orten untreu wurde, und sie sich genötigt sahen dem Schicksal zu weichen, wie aus der Geschichte dieser Zeit zu ersehen ist. Zu Anfang des Juli 1702 gab der Herzog von Vendôme Befehl, die ganze Armee zusammenzuziehen, um die Stadt Mantua, die von den Kaiserlichen eingeschlossen war, zu entsetzen. Der staats- und weltkluge Prinz hatte dabei auch viel Glück gehabt und unsere Armee das Jahr vorher bei allen Gelegenheiten sehr in die Enge getrieben. Allein in diesem Jahre schien es, als wollte ihm sein bisheriges gutes Glück den Rücken kehren. Und da dieser Prinz Mantua den ganzen Winter über gesperrt hatte, so war der Herzog entschlossen diesen Ort zu entsetzen. Der Prinz Eugen aber war keineswegs imstande, die Aufhebung der Blockade zu verhindern. Er besaß im ganzen Lande nicht einen Ort, der vierzehn Tage lang eine fortwährende Belagerung aushalten konnte, und dies war ihm nicht unbekannt. Daher waren wir verwundert, als der Herzog von Vendôme ihm eine Schlacht anbot, die ganze kaiserliche Armee in Schlachtordnung erscheinen und im Begriffe zu sehen uns anzugreifen. Der Herzog nahm sofort an, denn er hatte tags zuvor Nachricht erhalten, daß drei kaiserliche Regimenter Kavallerie am Tessin postiert worden waren. Diese Regimenter anzugreifen wurde so geheim ausgeführt, daß sie sich ganz unversehens umringt sahen und in solcher Eile übereinanderstürzten, daß sie alle Ordnung verloren, viele getötet und noch mehr zu Kriegsgefangenen gemacht wurden, so daß die drei Regimenter gänzlich aufgerieben wurden. Dadurch erlitt der Prinz Eugen keine geringe Schlappe, da diese Regimenter zu den auserlesensten Truppen seiner ganzen Armee gehört hatten. Wir bekamen über 400 Gefangene nebst all ihrer Bagage wie auch 800 Pferde, was eine ansehnliche Beute war. Und ohne Zweifel wurden diese Truppen in der Schlacht, welche darauf folgte, nicht wenig vermißt. Wir nahmen alsbald eine so gute Aufstellung, daß der Prinz Eugen genötigt wurde, ganz andere Veranstaltungen zu treffen, wobei er auch noch den Nachteil hatte, daß unsere Armee der seinigen weit überlegen und besser postiert war. Wenn er noch einen halben Tag gewartet hätte, so würde er ein gut Teil besser daran gewesen sein. Allein der Hochmut des deutschen Feldherrn verließ sich auf die Vortrefflichkeit seiner Truppen mehr als klug war. Nachdem der Feind ohne sonderlichen Vorteil mit Kanonen auf uns losgefeuert hatte, griff sein rechter Flügel, der von dem Prinzen von Commercy kommandiert wurde, unsern linken mit großer Heftigkeit an. Unsere Leute empfingen sie so nachdrücklich und begegneten einander so scharf, daß sie wenig ausrichten konnten. Und weil zu ihrem großen Unglück der Prinz Commercy bei dem ersten Angriff getötet wurde, so gerieten die Regimenter aus Mangel an gehöriger Führung und vor Schrecken über den Tod ihres Generals in Unordnung und eine ganze Brigade wurde gänzlich auseinandergesprengt. Allein die Bataillone schlossen und vereinigten sich wieder und gingen zum andern Male tapfer auf uns los. Und weil sie durch neue Truppen von der Hauptarmee verstärkt wurden, so bekamen unsere Leute wiederum ihr Teil und wurden bis zu einem Kanal zurückgetrieben. Bei diesem Angriff fiel der Marquis de Crequi, der unsern rechten Flügel befehligte. Dies war ein harter Verlust, der dem Tode des Prinzen de Commercy auf seiten der Deutschen völlig gleichkam. Nachdem die deutschen Truppen durch die Geschicklichkeit ihres Generals wieder vereinigt und durch drei kaiserliche Regimenter zu Fuß unterstützt worden waren, fielen sie uns aufs neue mit solcher Wut an, daß ihnen nichts widerstehen konnte. Hierbei wurden auch zwei Bataillone unseres irländischen Regimentes in Unordnung gebracht, und hier hatte ich auch selbst das Unglück, einen Musketenschuß zu bekommen, wodurch mir mein linker Arm gebrochen wurde. Jedoch war dies noch nicht alles: ich wurde von einem deutschen Soldaten, der ein Riese war, zu Boden geschlagen, und da er mich für tot hielt, setzte er seinen Fuß auf mich, wurde aber in diesem Augenblicke von einem unserer Leute erschossen, so daß er auf mich fiel. Das Gewicht dieses Kerls, das beinahe so viel wie ein Pferd ausmachte, preßte mich dermaßen zusammen, daß ich mich weder regen noch bewegen konnte. Unsere Leute wurden von dem Orte, wo ich lag, weiter zurückgeschlagen, und ich war also den Händen der Feinde überlassen, aber erst am nächsten Morgen wurde ich gefunden, als eine Kolonne mit Feldscherern ausgesandt wurde, um nach den Verwundeten zu sehen; ich war unter der Last des schweren Deutschen beinahe zerquetscht worden. Jedoch muß ich zu ihrem Lobe sagen, daß sie mich mit großer Freundlichkeit behandelten, und die Feldscherer renkten mir meinen Arm mit großer Geschicklichkeit wieder ein. Und nach vier bis fünf Tagen bekam ich auf meine Ehrenversicherung, nach Parma zu gehen, die Freiheit. Beide Armeen fochten bis in die sinkende Nacht hinein, so daß man einander nicht mehr erkennen konnte und nicht wußte, wer Freund oder Feind war. Daher ließ das Feuern bald nach, und man kann mit gutem Recht sagen, nur die stockfinstere Nacht hat die Kämpfenden voneinander zu scheiden vermocht. Soviel ist gewiß, daß in diesem Treffen mit der größten Hartnäckigkeit und Tapferkeit gefochten worden ist, und wenn der Tag ausgereicht hätte, so würden unfehlbar noch viele tausend Mann von beiden Seiten auf der Wahlstatt geblieben sein. Beide Parteien wollten sich den Sieg zuschreiben, und beide suchten ihre erlittenen Verluste soviel als möglich voreinander zu verhehlen. Was die Deutschen einigermaßen dazu berechtigte sich den Sieg beizumessen, war, daß sie unsern linken Flügel gezwungen hatten, bis an den Kanal zurückzuweichen, und ihn bis an die Ufer des Po gedrängt hatten. Allein dieser Rückzug war für die Unsrigen sogar ein Vorteil. Sie feuerten von da in den dicksten Haufen der Feinde hinein und konnten auf keine Weise von ihrem Platze vertrieben werden. Hingegen war der beste Grund, daß sich die französische Armee den Sieg zuschreiben konnte, daß sie zwei Tage nach diesem Treffen, Cuastaglia gleichsam angesichts der ganzen deutschen Armee stürmen und die Besatzung nötigen konnte sich zu ergeben. Da nun diese Besatzung über 1500 Mann betrug, so war dies ein großer Verlust für die Deutschen und dennoch machte der Prinz Eugen keine Miene diesen Ort zu entsetzen. Mein Feldzug war nun zu Ende, und obgleich ich einen lahmen Arm davongetragen, so konnte ich doch noch weit mehr von Glück sagen als viele andere wackere Offiziere. Denn es wurden in diesem Treffen über 400 Offiziere von den Unsrigen verwundet oder getötet, darunter auch drei Generale. Ich hatte wie bereits erwähnt wurde, Erlaubnis bekommen, nach Parma zu gehen, wo ich blieb, bis meine Wunde und mein gebrochener Arm geheilt waren, was ungefähr vierzehn Tage dauerte, worauf ich mich verpflichtet fühlte, mich bei dem kommandierenden General wieder zu melden. Ich wurde nebst verschiedenen anderen Kriegsgefangenen in das Mailändische gesandt, um bis zu unserer Auswechslung dort in Verwahrung behalten zu werden. Hierbei fügte es sich, daß ich mich über acht Monate in der Stadt Trient aufhielt. Der Wirt, in dessen Haufe ich Quartier hatte, erwies mir die größte Höflichkeit und trug eifrig Sorge um mich, so daß ich recht behaglich lebte. Hier fing ich in aller Harmlosigkeit mit seiner Tochter einen unschuldigen Verkehr an, dessen Folgen ich mir vorher nie hätte träumen lassen. Ich weiß nicht, durch welches über mir schwebende Verhängnis ich mich hernach bestimmen ließ sie zu heiraten, aber es war dies von meiner Seite ein großer Beweis meiner Redlichkeit, denn ich muß gestehen, ich hatte mich niemals durch irgend etwas ihr gegenüber dazu verpflichtet gefühlt. Aber das Mädchen war zu listig für mich. Denn sie fand Mittel und Wege, mir ein wenig mehr Wein, als ich zu trinken gewohnt war, beizubringen, und obwohl es mir nicht gerade den Verstand verwirrte, daß ich nicht gewußt hätte, was ich tat, so machte es mich doch außerordentlich aufgeräumt, daß ich in die Heirat einwilligte. Durch diese Unklugheit zog ich mir viel Ärgernis und Verdrießlichkeit zu. Denn ich wußte nicht, was ich mit dieser Bürde, die ich mir selbst aufgeladen, anfangen sollte. Denn bei ihr bleiben konnte ich nicht, und sie mit mir nehmen konnte ich auch nicht. Die Zeit rückte heran, daß ich auf freien Fuß gesetzt wurde und also verpflichtet war, mich bei meinem Regiment, das damals im Mailändischen stand, einzufinden. Darauf erhielt ich Urlaub nach Paris zu gehen, und zwar unter dem Versprechen, einige Rekruten für die irländischen Regimenter dort anzuwerben. Nachdem ich also Urlaub erhalten, ließ ich mir von der feindlichen Armee einen Paß nach Trient geben. Ich kam nun nach einem langen Umweg endlich wieder dahin zurück, packte meine Siebensachen zusammen und zog mit Weib und allem, was ich hatte, durch Tirol nach Bayern und von da weiter durch Schwaben und den Schwarzwald ins Elsaß, von da nach Lothringen und endlich nach Paris. Ich hatte nun ein heimliches Verlangen, dem Soldatenstande Lebewohl zu sagen. Denn ich hatte das