Franz Blei Männer und Masken   Berlin 1930 Ernst Rowohlt Verlag   1. – 4. Tausend Copyright 1930 by Ernst Rowohlt Verlag, K.G.A.A., Berlin W 50   Gedruckt bei Herrosé \& Ziemsen, Wittenberg Printed in Germany     Für Victor von Plessen in Freundschaft     E. T.A. Hoffmann. Nach der eigenen Zeichnung Ernst Theodor Amadeus Hoffmann Die geistige Landschaft, in der jene sich bewegten, die als Knaben von der Revolution gehört hatten und als Jünglinge Napoleon erlebten, war ein blitzdurchrissenes Chaos, wo das erregte, zu äußerster Empfindlichkeit gesteigerte Gemüt dieser Jugend in den Pausen des Dunkels zu deuten versuchte, was es, blitzte es auf, von der infernalisch beleuchteten Trümmerwelt zu sehen bekommen hatte. So ungewöhnliches Geschehen, wie die von Napoleon und seinen Jünglingsgenerälen auf der Spitze des Schwertes durch die Welt getragene Idee der Revolution, selber als Gedanke sich nicht klar, da mit Affekten geladen, mit Blut getüncht, wird von der erschütterten Mitwelt, zumal ihrer Jugend, nichts als gefühlt erlebt und auch mit nichts als Gefühl begegnet werden, und dies in allen Graden der Intensität: spontan berauscht von jenen, die sich die dreifarbige Kokarde anstecken und politisch werden, übertragener von anderen, die, wie der junge Schlegel, das Zeitalter moralischer Ungebundenheit angebrochen wähnen und der Lucinde der Libertinage ein Denkmal setzen, oder die wie Shelley der endlich befreiten Menschheit Hymnen singen und die Fahnen noch weiter tragen wollen. Die Jugend und die Zeitgeschehnisse lassen es nicht zu, daß man – ist man nicht der in der Mittagswende des Lebens stehende Goethe – die Distanz gewinnt, die nötig ist, um zu dem, was sich in überstürzenden Ereignissen vollzieht, das zu haben, was man Gedanken nennt. Aber mit der dem Menschen eigentümlichen Neigung, die Dinge denken zu müssen, nimmt nichts als Gefühltes Form und Gebaren von Gedanken an, von Erkenntnissen und Einsichten. Die erste Generation der Romantiker, die den napoleonischen Akt der Revolution erlebt, verbraucht sich in ungeheuren Anstrengungen zu einer Denkhaltung. Sie fragt bei Goethe an, und der antwortet rätselhaft. Sie sieht ihn dem Kaiser seine Reverenz machen, und sie hört von der anderen Seite schon den Ruf, den »Tyrannen« zu stürzen. So gerät diese erste Romantik auf einen politischen Indifferenzpunkt und sublimiert den Kosmos ins Ästhetische. Dichterisch organisiert, versuchen diese Jünglinge, auf das Gedicht immer wieder verzichtend, sich im Kritischen, die ihnen von niemandem, auch vom nunmehr abgelehnten Goethe des Wilhelm Meister nicht, besorgte Vorbereitung ihres Auftretens, ihres »Neuen« zu geben, und es entstehen solche Zwischengebilde wie Wackenroders Ergießungen eines Klosterbruders – so einsam fühlt man sich in dieser bewegten Welt – oder Tiecks Literaturkomödien, oder ein Gebirge von Fragmenten, indem die Mineralogie aus dem Gefühle neu geordnet wird und das sinnliche Leben aus der Mathematik, und sich Identifikationen vollziehen wie diese: Christus und die kleine verstorbene Sophie Hardenbergs. Friedrich Schlegel, der Kenntnisreichste und Gewandteste, sucht, ihm von Weimar nahgerückt, die Antike aufzuarbeiten für seine Generation, und es ist nichts Geringes, was er hier zur Orientierung vollbrachte. Aber die Gefolgschaft verläßt ihn oder er sie. Wackenroder schwindet weg wie ein Schatten. Hardenberg verhaucht sich in einem von der Schwindsucht gefärbten übersinnlichen Erotismus, wie der viel männlichere Keats jenseits des Kanals. Der pedantische August Wilhelm geht auf die Ahnensuche, wobei er um Goethe einen diplomatischen Umweg macht, entdeckt Shakespeare und die Spanier, Tieck, ihm folgend, den Jacob Michael Lenz als nahen Verwandten. Da brechen die sogenannten Freiheitskriege ein, und die zweite Generation der deutschen Romantiker tritt auf den Plan. Man hat eine Topik gefunden nach dem Utopischen der sentimentalen Revolutionsvokabel, die man um 1798 ins Kosmische gedehnt hatte. Die Topik hieß das geknechtete Deutschland. Höchst ungleiche Stimmen fanden darin eine Einung. Da gab es den Schillerknaben Körner neben Clemens Brentano. Aber nur einer hatte dieses Deutschland in seiner wirklichen Zeit: Kleist. Und den ließ die Zeit im Stich. Die anderen hatten, soweit sie nicht im Klingklang ihrer kleinen Kriegslyrik untergingen, ihr Deutschland von irgendwann einmal, etwa aus der Zeit des Heiligen Römischen Reiches, der Hohenstaufen. Ihnen aber ist die Neuerwerbung alten deutschen Gutes zu danken, das, jahrhundertelang verschüttet, für einen Augenblick nur einmal von den Schweizern geahnt war: Arnim und Brentano das Volkslied, den Brüdern Grimm vor allem die Sprache. Gab es aber noch romantische Dichter? Tieck, der Schwächliche, Gefühlige, hatte in einer mondbeglänzten Zaubernacht eine Legion von Dichtern geschaffen, die beglückt war, vom Denkenmüssen zu nichts als dem Gefühligen erlöst zu sein. Es ist bezeichnend für diese Schar, daß sie die Kontur des Substantivs, des Begriffs undeutlich macht durch Adjektiva, den Begriff romantisiert durch schillernde Färbung, ihn ins Vieldeutige, Unbestimmte drängt und vom Verbum, dem Bewegenden, Tuenden, den schwächsten Gebrauch macht. Löben ist der modische Dichter dieser Art. Spanischer und englischer Euphuismus erlebten eine deutsche Renaissance. Auch diese zweite Generation hatte ihre Deserteure, als sich das geschaffene Werk als nicht definitiv erwies, um fruchtbar für das weitere Schaffen zu wirken. Nicht Werner, der, wie Grillparzer, nur stofflich, nicht sprachlich zu den Romantikern gehört. Aber Tieck flüchtete in das Hausbackne seiner Erzählungen. Fouqué kopierte immer wieder seine erste Rittergeschichte. Brentano desertierte ins Schweigen. Der herüberlebende Friedrich Schlegel begab sich in die ihm wichtige Versorgung seines glutinösen Bauches, Kleist in den Tod. Und die Erben des verlassenen Gutes begannen über den romantischen Apparat, den Fundus, zu verfügen, zu dem sie noch hinzutaten, was sie aus Walter-Scottschen Burgen und Verliesen, aus Hugoschen Folterkammern bezogen. Inmitten dieser Ritter-, Räuber- und Schauerromantik, die den endlich wieder obrigkeitlich und wie hergebracht behüteten Bürger der zwanziger Jahre, den Biedermeier der Karlsbader Beschlüsse, am Ofen zum Gruseln brachten, gänzlich im Abstrusen Imaginiertes nach dem unfaßlich Phantastischen des eben zu Ende gegangenen Geschehens – inmitten dieses jammervoll verschmierten und verdruckten Löschpapiers, aus dem sich das junge Deutschland seinen Ekel am alten Deutschland erlas, kämpft ein Dichter, nur einer, um seine ewige Seele, um jeweils immer wieder dem billigen Teufel der Zeit zu unterliegen: Ernst Theodor Amadeus Hoffmann. Als Gérard de Nerval auf dem Weg in das gelobte Land seiner Träume an den Rhein kam und drüben la vieille Allemagne, notre mère à tous schaute, da entzückte er sich zu der Apostrophe: la terre de Goethe, le pays d'Hoffmann... Das Wort muß den deutschen Literarhistorikern absurd vorkommen, denn sie sind an die Zusammenstellung mit Schiller seit Generationen gewöhnt; aber den Franzosen schien es nicht einmal paradox, nicht denen von damals, und auch die von heute werden daran nichts sonderlich Kühnes finden. Hoffmann ist ihnen ein Stück der deutschen literarischen Kultur, wenn sie uns mit diesem Worte schmeicheln wollen, die wir die Bezeichnung wohl erfunden haben, aber, aber was sie bedeutet, schmerzlich heute entbehren. Doch dieser wirkliche oder vermeintliche Kulturtypus ist es nicht allein, was die Franzosen immer wieder veranlaßt, sich mit unserem Hoffmann zu beschäftigen, ihn mit ihrer schätzenden Liebe zu entschädigen für das Schicksal, das dieser Dichter in Deutschland erfuhr, wo man ihn nach kurzer, wenig würdigender Liebe rasch vergaß, oder – noch schlimmer – ihm in einem Paragraphen der Literaturgeschichte eine bescheidene Unsterblichkeit mit queren Worten zusprach, oder – das schlimmste – ihn in schlecht geschriebenen Büchern um Dinge willen lobt, die, seine Bedeutung übersehend, am hinfälligsten sind. Ich glaube, die Franzosen lieben in Hoffmann den Artisten, der für seine Kunst sein Leben fast systematisch zu einem pathologischen machte, der à une voix, qui l'appelait au delà de l'être folgte, wie Barbey d'Aurevilly es ausdrückte, und der so ausgezeichnete Worte über das Menschlich-Unnütze der Kunst schrieb. Die Deutschen schätzen das nicht, denn sie haben wohl eine literarische, aber keine künstlerische Bildung. Und selbst, wenn sie in ihren besseren Exemplaren schon so weit sind, von den Künsten keinen Moralunterricht zu verlangen, überhaupt nichts mehr aus ihrem praktischen Verstand zu verlangen, seitdem man ihnen das so oft und eindringlich verboten hat: im deutschen Instinkte herrscht immer noch und trotzdem die so barbarische als freudlose Tendenz nach der Moral von der Geschichte, nach dem Schluß: der Künstler müsse auch die anderen erziehen, da er sich selber durch sein Werk erzieht. Die Deutschen sagen gern »die Kunst« – ein Wort, leer wie ein Sack, alles und nichts aufzunehmen geeignet, und sie vermeiden es möglichst, »der Künstler« zu sagen, was auf ein Bestimmtes, auf eine sinnliche Anschauung hinweist, weil das Wort den Menschen in sich begreift. »Der Künstler«, d.h. Goethe oder Hoffmann oder Immermann oder Hofmannsthal, die Deutschen sind als das Volk der Denker gleich und immer bereit, den Künstler durch das etwas nebulose Medium der »Kunst« in die gemeine Humanität und die allgemeine Ästhetik hinüberzuführen; sie wollen vom Kunstwerk Regeln bestätigt oder etwas für ihr Leben oder aus ihrem Leben erfahren; sie wollen ihre ethischen Gemeinplätze von ihm geprüft und für gut befunden sehen, und sie wollen etwas lernen, weil man viel auf Bildung hält. Der gemeine Deutsche wird die Phantasie immer überlegen fragen: Was beweist das? Denn er will sich wiederfinden im Kunstwerk idealisiert, wenn er altmodisch ist, naturalistisch, wenn er neumodisch, und symbolistisch, wenn er ganz neu, und sachlich, wenn er noch mehr als ganz neu ist. Sein Bildungsinstinkt verlangt von dem Kunstwerk die Rechenprobe auf seine des gemeinen Deutschen Existenz ausgeführt mit bekannten Zahlen. Er macht sich, wie man sieht, das Kunstwerk nicht leicht. Darum bedarf er auch einer Literatur, bei der er sich erholt. Er nennt sie, mit aller deutlich gezeigten Überlegenheit: Unterhaltungsliteratur. Hoffmann mußte es sich bei seinen Lebzeiten gefallen lassen, den deutschen Philister, der damals am schläfrigsten war, zu unterhalten, mit den Anekdoten seiner Dichtungen natürlich, nicht mit ihrer Kunst. Es ging ihm wie E. A. Poe, an den in Frankreich Baudelaire einen großen Teil seines Lebens setzte, und den man in Deutschland in Übersetzungen kannte, die gerade die Anekdote herausbrachten, und nicht mehr wollten. Im Jahre 1898 hat Eduard Grisebach die Werke Hoffmanns wieder herausgegeben – ob die Heutigen sie anders lesen werden als Großväter und Väter, ist nicht zu sagen. Das Wort »Goethe und Hoffmann« ist literarhistorisch wahrscheinlich falsch, es mag ethisch paradox und für manchen Geschmack unerträglich sein – alles das, aber es ist im künstlerischen Sinne wahr, und dies gilt zuerst und vielleicht allein. Viele werden die Universalität des einen mit dem »begrenzten Stoffgebiet« des anderen vergleichen, des einen Mythos und des anderen Skurrilität. Aber einmal ist alles Vergleichen in künstlerischen Dingen vulgär, und dann ist die Universalität kein absoluter Vorzug. Der Kreisler ist gewiß nicht der Faust, aber der eine ist ganz Goethe, der andere ganz Hoffmann, in Formen nur so und nicht anders für allemal gebunden und gebannt. Wenn Faust und Kreisler sein sollen, können sie nur so und nicht anders sein. Alles Vergleichen der Ungleichen hierin ist letztens eine ethische Untersuchung, denn es geht auf die verschiedene Qualität der beiden Menschlichkeiten und unsere Sympathien für die eine oder die andere. Man kann Hoffmanns Persönlichkeit ablehnen als beschränkt, bizarr, pathologisch; aber sie ist in seinen Formen völlig aufgegangen, hat sich »unmittelbar mit der Materie verbunden«, wie Goethe sagt, und das Kunstwerk ist geworden. Dies ist genug und alles: das Leben des Künstlers und die Transponierung seines Lebens in Formungen, mag das Leben und das moralische, gefühlsmäßige und kritische Verhalten dazu sein wie immer. Geformte Narrheit kann Kunst sein, aber formloser Tiefsinn ist immer Ohnmacht und Dilettantismus, fällt ins menschlich Problematische zurück. Die Musiker und Architekten waren immer so glücklich, ihre Werke nichts als künstlerisch wirken zu sehen; die Maler sind dabei, durch ihr Tun die Leute zu überzeugen, daß die Kunst der Borgofresken keine anderen künstlerischen Wertungsgesetze kennt als ein Ornament. Nur dem Dichter will man es nicht glauben, daß sie Sprachbegeisterte sind; daß ihr Material das Wort ist, die Wörter aus dem und in dem sie schaffen, daß, was man Inhalt nennt, keine willkürlich vollzogene Wahl ist. Daß wir im Dichterwerke den Inhalt suchen, so weit gefaßt, daß wir damit das magische Leben seines Schöpfers umgreifen, heißt nicht, daß dieser Schöpfer auch die Absicht zu dieser Hinstellung eines Inhaltes gegeben hat. Die Kunst der Dichter wäre längst erschöpft, wenn es sich um die Inhalte handelte, um diese wenigen, immer wiederkehrenden Inhalte, feststehend seit dem Homerischen Gedicht. Aber wären es noch weniger als diese drei oder vier, ja gäbe es nur einen einzigen Inhalt, es wäre die Dichtkunst doch unendlich und unerschöpflich, weil sie aus Worten und mit Worten schafft, nicht deren gerade geläufigem Sinn nach, der kein ein für allemal fixierter ist, sondern nach der Bildlichkeit der Worte und ihrer formalen Wirksamkeit. Der Zwang zur Kunst ist die Form und das Formfühlen, nicht das sachliche Bedenken. Stilgefühl weist manches auf, einen Teil des Ganzen für das Ganze setzend; doch sollte man dieses Wort nicht brauchen, da es sein Gegenteil, die Stillosigkeit, auch noch irgendwie gelten läßt. Die Form ist das einzige Leben der Kunst. Ohne sie bleibt alles nur Intention. Das Chaos des formlosen Lebens wird von der Kunst in eine Ordnung gebracht, durch sie allein und nichts sonst. Und deshalb ist die Form auch eine lauernde Gefahr, denn sie wiederholt sich, kehrt wieder. Es ist an der Leidenschaft des Dichters, dem Rhythmus dieser Wiederkehr die ganze Heftigkeit seines persönlichen Lebens zu geben, d. h. sich zu opfern. Wer sein Leben nicht dem höchsten Geiste opfert, der wird der gefahrvollen Wiederkehr der Form entweder erliegen und das gefällige Nichtige hervorbringen, oder er wird die hohe Aufgabe, die die Form mit ihrer Bezwingung stellt, nicht durch das ganze Opfer lösen können, ins Formlose flüchten, und das Formlose als Gesetz verkünden. Aber das Formlose ist ein Verfall und Schauspiel moralischer Unmacht, gemein wie das nichts als Talentvolle, das, die Gefahr der Wiederkehr nicht sehend, von den Variationen der Kunst anderer lebt, nie etwas im leidenschaftlichen Geiste austragen, eine Schönheit erschaffen kann. Der Inhalt ist ein gemeiner. Die Motive und die Formen sind ein Gegebenes: die Geschicklichkeit wiederholt und variiert sie, schafft sie nicht neu. Ein Neues wird das Vertraute, wenn die ganze Leidenschaft eines künstlerischen Ingeniums sich in den stärksten Zwang der Form begibt: dann ist es Schöpfung wie am ersten Tag. Die neuere Zeit neigt sich in ihrer Bestimmung des einzelnen zu einer fatalistischen Überschätzung dessen, was man den Einfluß des Milieus nennt. Die neuere Zeit ist demokratisch und unterschätzt oder ignoriert die Kraft des Widerstandes, die Möglichkeiten von Milieuauswahl und -wechsel und die Fähigkeit einer Milieubeherrschung, die bei starken Persönlichkeiten sogar zu einer Milieubestimmung wird. Aber in der Zeit des Wachstums, in der Kinder- und Jugendzeit, da die Kraft noch nicht reif, der Widerstand nur instinktiv ist, und einer Wahl noch Möglichkeit und Erkenntnis fehlen, da werden die Einflüsse der Umgebung oft bestimmend sein zur Bildung dessen, was man vom späteren Scheinmilieu unterscheidend das innere Milieu genannt hat. Hoffmanns inneres Milieu, das ihm seine Kindheit und erste Jugend schufen, erfuhr in der Umgebung seines späteren Lebens keine Änderungen. Nichts brachte ihn von seinem früh erworbenen Wesen ab; selten hat ein Mensch so stark wie Hoffmann dieses innere Milieu sein Leben hindurch behauptet. Er entwickelte sich nicht – er wickelte sich auf. Er tritt in das reife Leben wie ein Held in das Drama, fertig und bestimmt. Die Ereignisse ändern ihn nicht – sie zeigen ihn. Als Hoffmann zur Welt kam, waren sich seine Eltern schon lange einig darüber, daß sie nicht zusammenpaßten und einander nur zu Leid und Verzweiflung lebten. Der Vater fand in nichts ein größeres Vergnügen, als gegen alle Ordnung und Regel bürgerlicher Gesellschaft sein Leben zu führen, während das der Mutter in Anstand, Frömmigkeit und peinlich befolgter Konvenienz aufging. Beides war beiden zum Prinzip gesteigerte Natur. Diese disparate Ehewirtschaft fand ein Ende, als Hoffmann noch ein Kind war. Der Alte zog mit seinem, wie berichtet wird, sehr begabten und später verkommenen Sohn in eine andere Stadt, Ernst blieb bei der Madame Hoffmann, die zu ihrer Mutter, einer verwitweten Rätin, zog. Hier fand sie alles, was sie vom Leben verlangte: korrekte Leute, korrekte Sitten, korrekte Anschauungen, und sie genoß das, bis sie eines Morgens in ihrem Zimmer, das sie kaum zu verlassen pflegte, still und korrekt verstorben war. Der Knabe blieb bei seiner Großmutter und in dem Kreis von Onkeln und Tanten, deren kein Mensch je mehr gehabt hat als er, und keiner größere Kuriosa dieser Gattung. Es gelingt ja Onkeln und Tanten leicht, da, wo sie in größerer Anzahl auftreten, ein Ziemliches an Groteskem und Überquertem zu leisten – in Hoffmanns Falle war aber alles mögliche dieser Art übertroffen. Die Rätin Dörffer, eine stattliche Dame, wuchs zum Riesenweib unter den übrigen zwerghaft kleinen Menschen Dörfferschen Samens, die bei ihr wöchentlich zweimal zusammenkamen, in den sonderbarsten Kleidungen vergangener Moden, um auf alten, gleichfalls aus der Mode geratenen Instrumenten sich einem lebhaften musikalischen Unwesen hinzugeben. Eine Tante spielte die langhalsige Theorbe, eine andere die Laute, andere sangen mit fadenscheinigen Stimmen; der Onkel Otto meisterte das Clavecin, und der Onkel Akziseeinnehmer blies die Flöte mit einem so mächtigen Atem, daß der Diener immer die Pultlichter anzünden mußte, die der Onkel mit seinem Spielen auspustete. Hoffmann-Kreisler beschreibt diese Konzerte aus der Erinnerung, da sie statthatten, als er noch ein Säugling war, »nur ba–ba sagen konnte und die Finger ins Kerzenlicht steckte«. Aber die Wahrheit des Berichtes bittet er deshalb nicht anzuzweifeln. Er ist, wie er sagt, überzeugt, daß jene Eindrücke, die man mit den Augen empfängt, von größerer Schärfe und längerer Dauer sind als jene anderen, die das Bewußtsein erfährt, beurteilt und durch Einordnung in Allgemeinbegriffe um ihre Dinghaftigkeit bringt. In dieser grotesken société musicale war auch die Tante Sophie. Sie trug immer ein grünes Taftkleid, mit rosa Bändchen geputzt, und spielte die Laute so schön, daß mir ernste Leute versicherten, daß sie zu Tränen gerührt würden bei der bloßen Erinnerung daran. Tante Sophie war des Kleinen guter Engel, sie nahm ihn auf den Schoß und erzählte ihm Geschichten. Aber der Onkel Otto war sein böser Dämon. Wenn Hoffmann von der Tante sagt: »sie brachte ein großes Licht in mein Herz«, so ist es der Justizrat Otto im blumigen Kamisol, der sich so ausdauernd wie vergeblich bemühte, dieses Licht auszublasen. In diesem Justizrat hatte die Familientugend der Dörfferschen: die Regelhaftigkeit und Wohlanständigkeit einen Grad systematischer Narrheit erreicht. Madame Barine zitiert in ihrer Studie über Hoffmanns Alkoholismus das typische Krankheitsbild eines dégénéré méticuleux nach Maiollier ganz zutreffend auf diesen Onkel, der durch das Leben ging mit der Uhr in der Hand; alles hatte seine genau bestimmte Zeit und Dauer: Mahlzeiten und Verdauung, Schlafen und Spazieren, Musik und Unterhaltung. Das Opfer seiner Erziehungswut war der kleine Hoffmann, der vom Vater alles hatte, was den peinlichen Onkel und Erzieher zur Verzweiflung treiben konnte. Der Lehrer litt unter dem Schüler nicht weniger als dieser unter dem Lehrer. Aber vielleicht hatte diese Dressur für den späteren Hoffmann die gute Folge, daß er sich nie ins Formlose verlor, daß ihm der künstlerische Verstand auch in den wildesten Zeiten seiner Träume nie verließ, daß er nicht unterging in seinem Leben steter Gefahren für den Verlust seiner selbst. Der Philister und die Musik, beide so grotesk miteinander verbunden, waren Hoffmanns Jugendeindrücke, bestimmend für seine spätere Art. Er sah die Kunst von Narren und Pedanten malträtiert, und seine Begeisterung für sie wuchs, da er sie so leiden sah. Er haßte den »Philister« wegen seines gemeinen Verhältnisses zu den Künsten und zerrte ihn zur Karikatur. Sein Temperament treibt ihn in Haß und Liebe zum Äußersten: er sieht dämonisch. Seine Liebe zu den Künsten wird eine passion morbide, wie es Baudelaire von Poe sagte. Hoffmann fand in dem erbärmlichsten Leben allen Komfort, wenn es nur mit der Kunst zu tun hatte. Er vermochte es, sich mit einem Enthusiasmus durch das Jammerdasein eines kleinen Theaterdirigenten zu hungern, der sich beim Kulissenmalen, Textverbessern und sonstigen Elendigkeiten nützlich machen mußte, daß solche Kunstbegeisterung die Pathologie Hoffmanns deuten könnte, die ihn den Eros und die Landschaft kaum empfinden lassen, außer in der Strahlenbrechung durch ein artistisches Medium. Das Erotische nimmt bei ihm sofort musikalische Formen an; die Landschaft hat ein magisches Licht, wie aus einer farbigen Laterne. Nicht an der Zeit interessiert – allem Zeitsatirischen zum Trotz – ohne rechte menschliche Teilnahme an seiner Umgebung, ganz beschäftigt mit seiner Dämonologie, führt er, ein ausschweifender Musiker, ein artifizielles Leben. Wenn ihn die natürliche Kraft zum Leben verläßt, nimmt er Gift, nur um sich sein artifizielles Leben zu erhalten. Er wird ein Alkoholiker, nicht wegen des brutalen Rausches, nicht um zu vergessen, nicht der geselligen Lustigkeit wegen, sondern um der Rauschvisionen willen, die ihm künstlerische Substanz werden. Er will sich im Rausch entdecken, die Schwere ausschalten, die ihn am Flug hindert, seine Dürftigkeit aufheben, damit er in alles und alles in ihn eingehen kann. Er schreibt: »Gewiß ist es, daß in der glücklichen Stimmung, ich möchte sagen in der günstigen Konstellation, wenn der Geist aus dem Brüten in das Schaffen übergeht, das geistige Getränk den regeren Umschwung an Ideen befördert ... Man könnte rücksichtlich der Getränke gewisse Prinzipien aufstellen. So würde ich bei der Kirchenmusik alte Rheinweine, bei der tragischen Oper sehr feinen Burgunder, bei der komischen Champagner, bei einer höchst romantischen, wie dem Don Juan, einen Punsch aus Kognak, Arrak und Rum anraten.« Andere Beispiele, wie die pathologische nervöse Sensibilität zu einer schöpferischen Fähigkeit gemacht wird, sind: »Nicht sowohl im Traume, als im Zustande des Dilirierens, der dem Einschlafen vorhergeht, vorzüglich wenn ich viel Musik gehört habe, finde ich eine Übereinkunft der Farben, Töne und Düfte. Es kommt mir vor, als wenn alle auf die gleiche geheimnisvolle Weise durch den Lichtstrahl erzeugt würden, und dann sich zu einem wundervollen Konzerte vereinigen müßten. Der Duft der dunkelroten Nelken wirkt mit sonderbarer magischer Gewalt auf mich; unwillkürlich versinke ich in einen träumerischen Zustand und höre dann, wie aus weiter Ferne, die anschwellenden und wieder verfließenden Töne des Bassetthornes.« Ähnlich steht bei Poe in den Marginalien: »Das Orangegelb des Spektrums und das Summen der Fliege – das nie höher ist als das zweimal gestrichene A – erzeugt in mir nahezu die gleiche Sensation. Höre ich die Fliege, so erscheint mir die Farbe, sehe ich die Farbe, so kommt mir sofort das Summen der Fliege ins Ohr.« Bei Hoffmann: »Nervöser Kopfschmerz sucht mich oft heim, aber er gebärt das Exotische.« Es gibt unter den Künstlern wenige Fälle so rücksichtsloser leiblicher Selbstvernichtung um des künstlerischen Schaffens willen wie den Hoffmanns. Die Pathologie wird körperlich gefördert und bewußt der Kunst bedienstet. Das Wunderbare in seiner Kreuzung mit dem Wirklichen: Hoffmann sah das mit dem sechsten Sinn, »der nicht nur alles, sondern noch viel mehr ausrichtet als die übrigen Sinne zusammen«. Alle Reminiszenzen an das Programm oder Requisit der Pseudoromantiker von der Art Fouqués sagen nichts über Hoffmann, der gar kein Verhältnis zu dem romantischen Wunderbaren hatte, zu den Feen, die aus Grotten kommen, zu den Gnomen, die im Feuer hausen und zu den Nixen in den stillen Wassern. Sondern: ein Herr tritt in den Raum, gekleidet wie jeder, aussehend wie jeder, auch redet er nicht viel anders – aber die im Räume fühlen: er zwingt uns. Und die Geschichte fährt fort in der Beschreibung der Gefühlszustände, nur werden diese alle sichtbar, kommen den Menschen unter die Haut, treiben diese auf, machen die Augen schielen, verlängern die Arme um Ellen, verändern, verzerren – doch alle bleiben Menschen. Berliner sogar, die in dem Zimmer eines Hauses am Gendarmenmarkt Tee trinken, aber unter die das Wunderbare getreten ist, das »Viel mehr« des sechsten Sinnes. Hoffmann sucht es nicht und erfindet es nicht in Allegorien, denn er findet es überall, im ganz Gewöhnlichen des Lebens, das für ihn durchaus dämonisch ist. Diese Illusion der Wirklichkeit, die alle seine phantastischen Individuen hervorrufen, erreicht er damit, daß er sie in einem geläufigen Milieu vorstellt. Er ändert nur die Beziehung der Sensationen. Du schlägst den Mittelfinger über den Zeigefinger deiner Hand, und unter die beiden Fingerspitzen legst du ein Kügelchen, das du nun leise bewegst: du wirst zwei Kugeln glauben. Es sind zwei Finger und eine Kugel, aber die Sensation ist geändert. Dies ist Hoffmanns Leidenschaft, welche die Serapionsbrüder zu einem kosmologischen System ausbauten, daß er die einfachen Dinge des Lebens in dem Rapport ihrer Sensationen ändern muß. Er sieht und fühlt alles in dieser Änderung, ist besessen davon, gepeinigt; er ruft mitten in der Nacht seine Frau, die brave Michaeline aus dem Bette, daß sie sich zu ihm setze und ihm gegen sich selber beistehe, denn er kann des Dämons nicht Meister werden. E. T. A. Hoffmann. Nach einer Zeichnung von W. Hensel. Gestochen von Passini Nicht alles, was Hoffmann, der sehr spät zu schreiben anfing, schuf, ist von der Art solcher Befreiungen. Wenige Jahre vor seinem Tode einten sich erst die vielartigen Elemente seiner Begabung zum Dichter, im früheren Werke manchmal stärker schon angedeutet. Aber zu Anfang hatte er manches gegen den »Philister« auf dem Herzen, das er ihm auch und ohne Umschweife sagen mußte – diese satirischen und humoristischen Dinge, zu denen auch der Murr im Katerbuch gehört, sind der literarische Hoffmann, nicht der Dichter. Und vieles ist in seinem Werk, das nur der Hoffmann geschrieben hat, der Geld braucht, triviale Wiederholungen älterer, besserer Motive, das der Künstler als Schund bezeichnete, »immer noch gut genug für das Publikum«. Er war nicht sehr streng gegen sich. Der echte Hoffmann ist in dem »Don Juan«, der »Brambilla«, dem »Goldenen Topf«, dem »Bergwerk von Falun« und den andern kürzeren Geschichten, jenen, welchen das Prädikat »krankhaft«, das ihnen Goethe gegeben hat, allein zukommt. In der Morbidität liegt seine künstlerische Bedeutung – das andere ist jeu d'esprit oder toure de force. Hoffmanns dichterischem Werke fehlt der Schluß, die Erlösung. Man sieht ihn immer in die Nacht schauen und den Blick vor der Sonne verbergen. Man fragt sich, wie er das ertragen konnte, sucht nach dem Aufschwung dieser Natur und ihrer Verklärung. In seinen Schriften findet man sie nicht. Vielleicht liegt es außerhalb der artistischen Dichtung, diese schließende Verklärung zu geben, die ihn menschlich sein hieße, wo das Unmenschliche gerade sein Wesen ausmacht. Bei Hoffmann sind nur oft Wege angedeutet, die ihn zu seiner Ruhe führten: der Musik. Erst mit ihr scheint Harmonie in die bizarre Architektur seines geschriebenen Werkes zu kommen, das so vollendeter wird, je mehr er die Musik darin auflöst. Er ist jung gestorben. Das Flammenspiel seiner chthonischen Welt zehrte ihn auf. Friedrich Schlegel. Nach einer Zeichnung von Augusta von Buttlar. Gestochen von J. Axmann Drei romantische Liebhaber Friedrich Schlegel: Julius Wer das Ich auf eine Wirklichkeit festlegt, zerstört es; die Welt des genialen Ich ist allein die Welt der Möglichkeiten: mit einer solchen Einstellung suchten die deutschen Romantiker, mehr aphoristisch als systematisch, dem Segel ihres Schiffchens den Wind zu machen. Weil man aber immerhin lebte, was Verpflichtungen einschloß, und weil man sich äußerte, was nicht anders geht als in rationalen Formen, so fand man in der Ironie das Mittel, Verpflichtung und Rationales wenn auch nicht ganz aufzuheben, so doch sehr unzuverlässig und schwankend zu machen. Bei geringer produktiver Begabung war es opportun, eine Theorie der Ironie zu haben, die erklärte, es komme nicht auf das Werk an, sondern darauf, das Leben zu poetisieren, die Kunst ins Leben zu bringen. Da man aber auch kein sonderliches Leben hatte, eigentlich nirgendwohin gehörte als in ein paar Berliner Salons, so hatte dieses bißchen Leben nichts dagegen, sich poetisieren zu lassen. So balancierte der Romantiker auf der Brücke der Ironie, die er über seine Unzulänglichkeiten schlug, solche des Lebens und solche der Kunst. Das trug eine Weile, solange man jung war. Später kroch man unter, wo immer sich eine Gelegenheit bot, bescheidete sich im Staats- oder Kirchendienst subaltern. Der deutsche Polizeistaat hatte sich hinreichend stark erwiesen, die politisch-literarischen Ungebundenheiten der jungen Romantiker ohne jede Ängstlichkeit hinzunehmen. Und die Kirche ließ als eine rationale Weltmacht das Genie-Christentum dieser jungen Leute seine Kapriolen schlagen, ohne auch nur hinzusehen. Im Jahre 1799 schrieb und veröffentlichte Friedrich Schlegel die Lucinde. Als der Autor 1801 in Jena für die Erlangung des Doktorgrades disputierte, nannte einer seiner Opponenten das Buch ein Tractatum eroticum. Es gab einen Skandal, denn Schlegel warf dem Opponenten einen »Narren« an den Kopf. Der war er auch. Denn der junge Schlegel wußte eine Menge anderes, und es war nicht nötig, ihn bei dieser akademischen Gelegenheit, wo er den Gelehrten vorstellte, als erotischen Dandy anzugreifen. Denn nichts weiter als das Schattenbild eines solchen ist Julius, unter welchem Namen Schlegel in jenem Traktate sein Selbstbildnis zeichnet. »Alles konnte ihn reizen, nichts mochte ihm genügen. Daher kam es, daß ihm eine Ausschweifung nur so lange interessant war, bis er sie versucht hatte und näher kannte. Keine Art derselben konnte ihm ausschließend zur Gewohnheit werden: denn er hatte ebensoviel Verachtung als Leichtsinn. Er konnte mit Besonnenheit schwelgen und sich in den Genuß gleichsam vertiefen ... Die Frauen kannte er eigentlich gar nicht, ungeachtet er schon früh gewohnt war, mit ihnen zu sein. Sie erschienen ihm wunderbar fremd, oft ganz unbegreiflich und kaum wie Wesen seiner Gattung ... Er ward sinnlich aus Verzweiflung am Geistigen und war wirklich mit einer Art von Treuherzigkeit unsittlich.« Er erinnert sich eines Mädchens aus seiner Knabenzeit. Er eilt zurück in ihre Nähe, findet sie »ausgebildeter, aber noch ebenso edel und eigen, so sinnig und stolz wie ehedem.« Seinem »aufmerksamen Auge entgeht nicht die entschiedenste Anlage zu einer grenzenlosen Leidenschaft ... Aber mit Verdruß mußte er sich's gestehen, daß er seinem Ziele nicht näher kam, und schalt sich zu ungeschickt, ein Kind zu verführen. Willig überließ sie sich einigen Liebkosungen und erwiderte sie mit schüchterner Lüsternheit. Sobald er aber diese Grenzen überschreiten wollte, widersetzte sie sich ... vielleicht mehr aus Glauben an ein fremdes Gebot, als aus eigenem Gefühl von dem, was allenfalls erlaubt sei.« Aber es kommt der Moment, der das Mädchen nachgiebig zeigt. Doch im kritischen Augenblick entstürzen ihr Tränen, und Julius erschrickt heftig. Er kommt zur Besinnung. »Er dachte an alles, was vorhergegangen war, und was nun folgen würde; an das Opfer vor ihm und an das arme Schicksal der Menschen. Da überlief ihn ein kalter Schauer ...« Der Augenblick war versäumt. Er suchte nur das gute Kind zu trösten und »eilte mit Abscheu von dem Ort hinweg, wo er den Blütenkranz der Unschuld hatte mutwillig zerreißen wollen ...« Es kommen ihm aber doch Zweifel, ob er es da richtig gemacht hätte. »Indessen hielt er seine Dummheit doch für ausgezeichnet und interessant.« Aber das Mädchen schien mit dieser Dummheit unzufrieden. Darüber gerät Julius »in große Erbitterung«. Nicht besser ergeht es ihm bei einer Koketten aus der Gesellschaft. Er kommt mit Hilfe von Freunden darauf, daß »sie es auch mit ihm nicht ehrlich meine«. Nun wandte er sich einem Mädchen zu, die er »so sehr als möglich allein zu besitzen strebte, obgleich er sie unter denen gefunden hatte, die beinah öffentlich sind ... Mitten im Stande der äußersten Verderbtheit zeigte sich eine Art von Charakter ... Nächst der Unabhängigkeit liebte sie nichts so unmäßig wie das Geld ... Dabei war sie billig gegen jeden, der nicht sehr reich war.« Den Wert dieses Mädchens erkennt Julius: »Darum hing sie auch mehr an ihm, als sich sagen läßt.« Aber er bleibt etwas geringschätzend, da sie ja doch eine Dirne ist. »Wie entrüstet war er daher, als sie ihm einst unerwarteterweise die Ehre der Vaterschaft ankündigte. Und er wußte es doch, daß sie trotz ihres Versprechens noch vor kurzem Besuche von einem andern angenommen hatte ... Aber sie brauchte mehr, als er geben konnte.« Das Mädchen ersticht sich verzweifelt, und Julius nimmt zur Erinnerung eine Locke. Wohlbereitet durch den nun folgenden Umgang mit den romantischen Damen, der Rahel, der Karoline Schlegel, der Dorothea Veit, lernt Julius endlich Lucinde kennen, die Künstlerin, in deren Armen er »seine Jugend wiederfindet. Die üppige Ausbildung ihres schönen Wuchses war für die Wut seiner Liebe und seiner Sinne reizender als der frische Reiz der Brüste und der Spiegel eines jungfräulichen Leibes. Die hinreißende Kraft und Wärme ihrer Umschließung war mehr als mädchenhaft; sie hatte einen Anhauch von Begeisterung und Tiefe, den nur eine Mutter haben kann. Wenn er sie im Zauberschein einer milden Dämmerung hingegossen sah ...« Das Resultat dieser mit Aufwand erzählten Fadheiten und Plattitüden ist die magere Erkenntnis, daß »die Liebe für die weibliche Seele ein unteilbares, durchaus einfaches Gefühl ist, für den Mann nur ein Wechsel und eine Mischung von Leidenschaft, von Freundschaft und von Sinnlichkeit sein kann. Und Julius sah mit frohem Erstaunen, daß er ebenso unendlich geliebt werde, wie er liebe.« Der sanfte Schleiermacher sah in der Lucinde – die den Jungdeutschen noch die Bibel der freien Liebe war – die nur zu lobende Zurückweisung einer Verleugnung der Sinne. Schlegel wollte aber mehr als diesen Bürgerschreck. Man lebte in gewissen Berliner Kreisen ganz unbekümmert und in nichts darin behindert den Sinnen, und eine Apologie wäre nicht nötig gewesen. Aber vielleicht ein System nach der romantischen Formel von der Identität von Leben und Poesie. Der große Hymnus auf die Sinnlichkeit war ja schon von Heinse im Ardinghello gesungen worden. Aber die romantische Formel, durch die Schlegel mit Worten, nach vor- und rückwärts zu lesen, die ganze Welt jagte, war zu schwächlich für ein System des Denkens, und die fehlende Geselligkeit einer noch nicht vorhandenen Nation – es existierten nur ein paar Zirkel, wo sich Adel und Schöngeister bei Frauen trafen – gab auch für einen Roman nichts her, in dem diese Formel Gestalt bekommen hätte. So wurde, unterstützt von der spezifischen künstlerischen Unbegabtheit und Phantasielosigkeit des kritischen Schlegel, aus beiden Ansätzen, dem denkerischen und dem künstlerischen, etwas hergestellt, das Lucinde genannt wurde. Genietet wurde schlecht und recht mit einem bißchen Frechheit, die verblüffen sollte. Und mit einer Ironie, die nichts verschonte außer sich selber. Diese Romantiker der Ironie waren gegen sich selber ja alle von einem tödlichen Ernst. Ein Spottvers traf das Produkt ins Schwarze: Der Pedantismus bat die Phantasie Um einen Kuß; sie wies ihn an die Sünde; Frech, ohne Kraft umarmt er sie, Und sie genas von einem toten Kinde, Genannt Lucinde. Nur mit der Sünde hat das Epigramm unrecht, das die Karoline ihrem Manne, es war gerade August Wilhelm Schlegel, mit erheiterter Zustimmung zitiert. Denn Karoline war, wie alle Frauen des Kreises, viel gescheiter als ihre respektiven Männer, wenn die auch alles taten, sie davon abzubringen. Wobei sie schließlich auch Erfolg hatten. Denn als sich die frühe Romantik in das in ihr von Anfang an beschlossene Idyll des Biedermeiers begab, da war es, daß ein Jungdeutscher klagte: »Das Unglück dieser Zeit – 1835 – ist, daß die Frauen so unendlich weit hinter den Männern zurückgeblieben sind. Man sagte uns, daß die Frauen nur da seien, uns von den Anstrengungen des öffentlichen Lebens angenehm zu erholen, oder wohl gar, daß sie die Ableiter unserer Leidenschaften wären, welche uns nur stören würden draußen in der Welt, wenn wir sie nicht tierisch befriedigten. So kam es, daß die Frauenherzen zusammenschrumpften. Ihre empfängliche Seele vertrocknete an kleinen Dingen; sie verstehn uns ja gar nicht mehr, unsere Ausdrücke nicht, unsern Stil, unsre Gedanken, unsre Interessen. Sie scheinen nur da zu sein, um durch ängstliche Rücksichten den Flug unsres Wesens niederzuhalten ... Ich rede von jenen, welche den ganzen Tag am Flügel sitzen, da Fra Diavolo singen und über die Krawattenschleife ihrer Tänzer beim gestrigen Ball nachdenken, von dieser Million allerliebster, aber ununterscheidbar ähnlicher chinesischer Chignonköpfe, welche vor Klavier, Tanz und Gesang nicht einmal dazu kommen, ihre Lieblingsschriftsteller Belani und Storch zu lesen, für welche die ganze klassische Literatur von ehemals und heute böhmische Dörfer sind ... Ihr begrüßt und küßt auch: Wie? Kamt ihr euch in diesem Augenblick neu und außerordentlich vor? Wußtet ihr, daß ihr unsterblich seid? Ach nein: Eure Weste ist heut nicht geschmackvoll, und die Mutter hat gezankt, daß Sie so lange blieben, mein Herr, und es wäre doch Zeit, auf die Promenade zu gehen.« Der jungdeutsche Verehrer der Lucinde, die er den Mädchen seiner Zeit empfiehlt, die »vom Strickzeug oder Höhe und Tiefe der Taille sprechen«, spricht von jener bessern Zeit, wo Berlin den »Ton der laxen Moral angab, als Sitz einer in der Wollust des Verwesens begriffenen Regierung, der Tummelplatz der Rouerie und Patronage und der große Venusberg leichter und raffinierter Sitten. Das Beispiel des Thrones heiligte jede Ausschweifung. Die Mode war revolutionär und griechisch genial, und der Enthusiasmus für Kunst und schöne Literatur kam hinzu, um für die kleinen Gewissensbisse Ersatz und geniale Entschuldigung zu geben ... Die Brust war sehr entblößt, die Kleider orientalisch weit und schwelgerisch geschnitten, einige Aspasien gaben reizende Teestunden, und die jungen Revolutionäre, Catilina Prinz Louis Ferdinand-Schmettau an der Spitze, liefen mit exzentrischen Redensarten aus einem Boudoir ins andere. Die Literatur war der Faden, an welchem sich allmählich statt der neuesten Rezension in den Horen die heiße und begehrliche Leidenschaft aufzog, welche nur einer Leiter bedurfte ... Schlegels Lucinde war der Ausdruck dessen, was man sich in einer verabredeten Stunde und bei Aufstellung eines wachsamen Kammermädchens nicht mehr versagte.« Die kleine deutsche Gesellschaft, eben erst geworden, ohne Tradition, ohne Zentrum, das Beispiel hätte sein können, politisch verengt, sozial ungeordnet, religiös pietistisch aufgewachsen, bürgerlich regsam und beweglich, machte äußerste Anstrengungen, in kürzester Zeit ein verlorenes Jahrhundert nachzuholen. Sie mußte ihre Versittlichung von der Literatur beziehen, denn nur sie gab etwas. Dieser Gesellschaft war auch ein etwas romantisierter Crébillon noch nötig, und Schlegel gab die Mischung so gut er konnte, denn besser war ihm nicht gegeben. Er war am Erotischen nicht mehr als an den andern Realitäten beteiligt: es war ihm ein Anlaß oder Ausgangspunkt zum vermeintlich schöpferischen Genuß der eigenen Persönlichkeit. Wie man sich die Geliebte vorstellt, ist wichtiger, als wie sie ist. Was man an ihr findet, ist eignes Werk, sie hat kein Verdienst daran – »sie war nur der Anlaß«, wie Friedrich an seinen Bruder schreibt, der Anlaß für die unendlichen Möglichkeiten, welche allein die Freiheit der genialen Person garantieren. Praktisch wirkt sich das so aus, daß man ein Wort von Solger, der es vom Leben sagt, variierend sagen kann: man will nicht lieben, sondern vom Lieben schwatzen. Das unverpflichtende Gespräch ging über alles. Adam Müller, der sich für einen großen Staatsmann hielt, redete zwölf Reden über das Reden, und es ist seine beste Leistung. Man heiratete, trennte sich, heiratete wieder – bis man die geduldigste, nachsichtigste Freundin in der Frau gefunden hatte, die bewunderte und einiges verzieh. Es ist in allen diesen Frauentauschen dieser deutschen Romantiker nicht die Spur einer Leidenschaft: sie suchen nur das passende Komplement für ihre Passivität. Die Lucinde hatte nicht Figur genug, um sich über das kleine Skandälchen des Tages zu behaupten. Und Julius, der ein bißchen provinzlerisch den Ton des Roué übertreibt, um in den Berliner Salons Wirkung zu tun, hatte keine brauchbare eindeutige Formel gefunden für das, was er als freie Liebe dozierte. Der Freund Schleiermacher, auch er wie Schlegel in Liebessorgen um die Frau eines andern Mannes, sprang ein mit Briefen zum Thema »gegen die Ehe«, wo »die Eheleute in gegenseitiger Verachtung voreinander leben, wo er in ihr nur ihr Geschlecht, sie in ihm seine bürgerliche Stellung, und beide in den Kindern ihr Machwerk und Eigentum erblicken«. Aber man hatte sich etwas zu viel vorgenommen, wollte in ein, zwei Jahren ein versäumtes Jahrhundert nachholen, glaubte, einige schöne Beispiele freier Frauen wie der Pauline Wiesel – Alexander von Humboldt ging zwölf Meilen zu Fuß, um sie zu sehen –, wie der Karoline Schlegel, weniger schön, aber geistig freier, wie der Rahel Varnhagen, der Dorothea Veit würden zusamt einem kleinen schlechten Buche genügen, der Nation klarzumachen, daß sie keine erotische Erziehung besitze, weil »ihre Männer von den Frauen Unschuld und Mangel an Bildung verlangten, wodurch die Frauen zur lächerlichsten Prüderie, zur Prätention der Unschuld ohne Unschuld gezwungen würden«. Man muß erinnern, daß die sittlichen Verurteiler der Lucinde die eifrigsten Leser des gerade viel übersetzten Crébillon und ähnlicher französischer Dinge waren, gar nichts gegen die Frivolität im Heimlichen hatten, aber sehr viel für die »Heiligkeit der Ehe« im Öffentlichen. Und diesen sagte nun der Prediger Schleiermacher, daß viele Versuche nötig seien, und daß, »wenn man drei, vier Paare zusammennähme, recht gute Ehen zustande kommen könnten, falls man sie tauschen ließe«. Es blieb dies auf den sehr kleinen Kreis der Romantiker beschränkt, und die Nation folgte ihrem Beispiel nicht. Vielleicht weil es in der Breite an den Frauen fehlte, welche die Mühe solchen Tausches lohnten. Vielleicht auch, weil es an den Männern fehlte, die imstande gewesen wären, Unterschiede wahrzunehmen. Das Erotische ist keine wesentliche Farbe im Charakter des protestantischen Deutschen. Er ist ein um der Fruchtbarkeit willen mehr ehelicher Typus, geneigt, sich des andern zu schämen, weshalb er es heimlich und mit schlechtem Gewissen tut. Man hört es auch in der Lucinde klopfen. Chateaubriand: René »Wir wollen selber Götter sein ...«: was stand dem aus religiöser und sozialer Bindung befreiten Individuum von 1800 im Wege, solches zu wollen? Ein kleiner Artillerieleutnant aus Korsika wird Kaiser der Franzosen und erobert Europa – jeder kann ein Kaiser sein und sein Europa erobern. Dieses Geschlecht, dem René angehört, der Held eines kleinen, unlesbar gewordenen Buches, in dem sich eine Epoche erkannte und daran bildete, dieses Geschlecht hat den stärksten, bedeutungsvollsten Satz der Liaisons Dangereuses im müden Blute: »On s'ennuie de tout, mon ange.« Prophetische Diagnose jener Gemütskrankheit, an der die Jugend der napoleonischen Zeit litt, die sie erlitt, abseits stehend, untauglich oder unwillentlich zum Soldaten, von Ehrgeiz zerfressen, eine Welt von Möglichkeiten offen sehend, aber ohne Kraft, sich in diese Welt zu stürzen. Da brach, der kaiserliche Adler flog vor ihm her, irgendein herrlich uniformierter Offizier auf drei Wochen Urlaub in die Stadt, es brauchte gar nicht der schöne Murat zu sein, selbst dem unansehnlichen Artillerieleutnant Henry Beyle gelang es – und der Uniformierte war ein Gott unter den Frauen, deren Nüstern sich blähten, um das Blut und den Schweiß dieser Männer zu schnüffeln. Und den Ruhm. Was hat man gegen diese Eroberer zu setzen? Was gegen den alles überklingenden Namen dieses Bonaparte, den Chateaubriand verächtlich, wie er meint, Buonaparte nennt und sich in demselben Jahre 1768 geboren sein läßt, um ihm darin gleich, wenn auch an Genie ein Jahr älter zu sein. Diese geistig von der Enzyklopädie genährte und ausgedörrte Generation hatte die Revolution gesehen und sah deren Sohn am außerordentlichen Werke. Über nichts als ihre Seele gebeugt in der Einsamkeit ihres frisch erworbenen Individualismus wird sie, das ist ihr Grundzug, schwermütig bis zur Todessehnsucht, steigert sich zur Genialität, um sich davon zu befreien, erliegt in jungen Jahren ihrer Erschöpfung: Lenz, Hölderlin, Novalis, Shelley, Keats, Byron, Kleist: alle sterben jung, weil sie jung alt werden. Die Überlebenden langweilen sich zu Tode, wenn sie sich nicht in die Kirche retten, ihrer melancholischen Langeweile damit ein pompöses Dekor geben wie Chateaubriand. In seinem einzigen heute noch lesbaren Buche, das charakteristischerweise die Memoiren aus dem Grabe sind, steht der wenige Jahre vor seinem Tode geschriebene Satz: »Ich glaube nicht mehr, weder an den Ruhm noch an die Zukunft, weder an die Macht noch an die Freiheit, weder an die Könige noch an die Völker. Ich hause allein in einem weitläufigen Appartement, wo ich mich langweile, und wo ich undeutlich irgendwas, ich weiß nicht was, erwarte, das ich nicht verlange, und das nie kommt. Ich lache gähnend über mich, ich gehe um neun schlafen. Ich bewundere meine Katze, die ihre Jungen wirft ... Je regarde passer à mes pieds ma dernière heure.« Das ist datiert 6. Juni 1841. Er hatte über siebenzig Jahre. Aber René hätte im Jahre 1802 dieselbe Melancholie ausdrücken können. Tat er es nicht? Er glaubte auch mit fünfundzwanzig Jahren an nichts als sich selbst und mußte sich mit höchst delikaten verliebten eitlen Fingern anfassen, um diesen fatalen Glauben nicht allzu rasch zu verlieren. Er mußte sich eine Bedeutung bis zum Absurden geben, um das Wenige zu retten und zu tun. Um zu leben. Im Schatten eines Menschen der Tat. »Napoleon konnte mit den Königen fertig werden, aber nicht mit mir«, meinte die kindliche Eitelkeit dieses zierlichen, auf eleganten, vielbewunderten Füßen posierenden Mannes, der mit fünfundzwanzig anfing, seine eigene Statue zu werden, die er über seiner innern Leere errichtete. Als Legitimist ist er royalistischer als der König, als Katholik päpstlicher als der Papst, als Aristokrat, der er von Ahnen war, ist er ein Parvenü, der sich selber immer betitelt, als Schriftsteller vor der Ewigkeit in großer Parade drapiert er sich mit Gefühlen, die er zu haben glaubt, weil er sie schreibt, und weil er an nichts sonst glaubt – nicht einmal an das, was er tut –, an nichts sonst als an seine Worte. Wer den Wert seiner Sätze bezweifelt, der trifft ihn, wie den heutigen Karl Kraus, an der Stelle, wo vielleicht sein Herz ist, womit aber nichts weiter getroffen ist als ein theatralisches Arrangement falscher und gefälschter Wirkungsmittel im Dienste einer grotesk-tragischen Eitelkeit. Da ist nichts geheuchelt, denn zur Heuchelei fehlt René die Tiefe. Was so klingt, als ob es tief wäre, ist nur Hohlheit, Ausgehöhltheit eines tönernen Monuments der Selbstgefälligkeit nach allen Dimensionen hin, himmlischen wie irdischen. Er ist der Typus des Literaten, den das ihm folgende Jahrhundert endlos abwandeln wird. Er spielt den vom Ruhm Gelangweilten, den den Beifall Verachtenden und denkt nur an den Applaus. Er ist im Wechsel für den König, für Napoleon, für den Papst, für die Republik, weil er immer nur seinem eignen Ruhm treu ist. Nur sich selber dienend, weist er jeden andern Dienst als seiner Bedeutung unwürdig von sich. Auch in der Liebe. Nur die Selbstgefälligkeit äußert sich hier, keinerlei Glauben – nicht einmal die Sinnlichkeit. Die Zahl der Frauen, welche René liebten, hat ihresgleichen nur in den Romeos, die um die Couchette schmachteten, auf der Giulietta Récamier ihren koketten Fächer handhabte. Ähnlich sind sich beide darin, daß René das Gefühl für die Liebe fehlte wie Juliette, um es diskret auszudrücken, das Schlüsselloch für alle die Schlüssel, welche ihr Geheimnis aufsperren wollten. Der Impotenz des Leibes hier entsprach die Impotenz der Seele dort. Aus dem dürren Boden ihrer Wüste schlug die Frau, weiblicher Moses mit dem Fächer, die Koketterie, die keinen Anbeter verlieren wollte, schuf der Mann, Moses mit der heraufzaubernden Schreibfeder, das metaphorische Gewässer seiner Rede. Beide bezogen ihr Leben aus ihrer Begehrtheit, der sie nicht nachgaben, diese nicht mit dem Leibe, den sie in einem gewissen Sinne nicht besaß, jener nicht mit der Seele, die er nicht besaß oder deren Weniges er ganz für sich selber brauchte zur Feuerung für diese Maschinerie seiner Eitelkeit. Was schreibt er etwa einer Frau, die ihn liebt? »Mein Leben ist nur ein Zufall; nehmen Sie von diesem Zufall die Leidenschaft, das Chaos und das Unglück – ich werde Ihnen an einem Tage mehr davon geben als andere in langen Jahren.« So sprach noch der René von vierundsechzig Jahren. Mit fünfundzwanzig Jahren hieß der Satz so: »Ja, Celuta, wenn du mich verlierst, wirst du als Witwe leben – denn wer könnte dich mit der Flamme umgeben, die ich ausstrahle, selbst wenn ich nicht liebe?« Oder in gleicher Großartigkeit, wie ein Gott der schenkenden Liebe: »Meinem Herzen entströmen Flammen, denen es an Nahrung gebricht, welche die Schöpfung verzehren könnten, ohne gesättigt zu werden, und welche selbst Dich verzehren könnten.« In dem insipiden Büchlein, das Renés Weltschmerz enthält, wird aus den kleinen Jugendsünden, die Bruder und Schwester einmal bedeutungslos näherbrachten, eine Poesie hergestellt, in der die Schwester, in inzestuöser Leidenschaft zum Bruder entbrannt, ihn flieht und den Schleier nimmt. Das Geständnis ihrer Leidenschaft macht sie ihm vor dem Altar auf dem symbolischen Totenlager, das der Einkleidung vorausgeht. So ruchlos war man! Byron entzückte das nicht weniger als die minderen Zeitgenossen, die renéisierten, wie man dreißig Jahre zuvor wertherisiert hatte. Ganz dem frivolen Geschmack der Libertinage ergeben, kaschiert Chateaubriand das in Großartigkeit pompöser Worte, verzweifelter Gesten, verachtungsvoller Haltung. Cherubin spielt Hamlet, entzückt von seiner Rolle. François René Chateaubriand. Nach einem Gemälde von Aubry-Lecomte Aber dieser Hamlet war verheiratet. Dieser Hamlet, von dem so viele, ja alle Frauen meinten, es sei ein schöner Gedanke, in seinem Schoß zu lieben, hatte in seiner Frau die einzige Frau, die nicht in ihn verliebt war, weder in seine eitle Männlichkeit noch in seine eitlere Literatur. Die Gräfin Chateaubriand, eine geborene Céleste Buisson de la Vigne, war eine Frau von Geist, aber das hätte nicht genügt, ihr diese schöne eheliche Philosophie zu geben, die sie auszeichnete. Als Sechzehnjährige konnte sie mit ihrem blonden Lockenhaar für hübsch gelten. Das Porträt, das man von ihr besitzt, zeigt sie von langer ehelicher Übung etwas vertrocknet, mit eher männlichen Zügen, einer bitteren Falte um den Mund. Eine große knochige Nase beherrscht das stolze verwüstete Gesicht. Dem Steuer dieser intelligenten Nase dankt sie es, auf dem tumultuösen Meer ihres Gatten nicht Schiffbruch gelitten zu haben. Sie hatte sich auf der rechten, nicht auf der linken Seite Renés niedergelassen, und von da rührte sie sich nicht mehr. Mit einer leichten Ironie liebte sie es, die sentimentalen Fanfaronaden ihres Gatten zu belächeln, oder Schönfärbereien, die er Erzähltem zu seinen Gunsten gab, trocken und präzis zu berichtigen. Er hatte eine sehr respektvolle Angst vor ihr: sie schüchterte ihn ein. Aber er sagte: »Die Gräfin Chateaubriand bewundert mich, ohne je zwei Zeilen meiner Werke gelesen zu haben.« Beides stimmte nicht. Sie las ihren Mann, goutierte ihn aber nicht, denn sie war weder romanesk noch romantisch. Sein Genre ging ihr auf die Nerven. Außerdem liebte sie mehr die Politik als die Literatur, und in der ihres Mannes stieß sie auch zu oft auf »diese Madames«, wie sie des Gatten Passaden nannte. Von denen sie meinte, daß sie ihn politisch nicht vorwärts brächten. Wie oft solche ausgetrockneten weiblichen Wesen war sie politisch besessen und immer dahinter her, ihren Mann in der Politik zu managen. Sie war die geborene Ministerfrau. Dafür nur liebte sie ihn, kochte ihm Schokolade, pflegte den rheumatischen alten Verführer. Sie war der anständige Mann in der Ehe. Atala, René, Natchez – das geht alles in Florida, in den Savannen Louisianas vor sich, in Landschaften, die weder Chateaubriands leibliches noch geistiges Auge je gesehen hat. In einer sentimentalen Welt, in der sich Tropisches schaukelt wie Papageien in Messingringen. Nicht daß das alles keine äußere Wahrheit hat, sondern daß ihm die innere Wahrheit, die Ehrlichkeit und Reinheit der Emotion fehlt, ist charakteristisch für diese Schriften, für ihren Autor, für seine Lieben. Er spricht von alldem nur wie vom Hörensagen. Denn er will ja nur von sich sprechen, so wie er wünscht, daß man ihn sehe, weil er selber nichts glaubt als dieses Bild, das er sich von sich gemacht hat. Er besitzt keine andern Ressourcen als dieses sein armes Ich, das doch immer düpiert. Mit diesem Selbstkultus inauguriert er eine noch nicht geschlossene Epoche, in der jeder, mangels etwas Besseren, sein eigner Gott ist. Er trifft nach siebenundzwanzig Jahren als Gesandter in London eine Dame, nun Witwe, wieder, die ihn damals geliebt hatte, und er fragt sie, wie sie ihn finde. Er hebt die damit soufflierte Antwort in seinen Memoiren auf: »Ganz unverändert, nicht einmal älter geworden.« Denn das war seine peinigendste Angst: alt werden, und nicht mehr die Frauen, das dankbarste Publikum, verwirren, konsumieren können, woran ihm ja so viel lag. Jene Dame fragt er auch, ganz wie ein Parvenü: »Sagen Sie, Madame, was sagen Sie zu meinem neuen Glück?« Und er zwingt sie damit, in den Memoiren notiert, zur Antwort: »Als ich Sie kennenlernte, wußte niemand Ihren Namen, wer kennt ihn heute nicht?« Jung bleiben, berühmt sein: Fixationspunkte seines Lebens. Mit der affektierten Lässigkeit des Frauenlieblings spricht er in seinen Memoiren von »allen diesen Frauen, die an mir vorübergezogen ...«, und es waren nicht die ersten besten. Pauline de Beaumont, Delphine de Custine, die Herzogin von Mouchy, die Herzogin von Duras, Madame Récamier... – »alle diese Frauen«. Er deutet an, wie er ihre Liebe und ihre Leiden hinnahm, duldete. Eine von ihnen schreibt an einen Freund: »Ich bin verrückter als je, ich liebe ihn mehr als je, und ich bin unglücklicher, als ich sagen kann.« Es sind für ihn in der Tat ganz unterschiedslos »diese Frauen«, denn er liebt keine von ihnen, sondern nur die Gelegenheit von Erregung, Verwirrung, die sie ihm geben, sie sind ihm die guten Priesterinnen des Kultes, den er mit sich treibt, und für den er gern Anbeterinnen seines eignen Idols hat. Er genießt durch sie die Illusion einer ihm teuren Situation. Dazu zu verführen wird ihm mit vielen Mitteln, über die er wie eine eitle Frau verfügt, leicht, mit dem Wort, dem Lächeln, der Grazie einer Bewegung. Er ist ein vortrefflicher Regisseur, der nie den Kopf verliert an ein Gefühl, weil er nichts derlei besitzt. Die Flammen, von denen René zu Celuta spricht, verzehren weder das All noch das Mädchen, denn sie brennen nicht, sie locken nur durch ihr Glänzen. Er weiß, daß er ein Herz ganz in die Liebe stürzt, wenn er ihm wie der Celuta sagt, daß er sie nicht liebe, nie geliebt habe, aber doch wolle, daß sie ihn nie vergesse, denn keiner könne sie mit solcher Flamme umgeben wie er, selbst wenn er sie nicht liebe. Dieser seltsame Epikuräer, der sich christlich färbt, um eine größere Skala, eine reichere Palette zu haben, mischt auch die Farben des Todes in seine Liebe – »melons des voluptés à la mort!« –, spricht, stärkster Ausdruck des Weltschmerzes, von einer »Manie zu leben«, um damit die Anhänglichkeit an das Leben zu beleidigen. Er gibt den Frauen, die von ihm »weg« sind, nichts und behauptet, das sei mehr, als irgendein Mann ihnen geben könne – aber so stark war der Renéismus und so willfährig ihm die Frauen, daß ihm keine einzige widersprochen hat. Der Verführer, der das Register melancholischer Indifferenz und Gelangweiltheit spielt, bezwang sie. Denn dreißig Jahre variiert er diesen Ton: »Ich langweile mich am Leben; die Langeweile hat mich immer verzehrt; was die andern Menschen interessiert, berührt mich nicht. Hirt oder König, was hätte ich mit meiner Hütte, meiner Krone gemacht? Gleicherweise ermüdet vom Ruhm und vom Genie, von der Arbeit und vom Nichtstun, von Wohlhabenheit und Mißgeschick. In Europa, in Amerika hat mich Gesellschaft wie Natur gleich kalt gelassen. Ich bin tugendhaft ohne Freude daran; wär' ich ein Verbrecher, ich wäre es ohne Gewissensbisse. Ich wollte, ich wäre nie geboren, oder wäre auf ewig vergessen.« Dieser Ton von 1795 lautet 1832 nicht anders: »Macht und Liebe, beides ist mir ganz gleich indifferent, alles ist mir zuwider.« Den sinnlichen Funken aus dem auf Tod gespielten Stein zu schlagen, muß immer wieder starke Versuchung der Frauen gewesen sein, die in seine Nähe kamen und ihr erlagen. Das Satanische in dieser christlichen Affektation, das Tod und Liebe zu einer erotischen Morbidezza verbindet, muß betäubend gewirkt haben auf diese Frauen, die nur kräftig attackierende Reiteroffiziere oder schwächliche Bankiers kannten. Auch daß sie hinter all diesem dandyhaften Aufwand eine nicht geringe Lubrizität witterten, half mit. Denn auch diese verrät er, als er, im Alter, seines Stiles nicht immer ganz mehr sicher ist. Er erinnert sich jenes Mädchens Charlotte in London, die er bezauberte, um im kritischen Moment zu sagen, daß er verheiratet sei. Aber auch die junge Mutter des Mädchens lüstete ihn. Da rutscht es dann in den Memoiren heraus: »Eh bien! Hätte ich damals in meine Arme Braut und Mutter gedrückt, jene, die mir als Jungfrau und Gattin versprochen zusamt der Mutter, ich hätte es mit einer Art wilder Wut getan ...