Alphonse Daudet Fromont junior und Risler senior Roman in zwei Bänden Erster Band Erstes Kapitel. Eine Hochzeit bei Véfour. »Madame Chèbe!« »Nun, lieber Freund?« »Ich bin so glücklich!« Es war wenigstens das zwanzigste Mal an diesem Tage, daß der wackere Risler versicherte, glücklich zu sein, und er that es immer mit demselben Ausdruck stiller Rührung, derselben schleppenden, dumpfen, von innerer Bewegung erstickten Stimme, die, um der Gefahr eines plötzlichen Aufschluchzens zu entgehen, nicht laut zu werden wagt. Risler hätte aber für nichts in der Welt in diesem Augenblicke weinen mögen. Wie unpassend für einen Bräutigam, sich inmitten des Hochzeitsmahles der Rührung hinzugeben! – und doch war er nahe daran. – Sein Glück drohte ihn zu ersticken, schnürte ihm die Kehle zusammen und machte ihm das Sprechen unmöglich. Das einzige, was er thun konnte, war, von Zeit zu Zeit mit bebenden Lippen vor sich hinzumurmeln: »Ich bin so glücklich ... so glücklich!« Er hatte wirklich alle Ursache dazu! Seit diesem Morgen fühlte sich der gute Mann wie von einem jener herrlichen Träume umfangen, aus denen man plötzlich mit geblendeten Augen zu erwachen fürchtet; der seinige schien jedoch kein Ende haben zu sollen, denn früh um fünf Uhr hatte er begonnen, und jetzt, um zehn Uhr abends – Punkt zehn, nach Véfours großer Uhr – dauerte er noch immer fort. Wie viel hatte Risler an diesem Tage erlebt, und wie deutlich standen ihm die geringsten Einzelheiten vor Augen. Er sah sich selbst im Morgengrauen voll Freude und Ungeduld in seinem Junggesellenzimmer auf und nieder gehen. Nun war er rasiert, hatte den Frack angezogen und zwei Paar weiße Handschuhe in die Tasche gesteckt. Dann kommen die Hochzeitskutschen, und in der ersten, die da unten hält – der mit dem Schimmelgespann, den weißen Zügeln und gelben Damastpolstern – zeigt sich wie eine Wolke der Anzug der Braut. Darauf der Zug in die Kirche – immer zwei und zwei – allen voran die kleine, weiße Wolke, die leicht und schimmernd dahinschwebt ... dann Orgelklang, der Thürhüter, die Rede des Pfarrers, das Kerzenlicht, das auf glänzenden Schmuck und helle Frühlingsgewänder fällt... das Gedränge in der Sakristei, wo die kleine Wolke zwischen den sie Umringenden und Umarmenden verschwindet, während der Bräutigam dem gesamten Großhandel von Paris, der ihm zu Ehren erschienen ist, die Hände schüttelt ... endlich die brausenden Schlußaccorde der Orgel, die um so feierlicher wirken, da das weit geöffnete Portal, dem gleichzeitig Gäste und Klänge entströmen, die ganze Straße an dem Familienfeste teilnehmen läßt ... auch die Bemerkungen der Zuschauer fallen ihm wieder ein; besonders die einer Silberglätterin in großer Lüsterschürze, welche in die lauten Worte ausbricht: »Der Bräutigam ist gerade keine Schönheit, aber die Braut ist ein verwünscht hübsches Geschöpfchen.« Dergleichen muß einen Bräutigam stolz machen. Und dann das Frühstück in einem mit Draperieen und Blumen geschmückten Arbeitssaale der Fabrik ... die Spazierfahrt in das Bois de Boulogne – ein Zugeständnis für die Schwiegermutter, Madame Chèbe, die als Pariser Kleinbürgerin ohne Fahrt um den See und Besuch des Wasserfalls ihre Tochter nicht für richtig verheiratet gehalten hätte. – Endlich die Rückfahrt zum Diner, während auf dem Boulevard die Laternen angezündet wurden und die Vorübergehenden sich nach der Hochzeit umsahen, dieser rechten, echten, festlichen Hochzeit, die mit lustig trabenden Mietpferden an Véfours Freitreppe vorfährt. So weit war er in seinem Traum gekommen. Und nun blickt der wackere Risler, halb betäubt von Müdigkeit und Wohlbehagen, über die große, achtzig Gedecke enthaltende Tafel hin, die oben und unten in Hufeisenform endigt und von lächelnden, vertrauten Gesichtern umgeben ist, in deren Augen er den Abglanz seines eignen Glückes zu sehen glaubt. – Die Mahlzeit ist beinahe zu Ende; eine Flut von Einzelgesprächen wogt um den Tisch. Hier zeigen sich einander zugewendete Profile, dort schwarze Frackärmel hinter einem Korbe voll Asklepias, oder ein lächelndes Kindergesicht über einer Schale mit Fruchteis, und das ganze schön aufgestellte Dessert schmückt die Tafel mit Heiterkeit, Licht und Farbe. Ach ja, Risler war glücklich! Außer seinem Bruder Franz sah er alle, die er lieb hatte, um sich vereinigt. Vor allem ihm gegenüber Sidonie – gestern noch »die kleine Sidonie«, heute seine Frau. Zum Diner hatte sie ihren Schleier abgelegt und war aus der Wolke hervorgetreten. Ueber der weißen glatten Seide ihres Kleides erhob sich ein hübsches Gesichtchen von matterem, glanzloserem Weiß, und der Kranz ihrer Haare – unter dem andern, zierlich geflochtenen Kranze – schien wie von Lebenslust gekräuselt, hatte etwas von kleinen Federn, die zum Davonfliegen bereit sind; aber ein Ehemann sieht dergleichen nicht. Nach Sidonie und Franz hatte Risler niemand auf Erden so lieb, wie Madame Georges Fromont– die von ihm »Madame Schorsch« genannt wurde – die Frau seines Compagnons und Tochter des verstorbenen Fromont, seines ehemaligen Prinzipals, den er wie einen Gott verehrte. Sie saß neben ihm, und seine Art und Weise, mit ihr zu sprechen, verriet eine gewisse zärtliche Verehrung. Sie war noch sehr jung, etwa in gleichem Alter mit Sidonie, aber von regelmäßigerer, ruhigerer Schönheit als diese. Heute sprach sie nur wenig; sie fühlte sich unbehaglich in dieser gemischten Gesellschaft, gab sich jedoch Mühe, freundlich und liebenswürdig zu sein. An Rislers andrer Seite saß Madame Chèbe, die Mutter der Braut, leuchtend und glänzend in ihrem grünen Atlaskleide, das wie ein Harnisch schimmerte. Vom frühen Morgen an strahlten die Gedanken der guten Frau mit der symbolischen Kleiderfarbe um die Wette, und jeden Augenblick sagte sie zu sich selbst: »Meine Tochter heiratet Fromont junior und Risler senior aus der Rue des Vieilles Haudriettes.« Denn ihrer Auffassung nach war Sidonie nicht nur Risler senior angetraut, sondern der ganzen Firma des Hauses, dem ganzen in der Pariser Kaufmannschaft hochangesehenen Compagniegeschäft, und so oft sie sich dieses großen Ereignisses bewußt wurde, richtete sie sich noch höher auf, daß die straff gespannte Seide ihres Harnischs krachte. Welch ein Gegensatz zu der Haltung ihres Mannes, der um einige Stühle weiter unten saß! Es kommt häufig vor, daß in der Ehe gleiche Ursachen völlig verschiedene Wirkungen hervorbringen. Der kleine Herr Chèbe mit der hohen Utopistenstirn, die glatt und hohl war, wie eine Glaskugel, schien ebenso grimmig zu sein, wie seine Frau glückselig war – was übrigens sein Aussehen kaum veränderte, denn vom ersten Tage des Jahres bis zum letzten pflegte er sich in einem Zustande der Wut zu befinden. Dennoch sah er diesen Abend nicht ganz so jämmerlich und verschossen aus, wie gewöhnlich, trug auch nicht den weiten wallenden Ueberrock, dessen Taschen durch Proben von Oel, Wein, Trüffeln oder Essig aufgebauscht wurden, je nachdem er den einen oder andern dieser Artikel zu vertreiben hatte – sein prachtvoller, neuer, schwarzer Frack war vielmehr ein würdiges Seitenstück zu dem grünen Kleide; aber leider trugen auch seine Gedanken die Farbe seines Anzuges. Warum hatte man ihn nicht, wie sich's gehörte, neben die Braut gesetzt? – Warum den ihm gebührenden Platz Fromont junior gegeben? Und was hatte der alte Gardinois, der Großvater Fromonts, neben Sidonie zu schaffen? – Aber so war es immer: Alles den Fromonts, nichts den Chèbes ... und solche Leute wundern sich noch, wenn es zu Revolutionen kommt! Ein Glück war es, daß der erboste kleine Mann seine Galle gegen den neben ihm sitzenden Freund ausschütten konnte, den alten verabschiedeten Schauspieler Delobelle, der ihn mit der ruhig-würdevollen Miene seiner bessern Tage anhörte. Mag auch der Künstler durch übelwollende Theaterdirektoren seit fünfzehn Jahren von der Bühne verdrängt sein – immer wird er, sobald es darauf ankommt, die den Umständen entsprechende Haltung zu finden wissen. So zeigte denn auch Delobelle an diesem Abend sein Hochzeitsgesicht, eine helle, ernste, halb lächelnde Miene, die voll Herablassung gegen geringere Leute und ebenso ungezwungen als feierlich war. Man hätte glauben können, daß er angesichts eines gefüllten Schauspielhauses an einem Bühnengastmahl mit Gerichten von Papiermache teilnähme; er sah um so mehr danach aus, eine Rolle zu spielen, da er, seit er bei Tisch saß, in der Ueberzeugung, daß man im Lauf des Abends sein Talent in Anspruch nehmen werde, in aller Stille die Haupt- und Prachtstücke seines Repertoirs wiederholte. Sein Gesicht erhielt dadurch etwas Abwesendes, Zerstreutes, Gemachtes; jenen Ausdruck erkünstelter Aufmerksamkeit, mit dem der Schauspieler auf der Bühne seinem Partner zuzuhören scheint, während er die ganze Zeit über doch nur an seine Antwort denkt. Seltsam! Auch die Braut hatte einen leisen Anflug dieses Ausdrucks; ihr hübsches, junges Gesicht, das vom Glück erregt, aber nicht erhellt war, verriet heimliches Sinnen, und für Augenblicke glitt, als ob sie mit sich selber spräche, ein flüchtiges Lächeln um ihre Mundwinkel. Mit diesem halben Lächeln beantwortete sie auch die etwas derben Neckereien des Großvaters Gardinois, der ihr zur Rechten saß. »Da seh 'mal einer diese Sidonie!« sagte der alte Bursche mit lautem Lachen. »Wenn ich bedenke, daß nicht acht Wochen vergangen sind, seit sie darauf bestand, ins Kloster zu gehen... Na, man weiß ja, was junge Mädchen damit meinen! Bei uns zu Lande sagt man: ›das Kloster des heiligen Joseph, zwei Paar Holzschuhe unter dem Bette‹.« Die ganze Tischgesellschaft lachte über die plumpen Späße des alten Berryschen Bauers, in dessen Dasein ein kolossales Vermögen die Stelle des Herzens, der Bildung und Güte vertrat – nicht aber die des Verstandes, denn er war schlauer, als alle die Bürgersleute um ihn her. Unter den wenigen Menschen, welche ihm einige Zuneigung einflößten, gefiel ihm die kleine Chèbe, die er noch als ungezogenes Kind gekannt hatte, ganz besonders, und wenn sie – die erst zu kurze Zeit reich war, um großes Vermögen nicht zu verehren – mit ihrem Nachbar zur Rechten sprach, hatte ihr Ton eine unverkennbare Färbung von Achtung und Koketterie. Dagegen behandelte sie ihren Nachbar zur Linken, Georges Fromont, den Compagnon ihres Mannes, mit einer gewissen Zurückhaltung. Ihr Gespräch mit ihm beschränkte sich auf einen Austausch hergebrachter Höflichkeiten; man hatte sogar eine gewisse erzwungene Kälte in dem Benehmen der beiden finden können. Plötzlich entstand jene leichte Bewegung unter den Gästen, die das Aufstehen vom Tische anzeigt: Seidenkleider rauschten, Stühle wurden gerückt, begonnene Gespräche rasch beendet, das Lachen abgebrochen, und in diesem halben Schweigen sagte Madame Chèbe, die nach und nach mitteilsam geworden war, sehr laut zu einem Vetter aus der Provinz, der die ruhige Haltung der Braut bewunderte: »Lieber Vetter, was die Kleine betrifft, so weiß man nie, wie ihr eigentlich zu Mut ist!« In diesem Augenblick standen alle auf und begaben sich in den großen Saal. Während die Ballgäste in Menge eintrafen, sich mit den Tischgästen vereinigten, das Orchester stimmte, die mit Lorgnetten bewaffneten Tänzer vor den weißen Kleidern der ungeduldigen jungen Damen auf und ab stolzierten, hatte sich der Bräutigam, den die vielen Menschen einschüchterten, mit seinem Freunde Planus – Sigismund Planus, der seit dreißig Jahren Kassierer des Hauses Fromont war – in die kleine, mit Blumen geschmückte Galerie geflüchtet, deren Schlingpflanzentapete den goldnen Säulen Véfours einen Hintergrund von frischem Laub zu geben scheint. Hier waren sie allein; hier konnten sie plaudern. »Sigismund, lieber alter Junge, ich bin so glücklich!« Auch Sigismund war glücklich, aber Risler ließ ihm nicht Zeit, es auszusprechen. Nun er nicht mehr fürchtete, vor allen Leuten in Thränen auszubrechen, durfte die Freude feines Herzens ausströmen. »Bedenke nur, lieber Freund, wie merkwürdig es ist, daß ein so hübsches Mädchen wie sie, mich gewählt hat. Denn schön bin ich nun einmal nicht – das unverschämte Ding von heute morgen brauchte mir dies nicht erst zu sagen... und außerdem bin ich zweiundvierzig Jahre alt... während sie so reizend ist! Sie hatte nur zu wählen, konnte einen Jüngeren, Vornehmeren bekommen, ganz abgesehen von meinem armen Franz, der sie so zärtlich liebt. Aber nein... ihren alten Risler hat sie haben wollen, und merkwürdig genug ist's dabei zugegangen. Seit längerer Zeit schon fand ich sie traurig, ganz verändert und dachte mir wohl, daß Liebeskummer daran schuld sein müsse. Die Mutter und ich zerbrachen uns die Köpfe, um herauszufinden, wer es sein könnte... da kommt eines Morgens Madame Chèbe in mein Zimmer und sagt mir unter Thränen: ›Sie sind's, lieber Freund, den das Kind lieb hat!‹... und ich war es... war es wirklich! Wer hätte das je für möglich gehalten? Und daß mir in demselben Jahre zwei so große Glücksfälle begegnen sollten... Associé des Hauses Fromont und Sidoniens Mann zu werden... Oh!« In diesem Augenblick schwebte, sich im Walzertakt wiegend, ein Paar in den kleinen Salon. Es war die Braut mit Rislers Associé, Georges Fromont, beide gleich jung und elegant. – Sie sprachen mit leiser Stimme; auch ihre Worte schienen sich dem Walzertakt anzupassen. »Sie lügen!« sagte Sidonie, die etwas bleich war, aber noch immer ihr früheres, leichtes Lächeln zeigte. Und er, der bleicher war als sie, gab zur Antwort: »Ich lüge nicht!... mein Onkel hat die Heirat gemacht... er lag im Sterben... Sie waren fort... ich hatte nicht den Mut ›nein‹ zu sagen...« Risler bewunderte sie aus der Ferne. »Wie hübsch sie ist und wie gut die beiden tanzen!« Aber nun bemerkten ihn die Tänzer, trennten sich und Sidonie kam rasch auf ihn zu. »Du hier?... was soll das bedeuten?... alle suchen dich... warum bist du nicht im Saale?« Bei diesen Worten band sie ihm mit einer anmutigen Gebärde der Ungeduld die Halstuchschleife anders. Voll Entzücken warf Risler seinem Freunde einen lächelnden Seitenblick zu und in der Wonne, die leichte Berührung der kleinen Hand an seinem Halse zu fühlen, bemerkte er nicht, daß ihre seinen Finger zitterten. »Gib mir den Arm,« sagte Sidonie dann und lehrte mit ihm in den Saal zurück. Neben ihrer langen, weißen Schleppe sah sein schlecht gemachter, schlecht sitzender Frack doppelt ungeschickt aus; aber ein Frack kann nicht, wie eine Halstuchschleife, in aller Eile umgeformt werden – man muß ihn nehmen, wie er einmal ist. Dennoch hatte Sidonie, während sie im Vorübergehen die sich lächelnd herandrängenden Gäste begrüßte, eine Regung des Stolzes, der befriedigten Eitelkeit; schade nur, daß dieselbe nicht lange anhielt. In einer Ecke des Saales saß eine hübsche junge Frau, die niemand zum Tanze aufforderte und die mit ruhigem Blick, in dem die volle Freude des ersten Mutterglücks leuchtete, das fröhliche Treiben beobachtete. Sobald Risler sie bemerkte, ging er auf sie zu und zwang Sidonie, sich an ihre Seite zu setzen. Daß es »Madame Schorsch« war, braucht nicht erst gesagt zu werden. Mit welcher andern hätte er in so zärtlich-respektvollem Tone gesprochen? und in welche andre Hand als die ihrige die Hand seiner kleinen Sidonie legen und bitten können: »Nicht wahr, Sie werden sie lieb haben? ... Sie sind ja so gut... und Sidonie wird Ihres guten Rates, Ihrer Erfahrung und Menschenkenntnis so sehr bedürfen!« »Mein lieber Risler,« antwortete Madame Georges, »Sidonie und ich sind alte Freundinnen und haben alle Ursache uns herzlich gut zu sein.« Dabei suchte ihr ruhiger, offner Blick dem der alten Freundin zu begegnen, aber vergebens. Völlig unbekannt mit dem Wesen der Frauen und von jeher gewöhnt, Sidonie wie ein Kind zu behandeln, fuhr Risler in demselben Tone fort: »Nimm sie zum Vorbild, Kleine, denn, glaube mir, es gibt in der ganzen Welt keine zweite Madame Schorsch ... ganz das Herz ihres guten Vaters ... eine echte Fromont!« Sidonie, die mit gesenkten Augen dasaß, verneigte sich stumm, während sie ein leiser Schauer von der Spitze ihres Atlasstiefelchens bis zu dem kleinsten Zweige ihres Orangenblütenkranzes überrieselte. Aber der wackere Risler bemerkte nichts davon. Die eigne Aufregung, der Tanz, die Musik, die vielen Blumen und Lichter ... er war wie berauscht, wie verwirrt; glaubte, daß alle Anwesenden dieselbe Luft voll unaussprechlichen Glückes atmeten, die ihn umgab, und hatte keine Ahnung von dem Neid, der Mißgunst, dem kleinlichen Haß, die alle diese geschmückten Häupter umschwirrten. Er sah nicht, daß Delobelle, seiner ewigen Paradehaltung müde, die eine Hand in die Weste geschoben, den Hut auf der Hüfte festhaltend, verdrießlich am Kamin lehnte, indes Stunde auf Stunde verfloß, ohne daß ihm Gelegenheit geboten wurde, seine Talente zur Geltung zu bringen. Er sah nicht, wie finster und gelangweilt sich Herr Chèbe zwischen zwei Thürflügeln herumdrückte, während er auf die Fromonts wütender war, als je... Oh, diese Fromonts!... wie breit sie sich bei der Hochzeitsfeier machten! Da waren sie allesamt, mit ihren Frauen, ihren Kindern, ihren Freunden... selbst den Freunden ihrer Freunde... es war, als ob einer von ihnen geheiratet hätte. Wer kümmerte sich um Risler oder die Familie Chèbe? Ihn – den Brautvater – hatte man nicht einmal vorgestellt!... Was den kleinen Mann jedoch am meisten ärgerte, war das Benehmen seiner Frau, die in ihrem glänzenden Goldkäferkleide aller Welt mütterlich zulächelte. Uebrigens machten sich wirklich, wie bei den meisten Hochzeiten, so auch hier, zwei durchaus verschiedene Strömungen bemerklich, die sich begegneten, ohne sich je zu vermischen, und bald machte die eine der andern vollständig Platz. Die Fromonts, welche den kleinen Chèbe so heftig aufregten und die Aristokratie des Balles bildeten: der Präsident der Handelskammer, der Syndikus der Rechtsanwälte, ein bekannter Schokoladenfabrikant, der als Deputierter im Parlamente saß, der alte Millionär Gardinois – sie alle zogen sich bald nach Mitternacht zurück. Gleich nach ihnen stiegen auch Georges Fromont und seine Frau in ihr Coupé – nun war der Chèbe-Rislersche Teil der Gesellschaft allein und sofort gewann das Fest einen andern, geräuschvolleren Charakter. Der berühmte Delobelle, der es nicht länger ertrug, daß niemand irgend etwas von ihm verlangte, hatte sich entschlossen, das selbst zu thun und begann, während die Gäste sich am Büffett um Schokoladetassen und Punschgläser drängten, mit donnernder Stimme den Monolog aus Ruy-Blas: »Wohl bekomm's, meine Herrn!« – Auf den Seitenbänken breiteten sich jetzt bescheidene Anzüge mit dem frohen Bewußtsein aus, nun endlich zur Geltung zu kommen, und hin und wieder erlustigten sich ein paar von Ehrgeiz und Eitelkeit erfüllte Ladendiener am Wagnis einer Française. Seit längerer Zeit schon hatte die Braut fort verlangt; endlich verschwand sie mit Risler und Madame Chèbe. Herr Chèbe dagegen, der jetzt zum Vollgefühl seiner Wichtigkeit gelangt war, ließ sich durchaus nicht zum Fortgehen bewegen. Den Teufel auch! – es mußte doch jemand da sein, der die Honneurs machte, und der kleine Mann war ganz dazu geeignet. Er war rot, aufgeregt, laut... beinahe wie ein Rebell. Unten im Hause konnte man es hören, wie er mit Véfours Oberkellner über Politik sprach und die verwegensten Ansichten kundthat. Inzwischen fuhr der Hochzeitswagen, dessen Kutscher infolge seines benommenen Kopfes die weißen Zügel etwas locker hielt, schwerfällig durch die verödeten Straßen nach dem Marais. Madame Chèbe war sehr redselig, zählte alle Herrlichkeiten des denkwürdigen Tages noch einmal auf und verweilte mit besonderm Entzücken bei dem Diner, dessen herkömmliche Speisekarte ihr als der höchste Ausdruck kulinarischer Pracht erschien. Sidonie lehnte träumend in der Wagenecke und Risler, der ihr gegenüber saß, sagte zwar nicht mehr: »Ich bin so glücklich!« war aber bis ins Innerste des Herzens davon erfüllt. Einmal versuchte er die kleine weiße Hand zu fassen, die an dem geschlossenen Fenster lag; sie wurde ihm aber hastig entzogen und er blieb unbeweglich, in stummer Anbetung sitzen. Sie fuhren an den Markthallen vorbei, durch die Rue de Rambuteau, die schon voll Gärtnerkarren stand, kamen an das Ende der Rue des Francs Bourgeois und bogen um die Ecke des Archivgebäudes, um in die Rue de la Braque zu gelangen. Hier hielt der Wagen zum erstenmal. Madame Chèbe stieg aus, trat in ihre Hausthür, die für das prächtige, grüne Atlaskleid viel zu schmal war, und verschwand in dem engen Gange, wo ihre zerdrückten Volants zornig aufrauschten. – Einige Minuten später öffnete in der Rue des Vieilles Haudriettes ein großes, massives Portal, unter dessen zerbröckelndem, adeligem Wappen ein Schild mit der blauen Inschrift: »Tapetenfabrik« angebracht war, seine beiden Flügel, um den Hochzeitswagen einzulassen. Jetzt schien die Braut, die unbeweglich, wie im Schlaf versunken dagesessen hatte, plötzlich zu erwachen, und wären nicht alle Lichter der weitläufigen Werkstätten und Magazine erloschen gewesen, hätte Risler ein triumphierendes Lächeln in dem hübschen rätselhaften Antlitz aufleuchten sehen. Nun rollten die Wagenräder mit sanfterer Bewegung über den feinen Sand des Gartenweges und hielten vor der Freitreppe eines kleinen, zweistöckigen Hotels. Im Erdgeschoß wohnten die jungen Fromonts, die erste Etage sollte Risler beziehen. Es war ein vornehm aussehendes Haus, durch das der reiche Handelsherr sich für die düstere Straße und das abgelegene Stadtviertel schadlos hielt. Auf der Treppe lag ein Teppich, im Vorzimmer standen Blumen, überall schimmerte weißer Marmor, Spiegelglas und blankes Messing. Während Risler seine Glückseligkeit durch alle Räume der neudekorierten Wohnung trug, blieb Sidonie allein in ihrem Zimmer. Beim Schein der blauen Ampel, die von der Decke niederhing, warf sie einen Blick in den Spiegel, der sie vom Kopfe bis zu den Füßen wiedergab, einen zweiten auf all den jungen Luxus, der ihr so neu war, und statt sich niederzulegen, öffnete sie das Fenster und sah, auf die Brüstung gelehnt, regungslos in die Nacht hinaus. Es war hell und mild. Deutlich konnte sie die Fabrikgebäude erkennen, ihre zahllosen Fenster ohne Vorhänge, die großen, glänzenden Scheiben, den hohen, himmelansteigenden Schornstein, dichter vor ihr den kleinen, verschwenderisch ausgestatteten Garten, im Schutz der alten Mauer des ehemaligen Edelsitzes, und ringsumher elende, ärmliche Dächer, dunkle, dunkle Straßen ... Plötzlich schauderte sie zusammen; dort hinten, in der düstersten, häßlichsten aller der Mansarden, die sich, wie von Elend überbürdet, aneinander zu lehnen und zu stützen schienen, war in der fünften Etage ein Fenster weit geöffnet und wie von Nacht erfüllt. Sie erkannte dasselbe sogleich – es war das Fenster des Flurs, an dem ihre Eltern wohnten. Das Fenster des Treppenflurs. Welche Fülle der Erinnerungen rief dies Wort in ihr wach ... Wie viele Stunden und Tage hatte sie an diesem feuchten Fenster ohne Brüstung oder Gitter gestanden und nach der Fabrik hinübergeschaut. Noch jetzt glaubte sie dort oben das muntere Gesicht der kleinen Chèbe zu sehen, und in dem Rahmen dieses ärmlichen Fensters zeigte sich ihr das ganze Bild ihres bisherigen Lebens, ihre Kindheit und ihre Jugend – die traurige Jugend eines armen Pariser Mädchens. Zweites Kapitel. Geschichte der kleinen Chèbe. – Drei Haushaltungen auf einem Flur. Für arme Pariser Familien, die sich in ihren kleinen Wohnungen beengt fühlen, ist der Treppenflur ein Zimmer mehr – eine Ergänzung der eignen Räume. Von ihm aus dringt im Sommer etwas frische Luft in die Wohnung, er ist das Plauderzimmer der Frauen, der Spielplatz der Kinder. Wenn die kleine Chèbe zu viel Lärm machte, sagte die Mutter: »Geh, du quälst mich ... spiele auf dem Flur!« und das Kind beeilte sich der Weisung zu folgen. Dieser Treppenflur lag im obersten Stockwerk eines alten Hauses, in dem man den Raum nicht gespart hatte. Es war ein langer, hoher Gang, nach der Treppe zu durch ein Gitter von Schmiedeeisen abgeschlossen und durch ein großes, breites Fenster erleuchtet, aus dem man Dächer, Höfe, viele andre Fenster und weiterhin den Garten der Fromontschen Fabrik erblickte, der zwischen den riesigen alten Mauern ein grünes Winkelchen bildete. Obwohl dies alles nicht eben freundlich war, fühlte sich die Kleine hier draußen wohler als in ihrer Stube. Dort war es noch viel trauriger, besonders bei Regenwetter und wenn Ferdinand nicht ausging. Ferdinand Chèbe, dessen Hirn fortwährend mit neuen Ideen beschäftigt war, die jedoch nie zu irgend einem Ergebnis führten, gehörte zu der Klasse jener Nichtsthuer und Projektenmacher, die in Paris so häufig zu finden sind. Seine Frau hatte sich anfangs von ihm blenden lassen, war aber nur zu bald zur Erkenntnis seiner Nichtigkeit gekommen und hatte sich daran gewöhnt, seine unaufhörlichen Träume von Glück und Erfolg ebenso ruhig zu ertragen, wie die jederzeit darauf folgenden Enttäuschungen. Von den achtzigtausend Franken Mitgift, die sie ihm zugebracht und die er in thörichten Unternehmungen vergeudet hatte, war ihnen nur eine unbedeutende Rente geblieben, die ihnen, den Nachbarn gegenüber, dennoch ein gewisses Ansehen gab, wozu überdies der aus allen Schiffbrüchen gerettete Kaschmirshawl der Madame Chèbe, die Spitzen ihres Brautkleides und zwei sehr kleine, sehr bescheidene Brillantknöpfe das ihrige beitrugen. Diese Knöpfe, die auf Sidoniens inständige Bitten zuweilen aus der Kommodenschublade hervorgeholt und ihr gezeigt wurden, lagen in einem alten Schmuckkästchen von weißem Samt, das in goldnen, seit dreißig Jahren langsam erblindenden Buchstaben den Namen des Juweliers trug, und bildeten den einzigen Luxus in dem ärmlichen Hauswesen dieser Rentiersfamilie. Lange, sehr lange hatte Herr Chèbe nach einer Anstellung gesucht, um seine spärlichen Einnahmen zu verbessern. Er hätte sie jedoch, seiner Ausdrucksweise nach, bei einer »Beschäftigung im Stehen« finden müssen, da ihm seine Gesundheit jede sitzende Lebensweise verbot. Der kleine Mann sollte nämlich in der ersten Zeit seiner Ehe, als er noch in einem großen Handelshause thätig war und für seine Geschäftsreisen einen Einspänner hielt, einen bösen Fall mit dem Wagen gethan haben, und dieses Unglück, von dem er bei jeder Gelegenheit erzählte, mußte seiner Trägheit zur Entschuldigung dienen. Man konnte nicht fünf Minuten mit Herrn Chèbe zusammen sein, ohne daß er in vertraulichem Tone fragte: »Sie wissen von dem Unfall, der den Herzog von Orleans betroffen hat?« Und auf seinen kleinen, kahlen Schädel schlagend, fügte er hinzu: »In meiner Jugend ist mir etwas Aehnliches widerfahren.« Seitdem er diesen berühmten Sturz erlitten hatte, verursachten ihm alle Comptoirarbeiten Schwindelanfälle, so daß er sich vom Schicksal auf »Beschäftigung im Stehen« verwiesen sah. So war er denn nacheinander Agent für Wein, Verlagsartikel, Trüffeln, Uhren und viele andre Dinge geworden. Unglücklicherweise wurde er jeder Thätigkeit bald wieder müde, denn keine seiner Stellungen vertrug sich mit den Ansprüchen, die er als ehemaliger Großhändler, Besitzer eines Einspänners zu machen hatte, und da er jede Beschäftigung unter seiner Würde fand, wurde er nach und nach immer unbrauchbarer, wurde zum alten Müßiggänger, der am Bummeln Geschmack fand, zum vollendeten Pflastertreter. Wie oft werden Künstlern ihre Seltsamkeiten vorgeworfen, ihre angebornen Launen, ihr Abscheu vor dem Herkömmlichen, der sie auf Abwege treibt. Wer aber beachtet alle die lächerlichen Einfälle und Wunderlichkeiten, mit denen der unbeschäftigte Kleinbürger die Leere seines Daseins auszufüllen sucht. Herr Chèbe zum Beispiel hatte bei seinen Ausgängen und Spaziergängen jederzeit einen Zweck. Solange am Boulevard Sebastopol gebaut wurde, mußte er täglich zweimal nachsehen, »ob die Sache im rechten Zuge sei«. Niemand wußte so genau wie er um die besten Läden und ihre Spezialitäten Bescheid, und oft, wenn sich Madame Chèbe darüber ärgerte, ihres Mannes einfältiges Gesicht an die Fensterscheibe gedrückt zu sehen, indes sie sich abmühte, ihre Wäsche auszubessern, schickte sie ihn fort: »Du weißt doch – an der Ecke der Straße Soundso sind die guten Brioches zu haben ... du könntest uns einige zum Nachtisch holen.« Dann machte sich der Gatte auf den Weg, ging über den Boulevard, hielt an den Läden Maulaffen feil, paßte den Omnibus ab und brachte den halben Tag auf der Straße zu, um zwei Brioches für drei Sous zu erstehen, die er siegesbewußt nach Hause trug, indem er sich erhitzt die Stirne trocknete. Herr Chèbe schwärmte für den Sommer, den Sonntag, weite Fußwanderungen im Staube von Clamart oder Romainville, für Festlärm und Menschengedränge. Er gehörte zu den Müßiggängern, die während der ganzen, dem 15. August vorangehenden Woche die schwarzen Illuminationslämpchen, die Taxusbäume und Festtribünen in Augenschein nahmen. Seine Frau hatte nichts dagegen – war sie doch nun von dem ewig Lamentierenden erlöst, der sich sonst den lieben langen Tag mit seinen neuen riesenhaften Plänen, seinen unsinnigen Berechnungen, seinen fruchtlosen Rückblicken auf vergangene Zeiten und seiner Wut, kein Geld verdienen zu können, um sie herumdrückte. Auch sie verdiente keins, aber die gute Frau verstand so gut zu sparen, teilte das wenige, was sie hatte, so wundervoll ein, daß es der Not – so nahe dieselbe ihren beschränkten Verhältnissen zu stehen schien – niemals gelungen war, in ihre drei allezeit sauber gehaltenen Stübchen einzudringen, oder ihre sorgsam ausgebesserten Kleidungsstücke und die alten, von Ueberzügen verhüllten Möbel völlig zu zerstören. Der Chèbeschen Thür gegenüber, deren Messingklinke mit kleinbürgerlicher Sorgfalt geputzt war, befanden sich zwei andre, kleinere Thüren. An der ersten war, wie es bei Kunsthandwerkern gebräuchlich ist, mit vier Nägeln eine Visitenkarte befestigt mit der Aufschrift: »Risler, Musterzeichner für Fabriken«. An der andern befand sich ein kleines ledernes Schild, auf dem in goldnen Buchstaben zu lesen war: »Mmes Delobelle Modeartikel in Vögeln und Käfern.« Die Delobellesche Thür stand häufig offen und gewährte Einblick in ein großes Zimmer mit Backsteinfußboden, in dem zwei Frauen saßen, Mutter und Tochter – letztere fast noch ein Kind, aber eine so bleich und müde wie die andre und beide mit der Herstellung einer jener zahllosen Phantasiearbeiten beschäftigt, die den sogenannten Pariser Artikel bilden. Damals waren, als Schmuck für Hüte und Ballkleider, die hübschen kleinen aus Südamerika kommenden Tierchen Mode, die an Glanz und Farbenpracht mit den Edelsteinen wetteifern. In dieser Spezialität waren die beiden Delobelles thätig. Ein Engrosgeschäft, welches von den Antillen direkte Sendungen erhielt, schickte ihnen uneröffnet lange leichte Kistchen zu, aus denen, wenn der Deckel abgenommen wurde, ein widerlicher Geruch, ein feiner Arsenikstaub aufstieg, während lange Reihen aufgespießter Insekten oder dicht zusammengeschichteter Vögelchen sichtbar wurden, deren Flügel ein Streifen Papier zusammenhielt. Es galt nun, diese kleinen Geschöpfe für den Gebrauch zurechtzumachen, die Käfer auf zitterndem Messingdraht zu befestigen, die Federn der Kolibris aufzubauschen und zu glätten, mit seidenem Faden ein zerbrochenes korallenrotes Beinchen wiederherzustellen, erloschene Augen durch ein paar glänzende Perlen zu ersetzen und Insekten und Vögeln die anmutig-bewegte Haltung lebender Wesen wiederzugeben. Die Mutter führte, unter Anleitung der Tochter, allerhand Vorarbeiten aus, denn trotz ihrer großen Jugend besaß Désirée den feinsten Geschmack, die Erfindungsgabe einer Fee, und niemand konnte so geschickt wie sie die Vogelköpfchen mit Perlenaugen versehen oder zusammengedrückte Flügelchen wieder ausbreiten. Infolge eines Unfalls, den sie als Kind erlitten, der aber die feine Anmut ihres regelmäßigen Gesichtchens nicht beeinträchtigt hatte, hinkte Désirée Delobelle, und ihrer gewissermaßen erzwungenen Unbeweglichkeit, ihrer Unlust das Haus zu verlassen, verdankte sie eine aristokratische Hautfarbe und sehr weiße Hände. Mit zierlich geordnetem Haar saß sie Tag für Tag in einem großen Lehnstuhl an ihrem mit Modebildern und bunten Vögeln bedeckten Tische und fand in ihrer heiteren, modisch-eleganten Arbeit eine Art Entschädigung für die Eintönigkeit ihres Daseins. In Gedanken folgte sie all den kleinen, geflügelten Wesen, die sich aus ihrem stillen Stübchen aufschwangen, um weite Streifzüge durch das Pariser Leben zu machen und bei Festlichkeiten im Lichte der Kronleuchter zu glänzen. Aus der Haltung, welche sie ihren Vögeln und Käfern gab, war deutlich ihre Stimmung zu erkennen; in Tagen des Trübsinns, der Niedergeschlagenheit schienen die spitzigen, vorgestreckten Schnäbelchen und ausgebreiteten Flügel leidenschaftlich hinauszustreben, weit weg von Wohnungen im fünften Stock, eisernen Oefen, Not und Entbehrung; war ihr jedoch wohl zu Mute, so hatten auch alle ihre Tierchen etwas Lebensfrohes, sahen keck und vergnügt, als echte Kinder der Mode, in die Welt hinaus. Aber mochte Désirée heiter oder traurig sein, ihr Fleiß blieb immer derselbe. Vom Morgengrauen bis tief in die Nacht war ihr Tisch mit Arbeit überladen; dann, wenn beim letzten Tagesschimmer in den umliegenden Fabrikhöfen die Feierabendglocke geläutet wurde, zündete Madame Delobelle die Lampe an und nach einem mehr als bescheidenen Mahle kehrten Mutter und Tochter zu ihrer Beschäftigung zurück. – Sie hatten einen Zweck, eine Aufgabe, welche sie für die Anstrengung langer Nachtwachen unempfindlich machte: die Sorge für den Schauspielerruhm des großen Delobelle. Seitdem er die Provinzialtheater verlassen hatte, um in Paris aufzutreten, wartete Delobelle darauf, von einem klugen Direktor – jenem Ideal, das die Genies zu entdecken versteht – ebenfalls entdeckt und mit Rollen, die seiner Größe angemessen waren, betraut zu werden. Vielleicht hätte er – anfangs wenigstens – in einem Theater dritten Ranges eine untergeordnete Stellung finden können, aber erniedrigen wollte sich Delobelle nicht. Lieber warten und kämpfen, wie er sagte. Das Kämpfen verstand er aber folgendermaßen: Morgens in seinem Schlafzimmer, oft sogar schon im Bette, nahm er die Rollen seines ehemaligen Repertoirs wieder durch, und seine Frau und Tochter erbebten, wenn sie hinter dem Verschlage Bruchstücke aus »Antony« oder dem »Kinderarzt« von einer dröhnenden Stimme, die sich mit den tausend Arbeitslauten des großen Pariser Bienenkorbes vereinigte, deklamieren hörten. Nach dem Frühstück ging der Schauspieler bis zum Abend fort, um »seinen Boulevardbesuch zu machen«, das heißt, um mit kleinen Schritten zwischen dem Chateau d'Eau und der Madeleine umher zu spazieren, einen Zahnstocher im Mundwinkel, den Hut etwas auf die Seite geschoben, allezeit wohlgebürstet, glänzend, in guten Handschuhen. Die Frage des Anzugs war für ihn von großer Wichtigkeit; sie war eine Hauptbedingung seines Erfolgs, ein Köder für den Direktor – jenen wunderbaren, feinsinnigen Direktor in spe – der sich nie dazu verstehen würde, einen schäbig aussehenden, schlecht gekleideten Künstler zu engagieren. Delobelles Frau und Tochter waren denn auch sorgsam darauf bedacht, es ihm an nichts fehlen zu lassen, und wie viele Käfer und Vögel dazu gehörten, einen so stattlichen Herrn auszurüsten, ist leicht zu ermessen. Der Schauspieler fand die Bemühungen der Seinigen ganz natürlich und hatte das Gefühl, daß Frau und Tochter nicht sowohl um seiner Persönlichkeit willen arbeiteten und entbehrten, sondern für den geheimnisvollen, unbekannten Genius, als dessen Vertreter er sich betrachtete. Die Verhältnisse der Familien Chèbe und Delobelle besaßen eine gewisse Aehnlichkeit, aber das Leben der letzteren war weniger traurig. Während sich Chèbes in ihrem geringen Einkommen wie festgeschmiedet fühlten und keinerlei Aussicht auf Veränderung hatten, boten Hoffnung und Phantasie der Familie des Schauspielers immer neue, entzückende Ausblicke. Chèbes wohnten gleichsam in einer Sackgasse, Delobelles dagegen in einer kleinen Straße, die zwar auch eng, schmutzig und düster war und weder Luft noch Licht hatte, durch welche jedoch in nächster Zeit ein großer Boulevard geführt werden sollte. Ueberdies glaubte Madame Chèbe nicht mehr an ihren Mann, indes ihre Nachbarin, kraft des Wunderwortes »Kunst«, an dem ihrigen niemals gezweifelt hatte. Und doch hatte Monsieur Delobelle nun schon seit vielen, vielen Jahren ganz vergebens seinen Wermut mit Theateragenten, seinen Absinth mit Führern der Claque, seinen Bittern mit Vaudevilledichtern, Dramaturgen und einem berühmten Maschinisten getrunken... die ersehnten Engagements kamen nicht! Ohne jemals eine Bühne zu betreten, hatte der Beklagenswerte allgemach vom ersten Liebhaber zum Charakterspieler, zum Bonvivant, zum edlen Vater, endlich zum alten Schwätzer herabsinken müssen. Dabei blieb er stehen! Zwei- oder dreimal hatte man ihm Gelegenheit geboten, seinen Lebensunterhalt als Vorsteher eines Klubs oder Kaffeehauses, oder als Aufseher in einem großen Laden, wie im »Pharus der Bastille« oder dem »Koloß von Rhodus« zu verdienen: um seinen Aufgaben zu genügen, war nichts erforderlich, als gute Manieren – und die, bei allen Göttern! besaß Monsieur Delobelle. Aber heldenmütig hatte der große Mann alle Vorschläge zurückgewiesen. »Ich habe nicht das Recht, der Bühne zu entsagen,« erklärte er – ein Ausspruch, der im Munde dieses armen Teufels, der seit vielen Jahren die Bretter nicht betreten hatte, von unwiderstehlicher Komik war. Aber die Lachlust verging, wenn man es mit ansah, wie seine Frau und Tochter Tag und Nacht Arsenikstaub einatmeten, oder wenn man von beiden, während sie ihre Nähnadeln am Messingdraht der kleinen Vögel abbrachen, die energische Versicherung hörte: »Nein, nein! ein Delobelle hat nicht das Recht, der Bühne zu entsagen.