Schlagen und Kämpfen, das Fechten und Raufen, das Morden und Totschlagen recht satt. Allein es würde für etwas Schimpfliches angesehen worden sein abzudanken, während sich die Armee noch im Felde befand, und ich wußte nicht, wie ich mit Ehren davonkommen sollte. Es ereignete sich aber ein Zufall, der dazwischen kam und mir dies ganz leicht machte. Der Krieg zwischen Frankreich, England und Holland wurde jetzt wieder erneuert, wie er im Anfang gewesen, und da der König von Frankreich keine andere Absicht hatte, als den Engländern Abbruch zu tun, rüstete er ein starkes Geschwader zu Dünkirchen aus, an dessen Bord er ein Korps Truppen von ungefähr 6500 Mann einschiffte. Der neue König, wie wir ihn nannten, obwohl er allgemein nur Ritter St. Georg tituliert wurde, schiffte mit ihnen ein, und es ging nun geradewegs auf Schottland zu. Ich wurde von dem Ritter sehr gut aufgenommen. Und da er erfahren, daß ich ein Offizier gewesen und in Italien gedient hätte, auch ein guter alter Soldat wäre, so brachte ihm dies eine noch bessere Meinung von mir bei, so daß er mir sehr viel Ehre erwies, obwohl ich damals weder seiner Person noch der Sache, die er führte, besonders ergeben war. Allein ich bekümmerte mich nicht viel darum, ob es eine gerechte oder ungerechte Sache war. Es wird der Erzählung meiner Geschichte wenig zu statten kommen, ob ich von diesem fruchtlos verlaufenen Feldzuge berichte oder nicht. Nur das kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen, daß mir von der englischen Flotte, die der französischen Macht weit überlegen war, so scharf und hitzig verfolgt wurden, daß ich wohl sagen kann, ich bin ihren Händen entronnen und der Gefahr aufgeknüpft zu werden mit genauer Not entgangen. Darauf nahm ich höflichen Abschied von dem Ritter und der ganzen Armee und machte mich in aller Eile nach Paris auf den Weg. Ich kam so unverhofft in Paris und in meiner Wohnung an, daß es mir in Anbetracht meiner Frau, mit der ich gar nicht recht zufrieden war, zu meinem Unglück gereichte. Denn ich fand, daß sie eine gewisse Gesellschaft zu ihrem Umgang gehabt hatte, die gerade nicht so beschaffen war, daß eine ehrliche Frau sich so gemein mit ihnen machen sollte. Und da ich aus eigener Erfahrung ihr Temperament kannte, so machte es mich sehr unruhig und eifersüchtig. Ich muß sogar gestehen, daß es mir sehr nahe ging, denn ich hatte viel Liebe und Achtung für sie gehegt, zumal ihre Aufführung, seit ich sie nach Frankreich gebracht hatte, überaus anständig gewesen war. Da sie aber etwas leichtsinnig veranlagt war, so war es ein schwierig Ding, sie in einer Stadt wie Paris, wo die Galanterie so zu Hause ist, von dergleichen Ausschweifungen abzuhalten. Es kränkte mich auch ein klein wenig, wenn ich bedachte, daß ich auch noch das Unglück haben sollte, draußen und daheim ein Hahnrei zu sein. Ich geriet zuweilen in eine solche Wut darüber, daß ich kaum meiner selbst mächtig war, wenn ich daran dachte. Tag und Nacht überlegte ich, was ich ihr antun und wie ich mich gegen den Schurken aufführen sollte, der mich aus dem Sattel gehoben und meine Ehre befleckt hatte. In meinen Gedanken beging ich mehr als einmal Mord und Todschlag. Denn der Satan plagte mich Tag und Nacht mit seinen Eingebungen, meine Frau umzubringen. Diesen abscheulichen Racheplan nährte dieser geschworene Feind des Menschengeschlechts durch Erweckung grimmiger Gedanken in mir und durch Entzündung meiner Wut, sobald nur das Wort Hahnrei fiel, so sehr, daß ich nicht einmal mehr mit mir zu Rate ging, sondern es für eine ausgemachte Sache hielt, daß ich sie ermorden müßte. Daher waren meine Gedanken nur darauf gerichtet, wie ich es mit guter Manier nur ausführen und mich hernach zu rechter Zeit unsichtbar machen könnte. Indes ich hatte keinen genügenden Beweis, daß sie der Untreue schuldig war. Auch hatte ich es ihr noch nicht vorgehalten oder sie merken lassen, daß ich sie im Verdacht hatte, so daß sie aus meinem Verhalten oder meinem veränderten Benehmen hätte schließen können, daß mich etwas bekümmerte, und so empfing sie mich denn auch sehr liebenswürdig und zeigte sich überaus froh über meine Rückkehr. Ich fand auch nicht, daß sie während meiner Abwesenheit sehr verschwenderisch in ihren Ausgaben gewesen war. Aber da sie mit dem Gelde, das ich ihr zurückgelassen hatte, so wohl hausgehalten hatte, so faßte ich in meiner krankhaften Einbildung die Meinung, daß sie von andern erhalten worden und deshalb nicht nötig gehabt hätte viel auszugeben. Ich muß gestehen, daß sie mit mir einen harten Strauß auszustehen hatte, trotzdem sie sich ehrlich verhalten hatte: denn da mir der Kopf einmal mit ihrer Treulosigkeit beschwert war, so würde ich gesagt haben, wenn sie verschwenderisch gewirtschaftet hätte, sie hätte es mit ihren Galanen vergeudet. Da sie sich aber der Sparsamkeit beflissen hatte, so sagte ich, sie sei von andern erhalten worden. An solcher krankhaften Einbildung litt ich schon, daß ich mich für beschimpft hielt, und nichts imstande war, mir dies bei Tag und bei Nacht aus dem Sinn zu bringen. Indes war nichts öffentlich zwischen uns erwähnt worden, allein ich war meiner so vollkommen sicher, daß es keines Beweises für mich bedurfte, und ich sah jeden, der sich ihr näherte oder mit ihr redete, mit schelen Augen an. Es wohnte ein Offizier der Gardes du Corps bei uns im Hause, der ein Marquis und ein sehr tugendhafter Kavalier war. Da begab es sich einmal, als ich in dem Zimmer saß, das an das meiner Frau stieß, daß dieser Edelmann in die Stube trat, was er als Hausgenosse ohne Verletzung des Anstandes tun konnte. Da er nicht wußte, daß ich nebenan war, setzte er sich neben meine Frau und redete mit ihr. Ich hörte alles, was sie sagten. Denn die Tür zwischen uns war offen. Ich kann nicht sagen, daß etwas anderes zwischen ihnen geredet wurde, als sonst üblich war, denn sie redeten von gleichgültigen allgemeinen Dingen und auch von einem Mädchen, einer Bürgerstochter von 19 Jahren, die sich eine Woche vorher mit einem Advokaten, der sehr reich, aber über 63 Jahre alt war, verheiratet hatte, desgleichen von einer reichen und vornehmen Witwe zu Paris, die ihres verstorbenen Ehemannes Kammerdiener geheiratet hatte, und von solchen allgemeinen Begebenheiten mehr, so daß ich diesmal nichts Verdächtiges herausfinden konnte. Allein ich hatte den Kopf mit eifersüchtigen Gedanken voll und mein Blut kam in Wallung. Ich bildete mir ein, er nähme sich zuviel Freiheit gegen meine Frau heraus, und sie zeigte sich allzu vertraulich gegen ihn. Daher war ich etliche Male auf dem Sprunge, hineinzustürmen und ihnen beiden vor die Augen zu treten. Allein ich bezwang mich noch. Endlich machte er die etwas scherzende Bemerkung, daß das junge Mädchen ihre Jungfernschaft recht verschleudert hätte, indem sie selbige solch altem Manne schenkte. Auch dies war nichts Unziemliches, allein da ich bereits in Flammen stand, konnte ich es nicht länger mehr aushalten, fuhr auf und kam in die Stube hinein. Ich nahm meine Frau bei ihren eigenen Worten und sprach: Sagtet ihr dies, Madame, war er zu alt für sie? Wobei ich dem Offizier einen Blick zuwarf, der meines Trachtens nicht anders sein mochte, als das Gesicht an dem Hauszeichen »Ochs und Maul«, das über die Straße hinausging. Der Marquis als ein Herr, der auf Ehre hielt und dabei Mut besaß, nahm es auf, wie ich es meinte, und folgte mir im Augenblicke auf die Straße nach. Darauf stand ich still und er trat zu mir heran und sagte: Mein Herr, unsere Verhältnisse sind recht unglücklich in Frankreich, wo wir uns, ohne uns der größten Gefahr auszusetzen, nicht selbst Recht verschaffen können, aber es mag daraus entstehen was da will, ihr müßt euch jetzt eures Betragens wegen gegen mich deutlicher erklären. Meine Hitze hatte sich in diesem Augenblicke schon etwas gelegt und ich sah wohl ein, daß ich ihn beleidigt hatte, deshalb sagte ich ihm ganz frei heraus: Mein Herr, ihr seid ein Kavalier, den ich gar wohl kenne, und ich versichere euch, daß ich eine große Hochachtung für euch empfinde. Allein die Aufführung meiner Frau hat mich beunruhigt, und ich glaube, ihr hättet an meiner Stelle nicht anders gehandelt. Es tut mir leid, sprach er, daß zwischen euch und eurer Frau Mißhelligkeiten bestehen, allein das geht mich wenig an. Könnt ihr mich beschuldigen, daß ich mich irgendwie unehrerbietig gegen sie benommen habe, außer daß ich diese Worte – er wiederholte sie – zu ihr sagte, und da ich wußte, daß ihr im Nebenzimmer waret und jedes Wort hören konntet, da die Tür weit offen stand, so glaubte ich, eine unschuldige Redensart könne von niemandem schief ausgelegt werden. Ich kann mir die Redensart nicht anders als unpassend auslegen, sprach ich, weil meines Erachtens dadurch eine nähere Vertraulichkeit angedeutet wurde, als ein ehrliebender Mann vertragen kann. Jedoch, mein Herr, ich redete doch nur mit meiner Frau und sagte nichts zu euch, sondern zog nur meinen Hut im Vorbeigehen vor euch ab. Ja, sprach er, und mir einen Blick voller Wut zuwerfend! Sind in solchen Fällen Blicke etwa keine Worte? Ich weiß hierauf nichts