« Die Sinne dieses Mannes sind zur Zeit modelliert worden, als die Liaisons Dangereuses erschienen. Und diese wilde Wut, das ist das tobende Nichts unter der Maske des Todes, der diesem Narziß keine Figur des Lebens ist, sondern der Vernichter. Denn Narziß muß auf dem Grunde seines Spiegelbildes immer die Grimasse des Todes sehen, seines Todes, der ihn auslöscht. Für dieses mit siebenzehn Jahren schon etwas greisenhafte Männergeschlecht hatte das junge Mädchen, das Klärchen oder Gretchen hieß, den erotischen Charakter verlieren müssen, denn diese männliche Schwäche konnte mit der sich hinschenkenden Naivität nicht mehr zurechtkommen. War es schon ein Mädchen, dann steigerte es sich zur Schwester wie bei René und Byron, der ihn hier kopierte, oder es verjüngte sich zum Kinde, wie in Hardenbergs Sophie, die noch nicht fünfzehn alt war, als sie starb. Diese bis in die letzte Herzfaser abgekühlten, von Zweifel und Langeweile zernagten Männer trennte ihr Schicksal, Revolution und Napoleon erlebt zu haben, von den Eroten des ancien régime, deren Rosenlaube, wie ihre feinen Nasen merkten, schon vor 1789 nach leichter Fäule roch. Und was zur Zeit noch in jener Mode herumlief, war von allen belächelte Karikatur, wie der Prinz von Ligne, dessen Alter es mitbrachte, daß er bei der Mode seiner Jugend blieb. Oh, nicht als ob man keusch lebte! Nicht als ob man dem Abenteuer aus dem Wege ging! Man hieß Constant, und es stimmte schon, daß man den Spitznamen Inconstant bekam. Aber man hatte eine andere Haltung, hatte ein dünneres Blut, war früh blasiert, und das alles brachte einen radikalen Wechsel des erotischen Gegenstandes mit sich. Nichts leichter, als ein Kind von siebenzehn Jahren betören, das höchstens darüber weint, sitzengelassen zu werden – aber was sind das schon für Schmerzen! Man suchte die Leidenschaft, den großen Aufruhr der Seele, das Alles oder Nichts bei der Frau, die man lieben wollte, und das war die Frau von dreißig Jahren, die einige Jahrzehnte später die von vierzig werden sollte, bei der schon das Mütterliche mitspricht, das die sich ihnen nähernden Kind-Männer von Männern brauchen, um Männlichkeit merken zu lassen, und Weiblichkeit als Passion zu spüren. Benjamin Constant: Adolphe Sieben Jahre nach den »Wahlverwandtschaften«, dem fast wissenschaftlich konstruierten Versuch, den Eros ohne weitere Determination im Psychologischen als eine Naturkraft nachzuweisen, wie sie sich nicht anders auch außerhalb der Menschen äußere – im Jahre 1816 erschien »Adolphe« als der erste epochale Versuch, das bisher nur als einfach hingenommene Gefühl der Liebe als einen Komplex aufzuweisen und in seine vielen Teile zu zerlegen. Mit diesem kleinen Roman zwischen zwei Menschen und ohne wechselnde Situation ist literarisch der moderne Roman inauguriert. Daß er psychologisch ist, ergab sich aus wesentlichen Änderungen des gesellschaftlichen Lebens unter staatlichem und kirchlichem Druck, ausgeübt, um die nicht mehr einheitlichen Elemente der neuen Gesellschaft zusammenzuhalten. Man haßt den Skandal als schädigend, nicht als unmoralisch, denn man bereitet dem Laster ganz freundlichen Empfang, wenn ihm nur der Skandal nicht angehängt ist. Es gab schon öffentliche Meinung, Zeitung, Politik. Man hatte schon ein offizielles Gesicht und ein privates. Man fing schon an, Masken zu tragen und Masken »herunterzureißen«. Jeder, der eine trug, zitterte, wurde vorsichtig, tat heimlich, was er nicht lassen konnte, und verurteilte bei andern laut, was er selber heimlich tat. Der hypokrite Mensch des neunzehnten Jahrhunderts war auf die Welt gekommen. Balzac sollte bald dessen Epopöe schreiben, wenn auch in den Bereichen des Sentimentalischen der Liebe das unterschlagend, was Constant im Falle seines Adolphe bis auf den letzten Nerv seziert hatte. Bis zu Adolphe war die Liebe die Illusion des Erwachens zu ihr gewesen, das erste Sehen, das Verlangen: es wird erfüllt, und der Vorhang fällt. Es wird nicht erfüllt: und der Tod, der frei gewählte, zieht den Vorhang zu. Man bangte, man litt, man jubelte, man verzweifelte, man schoß sich tot. Kam es in den Niederungen anders, so zu jenem verabsolutierten Glück in einer Ehe, wo das Gesicht der Frau völlig verschwindet in Kindern, Wirtschaft und derlei. Das angebliche Gesicht, denn es war auch vorher nichts davon da gewesen als irgendwas Blasses, das einen weiblichen Vornamen trug und heiraten wollte. Aber in den hohen Konzeptionen sterben die jungen Mädchen, oder fliehen ins Kloster. Und die Jünglinge geben sich den Tod, oder flüchten in die Welt oder in die Einsamkeit. Alles war Sturm, Drang, Romantik, ohne Dauer, war Wunsch nach dem höchsten Augenblick, dem keinerlei Zeit nachfolgt. Zu solcher Attacke auf die Frau gehörte die physische und seelische Kraft, wie sie die empfindsame Epoche nur mehr in Ausnahmen besaß. Aber auch die andern, welche nicht Goethes ausnahmehafte Natur besaßen, liebten doch die Geste und gingen darüber zugrunde. Brachen sich am Widerstande, teils bürgerlich-überlegtem, teils empfindsam-erworbenem des Mädchens, dem seit Rousseau vage Träume einer Emanzipation durch die Seele zogen. Die Jünglinge waren zu schwache Herren geworden, um den Meister zu zeigen, waren selber auch angesteckt von diesem neuen Feminismus, den sie mit exaltierter Schwärmerei auszudrücken suchten wie Novalis, oder mit Dandytum des Weltschmerzes wie Byron. Von all dem ist nichts mehr in Constant, nichts mehr als die Frühreife – mit elf Jahren schreibt er Briefe nach Haus, die man vorliest – und die Blasiertheit, die weniger Mode als Charakter der Zeit ist. Die Menschen dieser Zeit haben die eine Hälfte ihres Lebens auf dem andern Ufer des Stromes verbracht, in der rationalen Kühle des achtzehnten Jahrhunderts, wo man alles in den Geist auflöste, Geist hatte und mehr noch den Geist, den man haben wollte. Nun lebten sie die zweite Hälfte ihres Lebens auf dem andern Ufer – welchen Stromes? Er trug nur Blut und Tat, die Revolution und ihren großen Sohn. Wenn so Ungeheuerliches sich vollzieht, daß französische Armeen in Lissabon, in Wien, in Moskau Winterquartiere beziehen, muß auch der Liebe ein entsprechendes Format gesucht werden – die kleinen Mädchen den Rekruten des erotischen Daseins, dessen Offizieren die Frauen, welche zu erschüttern vermögen. Nicht mehr Zeitvertreib der Sinne oder Vorspiel zur prädestinierten bürgerlichen Ehe, sondern die Liebe schlechthin, dieses Feuer, das alles zu Asche niederbrennt und sich selbst genügt. In Adolphe wird zum erstenmal festgestellt, daß dieser Flamme Rauch nach verbranntem Fleisch riecht. Von der Flamme, die eine Siebenzehnjährige verbrannte, sagten grausam liebenswürdige Jahrhunderte, es dufte nach Rosen. Adolphe aber liebt eine Frau, die um Jahre älter ist als er. (Frau von Girardin sagte zur Entschuldigung Balzacs, daß er die Frau von dreißig schildere: man müsse die Leidenschaft dort malen, wo man sie finde, und heutzutage finde man sie eben nicht in einem sechzehnjährigen Herzen.) Der junge Constant sagte einmal: »Ich amüsiere mich in allen diesen Verlegenheiten, in denen ich mich befinde, als wären sie die eines andern.« Im Zorn liebte er es, zu sagen: »Ich bin wütend, verliere den Verstand vor Wut, aber im Grunde ist mir das Ganze höchst gleichgültig.« Er schreibt eine Bittschrift an Ludwig XVIII., erklärt seinen Abfall zu Napoleon in den hundert Tagen, versichert den König seiner Loyalität. Man sagt ihm abends in einer Gesellschaft, daß seine Bittschrift den König überzeugt habe, und Constant meint: »Das glaub' ich, sie hätte mich beinah selber überzeugt.« Seine Amouren beginnt er mit siebenzehn; er hat schönes blondes Haar und rote Lippen, aber eine scharfe Nase darüber, und einen schmutzigen Blick. Madame de Charrière, Verfasserin von faden Romanen, ist zwanzig Jahre älter als er, als er sie liebt. Dann heiratet er eine sentimentale, etwas dumme Deutsche, von der er sich scheiden läßt. Denn Madame de Staël war aufgetaucht und wollte ihn auf ihrem breiten Schoß haben, auf den sie lieber noch Napoleon gesetzt hätte, um »Kindchen« zu ihm sagen, und ihm die Schlachtpläne korrigieren zu können. Eine tumultuöse Frau, Gendarm der Beredsamkeit, halb Schweizerin halb Deutsche, die ihn zu ihrer großen Leidenschaft machen wollte, wovor er etwas Angst hatte, so sehr, daß er ihr Heirat vorschlug. Lieber das, als ihre Uniform tragen. Sie lehnte ab, wollte ihren berühmten Namen behalten, das Glück der Welt bringen, nicht einem Manne. Constant glaubte wirklich, dieses seltsame Ungetüm zu lieben, vor dessen Reden Goethe die Migräne bekam. Aber es war zwischen den beiden immer nur der Kampf, wer der Stärkere sei, wobei die Staël noch den Mann mitspielte. Er erwartete die Leidenschaft von ihr, sie von ihm: das war der Zustand. Er hatte einen Strick um den Hals, dieser sinnliche Skeptiker, der auf die Liebe hoffte. Er nahm nicht, sondern wurde genommen. Benjamin Constant. Nach einem Gemälde von L. Vallier Ellénore, die deklassierte Mätresse eines Polen, die Adolphe begehrt, ist nicht nach dem Modell der Staël gearbeitet, nur aus Erfahrungen mit ihr und andern Frauen. Sie ist eine erfahrene Frau, die auf Welt und Reichtum verzichtet hat ihrer Liebe zu Herrn von P. willen. Sie hat nicht mehr Geist oder Verstand, als diese Erfahrung ihr gab, um ihrer Liebe willen deklassiert zu sein. Das erträgt sie, und wenn sie mit ihrer Liebe einen Fehler begangen, will sie ihn mit Treue büßen. Sie hat ihre Welt verloren, nur mehr den Verkehr mit den Freunden ihres Freundes, die sie respektieren, aber nicht ganz mit dem richtigen Ton. So lebte sie Jahre. Da hat sie Anlaß, an seiner Liebe zu zweifeln, und nur mehr an seine Anständigkeit zu glauben. Noch nicht, an seiner Treue zu zweifeln, aber an deren Motiv. Sie erkennt es nicht mehr als die Liebe, sondern als Wohlerzogenheit, Dankbarkeit, die sich verpflichtet fühlt. Der ganze Sinn ihrer Existenz schwindet ihr. Was soll ihre Treue, die ihre Rettung war, wenn keine Liebe des Mannes mehr sie stützt? Da trifft sie Adolphe. Seine Blasiertheit, seine Gelangweiltheit, seine Eitelkeit erwarten Erschütterung von dieser leidenschaftlich bewegten, sinnlich erregenden Frau, die eine wissende ist, wie seine jugendliche Sehnsucht sie sucht. Sie erliegt ihm, weil sie den Glauben an die Liebe braucht, der ihr durch den andern verlorenging. Weil sie die Treue zu einer Liebe braucht als Rechtfertigung ihres Deklassements, das sie verwirft und keineswegs als eine Bohèmienne lachend trägt. Und sie liebt den Mann, der jünger ist als sie, weil sie in dieser Liebe auch das Schwesterliche, das Mütterliche findet, das ihrem Herzen wohltut. Und nun beginnt der Roman, den Constant erzählt: die Auflösung, die Zersetzung dieser Liebe, die Anstrengung, diese Zersetzung aufzuhalten, sie zu verbergen, zu verhüllen. Die Szene dieser Tragödie ist das Gewissen, aber nicht Pflicht und Willen sind die Handlung dieses Dramas, sondern das Chaos, in dem sich, wie Suarès sagt, die Herzen selber und einander zerfleischen. Vor dieser ersten Darstellung der Liebe als einer Erkrankung gab es Liebe und Haß – hier ist das nicht mehr zu unterscheiden, ob ein Haß liebt oder eine Liebe haßt. Ob die Lippen sich zum Kusse oder zum Bisse suchen. Ob geben nicht auch nehmen ist. Von nun ab ist das Glück der Liebe, von dem man früher sprach, da man sie nur so kannte oder kennen wollte, vergiftet mit einem höchst subtilen Gifte, das im Hirn erzeugt wird. Das Gift ist aus dem Leibe der Liebe nicht mehr herauszutreiben. Es wird eine wuchernde Erkrankung wie ein Krebs. Von nun ab ist Furcht vor der Liebe in der Welt, denn wer ist sicher, daß seine Leidenschaft nicht falsch sei wie die Adolphes? Und daß er daher nicht den kleinsten Rausch eines Glückes erleben würde, um dessentwillen man lebt? Wer ist sicher, daß er sich nicht über sich selbst irre, und für eine Leidenschaft halte, was nur kurzes Aufbrennen einer dürren Seele ist? Und in dessen Folgen er sich verstrickt, weil er immer noch gerade so viel Herz hat, um zu ertragen, zu erdulden, zu schweigen, Mitleid aufzubringen, aber auch die Ironie, die sich über alles das lustig macht? Adolphe irrte sich, als er mit Leidenschaft zu lieben glaubte, denn es fehlte ihm jeder Glaube. »Von allem blasiert, von allem gelangweilt, bitter, egoistisch, mit einer Art Sensibilität, die nur dazu dient, mich zu martern, beweglich dabei, daß ich oft für einen Affen gelte, Melancholien unterworfen, die alle meine Pläne unterbrechen, wie wollen Sie da, daß ich reüssiere, daß ich gefalle, daß ich lebe?« fragt Constant. Er ist der erste Europäer und trachtet, Frankreich zu dirigieren. Er glaubt nicht an Gott, aber er schreibt ein eifriges Buch über die Religion. Er ist von der Liebe nicht zu düpieren und sucht sein ganzes Leben lang, unter eine Leidenschaft zu kommen. Er ist zweimal verheiratet, die zweite Frau, Charlotte von Hardenberg, ist ihm so fremd wie seine erste, denn er ist der geborene Junggeselle. Er haßt die Einsamkeit und hat weder Haus noch Herd noch Kinder. Er »löscht«, wie Suarès es sagte, »alle Feuer des Lebensaus, um deren Asche zu wägen; aber er lebt im ewigen Bedauern der Hitze und der Flammen.« Der alte Constant sagt: »Was anderes soll man begehren, als mit möglichst wenig Schmerz aus dem Leben zu echappieren?« Ganz jung schon alt, erreichte er seine Vollendung im Alter – und in der Verachtung seiner moralischen Zeitgenossen, deren Auge nicht höher reichte als auf seine schwachen Knie. Sein letztes Duell schoß er sitzend von einem Lehnstuhl aus. Und starb dreiundsechzig Jahre alt am Spieltisch, wo dieser Klarsichtige seit Jahrzehnten Tag um Tag das Glück versucht hat, indem er sich dieser Leidenschaft der Leidenschaftslosen überließ, dem immer überraschenden Zufall. Stendhal Henri Beyle hatte nicht das, was man Erfolg nennt: nicht in der Liebe, nicht in den Geschäften, nicht in der Literatur. Jung kommt er aus der Provinz nach Paris, voller Erwartungen, für die ein großes Selbstgefühl ihn rüstet. Man übersieht ihn in der Gesellschaft, wenn man ihn überhaupt sieht. Er fällt weder durch Schönheit auf, noch durch Witz, noch durch Namen, noch durch Ruf. Er aber möchte faszinieren, geliebt werden, bestaunt, beneidet sein. Das zu sagende Wort fällt ihm immer erst zu spät ein. Er kommt in die kritische Situation, entweder sich zu überwerten, oder seine Umgebung zu unterwerten. Er entscheidet sich für das letztere und beginnt Paris und die Franzosen zu verachten. Das napoleonische Abenteuer bringt Erlösung. Es führt ihn nach Italien, nach Wien, Deutschland, Rußland: die Fremde gibt dem Fremden die Möglichkeit, sich zu geben, wie er ist, und wie er sein will. Kein Convenu bindet ihn. Er genießt. Das Abenteuer schließt sich – es hat ihm die innere Freiheit eingetragen. Aber er bleibt bis an sein Lebensende ein vagabundierender Mensch, der auf Koffern lebt, ohne so leben zu wollen. Kümmerlich verbraucht er seine um ein geringes Einkommen vermehrte kleine Rente als Konsul in dem Rattennest Civita Vecchia, dem päpstlichen Bagno. Seine Bücher liest kaum wer. Sehr spät genießt er lächelnd Balzacs Begeisterungen und Mißverständnisse. Von den zehn geliebten Frauen seines Lebens besitzt er, dessen Reiterdevise der Frau gegenüber ist »Nimm sie«, sechs, von denen ihn drei betrügen. Was er, als echter imaginativer Liebhaber, der er ist, hinnimmt nach der gespielten Szene des Bruches, die er für schicklich hält. Schließlich bekommt er einen Bauch. Den kahlen Vorderkopf deckt eine Perücke. Eine galante Krankheit schafft Beschwerden. Er hat keinen Freund. Er ist einsam. Das heißt, er lebt den Reichtum seiner hundert Leben, denen er hundert Pseudonyme gibt. Er spricht mit sich selber, er schreibt zu sich selber von sich: »Wer war ich? Wer bin ich? Ich wäre in großer Verlegenheit, es zu sagen.« Und: »Ich gelte für einen Menschen von viel Geist und ohne jede Empfindung. Und sehe, daß ich immer nur mit unglücklichen Lieben beschäftigt gewesen bin.« Er stellt fest: »Ich habe sehr wenig Erfolg gehabt.« Und schließt: »Hab' ich danach einen traurigen Charakter?« Aber man muß dazu diesen Bekenntnissatz halten: »Nie habe ich den Gedanken gehabt, daß die Menschen ungerecht gegen mich waren. Nie habe ich geglaubt, daß mir die Gesellschaft das geringste schuldet. Die Gesellschaft zahlt die Dienste, welche sie sieht.« Stendhal. Nach einem Gemälde von Södermarck Die Ehrlichkeit Stendhals zu sich selber, die ohne jedes Pathos eher eine ironische Farbe hat, übersteigt jedes bekannte Maß. Sie ist nicht fanatisches Prinzip, sondern Notwendigkeit vitaler Erhaltung, korrigiert von starker Intelligenz und großer Lebenskundigkeit. Alle Öffnungen dieses Lebens hin zu irgend materiellen Erfolgen waren bei ungeheurer Ambitionierung solchen Glückes verschlossen. Beyle konnte nicht leben, wie er wollte, und so schuf sich die eingeborene Energie das imaginierte Glück und: Stendhal. Was immer er schrieb: Brief, Aufsatz, Roman, Geschichte, Reisen, Konsulatsberichte – es ist autobiographisch. Stendhal war ein junger Mann von sechzig, als er starb. Als er zweiundfünfzig war, sagte er, er sei zweimal sechsundzwanzig Jahre alt, und es stimmte. Frühreif in den Sinnen, im Geiste und im Charakter, alterte er nicht. Mit den Jahren bekamen die Eindrücke der Jugend theoretische Vertiefung, aber nie die übliche schlimme Korrektur durch das, was der alternde Mensch Erfahrung nennt, diesen fatalen Ersatz für schwindende Kraft, der desavouierend den Abschied von der Jugend erleichtern soll. Stendhals Romanwerk ist dramatisierte, gesteigerte, reflektierte Jugenderinnerung eines Mannes, der mit sich identisch geblieben ist. Und daraus entsteht die Einzigartigkeit dieses Werkes, daß es sowohl die Kraft der augenblicklichen Sensation besitzt wie die Leichtigkeit der Beobachtung, sowohl die Vehemenz des Blutes wie die Intelligenz des Analytikers. Er mußte sich seiner Jugend erinnern, um sein Werk zu schreiben. Was er als junger Mensch schrieb, ist wertlose Schreiberei, meist gar nicht von ihm. Alle Helden dieser großen Romane sind Jünglinge: Julien Sorel tritt mit zwanzig Jahren vor die Richter. Lucien Leuwen ist nicht viel älter. Octave de Malivert zählt fünfundzwanzig, als er sich vergiftet. Fabrice del Dongo verläßt im gleichen Alter die Zitadelle, womit der Roman ja schließt, die weiteren Schicksale macht Stendhal mit kurzen Bemerkungen ab, als ob sie ihn nichts mehr angingen. Die Geschichte der Lamile, diese kuriose Autobiographie Stendhals in weiblicher Übersetzung, schließt, da diese Sinnliche aufhört, ein Kind zu sein. Er schrieb immer sein Leben als junger Mensch, denn er wurde nie »vernünftig«. Die bourgeoise Verkalkung durch den Beruf blieb ihm fremd. Er hat sich nie in den Begriff Schriftsteller objektiviert, er, der immer schrieb und nichts anderes im Grunde wollte als schreiben, das heißt die Sensibilität einer Jugend genießen, die erst mit seinem Tode aufhörte, und als welche die Substanz seines Schreibens ist. Vom Ruhme des Schriftstellers träumte er wie von allem andern Ruhm als Knabe. Ohne jede Materie, die mitzuteilen notwendig wäre, erfindet er sich da etwas, ein fünfaktiges Lustspiel etwa, nach Lektüre einer Anleitung, wie solches herzustellen. Oder eine Geschichte, die nur ein Klischee ist. Oder er plagiiert fremdes Gut. Aber er entdeckt bei dieser ab- und zusammenschreibenden Tätigkeit seine emotionelle Kraft, kommt auf seine eigene Materie. Sainte-Beuve, als Verfasser der Volupté, sein übelwollender und unverständiger Kritiker, erklärt, Stendhal sei bar jeder Erfindung. Wobei er an Balzac, als den Erfinder von Typen, Aktionen, Peripetien denkt. Als ob es nur diese eine Äußerung der imaginativen Fähigkeit gäbe. Gewiß, Stendhal hat nie eine Situation erfunden. Fabeln und Figuren nahm er, wie und wo er sie fand. Will man diesen Prozeß so nennen, so ist Stendhals Erfindung, daß er sich in die Situation jenes in Grenoble verurteilten jungen Mörders setzt und die Figur mit dem füllt, was er in dieser Situation tun, denken, fühlen würde. Kaum in den Novellen gelingt ihm, was er hier sogar beabsichtigt: das historisch Einmalige. Er hat nur eine Gegebenheit: sich selber, den außerordentlich komplexen Begriff einer leidenschaftlichen Persönlichkeit. Komplex war Stendhal von Natur aus, und war er mit Willen: ihn auf eine einfache Formel bringen, hieße ihn fälschen. Wer es versucht, kann es nur mit großem Vorbehalt, und auch dann werden sie nur jene diskutieren, die eher Antipathie als Sympathie für Stendhal haben. Es ist nichts damit gesagt, daß viele seiner Äußerungen auf Cabanis oder sonst einen zurückzuführen sind. Denn im Formal-Denkerischen eines ideologischen Systematikers liegt weder Ursprung noch Absicht Stendhals. Die affektiven Elemente geben seinem Denkerischen Haltung und Eigenart, Rang und Bedeutung. Auf der polytechnischen Schule war der junge Beyle ein glänzender Mathematiker, aber er sagte sich den Satz der Julie zu Jean Jacques in Umkehrung: Lassen Sie die Mathematik, und weihen Sie sich den Frauen. Er hat zu Bekannten oft dieses Wort wiederholt, als den Start seines Lebens, dem er später die Formel gab: »Nie gegen eine Frau etwas tun, das gemein oder brutal aussehen könnte, gegen eine Frau wohlverstanden, die wirklich und das heißt gefährlich eine Frau ist.« Das bestimmte alle seine Vorlieben und Einstellungen; auch seine Vorurteile. Die Frauen, namentlich aufzählbar, die Stendhal liebte, waren immer nur Vorwände, die eigene Liebe wahrzunehmen, und in ihr sich selber zu erfahren. Die Liebe befreit. Sie hebt das Akzidentelle auf, treibt den wesentlichen Charakter des Mannes hervor. Daran wuchs die introspektive Kraft Stendhals. Sein Leben (und Schreiben, was in diesem Falle ganz genau dasselbe ist) war Selbsterziehung durch ein außerordentliches Regime, dem er sich unterwarf: das der Liebe. Ich stelle zwei Sätze nebeneinander: »Um ein guter Philosoph zu sein, muß man trocken, klar, ohne Illusionen sein. Ein erfolgreicher Bankier besitzt einen Teil jenes Charakters, der zu philosophischen Entdeckungen vorausgesetzt werden muß.« Und der andere Satz: »Ich mache die höchstmöglichen Anstrengungen, trocken und nüchtern zu sein. Ich will meinem Herzen Schweigen gebieten, das glaubt, viel zu sagen zu haben. Ich zittere immer, nur einen Seufzer aufgeschrieben zu haben, wenn ich glaube, eine Wahrheit festgelegt zu haben.« Man versteht, was hier mit dem Herzen gemeint ist. Nicht das Gemüt oder derlei. Sondern die leichtbewegliche Prädisposition des denkenden Verstandes für das Gefühlte, die Nuancen, das Schwebende, das Ratioide, wie Musil es nennt. Stendhal einen Analytiker nennen, heißt ihn eng fassen. Depressive Gefühle durch ihr Denken ins Unbeschwerende bringen, aus Trübsinn in Heiterkeit changieren durch den Witz des Verstandes – das wäre ein Billiges und hätte kein besonderes Gesicht, das Stendhal zu heißen brauchte. Hier war einer als erster und einziger dabei, eine völlig integrale Transformation seiner Persönlichkeit seinem psychologischen Verstande darzubieten. Bloße Selbsterkenntnis ist steril, im besten Falle bitter. Amiel, der Genfer Kalvinist, blieb darin gefangen und verbrauchte sich. Wie Nietzsche. Da bogen sich Mauern nach innen und stürzten zusammen. Stendhals Analyse seiner innern Welt ist ihm feinstes Werkzeug seines Willens zur äußern Welt, sagen wir: zur Form, zur Oberfläche, zur Kraft, zur Virtu. Seine Analyse führt ihn weder zur Sonderung noch zur Anklage, wofür beides er praktische Anlässe genug gehabt hätte. Sondern zu einem fast dionysischen Gegenteil der Haltung: er umarmt rätselhaft lächelnd ein erweitertes Leben. In bezug auf Liebeseroberungen sagt er von sich: La chose réussit une fois sur dix, et eile vaut bien la peine de subir neuf rebouffades. Die genaueste Kenntnis seiner selbst vermochte dies nicht über ihn, daß er erkannte Unzulänglichkeiten an sich damit rächte, böse gegen andere zu werden. Diese Gegensätzlichkeiten in einer Person: Scharfsichtigkeit des analytischen Verstandes, der das Dunkel der verborgensten Höhlen seelisch-emotionalen Lebens ans Licht der obern Welt bringt, und ein zur Frenesie gesteigertes Leben in der Liebe – diese Gegensätzlichkeiten kann nur eines synthetisieren: das Schreiben. Die Ironie schafft den Modus vivendi. Ich meine jene Ironie, die z. B. Goethen durchaus fehlte und seiner dem Tragischen abholden Natur fehlen mußte, und die bedeutet, das Endliche des Schreibens am Unendlichen des Lebens problematisch zu finden. Daß sich aus dem Gesamtwerke Stendhals Einzelwerke abschnüren, ist zufällig. Denn er schreibt eigentlich ein Kontinuum. Daß sich in diesem Gesamtwerke Gattungsunterschiede durchsetzen, ist zufällig. Denn es ist gattungsgleich. In einem höhern als dem gebräuchlichen Sinn ist dieses Werk an seinem Verfasser zu identifizieren. Es ist hartnäckig einseitig, nämlich ich-seitig. Welche Pein tut sich ein vermeinter Nachfahre wie Flaubert an, sein Auge zu einem optischen Instrument ohne die Fehler des organischen Auges zu machen, und fast gelang es ihm, mechanisch zu werden: schon schrieb er so schön! Fast gelang es ihm, Buvard zu sein und Pecuchet. Er wurde ganz der Schriftsteller im Dienste des vorgestellten Werkes. Auch zu diesem Falle hat Stendhal den Satz gesagt: »Ma foi, l'esprit manque, chacun reserve toutes ses forçes pour un métier qui lui donne un rang dans le monde.« Daß Goethe unlädiert durch die romantische Gefahr kam – und er mußte zuweilen grausam werden in der Abwehr –, das kann nicht nur das Alter erklären, das er hatte, als sie sich merklich machte. Diese Gefahr erhöhte, steigerte und vollendete die Ordnung, die er, sicher mit Opfern, seinem Leben zu geben für notwendig fand, dessen Sinn ihm die Persönlichkeit war, der harmonische Mensch, und nicht der genialische Einzelfall, das Ganze des Lebens und nicht das Einzelne der Kunst. Er war unzerstörbar klassisch in einer uns Heutigen oft seltsam erscheinenden Selbstgewißheit solcher Klassizität und Unzerstörbarkeit, weil sie sich nicht im leisesten bezweifelt. Ein riesenhafter hygienischer Wille war hier tätig, die tragischen Zusammenbrüche dieses Lebens, Versagen und Entsagen zu überwinden. Ein sprengendes, auflösendes Element war Goethen fremd: der Witz zu sich selber, der Esprit, die Ironie. Goethe war von 1800 ab seinen Zeitgenossen, und nicht nur den deutschen, ein fixierter Wert durch Werk, Rang, Stellung. Stendhal, in ganz peripheren Beziehungen zu seinen Zeitgenossen, war diesen ein eher komisch als ernst zu nehmender Herr von zweifelhaftem Ruf, der schrieb, was niemand las, weder ein Milieu schuf, noch sich in eines einpaßte, da und dort und nirgendwo lebte, teilnahmslos schweigend in einer Ecke saß, oder wie ein Toller in Reden exzedierte, den Narren spielte und ein Feuerwerk abbrannte. Dieser Mann, über die mittleren Jahre hinaus, gab sich nicht das in Gesellschaft Wichtige: Würde. Er machte weder gefällige Konversation, noch orakelte er Weisheitssprüche aus Erfahrungen eines Lebens. Daß Stendhal um seinen hohen Wert wußte, ist nicht zu bezweifeln. Sowenig wie seine Erkenntnis, daß niemand sonst um diesen Wert wußte. Es verdüsterte ihn nicht, verbitterte ihn nicht. Die Widmung seiner Bücher to the happy few ist die ganze Reaktion dagegen, daß man seinen Wert nicht erkannte. Aber das Leben mit den Menschen forderte einen Kompromiß, einen Modus vivendi. Er fand ihn in der Maskerade, diesem Ausdrucksmittel der Ironie. Er spricht von der Zeit, da er aus Mailand nach Paris zurückkehrt, dort seine größte Liebe, Mathilde, zurücklassend: »Le pire des malheurs, m'écriai-je – serait que ces hommes si secs, mes amis, au milieu desquels je vais vivre, devinassent ma passion et pour une femme que je n'ai pas eu!! je me dis cela en juin 1821, et je vois en juin 1832, pour la première fois en écrivant ceci, que cette peur, mille fois répétée, a été dans le fait le principe dirigeant de ma vie pendant dix ans. C'est par là que je suis venu à avoir de l'esprit, chose qui était le bloc, la butte de mes mépris à Milan en 1818, quand j'aimais Métilde ... J'entrai à Paris, que je trouvai pire que laid, insultant pour ma douleur, avec une seule idée, n'être pas deviné.« Und zwei Jahre zuvor an einen Freund: »Ma sensibilité est devenue trop vive. Ce qui ne fait qu'effleurer les autres me blesse jusq'au sang. Tel j'étais en 1789, tel je suis encore en i84o. Mais j'ai appris à cacher cela sous de l'ironie imperceptible au vulgaire ... Par ma douleur j'ai appris le goût de la mascerade.« Die Haltung ist Waffe und Abwehr, selber ungesehen zu sehen, von sich selber nicht düpiert zu werden, bei andern keinen Verdacht zu erregen, in der Schwebe zu bleiben zwischen dem moralisch Guten und Bösen. Die Leidenschaft kann den Verlust bringen: Stendhal hat immer zuhöchst darauf gesetzt. Sie ist ihm die letzte entscheidende Instanz. Aber stürzt er ab, dann, dann mit dem Kopf voran, die Flugbahn zu wissen und zu sehen. Das ist sein wohlerworbenes Erbe, das ihn von aller Romantik grundsätzlich trennt, daß er, soll er den Kopf unter das Beil legen, den Kopf klar hält, bis der Stahl die Rückenhaut berührt. Wie Julien Sorel sagt er zehnmal im Tage: Kanaille! Kanaille! sich Luft machend vor dem erstickenden Kleinen des wohlassortierten moralisch-öffentlichen Lebens der Bürger, Würdenträger, Akademiker, Dichter, Politiker, Patrioten, Geschäftemacher, Könige, aus Ekel vor dem stinkend Gefühligen dieser unbeneideten Leute-Menschen. (On me croira envieux, ceci me désole.) Aber dieser Ekel, dieses Staunen nährt keinen Haß in ihm, den er ja als Liebe in den großen Leidenschaften weiß. Er lächelt und verachtet. Und macht Maskerade. Gibt sich zweihundert Namen. Hundert Gesichter. Je passe pour un fou. Und der Ausweg: das Schreiben. Der Ausweg des Leidenschaftlichen. Die Kunst beginnt dort, wo zu leben nicht oder nicht mehr genügt, das Leben auszudrücken. Goethe: diese ungeheure Anstrengung und Leistung eines das groß geschriebene Leben formenden Willens, der nichts ganz ausschaltend, alles sich integriert, sogar Deutschestes bei einer gegen das Deutscheigentümliche – das Romantische – gerichteten Grundhaltung (indem er Pedanterie zu Ordnung sublimiert, Niaiserie zu Laune verbreitert, Leidenschaft zu belebender Wärme am Herde verdampft) – Goethe, der ins geringste Wasser noch seine Mühle stellt, um nichts umkommen zu lassen und vergeblich sein zu lassen, dieser gewaltige Regisseur einer fast zum eignen Puppentheater gewordenen Welt, so klein wurde diese für die Kapazität dieses bedenkenden Willens – Goethe, der dem Willen des korsischen Leutnants seine Reverenz erzeigte, aber gegen Beethoven sich so taub stellen mußte, wie dieser war, dem Zelter mehr behagte als Mozart, und der den Blücher nackend-antikisch im Monumente sehen wollte, – und dann Goethe, diese posthume heutige olympische Vorstellung, nicht mehr, außer ketzerisch, vom Originale wegzubringen, nicht mehr herunterzuwaschen diese Gipsauflagen auf den penthelischen Kern, dieser nichts als belastende, aber nicht belebende Parademarsch des Sonntags der heutigen deutschen bürgerlichen Intelligenz, wie sie die Würdenträger aller Sorten und Borten konstituieren, um sich ob solcher einzigartiger deutscher Leistung den ein für allemalen Freibrief sowohl des Kulturvolkes wie des Nichts-mehr-tun-Brauchens und Nichts-mehr-Anerkennens ausstellen zu können – dieser Goethe, Schwurgott heutiger Deutschheit, die kaum mehr weiß, daß es ein eigengemachter Götze ist, dem sie ihre Meineide schwört, Goethe, Gote, ja auch schon ein wenig sächsisch-weimarisch Geede war und nun schon ganz Götze wurde, Inbegriff jeder Art Vollendetheit in Leben, Werk, Glauben, Moral: der Abstand von Stendhal ist in jeder Dimension zugegeben, auch von dem, der wie ich Stendhals vier Romane für bedeutender, wichtiger, schöner und ewiger hält als den Meister und die Wahlverwandtschaften, ja selbst den Werther. Die Majestät dieses in erstarrenden Zeiten feuerspeienden riesigen Berges steht in der deutschen Landschaft von 1820 – wo aus etwas tieferen Lagen als der Scheitel dieses einen Berges heiße Quellen kommen, züngelnde Flammen – ragt, die zu währender Wärme gebändigten Feuer nutzend, daß um alle mächtigen Flanken des Berges ein grüner, bunter Mantel liegt, Garten, Acker, Weide, und nirgends nackter Fels. Sprühen die kleinen Vulkane auf, rumort's im Innern des alten Riesenberges, unwillig klingt's. Ein fernerer hochschießender Geysir, Stendhal, wird wohlwollender, ja mit Interesse begrüßt. Der große Berg erinnert sich. Nie verpflichtende Weisheit des Alters vergessend, aber doch einmal noch das glückhafte Simulacrum der Jugend genießend und gebend: den Westöstlichen Diwan, das größte Werk in deutschen Versen. Fremder Kern in eigner Erde gehegt, ausgetragen, und zu göttlicher Frucht gebracht. Aus Umfang, Tiefe und Anlage einer Lebensform Goethe ein einzelnes zu lösen und für sich zu sehen, fälscht den Begriff dieses Lebens. Ich weiß das wohl und notiere diese Einschränkung. Italien war weder für Goethe noch für Stendhal ein Zufall. Es war eingeborne Natur, die den einen nur nach Italien und nach Frankreich, nur bis an dessen Grenze brachte, den andern, den ersten europäischen Menschen, durch ganz Europa. Goethe liebte ein Italien aus einem Kunsturteil, Stendhal liebte es aus einem Vorurteil und aus einer gewissen Bequemlichkeit, als Landesfremder hier à son aise zu leben. Auch jenes Kunsturteil war ein Vorurteil. Griechisches, was Goethe immer zu sehen meinte, war immer Römisches, denn römisch war seine Natur, oder besser, war die Ideologie, der seine Anstrengung galt. Mit Goethe reist immer Weimar; es ist auch in den venezianischen Epigrammen so sehr dabei, daß man fast zweifelnd der Meinung zuneigt, die Liebschaften mit den kleinen Mädeln, denen auf den nackten Popo der Hexameter geklopft wird, sind poetische Lizenzen. Die Iphigenie ist nicht sophokleisch, sie ist, wenn antikisch, aus der Kaiserzeit, wie der Phidias, den Goethe denkt, der Künstler ist, von dem der Junokopf aus dem Palazzo Ludovisi stammt. Im Sturm des Temperamentes erwarb sich der junge Goethe Shakespeare und die Gotik, dieses im Blute Vorhandene, nur vom Zeitgeschmack und der rationalen Erziehung vergessene Erbgut des Westdeutschen. Erwarb es sich, um es später wohl abzulehnen, aber doch nie mehr zu verlieren. Abzulehnen um des Römisch-Rationalen willen, das sich im Manne wieder verstärkte. Mit dieser Antike der Kaiserzeit und ihr zu dankenden Liebe für Italien gehörte Goethe ins 18. Jahrhundert, wie auch Stendhal, aber in einem hier andern Zusammenhange, dieser Zeit um 1770 angehört, wenn er den Aufenthalt in Italien jedem andern vorzieht, denn man lebte da um 1820 nach der Fasson von 1770: in den Tag hinein, gesellig, faul, liebenswürdig, verliebt. Stendhals italienisches Vorurteil war, daß er in diesem Lande mehr als in irgendeinem andern die Amour-Passion behaust zu finden wähnte, wie er auch die italienische Renaissance so sah und aus ihren Chroniken Geschichten solcher Liebe zu ziehen vermeinte, die seltsamerweise alle nichts von seiner Amour-Passion enthalten, sondern Eigennutz, Berechnung, Habgier, Mord und Totschlag aus allen andern Gründen eher, als denen der Liebesleidenschaft. Aber es steht im Henry Brulard der Satz: Je proteste de nouveau que je ne prétends pas peindre les choses en elles mêmes, mais seulement leur effet sur moi. Das Ich Goethes, das Ich Stendhals bestimmte Italien, und dessen Wirkungen ergaben sich aus nichts als diesem Ich. »Oft denke ich eine Viertelstunde darüber nach, ob ich ein Adjektiv vor oder nach einem Substantiv setzen soll. Ich suche klar und wahr zu erzählen, was in meinem Herzen vorgeht. Ich kenne nur ein Gesetz: klar zu sein. Wenn ich unklar bin, ist es um meine ganze Welt geschehen... Ich nehme eine mir wohlbekannte Person, ich lasse ihr die zur Gewohnheit gewordene Eigenschaft, jeden Morgen auf die Jagd nach dem Glück zu gehen, nur gebe ich ihr mehr Geist.« So in einem Briefe an Balzac, dem er darin auch Dinge sagt, die sich mehr auf den Empfänger des Briefes beziehen als auf den Schreiber, wie: »Ich möchte die Leser nicht mit unrechten Mitteln gewinnen.« Oder: »Mode verlangt heute, der Autor müsse seine Figuren erst, sie beschreibend, einführen.« Oder: »Ohne Zweifel bin ich aus übertriebener Liebe zur Logik ein so schlechter Schriftsteller.« Oder: »Ich verabscheue den geschraubten Stil.« Das war gegen Balzac gerichtet, der Stendhal ganz gegen den Geschmack ging. Er erschien ihm modisch, nicht romantisch, mit welchem Worte er modern meinte und nichts weiter. Da er in den zwanziger Jahren zwei kleine Schriften veröffentlicht hatte, in denen er gegen Racine für Shakespeare Partei ergriff, sprachen ihn die Romantiker als den ihren an. Wie sie ja auch Goethe zu ihrem Papst machten. Aber dieser Schulstreit fand Stendhal auf keiner Seite. Urteile nach beiden Seiten hin: »De nos jours, le vers alexandrin n'est le plus souvent qu'un cache-sottise.« Aber er fand auch das Theater Victor Hugos absurd. Chateaubriand war ihm ein schönrednerischer Spaßmacher und die George Sand eine dumme Gans. »Le seul écrivain lisible pour moi était Shakespeare, le plus grand poète qui ait existé.« Alles erklärt der stolze Satz: »Die Kritiker haben mir gesagt, ich würde niemals der Ehre teilhaftig sein, ein Schriftsteller zu heißen. On a si bien arrangé ce titre, que tel galant homme peut s'estimer fort heureux de n'y arriver jamais ... Je ne suis pas mouton, ce qui fait que je ne suis rien.« War Henri Beyle unzeitgemäß? Die Autobiographien, Jugenderinnerungen, die er unter dem Namen Stendhal schrieb, konnten nicht gelesen, oder mußten mißverstanden werden, wenn man sie las. Die zeitgenössische Kritik spricht immer von den Unmöglichkeiten und Widersprüchen im Charakter der Helden, und Näherstehende, wie Colomb, leiten davon ab, wie ganz falsch es wäre, Stendhal die Äußerung zu glauben, daß Julien Sorel ein Selbstbildnis sei. Man erinnere sich, daß Balzac keine andere Psychologie hat als die George Sand: so komplexe Begriffe wie Liebe, Haß, Leidenschaft, Eifersucht werden als gegeben und nicht dissoziierbar hingenommen, und die Figuren damit in Berührung gebracht, zu zeigen, wie sie auf jene festen Begriffe reagieren. Bei Stendhal kommt erst durch das Verhalten der Menschen das zustande, was sich dann als ein Begriff der Liebe, der Eifersucht usw. ablösen läßt. Seine Psychologie ist pathologisch, die der Zeitgenossen aber schematisch. Und bleibt so bis über Zola hinaus. Gelernt von ihm hat erst Dostojewski und die neuere Zeit. An die Stendhal immer dachte: »Ich dachte nicht vor 1890 gelesen zu werden. Auf diese Zeit hatte ich die Autorfreuden verlegt.« Beyle war der Zeitgenosse der ersten Romantik, fünfzehn Jahre jünger als Chateaubriand, sieben älter als Lamartine. Er hat nichts mit dem Kanon der Schule zu tun, und die Schüler sind ihm fremd oder antipathisch. Für die romantische Liebe des Pagen Musset zur mütterlichen George Sand hat er eine Grimasse. Aber er lebte doch, wenn auch nicht in der immer wieder von ihm erinnerten Jugend, so doch in der Zeit, da er sich schreibend ihrer erinnerte, in der sentimentalen Atmosphäre dieser Zeit, die sich unmittelbar in jenen romantischen Schriftstellern ausdrückte. Man wird es mit allem Vorbehalt sagen müssen: Stendhals Sensibilität hatte eine romantische Färbung. Der Beylismus – er gibt seinem System selber diese Bezeichnung – ist formal und methodisch von den Enzyklopädisten und ihren sensualistischen Nachfolgern bestimmt: »Il faut en tout se laisser guider par la Lo-Gique«, sagte er immer wieder, das Wort durch Trennung der Silben besonders betonend. Logisch muß sich, so wiederholt er, das Glück erreichen lassen, Schritt um Schritt, hat man nur auf die Fakten acht, welche die Welt entgegenstellt, und die taktisch zu umgehen sind. Der junge Beyle notiert den Fehler im Systeme des so verehrten Helvetius: »Er malte richtig für die kalten Herzen und ganz falsch für die brennenden.« Aber zu brennen ist rigorose Bedingung des Glückes, die Leidenschaft ist einziges Unterscheidungsmittel zwischen den Menschen. Aufgabe wurde, das System, das die Materialisten auf ihren groben Glücksbegriff »plaisir« mit Erfolg angewandt haben, auch für den höheren Glücksbegriff, wie ihn Beyle konzipierte, durchzuführen. Also den Passionierten eine Logik vorzuschlagen, die ehemals für bloße Wollüstige, Ehrgeizige, Libertiner erfunden wurde. In Stendhals Glücksbegriff ist nichts Materielles oder Sinnliches mehr; er enthält den Elan der Seele, die Gefahr, den Einsatz der ganzen Person. Er hat weder mit der Tat etwas zu tun – er liebte den Napoleon von Marengo, nicht den Kaiser – noch mit dem Erfolg. Er ist eine spirituelle Ekstase, in der alles Materielle hinschmilzt, und an dieser Ekstase partizipieren Urteil, Phantasie und Willen. Wer um dieses Glückes willen lebt, muß auf das, was die Welt Vergnügen nennt, verzichten. Nur das intensive Leben ist ein Wert und wert, mit dem bezahlt zu werden, was gemeinhin Unglück, Erfolglosigkeit, Einsamkeit genannt wird. Hier ist, wie man sieht, der Feind jener alten Logiker der Lehrer: Jean Jacques und die Revolution. So leben diese Gegensätzlichkeiten in diesem Manne als refraktäre Elemente: die Ambition, dem Denken alles zu unterwerfen, und die Ambition, das Gefühl triumphieren zu lassen. Es gelingt ihm das Wunder: das methodische Denken schädigt nicht die Passion, und die Passion entmutigt nicht den intellektuellen Glauben. Nur die Doktrin hat ein Loch. Nicht das Kunstwerk Stendhals. In ihm sind die Antinomien aufgehoben. Weil das Werk seine Person ist. Und das Lebendige jeder Person ist der Widerspruch. »J'avais et j'ai encore les gouts les plus aristocratiques. Je ferais tout pour le bonheur du peuple, mais j'aimerais mieux, je crois, passer quinze jours de chaque mois en prison que de vivre avec les habitants de boutique.« Die Intelligenz des Jakobiners erkennt die Demokratie als beste Regierungsform, aber Seele und Nerven verlangen zum Leben eine Elite. Im Ästhetischen ist ihm das Kunstwerk ein determiniertes Phänomen, von Gesetzen bestimmt, von historischen Bedingungen vorausgesetzt, von Temperamenten gestaltet. Aber die Ekstase vor dem Werke ist ihm reinste Emanation des Lebens. Der Künstler muß »eine Seele« haben. Das Werk ist ein Gnadenakt. Taine, der morose Anatom, sprach als die Faculté maîtresse Stendhals deren analytischen Geist an: das ist einseitig-tainisch gesehn, denn es entzücken diesen sterilen Geist Notizen, zum Berge geschichtet gegen den Berg eines Lebens. Die ständige Diskussion Stendhals mit sich selber entspringt seinem »Espagnolism«, seinem Ehrbegriff. Nicht um sich kennenzulernen, seziert sich Beyle, sezieren sich seine Helden, sondern um sich zu kontrollieren, um ihr Gewissen zu erforschen, um sich zu sichern, denn von dem Ergebnis ihrer Gewissenserforschung hängt ihre Würde, ihre Ehre und ihr Glück ab. Daß diese Analyse nicht morbide Pedanterie sondern vitale Notwendigkeit ist, hat sogar Zola gefunden, der die sautes d'analyse, die danses du personnage feststellt, das plötzliche Tun, das unerwartete Verhalten der Personen Stendhals, das Intuitive. Nichts als die Analyse, die deduktive Ordnung der charakterologischen Elemente, hätte zu Verallgemeinerungen geführt, nicht zu Sorel und Fabrice, welche Sympathien und Antipathien je nach dem Leser auslösen, so, als ob sie natürliche Menschen des Lebens wären. Neben diesem Bekenntnis Stendhals: »Je fais tous les efforts possibles pour être sec. Je veux imposer silence à mon coeur qui croit avoir beaucoup à dire. Je tremble toujours de n'avoir écrit qu'on soupir quand je crois avoir noté une verité«, steht der andere Satz auf gleichem Plan: »On gâte des sentiments si tendres à les raconter en détail ...« Er hat die Details erzählt, ohne die Sentiments zu verderben, er allein unter seinen romantischen Zeitgenossen, die, Balzac und Spätere noch inbegriffen, eloquent und schönrednerisch werden, wenn sie Bewegtheit des Gefühles notieren. Stendhal ist außerordentlich sparsam mit persönlichen Kommentaren zu dargestellten Erregungen. Er schreibt weder schön noch leidenschaftlich, was ihm Balzac als seinen »schlechten Stil« vorwarf, Balzac, der immer an seinen Stil denkt und daher außerordentlich schlecht schreibt. Stendhal kennt das glänzende, das gefühlige Beiwort nicht, das insinuiert, Stimmung schafft. Er bildert nicht. Er bleibt trocken, klar, durchsichtig, genau angepaßt dem psychologischen Phänomen, das er zu beschreiben hat: seine Beiworte schmücken nicht, sondern definieren. Nur so war es ihm möglich, oft so ungeheuerlich Romantisches natürlich erscheinen zu lassen. Kein Leser wird merken, was alles für romantische Requisiten in Le Rouge et le Noir vorkommen – die psychologische Wahrheit dieser logisch gebauten Sätze überwindet das alles mit spielender Kraft. Es ist hier mit höchster Kunst die Kunst überwunden, Leben gewonnen. Croce sagte es kurz und treffend: Stendhal war kein Theoretiker der Energie und Leidenschaft, sondern deren Liebhaber. Er war von ihnen besessen und darum von Natur aus ausgerüstet zu künstlerischer Schöpfung. Er war in seiner seelischen Substanz weder energetisch noch utilitarisch noch leidenschaftlich, sondern verliebt in diese Attitüden und Dispositionen als leere undeterminierte Formen. Daher begleitet er seine donquichotischen Helden mit einer leisen Ironie, wenn sie von ihrem Ideal schwärmen: Julien und Fabrice von Napoleon wie der spanische Ritter von Amadis und dem Ritter Esplandian. Daß sich diese Ironie nicht derb vergröbert, dies, weil Stendhal selber der Don Quichote ist, der von sich zu erzählen unternimmt, von seinem sublimen und absurden Impetus nach Leidenschaft und Energie, nach Fieber und Liebe. Aber er konnte sich den Puls messen. Er hatte die andere Person in sich, die zusah. Er war Patient und Arzt. Moderner Terminologie gefällig, könnte man von ihm als einem schweren Neurastheniker sprechen, der seine Krankheit aufschrieb und damit sein Leben vor dem Zusammenbruch rettete. Aber wir sind so eingestellt, daß wir die pathologische Bedingtheit dort ignorieren oder sublimierend von Opfer sprechen, wo das Werk den individuellen Zufall überdauert: beim Religionsstifter, beim Helden, beim Dichter. George Brummel. Kupferstich nach einer Miniatur von John Cook Beau Brummell Gestern abend, am 20. Mai des Jahres 1838, hat meinen Herrn, George Brummell Esq., der Schlag getroffen. Da ihm nun die barmherzigen Schwestern, die er im Bon Sauveur gefunden hat, nötiger sind als ein Kammerdiener, bin ich heute morgen in ein kleines Haus vor der Stadt gezogen, wo ich, da es ernstere Dinge zu tun nicht mehr gibt, meinen Erinnerungen leben und den stillen Ablauf meiner Tage genießen will. Diese Erinnerungen möchte ich mir nicht verderben lassen. Ich will nicht sehen müssen, wie meinem Herrn der Speichel aus den Mundwinkeln läuft, wie er sein Jabot mit Wein begießt und Schlimmeres noch – nein, das weiß Gott, ich habe gar keine Lust und Eignung, den melodramatischen Diener zu spielen, der mit seinem Herrn idiotisch wird. Es war die letzte Zeit an Sentimentalitäten schon mehr, als sich mit der Bedeutung meines Herrn und meiner Stellung als sein Diener verträgt. Es gab schon Momente, wo seine unangebrachte Intimität unser einzig mögliches Verhältnis, das in Distanz begründet ist, arg bedrohte. Da legte ich jeden Samstag zehn Gedecke auf und zündete alle Kerzen an, denn wir erwarteten große Gesellschaft. Um sieben kamen die Gäste, und ich meldete die Herzoginnen von Devonshire und Rutland, Lord Berwick, Lord Bosborough, K. H. Herzog von York, Lady Stanhope, Lord Erskine, Lord Melbourne, Mr. Sheridan, Lord Northumberland. Mein Herr kam jedem seiner Gäste ein paar Schritte entgegen, begrüßte, sprach von diesem und dem. Man ging zur Tafel, ich schob den Herrschaften den Stuhl unter das Gesäß, und mein Herr unterhielt, während ich servierte, alle aufs beste. Um zehn Uhr leuchtete ich den Herrschaften die Treppe hinunter und ließ die Wagen vorfahren. Oben saß, wenn ich zurückkam, um die Lichter zu löschen und unser Sèvres wegzuschließen, mein Herr am Kaminfeuer und weinte. Denn es war ja gar niemand da gewesen als wir beide, mein Herr und ich und neun leere Stühle, die wir zusammen dieses Spiel aufführten an jedem Samstag von sieben bis zehn Uhr abends. Wirklich mit seiner Person besuchte uns nur Monsieur Leveux ziemlich häufig, der seine Miete haben wollte, die wir ihm nie bezahlen konnten. Majestät haben wir vergeblich erwartet, als sie durch Caen fuhr. Sie hatte es nicht vergessen, daß Herr Brummell sie einmal, als sie noch Prinz war, bei Watiers geheißen hat, dem Diener zu läuten. Und daß er nach dem Bruch, der darauf erfolgte, Lord Erskine, der mit dem Prinzen promenierte, über die Schulter fragte: »Was hast du da für einen dicken Freund?« Ja, Majestät fuhr durch, ohne uns zu besuchen, und wir hatten schon den Maraschinopunsch zubereitet und schickten ihn schließlich ins Hôtel Angleterre, in dem König Georg abgestiegen war. George Brummel. Nach der farbigen Lithographie eines unbekannten englischen Meisters Als es dann sogar passierte, daß sich mein Herr eigenhändig und in lächerlicher Hast ankleiden mußte, da man ihn frühmorgens aus dem Bette in den Schuldturm holte, da war es ja wohl eigentlich zu Ende, und wir waren nahe daran, gewöhnlich zu werden, und nichts sonst zu haben als eine Vergangenheit. Aber dies muß ich festhalten: wir scheiterten nur an den gemeinen Natürlichkeiten des Lebens, die sich mit dem Altern einstellen, und die zu überwinden nicht mehr in unserer Kraft liegt. Aber unsere moralische Idee, die Idee, deren Geste wir nur sind, blieb davon ganz unberührt. Wir haben unsere Aufgabe erfüllt und hinterlassen ein Werk. Napoleon eroberte auf Sankt Helena immer noch die Welt, denn er hatte seine Macht aus sich selber, und nicht aus den andern geschaffen. Genau wie wir.   1. Juni 1838 So in Ruhe hingebracht, werden die Tage lang und von einer angenehmen süßen Schwere wie reifende Früchte. Das Nichtstun bekommt auf einmal den Sinn einer stillen, aber beziehungsreichen Tätigkeit. Des Nachmittags faul in der Sonne sitzen, die schon recht warm scheint, wird Werk und Verrichtung. Und was man dann so wirklich tut, und wozu man Füße und Hände in Bewegung bringt, kommt einem vor wie törichte Zeitvergeudung und macht verdrießlich. Gestern kam Lord Abercon auf der Reise nach Paris durch dieses Nest und schenkte mir seinen Besuch. Er gehörte in unserer besten Zeit zu den Schülern meines Herrn und lernte da nicht wenig. Wir sprachen natürlich von meinem Herrn, und Seine Lordschaft meinten, ich müßte doch wie niemand sonst imstande sein, das Leben meines Herrn aufzuschreiben, das Handwerk sei mir ja nicht so fremd – womit er auf eine fast schon Legende gewordene Sache anspielte – und zudem würden neuerer Zeit die Leben der Helden doch meist von deren Kammerdienern geschrieben, was der Zeit so sehr passe. Angenehmer als diese gute Meinung von meinem Schreibtalente waren mir die zehn Pfund, die mir Seine Lordschaft gaben, als sie wieder ihren Reisewagen bestiegen. Als ob an dem Leben etwas gelegen wäre! Als ob nicht die Geschichte jedes großen Lebens die Geschichte einer Idee wäre. Und die schreibt man nicht mit Anekdoten, wie Seine Lordschaft meinen. Als wir, mein Herr und ich, um einer gewissen Sache den notwendigen Schluß zu geben, mit Miß Sarah F. übereingekommen waren, sie zu entführen, da wurde nichts daraus, weil Miß F. darauf bestand, ihren schwarzen Pudelhund mitzunehmen, welchen Köters Gesellschaft wir im Wagen auf keine Weise dulden wollten, und Miß F. wieder nicht wollte, daß das Vieh nebenher liefe, weil es Nacht war und regnete. Die junge Dame ging mit dem Pudelhund wieder zu Mama zurück, und wir fuhren von dem verabredeten Orte wieder zu uns nach Hause, Chesterfieldstreet. Das ist, wie man sieht, eine Geste, in der die Idee sinnfällig wird. Anekdoten aber sind ein anderes Kapitel, das vielleicht die Lebensgeschichte eines Postkutschers ziert, aber nicht in einen moralischen Traktat gehört; und ein solcher und nichts anderes wäre die Biographie meines Herrn.   12. September 1838 Als ich durch dreiundzwanzig Jahre nichts sonst trieb als das Wirtschaftsbuch und das Schuldenbuch unseres Haushaltes – wer mir da gesagt hätte, daß ich mir noch einmal zu einem andern Zwecke Federn schneiden würde, ich hätte ihn ausgelacht. Eigentlich wollte ich auf die Blätter dieses Kalenders nur jeden Tag hineinschreiben, ob es ein schöner Tag war oder nicht, ob's Regen gab, oder ob die Sonne schien. Es ist wohl das Alter und nichts weiter, und ich schreibe, wie andere Leute Tobak schnupfen. Einmal war es ja anders, um auf Lord Abercons Anspielung zurückzukommen. Bevor das Schicksal oder der Zufall, ohne den, wie einer sagte, nichts Edles passiert, mein Leben zur Bedeutung wandte, meinte ich wunders was zu tun, da ich sonst nichts trieb als meine Laune. Ich dachte, ließe ich die nur recht eigenmächtig schalten, so führte sie mich schon auf die rechte Bahn. Ich brachte es in der Verkennung des Lebens so weit, daß ich, vom Beispiele des Lord Byron verlockt, Gedichte anfertigte. Wenn ich sie hinschrieb, tat ich das nicht sitzend, sondern kniend auf meinem Stuhle, so sehr und über die Maßen andachtsvoll kam mir dieses verlorene Geschäft vor, und muß man es wohl auch mit solchem großen Respekt treiben, um in solcher Vertäuschung des Lebens ohne Scham und innern Verdruß zu leben. Ich verkehrte damals in der Gesellschaft wohlerzogener Leute, deren Tag keine solchen ekstatischen Höhepunkte wie der meine hatte, die ihn aber dafür gleichmäßig temperiert in spielendem Verbrauch der Kraft hinbrachten und abends, bevor sie sich hinlegten, nicht sinnend und benommen auf dem Bettrand saßen und, einen Tag überdenkend, Fäden aus dem Nachthemd zogen. Ich merkte bald, daß man mich in dieser Gesellschaft merkwürdig auszeichnete und eigentümlich sonderte, und daß man meiner Rede in den wichtigsten Dingen, zum Beispiel vom rechten Gebrauch eines doppelseitigen Spanners, nur ein lächelndes Recht gab: man widersprach mir nicht und stimmte mir nicht zu; es war so, als ob ich mit meinen Worten den Dingen etwas von ihrer Güte und Schönheit nähme, so daß es andern damit auf einmal sonderbar wertlos und fremd wurde. Und so besann ich mich auf meine Gedichte, zog mir diese Besonderheit wie einen Eisenstab durchs Rückgrat und ging so sehr aufrecht woanders hin. In die Tavernen, wo die Dichter unter sich saßen mit ihren eigentümlichen Sitten und Bräuchen, die so ruchlos stolz aussehen. Das war eine gute Schule, und ich empfehle sie jedem jungen Mann, dem der Verlust droht. Ich fand da unter Übeln Manieren eine sehr schamlose Freude an den eigenen Defekten um so breiter ausgelegt, je schlechter das Gewissen, das heißt je besser der Dichter war. Alle schworen zum Leben, und da keiner recht wußte, was das war, das Leben, so brachten sie es von außen als Abenteuer an und stritten untereinander über die Kraft ihres Gebisses und die Blutfülle des Stückes, in das sie die Zähne schlagen wollten. Es waren die beliebtesten Dichter der Zeit. Man sprach von ihnen in der Gesellschaft fast ebensoviel wie von den Hunden, die sich die Herzogin von York hatte aus Afrika kommen lassen. Es wurde mir da ganz deutlich, daß auf dem Wege des Gedichtes das Leben sich mit einer gemeinen Leichtigkeit ordnen ließe, versteht man sich nur dazu, das Defekte, das man hat, sich frenetisch auswirken zu lassen. Ich besaß wohl davon nicht genügend, als daß es mich zu dem verzweifelten Mute, als ein Dichter zu leben, legitimiert hätte. Ich war guten Leibes, und meine Phantasie ging keine Wege, die mich bestürzten. Also kaufte ich mir – ich war noch sehr jung – fünf luftgefüllte Schweinsdärme, band meine Gedichte daran und ließ das Ganze dorthin fliegen, woher es, wie die Poeten sagen, gekommen ist: zu den Sternen. Die Därme gingen mit ihrer Fracht aber schon auf einem Landgute in Berkshire nieder, das gerade Mr. Brummell als Gast beherbergte. Es war übrigens kein sehr gut geführtes Haus. Mr. Brummell fand ein Spinnweb in seinem Nachtgefäß, was Anlaß war, daß er von da ab immer seine eigene Vase auf Reisen mitnahm. Den Umstand mit den Gedichten und diesen andern mit dem Geschirr erfuhr ich von Mr. Brummell selber, acht Tage später. Bei Davidson \& Meyer, Regentstreet, wo wir beide arbeiten ließen und uns trafen – wie zufällig schien es, war aber göttliche Fügung. Mr. Brummell probierte den von ihm geschaffenen Frackrock, und während der drei Stunden, da dieses geschah, wurde mir der Sinn des Lebens klar; ich wußte nun, was ich zu tun hatte. Vier Tage später stand ich in den Diensten meines Herrn. Das war am 12. September des Jahres 1813 – heute vor fünfundzwanzig Jahren, und fünfundzwanzig Jahre war ich damals alt.   18. September 1838 Ja, die Thesen! Als ich im Winter 1829 für meinen Herrn nach London mußte, zeigte man mir vor dem Café des Milles Colonnes Herrn Romeo Coates. Man nannte ihn einen Dandy, während er ein Narr war, der einen blaßblauen Surtout trug, betroddelte Kurierstiefel bis ans Knie, und einen Dreimaster, und sich in einer Schubkarre von der Form einer vergoldeten Muschel fahren ließ. Man nannte den närrischen Jungen einen Dandy, und doch waren es erst drei Jahre her, daß wir London verlassen hatten – Zeit, schien es, genug, daß die Menschheit verfiel, da sie unser Beispiel nicht mehr sah. Das machte mich nachdenklich und befestigte meine Meinung, daß zwischen dem einzelnen und der Menge ein dauernder moralischer Bezug nicht statthat. Wieder nach Calais, wo wir damals residierten, zurückgekehrt, erzählte ich meinem Herrn, daß man ihn in London schon zweimal totgesagt hätte. Er meinte, das seien Börsenmanöver. Aber ich dachte, einmal totgesagt hätte schon genügt, um die Wahrheit zu treffen, da man Romeo Coates Esq. einen Dandy nannte.   19. September Ja: wir brauchten sechs Stunden für die dreimalige Toilette des Tages, aber wir verwandten diese Zeit nicht darauf, eine Exzentrizität zustande zu bringen, sondern zu nichts Einfacherem, als uns so anzuziehen, daß wir nicht auffielen; und um dies zu erreichen, muß man sich nichts als gut anziehen in den Grenzen der herrschenden Mode. Wer auffällt, so oder so, der tut das immer auf eigene Gefahr und wird nie die Genugtuung spüren, zu herrschen, sondern immer den Schmerz, beherrscht zu werden, und wäre es auch nur vom zudringlichen Auge der andern. Wer sein eigentümliches Geheimnis nicht kennt und gar nichts davon weiß, der ist ein guter Mensch und wird im niedern Frieden leben. Wer es kennt und auf den Markt läuft, es zu verkünden, den plagt die böse Lust: er ist ein Dichter, ein Narr oder ein Heiliger. Wer es kennt und davon schweigt, oder bloß affektiert davon spricht, weil ausweichendes Schweigen lauter als Ausschreien sein kann in bestimmten Situationen, der ist ein Dandy, solange er unter Menschen lebend seine Pflicht zur höchsten eigenen Energie spürt. Wir sind seit dem 16. Mai 1818, da wir fehlenden Kredites wegen London verließen, ein pensionierter Dandy, und so etwas gibt es nicht. Unsre Existenz wird eine philosophische Abstraktion, denn sie verlor ihr Wesentliches: das Gegenspiel der anderen. Man muß sich gegen die andern behaupten durch das Mittel, gegen sie nicht aufzufallen. Ein Eremit ist kein Kunststück. Der einzelne, der sich vor sich selber behauptet, hebt sich auf; was immer er auch prestiert; denn er wird sich selber auffallend und schreibt solche Sätze in seinen Kalender, wenn es gerade regnet. Ja, wenn es gerade regnet – das ist nur Anlaß und keine irgendwelche Beschwerde. Was wichtig war, das habe ich gelebt und lebe es weiter, lasse nichts davon übrig, das aufzuschreiben mir notwendig schiene, Not wendend.   