Charles Dickens Bleakhaus Vorrede Vor einigen Monaten war ein Kanzleigerichtsbeisitzer so liebenswürdig, bei einer öffentlichen Feier und in einer Gesellschaft von hundertfünfzig Damen und Herren, von denen man nicht gut annehmen kann, daß sie verrückt sind, die Behauptung aufzustellen, das Kanzleigericht sei eine fast fehlerlose Institution, wenn es auch das Lieblingsthema gewisser, in Vorurteilen befangener Leute bilde – bei welcher Äußerung besagter Richter mir einen Seitenblick zuzuwerfen geruhte –, sie herabzusetzen. Es habe vielleicht, gab er zu, kleine unbedeutende Mängel hinsichtlich Schnelligkeit, was Erledigungen beträfe, aber alles andere sei übertrieben und lediglich eine Folge der »Engherzigkeit und Knauserei des Publikums«. In Wirklichkeit hat nun aber das gerügte Publikum noch bis vor kurzem die allerentschiedenste Neigung an den Tag gelegt, die Zahl der Kanzleirichter zu vermehren, die anfänglich, wenn ich nicht irre, Richard II. – es kann geradesogut ein anderer gewesen sein – festgesetzt hat. Dieser Witz schien mir zu gut, um ihn in dieses Buch aufzunehmen, sonst hätte ich ihn Konversations-Kenge oder Mr. Vholes in den Mund gelegt. Ich hätte ihn recht passend mit einem Zitat aus Shakespeares Sonetten verbinden können: – – – – – Ich werde dem Stoffe gleich, in dem ich arbeite, wie eines Färbers Hand, Beklag mich denn, und wünsche anders mich! Da es immerhin von Belang ist, wenn das »engherzige und knauserige« Publikum erfährt, wie in dieser Hinsicht die Dinge standen und noch stehen, so stelle ich hier fest, daß alles, was in diesem Buch vom Kanzleigericht handelt, seinem Wesen nach wahr und keineswegs übertrieben ist. Der »Fall Grindley« unterscheidet sich in keinem wesentlichen Punkte von einem tatsächlichen Begebnis, das ein Unbeteiligter, der als Advokat das ganze unerhörte Unrecht von Anfang bis zu Ende kennenlernte, veröffentlicht hat. Gegenwärtig liegt dem Gerichtshof ein Prozeß vor, der vor fast zwanzig Jahren angefangen hat, in dem einmal dreißig bis vierzig Advokaten bei einer Tagfahrt erschienen und dessen Kosten sich jetzt auf siebzigtausend Pfund belaufen. Er ist ein »Proformaprozeß« und, wie man mir versichert, seinem Schlusse nicht näher als zu Anfang. Noch ein anderer wohlbekannter Kanzleigerichtsprozeß, der vor Beginn des vorigen Jahrhunderts anfing und in dem die Kosten mehr als doppelt soviel verschlungen haben, ist heute noch in Schwebe. Wenn ich noch mehr Belege für »Jarndyce kontra Jarndyce« und »die Knauserei des Publikums« brauchte, so könnte ich Bände damit füllen. Noch über einen andern Punkt möchte ich mir hier eine Bemerkung gestatten. Man hat seit dem Tode Mr. Krooks die Möglichkeit der sogenannten Selbstverbrennung geleugnet, und mein guter Freund Mr. Lewes (der irrtümlicherweise, wie er bald darauf entdeckte, in dem Glauben lebte, daß alle Autoritäten von Ruf die Sache hätten fallen lassen) schrieb seinerzeit einige geistreiche Briefe an mich, in denen er beweisen wollte, daß Selbstverbrennung ein Unding sei. Ich glaube nicht erst bemerken zu müssen, daß ich meine Leser nicht böswilliger- oder nachlässigerweise irreführe und, ehe ich jenen Todesfall beschrieb, Sorge trug, diesen Dingen nachzugehen. Man kennt ungefähr dreißig Fälle, deren berühmtesten, den der Gräfin Cornelia de Baudi, der Schriftsteller und Stiftsgeistliche in Verona, Signor Cesenate Guiseppe Bianchini, genau untersucht und beschrieben hat. Er veröffentlichte darüber im Jahr 1731 in Verona einen Bericht, den er später in Rom nochmals drucken ließ. Alle bei diesem Fall beobachteten Erscheinungen, die sich vernünftigerweise nicht bezweifeln lassen, sind dieselben wie die bei Mr. Krook geschilderten. Der nächst bekannteste Fall ereignete sich in Reims sechs Jahre früher und wurde von Le Cat, einem der berühmtesten Chirurgen Frankreichs, beschrieben. Es handelte sich dabei um eine Frau, deren Mann wegen angeblichen Mordes angeklagt und verurteilt wurde. Die nächsthöhere Instanz sprach ihn jedoch frei, da aus den Zeugenaussagen hervorging, daß die Frau an Selbstverbrennung gestorben war. Ich halte es nicht für notwendig, diesen wohlbekannten Tatsachen und den Berichten der betreffenden Autoritäten noch die in verschiedenen Werken niedergelegten Ansichten und Berichte ausgezeichneter französischer, englischer und schottischer Gelehrter aus neuerer Zeit hinzuzufügen, und begnüge mich mit der Bemerkung, daß ich an der Richtigkeit der Tatsachen nicht eher zweifeln werde, als bis nicht auch hinsichtlich aller der Beweise, die Vorfälle im menschlichen Leben als glaubwürdig registrieren, eine umfassende Selbstverbrennung stattgefunden hat. In Bleakhaus habe ich absichtlich die romantische Seite des alltäglichen Lebens hervorgehoben. Ich glaube, ich habe noch niemals so viele Leser wie bei diesem Buche gehabt. Auf Wiedersehen. London, im August 1853 1. Kapitel Im Kanzleigericht London. Der Michaelitermin ist vorüber, und der Lordkanzler sitzt in der Lincoln's-Inn-Hall. Abscheuliches Novemberwetter. Soviel Schmutz in den Straßen, als ob die Wasser des Himmels sich eben erst von der neugeschaffenen Erde verlaufen hätten und es gar nichts Wunderbares wäre, wenn man einem vierzig Fuß langen Megalosaurus begegnete, wie er gerade – ein Elefant unter den Eidechsen – Holborn-Hill hinaufwatschelt. Der Rauch senkt sich von den Schornsteinen nieder, ein dichter schwarzer Regen von Rußbatzen, so groß wie ausgewachsene Schneeflocken, die in schwarzen Kleidern den Tod der Sonne betrauern wollen. Hunde, unkenntlich vor Schmutz, Pferde, nicht viel besser dran, bis an die Scheuklappen mit Kot bespritzt. Fußgänger drängen sich, von der allgemeinen Seuche übler Laune angesteckt, mit Regenschirmen aneinander vorbei und glitschen an den Straßenecken aus, wo bereits Zehntausende vor ihnen den trüben Tag über ausgerutscht sind und neue Schichten zu den Schmutzkrusten hinzugefügt haben, die an diesen Stellen zäh am Pflaster kleben und sich anhäufen mit Zinseszinsen. Nebel überall, Nebel stromauf, wo der Fluß zwischen Buschwerk und Wiesen dahinfließt; Nebel stromab, wo er sich schmutzig zwischen Reihen von Schiffen und dem Uferunrat der großen, unsauberen Stadt durchwälzt. Nebel auf den Sümpfen von Essex und Nebel auf den Höhen von Kent. Nebel kriecht in die Kabusen der Kohlenschiffe; Nebel liegt draußen auf den Rahen und klimmt durch das Tauwerk; Nebel senkt sich auf die Deckverkleidung der Barken und Boote. Nebel dringt in die Augen und Kehlen der alten Greenwichinvaliden, die am Kamin in ihren Kämmerchen husten und keuchen, dringt in das Rohr und den Kopf der Shagpfeife des grimmigen Schiffseigners unten in seiner engen Kajüte und beißt grausam in Zehen und Finger des fröstelnden kleinen Schiffsjungen auf Deck. Passanten schauen von den Brücken herab über die Geländer in einen Nebelhimmel und sind rings von Nebel umgeben, als ob sie in einem Luftballon mitten in grauen Wolken hingen. Gaslampen stieren in den Straßen trübäugig durch den Nebel wie draußen die Sonne wohl auf den durchweichten Feldern. Die meisten Läden haben zwei Stunden vor der Zeit angezündet, und das Gaslicht scheint es zu wissen, denn es sieht schmal und mürrisch aus. Am rauhesten ist der Nachmittag; da ist der Nebel am dicksten, die Straße am schmutzigsten in der Nähe jenes dickschädligen steinernen Hindernisses, das so recht eine passende Zier für die Schwelle der dickschädligen alten Korporation – des »Tempels« – ist. Und dicht beim »Tempel« in der Lincoln's-Inn-Hall, mitten im Herzen des Nebels sitzt der Lord-Oberkanzler in seinem hohen Kanzleigerichtshof. Nie kann der Nebel zu dick, nie der Schmutz und Kot zu tief sein, um dem versumpften und verschlammten Zustand zu entsprechen, in dem sich dieser hohe Kanzleigerichtshof, dieser schlimmste aller ergrauten Sünder, an einem solchen Tage dem Himmel und der Erde präsentiert. An einem solchen Nachmittag sitzt der Lord-Oberkanzler da mit einer Nebelglorie um das Haupt, eingehüllt und umgeben von Scharlachtuch und Vorhängen und vor sich einen dicken Advokaten mit starkem Backenbart, einer dünnen Stimme und endlosen Prozeßakten, der seine Blicke auf die Laterne an der Decke richtet, wo er nichts als Nebel sieht. An einem solchen Nachmittag sitzen ein paar Dutzend Mitglieder des Barreaus, des hohen Kanzleigerichts, hier, beschäftigt mit einem der zehntausend Stadien eines endlosen Prozesses. Sie legen einander Schlingen mit schlüpfrigen Präzedenzien; knietief in technischen Ausdrücken watend rennen sie ihre mit Ziegen- und Pferdehaar geschützten Köpfe gegen Wälle von Worten und führen ein Schauspiel von Gerechtigkeit auf; Komödianten mit ernsthaften Gesichtern. An einem solchen Nachmittag müssen die verschiedenen Solizitoren in einer Rechtssache, die zwei oder drei von ihren dabei reich gewordenen Vätern geerbt haben, in einer Reihe sitzen in einem mit Strohmatten ausgelegten Brunnen, auf dessen Grund man vergebens nach der Wahrheit suchen würde – zwischen dem roten Tisch des Registrators und den seidenen Talaren –, Repliken, Dupliken, Schlußworte, Dekrete, Eingaben, Informationen und Berge geldverschlingenden Unsinns vor sich aufgehäuft. Kein Wunder, daß der Saal trübe ist, nur hie und da von schmelzenden Kerzen spärlich erhellt, wenn Nebel schwer darin hängt, die bunten Glasfenster die Farbe verloren haben und kein Tageslicht hereinlassen; kein Wunder, wenn die Uneingeweihten auf der Straße, die durch die Glasscheiben in den Türen hereinblicken, sich von dem Eintritt abschrecken lassen durch den lichtscheuen, eulenhaften Anblick und das schläfrige Gesumm, das matt zur Decke hinauftönt von dem gepolsterten Baldachin, von wo der Lord-Oberkanzler zu der Laterne aufblickt, in der kein Licht ist, und wo die Perücken der beisitzenden Richter in Nebeldunst verschwimmen. Das ist das Kanzleigericht, das Häuser hat verfallen machen und Äcker verwüstet in jeder Grafschaft, seine lebensmüden Wahnsinnigen hat in jedem Irrenhaus und seine Toten auf jedem Kirchhof, das seine Prozessierenden aussaugt, bis sie mit niedergetretenen Absätzen und abgeschabtem Rock bei allen, deren Bekanntschaft sie machen, reihum borgen und betteln gehen; das Kanzleigericht, das dem Reichen Mittel an die Hand gibt, das Recht müde zu hetzen. Das Geld, Geduld, Mut, Hoffnung so erschöpft, Köpfe verwirrt und Herzen bricht, daß kein Advokat, so er ehrenwert ist, anstehen wird zu warnen: »Lieber jedes Unrecht leiden als hierherkommen.« Wer ist zufällig an diesem trüben Nachmittag in des Lordkanzlers Gericht außer dem Lordkanzler selbst, dem Advokaten in der zu verhandelnden Sache, zwei oder drei Rechtsanwälten, die niemals etwas zu tun haben, und dem eben erwähnten Brunnen voll Solizitoren? Der Registrator, im Range unter dem Richter, in Perücke und Talar, und die Pedelle und Säckelmeister in ihrer Amtstracht. Sie gähnen alle, denn kein Tropfen Witz ist von dem Rechtsfall Jarndyce kontra Jarndyce, der schon seit vielen, vielen Jahren trocken ausgequetscht ist, zu erwarten. Die Stenographen, die Gerichtsschreiber und Zeitungsberichterstatter entfliehen regelmäßig mit dem übrigen Personal, wenn »Jarndyce kontra Jarndyce« an die Reihe kommt. Ihre Plätze sind leer. Auf einer Bank an der Seitenwand steht, um besser in das mit Vorhängen umschlossene Heiligtum blicken zu können, eine kleine verrückte alte Frau in einem zerdrückten Hut, die jeder Verhandlung von Anfang bis Ende beiwohnt und beständig irgendein unbegreifliches Urteil zu ihren Gunsten erwartet. Einige sagen, sie sei wirklich Partei in einer Rechtssache oder sei es gewesen; aber niemand weiß es genau, weil sich niemand darum kümmert. Sie trägt in ihrem Strickbeutel ein kleines Paket mit sich herum, das sie ihre Dokumente nennt und das größtenteils aus Papierfidibussen und getrocknetem Lavendel besteht. Ein blasser Gefangener unter Obhut eines Gerichtsdieners erscheint zum halbdutzendsten Male vor den Schranken, um sich persönlich gegen die Anschuldigung der Unterschlagung zu verteidigen, was ihm schwerlich jemals gelingen wird, da er als letztüberlebender Testamentsvollstrecker mit Rechnungen in Verwicklung geraten ist, von denen er wahrscheinlich nie etwas gewußt oder verstanden hat. Unterdessen sind seine Aussichten im Leben vernichtet worden. Ein anderer zugrunde gerichteter Prozessierender trifft periodisch von Shropshire ein und macht am Ende jeder Verhandlung krampfhafte Anstrengungen, den Kanzler anzureden; man kann ihn in keiner Weise überzeugen, daß der Kanzler, obgleich er ihm seit einem Vierteljahrhundert das Leben schwer gemacht hat, gerichtlich nichts von seiner Existenz weiß. Er hat sich einen guten Platz ausgesucht und wendet kein Auge von dem Richter, bereit, jeden Augenblick, wenn sich die Gelegenheit ergeben sollte, in klagendem Baß: »Mylord!« zurufen. Ein paar Advokatenschreiber und andere, die den Mann von Ansehen kennen, bleiben da in der Hoffnung, er werde vielleicht Anlaß zu einem Spaß geben und die Trübseligkeit des abscheulichen Wetters ein wenig unterbrechen. »Jarndyce kontra Jarndyce« geht seinen schleppenden Gang. Dieses Ungeheuer von Prozeß ist im Verlauf der Zeit so verwickelt geworden, daß sich kein Mensch auf Erden mehr darin zurechtfinden kann. Die Parteien verstehen ihn am wenigsten, und nicht einmal zwei Kanzleigerichtsadvokaten können fünf Minuten davon sprechen, ohne nicht schon über die Vorfragen gänzlich uneinig zu werden. Zahllose Kinder sind in den Prozeß hineingeboren worden, zahllose junge Paare haben hineingeheiratet, zahllose alte Leute sind herausgestorben. Dutzende von Personen sind zu ihrem Schrecken auf einmal Partei in Sachen »Jarndyce kontra Jarndyce« geworden, ohne zu wissen, wie und warum; ganze Familien haben sagenhafte Stammesfeindschaft mit dem Prozeß geerbt. Der kleine Kläger oder Beklagte, dem man ein neues Schaukelpferd versprochen, wenn »Jarndyce kontra Jarndyce« geschlichtet sein würde, ist darüber groß geworden, hat sich ein lebendes Pferd gekauft und ist in die andere Welt getrabt. Jugendfrische Mündel sind zu Müttern und Großmüttern verwelkt; eine lange Prozession von Kanzlern ist gekommen und gegangen; das Verzeichnis der Parteien in dem Prozeß ist zu einem langen Leichenzettel geworden; vielleicht leben nicht mehr drei Jarndyce auf der Erde, seitdem sich der alte Tom Jarndyce in einem Kaffeehaus in der Kanzleigerichtsgasse aus Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf geschossen – aber »Jarndyce kontra Jarndyce« schleppt sich immer noch in unabsehbarer Länge vor dem Gerichtshof hin, und auf ein Ende ist nicht zu hoffen. »Jarndyce kontra Jarndyce« ist zu einem Witzwort geworden. Das ist das einzig Gute, was jemals dabei herausgekommen ist. Der Fall hat vielen den Tod gebracht, aber den Juristen ist er ein Jux. Jeder Beisitzer des Kanzleigerichts hat darüber zu berichten gehabt. Jeder Kanzler hat, als er noch Anwalt war, darin plädiert. Blaunasige alte Advokaten mit plumpen dicksohligen Schuhen haben in auserlesenen Portweinsitzungen nach dem Essen in der Hall ihre Witze darüber gerissen. Anfänger auf der Juristenlaufbahn haben ihren Scharfsinn daran geübt. Als Mr. Blowers, der ausgezeichnete Advokat, einmal sagte: »Das oder jenes kann nur geschehen, wenn es Kartoffeln vom Himmel regnet«, hatte der letzte Lordkanzler verbessernd bemerkt: »Oder wenn wir mit 'Jarndyce kontra Jarndyce' fertig werden, Mr. Blowers!« – ein Scherz, über den besonders die Pedelle und Gerichtsdiener lachten. Wie viele mag nicht schon die ansteckende Berührung des Falles Jarndyce kontra Jarndyce korrumpiert haben! Von dem Beisitzer, auf dessen Aktenschrank ganze Stöße von Erlassen in Sachen Jarndyce kontra Jarndyce in formlosen Haufen verstaubten, bis hinab zu dem Abschreiber in dem Bureau der »Sechsschreiber«, der Zehntausende von Kanzleifolioseiten mit dieser ewigen Überschrift kopiert hat, ist keines Menschen Herz dadurch besser geworden. Aus Überlistung, Ausflüchten, Verschleppung, Ausbeutung und Verwirrung aller Art entspringen Einflüsse, die nie zu irgend etwas Gutem führen können. Selbst die Laufburschen der Solizitoren, die den unglücklichen Prozessanten seit unvordenklichen Zeiten den Trost vorspiegelten, daß Mr. Chizzle, Mizzle oder sonst wer vormittags dringend beschäftigt wären, haben vielleicht durch den Fall Jarndyce kontra Jarndyce einen krummen Weg mehr gehen gelernt. Der Sequestrator in der Sache hat ein schönes Stück Geld dabei verdient, aber seiner eignen Mutter mißtrauen und das ganze Menschengeschlecht verachten gelernt. Chizzle, Mizzle und wer sonst noch haben sich allmählich angewöhnt, ihr Gewissen mit dem unbestimmten Vorsatz einzulullen, diese oder jene Kleinigkeit zu regeln oder dies oder das für Drizzle, der unverantwortlich vernachlässigt worden, nachzuholen, bis die Sache »Jarndyce kontra Jarndyce« erledigt sei. Hinausschieben und Vertuschen in ihren mannigfaltig wechselnden Gestalten hat der unglückselige Rechtsstreit in zahllosen Fällen auf dem Gewissen, und selbst diejenigen, die unberührt von diesem Übel seine Geschichte verfolgt haben, sind unmerklich in Versuchung geraten, nie einzugreifen, das Schlechte seinen schlechten Weg gehen zu lassen und zu der Ansicht zu neigen, alles müsse in der Welt schief gehen, weil sie wahrscheinlich schlampigerweise dazu bestimmt sei. So tagt inmitten dieser Verrottung und im Herzen des Nebels der Lord-Oberkanzler in seinem hohen Kanzleigerichtshof. »Mr. Tangle«, sagt der Lord-Oberkanzler. – Der Redeschwall dieses gelehrten Herrn hat ihn ein wenig unruhig gemacht. »Mlord!