zu sagen, versetzte ich, denn ich kann mein eigenes Angesicht nicht sehen. Meine Wut aber, wie ihr es nennt, war gegen meine Frau und nicht gegen euch gerichtet. Aber höret doch, mein Herr, sprach er, indem er hitziger wurde, je mehr ich anfing gelassener zu werden, euer Zorn gegen eure Frau rührte von dem Gespräch her, das ich mit ihr führte, und ich denke, das geht mich auch an, so daß ich es mir unmöglich gefallen lassen kann. So denke ich nicht, mein Herr, sprach ich, ich würde mich auch nicht mit euch gezankt haben, wenn ich euch mit meiner Frau im Bette angetroffen hätte. Denn wenn euch meine Frau bei sich schlafen lassen will, so ist sie es, die mich beleidigt, was habt ihr damit zu tun? Ihr könntet nicht bei ihr schlafen, wenn sie nicht Lust dazu hätte. Da sie sich aber mit Absicht wie eine Hure aufführt, so muß ich sie strafen, mit euch aber will ich mich darüber nicht zanken. Ich würde dann bei eurer Frau schlafen, alsdann gleicht es sich wieder zwischen uns aus. Ich sagte dies alles in der guten Absicht und in der Meinung ihn zu besänftigen. Es wollte aber nichts bei ihm verfangen, sondern er verlangte, daß ich ihm Genugtuung geben sollte. Ich sagte ihm, ich wäre ein Fremder in diesem Lande und würde vom Gericht wenig Gnade zu erwarten haben. Es wäre meine Sache nicht, mich mit jemandem zu schlagen und mich an ihm zu rächen, weil er mit meiner Frau gesellschaftlich verkehrt, sondern die Beschimpfung wäre auf meiner Seite, weil ich es mit einer ungetreuen Frau zu tun hätte. Überdies hielte ich mich keineswegs für genötigt, selbst als der beleidigte Teil, wenn jemand den Weg in mein Ehebett gefunden hätte, gegen den, der mich verunehrt hat, mein Leben aufs Spiel zu setzen. Es wollte aber bei diesem Marquis nichts helfen: ich hätte ihn beschimpft, so daß ihm auf keine andere Art als mit der Spitze des Degens Genüge geschehen könnte. Wir hätten aber müssen nach Lisle in Flandern gehen, um uns zu schlagen. Ich war nun Soldat genug, daß ich mich nicht scheute, mich einem im Kampfe gegenüberzustellen. Und da mich der Zorn gegen meine Frau beherzt machte, so ließ er ein Wort fallen, worüber mir alle Geduld verging, indem er von dem Mißtrauen sprach, das ich gegen sie hegte: wenn ich nicht recht gut unterrichtet darüber wäre, so sollte ich doch keinen so ungerechten Verdacht gegen meine Frau hegen. Ich sagte ihm darauf, wenn ich darüber genau unterrichtet wäre, so würde ich keinen Argwohn mehr haben. Er versetzte, wenn er der Glückliche wäre, der soviel Gunst von ihr genossen hätte, so wollte er Sorge tragen, meinen Argwohn zu zerstreuen. Ich gab ihm hierauf eine so grobe Antwort, wie er nur verlangen konnte, und er versetzte darauf auf französisch: Zu Lisle wollen wir weiter darüber reden. Ich gab ihm zu erkennen, daß ich nicht einsähe, warum wir erst nach Lisle gehen müßten, um diesen Streit beizulegen, denn da ich nun wohl spürte, daß er der sei, den ich suchte, so wollten wir auf der Stelle die Sache berichtigen. Wer das Glück hätte, den andern über den Haufen zu stoßen, könne hernach immer noch nach Lisle entfliehen. Also stritten wir miteinander und sagten uns recht derb die Wahrheit, jedoch auf eine artige Manier, bis wir von den Vorstädten zu Paris hinweg auf den Weg nach Charenton gelangten. Da wir niemand gewahr wurden, sagte ich zu ihm: Unter jenen Bäumen dort ist ein geeigneter Platz für uns! worauf wir hingingen und uns sogleich gegenüber aufstellten. Nach etlichen Finten tat er einen derben Stoß nach mir, stach mich in den Arm und brachte mir eine ziemlich lange große Wunde bei, erhielt aber zu gleicher Zeit die Spitze meines Degens in den Leib, daß er bald darauf zu Boden fiel. Er sagte noch einige Worte, ehe er zu Boden fiel. Erstlich sagte er, ich hätte ihn getötet, alsdann setzte er hinzu, er hätte mich auch wirklich beleidigt, und da er dessen gewiß war, hätte er mich auch nicht herausfordern sollen. Er hieß mich nur augenblicklich aus dem Staube zu machen. Ich tat es auch, aber nicht weiter als bis in die Stadt, weil uns nach meiner Meinung niemand zusammen gesehen hatte. Am Nachmittage, sechs Stunden nach dem Zweikampf, kamen Boten und brachten einer nach dem andern die Nachricht: der Marquis wäre tödlich verwundet und in Charenton in ein Haus gebracht worden. Die Nachricht, daß er nicht tot sei, erschreckte mich einigermaßen, weil ich nicht zweifelte, er würde in der Meinung, daß ich geflohen sei, gestehen, wer es gewesen sei. Dessenungeachtet ließ ich von meiner Bekümmernis nichts merken, sondern ging hinauf in meine Kammer und nahm aus einem Kästchen das Geld heraus, welches gerade soviel war, wie mir zu meiner Reise nötig schien. Nachdem ich mich damit versorgt hatte, verschaffte ich mir auch ein Pferd für meinen Diener, denn ich war bereits mit einem sehr trefflichen versehen, ging noch einmal nach Hause, wo ich es aufs neue bestätigt hörte, daß der Marquis noch am Leben sei. Meine Frau wußte ihren Kummer um ihn so gut zu verbergen, daß sie mir keine Gelegenheit zu einer Bemerkung darüber gab. Sie sah offenbar aus meinem Benehmen die Zeichen der Wut und des Argwohns, und da sie merkte, daß ich Anstalten zur Abreise machte, sagte sie zu mir: Will du aus der Stadt fortreisen? Jawohl, liebe Frau, sagte ich, damit du in Ruhe deinen Marquis betrauern kannst, worüber sie stutzte und wirklich in einen grausamen Schrecken geriet, tausend Kreuze vor sich hin schlug, und nachdem sie die heilige Jungfrau mit allen Heiligen viele Male angerufen hatte, brach sie endlich in diese Worte aus: Ist es also wahr, du bist der Mann, der den Marquis erstochen hat? Nun ist es um dich und mich geschehen. Du magst durch den Tod des Marquis zwar einen großen Verlust erleiden, versetzte ich, ich aber will meinerseits Sorge tragen, so wenig Verlust und Einbuße wie nur möglich durch dich zu erleiden. Genug, daß der Marquis so ehrlich gewesen ist, deine Schuld einzugestehen, also sind wir beide geschiedene Leute. Sie wollte sich mir in die Arme werfen und beteuerte ihre Unschuld aufs höchste und versicherte mir, sie wollte mit mir fliehen und mich mit solchen Beweisen von ihrer Treue überzeugen, daß ich zufrieden sein könnte. Allein ich stieß sie mit Gewalt von mir und sagte: Geh, pack dich fort! du Ehrlose! Überhebe mich der Mühe, damit ich mich nicht, wenn ich länger verweile, genötigt sehe, dich dahin zu senden, wo du deinem geliebten Marquis Gesellschaft leisten kannst. Ich stieß sie mit solcher Kraft fort, daß sie rückwärts auf die Erde fiel und jämmerlich zu schreien anfing, wozu sie denn auch wohl große Ursache hatte, da sie gewiß rechten Schaden genommen hatte. Es tat mir selbst weh, daß ich sie mit solcher Gewalt hingestoßen hatte. Allein man muß mich nun als einen Mann ansehen, der nicht mehr ganz bei Sinnen war sondern überaus wütend und grimmig. Ich hob sie wieder vom Boden auf und legte sie aufs, Bett, rief ihre Magd herauf und befahl ihr, für sie zu sorgen. Kurz darauf ging ich zur Tür hinaus, setzte mich zu Pferde und ritt, so schnell als ich konnte, davon, aber nicht nach Calais oder Dünkirchen, noch nach Flandern, weil man sicherlich annehmen würde, daß ich meine Flucht dahin genommen hätte, sondern nahm den geraden Weg nach Lothringen, und da ich die ganze Nacht sehr schnell zuritt, so erreichte ich am nächsten Abend Chalons und langte am dritten Tag glücklich in des Herzogs von Lothringen Herrschaft an, wo ich einen Tag Rast machte, um mir zu überlegen, wohin ich mich wenden sollte, denn es war überall sehr beschwerlich fortzukommen. Ich bekam aber zu Bar-le-Duc von einem Priester guten Rat, der von selber mutmaßte, obwohl ich ihm meine näheren Umstände nicht erzählte, worin die Sache bestünde, zumal es, wie er sagte, etwas ganz Gewöhnliches wäre, daß Kavaliere, die sich in meiner Lage befänden, diesen Weg zu ihrer Flucht erwählten. Auf diese Mutmaßung hin verschaffte mir der gütige Pater einen Kirchenpaß, das heißt, er machte mich zum Speisemeister der Abtei und verschaffte mir als solchem einen freien Weg nach Zweibrücken, welches dem Könige von Schweden gehörte. Durch des Priesters Empfehlungsschreiben an einen Geistlichen in jenem Orte erlangte ich in des Königs von Schweden Namen einen Paß von da nach Köln, und dann war ich völlig sicher. Also nahm ich meinen Weg ohne alle Schwierigkeiten nach den Niederlanden und kam nach dem Haag, von da gelangte ich, wenn auch sehr geheim und unter allerhand Namen nach England. Und hiermit war ich meine italienische Frau, Hure wäre besser gesagt, los. Denn nachdem ich sie selbst dazu gemacht hatte, wie konnte ich wohl weiter anderes von ihr erwarten? Als ich in London angelangt war, schrieb ich an meinen Freund in Paris, datierte aber meinen Brief vom Haag, wohin ich ihn seine Antwort senden ließ. Die wichtigste Ursache, weshalb ich an ihn schrieb, war die, daß ich gern wissen wollte, ob mir nachgesetzt würde, und was er sonst Neues von mir und meiner Frau gehört hätte, besonders auch, wie es dem Marquis ginge. Ich erhielt in wenigen Tagen die Antwort: Was den Marquis betrifft, so ist er zwar nicht tot, allein ihr habt