4. August 1839 Hier draußen ist eine ruhige Gegend. Nicht als ob es etwa in der Rue Royale von Caen sehr lebhaft wäre: aber es läuft da doch manchmal eine Katze über die Straße, als ob sie auf der andern Seite höchst wichtig zu tun hätte. Hier draußen ist die Ruhe wie für sich selber da. Wie zu ihrem eigenen Genusse. Die Nachbarn gehen früh fort ihren Geschäften nach in die Stadt, kommen abends heim. Links wohnt ein Invalide aus den Kriegen, der sich den Pariser Moniteur hält, den er mir jeden Abend herüberbringt. Wir verstehen uns vortrefflich. Rechts wohnt eine Wäschermamsell mit ihrer Mutter, die ich jeden dritten Tag besuche. Wir verstehen uns vortrefflich. Vor meinem Fenster wächst Goldregen und umgibt es mit seinem Gerank aus Grün und Gelb. Da seh' ich in das weite Land, und sehe auch die Silhouetten der Blätter und Blüten, und sehe dies und das Land, das Nahe und das Ferne gleichzeitig auf einmal. Das dünkt mich, habe ich von meinem Herrn, daß ich dieses beides auf einmal sehen kann.   5. August 1839 Die Alte von rechts besorgt im Bon Sauveur meinem Herrn die Wäsche, die junge Mamsell, ihre Tochter, plättet sie. Die fragte mich gestern, ob er wohl schön war, Herr Brummell, und ob er es viel mit den Frauen gehabt hätte. Ich sagte ihr darauf: Nein, mein Kind, er war nicht so schön wie Monsieur Frédéric, dein junger Perückenmacher, aber er hatte eine Physiognomie. Dafür war er aber so schön gewachsen, wie du es dir immer vorstellen magst. Wie wir es mit den Frauen hatten, da möchte ich dir gern den Gefallen tun, dir sehr romantische Geschichten zu erzählen, wie sie bei Herrn Sue stehen, aber ich müßte sie erfinden, und das verträgt die Bedeutung der in Betracht kommenden Personen nicht, nicht die meines Herrn, noch die der Damen. »Sie sind ein Palast in einem Labyrinth«, sagte uns eine von ihnen. Sie war nämlich ungeduldig wie alle, weil wir keinen Wert darauf legten, im Pathos gemeinsamer Gefühle zu schwelgen, und geärgert darüber, daß sie schauen mußte ohne zu sehen, und suchen ohne zu finden. Wir blieben immer an jener Grenze stehen, die uns die Frauen setzen, damit wir sie überschreiten. Da glaubten sie dann, wir machten uns über die Gefühle lustig und verlangten uns, anders, nur noch stärker. Das gab uns viele Macht. Wir mißbrauchten sie aber anderswo. Geliebt und gefürchtet haben uns alle, gehaßt hat uns nur eine, weil sie verstand. Das war Henriette Wilson, eine sehr berühmte Kokotte. Der Schlüsselbund ihres Herzens war sehr umfangreich. Darauf fing die kleine Mamsell an, von ihrem Frédéric zu erzählen, und von ihrer Angst, daß es mit der Liebe einmal aus sein könnte. Ich wußte ihr darauf nichts Gescheiteres zu sagen, als daß man beim Beginn einer Liebesgeschichte sich nicht mit der Art ihres Endes beschäftigen solle. Das nehme schon das Leben auf sich, und das kenne da gar viele Arten.   12. Dezember 1839 Ich habe es mir von meinen Nachbarinnen verbeten, daß sie mir von Mr. Brummell erzählen, und gestern muß mir ein Mensch, der sich Schneider nennt, weil er geduldiges Tuch zu schlechten Röcken zerschneidet, in den Weg laufen und mit einem lächerlich unglücklichen und wichtigen Gesicht anfangen: J'avais honte, de voir un homme si célèbre et si distingué et qui s'était créé une place dans l'Histoire, dans un état si malheureux, und so fort, immer neben mir herlaufend und schwatzend, bis ich ihm sagte, es müsse ein Irrtum sein, denn Mr. George Brummell sei schon lange tot, und der Herr, der im Spittel läge und Löcher in den Hemden habe, sei wahrscheinlich ein harmloser Verrückter, der sich für Mr. Brummell halte. Den Augenblick, den Monsieur Robinson verdutzt stehenblieb, benutzte ich, mich so rasch zu entfernen, als es mir die kleine Gicht im linken Bein erlaubt.   1. April 1840 Mit großem Gefolge kam heute die Herzogin von S. durchgereist. Sie war immer auf unsern Samackbällen gewesen, und als die Schönste. Sie ließ vor dem Hôtel d'Angleterre halten, um eine Limonade zu trinken, und fuhr dann gleich weiter. Sie hatte für einen Augenblick den Schleier zurückgeschlagen. Die Frauen sind meistens nicht so jung, wie sie sich schminken, aber die Herzogin hatte sich in den Jahren und Farben doch etwas stark vergriffen. Der gute Geschmack scheint in England endgültig verschwunden zu sein, wenn so etwas sogar dieser süperben Dame passiert. Ich will nicht vergessen aufzuschreiben, daß man an demselben Tage, am 1. April 1840, George Bryan Brummell, dem ich in unsern großen Tagen diente, begraben hat, nachdem er vor einer Reihe von Jahren gestorben war, als der größte Mann seiner Zeit. Charles Baudelaire. Nach einem Gemälde von Emile Deroy Baudelaire »Keusch wie das Papier, nüchtern wie das Wasser, der Andacht ergeben wie eine Kommunikantin, wehrlos wie ein Opfer, mißfiel es mir nicht, für einen Wüstling zu gelten, einen Trunkenbold, einen Ketzer und einen Mörder«, schreibt Baudelaire in einer nicht veröffentlichten Vorrede zu den »Blumen des Bösen«. Ich habe in einleitenden Worten zu einer deutschen Ausgabe der Werke des Dichters ausgeführt, daß die kritische Praxis, welche durch die Kenntnis und Deutung der Lebensumstände eines Dichters dessen Werk auf die geheimen Spuren zu kommen, und damit ein ästhetisches Urteil zu gewinnen glaubt, von falschen Voraussetzungen über den Charakter des Gedichtes ausgeht, und darum wertlos ist. Was das dichterische Leben, ausgedrückt im Werke, mit dem sozialen Leben, ausgedrückt in Tun und Lassen, gemeinsam haben – und sie haben natürlich etwas Gemeinsames –: dieses Gemeinsame ist weder literarisch noch sozial. Biographie beschreibt Oberfläche, des Lebens sowohl wie des Werkes: in einiger Tiefe zeigen sich sofort die Diskrepanzen, was dann den Biographen zu der Annahme führt, der Dichter habe entweder in seinem sozialen Leben gewisse Gefühle unterdrückt, oder er habe in seinem Werke gewisse Gefühle geheuchelt, die er »wirklich« niemals gehabt habe. Aber es ist eine Tendenz des menschlichen Geistes, im dichterischen Werk die dichterische Persönlichkeit zu entdecken und zu sichern. In den nur scheinbar stückweisen Äußerungen eines Werkes sucht man die gelebte Kontinuität, weil man sich das Phänomen des Dichters »menschlich« näherbringt, allerdings mit notwendig damit verbundener Senkung des Niveaus, auf das sich das Phänomen begibt, und notwendig damit verbundener Minderung seiner Größe. Es gibt kein Werk, so gering es auch sei, in dem sich nicht die Sensibilität seines Verfassers, also die Persönlichkeit, ausdrückt, sei diese auch noch so schwach; mehr von ihr zu wissen lockt, nicht aus Gründen trivialer Neugierde, sondern weil solches Wissen der Persönlichkeit die Perzeption des Werkes erleichtert. Dieses dem Menschen eingeborene Bedürfnis zu befriedigen, wirft die Biographie sich auf, um – das Bedürfnis zu enttäuschen, oder es zu korrumpieren. Bei schwachem ästhetischen Urteilsvermögen, aber starker Wissenschaftlichkeit meint man dem Unbestimmten der dichterischen Persönlichkeit, aus dem Werke gewonnen, größere Bestimmtheit, ja überhaupt solche zu geben damit, daß man die dokumentierte Genauigkeit der sozialen Person des Dichters in einer Art von Paralogismus in die Kritik einführt. Hier aber ist nun eine andere als eine ästhetischkritische Aufgabe gestellt. Für eine bestimmte geistige und emotionale Haltung, welche die erotische Morbidezza genannt sei, und die sich als charakteristisch für die Zeit um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, den absterbenden Romantismus, aufdrängt, summieren sich alle wesentlichen Züge in dem repräsentativen Beispiel Baudelaires. Der dichterische Niederschlag, den diese Haltung gefunden hat, muß, um das Beispiel deutlich zu gewinnen, es sich gefallen lassen, in seine Elemente aufgelöst und mit anderen Elementen verbunden zu werden. Das Resultat dieser Untersuchung sagt gar nichts über das Baudelairesche Gedicht aus, denn solches ist nicht der Zweck dieser Untersuchung. Hier muß die dichterische Person, wie sie sich einmalig im Werke ausdrückt, gemindert werden zu einem Typus, als der er bei allen individuellen Zügen charakteristisch ist für die Zeit seines Auftauchens. Es könnten, um es drastisch zu sagen, die Gedichte in eines jeden Sinn und Urteil mißlungen und schlecht sein, sie würden im Sinne dieser Untersuchung, die nicht auf das Ästhetische gestellt ist, den gleichen Wert behaupten, den sie in ihrer hohen Qualität besitzen. Was im ästhetisch-kritischen Sinne ein falsches Urteil wäre, wird im kulturell-soziologischen Sinne ein richtiges. Es könnten die besonderen Lebensumstände und Schicksale Baudelaires ganz andere gewesen sein, und sie hätten doch wieder, wenn auch anders veranlaßt, den Typus der erotischen Morbidezza gegeben als zeitbedingt. Ich glaube, für die Dichtung Baudelaires ist zuerst das mißverständliche Wort »dekadent«, als deren Charakter bezeichnend, aufgekommen, das im Ablaufe dieses und des ihm folgenden Jahrhunderts ein beliebtes kritisch vermeintes Schlagwort wurde. Man dachte in diesem Worte sich etwas zusammen, das unsauber, unmoralisch, ungesund bedeutete, zumal das letztere. Mit diesen Inhalten lebt noch heute das Wort weiter, das ehemals ein historisches Hilfswort war, von Historikern für Zeiten gebraucht, wo alte Institutionen zusammenbrechen, und neue sich zu bilden beginnen, für Perioden des Überganges von einem sozialen Ideal zu einem anderen. Auf die Literatur bezogen kann das Wort dekadent, historisch angewandt, die Literatur einer Zeit der Dekadenz bedeuten, oder metaphorisch die Literatur eines Überganges von einem literarischen Ideal zu einem anderen. Diese zwei ganz verschiedenen Bedeutungen des Wortes werden aber immer in eine Bedeutung zusammengeschlagen, so, als ob eine literarische Dekadenz notwendige Konkomitanz einer sozialen Dekadenz wäre. Auf diesen Bolus hat man außerdem noch die Farben einer undeutlichen Erinnerung an die Orgien der römischen Kaiserzeit aufgelegt, und nun bleibt die Gedankenlosigkeit dabei, unter dekadenten Dichtern solche zu verstehen, die unmoralisch leben und Ungesundes dichten, also – »schlechte« Dichter sind. Es mögen die Literaturen dekadenter Perioden ihr Gemeinsames haben. Aber daß die Literatur einer sozialen Dekadenz als Literatur dekadent und daher minderwertig sein müsse, ist ein populärer Irrtum. Baudelaire ist der Dichter einer sozialen Dekadenz, aber er ist in keinem Sinn ein dekadenter Dichter, sondern dessen Gegenteil: stark, männlich, zuchtvoll, bestimmt, klassisch. Durchaus nicht Epigone, sondern heroischer Begründer eines neuen dichterischen Geschlechtes. Das Besondere seines Werkes kommt von der Interaktion zweier verschiedener Faktoren: der Dekadenz, in der er lebte, und seiner dichterischen Stärke und Bestimmtheit. Was sein Werk an sogenanntem Perversen wie »Lesbos« enthält, ist das wenigst Relevante. Pervers zu sein, trafen nach ihm die windigsten Poetaster. Aber sie trafen es nicht auf seinem schwierigen Wege. Denn er war keineswegs ein Schnüffler in unsauberen Dingen, sondern der bedachte und entschlossene Dichter einer heroischen Stellung zum Leben. Er hatte keine Vorlieben, sondern eine Überzeugung. Die ganz wenigen sogenannten perversen Gedichte Baudelaires sind auch seine wenigen schlechten Verse, in denen er, was Heine fast ausnahmslos tat, mit dem bewußten Effekt begann, statt mit dem unbewußten Effekt zu enden: und gerade dieser Baudelaire, der baudelairisiert, fand als der Effektvolle seine nachahmenden Poetaster, wie Heine sie in seiner Fratze fand, bis auf den letztgekommenen Verfertiger von Operettenreimen. »Der Dichter sitzt auf Bildungstendenz, Willens- und Leidenslage seines Zeitalters und seiner Generation so fest auf, wie das Juwel auf dem Mineral seines Vorkommens, in dem seine Verfärbungen schon ahnungsvoll und trübe ziehen; wie und wodurch er auf ihm entsteht, ist schon Geheimnis genug und ausreichend für das Los seiner Einsamkeit«, schreibt Rudolf Borchardt im »Ewigen Vorrat deutscher Poesie«. Baudelaire erkannte sein Zeitalter als eines der Dekadenz. Wir kennen es als solches nicht nur aus seinem leidenschaftlichen Protest, sondern auch aus Balzacs romanesker Anatomie. Die neue demokratische Ordnung, welche die alte aristokratische, die gefallen war, ersetzen sollte, war noch nicht geschaffen. In den Ruinen wuchs das Unkraut. Verehrung des Reichtums um seiner selbst willen war das einzige Prinzip einer geistigen und sozialen Ordnung, Guizots: »Bereichert euch!« ein sozialer Nadir. Häßlich und ohne Kontrolle, wie ausbrechende Schlammvulkane, wuchsen die großen Städte auf; gegen einen alles wie eine Krätze überziehenden Industrialismus wehrten sich mißlingende Revolutionen. Sieghaft blieb das Geld. Die Romantiker bücherten Proteste. Baudelaire stellte sein Leben auf diesen Protest. Er machte keine Konzessionen, weder an die Fiktion einer Utopie »besseren Lebens« noch an die den romantischen Zeitgenossen so teure »Natur«. Er konfrontierte die gegebene, gesehene Welt mit den höchsten religiösen Begriffen, Gott und seinem Widerspiel Satan. Er hatte das höchste Maß. Sein Horror vor Cybele und ihren Altären hat einen religiösen Ernst. Die Natur – davon war man hergekommen, herausgekrochen –, auf sie zurückzublicken, versteint. Kaum ein Stückchen Landschaft ist in seinen Werken. Er bekannte sich unfähig, »über Vegetabilien in Tränen zu zerfließen.« Die Natur erschien ihm schamlos. Er schreibt einem Freunde: »Meine Seele rebelliert gegen diese seltsame neue Religion, die für jedes spirituelle Wesen immer ein gewisses Etwas von Shocking haben wird.« Die Epoche stellt ihn und er die Epoche auf dem gegebenen Felde ihres intensivsten Lebens: dem künstlichen der Stadt. Bis auf Baudelaire hat die Stadt den Dichtern nicht als poetischer Ort gegolten. Die Lyriker entwanden sich ihr und ihrem Diktat in eine bukolische Landschaft, so in Alexandrien, so in Rom, so im Paris von 1760. Das städtische Leben wird als verdorben und künstlich dem natürlichen und reinen Leben auf dem Lande in der Satire entgegengesetzt und abgelehnt als ein unsauberer und stinkender Quell für den Hippogryphen. Baudelaire, der erste Dichter der Stadt, liebte den steinernen Wald ihrer Häuser, das ausgedörrte Flußbett ihrer Straßen. Seine Einsamkeit brauchte die Menge: »Menge, Einsamkeit, das sind austauschbare Begriffe für den aktiven und fruchtbaren Dichter. Wer seine Einsamkeit nicht zu bevölkern weiß, der weiß auch nicht allein zu sein inmitten einer geschäftigen Menge.« Die Blumen des Bösen sprießen aus dem Straßenpflaster. Alles, was den Menschen und besonders die Frau vom Zustande der Natur entfernte, schien ihm glücklichste Erfindung und Zeichen menschlichen Willens, die von der Materie gelieferten Formen nach seinem Dünken zu korrigieren, berichtet Gautier. Das ist nicht Romantik, sondern ein sublimierter Realismus, der das Leben sieht, wie es sich gibt. Auch ein anderes Paradestück der französischen Romantik lehnte er ab: die erotische Leidenschaft. »Mir graut vor dieser Leidenschaft«, schreibt er in einem Liebesbriefe. Er fand sie roh, familiär, maßlos. Er glaubte an die Erbsünde, und gar nicht an den edlen Wilden. Auch nicht an den Fortschritt und die demokratischen Abergläubigkeiten. Ganz wie ein katholischer Mystiker, ein Mensch völlig spirituellen Wesens, der »durch alle Fenster nichts sonst sieht als das Unendliche«, drückt er die Verzweiflung des erdgebundenen Menschen aus, der nichts als das Ewige und Absolute liebt und »nie austreten möchte aus Zahlen und den Wesenheiten«. Der Vierundzwanzigjährige schreibt, Selbstmordkandidat wie jeder sensible Jüngling dieser Zeit, einem Freunde: »Ich töte mich wegen der Verzweiflung und Unordnung meines Lebens,... und weil ich mich unsterblich glaube, und weil ich hoffe.« Er ist ein Sensualist, der rast, nichts als das zu sein, aber in der Sensation bis an die äußerste Grenze geht, sagt Barbey d'Aurevilly von ihm, als ein Wesensverwandter, und rührt an den Nerv. Wäre er als ein Häretiker geboren und aufgewachsen, hätte er vielleicht in der Konversion zum wahren Glauben die Rettung gefunden und die Medizinen nicht gebraucht, die er sich mit Haschisch und Opium gab, nicht um Lust zu größerer Lust zu steigern, sondern als verzweifelte Heilmittel einer Seele gegen einen rebellischen Leib. Er glaubte an eine von Gott für alle Ewigkeit etablierte geistige Mathematik, nach der auch der geringste Bruch des sittlichen Gesetzes seine eigene grausame Wiedervergeltung in sich trägt, seine unvermeidliche Folge von Angst, Reue, Gewissensqual, Ekel, Verzweiflung. Er begehrte so inbrünstig nach dem Einen, dem Unbewegten und Ewigen, daß ihm nichts sonst völlig wirklich erschien, nicht einmal die geliebteste Sensation der Schönheit. Beinahe hätte er, aus dem Stoff der Heiligen gemacht, die Zauberei der Kunst und das Lügengebilde des Kunstwerkes überwunden, aber der klarsichtige Geist überwand nicht seine Sinne, und er bittet: »Laßt mein Herz an einer Lüge sich berauschen.« Für die Frauen, die mit der irdischen und der himmlischen Liebe sein Leben und sein Denken in Atem hielten, fühlte er im letzten Grunde seines Wesens eine Verachtung, die sich in Mitleid äußerte, wenn die weibliche Kreatur alt und arm und häßlich und krank war, in Mitleid bis zum äußersten Opfer seiner letzten Habe. Ihm graute vor diesen »allzu natürlichen Geschöpfen«, wie er mit emphatischem Widerwillen sagte, vor diesen »verführerischen Formen des Teufels«, deren Zulassung in die Kirche ihn erstaunte, und die er zusammen mit Freidenkern, Liberalen, Generalen, Utopisten, Philanthropen, Demokraten, Victor Hugo und Musset für eine gleichgültige Horde inferiorer Kreaturen hielt. »Das junge Mädchen ist in Wirklichkeit eine kleine Gans und ein kleiner Schlampen; größte Dummheit vereinigt mit größter Verderbtheit. Im jungen Mädchen steckt alle Gemeinheit des Strizzis und des Gymnasiasten.« Das Urteil Baudelaires über die, als er es fällte, eben erst fünfzig Jahre alte letzte erotische Schöpfung männlicher Phantasie und wirtschaftlicher Notwendigkeit, das »Junge Mädchen« – dieses Urteil greift der Entwicklung vor, und man muß es auch für Baudelaire und seine Zeit etwas einschränken. Er hatte ja eigentlich nur immer mit Prostituierten zu tun und lebte in der Stadt, deren Atmosphäre das Miasma der Prostitution enthält, und das zu atmen auch jene Frauen kaum hätten vermeiden können, die sich nicht prostituieren. Daß das sorgsam gehütete und sich vorsichtig hütende bürgerliche Mädchen seine lebhafte Sinnlichkeit verbirgt und wie nicht vorhanden zu machen sucht, daß es über diese zu Kobolden werdenden Inversionen den Schleier einer Unschuldigkeit legt und vom seriösen, vielfach elterlich geprüften Freier das Mitspielen in einem wohlchaperonierten sentimentalen Getue verlangt, das zur Verlobung führt, um im Banalen einer nun doch geübten und durch nichts als die Ehe entsündigten Sexualität zu enden, der man sich mit mehr oder weniger Dauer und Ausdauer, mit mehr oder weniger großem Vergnügen hingibt: das fällt für einen religiös gerichteten und sinnlich heimgesuchten Typus, wie ihn Baudelaire darstellt, nicht nur in das verhaßte Juste-Milieu des Bürgerlichen, sondern auch in das schlechthin Sündige und Gottlose. Das komplexe Problem, das ich, ohne damit eine sittliche Minderwertigkeit bezeichnen zu wollen, die erotische Morbidezza nenne, rückt ins Licht. Albert Thibaudet, der vortreffliche Kritiker, staunt, daß sich die Psychoanalyse noch nicht des Falles Baudelaire als eines klassischen Beispieles für das, was diese Theorie den Ödipus-Komplex nennt, erinnert hat. Baudelaire war ein Junge von sechs Jahren, als sein greisenhafter Vater starb. Bald darauf heiratete die schöne und kaum dreißigjährige Mutter den General Aupick, einen durchaus loyalen Mann, dem der Stiefsohn nicht das geringste vorzuwerfen hatte, bis auf das eine: daß er der Mann der über alles geliebten Mutter ist. Dafür haßt er ihn bis ans Ende. Und in diesem Manne auch alles, was er für ihn personifiziert: den glücklichen Rivalen in der mütterlichen Zärtlichkeit, die Familie, den Staat, die Armee, die Gesellschaft. Der gar nicht republikanisch oder sonstwie politisch interessierte Baudelaire packt 1848 ein Gewehr, schießt auf den Barrikaden und erklärt seinen Mitkämpfern, das alles sei gar nichts, man müsse den General Aupick töten. Solchen sinnlosen Haß bildete die Liebe zur Mutter aus, und den Begriff einer reinen, höheren Form der Liebe bei einer seltsam von ihm geliebten Frau, die Muse, Madonna, Schutzengel ist, lichtes Bild gegen das Dunkel, in das er stürzt, wenn er erliegend die Huren umarmt, die er, mit solchem Bilde der reinen Liebe im Herzen, allein umarmen kann, denn ihr unfruchtbarer Schoß ist des Teufels Gefäß für seine immer als sündhafte Unzucht erkannte sterile Umarmung. Auf dem Doppelgipfel dieses erotischen Parnasses entspringen zwei inspirierende Quellen, und sie geben den beiden Realitäten, da jede vom Standpunkt der andern aus immer gesehen ist, das Gesicht eines zwiefachen Heimwehs: vor der Madonna das nach der schwarzen Venus, vor dieser nach der Madonna. Baudelaire gehörte zu den wenigen Pariser Bewunderern des Tannhäuser, als dieser in der Oper von den Pfeifen des Jockeiklubs niedergepfiffen wurde. Daß Tannhäuser im Sängerwettkampf und vor der Madonna-Elisabeth die Hymne an die Venus singen muß, in dieser Not erkannte Baudelaire die seine. Als einen metaphysischen Zustand jedoch, nicht als einen psychologischen Konflikt. Anders hätte er wie Wagner eine Minna geheiratet und sich bei einer Mathilde dafür entschädigt. Eine disproportionierte, pathologische, senile Vereinigung nannte er die Ehe seines zweiundsechzigjährigen Vaters mit der siebenundzwanzigjährigen Mutter und sah verzweifelnd auf sich als das Kind solches ungleichen Paares. Saint-Beuve, ebenfalls das Kind eines alten Vaters, dachte sich aus diesem Umstand intelligent, depraviert und unentschieden. Der als junger Mann einer der aufeinander sich folgenden Geliebten der Frau Victor Hugo gewesen war, schleppte sich siebenzigjährig aus seinem von derben Schlafköchinnen bevölkerten Hause ins Bordell: Kann man schon die Blume nicht mehr brechen, erklärte er, so liebt man doch ihren Duft. Und gewann mit seiner Intelligenz, die sich zu schicken wußte, eine erotische Praxis als Umweg zu dem ihm nötigen Verkehr mit Frauen. Er zog die weibliche Intelligenz, die auch seine eigene war, den weiblicheren Eigenschaften vor, hatte aber bald gefunden, daß sich diese Intelligenz erst dann zeige, wenn sowohl beim Mann wie bei der Frau das nötige Sexuelle ausgetauscht war. Um die dauernde Freundschaft einer Frau zu gewinnen – und er suchte sie bei vielen Frauen –, näherte er sich ihr zunächst nur als Liebhaber. Das war ihm ein Prinzip geworden. Seine Intelligenz verlangte klare Augen auf beiden Seiten. Das zu erreichen, müsse man sich einige Zeit im Schlafzimmer aufhalten. Vom Haß gegen seinen Stiefvater, in dessen Haus er leben mußte, inspiriert, legte Baudelaire alles darauf an, ihn durch seine Lebensführung, an der er selbst nicht den geringsten Gefallen hatte, zu kompromittieren, denn der Stiefvater war große öffentliche Figur. Verkehr mit zweifelhaften Burschen, mit Huren, Trunk, exzentrische Kleidung und Verse: weniger hätte genügt, den honetten Stiefvater besorgt zu machen. Es mußte etwas geschehen. Man schickte den Zwanzigjährigen nach Kalkutta, in der Hoffnung, daß er anderen Sinnes werde. Er brachte von dieser Reise mit den Knabenaugen jenen Exotismus mit, der magisch über vielen seiner Gedichte leuchten sollte, und die ihm höchsten symbolischen Werte von See und Schiff, aber auch jenen wie für ihn hinbereiteten Fund, mit den eindrucksgierigen Augen des Jünglings und Passanten erhascht und aufgesaugt: das brütend Lauernde, das Katzenhafte, im Blick Unbewegliche, wild-grausam Vermutete des dunkelfarbigen Weibes, Sklavin und Tyrannin zugleich, zu verachten und doch zu umschlingen, zu verfluchen und doch zu besingen, im ganzen ein rechtes Höllenstück, mit dem das Teuflische zu tun den Teufel vielleicht doch überlisten könnte. Heimgekehrt, wurde er durch eine kleine Erbschaft von 50 000 Frank frei. Er hatte mit sechzehn, ohne Lehrjahre, eines seiner schönsten Gedichte geschrieben. Er wußte, daß er mit einundzwanzig sein eigener Herr sein würde. Sein Stiefvater würde bald nichts mehr zu lachen haben. Mit dem Gewehr und der Revolution gelang es nicht. Aber neun Jahre später, als die Blumen des Bösen, handschriftlich unter den Freunden schon bekannt, als kleines Buch erschienen, und der Dichter wegen Gotteslästerung und Unsittlichkeit angeklagt, doch nur wegen Unsittlichkeit verurteilt wurde – er litt außerordentlich unter dem infamierenden Mißverständnis seiner Konfessionen –, da starb im selben Jahr der General, und er versöhnt sich mit der gelähmten Mutter. Geständnisse: Baudelaire hat nie, wie alle seine Freunde aussagen, von Frauen gesprochen. Er liebte und goutierte außerordentlich seine Einsamkeit und den Reiz der Undurchdringlichkeit. Das ging bis zur Mystifizierung Neugieriger, woraus eine Legende seines Lebens sich aus Anekdoten wob, die ihn als einen Desequilibrierten, einen Besessenen darstellt, in der Liebe als einen Wüstling und Zyniker vom gewöhnlichen Niveau jener, die sowohl staunen wie auch verstehend mittun wollen. (Eine kleine Ähnlichkeit mit Frank Wedekind ist hier bemerkbar, der vor ihm passenden Zuhörern gern den wilden Mann in Eroticis spielte und Geschichten um seine Liebesaffären herum erfand, deren einfach konstituierte Substanz solche Belastung mit »Raffinements« nicht vertrug, aber den Bohèmien, der Wedekind zu einem Teile war, über sich hinaushob, ohne den Bürger, der er zum andern Teile war, ernsthaft zu schädigen, denn diesen wie jenen verband die etwas schwanke Konstruktion eines Schönheits- und Liebesideals, das sich aus der vollendeten Leiblichkeit gewann und deren freier Spiegelung. Unter dieser windigen Brahma-Brücke war immer alles am rechten Ort, denn alles reckte ein bißchen das lüsterne Zünglein und war dadurch einander ähnlich, wenn nicht gleich. Hier war nur der Zweifel an der Gottesgabe der Sinnlichkeit tödlich, oder die körperliche Häßlichkeit ein Stigma. Doch auch dieses ist nicht deutlich, denn Wedekind war dessen, was er meinte, nie sicher, was nicht bedeutet, daß er fähig gewesen wäre, sich zu widersprechen.) Baudelaires Frauen: Die Riesin, die er liebte, ist eine Fabel wie die Zwergin. In solchen Aufschneidereien gefielen sich die jungen Leute um 1840, weil sie recht auffällig unbürgerlich nicht nur oft waren, sondern öfter noch erscheinen wollten. Die ersten Frauen werden die aus den heißen Gassen gewesen sein, die erste vielleicht diese kleine rote Straßensängerin mit dem jungen kränklichen Leib voll Sommersprossen, und Brüsten, strahlend wie Augen. Ihr, die er flanierend traf, widmet er seine ersten Verse, ein Freund, der Maler de Roy, stellt ihr Bild als die kleine Gitarrespielerin im Salon aus. Wie man sich zufällig fand, verlor man sich wieder; ein sentimentales Parfüm der ersten Küsse hielt lange vor; Erinnerung kehrte später zuweilen bei der kleinen Straßenbettlerin ein. Baudelaire war zwanzig, als er in einem Café chantant die Mulattin Jeanne Duval traf, die am Quai de Bethune auf den Strich ging. Die sie kannten, sagten, sie sei nicht einen Groschen wert gewesen, ohne Charme, ohne Schönheit, ohne Witz, ohne Talent, ohne Herz. Aber hätte sie alle diese Eigenschaften besessen, so wäre sie ein durch unglückliche Umstände in die Prostitution geratenes gutes Mädchen gewesen, fast wert, von einem braven Manne gerettet und geheiratet zu werden. Nie hätte Baudelaire einer solchen bloß verunglückten Person sein Leben geopfert, wie er es für diese rätselhafte Bestie tat. Sie ließ ihn auf ihre Gunstbezeugungen warten, schickte ihn erst immer wieder zu dem Judenmädchen Sarah Louchette, die er ihr geopfert hatte, zu dieser kahlköpfigen Sarah, die eine Perücke trug, und deren eines Auge schielte. Sich um ein Paar Schuhe hingab, mit elf Jahren angefangen hatte und mit zwanzig ein altes Weib war. Als ich bei einer Jüdin lag zur Nacht, Ein Leichnam bei dem andern hingebreitet ... Baudelaire hat oft an den Rand seiner Handschriften das Bild der Mulattin gezeichnet: große, völlig indifferente kalte Augen, anspringende Brüste, breite Hüften, diabolus in lumbis. Sie liebte starke Getränke, war streitsüchtig, verräterisch, hysterisch. Einen Liebhaber zu haben, erhöhte ihr das Vergnügen ihres Prostituiertenlebens. Als sich ihr Schicksal in Lues und Erblindung erfüllte, hungerte Baudelaire für sie, dachte er erst an ihr Leben, dann an seines. Sie war nie die Geliebte seiner Liebe gewesen. Und auch nur über einen Umweg, was man die Muse nennt. Sie war Spiegel und Relief seiner Erinnerungen an die tropische Landschaft: ein Tier, das sie belebte. Beiß' ich in deine schweren schwarzen Zöpfe, Ist mir's, als äße ich Erinnerungen ... Asiens Schmachten, Afrikas Erglühen, Die Ferne fühl' ich, längst verwehte Luft, Duftenden Wald aus deinen Tiefen sprühen. Das exotische Gefäß dieses mulattischen Weibes war wie kein anderes geeignet, daß er darein das Kostbarste seiner eignen träumenden Seele goß, die fließenden, duftenden Erinnerungen an sein Jünglingserlebnis in den Tropen. Die gestaltete Form dieses Weibes gab ihnen deutlicheren Umriß. Was er an der Mulattin liebte, war er selber in einem andern Leibe. Wenn die Beziehung zu Jeanne eine Ausschweifung war, bürgerlich gesprochen, dann war sie, bei der außerordentlich geringen Virilität des Dichters, ganz zerebral. Man könnte hier medizinisch deutlich werden und von Impotenz sprechen. Aber auch eine sehr viel tiefere Konzeption der Liebe verhinderte als Angst vor der Liebe, als Grauen vor dem Sinnlichen, als Abneigung gegen die Leidenschaft, als Unfähigkeit zu Besitzgefühl und Eifersucht, daß sich das, was man Gefühl nennt, in die üblichen Normen und Funktionen einer sexuellen Beziehung begibt. Baudelaire war nur einmal und sehr determiniert eifersüchtig gewesen: als Kind auf seinen Stiefvater. »Die Liebe kann von einem generösen Gefühl derivieren: die Lust an der Prostitution; aber sie ist allsofort verdorben von der Lust am Besitz, am Eigentum.« Diese Paradoxie löst sich aus der ganz mütterlichen Konzeption, die Baudelaire der Liebe gibt. Wie er auch sagen muß, daß ihm die Liebe zu einer intelligenten Frau als eine Perversion erscheint. Und der sexuelle Kontakt mit einer geliebten Frau als ein Inzest. Ohne den funktionellen Impetus des Sexuellen droht dem geschlechtlichen Kontakt nicht nur die Gefahr des Lächerlichen im unzulänglichen Versuch, sondern auch des Schamlosen, weil von einem Bemühen Isolierten, das größere Aufmerksamkeit auf sich lenkt, als es darf. Diese Schamlosigkeit verschwindet vor der Prostituierten als der nichts als Schamlosen. Oder wie im Falle des faunischen unfähigen Greises beim Kinde als dem mit dem Schamgefühl noch Unbekannten. Da hier nicht vom Dichter die Rede ist, kann auf einem konstituierenden Element des dichterischen Wesens, dem imaginativen und bildhaften Erleben, nicht insistiert werden, auf dieser passiven Ruhe in der Bewegung, auf dem Kontemplativen in der Aktion, dort und hier hemmend, transponierend, anders richtend. Aber es wird dieses Element als eine Teilerscheinung der erotischen Morbidezza auch dort vorhanden sein, wo nicht durch den Hinzutritt noch weiterer Bedingungen aus dem so Gearteten der Dichter wird. Denn für diesen ist die erotische Morbidezza ja keineswegs eine notwendige Voraussetzung seines dichterischen Daseins. Die Spaltung des emotionalen Stromes in eine Deltamündung, wie man graphisch die erotische Morbidezza zeichnen könnte, wird, auch bei vollkommener Virilität, als Effekt einer ethischen oder ästhetischen Hyperästhesie zur Erscheinung kommen, wie in dem nicht so seltenen Fall, daß der Mann außerstande ist, seine über alles verehrte und geliebte Frau sinnlich zu »beschmutzen«, und die Wirkungen, welche seine seelischen und geistigen Ekstasen auf seine Mannheit haben, nur in den Armen der häßlichen Prostituierten kühlen kann, die für solches »gerade gut genug« ist. Kein Akt in den Vollziehungen der Liebe ist zu sublimieren. Wohl aber das Objekt bis zur keusch angebeteten Madonna. Baudelaire verachtete die Frau der Zivilisation, weil sie zu wenig zivilisiert, zu natürlich, zu instinktiv sei: »Die Frau hat Hunger, will essen, hat Durst, will trinken, ist läufig, will beschlafen werden: großartiges Verdienst!« schreibt er in sein Tagebuch. Sie ist für ihn inferior, weil sie nie Seele und Leib, Gefühl und Sinnlichkeit trennen kann. Aber der Tag solcher männlichen Fähigkeiten der Frau war 1860 noch weit vom Anbruch: man erlebte erst 1925 das noch etwas zwittrige Zwischengebilde, das Bedenkliche fragen läßt, ob die Freiheit der Frau (oder die Befreiung der Frau vom männlichen Vorurteil, daß sie »lüstern« sei) diesen Preis wert ist. (Den Stadien der Befreiung entsprechend versuchte die Namengebung dem neuen Wesen nachzukommen: Demivierge, Garçonne, Girl – der erotisch indistinkt gewordne Sammelbegriff des männlichen appetitiven Verhaltens differenziert sich, verliert seine sexuelle Polarität, zerfällt in andere Benennungen.) Verlust seines Geldes, Armut, Schulden, Elend, dadurch grauenvoll nahegerückte Leiblichkeit der Mulattin, die sich in den schmutzigsten Chambres garnis wohler fühlt als im Luxus, weil in ihnen die Gassen und die Gossen münden, voll Lust an solchem Elend ihres gepeinigten Liebhabers, weil sie dieses versteht und seinen sentimentalen Sensualismus nie verstand, wird sie – zehn Jahre hat die Liebe gedauert – von der bösen Krankheit heimgesucht, an den Händen gelähmt, erblindet, ein altes schauerliches Weib mit vierunddreißig, die Fürstin dieser Hölle, mit keinem Mitleiden versöhnbar, das er nun allein für sie fühlt, seine letzte Habe verkauft, um ihr Geld schicken zu können, das die fast Erblindete vertrinkt. Auf dem Sterbebett bittet er Freunde, sich der Unglücklichen anzunehmen, die ihn überlebte und starb, man weiß nicht wann und wo. »Es gibt keinen Pardon für die Sünden der Jugend; ihre schreckliche Strafe währt das ganze Leben.« Der Dichter hat ihr Ende vergeblich in der Tiefe der Finsternisse gesucht. Der hier seiner Gier gereichte Becher stillte den Durst nicht. Er wandte sich nach dem Oben der Liebe, suchte Fuß zu fassen an den Ufern des zärtlichen Friedens, deren bloßer Anblick ihn schon beglückt. Apollonie Sabatier pinselte, unter Meissonniers Anleitung, ein bißchen auf der Leinwand. Aber ihr Ruhm war ihre etwas mollige Schönheit, ihr um den prüden Anstand wenig bekümmerter Witz, ihre immer frohmütige Laune, ihre menschliche Güte. Das alles setzte ein sehr reicher Herr Mosselmann in den rechten Rahmen eines Palais in der Rue Frochot, das zu den beliebtesten Häusern des zweiten Kaiserreiches gehörte. Madame war die Präsidentin eines Kreises von Gästen, zu denen neben den Malern und Bildhauern der Zeit Gautier, Flaubert, die Brüder Goncourt gehörten. Clésinger stellte im Salon ihr Porträt in Marmor aus: die Frau von der Schlange gebissen, und Ricard ein Jahr darauf ihr Porträt als Dame mit Hund. Meissonnier mit einer Polichinelle folgte, und jedes Jahr ein anderer, der die leiblichen bedeutenden Reize dieser Frau festhielt. Edmond de Goncourt ist nicht gnädig mit ihrer Moralität – er nennt Madame eine Marketenderin für Faune. Der Ton muß etwas frei gewesen sein, der hier herrschte, anders hätte Gautier kaum seine etwas pornographische Lettre à la Présidente an Madame Sabatier geschrieben. Herr Mosselmann, der einen Architekten fragt: »Was kostet Ihre Kirche komplett fertig, Hostie im Maul«, war nicht der Mann, der Madame gehindert hätte, immer ein gutes Herz zu haben, wenn man es von ihr verlangte, und sie konnte Verliebte nicht leiden sehen mit ihren glücklich lachenden Augen in einem etwas kindlichen Gesicht. »Eine exzellente und vor allem gesunde Kreatur« nannte sie Flaubert und beschreibt damit schon jene spirituelle Mütterlichkeit, die auf den gleichaltrigen Baudelaire, der sich aus den Armen der schwarzen Venus löst, einen so starken Eindruck machte. Über der Hölle der von keiner Liebe konsekrierten sinnlichen Lüste errichtete Baudelaire Stein um Stein in jahrelangem Dienste die Kirche eines reinen Liebeskultes mit dem Hauptaltar der Madonna-Apollonia. Mit verstellter Schrift und anonym schickt er am 9. Dezember 1852 an Frau Sabatier Verse, für sie geschrieben mit der Bitte, sie niemandem zu zeigen. »Die tiefen Gefühle haben eine Scham, die nicht verletzt werden will. Die Abwesenheit meiner Unterschrift – ist es nicht ein Symptom dieser unbesiegbaren Scham? Der diese Verse geschrieben hat, in einem dieser Zustände der Träumerei, in die ihn oft das Bild jener stürzt, die der Gegenstand dieser Verse ist – er liebt sie, ohne es ihr je gesagt zu haben ...« Das begleitende Gedicht »An eine Frau, die allzu lustig ...« feiert die Reize dieser Frau und die Wut, die den Liebenden packt, der seine Qualen schleppt, und den solcher Glanz und solche Glut des Frühlings ins Herz treffen, so sehr, daß er in Wut auf die Blumen schlägt, um die Natur zu strafen. Ich möchte einst zur Nacht – – – – – – – – – Zu deinen Schätzen dringen, Ein Feigling, zu dir kriechen, stumm und sacht, – – – – – – – – – Dich züchtigen, du Gesunde, Zerpressen deine Brust, Ins blühende Fleisch voll Lust Dir schlagen eine tiefe breite Wunde ... Das war der Auftakt, um die Angebetete dort zu packen, wo sie empfindlich war: bei den Sinnen, und sie zu erregen, wie es einem Manne zukommt, der sich als ein solcher, und nicht als ein jugendlicher Schwärmer vorstellen will, aber doch auch die also Gemahnte nachdenklich zu machen und auf ihre heilige Rolle vorzubereiten. Schon das zweite, ebenfalls anonym gesandte Gedicht ist eine Litanei: »Engel der Heiterkeit, kennst du die finsteren Mächte ... Engel voll Güte, kennst du das lautlose Hassen ... Engel voll Reinheit, kennst du die fiebrischen Qualen ... Engel voll Güte und Freude, du leuchtende Sonne ... Ich aber flehe nur eines: denk mein im Gebet.« Er beichtet ihr seine Tränen, seine Fieber, die Runzeln seiner Seele, seine Nächte, muß aber auch lachen über die Komik dieser anonymen Korrespondenz. »Aber was tun? Ich bin egoistisch wie die Kinder und die Kranken.« Um die Zeit dieses Briefes, 9. Mai 1853, ist er bereits häufiger Gast im Hause der Rue Frochot. Er begleitet die Präsidentin einmal nach Hause, und in der Melancholie eines Abends wird die immer fröhliche Frau weich und klagte: Kein leichtes Los, das Los der schönen Frauen. Das Vertrauen, das Vertrauende der Ermüdeten, Enttäuschten, vielleicht Zerstörten steigert des Dichters Liebe zu leidenschaftlicher Devotion. Fünf Jahre lang bewahrte der Briefschreiber seine Anonymität. Nun fühlte er, es sei Zeit, ihr ein Ende zu machen, bevor dieses mystische Abenteuer ins Lächerliche sich wendete. Der Zufall kommt zuvor. »Sind Sie noch immer in meine Schwester verliebt, und schreiben Sie ihr noch immer so herrliche Briefe?« fragt ihn eines Morgens Frau Sabatiers kleine Schwester. Mit einem Exemplar der eben erschienenen Blumen des Bösen schickt nun Baudelaire den mit unverstellter Hand geschriebenen letzten und mit seinem Namen signierten Brief: »... die kleinen Schweine sind Verliebte, aber die Dichter sind Anbeter. Nehmen Sie ein Amalgam an von Träumerei, Sympathie, Respekt, tausend Kindereien voll Ernstes, und Sie haben ein beiläufiges Etwas dieser sehr ehrlichen Sache, die besser zu definieren ich mich nicht fähig fühle ... Sie zu vergessen ist nicht möglich ... Man sagt, es habe Dichter gegeben, die ihr Leben lebten, die Augen fixiert auf ein verehrtes Bild. Ich glaube in der Tat (aber ich bin da allzu persönlich interessiert), daß die Treue ein Zeichen des Genies ist ... Sie sind mehr als mein geträumtes und geliebtes Bild, Sie sind mein Aberglaube. Mache ich eine Dummheit, so sage ich mir: Gott, wenn sie das wüßte! Tue ich was Gutes, sag' ich mir: das bringt mich ihr im Geiste näher. Und das letztemal, wo ich (gegen meinen Willen) das Glück hatte, Ihnen zu begegnen (denn Sie wissen nicht, wie sorgfältig ich Sie floh), da sagte ich mir: Seltsam, wenn dieser Wagen sie erwartete; ich täte vielleicht besser, einen andern Weg zu nehmen. Und dann Ihr ›Gute Nacht‹ mit dieser geliebten Stimme, deren Timbre bezaubert und zerreißt. Ich ging und wiederholte mir meinen ganzen Weg lang dieses ›Gute Nacht‹ und versuchte, Ihre Stimme nachzumachen ... Sie sind meine tägliche Gefährtin und mein Geheimnis. Diese Intimität gab mir die Kühnheit und diesen vertrauten Ton.« Frau Sabatier gab den Dank für diesen Brief wie sie konnte, und mit dem Besten, wie sie, für Männer wenigstens, zu haben glaubte, um das Bittere des Dichters mit ihrem Süßesten zu trösten: mit ihrem Leibe. Das Wagnis solcher mystischer Metamorphose aller Sinne in einen hätte, wie die Liebe Sentas und des Holländers, mit dem Tode schließen müssen zur Rettung der Illusion. Aber über der einen Nacht brach ein fahler Morgen an, und die Illusion schwand vor dessen Wirklichkeit. Das Leben ist Verführung und Verrat: In der Kathedrale der mystischen Liebe war nur zu deren Vernichtung ein Schlafzimmer zu errichten. Die Madonna durfte, um es zu bleiben, ihre Schleier nicht ablegen, und der Engel nicht seine Flügel wie ein Korsett. »Vor einigen Tagen noch warst Du eine Göttin, und das ist so bequem, so schön, so unverletzlich. Jetzt bist Du Frau. Und wenn ich nun zu meinem Unglück das Recht auf Eifersucht erwürbe? Ah, wie grauenhaft, bloß daran zu denken! Mir graut vor der Leidenschaft, weil ich sie kenne mit allen ihren Ruchlosigkeiten und Schrecken – und nun wird das vielgeliebte Bild, das alle Abenteuer des Lebens beherrschte, allzu verführerisch.« In dem verzweifelten Chaos dieses Briefes, der Antwort ist auf zwei verlorene Briefe der nun für ihn Verlorenen – daß sie keinerlei Scham besitze, stand in einem, daß sie ihm immer gehöre mit Hirn und Leib und Seele, im andern – greift Baudelaire jedes Mittel auf, seine Flucht aus dieser Liebe zu rechtfertigen. Oder seine Niederlage. Sogar dieses, daß es unrecht wäre, – den liebenden Herrn Mosselmann zu betrügen. Er hatte in fünfjähriger Anbetung eines Traumes seine Kräfte anders gerichtet als auf die Umarmung einer Leibhaftigkeit. Sein Fleisch stöhnte in diesen Jahren im ungeliebten Fleische der schwarzen Venus. Es mußte die sinnliche Brücke von einem zum andern Erlebnis beim ersten Schritt darauf zusammenbrechen, hinunter in die seelenlose Hölle. Er fand die zarten Hände der Madonna Apollonia erst auf dem Sterbebette wieder, als sie ihm den Todesschweiß von der herrlichen Stirne wischten. Alexander von Villers. Nach einem Gemälde von Bertha Nako Alexander von Villers »Malen ist eine Kunst, Dichten auch, und gar Musik! Die größte Kunst aber ist leben. Am eigenen Leben ein Künstler werden ist allein wert, Zahnschmerzen zu dulden, und Geld zu entbehren. Wenn die Finger erstarren, soll ein Kunstwerk aus der Hand fallen; der eine bekam Gold zu einem Geschmeide, der Elfenbein zu einem Götterbilde; aber war's auch nur eine Handvoll Dreck, ein Modell ließe sich daraus kneten. Wenig oder viel, groß oder klein ist gleichgültig, etwas ist alles.« Das schrieb im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts ein Mann Mitte der Fünfzig an einen Freund. Aber er war nicht das, was man weise und abgeklärt nennt, weil ihn die Leidenschaften samt ihren Voraussetzungen verließen. Er fand sich nicht mit den Resten seines Lebens ab, so gut es eben ging. Er schlug nicht mit sich selber eine Volte. Er ließ sich nicht vom armseligen Floß einer aus letzten Balken gezimmerten sogenannten Weltanschauung den Strom abwärts treiben mit der Behauptung, er rudere aufwärts, den Sternen zu. Er war nie ein Schauspieler gewesen, der den Abschied nimmt, bevor man ihn auspfeift. Und nie ein Ehrgeiziger, der sich eine Krone hat entschlüpfen lassen. Nie einer, der das Leben nur betrunken erträglich fand. Hatte nie zu Giften destilliert, was die andern Menschen erfreut und ernährt. Und hat nie zu jenen Reichen gehört, die sich wie Seneca einmal in der Woche aus ihrem Palaste in eine Hütte begeben, um hier schwarzes Brot und weißen Käse zu essen und sich so das Salz ihres Lebens holen, indem sie den Armen spielen, um ihren Reichtum besser zu genießen. Die Götter waren zu glücklich und wurden neurasthenisch. Zur Kur nahmen sie Menschengestalt an und klopften als Wanderer an die Türen der Irdischen. Sie fanden ein bißchen Glück darin, Hunger zu spüren und Durst und die Qualen der Liebe. Aber dachten sie an ihre Macht, dann wußten sie, das alles sei nur ein Spiel. Aber das Glück braucht eine Messerspitze Salz, um genießbar zu bleiben. Das entzückende Hindernis! Wer spielt, will den Verlust riskieren. Mit sich selber veranstaltet niemand ein Wettrennen. Als Alexander von Villers als ein Sechzigjähriger im Jahre 1880 starb, konnte keiner seiner erlesenen Freunde, die er, ein Genie der Freundschaft, mit eben diesem Gefühle auszeichnete, von ihm sagen, daß er etwas geleistet habe in jenem objektiven Sinne dieses Wortes Leistung, den wir Europäer ihm geben. Und hätte sie das bißchen Kammermusik, das er, ohne recht Noten zu können, verfertigte, dazu bestimmt, er selber hätte solche Anerkennung durchaus desavouiert und von seinem Dilettantismus gesprochen oder geschwiegen. Wie von den paar Aufsätzen, die er an einem Eckchen seines Schreibtisches zuweilen anfing, selten beendete. Er erlag nicht der selbstgefälligen Täuschung, originelle Lösungen der Welträtsel zu besitzen. Und es konnte ihn nicht gelüsten, Schlüssel zu komplizierten Schlössern zu liefern, denn es waren ihm keine solchen gezeigt worden. Der Mensch, den wir den »Schaffenden« nennen, verliert ja immer mehr sich selber, um Effekt seines Effektes auf Zahllose zu werden, die ihn sich eigensinnig nach einem Bilde fingieren, das der davon Betroffene auch schließlich selber wird. Da sich dieser Alexander von Villers mit keinerlei Leistung in die Öffentlichkeit begab und ihr durchaus ein Unbekannter blieb, konnte ihn die Menge auch nicht annehmen, und es blieb ihm erspart, sich so zu sehen, wie ihn die immer klischierende Menge sah. Er wurde nicht der Effekt eines, seines Effektes und konnte sich aufführen, wie er wollte. Ja, er brauchte sich überhaupt nicht aufzuführen. Und das bedeutete für einen so originalen Mann wie ihn das Glück schlechthin, denn es war die Freiheit. Die Familie ist lothringisch. Der Großvater war als königlicher Rat in einer kleinen Stadt zwischen Metz und Saarbrücken ansässig gewesen. Er hatte eine Frau aus dem Languedoc geehelicht, die Tochter eines adeligen Offiziers. Unter den neun Kindern war jener Charles der älteste, der als Vermittler zwischen französischer und deutscher Kultur und Bildung als erster jene große Rolle spielte, die ihm von Goethe den Namen eines literarischen Janus Bifrons eintrug zusamt des Dichters hoher Schätzung. Royalistischer Offizier, wie sein anderer Bruder Friedrich, unseres Alexanders Vater, ging er mit diesem zur Armee Condés nach Koblenz. Nach deren Niederlage ließ sich dieser Friedrich mit seiner Frau, einer Bassenge aus Dresden, in Moskau nieder, begründete ein Pensionat für adelige Söhne und unterrichtete sie in den Sprachen. Hier in Moskau wurde Alexander im Jahre 1812 geboren. Napoleons russische Niederlage bedeutete für die Familie Villers, daß sie alles verlor und gänzlich verarmt nach Leipzig kam. Hier starb die Mutter. Erst durch eine zweite Heirat und die Berufung als Professor des Französischen nach Dresden kam die Familie wieder zu Wohlstand. Alexander war ein schwieriges Kind. Oder es hatte einen schwierigen Vater; es kommt auf den Standpunkt an. Aber weder das Gymnasium noch private Lehrer kamen mit dem Jungen zurecht, der wohl also schwieriger als der Vater gewesen sein dürfte, der den Sohn zum Drucker Tauchnitz in die Lehre gab. Bei Tag am Setzerkasten, des Nachts ein junger Weltmann etwas schiefer Position durch seine Tagesarbeit, das verführte zu Streichen, von denen die Stadt klatschte, zu Auseinandersetzungen mit dem nur Geldes wegen aufgesuchten Vater, und zur Entwicklung eines scharfen Witzes als abwehrender Waffe. Den achtzehnjährigen Teufel, wie ihn der Vater nennt, loszuwerden, schickt er ihn mit hundert Frank Monatswechsel nach Paris in Didots Druckerei, die er selten und bald gar nicht mehr besucht. Dafür zuweilen die Sorbonne. Öfter die Salons. In einer Gesellschaft lernt er Liszt kennen, und sie begleiten einander eine ganze Nacht lang nach Hause. Das endet vor Liszts Haus, denn nun rückt der junge Mann damit heraus, daß er eigentlich gar kein Zuhause augenblicklich habe und in einem der noch offenen Cafés hätte übernachten wollen. Er blieb für Wochen Gast in Liszts Haus. Er wird Erzieher der beiden Kinder einer klugen rheinländischen Frau, die in Paris verheiratet ist, und der tolle Herumtreiber kommt etwas zur Ruhe. Nicht so sehr, als daß er nicht mit einer hübschen Person für eine Weile nach London durchbrennt. Dann geht er nach Offenbach, beim alten André ein bißchen Kontrapunkt zu lernen und beim Grammatiker Becker Sprache, bei Seebach aber die Meisterschaft im Whist. Dieser Seebach, später Koburgischer Minister, oder eine Dame dieses Kreises leiht ihm die 2000 Taler, damit er seine Gymnasialstudien vollende. In Leipzig macht der Dreißigjährige sein Abitur, zu Ostern; und Weihnachten desselben Jahres sein juristisches Staatsexamen, bekommt eine Beschäftigung im Ministerium für Auswärtiges in Dresden, wird also eine amtliche Person, was ihn nicht hindert, die Dresdner Bürger mit ungewöhnlichen Liebesaffären zu skandalisieren. Auch seinen späteren Chef, den Grafen Beust, und den besonders damit, daß Villers jede Protektion ablehnt, 1853 kam er als Legationsrat der sächsischen Gesandtschaft nach Wien, und in dieser Stadt hat dieser Mann europäischen Blutes seine Wahlheimat gefunden, die er liebte: aus dem deutschen Franzosen wurde ein Wiener. Mit seinem ganz und gar nur sächsischen Chef verkrachte er sich und nahm – auch der Krieg gefiel ihm gar nicht – 1870 seinen Abschied. Er bezog sein Landhaus in der Nähe von Neulengbach: da war man rasch in Wien, ein Theater zu besuchen, ein Konzert, mit den Freunden zu plaudern. Villers trieb vieles und nichts. Er war zu lebendig, um sich zu konsolidieren. Seine Freunde hatte er in jenem kleinen Kreis österreichischen Adels, der sich durch geistige Interessen mehr auszeichnete als durch Rennställe und Spielschulden. Da war der Graf Rudolf Hoyos, der gebildete Gedichte machte, wie man das in den siebziger Jahren eben trieb. Da war Alexander von Warsberg, der Mittelmeerfahrer, der die »Odysseischen Landschaften« schrieb, eines unserer schönsten Prosabücher. Da war die ungarisch-rumänische Gräfin Nako, die mit nicht geringem Talent ihre Freunde porträtierte. Da waren noch zwei oder drei, deren Gespräch er liebte, lieber aber noch ihnen zu schreiben, weil wir Deutsche nicht so gute Talker sind wie die Engländer. Zwei umfangreiche Bände solcher Briefe an seine Freunde hat man nach seinem Tode in Druck gegeben: sie geben das innere Bild dieses Mannes, der nun im Alter dem Bilde des Machiavell von Bronzino gleichsieht mit seiner höchst spirituellen Nase und den sich anpürschenden Augen; der bei der Mode der siebziger Jahre auch in den achtziger Jahren bleibt und im Winter statt eines Paletots zwei oder drei Paar Hosen trägt, die er, kommt er zu Besuch, sich von einem Diener in der Antichambre bis auf eine ausziehen läßt. Er schreibt einmal: »Ich habe Livingstones Tagebuch seiner letzten siebenjährigen Afrikareise gelesen. Sie besteht wesentlich aus Kamelgeschwüren, Schlamm, Zehrfieber, gestohlenem Kattun, verlorenen Briefen, undurchdringlichem Gebüsch mit Stacheln und mangelt ebenso an Komfort wie Fortkommen. Wenn Sie mich je auf dem Wege treffen sollten, Afrika zu entdecken, ermächtige ich Sie, sich auf meine Kosten einen Revolver zu kaufen, und mich niederzuschießen.« Der von deutschem Humor temperierte gallische Esprit dieses nunmehr und aus solcher Mischung wienerischen Mannes verrät keine pathetische Natur, und auch die vielen Frauengeschichten der Jugend dieses geborenen Junggesellen dürften den Satz bestätigen, daß selbst in der Liebe der Kopf es ist, der die Männer führt, nicht das sogenannte Herz. Alles, was sie da zusammenbringen, ist, daß sie sich die Liebe einbilden. »Aber lieben können sie nicht«, ergänzen die erfahrenen, das heißt enttäuschten Frauen. Männer von der Art Villers sind mit zwanzig Jahren vierzig und bleiben es, so alt sie auch kalendarisch werden mögen. Und Humoristen sind nie das, was man jugendlich nennt, gewesen. Villers wird noch mehr solcher Sonderlichkeiten gehabt haben wie die Überziehhosen im Winter. Die Bequemlichkeit der Männer bildet derlei aus, wenn ihnen Frauen nicht dreinreden. Und da auch sonst Frauen ihn nicht bestimmen und nie bestimmt haben, bleibt Villers in der hellen Sauberkeit seiner Welt, darin vagierend nach Laune, aufmerksam, hingebend, lebhaft. »Tonfall, Rhythmus und Stimme beherrschen oft den Gedanken und verdrängen ihn«, schreibt er. Er liest, schaut, hört, teilt mit in Briefen, im Gespräch. Er forciert sich zu nichts, hat das nicht nötig. Denn immer ist das Leben da, dieser außerordentliche Stoff. Das Wort ist ja vernützt, aber angewandt auf Villers zeigt dieses Wort »Lebenskünstler« auf der Spitze eines jeden seiner Buchstaben einen glitzernden Tropfen Tau. Daß dieses Wort nicht einen Weisen bedeutet, sagt er selber: »Balthasar Gracian spricht so weise, daß ich überzeugt bin, er hat sehr dumm gelebt.« Er liest und schreibt dazu: »In Spielhagens ›Plattland‹ kommt ein junger Mann als landwirtschaftlicher Volontär auf ein pommersches Gut. Er ist noch keine halbe Stunde da, so schluchzen schon zwei Jungfrauen an seiner Brust und sagen: ›Du wilder Mann!« Oder er liest einen andern Autor der Zeit und bemerkt: »In Meißners ›Feindliche Pole‹ hat ein Minister Audienz beim König. Das wird sehr imposant geschildert. Und wie Seine Majestät sagt: ›Ich nehme Ihr Programm an‹, da reibt sich der Minister die Hände. Mich wundert, daß er nicht ein Rad schlägt, oder einen Juchzer tut. Glauben Sie, daß sich schon irgend jemand vor irgendeinem König die Hände gerieben hat? Vielleicht vor Viktor Emanuel, aber der prügelte sich ja auch mit Fähnrichen.« Ohne Gott, in einem Kirchensinn schreibt er: »Gott ist ohne Zweifel gerecht, nur daß man's nicht immer einsieht; und so, daß man's nicht immer einsieht, so treffen wir's auch noch.« »Nichts ist affektierter als die Natur«, schreibt er. Und dann: »Hühner, Enten, Gänse, Schweine, laßt mich rufen: Gott erhalte! Groß denk' ich von Gänsen; der Gang, Hals, Auge, Stimme, wie sie auf Ordnung halten; wenn die Zeit kommt, wo sie gewohnt sind, in ihren Stall zu gehen, so halten sie das für ein göttliches Gesetz und schreien Zeter über die ungetreue Magd, die nicht erscheint, um sie zu führen, gehen dann selbst, aber fortwährend laut entrüstet, kommen vor die verschlossene Türe, strecken die Hälse weit vor und eifern über die schlechte Zucht, kehren wieder zurück, dringen bis ins Haus, suchen, sehen Licht im Keller und schreien ihre Not die Treppe hinab. Bis ich dazukomme und rufe: ›Aber Pepi, hören Sie denn nicht, wie die Herrschaft fragt, was das für eine Wirtschaft ist?‹ Dann traben sie befriedigt nach Hause, und das halblaute, kurze Geschnatter ist voll Genugtuung über die gerettete Gesellschaft ... Daß sie mir gerade von einer Pfütze mit Enten schreiben mußten, da ich zuweilen den Umweg über Sievering mache, nur um hinterm Steinbruch die Büsche auseinanderzubiegen, wo in einem grünen Tümpel, grün vom Schleim, kaum größer als ein Sitzbad, fünf schneeweiße Enten Seephantasie haben.« Der Lebenskünstler muß keineswegs ein ruchloser Optimist sein. »Muß ich noch einmal geboren werden, sei es als Baum. Das nenne ich Leben; ich will meinen stärksten Ast hergeben, daß sich der letzte Mensch daran hänge und sage, ich habe ihn erlöst. Die Qual war's, die sich den Menschen erschuf, nicht er hat sie erfunden, nicht einmal das vermöcht' er ... Alle unsere Tugenden sind im Grunde eine Not, aus der sie gemacht werden. Wer sich selbst nachliefe, würde sich auf seltsam krummen Wegen ertappen.« Den sublimen Egoismus des Lebenskünstlers faßt eine Brief stelle in die endgültige Form. Sie lautet: »Weiß die Schwalbe, daß sie fliegt? Wir fliegen nicht, empfinden aber den Flug von tausend Flügeln. Ich sah einen Holzhauer trinken; Schweiß rann ihm über die haarige Brust, und das dünne Bier floß durch seine heiße Gurgel, daß ich die Wellen rinnen sah wie in einem engen Bach. Er oder ich, wer trank?« In diesen letzten zehn Jahren seines auf dem Lande verbrachten Lebens hatte Villers gleichzeitig immer Blüte, Frucht und Ernte. »... Ich habe auch Zeitungen, lese aber keine. Es leidet mich nicht. Ich gehe bei meinen Leuten herum, sehe so gern Kalk löschen und umrühren, Schotter sieben, Walter die Leiter hinaufsteigen, schaue meine sechs Rauchfänge an, als wären's Provinzen. Dem Rauch scheint's so wohl zu tun, daß er oben herauskam; wie ein vornehmer Herr mit einer vollgepuderten Perücke steigt er langsam heraus, schaut ein wenig herab und geht weiter. Ich wünsche jedem alten Mann ein kleines Haus.« Das ist nicht bequemer Abgesang eines bequemen Lebens, das immer nur den Kohl Candides gebaut hat und sich auch im Alter dessen freut. Einmal nur spricht Villers ganz von sich und so: »Wie alle Menschen, die das Gefühl ihrer Schwäche kennen, habe ich einen unbeugsamen Eigenwillen. Noch ein Kind, und bis zum Blödsinn geschlagen, wurde der nie unterworfen. Von Jugend auf, und mit den Jahren wachsend, geht meine Sehnsucht über alle Grenzen; ich lebe ein ganz anderes Leben, als das Sie sehen, und bin ein solcher Künstler in dieser Narrheit, daß ich zwei Gespräche nebeneinander führe, eines, das Sie hören, und noch eines. Mein Leben hat mich verbittert und beschämt ... Ich liege nicht auf Rosen, das wissen Sie. Abhängig aus Not, ist mein Freiheitsgefühl unbändig. Genuß und Verzweiflung weiß ich nicht zu unterscheiden ... Was ich Schönheit nenne? Ich weiß es nicht. Ich weiß, daß ich in die Einsamkeit muß. Einzeln bin ich geboren, einzeln will ich leben und werde auch einzeln sterben ... Kein Baum will Wald sein, wollte er's, es gäbe keinen Wald. Seine Wurzeln, nicht des Waldes Wurzeln nähren ihn. Pereat mundus! Damit werfe ich mein Korn in die Mühle des Sozialismus, sie möge es zermalmen.