Franz Blei Landfahrer und Abenteurer   München 1913 bei Georg Müller Copyright 1913 by Georg Müller in München Einleitung Geschichte nennt man Geschichten, denen der Erzähler einen Sinn gibt: Veritas in verbo, non in re consistit, sagt Thomas Hobbes, im Worte, nicht in der Sache liegt die Wahrheit. Was der Einzelne aus dem Material des Lebens macht, das erst ist Leben. Damit aus dem Kloss Erde ein Mensch würde, nahm Gott der Herr ein Rohr und blies ihm Seinen Odem ein. So tut der Dichter. Das ist seine Gottähnlichkeit. Er ruft die Menschen bei ihren Namen auf, die sie ohne seine nennende Stimme nicht wissen. Er ordnet das Chaos. Das ist sein Sinn. Er trägt ein Bild der harmonischen Welt in sich, wie eine Tafel, wie einen Plan, wonach sie sich zurechtzufinden. Er ordnet aus der Einheit seiner Person, die ihm aufgetragen ist, die Vielheit: er schafft nach seinem Ebenbilde. Er stellt aus jedem Menschenleben das Symbol dieses Lebens in die Welt wie Richtmarken und Wegzeichen durch das Verschlungene. Die Menschen sind an dem zu erkennen, was die Dichter über sie aussagen. Keine Definition ist genauer. Ich erzähle hier ein paar Lebensläufe, sonderbar scheinend, doch einfach im Grunde, denn sie sind Ausdruck von Leidenschaften, allen gemein, hier nur in einem beherrschenden Masse. Dadurch auffallend, aber nicht unverständlich fremdartig. Ja, es ist das Auffallende dieser Leben vielleicht gerade ihre Einfachheit, denn das Leben eines Trambahnschaffners scheint mir viel komplizierter und verwirrter. Definieren heisst die Wildnis einer Idee mit einer Mauer aus Worten umgeben. Die Mauer um die Idee des Abenteurers zu legen, wäre leichter als um die Idee des Trambahnschaffners. Diese Aufgabe erlasse ich mir, weil sie zu leicht ist. Und begnüge mich damit, anspruchslos die Lebensgeschichten zu erzählen, die hier folgen. Buck Whaley Thomas Whaley war das, was man im England des achtzehnten Jahrhunderts einen Buck nannte, und er trieb diese Tätigkeit mit solchem Erfolg und in solcher hoher Vollendung, dass er bis auf den heutigen Tag schlechtweg Buck Whaley heisst, wenn man ihn nicht nach seinem auffallendsten Abenteuer den Jerusalem Whaley nennt. Ein Buck aber war ein junger Mann der besseren Stände, der sein oder seiner Gläubiger Geld auf extravagante Weise ausgab und mehr auf einen überraschenden, als auf einen moralischen Lebenswandel bedacht war. Ein Buck war der junge Mann, der zur Leichenfeier seines Vaters aus den Fontänen seines Schlosses Tinte laufen liess. Ein Buck war der andere junge Herr, der in einem Wirtshaus einen Kellner totschlug und diese Sache einfach damit regelte, dass er den Toten mit fünfzig Pfund Sterling auf die Rechnung verlangte. Seiner Bucks wegen sah ganz Europa auf Dublin, das stolz auf sie war, so unleidlich diese Bravados auch oft den braven Bürgern dieser Stadt das Leben machten. Ein Buck war Thomas Whaley, nichts mehr und nichts weniger. Dass er über Zeiten seines Lebens Aufzeichnungen niedergeschrieben hat, die ein Zufall hundert Jahre nach seinem 1802 erfolgten Hingang zutag brachte, dies macht ihn nicht etwa zu einem Schriftsteller, so gut sein fragmentarisches Tagebuch auch geschrieben ist. Das Schreiben des Buck war ihm nicht irgend innere Not gewesen und auch nicht dilettantische Eitelkeit, sondern ihm von Umständen aufgezwungen, die ganz mit seinem eigentlichen Beruf, dem Buckisme, zusammenhingen. Seine Aufzeichnungen mussten ihm als Beweis für eine gewonnene Wette dienen, die ihn über Dublin hinaus berühmt gemacht hat und der wir die Kenntnis eines solchen Heldenlebens verdanken. Als Thomas Whaley sechzehn Jahre alt geworden war, fand es seine sehr junge Mutter an der Zeit, das letzte für seine Bildung zu tun: ihn nach Frankreich zu schicken. In einem Offizier, der Schulden halber sein Patent hatte verkaufen müssen, war der passende Hofmeister gefunden, der es sich angelegen sein liess, seinem Schützling nach Kräften dabei zu helfen, ein sehr bedeutendes Vermögen gegen gute Erfahrungen einzutauschen. Schon am ersten Abend in Paris verstanden sich Lehrer und Schüler in diesem Punkte vortrefflich, und es passierte auch im weiteren Verlauf der wechselvollen Bildungsreise nichts, die Eintracht der beiden zu trüben. An diesem ersten Abend verzichtete der Junge auf die ihm von seinem Hofmeister vorgeschlagene Oper, und als der um Mitternacht aus dem Theater kam, fand er seinen Zögling in nicht zweifelhafter Gesellschaft. Als die am andern Morgen darüber erwarteten Vorwürfe des Hofmeisters nicht nur ausblieben, sondern der ihm würdevoll erklärte, wie unschicklich es sei, dass er sich wegen einer solchen Bagatelle aufrege, da hatte Whaley in seinem Präzeptor einen Freund gefunden nach seinem Herzen. Der Mentor verstand sich auf Spitzbuben, aber er dachte nicht daran, seine Kenntnis darauf zu verwenden, seinen Schüler vor ihnen zu bewahren, sondern er führte sie ihm zu, da der Mensch ja nur durch Erfahrung klug wird, und der Lehrer seine Aufgabe ernst nahm. Wenn auch Whaley in seinen Memoiren nie einen solchen Verdacht ausspricht, so muss man es doch wohl aus allerlei Indizien glauben, dass der verkrachte Ex-Offizier an dem Gewinn der Falschspieler nicht ganz unbeteiligt war, die seinem Schüler das Geld abnahmen; der übrigens als der reizende Junge, der er war, darüber lachte, düpiert zu werden, etwas erstaunt, etwas beschämt, wenn er darauf kam, aber doch nie aus der Haltung gebracht. Der Hofmeister meinte nach einigen Monaten in Paris, dass Auch in den Pyrenäen, wo er einmal gewesen war, die feinste Stadt Frankreichs sei, wo man französisch fechten und tanzen am besten lerne. Also begab man sich nach Auch, wo Whaley ein »elegantes Haus« mietete, ein anderes in Cauterets, eines in Tarbes, eines in Bagnères. »Alle diese Häuser waren nicht weit voneinander, und in jedem trug ich dafür Sorge, dass eine Favoritin die Honneurs machte. Mein Präzeptor wollte meinem Beispiel folgen: er nahm auch seinerseits eine Schöne in Schutz und zog von einem Haus zum andern. Aber so sehr auch unser Geschmack und unser Penchant, was das schöne Geschlecht betrifft, gleich waren, glaubte ich doch zu bemerken, dass wir uns besser von weitem verstanden als in der Nähe, und von dem Augenblick an war sein Besuch in einer meiner Residenzen für mich immer das Signal, mich in eine andere zu begeben.« Ein Schüler kann seinen Lehrer nicht mit grösserem Respekt behandeln. Während dieses Jahres in den Pyrenäen hatte man ausser mit Mädchen und Spielern auch noch Umgang mit Leuten, deren Namen man sich merkt und aufzeichnet, so mit dem Bischof von Tarbes oder mit Prinz und Prinzessin Rohan, die den reichen jungen Irländer gern mit ihrer Tochter verheiratet hätten; woraus nichts wurde, da die strenggläubig protestantische Mrs. Whaley ihre Einwilligung nicht gab. Nicht darum befragt wurde sie vom Sohne, als er darauf ein Verhältnis mit einer sehr katholischen Comtesse anfing, welches die unangenehmen Folgen hatte, dass Whaley den Abbé, seinen Sprachlehrer, öffentlich verprügeln musste, weil der ihn bei den Eltern der Dame denunziert hatte. Er kam dafür ins Gefängnis, aber nur für ein paar Wochen, da der geprügelte Abbé ein falscher Abbé gewesen war. Aber Auch musste man verlassen, und man begab sich erst nach Marseille, dann nach Lyon, wo schon zwei Freunde von Distinktion auf Thomas Whaley warteten, die zu keinem andern Zwecke herbeigeeilt waren, als um ihm ein Spiel vorzuschlagen, bei dem er sofort Tausende verlor. Als ein Spieler, dem man auf ganz ungefährliche Weise die höchsten Summen abnehmen konnte, war Whaley in Europa eine Berühmtheit geworden. Er machte, wie er mit einer charmanten Ironie schreibt, die distinguiertesten Bekanntschaften, so weibliche wie männliche, die allsofort immer verschwunden sind, wenn er gerade meint, nun sei die Reihe zu gewinnen an ihm. In Paris, erzählt er gerührt, lernt er eine ausserordentlich feine Dame kennen, deren Gatte bei Hofe angestellt ist, welche Stelle er, wie sie ihm nach acht Tagen erzählt, verlieren müsse, wenn sie nicht sofort fünfhundert Pfund hätte. Whaley bringt, was er hat: achthundert Pfund. Die Dame begnügt sich mit sechshundert, und ist für immer verschwunden. Wahrscheinlich mit dem Hofmeister, denn seiner geschieht von nun ab keine Erwähnung mehr in den Memoiren. Wahrscheinlich mit dem Hofmeister, der ganz den gleichen Geschmack in weiblichen Dingen hatte wie sein Schüler. In der Glorie, die am Ende des Ancien Régime recht bedeutende Zahl der kontinentalen Freibeuter der Liebe und des Spieles gegen sich in heftige Bewegung gebracht zu haben, mit dem Ruhme bedeckt, in fünf Jahren ein ungeheures Vermögen bis auf einen kleinen Rest vertan zu haben, kam Thomas Whaley nach Dublin zurück, der selbstverständliche Head-Master des Hell-Fire-Club, dessen Mitglieder bei herabgelassenen Jalousien tagten, die nur aufgezogen wurden, wenn man einen allzu ungeschickten Falschspieler zum Fenster hinauswerfen musste. Man sprach wochenlang von dem Sprung, den Whaley zu Pferd vom zweiten Stockwerk des Hauses über eine hochbepackte Diligence weg tat. Man bestaunte das Mädchen, das er sich hatte von London kommen lassen. Aber seinem lebhaften Geiste war dies alles tatenloses Leben. Also liess er sich ein Schiff bauen, auf dem er losfahren wollte. Als ihn die Hell-Fire-Genossen nach seinem Reiseziel fragten, und er aus einem plötzlichen Einfall »Jerusalem« sagte, gab es ein grosses Gelächter; die einen meinten, Jerusalem, das gäbe es nicht, die andern, es sei nicht zu finden, wenn es Jerusalem auch schon gäbe, und das Ende war: man wettete, zwanzigtausend Pfund, wenn Whaley nach zwei Jahren aus diesem Jerusalem nach Dublin zurückkäme. Whaley ging zu Schiff. Das war schon etwas ganz anderes als der Sprung über die Diligence oder die Londoner Geliebte. Wie die Balladen bezeugen, die man auf Whaleys Jerusalemer Reise dichtete, zu singen etwa nach der Melodie von »Rutland Gigg«: Buck Whaley war sehr knapp im Geld, Da überraschte er die Welt, Und wettet viele Tausend Pfund, Es waren zwanzigtausend rund, Er fahre nach Jerusalem. Und so weiter in endlosen Strophen, die den Zug zu Schiff beschreiben, den Abschied, das Reisegepäck der Würfel und Karten, Tränen der Mädchen und Glockengeläut. Da Whaley sein eigenes Schiff umständehalber hatte verkaufen müssen, – sein Onkel half ihm nur aus einer Klemme unter der Bedingung, das Schiff oder die Geliebte aufzugeben, – segelte man auf des Kapitän Moore »London« ab, welcher Moore auch seinerseits ein Journal der berühmten Reise führte, welches der Wahrheitsliebe des Buck das beste Zeugnis ausstellt. Die Reise ging über Gibraltar, die griechischen Inseln, Kleinasien, Konstantinopel, das Heilige Land, und zurück über Cypern, Kreta, Italien nach Genua. Wie alle Reisenden der Zeit machte auch Whaley ausgiebigen Gebrauch von vorhandenen Beschreibungen, aber was er selber sah und erlebte, das erzählt er in seiner heiteren anspruchslosen Manier, wovon ein Beispiel geben möge, wie er in Cypern eine kleine Freundin kauft: »Nie werde ich meine zärtliche, treue und charmante Teresina vergessen, wie ich sie von ihren Eltern gekauft habe. Als ich sie zum ersten Male sah, sass sie vor ihrer Haustür. Die Schönheit ihrer Haut, die Regelmässigkeit ihrer Züge, aber besonders die unschuldige und bescheidene Einfachheit ihres Ausdruckes machten einen tiefen Eindruck auf mich. Als ihre Eltern das sahen, beschlossen sie sofort, daraus ihren Profit zu ziehen. Eine Viertelstunde später war der Handel geschlossen, ich hatte ungefähr hundertdreissig Pfund bezahlt und Teresina gehörte mir. So merkwürdig es auch scheinen mag: ich war der Einzige, der über diese seltsame Transaktion erstaunt war. Teresina weinte ja ein ganz klein wenig, als sie ihre Eltern verliess, aber die paar Tränen waren bald getrocknet, als ich ihr die teuersten Kleider gekauft hatte, die in der Stadt zu haben waren. Sie war in ihrer neuen Situation vollkommen glücklich. Dreizehn Jahre hatte sie nur, aber ihre Seele entsprach auf die wunderbarste Weise der herrlichsten Symmetrie ihres Leibes. Höflich und nett zu jedermann, ohne Klage über das Vergangene, ohne Sorge um die Zukunft war ihre einzige Beschäftigung, sich um das Wohlbefinden dessen zu kümmern, den sie als einen Herrn und Wohltäter betrachtete. Als ich am Ende meiner Reise war, sah ich ein, dass es sowohl meine Pflicht als meine Neigung war, das Los des himmlischen Kindes zu sichern; und da ich überzeugt war, dass sie gegen die vorzüglichen Qualitäten meines Dieners Paolo nicht unempfindlich sein konnte, welcher Paolo in seine armenische Heimat zurückkehren wollte, so schlug ich ihnen vor, sich zu heiraten, was mit Dankbarkeit anzunehmen sie sich beeilten. Ich überlasse es unsern modernen Philosophen, die glückliche Simplizität zu kommentieren. Was mich betrifft, so schäme ich mich nicht, die unterwürfige Passivität und weise Unphilosophie meiner teuren Teresina zu bewundern, wohingegen ich keine Worte stark genug finde für den interessierten Egoismus ihrer Eltern.« Erfahrungen, die der Buck in seinem bisherigen Leben gemacht hat, werden erweitert: ob und wie die fremden Frauen schön sind, welche Laster man treibt, was für Weine man trinkt, das wird vor allem festgestellt und aufgeschrieben. Die Historie der besuchten Orte beschäftigt ihn gar nicht, ganz wenig auch nur ihre landschaftliche Besonderheit. Hie und da notiert er eine kuriose Inschrift, zitiert, gebildet wie er war, einen alten Autor. Aber eigentlich hat er nur einen Gedanken: die grosse Wette. Was er auch selber ganz freimütig zugibt. Beim ersten Anblick Jerusalems ist er bewegt, nicht von der heiligen Geschichte, deren Stätte vor ihm liegt, sondern von der »glänzenden Perspektive, bald seine Expedition zu enden und sich auf den Heimweg nach Dublin zu begeben«. Er war ja weder ein frommer Pilger, noch ein neugieriger Tourist, sondern ein Buck, der eine Wette gemacht hatte, ein Mann, der sich kopfüber in ein Abenteuer stürzte, mit keinem andern Zwecke als das Abenteuer selber. Von der Geliebten, die er sich aus London nach Dublin kommen liess, sagte er: »Ich hatte kein anderes Motiv, gerade sie kommen zu lassen, als dass sie exotisch war; sie besass weder Witz noch Schönheit.« Und an einer andern Stelle: »Ich bin ganz gewiss kein Philosoph, und habe doch genügend Einbildung, mich nicht für einen Narren zu halten; sollte ich aber meine Meinung darüber abgeben, wer von den beiden geeigneter zu einem glücklichen Leben sei, so würde mir die Entscheidung zugunsten des Narren nicht schwerfallen.« Die Fahrt nach Jerusalem hatte nur einen Moment, wo sich Whaley ihres Zweckes ein bisschen schämte, und das war, als er den Superior Archangelus vom Kloster in Nazareth um eine schriftliche Bestätigung seines Aufenthaltes am Heiligen Grabe bat und auch das Zertifikat bekam, dass er »religionis causa« Jerusalem besucht habe. »Ich war wirklich erfreut über die gute Meinung, welche der würdige Mann von mir hatte, fühlte aber doch inwendig etwas Scham in dem Bewusstsein, die gute Meinung in dieser Hinsicht nicht zu verdienen.« Jubelnd empfing Dublin seinen würdigen Sohn. Ungern zahlten die Zweifler, was sie verloren hatten. Und Whaley blieben nach Abzug aller seiner Reisekosten siebentausend Pfund: »das erste Mal in meinem bisherigen Leben, dass eines meiner Unternehmen zu meinem Vorteil ausschlug« wie er bemerkt. Wenig Geld für einen Buck und in einer Stadt, wo jede Art durch eine Arbeit Geld zu verdienen als gemein galt. Was ein irischer Herr war, der hatte Geld oder nahm es den andern im Spiel ab. Also fing Whaley wieder zu spielen an. Und wieder mit Unglück wie bisher. Aber er liess sich nicht mehr so ohne weiteres von jedem Schnapphahn betrügen. Er fühlte sich immerhin ein Mann, der etwas geleistet hatte, und eine Frau lebte mit ihm, als seine Gattin nicht, aber als seine Gefährtin, um die er mit grosser Liebe sorgte und die er in den schwierigsten Situationen nicht im Stiche liess. Für diese Frau und die zwei Kinder, die er von ihr hatte, spielte er nun, und die hundert und allzuwenigen Seiten, in denen er von diesem Leben berichtet, sind sehr seltsam in ihrer bizarren Mischung von zärtlichem Gefühl, moralischem Urteil über sich selber und Abenteurerei des berufsmässigen Spielers. Wozu der Ort noch das seine tut, wo sich dieses Leben begibt: Paris zur Zeit der Revolution. Man malt den Teufel sehr schwarz und vergisst, dass die Bücher über ihn alle vom lieben Gott geschrieben sind. Man denkt Paris 1793 als eine tobende See der politischen Leidenschaften, aber nach Whaleys Erinnerungen gab es nie eine lustigere, frivolere Stadt als Paris zu dieser Zeit. Man mag dagegen Whaley einwenden, den Spieler, der auch während der Zerstörung von Karthago den stillen Platz gefunden hätte, um den Würfelbecher zu stürzen. Einer, der auf den Ruinen des salomonischen Tempels Pharao gespielt hatte, der fand leicht auch in Paris das Palais-Royal, oder in der alten Chancellerie der Rue de Valois eine Spielhölle, während dem sechzehnten Ludwig der Prozess gemacht wurde und Dantons Stimme über die Seine weg donnerte. Aber Whaley fand seine Leute nicht nur in dem dafür altberühmten Palais-Royal, wo Gironde und Berg keine andere Gegnerschaft als die der Karten kannten, er traf sie überall in Paris, die Spieler sowohl, als die gefälligen Frauen, aristokratische, wie bourgeoise, royalistische, wie Sansculotten. Der Freiheit war nicht eine Gasse gegeben, sondern die Gassen. Es gab keine heimlichen Orte mehr, wo sich das Laster versteckte, das man aufsuchen wollte, sondern man schuf sich jeden Ort dafür, der einem gerade passte. Eine der wichtigsten Taten der französischen Revolution war die Eroberung der Strasse. Was die Historie als das pathetische Drama aufschreibt, war eine Volksbelustigung. Als man die königliche Familie aus Varennes zurückbrachte, trat Whaley aus dem Pavillon de Hanovre für einen Augenblick auf die Strasse, sich das anzusehn, nur für einen Augenblick, denn drinnen wurden die Spieler über diese Unterbrechung im Bassette ungeduldig. Ein Tag vor der Hinrichtung des Königs waren in den Raum, wo man beim Rouge et Noir sass, drei Männer mit Säbeln und Äxten hereingestürzt und hatten gerufen: »Wer den König retten will, der folge uns!« Die Spieler schauten nicht für einen Augenblick von ihren Karten auf. Als Whaley vor der Tür des Pavillon de Hanovre stand und die Karosse von Varennes mit dem König vorbeifuhr, zog er, gegen den Befehl, seinen Hut mehr höflich als royalistisch, und nur ein Offizier rettete ihn, der den Sansculotten sagte, man möge den Mann lassen, er sei ein irländischer Narr. Am Morgen der Hinrichtung zog er sich wie ein richtiger Sansculotte an und war schon frühzeitig auf der Place de la Révolution, wo er sich bis dicht unter das Schafott durchdrängte. Whaley sagt, dass ihn da der Mut verlassen habe, aber er wird sich wohl ein Gewissen daraus gemacht haben, so als Maulaffe seine Zeit zu verlieren, wo er für Weib und Kinder zu sorgen hatte. Denn er begab sich zum Spiel ins Café de Foy zurück, wo er sich dann alles, wie es war und herging, erzählen liess von zwei Engländern, die dabei gewesen waren und ihre Taschentücher in das königliche Blut getaucht hatten. Whaley protestierte heftig gegen eine solche schamlose Unsauberkeit, durch die man ausserdem in seiner Aufmerksamkeit für das Bassette gestört werde. Und noch dazu Landsleute, Engländer, die so taktlos sind! Soweit ihm der Ernst seines Lebens Zeit liess, kümmerte er sich auch um die Komik des Lebens der andern. Er besuchte manchmal den Konvent, wo er »nichts von dieser nüchternen Würde entdecken konnte, die von den Repräsentanten einer grossen Nation zu erwarten war«. Schlimmer noch fand er es im Jakobinerklub, aus welchem »Pandämonium« er floh, um wieder »die Orte der Menschen aufzusuchen. Ich wurde bald in eine Gesellschaft ganz anderer Art eingeführt, wo ich angenehme Damen, vortreffliches Essen und hohes Spiel traf«. Nachdem das hohe Spiel ein sehr tiefes Loch in seinen Beutel gemacht hat, kommt Whaley darauf, dass es eine Gesellschaft von Spitzbuben war, aber eine mit den vortrefflichsten Manieren, die er so sehr bei den Jakobinern vermisst hatte. Und er macht die Bemerkung: »Bei den Franzosen sind die Manieren alles; ist etwas nur mit Wahrung aller feinen Form getan, so ist das Getane selbst von ganz nebensächlicher Bedeutung. Ein Franzose bietet dir sein Haus, seinen Tisch, seine Pferde, ja, sogar sein Weib an; aber bloss den letzten Artikel, meint er, sollst du wirklich annehmen.« Das Pariser Leben hatte seine Schwierigkeiten. Whaley holte des öftern sein gutes englisches Geld aus Dublin und zahlte damit, wenn er, wie meist, verlor. Gewann er, so blieb man ihm schuldig oder zahlte in Assignaten, die im Augenblick, wo man sie in die Tasche steckte, nur mehr die Hälfte wert waren. Blieb aber er schuldig, so hatte er sofort eine Meute hinter sich, die ihm keine ruhige Stunde liess. Ein guter Freund, Spieler ausser Dienst wegen vollkommenem Mangel jeder Fonds, hatte ihm auseinandergesetzt, dass er ein Esel sei, immer nur zu spielen, aber nie die Bank zu halten. Das tat er nun mit Glück, aber man blieb ihm schuldig. »In Frankreich«, sagte ihm der weise Freund, »spielen jetzt nur Spitzbuben; es ist nicht wie in England, wo Gentlemen am Tisch sitzen.« Worauf Whaley sich beim Herzog von Orleans seinen Pass holte. In Calais, wo er die Rückkehr seiner Freundin aus England erwartete, traf er einen »französischen Herzog«, der sich auffallend um seine Freundschaft bewarb, aber so heftige demokratische Ansichten äusserte, dass Whaley »so schnell als möglich und ohne die Höflichkeit zu verletzen«, von ihm loszukommen suchte. Da klopfte eines Nachts der Herzog an die Tür und eröffnete, dass er und seine Freunde nur so republikanisch täten, sie seien treue Royalisten. Und ob Whaley gegen eine Entschädigung von tausend Louis sich sofort nach Paris begeben und einer gewissen Person, deren Namen ein Geheimnis bleiben müsse, wichtigste Papiere überbringen wolle. Whaley entschuldigte sich, dass er sich noch einige Tage in Calais aufhalten müsse, dann aber bereit sei. »Eine Verzögerung von ein paar Stunden genügt, um ein grosses Projekt unausführbar zu machen,« sagte der geheimnisvolle Herzog. Hatte der den kleinen Ludwig bei sich, der später als Naundorff auftauchen sollte? Dass Whaley im Augenblick genug in der Tasche hatte, um ihn auf die gebotenen tausend Louisdor verzichten zu lassen, änderte den Lauf der Weltgeschichte. Von dem Herzog und seinen Papieren hat der nie mehr etwas gehört, der sich im Augenblick auch viel mehr als für die französische Politik für seine englische Politik als Bankhalter beim Rouge et Noir interessierte. Diese Politik war erst nicht ganz glücklich. Er traf wohl seine »Eurydike« wieder, zugleich aber einen hartnäckigen Gläubiger, der ihn in den Schuldturm stecken liess. Sein Schwager, der irische Lord-Kanzler, half ihm heraus, aber London war ihm dadurch verleidet, und mit dem ernsten Entschlusse, zu gewinnen oder zu fallen, begab er sich nach Dublin. Er fiel. Es war der komplette Ruin. Er musste sogar den Schmuck seiner Freundin verkaufen. Und notiert das Fazit: »Im Laufe weniger Jahre habe ich ein Vermögen von nahezu vierhunderttausend Pfund verschwendet, und um dreissigtausend Pfund mehr Schulden kontrahiert, ohne mir je damit Zufriedenheit oder eine einzige Stunde wahren Glückes zu erkaufen.« Mit dieser Moral zog er sich auf die Insel Man zurück, wo er seine Kinder unterrichtete, seine Memoiren schrieb und ein kleines Stück Land bebaute. Er ging in Sack und Asche, und schlösse hier sein Leben, könnte man es als eindrucksvolles Beispiel eines bekehrten Sünders in eine Moralfibel aufnehmen. Aber er beschloss hier nur seine Memoiren und lebte weiter. Nicht in der Bahn der guten Vorsätze, die er in der Not gewonnen hatte. Es war ein falsches Totenbett, auf dem ihm die Reue kam. Die Isle of Man war ein bei all denen beliebter Aufenthaltsort, die dem Konstablier entronnen immer noch jene gewisse Abneigung gegen diese Amtspersonen bewahrt haben, deren Gegenwart sie so schwer ertragen, auch wenn kein besonderer Grund zur Aufregung vorhanden ist. Whaley muss in Anbetracht seiner grossen Verluste viel Ansehn unter den Pensionären der Insel genossen haben, die wohl kaum um Erbsen spielten. Denn gespielt wurde. Man bekam Besuch, denn man war renommiert. Und Whaley war glänzend verschwägert und aus einer der ersten Familien Irlands. Überrascht erfährt man, dass er sich auf der Insel ein Schloss baute, das er Fort Anne nannte und mit grossem Luxus einrichtete. Und das Geld kam dem Reumütigen aus dem Spiel, dessen Opfer er von nun ab nicht mehr war. Er gewann es gegen Georg den Vierten, der noch Prinz von Wales war, gewann dem königlichen Partner nicht nur das Geld, sondern bei einem grand coup auch eine Favoritin Seiner Königlichen Hoheit ab, die ihr ungalanter Protektor in der Verzweiflung über seine Verluste als einzigen Wertgegenstand gesetzt hatte. Um sie übrigens wieder teuer zurückzukaufen, denn wie dem Spiel, so blieb Whaley auch seiner Freundin, die er nie heiratete, treu, solange sie lebte. Vor 1800 muss sie gestorben sein, denn in diesem Jahre heiratete Whaley des ersten Lord Cloncurry Tochter Mary Catherine, – und wurde im November desselben Jahres von einem Mädchen aus Eifersucht erstochen. Und dieses Mädchen war Sally Jenkinson, die der Buck dem König abgewonnen und wieder zurückgegeben hatte. In Fort Anne, Whaleys erspieltem Schloss, kann man heute wohnen, denn es hat sich darin eine Pension eingerichtet. Die Mahagonitüren haben noch die schönsten Chippendaleeinlagen und im Readingroom kann man einen vortrefflichen Kamin aus carrarischem Marmor sehen, den zwei Medaillons schmücken: das Bildnis der Freundin wohl, verwischt, in einem griechischen Stil, und Whaleys, des Buck knabenhaft trotziges Gesicht in Locken, mit vorgedrängten Lippen, die sehr schön rot gewesen sein müssen. Die Besitzerin der Pension Fort Anne ehrt das Andenken an den Erbauer wenig: sie duldet nicht, dass gespielt wird. Baron Ripperda Aus Zeiten, wo die Politik nichts als Besorgung der Geschäfte herrschender Familien war, hoher und höchster Herrschaften, ist ihr wohl die Bezeichnung hohe Politik geblieben. Das dem gemeinen Verstande immer Unverstehbare, der niederen Not ganz Ferne drückt sich darin aus, respektverlangend, herrisch, gemeiner Deutung verschlossen. Ereignisse wie Aufstände und Revolutionen sind ungebildete Einbrüche in das Allerheiligste, wo Verträge um ein königliches Beilager geschlossen werden, entscheidend für Völkerschicksale. Seitdem man aber einem Könige in einer Staatsaktion den Kopf abgeschlagen und damit das Königtum tatsächlich abgeschafft hat, ist, was man die hohe Politik nennt, im Verfall. Die Diplomaten kommen allzuoft post festum facti und blamieren sich. Der kleinste Zeitungsschreiber ist klüger als sie. Die hohe Politik war eine royale und feudale Angelegenheit: die Royalität ist, wo es so viele stellenlose Könige gibt, eine geduldete Fiktion geworden, und die Feudalität braut Schnaps und ist zur Börse bekehrt. Denn das Allerheiligste der heutigen Politik heisst Börse. Vielleicht hiess es ja immer so, unter andern Namen. Sind alle diese dynastischen Interessen, welche die hohe Politik zu verfolgen wähnte, nicht blosser Vordergrund, Dekorationsstück, Kostüm? Alle diese schlechtberatenen Könige, diese intriganten Minister, diese einflussreichen Mätressen, diese Allianzen und Negocen, – ist das wirklich die Geschichte eines Volkes, wie uns die Schulbücher glauben machen wollen, deren Verfasser ihre eigenen Vorurteile der Geschichte unterschieben? Immer macht doch die Leidenschaft der Soldaten den Krieg, nicht der Feldherr. Immer gibt das Volk dem Herrscher die Macht, nicht der Herrscher sie dem Volke. Wirkliche Macht braucht den Pomp nicht. Napoleon legte sein einfaches Soldatengewand erst ab und nahm den Purpur um die Schultern, als er daran dachte, seiner Macht eine dauernde Nachfolge zu geben. England schenkt seinem Könige, der ein Narr, ein Kranker, ein Idiot sein kann, den prunkhaften Aufzug, weil das englische Volk in diesem Prunk ein sichtbares Symbol seiner eigenen Macht zeigen will. Du bist mächtig, weil du ein König bist, sagt hier das Volk und gibt den Purpur. Ich bin ein König, weil ich mächtig bin, sagte Napoleon und setzte sich die Krone aufs Haupt. In der hohen Politik taucht manchmal einer auf, der mit grosser Kunst die Volte dieses für Ernst gegebenen Spieles schlägt, Fäden hält und Fäden zieht, Geld, Titel und Ehren dafür kassiert, und den ein Zufall als einen Schwindler offenbart, wo er nichts mehr, aber auch nichts weniger war als ein sehr geschickter, auf seinen Vorteil bedachter Mann, der den verlangten Ernst mit einigem Genie parodierte. Ein solcher Mann war der Baron Ripperda. Nur ein Zufall bewahrt sein Gedächtnis als das eines Schwindlers und nicht als das eines Staatsmannes. Zwischen Philipp dem Fünften und Karl dem Sechsten bestand der Plan, durch eine Verheiratung des Don Carlos mit der habsburgischen Thronerbin Maria Theresia das Reich Karls des Fünften, in dem die Sonne nicht unterging, wiederherzustellen. Die Stuarts sollten in England restauriert, Frankreich kräftig amputiert, der englische Handel durch ein Konkurrenzgeschäft, die Kompanie in Ostende, ruiniert werden. Erfinder und Mittelsmann dieses Planes war der Baron Ripperda, Premierminister in Spanien, der es für englische Erfindung und Machenschaft ausgab, als sein Plan dem französischen Kabinett bekannt wurde. Ripperda war ein Holländer dunkler Herkunft, der Sprachen und der Geschäftsintrigen Europas kundig. Seine Kenntnisse weckten seinen Ehrgeiz weniger als seine Abenteurerlust, Menschen in jene Kombination zu bringen, die auf den Augen seiner geschickten Würfel standen. Er traute sich alles zu, weil er sich vielmals klüger sah als die Menschen, mit denen er es je auf seinem Felde zu tun haben konnte. Er teilte nur ein Vorurteil der Zeit: dass man alles ausrechnen könne, weil alles auf dem Kopf der Menschen stünde. Das war nicht nur sein Irrtum und war das Verhängnis der Zeit, der eine andere siebzig Jahre später den allzu selbstvertrauenden Kopf abschlug. Diesen fünfunddreissigjährigen Ripperda schickten die Generalstaaten als Gesandten nach Madrid. Das war im Jahre 1715, und auf dem spanischen Thron agierten Figuranten an den Schnüren, die Alberoni hielt. Philipp der Fünfte, ein Greis von vierzig Jahren, versunken und verschwunden in den Rockfalten seiner Königin, der Elisabeth Farnese, Intrigantin aus Angst, beim Tode ihres Gemahls von ihrem Stiefsohn, dem sechsten Ferdinand, nach Italien heimgejagt zu werden, und um nichts als darum besorgt, aus ihrem Ältesten einen schon zu Lebzeiten ihres Gemahls unabhängigen Souverän zu machen, in dessen Schutz sie sich nach des Gatten Tode begeben könne. Wobei ihr Alberoni, der ungeheuer dicke Italiener mit dem klugen feinen Köpfchen, half – was ihn 1719 seine spanische Stellung kostete, ohne dass Elisabeths beide Söhne aus erster Ehe nach ihrem Wunsche versorgt gewesen wären, denn weder Carlos noch Philipp kamen in das Parmesaner Erbe der Farnese, das Philipp erst viel später erhalten sollte. In das Schlafzimmer dieser Heiratspolitik trat Ripperda, im spanischen Kostüm, das er sofort angelegt hatte, für das holländische, am galanten Degengefäss einen Rosenkranz auffällig befestigt, denn auch sein Katholizismus war nicht älter als sein Kleid. Er horchte an den Türen, guckte durch die Schlüssellöcher und rapportierte was er sah und hörte Alberoni. Er hat eine kleine Affäre, da er nicht für ihn bestimmte Gelder behielt, aber schon hatte er sich unentbehrlich gemacht, so sehr, dass er beim Sturze Alberonis aufrecht bleibt. Der hatte Ausserordentliches für das Land getan: Grund genug, dass es ihn im Stich liess; Ripperda hatte nichts getan, als etwas Geld unterschlagen: er war also der kommende Mann. Die hohe Politik in den Händen der Frau heisst Kinder haben, um durch deren