ihn, schrieb er, auf eine andere Weise ums Leben gebracht. Denn er hat seine Stelle in der Garde verloren, die ihm jährlich 20000 Livres einbrachte, überdies wird er noch in der Bastille in festem Gewahrsam gehalten. Man hätte mir auch nachgesetzt auf der Straße nach Dünkirchen und Flandern, weil man mich aber auf diesem Wege verfehlt, so habe man es aufgegeben mir noch weiter nachzufolgen. Im übrigen wäre der Marquis viel zu gescheit gewesen, als daß er gestanden hätte, er habe sich im Zweikampfe mit mir geschlagen, sondern er habe vorgegeben, er wäre auf der Straße angegriffen worden, und wenn sie mich nicht kriegten, so wollte er sich wohl einem Verhör unterziehen und aus Mangel an Beweisen leicht davonkommen. Meine Flucht wäre in der Tat ein Umstand gewesen, der gegen ihn gesprochen hätte, weil ruchbar geworden wäre, daß wir an demselben Tage einige Worte gewechselt hätten und wir miteinander gesehen worden wären. Wenn aber auf beiden Seiten nichts zu beweisen wäre, so würde er mit dem Verlust seiner Stellung davonkommen, den er, weil er Geld genug hätte, wohl verwinden könnte. Was meine Frau beträfe, schrieb er mir, so wäre sie nicht zu trösten und hätte sich schon halbtot geweint, ob es aber meinetwegen oder wegen des Marquis geschähe, wage er nicht zu entscheiden. Er meldete mir gleichfalls, daß sie sich in sehr schlechten Verhältnissen und ganz am Ende befände, daß, wenn ich nicht einige Sorge für sie trüge, sie in die äußerste Not geraten würde. Der letzte Umstand dieser Nachricht bewegte mich tief. Denn ich meinte, es mochte sein wie es wolle, ich dürfte sie doch nicht Hungers sterben lassen. Überdies sei die Armut eine so schwere Versuchung, welcher ein so schwaches Werkzeug nicht leicht widerstehen könne. Daher dürfte ich nicht die Veranlassung geben, sie in solche Not zu versetzen, die sie zu einem Laster verleiten könne, wenn ich es verhüten könnte. Hierauf schrieb ich wieder an ihn, er möchte hingehen und mit ihr reden, auch sich nach ihren Verhältnissen genau erkundigen, und wenn er sehen würde, daß sie wirklich Mangel litte und dabei kein liederliches Leben führte, so sollte er ihr 20 Pistolen geben und ihr mitteilen, wenn sie zurückgezogen und ehrlich leben wollte, so sollte sie jährlich so viel bekommen, daß sie zu ihrem Lebensunterhalt genug hätte. Sie nahm die ersten 20 Pistolen, ließ mir aber durch ihn melden, daß ich ihr Unrecht getan und sie fälschlich beschuldigt hätte, daher ich ihr vor allem Gerechtigkeit widerfahren lassen sollte. Ich hätte sie durch öffentliche Beschimpfung ins Verderben gestürzt, da ich doch keinen Beweis meiner Beschuldigung noch den geringsten Grund zum Argwohn gehabt hätte. Was die 20 Pistolen beträfe, so wäre das ein sehr geringer Unterhalt für eine Frau, die in der ganzen Welt mit mir herumgereist wäre, und dergleichen mehr, wodurch sie es so weit brachte, daß sie jährlich 40 Pistolen von mir erhielt. Allein sie machte mir nicht die Mühe, ihr dies Geld länger als ein Jahr zu bezahlen. Denn der Marquis wurde hernach so zärtlich in sie verliebt, daß er sie zu sich nahm, und wie mir mein Freund schrieb, ihr jährlich 400 Kronen aussetzte, so daß ich hernach nichts wieder von ihr hörte. Ich befand mich nun in London, war aber genötigt, mich sehr zurückgezogen zu halten und meinen Namen zu verändern, außerdem ließ ich keinen Menschen in England wissen, wer ich wäre, außer meinen Geschäftsfreund, durch welchen ich mit meinen Leuten in Virginia, besonders mit meinem Hofmeister, der nun der erste Verwalter meiner Geschäfte geworden war und sich nun selbst in sehr guten Verhältnissen befand, korrespondierte. Derselbe machte sich recht wohl verdient um mich und tat alles, was er nur konnte. Denn ich hatte sowohl den allertreuesten Freund als den allerergebensten Diener an ihm, den jemals ein Mensch, wenigstens in diesem Lande, gehabt hat. Bei dem zurückgezogenen einsamen Leben, das ich nun führte, war ich nun gerade nicht der allervergnügteste Mensch von der Welt und erfuhr die Wahrheit der Worte der heiligen Schrift in der Tat: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Denn ich war ungemein schwermütig und wußte nicht, was ich mit mir anfangen sollte, besonders da ich unter einem Zwange stand, daß ich mich nicht auszugehen getraute. Endlich nahm ich mir vor, wieder nach Virginia zu gehen und dort mein Leben so einsam als möglich zu beenden. Wenn ich es aber genauer erwog, so konnte ich mich doch nicht dazu entschließen, ein stilles Leben zu führen. Ich hatte auf meinen Reisen die Welt kennen gelernt und allerhand Kenntnisse erworben: mich verlangte, diese noch zu vermehren, zumal ich ein ungemeines Vergnügen daran fand. Obgleich ich nichts mehr mit der Armee oder dem Kriege zu tun hatte, und auch nicht gesonnen war, mich wieder damit zu befassen, so hätte ich doch unmöglich in der Welt leben können ohne zu erfahren, was vorginge. Am allerwenigsten konnte ich mir vorstellen, wie ich in Virginia vergnügt leben könnte, wo ich etwa alle zwei Jahre erst Nachricht bekäme, oder die öffentlichen Zeitungen lesen würde von Dingen, die schon Jahre vorher vorgefallen waren. Ich hatte niemanden zu erhalten als mich selbst, und meine Plantagen in Virginia warfen mir das Jahr über 400–600 Pfund Sterling, ja in einem Jahr sogar über 700 Pfund ab, aber selbst dahin zu gehen, schien mir wie lebendig begraben zu sein. Also gab ich diesen Plan auf und beschloß, mich in England irgendwo festzusetzen, wo ich jedermann kannte, mich aber niemand. Ich überlegte nicht lange, wo ich mich niederlassen sollte, denn da ich überaus gut Französisch redete, weil ich mich viele Jahre unter den Franzosen aufgehalten hatte, fiel es mir nicht schwer, für einen Franzosen zu gelten. Ich begab mich nach Canterbury, gab mich unter den Franzosen für einen Engländer und unter den Engländern für einen Franzosen aus. So lebte ich hier vollkommen unbekannt. Ich ließ mich mit gemeinen Leuten ins Gespräch ein, redete mit den Wallonen französisch und mit den Engländern englisch, lebte im übrigen zurückgezogen und war bei jedermann wohl gelitten. Da ich mich um niemandes Geschäfte bekümmerte, so bekümmerte man sich auch nicht um die meinigen; ich hatte also Grund mich ganz wohl zu fühlen. Indes konnte ich aber des Lebens nicht so recht froh werden. Ich liebte einen ordentlichen Haushalt mit einer Familie, hatte ja auch schon zweimal den Versuch gemacht, aber kein Glück dabei gehabt. Trotzdem ließ ich mich nicht abschrecken und entschloß mich wieder zu heiraten. Ich sah mich daher nach einer passenden Frau um, traf aber immer etwas dabei an, was mir mißfiel, bis ich endlich eines Edelmanns Fräulein fand, die mir zusagte. Ich bekam aber einen Korb von ihr, so daß mir die Heiratsgedanken vergingen. Zwar konnte ich mich wohl bei dieser Werbung als einen Liebhaber und Freiersmann betrachten, zumal ich mir des jungen Fräuleins Gunst in großem Maße erworben hatte, allein der Vater machte es mir so schwer, machte so viele Einwendungen, heute war ihm dieses, morgen jenes nicht recht, und war so unbeständig in seinem Sinn, daß er nicht zwei Tage lang einer Meinung bleiben konnte. Daher gaben wir es endlich auf, denn sie wollte ohne ihres Vaters Einwilligung nicht heiraten, ich sie nicht wie ein Dieb in der Nacht auf verstohlene Weise entführen, also hatte diese Freite ein Ende. Ich kann nicht leugnen, daß mir diese zurückgegangene Heirat ziemlichen Verdruß verursachte. Darum verließ ich Canterbury und fuhr in der Postkutsche wieder nach London. In der Kutsche war nun auch eine junge Frau nebst ihrer Magd, die einen sehr traurigen Eindruck machte. Denn sie seufzte den ganzen Weg und vergoß häufig Tränen, so oft ihre Magd mit ihr redete. Ich versuchte ihr einigen Trost zuzusprechen und wollte nach der Ursache ihrer Trauer fragen, aber sie wollte nicht ein Wort antworten, ihre Magd aber sagte endlich, ebenfalls unter heftigem Weinen, daß ihr Herr gestorben sei, bei welchen Worten die junge Frau wieder einen ganzen Strom von Tränen vergoß, so daß ich diesen ganzen Morgen von der Frau und Magd nichts weiter herausbringen konnte. Als wir in einen Gasthof kamen, wo wir zu Mittag speisen wollten, bot ich der Dame an, falls sie nicht gern in Gesellschaft sein wollte, mit ihr in einer besonderen Stube zu speisen. Denn die übrige Gesellschaft bestand aus lauter Fremden. Die Magd dankte mir im Namen ihrer Frau, setzte aber hinzu, die Frau könne nichts essen und wünschte nichts weiter als allein zu sein. Ich ließ mich mit der Magd in ein Gespräch ein und erfuhr endlich soviel, daß ihre Herrin die Frau eines Schiffskapitäns gewesen sei, der nach Venedig hätte fahren wollen, er sei aber nicht weiter als bis zu den Dünen gekommen, dann sei er krank geworden und wäre nach einer zehntägigen Krankheit zu Deal verschieden. Als seine Frau von seiner Krankheit gehört, hätte sie sich nach Deal begeben, um ihn zu pflegen, wäre aber gerade noch zurecht gekommen, ihn sterben zu sehen. Und nun führe sie in einem so traurigen und trostlosen Zustande zurück nach London. Ich bedauerte diese artige junge Person von