« Alexander Villers war, was Goethe eine Natur nannte. Aubrey Beardsley. Nach einem Gemälde von J. E. Blanche. Photo: National Portrait Gallery, London Aubrey Beardsley Seine Schönheit erschreckt mich im Innern und tut wundervoll weh, seine Häßlichkeit verfolgt in Träumen, ich liebe ihn, daß ich ihn fast schon hasse, ich hasse ihn, daß er mich so zu törichter Liebe zwingt« – solchen etwas exaltierten Worten übergab um 1892 eine junge Frau den Eindruck, den ihr das Werk Beardsleys schaffte. Und sie äußerte keine Trauer, als sie von seinem frühen Tode hörte, denn sie meinte, er sei, als er starb, vollendet gewesen, ein längeres Leben hätte nicht mehr aus ihm machen können. Und daß uns ein menschliches Mitleid verführen könnte, uns so ganz an ihn zu verlieren, daß wir keine Wege mehr zu den Künsten anderer fänden. Was wohl nur Beherzigung von La Rouchefoucaulds Spruch war, daß man Mitleid wohl vorgeben, aber nicht haben dürfe. Ein junger Mann, der im Jahre 1896 Zeichnungen von Beardsley sah, lachte stark und suchte seine Überlegenheit in einen Witz zu fassen: er rühmte sich, gesunde Instinkte zu haben. Eine Vignette Beardsleys darf nicht übersehen werden. Da reitet die traurig-ausgelassene Gottheit des Dekadenz gescholtenen Aufganges unserer Künste, Pierrot, Seine Durchlaucht vom Monde, auf dem Flügelroß, das sich anschickt, auf den Parnaß zu galoppieren. Darunter steht: Ne Jupiter quidem omnibus placet. Nach allem, was Freunde von Beardsley erzählen, was wir von seinem Leben wissen, was sein Werk erlebt hat: der Mensch und der Künstler hat seine Kunst und ihr Schicksal in dieses Wort gefaßt, dessen Stolz der Reiter des Rosses übermütig übertreibt. Selbst Jupiter gefällt nicht allen: Beardsley war sein eigener größter Bewunderer, uneingeschränkte Bewunderung verlangte er von seinen Zeitgenossen, alle ungünstige Kritik eines Blattes, das er selber gutgeheißen, war ihm eine persönliche Beleidigung. Beardsley konnte, als er, zwanzig Jahre alt, seine Künstlerschaft begann, die Jahre, die ihm noch zu leben waren, an den Fingern einer Hand zählen; er wußte, daß er keine Zeit habe, auf den Ruhm zu warten, den die Welt den Großen spendet, wenn diese anfangen senil zu werden. So berühmt zu werden, war nicht sein Ehrgeiz; dieser war, in Ruf zu kommen, in Mode zu kommen wie die Yvette Guilbert oder die Cléo. Er stellte vieles an, um das zu erreichen. Ärgerte sich ein Rezensent über die Kühnheit eines Blattes, so überbot er dieses durch ein noch kühneres; er meinte, sich alles, auch Schlechtes, erlauben zu dürfen. Er mystifizierte seine Feinde, wie er die übelwollenden Kritiker nannte, indem er Dinge zeichnete in einem anderen Stil, mit fingierten Autornamen, und der Gamin, der er war, freute sich sehr, als die Kritiker darauf hineinfielen und ihm die Blätter als Muster empfahlen, wie es zu machen sei. Wie allen, die so heftig die Aufregungen des Beifalls suchen, war auch ihm eine starke Verachtung des Publikums eigen. Er hatte enthusiastische Bewunderer, sehr wenige, er hatte Gegner, die ihn der Unzucht beschuldigten, alle anderen. Der Streit beider miteinander und um ihn begleitete ihn sein Leben lang und machte ihm das so kurze zu einem fröhlichen, denn er hatte, was er wünschte: Berüchtigkeit. Aubrey Vincent Beardsley wurde am 21. Juli 1872 in Brighton geboren. Von seinen Eltern hat man noch nichts aufgeschrieben: England, das sonst jedem Dorfpastor eine zweibändige Biographie aufs frische Grab legt, hat noch keine Zeit und Lust gefunden, das Leben des Künstlers aufzuzeichnen. Beardsley war neun Jahre alt, als man ihn nach Epsom schickte, damit er da von der Schwindsucht geheilt werde. Im März 1883 zog die Familie nach London. Er galt da als ein Wunderkind, doch als ein musikalisches. Er spielte mit seiner Schwester, die immer treu zu ihm hielt, in Konzerten und verblüffte durch die Brillanz seiner Technik und die Stärke seines Ausdruckes. Zur Musik hatte Beardsley zeitlebens ein starkes, vielleicht sein stärkstes Verhältnis; wenn er über sie sprach, tat er es, der sonst zu scherzen neigte, ernst und fast dogmatisch. Die Musik ist, meinte er immer, der einzige Gegenstand, über den er etwas wüßte. 1884 kam das Lesen über ihn; er verschlang Buch um Buch. Und gleichzeitig mit diesem Aufnehmen regte sich, wie immer bei ihm, die Lust zum Selbstschaffen; er begann eine Geschichte der Armada zu schreiben und verfaßte 1885 als Schüler der Grammar School zu Brighton eine Farce »Browne Study«, die von ihm und Mitschülern gespielt wurde; wie er sich in dieser Zeit überhaupt sehr mit dem Theaterwesen abgab. Er zeichnete zu den Aufführungen seiner Farce die Einladungskarten: die von der Kate Greenaway illustrierten Bücher reizten ihn, sich auch hierin zu versuchen. Er karikierte seine Lehrer, die es ihm nicht nur nicht übelnahmen, sondern sich darüber freuten und ihm gerne Modell saßen. In dem Magazin der Schule: »Past and Present«, wurden diese ersten Versuche veröffentlicht. Sie sind etwa in der Art der heutigen Punchzeichner und ganz unbedeutend. Im Juli 1888 verließ Beardsley die Schule, um in das Bureau eines Londoner Architekten einzutreten. Im nächsten Jahre gab er das auf und erhielt eine Stelle in der Feuer- und Lebensversicherung The Guardian. Im Herbst desselben Jahres meldete sich stärker wieder die Krankheit: ein Blutsturz folgte dem andern. Als ob die Muse darauf gewartet hätte, ihm Hand in Hand mit dem Tode zu nahen: die sechs Jahre seiner Künstlerschaft und seines Sterbens beginnen. Viele Namen sind es, die den Ruhm beanspruchen, Beardsley »entdeckt« zu haben. Dies tat er wohl selbst, und das andere verhält sich so, daß Herr Vallance – William Morris' Schüler und Biograph – ihn bei den Verlegern Lane und Smithers einführte, und daß der Pompier Lighton es war, der Beardsley für die illustrative Ausstattung der Morte d'Arthur vorschlug. Dies war 1892. Im folgenden Jahre erschienen die beiden Quartbände von Ritter Malorys Sagensammlung. 1894 kam die englische Ausgabe der »Salome« mit Beardsleys Bildern, im April desselben Jahres das Yellow Book, für dessen erste vier Bände der Meister achtzehn Blätter und Zierstücke zeichnete. 1895 erfolgte der Bruch mit dieser Zeitschrift, und Januar 1896 wurde von Beardsley und Arthur Symons »The Savoy« gegründet, für den sich in L. Smithers der opferwillige Verleger fand. Es bestand nur ein Jahr. 1896 folgte Popes Rape of the Lock und die Lysistrata. Schwerkrank verläßt Beardsley im folgenden Jahre für immer England und wird im März des Jahres katholisch. Er ging zuerst nach Paris, dann nach Dieppe, Ende des Jahres nach Mentone, wo er am 20. März 1898 mit den Tröstungen seines Glaubens versehen, von Mutter und Schwester gewartet, starb. Zeichnungen zu Ben Johnsons Volpone beschäftigten ihn bis zuletzt; er hinterließ sie unvollendet. Es ist ein Dogma der modernen Kritik, daß man der Beurteilung eines Werkes mit einer möglichst genauen Kenntnis der Lebensumstände seines Schöpfers einen reicheren Boden gebe, und daß man nichts versäumen dürfe, was etwa physiologisch für das Urteil von Bedeutung wäre. Natürlich ist dieses Dogma absurd und falsch, und ist das Resultat heutiger Kritik in dieser Befangenheit in sogenannte exakte Wissenschaftlichkeit gleich Null. Was das Werk nicht selbst und allein gibt, wird niemals eine Kenntnis der Lebensumstände ersetzen können, so wertvoll und merkwürdig diese auch für sich sein mögen. Das wenige, was wir von Beardsleys Leben wissen: nichts von seinen Vorfahren, nichts Eigentümliches über das Milieu seiner Kindheit und Jugend, nichts über sein Verhältnis zu Frauen und Männern, die Tatsache seiner Krankheit, seine Musikliebe – alles das wird uns nichts mehr über das Werk sagen, als wir aus ihm selbst erleben. Man kann vielleicht manches in seinen Blättern finden, das man geneigt wäre, auf seine Leidenschaft für die Musik zurückzuführen: vage, traumhafte Inhalte, denen immer ein sinnlicher, eindeutiger präziser Ausdruck in den Linien gegeben ist. Aber es ist mit solcher Zurückführung nicht mehr als ohne sie gesagt. Was Beardsley las, dazu wurde er von seiner künstlerischen Art bestimmt, wie sie sich in seinen Zeichnungen offenbart. In der Knabenzeit waren es Abenteurerromane neben den Leben der Heiligen, dann die alten englischen Dramatiker, später die Engländer und Franzosen des 18. Jahrhunderts. Von neueren: Baudelaire, Mallarmé, Verlaine. Doch war seine Neigung für die älteren Literaturen stärker; die antiken las er, wie jeder wohlerzogene Engländer, in der Originalsprache, den Horaz besonders gerne. Beardsleys Freunde waren erstaunt über seine Belesenheit, die keineswegs eine große Kenntnis von Buchinhalten war; man erstaunt über die feine Ordnung, den schönen Gebrauch seiner Kenntnisse bei solcher Jugend. Nichts las er, nichts erfuhr und erlebte er, was sich nicht seinem Erworbenen organisch eingefügt hätte. Er kannte keine Verblüffung und spottete, wenn andere von inneren Stimmen sprachen. So sehr er auch gelegentlich Gamin war, besaß er eine außerordentliche Haltung. Beardsleys Genie machte mit den Präraffaeliten ein definitives Ende; man möchte sagen, er hat sie totgezeichnet, wenn man von einem Tode bei dem künstlichen Leben dieser Maler reden kann, die mit Talent sehr vieles waren, nur keine Maler. Beardsley, der in seinen Anfängen nicht nur; sondern in seinem Wesentlichen, zu den Präraffaeliten gehört, hob sie auf, endgültig und selbst ein Ende. Deshalb geht von Beardsley nichts weiter; die ihm folgen wollten, verlieren sich in ihn und ahmen ihn nach. Er war das Brillantfeuerwerk des Schlusses. Wer die beiden dicken Bände der Morte d'Arthur durchblättert, wird erstaunt sein über die Fülle von Schmuck, den der zwanzigjährige Beardsley hier gegeben hat: als der letzte Erbe der Präraffaeliten verschwendet er sorglos, bewußt möchte man fast sagen, da sich bereits etwas wie Teilnahmslosigkeit an diesen Schätzen der Älteren merklich machte, die Überdruß im zweiten Bande wird, der fast nur Wiederholungen aus dem ersten enthält. Was Beardsley von dieser Überwältigung des Präraffaelitismus zurückblieb, kam unter fremde Einflüsse. Denn darin bestand die Originalität dieses in seinen Elementen ganz unoriginellen, immer beeinflußten Künstlers, daß er, von Stil zu Stil gehend, vom Älteren behaltend, dies mit neuer Entlehnung verbindend, das Ganze immer wieder bis auf einen Rest aufgibt, um mit diesem wieder eine neue Mischung mit einer neuen Entlehnung zu bereiten. Er ahmt immer nach und ist vielleicht gerade deshalb unnachahmlich. Und er gibt der Mischung aus fremden Stücken eine persönliche Essenz bei, deren künstlerischer Charakter kaum zu definieren, vielleicht im letzten gar nicht vorhanden ist. Und auch deshalb ist alle seine Gefolgschaft steril geblieben, denn sie mußte die Essenz fälschen oder nicht merken, äußerlich oder innerlich unwahr werden. Neben Mantegna, von dem Beardsley auch später »immer noch Geheimnisse lernt«, sind es nach den Morte-d'Arthur-Zeichnungen die Japaner, die ihn gefangennahmen, ihn lehren, die früher fliegenden und schwingenden, etwas leeren Linien zu höherem Ausdruck, bis zur Groteske zu bringen und in ihm eine Liebe zum Detail zu erwecken, die ihn nie verlassen hat. Aus dieser Zeit des japanischen Einflusses sind etwa Blätter wie La Comédie aux Enfer und The birthday of Mrs. Cigale. Kaum daß diese Einflüsse festgehalten und in Beziehung zu dem früher Vorhandenen gebracht sind, werden sie auch schon wieder von anderen abgelöst. Dies sind aber nicht zufällige Einflüsse oder Änderungen – das wäre dilettantisch. Alle Einflüsse, die auf Beardsley wirken, sind in seiner mitgebrachten Art vorbedingt: sie deroutieren ihn nie. Es ist wie ein schrittweises Annähren an sein Ideal, das zu erreichen er die zuerst befreiende, dann drückende, da aber auch schon verlassene Hilfe anderer braucht. Sein Ideal ist ein Schwarzweißblatt, das nicht nur frei von allem Malerischen und Zufälligen ist, sondern den Gegenstand in seiner stärksten Intensität gibt, in seiner psychologischen Pointe. Deshalb verzichtet er auch in seinen letzten Blättern, wie denen zur Lisystrata, auf allen Hintergrund. Was ihn von den Japanern weiterführte, waren Whistler und die antiken Vasenbilder. Man bemerke, daß bei Beardsley nie ein Anlaß ist, von dem zu reden, was man Naturstudium nennt; wohl aber könnte man von einem Kunststudium sprechen. Eines der vielen Porträte der Réjane gibt Whistlered Beardsley. Die Bilder zum Lockenraub zeigen ihn in einer neuen Wandlung; die Dekorateure und Kostümzeichner Louis XIV. und des Regenten halten das so oft getaufte Kind über das Becken. Debucourt tritt in den Kreis und die famosen englischen Modezeichner des Empire, um die Bilder zur Mlle. Maupin zu befruchten. Dies ist so eigentümlich bei diesem Künstler: er ändert sich, und man erkennt ihn doch sofort wieder, in jedem Strich, in jeder Anordnung von Punkten. Das ist: er ahmt nie nach, sondern lernt sein Wesen an dem anderer entdecken. Ein so subtiler Künstler wie Beardsley legt Wert auf die Art seiner Signierung. Zuerst unterschreibt er, diese wundervollen frühen Zeichnungen zur Manon Lescaut etwa, mit seiner Handschrift Aubrey V. Beardsley, dann fällt das V. weg, Japan und Whistler bringen die stilisierten Samenballen der Tussilago, ein Zeichen, das in einfacher oder reicher Ausführung lange wegen seines ornamentalen Reizes gebraucht wird. Auf einigen Blättern, die in der Manier des Holzschnittes gezeichnet sind, finden sich A und B ähnlich der Dürerschen Marke; schließlich nur mehr in Versalien AUBREY BEARDSLEY Wie immer auch die Meinungen über diesen Künstler sich teilen, darin einen sie sich: daß Beardsley ein Zeichner war, der sein Mittel, die Linie, beherrschte wie keiner. Kritiker, deren Urteil darin kulminiert, ob etwas »richtig«, das heißt von außen her wahr ist, fanden diese Hand zu groß, diesen Fuß zu klein – aber sie messen überhaupt, und hier noch ganz besonders, mit einem falschen Maß, weil sie am unrechten Ort damit messen. Wo es die bescheidene Absicht eines Mannes ist (oder seine Einbildung, was auf dasselbe herauskommt), nichts als die natürliche Natur wiederzugeben, sie gewissermaßen noch einmal mit einem anderen Mittel zu machen, da wird vielleicht die Kritik am Platze sein, die an ihrer Erinnerung an dieses Stück Natur und an dieser Wiedergabe den Abstand mißt. Aber Beardsleys Kunst erhebt gar nicht den Anspruch, so äußere Natur zu sein. Beardsleys Artung war, einen seelischen Zustand, einen Charakter, eine Leidenschaft in den Linien des menschlichen Körpers und seiner Bewegungen so darzustellen, daß das Ganze ein wesentlich Neues ist, das man das Dekorative nennen mag in Mangel eines besseren Wortes. Es genügt ihm dazu nicht, etwa bloß den Blick der Augen zu ändern, um einen Affekt auszudrücken – er ändert den ganzen Körper: Hände, Füße, Haar, Kleidung und auch die Umgebung erfahren Änderungen, doch nicht etwa sogenannte symbolischer Art. Beardsley zeichnete niemals Übersinnlichkeiten, Philosophien, Ideen und solchen Tiefsinn. »Incipit vita nuova« lautet die Devise einer Groteske, die er ans Ende seiner Morte-d'Arthur-Zeichnungen setzt, die noch solchen allegorischen Sinn haben und aus Text und Schule haben mußten. Von nun ab ist die moralische Qualität des Individuums, wie sie sich in dessen Körperlichkeit ausdrückt, sein Gegenstand. Zu den Dingen, welche Beardsley liebte und häufig zeichnete, gehören die Bewegungen eines barocken Tanzens und Schreitens; Frauen bei der Toilette; eigenartige, aus vielerlei Moden und Stilen gefertigte Kostüme; ein Schmücken der Räume mit merkwürdigen Tischen und Stühlen; Geschmeide, schlanke Kandelaber mit dünnen Kerzen und reichgerahmte Spiegel; Leiber mit verwischter, hermaphroditischer oder stark betonter Sexualität; kleine Stirnen, hinter denen nichts denkt, kleine Augen, die verraten; volle Münde wie lüsterne Wunden. »Was die übrige Gesellschaft betrifft, so konnte sie sich einiger bemerkenswerter Toiletten und ganzer Tische voll der herrlichsten Frisuren rühmen. Man sah da Schleier, die gefärbt waren und Muster auf die Haut zeichneten, Fächer mit Schlitzen, um ihre Träger hindurchblinzeln und -blicken zu lassen, Fächer mit Gesichtern bemalt, mit Sonetten Sporions oder den kurzen Geschichten Scaramouchs beschrieben, und Fächer aus großen lebenden Nachtfaltern auf Bergen von Silbernadeln. Und Masken aus grünem Samt, die das Gesicht dreifach bepudert erscheinen lassen; Masken aus Vogelköpfen und Gesichtern von Affen, Schlangen, Delphinen, Männern und Frauen, kleinen Embryonen und Katzen; Masken aus dünn aufgelegtem Talk und Gummielastikum. Perücken trug man aus schwarzer und scharlachner Wolle, aus Pfauenfedern, aus Gold- und Silberfäden, aus Schwanendaunen, aus Weinsprossen und aus menschlichem Haar; ungeheure Halskrausen aus weißem Musselin, die hoch über den Kopf wegstanden, ganze Kleider aus einwärts gebogenen Straußenfedern, Tuniken aus Pantherfellen, die wundervoll über Rosatrikots aussahen, Kapots aus rosa Atlas mit Eulenflügeln, Ärmel in Gestalt apokalyptischer Tiere, Strümpfe, in deren Zwickel sich Darstellungen von Fetes galantes und sonderbare Zeichnungen befanden, und Jupons, die wie künstliche Blumen gearbeitet waren. Einige Herren trugen reizende purpurfarbene oder grüne Schnurrbarte, die mit vollendeter Kunst gedreht und gewichst waren, andere trugen große weiße Barte nach Art des heiligen Wilgeforte. Dann hatte Dorat ihnen außerordentliche Vignetten und Grotesken auf den Leib gemalt, an mancherlei Stellen: auf eine Stirne eine alte Frau, die von einem unverschämten Amor verfolgt wird, auf eine Schulter eine verliebte Affenszene, rund um eine Brust einen Kreis von Satyrn, um ein Handgelenk ein Kranz blasser, unschuldiger Kinder, auf einen Ellbogen ein Bukett Frühlingsblumen, quer über einen Rücken ein paar überraschende Mordgeschichten, in die Winkel eines Mundes kleine rote Flecke, auf einen Nacken eine Flucht Vögel, einen Papagei im Käfig, einen Zweig mit Früchten, einen Schmetterling, eine Spinne, einen betrunkenen Zwerg, oder einfach ein paar Initialen.« Man kann Beardsleys Zeichnungen nicht besser in ihrem Gegenständlichen beschreiben, als er es selber getan hat in seinem Kostümkapriccio »Venus und Tannhäuser«. Ich sagte, daß Beardsley es liebte, das Geschlecht seiner menschlichen Figuren manchmal übermäßig zu betonen, oft wieder hermaphroditisch zu verwischen. Ein Selbstporträt in den »Posters in Miniature« gleicht etwa dem Bilde jener Mädchen mit kurzgeschnittenem Haar und steifer Hemdbrust, wie sie die Pariser Karikaturisten gerne verlachen. Doch an Karikatur darf man bei Beardsley nicht denken, denn er übertreibt nie äußerliche körperliche Eigentümlichkeiten zu einem lächerlichen, sondern psychische, wenn man will moralische, zu einem manchmal grotesken Effekt: es ist, wenn auch Geist, so doch nicht Witz und Komik in seiner Übertreibung, die zum Lachen reizte. Seine Typen sind in ihrer monumentalen Häßlichkeit oder Schönheit Erfindungen, Visionen des Wesentlichen, aber sie haben kein Modell in der kleinen deutlichen Wirklichkeit. Man könnte sie mit den Grotesken vergleichen, die Lionardo zeichnete. Beardsley mag manchmal satirisch sein, aber er ist es gewissermaßen auf eigene Faust; er trifft sich nicht mit Gemeingefühlen; er ist gar nicht sozial. Ja, er pointiert nicht einmal seine eigene Art, denn er besaß eine zu gute Haltung. Man kann so auch nicht von Absichten sprechen, die ihn veranlassen, der Eigentümlichkeit seiner Natur entsprechend sich das Gegenständliche seiner Zeichnungen zu wählen, so sehr ist dieses untrennbar von seiner Form. Absicht, Überlegung, Ordnung sind ihm nur bewußt in Hinsicht auf das Formale. Deshalb und noch einmal: welcher Art immer die technischen Einflüsse sind, denen er sich hingibt, – seine Originalität, was das Unbewußte, sein psychisches Verhalten angeht, bleibt davon ganz unberührt und bleibt sich gleich vom Anfang bis zum Ende seiner Kunst. Man hat sie pervers genannt, weil man ja geneigt ist, alles mit diesem diffamierenden Beiwort auszuzeichnen, was die Sinnlichkeit nicht mit dem Gemüte genießt. Beardsley sieht, ganz unnaturalistisch, Zustände und Menschen von innen heraus; das nimmt alles das Gewand der intensiv erkannten Seelen an, die den Körper deformieren. Da wird die Sünde schön und eine Tugend, weil sie groß und herrschend ist, da wird die kleine Sünde, die sich mit der kleinen Tugend um den Vorrang in einem Individuum streitet, zur widerlichen Häßlichkeit. Die Gottheit bestätigt sich irdisch in der Kraft, mag diese zum Bösen oder Guten treiben. Satan ist fromm, und der Heilige ist fromm. Möglich, daß sich Beardsley mehr jene Frömmigkeit verdeutlicht hat, die sich ihren Glauben aus der Sünde bestätigt, wie es nicht nur einmal gnostische Sekten taten, sondern wie es immer wieder geschieht und geschehen muß. Lorenzetti malte in den Fresken des Campo Santo zu Pisa die Sünderinnen der Hölle im blühendsten Fleische, Akte von fast Renoirscher Art. Beardsley ist katholischer: er zeichnet in der Messalina ein Weib von fünfzig Jahren, deren Formen in Fett verloren, deren Augen klein und hektisch, deren dicke Lippen – fast das einzig Sichtbare in dem Gesicht – fest geschlossen und deren Beine sicher voll der blauvioletten Flecken von gesprungenen Venen sind. Er steigerte so das Fleischliche zum Intellektuellen, und dieses allein ist die Sünde. In dem Zeichner dieser Blätter suchte eine Kritik, die ohne Verhältnis zur Kunst, diese nur nützt, um sie auf eine vulgäre Moral zu prüfen, ein schamloses Leben. Beardsleys Freunde haben über sein Menschentum nicht geschwiegen, ich glaube auch, nichts verschwiegen, wohl weil sie keinen Anlaß dazu hatten. Er wird beschrieben als stolz und von sich selbst überzeugt, was ihn nicht hinderte, mit großer Verehrung von dem zu sprechen, was er liebte. Er war trotz seiner Soziabilität menschenscheu; es fehlte ihm das Bedürfnis nach Mitteilung, was man oft bei Menschen findet, deren Intellekt starke Neigung zur Abstraktion zeigt. Doch verschloß er sich nie dem Leben, an das er mit vielen Interessen verknüpft war. Er kleidete sich wie ein Elegant und fand die sichtbaren äußeren Zeichen des Künstlertums, deren Pose, lächerlich; für Worte wie Inspiration hatte er nur Verachtung. Als einer ihn fragte, ob er Visionen habe, gab er die Antwort: Ich gestatte mir so etwas nur auf dem Papier. Keiner hat ihn je bei der Arbeit gesehen, die er am liebsten des Abends bei Kerzenlicht tat. Kam ein Besuch, so legte er alles beiseite, und nie hörte man ihn mit der Miene eines Geschäftigen sagen, daß er keine Zeit habe. Seine Krankheit ertrug er heldenhaft; in seinen Briefen treibt er beinahe Scherz mit ihr. Von seinen drei Gedichten und seinem Prosakapriccio hielt er viel, wie er es überhaupt liebte, sich als Homme des lettres vorzustellen. Er hatte viele Pläne dieser Art, wie einen Aufsatz über Rousseau, einen anderen über die Liaisons dangereuses zu schreiben. Den Sinn für die lebende Natur, für die Landschaft hat man Beardsley abgesprochen. Ihm eigentümlich verwendet er sie nur im Ornament aus Blumen- und Fruchtmotiven. Zum Landschaftlichen benutzte er einfach Claude und Watteau, in einer Zeichnungsart, die an Gobelins erinnert. Keine Spur einer grotesken Behandlung der Landschaft ist zu finden. Eine Entwicklungslinie der bildenden Künste anzunehmen, ist nicht durchaus und deshalb abzuweisen, weil wir kein Ziel bestimmen können, nach dem diese Entwicklung tendierte. Aber man könnte ja in der Formung, die dem Ganzen dieser Kunst jeweils der einzelne Künstler gibt, ein Ziel schon sehen, das durchaus befriedigt; anders müßte ja alles immer nur ein Versuch bleiben, und müßte der zeitlich spätere geglückter sein als der zeitlich frühere, was ja nicht der Fall ist. Sind wir vor das ganze Werk eines Künstlers gestellt, so werden wir immer ein Fehlendes finden, das die Kritik ergänzt, womit nicht Kritisieren gemeint ist. Die Kritik erst vollendet das Werk. Übertragen gesprochen ist das Werk wie in der Musik ein Septakkord, der eine Auflösung verlangt: die Kritik gibt diese Auflösung. Der Künstler aber übernimmt das Werk des ihm Nahen, und dessen fehlenden Ton er spürt: er gibt in seinem Werk diesen fehlenden Ton, um auch seinerseits einen Ton auszulassen: Auch sein Werk wird ein Ganzes, ein Akkord sein, doch nie ein Dreiklang mit dem Oberton der Oktave. In einem anderen Bild gesprochen: Der Künstler baut sein Werk von innen heraus und schließt es in einen Ring und schließt es doch nicht, denn er muß eine engste Öffnung lassen, um aus dem Ringe selber heraus zum nächsten Werke zu kommen. Je unsichtbarer diese vorhandene Öffnung des Ringes, desto stärker wird der Eindruck der Vollendung sein, also daß wir von einem geschlossenen Kunstwerk reden. Was dann die Unkünstlerischen, die Virtuosen und ähnlichen merken, aber nicht als Bedingung wissen: daß ein Ring ist, aber auch eine feinste Öffnung des Ringes. Diese bilden nicht von innen, sondern von außen, wo sie immer nur stehen und daher den Ring ganz schließen können, welche gefälschte und falsche Fügung alle jene Beschauer erfreut, die nicht imstande sind, von sich aus eine Schließung des Ringes zu schaffen oder den ausgelassenen Ton in sich zum Erklingen zu bringen: mit einem Worte – die künstlerisch nicht Bereiteten. Wir hatten Maler, deren reicher Akkord mehr als eine Auflösungsmöglichkeit in sich trug, und dessen künstlerische Variation bis auf heute gewaltig ist. Man denke an Tizian und seine drei Schüler: Tintoretto, Greco, Schiavone. An Rubens und seine Folge bis auf Renoir, an Rembrandt und seine Folge bis auf Vincent van Gogh. Was man in England die Präraffaeliten nannte, war eine Bewegung außerhalb der Malerei – der Zusammenhang mit ihr war nur zufällig; für Whistler und den Radierer Brangwyn brauchten sie nicht gewesen zu sein. Ihre Ergebnisse liegen auf dekorativem Gebiet, bei den Bemühungen William Morris', dessen Anregungen weiterwirken bei Beardsley, der künstlerisch ein Ende bedeutet, aber den allgemeinen Geschmack sicher damit gefördert hat, daß er das lineare Gebilde zu subtilstem und intensivstem Ausdruck gesteigert hat. Die Magier Der Glaube an die Wirksamkeit und die Macht von Geheimbünden, zumal jener von einigem Alter, ist viel weiter verbreitet als diese Bünde selber, und nicht nur bei den Mitgliedern, was menschlich begreiflich, sondern bei den Außenstehenden, die überzeugt sind, daß zum Beispiel die Freimaurer teils Kriege entfachen, teils verhindern. Ich kenne ein paar Freimaurer, und es sind harmlose Spießbürger, die ihrem simplen Dasein mit der Zugehörigkeit zu dem Maurerorden so was wie einen Glanz geben, eine Distinktion, nicht anders wie ein Kegelbruder, der sich sein Vereinsabzeichen ins Knopfloch steckt. Meine drei Freimaurer haben ihren Laden, ihren Kredit, Weib und Kinder, gehen in Kirche oder Tempel und sind, wie sie sagen, »geringen Grades« in der Maurerei, deuten so was wie eine entgegenkommende Unterstützungskasse aller Logenbrüder an, aber auch tiefere und höhere, ihnen verborgene und nur den Obersten bekannte und von ihnen verfolgte Ziele, höchst mysteriöse. Es sucht und liebt der Mensch das Wunderbare, zumal wenn es ihn einschließt, sei es nur in einem Verein mit Abzeichen und Parolen, Riten und Gebräuchen und einer hierarchischen Stufung der Eingeweihten in viele Grade und Würden, deren höchste Träger die Bewahrer des ganzen Geheimnisses einer Doktrin sind, die den tieferen Graden nur in Portionen zugeteilt und zuteilbar ist. Es war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, der Symbolismus stand in Blüte, und Baudelaires Parafernalien begannen populär zu werden, da lebte in Paris ein junger, reicher und begabter Mann aus lothringischer Familie, Stanislas de Guaita. Drei lyrische Bändchen kamen nicht so weit herum, um den Zwanzigjährigen berühmt zu machen, so sehr berühmt, wie er es seiner Jugend und Schönheit, seinem Reichtum und dem Alter seiner Familie für entsprechend hielt. Der Zufall, dieses vortastende Schicksal, brachte ihn in seltsame Gesellschaft, der er erlag. Bücher zunächst, wie die des A. L. Constant, der dummes Zeug schrieb, bis er auf sich selber kam, sich hebräisierend Eliphas Lévy nannte, und als solcher seelisch gewandter Lévy sehr eindrucksstarke Bücher über die schwarze Kunst verfaßte, die man am Hof des dritten Napoleon mit Hingebung las. Dann verließ ihn auf einmal der Dämon, er konnte gar nichts mehr und starb im Schoß der Kirche als armer Fruchthändler. Guaita las, erstaunte und nannte sich einen Schüler Lévys. Auch des Sonderlings d'Alveydre, der Gold machte und mit dem großen Lama in Lhassa korrespondierte, wie unser Gustav Meyrink. Guaita wurde, um sie zu bekämpfen, Spezialist der schwarzen Magie und richtete sich entsprechend in einem Rez-de-Chaussée der Rue Trudaine ein. Mit einer Bibliothek von Zauberbüchern, einem alchimistischen Laboratorium, einem anderen für allerlei Gifte, die er ausprobierte. Er traute sich zu, an zwei Orten gleichzeitig sein und Tote erwecken zu können. Zuweilen materialisierten sich schattenhafte Gebilde zum großen Schrecken seiner Wirtschafterin. Aber auch Paul Adam sah es mit seinen wirklichen Augen, wie aus einem Becher auf Befehl Guaitas ein fliegender Geist auftauchte. Den Dichter Dubus machte der Verkehr mit allen diesen Dingen so verrückt, daß er plötzlich daran starb, in einem Urinoir der Place Maubert. Alles das ist weder Schwindel noch als Selbsttäuschung zu belächeln. Es ist nicht zu bezweifeln, daß, wer sich mit seiner ganzen Lebensweise auf die Nachtseite des Daseins begibt, den Dämonen erliegt, die in uns hausend so mächtig durch solches Training werden, daß sie nach außen spazieren und Gesicht bekommen. Nicht als Halluzinationen, sondern als Wirklichkeiten. Wir fragen, warum einer mordet, und wissen darauf keine bessere Antwort als: weil er ein Mörder ist. Aus allen Schachten unserer seelischen Inwelt führen nicht nur gerade, sondern auch schiefe Bahnen ins Freie. Wer sich aus dem Kader des sozial Übernommenen, Gewohnten, Eingeübten heraus und auf sich stellt, riskiert alles. Auch vom Teufel geholt zu werden. Damit das nicht geschehe, muß er aus seiner Nachtwelt eine Welt beschwören, stützende Genossen oder ein System des Denkens finden, das ihm wieder den haltenden Rahmen gibt. Die Gesellschaft der Rosenkreuzer zum Beispiel, die Guaita zusammen mit Dr. Papus und Péladan gründete gegen die Machthaber der schwarzen Magie, den Abbé Docre zum Beispiel in Huysmans Là-Bas, der nach dem Leben gezeichnet ist, dem eines Lyoner Priesters, einen Satyriasten wie Rasputin. Guaita ist jung gestorben, an seinem eigenen Leben eines diabolischen Eremiten, dem, wie sein Jugendfreund Barrès sagte, alles fremd war außer der Wahrheit, der Schönheit und der sittlichen Güte, und der dauernd in der Kategorie des Idealen lebte. Er führte den astralen Kampf der weißen Pariser Magie gegen die schwarze Magie der Lyoner und deren Haupt, eben jenen Abbé Boullan, das Vorbild des Abbé Docre, und vernichtete ihn auch, um vier Jahre darauf selber zu sterben, sechsunddreißig alt, an Überarbeitung und Erschöpfung. Er hat ein vierbändiges Werk hinterlassen, die Essais de sciences maudites. Er war der Denker des neugegründeten Rosenkreuzerordens gewesen wie Péladan dessen Plakat und Ausrufer und Papus der Vulgarisator mit sozialem Programm. Josefin Peladan. Nach einer Photographie. Sammlung Handke, Berlin Josephin Péladan, der Sâr, wie er sich nannte, nicht unpassend so persisch, wenn man das schwarze wirre Rabennest der Haare, den assyrischen Bart, die schimmernden roten vollen Lippen und den sonstigen priesterlichen Auf- und Anzug dieses Mannes sah, für dessen ersten Roman »Le vice suprême« kein Geringerer als der alte Connétable der Literatur, Barbey d'Aurevilly, die Vorrede geschrieben hatte. So schlecht, wie die deutschen Übersetzungen des Herrn Schering es glauben machen wollen, sind die vielen Romane Péladans nicht, aber doch das, was man in Paris Articles de bazar nennt, musikalisch, ohne irgendeine Realität, schwärmerisch und hohl schöngeistig. Das Aussehen Péladans, mehr als sein Talent, bestimmte ihn dazu, aus sich was Ungewöhnliches zu machen. Er brauchte, ein sehr armer Teufel, der er war, und durchsetzen, wie er sich wollte, ein auffallendes Plakat, und er machte sich selber dazu. Der Rahmen war rasch entsprechend in der okkultistischen Geheimnistuerei gefunden. Mit weihevollen Gesten eröffnete er die erste Bilderausstellung der Rosenkreuzer in Guaitas Wohnung, eigenmächtig kostümiert und gänzlich unfrisiert. Was mit der Malerei zusammenhängt kann sich, was Aussehen betrifft, in Paris ja manches erlauben, und Péladan mußte stark auftragen, um über das Maß des Gewohnten aufzufallen. Was ihm sein Aussehen erleichterte. Aber es wäre falsch, ihn einen Faiseur zu nennen mit seinem Sârtume, das er, in die Jahre gekommen, zusamt dem Rabennest auf dem Kopfe aufgab, um ein einfacher Romancier zu werden, als der er sogar ein noch heute lesbares Buch, »Peregrine et Peregrin«, geschrieben hat. Als Strindberg, ein bißchen verrückter tuend, als er war, damals nach Paris kam, stieß er auf den Sâr, und der stellte ihm das Zeugnis des Genies aus, was niemand kontrollieren konnte. Strindberg war dankbar und erklärte seinerseits – denn er wollte ja auch dem ihm ausgestellten Zeugnis Wert geben – den Sâr für ein Genie, was Herr Schering um so lieber glaubte, da er nach Strindbergs Tod auf der Suche nach einem bändereichen, in sein Deutsch zu übersetzenden Genie war und bei dieser Gelegenheit auch Französisch lernen wollte. So wurden die Deutschen mit etlichen zwanzig Bänden Péladan überrascht, und Ladenmädchen sollen das gern lesen, was in Paris kein Mensch mehr anschaut. Wie es oft mit solchen auf nie zu Ende diskutierbaren Voraussetzungen gegründeten Bünden geht, daß ihre Häupter und Gründer anderer Meinung werden und was Neues gründen, so war's auch bei den Rosenkreuzern Guaitas. Péladan fiel ab und machte seinen eigenen Laden auf in dem Dritten Orden der Rosenkreuzer. Dr. Papus war schon bei der Ordensgründung so schlau gewesen, eine zweite zu inszenieren, die Martinisten oder Schottischen Brüder. Péladans neuer Salon, die »erste Geste«, eröffnete bei Durand-Ruel, und die Leute standen an der Rue Vivienne bis zur Rue Taitbut in solchen Massen, daß die Polizei den Omnibusverkehr einstellen mußte. 22 000 Besucher sah der erste Tag, den interessierten Zola darunter und Verlaine, der direkt aus dem Spital kam, mit seinem Sokrateskopf nickte und sagte: »Ja ja, gewiß, wir sind Katholiken, aber solche Sünder!« Man posaunte das »Parsifal«-Vorspiel, wie als eine Warnung gegen die Damen, ihre Verführungskünste nicht kundryhaft zu üben, weil anders sie der Feme verfallen. So stand es in Péladans, dem Gralsrittertum sehr nachempfundenen Programmbuch. Magier und Engel zu sein, wurde bald große Pariser Mode. Sogar Bruant gab es in seinem Kabarett am Boulevard Rochechouart auf, die Gäste im Patois anzuflegeln und ließ Inkarnationen mit Weihrauch singen. Mit diesem desokkultierten Okkultismus Péladans aber hatte der Dr. Papus eigentlich nichts mehr zu tun. So nannte sich Gérard Encausse nach dem esoterischen Brauch, wie Guaita sich Nebo, Péladan sich Mérodack nannte. Sohn eines gascognischen Abenteurers und einer spanischen Mutter, sah er, dieser schwarzlarvige Montmartre-Zigeuner, aus wie ein Mongole und hieß auch in seinem Kreise »der Großmogul«. Als Schüler im Collège Rollin wurde er Theosoph der Richtung Blavatzky. Damit fing er seine Cagliostro-Karriere an, um derentwillen er auch Medizin studierte. Er wollte sein Doktorat machen, sich in einem Karren installieren, auf den in großen Buchstaben gemalt war: Doktor Papus, Scharlatan. Das war er auch: Doktor, Scharlatan und das Genie, Geheimbünde zu inszenieren. Der theosophischen Gesellschaft der Frau Blavatzky gab er bald einen Tritt, womit er sie auch für die nächsten zwanzig Jahre in Frankreich erledigte, und gründete die unabhängige Gruppe der esoterischen Studien und der Martinistenloge. Den Ritus entnahm er dem »Ägyptischen« des Cagliostro. Er hatte damit einen starken Erfolg bei den Russen, denen, die in Paris lebten, und denen in Zarskoje Selo. Ein gewisser Philippe war sein mondäner Assistent. Papus hat sicher dem Auftreten Rasputins vorgearbeitet, wie auch dieser Lyoneser Philippe, die graue Eminenz des Martinismus, wie er genannt wurde am Petersburger Hof, wo er die Geburt des Thronfolgers aus den Sternen vorhersagte. Die graue Eminenz versuchte den Zaren gegen den japanischen Krieg zu beeinflussen, worauf er vom Generalstab aus Petersburg entfernt wurde. Kurz vor dem Ausbruch des letzten Krieges sagte Vater Papus seinen bevorstehenden Tod voraus, aber auch die Weiterentwicklung seines Ordens. »Ich habe den Logen ein soziales Programm ausgearbeitet, das viel Erfolg haben wird: den obligatorischen Zivildienst.« Das war 1913. Zwei Jahre darauf starb der seltsame Mann, der diese Urformel der Sowjets ausgesprochen hatte. * Alles Religiöse ist mit dem seelisch Kranken verwurzelt. Die krankhafte Furcht vor dem Tode produziert immer aufs neue diese sonderbaren Abwehr- und Schutzformen des Religiösen, denn der Mensch will leben. Ihn vor diesen dunklen Gewalten seiner Seele zu schützen, dazu sind die Kirchen da. Die Kirchen kanalisieren das trübe, morastige Gewässer, bauen Schutzwehren, Dränagen, geben Gott was Gottes, dem Leben was des Lebens ist. Die Kirche ist der rationelle Faktor im Irrationalen des religiösen Zustandes. Nie gab eine Kirche das Gebot, die Vernunft nicht zu gebrauchen. Und immer ist eine ihrer Aufgabe bewußte Kirche höchst mißtrauisch gegen Wunder und Stigmata, mögen sie sich auch noch so sehr in den geläufigen Formen einer dogmatischen Orthodoxie bewegen. Sie sieht in dem Grob-Materiellen solcher Erscheinungen durchaus keine erwünschte Bestätigung ihrer ganz auf das Spirituelle gerichteten Arbeit und Lehre. Sie weiß aus alter Erfahrung, daß, wo immer solche vom Religiösen Besessene auftauchen, ein trüber Schwall von allerlei Aberglauben einbricht, der nur zu oft die geistliche Macht zwingt, die weltliche Macht des Gendarmen anzurufen, also abzudanken. Dagegen spricht nicht, daß da und dort der Pfarrer des Ortes konfus wird und den Portier seines stigmatisierten Pfarrkindes macht. Er weiß nicht, daß durch einen Zufall der Vorsehung sich Wunder immer nur vor jenen produzieren, die daran glauben müssen, weil – sie keinen Glauben haben, aber private Wünsche, für deren Erfüllung sie auf dem Umweg über ein Wunder den lieben Gott inkommodieren. Wie alles, so mechanisieren sich auch die kultischen Gebräuche eines Glaubens, und das Gebet wird bald nicht mehr gebetet, sondern hergesagt. Aufrüttelnd wirkt auf solche Mechanik dann immer das Wunderbare, seien es in der Küche herumfliegende Töpfe oder Blut, das am Freitag aus den Augen rinnt. Und was der Kirche in ihrem Vertreter, dem Pfarrer, nicht gelang, daß er zum Beispiel einen Bruder davon abbringe, eine Zivilehe zu schließen oder einem Stummen die Sprache wiederzugeben, das erhofft man sich nun von der wundertätigen Magd. Es ist erbärmlich wenig, was sich Christen da wünschen. Es drückt sich da keine besonders große und tiefe Vorstellung vom Göttlichen aus. Aber der Mensch ist ja nur ein Mensch. Und dem armen Laien ist nicht zu verdenken, wenn er, am Leben hängend, so sehr an sich und an sein bißchen Leben denkt; wenn Scharen kranker Priester in Lourdes auf das Wunder ihrer Genesung warten, wo man doch annehmen müßte, daß es für die Priester nichts Erwünschteres geben könnte, als diese Erde so rasch wie möglich gegen das Himmelreich zu vertauschen, hic et nunc, und nicht in zwanzig Jahren. Die großen Heiligen aller Religionen haben sich immer gegen das Wundertun gewehrt. Sie haben es nie als ihr Wesen charakterisierend erkannt, denn sie waren nicht dafür gekommen, um zu verblüffen, Staunen zu erregen, als Magier zu gelten. Jesus hatte nicht wenige wundertätige Zeitgenossen. Nur Mitleid mit der hilfsbedürftigen Kreatur mochte ihn dazu bringen, heilend die Hände aufzulegen. Ein Beweis seiner Mission war das mitnichten. Eine Legitimation seiner Lehre war es ihm nie. Therese Neumann. Nach einer Photographie von Höhl, Waldsassen Wem und was beweist das oberpfälzische Mädchen, die Theres? Daß eine seit Jahren erkrankte Seele Macht über den sie behausenden Leib gewinnt, von einem eiternden Blinddarm, der über Nacht kommt und vergeht, bis zu Blutungen, die sich in die traditionellen Blutmale Christi begeben, mit welchen Vorstellungen die Phantasie von früh auf genährt wurde in dieser überaus frommen Oberpfalz – es wäre erstaunlich, wenn bei dieser Kranken diese Blutmale nicht aufträten. Sie würde in der unübersehbaren Schar der religiös Besessenen eine seltene Ausnahme darstellen, denn ihnen allen sind die Stigmata und das sentimentale Miterleben der Kreuzigung die Höchstleistung, die immer erreichte, ihres Gleichgewichtsverlustes. Denn nichts anderes als ein Verlust dieses Gleichgewichtes ist solche individuelle religiöse »Erfahrung«, des Gleichgewichtes zwischen dem Leben im Geiste und dem Leben in der Gesellschaft. Man stelle sich etwa eine Epidemie solcher seelischen Erkrankung vor, hunderttausend Frauen einer Stadt davon ergriffen, – jede Form Lebens würde ins Chaotische stürzen, irdisches Leben würde ein Tollhaus werden, und das spirituelle Leben würde nichts davon gewinnen. Es gab solche Epidemien, und die Kirche als die Ratio war es, die dagegen auftrat, wenn nicht anders, so mit Feuer und Schwert. Die Kirche weiß, daß sie im gefährlichsten Material arbeitet, welches das Religiöse ist. Sie manipuliert mit stärksten Sprengstoffen und Giften. Sie kann nicht vorsichtig genug sein. Denn diese Vorsicht ist ihre wesentliche, vielleicht ihre einzige Aufgabe. Sie weiß, daß sie einen Widerspruch lebt und einen Kompromiß darstellt. Sie muß diesseitig und jenseitig sein, starr und elastisch. Sie darf die die Kirche speisenden Quellen des Religiösen nicht unterdrücken, muß gefaßt sein und ist es, daß sie am unbewachtesten Ort aufbrechen. Denn sie weiß, die Geschichte der Kirche ist im Grunde eine Geschichte der Häresien. Sie verstellt keiner religiösen Kraft den Weg; sofern diese Kraft stark genug ist, selber Weg zu weisen, folgt sie ihr. Das zeigen alle Figuren der großen Heiligen: Bernhard, Franz, Ignaz. Aber die kleinen kranken Bauernmädchen sind solche Kräfte nicht. Ihr Beispiel ist religiös wertlos, wenn nicht schädlich. Es ist weder für den Glauben noch für die Kirche noch auch für eine rechte Lebensführung etwas damit gewonnen, wenn sich in jenem Dorfe noch einige arme Mädchen zu Bett legen und Blut absondern und hungern »um Gottes willen«. Was der Leib alles aushält, wenn eine erkrankte Seele über ihn Gewalt bekommt, mag jene verblüffen, die glauben, der Mensch bestehe nur dank gutverdauter Beefsteaks. * Das mit außerordentlicher Feinheit in Jahrhunderten ausgearbeitete Netz der katholischen Theologie läßt über diesem technisch-geistigen Wundergebilde nicht mehr wahrnehmen, was sich darin alles an Menschlichkeiten fängt. Von welcher Art diese sind, das wird zusamt ihnen gleich dort deutlich, wo sich mit entlehnten religiösen Symbolen und durcheinandergebrachten Kultformen neue religiöse Gemeinschaften etablieren und mit solchem zusammengeflickten Netze fischen gehen. Was sie da einholen, ist ein pittoreskes psychologisches Durcheinander von Halbgefühlen und Halbgedanken, Ignoranz und Wissen, Erotismus und Inspiriertheit, Krankheit und Wahn, Überhebung und Geschäft – nichts anderes an Menschlichkeiten, als was das große Netz- und Reusenwerk der Kirche aufnimmt, um es seinem traditionellen Reinigungsverfahren zu unterwerfen, so gut es geht, als welches es gebildet ist aus den normsetzenden Dogmen, den heiligen Inkarnationen und einem instinktsicheren Common sense, daß Leben zu leben ist und nicht zu rasen. Bei aller Strenge sind die kirchlichen Formen, so meisterhaft ist ihre höchst mannigfache Konstruktion, elastisch, ohne je durch Ausdehnung oder Zusammenziehung nach dem Gebot der jeweiligen Stunde des ephemeren Lebens diese ihre Konstruktion zu verlieren und damit die Form zu verzerren. Mehr als achtzehn Jahrhunderte haben daran gearbeitet, und der Vorsprung solcher Bauherren ist nicht einzuholen, auch wenn die Gründer neuer religiöser Etablissements ein organisatorisches Genie besitzen, wie zuletzt der General Booth eines war. Aber sie leihen nur aus dem riesigen Kostümhaus aller Religionen der Welt Masken und Gewänder, Riten und Symbole, Lehren und Sätze aus, nach persönlichem Geschmack, oder weil ihnen die Umstände gerade für diese Wahl Erfolg versprechen. Selbstverständlich sind sie immer der »wahren« Lehre und dem »letzten« Sinn auf die Spur gekommen wie ihre Ahnen, die Gnostiker. Ihre Gründung ist immer gegen etwas gerichtet, und das bedarf einer Rechtfertigung; meistens bezichtigen sie eine geübte Religion der Entartung ins Formalistische, ins Äußerliche leerer Bräuche und Riten und geben als die Raison d'être ihres Auftretens, daß sie wieder auf das »wahre Wesen« und die »geistige Substanz« des Religiösen zurückgeben. Und es gibt immer Menschen, welche diesem Sophismus erliegen. Denn was das »wahre Wesen« des Religiösen sei, darüber gäbe es eine gültige Aussage nur von außermenschlichen Wesen, nicht aber von Menschen. Wer da sagt, das wahre Wesen des Religiösen sei rein geistig und in der einsamen Stille der Zwiesprache mit Gott und nicht in der formalen Praxis der mechanisierten sozial organisierten Religionen und deren korybantischen Massenemotionen, der äußert nichts weiter als eine persönliche Vorliebe, will ihr aber den Akzent eines natürlichen Gesetzes geben, indem er statt »meine Meinung« sagt »höhere Wahrheit«. Wie es auch der politische Leitartikler macht, der mit Emphase von der »öffentlichen Meinung« spricht, welche mystische Entität er ausdrücke, und nicht schreibt, daß er sich füge, um nicht seine Stellung zu verlieren. In Sachen der religiösen Erforschung ist ein jeder nur qualifiziert, von sich selber zu sprechen, und ist, wie Kardinal Newman sagt, solcher Egoismus die wahre Bescheidenheit. »Eines jeden religiöse Erfahrungen sind nur für ihn, aber er kann nicht für andere sprechen; er kann nicht das Gesetz dafür geben; er kann nur seine eigenen Erfahrungen zu der gemeinsamen Masse psychologischer Tatsachen bringen.« Die Gründer religiöser Sekten haben seit den Martinisten, die sich etablierten, als man die Enzyklopädie schrieb, ein Wissen: daß alle großen Religionsstifter mit der einzigen Ausnahme des Konfuzius als spirituelle Wesen ihre Offenbarung in der Einsamkeit erhielten und keine Neigung für die Praxis einer sozialen Regierung zeigen. Und daß alle etablierten Religionen, denen sie ihren Namen gaben, soziale und formale Religionen wurden, entsprechend der Auffassung, die der gemeine Mensch vom Religiösen hat, als einer Angelegenheit von Riten, mechanisierten Observanzen und Massenemotionen. Dem gemeinen Menschen ist die Religion die Beobachtung bestimmter Formen, die Wiederholung bestimmter Sätze, das Zusammenkommen an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten, und die Herbeiführung gewisser gemeinsamer Emotionen durch dazu geeignete Mittel. Das klassische Beispiel, wie aus einem ganz spirituellen religiösen Leben eine soziale Religion wird, kennt man aus der christlichen Kirche. Das Beispiel des Buddhismus ist nicht weniger instruktiv. Gauthama hinterließ bei seinem Tode eine höchst unvollendet organisierte Religion asketisch lebender Mönche und Nonnen. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung bekam der Buddhismus in der Ära des Mahayana das Pantheon der Bodisattwas, eine Liturgie, ein Ritual und statt der alten Chaityas, der einfachen Zusammenkunftshäuser, Tempel, die in dem sinnlichen Reiz ihrer Skulpturen, Malereien, Musiken, Fahnen, Kleidern, Riten und Symboliken hinter den Tempeln der Hindus nicht zurückstanden. Mit der Tantrik-Reformation kamen Göttinnen in den buddhistischen Gottesdienst und eine große Menge magischer und erotischer Riten. Aber der Hinduismus produzierte alles das noch viel reicher und mannigfaltiger, und der so überbotene Buddhismus wanderte aus Indien ab in Länder, deren Religionen nicht so reich an Mitteln waren, in den Gläubigen jenes schwer lastende devotionale Gefühl zu erzeugen, das die Hindus bhakti nennen. Eine Kritik, die hier von »Verfall« spricht, des Spirituellen ins Materielle, des Innerlichen ins Äußerliche, des Essentiellen ins Formalistische, vindiziert aus Vorliebe und Neigung für das eine diesem einen höheren Wert. Nichts anderes tun aber auch jene, welche das Essentielle einer Religion in den Riten und Sakramentalien sehen. Was hier wertet, sind eines jeden besondere Kapazitäten und eigentümliche Indiosynkrasien. Der Sektengründer sucht, immer auch das spirituelle, ihm im Alleinsein gegebene Geheimnis betonend, der radikalen Umformung, die seine Lehre erfahren muß, auf daß sie menschlich hingenommen werde, damit zuvorzukommen, daß er diese Umformung gleich selber rituell und formal ausarbeitet. Er will da nichts der Zeit überlassen, die ihn beiseite schieben könnte. In einer kleinen Minorität einer Anhängerschaft zu bleiben, wie es das Schicksal aller nichts als spirituellen Religionen ist – die Quäker sind dafür ein Beispiel –, das widerspricht der universalistischen Tendenz seiner Gründung. Jede Sekte will ihr Hochamt vor dem Hauptaltar zelebrieren und vor der größten Gemeinde, nicht an einem kleinen Seitenaltar vor ein paar Akolyten. Oscar Wilde. Nach einer Zeichnung von Sidney P. Hall. Photo: »The Graphic« und National Portrait Gallery, London Oscar Wilde Das Werk Oscar Wildes hätte es wohl kaum vermocht, seinem Namen die Popularität zu geben, die erst einsetzte, als ein erstaunlich hartes Urteil den Mann traf, der sich gegen ein Gesetz vergangen hatte, das die gleichgeschlechtliche Liebe mit Zuchthaus bestraft. Die lyrischen Gedichte, auch ihr bestes, die Zuchthausballade, sind sozusagen aus zweiter Hand, leben von Swinburne, vom früheren Maeterlinck, ohne dieses Übernommene durch einen spezifisch persönlichen Ton zu steigern. Die Theaterstücke sind witzige Hinnahme eines Typus von Stücken, wie ihn in England Pinero gab, mit ein wenig Parodierung dieses Typus durch einen geistreichen Mann. Die erzählende Prosa lebt von Baudelaire, von Huysmans, von de Quincey, von Flaubert. Die kritische Prosa von Walter Paters Ästhetizismus mit einem Schuß von französischem art pour art. Das alles konnte sich miteinander aufs beste vertragen, denn ein seines Geschmackes sicherer Koch regierte den Quirl. Jede fremde Seele wurde von diesem »Meister der künstlerischen Attitüde« aufgenommen, gebraucht und fallengelassen, denn »Wahrheit in der Kunst ist jene, deren Gegenteil ebenso wahr ist.« Sein letztes Wort war: »Ich sterbe über meinen Mitteln.« Ein englischer Kritiker sagte von Wilde: »Er war kein Denker, aber er tat so; er war kein Dichter, aber er tat so; er war kein Künstler, aber er tat so. Und gerade in diesen Attitüden war er am ehrlichsten. Sie standen für seine Absichten, für den bessern, unverwirklichten Teil seines Selbst. Deshalb war seine Attitüde dem Beben und der Kunst gegenüber völlig unberührt von seines eigenen Lebens Führungsart.« Wilde schrieb: »Das Leben läßt in erschreckendem Grade die Form vermissen. Seine Katastrophen treten am falschen Ort ein und treffen die Unrechten. Um seine Komödien spielt groteskes Grauen, und seine Tragödien enden mit einer Farce. Es verwundet immer, wenn man ihm naht; alles währt zu lange oder zu kurz.« Man fände für diesen Satz kein besseres Beispiel als das Leben dessen, der ihn aufschrieb, bevor er es am eignen erfahren hatte. Jedes dieser Worte ist an ihm wahr geworden, bis auf dieses eine, daß die Kunst, und allein die Kunst uns gegen die schmutzigen Gefahren des Lebens schützen könne. Denn die sehr weite Definition, die er seinem Begriff der Kunst gab, bezog darein so viele Elemente des Lebens, daß ihn auch die Kunst nicht vor dessen schmutzigen Gefahren schützte. Zu erfahren, was etwa die Schönheit mit der Wahrheit verbinde, diese Neugierde führte ihn auf etwas verrufene, von der Wohlanständigkeit gemiedne Wege des Lebens. Er glaubte, sie sicher gehen zu können mit dieser strahlenden Monstranz, die er vor sich her trug als Leuchte: seinen Begriff der Schönheit. Als ihn der Weg ins Zuchthaus führte, gab es keinen andern Ausweg, die Formel seiner Schönheit zu retten, als daß er, der Heide bisher, auch noch das Leiden, das Mitleiden und Gott selber in diese Formel einbezog. Der vorher nur den Virgil in der Hand trug, nahm in die andere das Evangelium. Zuvor hatte er wie sein Dorian Momente, in denen er das Böse nur als ein Mittel ansah, seine Vorstellung des Schönen wirklich zu machen. Darum sah man ihn mit dem Bösen umgehen. Er glaubte die Sünde als das einzige zu erkennen, das in unserer grauen Zeit noch Farbe und Leben bewahrt hat, und daß wir zum Heiligen nicht mehr zurück und weit mehr vom Sünder lernen können und zu erwarten haben. Etwa in der gleichen Zeit konzipierte der wieder in sein Dionysisches gefallene Nietzsche die blonde Bestie als Gegenspieler einer Moral der heilsbedürftigen Schwachen, und es ging dabei etwas blutrünstig her in der Feier des grandiosen Verbrechers. Es war nichts als ein ästhetisches Ideal, eine deutliche Form gesetzt gegen das Formlose der Zeit, die sich entgottet ausredete, ethisch verinnerlicht zu sein und darum auf jeden formenden Willen verzichten zu können. Wie einer, dem die Beine fehlen, darauf verzichtet, Seiltänzer zu werden. Wilde hatte viele und nicht geringe Meinungen von sich. Er hielt sich für einen Führer und Lehrer der Menschheit, einen Propheten, einen Dichter, einen Denker, einen Dandy. Daß er so häufig Anlaß nimmt, uns dieser seiner Kräfte ohne die Spur eines ironischen Zweifels zu versichern – er sagt, daß sie ihm eigen sind –, das läßt zweifeln, ob er wirklich Herr über diese Kräfte war, ob er nicht alles das nur sein wollte, was er wirklich und wahrhaft zu sein meinte, und ob dieses Bewußtsein nicht seiner suchenden Seele im Wege stand. Aber auch Ambitionen und Attitüden können das Wesen eines Menschen ausmachen, und Wilde verstand es mit höchst subtil arbeitendem, nur selten entgleisendem geschmacksichern Verstande, für seine Ambitionen ein treffendes Wort, für seine Attitüden eine deutliche Pose zu improvisieren, denn sein literarisches Temperament war so stark wie sein gesetzloser Egoismus, mit dem er sich über alles Leben stellen zu können glaubte. Wo er die Improvisationen weitertreibt, wo er ihnen Dauer geben will über den Augenblick hinaus, da werden feinere Ohren das Geräusch einer pedantischen Feile hören. Darum verzichten viele, die ihn persönlich gekannt haben, darauf, seine Schriften zu lesen, weil sie ihnen allzu hergerichtet und falsch aufgeputzt vorkommen, nicht wie Bäume mit gewachsenen Blüten, sondern wie Christbäume, deren Schmuck da und dort hängt, aber vertauscht werden kann. Er gehörte zu denen, qui passent leur vie à se parler, die ihre Wirkung unmittelbar sehen müssen und sich daran zu ihrem Besten erregen. Die Exaltation bei solchen auf die Wirkung Ungeduldigen ist beim Schreiben nicht die gleiche. Darum sprach er gern ironisch davon. Ähnlich wie sein bedeutenderer Zeitgenosse Beardsley die Formtraditionen der Präraffaeliten, brachte Wilde die ästhetischen Traditionen, die von Walter Pater ausgingen, zu einem Ende, das der Auflösung gleich ist, durch eine heftige und oft pedantische Forcierung des Prinzipes vom Leben in Schönheit, das ihm so zu einem Paradox wird, mit dem zu spielen ihn sein leichter irischer Witz gern verleitet. Kein Dichter hat je die Kunst als gültige Lebensform absoluter über das Leben gestellt als Wilde; sie war ihm weder ein heimliches Laster noch ein Trost, weder ein Rauschmittel noch eine naive Selbsttäuschung; sie sollte weder dem Menschen noch ihm das Leben erträglich machen; sie sollte ihm vielmehr das Leben selber, das Leben überhaupt sein, als dessen »König« er sich fühlte, und als dessen erste Pflicht er erkannt zu haben glaubte, so künstlich als möglich zu sein, und von dessen zweiter Pflicht er sagte, sie sei noch nicht entdeckt. Die eigene unruhige, unberuhigte Art, die vielleicht gar keine Substanz hatte, die zur Mitteilung, zur Teilnahme drängte, und die Verblüffung der Welt, seiner Welt, über seine stark unterstrichene, gesperrt gedruckte Andersheit ließen ihn alle Gedanken, die er hatte, bis an jenes Ende verfolgen, wo sie paradox werden und ihre Richtung zurücklaufen – und »was mir das Paradoxe in der Sphäre des Denkens war, wurde mir das Perverse in der Sphäre der Leidenschaft.« Da waren noch dunkle Gründe und obskure Bezirke im Bereich des Lebens, die er in das Reich seines Lebens bringen mußte, das er ja ohne Grenzen nur fassen konnte als ungeformtes Teil des Größeren, der Kunst. Nicht des darum Wissens willen lud er die »Schädlinge des Lebens« an seine Tafel, nicht aus einer angeborenen Anomalie seiner sexuellen Instinkte oder Organe suchte der Gatte und Vater zweier Kinder die Strichjungen auf, nicht um irgendwelcher erotischer Genüsse willen gelüstete es ihn, von den Früchten aller Bäume im Garten des Lebens zu essen, sondern weil er fühlte, ja weil er zu wissen glaubte: die Vollendung durchläuft den ganzen Kreis, die Tag- wie die Nachtseite. Und er wollte sich das Ganze der Welt in seine Brust drücken um dieses verzweifelten Kunstwerkes seiner selbst willen, dessen Maß er größer fand als alles Leben. Alles Leben in sich ziehen, um es, ein Gott, aufs neue zu schaffen, sich selbst, den Schöpfer darin als Erschaffer, schaffend, schauend, genießend, und sich selber höchster Genuß. Da nahmen dem in solchem Traume eines zum Kunstwerke gehobnen Lebens Liegenden, der »Schmerzen und Sorgen aus dem Wege gegangen war, da sie ihm beide zuwider«, nahmen ihm die beweissüchtigen Menschen den goldnen Becher aus der Hand, der seiner Seele Perle im Weine enthielt, und gaben ihm ein verbeultes Blechgeschirr dafür, gefüllt mit Ekel und Elend, und nahmen diesem Wandelnden im Blendlicht, der sich im Feuerwerk seines süperben Daseins ein Gott zu sein träumte, alle erfahrenen Möglichkeiten seines Traumes, indem sie sein Leben zum tiefsten erniedrigten. Es war eine Probe auf sein Königtum über das Leben, und er hat sie bestanden im Geiste, der sich, elastisch wie er ist, dieses Schmachvolle einfügte als das, was ihm noch gefehlt hatte zur Vollendung. Nicht im Fleische: das war Beute seines Schicksales geworden, das seine Krallen nicht davon ließ. Denn das im Zuchthaus Geschriebene ist nicht Bekenntnis. Wer es so läse, den würden Verlogenheiten, Unehrlichkeiten abstoßen. Wilde will nichts geben, was er seinem Wesen nach gar nicht geben kann. Er findet das Pathos seiner Situation, das ihm nötige Piedestal, und improvisiert darüber. Er erinnert sich seines früheren Lebens und findet eines darin nicht, das ihm nun zuteil ward um seiner Vollendung willen: den Schmerz. Und er erfindet für das »purpurne Schauspiels seines Wehs« die ergreifendsten Worte der Schönheit und richtet seinen Schmerz an der mitleidigen Liebe auf. Schmerz und mitleidige Liebe sind nun sein Piedestal, ohne das seine pathetische Art nicht sein kann. In Christus schafft er sich ein Symbol seiner Sehnsüchte und Erfahrungen, in einem Christus, der »des Shelley und Sophokles Bruder, ganz ein Kunstwerk ist« und der »sich die ganze Welt des Unausgesprochenen, die Welt des Schmerzes, die keine Stimme hat, zu seinem Königreich erkor und sich selbst zu ihrem eigenen Sprachrohr machte.