Versippung mit Kindern anderer Häuser das Geschäft instand zu halten und vorwärtszubringen. Wie man heute noch bei Familien mit dominierenden Geschäftsinteressen »ins Geschäft hineinheiratet«. Keine bessere Politik als diese hausväterlich friedlich auf Erweiterung des Grundbesitzes bedachte durch Verheiratung der Nachbarkinder, keine bessere zu Zeiten, wo der Bürger ein Untertan, der Bauer ein Leibeigener war. Eine Hochzeit auszurichten ist billiger, als auf Raub einfallen. Der Herrscher war dem Volke so fern, dass es den Beherrschten ganz gleichgültig war, wie er hiess, solange man ruhig sein Feld bestellen, sein Zeug handeln konnte. Die Nase des Herrn interessiert immer erst dann, wenn er sie zu neugierig in das Geschäft seiner Untertanen steckt. Dann kann er, der sonst allen Gleichgültige, sehr populär oder sehr unpopulär werden, Joseph der Zweite oder Ludwig der Sechzehnte. Die sehr energische Mutter Farnese wollte für ihre beiden Jungen zwei österreichische Erzherzoginnen. Das war schwierig; aber Ripperda erklärte: ich mache es. Und fing es so an: er verlangte die beiden Mädchen ohne Mitgift und ohne Zessionen an die spanische Krone. Nichts als den Myrtenkranz sollten sie nach Madrid bringen. Dass der spanische Thronerbe Ferdinand aus Philipps erster Ehe ein Trottel und ein Krüppel sei, brauchte er nicht zu beweisen, das sah und wusste man. Die Hoffnung, die Ripperda erweckte, dass Carlos aus der Farnese auf den spanischen Thron steigen würde, schien plausibel. Und nicht weniger plausibel, dass Carlos, mit einer Österreicherin verheiratet, Kaiser in Wien würde, falls der Kaiser ohne männliche Nachkommen stürbe. Aber Carlos sollte erst viel später und in einer andern als Ripperdas Kombination die Hoffnungen erfüllen, die seine Mutter auf ihn setzte, als sie mit ihm niederkam. Im Augenblick wandte man in Wien ein, dass ja bereits Fräulein von Beaujolais ein Heiratsversprechen von dem Don Carlos besitze. Das sei nur ein diplomatischer Scherz gewesen, erklärte Ripperda, und zudem hätte Philipp der Fünfte dreissig Theologen konsultiert, die gegen dieses Verlöbnis gewahrsagt hätten. Die Vorteile, die Österreich aus einer Verbindung mit Spanien hätte, verstand Ripperda, sich seines Holland erinnernd, sehr mit dem Hinweis auf den habsburgischen Besitz in Holland und den Seehandel herauszustreichen. In Wien war man für eine Allianz ohne Heirat. Die vielleicht später. Töchter gibt man nicht für einen Pappenstiel. Ripperda liess mit sich reden; österreichisches Geld war nicht schlechter als spanisches, sogar etwas besser schon damals; er gab das Heiraten auf und verhandelte mit dem Minister Sinzendorf einen defensiven Friedens- und Allianzvertrag. Nach Madrid aber log er der besorgten Mutter, man wünsche in Wien keine anderen Schwiegersöhne als die spanischen Buben. Da traf mitten in die Freude eine Postsendung aus Paris ein: die zwölfjährige Infantin, dem fünfzehnten Ludwig verlobt und in Versailles erzogen, wurde ihren Eltern in Madrid zugestellt: der König könne nicht so lange warten, bis die Kleine in das heiratsfähige Alter käme. Das war eine Ohrfeige für die armen Eltern, die alsofort den französischen Gesandten und die Konsuln heimjagten. Dem in Wien so erfolgreich verheiratenden Ripperda aber trug man auf, auch für den dritten Sohn, den zur Zeit zehnjährigen Ferdinand, Fürsten von Asturien, eine Erzherzogin zu besorgen. An Erzherzoginnen hätte es dem Kaiser in Wien nicht gefehlt, aber solcher verwandtschaftlicher Bande mit nichts als Spanien schienen ihm schon zweie zu viel. Immerhin schrieb Ripperda nach Madrid, die dritte Österreicherin sei so gut wie sicher. Ganz andere Dinge faszinierten ihn, als dieses kleine Trinkgeld, das für ihn als dreifacher Brautwerber abfallen konnte. Er drängte zur Erweiterung der spanisch-österreichischen Allianz und empfahl den Krieg mit Frankreich, dem er nur den Elsass, die drei Bistümer, Burgund und Flandern wegnehmen wollte. Aber die schwerfällige Wiener Kanzlei tat ihm nicht den Gefallen, die europäischen Wasser zu trüben, damit er darin fischen könne, und Ripperda musste bei diesem gefährlichen Spiel froh sein, dass am 30. April 1725 der einfache Allianz- und Handelsvertrag zustande kam, der auch ein paar schöne Versprechungen enthielt, was die spanischen Jungen betraf: die farnesischen Herzogtümer in Italien, Gibraltar und Port Mahon, – das billige Weihwasser aus der Hofkirche. Im Handelsvertrag gab Österreich die Protektionskosten der Ostender Kompanie Spanien zu tragen, dessen Staatskasse leer war seit hundertfünfzig Jahren, und sicherte sich im übrigen alle Vorteile. Doch genügte dieser Vertrag, England und Frankreich zu beunruhigen, und auf ihre Veranlassung wurde in Hannover die Gegenallianz zwischen England, Frankreich und Preussen gegründet, um »das europäische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten«. Wenn die Enten im Stall eingesperrt sind, sagt der Fuchs: das europäische Gleichgewicht ist hergestellt; fliegen sie auf, so sagt er: es ist gestört. Der Vertrag von Hannover enthielt eine geschickt im undeutlichen gelassene Opposition gegen die österreichische Heirat des Don Carlos und gegen die Ostender Kompanie, – und Österreich bekam einen Schrecken, der Ripperda die Kraft zu seiner höchsten Kühnheit gab. »Ich werde diesen Canaillen schon zeigen, Verträge machen!« sagte er, wie ein grosser Staatsmann, und bekam vom Kaiser ein neues diplomatisches Instrument, etiam conubia complectens. Die drei Wiener Mädchen konnten ihren Brautstaat rüsten und Frankreich sich zum Kriege, in dem ihm zu dem früheren auch noch ein paar Provinzen abgenommen werden sollten. Und der Seekrieg mit England war die weiter erwogene Eventualität. Aber dieses neue Instrument war ein Schwindel. Der Kaiser dachte gar nicht an Krieg und behielt es sich vor, über die Hand seiner Tochter Maria Theresia zu verfügen, wenn sie »heiratsfähig geworden«, das heisst, Carlos sollte sie nie kriegen. Die Vertrottelung des spanischen Königs erlaubte diesen Scherz, bei dem Ripperda erreichte, was er wollte: er wurde reich, spanischer Grande, Herzog, Reichsfürst, Premier-, Kriegs- und Finanzminister, sein zwanzigjähriger Sohn Gesandter in Wien. Diese Herrlichkeit dauerte nur fünf Monate: Ripperda vertrug sie nicht. Der Erfolg hatte ihn dumm gemacht. Den Abenteurer verlässt sein guter Genius in dem Augenblicke, da er ihn an sein letztes mögliches Ziel gebracht hat. Des Abenteurers Leben ist ganz in der Bewegung, nicht in der satten Ruhe: da verkommt er. Er kann nicht von Zinsen leben. Ripperda vergass auf einmal, die Türen zu schliessen, und redete eitel vor aller Welt. Sagte zum englischen Gesandten: »Ein grosser Teil der Welt hält mich für einen Narren oder einen Verräter.« Er trug öffentlich die gestohlenen Ringe. Er traute seinen Kleidern mehr als seinem Kopf. Er nahm sich ernst und wurde komische Oper. Jeden Tag sagte er zu jedem: »Wir werden die spanischen Fahnen nach Paris tragen. Wir werden den Stuart nach England begleiten. Wir jagen mit einer Schlacht den englischen und den preussischen König aus ihren Staaten.« Er sprach von spanischen Regimentern, die nicht vorhanden waren, vom Staatsschatz, der leer war, von Munition, die man vor hundert Jahren verschossen hatte. »In einem Jahre wird man merken, dass ich in Spanien bin.« Man merkte es jetzt schon: er erhöhte den Nennwert des Geldes, schickte imaginäre Kanonen an die Grenze, rüstete in Cadix Schiffe der Phantasie, erfand Verbündete in Russland, in Schweden, in Polen. Liess Frankreich sagen, dass Deutsche, Moskowiter und Polen es überschwemmen würden, Horden nicht weniger schrecklich als die Hunnen und Vandalen. Inzwischen stand König Philipp zitternd vor dem Gemach, in dem die Königin mit einem weiteren Sohne niederkam, den es nie zu verheiraten geben sollte, denn es kam tot auf die Welt und fuhr gegen alle spanische Etikette in die Hölle. Aber diese schreckliche Warnung liess die Mutter ihre österreichischen Heiratspläne nicht aufgeben, um die sie jeden von Ripperda gewünschten Krieg geführt hätte. Diese mütterliche Leidenschaft war die Stütze von Ripperdas Macht. Man versprach dem Kaiser Geld, und man nahm es in Wien gerne: um die Truppen in den Niederlanden zu vermehren, die Lager in Schlesien zur Überwachung Preussens zu unterhalten, Geld für Schweden, Geld für Polen, Geld, um einige Mitglieder der Generalstaaten, ein paar vom vierzehnten Ludwig darin verwöhnte Kurfürsten zu kaufen. Ripperda versprach, der König suche Geld aufzutreiben, die westindischen Galionen seien unterwegs, und dann hätten es die deutschen Herrschaften überhaupt ein bisschen eilig auf »los fondos«, der Krieg sei ja noch gar nicht erklärt! Worauf die Herrschaften sagten, wenn es nicht gleich Geld gäbe, schlügen sie sich auf die andere Seite. Was man denn von ihnen denke? Da bekam Ripperda öfters einen heissen Kopf. Er log, was er konnte, aber die Situation wurde für ihn kritisch: die spanische Politik hatte keinen Kredit mehr. Jetzt wagte er das Äusserste,– und war unzureichend. Er wagte es, die Lüge auf ihren grössten Stil zu bringen, und versagte. Wäre es gelungen, nennte man ihn heute einen grossen Politiker; es gelang nicht, und er blieb der Abenteurer. In der Politik entscheidet mehr als irgend sonst der Erfolg: er bestimmt den moralischen Wert. Der Misserfolg verabschiedet einen gemeinen Betrüger. Der Erfolg trägt ein Genie auf die Nachwelt. Ripperda hatte nicht für genügende Stützpunkte gesorgt, – die Wochenbette der Königin, das war nicht hinreichend. Die langten für den anfänglichen kleinen Zwischenhändler, nicht für den Herrn der Regierung, der Ripperda nun war. Der spanische Adel hasste ihn, weil er ihm keine Sinekuren gab; die Offiziere, die jeden Tag auf den berühmten Krieg warteten, bekamen keinen Sold und bettelten vor den Klostertüren; die Soldaten plünderten bei den Bauern, die der Adel und die Regierung ins Elend drückten; die Richter funktionierten nicht, weil sie keinen Gehalt bekamen. Und der König selber wusste nicht, ob er es mit einem Narren oder einem Spitzbuben zu tun hatte. Nur eine Mutter mit dem Ehrgeiz guter Partien für ihre Kinder glaubte an ihn. Das Land hasste ihn. Darum musste er das hohe Spiel verlieren, das er nun begann. Er log, aber kein Volk konnte sagen, er hat für uns gelogen, und ihm danken. Er log, und nicht einmal die Königin konnte sagen, er hatte für die Dynastie gelogen, und ihm danken. Er log, und nicht einmal er selber konnte zu sich sagen: du lügst für die Altersrente aus in Sicherheit gebrachten Geldern. Er fing geheime Unterhandlungen mit Frankreich und England an, um die beiden auseinanderzubringen; er fing mit Holland an; und während er in Versailles Spanien versprach, sagte er dem englischen Gesandten: »Ich will Ihnen was sagen, was ich nicht einmal meinem Beichtvater sage: England und Holland haben gar keinen Grund, sich mit den Geheimklauseln der Wiener Verträge und den Hochzeiten zu beschäftigen: es ist nicht ein wahres Wort daran.« Und zwei Monate später zu Stanhope wieder das Gegenteil. Sogar im beteiligten Wien fand man ihn extravagant, während Stanhope englisch sagte: »Er hat die Tramontana verloren und lebt von einem Tag zum andern.« Die Mutter erwartete die Bräute und empfing statt ihrer den kaiserlichen Gesandten Königsegg in geheimer Sitzung. Der Wiener musste schliesslich seine diplomatische aufregende Undeutlichkeit aufgeben und erklärte in ganz menschlich gewöhnlichen Worten: man denke in Wien nicht daran, die gewünschten Prinzessinnen zu schicken. Worauf Ripperda seine Demission gab. Der König nahm sie an, liess ihm seine Titel und schenkte ihm dreitausend Pistolen Jahrgehalt. Es schien ein ganz ehrenvoller Abgang, aber der Pensionierte zog es doch vor, in die englische Gesandtschaft zu flüchten, von wo aus er den König um seine Pässe bat. Dem Engländer verriet er noch schnell die Geheimklauseln des Wiener Vertrages, als er auf Befehl des Königs verhaftet und in das feste Schloss von Segovia gebracht wurde. Wo es ihn kaum getröstet haben wird, dass dieselbe Zelle einmal Franz den Ersten als Gefangenen beherbergt hatte. Nach zwei Jahren halfen ihm eine Dienerin des Gouverneurs und ein Korporal zur Flucht. In seinem Bett liess er einen Bedienten zurück; aber die Dienerin nahm er mit. Zuerst nach Lissabon, von da nach Holland, wo er sich langweilte; die soliden und misstrauischen Pfahlbürger waren nicht nach seinem Geschmack und er nicht nach ihrem. Im Haag lernte er einen Spanier kennen, der sich zum holländischen Gesandten beim Sultan von Marokko gemacht hatte; man verstand sich sehr schnell. Ripperda bot Muley Abdallah, der mit Spanien im Kriege lag, sein Schwert an und bekam wirklich den Befehl über eine Kompagnie. Der Hass gegen Spanien war aber nicht so gross wie seine Abneigung gegen sein Blutvergiessen. Wo es Ernst wurde, bekam der spanisch-holländische Muselmann einen Gichtanfall. Er war in der Diplomatie weitaus stärker. Als der Baron Neuhoff sich zum König Theodor dem Ersten von Korsika machte und die Anerkennung Marokkos suchte, konnte er keinen besseren Agenten finden als den Granden Ripperda. Aber es waren das korsikanische Königreich und sein Gründer selber so ganz Gelächter und komische Oper, dass der Buffo Ripperda darin keine Wirkung tat. Seine beste Zeit hatte er gehabt, als er sein Lachen hinter einem ernsten Gesicht verbergen konnte. Das hatte er verlernt. Er hatte sein Lachen verloren. Und über seinen Ernst lachten nur die andern. Als der ehemals so begabte Mime sich vom grossen Welttheater in die letzte Schmiere verkommen sah, fing er ein anderes Geschäft an: er gründete aus den drei ihm geläufigen Religionen, der christlichen, mohammedanischen und jüdischen, eine neue und predigte sie in Fez. Es gibt keine neue Religion, die nicht Anhänger fände, denn das Bedürfnis der Menschen, das Unerfassliche zu fassen, das Unnahbare sich nah zu bringen, ist mächtiger als jede Dummheit des Mittels, die der Verstand einsieht. Ripperda starb in den Armen seiner Jünger als ein Prophet: er war es, da sie an ihn glaubten, mag er verkündet haben was immer. Der zum Religionsstifter geboren war, musste als Heiratsvermittler versagen. Denn das ist schwerer. William Lawrence Der Zuschauer eines Boxmatches gibt vielleicht dem einen der beiden Kämpfer den Vorzug, aber nicht den Willen zum Sieg, denn der Zuschauer hat beide Hände in den Taschen seines Paletots. Frägt er einen Boxer, ob er siegen will, so wird der, ohne ein Wort zu sagen, mit seiner blutenden Nase antworten. Die blutende Nase beweist dem Boxer, dass er siegen will. Im Kriege schiesst man hin, weil hergeschossen wird, man sticht zu, weil man gestochen, schlägt, weil man geschlagen wird. Tapferkeit ist: der andere soll mich nicht mehr bedrohen können. Der Krieg ist für den, der ihn mit seinen Fäusten, also wirklich, führt, eine Rauferei: ich schlage zu, weil der andere schlägt. Vom Heldenmut, mit dem sich die Truppen geschlagen haben, berichtet der Zuschauer, der die Hände im Paletot hat. Die Tapferkeit, sagt de la Rochefoucauld, ist die Flucht nach vorne. Sie ist die Angst ums Leben, um das sich der gemeine Mann viel mehr kümmert als um den Tod, über den er sich viel weniger Gedanken macht als der Gebildete. Und wendet sich alles zur Flucht nach rückwärts, so ist es die Angst vor der Angst, die zu der Angst um das Leben noch dazukommt, – die »kopflose« Flucht, von der der Zuschauer berichtet. Die grosse Saga des Krieges wurde immer von denen geschrieben, welche ihre Hände im Paletot hatten. Hier soll nun von einem erzählt werden, der als gemeiner Soldat in hundert Schlachten war und im Alter davon einem erzählte, der es aufschrieb. Denn dieser Soldat konnte weder lesen noch schreiben. Er war ein ganz und gar gewöhnlicher Mensch, wie die meisten Menschen, nicht schlimmer, nicht besser, gründlich ungebildet und ohne die geringste Neigung oder Fähigkeit, seine Gewöhnlichkeit zu unterstreichen oder zu inszenieren. Auch die grossen Ereignisse, in die ihn der Zufall warf, änderten ihn nicht, machten ihn weder grösser noch kleiner, denn er verstand sie gar nicht. Er begleitet die Schläge, die er bekam und austeilte, nicht mit Worten und Meinungen grossartiger Natur, wie jener Sergeant Fricasse, der Freiwillige von 1793, den alle Worte der Revolution belebten. Es ist gar nichts vom Helden in ihm, der sich töten lässt, weil er verwundet wurde. Nichts von dieser sokratischen Ausnahme des ohne Zorn und darum ohne Glauben Sterbenden. Die Regel des gemeinen Menschen sagt wie ein Gott in den Wolken, dass er leidet. Die Griechen haben über ihre trojanische Legende diese andere gestülpt, dass Helena gar nicht in Troja war, sondern in Ägypten, während die Helden sich vor den Mauern Ilions totschlugen für sie. Diesen ganz einfachen Soldaten William Lawrence interessierte sogar bei Waterloo nur das eine: wo er was zu essen fände. Und während sich die Geschicke Europas entscheiden, verzehrt er zufrieden und ahnungslos ein Huhn. Als ganz armer Leute Kind wurde William Lawrence in einem Dorfe der Grafschaft Dorset 1791 geboren, als eines von sieben Kindern. Er lernte lesen, brachte es aber darin nicht so weit, aus den Zeichen den Sinn zu holen, weshalb er sich mit allem Geschriebenen immer an einen andern wandte, der es ihm vorlesen musste. Dass er nicht schreiben konnte, verbarg er geschickt durch ein sehr gutes Gedächtnis, das die längsten Zahlenreihen behielt, denn er war Korporal und Sergeant geworden nach siebzehn Dienstjahren, ohne dass seine Vorgesetzten merkten, dass er nicht schreiben konnte. Brauchte er was Schriftliches, so liess er es sich von einem andern machen. Hätte er beide Kenntnisse besessen, so wären sicher die Aufzeichnungen aus seinem Leben unlesbar; es wäre fast ein Gebildeter geworden, der mit Meinungen und Ansichten langweilt, die aus zweiter Hand sind. Es war ein trostloses Hungerleben in Dorset, das William damit abschloss, dass er eines Tages seinem brutalen Meister mit einem Siebenschillingstück und einem dreipfündigen Schinken davonlief. »Ich dachte,« schreibt er zur Entschuldigung, »dass mir das von Nutzen sein könnte.« Er vagabundierte auf den Landstrassen, und weil er ein junges Bürschchen war, half man ihm durch und jagte ihn nicht von den Türen, wenn er bettelte. Aber das Leben auf den Strassen war gar nicht nach Lawrences Geschmack. Er besass keine Spur von Poesie und Romantik, und für die Schönheiten der Natur war er nur dann empfänglich, wenn sie essbar waren. Er dachte also bald daran, den Landstreicher aufzugeben und Soldat zu werden. Er eröffnete seinen Plan einem Herbergsgenossen, der auch gern bereit war, ihn zu einem Regiment zu bringen, das in der Nähe lag und wo man, wie er sagte, sechzehn Guineen Rekrutenprämie bezahle. Es waren aber nur vier und eine halbe, von denen zwei der gefällige Werber bekam. Es war nur so wenig, weil der Rekrut erst fünfzehn Jahre hatte. So wurde Lawrence Grenadier beim vierzigsten Regiment und blieb das vierzig Jahre lang, nicht nur ohne Begeisterung, sondern auch ohne jede Neigung, wenn er auch immer seine Pflicht tat, manchmal sogar mehr als seine Pflicht, wenn das sich besonders bezahlte. »Die Soldatenkarriere ist vielleicht gefährlicher als jede andere,« sagt der alte Waterlookrieger naiv. Es war ihm ein Handwerk, bei dem er sich langweilte. Der Kanonendonner war ihm niemals Musik in den Ohren und die Attacken waren ihm beschwerliche Arbeit, nichts weiter. Wofür er kämpfte, das interessierte ihn gar nicht, – meistens wusste er es auch gar nicht. Er tat eben, was man von ihm verlangte. Er gehorchte einem Befehl. Er kämpfte weder für das Vaterland, noch für die Freiheit, sondern, wie ein richtiger Söldner, für die Bezahlung. »Es war eine grosse Dummheit,« sagte er fünfzig Jahre später, »denn ich fand beim vierzigsten Regiment Herren, die mich viel schlimmer piesackten als der Patron, dem ich um dessentwillen davongelaufen war.« Der für zweiundeinhalbes Pfund gekaufte Soldat hatte noch nie in seinem Leben eine Flinte abgeschossen, als das Regiment auf eine Expedition gegen Montevideo und Buenos-Ayres geschickt wurde. Am Tage vor der Abfahrt hatte Lawrence ein sehr vergnügtes Einschlafen in dem Gedanken, dass es seinem bestohlenen Patron wohl nicht gelingen werde, ihn da drüben zu finden. Aber am nächsten Morgen, als das Regiment mit klingendem Spiel und Vivat zu Schiff ging, da wurde die Freude über den Streich zu Wasser, das dem Jungen aus den Augen schoss, denn da war keiner, der ihm auch nur einen Abschiedsblick zugeworfen hätte, und er sah die Soldaten weinen um Bräute, Weiber, Eltern und Geschwister, von denen sie Abschied nahmen, »Tränen so viel, um ein Hospital auf Jahre hinaus mit Augenwasser zu versehn«. Es war ein banger Auszug, und ein lebhafter Empfang in Montevideo, wo die Spanier mit heftigem Schiessen dagegen waren, dass die Grenadiere aus dem Schiff stiegen. »Wir hatten einen schlechten Geschmack im Munde, denn es sah ganz so aus, als ob vor uns entweder der Tod oder der Ruhm wäre.« Für das eine wie das andre, schien es Lawrence, habe er seine Knochen zu billig verkauft. Aber diese Einsicht wurde nicht zur Wut über den oft grausamen Feind, und diese Wut nicht zum Heldenmut, der ihn ungeheure Taten verrichten lässt, wie den französischen Kapitän Coignet zum Beispiel, der auf vielen Seiten seiner Erinnerungen von den Metzgertaten berichtet, die er für das Vaterland und den Ruhm der Nation ausführte. Dieser tapfere Kapitän stach noch Gegner in den Bauch, die sich schon ergeben hatten, nur um erzählen zu können, dass er einmal sieben Ungarn auf einen Streich umgebracht hatte. Gar nicht so ist der Infanterist Lawrence. In Montevideo kommt er einmal zu einem Obersten gelaufen und meldet erschrocken, dass die Spanier zwei Verwundete massakriert hätten. »Zahlt mit der gleichen Münze zurück,« sagte der Oberst. Aber das war nicht Lawrences Temperament. Er tötete nur, um nicht selber getötet zu werden. Er war Soldat immer aus Notwehr gewissermassen. Er entschuldigt sich förmlich dafür, wenn er den andern umbringen muss. Bei der Belagerung von Badajoz griff ihn ein französischer Sergeant mit dem Bajonett an, verfehlt ihn und stürzt. »Da heftete ich ihn rasch mit meinem Bajonett auf den Boden, und der arme Mensch verschied fast auf der Stelle. Nachher tat es mir leid, dass ich nicht versucht hatte, ihn zum Gefangenen zu machen, statt ihn zu töten; aber wir waren in dem Augenblick gerade alle sehr beschäftigt, denn es war mitten in der Schlacht, und man hatte keine Zeit zum Nachdenken. Ausserdem sah der Mann sehr kräftig aus, denn er war gross und dick, mit einem Bart über das ganze Gesicht: ich habe nie einen schöneren Mann in der französischen Armee gesehen; und wenn ich ihn hätte aufstehn lassen, wäre ich vielleicht in eine schlimme Situation gekommen, so dass ich doch das bessere Teil erwählte, – töten oder getötet werden.« Die Berufung zum Soldaten hat Lawrence nicht. Der Feind, den er tötet, tut ihm leid. Die Angst im Anfang vor der feindlichen Kugel hatte er bald überwunden und wurde so tapfer, wie alle seine Kameraden, Kinder des Volkes, das sich vor dem Tode nicht besonders fürchtet, weil es ihm zu selbstverständlich ist, dass das Leben einmal aufhören muss. Die Furcht vor Gespenstern ist da sicher grösser als die Furcht vor dem Tode. Die Engländer hatten ihre massakrierten Verwundeten gerächt und zweitausend Spanier lagen tot vor Montevideo. Lawrence stand des Nachts Wache bei einem Graben, in den man fünfhundert tote Feinde geworfen hatte. Da packte ihn das Grauen, mehr als je vor dem lebendigen Feind, vor diesem Loch, aus dem ihm die Geister der Erschlagenen stiegen. Dass sie als ganz wirkliche Geister da heraufkommen würden, glaubte er und erlebte schreckliche Stunden, wie nie in einer Schlacht. Und er musste an alles das denken, was er in seinem Leben angestellt und was er besser nicht getan hätte. Der gestohlene Schinken und die sieben Schilling fielen ihm auf das Gewissen in dieser Nacht, da er sich vor den Gespenstern fürchtete, und wenn er auch in seinem weiteren Soldatenleben so manches stahl, so hatte ihn das Erlebnis dieser durchbebten Nacht, da er bei dem Loch Wache stand, doch in der Moral so sicher gemacht, dass er immer wusste, dass er unrecht tat, wenn er stahl, aber dass es der Hunger war oder das schlechte Beispiel, die ihn zum Diebe machten. Diese Nacht hatte ihn ehrlich zu sich selber gemacht, wovon wir den Nutzen in seinen Aufzeichnungen haben, die nicht die geringste Lüge oder Attitüde trübt. Man geht so sicher mit ihnen, wie im Gleichmarsch eines gutexerzierten Regimentes Infanterie. Nicht einmal die Liebe, diese lügnerische Vergolderin, bringt ihn von seiner natürlichen Bescheidenheit ab. Was bei einem Soldaten erst recht viel bedeutet. In Montevideo bot man ihm ein Vermögen mit einer hübschen Frau an. Der Vater dieser Dame regalierte unsern Thomas, auf den er ein Auge geworfen hatte, als seinen künftigen Eidam, – man weiss nicht recht, warum. Der Vater war scheinbar ein Narr, da er durchaus einen englischen Soldaten zum Schwieger haben wollte. »Ich glaube,« sagt Lawrence, »dass ihm ein anderer ebenso recht gewesen wäre wie ich, wenn er nur überhaupt einen bekäme.« Und er sagt ferner, dass er die Braut nie gesehen habe. Man muss zu seiner ehrlichen Aufrichtigkeit ein um so grösseres Vertrauen haben, als sie ein gutes Teil Mangel jeder Phantasie ist. Vielleicht hätte er ganz gerne ein bisschen gelogen, wenn er gekonnt hätte, wenn ihm etwas eingefallen wäre. Aber es fiel ihm nichts ein. Er bleibt bei der Wahrheit und wird da manchmal ein grosser Dichter, indem er nichts sonst tut, als die einfache Wirklichkeit einfach erzählen. Das vierzigste Regiment geht nach Dublin, und Wellington führt es im Jahre 1808 nach Portugal, bei welchem Anlass Lawrence die einzige politische Bemerkung macht, die sich in seinen Aufzeichnungen findet. Er erklärt, dass die Engländer den Spaniern gegen ihre früheren Alliierten, die Franzosen, zu Hilfe kämen, also »dass wir nun uns für dieselbe Nation schlagen mussten, die wir einige Monate früher in Montevideo und Buenos-Ayres bekämpft hatten«. Das bemüht er sich zu verstehen, aber er begreift es nicht. Er nennt in seinem ganzen Buche zweimal Napoleon, aber weshalb die Engländer jetzt auf einmal sich für die Spanier interessieren, das zu ergründen, gibt er auf. Wusste es wer andrer? Das Volk gewiss nicht. Lawrence kommt nicht einmal dazu, zu meinen, dass andere es wissen würden. So gross empfindet er den Abstand zwischen seiner Simplizität des Söldners und den Fakten, in die er kommandiert wird, dass er gar nicht den Versuch macht, sich Unverständliches zu erklären. Und wie er die neuen Bundesgenossen sieht, wird ihm alles noch unverständlicher, denn er findet die Spanier verächtlich, weil sie nicht in der Reihe kämpften wie richtige ordentliche Soldaten, und hassenswert, weil sie grausam gegen Verwundete und Gefangene sind. Die Franzosen waren ja auch keine Lämmer, aber diese Spanier waren einfach Wilde. »Ich war Zeuge ihrer Barbarei. Einmal legten sie Stroh um einen französischen Blessierten und zündeten es an. Wenn der arme Kerl aus dem Kreis ausbrechen wollte, dann stiess man ihn immer mit einer Heugabel wieder in das Feuer zurück. Wir schossen schnell auf diese Kerle, aber als wir zu dem armen Teufel kamen, da hatte er schon Hände und Gesicht schrecklich verbrannt. Er bat uns, ihn nicht liegen zu lassen, aber wir mussten, und sicher kamen die Portugiesen zurück, um ihn umzubringen, oder er starb an der schlechten Behandlung, die er erlitten hatte.« Diese berühmten Guerillabanden Minas und des Pfarrers Merino verlieren in Lawrences Erzählung viel von ihrem Prestige, das sie in den Geschichtsbüchern haben. »Diese Banden«, sagt Lawrence, »waren hauptsächlich aus allerlei Lumpen- und Diebsgesindel zusammengesetzt, die sich in die Berge geflüchtet, da vereinigt und eine Truppe von ein paar tausend Leuten gebildet hatten, die von Raub und Überfall auf Proviantzüge lebten, hauptsächlich auf jene der Feinde.« Hauptsächlich auf die Feinde, aber auch auf die Verbündeten, wenn es sonst nichts zu plündern und zu stehlen gab und Not war. Die französisch-englische Feindschaft bestand eigentlich nur zwischen denen, die wussten oder zu wissen meinten, worum der ganze Handel ging. Die Soldaten selber behandelten einander mit grosser Courtoisie. Man schätzte sich und liess es nicht an Beweisen der Achtung fehlen. Während eines Waffenstillstandes bei Talavera, geschlossen, um die Verwundeten vom Schlachtfeld zu tragen, fraternisierten die feindlichen Armeen und »die Verwundeten drückten einander oft die Hände«. Und als das Vierzigste 1810 in einem kleinen Dorfe nah den englischen Befestigungen von Torres-Vedras lag, da »waren wir so ruhig, wie im tiefsten Frieden. Und waren doch so nah dem Feinde, dass wir einander oft in demselben Weinberg trafen und einander die Hand schüttelten und Höflichkeiten austauschten«. Goya hat in seinen »Schrecken des Krieges« die Franzosen als nicht sehr gutartige Feinde gemalt und auch Lawrence sagt, dass der »edle Feind« manchmal ein »recht grausamer Feind« wurde, aber er schränkt sein Urteil durch diese Bemerkung ein, die sehr ungewöhnlich im Munde dieses Bauern und Engländers ist: »Wir sind oft nur allzu geneigt, die Fehler anderer Nationen und Völker zu sehen, während doch, breitete man das Licht über unsere eigenen Fehler, diese oft denen unserer Feinde gleichkämen, ja, sie vielleicht überträfen.« Lawrence ist weder mit Gefühlen noch mit Gedanken an all diesen Bataillen beteiligt, an deren Sinn, und er hätte auch nicht recht gewusst, was für einen Patriotismus er als Bundesgenosse der eben erst bekämpften Spanier in einem ihm und den Seinen feindlich gesinnten Land hätte aufbringen sollen. So sagt er ganz unverstellt, dass auch die Engländer oft ebensolche Scheusslichkeiten begangen hätten wie der Feind oder die Banden. Aber er müsste nicht der ganz gewöhnliche Mensch sein, der er war, wenn irgendeine besondere Empfindlichkeit über ihn hätte Herr werden können. Er hatte ja Mitleid mit allen armen Teufeln, die als Opfer des Kriegshandwerkes fielen, aber schliesslich ist jeder sich selbst der nächste, und etwas in den hungrigen Magen kriegen ist wichtiger als eine Heldentat der Selbstverleugnung für einen Mann, der auf irgend welche Besonderheit keinen Anspruch stellt. Als das vierzigste Regiment am Tage nach der Schlacht bei Vittoria den fliehenden Feind verfolgt, hat Lawrence dieses Erlebnis: »Ich stiess auf einen armen französischen Verwundeten, der uns zuschrie, wir möchten ihn nicht im Stich lassen, da er Angst habe, den spanischen Bluthunden in die Hände zu fallen. Der arme Teufel hatte nicht zwei Stunden zu leben. Beide Schenkel waren ihm durchschossen. Er flehte mich an, bei ihm zu bleiben, aber ich blieb nur so lang, als es mir passte. Ich sah gleich, dass es nicht mehr lange mit ihm dauern könne, weshalb er nicht auf eine grosse Sympathie meinerseits rechnen konnte. Ich durchwühlte seine Taschen und seinen Tornister und fand darin ein Stück Schweinebraten und drei, vier Pfund Brot, was zu nehmen ich für sehr gut hielt. Der Unglückliche bat mich, ihm sein Teil zu lassen. Ich schnitt also ein Stück Brot und ein Stück Schwein ab, lehrte die Bohnen aus meinem Sack und legte alles das neben den Franzosen. Ich fragte ihn dann gleich noch, ob er Geld habe. Er sagte nein, aber ich war nicht ganz überzeugt und suchte wieder in seinen Taschen. Ich fand drei Kartuschen, die ich wegschmiss, eine Kleiderbürste, ein Paket Silberspitzen und auch solche aus Gold. Ich wollte mich nicht mit all dem beladen. Endlich fand ich seine Börse, die sieben spanische Taler enthielt und sieben Schillinge. Ich steckte das Geld in meine Tasche, bis auf einen Schilling, den ich dem Sterbenden zurückgab, und setzte meinen Marsch fort.