Herzen und drückte ihr auch dies in der Kutsche aus. Worauf sie aber keine Antwort gab, außer daß sie sich aus Höflichkeit dann und wann gegen mich neigte, dabei mir aber niemals die geringste Gelegenheit gab ihr Gesicht zu sehen, oder auch nur soviel zu erfahren, ob sie ein Gesicht hätte oder nicht, geschweige denn daß ich hätte wissen können, wie es gestaltet war. Es war zur Winterszeit, und die Kutsche kehrte zu Rochester ein und fuhr nicht, wie gewöhnlich im Sommer, in einem Tage bis London. Ehe wir nach Rochester kamen, sagte ich dieser Frau, daß sie meines Wissens den ganzen Tag noch nichts zu sich genommen habe und sie hierdurch ihrer Gesundheit Schaden zufügte, welches ihrem verstorbenen Mann wenig helfen würde, daher wollte ich sie gebeten haben, obwohl ich zwar nur ein Fremder wäre, sich doch nicht gar so heftig zu betrüben und dem Wohlanstand doch insofern zu Gefallen zu leben, daß wir als Reisende miteinander speisten. Sie verneigte sich gegen mich, gab aber keine Antwort, außer daß sie sich auf die Vorstellungen, die ich ihr machte, sehr höflich gegen mich erwies und endlich nur soviel sagte, daß sie mir dankte, sie könne aber nicht essen. Meine Dame, sprach ich, setzt euch nur mit her, vielleicht könnt ihr einen Bissen hinunterbringen, sonst werdet ihr euch auf diese Art das Leben verkürzen, gewiß werdet ihr krank werden! Sie neigte sich hierauf zweimal gegen mich und sah in die Höhe, welches das erstemal war, und sagte, mein Anerbieten wäre zwar so höflich, daß sie sich schämen müßte es abzuschlagen, ebenso wie sie sich schämen müsse es anzunehmen. Sie meinte, ich sei ihr nicht gänzlich fremd, denn sie hätte mich schon vorher gesehen. Sie wollte mein Anerbieten insofern annehmen, daß sie sich mit an den Tisch setzen wollte, weil ich es verlangte, sie könnte aber nicht versprechen, daß sie essen würde, und hoffte, ich würde das andere als einen Zwang ansehen, den sie sich selbst antun müßte. Sie machte mich ein wenig stutzig, als sie sagte, sie hätte mich schon früher gesehen. Denn ich konnte mich ihrer nicht im geringsten erinnern, ja nicht einmal ihren Namen jemals gehört zu haben. Denn ich hatte ihre Magd schon um ihren Namen gefragt. Jetzt reute mich mein Interesse ein wenig, denn es war mir aus mancherlei Ursache darum zu tun, nicht erkannt zu werden. Allein ich konnte nun nicht wieder zurück. Überdies schien es mir nötig zu sein, wenn man mich kannte, daß ich wüßte, wer es sei. Also fuhr ich in meiner angefangenen Höflichkeit fort. Wir gelangten zu dem Gasthofe, als es eben dunkel wurde. Ich bot meiner Witwe die Hand, um sie aus der Kutsche zu heben, und sie konnte es nicht ablehnen. Aber obwohl ihr Schleier damals nicht sehr über ihr Gesicht hing, so war es doch schon so finster, daß ich wenig davon sehen konnte. Ich begleitete sie bis an die Treppe und führte sie bis an die Stufen eines Speisezimmers, welches uns der Wirt zeigte, daß sich nämlich die ganze Gesellschaft dahin begeben möchte. Allein sie wollte nicht dort hinein, sondern verlangte gleich auf ihr Zimmer zu gehen. Also brachte ich sie bis an ihre Tür, beurlaubte mich und sagte ihr, ich würde sie zu der Abendmahlzeit erwarten. Um sie einigermaßen gut zu bewirten, ließ ich auftragen, was die Küche hergeben wollte, welches in ein Paar Rebhühnern und einem sehr guten Gericht wohlzubereiteter Austern bestand. Sie brachten uns auch noch Rindszungen und Schinken herauf, wir aßen aber nicht mehr davon, weil wir an dem andern schon genug hatten; die Magd aß die Austern, die wir übrig gelassen hatten, was auch genug war. Ich erwähne dies hier nur, damit es nicht den Anschein haben möchte, ich hätte die Person traktieren wollen, um mir ihre Liebe zu erwerben. Denn das war mir nicht in den Sinn gekommen, ich tat es nur aus Mitleid gegen die arme Frau, die ich in einem Zustande sah, der in der Tat sehr unglücklich war. Als ich ihrer Magd anzeigte, daß das Abendessen bereit sei, holte sie ihre Herrin und kam mit einem Licht in der Hand mit ihr herein, und da sah ich denn das erstemal ihr Gesicht, weil sie weder Schleier noch eine andere Hülle auf ihrem Kopf hatte. Da mußte ich denn in der Tat erstaunen, als ich eins der schönsten Antlitze auf Erden erblickte. Ich empfing sie und führte sie an das Feuer, weil es sehr kalt war und der Tisch sehr weit vom Feuer ab stand. Sie war nun sehr gesellig, aber sehr ernsthaft, und seufzte öfters in Erinnerung an ihre traurigen Umstände, sie wußte aber ihre Traurigkeit sehr artig zu mäßigen. Ich führte allerlei Gespräche über unterschiedliche Gegenstände mit ihr, bis ich nach und nach ihren Namen von ihr selbst herauslockte, wie auch den des Ortes, wo sie wohnte. Ich ersuchte sie um die Erlaubnis, ihr später einmal meine Aufwartung machen zu dürfen, worauf sie mir zu verstehen gab, daß dies vielleicht nach einiger Zeit geschehen könne. Es kommt immer etwas ungeschickt heraus, wenn man die Schönheit einer Person herauszustreichen sucht, die andere doch ihr Lebtag nicht zu sehen bekommen. Daher mag es auch hier genug sein, wenn ich versichere, daß sie die schönste Person ihres Geschlechts war, die ich vorher oder seit der Zeit jemals gesehen habe. Deshalb ist es kein Wunder, daß ich von dem ersten Augenblick an, wo ich ihr Gesicht sah, von ihr eingenommen wurde. Am folgenden Tage benahm sie sich viel freier, als sie den ersten Abend getan hatte, auch gab sie mir Erlaubnis, sie in ihrer Behausung zu besuchen, welches ich aber erst nach vierzehn Tagen tat. Ich ließ mich bei ihr als jemand anmelden, der wegen des Schiffes, worauf sich ihr verstorbener Mann befunden hatte, etwas Geschäftliches mit ihr zu verhandeln hätte. Ich wurde gleich vorgelassen und machte ihr auch, ehe ich fortging, eine Liebeserklärung. Sie nahm diese aber mit einigem Widerwillen auf, obgleich sie mich deswegen nicht gerade unhöflich behandelte, sondern nur sagte, ich möchte sie mit dergleichen verschonen, weil sie nichts mehr davon hören möchte. Wie ich darauf kam, ihr sogleich diese Liebeserklärung zu machen, wußte ich damals selbst kaum zu sagen, obschon es vom ersten Augenblick an meine Absicht gewesen war. Inzwischen erkundigte ich mich wegen ihrer Verhältnisse und ihrer Aufführung und hörte nichts, was mir nicht angenehm war. Besonders erfuhr ich, daß sie den Ruhm der sittsamsten und wohlerzogensten Frau in der ganzen Nachbarschaft hatte. Und nun glaubte ich das, was ich mir so oft als mein Glück gewünscht hatte, gefunden zu haben und war entschlossen sie nicht zu lassen, wenn es möglich wäre. Es kam mir zwar der Gedanke, daß ich ein verehelichter Mann und eine andere Frau noch am Leben sei. Und obschon mir diese untreu geworden, so sei ich doch nicht gesetzlich von ihr geschieden, daß ich sie nicht anders als meine Frau ansehen könnte. Allein ich schlug mir diese Gedanken bald aus dem Sinn. Denn da sie erstlich eine Hure war, wie der Marquis es mir gestanden hatte, so hielt ich mich den Rechten nach für so gut als geschieden, daß ich wohl berechtigt war sie zu verstoßen. Denn da ich das Unglück gehabt hatte in einen Zweikampf zu geraten, und das Land verlassen mußte, so konnte ich mein Recht nicht durch einen ordentlichen Prozeß suchen, weshalb ich mich als von ihr geschieden betrachtete, wie wenn die Scheidung wirklich ausgesprochen worden wäre, also fiel dieser Skrupel von selbst hinweg. Ich ließ nun zwei Monate hingehen, ohne die Witwe damit weiter zu quälen, hielt aber genau Wache über sie, um dahinter zu kommen, ob sie nicht noch mehr Freier hätte. Nach Ablauf von zwei Monaten besuchte ich sie wieder. Da empfing sie mich mit mehr Freiheit und seufzte und klagte nicht mehr so viel um den verstorbenen Mann. Und obwohl sie es nicht wieder zu einem Antrag kommen ließ, so gab sie mir doch die Erlaubnis, wieder bei ihr vorzusprechen, und es war mehr der Anstand als etwas anderes, woran sie sich stieß, im übrigen aber war ich ihr nicht unangenehm, zumal meine Aufmerksamkeit gegen sie auf der Reise mir einen großen Vorteil verschafft hatte. Ich ging ganz langsam bei meiner Werbung zu Werke und gab ihr zwei Monate Bedenkzeit. Alsdann aber vermeldete ich ihr, daß der Anstand einer aufrichtigen und tugendhaften Liebe keinen ferneren Eintrag tun dürfte. Ich könnte unmöglich einen längeren Aufschub ertragen, sondern wenn sie einverstanden wäre, wollten wir uns ganz im geheimen trauen lassen. Die Sache kurz zu fassen, gewann ich nach einer ungefähr fünfmonatigen Werbung ihr Herz so vollständig, daß wir uns trauen ließen und zwar auf eine so heimliche Weise, daß auch ihre Magd, die uns noch dabei behilflich war, beinahe erst einen Monat später davon Kenntnis erlangte. Ich war nun nicht nur in meiner Einbildung, sondern auch in Wirklichkeit der glücklichste Mann in der Welt, da ich mit meinem neuen Weibchen ungemein zufrieden war. Sie hatte ein recht gutes Herz, und es fand sich an ihren Eigenschaften nichts auszusetzen. Sie war wohlerzogen, und man spürte nicht die geringste Unart in ihrem ganzen Wesen, und diese Glückseligkeit währte ohne die geringste Unterbrechung sechs Jahre. Allein ich, der ich zum Unglück