« Beneidenswerter Mann, dem der herablassende Blick seiner vorstehenden Augen und die Gewohnheit, im Drama zu gebieten, auf Lebenszeit die Ausnahmestellung eines verhätschelten, bewunderten Märchenprinzen gegeben hatten. So oft er ausging wurde er von den Ladenbesitzern der Rue des Francs Bourgeois – mit der dem Pariser eignen Vorliebe für alles, was dem Theater angehört – ehrfurchtsvoll begrüßt. Er war auch immer so gut angezogen! und dabei so liebenswürdig und gefällig. Ging er doch jeden Samstagabend, er »Ruy Blas«, »Antony«, »Raphael« aus den »Filles de marbre«, »Andrès« aus den »Pirates de la Savonne«, mit einem Pappkasten unter dem Arme nach einem Blumengeschäft der Rue Saint Denis, um die Arbeit der beiden Frauen abzuliefern ... Aber selbst wenn er sich dazu verstand, einen derartigen Auftrag zu übernehmen, wußte der große Mann eine solche Vornehmheit und natürliche Würde zu bewahren, daß die mit der Berechnung des Delobelleschen Guthabens betraute Kassiererin jedesmal eine gewisse Scheu empfand, diesem vollendeten Gentleman den mühsam verdienten Wochenlohn einzuhändigen. An diesen Abenden pflegte der Schauspieler nicht zu Hause zu essen – Frau und Tochter wußten das schon. Gewöhnlich traf er auf dem Boulevard einen ehemaligen Kameraden, einen Pechvogel wie er selbst – es gibt deren so viele in seinem traurigen Berufe – dem er im Restaurant und Kaffeehause die Zeche bezahlte. Den Rest des Geldes lieferte er – was ihm hoch angerechnet wurde – getreulich zu Hause ab. Zuweilen nur brachte er seiner Frau ein Sträußchen, Désirée ein unbedeutendes Geschenk – eine Kleinigkeit, ein Nichts. Was kam darauf an? – Ueberdies war es eine Theatergewohnheit ... es ist so leicht, im Melodrama eine Handvoll Goldstücke aus dem Fenster zu werfen. »Da, Bursche! nimm diese Börse und sage deiner Herrin, daß ich ihrer harre.« So kam es, daß Frau Delobelle und Désirée, trotz ihres emsigen Fleißes und ihrer ziemlich einträglichen Arbeit, häufig in Verlegenheiten gerieten, besonders in der toten Jahreszeit für Pariser Modeartikel. Ein Glück, daß sie den guten Risler hatten, der immer bereit war, seinen Freunden beizustehen. Wilhelm Risler, der dritte Mietsmann des Stockwerks, wohnte mit seinem Bruder Franz zusammen, der um etwa fünfzehn Jahre jünger war als er. Diese beiden großen, blonden, kräftigen Schweizer mit der frischen Gesichtsfarbe schienen der Stickluft des düstern Arbeiterhauses etwas von der Gesundheit des Landlebens mitzuteilen. Der ältere war Musterzeichner in der Fromontschen Tapetenfabrik und bezahlte den Unterricht seines Bruders, der – bis er zur Aufnahme in die Ecole centrale tüchtig war – die Chaptalschen Vorlesungen besuchte. Als Wilhelm nach Paris gekommen war, hatte er in allen Verlegenheiten, welche ihm die Einrichtung seines kleinen Haushaltes verursachte, bei den Nachbarinnen Chèbe und Delobelle Rat, Auskunft und Hilfe gefunden. Für den treuherzigen, etwas schwerfälligen Burschen, der sich durch Aussprache und Aussehen verschüchtert fühlte, war ein solcher Beistand unentbehrlich, und nach kurzer Zeit hatten freundschaftlicher Verkehr und gegenseitige Gefälligkeiten die Gebrüder Risler den beiden Nachbarfamilien gleichsam einverleibt. Zu allen Festtagen wurde für sie in den beiden Familien mitgedeckt, und es war eine Erquickung für die Heimatlosen, in diesen armen, bescheidenen Haushaltungen ein warmes Eckchen und freundliche Aufnahme zu finden. Die Einnahmen des Musterzeichners, der in seinem Beruf sehr geschickt war, setzten ihn in den Stand, Delobelles beim Quartalschluß gefällig zu sein und bei Chèbes als Großonkel mit Ueberraschungen und Geschenken zu erscheinen, so daß die Kleine, sobald er sich sehen ließ, seine Taschen untersuchte und auf seinen Schoß kletterte. Sonntags führte er die ganze Gesellschaft ins Theater, und in der Woche ging er beinahe jeden Abend mit Chèbe und Delobelle in eine Brauerei der Rue Blondel, wo er sie mit Bier und Salzbretzeln traktierte. Bier und Salzbretzeln waren seine Leidenschaft. Er kannte kein größeres Glück, als beim Schoppen zwischen seinen beiden Freunden zu sitzen und ihnen zuzuhören, während er sich nur ab und zu mit einem lauten Auflachen oder einem Kopfschütteln an ihrem Gespräche – gewöhnlich nur ein Ausbruch bitterer Anklagen gegen Welt und Menschen – beteiligte. Die kindliche Schüchternheit und die deutschen Sprachwendungen, welche er in seinem der Arbeit gewidmeten Leben nicht loszuwerden vermochte, erschwerten ihm den Ausdruck seiner Gedanken. Außerdem flößten ihm seine beiden Freunde zu großen Respekt ein; besaßen sie doch ihm gegenüber den unermeßlichen Vorzug des Müßiggängers vor dem Arbeitenden, und Herr Chèbe, der weniger großherzig war als Delobelle, konnte sich's nicht versagen, ihn das fühlen zu lassen. Er behandelte ihn sehr von oben herab, der edle Herr Chèbe. Seiner Meinung nach war ein Mensch, der wie Risler täglich zehn Stunden lang arbeitet, nachher völlig außer stande, eine vernünftige Ansicht auszusprechen, und wenn der Musterzeichner, der ganz erschöpft aus der Fabrik nach Hause kam, sich gar noch anschickte, auch die Nacht einer dringenden Arbeit zu widmen, war in den Mienen Monsieur Chèbes die tiefste Empörung zu lesen. »Mir sollte man mit derartigen Anforderungen kommen!« rief er, warf sich in die Brust und fügte, indem er Risler mit dem Herz und Nieren prüfenden Blick des Arztes betrachtete, hinzu: »Sie werden es nur zu bald zu einem gehörigen Schlaganfall bringen!« So grausam war Delobelle nun zwar nicht, aber desto hochmütiger. »Die Ceder sieht den Rosenstrauch Zu ihren Füßen nicht...« So übersah Delobelle den guten Risler. Wenn er sich aber zufällig seines Daseins zu erinnern geruhte, hatte der große Mann, während er ihn anhörte, eine ganz besondre Art und Weise, sich zu ihm niederzubeugen und seinen Worten, wie denen eines Kindes, freundlich zuzulächeln. Hin und wieder machte er sich auch das Vergnügen, ihm verblüffende Anekdoten von Schauspielerinnen zu erzählen, oder gab ihm Anstandslehren, oder die Adressen seiner Lieferanten, denn daß ein Mensch, der so viel Geld verdiente, wie ein schäbiger Schulmeister einherging, begriff er nicht. Der gute Risler, der von seiner Unvollkommenheit durchdrungen war, suchte sich durch tausend Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten Verzeihung zu erwirken, wobei er sich selbstverständlich zur höchsten Zartheit verpflichtet fühlte – war er es doch, der beständig Wohlthaten erwies. Diese drei auf demselben Flur befindlichen Haushaltungen wurden durch das Kommen und Gehen der kleinen Chèbe in beständiger Verbindung erhalten. Zu jeder Tageszeit schlüpfte sie in das Atelier der beiden Delobelles, sah ihnen bei der Arbeit zu, betrachtete die kleinen Tierchen, und da ihr schon jetzt Putz und Tand mehr am Herzen lagen, als Kinderspiele, bemächtigte sie sich jedes Käfers, der unterwegs einen Flügel verloren, jedes Kolibris, der sein Federkleid beschädigt hatte, um sie als farbigen Schmuck in ihr feines, krauses Haar zu stecken. Désirée und ihre Mutter sahen lachend zu, wie sich die Kleine auf den Fußspitzen hob und sich mit gezierten Mienen und Bewegungen in dem alten, erblindeten Spiegel betrachtete. War sie endlich der Selbstbewunderung müde, so öffnete sie, alle Kraft der Fingerchen aufbietend, die Thür und ging, den Haarputz nicht zu gefährden, stolz und steif über den Flur, um bei Rislers anzuklopfen. Tagsüber war nur Franz, der Schüler, zu Hause, der über seinen Büchern saß und gewissenhaft an seinen Aufgaben arbeitete. Trat Sidonie ein, so war es freilich damit vorbei! er mußte alles liegen lassen, um diese schöne, mit einem Kolibri geschmückte Dame zu begrüßen; wie eine Prinzessin kam sie ihm vor, die im Collège Chaptal erschien, ihn vom Direktor zum Ehemann zu begehren. Es machte einen seltsamen Eindruck, den großen hoch aufgeschossenen Jungen mit diesem achtjährigen Mädchen spielen, sich ihren Launen fügen und sie schon jetzt in aller Unterwürfigkeit anbeten zu sehen. Als er sich später ernstlich in sie verliebte, hätte niemand zu sagen vermocht, zu welcher Zeit er damit begonnen habe. Aber so sehr die kleine Chèbe in beiden Nachbarfamilien verhätschelt wurde, es kam doch immer wieder der Moment, der sie an das Treppenfenster zurückführte. Hier fand sie jederzeit ihre liebste Unterhaltung, einen weiten Horizont und gleichsam eine Vision der Zukunft, zu der sie sich neugierig und furchtlos hinabbeugte – Kinder wissen nicht, was Schwindel ist. Zwischen den einander zugeneigten Schieferdächern zeigten sich ihr die hohen Fabrikmauern, die Platanenwipfel des Gartens, die hohen Fenster der Werkstätten wie das gelobte Land, wie das Reich ihrer Träume. Für sie war dies Fromontsche Haus der Inbegriff alles Reichtums. Der große Raum, den es in diesem, zu gewissen Tagesstunden vom Rauch und Lärm seiner Maschinen ganz erfüllten Winkel des Marais einnahm, die Begeisterung Rislers, seine fabelhaften Berichte über den Reichtum, die Güte und Klugheit seines Prinzipals, hatten die Neugier des kleinen Mädchens erregt, und was sie von dem Wohnhause sehen konnte, die zierlichen Holzjalousieen, das Halbrund der Freitreppe, die Gartenmöbel am Fuße derselben, das große im Sonnenschein glänzende Vogelhaus von weißem Drahtgeflecht mit vergoldeten Stäben, das blaue Coupé, das im Hofe angespannt wurde – alles war ihr ein Gegenstand unaufhörlicher Bewunderung. Um alle Gewohnheiten des Hauses wußte sie Bescheid: um die Zeit des Läutens, das Fortgehen der Arbeiter, die Lohnzahlungen des Samstags, für die das Lämpchen des Kassierers bis zum späten Abend brannte, die stillen Sonntagnachmittage, wenn die Arbeitssäle leer und die Feuer erloschen waren. Dies tiefe Schweigen brachte ihr die Spiele der kleinen Claire, die mit ihrem Vetter Georges im Garten umherlief, gleichsam näher, und Risler teilte ihr allerlei Einzelheiten mit. »Zeige mir die Fenster des Salons,« bat das Kind, »und wo Claires Zimmer liegt.« Risler war entzückt über das lebhafte Interesse an seiner geliebten Fabrik und gab der Kleinen vom Treppenfenster aus genaue Erklärungen über die Einteilung der Gebäude, zeigte ihr die Druckerei, die Säle der Vergolder, der Grundierer, den Zeichensaal, in dem er selbst arbeitete, den Maschinenraum, aus dem die ungeheure Esse aufstieg, deren Rauch alle Mauern ringsumher geschwärzt hatte, ohne zu ahnen, daß ein junges unter einem Nachbardache verborgenes Leben mit allen Wünschen und Gedanken an ihrer keuchenden unermüdlichen Thätigkeit teilnahm. Eines Tages erlangte Sidonie Zutritt in dies von fern belauschte Paradies. Madame Fromont, der Risler häufig von der Artigkeit und Klugheit seiner kleinen Nachbarin erzählt hatte, forderte ihn auf, sie zu dem Kinderballe mitzubringen, den sie zu Weihnachten geben wollte. Zuerst wies Monsieur Chébe die Einladung mit aller Entschiedenheit ab. Schon damals waren ihm die Fromonts verhaßt, deren Namen Risler beständig im Munde führte und deren Reichtum ihn demütigte. Ueberdies handelte sich's um einen Kostümball, und Monsieur Chébe – der nicht mit Tapeten handelte – war nicht in der Lage, seine Tochter als Springerin auszustaffieren. Aber Risler redete zu, erklärte sich bereit, alles Notwendige zu liefern, und begann sofort ein Kostüm zu zeichnen. Es war ein denkwürdiger Abend. Im Chébeschen Wohnzimmer, in dem Stoffe, Stecknadeln und allerlei Putzgegenstände durcheinander lagen, führte Désirée Delobelle die Oberaufsicht über Sidoniens Anzug. Das kleine Mädchen, das im kurzen, schwarz und rot gestreiften Flanellröckchen ungewöhnlich groß erschien, stand gerade und regungslos in der Pracht der Verkleidung vor dem Spiegel und sah wirklich sehr hübsch aus. Das schwarze Samtmieder, das über dem weißen Hemdchen geschnürt war, die schönen, kastanienbraunen, unter dem Strohhute niederhängenden Zöpfe, alle herkömmlichen Attribute eines Schweizer Landmädchens erhielten einen besondern Reiz durch das kluge Gesichtchen der Kleinen und ihr lebhaftes, der Farbenfrische ihres theatralilischen Aufputzes entsprechendes Wesen. Die ganze Nachbarschaft war herbeigeeilt und erging sich in Ausdrücken der Bewunderung. Während Delobelle gerufen wurde, ordnete Désirée die Falten des Rockes, die Schleifen auf den Schuhen, warf, ohne die Nähnadel aus der Hand zu legen, einen letzten Blick auf ihr Werk und war selbst hocherregt von dem Vorgefühl des Festes, an dem sie, das arme, lahme Kind, nicht teilnehmen sollte. Der große Mann erschien, ließ Sidonie die schöne Verbeugung wiederholen, die er ihr einstudiert hatte, ließ sie gehen, sich setzen, und zeigte ihr noch einmal, wie sie beim Lächeln den Mund nur so weit öffnen dürfe, daß der kleine Finger hineinpaßte... Sehr komisch war die Genauigkeit, mit der die Kleine alles nachmachte. »Sie hat Komödiantenblut in den Adern!« versicherte der alte Schauspieler voll Begeisterung, während der lange Schlingel, der Franz, ohne zu wissen warum, am liebsten in Thränen ausgebrochen wäre. Was Sidonie betrifft, so hätte sie noch nach Jahr und Tag zu sagen gemußt, welche Blumen die Vorzimmer schmückten, mit welchen Farben die Möbel überzogen waren und welche Tanzmelodie gespielt wurde, als sie den Ballsaal betrat. Der Eindruck, den das Fest auf sie machte, war ein so tiefer, daß sie nichts vergaß, weder die Anzüge, die um sie her wirbelten, noch das Lachen der Kinder, noch die vielen kleinen Füße, die über das glatte Parkett flogen. Für einen Augenblick fiel ihr, während sie auf einem rotseidenen Kanapee saß und von dem Präsentierbrett, das ihr der Diener reichte, zum erstenmal in ihrem Leben ein Glas Sorbett nahm, die dunkle Treppe ein, die zu der engen, dumpfigen Wohnung ihrer Eltern führte, aber sie dachte daran, wie an ein entferntes Land, das sie auf immer verlassen hatte. Sie fand übrigens allgemeinen Beifall, wurde von allen gelobt und gehätschelt, und Claire Fromont, die wie das Miniaturbild einer in Spitzen gekleideten Cauchoise aussah, machte sie mit ihrem Vetter, Georges Fromont, bekannt, einem prachtvollen Husaren, der sich nach jedem Schritte umdrehte, um seine Säbeltasche zu bewundern. »Sieh her, Georges,« sagte sie; »dies ist meine Freundin; sie wird jeden Sonntag herkommen, um mit uns zu spielen. Mama hat es erlaubt.« Und in der fröhlichen Unbefangenheit eines glücklichen Kindes umarmte sie die kleine Chébe mit großer Herzlichkeit. Endlich mußte geschieden sein ... aber lange noch, in der dunkeln Straße, wo der Schnee unter ihren Füßen zerfloß, auf der dunkeln Treppe, in dem stillen Schlafkämmerchen, wo die Mutter auf sie wartete, waren ihre Augen wie geblendet von dem glänzenden Licht der Gesellschaftsräume. »War es schön? Hast du dich gut amüsiert?« fragte Madame Chébe mit leiser Stimme, während sie die Haken des glänzenden Kostüms langsam aufmachte. Sidonie war jedoch so übermüdet, daß sie, ohne zu antworten, im Stehen einzuschlafen schien, schon damals begann sie sich in dem schönen Traume zu wiegen, der ihre ganze Jugendzeit ausfüllte und ihr manche bittre Thräne erpressen sollte. Claire Fromont hielt Wort. Sidonie kam häufig in den schönen Garten mit den Kieswegen, konnte die Holzjalousieen und das Vogelhaus mit den goldnen Stäben in der Nähe sehen, lernte alle Winkel und Gänge der weitläufigen Fabrikgebäude kennen, spielte an stillen Sonntagnachmittagen hinter den Druckerpressen Verstecken und durfte an Feiertagen mit den Kindern essen. Alle hatten das kleine Mädchen gern, obwohl sie eigentlich für niemand besondre Zuneigung verriet. Solange sie sich inmitten der reichen Umgebung befand, fühlte sie sich glücklich, freundlich gestimmt und gleichsam verschönert; kam sie dann aber zu den Eltern zurück und sah durch die trüben Scheiben des Treppenfensters nach der Fabrik hinüber, so hatte sie unerklärliche Regungen von Bitterkeit und Zorn, obwohl Claire Fromont sie immer als Freundin behandelte. Zuweilen wurde sie in dem berühmten blauen Coupé in das Bois de Boulogne oder nach den Tuilerien mitgenommen, ja sogar aufs Land, zum Großvater Gardinois, in dessen Schloß bei Savigny-sur-Orge sie hin und wieder eine ganze Woche verleben durfte. Die Geschenke des wackern Risler, der auf die Erfolge seiner Kleinen stolz war, setzten sie in den Stand, immer nett zu erscheinen. Für Madame Chébe war es Ehrensache, und die hübsche, lahme Nachbarin beeiferte sich, den Reichtum an Geschmack und Geschicklichkeit, den sie für sich selbst nicht verwerten konnte, ihrer kleinen Freundin zur Verfügung zu stellen. Monsieur Chébe blieb auch jetzt seiner Abneigung gegen die Fromonts treu und beobachtete diese wachsende Vertraulichkeit mit mißvergnügtem Blick. Der wirkliche Grund dazu war, daß er nicht eingeladen wurde, das gestand er aber nicht, sondern sagte zu seiner Frau: »Siehst du denn nicht, daß deine Tochter jedesmal mit schwerem Herzen von dort zurückkommt und stundenlang am Fenster hinträumt?« Die arme Madame Chébe war jedoch durch die Leiden ihres Ehestandes unvorsichtig geworden. Sie behauptete, da man der Zukunft nicht sicher sei, müsse man die Gegenwart genießen und das Glück im Fluge festzuhalten suchen, denn nur zu oft wäre die Erinnerung an die fröhliche Kinderzeit der einzige Halt und Trost für das ganze Leben. Dies eine Mal sollte aber Monsieur Chébe recht behalten. Drittes Kapitel. Geschichte der kleinen Chébe. – Glasperlen. Nach zwei bis drei Jahren vertraulichen Verkehrs und gemeinsamer Spiele, in deren Verlauf Sidonie sich an Luxus gewöhnt und das anmutige Wesen eines Kindes aus reichem Hause angenommen hatte, wurde die Freundschaft plötzlich zerrissen. Vetter Georges, dessen Vormund Monsieur Fromont war, befand sich schon seit längerer Zeit in einem Lyceum, und nun wurde auch Claire, mit der Ausstattung einer kleinen Königin, ins Kloster geschickt, indes gleichzeitig bei Chébes die Rede davon war, Sidonie einen Beruf erlernen zu lassen. Die Freundinnen versprachen, sich lieb zu behalten und sich monatlich zweimal, an den Ausgehsonntagen, zu sehen. Die kleine Chébe ging denn auch wirklich noch einigemal hinüber, um mit ihren Freunden zu spielen, aber je mehr sie heranwuchs, um so fühlbarer wurde ihr der Abstand, der sie und Claire trennte; auch fand sie für den Salon der Madame Fromont ihre Kleidung gar zu einfach. Blieben die drei Spielgefährten allein, so ließ die Kinderfreundschaft, die sie einander gleich machte, kein Mißbehagen aufkommen. Aber zuweilen erschienen Besuche, Pensionsfreundinnen, unter ihnen ein großes, reichgekleidetes Mädchen, das Sonntags von der Kammerfrau ihrer Mutter hergebracht wurde, um mit den kleinen Fromonts zu spielen. Wenn Sidonie dies geputzte, hochmütige Geschöpf nur die Freitreppe heraufkommen sah, wäre sie am liebsten auf und davon gegangen, denn die ungeschickten Fragen des Mädchens: wo sie wohne? – wer ihre Eltern wären? – ob sie Equipage hätten? brachten sie in Verlegenheit. Wenn Sidonie die andern vom Kloster und ihren Freundinnen sprechen hörte, fühlte sie, daß jene in einer Welt lebten, die tausend Meilen weit von der ihrigen lag, und eine tiefe Traurigkeit kam über sie; besonders wenn ihre Mutter, sobald sie nach Hause zurückkehrte, wieder davon anfing, daß sie als Lehrmädchen bei einem Fräulein Le Mire eintreten solle – einer Freundin der Delobelles, die in der Rue du Roi-Doré eine große Glasperlenhandlung besaß. Risler war mit diesem Plane durchaus einverstanden. »Laßt sie einen Beruf erlernen,« sagte der wackre Mann; »ein Geschäft will ich ihr später schon kaufen.« – Da Fräulein Le Mire davon sprach, sich in einigen Jahren zur Ruhe setzen zu wollen, war hier eine günstige Gelegenheit geboten. Eines Morgens – es war ein trauriger Novembertag – wurde Sidonie von ihrem Vater nach der Rue du Roi-Doré, in die vierte Etage eines alten Hauses geführt, in dem es noch düsterer aussah, als in dem ihrigen. Unten, an der Ecke des Hausganges waren zahlreiche Schilder mit goldnen Inschriften angebracht: »Lederwarenfabrik« – »Ketten von Talmigold« – »Spielwaren« – »Optische Instrumente« – »Brautkränze und Sträuße für Brautjungfern, Spezialität in Feldblumen«, und über dem allem ein kleiner verstaubter Aushängekasten, in welchem vergilbte Perlenhalsbänder nebst einigen Glastrauben und Glaskirschen den anspruchsvollen Namen »Angelina Le Mire« umrahmten. Ein abscheuliches Haus! Hier gab es nicht einmal den weiten Vorplatz der Chèbeschen Wohnung, dessen Altersgrau durch das hohe Fenster und die freie Aussicht über die Fabrik erheitert wurde. Eine enge Treppe, eine enge Thür, eine Flucht kleiner kalter Räume mit Backsteinfußboden, und in dem letzten derselben ein altes Fräulein mit falschen Locken und Halbhandschuhen von schwarzem Filet, die in einem schmutzigen Heft des »Journals für alle« las und sich zu ärgern schien, daß sie in ihrer Lektüre gestört wurde. Mademoiselle Le Mire (den Namen in zwei Worten geschrieben) empfing Vater und Tochter ohne aufzustehen, sprach ein Langes und Breites von ihrer verlorenen Stellung, von ihrem Vater, einem »alten Edelmann« aus der Romagne – es ist merkwürdig, wie viele alte Edelleute schon daher gekommen sind! – und von einem ungetreuen Administrator, der mit ihrem ganzen Vermögen durchgegangen war. Der wackre Chèbe, der für alle im Leben Herabgekommenen im voraus eingenommen war, fühlte sich sofort zu ihr hingezogen, und ging entzückt von dannen, nachdem er seiner Tochter versprochen, sie der Verabredung gemäß um sieben Uhr abends abzuholen. Das neue Lehrmädchen wurde nun sogleich in das noch leere Arbeitszimmer geführt und Mademoiselle Le Mire wies ihr vor einer großen, mit einem wirren Durcheinander von Perlen, Nähnadeln, Pfriemen und billigen Unterhaltungsblättern gefüllten Schublade ihren Platz an. Sidonie wurde angewiesen, die Perlen auszusuchen und auf Schnüre von gleicher Länge zu reihen, die zusammengebunden an Kleinhändler verkauft werden. Binnen kurzem würden übrigens die andern jungen Mädchen eintreffen und ihr genaue Anweisungen über ihre Aufgaben erteilen. Mademoiselle Le Mire (in zwei Worten geschrieben) kümmerte sich nicht um solche Dinge und überwachte ihr Geschäft nur aus weiter Ferne, aus jenem kleinen, dunkeln Zimmer, in welchem sie ihr Leben mit dem Lesen von Feuilletons zubrachte. Um neun Uhr erschienen die Arbeiterinnen, fünf große, blasse, verwelkte Mädchen, die schlecht gekleidet, aber in der anspruchsvollen Weise jener armen Arbeiterinnen frisiert waren, welche barhaupt durch die Pariser Straßen gehen. Zwei oder drei von ihnen gähnten, rieben sich die Augen und versicherten, daß sie vor Müdigkeit umsänken. Wer mochte sagen, womit sie die Nacht zugebracht hatten! Endlich gingen sie an die Arbeit, an einem langen Tische, wo jede ihre besondre Schublade und ihre Werkzeuge hatte. Eine Bestellung von Trauerausputz mußte schnell erledigt werden, und Sidonie, der von der Directrice mit unbeschreiblicher Ueberlegenheit ihre Arbeit angewiesen wurde, begann in melancholischer Stimmung eine Unzahl schwarzer Perlen, Akazienkerne und Krappähren zu sortieren. Die andern, die sich nicht im mindesten um das Lehrmädchen kümmerten, unterhielten sich während der Arbeit über eine prächtige Hochzeitsfeier, welche denselben Tag in der Kirche von St. Gervais stattfinden sollte. »Laßt uns hingehen,« sagte ein vierschrötiges, rothaariges Mädchen, die von den Kameradinnen Malwine genannt wurde. »Die Trauung ist um zwölf ... wir hätten gerade Zeit, sie mit anzusehen.« Als die Freistunde gekommen war, sprangen sie denn auch wirklich in großen Sätzen die Treppen hinunter, während Sidonie, die wie ein Schulkind ihr Essen im Körbchen mitgebracht hatte, schweren Herzens an der Ecke des Tisches zum erstenmal allein frühstückte. Wie traurig und öde erschien ihr das Leben und in welcher schrecklichen Art und Weise sollte sie sich dereinst für die Pein dieser Stunden zu entschädigen suchen! Um ein Uhr kamen die Arbeiterinnen lärmend und aufgeregt zurück, »Habt ihr das Kleid von weißem Grosgrain und den englischen Spitzenschleier bemerkt? Was die für ein Glück hat!« So nahmen sie im Arbeitszimmer die Bemerkungen wieder auf, welche sie bereits in der Kirche, während der Trauung flüsternd ausgetauscht hatten. Den ganzen Tag wurde das Thema der reichen Heiraten und kostbaren Toiletten besprochen und die Arbeit hatte nicht darunter zu leiden – im Gegenteil. Durch die kleinen Pariser Industriezweige, welche dem Frauenputz gewidmet sind und seine geringfügigsten Zuthaten liefern, werden die Arbeiterinnen von jedem Wechsel der Mode unterrichtet und ihre Phantasie wird mit Bildern der Eleganz und des Luxus erfüllt. Auch für die armen Mädchen, welche im vierten Stock bei Mademoiselle Le Mire arbeiteten, gab es keine geschwärzten Mauern, keine enge Straße, während sie sich wieder und wieder fragten: »Sag 'mal, Malwine, was thätest du, wenn du reich wärest? ... Ich würde die Champs Elysées bewohnen, ...« und für einen Augenblick stiegen die großen Bäume des Rundteils nebst den eleganten, langsam vorüberfahrenden Wagen als köstliches, erfrischendes Traumbild vor ihnen auf. Die kleine Chébe hörte aus ihrem Winkel stumm und aufmerksam zu, indes sie mit dem Geschmack und der früh ausgebildeten Geschicklichkeit, die sie bei Désirée Delobelle erworben hatte, ihre schwarzen Beeren zu Trauben vereinigte. Herrn Chébe wurde, als er abends kam, die Tochter abzuholen, viel Schönes darüber gesagt. Von nun an verflossen alle Tage in derselben Weise, nur daß es morgen statt der schwarzen Perlen weiße aufzuziehen gab, und dann wieder rote, von nachgemachten Korallen. Bei Mademoiselle Le Mire wurde eben nur Unechtes, nur Flitterwerk verarbeitet – eine passende Lehrzeit und Lebensvorbereitung für die kleine Chébe. Eine Zeitlang fühlte sich das neue Lehrmädchen, das jünger und besser erzogen war als die andern, ziemlich vereinsamt. Später, als sie heranwuchs, wurde sie mit der Freundschaft, dem Vertrauen der Gefährtinnen beehrt, nahm jedoch an ihren Vergnügungen keinen Anteil. Sie war zu stolz, um sich in der Mittagsstunde die Trauungen mit anzusehen, und wenn sie von den nächtlichen Bällen im Vauxhall, oder den Délices du Marais, einem feinen Souper bei Bouvalet, oder den Quatre Sergents de la Rochelle erzählen hörte, empfand sie jedesmal eine stille Verachtung. Wir hatten Höheres im Sinn, nicht wahr, kleine Chèbe? Ueberdies wurde sie jeden Abend von ihrem Vater abgeholt. Zuweilen aber, in der Neujahrszeit, mußte sie, um dringende Bestellungen auszuführen, mit den andern tief in die Nacht hinein arbeiten. Diese bleichen Pariser Mädchen im Gaslicht Perlen von einem matten, krankhaften Weiß auslesen zu sehen, das ihrer Gesichtsfarbe ähnlich war, that dem Herzen weh. Sie selbst hatten gleichsam den trügerischen Glanz, die Vergänglichkeit falschen Geschmeides. – Ihre Unterhaltung drehte sich nur um Theater und Maskenbälle. »Hast du Adele Page in den ›Drei Musketieren‹ gesehen? ... und Mélingue? ... und Marie Laurent! ... Oh, Marie Laurent!« – Und die Wämser der Schauspieler, das gestickte Kleid einer Melodramenkönigin tauchten in dem weißen Glanz der Perlenschnüre, die durch ihre Finger glitten, vor ihnen auf. Im Sommer gab es nicht so viel zu thun – es war die tote Jahreszeit. Während die Arbeiterinnen an heißen Tagen durch die geschlossenen Jalousieen auf der Straße unten gelbe Pflaumen und Reineclauden ausrufen hörten, legten sie den Kopf auf den Tisch und versanken in dumpfen Schlaf, oder Malwine ging in das Hinterzimmer zu Mademoiselle Le Mire, erbat sich eine Lieferung des »Journal für alle« und las den Gefährtinnen daraus vor. Die kleine Chébe machte sich aber nichts aus diesen Romanen – derjenige, den sie in ihrem Köpfchen trug, war schöner, als sie alle miteinander. – Sie hatte die Fabrik noch immer nicht vergessen. Jedesmal, wenn sie morgens am Arm des Vaters fortging, warf sie derselben einen Seitenblick zu. Die Werkstätten erwachten; aus der Esse wirbelte die erste schwarze Rauchwolke auf; im Vorübergehen hörte Sidonie das Rufen der Arbeiter, die schweren Schläge der Druckerpressen, das gewaltige, gleichmäßige Schnauben der Dampfmaschine, und dieser Arbeitslärm, der sich in ihrer Erinnerung mit Bildern von Festlichkeiten und blauen Coupés vermischte, verfolgte sie ohne Aufhören. Für sie übertönte er das Rasseln der Omnibusse, das Geschrei der Straßenverkäufer, das Plätschern der Brunnen; selbst im Arbeitszimmer, wenn sie ihre falschen Perlen sortierte, oder abends bei den Eltern, wenn sie nach der Mahlzeit am Fenster des Treppenflurs Luft schöpfte und im nächtlichen Dunkel nach der schweigenden, finsteren Fabrik hinübersah, klang ihr das lebhafte Summen im Ohre fort und bildete die Begleitung aller ihrer Gedanken. »Die Kleine langweilt sich, Madame Chébe ... wir müssen ihr ein Vergnügen machen ... nächsten Sonntag führe ich Sie alle aufs Land.« Diese sonntäglichen Spaziergänge, die der gute Risler zu Sidoniens Zerstreuung veranstaltete, machten sie jedoch nur noch trübsinniger. Um vier Uhr mußte aufgestanden werden, denn arme Leute haben ihr Vergnügen schwer zu erkaufen. Immer gab es im letzten Moment irgend ein Läppchen auszuplätten oder das ewige lila und weiß gestreifte Kleidchen, das Madame Chébe von Jahr zu Jahr verlängerte, mit irgend einem Besatz aufzufrischen. In Gemeinschaft brachen sie auf: die Chébes, die beiden Risler und der berühmte Delobelle; nur Désirée und ihre Mutter gingen nicht mit. Die arme, kleine Gelähmte, die ihr Gebrechen als Demütigung empfand, mochte ihren Lehnstuhl nicht verlassen und Mama Delobelle leistete ihr Gesellschaft. Ueberdies war weder die eine noch die andre im Besitz eines Anzuges, in dem sie sich zur Seite ihres großen Künstlers zeigen konnten. Der ganze Eindruck seiner Erscheinung wäre durch sie vernichtet. Der Aufbruch pflegte Sidonie etwas aufzuheitern. Paris im rosigen Nebel eines Julimorgens, die Bahnhöfe voll heller Sommerkleider, die weite, vor den Wagenfenstern liegende Landschaft, die erfrischende Bewegung, das Sichbaden in der freien, vom Wasserhauch der Seine erfüllten, von Waldgeruch gewürzten Luft, der Duft der Feldblumen und des in Aehren stehenden Getreides, das alles zerstreute sie für einen Augenblick. Aber nur zu bald erfüllte sie wieder der Ekel vor der Trivialität ihres Sonntages. Es war immer ein und dasselbe. An einer Schenke, in der Nähe irgend eines lärmenden, viel besuchten ländlichen Festes wurde Halt gemacht; Delobelle bedurfte eines Publikums, und während er, von seiner Künstlerchimäre erfüllt, im grauen Anzuge, mit grauen Gamaschen, ein leichtes Hütchen auf dem Ohr, den hellen Ueberzieher auf dem Arme einherschritt, bildete er sich ein, die Bühne stelle ein Dorf in der Nähe der Hauptstadt vor und er spiele einen Pariser auf dem Lande. Was Monsieur Chébe betrifft, der sich rühmte, die Natur zu lieben, wie der selige Jean Jacques Rousseau, so verstand er unter derselben Schießbuden, Karussells, Sacklaufen, viel Staub und viel zu essen – was auch für Madame Chébe das Ideal des Landlebens war. Sidoniens Ideal war ein andres und diese Pariser Sonntage, dies Spazierengehen in lärmenden Dorfstraßen, erfüllte sie mit unüberwindlichem Mißbehagen. Ihr einziges Vergnügen inmitten des Menschengewühls, war das Bewußtsein, beachtet zu werden. Die tölpelhafte Bewunderung eines Bauernburschen, die neben ihr laut wurde, zauberte für den ganzen Tag ein Lächeln in ihr Gesicht, denn sie gehörte zu den weiblichen Wesen, welche keine Art von Schmeichelei verschmähen. Hin und wieder ließ Risler das Ehepaar Chèbe mit Delobelle allein, indes er mit seinem Bruder und der Kleinen Felder und Wiesen durchstreifte, um Blumen zu pflücken, Muster für seine Tapeten. Franz bog mit langen Armen die Weißdornranken nieder, oder kletterte auf eine Parkmauer, um sich des leichten Mauerwerks zu bemächtigen, das von der andern Seite herübernickte. Ihre reichste Ernte fanden sie jedoch am Rande der Gewässer. Da wuchsen jene langen, biegsamen Halme, die auf Tapeten so anmutig aussehen, hohes, gerades Schilf und Winden, deren Blumenkelch, wenn er aus einer phantastischen Zeichnung hervorsteht, einem Menschenangesicht gleicht, das uns aus dem Blättergewirr anblickt. Risler ordnete alles mit künstlerischem Geschmack zum Strauß, suchte das Wesen jeder Pflanze zu erfassen und sich ihr volles, frisches Leben einzuprägen, das nach einem langen, heißen Tage nicht mehr zu erkennen ist. War der Strauß geordnet und mit einem breiten Grashalme, wie mit einem Bande zusammengeknüpft, so wurde Franz damit beladen und es ging weiter. Risler, der immer mit seiner Kunst beschäftigt war, suchte im Wandern nach neuen Vorbildern, neuen Zusammenstellungen. »Sieh 'mal, Kleine, dieser Maiblümchenstengel mit seinen weißen Glöckchen zwischen den Heckenrosen... Nun, was meinst du?... würde das auf wassergrünem, oder hellgrauem Grunde nicht sehr hübsch sein?« Aber Sidonie machte sich aus Maiblümchen ebensowenig wie aus Heckenrosen. Feldblumen erschienen ihr wie Blumen der Armen, wie Ebenbilder ihres lila Kattunkleidchens. Sie erinnerte sich, bei Monsieur Gardinois, im Schlosse von Savigny, in den Gewächshäusern, auf den Balustraden und in den großen Vasen, welche den mit Kies bestreuten Hof umgaben, ganz andre Blumen gesehen zu haben. Das waren die Blumen, die sie liebte ... Bei jedem Schritt wachte die Erinnerung an Savigny in ihr auf. Kamen sie an einem Parkthore vorbei, so blieb sie stehen und betrachtete die gerade, gutgehaltene Allee, die zur Freitreppe führen mußte. Jeder von großen Bäumen beschattete Rasenplatz, jede stille Terrasse am Ufer eines Gewässers rief ihr andre Rasenplätze, andre Terrassen ins Gedächtnis, und diese aus ihrer Erinnerung auftauchenden Bilder des Luxus machten ihre Sonntage noch trauriger. Am qualvollsten war ihr jedoch die Heimkehr. Die kleinen Bahnhöfe in der Umgegend von Paris sind an solchem Abend so überfüllt, so erstickend heiß! Dazu alle die erkünstelte Lustigkeit, das alberne Lachen, das heisere Singen erschöpfter Stimmen, die nur noch zu heulen vermögen. Monsieur Chébe freilich fühlte sich hier in seinem Element. Er konnte sich am Schalter drängen und stoßen lassen, sich über verspätete Züge ärgern, auf den Bahnhofsinspektor, die Eisenbahngesellschaft, die Regierung schimpfen und laut genug, um von den Umstehenden gehört zu werden, gegen Delobelle bemerken: »Was meinen Sie ... wenn etwas Aehnliches in Amerika geschähe? ... « worauf dieser berühmte Künstler mit so ausdrucksvoller, überlegener Miene, ein: »Gewiß! gewiß!« zur Antwort gab, daß sich ihren Nachbarn die Ueberzeugung aufdrängen mußte, die beiden wüßten ganz genau, was unter ähnlichen Umständen in Amerika geschehen würde. – Natürlich wußte der eine so wenig davon wie der andre, aber der Menge imponierten sie. Während des langen Wartens auf die Abendzüge saß Sidonie neben Franz, hatte die Hälfte seines Straußes auf dem Schoße und fühlte sich wie vernichtet inmitten des lärmenden Treibens. Von dem Bahnhofe aus, der von einer einzigen Lampe beleuchtet war, sah sie draußen dunkles Gebüsch, hin und wieder von der verlöschenden Illumination des ländlichen Festes durchbrochen, eine dunkle Dorfstraße, Gruppen herankommender Fahrgäste oder eine schwankende Laterne über einem verödeten Perron. Von Zeit zu Zeit flog ohne anzuhalten, einen Funkenregen vorsprühend und seinen Dampf aushauchend, ein Zug hinter den Glasthüren vorüber. Dann erhob sich im Bahnhofe stürmisches Geschrei und Gestampfe, von Monsieur Chébes dünner Stimme übertönt, die in schrillen Möwenlauten ausrief: »Stoßt die Thüren ein! stoßt die Thüren ein!