« Nicht um ein vielleicht zweifelhaftes Samaritertum zu entschuldigen, erzählt Lawrence von den Nöten und dem Hungerelend, welches die englische Armee in dem spanischen Feldzuge litt, und nicht nur vom Feinde, sondern auch von der unfreundlichen Landschaft, vom bösen Klima, vom Volke, für das man kämpfte. Man ging in Schuhen, denen die blossen Füsse die Sohlen gaben; hatte nichts zu essen und war froh, fand man Mehl und Erbsen, die man in Wasser kochte. Von Brot und Fleisch träumte man. Dass Lawrence dem armen Teufel, der sterben musste, von dem Stück Schwein was liess, war für diesen gewöhnlichen Mann ein Opfer, das schon fast ein grosses und nicht nur ein gutes Herz brachte. Ein anderes Beispiel, am Abend der Schlacht von Toulouse: »Die Nacht war hereingebrochen und das Feuern hatte überall aufgehört; die Leute gingen daran, das eroberte Terrain zu untersuchen, vornehmlich nach Holz. Ich traf einen schwerverwundeten Franzosen. Ich fragte ihn, ob ich etwas für ihn tun könnte. Er bat mich um Wasser. Ich gab ihm aus meiner Feldflasche, die fast gefüllt war. Er trank in vollen Zügen, und beinah sofort lief ihm das Wasser aus der Wunde wieder heraus. Aber das erstaunlichste war, dass er mir das Haus seines Vaters zeigte, etwa eine halbe Meile weit, wie ich schätzte, und mir sagte, dass er seine Eltern seit sechs Jahren nicht gesehen habe; und seitdem er in der Gegend sei, wäre es ihm nicht möglich gewesen, auszureissen, um sie zu sehen. Er bat mich, ihn zu führen, damit er bei seinen Eltern sterbe; aber ich sagte ihm, dass mir das nicht möglich sei, denn in der Gegend seien eine Menge Franzosen. Dann verschaffte ich mir eine alte Decke, wickelte ihn darein, so gut ich konnte und es die Umstände möglich machten, und verliess ihn, um mich selber zur Ruhe zu legen. Er sah viel resignierter aus. Nachdem ich gegessen und meinen Grog getrunken hatte, hüllte ich mich in meine Decke und war alsbald eingeschlafen. Am andern Morgen wachte ich früh auf, und da ich nichts Besonderes zu tun hatte, kroch ich aus meiner Decke und brachte alle meine Sachen in Ordnung. Und dann ging ich, mehr aus Neugierde als aus sonst einem Grund, schauen, ob der arme Franzose noch lebte; aber er musste schon vor Stunden gestorben sein, denn er war ganz kalt und steif.« Wie Lawrence mit seinen Feinden verfuhr, bevor sie verwundet auf dem Felde lagen, das erzählt er etwa, wenn er von der Schlacht bei Vimeiro berichtet – 2. August 1808 –, die seine erste offene Feldschlacht war. Er stand da gegen einen Franzosen, und die beiden kämpften Mann gegen Mann wie homerische Helden. Lawrence hatte sich hinter einem Baum, der Franzose hinter einem Busch verborgen: so schossen sie aufeinander. Und der Engländer redete alldieweil ermutigend zu seinem Baumstamm, der sich, wie der Gott vor den Griechen, als wie ein kriegerisches Wesen vor ihn gestellt hatte, um den Mann zu schützen, redete zu seinem Baumgott, der die französischen Kugeln mit seinem Leibe auffing, bis ein anderer Infanterist des vierzigsten Regiments den Franzosen hinter dem Busch tötete. Das war für Lawrence die Schlacht bei Vimeiro, deren übriges er in drei gleichgültigen Zeilen abtut. Bei der Belagerung von Badajoz rief man Freiwillige zu einer Sturmkolonne vor die Front. So sicher der Tod war: Lawrence meldete sich. Nicht aus Heldenmut und nicht aus Verzweiflung und nicht aus Dummheit. Aber es ging das Gerücht im englischen Lager, dass den stürmenden Eroberern drei Stunden Plünderung der Stadt erlaubt seien, und Lawrence musste an einen Juwelierladen denken, den er einmal, mit seinem Freunde Harding und einem dritten in der Stadt promenierend, gesehen hatte. Das allein lag den dreien im Kopf, als sie des Nachts die Stadt anliefen, er mit der Leiter, Harding mit den Lichtern, der dritte mit einem grossen Sack. Es war wichtig, dass man sich im Getümmel nicht verliere und zur rechten Zeit vor dem Laden stünde. Aber »unser Plan ging fehl«. Harding hatte gleich seine sieben französischen Kugeln im Leib und lag eine Leiche. Dem andern wurden die Beine weggeschossen und Lawrence musste mit drei Wunden die Ambulanz aufsuchen. Um Harding war es ihm sehr leid. Denn er war ein lustiger Bursche gewesen, ein Ire, dem der Spass nie ausging. Als in einer Tranchee vor Badajoz eine französische Bombe krepierte und Arme und Beine in der Luft herumflogen, da hatte Harding gerufen: »Wenn einer Bedarf hat an Arm oder Bein, der hat jetzt Auswahl.« Und dann war der Ire der geschickteste im Regimente gewesen, bei den Bauern die versteckteste Wurst zu finden. Da der Plan mit dem Goldschmied so wenig glücklich ausging, sah Lawrence in Zukunft davon ab, sich freiwillig zum Stürmen zu melden, denn man wisse da doch nie sicher, wie man daran ist, mit dem Plündern nämlich. Nicht mit dem Tode, über den sich dieser simple Mann gar keine überflüssigen Gedanken machte, da ihn das unbekannte Leben viel mehr beschäftigte als die bekannte und ihm nicht weiter merkwürdige Tatsache des Sterbens. Badajoz wurde ohne Lawrence von einer anderen Seite genommen, und er kam zur Plünderung der vom Feinde befreiten verbündeten spanischen Stadt viel zu spät auf hinkenden Beinen. Da er selber nicht dabei gewesen war und Kameraden mit geplündertem Gute begegnete, entrüstet er sich kräftig über diese wilde Kriegssitte. »Unsere Truppen fanden die Stadt zu ihren Ehren illuminiert, was sie nicht hinderte, sich an all die Greuel zu machen, die einer Einnahme durch Sturm gewöhnlich folgen. Ich hatte kein Teil daran wegen meiner Blessuren, die mich im Lager zurückhielten, während die Stadt genommen wurde. Aber trotzdem ich so etwa eine Meile davon entfernt war, hörte ich doch deutlich den Lärm und Tumult, nachdem die Kanonen schwiegen und das Gewehrfeuer. Am anderen Morgen schleppte ich mich auf einem Stock in die Stadt, na, da fand ich einen schönen Zustand! Man hatte die Weinfässer in die Gassen gerollt und geöffnet, damit jeder trinken könne. Wenn die Offiziere die Ordnung damit wiederherzustellen suchten, dass sie die Fässer umwarfen, so legten sich die betrunkenen Soldaten auf die Erde, um aus der Gosse zu trinken. Die Türen in der ganzen Stadt waren aufgebrochen in allen Stockwerken. Ich sah mit meinen Augen einen ganz nackten Priester, den die Unseren in dem Zustand auf die Strasse geworfen und mit den Bajonetten verfolgten, und das, weil sie einmal früher in einem Kloster schlecht behandelt worden waren... Aber während ein Teil unserer Soldaten sich solcher Ausschweifung hingab, muss ich einem anderen alles Lob spenden, da er alles tat, um die Grausamkeit jener zu mässigen. Ich traf an diesem Morgen viele, die sagten, wie betrübt sie seien, zu denken, dass die Soldaten sich nicht beherrschen könnten. Alle Häuser waren ausgeplündert von oben bis unten, und zerstört, was der Plünderung widerstand. Morde gab es nicht viele, aber einige immerhin. Erst nachdem diese ganze Canaille totbesoffen war und manche davon wirklich tot wegen ihrer Exzesse, erst da konnte die arme Stadt etwas aufatmen. Am Nachmittag versuchte man mit frischen Truppen Ordnung zu schaffen, aber dabei wurden ein paar Offiziere erschossen, und man sagte mir, dass die neuen Truppen die betrunkenen Soldaten ihrerseits wieder geplündert hätten. Lord Wellington bestrafte alle Schuldigen, indem er ihnen für eine Zeit den Grog entzog.« Immerhin war Lawrence froh, einen Kameraden zu treffen, der ihm versprach, den Sack mit geraubtem Silber zu teilen, den er auf dem Rücken trug. Lawrence kam als Korporal aus dem Spital. Aber die Freude an dem höheren Sold wurde ihm durch die Versetzung in eine andere Kompagnie verdorben, deren Leute so klein waren, dass es stark sein ästhetisches Gefühl verletzte, unter Zwergen zu marschieren, die er als ein Riese um einundeinhalb Fuss überragte. Das schmerzte ihn mehr als seine Wunden. Der ganze Beruf war ihm dadurch zuwider. Den Soldaten interessiert die Armee, in der er dient, gar nicht, sondern nur sein Regiment. Auf das Regiment ist er stolz und die Kompagnie auf ihren Major. Wellington ist ihnen so gleichgültig wie der feindliche Heerführer. Es war nach der Schlacht von Salamanka, die neben den für die Franzosen so höchst fatalen Folgen die für Lawrence viel wichtigere Folge hatte, dass er wieder zu seiner alten Truppe kam, zugleich mit einem prachtvollen Tambourmajorstock, den man erbeutet hatte und der gut seine fünfzig Pfund wert war. Der alte Stock war schon recht abgenützt und schäbig gewesen und unter dem neuen war es ein Vergnügen, in die Schlacht zu gehn. Dass man mit seiner Tapferkeit die Cortes wieder nach Madrid gebracht hatte, – wen hätte das begeistern können? Der neue Stock tat das. Die gemeinen Menschen sind weit grössere Illusionisten als die politischen Menschen. Der Bursche wählte die Truppe, in der er Soldat sein wollte, nach der Uniform: die napoleonischen Kriegertrachten glänzten der feindlichen Kugel zum Trotz in allen Farben; wenn man Khaki trägt, hat der Krieg keinen Sinn mehr; wenn er das Auge nicht erfreut, enthüllt er seine stumpfsinnige Nüchternheit; wenn man seine Gegner nicht sieht, freut einen das Schiessen nicht. Die sechs Jahre des spanischen Feldzuges sind vorüber, die englische Armee geht über die Pyrenäen, und Lawrence, der nun Sergeant geworden ist, entzückt sich an der fruchttragenden Üppigkeit der französischen Provence, an den Federbetten, in denen er nun, als ein Sergeant, zu liegen ein Recht hat, und an den feinen Ragouts, die man ihm vorsetzt. Aber er findet sich nicht in diese neuartigen Sachen. Eine Nacht vor Bordeaux, wo man sich einschiffen sollte, bezieht Lawrence mit einem Kameraden Logis im Schlosse eines alten Royalisten, der glaubte, er müsse den englischen Wiederherstellern des Königtums alle Ehre antun. Das herrlichste Essen wird in silbernen Platten serviert, die im Licht vieler Kerzen strahlen – »ich hatte nie einen solchen Pomp gesehen«. Aber den beiden Engländern ist unbehaglich, sie sehnen sich nach der Küche; im Salon trauen sie sich, so hungrig sie sind, nicht zu essen. Sie wussten, dass es sich hier nicht schicke, mit den Fingern zuzugreifen, wie sie es gewohnt waren, und die Gabeln machen ihnen grosse Schwierigkeiten. Und was sie, hatten sie schon den Bissen glücklich im Munde, was sie assen, schmeckte ihnen wohl, aber es war zu kompliziert und unergründlich, woraus es bestand. Ein gepuderter Lakai brachte die beiden Soldaten in ihr Schlafgemach, und da lachten sie sich erst gründlich über ihre Metamorphose zu Gentlemen aus. Und hörten damit erst unfreiwillig auf, als sie in den Federbetten lagen, die ihnen höchst unbequem waren. Nach einer Weile stieg der eine aus dem Bette und legte sich, in seinen Mantel gehüllt, auf den harten Fussboden, dann folgte der andere. Und da schliefen sie prächtig bis in den Morgen, wo sie der Schlossherr sehr erstaunt weckte. Und wieder sehnte sich Lawrence nach der Küche, als er vor die Herrin in ein Boudoir geführt wurde, wo er erzählen sollte. Er tat sein Bestes, und die gute Dame weinte, was wieder Lawrence sehr rührte. Aber er empfahl sich gerne, um zu seinem Regiment zu kommen, das in einer Weise verändert war, die ihm gar nicht gefiel: man hatte die Lücken mit neuen Leuten ausgefüllt, und da gab es nun auf einmal so viele Helden, die nie in Spanien gewesen waren, dass man kaum seine alten Kameraden wiederfinden konnte. Das Vierzigste kam in England gerade an, um sich auf das Schlachtfeld von Waterloo zu begeben. Auch von dieser Schlacht berichtet Lawrence mit der Kürze, die er auch sonst liebt, soweit die Sache ihn nicht persönlich angeht. Waterloo fand er noch ganz besonders langweilig, weil das Regiment auf einem Platz bleiben musste, auf dem weder was Trauriges noch was Lustiges passierte. Wären die Offiziere nicht gewesen, so wäre man weggegangen wie aus einer langweiligen Vorstellung. Das Regiment stand in einem kotigen Loch, wurde zusammengeschossen und verlor die Nerven. Die Nacht kam und das Feuern hörte auf. Die Preussen ritten vorbei, die Lawrence zum Teufel wünschte, da ihm sein General geraten hatte, sich vor den Preussen zu hüten, denn »das seien Leute, die alles wegnähmen, was sie erwischten«. So wünschte er sie zum Teufel, denn er hatte glücklich einen Sack mit einem Schinken und zwei Hühnern gefunden, die ihn mehr interessierten als die ganze Schlacht, in der Napoleon seinen Kochtopf verloren, Lawrence den seinen gefunden hatte. Und den seinen gefunden hatte, weil er im kritischen Augenblick mit einem Preussen den Schinken teilte. Vor Paris, wohin man den achtzehnten Ludwig begleitete, verliebte sich Lawrence in eine kleine Französin, die er in England heiratete. Im Jahre 1817 nahm er seinen Abschied und machte sich nach Dorset auf den Weg zu seinen Eltern, die er nicht mehr gesehen hatte, seitdem er als ein Junge zu den Soldaten gelaufen war. Die Nachricht bekam er, dass sein Vater im Sterben liege. Diese Heimkehr erzählt dieser einfache Mensch als ein grosser Dichter. »Wir kamen an einem Sonntagmorgen an, während des Gottesdienstes. Wir nahmen den kürzeren Weg über den Friedhof und stiegen das Dorf hinunter, fragten einen und den andern nach dem Hause, wo John Lawrence (mein Vater) wohne. Es war noch dasselbe Haus, in dem ich geboren worden war. Und so komisch das auch war, ich beeilte mich gar nicht. Ich hatte von den Nachbarn gehört, dass er noch lebe und dass es ihm besser ginge, so war ich ruhig.« Er zeigte also im Dorfe seine Uniform und seine französische Frau und liess seinen Gefühlen Zeit. Ein altes Weib erkennt ihn, läuft zu seiner Schwester und meldet den Bruder. Der trug seinen Soldatenbart. Er steht vor dem Haus, ruft die Schwester. »Tritt ein! Warum hast du dir den Bart nicht scheren lassen? Da fragte ich sie, ob ein Bader im Ort sei. Nein, sagte sie, aber ich will ihn dir scheren. Ich schere immer auch den Vater. Da trat ich ein. Mutter und Vater waren von der Kirche noch nicht zurück. Ich warf meinen Mantelsack ab und nahm heraus, was man für den Bart brauchte.« Zwölf Jahre hatten sich Bruder und Schwester nicht gesehen. Mit sauberem Kinn und Lippen trat er an die Haustür und sah die Strasse hinauf. Da war der Gottesdienst aus. »Und wie er aus war, sah ich gleich die alte Frau mit demselben alten Hut, dem schwarzen Kleid und dem gleichen roten Mantel, wie damals, als ich sie verlassen hatte. Sie hatte von der Neuigkeit Wind bekommen, und sie kam nun daher wie ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen. Ich ging ihr entgegen, aber sie war so auseinander, dass ich sie an die Hauswand lehnen musste, damit sie nicht hinfalle. Und ging dann dem Alten entgegen, der ein Krüppel war und auf zwei Stöcken hinterdreinkam. Ich brauche wohl nicht sagen, dass er schlimmer als die anderen war, mich so auf einmal wiederzusehen. Ich brachte ihn ins Haus und hatte Mühe, ihn auf seinen Stuhl zu bringen. Keines von uns sprach lange Zeit ein Wort. Schliesslich sagte der Alte: Mein Kind, ich habe nicht geglaubt, dass ich dich wiedersehe.« Lawrence schliesst seine Erinnerungen mit diesen guten Worten »Ich habe mich bemüht, so gut als ich kann – und ich weiss, es lässt zu wünschen übrig – zu erzählen und so kurz als möglich, damit es die Leute meiner Gegend in ein paar Stunden lesen können, was mir so hauptsächlich im Leben passiert ist, verbunden mit den verschiedenen Feldzügen, in denen ich gedient habe; und wenn ich auch verstimmt bin, dem Leser nicht Ausführlicheres über Spanien und Waterloo geben zu können, so glaube ich, dass meine alten Kameraden, die mit dabei waren, nicht werden sagen können, dass, was ich erzähle, nicht ganz genau ist.« Der Sergeant Lawrence starb im Jahre 1867. Vom Leben des Soldaten in diesen Kriegen erzählen noch andere, der Sergeant Anton, der im zweiundvierzigsten Regiment diente, oder Harris, der Infanterist vom alten fünfundneunzigsten Regiment, oder Mercer, der Kanonier. Sie bestätigen die Tatsachen, die Lawrence berichtet. Sie erzählen von ihren Führern und ihren Meinungen über sie. Sie erzählen zu viel und zu wenig. Sie sind nicht unbedeutend genug, wie es dieser Lawrence war. Der ist seinesgleichen: der ganz gewöhnliche Mensch, der so selten von sich Kunde gibt, dass diese wie ein fremdartiges Abenteuer sich liest. Nikodem von Nifen Als ich dem Sultan von Sansibar drei meiner abgenütztesten Freundinnen verkaufte, versprach ich ihnen, sie nach einigen Wochen auf eine romantische Weise zu befreien. Als ich in Dar-es-Salam war, verständigte ich also Schillings – wie? Nicht diese Töne, o Freunde? Dann will ich euch erzählen, wie ich von Omaha aus diese sehr rentable Religion gründete, zu der sich heute siebzehn Millionen, und rechne ich die Anhänger der ebenfalls von mir gegründeten Gegenreligion dazu, zweiundzwanzig Millionen bekennen, – oder von der alten Dame, der ich bei Pedrucchi in Padua einredete, dass sie eine Bourbonin sei, worauf die bekannte Verschwörung, – nein, auch dieses nicht, da ich die geschäfthafte Nüchternheit all dieser Dinge nicht für passend halte in diesen ernsten Zeiten, die erheitert werden müssen, damit sich der Ernst verdichte zu irgendeinem Faktum, so oder so. Also anderes. Ich will euch erzählen, wie ich zwei portugiesische Klöster besuchte, zu einer Zeit, da noch kein kleiner König dieses Landes mit dem Münchner Barkeeper Melchior darüber sich unterhielt, ob er glaube, dass die Republik sich halten würde. Es war viel früher, als ich diese Reise mit dem Prior von San Vincente de Fora verabredete, der auch richtig eines späten Morgens in seiner Dormeuse vor meiner Quinta San Jose hielt, von der man die schiffbedeckte Mündung des Tajo übersehen kann. Der dicke Prior wollte nicht das Kleinste seiner gewohnten Behaglichkeit aufgeben und hatte ausser seinem vertrauten Sekretär und seinen Lieblingspferden einen Tross von Stallknechten, Ferradores, das sind Hufschmiede, und Maultiertreibern mitgebracht. Mit meinen und meines Freundes, des deutschen Arztes, Leuten war es eine Karawane, die selbst auf der Strasse nach Mekka keine schlechte Figur gespielt haben würde. Was aber die Dormeuse betrifft, so war sie dem Prior von dessen Bruder, dem uralten Marquis von Marialva, geliehen worden und war aus den Zeiten von Donna Ines. Sie war geräumig genug, dass Franchi, des Priors italienischer Musikus, sein Ladenklavier darauf unterbringen konnte. Und der Arzt seinen Medizinkasten. Wir sassen beim Abschiedsmahl auf der Veranda, als ein heftiger Lärm am Ufer uns aufschreckte. Der Raum von meinem Landhause bis zum Gestade war vollkommen gesperrt, indem die halbe Bevölkerung von Belem herbeigelaufen war, um unsere Abreise mitanzusehen. Die Kutscher der Packwagen fluchten und schlugen mit den Peitschen den Leuten auf die Köpfe, die Gäule wieherten, die Maultiere schlugen nach allen Seiten aus, und eine meiner zarten englischen Stuten wollte vor der Annäherung eines von des Priors wohlgefütterten Dormeusepferden ausreissen. Wir beeilten uns. Was nicht beritten war, setzte sich in das Reiseungeheuer des Priors, dieser aber sich in meine elegantere Chaise, die, von sechs starken Maultieren gezogen, in einem raschen Trab die Spitze nahm auf der Strasse nach Nossa Senhora de Luz zu. Wir machten Rast in Lumiares, einem Landhaus des Marquis von Anjeja, an das er tolle Summen verschwendet hatte, da er gar keinen Geschmack, aber den Glauben besass, er hätte ihn. Die Alleen waren mit Kieseln in rot, schwarz und blau gepflastert, was den Augen so angenehm war wie den Füssen; ein Dutzend Behälter für Goldfische waren in den absurdesten Farben bemalt, vor denen die Fische vor Schrecken starben; und überall im Parke gab es Mauern zu keinem anderen Zwecke, als um schmale Marmortreppen anzulegen, die nur miteinander selbst in Verbindung standen und nirgends hinführten, als zu sich selber. Es war dunkel, als wir nach Tojal kamen, wo wir die Nacht über zu bleiben beschlossen. Die paar Mönche, die hier hausten, hatten für den besten Empfang gesorgt. Als man andern Morgens bei einem vortrefflichen Frühstück, wobei es delikate Fische gab, vom Parke in Lumiares sprach, war da einer der Mönche als Missionar in China gewesen und erzählte, dass er in Peking mitten im Winter einen ganzen grossen Garten gesehen habe, von einem milden wohlriechenden Duft erwärmt. Alle Bäume seien mit seidenen Blättern und künstlichen Blumen bedeckt gewesen und auf einem Teiche, klar und durchsichtig wie der Himmel, der sich darin spiegelte, seien Hunderte von buntemaillierten Enten geschwommen, die aus Metall waren, durch einen Mechanismus ihre Schnäbel öffneten, schnatterten und das Futter verzehrten, das Eunuchen ihnen zuwarfen, und es auch dem Anscheine nach wohlverdaut wieder von sich gaben. Und dabei stand die ganze Zeit, über der Kaiser, lachte über mein Erstaunen und hielt sich für eine Inkarnation des Fo. Die paar Mönche schienen die Geschichte zu kennen; dem Prior entlockte sie auch keine bessere Bemerkung, als dass er dem chinesischen Kaiser Nebukadnezars Schicksal wünsche; und der Missionar wusste von Peking sonst nichts weiter Bemerkenswertes. So brachen wir gleich nach dem Frühstück auf. Sie können mir glauben, sagte der Missionar beim Abschied, dass ich mein möglichstes getan habe, den Kaiser zu bekehren. Der Prior hatte schon einen Fuss auf dem Trittbrett, als er antwortete: Hoffentlich gelingt es Ihnen das nächste Mal besser. Es war ein elender Weg bis nach Cadafaes, wo wir endlich wieder die grosse Heerstrasse nach Caldas erreichten. Wir assen zu Mittag in einem reinlichen Hause. Die Fussböden mit Matten belegt, die Tische mit feinstem Linnen, und in hellglänzenden Karaffen aus venezianischem Glase standen Nelken, wie ich sie selbst in Genua in den Durazzoschen Gärten nicht schöner gesehen habe. Als man unsern Zug vom Kloster aus erblickt hatte, läutete man alle Glocken. Die dreihundert Mönche standen, mit dem Grossprior an der Spitze, auf der weiten Plattform zu unserer Begrüssung. Dann trat man in die dunkle Kirche. Die paar Lampen verbreiteten ein höchst religiöses Licht. Ich suchte die Kapelle, wo Peter der Gerechte und seine geliebte Ines begraben liegen. Ich merkte gar nicht, dass draussen die Orgel nicht mehr dröhnte, als ich plötzlich in der Romantik meiner Gefühle vom Klosterabt und meinem Prior unterbrochen wurde, die in die Kapelle getreten waren. Nach der Küche! riefen sie. Der Aufforderung der beiden wohlbeleibten Männer war nicht zu widerstehen. Und die Küche war in der Tat eine Kathedrale der Gourmandise. Nie sah ich einen den Zwecken des Gaumens gewidmeten Raum, der grösser und würdiger gewesen wäre. Durch die ungeheure Halle mit einer schöngerippten Decke floss ein munterer Bach des klarsten Wassers, der durch hölzerne Behälter ging, die mit Fischen jeder Art gefüllt waren. Auf einer Seite waren Berge von Wildbret gehäuft, da Früchte, da Gemüse. In Truhen das weisseste Mehl. Felsengebirge von Zucker, Krüge wie Brunnen, voll Öl. Eine Schar von Laienbrüdern walkte an einem riesigen Pastetenteig. Wozu sie sangen wie die Lerchen in einem Kornfelde. Man rüstete wie zur Kananäischen Hochzeit. »Wir werden nicht Hungers sterben,« sagte der hochwürdige Abt, »Gottes Güte ist gross, wir müssen uns ihrer dankbar erweisen, indem wir sie geniessen. In einer Stunde wird das Essen fertig sein. Erlauben Sie mir, dass ich Sie einstweilen in Ihre Wohnung führe. Sie hat indes nur kahle Wände, denn wir erfuhren heute morgen zu spät Ihre Ankunft, um unsere schönen Tapeten aufzuhängen.« Ich fand meine Wohnung, die aus einem Vorraum, einem Salon und einem Schlafzimmer bestand, hoch und angenehm. Die Wände waren kahler Kalk, aber der Boden mit vortrefflichen Teppichen bedeckt und die Tische mit schweren Samten. Wasserkannen und Becken waren aus getriebenem Silber, das Linnen grob, aber mit alten barocken Spitzen. Es war ein seltsames Gemisch von Pracht und Einfachheit. Ich liess mir im Alkoven mein eigenes Bett aufschlagen, was den Mönch, der mich bediente, verwunderte oder verstimmte. Ich badete unbekümmert in der rasch entfalteten Wanne und ging sehr erfrischt in das Refektorium, als der Dienende sagte, es wäre nun so weit. Wir holten Franchi ab, der vor seinem Klaviere sass und Monteverdi spielte. Es gab vortreffliche Würstchen, eingemachte Neunaugen, einige brasilianische Gerichte, andere aus China, die ein Laienbruder aus Macao eingeführt hatte. Die Konfitüren und Früchte warteten in einem Nebenraume auf uns, in den man sich nach dem Mahle zurückzog, um den Gerüchen der Speisen und Brühen zu entgehen. Schon während der Mahlzeit waren einige junge Burschen mit Kassoletten von Filigran aus Goa herumgegangen, aus denen der gewürzige Duft des Kalambak, wie man die feinste Art des Aloeholzes nennt, emporstieg. Während wir in dem Nebensälchen das weisse Fleisch der Ciremoio aus ihrer stachligen Haut schälten, wurde der grosse Saal ausgeräumt, und ich dachte schon, wo man die Tänzerinnen hernehmen werde zu dem erwarteten Fandango oder der Fofa, diesem züchtigsten Tanze beredten Bauches und leidvoller Augen. Da trat eine Schar Klarinetten- und Gitarrenspieler ein, in seidene Dominos gekleidet wie die Abendmusikanten in den italienischen Possen, und ihnen folgten junge Mönche, gekleidet wie junge Herren in weltlichen Anzügen, in denen sie sich etwas ungeschickt bewegten, und man tanzte eine endlose Reihe von Menuetten, nichts weiter. Der Abt schien unglücklich, meinen Geschmack nicht getroffen zu haben, der gar nicht nach Menuett tanzenden jungen Klerikern stand. Es sollte besseres kommen. Nämlich nichts geringeres als eine Theateraufführung. Es trat nämlich ein gelblicher Herr herein, näherte sich uns mit abgemessenen Schritten, blieb vor uns stehen und schlug mit der einen Hand langsam und feierlich auf eine Pergamentrolle, die er in der andern hielt. Diese war das Stück, der Herr der Dichter. Nicht vielmehr das Stück als sein Theaterzettel, worauf in Karmin und Gold zu lesen war, dass heute abend und mit besonderer Erlaubnis des Abtes von Alcobaça aufgeführt werden würde: die rührende Tragödie der Donna Ines de Castro und der grausame Mord dieser liebenswürdigen Dame und ihrer zwei unschuldigen Kinder, wobei der Senhor Agostinho Jose die Rolle der Ines spielen werde. »Aber die Kinder entgingen doch den Klauen des Tyrannen,« bemerkte ich. »Allerdings,« sagte der Abt, »aber der Dichter ist ein italienischer Herr, der seit Jahren unsere Gastfreundschaft geniesst, und da er ein Fremder ist, kann man nicht verlangen, dass er das zarte Gefühl für die kostbaren Kinder habe wie ein geborener Portugiese. Er bat mich um die Erlaubnis, sie umbringen zu dürfen, weil das die Katastrophe wirksamer mache. Ich wollte dem ausgezeichneten Talente, das mein Freund ist, nicht zuwider sein. Er wollte sie durch den Dolch der eigenen wahnsinnig gewordenen Mutter beseitigen, aber das wäre doch zu weit gegangen gewesen, meinen Sie nicht?« Ich wandte mich an den Dichter und lobte seine weitgehenden Bemühungen im tragischen Fach, worauf er, einen Kenner in mir vermutend, lebhaft sagte: »Geben Sie mir noch einige Jahre und ich vertilge Ihnen auf meine Art die Hälfte der königlichen Personen in der portugiesischen Geschichte. Grossartig auf dem Schlachtfelde, auch wenn sie an der Gicht in ihrem Seidenbette gestorben sind, auf dem Ozean, auch wenn sie nie ihren Fuss auf ein Schiff gesetzt, ja, ich lasse sie vom Teufel selber holen, auch wenn sie in ihrem Leben nicht einer Fliege ein Bein ausgerissen haben. Das ist die Tragödie, mein Herr!« Der Abt schauderte ein bisschen mit den Schultern und flüsterte mir zu: »Esto doedo, esto doedo«, als ob er damit, dass er den Mann toll nannte, etwas anderes sagte, als dass er eben ein Dichter sei. Aber mein dicker Prior, mein Reisegefährte, erklärte, er vertrüge keinerlei Rührung auf blutige Weise, und entfernte sich, so schnell es seine Körperfülle ihm erlaubte. Der deutsche Arzt sagte, ihm mache keinerlei Blutverlust etwas, und Franchi sagte gar nichts, wie immer Musiker in solchen Fällen. Man verfügte sich also mit vielen Lichtern in den Theatersaal, durch Korridore und Hallen, über kleine Gärtchen und Höfe, wobei unser Nahen eine Menge junger Kleriker vertrieb, die entweder auf der Mundtrommel bliesen oder mit kleinen Kugeln spielten, und einer sass auf dem Boden und sprach mit einem Flamingo, der aufmerksam zuhörte. Quer vor das Ende des grossen Zimmers war ein grüner Vorhang gespannt, auf den das Klosterwappen lebhaft gestickt war. Davor standen Kirchenbänke aus glattgescheuertem Eichenholz, zumeist schon von etwa hundert ehrwürdigen Vätern besetzt, die in feierlicher Ruhe warteten, als ob sie einem ökumenischen Konzil beiwohnten. Es roch nach Klostergewohnheiten und Klosterkleidern nicht zum besten. Der Abt sah meiner Nase wohl etwas an, denn er flüsterte einem Mönche etwas zu, und nach einer Weile roch es angenehm nach verbranntem Lawendel. Es gab einige Musik, nach deren Beschluss ich das Auffliegen des Vorhanges erwartete. Dem war aber nicht so. Wohl aber hörte ich die laute Stimme Franchis auf der Bühne, der, wie ich späterhin fand, die Donna Ines zu bewegen suchte, ein ungeheures Paar klimpernder Ohrgehänge abzulegen und eine gewaltige Schleppe zu verkürzen, über die der Lümmel von Ines bei jedem Schritt stolperte. Aber Ines drohte mit Weinkrämpfen, und das entschied die Sache. Franchi gab nach, und der Vorhang ging auf. Über den Arm meines gewichtigen Lehnstuhles sagte Hochwürden der Abt leise zu mir: »Hätten Sie Agostinhos Stimme vor zwei Monaten gehört, so würden Sie entzückt gewesen sein. Jetzt ist er im Stimmbruch. Er wird ein guter Bariton werden.« Ich wollte gerade etwas Liebenswürdiges erwidern, als mich der Abt unterbrach: »Still! Hören Sie nicht Donna Ines?« Nun, ich hörte und muss sagen, keine Kuh, der man ihr letztes Kalb genommen, kann kläglichere Töne von sich geben, und sie nahmen an Greulichkeit zu, als Ines an die Rampe vorstürzte mit Blicken, darauf berechnet, unsere Gefühle bis auf den letzten Fetzen zu zerreissen. Dann gab es einige hundert Verse, die Ines etwas gleichförmiger rezitierte, aber mit solcher Emphase, dass der entzückte Dichter das Soufflierbuch weglegte und rief .»Nun, was sagen Sie dazu?« »E boa, e boa,« erwiderte der Abt, und die ganze Versammlung vor und auf der Bühne wiederholte: »E boa, e boa.« Diese allgemeine Ermunterung verfehlte auch nicht ihre Wirkung auf Donna Ines, und fast in zu hohem Grade, denn die höheren Töne ihres Halbdiskants bekamen nun das Übergewicht. Ich hätte viel für einige Baumwolle gegeben. Aber es gab gleich etwas Ruhe im zweiten Akt, der gänzlich mit den Plänen und Anstalten des Königs und seiner Räte ausgefüllt war, guter und nachgiebiger Leute. Im dritten Akt bemerkte ich verwundert, dass Seine Majestät mit dem kleinen Umstande, dass Ines seinen ungeratenen Sohn mit einem Paar von Kindern erfreut hatte, gänzlich unvertraut war. Als der erste Rat ihm das eröffnete, fragte er mit einer hinterlistigen Kälte: »Wie sehen sie aus?« »Wie Tauben,« sagte der mit aller Süsse, die solche Tierchen verlangen, wenn man von ihnen spricht. »Das ist mir gleich« (der König) »ich will ihr Herz durchbohren, sie müssen sterben.« Damit verlässt er die Bühne und wiederholte: »Sie müssen sterben« noch ein paarmal, wie mir erst schien, aber sie wurden von einer Leiter herab wiederholt von einem alten ehrwürdigen Mönche, der, da er zu sehr den Anstand liebte und zu schüchtern war, um öffentlich auf den Brettern zu erscheinen, die Rolle des Echos übernommen hatte und ganz vortrefflich spielte. Der vierte Aufzug bot nichts Besonderes, aber im fünften stiegen alle Schauder aufs höchste. Man hatte zwei entschlossene Meuchelmörder gedungen – aus ihren Blicken sprach der Mord – die Kinder liefen davon, die Mörder nach, gellende Schreie am äussersten Ende des Theaters; und die Zuschauer standen auf und reckten die Hälse wie eine Herde ungeduldiger, unruhiger Truthähne. Die Kinder wurden beim Haare auf die Bühne geschleift und einige geschickt fallende Tropfen Blut aus einem Behälter machten Täuschung zur Wirklichkeit. Ines erschien und rief alle Gestirne zur Rache in hohen und tiefen Tönen, bis sie über den Leibern der Kinder drei Dolchstösse erfuhr. Dann kam der König und sagte: »Ich bin zufrieden.