im Ehestand geboren schien, traf auch hier zuletzt auf solches Ungemach und solche Widerwärtigkeiten, wie sie nicht schlimmer hätten sein können. Ich hatte drei feine Kinder mit ihr, und als sie mit dem letzten in den Wochen lag, hatte sie sich ein wenig erkältet, daß sie es lange Zeit nicht wieder verwinden konnte und ganz kränklich wurde. Bei dieser beständigen Unpäßlichkeit gewöhnte sie sich nach und nach an starke geistige Getränke, die ärger sind als der Teufel, wenn sie einen Menschen beherrschen. Und wenn sie auch nur mit einem Tropfen anfangen, so kommt es doch immer weiter, bis sie Tod und Verderben nach sich ziehen. Also verhielt es sich mit meiner Frau. Weil sie einen sehr schwachen kranken Magen hatte, nahm sie erst dieses und jenes stärkende Wasser zu sich, bis sie endlich nicht mehr ohne solche leben konnte, und es kam von einem Tropfen zu einem Schlückchen, von einem Schlückchen zu einem Trunk, von einem Trunk zu einem Suff, von einem ganzen Glase zu zweien, bis sie in einem Monat sich das Branntweinsaufen sehr stark angewöhnt hatte. Es kurz zu sagen, mein schönes, wohlgeartetes, sittsames und tugendhaftes Weib wurde eine Bestie und Sklavin der starken Getränke und pflegte sich an ihrem eigenen Tisch, ja in ihrem eigenen Kabinett vollzusaufen, bis sie endlich anstatt einer wohlgestalteten artigen Person so fett und plump wie eine Gasthauswirtin wurde. Das ehemals so schöne Gesicht sah jetzt aus wie ein ausgestopfter Puter oder ein frischgebackener Pfannkuchen, in welchem nicht einmal die Spuren oder Trümmer der allerschönsten Person unter der Sonne mehr zu bemerken waren. Nichts blieb übrig als ein schönes Auge, das sie behielt bis zu allerletzt. Kurz, sie verlor ihre Schönheit, ihre Gestalt, ihre Sitten und endlich auch ihre Tugend und ihre Ehre. Niemals ist wohl eine Frau tugendhafter, ehrbarer, keuscher und nüchterner gewesen. Sie verlangte niemals Wein zu trinken und konnte starke Getränke auch bei andern gar nicht leiden. Ich konnte es öfters kaum mit den größten Bitten dahin bringen, daß sie ein oder zwei Gläser Wein trank, mehr nahm sie nie auf einmal, auch in Gesellschaft hatte sie keine Neigung dazu. Es ging niemals ein unbescheidenes Wort aus ihrem Munde, sie konnte auch dergleichen ohne Empfindlichkeit und Abscheu nicht anhören. Allein wegen der Schwachheit und Unpäßlichkeit nach dem letzten Kindbett nötigte sie die Amme, wenn sie so schwach und ohnmächtig war, diese oder jene Herzstärkung zu sich zu nehmen, oder auch dieses oder jenes gebrannte Wasser, um ihre Lebensgeister aufzufrischen, bis ihr dieses so unumgänglich notwendig wurde, daß sie ohne dasselbe nicht mehr leben konnte und nach und nach eine solche Gewohnheit daraus wurde, daß es nicht mehr ihre Arznei, sondern ihr Essen und Trinken und ganzer Lebensunterhalt wurde. Es verlor sich auch die Lust zum Essen bei ihr, daß sie wenig oder gar keine Speise zu sich nahm, sondern endlich dem Trunke derart ergeben war, daß sie schon des Morgens um elf Uhr in ihrem Ankleidezimmer berauscht zu sein pflegte und endlich niemals mehr recht nüchtern wurde. Bei dieser höllischen Unmäßigkeit verlor sie schließlich alles, was vorher so schätzenswert an ihr war. Und ein Galgenvogel, wenn man einem Menschen, der sogar ein Edelmann war, noch einen solchen Namen beilegen darf, ein vertrauter Bekannter von uns, kam und gab vor, er wolle sie besuchen, machte aber sie und ihre Magd so betrunken, daß er bei allen beiden schlief, mit der Frau, als die Magd in der Stube war, und mit der Magd, als die Frau in der Stube war. Worauf er dieses öfters mit ihnen vornahm, wann er Lust hatte, bis endlich die Magd schwanger wurde, wodurch sowohl ihre eigene als auch ihrer Herrin Schande offenbar wurde. Nun mag man urteilen, wie mir damals zumute war. Ich, der ich mich sechs Jahre lang für den glücklichsten Menschen gehalten hatte, war nun der allerelendeste Tropf. Was meine Frau betraf, so liebte ich sie herzlich und war so davon überzeugt, daß ihr unglückliches Trinken schuld an allem war, daß ich es ihr nicht so sehr übelnehmen konnte wie ihrer Vorgängerin, sondern sie vielmehr von Herzen bedauern mußte. Inzwischen schaffte ich all ihr voriges Gesinde fort und hielt sie eingeschlossen, das heißt, ich setzte neues Gesinde über sie, die ohne mein Wissen keinen Menschen zu ihr ließen. Allein, was ich dem Bösewichte, der sie und mich beschimpft hatte, antun sollte, das war eine Frage, die noch auszumachen war. Ihn herauszufordern und mit der gleichen Gefahr aussetzen, kam mir einigermaßen schwer an, weil ich vermeinte, ein Mensch, der mir solchen Schimpf angetan hätte wie er, wäre dergleichen Redlichkeit nicht wert. Daher entschloß ich mich, ihm auf dem Felde im Finstern aufzulauern und mit einer Pistole guten Abend zu bieten, ihn auch womöglich vorher wissen zu lassen, wer es gewesen, der ihm das Licht ausgeblasen hätte, allein als ich dieses reiflicher überlegte, widersetzte sich meine ganze Natur dagegen, weil es sowohl meiner Gemütsveranlagung wie auch meiner Liebe zur Ehre entgegen war. Hingegen faßte ich den Entschluß, daß ich ihn wegen seiner verübten Bosheit nachdrücklich züchtigen wollte. Es währte auch nicht lange, so fand ich hierzu Gelegenheit. Als ich ihn traf, machte ich nicht viel Federlesens, sondern sagte ihm in wenig Worten, daß ich mich schon längst nach ihm umgesehen hätte. Er wüßte gar wohl, was für eine Schurkerei er an mir und den Meinigen verübt hätte, und da ihm dies bekannt sei, daß ich völlig darüber unterrichtet wäre, so müßte er mich für einen verzagten Kerl und einen Hahnrei halten, wenn ich dies ungesühnt hingehen ließe. Und nun wäre eine sehr gelegene Zeit dazu, ihn deswegen zur Rede zu stellen, daher geböte ich ihm, wenn er einem ehrlichen Manne ins Gesicht sehen könne, seinen Degen zu ziehen. Er erschrak über diese Zumutung und fing an, sich zu entschuldigen und das Laster zu beschönigen. Allein ich sagte ihm, jetzt wäre keine Zeit auf solche Art zu reden, da er die Tat nicht leugnen könnte. Das Laster kleiner zu machen als es in der Tat wäre, hieße es der Frau desto schwerer aufzubürden, die er doch, wie ich genau wüßte, zuerst mit Wein betrunken gemacht hätte, sonst würde er sie nimmermehr dazu gebracht haben, in dergleichen Bosheit einzuwilligen. Weil er nicht blank ziehen wollte, schlug ich ihn mit dem spanischen Rohr mit einem Streich zu Boden. Ich wollte ihn nicht noch einmal schlagen, da er auf der Erde lag, sondern wartete, bis er sich etwas erholt hatte, denn ich sah wohl, daß er nicht gleich davon tot bleiben würde. In einigen Minuten kam er auch wieder zu sich, dann ergriff ich ihn beim Handgelenk und prügelte ihn mit meinem spanischen Rohr so derb durch, als ich nur konnte und meine Kraft ausreichen wollte, verschonte aber dabei seinen Kopf, damit er es desto besser fühlen mochte. In diesem Zustande fing er endlich an um Gnade zu bitten, aber ich war eine gute Weile taub gegen alles Bitten, bis er zu brüllen anfing wie ein böser Bube, der einen Stockschilling bekommt. Alsdann nahm ich ihm seinen Degen von der Seite, brach ihn vor seinen Augen in Stücke, gab ihm mit dem Fuß einige Rippenstöße und ließ ihn so auf der Erde liegen, indem ich sagte, er solle hingehen und mich verklagen, wenn er es sich nicht gefallen lassen wollte. Ich hatte nun meine Rache ausgeführt, so gut ich es an einem verzagten Schuft konnte. Allein da ich wußte, daß er ein großes Geschrei davon in der Stadt machen würde, veränderte ich alsbald meine Wohnung und begab mich, um ganz verborgen zu sein, nach dem Norden von England und ließ mich in einem kleinen Städtchen nieder, nicht weit von Lancaster, wo ich mich ganz zurückgezogen hielt, daß man zwei Jahre lang nichts von mir hörte. Meine Frau, die nun sorgfältig eingeschlossen gehalten wurde und also die vorige Leichtfertigkeit nicht wieder begehen konnte, deren sie sich auch, wenn sie einmal nüchtern war, von Herzen schämte, konnte sich doch ihr Saufen nicht abgewöhnen. Denn da es ihr, wie ich schon erwähnte, so unentbehrlich geworden war wie das tägliche Brot, so zerstörte es gar bald ihre Gesundheit, daß sie ungefähr anderthalb Jahre danach, nachdem ich nach dem Norden gezogen war, ihrem Leben selbst ein Ende machte. Also war ich wieder ein freier Mann und hätte nun wohl völlig überzeugt sein sollen, daß ich nicht dazu geboren war, mein Paradies im Ehestande zu finden. Um wieder auf den Kapitän, den Schurken, dem ich das Leder so versohlt hatte, zu kommen, so machte derselbe ein großes Geschrei davon, daß ich ihn auf der Landstraße mit noch drei andern überfallen hätte, mit der Absicht ihn zu ermorden. Und dieses Vorgeben fand unter den Leuten in der Nachbarschaft auch einigen Glauben. Ich teilte ihm mit, daß ich davon gehört hätte, und sagte ihm, ich hoffe nicht, daß es aus seinem eigenen Munde herrühre. Wenn dem aber so wäre, so verlangte ich, er solle es öffentlich widerrufen und selbst eingestehen, daß es falsch sei, sonst würde ich gezwungen werden, die ehemalige nachdrückliche Züchtigung so oft zu wiederholen, bis er sich bessere Sitten angewöhnt hätte. Er