« sagt Mr. Tangle. Er weiß mehr von »Jarndyce kontra Jarndyce« als irgend jemand sonst. Er ist deshalb berühmt, und es heißt, er habe nichts anderes gelesen, seitdem er aus der Schule ist. »Sind Sie mit Ihrem Argument bald fertig?« »Mlord, nein, – noch massenhaft Punkte –, halte es jedoch für meine Pflicht, mich Ew. Lordschaft Spruch zu unterwerfen«, flüstert Mr. Tangle ehrerbietig. »Mehrere der Herren Rechtsanwälte wollen heute noch plädieren, glaube ich?« sagt der Kanzler mit einem kaum merklichen Lächeln. Achtzehn von Mr. Tangles gelehrten Freunden, jeder mit einem kleinen Aktenauszug von achtzehnhundert Bogen bewaffnet, tauchen wie achtzehn Hämmer in einem Pianoforte empor, machen achtzehn Verbeugungen und tauchen wieder in die Dunkelheit auf ihren achtzehn Plätzen unter. »Wir wollen die Sache Mittwoch über vierzehn Tage weiter hören«, sagt der Kanzler. Es handelt sich nämlich heute nur um einen Kostenpunkt. Um eine bloße Knospe an dem zu einem ganzen Wald gewordenen Baum des ursprünglichen Prozesses. Der Kanzler erhebt sich; das Barreau erhebt sich; der Gefangene wird eilig an die Schranken gebracht; der Mann aus Shropshire ruft: »Mylord!« Pedelle und Gerichtsdiener rufen entrüstet: »Still!« und messen den Mann aus Shropshire mit erzürnten Blicken. »Was das junge Mädchen –« fährt der Kanzler, immer noch in Sachen Jarndyce kontra Jarndyce, fort, »betrifft –« »Bitte Ew. Lordschaft um Verzeihung – den Knaben«, unterbricht Mr. Tangle voreilig. »Was das Mädchen«, beginnt der Kanzler mit größerm Nachdruck von neuem, »und den Knaben – die beiden jungen Leute – betrifft –« Mr. Tangle ist vernichtet. »– die ich heute vorgeladen habe und die sich jetzt in meinem Privatzimmer befinden, so werde ich selbst mit ihnen sprechen und mich überzeugen, ob es angemessen erscheint, ihnen die Erlaubnis, bei ihrem Onkel zu wohnen, zu erteilen.« Mr. Tangle erhebt sich wieder. »Bitte Ew. Lordschaft – Verzeihung – ist tot.« »Mit ihrem –«, der Kanzler buchstabiert mit seinem zusammengelegten Augenglas in den Papieren auf seinem Pult – »Großvater.« »Bitte Ew. Lordschaft – Verzeihung – Opfer einer übereilten Tat. Kopf geschossen.« Plötzlich erhebt sich ein ganz kleiner Advokat mit einer furchtbaren Baßstimme in den rückwärtigen Regionen des Nebels mit großer Wichtigkeit und sagt: »Will Ew. Lordschaft mir gestatten? Ich vertrete den Mann. Er ist ein Vetter entfernten Grades. Ich bin in diesem Augenblick nicht vorbereitet, dem Gerichtshof Auskunft zu geben, in welchem Verwandtschaftsgrad er steht, aber er ist ein Vetter.« Der sehr kleine Advokat läßt diese mit Grabesstimme gesprochene Anrede an dem Gebälk der Decke verklingen, taucht unter im Nebel, und weg ist er. Alle suchen ihn mit den Augen. Niemand kann ihn mehr entdecken. »Ich will mit den beiden jungen Leuten sprechen«, sagt der Lordkanzler abermals, »und mich informieren, wie sich das mit dem Wohnen bei ihrem Vetter verhält. Ich werde die Sache morgen früh bei Eröffnung der Sitzung wieder zur Sprache bringen.« Der Kanzler will sich gegen das Barreau verneigen, da wird der Gefangene vorgeführt. Die Sache mit dem Angeklagten kann natürlich keine andere Folge haben, als daß der Mann wieder ins Gefängnis zurückgeschickt wird, was auch sehr rasch geschieht. Der Prozessierende aus Shropshire wagt noch ein bittendes: »Mylord!« aber der Kanzler hat die Gefahr erspäht und ist geschickt verschwunden. Alle übrigen Anwesenden verschwinden ebenfalls rasch. Eine Batterie von blauen Aktenbeuteln wird mit Papier geladen und von Schreibern fortgeschleppt. Die verrückte Alte trippelt mit ihren Dokumenten hinaus, und das Gerichtslokal wird zugeschlossen. Wenn alle Ungerechtigkeit, die schon hier begangen wurde, und alles dadurch verursachte Elend mit hineingeschlossen und zu Asche verbrannt werden können, um so besser wäre es für alle Parteien, nicht nur für die im Falle Jarndyce kontra Jarndyce. 2. Kapitel In der vornehmen Welt Nur ein flüchtiger Blick in die feine Welt an diesem schmutzigen Nachmittag. Sie ist dem Kanzleigerichtshof nicht so unähnlich, wie es vielleicht scheinen mag. Die vornehme Welt und das Kanzleigericht sind beide Kinder des Hergebrachten und eines heilig gewordenen Brauchs, verschlafene Rip van Winkles, die seltsame Spiele während langer Gewitterzeit gespielt haben, schlummernde Dornröschen, die der Ritter eines Tages erwecken wird, wenn alle stillstehenden Bratspieße in der Küche sich mit wunderbarer Emsigkeit zu drehen anfangen werden. Die vornehme Welt ist keine große Welt. Selbst im Verhältnis zu unserer, die auch ihre Grenzen hat, wie selbst Seine Lordschaft finden würden, wenn sie rund um dieselbe herumzureisen und an dem Rande, wo sie zu Ende geht, stehen zu bleiben geruhten, ist sie nur ein kleines Stückchen. Es ist viel Gutes darin; es leben brave und ehrliche Leute in ihr; sie füllt ihren bestimmten Platz aus, aber das Schlimme an ihr ist, daß sie zu sehr in feine Baumwolle eingewickelt ist und die brausenden Wogen der größeren Welt nicht hören kann und nicht sehen, wie sie um die Sonne kreist. Es ist eine verdorrende Welt, und ihr Wachstum ist zuweilen behindert durch den Mangel an Luft. Lady Dedlock ist auf einige Tage in ihre Stadtwohnung zurückgekehrt, ehe sie nach Paris reist, wo sie sich einige Wochen aufhalten wird. Wohin sie sich später zu begeben gedenkt, ist noch ungewiß. Die »fashionablen Nachrichten« verkünden es zum Troste der Pariser, und sie wissen alles, was in der vornehmen Welt geschieht. Etwas anderes zu wissen wäre unchic. Mylady Dedlock kommt von ihrem Landsitz in Lincolnshire. Die Wasser sind über die Ufer getreten in Lincolnshire. Ein Brückenbogen im Park ist unterwaschen und eingesunken. Die nahe Niederung, eine halbe englische Meile breit, ist ein Sumpf geworden. Mit melancholischen Bäumen als Inseln darin und einer Oberfläche, die den ganzen Tag lang bei dem fallenden Regen wie punktiert aussieht. Lady Dedlocks Landsitz ist sehr ungemütlich geworden. Das Wetter ist seit vielen Tagen und Nächten so naß gewesen, daß die Bäume bis unter die Rinde durchweicht sind und die feuchten Späne, wenn sie der Holzfäller abhaut, sich geräuschlos vom Stamme trennen und ohne Laut zu Boden fallen. Das Wild trieft und läßt Pfützen zurück, wohin es tritt. Der Schuß aus der Büchse verliert seinen scharfen Knall in der feuchten Luft, und der Rauch schwebt langsam in einer kleinen Wolke der grünen, buschgekrönten Höhe zu, die einen Hintergrund für den fallenden Regen bildet. Die Aussicht aus den Fenstern Lady Dedlocks ist eine Landschaft, abwechselnd in Bleizeichnung und in Tusche. Die Vasen auf der Terrassenmauer im Vordergrund fangen den Regen auf den ganzen Tag, und die schweren Tropfen fallen trip, trip, trip auf die breiten Sandsteinplatten des Ganges, der schon seit alter Zeit der »Geisterweg« heißt. Sonntags riecht die kleine Kirche im Park modrig; die Eichenkanzel bricht in kalten Schweiß aus, und ein Geruch und Geschmack liegt in der Luft, der an die Gräber der alten Dedlocks erinnert. Lady Dedlock, die kinderlos ist, hat im frühen Zwielicht aus ihrem Boudoir einen Blick auf das Häuschen des Parkwächters geworfen; der Schein eines Feuers schimmerte durch die Jalousien, Rauch stieg aus dem Schornstein, und ein Kind, verfolgt von einer Frau, lief hinaus in den Regen, einem in eine Kapuze gehüllten Mann beim Parktor entgegen. Der Anblick hat die Gnädige in üble Laune versetzt. Sie sagt, sie habe sich tödlich gelangweilt. Deshalb hat Lady Dedlock von ihrem Landsitz in Lincolnshire Abschied genommen und überläßt ihn dem Regen, den Krähen, den Kaninchen, dem Rotwild, den Rebhühnern und Fasanen. Die Bilder der Dedlocks entschwundener Zeiten sind aus purer Niedergeschlagenheit in den feuchten Wänden verschwunden, als der Kastellan durch die alten Gemächer ging und die Läden zumachte. Wann sie wieder erscheinen werden, kann der Berichterstatter der fashionabeln Nachrichten, der gleich dem bösen Feind die Vergangenheit wohl weiß und die Gegenwart, aber die Zukunft nicht, jetzt noch nicht sagen. Sir Leicester Dedlock ist nur Baronet, aber es gibt keinen mächtigeren Baronet als ihn. Seine Familie ist so alt wie die Hügel von Lincolnshire, nur unendlich vornehmer. Er ist der Überzeugung, daß die Welt ganz gut ohne Hügel und Berge bestehen könnte, ohne Dedlocks jedoch zugrunde gehen müßte. Er gibt im allgemeinen zu, daß die Natur eine gute Einrichtung ist – ein wenig ruppig zwar, wenn sie nicht von einem Parkzaun umschlossen wird –, aber eine Einrichtung, die in ihrer Gestaltung ganz von den großen Familien der Grafschaft abhängt. Er ist ein Gentleman von strengster Gewissenhaftigkeit, verachtet alle Kleinlichkeit und Niedrigkeit und ist bereit, bei der geringsten Veranlassung eher jeden beliebigen Tod zu sterben als den kleinsten Flecken auf seinem Ruf zu dulden. Er ist ein ehrenwerter, halsstarriger, wahrheitsliebender, stolzer Mann voll krasser Vorurteile, und vollkommen unvernünftig. Sir Leicester ist volle zwanzig Jahre älter als Mylady. Fünfundsechzig erlebt er nicht noch einmal, vielleicht auch nicht sechs- oder siebenundsechzig. Er hat von Zeit zu Zeit einen Gichtanfall, und sein Gang ist ein wenig steif. Er ist eine vornehme Erscheinung mit seinem grauen Haar und Backenbart, dem feinen Spitzenhemd, der tadellos weißen Weste und dem hochgeschlossenen blauen Frack mit den glänzenden Knöpfen. Er ist sehr förmlich, zu allen Zeiten gegen Mylady ausnehmend höflich und zollt ihren persönlichen Reizen die höchste Anerkennung. Seine Galanterie gegen die Gnädige ist sich seit dem Brautstande unverändert gleichgeblieben und bildet die einzige kleine Stelle Romantik und Poesie in ihm. Er hat sie aus Liebe geheiratet. Man flüstert sich sogar zu, daß sie nicht einmal von »Familie« sei, aber Sir Leicester hatte für beide »Familie« genug, und sie besaß Schönheit, Stolz, Ehrgeiz, Arroganz und Verstand genug, um es mit einer ganzen Legion vornehmer Damen aufzunehmen. Reichtum und Rang mit diesen Gaben vereint setzten sie bald an die Spitze, und seit Jahren hat Lady Dedlock den Mittelpunkt der vornehmen Welt gebildet und in der Mode die Führung an sich gerissen. Daß Alexander der Große Tränen vergoß, als er keine Welten mehr zu erobern hatte, weiß jedermann oder sollte es wenigstens wissen, denn der Umstand wird häufig genug erwähnt. Als Lady Dedlock ihre Welt eroberte, verriet ihre Temperatur mehr den Gefrier- als den Schmelzpunkt. Eine erschöpfte Gelassenheit, eine müde Ruhe, ein gelangweilter Gleichmut, die sich weder durch Interesse noch durch Befriedigung stören ließen, waren ihre Siegestrophäen. Sie ist durch und durch vornehm. Wenn sie morgen in den Himmel versetzt werden sollte, würde sie fraglos ohne die mindeste Verzückung emporschweben. Sie ist immer noch schön, und wenn auch nicht mehr in der Blüte, so doch nicht in ihrem Herbst. Sie hat ein feines Gesicht; der Naturanlage nach sind ihre Züge eher sehr hübsch als schön zu nennen, aber der angelernte Ausdruck der vornehmen Weltdame verleiht ihnen etwas Klassisches. Ihre Figur ist elegant und macht den Eindruck von Schlankheit. Nicht, daß sie wirklich so ist, aber alle ihre Vorzüge sind gut herausgearbeitet, wie Bob Stables hochwohlgeboren wiederholt auf Eid versichert hat. Derselbe Gewährsmann bemerkt, daß sie tadellos aufgezäumt sei, und sagt lobend von ihrem Haar, sie sei die bestgestriegelte Frau im ganzen Gestüt. Mit allen ihren Reizen ist Lady Dedlock von ihrem Landsitz in Lincolnshire, Schritt für Schritt von den Fashionabeln der Modezeitung verfolgt, eingetroffen, um einige Tage in ihrer Stadtwohnung zu verweilen, bevor sie nach Paris reist, wo sie einige Wochen zu bleiben gedenkt. In ihrer Stadtwohnung stellt sich an diesem trüben Nachmittag ein altmodischer alter Gentleman ein, Attorney und Solizitor beim hohen Kanzleigericht, der die Ehre hat, Rechtsanwalt der Dedlocks zu sein, und viele eiserne Kästen mit diesem Namen darauf in seiner Kanzlei aufzuweisen hat. Durch die Vorhalle die Treppen hinauf, die Korridore entlang und durch die Zimmer, die in der Saison sehr glänzen und außer der Zeit sehr unwirtlich sind – ein Feenland für den Besucher und eine Wüste für den Bewohner –, führt den alten Herrn ein Merkur mit gepudertem Kopf zu der Gnädigen. Der alte Herr sieht ein wenig verrostet aus, steht aber in dem Rufe, durch Heiratsverträge und Testamente für den Adel viel Geld erworben zu haben und sehr reich zu sein. Ein undurchdringlicher Nebel von Familiengeheimnissen, als deren stummen Bewahrer man ihn kennt, umgibt ihn. Es gibt adlige Mausoleen, die seit Jahrhunderten in abgelegenen Parkalleen unter uralten Bäumen und wucherndem Farnkraut stehen und vielleicht weniger Familiengeheimnisse bewahren, als in Mr. Tulkinghorns unter Menschen wandelnder Brust verborgen sind. Er gehört der alten Schule an, das heißt, der Schule, die niemals jung gewesen ist, und trägt kurze Hosen, die an den Knieen mit Bändern befestigt sind, und Gamaschen oder Strümpfe. Die Eigentümlichkeit seiner schwarzen Kleider und Strümpfe, mögen sie von Seide oder Wolle sein, ist, daß sie nie glänzen. Stumm, verschlossen, ohne Antwort für ein neugieriges Licht, ist sein Anzug wie er selbst. Er unterhält sich nie, wenn man ihn nicht in Berufssachen zu Rate zieht. Man findet ihn zuweilen stumm, aber zwanglos und ganz zu Hause am Eck der Gasttafeln in vornehmen Landschlössern oder nicht weit von Salons sitzen, von denen die Modezeitung so viel zu reden hat. Jedermann kennt ihn dort, und der halbe Hochadel bleibt mit den Worten stehen: »Wie geht's Ihnen, Mr. Tulkinghorn?« Er nimmt die Begrüßung mit Ernst entgegen und begräbt sie neben all dem übrigen, was er weiß. Sir Leicester Dedlock ist in Gesellschaft der Gnädigen und schätzt sich glücklich, Mr. Tulkinghorn zu empfangen. Es liegt etwas Vorschriftsmäßiges in Mr. Tulkinghorns Benehmen, das Sir Leicester immer sehr angenehm berührt und ihn wie eine Art Tribut anmutet. Er findet auch an Mr. Tulkinghorns Anzug Gefallen und sieht auch darin eine Art Huldigung. Er ist ungemein respektabel geschnitten und hat etwas Sachwalterhaftes. Er ist fast wie die Livree eines Aufsehers der Rechtsmysterien oder eines juristischen Kellermeisters. Ist sich Mr. Tulkinghorn selbst darüber klar? Es kann sein, kann aber auch nicht sein. Und doch ist diese Frage bei allem, was mit Lady Dedlock als der Führerin und dem Glanzstern der vornehmen Welt in Berührung kommt, von großer Bedeutung. Sie hält sich für ein unerforschliches Wesen, das weit über der Beurteilungssphäre gewöhnlicher Sterblicher steht. So kommt sie sich im Spiegel vor, in dem sie auch wirklich so aussieht. Dennoch kennt jeder kleine Stern, der sich um sie dreht, von der Kammerzofe an bis zum Direktor der italienischen Oper, ihre Schwächen und Vorurteile, ihren Hochmut, ihre Torheiten und Launen und richtet sich in seinem Verkehr mit ihr nach ihren Charakterzügen, wie die Putzmacherin nach ihren Körperproportionen. Je nachdem es gilt, eine neue Mode, einen neuen Kleidungsschnitt, eine neue Sitte, einen neuen Sänger, eine neue Tänzerin, einen neuen Schmuck, einen Zwerg, einen Riesen, eine Kapelle oder sonst etwas in Mode zu bringen. Es gibt ehrerbietige Leute in Dutzenden von Berufen, von denen allen Lady Dedlock glaubt, sie lägen beständig auf den Knien vor ihr, und die dabei genau wissen, daß sie wie ein Kind zu leiten ist; – Leute, die ein ganzes Leben lang an nichts denken als wie man ihr schmeicheln kann und die sich stellen, als seien sie demütig und unbedingt gehorsam, dabei aber sie und ihr ganzes Gefolge im Schlepptau haben, mit ihr wie mit einem Köder angeln und sie führen, wohin sie wollen, wie Lemuel Gulliver die stattliche Flotte des Reichs Liliput nach Belieben dirigierte. »Wenn man bei dieser Sorte reüssieren will«, sagen Blaze \& Sparkle, die Juweliere – und sie verstehen unter »dieser Sorte« Lady Dedlock und ihren Anhang –, »so darf man nicht vergessen, daß man es nicht mit dem großen Publikum zu tun hat; man muß »diese Sorte« an ihrer schwächsten Seite fassen, und ihre schwächste Seite ist diese und diese.« »Um Ihre Artikel abzusetzen, meine Herren«, raten Sheen \& Gloß, die Tuchhändler, ihren Freunden, den Fabrikanten, »so müssen Sie zu uns kommen, weil wir die Leute der feinen Gesellschaft zu behandeln wissen und dadurch die Mode bestimmen können.« »Wenn Sie diesen Kupferstich bei meiner hochgestellten Kundschaft anbringen wollen, Sir«, sagt Mr. Sladdery, der Kunsthändler, »oder wenn Sie diesen Zwerg oder Riesen zu deichseln wünschen oder für diese Unternehmung der Unterstützung meiner hohen Kunden bedürfen, so müssen Sie mir das überlassen, denn ich kenne die führenden Personen in diesen Kreisen, Sir, und kann Ihnen, ohne zu übertreiben, sagen, daß ich sie um den Finger wickeln kann«, – worin Mr. Sladdery, der ein ehrenwerter Mann ist, durchaus nicht übertreibt. Wenn daher Mr. Tulkinghorn wirklich nicht wissen sollte, was gegenwärtig in der Seele der Gnädigen vorgeht, so ist doch auch das Gegenteil sehr leicht möglich. »Myladys Angelegenheit ist also wieder vor dem Kanzler verhandelt worden, Mr. Tulkinghorn?