« Das war der Schluss. Der Abt sagte: »Nun lassen Sie uns unsere Tränen trocknen und noch einen kleinen Trunk tun zur Beruhigung unseres ergriffenen Gemütes.« Ich verabschiedete mich höflich dankend und liess mich in meine Zimmer führen. Es war früh am Morgen, als ich in einen weissblau strahlenden Himmel hinein erwachte. »Wir wollen einen Ritt in die Wüste tun,« sagte ich meiner weissen arabischen Stute. »Du wirst an deine heimatliche Wildnis denken und ich an die meinige.« Die fruchtbaren Wiesen und Gehege lagen bald hinter mir. Der Ritt ging durch Kastanienwälder nun eine leichte Höhe hinan zu einem verfallenen maurischen Kastell. Frauen und Männer schnitten die andere Seite des Hügels hinab die Trauben von den Weinstöcken, welche den milden Aljuborrata geben. Dann weiterhin lag eine kleine Ebene, sandig, bestellt in Büscheln von staubgrauem Lawendel, die wie kleine Inseln im Sande lagen. Waldstreifen schlossen nach Süden, und darüber ragte wie ein zackiger Felsen die Kathedrale des Klosters von Batalha. Ich liess mein Pferd den Hügel hinabklettern und ritt im Trabe nach Alcobaça zurück. Man ging zum Frühstück, als ich ankam. Der Prior von San Vincente teilte mir mit, dass mein französischer Koch Simonet eine Omelette à la Provençale gebacken habe und keine Zeit zu verlieren sei. Der Doktor kam von einem Besuche des Krankenhauses, das die Brüder unterhielten. Die Medikamente seien, erzählte er, weder der Art noch der Zahl nach in einem Verhältnis zu den Krankheiten, für deren Erleichterung sie bestimmt waren. Aber mit den Krankheiten war er sehr zufrieden. Namentlich bot ein Geschwür von gewaltiger Grösse alle Launen dar, welche die Mutter Natur bei solchen Gelegenheiten nur auslassen könne. Nämlich Eiterung an dem einen Ende und Verhärtung an dem andern. Er sprach mit Entzücken davon. Seine Begeisterung aber kannte keine Grenzen, als er an die Beschreibung eines höchst angenehm perennierenden Geschwürs kam, das seit einer Reihe von Jahren, wie der Ozean, seine Ebbe und Flut hatte. Hier fing er, der sonst Deutsch geredet hatte, da er des Portugiesischen nicht mächtig war, an Lateinisch zu sprechen und wandte sich dabei geradezu an den Prior. Seine Hochwürden, der ganz der Omelette hingegeben war und solchen medizinischen Gegenstand weder sonst noch gar bei der Tafel liebte, Seine Hochwürden antwortete kühl, dass er es sich zur Regel mache, wo möglich nie ausserhalb der Kirche Lateinisch zu reden oder zu hören. Der Doktor schwieg, da er einsah, dass weder das eine noch das andere Geschwür die Aufmerksamkeit finden würden, die sie in seiner Meinung verdienten. Er schwieg und trank viel. Franchi, der gar nichts verstanden und nur den Enthusiasmus des Doktors gesehen hatte, wandte sich an diesen und sagte: »Nein, nein, und was Sie auch sagen mögen, – es gibt nur eine Musik, und die ist italienisch.« Der Abt brachte das Gespräch damit wieder in das Gleise, dass er von meinem Koch sprach und in einer Art, dass ich fürchtete, ich würde diese Perle ihm überlassen müssen. Ich wollte die Siesta nicht halten. Ich wollte in die brütende Hitze hinaus, die um die Steine zitterte und in der Luft hing wie ein Spinnweb. Ich wollte durch das Dorf in den Wald gehen, um fliessendes Wasser zu sehen. In einem Gange traf ich den Knaben mit dem Flamingo in einer tiefen Fensternische Schatten hocken. Er sollte mir den kurzen Weg zum Dorfe zeigen. So führte er mich durch leere Höfe, in denen ein gelbes Gras wuchs, zu einem letzten und schlug hier in einer modrig riechenden Ecke eine kleine Tür auf, die über ein paar Stufen ins Freie führte. Er wies schweigend mit der Hand die Richtung eines kaum merklichen Pfades durch Busch und Grün und wandte sich zurück zu dem Vogel, der stelzend nachgestiegen war. Ich schlenderte durch das kleine Gehölz etwas krüppliger Bäume, kam zwischen lange Reihen ockergelber Gartenmauern, über die das ledrige Grün von Feigenbäumen hing. Manchmal war eine Tür in der Wand, die sich dann höhte und weiter oben ein vergittertes Fenster zeigte. Ich liess meine Schritte leiser werden, so zwingend war die Stille. Und blieb manchmal stehen, tastete die Mauer ab, die warm war wie die rauhe Haut eines lebenden, atmenden, schlafenden Wesens. Es roch nach Steinen, Bux und Gartenerde. Da schlug mein Herz erschrocken, als es etwas wie ein Singen auf einmal von einem Fenster nieder über mir hörte, und den Klang einer ganz leise geschlagenen Gitarre dazu. Es waren die Kadenzen einer Brasileira. Ich sah zu dem vergitterten Fenster auf, das eben von einem schönen weissen Arm geöffnet wurde. Den Arm kannte ich, weiss Gott! »Sind Sie es, Donna Francisca? Wie kommen Sie hierher? Was hat Sie veranlasst, die Ajuda gegen dieses öde Nest zu vertauschen?« – »Steigen Sie die Stufen herauf, und ich will es Ihnen erzählen. Aber Sie dürfen nicht länger als zehn Minuten weilen. Nicht eine Sekunde länger.« – »Da ist keine Zeit zu verlieren« und ich eilte. Aber nicht Donna Francisca, das beliebteste Kind der Ajuda und von Queluz empfing mich, sondern ihre ernste aber nachsichtige Mutter. »Ich weiss, wen Sie suchen,« sagte die bärtige Matrone, »aber es ist vergebens. Sie haben Francisca gehört, dürfen sie aber nicht sehen. Sie ist nicht mehr das leichtsinnige Kind, mit dem Sie tanzten. Ihr Herz hat sich gewendet. Machen Sie nicht das Gesicht. Zu Gott hat sich ihr Herz gewendet. Ein gottseliger Mann, ein wahrer Heiliger, ein wahrer Spiegel der Heiligkeit für seine Jahre, er ist, denken Sie nur, erst fünfzig, hat diese gesegnete Veränderung hervorgebracht. Sie erinnern sich, wie der Beichtvater der österreichischen Gesandtin sagte, es sei schändlich, wie hinreissend mein Kind die Kastagnetten schlüge und beim Tanzen ihren Kopf zurück und alle übrigen Teile ihrer kleinen Person vorbeuge, – so sagte dieser alte Wüstling. Da begab es sich also, dass der Abt von Alcobaça nach der Hauptstadt kam, in Begleitung eben des unschätzbaren Mannes, von dem ich Ihnen erzählt habe. Der sah sie und sagte, dass unter dem Schleier aller dieser Leichtfertigkeit doch noch die Saat der Gnade verborgen sei und dass er sie zum Keimen bringe wolle. Und daran machte er sich. Francisca wandelte sich. Und als der Abt nach zwei Monaten wieder in das Kloster zurückkehrte und mit ihm unser heiliger Mann, da war für Francisca alles andere vergessen, und wir müssen sterben, sagte sie, wenn wir dem heiligen Manne nicht folgen. So taten wir. Mieteten dieses Haus und diesen Garten, – sehen Sie nur die schönen gelben Nelken, – und sind hier sehr glücklich und haben uns ganz der Frömmigkeit hingegeben, so streng auch unser Herr und Leiter ist und die Geissel nicht schont. Aber auch sonst lässt er es uns an nichts fehlen. Eben erst schickte er diesen herrlichen Schinken von Melgazo.« Sie wollte gerade eine damastne Decke von dem Melgazoer Schinken zurückschlagen, als von der Gasse her dreimal kräftig gehustet wurde. Die Alte lief auf den Balkon und rief: »Jesus und Joseph, er kommt, er kommt!« Hätte sie statt eines lebendigen Mönches einen Geist gesehen, sie hätte nicht mehr erschrecken können, und deutlicher als ihre Geste zeigte mir ihr verstörter Blick die Tür, so dass ich im Augenblick hinaus war. Es wäre auch gotteslästerlich gewesen, hätte ich auch nur einen Augenblick länger gezögert. Das Kloster war mit heissen Gesichtern aufgewacht, als ich zurückkam. Ich hatte den Wunsch ausgesprochen, gegen Sonnenuntergang nach dem Kloster Batalha zu reiten, um da die Nacht zu verbringen, und fand alles zur Reise vorbereitet. Zwei mit Lebensmitteln beladene Maultiere und mein ungarischer Hengst standen im Geschirr. Das violette Braun der Dämmerung lag über der Erde, als wir vor dem Kloster ankamen und der Maultiertreiber eine Fackel anzündete. Ein junger Laienbruder nahm mein Pferd, streichelte seine Mähne und küsste in kindlicher Freude seinen Hals. Ich selbst wurde, wenngleich auch nicht mit solchem Enthusiasmus, doch mit grosser Herzlichkeit von dem schlanken Abt begrüsst, der in den Torweg getreten war und mich in einen kahlweissen Raum führte, wo ein einfaches Mahl gerichtet war. Als von den Hungerleidern sprachen die Mönche von Alcobaça von denen in Batalha, mit einer gutmütigen Verachtung. Es gab Früchte, Brot und Wein. Aber der schlanke Abt machte den Wirt wie ein Weltmann, der zu Haifischflossen und Salanganen geladen hat. Er goss den Wein ein, seine Finger waren fein und lang und gar nicht diese dicken gelblichen Mönchswürstchen mit Haaren darauf und eingekrümmten Nägeln. Auch schob er die Hände nie, die Finger verschränkend, ineinander, wie Kleriker und ganz alte Leute es tun, sondern liess sie dort ruhen, wo sie gerade lagen, sich selbst überlassen. Diese Hände liessen mich manches glauben, was man mir in Alcobaça von diesem Abte erzählt hatte. Er war erst spät in den Orden getreten, der unter der Regel Benedicti stand, und nach einem Leben, das ihn dem Teufel näher brachte als dem lieben Gott. »Meinen Glauben«, sagte er im Gespräche, »habe ich mir aus der Tiefe der Hölle heraufgeholt, – er hat davon etwas lebhaftere als die üblichen Farben bekommen.« Aber mehr als solche allgemeine Andeutungen über sein früheres Leben gab er nicht, soviel ich mich auch bemühte, mit Erzählungen vom Abte von Alcobaça, der meinen Koch wolle, und vom Beichtvater der Donna Francisca das Gespräch auf Persönliches zu bringen. Dieser teuflische Mann war unverrückbar. Was immer er gelebt und erlebt haben mochte, es war vollkommen in den idealsten Gleichgewichtszustand seines seelischen Wesens eingegangen. Diese geistige Isoliertheit, die sich weder in Verzweiflung noch in Verachtung von dem abwendet, was die Menschen sind und treiben, war bei diesem Abte ohne die schwache Seite, welche bei den Religiösen fast immer festzustellen ist, indem sie die niederdrückende Bedeutung der geistigen und moralischen Welt nicht in deren innere Wesenheit legen, sondern einfach auf ihr Verhalten zur Alternative Himmel und Hölle. »Um Gott zu lieben, müssen wir den Teufel lieben wie ihn,« sagte er, und: »Wir lieben den Teufel um Gottes willen, denn Gott würde ohne den Teufel zu existieren aufhören.« Dann wieder: »Das Inferno ist ein so wichtiger Teil in der Divina Commedia wie das Paradiso. Wer die Menschen als schlecht verachtet oder als böse an ihnen verzweifelt, der ist grausam wie Pascal, der eine Hölle, aber kein Paradies geschrieben hat. So müssen wir also auch den Begriff des Bösen mit unserer Liebe umfassen.« »Aber Pascal«, sagte ich, »hat das Paradies gelebt, denn er war gütig wie Keiner, immer hilfsbereit, grossmütig, heiter, liebenswürdig, ein Weltmann, voll Scherz und Laune, erfand den Omnibus ...« »Alles das war er omnibus,« unterbrach mich der Mönch, »aber ein Verzweifelter war er mit sich allein, einer, den das ewige Schweigen der Unendlichkeit erschreckte. Pascals Christentum war nicht mehr eine das menschliche Leben formende, sondern auslöschende Kraft.« – »Aber«, sagte ich, »er hatte eine Stimme, die aus dem Dunkel kam und aus Stürmen heraus, wie keiner mächtiger je den Menschengeist überfiel, und tauben Sinnes oder in Sinnlichkeit verstumpft ist der, der diese Stimme nicht hört.« Als ich das gesagt hatte, stand der Abt von Batalha auf und trat ans Fenster, so dass er mir den Rücken kehrte, der sich für Augenblicke leicht krümmte. Lachte er leise? Sein Gesicht war regungslos, als er sich umwandte und Pascals Worte wiederholte: »Nur ein Heiliger kann die Heiligkeit verstehen.« Als ich schwieg, kam er an den Tisch zurück, lehnte sich an meinen Stuhl und erzählte: »Ich war in Rom eine Zeitlang im Amte der Heiligsprechungen. Als Advocatus Dei hatte ich einmal diesen Fall: in Paris lebte ein Jude, der ein leidenschaftlicher Katholik und auch, was man einen grossen Sünder nennt, war. Er wucherte, er betrog, er verführte Kinder, er verdarb Frauen, wobei ihn sein grosser Reichtum vor den irdischen Unannehmlichkeiten schützte. Und sein katholischer Glauben vor den jenseitigen. Er nahm es, wie er glaubte, sehr ernst damit. Wollte es aber auch mit seinen Lastern ernst nehmen. Und hatte so den Ausweg gefunden, dass er seine Taufe auf den Augenblick seines Sterbens verschob: da erst wollte er sich taufen lassen und rein wie ein Kind, auch von der Erbsünde losgesprochen, direkt in den Himmel fahren. Da überraschte ihn der Tod des Nachts in einer üblen Gasse, ein Schlaganfall warf ihn zu Boden. In seiner grossen Not packte er ein vorbeistreichendes Freudenmädchen am Kleid, dass die Hure ihn taufe. Er sprach ihr die Formel vor und das Mädchen, das gerade vom Lande gekommen und fromm war, sprach die Formel und goss Wasser über ihn, das sie aus der Gosse genommen hatte. Es war ein Wagenstand in der Nähe und das Rinnsal voll Pferdeurin. Der Mann starb als Christ. In seinem Heimatdorf wurde er, wie er es wünschte, begraben. Er hatte dem Ort auch sein sehr grosses Vermögen vermacht. Die verlangte Grabkapelle bekam er auch.« Als er schwieg, fragte ich, wie der Mann vor die Advokaten gekommen sei. »Der kleine Ort wollte einen Heiligen haben. Des Geschäftes wegen, das ein Heiliger mit sich bringt. Wunderzeichen gab es eine Menge. Die Polizisten, die den Toten auf die Station brachten, hatten einen wundervollen Geruch an dem Kadaver gemerkt, den Sarg umgab ein weisses Leuchten, auf dem Grabhügel, der ihn deckte, bis die Kapelle fertig war, blühten Lilien, ohne dass man sie gepflanzt hatte, – der grösste Teil unserer Heiligen und ihrer Wunder ist nicht anders, wie gute Hagiographen nachweisen.« – »Haben wir also einen heiligen Löwy?« fragte ich. – »Der Advocatus Diaboli ging nicht in die Tiefe, und so fuhr der fromme Mann zum Teufel und die Kirche hat einen Heiligen weniger,« sagte der Abt und lachte; dann fügte er rasch hinzu: »Übrigens hat auch die Hölle ihre Heiligen.« Wollte mich der Abt zum besten halten? Ich liess alle Höflichkeit beiseite und fragte ihn: »Wie können Sie mit solchen häretischen Ansichten nicht nur in der Kirche bleiben, sondern sogar in einem katholischen Orden?« – »So wie die Hölle beim Himmel bleibt, so wie der Böse der Fürst der Finsternis heisst, aber auch Luzifer. Wo anders als in der Kirche sollen die sein, die Sie Häretiker nennen? Wer die Kirche moralisch betrachtet, wird sich immer über sie täuschen. Die meisten Sünden sind, wie die meisten Tugenden, nur menschliche Torheiten. Es gibt Tugenden der Väter, die bestraft werden bis ins dritte und vierte Glied. Und es gibt Sünden, die zu begehen unumgänglich nötig ist, wenn wir überhaupt leben sollen. Und die Kardinalfrage, die eigentlich nur ein Embryo stellen kann, ob es sich nämlich zu leben lohne, diese Frage werden Sie, der Sie leben, doch nicht stellen wollen. Da wir leben, dürfen wir unsere Tage nicht wie Wasser durch ein Sieb laufen lassen, – sündhaft, tugendhaft, wie wir es zum Leben, zu diesem und jenem Leben brauchen. Jede Entfaltung des Lebens ist ein gutes Werk, ob uns nun Gott oder der Teufel dafür belohnt. Haben Sie Angst? Ich mache Ihnen doch die Hölle sehr komfortabel.« Er geleitete mich selber in die Zelle, die mich die wenigen Nachtstunden, die noch blieben, beherbergen sollte. Als ich das Fenster öffnete, stand draussen die Nacht im Erbleichen, und die Vögel wachten auf. Ich löschte das Licht und stand auf einmal in der grauen Dämmerung, die wie mit einem Schwung in das weissgetünchte Gemach flog. Lauter wurden draussen die Vögel. Ich warf mich aufs Bett. Im Traum erschien mir der Abt von Batalha als der inkarnierte Paraklet. Ein blendendes Sonnenlicht erfüllte die Zelle, als ich die Augen aufschlug, vom Eintritt des jungen Bruders geweckt, der mein Pferd geküsst hatte und der lächelnd an meinem Lager stand. Ob es mein Wunsch wäre, fragte er, das Denkmal des Dom Emanuel zu besichtigen. Es sei zwar in einem sehr schlechten Geschmacke entworfen, habe aber den Vorzug, unvollendet zu sein, – vollendet wäre es noch viel hässlicher geworden. So sprach der kleine Mönch, während er mir eine heisse Schokolade reichte. Mir war noch nie bisher ein Führer begegnet, der seine Sehenswürdigkeiten in weniger spannender Weise empfohlen und gepriesen hätte. Da ich aus seinem ganzen Wesen nicht annehmen konnte, dass es blosse Faulheit war, den vielleicht vom Abt befohlenen Führer zu machen, erklärte ich, dass ich seinem guten Urteil vertraue und auf das Mausoleum um so lieber verzichte, da es ja in Batalha kaum etwas Schöneres geben könne, als die im reinsten Geschmack des vierzehnten Jahrhunderts erbaute Kathedrale, die im Morgenlicht zu sehen ich mich sogleich erheben würde. Dann müsse ich, sagte der Knabe, noch eine Nacht in Batalha bleiben, denn es sei Nachmittag. Weshalb er sich auch mich zu wecken erlaubt habe. Ich sprang aus dem Bette. Ich hatte den Abt nicht mehr gesehen, als ich eine halbe Stunde später das Kloster verliess. Ich liess ihm durch den kleinen Mönch meinen Dank und Gruss bestellen. Era gia l'ora, es war die angenehme, die feierliche Stunde des müde abrüstenden Tages, als ich vor Alcobaça eintraf, auf dessen weiter Plattform der Gross-Prior des Klosters mit seinen Gästen auf und ab ging, so die frischende Abendluft genoss und, wie alle zu versichern beliebten, mit grosser Angst meine Rückkehr erwartete. Man bangte, ich wäre in Batalha vor Hunger gestorben. »Wir selbst sind die Glücklichsten der Glücklichen gewesen,« sagte der Abt, »Ihr grosser Simonet hat selbst meine Erwartungen übertroffen. Jetzt aber zu einem neuen Beweise seiner ausgezeichneten Geschicklichkeit, – zum Abendessen.« Man kann nach diesem Erfolge meines Koches die Klage ermessen, die sich erhob, als die Stunde unserer Abreise gekommen war. Es war eine schwere Trennung. Der Künstler selbst, der nicht nur eine geschickte Hand, sondern auch ein fühlendes Herz besass, war nichts weniger als abgehärtet gegen das Entzücken eines so feinen Schmeckers, als es der Oberhirt von Alcobaça war. Er war vom Lobe sichtbar bewegt, mehr aber wohl von den grossmütigen Geschenken, die er, wie ich vermute, empfangen hatte. Er sah es mit grossem Mitleiden, wie sehr nahe dem Abt seine Abreise ging. Das Mitleid bewegt, wie man weiss, das Herz zur Liebe und die Liebe oft zur Frömmigkeit. Als wir uns alle aufmachten, um vor der Abreise eine Abschiedsmesse zu hören, da schlug Simonet, bei sonst geringem Hang zu sichtbarer Frömmigkeit, so heftig an seine Brust, dass ich, als wir aus der Kirche kamen, mich nicht enthalten konnte, zu ihm zu sagen: »Simonet, der hochwürdige Abt scheint dich ganz umgekehrt zu haben, – du bist erstaunlich religiös geworden.« Worauf mein Koch sagte: »Ah, Monsieur, on le sera à moins, Monseigneur rend la réligion si aimable.« Hatte etwas Ähnliches von seinen Bemühungen um die Religion nicht auch der Abt von Batalha gesagt? Alle Glocken läuteten, als Ross und Tross sich in Bewegung setzten. – Ihr werdet nun, liebe Freunde, sagen, dass des Abenteuers Abenteuer ein kalvinistischer »Auserwählter« gewesen sei, der ein katholischer Abt war. Aber ich meine wirklich, dieser Abt war der Heilige. Es lag die Welt des Tuns so weit unter seiner seelischen Durchdringung, dass er auch das Böse tun konnte, nicht anders, als wäre es das Gute. Er nahm daran nicht mehr teil. Das Tun ist ein Zeitliches und so ist auch die Wertung des Tuns ein Zeitliches. Aus seinem Tun ist der Mensch religiös nicht bestimmbar. Die Mystiker, die sich mit dem Worte mitteilen, sind sie nicht Verräter oder solche, die noch nicht mitteninne stehen? Christus schrieb kein Evangelium, und erst die Brüder schrieben auf, was Franciscus in der Ergriffenheit gesungen hatte. Der Heilige ist nicht erst an seinen Werken zu erkennen, denn er ist in Wahrheit ohne Werk, was nicht heisst, dass er ohne Wirken sei. Aber ich sehe, ich hätte euch doch besser die Geschichte erzählen sollen, wie Schillings, Blei und ich dem Sultan von Sansibar die Frauen raubten, die wir ihm vier Wochen früher verkauft hatten, – oder die Geschichte von Friedrich von Schennis und der Gräfin d'Agould, wie sie zu Weimar vor dem ungarischen Musik-Abbé – aber es ist Zeit zu frühstücken. John Nelson Sein Vater war Salineninspektor in Malden in Virginien und kommandierte ein paar hundert Negersklaven mit der Peitsche, die auch nicht zu selten auf den zwölfjährigen John Nelson, den Sohn, niederfiel. Die Neger gaben dem Jungen heimlich die Schläge wieder, die sie vom Inspektor bekommen hatten. In dieser Hölle lebte John mit seinem Freunde, einem Hund, den er auf die Schwarzen dressiert hatte. Er fand das Tier eines Tages im kochenden Wasser. Da lief er aus dem Hause und wurde ein Deserteur du monde, welches dichterische Wort von Leibniz stammt. Er lief dem Westen zu, wo er wusste, dass »die grosse Wüste« lag, wie man damals, in den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, die amerikanische Prärie nannte, die vom Missouri bis zum Felsengebirge reicht, kaum von wenigen Weissen noch betreten war an ihrem Rande, das unbekannte Jagdrevier des Büffels und der Rothaut, der gefürchteten, grausamen. Jahre brauchte der Knabe für den Weg, dessen Ziel nur eine Sehnsucht ahnte und das die grosse Leere war, die Verlassenheit im Raume, das Vergessensein in der Zeit, der Verlust der Menschenwelt und der Gewinn einer Erschütterung, wie sie dem ganz Einsamen die schweigende Nähe Gottes gibt im Einton des Meeres, der Wüste, des Eises, in den Felsen, auf der Steppe. John Nelson gewann sein Brot mit Arbeit, wie sie ein Junge seines Alters verrichten kann. Er war Geschirrwäscher am Ohio und Hühnerdieb im Dienste eines Flössers, Bodenkehrer auf einem Mississippischiff, Jäger in Kansas und Viehhirt in Missouri. Lebte, ein guter, stiller Junge, in Frieden mit seinem Herrn und verliess ihn, wenn es ihm passte. Fast schien es, als sollte er bei seinem Onkel bleiben, dessen Ranch am Rande lag, wo kein Zaun die von der Pflugschar aufgeworfene Erde grenzte, sondern die letzte gebrochene Scholle ins hohe Gras der Prärie fiel, bis zu deren Ende noch keiner je gegangen war. Stellen gab es, bestimmte Orte kannte man, wo die kleinen Karawanen abenteuernder Weisser mit den Rothäuten zusammenkamen, um Steinflinten, Glasperlen und Schnaps gegen Büffelleder und Biberpelze zu tauschen. John Nelson war sechzehn Jahre alt, ein guter Schütze und vortrefflicher Reiter, als er seines Onkels Herde hütete und sich langweilte. Da schwankte aus der Ferne ein Zug heran, der gegen den Westen unterwegs war. Noch Anfänger im Handel, denn die Leute wussten weder Weg noch Ort, die Indianer zu treffen. John ging mit ihnen bis zur Nacht, und als sie ihm vorschlugen, bei ihnen zu bleiben, zitterte sein Herz. Am andern Morgen sattelte er sein Pferd und zog mit den Leuten dem Abenteuer entgegen, das für ihn nicht die Rothäute waren und nicht die Büffel, sondern die Wüste. Erst war er enttäuscht. Denn das Land, durch das man kam, glich mit seinen Bäumen und ruhigen Wassern einem Parke, wie er ihn in Virginien gesehen hatte. Das war nicht das Land, das er suchte. Doch da blieben die Bäume zurück, kein Bach lief mehr neben dem Weg, den man zog, und da lag es, endlos, leblos, flach wie eine Hand, in grünlichen, rötlichen Wellen kaum bewegt, vor ihm, das Land, das er als seine Heimat suchte: die grosse Prärie. Und er stürzte sich in die grosse Öde »wie besessen« und sonderte sich alsogleich von den Leuten des Zuges, so dass er nichts sonst sah, als den unbelebten Horizont, und er sagte sich: »Ich bin der König von all dem, was ich sehe.« Des Nachts lag er weitab vom Lager der andern, allein unter den Sternen und schlief ein, fiebernd vor Glück. In solcher Nacht schwur er dem Rausche seiner Einsamkeit die Treue: dass nie ein festes Dach ihn decken und keine Tätigkeit der Väter ihn je wieder in Gewalt bekommen solle. Man war endlich auf ein grosses Siouxlager gestossen und handelte die Tauschwaren vierzehn Tage lang. Als sich der Zug eines Morgens weiter nach dem Westen in Bewegung setzte, fehlte ein Mann. Man wartete nicht auf ihn. Man hätte auch vergeblich gewartet. John Nelson blieb bei den Indianern, in deren Lager er sich die Nacht vorher begeben hatte. War da in ein Zelt eingetreten und hatte sich wortlos auf den Boden gesetzt; wie einer, der entschlossen ist, nicht mehr wegzugehen. Beim Schein des Feuers sah er einen Häuptling und fünf Frauen. Der Mann schnitzte an einem Bogen, die Frauen nähten farbige Perlen an Lederschuhe. Alle blickten ihn erstaunt an. Er sah zur Decke und lächelte. Die andern tauschten Blicke, sahen den Eindringling wieder an. Der sass und lächelte. Da beachteten ihn die Zeltbewohner nicht weiter und schnitzten und nähten. Nach einer Weile sagte John durch Zeichen, dass ihn hungere. Die Frauen brachten ihm eiligst von dem trocknen Fleische, davon ein kleiner Berg in der Ecke des Zeltes lag. Er ass, der Häuptling werkte an seinem Bogen, die Frauen stickten. Stunden vergingen so. Bis die Indianer der Meinung wurden, sie hätten nun genug ihre Haupttugend, sich von nichts verblüffen zu lassen, gezeigt, und die Frauen mit Gesten dem Fremden die Tür zeigten. Der tat, als merkte er nicht, was man von ihm wolle. Eine setzte sich neben ihn, sah ihn an, dass auch er sie ansehen musste, dann stand sie auf, ging zur Tür, und er sollte folgen. Er rührte sich nicht und gab auch nicht nach, als ihn die Frauen ein wenig am Ärmel zogen. Die Frauen sahen erschreckt auf ihren Gatten. Alle sahen erschreckt auf den Fremden, der so ganz ohne Verstand und Manieren war. Der Häuptling gab nach. Er befahl seinen Frauen, dem Manne ein Lager zu bereiten, der sich alsbald in ein Büffelfell gehüllt ans Feuer rollte und einschlief. Das Gleiche taten die Roten. Bei den schlechten Erfahrungen, die Nelson bei den Menschen seiner Farbe gemacht hatte, war er geneigt, die wahre Menschlichkeit bei den Wilden zu finden, weil die höflicher waren als er und ihm unter Umständen Gastfreundschaft gewährten, die er nirgend sonst bei Menschen seinesgleichen gefunden hätte. Es gab einen Augenblick, den Anfang seines Lebens bei den Indianern, wo seine Flucht vor der Menschenwelt etwas romantisch sich in eine Flucht vor der Zivilisation verkleinerte. Aber er fand seine Sehnsucht bald wieder, um derentwillen allein ich von diesem Leben erzähle. Andern Tages zeigte Nelson seinen Gastgebern die in der Ferne verschwindende Karawane und machte ihnen deutlich, dass sie ihn bei sich behalten müssten. Der Stamm war noch wenig mit Weissen in Berührung gekommen und so noch nicht misstrauisch. Sondern, wie Nelson ein bisschen schwärmerisch sagt, ganz im Stande der natürlichen Rechtlichkeit, den sie erst durch die Weissen verloren hätten. »Bevor die Weissen zu den Indianern kamen und ihnen das Lügen, das Stehlen, das Spielen und das Trinken beibrachten, gab es auf der Welt kein glücklicheres und besseres Volk. Das moralische Niveau der Indianer war ausserordentlich hoch.« Nelson verachtet alle Kultur, die allein durch das zustande kommt, was der Mensch über das ihm natürliche Mass hinaus tut. Die Bösheit, die der weisse Mensch sich über das Tier hinaus leistet, gibt ihm eine höhere Menschlichkeit, die sich im Niedrigsten wie im Sublimsten manifestiert, im Meuchelmorde sowohl wie in Rembrandts Kunst. Wer den Mord verabscheut, der hebt auch Rembrandt für seine Existenz auf. Das Paradies differenziert sich aus der Hölle. Nelson aber war für die Leere der Welt. Dass eine unschuldige Herde sie sporadisch bevölkere, war seine einzige Konzession. Dass die Schafherde der Indianer unter das Schermesser der Weissen kam, das war sein Schmerz. Damit waren ihm auch die letzten möglichen Menschen aus der Welt genommen, und er hetzte sich von Stund' an ab, den Ort in der Welt zu finden, der ohne Menschen war. Er bekam ein Zelt. Er bekam die Worte gelehrt. Und er bekam das Wissen, dass, was er für die leere Wüste hielt, voller Leben sei. Er erkannte die Spuren des Wildes, horchte mit dem Ohr auf dem Boden auf den Galopp der Büffelherden und sein scharfer Blick sah die Antilope, die sich in einer Faltung des welligen Landes versteckte. Und er wuchs in diesem Leben und wurde stärker. Er war kein Träumer mehr, der unter den Schauern der Einsamkeit in namenlosen Gefühlen zusammenbrach. Er teilte alles Leben mit seinen neuen Genossen, deren menschliche Tüchtigkeit er in ihrem natürlichen Zustand primitiver Unschuld wurzelnd fand, ohne dass ihm deshalb der rote Mann zu einem Idyll verblasste, wie es das achtzehnte Jahrhundert aus den Wilden sich imaginierte. Ihn schauderte oft die Grausamkeit, mit der sich dieses Volk zu dem erzog, was es als den vollkommenen Menschen erkannte, und welche Grausamkeit es am Feinde wie ganz selbstverständlich übte. Da Nelson auch den Verfall des roten Volkes erlebte, der dann eintrat, als es in intime Berührung mit den Weissen kam, so gibt Nelson diesen die Schuld daran, dass der Indianer, der nüchtern war, ein Trinker wurde, der Ehrliche unehrlich, der Treue untreu, der um Geld und Gut nicht Besorgte geldgierig. Drei Monate war Nelson im Lager gewesen, als der Stamm beschloss, ihn zu adoptieren. Zu der Feier musste er von dem gerösteten Hund essen, bekam sechs Pferde und einen Sattel, einen Bogen und Pfeile: so wurde er ein Sioux und nannte sich Schaschascha-Oppogeo. Er war ganz glücklich. Da rief ihn eines Morgens der grosse Häuptling Gefleckter Schweif in sein Zelt und sagte zu ihm: »Schaschascha-Oppogeo, ich glaube, es ist Zeit, dass du ein Weib nimmst.« Nelson fiel etwas aus seinem glücklichen Himmel, denn die roten Frauen waren gar nicht nach seinem Geschmacke, und er gab eine abschlägige Antwort. Aber der Gefleckte Schweif gab nicht nach: »Ich habe mit meinen Frauen und meinen Freunden gesprochen und wir haben entschieden, dass eine Frau eine gute Sache für dich wäre. Du gehörst nun zu unserm Volke. Du brauchst jemanden, der sich um dein Haus kümmert und dir deine Küche besorgt.« – »Ich will noch warten, bis ich älter und gescheiter werde, mein Freund.« – »Nein, mein Sohn, wir haben beschlossen, dass eine Frau eine gute Sache für dich wäre, und du wirst eine Frau haben.« Der Häuptling hatte die Frau auch schon ausgesucht: es war eine Nichte des Alten und nannte sich Gelbes Elen. Ob diese oder eine andere: da es sein musste, machte Nelson keine Schwierigkeiten in der Wahl; die eine war ihm so recht wie die andere, da er im Grunde keine wollte. Der Gefleckte Schweif gab ihm Unterricht, wie er es anstellen müsse, die Gunst vom Gelben Elen zu erlangen: »Du gehst bei Einbruch der Nacht an den Fluss. Du setzest dich da nieder und wartest, bis meine Nichte Wasser holen kommt. Du wirst da andere junge Leute in gleichem Erwarten treffen, und es ist möglich, dass einer oder der andere von ihnen schnell aufspringt und ihr seine Decke über den Kopf wirft und zu ihr spricht. Wenn sie aber nun den ersten wegschickt und dann auch den zweiten, vielleicht auch den dritten, dann versuchst du dein Glück. Ich glaube, du wirst Erfolg haben. Wenn du ihr dann die Decke über den Kopf geworfen hast und du deinen selbst darunter gesteckt hast, so sprichst du und sie wird dich anhören. Du kannst ihr sagen, dass du sie liebst, dass du sie bewunderst, und dass du ihr, wenn sie dich heiratet, alles mögliche geben wirst; mit einem Wort, du sagst ihr allen den Unsinn, den junge Männer jungen Mädchen sagen, wenn sie sie heiraten wollen. Das wiederholst du an zehn Nächten und sagst immer die gleichen Worte, und dann kommst du und sagst mir das Ergebnis. Und nun geh, mein Sohn. Ich will von der Sache vor Ablauf der zehn Tage nicht sprechen. Und habe die Güte, darauf auch nicht anzuspielen.« Nelson fand seine Gelbe Elenhindin nicht hässlich von Angesicht, aber für ihre dreizehn Jahre etwas reichlich fett, sie mochte, schätzte er, hundertfünfundzwanzig Pfund wiegen, als er die beste seiner Decken über den Kopf des Mädchens warf und seine Liebesrede begann. Er bekam keine andere Antwort als das immer wiederholte »Ich weiss nicht... ich weiss nicht«. Und der Werber wurde traurig, dass die kleine Rothaut ihm nicht vor Entzücken, einen weissen Mann zu bekommen, um den Hals geflogen war. Er fand sie dumm. Neun Nächte hörte er nichts anderes von dem Mädchen als das »Ich weiss nicht«. Aber in der letzten Nacht sagte sie: »Ich nehme dich zum Mann, wenn Mutter es erlaubt.