« Dergleichen selbst zu thun, würde sich der kleine Mann nicht erkühnt haben, da er vor den Gendarmen tödliche Angst hatte. Nach wenigen Augenblicken legte sich denn auch der Sturm; müde Frauen, deren Haar vom Winde zerzaust war, schliefen auf den Bänken ein; überall gab es zerdrückte und zerrissene Gewänder, weiße, ausgeschnittene, mit Staub bedeckte Kleider. Die ganze Luft war von Staub erfüllt; mit jedem Atemzuge wurde er eingesogen; er fiel von den Kleidern, stieg unter den Füßen auf, verdunkelte die Lampe, umschleierte die Augen, umgab jedes Antlitz mit einem Nebelschleier. Auch die Waggons, in die man nach stundenlangem Warten einstieg, waren davon durchdrungen. – Sidonie öffnete das Fenster und sah auf die dunkle Ebene, die endlose schwarze Linie des Horizontes hinaus, bis in der Nähe der Festungswerke die Laternen der äußeren Boulevards wie zahllose Sterne aufleuchteten. Damit war der traurige Feiertag aller dieser armen Leute abgeschlossen, denn bei dem Anblick der Stadt fiel jedem die Arbeit des folgenden Tages wieder ein. Auch Sidonie, so freudlos ihr Sonntag gewesen war, beklagte nun sein Ende; sie gedachte der Reichen, für welche das ganze Leben aus Feiertagen besteht, und undeutlich wie im Traume stieg das Bild der langen, schattigen Gartenwege vor ihr auf, die sie heute gesehen hatte. Auf ihrem feinen Kies lustwandelten jene Glücklichen, während draußen vor dem Parkgitter, im Staube der Landstraße der Sonntag der Armen hastigen Schrittes vorüberging und kaum Zeit fand, einen Augenblick stillzustehen, um jene Reichen zu betrachten und zu beneiden. So war das Leben der kleinen Chèbe vom dreizehnten bis zum siebzehnten Jahre. Ohne die mindeste Aenderung herbeizuführen gingen diese Jahre dahin. Madame Chèbes Kaschmirshawl hatte sich noch mehr abgenutzt und das lila Kleidchen hatte noch einige Auffrischungen erfahren, das war alles. Außerdem aber begann Franz, der inzwischen ein junger Mann geworden war, die heranwachsende Sidonie mit stiller Erregung zu betrachten und sie mit Aufmerksamkeiten zu überhäufen, die seine Liebe allen verständlich machten, nur dem kleinen Mädchen nicht. Ueberhaupt schien nichts im stande, der kleinen Chèbe Interesse einzuflößen. Im Atelier that sie schweigend und gewissenhaft ihre Pflicht, ohne dabei an die Zukunft oder den Erwerb zu denken. Alles, was sie that, machte den Eindruck, als ob es nur in Erwartung andrer Dinge geschähe. Franz dagegen arbeitete seit einiger Zeit mit ungewöhnlichem Eifer, mit jener Anspannung, die einem fernen Ziele zustrebt. So geschah es, daß er mit einundzwanzig Jahren als »Zweiter« und mit dem Grade eines Ingenieurs aus der Ecole centrale entlassen wurde. Am Abend dieses denkwürdigen Tages führte Risler die Familie Chèbe ins Gymnasetheater und während der ganzen Vorstellung tauschten er und Madame Chèbe, hinter dem Rücken der Kinder, vielbedeutende Zeichen und Blicke aus. Beim Fortgehen legte Madame Chèbe feierlich Sidoniens Arm in den des jungen Mannes, und sah dabei aus, als ob sie zu dem Verliebten sagen wollte: »Vorwärts, mein Junge, die Geschichte ins reine zu bringen ist deine Sache.« Franz versuchte denn auch wirklich, das zu thun. Es ist ein weiter Weg vom Gymnasetheater nach dem Marais. Nach wenigen Schritten ist der Glanz der Boulevards verschwunden, die Trottoirs werden immer dunkler und menschenleerer. Franz begann von der Aufführung zu sprechen... er liebte so gefühlvolle Stücke, wie das heutige. »Und Sie, Sidonie?« »Ich? Sie wissen ja, Franz, daß es mir nur auf das Kostüm ankommt.« Das war denn auch wirklich das einzige, worauf sie im Theater acht gab: sie gehörte nicht zu den empfindsamen Wesen à la Bovary, die eine Blumenlese schön klingender Liebesbeteuerungen und ein konventionelles Ideal aus dem Theater heimtragen. Nein! was in ihr durch das Schauspiel geweckt wurde, war nur ein wahnsinniges Verlangen nach Eleganz und Luxus, und das einzige, was sie daraus forttrug, waren neue Kleiderschnitte und Haarfrisuren. Die übertrieben modernen Anzüge der Schauspielerinnen, ihre Art zu gehen, ihre gezierte Sprache erschienen Sidonie als höchste Feinheit; dazu der brutale Glanz der Vergoldungen, die Lichter, die Wagenreihe vor dem Eingange, alles das ungesunde Lärmen und Treiben, welches durch ein beliebtes Stück veranlaßt wird – das war es, was ihr gefiel, was sie interessierte. »Wie gut haben sie die Liebesscene gespielt!« begann Franz Risler aufs neue, und als er das Wort »Liebe« aussprach, beugte er sich zärtlich zu dem hübschen Köpfchen nieder, aus dessen weißwollener Kapuze das lockige Haar hervorquoll. Sidonie seufzte. »Ach ja, die Liebesscene!... und die Schauspielerin hatte so schöne Diamanten!« Es entstand eine kurze Pause; die Erklärung wurde dem armen jungen Manne schwer; er fand die rechten Worte nicht und plötzlich überfiel ihn unüberwindliche Angst, so daß er die Entscheidung hinausschob. »Wenn wir an der Porte Saint Denis vorüber sind... wenn wir den Boulevard verlassen haben,« sagte er zu sich selbst. Aber als sie dort ankamen, plauderte Sidonie von so gleichgültigen Dingen, daß ihm das Wort auf den Lippen erstarrte, oder sie wurden durch einen Wagen aufgehalten, so daß die Eltern wieder herankamen. Endlich, als sie den Marais erreichten, nahm er seinen Mut zusammen: »Höre mich an, Sidonie ... ich liebe dich ... « – – – – – – – Mutter und Tochter Delobelle waren diesen Abend lange aufgeblieben. Die beiden fleißigen Frauen hatten sich gewöhnt, ihren Arbeitstag bis tief in die Nacht zu verlängern, und ihre Lampe war immer eine der letzten, welche in der stillen Rue de Braque ausgelöscht wurden, und niemals gingen sie vor der Heimkehr des großen Mannes zu Bette, für den in der warmen Kaminasche ein kräftiges Abendbrot bereit stand. Solange er in Thätigkeit gewesen war, hatte das seine Berechtigung. Schauspieler essen früh zu Mittag und verlassen die Bühne mit einem Heißhunger, den sie befriedigen müssen, wenn sie nach Hause kommen. Delobelle spielte nun zwar schon lange nicht mehr, da er jedoch, wie er zu sagen pflegte, nicht das Recht hatte, dem Theater zu entsagen, nährte er seine Chimäre mit allen möglichen Angewohnheiten, die den Schauspielern eigen sind. Auch das Abendessen nach der Heimkehr gehörte dazu, und ebenso, daß diese nicht eher erfolgte, als bis das letzte Boulevardtheater seine Gaslaternen ausgelöscht hatte. Ohne Abendessen und zu derselben Stunde zu Bett zu gehen, wie andre Bürgersleute, hieß seiner Meinung nach auf den Kampf verzichten. – Zum Teufel auch – er verzichtete nicht! An dem Abend, von dem wir erzählen, war der Schauspieler noch nicht heimgekommen, und die Seinigen warteten arbeitend und plaudernd auf sein Erscheinen. Trotz der späten Stunde waren sie lebhaft angeregt, denn sie hatten den ganzen Abend von Franz gesprochen, von seinem Erfolge und der Zukunft, die ihn erwartete. »Das einzige, was ihm noch fehlt, ist eine gute, kleine Frau,« meinte Mutter Delobelle. Auch Désirée war derselben Meinung: Franz brauchte nichts mehr zu seinem Glücke, als eine gute, kleine, thätige Frau, die arbeitsam und fröhlichen Mutes war und in der Liebe zu ihm sich selbst vergaß. Wenn Désirée das mit so großer Bestimmtheit aussprach, so geschah es, weil sie mit der Frau, deren Franz Risler bedurfte, auf dem vertrautesten Fuße stand. Sie war nur um ein Jahr jünger als er, gerade das richtige Verhältnis, daß der Mann älter ist, als die Frau, sie aber doch mit mütterlicher Sorgfalt ihm zur Seite stehen kann. War sie hübsch?... Nein, das eigentlich nicht, aber auch nicht häßlich, und anmutig trotz ihres Gebrechens – denn sie hinkte, die arme Kleine. Dabei war sie feinsinnig, klug und liebte ihn so sehr. Niemand außer Désirée konnte wissen, wie innig die Zuneigung des kleinen Wesens für Franz Risler war, seit wie vielen Jahren sie bei Tag und Nacht an ihn dachte. Er selbst schien das nicht bemerkt zu haben und hatte nur Augen für das Backfischchen Sidonie. Aber was lag daran? Stille Liebe ist so beredt – verschwiegene Empfindung kann so mächtig wirken ... wer weiß, ob nicht eines Tages ... Und wieder einmal nahm die kleine Lahme, indes sie sich über die Arbeit beugte, ihren Flug in das Gebiet der Träume, in welchem sie häufig vom Krankensessel aus, einen Schemel unter den Füßen, weite Reisen machte. – Wunderbare, glückselige Reisen, von denen sie mit dem Vertrauen einer geliebten Frau, auf den Arm Franz Rislers gestützt, lächelnd heimkehrte. Auch ihre Hände nahmen teil an diesen Träumen, und das Vögelchen, dessen zerdrückte Schwingen sie wieder glättete, sah bald danach aus, als ob es sich an der Reise beteiligen, leicht und fröhlich wie sie selbst in alle Weite hinaus fliegen wolle. Plötzlich wurde die Thür geöffnet. »Ich störe doch nicht?« fragte eine triumphierende Stimme. Die Mutter, die ein bißchen eingeschlafen war, schrak empor. »Sie, Monsieur Franz ? ... Bitte, treten Sie näher ... wir warten noch auf meinen Mann, wie Sie sehen. Die Künstler sind nun einmal Nachtvögel... Setzen Sie sich und essen Sie mit ihm zu Abend.« »Nein, ich danke sehr!« antwortete Franz, dessen Lippen vor Gemütsbewegung blaß waren. »Ich danke sehr... aufhalten will ich mich nicht... aber ich sah noch Licht durch die Thürspalten und komme nur, um Ihnen zu sagen ... um Ihnen ein großes Ereignis mitzuteilen, über das Sie sich freuen werden... weiß ich doch, daß Sie mich lieb haben...« »Großer Gott! was gibt es denn?« »Ihre Verlobung beehren sich anzuzeigen, Franz Risler und Sidonie Chèbe.« »Wirklich!... und ich habe eben erst gesagt, daß Sie zu Ihrem Glücke nichts weiter brauchten, als eine gute kleine Frau!« rief Mama Delobelle, indem sie aufstand und ihm um den Hals fiel. Désirée war unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Sie beugte sich nur noch tiefer auf ihre Arbeit, und da Franz nur sein eignes Glück vor Augen hatte und da Mama Delobelle nur das Zifferblatt der Uhr beobachtete, um die Rückkehr des großen Mannes zu berechnen, bemerkte niemand, wie tief bewegt die kleine Lahme war, wie blaß ihr Gesicht, und wie krampfhaft das Vögelchen zitterte, das mit zurückgesunkenem Kopfe, wie zum Tode verwundet, in ihren Händen lag. Viertes Kapitel. Geschichte der kleinen Chèbe. – Die Johanniswürmchen von Savigny. Savignu-sur-Orge: »Meine liebe Sidonie! »Gestern saß ich etwas verstimmt am Tische des großen, Dir bekannten Eßzimmers, dessen Thüren nach der mit Blumen bedeckten Terrasse offen standen. Großpapa war den ganzen Morgen übler Laune gewesen und meine arme Mutter wagte nicht ein Sterbenswort zu sagen, so eingeschüchtert wird sie durch die finsteren Brauen, die hier im Hause das Kommando führen. Ich bedachte, daß es traurig ist, in den schönen Sommertagen und so schöner Umgebung allein zu sein, und daß es mir angenehm sein würde, jetzt – nachdem ich das Kloster verlassen habe, und die ganze gute Jahreszeit auf dem Lande zubringen werde – wieder, wie ehemals, jemand zu haben, mit dem ich Wald und Heckenwege durchstreifen kann. »Georges kommt wohl von Zeit zu Zeit heraus, aber immer sehr spät, nur zum Mittagessen und fährt am nächsten Morgen, noch ehe ich aufwache, wieder mit Papa in die Stadt. Ueberdies ist Monsieur Georges ein ernster Mann geworden; er arbeitet in der Fabrik und Geschäftssorgen umdüstern seine Stirne, So weit war ich in meinen Betrachtungen gekommen, als sich plötzlich Großpapa zu mir wendete und fragte: ›Was ist denn aus deiner kleinen Sidonie geworden? Es wäre mir angenehm, wenn sie auf einige Zeit hierher käme.‹ »Wie mich das freute, kannst Du Dir wohl denken: Welch ein Glück, sich wiederzusehen und die Freundschaft wieder anzuknüpfen, die nur das Leben gelockert hat, nicht unsre Schuld. Wieviel werden wir uns zu erzählen haben und wie sehr bedürfen wir der Heiterkeit, die Du uns mitbringst – Du, die allein im stände ist, dem gefürchteten Großpapa die Stirne zu glätten. Unser schönes Savigny ist gar zu öde! Denke Dir, daß ich zuweilen einen Anfall von Eitelkeit habe; ich putze mich, kräusle mein Haar, ziehe ein elegantes Kleid an und gehe in den Alleen spazieren, bis mir einfällt, daß ich mich nur für Schwäne, Enten, meinen Hund Kiß und die Kühe so schön gemacht habe, die sich nicht einmal umsehen, wenn ich auf der Wiese an ihnen vorüberkomme. Dann gehe ich ärgerlich nach Hause, um ein Linnenkleid anzuziehen, sehe im Pachthofe, in Küche und Speisekammer nach dem Rechten – und ich glaube wirklich, daß mir die Langeweile gut gethan hat, und daß ich einst eine gute Hausfrau sein werde. »Glücklicherweise ist die Jagdzeit nahe und ich hoffe, daß sie mir einige Zerstreuungen bringen wird. Georges und mein Vater, die beide eifrige Jäger sind, werden häufiger kommen, und dann wirst Du hier sein. – Denn, nicht wahr, Du antwortest mir gleich, daß wir Dich erwarten dürfen. Herr Risler sagte neulich, Du befändest Dich nicht gut. – Die Luft von Savigny wird Dir wohl thun. »Alle Hausgenossen erwarten Dich und ich vergehe vor Ungeduld Deine Claire.« Nachdem sie diesen Brief geschrieben hatte, setzte Claire Fromont einen großen Strohhut auf, denn es war ein schöner, heißer Tag zu Anfang August, und trug ihre Einladung selbst nach dem Briefkasten, aus welchem der Postbote die Korrespondenz der Schloßbewohner jeden Morgen im Vorübergehen mitnahm. Der Kasten befand sich am Ende des Parkes, an einer Biegung der Landstraße. Einen Augenblick blieb Claire stehen, um die Bäume am Wege und die umliegenden, im Sonnenschein schlummernden Wiesen zu betrachten. In der Ferne brachten Schnitter die letzten Garben ein, noch weiter hin wurde gepflügt, aber für das junge Mädchen wurde der schwermütige Eindruck dieser lautlosen Arbeit durch die Vorfreude auf das Wiedersehen der Freundin verdrängt, und kein Windhauch kam von den Hügeln am Horizonte herüber, keine warnende Stimme erklang aus den Baumwipfeln, keine Ahnung hielt sie davon ab, den verhängnisvollen Brief fortzuschicken. Sobald sie wieder im Schlosse war, ging sie eifrig ans Werk, ein hübsches Zimmer neben dem ihrigen für Sidonie einrichten zu lassen. Von dem grünen, mit Glycinien und Geißblatt umrankten Gartenpförtchen des Schlosses legte der Brief seinen Weg nach Paris glücklich zurück und gelangte denselben Abend, mit dem Poststempel von Savigny und wie durchhaucht von frischer Landluft, in die fünfte Etage der Rue de Braque. Das war ein Ereignis! Dreimal wurde der Brief gelesen und acht Tage lang blieb er, bis zur Abreise, auf dem Kaminsims neben den Heiligtümern der Madame Chèbe, einer Stutzuhr und zwei Schalen aus der Kaiserzeit, ausgestellt. Für Sidonie war er wie ein wunderbarer, entzückender, verheißungsvoller Roman, den sie ohne ihn zu öffnen lesen konnte, indem sie nur das weiße Couvert betrachtete, das mit Claires Namenschiffre geschmückt war. Von ihrer Heirat war jetzt nicht mehr die Rede. Die Hauptsache war jetzt, sich für den Besuch im Schlosse auszurüsten. Damit hatte man vollauf zu thun, mußte überlegen, zuschneiden, Kleider anprobieren, eine kleidsame Haartracht auswählen. Armer Franz!... wie schwer wurde ihm das Herz bei diesen Vorbereitungen. Der Ausflug nach Savigny schob die Hochzeit – die Sidonie ohnehin, warum wußte er nicht – zu verzögern suchte, noch weiter hinaus. Besuchen durfte er sie nicht, und wer mochte sagen, wie lange sie ausblieb, wenn sie dort von Vergnügen und Festlichkeiten umgeben war? Die beiden Delobelles wurden die Vertrauten des verzweifelnden Bräutigams und er achtete weder darauf, wie schnell Désirée aufstand, wenn er erschien, um ihm an ihrer Seite am Arbeitstische Platz zu machen, noch wie lebhaft gerötet ihr Gesicht, wie glänzend ihre Augen waren, wenn sie sich wieder setzte. Seit einigen Tagen wurde nicht mehr in »Käfern und Vögeln für Modeartikel« gearbeitet. Mutter und Tochter säumten rosa Volants für Sidoniens Kleid, und niemals hatte die kleine Lahme mit solcher Freude genäht. Sie war nicht umsonst die Tochter Delobelles! Von ihrem Vater hatte Désirée die Fähigkeit geerbt, sich in Täuschungen einzuwiegen, ihre Hoffnungen bis an die Grenzen des Möglichen festzuhalten und selbst darüber hinaus. Während Franz ihr sein Liebesleid klagte, sagte sie sich, daß er nach Sidoniens Abreise täglich kommen würde – wenn auch nur, um von der Abwesenden zu sprechen, daß sie ihn wieder und wieder an ihrer Seite haben werde, daß sie miteinander aufbleiben würden – den Vater zu erwarten, und daß ihm vielleicht eines Abends, während er sie beobachtete, zum Bewußtsein kommen würde, welch ein Unterschied zwischen dem Frauenherzen ist, das liebt, und dem, das sich nur lieben läßt. Der Gedanke, daß jeder ihrer Stiche Sidoniens ungeduldig erwartete Abreise beschleunige, gab ihrer Nadel eine ungewöhnliche Arbeitskraft und mit Schrecken sah der arme Liebende, wie Volants und Rüschen sichtlich wuchsen und sich zu kleinen wellenartigen Bergen aufhäuften. Sobald das rosa Kleid fertig war, reiste Mademoiselle Chèbe nach Savigny ab. Herrn Gardinois' Schloß lag im Thale der Orge, am Ufer des lieblichen,, launenhaften Flüßchens, das zwischen Mühlen, Inselchen, Schleusen und weiten Rasenflächen hinfließt. Das Herrenhaus, ein altes Gebäude aus der Zeit Ludwig XV. mit niedrigen Mauern und hohem Dach, trug das schwermütige Gepräge veralteter Vornehmheit. Breite Freitreppen, verrostete Eisengitter, alte, vom Regen zerfressene Steinvasen, mit blühenden Blumen gefüllt; soweit das Auge reichte, lange zerbröckelnde Mauern, die sich an einem sanften Abhange bis an den Fluß hinunter zogen und von den massigen Schieferdächern des Schlosses überragt wurden. In ihrer Umfriedigung lagen auch die Backsteingebäude der Meierei und der herrliche Park mit seinen Linden, Eschen, Pappeln und Kastanienbäumen, deren dichte, dunkle Massen nur hie und da durch die Wölbung einer Allee unterbrochen wurden. Den schönsten Schmuck des alten Besitztums bildete jedoch das Wasser, das seine Stille belebte und ihm etwas Festliches verlieh. Savigny besaß außer dem Flusse mehrere Quellen, Brunnen und große Teiche, die den Sonnenuntergang in aller Herrlichkeit wiederspiegelten und sich dem alten, moosigen, einem verwitterten Steine am Bachufer gleichenden Bauwerk vortrefflich anpaßten. Leider waren, wie in vielen der bewunderungswürdigen Sommerwohnungen bei Paris, deren sich die Parvenus des Handels und der Börse bemächtigt haben, die Schloßbewohner nicht in Harmonie mit ihrem Aufenthalt. Seitdem der alte Gardinois sein Schloß gekauft hatte, war er emsig bemüht, das Schöne, das ihm der Zufall in die Hände gegeben, nach Möglichkeit zu zerstören. Er ließ der Aussicht wegen Bäume fällen, verunstaltete seinen Park durch geschmacklose Zäune, um Vagabunden den Eintritt zu wehren, und verwendete seine ganze Sorgfalt auf einen prachtvollen Nutzgarten, der ihm einen reichen Ertrag an Früchten und Gemüsen lieferte und ihm infolgedessen mehr als alles übrige wie sein Eigentum, ein gutes Ackerland – des Bauern Stolz und Freude – erschien. Auch die großen Säle, deren Wandgemälde im Herbstnebel verblaßten, die mit Wasserrosen überwucherten Teiche, die Brückchen und Muschelgrotten hatten nur Wert für ihn, weil sie die Bewunderung der Fremden erregten und überdies zu dem Dinge gehörten, das der Eitelkeit des ehemaligen Viehhändlers schmeichelte: zu dem Schlosse nämlich. Da ihn sein vorgerücktes Alter am Jagen und Fischen verhinderte, brachte er seine Zeit mit Überwachung der erbärmlichsten Kleinigkeiten zu. Das Futter der Hühner, der Preis des letzten Grummets, die Zahl der ausgedroschenen, in einem prachtvollen Speicher aufgestapelten Garben, gaben ihm zu tagelangem Schelten Veranlassung, und wer von ferne das schöne Savigny erblickte, das Schloß in der Mitte des Abhanges, das Flüßchen, das am Fuße desselben einen breiten Spiegel bildete, die hohen von Epheu bewachsenen Terrassen, die gewaltigen Grundpfeiler, die den Parkmauern als Stütze dienten, ahnte schwerlich, wie engherzig und geistesarm der Besitzer aller dieser Herrlichkeiten war. Monsieur Gardinois, der sich in Paris in der Unthätigkeit des Reichtums langweilte, blieb das ganze Jahr über draußen, wo ihm während der Sommermonate die Familie Fromont Gesellschaft leistete. Madame Fromont, seine Tochter, war eine sanfte, beschränkte Frau, die des Vaters rohe Tyrannei von Jugend auf an blinden Gehorsam gewöhnt hatte. Auch ihrem Gatten gegenüber verharrte sie in derselben gedrückten Haltung, und alle seine Güte, alle seine unwandelbare Nachsicht war nicht im Stande, das verschüchterte Wesen aufzurichten, das immer demütig, schweigsam, gleichgültig und unzurechnungsfähig blieb. Da sie sich nie um Geschäftsangelegenheiten gekümmert hatte, war sie reich geworden, ohne etwas davon zu bemerken und ohne es zu genießen. Ihre schöne Wohnung in Paris und das prächtige Schloß ihres Vaters waren ihr nur unbequem; sie machte sich darin so klein wie nur irgend möglich, ihr ganzes Dasein wurde von ihrer einzigen Leidenschaft, ihrer wahnsinnigen Ordnungsliebe ausgefüllt und ihre einzige Beschäftigung war, eigenhändig und ohne Aufhören Spiegel, Thüren und Vergoldungen abzustäuben und blank zu reiben. Wenn die sonderbare Frau im Hause nichts zu säubern fand, nahm sie Uhrketten, Ringe und Broschen vor, reinigte ihre Kameen, ihre Perlen, und hatte im Trauringe ihren und ihres Mannes Namenszug so lange blank geputzt, bis die Buchstaben vollständig verschwunden waren. Ihre Manie begleitete sie auch nach Savigny. In den Gartenwegen suchte sie die trockenen Zweige zusammen, kratzte mit der Spitze des Sonnenschirmes das Moos von den Bäumen, hätte die Baumblätter abstäuben, die alten Stämme abkehren mögen und fühlte eine Regung von Neid, wenn sie mit der Eisenbahn an den Reihen kleiner, weißgetünchter Villen mit glänzenden Messingschildern und einer blanken Glaskugel in den kleinen, langgestreckten Gärten, die wie Kommodeschubladen aussahen, vorüberkam – das war ihr Ideal eines Landhauses. Auch ihr Mann, der nur im Fluge und immer von Geschäftsangelegenheiten in Anspruch genommen nach Savigny kam, hatte wenig Genuß davon: Claire war die einzige, die sich in seinem herrlichen Park wirklich heimisch fühlte. Sie kannte jedes Winkelchen desselben, hatte – wie alle einsamen Kinder, die auf sich selbst angewiesen sind, ihre Lieblingspflanzen, deren Gedeihen sie überwachte, ihre Lieblingswege und Plätze, ihre Lieblingsbäume und ihre Lieblingsbank zum Lesen. Die Tischglocke überraschte sie oft am andern Ende der Besitzung, dann kam sie atemlos, vergnügt, wie gebadet in frischer Luft zum Essen. Es war als ließen die Schatten der hohen Hecken, die so oft über ihre Stirne glitten, einen sanften Ernst darauf zurück und in ihren großen Augen spiegelte sich das geheimnisvoll aufleuchtende Grün der Teiche. Die Schönheit dieser Besitzung hatte das junge Mädchen vor der Kleinlichkeit und Trivialität ihrer Hausgenossen bewahrt. Der alte Gardinois konnte sie stundenlang von der Schlechtigkeit seiner Lieferanten und Dienstboten unterhalten oder ihr vorrechnen, um wie viel er in jedem Monat, jeder Woche, jedem Tage, jeder Minute bestohlen werde, während sich ihre Mutter in lauten Klagen über Mäuse, Motten, Staub und Feuchtigkeit erging, die sämtlich auf die Zerstörung ihres Eigentums erpicht und gegen ihre Schränke verschworen sein müßten. Aber nicht eine Silbe dieser blödsinnigen Gespräche haftete in Claires Gedächtnis; ein rascher Gang um den Rasenplatz, eine Lesestunde am Teich gaben dieser edeln, kraftvollen Seele Ruhe und Gleichgewicht wieder. Für den Großvater war Claire ein seltsames Wesen, das nicht in seinen Familienkreis gehörte. Schon als Kind war sie ihm durch ihre großen, klaren Augen, ihr gerades Urteil lästig geworden, vor allem aber vermißte er in ihr die Gleichgültigkeit und Unterwürfigkeit seiner Tochter. »Die wird 'mal ebenso hochmütig und wunderlich wie ihr Vater,« sagte er, wenn er verdrießlich war. Nein, viel besser gefiel ihm die kleine Chèbe, die zuweilen mit nach Savigny kam, um im Garten zu spielen. Hier fühlte er sich einer verwandten Natur gegenüber, einem Wesen, das aus demselben gewöhnlichen Stoff gebildet war, wie er selbst und das schon damals durch einen lächelnden Zug um die Mundwinkel Regungen des Neides und der Begehrlichkeit verriet. Ueberdies zeigte das kleine Mädchen ein Erstaunen, eine naive Bewunderung für seinen Reichtum, die der Eitelkeit des Parvenus schmeichelten, und wenn er sie zuweilen neckte, antwortete sie ihm mit den drollig-witzigen Wendungen eines Pariser Vorstadtkindes und das ausdrucksvolle Mienenspiel ihres feinen, blassen Gesichtchens gab der Trivialität der Ausdrucksweise einen gewissen pikanten Reiz. So kam es, daß der gute Mann sie nicht vergessen hatte. Jetzt besonders, als Sidonie nach langer Abwesenheit mit ihren welligen Haaren, ihrer zierlichen Gestalt, ihrem lebhaften, ausdrucksvollen Gesichtchen – Vorzügen, welche die etwas gezierte Anmut eines Ladenmädchens würzte – in Savigny erschien, gefiel sie sehr. Der alte Gardinois, der voll Erstaunen statt des Kindes, das er erwartete, ein erwachsenes Mädchen ankommen sah, fand sie hübscher und besser angezogen, als seine Enkelin. In der That war Sidoniens Haltung als sie in der großen Kutsche von der Eisenbahn abgeholt wurde, gar nicht übel; es fehlte ihr nur, was ihre Freundin so schön und reizend erscheinen ließ: der ruhige Anstand, die sichere Gewandtheit, das ungekünstelte Wesen. Sidonie war gewissermaßen ihrer Kleidung gleich; geringer, billiger Stoff, aber nach dem Geschmack des Tages verwendet; wertloser Flitterkram, wenn man will, dem aber die Mode, diese launenhafte, bezaubernde Fee, Farbe, Form und Ausputz gegeben hatte. Paris liefert für diese Art der Kleidung eine besondre Art von Gesichtern, denen jeder Anzug, jede Haartracht steht, weil sie keinen besondern Charakter haben; zu diesen Gesichtern gehörte das der kleinen Chèbe. Welch ein Entzücken war es für sie, als der Wagen in die lange, dunkle Allee hundertjähriger Ulmen einbog, an deren Ende das Gitterthor von Savigny für sie geöffnet stand. Von diesem Tage an wurde ihr das märchenhafte Dasein zu teil, das sie so lange nur geträumt hatte; von jeder Art Luxus sah sie sich umgeben, in der prächtigen Einrichtung der hohen Gemächer, dem Reichtum der Gewächshäuser und des Pferdestalles, in allen jenen Kleinigkeiten, in denen er sich gleichsam zum köstlichen Parfüm verdichtet, von welchem ein Tropfen genügt, um das ganze Zimmer zu durchduften. So wirkten auf sie die Blumenkörbe der Tafel, der gemessene Ton der Dienstboten, der Ausdruck der Gleichgültigkeit und Langeweile, in dem Madame Fromont das Anspannen befahl. Und wie behaglich fühlte sie sich inmitten der verfeinerten Lebensgewohnheiten der Reichen! Das war die ihr zusagende Existenz; es kam ihr vor, als ob sie niemals eine andre gekannt hätte. Plötzlich wurde sie durch einen Brief Franz Rislers ihrer Trunkenheit entrissen und in die Wirklichkeit zurückgerufen, auf ihr zukünftiges elendes Dasein als Frau eines kleinen Beamten verwiesen, an die ärmliche kleine Wohnung erinnert, die sie mit ihrem Gatten im oberen Stockwerk eines düsteren Hauses bewohnen würde, dessen dumpfe, vom Hauch der Armut erfüllte Luft sie schon jetzt zu atmen glaubte. Sollte sie ihre Verlobung lösen? Das war leicht geschehen, da sie nur durch ein Versprechen gebunden war. Aber ob sie es nicht zu bereuen hatte, wenn sie den Bewerber zurückstieß? In ihrem von Ehrgeiz bethörten Köpfchen tauchten allerlei seltsame Einfälle auf. Zuweilen, wenn Großvater Gardinois – der ihr zu Ehren seine altmodischen Jagdjoppen und wollenen Westen abgelegt hatte – mit ihr scherzte und sich ein Vergnügen daraus machte, ihr zu widersprechen, um eine ihrer pikanten Antworten zu erhalten, sah sie ihm, ohne etwas zu erwidern, starr in die Augen. Ach! wenn er doch nur zehn Jahre jünger gewesen wäre! – Aber der Gedanke, Madame Gardinois zu werden, nahm sie nicht lange in Anspruch, denn bald traten eine neue Persönlichkeit und neue Hoffnungen in ihr Leben ein. Georges Fromont, der bisher eigentlich nur Sonntags nach Savigny gekommen war, hatte – seit Sidoniens Ankunft – begonnen, sich beinahe täglich zum Diner einzustellen. Er war ein großer, schlanker, blasser, junger Mann von eleganter Haltung. Früh verwaist, war er von seinem Onkel Fromont erzogen, sollte dereinst sein Nachfolger im Geschäft und aller Wahrscheinlichkeit nach Claires Gatte werden. Diese vorausbestimmte Zukunft ließ ihn ziemlich kalt. Für den Handel interessierte er sich nicht und zu Claire hatte er jene brüderliche Zuneigung, jenes durch gemeinsame Erziehung bedingte Vertrauen, das – von seiner Seite wenigstens – wärmere Gefühle ausschloß. Im Verkehr mit Sidonie dagegen fühlte er sich gleichzeitig befangen, verschüchtert und angeregt, hatte den Wunsch, zu gefallen, war ein andrer Mensch, als bisher. Sie besaß jene gemachte, etwas dirnenhafte Anmut, welche diesem jungen Lebemann gefallen mußte, und es währte nicht lange, bis sie den Eindruck bemerkte, den sie auf ihn hervorbrachte. Wenn die beiden jungen Mädchen im Park spazieren gingen, dachte immer Sidonie zuerst an den Pariser Zug. Dann eilten sie an das Gitterthor, um nach den Ankommenden zu sehen, und Georges' erster Blick fiel immer auf Mademoiselle Chèbe, die etwas hinter ihrer Freundin stand, aber mit jener, Haltung und Miene, welche die Aufmerksamkeit herausfordern. Dies stumme Spiel wurde eine Weile fortgesetzt; sie sprachen nicht von Liebe, aber jedes Wort, jedes Lächeln, das sie austauschten, war ein Geständnis, oder ein Abwehren. An einem bewölkten, schwülen Sommerabend, als die Freundinnen gleich nach dem Diner in einem der langen Heckenwege spazieren gingen, gesellte sich auch Georges zu ihnen. Sie plauderten von gleichgültigen Dingen, während sie den Kies unter ihren langsamen Schritten knirschen ließen, als vom Schlosse her Madame Fromonts Stimme nach der Tochter rief. Georges und Sidonie blieben allein und gingen, den weißleuchtenden Weg verfolgend, langsam weiter, ohne zu sprechen oder sich einander zu nähern. Ein warmer Hauch zog durch die Hecken, die Wellen des Teiches schlugen leise an die Pfeiler der kleinen Brücke und die vom Winde verstreuten Blüten der Akazien und Linden durchdufteten die schwere Luft; eine gewitterschwüle, zitternde Atmosphäre umgab die beiden, und aus der Tiefe ihrer verschleierten Augen brach hin und wieder eine Glut, dem Wetterleuchten gleich, das am Horizont aufzuckte. »Oh! die schönen Johanniswürmchen!« rief Sidonie; das geheimnisvolle Getön, das in ihr Schweigen hineinklang, bedrückte sie. Rings um den Rasenplatz schwebten die ruhelosen, grünlichen Funken und erleuchteten einzelne Grashalme. Sie bückte sich, um einen derselben auf ihren Handschuh zu legen; Georges kniete dicht neben ihr nieder und, tief auf den Rasen gebeugt, so daß ihre Haare, ihre Wangen sich streiften, sahen sie sich im Licht der Glühwürmchen eine Minute lang an. Wunderbar reizend erschien sie ihm, in dem grünlichen Schimmer, der zu ihrem geneigten Antlitz aufleuchtete und sich in den Wellen des feinen lockigen Haares verlor. Leise legte er den Arm um ihre Hüfte, und als er fühlte, daß sie zurücksank, preßte er sie leidenschaftlich an sich. »Was sucht ihr denn?« fragte plötzlich eine Stimme; Claire stand im Dunkeln hinter ihnen. Georges erschrak so heftig, daß er zitterte und mit seiner zugeschnürten Kehle kein Wort zu sagen vermochte. Sidonie dagegen stand ruhig auf und erwiderte, indem sie ihre Röcke schüttelte: »Johanniswürmchen... sieh nur, wie viele heute abend da sind... und wie sie glänzen...« Auch ihre Augen strahlten in ungewöhnlichem Glanze. »Das kommt wohl vom Gewitter,« murmelte Georges, noch immer bebend. Das Gewitter war in der That dem Ausbruch nahe. Hin und wieder trieb der Wind ein Gemisch von Staub und Blättern von einem Ende des Heckenweges zum andern. Nach wenigen Schritten kehrten die drei in den Salon zurück. Die jungen Mädchen nahmen ihre Arbeit zur Hand, Georges versuchte eine Zeitung zu lesen und Madame Fromont rieb ihre Ringe blank, während der alte Gardinois mit seinem Schwiegersohn im angrenzenden Zimmer Billard spielte. Wie lang wurde Sidonie dieser Abend! Sie sehnte sich unbeschreiblich nach dem Alleinsein, um ihren Gedanken nachhängen zu können. Und als sie endlich in ihrem stillen Zimmer war und das Licht, das am Träumen hindert, weil es die Wirklichkeit zu grell beleuchtet, gelöscht hatte, überließ sie sich ihrem Freudentaumel, ihren Zukunftsplänen. Sie wurde von Georges geliebt ... von Georges Fromont, dem Erben der Fabrik ... er heiratete sie ... und sie wurde reich! ... In dieser kleinlichen, habgierigen Seele hatte der erste Liebeskuß nur den Gedanken an Luxus, an Geld und Gut geweckt. Um sich von dem Ernst der Neigung, die sie eingeflößt hatte, zu überzeugen, rief sie sich die Scene im Heckengange bis in die kleinsten Einzelheiten zurück. Den Ausdruck in Georges Blick, die Glut seiner Umarmung, die Mund an Mund gestammelten Liebesschwüre und jenes magische Licht, das sie in diesem feierlichen Augenblick umfing. Oh, die Johanniswürmchen von Savigny! Die ganze Nacht glitzerten sie wie Sterne vor ihren geschlossenen Augen. Der ganze Park war bis in seine dunkelsten Alleen damit angefüllt. Zu Feuerrädern vereinigt, leuchteten sie von den Rasenflächen, von den Bäumen, aus den Gebüschen. Ueber den Kies der Wege, über die Wellen des Teiches waren grüne Funken verstreut und alle diese mikroskopischen Lichter tauchten ganz Savigny in festliche Beleuchtung, um die Verlobung von Georges und Sidonie zu feiern. Als sie am folgenden Morgen aufstand, war ihr Plan gefaßt. Daß Georges sie liebte, war gewiß – aber ob er beabsichtigte, sie zu heiraten? – das bezweifelte die schlaue Kreatur, aber es erschreckte sie nicht. Sie fühlte sich stark genug, um Georges' ebenso schwache als leidenschaftliche Kinderseele zu lenken. Sie brauchte ihm nur Widerstand zu leisten... und das that sie denn auch. Wahrend einiger Tage war sie kalt, gleichgültig, gleichsam blind für ihn und ohne Gedächtnis. Er sehnte sich, sie zu sprechen, den seligen Augenblick noch einmal zu erleben, sie aber wich ihm aus, wußte immer einen dritten zwischen sich und ihn zu schieben. Nun begann er ihr zu schreiben. Er trug seine Briefe in eine kleine Felsenspalte neben einer klaren Quelle am Ende des Parkes, die das »Phantom« genannt wurde und von einem Strohdach beschattet war. Sidonie fand das reizend. Wenn der Abend gekommen war, mußte sie lügen, einen Vorwand finden, um allein nach der Quelle gehen zu können. Der Schatten, den die Bäume auf ihren Weg warfen, das nächtliche Dunkel, die rasche Bewegung, die seelische Aufregung verursachten ihr wonniges Herzklopfen. Dann fand sie den Brief, vom Tau benetzt, vom eisigen Hauch der Quelle durchdrungen und so weiß glänzend im Mondenschein, daß sie ihn schnell verbarg, um nicht überrascht zu werden. Und welche Freude, ihn zu öffnen, wenn sie allein war, die zauberischen Buchstaben zu entziffern, die Liebesworte zu lesen, die vor ihren Augen in blendenden gelben und blauen Lichtkreisen glänzten, als ob sie den Brief im vollen Sonnenschein läse. »Ich liebe Dich... liebe mich auch,« schrieb Georges in allen Tonarten. Anfangs antwortete sie ihm nicht; aber als sie fühlte, daß er ganz gefesselt, ganz ihr eigen und durch ihre Kälte der Verzweiflung nahe war, gab sie ihm die bündige Erklärung: »Ich werde nur meinen Gatten lieben.« Ja, sie war schon ein vollendetes Weib, die kleine Chèbe! Fünftes Kapitel. Wie die Geschichte der kleinen Chèbe zu Ende ging. Der September war gekommen. Die Jagdzeit hatte eine zahlreiche, lärmende, ziemlich gewöhnliche Gesellschaft im Schlosse vereinigt. Müde und behaglich, wie schlaftrunkene Bauern, saßen die reichen Kleinbürger bei endlosen Mahlzeiten. In der kalten Abenddämmerung des Herbstes fuhr man den Jägern auf der Landstraße entgegen. Von den Stoppelfeldern stiegen Nebel empor, und während das aufgescheuchte Wild mit leisem Angstschrei über die Ackerfurchen jagte, schien die Nacht aus den Wäldern vorzudringen, deren finstere, die Ebene umgrenzende Massen im Dunkel höher und höher aufwuchsen. Die Wagenlaternen wurden angezündet, und in warme Decken gehüllt fuhr man schnell nach Hause, während der frische Wind die Gesichter umwehte. Der glänzend erleuchtete Saal füllte sich mit Menschen und lautem Gelächter. Claire Fromont, die sich von der Roheit dieser Umgebung abgestoßen fühlte, sprach nur wenig; Sidonie dagegen strahlte im vollen Glanze. Die Bewegung hatte ihr blasses Gesicht gerötet, ihren Augen lebhafteren Ausdruck gegeben. Sie lachte gut, verstand vielleicht etwas zu viel und war für die hier versammelten Gäste das einzige Weib in der Gesellschaft. Der Beifall, den sie errang, berauschte Georges immer mehr, aber je leidenschaftlicher er sie suchte, um so zurückhaltender zeigte sie sich, bis er endlich beschloß, sie zu heiraten. Er schwur es sich zu, mit alle dem übertriebenen Feuer, das schwache Charaktere aufzubieten pflegen, als wollten sie damit die Einwendungen und Hindernisse im voraus bekämpfen, denen sie – wie ihnen nur zu wohl bewußt ist – eines Tages erliegen werden. Für die kleine Chèbe war dies die schönste Zeit ihres Lebens, denn abgesehen von allen ehrgeizigen Plänen fand ihre kokette, verschlagene Natur einen eignen Reiz in diesem heimlichen Liebesverhältnis, das sich unter Festlichkeiten und Gastmählern fortspann. Niemand in ihrer Umgebung hatte die leiseste Ahnung davon. Claire befand sich in dem jugendfrischen, gesunden Lebensabschnitt, in welchem sich die nur halberschlossene Seele, mit Lüge und Verrat noch völlig unbekannt, in blindem Vertrauen allen ihr Nahestehenden hingibt. Der ältere Fromont dachte nur an sein Geschäft: seine Frau putzte in leidenschaftlichem Eifer ihre Schmucksachen; nur die durchdringenden Augen des alten Gardinois waren einigermaßen zu fürchten. Aber Sidonie amüsierte ihn, und selbst wenn er etwas gemerkt hätte, wäre er nicht der Mann dazu gewesen, ihrem Glück in den Weg zu treten. So war sie denn voller Siegesfreude, als ein plötzlich hereinbrechendes unheilvolles Ereignis ihre Hoffnungen vernichtete. Eines Sonntagmorgens wurde Monsieur Fromont, der auf den Anstand gegangen war, zum Tode verwundet nach Hause gebracht. Ein Schuß, der einem Reh gegolten, hatte ihn an der Schläfe getroffen. Das Schloß geriet in die höchste Verwirrung. – Alle Jäger, darunter der Unbekannte, der den Unglücksschuß gethan, kehrten eilig nach Paris zurück. Claire, halb sinnlos vor Schmerz, verließ das Zimmer nicht mehr, in dem ihr Vater mit dem Tode rang, und Risler, der von dem Unfall benachrichtigt worden war, kam schnell nach Savigny, um Sidonie abzuholen. Am Abend vor der Abreise hatte sie mit Georges eine letzte Zusammenkunft an der Phantomquelle; ein peinliches, flüchtiges Abschiednehmen, das die Nähe des Todes verdüsterte. Dennoch schwuren sie sich ewige Liebe und verabredeten, auf welche Weise sie sich schreiben könnten; dann trennten sie sich. Eine traurige Heimfahrt! Urplötzlich mußte sie in ihr Alltagsleben zurückkehren, begleitet von dem verzweifelnden Risler, für den der Tod seines geliebten Prinzipals ein unersetzlicher Verlust war. Zu Hause angekommen, mußte sie ausführlich erzählen von den Schloßbewohnern, den Gästen, den Gesellschaften und Festlichkeiten, von dem unseligen, letzten Ereignis. – Welch eine Qual für sie, die nur von einem Gedanken erfüllt, so dringend der Einsamkeit, des Schweigens bedurfte. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Vom ersten Tage an hatte Franz seinen früheren Platz wieder eingenommen und seine Blicke, die nur sie suchten, seine Worte, die nur an sie gerichtet waren, peinigten sie und schienen ihr unerträglich anspruchsvoll. Trotz seiner Schüchternheit und seines Mangels an Selbstvertrauen glaubte der arme Junge als erklärter, ungeduldiger Bräutigam im vollen Rechte zu sein, und die kleine Chèbe mußte sich hin und wieder ihren Träumen entreißen, um diesen ungestümen Gläubiger zu beruhigen und den Zahlungstermin weiter und weiter hinauszuschieben. Endlich aber kam der Tag, an dem dies nicht länger möglich war. Sie hatte Franz versprochen, ihn zu heiraten, sobald er eine Anstellung gefunden haben würde. Nun sollte er im Süden, bei den Hochöfen von Grand' Combe als Ingenieur angestellt werden. Für einen bescheidenen Haushalt hatte er da genug. – Auszuweichen ging nicht mehr an; sie mußte Wort halten, oder einen Vorwand finden... welchen Vorwand aber? In dieser höchsten Not fiel ihr Désirée ein, denn obwohl die kleine Lahme sie niemals ins Vertrauen gezogen hatte, wußte Sidonie um deren innige Liebe zu Franz. Mit den Augen einer Kokette, hellen, glänzenden Spiegeln, die jede Regung andrer wiedergeben, ohne jemals verraten zu lassen, was in der eignen Seele vorgeht, hatte sie diese Neigung längst erkannt, und vielleicht hatte das Bewußtsein, daß Franz von einer andern geliebt wurde, ihr seine Liebe erträglicher gemacht. Wie man Bildsäulen auf Gräber stellt, um den düsteren Eindruck derselben zu mildern, so wurde ihr die dunkle Zukunft durch die bleiche, zarte Gestalt der kleinen Désirée erhellt – jetzt aber gab sie ihr einen nicht nur bequemen, sondern ehrenhaften Anlaß, ihr Wort zu lösen. »Nein, Mama,« sagte sie eines Tages zu Madame Chèbe, »ich bringe es nicht über das Herz, eine Freundin, wie sie, unglücklich zu machen. Ich hätte geradezu Gewissensbisse darüber. Arme Désirée! Hast du denn nicht bemerkt, wie elend sie aussieht, seit ich wieder hier bin, und wie flehend sie mich anblickt? Nein, ich kann ihr den Kummer nicht bereiten, kann und will sie ihres Franz nicht berauben.« Madame Chèbe, so sehr sie die Großherzigkeit ihrer Tochter bewunderte, fand das Opfer übertrieben und machte allerlei Einwendungen. »Nimm dich in acht, liebes Kind... wir haben kein Vermögen... ein Bewerber, wie Franz, wird sich so leicht nicht wieder finden.« »Gut ... dann heirate ich gar nicht!« erklärte Sidonie, und da ihr der angegebene Vorwand genügend schien, hielt sie mit Energie daran fest und ließ sich weder durch die Thränen des armen Franz umstimmen, den allerlei dunkle Andeutungen zur Verzweiflung brachten, noch durch die Bitten Rislers, den Madame Chèbe in tiefstem Vertrauen von den Beweggründen ihrer Tochter unterrichtet hatte und der sich nun auch gedrungen fühlte, ihren edeln Opfermut zu bewundern. »Darfst sie nicht anschuldigen... sie hat ein Engelsgemüt!« sagte er zu seinem Bruder, während er ihn zu trösten suchte. »Ja, gewiß, sie ist ein Engel!« fügte Madame Chèbe seufzend hinzu, so daß der arme verratene junge Mann sich nicht einmal beklagen durfte. In seiner Verzweiflung beschloß er, Paris zu verlassen, und da ihm in seinem Verlangen, weit weg zu gehen, die Grand' Combe noch zu nahe war, bewarb er sich um den Posten eines Bauaufsehers in Ismailia, bei den Kanalarbeiten des Isthmus von Suez, erhielt ihn und reiste ab, ohne von Désirées Neigung etwas zu wissen oder wissen zu wollen. Und doch hatte die arme Kleine, als er Abschied von ihr nahm, die hübschen schüchternen Augen mit einem Blick zu ihm aufgeschlagen, in dem deutlich zu lesen war: »Wenn sie dich nicht liebt... ich liebe dich!« Aber Franz Risler verstand sich nicht darauf, in diesen Augen zu lesen. Herzen, die im Leiden geübt sind, besitzen glücklicherweise eine unerschöpfliche Geduld. Auch die kleine Lahme begab sich – nachdem der geliebte Freund gegangen war – mit der vom Vater geerbten, durch weiblichen Zartsinn veredelten Hoffnungsfreudigkeit tapfer an die Arbeit und sagte sich selbst: »Ich will auf ihn warten!« Und dann ließ sie ihre Vögelchen die Flügel ausbreiten, als ob sie eins nach dem andern weit in die Ferne, nach Ismailia in Aegypten senden wollte. Franz Risler schrieb, ehe er sich in Marseille einschiffte, einen letzten, halb komischen, halb rührenden Brief an Sidonie, in welchem sich allerlei technische Angaben mit herzzerreißenden Abschiedsworten vereinigten. Der unglückliche Ingenieur teilte ihr mit, daß er gebrochenen Herzens auf dem Transportschiff Sahib, »einem Dampfer von fünfzehnhundert Pferdekraft« abreise – als ob er hoffe, daß die hohe Summe der Pferdekräfte den Sinn seiner Ungetreuen erweichen und sie mit ewiger Reue erfüllen werde. Sidonie war jedoch durch ganz andre Dinge in Anspruch genommen. Das Schweigen Georges Fromonts fing an sie zu beunruhigen. Seit ihrer Abreise von Savigny hatte sie nur einmal Nachricht von ihm erhalten, dann nicht wieder, und alle Briefe, die sie schrieb, blieben ohne Antwort. Durch Nisler wußte sie zwar, daß Georges mit Geschäften überhäuft war, und daß die Leitung der Fabrik, die ihm durch den Tod des Onkels zugefallen war, seine Kräfte weit überstieg... aber ein Wort hätte er schreiben müssen. Vom Flurfenster aus, wo sie ihren Beobachterposten wieder einnahm – der Rückkehr zu Mademoiselle Le Mire hatte sie sich zu entziehen gewußt – suchte die kleine Chèbe ihren Geliebten zu entdecken, überwachte sein Kommen und Gehen in Höfen und Gebäuden oder sah ihn, wenn die Stunde des Abendzuges nach Savigny gekommen war, in den Wagen steigen, um sich zu seiner Tante und Cousine zu begeben, welche die ersten Monate der Trauerzeit bei dem Großvater auf dem Lande verleben wollten. Das alles erregte und ängstigte sie, und die Nähe der Fabrik machte Georges Sichfernhalten noch empfindlicher für sie. Sie sagte sich, daß sie nur die Stimme zu erheben brauche, um von ihm gehört zu werden und ihn zum Aufblicken zu veranlassen: sagte sich, daß nur eine einzige Mauer zwischen ihnen liege... und doch waren sie jetzt so weit voneinander! Erinnerst du dich jenes traurigen Winterabends, kleine Chèbe, als der wackere Risler mit aufgeregtem Gesicht und dem Ausruf: »Große Neuigkeiten!« bei euch eintrat? Es waren wirklich große Neuigkeiten, die er brachte! Georges Fromont hatte ihm soeben mitgeteilt, daß er sich, dem letzten Willen seines verstorbenen Onkels zufolge, mit seiner Cousine Claire verheiraten werde und – da er sich unfähig fühle, die Fabrik allein zu leiten – den Beschluß gefaßt habe, Risler zu seinem Compagnon zu machen. Die Geschäftsfirma sollte demnach von jetzt an »Fromont junior und Risler senior« lauten. Wie hast du es angefangen, kleine Chèbe, deine Fassung zu bewahren, als du erfahren mußtest, daß die Fabrik deinen Händen entglitt, und daß eine andre deinen Platz einnehmen würde?... Welch ein schrecklicher Abend!... Mutter Chèbe saß mit ihrer Flickarbeit am Tische; Vater Chèbe bemühte sich, am Kamin seine vom Regen durchnäßten Kleider zu trocknen; die ärmliche Wohnung war wie erfüllt von Mißbehagen, die Lampe brannte schlecht: die schnell beendigte Mahlzeit hatte einen widrigen Speisengeruch zurückgelassen und Risler saß da, aufgeregt, freudetrunken... hörte nicht auf zu sprechen und Pläne zu machen. – Das alles schnürte dir das Herz zusammen und der Verrat des Treulosen wurde noch bitterer, wenn du den Reichtum, der deiner danach greifenden Hand entging, der elenden Dürftigkeit gegenüberstelltest, in der zu leben du verurteilt warst! Sidonie verfiel darüber in lange, schwere Krankheit. Oft, wenn sie, in ihrem Bette liegend, die Fensterscheiben hinter den zugezogenen Vorhängen klirren hörte, glaubte sie, daß Georges' Hochzeitskutschen unten in den Straßen vorüberführen, geriet in nervöse, lautlose, unerklärliche Krämpfe, und es war, als ob ein Zornesfieber sie verzehre. Endlich wurde die Krankheit durch Zeit, Jugendkraft, die Pflege der Mutter, vor allem durch die Sorgsamkeit Désirées – welche von dem ihr gebrachten Opfer unterrichtet war – besiegt; aber Sidonie blieb noch lange sehr schwach, in tiefe Schwermut versunken und zu heftigem, nervösem Weinen geneigt. Bald verlangte sie weit fort zu reisen und Paris zu verlassen: ein andermal wünschte sie ins Kloster zu gehen. Ihre Umgebung fragte sich und suchte den Grund dieses seltsamen Gemütszustandes zu finden, der noch beängstigender war als die Krankheit, und plötzlich entschloß sich Sidonie, der Mutter die Ursache ihrer Schwermut zu entdecken. Sie liebte den älteren Risler, hatte bisher nicht gewagt, es zu gestehen... er aber war es, den sie von jeher im Herzen getragen, nicht Franz. Alle waren von dieser Eröffnung aufs höchste überrascht, niemand mehr, als Risler selbst. Aber die kleine Chèbe war so hübsch und sah ihn mit so sanften Blicken an, daß sich der gute Mensch sofort rasend in sie verliebte. Vielleicht hatte diese Neigung auch – ohne daß er sich derselben bewußt war – schon seit längerer Zeit in seinem Herzen geschlummert. So war es gekommen, daß jetzt, am Abend ihres Hochzeitstages, die junge Madame Risler im weißen Brautanzuge mit triumphierendem Lächeln zu dem Flurfenster hinübersah, das gleichsam zehn Jahre ihres Lebens umrahmte. Dies stolze Lächeln, dem sich jenes tiefe Mitleid, jene stille Verachtung beimischten, welche die eben Reichgewordene für die Dürftigkeit ihres bisherigen Daseins empfand, galt augenscheinlich dem blassen, armen Kinde, das sie dort oben im Dunkel der Nacht zu erblicken glaubte, und sie sagte ihm, auf die Fabrik hindeutend: »Was meinst du nun, kleine Chèbe?... Du siehst, daß ich jetzt hier bin!« Sechstes Kapitel. Der Empfangstag meiner Frau. Mittagszeit: Der Marais geht zum Frühstück. Mit dem mächtigen Angelus-Läuten von Saint Paul, Saint Gervais, Saint Denis und Saint Sacrement vereinigt sich – aus den Höfen emporsteigend – der schrille Ton der Fabrikglocken. Jede derselben hat ihren eigentümlichen Klang, ihre ganz individuelle Ausdrucksweise. Es gibt traurige und heitere, lebhafte und schläfrige Glocken. Einige sind reich und glücklich, denn sie erklingen für Hunderte von Arbeitern; andre sind arme, schüchterne Wesen, scheinen sich hinter ihren Gefährtinnen zu verbergen und sich so klein als möglich zu machen, als fürchteten sie, die Aufmerksamkeit des Bankerotts zu erregen. Auch Lügnerinnen gibt es unter ihnen, freche Geschöpfe, die übermäßig wichtig thun und der Nachbarschaft einreden möchten, daß sie einem ansehnlichen Hause dienen, welches zahlreiche Hände beschäftigt. Die Glocke der Fromontschen Fabrik ist, Gott sei Dank, nicht von dieser Art, sondern ein gutes, altes, etwas rissiges Ding, das seit mehr als vierzig Jahren im ganzen Marais geachtet wird und nur Sonntags oder in Zeiten des Aufruhrs zu feiern pflegt. Sobald ihre Stimme ertönt, zieht eine ganze Schar von Arbeitern aus dem Thorweg des ehemaligen Edelhofes, um sich in die umliegenden Wirtshäuser zu zerstreuen, indes sich die Lehrlinge zu den Maurergesellen auf das Trottoir setzen. Um eine halbe Stunde für ihre Spiele zu gewinnen, frühstücken sie so schnell als möglich und begnügen sich mit dem, was den Armen und Obdachlosen in den Straßen von Paris feilgeboten wird, Kastanien, Nüssen, Aepfeln, während die Maurer große, mit Mehl und Gipsstaub bedeckte Brote vertilgen. Sehr eilig haben es die Frauen; sie laufen so schnell sie können; bald haben sie Kinder, nach denen sie in der Bewahranstalt oder zu Hause sehen müssen, bald einen alten Vater, eine Mutter, außerdem die Wirtschaft zu besorgen. Halb erstickt von der dumpfen Luft der Arbeitssäle, mit geröteten, geschwollenen Lidern, das Haar von dem feinen, zum Husten reizenden Staube der Samttapeten bedeckt, winden sie sich, einen Korb am Arm, hastig durch das Menschengewühl, in dem die Omnibusse nur langsam von der Stelle kommen. In der Nähe des Thorwegs, auf einem Steine, der ehemals den Reitern zum Aufsteigen diente, sitzt Risler und sieht lächelnd dem Fortgehen der Arbeiter zu. Die achtungsvolle Vertraulichkeit aller dieser wackeren Leute, die er schon gekannt hat, als er selbst arm und gering war wie sie, thut ihm wohl; das von so vielen herzlichen Stimmen wiederholte: »Guten Tag, Herr Risler!« erwärmt ihm das Herz.– Auch die Kinder begrüßen ihn ohne jede Scheu und die langbärtigen Zeichner, die halb Arbeiter, halb Künstler sind, schütteln ihm im Vorbeigehen die Hand und nennen ihn Du. – In dem allen liegt vielleicht eine zu große Vertraulichkeit: der wackere Risler hat vielleicht die Ansprüche, zu denen seine neue Stellung berechtigt, nicht gehörig begriffen, und ich weiß jemand, der dies Sichgehenlassen höchst unschicklich findet. – Aber dieser »Jemand« kann ihn hier nicht sehen und der Prinzipal macht sich das zu nutze und begrüßt den zuletzt aus der Fabrik kommenden Buchführer Sigismund, einen alten, steifen Burschen mit rotem Gesicht und hohem Halskragen, der aus Furcht vor Schlagflüssen in jedem Wetter barhaupt einhergeht, mit herzhafter Umarmung. Risler und er sind Landsleute und ihre gegenseitige Wertschätzung stammt aus der fernen Zeit, als sie beide in die Fabrik eingetreten waren und in dem kleinen Milchladen an der Ecke zu frühstücken pflegten. Jetzt geht Sigismund Planus allein dorthin, um sich von der an der Wand hängenden Schiefertafel, die als Speisezettel dient, ein Gericht auszuwählen. Aufgepaßt! der Wagen Fromonts Junior fährt in den Thorweg. Der junge Mann ist den ganzen Morgen umhergefahren, und während er nun mit seinem Compagnon dem hübschen, im Garten gelegenen Hause zugeht, das sie gemeinschaftlich bewohnen, sprechen sie freundlich von Geschäftsangelegenheiten. »Ich war bei Prochassons,« sagt Fromont junior; »sie haben mir neue Muster vorgelegt... sehr hübsche Sachen, das ist nicht zu leugnen... Wir müssen uns zusammennehmen; die Konkurrenz wird bedenklich.« Aber Risler fürchtet nichts; er verläßt sich auf sein Talent, seine Erfahrung und endlich – das sagt er jedoch im engsten Vertrauen – auf die neue, verbesserte Druckmaschine, mit welcher er beinahe zustande gekommen ist und die wirklich... nun, es wird sich ja zeigen. Wahrend dieses Gesprächs treten sie in den wohlgepflegten Garten, dessen Kugelakazien fast so alt sind wie die Gebäude des Hofes und dessen schwarze Umfassungsmauern von herrlichem, altem Epheu verhüllt werden. Neben Fromont junior hat Risler senior das Ansehen eines Handlungsdieners, der dem Prinzipal Bericht erstattet. So oft er sprechen will, bleibt er stehen und seine schwerfälligen Gebärden sind gleichsam die Verkörperung seines langsamen Denkens, seiner ungeschickten Ausdrucksweise. Gut, daß er das rosige Gesicht nicht sieht, welches dort oben, hinter einem Fenster des zweiten Stockes hervorlauscht und alles beobachtet. Madame Risler erwartet ihren Mann zum Frühstück und ärgert sich über sein langes Ausbleiben. Sie winkt ihm zu: »Beeile dich doch!« aber er sieht es nicht; seine ganze Aufmerksamkeit wird durch das Kind – Georges' und Claires Töchterchen in Anspruch genommen, das sich, von Spitzen umhüllt, auf dem Arm seiner Amme des Sonnenscheins freut. »Wie hübsch sie ist... ganz Ihr Ebenbild, Madame Schorsch!« »Finden Sie das, lieber Risler? Alle meine Bekannten sind der Meinung, die Kleine sähe ihrem Vater ähnlich.« »Ein bißchen, ja... im ganzen aber...« Und nun stehen sie alle da, der Vater, die Mutter, Risler, die Amme, und suchen eifrig nach einer Aehnlichkeit in dieser kleinen Skizze eines Menschenangesichtes, das sie mit unklaren, von Licht und Leben geblendeten Augen ansieht. Sidonie beugt sich aus dem halbgeöffneten Fenster, um zu sehen, was sie thun und warum ihr Mann nicht heraufkommt. Eben hat Risler das Kindchen auf die Arme genommen, wiegt das hübsche Bündelchen weißer Stoffe und hellfarbiger Bänder hin und her, indem er wie ein zärtlicher Großvater das kleine Geschöpf durch Possen und Liebkosungen zum Lachen und Lallen zu bringen sucht. Wie alt der gute Mann dabei aussieht und wie häßlich, wie lächerlich ist es, wenn er seine vierschrötige Gestalt dem Kinde zuliebe niederdrückt, seine rauhe Stimme mäßigt! Sidonie stampft mit dem Fuße. »Einfaltspinsel!« murmelt sie vor sich hin und schickt, des Wartens müde, hinunter, den »Herrn« zum Frühstück rufen zu lassen. Aber die Unterhaltung ist so gut im Gange, daß der »Herr« sich derselben nicht zu entziehen, dem Lachen und Vogelgezwitscher kein Ende zu machen weiß. Endlich gelingt es ihm, die Kleine der Amme zurückzugeben; herzlich lachend eilt er die Treppe hinauf, lacht noch, als er das Speisezimmer betritt, wird aber durch den Blick seiner Frau sofort umgestimmt. Mit der Miene einer Märtyrin sitzt Sidonie am Tische, vor den auf einer Kohlenpfanne warm gestellten Schüsseln und ihre Haltung verrät, daß sie die feste Absicht hat, übler Laune zu sein. »Kommst du wirklich?... Wie gütig von dir!« Etwas beschämt setzt sich Risler nieder. »Sei nicht böse, mein Lämmchen ... das Kind war so allerliebst...« »Ich habe dich gebeten, mir nicht so alberne Namen zu geben, das schickt sich nicht . , .« »Ich dachte, wenn wir allein sind ...« »Das ist ganz einerlei! Du wirst freilich nie begreifen, was wir unsrer Stellung schuldig sind... und die natürliche Folge davon ist, daß ich von niemand mit der Achtung behandelt werde, die mir gebührt. Selbst der alte Achilles grüßt kaum, wenn ich an der Portierloge vorbeigehe... Warum sollte er auch?... Ich bin ja keine Fromont, habe keine Equipage...« »Aber Lämmchen, liebe Sidonie, wollt' ich sagen , .. du weißt doch, Kleine ... ich meine, du solltest nicht vergessen, daß du den Wagen der Madame Schorsch zu deiner Verfügung hast... sie hat ihn erst neulich wieder angeboten.« »Wie oft soll ich dir wiederholen, daß ich dieser Person keinen Dank schulden will!« »Aber Sidonie...« »Ja natürlich! ich weiß es ja und niemand darf daran zweifeln: Madame Fromont ist so gut, wie der liebe Gott! – Ich aber muß mich darein ergeben, im eignen Hause eine Null zu sein, mich demütigen, mit Füßen treten zu lassen!« »Liebes Kind, ich bitte dich . ..« und der arme Risler versucht, sich ins Mittel zu legen, seine liebe Madame Schorsch zu verteidigen; aber er ist ungeschickt, macht die Sache nur schlimmer und bringt es so weit, daß Sidonie heftig losbricht: »Dies Weib mit der stillen Miene, das laß dir gesagt sein, ist ebenso boshaft als hochmütig, und mich haßt sie, davon habe ich mich überzeugen müssen. Solange ich nur die arme kleine Sidonie war, der sie die zerbrochenen Spielsachen und abgelegten Kleider zuwarf, ging alles gut. Aber daß ich nun auch Herrin im Hause bin, ärgert und verdrießt sie. Von oben herab erteilt mir Madame ihre Ratschläge und tadelt mein Thun und Lassen. Es ist nicht recht, daß ich mir eine Kammerjungfer genommen habe ... natürlich! war ich doch bisher gewöhnt, mich selbst zu bedienen. – Sie benutzt jede Gelegenheit, mir weh zu thun. – Du solltest nur hören, in welchem Tone sie sich, wenn ich Mittwochs zu ihr komme, in Gegenwart ihrer Gäste, nach der »guten Madame Chèbe« erkundigt. Nun ja, ich bin eine Chèbe und sie ist eine Fromont, aber ich glaube doch, daß das eine so gut ist, wie das andre. Mein Großvater war Apotheker ... und was ist der ihre? Ein Bauer, der sich durch Wucher bereichert hat. Aber wenn sie's mit ihrem Hochmut zu weit treibt, sage ich ihr das eines schönen Tages und sage ihr auch, daß ihr kleines Mädchen, auf das sie so eitel sind, diesem alten Gardinois ähnlich sieht, und der ist, weiß Gott, nichts weniger als schön ...« »Meinst du?« sagt Risler, der fast nichts zu erwidern weiß. »Ja, freilich ... und es sieht dir ganz ähnlich, dies elende Ding zu bewundern. Es ist beständig krank und wimmert die ganze Nacht wie eine kleine Katze, so daß ich nicht schlafen kann. Dafür habe ich tagsüber das Klavier der Mama und ihre Rouladen, tra, la, la, la! Wenn es wenigstens lustige Musik wäre.« Risler hat das bessre Teil erwählt: er sagt kein Wort mehr, und als er nach einer Weile bemerkt, daß Sidonie sich beruhigt, weiß er sie durch Schmeicheleien vollends umzustimmen. »Wie hübsch du heute aussiehst... willst wohl Besuche machen?« »Nein,« antwortet Sidonie mit einem gewissen Stolz, »nicht Besuche machen, sondern Besuch empfangen will ich, mein Tag ist heute ...« Und gleichsam als Antwort auf die verwunderte Miene ihres Gatten fügt sie hinzu: »Nun ja, mein Empfangstag ... da Madame Fromont den ihrigen hat, darf ich wohl auch den meinigen haben ...« »Gewiß, gewiß!« antwortet der gute Risler, indem er sich mit leisem Unbehagen umsieht; »darum also stehen überall im Vorzimmer, im Salon so viele Blumen.« »Ja, ich habe sie vom Dienstmädchen im Garten pflücken lassen. War das vielleicht unrecht? – Du sagst es nicht, aber ich bin überzeugt, daß du es findest. – Ich war der Meinung, daß die Gartenblumen uns ebensogut gehören, wie den Fromonts.« »Versteht sich ... aber es wäre doch wohl ... ich meine, du hättest ...« »Um Erlaubnis bitten etwa? ... mich noch tiefer demütigen wegen ein paar elender Chrisantemums und zwei oder drei grüner Zweige? ... Uebrigens habe ich die Blumen nicht heimlich abpflücken lassen, und sobald Madame Fromont heraufkommt ...« »Sie kommt? das ist hübsch von ihr.« Sidome fährt unwillig auf. »Wieso, hübsch von ihr? ... das fehlte gerade noch, daß sie nicht käme! ... Gehe ich denn nicht jeden Mittwoch hinunter und langweile mich mit ihren albernen, gezierten Frauenzimmern?« Von welcher Bedeutung Madame Fromonts Empfangstage für sie gewesen sind, verschweigt Sidome, und doch haben sie ihr gleichsam als wöchentlich erscheinende Anstandsregeln und Modeberichte gedient. Durch sie hat Sidonie gelernt, wie man in den Salon tritt, sich verbeugt und Abschied nimmt; wie ein Blumentisch geordnet, ein Rauchtisch eingerichtet wird; hier hat sie die neuesten Moden gesehen und die besten Bezugsquellen erfahren. Sie hat dann auch alle Freundinnen Claire Fromonts, von denen sie eben so verächtlich gesprochen, dringend eingeladen, sie zu besuchen, und hat sie bei der Feststellung ihres Empfangstages zu Rat gezogen. Ob sie wohl kommen werden? ... und ob sich Madame Fromont junior erdreisten wird, den ersten Freitag der Madame Risler senior zu versäumen? ... Sidonie ist in fieberhafter Spannung. »So beeile dich doch!« mahnt sie immer aufs neue; »wie, um Gottes willen, ist's möglich, so lange zu frühstücken!« Der wackere Risler hatte in der That die Gewohnheit, sehr langsam zu essen, bei Tisch die Pfeife anzuzünden und dazu, in kleinen Zügen, seinen Kaffee zu schlürfen. Heute muß er diesem geliebten Herkommen entsagen, muß – wegen des Tabaksrauches – die Pfeife im Futteral stecken lassen und nach dem letzten Bissen in aller Eile die Kleider wechseln. Seine Frau besteht darauf, daß er sich im Laufe des Nachmittags einstellt, um die Damen zu begrüßen. Welch ein Aufsehen in der Fabrik, als Risler an einem Wochentage in schwarzem Frack und weißer Halsbinde erscheint. »Gehst du zur Hochzeit?« ruft ihm der Kassierer Sigismund aus seinem Verschlage zu. Und Risler antwortet nicht ohne Stolz: »Nein ... meine Frau hat ihren Empfangstag.« Bald ist das ganze Haus davon unterrichtet und der alte Achilles, der den Garten zu besorgen hat, brummt, denn zur Feier dieses Ereignisses sind den Lorbeerbäumen im Treppenflur mehrere Zweige abgebrochen worden. Solange Risler im Lichte der hohen Fenster am Zeichenbrett sitzt, zieht er den unbequemen Staatsrock aus und schlägt die Manschetten zurück; aber der Gedanke, daß seine Frau Besuch erwartet, läßt ihm keine Ruhe; von Zeit zu Zeit wirft er sich wieder in Gala, um in seine Wohnung hinauf zu gehen. »Ist jemand gekommen?« fragt er schüchtern. »Nein, Monsieur, bis jetzt nicht.«. In dem schönen roten Salon – denn sie haben einen roten Damastsalon mit einer Konsole zwischen den Fenstern, einem Tisch in der Mitte und einem hübschen, hellgrundigen Teppich – hat sich Sidonie, als Dame, die empfängt, in einem Kreise von Stühlen und Lehnsesseln niedergelassen. Hier und da liegen Bücher und Wochenschriften; dazwischen steht ein muldenförmiges Arbeitskörbchen mit seidenen Troddeln, ein Krystallglas mit einem Veilchenstrauß und der Blumentisch ist mit Blattpflanzen geschmückt. Die Einrichtung in der unteren Etage, bei Fromonts, ist nachgeahmt, aber es fehlt der Geschmack, der die feine Grenzlinie zwischen dem Auserwählten und Gewöhnlichen festzuhalten weiß. Man hat hier gleichsam die mittelmäßige Kopie eines guten Genrebildes vor Augen. Auch Sidoniens Kleid ist zu neu, so daß sie mehr wie ein Gast als wie Herrin des Hauses aussieht; in Rislers Augen ist jedoch alles herrlich, ohne Makel, und er will das beim Eintritt in den Salon eben aussprechen, als ihn ein unwilliger Blick seiner Gattin erschreckt und zum Schweigen bringt. »Schon vier Uhr, wie du siehst«, sagt sie und deutet mit zorniger Gebärde auf die Standuhr. »Nun kommt niemand mehr!... Am meisten ärgert es mich natürlich, daß Claire nicht heraufkommt... zu Hause ist sie, das weiß ich, das kann ich hören.« In der That hat Sidonie seit Mittag schon jedes Geräusch im untern Stock, das Wimmern des Kindes, das Oeffnen der Thüren, belauscht. Risler ginge am liebsten fort, um dem Wiederaufnehmen der Frühstücksunterhaltung zu entfliehen, aber Sidonie gibt das nicht zu. Wenn sie von allen andern im Stich gelassen wird, soll er wenigstens ihr Gesellschaft leisten, und so bleibt er denn geduldig auf seinen Platz gebannt, wie jemand, der aus Furcht, den Blitz auf sich herab zu ziehen, keine Bewegung zu machen wagt. Sidonie dagegen ist sehr aufgeregt; sie geht im Salon auf und nieder, schiebt einen Stuhl beiseite, rückt ihn wieder an die frühere Stelle, wirft im Vorbeigehen einen Blick in den Spiegel, klingelt der Magd und schickt sie zu dem alten Achilles hinunter, sich zu erkundigen, ob niemand nach Madame Risler gefragt hat. Der alte Mann ist so boshaft! möglicherweise schickt er die Besucher wieder fort, indem er behauptet, Sidonie wäre nicht zu Hause. Aber nein! der Portier versichert, daß niemand dagewesen ist. Verdrießliches Schweigen! Sidonie steht am linken, Risler am rechten Fenster; sie sehen den kleinen Garten, den die Dämmerung zu verhüllen beginnt, sehen den schwarzen Rauch, der aus den Fabrikschornsteinen zum schwerbewölkten Himmel aufsteigt, sehen, wie zuerst Sigismunds Fenster im Erdgeschoß hell wird. Mit peinlicher Sorgfalt zündet der Kassierer selbst die Lampe an; sein großer Schatten bewegt sich vor der Flamme hin und her und biegt sich in der Nähe des Gitters zusammen, und allen diesen bekannten Vorgängen gelingt es, Sidonie für einen Augenblick zu zerstreuen. Plötzlich fährt ein kleines Coupé in den Garten und hält vor dem Hause. Also doch noch Besuch! In dem hübschen Durcheinander von Seide, Blumen, Schmelz, Fransen und Pelzwerk, das rasch die Freitreppe heraufkommt, hat Sidonie die Frau eines reichen Bronzehändlers erkannt. Welche Ehre, einen solchen Gast zu empfangen! ... Eilig nimmt das Ehepaar Platz – Monsieur am Kamin, Madame in einem Sessel, wo sie mit erheuchelter Gleichgültigkeit eine Zeitschrift zu durchblättern beginnt. Verlorene Mühe! Die schöne Besucherin kommt gar nicht zu Sidonie ... sie ist im unteren Stockwerke geblieben. Oh, wenn Madame Georges hören könnte, was die ehemalige Freundin von ihr und ihren Freundinnen sagt! In diesem Augenblick wird die Thür geöffnet und das Dienstmädchen meldet: »Mademoiselle Planus!« Es ist die Schwester des Kassierers, eine einfache, bescheidene alte Jungfer, die es für ihre Pflicht gehalten hat, der Prinzipalin ihres Bruders die Aufwartung zu machen, und nun von dem Empfang, der ihr zu teil wird, geradezu verblüfft ist. Die beiden Eheleute sind ganz Freude, ganz Herzlichkeit. »Wie liebenswürdig, daß Sie gekommen sind! ... Bitte, setzen Sie sich doch ans Feuer.« – Man überhäuft sie mit Aufmerksamkeiten, interessiert sich für jedes ihrer Worte. Das Lächeln des guten Risler hat etwas Warmes, Dankbares, und selbst Sidonie bietet ihre ganze Liebenswürdigkeit auf; sie ist hocherfreut, sich der ihr einst Gleichstehenden im vollen Glänze zeigen zu können, noch mehr aber durch den Gedanken beglückt, daß die unter ihr Wohnenden hören müssen, sie hätten hier oben Besuch. Sie macht denn auch mit dem Rücken der Stühle und dem Fortschieben des Tisches so viel Lärm wie nur irgend möglich, und als das alte Fräulein endlich, geblendet, entzückt, bezaubert, Abschied nimmt, wird sie mit raschelnden Volants bis an die Treppe begleitet und, über das Geländer gebeugt, ruft ihr Sidonie so laut als möglich nach, daß sie jeden Freitag zu Hause zu finden ist ... »bitte, vergessen Sie nicht, jeden Freitag!« Es ist völlig Abend geworden; im Salon brennen die großen Lampen; nebenan deckt das Mädchen den Tisch. Es ist aus ... Madame Fromont Junior kommt nicht. »Diese alberne Prise!« ruft Sidonie, bleich vor Wut. »Nicht einmal unsre achtzehn Stufen kann sie sich herauf bemühen ... Madame findet natürlich, daß mir für sie nicht vornehm genug sind ... aber ich werde mich schon rächen ...« Und je länger sie ihrem Zorn in ungerechten Anklagen Luft macht, um so gemeiner wird ihr Ton, um so lebhafter erinnert der Klang ihrer Stimme an die Sprache der Vorstädte und die Lehrjahre bei Mademoiselle Le Mire. Unglücklicherweise erlaubt sich Risler eine Bemerkung. »Wer weiß ... vielleicht ist das Kind unwohl geworden ...« Wütend, als ob sie ihn beißen wolle, wendet sich Sidonie nach ihm um. »Wirst du mich endlich mit dem Kinde in Ruhe lassen! Uebrigens bist du an allem schuld, was mir passiert ... du weißt mir nun einmal keine Achtung zu verschaffen!« Mit diesen Worten wirft sie die Thür ihres Schlafzimmers zu, daß die Lampenglocken klirren und alle Nippsächelchen auf den Brettern zittern, während Risler, der regungslos mitten im Salon stehen geblieben ist, voll Bestürzung seine weißen Manschetten, seine großen, mit Lackleder bekleideten Füße betrachtet und mechanisch vor sich hinmurmelt: »Der Empfangstag meiner Frau!« Siebentes Kapitel. Echte Perlen und falsche Perlen »Was hat sie nur? ... Was kann ich ihr gethan haben?« fragte sich Claire Fromont immer wieder, wenn sie an Sidonie dachte. Sie hatte von dem, was in Savigny zwischen ihrer Freundin und Georges vorgegangen war, nichts erfahren, und ihr reiner Sinn, ihr stilles, klares Gemüt machten sie unfähig, das neidische, begehrliche Wesen zu verstehen, das sich seit fünfzehn Jahren ihr zur Seite entfaltete. Dennoch – ohne daß sie sich dessen deutlich bewußt war – beängstigte sie der kalte, rätselhafte Blick, der sie aus diesem hübschen Gesichtchen anlächelte, und wenn Sidoniens seltsame, einer Jugendfreundin gegenüber geradezu unnatürliche Höflichkeit plötzlich einem kaum verhaltenen Aerger, einem herben, schneidenden Tone wich, geriet Claire in eine Bestürzung, der sich hin und wieder ein seltsames Vorgefühl, die unbestimmte Ahnung eines großen Unglücks zugesellten. Ja gewissermaßen sind alle Frauen Hellseherinnen und selbst den treuesten unter ihnen werden oft – trotz ihrer völligen Unkenntnis des Bösen – plötzliche Erleuchtungen von wunderbarer Deutlichkeit zu teil. Hin und wieder, wenn Claire Fromont eine längere Unterredung mit der Jugendfreundin gehabt hatte, oder wenn ihr, bei einer unerwarteten Begegnung, das Gesicht derselben ihre wahre Empfindung verriet, begann sie wohl ernstlicher über die kleine seltsame Sidonie nachzudenken, aber die unabweislichen Anforderungen des täglichen Lebens, die ihre Thätigkeit und ihre Neigungen vollständig in Anspruch nahmen, ließen ihr nicht Zeit, sich um scheinbare Kleinigkeiten zu kümmern. Es gibt Zeiten im Leben des Weibes, die an plötzlichen Wandlungen so reich sind, daß auch Gesichtskreis und Anschauungen dadurch völlig verändert werden. In früheren Tagen hätte sich Claire um diese Freundschaft gegrämt, die wie von böswilliger Hand zerrissen, von ihr abfiel. Aber nun hatte sie mit dem Vater das liebste, fast das einzige Herzensglück ihres jungen Lebens verloren. Dann hatte sie geheiratet; das Kind, mit seinen holden, alles verdrängenden Ansprüchen war ihr geboren und zu alledem hatte sie die Mutter bei sich, die seit dem plötzlichen Tode des Gatten völlig kindisch geworden war. – In diesem so nach allen Seiten ausgefüllten Leben gab es wenig Raum für Sidoniens Launen; selbst über ihre Heirat mit Risler hatte Claire keine Zeit gefunden, sich zu wundern. Er war wohl eigentlich zu alt für sie ... aber da sie sich lieb hatten, kam nichts darauf an. Jede Regung von Mißgunst über den Aufschwung in der gesellschaftlichen Stellung der kleinen Chèbe, die jetzt gewissermaßen ihresgleichen geworden, war selbstverständlich Claires edler Natur unmöglich. Sie hatte im Gegenteil den herzlichen Wunsch, die junge Frau, die mit ihr unter einem Dache lebte, gleichsam an ihrem eignen Daheim Anteil hatte, glücklich und geachtet zu sehen. Mit liebevoller Sorgsamkeit suchte sie deren Schritte zu leiten und sie in die Formen der Gesellschaft einzuweihen – wie eine begabte Provinzbewohnerin, der es nur an Erfahrung fehlt, um sich richtig zu benehmen. Das Erteilen solcher Ratschläge ist jedoch unter zwei jungen, hübschen Frauen eine schwierige Aufgabe. Mochte Claire Fromont, wenn sie die Freundin vor einem großen Diner in ihre Schlafstube nahm, noch so freundlich lächeln, während sie sagte: »Zu viel Schmuck, liebes Herz ... auch vergiß nicht, daß Blumen im Haar nur zu ausgeschnittenen Kleidern getragen werden«, Sidonie wurde jedesmal rot vor Zorn und hatte, während sie der Ratgeberin dankte, eine neue Beleidigung in ihrem Gedächtnis zu verzeichnen. Uebrigens wurde Sidonie im Fromontschen Umgangskreise mit einer gewissen Kälte aufgenommen. Dem Faubourg Saint Germain macht man seine Ansprüche zum Vorwurf, aber auch der Marais hat die seinigen! Alle diese reichen Kaufmannsfrauen und Fabrikantentöchter kannten die Geschichte der kleinen Chèbe und würden sie auch ohne das aus ihrer Haltung, ihrem Benehmen erraten haben. Sidonie mochte sich noch so viele Mühe geben, ihr Wesen behielt etwas vom Ladenmädchen. Ihre erkünstelte, hin und wieder unterthänige Zuvorkommenheit erinnerte an den erzwungenen höflichen Ton der Verkäuferinnen, nahm sie aber eine hochmütig-verächtliche Miene an, so glich sie einer jener ersten Ladenmamsellen, welche in eleganten Modemagazinen in schwarzseidenen Kleidern prangen, die sie abends in der Garderobe des Geschäftes abgeben müssen, tagsüber aber aus stolz aufgetürmten Locken voll Nichtachtung auf die geringeren Leute niedersehen, welche sich erdreisten, von ihren Preisen etwas abzuhandeln. Sidonie hatte das Gefühl, beobachtet, beurteilt, getadelt zu werden, und der Mangel an Sicherheit trieb sie mehr und mehr in eine feindselige Haltung. Die Namen, die sie nennen hörte, die Feste, Vergnügungen und Bücher, von denen gesprochen wurde, waren ihr unbekannt. Claire that zwar, was sie konnte, um ihre Schutzbefohlene zu unterrichten, sie mit Freundeshand in ihren Lebenskreis einzuführen und darin zu halten; aber viele der Damen fanden Sidonie hübsch und das genügte, um ihr das Eindringen in diese Gesellschaft zum Vorwurf zu machen. Andre, die auf die Stellung des Gatten, auf ihren Reichtum stolz waren, demütigten die kleine Parvenue durch verächtliches Schweigen oder unverschämt-höfliche Herablassung. Sidonie bezeichnete sie mit den Worten: »Claires Freundinnen«, was im Grunde »meine Feindinnen« bedeutete. Ihr Zorn gegen sie alle richtete sich aber gegen eine einzige. Die beiden Compagnons hatten keine Ahnung von dem Verhältnis zwischen ihren beiden Frauen. Risler senior, der in die Erfindung seiner Druckpresse versunken war, blieb oft bis mitten in die Nacht am Zeichenbrette, indes Fromont Junior seine Tage zum größten Teil außerhalb des Hauses zubrachte, im Klub frühstückte und sich nur selten in der Fabrik sehen ließ. Er hatte seine Gründe dazu. Mit Sidonie unter einem Dache zu leben, wurde ihm zur Qual. Die leidenschaftliche Neigung, die er für sie empfunden und dem letzten Willen seines Onkels zum Opfer gebracht hatte, beschäftigte seine Erinnerung und erfüllte ihn mit brennender Sehnsucht nach dem für immer Verlorenen, und da er sich schwach fühlte, ergriff er die Flucht. Er war eine weiche, haltlose Natur, scharfsichtig genug, sich selbst zu kennen, aber zu schwach, sich zu beherrschen. An Rislers Hochzeitstage hatte er in der Nähe der Braut – obwohl er damals erst seit einigen Monaten verheiratet war – alle Aufregungen des Gewitterabends von Savigny noch einmal durchlebt und hatte seitdem, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, sorgsam vermieden, Sidonie zu sehen oder von ihr zu sprechen. Da sie aber unglücklicherweise dasselbe Haus bewohnten und die Frauen zehnmal täglich zusammenzukommen pflegten, waren zufällige Begegnungen kaum zu verhüten, und so griff der junge Mann, um seiner Pflicht treu zu bleiben, zu dem seltsamen Auskunftsmittel, seiner Häuslichkeit zu entfliehen und außerhalb derselben Zerstreuung zu suchen. Claire sah darin nichts Ungehöriges, denn schon ihr Vater hatte sie an das beständige Hin und Her des Geschäftslebens gewöhnt. Während ihr Gatte abwesend war, füllte die junge Hausfrau und Mutter ihre Tage durch allerlei Aufgaben, durch Handarbeiten, durch Spazierfahrten mit dem Kinde, durch langes Verweilen in sonnig-milder Luft aus, und wenn sie heimkehrte, war sie so beseligt von dem Gedeihen ihrer Kleinen, so erfrischt von dem fröhlichen Leben der Kinderschar, die sie im Freien beobachtet hatte, daß noch lange ein Widerschein dieser Lust in ihren ernsten Augen leuchtete. Auch Sidonie ging häufig aus und oft, wenn Georges' Coupé abends in den Thorweg einfuhr, mußte Madame Risler, die eben erst in glänzender Toilette von weiten Stadtwegen nach Hause kam, hastig beiseite treten. Der Boulevard, die Schaufenster, ihre Einkäufe, die sie, um das ungewohnte Glück des Geldausgebens auszukosten, erst nach langem Wählen zu machen pflegte, hielten sie so lange fern. Dann wurde auf der Treppe ein Gruß, ein kalter Blick gewechselt, Georges trat schnell, wie Zuflucht suchend, in seine Wohnung und verbarg die Erschütterung, die er eben erlitten, unter den Liebkosungen, mit denen er sein Kind überhäufte. – Sidonie dagegen schien sich an nichts zu erinnern, schien für die feige, nachgiebige Natur dieses Mannes nur Verachtung zu fühlen. Außerdem wurde sie jetzt durch andre Interessen in Anspruch genommen. Zwischen die Fenster im roten Salon hatte ihr Mann ein Klavier stellen lassen. Nach langem Ueberlegen hatte sich Sidonie entschlossen, Singstunden zu nehmen – Klavier spielen zu lernen, war es doch wohl etwas zu spät – und zweimal wöchentlich, von zwölf bis ein Uhr mittags, erschien Madame Dobson, eine hübsche, blonde, sentimentale Gesangslehrerin. Wenn dann in der Stille der angrenzenden Höfe die bei offnen Fenstern gesungenen, zehnmal wiederholten, langgezogenen a .. a .. a, c .. c .. c .. erklangen, hätte man die Fabrik für ein Mädchenpensionat halten können. Eine Art Schulmädchen war es denn auch, das sich dort abmühte; eine haltlose, unerfahrene, kindische Seele, die noch alles zu lernen hatte, um sich zum echten Weibe auszubilden. Freilich begnügte sich ihr Ehrgeiz mit der Oberfläche der Dinge. »Claire Fromont spielt Klavier, ich werde singen; sie gilt für eine elegante, feingebildete Frau ... dafür will ich auch gelten.