« Aus der Not seines Herzens und allen Wünschen seines ästhetischen Lebensbegriffes deutet er sich die Mythologie Christi: »Und da er vermöge der künstlerischen Natur eines, dem Leiden und Kummer Formen waren, durch die er seinen Schönheitsbegriff verwirklichen konnte, inne ward, daß seine Idee wertlos ist, bis sie Fleisch wird und zum Bilde, so machte er aus sich das Bild des Leidenden, und als Leidender hat er die Kunst angeregt und beherrscht, wie es niemals einem griechischen Gotte vergönnt war. Jesus von Nazareth erschuf sich völlig aus seiner eigenen Phantasie ... Sein vornehmster Zweck war nicht, die Leute zu bessern, so wenig wie die Leiden zu lindern. Er erachtete in einer von der Welt noch nicht begriffenen Weise die Sünde und das Leiden als etwas an sich Schönes und Heiliges, als Gnade der Vollendung.« Wilde, dessen Geste ganz Ausdruck der heidnischen alten Welt ist, gibt Christus im Kreise der alten Götter den Platz, den die Antike leer gelassen hat für den Gott des Schmerzes und der erbarmenden Liebe. Im Fleische aber lebte ein gebrochener, entlassener gepeinigter Sträfling seinen Rest Leben zu Ende. Die skurrile Banalität des Tages rächte sich mit zynischem Witz an einem Unterlegenen, der aus maßloser Liebe zum Leben dessen Gegner werden mußte. Ein Leben, in dem Vorsatz, Wunsch und Absicht so stark waren wie in dem Leben Wildes, ein solches Leben erfährt von den Zufälligkeiten weder Richtung noch Ziel. Jene Katastrophe des Falles Wilde möchte das zu widerlegen scheinen; jene Richter möchten vielleicht glauben, daß sie eine Art rächendes Schicksal gewesen seien, aber das dürfte nur ihre grausame Eitelkeit glauben. Denn niemand vermag etwas über unser Leben als wir selber. Wenn der einzelne sein Leben zu Fall bringt, dann bilden sich die Nachbarn immer ein, er wäre über das Bein gestürzt, das sie ihm gestellt haben. Auch deshalb, weil dem Gemeinen das Leben auseinanderfällt in Glück und Unglück, in Erfolg und Mißerfolg, in Tränen und Lachen, in Denken und Handeln, und wie solche Scheidung weitergeht, die dem wesentlichen Menschen fremd ist, dessen linke Hand weiß, was die rechte tut. Wilde gab solcher populären Meinung vom Leben etwas nach – wenn man müde ist, redet man den Jargon der andern –, er sagte, er sei so lange unter der Sonne gegangen, daß er nur eine weise Absicht seines Geschickes darin sehen müsse, das ihn nun auch auf die Schattenseite des Lebens geführt habe. Aber schon kehrt er zu seinem eigenen Willen und zu der Verachtung fremden Wollens über ihn zurück und trinkt mit einiger Leidenschaft für den Bios theoretikos den bittern Rest, als ob der gerade die Süße hätte, die er je nur gesucht. Was man gestern als ein Paradox erfand, ist heute eine Wahrheit und wird morgen ein Gemeinplatz sein, auf dem sich alle Welt ergeht. Die Gesellschaft macht sich das Paradox damit unschädlich, daß sie es als Wahrheit akzeptiert, die es nicht ist. Das Paradox war auf eine besondere Art in das Leben Wildes beschlossen und zwiefach: ihm selber in allem einzelnen seines Tuns und den andern Menschen dieses Leben in seiner Gänze. Er war mit allen, mit den großen und den kleinen Mitteln darauf aus, daß sein Leben uns nicht anders als ästhetisch beeindrucke, und – wir vermerken die Künste und Künstlichkeiten Wildes nur als Teil des moralischen Problemes Wilde. Was er vorausstellte, das rückt in einen undeutlichen Hintergrund oder wird Illustration und Beispiel. Was er ausschalten, was er beseitigen wollte, das steht ganz vorne und interessierend da. Aber so ist nur der Anschein. Denn es war diese überaus heftige Leidenschaft zur Formung des Lebens in ihrem Grunde nichts als moralische Äußerung, besser: eine Äußerung gegen die Moral der andern Leute und somit von moralischer Farbe. Was Wilde durch Leben und Schreiben aufzuheben meinte: die Bedeutung des Moralischen, das ist das Problem seines Lebens geworden, ist der Fall Wilde, merkwürdiger als das oft Unbedeutende, Zerstreute, nie Große seines Werkes. Wie er der Spieler seines Lebens war, wie er der neugierige Zuschauer der Agonie dieses Lebens war, das ist origineller als alle seine Bücher. Die waren nur Mittel für ein anderes. Nie war die Kunst der Moral dienstbarer gemacht worden als durch Wilde, den Ästheten. Über die Bücher ist leicht zu sagen, daß der Reichtum ihrer von Pater stammenden Prosa aufdringlich und überladen ist, daß die Verse schon weit endgültiger von Swinburne und Shelley gedichtet sind, daß der Dorian Huysmans kopiert wie die Herzogin von Padua den Hugo, daß die Ideen der Intentions das Echo von Mallarmé und Villiers de l'Isle Adam tönen, das alles, wie auch daß hier kein Weg ist, sondern vielerlei Wege sind, keine neue Botschaft, sondern viele alte, und daß der Inferno des Dante wegen seiner Dekoration aufgesucht wird, wie die Gärten des Akademos wegen der Eurhythmie der Gesten – dieses und noch mehr Richtiges, wenn man sich mit der Idee vom einsamen Kunstwerk vor diese Bücher stellt und so die Absicht auf ein ganz anderes übersieht. Ein solcher Beurteiler des Werkes wird sich von ihm zu dem Menschen wenden, bitter werden und sagen: Wilde lehrte die Unpersönlichkeit der Schönheit, und keiner tat dies je so persönlich wie Wilde; er schloß von den Künsten die Fragen nach Gut und Böse aus und sprach von nichts sonst als davon; er konnte sich an der Schönheit von Ruskins Prosa nicht freuen, wie allein es seine Pflicht als Ästhet war, und sprach von Ruskins Moralismus; er war nie gütig sorglos und konnte sich nie vergessen; sein Leben war ein Arrangement vor Dummköpfen, die er die allertraurigste Kunst, die »Kunst des Lebens«, lehren wollte; er lachte nur, um dem Lachen der andern über ihn zuvorzukommen, aber in seiner Natur war das Lachen nicht, denn er besaß weder die Demut des Einfachen, noch die vornehme Skepsis des Kultivierten, noch die Indifferenz des Weisen; er dachte zu viel über sich, und das ist klein; er konnte die Kunst nie vergessen und posierte den Künstler, wie ihn sich das gemeine Volk denkt ... Es ist nichts gegen die Richtigkeit dieser Vorwürfe zu sagen. Aber was über die Anmerkung der Vorzüge oder Defekte weg zum Ganzen dieses Menschen? Die Kraft zu positiver Wertung ist in dieser Zeit gering. Sie spricht vom Negativen und überläßt es dem Positiven, sich von sich selber daraus zu ergeben. Alle unsere sittlichen Werte sind wie alle unsere ästhetischen negativer Art, seitdem sich die positiven als Willkürlichkeiten erwiesen haben, seitdem die Feigheit geläufiger wurde als die Tapferkeit, die stumpfe Häßlichkeit vertrauter als die strahlende Schönheit und die kleinen Laster bekannter als die große Tugend. Diese Zeit spricht vom Bösen, ohne im Guten, vom Häßlichen, ohne im Schönen einen Standpunkt zu haben. Der christlichen Glaubenswelt zweifelhaftestes Produkt, die christliche Moral, hat man aus billigem Opportunismus beibehalten. Das Umstehen der positiven Werte macht mißtrauisch gegen die negativen. Vielleicht sind beide Arten überhaupt nur ein Mittel der Verständigung für jene, die in ihres engen Lebens Notdurft schnell sich entschließen müssen. Aber das eine Leben, über das sie sich so ökonomisch verständigen, vermag das nicht, denn dieses lebt seinen Sinn zu Ende nach Kraft und Willen und hat den Amor fati, von dem Nietzsche spricht. Wilde versuchte, das Gesetz des Lebens aus seinem eigenen Leben zu bestimmen. L'étrange rage, cette manie moderne de donner une façon commune à tous les esprits et de briser l'individu! Gegen diese Rage setzte Wilde sein Leben um des Lebens willen. Ein heroischer Egotismus versuchte, mit seinem Gehirn und Blute eine nur theoretisch bekannte Konzeption wahr und wirklich zu machen und damit auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Daß Wilde immer wieder den Künstler als die stärkste Äußerung der Humanität feiert, so weit, daß er sich Christus zum Künstler umschafft, um sich ihn näherzubringen – das sollte nicht verführen, ihn in diesem seinen kleinsten Spiegel sehen zu wollen. Wilde nahm das Prinzip des Art pour art so leidenschaftlich auf, daß das Gegenteil dieser Wahrheit zum Vorschein kommen mußte. Denn in jeder Wahrheit liegt ihr Gegenteil beschlossen. Wilde machte mit dem Programm des englischen Ästhetizismus Ernst und brachte ihn damit zu einem vorläufigen Ende. Er ließ die delikaten Sätze des pessimistischen Freudensuchers Pater nicht in der intellektuellen Sphäre der Bücher, er wollte sie auf das Leben probieren, von dem sie ja reden, und gab sein eigenes Leben als Einsatz auf die Probe. Sei auch schon das Todesurteil über uns gesprochen, und bleibe uns auch nichts sonst als die Freude am schönen Augenblick, so müssen wir also nichts anderes tun, als dem Leben den Ablauf in solchen schönen Augenblicken geben, die währende Kontinuität solcher Augenblicke. Burn with a hard, gemlike flame: die Flamme soll kühl brennen, nicht rauchen und sich nicht verzehren, das wollte Wilde nicht bloß geschrieben sehen und nicht bloß gedacht wissen, er wollte es leben. Und alles, was er tat, das tat er für diesen einen Gedanken. Den finde man wie man will; worauf es allein ankommt, ist, daß Wilde die Antinomie von Denken und Tun aufzuheben suchte, nicht mit dem Witz der Logik, sondern mit der Wirklichkeit des Lebens. Der Erfolg ist gleichgültig; die Richtigkeit der Lösung ist gleichgültig; der Mut und die Anstrengung sind alles. Vielleicht ist diese Antinomie überhaupt nur da, damit stark sich Glaubende an ihrer versuchten Überwindung die Kräfte messen; oder damit sie auf das Letzte ihres Wesens kommen, daran rühren; oder damit sie erkennen, daß das erste Wort der Dinge und das letzte Wort ein und dasselbe ist. Aber die Lösung ist absolut nur für sich selber, und die Frage nach ihrem objektiven Wert stellen nur die Ahnungslosen und Ungläubigen. Seit Wilde gibt es einen Feuilletonistenbegriff des Ästheten als eines Menschen, der zum Leben keine andere Stellung einnimmt als eine ästhetische, indem er es nur »künstlerisch« wertet. Angenommen, es gäbe ein solches monströses Individuum. Dieser Ästhet findet nun eines Tages, daß hart an den Grenzen seiner nur künstlerisch erfahrenen Welt die ethischen Probleme und Tatsachen sich anzusiedeln beginnen. Erst staunt er, daß so etwas möglich sein konnte. Dann versperren diese Probleme ihm die schöne Aussicht von seinem elfenbeinernen Turm. Er wird unwillig. Dann neugierig und zweifelnd. Sollte die ästhetische Beherrschung des Lebens einen Rechenfehler haben? Er verläßt sein Reich, um in jenem andern, dem ethischen, als Privatmann zu leben: der ästhetische Egotist begibt sich in die ethische Kategorie. Und macht da die Entdeckung, daß, was er für ein eigenes Reich, das Reich des nichts als Sittlichen gehalten hatte, nur das mittelschaffende Hinterland seines ästhetischen Reiches ist, das so auf einmal bis an die Grenzen des Lebens reicht. Da mag er sich das Folgende in sein Reisebuch eines Ästheten notieren: Etwas veranlaßt uns, den Sinn und Wert unseres Lebens im Sittlichen zu suchen und das Sittliche als das Wesentliche des Lebens zu charakterisieren. Aber das Sittliche ist ein Mittel und kein Zweck. Auch keine Lösung. Das Sittliche ist das, was die Intrige im Theaterstück, der Gegenstand im Bilde ist: das Mittel zur Variation der Form. Ohne das Sittliche würde die Form, das ist das Leben, keine Variation erfahren und absterben. Denn die Form ist die Definition der Dinge. Seiner Nützlichkeit als formänderndes Mittel verdankt das Sittliche seine Existenz. Was aber ist der Anlaß, daß dem Sittlichen ein Zweckcharakter und die Rolle der Dominanten im Leben zugesprochen wird? Solches verlangt das Interesse des Spieles. Denn wir spielen. Und kennen uns nur in Spiel und Maske. Aber das Spiel verlangt, daß wir unsere Verkleidung ernst nehmen. Nur deshalb spielen wir so vollendet, so »natürlich«. Diese Illusion ist der Effekt des sittlichen Mittels, das wir als Zweck hinstellen und behaupten. Der im Interesse des vollkommenen Spieles, das ist der Formvariation, aufgestellte Gegensatz von »wahr« und »schön« ist ein ästhetisches Mittel. Aber wir haben Gründe, Spielgründe, das sittliche Mittel als Zweck und Sinn unserer Existenz auszugeben. Wir müssen so tun, als spielten wir der Intrige wegen, denn anders bekäme das Spiel einen Riß, wie wenn der Darsteller des Posa mitten in seiner Rede an den König ein Bedürfnis bekäme und plötzlich die Szene verließe. Das brächte aus der Illusion. Genau das gleiche im Leben, wenn einer die Illusion, daß das Sittliche Zweck sei, nicht respektierte. Die ästhetische Freude – der passionelle Intellekt – an einer griechischen Tragödie wird nicht zum moralischen Schmerz, wenn der Vorhang gefallen ist und das Leben mit einer ganz gleichen Tragödie kommt. Der Schmerz wird, zuerst in Unruhe danach suchend, Form: Fluch oder Gebet oder Gedanke oder Kunstwerk, und damit gelöst. Die Verzweiflung ist eine Geste: mehr als diese formale Äußerung weiß von ihr auch der Verzweifelte nicht, der die Pistole an die Stirn setzt. Das ethische Mittel variiert die Form eines Borgia und eines Franz von Assisi: Wir haben nichts sonst als diese formalen Lösungen, die definitiv sind. Das sittliche Mittel gehört darum dem Wechsel der Zeiten, der Moden, des Geschmackes; es erhält seine Brauchbarkeit in diesem Wechsel, aber die Illusion gibt ihm jeweils den Ewigkeitscharakter eines Zweckes in sich und eines in sich geendeten Zieles, da sonst kein Spiel des Lebens, keine Intrige im Stück, kein farbtragendes Objekt da wäre. Wer jeweils die Intrige bestimmt, ob Volk, Gruppe, einzelner, dies ist gleichgültig. Das ethische Mittel spaltet sich in die Einzelmittel der Moralen aus dem Bedürfnis der Form nach stärkerer Variation. Solche Moralen werden immer dann häufig sein, wenn es keinen eigentlich herrschenden Clan gibt, und die Gesellschaft sich aus einem Vielfachen zusammensetzt, das, ohne eigentliche Bindung, immer auseinanderzufallen droht. Wenn aber in einer Zeit dieses Spaltholz der Moralen zuviel wird, und ein Zerfall des ethischen Mittels in viele moralische Mittel droht, die jedes zu Zweck umzuillusionieren dadurch erschwert, daß diese Moralen sich gegenseitig oft aufheben, dann wird man immer einen stärkeren Rekurs auf das Ethische bemerken können. So setzte sich das Ethos des Christentums gegen die vielen Moralen der späten Antike. So stellte sich das Ethos der Reformation gegen die Moralen der katholischen Kirche. So »rettet« man aus den Religionen und Philosophien den »wahren Kern«, gründet Bünde, ihn zu schützen, oder sucht durch neue, zum Beispiel naturwissenschaftliche Erkenntnisse das ethische Mittel zu stärken. Alles das bedeutet: man wehrt sich gegen die Moralen für das Ethos, um dessen Illusion, Zweck zu sein, besser zu fundieren. Es ist klar, daß die Intrige eines fünfzigaktigen Stückes schwer deutlich zu machen ist, daß die Mitspieler diesen langen Faden verlieren, der ins Endlose läuft, und daß sie daher Stücke im Stück spielen, weil sie mit der handlichen und übersichtlicheren Moral besser loslegen können als mit dem Ethos. So ist eine permanente Neigung vorhanden, das ethische Mittel durch Spaltung in Moralen formgebender zu machen. So ist eine permanente Gefahr, durch solche Spaltung das ethische Mittel als illusionären Zweck des Lebens zu verlieren. So ist eine permanente Bemühung, den Ewigkeits- und Zweckcharakter des Ethischen – das »Allgemeinmenschliche«, das »Humane«, das »Reinethische« – immer wieder festzustellen, weil sonst kein ordentliches Spiel aller mit allen ist und das Leben einem Stücke gliche, in dem jeder improvisiert, was er will. In diesem Spiel des Lebens haben Mitspieler die Rolle der Regisseure, der Aufpasser bekommen, die darauf achten müssen, daß wir Spieler dieses ethische Mittel als den Zweck ansehen und verehren, damit das Spiel den Ernst behält, den es haben muß, damit wir noch mitspielen können. Mehr oder weniger paßt aber auch einer auf den andern auf und muß es des Zusammenspieles wegen. Die angestellten Aufpasser reichen vom Polizisten bis zum Oberpräsidenten des Monistenbundes. Die Spielregeln, die gebieten, das sittliche Mittel für den Zweck des Lebens zu halten, sind festgelegt in Glaubensbekenntnissen, Gesetzbüchern, ethischen Traktaten, in Festreden, Parteiprogrammen, und gehen zudem in ungeschriebener, mündlicher Verbreitung und Einschärfung. Wer das Zusammenspiel stört, der wird im Spiel bestraft: mit übler Nachrede, mit Beschimpfung, mit Gefängnis, mit Mord. Er wird im Spiel bestraft, denn auch diese Störung liegt im Interesse des Spieles. Manchmal provoziert man sie sogar, wie eben jetzt mit dem Aufschreiben dieser Sätze. Aber das Mittel des Ethischen, das die Illusion zum Zweck machen muß, erträgt alles: der Formvariation wegen. Wir erlauben uns ein Lächeln über ein altes Repertoire und die veralteten Intrigen, die ihren formändernden Dienst getan haben, aber immer mit Betonung des absoluten Charakters des Ethischen. Wir geben die moralischen Späne auf und hallen uns an den Baum des Ethischen. Wir sagen: andere Zeiten, andere Sitten, halten aber am Prinzip des Sittlichen fest. Weil wir unser Repertoire, in dem wir gerade spielen, sehr ernst nehmen müssen. Weil wir die ethische Illusion nicht aufheben dürfen, denn sonst würden wir hinfallen und kein Glied mehr rühren, und die Form zerbräche. Nur einer kann diese Illusion aufheben, weil er stärker ist als wir: der Tod, das ist die Formentbundenheit, durch Zerstörung des Formträgers. Das Spiel erkennen und es billigen, das ist ein sehr produktiver Fatalismus. Denn ich könnte aus der Einsicht in diese Vertauschung von Mittel zu Zweck auch eine Lehre ziehen, die lautet: differenziere dein Mittel, das Ethische, auf daß deine Form mindestens um diese eine Form vermehrt wird, die Freude daran. Aber es gibt nur endliche Lösungen, nämlich formale, und allein diese endlichen Lösungen bedingen unsere Vorstellung von der Unendlichkeit. Ohne daß wir das ethische Mittel als Zweck ansehen, erreichen wir den Zweck des Lebens nicht: Form und ihre Änderung. Und fänden keine Lösung. Und ohne Lösung schiene uns alles nicht nur sinnlos, sondern wir würden sofort tot sein. Alles was wir sonst Mittel nennen, ist uns problematisch, weil wir es von Anfang an als Mittel kennen. Die Macht des ethischen Mittels über die andern Mittel ist absolut, denn wir selber sind es, die sich dieses Mittel zum Zweck täuschen, damit wir es als Mittel und damit unser Spiel, das Leben, nicht verlieren. Denn es gibt noch andere Mittel, welche die Form des Lebens variieren. Aber wir wissen sie immer als Mittel. Die Erfindung ist eines; die Kunst ist eines; der Geldbesitz ist eines; die Liebe ist eines. Und andere noch. Aber wir wissen immer, daß es Mittel sind, die wir gebrauchen und verwerfen können. Sie haben keine absolute Gewalt über uns, abgesehen von dem eingeschränkten Potential dieser Mittel, formändernd zu wirken. Alles, was ist, werten wir nach der Eindringlichkeit, Macht und Besonderheit seiner Formgestaltung, wenn wir auch Macht und Besonderheit und den »Sinn des Ganzen« im Ethischen allein suchen und so tun müssen, als sei das Ganze des Lebens des Ethischen wegen aufgestellt. Wir sind da ganz wie der Naive, der im Theater das Stück so wahrnimmt, daß er von der Galerie herunter die Unschuld vor dem Bösewicht warnt. Nur wenn etwas oder einer schon länger nicht mehr mitspielt, Historie geworden ist, sind wir geneigt, ihn »nur mehr ästhetisch« zu sehen, oder den Nachruf an einen, der ausgespielt hat, mit den Worten »de mortuis nil nise bene« zu beginnen. Wir würden den einen törichten Pedanten nennen, der in einem Buche über Cesare Borgia nichts sonst beibrächte als seine sittliche Entrüstung über »das Scheusal«. Alte und veraltete moralische Mittel sinken, weil sie ihre Virulenz verloren haben, ins nichts als Ästhetische eines Schulbuches, einer harmlosen Heldenverehrung des ehemaligen Verbrechers, ins ungefährlich Psychologische, ins schlechthin Poetische, und gerade dieser Umstand enthüllt deutlich den immanenten Zweckcharakter des ethischen Mittels. Zwischen dem Leben und der Kunst besteht nur ein Unterschied der Konventionen. Die Kunst als das wissentlich Gestaltete ist die ständige Mahnung, zu sehen, daß die Form der Sinn des Lebens ist. Im ethischen Spiel gesprochen kann man sagen, die Kunst ist der Appell an das schlechte Gewissen der Menschheit. Sie ist die immer Fragende und rührt an die ethische Illusion. Wovon man sich gern damit befreit, daß man sie nicht »ernst« oder unerträglich ernst nimmt, ihr ein Feiertagsdasein gibt, Schmuck und schöner Schein zu sein. Und ihr jeden dem gerade gelebten Leben allzu stark angenäherten Realismus verübelt als Aufhebung ihres Wesens. In diesem Zusammenhang hört man da oft das Wort Dekadenz. Dekadenz ist Erschöpfung des Mittels. Der Gebrauch erschöpft es. Man sieht dies an dem Monotonwerden der Form, die dann ihre Änderungen nur mehr aus sich selber entnimmt, »künstlich« wird, »rein artistisch«, und »des Lebens entbehrt«, wie man sagt. Heftig wird dann der Kunst wieder das Leben gepredigt, wird dann das ethische Mittel als Zweck betont. Das Wort Dekadenz wird zum Schmähwort für jene, welche nicht mitspielen, sondern ihr eigenes Stück spielen wollen. Die Neubelebung der antiken Form durch den Katholizismus – die Einführung der metaphysischen Tugenden – ist ein schönes Beispiel für die Zweckbehauptung des Mittels aus Formerhaltung. Deutlichere Beispiele gibt es in den Künsten, diesen Segmenten aus dem Kreise des Lebens, zum Beispiel die »leerlaufenden« Formen des Euphuismus, der Schäferei, der Rosaromantik. Oder die starke Zweckbetonung des Mittels zum Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts: das Ethos Schillers; oder im Anfange der Moderne: das Elend. Aber Beispiele aufzählen wäre eine Geschichte des Lebens schreiben. Und es sollten diese Gedanken, die sich nur mit Brechen unter den Zweck beugen, den jedes System haben muß, um als Mittel brauchbar zu werden, nur erinnert werden, weil der Versuch Wildes sie nahelegte. Die Theoretiker des Brahmaismus sprechen von der Illusion und ihrer Notwendigkeit, Richard Avenarius hat die ideologischen Konzeptionen von Zeit, Raum und Kausalität aufgewiesen, und Nietzsche sagte: »Werde was du bist«, und hob damit die ethische Kategorie des Werdens auf. Wer nach den Beweisen dieser Sätze fragt, beweist sie am stärksten mit dieser seiner Forderung. Die den ethischen Zweck als ein formgebendes Mittel aufweisen, machen sich den Spielern des Lebens verdächtig als Mitspieler: man erlaubt ihnen höchstens, die Lampen aufzudrehen oder die Türen zu öffnen. Als Wilde durch den Erfolg seiner Theaterstücke das erreicht hatte, um dessentwillen er sie schrieb: ein jährliches Einkommen von einigen tausend Pfund, sah der bis dahin in ziemlicher Dürftigkeit von Vorträgen und Zeitungsartikeln lebende Dandy – denn dieser war gerade seine erstrebte Lebensform – endlich die Möglichkeit das zu leben, was er bisher nur als Wunsch so zu leben geschrieben hatte. Er konnte »verwirklichen«. Nicht nur das Äußere einer luxuriösen Lebensführung, etwa so, daß er nun das Hansom-Cab, das er auch früher benutzte, den ganzen Tag lang warten ließ, oder daß die ständige Blume im Knopfloch nun eine kostbare Orchidee wurde und die Zigaretten nun Mundspitzen von Gold hatten, so sehr viel Vergnügen seinem kindischen Wesen das auch machte. Damit vergeudete er nur sein Geld. Daß der Reichtum ihn, wie manche meinten, »auf den Weg jenes Lasters« geführt hätte, daß Catull als Glück besang unter dem Beifall seiner Zeitgenossen, ist ebenso unsinnige Annahme wie die andere Apologie, daß er über seiner Liebe zur Antike vergaß, daß er in England und 1890 lebte. So schülerhaft aus Büchern, die er probieren wollte, kam er nicht dazu, Knaben und junge Männer zu lieben. Aus einer legalen Situation und einer zeitgemäßen Idolatrie der Wissenschaftlichkeit ist erklärlich, daß man der Abweichung der Liebe auf ein anderes, als das übliche und gewohnte Objekt, das auch das allein erlaubte daher ist, eine anatomisch-somatische Veranlagung als bedingende Ursache gibt, der man folgen müsse, wenn anders nicht schwere Schädigungen des Betreffenden eintreten sollen. Es ist nun, Liebesvermögen als vorhanden vorausgesetzt, ganz gleichgültig, auf welches Objekt sich dieses Liebesvermögen richtet, ob es Gott, anderes, gleiches Geschlecht ist, Tier oder man selber. Denn die Liebe kommt nicht durch den Zufall des Objektes zustande, sondern ist vor jeder Objektwahl vorhandene Tatsache. Sexuelle Beziehung und Aktivität kann ganz ohne jede Liebe zustande kommen, wie man weiß, sowohl beim Manne wie bei der Frau. Bei allen Paaren und Paarungen Liebe anzunehmen, ist nichts als ein Akt verschämter Höflichkeit, auch der betreffenden Paare gegen sich selber. Die erotische Kolportage in Romanen und Operettentexten hat die Aufgabe, solchen Paaren, die ohne den Anlaß der Liebe sexuell funktionieren, das Substrat einer vorgestellten Liebe zu verschaffen, weil sie einer solchen Illusion höchst allgemeiner Art zu bedürfen scheinen und mangels eigenen Liebesvermögens nicht imstande sind, diese Illusion aus sich selber zu erzeugen, daß sie das, was sie tun, aus Liebe tun. Vielleicht schämen sie sich ihres nichts als sinnlichen Vergnügens – es gibt tausend Anlässe und Gründe für solche Scham –, vielleicht vermögen sie nach einer gewissen Dauer dieses Vergnügen sich nicht mehr zu geben ohne diese aus der Kolportage entlehnte, höchst allgemeine, vage und aus weitmaschigsten Gemeinplätzen gewobene Illusion einer »Liebe«, wie der Unliebende sie in einer idealischen Welt beheimatet wähnt, deren er wenigstens als Zuschauer oder Zuhörer teilhaftig zu werden wünscht, um so etwas wie Seelisches zu spüren. Die angeborene somatische Eigentümlichkeit vieler Homosexuellen ist nicht zu bestreiten; daß sie auch bei Heterosexuellen vorkommt, wird man aber zugeben müssen. Die medizinische Kausierung vermag nicht alle Fälle einzufangen, und darum prinzipiell keinen. Der Anspruch, daß Staat und Gesellschaft die Liebe und ihre Äußerungen als eine private Angelegenheit des Menschen respektieren, wie Staat und Gesellschaft das dort tun, wo sich die Liebe Gott zum Gegenstande wählt oder ein Wesen des andern Geschlechtes, dieser Anspruch ist nicht mit medizinischen Gründen zu stützen, die das Individuum, das in seiner Liebe ein Wesen gleichen Geschlechtes zum Objekte wählt, zu einer körperlichen Anomalie machen, dann das hieße, die Liebe auf ein geschlechtliches Funktionieren zum Zwecke der Kindererzeugung herunterbringen und jene Personen, welche sich in Klöstern Gott zum Objekte ihrer Liebe wählen, verächtlich finden, weil ihre Liebe dieser auf eine Sexualfunktion heruntergebrachten Norm nicht entspricht. Aus der seltenen Liebe läßt sich nicht auf das Objekt dieser Liebe schließen, und das Objekt bestimmt sie nicht. Aus den außerordentlich häufigen geschlechtlichen Beziehungen und Vergnügungen der Menschen läßt sich nicht schon auf die Liebe dieser Menschen schließen, die sie wahrscheinlich in den allermeisten Fällen gar nicht produzieren. Nur diese geschlechtlichen Funktionen können Staat und Gesellschaft kümmern, nicht die Liebe: daß sie nicht erzwungen werden, daß sie nicht mit dem durch Jugend oder Krankheit untauglichen Objekt ausgeführt werden, daß sie die zu verlangende Dezenz wahren. Hier auch hätte der Staat, der die Pferdezucht unterstützt und das schwerste Schwein prämiiert, das Recht, auf die Kinderzeugung bei jenen Paaren Einfluß zu nehmen, die sich zu diesem Zwecke zusammentun, und es den Kranken, Krüppeln und Trinkern zu verbieten durch die Sterilisierung ihrer Geschlechtsdrüsen. Aber die Liebe, die weder mit dem Kinderbekommen noch mit dem Geschlechtlichen primär zu tun hat, kann ihn nicht kümmern. So wenig wie er eine Nonne verhindern kann, steril zu bleiben und ihrer Liebe Gott zum Gegenstande zu geben, kann er den Mann verhindern, steril zu bleiben und seiner Liebe den andern Mann zum Gegenstande zu geben. Oder der manischen Liebe zu Briefmarken oder zur Menschheit. Wilde war in seinen jungen Jahren erfolgreich hinter den Mädchen her. Er hat geheiratet und zwei Kindern das Leben gegeben. Als ein Mann verlor er das Interesse an Frauen, die ihn begehrten, als er im Lichte seines Ruhmes stand. Er machte sich nichts aus ihnen, was Anlaß war, daß ihm nur noch mehr Frauen nachliefen. Jene zwittrigen Mädchen, jene Frauen mit der Vorliebe für den Ehebruch, die der berühmte Mann immer auf seinem Weg findet. Er war des weiblichen Geschlechtes und des Aufbietens ihrer Reize durchaus müde. Die Flucht des Mannes vor diesem mit allerlei Plunder kaschierten mehr mondänen Getue als erotischen Bedürfens zur simplen eindeutigen Prostituierten ist nicht mehr so ungewöhnlich, als daß man sie nicht für charakteristisch halten könnte. Aber auch die völlige Befreiung von der verlangten götzenhaften Anbetung des Weibes und der flüchtigen Möglichkeiten, die es enthält, der falschen Verpflichtungen, die es verlangt in Wort und Gestus, wird immer häufigere Erscheinung. Das männliche Hirn scheint nicht mehr fähig, jene Illusion aufzubringen, die nötig ist, um über das vielleicht Umgehbare oder Vermeidliche des sexuellen Rapportes jenen Kontakt zu erreichen, der eine Liebesbeziehung höherer Ordnung charakterisiert. Es waren schon um 1890 Anzeichen dafür da, daß das vom Manne in die Frau investierte erotische Kapital, dessen Zinsen sie verausgabte, erschöpft war in seinen alten Formen, nicht nur keine Anziehung mehr ausübte, sondern das Gegenteil. Stürmisch setzte dann nach dem Kriege bei der Frau der Wunsch nach Umformung eines erotischen Ideales durch den Mann ein, der, anders beschäftigt, ermüdet, noch keine neue Formel für die Neugestaltung des weiblichen Objektes seines appetitiven Verhaltens gefunden hat, was die Frau, auch sonst befreit, veranlaßt, sich aus eignen Gnaden eine zu geben in mannigfachen Schattierungen, sich in der Zwischenzeit so an ihrer Geschlechtsgenossin tröstend wie der Mann an seinem Geschlechtsgenossen. Die ein Jahrhundert währende Verkuppelung von Liebe, Geschlechtsfunktion, zwiegeschlechtlicher Ehe beginnt in ihre Einzelteile auseinanderzufallen. Der bipolare Eros wird von einem multipolaren abgelöst. Die Überlastung der Frau mit ausschließlich erotischen Inhalten, die sie verkrüppeln ließ, scheint zu Ende zu gehen, zumal eine möglichst vermiedne Mutterschaft diese Überlastung in keiner Weise mehr rechtfertigt. So wurde der Mann dem Manne bemerkenswert als erotische Möglichkeit. Dieses ist der Fall Wilde, der nicht im medizinischen Laboratorium zu diskutieren ist, sondern im sozial-psychologischen. Er fiel, vorbereitet darauf durch eine hohe ästhetische Hyperästhesie, als erster Abtrünniger von der bisherigen erotischen Idolatrie des Weibes, von dieser Verehrung ab, weil er, männlich wie er war, nicht mehr ins Männchenhafte fallen konnte. Charles Péguy So nahe liefen bei Meaux die Gräben, daß der Leutnant Pèguy dem Leutnant Stadler einen Gruß senden konnte, in einer Schachtel zugeworfen: »In diesem letzten Kriege der Menschheit soll es weder Sieger noch Besiegte geben, nur Edelleute.« Wir zeigten den Zettel und die runde Büchse, in der er lag. Man erzählte es weiter und las es dann in der Frankfurter Zeitung. Die Legende war ein guter Wunsch, ironische Gegenstimme im Chore des zur Zeit im Hinterlande gebrüllten »Gott strafe England«. Den Leutnant Péguy traf halbwegs zwischen den Dörfern Villeroy und Monthyon am 5. September eine Kugel vor die Stirn, während er seinen auf den Boden gestreckten Schützen »Feuer« kommandierte. Den Leutnant Stadler zerriß etliche Tage später – man war auf dem Rückweg von der Marne – eine Granate bei Arras. Die beiden Namen verband nur ein ganz Äußerliches: daß Stadler 1913 einige der alten polemischen Artikel Péguys gegen Jaurès übersetzt hatte, für ein Büchlein, das bei F. Pfemfert erschien. Ich glaube, weder der Übersetzer noch der Verleger wußten, was sie damit meinten. Daß diese Seiten dem deutschen Leser einen Begriff von Péguy geben sollten, konnten nur die glauben, die selber keinen damit verbanden. Woran auch ein paar hymnische Strophen in der »Aktion« nichts änderten. Aber diese falsche Verbindung stellte vielleicht Rollands Jean Christophe her, der in den Cahiers erschienen war und eben auch den deutschen Lesern bekannt gemacht wurde, so wenig Péguy den billigen Sentimentalismus dieses Romanes leiden mochte, von dem er sagte, daß man ihn in allen französischen Häusern lese, in denen sich ein Klavier befinde. Rolland überließ ihm ohne jedes Entgelt das vielbändige Buch mit der gleichen Noblesse, mit der er später den Nobelpreis dem Roten Kreuz schenkte. Péguys Wahrhaftigkeit war der Schild, sein Wort die immer treffende Lanze. Er war Lateiner und Katholik, und das heißt nationaler Franzose. Lateiner, wie Péguy dem Wort den Sinn gab: »Der Räuber und der Hirt, die diese Sprache schmiedeten, wußten nicht, für welchen Gott sie diese Arbeit taten. Als sie veritas, die Wahrheit, sagten, als sie vita, das Leben, sagten, als sie crux, das Marterholz, sagten, wußten sie nicht, glaubten Vertumnus und Pomona zu dienen und diesen lateinischen Göttern, die gröber und familiärer, bauern- und arbeiterhafter, dunkler und kleiner, auch böser und tückischer waren. Sie wußten nicht, daß sie dem Gotte dienten, der kam, und daß Rom eines Tages römisch sein würde.« Und Katholik: »Man ist dreimal in Ägypten gewesen, und es ist dies ein seltsames Land. Und einmal war es Joseph, der Jakob hinführte, das heißt Israel. Und einmal war es Joseph, der Jesus hinführte und mancherlei Volk Frankreichs und die andern französischen Barone ...« Oder: »O mon peuple français, dit Dieu, tu es le seul qui ne fasses point des contorsions, et dans ton péché même tu fais moins de contorsions que les autres n'en font dans leurs exercices. Quand tu pries agenouillé, tu as le buste droit, et les jambes bien jointes, bien droites au ras du sol, et les deux regards des deux yeux bien parallèlement montants droit au ciel. O seul peuple qui regardes en face la fortune et l'épreuve et le péché même ... Peuple, le seul qui pries et le seul qui pleures sans contorsions.« Es wird den liberal-jüdischen und den konservativ-protestantischen Deutschen, denen beiden Anatole France, der liebenswürdige Küster der Enzyklopädistenkirche, als der »große Franzose« gilt, nicht klarzumachen gelingen, daß und warum sich der französische Nationalismus aus diesen zwei sich wechselseitig bedingenden Energien konstituiert: aus dem Lateiner und dem Katholiken. Von vieren ist Claudel der kirchlichste, Jammes der naivste, Suarès der aufgeregteste, Péguy aber der strengste und humanste Katholik. Und auch der fröhlichste. Was er von der Vulgata sagte, daß sie eine harte und zarte Sache sei, une chose dure et tendre, das ist sein Glaube, und das ist seine Rede, in der er ihn ausdrückte. Seine Prosa hat cette noble hardiesse latine, in der er sich die Evangelien übersetzt dachte; gute runde Worte, wie sie die Weinbauern der Loire haben, liebte er, der selber bäurisch war und ohne alle Finessen. Über das, was er als Kind aus dem kleinen Katechismus der Diözese von Orleans über seinen Glauben erfahren, hat er diesen nie weder »erweitert« noch »vertieft«; der Katechismus genügte ihm vollständig, denn er war ein im Blute Gläubiger, das heißt einfach, herzlich und streng. Und hat aus seinem Glauben theologische Tiefen gewonnen wie kein Gelehrter, ihm Gütersloh darin kongenial. »Ich kenne den Menschen, sagte Gott, ich hab' ihn ja gemacht, und ist ein drolliges Wesen. Denn in ihm spielt diese Freiheit, welche Geheimnis der Geheimnisse ist. Wenn man ihn zu nehmen versteht, läßt sich viel mit ihm anfangen. Ich weiß ihn zu nehmen. Es ist mein Geschäft. Und diese Freiheit selber ist ja meine Schöpfung ... Er hat viel Glauben und viel Barmherzigkeit. Was man nur nicht von ihm verlangen kann, das ist, Herrgott noch einmal, ein bißchen Hoffnung, ein bißchen Vertrauen, ein bißchen Hingabe in meine Hände, ein bißchen Rast. Ja du, meine Tochter Nacht, dir gelingt es manchmal. Du erreichst das manchmal von diesem rebellischen Menschen, das er zustimmt, sich mir ein bißchen überläßt, ein bißchen auf seinem Ruhebett sein schmerzendes Herz loser macht ...« Im Februar 1900 gab Péguy das erste Heft der »Cahiers de la Quinzaine« heraus; ihre bis zur Tode Péguys ununterbrochene Reihe enthält die bedeutendsten Kundgebungen, politische, moralische, ästhetische, des wirklichen Frankreichs, welches weder das der Kammern noch der Zeitungen ist. Die Cahiers hatten kein Programm und waren keine Partei; jedes der Hefte war eine ganz unabhängige Publikation des Verfassers. »Es ist seit Beginn dieser Hefte eine absolute Regel, unser Prinzip und das fundamentale Statut und, wie ich denke, das Beste an unserer Raison d'être, daß der Verfasser frei in seinem Hefte ist, und ich nur dazu da bin, die zeitliche Herrschaft dieser Freiheit zu sichern.« Aber es gab das eine Band, das die oft sehr Verschiedenen einigte; die vollkommene geistliche Rechtlichkeit. Mit Inbrunst sagen, was man weiß, und nichts mehr; und dies, sein Werk, verrichten, so gut man kann, mit handwerklicher Liebe; unbekümmert um Karriere, Rücksichten, Freunde, Respekt die erkannte Wahrheit sagen, wie man sie weiß. Péguy verlangte das nicht etwa von seinen Freunden und Helfern, sondern es ergab sich von selbst aus der vollkommenen Reinheit seines Wesens, der Unbekümmertheit seines Herzens, der Armut, ja der herrlichen Armut seiner Lebensführung. Als er fiel, hatte er einen Centime in der Tasche. Soll ich noch seine Freiheit nennen? Er schrieb 1907: »Als Mitarbeiter der Hefte verlange ich für meine Werke und Aufsätze diese ganze geistige und zeitliche Freiheit, die ich allen unseren Mitarbeitern versichere. Aber als Herausgeber der Hefte will ich sie nicht in meine persönlichen Streitigkeiten hineinziehen ... ni dans cet approfondissement de mon être religieux auquel il est évident que je procède depuis plusieurs années avec une sévérité croissante.« Die Cahiers verschlossen sich dem Ungläubigen nicht, wenn der Unglaube seine ehrliche leidenschaftliche Wahrheit war. Von der Armut aber noch einiges. Als ich, um 1908 war es, Péguy in dem kahlen Zimmer der Rue de la Sorbonne besuchte, trug ich eine alte Ausgabe der Imitatio bei mir, die ich am Quai Voltaire für sechs Sous erstanden hatte. Und der anwesende François Porché, damals ein Dichter noch, sprach aus, was Péguy dachte, als er sagte, daß allein die Armut auf Erden die wahre Nachfolge Christi sei, die Armut als eine Konzeption des Universums. Man muß dazu eines der schönsten und tiefsten Gedichte Péguys lesen: »Eva«. Eva war ein armes Weib, das viele Kinder begraben hatte und gezwungen war, Feuer zu machen, wenn es kalt wurde, und gezwungen war, die Lampe anzuzünden, um zu sehen, und das war ihr Sturz, ihre Strafe, daß wir »gezwungen sind, immer und ewig unsere Hauswirtschaft zu machen, und sogar die Wirtschaft unserer Seele. Et ce n'est point d'être des criminels de marque, des criminels pour poètes romantiques, c'est d'être des pécheurs, et même des petits pécheurs.« Die Armut hat ihren göttlichen Purpurmantel verloren; würfelte man nicht um ihn? Sie ist heute nichts als eine soziale Ungerechtigkeit und ein wirtschaftliches Phänomen. Der Arme schämt sich ihrer; er verbirgt sie, oder er rebelliert gegen sie. Die Armut heiligt nicht mehr. Ja sie ist nicht einmal mehr »poetisch«. Der Reichtum hat sie falsch gemacht. Der arme Péguy schenkte seiner geliebten Erde, was er hatte: sein Herz, seine Kunst. Er hat ihr auch, ohne um Rechtens zu hadern, sein Leben gegeben. Zur rechten Zeit. Als Péguy, 1903 und die »Humanité« war gegründet, von Jaurès Abschied für immer nahm, von des guten, stiernackigen Jaurès Rücken, der sich bedrückt von ihm wandte nach dem verzweifelten Wort, daß ihm Aktionäre seiner Zeitung wichtiger wären als die Mitarbeiter, die ihm Péguy anbot, da erlebte dessen heroischer Sozialismus – er kannte und billigte keinen andern – die letzte Erschütterung, nach jener ersten in der Dreyfusaffäre, wo die Genossen ihn nicht verstanden, als er nur das Entweder-Oder eines Schuldig oder Nichtschuldig gelten lassen konnte, nicht aber Verurteilung und Begnadigung. Das Abrücken von der Verantwortung empfand er als Entehrung Frankreichs, und über alles die Ehre eines Landes! Dagegen gibt's keine Staatsraison, denn Frankreich dürfe seine Seele nicht verlieren, indem es um eines zeitlichen Vorteiles willen einen Unschuldigen opfert. Er war in gar keinem Sinn ein Politiker, sondern als ein Mystiker der geborene Feind des Politischen. Ein Jahr vor der Ermordung Jaurès schrieb der den Krieg witternde, und ihn als den endlich eintretenden Beginn einer Epoche – nach der leeren Periode seit Hugos Tod, dem Ende des 19. Jahrhunderts – erhoffende Péguy: »Ich bin ein guter Republikaner, ich bin ein alter Revolutionär. In Kriegszeiten gibt's nur eine Politik, und das ist die des Nationalkonvents. Aber man darf sich nicht täuschen, daß die Politik des Nationalkonvents bedeutet: Jaurès auf dem Karren, und Trommelwirbel, um diese mächtige Stimme zu decken.« Kein Mensch aber glaubte es ihm, wenn er sagte, daß in der ganzen deutschen Sozialdemokratie weniger revolutionäres Mark und Blut sei, als in der letzten Trompete der Eskadron der napoleonischen Garde war. Am andern Tage nach der Ermordung Jaurès sagte er zu einem Freunde: »Eine ungeheuerliche Tat. Und trotzdem... Es war in diesem Manne eine solche Macht der Kapitulation! Was hätte er im Fall einer Niederlage getan!« Länger als es die deutschen Leser dieser Aufzeichnungen vielleicht begreifen werden, verweile ich bei der Erinnerung an diesen außerordentlichen Mann, der so kompliziert erschien, weil er ein Kind war und darum durchaus ein Genie inmitten einer nichts als talentierten Welt, die sich nicht um ihn kümmerte, der den Ruhm suchte, sich in diese Welt historisch einzuschreiben, sein Werk ignorierte, das Gedanke in höchster Aktion war. Keinerlei eigensinniger Doktrinarismus hatte je Herrschaft über ihn. Sozialist war er der Armut wegen, die, von Elend bedroht, Gefahr lief, ihre Würde und ihre Bedeutung zu verlieren. Katholik war er im Herzen, ganz außerhalb der Gemeinde der Gläubigen. Bergson, gewiß, der half ihm da. Über Sünde und Gnade bekam er von ihm Einsichten, aber doch nur jene, welche die Kirche meint, wenn sie von der Verhärtung der Herzen spricht, was bei Bergson hieß, daß die Gewohnheit, in ganz fertigen Ideen zu denken, den Geist töte, und daß wir zu Mechanismen würden, wenn wir solcher Neigung nachgäben. Péguy betete, pilgerte zur Kathedrale nach Chartres, der Kirche seiner Diözese, achtzig Kilometer zu Fuß, um sein krankes Kind der Jungfrau zu schenken. Aber er ging weder zur Messe, noch nahm er die Sakramente und war in keiner Weise klerikal. Als die Schriften Bergsons auf den Index kamen, schrieb er ein Heft gegen diesen Index, von dem nichts weder in der Bibel noch in den Evangelien stünde. Und mit Thomas von Aquin solle man ihn nur in Ruhe lassen, er gäbe die ganze Summa für das Salve Regina, und neben dieser Summa wäre das Evangelium nichts weiter dann als eine Art Fioretti von Geschichtchen. Christus hat nie einen abstrakten Gedanken geäußert. Und dies war das ganze einzigartige Beispiel von Péguys Leben: daß er immer praktisch war. Er gab mit seinem Leben das Beispiel eines heroischen Sozialisten. Mit seinem Leben das Beispiel eines Heiligen. Daß das, was er schrieb, nicht auf den Index kam, hinderte ja nur die Klugheit Roms: er hatte, da ihn ja kaum ein Dutzend las, keine Bedeutung für die Kurie, die sich hütete, ihm durch Verfolgung eine zu geben, diesem großen Christen, der schrieb: »Die Katholiken sind wahrhaft unerträglich in ihrer mystischen Sicherheit. Sie bilden sich ein, der natürliche Zustand des Christen sei der Friede, der Friede durch Intelligenz, der Friede in der Intelligenz, aber das dem Mystiker Eigentümliche ist eine unbesiegbare Unruhe. Wenn sie glauben, daß die Heiligen ruhige brave Herren gewesen sind, so irren sie sich!« Sorel, den Stammgast an den Dienstagen in der Bude der Cahiers, entzückte diese Haltung, aber das gläubige Ziel verwirrte den freidenkerischen Theoretiker der Gewalt zu dem Sarkasmus, daß Péguy glaube, die Achse der Welt gehe durch die Nummer 8 der Rue de la Sorbonne. Péguy brach mit ihm, und Sorel hat es nie verwunden. Er hatte seine beiden Söhne im Gebet der Jungfrau geweiht. Aber sie, die nicht getauft waren, taufen zu lassen, »das«, sagte er, »ginge ihn nichts an. Ich kann mir gut denken, daß der eine Pfarrer oder Pastor wird und der andere Großrabbiner.« Seine Religiosität kannte nur zwei Elemente: das Gebet für den Sünder und das Mysterium der Gnade, diese ausschließliche Angelegenheit Gottes. In der Begnadung unterscheiden sich die Menschen. »Ich kenne Juden voll erstaunlicher Gnaden und Katholiken, die gar keine haben. Auch Atheisten können begnadet sein. Nicht aber Rentner, Funktionäre und Mönche. Denn sie riskieren nichts. Nur jene, deren Leben unsicher ist, können begnadet werden: Spieler, Abenteurer, Arme und Elende, Kaufleute, Ehegatten, Familienväter, diese großen Abenteurer der modernen Welt.« Er mochte Bekehrte gar nicht. Jeder ist seinem Lose verpflichtet. Man muß bleiben, was man ist, auch in der geringsten Ordnung, was besser ist als einer, der in einer weit höheren Ordnung nicht mehr er selber ist. Jede Konversion ist ein bißchen Verrat. Péguy nahm es einem Enkel Renans sehr übel, daß er sich zur Kirche konvertierte. Er sah darin einen Skandal, daß dieser Enkel mit Sack und Pack in einen Clan desertierte, der für seinen Großvater nur Abscheu und Verachtung empfunden hatte. Péguy fiel am Tage vor Beginn der Schlacht an der Marne, welche für viele das Valmy eines neuen Jahrhunderts bedeutete. Bildnis eines Boxers Mit dem Namen, den er heute als seinen dritten oder vierten trägt, steht er nicht im Taufregister seiner Pfarrgemeinde als das zweite Kind irgendeiner geborenen Soundso, verehelichten Krause oder Huber. Wie er gerufen wird, das ist wichtiger, als wie er heißt. Die Behörde, die ihm einen Paß ausstellt, sie fühlt den Embryonamen staatlicher Polizei und bürgerlicher Reputation so nebensächlich, daß sie das »genannt« vor den anderen drei Benennungen des Helden zweimal unterstreicht. Man ist nah am Mythischen, wo der namenlose Gott mit vielen Namen angerufen wird. Über den Rändern des Schulbuches, vor dem der Zwölfjährige nächtens saß, brandete die See: Traum des Jungen von der Welt. Nebenan tönte das Schnarchen des arbeitsmüden Alten, die Mutter war im Kino, die Schwester steckte in den Polstern und las bei der Kerze glühend den Roman der Zeitung. Der Bub bestrich seine Muskeln mit Talk, um sie geschmeidig zu machen, ließ bei fünfzehn unter Null das Fenster offen, um in frischer Luft zu schlafen. Der Vierzehnjährige rauchte nicht und trank nicht. Mädchen lockten ihn nicht von den kleinen Lastern des Alters, denn er übte diese nicht, und die Spannung seines Leibes löste er nicht in den Krämpfen eines bereiten Schoßes. Er folgte aber darin weder einer Mahnung noch einer Erfahrung. Er hielt von Mahnungen gar nichts, und das ganz Animalische seines Wesens bewahrte ihn vor Erfahrungen, aus denen eine Lehre zu ziehen. Immer noch geschieht in Menschengeburten solches Wunder, daß irgendeinem Elternpaar ein Wurf gelingt so vollkommenen Leibes, als ob es nicht zweitausend Jahre Christentum und zweihundert Jahre Industrie gegeben hätte. Aus muffiger Hinterwohnung, aus Feuchtpilz und Mauerkrätze schießt ein grünes Reis in Saft, biegt sich nicht, krümmt sich nicht, wandelt nicht Leibeskraft in Schlauheit. Sucht mit allem Nerv der Witterung nur den andern Boden, den andern Raum zum Weiterwuchs, und findet ihn. Mit fünfzehn ging er auf einer Segelbrigg über See. Blieb auf dem Wasser drei Jahre lang und bekam die erste Disziplin, die er brauchte: das Gebot der Natur. Nur im schlauen Kampf gegen die eigene Natur und in ihrem Opfer, Stück um Stück, wird aus dem Ebenbild Gottes das affenhafte Jammerbild des heutigen Menschen, indem er so Stück um Stück seines Leibes der Illusion zu fressen gibt, damit diese zu Fleisch komme, sei diese Illusion Geschäft, Familie, Staat oder sonst was. Ja, auch Gott. Nur die asketische Größe des Opfers versöhnt hier mit dem, der es bringt. In einer seltsamen Bruderschaft ist aber dem Heiligen, der den kurzen Zwecksetzungen dieser Welt entsagt, der Mensch der Arena verbunden, denn auch er lebt im Weltsinne zwecklos. Nur der Bankbeamte, der seine Leibesfülle zu mindern boxt, wird sagen können, daß das Boxen einen Zweck habe, indem es gesund sei. Das ist aber so wenig ein Boxer, wie der Herr, der vor seiner Bureauzeit eine Stunde einen Gaul schindet, ein Reiter ist. Die Herren werden ja auch einen Trambahnschaffner, der zwanzig Mark wechselt, nicht einen Bankier nennen. Auf der Brigg bekam er seinen ersten Namen: die Jungfer. Weil er über manche Scherze rot wurde, seinen Leib mit Sorgfalt pflegte, sein Essen nicht hinunterschlang und am Lande in keine schlechten Häuser ging. Bildnis eines Boxers. Nach einer Bleistiftskizze von Renee Sintenis Die Bändigung der sinnlos waltenden Natur ist die Zucht, die sich der Mensch gibt, um sich einzuordnen in das Ganze der Welt. In das Ganze, nicht in irgendwelche zweckhaften Erfindungen, die dem Tage dienen und damit der Laune oder dem Irrsinn irgendeines mit der Willkür des Geldes oder der Tresse Herrschenden. Dem Befehle eines Bureauchefs zu gehorchen, wäre der Siebzehnjährige ganz unfähig gewesen: er hätte den Teilsinn dieser Teilordnung nach einem ausgedachten Zwecke aus seiner Natur heraus abgelehnt. Bürgerlich gesprochen: in der polizierten Welt wäre er immer ein renitenter Bursche geblieben. Dem Blick des Steuermanns ordnete er sich ganz diensthaft unter, denn er verstand ihn: Wind, Wasser, Fahrt gaben das nichts als anzuerkennende Gesetz, dessen bester Kenner eben der Mann am Steuer war. Das verstand sich von selber. Der Tüchtigste ist der Herr, der Tüchtigste im Kampf mit den Elementen, nicht mit dem bloß scheinbar Widerspenstigen im Menschen einer anderen Meinung oder Absicht. Hier ließ sich ja jedes Wort allsofort verifizieren. Es gab keine Meinungen, keine Dafürhaltungen. Ein Mensch wie unser Held wird sich aus den besten und schönsten Meinungen über die Welt nichts machen, aber alles aus der Welt. Mit dem gelben Fetzen am Wimpel wegen eines Sterbenden aus der Besatzung der sieben Mann mußte die Hamburger Brigg im Außenhafen von Buenos Aires Quarantäne halten. Nach vier Tagen litt es den Jungen nicht mehr. Er ließ sich des Nachts über den Bordrand und schwamm an Land. Es wurde hell im Osten, als er in den leeren Viehwagen eines Zuges kroch. Als er aufwachte, stand die Sonne tief. Langsam rollte der Zug. Vieh zu Tausenden weidete, jagte in der Grassteppe bis an den Horizont. Er war hungrig. Er schwang sich aus der aufgeschobenen Tür auf den Damm, Hemd und Hose in ein Bündel gedreht, das er in der Linken hielt, so wie er es schwimmend über seinem Kopfe gehalten hatte. Erkletterte die jähe Böschung hinunter, stand an einem träge fließenden Wasser. Watete ans andere Ufer, einen guten Steinwurf weit. Als er den Boden verlor, schwamm er, den Kopf im Wasser, den Arm mit dem Bündel in der golddurchstaubten Luft. Das von seinem braunen Leib – wie eine Lohe über Kohlen stand der blonde Schopf – abrieselnde Wasser gab den zuvor weich ineinander fallenden Gliedern mit den Reflexen des Lichtes die Plastik des einzelnen. Wie der Firnis über dem Bilde dessen Lichter und Tiefen herausholt. Den einen Fuß auf einen großen Rundstein gestellt, stand er wie David über dem Haupte des Goliath, achtzehnjährig, auf dem Gipfel männlicher Schönheit, wo das betrachtende Auge manchen Muskel noch nicht sieht, aber weiß, daß er da ist. Wo sich die Kraft noch hinter einer zärtlichen Schwäche versteckt. Und der Satz der Alten sich mit Glorie beweist: Die Hälfte ist mehr als das Ganze. Vier Jahre blieb er auf der Steppe. War Viehhirt, ritt die wilden Pferde zu, warf den jungen Stier bei den Hörnern, oder sprang ihm vom galoppierenden Pferde auf den Nacken, unbekümmert um den bogenweiten Sturz, war der Stier der Geschicktere. Roß und Reiter lernte er mit zwei Lassowürfen schmeißen. Und er zivilisierte sich: betrank sich, ohne die Sinne zu verlieren, ritt Sonntags mit den anderen zur Messe, warf, kam ihm Lust danach, das Mädchen auf den Rücken. Denn nichts ist gegen die Gefühle zu sagen, solange wir ihrer Herr bleiben. Man nannte ihn den gelben Bill, seiner blonden Haare wegen. Und man hatte ihn gern, seiner jungen Kraft wegen. Denn nur die Schwäche ruft den Haß hervor. So unter Männern. Nicht vier Jahre wäre er in dem wilden, nur schwach geregelten Leben geblieben und hätte die Arbeit mit Rind und Pferd getan, mit Büchse und Lasso, wäre nicht die härtere Regel des Sportes gewesen, der sich ein kleiner Teil der Burschen unterwarf: dem Ringkampf, dem Lauf, dem Boxen in der klassischen Form der bloßen, nackten Faust. Da war ein älterer Champion des Ringes im Kamp, einarmig aus dem Kriege heim, und zurück zu den Genossen seiner jungen Jahre. Der Einarm war sein erster Lehrer. Den er einmal belehrte, als hätte er an den Satz Goethes gedacht: »Mir ist eine Ungerechtigkeit lieber als eine Unordnung.« Der Richter entschied einmal zu Unrecht gegen den Einarm, und der protestierte mit heftigen Worten. Da legte der um gut zehn Jahre jüngere Bill dem Fluchenden die Hand auf den Mund ohne ein Wort. Der Ältere begriff und schwieg. Als ob er an den Satz bei Aristoteles dächte, der vom Gymnasium verlangt, daß es einen in den Strategemen geschickten Geist schaffe, eine Seele kühn und klug, wagemutig und hinnehmend. Könnte dies nicht genau so in den Regeln eines guten kämpferischen Mönchsordens stehn? Diese Disziplin, welche die Hinnahme als eine hohe Tugend lehrt, genau wie die römische Kirche, reinigt den Mann vom Egoismus und der Eitelkeit, diesen beiden Gefahren, allen denen drohend, die auf sich und ihr Tun nicht achten mit größter Aufmerksamkeit. Als der gelbe Bill zum erstenmal den Ring betrat, in Montevideo, nannte er sich, seinem Lehrer zu Ehren, wie dieser, Simone Guaja. Den Namen, den er heute trägt, gab er sich vor seinem berühmten Kampfe in New York, wo Rowlands sein Gegner war, und er einem blitzschnellen Chancery holding erlag, das der Ringrichter nicht merkte, aber das der Besiegte schweigend hinnahm. Und er hieß auch seinen Trainer, der protestieren wollte, schweigen, denn »mit dem Maul kämpfen nur Weiber«, sagte er. Im geläufigen Sinn heutiger ganz femininer Kultur ist dieser Boxer so sehr ein Mann, daß ihn die Empfindsamen, die Schwärmer, die Intellektuellen und die Frauenspersonen – diese mit einem kleinen halben Lustschrei – ein schönes, aber doch ein Tier nennen werden. Wo er nichts ist als ein Mann, ein heute allerdings seltenes Exemplar, nämlich ein männischer Mann. Ganz unzerteilt, ganz unromantisch, ganz unchristlich, ganz ungebildet, ganz unpolitisch. Er verstünde die Frage nicht an sich zu richten oder gar zu beantworten, warum er in den Ring steigt. Wir würden sagen, aus Tugend, virtus, also Wertbewußtsein. Er hat keinerlei Träume eines andern als seines Lebens. Er will nicht verdienen, um ... Er ist römisch-katholisch, aber gar nicht jenseitig. Gar nicht revolutionär und gar nicht utopistisch. Der Orient ist ihm naturfremd. Sein Mitleid vergießt keine Tränen. Das Evangelium hat er nie gelesen. Aber er geht zur Messe. Er ist gütig. Weil er es ja doch erfahren hat, daß es wohl tut, blickt ein Auge sorgvoll auf den vom Schlage Betäubten, wischt eine gute Hand das Blut. Ist es nicht deshalb, ist es nicht, weil es solche Männer immer noch möglich gibt, daß wir weiter die Griechen lesen? Bei Xenophon etwa vom Sokrates, daß er mit raschem Blick eines jeden Athleten besondere Artung erkannte. Prinz Hippolyt Wer hat ihn denn gekannt, der schon Legende war, als er noch unter uns lebte? Man möchte sagen, er war verborgen gewesen in seinem Scheine, so ganz unverbindlich zu leben, war ihm wesentliches Bedürfnis, so sehr demütig in das Ganze sich einzuordnen, war seine bestimmende Artung. Faktum und Fatum haben, wie man sagt, eine gemeinsame Wurzel, und es ist mir dies in keines anderen Menschen Leben so sichtbar deutlich geworden wie in dem des Prinzen. Da Männer, die der Verstand meist dumm macht, und die bestenfalls im höhern Alter eine Weisheit erreichen, deren Wert eine anstürmende Jugend belächelt, und welches Alter darum gut tut, zu schweigen wie der alte und gar nicht närrische Nietzsche – Hippolyt war zwanzig und hundert Jahre alt und beides immer zugleich. Vielleicht war er so glücklich, mit hundert Jahren auf die Welt zu kommen und ganz jung zu sterben. So was soll vorkommen. Ich denke an Kierkegaard, der als Jüngling seltsam Asche war und als alter Mann ein loderndes Feuer. Die Legende vom Leben des Prinzen Hippolyt wäre nach dem leitenden Motiv: nichts ist wichtig, weil alles wichtig ist, und alles ist wichtig, weil nichts wichtig ist, zu erzählen. Der Respekt vor dem, was ist, muß grenzenlos sein, denn ohne ihn können wir auch den Widerstand des Bösen und Schlechten nicht ertragen, geschweige überwinden. Nur im Affekt haben wir ein Recht auf das Unrecht. Aber es war die Meditation vielleicht des Prinzen natürlicher Zustand, jedenfalls seine Predilektion. Von katholischer Rasse, war er katholischer, als er es selber glaubte, jedenfalls mehr, als er es sagte, und noch mehr, als er es merken ließ. In die katholische Rasse des aufdringlichen Betbruders setzte er Zweifel, wenn auch nicht in dessen Glauben, der ihm aber als ein Erschwitztes, Erlittenes, ja fast Erschlichenes verdächtig war: er rutscht eine ihm unerreichbare Welt mit haßverhärteten Knien erbärmlich zuschanden, sagte er einmal, war aber damit gar nicht der Ansicht Nietzsches, welche das Christentum aus dem Ressentiment ableitet. Er meinte bloß, daß viel Ressentiment im Christentum einen Unterschlupf gefunden habe und finde, wodurch im Lauf der Zeiten ein übler geistiger Armer-Leutgeruch in der Kirche haftengeblieben sei, die weder ein Seelenspital noch ein Altersasyl, sondern eine schöne fröhliche Sache sei. Der gute Kirchengesang sei für kräftige Lungen gesetzt, nicht für Bresthafte. Um Gott wohlgefällig und würdig zu dienen, müsse man eine robuste Gesundheit Körpers und der Seele und des Hirnes haben, denn der liebe Gott sei ein großer Herr und kein Kurpfuscher im Seelenbereiche wie ein Dr. Johannes Müller, der eine »Kirche« mit Hotelbetrieb und Liegestühlen führe. Aus der Lernzeit seines Lebens hatte der Prinz eine Lustigkeit behalten, die den meisten verbarg, daß darunter eine sehr reine Trauer ruhte. Wie ein Gewand der Scham lag diese Lustigkeit über seiner Trauer, oft ein schamloses Gewand, aber lieber dieses als die Blöße, wie man das leicht aus den Aufzeichnungen des Prinzen merken kann, wenn man die guten Augen hat. Diese Scham wird man merken und auch die Angst vor der Lächerlichkeit und dem Düpiertwerden, vor und von sich selber natürlich, nicht vor und von der Welt. Diese Angst ersetzte ihm vielleicht im gewissen Sinne die Liebe zur Wahrheit. So kann es gewesen sein: seine Bescheidenheit verbarg sich hinter Schamlosigkeit, und seine gute metaphysische Trauer wurde ihm Stärke und Kraft seines Lebens, da er über sie die galante Lustigkeit und weltliche Unbekümmertheit warf wie eine venezianische Maske. Eine Maske, unter der er nicht erstarrte, wie es so der Maskenverleiher Leben von seiner Kundschaft, die wir alle sind, verlangt, damit die Masken keinen Schaden leiden. Herr von Hofmannsthal sagte einmal, von einem bestimmten Alter ab müsse man ein fixiertes Profil haben. Der Prinz tat den aus Bequemlichkeit Formelsüchtigen den Gefallen nicht und verharrte bei den Profilen. Er sagte: »Das Gefühl, Ich zu sein, hat nur eine ganz gemeine Bedeutung im Alltagsleben der Paß- und Meldevorschriften. Diese simple Praxis hat man als Subjekt-Objekt höchst pompös in die Philosophie hineingeschwindelt, die nun ihr Dasein von einem Gegensatz lebt, den es nicht gibt; denn in Wahrheit bin ich Alles und ist alles Ich.