« Und am nächsten Morgen befahl der Gefleckte Schweif dem Bräutigam, dass er »so viel Pferde nehme als im Verhältnis zur Grösse seiner Liebe stünden« und sie an das Zelt der Gelben Elenhindin binde. Die zwei Pferde, seine einzigen, wurden ihm nicht zurückgeschickt: die Mutter gab ihre Zustimmung. Am andern Morgen fand er in seinem Zelt einen grossen Weidenkorb, was das Ehebett war, und einen andern Korb mit Frauenkleidern und zwischen beiden hockend die bräutlich bemalte Gelbe Elenhindin, die nun eine Kuh wurde und blieb. Nie mehr sagte sie etwas anderes als »Ich weiss nicht«, und Nelson verwünschte jene zehnte Nacht, wo sie einmal etwas anderes gesagt hatte. Als er sich bei der Schwiegermutter über die Einförmigkeit der Unterhaltung beklagte, bekam er die Antwort, seine Frau täte nur ihre Pflicht. Darauf ging er mit den Leichtsinnigen des Stammes und kümmerte sich um seine stille Frau gar nicht. Die ertrug es eine Weile. Dann begann sie ein bisschen zu zanken, ganz schüchtern; er tat, als hörte er nicht. Nun blickte sie traurig. Da nahm er ihren Kopf und streichelte das Kind, das ganz in Zärtlichkeit zerfloss. Da ging es ihm auf, dass die intelligente Frau nur ein Vorurteil seiner Zivilisation sei und dass es den Beruf der Frau vollkommen erfülle, wenn sie die drei Geschäfte recht besorge: im Haus, am Herd, im Bett. Und er begann seine Gelbe Kuh zu lieben. Der Flüchtling der Welt war wieder auf dem Wege der Domestizierung, als ihn ein Ereignis, das er mitnichten erwartet hatte, auf den ihm bestimmten Weg warf, den aus der Welt heraus. Nach einem grossen Jagdausflug, der ihn mit seinen jungen Stammesgenossen länger als eine Woche vom Lager entfernt gehalten hatte, kam er heim, mit einem perlenbestickten neuen Hirschfellkleid für seine Frau und Freude im Herzen, sie wiederzusehen. Da standen von seinem Zelt nur die vier Pfähle, – alles andere war verschwunden: Zelt und Pferd und Hab und Gut und Frau. Die Indianer lachten. »Wo ist sie?« – »Sie ist fort.« – »Wo?« – »Oh, dort,« und sie zeigten auf die Prärie. Ein berühmter Sioux-Don-Juan hatte sie entführt. Dass er ihm nicht nachjagte, die Frau und den Skalp dem Entführer nehme, missfiel den Indianern sehr. Aber Nelson setzte sich zwischen seinen vier Pfählen auf einen Stein und fand alles so in Ordnung. Was war ihm die Gelbe Elenhindin? Und der Alte kam, der Onkel mit seinem gutgemeinten Trost: »Es fehlt nicht an Fischen im Fluss, mein Sohn, noch an jungen Mädchen.« Da schwiegen die andern, die zur Rache gehetzt hatten. Nelson hatte die Frau nach seinem Vorurteile des Weissen erfahren und abgetan. Jetzt wurde er auch mit dem zweiten Vorurteil der Zivilisation fertig: dem Eigentum. Die Indianer kannten es nicht: sie nahmen und gaben, sie brauchten, aber sie besassen nicht. Sie sagten nicht: das ist mein und ich will es vererben. Sie verstanden Nelson nicht, als er sich über den Diebstahl seiner Habe beklagte. Aber er begriff auf einmal, wie sinnlos seine Klage war, und ging noch tiefer unter diese Menschen, die wie Baum, Fluss und Wiese waren: die weisse Hautfarbe seiner Seele verschwand. Er bekam ein Zelt, er nahm eine andere Frau und deren beide Schwestern dazu, war streng zu ihnen wie ein roter Mann, gewann sich Achtung und »in seinem Zelte herrschte eine wunderbare entzückende Eintracht«. Fünf Jahre waren vergangen, seit er sich von jener Händlerkarawane geschieden hatte in das Siouxlager, und er erstaunte, dass es erst fünf Jahre waren, so abgetan und vergessen war der weisse Mann in ihm. Aber das Leben stellt seine Zufälle wie Fallen. Eines Tages meldeten die Lagerwachen die Nähe weisser Männer, die keine Händler seien. Damals war Kalifornien noch nicht das Goldland, und kein Weisser zog über die Prärie und durch die Schluchten des Felsengebirges an die Küste des Stillen Ozeans. Seit fünf Jahren hatte Nelson keinen von seiner Farbe gesehen, und ihn packte die Neugierde, ob er von denen Kunde aus der Heimat bekäme. Der Häuptling erlaubte ihm, dass er die weissen Männer besuche, die ganz nah ihr Lager aufschlugen. Er bepackte seine Weiber mit Fellen und Mokassins, die er denen zum Kauf anbieten wollte; und es kam eine Menge und drängte sich um seine Waren. »Wir ziehen ins Gelobte Land,« sagten sie ihm, als er sie um ihre Reise fragte, und »wir sind die Heiligen des Jüngsten Tages,« stellten sie sich vor, »das auserwählte Volk des Herrn.« Und einer sagte: »Ich bin der Löwe des Herrn.« Nelson erfuhr später, dass er Brigham Young heisse. »Ich hielt sie alle für Narren und sagte mir, je schneller ich mit meinen Squaws wieder zu Hause bin, so besser.« Er war auf die Vorgarde der mit Kanonen aus ihrer Stadt Nauvoo in Illinois vertriebenen Mormonen gestossen, von denen er nie gehört hatte, und Brigham Young schlug ihm vor, er solle ihr Führer bis zum Felsengebirge sein. Der Gefleckte Schweif riet ab; die Leute gefielen ihm nicht. Auch Nelson fand, dass sich seine Landsleute in seiner Abwesenheit nicht zu ihrem Vorteil verändert hatten, aber er nahm den Vorschlag an, er wusste selbst nicht warum. Er sagt, er habe Mitleid mit diesen in der Prärie verlorenen Leuten gehabt. An einem Sommerabend des Jahres 1847 verliess er das Lager und hörte auf, Schaschascha-Oppogeo, Sioux aus Wahl zu sein. Das Leben nahm ihn wie eine hochgehende See und warf ihn, ein Stück Holz, von Welle zu Welle. Er wurde ein Abenteurer, Beute aller Zufälle, und fand den Frieden, den Weg zum Frieden nicht mehr wieder. Der Häuptling sprach zum Abschied: »Gut, mein Sohn. Tu wie es dir gefällt. Kommst du nicht wieder, geh' ich dich suchen. Tun diese dir ein Leid an, so mach' ich meine Rechnung mit den weissen Männern.« Und die drei Frauen freuten sich beim Abschied, denn er versprach ihnen, mit vielen Geschenken wiederzukommen. Die Heiligen des Jüngsten Tages waren keine Augenverdreher, sondern ganz unheimlich wilde Burschen, die würfelten, tranken und tanzten. Der Löwe des Herrn bändigte sie in den allabendlichen drei Stunden, da sie sich in der Runde um ihn setzen mussten und seine Predigt anhören. Das entspannte ihre Lüste, die jene des Pöbels der Städte waren. »Ohne diese nicht enden wollenden Gottesdienste, glaub' ich, hätte es jeden Tag einen Umgebrachten gegeben. Mich hätten sie mit gleich kaltem Blut ermordet, wie einen der Ihren.« Man kam an das Felsengebirge: jenseits liege das Gelobte Land, hatte der grosse Rat der Apostel gesagt, und alle, auch Nelson, packte das Fieber der Erwartung, das gleiche Fieber, das allen den nordischen Völkern den Sinn verwirrte, die vor der Mauer der Alpen standen und jenseits das Land ihres Traumes ahnten. Man erklomm die Höhe, und da lag das Kanaan. Der grosse Salzsee breitete sich im Lichte, und alles staunte schweigend eine Stunde lang. Man prüfte das Land nach dem Maasse des Traumes, ob es gut oder schlecht sei, fett oder mager, ob es Bäume habe oder keine. Es war elf Uhr morgens, als man die Zelte am Ufer des Sees aufschlug, dort, wo jetzt Saltlake City von siebzigtausend Menschen voll ist. Young predigte zwei Stunden lang, und man betete und festierte den übrigen Tag. Der Vortruppe folgten bald andere Züge, Tag für Tag, und es gab Feste eine Woche lang, die Nelson ausgelassen nennt, ohne sie damit zu verurteilen. Aber der Lärm der Menschen weckte das Heimweh in ihm nach der Prärie. Er packte seinem Pferd den Sack mit dem klingenden Führerlohn auf und ritt im Galopp aus dem Lager. Der Winter kam und verging, bevor er seinen Siouxstamm wiederfand. Mit kanadischen Jägern zog er eine Zeit, mit andern Indianerstämmen, die ihm die Spur wiesen. Endlich fand er sein Lager, und das Herz schlug ihm im Halse vor Freude. Er trat zuerst bei dem Onkel seiner drei Frauen ein, der im Zelt unter seinen Weibern sass und rauchte. Er hiess ihn sich setzen und sagte ruhig: »Bruder, ich habe schlimme Neuigkeiten für dich. Deine Frauen sind fort. Ein Krieger hat sie genommen.« – »Einer hat alle drei genommen?« – »Ja.« – »Wo ist er?« – »Hier im Lager. Aber mach' dir nichts daraus. Ich gebe dir andere Frauen, genau so gute, wenn nicht bessere. Ich habe dein Zelt und deine Pferde. Ich habe ihnen nicht erlaubt, dass sie etwas von dem Deinen nehmen.« Hierauf betrank sich der Onkel an dem Whisky, den der Neffe mitgebracht hatte. Er schlief den Rausch aus und liess Nelson rufen: »Hier, mein Bruder, hast du eine Frau, du sollst nicht ohne Frau sein.« Und Nelson sagte: »Gut. Geh du und ordne mein Zelt.« Die fünfte Frau Nelsons war achtzehn Jahre alt und schon einmal verheiratet gewesen. »Ich konnte im Augenblick nichts Besseres finden,« sagte der Onkel Elenhirsch, den sie ein Pferd gekostet hatte. »Du brauchst ihr nicht den Hof zu machen. Ich richte das schon für dich. Sie gehört dir. Jetzt geh und nimm sie.« Nelson begab sich ins Zelt. Die neue Frau war nicht sehr liebenswürdig. Aber da verlor sie nach einigen Wochen einen Verwandten durch den Tod, und da sie viel auf richtiges Benehmen hielt, gab sie sich ganz ihrem Schmerze hin nach allen rituellen Vorschriften. Erst heulte sie ununterbrochen drei Tage und drei Nächte lang. Am vierten Tage begann sie dem vor dem Zelte versammelten Stamm ihre und ihres Mannes Habe zu verteilen, wie es die Siouxtrauer vorschreibt: Pferde und Sattelzeug, Kleider und Fallen waren schon in fremden Händen, als Nelson dazukam. Einer bekam gerade das Zelt, und seine Büchse war in den Händen eines alten Weibes. Die Büchse nahm er zu sich. Nachdem alles verschenkt war, schnitt sich die Trauernde das Haar ab. Dann schlitzte sie ihr Kleid auf bis über die Knie und kerbte sich mit dem Messer das Fleisch auf vom Knöchel bis zum Oberschenkel. Dann die Arme. Blutend und brüllend lief sie durch das Lager, hinter ihr her ein heulender Trupp alter Weiber. Da nahm Nelson seine Flinte und verliess das Lager. Auf einer Anhöhe liess er sich nieder und dachte. Er dachte mit seinem geringen Verstande seine verwirrten Gefühle durch. Er hatte sie, ohne Ahnung vom ersten Dogmatiker der Lehre, um den natürlichen Menschen geordnet gehabt, und nun löste sich diese Ordnung auf. Als der Weltflüchtling den ersten roten Mann sah, kam ihm der vor wie ein kaum vom Ganzen dieser Natur abgehobenes Stück. Dieser Menschen Atmen war das Atmen der Prärie, was sie dachten, war ohne Historie, was sie glaubten, war Ehrfurcht vor den Toten, was sie taten, hinterliess rasch verwischte Spuren. Hier zählte man die Zeit nicht, man mass den Baum nicht, man hatte die Freiheit. Der weisse Mann auf dem Steine wägte das Opfer, das die Freiheit verlangt, und er fand es zu gross; es war über seine Kraft. Immer wieder wird sich in allen kommenden Zeiten das klagende rote Weib die Haut aufschlitzen; man wird auf die Jagd gehen; wird den Lagerplatz wechseln. Wo ist die Gefahr? Wo ist das Unerwartete? Wo der Kampf? Vor Wochen, da er von den Mormonen weggeritten war, hatte er im Gebirge kanadische Jäger getroffen und war von ihnen ausgelacht worden, da er das Skalpieren noch nicht kannte. Er hatte sich nicht geschämt deswegen, aber doch einem Indianer die Kopfhaut abgetrennt. »Ich war nicht gerade besonders davon angeekelt, aber ich muss sagen, es geschah ohne Vergnügen. Das Ergebnis konnte man erwarten. Ich machte aus meinem ersten Subjekt ein abscheuliches Kuddelmuddel. Es gibt da nämlich einen bestimmten Handgriff.« Nelson meinte, die Indianer hätten sich seit seiner ersten Bekanntschaft mit ihnen zu ihrem Nachteil geändert durch die Berührung mit den Weissen, die im Westen immer häufiger wurden. Das mochte sein. Aber sicher hatte auch er sich geändert. Der romantische Europäer war in ihm aufgewacht, und er vertrug die Ruhe dieses alten Volkes nicht mehr, mit dem er sieben Jahre lang gelebt hatte. Da kam die Enkelin des Elenhirsches auf ihn zu und sagte, der Vater wünsche ihn zu sprechen. »Setz dich, mein Sohn,« sagte der Alte und zündete zwei Pfeifen an. »Du scheinst niedergeschlagen, mein Sohn. Fass Mut. Bald scheint die Sonne wieder. Es gibt Zeiten, wo wir uns unglücklich fühlen, aber der Grosse Geist da oben sieht und er kümmert sich um uns. Er nährt die Vögel und die Tiere der Prärie und er wird über dich wachen. Dein Weib hat deine Pferde und alles andere hergeschenkt, aber mach' dir nichts daraus: es wird dir mehr wiedergegeben werden. Ich gebe dir das isabellenfarbene Pferd aus meiner Herde. Geh, nimm es. Und wenn du andere brauchst, so nimm sie aus meiner Herde. Nimm alle die, welche dir gefallen, nur nicht die der Kinder.« Nelson nahm das Pferd und sagte, er würde nach dem Fort Laramie reiten. »Gut, mein Sohn. Geh, aber komm bald wieder, du würdest mir fehlen.« Am Nachmittag ritt Nelson feierlich aus dem Lager. Kanadische Händler warben ihn für fünfundsiebzig Dollar im Monat als Dolmetsch. Sie nahmen ihm das Geld wieder ab, da sie ihm die Lebensmittel verkauften. Am Schlusse des Monates war er den Leuten Geld schuldig. Nelson verstand von Geschäften nichts, und es kam zu Streit. Er flüchtete zu den Sioux: man empfing ihn misstrauisch. Die Indianerpolitik der amerikanischen Regierung hatte begonnen. Die Rothäute mussten Land abtreten gegen Schnaps, Lebensmittel, Glasperlen, Decken, Munition. Die es an die Stämme verteilen sollten, unterschlugen alles bis auf den Schnaps. Man schickte die Stämme in wildentblösste Gegenden. Sie starben Hungers. Nelson erzählt: »Einmal waren wir drei Monate ohne Fleisch, hatten nichts zu essen als ein paar Fässer mit Schweinsknochen, von denen man alles Fleisch genommen hatte. Das Ende war eine Hungersnot, und die Indianer mussten ihre Hunde töten. Die Regierung hatte keine Ahnung. Man bewilligte jedes Jahr eine beträchtliche Summe für die Erhaltung der Indianer, aber das Geld hatte durch viele Hände zu gehen und zu uns kamen nur die genannten Knochen.« Der Krieg musste kommen. Ein ganz geringfügiger Umstand gab den Anlass, und die Prärie wurde zum Schlachtfeld, auf dem ein Volk unterging. Nelson konnte nicht länger bei den Indianern bleiben. In der Nähe eines amerikanischen Forts war eine kleine Stadt entstanden, wo es vor ein paar Monaten nur einige Hütten gab. Nelson wollte nicht umsonst von den kanadischen Jägern um sein Geld gebracht worden sein. So gut wie die andern, dachte er, würde er es auch treffen. Er machte mit einem andern Jäger eine Kneipe auf, die sie, damit jeder gleich Bescheid wisse, mit dem Schilde »Zum Diebsnest« versahen. Vorne trank man, rückwärts spielte man. Ein Croupier wurde gegen Lohn aufgenommen; er hielt die Bank, und die gewann immer. Weil man hier nicht wie in den andern Kneipen betrog, sondern ganz ehrlich raubte, hatte Nelsons Lokal grossen Zulauf, und die Konkurrenten mussten zusperren. Fast wäre Nelson Bürgermeister des Ortes geworden, wären die Sitten und Bräuche der Gäste weniger heftig gewesen. Sie schossen zu viel mit dem Revolver. Hinter der Kneipe musste man einen Friedhof anlegen. Die Wirte bekamen genug davon und verkauften ihr Etablissement. Und verspielten sofort das Kaufgeld bei dem neuen Wirt, der die alte Tradition aufrechterhielt und dem Schilde keine Unehre machen wollte. Nelson verliess die Stadt ohne einen Pfennig und etwas beunruhigt über sein verlorenes Talent für die weisse Gesellschaft. Da fiel ihm die neue Gesellschaft ein, deren Pioniere er an den Salzsee geführt hatte. Eine grosse blühende Stadt solle da erstanden sein, war ihm zu Ohren gekommen. Er machte sich auf den Weg. Gastfreundlich in einem Mormonendorf beherbergt bekam er vom Wirt ein Empfehlungsschreiben an den Schwiegervater, den Priester Josua, der in der Hauptstadt lebte. Josua und sein Weib nahmen ihn freundlich auf und versprachen, für ihn zu sorgen, unter der einen Bedingung, dass er Mormone würde. Nelson zögerte. Nicht, dass ihm die Religion nicht gepasst hätte. Diese war ihm so gleichgültig wie jede andere. Aber die Polygamie erregte seine Bedenken. »Ich war ja gewiss nicht besonders heikel in diesem Punkte, wie meine Erfahrungen mit meinen Squaws beweisen; aber was man allenfalls mit einer Indianerin dulden kann, wird doch schwierig mit einer Weissen. So ist wenigstens mein Gefühl.« Er versuchte, sein Brot zu verdienen, ohne Mormone zu werden: vergebens. Er bettelte, hungerte, und war am Ende. Josua sagte ihm, er wisse eine vortreffliche Stelle für ihn, wenn er das Bekenntnis ablege – und am andern Morgen bei Sonnenaufgang sprang Bruder Nelson an der Hand des Bruders Josua in ein wassergefülltes Loch am Walde, und der Priester tauchte ihm den Kopf unter. Nelson war getauft. Der reiche Bruder Nathanael musste in Mormonengeschäften nach England reisen für drei Jahre. Er brauchte einen, der seinem Hause vorstände in dieser Zeit, auf die Frauen achtgebe, auf Vieh und Gesinde, so in den Dingen des leiblichen wie des geistigen Wohles. Nelson wurde Nathanaels Stellvertreter. Frau Josua gab ihm Anleitung und gute Lehre, deren wichtigste war, dass er sich bei den Nathanaelschen Frauen beliebt machen müsse. Davon hinge sein Glück für jetzt und künftig ab. Sähe man die Frauen zufrieden, so würde die mormonische Welt eine hohe Meinung von seinen Fähigkeiten bekommen und ihn hoher Stellen würdig finden. Es läge nur an ihm, sich das Paradies auf Erden zu schaffen. Nathanaels waren drei Frauen. Die älteste war Rebekka, nah der fünfzig und mit zwei Töchtern gesegnet. Gutmütig, aber melancholisch aus einem freudlosen oder anders erwarteten Leben. Die zweite war Mary, vierundzwanzigjährige Mutter eines kleinen Kindes, verärgert und böslaunig. Die dritte aber war Annie, eine achtzehnjährige Engländerin, süss und noch ein Kind. Die drei Damen bewohnten je einen Raum, dessen Türe auf einen Korridor ging, der in des Wächters Nelson Zimmer mündete. Jede Woche führte eine andere der Reihe nach die Wirtschaft. Man ging mit Nelson spazieren, man gab Feste, Bälle. Er erlaubte alles. Man durfte kaufen, was man wollte. Er war ein Tänzer ohne Ermüden. Rebekka vergass ihren Kummer, Mary konnte auf einmal lachen und Annie war einfach selig. Man hatte die schönste Zeit und wünschte Nathanael für ewig dorthin, wo der Pfeffer wächst, und Nelson ihm das Grab im Ozean, denn er hatte sich zum erstenmal verliebt. Darüber wurde die alte Rebekka wieder melancholisch und machte bei Tisch eine beleidigende Bemerkung über die glückliche Annie. Der ritterliche Nelson konnte das nicht dulden: »›Schwester Rebekka, Sie dürfen nicht so zu Ihrer Schwester Annie sprechen. Ich finde das nicht richtig, und ich bin sicher, dass Bruder Nathanael, wäre er hier, sehr ungehalten darüber wäre. Ich betrachte diese kritischen Bemerkungen über Ihre Schwester als unentschuldbar und unpassend.‹ Meine im frömmsten Tone gehaltene Rede wurde hier plötzlich von Annie unterbrochen. Sie warf mir einen zärtlichen Blick zu, neigte sich zu Schwester Rebekka und bearbeitete sie mit beiden Händen. Ich schaute eine Weile zu. Dann fiel mir ein, dass ich den Bruder Nathanael autoritativ zu vertreten hatte, und ich sagte zu Schwerter Mary, sie möge mir helfen, die beiden zu trennen. Das gelang nach einem langen Kampf, aber erst nachdem Schwester Rebekka ein paar Locken und einige Vorderzähne verloren hatte.« Nelson sah seine Stellung gegenüber Nathanael in Gefahr und sagte darum zu Rebekka: »Sie sind töricht, meine Schwester. Ich tat mein Bestes, um Sie glücklich zu machen, und Sie danken mir es damit, dass Sie alles tun, um mich zu verlieren. Ich gehe. Und wenn ich fort bin, werden Sie Ihre Dummheit einsehen.« Rebekka weinte reuevoll, Mary bekam einen hysterischen Anfall und Annie stöhnte verzweifelt. Nelson schnürte währenddem sein Bündel und ging davon; in Angst vor Brigham Youngs Racheengeln, den Daviditen, welche die Renegaten verfolgten und töteten. Als er aus der Stadt war, schwor er feierlich seinen Mormonenglauben ab und begann zu laufen – bis er die Prärie erreicht hatte, die er mit einer Liebe liebte, die nur zu romantisch-bürgerlich war, als dass er sich in ihre Bedingungen ganz hätte ergeben können. Er war sieben Jahre lang immer nur ein geschminkter Indianer gewesen. Und konnte doch auch zu dem Weissen nicht zurückfinden, der er nie recht gewesen war und den er vergessen hatte. Er war wahrhaft ein Deserteur aus der Welt und fand keinen Platz mehr in ihr. Er hatte kein »Zurück«. Er hatte vergessen, woher er kam, und er wusste nicht wohin. Er vagabondierte. Das Schuhzeug der Weissen tat ihm weh. Einer verkaufte ihm eine goldene Uhr – sie war aus Kupfer. Ein anderer stahl ihm sein Reisebündel, einer sein Geld. Einem musste er eine Kugel in den Leib jagen, denn der wollte ihm ans Leben. Alles das traf ihn auf dem Wege nach dem Osten, wo er seine Heimat wusste, traf ihn auf dem ersten Viertel seines Weges, und er kehrte um, zurück in die Prärie. An der Strasse, die durch die Ebene führte, gab er sich in einer Herberge als Knecht zu Dienst. Es war geringe Arbeit und der Patron ein lustiger Mann, allein »nach drei Monaten fühlte ich, dass das nicht dauern könne. Ich brachte meine Zeit damit hin, über die Prärie zu schauen, und in dem Verlangen, dort zu sein, in ihr. Wie ein hinkendes Pferd war ich angebunden. Schliesslich ertrug ich es nicht länger und sagte Ackley, dass ich ihn verlassen müsse; dass ich verrückt würde, wenn ich länger bliebe.« Der wollte ihn zurückhalten. »Nein, Ackley. Sie sind gut zu mir gewesen, und Sie sind mir der liebste Mensch auf der Welt. Aber ich muss gehen, denn mein Leben ist dort (ich wies auf die Prärie). Wie ich zu Ihnen kam, glaubte ich, hier könnte ich bleiben; aber das alte Gefühl ist wieder in mich gekommen, ich muss gehen.« Und er verschwand wieder in der Prärie und wieder bei den Sioux, bei diesen aus Not des Lebens, das den Einsamen nicht duldet. Er nahm wieder Frauen, die ihn verliessen, bis auf eine, die ihm in das amerikanische Fort folgte, wohin man den verwundeten Mann gebracht hatte. Es war in einer Wirtshausgeschichte, dass einer ihm die Kugel ins Bein schoss. Die braune Frau kam zu ihrem Mann und beider bemächtigte sich der Pastor, der ihre Seelen retten wollte. Dass sie nicht richtig protestantisch verheiratet waren, skandalisierte den Mann, den der Fieberkranke an seinem Bett sah, sooft er die Augen aufschlug. Nelson gab nach. »Also machen Sie, was Sie wollen, vorausgesetzt dass es mir nicht wehe tut. Es ist eine Komödie, denn Jennie wird kein Wort verstehen.« Die beiden wurden auf einen Wagen geladen und rechts- und kirchengültig getraut. Erst als er nach seiner Heilung das Fort verliess, kam ihm die fatale Situation zu Bewusstsein. Nach seinen Erfahrungen musste ihm Jennie eines Tages davonlaufen, aber er blieb ihr Gatte und die blonden weissen Annies zählten nicht mehr für ihn. Doch Jennie verliess ihn nicht; er fand sie immer in seinem Zelt, auf wie lange immer er es auch verliess; und bekam Kinder von ihr. Immer noch nicht hatte Nelson seinen Platz in der Welt gefunden, und die Zeit drängte: er war fünfzig Jahre alt geworden, ein alter Landstreicher. Bei den Landstreichern sollte er seinen Platz finden: er wurde Polizeikommandant in Sidney, einer neuen Stadt im Westen. Keinem, den er fing, legte er Fesseln an: er liebte die Kerle, denn was sie getan hatten, das hatte er auch getan. Er sperrte seine Leute in einem Gefängnis ein, dessen Mauern aus Holz und Ziegelbrocken gefügt waren. »Und wenn ich sie am Morgen aufsuchte, da hatten sie sich mit dem Messer ein Loch in die Wand gemacht und waren davon. Persönlich war ich darüber nicht böse, denn sie waren so klug, mir weit aus dem Gesicht zu gehen und nicht mehr wiederzukommen. Und das ersparte mir viel Unannehmlichkeiten.« Sidney hatte aber doch kein Verständnis für seinen aufgeklärten Polizeikommandanten; er musste seinen Abschied nehmen. Die Prärie wartete auf ihn. Nelson hat sein Leben aufgeschrieben; er schliesst seinen Bericht also: »Ich bin jetzt zweiundsechzig Jahre alt. Ich habe nichts erworben. Ich besitze nicht einen Pfennig. Ich erkenne, dass ich mich getäuscht und mein Leben vertan habe. Niemanden fordere ich auf, es mir nachzumachen. Aber ich habe unter die Füsse eine Erde getreten, auf der ich kommen und leben konnte nach meiner Laune, die fetteste Weide suchen und zu meiner Seele und Gewissen sagen: ›Alles was du siehst, gehört dir.‹ Ich weiss nicht, wann ich stillstehen werde. Der unruhige Geist meiner Jugend ist immer in mir und solange ich die Kraft habe, werde ich gehen. Der Beschluss dieser Seiten wird dem Leser ohne Interesse erscheinen, aber er ist wichtig für mich: ich bin noch am Leben.« Herzog von Praslin Das abenteuerliche Leben des Herzogs von Praslin begann an dem Tage, da er starb. Da er offiziell starb. Und endete mit seinem wirklichen Tode, der vierundzwanzig Jahre später eintrat. Im Jahre 1824 heirate Theobald Charles Laure von Choiseul, Herzog von Praslin und Pair von Frankreich, die Tochter des berühmten Marschalls Sebastiani, Fanny Rosalba Altarice, Enkelin der Marquise von Coigny, berühmt durch ihre Liebschaft mit Lauzun. Der Gatte war neunzehn, seine Frau siebzehn Jahre alt: man war jung, schön und sehr reich. Der Herzog war etwas kühl und liess sich von seiner sehr dazu geneigten Frau anbeten. Sie bekam in fünfzehn Jahren neun Kinder von ihm. Sie verlor die Figur, sie wurde unförmlich dick; ihre Zärtlichkeit wuchs mit. Über die Vierzigjährige kam die Eifersucht. Miss Henriette Delucy, eine junge Engländerin, war als Erzieherin der Kinder ins Haus gekommen: blond, prachtvolle Zähne, die Stimme weich in der Kehle, langsam aus der Schiefe blickende Augen, lässig in festen Nerven, ohne Worte für Gefühle, ganz das kühle Gegenteil der lebhaft schmachtenden Gebärerin, der kugelrunden Frau mit dem Gefühlsüberschwang, der sich ausreden und ausweinen muss, bevor er sich in der brutalen Umarmung wieder zurechtfindet bis zum andern Mal. Sie machte immer grosse Ouvertüre für eine kleine Oper: die zapplige Exaltation der unsinnlichen Frau. Viel Wesen um etwas, das bei ihr nichts als ein Befruchtungsakt war. Vielleicht hatte sie sich aus der kühlen Art des Herzogs auf diese Strategie eingerichtet. Und er war zufrieden damit, Funktion zu sein. So war er treu. Bis die Engländerin ins Haus kam. Da erhitzte sich seine Kühle an der grösseren Kühle der Miss Delucy. Vielleicht war er ein schwieriger Mann, der verführt werden musste und auf besondere Art. Und war bisher nur treu geblieben, weil keine sich die Mühe genommen hatte, sich für den besonderen Fall dieses Mannes einzurichten, dem man nicht damit kommen konnte, dass man es ihm so bequem machte wie seine eigene Frau. Die wortreichen Gefühle, die ihn mit achtunddreissig Jahren neunmal zum Vater gemacht hatten, der Absturz dieser Engelhaftigkeit in die stummstöhnende Trivialität einer der Empfängnis entgegentranspirierenden dicken Frau: das hatte er bisher mit dem geduldigen Anstand ertragen, zu dem ihn sein Name verpflichtete. Nun kam zu Gestus und Vokabel der verliebten Vergötterung die jeden Ausdruck noch steigernde Eifersucht. Das vertrieb ihn für immer aus dem Schlafzimmer der Gattin. Er spricht kaum noch mit ihr: und sie schreibt, klage- und redebedürftig, Tagebücher und Briefe an ihn. »Lieber Theobald, ich mache mir mehr Vorwürfe als du ahnst. Ich will mich zusammennehmen, aber ein Zustand der Verzweiflung, den ich nicht ertragen kann, treibt mich, Dinge zu tun, die ich selbst verurteile ... ich werde spitz und böse ... Wenn du wüsstest, wie schwer es mich trifft, dich so unglücklich zu machen! Aber ich habe meinen Kopf nicht mehr.« Er droht mit Ehescheidung. Natürlich lügt er, sie hätte nicht den geringsten Grund zur Eifersucht. Auch Henriette lügt das. Die Frau schreibt: »Ich weiss, ich fühle sehr wohl, dass ich ohne Grund traurig und unglücklich bin ... aber du führst ein Leben, wohl fähig, und das schwöre ich dir, die ruhigste gleichgültigste Frau eifersüchtig zu machen!« ... »Deine Frau«, heisst es in einem andern der zahllosen Briefe, »hat kein anderes Glück, keine andere Liebe, keine andere Familie, keinen andern Anhalt als dich ... Sei nicht taub für meine Bitten! Du stösst mich zurück wie eine Schuldige, deine Frau wagt es nicht, sich vor deinen Augen zu zeigen, dir ihr Herz zu öffnen, dich zu bitten. Du hast sie aus deinem Bette und aus deinem Herzen gejagt, könntest du Schlimmeres machen, wenn sie dir untreu wäre? Sie weint Tag und Nacht; sie wartet an deiner Türe und traut sich nicht einzutreten, denn am andern Morgen würdest du es ihr vielleicht vorwerfen.« Die arme Frau spricht wahrscheinlich mit ihren Kindern über ihr Unglück. Der Gatte trennt sie von ihnen. Verbietet den Kindern, mit der Mutter zu sprechen. Sie schreibt an ihren Vater, und vom alten Sebastiani trifft ein sehr energischer Brief an den Herzog ein: »Herr Herzog, Sie gehen nach Schloss Praslin in der Absicht, Fräulein Delucy zu behalten und meiner Tochter die gemeinste Erniedrigung und widerlichste Beleidigung anzutun. Fünf Jahre dauert das jetzt. Die Pariser Presse hat die ganze Welt über Ihre Ehe informiert und Sie sind der Gegenstand skandalöser Unterhaltungen. Eine verhängnisvolle Leidenschaft hat Sie blind gemacht ...« Er verlangt die Entfernung der Gouvernante, und der Herzog gibt nach. Vier Wochen später wurde die Herzogin ermordet. Man hatte um Mitternacht Schreien im Appartement der Herzogin gehört. Die Dienerschaft fand verschlossene Türen. Man drang durch einen Toilettenraum in das Schlafzimmer. Die Herzogin lag halbentkleidet auf dem Boden in einer grossen Blutlache, den Leib von Messerstichen durchbohrt. Umgestürzte Möbel, eine abgerissene Klingelschnur, verknäulte Teppiche und Decken zeigten einen Kampf des Opfers mit seinem Mörder. Die Amtspersonen konstatierten, dass nichts gestohlen wurde. Der Herzog von Praslin im schwarzsamtnen Schlafrock, bleich und bebend, weiss nichts zu sagen. Er habe das Schreien gehört, sei mit der Dienerschaft eingedrungen ... Aber er hat Blutflecke an seinem Rock, Blutflecke sind auf dem Teppich, der zwischen seinen Räumen und dem Zimmer der Gemordeten liegt. Und zwischen den verkrallten Fingern der Toten findet man Haare. Des Herzogs Haare. Er leugnet nicht mehr; er gesteht nicht; er schweigt. Dass die Gouvernante an dem Morde, wenn auch nur darum wissend, beteiligt war, dafür konnte kein Beweis erbracht werden. Nach einigen Wochen entliess man sie aus der Haft. Da der Herzog Pair von Frankreich war, durfte man ihn nicht vor Einberufung des Gerichtes ins Gefängnis bringen; er blieb bewacht in seinem Palais. Zehn Tage nach dem Morde erschien er vor den Richtern, als ein Sterbender. Er hatte Arsenik genommen und das Verhör musste vertagt werden. Drei Tage später starb der Herzog, nachdem er sein Testament gemacht und die Sakramente empfangen hatte, ohne Geständnis. Dem Kanzler Pasquier blieb nichts mehr zu tun, als vor dem versammelten Gericht eine Rede zu halten, in der er den Herzog den Mörder nannte, den der Arm der irdischen Gerechtigkeit nicht mehr habe strafen können, da er über sich selbst geurteilt und sich verurteilt habe. Der Tote wird in den Sarg gelegt, den ein Kommissär von der Justizbehörde versiegelt. Um Mitternacht wird er auf den Südfriedhof gebracht und begraben; kein Stein bezeichnete die Stätte. Das ist die Mordgeschichte des Herzogs von Praslin, die man je nach Geschmack mysteriös oder gewöhnlich finden kann. Es bestünde kein Grund, sie zu erzählen, wenn sie nicht die Vorgeschichte von des Herzogs zweitem Leben wäre, das mit seinem Begräbnis auf dem Südfriedhof begann. In der Morgenfrühe, da man die Erde über sein Grab schaufelte, traf der Herzog von Praslin in Dover ein und zu Mittag frühstückte er in London. Nicht mit Miss Delucy. Er hütete sich, und nicht der äusseren Gefahr willen. Die Gemordete war ihm durch seinen zivilen Tod immer schon gegenwärtig genug, als dass er in der Gegenwart seiner Geliebten diese Pointierung hätte mit der Gesammeltheit ertragen können, welche seine fatale Lage von ihm verlangte. Er brauchte, weiss Gott, seine Nerven und musste damit haushalten. Er wäre gewiss auch an Miss Delucy zum Mörder geworden, früher oder später. (Und das Schicksal hatte es ganz anders mit ihr vor. Sie ging nach Amerika, wo sie einen Pastor heiratete und, als sie 1875 starb, von den Zeitungen die lobreichsten Nekrologe bekam, als ein Muster hausmütterlicher Tugend und christlicher Nächstenliebe.) Man könnte das zweite Leben des Herzogs auf der Pariser öffentlichen Meinung errichten, für welche die Umstände des Mordes, des Selbstmordes und des nächtlichen Begräbnisses zu aufregend waren, als dass sie sich mit den Tatsachen hätte zufriedengeben können. Der spannende Roman war zu kurz, und man fühlte sich mit dem Schluss betrogen. Die Februarrevolution drängte die erregte Phantasie in andere Bahnen. Aber die Affäre war nur beiseite gestellt, nicht vergessen. In beruhigteren Zeiten kamen zu Sachlichkeiten verdichtet die Gerüchte wieder, und bis zum grossen Kriege und noch darüber hinaus meldeten sich Zeugenschaften für des Herzogs zweites Leben, die zusammengefasst das Folgende geben: Begraben wurde an Stelle des Herzogs, dessen Flucht man begünstigte, ein Kadaver aus dem Spital. Die Vergiftung war eine inszenierte Komödie. Die den Herzog in seinen letzten Tagen sahen, sprachen von seinem verfallenen Aussehen; aber die beiden Ärzte, die den Leichnam sezierten, gratulierten einander zu dem »schönen athletischen Kadaver«. Ein durchaus respektabler Priester bekommt von dem durchaus glaubwürdigen General Montesquiou-Fezensac gesagt: »Die Geschichte war Louis Philippe sehr peinlich; er liess den Mörder heimlich nach England bringen, und man erfand den Giftmord. Es fielen aber nur sehr wenige darauf herein.