« Aber anstatt sich nun wirklich zu bilden, brachte sie ihre Tage damit zu, von einem Laden zum andern zu pilgern. Ihre Hauptfrage war: »Was wird diesen Winter getragen?« und immer fiel ihre Wahl auf die Prachtstücke der Schaufenster, auf alles, was die Augen der Vorübergehenden anlockte. Von den falschen Perlen, die ihr so lange durch die Hände gegangen waren, schien ihr etwas an den Fingerspitzen hängen geblieben zu sein, etwas von deren trügerischem Glanz, deren hohler Gebrechlichkeit. Sie selbst glich einer dieser runden, glänzenden, schön gefaßten, glänzenden Perlen, die ein ungeübtes Auge täuschen können, während Claire Fromont eine echte Perle war, von ebenso tiefem als sanftem Feuer. Der Unterschied wurde fühlbar, sobald man sie nebeneinander sah. Die eine, das ließ sich nicht verkennen, mußte von frühester Kindheit an Perle gewesen sein – eine kleine Perle, deren Wachstum durch reine, edle Naturkräfte genährt war, bis sie ein Kleinod von seltenem Wert geworden. Die andre dagegen war im vollen Sinne des Wortes »Pariser Arbeit«, ein Werk der großen Stadt, die so viel unechtes Material zu reizenden, glänzenden, vergänglichen Nichtigkeiten verwendet, ein Produkt jenes Kleinhandels, dem sie einst angehört hatte. Am meisten beneidete Sidonie die ehemalige Freundin um das Kind, das hübsche, von den Wiegenvorhängen bis zur Haube der Amme reich bebänderte Püppchen. Die süßen Pflichten der Mutter, die so viel Geduld und Selbstverleugnung verlangen, kamen dabei nicht in Betracht; sie dachte weder an schlaflose Nächte und mühsames Einwiegen, noch an des Kindes heiteres Erwachen und sein schimmerndes Morgenbad. Nein – nur zum Spazierengehen wünschte sie sich das Kind; es ist so hübsch, wenn im Straßengewühl der jungen Mutter solch ein kleines, mit Schärpe und wallender Feder geschmücktes Wesen nachgetragen wird. Sie aber hätte sich nur von den Eltern oder von ihrem Manne begleiten lassen können und so ging sie lieber allein. Der wackere Risler war gar zu komisch in seiner Verliebtheit, spielte mit seiner Frau wie mit einer Puppe, faßte sie unter das Kinn, kniff sie in die Wangen, umkreiste sie mit unartikulierten Freudentönen, oder verfolgte sie mit großen, gerührten Augen, wie ein treuer, dankbarer Hund. Dieser albernen Liebe schämte sie sich, und die Eltern waren ihr bei der Verfolgung ihrer gesellschaftlichen Bestrebungen geradezu ein Hindernis. Sie hatte sich derselben denn auch gleich nach der Hochzeit gewissermaßen entledigt, indem sie ihnen in Montrouge ein Häuschen gemietet. Damit war den häufigen Ueberfällen des Vaters Chèbe im langen Ueberzieher, wie den endlosen Besuchen der guten Mutter Chèbe, die mit der Wiederkehr bessrer Tage in die alte Gewohnheit des Schwatzens und Nichtsthuns zurückfiel, ein Ziel gesetzt. Nur zu gern hatte Sidonie auch die Familie Delobelle fortgeschafft, deren Nachbarschaft sie belästigte. Aber für den alten Schauspieler war der Marais, wegen der Nähe der Boulevard-Theater, ein bequemer Mittelpunkt, während Désirée, wie alle, die sich ins Haus gefesselt fühlen, an der bekannten Umgebung festhielt. Selbst der melancholische Hof, der im Winter schon um vier Uhr nachmittags dunkel wurde, war ihr ein Freund, ein vertrautes Gesicht, das ihr, wenn es von einem Sonnenstrahl gestreift wurde, freundlich zuzulächeln schien. Aus dem Wege zu schaffen waren sie also nicht, aber Sidonie suchte sich damit zu helfen, daß sie nicht mehr zu ihnen ging. So wäre denn ihr Leben einsam und eintönig gewesen, hätte ihr nicht Claire Fromont hin und wieder Zerstreuungen verschafft. Aber auch darüber ärgerte sich Sidonie. »Soll mir denn alles von ihr kommen?« sagte sie zu sich selbst, und wenn sie zur Tischzeit aus der unteren Etage ein Theaterbillet bekam oder eine Einladung für den Abend, so blieb sie wahrend des Ankleidens – trotz ihrer Freude, sich zeigen zu können – unablässig darauf bedacht, ihre Nebenbuhlerin zu verdunkeln. Diese Gelegenheiten wurden jedoch immer seltener, da Claire sich mehr und mehr ihrem Kinde widmete. Kam aber Großpapa Gardinois nach Paris, so versäumte er nie, die beiden Familien zu vereinigen. Der alte Bauer fühlte sich am behaglichsten in Gesellschaft der kleinen Chèbe, die vor seinen Scherzen nicht erschrak; er führte die beiden Ehepaare zu Philippe, seinem Lieblingsrestaurant, wo er Wirt, Kellner und Kellermeister kannte, verthat viel Geld und beschloß den Abend mit seinen Gästen in einer vorausbestellten Loge der komischen Oper oder des Palais Royal. Im Theater lachte er laut, sprach ebenso vertraulich mit den Logenschließerinnen wie mit den Kellnern bei Philippe, verlangte mit lauter Stimme Fußbänke für seine Damen und wollte beim Fortgehen Pelze und Ueberzieher früher haben als alle andern – als ob er unter den Zuschauern der einzige gewesen wäre, der es zu drei Millionen gebracht hatte. Zu diesen etwas gewöhnlichen Abendpartieen, von denen sich ihr Mann so oft als möglich losmachte, zog sich Claire Fromont mit dem ihr eignen Takt stets sehr einfach an, so daß sie kaum beachtet wurde. Sidonie dagegen hißte alle Segel auf, setzte sich auf einen Vorderplatz, belachte die Späße des alten Gardinois und fühlte sich überglücklich, aus dem zweiten oder dritten Rang, wo sie früher zu sitzen pflegte, in diese schönen, mit Spiegeln geschmückten Prosceniumslogen herabgestiegen zu sein, deren Samtbrüstung eigens für ihre hellen Handschuhe, ihr Opernglas von Elfenbein und ihren Goldflitterfächer gemacht schien. Der herkömmliche Aufputz solcher öffentlichen Lokale, das Rot und Gold der Wandbekleidungen war in ihren Augen wirkliche Pracht und sie paßte so gut in dieselbe hinein, wie eine hübsche Papierblume in ein Filigrangefäß. Eines Abends, als im Palais Royal ein beliebtes Stück gegeben wurde, fiel inmitten der geschminkten Berühmtheiten mit verschwindend kleinen Hüten und riesenhaften Fächern, die ihre gemalten Gesichter und ausgeschnittenen Kleider in den Parterrelogen zur Schau stellten, Sidoniens Haltung, ihre Toilette, ihr Blick und ihr Lachen allgemein auf. Unter dem Einfluß jener magnetischen Strömung, die sich in Schauspielhäusern so oft bemerklich macht, richteten sich nach und nach alle Operngläser auf die Loge, in der sie saß, so daß Claire Fromont sich davon belästigt fühlte und mit ihrem Mann, der sie unglücklicherweise an diesem Abend begleitet hatte, den Platz wechselte. Der junge, elegante Georges machte an Sidoniens Seite durchaus den Eindruck des zu ihr passenden Gefährten, indes der hinter ihnen sitzende stille, schüchterne Risler zu Claire Fromont zu gehören schien, die in ihrem einfachen, etwas dunkeln Anzuge einer den Opernball inkognito besuchenden Dame glich. Beim Hinausgehen hatte jeder der beiden Associés seiner Nachbarin den Arm geboten. Eine der Logenschließerinnen sagte zu Sidonie, indem sie Georges bezeichnete: »Ihr Herr Gemahl« und die junge Frau bebte vor Freude. »Ihr Herr Gemahl!« Diese einfachen Worte genügten, sie völlig in Verwirrung zu bringen und allerlei verbrecherische Regungen in der Tiefe ihrer Seele wachzurufen. Während sie die Gänge und das Foyer durchschritten, betrachtete sie ihren Mann, der mit »Madame Schorsch« vor ihr herging, fand Claires Anmut durch seine schwerfällige Erscheinung gleichsam verdunkelt und verwischt und sagte sich selbst: »Wie häßlich mag ich mich an seiner Seite ausnehmen!« und mit klopfendem Herzen malte sie sich aus, welch ein schönes, glückliches, bewundertes Paar sie und der Mann gewesen wären, dessen Arm jetzt unter ihrem Arme zitterte. Und zum erstenmal, als jetzt das blaue Coupé am Theater vorfuhr, um Georges und Claire abzuholen, stieg der Gedanke in ihr auf, daß diese Frau sie doch eigentlich von dem ihr gebührenden Platze verdrängt habe und daß sie vollkommen im Rechte sei, wenn sie den Versuch machte, ihn wiederzugewinnen. Achtes Kapitel. Die Brauerei der Rue Blondel Seit seiner Heirat hatte Risler den Besuch der Brauerei aufgegeben. So gern es Sidonie gesehen hatte, wenn er abends in einen eleganten Klub, in eine Gesellschaft reicher, gut gekleideter Männer gegangen wäre, so unerträglich war ihr der Gedanke, daß er in den Pfeifenqualm und zu den Gefährten seiner Vergangenheit, Sigismund Planus, Delobelle und ihrem Vater, zurückkehren könnte. Geradezu unglücklich war sie darüber, und so schwer es ihm wurde, er gab es auf. Für Risler war die kleine, in einem verlorenen Winkel des alten Paris gelegene Brauerei gleichsam ein Stückchen Heimat gewesen; die kleine Rue Blondel mit ihrem geringen Wagenverkehr, den hohen, vergitterten Parterrefenstern und dem frischen Geruch der Droguerieläden erinnerte an gewisse Gäßchen in Basel oder Zürich, und da der Besitzer der Brauerei ein Schweizer war, bestand ein großer Teil der Stammgäste aus seinen Landsleuten. Wenn die Thür geöffnet wurde, sah man in einen großen, niedrigen, von Pfeifenqualm und harten deutschen Lauten erfüllten Saal, an dessen Balkendecke geräucherte Schinken hingen. An den Wänden standen große Bierfässer, der Fußboden war dick mit Sägespänen bedeckt und auf dem Schenktisch standen große Salatnäpfe mit rötlichen, wie Kastanien aussehenden Kartoffeln neben Körben voll frischer, mit Salz bestreuter, goldig glänzender Bretzeln. Hier hatte Risler zwanzig Jahre lang seine Pfeife gehabt – eine lange Pfeife, die, mit seinem Namen bezeichnet, am Hakenbrett der Stammgäste hing – und seinen Tisch, an welchem einige seiner Landsleute bescheiden Platz nahmen, um in schweigender Bewunderung den endlosen, ihnen ganz unverständlichen Auseinandersetzungen der Herren Chèbe und Delobelle zuzuhören. Seit Risler nicht mehr kam, waren auch diese beiden aus verschiedenen guten Gründen der Brauerei untreu geworden. Einer dieser Gründe war, daß Monsieur Chèbe jetzt zu weit weg wohnte, denn dank der Großmut seiner Kinder sah er den Traum seines Lebens erfüllt. »Wenn ich einmal reich werde,« pflegte der kleine Mann zu sagen, als er in der traurigen Wohnung im Marais hauste, »will ich vor einem Thore von Paris, beinahe auf dem Lande, mein eignes Häuschen haben und meinen eignen kleinen Garten, den ich selbst umgrabe und begieße. Das wird mir viel besser bekommen als die Aufregungen der Hauptstadt.« Dies Häuschen hatte er nun – aber glücklich fühlte er sich nicht, das kann ich versichern. Es lag in Montrouge, am Rondenwege. »Schweizerhäuschen mit Garten« stand auf dem Mietzettel, dessen Quadrat gleichsam der Plan der Besitzung zu sein schien. Die ländlich aussehenden Tapeten waren neu, der Anstrich überall frisch, eine Regentonne, die neben der Laube von wildem Wein angebracht war, diente zum Begießen und ersetzte den fehlenden Teich. Zu allen diesen Vorzügen kam, daß dieses Paradies nur durch eine Hecke von einem ganz gleichen »Schweizerhaus mit Garten« getrennt war, das der Kassierer Sigismund Planus mit seiner Schwester bewohnte. Für Madame Chèbe war diese Nachbarschaft sehr angenehm, denn sobald sie sich langweilte, begab sie sich mit einem Vorrat von Strickereien und Flickereien in die Laube der alten Jungfer und blendete sie mit der Schilderung vergangener Tage voll Glück und Glanz. Ihrem Gatten standen leider derartige Zerstreuungen nicht zu Gebot. Anfangs ging alles gut. Es war mitten im Sommer und Monsieur Chèbe, der sich beständig in Hemdärmeln zeigte, war mit der Einrichtung beschäftigt. Jeder Nagel, der im Hause eingeschlagen werden sollte, wurde zum Gegenstand reiflicher Ueberlegung, endloser Diskussionen. Ebenso war es im Garten. Anfangs hatte er beschlossen, einen englischen Park daraus zu machen mit immergrünen Rasenflächen und verschlungenen Pfaden zwischen dichtem Gebüsch. Wenn das Buschwerk nur nicht so verteufelt lange Zeit zum Wachsen brauchte! »Es wäre doch vielleicht besser, einen Nutzgarten anzulegen«, sagte der ungeduldige kleine Mann und nun träumte er von Gemüsebeeten, Stangenbohnen und Pfirsichspalieren. Ganze Vormittage war er mit Hacken beschäftigt, runzelte die Stirn mit sorgenvoller Miene und trocknete sich geflissentlich in Gegenwart seiner Frau die Stirn, damit sie ihm sagen sollte: »Ruhe dich doch aus... du wirst dich tot arbeiten.« Das Ende vom Liede war, daß der Garten eine Art Mischling wurde, Parkanlagen und Gemüsebeete, Blumen und Früchte enthielt. Monsieur Chèbe versäumte denn auch nie, wenn er nach Paris ging, sein Knopfloch mit einer Rose seines Blumengartens zu schmücken. Solange das Wetter schön blieb, wurden die guten Leute nicht müde, das Untergehen der Sonne hinter den Festungsmauern, die Länge der Tage und die erquickende Landluft zu preisen. Hin und wieder, wenn sie abends am offnen Fenster saßen, sangen sie zweistimmige Lieder, und beim Anblick der Sterne, die gleichzeitig mit den Gaslaternen der Ringbahn aufleuchteten, wurde Ferdinand lyrisch gestimmt. Um so trauriger aber sah es aus, als die Regenzeit kam und an Ausgehen nicht mehr zu denken war! Madame Chèbe, eine Vollblut-Pariserin, sehnte sich nach den engen Straßen des Marais, nach ihren Marktgängen auf den Platz des Blancs-Manteaux, ihren Einkäufen in den Läden des Stadtviertels. Da saß sie nun am Fenster auf ihrem Arbeitsplätze und Beobachtungsposten, sah in den kleinen, feuchten Garten hinaus, wo sich verblühte Winden und Kapuzinerkresse lebensmüde von den Stengeln lösten, sah die lange, gerade Linie der Böschungen und weiterhin an einer Straßenecke die Station der Pariser Omnibusse, auf deren lackierten Außenseiten in verlockenden Inschriften zu lesen war, wohin sie fuhren. So oft sich einer dieser großen Wagen in Bewegung setzte und abfuhr, blickte sie ihm nach, wie der nach Cayenne oder Numea verbannte Beamte dem nach Frankreich heimkehrenden Postschiffe mit den Augen folgt; in Gedanken fuhr sie mit, wußte, wo er stillhielt, um welche Ecken er zu biegen hatte und wo seine Räder die Scheiben der Ladenfenster in Gefahr brachten. Geradezu fürchterlich wurde Monsieur Chèbe in dieser Gefangenschaft. An Gartenarbeiten war nicht mehr zu denken; Sonntags blieben die Festungswerke verödet; er konnte nicht mehr wie bisher in gestickten Pantoffeln, mit der Miene eines reichen Hausbesitzers aus der Nachbarschaft zwischen den Arbeitergruppen umhergehen, die, mit ihren Angehörigen im Grase gelagert, die mitgebrachten Vorräte verzehren. – Gerade das fehlte ihm am meisten, denn er wurde förmlich gequält von dem Verlangen, andre mit sich und seinen Angelegenheiten zu beschäftigen. Seit ihm das versagt war, wußte er nichts mit sich anzufangen, und da er niemand hatte, vor dem er sich wichtig machen, niemand dem er seine Pläne und Erlebnisse mitteilen oder von dem Unfall erzählen konnte, der den Herzog von Orleans betroffen hatte – dasselbe, wissen Sie, war ihm in seiner Jugend widerfahren – so blieb dem unglücklichen Ferdinand nichts weiter übrig, als seine Frau mit Vorwürfen zu überhäufen. »Deine Tochter hat uns in die Verbannung geschickt... Deine Tochter schämt sich unsrer...« Den ganzen Tag war nichts weiter zu hören, als »Deine Tochter... Deine Tochter ... Deine Tochter ...« denn in seiner Erbitterung gegen Sidonie verleugnete er sie und bürdete die ganze Verantwortlichkeit für dies abscheuliche, unnatürliche Kind seiner Gattin auf. Eine wahre Erleichterung war es für die arme Madame Chèbe, wenn ihr Mann einen der Omnibusse an der Station bestieg, um Delobelle, der immer zum Flanieren bereit war, aufzusuchen und den Groll gegen Tochter und Schwiegersohn in seinen Busen auszuschütten. Auch der berühmte Delobelle war mit Risler unzufrieden und geneigt, von ihm zu sagen: »Er ist ein Waschlappen!« Der große Mann hatte sich nämlich der Hoffnung hingegeben, in dem neubegründeten Haushalt eine große Rolle zu spielen, in Fragen der Eleganz und des Anstandes die entscheidende Stimme zu haben. Statt dessen behandelte ihn Sidonie mit verletzender Kälte und Risler nahm ihn nicht einmal mehr mit in die Brauerei. Dennoch beschwerte sich der Schauspieler nicht allzu laut, und so oft er mit dem alten Freunde zusammentraf, überhäufte er ihn mit Schmeicheleien und Verbindlichkeiten, denn er hatte die Absicht, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Delobelle war des Wartens auf den einsichtsvollen Direktor und die ersehnte Rolle müde und hatte beschlossen, selbst ein Theater zu kaufen und zu leiten; das Kapital dazu sollte ihm Risler geben. Auf dem Boulevard du Temple war in diesem Augenblick ein kleines Theater zu verkaufen, dessen Direktor Bankerott gemacht hatte. Delobelle begann Nisler darauf hinzuweisen, bemerkte: »Da ließe sich 'was machen,« und Risler, der ihm mit seinem gewöhnlichen Phlegma zuhörte, gab zur Antwort: »Ja, das könnte möglicherweise für Sie passen.« – Eine direkte Anfrage Delobelles hatte er nicht sogleich mit entschiedenem Nein zurückzuweisen gewagt, hatte sich hinter ein: »Ich werde sehen... später vielleicht« geflüchtet und endlich das unglückselige Wort fallen lassen: »Man müßte einen Kostenanschlag haben.« Darauf hatte der Schauspieler acht Tage lang hart gearbeitet, Pläne gezeichnet und Zahlen zusammengestellt. Frau und Tochter saßen an seiner Seite, sahen ihm voll Bewunderung zu und berauschten sich an diesem neuen Traume. Im ganzen Hause hieß es: »Monsieur Delobelle wird ein Theater kaufen;« auf dem Boulevard, im Schauspieler-Kaffeehause war es Tagesgespräch. Delobelle gab zu verstehen, daß er das nötige Kapital gefunden habe, und die Folge davon war, daß er von einer Anzahl stellenloser Schauspieler umdrängt wurde, ehemaligen Kameraden, die ihn vertraulich auf die Schulter schlugen und sich ihm mit den Worten: »Alter Junge, du weißt doch noch...« in Erinnerung brachten. Delobelle versprach Engagements, frühstückte im Kaffeehause, schrieb daselbst allerlei Briefe, grüßte die Eintretenden mit freundlicher Handbewegung, führte in den Winkeln lebhafte, vertrauliche Zwiegespräche und schon hatten ihm zwei schäbige Dramatiker ein Stück in sieben Bildern vorgelesen, das er für die Eröffnung seiner Bühne passend fand. Er sagte bereits »Mein Theater« und erhielt Briefe, die an den »Herrn Direktor Delobelle« adressiert waren. Nachdem er Prospekt und Kostenanschläge fertig hatte, ging er damit zu Risler in die Fabrik, fand denselben aber sehr beschäftigt und wurde von ihm in die Rue Blondel bestellt. Delobelle, der erste, der abends in der Brauerei erschien, setzte sich an den ehemaligen Stammtisch, bestellte einen Krug Bier mit zwei Gläsern und wartete. Er wartete lange, das Auge in zitternder Ungeduld der Thüre zugewendet – Risler kam nicht. So oft jemand eintrat, fuhr der Schauspieler in die Höhe; er hatte seine Papiere auf den Tisch gelegt, und sah sie immer aufs neue durch, wobei er allerlei Gebärden machte und Kopf und Lippen bewegte. Das Unternehmen war einzig in seiner Art – ein glänzendes Geschäft. Schon sah er sich auf der Bühne – denn das war die Hauptsache – sah sich auf seinem eignen Theater in Rollen auftreten, die eigens für ihn geschrieben, seinem Talente angepaßt waren und alle Effekte in sich vereinigten... Plötzlich öffnete sich die Thür und inmitten des Pfeifenqualms erschien Monsieur Chèbe. Dies Zusammentreffen war dem einen ebenso unangenehm wie dem andern, denn auch Chèbe wünschte seinen Schwiegersohn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen, hatte ihm das geschrieben, ihn aufgefordert, nach der Brauerei zu kommen, und hinzugefügt, es handle sich um eine Ehrensache, über die sie sich unter vier Augen, Mann gegen Mann aussprechen müßten. Diese sogenannte Ehrensache war übrigens weiter nichts, als daß Monsieur Chèbe sein Häuschen in Montrouge gekündigt und statt dessen in der Rue du Mail, also in einem der besten Geschäftsviertel von Paris, einen Laden nebst Halbetage gemietet hatte. – Einen Laden? – Mein Gott, ja! und nun war er in einiger Sorge wegen dieses dummen Streiches, besonders in Unruhe, wie sich seine Tochter dazu stellen würde. Der Laden war bedeutend teurer als das Haus in Montrouge und bedurfte überdies bedeutender Reparaturen. Darum wünschte Chèbe, der seinen Schwiegersohn kannte, zuerst mit ihm zu sprechen; er gab sich der Hoffnung hin, ihn für die Sache gewinnen, ihm die Verantwortlichkeit für seinen häuslichen Staatsstreich zuschieben zu können – aber an Rislers Stelle fand er Delobelle. Verdrießlich, mit dem bösen Blicke zweier Hunde, die an einem Futternapfe zusammentreffen, sahen sie sich an. Jeder begriff, wen der andre hier zu finden wünschte, und sie versuchten auch nicht, sich darüber zu täuschen. »Ist mein Schwiegersohn nicht hier?« fragte Chèbe, indem er die auf dem Tische liegenden Papiere mit einem Seitenblick streifte und die Worte mein Schwiegersohn gleichsam unterstrich, um anzudeuten, daß Risler nur ihm, keinem andern gehöre. »Ich erwarte ihn,« antwortete Delobelle, schob seine Schriftstücke zusammen und fügte mit wichtiger, geheimnisvoller Miene in seiner theatralischen Weise hinzu: »Es handelt sich um eine Sache von höchster Bedeutung.« »Mir geht es ebenso!« versicherte Monsieur Chèbe und seine drei Haare sträubten sich, wie die Stacheln eines Igels. Dann setzte er sich neben Delobelle, bestellte wie dieser einen Krug Bier mit zwei Gläsern, steckte die Hände in die Taschen und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, um in dieser gespreizten Stellung ebenfalls zu warten. Die beiden leeren Gläser, die nebeneinander stehend für denselben nicht Anwesenden bestimmt waren, schienen sich drohend anzusehen. Risler kam noch immer nicht. Die beiden stummen Trinker wurden ungeduldig, rückten auf dem Diwan hin und her, und jeder hoffte, daß der andre des Wartens müde werden sollte. Endlich kam ihre üble Laune zum Ausbruch und es verstand sich von selbst, daß ihr der arme Risler zum Opfer fiel. »Wie unschicklich, einen Mann meines Alters so lange warten zu lassen!« begann der kleine Chèbe, der sein hohes Alter nur bei solchen Gelegenheiten geltend zu machen pflegte. »Es sieht wirklich aus, als ob man uns zum besten haben wollte,« erwiderte Delobelle. »Wer weiß... Monsieur hat vielleicht Tischgäste!« meinte der andre. »Und was für Gäste!« fiel der berühmte Delobelle, in dessen Seele peinliche Empfindungen erwachten, verächtlich ein. »Soviel ist gewiß...« begann Monsieur Chèbe aufs neue und damit rückten sie zusammen und begannen vertraulich zu plaudern. Beide hatten gegen Risler und Sidonie allerlei auf dem Herzen, das sprachen sie jetzt aus. Dieser Risler war, trotz seines gutmütigen Wesens, im Grunde doch nur ein Egoist, ein Emporkömmling: sie spotteten über seine Aussprache, seine Haltung, ahmten einige seiner Angewohnheiten nach, kamen endlich auf seinen Ehestand und flüsterten sich in gedämpftem Tone allerlei lächerliche Geschichtchen über ihn zu. Sie waren wieder die besten Freunde. Monsieur Chèbe ging weit in seinen Bemerkungen. »Er mag sich nur in acht nehmen! Es ist die größte Thorheit, daß er die Tochter in solcher Weise von den Eltern fernhält. Passiert ihm etwas, so darf er uns keine Vorwürfe machen. Wenn eine Tochter nicht mehr das Beispiel der Eltern vor Augen hat... Sie verstehen mich.« »Gewiß... gewiß!« antwortete Delobelle. »Um so mehr, da Sidonie sehr kokett geworden ist. – Aber was wollen Sie, ihm geschieht nur, was er verdient hat... wie durfte ein Mann in seinem Alter... still! da ist er...« Risler war eingetreten und kam, rechts und links Hände schüttelnd, auf sie zu. Die drei Freunde begrüßten sich mit einer gewissen Verlegenheit. Risler entschuldigte sich so gut er konnte. Er hatte sich zu Hause verspätet. Sidonie hatte Gesellschaft; – Delobelle stieß Chèbe mit dem Fuße unter dem Tische an, und während er sprach, sah er unbehaglich auf die beiden leeren Gläser, die für ihn bereit standen, und wußte nicht, vor welches er sich setzen sollte. Delobelle war großmütig. »Sie haben miteinander zu reden, meine Herren; bitte genieren Sie sich nicht!« Und indem er Risler zublinzelte, fügte er flüsternd hinzu: »Ich habe die Papiere mitgebracht.« »Die Papiere?« fragte der andre erstaunt. »Die Kostenanschläge!« flüsterte der Schauspieler, dann drückte er sich mit auffallend zur Schau getragener Diskretion in eine Ecke, stützte den Kopf in die Hände, mit denen er sich gleichzeitig die Ohren zuhielt, und vertiefte sich in seine Papiere. Die beiden andern begannen zu plaudern, erst leise, dann lauter, denn Monsieur Chèbes scharfe, kreischende Stimme ließ sich nicht lange mäßigen. Er war, zum Teufel auch, noch nicht alt genug, sich ins Grab zu legen! In Montrouge hätte er freilich vor Langeweile sterben müssen. Nein, die Rue du Mail oder du Sentier, der rege Geschäftsverkehr jener Stadtviertel, das war, was er brauchte. »Gut... aber was soll der Laden?« wagte Risler schüchtern einzuwerfen. »Der Laden? was der Laden soll?« wiederholte Monsieur Chèbe, rot wie ein Osterei, in den höchsten Tönen seiner Stimmlage, »den Laden, Herr Risler, brauche ich, weil ich Kaufmann bin... und nicht allein Kaufmann, sondern einer Kaufmannsfamilie entsprossen... Oh! was Sie sagen wollen, weiß ich schon, weiß es ganz genau!... Ich habe augenblicklich kein Geschäft... aber wer ist daran schuld?... Wenn die Leute, die mich in Montrouge, in der Nähe der Irrenanstalt von Bicêtre eingesperrt haben, so vernünftig gewesen wären, mir das nötige Kapital zur Begründung eines Geschäftes vorzustrecken...« Hier gelang es Risler, ihn zum Schweigen zu bringen, und fortan wurden nur noch abgerissene Sätze ihrer Unterhaltung hörbar: »Bequemeren Laden... hohe Decke... leichteres Atmen... Zukunftspläne... riesiges Unternehmen... seiner Zeit weitere Aufschlüsse geben... gar viele werden sich wundern...« Während Delobelle diese abgerissenen Sätze auffing, schien er sich mehr und mehr in seine Schriftstücke zu vertiefen und zeigte den runden Rücken eines Mannes, der durchaus nichts hören will. Risler, der sich in großer Verlegenheit befand, trank – um äußerlich seine Haltung zu bewahren – hin und wieder einen Schluck Bier. Endlich, als sich Monsieur Chèbe, aus triftigen Gründen, beruhigt hatte, wendete sich sein Schwiegersohn mit freundlichem Lächeln zu dem berühmten Delobelle dieser warf ihm jedoch einen kalten, strengen Blick zu, der zu fragen schien: »Soll ich ewig warten?« »Großer Gott... er hat recht!« dachte der arme Risler, wechselte Stuhl und Glas und setzte sich dem Schauspieler gegenüber. Aber Monsieur Chèbe besaß nicht Delobelles Lebensart; anstatt bescheiden beiseite zu rücken, schob er sein Bier näher heran, drängte sich zwischen die beiden, und der große Mann, der in seiner Gegenwart nicht sprechen wollte, steckte zum zweitenmale seine Papiere in die Tasche, indem er zu Risler gewendet sagte: »Wir wollen später darauf zurückkommen.« Es wurde sehr spät, ehe das geschah, denn Monsieur Chèbe hatte sich selbst gesagt: »Mein Schwiegersohn ist so gutmütig... wenn ich ihn mit diesem Glücksjäger allein lasse, kann niemand wissen, was der ihm abschwatzt.« So blieb er denn, um Risler zu beaufsichtigen. Der Schauspieler war wütend; die Besprechung auf einen andern Tag verschieben?... unmöglich! Risler hatte eben erzählt, daß er am folgenden Morgen auf vier Wochen nach Savigny gehe. »Auf vier Wochen nach Savigny?« fragte der kleine Chèbe empört; er fürchtete, daß ihm sein Schwiegersohn entschlüpfen könnte. »Was wird dann aus den Geschäften?« »Ich komme täglich mit Georges in die Stadt... Herr Gardinois verlangt danach, seine kleine Sidonie wiederzusehen.« Monsieur Chèbe schüttelte den Kopf; er fand das höchst unvorsichtig. Geschäft ist nun einmal Geschäft... Man muß immer da sein... darf seinen Posten unter keiner Bedingung verlassen!... Wie leicht könnte nachts in der Fabrik Feuer ausbrechen. Mit weiser Miene bemerkte er denn auch: »Das Auge des Herrn, mein Bester, das Auge des Herrn!« während der Schauspieler, dem diese Abwesenheit ebenfalls unbequem war, seine großen Augen rollen ließ und ihnen einen herrschgewaltigen Ausdruck gab – den Ausdruck, der »das Auge des Herrn« bezeichnet. Endlich, gegen Mitternacht, wurde der tyrannische Schwiegervater durch den letzten Omnibus nach Montrouge entführt und Delobelle konnte sprechen. »Hier ist vor allen Dingen der Prospekt,« sagte er, um nicht gleich mit der Geldfrage beginnen zu müssen, und die Lorgnette auf der Nase, las er, als ob er auf der Bühne stände, in hochpathetischem Tone: »Wenn wir mit kaltem Blute den Grad des Verfalls betrachten, bis zu welchem in Frankreich die dramatische Kunst herabgesunken ist, wenn wir die Entfernung bemessen, durch welche das Theater Molières von ...« so ging das weiter mehrere Seiten lang. Risler hörte eifrig rauchend zu und wagte nicht, sich zu regen, denn alle Augenblicke warf ihm der Vorlesende über die Brillengläser einen Blick zu, um sich von dem Eindruck seiner Worte zu überzeugen. Unglücklicherweise wurde, als er noch mitten im Lesen war, das Lokal geschlossen. Man löschte die Lampen aus – die letzten Gäste mußten gehen. Aber die Kostenanschläge? Die Freunde beschlossen, sie unterwegs vorzunehmen. Unter jeder Laterne standen sie still, und der Schauspieler ließ seine Ziffern aufmarschieren: so und so viel für das Haus, so viel für Beleuchtung, so viel für Armensteuer, so viel für Gagen, Zu diesem Posten gab er einen Kommentar. »Das beste bei der Geschichte ist, daß wir keinen ersten Heldenspieler zu bezahlen haben,« sagte er. »Die Heldenrollen übernimmt Bibi... (wenn Delobelle von sich selbst sprach, pflegte er sich so zu nennen). Ein erster Heldenspieler wird mit zwanzigtausend Franken bezahlt. Da wir sie nicht zu zahlen haben werden, ist's, als ob Sie zwanzigtausend Franken in die Tasche steckten... habe ich nicht recht?... was meinen Sie?« Risler gab keine Antwort und sah halb zerstreut, halb verlegen aus, als ob er in Gedanken mit andern Dingen beschäftigt wäre. Delobelle, der mit seinen Berechnungen zu Ende gekommen war und mit Schrecken bemerkte, daß sie der Ecke der Rue des Vieilles Haudriettes immer näher kamen, ermannte sich endlich zu der unumwundenen Frage: ob Risler das Geschäft machen wolle, oder nicht? »Kurz gesagt, nein!« antwortete Risler, von einem Heldenmut beseelt, den ihm teils die Nähe der Fabrik einflößte, teils der Gedanke, daß sein häusliches Glück auf dem Spiele stehe. Delobelle erstarrte; er war der Ueberzeugung gewesen, daß alles so gut wie abgemacht sei, und sah nun, mit den Papieren in der Hand, tief erschüttert, seinen Gefährten mit großen Augen an. »Nein,« wiederholte Risler; »ich kann auf Ihren Vorschlag nicht eingehen ... das Warum will ich Ihnen erklären.« Langsam, mit seiner gewöhnlichen Schwerfälligkeit setzte der wackere Mann seinem Zuhörer auseinander, daß er nicht reich sei und – obwohl er Associé eines großen Handelshauses geworden – kein verfügbares Kapital besitze. Georges und er bezogen monatlich eine gewisse Summe aus der Kasse des Hauses, und wenn zum Jahresschluß Inventur gemacht wurde, teilten sie den Gewinn. Was sich Risler bisher erspart gehabt, war durch die Einrichtung seines Hausstandes verschlungen; Inventur fand erst in vier Monaten statt; woher also die dreißigtausend Franken nehmen, die beim Ankauf des Theaters, zur ersten Anzahlung augenblicklich da sein mußten? Ueberdies konnte das Unternehmen fehlschlagen. »Unmöglich! ... dafür steht Bibi gut!« ... Bei diesen Worten richtete sich der arme Bibi hoch auf; aber Risler blieb fest und alle Beweisgründe, alles Zureden Bibis stieß auf denselben abweisenden Bescheid: »Vielleicht später ... in zwei oder drei Jahren.« Der Schauspieler kämpfte lange, verteidigte sein Terrain Schritt für Schritt. Er wollte neue Kostenanschläge machen... das Unternehmen ließ sich wohl auch billiger in Gang bringen. »Es wäre immer noch zu teuer für mich,« fiel Risler ein. »Auch mein Name gehört mir nicht mehr ... er ist ein Teil der Firma geworden und ich habe nicht das Recht, ihn zu verpfänden ... Bedenken Sie, wenn ich Bankerott machte!« – Seine Stimme zitterte, als er das Wort »Bankerott« aussprach. »Es würde ja alles unter meinem Namen gehen,« erwiderte Delobelle, der sich durch keinerlei Ahnungen beirren ließ. Er versuchte alles mögliche; rief die heiligen Interessen der Kunst zu Hilfe und ging selbst so weit, von hübschen, kleinen Schauspielerinnen zu sprechen, deren verheißungsvolle Blicke ... Mit lautem Auflachen fiel ihm Risler ins Wort; »Oho, Spaßvogel, der Sie sind!... mit solchen Dingen dürfen Sie mir nicht kommen. Vergessen Sie nicht, daß wir beide verheiratet sind, daß es sehr spät ist und daß unsre Frauen auf uns warten. Und nun keine Feindschaft... nicht wahr?... ich habe Ihren Vorschlag durchaus nicht zurückgewiesen, das lassen Sie sich gesagt sein. Wenn unsre Inventur gemacht ist, kommen Sie wieder, dann sprechen wir weiter über die Angelegenheit... Aha, eben löscht Vater Achilles das Gas aus... ich muß mich beeilen, daß ich ins Haus komme. Gute Nacht!« Es war über ein Uhr morgens, als der Schauspieler heimkam. Wie gewöhnlich erwarteten ihn auch heute Frau und Tochter bei der Arbeit, aber es lag eine fieberhafte Aufregung in ihrem Wesen, die ihnen sonst nicht eigen war. Die große Schere, mit welcher Mutter Delobelle den Draht zu durchschneiden pflegte, geriet jeden Augenblick in ein seltsames Zittern, und die Schnelligkeit, mit der sich die zarten Finger Désirées beim Zusammenstellen eines Kopfputzes bewegten, war geradezu Schwindel erregend. Selbst die langen Federn der Kolibris, die vor ihr auf dem Tische lagen, schienen glänzender, farbenprächtiger zu sein, als sonst... eine mächtige Zauberin, Hoffnung genannt, war diesen Abend flüchtig dagewesen, hatte sich nicht gescheut, die fünf dunkeln Treppen hinaufzusteigen und hatte die Thür der kleinen Wohnung halb geöffnet, um einen strahlenden Blick hineinzuwerfen. Wie mancherlei Täuschungen das Leben gebracht haben mag, dieser Zauberglanz blendet uns immer aufs neue. »Ach! wenn es dem Vater doch gelänge!« sagte Madame Delobelle von Zeit zu Zeit, als wollte sie eine Uebermacht glückseliger Gedanken, denen sie sich träumend überlassen hatte, in wenige Worte zusammenfassen. »Es wird ihm gelingen, verlaß dich darauf! Monsieur Risler ist so gut... ich möchte für ihn einstehen, und auch Sidonie hat uns lieb, obwohl sie uns seit ihrer Heirat etwas vernachlässigt. Aber man muß auf die Verhältnisse Rücksicht nehmen... überdies werde ich nie vergessen, was sie für mich gethan hat.