« fragt Sir Leicester und reicht dem Anwalt die Hand. »Ja, sie kam heute zur Verhandlung«, entgegnet Mr. Tulkinghorn und macht der Gnädigen, die auf einem Sofa am Kamm sitzt und das Gesicht mit einem Handschirm schützt, eine seiner stummen Verbeugungen. »Es ist wohl nutzlos zu fragen, ob irgend etwas geschehen ist«, sagt Mylady, noch immer von der trüben Stimmung, die ihr der Landsitz in Lincolnshire verursacht hat, bedrückt. »Es ist nichts geschehen, was Gnädigste erwähnenswert nennen würden.« »Es wird nie etwas geschehen«, meint Mylady. Sir Leicester hat gegen den endlosen Gang der Kanzleigerichtsprozesse nichts einzuwenden. Es ist eine langsame, kostspielige, echt britische, konstitutionelle Sache. Allerdings handelt es sich für ihn in dem fraglichen Prozeß nicht um Sein oder Nichtsein, sondern bloß um die geringfügige Mitgift, die ihm Mylady zubrachte, und er hat eine dunkle Ahnung, daß es ein höchst lächerlicher Zufall ist, wenn der Name Dedlock in einem Prozeß als Partei vorkommt. Er sieht in dem Kanzleigericht etwas, das im Verein mit andern Institutionen von der vollendetsten menschlichen Weisheit ersonnen wurde und in Beziehungen zur ewigen gesetzmäßigen Ordnung steht, wenn auch hie und da die Gerechtigkeit ein wenig nachhinkt und zuweilen Verwirrung zur Folge hat. Beschwerden darüber beizustimmen, hieße vielleicht irgend jemand der niedereren Klassen ermutigen, sich aufzulehnen – wie etwa Wat Tyler bösen Angedenkens. »Da einige neue Zeugenaussagen zu den Akten gekommen«, sagt Mr. Tulkinghorn, »und überdies kurz gefaßt sind und ich nach dem etwas weitschweifigen Prinzip verfahre, meine Klienten um Erlaubnis zu bitten, ihnen alle neuen Schritte in Prozessen vorlegen zu dürfen«, – Mr. Tulkinghorn ist ein vorsichtiger Mann und übernimmt nie mehr Verantwortlichkeit, als unbedingt nötig ist – »und da die Herrschaften außerdem nach Paris reisen, so habe ich alles mitgebracht.« Sir Leicester geht nämlich ebenfalls nach Paris, wenn auch der Glanzpunkt der Fashionablen die Gnädige ist. Mr. Tulkinghorn zieht seine Akten aus der Tasche, bittet um Erlaubnis, sie auf ein goldenes Spielzeug von Tischchen neben der Gnädigen legen zu dürfen, setzt die Brille auf und fängt an, bei dem Schimmer einer Schirmlampe vorzulesen: »Kanzleigerichtshof. In Sachen John Jarndyce kontra –« Die Gnädige unterbricht ihn mit der Bitte, soviel wie möglich von dem technischen Formwuste wegzulassen. Mr. Tulkinghorn blickt über die Brille und fängt tiefer unten von neuem an. Mylady findet es nicht der Mühe wert, ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Sir Leicester in seinem Lehnstuhl blickt ins Feuer und scheint ein stolzes Wohlgefallen an den juristischen Wiederholungen und Weitschweifigkeiten, die ihm wie nationale Bollwerke erscheinen, zu finden. Die Hitze ist zufällig groß, wo Mylady sitzt, und der Handschirm ist weniger nützlich als schön; er ist unschätzbar, aber klein. Mylady setzt sich anders und erblickt dabei die Papiere auf dem Tisch, – besieht sie näher, besieht sie noch näher und fragt impulsiv: »Wer hat denn das geschrieben?« Mr. Tulkinghorn hält, verwundert über die Lebhaftigkeit und den ungewohnten Ton der Gnädigen, inne. »Es ist das, was Sie eine Kanzlistenhandschrift nennen?« fragt sie, blickt ihn wieder in ihrer teilnahmslosen Weise an und spielt mit dem Schirm. »Nicht so ganz. Wahrscheinlich hat sie den Kanzleicharakter erst angenommen, als sie schon ausgebildet war. Warum fragen Gnädigste?« »Um eine Abwechslung in diese abscheuliche Einförmigkeit zu bringen. Bitte, fahren Sie fort.« Mr. Tulkinghorn liest weiter. Die Hitze wird größer. Die Gnädige bedeckt das Gesicht mit dem Schirm. Sir Leicester nickt ein, fährt plötzlich auf und ruft: »He? Was sagten Sie?« »Ich fürchte«, flüstert Mr. Tulkinghorn, der hastig aufgestanden ist, »Lady Dedlock befindet sich nicht wohl.« »Ich fühle mich nur schwach«, lispelt Mylady mit weißen Lippen. »Weiter nichts; aber es ist wie die Schwäche des Todes. Sprechen Sie nicht mit mir. Klingeln Sie und lassen Sie mich in mein Zimmer bringen!« Mr. Tulkinghorn zieht sich in ein anderes Zimmer zurück. Klingeln schellen, Schritte kommen und gehen, und Stille tritt wieder ein. Endlich bittet der gepuderte Merkur Mr. Tulkinghorn, wieder hereinzukommen. »Es geht Mylady jetzt bereits besser«, sagt Sir Leicester und winkt dem Advokaten, Platz zu nehmen, um sich allein vorlesen zu lassen. »Ich bin sehr erschrocken. Ich kann mich nicht erinnern, daß Mylady jemals ohnmächtig geworden wäre. Aber das Wetter ist abscheulich, und sie hat sich auf unserm Gut in Lincolnshire wirklich tödlich gelangweilt.« 3. Kapitel Die Geschichte einer Jugend Es wird mir sehr schwer, den Anfang zu finden, um meinen Teil der Geschichte niederzuschreiben, denn ich weiß, daß ich nicht besonders gescheit bin. Ich wußte das immer. Schon als ganz kleines Mädchen pflegte ich zu meiner Puppe zu sagen, wenn wir allein beisammen waren: Liebe Puppe, ich bin nicht klug, du weißt es selbst und mußt mit mir Geduld haben, Herzchen. Und dann saß sie in einen großen Armstuhl gelehnt mit dem rot und weißen Gesicht und den rosigen Lippen da und starrte mich an – oder vielmehr ins Leere –, während ich emsig nähte und ihr alle meine Geheimnisse erzählte. Meine liebe alte Puppe! Ich war als Kind so in mich gekehrt und scheu, daß ich selten den Mund auftat und niemandem mein Herz auszuschütten wagte. Ich muß fast weinen, wenn ich daran denke, welcher Trost es für mich war, wenn ich aus der Schule nach Hause kam, hinauf in mein Kämmerchen laufen und sagen konnte: »O du gute treue Puppe, ich wußte, daß du mich erwartest.« Und dann setzte ich mich auf den Boden, stützte den Ellbogen auf ihren großen Lehnstuhl und erzählte ihr alles, was ich erlebt hatte, seit wir uns nicht gesehen. Von jeher besaß ich einen Hang zu beobachten, aber ich faßte nicht rasch auf. Durchaus nicht. Ich beobachtete still, was vorging, und wünschte nur, ich könnte es besser verstehen. Ich war keineswegs scharfsinnig. Wenn ich jemanden gern habe, scheint mein Verstand klarer zu werden. Aber vielleicht ist das nur Eitelkeit und Einbildung von mir. Mein Patin erzog mich, soweit ich mich zurückerinnern kann, wie eine der Prinzessinnen in den Feenmärchen; nur daß ich nicht so schön war. Ich wußte bloß, daß sie meine Patin war und eine gute, gute Frau. Sie ging dreimal am Sonntag in die Kirche und Mittwochs und Freitags zur Frühmesse und in die Betstunden, so oft welche gehalten wurden. Sie hatte ein schönes Gesicht, und wenn sie nur einmal gelächelt haben würde, so hätte sie wie ein Engel aussehen müssen; – aber sie lächelte nie. Sie war immer ernst und streng, aber immer so außerordentlich gütig, daß wohl nur die Schlechtigkeit anderer Menschen die Schuld trug, daß sie ihr ganzes Leben so finster war. Ich kam mir so ganz anders geartet vor als sie, selbst wenn ich den Unterschied zwischen Kind und Erwachsener in Abzug brachte, kam mir so unbedeutend und armselig und ihr so fernstehend vor, daß ich niemals rechtes Vertrauen zu ihr fassen, ja, sie nicht einmal so lieben konnte, wie ich gewünscht hätte. Mir machte der Gedanke viel Schmerz, wie gut sie und wie unwürdig ich ihrer sei; und ich nährte in meinem Innern eine inbrünstige Hoffnung, mein Herz möge mit der Zeit besser werden. Und ich sprach darüber sehr oft mit meiner lieben Puppe. Aber ich liebte meine Patin eben doch nie so, wie ich hätte sollen und müssen, wenn ich ein besseres Kind gewesen wäre. Da ich mir dies beständig vorhielt, wurde ich noch schüchterner und stiller, als ohnehin schon in meiner Natur lag; und meine einzige Freundin war die Puppe, bei der allein ich mich wohl fühlte. Aber, als ich noch ein ganz kleines Ding war, geschah außerdem noch etwas, was mich darin noch bestärkte. Ich hatte nie von meiner Mutter sprechen hören. Ebensowenig von meinem Vater; aber meine Mutter interessierte mich sehr. Ich konnte mich nicht entsinnen, je ein Trauerkleid getragen zu haben. Man hatte mir niemals meiner Mutter Grab gezeigt und mir nie gesagt, wo es sei, mich auch nie für eine andere Verwandte als für meine Patin beten gelehrt. Mehr als einmal erwähnte ich diesen Gegenstand meines beständigen Grübelns gegen Mrs. Rachael, die immer mein Licht fortnahm, wenn ich zu Bette gegangen, und unsere einzige Dienerin war. Aber sie sagte jedes Mal nur: »Esther, gute Nacht!« und ging fort und ließ mich allein. Obgleich sich sieben Mädchen in der nahen Schule befanden, wo ich Unterricht erhielt, und sie mich die kleine Esther Summerson nannten, so war ich doch bei keinem von ihnen je zu Besuch gewesen. Alle waren weitaus älter als ich, aber es schien noch eine andere Scheidewand zwischen uns zu bestehen außer dem Umstande, daß sie, älter und klüger als ich, mehr wußten. Eine von ihnen lud mich in der ersten Woche meiner Schulzeit, wie ich mich noch genau erinnere, zu meiner großen Freude zu einem kleinen Fest ein. Aber meine Patin schrieb einen steifen Absagebrief, und ich durfte nicht hingehen. Ich kam nie auf Besuch in andere Häuser. Mein Geburtstag war wieder gekommen. Den andern bedeuteten Geburtstage Feiertage – mir niemals; die andern hatten bei solchen Gelegenheiten Festlichkeiten zu Hause, wie ich sie einander erzählen hörte; – ich niemals. Mein Geburtstag war die langen Jahre hindurch der trübste Tag meines Lebens. Wenn mich meine Eitelkeit nicht täuscht, was wohl der Fall sein kann, denn so etwas weiß man nicht selber, so wird meine Fassungskraft mit meiner Zuneigung geweckt. Ich habe ein liebebedürftiges und weiches Gemüt, und vielleicht würde ich noch heute eine solche Wunde, wie ich sie damals an meinem Geburtstag empfing, wenn man sie mehr als einmal überhaupt erleiden kann, ebenso tief fühlen wie zu jener Zeit. Das Mittagessen war vorüber, und meine Patin und ich saßen am Tisch vor dem Feuer. Die Uhr tickte, das Feuer knisterte, und kein anderer Ton war hörbar im Zimmer und im Hause –, ich weiß nicht, wie lange Zeit schon. Ich erhob zufällig die Augen schüchtern von meiner Näharbeit und sah, wie mich meine Patin über den Tisch hinweg trübe anblickte, als wollte sie sagen: Es wäre viel besser, kleine Esther, wenn du niemals einen Geburtstag gehabt hättest und niemals geboren worden wärest. Ich fing an zu schluchzen und zu weinen: »Ach liebe Patin, sage mir, bitte, sage mir, starb Mama an meinem Geburtstag?« »Nein«, war die Antwort. »Frage mich nicht weiter, Kind.« »Bitte, sage mir etwas von ihr! Nur ein Wort! Ich bitte dich, liebe Patin! Was hab ich ihr getan? Wie hab ich sie verloren? Warum bin ich so verschieden von andern Kindern, und was kann ich dafür, liebe Patin? Nein, nein, nein, geh nicht fort! O sag es mir!« Eine Angst, die größer war als mein Schmerz, hatte mich befallen, und ich hielt meine Patin am Kleide fest und kniete vor ihr nieder. Bis jetzt hatte sie fortwährend gesagt: »Laß mich gehen«, aber plötzlich blieb sie stehen. Der finstere Ausdruck ihres Gesichtes übte eine solche Gewalt auf mich aus, daß ich mitten in meiner Verzweiflung innehielt. Ich wollte mit meiner zitternden Hand die ihre fassen und von ganzer Seele um Verzeihung bitten, zog sie aber bei ihrem Blick schnell wieder zurück, und das Herz klopfte mir. Sie hob mich auf, setzte sich in ihren Stuhl und sprach in kaltem gedämpftem Ton zu mir – ich sehe sie mit gerunzelter Stirn und strafend erhobenem Finger noch heute vor mir –: »Deine Mutter, Esther, ist deine Schande, und du warst ihre. Die Zeit wird früh genug kommen, wo du das besser verstehen und auch fühlen wirst, wie es nur ein Weib kann. Ich habe ihr verziehen« – das Gesicht meiner Patin zeigte nicht den geringsten Zug von Versöhnlichkeit- »ich habe ihr verziehen, was sie mir Böses getan hat, und spreche nicht mehr davon, obgleich ihr Unrecht größer war, als du jemals erfahren wirst oder irgend jemand außer mir, die ich davon betroffen wurde, ahnen kann. Was dich betrifft, unglückliches Kind, warst du verwaist und beschimpft vom ersten unseligen Geburtstag an; bete du täglich, daß die Sünden anderer nicht auf dein Haupt kommen mögen, wie es geschrieben steht. Vergiß deine Mutter und hindere nicht, daß die Menschen es tun; deinetwegen. Jetzt geh.« Sie hielt mich, als ich wortlos gehen wollte – so bis ins Innere erstarrt war ich – noch einmal fest und setzte hinzu: »Unterwürfigkeit, Selbstverleugnung, Fleiß sind die Wegzeichen für ein Leben, das mit einem solchen Flecken begonnen hat. Du bist anders als die andern Kinder, Esther, weil du nicht wie sie in gemeinsamer Sündhaftigkeit und im Zorne geboren bist. Du bist gezeichnet.« Ich schlich in mein Kämmerchen hinauf und kroch ins Bett und legte das Gesicht meiner Puppe an meine tränennasse Wange, und mit dieser einzigen Freundin an der Brust weinte ich mich in Schlaf. So wenig ich mir auch über meinen Schmerz klar werden konnte, so wußte ich doch, daß ich zu keiner Zeit jemand eine Freude gewesen, und niemand auf Erden mich so lieb hatte wie ich meine Puppe. Ach Gott, ach Gott, wie oft und lange wir später allein miteinander verbrachten und ich der Puppe die Geschichte meines Geburtstages erzählte und ihr anvertraute, wie sehr ich mich bemühen wollte, den Fehler, der mir mit meiner Geburt anhaftete, wieder gutzumachen und mich zu bestreben, mit den Jahren fleißig, zufrieden und freundlichen Herzens zu werden und mir eines Menschen Liebe zu gewinnen, wenn es mir gelingen sollte, und ihm alles nur mögliche Gute zu tun! Vielleicht ist es selbstgefällig, wenn ich bei dem Gedanken daran jetzt noch Tränen vergießen muß. Ich denke mit großer Dankbarkeit zurück und bin fröhlich, aber doch kann ich nicht verhindern, daß sie mir in die Augen treten. – So! Jetzt hab ich sie weggewischt und kann wieder fortfahren. Ich war mir der großen Kluft zwischen meiner Patin und mir seit jenem Geburtstag nur noch mehr bewußt und empfand so sehr, in ihrem Hause einen Platz einzunehmen, der leer hätte sein sollen, daß es mir schwerer wurde, mich ihr zu nähern als je, so innig verpflichtet ich mich ihr im Herzen auch fühlte. Genau so empfand ich gegen meine Mitschülerinnen und gegen Mrs. Rachael, die Witwe war, und gegen ihre Tochter, auf die sie sehr stolz war und die sie einmal alle vierzehn Tage besuchte. Ich blieb sehr schüchtern und still und bemühte mich nach Kräften, fleißig zu sein. An einem sonnigen Nachmittag, als ich eben mit meiner Mappe ans der Schule gekommen war und den langen Schatten neben mir beobachtete und wie gewöhnlich die Treppe hinauf in mein Kämmerchen eilen wollte, öffnete meine Patin die Wohnzimmertür und rief mich hinein. Bei ihr saß ein Fremder, was etwas sehr Ungewöhnliches war: ein behäbiger, wichtig aussehender Herr, ganz schwarz gekleidet, mit einer weißen Halsbinde, großen goldnen Petschaften an der Uhrkette, einer goldnen Brille und einem großen Siegelring am kleinen Finger. »Das ist das Kind«, sagte meine Patin mit verhaltener Stimme zu ihm. Dann setzte sie mit ihrem gewöhnlichen ernsten Ton hinzu: »Das ist Esther, Sir.« Der Herr setzte seine Brille auf, sah mich an und sagte: »Komm zu mir, liebes Kind!« Er reichte mir die Hand und hieß mich den Hut abnehmen und betrachtete mich unablässig dabei. Als ich seinen Wunsch erfüllt hatte, sagte er: »Ah! Ja!« nahm seine Brille ab, steckte sie in ein rotes Futteral, lehnte sich in den Armstuhl zurück und nickte meiner Patin zu und spielte mit dem Etui. Darauf fing meine Patin wieder an: »Du kannst hinaufgehen, Esther.« Ich machte dem Herrn meinen Knicks und ging. Es muß zwei Jahre später gewesen sein, und ich war fast vierzehn Jahre alt, als ich an einem Abend, an den ich voll Entsetzen zurückdenken muß, mit meiner Patin vor dem Kamine saß. Ich las ihr vor. Ich war, wie immer, um neun Uhr heruntergekommen, um ihr aus der Bibel vorzulesen, und hielt gerade bei der Stelle im Evangelium Johannis, wo es heißt, daß unser Erlöser sich niederbückte und mit dem Finger auf die Erde schrieb, als sie die Ehebrecherin vor ihn brachten: Als sie nun anhielten, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Ich hielt inne, denn meine Patin stand auf, legte ihre Hand an die Stirn und rief mit schrecklicher Stimme den Satz aus der Bibel: So wachet nun, auf daß er nicht schnell komme und finde euch schlafend. Was ich aber euch sage, das sage ich euch allen: wachet. Sie stand vor mir und wiederholte diese Worte. Dann brach sie plötzlich zusammen. Ich brauchte nicht um Hilfe zu rufen; ihre Stimme war durch das ganze Haus gedrungen und bis auf die Straße gehört worden. Man legte sie auf ihr Bett. Länger als eine Woche lag sie dort, äußerlich nur wenig verändert. Das alte schöne entschlossene Stirnrunzeln, das ich so gut kannte, war auf ihrem Gesicht erstarrt. Viele, viele Male bei Tag und bei Nacht legte ich meinen Kopf auf das Kissen neben sie, damit sie mein Flüstern besser verstünde, und küßte sie und dankte ihr, betete für sie, bat sie um ihren Segen und ihre Verzeihung und flehte sie an, mir nur ein einziges Zeichen zu geben, daß sie mich erkenne oder höre. Nichts, nichts, nichts! Ihr Gesicht blieb unbeweglich. Bis zuletzt. Und selbst dann wich der finstere Ausdruck nicht von ihrer Stirn. Am Tag nach dem Begräbnis meiner guten Patin stellte sich der schwarze Herr mit dem weißen Halstuch wieder ein. Mrs. Rachael schickte nach mir, und ich fand ihn auf derselben Stelle, als wäre er niemals weggegangen. »Ich heiße Kenge«, sagte er. »Merk dir den Namen, liebes Kind; Kenge \& Carboy, Lincoln's-Inn.