« Eine alte Gouvernante des Herzogs erkennt in dem Leichnam ihren Herrn nicht wieder. Im Testament des Herzogs bestimmt eine Klausel, dass jede Tochter jährlich eine gewisse Summe an eine Person in England zu schicken habe, deren Name nicht genannt ist. Der General Gramont, der eine Tochter Praslins geheiratet hat, spricht zu einem Freunde von den Ausgaben, die sein Budget belasten, und ruft zum Schluss, unwillkürlich vielleicht, aus: »Und die Pension für den Schwiegervater!« Auch Montalembert, ein anderer Schwiegersohn, zahlte die Pension ungern. Die alten Diener wussten, dass der Herzog lebe. Einer sah ihn in Brüssel, ein anderer auf dem Montmartre. Und einer war dabei, als der Herzog in England im Jahre 1871 starb. Im selben Jahre wurde jener Tote auf dem Südfriedhof ausgegraben und im Familiengrabe der Praslin auf dem Schlosse Vaux beigesetzt: auf dem Wege dahin vertauschte man den falschen toten Praslin mit dem echten. Als im Jahre 1873 das Schloss verkauft wurde, brachte man die toten Choiseuls und Praslins und Montalemberts auf den Friedhof von Maincy, wo ihnen eine Grabkapelle errichtet wurde. Dem Herzog gab man nicht, wie den andern, eine Nische; er liegt unter dem Altar und ein vielfach versiegelter Stein ohne Aufschrift deckt den toten Herzog und den toten Mann irgendeines Namens, der auch der Herzog war. Dem Verbrecher schenkt das Gericht vierundzwanzig Stunden vom Urteilsspruch bis zur Hinrichtung, damit er mit seiner Seele in Ordnung komme. Heutige Menschen, die mit dem Bauche leben und nur für den Bauch sorgen, nennen diese Wohltat eine Grausamkeit und meinen, den sein Schicksal nicht wissenden Verbrecher soll, wenn überhaupt, ahnungslos der Tod treffen: beim Frühstück fällt ihm ein Beil auf den Kopf, der gerade dachte, was es am nächsten Tage zum Frühstück geben werde. Vierundzwanzig Jahre dauerte die Zeit für den Herzog von der Stunde seines Urteils ab bis zu seiner Abberufung. Hat er diese Zeit nicht als zu viel befunden? Hat er mit diesem seinem zweiten Leben für seine Tat nicht grössere Sühne getan, als wenn er die Strafe der irdischen Gerechtigkeit erlitten hätte? Was lebte er? Fuhr er zum Pferderennen nach Epsom oder stand er gottverlassen am Fenster und schaute verloren in den grauen Nachmittagsregen? Lebte er mit seiner Schuld oder mit einer Geliebten? Was hielt ihn am Leben? Die stumpfsinnige Angst vor dem körperlichen Tode oder die Busse, die er mit diesem zweiten Leben auf sich nahm? Diesem Leben, das er im Versteck führen musste, mit sich und seiner Tat eingeschlossen. Der Märtyrer geht in den Tod um eine Sünde, von der niemand weiss, die er nicht anders bekennt als mit der Sühne seines Todes. Er ist mitnichten ein Eigensinniger seines Glaubens, der um eigenen Heiles willen andere durch seinen Trotz zur Sünde verleitet. Er ist ein Schuldiger einer ungestandenen Schuld. Die Kraft zur Busse muss in dem Herzog ungeheuer stark gewesen sein, dass er sich ein Leben gab, an dessen jedem Tage er tausendfach den Tod erlitt, dem er einmal entgangen war, weil damit nur im sozialen Sinne ein Verbrechen gesühnt gewesen wäre; denn die Todesstrafe ist ganz utilitarisch: sie verhindert, dass in den von dem Mörder Betroffenen das Gift des Ressentiments ausschwäre und ihnen das Leben verwirre und verbittere. Dies ist viel, aber mehr noch ist die Busse. Die Last dieses zweiten Lebens macht die Last des Fallbeiles leicht wie einen Flaum erscheinen, wie immer auch der Herzog sein zweites Leben geführt haben mochte. Er war ein lebender Toter, und im Augenblick jeder glücklichen Stunde, die vergessen zu haben glaubte, stand alles verschattend die dunkle Erinnerung auf an ein Furchtbares. William Lithgow Wenn diese ethnographische Ungenauigkeit erlaubt ist, kann man sagen, der Schotte William Lithgow war der erste englische Schneider, der den Kontinent bereiste. Sonst war er noch das, was der deutsche Sprachgebrauch einen ekelhaften Menschen nennt und darunter einen versteht, der das Talent hat, sich durchaus unbeliebt zu machen. In der Nacht, da man sich in London zum erstenmal an dem Stücke Antonius und Cleopatra ergötzte, stand der blonde schottische Schneider sehr verliebt bei einer Dorfschönen, als ihn deren vier Brüder überfielen und ihm die Ohren abschnitten. Der also Betroffene spricht nur von einer »desaströsen Injurie«, die er unverdient erlitten und »in deren Detail er nicht eingehen wolle« und umschreibt in Vers und Prosa die Unbill, wie »die verbrecherischen Hände vierer blutdürstiger Wölfe ein unschuldiges Lamm verschlungen und in Stücke gerissen« haben. Das Mädchen muss Helene geheissen haben, denn wo ihm auf seinen Reisen eine mehr oder weniger historische Helene unterkommt, vor Troja etwa, beginnt er ausserordentlich auf die so benamte Dame zu fluchen. Denn nach diesem Schimpf litt es ihn nicht länger im Lande und die Sehnsucht trieb ihn dorthin, wo man unauffällig und selbstverständlich einen Turban trägt, denn nur notdürftig deckten die darübergekämmten Haare die Ohren, die nicht da waren. Lithgow hat in der Tat kein Motiv für seine weiten Reisen und erklärt zu der ersten, dass er »zu seinem Unternehmen weder vom Ehrgeiz, noch von der Neugierde getrieben worden sei, noch weil er etwa das Renommée des Weitgereisten suche«. Zu seiner zweiten Reise Ursachen sagt er, er behielte die für sich, denn »sie gingen niemand etwas an, und was die andern darüber dächten, das sei ihm vollkommen gleichgültig«. Ein durchaus unliebenswürdiger Bursche, ganz das Gegenteil seines Zeitgenossen, des vergnügt-kindlichen, immer erstaunten Thomas Corryat, der auf seinen berühmten doppelsohligen Stiefeln um dieselbe Zeit durch Italien, Deutschland, die Schweiz gewandert war als ein entzückter Dichter. Hätten die beiden einander getroffen, so besässen wir aus Corryats Feder ein freundliches Bild – und das einzige bei ihm! – des Schotten, der über Corryat sicher ein gutes Dutzend verärgerte Schmähungen aufgeschrieben hätte, wie dass er den Wein und die Frauen liebt. Denn der Schneider schien zum Sich-ärgern und Geärgert-werden auf die Welt gekommen. Wann er starb, weiss man nicht, aber dass es an einem Neurisma der Galle war, möchte man für sicher behaupten. Seit Petrarca, dem ersten, der um des Reisens willen reiste, bis zum Ausgang der Renaissance haben die Reisebücher eine ausserordentliche Frische und Anschaulichkeit daraus, dass der Reisende in seinen Beschreibungen, die er sehr gewissenhaft gibt, immer als Person vorhanden ist und naiv sein Gesicht zeigt. So erfährt man Zustände und Dinge, aber aus den unbekümmert darüber geäusserten Meinungen auch einen Menschen. Das verlor sich, als der Entdeckungen wegen gereist wurde oder der Schriftstellerei willen, wie im achtzehnten Jahrhundert, wo man »empfindsam« reiste, das heisst auf der Suche nach sich selber. Der Heutige gar hat sowohl das Reisen wie auch die Reisebeschreibung verlernt: er reist mit aller Bequemlichkeit, hat einen Koffer voll vorgefasster Meinungen und kontrolliert im übrigen den Baedeker; seine Gelangweiltheit füllt er mit lyrischen Passagen aus. Es gibt heute nur einen, der reisen und beschreiben kann: André Suarès. Cutlugged Lithgow ärgert sich auch einmal über Homer, weil der die Fahrten des Odysseus so besonders fand, wo sie doch »kaum den fünfzehnten Teil« der von Lithgow gemachten Reise betrügen. Siebzehn Jahre lang, rühmt er sich, habe er auf drei Reisen alle Arten Königreiche, Inseln und Kontinente besucht, mehr als sechsunddreissigtausend Meilen abgelaufen, was fast zweimal so viel sei als der Umfang der ganzen Erde. Für seine dritte Reise gibt er zwar Zweck und Ziel an: er will sich den »berühmten Priester Johannes in seinem Abessinien ansehen«, aber eigentlich war wohl der ganze Sinn seiner Fahrten, den Rekord des Weitestgereisten aufzustellen. Ganz wie die heutigen Fassroller und Karrenschieber um die Welt liess er sich jeden Aufenthalt in ein dickes Buch, seinen kostbarsten Schatz, bestätigen. Wilhelm Ohneohren, wie man ihn daheim nannte, hatte zwei Gründe, nämlich die beiden fehlenden Ohren, dass es ihn in diesem Daheim nicht litt, aber sein Länderbereisen war närrisch. Höchst peinvoll nennt er seine Reisen, und sie waren es, ganz abgesehen von den persönlichen Malheuren, die er zu erleiden hatte, und ganz und gar abgesehen davon, dass er nirgends seine Ohren wiederfand. Er war nämlich für das Reisen vollkommen unbegabt und seiner Natur nach ein ausgemachter Ofenhocker. Es gefiel ihm nicht nur absolut gar nicht, was er sah und traf, sondern es missfiel ihm alles. Es wechseln nur die Gründe seines Ärgers und Widerwillens, die Gefühle selber verlassen ihn nicht mehr von dem Augenblick an, da er den Fuss aus seinem Dorf setzt. Das gibt eine oft sehr ergötzliche Lektüre seines Reisebuches, das er mit dem Titel: »Der vollkommene Diskurs seltener Abenteuer und leidvoller Wanderungen in neunzehn Jahre langen Reisen von Schottland zu den berühmtesten Königreichen in Europa, Asien und Afrika« im Jahre 1632 in Druck gab. Paris ist ihm ein »Diebsnest und ein spektakulöser Ort«, die französischen Provinzstädte hasst er, weil ihn des Nachts die Holzschuhe der Einwohner in der Herberge aufwecken, die – auch der Schneider war der Renaissance teilhaftig – »einen Lärm machen wie des Ulysses Pferd, das in das unglückliche Troja gezogen wird«. Rom wäre die elendeste Stadt Italiens ohne »den dreifachen Wurm des Klerus, der Juden und der Huren, welche die Bevölkerung ausmachen«. Padua ist die melancholischste Stadt Europas, wo die Studenten den Fremden mit dem Messer anfallen. In Neapel, Venedig, Bologna, Ferrara, Genua und Parma, ja im kleinsten Dorfe treibe man das Laster der Sodomie, wozu noch eine monströse Unsauberkeit käme. Und unter solchen grauenvollen Umständen vergnüge sich das Volk damit, zu singen und Sonette zu machen! In Griechenland ruiniert er sich in dem felsigen Terrain Brust und Beine. Konstantinopel ist eine stinkende, angemalte Hure. Die Heiligtümer in Jerusalem sind lächerlich, zweifelhaft oder sicherer Schwindel. Wien ist ihm zu klein und zu arm. Scheusslicher noch als die den Teufel anbetenden Turkomanen sind die bestialischen Iren. Die Türken ärgern ihn mit der Art ihres Sitzens, weil er daran eine schamlose Verhöhnung der ehrsamen Schneidergewohnheit sieht. Wo ihn die Dinge, die er sieht, nicht oder nicht genug ärgern, da findet seine reiche Phantasie schnell Gründe genug. Seine Galligkeit ist unersättlich; sie verspeist Freunde und Wohltäter. Schenkt ihm einer was, wie der Bischof von Kreta, so mindert er den ganz persönlichen Akt sofort damit, dass er erklärt, das Schenken sei eine Landessitte. Ein armenischer Karawanenführer in Syrien nimmt sich mit grosser Sorgfalt und Liebe seiner an, was für Lithgow nur ein Zeichen für die Geldgier des Armeniers ist. Den Leser seines Reisebuches fährt er gleich im Vorwort an: »Solltest du ein Lump, ein Gauner, ein Momus, ein Bedienter, ein Kritiker, ein Narr, ein dummer Esel oder ein mit neidischen Lippen nagender Wurm sein, so rufe ich für dich die Vergeltung des Henkers an, dass ein hänfener Strick bald deiner höhnenden Medisance ein Ende mache und meine leidvollen Reisen, wie auch die schmerzhafte Arbeit dieses meines Buches von dem tödlichen Gifte deiner Verleumdung befreie. Geh hin und häng dich auf: ich pfeife sowohl auf deine Liebe wie auf deinen Hass!« Es waren ja in der Tat schmerzhafte Reisen, auch anders noch, als dass er, von einer »Dalila betrogen«, Kummer mitnahm, durch die fehlenden Ohren immer daran erinnert, und hässlichen Gemütes jeden Umstand des Reisens hasste und sich selber viel zu sehr imponierte, als dass irgend etwas sonst hätte Eindruck auf ihn machen können. Denn sie waren auch in diesem Verstande schmerzhaft, dass er fortwährend geprügelt, ums Leben bedroht und bestohlen wurde – und doch das Reisen nicht aufgab, sondern recht eigentlich als seinen Beruf ansah, wenn er auch nicht das Geringste dafür mitbrachte. Er gibt keinen Aufschluss darüber, woher er das Geld nahm, das er reichlich ausgibt gegen seinen Willen und über dessen Herkommen er selber erstaunt ist. Vielleicht hat er geschneidert. Einmal denunziert er eine Räuberbande. Reisebekanntschaften beerbt er, und des öftern lässt er sich von den Behörden wirklich oder angeblich gestohlenes Gut und Geld ersetzen. In Sizilien bringt ihn der Zufall zu Duellanten, die sich wechselseitig totstechen – »worauf ich mich beeilte, ihre Taschen zu durchsuchen, worin ich zwei dicke Börsen gefüllt mit spanischen Pistolen fand, worüber mein Herz vor Freude einen Sprung tat. Dann zog ich noch fünf Ringe von ihren vier Händen. Worauf ich die Leichname begrub. Ob das, was ich tat, berechtigt war oder nicht, darüber nachzudenken hielt ich mich nicht auf«. Hauptsächlich wird er doch geschneidert und davon gelebt haben. Und dachte sich, daheim beim guten König Jakob und dessen Kavalieren ein Geschäft mit den Reliquien zu machen, die er in sein Köfferchen sammelte, als sehr eifriger Protestant und wütender Antipapist nur solche der alten Zeit, etwa Steinchen vom Labyrinth des Theseus, vom Palast des Priamus, von den Säulen, die Samson umgeschmissen hat, Wasser vom Jordanfluss. Mit solchen Kostbarkeiten trieb er schon unterwegs einen kleinen Handel. Lithgow schwindelt in seiner Reisebeschreibung gewiss eine Menge zusammen in der Absicht, sich besonders zu machen und den oft bezweifelten Schneidermut zu restituieren. Er bekam etliche dreissig Male Prügel, deren Umstände immer die gleichen bleiben, ob die Sache nun in Flandern oder in Afrika passierte; seine Phantasie ist darin nicht sehr fruchtbar. Aber man darf daraus nicht auf die Wahrhaftigkeit seiner Reisen selber schliessen, deren Beschreibung voll genauester und sehr interessanter Details ist. Da es seinem ungeselligen und selbstbewussten Wesen eine besondere Freude macht, andern, die vor ihm die Gegenden beschrieben, zu widersprechen, beobachtet er sehr genau und unterrichtet sich vielfach. Und da der ekelhafte Schneider sich auch sein eigenes Englisch in Prosa und Versen schneidert, das bei allem Schwulste sehr treffsicher sitzt, so ist sein Bericht eine über das blosse historische Interesse und das an der drolligen Figur des giftigen Autors hinausgehende anziehende Lektüre. Auf der dritten Ausfahrt sollte den ungeselligen Lithgow die Strafe dafür ereilen, dass er fremde Orte und fremde Menschen aufsuchte mit keiner andern Leidenschaft als der eines böswilligen Herzens. Der von seinen Reisen sagte, dass sie aus nichts bestanden als aus Missgeschicken, Ermüdungen, Ärger und Langweile, der sollte auf seiner letzten Reise einen guten Grund für seine Klage bekommen. Dieses Mal hatte er sich einen Reisezweck gesetzt: er wollte den »Grossen Priester Johannes in Abessinien« sehen, sah aber weder Land noch Priester. Denn er wurde unterwegs in Malaga als vermeintlicher englischer Spion für mehrere Monate eingesperrt und reichlich gefoltert, bis sich der englische Gesandte in Madrid seiner annahm und ihn heimbefördern liess. Da zeigte er seine »gemarterte Anatomie« dem Hofe »vom König bis zum Koch« und explorierte das Mitleid, das seine geschundenen Knochen erregten. Der König schickte ihn auf seine Kosten nach Bath, später ins Gefängnis, weil der arme Teufel den spanischen Gesandten etwas zu lebhaft an die Versprechungen der spanischen Regierung, ihm die Tortur zu entschädigen, erinnert hatte. Nach einem Jahr bekam er seine Freiheit wieder, um siebzehn Wochen lang täglich dem House of Lords eine neue Bill of grievance zu überreichen, ohne jeden Erfolg. Da lässt er die ganze Geschichte seines spanischen Unglücks drucken und wandert dafür samt dem Drucker ins Gefängnis, aus dem er neue Klage hinausschickt. Auf sein feierliches Versprechen, nie mehr wieder »mit dem Spanier anzubinden, trotzdem seine höchst lamentablen Übel unrepariert blieben«, wird er frei. Damit verschwindet er für die Historie. Man weiss nicht, wann der Mann gestorben ist, dem zwei abgeschnittene Ohren ein seltsam verbittertes Leben wiesen. Lord Seymour Lord Seymour: das ist eine Legende aus den Tagen des bürgerlichen Königs Louis Philippe. Der, den man so nannte und der nicht so hiess, verzweifelte über diese hartnäckige Verwechslung ebenso, wie der andere, der so hiess und den man nicht so nannte, darüber wütend war, dass man ihn durchaus für jenen hielt. Der eine grämte sich bis an den Tod, dass er unter einem falschen Namen, dem eines andern, berühmt war, und der andere war über den lächerlichen Ruhm wütend, der sich an seinen ganz unschuldigen Namen hing. Beide, der echte und der bloss so genannte Lord Seymour protestierten, und beide protestierten vergeblich. Die Legende, welche diese beiden Existenzen in eine dritte Existenz zusammengeschweisst hatte, erwies sich stärker als aller Einspruch der beiden Beteiligten, ja stärker als der Tod: die sich an jene Zeit später erinnerten, verwechselten den einen mit dem andern immer noch, wo keiner der beiden mehr sein irdisches Teil auf dem Boulevard spazierenführte. Nie hatten die zwei wider Willen vertauschten Existenzen miteinander gesprochen, – wenn sie sich trafen, sahen sie einander nur an: verzweifelt wütend der eine, wütend verzweifelt der andere, komisch und traurig beide. Man erwarte nichts Grosses. Nichts Heldenhaftes. Kaum Menschliches. Die Geschichte begab sich nämlich in der Biedermeierzeit und hat deren miniature Ausmasse. Die kleinen Narrheiten eines ungespannten Lebens grosser Blutleere – nach den napoleonischen Abzapfungen – bekamen lächerliche Bedeutung in einer erschöpften Zeit, die sich nicht orientieren konnte. Jetzt zum ersten Male wurde die Mode eine Wichtigkeit, denn die heraufgekommenen Bürger wollten sich mit ihr distinguieren, und die Mode kam aus England. Man fuhr im »Tilbury« in den »Klub«, unterhielt sich vom »Sport«, hatte den »Spleen« – die Worte werden kontinentaler Sprachbesitz –, fand gelbe Handschuhe »fashionabel«, rauchte spanische Zigaretten mit den Gesten einer sakralen Handlung, und die Konfiserien fabrizierten »Cakes« und »spice gingerbread«. Man fuhr zu den Pferderennen nach Chantilly und tat alles, was dazu gehört, aber keiner dieser Pariser Sportsmen ritt je selber eine Steeplechase, – wozu sich unnützen Gefahren aussetzen? fragt La Mode von 1843. Genau so liebten diese jungen melancholisch aussehenden Herrn mit der Wespentaille, den sentimentalen Stirnlocken und den frauenhaft gerundeten Schultern alle andern Sporte: man fand es sehr »chik«, davon zu sprechen und so zu tun, aber ganz ernsthaft fragt der Dr. Veron in den Erinnerungen eines Pariser Bürgers, ob der Mensch überhaupt zum Gehen geboren sei. Das Äusserste körperlicher Leistungen blieb ein bisschen Fechten wegen der so poetischen Duelle. Als der Lord Seymour in einem Fechtsaal auch das Boxen einführte, waren alle Pariser Anglomanen, also alles was etwas auf sich hielt, sehr davon entzückt, aber eigentlich fanden es die zarten Herren höchst ordinär für einen Gentleman von solchem Namen, von dessen Bizeps ein Chronikeur der Zeit mit Abscheu und Grauen berichtet, dass er zweiundfünfzig Zentimeter, also so viel wie eine gewöhnliche Mädchentaille, im Umfange gemessen habe. Dieser Bizeps von zweiundfünfzig ist der des echten Lord Seymour. Der jenes andern, den man so nannte, war nicht weniger stark. Denn auch dieser andere boxte. Aber sportlich erst in seinen späteren Tagen. Im Anfang tat er es gewissermassen aus Beruf, denn er war da ein ganz gewöhnlicher Strizzi. Seine Geschichte will ich nun erzählen, soweit sie aus schwierigen Untersuchungen deutlich wird: es ist ein hagiographischer Scharfsinn darauf verwandt worden, wie man ihn nur in des Pater Hippolyte Delahayes Heiligenstudien findet. In den Tagen Louis Philippes lebte der maskierte Karneval noch auf den Strassen; später erst zog er sich in die Ballhäuser zurück, wo er in der Zeit des zweiten Kaiserreiches verstarb. Aber in jenen dreissiger Jahren waren der Faschingssonntag und der ihm folgende Montag eine öffentliche Lustbarkeit, die keinen einzigen Zuschauer, sondern nur Beteiligte hatte; das kostümierte Volk füllte zu Fuss die Gassen, die feinen Leute oder die dafür gelten wollten, fuhren in Wagen, und die ganz feinen Leute warfen von den Balkonen der Klubhäuser ihre mehlgefüllten Eier in die Menge; die ganze Stadt war mit grosser Hingebung ausgelassen. Und vier Jahre hintereinander hatten diese beiden Tage ihre grosse Sensation, die sich schon von weitem mit dem lautesten Spektakel ankündigte: drei Piköre zu Pferd, fackeltragend, wenn es zu dunkeln begann, und dahinter ein à la Daumont bespannter Wagen, beritten von blasenden Postillonen, umbrüllt von der Menge und gefüllt mit Maskierten, unter denen ein vor Erregung blaurotes Gesicht das des beliebten Mannes war, dem das Volk von Paris zujubelte: »Vive Mylord Seymour!« Aus dem Wagen regnete es Blumen, Orangen, Konfetti und Sousstücke. Und manchmal sprang der Lord heraus und boxte in aller Freundschaft mit irgendeinem Strizzi-Pierrot. Dieser Lord Seymour inkarnierte den Fasching, der für jedermann zu Ende war, wenn Wagen, Piköre und Postillone hinter den Höhen von Belleville verschwanden. Aber während das Volk auf den Boulevards dem Lord Seymour zujubelte, sass der, welcher wirklich so hiess und wirklich dieser Lord war, zu Hause und schrieb wütende Erklärungen an die Zeitungen, dass er keineswegs der Narr sei, für den man ihn halte, und dass er dieses Faschingstreiben überhaupt, weil es ihm greulich sei, nie mitmache. Er erklärte das jedes Jahr ein paar Dutzend Mal und ganz ohne Erfolg. Und der falsche Mylord liess stundenlang seinen sechsspännigen Wagen vor seinem Palais halten, damit man doch sehe, dass er ihm und nicht dem Lord Seymour gehöre, aber ganz ohne Erfolg. Und der echte musste sich gegen den falschen noch wehren, als dieser schon lange tot und ihm die Verwechslung, über die er sich so gegrämt hatte, vollkommen gleichgültig war. Der König des Karnevals hiess La Battut und war das Kind einer emigrierten Französin und eines verheirateten sehr reichen englischen Apothekers. Der Vater fand für eine beträchtliche Summe Geldes den bretonischen Grafen de la Battut bereit, den Jungen zu adoptieren, der sich also Charles Graf de la Battut zu nennen das Recht hatte, wenn auch nicht das Blut. Der Adoptivvater hatte wenig Beschwer mit seinem Sohn, den der richtige Vater in ein Institut steckte, und dessen Ferien der Kleine in England beim Apotheker verbrachte. Mit sechzehn Jahren kam der Junge als Externist ins Collège Bourbon mit einem sehr bescheidenen Monatsgelde, und das tat nicht gut. Er trieb sich in der Gesellschaft von Zuhältern und Frauenzimmern herum, wo er sich durch mancherlei Eigenschaften sehr beliebt machte: er war lustig, hübsch, ein kräftiger Bursche und konnte, was er in England gelernt hatte, brillant boxen. Das ging so ein paar Jahre und La Battut wurde ein perfekter Zuhälter. Da starb sein natürlicher Vater und hinterliess ihm eine Jahresrente von hunderttausend Franken. Das deroutierte den beliebten Strizzi vollkommen: er wollte von nun ab zur grossen Welt gehören und ein Mann comme il faut werden. Er tat sich in einer grossartigen Wohnung auf dem Boulevard des Capucines auf und besuchte die Pferderennen in seinem eigenen Wagen. Bei Tilbury, dem berühmten Pferdehändler, machte er die Bekanntschaft des elegantesten Mannes von Paris, des Grafen d'Orsay, – und da hatte der kleine La Battut seinen Musterhelden gefunden, dem es gleichzutun von Stund' an sein Ehrgeiz wurde. Es waren da nur gewisse Schwierigkeiten. Die Lehrjahre bei Idalie, der Zuhälterkneipe in der Opernpassage, waren zu eindrucksvoll gewesen. Die gräflichen Manieren La Battuts waren nicht ganz sicher. Sprach er zum Scherz Argot, so klang es zu natürlich, um als Affektation zu gelten; es gelang ihm nicht genügend schlecht, sondern allzu gut. Ebenso war es mit dem Boxen: er gebrauchte seine vortreffliche Muskulatur, die für einen Herrn comme il faut zu gut entwickelt war. Man trug den Hut schief: der seine schien sich nur durch ein Wunder auf dem linken Ohr zu halten. Seine schwarze Redingote war immer noch kürzer als es die Mode verlangte und seine Weste noch bunter. Aber das wäre alles noch hingegangen und hätte ihn bloss als einen etwas exzentrischen eleganten Herrn in Ruf gebracht, wenn sich in seinem hübschen und ganz feinen Gesicht nicht oft etwas vom Lausbuben und vom Strizzi gezeigt hätte, der das grosse Los in der Lotterie gewonnen hat. So öffnete ihm sein goldener Schlüssel keine der Türen, durch die er so gerne getreten wäre. Im Karneval fanden sich wohl junge Leute der Gesellschaft zu ihm, aber, war der Fasching aus, so kannten sie ihn nicht mehr, und der arme Junge war auf ein paar Reste angewiesen, die ihm nur durch das Geld, das er lieh, erhalten blieben. Und kam noch der grösste Schmerz dazu, dass er in der Glorie seiner gesuchten und berühmten Tage für einen Andern gehalten wurde. La Battut war er nur für seine Dienerschaft, der er nicht imponierte und der zu imponieren er auch keinen Grund fand, da er mit ihr en canaille verkehrte, Volk aus dem Volk, das er war. Und zeigte er sich mit allen seinen Exzentrizitäten, auf die er so stolz war, so hielt man ihn für einen Andern. Es ist das eine durchaus tragische Situation. Deren komische Seite der Mann zeigt, der zu Hause ohnmächtig die Welt beschwört, er sei nicht der andere. Dieser echte Lord Seymour war das Orakel der Anglomanen von Paris, also eine notorische Persönlichkeit, die Gäste empfing, Besuche machte, das Zigarettenrauchen einführte und four in hand kutschierte. Er trieb das alles mit grosser Ernsthaftigkeit, die keine Miene verzieht. Man würde seiner nicht gedenken, hätte nicht La Battut gegen seinen Willen und gegen den eigenen für sein Gedächtnis gesorgt. Die Legende, die aus zwei Menschen einen machte, bewahrte die Erinnerung an beide, von denen keiner für sich und was er tat nennenswert wäre. Obzwar dem falschen Lord eine Tat zufällt, deren Wirkung er weder absah noch erlebte. Er brachte nämlich den Cancan, den man nur in den Vorortkneipen tanzte, in die Mitte der Stadt und machte ihn gesellschaftsfähig. Das war auf dem Bal des Variétés im Jahre 1832, denkwürdiges Datum auch durch diesen andern Umstand, dass hier infolge einer Wette zum erstenmal eine Dame erschien, die nichts sonst an hatte als ihre Handschuhe und ihre Boa. Was damals einen grossen Skandal erregte. Auf diesen Ball kam La Battut mit seiner ganzen Bande und alsbald mussten die Sergents de Ville einschreiten, denn La Battut tanzte den Cancan. Was das bedeutet, diesen Tanz aus den Pariser Bastringuen an einem Ort zu exekutieren, wo sich die dichtmaskierten Damen der Gesellschaft mit den Rastignacs und Rubemprées trafen, mag man aus Heines Pariser Briefen ermessen, der noch 1842 schreibt: »Der Cancan ist ein Tanz, der nie in ordentlicher Gesellschaft getanzt wird, sondern nur auf gemeinen Tanzböden, wo derjenige, der ihn tanzt, oder diejenige, die ihn tanzt, von einem Polizeiagenten ergriffen und unverzüglich zur Tür hinausgeschleppt wird.