« Bei der Erinnerung an das, was Sidonie für sie gethan, arbeitete die kleine Lahme noch fieberhafter als bisher. Wie elektrisiert bewegten sich ihre Finger, als strebten sie, etwas Flüchtiges, Unfaßbares zu halten, das Glück zum Beispiel oder die Liebe eines Menschen, der keine Gegenliebe fühlt. »Was hat sie denn für dich gethan?« hätte die Mutter fragen müssen, aber was die Tochter sagte, war ihr im Augenblick ziemlich gleichgültig. Sie dachte nur an ihren großen Mann. »Denke nur, Kind, wie schön es wäre, wenn der Vater ein eignes Theater bekäme und wieder spielen könnte, wie in früheren Zeiten! Du kannst dich nicht daran erinnern... du warst damals noch zu klein. Aber wenn du wüßtest, welchen Beifall er hatte... wie er herausgerufen wurde... In Alençon hat er eines Abends von den Theaterabonnenten einen goldnen Kranz bekommen... Er war aber auch herrlich zu jener Zeit... und so heiter, so lebensfroh. Wer ihn jetzt wieder sieht, wird ihn kaum erkennen, so sehr hat das Unglück den Aermsten verändert... Und doch, ich bin fest überzeugt, daß er nur ein bißchen Erfolg zu haben brauchte, um wieder jung und fröhlich zu werden. Außerdem kann man mit einer Theaterdirektion viel Geld verdienen: der Direktor in Nantes hatte Equipage... denke 'mal, wenn wir Equipage hätten... Nein! denke nur... Wie gut wäre das auch für dich... du könntest ins Freie, könntest deinen Lehnstuhl verlassen... der Vater brächte uns aufs Land... du sähest Wasser und Bäume, nach denen du so große Sehnsucht hast...« »Ach ja, Bäume!« sagte die arme kleine Gefangene mit leisem Beben vor sich hin. In diesem Augenblick wurde unten die Hausthür heftig zugeschlagen und der gleichmäßige Schritt Monsieur Delobelles ertönte im Flur und auf den Treppen. Ein Augenblick stummer, atemloser Spannung ... Mutter und Tochter wagten nicht, sich anzusehen, und die große Schere der Mama Delobelle zitterte so stark, daß sie den Messingdraht an der falschen Stelle abschnitt. Es war ein harter Schlag, der den armen Mann getroffen hatte, und während er in nächtlicher Stille die fünf Treppen hinaufstieg, stand ihm sein ganzes Elend vor Augen: seine zerstörten Hoffnungen, das Demütigende der Abweisung, der Spott seiner Kameraden, die Rechnung im Kaffeehause, wo er während der ganzen Zeit seiner Direktion auf Borg gefrühstückt hatte, und die nun zu bezahlen war. Sein Herz blutete ... aber die Komödiantennatur war so mächtig in ihm, daß er auch diesem wahren Schmerze die konventionelle, tragische Maske gab. Sobald er die Schwelle überschritten hatte, blieb er stehen und warf einen langen, verzweiflungsvollen Blick auf den Arbeitstisch, sein kleines Abendessen, das in der Ecke für ihn bereit stand, und die beiden lieben, angstvollen Gesichter, die mit glänzenden Augen zu ihm aufsahen. Eine volle Minute lang sprach der Schauspieler nicht ein Wort – was eine minutenlange Pause auf der Bühne sagen will, wissen wir alle – dann trat er drei Schritte vor, sank auf einen niedrigen Stuhl neben dem Arbeitstische und stöhnte: »Ich bin verdammt!« und schlug dabei so gewaltig mit der Faust auf den Tisch, daß die Vögel und Käfer für Modewaren in alle vier Stubenecken flogen. Erschreckt sprang seine Frau vom Stuhle, um ängstlich an seine Seite zu treten, während Désirée mit einem Ausdruck der Angst, die ihre Züge entstellte, in ihrem Sessel emporfuhr. Der Schauspieler fiel in sich zusammen, ließ die Arme schlaff herabhängen, senkte den Kopf auf die Brust und erging sich in einem aus abgerissenen Ausrufungen bestehenden Monologe, der, von Seufzern und theatralischem Aufschluchzen unterbrochen, eine Reihenfolge leidenschaftlicher Verwünschungen gegen das grausame, egoistische Bürgertum enthielt, dem der Künstler sein Fleisch und sein Blut zur Speise dahingibt. Sein ganzes Bühnenleben ließ er an sich vorüberziehen: seine ersten Triumphe, den goldnen Kranz der Abonnenten in Alençon; seine Verheiratung mit »dieser Heiligen«. Dabei zeigte er auf die arme Frau, die in Thränen aufgelöst, mit zitternden Lippen neben ihm stand und jedes Wort des Gatten mit greisenhaftem Kopfnicken begleitete. Auch wer bis dahin nichts von der Lebensgeschichte des berühmten Delobelle gewußt hätte, wäre nach diesem Monologe im stande gewesen, seine Laufbahn in allen Einzelheiten nachzuerzählen. Er gedachte seiner Ankunft in Paris, seiner Enttäuschungen, seiner Entbehrungen. Leider verriet der Vergleich seines dicken, blühenden Gesichts mit dem hagern, angegriffenen Gesicht seiner Frau und Tochter, daß nicht er die Entbehrungen getragen hatte. Aber darauf kam es dem Schauspieler nicht an; er fuhr fort, sich in hochtönenden Worten zu berauschen. »Oh!« rief er aus, »so lange gekämpft zu haben... zehn, fünfzehn Jahre lang... während diese treuen Wesen mir zur Seite gestanden, für mein tägliches Brot gearbeitet haben.« »Papa, lieber Papa, sprich nicht so!« bat Désirée mit gefalteten Händen. »Ja, ja für mein tägliches Brot gearbeitet haben... ich schäme mich dessen nicht; denn um der Kunst, um der heiligen Kunst willen habe ich alle diese Opfer angenommen. Damit ist es nun vorbei... ich bin zu tief verwundet ... ich gebe es auf!« »Was sagst du!« rief Mutter Delobelle, indem sie auf ihn zustürzte. »Laß mich, ich bitte dich!... Meine Kraft ist erschöpft... den Künstler in mir haben sie getötet... es ist vorbei... ich entsage der Bühne.« Es war rührend zu sehen; wie ihn Frau und Tochter mit den Armen umfaßten, ihn anflehten, weiter zu kämpfen, ihn zu überzeugen suchten, daß er nicht das Recht habe, seine Künstlerlaufbahn aufzugeben. Eine Weile widerstand Delobelle, dann ergab er sich und versprach, ihnen zuliebe noch eine Weile auszuharren; aber es hatte der inständigsten Bitten, der zärtlichsten Liebkosungen bedurft, um ihn so weit zu bringen. Eine Viertelstunde später saß der große Mann, erschöpft von seinem Monologe, erleichtert durch den Ausbruch seiner Verzweiflung, am Ende des Tisches und verzehrte mit gutem Appetit sein Abendessen. Die einzige Nachwirkung der letzten Stunden war jene leichte Abspannung, die nach der Darstellung einer großen, leidenschaftlichen Rolle zurückzubleiben pflegt. Aber der Schauspieler, der eben ein volles Haus gerührt und auf der Bühne wirklich Thränen vergossen hat, vergißt seine Rolle, sobald die Vorstellung aus ist, läßt seine Erregung wie Kostüm und Perücke in der Garderobe zurück, während die Zuschauer einen nachhaltigen Eindruck mitnehmen, mit rotgeweinten Augen und beklemmtem Herzen nach Hause gehen und von den aufgeregten Nerven noch lange wachgehalten werden. Auch die kleine Désirée und Mama Delobelle konnten diese Nacht nur wenig schlafen. Neuntes Kapitel. In Savigny. Ein großes Unglück war der vierwöchentliche Aufenthalt der Familien Fromont und Risler in Savigny. Nach zwei Jahren trafen Georges und Sidonie in der früheren Umgebung zusammen – einem Besitztum, das zu alt war, um sich nicht gleich zu bleiben, und das mit seinem unveränderten Gestein, seinen Teichen und Bäumen alles Flüchtigen, Vergänglichen zu spotten schien. Sie hätten edlere Naturen, festere Charaktere sein müssen, um diesem Wiedersehen nicht zu erliegen. Claire Fromont war nie so glücklich gewesen, wie jetzt, hatte Savigny nie so schön gefunden. Welche Lust, ihres Kindes Schritte auf den Rasenplätzen zu leiten, die sie selbst als kleines Mädchen so oft betreten hatte; sich als junge Mutter in den Schatten der Bäume zu setzen, unter denen sie – von ihrer Mutter behütet – einst gespielt, oder am Arme des Gatten alle die Winkelchen wieder aufzusuchen, die der Schauplatz ihrer Kindheitsfreuden gewesen waren. Eine stille Befriedigung erfüllte ihre Seele; sie genoß das volle Glück eines ruhigen Daseins, das in stillem Behagen verfließt, und den ganzen Tag leuchteten ihre langen Morgenkleider zwischen dem Buschwerk auf, während sie langsam den kleinen Schritten des Kindes folgte, seine Freudenlaute zu verstehen, seine Wünsche zu erfüllen suchte. Sidonie schloß sich diesen mütterlichen Spaziergängen nur selten an. Sie gab vor, daß der Kinderlärm sie ermüde, und stimmte darin mit dem alten Gardinois überein, der jeden Anlaß, seiner Enkelin weh zu thun, mit Freuden ergriff. Am besten hoffte er dies Ziel zu erreichen, indem er sich ausschließlich mit Sidonie beschäftigte und sie noch mehr feierte, als bei ihrem ersten Besuch. Die Equipagen, die seit zwei Jahren in der Remise standen und wöchentlich nur einmal abgestaubt wurden, um die seidenen Polster von Spinnweben zu befreien, wurden ihr zur Verfügung gestellt. Dreimal täglich wurde angespannt, das eiserne Gitterthor war in unaufhörlicher Bewegung und das ganze Hauswesen geriet in einen lebhafteren Schritt. Der Gärtner pflegte seine Blumen sorgfältiger als bisher, weil Madame Risler sich die schönsten auswählte, um sie zum Diner ins Haar zu stecken. Besuche kamen; Gouters und Landpartieen wurden veranstaltet, bei denen zwar Madame Fromont junior den Vorsitz führte, deren Seele und Mittelpunkt jedoch die heitere Sidonie war. Hin und wieder machte ihr Claire auch vollständig Platz, denn die Stunden, in denen die Kleine schlief oder ins Freie geführt wurde, durften durch kein Vergnügen beeinträchtigt werden. Bei solchen Gelegenheiten zog sich die junge Mutter jedesmal zurück, und häufig kam es vor, daß sie abends, wenn die beiden Associés von Paris erwartet wurden, nicht im stande war, mit nach dem Bahnhofe zu fahren. »Bitte, entschuldige mich,« sagte sie dann und begab sich in ihr Zimmer. Sidonie war hocherfreut darüber; elegant, in träger Haltung schmiegte sie sich in die Kissen, ließ die Pferde dahinjagen, ohne ihren rasenden Galopp zu beachten, ohne zu denken. Der frische Windhauch, der durch ihren Schleier drang, war die einzige Lebensempfindung, deren sie sich bewußt wurde. Hin und wieder nur weckte ein Wirtshaus am Wege, oder der Anblick schlecht gekleideter Kinder, die im Grase neben der Landstraße hingingen, eine unklare Erinnerung an ehemalige Sonntagsspaziergänge mit Risler und den Eltern, und der leise Schauder, der sie dabei durchrieselte, ließ sie noch inniger das Behagen der Gegenwart empfinden, die Freude an den frischen, weichen Stoffen, die sie umhüllten, an dem sanften Schaukeln des Wagens, das sie in glückselige Zuversicht einwiegte. Am Bahnhofe warteten noch andre Equipagen. Sidonie erregte Aufmerksamkeit; zwei oder dreimal hörte sie in ihrer Nähe flüstern: »Das ist die junge Madame Fromont,« und der Irrtum war begreiflich, wenn man die drei vom Bahnhofe heimfahren sah. Sidonie lachend und plaudernd neben Georges, im Fond des Wagens; Risler ihnen gegenüber, etwas bedrückt von der Pracht der Equipage, die großen Hände flach auf die Kniee gelegt und still vor sich hinlächelnd. Das Bewußtsein, für Madame Fromont gehalten zu werden, schmeichelte Sidoniens Eitelkeit und von Tag zu Tag fühlte sie sich wohler darin. Nach der Ankunft im Schlosse trennten sich die beiden Paare bis zur Tischzeit; aber an der Seite seiner Frau, die still den Schlaf des Kindes überwachte, beschäftigte sich Georges, unbefriedigt von dem stillen Behagen seiner Häuslichkeit, immer wieder mit der glänzenden Sidonie, deren Stimme in schmetternden Rouladen aus den Heckenwegen des Gartens heraufschallte. Indes sein ganzes Schloß sich nach den Launen einer jungen Frau umgestaltete, lebte der alte Gardinois in der bisherigen Weise, gelangweilt, unthätig, trotz seines Reichtums freudlos dahin. Das einzige, was ihm ein gewisses Vergnügen machte, war das Herumspionieren. Das Thun und Lassen der Dienstboten, die Unterhaltungen in der Küche, soweit sie ihn selbst betrafen, der Korb mit Obst und Gemüse, den der Gärtner jeden Morgen zu liefern hatte, wurden sorgfältig von ihm überwacht und nichts machte ihm so viel Freude, als wenn er jemand eines Fehltritts zu überführen vermochte. Es beschäftigte ihn, gab ihm ein Gefühl von Wichtigkeit und gewährte ihm den Genuß, bei Tische seinen schweigenden Gästen von der Unthat erzählen zu können, die List zu schildern, die er bei der Entdeckung angewendet, die bestürzte Miene des Schuldigen, seine Angst und seine Bitten um Verzeihung. Bei der Ueberwachung seiner Leute pflegte sich der gute Mann besonders einer steinernen Bank zu bedienen, die hinter einer ungeheuren Paulownia versteckt lag. Hier saß er, ohne zu lesen oder zu denken, und beobachtete die Ein- und Ausgehenden. Für die Nachtzeit hatte er etwas andres ausgesonnen: in die Decke der großen Vorhalle, zu der eine mit Blumen besetzte Freitreppe führte, hatte er eine Oeffnung machen lassen und sie mit einem Schallrohr versehen, das in sein darüberliegendes Schlafzimmer mündete. Auf diese Weise hoffte er alles zu hören, was unten vorging, und selbst die Gespräche der Dienstleute belauschen zu können, wenn sie abends auf der Freitreppe Luft schöpften. Unglücklicherweise wurden jedoch alle Töne durch das Instrument verstärkt, verlängert und durcheinander gemischt. Legte Gardinois das Ohr an sein Schallrohr, so hörte er den regelmäßigen Pendelschlag einer großen Wanduhr, das Geschrei des Papageis, der unten im Hause auf seiner Stange saß oder das Glucksen irgend eines futtersuchenden Huhnes. Die menschlichen Stimmen aber drangen nur als undeutliches Summen, wie das Murmeln einer Volksmenge an sein Ohr; einzelnes darin zu unterscheiden war unmöglich. So hatte er denn eine vergebliche Ausgabe gemacht und verbarg sein wunderbares Schallrohr in den Falten seiner Bettvorhänge, In einer stillen Sommernacht wurde der alte Mann, der eben eingeschlafen war, durch das Knarren einer Thür wieder aufgeschreckt. Um diese Stunde war das etwas Ungewöhnliches. Das ganze Haus lag in tiefem Schlafe; nur das Hin- und Hergehen der Wachthunde auf dem Kies der Gartenwege war zu hören, oder ihr plötzliches Stehenbleiben am Fuße eines Baumes, auf dem ein Käuzchen schrie. Welch gute Gelegenheit zur Verwertung des Schallrohres! Als Gardinois sein Ohr daran legte, überzeugte er sich, daß er sich nicht getäuscht hatte: das Geräusch im Hause dauerte fort. Jetzt wurde eine Thüre geöffnet, dann eine andre. Der Riegel der Freitreppenthür wich nach einiger Anstrengung, aber weder Pyramus noch Thisbe, nicht einmal Kiß, der böse Neufundländer, rührten sich. Leise stand Gardinois auf, um die seltsamen Diebe zu belauschen, die das Haus verließen, statt hereinzukommen, und was er durch die Latten seiner Jalousieen erspähte, war folgendes: Ein großer, schlanker Mann, dessen Wuchs und Haltung an Georges erinnerten, führte eine mit Spitzen verhüllte Dame am Arm. Auf der Bank unter der Paulownia, die in voller Blüte stand, machten sie Halt. Es war eine köstliche, silberhelle Nacht. Der Mond, der sich eben über die Wipfel der Bäume erhob, streute tausend Lichtfunken durch das dichte Laub. Die weißbeschienenen Terrassen, auf denen die zottigen Hunde umherliefen und Nachtschmetterlingen nachspürten, die tiefen, glatten, weitgedehnten Gewässer, alles schimmerte in stummem, ruhigem Glänze, wie in einem Silberspiegel und am Rande der Rasenplätze leuchteten hier und da Glühwürmchen auf. Einen Augenblick blieben die nächtlichen Wanderer im Schatten der Paulownia, wie verschlungen von der Dunkelheit, die der helle Mondschein umgrenzte. Plötzlich traten sie in das volle Licht heraus, gingen dicht aneinander geschmiegt über die Terrasse und verschwanden zwischen den Heckenwänden. »Dacht' ich's doch!« sagte der alte Gardinois zu sich selbst, als er sie erkannte. Und was brauchte er sie noch zu erkennen? Hatte ihm nicht schon das Schweigen der Hunde und der Anblick des schlafenden Hauses gesagt, welches Verbrechen frech, straflos, ungeahnt allnächtlich durch die Wege seines Parkes schlich? – Aber das war ihm gleichgültig, der alte Bauer freute sich sogar über seine Entdeckung, ging, ohne Licht anzuzünden, still vor sich hinlachend, in sein Bett zurück und in dem kleinen Gewehrzimmer, das er – in der Erwartung, mit Dieben zu thun zu haben – zum Beobachtungsposten gewählt hatte, fiel das Mondlicht nur noch auf die Gewehrläufe an den Wänden und die Kasten mit den Patronen aller Nummern. – Die beiden hatten in der alten Umgebung ihr Lieben wiedergefunden; das letzte Jahr mit seinem Zögern, Sträuben und kraftlosen Widerstreben schien nur eine Vorbereitung auf diese Wiedervereinigung gewesen zu sein, und nachdem das Unrecht einmal begangen war, wunderten sie sich nur noch, daß sie so lange gezaudert hatten. Georges besonders war von rasender Leidenschaft erfüllt – er betrog sein Weib, seine beste Freundin, betrog Risler, seinen Compagnon, den treuen Gefährten jeden Augenblicks. Allein die Größe seines Vergehens und selbst die nicht zu besiegenden Vorwürfe seines Gewissens schienen seiner Liebe immer neue Nahrung zu geben. Sidonie erfüllte alle seine Gedanken und er sagte sich selbst, daß er bis jetzt nicht gelebt habe. Ihre Liebe dagegen war eigentlich nur ein Gemisch von Eitelkeit und befriedigtem Haß. Was ihr am meisten wohl that, war die Demütigung, die Claire durch sie erlitt; hätte sie ihr sagen dürfen; »Dein Gatte betrügt dich ... betrügt dich mit mir!« so wäre ihre Freude noch größer gewesen. Was Risler betraf, so hatte er – ihrer Meinung nach – durchaus verdient, was ihm geschah. Nach dem Jargon ihrer Lehrzeit, in dem sie noch immer dachte, wenn sie denselben auch nicht mehr sprach, war der arme Mann ein »alter Knacks«, den sie nur geheiratet hatte, um reich zu sein. Daß »alte Knackse« betrogen werden, versteht sich von selbst. Tagsüber gehörte Savigny Claire Fromont und dem Kinde, das fröhlich aufwuchs, im Sande umherlief und Vögeln und Wolken zulachte. Mutter und Kind mochten das Licht, die sonnigen Gartenwege in Besitz nehmen – die duftig-blauen Nächte aber gehörten dem Ehebruch, dem keck sich eindrängenden Verbrechen, das flüsternd, mit unhörbaren Schritten, unter den geschlossenen Jalousieen dahinschlich, während das schlafende Haus stumm und blind zu werden und in steinerne Gefühllosigkeit zu versinken schien, als ob es sich schäme, etwas zu hören oder zu sehen. Zehntes Kapitel. Sigismund Planus zittert für seine Kasse. »Ich Equipage, lieber Schorsch? ... ich Equipage? ... aber wozu denn?« »Sie ist Ihnen unentbehrlich, lieber Risler, mein Wort darauf. Unsre Verbindungen und Geschäfte breiten sich täglich weiter aus, das Coupé genügt nicht mehr. Ueberdies ist es unpassend, wenn der eine Compagnon zu Wagen, der andre beständig zu Fuß gesehen wird. Glauben Sie mir, es ist eine notwendige Ausgabe, die selbstverständlich auf das Conto der Handlung geschrieben wird. Also bitte, keine Einwendung mehr ... ergeben Sie sich darein!« Eine Ergebung war es in der That, denn Risler hatte die Empfindung, einen Diebstahl zu begehen, indem er sich den unerhörten Luxus einer Equipage gestattete. Endlich ließ er sich jedoch durch Georges' Zureden bestimmen und dachte dabei: »Wie sich Sidonie freuen wird!« Der arme Mann konnte freilich nicht ahnen, daß Sidonie schon vor Monatsfrist das Coupé bei Binder ausgesucht hatte, das Georges ihr schenken wollte, und das nun, um den Gatten nicht stutzig zu machen, auf das Conto der Handlung geschrieben wurde. Der wackere Risler war so recht dazu gemacht, sein lebenlang betrogen zu werden. Seine angeborene Ehrlichkeit und das unbedingte Vertrauen, das er Menschen und Dingen entgegenbrachte – diese leicht zu durchschauenden Grundzüge seines Charakters wurden seit einiger Zeit noch durch den Eifer unterstützt, mit dem er an der Vollendung seiner Druckmaschine arbeitete. Diese Erfindung, die seiner Ansicht nach die ganze Tapetenfabrikation umgestalten mußte, sollte gleichsam seine Kapitaleinlage in dem Handlungshause von Fromont junior und Risler senior werden. Selbst wenn er seine Zeichnungen, sein kleines Atelier im Vorderhause verließ, behielt er das zerstreute Aussehen der Menschen, deren Geistesleben von dem Aeußerlichen weit abliegt. So war es denn ein großes Glück für ihn, daheim jetzt immer Ruhe und Frieden und seine Frau in guter Laune, geputzt und heiter zu finden. Ohne dem Grunde dieser Umwandlung nachzuspüren, empfand er mit stiller Befriedigung, daß die »Kleine« seit einiger Zeit anders gegen ihn war. Sie gestattete ihm die Wiederaufnahme seiner alten Gewohnheiten: die Pfeife beim Dessert, das Nachmittagsschläfchen, die Zusammenkünfte mit Delobelle und ihrem Vater in der Brauerei der Rue Blondel. Auch ihre Häuslichkeit war eine andre, schönere geworden. Von Tag zu Tag wurde das Behagliche mehr und mehr vom Luxus verdrängt. Von den vielgesehenen zierlichen Blumentischen im roten Salon ging Sidonie zu den feineren Modeliebhabereien, zu alten Möbeln und Majoliken über. Ihr Schlafzimmer war jetzt wie ein Schmuckkästchen mit blauer Seide ausgeschlagen. Statt des Klaviers stand ein Flügel aus berühmter Fabrik im Salon, und nicht mehr zweimal in der Woche, sondern Tag für Tag erschien Madame Dobson, ihre Gesanglehrerin, mit der Notenrolle in der Hand. Diese junge Frau, eine Amerikanerin von Geburt, war eine sonderbare Erscheinung. Ihr Haar, von dem sauern Blond einer Citrone, scheitelte sich über einer hohen eigensinnigen Stirn und blauen Augen von metallischem Glanze. Da ihr Mann nicht gestattete, daß sie zum Theater ging, gab sie Privatstunden, sang in einigen bürgerlichen Salons und hatte sich durch das Leben und Atmen in der Gefühlswelt der Lieder zu einer hochgradigen Empfindsamkeit aufgeschraubt. Sie war das personifizierte Lied; in ihrem Munde schienen die Worte »Liebe«, »Leidenschaft« achtzig Silben zu haben, so viel Ausdruck legte sie hinein. Ja, der Ausdruck! er war die Hauptsache, ging Madame Dobson über alles ... aber vergebens versuchte sie, ihn ihrer Schülerin Sidonie beizubringen. Zu jener Zeit schwärmte ganz Paris für das schöne Lied »Chiquita«; auch Sidonie gab sich Mühe, dasselbe einzustudieren; den ganzen Morgen hörte man sie singen: »Ist's möglich, du willst dich vermählen?« »Geliebte, du brichst mir das Herz« ... »Bri–i–ichst mir das Herz« fiel Madame Dobson ein, indem sie, um das Brechen des Herzens anschaulicher zu machen, den Ebenholztasten langgezogene Töne entlockte, die hellen Augen zum Himmel erhob und im Uebermaß der Empfindung den Kopf zurücksinken ließ. Sidonie war nicht im stande, das zu lernen; ihre spöttischen Augen, ihre lebensfrischen Lippen waren für die Empfindsamkeiten einer Aeolsharfe nicht geeignet. Offenbachsche oder Hervésche Melodieen mit ihren prickelnden, unerwarteten Uebergängen, deren Bedeutung eine Gebärde, eine Bewegung des Kopfes oder der Hüfte verstärkt, waren mehr nach ihrem Geschmack; aber sie wagte nicht, es ihrer gefühlvollen Lehrerin zu gestehen. Uebrigens war ihre Stimme, obwohl sie bei Mademoiselle Le Mire, auf allgemeines Verlangen, viel gesungen hatte, frisch und ziemlich hübsch geblieben. Da sie sonst keine Bekannten hatte, befreundete sie sich mehr und mehr mit ihrer Gesanglehrerin, behielt sie zum Frühstück, fuhr mit ihr im neuen Coupé spazieren und ließ sich von ihr begleiten, wenn sie Putzsachen einkaufte. Madame Dobsons gefühlvoller Klageton schien Vertrauen zu fordern und zu Klagen zu ermutigen. Sidonie erzählte ihr von Georges, von ihrer Liebe und entschuldigte ihr Vergehen mit der Grausamkeit ihrer Eltern, die sie zu der Heirat mit einem reichen, so viel älteren Manne gezwungen hatten. Madame Dobson zeigte sich augenblicklich bereit, den Liebenden zu helfen; nicht etwa, daß sie bestechlich gewesen wäre, aber die kleine Frau hatte eine Leidenschaft für Leidenschaften und Liebesintriguen. Da sie in ihrer Ehe unglücklich war und einen Zahnarzt zum Manne hatte, von dem sie geprügelt wurde, war in ihren Augen jeder Ehemann ein Ungeheuer und der arme Risler erschien ihr wie ein abscheulicher Tyrann, den zu hassen und zu betrügen seine Frau in vollem Rechte war. So wurde sie denn eine ebenso thatkräftige als nützliche Vertraute. Zwei- bis dreimal wöchentlich brachte sie ein Logenbillet für die große oder die italienische Oper oder für eins der kleineren Theater, die zuweilen mit einem sensationellen Stück »ganz Paris« veranlassen, Paris zu durchwandern. In Rislers Augen waren diese Billets ein Geschenk von Madame Dobson, die für Opern und Operetten jederzeit so viele bekam, wie sie haben wollte. Der Unglückliche ahnte nicht, daß jede solche Loge zu einer »ersten Vorstellung«, die eben Mode war, seinen Associé zehn bis fünfzehn Louisdor gekostet hatte. Es war wirklich Kinderspiel, diesen Mann zu täuschen, der sich in unerschütterlicher Leichtgläubigkeit jede Lüge gefallen ließ und mit den Verstellungskünsten der Welt, in welcher seine Frau bereits anfing, Aufmerksamkeit zu erregen, völlig unbekannt war. Dazu kam, daß er sie nie mehr begleitete, denn als er sie in den ersten Zeiten ihrer Ehe ein paarmal ins Theater geführt hatte, war er zu ihrer Beschämung eingeschlafen. Einfach und schwerfällig wie er war, konnte er sich weder für das Publikum noch für das Stück interessieren und war Madame Dobson von Herzen dankbar, daß sie sich mit so großer Liebenswürdigkeit dazu verstand, seine Stelle zu ersetzen. Wenn Sidonie, wie immer prachtvoll gekleidet, abends ausging, sah er sie voll Bewunderung an, ohne zu ahnen, wieviel diese kostbaren Toiletten kosteten, und noch weniger, wer sie bezahlte. Ohne jeden Verdacht saß er zeichnend am Kamin und erwartete ihre Heimkehr, indem er vergnügt zu sich selber sagte: »Nun amüsiert sie sich wieder einmal!« In der unteren Etage, bei Fromonts, spielte dasselbe Stück, nur mit umgekehrten Rollen; hier war es die Frau, die zu Hause blieb. Jeden Abend, wenn Sidonie fortgefahren war, wurde das Portal zum zweitenmal für das Fromontsche Coupé geöffnet, das den jungen Herrn nach seinem Klub brachte. Das ist nicht anders! Der Großhandel geht seine eignen Wege; die bedeutendsten Geschäfte werden im Klub, am Spieltische angeknüpft, man muß also hingehen, wenn nicht das Interesse der Firma leiden soll. Claire nahm das alles auf Treu und Glauben hin. War Georges weggefahren, so hatte sie wohl einen Augenblick stiller Traurigkeit. Wie gern hätte sie ihn zu Hause behalten oder wäre an seinem Arme zu einem gemeinschaftlichen Vergnügen ausgegangen; aber der Anblick der Kleinen, die vor dem Feuer plapperte oder, wenn sie ausgezogen wurde, mit den rosigen Füßchen strampelte, brachte ihr Mutterherz schnell wieder zur Ruhe und das Hauptwort der Handelswelt, »die Geschäfte«, that das Seinige, sie in ergebungsvoller Stimmung zu erhalten. Georges und Sidonie trafen sich im Theater und die erste Empfindung, die ihnen das Zusammensein gewährte, war die der befriedigten Eitelkeit, denn sie fielen auf, wurden angesehen. Sidonie war jetzt wirklich sehr hübsch; ihr pikantes Gesichtchen war ganz dazu gemacht, durch Modethorheiten und Uebertreibungen gehoben zu werden und sie wußte sich dieselben so kunstvoll anzupassen, als ob sie eigens in ihrem Interesse erfunden wären. Nach kurzer Zeit gingen die beiden fort und ließen Madame Dobson allein in der Loge. Sie hatten Avenue Gabriel, am Rond point der Champs-Elysées, diesem Paradiese aller Mädchen, bei Mademoiselle Le Mire ein paar luxuriöse Zimmer gemietet, deren Stille nur hin und wieder durch eine vorüberrollende Equipage unterbrochen wurde und wo sich ihre Liebe sicher geborgen fühlte. Nach und nach aber, als Sidonie sich an ihr Vergehen gewöhnte, wurde sie kühner und ließ ihren Einfällen freien Lauf. In ihrer Lehrzeit hatte sie von Bällen und berühmten Restaurants gehört und das Verlangen, sie kennen zu lernen, war ebenso lebhaft wie die Freude, mit der sie durch weit geöffnete Flügelthüren in die Salons der großen Modistinnen trat, von denen sie früher nur die Aushängeschilder gekannt hatte. Was sie zunächst in ihrer Liebe suchte, war eine Entschädigung für die Entbehrungen und Demütigungen ihrer ersten Jugend, und nichts war ihr angenehmer, wenn sie aus dem Theater oder von einer Spazierfahrt im Bois de Boulogne zurückkam, als im Café Anglais, umgeben von prunkendem Laster, zu soupieren. Von diesen oft wiederholten Vergnügungen brachte sie aber eine Art des Sprechens und Benehmens, gewagte Lieder und noch gewagtere Kleiderausschnitte heim, welche der bürgerlichen Atmosphäre des alten Handlungshauses die scharf ausgeprägte Silhouette der damaligen Pariser Cocotte aufzwangen. In der Fabrik begann etwas ruchbar zu werden, denn die Frauen aus dem Volke, auch die ärmsten, verstehen sich darauf, den Preis einer Toilette nachzurechnen. Wenn Madame Risler um drei Uhr ausging, folgten ihr aus den Fenstern der Werkstätten fünfzig scharfe, neidische Augenpaare, die durch ihren schwarzen Samtdolman und ihre mit Schmelz übersäte Panzertaille bis auf den Grund ihres schuldbewußten Herzens zu sehen vermochten. Alle Geheimnisse ihres thörichten Köpfchens flogen, wie die Bänder, die ihren entblößten Nacken schmückten, um Sidonie her, die keine Ahnung davon hatte, und ihre Füße, in zierlichen, goldledernen, zehnknöpfigen Stiefelchen, erzählten von den heimlichen Wegen, die sie gingen, von teppichbelegten Treppen, die sie nachts emporstiegen, um zum Souper zu gehen, und von dem warmen Pelzwerk, das sie umhüllte, wenn das Coupé, im vorüberhuschenden Licht der Gaslaternen, um den See fuhr. Die Arbeiterinnen flüsterten sich spottend zu: »Seht doch nur, diese Zierliese! Ist das eine Manier, sich für die Straße anzuziehen? ... Jedenfalls hat sie sich nicht so geputzt, um zur Messe zu gehen! ... Wenn man bedenkt, daß sie noch vor drei Jahren jeden Morgen in ihrem Regenmantel zur Arbeit ging und für zwei Sous heiße Kastanien in der Tasche hatte, um sich die Finger zu wärmen ... jetzt aber fährt sie im eignen Wagen!« und manches arme Mädchen dachte, von Talkstaub umweht, in der Hitze der Sommer und Winter rotglühenden Oefen an die Launen des Glücks, die dem Leben des Weibes oft urplötzlich eine andre Wendung geben, und begann von einer Zukunft voll Pracht und Herrlichkeit zu träumen, die möglicherweise auch ihr beschieden war. Für alle Welt war Risler ein betrogener Ehemann. Zwei Drucker der Fabrik – Stammgäste der Folies dramatiques – behaupteten, Madame Risler mehrmals in ihrem Theater gesehen zu haben, und zwar in Begleitung eines männlichen Individuums, das sich im Hintergrund der Loge verbarg. Auch Vater Achilles erzählte seltsame Dinge. Niemand bezweifelte, daß Sidonie einen oder selbst mehrere Liebhaber hatte, nur an den jungen Fromont hatte man bisher nicht gedacht. Dennoch gebrauchte sie im Verkehr mit ihm nicht die mindeste Vorsicht. Im Gegenteil ging sie mit einer gewissen Ostentation zu Werke und vielleicht wurde gerade dadurch ihr Geheimnis behütet. Wie oft hatte sie ihn auf der Freitreppe kühn und keck angesprochen, um das Stelldichein des Abends zu verabreden, wie oft sich das Vergnügen gemacht, ihn erbeben zu sehen, wenn sie ihm vor allen Leuten mit heißem Blick in die Augen sah. Hatte Georges seine erste Bestürzung überwunden, so wußte er ihr Dank für solche Kühnheiten, die er dem Uebermaße ihrer Leidenschaft zuschrieb ... das war jedoch ein Irrtum. Was Sidonie, vielleicht halb unbewußt, damit bezweckte, war, daß Claire aufmerksam werden, ihre Fenstervorhänge zurückschieben und Verdacht schöpfen sollte. Die Herzensunruhe ihrer Nebenbuhlerin war das einzige, was ihr noch zur Vollendung ihres Glückes fehlte. Aber was sie auch thun mochte, Claire Fromont bemerkte nichts und lebte, wie Risler, in unerschütterlicher, heiterer Ruhe. Der einzige, der sich ernsten Sorgen hingab, war der alte Kassierer Sigismund, und auch er dachte nicht an Sidonie, wenn er, die Feder hinter dem Ohre, eine Weile in seinen Berechnungen innehielt und die Augen durch das Gitter seines Verschlages auf den feuchten Boden des kleinen Gartens richtete. Er dachte dann nur an seinen Prinzipal, Monsieur Schorsch, der jetzt so viel Geld für seine persönlichen Ausgaben aus der Kasse nahm und dadurch Sigismunds Bücher in Unordnung brachte. Jedesmal hatte er einen andern Verwand. Mit leichter, sorgloser Miene trat er an den Verschlag: »Haben Sie etwas Geld, lieber Planus? Das Bouillottespiel hat mir gestern abend wieder die Taschen geleert und ich möchte um solcher Kleinigkeit willen nicht nach der Bank schicken.« Sigismund Planus öffnete widerstrebend seine Kasse, um die verlangte Summe auszuzahlen, und erinnerte sich dabei mit Schrecken des Tages, als Georges, der damals kaum zwanzig Jahre alt war, seinem Onkel gestehen mußte, daß er einige tausend Franken im Spiel verloren habe. Von Stund an hatte der wackere Sigismund den Klub gehaßt und seine Mitglieder verachtet, und als kürzlich eines derselben, ein reicher Kaufmann, in die Fabrik gekommen war, hatte er ihm in seiner derben Offenheit gesagt: »Ich wollte, der Teufel holte Ihren Klub im Chateau d'Eau; in Zeit von zwei Monaten hat Monsieur Georges über dreißigtausend Franken dort verloren.« Der Kaufmann lachte. »Sie irren sich, Vater Planus,« antwortete er: »seit einem Vierteljahr wenigstens ist Ihr Prinzipal nicht bei uns gewesen.« Der Kassierer ließ die Sache fallen, aber ein entsetzlicher Gedanke stieg in ihm auf und gönnte ihm den ganzen Tag keine Ruhe. Wo brachte Georges, wenn er nicht in den Klub ging, seine Abende zu und wo gab er das viele Geld aus? ... Sicherlich war ein Weib dabei im Spiele. Sobald Sigismund Planus auf diesen Gedanken gekommen war, begann er ernstlich für seine Kasse zu zittern. Der alte, aus dem Kanton Bern gebürtige Bär, der sein lebenlang Junggeselle geblieben war, hatte von den Frauen im allgemeinen und von den Pariserinnen im besondern eine entsetzliche Angst und glaubte, um sein Gewissen zu beruhigen, vor allen Dingen Risler aufmerksam machen zu müssen. Anfangs begnügte er sich mit unbestimmten Andeutungen. »Monsieur Schorsch gibt sehr viel Geld aus,« sagte er eines Tages. Risler schien das nicht zu beunruhigen. »Das geht mich nichts an, lieber Sigismund ... er hat das Recht dazu,« lautete seine Antwort, und sie drückte vollständig seine Meinung aus. In seinen Augen war Fromont junior unumschränkter Herr und Gebieter im Hause; wie hätte er, Risler, der ehemalige Zeichner der Fabrik, sich erlauben dürfen, ihm Verhaltungsmaßregeln zu geben? Auch Planus wagte nicht, weitere Bemerkungen zu machen, bis ihm eines Tages aus einer großen Shawlhandlung eine Rechnung über sechstausend Franken für einen Kaschmirshawl eingesandt wurde. Er ging damit in Georges' Bureau. »Soll diese Rechnung bezahlt werden, Monsieur?« Georges Fromont wurde etwas verlegen. Sidonie hatte vergessen, ihn von diesem Einkauf zu benachrichtigen; überhaupt wurde sie immer rücksichtsloser gegen ihn. »Zahlen Sie, zahlen Sie, lieber Planus,« sagte er mit einer gewissen Verwirrung und fügte hinzu: »buchen Sie die Summe auf mein Privatconto, es ist ein Auftrag, den ich übernommen habe ...« Denselben Abend sah der Kassierer, als er seine kleine Lampe anzündete, Risler durch den Garten gehen und klopfte ans Fenster, um ihn herbeizurufen. »Jetzt hab' ich den Beweis, daß ein Weib dahinter steckt ...« sagte er mit gedämpfter Stimme, und als er die schrecklichen Worte: »ein Weib« aussprach, geschah es mit einem Zittern der Stimme, das im Lärm der Fabrik verklang. Selbst das Arbeitsgetöse ringsumher machte einen unheimlichen Eindruck auf den Kassierer. Es kam ihm vor, als ob die in voller Thätigkeit befindlichen Maschinen, die große, ihren Dampf in dichten Wirbeln ausstoßende Esse, die Arbeiter, die bei ihren verschiedenen Aufgaben fleißig beschäftigt waren, sich nur um eines kleinen, geheimnisvollen, in Samt gekleideten, mit Juwelen bedeckten Wesens willen plagten und abmühten. Risler aber lachte ihn aus und wollte ihm nicht glauben; seit langer Zeit kannte er die Sucht seines Landsmannes, in allem, was geschah, dem verderblichen Einfluß der Frauen nachzuspüren. Dennoch fielen ihm zuweilen Sigismunds Worte wieder ein; besonders in seinen einsamen Abendstunden, wenn Sidonie mit Madame Dobson ins Theater ging und die Wohnung, nachdem ihre lange Schleppe über die Schwelle geglitten war, ganz verödet schien. Vor dem Ankleidespiegel brannten noch die Kerzen, kleine Toilettengegenstände lagen im Zimmer verstreut und gaben Zeugnis von verschwenderischen Gewohnheiten, übertriebenen Ausgaben. Risler bemerkte das alles nicht, aber wenn er Georges' Wagen fortfahren hörte, überschlich ihn ein Gefühl fröstelnden Unbehagens bei dem Gedanken, daß im unteren Stock Madame Fromont ihren Abend einsam verleben mußte. Arme Frau! Wenn Planus doch vielleicht recht hätte... wenn Georges irgendwo in der Stadt eine zweite Familie besäße ... es wäre abscheulich! Dann ging Risler, statt sich an die Arbeit zu setzen, leise die Treppe hinunter und fragte, ob Madame Fromont zu sprechen sei; er hielt es für seine Pflicht, ihr Gesellschaft zu leisten. Das Kind war bereits zu Bett gebracht, aber das kleine Häubchen, die blauen Schuhe lagen noch, mit einigen Spielsachen, vor dem Feuer. Claire las oder war mit einer Handarbeit beschäftigt, während ihre Mutter stumm, mit fieberhafter Eile, abwischte oder irgend einen Gegenstand blank putzte, bald immer von neuem auf den Deckel ihrer Uhr hauchte, bald – mit dem Starrsinn beginnender Geisteskrankheit – dasselbe Ding in nervöser Hast zehnmal in die Hand nahm, um es wieder auf denselben Platz zu stellen. Auch der wackere Risler war nicht unterhaltend; dennoch nahm ihn die junge Frau jederzeit freundlich auf. Sie wußte, was von Sidonie in der Fabrik gesagt wurde, und obwohl sie kaum die Hälfte für wahr hielt, schnürte ihr der Anblick dieses armen Mannes das Herz zusammen. Mitleid war die Grundlage ihres freundlichen Verkehrs und es gab nichts Rührenderes, als diese beiden Verlassenen, die sich gegenseitig beklagten und zu zerstreuen suchten. Wenn Risler in Claires Salon an dem kleinen, hellerleuchteten Mitteltische saß, wurde er nach und nach von der Wärme des häuslichen Herdes, dem Behagen der harmonischen Umgebung durchdrungen. Hier fand er die Möbel wieder, die ihm seit zwanzig Jahren vertraut waren, das Bild seines verstorbenen Prinzipals und seine teure Madame »Schorsch«, die, über eine Näherei gebeugt, an seiner Seite saß und ihm inmitten dieser alten Erinnerungen nur um so jugendlicher und liebenswürdiger erschien. Von Zeit zu Zeit stand sie auf, um nach dem Kinde zu sehen, das im Nebenzimmer schlief und dessen leichte Atemzüge in den Pausen des Gesprächs hörbar wurden. Ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, fühlte sich Risler in dieser Umgebung wohler und wärmer als in der eignen Häuslichkeit. Seine hübsche Wohnung, in der zu gewissen Tagen ein unaufhörliches, hastiges Kommen und Gehen stattfand, kam ihm vor wie eine thür- und fensterlose, allen Winden offenstehende Halle. Sie war nur ein Feldlager, hier dagegen fand er die Wohnstätte, in der eine sorgsame Hand Ordnung und Eleganz zu schaffen weiß. Die im Kreise stehenden Stühle schienen leise miteinander zu plaudern, das Feuer brannte mit freundlichem Knistern und das Kinderhäubchen hatte in seinen blauen Schleifchen einen Abglanz der hellen Augen, des holden Lächelns der Kleinen festgehalten. Und während Claire zu sich selber sagte, daß ein so vortrefflicher Mann wohl eine bessre Lebensgefährtin verdient habe, fragte sich Risler beim Anblick des schönen, ruhigen Gesichts, das mit klugen, guten Augen zu ihm aufsah, für welches verlorene Geschöpf Georges Fromont diese liebenswerte Frau verlassen könne. Elftes Kapitel. Die Inventur Das Haus des alten Planus in Montrouge lag neben dem, welches das Chébesche Ehepaar eine Zeitlang bewohnt hatte, besaß genau wie dieses nur eine Etage über dem dreifenstrigen Erdgeschoß, hatte einen ganz gleichen kleinen Garten mit einem Lattenzaun und die gleichen, mit Buchsbaum eingefaßten Beete. Hier wohnte der alte Kassierer mit seiner Schwester, fuhr mit dem ersten Omnibus in die Stadt, kam zum Essen wieder heraus und blieb Sonntags daheim, um sich seiner Blumen und Hühner zu erfreuen. Seine alte Schwester besorgte den Haushalt, kochte, nähte, flickte; sie waren das glücklichste Paar, das sich denken läßt. Beide waren unverheiratet und stimmten auch in ihrem Abscheu gegen die Ehe überein. Die Schwester haßte alle Männer, der Bruder mißtraute jedem Weibe; gegenseitig aber verehrten und liebten sie sich und hielten sich für Ausnahmen von der Verderbtheit des andern Geschlechts. »Monsieur Planus, mein Bruder,« sagte sie, wenn sie von ihm sprach, und mit derselben zärtlichen Feierlichkeit führte er sie als »Mademoiselle Planus, meine Schwester,« in seinen Reden vor. Für diese beiden schüchternen, unerfahrenen Menschen war Paris – das ihnen völlig unbekannt blieb, obwohl sie täglich dort verkehrten – eine Höhle voller Ungeheuer zweierlei Geschlechts, die einzig und allein darauf ausgingen, Böses zu thun. Hörten sie von irgend einem ehelichen Trauerspiel, oder drang irgend eine Klatschgeschichte des Stadtviertels zu ihnen, so klagte jedes, seiner persönlichen Anschauung folgend, einen andern der Missethat an. »Der Mann ist schuld!« sagte »Mademoiselle Planus, meine Schwester.« »Die Frau ist schuld!« antwortete »Monsieur Planus, mein Bruder.« »Oh! die Männer ...« »Oh! die Weiber ...« Dies Thema war, in den wenigen Mußestunden des alten, vielbeschäftigten Sigismund, dessen Tagewerk derselben strengen Ordnung unterlag, wie seine Kassenbücher, der Gegenstand endloser Erörterungen. Seit einiger Zeit besonders wurden die Verhandlungen der Geschwister mit einer gewissen Erregung geführt, denn die Vorgänge in der Fabrik nahmen sie sehr in Anspruch. Die Schwester bemitleidete Madame Fromont junior von ganzem Herzen und fand das Benehmen ihres Mannes geradezu nichtswürdig, während Sigismund kein Wort bitter genug schien, seine Entrüstung über die unbekannte, gemeine Person auszudrücken, die von der Kasse sechstausend Franken für einen Kaschmirshawl bezahlen ließ. Seiner Ansicht nach standen Ruhm und Ehre des alten Hauses, dem er von Jugend an gedient hatte, auf dem Spiele. »Was soll aus uns werden?« sagte er immer wieder – »Oh! die Weiber...« Eines Tages saß Mademoiselle Planus strickend am Feuer und wartete auf ihren Bruder. Der Tisch war schon seit einer halben Stunde gedeckt und die alte Dame fing schon an, sich über Sigismunds unerhörtes Ausbleiben zu ängstigen, als er mit verstörter Miene und, gegen seine Gewohnheit, ohne ein Wort zu sprechen, in die Thür trat. Erst nachdem er dieselbe sorgfältig geschlossen hatte, sagte er leise – gleichsam als Antwort auf die fragende, besorgte Miene der Schwester: »Ich bringe dir eine Neuigkeit... ich weiß, wer das Weib ist, das uns zu Grunde richtet!« Und noch leiser, nachdem er die stummen Wände ihres kleinen Eßzimmers ringsum angesehen hatte, nannte er einen so unerwarteten, unglaublichen Namen, daß Mademoiselle Planus sich denselben wiederholen ließ. »Ist es denn möglich?« »Du kannst dich darauf verlassen!« Bei diesen Worten hatte sein Gesicht, trotz allen Kummers, einen beinahe triumphierenden Ausdruck. Das alte Fräulein konnte noch immer nicht daran glauben. Eine so wohlerzogene, höfliche, junge Frau, die sie mit so großer Freundlichkeit aufgenommen hatte... es war geradezu undenkbar... »Ich habe Beweise,« antwortete Sigismund, und dann erzählte er, Vater Achilles hätte eines Abends um elf Uhr Georges und Sidonie in ein kleines Hotel garni des Quartier Montmartre eintreten sehen – und der Mann war kein Lügner... sie alle kannten ihn schon lange. Uebrigens hatten auch andre die beiden zusammen gesehen... in der ganzen Fabrik war davon die Rede. Nur Risler ahnte noch immer nichts. »Dann ist es deine Pflicht, ihm alles zu sagen,« erklärte die Schwester. Der Kassierer machte ein bedenkliches Gesicht. »Das ist eine heikle Sache,« erwiderte er. »Wer weiß, ob mir Risler glauben würde? Mancher Blinde ist stockblind ... und wenn ich mich zwischen die beiden Prinzipale stelle, laufe ich vielleicht Gefahr, meinen Posten zu verlieren. Oh, die Weiber, die Weiber! Wie glücklich hätte dieser gute Risler leben können!... Als ich ihn mit seinem Bruder aus unsrer Heimat herkommen ließ, hatte er nicht einen Sou im Vermögen, und heute ist er der Chef eines der ersten Handlungshäuser von Paris. Dabei hätte er sich doch beruhigen können . .. aber durchaus nicht! Der Herr mußte heiraten... als ob das Heiraten eine Notwendigkeit wäre... Und nicht genug, daß er es thut... er nimmt auch noch eine Pariserin, eins von den kleinen, schlecht gekämmten Frauenzimmern, die jedes anständige Haus zu Grunde richten. Und dabei hätte er ein braves, arbeitsames Mädchen haben können, das im Alter zu ihm paßte, noch dazu seine Landsmännin und – wie ich wohl sagen darf – von tüchtigem Knochenbau war...« Hier hätte »Mademoiselle Planus, meine Schwester,« auf deren Knochenbau der Bruder anspielte, die beste Gelegenheit gehabt, ihren Ausruf: »Oh! die Männer, die Männer!« anzubringen, aber sie schwieg. – Die Sache ging ihr zu sehr zu Herzen. Wer weiß ... vielleicht wenn Risler zur rechten Zeit gekommen wäre, hätte sich gefunden, daß er der einzige war... Der alte Sigismund fuhr fort: »Und wohin ist es nun gekommen? Seit einem Vierteljahre hängt die erste Tapetenfabrik von Paris an den Falbeln einer nichtsnutzigen Person, und wie das Geld davonfliegt, ist gar nicht mit anzusehen. Der ganze Tag geht damit hin, daß ich meinen Schalter für Monsieur Georges' Geldforderungen aufmache, denn er kommt damit immer zu mir, weil es beim Banquier auffallen würde. In meiner Kasse aber fließt das Geld ab und zu, wird eingezahlt, ausgegeben ... wenn nur die Inventur nicht wäre! Zum Jahresschluß werden sie ihre Freude erleben ... Das Schlimmste ist, daß Risler nicht hören will. Zweimal habe ich ihm gesagt: Gib acht, Monsieur Georges macht die größten Dummheiten für sein Frauenzimmer. Er hat aber nur die Achseln gezuckt, oder zur Antwort gegeben: das ginge ihn nichts an, Fromont junior wäre der Herr ... Man könnte beinahe glauben ... könnte glauben ...« Der alte Kassierer vollendete nicht, aber sein Schweigen verriet böse Gedanken. Das alte Fräulein war sehr bestürzt, und statt eine Abhilfe für das Unheil zu suchen, verlor sie sich, wie die meisten Frauen bei solchen Gelegenheiten in Bedauern, Vermutungen und schmerzliche Klagen über das Geschehene. Welch ein Unglück, daß sie das alles nicht schon früher erfahren hatten, als die Chèbes noch im Nachbarhause wohnten. Madame Chèbe war eine so ehrbare Frau ... ihr hätte man die Augen öffnen müssen, damit sie ihrer Sidonie ins Gewissen reden, sie überwachen konnte. »Das ist wahr ... der Gedanke ist gut!« fiel Sigismund ein; »du mußt nach der Rue du Mail gehen und den Eltern Bescheid sagen. Ich hatte mir schon vorgenommen, an den kleinen Franz zu schreiben; er hatte immer großen Einfluß auf den Bruder und ist der einzige, der ihm gewisse Dinge mitteilen könnte. Aber Franz ist so weit fort ... und außerdem wäre es schrecklich, wenn es dazu kommen müßte. Der arme Risler thut mir denn doch in der Seele leid! ... Nein, das beste ist und bleibt, Madame Chèbe zu benachrichtigen, und du, nicht wahr liebe Schwester, du wirst es übernehmen?« Der Auftrag war bedenklich; Mademoiselle Planus machte einige Schwierigkeiten, vermochte aber nicht, dem Willen ihres Bruders zu widerstehen, und der Wunsch, ihrem alten Freunde Risler nützlich zu sein, gab vollends den Ausschlag. Dank der Gutmütigkeit seines Schwiegersohnes hatte Monsieur Chébe seinen jüngsten Plan durchführen können; seit einem Vierteljahre war er Inhaber des schönen Ladens in der Rue du Mail und das ganze Stadtviertel wunderte sich, wenn morgens die Läden des leeren Raumes geöffnet und abends wieder geschlossen wurden, wie in den umliegenden Engros-Handlungen. Uebrigens war der Laden ringsum mit Borden und Schränken versehen, hatte einen neuen Ladentisch erhalten, einen Geldkasten mit Sicherheitsschlössern und eine große Wage. Mit einem Worte: Monsieur Chébe war mit allen Utensilien eines großen kaufmännischen Geschäfts versehen: nur was er verkaufen sollte, wußte er noch nicht. Den ganzen Tag sann er darüber nach; bald während er im Laden zwischen einigen großen Möbeln auf und nieder ging, die im Schlafzimmer keinen Platz gefunden hatten, bald während er mit der Feder hinter dem Ohr auf der Schwelle der Straßenthüre stand und sich mit Wonne in das Lärmen und Treiben des Pariser Geschäftsverkehrs versenkte. Die Commis mit ihren Musterkasten unter dem Arme, die Lastwagen der Eisenbahnen, die Omnibusse, Lastträger und Schubkarren, das Abladen der Waren vor den Nachbarhäusern, die großen Ballen mit Stoffen oder Posamenterieen, die mit dem Straßenschmutz in Berührung kamen, ehe sie in den Souterrains verschwanden, jenen schwarzen Höhlen, aus denen der Reichtum der Handlungshäuser aufkeimt – das alles entzückte den kleinen Mann. Es war sein Vergnügen, den Inhalt der Warenballen zu erraten oder schnell dabei zu sein, wenn es einen Auflauf gab, weil einem Vorübergehenden eine schwere Last auf den Fuß gefallen war, oder ungeduldige Pferde einen Karren quer über die Straße gezogen und den Verkehr gehemmt hatten. Außerdem nahm er an allen Zerstreuungen des kleinen, kundenlosen Kaufmannes: Regengüssen, Diebstählen, Unfällen, Zänkereien lebhaften Anteil. Wenn der Tag zu Ende ging, streckte sich Monsieur Chèbe, müde und erschöpft von der Arbeit andrer Leute, in seinen Lehnstuhl und sagte, indem er sich die Stirne trocknete, zu seiner Frau: »So muß das Leben sein, in dem ich mich wohl fühlen soll ... ein thätiges Leben!« Madame Chèbe lächelte still vor sich hin und gab keine Antwort. An die Launen ihres Mannes gewöhnt, hatte sie sich, so gut es ging, in dem kleinen, nach einem dunkeln Hofe gelegenen Hinterstübchen am Laden eingerichtet, suchte Trost in der Erinnerung an den Wohlstand ihrer Eltern, in dem Gedanken an das Glück Sidoniens, war immer sauber gekleidet und hatte sich bereits die Achtung der ganzen Nachbarschaft erworben. Das einzige, was sie noch vom Leben beanspruchte, war, nicht mit den Arbeiterfrauen – die häufig mehr besaßen als sie – in eine Klasse geworfen zu werden, sondern trotz aller Armut einen gewissen kleinbürgerlichen Rang behaupten zu können. Unablässig war sie darauf bedacht; das Hinterstübchen, das sie bewohnte und das schon um drei Uhr nachmittags dunkel wurde, glänzte vor Ordnung und Reinlichkeit, das Bett wurde tagsüber zum Kanapee, ein alter Shawl zur Tischdecke, das Kamin, das von einem Schirm bedeckt war, diente als Vorratskammer und auf einem Oefchen von der Größe einer Fußbank kochte das Essen. Ruhe war der Traum dieser armen, durch die unaufhörlichen Sinnesänderungen ihres Mannes gequälten Frau. Gleich nachdem er seinen Laden in Besitz genommen, hatte Monsieur Chèbe auf das frischgemalte Aushängeschild in fußlangen Buchstaben schreiben lassen: »Kommissions- und Exportgeschäft.« Weitere Angaben fehlten. Seine Nachbarn handelten mit Tuch oder Leinwand oder Tüll; er wäre bereit gewesen, alles Mögliche zu verkaufen, wußte aber durchaus nicht, zu welchem Artikel er sich entschließen sollte. Madame Chèbe mußte sich jeden Abend die ausführlichsten Erklärungen darüber gefallen lassen. »Von Leinwand verstehe ich nichts, mit Tuch dagegen weiß ich genau Bescheid. Wenn ich aber mit Tuch handeln wollte, müßte ich einen Reisenden halten, denn die beste Ware wird aus Sedan und Elbeuf bezogen. Von Kattun kann nicht die Rede sein, damit sind nur im Sommer Geschäfte zu machen, und Tüll ist unmöglich ... dazu ist der Winter schon zu weit vorgerückt ...« Gewöhnlich machte er seinen Zweifeln ein Ende, indem er sagte: »Guter Rat kommt über Nacht ... wir wollen zu Bett gehen ...« was er denn auch zur großen Erleichterung seiner Frau zu thun pflegte. Nach drei bis vier Monaten begann Monsieur Chèbe aber doch, dieses Lebens überdrüssig zu werden. Kopfschmerzen und Schwindelanfälle stellten sich wieder ein. – Das Stadtviertel war ungesund und gar zu geräuschvoll. Ueberdies gingen die Geschäfte nicht ... weder mit Tuch noch mit Leinwand war etwas zu machen. In diese Zeit einer drohenden Krisis fiel der Besuch, zu dem sich »Mademoiselle Planus, meine Schwester,« in Sidoniens Angelegenheiten verstanden hatte. »Ich werde schonend zu Werke gehen,« hatte sich die alte Dame unterwegs gesagt; aber, wie alle schüchternen Menschen, entledigte sie sich ihrer Last, sobald sie eintrat, mit den ersten Worten. Ihre Mitteilung wirkte wie ein Donnerschlag. Als Madame Chèbe begriff, daß ihre Tochter angeklagt wurde, sprang sie voll Entrüstung auf. Niemals würde sie dergleichen glauben, ihre arme Sidonie war das Opfer einer niederträchtigen Verleumdung. Noch tiefer beleidigt war Monsieur Chèbe; mit zorniger Miene erging er sich in hochtrabenden Redensarten, wobei er seiner Gewohnheit nach sich selbst in den Vordergrund stellte und alles auf sich bezog. Wie konnte irgend jemand annehmen, daß sein Kind, eine Chèbe, Tochter eines seit dreißig Jahren im besten Rufe stehenden Kaufmanns, fähig wäre ... undenkbar! unmöglich! Aber Mademoiselle Planus blieb bei ihrer Aussage. Es würde ihr schwer, versicherte sie, gleichsam als Klatschschwester, als Zuträgerin übler Nachreden aufzutreten. Man hatte jedoch Beweise ... Die Sache war für niemand mehr Geheimnis ... »Und wenn es so wäre!« schrie Monsieur Chèbe, den diese Beharrlichkeit in Wut brachte; »was haben wir damit zu thun? Unsre Tochter ist verheiratet, lebt fern von ihren Eltern. Ihr Mann, der so viel älter ist als sie, hat sie zu leiten, ihr seinen Rat zu geben ... aber ist ihm das wohl jemals eingefallen?« Darauf erging sich der kleine Mann in den heftigsten Beschuldigungen gegen seinen Schwiegersohn, den schwerfälligen Schweizer, der sein Leben damit zubrachte, in seinem Büreau Maschinen zu erfinden, statt seine junge Frau in Gesellschaft zu führen, und der seine Junggesellengewohnheiten, seine Pfeife oder den Besuch einer Brauerei allem andern vorzog. Es war bemerkenswert, mit welcher vornehmen Verachtung Monsieur Chèbe das Wort »Brauerei« betonte. Und doch traf er dort beinahe jeden Abend mit Risler zusammen und machte demselben bittre Vorwürfe, wenn er einmal ausblieb. Uebrigens hatten alle diese Tiraden des Inhabers der »Kommission und Spedition« in der Rue du Mail ihren guten Grund. Er wollte seinen Laden aufgeben, sich von den Geschäften zurückziehen und ging damit um, Sidonie für seine neuen Pläne zu gewinnen. Es war mithin nicht an der Zeit, unangenehme Scenen zu machen, von väterlicher Gewalt und ehelichen Pflichten zu sprechen. Madame Chèbe aber, die von der makellosen Reinheit ihrer Tochter vielleicht nicht mehr so fest überzeugt war, wie zu Anfang des Gespräches, hüllte sich in tiefes Schweigen; die arme Frau wünschte taub und blind zu sein und Mademoiselle Planus nie gekannt zu haben. Wie alle, denen es schlecht ergangen ist, suchte sie sich in eine, wenn auch nur scheinbare Ruhe einzuspinnen; nicht zu wissen was vorging, war in ihren Augen das beste ... Großer Gott, war das Leben denn nicht schon schwer genug? Und warum sollte Sidonie, die immer eine gute Tochter gewesen war, nicht auch eine gute Gattin sein? Es dunkelte. Monsieur Chèbe stand auf, schloß die Läden seines Geschäftslokals und zündete das Gas an, in dessen Licht die nackten Wände, die leeren, glänzend polierten Fächer, der ganze öde Raum den Eindruck machte, als wäre hier tags zuvor der Bankerott ausgebrochen. Seine stummen, verächtlich zusammengekniffenen Lippen schienen der alten Dame sagen zu wollen: »Der Tag ist zu Ende, es ist Zeit nach Hause zu gehen,« und dabei war im Hinterzimmer das leise Schluchzen seiner Frau zu hören, die mit der Bereitung des Abendessens beschäftigt hin und her ging. Das war alles, was Mademoiselle Planus mit ihrem Besuch erreichte. »Nun?« fragte der alte Sigismund, der sie voll Ungeduld erwartet hatte. »Sie wollten mir nicht glauben ... haben mir höflich die Thür gewiesen ...« Die erlittene Demütigung trieb ihr Thränen in die Augen. Der alte Mann wurde feuerrot. »Mademoiselle Planus, liebe Schwester,« sagte er, indem er ehrfurchtsvoll ihre Hand ergriff, »ich bitte sehr um Verzeihung, daß ich dich zu diesem Schritt veranlaßt habe; aber es handelte sich um die Ehre des Fromontschen Hauses.« Von diesem Augenblick an wurde Sigismund immer trauriger, seine Kasse schien ihm nicht mehr fest und sicher; selbst wenn Fromont junior kein Geld von ihm verlangte, fürchtete er beständig, daß es geschehen würde, und wenn er sich mit der Schwester unterhielt, faßte er seine Sorgen in ein paar immer wiederkehrende Worte zusammen. »Es steht gar nicht gut,« sagte er. Da er unablässig mit seiner Kasse beschäftigt war, erschien sie ihm sogar nachts im Traume. Bald war sie aus allen Fugen gegangen, so daß sie trotz des Zuschließens offen blieb; bald fuhr ein Windstoß hinein, der Banknoten, Wechsel, Checks, Staatspapiere in der ganzen Fabrik verstreute, während der Kassierer atemlos hinterdrein lief, um sie wieder aufzulesen. – Und tagsüber, wenn er hinter dem Gitterverschlage in seinem stillen Büreau allein saß, war ihm, als hätte sich eine kleine weiße Maus in die Kasse eingeschlichen, wo sie alles zernagte und zerstörte, und die um so schöner und fetter wurde, je weiter sie in ihrem Vernichtungswerke fortschritt. – Wenn dann im Laufe des Nachmittags Sidonie in dem hübschen Gefieder einer Cocotte auf der Freitreppe erschien, zitterte der alte Sigismund in zorniger Erregung. Es war das personifizierte Verderben des Hauses, das an ihm vorüberging... das Verderben in eleganter Toilette, mit einer Equipage vor der Thür und dem sorglosen Angesicht einer glücklichen Kokette... das Verderben des Hauses Fromont. Sidonie hatte keine Ahnung von dem Feinde, der hinter einem Fenster des Erdgeschosses ihr Thun und Lassen unermüdlich beobachtete und alle Einzelheiten ihres Lebens im Auge behielt: das Kommen und Gehen der Musiklehrerin: die große Schneiderin, die morgens vorsprach; die Pappschachteln, die für sie gebracht wurden, und den Livreebedienten des Modemagazins »du Louvre«, dessen schwerer Wagen mit Schellengeklingel vor dem Thorwege hielt, wie eine große, mit starken Pferden bespannte Diligence, die gekommen war, das Haus Fromont im Galopp dem Bankerott zuzufahren. Sigismund zählte die Pakete, wog sie mit den Augen und drang voll Neugier durch jedes offne Fenster in die Rislersche Häuslichkeit ein. Seinen Blicken entgingen weder die Teppiche, die mit großem Getöse ausgeklopft wurden, noch die Blumentische mit den teuren, seltenen, kränklichen Pflanzen, die sich in der Sonne erholen sollten, und jede neue Anschaffung, die er bemerkte, stellte er in Gedanken mit einer der neuen, großen Geldforderungen zusammen. Was Sigismund aber mehr beschäftigte als alles andre, war Rislers Angesicht; denn seiner Meinung nach hatte das schlechte Weib begonnen, den besten, rechtschaffensten aller Menschen in einen ehrlosen Schurken umzuwandeln. Risler, daran zweifelte er nicht mehr, kannte seine Schande, nahm sie geduldig hin, ließ sich sein Schweigen bezahlen. Sicherlich lag etwas Ungeheuerliches in dieser Annahme; aber reine Naturen, die das Böse vor sich sehen, ohne demselben jemals selbst verfallen zu sein, gehen leicht weit über das Ziel hinaus. Nachdem sich der Kassierer von Sidoniens und Georges' Treulosigkeit und Verrat überzeugt hatte, fand er auch Rislers Gemeinheit nicht mehr unglaublich. Nur durch sie ließ sich dessen Gleichgültigkeit gegen die Verschwendung seines Kompagnons erklären. Der brave Sigismund, in seiner alltäglichen, beschränkten Rechtschaffenheit, war nicht im stande, den feinfühligen Risler zu begreifen, und der peinliche Ordnungssinn des Kassenbeamten, sein kaufmännischer Scharfblick trennten ihn auf hundert Meilen von dem zerstreuten, träumerischen Freunde, der halb Künstler, halb Erfinder war. Sigismund beurteilte alles nach seiner eignen Persönlichkeit und hatte kein Verständnis für den Zustand eines Menschen, der im Drange des Erfindens nur von einem Gedanken beherrscht wird, und wußte nicht, daß ein solcher wie ein Nachtwandler durch das Leben geht mit Augen, die, nach innen gerichtet, von der Außenwelt nichts zu sehen vermögen. Nach Sigismunds Ansicht konnte Risler sehen, und das machte ihn sehr unglücklich. So oft der Freund die Kassenstube betrat, sah ihn Planus forschend an, aber die ruhige Gleichgültigkeit seines Gesichtes, die wie eine mit Vorbedacht gewählte Maske erschien, that dem Beobachter so weh, daß er sich schnell von ihm abwendete, in seinen Papieren kramte, um Risler nicht sehen zu müssen, und wenn er mit ihm sprach, in den Garten hinaussah, oder die Gitterstäbe seines Verschlages anstarrte. Auch seine Worte hatten etwas so Gezwungenes, daß man kaum wußte, an wen sie gerichtet waren; kein freundliches Lächeln mehr, kein Rückblick auf vergangene Zeiten, wie ihn sonst ein Durchblättern der Kassenbücher hervorrief: »Dies ist das Jahr, in dem du hier eintratest ... Da steht deine erste Zulage gebucht. .. Weißt du noch, daß wir an dem Tage bei Douix gesessen haben und abends ins Café des Avengles gegangen sind? ... war das eine Schmauserei! . ..« Endlich fiel Risler das seltsame Wesen des Freundes auf und er sprach darüber mit Sidonie. – Auch sie hatte seit einiger Zeit die Empfindung, daß er ihr feindlich gesinnt sei. Zuweilen, wenn sie durch den Hof ging, fühlte sie gleichsam den übelwollenden Blick, der ihr folgte und sie zwang, sich nach der Höhle des alten Kassierers umzusehen. Unter diesen Umständen flößte ihr die Verstimmung zwischen beiden Männern eine gewisse Besorgnis ein, und sie benutzte diese Gelegenheit, ihren Gatten gegen etwaige Mitteilungen des Kassierers mißtrauisch zu machen. »Siehst du denn nicht, daß er eifersüchtig ist ... dich um deine Stellung beneidet? ... Ein ehemaliger Kamerad, jetzt sein Prinzipal geworden, das ärgert ihn... Aber wenn man sich um die Mißgunst der Leute kümmern wollte!... Du solltest nur wissen, wie ich auf Schritt und Tritt davon umgeben bin.« Risler machte große Augen. »Du?« »Natürlich ... es versteht sich eigentlich von selbst . .. Alle diese Leute können mich nicht ausstehen; sie sind wütend, daß die kleine Chèbe Madame Risler senior geworden ist, und Gott weiß, welche Schändlichkeiten sie mir schon nachgesagt haben. – Auch dein Herr Kassierer macht aus seinem Herzen keine Mördergrube, ein boshafter Mensch! das kann ich dich versichern ...« Diese Worte blieben nicht ohne Wirkung. Risler, der sich verletzt fühlte, aber zu stolz war, um Planus zur Rede zu stellen, zog sich ebenfalls zurück und erwiderte Kälte mit Kälte. So mißtrauisch waren die beiden ehrlichen Männer gegeneinander, daß sie nicht mehr ohne die peinlichste Empfindung zusammentreffen konnten, und bald gab es Risler vollständig auf, die Kasse zu betreten. Dies konnte um so leichter geschehen, da alle Geldangelegenheiten Fromonts Aufgabe waren, der auch Rislers Monatsgeld jeden Ersten in seine Wohnung schickte. Dem Verkehr zwischen Sidonie und Georges kam diese Einrichtung sehr zu gute und sie gab ihnen Gelegenheit zu allerlei schmählichen Täuschungen. Sidonie war eben jetzt eifrig darauf bedacht, die äußere Eleganz ihres Lebens zu vervollständigen. Was ihr noch dazu fehlte, war ein Sommeraufenthalt. Im Grunde haßte sie das Landleben, fand, daß Bäume, Felder, staubige Landstraßen »das Widerwärtigste sind, was es auf Erden gibt«. Aber Claire Fromont verlebte die Sommerzeit in Savigny. Sobald die ersten schönen Tage kamen, wurden in der unteren Etage Koffer gepackt, Vorhänge abgenommen, ein großer Möbelwagen, auf dem die blau bebänderte Wiege der Kleinen hin und her schwankte, setzte sich nach dem Schlosse des Großvaters in Bewegung und eines schönen Morgens fuhren Mutter, Großmutter, Amme und Kind, eine ganze Masse weißer Stoffe und wehender Schleier im scharfen Trabe sonnigen Rasenplätzen und schattigen Heckenwegen zu. Nun war Paris häßlich und menschenleer, und obwohl Sidonie die Stadt auch um diese Jahreszeit, in der Gluthitze eines Hochofens, gern hatte, dachte sie voll Neid an die Pariser Eleganz, die jetzt am Meeresufer unter schattenden Sonnenschirmen lustwandelte und das Seebad, wo es gestattet ist, ein schönes Bein zu zeigen und zu beweisen, daß man wirklich eignes, kastanienbraunes, langes, lockiges Haar besitzt, zu tausend neuen Erfindungen, zu allerlei gewagten Anzügen benutzt. Ein Seebad? ... es war nicht daran zu denken ... Risler konnte nicht abkommen. Ein Landhaus kaufen? .. Dazu fehlten die nötigen Geldmittel. Georges Fromont wäre zwar bereit gewesen, auch diese Laune zu befriedigen; aber ein Landhaus läßt sich nicht, wie ein Armband oder ein Kaschmirshawl heimlich geben und nehmen. Dazu mußte man sich die Einwilligung des Mannes verschaffen – eine schwierige Aufgabe – mit Risler konnte jedoch der Versuch gemacht werden. Um den Weg zu bahnen, sprach Sidonie immer wieder mit Sehnsucht von einem kleinen, nicht zu teuern Winkelchen auf dem Lande. Lächelnd hörte ihr Risler zu, denn bei ihren Worten erwachte auch in ihm das Verlangen nach Grundbesitz, das mit dem Vermögen zu kommen pflegt, und er dachte an hohes Gras und den Ertrag eines schönen Obstgartens. Aber da er ein verständiger Mann war, gab er zur Antwort: »Wir wollen sehen ... wollen sehen ... warte nur auf den Jahresschluß.« Der Jahresschluß im Munde des Kaufmanns bedeutet die Inventur. Inventur ... ein Zauberwort! Das ganze Jahr geht es vorwärts, immer vorwärts im Drange der Geschäfte. Das Geld kommt und geht, cirkuliert, zieht andres herbei, wird wieder zerstreut und das Vermögen des Hauses ist – wie eine schimmernde Schlange – in fortwährender Bewegung; jetzt lang ausgedehnt, dann wieder zusammengezogen, so daß es unmöglich wird, sich von seinem wirklichen Zustande Rechenschaft zu geben, bis ein Augenblick der Ruhe eintritt. Diesen bietet die Inventur und erst durch sie wird festgestellt, wie die Verhältnisse des Hauses sich gestaltet haben und ob das Jahr, das ein gutes zu sein schien, es auch wirklich gewesen ist. Dieser Abschluß pflegt Ende Dezember, gegen Weihnachten oder Neujahr gemacht zu werden. Da er eine große Arbeitslast mit sich bringt, werden die Comptoirstunden bis tief in die Nacht verlängert. Das ganze Haus bleibt in Bewegung und die überall brennenden Lampen geben auch allen Geschäftsräumen jenen festlichen Glanz, der in der letzten Woche des Jahres im Familienkreise herrscht und die Fenster der Wohnzimmer allabendlich erhellt. – Jeder, der dem Handlungshause angehört, nimmt lebhaft Anteil am Ergebnis der Inventur, denn alle Zulagen und Neujahrsgeschenke hängen davon ab. So ist denn, während der Jahresgewinn oder Verlust einer reichen Fabrik festgestellt wird, auch in den fünften Etagen oder den kleinen Wohnungen der äußersten Vorstädte unter den Arbeiterfrauen, den Kindern und Großeltern unaufhörlich von der Inventur die Rede; sie wird darüber entscheiden, ob sich der kleine Haushalt noch größere Entbehrungen auferlegen muß, oder sich endlich einen langersehnten, immer verschobenen Einkauf gestatten darf. In dieser Zeit ist bei Fromont junior und Risler senior Sigismund Planus der Gott des Hauses, und sein kleiner Gitterverschlag ein Heiligtum, in welchem alle Commis Wache halten. In der tiefen Stille der schlafenden Fabrik rauschen die schweren Blätter der Rechnungsbücher. Hin und wieder wird ein Name genannt, der den Vergleich mit andern Registern veranlaßt: unaufhörlich kratzen die Federn auf dem Papier. Der alte Kassierer, von seinen Untergebenen umringt, sieht in seiner Geschäftigkeit geradezu schreckenerregend aus. Von Zeit zu Zeit kommt Fromont junior auf einen Augenblick herein; er ist im Begriff auszufahren, hat bereits die Handschuhe an, die Cigarre im Munde, tritt langsam auf den Zehenspitzen heran, sieht durch das Gitter und fragt: »Nun ... wie steht es?« Sigismund antwortet nur durch ein Grunzen, und der junge Herr des Hauses entfernt sich, ohne ein weiteres Wort. Die Miene des Kassierers hat ihm nur zu deutlich gesagt, daß der Bescheid kein erfreulicher sein würde. In der That war seit den Revolutionsjahren, als in den Fabrikhöfen gekämpft wurde, noch keine Inventur des Hauses Fromont so schlecht ausgefallen. Einnahmen und Ausgaben deckten sich; der Geschäftsbetrieb hatte den Gewinn vollständig verschlungen und überdies war Fromont junior der Kasse noch bedeutende Summen schuldig. Mit dem Ausdruck tiefer Niedergeschlagenheit stieg der alte Kassierer am 31. Dezember die Treppe hinauf, um Georges Fromont das Ergebnis seiner Berechnungen mitzuteilen. Dieser aber nahm die Sache leicht; es würde schon besser werden! und um die gute Laune des Kassierers herzustellen, schenkte er ihm tausend Franken, statt der fünfhundert, die sein Onkel als jährliche Gratifikation zu geben pflegte. Das ganze Personal wurde mit derselben Freigebigkeit bedacht und in der allgemeinen Freude geriet der ungünstige Jahresabschluß in Vergessenheit. Seinen Compagnon Risler wollte Georges selbst von der Bilanz in Kenntnis setzen. Als er in das kleine Arbeitszimmer trat, dessen Oberlicht die nachdenklichen Züge des mit seiner Erfindung Beschäftigten hell beleuchtete, hatte Fromont junior eine Anwandlung von Reue und Schamgefühl über sein Vorhaben und blieb zögernd stehen. Risler hatte sich, als er die Thüre öffnen hörte, fröhlich umgesehen. »Schorsch, lieber Schorsch ... ich habe meine Druckmaschine ... es fehlen zwar noch ein paar Kleinigkeiten ... aber es kommt nichts darauf an... der Hauptsache bin ich sicher. Nun Sie werden ja sehen ... werden ja sehen! Nun mögen die Prochassons thun, was sie wollen, mit der Rislerschen Druckmaschine schlagen wir alle Konkurrenten aus dem Felde.« »Bravo, Kamerad!« antwortete Fromont junior ; »das sind gute Aussichten für die Zukunft ... aber denken Sie denn gar nicht an die Gegenwart... an unsre Inventur?« »Ja, wahrhaftig – die hatte ich ganz vergessen! ... Nun, sie ist wohl nicht glänzend ausgefallen?« fügte er hinzu, als er Georges' unruhige, verlegene Miene bemerkte. »Im Gegenteil, sehr glänzend!« antwortete der junge Mann. »Wir haben alle Ursache, zufrieden zu sein, besonders da es unser erstes Geschäftsjahr ist. Auf jeden von uns kommen vierzigtausend Franken Reingewinn, und da ich mir dachte, daß Sie vielleicht Geld brauchten, um Ihrer Frau ein Neujahrsgeschenk zu machen...« Und ohne dem wackeren Mann, den er in diesem Augenblick hinterging, ins Gesicht zu sehen, legte Fromont junior ein Paket Anweisungen und Banknoten auf den Tisch. Risler senior war tief bewegt. So viel Geld auf einmal und für ihn allein! Zuerst dachte er an die großherzigen Fromonts, die ihn zu dem gemacht hatten, was er war, dann an seine kleine Sidonie und den Wunsch, den sie so häufig ausgesprochen hatte. Jetzt war er im stande, ihn zu erfüllen. Mit Thränen in den Augen und einem guten Lächeln um die Lippen streckte er seinem Associé beide Hände entgegen. »Ich bin so glücklich... so glücklich!« rief er aus; es war sein Lieblingswort bei großen Gelegenheiten. Dann zeigte er auf die Banknoten, die vor ihm lagen, die leichten Blättchen, die immer bereit sind, auf und davon zu fliegen. »Wissen Sie was das ist?« fragte er Georges mit triumphierender Miene: »das ist Sidoniens Landhaus.« Als ob sich das nicht von selbst verstanden hätte! Zwölftes Kapitel. Ein Brief. An Herrn Franz Risler, Ingenieur der französischen Baugesellschaft. Ismailia, Aegypten. »Lieber Franz! Diese Zeilen schreibt Dir der alte Sigismund. Wenn ich mich besser darauf verstünde, meine Gedanken zu Papier zu bringen, so hätte ich Dir viel zu erzählen; aber das verwünschte Französisch fällt unsereinem gar zu schwer, und wenn Sigismund Planus nicht mit Zahlen hantieren kann, bringt er nicht viel zu stande. Darum will ich Dir lieber ganz einfach sagen, um was es sich handelt. »Im Hause Deines Bruders gehen Dinge vor, die nicht in der Ordnung sind. Seine Frau betrügt ihn mit seinem Associé. Sie hat ihren Mann lächerlich gemacht, und wenn es so weitergeht, wird man ihn noch für einen Schuft halten. Darum höre auf meinen Rat, lieber Junge, und komm herüber, sobald Du irgend kannst. Du allein bist im stande, mit Risler zu sprechen und ihm über seine Sidonie die Augen zu öffnen. Allen andern würde er nicht glauben. Also nimm schnell Urlaub und komm. »Ich weiß, daß Du da draußen Dein Brot zu verdienen und Deine Zukunft zu gründen hast. Aber ein Ehrenmann muß vor allen Dingen den Namen reinhalten, den er von seinen Eltern bekommen hat. Ich aber sage Dir, wenn Du Dich nicht beeilst, nicht so bald als möglich hier bist, wird der Name Risler eines Tages mit so viel Schande bedeckt sein, daß Du ihn nicht mehr führen kannst. Sigismund Planus, Kassierer.« Dreizehntes Kapitel. Der Rächer. Wer, durch Arbeit oder Krankheit ins Haus gebannt, sein Leben in demselben Räume, an demselben Fenster zubringt, wird nicht nur mit den Mauern, Dächern und Fenstern der Nachbarschaft vertraut – er beschäftigt sich auch mit den Vorübergehenden. Während er selbst zur Unbeweglichkeit verurteilt ist, versenkt er sich in das rege Leben und Treiben der Straße, und die geschäftigen Menschen, die täglich zu bestimmten Stunden an ihm vorbeikommen, ahnen nicht, daß sie andern, stillen Existenzen gleichsam als Zeitmesser dienen, von Freundesaugen beobachtet und schmerzlich vermißt werden, wenn sie zufällig einen andern Weg gegangen sind. Auch die beiden Delobelles, die Tag für Tag in ihren vier Wänden blieben, machten solche Beobachtungen. Da das Fenster schmal war, pflegte die Mutter, deren Augen durch die Arbeit gelitten hatten, dicht an der zurückgeschobenen Gardine zu sitzen, während der große Lehnstuhl ihrer Tochter zwar dicht neben ihr, aber doch etwas vom Fenster entfernt stand. Die Mutter pflegte Désirée die täglich Vorübergehenden zu nennen: es war eine kleine Zerstreuung, gab Stoff zum Gespräch und die langen Arbeitsstunden schienen schneller zu verfließen, wenn sie durch das regelmäßige Kommen und Gehen andrer, beschäftigter Menschen gleichsam gemessen wurden. Da kamen zwei kleine Schwestern, ein Herr im grauen Ueberrock, ein Knabe, der in die Schule geführt und wieder abgeholt wurde, und ein alter Beamter mit einem Stelzfuße, dessen Schritte dröhnend vom Trottoir heraufklangen. Letzterer war übrigens kaum zu sehen, denn er ging erst nach Einbruch der Dunkelheit vorüber; aber man hörte ihn und sein schwerer Tritt erschien der kleinen Lahmen wie das Echo ihrer düstersten Gedanken. Alle diese Bekannten von der Straße nahmen ahnungslos das Interesse der beiden Frauen in Anspruch. Bei Regenwetter hieß es: »Die Armen werden naß... Ob das Kind wohl vor dem Platzregen nach Hause gekommen ist?