« Ich gab zur Antwort, daß ich mich erinnerte, den Herrn schon früher einmal gesehen zu haben. »Bitte, setz dich – hier neben mich. Weine nicht, es nützt nichts. Mrs. Rachael! Ich brauche Ihnen, die Sie mit der seligen Miß Barbary Angelegenheiten bekannt waren, nicht erst zu sagen, daß ihr Einkommen mit ihrem Leben zu Ende ging und daß diese junge Dame jetzt nach dem Tode ihrer Tante -« »Meiner Tante, Sir?« »Es hat ja doch keinen Zweck, eine Täuschung aufrecht zu erhalten, die keinen Sinn mehr hat«, sagte Mr. Kenge besänftigend. »Tatsächlich war sie deine Tante, wenn auch nicht vor dem Gesetze. Aber weine doch nicht. Weine nicht! Beruhige dich! – Mrs. Rachael, unsere junge Freundin hat zweifellos gehört – von – der – hm – Sache Jarndyce kontra Jarndyce?« »Nie«, sagte Mrs. Rachael. »Ist es denn möglich«, fuhr Mr. Kenge fort und setzte seine Brille auf, »daß unsere junge Freundin – aber geh, weine doch nicht – niemals von 'Jarndyce kontra Jarndyce' gehört hat?« Ich schüttelte den Kopf und hatte nicht die leiseste Ahnung, worum es sich handelte. »Nichts von 'Jarndyce kontra Jarndyce'?« wiederholte Mr. Kenge, blickte mich über die Brille hinweg an und liebkoste das Futteral mit den Händen. »Nichts von einem der größten aller bekannten Kanzleigerichtsprozesse, nichts von dem Fall 'Jarndyce kontra Jarndyce', – der für sich schon – hm – ganz für sich allein ein Denkmal in der Kanzleigerichtspraxis bedeutet? – In dem, möchte ich sagen, jede Schwierigkeit, jede Möglichkeit, jede Rechtsfiktion, jede Prozeßform, die bei diesem Gerichtshof bekannt ist, sich immer und immer wieder verkörpert? Es ist ein Rechtsfall, der nirgends als in unserm großen und freien Lande existieren könnte! Ich möchte behaupten, daß die Gesamtkosten in Sachen Jarndyce kontra Jarndyce – Mrs. Rachael – ich fürchte –« er wendete sich von mir ab, weil ich mich unaufmerksam zeigte – »sich gegenwärtig auf sechzig- bis siebzigtausend Pfund belaufen«, ergänzte Mr. Kenge, in seinen Stuhl zurückgelehnt. Der Gegenstand war mir so gänzlich unbekannt, daß ich damals auch nicht das Allergeringste davon verstand. »Und sie hat wirklich nie etwas von der Sache gehört? Höchst erstaunlich!« »Miß Barbary, Sir«, erklärte Mrs. Rachael, »die jetzt unter den Seraphim weilt –« »Das hoffe ich zuversichtlich«, unterbrach Mr. Kenge höflich. »– wünschte, daß Esther nur lerne, was ihr von Nutzen sein könne. Und sie ist hier auch weiter nichts gelehrt worden.« »Hm«, sagte Mr. Kenge. »Das ist im großen ganzen sehr richtig. Aber jetzt zur Sache!« fuhr er zu mir gewendet fort. »Miß Barbary, deine einzige Verwandte – tatsächlich nämlich – denn ich muß dir bemerken, daß du von Gesetzes wegen keine Verwandten hast –, ist jetzt tot, und da man natürlich von Mrs. Rachael nicht erwarten kann –« »O Gott nein«, fiel Mrs. Rachael schnell ein. »Sehr richtig!« – daß sie die Sorge für deinen Lebensunterhalt auf sich nimmt, so sehe ich mich veranlaßt, ein Anerbieten zu erneuern, das ich schon vor ungefähr zwei Jahren Miß Barbary zu machen beauftragt war und das damals abgelehnt wurde. Wir hatten uns jedoch dahin geeinigt, daß es für den Fall des Todes deiner Tante wiederholt werden sollte. Ich glaube nun, nicht im geringsten gegen die in meinem Berufe übliche Reserve zu verstoßen, wenn ich verrate, daß ich in Sachen Jarndyce kontra Jarndyce und auch in anderer Hinsicht einen sehr menschenfreundlichen, wenn auch zugleich sehr eigentümlichen Mann vertrete.« Mr. Kenge lehnte sich wieder in seinen Stuhl zurück und sah uns beide ruhig an. Der Klang seiner eigenen Stimme schien ihn über die Maßen zu freuen. Ich sah darin nichts Wunderbares, denn sie war weich und wohlklingend und verlieh jedem Worte, das er aussprach, den Anschein großer Wichtigkeit. Er hörte sich mit sichtlicher Befriedigung zu und schlug manchmal zu seiner eigenen Musik mit dem Kopfe den Takt oder rundete einen Satz mit einer gefälligen Handbewegung ab. Selbst damals schon, als ich noch gar nicht wußte, daß er sich nach dem Muster des hohen Lords, der sein Klient war, herangebildet hatte und allgemein »Konversationskenge« genannt wurde, machte er einen großen Eindruck auf mich. »Da Mr. Jarndyce«, fuhr er fort, »von der – ich möchte sagen, verzweifelten – Lage unserer jungen Freundin unterrichtet ist, so bietet er ihr an, sie in einer Anstalt ersten Ranges unterbringen zu wollen, wo ihre Erziehung vollendet, ihr gutes Auskommen gesichert, für alle ihre Bedürfnisse, soweit sie vernünftig und nötig sind, gesorgt und sie selbst endlich befähigt werden soll, ihre Pflicht in der Lebensstellung zu erfüllen, die ihr anzuweisen – darf ich wohl sagen, der Vorsehung – gefallen hat.« Mein Herz war so tief ergriffen von dem, was er sagte, wie auch von der liebreichen Weise, in der er es tat, daß ich beim besten Willen kein Wort sprechen konnte. »Mr. Jarndyce stellt keinerlei Bedingungen und spricht nur die Erwartung aus, daß unsere junge Freundin die fragliche Anstalt ohne sein Wissen und Zutun nicht verlassen und sich mit Fleiß der Erwerbung der Kenntnisse und Fertigkeiten widmen werde, durch deren Anwendung und Ausübung sie sich später soll erhalten können – und daß sie auf dem Pfade der Tugend und Ehre bleiben möge und – daß – hm – und so weiter.« Ich konnte noch weniger sprechen als vorher. »Nun, was sagt unsere junge Freundin?« fuhr Mr. Kenge fort. »Laß dir Zeit, laß dir Zeit. Ich warte auf deine Antwort. Laß dir nur Zeit.« Was ich zu diesem Anerbieten zu sagen versuchte, brauche ich nicht zu wiederholen. Was ich wirklich sagte, ist kaum des Erzählens wert. Und was ich fühlte und bis zu meiner letzten Stunde fühlen werde, das könnte ich nicht in Worte bringen. Diese Unterredung fand in Windsor statt, wo ich mein ganzes Leben zugebracht hatte, soweit ich zurückdenken konnte. Acht Tage später verließ ich, reichlich mit allem Notwendigen versehen, den Ort, um mit der Landkutsche nach Reading zu fahren. Mrs. Rachael war zu gut, um beim Abschied bewegt zu sein. Aber ich war nicht so gut und weinte bitterlich. Ich dachte, daß ich sie nach so vielen Jahren eigentlich besser kennen und mich bei ihr so in Gunst gesetzt haben sollte, daß ihr der Abschied weh tun müsse. Als sie mir einen so kalten Abschiedskuß auf die Stirne drückte, als ob ein großer Tropfen von dem Eise oben an dem steinernen Torgewölbe niedertaute, fühlte ich mich so elend und schuldbewußt, daß ich sie umarmte und ihr sagte, ich wisse wohl, es sei meine Schuld, daß ihr der Abschied von mir so leicht werde. »Nein, Esther«, entgegnete sie. »Dein Unglück ist schuld daran.« Die Kutsche stand vor der kleinen Gartenpforte – wir waren erst aus dem Hause getreten, als wir sie hatten kommen hören –, und so verließ ich Mrs. Rachael mit bekümmertem Herzen. Sie ging hinein, ehe noch mein Koffer auf die Kutsche gehoben worden, und machte die Türe zu. Solange ich das Haus sehen konnte, blickte ich mit Tränen in den Augen aus dem Fenster zurück. Meine Patin hatte Mrs. Rachael ihr ganzes kleines Vermögen vermacht, und es sollte Auktion sein; ein alter Kaminteppich mit Rosen darauf, der mir immer als das Schönste auf Erden vorgekommen war, hing draußen in Frost und Schnee. Ein oder zwei Tage vorher hatte ich meine liebe Puppe in ihren Schal gewickelt und sie – fast schäme ich mich, es zu erzählen – im Garten unter dem Baum begraben, der das Fenster meines Kämmerchens beschattete. Ich hatte keinen Freund als einen Vogel, und den trug ich in seinem Käfig bei mir. Als ich das Haus aus dem Gesicht verlor, setzte ich mich, den Käfig vor mir im Stroh, auf den niedrigen Vordersitz, um durch das Fenster hinauszuschauen auf die bereiften Bäume, die wie schöne Stücke Kalkspat aussahen. Die Felder hatte der Schnee in der Nacht glatt und weiß gemacht. Rot und kalt stand die Sonne am Himmel, und das Eis lag schwarz wie poliertes Eisen da, von den Schlittschuhläufern und Schlittenfahrern reingefegt. Mir gegenüber saß ein Herr, der in einer Menge Umhüllungen sehr umfangreich aussah; aber er blickte zum andern Fenster hinaus und nahm keine Notiz von mir. Ich dachte an meine tote Patin – an den Abend, wo ich ihr vorgelesen, an das erstarrte, zürnende Gesicht, mit dem sie auf dem Bette gelegen, an den fremden Ort, dem ich entgegenfuhr, an die Leute, die ich dort finden sollte, und wie sie wohl aussehen und zu mir sein würden, da machte mich eine Stimme in der Kutsche vor Schrecken auffahren. »Warum, zum Teufel, weinst du denn!« Ich erschrak so sehr, daß mir die Stimme versagte, und ich nur flüsternd fragen konnte: »Ich, Sir?« Natürlich konnte nur der Herr in den vielen Umhüllungen gesprochen haben, obgleich er immer noch zum Fenster hinaussah. »Ja, du«, sagte er und drehte sich um. »Ich wußte nicht, daß ich weinte, Sir«, stammelte ich. »Aber du weinst. Sieh selbst.« Er rutschte aus der andern Ecke des Wagens auf den Platz mir gegenüber, fuhr mir mit einem seiner großen Pelzaufschläge sanft über die Augen und zeigte mir dann, daß er naß war. »Da! Jetzt weißt du's. Nicht wahr?« »Ja, Sir.« »Und warum weinst du? Gehst du nicht gern dorthin?« »Wohin, Sir?« »Wohin? Nun dahin, wohin du eben gehst.« »Ich gehe sehr gern hin, Sir.« »Nun also! Mach doch ein freundliches Gesicht!« Der Herr kam mir höchst sonderbar vor; wenigstens was ich von ihm sehen konnte, war sehr merkwürdig. Bis ans Kinn eingehüllt, verschwand sein Gesicht fast unter einer Pelzmütze mit breiten Pelzohrklappen. Ich hatte mich wieder gefaßt und fürchtete mich nicht mehr vor ihm. Ich sagte ihm, ich hätte wegen des Todes meiner Patin geweint, und weil Mrs. Rachael der Abschied von mir so leicht geworden sei. »Der Kuckuck soll Mrs. Rachael holen!« brummte der Herr. »Soll sie beim nächsten Sturmwind auf einem Besenstiel wegfliegen!« Ich fing jetzt an, mich doch wieder vor ihm zu fürchten, und betrachtete ihn mit größter Verwunderung. Aber er hatte freundliche Augen, wenn er auch fortfuhr, ärgerlich vor sich hinzubrummen und auf Mrs. Rachael zu schimpfen. Nach einer kleinen Weile öffnete er seine oberste Hülle, die groß genug zu sein schien, um die ganze Kutsche damit zu bedecken, und fuhr mit dem Arm tief in seine Seitentasche. »Da schau einmal!« sagte er. »In diesem Papier ist ein Stück von der besten Pflaumentorte, die für Geld zu haben ist – mit einem Zuckerüberguß, zolldick wie Fett auf einer Hammelkeule. Hier ist ein Pastetchen, ein Juwel an Größe und Beschaffenheit, aus Frankreich. Und woraus glaubst du wohl, ist es gemacht? Aus Leber von fetten Gänsen! Das ist eine Pastete! Wollen mal sehen, wie sie dir schmeckt.« »Ich danke Ihnen bestens, Sir«, gab ich zur Antwort. »Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden, aber, – ich hoffe, Sie nehmen es nicht übel – es ist zu schwer für mich.« »Wieder einmal abgefahren!« sagte der Gentleman – ich verstand nicht, was er damit meinte – und warf beides zum Fenster hinaus. Er sprach kein Wort mehr mit mir, bis er kurz vor Reading die Kutsche verließ und mir sagte, ich solle ein gutes Mädchen sein und recht fleißig lernen. Dann schüttelte er mir die Hand. Ich muß gestehen, ich fühlte mich erleichtert, als er ausstieg. Wir ließen ihn an einem Meilenstein zurück. Oft später ging ich an dieser Stelle vorüber und mußte dabei noch lange Zeit an ihn denken, und immer erwartete ich so halb und halb, ihn wieder dort zu treffen. Aber er erschien nie, und so verschwand er allmählich aus meiner Erinnerung. Als der Wagen anhielt, blickte eine sehr nette Dame zum Fenster herein und sagte: »Miß Donny.« »Nein, Maam. Esther Summerson.« »Ja, ja, schon richtig«, sagte die Dame, »Miß Donny.« Ich erriet jetzt, daß sie sich unter diesem Namen vorstellte, und entschuldigte mich wegen meines Irrtums. Auf ihren Wunsch zeigte ich ihr mein Gepäck. Unter der Leitung eines sehr saubern Dienstmädchens wurden meine Koffer auf eine winzige grüne Kutsche gepackt, und dann stiegen Miß Donny, das Mädchen und ich hinein und fuhren fort. »Alles ist für Sie bereit, Esther«, wandte sich Miß Donny an mich, »und Ihr Stundenplan ist genau nach den Wünschen Ihres Vormunds Mr. Jarndyce festgesetzt.« »Meines – wie sagten Sie, Maam?« »Ihres Vormunds Mr. Jarndyce.« Ich war so verwirrt, daß Miß Donny wahrscheinlich glaubte, die Kälte sei für mich zu groß gewesen, und mir ihr Riechfläschchen anbot. »Kennen sie Mr. Jarndyce, meinen – Vormund, Maam?« fragte ich nach ziemlich langem Zögern. »Nicht persönlich, Esther, nur durch seine Rechtsanwälte, die Herren Kenge \& Carboy in London. Ein wirklich ausgezeichneter Gentleman, der Mr. Kenge. Diese Beredsamkeit! Sein Satzbau ist wahrhaft majestätisch.« Ich wußte vollkommen die Wahrheit dieser Bemerkung zu würdigen, war aber zu verwirrt, um zu antworten. Unsere schnelle Ankunft an unserm Bestimmungsort, ehe ich Zeit hatte, mich zu fassen, vermehrte noch meine Verwirrung, und nie werde ich vergessen, welch unwirklichen und traumhaften Eindruck an jenem Nachmittage alles in Greenleaf – Miß Donnys Haus – auf mich machte. Aber bald lebte ich mich ein und war in Greenleafs Stundenplan bald so zu Hause, als ob ich schon lange dort gewesen wäre. Mein altes Leben bei meiner Patin kam mir wie ein Traum vor. Alles ging hier nach dem Glockenschlag. Um das ganze Zifferblatt herum hatte alles seine festgesetzte Zeit und wurde genau in dem festgesetzten Augenblick verrichtet. Wir waren zwölf Schülerinnen, und zwei Misses Donny – Zwillinge – standen uns vor. Man setzte voraus, daß ich später von meinen Kenntnissen als Gouvernante werde leben müssen, und ich wurde nicht nur in allem unterrichtet, was man in Greenleaf lehrte, sondern mußte auch sehr bald selbst Unterricht erteilen. Obgleich man mich in jeder andern Hinsicht wie die übrigen Schülerinnen behandelte, so machte man diesen einzigen Unterschied doch von allem Anfang an. Je mehr ich selbst lernte, desto mehr gab ich Unterricht und bekam dadurch im Lauf der Zeit sehr viel zu tun. Das machte mir große Freude, und die Mädchen gewannen mich lieb. So oft eine neue Schülerin niedergeschlagen ankam und sich unglücklich fühlte, erwählte sie mich so sicher – die Ursache weiß ich nicht – zu ihrer Freundin, daß schließlich alle neuen Ankömmlinge mir anvertraut wurden. Sie sagten, ich sei so gut gegen sie, aber eigentlich waren sie gut gegen mich. Ich dachte oft an den an meinem Geburtstag gefaßten Entschluß, fleißig, zufrieden und freundlichen Herzens zu sein. Gutes zu tun und mir Liebe zu erwerben, wo ich könnte; und wahrhaftig, ich schämte mich fast, so wenig getan und soviel gewonnen zu haben. Ich verlebte in Greenleaf sechs glückliche stille Jahre. Dort las ich, Gott sei Dank, an meinem Geburtstag in keinem Gesicht, daß es besser gewesen, wenn ich nie geboren worden wäre. So oft der Tag erschien, brachte er mir soviel Zeichen liebreicher Aufmerksamkeit, daß mein Zimmer geschmückt war vom Neujahrstag bis zu Weihnachten. In diesen sechs Jahren war ich nie von Hause weggewesen außer auf Besuchen in der Nachbarschaft während der Feiertage. Nach dem Schluß des ersten halben Jahres hatte ich Miß Donny um Rat gefragt, ob es schicklich sei, an Mr. Kenge zu schreiben, daß ich glücklich und voll Dankes wäre, und verfaßte dann mit ihrer Billigung einen solchen Brief. Ich erhielt eine formelle Antwort, die mit den Worten schloß: »Wir notierten den Inhalt Ihres Geschätzten, den wir seinerzeit unserm Klienten mitzuteilen nicht verabsäumen werden.« Hie und da hörte ich Miß Donny und ihre Schwester davon sprechen wie regelmäßig meine Rechnungen bezahlt würden, und ungefähr zweimal des Jahres wagte ich einen ähnlichen Brief zu schreiben. Ich empfing stets umgehend genau dieselbe Antwort mit derselben Kanzlistenschrift, unterschrieben »Kenge \& Carboy« von einer andern Hand, von der ich annahm, sie müßte Mr. Kenges Handschrift sein. Es kommt mir so seltsam vor, daß ich alles dieses von mir erzähle, als ob diese Geschichte die Geschichte meines Lebens wäre! Aber mein unbedeutendes Ich wird jetzt bald in den Hintergrund treten. Sechs stille Jahre verlebte ich in Greenleaf, wie ich schon sagte, und wuchs mit meinen Freundinnen auf, als ich an einem Novembermorgen folgenden Brief empfing: »Old Square Lincoln's Inn. In Sachen Jarndyce kontra Jarndyce. Madam! Unser Klient, Mr. Jarndyce, der im Begriff steht, in Verfolg eines Dekretes des Kanzleigerichtshofs ein Mündel dieses Gerichts in schwebender Sache in sein Haus aufzunehmen, für das er eine passende Gesellschafterin wünscht, beauftragt uns, Sie zu benachrichtigen, daß er sich freuen würde, von Ihren Diensten in der gedachten Eigenschaft Gebrauch machen zu können. Wir haben beordert, daß Sie franko Reisespesen nächsten Montag morgens mit der Achtuhrkutsche von Reading nach dem »Weißen Roß«, Piccadilly, London, befördert werden, wo einer unserer Schreiber Sie erwarten wird, um Sie nach unserer oben bezeichneten Kanzlei zu begleiten. Wir empfehlen uns, Madam, als Ihre gehorsamsten Diener Kenge \& Carboy An Miß Esther Summerson.