« So, wie er war, konnten ihn nur ein paar Freunde wirklich lieben, alle andern mußten ihn hassen, fürchten oder verachten. Er forderte zuviel von jenem, der sich auf des Prinzen eigentümlichem Terrain gut bewegen wollte; so zogen die Mehreren vor, dies Terrain unsicher zu finden, nicht den eignen Gang. Eine bezaubernde Liebenswürdigkeit und der anmutigste Ton, in dem nicht die leiseste Bosheit mitschwang, machte es den Abgeneigten, Feindlichen und Hassenden sehr schwer, ihre Gefühle zu Dritten ungebrochen zu äußern, wie es solche Menschen lieben, da sie in solcher Äußerung solcher Gefühle erst den kleinen Stolz produzieren, der ihnen zum Genuß ihrer Gefühle nötig ist – und diese Schwierigkeit ließ die einzelnen das Besondre und Distinkte ihres Gefühls aufgeben, und alle trafen sich dann in so etwas wie einem Urteil, etwa der Prinz sei nicht ernst zu nehmen, oder es sei ihm die Leidenschaft fremd, oder ganz vereinfacht: es sei ihm nichts heilig. Um die Situation nicht zu verstellen, muß ich gleich sagen, daß solches Reden gewissermaßen die Peripherie von des Prinzen Kreis absteckte, dessen Radius klein war. Diese Peripherie drückt sozusagen das politische Verhalten der Zeitgenossen zu Hippolyt aus, eine drollig positive Form der Nichtzugehörigkeit, die als von sich ausgehend gelten wollte. Aber wir wissen ja, wie vieler Menschen, ja der meisten Denken und Leben aus nichts sonst besteht, als Wortzusammensetzungen zu repetieren, und die es darum als einen Angriff auf ihr Leben auffassen und parieren müssen, wenn einer diese Zusammensetzungen auch nur dissoziiert. Ich erinnere mich der Verstimmung, die Hippolyt bei mehreren Zuhörern auslöste, als er einmal bei einer Bemerkung, irgendeiner sei ehrlich von irgend was überzeugt, sagte: »Ist er ein Narr? Nur Verrückte werfen ihre ehrliche Überzeugung immer in die Waagschale des Urteilens. Sagt jemand, was er glaubt, so ist er mutig und kann von sich sagen, daß er mutig ist, nicht aber, daß er ehrlich sei. Die immer mit der Ehrlichkeit ihrer Überzeugung beweisen wollen, wollen damit die Dummheit ihrer Überzeugung gutmachen – dumm, aber ehrlich. Ich möchte nicht in einem Staatswesen leben, das von ehrlich überzeugten Schafsköpfen regiert wird. Diese ehrlich Überzeugten haben sich in das Gefängnis einer Idee eingesperrt und den Schlüssel zum Fenster hinausgeworfen. Die geistige Gesundheit verlangt aber auch Spazierengehen und riskante Abenteuer. Eine Idee haben? Alle Ideen muß man haben. Die Faulheit des Geistes und eines gestockten Blutes geben sich die Maske der Ehrlichkeit. Wo eine Überzeugung anfängt einem ehrlich zu werden, wird sie sehr verdächtig, nichts sonst zu dienen als der Bequemlichkeit. Eine solche Überzeugung muß man als sauberer, tapferer und sozusagen anständiger Mensch sofort aufgeben. Das ist etwas für Staatsbeamte in Pension, Generale außer Dienst und Abgeordnete in Parlamenten.« Der Prinz und die Frauen? Man soll Umfang und Bedeutung dieses Kapitels im Leben des Hippolyt nicht überschätzen, wie dies ein rasch fertiges Urteil tat, das ihn zu einem Erotiker machte, der er weiß Gott nicht im mindesten war, jedenfalls nicht in dem besonderen Sinn, den die heutige Zeit mit einem auf das Schmutzige eingestellten Riechorgan diesem Begriffe gibt. Er war es vielleicht im Sinne Platons, wo der Eros zum geringsten auf die Frau oder gar das Sexuelle bezogen ist. Er war im Umgange mit den Frauen charmant, ohne je einen geläufigen Enthusiasmus für sie von einem Tee zum andern zu tragen; er war gütig und nachsichtig, manchmal etwas gönnerhaft. Seine Freundin Cölestina Tucher, die ihn boshaft einmal eine Kreuzung aus Pascal und Brillat-Savarin – einen Brillat-Savarin des Spirituellen – nannte, hat wohl aus ihrer Kenntnis Hippolyts das Folgende aufgeschrieben: »Die Schmuckstücke ihrer Schönheit in den Dienst der Erkenntnis des menschlichen Geistes zu stellen, ist die Mission der Frau. Um zu jener zelebralen Exaltation zu gelangen, die man gewöhnlich Enthusiasmus nennt, ist alles erlaubt, ob dieser Enthusiasmus sich nun sexuellen, sentimentalen oder religiösen Problemen zuwendet.« Und dann noch: »Die Lust der Liebe identifiziert sich mit der Trauer des Denkens, und die Indezenz drückt das Mitleid der allgemeinen Ideen aus, den Sinn des Absoluten, den göttlichen Schrecken der Welt.« An dem Tage, da der Prinz sechzig Jahre alt geworden war, schrieb er einem Freunde, der ihm gratuliert hatte, zu einigen Dankesworten auch dieses: »Als ich jung war, freute ich mich auf das Alter, darauf, daß dann doch so manches vorbei sein müßte, was die Jugend beschwerlich mache und man diese geruhige Einsicht in die Dinge des Lebens bekäme, die nicht tröstet, weil man ja keine schmerzenden Erfahrungen kennt, die aber wohltut wie ein laues Bad nach einem heißen Ritt. Und sonderbar: nun da ich alt werde – oder schon bin? – muß ich immer häufiger meiner Jugend nachdenken, und wie sich da voll verborgenen Sinnes alles fügte, was mir damals zumeist ohne allen Sinn und Bezug erschienen war. So will das ordnungliebende Alter sich die vergangene Zeit ordnen, die doch in sichern Keimen anlegte, was nun zu kurioser später Frucht gedieh.« Prinz Hippolyt war siebenzig, als er ein Leben beschloß, von dem die Zeitungen in ihren Nekrologen nicht mehr zu sagen wußten, als daß es das eines Sonderlings gewesen sei. Wohl, das Leben des Prinzen entbehrte jenen Reichtum an äußern Geschehnissen, welche die Freude des populären Biographen sind, und doch war es in seiner Art bedeutungsvoller und wirkungsreicher als das vieler anderer, auf deren Taten und Katastrophen man die Mühe umfangreicher Beschreibungen verschwendet. Doch unsere Zeit ist so gut geworden, daß sie das Leben des Prinzen schon als eine Legende und nicht mehr als das Besondere ansehn kann, welches es zur Zeit, da die Öffentlichkeit des Prinzen eine größere war, wohl gewesen ist. Wendet man die vergilbten Blätter, welche damals – um 1900 herum – die öffentliche Meinung zu sein vorgaben, so trifft man manchmal auf Urteile über den Prinzen, das heißt mehr Worte wie Ästhet, Amateur und ähnliches, deren naive Sinnlosigkeit eine Zeit unterhielt, die, kritisch noch weniger begabt als künstlerisch, einen Geist nicht ertragen zu können schien, der Leichtes und Schweres gleich hinnahm, der Laune so folgte wie der Leidenschaft, die inbrünstige Frommheit ebenso in seinem Blicke hatte, wie auf den Lippen ein skeptisches Lächeln der Scham; von Tristan und Isolde als der »sublimen Operette« sprach. Vielleicht ging der Prinz ohne Maske und galt daher einer Maskenwelt als der allein Maskierte. Oder: er verbrauchte den ganzen Bestand in verblüffendem Wechsel, denn: er wollte nichts repräsentieren, keine Verpflichtung zum Urteil der andern über sich geben, wollte Inkognito und bei sich bleiben durchaus. Er sagte: »Weshalb soll ich der Meinung des Herrn N., der mich einen Zyniker nennt, mehr Aufmerksamkeit schenken als dem Schimpfwort, das ein betrunkener Proletarier mir in den Wagen ruft? Beides ist genau dasselbe, das letzte, weil elementarer, entschuldbar.« Jenes papiernen Zeitalters Wasserzeichen war die Schamlosigkeit, dem Dünkel, dem Lügentum und der Unbildung gesellt. Jede neue Formel, die man für des Prinzen Wesen zur Abwehr seiner Größe sich erfand, war ihm recht, alle Vielheiten, in die man ihn zerlegte, waren ihm besten Falles Steigerung der Freude an seiner Einheit, die unverwirrt zu besitzen er so nur noch sicherer war, da man sie ihm absprach – mit seiner gern verführenden Nachhilfe. Denn er meinte: »Das Böse dieser Zeit muß man durchaus gewähren und in seinen Trägern sich auswirken lassen, denn es wird diese zerstören. Ja, besser ist es, dieses Böse in den Bösen noch zu fördern, damit das Gift in ihnen rascher wirke.« Doch ich will in größerer Ordnung ein Porträt des Prinzen Hippolyt versuchen, von dem ich wünschte, es entspräche seine Ähnlichkeit nur etwas meinem Eifer danach; und dieses nicht so sehr zum Zwecke eigener Zufriedenheit mit der bescheidenen Kunst als in Hinsicht auf die Moral: die Zeit, die wir leben, an eine Person zu erinnern, die es vermochte, in der Ausbildung eigener Art und im Ableben ihrer Natur auch der Artung dieser Zeit zu helfen. Dieses ist das Höchsterreichbare menschlichen Tuns: daß sich stärkstes Leben der Persönlichkeit nicht gegen die Umgebung und die Zeit, sondern mit ihnen, und sie durchaus fördernd, entfalte. Man sagt, daß der geniale Mensch gegen seine Zeit sich durchsetze, daß eine spätere ihm erst folge. Das Glück, die Glückseligkeit des Unzwiespältigen, wird diesem Eigenwilligen eine Illusion, ein hypothetischer Genuß sein, den er in Träumen, doch nicht im Leben erlebt. Glückseligkeit aber ist Freude an jeder Stunde. Und dies wurde dem Prinzen zuteil, und um dieses willen wäre sein Leben schon erzählenswert, wenn nicht der bedeutendere Umstand dazu veranlaßte, daß er vor allen es war, der oft mit Willen, meist in natürlicher Entfaltung seiner Art, den Deutschen zu jenem Leben geselliger Kultur verhalf, das wir heute nach etlichen fünfzig Jahren eines barbarischen Interregnums im geheimen besitzen. Der Prinz erlebte wie alle Kinder, und die der Vornehmen am meisten, seine Kindheit als eine Tragödie, die sie einmal für den begabten Menschen sein zu müssen scheint. Die guten Absichten der Eltern und Erzieher, deren »Tu dies« und »Dies tu nicht« die tägliche unverstandene Qual des Kindes sind, das von bösen Absichten nichts weiß und doch immer danach behandelt wird, das wohl die Freiheit kennt, aber noch nicht erfahren konnte, welche Beschränkung die Freiheit der andern seiner Freiheit auflegt – diese letzte Sorge wurde auch dem jungen Hippolyt zu dieser Tyrannei, ohne deren Erfahrnis der Mensch ein Fremder in seiner Zeit bliebe. Die Tradition des fürstlichen Hauses übte im Erziehungswerke, so weit und umfassend es auch betrieben wurde, noch eine besonders strenge Zucht, die ein Ahne einmal an dem Kurfürsten bewundert und für die Seinen angenommen hatte. Und war das Fürstentum auch schon seit zwei Geschlechtern mediatisiert, so wurde doch Erziehung und Unterricht weiter getrieben, als ob es noch zu regieren und den Untertanen ein gutes Beispiel zu zeigen gäbe. Aufgeklärte Bildung und konservative Zucht waren wie im achtzehnten so auch im späten neunzehnten Jahrhundert Hausgesetze der fürstlichen Familie. Daß Hippolyt, als er seinen Lehrmeistern entwachsen war, seine Freiheit wie eine schöne Trunkenheit genoß, daran war wohl die frühere harte Zucht schuld; aber ihr Erfolg war auch dies, daß der Prinz in aller Ausschweifung nie auch nur eine Stunde verlorener Würde und Beherrschung zu bereuen hatte. Er blieb in der ärgsten Debauche mit einer solchen naiven Sicherheit der Adelige, daß seine weniger tüchtige Gesellschaft ihn oft talentlos zur Unmoral nannte und die Meinung gewann, er sei »blasiert«. Es fehlte den jungen Leuten von damals die Fähigkeit, das Leben als ein Unteilbares zu empfinden und sich selber als zum Leben gehörig, eine intuitive Erkenntnis, die den antiken Menschen sicher, denen der Renaissance wahrscheinlich in hohem Maße zuteil und in diesen Tagen der Partikularismen und falschen Würden fast verloren war, wie die damals üblichen Wendungen »alles zu seiner Zeit« oder »sich ausleben« zeigen. Es war diese außerordentliche und durch die Traditionen seines Hauses geförderte Fähigkeit des Prinzen, daß er an das Leben nicht den Maßstab des »Bedeutenden« und »Unbedeutenden« legte, sondern in die Tatsache des Lebens sich mit einer ruhigen Intensität begab, einmal aus dieser Sicherheit des wahren Menschen heraus, der seine Adeligkeit nie verlieren kann, was immer er auch treibt, und dann, weil er allen diesen Wertungen mißtraute, die nichts sind als Hilfsmittel eines Bedeutenwollens. Der Prinz blieb unverheiratet, und man hat dies oberflächlich und schnell damit erklären wollen, daß es seiner Neigung zum verliebten Abenteuer besser so gepaßt und daß es ihm an jener Leidenschaftlichkeit in der Liebe gefehlt habe, die sich das eine Weib für immer verlangt. Ich hörte ihn einmal einer älteren Dame sagen: »Even gibt es ja genug, die einem den Apfel reichen, aber Paradiese sind keine mehr da«, und das war nicht nur ein Scherzwort. Sonst einmal: »Ich kann allenfalls mein eigenes Leben verantworten, aber auch die Verantwortung für das Leben einer Frau zu übernehmen, weil sie meine Frau ist, für die ich verantwortlich bin, das ist heute zuviel. Und dann erst die Verantwortung für die Kinder! Man sollte heute überhaupt etwas mit dem Heiraten pausieren, um sich zu besinnen, daß es mehr bedeutet, als Tisch, Bett und Brut miteinander haben.« Oder: »Der kunstvolle Garten, den wir uns mit einer Frau im Ehestande errichten, bedarf zu seiner Künstlichkeit alle Zeit der Pflege, wenn er nicht bald eine Wildnis der Lüge und Launen werden soll. Und um ihn als Paradies zu erhalten, darf man nicht müßig über die Mauern in die Welt, ja nicht einmal still auf seinen Nabel schauen, welche Versenkung unsereiner doch liebt. Dann kommen die andern, die gerade nicht versunken sind und Zeit haben, kommen helfen bei der Gartenpflege, und was Privatgarten war, wird öffentliche Anlage mit dem Gatten als der drolligen Figur des invaliden Wächters.« Der Prinz sprach weder in der Jugend noch in spätem Jahren über seine Verhältnisse mit den Frauen. Wohl nicht nur in natürlichem Feingefühl, sondern auch aus jener zynischen Gleichgültigkeit heraus, die jenem eigentümlich ist, dessen Liebe Sentiments nicht kennt, oder wenigstens nicht in den Formeln der Worte kennt. Es ist nicht ganz mit Bestimmtheit zu sagen, aber ich glaube, dem Prinzen war selbst jene naive Poesie fremd, mit welcher der Jüngling seine erste Liebe zu schmücken pflegt. Er war ein feiner Beobachter und Genießer aller weiblichen Reize, aber zu der Sublime »das Weib« sich zu steigern, dazu besaß er zu klare Instinkte und eine zu starke Abneigung gegen die Verarmung, die in allen Verallgemeinerungen liegt, die, wenn er sie wie jedermann im Reden gebrauchte, gewissermaßen vom Spiel seiner Lippen aufgehoben wurden. Er sagte einmal: »Eine Frau sei noch so tugendhaft, einem Kompliment darüber wird sie eine etwas pikierte Antwort geben, die etwa den Sinn hat: wissen Sie das auch so bestimmt?« Einer Beobachtung erinnere ich mich: »Ich hörte neben mir zwei magere, unschöne Frauen über eine dritte Dame sich unterhalten, über deren schlechten Lebenswandel, Leichtsinn, Liebhaber sie mit viel Entrüstung sich aussprachen, aber in dem Ganzen vernahm ich immer diesen Nebenton, der war, als ob die Liebhaber, der Leichtsinn, der schlechte Lebenswandel eigentlich ihnen, den beiden Häßlichen gehörten und die andere dies ihnen frech gestohlen habe.« In einem Briefe des Prinzen aus Paris finde ich diesen Satz: »Das Schönste in den Konzerten sind die Frauen. Die, neben denen der Gatte sitzt, oder die ihn zu Hause gelassen oder sonst verloren haben, die Frauen mit den schönen und schlimmen Erfahrungen der Leidenschaft. Diesen treibt die Musik alles inwendig Verschlossene, heimlich Bewahrte an die Oberfläche des Körpers, den so unter der Wirkung der Musik beben zu sehen zu den sinnlichsten Genüssen gehört, die ich kenne. Da ist keine Bewegung des Armes, keine Veränderung in den Augen, kein Spiel der Gesichtsmuskeln, das nicht, von der Musik gelöst, erzählte. Die jungen Mädchen, die nur eine illusionäre Erfahrung von höchstens dem honetten Bräutigam haben, geben weniger; ihre Verzückung ist allgemein; ein gleichförmiges, schwärmerisches Schafsgesicht die Regel. Die ganz jungen Mädchen geben gar nichts. Die lernen noch Klavier, und das Gesicht sagt höchstens: Kann ich das spielen? Werd' ich das spielen können? Aber die Frauen! Die Frauen! Die Musik, nota bene die nicht moderne, ist der einzige Verführer, der den Frauen die ganze Wahrheit entlockt, die wir andern ja doch nie erfahren.« Man möchte aus solchen Äußerungen, und daß der Prinz die sogenannte seriöse Liebe nicht zu kennen vorgab, zu glauben sich versucht fühlen, er sei zu einem wenn auch zarten, so doch überlegenen Spott im Verkehr mit Frauen geneigt gewesen, was aber ein Irrtum ist. In der Jugend war er zurückhaltend auch jenen Frauen gegenüber, deren Namen man nicht oder nur zur einen Hälfte kennt. Später suchte er gern die älteren Damen der Gesellschaft auf, deren offene Rede und liebenswürdige Erinnerungen er mochte; den jüngeren sagte er gewählte Worte über ihre Schönheit, und die häßlichen mied er, soweit dies die Höflichkeit erlaubte, weil sie, wie er sagte, von schlechtem Charakter wären. Dies konnte man auch sonst in seinem Urteile über Menschen bemerken, daß er alles, was man das Seelische zu nennen sich entschieden hat, wie Zustände des Körpers besprach und Worte von starker Konkretheit dafür brauchte. Ein Freund hat von ihm einmal gesagt, er sei ein Amateur der Liebe, ein Wort, das hier nicht ganz so unrecht ist wie da, wo es Fernstehende auf des Prinzen andere Tätigkeiten anwandten, deren häufiger Wechsel in jüngeren Jahren ihm das Urteil einbrachten, er sei ein Dilettant, und es fehle ihm die Ernsthaftigkeit. Und doch hatte ihn gerade seine Ernsthaftigkeit in seinen Entschlüssen bestimmt, und zeigte sich gerade darin der Mangel alles Dilettantischen, daß er selber seinem Tun prüfend nachging und keinem gültigen Einwand sich verschloß – was alles dem Dilettanten nicht eigentümlich ist. Wirkung ging von diesen früheren Tätigkeiten Hippolyts wohl nur auf eine kleine Zahl seiner Zeitgenossen, für die er in schönen Büchern jene Schriften druckte, die der damalige Zeitgeschmack entweder ganz vergessen hatte oder verachtete oder einer pedantischen Gelehrsamkeit der Universitätsseminare überließ. Die Bedeutung, die es gewann, und die Wirkung, die es übte, daß der Prinz etwa Hölderlins Schriften, Klopstocks Oden, Goethes Natürliche Tochter und den Westöstlichen Diwan, einen Horaz und die Komödien Molières druckte, dies ist nicht jetzt mehr zu bestimmen. Die Bücherfreunde werden auch jene Bändchen als kleine Schätze zeigen, die des Prinzen eigene Versuche enthalten, in denen seine Jugend anmutig sich vorstellt. Denn es fallen diese Versuche alle in die ersten zwanziger Jahre des Prinzen. Was ihn veranlaßt haben mochte, mit dem Anfang seiner künstlerischen Bemühungen ein so schnelles Ende zu verbinden – welcher rasche Entschluß sicher einer Überlegung entsprang –, war wohl, daß es seine Art mehr war, in den Künsten zu empfangen als zu geben, und daß er ganz unromantisch die Vollendung nicht schon im persönlichen Befolg der Laune sah, die meint, ihr Recht und ihre Berechtigung als Ausdruck völlig in sich selber zu finden. Die stark impressionable Natur des Prinzen bildete nicht sehr starke Widerstände aus, und sie kam so immer leicht in Gefahr, allen Lockungen sich hinzugeben (denn in seiner Fähigkeit zum Genuß sah er keine Grenzen, die ihn auf Sparsamkeit damit gewiesen hätten) und mehr aufzunehmen, als zu erwerben möglich ist. Beschränkung ist der Jugend nicht gegeben. Seltener aber noch ist die Schätzung eigenen Könnens, wie sie Hippolyt besaß. Er übte das Talent künstlerischen Schaffens wie das des Reitens oder Jagens, als eine nun einmal vorhandene Fähigkeit, die, ungeübt gelassen, irgendwo als ein Übel zum Vorschein gekommen wäre. Doch als Letztgeborener einer in den höchsten Geschäften des Lebens durch Jahrhunderte tätigen und in Pflichten gegen sich gezüchteten Familie hatte er ein Erbe menschlicher Kultur im Blute, das sein Leben in Breite und Tiefe groß bestimmte, ihm aber jenes Eigentümliche versagte, was den Künstler bestimmt: er konnte Menschliches zu Menschlichem erwerben und zum Höchsten bilden, aber das Göttliche war ihm versagt, das sich der Eigensinn zum Mittelpunkt schafft, das etwas vom Bornierten, etwas vom Gemeinen, aber Anfang und Ende vom Gott hat. Als ihm dies deutlich wurde, stand auch schon sein Verzicht fest: die Zahl der Dichter ihrer Laune und der Selbstgenüge in der Mitteilung ihres ganz Privaten wollte er nicht noch um einen vermehren und die Verwirrung vergrößern, die in jener Zeit über den Dichtern war, als welchen man nur den romantisch-subjektiven gelten ließ, um übrigens jeden Zeitungsschreiber, der ein Stück verfertigte, einen Dichter zu nennen, um die Scham zu beruhigen, die man darüber empfand, daß er einem gefiel. In spätem Jahren entfernte sich der Prinz auch darin ganz von den Dichtern seiner Zeit, daß er sie nie las und, wenn darauf die Rede kam, sie als die moralisch sicher schwächsten Energien der Zeit etwas verachtete. Er sagte einmal: »Alles Große, was wir vom Dichter sagen – glauben Sie, wir sagten es, kennten wir nur das Beispiel der heutigen Dichter, so sehr ich auch anzunehmen bereit bin, daß sie tun, was sie nur können –? Das Talent ist etwas Vulgäres. Wir sagen: Alles was von einer Welt übrigbleibt, sind nur Werke der Kunst – wie Hohes müssen wir da von der Kunst verlangen, um das von einer Welt zu sagen! Ich glaube, eine Zeit, die keine rechten Heiligen hat, die hat auch nicht die Gegner der Heiligen, nämlich Dichter.« So merkwürdig diese dreißig Jahre, die auf die deutschen Siege 70/71 folgten, für den Kulturbeschreiber sind, so barbarisch waren sie für den, der sie unbeteiligt erlebte. Die Moral christlicher Art, vom Religiösen verlassen und in einem evangelischen Verein müßig konserviert, erfuhr ihre letzte Anstrengung zur Bedeutung im Sozialismus, und diese mit einer solchen obstinaten Brutalität des Normalen, daß es die Geduld der Zögernden erschöpfte, und diese nun laut und förmlich die andere Artung ihrer moralischen Gefühle ausriefen, wobei sie sich einer dubiösen literarischen Antike bedienten, um einem übel verstandenen Individualismus die den Deutschen so teure historische Grundlage zu geben. Und da man sich immer noch für das Volk der Denker hielt, auch ohne Denker, so passierte es, daß sich alles einem wortreichen Gedankenkampfe hingab, wovon ein ruhiger Zuschauer den Eindruck bekommen mußte, daß hier eine Nation in Irrung und Verwirrung einen pathetisch-lächerlichen Selbstmord begehe. Nichts, was man nicht mit irgendwelchem Denken aus seiner Ruhe brachte, nichts, was man nicht reformieren zu müssen wähnte. Dieser andere Furor teutonicus schien zeitweilig sogar Stammesgenossen mit stärkerem Kulturgefühl und sicherer Tradition, als die Preußen sie besitzen, wie die Wiener und die Schweizer, zu ergreifen, wenn auch das meiste sich umsonst mühte, die guten Traditionen zu unterbrechen. Moralische Werte wurden ästhetisch bestritten, ästhetische Werte moralisch widerlegt, religiöse Dinge wurden zu naturwissenschaftlichen und das Genie eine Angelegenheit des Arztes. Wissen aller Art fiel in alltäglich dreimal erscheinenden Zeitungen über den Armen her, dessen Geist eine populäre Enzyklopädie wurde. Nichts war gefestigt, alles vogelfrei, einem jeden ausgeliefert. Alle Form und Sitte war gelöst, aller Sinn für das Leben verloren. Das Übel einer wie über Nacht gekommenen kapitalistischen Wirtschaft vermehrte mit einem Heer von Emporkömmlingen, die sich kraft ihres Reichtums auf die Stühle der Bildung setzten, diese allgemeine Verrottung, als welche der Zustand Deutschlands war, dreißig Jahre nach dem Kriege, nun, da der neue Staat nicht mehr zur Festung und Fügung die Arbeit aller brauchte, ein freies entbundenes Wettspiel jeden einzelnen zu sichern schien. In den Jahren jenes Krieges stand alles unter einer Idee. Nun ging jeder seine meist wilden Wege. Der Luxus, der bald auf den bürgerlichen Wohlstand folgte, verlangte wieder nach der durch das politische Staaterbauen lahmgelegten Kraft des Künstlers, und diese war unsicher geworden, diente brutal, gemacht und laut einem auf das Brutale, Vordringliche gestellten Ungeschmack. Andere wieder wurden zu Virtuosen ihrer Manier, und die meisten, die sich den Künsten hingegeben hatten, fanden nun, da sie sie nutzen wollten, in sich nichts, aber bei den Fremden, die sie nachahmten. Wenige waren und blieben einsam: man gab ihnen üble Namen und sagte ihnen, was man für das Schlimmste hielt: sie seien lebensfremd. Sie aber mißbilligten nur oder konnten nicht das Leben ihrer meisten Zeitgenossen leben. Diese Unsicherheit und Verwahrlosung in den Künsten stehe nur als ein Beispiel für die gleichen Erscheinungen, welche allenthalben in der Gesellschaft dieser Zeit herrschend waren. Wie dort nur die Geschicklichkeiten oder der Schwindel sich mühten, so hatte auch hier die Sicherheit in Form und Gehaben, in Anschauung und Überzeugung einem problematischen Verhalten Platz gemacht, das einmal die Willkür guthieß und alle wohlerworbene Form und Sitte verlachte, das andere Mal nichts weiter hervorbrachte als das mühsam zusammengeputzte Requisit einer verlebten Mode. Man tat dies und jenes aus Mode, die von kürzestem Bestand war, da sie keinem Zustand seelischer oder intellektueller Spannung, sondern einer Laune ihr Dasein dankte. Man übte eine Form, weil man für eine Weile sich so gefiel, dann wieder zerstörte man am andern Orte alle Form und lehrte die Formlosigkeit als den neuen Geist. Man konnte so und zugleich auch immer anders sein: so voraussetzungslos lebte und dachte man, wofür man ein Recht auf die Individualität aussprach, das jedem zukam. Trat ein Neues auf, so gab man sich keine Mühe, es zu beherrschen, was nur durch die Form möglich ist, sondern nahm es, verschlang es als einen Zufall des Tages, voll hysterischer Neugier auf den Zufall des nächsten. Jeder zeigte »Interessen für alles« und lief atemlos den Dingen nach; keiner dachte daran, mit dem Neuen zu leben, nur es rasch zu erleben, war man begierig. So gaben viele das geringe aber doch eigentümliche Leben hin für fremdes, mit dem sie sich zu vertiefen meinten, da sie sich nur schlecht damit ausschmückten und ihre Oberfläche brüchig und rissig machten. Keiner fragte sich mehr, was ihm eigen sei, sondern nur, was ihm fehle, und nahm ohne Wahl alles an sich ohne jeden Sinn für Wohlbekommen und Gesundheit. Daher kam es, daß man in dieser Zeit so wenig Erwachsene, Vollendete traf, so wenige, deren Gegenwart man spürte; jeder war zu jeder Zeit anders: ewige Neugeborene. Und jeder war zu jeder Zeit unterwegs, im »Fortschritt«, in dessen »Zeichen« man ins Ungewisse rannte. Alle Haltung war geschwunden, da alle Ruhe und Bescheidung fehlten. Keiner vermochte eine feste Bildung gegen einen Eindruck zu setzen: die Lust an der andern Sensation hatte die Erregbarkeit zu einer Sensibilität gesteigert, die ein fortwährendes Beben war und nichts mehr anzeigte als die Schwäche ihres Trägers. Den Künstlern war in dieser kunstfeindlichsten Zeit Deutschlands die Aufgabe gewachsen, in eine bessere Zeit mehr als die Kunst zu retten, nämlich auch den Sinn des Lebens, und sie mußten es oft mit allen Übertreibungen und vielem Dändismus tun (was den Künsten fremd und hier nur aus der größern Aufgabe erklärlich ist), und dem ist es zu danken, daß wir das Schloß in den Pyrenäen nicht verloren haben. So unerträglich und pervers damals die Hartnäckigkeit der Künstler den meisten auch erschienen ist, so war sie nötig und natürlich, denn es war ein Mehr, das sie wollten und mußten, als Gedicht oder Bildwerk, und nun ist das Unerträgliche von damals ein schönes Ergötzen und guter Kultus geworden, nun, da die Deutschen wieder einige Ruhe und Besonnenheit gewonnen hatten, Masse waren und nicht mehr »Individualitäten«, die nicht mehr über die Stile und Richtungen sich ereifern wie damals, als man so viel schrieb und nicht schreiben konnte, als man so viele Ideen hatte und keine heitern Einfälle, Feste repräsentierte und nicht feiern konnte, und als eine durch den wirren Lärm und das Unvermögen verursachte barbarische Falschschätzung der Künste uns diese und alles zu vernichten drohte. Die Überzeugung der Künstler, daß eine Neubildung der geselligen Formen einzig von ihnen aus erreichbar sei, ist, da Kunst auch Ordnung bedeutet, nicht merkwürdig in einer Zeit, die den Heiligen, den andern Ordner, nicht mehr hervorbringt. Aber die gleiche Meinung erfaßte auch die Laien, die Außenstehenden, die den Zufall des Genusses (und nur dies ist ihnen von der Kunst zugänglich) zur Permanenz zwingen zu müssen glaubten, indem sie oft alle ernste, wenn auch bescheidene Lebensführung aufgaben, um als eine Art geistiger Bohême dem Kunstenthusiasmus zu obliegen. Die Täuschung jener Zeit war so vollkommen, daß ihr alles sinnliche Wirken nur durch das Medium der Kunst möglich schien, die man an alles Erreichbare applizierte, an Mensch und Ding. Es wurde sogar unter den Frauen der Typus häufig, der in dem Erotischen kein Temperament offenbarte, sondern Literatur; Romanlektüre gab ein Beispiel zum Ehebruch, Theaterstücke gaben psychischen Defekt, und überzeugte Emanzipation veranlaßte Damen der Gesellschaft, sich uneheliche Kinder zeugen zu lassen. Es waren keine Zeichen dafür da, daß der sogenannte Kunstgenuß die ihm eigentümliche Wirkung hervorgebracht hätte, nämlich eine Steigerung des Lebensgefühles und eine Festigung der Haltung. Die Menge, die den Künsten und deren Surrogaten sich hingab, tat dies aus Schwäche und Erschöpfung; zwischen ihr, die am Tage den Berufen mit Hast und ins Materielle gebannt oblag und nach dem Tage den Künsten sich hingab oder sonst in den Pausen einer an den Gelderwerb geketteten Existenz; zwischen ihr und der Kunst fehlte jene sichere Brücke der guten Wahl und der guten Vorbereitung, die nur dann vorhanden ist, wenn der Wert des eigenen Lebens gehoben ist von der Lebensführung aller, wenn ein der Berechnung unzugänglicher Sinn des Lebens feststeht und von der Konvention gehalten wird: gütige Formen und Heiterkeit, Liebe zum Kleinsten und zur Stunde, die auch ein Geringes nur zu gewähren braucht, Sicherheit der Gefühle, Bescheidung und ein weises Maß des Übeln und Guten für die Erhaltung des Lebens und dessen höchste Nützung im Sinne des Ganzen. An Stelle all dessen war kein Heute, sondern ein Übermorgen, das man zu versäumen sich ängstete, wenn man auch nicht wußte, was es enthalten wird, und wieder ein Warten auf einen Erlöser von hysterischer Langeweile, die sich ohne Besinnen in ein Vergnügen warf, das für alle angerichtet war. Es war das neuere Theater ja nie in starkem Maße eine Freude des gebildeten Mannes gewesen, aber zu keiner andern Zeit als dieser offenbarte es so stark seine Beziehung zur Menge, die weder Volk noch Hof, sondern Publikum auf Grund bezahlter Eintritte war, an dessen dumpfe Instinkte, Dummheit, schlechte Leidenschaften und niedere Anschauungen es sich wendet, um zu bestehn. Die künstlerische Unmoral, die darin liegt, einer unbekannten, vielartigen, in sich zerspaltenen und verfeindeten Menge ein Werk der Kunst zu übergeben, wurde darin deutlich, daß man vom Dichter absah und den Mimen und Regisseur schalten ließ, um deren »Auffassung« die Köpfe sich erhitzten. Das so an den wenigen Stellen, wo man den Dichter noch nicht ganz überwunden hatte und glaubte, man brauche ihn noch: über welches Vorurteil die meisten Theater weg waren. Man erinnert sich vielleicht noch des Theaters, das der Prinz in seinem Wiener Palais spielen ließ. An zwei Abenden in der Woche, oder im Sommer vormittags im Parke fanden sich da die Gäste ein, um sich einem Vergnügen hinzugeben, in dem alles Schwere, für sich Bestehende, das die Künste haben, in einer heiteren Geselligkeit gelöst war, die des Spieles auf der Bühne nur als eines Anlasses bedurfte, der Gebundenes entband und voller Wirkung auf die eigene Schönheit diese steigerte. Der Takt des Prinzen machte die Gesellschaft, die sich bei ihm traf, sicher und vertrauend. Alle Neugierde verlor sich bald, wenn sie etwa mitgebracht wurde, denn nichts war auf ein Verblüffen abgesehen. Alles entsprach der Vorbereitung eines jeden, ohne daß er es merkte, und indem er die angenehme Täuschung gewann, er sei nicht Teilnehmender, sondern Mitwirkender, was auch wirklich so wurde, als der Prinz die Spiele seltener werden und ganz aufhören ließ. Jeder gab sich die leichte Mühe zu Haltung und Form, lebte in dem Ganzen mit intensiverem Genuß seiner selbst. Was gespielt wurde, ist hier nicht weiter zu erwähnen oder gar zu untersuchen; wohl Altes und Neues, Gutes und weniger Gutes, Heiteres und Trauriges. Das Ballett hatte einen großen Platz in den Programmen, wie Shakespeares Lustspiele und Molière. Dann auch die alten französischen Singspiele und Offenbach. Daß er sich der sogenannten großen Oper völlig enthielt, braucht nicht gesagt zu werden. Von neueren erinnere ich mich, Otto Vrieslanders »Scaramuccia auf Naxos«, eine Pantomime von Debussy und ein Ballett von Ensor zum erstenmal auf dem prinzlichen Theater gesehn zu haben. Dies vermag keiner: daß er seine Zeit aus der Barbarei in die Kultur höbe – die Absicht auf ein solches Unternehmen würde in abstrakten Ideen und Plänen sich ausgeben, in Büchern und Wohlmeinungen; denn die Absicht ist ja selber nichts weiter als eine solche vom Lebendigen entfernte Idee, die von außen stoßen und bilden möchte, was Trieb und Bildung von innen sein muß, soll es zu guter Frucht gedeihen. Doch ist es in Zeiten der Umbildung und Änderung glücklichen Naturen gegeben, daß sie durch ihre Lebensführung wie ein Vorbild wirken, daß sich Zögerndes an ihrem Beispiel entschließt, Schwankendes sich festigt und Suchendes den guten Fund begrüßt. Der Name des Prinzen hatte ihn schon im Beginne an einen hellen Ort gestellt; äußerliche Anerkennung war ihm durch Geburt und Reichtum leicht gemacht und im voraus gewiß. Aber er führte sein Leben mit einer solchen Sicherheit, daß das, was er tat und wie er es tat, von den Bereiten als ein durchaus natürliches, selbstverständliches gefühlt wurde; so sehr verschieden es auch vom Gewohnten sein mochte, es machte sich nie als eine Ausnahme deutlich. Ja, man fühlte an seinem Beispiele eben dieses Gewohnte als sinnlose willkürliche Ausnahme und seine Art als rechte Regel. Nun kam zu mählicher Frucht, was in den neuen Zeiten die Blüte nicht verloren hatte. Nicht schüchtern und ohne sichtbares Wollen begann es, wie etwas Selbstverständliches wurde es, nicht mit dem lauten Lärm der Manier und geilen Aneignung, die bis jetzt nachäffend, kläffend und verderbend verfolgt hatte, was der Tag an einzelnen Versuchen brachte. Es klingt sonderbar, aber: es gab auf einmal keinen Snobism mehr. Dies bezeugt, daß es nicht ein Einfall des Prinzen war, sein Leben gerade so zu führen, sondern, daß er nichts weiter tat, als der eigenen Art ihren Weg zu lassen und seine Moralität dabei nicht auszuschalten. Er liebte die Geselligkeit und wußte sie als erste Voraussetzung jedes gesteigerten Gemeinschaftslebens, doch mußte mehr an ihr beteiligt sein als Gäste, Diner und Theaterspiel; es mußte intensiveres Leben in ihr sein, nicht ein Erholen vom Leben und Ausruhen von einer Mühe, es mußte Leben der Menschen in ihr sein und nicht Würde der Repräsentanten, ein Sein und nicht ein Scheinen, kein Spiel der kleinen Worte oder dieser Meinungsaustausch über Dinge, die in den Zeitungen stehn; nein, nicht Meinungen, sondern Gedanken äußerten diese Menschen, und nicht bloß so, daß die Gedanken interessieren, sondern auch der, der sie hat. Hippolyt ging seinen Gästen, denen, die es noch nötig hatten, vielleicht mit seinem Beispiel voran, daß er nicht nur seinen Witz freiließ und was ihm einfiel, sondern daß er vielmehr nichts von seinem Menschtume versteckte und mit seinem Leben alle Form erfüllte. Nie hatte man bei stärkerer Würde größere Freiheit darin gesehen, daß jeder die Art seines Lebens betonen konnte, wie immer diese auch war; daß ein ungeschriebenes Zeremoniell des Verkehrs wohl dessen Formen bestimmte und äußere Gleichheiten schuf, die nur um so stärker die schönen Verschiedenheiten der einzelnen zum Vorschein brachten. Es ist kaum bestimmbar, auf welchen Wegen Hippolyts Beispiel in seine Zeit ging. Es wird so sein, daß die Zeit ihm wohl entgegenkam, und er dem, was so werden mußte, durch die Bedeutung seiner Persönlichkeit, die nichts mit dem sogenannten Individuellen von 1890 gemein hatte, zu dem rascheren Werden verhalf, daß dieses nicht in Irrtümern schwankend sein Ziel solang verfehle, bis es ermüdet das Ziel aufgebe. Es wird nicht mehr nötig sein, dieses Ziel in Worten zu beschreiben, die, seien sie wie immer, schon eine Kritik enthalten, wenn auch eine preisende, wie es hier der Fall sein müßte. Festhalten wollen, was nur in der Bewegtheit ist, hieße vom Feuer wollen, daß es nicht brenne, vom Winde, daß er nicht wehe. Käme ein Wesen von einer andern Welt, fremd uns und wir ihm fremd, und könnte dieses Wesen in unsere Art ganz sich verkleiden, ohne daß es die eigene aufgäbe, so möchte wohl ein solches Wesen fähig sein, uns das Wort über uns selber zu sagen, das unser Tun richtet und ihm die Weihe der endgültigen Wertung gibt. Menschliche Weisheit aber liegt in der Beschränkung, und unsere Wahrheiten sind glücklich, wenn sie den Tag ihrer Geburt ausleben und nicht mehr und wir ihnen nur unsern ganzen Glauben ohne Zögern und Zweifeln schenken. Die Stimme des großen, vielarmigen und einköpfigen Tieres unter den Fenstern ruft, unsere Kultur sei das Gebilde einer Kaste, nicht des Volkes. Sie nähme aus dem Volke, doch gäbe sie ihm nichts. Ist es so, so sei es auch so. Besser die Kultur einer Kaste als die Barbarei aller. Und muß es sein, daß das gesamte Leben der wenigen durch die Sklaverei der vielen sich behaupte, so ist das Mögliche eben nicht anders als durch dieses Mittel erreichbar gewesen, und wir lassen den vielen den Kopf, darüber nachzudenken, wie dies zu ihren Gunsten zu ändern sei, und mögen sie auch mit den Fäusten nachdenken und eine Idee erzeugen, stark genug, einer Revolution das Leben zu schenken. Keine Idee ist es aber, der unsern die bloße Negation entgegenzustellen. Wir nennen Gegenwart, was wir mit unserer Energie und Lust am Leben an Zeit fassen können, und wissen wohl, daß es nur Vergangenes gibt, sofern wir es erinnern, und Künftiges, sofern wir es glauben, und daß alles ein Vergehen ist, am Einzelleben gemessen. Aber die Kraft unserer Täuschung, die uns Gegenwart sagen läßt, ist stärker und fruchttragender als einer vernünftigen Erkenntnis lähmende Gewißheit. Solange bei den Sklaven die unterordnende Sklavenmeinung geltend ist, daß die äußeren Bedingungen den Menschen bestimmen, und was der Mensch tun könne nichts sonst sei, als sich so erträglich wie für ihn möglich in diese Bedingungen zu finden, solange wird in den Sklaven keine Kraft sein: Meutereien werden sie in die Gassen treiben, aber eine Revolution werden sie nicht vermögen. Inzwischen wollen wir, wir Kaste, uns mit dem letztgebliebenen Rest eines alten Gedankens behaupten und den nicht aufgeben, auch wenn man ihm seine Gerechtigkeit abspricht. Daß wir ihn noch leben können, beweist sein Recht. Das ist genug. Als der Prinz älter wurde – (der Leser möge entschuldigen, daß ich Hippolyts Lebensgeschichte so beschleunige und fast ein Jahrzehnt daraus übergehe, das der Prinz in einer Versuchung hinbrachte, die ich hier nur kurz erzählen kann, wo es mir nicht um die Darstellung eines Einzellebens, sondern um eine Beziehung zur Zeit zu tun ist: Der Prinz ging auf Reisen und blieb verschollen. Er erzählte nie von dieser Zeit, die er in einem Kloster auf Malorca verbracht hat, als er sich auf einmal vor der Not des innern Menschen fand und nicht mehr die Worte sprechen konnte. Allgemein nahm man an, und ich glaube, es wurde sogar öffentlich bekanntgegeben, er sei auf Java verstorben, als er – acht Jahre waren inzwischen vergangen – wieder in Wien erschien und sein Leben weiterführte, als ob die acht Jahre nur der Ausflug eines Tages gewesen wären. Der Prinz übersah auch im Gespräche diese Zeit völlig und sagte »unlängst«, wenn er etwas meinte, was vor elf Jahren geschehn war. Wenn man ihn direkt fragte, so sprach er von der Tigerjagd in den Dschungeln, aber auf eine so fabulante Weise, daß jeder lachend merkte, der Prinz habe nie in den Dschungeln nach Tigern gejagt. Man versteht, weshalb ich bei dieser Zeit nicht länger verweile.) Als der Prinz älter wurde, und reifes Leben, das sich dem Ende zuneigt, der Beschaulichkeit mehr zugewandt ist als dem brüsken Auftreten der Ereignisse, da mochten sich wohl seine Freunde manchmal bei ihm beklagen, daß er sich selten mache. »Wenn man alt wird«, meinte er dann, »bekommt man so seine Krankheit: man neigt leicht dazu, sich in Sentenzen zu verlieren und damit langweilig oder in anderer Weise unartig zu werden, durch Schweigen oder sonst zu beleidigen und aufzufallen. Man gewöhnt sich Liebhabereien an und lebt nicht mehr so richtig im Ganzen. Man rekapituliert, macht Bilanzen, zählt Summen, wird zur falschen Zeit schläfrig oder munter, der Magen macht Geschichten – lauter ganz ungesellige Dinge. Alter und Häßlichkeit mögen sich selber am besten in der Einsamkeit genießen.« Diese versah sich Hippolyt mit Musik, worin er die alten Italiener und Mozart am meisten liebte. Sein Quartett Musikanten mußte ihm vorspielen, wenn er las. Und er las die alten Chinesen, die deutschen Mystiker, Vergil und Horaz. Von neueren – so nannte er sie – Goethesche Prosa, Kierkegaard und den Philosophen Richard Avenarius, dessen Art, reichste und feinste Kenntnis des Lebens und alle dessen subtilsten Gestaltungen in eine starre Mechanik zu zwingen, ihn immer wieder anzog. Von den Dichtern seiner Jugend blieb er George, Hofmannsthal und Rudolf Borchardt treu, Gide und Paul Claudel, Samuel Butler und Swinburne. Der Prinz erkannte, wie naturgemäß das Alter, vom Leben allmählich ausgeschlossen, auf keine andere Tätigkeit als die des Gehirnes gewiesen wird, und »mit der Eigenart unserer Gedanken, ich bitt Sie! Was macht sich eine junge Dame daraus! Man bekommt die Lorbeeren, und man hat noch den Geschmack auf der Zunge von dem viel bessern Gemüse, das einem einstmals von zarten blonden Dingern in den Mund geschoben wurde.« Soviel auch der Prinz in dieser Zeit mit den moralischen Dingen sich beschäftigte und sich zum Leben mehr als ein Zuschauer stellte, so erklärte er dies doch immer für eine Alterserscheinung, die nicht eben von irgendwelchem Werte sei, wenn nicht von diesem vielleicht, daß sie den Abschied vom Leben erleichtere, indem die – leider – kühlere Betrachtung dieses Leben entfärbe. »Man hat seine Erinnerungen, aber wie Blumen in einem Herbarium geben sie keinen rechten Geruch mehr, und da beginnt man sie halt zu klassifizieren – ein schwacher Trost, wenn es nach dem eigenen System geschieht.« Es würde die Meinung, die der Prinz selber von seinem Leben hatte, schlecht treffen und vom Zwecke dieser Studie abziehen, verweilte ich bei dem Ende dieses Lebens, das nun nach innen ging, ausführlicher, so gerne ich auch von manchen der weisen und schönen Ansichten des Prinzen Kenntnis geben möchte und ausführen, wie in gütiger Harmonie hier ein Leben verging, von dem der Prinz auf dem Sterbebette sagte, er würde es nie anders zu leben wünschen, wenn es ihm auch noch zehnmal gegeben würde. Doch dies wäre eine andere Geschichte, die, in der einen erzählt, die Meinung und die Absicht dieser verdunkeln würde, welche Absicht keine sonst war, als von der beiläufigen Art eines Menschen unserer wiedererworbenen Kultur eine Silhouette aus dem Papiere zu schneiden. Daß ich sechs Jahre später dem Bedürfnis nachgebe, diesem Erinnerungsblatte aus dem Jahre 1901 noch einiges hinzuzufügen, möge man aus der Liebe zu meinem Freunde begreifen – ich bin doch immer mit ihm gewesen, nicht wahr? – und weil mich heute dünkt, als ob der eine und andere Zug der Silhouette bestimmter hätte sein können. Es seien also auf den schwarzen Schattenriß noch einige Lichter gesetzt, die moralische Idee, deren Geste der Prinz war, deutlicher zu machen. Das Unlaute in Hippolyts Art, und weil ihm ein Glauben eignete, daß auch die entgegengesetzten Meinungen das versöhnende Element einer gemeinsamen heimlichen Wahrheit besitzen, ließ ihn dem oberflächlichen Zuschauer als einen Skeptiker erscheinen, der das Que scais-je? des in seiner Indifferenz als Zuschauer amüsierten Montaigne zu seinem Wahlspruch erkoren und in einem bequemen Hedonismus sein Leben verbracht hat. Das ist ein falsches Urteil. Denn des Prinzen tiefer Zweifel war ihm etwas wie eine religiöse Pflicht, da er unter der Einheit Gottes stand und die Mannigfaltigkeit menschlichen Wesens nicht als letzte Erkenntnis ansprechen und billigen konnte. Des Prinzen Wesen stand dem Mönchischen in der Tat viel näher als irgendwelchen Lustplätzen Epikurs. Er war ein Platoniker in der zwiefachen Überlieferung: er besaß eine Vision der Wahrheit, wie sie in der intuitiven Sicherheit ruht, und er ließ messend und wägend das Urteil in der akademischen Schwebe. So war er ein Mystiker, wie Plotinus etwa, und ein Spötter, wie Lukian etwa, in einem. Das erste gab dem Skeptiker die Güte, die Skepsis wieder ließ die Schatten des Parmenides nicht starr und schwarz werden. Er forcierte nichts und ließ alles seinen eigenen Weg gehn, denn er glaubte, die Wahrheit müsse sich immer durch einen Akt der Gnade offenbaren, die eine Wahrheit, an die er unbeirrbar glaubte als das einzige, was alles erst wirklich mache. Er lauerte dieser Wahrheit auf, er ging sie suchen in allen Dingen, und sein Zögern, seine Skepsis, das war, weil ihr Fund schwer ist in den Verstecktheiten ihrer irdischen Verwirklichungen. Mit des Glaukon Worten ist seine moralische Haltung gut zu bezeichnen: »Wohl, für den Weisen ist jedenfalls die Zeit, die er dem Besprechen solcher Dinge zu geben hat, die Zeit seines ganzen Lebens.« Ja, das ganze Leben ist ein Gespräch mit unserm unsichtbaren Gefährten, wissend, daß jede Antwort eine neue Frage ist, und wissend aber auch, daß eine letzte Antwort ist. Die Einheit und die Vielheit trafen sich in des Prinzen Verhalten zum Leben wie Gleiche, denn er war ein zu intensiver Leber des Lebens und Liebhaber der Künste, als daß er sich hätte mit einer Abstraktion zufrieden geben können, und war doch immer eine Einheit in seiner Vielheit verlangend. Daher seine Liebe für geschlossene Kulturen, und daher seine Kraft, so Außerordentliches zur Bildung einer Kultur beizutragen, wo alle Interessen der intellektuellen Welt, Kunst und Dichtung, Philosophie und Religion, Geselligkeit und Tun, sich alle in einem vollkommenen Typus allgemeiner Kultur kombinieren. Deshalb schaltete er nichts aus der Welt aus, da alles zum Ganzen und Einen gehört und kein Platz anderswo als wieder nur in der Welt ist, das aus ihr Geschaltete hinzutun. Der Prinz war nichts speziell und nie auf einer Seite: er war alles und in und mit allem. Mit Zögern, vielleicht auch mit Skrupeln, sicher aber im Gefühl größter Verantwortung ging er suchend seinen Weg nach der Einheit, die nicht in Streit noch in Behauptung zu finden ist. Walter Rathenau. Nach einer Photographie von Gerstenberg, Berlin Walter Rathenau Rathenau kam einmal, es war vor dem Kriege, als später Gast ins Haus unseres vortrefflichen Verlegers Fischer, zur Stunde, da die Gäste in des Hausherrn behaglichem Büchersalon den Kaffee tranken. Er war ins Schloß geladen gewesen und trug auf der Brust den klirrenden Schmuck seiner Orden, ein gut Dutzend Stück. »Ich habe zu Hause im Kasten noch mehr so Blecher«, sagte er auf einen lächelnd-erstaunten Blick, solchen Ehrungen gegenüber eine Gleichgültigkeit andeutend, die er als ein seines Wertes sehr bewußter Mensch besaß, zumal er die Orden auch nicht für seine Schriften bekommen hatte. Aber er war doch stolz darauf, daß ihn, den Juden, dem als Einjährigen das Leutnantspatent verweigert, und der als Vizewachtmeister entlassen wurde, die von ihm so bewunderte preußische Herrensippe hatte anerkennen müssen. Rathenau war klug genug, zu wissen, daß mit Adelung und Orden jener, der beides verleiht, sich nur die nötige Brücke über einen trennenden Abstand legt, ohne die ein öfterer Verkehr nicht möglich. Mit einem bloßen Herrn Rathenau gab's für Majestät keine wiederholte Unterhaltung; er mußte als ein für Auszeichnung Dankender kommen. Aber daß die Sippe ihn dafür vorschlagen hatte müssen, freute ihn. Denn er, der braune Beduine, der von seinen spanisch-jüdischen, mit Berberblut vermischten Ahnen sprach, liebte aus Gegensätzlichkeit diese blonden, rosigen, knochigen Preußen mit den blauen Augen, die Offiziere dieses kleinen Adels, die Dichter dieser dürftig-spröden Landschaft, die Beamten dieses sparsamen Haushalts. Die körperliche und geistige Armseligkeit eines assimilierten kleinen Judentums aus dem Osten, das sich selber mit dem jüdischen Witz ins Gesicht spuckt und so seinen eigenen Antisemiten spielt, fand er verächtlich, und es verführte ihn sein Stolz zu dem Glauben an ein Judentum der Rasse, dem er in andern Rassen die Gegenspieler gab. Als Gegengabe für den Roman »Wiltfeber« schickte er dessen Verfasser Burte eines seiner Bücher; er zeigte mir die Widmung, die er hineingeschrieben hatte: »Dem ewigen Deutschen der ewige Jude.« Rathenaus Stolz auf sein Judentum litt unter keinerlei Antisemitismus, die Fremdheit des preußischen Junkers ihm gegenüber respektierte er, da er auch seinerseits Fremdheit diesem Junker gegenüber empfand, die er in Bewunderung äußerte. Selber in Geschäften stehend, litt er als Jude unter den nichts als Geschäfte machenden Juden, die es nicht sein wollten und es doch im Übelsten waren. Er gab sich da gern Vorstellungen hin, die im Judentum ein religiöses, ein Priestervolk kat exochen sahen, und er beklagte den Verfall des Volkes aus dem Spekulativen ins Spekulierende. Er verstand den tiefen Sinn, den das Wort hatte, das ich ihm einmal von Mendel Singer vor dem Kaiser Franz Josef erzählte. Mendel Singer, Nestor der österreichischen Parlamentsjournalisten, mußte, wie seine beiden Brüder vor ihm, auf seine alten Tage geadelt werden. Es war dem Kaiser als unumgänglich vorgestellt worden. Die Kaiserverehrung dieses Singer grenzte an Gottverehrung in ihrer Naivität; er sah in ihm den Vater seiner Völker, den Mehrer und Schützer des Reiches usw., genau wie es in den Stücken der Lesebücher für die Volksschulen steht. Unmittelbar nach der Audienz erzählte er selber, mit Tränen im Halse, wie sie verlaufen war, das kaiserliche Visavis und ihre Umgebung durchaus wie Heldensage, in die er, das Nichts von Mendel Singer, gebeugten Rückens hineintrat, er wußte nicht wie, und vor der Majestät in dem außerordentlichen Gefühle seiner gräßlichen Nichtigkeit vor solcher Konfrontierung nichts sagte als: »Majestät, ich bin e alter Jud.« Ich glaube, Rathenau hatte es, unter dem Druck eines, wie man sagt, bedeutenden und eigenwilligen Vaters, bis zu seinem dreißigsten Jahre nicht leicht gehabt, seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen. Mannigfaltig begabt, mochte er sich, als Sohn aus reichem Hause, eine Freiheit des Lebens für sein Leben als erlaubt denken, das ihn bloß aufs Erben, nicht aufs Mehren wies. Zumal es ihm klar war, daß die Kapazität des Vaters ganz einzig und nicht zu übertreffen war auf seinem Gebiete. Aber der nüchterne Emil Rathenau war stärker als sein brillanter Sohn; er zwang ihn in den Rahmen seiner bestimmten Arbeit. Ganz reibungslos ist das nicht verlaufen. Alle Liebe ging so zur Mutter. Das blieb bestimmend sein Leben lang. Die Frau, das hatte Wert für ihn nur als Mutter. So blieb ihm zur fremden Frau nur der eine, von nichts als dem gröbsten der Sinne gebahnte Weg, den er funktionell ging, wenn es und weil es sein mußte, aber ohne daß ihn da irgendwelche Illusionen begleiteten. Eher die Vorahnung der bereits wartenden Ernüchterung. Er konnte, kam, wie es nur sehr selten der Fall war, das Gespräch auf Liebe und Frauen, von einer zynischen Brutalität werden, die selbst den guten Geschmack, das mindeste in dieser Materie, vermissen ließ. Aber er hätte, so starr war das in ihm geworden, nie zugegeben, daß in diesem psychischen Unvermögen zur Liebe eine Fehlerquelle seines ganzen Wesens lag und der Grund seiner melancholischen Resignation, die er immer wieder auf eine höhere metaphysische Ebene zu bringen sich bemühte. Der fehlende Eros war auch der tiefste Grund seiner inneren Vereinsamung, deren steinernes Antlitz zu fliehen er so vieles unternahm, die liebevolle Pflege seiner Dilettantismen, aber auch seine wichtige organisatorische Arbeit. Er besaß hierin mehr als theoretisches Wissen und mehr als bloß praktische Erfahrungen, nämlich einen leidenschaftlichen Glauben, daß sich der inerten chaotischen Masse alles Wirtschaftlichen Form und Geist eines richtigen Funktionierens geben ließe, ein tadellos arbeitendes, von den Menschen begeistert akzeptiertes Schema. Er bedauerte den modernen mechanisierten Menschen nicht, sondern begrüßte ihn als den brauchbarsten für das geliebte Schema. Als er es bei ungeheurer persönlicher Arbeit an der Ordnung der Dinge im Kriege erleben mußte, daß die Menschheit lieber sinnlos verbluten als das erprobte Schema einer A.E.G. annehmen wollte, war Rathenau zu tiefst erschüttert. Er hatte so außerordentliche Energien an die gedankliche Sauberkeit seiner Pläne gesetzt, sein Leben danach geformt, oder davon formen lassen, und nun besudelte ganz sinnlos hingeschüttetes Blut die schöne Arbeit. Zum Minister berufen, zog er, mit wenig Glauben mehr daran, die verwischten Linien der alten Pläne nach, vertraute aber mehr seiner rein menschlichen, persönlichen Kraft, seinem integren Wort als einem nicht mehr geglaubten System, das ihm der seiner Geschichtsbildung inkommensurable Mensch zernichtet hatte. Ja, auch die Pflege seiner Dilettantismen. Rathenau sammelte schönen alten Hausrat, um den er dann die Schale eines nach seinen Plänen gebauten Hauses im Grunewald legte, dem nicht nur die Amateure, sondern auch die Architekten ihren Beifall gaben. Es war bequem, ohne jede Protzigkeit, die dem frugal, fast asketisch lebenden Manne ganz fremd, und so geschmackvoll wie die darin aufgestellten mit gutem Auge gefundenen Möbel und Dinge. Was in dem Luisenschlößchen Freienwalde fehlte, für dessen stille Anmut das theatralische Pomposo des Kaisers nichts übrig hatte, von Pietät ganz abgesehen, so daß er es für einen Pappenstiel an Rathenau verkaufte, das ergänzte der neue Besitzer mit bestem Geschmack. Rathenau spielte Klavier, er malte Bilder, er machte Gedichte und hielt daran wie eine gute Hausfrau, die nichts umkommen lassen will. Die kritische Fähigkeit, das Gute zu erkennen, und ein sicherer Geschmack, der eine geübte Geschicklichkeit nicht direkt entgleisen ließ, gaben ihm wohl die nötige Täuschung, diese künstlerischen Übungen mit Ernst zu treiben und zu zeigen. Lobte man seine nach der Natur avec du cœur und in einem landläufigen Impressionismus gemalten Freienwalder Landschaften, so lehnte er das Lob mit einer Unterwertung nicht gerade seiner Bilder, aber der Malerei überhaupt, ab, indem er sagte: »Mit der Malerei wird ja viel zu viel hergemacht.« Ich bin ja auch etwas der Meinung, aber aus einem andern Grunde. Die Summe des heute durch Malen Mitteilbaren ist, verglichen mit in ihrer Selbstwirkung bescheideneren Zeiten der bemalten Wände, so gering geworden, aber bei wachsendem Anspruch auf Bedeutung. Behauptet sich schon das auf der Bühne gesprochene Wort schwer gegen die alles überrauschende Musik jedes Genres, wie soll es dem gerahmten Bilde gelingen, gegen das mit Musik unterstrichene bewegte Bild im Film und Ballett mit einigem Erfolg sich zu stellen! Früher als Max Scheler, der andere Gast, zum Abendessen kommend, traf ich einmal Rathenau am Klaviere, über eine aufgeschlagene Sonate Beethovens modulierend und arpeggierend. Der Teufel ritt mich, harmlos zu fragen, ob er es nicht versucht hätte, zu komponieren, und ich bekam die etwas, aber doch nicht ganz so eindeutig erwartete Antwort: »Mein Kram läßt mir ja keine Zeit dazu.« Der Kram war damals die A.E.G. Rathenau betrachtete die Künste etwa wie Fertigkeiten, die bis zur großen Leistung auszubilden nur Zeit nötig sei, eine angeborene kleine Begabung natürlich vorausgesetzt, aber wer hat die heute nicht? In einem, wie Rathenau zugab, ziemlich niedrigen Niveau der Künste machte die größere oder geringere Erhebung der bergspielenden Maulwurfshügel keinen besonders zu bezeichnenden Höhenunterschied. Er konnte in den Gedichten Rudolf Borchards nichts finden, sie waren ihm durchaus erreichbare, wie er überzeugt war, auch ihm erreichbare Höhe. Fleißaufgabe eines Erlernbaren, wie er meinte. Also auch sein Fall, verfügbare Zeit dafür vorausgesetzt. Aber er bewunderte als ihm nicht erreichbare Tiefe oder nicht mehr zugängliche Niederung der Einfalt Gerhart Hauptmann dort, wo Gefühliges sich äußerte. Dieses im Trüben des Gefühligen fischen schien ihm einziger Nährboden eines Dichterischen schlechthin, aber in dieser Zeit nur atavistisch mehr Vorhandenen, nicht mehr recht Zulässigen, außer des Sonntags. Er bewunderte, was er nicht besaß, aber in der Gesamtökonomie heutigen Lebens nicht mehr sehr wesentlich achtete. Daß es einen so reinen Toren wie Hauptmann noch heute gäbe, entzückte ihn wie blondes Haar und blaue Augen inmitten von Schwarzhaar und Brillen. Aber die Tore des Paradieses seien längst zugefallen, und wer Heimweh habe, stoße sich an den Gittern das Herz wund. In Rathenaus Konzeption des Dichterischen und des Dichters spielte das Dumpfe, Unartikulierte, Gefühlige die entscheidende Rolle so sehr, daß er aus dem ihm Undeutlichen bestritt, was er selber an Versen machte, und glaubte, es seien Gedichte. Daß sie das Äußerste nicht seien, läge nur in der fehlenden Übung, und weil man noch anderes zu tun aufgebürdet bekommen habe. Für eine oft mit ihm diskutierte Anschauung, daß diese Gefühle als Komplexe zerlegbar seien und gar keine bedingende Voraussetzung für das Dichterische bildeten, weil Torheit selbst im Religiösen, wo man es gern hinstopfte, nichts bedeute – dafür war Rathenau, der das Moderne nur im Technisch-Mechanischen sah, nicht zu haben. Es machte mir immer den Eindruck, als sei seine apodiktische Annahme nur solchen Dichtens und solchen Betens letzter Zufluchtsort eines im Verständigen, das ihn beherrschte, sonst Verzweifelnden. Er mußte die Dummheit und die Heiligkeit identifizieren. Daß ein Romanwerk, um bedeutungsvoll zu sein, auf dem gleichen Niveau stehen müsse wie die wissenschaftliche Leistung der Zeit, dagegen zitierte Rathenau »Füllest wieder Busch und Tal ...