« – Und beim Wechsel der Jahreszeiten, wenn die Märzsonne auf die rieselnden Trottoirs fiel, oder der Dezemberschnee sie mit einer schwarz und weiß gefleckten Decke überzog, sagten sich die beiden Klausnerinnen beim Anblick eines neuen Kleidungsstückes ihrer Freunde: »Es wird Sommer!« oder »Der Winter ist da!« Jetzt aber war ein Maiabend gekommen, einer jener hellen, stillen Abende, die das Leben in den Häusern an die offnen Fenster locken. Désirée und ihre Mutter regten Nadeln und Finger mit verdoppeltem Eifer, um vor dem Anzünden der Lampe das letzte Tageslicht auszunutzen. Das fröhliche Geschrei spielender Kinder klang aus den Höfen herauf, fernes Klavierspiel war zu hören und das Rufen der Straßenverkäufer, die mit halbgeleertem Karren vorüberfuhren; die Luft war vom Hauch des Frühlings, von leisem Hyacinthen- und Fliederduft erfüllt. Madame Delobelle hatte eben ihre Arbeit weggelegt und horchte, ehe sie das Fenster schloß, mit aufgestützten Ellbogen auf das Getöse der großen, geschäftigen Stadt, das fröhliche Leben und Treiben des Feierabends in den Straßen. Zuweilen richtete sie, ohne sich umzusehen, ein Wort an ihre Tochter. »Ei! da ist ja Herr Sigismund ... wie früh er heute abend die Fabrik verläßt!... Aber vielleicht kommt es mir nur so vor, weil die Tage länger werden ... Es kann doch aber noch nicht sieben sein? ... Wen der alte Kassierer wohl bei sich hat? ... Sonderbar ... man könnte wirklich glauben, es wäre Franz Risler... aber das ist ja nicht möglich! Monsieur Franz ist weit von hier ... auch hatte er keinen Bart ... dennoch ist's eine große Aehnlichkeit... sieh 'mal her, Kind!« Aber das Kind bleibt im Sessel sitzen, rührt sich nicht einmal. Mit in die Ferne schauendem Blick und erhobener Nadel, wie plötzlich inmitten ihrer Arbeit gebannt, sitzt Désirée da, in das Zauberland der Phantasie entrückt, das zu erreichen kein Gebrechen hindert. Der Name Franz, den ihre Mutter halb mechanisch beim Anblick einer flüchtigen Aehnlichkeit genannt hat, umschließt für sie eine ganze Welt holder Träume, süßer Hoffnungen, vergänglich wie das Erröten, das ihr in die Wangen stieg, wenn er abends, beim Nachhausekommen, einen Augenblick vorsprach, um mit ihr zu plaudern. Wie fern lag das alles! Und doch hatte er einst nebenan gewohnt; sie hatte seinen Schritt auf der Treppe und das ans Fenster Schieben seines Zeichentisches im Nachbarstübchen hören können. Und wie that es ihr wohl und weh, ihm zu lauschen, wenn er auf dem niedrigen Schemel zu ihren Füßen saß und von Sidonie sprach, während sie mit ihren Vögeln und Käfern beschäftigt war. Sie sprach ihm Mut ein, indes sie emsig weiter arbeitete, und suchte ihn zu trösten, denn Sidonie hatte dem armen Franz manches kleine Herzeleid angethan, ehe sie ihm das große zufügte. Der Ton seiner Stimme, wenn er von ihrer Nebenbuhlerin sprach, der Glanz seiner Augen, wenn er an sie dachte, bezauberten die kleine Désirée, und als er in Verzweiflung fortging, war »die Liebe, die dahinten blieb«, noch größer als die, welche er mit sich nahm. Eine Liebe, die in der immer gleichen Umgebung, der immer gleichen Lebensweise unabänderlich dieselbe bitter-schmerzliche bleiben mußte, während seine Empfindung allen Winden preisgegeben, unter fremdem Himmel, auf fremden Wegen vielleicht verblaßte und verflog. Das Tageslicht verschwindet mehr und mehr und mit der wachsenden Dunkelheit kommt eine tiefe Schwermut über das junge Mädchen. Der Freudenschimmer der Vergangenheit verblaßt wie der Tagesschein in der engen Fensternische, in der die Mutter mit aufgestützten Armen sitzen geblieben ist. Plötzlich wird die Thür geöffnet; auf der Schwelle erscheint eine Gestalt, die nicht mehr deutlich zu sehen ist. .. Wer kann es sein? Die beiden Delobelles bekommen keinen Besuch und die Mutter, die sich umgewendet hat, sagt – in der Voraussetzung, daß jemand aus dem Modemagazin geschickt werde, ihre Wochenarbeit abzuholen: »Mein Mann ist schon gegangen, Monsieur, wir haben nichts mehr hier...« Der Fremde tritt, ohne zu antworten, auf sie zu, und je mehr er sich dem Fenster nähert, um so deutlicher erscheint sein Profil auf dem dämmerigen Hintergründe. Es ist ein großer, kräftig gebauter, sonnenverbrannter Bursche mit dichtem, blondem Bart, der endlich mit voller Stimme und etwas schwerfälliger Aussprache fragt: »Ist's möglich, Madame Delobelle, Sie erkennen mich nicht?« »Ich, Monsieur Franz, habe Sie gleich erkannt,« antwortet Désirée in kaltem, förmlichem Tone. »Barmherziger Gott, Monsieur Franz!« Schnell, schnell stürzt Madame Delobelle auf die Lampe zu, zündet sie an und schließt das Fenster. »Wie, Sie sind es wirklich, lieber Franz? ... Wie ruhig die Kleine das sagte: ›Ich habe Sie gleich erkannt‹. ... So ein kleiner Eisblock ... Sie wird nie anders werden!« Sie ist wirklich wie ein kleiner Eisblock ... bleich, ganz bleich, und ihre Hand, die Franz erfaßt hat, liegt weiß und kalt in der seinigen. Er findet sie schöner, zarter geworden, wahrend er ihr herrlich vorkommt wie immer und der Ausdruck von Müdigkeit und Schwermut, der in seinen Augen liegt, ihn nur männlicher erscheinen läßt als bei seiner Abreise. Die Müdigkeit kommt von der Hast seiner Reise, die er gleich nach Empfang des furchtbaren Planusschen Briefes angetreten. Das Wort »Schande« hat ihn angestachelt; augenblicklich, ohne Urlaub ist er gekommen, hat seine Stellung, sein Hab und Gut daran gesetzt, ist vom Schiffe ins Eisenbahncoups gestiegen und hat erst in Paris Halt gemacht. So hatte er denn wohl Ursache, ermüdet zu sein, um so mehr, da er in Gedanken voll Angst, Zweifel und wachsender Besorgnis die weite Entfernung wenigstens zehnmal durchmessen hat. Seine Schwermut aber stammt aus früheren Zeiten; sie ist auf den Tag zurückzuführen, als das Mädchen, das er liebte, sich geweigert, ihn zu heiraten, um sechs Monate später seines Bruders Weib zu werden. Das waren zwei harte Schläge kurz nacheinander und der zweite noch härter als der erste. Uebrigens hat ihm sein Bruder vor der Hochzeit geschrieben, ihn gleichsam um seine Einwilligung zu seinem Glück gebeten, und hat das in so rührenden, zärtlichen Worten gethan, daß die Wucht des Schlages in etwas dadurch gemildert wurde. Und dann haben Zeit, Arbeit und weite Reisen den Schmerz des jungen Mannes mehr und mehr bezwungen, bis endlich nur noch eine stille Schwermut davon zurückgeblieben ... es wäre denn, daß sein Zorn und Haß gegen das Weib, das seines Bruders Namen entehrt, ein Nachhall seiner einstigen Liebe ist. Nein, nein, Franz Risler hat nur die Absicht, die Ehre seines Namens zu rächen. Nicht als Liebender, als Richter ist er gekommen – Sidonie mag sich hüten. Sobald er in Paris dem Coupé entstiegen war, begab er sich in die Fabrik; er hoffte, daß ihm die Ueberraschung, das Erschrecken über sein unerwartetes Erscheinen auf den ersten Blick verraten würden, was hier vorging. Unglücklicherweise hatte er aber niemand getroffen. Seit vierzehn Tagen schon waren die Jalousieen des kleinen Hinterhauses geschlossen und Vater Achilles sagte ihm, daß beide Damen auf ihren Landsitzen wohnten und daß auch die beiden Associés jeden Abend hinausfuhren. Fromont junior hatte heute das Geschäft schon früh verlassen, Risler senior war eben erst fortgegangen. Franz beschloß, mit dem alten Sigismund zu sprechen. Aber es war Samstag, das heißt Zahltag, und so mußte er warten, bis die lange Reihe der Arbeiter abgefertigt war, die sich von der Portierloge des alten Achilles bis zum Kassenschalter erstreckte. Trotz seiner Ungeduld und Traurigkeit that es dem armen Jungen, der von Kindheit an das Leben der Pariser Arbeiter kennen gelernt hatte, in der Seele wohl, sich einmal wieder inmitten dieses eigentümlichen Treibens zu befinden. Auf allen diesen teils gutmütigen, teils boshaften Gesichtern lag das frohe Bewußtsein der vollendeten Wochenarbeit, und es war unverkennbar, daß für sie der Sonntag bereits am Samstag um sieben Uhr abends vor der kleinen Lampe des Kassierers seinen Anfang nahm. Man muß unter den Gewerbtreibenden gelebt haben, um den Reiz und die Weihe des Ruhetags zu begreifen. Vielen dieser armen Menschen, die ungesunde Arbeiten betreiben, bringt der segensreiche Sonntag das Aufatmen in frischer Luft, das ihnen für Gesundheit und Leben unentbehrlich ist. Daher die jubelnde Freude, die ihn begrüßt, die lärmende Lust, mit welcher er genossen wird. Es ist, als ob der Druck der Wochenarbeit mit dem letzten Dampf der Maschinen, der zischend über dem Rinnsteine ausströmt, in alle Winde zerstreut würde. Beim Verlassen des Schalters zählten die Arbeiter das Geld, das blinkend in ihren geschwärzten Händen lag, sorgsam nach. Einige schienen unzufrieden, murrten, beschwerten sich. Aber sie hatten Arbeitsstunden versäumt oder Vorschuß erhalten, und durch das Klingen der schweren Kupfermünzen hörte man die ruhige, mitleidslose Stimme des alten Sigismund, der die Interessen der Firma bis zur Hartherzigkeit verteidigte. Franz war mit den Scenen des Zahltages vertraut und wußte die echten Herzenstöne von den falschen zu unterscheiden. Er wußte, daß dieser um seiner Familie willen mehr verlangte, um den Bäcker, den Apotheker, die Schule zu bezahlen, jener nur für die Schenke oder noch Schlimmeres. Auch die traurigen, verkümmerten Schattengestalten, die vor dem Thorwege der Fabrik hin und her huschten und lange, forschende Blicke in den Hof warfen, waren ihm bekannt. Sie alle warteten auf einen Vater, einen Gatten, um ihn mit Bitten oder Vorwürfen so schnell als möglich nach Hause zu geleiten. Und die barfüßigen Kinder; die elenden, in alte Shawlfetzen gehüllten Säuglinge; die zerlumpten Weiber, deren thränennasse Wangen so weiß sind wie die Haube, die sie umschließt. Und das Laster, das in finsteren Winkeln auf die Stunde der Lohnzahlung lauert; die Spelunken, die in engen dunkeln Gassen ihre Lampen anzünden und hinter den schmutzigen Scheiben die bunten Farben der Alkoholgifte zur Schau stellen ... all dies Elend war Franz bekannt, aber niemals war es ihm so düster, so herzzerreißend erschienen, wie an diesem Abend. Endlich war die Ablohnung vorüber und der alte Sigismund verließ sein Bureau. Die beiden Freunde erkannten und umarmten sich, und in der tiefen Stille der für vierundzwanzig Stunden rastenden Fabrik berichtete der alte Kassierer, was geschehen war. Er schilderte Sidoniens Thun und Treiben, ihre wahnsinnige Verschwendung, die Schande, die sie über ihren Mann gebracht hatte. Kürzlich erst hatte das Rislersche Ehepaar in Asnières ein Landhaus, die ehemalige Besitzung einer Schauspielerin, gekauft und prachtvoll eingerichtet; sie hielten Wagen und Pferde und machten überhaupt großen Aufwand. Was den wackeren Sigismund am meisten beunruhigte, war die Zurückhaltung Georges Fromonts. Seit einiger Zeit nahm er beinahe gar kein Geld aus der Kasse und doch brauchte Sidonie mehr als je. »Es steht gar nicht gut ... gar nicht gut!« sagte der Kassierer mit traurigem Kopfschütteln, und mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: »Aber dein Bruder, lieber Junge, dein Bruder? ... Wie soll man sich sein Benehmen erklären? Er sieht in die Luft, steckt die Hände in die Taschen und hat für nichts Sinn als für seine unglückselige Erfindung, die nicht mehr vorwärts will. Soll ich dir sagen, was ich von ihm denke? Er ist entweder ein Schuft oder ein Dummkopf!« Während dieses Gespräches gingen sie in dem kleinen Garten auf und nieder, blieben stehen, schritten weiter und Franz war dabei zu Mut, als befinde er sich in einem wüsten Traum. Seine schnelle Reise, der plötzliche Wechsel des Klimas und der Umgebung, Sigismunds endloser Wortschwall, das neue Bild, das er sich von seinem Bruder und Sidonie machen sollte – von Sidonie, die er so innig geliebt hatte... das alles verwirrte ihn, brachte ihn fast von Sinnen. Es war spät – der Abend brach herein. Sigismund schlug vor, daß Franz mit ihm nach Montrouge gehen und bei ihm übernachten solle; aber der junge Mann lehnte die Einladung ab, indem er Müdigkeit vorschützte, und als er sich dann in der unbehaglichen Zwischenzeit, wenn das Tageslicht erloschen und das Gas noch nicht angezündet ist, im Marais allein sah, begab er sich mechanisch nach seiner alten Wohnung in der Rue de Braque. An der Hausthür hing ein Zettel mit der Inschrift: »Möbliertes Zimmer zu vermieten«, und es fand sich, daß es die Stube war, die er so lange mit seinem Bruder bewohnt hatte. Er erkannte seine, noch immer mit vier Stecknadeln an der Wand befestigte Landkarte, das Treppenfenster und das kleine Thürschild der beiden Delobelles: »Modeartikel in Vögeln und Käfern.« Die Delobellesche Thür stand offen; er brauchte sie nur anzustoßen, um eintreten zu können. Sicherlich gab es für ihn in ganz Paris keine bessre Zuflucht, kein Plätzchen, wo sein erschüttertes Gemüt sicherere Ruhe und Frieden finden konnte. Diese stille, arbeitsvolle Häuslichkeit wurde für sein augenblicklich so haltloses Dasein zum Hafen der Ruhe, zum sonnigen, friedvollen Ufer, wo fleißige Frauen die Heimkehr des Gatten, des Vaters erwarteten, während draußen Wind und Wellen tosen. Was ihn aber vor allem – vielleicht nur unbewußt – anzog, war die Empfindung, hier eine treue Zuneigung zu finden, war jene Zaubermacht, welche selbst die Liebe, die wir nicht erwidern, auf uns ausübt. Wie lieb hatte ihn der kleine Eisblock Désirée! Wenn sie mit ihm die gleichgültigsten Dinge besprach, leuchteten ihre Augen, und das unbedeutendste seiner Worte verklärte ihr hübsches Gesicht. Das war ein wohlthuendes Ausruhen nach allen den bitteren, verletzenden Worten des alten Sigismund. Sie plauderten lebhaft miteinander, während Madame Delobelle den Tisch deckte. »Sie essen doch mit uns, Monsieur Franz? ... Der Vater ist ausgegangen, um unsre Arbeit fortzutragen, aber zum Essen kommt er bestimmt nach Hause.« Die gute Frau sagte das mit einem gewissen Stolz und war dazu berechtigt, denn seit dem Mißlingen seines Theaterunternehmens speiste der berühmte Mann nicht mehr auswärts – selbst nicht, wenn er das Wochengeld erhob. Der unglückliche Theaterdirektor hatte in seinem Restaurant so häufig auf Kredit gegessen, daß er jetzt nicht mehr hinzugehen wagte. Dagegen verfehlte er nie, Samstags zwei bis drei ausgehungerte Tischgäste mitzubringen, alte Kameraden, Pechvögel, wie er selbst einer war. Diesen Abend erschien er in Begleitung eines Bonvivants vom Theater zu Metz und eines Komikers vom Theater zu Angers, beide augenblicklich außer Engagement. Der Komiker, der im Lampenlicht alt und grau geworden war, sah mit seinem glattrasierten Gesicht wie ein greiser Gassenjunge aus und der Bonvivant trug einen spanischen Mantel und ließ keine Spur von Wäsche sehen. Schon von der Thürschwelle aus begann Delobelle sie pomphaft vorzustellen, aber als er Franz Risler erblickte, unterbrach er sich. »Franz!... mein geliebter Franz!« rief der alte Bretterheld mit melodramatischem Ausdruck, indem er mit den Händen krampfhaft in die Höhe fuhr, und nach einer langen, gefühlvollen Umarmung stellte er seine Gäste gegenseitig vor: »Monsieur Robricart vom Theater zu Metz, Monsieur Chadezon vom Theater zu Angers – Monsieur Franz Risler, Ingenieur.« Im Munde Delobelles gewann das Wort »Ingenieur« ein unsagbares Gewicht! Désirée verzog den Mund, als sie die Freunde des Vaters erblickte; sie hätte den heutigen Abend viel lieber im engsten Familienkreise verlebt. Aber dafür hatte der große Mann kein Verständnis und überdies war er zu sehr mit der Entleerung seiner Taschen beschäftigt. Zuerst entnahm er ihnen eine köstliche Pastete. – »Für die lieben Damen« sagte er und schien ganz zu vergessen, daß er selbst dafür schwärmte. Dann erschien ein Hummer, eine Arlesische Wurst, kandierte Mandeln und frische Kirschen – das erste vom Jahre! Während der entzückte Bonvivant einen unsichtbaren Hemdkragen aufzupfte und der Komiker mit einer Gebärde, die vor etwa zehn Jahren Beifall zu erregen pflegte, ein behagliches Grunzen hören ließ, dachte Désirée mit Schrecken an die Lücke, welche dies improvisierte Festmahl in ihrer beschränkten Kasse zurücklassen mußte, und Madame Delobelle durchstöberte ihr Buffett, um die nötigen Bestecke zusammenzufinden. Die Mahlzeit verlief in heiterster Stimmung. Die beiden Komödianten hieben tapfer ein, zur Freude Delobelles, der allerlei Bühnenerinnerungen mit ihnen austauschte. Das war nun freilich nichts Erquickliches, sondern gleichsam ein häßliches Durcheinander verblichener Gewänder, erloschener Lampen, verschimmelter, zerbröckelnder Requisiten. – In platt-vertraulicher Ausdrucksweise erinnerten sie sich an ihre zahllosen Triumphe, denn ihrer Darstellung nach waren sie alle drei mit Beifall überschüttet, mit Lorbeer gekrönt, von der Bevölkerung ganzer Städte hochgefeiert, und während sie davon sprachen, aßen sie, wie eben Schauspieler essen, wenn sie auf der Bühne, mit einer Dreiviertelswendung das Gesicht voll dem Publikum zugekehrt, vor einer Mahlzeit von Papiermache sitzen, abwechselnd reden und schlucken und durch die Art und Weise, wie sie das Glas hinstellen oder den Stuhl heranrücken oder mit Messer und Gabel hantieren, Teilnahme, Verwunderung, Freude oder Schrecken ausdrücken. Mutter Delobelle hörte lächelnd zu, denn eine Frau, die seit dreißig Jahren die Gattin eines Schauspielers ist, hat sich nachgerade an solche Seltsamkeiten gewöhnt. Ein Eckchen des Tisches aber war, wie durch eine Nebelwolke, die jede Albernheit, jedes grobe Lachen, jede Prahlerei auffing, von der übrigen Gesellschaft getrennt. Da saßen in halblautem Geplauder Franz und Désirée, ohne von den Gesprächen der andern etwas zu hören. Kindheitserlebnisse, Geschichten aus der Nachbarschaft, nichtssagende Vorfälle, denen nur die Gemeinsamkeit der Erinnerungen Wert verlieh, waren der Gegenstand ihres traulichen Geflüsters. Plötzlich zerriß die Nebelwolle und die dröhnende Stimme Delobelles unterbrach das Zwiegespräch. »Du hast deinen Bruder noch nicht gesehen?« fragte er Franz, um diesen Gast nicht ganz zu vernachlässigen. »Auch seine Frau noch nicht? ... Nun, da wirst du eine Modedame finden . .. Toiletten, mein Junge, und einen Schick ... ich will dir nichts weiter sagen! ... In Asnières haben sie ein wahres Schloß . .. auch die Chèbes wohnen dort. Wir sind uns durch alles das fremd geworden. Wenn man reich wird, läßt man die alten Freunde fallen. Kein Wort für uns .. kein Besuch. Was mich betrifft, so kannst du dir wohl denken, daß es mich gleichgültig läßt, aber für meine Frau und Tochter ist es eine Kränkung.« »Oh, Papa,« fiel Désirée lebhaft ein, »du weißt, daß mir Sidonie viel zu lieb haben, um ihr das übelzunehmen.« Der Schauspieler schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. »Das ist eben euer Unrecht,« rief er aus. »Man hat es übelzunehmen, wenn die Leute darauf ausgehen, uns zu kränken und zu demütigen.« Er hatte das Versagen des Kapitals zu seinem Theaterunternehmen noch nicht verschmerzt und war nicht gewöhnt, seinen Groll zu verbergen. »Wenn du wüßtest,« fuhr er zu Franz gewendet fort, »wenn du wüßtest, welche Verschwendung sie treiben ... es ist ein wahrer Jammer! Diese Unvernunft ... Diese Gedankenlosigkeit! Ich, der ich hier vor dir sitze, habe deinen Bruder um eine kleine Summe gebeten, die mir eine Zukunft gesichert und ihm reiche Zinsen eingebracht hätte . .. er hat sie mir rundweg abgeschlagen. Natürlich! Madame braucht eben zu viel. Sie reitet, fährt in eigner Equipage zu Wettrennen und läßt den Mann nach ihrer Pfeife tanzen. Auch glaube ich, unter uns gesagt, durchaus nicht, daß sich der gute Risler glücklich fühlt ... seine kleine Frau spielt ihm allerlei Streiche.« Der ehemalige Schauspieler vervollständigte seine Rede durch ein ausdrucksvolles Augenblinzeln, das er dem Komiker und dem Bonvivant zuwarf, worauf ein Austausch jener hergebrachten Grimassen und Ausrufungen stattfand, die auf der Bühne stilles Verständnis ausdrücken. Franz war niedergeschmettert; so sehr er sich dagegen sträubte, die traurige Gewißheit drang von allen Seiten auf ihn ein. Sigismund hatte in seiner Weise gesprochen; jetzt that es Delobelle in der seinigen . . das Ergebnis war ganz dasselbe. Glücklicherweise war das Diner zu Ende; die Schauspieler erhoben sich und gingen miteinander in die Brauerei der Rue Blondel, Franz blieb mit den Frauen allein. Als ihn Désirée so weich und zutraulich an ihrer Seite sitzen sah, überkam sie plötzlich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit für Sidonie. Sie sagte sich selbst, daß sie diesen Schimmer von Glück im Grunde genommen nur der Großherzigkeit ihrer ehemaligen Freundin zu verdanken habe, und diese Empfindung gab ihr den Mut, sie zu verteidigen. »Monsieur Franz, ich möchte Sie bitten, nicht alles zu glauben, was Papa von Ihrer Schwägerin gesagt hat. Er übertreibt leicht ein bißchen, der gute Papa. Ich bin überzeugt, daß Sidonie nichts von dem gethan hat oder thun könnte, was man ihr schuld gibt. Ich bin überzeugt, daß ihr Herz das alte geblieben ist und daß sie ihre Freunde noch immer lieb hat, wenn sie dieselben auch vernachlässigt. Das bringt das Leben so mit sich ... man wird getrennt, ohne daß man es will. .. meinen Sie nicht auch, Monsieur Franz?« Wie hübsch fand er sie, während sie ihm so zuredete! Nie zuvor war ihm die Feinheit ihrer Züge, die vornehme Zartheit ihrer Farben so aufgefallen, und als er diesen Abend fortging, voll Rührung über den Eifer, mit dem sie versucht, Sidonie zu verteidigen und für deren Verstummen und Wegbleiben allerlei echt weibliche Entschuldigungsgründe aufzufinden, sagte sich Franz Risler mit einer Regung selbstsüchtiger Freude, daß ihn dies junge Wesen geliebt habe, ihn vielleicht noch immer liebe, und daß er möglicherweise in ihrem Herzen jetzt und immerdar die warme, sichere Zufluchtsstätte finden werde, in die wir uns so gern verbergen, wenn uns das Leben verwundet hat. Die ganze Nacht lag er in unruhigem Schlafe, einer Art Nachempfindung der Reiseunruhe, umtönt von dem Wind- und Wellenrauschen, das nach langer Meerfahrt in unsern Ohren zurückbleibt, und träumte von seiner frühen Jugendzeit, von der kleinen Chèbe und Désirée Delobelle, von ihren Spielen, ihren Arbeiten, und von der Ecole Centrale, deren große Gebäude ganz in der Nähe, in den finsteren Straßen des Marais still wie im Schlafe lagen. Als der Morgen kam und das Sonnenlicht durch die vorhanglosen Fenster in seine Augen fiel und das Gefühl der Pflicht den Trieb zur Arbeit in ihm weckte, träumte ihm, daß es Zeit sei, in die Schule zu gehen, und daß der Bruder, ehe er sich in die Fabrik begab, seine Thüre öffnete und ihm zurief: »Steh auf, Faulpelz! steh auf!« Diese gute, liebevolle Stimme war jedoch zu laut, zu wirklich für den Traum und zwang ihn vollends die Augen zu öffnen. – Da stand Risler an seinem Bette, wartete mit zärtlichem, etwas gerührtem Lächeln auf sein Erwachen und der beste Beweis, daß er es wirklich war, lag in den Worten, womit er seiner Empfindung beim Wiedersehen des Bruders Ausdruck gab: »Ich bin so glücklich ... so glücklich!« Trotz des Sonntags war Risler seiner Gewohnheit nach in die Fabrik gekommen, um die darin herrschende Ruhe zur Arbeit an seiner Druckmaschine zu benutzen. Vater Achilles hatte ihm mitgeteilt, daß sein Bruder angekommen und in der Rue de Braque abgestiegen sei, und so war er herbeigeeilt, erfreut, verwundert und etwas gekränkt darüber, daß Franz seine Ankunft nicht vorher gemeldet, und vor allem, daß er den ersten Abend nach der Heimkehr nicht mit ihm verlebt hatte. Immer wieder kam er mit leiser Anklage darauf zurück, während er von allem möglichen zu sprechen anfing und seine Mitteilungen durch tausend verschiedene Fragen, durch Liebkosungen und Freudenbezeigungen unterbrach. Franz entschuldigte sich mit seiner Müdigkeit und dem Verlangen, ihr altes liebes Zimmer zu bewohnen. »Schon gut... schon gut!« fiel Risler ein; »nun aber lasse ich dich nicht wieder los. Du mußt gleich mit nach Asnières hinauskommen... für heute gebe ich mir einen Feiertag... denn du begreifst wohl, daß ich nichts thun kann, wenn du eben angekommen bist. Wie sich die Kleine wundern und freuen wird! ... Wir haben oft von dir gesprochen ... Nein! dies Glück ... dies Glück!« Seine Freude war so groß, daß sie ihn, den Schweigsamen, geradezu zum Schwätzer machte. Er bewunderte seinen Franz: fand, daß er noch gewachsen sei, und er war doch schon vor der Abreise, schon als Schüler der Ecole Centrale, von ansehnlicher Größe gewesen. Jedenfalls hatten sich seine Züge schärfer ausgeprägt, seine Brust war breiter geworden, und der lange, ungelenke Bursche mit schülerhafter Haltung, der vor zwei Jahren nach Ismailia gegangen war, wurde von dem schönen, sonnengebräunten, freundlich-ernsten Afrikareisenden, der jetzt heimkam, weit übertroffen. Während Risler seinen Franz betrachtete, sah auch dieser den Bruder aufmerksam an, fand ihn unverändert, ebenso harmlos, herzlich, hin und wieder zerstreut wie ehemals und sagte zu sich selbst: »Nein, es ist nicht möglich! er ist noch immer ein Ehrenmann.« Dann erinnerte er sich des Verdachtes, den man gegen ihn zu hegen wagte, und sein ganzer Zorn wendete sich gegen die heuchlerische, lasterhafte Frau, die ihren Mann so frech und straflos betrog, daß er als ihr Mitschuldiger angesehen wurde. Aber er wollte eine furchtbare Auseinandersetzung mit ihr haben; wollte ihr gerade heraus sagen: »Ich verbiete Ihnen ... hören Sie wohl, ich verbiete Ihnen, meines Bruders Namen zu entehren!« Diese Gedanken beschäftigten ihn unablässig, während sie an den jungen Bäumen längs der Eisenbahnböschung von Saint Germain vorüberfuhren. Risler, der ihm gegenüber saß, plauderte unaufhörlich. Er erzählte von der Fabrik, von den Geschäften. Im vergangenen Jahre hatte jeder von ihnen vierzigtausend Franken verdient; es sollte jedoch noch ganz anders kommen, wenn seine Druckmaschine erst im Gange war. »Eine rotierende Presse, lieber Junge, die mit einer einzigen Drehung des Rades zwölf bis fünfzehn Farben druckt, rot auf rosa, dunkelgrün auf hellgrün, ohne daß sich etwas verwischt, ohne daß die Farben ineinander fließen, oder die Zeichnung im mindesten leidet. Verstehst du mich, Brüderchen? – Eine Maschine, die wie ein Mensch künstlerisch arbeitet und die ganze Tapetenfabrikation umgestalten wird.« »Und hast du dies Wunderwerk schon gefunden oder suchst du noch danach?« fragte der junge Mann mit einiger Besorgnis. »Gefunden! ... vollständig gefunden! Morgen sollst du meine Zeichnungen sehen. Ich habe außerdem eine mechanische Vorrichtung zum Aufhängen der Tapeten zu stande gebracht. Nächste Woche richte ich mir oben auf unserm Speicher eine Werkstatt ein, wo ganz im geheimen, unter meinen Augen die erste Druckmaschine zusammengestellt werden soll. In drei Monaten muß das Patent genommen und die Maschine in Thätigkeit sein. Dann, lieber Franz, werden wir allesamt reiche Leute ... und du kannst dir leicht denken, wie glücklich es mich machen wird, wenn ich den Fromonts das Gute, das sie mir erwiesen haben, in etwas wenigstens vergelten kann. Ja, der liebe Gott hat mir ein glückseliges Los beschieden.« Und nun begann er, die einzelnen Bestandteile seines Glückes aufzuzählen. Sidonie war das beste Geschöpf der Welt, eine reizende, kleine Frau, die ihm alle Ehre machte. Ihre Häuslichkeit war höchst angenehm; sie hatten oft Gesellschaft und zwar sehr feine Gesellschaft. Die Kleine sang wie eine Nachtigall, dank der vortrefflichen Methode ihrer Singlehrerin, Madame Dobson, die ebenfalls ein herzensgutes Wesen war. Nur eins machte dem wackeren Risler aufrichtigen Kummer; die unbegreifliche Verstimmung und Entfremdung zwischen ihm und Sigismund . .. vielleicht half ihm Franz dazu, dies Dunkel aufzuklären. »Gewiß, Bruder, ich helfe dir!« antwortete Franz mit zusammengebissenen Zähnen, und die Röte des Zornes stieg ihm ins Gesicht, bei dem Gedanken, daß man dieser offnen, treuen Seele, die sich so einfach, so unbefangen aussprach, mißtrauen konnte. Gut, daß er als Richter und Rächer gekommen war; er wollte alles aufklären und zurechtrücken! Inzwischen waren sie Asnières und dem Landhäuschen immer näher gekommen. Franz hatte dasselbe schon von weitem wegen seines zierlichen Treppentürmchens und seines glänzend neuen, blauen Schieferdaches bemerkt. Nun fand er, daß es wie für Sidonie geschaffen war ... der passende Käfig für dies Vögelchen mit dem bunten, auffallenden Gefieder. Es war ein zweistöckiges Schweizerhäuschen; schon von der Eisenbahn aus konnte man es inmitten eines weiten Rasenplatzes, den eine ungeheure englische Glaskugel zierte, mit blanken Spiegelscheiben und rosa gefütterten Gardinen schimmern sehen. Die Seine, die hier noch ganz ihr Pariser Aussehen hat, mit Schiffen, Barken und Badeanstalten belastet ist und mit jeder Welle eine Unzahl kleiner an der Ufermauer befestigter Kähne schaukelt, auf deren anspruchsvollen, frisch gemalten Namen eine Schicht von Kohlenstaub liegt, floß an der Besitzung vorüber. Von ihren Fenstern aus konnte Sidonie die Wirtshäuser am Strome beobachten; in der Woche sind sie einsam, an Sonn- und Festtagen aber von einer bunten, lärmenden Menge belebt, deren Jubeln, Lachen, Singen und Rufen, von schweren Ruderschlägen begleitet, zehn Stunden lang am Flusse auf und nieder klingt. An Wochentagen dagegen zeigten sich zerlumpte, unbeschäftigte Leute am Stromufer; Männer in großen, groben, spitzigen Strohhüten und wollenen Jacken; Weiber, die sich müde, mit starrem, wie von weidenden Herden träumendem Blick auf das welke, zertretene Gras der Böschungen sinken ließen. Allerlei Vagabunden, Orgelspieler, Harfenisten, herumziehende Seiltänzer, rasteten hier und sperrten den Quai, während in den angrenzenden Häusern hin und wieder eine unordentliche Jacke, ein Kopf mit ungekämmtem Haar, oder die Pfeife eines Faulenzers an den Fenstern erschien, um dies fahrende Gesindel, wie einen Gruß der Hauptstadt, mit Sehnsucht zu beobachten. Es war ein häßlicher, trauriger Anblick. Das kaum hervorsprießende Gras welkte unter den Füßen; alles ringsumher war mit schwärzlichem Staub bedeckt; aber jeden Donnerstag fuhr hier die elegante Halbwelt vorüber, um sich in großem Pomp auf leichten Rädern, mit erborgten Equipagen und Livreen ins Kasino zu begeben. Sidonie, die eingefleischte Pariserin, hatte daran ihre Freude, auch hatte sie schon als »kleine Chèbe« durch den berühmten Delobelle ohne Unterlaß von Asnières gehört. War es doch sein höchster Wunsch, in diesem Orte, wie so viele andre Schauspieler, ein Häuschen zu besitzen, ein grünes Winkelchen, das noch mit dem Mitternachtszuge, nach Schluß der Theater zu erreichen ist. – Alle Träume der kleinen Chèbe verwirklichte Sidonie Risler. Die Brüder kamen an die Pforte des Quais, in der wie gewöhnlich der Schlüssel steckte. Sie traten hinein und gingen durch junges Gebüsch, hier an einem Billardsaale, dort an der Gärtnerwohnung, weiterhin an einem kleinen Treibhause vorüber. Alles sah aus, als ob es einer Spielzeugschachtel entnommen, nur vorübergehend zusammengestellt wäre und vom leisesten Lufthauch der Laune oder des Bankerotts über den Haufen geworfen werden könnte – es war das Landhaus einer Cocotte oder eines Börsenspielers. Franz sah mit einer gewissen Verwunderung umher. Im Hintergrunde führte eine mit Blumen besetzte Freitreppe zu dem weit offenstehenden Salon hinauf. Ein amerikanischer Schaukelstuhl, Feldstühle, ein Tischchen, auf dem noch das Kaffeeservice stand, an der Thür. Von innen tönte Klavierspiel und das Flüstern gedämpfter Stimmen. »Sidonie wird sich wundern; sie erwartet mich erst heute abend,« sagte der wackere Risler, indem er so leise als möglich auf dem Kieswege hinschritt. »Eben musiziert sie mit Madame Dobson.« Sie hatten die Thür erreicht, und auf der Schwelle stehen bleibend, rief er mit seiner derben, gutmütigen Stimme: »Rate 'mal, wen ich dir bringe!« Madame Dobson, die allein am Klavier saß, sprang von ihrem Taburett in die Höhe und aus dem Hintergrunde des Salons traten hastig hinter einem mit exotischen Pflanzen besetzten Blumentische Georges Fromont und Sidonie hervor. »Wie du mich erschreckt hast!« rief die junge Frau, indem sie auf Risler zueilte. Die Spitzenkrausen ihres langen, weißen Morgenkleides, dessen blaue Bänder wie zwischen Wolken durchschimmerndes Himmelblau aussahen, schleiften über den Teppich, während sie, ihre Verlegenheit bemeisternd, hochaufgerichtet, mit freundlicher Miene und ihrem gewöhnlichen halben Lächeln herantrat, ihren Mann umarmte und Franz mit den Worten: »Guten Morgen, Bruder!« die Stirn zum Kusse bot. Risler ließ die beiden Auge in Auge stehen und trat zu Fromont junior , dessen Anwesenheit ihn aufs höchste überraschte. »Wie, Schorsch, Sie sind hier? ... ich glaubte, Sie wären in Savigny.« »Ich wollte auch ... aber stellen Sie sich vor ... ich bin gekommen ... Ich glaubte nämlich, Sie blieben den Sonntag über in Asnières und wollte über eine Geschäftsangelegenheit mit Ihnen sprechen.« Und mit großer Lebhaftigkeit, in ziemlich verwirrten Sätzen begann er ihm von einer wichtigen Bestellung zu erzählen. Sidonie war verschwunden, nachdem sie mit dem kalt und starr bleibenden Franz einige nichtssagende Redensarten gewechselt hatte, und Madame Dobson fuhr in leisen, gedämpften Tönen zu spielen fort; es klang wie die Begleitung einer entscheidenden Scene im Melodrama. Die Lage der Dinge war in der That eine bedenkliche, aber Rislers gute Laune brachte alles einigermaßen wieder ins Gleis. Er entschuldigte sich bei seinem Compagnon, daß er nicht gleich dagewesen war, wünschte Franz das Haus zu zeigen und führte ihn vom Salon in den Pferdestall, vom Stall in die Speisekammer, den Wagenschuppen, das Gewächshaus; alles war neu, blank, glänzend, zu klein und unbequem. »Es hat eine Menge Geld gekostet!« sagte Risler mit einem gewissen Stolz und ließ Sidoniens Besitztum bis in alle Einzelheiten bewundern. Er zeigte, wie Gas und Wasser in alle Stockwerke geleitet waren, zeigte die elektrischen Klingeln, die Gartenmöbel, das englische Billard, das Badezimmer und erging sich dabei in Dankesbezeigungen gegen Georges Fromont, der ihm durch die Ernennung zu seinem Compagnon geradezu ein Vermögen in die Hand gelegt hatte. Bei jedem neuen Gefühlsausbruch des wackeren Risler suchte sich Georges Fromont beschämt und bedrückt dem seltsamen Blick, den Franz auf ihn richtete, zu entziehen. Auch das Frühstück ging in unbehaglicher Stimmung vorüber. Madame Dobson trug beinahe allein die Kosten der Unterhaltung und war glückselig, im vollen Fahrwasser einer Liebesintrigue mitzuschwimmen. Da sie die Geschichte ihrer Freundin bis in alle Einzelheiten kannte, oder doch zu kennen glaubte, sah sie in der stillen Wut des armen Franz die Eifersucht des verschmähten Liebhabers, der seine Stelle besetzt findet, und in Georges Fromonts Unruhe die Furcht vor dem eingekehrten Nebenbuhler. Dem einen schenkte sie einen ermutigenden Blick, den andern suchte sie durch ein Lächeln zu trösten, bewunderte Sidoniens sichere Haltung und wendete ihre volle Nichtachtung dem abscheulichen Risler, diesem rohen, grausamen Tyrannen zu. Unablässig aber war sie bemüht, an der kleinen Tafelrunde das fürchterliche Schweigen nicht aufkommen zu lassen, zu dem das Klappern der Messer und Gabeln eine so lächerliche und peinliche Begleitung abgibt. Gleich nach Beendigung des Frühstücks erklärte Georges Fromont, daß er nach Savigny zurückkehren müsse, und Risler wagte nicht, ihn festzuhalten, weil er bedachte, daß seine liebe Madame Schorsch einen einsamen Sonntag haben würde. Ohne seiner Geliebten ein vertrauliches Wort sagen zu können, mußte Georges in der vollen Mittagsglut nach dem Bahnhofe gehen, noch dazu in Gesellschaft des Ehemannes, der als liebenswürdiger Wirt darauf bestand, ihn nach der Eisenbahn zu begleiten. Einen Augenblick blieb Madame Dobson mit Franz und Sidonie in der kleinen Laube, deren Rebengerank mit rosigen Knospen übersäet war. Dann aber sah sie ein, daß sie den beiden lästig wurde, kehrte in den Salon zurück und begann, wie vorhin, als Georges da war, leise und ausdrucksvoll zu singen und zu spielen. In der tiefen Stille des Gartens wirkte dies gedämpfte, durch die Zweige ziehende Getön, wie Vogelgesang vor dem Ausbruch des Gewitters. Endlich waren die beiden allein. Unter dem Gitterwerk der Laube, das noch keine Blätter bekleideten, brannte die Maisonne mit unerträglicher Glut. Sidonie legte beschattend die Hand über die Augen, während sie die auf dem Quai Vorübergehenden betrachtete; auch Franz sah hinaus, in entgegengesetzter Richtung. Aber während sie sich nicht umeinander zu kümmern schienen, wendeten sie sich plötzlich, in demselben Augenblick, mit der gleichen Gebärde und dem gleichen Gedanken nacheinander um. »Ich habe mit Ihnen zu sprechen!« sagte er, als auch sie eben den Mund öffnete. »Auch ich!« antwortete sie mit ernster Stimme; »aber kommen Sie hier herein ... da werden wir weniger gestört.« Mit diesen Worten führte sie ihn nach einem kleinen Pavillon am Ende des Gartens. Ende des ersten Bandes.