möge versichert sein, wenn er länger vorlöge, daß ich noch jemanden bei mir gehabt, als ich ihn mit dem spanischen Rohr verprügelte, so wollte ich die ganze Geschichte in öffentlichem Druck herausgeben und ihn, so oft er mir in den Weg käme, mit meinem spanischen Rohr wie einen Tanzbären so lange umhertreiben, bis er den Mut fassen würde, sich wie ein Edelmann mit seinem Degen zu verteidigen. Er gab mir auf diesen Brief keine Antwort. Daher wußte ich mir nicht anders mein Recht zu verschaffen, als daß ich diese Begebenheit zwanzig- bis dreißigmal in der Nachbarschaft herum verteilte, wodurch es so bekannt wurde, als wenn ich es hätte drucken lassen, und machte ihn unter seinen und meinen Freunden und Bekannten so verächtlich, daß er ausgezischt wurde wie ein kleines Kind, das sich im bloßen Hemde sehen läßt, und sich genötigt fand, in einen andern Teil der Stadt zu ziehen, wo er nicht so bekannt war. Da kümmerte ich mich denn nicht weiter um den Schurken. Als nun meine Frau tot war, wußte ich nicht, was ich in der Welt anfangen sollte, und wurde so trostlos und niedergeschlagen, daß ich fürchtete, ich würde mir eine schwere Krankheit zuziehen, ja ich spürte sogar, daß ich zuweilen ein wenig verwirrt im Kopf wurde. Allein es rührte von nichts anderm her als von meiner Traurigkeit, und nach ungefähr einem Jahre verlor es sich von selbst wieder. Ich war nun wie gesagt ein Jahr lang unschlüssig und mißmutig in der Irre umhergegangen, als ich erwog, daß ich noch drei unerzogene Kinder hätte, für die ich nicht die gehörige Sorge tragen könnte, und daß ich sie entweder in der weiten Welt allein lassen, oder jemanden haben müsse, der sich ihrer annähme, und daß eine Stiefmutter immer noch besser wäre als gar keine Mutter. Denn es ging unmöglich an, weiter ein solches umherschweifendes Leben zu führen. Also entschloß ich mich, die erste zu heiraten, die mir in den Weg käme, auch wenn sie noch so einfach wäre, und zwar je einfacher je besser. Denn ich war gesonnen, daß meine zukünftige Frau nur gleichsam die oberste Magd, das heißt die Wärterin meiner Kinder und eine Haushälterin für mich sein sollte, im übrigen mochte sie eine Hure oder ehrliche Frau sein, danach wollte ich nicht fragen. Denn ich war nun wie ein Verzweifelter, der es darauf los wagte, es möchte kommen wie es wolle. Ich dachte: wenn die Frau ehrlich ist, die ich heirate, so wird sie für meine Kinder Sorge tragen, ist sie aber ein Luder, die mir nur Verdruß, Schimpf und Schande antut, so will ich sie einem Menschenhändler verkaufen und sie nach Virginia auf meine Plantagen schicken, wo sie Arbeit und schlechte Kost genug finden und wo ihr die Mucken schon vergehen würden. Dessen sollte sie gewiß sein! Ich war zwar gleich anfangs bei mir selbst überzeugt, daß dies nur närrische Einfälle und aberwitzige Grillen wären, die ich so wenig im Ernst auszuführen gedachte wie ich glaubte, daß sich ein Männlein im Monde befände, allein ich weiß nicht, wie es kam: ich redete auf diese wilde Weise so lange mit mir selbst, bis es so weit war, daß ich im Ernst verzweifelt wurde, das heißt, den Entschluß faßte, alles Unglück davon zu erwarten, was man sich nur einbilden kann, und noch einmal zu heiraten. Aber auch dieser unbesonnene Entschluß kam nicht auf einmal zur völligen Reife, sondern es verging ein halbes Jahr, ehe ich darüber mit mir selbst einig werden und etwas Bestimmtes vornehmen konnte. Gleichwie es aber heißt: Wonach einer ringt, das gelingt, und wer Unglück sucht, darf sich nicht viel danach umsehen, also erging es auch mir. Denn es trug sich endlich zu, daß in der nächsten Stadt, die ungefähr eine halbe Meile davon entfernt war, eine junge Frau, oder besser eine Person von mittlerem Alter sich befand, die, wenn das Wetter nur einigermaßen erträglich war, fast täglich in mein Haus und zu meinen Kindern kam. Und obwohl sie uns nur aus guter Nachbarschaft besuchte, so war sie doch jederzeit behilflich, den Kindern an die Hand zu gehen und ihnen sowohl vor als auch nach meines Weibes Tode auf jede Art und Weise zu helfen. Ihr Vater war einer von denen, die ich öfter nach Liverpool und bisweilen nach Whitehaven zu senden pflegte, um irgendein Geschäft für mich dort zu besorgen. Ich bekam endlich Lust zu diesem Mädchen, denn ich war der Meinung, sie sei die geeignete Person für meinen Zweck, besonders da sie sich so hilfsbereit gegen die Kinder erwies und diese sie auch herzlich lieb hatten. Also entschloß ich mich, sie gleichfalls zu lieben und schmeichelte mir dabei, daß, nachdem ich zwei adlige Fräulein und eine Bürgerstochter geheiratet hätte, die alle drei Huren gewesen wären, ich nun in einem unschuldigen Landmädchen die finden würde, die ich suchte. Es verging lange Zeit, ehe ich hierin zu einem festen Entschluß kam. Ja ich glaube, daß kaum eine Heirat mit reiflicherer Überlegung geschlossen worden ist. Wie ich mich denn bei keiner meiner Heiraten übereilt hatte, es müßte denn bei der zweiten geschehen sein. Bei dieser aber nahm ich mir über vier Monate Bedenkzeit. Und eben diese allzu große Vorsicht hätte mir beinahe den ganzen Handel verdorben. Nachdem ich es mir aber endlich fest vorgenommen hatte, rief ich die Jungfer Margarete eines Tages, als sie an meiner Stube vorbei ging, herein zu mir und sagte, ich hätte etwas mit ihr zu reden. Sie kam willig herein, wurde aber so rot wie Blut, als ich sie sich neben mir zu setzen hieß. Ich machte nicht viele Umschweife, sondern gab ihr mit wenigen Worten zu erkennen, daß ich gesehen hätte, wie freundlich und liebevoll sie sich gegen meine Kinder bezeigt, und wie lieb diese sie auch gewonnen hätten. Daher sei ich gewillt, wenn sie damit einverstanden sei, sie zu ihrer Mutter zu machen, falls sie noch nicht mit jemandem versprochen wäre. Das gute Mädchen saß still und sagte nicht ein Wort, bis ich sie fragte, ob sie vielleicht schon mit jemand anderem versprochen wäre. Doch erwähnte ich nichts weiter davon, außer daß ich zu ihr sagte: Höret einmal, Grete, wenn ihr euch schon versprochen habt, so dürft ihr es mir nicht verschweigen! Denn wir wußten alle, daß ein junger Bursche, nämlich eines ehrlichen Geistlichen ungeratener Sohn, über zwei Jahre sich an sie gehängt und sich um ihre Liebe beworben hatte. Sie wußte, daß mir dies nicht unbekannt war. Daher sagte sie, als die erste Bestürzung vorüber war, der junge Mann wäre ihr, wie ich wohl wüßte, zwar immer nachgelaufen, sie hätte ihm aber niemals das geringste Versprechen gegeben und ihn verschiedene Jahre gänzlich abgewiesen, weil ihr Vater immer gesagt hätte, er sei ein liederlicher Bursche, der ihr, wenn sie ihn nähme, zum Unglück gereichen würde. Nun denn, Grete, sprach ich, welche Antwort gibst du mir? Willst du mich haben? Bist du frei, daß du meine Frau werden kannst? Das arme Ding wurde feuerrot und schlug die Augen nieder und wollte eine gute Weile nicht reden. Als ich aber auf einer Antwort bestand, sah sie endlich wieder auf und ließ sich vernehmen, sie glaube, daß ich nur mit ihr zu scherzen versuchte. Ich bemühte mich ihre Zweifel zu zerstreuen und sagte ihr, es sei mein völliger Ernst, sie zur Frau zu nehmen, weil ich sie für ein verständiges, ehrliches und ehrenhaftes Mädchen hielte, das meine Kinder recht lieb hätte. Also sollte sie versichert sein, daß ich es ernst meinte, falls sie nichts dagegen hätte. Ich wollte ihr mein Wort geben, daß ich sie haben und mich morgen schon mit ihr trauen lassen wollte. Sie sah mich hierauf an, lächelte ein wenig und sagte, dies wäre wohl etwas schnell, sie hoffte, ich würde ihr ein wenig Zeit lassen, sich die Sache zu überlegen und erst mit ihrem Vater darüber zu reden. Ich meinte, sie brauche nicht viel Zeit, dies zu überlegen. Dessenungeachtet wollte ich ihr bis morgen früh Bedenkzeit geben, was lange genug wäre. Inzwischen hatte ich meiner Grete einige Küsse gegeben, und sie fing auch an, etwas freier gegen mich zu werden, und als ich weiter in sie drang, mich am andern Morgen zu heiraten, fing sie an zu lachen und sagte, es würde nicht gut sein, wenn sie sich in ihren alten Kleidern trauen ließe. Ich stopfte ihr den Mund mit einem Kuß und sagte, sie sollte nicht in ihren alten Kleidern getraut werden, ich wollte ihr schon andere geben. Ja, das mag wohl sein, aber erst hinterher, sprach Grete und lachte wiederum. Nein, versetzte ich, komm mit, Grete. Also führte ich sie eine Treppe hinauf in das ehemalige Zimmer meiner Frau und zeigte ihr einen neuen Schlafrock, der meiner Frau gehört hatte, nebst verschiedenen andern Sachen. Sieh her, Grete, sprach ich, hier ist ein Brautkleid für dich, gib mir nun die Hand darauf, daß du mich morgen nehmen willst. Was deinen Vater betrifft, so weißt du wohl, daß er für mich in Geschäften nach Liverpool gegangen ist, aber ich will es verantworten, er wird deswegen nicht böse sein, wenn er nach Hause kommt und seinen Herrn als Schwiegersohn findet, der nicht die geringste Aussteuer von ihm verlangt. Daher gib mir deine Hand, Grete, sagte ich recht aufgeräumt zu ihr, und küßte sie wiederum. Da gab sie mir ihre Hand und zwar auf eine sehr