« O nie, nie, nie werde ich vergessen, welche Aufregung dieser Brief im Hause verursachte! Es war so gut von ihnen, daß sie sich soviel mit mir befaßten, – so liebevoll von der Hand des Schicksals, meinen verwaisten Lebensweg so zu ebnen und mir so viele junge Herzen zugeneigt zu machen, daß ich es kaum ertragen konnte. Nicht, daß ich gewünscht hätte, es möchte ihnen weniger leid getan haben – das fürchte ich, war nicht der Fall –, aber Wonne und Schmerz, Stolz und Freude darüber und das Leid zugleich waren so miteinander verwoben, daß es mir fast das Herz brach, während es voller Entzücken überfloß. Der Brief ließ mir nur fünf Tage Frist. Jede Minute in diesen fünf Tagen häufte neue Beweise von Liebe und Zuneigung auf mein Haupt, und als endlich der Morgen des Abschieds kam, da begleiteten mich meine Freundinnen durch alle Zimmer, der Erinnerung wegen. »Liebste Esther, sage mir Lebewohl hier an diesem Bett, wo du mir zum ersten Mal so freundlich zusprachst!« bat mich eine Freundin, und einer andern mußte ich auf ein Blatt Papier ihren Namen schreiben und darunter: »In Liebe, Deine Esther.« Und alle umringten mich mit ihren Abschiedsgeschenken, hingen weinend an mir und jammerten: »Was sollen wir nur anfangen, wenn unsere liebe, liebe Esther fort ist?« und ich versuchte, ihnen zu sagen, wie dankbar ich ihnen sei für ihre Güte und Nachsicht gegen mich und wie ich sie alle segnete. Wie ergriff es mich, als ich sah, wie bekümmert die beiden Miß Donnys mich scheiden ließen und die Dienstmädchen sagten: »Gott behüte Sie, Miß, wohin Sie auch immer gehen mögen.« Und der häßliche lahme Gärtner, von dem ich gar nicht glaubte, daß er mich überhaupt kenne oder mich jemals gesehen habe, kam hinter der Kutsche nachgekeucht, um mir ein Geraniumsträußchen zu geben und zu sagen, ich sei das Licht seiner Augen gewesen. – Wirklich und wahrhaftig, der alte Mann sagte das. Ich war in meiner Kutsche förmlich erdrückt vor Glück von alledem, und als ich an der Kinderschule vorbeikam und die Kleinen ihre Hüte schwenkten und ein grauköpfiger Herr und eine Dame, deren Tochter ich hatte unterrichten helfen und in deren Hause ich auf Besuch gewesen – sie galten für die stolzesten Leute in der ganzen Gegend –, immer und immer wieder riefen: »Leben Sie wohl, Esther, mögen Sie immer glücklich sein!« da mußte ich viele, viele Male sagen: »Oh, ich bin so dankbar, so von Herzen dankbar.« Aber bald sah ich ein, daß ich nach allem, was man für mich getan, an den Ort, wohin ich gehen sollte, keine Tränen mitbringen dürfe. Deshalb bezwang ich mich und redete mir selbst zu: Esther, du mußt dich fassen, das geht so nicht! Ich kühlte mir die Augen mit Lavendelwasser, und es war höchste Zeit, wie ich dachte, denn wir mußten meiner Ansicht nach jede Minute in London sein. Ich war vollständig überzeugt, wir seien bereits dort, als wir noch zehn Meilen Weges vor uns hatten, und daß wir niemals hinkommen würden, als wir bereits mitten drin waren. Wie wir über das Steinpflaster holperten und, wie ich immerwährend fürchtete, alle Augenblicke mit andern Wagen zusammenstoßen mußten, fing ich endlich an zu glauben, wir näherten uns dem Ende unserer Reise. Bald darauf hielten wir. Ein tintenbespritzter junger Mann redete mich auf dem Trottoir mit den Worten an: »Ich bin von Kenge \& Carboy, Miß, von Lincoln's Inn.« »Sie erwarten mich wohl, Sir?« Der junge Mann war sehr höflich, und als er mir in einen Fiaker half und die Besorgung meines Gepäcks veranlaßt hatte, fragte ich ihn, ob in der Nähe ein großes Feuer sei, denn die Straßen waren so voll von dickem braunem Qualm, daß man kaum etwas erkennen konnte. »O nein, Miß.Das ist Londoner 'Echter'.« Ich hatte diesen Ausdruck noch nie gehört. »Nebel, Miß.« Wir fuhren langsam durch die schmutzigsten und dunkelsten Straßen, die es meiner Meinung nach in der Welt geben konnte, und durch ein so lärmendes Gewühl, daß ich mich wunderte, wie die Leute ihre fünf Sinne beisammenhalten konnten, bis wir durch einen alten Torweg über einen stillen Platz in eine sonderbare Ecke kamen, wo breite steile Stufen zu einem Tor führten wie zu einer Kirchentür. Und wirklich war auch daneben ein Friedhof hinter Klostergebäuden; ich konnte die Grabsteine durch das Treppenfenster sehen. Hier war Kenge \& Carboys Kanzlei. Der junge Mann führte mich durch die Schreibstube in Mr. Kenges Privatzimmer – es war niemand drin – und rückte mir höflich einen Lehnstuhl an den Kamin. Dann machte er mich auf einen kleinen Wandspiegel aufmerksam. »Im Falle Sie nach der Reise einmal hineinzuschauen wünschten, Miß, ehe Sie vor dem Kanzler erscheinen. Nicht daß es im geringsten nötig wäre«, setzte er höflich hinzu. »Vor dem Kanzler erscheinen?« sagte ich, einen Augenblick ganz erschrocken. »Eine bloße Formsache, Miß! Mr. Kenge ist jetzt bei Gericht. Er läßt sich Ihnen empfehlen, und wenn Sie vielleicht etwas genießen wollen: – Backwerk und eine Karaffe mit Wein stehen dort auf dem kleinen Tischchen, und hier ist die Zeitung –« der junge Mann überreichte sie mir. Dann schürte er das Feuer und ließ mich allein. Alles war so seltsam – um so seltsamer, da bei Tag die Lichter brannten mit weißer Flamme und trotz des Feuers eine fröstelnde Temperatur herrschte –, daß ich die Worte in der Zeitung las, ohne sie zu erfassen, und mich dabei ertappte, daß ich dieselben Sätze immer wieder von vorn anfing. Ich legte die Zeitung hin, sah in den Spiegel, ob mein Hut noch in Ordnung sei, betrachtete das nur halb erhellte Zimmer, die schlechten staubigen Tische und die Aktenstöße und einen Bücherschrank voll von so ausdruckslos aussehenden Büchern, als ob gar nichts in ihnen stünde. Und dann dachte ich weiter und weiter und weiter, und das Feuer brannte und brannte, und die Lichter qualmten und flackerten – und es war keine Lichtschere da –, bis der junge Mann endlich eine sehr schmutzige brachte, wohl zwei volle Stunden lang. Endlich erschien Mr. Kenge. Er sah ganz aus wie früher, aber er wunderte sich, mich so verändert zu finden, und schien sich darüber zu freuen. »Da Sie die Gesellschafterin der jungen Dame werden sollen, die sich jetzt im Privatzimmer des Kanzlers befindet, Miß Summerson«, sagte er, »so glaubten wir, es sei gut, wenn Sie ebenfalls da wären. Sie werden sich doch vor dem Lordkanzler nicht fürchten, hoffe ich?« »Nein, Sir«, sagte ich. »Ich glaube nicht.« Bei einiger Überlegung sah ich auch wirklich nicht ein, warum ich mich hätte fürchten sollen. Mr. Kenge reichte mir seinen Arm, und wir gingen um die Ecke herum unter einer Kolonnade zu einer Seitentür hinein. Durch einen Korridor kamen wir in ein behagliches Zimmer, wo eine junge Dame und ein junger Herr an einem großen Kamin standen, in dem das Feuer laut prasselte. Ein Schirm stand zwischen ihnen und dem Kamin, und sie lehnten sich daran und plauderten miteinander. Sie sahen beide auf, als ich eintrat. Die junge Dame war ein sehr schönes Mädchen mit reichem goldblondem Haar, sanften blauen Augen und einem heitern, unschuldigen, vertrauensvollen Gesicht. »Miß Ada«, stellte mich Mr. Kenge vor, »hier ist Miß Summerson!« Die junge Dame streckte mir mit freundlichem Lächeln die Hand entgegen, schien aber im Augenblick andern Sinnes zu werden, kam auf mich zu und küßte mich; kurz, sie hatte ein so natürliches und gewinnendes Wesen, daß wir nach wenigen Minuten im Schein des Feuers zusammen am Fenster saßen und so ungeniert und heiter wie nur möglich miteinander plauderten. Eine Last war von meinem Herzen genommen. Ich fühlte mich so glücklich, daß sie Vertrauen zu mir fassen und Gefallen an mir finden konnte. Es war so gut von ihr und so ermutigend für mich. Der junge Herr, ein entfernter Vetter von ihr, wie sie mir sagte, hieß Richard Carstone. Er war ein hübscher junger Mann mit einem intelligenten Gesicht und einem sehr gewinnenden Lachen; und nachdem sie ihn zu uns ans Fenster gerufen hatte, plauderte er so lustig wie ein leichtherziger Knabe. Er mußte sehr jung sein, höchstens neunzehn, war aber fast zwei Jahre älter als sie. Beide waren sonderbarerweise Waisen und hatten sich vorher nie gesehen. Daß wir uns alle drei zum ersten Mal an diesem ungewöhnlichen Orte trafen, war allein schon wert, daß man davon redete, und wir unterhielten uns darüber. Das Feuer hatte aufgehört, so laut zu prasseln, und zwinkerte uns mit seinen roten Augen zu – wie sich Richard ausdrückte – wie ein schläfriger alter Gerichtslöwe. Wir unterhielten uns ziemlich leise, weil ein Herr in Kniehosen und Schuhen und einer Zopfperücke häufig ins Zimmer kam, wobei wir beim Aufgehen stets ein schläfriges Summen in der Ferne hörten. Es stammte, wie er uns sagte, von einem Advokaten, der gerade in unserer Sache vor dem Lordkanzler plädierte. Fast gleich darauf öffnete er wieder die Tür und ließ Mr. Kenge eintreten. Sodann begaben wir uns alle in das nächste Zimmer: voran Mr. Kenge mit – meinem Liebling; der Ausdruck ist mir so natürlich geworden, daß er mir von selbst in die Feder kommt. Dort saß, einfach in Schwarz gekleidet, in einem Lehnstuhl vor einem Tisch am Kamin Seine Lordschaft. Sein Gerichtstalar, mit schönen Goldtressen besetzt, lag auf einem Stuhl daneben. Er warf einen forschenden Blick auf uns, als wir eintraten, aber sein Benehmen war höflich und gütig. Der Herr mit der Perücke legte Akten auf den Tisch, und Seine Lordschaft suchte schweigend ein Heft heraus und blätterte darin. »Miß Clare«, begann der Lordkanzler, »Miß Ada Clare?« Mr. Kenge stellte sie vor, und Seine Lordschaft bat sie, neben ihm Platz zu nehmen. Daß er sie bewunderte und großes Interesse an ihr nahm, konnte sogar ich auf den ersten Blick sehen. Es tat mir weh, daß eine kahle trockene Beamtenstube das Vaterhaus eines so schönen und jungen Geschöpfes sein sollte. Der Lord-Oberkanzler erschien mir trotz seines guten Willens ein armseliger Ersatz für liebende Eltern zu sein. »Der in Frage kommende Jarndyce«, fragte der Lordkanzler, immer noch in dem Hefte blätternd, »ist Jarndyce von Bleakhaus?« »Jarndyce von Bleakhaus, Mylord«, bestätigte Mr. Kenge. »Ein trauriger Name, Mr. Kenge.« »Aber jetzt kein trauriger Ort mehr, Mylord.« »Und Bleakhaus«, sagte Seine Lordschaft, »liegt in –?« »Hertfordshire, Mylord.« »Mr. Jarndyce von Bleakhaus ist unverheiratet?« »Ja, Mylord.« Eine Pause. »Der junge Mr. Richard Carstone ist anwesend?« warf der Lordkanzler einen Blick auf den jungen Mann. Richard verbeugte sich und trat vor. »Hm«, sagte der Lordkanzler und blätterte weiter. »Mr. Jarndyce von Bleakhaus, Mylord«, erklärte Mr. Kenge mit leiser Stimme, »sucht, wenn ich mir erlauben darf, Ew. Lordschaft daran zu erinnern, eine geeignete Gesellschafterin für –« »Für Mr. Richard Carstone?« glaubte ich den Lordkanzler mit einem Lächeln sagen zu hören. »Für Miß Ada Clare! Hier ist die junge Dame! Miß Summerson!« Seine Lordschaft schenkte mir einen freundlich herablassenden Blick und erwiderte meine Verbeugung sehr gnädig. »Miß Summerson ist, glaube ich, mit keiner der Parteien in dieser Sache verwandt?« »Nein, Mylord.« Mr. Kenge beugte sich, ehe er dies sagte, ein wenig vor und flüsterte etwas. Der Kanzler hörte zu, die Augen auf seine Akten geheftet, nickte zwei oder dreimal, blätterte um und blickte mich nicht wieder an, bis wir uns verabschiedeten. Mr. Kenge trat jetzt mit Richard wieder zurück zu mir in die Nähe der Tür und ließ Ada neben dem Lordkanzler sitzen. Seine Lordschaft sprach mit ihr eine Weile allein, fragte sie, wie sie mir später erzählte, ob sie den Schritt, den sie zu tun im Begriffe stehe, sich auch wohl überlegt habe und glaube, sie werde sich bei Mr. Jarndyce von Bleakhaus glücklich fühlen, und weshalb sie das denke. Gleich darauf erhob er sich höflich grüßend und sprach ein paar Minuten lang mit Richard Carstone im Stehen und mit viel mehr Ungeniertheit und weniger Förmlichkeit, als ob er trotz seines Ranges als Lordkanzler immer noch wüßte, wie man den geraden Weg zu dem Herzen eines jungen Mannes findet. »Sehr gut«, sagte er dann laut. »Ich werde das Dekret ausfertigen lassen. Mr. Jarndyce von Bleakhaus hat, soweit ich beurteilen kann«, – er sah mich dabei an – »eine sehr gute Gesellschafterin für die junge Dame gefunden, und das erscheint mir als das beste, was unter den gegebenen Umständen geschehen kann.« Er entließ uns freundlich, und wir alle waren ihm für seine Leutseligkeit und Höflichkeit, durch die er gewiß nichts an Würde verloren, sondern nur gewonnen hatte, sehr verbunden. Als wir in den Säulengang kamen, erinnerte sich Mr. Kenge, daß er noch einmal zurück müsse, um sich nach etwas zu erkundigen, und ließ uns in dem Nebel stehen, wo des Lordkanzlers Wagen und Bediente warteten. »Nun, das wäre überstanden«, sagte Richard Carstone. »Und wo gehen wir jetzt hin, Miß Summerson?« »Wissen Sie es nicht?« »Nicht im mindesten.« »Und Sie auch nicht, liebe Ada?« fragte ich. »Nein, wenn Sie es nicht wissen, Miß Summerson.« »Ich durchaus nicht.« Wir sahen einander an und lachten, daß wir dastanden wie Kinder, die sich im Walde verirrt haben, als eine seltsame kleine Alte mit einem zerdrückten Hut und einem großen Strickbeutel knicksend und lächelnd sich uns mit höchst feierlicher Miene näherte. »Oh«, sagte sie. »Die Mündel in Sachen Jarndyce! Schätze mich sehr glücklich, die Ehre zu haben. Ein gutes Omen für Jugend, Hoffnung und Schönheit, an diesem Ort zusammenzukommen und nicht zu wissen, was daraus werden soll.« »Verrückt!« flüsterte uns Richard zu, in dem Glauben, sie könne es nicht hören. »Sehr richtig! Verrückt, junger Herr!« antwortete die Alte so rasch, daß Richard wie begossen dastand. »Ich war selbst einst ein Mündel. Damals war ich nicht verrückt«, setzte sie mit einer tiefen Verbeugung und einem Lächeln nach jedem kleinen Satz hinzu. »Ich war jung und voll Hoffnung. Ich glaube, ich war auch schön. Darauf kommt es jetzt aber sehr wenig an. Weder Jugend noch Hoffnung noch Schönheit halfen mir etwas. Ich habe die Ehre, den Gerichtssitzungen regelmäßig beizuwohnen. Mit meinen Dokumenten. Ich erwarte ein Urteil. Binnen kurzem. Am Tage des Jüngsten Gerichts. Ich habe entdeckt, daß das sechste Siegel in der Offenbarung das Große Siegel ist. Es ist schon seit langer Zeit geöffnet. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Glück wünsche.« Da Ada etwas erschrocken war, sagte ich, um der armen Alten nicht weh zu tun, daß wir ihr sehr verbunden wären. »Ja-a!« antwortete sie geziert. »Das glaube ich. Und hier kommt 'Konversationskenge'. Mit seinen Dokumenten. Wie geht es Ew. Würden?« »Danke, danke. Aber bitte, belästigen Sie uns nicht, gute Frau«, sagte Mr. Kenge, indem er uns zurückgeleitete. »O gewiß nicht«, entschuldigte sich die arme Alte, neben Ada und mir hergehend. »Will durchaus nicht belästigen. Ich werde beiden Güter schenken; was doch gewiß keine Belästigung ist. Ich erwarte ein Urteil. Am Tage des Jüngsten Gerichts. Ein gutes Omen für Sie. Nehmen Sie meinen Glückwunsch entgegen.« Sie blieb unten an der steilen, breiten Treppe stehen, und als wir uns beim Hinaufgehen umsahen, stand sie immer noch da und sagte immer noch mit einem Knicks und einem Lächeln bei jedem kleinen Satz: »Jugend! Und Hoffnung! Und Schönheit! Und Kanzleigericht! Und Konversationskenge! Ha! Bitte, nehmen Sie meinen Glückwunsch entgegen!« 4. Kapitel Menschenliebe mit dem Fernrohr vor den Augen Wir sollten die Nacht bei Mrs. Jellyby zubringen, sagte uns Mr. Kenge, als wir wieder in seinem Zimmer angekommen waren; und dann wendete er sich zu mir: »Ich setze voraus, daß Sie wissen, wer Mrs. Jellyby ist?« »Nein, ich weiß es wirklich nicht, Sir«, gab ich zur Antwort. »Vielleicht weiß es Mr. Carstone – oder Miß Clare –« Aber nein, auch sie wußten nichts von Mrs. Jellyby. »Wirklich? – Mrs. Jellyby«, erklärte Mr. Kenge, mit dem Rücken zum Kamin gekehrt und die Augen auf den staubigen Fußteppich geheftet, als ob dort Mrs. Jellybys Biographie geschrieben stünde, »ist eine Dame von höchst bemerkenswerter Charakterstärke, die sich ganz den öffentlichen Angelegenheiten widmet. Sie hat sich schon zu verschiedenen Zeiten einer großen Anzahl öffentlicher Fragen zugewendet und ist augenblicklich mit Afrika beschäftigt, in der Absicht, die allgemeine Pflege des Kaffeestrauchs und der Eingebornen und die glückliche Ansiedlung des Überschusses unserer vaterländischen Bevölkerung an den Ufern der afrikanischen Flüsse zu fördern. Mr. Jarndyce, der immer bereit ist, ein Werk, das mit der Zeit Gutes zu schaffen verspricht, zu unterstützen, und Philanthropen sehr hochschätzt, hat, glaube ich, eine sehr hohe Meinung von Mrs. Jellyby.« Mr. Kenge zupfte seine Halsbinde zurecht und sah uns an. »Und Mr. Jellyby, Sir?« fragte Richard. »Oh! Mr. Jellyby ist – hm – ich kann ihn nicht besser beschreiben, als wenn ich sage, er ist der Gatte der Mrs. Jellyby.« »Eine Null, Sir?« fragte Richard mit einem komischen Blick. »Das will ich nicht behaupten«, entgegnete Mr. Kenge ernst, »denn ich weiß gar nichts von Mr. Jellyby. Soviel ich mich erinnern kann, habe ich niemals das Vergnügen gehabt. Er mag ein sehr ausgezeichneter Mann sein, aber er ist sozusagen in den glänzenden Eigenschaften seiner Gattin – verschwunden, rein verschwunden.