« Er wollte von der Dichtung nur den Balsam der therapeutischen Wirkung. Verstehbar bei einem Manne, der wie Rathenau sich nicht mit den festgefügten Kaders des von ihm bis ins einzelne beherrschten Gebietes des Wirtschaftlichen und Wirtschaftspolitischen zum Auf- und Ausbau einer geistigen Welt begnügen konnte, und dessen Philosophieren, wie er selber sagte, laienhaft war, aber um so anspruchsvoller der Wunsch, mit dem Ganzen der denk- und vorstellbaren Welt metaphysisch fertigzuwerden. Da ließ er dann die nicht gebaute Spitze der Pyramide in die Wolken ragen, hinter der sie die Wolkenanbeter auch vorhanden vermuteten. Sich seiner Fähigkeiten auf dem von ihm beherrschten Gebiete, welche durchaus des ordnenden Verstandes waren, sehr bewußt, ging er künstlerischen Neigungen nach, hier die Gnade erwartend oder sie ihm erteilt vielleicht auch glaubend, aber, um solches zu glauben, sich in eine nebulose Romantik von Kunst und Künstler verkapselnd, aus der nicht einzugestehenden, weil schmerzlichen Einsicht, daß, brächte er ein Denken in seine solchen Konzeptionen, diese sich als ganz unzulänglich herausstellen müßten. Darum fraternisierte sein Geschmack mit den Dumpfen, denen es Gott im Schlafe schenkt. Oder stellte mit der Variation des gut liberalen Satzes »Dichte, Dichter, denke nicht« den Behafteten auf die Plattform der Simonssäule und sich selber aus dem Wege, auf dem der Dichter, dächte er, ein zu unbequemer Mahner wäre. Fragte man Rathenau, wie er so vieles und so vielerlei in einem Tage von vierundzwanzig Stunden bewältigen und zu einem Ende führen könnte, gab er als solchen Rätsels Lösung die Einteilung der Zeit. Und schien dabei doch immer Zeit zu haben, die verlorengehen konnte. Man traf ihn oft zu Gaste. Und viele waren oft zu Gaste in seinem Hause. Aber zum Zwiegespräch, nicht zu geselliger Festlichkeit. Solches Festieren gab es nur zweimal im Jahre, ein Frühstück, wobei Borchard die Küche besorgte für die dreißig oder vierzig Geladenen, denn der einfache Junggesellenhaushalt war nur für ein einfaches Abendessen zu zweit oder dritt eingerichtet. Die große geladene Gesellschaft gab in ihrem Ensemble eine Musterkarte von Rathenaus vielfachen Interessen und Beschäftigungen – wenn ich von den ebenfalls geladenen Damen, den Gattinnen, absehe, deren Anwesenheit unumgänglich war, sollte es nicht bloße Männergesellschaft mit der sich da immer einstellenden interessierten Unterhaltung sein, die keine mehr ist, sondern Diskussion. Das Non tacet der Damen hob für diese Male die spirituelle Kirche auf, die Rathenau liebte, um mit Assistenz die Messe zu lesen. Mit der Assistenz eines, nie mehr als zweier Ministranten. Das Abendbrot, das es da gab, war in Quantum und Quale so bescheiden, daß wohl auch andere als Max Scheler, der gern gut und viel aß, nach der ersten Erfahrung von Flunder, Hammelkotelett und zitterndem Eierstich – es gab nie was anderes – nur so taten, als ob sie äßen, weil sie das schon zuvor besorgt hatten. Aber nach dem Spitzglas Champagner, das der Diener nicht mehr nachfüllte, kam aus unerschöpflichen Kannen schwarzer Kaffee, die Gäste wachzuhalten bis in den frühen Morgen für die Unterhaltung, wenn dies Wort erlaubt ist für diese sehr konkretierten Gespräche, aus und in denen sich Rathenau sowohl informierte als – er hatte ein starkes Bedürfnis danach – sich erklärte und erläuterte. Dies meist mit einem gesperrten Druck und Verbeispielungen einfacher Gedanken, die den Partner gelind verzweifeln ließen. Es war eine gewisse Verliebtheit in seine gepflegte gedankliche Welt, die ihn, sie immer wieder erklärend, so weitschweifend werden ließ, was ihre fehlende Tiefe ersetzen sollte. Denn ein tiefer Denker war Rathenau nicht. So mochte er allenfalls seinen engeren Berufskollegen vorkommen, auch später den politischen Kollegen, die er natürlich an Kenntnissen und Einsichten weit übertraf. In der Haager Konferenz hätte er gewiß nicht, wie es die deutsche Delegation tat, Lloyd George und die anderen damit gelangweilt, zu erzählen, daß sich die betreffenden Gattinnen der Herren schon seit zwei Jahren keinen neuen Hut gekauft hätten, so schlecht ginge es einem in Deutschland, und so bescheiden sei man geworden. Rathenau machte sich nichts aus Frauen, nichts aus Geld, nichts aus Ehren, so mußte er eine soziale Gefahr werden als der schlechthin Unverständliche, dem zu mißtrauen ist. »Meine Kollegen«, so sagte er damals, »lassen mich als anständigen Menschen gelten. Was für ein lamentables Regime, wo es als das höchste Lob eines Staatsmannes gilt, daß er ein anständiger Mensch ist.« Im Oktober 1913 hatte ich in meinem »Losen Vogel« geschrieben: »Der deutsch-englische Krieg, man wird sich an diese Überschrift in den Zeitungen gewöhnen müssen«, und kurz Gründe und Anlässe dieses Krieges angegeben, der ja in der Tat ein deutsch-englischer wurde, und zwar mit den Schlachtfeldern auf dem Kontinente. Als ich bald darauf Rathenau besuchte, legte er, wie er es gern tat, mir seinen Arm um den Nacken: »Sie sind ein Phantast, lieber Blei, einen solchen Krieg wird es nicht geben und überhaupt keinen, und ich will Ihnen auch sagen, warum. Weil er kein Geschäft, und weil er ein außerordentlich schlechtes Geschäft wäre.« Mit der Schlechtigkeit des Geschäftes hat sein geübterer Blick auf solches ja recht behalten. Aber der Irrtum, daß die Menschen sich Vorteil und Gewinn in Ziffern und Zahlen ausrechnen auch in solchen mit Blut gespeisten Affären, bloß deshalb, weil sie finanziert werden müssen, das war ein für Rathenau charakteristischer Irrtum. So oft er auch vom ganz intuitiven Wesen seines Vaters in geschäftlichen Dingen erzählte, oder vielleicht daß er davon erzählte, bestätigt, was die geschäftlichen Kollegen Rathenaus von ihm sagten: daß er eigentlich von Geschäften nichts verstand, weil er sie nur verstand. Er war, als der Krieg ausbrach, von der geschäftlichen Tollheit dieses Unternehmens erschüttert und suchte mit seinem organisatorischen Genius zu retten, was zu retten war. Er litt viel unmittelbarer unter der Dummheit, mit welcher die Menschen ihre Geschäftsbücher führten, als unter dem Pathos eines Schicksals. Er konnte im ersten Jahre, wenn auch geringschätzig, von dem Gewinn sprechen, der in Longwy und noch ein paar so nötigen Erzgruben für das damals noch siegreich geglaubte Deutschland, die Firma Deutschland, bestände, um zwei Jahre später, als es schlechter ging, Ludendorff aufs dringendste zu raten, die belgische Arbeiterbevölkerung nach Deutschland zu schaffen, auch auf die Gefahr hin, daß die U.S.A. mit Krieg drohten. Rathenau war kein politischer Kopf. Dafür dachte er von den Menschen zu schlecht und zu gut, aber beides am falschen Ort. Er überschätzte den Menschen verstandesmäßig und unterschätzte seine affektive Brauchbarkeit. Er nahm es übrigens mit Laune auf, als ich ihm von einem tapferen jüdischen Artillerieoffizier erzählte, der mitten im feindlichen Feuer melancholisch bemerkte: »Ist's möglich, so das Geld zu verschleudern!« Aber die nachfolgende Zeit gab ihm recht, als er meinte: »Sie werden sehen, es wird ihnen das verschleuderte Geld mehr leid tun als das vergossene Blut. Der jüdische Artillerist sprach auch aus der Seele der heutigen Gojim.« Es war in München, einige Monate vor seinem Tode, daß ich Rathenau zum letzten Male sah und sprach, beim Tee im Hotel Continental. Wir waren zu viert mit Rathenaus »Adjutanten«, Simon, einem ehemaligen Generalstäbler voller Leben, Intelligenz und Liebe zu seinem Chef. Ein blonder Mann von der besten preußischen Qualität und mit viel von dem, was Rathenau völlig fehlte: Wärme. Der vierte war der Nuntius Pacelli, der diplomatisch vorsichtige, sehr geschickte Römer, von der Kurie auf den wichtigsten Posten gestellt, den deutschen, wo Konkordate zu effektuieren waren, und wissend, daß ihre Angelegenheiten bei Pacelli in den besten, geschicktesten Händen lagen. Rathenau kam von Herrn von Kaar, dem kleinen Beamten, der sich auf dem Wege zum großen Staatsmann glaubte, und über den er sagte: »Er hat nicht eine einzige Idee, aber er verteidigt sie mit Leidenschaft.« Rathenau war müde und resigniert. Die U.S.P. hatte ihm mitteilen lassen, daß sie von einem Attentatsplane gegen ihn gehört hätte, und bot ihm zwei ihrer Leute als ständige Schutzbegleitung an. Rathenau lehnte ab, mit einer in alles sich ergebenden Fatalität, der er wohl nur mit Rücksicht auf den Nuntius so etwas wie eine christliche Farbe gab. »Die Henker«, sagte er, »dieser Zeit sind so armselig, daß sie einen um die Freude des Martyriums bringen können.« Als Monsignore hier etwas von der christlichen Liebe bemerkte, meinte Rathenau: »Liebet einander, das ist vielleicht ein bißchen zu viel von den Menschen verlangt, Monsignore, – ertragt einander, das ließe sich allenfalls noch leisten.« Er war müde, nur Feinde zu haben und keine Gegner. Er fand sich als am falschen Ort stehend, ohne einen besseren angeben zu können als den in abgeschlossener Einsamkeit. Es machte den Eindruck, als wartete er auf den Schuß aus dem Hinterhalt als eine Synthese. * Ein Wert seiner Persönlichkeit: Rathenau war kein Politiker. Nach meines Freundes Paul Scheffer Definition einer, der die Kunst versteht, eine träge Menge zur rechten Zeit aufzuregen, eine aufgeregte Menge zur rechten Zeit zu beruhigen. Rathenau konnte verhandeln. Er konnte nicht führen. Er besaß keinerlei demagogische Fähigkeiten. Er entsprach in nichts dem »Tatmenschen«, wie sich die Hintertreppenphantasie um 1920 so was vorstellte und verehrte. Als Solf nach jahrelanger Abwesenheit auf kolonialen Posten im Frühjahr 1914 nach Berlin kam und man ihn zum Kolonialdirektor machen wollte, dauerte es nicht lange, daß er Heimweh nach seiner letzten Station in der Südsee bekam. Er hatte im Wandelgang des Parlamentes Erzberger eine ganz vertrauliche Mitteilung gemacht – »und denken Sie, der Mensch benutzt das zehn Minuten später in einer Rede!« Rathenau, mehr an die politischen Sitten gewohnt als der aus feinster Substanz gearbeitete Solf, war nur vorsichtiger. Er wußte um die geringen Ansprüche, die heute an den Politiker gestellt werden, und daß der Nächstbeste genügen kann. »Noch weitere solche zehn Jahre, und Politiker ist, wie das in den Staaten durch Jahrzehnte der Fall war und in den besten Kreisen heute noch ist, die verächtliche Bezeichnung eines verachteten Berufes.« Die Summe seiner irgendwelchen Interessen nennt der Politiker nicht eine Meinung, sondern seine Überzeugung mit allen den bekannten Beiworten, wie sie die Ethik eines bourgeoisen Stoizismus liefert, wünscht und billigt, wie ernst, heilig, tief, ehrlich, unumstößlich. Er entgeht damit der Verlegenheit eines guten gültigen Beweises seiner Meinung, erstickt die mögliche Forderung eines solchen Beweises im Keime. Aus der ungeheuren Mannigfaltigkeit dieser Abwehr besteht die politische Diatribe. Zwei Nachbarn konnten sich nicht einigen. Sie riefen einen Dritten zur Schlichtung des Streites. Damit ist die Keimzelle des Politischen in die Welt gesetzt. Ein simpler Rechtsspruch des Dritten bildet nun ein System aus, hinreichend kompliziert, Beamtete und deren Anhang nötig zu machen. Das Übel zeugte weiteres Übel, da bald die Beamten selber sich für ein System halten, um dessentwillen das Leben da ist. Die Selbstvergottung des Staates beginnt, und eine Philosophie bemüht sich um seine Metaphysik. Dieser Prozeß der beamtlichen Polizierung wird beim Zerfall der mittelalterlichen Ideale sichtbar, dem Zerfall dank der Kirche selber, die durch den Besitz Staat im Staate wurde, erst sich mit ihm messend, dann mit ihm kämpfend, schließlich ihm unterliegend, wobei sie dem Sieger auslieferte, was sie bisnun geistlich verwaltet hatte: Beziehung der Geschlechter, Schule, Bildung, ja sogar den Glauben, was alles des Staates wurde, was alles ganz gegen sein inneres Wesen poliziert wurde, und es blieb bis heute. Und zwar zunehmend nach dem undistinkten Schema der gemeinen polizierten Notwendigkeiten des Tages: Recht, Schutz vor Überfall, Verkehr und Wirtschaft. Im wachsenden Maße wurde der Wirkungswert der polizierten Menschengüter vermindert: die Ehe wurde ein vermögensrechtliches Problem, der Glaube als begünstigter Sazerdotalismus Stütze der weltlichen Macht, die Schule Vor- und Zubereitung zu einer Beamtenprüfung, die Bildung ein Savoir vivre der Reichen, die Kunst ein Genußmittel derselben Reichen, die Sittlichkeit ein von einer Paragraphensammlung begrenztes, auf das Geschlechtliche reduziertes Konvenü. Die Polizierung hat in unserem Zeitalter nur dessen wirtschaftliche Nuance erhalten. Inhalt der Parteien, Anlaß ihrer Bildung ist, ihre Einkommens- und Vermögensverhältnisse mit oder gegen eine Regierung durchzusetzen, welche ein Budget vorlegt und Steuern ausschreibt. Sagten nun die Parteien eindeutig und klar ihr zweimal zwei ist fünf auf, so plauderten sie das Kostbarste aus, was sie in dieser Welt des Beschummelns besitzen, nämlich ihr Geschäftsgeheimnis, zu dem man nur über ihre Leiche kommt. Darum reden die Parteien nur in einer tönenden Zeichensprache zum »Volke«, die man kennt, und in der alle Werte der Menschheit zu Vorwänden benutzt werden. Das Geschäft könnte politisch nur Jargon reden, und dazu entschließt man sich erst, wenn der Ruf: Geld oder Leben! ertönt. Aber die gutmütige Atmosphäre der Parlamente erspart einem diese letzte Not, die den Angstschrei erpreßt, und so redet man in Zeichen, welche sind: höchste Güter der Nation, lieber Gott, Kulturbesitz, Bildung, um alles dessen willen die Agrarier von Hochschutzzöllen nicht absehen können. Die Staatspolitiker haben diese Besitztümer des Menschen in die staatliche Verwaltung, die Parteipolitiker haben sie ins Gerede gebracht. Es handelt sich aber immer nur um Geld. Darum droht der protestantisch-fromme Agrarier, daß er seinen religiösen Pflichten nicht nachkommen könne, wenn man amerikanischen Weizen nicht mit einem hohen Zoll belege. Ehmals war der »wahre« Glaube die Heuchelei der Parteien, die den Häretiker ins Feuer schickten. Heute ist es die Heuchelei des Geldes. Sie ist die Waffe des Schwachen und wechselt mit der Macht, deren Art sie kennenlernt. Um den Gegner ans Messer zu bringen, wird der Politiker immer so tun, als wüßte er den Preis, den der Gegner verlangt, sich vom Messer loszukaufen. Denn in einer Welt, in der alles käuflich ist, kommt es ja nur auf den Preis an. Jede Partei bildet ihre unkorrumpierbare Ehre daraus, die Zweifelhaftigkeit der gegnerischen Partei zu proklamieren. Die Politik wird immer nur von Menschen gemacht, die mit sich reden lassen, und kann nur von solchen gemacht werden. Denn im Unbedingten ist alle Politik ausgeschlossen. Sie ist die Nachgiebigkeit scheinbar unnachgiebiger Überzeugungen. Ist der Granit, der sich immer als elastisch herausstellen muß. Ist ein lautes Entweder, das sich leise schon längst auf das Oder eingestellt hat. Die Politik mindert, wie alles, was aus dem Bedingten kommt – und das ist ihr Wesen, denn sie hat keine Substanz – jene Werte des Menschen, für deren Erhaltung und Mehrung er allein aufzukommen hat. Sie trübt die Wertquelle der Güter. Sie ruft für eine bedingte Meinung menschliche Kräfte auf, die sie dem Unbedingten des menschlichen Glaubens entzieht, diesen ärmer macht und der Meinung dadurch doch nur zu einem aufgeschwollenen, immer bald wieder platzenden Scheinumfang verhilft für Tag und Stunde. Zu einer Debatte über die Abschaffung der Todesstrafe schrieb der Scharfrichter an eine Zeitung, er sei selber durchaus dafür, aber er sei Scharfrichter und man müsse doch leben. Christus fand den gesuchten und nie gesuchten rechten Menschen als einen Dieb am Kreuz und versprach ihm das Paradies. »Er sah in des Menschen Seele. In des Diebes Seele.« Es soll die wirkliche Gegensätzlichkeit der menschlichen Personen durch die fiktive Gegensätzlichkeit der politisierten Individuen ersetzt werden, so will es der Zug der Zeit, wie wir ihn politisch vorgestellt bekommen. Man nennt das Demokratie und vermeint es als ein politisches Ideal. Es ist dort entsprungen, wo die Anzahl der auf einem beschränkten Terrain wohnenden Menschen Legion wurde, jeder gegen jeden austauschbar, eines Gesichtes, einer Geste, einer Haltung. »Das Menschenmaterial«, ein Begriff aus dem Kriege, ist das Urteil darüber. Man wiegt dies Material tonnenweise. Befördert es in Riesenkranen. Das Mörderische der Zahl! Rathenau wandelte einen christlichen Gedanken ab, wenn er sagte: »Weil man ein Mensch ist, kann man die Menschen nicht verachten. Und muß sie verachten aus dem gleichen Grunde.« Aber in diesem Satz hat das Gebiß der Zahl seine Spur gelassen. Der kommunistische Politiker, der an die »bessere« Zukunft der Menschheit glaubt, weil er von dem »Besseren« seiner Meinung überzeugt ist, hält, ganz in der Zahl eingefangen, von den Menschen nicht mehr als der reaktionäre, der an keine bessere Zukunft glaubt. Wenn sie zum Handeln kommen, handeln sie identisch. Es steht da ein guter Satz bei de Maistre: »Jedes Kabinett ist von einem gewissen Geist beherrscht, der durchaus nichts mit der Moral oder irgendeiner menschlichen Empfindung zu tun hat. Wenn ein Kabinett in einem Zeitpunkt gerechter erscheint als ein anderes, so ist es, weil bekannte oder unbekannte Umstände es am Handeln hindern. Es ist gerecht, wie der Eunuch keusch ist.« Eine alte verlorengegangene Wissenschaft, die Semantik, wieder zu beleben, war eine oft mit Remy de Gourmont durchgesprochene Lieblingsidee dieses Gelehrten, Dichters und Amoralisten. Sie ist ein Stück aus der Linguistik, nämlich die Geschichte vom Bedeutungswandel der Worte. Darein ist die ganze Politik begriffen. Es gibt nur sehr wenige Worte, die einen konstanten Sinn behalten. Es sind jene, die konstant bleibende Gegenstände bezeichnen, oder aus Tradition mit einem konstanten Gebrauch korrespondieren. Sonne, Pferd, Hand gehören zur einen Gattung, Brot zur andern. Daneben gibt's eine große Menge von Begriffen, die keine absolute Fixiertheit haben, und denen der Mensch im Ablauf der Epochen ganz verschiedene Bezeichnungen gibt. Und es gibt ganz fixierte Begriffe, die aber immer wieder ein neues Wort verlangen, sei es, weil es sich abgenutzt hat, sei es durch die Vulgarisierung der Idee. Das alte Wort stirbt aber nicht daran. Aus der einen Domäne gejagt, begibt es sich in eine andere, jagt da ein Wort fort und nimmt dessen Platz ein usw. Nur mit großer Geduld findet man sich in dieser Konfusion zurecht. Da gibt es zum Beispiel dieses alte Wort »liberal«. Zur Zeit der Restauration bezeichnete es etwa das, was man heute radikal nennt. Es knüpft an das Jakobinertum an. Bedeutete eine bestimmte Freiheit links, die sich gegen eine bestimmte Freiheit rechts stellte. Da begab sich in einem bestimmten Zeitmoment die Majorität eines Volkes nach der Freiheit links, und das Oppositionswort liberal konnte weiterhin nicht mehr eine Idee der Regierung ausdrücken. Da griff die Minorität derer von rechts das Wort auf und machte es zu ihrem. Der französische Liberale von ehemals war antiklerikal. Der Liberale von heute ist klerikal. Der alte Liberale meinte Freiheit gegen die Geistlichen. Der von heute meint: Freiheit der Geistlichen. Die Farben des politischen Spektrums wechseln nicht, wohl aber die Bezeichnungen. In der französischen Politik hat sich der konservative Geist unter folgenden wechselnden Namen verborgen: Monarchisten, Liberale, Railiierte, Progressisten, Republikaner, Radikale. Solcher Wechsel amüsiert das Volk und gibt ihm die Illusion eines Fortschrittes zu ihm hin. Zumal ja auch keine Partei es versäumt, ihrer Wortbezeichnung das Wort »Volk« hinzuzufügen, ein Standardwort der politischen Semantik. Gourmont wollte immer ein kleines Lehrbuch dieser Wissenschaft schreiben, nach dem sie in den letzten Klassen der Gymnasien gelehrt würde. Statt der Vaterlandskunde, die nur eine verkappte politische Dressur ist. Aber da kam der Krieg, und Gourmont erkannte, daß es aussichtslos wäre. Er votierte ohne sonderliche Begeisterung »Vaterland« und starb. Vielleicht auch daran. Heliogabal Es war gerade drei Tage her, daß die Prätorianer den Kaiser in den Gärten des esquilinischen Palastes erdrosselt, durch die Stadt geschleift und den zerfetzten, verstümmelten Rumpf in den Tiber geworfen hatten, als Augaros, der Nichtstuer, mit seinem marsylischen Gaste, dem jungen Silius Messala, die Landstraße gegen Tibur hinausfuhr, wohin sie eine Einladung zu einem nächtlichen Feste im Lusthause des Mimen Comazon hatten, der unter dem frühern und dem toten Kaiser fünfmal Konsul und so glücklich gewesen war, immer mit dem Leben davonzukommen. Gegen Sonnenuntergang hatten sie sich aufgemacht, und nun lag schon der helle Juliabend über der Landschaft. Das Maultiergespann war nur langsam durch die Menge gekommen, die lärmend die Straßen und Plätze füllte. Bald mußte das Gefährt halten und Soldaten passieren lassen, bald waren es Freunde des Augaros, die nach dem Wohin der Reise fragten, dann wieder gab es ein zufälliges Wiedersehen mit einem Kameraden des jungen Messala, der sechs Jahre nicht in der Stadt gewesen war. Aber gleich hinter der Porta Tiburtina, wo die Stadtgärten beginnen, fielen die Maulesel in einen leichten Trab. Der thrazische Knecht schwang sich vornhin auf das Breitteil der Wagendeichsel und lenkte das polternde Überlandgefährt vom gepflasterten Feldweg auf die erdige Straße hinüber, und es wurde auf einmal deutlich still – wie wenn einer dem schreienden Lärmtier mit einem plötzlichen Hieb die tausend Köpfe abgehauen hätte. Nun konnte man sprechen, ohne sich die Worte aus dem Halse zu reißen und in die stumpfen Ohren zu schleudern. Und Messala, der nach Neuigkeiten eifrig war, da er aus der Provinz kam, begann. »Da ich nun schon einmal zu spät zum Feste gekommen bin, wo die Tische abgeräumt und die Lichter ausgelöscht sind, so erzähl' mir wenigstens, was es gab. Man hat mir gesagt, du kostetest mit deiner eigenen Zunge und seist ein Feinschmecker, der sich darauf verstünde. Von dir darüber erzählen hören, sei fast wie selber dabei sein. Also erzähle.« In diesem Augenblick ging eine Bande junger Burschen etwas schwankend vorüber, der Stadt zu, und einer von ihnen warf einen Rosenkranz in den Wagen und schrie in der Mundart des Volkes: Donec virenti canities abest ...! Und Rosen flogen noch hinter dem Wagen her, als er weiterfuhr. »Da hast du ihn wieder«, sagte Augoras, »den Ruf, der die ganze Stadt füllt und einem so aufmunternd auf die Schulter schlägt. Und da soll ich dir von gewesenen Dingen erzählen, von abgeräumten Tafeln und dem Flötenspiel, das in der Ecke liegt. Ja: die Lust des Augenblicks möchte wohl, daß wir ihn aufheben zu einem Nachgenuß. Der Duft dieser Sommernacht will nicht vergessen werden, will bewahrt sein für eine Erinnerung, wenn die Nächte kalt sind. Wenn im Winter die Glutbecken hereingebracht werden, spürt man seine kalten Füße nur noch kälter. Alle Erinnerungen sind eine Störung, und die schönen tun weh. Man muß sich kein Gedächtnis für die Augenblicke anlegen wie eine Bibliothek und diesen Lockungen der Schwäche und Angst vor dem Nächstkommenden widerstehen. Man hält sich an die Blume, wenn die Frucht nichts taugt oder giftig ist. Wenn du auf die Frucht des Augenblicks wartest, wirst du darüber seine Blume versäumen. Denn er verlangt alles von uns, wenn wir uns an ihm freuen wollen, und wir müssen, was in uns ist, zu seinem Höchsten steigern, um die Lust des Augenblicks ganz zu vermögen. Trifft er uns in Vor- und Nachbedenken, so haben wir ihn durchaus für immer verloren. Aber Messala fürchtete, auf diese Weise um das zu kommen, was er wissen wollte, und so sagte er statt aller Antwort: »Erzähl mir vom Kaiser.« »Ich sprach ja von ihm und von nichts sonst. Jeder in Rom spricht heute von ihm, und von nichts sonst als von ihm. Hast du nicht gehört? Donec virenti ...« »Du mußt schon deutlicher sein«, sagte Messala, der, von der Reise und der Stadt erregt, wenig Lust hatte, sich mit dem alten Spaßmacher in Betrachtungen so allgemeiner Art zu ergehn, wenn auch seine Rückkehr nach Rom und nach so langem Verweilen in der Fremde einen Zweck hatte, der ihm so allgemeine Betrachtungen willkommen machen sollte. Denn nichts Geringeres war des jungen Mannes Absicht, als sich in Rom der Philosophie zu ergeben, aus Lehre und Beispiel der nachdenklichen Leute etwas über den Sinn und das Ziel des Lebens zu erfahren, wonach sich zu richten. Einsame Jahre erst und dann die etwas wilden in der Hafenstadt hatten den zu einer sanften Schwermut neigenden Messala – er war ein Etrurier – ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht, wozu kein Geringes auch dieses beitrug, daß er seine nächsten Verwandten der neuen christianischen Lehre ergeben wiederfand und keinen Weg zu ihnen mit Gründen und Beweisen. Das bedrückte ihn, und so wollte er Geschichten hören, einmal, daß sie ihm die Laune bessern sollten, und dann, daß es ihm vielleicht helfen könnte, das neue Wesen zu verstehn, hörte er von dessen Äußerungen. So lag es ihm an dem Spiel der Dinge und nicht an den Schlüssen, und sagte er: »Du mußt schon deutlicher sein.« Und Augaros: »Du willst doch zu den Philosophen in die Lehre gehen. Ich will dir also erzählen, wie dieser Jüngling-Kaiser eine größere und bessere Weisheit lebte, als alle Philosophen zusammen erdacht; die – wenn wir den göttlichen Plato ausnehmen, der auch ein Dichter war – Erkenntnisse nur suchen, um miteinander darüber zu streiten und sich darüber den Bart wachsen lassen, daß sie aussehn wie die Barbaren von jenseits der Berge. Und hängen an die leichten Dinge das Gewicht ihrer unsinnigen Gedanken, das sie in eine hohle Tiefe zieht. Als hätten nicht die tiefen Fragen den Wunsch nach einer Antwort, die auf der Oberfläche schwimmt wie der Kork auf dem Wasser. Man gräbt die Brunnen um des Quells willen, der ans Licht springt, nicht wegen des schmutzigen Grabens in die Tiefe. Ich sage dir, die tiefste Sache auf der Welt ist die Haut. Werd' nicht ungeduldig. Ich will dir schon von den Dingen erzählen, aber wir müssen uns über dieses verstehn, sonst kommt es dir vor, ich erzähle dir Klatsch und Geschichten aus dem Zirkus. Ich meine also: wenn sich die tiefen Dinge nicht dem Leben dienstbar machen zu einem sichtbaren Schmuck und Kleid, sind sie zu nichts und nur ein Spiel der Leute, die, selber vom Leben ausgeschlossen, nicht zum Leben kommen können. Wir suchen neue Vertiefungen des Lebens zu keinem andern ungewußten Zweck, als daß wir ihm neue Oberflächen gewinnen. Das vortreffliche Freudenmädchen Benedikta, das wir bei Comazon, wie ich sehr wünsche, treffen werden, dient dem syrischen Gotte, weil die Blutbäder, die er verlangt, ihr wohlbekommen. Ist es nicht darum, daß wir diesen Gott nach Rom gebracht haben? Wir schaffen uns für unsere Delirien Getränke besonderer Art und erfinden ihnen neue Worte, warum sollen wir ihnen nicht auch neue Götter erfinden, zu sichtbaren Zeichen unserer Lust? Und das war das Größte, was der Kaiser tat: er brachte uns die Schöpfungen unserer höchsten Augenblicke in die größte Nähe, daß wir mit den Händen ineinander gehn und unsere Göttlichkeit spüren. Laß dir erzählen. Dieser Jüngling hat nie die Tyrannei der gewohnten Gedanken über sich mächtig werden lassen. Er hat sich nie mit den Alltäglichkeiten des Lebens abgegeben, daß er tote Stunden an sie verlor. Er machte sich nichts aus dem gesetzmäßigen Mittleren des Lebens, aus den Selbstverständlichkeiten guten oder schlechten Wetters und den behaglich genossenen Bestätigungen irgendwelcher Meinung. Er suchte nicht das Vergnügen, weil ihn ein gegensätzlicher Zustand plagte. Er brauchte sich nicht auf die Zehen zu stellen, um zu sehn und den Wadenkrampf zu bekommen. Er fand, ohne zu suchen, die Fülle des Lebens immer und war ausgerüstet mit allem, diese Fülle aufzunehmen. Er gab dem, was er tat, keinen Wert über die Zeit seines Tuns hinaus, und darum wiederholte er nie und tat immer ein anderes, denn es lag ihm nichts an der Verbindung und Knüpfung des Tuns durch einen tieferen Sinn. Denn sieh: nicht was ich tue, sondern was ich bin, diese Kraft meiner Täuschung gefällt den Göttern. Der Kaiser ist nie zu den Niederungen des Lebens hinabgestiegen, um die sich die Philosophen und diese Christianen kümmern, weil sie die Gründe ihrer Kümmernis suchen; er hat die einen nicht getröstet um ihrer Meinungen willen, die andern nicht befragt um ihre Lehren, denn er gab keiner Meinung und keiner Lehre einen weiteren Sinn, als dem, der sie hat, zu seinem Leben zu dienen. Und war selber reich genug, um dieser Dienste einer Meinung, auch wenn sie seine gewesen wäre, entbehren zu können. Seine Senatoren nannte er Sklaven in der Toga und ließ die Herren parfümieren, wenn er einmal unter ihnen erscheinen mußte, daß, wenn sonst auch nichts, wenigstens ihr guter Geruch ihr Dasein erträglich mache. Waren sie bei ihm zu Gaste, so sperrte er die Betrunkenen mit alten Äthiopierinnen ein oder mit Schakalen und Hyänen. Das war der Übermut des jungen Gottes, der an den Würdigkeitsgefühlen der Menschen seinen Spaß hat und Takt genug, diesen Spaß nicht zu fein zu machen. Einmal ließ er vor seinen Wagen vier Löwen spannen, einmal vier Elefanten, dann vier Damhirsche, und nackt auf einem einrädrigen Wagen ließ er sich von vier nackten Frauen ziehen. Du wirst sehn, daß seine Art darauf gerichtet war, keine Beschwerung von irgendeinem Ziel zu bekommen, das weiter lag als in diesem Augenblicke. Das Leben war ihm immer das Ende des Lebens, und nichts was endet dauert lange und lange genug, um daran zu denken. Ziele, die sich nicht im Augenblick erfüllen, hemmen den Schritt oder hetzen ihn, und der Kaiser ging spielend wie ein Tänzer und freute sich an der Zierlichkeit seines Schrittes, des Weges weiter nicht achtend. Was wir über den Weg denken, was wir über den Augenblick hinaus denken, geht über das Leben hinaus, und diese zu vielen Gedanken finden das Leben weiter, fassen es größer, träumen es unendlich – und alles dieses Gedachte stopfen und drängen wir wieder in dieses kurze Leben hinein und machen es damit schwer, traurig und unfähig: denn immer stellt es uns dann vor ein Entweder – Oder, vor ein Großes oder Kleines, eine Tugend oder eine Sünde, und es gibt doch nur ein: So, und nichts ist weder groß noch klein, noch gut, noch bös; das Gegensätzlichste läßt sich mit den gleichen Gründen verteidigen, denn es liegt als Einheit in uns. Das Schönste, was wir denken, wird häßlich, wenn wir es tun. Das Schönste, was wir tun, wird häßlich, wenn wir es denken. War dieser Kaiser nicht eine unerhörte Pracht und Entfaltung des Lebens? Ich will dir noch von ihm erzählen. Von dieser, seiner lächelnden Verschwendung des Tuns, die unsern alten römischen Herrn, die immer aus den Zeiten der Republik zitieren, so sinnlos vorkommt, wie sie es war, nur daß sie ihr diesen Vorzug übelnahmen. Weil sie sich ihres Lebens Erbärmlichkeit mit einem Sinn verbessern wollen, verstehen sie nicht, daß das wirkliche Leben sinnlos ist. Im Frühling ließ der Kaiser an dem einen Tag seinen Tisch lauchgrün decken, flaschengrün am nächsten, und so durch alles Grün den Frühling. Der Sommer gefiel ihm in den blauen Farben, in den gelben der Herbst, und das Rot war für den Winter. Er ging auf Rosen den einen Tag, den andern auf Narzissen, den dritten auf Veilchen. So sehr war sein Wesen dem Augenblick hingegeben und gegen alles, was zum zweiten Male kommt und den Gedanken an das erstemal grau zur Seite hat wie einen Schatten, daß er nie einen Mann oder eine Frau öfter besaß als einmal. Er verbrauchte jede Zeit und ließ kein Stück davon der nächsten übrig. Er änderte die physische Gestaltung seines Leibes so zu immer andern Formen, wie er es mit seiner Kleidung tat. Er war Frau und Mann und Knabe, im Wechsel der Lust des Augenblickes. Da waren die Götter gut zu ihm, daß sie ihn nicht in das Gefängnis seiner eigenen Sinnlichkeit setzten. Nie kam die Lust über ihn wie ein Anfall. Denk an die roten Augen, mit denen heut mittag der dicke Glaukos die Livia auffraß, und an Hände, die nur greifen, aber nicht fühlen, und an das Nachher, diesen Anblick gieriger Sättigung, den er bot, als ob ihm einer mit der Faust die Speisen in den Magen gestoßen hätte – denk an unsern Freund Glaukos, und du wirst mich verstehn, daß die Götter dem Kaiser wohlwollten, da sie ihm zu allem andern diese nie auf Sättigung gierige Sinnlichkeit gaben, die, schwächer als er, ihm immer Genuß war und er nie der ihre. Er war ein Kaiser, weil er über allem so stand, daß er sich an alles hingeben konnte, ohne sich zu verlieren. Er war eine Hetäre und lud die Freudenmädchen aus dem Zirkus, dem Stadion, dem Theater zu sich und sprach mit ihnen über die Wollust. Er stand in Frauenkleidern und mit goldgeschminkten Lippen hinter dem Vorhange eines Gemaches, das auf die Straße lag, und lockte, die vorübergingen. Er war Gemüsekrämer, Koch, Parfümeur, Wirt und Sklavenhändler und vieles noch nach der Lust des Augenblickes, war alles dieses nach diesem Gesetze, daß was wir sind den Göttern gefällt und unser Tun ihnen gleich ist. So wird das Tun nicht mit dem Sinn beschwert, und so schüttelte der Kaiser des Tuns und aller Dinge Sinn und Bezug durcheinander und gab ein Beispiel, Sinn und Bezug nicht anders zu sehn als wie das zufällige Gewebe eines Teppichs. An den Lotterien, die er zu den Festen gab, gewann der eine zehn Kamele, der andere zehn Fliegen, der zehn Strauße, der zehn Enteneier oder einen verreckten Hund. Er ließ im Theater Wohlgerüche auf die Zuschauer regnen und Schlangen unter sie loslassen. Er überschüttete seine Gäste mit Blumen, die von der seidenen Decke in solchen Mengen fielen, daß, wer sich nicht retten konnte, darin erstickte. Er ließ in den Reis, der auf die Tafel kam, Perlen tun, in die Erbsen Goldkörner, in die Bohnen Ambra...« Augaros machte eine Pause, als ob er auf etwas wartete, das sein junger Wagengefährte nun endlich sagen müßte. Der aber schwieg und sah vor sich hinaus in die mondweiße Nacht, die ganz still war, und drehte den Kranz von Rosen in seinen Händen. Der Weg stieg an, und der Wagen fuhr im Schritt. Nach einer Weile erst sagte Messala: »Nun versteh' ich den Anfang deiner Rede, da du vom Kaiser schon sprachst und ich es nicht merkte. Du hattest ganz recht, als du und doch ganz nach der Art der von dir gar nicht geachteten Schreiber und Philosophen deine These erst hinstelltest und dann von der Ambra in den Bohnen sprachst. Anders hätte ich doch immer nur an dieses Bohnengericht denken müssen. Und doch hast du mich mit der Lehre deines Kaisers betrogen.« »Mit der Lehre?« »Die du daraus machtest, ja.« »Das ist der Nachgedanke«, sagte Augaros. »Vergiß ihn.« »Ja, eben das«, bestand Messala. »Wie, wenn ich nun nicht in mir die gute Bereitschaft habe, was ist mir, was Lust des Augenblickes sein soll, dann mehr als ein Nachgedanke in vieler Zeit, einer der Gedanken mehr, die bekümmern? Und wenn es mir nun zu einem andern Sinn des Lebens nottut als diesem der Aufhebung allen Sinnes, indem ich die Dinge durcheinander wirken lasse zu nichts sonst als zur Freude an der reichen Oberfläche?« Augaros sagte darauf: »Es sind solche Dinge in unser Leben beschlossen, die manchmal aus uns reden, ohne daß wir sie verstehn – das lockt uns, ihnen einen Sinn zu geben, mit dem wir den Sinn des sichtbaren Lebens suchen wollen. Diese in unser Leben beschlossenen Dinge drängen uns, daß wir dieses tun und das, und wir tun es, aber weshalb, das können wir nicht sagen, und sollen nicht laut darüber sprechen, damit wir den Worten nicht wehtun. Denn was immer für Antworten wir finden, sie führen uns doch keinen andern Weg, als den im Schlagen unseres Herzens und im Gesicht unserer Augen, nur führen sie ihn uns im Schatten unruhiger Gedanken. Suchst du aber lieber einen dunkeln Weg, wenn die Lust deines Herzens stark schlägt und das Gesicht deiner Augen hell ist?« Messala aber sagte: »So stellst du dich immer in die Mitte der Welt und schenkst sie dir nach deinem Wohlgefallen und nach deiner Wahl. Aber ist nicht alles Wählen ein Sichbeschränken? Ist nicht jede Wahl ein Opfer? Dorthin, woher die Schatten fallen könnten, blickst du nicht, aber es blickt auf dich, und wie erträgst du das?« »Blickt es auf mich, so muß ich bereit sein, es zu tragen. Du trennst Gleiches und stellst es einander gegenüber. Du sagst: Lust – Schmerz und meinst, es sei ein Verschiedenes, weil die Grimasse verschieden ist und das Kleid. Was aber willst du mehr, als daß ich die tausend Bereitschaften habe für jede meiner Regungen, deren mehr sind als unsere Phantasie und das Leben erdenken können, nicht zu reden von denen, die du für deine Lehrer aussuchen wirst. Aber ich wäge keines um des andern willen, denn wir haben kein Maß, das außer uns wäre: auch die Ideen gibt es nur insoweit, als es Menschen gibt, sie zu denken. Es gibt kein Maß, und ist eines so schwer und so leicht wie das andere. Mußt du die Welt aus einem kleinen schwarzen Spiegel sehn und dich selbst wie einen räudigen Hund halten – es sei, denn es ist deine Lust; tust du anders – es sei, denn es ist deine Lust. Was immer die Fülle deines Augenblicks macht, ist gut. Aber die Summe meiner Bereitschaften ist meine Kraft – denkst du da nun, daß ich mich wählend beschränke, die Summe meiner Bereitschaften verkleinere und meine Kraft mindere? ... Schau dort an der Straße die gehenden Lichter. Das ist das Haus der Corinna. Man sagt, sie wurde Christianin, weil ihr die alte römische Mode der langen Kleider gut steht. Denn sie ist etwas wohlbeleibt. Aber es wird sie wohl noch anderes auf diesen Weg geführt haben, daß er zu ihrem Weg ward.« Der Wagen kam an einem großen Hause vorbei, welches das der Corinna war. Den Garten füllten Menschen, Erwachsene und Kinder, die schweigend kamen und gingen, oder vor Grabhügeln knieten. Nur von den Kindern flog es manchmal wie ein Schrei in die Nacht: Christe Eleyson! Christe Eleyson! Und dabei flackerten ihre kleinen weißen Arme in die Luft wie das Feuer von den Fackeln, die manche der Alten trugen. – Christe Eleyson! verhallte es hinter dem Wagen, der nun die Höhe erklomm, auf der Comazons Haus stand. Messala hatte zurückgeschaut. Als er sich wieder umwandte, sagte er: »Sie müssen sehr unglücklich sein, um einen Gekreuzigten zu ihrem Gott zu machen ... Kannst du das in eine Freude des Augenblicks wandeln, Augaros?« »Du kannst auch sagen, sie müssen sehr glücklich sein, daß sie sich immer so zu den Toten halten und den Tod lieben, denn nur ein glückliches Leben rechtfertigt den Tod. Aber sie sind die Neugekommenen. Die haben kein Haus und kein Kleid, keine Dichter und keine Mädchen. Sie haben sich aus der braunen Erde herausgewühlt, blickten auf den Zehen in unsere Fenster und schauten sich die Augen und das Herz wund. Sie verlangten eine ausgestreckte Hand, die ihnen helfe. Sie können nicht werden wie wir, und wir würden wie sie, reichten wir ihnen die Hand. Denn eine weiße Hand macht eine schmutzige in der Berührung nicht weiß und eine schwielige nicht zart.« »Aber Corinna, und die vielen andern von den unsern?« »Ja, denen störte es den Tag und sie gaben sich auf, daß sie zu den Neugekommenen gingen. Auf alles verzichteten sie, die ein langer Besitz geschwächt hatte, und gingen zu denen, die nie auf etwas zu verzichten hatten, und lehrten sie, das Glück sei Verzichten. Denn sie dünken sich so reich, daß sie uns ihr Mitleid schenken. Siehst du nicht, wie sich aller Schmerz zu einer Freude, alles Unglück zu einem Glücke aufrichtet? Auch das Leid will sichtbare Gewänder tragen, die Einsamkeit schreibt einem Freunde, der Schmerz hat die Lust der Tränen, und die Qual lächelt. Es ist nichts in uns, das nicht als Lust zur Oberfläche wollte, bestimmt, einen Augenblick ganz zu füllen.« Messala sagte: »Eines aber bleibt immer noch: stört es dich nicht, dies erkannt zu haben, da doch mindest eine Erinnerung an diese Erkenntnis in dir lebendig bleiben muß, als ein Gedanke, als ein Wort, das einen Schatten wirft, der das Spiel deines Lichtes verwirrt?« »Die Erinnerung, der Gedanke und das Wort«, sagte Augaros, »kann mich begleiten, aber nicht führen. Was ich tue, tue ich unsorgend um irgendeinen Wert meines Tuns. Nicht einmal ihm keinen Wert geben ist die kleinste Absicht. Du kennst doch sicher unsern Dichter Valerius Suburrus, der so darauf aus ist, die braven Bürger in den Heiligtümern ihrer Tugenden zu verspotten und zu ängstigen. Er meint, er sei ein unerhört Freier, und er ist doch nur sein eigener braver Bürger und plagt sich im Schweiße seiner gesinnungsvollen Gesinnungslosigkeit. Nur die Erinnerungen und Gedanken, die Macht über unseren Augenblick haben, wollen, was wir tun, werten, weil sie, nach einer abstrakten Einheit hungrig, ohne diese Staub sind. Alles Nichtige drängt zu einem System.« »Was sind das für Einheiten, von denen du sprichst?« »Wie man es so nennt: Pflicht, Gewissen, Freiheit, Menschlichkeit und manches noch, das wie ein Luftkissen ist, aufzupumpen und zusammenzulegen nach Bedarf. Aber der Wein, den wir gestern getrunken haben, mag er uns heute nicht schmecken, so trinken wir einen andern und nicht den von gestern, bloß weil er uns da geschmeckt hat.« »Wenn wir ihn aber heute mit der gleichen Lust wie gestern trinken?« »Dann wiederholt sich Wein und Stunde, und wir könnten nur melancholisch bemerken, daß ein Tag an uns vorüberging und uns zu nichts gut fand, zu schwach für sich.« »Was es auch immer sei, du wirst den Gedanken davon spüren«, sagte Messala. »Das glückliche Leben ist wohl nur dieses, das nicht denkbar ist.« »Oder nichts sonst als denkbar. Und hat man nicht das Glück dieser reinlichen Scheidung, so soll mir doch der Gedanke keine größere Reisebeschwerde sein als dieser Kranz, den der Junge in den Wagen warf, und mit dem deine Hände spielen. Dreh' ihn in den Fingern oder wirf ihn fort, wie du willst. Anders nicht der Gedanke. Sieh, wir sind am Ziel. Wir sprachen vom Kaiser – lösch' es aus, es war nur dies und das, den Weg zu kürzen, um die Lust dieses Augenblicks. Und bleibt dir ein Wort davon, so laß ihm die Flügel und sperr' es nicht ein, oder schenk' es lachend einem Sammler. Da tritt schon Comazon unter die Schwelle und schwingt den Becher.« Das Gefährt hielt vor des Schauspielers und fünfmaligen Konsuls weißleuchtendem Haus, aus dem lautes Reden, Lachen und Musik kam. Fackelträger leuchteten, Diener halfen den Gästen aus dem Wagen, und der würdige Hausherr goß vor ihnen den Wein auf den Boden, als sie über die Schwelle traten. Es war wohl nur die plötzliche Helligkeit, die im Saale auf Messalas Gesicht fiel, daß er es verzog und es wie voll zorniger Trauer aussehn machte. Der bestrafte Lüstling Dom Estobal y Poraja überrascht in seinem höchst spirituellen Werk »Über die Engel« in dessen 17. Kapitel die Leser damit, daß er jenem Edelmann, den man nur mit seinem Vornamen kennt und nennt, so ungewöhnlich ist sein Leben und Sterben unter allen seines Taufnamens ausgezeichnet – daß Poraja dem Don Juan den Aufenthalt nicht in der Hölle, wie man denken sollte, anweist, sondern im Himmel, weil, wie er sagt, der Lüstling hier weit entsetzlichere Qualen erleide, als je der Fürst der unteren Welt für seine Schuld hätte aussinnen können. Dom Estobals theologische Autorität ist nicht gering zu schätzen. Divination und logische Schärfe zeichnen ihn in so ungewöhnlichem Maße aus, daß ich, bevor einer anderen Anschauung über des Don Juan Leben nach dem Tode Ausdruck gegeben sei, mich verpflichtet erachte, die des spanischen Dominikaners mitzuteilen, um so mehr, als jenes Werk »De Angelis« von so großer Seltenheit ist, daß nicht einmal das Britische Museum ein Exemplar besitzt. Ich las den lateinisch geschriebenen, im Jahre 1530 gedruckten Kodex mit Erlaubnis der Obern in dem Exemplar des Jesuitenklosters zu Cordoba unter sehr ungewöhnlichen Umständen, mit deren Erzählung ich aber meinen Bericht aus dem Buche nicht aufhalten will. Als, so führt Estobal y Poraja aus, ein Engel des Herrn den Tod des Don Juan meldete, war niemand im himmlischen Paradies, der den Wüstling nicht gekannt oder von ihm gewußt hätte. Denn alle seine Sünden, Laster und Verbrechen hatten aus jenen, die darunter litten, Erwählte des Himmels gemacht, nicht ihrer Reinheit wegen, denn diese war in fast keinem Falle makellos, aber um der großen Leiden dieser Opfer willen. Alle waren da, wie sie Gott der Herr bei der Kunde herbeirufen ließ, Frauen wie Männer, bis auf einen, den Leporello, der im Fegefeuer bangte, weil er sein Leben lang weder was Gutes noch was Böses getan hatte, also nichts weiter als ein Feigling war, der sich nicht hatte entscheiden können. Die vor Gottes Thron Versammelten erwarteten des Herrn Urteilsspruch, der den Wüstling in die unterste Hölle verdamme, und auch der Don erwartete es so, doch ohne Furcht, die er ja nicht kennt, auch vor Gottes Angesicht nicht. »Als ob die Hölle sein wahres Vaterland, ja sein ihm von Rechten zukommendes Reich sei und Luzifer nicht sein Herr und Herrscher, sondern sein windiger Genosse und Spießgeselle, so erwartete er die Hölle als ein notwendig Unvermeidliches«, wie Estobal schreibt. Mehr noch, als daß er an der göttlichen Erbarmung verzweifelte, was schon, wie man weiß, eine Sünde wider den Heiligen Geist ist, die einzige, die nicht vergeben werden kann – mehr noch tat er: er verachtete das Mitleid, wollte es nicht, beugte sich nicht davor, so sehr reckte ihn sein verbrecherischer Stolz auf. Alle ergriff ein Schaudern, nur jene nicht, welche den Don Juan auf Erden gekannt hatten, denn diese erwarteten nur den hingeschleuderten Blitz aus des Herrn Auge. Der aber kam nicht. Denn es geschah dieses: Gott der Herr trat aus seinem tiefen Schweigen heraus, blickte voll Güte auf des Wüstlings frevelhaft aufgebäumte Seele und sprach in seiner unerforschlichen Weisheit die Worte: »Juan, bleibe hier.« Keiner glaubte, recht gehört zu haben. Die sanfte Klara flüsterte: »Er bei uns?«, und über Priscilla lief ein Schauder. Der Don selber rührte sich nicht, hielt das Wort des Allmächtigen für eine Art schrecklicher Falle. Erst ein Licht der Hoffnung, damit dann das Feuer der Verdammnis um so furchtbarer über ihm zusammenstürze. Und er lachte in seinem Innern über den Scherz, wofür er das Wort hielt, denn er hätte ihn, weiß Gott, ähnlich erfunden, wären die Rollen vertauscht gewesen. Da schon aber sprach der Herr zum andern Male: »Juan, du wirst hier bleiben.« Nun lockerte schon Unsicherheit Don Juans Seele, so daß sie bebte zum ersten Male: er verstand nicht. Für eine Seele wie seine war nicht zu verstehen eine bis nun nicht gekannte Erniedrigung. Daß er immer im Himmel bleiben solle als ein Verdammter, dieses erkannte er, denn er wußte, daß sich die göttliche Gerechtigkeit nicht selber verlassen könne. Es war also so, daß er als Verdammter im Himmel bleiben solle. Er wollte Gott fragen, aber das Schweigen Gottes ist dem Wesen nach undurchdringlich. Was es verbergen will, das bleibt verborgen. Niemand vermochte die Gründe dieser göttlichen Entscheidung zu erkennen, die von einer unerklärlichen, ja ungeheuerlichen Nachsicht schien. Also blieb der Don im himmlischen Paradiese und war da wie ein Fremder in einem Lande, dessen Sprache er nicht kennt, dessen Bräuche er nicht versteht, dessen Wesen ihm nie deutlich wird. Und es fiel eine ungeheure Langeweile auf ihn. Er litt unsäglich darunter, allseitig von Schönheit umgeben, und außerstande zu sein, diese Schönheit zu mißbrauchen, um sie zu zerstören. Als Elvira sich ihm nahte, erfüllte ihn Freude, denn er dachte sich nun an ihrem wohlgekannten Haß zu ergötzen. Aber die Stimme Elviras sagte lieblich zum Gruße: »Juan, mein Bräutigam!« Vergessen hatte er, daß er Donna Elvira die Ehe versprochen hatte, aber das Versprechen galt, und Elvira wußte es nicht anders. »Ihr haßt mich doch, Elvira!« rief er. »Ich?« sagte sie erstaunt und verstand in der ewigen Stunde nicht den Sinn dieses Wortes, den sie vielleicht auch auf Erden nie gekannt hatte. Sie wußte in ihrer faltenlosen, einfachen Seele nur dieses, daß Juan ihr geschworen hatte, sie zum Weibe zu nehmen, und daß sie nun an einem Orte mit ihm vereinigt sei, an dem sich jedes irdische Gelöbnis erfüllte. »Aber ich habe dich beleidigt, Unglückliche, habe dir Schimpf angetan, dich mißhandelt – erinnerst du dich nicht?« »Ich erinnere mich nur des einen, daß ich dich liebte. Alles wird vergessen, was Schmerz machte. Du warst entzückend, Juan«, sagte sie und lächelte in den Augen. »Aber ich liebe dich nicht mehr! Keine, die ich liebte, und die hinter dir in langer Reihe stehen, keine, die ich je liebte, liebe ich, und habe keine je geliebt!« Da kam von allen, die mit Elviren waren, eine Stimme: »Wir lieben dich, Juan, und können es ohne Sünde. Hier kann niemand sündigen.« Hier kann niemand sündigen – das traf den Wüstling wie ein Schlag mitten zwischen die Augen. Also in diesem Reiche konnte er kein einziges Verlangen hervorrufen! In diesem Reiche konnte er keinen zu irgendeiner Sünde verführen! In diesem Reiche konnte er nicht sein, wie er war, und war doch in sein Wesen gezwungen geblieben! Er hatte seine Verdammung verlangt, um weiter in seinem Wesen zu leben, Leid und Schmerz hervorzurufen, selbst um den Preis, selber Leid und Schmerz zu ertragen. Und nun war er bis ans Ende der Zeiten verdammt, in dieser schrecklichen Anschauung reiner Unschuld und sündloser Güte zu leben. Zermalmt schrie er auf, daß der Himmel erbebte: »Der du Richter bist, von dem das Wort gesprochen ist, daß er ebenso zu strafen wie zu verzeihen wisse, du, der du ohne Schwäche bist, ich sage es dir: Ich habe gelogen, ich habe gestohlen. Ich habe getötet bei hundert Gelegenheiten und um einer Laune willen. Ich habe alle Frauen und alle Männer betrogen, die Kinder nicht verschont. Ich habe meinen König verraten, bloß um ihm nicht zu gehorchen, ich habe aus Trotz und Lust wie ein Schändlicher gelebt, und du hast mich unter die Auserwählten gesetzt! War es denn nichts, was ich getan habe? Was muß man tun, um die Feuer der Hölle zu verdienen? Was muß man tun?« * Über dem göttlichen Mund schwebte ein Lächeln, aber er öffnete sich nicht. Und Don Juan riß sich aus dem Beben, das ihn vor diesem Lächeln erfaßt hatte, und rief: »Und rührt es dich nicht, was ich an deinen Geschöpfen verbrach, so hör' dies: Es war, daß ich einmal spät in der Nacht in einen Ort kam, und es lüstete mich nach einem Weibe. Das junge Volk sei über Land zu einer Hochzeit, sagte man in der Schenke. Ich lief durch die dunklen Gassen und rief laut Frauennamen in die leere Nacht, rannte verschlossene Türen an, schlug an Fenster und rief Namen und schrie laut die Namen aller Dinge weiblichen Leibes. Schrie Brüste! Schenkel! O blondes Haar! und schlug mit dem Degen auf die Steine. Aber die Stadt war alles Lebenden wie tot. Da war auf einmal ein Licht, ein Lämpchen flackerte in einem Fenster, und hinter dem Lichte lächelte das Antlitz einer Frau, wie ich nie eine gesehen. Ich stand, starrte, dann sprach ich. Tief zog ich den Hut, daß die Federn im Staub schleiften, und bat: öffne, Allerschönste! Aber sie schwieg hinter ihrem Lichte, und es war, als ob sie lächelte. Ich rannte ans Tor. Verschlossen war es, gab nicht nach, wie ich auch hämmerte. Und wieder sprach ich, aber häßlichste Worte: Hurenkind, blondes, lächelnde Dirne, laß mich ein, mach auf, mach! ... Aber sie rührte sich nicht und lächelte immer hinter ihrem Licht. Schreckliche Flüche rief ich ihr ins Fenster, Schimpf wie dem elendesten Weibe. Bis mich die Tollheit packte und ich die Wand erkletterte, zum Fenster hin auf das Gesims, blutiger Hände nicht achtend, hing am Fensterrand, sah die lächelnde Frau hinterm Licht. Es war das Bildnis der Mutter des Heilandes, vor dem die Ampel brannte! Ich habe deines eingeborenen Sohnes Mutter eine Hure genannt! Nun? Nun?« Aber Gott der Herr entließ seinem Munde kein Wort, und er lächelte. Da konnte der Don dem Beben, das über ihn wieder kam, keinen Einhalt mehr tun. Und es schien ihm Gottes Lächeln dies zu meinen, daß der Mensch, daß alle Menschen, und so auch er, so Geringes wären vor ihm, daß es nichtig wäre, was immer sie auch täten. Und von des Don Lippen kam eine leise Frage: »Dann gibt es also Sünden, die ich nicht kenne?« Aber auch darauf ward ihm keine Antwort. Und dies ist, schließt der Dominikaner, die Strafe, welche die göttliche Gerechtigkeit dem Don Juan auferlegt hat: Bis ans Ende der Ewigkeit wird er dieses fragen, was an seiner ärgsten Sünde, seinem Stolze frißt, und nie Antwort bekommen: ob der Mensch, und auch er, ein so Geringes sei, daß er nichts vermag, nicht einmal zu sündigen. * Der sich darin gefiel, diesen etwas gotteslästerlichen Paragraphen einem harmlosen spanischen Dominikaner ins längst geschlossene Schuldbuch zu schreiben, dieser Herr unbestimmten Alters zwischen zwanzig und sechzig, der die kleine Ecke eines großen, mit tausend Dingen, nur keinen Schreibutensilien bedachten Schreibtisches benützte, um auf mit K.D. unter einer Freiherrnkrone monogrammierten Bogen veilchenfarbenen Briefpapiers den Don Juan in den Himmel zu bringen, dieser Herr Klemens von Disenberg erfüllte mit seinem Schreiben eine drängende Pflicht seiner ehemaligen Freundin Antoinette gegenüber, die ihm an eben demselben Tage brieflich ihren Entschluß mitgeteilt hatte, einem wenn auch jungen, so doch abwechslungsreichen Leben in dieser Welt Valet zu sagen und ins Kloster einzutreten. Nicht als ob Disenberg Antoinette mit diesem Briefe hätte von ihrem Entschluß abbringen wollen, er dachte ihr vielmehr den Weg zu den Karmeliterinnen zu erleichtern, indem er ihr zeigte, wie wenig Gott sich aus einem so schweren Sünder wie dem Don Juan mache, woraus sie sich sagen sollte, daß es für sie, die, wenn auch nicht tugendhaft, doch im Laster es sicher mit dem Don nicht aufnehmen könne, nicht nötig wäre, für derlei nichts als zerknirscht zu sein. Sein Liebeshandel mit Antoinette lag drei Jahre zurück. Ohne Nachricht war er seitdem gewesen. Gerüchte, die ihm zu Ohren kamen, paßten zu Antoinette, durften also fast die Wahrheit sein, Wahrheit, die er ohne besonderes Interesse vernahm, und die, auch wenn sie interessanter gewesen wäre, Klemens kaum bewegt hätte. Nun sah er sich auf einmal durch die Mitteilung Antoinettes in einem Leben wichtig genommen, wo es ihm erst nicht ohne Mühe gelang, sich überhaupt an einzelnes zu erinnern, doch deutlich bis ins einzelne auf einmal alles wurde, als er einen Zettel gelesen hatte, der Antoinettes Brief beigelegt war. Antoinette war neben ihm auf dem englisch geschorenen Rasen gelegen, der den kleinen Parkhügel, geformt wie eine Frauenbrust, überzog, und Duft ihres Leibes, Parfüm des Haares, vermengt mit dem Geruch der Erde und des Grases, wehte über ihn, daß er dachte, ... die Essenzen aller Jahrhunderte ... eingetrocknete Mumie einer Katze ... Nil ..., und leichthin huschte eine vage Frömmigkeit durch seine Seele, den flüchtigen Gedanken heraustragend, daß sommerlichhafte Wärme zur Simplizität disponiert mache. Er strich mit dem linken Ringfinger Antoinettes Oval vom rechten Ohr zum Kinn, und sie schmeichelte seine Wange an ihre hin. Alles ist es immer miteinander, dachte er, es wird ihnen schwer, den Frauen, ihr Verschiedenes zu trennen, Schwester, Geliebte, Mutter sind sie in jedem Akt. »Schlafen Sie nicht ein aus Höflichkeit«, sagte da Antoinette, und er antwortete sofort, rasch und viel sprechend, um ihr seine wache Gegenwart zu ihr eindringlich zu zeigen. »Ich könnte Sie mit einer sehr großen Ehrlichkeit unterhalten, Ihnen zum Beispiel sagen, daß Ihr Haar in dem Grün noch viel goldiger ist, Ihr Ohr, in das ich flüstere, eine kleine rosenfarbige Muschel, und überhaupt, daß Sie sehr schön sind, Antoinette. Und doch möchte ich über meine Freude, über meine Lust an all diesem aus Verachtung meiner Freude jetzt sehr gerne lachen. Ich sehe Ihre jungen Brüste durch den Stoff, ich sehe die gleitenden Hüften und sehe, was die Lust des Mannes ganz besonders anzieht. Ich würde davon nicht sprechen, sähe ich nicht in dieser banalen Nacktheit das Symbol meiner Freiheit. Als Gaston de Foix in den Krieg zog, in dem er fiel, biß er seine Geliebte in das Kinn, um ihr seine schmerzliche Furia, seine vergehende Intelligentia zu bezeigen. Genau das gleiche wäre es, genau die gleiche Geste wäre es, schöbe meine Hand Ihnen Rock und Jupon hoch und fieberte über dem Knie. Genau die gleiche Geste wie der Biß ins Kinn. Die Indezenz drückt das Mitleid der allgemeinen Ideen aus, den göttlichen Schrecken der Welt.« Antoinette wurde noch glühender von den Worten, die sie hörte, und ihre Glieder fanden wie aus sich selber den besonderen Pli der Zärtlichkeit. Der Park um den berasten Hügel versank, von ihm blieb nichts als der Fleck, auf dem sie mit Klemens lag, und darüber war der Himmel, eine Kuppel aus blauem Metall. Ganz ferne wo in der Welt bellte Antoinettes Hündchen auf, das seine Herrin vermißte. Die spürte nun ihren Leib liegend nicht mehr, aber durch dessen Glieder es wie Schnurren einer Katze, und die Brüste hart gespannt, daß sie an den Spitzen sehr angenehm schmerzten. Zwischen ihren Zähnen sein Haar. Beider Unbewußtheit sank auf den tiefstmöglichen Punkt, wo Antoinette als erste so viel Bewußtsein erraffte, daß sie rasch zwei Knöpfe aufspringen machte. Und es geschah ihr zum ersten Male, daß sie ihr Erröten über verliebtes Wesen nicht wie sonst und immer damit verschleierte, daß sie die Situation ins Dekonzertierende und damit ins Lasterhafte brachte. Zum ersten Male vollzog sie schönste Pflicht mit dem delikatesten Takt. So deutlich wurde Klemens mit einem Male aus dem fast ganz Versunkenen dieses Abenteuers Landschaft, Situation, Wort, Geste, Unaussprechbares, nachdem er den Zettel gelesen hatte, der Antoinettes Brief beilag, und den er ihr geschrieben hatte, er wußte nicht mehr, ob nach jenem panischen Mittag im Park oder nach einer Nacht. Er hatte geschrieben: »Antoinette, Du wirst noch oft aus Schlampigkeit sündigen, wirst Dich dem X. Y. aufs Knie setzen, und er wird Dir ins Ohr sehr schmutzige Propositionen sagen, sehr natürliche, aber darum sehr unnatürliche. Doch Du bist in der Gnade, denn einmal hast Du das Sakrilegium mit der eifervollsten und reizendsten Frömmigkeit begangen. Dein Kl.« In Antoinettes Brief stand noch folgendes: »Du sagtest einmal, daß eine Liebe, die nicht traurig ist, nicht glücklich sei. Und daß eine Intelligenz, die nicht wollüstig ist, nicht traurig sei. Und dann sagtest Du auch noch: ›Küsse und Sophismen, Meditationen und Flirt, Ironie und Zärtlichkeit: – der Glaube läßt es zu, daß unser Herz unter den köstlich schwersten Gewichten vernichtet wird.‹ Und noch eines Satzes erinnere ich mich von Dir: ›Wir müssen uns bis auf die letzte Faser unserer Person ignorieren, das ist unsere Aufgabe.‹ Nun, ich bin so weit, der letzte Schritt geschieht morgen, und die Aufgabe ist erfüllt.