angenehme Art, die mir recht wohltat. Es wohnte ungefähr die dritte Haustür von uns ein alter Herr, der für einen Doktor der Medizin gehalten wurde, in Wirklichkeit aber ein römischer Ordenspriester war, deren es in unserm Lande viele gibt. Zu diesem sandte ich am Abend und verlangte ihn zu sprechen. Er wußte, daß mir sein Stand nicht unbekannt war, und da ich mich in päpstlichen Ländern aufgehalten hatte, dachte er auch nicht anders, als daß ich römisch-katholisch wäre. Als er zu mir kam, entdeckte ich ihm den Grund, weswegen ich ihn hätte holen lassen. Er zeigte sich ganz willfährig und gab mir zu erkennen, es würde ihm lieber sein, wenn ich des Abende mit Grete zu ihm kommen wollte, dann würde er uns in seiner Studierstube trauen. Es könnte auch abends viel geheimer vor sich gehen als am Morgen. Also rief ich Grete und tat ihr kund, da wir uns doch am nächsten Morgen hätten trauen lassen wollen, daß dies schon am selben Abend geschehen könnte, wobei ich ihr erzählte, was der Doktor gesagt hatte. Grete entfärbte sich hierüber wiederum und sagte, sie müsse erst nach Hause gehen, es wäre ihr unmöglich, früher als morgen fertig zu werden. Höre, Grete, sprach ich zu ihr, du bist nun meine Frau und sollst niemals als eine Magd wieder von mir fortgehen. Ich weiß schon, was du meinst. Du willst nach Hause gehen, um dich schön zu machen und dich anzuziehen. Komm die Treppe noch einmal mit mir hinauf. Hierauf führte ich sie zu einer Kiste mit Wäsche, worunter sich verschiedene neue Hemden befanden, die meiner vorigen Frau gehört hatten, die sie aber noch nicht getragen hatte. Hier ist ein reines Hemd für dich, und morgen sollst du alles übrige bekommen. Nun geh und ziehe dich an! Hiermit ließ ich sie allein und stieg wieder die Treppe hinunter. Nach einer Weile kam sie in ihrem ganzen Brautschmuck herunter in meine Stube, und die Kleider paßten ihr alle so gut, wie wenn sie für sie gemacht worden wären. Siehst du wohl, Grete, sagte ich, daß du dich in deinen alten Kleidern nicht brauchst trauen zu lassen. Hiermit nahm ich sie in meine Arme, küßte sie und war so vergnügt in meinem Herzen wie nie zuvor. Sobald es finster wurde, ging Grete voraus, wie der Doktor und ich abgemacht hatten, und ich kam ungefähr in einer halben Stunde nach. Da wurden wir denn in des Doktors Studierstube, das heißt in des Paters Kapelle, die ein kleines Gemach neben seiner Studierstube war, getraut und blieben dann noch bei ihm seine Gäste zum Abendessen. Als wir eine Weile dort gewesen waren, ging ich auf einen Sprung nach Hause, um die Kinder zu Bett und das Gesinde aus dem Wege zu schaffen. Grete folgte mir bald nach und wir gingen zu Bett. Am andern Morgen ließ ich meine Kinder und das Gesinde wissen, daß Grete nun meine Frau wäre, worüber meine Kinder eine recht herzliche Freude hatten. Nun war ich zum vierten Male ein Ehemann und zwar mit diesem schlichten Landmädchen ein viel glücklicherer Ehemann als mit allen Weibern, die ich zuvor hatte. Sie war eben nicht mehr ganz jung, bereits über 33 Jahre alt, brachte mir aber dennoch das erste Jahr einen Knaben zur Welt. Sie war artig, wohlerzogen und von einem fröhlichen und aufgeweckten Gemüt, obschon sie keine Schönheit zu nennen war. Sie war eine überaus gute Haushälterin, liebte meine Kinder aus voriger Ehe wie ihre eigenen und blieb immer gleich gut zu ihnen. Ich hatte mit einem Wort eine vortreffliche Frau an ihr. Diese Herrlichkeit währte aber nicht länger als vier Jahre. Denn sie starb an einer Verletzung, die sie sich, als sie gesegneten Leibes war, durch einen Fall zugezogen, und ich erlitt dadurch einen sehr schweren Verlust. Dennoch, ungeachtet allen Errötens und aller Sprödigkeit, die Jungfer Grete an sich hatte, war sie zehn Jahre vorher von einem Edelmann von großem Vermögen, der ihr die Ehe versprochen hatte, sie aber hernach hatte sitzen lassen, zu Falle gebracht worden. Da dies aber längst vorher geschehen war, ehe ich ins Land kam, und das Kind tot und vergessen war, erwiesen sich die Leute artig gegen sie und mich, als sie gehört hatten, daß ich sie geheiratet hätte, daß sie nie ein Wort darüber erwähnten. So hörte ich niemals etwas davon, hatte auch nicht den geringsten Verdacht deswegen und erfuhr nicht eher etwas davon, bis sie bereits im Grabe war, und dann war mir wenig daran gelegen. Genug, daß sie sich gegen mich als eine tugendhafte, gefällige und ehrenhafte Frau erwiesen hatte. Während ich sie zur Frau hatte, trafen mich sehr schwere Schicksalsschläge. Denn die Pocken oder Blattern, hierzulande eine schreckliche Krankheit, rafften drei von meinen Kindern nebst einem Dienstmädchen hinweg. So hatte ich nur noch ein Kind von meiner vorigen Frau und eines von meiner Margarete, das erste war ein Sohn, das andere eine Tochter. Ich war wirklich ein betrübter Vater, und der Verlust meiner Kinder kam mich sehr hart an, aber der Verlust meines Weibes wurde mir noch schwerer. Es wurden auch meine Schmerzen um ihren Tod nicht verringert, noch das Andenken an sie bei mir getrübt, als ich von ihrem vorigen Fehltritt erfuhr, da es ja lange vorher, ehe ich sie gekannt hatte, geschehen war, und mir bei ihren Lebzeiten weder von ihr noch von jemand anderem entdeckt worden war. Alle diese Umstände zusammen machten mich sehr trostlos. Und nun dachte ich nicht anders, als daß mir der Himmel einen Wink gäbe, mich wieder nach Virginia, dem Ort, wo ich glücklich gewesen und mein Glück angefangen hatte, zurückzuwenden. Meine Geschäfte waren dort wirklich in guten Händen und die Pflanzungen so sehr vergrößert, daß mein Einkommen hier etliche Jahre über 800 Pfund Sterling und in einem Jahre beinahe 1000 Pfund betrug. Ich nahm meinen Sohn mit mir und ließ meine Tochter Margarete bei ihrem Großvater, welchen ich zu meinem ersten Agenten ernannte, und ließ ihm nicht nur beträchtliche Wertpapiere zum Unterhalt des Kindes in Händen, sondern auch meinen letzten Willen, in dem ich meiner Tochter, falls ich eher sterben sollte, bevor ich sie auf andere Weise versorgt hätte, 2000 Pfund Sterling statt eines Heiratsguts vermachte, das von meinem Sohne aus dem Vermögen, das ich in Virginia hätte, an sie bezahlt werden sollte; falls er unverheiratet stürbe, sollte das ganze Vermögen an sie fallen. Ich schiffte mich nun nach Virginia ein und hatte eine ziemlich gute Reise dahin, außer daß uns auf dem 48. Breitegrad ein Raubschiff begegnete, das uns ausplünderte und alles nahm, was ihnen gefiel, nämlich Proviant, Munition, Waffen samt allem Gelde, das sie fanden. Jedoch diesen Schelmen ihren gebührenden Ruhm zu lassen, trotzdem sie die schlimmsten Galgenvögel waren, die ich jemals gesehen, muß ich doch sagen, daß sie uns eben nicht sehr übel mitspielten. Und was meinen Verlust betraf, so war er so schwer nicht. Die Ladung, die ich an Bord hatte, bestand aus Kaufmannsgütern und konnte ihnen also nichts nützen. Sie hätten auch zu diesen Sachen, ohne das Schiff von oben bis unten umzukehren, nicht gut gelangen können. Ich fand zu Virginia alle meine Angelegenheiten in gutem Zustande. Meine Pflanzungen hatten sich gehoben und vergrößert, und mein Verwalter, der mir die Reisegedanken zuerst eingegeben und mich in den Wissenschaften unterrichtet hatte, empfing mich nach vierundzwanzigjährigem Herumstreifen in der Welt mit der größten Freude. Ich war mit seiner Verwaltung ausnehmend zufrieden und hatte auch gute Ursache dazu. Die Einrichtung seines eigenen Hauswesens gefiel mir nicht weniger, denn er besaß eine sehr ausgedehnte Pflanzung, die sein eigen war, und die er auf dem Stück Land angelegt hatte, das ihm eingeräumt worden, wobei ich ihm auch ein wenig geholfen hatte. Ich will hier nicht weitläufig erzählen, was ich sonst noch erlebt und verübt habe. Ich hatte nun hier einen höchst glücklichen und angenehmen Zufluchtsort, ob ich schon gewissermaßen hier wie in ein Elend verwiesen war. Ich genoß alles, was nur angenehm zu nennen oder zu erdenken ist. Denn die Traurigkeit wegen mangelnden Vergnügens vermag oft alle andern Ergötzlichkeiten der Welt in Galle und Wermut zu verwandeln. Hier konnte ich diejenigen Stunden und Augenblicke, die ich vorher nicht anzuwenden gewußt, überaus wohl zunutze machen. Ich will sagen, hier lernte ich auf ein langes, übel zugebrachtes Leben, das mit unzähligen Vorteilen beglückt gewesen, zurücksehen und erkennen, daß rechte Überlegungen keineswegs die geringste Glückseligkeit im menschlichen Leben ausmachen. Hier schrieb ich auch diese Nachrichten von meinem Leben und hatte nebst dem Vergnügen, mit gebührender Überlegung zurückzusehen, auch noch den Vorteil eines heftigen Anfalls von Zipperlein, welches das Gehirn reinigt, das Gedächtnis stärkt, den Verstand aufklärt und uns befähigt, nützliche Betrachtungen über unsere eigenen Handlungen anzustellen. Und wenn jemand, der meine Geschichte liest, eben dieselben rechten Betrachtungen zu machen beliebt, die ich billig selbst gleich zu Anfang hätte machen sollen, so wird er vielleicht noch größeren Nutzen aus der Geschichte meines Unglücks und meiner Widerwärtigkeiten ziehen als ich selbst es getan.