« La Battuts Beispiel begeisterte den ganzen Saal, der alsbald alle Beine in der Luft hatte. Den Helden und seine Gefolgschaft entfernte die Polizei: nach zehn Minuten war er wieder da und mit ihm der Cancan. Am nächsten Morgen fand sich Armand Dartois, der Direktor der Variétés, in eigener Person bei La Battut ein, um ihn zum nächsten Ball zu bitten, mit der Versicherung, dass der Cancan nichts mehr von der Polizei zu fürchten habe. Der endgültige Sieg über die Polizei war noch nicht errungen, auch zehn Jahre später noch nicht, aber der Anfang war gemacht und La Battuts Werk. Er hatte etwas geleistet und konnte abtreten. Erst aber trat er noch in die Literatur: als Prince Rodolphe lebte er von Eugène Sues Gnaden lange in den Träumen der Ladenmädchen und Kommis als das Muster dessen, was man einen »Löwen« nannte, und um sich in der Eleganz zu vollenden, liest noch Herr von Cisy in Flauberts Education Sentimentale die »Geheimnisse von Paris« et il tirait, comme le Prince Rodolphe, de sa poche un brule-gueule, rudoyait les domestiques, buvait extremement. Der echte Lord Seymour wurde ein schlechter Mensch: dafür, dass er die witzigsten Arten erdulden musste, mit denen man ihm etwas von seinem ungeheuerlichen Reichtum nahm, der sich dadurch fast um nichts verringerte, dafür rächte er sich durch eine giftige Menschenverachtung, mit der er sich das eigene Leben verdarb. Er regalierte ahnungslose Gäste mit kantharidierten Limonaden, beschenkte Schuljungen mit purgativen Bonbons, bestellte eine Freundin an sein Bett, damit sie über seinen Schlaf wache, und fuhr als verkleideter Omnibuskutscher die Fahrgäste über Stock und Stein nach Gegenden, wo sie gar nicht hinwollten und wo überhaupt keine Gegend war. 1859 begrub man den Narren auf dem Père-Lachaise. Vierundzwanzig Jahre vorher hatte sich La Battut aus dem Leben gezogen, das er doch nicht für sich lebte, und das dann der, für den er sich gemüht hatte, übernahm und weiterführte. Es war wie eine Rache des armen Burschen, dass der, dessen Namen man ihm immer gegeben hatte, nun so wie er weiterleben und an der Legende weiterschaffen musste. La Battut verschwindet im Jahre 1835 aus Paris und stirbt bald darauf ungekannt in Neapel. Sein bisschen Seele fährt in den echten Lord Henry Seymour. David Lazzaretti An einem guten Tage kann man von der Sieneser Porta Tufi aus, wo sich das toskanische Land hügelig nach dem Süden breitet, den bläulich-grauen Dom des Monte Amiata sehen, »la Montagna«, wie ihn die Bewohner dieser schönen Landschaft einfach nennen, die auch jetzt noch wenig besucht wird, wo die Eisenbahn, welche von Siena über Montalcino nach Grosseto in den Maremmen führt, bei einem Häuschen hält, dem Stationsgebäude Monte Amiata. Von da aus hat man aber noch gute zwei Wegstunden, um nach Castel del Piano zu gelangen, einem der halbdutzend Orte, die um den Berg mit dem beschwingten Namen liegen, der auffliegt wie eine Lerche in den Morgenhimmel. Eigentümlich schön ist diese Landschaft um den Berg und gesondert in Sitten und Traditionen vom übrigen Toskana, und auch die Sprache ist nicht mehr ganz das anmutig-leise Sienesisch, aber auch noch nicht ganz das breite Römisch. Die Städtchen haben Häuser und Burgen aus der guten Zeit, als Siena noch bedeutete, eine Zeit weit zurück, und Santafiora, die ghibelliniscbe Hochburg, deren Verfall Dante beklagte in einem ironischen, bitteren Verse, freut sich noch vielen Schmuckes der Della Robbias. Die Polenda bereitet sich das arme, aber nicht dürftige Volk der Gegend nicht nur aus dem türkischen Weizen, sondern lieber aus Kastanien, deren helle Wälder den Berg hinaufziehen, der einmal ein Vulkan war. Zinnober und Quecksilber holt man heute aus seinem Innern und manchen Orts bricht man aus ihm alte schwarze Lava, die wenigbefahrenen Strassen zu schottern. Vor vierzig Jahren, als man vom Monte Amiata in Europa sprach, lebte das Bauernvolk des geliebten Berges von der Welt kaum viel abgeschiedener als heute; die Bahn hat wenig geändert und nichts die Politik in Rom, weder die des Monte Citorio, noch die des Vatikans. Man besorgt Wald und Feld und Vieh und wehrt der Not des Lebens ohne grossen Eifer und mit mässiger Mühe. Man liebt den Berg und das Heimweh treibt die Fernlustigen immer bald wieder zurück, wo die Älteren die Wiederkehr des Propheten erwarten, dass er das Reich errichte, von dem er durch Gott die Kunde hatte. Die Jungen, die in der Fremde, in Mailand etwa, waren oder gar in Tripoli, lachen nicht, wenn die Alten vom Propheten sprechen: denn wenn sie auch nicht ganz so fest wie jene an seine Wiederkunft glauben, so doch an seine Heiligkeit; und dann war er einer der Ihren, einer della Montagna. David Lazzaretti aus Arcidosso am Monte Amiata war von Beruf ein Fuhrmann und diente bei Castelfidardo 1860 in der italienischen Armee. Schon in früher Jugend hatte er Visionen. Einmal sandte ihn Gott noch Rom, den Papst zu sehen. Dann wieder wies ihn Gott in die Einsamkeit nach Subiaco. Hier wurde ihm die göttliche Botschaft, dass er eine Mission zu erfüllen habe, und er machte sich auf in seine Heimat. Als er nach Monte Amiata kam, war ihm die Kunde von seinen Begegnungen mit Gott schon vorausgeeilt, und es überraschte die Bergler nicht, als er ihnen predigte. Der italienische Landklerus, und nicht er nur, kommt ja zu seinem Amt nicht aus Berufung, sondern aus Berufswahl; er übt das, was er im inneren Auftrag tun sollte, als ein erlerntes Geschäft, von dem man gerade lebt, nicht anders als der Maurer oder der Hufschmied, von denen niemand die innere Begeisterung verlangen wird. Der kirchliche Kultus wird ein gegen Bezahlung geleistetes geschäftsmässiges Erledigen von Formen, die so um ihren Geist gebracht werden; der nur kirchlich gekleidete Mann ist ein Gleicher in einem nur andern Gewerbe, ohne die göttliche Autorität, die man von ihm erwartet und die man so sehr an ihm vermisst, dass sogar seine menschliche Autorität darunter zerfällt. Der Laie, der unter solchen Verhältnissen aufsteht als ein Berufener, wird immer die Bereitschaft in der nicht gespeisten Gemeinde finden. Sehr schnell fällt ihm das Priesteramt zu und mit Rechten. Man kann es aus der Geschichte vielfach aufzeigen, wie wesentlich das Zeugnis der Laienwelt für den Glauben nicht nur, sondern auch für die Kirche war. Die Fides implicita, welche die Ecclesia docens an ihr Wort verlangt, wird immer bei den Gebildeten die Gleichgültigkeit, bei den Ungebildeten den Aberglauben hervorrufen und die Kirche würde so verfallen, in sich selber vertrocknen, käme nicht aus der Laienwelt immer wieder das alte frische Blut in ihren Kreis. »Religion ist immer gleichbedeutend mit Offenbarung. Sie ist nie eine Ableitung dessen, was wir wissen; sie war stets eine Behauptung dessen, was wir glauben sollen, eine Botschaft, oder eine Geschichte, oder eine Vision.« (Newman.) So ist die Häresie ein notwendiger Bestandteil des lebendigen Glaubens, eine fast automatisch einsetzende Vivifizierung dessen, was zu erstarren droht: der Ecclesia docens. Und dann: Die Offenbarung ist kein Buchstabe; sie setzt nicht das Lesen-können voraus. Blättert man die armselig gedruckten Heftchen, die in Prosa und in Poemen enthalten, was Lazzaretti zu künden hatte, so wird deutlich, was auch sein weiteres Leben durchaus bestätigt: er hat das mystische, das übermenschliche Erlebnis gehabt, das ihn über seine menschliche Existenz hinausriss und von ihr im Gefühle durchaus befreite. Die Worte dieses Propheten zeigen keinerlei andere Bildung als die eines einfachen Mannes, der ausser den heiligen Schriften dies und das noch gelesen hat; die Schwungkraft seiner Rede ist gering; irgendwelche Aestheten, die sich von Bildhaftigkeit erregen lassen wollen, werden nicht auf die Kosten ihrer Mühe kommen. Auch die Psychologen und Pathologen nicht; denn Lazzaretti gibt keinerlei Bekenntnis seiner Erweckung; er erzählt nicht, wie er von aussen nach innen kam und das »Hier und Jetzt« überwand. Was er zu sagen hat, ist ganz unpersönlich, er redet mittelbar, er ruft auf und gibt keine ekstatische Konfession. Aber man zweifelt nie: dieses arme Gefäss ist von Gott erfüllt. Und er geht daran, das Implizite explizit zu machen, so gut er kann, so schlecht er kann. Der mystische Weg ist Ein Weg, so vielfach und wechselnd auch die Worte sind, die ihn begleiten, so mannigfach auch die Aussicht ist, die er dem Wandelnden zeigt. Ein plötzlicher, nie zuvor erfahrener Zustand stärkster Bewegtheit, ein Elan vital sondergleichen gibt ein Gefühl ausserordentlicher penetrierender Kraft und durchflutet das Bewusstsein. Das Leben ist auf einmal in einen höheren Grad der Spannung gehoben und von gleicher Spannung erfüllt wird das, was ist: die Realität. Die Mystiker alle eignet eine zärtliche Liebe zu dem, was ist, über alle Maassen. Es ist, als ob sich die Qualität ihrer Aufmerksamkeit auf das Leben änderte. Die Regeneration ihres eigenen Lebens regeneriert das Umleben, aus dem sie neue Botschaften von Wunder und Schönheit empfangen. So beginnt der Weg, der nach diesem Erlebnis des Ganz-erschüttert-seins in das Stadium des Purgatoriums führt: der Mystiker soll ein Mittler werden und muss, damit er es werde, abtun, was ihn noch ans Falsche bindet, an sich selber und die bestimmten Zufälle seiner Existenz. In diesem Stadium wird der Mystiker ein Asket, was ein Mittel ist und nie Zweck war, ein Mittel des Trainings nicht anders als das Training eines Reiters oder eines Boxers. Der Mystiker muss in Peinen und Mühen das werden, was er ist, indem er ganz das zu sein aufhört, was er vor dem mystischen Erlebnis war. Das Ende des Weges ist die vollkommene Einung, aus der das neue geistige Leben geboren wird. Im Purgatorium wird der Mystiker immer erfahren, was Richard von St. Victor, che a considerar fu più che viro, im einundachtzigsten Kapitel des Benjamin Minor geschrieben hat: »Selbst wenn du denkst, du sähest Christus in der Transfiguration, so beeile dich nicht zu sehr zu glauben, was immer du in Ihm sehen oder hören magst, es sei denn, dass Moses und Elias zu Ihm eilen. Mir ist verdächtig alle Wahrheit, die nicht mit der Schrift übereinstimmt, noch empfange ich Christus in Seiner Glorie, ausser Moses und Elias sprechen mit Ihm.« Der Mystiker ist, populär gesprochen, weit davon, so individuell zu sein, dass er das was war als zu lastend abwürfe. Er steht immer im Ganzen und trägt es mit. Es sind ja, nebenbei, nicht die Theologie und die Naturwissenschaft, die miteinander streiten, sondern der Theologe und der Naturforscher tun das. Der Mystiker steht im Glauben, der nicht durch Auskunftsmittel ersetzbar ist. Er stellt nicht als ein armseliger Antagonist des Besserwissens eine unsichtbare Kirche gegen eine so sichtbare Welt. Er sperrt sich nicht mit dem Gott für sich in eine Narrenzelle. Er hat an seiner eigenen Person und ihrem Funde keine stärkere Anteilnahme als an irgendwas sonst in der Welt: er weiss seine Wahrheit ganz unpersönlich; er argumentiert nicht, denn er kommt gar nicht in Betracht, und nur wer sich noch in Betracht kommt, ist auf Recht- oder Unrechthaben eingestellt. Der Mystiker ist, kurz gesagt, so wenig wie der Atheismus auf bloss intellektuellem Wege zu widerlegen. An dem, was Lazzaretti seinen Zuhörern zu verkünden hatte, an diesem unbeholfenen Zusammengelesenen und -gedachten, konnte die Wirkung, die er auf diese Bergbewohner ausübte, nicht liegen und nicht der grosse Einfluss, den er bald auf sie gewann. Was von dem Propheten ausging und was ihm von jenen entgegenkam und antwortete, war ein nicht weiter beschreibbarer oder gar erklärbarer religiöser Vorgang, ein Akt, dem rationell nicht beizukommen ist oder der, wenn es versucht wird, alsobald dadurch gefälscht ist. Man glaubte ihm die Mission, an die er glaubte: sie hätte in ihrem Texte auch ganz anders lauten können als sie lautete und es wäre dasselbe gewesen, denn man glaubte ihm nicht seines Textes wegen. Lazzaretti prophezeite ein schreckliches Strafgericht, das kommen würde, und Änderung der Welt. Giobertis neowelfische Theorie vom italienischen Staatenbund unter päpstlicher Hegemonie weitete er zu einer universellen Theokratie mit dem Papst, als dem geistigen Prinzipe, an der Spitze; die Gesellschaft reorganisiert er auf einer halb sozialistischen Basis. Diesem Kommenden den Weg zu bereiten, gründete der Prophet des Berges religiöse Gemeinschaften – immer ganz im Rahmen der Kirche – die kommunistisch lebten und sehr bald zugrunde gingen, ohne dass dem Propheten dadurch auch nur ein einziger seiner Anhänger untreu geworden wäre, unter denen es nicht wenige ganz wohlhabende Bauern gab, die durch die naive kommunistische Wirtschaft, die ganz konsumtiv war, sicher Einbusse an ihrer Habe erlitten. Dass sich in diese christlichen Erhebungen aus dem Volke sehr häufig – und immer häufiger so, seit an die Stelle menschlicher Gemeinschaft die bürgerliche Gesellschaft getreten ist, also seit dem Ende des vierzehnten Jahrhunderts etwa – kommunistische Absichten und Versuche wirken, das hat die flinken Soziologen veranlasst, in dieser Nebenerscheinung die Hauptursache und das Hauptziel jener Erhebungen zu sehen, nämlich die Aufhebung der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Nichtbesitzenden durch Kollektivierung des Besitzes und der Produktion. Die einen fügen noch hinzu, dass die religiöse »Färbung«, die dieser nichts als ökonomische Aufstand manchmal annehme, nur in restrikten Gegenden vorkomme, die eben noch abergläubisch seien. Andere wieder erinnern an den Kommunismus bei den Urchristen, wozu dann die Pathetiker einer ganzen Partei kommen, die Jesus Christus schlankweg einen Sozialisten nennen, wie ihn auch andere, Nietzsche z. B., zu erkennen glauben und sein Evangelium als eine Ressentimentmoral des Pöbels verurteilen. Je ausschliesslicher die Tatsache des Reichtums bei den Reichen zum Inbegriff des Lebenswertes, zum einzigen Wert überhaupt wird, um so bereiter ist man natürlich von dieser Seite aus, in jedem Streben, das von dieser Wertung weg will, nichts als einen Versuch, einen oft kaschierten, zu erblicken, an diesem Werte teilzuhaben, wenn nicht gar, ihn für sich zu erobern. Ganz allgemein sei bemerkt, dass die geistige Gütergemeinschaft des Christentums die leibliche mindest sehr nahelegt. Dass aber auch die bürgerliche auf dem Besitz begründete Ressentimentmoral nicht ohne Einfluss auf die christlichen moralischen Wertungen geblieben ist, dass die Armut faktisch durch den Reichtum und dessen kulturelle Macht stärker auf sich aufmerksam und das Verhalten der Armen zur Armut in und aus dem Geiste der bürgerlichen Moral modifiziert wurde, soll nicht geleugnet sein. Seitdem sich diese bürgerliche Moral im Sozialismus und im Monismus so etwas wie eine »Weltanschauung« gegeben hat, die mit religiösem Anspruch auftritt, mag mancher verwirrende Einfluss auch auf das Christentum davon geübt worden sein. Aber es muss sich in dieser religiös verlangten Aufhebung des Einzelbesitzes, des Reichtums des Einzelnen, durchaus nicht ein ganz unchristliches Verlangen nach nicht als Wohlleben auf dieser Erde aussprechen, nicht einmal als ein ganz kleiner Teil des auf das Himmelreich eingestellten Willens. Das Verlangen nach dem Kommunismus muss keineswegs nur der Wunsch sein, dass »es einem auf Erden gut gehe«. Der Reichtum und die Armut: beide können in die ganz gleiche seelische Not bringen, indem sie die Sorge um das nie zu leugnende Gut des Lebens so vorherrschend machen, dass kein Raum mehr bleibt für die andern Güter. Der Reichtum kann sich zum Alleinherrscher über den Menschen genau so machen, wie die Armut, die nicht weiss, wovon sich nähren, sich kleiden und wo ruhen. Die Sorge des Reichtums und die Sorge der Armut frisst den Menschen ganz gleich schnell auf. Reichtum und Armut machen in ganz gleicher Weise auf das Leben überaufmerksam und rücken den Tod als das Nicht-mehr-sein in die gefürchtete Nähe; denn wo aller Wert das Leben ist, ist aller Nichtwert der Tod. Auch der »Erlöser Tod« des Armen ist konstante Todesnähe aus dem einzigen gekannten und anerkannten Wert: Leben. Da aber die Todesfurcht aus überstarker Lebensliebe die Vitalität, ein Gut, selber vermindert, so ist unsorgender Gleichmut gegen das Leben, wie Max Scheler sagt; ein vital wertvoller Gemütszustand. Die christliche Lehre ist weder für die Armut, noch gegen den Reichtum, sie ist gegen die Not, die ganz gleich aus beiden kommt. So ist das Gleichnis von den Lilien auf dem Felde zu verstehn: werte die Arbeit um deines Lebens Notdurft nicht als ein hohes Gut, das dir erst Würde gibt, sondern werte sie für das, was sie ist: dir den Leib zu erhalten bestimmt, in dem deine göttliche Seele wohnt, die dich auf das Göttliche richtet. Zwinge deine Seele nicht in die Fron deines Leibes, sondern den Leib in deinen Seelendienst. Es liegt nicht an dieser Wahrheit, dass man sie platt findet, heute, wo man über der ganz hübschen, aber wesentlich unbedeutenden Tatsache des Aeroplans ganz die Menschen vergessen hat, die in diesen Dingerchen fahren oder fahren sollen. Alles was man soziale Frage nennt, lag Christus vollkommen fern, lag tief unter seiner hohen Aufgabe, welche die Urwerte der Menschen betraf, nicht ihre Geldwerte. Alles was in diesen christlichen Aufständen sozial ist, liegt entweder als ein ganz Nebensächliches in ihnen oder ist ihnen aus der fatalen Existenz einer christlich-bürgerlichen Moral aufgezwungen. Der Begriff Christlich-Sozial ist ein vollkommener Aberwitz, denn der christliche Glaube ist auf das, was man die soziale Frage nennt, nur anwendbar, wenn man diesen Glauben um sein Wesentliches beraubt – woran man allerdings seit dem fünfzehnten Jahrhundert mit solchem Erfolg am Werke ist, dass es die Kirche selber (die ja zur einen Hälfte menschlich ist) nicht merkt, wie sehr sie ihr Gesicht verloren hat. Eine soziale Frage gibt es für den christlichen Bürger, Steuerzahler, Tischlergesellen, nicht aber gibt es eine für den christgläubigen Menschen. Es tagen ja wohl in den protestantischen Gotteshäusern weltliche Versammlungen zur Ordnung weltlicher Dinge. Wir Katholiken aber haben eine Kirche. Die menschliche Hälfte der Kirche sollte Lazzaretti bald kennen lernen. Die Jahre 1867 und 1872, zwischen Mentana und Porta Pia, waren eine aufgeregte Zeit in Italien, dessen staatliche Autoritäten auf Monte Amiata aufmerksam wurden, da sie Lazzaretti in Verdacht hatten, dass er mit der klerikalen Partei konspiriere. Er wurde einige Male verhaftet und angeklagt, aber immer wieder freigelassen: dem theokratischen Schwärmer lag jede Politik, klerikale oder andere, ganz fern. Erst die Massnahmen der Regierung machten den Klerikalen Lazzaretti bemerklich und sie schickten den Priester Taramelli zu ihm, der Einfluss auf ihn gewann und einige seiner Schriften in einem klerikalen Sinn revidierte. Zweimal ging der Prophet nach Paris, wo sich die damals – es war 1873 und 74 – gerade sehr aktive legitimistisch-klerikale Partei seiner bemächtigte und ihn finanzierte. Das klingt komisch im Zusammenhang mit dem Gottgesandten, aber Lazzaretti war ein einfacher innerlicher Mann und nichts weniger als ein politischer Kopf. Was er wollte, was ihm zu tun aufgetragen war, stand so hoch über der Erde, änderte sie von so hoch oben her, dass er irdische Faktoren gar nicht in sein Kalkül zog. Er war aus seinem Sinn heraus für die Weltherrschaft des Papstes, des Herrn im Geistigen, dem darum auch alle weltliche Macht von selber gehöre, und für diese ihm vollkommen nebensächliche Angelegenheit der italienischen Einheit, die auf Kosten des Kirchenstaates zustande kam, hatte er gar keinen Verstand. Was sollte das, wo doch bald die viel höhere Einheit käme? Ganz erfüllt von einer göttlichen Mission glaubte er den französischen Klerikalen unbedingt, wenn die ihm sagten, dass sie mit dem, was sie täten, nur ihm helfen wollten. Natürlich war er nichts als ein Werkzeug, mit dem in Händen man der italienischen Regierung und noch mehr der einheimischen des Herrn Jules Simon unangenehm werden konnte. Die französischen Klerikalen brauchten des Prestige wegen einen italienischen Bundesgenossen mit Popularität, die sie mit allen Mitteln noch zu steigern versuchten. Also auch mit Geld. Oberhalb Arcidosso, auf dem Monte Labbro, bauten sich die Lazzarettisten eine Stadt und eine Kirche, die richtig vom Bischof eingeweiht wurde. Der Prophet aber hauste in einer einsamen Hütte, einem Eremo, wo er die Pilger empfing, die nicht nur aus allen Gegenden Italiens kamen, sondern auch von weither, aus Schweden, aus England, sogar aus Amerika. Der Lärm verwirrte und täuschte ihn. Er glaubte die Zeit der Vollfüllung gekommen und erhob sich. Nannte sich vor seinen Jüngern »Christi Richter und Feldherrn, den Löwen Juda, den Gesalbten des Herrn«, und seine Kirche die Chiesa Guirisdavidica, und schrieb deren Regeln und Glauben in zwei Schriften auf, dem Simbolo della nuova Riforma dello Spirito Santo und dem Credo. Er organisierte seine Anhänger, gab ihnen Uniformen und Banner. Er hatte Militi delle Sante Milizie und teilte sie in Legionen. Es gab von ihm noch einmal geweihte Eremitenpriester und Legionsführer und Schüler und Musikanten und Krankenschwestern und Fromme Mädchen und Singekinder, alle in eigenen Uniformen, die Männer in roten Garibaldihemden, die Frauen in Tuniken, auf der Brust ein G und ein C um ein Kreuz. Lazzaretti verspätete sich um sechs Jahre. Rom und die klerikale Partei von 1878 war schon anderer Meinung als 1872. Man war schon sehr dabei, sich auf den ganz akademischen Protest gegen die Aufhebung der weltlichen Macht einzurichten und hatte schon um diese Zeit einiges Unbehagen vor der Möglichkeit, dass dieser Protest praktischen Erfolg haben könnte. Die Kurie stellte sich schon auf diese Politik ein, die aus der angeblichen Gefangenschaft des Papstes ein Machtmittel schafft, viel brauchbarer, als es je die Freiheit des auch weltlich herrschenden Papstes gewesen ist. Die Macht, die sich unter anderm auch darin äusserte, dass man im Vatikan katholischen Monarchen nicht erlaubte, den König von Italien in Rom zu besuchen, war weit wertvoller, als es die biedermeierliche Restitution eines kleines Staates mit ein paar Regimentern und Kanonen gewesen wäre. Man hatte sich in Rom auf bessere Traditionen besonnen, die nicht mehr bei den Gewaltpäpsten lagen, die den Harnisch über das Messgewand zogen. Die Politik im Samtpantoffel kann schwierigere Wege gehen als die im eisenbeschienten Fuss. Dieser Prophet vom Berge wurde sehr lästig. Er nahm das einfache Christentum ganz ernst in dem Augenblick, wo man daraus gerade ein sehr kompliziertes politisches Instrument machte. Lazzaretti wurde von Rom aus verwarnt, dann vorgeladen. Man sagte ihm, dass er teuflischen Täuschungen unterlegen sei, und setzte seine Schriften auf den Index. Der Prophet ging heim und seine Anhänger empfingen ihn mit Jubel. Er sagte ihnen, die Kirche in Rom sei dem Bösen verfallen und die bisher so papsttreuen Bergler traten aus der Kirche aus. Da kündete der Prophet, am 18. August würde er herniederkommen und sich dem Volke manifestieren. Tausende strömten nach Arcidosso, die ganze Maremma stand auf und kam zum Berg und wartete auf das Wunder, an das alle glaubten. Die Nacht vor dem Niederstieg verbrachte der Prophet und seine Schüler in Gebet und Betrachtung. Und früh am andern Tage kam der phantastisch gekleidete Zug langsam singend talwärts gen Arcidosso, Männer, Frauen und Kinder jauchzten ihm entgegen. Die klerikale Partei war seinerzeit durch die italienischen Behörden auf Lazzaretti gekommen, jetzt bedankte sie sich für diese Gefälligkeit damit, dass sie ihrerseits die italienischen Behörden, die gerade durch eine lebhaftere sozialistische Agitation nervös geworden waren, auf den Propheten aufmerksam machte. Man quittierte die Gefälligkeit, indem man einen Polizeikapitän mit ein paar Carabinieri nach Arcidosso schickte, der Lazzaretti an diesem hohen Morgen aufforderte, zurückzugehen, und die Prozession, sich zu zerstreuen. Der Prophet sagte natürlich: »Ich werde vorwärts gehen im Namen des rechten Gesetzes und Christi des Richters.« Und die Anhänger riefen: »Viva la Republica!« – was die geistige, nicht die politische Republik meinte – und warfen Steine auf die Soldaten. Die legten an und schossen. Unter denen, die fielen, war David Lazzaretti, der Prophet. Die davidische Stadt und Kirche liegt in Ruinen unter Kastanien, aber die Lazzarettisten gibt es noch um Monte Amiata und bis in die Maremma hinunter. Politische Bewegungen kommen und gehen mit den Schlagworten. Das davidische Gottesreich war ganz unpolitisch eine Faltung der nie aussetzenden Bewegung zu Gott hin. Die Lazzarettisten glauben heute noch an die Wiederkehr des Propheten – jeder Prophet kehrt immer wieder, immer derselbe Prophet, wie er auch vom Zufall benamt sei – und an das Geistige Reich, das kommen wird. Die Kirche betreten sie nicht. Die toleranten stillen, ihr Land liebenden Leute kommen in eines jeden Hause zusammen und wenden sich Gott zu in herzlicher Einkehr. Sie schwören nie, reden nicht laut und hüten sich, zornig zu werden. Ein Priester Imperiazzi, ein ehemaliger Anhänger, der zur Kirche zurückkehrte, kam 1904 nach der Montagna, um dem davidischen Glauben ein stärkeres Leben zu geben. Er wurde sofort von Rom a divinis suspendiert und die konform handelnde Behörde befahl ihm, die Gegend zu verlassen. Der Monte Amiata träumt weiter im mystischen Schlaf, bis wieder der Erwecker kommt, aus der von der Not gestachelten Sehnsucht des italienischen Landvolkes geboren. Don Juan De Vargas Nach einem wilden Leben hab' ich mich hier in meine Geburtsstadt Jaen zurückgezogen und schreibe auf, was ich getrieben und was mich getrieben. Was sonst soll ein alter Mann tun? Ich bin in beiden Indien gewesen und habe mit meinem Schwerte dem Triumph des Kreuzes gedient und der Mehrung des Reiches unseres Herrn Königs, den Gott schützen möge. Tausend Gefahren bin ich entgangen dank Unsrer Lieben Frau von Atocha, der mich meine Mutter geweiht hat, da ich noch ein Kind war. Nun bin ich alt und gebrochen, ohne Lohn für meine Dienste, lebe einsam hier im kleinen Hause meiner Vorfahren und erwarte nichts von den Menschen. Und habe in nichts mehr sonst Vertrauen als in das Mitleid Gottes, die Fürsprache seiner Mutter und meiner Schützerin und Patronin. So ein Teufel ich auch manchen Orts und mancher Zeit gewesen bin. Von meinen Vorfahren nichts weiter, als dass sie immer gute Kastilianer gewesen sind und tapfer ihre Pflicht taten. Meine Mutter war eine Caravajal, ein Haus nicht weniger berühmt als das des Vaters. Anders hätte er sie nicht geheiratet. Mit zehn Jahren schickten mich meine Eltern nach der Kirche Sant Andrea, was unsere Pfarrkirche war, und ich lernte hier unsern christlichen Glauben. Der Vater zeigte mir ein Schwert führen und den Dolch brauchen. Die Mutter wies mir die Griffe auf der Mandola und lehrte mich die Lieder vom Cid und was sonst noch von unsern Kämpfen gegen die Mauren gesungen wird. Das Leben ging ganz ruhig, da trieb mich ein Ereignis aus der Stadt, die ich auf lange nicht mehr sehen sollte. Nah unserm Hause lebte ein alter reicher Edelmann, jung verheiratet an eine Frau, die noch ganz ein Kind und auf die er sehr eifersüchtig war. Niemals liess er sie allein ausgehen, und kaum, dass sie an einem heissen Tag auf den Balkon treten durfte. Am Tage des heiligen Andreas kam ich nun mit meiner Mutter aus der Messe und unter dem Balkon vorbei, als die Dame davon einen Strauss fallen liess, den ich schnell aufhob und an nichts weiter dachte. Ich war sechzehn Jahre alt und immer bei den Eltern gewesen. Der Alte aber dachte nicht an meine Unerfahrenheit, als vielmehr an ein geheimes Einverständnis zwischen seinem Weibe und mir. Eines Abends nach dem Angelus überfielen mich in einer wenig belebten Gasse drei Banditen und ich wäre sicher unterlegen, wenn ich mich nicht aus Zufall in der Verteidigung an eine Kirchentür gelehnt hätte, die offen war. Ich flüchtete in die Kirche, wohinein sich die drei nicht trauten. Am andern Morgen brachte mich der Pfarrer der Kirche, der ein Freund unseres Hauses war, zu meiner Mutter. Man kannte den Alten, der das sicher angezettelt hatte, dass er vor nichts zurückschrecken würde, mich auf die Seite zu räumen, – also beschlossen meine armen Eltern, mich fortzutun, und schickten mich nach Sevilla zu einem Onkel meiner Mutter, der da an der Kathedrale Kanonikus war. Da hatte ich es nun gar gut. Und lebte in Freuden. Bald war ich nicht mehr der einfache Junge aus Jaen, und ich verstand die Blumensträusse, die vom Balkon geworfen wurden. Ich las im Amadis und die gute Mama Celestina und bekam neue Ideen. Ich liess es mir bei einer Witwe, die sich auf junge Leute verstehn, gut gehen, als mich so ein Luder von Kupplerin bei dem Stadtrat anzeigte, der für die andern Bedürfnisse der Witwe sorgte. Der Kupplerin passte es nämlich nicht, dass sich die Dame mit einem Habenichts, wie mir, abgab, bei dem nichts für sie abfiel. Ihr wäre ein weiterer Stadtrat lieber gewesen. Mein Vater bekam also die Sache mitgeteilt, und ich musste aus dem lustigen Sevilla fort. Ich ging zu Fuss nach Cartagena, wo ich mich nach Neapel einschiffen wollte. Was auch geschah, denn ich hatte von dem guten Onkel einen Brief an einen Kapitän Diego Osorio, der in Cartagena eine Kompagnie aushob, die dem Königreich Neapel zu Hilfe kommen sollte. »Du warst wohl als Chorknabe bei deinem Onkel,« sagte der Mann, »mit deiner seidenen Nachthaube und deinem Milchgesicht schaust du gar nicht aus wie einer, der zum Soldaten taugt.« Die Haube hatte mir meine Witwe geschenkt und ich mochte sie gern. Aber ich schmiss sie doch ins Meer – denn ich sprach auf dem Schiffe mit dem Kapitän – und sagte: »Was den Bart betrifft, so will ich ja nicht als Kapuziner bei Euch dienen.« Das gefiel ihm und ich blieb als Soldat auf der Galeere. Aber in Neapel, das war ein kurzes Vergnügen. Da war ein Estevan de Rada in meiner Kompagnie und er stritt einmal gegen etwas, das ich gesagt hatte. Ich wollte ihm zeigen, dass ein de Vargas das nicht dulde, zog mein Schwert und stach ihn nieder. Ich musste mich verborgen halten und machte mich auf einem Schiffe nach Genua auf. Da war mir noch so viel Geld geblieben, dass es nach Sevilla reichte. Aber da war der Onkel gestorben und hatte alles den Armen geschenkt, und die Witwe hatte einen Metzger geheiratet und wollte von mir nichts wissen. Ich wusste wirklich nicht, was werden sollte, als ich an der Küste von San Lucar einen meiner Kameraden aus Neapel traf, der mir von einem neuen Land Temistitan erzählte, das Fernand Cortez, ein Edelmann aus Estremadura, in Indien entdeckt habe. Und da seien die gemeinsten Strassen mit Edelsteinen gepflastert. Ein Schiff, das von dort gekommen sei, rüste gerade wieder zur Rückfahrt und man werbe Leute. Ich ging zu dem Schiff mit meinem Kameraden, der Luis Maldonado hiess. Wir hatten gute Fahrt bis auf die Höhe der Azoren. Da erblickten wir in der Ferne drei Fahrzeuge, die wir als Piraten erkannten: Barbaresken. Unser Kapitän traf alle Vorbereitungen, die Hunde würdig zu empfangen, was nicht leicht war, denn unser Schiff war voller Waren und Leuten, die waffenuntüchtig waren. Wir taten unser Bestes, konnten uns aber gegen die Übermacht nicht behaupten. Was von unseren Leuten verwundet oder alt war, fand den Tod in den Wellen, die anderen fesselten die Räuber, um sie nach Fez auf den Markt zu bringen. In Tetuan kaufte Maldonado und mich der gleiche Herr, ein alter sevillanischer Jude, den die gesunde Angst vor der heiligen Inquisition gezwungen hatte, nach Marokko zu fliehen. Der nahm uns gar nicht als Landsleute, sondern schien sich an uns für alle die Schweine seiner Rasse rächen zu wollen, die man auf dem Hauptplatz von Sevilla verbrannt hatte. Seit dem Tage habe ich nie mehr einen Juden verbrennen sehen, ohne mir zu sagen, mit welchem Vergnügen ich diesen schuftigen Isaak an seiner Stelle gesehen hätte. Dieser Jude hatte seine junge Tochter aus Spanien mitgebracht, die Rebekka hiess. Da der Jude, solange er in Sevilla lebte, um der Inquisition zu entgehen, so getan hatte, als ob er Christ wäre, liess er seine Tochter in unserm Glauben aufziehen, dem sie auch treu ergeben war. In Afrika schwur Isaak seinen Judenglauben und wollte auch seine Tochter zu ihm zwingen. Die aber wollte nicht und hatte darob viel auszustehen von dem Alten. Rebekka vertraute sich uns an und sagte, dass sie mit uns in ein christliches Land fliehen wolle. Sie sprach nicht zu Tauben, und da sie zu des Alten Truhe gelangen konnte, verschaffte sie uns Geld, mit dem wir einen Mann gewannen, der uns eines Nachts mit Pferden in der Nähe des Hauses erwartete. Ein paar Dolchstiche sicherten uns das Schweigen des Alten, als wir uns in einer Nacht davonmachten. Wir kamen auf den schnellen Pferden nach Ceuta, wo uns der Kommandant sehr gut aufnahm. Rebekka nahm wieder ihren christlichen Namen Isabella an. Beide waren wir in sie verliebt, und wir hatten schon das Messer in der Hand, das entscheiden sollte, als uns ein guter Franziskaner riet, den Himmel entscheiden zu lassen, und uns ein paar Würfel gab. Wir warfen, und trotzdem ich Unsrer Lieben Frau von Atocha eine dreipfündige Kerze versprochen hatte, verlor ich. Möge mir meine heilige Schutzpatronin verzeihen, wie ich sie damals beschimpft habe! Der Himmel weiss besser als wir, was uns Sterblichen recht ist. Denn als ich Maldonado später in Indien traf, erzählte er mir, dass ihn Isabella bald darauf verlassen habe, nicht ohne sein Haus zu plündern, um einem Renegaten nach Fez zu folgen. So hatte ich also doch gewonnen und vermache deswegen in meinem Testament Unsrer Lieben Frau von Atocha eine dreipfündige Kerze. In Ceuta war nichts mehr für mich, und ging also wieder nach Sevilla, wo es der Zufall machte, dass ein Schiff nach Mexiko in See stach: drei Monate später schifften wir uns in Veracruz aus. Heute ist das, wie man mir erzählt, eine schöne Stadt, – damals waren es ein paar Hütten. Eine Menge Spanier waren am Strand, die auf dem Schiffe heimreisen wollten, alle mit Taschen voll Goldes, und andere waren, die mit Golde kauften, was wir mitgebracht hatten. Auch ein paar Frauenzimmer, die sich vornehm und Jungfrauen nannten, was mich die christliche Liebe zu glauben veranlasst, fanden bald ihre Gatten. Ein Franziskaner, der sich damit eine grosse Geschicklichkeit erworben hatte, dass er oft an einem Nachmittage zehntausend Indianer taufte, hatte diese Heiraten sehr schnell erledigt. Nun war ich in diesem neuen Lande und von dem, was ich da alles erlebte, kann ich bei Gott nicht in einer guten Reihe so berichten, wie alles genau aufeinander folgte. Wir zogen also über Tlascala nach Cholula und weiter nach Otumba, wo überall die alten heidnischen Bauwerke recht gründlich zerstört waren und die spanischen sich zu erheben anfingen. Die Strassen waren voll von Indianern, die recht daran arbeiten mussten. Viele von ihnen ertrugen die Mühe nicht, aber sie wurden gut versorgt, denn die Franziskaner liefen durch die Stadt, und sowie sie nur einen Indianer sahen, der im Sterben lag, gossen sie das heilige Taufwasser über ihn und schickten ihn so geradeaus in den Himmel. So hatten sie es viel besser als jene, die bei der Verteidigung ihrer falschen Religion fielen und in die Hölle fuhren. Nach ein paar Tagen, die ich so mit Umsehen hinbrachte, merkte ich schon, dass