« Mr. Kenge erklärte uns dann, daß eine Fahrt nach Bleakhaus an einem solchen Abend sehr langweilig und unangenehm sein würde und Mr. Jarndyce, da wir ohnedies heute schon eine Reise hinter uns hätten, selbst dieses Arrangement vorgeschlagen habe. Zeitig am nächsten Morgen sollte uns ein Wagen bei Mrs. Jellyby abholen. Er schellte sodann, und der junge Mann, Guppy hieß er, trat ein. Gefragt, ob mein Gepäck bereits besorgt worden wäre, bejahte er und fügte hinzu, ein Wagen stünde unten für uns bereit. »So bleibt mir nichts weiter übrig«, sagte Mr. Kenge und schüttelte uns die Hände, »als meine lebhafte Befriedigung – guten Tag, Miß Clare – über die heute getroffene Anordnung auszusprechen, sowie meine lebhafte – leben Sie wohl, Miß Summerson! – Hoffnung, daß sie zum Glück, zur Wohlfahrt – sehr erfreut gewesen, Mr. Carstone! – und zum Vorteil für alle Beteiligten in jeder Hinsicht ausschlagen möge. Guppy, Sie fahren mit hin.« »Wo ist 'hin', Mr. Guppy?« fragte Richard, als wir die Treppe hinabgingen. »Es ist ein Katzensprung«, erklärte Mr. Guppy. »Nach Thavies-Inn, Sie wissen.« »Ich könnte nicht sagen, daß ich es wüßte, denn ich komme von Winchester und bin fremd in London.« »Gleich um die Ecke! Wir schneiden die Chancery-Lane in Holborn durch und sind in vier Minuten auf die Sekunde dort. Das ist ein Londoner Echter jetzt, was, Miß?« Mr. Guppy schien sich meinetwegen darüber sehr zu freuen. »Der Nebel ist wirklich furchtbar«, gab ich zu. »Aber er scheint Ihnen nicht zu schaden«, sagte Mr. Guppy und ließ den Wagentritt herunter. »Er scheint Ihnen im Gegenteil gut zu tun, Miß. Nach Ihrem Aussehen zu urteilen.« Ich wußte, es war ein harmloses Kompliment, und lachte mich selbst aus, daß ich darüber rot geworden war. Er warf dann den Wagenschlag zu und setzte sich auf den Bock, und wir lachten alle und scherzten über unsere Unerfahrenheit und die Seltsamkeit Londons, bis wir endlich durch einen Torweg einfuhren und an unserm Bestimmungsort landeten, einer engen Straße mit hohen Häusern, die wie eine längliche Zisterne für den Nebel aussah. Vor dem Hause, an dem wir hielten und an dessen Tür sich eine blind gewordene Messingplatte mit der Inschrift: »Jellyby« befand, stand eine kleine Gruppe Menschen, meistens Kinder. »Erschrecken Sie nicht«, rief Mr. Guppy zum Kutschenfenster herein. »Einer der kleinen Jellybys ist mit dem Kopf im Hausflurgitter stecken geblieben.« »Das arme Kind!« sagte ich. »Bitte, lassen Sie mich hinaus.« »Nehmen Sie sich in acht, Miß! Die kleinen Jellybys sind ein bißchen merkwürdig!« warnte Mr. Guppy. Ich drängte mich zu dem armen Kind, das über die Maßen schmutzig und ganz erhitzt und vor Angst laut schreiend mit dem Kopf zwischen zwei Gitterstäben stak, während ein Milchmann und ein Kirchspieldiener in der besten Absicht sich bemühten, es bei den Beinen wieder herauszuziehen, wahrscheinlich in der Meinung, daß der Kopf sich von selbst der Weite der Öffnung anbequemen würde. Ich beruhigte das Kind, und als ich fand, daß es sehr klein war und nur einen sehr großen Kopf hatte, dachte ich mir, wo der Kopf durchgekommen ist, muß auch der Körper durchgehen, und äußerte, der beste Weg, das Kind herauszubringen, sei, es vorwärts zu schieben. Der Milchmann und der Kirchspieldiener führten mit solchem Eifer meinen Vorschlag aus, daß sie den Kleinen auf der Stelle in das Kellergeschoß geschoben haben würden, wenn ich ihn nicht noch beim Röckchen erwischt hätte. Richard und Mr. Guppy liefen in die Küche hinab, um ihn drinnen in Empfang zu nehmen. Wir erlösten ihn glücklich aus der Klemme, und sein erstes war, daß er mit einem Reifen wie besessen auf Mr. Guppy losschlug. Von den Hausbewohnern hatte sich niemand gezeigt mit Ausnahme einer Person in Pantoffeln, die von unten mit einem Besen nach dem Kinde gestoßen hatte, – zu welchem Zwecke, weiß ich nicht und sie wahrscheinlich ebensowenig. Ich vermutete daher, Mrs. Jellyby sei nicht zu Hause, und war ganz überrascht, als uns die Person in dem Gange ohne Holzschuhe empfing, vor Ada und mir her nach dem rückwärtigen Zimmer des Erdgeschosses ging und anmeldete: »Die beiden jungen Damen sind hier, Missis Jellyby.« Wir kamen unterwegs an mehreren Kindern vorbei, über die man im Finstern zu stolpern kaum vermeiden konnte, und als wir vor Mrs. Jellyby erschienen, fiel eins der armen Kleinen gerade mit großem Lärm die Treppe hinab; eine ganze Stiege, wie es mir klang. Mrs. Jellyby, deren Gesicht nichts von der Unruhe zeigte, die wir nicht verbergen konnten, als wir den Kopf des armen Kindes bei jeder Stufe hohl aufschlagen hörten – Richard sagte uns später, er habe sieben gezählt, den Treppenabsatz nicht mit eingerechnet –, empfing uns mit vollkommenem Gleichmut. Sie war eine hübsche, sehr kleine und wohlbeleibte Frau zwischen vierzig und fünfzig Jahren mit schönen Augen, die immer in weite Ferne zu blicken schienen, als ob sie – mit Richards Worten zu reden – nichts Näheres als Afrika sehen könnten. »Es freut mich außerordentlich«, sagte Mrs. Jellyby mit einer angenehmen Stimme, »das Vergnügen zu haben, Sie bei mir zu sehen. Ich schätze Mr. Jarndyce ungemein, und niemand, an dem er Anteil nimmt, kann mir gleichgültig sein.« Wir drückten unsern Dank aus und setzten uns hinter die Tür auf einen lahmen Invaliden von einem Sofa. Mrs. Jellyby hatte sehr hübsches Haar, war aber von ihren afrikanischen Pflichten zu sehr in Anspruch genommen, um es haben kämmen zu können. Der Schal, der sie lose umhüllte, fiel auf den Stuhl, als sie uns entgegenkam; und als sie sich umdrehte, um ihren Platz wieder einzunehmen, konnte es uns nicht entgehen, daß ihr Kleid hinten offen stand und in der Mitte einen Zwischenraum mit einem Gitterwerk von Korsettschnüren sehen ließ – gleich einer Sommerlaube. Das Zimmer, von einem großen mit einem Wust von Schriften bedeckten Schreibtisch fast ausgefüllt, sah im höchsten Grade schmutzig aus, und der Fußboden war mit Papier belegt. Während alles dies unsern Gesichtssinn angenehm in Anspruch nahm, erquickte unser Ohr wiederum das Geräusch eines draußen die Treppe hinunterkollernden Kindes, dessen Geschrei dann jemand unten in der Küche zu ersticken schien. Was mir am meisten auffiel, war ein abgearbeitet und ungesund aussehendes, wenn auch keineswegs häßliches Mädchen, das am Schreibtisch saß, am Ende seiner Feder kaute und uns anstarrte. So mit Tinte imprägniert ist, glaube ich, noch nie ein Mensch gewesen. Von ihrem wirren Haar angefangen bis zu ihren zierlichen Füßen herunter, die ausgefranste, zerschlissene und hinten niedergetretene Atlasschuhe entstellten, schien sie, von der kleinsten Nadel an, kein Kleidungsstück an sich zu haben, das in gehöriger Ordnung gewesen wäre oder am richtigen Fleck gesessen hätte. »Sie sehen mich wie gewöhnlich sehr beschäftigt«, sagte Mrs. Jellyby und schneuzte die beiden großen, in zinnernen Leuchtern steckenden Kerzen, die einen starken Geruch von warmem Unschlitt im Zimmer verbreiteten. Das Feuer war ausgegangen und im Kamin nichts als Asche, ein Bündel Holz und ein Schüreisen. »Sie finden mich wie gewöhnlich sehr beschäftigt, aber Sie werden das entschuldigen. Das afrikanische Projekt nimmt gegenwärtig meine ganze Zeit in Anspruch. Es hat mich in Briefverkehr mit vielen für das Allgemeinwohl begeisterten öffentlichen Körperschaften und Privatpersonen im ganzen Lande gebracht. Es freut mich, sagen zu können, daß es einen bedeutenden Aufschwung nimmt. Wir hoffen, nächstes Jahr um diese Zeit hundertfünfzig bis zweihundert rüstige Familien mit Kaffeeanbau und der Erziehung der Eingeborenen von Borriobula-Gha am linken Nigerufer beschäftigen zu können.« Da Ada nichts sagte und mich nur hilfesuchend ansah, bemerkte ich, daß das außerordentliche Befriedigung gewähren müsse. »Es gewährt große Befriedigung«, bestätigte Mrs. Jellyby. »Freilich erfordert es die Anspannung aller meiner Kräfte, aber das hat nichts zu sagen; wenn es nur gelingt. Und ich glaube von Tag zu Tag mehr an den Erfolg. Wissen Sie, Miß Summerson, ich wundere mich eigentlich, daß Sie niemals Ihre Blicke auf Afrika gerichtet haben?« Diese Wendung des Gesprächs kam mir so unerwartet, daß ich nicht recht wußte, was darauf antworten. Ich machte die Einwendung, das Klima sei – »Das schönste Klima der Welt«, unterbrach Mrs. Jellyby. »Wirklich, Maam?« »Gewiß! Bei der nötigen Vorsicht. Sie können nach Holborn gehen und überfahren werden, wenn Sie die nötigen Vorsichtsmaßregeln außer acht lassen. Dagegen können Sie nach Holborn gehen und brauchen durchaus nicht, wenn Sie acht geben, überfahren zu werden. Genau so verhält es sich mit Afrika.« Ich sagte: »Natürlich« – ich dachte dabei an Holborn. »Wenn Sie vielleicht über diesen Punkt« – Mrs. Jellyby schob uns einen Stoß Papiere hin – »und über das Thema im allgemeinen nachlesen wollen, während ich einen Brief zu Ende diktiere – hier meiner ältesten Tochter, die mir als Amanuensis dient –« Das Mädchen am Tisch hörte auf, an der Feder zu kauen, und erwiderte unsere Begrüßung mit einer Verbeugung, die halb verschämt, halb trotzig war. »– so werde ich vorderhand fertig sein«, fuhr Mrs. Jellyby mit süßem Lächeln fort, »obgleich meine Arbeit nie zu Ende geht. Wo sind wir stehen geblieben, Caddy?« »– entbietet Mr. Swallow ihre Empfehlungen und bittet –« »– und bittet um Erlaubnis«, diktierte Mrs. Jellyby, »ihn in Beantwortung seiner Anfrage, das afrikanische Projekt betreffend, informieren zu dürfen. – Nein, Peepy! unter keinen Umständen!« Peepy war das unglückliche Kind, das die Treppe hinuntergefallen war und jetzt das Diktat durch sein Erscheinen unterbrach, ein Pflaster auf der Stirn kleben hatte und auf seine verwundeten Knie zeigte, an denen Ada und ich nicht wußten, was wir am meisten bedauern sollten – die Beulen oder den Schmutz. Mrs. Jellyby sagte mit der ihr in allen Lagen eigenen ruhigen Fassung: »Geh hinaus, du Nichtsnutz!« und wendete ihre schönen Augen wieder Afrika zu. Da sie mit ihrem Diktat sogleich wieder fortfuhr und ich sie dadurch nicht störte, wagte ich in aller Stille, den armen Jungen, als er hinausgehen wollte, aufzuhalten und ihn auf den Schoß zu nehmen. Er machte darüber und daß Ada ihn küßte, ein ganz verwundertes Gesicht, schlief aber bald in meinen Armen ein, in immer längeren Zwischenräumen schluchzend, bis er endlich ganz still wurde. Ich war zu sehr mit Peepy beschäftigt, als daß ich auf die Einzelheiten des Briefes hätte acht geben können. Ich empfing nur einen allgemeinen Eindruck von der hohen Wichtigkeit Afrikas im Gegensatz zur Nichtigkeit aller andern Länder und Dinge, daß ich mich wirklich schämte, bisher so wenig darüber nachgedacht zu haben. »Sechs Uhr«, sagte Mrs. Jellyby endlich. »Unsere Speisestunde ist nominell, denn wir speisen zu allen Stunden. Eigentlich um fünf Uhr! Caddy, zeige Miß Clare und Miß Summerson ihre Zimmer. Sie wollen sich vielleicht ein wenig umkleiden? Sie werden mich gewiß entschuldigen, aber ich bin sehr beschäftigt. O das garstige Kind! Bitte, setzen Sie es doch hin, Miß Summerson.« Ich bat um Erlaubnis, den Kleinen bei mir behalten zu dürfen, da er mir gar nicht lästig falle, trug ihn hinauf und legte ihn auf mein Bett. Ada und ich hatten zwei Zimmer im ersten Stock, die durch eine Tür verbunden waren. Sie sahen ungemein kahl und unordentlich aus, und als Gardinenhalter an meinem Fenster diente eine Gabel. »Sie hätten vielleicht gern warmes Wasser?« fragte Miß Jellyby und sah sich vergeblich nach einem Henkelkrug um. »Wenn es keine Umstände macht.« »Ach, daran läge nichts«, entgegnete Miß Jellyby. »Die Frage ist nur, ob welches da ist.« Der Abend war so kalt, und die Zimmer rochen so dumpfig, daß es uns wirklich recht unbehaglich wurde und Ada fast geweint hätte. Wir lachten jedoch bald wieder und waren eifrig mit Auspacken beschäftigt, als Miß Jellyby mit der Nachricht zurückkehrte, sie bedauere sehr, aber warmes Wasser sei nicht zu haben; sie könnte den Teekessel nicht finden und der Waschkessel in der Küche sei zerbrochen. Wir baten sie, sich doch nicht weiter zu inkommodieren, und beeilten uns soviel wie möglich, um wieder hinunter in die geheizte Stube zu kommen. Aber alle kleinen Kinder standen draußen an der Treppe vor der Tür, um das seltene Schauspiel des auf meinem Bette schlafenden Peepy zu genießen, und in einem fort störte uns das beständige Erscheinen von Nasen und Fingern in höchst gefährlichen Lagen zwischen Tür und Angel. Es war unmöglich, auch nur eines der beiden Zimmer zu verschließen, denn mein Türschloß, an dem die Klinke fehlte, sah aus, als wenn es erst mit einem großen Uhrschlüssel aufgezogen werden müßte; und obgleich Ada den Griff an ihrem Schloß mit der größten Leichtigkeit um und um drehen konnte, so übte das doch nicht die geringste Wirkung auf die Tür selbst aus. Deshalb schlug ich den Kindern vor, hereinzukommen und an meinem Tisch recht brav zu sein, und versprach, ihnen die Geschichte vom kleinen Rotkäppchen zu erzählen, während ich mich anzöge. Das taten sie auch und waren so still wie die Mäuschen, mit Einschluß Peepys, der noch zur rechten Zeit erwachte, ehe der Wolf auftrat. Als wir hinuntergingen, sahen wir eine aus einem Trinkbecher mit der Aufschrift »Andenken an den Tunbridge-Brunnen« improvisierte Lampe auf dem Treppenabsatz blaken, und ein Mädchen, das geschwollene Gesicht mit Flanell verbunden, blies das Feuer im »Salon«, der mit Mrs. Jellybys Zimmer durch eine jetzt offene Tür in Verbindung stand, an und erstickte fast dabei. Der Kamin rauchte dermaßen, daß wir eine halbe Stunde lang hustend und tränenden Auges am offenen Fenster sitzen mußten, während Mrs. Jellyby mit unerschütterlich freundlichem Gleichmut Briefe über Afrika diktierte. Es war ganz gut, daß sie so beschäftigt war, denn Richard erzählte uns unterdessen, daß er sich die Hände in einer Pastetenschüssel habe waschen müssen und daß sie den so emsig gesuchten Teekessel endlich auf seinem Toilettentisch gefunden hätten; und darüber mußte Ada so lachen, daß auch ich mich nicht mehr zurückhalten konnte. Kurz nach sieben Uhr gingen wir hinunter zum Essen, vorsichtig auf Miß Jellybys Rat, denn die Treppenteppiche saßen nicht fest und waren so zerrissen, daß sie die reinsten Fußangeln bildeten. Wir hatten einen schönen Schellfisch, Roastbeef, Koteletten und einen Pudding; ein vortreffliches Diner, wenn nicht alles fast roh gewesen wäre. Das Mädchen mit dem verbundenen Gesicht bediente und ließ alles auf den Tisch fallen, wo es gerade hinfiel, und rührte es nicht eher wieder an, bis sie es am Schluß auf die Treppe setzte. Die Person mit den Pantoffeln – wahrscheinlich die Köchin – erschien ebenfalls häufig und focht mit dem Mädchen an der Tür Scharmützel aus; und es schien ein großer Haß zwischen beiden zu herrschen. Während des ganzen Mahles, das sehr lange dauerte, weil sich unvorhergesehene Zwischenfälle ereigneten, wie zum Beispiel, daß die Schüssel mit den Kartoffeln irrtümlich im Kohlenkasten abgesetzt und vergessen worden war und der Griff des Korkziehers abging und dem Dienstmädchen an das Kinn flog, behielt Mrs. Jellyby ihren Gleichmut unbeirrbar bei. Sie erzählte uns viel Interessantes von Borriobula-Gha und den Eingeborenen und nahm selbst bei Tisch so viele Briefe in Empfang, daß Richard, der neben ihr saß, vier Kuverts auf einmal in der Bratensauce schwimmen gesehen haben wollte. Einige der Briefe enthielten Berichte von Damenkomitees oder Beschlüsse von Frauenversammlungen, die sie uns vorlas, – andere Anfragen von Leuten, deren Leidenschaften über gewisse, die Pflege des Kaffeestrauchs und der Eingebornen betreffende Fragen heftig erregt waren; wieder andere verlangten umgehend Antwort, und um diese auf der Stelle geben zu können, schickte Mrs. Jellyby ihre älteste Tochter drei oder vier Mal vom Essen weg zum Schreibtisch. Sie hatte unendlich viel zu tun und ging ohne Zweifel, wie sie uns gesagt hatte, in der Sache ganz auf. Ich hätte gerne gewußt, wer der sanfte bebrillte Herr mit einer Glatze sein könnte, der sich auf einen freien Stuhl setzte, als der Fisch weggenommen war, ruhig und widerstandslos Borriobula-Gha über sich ergehen ließ, aber selbst nicht Farbe bekannte. Da er nicht ein Sterbenswörtchen sprach, hätte man ihn für einen Eingeborenen halten können, aber dem stand seine Gesichtsfarbe im Wege. Erst als wir vom Tisch aufstanden und er allein mit Richard zurückblieb, fiel mir die Möglichkeit ein, es könne Mr. Jellyby sein. Es war wirklich Mr. Jellyby. Ein geschwätziger junger Mann namens Mr. Quale, mit großen, glänzenden Beulen anstatt Schläfen und zurückgebürstetem Haar, der abends zu Besuch kam, erklärte Ada, er sei Philantrop, und nannte das Ehebündnis zwischen Mrs. und Mr. Jellyby die Vereinigung von Geist und Stoff. Dieser junge Mann wußte viel von Afrika und seinem Plane, die Kaffeeansiedler zu lehren, die Eingebornen im Drechseln von Pianofortebeinen zu unterrichten und damit einen Exporthandel zu treiben, zu erzählen. Es bereitete ihm ein besonderes Vergnügen, Mrs. Jellyby von sich sprechen zu machen, indem er sie z. B. fragte: »Ich glaube wirklich, Mrs. Jellyby, Sie haben schon an einem Tage hundertfünfzig bis zweihundert Briefe über Afrika empfangen, nicht wahr?