« Über Disenberg war eine starke, nervöse Spannung gekommen, die weder, wie er sich sagte, mit den sentimentalen Souvenirs einer alten Liebesgeschichte noch mit dem Entschluß einer jungen Dame, ins Kloster zu gehen, in Verursachung gebracht werden konnte. Spurlos war die Geschichte geblieben, Erinnerung, die drei Jahre her nie akut lebendig geworden, was konnte daher das Auftauchen eines Namens jetzt solche Bewegungen in ihm hervorrufen? Jetzt, wo jenes Abenteuer durch den Zufall eines aufbewahrten, nicht verlorenen Zettels für einen Moment wohl ganz deutlich geworden war, um aber doch gleich darauf ins Indifferente irgendeines einmal Geschehenen zu sinken? Er ordnete das vergangene Stück des Tages, fand nichts darin im Tage vorher, das die seltsame Unruhe, die in ihm fieberte, begründete. Das noch vor ihm liegende Tagesstück enthielt nichts, was ihn erregen könnte, die von ihm gesuchte Banalität eines Teebesuches bei Eusapia, den er nicht mehr zu machen dachte, da es zu spät geworden war, später eine Vorstellung chinesischer Tänzerinnen, die er mit Freunden besuchen wollte, und von der er sich nichts versprach, eine durchaus befriedigende Nachricht von seinem Vermögensverwalter, die Temperatur im Hotelzimmer normal, der Winterhimmel klar und ohne Gewitterwolken, wie er sich durch einen Blick aus dem Fenster überzeugte, die Aussicht aus dem Fenster in die Bäume des Zoologischen Gartens, die Hotelbediensteten vom Tage seiner Ankunft an leise und unaufdringlich ihren Dienst besorgend, – was nur, was war es nur, das ihn mit solcher unerträglichen Hochspannung erfüllte, daß ihn wunderte, aus Papier, das er angriff, knisterten nicht Flammen? Er hatte nach den mit Don Juans Himmelfahrt beschriebenen Blättern gefaßt, und er verstand nicht. Wie war er nur darauf gekommen, dies niederzuschreiben als Antwort auf die Mitteilung einer fast vergessenen jungen Dame? Als Antwort auf eine gar nicht von ihr gestellte Frage? Wer war es also, der ihn um Don Juans Schicksal gefragt hatte? Und wem hatte er diese Antwort gegeben? Zwei, drei in der Tat ungewöhnliche Zufälle hatten Klemens dazu gebracht, vom Glauben das beste Teil, wie er sagte, den Aberglauben, bedingungslos zu behalten. Und warf ihn immer dann ins Spiel, wo er sich, wie er sagte, ohne Atouts zu spielen gezwungen sah und damit meinte: wo alle rationalen Gründe für die Erklärung versagen, eine Erklärung aber doch, von den Nerven sozusagen, gefordert wird. Disenberg glaubte an Ahnungen, Vorbedeutungen, Verkettungen, kosmische Einflüsse, die Sterne, ja an die Spinne am Morgen, wenn er sich in dem erbitterten Kampfe um gute Gründe für das Einfachste erliegen sah. Für das Einfachste, denn nur dies ist rätselhaft. Das Komplizierte ist immer durchschaubar. Klemens läutete. Man möge ihm den Abendanzug herauslegen. Und ob jemand nach ihm gefragt habe. »Noch nicht.« Die Antwort frappierte ihn. Er hatte, ganz schon im Unerwarteten lebend, vergessen, daß er beim Eintritt ins Hotel schon die Frage getan hatte, ob jemand nach ihm gefragt habe. Das »Noch nicht« der Person ist das Nevermore im Gedicht von Poe, wußte er. Dieser sonst so kühl verständige und skeptische Herr von Disenberg war in einem Zustande, daß er das Firmenschild irgendeines argentinischen Importeurs oder Zahnarztes, Estobal y Poraja, am Nachbarhause seines Hotels, wäre jetzt, wo er daran vorbeiging, sein Blick wie am vorigen Tag daraufgefallen, daß er den Namen des Schildes, gleichzeitig erschreckt und versichert, für ein »Zeichen« gehalten hätte. * Es war mitten während eines Tanzes der Lu-Lung-Ming-Truppe, daß Klemens von Disenberg wie fortgetrieben den Pavillon Bleu verließ, auf die in dichten Schneefall gehüllte Straße eilte und ein vorbeifahrendes Taxi mit Hallo stehen machte. Während er auf den Wagen zueilte, merkte er, daß von der anderen Seite der Straße her, und mit raschen Laufschritten das etwas größere Stück Weges zu bewältigen suchend, eine Gestalt dem angerufenen Wagen zustrebte. Rechts und links wurden die Türen geöffnet, zugeknallt, und von beiden Gästen in dem kurzen Moment des Einsteigens dem Fahrer zugerufen: »Eden-Hotel.« Der Wagen fuhr los. In normaler nervöser Verfassung hätte Disenberg, ausgehend vom Zufall des gemeinsamen Zieles, eine freundliche Unterhaltung mit dem Fremden begonnen, der, nachdem er um seine und seines Nebenan Knie eine Pelzdecke geordnet hatte, sich schweigend in die Ecke drückte. In normaler nervöser Verfassung hätte dieses wie selbstverständliche Gehaben des Eindringlings in seinen Wagen, selbst in Anerkennung der späten Stunde und des gemeinsamen Zieles, Disenberg vielleicht zu einem herausfordernden »Pardon!« gereizt. Aber sein Zustand war ungewöhnlich, und so nahm er das Ungewöhnliche wie ein Selbstverständliches hin, ja, es überraschte ihn nicht einmal, als der Fremde das Licht im Kupee aufknipste und er wahrnahm, daß er sich nicht, wie vermeint, in einem Taxi, sondern in einem Privatwagen befand. Automatisch höflich meinte er nur: »Mißverständnis meinerseits.« »Es ist alles ganz in Ordnung«, hörte er die Stimme des Fremden aus der Ecke, auf den er nun den Blick wandte, um das durch nichts weiter auffallende Gesicht eines Herrn in mittleren Jahren zu sehen, dessen Blässe aus einem dunklen Bart auf Lippe und Kinn und Wangen fast weiß schimmerte. Die Augen lagen im Schatten. Der Seidenhut spiegelte matte Reflexe. Disenberg hielt seinen Namen zu nennen jetzt für gegeben. »Ich weiß«, sagte der Fremde und fuhr, wie um gegen das Unpassende seiner Bemerkung kein Wort möglich zu machen, gleich rasch fort: »Entschuldigen Sie, wenn ich den Anschein, irgendein zufälliger Herr zu sein, der mit Ihnen zufällig im selben Wagen zum gleichen Hotel fährt, zu erhalten mich nicht bemühe. Es ist nämlich von einem Zufall gar keine Rede. Es ist, leider, leider alles ganz, wie sage ich, abgekartet und in Ordnung. Ich brauche Ihnen meinen Namen nicht zu sagen, so wenig wie Sie mir den Ihren sagen mußten. Wir kennen uns!« Und eindringlich wiederholte der Fremde: »Wir kennen uns doch.« Nicht wie eine Frage, sondern als ob es sich um eine im Augenblick vom andern seltsamerweise vergessene Tatsache handelte, wurde der Satz gesprochen und wiederholt, und Disenberg war es, als ob er in der Tat genau wußte, wer dieser Fremde sei, dessen Namen ihm nur plötzlich entfallen, da er ihn doch vor ganz kurzer Zeit gewußt nicht nur, sondern des öfteren wiederholt hatte. Er fand sich wie in eine Landschaft gestellt, die er nicht an da und dort deutlich Werdendem, an Baum, Haus und Weg erkannte, sondern an den Nebeln, die über ihr lagen. Das Unfaßbare wurde ihm vertraute Wirklichkeit, die Wirklichkeit völlige Fremdheit. Das Auto hielt vor dem Hotel. Man stieg aus, und der Fremde warf dem Chauffeur ein kurzes Wort zu. Spanisch natürlich, empfand Disenberg, der nur einen Klang vernahm. Das Auto glitt weg. »In die Bar noch, nicht?« sagte der Fremde. Nachdem der Barkeeper die beiden einzigen Gäste bedient hatte, nahm er hinter der hohen Theke den unterbrochenen Schlaf wieder auf. Das irisierende, grau in grünlich schimmernde Licht in dem hohen, aber schmalen Räume erschien Disenberg bewegt, als ob es atmete, und seine Augen suchten einen festen Punkt, trafen aber immer nur auf spiegelnde Reflexe von Metall, Glas und Marmor. Irgendwo in der Höhe mußte wohl die Lichtquelle sein, und er warf den Blick etwas schmerzhaft zur Decke, die eilends flüchtete, als ob er sie mit seinem Blick jagte. Da fiel ihn ein lebhafter Angriff von unten her an. Der andere hatte das rotverhängte Licht einer kleinen Stehlampe aufgeknipst. Der schwankende Raum versank, und Disenberg fand sich alsbald völlig gesammelt und komfortabel in seinem weichen Lederstuhl. * »Die sympathische Phantasie Ihres spanischen Dominikaners würde ein himmelblaues Licht eher erwarten lassen als das höllische Rot dieses Lampenschirmes, das übrigens den wahren Sachverhalt nicht einmal symbolisch beleuchtet. Denn höllisch ist meine etwas desperate Unsterblichkeit höchstens in einem übertragenen und gar nicht im orthodoxen Sinn, mein Lieber. Daran ändert auch nichts, daß sie im Ablauf der Zeiten manchmal einen sozusagen diabolischen Akzent bekommt, den aber weniger meine Person spürt als vielmehr meine Umgebung, wie Sie in diesem Augenblick, oder meine anderen Nachfahren und Enkel ihn spürten, deren ich mich, eine besondere Laune des göttlichen Gerichtes, zu Zeiten immer wieder zu bekennen verdammt bin. Ja, verdammt, wie ich mehr persönlich als in pathetischer Wiederholung eines hohen Urteils sage, denn das Vergnügen dieses Bekenntnisses ist gar nicht auf meiner Seite. Ich glaube, es ist auch nicht auf der andern. Aber vielleicht bei Gott, der über die Situation lachen mag. Er hat einigen Sinn für den Humor seiner Welt oder hat ihn im Lauf der Zeit bekommen. Meinen Sie nicht?« Disenberg blickte wie einer, der hört, aber nicht zuhört, dem Gegenüber mitten zwischen die Augen, wo die Brauen einander fast berührten in einer fein ausgezogenen schwachen Linie. Auch wenn er gewollt hätte, wäre ihm keine Zeit zu einer Antwort, kaum zu einem Ja geblieben, denn das Gegenüber sprach ohne Aufenthalt weiter. »Es macht einen wenig angenehmen Eindruck, daß ich nur spreche, ich weiß. Aber ich kenne Ihre Fragen alle, bevor Sie die Worte dafür bereit haben. Erstaunen Sie nicht über Ihre Schweigsamkeit, lieber Herr von Disenberg. Was Sie von mir hören, wird Ihnen wie ein Selbstgespräch vorkommen, das Sie führen.« Disenbergs Lippen machten ein kleines Lächeln. Aber daß er nicht sprach, dessen natürliche Ursache fand er in seiner körperlichen Müdigkeit und dessen einfachen Grund darin, daß es ihm als das Selbstverständlichste der Welt vorkam, diesem Herrn begegnet zu sein und ihm gegenüber in einer Bar zu sitzen. Er hatte eine solche Gewißheit des Vorwissens alles dessen, was jener ihm sagen würde, daß ihm, so kam es ihm vor, zu fragen gar nichts eingefallen wäre. Da er nur einen Monolog zu sagen behauptet, ich aber wieder genau weiß, was er sagen wird, – wer und was ist es nun, das spricht und das gesprochen wird? Disenberg schloß die Augen, um es zu sehen. »Es ist schon recht lang her, daß ich auf den Apparat verzichtet habe, den Sie vom Theater her kennen. Ich trete gewissermaßen nicht mehr darin auf. Verführungen, Küsse, nächtliche Flucht, heimliche Treppen, insidiöse Zusammenkünfte, Entführungen, Maskenbälle, Bankette, Champagnerarien, – das war ich natürlich gar nicht. Mein fataler Mythus ist der Wüstling wider Willen. Denn ich träumte als Knabe von der Liebe als Heiligtum, in das ich als Mann eintrete. Aber sie kam nicht. Sie blieb ein Wort. Nie fühlte ich eine jener Regungen, die den Mann erblassen lassen. Nie den Schauder, den, wie man sagt, himmlischen, beim Anblick einer Frau. Mich besaß die Macht des Verlangens, aber ich besaß nicht das Vermögen der Liebe. Ich konnte Frauen besitzen, konnte es erreichen, daß sie mich liebten, aber es war mir versagt, daß auch nur für eine Sekunde mein Herz zitterte, meine Seele sich bewegte. Anfangs versuchte ich es auf alle Weisen. Glaubte zu der Liebe zu kommen, indem ich so tat, als empfände ich sie. Ich wurde dadurch nur in allen Künsten der Sinne geschickter. Ich redete alle Worte, tat alle Gesten, bildete alle Blicke, wie ich sie bei den Liebenden wahrnahm, im Glauben, aus Worten, Gesten, Blicken würde mir das Gefühl kommen. Tausend Male wiederholte ich zu tausend Frauen das zärtlichste Geständnis, den heißesten Schwur, die tollsten Worte. Ich küßte, seufzte, stand lange, nächtliche Stunden, in den Mantel gehüllt, unter Fenstern, das Licht erwartend, schrieb sinnlose Briefe, zwang mich zu Tränen, vergoß Blut der Nebenbuhler, verlobte mich feierlich, – aber es war alles ganz vergeblich. Ich bekam nur einen sehr schlechten Ruf. Aber nicht das Gefühl der Liebe. Aus der leidenschaftlichsten Umarmung hätte mich jeder Anruf sofort lösen können, denn ich war nur – verstehen Sie – bei der Sache, aber nie bei der Liebe. Bei dem ersten Dutzend Frauen glaubte ich, es läge an den Frauen. Bei dem hundertsten Dutzend glaubte ich, es läge an der Frau. Und es gab noch viele darunter, die meinethalben weinten, Schande ertrugen, sich das Leben nahmen. Ich sah in ihre Augen, blaue, schwarze, graue Augen der wilden Leidenschaft, Augen der seligen Agonie, Augen liebender Anbetung, und ich sah immer nur den Reflex meiner empfindungslosen, klaren, kalten Intelligenz. Ich habe jede Frau in jedem mir passend erscheinenden Augenblick ohne geringstes Bedauern verlassen können. Ich war der legendär Untreue, Unbeständige, auf der Suche nach dem Beständigen der Liebe. Ich bin der Vielgeliebteste, und es gelang mir niemals, zu lieben. Wessen Gott mich strafen wollte, als er mich vom Teufel holen ließ, dies liegt in der Unergründlichkeit seiner Ratschlüsse, wie mir einer meiner Söhne sagte, der Mönch geworden war. Ich mußte ihn und alle andern treffen, wie ich Sie treffen mußte, Sie, Herr von Disenberg, meinen letztentsprossenen Sohn. Ihre Mutter liegt weit zurück ... Sie, wie die meiner anderen Söhne, die zu treffen mir auferlegt ist, ich weiß nicht, um mich vor ihnen zu schämen, oder sie zu warnen ... Jener Mönch predigte mir Buße. Ich brachte ihn, der bisher keusch gelebt hatte, unter Frauen. Er unterlag und tat darauf ein Furchtbares am eigenen Leibe. Ein anderer zerrte mich in das Labyrinth seines Denkens und bewies mir, daß ich gar nicht leibhaft existierte, sondern nichts weiter sei als das Symbol für die Liebe zum Wechsel, so eine Art ewiger Jude in der Liebe. Et tu, fili?« Disenberg war von einer etwas öden Nüchternheit erfaßt worden, und er sagte mit einer Korrektheit des Tonfalles, der ihn überhöhen sollte seinem Partner gegenüber: »Mir erscheinen Sie im Augenblick wie ein sehr junger und wenig begabter Schriftsteller, der sich interessant zu machen sucht mit ganz abgebrauchten Mitteln.« Don Juan lächelte. »Vielleicht ist es deshalb, daß ich Sie treffen mußte, um Sie daran zu erinnern. Oder sollten Sie nie ein solcher junger Mann gewesen sein? Ich sagte Ihnen ja, daß ich Ihren Monolog spreche.« »Dann ist er, wenn überhaupt, sehr veraltet, mein sehr verehrter Herr ...« und Disenberg tat, als suchte er den vergessenen Namen. Und als der andere keine Miene machte, ihn zu ergänzen, fuhr er fort: »Mir ist es jetzt, als hätte ich Sie schon einmal gesehen. Bei einem Ball in Berlin W. Es sollte ein Kostümfest sein. Aber natürlich kamen alle Herren im Frack. Nur einer erschien kostümiert – als Don Juan. Es machte einen etwas komischen Eindruck, denn Sie benahmen sich sehr echt, nicht zum Entzücken der Damen, denen Sie etwas zu derb begegneten. Sie blieben nicht lange und entfernten sich etwas tumultuös, nicht wahr?« »Ganz richtig erinnern Sie sich. In einem Nebenraum intonierte Ihr stadtbeliebtester Bariton ›Reich' mir die Hand, mein Leben‹, und ich flüchtete in die Mägdekammern. Ich weiß, ich werde als Amant immer ridiküler in der fortschreitenden Demokratie. Den alten Adel meiner Fähigkeit schätzen nur mehr die Mädchen aus dem Volke, und bei den Damen der Gesellschaft falle ich durch, immer öfter. Da ich selber nicht liebe, muß ich geliebt werden. Und das bringen die Damen immer seltener fertig. Die guten Sitten der Gesellschaft verlangen die Liebe als Schutzmantel, um die Dehors zu wahren. Ich stehe zu nackt da, mit meinen krassen Appetiten, kann sie selbst kaum decken. Wie erst die eines Paares! Die Kammerzofe legt weniger Wert darauf. Noch weniger die Köchin. Weil sie liebt. Nur Frauen, die lieben, können ihr Glück mit mir machen, indem sie unglücklich werden. Verzeihen Sie die Abgeschmacktheit der Formulierung, die Sie wieder an den jungen Schriftsteller erinnern kann. Aber was wollen Sie, mein Lieber? Ich bin nicht mehr so großartig, wie ich war. Ich erliege, in den Zeilen weiterlebend, dem Auf und Ab der Zeiten, bin ungewöhnlich wie sie, gewöhnlich wie sie. Aber nie außerzeitlich. Ich falle nie auf. Ich heiße heute Anton Meier, wie ich im spanischen Jahrhundert Don Juan y Vargas hieß. Wollen wir uns morgen abend hier wiedertreffen? Ich bringe Sie in interessante Gesellschaft.« Er erhob sich, reichte Disenberg die Hand, und war, bevor der ihm hätte folgen können, die auf einmal ungewöhnlich in Spiralen sich drehende Hoteltreppe hinauf verschwunden. * Herr von Disenberg ließ sich noch einen Cocktail reichen und gab seiner etwas pedantischen Neigung nach, das eben Erlebte auf eine vernünftige Formel zu bringen, denn alles müsse man so erledigen, daß es brauchbar werde, wie eine Leitersprosse, auf der man sein Leben in Gottes Namen zu Ende klettere, ohne unangenehme Abstürze bei fehlenden, gut formulierten Erkenntnissen. Er fand, daß der Don Juan sich für den ersten Auftritt noch etwas von seiner alten Verve erhalten habe, alsbald aber rasch enttäusche und sich als ein altmodischer Herr mit Seele ausweise, der am besten daran täte, seine dicke Köchin zu heiraten und in eine kleine Stadt zu ziehen. Diese weinerliche Enträtselung seines Sinnes, als geborener Wüstling die Liebe zu suchen und nie zu finden, war französische Romantik der dreißiger Jahre und Tagebuchaufzeichnung des sechzehnjährigen Konfirmanden, der erschüttert von einer alten Prostituierten kommt. Und diese Flunkerei mit den Söhnen! Daß er immer der Zeit konform werde, diese seine wichtigste Bemerkung erklärt seine Banalität, und dies dürfte wohl auch die himmlische Strafe des Wüstlings sein, schlimmer als Höllenqualen und als die Vermutung des spanischen Mönches. Der Don Juan von 1925 heißt Anton Meier: welche Posaunen könnten schrecklicheres Urteil donnern? Welcher Mann sein Leben mit den Frauen teilt, verliert es in zunehmender Lächerlichkeit. Damit mir dieses mehr als bloß einsame Wissen werde, dazu war mir der Don Juan Meier erschienen. Zur Warnung, wie er selber sagte. Disenberg wußte sich erst am Anfang seiner asketischen Karriere. Darum entfuhr ihm ein kleiner Seufzer, als er sich nun erhob, sein Bett aufzusuchen. * Bei ihrer Ankunft im Palais Kormons bemerkte der Don zu Disenberg, daß sie sich verspätet hätten. Die Gäste seien bereits im Theatersaal, in dessen Dunkelheit sie von einem Lakaien in die erste Reihe zu ihren Sitzen begleitet wurden. Allsofort hob sich der Vorhang, und Disenberg sah die Bühne als einen Salon. Er hatte den der Einladung beigelegten Personenzettel des Stückes »Die Zahl« flüchtig gelesen. Die Damen und Herren auf der Bühne nahmen den schwarzen Kaffee, standen, saßen und unterhielten sich in Gruppen, und aus dem Schwirrenden löste sich manchmal ein Wort: »Niynski ... Hindenburg ... 380 PS ... Rilke ... Südsee ... Gulu Manieh ... Das Stück spielte im Hause eines Barons von Lussignan, wie sich Disenberg des ungewöhnlichen Namens wegen gemerkt hatte, und der war es wohl, der, am Kamin stehend, in die schwirrende Unterhaltung hinein plötzlich laut das Folgende sagte: »Die Liebe ist ein Akt ohne jede Bedeutung, da man ihn beliebig oft wiederholen kann.« Peinliches Schweigen. Darauf die Frau von Paladina: »Ich glaube, es zieht hier.« Frau von Alpha: Es scheint mir eher schwül. Lussignan: Ich spreche ganz ernsthaft, meine Herren. Die Liebe ist ein Akt ohne jede Bedeutung, da man ihn beliebig oft wiederholen kann. Frau von Paladina: Ich dachte, sie sei ein Gefühl ... Der Bankdirektor: Wenn man, was ich sonst und besonders geschäftlich nie tue, den Dichtern trauen kann, ist sie allerdings ein Gefühl. Lussignan: Vielleicht, verehrte Baronin. Es kommt nur darauf an, sich darüber zu einigen, was ein Gefühl ist. Der Domherr: Ein seelischer Eindruck. Motus in bonum conveniens – oder in bonam, verehrte Gnädige. Der Arzt: Man muß den englischen Assoziationsphilosophen etwas entgegenkommen und sagen, das Gefühl sei eine sich abschwächende oder abgeschwächte Sensation. Lussignan: Ein verminderter Akt, also überhaupt kein Akt mehr. Der General: Also, mein lieber Lussignan, demnach würde also der sozusagen realisierte Akt die Liebe ausschließen. Der Domherr (beugt sich zur Tänzerin): Gähnen Sie ungeniert, Teuerste. Lussignan: Nein. Der Akt schließt die Liebe durchaus nicht aus. Der Bankdirektor: Ein? Der Domherr (zur Baronin Paladina): Verstecken Sie sich hinter Ihren Fächer, daß Sie nicht erröten, Teuerste. Frau von Alpha: Ich glaube, es paßt sich nicht ganz. Oder? Lussignan: Die Liebe schließt sich dann nicht aus, wenn dem vollendeten, vollbrachten Akt ein andrer folgt, der gerade so viel Sentiment bewahrt, daß er sich nicht sofort vollzieht. Der General: Es kommt also, wie immer, auf die Distanz an. Der Bankdirektor: Und also in den Zwischenräumen der Distanz die sogenannte Liebe. Der Arzt: Ich möchte bemerken, daß die Wiederholung des Aktes zu einer Vergiftung der Gewebe führt, was man im Effekt Ermüdung nennt. Lussignan: Die Wiederholung macht gewöhnt und geübt, lieber Doktor. Der General: Es ist wie mit hundertmal großer Kniebeuge? Die Tänzerin: An die Gewehre! Eins! Zwei! Lussignan: Zählen Sie weiter, mein Fräulein, weiter bis ans nie zu erreichende Ende der unendlichen Zahlenreihe. Frau von Paladina: Menschliche Kraft – Lussignan: Hat keine Grenzen, genau wie die Zahl. Der Bankdirektor: Die Umstände sind einem Beweis nicht gerade günstig. Auf den Beweis käme es aber doch schließlich an. Der Arzt: Wollen Sie, lieber Lussignan, damit sagen, daß es Organe gibt, die fast gleichzeitig arbeiten und ruhen und derart die Illusion geben, nie still zu stehen? Der Domherr: Sagen wir das Herz, um in anständigen Gefühlen zu bleiben. Der Arzt: Nie still zu stehen, außer beim Tode? Lussignan: Es genügt, eine endlose Arbeit sich vorzustellen. Die Zahl der Systolen und Dyastolen eines Menschenlebens übersteigt jede vorstellbare Zahl. Der Arzt: Aber das Herz ist ein sehr einfaches Muskelsystem. Frau von Alpha: Nur das? Der Bankdirektor: Der Motor meines Autos steht still, wenn er kein Benzin mehr hat. Der Arzt: Man könnte immerhin auf der Basis von Strychnin und Alkohol ein Nährmittel herstellen, das den Menschen instand setzt... Der General: Wie? Der Arzt: Ja, einen Nährstoff, den man in Pillenform schluckt, und der die menschliche Maschine – Frau von Paladina: Wir sprachen vom Herzen und der Liebe, Herr Doktor! Lussignan: Wir sprechen davon, Baronin. Der Arzt: Sicher sind die menschlichen Liebeskräfte unendlich, man muß nur wissen, bei welchem Punkte das männliche Geschlecht, ja, bei welchem Punkte der unendlichen Zahlenreihe der Mann das Unendliche ansetzt. Der Domherr: Ich erinnere mich, daß der ältere Cato sich bis zur Zahl zwei erhob, aber das war einmal im Winter und einmal im Sommer. Die Tänzerin: Liebe Eminenz, das war aber der ältere Cato, vergessen Sie das nicht. Der Domherr: Er war sechzig. Der General (sehr träumerisch) : Das ist viel. Die Tänzerin: Ich hoffe, Sie verwechselten die Ziffern, mein lieber General. Der General: Also ich muß sagen, ich finde es kolossal. Die Tänzerin: In den Travaux d'Hercule von Terasse bietet der König Lydiens dem Alkiden für eine Nacht seine dreißig Töchter an. Er singt sehr hübsch: Dreißig für einer Nacht so lange Frist, Verzeih, daß es so wenig ist. Der Bankdirektor: Singen singt sich das leicht, würde man in Czernowitz sagen. Der Domherr: Lohnt nicht die Mühe. Lussignan: Getan zu werden, Eminenz! Waren es wirklich nur dreißig? Der Domherr: Wenn mich meine klassischen Erinnerungen nicht täuschen, so heißt es bei Diodorus Siculus: Hercules una nocte quinquaginta virgines mulieres reddidisse. Frau von Alpha: Das heißt? Der Bankdirektor: Fünfzig, meine liebe Baronin. Der General: Fünfzig Jungfrauen, Donnerwetter. Lussignan: Derselbe Diodorus erwähnt noch einen gewissen Proculus, Eminenz, der sich hundert sarmatische Jungfrauen geben ließ und vierzehn Tage verlangte ad constuprandum. Der Domherr: Caput Tertium Tractati De Vanitate Scientiae. Der Arzt: In Tausendundeiner Nacht besitzt ein Prinz vierzigmal in vierzig Nächten vierzig kleine Mädchen. Die Tänzerin: Das sind so orientalische Phantasien. Der Domherr: Ganz recht, Teuerste. Im Koran rühmt sich der Heide Mohammed, die Stärke von sechzig Männern zu besitzen. Die Tänzerin: Außerdem sagt das noch gar nicht, daß er sechzigmal lieben konnte. Der Bankdirektor: Es ist wie beim Poker. Nur nicht so ernsthaft. Der General: Ah was! Wie wir Anno fünfzehn in Serbien einmarschiert sind – Der Bankdirektor: Aus. Der General: Wie? Der Bankdirektor: Ausmarschiert wollen Sie sagen. Der General: Also war's ein Jahr darauf. Wie wir da einmarschieren mit klingendem Spiel, stehen die serbischen Weiber reihenweise in den Dörfern und warten nur. Was nämlich die serbischen Männer sind, also nicht soviel wert, sag' ich Ihnen. Frau von Alpha: Ich habe meine Tochter hier, General. Der General: Die Unterhaltung mit ihren Zahlen, Gnädige ... Helene (Frau von Alphas siebzehnjährige Tochter) : Die Herren reden von Geschäften? Frau von Alpha: Geh ein bißchen in den andern Salon, mein Kind! (Helene geht langsam in eine Fensternische.) Frau von Paladina: Diese Zahlen ... Ich weiß nicht, aber sie kommen mir, wie soll ich sagen – Der General: – so platonisch – Frau von Paladina: – nein, so technisch vor. Was meinen Sie, Herr Doktor? Der Arzt: Wir hatten im Spital einen Idioten, der sein ganzes Leben lang – und er lebt heute noch – überhaupt nichts anderes tat, ohne Unterbrechung, nur tat er es mit sich allein. Die Damen: Wie schrecklich! Pfui! Abscheulich. Der Arzt: Das erklärt viel. Ich meine, die zelebrale Exzitation erklärt alles. Frau von Paladina: Sie meinen, die Frauen verhindern die zelebrale Exzitation oder kürzen sie zumindest ab? Der Arzt: Ich sagte Ihnen schon, Baronin, es war ein Idiot. Die Tänzerin: Wenn Sie von seinen zelebralen Kapazitäten sprechen, war er doch nicht so sehr Idiot, wenigstens nicht in dieser Hinsicht. Der Arzt: In diesem Fall, Verehrteste, ist das Hirn mehr das Rückenmark. Lussignan: Das Rückenmark dieses Menschen besaß Genie. Der Bankdirektor: Aber sagen Sie, lieber Doktor, wie ist es denn außerhalb der Irrenhäuser und Idiotenanstalten? Der Arzt: Soweit man hier erfahrungsgemäß Kenntnis besitzt, hat man hier neun- oder zwölfmal in vierundzwanzig Stunden beim männlichen Individuum konstatiert. Der Bankdirektor: Was sagen dazu Ihre behaupteten unbegrenzten Fähigkeiten, Herr von Lussignan? Der General: Da bin ich schon sehr gespannt. Lussignan: Ich kann die wissenschaftliche Anschauung nicht teilen. Die Wissenschaft stützt sich auf Aussagen der Wilden, die nur bis zehn zählen können, nämlich an ihren Fingern, aber damit viel mehr meinen. Es ist meine Überzeugung, daß man den höchsten bekannten Rekord schlagen kann. Frau von Alpha: Der ist? Lussignan: Siebenzigmal und öfter an einem Tage. Theophrast, Plinius und Athenaios berichten von ihm. Es war ein Inder. Der Domherr: – Septuaginta coitu durasse libidinem contactu herbae cuiusdam. So steht's bei Theophrast, der hier den Plinius zitiert. Lussignan: Im zwanzigsten Kapitel des neunten Buches der Historia Plantarum: »Mit Hilfe eines Krautes.« Der Bankdirektor: Das Kraut sollte man kennen. Die Gründung darauf zahlt tausend vom Hundert Tantiemen. Der Domherr: Cuius nomen genusque non posuit, heißt es weiter. Es tut mir leid für Sie, Herr Direktor, aber man kennt nämlich diese einträgliche Pflanze nicht. Lussignan: Das mit der Pflanze ist natürlich Interpolation eines schüchternen Kopisten, der den Geist der Leser vor einem zu lebhaften Stupor bewahren wollte. Die Tänzerin: Mein Gott, ob mit oder ohne Kraut – Der General: Dazu braucht es nur eine flinke Zunge. Die Tänzerin: Wie in Serbien, General? Lussignan: Der bekannte Baron Münchhausen hat alles das getan, was er erzählte. Diesem glaube ich durchaus. Der Arzt: Auch daß er sich bei dem zu kurzen Sprung mit dem Pferd in der Mitte des Sprunges umdreht und sich an den Absprung zurückbringt, daß Roß beim Schweif? Der General: Früher hielten die kavalleristischen Ordonnanzen bei »Habt acht!« das Pferd immer beim Schweif. Der Arzt: Darum handelt es sich nicht, General. Aber das Stück des Barons Münchhausen stellt alle physikalischen Gesetze auf den Kopf. Frau von Paladina: Aber was hat das Pferd, Schweif und der Baron mit der Liebe zu tun? Der Bankdirektor: Das kann man nie wissen. Lussignan: Wenn es erstaunlich ist, daß sie ihm passiert sind, so ist es doch viel weniger erstaunlich, daß man ihm seine Erlebnisse nicht geglaubt hat. Und das war übrigens ein Glück für den Baron. Er hätte inmitten der neidischen Welt kein angenehmes Leben gehabt, hätte man ihm geglaubt. Man hätte ihn für alles Unerklärte verantwortlich gemacht, für alle unerwarteten Ereignisse, für alle unentdeckten Verbrechen. Der Arzt: Man hätte ihn wie einen Gott verehrt. Lussignan: Da man ihm aber nicht glaubte, genoß er die allergrößte Freiheit, alles zu tun, was ihm beliebte, auch Verbrechen, denn der allgemeine Unglauben verschaffte ihm jedes Alibi. Frau von Paladina: Und Sie, lieber Lussignan, waren Sie schon nah daran, es diesem entzückenden Baron nachzumachen? Lussignan: Ich habe nachher nichts zu erzählen, verehrteste Gnädige, da ich unglücklicherweise zu jenen gehöre, die nur Abenteuer erleben, die zu erzählen sich nicht lohnt. Frau von Alpha: Wann erzählen Sie dann? Der Bankdirektor: Vorher, liebe Baronin. Lussignan: Erzählen? Was bitte? Und vor was? Die Tänzerin: Ich halte mich an das Glaubhafte. Frau von Paladina: Aber es ist ganz hübsch, das andere immerhin auch in der Phantasie zu behalten. Wenn man es auch nicht glaubt, so ist die Vorstellung doch angenehm. Der Domherr: Meinen Sie? Das Vergnügen ist mäßig. Wollen wir eine kleine Promenade in den Park machen? Der Bankdirektor: Auch wenn es draußen heiß ist, wird es immer kühler sein. (Und die letztgenannten drei gehen in den Park.) Die Tänzerin: In den Reden über die Sache liegt ein Selbstverrat. Der Arzt: Das anzunehmen, liebe Teresita, liegt zu nah, als daß es hier stimmte. Allgemeine Psychologien sind nämlich immer falsch, wenn man sie braucht. Hier ist sie auch aus anderen sicheren Gründen falsch. Frau von Alpha: Glauben Sie? Und auch diese drei begaben sich nach rückwärts, um in den Park zu gehen. Es erhebt sich, um ihnen zu folgen, der General und sagt: »Also, der alte Cato, es ist doch kolossal, wenn man so denkt ...« Lussignan und Helene sind allein, und Helene geht auf ihn langsam zu und sagt mit ihrer kindlichsten Stimme: »Ich glaube an den Inder.« Hierauf geht sie den andern nach in den Park, während sich Lussignan lächelnd eine Zigarette anzündet. Da fiel der Vorhang. Da fiel ein Vorhang, doch nicht vor Herrn von Disenberg, der sich, als es plötzlich hell wurde, ganz nah vor einem großen Spiegel sitzend fand, in dem er wahrgenommen hatte, was hinter ihm gespielt wurde. Er wandte sich um und erkannte, was er als Bild auf der vermeintlichen Bühne gesehen hatte. Nur war jetzt der Salon leer, bis auf den Don – war er es? Oder war es nicht Herr Lussignan? – der, an den Kamin gelehnt, eine Zigarette rauchte. »Sie waren nicht zu erwecken. Jetzt ist es zu spät geworden, als daß ich Sie noch zu Kormons bringen könnte, Herr von Disenberg. Es geht auf zwölf.« Disenberg erkannte nun den Salon des Hotels. Aber geschlafen und geträumt zu haben, dessen war er nicht ganz sicher. »Auf morgen, nicht wahr?« hörte er noch des Don Stimme, der im Labyrinth der Korridore verschwand. Geschlafen und geträumt zu haben, war er nicht ganz sicher. Doch um das Gesehene und Gehörte für einen höllischen Spuk zu halten, dazu hatte Herr von Disenberg zu großartige Vorstellungen von der Hölle, zu der die Harmlosigkeit dieses Aktes nicht paßte. Er griff in die Tasche, fand die Einladung zu Kormons und den Theaterzettel »Die Zahl«. War man doch dort gewesen? Aber wie zurückgekommen? * Herr von Disenberg entschloß sich, die Einladung in den Salon der Frau Eusapia anzunehmen. Da er den Spanier nicht mehr anders verständigen konnte, sandte er ihm die Einladung durch den Portier des Hotels, der sie sofort zu erledigen versprach. Aber Disenberg erwartete den Don Juan vergeblich. Es gab einwandfrei berühmte Leute unter den Geladenen, wobei auffallen konnte, daß sie, wenn sie überhaupt redeten, im Memoirenstil sprachen. Da war der wienerische Entdecker der Frauenseele, im Arrangement seines stark ergrauten Haares noch immer als solcher kenntlich, im Ausdruck des Gesichtes eine kleine Melancholie, die sich selbst genoß. Da war der Dichter der deutschen Nation, dem eine opponierende Jugend alles weggestrichen hatte bis auf die deutsche Landschaft, deren Dichter zu sein sie ihm konzedierte. Da war ferner der Dichter, der den leisen krankenschwesterlichen Ton permanenter Rekonvaleszenz gefunden und perenniert hatte. Ferner der Romancier der großen Liebespassionen und erotischen Exotismen des Schreibtisches, ein etwas dicker, gelblicher Herr verquollenen Gesichtes. Da war das rustikale Ingenium der erschütternden Monumentalität im Ausdruck der banalen Leidenschaften. Ferner – doch es soll nicht die Neugierde auf Porträts nach dem Leben erweckt und befriedigt werden, weshalb genüge, daß neben diesen und anderen älteren Herren des deutschen Parnasses auch ein linker, jüngerer Flügel da war, der zumeist das Wort führte. Neben den Berühmten unter diesen gab es auch weniger Berühmte. Und schließlich die üblichen Notwendigkeiten: hohe Militärs und Dekolletées. Die Herren waren etwas erstaunt über den Eindringling, waren sich mit einer ganz klein wenig gespielten Liebenswürdigkeit aber doch auch der Ehre bewußt, die sie Klemens damit erwiesen, daß er bei ihnen Zutritt gefunden hatte. Selbstverständlich erfüllte sie gegen ihn jene Verachtung, die bekannte Leute gegen unbekannte empfinden. Ich folge dem Berichte des anwesenden Herrn J. Benda, der genau sein dürfte. Die Unterhaltung ging über das Neueste und Letzte in einem gewissen stenographischen Jargon, über den Disenberg nicht weiter erstaunte, da ja auch, wie er sich sagte, die Schlosser ihr Vokabular haben, auf das sie stolz sind. Was bei den Reden der Jüngeren auffiel, waren die wissenschaftlich-philosophischen Prätensionen dieser Belletristen, die von Integration der Phänomene, von spezifischen Mentalitäten, vom Elan vital und von Minimis und Maximis sprachen, allerdings mit einer verdächtigen Leichtigkeit des Wortes, ein Effekt des obligatorischen Schulunterrichtes. Übrigens konstatierte Disenberg, was er in ihren Schriften gefunden hatte auch in ihrem Sprechen: die stärksten Worte wurden in ihrem Munde ganz schwächlich und matt. Die ganz und gar berühmten älteren Nationaldichter begnügten sich damit, bei der lebhafteren Unterhaltung der jüngeren nur als schönes Beispiel für das von denen Gesagte zu wirken, indem sie manchmal ein Wort in das Gespräch hineinnickten, welches Wort so geschickt gewählt wurde, daß es immer passen konnte. Der Gebrauch aller der vielen philosophischen Worte ließ Disenberg erkennen, daß sie dazu dienten, die wenigen Ideen der Herren zu verbergen. Die Worte schlotterten wie zu weite Kleider. Darum haben diese Autoren auch einen so frühzeitigen Stillstand ihres Geistes. Sie können außerordentlich leicht die Worte ihrer einen Idee ändern, aber sie halten diese Wortänderung der einen Idee für neue Ideen. Noch ein Seltsames fiel auf. Diese ganz deutlich zu dem Buche, dem diskursiven Denken und der Wahrnehmung durch Berichte verdammten Menschen, deren Arbeit ganz beamtenhaft geordnet, deren Lebensführung ganz bürgerlich mit Weib und Kindern geregelt war, bekannten bei jeder Gelegenheit, wie sie nichts so sehr verachteten als den Intellektualismus, und wie sie nichts so sehr verehrten als »Die Leidenschaft«, »Das Unmittelbare«, »Die Bewegung«, überhaupt alles, was sich die Intelligenz noch nicht integriert habe. Bekannten in ausgesprochenen Worten und zwischen den Zeilen ihres Redens nichts mehr zu lieben als »Das Leben«, wie die Frauen dieser Männer das Wort aussprechen und einem dabei in die Augen schauen mit den Augen angewandter Bacchantinnen. Diese Verehrung des Lebens ging so weit, daß man völlig gedankenlose Sachen zu sagen riskierte, Sachen, wie sie alle Welt sagt; und Disenbergs vierzigjährige Tischdame erklärte mit bedeutungsvoller Kühnheit im Blick, eine gute Zirkusnummer sei mehr wert als alles, was man denken könne. Die Gesellschaft tanzte trunken in und auf dem Leben. Daraus kam auch ihre Haltung ihrem Metier gegenüber. Man lobte sich nicht, man tadelte sich nicht. Und wohl weniger aus gutem Geschmack, als weil man schafft und nicht bewundert, wofür es eine andere Welt gibt. Übrigens erlaubten sie sich von Zeit zu Zeit das Wesen einer bewundernden Kraft und schufen einen großen Mann, wobei sie sorgfältig genug waren, ihn nicht allzu erniedrigend auszuwählen. Doch zog man es dann doch lieber vor, solche bewundernde Kraft und solche Größe einem Denker zu schenken, Einstein zum Beispiel oder Husserl. Das Gespräch wandte sich der Politik zu, und jemand sprach patriotisch vom Patriotismus. Disenberg fühlte in der Gesellschaft eine Opposition gegen den Sprecher und seine Partei und riskierte darum die Bemerkung, daß ein sieghafter Monarch weniger daran denke, den Sieg seines Volkes zu proklamieren, als die Würde seiner Klasse zu retten, denn er wird zu dem geschlagenen Monarchen sagen: »Mein lieber Cousin, Sie sind mein Gast.« Die Opposition griff das lebhaft auf, und eine junge Dame erklärte, daß sie sich einer Französin, die ein Badezimmer habe, weit verwandter fühle als einer Bulgarin, die keins besitze. Und Disenbergs Nachbarin sagte ihm, daß das Vaterlandsgefühl als ein wenig natürliches Gefühl unausgesetzt der Stimulierung bedürfe, die man doch in der Liebe zum Beispiel durchaus nicht brauche – wenigstens nicht bei den Frauen. Ein älterer Romancier perorierte nun, daß, wenn auch das Klassengefühl unmittelbarer sei als das des Vaterlandes, so bestünde eben die moralische Erhebung oder Steigerung darin, dieses unmittelbare Gefühl zum Schweigen zu bringen zugunsten eines anderen, komplexeren Gefühls. Worauf man ihm wieder sagte, daß das Fehlen dieser Steigerung die Stärke der Arbeiterklasse sei, und daß übrigens die Glorifizierung der komplexen Gefühle, das heißt also der intellektualisierten, ein Verrat am starken Leben sei. Die andern ripostierten durch den Mund eines höheren Militärs, der, wie man sagte, Simmel gelesen haben sollte, daß die Klasse das Bewußte sei, das Vaterland aber das Unbewußte. Und der Romancier: Das komplexe Gefühl bedeute Gefühl eines dem Sein verwurzelteren Ichs, eines fundamentaleren Ichs. Was jemanden zu der Bemerkung veranlaßte, daß ein fundamentaler gefühltes Ich nichts mit der moralischen Elevation zu tun habe, sondern diese nur mit einer besseren Kenntnis seiner selbst verbunden sei. Man versuchte nun den Sprecher in Verwirrung dadurch zu bringen, daß man das Bewußte mit dem freien Willen vermengte und ihn anklagte, er behaupte, der Mensch tue das, was er wolle; aber der Sprecher ließ sich nicht verwirren, indem er erklärte, daß in normalen und flachen Zeiten das Bewußte unsere Handlungen determiniere, während das Unbewußte in Zeiten der Krise aktiv werde, so bei Individuen wie bei Völkern. Und da es im Leben eines Menschen höchstens zwei oder drei Krisen gäbe und im Jahrhundert eines Volkes auch nicht mehr, so könne man schließlich, auch wenn es die Romantiker nicht zugeben, sagen, daß das Bewußtsein die Menschen in ihrem Tun leite. Beim Aufbruch in den Salon sprachen nur mehr die Militärs vom Patriotismus, und zwar vom militärischen Standpunkt aus; die Herren in Zivil wurden, weil jemand auf dem Klavier einen Schönbergschen Akkord angeschlagen hatte, in ein Gespräch über die Musik geworfen. Und da einige gleichzeitig, vor dem Bild eines deutschen Picasso stehend, von Malerei sprachen, entstand eine Debatte über die Hierarchie der Künste. Die einen fanden die Malerei ausdrucksstärker, die andern die Musik. Am Thema wie an dessen Behandlung machte sich die Wirkung der genossenen Liköre leise bemerklich. Eine Dame sagte, daß sie nach den ersten Tönen des »Tristan« drei Tage im Bett zubringen mußte; eine andere sagte, bei Matisse hätte sie das gleiche tun müssen. Jemand meinte, daß dies vielleicht auf einen Unfall im Atelier des Malers zurückzuführen sei, man verstauche sich so leicht den Fuß. Alle sprachen gleichzeitig. Da sagte jemand, man würde durch Präzision leicht zu einer gemeinsamen Meinung kommen. Diese Anmaßung schuf Schweigen. Worauf Disenberg, einer dogmatisierenden Neigung folgend, ausführte: »Wir verwechseln und vermengen zwei durchaus verschiedene Sachen: das Kunstwerk und die Materien der Künste, Farbe und Ton; das heißt einerseits Gegenstände, welche unsere sublimierteste Empfindung, nämlich die ästhetische, berühren wollen, und anderseits Gegenstände, die nichts als unser nervöses System erregen wollen. Über den Unterschied unserer ästhetischen Emotionen vor einer Symphonie oder vor einem Bilde kann man diskutieren; aber über die Verschiedenheit unserer nervösen Erregungen vor einem Ton oder vor einer Farbe sind wir, glaube ich, alle darin einig, daß ein Ton weit erregender ist als eine Farbe.« Darauf hörte man Zustimmungen wie diese, daß den Neurasthenikern wohl die Musik, aber nicht die Museen verboten seien. Daß man eine Frau wohl durch die Musik, aber nicht durch die Farbe zu Fall bringen könne. Daß es Menschen gäbe, die einen physischen Widerwillen gegen den Ton hätten, aber nichts ähnliches hinsichtlich der Farbe bekannt sei. »Ich kann über einen Geigenstrich weinen, bitte, machen Sie mich mit dem Indischgelb Ihrer Palette weinen.« Ein Verteidiger der absoluten amusikalischen Superiorität rief: »Jetzt brauchen Sie mir nur noch den Hund zu zitieren, der bei Musik heult, was er bei Bildern nie tut.« Man akzeptierte sofort auf der Gegenseite den Hund als Beweis. »Also«, fuhr einer los, »Sie erklären die Musik für die materiellste, sinnlichste, niedrigste Kunst?« – »Jedenfalls ist es die Musik, welche die Dinge enthält, welche am besten unsere niedrigsten Instinkte befriedigen. Ihre heutige Verbreitung und Beliebtheit hängt damit zusammen. Sie ist anzunähern der Theaterwut, der Skandalwut, der Schnelligkeitswut, der Liebes- und Frauenwut. Damit hängt ihre Beliebtheit weit stärker zusammen als mit irgendeinem Bedürfnis nach künstlerischer Emotion.« Hier hatte der Sprecher alle gegen sich. Was er da für einen Unterschied zwischen der Sensation und der künstlerischen Emotion mache? Ob denn die Sensation nicht der Beweis der künstlerischen Emotion wäre? Einer entwickelt ganz rasch den Ursprung des Wortes ästhetisch. Und ein anderer erklärte, wer seine Sensationen zu raffinieren verstünde, sei ebenso ein Künstler wie der große Maler oder Musiker. Worauf Herr Klemens sagte, der Betreffende sei nur ein geschickt empfindender Mensch und nichts weiter, denn die Kunst der Sensation sei nie eine Sensation der Kunst. Der Beweis der künstlerischen Emotion sei eine Idee, eine Idee des Gleichgewichts, der Konvenienz, der Vollendung, der Wahrheit und welche sonst in ihnen das Kunstwerk hervorruft, und die bei besonderen Menschen, die sehr selten sind, eine besondere Emotion erzeugt, welche man die künstlerische Emotion nennt. Diese aristokratische Doktrin rief einiges Unbehagen hervor, das aber rasch von der Sicherheit vertrieben wurde, zu diesen besonderen und seltenen Menschen zu gehören. »Und da nun«, fuhr Disenberg fort, »die Musik durch ihre Allmacht über die Nerven sehr leicht die Bildung jeder Idee verhindern kann, so kann man von diesem Standpunkt sehr gut in ihr eine untergeordnete Kunst sehen.« Ein Aufschrei: »Also dann wäre Wagner, der uns mit seiner Musik jedes Urteil nimmt, der niedrigste Künstler?« »Der größte vielleicht«, sagte Disenberg, »weil er, die verwirrendste Materie handhabend, nie die Ideen des Gleichgewichts und der Ordnung aus dem Gesicht verliert. Was jene betrifft, die seine Musik lieben, so ist das allerdings eine andere Affäre.« Ein kurzes Schweigen, das dem Satz folgte, unterbrach einer: »Die Musik ruft in uns Ideen hervor, welche die andern Künste nicht hervorrufen, nicht?« »Ganz sicher«, sagte Klemens«, es fragt sich nur, ob diese Ideen höhere sind. Die der Musik eigentümliche Idee scheint mir die der metaphysischen Existenzen zu sein. Ein musikalischer Satz scheint ein metaphysisches Wesen zu sein, ich meine, frei zu sein von den Hauptbedingungen der materiellen Existenz; er scheint nicht im Raum zu sein und scheint diese ungewöhnliche Bedingung zu erfüllen, ein Wesen zu sein, ohne ein Gegenstand zu sein, genau wie die Gegenstände der Mathematik. Deshalb wohl lieben die sogenannten positiven, die ›seriösen‹ Leute die Musik nicht, Goethe und die großen Liebhaber der sichtbaren äußeren Welt haben wenig oder nichts für die Musik übrig. Auch die Stolzen nicht, was immer sie auch sagen, so Napoleon nicht, und die großen Tenore nicht; einer solchen irrealen Sache allzulang hingegebene Neigung scheint ihnen eine Negation der konkreten Existenz zu sein, im Grunde nämlich ihrer eigenen: sie fürchten durch die Musik ihr Vergessenwerden, den Verlust ihrer Bedeutung. Auch die berühmten Liebenden, ich meine die Liebespaare, machen sich nichts aus der Musik, jene wenigstens, welche in der Liebe einen Gegenstand greifen wollen und nicht einen Zustand suchen, welch letztem mehr die Wollüstigen als die Liebenden leben. Es gibt nämlich plastische Liebhaber, welche den Akt lieben, und musikalische Liebhaber, welche den Zustand lieben. Die Frauen finden sehr viel Geschmack an den musikalischen Liebhabern. Aber sie wären untröstlich, wenn es keine andern gäbe. Tristan hat sicher die Musik geliebt, um es an einem Beispiel klar zu machen. Und Valmont und Julien Sorel liebten sicher die Musik nicht. Da nun die Musik selber ein metaphysisches Wesen scheint, kann sie metaphysische Wesenheiten auch besser und eher ausdrücken, ich meine Arten, welche die andern Künste nur ausdrücken können durch Fixierung in einem Objekt. Musik sagt Traurigkeit, Ruhe, Bewegung, während die Malerei nur sagt Traurigkeit einer Figur, Ruhe eines Waldes, Bewegung eines Baches.« »Die Musik sagt das Unbedingte«, rief ein junger Kenner ästhetischer Handbücher. »Sie kann das Bedingte überhaupt nicht ausdrücken«, sagt ein anderer. Ein dritter: »Das ist ihre Überlegenheit.« Ein vierter: »Das ist ihre Inferiorität.« Die meisten aber: »Das ist ihre Superiorität.« Klemens sagte: »Es ist weder das eine noch das andere, es ist ihre Besonderheit.« Eine junge Dame sagte: »Bergson hat festgestellt, daß, sowie man einmal die Bewegung ergriffen habe, man durch einfache Diminution die fixen Punkte fände.« Darauf Disenberg: »Ja, er sagt es, aber er macht es nicht. Sowie er einmal die Bewegung ergriffen hat, die Bewegung des ›Lebens‹ zum Beispiel, den ›Elan vital‹, so geschieht es durchaus nicht durch eine ›Dimunition‹ oder sonst irgendeine Änderung, daß er die lebendigen Formen findet, sondern dadurch, daß er entschlossen aus dieser Wahrnehmung der Bewegung heraustritt und in jene Form eintritt. Das Gesetz der Formation der Zahlen kennen, bringt nie dazu, die Form einer Zahl zu kennen, zum Beispiel 3 oder 4 mit ihren Besonderheiten. Übrigens sagt Ihnen Bergson auch, daß zwischen Aufhalt und Bewegung kein gemeinsames Maß besteht. Wie soll also eines zwischen Bewegung und Aufhalt bestehen? Der Pfeil ist nicht in Bewegung, weil er sich in jedem Zeitteil auf einem determinierten Punkt befindet.« Man stimmte Klemens zu. Der aber schloß: »Und sehen Sie, genau das Gegenteil ist der Fall: der Pfeil ist auf keinem Punkte determiniert, weil er in Bewegung ist.« Er sagte statt das Reziproke ›Gegenteil‹, um ihre Jugend zu schonen. Einige begaben sich in den zweiten Salon. In diesem Augenblick waren die Meinungen über Disenberg fertig. Die ganz Berühmten oder fest Arrivierten waren gegen ihn: er hatte zu sehr das Gespräch geführt. Die weniger Berühmten überlegten, ob sie mit ihm zu reden haben würden oder nicht. Die noch unberühmten jungen Leute und die Frauen waren für ihn. Er selber vermied für den Rest des Abends jede Ideation, unterhielt sich im liebenswürdig Beiläufigen zufälliger Worte und Dinge. Nachdem er gegangen war, richtete man ihn. Alle Parteien fällten das gleiche Urteil unter verschiedenen Formulierungen. Die einen fanden ihn pedantisch. Die andern instruktiv. Die erstern streitsüchtig und rechthaberisch. Die letztern analytisch und subtil. Einem der Herren fiel gar nichts über ihn zu sagen ein, weshalb er mit Entsetzen im Gesicht erklärte, daß er ihn nie mehr zu sehen wünsche. * Es war spät nachts desselben Tages und in der Bar, als Don Juan zu Herrn von Disenberg sagte: »Mit Ihrer Aufstellung betreffend mein Verhältnis zur Musik hatten Sie nicht unrecht, mein lieber Freund. Ich habe Ihnen ja auch zustimmend zugenickt, als Sie die Bemerkung machten, aber Sie haben weder das noch mich gesehen während des ganzen Abends, denn ich habe diesmal wirklich ausgehalten, so schwer es mir auch wurde, und mich nicht gleich zu der Zofe geschlichen, wie dieser verkommene Zeitabschnitt meiner Natur zu tun heißt. Ich habe um Ihretwillen ausgehalten und mich damit beschäftigt, Ihrem etwas theoretischen Verhalten das nötige Relief zu geben, damit Sie bei den anwesenden Damen nicht verlieren, die Sie so nicht mehr für einen Privatdozenten der Liebe, sondern für, nun ja, für einen Don Juan halten werden, der es nicht sein möchte, aber sein muß. Einen zu sich selber widerspenstigen Don Juan. Und das ist das beste Fliegenpapier für das weibliche Flatterzeug dieser Zeit. Meine Ganzgewöhnlichkeit macht das Übernatürliche meiner Existenz unwahrscheinlich, ich weiß. Mephistos Künste in Auerbachs Keller kann ich Ihnen nicht vorführen, wenn Sie darauf Wert legen sollten als Beweis meiner außermenschlichen Natur. Aber ich kann dort sein, wo Sie sind, und Sie merken mich nicht, ich kann denken, was Sie denken, und Sie wissen es nicht. Das Wunderbare ist wie alles andere in den Erscheinungsformen variabel. Sie haben Eindruck bei den Damen gemacht. Ich stellte es fest, als Sie fort waren und ich Ihre Stelle vertrat. Sie können mir glauben, daß ich Ihren Ton traf. Er ist mir geläufiger als Sie denken. Man sprach natürlich von der Liebe, natürlich von der heutigen, die sich zum sexuellen Bedürfnis verhält wie etwa die Gourmandise zur Ernährung. Natürlich glaubten die Damen, es hätte immer das gegeben, was man heute Liebhaber nennt, wie andere meinen, daß es Bankiers seit jeher gebe. Dann sprach man von bestimmten Linien, welche zur Liebe einladen. Man einigte sich auf die Kurve, insofern sie die Negation des Winkels ist, welcher Trennung der Richtungen, also Abneigung ausdrückt. Ging ich im Gespräch nicht Ihre Spur? Aber fürchten Sie nicht, daß ich auf dem Gegenstande der Unterhaltung bestand oder auf dessen seriöser Behandlung. Objektiv vor Frauen von der Liebe sprechen ist unpassend. Besonders die Frauen in den Vierzigern geniert das. Und die meisten Damen Ihrer Gesellschaft oszillierten um diese Quarantäne. Auch die Hausfrau, allerdings nicht dem Kalender nach.« »Haben Sie mit ihr gesprochen?« »Sie besitzt wenig Geschicklichkeit, oder sie will berühmt werden. Vielleicht kompensiert sie das erste mit dem andern. Unsere kurze und von ihr etwas unvorsichtig geführte Unterhaltung fand ihr Ende damit, daß Sie übermorgen mit ihrem Gatten sich auf Pistolen schießen werden, mein guter Disenberg. Aber ich werde wie bei der Dame so auch vor dem Herrn Ihre Person vertreten, betrauen Sie also nicht mich mit dem Amte eines Zeugen. Wie wünschen Sie ihn erledigt? Ein Stich durch den Arm wird der Dame Ihres Herzens sicher genügen.« Herrn von Disenberg fiel eine andere Erledigung ein, aber schon sprach der Don es aus: »Sie wollen für tot auf dem Kampfplatz bleiben, unbekümmert um die Unannehmlichkeiten, die dem Herrn Gegner daraus entstehen? Und blieben aber dennoch am Leben, nicht wahr, denn der Stich wäre nur durch ein Gespenst gegangen.« Der Don verzog das Gesicht. »Auf irgendeine Weise müssen Sie doch wieder zur Hölle fahren«, sagte Disenberg lächelnd«, und ich denke, dies ist ein nobler Weg, der Ihnen und der zu Ihnen passen würde.« »Sie vermuten noch zuviel Spanien in mir, lieber Freund, aber das hat sich abgekühlt. Wenn ich darauf eingehe, mich als Klemens von Disenberg von diesem armseligen Gatten totstechen zu lassen, so wird, was tot daliegt, als totgestochener Baron Disenberg begraben und aus den Büchern des Lebens, als da sind Polizeimeldungen, Steuerregister, Impfämter, Paßämter, Wählerlisten, gestrichen. Und Sie sind dann so tot, als ob Sie tot wären. Sie sind amtlich nicht auf der Welt, also nicht vorhanden. Sie kämen in eine fatale Situation, nämlich gar keine.« »Vielleicht wünsche ich das gerade«, sagte Klemens und dann wie zu sich selber redend: »Wer von uns beiden der Spuk ist, kaum könnte es in diesem Augenblick ein Dritter entscheiden. Wissen wir es selber? Man liegt in langem Tode wie ein Maulwurf unter der Erde, der manchmal einen Hügel aufwirft, der dann das Leben heißt. Nicht das ewige Leben, sondern den ewigen Tod haben wir. Das Leben ist Aufschrei in diesem Schlaf. Aber Sie werden morgen mit den Vorbereitungen Ihres Duells zu tun haben, Don, und übermorgen früh –« »Werde ich in Ihrem Namen und mit ihm sterben.« Und der Don verging, verrann in ein blasses Nebelgespinst. Der Barkeeper staunte nicht im mindesten darüber. * Disenberg schrak aus tiefem Schlaf. Im bleichen Morgen stand des Don Juan schwarze Gestalt zwischen Bett und Wand. »Ich komme, mich von Ihnen zu verabschieden. In einer halben Stunde werden mich hier meine Zeugen abholen. Leben Sie wohl.« Disenberg richtete sich auf. »Ja, ja, es ist schon so. Wir haben es ja gestern nacht abgemacht. Sie erinnern sich doch. Das Duell wird für Sie weiter keine Folgen haben, mein Lieber, wenn man mich auch für den toten Herrn Klemens vom Platze schafft. Es scheint schon einmal so beschlossen, daß der brav bürgerliche Tod im Bette, umstanden von den trauernden Angehörigen, mir nicht zukommt und ich immer einen fatalen Abgang haben muß, wenn ich von einem Schauplatz abtrete, nur davon, nur vom Orte, nicht aus der Zeit. Denn die ewige Zeitlichkeit, dies ist, wenn Sie wollen, meine Höllenstrafe.« »Darf ich Sie zum Frühstück bitten«, fragte Disenberg und langte nach der elektrischen Klingel. Der Don hielt den Arm auf. »Lassen Sie. Es ist nicht mehr Zeit dafür. Ich muß Ihnen ja noch den Faden Ihres Lebens wiedergeben, den ich mir für diese Tage angeeignet habe. Sie werden ihn kaum erkennen. Er hat eine andere Farbe bekommen. Aber dem menschlichen Witz stehen so viele Philosophien zur Verfügung, sich das Mysterium des Lebens plausibel zu machen, daß es Ihnen nicht schwer sein wird, weiter zu leben, auch wenn Sie einmal tot sind. Oder nehmen Sie es in dem ganz banalen Sinn des Abtuns eines Lebens, um ein anderes zu beginnen. Oder in dem andern, daß, was Sie bisher gelebt haben, gar nicht Sie waren, sondern wer anderer, ich zum Beispiel, und daß Sie jetzt sozusagen zu sich kommen in dem Augenblick, da ich Ihnen die verschlißne Maske abnehme, die Sie tragen und die nicht die Ihre, sondern mein Gesicht war. Oder begeben Sie sich in eine andere Vorstellung, etwa die religiöse, und kombinieren Sie Sünde, Strafe und Lossprechung. Es fällt Ihnen wie Schuppen von den Augen. Sie erkennen das Licht, das in der Finsternis leuchtet. Sie erwachen in einen neuen Tag. Und es ist Ihr Geburtstag. Es könnte doch sein, daß an dem Tage, an dem Sie sterben, Sie in das Leben eingehn. Erscheine ich Ihnen nicht wie ein Erlöser? Nehme ich nicht Ihre Schuld auf mich? Erleide ich nicht um Ihretwillen das, was Sie den Tod nennen?« An die Tür schlug ein leises Pochen. »Es sind die beiden Zeugen«, sagte der Don. Und als ob den Widerstrebenden und in sich Zusammenkrampfenden eine erbarmungslose Faust zwänge und ihm die Hand führte, streckte er diese über Disenbergs Stirne und machte darüber das Zeichen des Kreuzes. Und fuhr alsbald wie von Feuer gebrannt zurück und hin zur Tür, die er weit öffnete wie zum Abgang für eine Majestät. Und da war es dem aufgerissenen Auge Klemens, als ob im Raum vor der Tür zwei hohe Gestalten stünden im Schatten ihrer mächtigen Flügel. Und es war wie der hohe silberne Ton der Trompete im auffliegenden, zum unermeßlichen Firmament sich dehnenden Raum, der sich mit betäubend duftenden Wolken langsam füllte. Klemens sank besinnungslos zurück in die Kissen. * Also führte sich Herr von Disenberg, der, wie man gemerkt haben wird, nichts als ein Begriff ist, ad absurdum, nämlich zum Glauben zurück, woher er kam. Alles streng Begriffliche ist doch dogmatisch, nicht wahr? Belletristisch entgegenkommend könnte ich sagen, Klemens trat ins Kloster ein. Man mag tun was immer. Man mag seine Gedanken noch so fleißig auf die Bleiche tragen, unter die Sonne der sogenannten reinen Vernunft – diese Sonne selber ist ja schon gefärbt. Springen unsere Ideen auch noch so faunisch: sie haben die Taufe empfangen, und ihre Musik geht auf den gregorianischen Noten. Jede Untersuchung über den Begriff der Sünde führt zu deren Stammort, zum Glauben. Das beste Philosophieren, das scholastische, ist diesen natürlichen Zirkel gegangen. Auch das Neu-Scholastische der Phänomenologen macht nur einen größeren Umweg dahin, was einmal durch die Erweiterung des Beobachtungsfeldes bedingt ist und dann durch das erhöhte Reizbedürfnis des philosophierenden Subjektes. Darum: ein Philosophieren, das nicht zum Glauben führt, ist keines. Begrifflich ist Herr von Disenberg nie woanders gewesen als im Kloster. Denn der Begriff der Sünde ist christlich per se. Daran ändert auch die Kantische Gendarmerei des kategorischen Imperativs zur Pflicht als Antidotum gegen die Sünde nichts – denn Pflicht gegen was? In der Aufstellung: die Pflicht ist, ist es ja gerade die Pflicht, welche zu bestimmen wäre. Und die im Rational-Sittlichen überhaupt nicht zu bestimmen ist, sondern nur im Religiös-Mythologischen. Der Mensch hat das Verlangen, daß die anderen Menschen so denken und fühlen wie er, oder daß zwischen ihrem und seinem Denken und Fühlen, Wünschen und Zielsetzungen eine Übereinstimmung sei. Tiefer aber noch als dies Verlangen nach geistiger Übereinstimmung mit den andern ist dieses andere Bestreben: mit dem »Richtigen«, einem idealen typischen Verstande, Gefühle und Willen übereinzustimmen oder uns ihm sich anzunähern, einem Allgemeinen auf Kosten unseres Besonderen, das wir mehr für Irrtum und Exzentrizität zu halten geneigt sind als für Originalität und tiefere Einsichtshaltung. Von da aus geht ein lächerlich leichter und verdächtiger Weg zu des Immanuels Idee von der Autonomie und deren Rechtfertigung: das Gesetz, das ich verletze, ist ein selbstauferlegtes Gesetz. Das gebietende und überschreitende Individuum ist das gleiche, aber das eine ist verschieden vom andern. Im Sündigen sind das verbietende und übertretende Ich koexistent und zeitlich simultan. Ein enger begrenztes Stück des Ich verletzt das weiter begrenzte Ich. Ein Spiel. Die irdische Strafe folgt der bösen Tat nicht immer auf dem Fuße, oft folgt sie ihr gar nicht, oft steht sie in keinem Verhältnis zur Schuld. Darum muß sich das individuelle Leben in ein supranaturales überweltliches verlängern, in dem die manifesten Ungerechtigkeiten in Ordnung gebracht werden, Schuld ihr volles Maß von Strafe bekommt, Sünde ganz gesühnt wird. So die Lehre. Vermöchte man es aber, Gott ganz in diese irdische Welt zu ziehen, daß er darin aufginge wie Luft, die wir atmen, Licht, das wir sehen, vermöchten die Menschen das Leben des wahrhaft und nichts als frommen Mönches –: es könnte den strafenden Gott nicht mehr geben und mit ihm verschwände alle unsere religiöse Sprache über die Sünde, die wir aus dem Alten Testament haben, wo ein Volk und nicht der einzelne das in Betracht Gezogene war, die relative Unsterblichkeit eines Volkes, wo die Sünden der Väter sich an den Kindern und Enkeln strafen und der Ausgleich zur Gerechtigkeit im Großen statthat. Ach, wir sollten nicht mehr nach dem Jordan pilgern! Sollten nicht mehr nötig glauben, den Kataklysmus eines jüngsten Gerichts anzurufen, dem ein Neuer Himmel und eine Neue Erde folge, damit alles Übel dieser Erde zurechtgerichtet werde! Die jüdische Himmel-Hölle mit ihrem katholischen Zwischenstock des Fegefeuers ist eine etwas plumpe Devise, liebe Freunde. Der euch, liebe Freunde, diesen Umweg zu so engem Ziel geführt hat, er tat es, um mit einem heitern Divertissement des Vordergrundes sich anzupassen an die späte Stunde dieser Nacht, die wir viel getrunken haben und die gefälligen Frauen so ermüdet, daß sie mit halbgeschlossenen Augen liegen zwischen Schlafen, Wachen und Träumen. Die Lichter sind abgebrannt, die Diener sollen frische Kerzen aufstecken.