es nicht so leicht ist, hier Geld zu machen, wie ich mir dachte. Die Schätze Montezumas waren verteilt, die Stellen besetzt und mehrere Expeditionen, die sich nach dem Norden aufgemacht hatten, waren misslungen – die nach Wolle gegangen waren, kamen geschoren zurück, wie das Wort sagt. Ich entschloss mich, an dem Zuge teilzunehmen, den der berühmte Don Pedro de Alvarado nach Guatemala unternahm, von dessen Schätzen man Grosses erzählte. Unsere Armee bestand aus hundert Reitern und fünfhundert Fusssoldaten, unter denen ich war, denn ich konnte mir kein Pferd kaufen bei meiner Armut. Wir eroberten mit grossen Verlusten ein paar Städte auf dem langsamen und beschwerlichen Marsch und unser Führer zeigte einen guten Blick für alle die Fürsten, die sich ihm, wie sie sagten, unterwarfen, aber Verräter waren, die uns des Nachts oft überfielen. Er gründete eine spanische Stadt, und ich bekam als einer der ersten, die sich da niederliessen, achthundert Golddukaten und das Dorf Xochitl. Ich hätte gut getan, da zu bleiben. Aber der Mensch ist ein Wanderer auf dieser Erde, und trotzdem ich zum Alkalden der neuen Stadt bestimmt wurde, blieb ich doch nur so lange, als das Gold reichte. Und als dann erst gar ein neuer Bischof kam, der den Eroberern wegen der geringsten Kleinigkeit den Prozess machte, da hatte ich genug von der Sache. Erschlug man einen Indianer im Zorn, so wurde man bestraft – es war keine Gerechtigkeit mehr. Und auch das Gold versteckte dieses Gesindel so gut, dass man es nicht finden konnte. Es ging ein Gerücht von einem reichen Land, das Pizarro im Süden entdeckt habe – da verkaufte ich alles und ging nach dem Süden mit noch ein paar, die meiner Meinung waren. Aber es war verfehlt. Denn die Leute des Pizarro hatten schon alles Land erobert und wollten uns nichts mit gutem Willen geben. Um das zu erfahren, waren wir unter unsäglichen Mühen über die grausigen Schneeberge geklettert und über andere, aus denen das Feuer rauchte und wo man die Glut der Erde durch die Stiefelsohlen spürte! Wir waren zweihundertfünfzig Leute. Als wir auszogen, waren wir fast doppelt so viel gewesen und hatten über hundert Pferde, die alle zugrunde gegangen waren in den Bergen. Da konnten wir nichts tun gegen die andern, die viel mehr waren. Ein Franziskaner fand den Ausweg. Unser Führer verkaufte der stärkeren Truppe seine Armee für hundertzwanzigtausend Dukaten und zog heim nach Guatemala. Und jeder von uns bekam eine bestimmte Summe und wurde ein Vertrag gemacht, dass wir an aller künftigen Beute einen Teil als Soldaten haben sollten. Wir waren es einverstanden. Sonst wären wir verhungert oder erschlagen worden. Es gab ein Fest und Pizarros Leute teilten mit uns Lebensmittel und Indianerinnen, wovon eine grosse Menge da war, so dass man die Weiber, wenn man eines überdrüssig war, immer aus dem Lager jagte, nachdem man sie getauft hatte, worin die Franziskaner sehr eifrig waren. Aber ich meine, das war ein grosses Unrecht; denn wenn diese Weiber sich selbst überlassen sind, fallen sie alsbald in ihr Götzentum zurück, während, wenn man sie gleich nach der Taufe getötet hätte, sie geradeswegs zum Sitz der Engel gelangt wären. Ich machte Almagro den Vorschlag, aber er wollte mit einem schlecht angebrachten Mitleid nicht zustimmen. Unter Sebastian de Benalcazar zogen wir gegen Ruminahui, der nach dem Tode des Atahualpa in der Provinz Quito König war. Er fiel leider in der Schlacht und konnten wir so nicht von ihm erfahren, wo er seine Schätze versteckt hatte, die wir erst nach vielen langwierigen Mühen fanden. Das war ein reiches Land, mein Gott! Wir hatten Gold, dass manche von den Unsern ihren Pferden Hufeisen daraus machten. Einer fand eine grosse Sonne ganz aus Gold und verspielte sie in einer Nacht; er hatte so wirklich ein Mittel gefunden, die Sonne zu verlieren, bevor sie aufgegangen. Ach, ich kann das Weinen nicht halten, denke ich in meiner Armut hier an die Schätze, die ich damals vergeudete. Aber ich stelle mich in den Schutz Unsrer Lieben Frau von Atocha. Die Himmelskönigin wird mir, hoffe ich, das Blut anrechnen, das ich für die Verbreitung unsers heiligen katholischen Glaubens vergossen habe. Hernando Pizarro, der damals in Cuzco kommandierte, hatte immer viel Schwäche gegen die Indianer gezeigt; da erfuhr er, dass man nur mit Strenge etwas gegen diese verdammte Rasse ausrichtet. Aber es war zu spät, und wir hatten viel von seiner allzu grossen Duldung zu leiden. Es gab einen Aufstand, und bevor wir noch was Rechtes tun konnten, waren wir von zweihunderttausend Indianern in unserer Stadt eingeschlossen. Uns anzugreifen wagten sie nicht, aber sie zogen Nutzen aus den Strohdächern, die sie mit Pfeilen überschütteten, an die brennende Wolle gebunden war. Nach und nach brannte die ganze Stadt, und wir mussten auf dem grossen Marktplatz kampieren. Die Indianer schossen auch mit Hilfe von Maschinen die Köpfe jener der Unsern in die Stadt, die in ihre Hände gefallen waren. Wir setzten unsere Hoffnung auf Francesco, Pizarros Bruder, dass der uns Hilfe brächte. Es war eine verzweifelte Lage. Einmal machten wir einen Ausfall, um die Festung wieder in unsere Hände zu bringen, deren sich die Indianer gleich im Anfang bemächtigt hatten. Was uns auch gelang. Manche versicherten, dass sie den Apostel Jakob auf einem ledigen Pferde vor unserer Schar kämpfend und führend gesehen hätten. So viel Glück war einem armen Sünder wie mir nicht beschieden. Ich habe nichts gesehen, aber es ist wahr, ich hatte genug damit zu tun, mich mit meinem Schilde vor den Steinen zu decken, die es auf mich regnete. Wäre nicht gerade Almagro von seinem unglücklichen Zug nach Chile zurückgekommen, es wäre uns noch übler ergangen. Er wurde unser Erretter. Aber bald darauf entstand ein Streit zwischen ihm und Pizarro, bei dem er und seine Anhänger, unter denen leider auch ich war, gewaltig den kürzeren zogen. Almagro fiel in diesem Streit und uns behandelte man schlechter als Hunde. Nichts zu essen gab man uns, dass wir von Wurzeln und Früchten leben mussten; und hatten gar keine Hoffnung, von Spanien unser Recht zu erlangen. Es war uns verboten, das Land zu verlassen, und Francesco schickte seinen Bruder Hernando an den Hof in Madrid, mit vielen Geschenken an einflussreiche Personen, damit er da auf seine Weise erzähle, was sich bei uns ereignet hatte. Aber Gott und seine heilige Mutter erlaubten nicht, dass er den Staatsrat blind mache. Pizarro wurde in die Festung Medina del Campo gesperrt und blieb da länger als zwanzig Jahre. Wir aber taten uns inzwischen in unserm Elend zusammen und beschlossen, den Francesco umzubringen und den noch jungen Sohn des Almagro an seiner Statt auszurufen. Wir wollten ihn auf dem Messgange umbringen, aber die Heiligen bewahrten uns vor einem solchen Sakrilegium. Er kam nicht zur Messe, angeblich, weil er krank war. Wir erschraken, da wir glaubten, unsere Verschwörung sei entdeckt. Manche wurden schwankend, einige verliessen uns schon. Da sprang Juan de Herrada auf und sagte: »Wenn wir zögern, sind wir verloren! Folgt ihr mir nicht, so kaufe ich mich vom Tode los, indem ich selber euch dem Marquis verrate.« Da riefen wir: »Es lebe der König!« und eilten zu Pizarros Haus. Die Tür war offen; man hörte wohl den Lärm, den wir auf der Treppe machten, denn einige von Francescos Freunden, mit denen er gerade gegessen hatte, sprangen zum Fenster hinaus und flüchteten durch den Garten. Bei dem Marquis blieben nur sein Halbbruder Martin von Alcantara, Francisco von Chaves und zwei kleine Pagen. Chaves öffnete die Saaltür und fragte, was wir wollten. Er war im Augenblick niedergestossen. Wir stiegen über seinen Leichnam und sahen den Marquis, der sich von seinem Bruder den Harnisch anlegen liess. Wir sprangen auf sie los, die, wie ich sagen muss, sich wie kastilianische Edelleute verteidigten. Einige von uns wurden verwundet. Alcantara stach mich durch den Arm, aber da hatte er auch schon meinen Dolch in der Brust. Der Stoss war so heftig, dass mein Fuss im Blute ausglitt; ich fiel, und da mich meine Freunde für tot hielten, gingen sie den Marquis noch heftiger an. Der hatte dem Narvaez, der mein Freund war, den Degen so stark durch den Leib gerannt, dass er ihn nicht rasch genug zurückziehen konnte. Da streckten ihn einige Stösse nieder. Er hatte gerade noch Zeit, auf den Boden mit seinem Blute ein Kreuz zu ziehen; er küsste es und gab seine Seele auf. Wir liefen alsbald durch die Stadt und schrien: »Der Tyrann ist tot, es lebe der König und Almagro!« Wir plünderten die Häuser der Gegner und was wir da fanden war reichlich, uns über das erlittene Elend zu trösten. Es hätte noch viel Blutvergiessen gegeben, wären die Franziskaner nicht mit dem heiligen Sakrament auf die Strasse gekommen. Auf diese Weise kam der Eroberer von Peru zum Ende. Er hatte uns zu manchem Sieg geführt und jeder von uns opferte ein Zehntel seiner Beute der Kirche, dass Messen für ihn gelesen würden. Als die Nachricht von unserer Tat sich in ganz Peru verbreitete, erhoben sich allenthalben Pizarros Anhänger gegen uns. Das wäre aber nichts gewesen, wenn nicht zu gleicher Zeit Vaca de Castro mit grosser Vollmacht des Königs angekommen wäre, der sich, wie er vom Tode des Marquis hörte, gegen uns erklärte und nicht einmal unsere Rechtfertigung hören wollte. Alle, die dem Pizarro angehangen waren, liefen ihm zu. Gott weiss, dass wir nichts gegen ihn hatten, aber er war nur von Leuten umgeben, die von Rache sprachen, und wir mussten uns also vorsehen. Der Inka Mango half uns wohl mit seinen Kanonen, die er bei der Belagerung von Cuzco erbeutet hatte, aber die nützten uns auch nichts. Wir verloren die Schlacht ganz erbärmlich, und nur die Flucht rettete uns vor dem Tode. Es war ein Wunder, dass ich davonkam. Erst hielt ich mich in einem indianischen Dorf für ein paar Wochen versteckt, denn Castro hatte einen Befehl erlassen, ihm alle auszuliefern, die gegen ihn gekämpft hatten, und die er bekam, liess er erdrosseln. Die Indianer halfen mir heimlich aus dem Lande nach dem Norden zu, wo Neugranada war. Unter unsäglichen Mühen kam ich nach Santa Marta, wo gerade eine Galeere unter Segeln für die Rückreise nach Spanien lag. Ich begab mich auf das Schiff, denn in der Stadt war kein Mensch, da alle Einwohner vor den Korsaren von La Rochelle geflüchtet waren, welche diese Gegend oft heimsuchten. Und in die Hände dieser ketzerischen Korsaren fiel auch unsere schwache Galeere nach wenigen Tagen Fahrt. Ein paar Wochen darauf kamen wir in La Rochelle an, einem stark befestigten Orte mit reichen Handelsleuten. Sie stehen wohl unter dem französischen König, aber wirklich sind sie ein republikanisches Gemeinwesen, das ganz verseucht ist von kalvinistischen Ketzern, welche die Katholiken ausgetrieben haben. Der Korsarenkapitän benahm sich wohl ganz gut gegen mich, liess mir meine Kleider und was ich sonst besass und verschaffte mir ein paar Fräulein, die ich im Mandolaspielen unterrichtete. Da war eine darunter, deren Vater war ein alter und reicher hugenottischer Kaufmann. Der billigte nun die Belustigung mit dem Instrument gar nicht, aber er konnte seiner Tochter nichts abschlagen. Kurz, was soll ich viel erzählen, mit der Musik ging dem Mädchen auch die Liebe auf, und wir beschlossen, nach Spanien zu fliehen, um dort zu heiraten. Wir taten einen guten Griff in des Alten Geldkasten, dank dem Schutz der Heiligen, die sicher lachten darüber, dass ein Hugenotte geplündert wurde, und kamen nach Bilbao, wo ich das Versprechen, das ich Caterina gegeben hatte, einlöste. Wir hatten noch eine gute Reise zu Fuss zu machen, durch die ganze Mancha, als wir von Mauren bei Anduxar ausgeraubt wurden. Nackend banden sie uns an zwei Bäume, wo uns Zigeuner, nah dem Hungertode, befreiten. Bis Jaen bettelten wir uns durch – achtzehn Jahre war ich fortgewesen, und es war kein frohes Wiedersehen. Meine Eltern lebten in rechter Not, was ihnen noch das Alter schwer machte. Mein armes Weib konnte all dem Elend nicht standhalten und starb bald darauf. Da fiel mir das Gold von Cuzco so stark ins Gedächtnis, dass es mich nicht länger litt. In Sevilla hob Don Estevan de Guevra Truppen für Mexiko aus, ich liess mich anwerben und als ein Leutnant. Schon wollten wir unser Schiff nach dem westlichen Indien lenken, als etwas eintraf, was die Richtung ganz änderte. Die Häretiker in Deutschland hatten sich unter dem Kurfürsten von Sachsen gegen unseren Kaiser erhoben und der rief seine treuen Kastilianer zu Hilfe, dass sie nach Deutschland kämen, die Lutheraner zu züchtigen. Das freute uns sehr und wir fuhren gegen Antwerpen. Wir hätten den verdammten Ketzern, die diese Stadt bewohnen, gern eine Lektion gegeben, aber es war keine Zeit und dann hatte der Kaiser eine Schwäche für diese Leute, vielleicht weil er selber ein Flamländer war. Der Bürgermeister von Malines, durch das wir kamen, liess zwei unserer Soldaten hängen, weil sie sich Silberzeug angeeignet hatten, und unser Hauptmann konnte trotz seiner Klage kein Recht bekommen. Glücklicherweise änderte sich das, als wir in das Gebiet des Reiches kamen. Wenn man da auch nur sauren Wein und ein widerliches Gebräu trinkt, das sie in ihrer Sprache Bier nennen, so hat man doch die Genugtuung, dass man es des öftern aus silbernen Gefässen trinkt, die man mitnimmt, um sich an den Gastgeber zu erinnern oder um nicht von ihm vergessen zu werden. Zu essen gibt es da reichlich. Diese elenden Ketzer wollen ihr Paradies schon in dieser Welt haben; wir gaben ihnen einen Vorschmack des Empfanges, der sie in der andern Welt erwartet. Wir stiessen bei Mühlberg zur kaiserlichen Armee, wo wir den Kurfürsten abfingen. In Wittenberg fanden wir das Grab des Erzketzers Luther und wollten seine Asche ins Feuer schmeissen, aber man hinderte uns daran auf besonderen Befehl des Kaisers. Er war immer zu gütig gegen dieses Lumpenpack, und das war ein grosser Fehler; man darf ihn nicht mit unserm regierenden Herrn Philipp II. vergleichen. Nach dem Siege ging's nach Augsburg, wo ein Reichstag sein sollte, auf dem des Kaisers Sohn zu seinem Nachfolger gewählt werden sollte, wie er wünschte. Das war für uns Veteranen sehr sonderbar, die wir doch mächtige indianische Kaiser von geringsten Offizieren zu Tode bringen sahen, hier den Kaiser zu sehen, der sich ein paar niederen Prinzen unterwarf. Was war so ein Markgraf von Brandenburg gegen den mächtigen Montezuma? Der Gedanke und die Zucht, die man bei uns einführen wollte, machten mir den Krieg in Europa verdriesslich und mich verlangte wieder nach Westindien. Was mich verwunderte, war, dass unter den deutschen Truppen des Kaisers nicht mehr Glauben herrschte als unter den Lutheranern. Niemals nicht gaben sie auch nur das Geringste für eine Messe her oder eine Kerze für die Jungfrau. Aber aufs Plündern verstanden sie sich, das muss ich sagen, und hatten eine Kunst, die Gefangenen zum Reden zu bringen, an der wir lernen konnten. An einem belustigten wir uns insbesondere. Sie rieben so einem festgebundenen Ketzer die Fusssohlen ordentlich mit Salz ein und liessen dann eine Ziege daran lecken. Der Kerl musste lachen, bis er darüber verreckte, wenn er den Spass nicht auf eine uns nicht weniger angenehme Art damit endete, dass er uns sagte, was wir von ihm wissen wollten. Die Methode ist gut, hat aber doch einen Nachteil, weil man nicht immer eine Ziege bei der Hand hat und es sehr schwierig ist, diese Tiere zu fangen, wenn sie einmal aus dem Stall sind. In der Stadt Landshut ging ich einem Mädchen, eines alten Obersten Tochter, in die Falle, vor deren Fenster ich nächtlich auf andalusische Weise öfters musizierte. Da es Winter war, hatte sie endlich ein Einsehen und liess mich in ihr Zimmer steigen. Sie war mit ihrem Vater in Italien gewesen und verstand die Sprache. Vom Zimmer ins Bett, das war nicht so weit, als dass ein so Vielgewanderter wie ich nicht bald den Weg gefunden hätte. Alles ging ganz gut, als mich des Morgens einmal ein unerwarteter Lärm weckte, und da stand der Oberst mit vier bewaffneten Kroaten am Bett und einem Kapuzinerpater. Den Pater, sagte er, habe er mitgebracht, mich zu verheiraten oder mir die Beichte abzunehmen – es stände in meiner Wahl, denn er wolle niemandem was Böses. Ich schämte mich wie ein Fuchs, den die Henne gefangen, und um so mehr, als ich, wie ich das Mädchen anschaue, merke, dass sie gar nicht erschrocken war, also mit dem Vater im Einverständnis diese Sache angerichtet hatte. Da war gute Miene machen das beste, denn gegen einen Mann, der Manilla, Spadilla und Basta in den Karten hat, ist nicht anzukommen. Ich war also für Heiraten, und man liess uns nicht einmal aus dem Bett steigen zu der heiligen Handlung. Der Oberst ging dann und wünschte mir spöttisch eine gute Nacht. Ich dachte wohl wie er, dass ich an dem Tag genug gesungen hatte, und obzwar meine Mandoline in der Ecke des Zimmers stand, hatte ich gar keine Lust mehr zu Ruladen. Verheiratet beschloss ich das Soldatenleben aufzugeben, um so mehr, als meine Geschichte bekanntgeworden war und ich den Spott meiner Kameraden fürchtete. Übrigens war ich meiner Frau nicht böse über den Streich, denn sie war hübsch und ich hatte ihr das Heiraten versprochen. Wir gingen nach Wien, wo ich durch meinen Schwiegervater beim Kaiser Stallmeister wurde. Ich lebte da etwa ein Jahr, als mir ein kaiserlicher Offizier die Reiterkompagnie in der Armee zu übernehmen vorschlug, die er gegen die Türken aushob. Ich nahm gerne an, aber zu meinem Staunen war meine Frau, wie mir vorkam, nicht überrascht, als ich ihr das mitteilte. Es kam mir ein Verdacht, dass sie es mit jenem Offizier habe und mich gern bei den Türken hätte. Ich tat so, als ob ich abreiste, und kam mitten in derselben Nacht zurück. Da fand ich die beiden meinen Abschied feiern und ich sah deutlich, dass die Kapelle nicht leer ist, wenn der Heilige fort geht. Ich erstach erst meine Frau und setzte dann meinem Feind den Dolch auf die Brust: ich schwur ihm, ich würde ihn wie meine Frau behandeln, wenn er nicht Gott und die Mutter Gottes abschwöre. Der Feigling schwur ab und ich hatte die Genugtuung, ihn in die andere Welt mit seiner Todsünde beladen zu schicken, ihm Leib und Seele zu töten. Ich hatte in Wien weder Schutz noch Freunde und musste fliehen. Es war eine schwierige und mühselige Sache, bis ich nach Triest kam und von da auf einer Feluke nach Malta. Da fand ich eine Gelegenheit, nach Spanien heimzufahren. Das war nun allerdings ein weiter Umweg nach Westindien, der mich über das ganze Deutschland und ins Ungarische geführt hatte, aber meine Sehnsucht stand nach dem Goldlande. In Porto Bello schiffte ich mich nach Peru ein. Wir waren nah dem Ende unserer Fahrt, als wir von einem mächtigen Sturm gepackt wurden. Ein paar Tage lang trieb es uns umher, ohne dass wir wussten, wo wir waren, und als wir endlich ganz nahe Land sahen, fuhren wir auf einen Felsen auf. Es nützte nichts, dass wir die Ladung über Bord warfen, um das Schiff zu erleichtern; wir kamen nicht los und mussten an unsere Rettung denken. Die einen warfen sich ins Meer und gewannen die Küste; die zurückblieben, weil sie noch was von ihrer Habe retten wollten, verschwanden mit dem Schiff in den Wellen. Den übrigen Tag und den andern fischten wir auf, was das Meer an die Küste warf; es waren aber nur Balken und Bretter und ein paar Kisten Zwieback. Es mangelte uns besonders an Kleidern, da wir fast vollkommen nackt waren. Eine junge Frau aus Antequera, die ihren Gatten begleitet hatte, schämte sich ihrer Nacktheit so sehr, dass sie von ihrem Mann verlangte, er solle sie in den Sand eingraben; sie wollte niemals aus diesem Grab herausgehen und starb darin. Unser Pilot sagte, dass wir uns auf der Insel Bermuda befänden, wo wir zugrunde gehen müssten, weil es kein Trinkwasser da gäbe. Wir fanden aber doch welches, und Fische und Schildkröten. Da bauten wir eine Hütte und vertrauten auf Gott. Aber es gab bald Streit. Die Matrosen, die sich abseits von uns zusammengetan hatten, verlangten die Frauen einiger Reisenden. Als die das nicht wollten, kam es zu einem blutigen Kampf, den wir zum Glücke, da uns Waffen fehlten und wir dreinschlugen mit was wir eben fanden, nicht mit Menschenleben, sondern mit ein paar blutigen Köpfen bezahlten. Ein Kapuziner stellte den Frieden her, und es wurde abgemacht, dass man den Matrosen vier Negerinnen überlasse. Diese machten erst einige Schwierigkeiten, fanden sich aber schliesslich in ihr Los. Beinah hätten diese schwarzen Helenen aus dem Matrosenlager ein zweites Troja gemacht, und wir mussten Ordnung schaffen. Wir hatten auf einem hohen Felsen einen Posten eingerichtet, der nach einem Schiffe Umschau halten musste. Aber niemand wollte da hinauf wegen der starken Hitze. Nun bauten wir daneben eine Hütte für die Negerinnen und bestimmten, dass der jeweilige Posten allein sich ihrer erfreuen dürfe. Seitdem war der Posten sehr gesucht. Auf einer indianischen Piroge, die nach Wochen eines Tages landete und deren vier Insassen wir erschlugen, kamen wir nach San Christoval, wo ich ein paar Monate Aufseher auf einer Zuckerplantage war, von deren Besitzer ich einen guten Streich erzählen will. Es gab da viele Neger, die man seit einiger Zeit einführte, aber sie hielten sich recht schlecht; war es Heimweh oder war ihnen die Arbeit zu schwer, sie hingen sich fast alle auf. Mein Mann hatte schon eine Menge auf diese Weise verloren, als er einmal sechs oder sieben auf dem Weg in den Wald sah. Er hatte keinen Zweifel über ihre Absicht, steckte ein Stück Seil in seine Tasche und war plötzlich mitten unter ihnen. »Ihr wollt«, sagte er, »in das Land der Geister, nicht wahr? Gut, da alle meine Sklaven dahin gehen, will ich es auch, und da werden wir ja sehen, ob sie mir entkommen. Ich werde ihnen die Mühe schon heimzahlen, die ich mir damit geben muss, ihnen nachzulaufen.« Und er wies seinen Strick. Die Neger waren so erschrocken von der Aussicht, dass sie zur Arbeit zurückkehrten; keiner dachte mehr daran, sich den Tod zu geben. Mit einer Gelegenheit kam ich nach Mexiko, wo ich dank einiger Freunde eine Kompagnie Soldaten erhielt. Die erste Expedition, an der ich teilnahm, befehligte Don José de Bolea und ging gegen die Indianer von Taumalipas. Die hatten sich, trotzdem sie Katholiken geworden waren, erhoben und die Missionare massakriert, indem sie sagten, dass diese sich nicht um ihren religiösen Unterricht kümmerten, sondern sie in den Minen arbeiten liessen. Man sah, dass ihre Bekehrung nur geheuchelt war, denn als wahrhafte Christen hätten sie sich nicht gesträubt, alle ihnen von Gott auferlegten Mühsale zu ertragen. Und schliesslich sind die guten Pater auch nicht bloss dazu aus Spanien hergekommen, um die Seelen dieser Lumpenkerle zu retten. Unter der Führung einiger flüchtiger Neger, die etwas von der Kriegskunst verstanden, hatten sie sich auf einem Felsen befestigt, von wo aus sie einige unserer Angriffe abschlugen. Wir wollten sie da aushungern. Um uns ein bisschen zu zerstreuen, streiften wir im Lande umher, fanden aber nur wenige Männer, da sich die meisten auf die Felsenfestung begeben hatten, aber viele Frauen und Kinder. Unser General liess sie im Angesicht der Festung henken, so dass die Bäume rasch bevölkerter waren als die Dörfer. Aus Mangel an Lebensmitteln waren die Indianer nach einer Zeit gezwungen, sich zu ergeben. Ihre Führer verlangten eine Kapitulation, und so lud sie unser General zu einem Versöhnungsessen, was die Ausgehungerten gern annahmen. Man mischte in ihren Trunk etwas, das sie einschläferte, und alsbald zog man sie nackt aus und band sie an Pfähle, um die Reisig gelegt war. Die waren komisch erschrocken, als sie aufwachten und unser General Feuer legen und sie als die Renegaten verbrennen liess, die sie waren. Aber unser Kapuziner sorgte dafür, jenen, die bereuten, die Absolution zu geben. Daraufhin baten, nachdem sie vom Tode ihrer Führer hörten, die Indianer um Gnade. Bolea war nachsichtig und schickte sie in ihre Dörfer heim, nachdem er ihnen hatte die rechte Hand abhauen lassen, um sie ausserstand zu setzen, Waffen zu führen. Dank diesem Umstande, dass wir keine Gefangenen machten, sondern diese töteten oder verstümmelten, hatte der Krieg bald ein Ende, und ist diese Vorsicht sehr zu empfehlen. Ich brauche Christen nicht zu sagen, dass es, ausser wenn die Zeit drängt, nicht erlaubt ist, einen Indianer zu töten, bevor man nicht seine Seele mit dem heiligen Taufwasser gerettet hat. Anders behandelte man sie wie Tiere, und ich bin nicht von denen, die sagen, unser Herr Jesus Christus sei für jene nicht ebensogut am Kreuz gestorben wie für uns. Auf unserem Heimweg nach Mexiko kamen wir an dem grossen Hof des Christoval de Olid vorbei, dessen Majordomus ein Auge verloren hatte. Um sich über sein Malheur zu trösten, hatte er den gleichen Leibschaden allem zuteil werden lassen, was auf dem Gutshofe lebte, also dass Pferde, Rinder, Indianer, Schweine und Hühner einäugig waren. Da meine Sehnsucht nach dem Goldlande Peru stand und keine andere Gelegenheit war, dahin zu gelangen, beging ich die Unvorsichtigkeit, mich Don Blas de Berlanga anzuvertrauen, einem Neffen des früheren Bischofs von Peru. Wir kamen überein, dass er in Acapulco ein kleines Schiff miete und die Kosten dafür trage; ich brachte all mein Gut an Bord und wir fuhren ab. Nach etwa zwei Wochen kamen wir in Ansicht einer ziemlich grossen Insel, auf der wir, da sie dicht bewachsen war, frisches Wasser einnehmen wollten. Der Verräter Berlanga begab sich mit mir in eine Barke und wir ruderten hinüber. Als wir ankamen, assen wir etwas; ich weiss nicht, ob er etwas in mein Essen gemischt hatte, aber als ich erwachte, stand die Sonne tief und unser Schiff verschwand am Horizont. Der Himmel strafte seinen Verrat: des Nachts war ein Sturm, und ich habe nie wieder von Berlanga und seinem Schiff sprechen hören. Ich war so damit beschäftigt, meiner verschwindenden Hoffnung nachzuschauen, dass ich die vielen Indianer, die herbeigekommen waren, erst merkte, als sie mich dicht umgaben und ein wildes Geschrei ausstiessen. Sie tanzten, einander bei den Händen haltend, um mich herum, und ich glaubte meine letzte Stunde gekommen. Ich kniete hin und befahl mich meiner Patronin. Aber da nahmen mich, tief zur Erde gebeugt, zwei Häuptlinge bei den Händen und führten mich, gefolgt von der schreienden und teuflisch musizierenden Menge, in einen grossen Schuppen, wo man mich auf eine Bank setzen hiess, die auf einer Art Estrade stand. Der Häuptling hielt mir eine lange Rede, von der ich nichts verstand. Darauf begann die ganze Gesellschaft wieder zu tanzen und zu singen. Schliesslich brachte man zwei metallne Becken, die man vor mich hinstellte und in die man ein brennendes Harz warf, dessen Qualm mich fast erstickte, so scharf war er. Darauf entfernte sich das Volk. Die gleiche Zeremonie wiederholte sich am andern Morgen und die folgenden Tage. Und jeden Morgen brachte man mir drei Maisbrote auf einem goldenen Teller. Um den Schuppen standen Bogenbewaffnete, die mich bewachten. Man wollte mich langsam verhungern lassen oder ersticken, das schien mir sicher. Bis es mir gelang, mich mit einem Priester zu verständigen, der etwas die Sprache der mexikanischen Indianer verstand, die mir geläufig war, und ich entdeckte, dass vor Jahren ein spanisches Schiff die Insel angelaufen und ein Mönch des Schiffes den Indianern das Christentum gepredigt hatte. Er hatte ein Holzbildnis des heiligen Apostels Jakob zurückgelassen, aus dem die Indianer in ihrer Unwissenheit einen Götzen machten. Wie sie nun mich auf ähnliche Art bekleidet sahen und nicht verstunden, wie ich auf ihre Insel gekommen sein mochte, dachten sie, ich sei vom Himmel gefallen, und brachten mich als einen Gott in ihren Tempel und beteten mich an. Da ich von dem Qualm öfters ohnmächtig wurde, hielten sie das für ein Versprechen der Erfüllung ihrer Wünsche und hörten mit der Räucherei immer erst auf, wenn ich sinnlos hinfiel. Umsonst sagte ich ihnen, dass ich ein Mensch und von mir nichts zu erbitten sei: sie fuhren fort mit ihrem entsetzlichen Räuchern, dass mir die Augen aus dem Kopfe sprangen. Ich wäre ohne die Hilfe meiner Schutzpatronin erstickt, die mir eines Morgens, als ich wieder ganz mit Vogelfedern und kostbaren Steinen bedeckt auf meinem Thron sass, Hilfe schickte. Ich vernahm in geringer Entfernung Musketenschüsse, und gleich darauf stürzte sich eine Menge in den Tempel, gefolgt von einigen Männern, die auf kastilianische Art gekleidet waren. Die warfen sich auf mich, da sie mich für ein Götzenbild hielten, das sie nach ihrer lobenswerten Gewohnheit zertrümmern wollten. Ich hatte gerade noch Zeit, zu rufen: »Ich bin ein Christ wie ihr!« Da waren sie sehr erstaunt, und ein Mönch fing an, den Teufel in mir zu beschwören. Ich erzählte kurz meine Geschichte, während die Indianer sich vor meine Füsse warfen: da sie mich mit einem einzigen Worte den Spaniern Einhalt tun sahen, hielten sie mich erst recht für einen Gott. Ich verliess mit den Spaniern die Insel, deren Bewohnern ich den hölzernen heiligen Jakob zurückliess, den sie nach Belieben anräuchern konnten, ohne dass er es merkte. Mein Gewissen hat mir bisweilen dieses Abenteuer vorgehalten, weil ich fürchtete, eine Profanierung dadurch begangen zu haben, dass ich mich von den Indianern anbeten liess. Aber gelehrte Kasuisten haben mich in dieser Hinsicht beruhigt, da ich alle Versuche gemacht hätte, die Indianer von ihrem Irrtum abzubringen. Ich kann trotzdem seit der Zeit keine rauchende Pfeife sehen, die mich nicht daran erinnert, dass ich einmal Gott war. In Acapulco kaufte ich ein Pferd, das mich nach Mexiko zurückbrachte. Unterwegs musste ich eines heftigen Fiebers wegen, das mich in dem heissen Tale ergriff, bei dem Pfarrer von Tuzutepek bleiben, der mir von einem alten Brauch der Indianer zu Zeiten der alten Könige erzählte. In dem Ratsaal des Königs standen sehr grosse Krüge, die man mit Wasser füllte, wenn er seine Räte berief. Diese zogen sich nun aus und stiegen in die Krüge bis zum Kopf, um sich frisch zu erhalten. Dann begann die Beratung. Man kann über diesen Brauch lachen, aber ich habe Schlimmeres bei den Christen gesehen, wo es oft nur die Krüge sind, die bei einer Ratssitzung teilnehmen. Ich kam zu meinem Unglück nach Mexiko. Als Teilnehmer an einem Feste, das des Don Fernando Cortez Sohn auf Vale d'Oaxaca gab, wo ihm in einem Maskenspiel von einem Freunde, der den Montezuma darstellte, die Krone aufs Haupt gesetzt wurde, geschah es, dass ich mit allen denen, die dabei und so wie ich betrunken waren, verhaftet wurde als Hochverräter. Ich war mit Don Luis Ponce de Leon, den drei Brüdern Davila und meinem General José de Bolea und noch zweihundert Edelleuten im Gefängnis, und wurde uns der Prozess gemacht. Alonso und Sil Davila wie auch mein ehemaliger General wurden geköpft als Verschwörer gegen die Krone Spaniens, da man bei ihnen Papiere gefunden zu haben behauptete, aus denen hervorging, dass sie hätten Mexiko wollen unabhängig und den jungen Cortez zum Kaiser machen, dem man aber nichts nachweisen konnte. Es wäre uns andern auch so schlimm gegangen unter diesem Las Casas, der den Richter machte, wäre nicht gerade der neue Vizekönig Don Gaston de Teralta angekommen. Er setzte die einen in Freiheit und schickte die andern, unter denen ich mich befand, nach Spanien zur Aburteilung. Im Schloss von Ayamonte an der portugiesischen Grenze setzte man uns gefangen. Wie ich von dem Schlosse zum König Sebastian nach Portugal floh, mit dem ich nach Afrika ging, was ich in Goa erlebte, wie ich nach Borneo kam und Seeräuber wurde und Fan-Si eroberte, wie mich die Tataren gefangennahmen, und was ich beim Sami-Natim-Khan tat, wo um einen weissen Elefanten ein Krieg ausbrach – das und vieles noch, was mir zu erleben beschieden war, will ich aber ein anderes Mal erzählen. Die des Schreibens ganz ungewohnte Hand eines alten Soldaten und Herumtreibers ist schneller müde, den kleinen Kiel zu halten, als ein breites Schwert zu schwingen.