« Oder: »Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, Mrs. Jellyby, so erwähnten Sie einmal, Sie hätten einmal fünftausend Zirkulare auf einen Sitz abgeschickt.« Mrs. Jellybys Antwort wiederholte er dann wie ein Dolmetscher stets noch einmal. Den ganzen Abend saß Mr. Jellyby in einer Ecke, den Kopf gegen die Wand gelehnt, als ob er sehr niedergeschlagen wäre. Er habe mehrere Male den Mund geöffnet, erzählte uns Richard, als er mit dem Essen mit ihm allein gewesen, als hätte er etwas auf dem Herzen, aber jedes Mal habe er ihn zu Richards großer Verwirrung wortlos wieder zugemacht. Mrs. Jellyby, in einem wahren Nest umhergestreuter Papiere sitzend, trank den ganzen Abend Kaffee und diktierte zwischendurch ihrer ältesten Tochter. Sie hatte auch eine Disputation mit Mr. Quale, die sich, soweit ich verstehen konnte, über die allgemeine Verbrüderung der Menschheit drehte, und gab einige wunderschöne Sentenzen zum besten. Ich war keine so aufmerksame Zuhörerin, als ich hätte wünschen mögen, denn Peepy und die andern Kinder drängten sich in einer Ecke des Zimmers um Ada und mich und baten, wir möchten ihnen noch eine Geschichte erzählen. So setzten wir uns denn unter sie und erzählten ihnen flüsternd das Märchen vom gestiefelten Kater und ich weiß nicht, was sonst noch, bis sich Mrs. Jellyby ihrer zufällig erinnerte und sie zu Bett schickte. Da Peepy zu weinen anfing und nur von mir zu Bett gebracht werden wollte, so trug ich ihn hinauf, wo das Dienstmädchen mit dem verbundenen Gesicht wie ein Drache unter die kleine Schar fuhr und sie in ihre Krippen jagte. Nachher bemühte ich mich, unser Zimmer ein bißchen hübsch zu machen und ein recht eigensinniges Feuer, das man im Kamin angezündet hatte, zum Brennen zu überreden, bis es schließlich wirklich hell aufloderte. Als ich wieder herunterkam, bemerkte ich, daß Mrs. Jellyby mich etwas geringschätzig ansah, offenbar, weil ich so unbedeutend war. Es war fast Mitternacht, ehe wir Gelegenheit fanden, zu Bett zu gehen, und selbst da blieb Mrs. Jellyby noch unter ihren Papieren und trank Kaffee, und ihre Tochter kaute an der Feder. »Ein merkwürdiges Haus«, meinte Ada, als wir oben waren. »Wie seltsam von meinem Vetter Jarndyce, uns hierher zu schicken.« »Liebe Ada«, sagte ich, »ich bin auch ganz verwirrt. Ich möchte gern daraus klug werden, aber es will mir nicht gelingen.« »Woraus?« fragte Ada mit ihrem reizenden Lächeln. »Aus alldem, was wir hier sehen. Es ist gewiß sehr verdienstlich von Mrs. Jellyby, sich soviel Mühe zum besten der Eingebornen zu geben – und doch – Peepy und überhaupt der Haushalt!« Ada lachte und schlang ihren Arm um meinen Nacken, als ich vor dem Feuer stand und hineinblickte, sagte mir, ich sei ein stilles, gutes Wesen und hätte ihr Herz gewonnen. »Sie denken an alles, Esther«, sagte sie, »und sind doch so heiter. Und Sie legen überall Hand an, und so anspruchslos! Sie würden selbst dieses Haus wohnlich und gemütlich machen.« Das einfache liebe Geschöpf! Sie war sich so gar nicht bewußt, daß sie nur sich selbst pries und vor lauter Herzensgüte soviel aus mir machte. »Darf ich Sie etwas fragen, Ada?« sagte ich, als wir eine kleine Weile vor dem Feuer gesessen hatten. »Aber soviel Sie wollen!« »Wegen Ihres Vetters Mr. Jarndyce. Ich verdanke ihm soviel! Möchten Sie ihn mir nicht beschreiben.« Ada schüttelte ihr blondes Haar aus dem Gesicht und sah mich so verwundert lachend an, daß ich selbst ganz erstaunt war – zum Teil über ihre Schönheit, zum Teil über ihre Überraschung. »Esther!« rief sie. »Liebe Ada?« »Ich soll Ihnen meinen Vetter Jarndyce beschreiben?« »Nun ja, ich habe ihn niemals gesehen.« »Aber ich doch auch nicht«, lachte Ada. »Das ist aber merkwürdig!« Nein, sie hatte ihn wirklich niemals gesehen. So jung sie gewesen war, als sie eine Waise wurde, erinnerte sie sich doch, daß ihrer Mutter jedes Mal die Tränen in die Augen traten, wenn sie von ihm und der Hochherzigkeit seines Charakters sprach, auf die man mehr als auf alles andre in der Welt vertrauen könne. Deshalb hielt Ada auf ihren Vetter Jarndyce große Stücke. Er hätte ihr vor einigen Monaten geschrieben, erzählte sie, einen einfachen, ehrlichen Brief, in dem er ihr das jetzt zustande gekommene Arrangement vorschlug und ihr sagte, »daß sie mit der Zeit einige der Wunden heilen könnte, die der unselige Kanzleigerichtsprozeß geschlagen habe«. Sie hatte den Vorschlag dankbar angenommen, ebenso wie Richard, der einen ähnlichen Brief erhalten. Richard hatte Mr. Jarndyce einmal gesehen. Aber nur ein einziges Mal vor fünf Jahren in Winchester in der Schule. Er erinnere sich seiner als eines »derben, blühenden Gesellen«, mehr konnte er Ada nicht sagen. Ich machte mir darüber soviel Gedanken, daß ich noch vor dem Feuer sitzen blieb, als Ada schlafen gegangen war, und mir allerlei seltsame Vorstellungen von Bleakhaus machte. Wie weit alles seit gestern morgen in der Vergangenheit zurückzuliegen schien! Ich weiß nicht, wohin meine Gedanken noch abgeschweift wären, hätte mich nicht ein Klopfen an der Tür geweckt. Ich öffnete leise und sah Miß Jellyby fröstelnd draußen stehen, eine geknickte Kerze in einem zerbrochnen Leuchter in der einen Hand und einen Eierbecher in der andern. »Gute Nacht«, sagte sie höchst mißgelaunt. »Gute Nacht!« »Darf ich hereinkommen?« fragte sie kurz und unvermittelt in demselben übelgelaunten Ton. »Gewiß. Wecken Sie nur Miß Clare nicht auf!« Sie wollte nicht Platz nehmen, sondern blieb am Feuer stehen, tauchte ihren Tintenbeklecksten Mittelfinger in den Eierbecher, in dem sich Essig befand, und bestrich sich damit die Tintenflecke in ihrem Gesicht. Sie runzelte dabei die Stirn und sah sehr böse drein. »Ich wollte, Afrika wäre tot«, sagte sie auf einmal. Ich wollte einige Einwendungen machen. »Ja, das ist mein Wunsch«, sagte sie. »Reden Sie nichts, Miß Summerson. Ich hasse und verabscheue es. Es ist eine Viecherei.« Ich tröstete, sie sei müde, und bedauerte sie. Ich legte die Hand auf ihre Stirn und sagte, sie sei jetzt heiß, werde aber morgen gewiß wieder kühler geworden sein. Sie stand immer noch grollend und stirnrunzelnd vor mir, dann setzte sie den Eierbecher hin und wendete sich leise nach dem Bett, wo Ada schlummerte. »Sie ist sehr hübsch«, sagte sie mit demselben bösen Gesicht und in ihrer barschen Weise. Ich nickte lächelnd. »Eine Waise, nicht wahr?« »Ja.« »Weiß aber wahrscheinlich sehr viel? Kann tanzen, Klavier spielen und singen? Französisch und Geographie und den Globus und nähen und alles mögliche?« »Jedenfalls.« »Ich kann es nicht. Ich kann kaum etwas anderes als schreiben. Ich schreibe in einem fort für Mama. Mich wundert nur, daß ihr euch beide nicht geschämt habt, heute nachmittag hereinzukommen, wo ihr gesehen habt, daß ich weiter nichts kann. Das sieht eurer Bosheit ähnlich. Ihr haltet euch natürlich für sehr feine Damen!« Ich konnte sehen, daß das arme Mädchen das Weinen ankam, und setzte mich, ohne ein Wort zu entgegnen, wieder auf meinen Stuhl und sah sie so sanft ich konnte an. »Es ist eine Schmach«, fuhr sie fort. »Sie wissen es ganz gut. Das ganze Haus ist eine Schmach. Die Kinder sind eine Schmach. Papa ist unglücklich, und es ist kein Wunder. Priscilla trinkt – trinkt unaufhörlich. Es ist eine wahre Schande und eine Erfindung, wenn Sie sagen würden, Sie hätten es heute nicht gerochen. Wie sie heute bei Tisch bediente, roch es wie in einer Schenke; Sie wissen das ganz gut.« »Mein liebes Kind, ich weiß es nicht.« »Sie wissen es!« wies sie mich kurz ab. »Sie sollen nicht sagen, Sie wüßten es nicht. Sie wissen es ja doch.« »Aber liebes Kind, wenn Sie mich nicht sprechen lassen wollen –« »Aber Sie sprechen doch jetzt. Oder nicht? Erzählen Sie mir keine Geschichten, Miß Summerson!« »Liebes Kind, wenn Sie mich nicht anhören wollen –« »Ich brauche Sie nicht anzuhören.« »O doch! Sie sollten es wenigstens tun! Ich kann doch das nicht wissen, was Sie vorhin von dem Mädchen sagten, denn es kam bei Tisch gar nicht in meine Nähe; übrigens bezweifle ich gar nicht, was Sie mir sagen, und es tut mir leid, es zu hören.« »Sie brauchen sich kein Verdienst daraus zu machen.« »Gewiß nicht, liebes Kind«, sagte ich. »Das wäre sehr töricht von mir.« Das Mädchen stand immer noch neben dem Bett und beugte sich jetzt nieder, immer noch mit demselben unzufriedenen Gesicht, und küßte Ada. Dann kam sie leise wieder zurück und stellte sich neben meinen Stuhl. Ihre Brust hob sich krampfhaft; ich bemitleidete sie sehr, hielt es aber für besser, zu schweigen. »Ich wollte, ich wäre tot«, brach sie endlich los. »Ich wollte, wir wären alle tot. Es wäre viel besser für uns.« Im nächsten Augenblick kniete sie vor mir auf dem Fußboden, verbarg ihr Gesicht in meinem Kleid, bat mich leidenschaftlich um Verzeihung und weinte. Ich tröstete sie und wollte sie aufheben. Aber sie rief: »Nein, nein!« und duldete es nicht. »Sie haben Mädchen unterrichtet«, schluchzte sie. »Wenn Sie mir hätten Unterricht geben können, hätte ich von Ihnen lernen können! Ich bin so unglücklich und liebe Sie so sehr!« Ich konnte sie nicht überreden, sich neben mich zu setzen. Das einzige war, daß sie sich einen Schemel nahm und sich darauf kniete, immer noch dabei mein Kleid festhaltend. Allmählich schlief das arme, müde Mädchen ein, und ich hob leise ihren Kopf in die Höhe, daß er auf meinem Schoße zu ruhen kam, und deckte uns beide mit Schals zu. Das Feuer ging aus, und die ganze Nacht schlummerte sie so vor dem erkaltenden Kamin. Anfangs konnte ich nicht einschlafen und versuchte vergeblich, mich mit geschlossenen Augen in den Szenen des Tages zu verlieren. Langsam, sehr langsam wurden sie undeutlich und verwirrt. Ich fing an, über die Identität der auf meinem Schoße Schlummernden unklare Vorstellungen zu bekommen. Jetzt war es Ada, denn wieder eine meiner alten Freundinnen aus Reading, und es kam mir unglaubhaft vor, daß sie vor so kurzer Zeit erst Abschied von mir genommen hätten. Dann war es die kleine verrückte Alte, müde vom Knicksen und Lächeln; dann wieder eine Autoritätsperson in Bleakhaus. Zuletzt war es niemand, und auch ich war niemand. Der stockblinde Tag kämpfte mühsam mit dem Nebel, als ich die Augen öffnete und dem starr auf mich gehefteten Blick eines schmutzigen kleinen Gespenstes begegnete. Peepy war aus seinem Bettchen gestiegen und in seinem Nachtjäckchen und Mützchen zu mir gekrochen und fror so sehr, daß ihm die Zähne klapperten. 5. Kapitel Ein Morgenabenteuer Obgleich der Morgen rauh war und der Nebel immer noch dicht zu sein schien – ich sage 'schien' – denn die Fensterscheiben waren so mit Schmutz überzogen, daß der hellste Sonnenschein durch sie trübe ausgesehen hätte –, konnte ich mir doch das Unbehagliche eines Morgens in diesem Hause zu deutlich vorstellen und war zu neugierig auf London, um den Vorschlag Miß Jellybys, einen Spaziergang zu machen, nicht für einen guten Gedanken zu halten. »Mama wird so bald nicht herunterkommen«, sagte sie, »und dann wird möglicherweise das Frühstück eine Stunde später fertig. Sie trödeln so. Pa nimmt, was er kriegen kann, und geht dann ins Bureau. Ein ordentliches Frühstück hat er in seinem Leben noch nicht gehabt. Priscilla läßt ihm am Abend vorher Brot und Milch draußen, wenn welche da ist. Manchmal ist keine da, und manchmal säuft sie die Katze. Aber ich fürchte, Sie werden müde sein, Miß Summerson, und möchten sich vielleicht lieber ins Bett legen.« »Ich bin durchaus nicht müde, liebes Kind, und würde viel lieber ausgehen.« »Wenn Sie wirklich Lust haben«, sagte Miß Jellyby, »will ich mich anziehen.« Ada erklärte sich ebenfalls bereit mitzugehen und war bald fertig. Peepy machte ich den Vorschlag, ich wolle ihn waschen – da ich nichts Besseres für ihn tun konnte – und ihn dann wieder in mein Bett legen. Er ließ sich das mit der besten Miene, die man von ihm erwarten konnte, gefallen und glotzte mich während der ganzen Prozedur an, als wäre er in seinem ganzen Leben noch nie so erstaunt gewesen. Er sah dabei recht weinerlich aus, war aber ganz still und fiel sogleich in tiefen Schlaf, als alles vorbei war. Anfangs hatte ich so meine Bedenken, ob ich mir solche Freiheiten herausnehmen dürfe, aber dann fiel mir ein, daß niemand im Hause es bemerken würde. Das Kind zu waschen, mich anzuziehen und Ada zu helfen, machte mich bald ziemlich warm. Miß Jellyby fanden wir am Kamin im Schreibzimmer stehen, wo Priscilla mit einem rußigen Talglicht ein Feuer anzuzünden bemüht war. Damit es besser brenne, warf sie schließlich die Kerze hinein. Alles lag noch so da, wie wir es am Abend verlassen hatten, und sollte offenbar immer so bleiben. Unten war das Tischtuch nicht weggenommen, sondern für das Frühstück liegen geblieben. Krumen, Staub und zerknülltes Papier lagen überall im Hause herum. Ein paar blecherne Bierkrüge und eine Milchkanne hingen auf dem Hofgitter. Die Türe stand offen, und wir begegneten der Köchin an der nächsten Ecke, wie sie gerade aus einer Schenke kam und sich den Mund wischte. Sie sagte uns im Vorbeigehen, sie habe nachgesehen, wie spät es sei. Vorher trafen wir noch Richard, der Thavies Inn auf und ab tanzte, um sich die Füße zu wärmen. Unser frühzeitiges Erscheinen überraschte ihn höchst angenehm, und er schloß sich mit großer Freude unserm Spaziergang an. So nahm er Ada unter seine Obhut, und Miß Jellyby und ich gingen voraus. Miß Jellyby hatte wieder ihr mißgelauntes Wesen angenommen, und ich würde ihr nicht geglaubt haben, daß sie mich so gerne habe, wenn sie es mir nicht wiederholt gesagt hätte. »Wohin wollen wir gehen?« fragte sie. »Irgendwohin, liebes Kind.« »Irgendwohin heißt nirgendshin«, sagte sie und machte störrisch halt. »Nun, so machen Sie selbst einen Vorschlag!« Sie fing darauf an, sehr rasch zu gehen. »Mir ist alles gleich«, rief sie aus. »Sie haben es gehört, Miß Summerson, ich sage, mir ist alles gleich – aber wenn er auch mit seiner glänzenden buckligen Stirn jeden Abend zu uns käme, bis er so alt wäre wie Methusalem, würde ich kein Wort mit ihm sprechen. Zu was für Eseln er und Mama sich machen!« »Aber Kind«, mußte ich sagen, »Ihre Pflicht als Tochter –« »Ach, sprechen Sie mir nicht von Kindespflicht, Miß Summerson; erfüllt Mama vielleicht ihre Mutterpflicht? Immerfort Afrika und Öffentlichkeit! Soll Afrika und die Öffentlichkeit Kindespflicht an den Tag legen; sie haben mehr damit zu tun als ich! Das empört Sie wahrscheinlich! Nun, mich empört's auch; so empört uns die Sache beide, und damit Schluß.« Sie führte mich noch schneller die Straße entlang. »Aber trotz alledem, ich sage noch einmal, mag er kommen und kommen und wieder kommen, ich habe mit ihm nichts zu schaffen. Ich kann ihn nicht ausstehen. Wenn ich etwas auf der Welt hasse und verabscheue, so ist es das Zeug, was er und Mama miteinander schwatzen. Ich wundere mich nur, daß die Pflastersteine vor unserm Haus Geduld haben, dort zu bleiben und Zeuge zu sein von solchen Widersprüchen und all dem hohltönenden Unsinn und von Mamas Wirtschaft.« Sie konnte natürlich nur Mr. Quale meinen, den jungen Herrn, der gestern nach dem Essen erschienen war. Aus der unangenehmen Lage, mehr über dieses Thema hören zu müssen, retteten mich Richard und Ada, indem sie uns jetzt in scharfem Schritt nachkamen und lachend fragten, ob wir einen Wettlauf veranstalten wollten. So unterbrochen, wurde Miß Jellyby still und ging mürrisch neben mir her, während ich den häufigen Szenenwechsel und die Verschiedenartigkeit der Straßen bewunderte und die vielen schon so früh umhereilenden Leute, die Menge Wagen, die Geschäftigkeit beim Auskehren der Läden und beim Arrangieren der Auslagen und die seltsamen zerlumpten Gestalten, die verstohlen im Kehricht nach Nadeln und anderm Abfall wühlten, anstaunte. »Schauen Sie nur, Kusine«, sagte hinter mir Richards heitere Stimme zu Ada, »es scheint, als sollten wir gar nicht aus dem Kanzleigericht herauskommen! Wir sind auf einem andern Weg wieder zu dem Ort unseres gestrigen Zusammentreffens gekommen und – beim Großen Siegel –da steht schon wieder die alte Frau!« Und wirklich, da stand sie, unmittelbar vor uns, knicksend und lächelnd, und sagte mit ihrer gestrigen Gönnermiene: »Die Mündel in Sachen Jarndyce! Schätze mich unendlich glücklich!« »Sie stehen zeitig auf, Maam«, sagte ich, als sie mir ihren Knicks machte. »Ja-a! Ich gehe gewöhnlich hier früh spazieren! Ehe die Sitzung anfängt. Es ist so still hier. Ich sammle hier meine Gedanken für die Geschäfte des Tages«, schwätzte die Alte geziert. »Das Geschäft verlangt sehr viel Überlegung. Dem Kanzleigerichtsrecht zu folgen, ist unendlich schwer.« »Wer ist das, Miß Summerson?« fragte mich flüsternd Miß Jellyby und drückte meinen Arm fester an sich. Das Gehör der kleinen Alten war merkwürdig scharf. Sie antwortete auf der Stelle selbst. »Eine Prozessierende, mein Kind. Zu dienen. Ich habe die Ehre, den Gerichtssitzungen regelmäßig beizuwohnen. Mit meinen Dokumenten. Habe ich die Ehre, mit noch einer der jungen Parteien in Sachen Jarndyce zu sprechen?« fragte sie und richtete sich, den Kopf auf die Seite geneigt, von einem sehr tiefen Knicks wieder auf. Richard, der seinen gestrigen Verstoß wieder gut machen wollte, setzte mit großer Gutmütigkeit auseinander, daß Miß Jellyby mit dem Prozeß nichts zu tun habe. »So, so! Sie erwartet also kein Urteil? Sie wird aber doch alt werden. Aber nicht so alt. O Gott nein. Das ist der Garten von Lincoln's-Inn. Ich nenne ihn meinen Garten. Er ist ein wahres Paradies im Sommer. Wo die Vögel melodisch singen. Ich verbringe die größte Zeit der langen Gerichtsferien hier. In Betrachtung. Die großen Ferien kommen Ihnen wohl auch außerordentlich lang vor?« – Wir sagten ja, da sie es zu erwarten schien. – »Wenn die Blätter von den Bäumen fallen und keine Blumen mehr blühen, um zu Sträußen für den Gerichtshof des Lordkanzlers gebunden zu werden, dann sind die Ferien um, und das sechste Siegel, von dem in der Offenbarung die Rede ist, kommt wieder hervor. Bitte, kommen Sie mit und sehen Sie sich meine Wohnung an. Es wäre ein gutes Omen für mich! Jugend und Hoffnung und Schönheit kommen sehr selten hin. Seit langer, langer Zeit haben sie mich nicht besucht.« Sie hielt mich bei der Hand gefaßt und zog mich und Miß Jellyby vorwärts, während sie Richard und Ada winkte, nachzukommen. Ich fand keine Ausflucht und blickte hilfesuchend auf Richard. Da ihm die Sache Spaß machte und seine Neugierde erregte und ihm ebenfalls nichts einfiel, wie er die Alte loswerden könnte, ohne sie zu beleidigen, so führte sie uns unbehindert weiter, und er und Ada folgten uns. Ununterbrochen versicherte uns diese seltsame Führerin mit lächelnder Herablassung, daß sie ganz in der Nähe wohne. Das stimmte. Sie wohnte in so unmittelbarer Nähe, daß wir gar keine Zeit gehabt hätten, uns zu sträuben, und schon in wenigen Augenblicken vor ihrer Wohnung standen. Sie führte uns durch ein kleines Seitenpförtchen in eine schmale Nebengasse, die zu Lincoln's-Inn gehörte, blieb plötzlich stehen und sagte: »Hier wohne ich. Bitte, treten Sie ein.« Wir hielten vor einem Laden, über dem geschrieben stand: Krook: Hadern- und Flaschenlager darunter in langen dünnen Buchstaben: Krook: Lager von Kram aller Art In einem Fenster hing das Bild einer roten Papiermühle, vor der aus einem Wagen Säcke mit Hadern abgeladen wurden. Auf einer andern Scheibe stand: Ankauf von Knochen auf einer dritten: Ankauf von Küchenabfall auf einer vierten: Ankauf von altem Eisen auf einer fünften: Ankauf von altem Papier auf einer sechsten: Ankauf von Herren- und Damenkleidern Alles schien hier gekauft und nichts verkauft zu werden. Die Auslage war voll von schmutzigen Flaschen aller Art: Wichsflaschen, Medizin-, Ingwerbier- und Sodawasserflaschen, Einmachgläsern, Wein- und Tintenkrügen. Besonders letztere verliehen dem Laden das Aussehen, zumal er in der Nachbarschaft eines Gerichts sich befand, als ob er gewissermaßen ein schmieriger Schmarotzer oder verstoßener Verwandter des Gesetzes sei. Ihre Zahl war sehr groß. Vor der Tür stand eine kleine, wacklige Bank mit modrigen alten Bänden darauf und einem Zettel: Juristische Bücher, 9 d das Stück Von den erwähnten Inschriften waren mehrere mit einer Kanzlistenhand geschrieben, ähnlich den Akten, die ich in der Kanzlei von Kenge \& Carboy gesehen, und den Briefen, die ich während so langer Zeit empfangen hatte. Mitten unter ihnen prangte ein Zettel von der gleichen Handschrift, der aber nichts mit dem Geschäfte zu tun hatte, sondern meldete, daß ein anständiger Mann von fünfundvierzig Jahren sich zum reinlichen und pünktlichen Abschreiben juristischer und anderer Schriften empfehle: Adresse: Nemo, abzugeben bei Mr. Krook, hierselbst. Auch einige alte Advokatentaschen, blaue und rote, hingen herum. Nicht weit von der Tür lagen im Laden auf dem Fußboden Haufen von alten zerknitterten Pergamentrollen und vergilbten Akten mit großen Eselsohren. Die rostigen Schlüssel, die als altes Eisen zu Hunderten übereinander gehäuft waren, mochten wohl früher dazu bestimmt gewesen sein, die Zimmer oder die Akten- und Geldschränke von Kanzleien abzuschließen. Dicke Lumpenbündel, halb aus einer einbeinigen hölzernen Waagschale, die ohne Gegengewicht von einem Balken herabbaumelte, heraushängend, schienen aus zerrissenen Talaren von Anwälten zu bestehen, man brauchte sich nur noch einzubilden, wie Richard Ada und mir zuflüsterte, als wir in der Türe standen, daß der Haufen abgenagter Knochen in der Ecke aus Klientengebeinen bestünde, und das Bild wäre vollständig gewesen. Da es immer noch neblig und dunkel war und außerdem die nur wenige Schritte entfernte Mauer von Lincoln's-Inn das Licht absperrte, würden wir wenig gesehen haben, wenn sich nicht ein alter Mann mit Brille und Pelzmütze im Laden mit einer brennenden Laterne herumbewegt hätte. Er wendete sich zufällig nach der Tür und erblickte uns. Er war klein, leichenhaft und verwittert; der Kopf stak ihm schief zwischen den Schultern, und wie der Atem als sichtbarer Dampf aus seinem Munde kam, sah der Mann aus, als ob er inwendig brenne. Hals, Kinn und Augenbrauen waren so bereift mit weißen Haaren und so runzlig von Adern und Hautfalten, daß er aussah wie eine alte überschneite Wurzel. »Hihi«, sagte der Alte und trat in die Tür. »Haben Sie etwas zu verkaufen?« Wir wichen natürlich einen Schritt zurück und sahen unsere Führerin an, die sich bemühte, das Haustor mit einem Schlüssel zu öffnen, nach dem sie lange in der Tasche herumgesucht hatte. Richard sagte zu ihr, wir wollten uns, zumal wir nicht viel Zeit hätten, verabschieden, da wir ihre Wohnung jetzt wüßten. Aber so leichten Kaufes war von ihr nicht loszukommen. Sie benahm sich so phantastisch und bat so ernst und dringend, mit ihr hinaufzukommen und nur einen Augenblick ihre Behausung anzusehen, beharrte in ihrer harmlosen Weise so hartnäckig darauf, besonders mich als gutes Omen hineinzuführen, daß ich ihr gewähren mußte, ohne erst die andern fragen zu können. Wahrscheinlich waren wir alle mehr oder weniger neugierig; – jedenfalls wurden wir es, als der alte Mann sie mit seinen Überredungskünsten unterstützte und uns zuredete: »Ja, ja! Tun Sie ihr doch den Gefallen! Kostet höchstens eine Minute! Nur herein, nur herein! Kommen Sie durch den Laden, wenn die andere Tür nicht aufzuschließen geht.« Wir traten daher alle, ermutigt durch Richards fröhliche Laune und auf seinen Schutz vertrauend, ein. »Mein Hauswirt Krook«, stellte die kleine Alte mit großer Herablassung den Ladeninhaber vor. »Seine Nachbarn nennen ihn den Lordkanzler. Sein Laden heißt: Der Kanzleigerichtshof. Ein sehr exzentrischer Mann. Kurioser Kauz. Ich versichere Ihnen, er ist sehr sonderbar.« Sie nickte wiederholt und deutete mit dem Finger auf die Stirn, um auszudrücken, daß wir ihm etwas zugute halten müßten. »Er ist ein klein wenig – Sie wissen schon – ver –«, sagte sie mit gnädiger Herablassung. Der Alte überhörte es scheinbar und lachte. »Es ist schon wahr«, sagte er, als er uns mit der Laterne vorausleuchtete, »daß sie mich den 'Lordkanzler' und meinen Laden 'Das Kanzleigericht' nennen. Aber warum glauben Sie wohl, nennen sie mich den 'Lordkanzler' und meinen Laden 'Das Kanzleigericht?'« »Ich weiß nicht«, erwiderte Richard ziemlich gleichgültig. »Sie müssen wissen«, der Alte blieb stehen und drehte sich um, »daß sie... Hi! Ist das aber ein schönes Haar! Ich habe drei Säcke voll Frauenhaar unten im Keller, aber keins ist so schön und weich wie dieses. Was für eine Farbe, und die Geschmeidigkeit!« »Ich dächte, lieber Freund«, sagte Richard, es höchlichst mißbilligend, daß der Alte eine von Adas Locken durch seine gelbe Hand gleiten ließ, »Sie könnten es bewundern, wie wir andern, ohne sich diese Freiheit zu nehmen.« Mr. Krook schoß einen so scharfen Blick auf ihn, daß es sogar meine Aufmerksamkeit von Ada ablenkte, die erschrocken und errötend so merkwürdig schön aussah, daß sie selbst die ruhelosen Augen der kleinen Alten zu fesseln schien, – aber da Ada sich einmischte und lachend sagte, sie könne auf eine so ungeschminkte Bewunderung nur stolz sein, beruhigte sich Mr. Krook schnell wieder. »Sie sehen, ich habe soviel Sachen hier«, fuhr er fort und leuchtete mit der Laterne herum, »so vielerlei, – und alles, wie die Nachbarn, die es nicht verstehen, meinen, nur zum Vermodern, daß man mich und meinen Laden deshalb so getauft hat. Ich habe viele alte Pergamente und Papiere in meinem Lager und eine Vorliebe für Rost und Moder und Spinnweben. Alles, was Fisch ist, geht mir ins Netz. Und es ist mir ganz unmöglich, etwas wieder herauszugeben, was ich einmal habe – so denken wenigstens meine Nachbarn, aber was verstehen die davon –, oder etwas zu ändern, rein machen oder fegen oder ausbessern zu lassen. Dadurch habe ich den Spitznamen 'Kanzleigericht' bekommen. Mir ist das einerlei. Ich besuche meinen vornehmen und gelehrten Kollegen so ziemlich jeden Tag, wenn er im Gericht Sitzung hat. Er beachtet mich nicht, aber ich beachte ihn. Der Unterschied zwischen uns ist nicht groß. Wir wühlen beide in altem Plunder. Hi, Lady Jane!« Eine große, graue Katze sprang von einem nahen Brett auf seine Achsel und erschreckte uns alle. »Hi! Zeig ihnen, wie du kratzen kannst. Hi! Kratz, Lady Jane!« Die Katze sprang auf den Boden und hakte ihre tigerartigen Krallen in ein Bündel Hadern. Es gab einen Ton, der mir durch Mark und Bein ging. »So macht sie es mit jedem Lebendigen auch, auf den ich sie hetze«, sagte der Alte. »Ich handle unter anderm auch mit Katzenfellen, und ihres wurde mir ebenfalls angeboten. Es ist ein sehr schönes Fell, wie Sie sehen, aber ich habe es ihr nicht über die Ohren gezogen! Das war nicht Kanzeleigerichtsbrauch, werden Sie sagen.« Wir waren jetzt durch den Laden gegangen, und er öffnete eine Hintertür, die auf den Hausflur führte. Während er, die Hand auf das Türschloß gelegt, dastand und uns hinausgehen ließ, bemerkte die kleine Alte gnädig zu ihm: »Schon gut, Krook. Sie meinen es gut, sprechen aber zuviel. Meine jungen Freunde haben Eile. Ich habe selbst auch keine Zeit übrig und muß bald in die Sitzung. Meine jungen Freunde sind die Mündel in Sachen Jarndyce.« »Jarndyce!« fuhr der Alte auf. »In Sachen Jarndyce kontra Jarndyce. In dem großen Prozeß, Krook!« »Hi!« rief der Alte in einem Ton gedankenvollen Staunens und starrte uns mit noch größeren Augen an als vorher. »Da denke einer!« Er schien auf einmal so in Gedanken versunken zu sein und sah uns so sonderbar an, daß Richard zu ihm sagte: »Sie scheinen sich sehr um die Prozesse vor Ihrem vornehmen und gelehrten Kollegen, dem andern Kanzler, zu bekümmern?« »Ja«, erwiderte der Alte grüblerisch. »Gewiß! Ihr Name muß sein –« »Richard Carstone.« »Carstone«, wiederholte er und zählte langsam seine Finger ab. »Ja. Dann ist da der Name Barbary, der Name Clare und der Name Dedlock, glaube ich.« »Er weiß wahrhaftig von dem Prozeß soviel wie der wirkliche bezahlte Kanzler«, sagte Richard ganz erstaunt zu Ada und mir. Langsam erwachte der Alte aus seinem Träumen. »Ja! Tom Jarndyce – Sie werden entschuldigen, daß ich so sage, aber man kannte ihn hier unter keinem andern Namen und kannte ihn so gut wie – diese hier.« – Er deutete mit einem leichten Nicken auf seine Mieterin; »Tom Jarndyce war oft hier im Laden. Er hatte sich ein ruheloses Herumlaufen angewöhnt, während sein Prozeß verhandelt wurde, und ließ sich in Gespräche ein mit den kleinen Ladeninhabern und riet ihnen, sich um jeden Preis von dem Kanzleigericht fernzuhalten; denn, sagte er, im Kanzleigericht sein, heißt Stück für Stück von einer langsamen Mühle gemahlen, von einem langsamen Feuer gebraten, von einzelnen Bienen zu Tode gestochen, tropfenweise ertränkt werden, schrittweise den Verstand verlieren. Er war so nahe daran, mit sich ein Ende zu machen, als man nur sein kann, auf derselben Stelle hier, wo jetzt die junge Dame steht.« Wir hörten mit Grausen zu. »Er kam zur Türe herein«, fuhr der Alte fort und bezeichnete mit dem Finger langsam und gespenstisch einen Pfad durch den Laden. »Er kam an dem Tage, wo er es tat, zu der Türe dort herein – die ganze Nachbarschaft hatte schon seit Monaten gesagt, er werde es ganz gewiß tun, früher oder später – und setzte sich auf eine Bank, die damals dort in der Ecke stand, und bat mich, ihm eine halbe Flasche Wein zu holen. Denn, sagte er, 'Krook, ich bin sehr niedergedrückt; meine Sache wird wieder verhandelt, und ich glaube, ich bin dem Richterspruch näher als je.' Ich wollte ihn nicht allein lassen und überredete ihn, in die Taverne drüben auf der andern Seite der Kanzleigerichtsgasse zu gehen; und ich ging ihm nach und blickte zum Fenster hinein und sah ihn ganz gemütlich, wie ich glaubte, in einem Lehnstuhl am Feuer sitzen, und Gesellschaft bei ihm. Aber kaum war ich wieder in meinem Laden, hörte ich einen Schuß drüben. Ich lief auf die Straße – die Nachbarn liefen auf die Straße – und zwanzig von uns schrieen auf einmal: Tom Jarndyce!« – Der alte Mann hielt inne, sah uns scharf an, sah die Laterne an, blies das Licht aus und machte sie dann zu. – »Wir hatten es erraten, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Hi! Wie die Nachbarschaft in den Gerichtssaal strömte, als noch am selben Nachmittag der Prozeß zur Verhandlung kam! Wie mein vornehmer und gelehrter Kollege und all die andern übrigen wie gewöhnlich das alte Lied herunterleierten und sich Mühe gaben, ein Gesicht zu machen, als ob sie kein Wort von dem letzten Vorfall gehört hätten und es sie gar nichts anginge, falls zufällig die Rede darauf kommen sollte.« Adas Gesicht hatte vollständig seine Farbe verloren, und auch Richard war kaum weniger blaß. Wenn auch mich der Prozeß selbst nichts anging, so konnte ich mich doch nicht wundern, daß für ungeprüfte und jugendliche Herzen die Aussicht etwas Erschütterndes hatte, die Erbschaft eines jahrzehntelang hingeschleppten Elends, das für so manchen mit so schrecklichen Erinnerungen verknüpft war, dereinst antreten zu müssen. Ich dachte, die peinliche Erzählung würde auch auf die arme halbverrückte Alte einen tiefen Eindruck gemacht haben, aber zu meiner Verwunderung blieb sie vollkommen gleichgültig und führte uns ruhig die Treppen hinauf. Dabei gab sie uns, nachsichtig wie ein höheres Wesen gegenüber den Schwächen eines gewöhnlichen Sterblichen, zu verstehen, ihr Hauswirt sei »ein klein wenig – ver- Sie verstehen schon!« Sie wohnte im obersten Stock in einem ziemlich großen Zimmer, von dem sie eine Aussicht auf das Dach der Lincoln's-Inn-Hall hatte. Dies schien sie ursprünglich hauptsächlich veranlaßt zu haben, ihre Wohnung hier aufzuschlagen. Sie könne des Nachts hinsehen, sagte sie, besonders im Mondschein. Das Zimmer war reinlich, aber sehr, sehr kahl. Von Möbeln konnte ich nur das Allernotwendigste bemerken; ein paar alte, aus Büchern gerissene Kupferstiche, Kanzler und Advokaten darstellend, waren mit Oblaten an die Wand geklebt, und ein halbes Dutzend Strickbeutel »mit Dokumenten«, wie sie sagte, hingen herum. Im Roste lagen weder Kohlen noch Asche, und Kleidungsstücke oder Lebensmittel waren nirgends zu bemerken. Auf einem Brett in einem offenen Küchenschrank standen ein paar Teller, eine Tasse und ähnlicher Hausrat; aber alles war bestaubt und leer. Das kümmerliche, spitze Aussehen der Alten kam mir jetzt, wo ich mich umgesehen, ergreifender vor als zuvor. »Ich fühle mich außerordentlich geehrt«, sagte sie unendlich süßlich, »durch diesen Besuch der Mündel in Sachen Jarndyce. Und ich bin Ihnen außerordentlich für dieses gute Vorzeichen verbunden. Es ist eine stille Lage. Verhältnismäßig. Ich bin in der Wahl meiner Wohnung beschränkt wegen der Notwendigkeit, den Gerichtssitzungen beiwohnen zu müssen. Ich lebe seit vielen Jahren hier. Meine Tage bringe ich im Gerichtssaal zu. Meine Abende und meine Nächte hier. Die Nächte werden mir lang, denn ich schlafe wenig und denke viel. Das ist natürlich unvermeidlich. Denn es gehört zum Kanzleigericht. Ich kann Ihnen leider keine Schokolade anbieten. Ich erwarte binnen kurzem ein Urteil und werde dann meine Wirtschaft auf größerem Fuße einrichten. Für jetzt gestehe ich den Mündeln in Sachen Jarndyce ohne Beschämung, aber in tiefstem Vertrauen, daß es mir manchmal schwer fällt, den äußern Schein der Wohlanständigkeit zu wahren. Ich habe hier gefühlt, was Kälte heißt. Ich habe noch Schlimmeres gefühlt als Kälte. Doch das tut nichts. Bitte entschuldigen Sie, daß ich von so banalen Dingen rede.« Sie zog den Vorhang des langen niedrigen Dachfensters etwas zurück und machte uns auf eine Anzahl dort hängender Käfige aufmerksam. Es waren Lerchen, Hänflinge und Gimpel darin; mindestens zwanzig. »Ich fing an, die Tierchen in einer Absicht zu halten, die die Mündel leicht verstehen werden. In der Absicht, ihnen die Freiheit zu geben. Sowie das Urteil erfließen würde. Ja-a! Und dennoch sterben sie im Käfig. Das Leben der armen Dinger ist so kurz im Vergleich mit Kanzleigerichtsprozessen, daß die ganze Sammlung schon mehr als ein Mal ausgestorben ist. Wissen Sie, daß ich sehr zweifle, ob ein einziges von ihnen, so sehr jung sie noch sind, jemals den Tag seiner Freilassung erleben wird? Unendlich traurig, nicht wahr?« – Wenn sie eine Frage stellte, schien sie selten eine Antwort zu erwarten, sondern schwatzte immer fort, als ob sie sich das so bei ihrem Alleinsein angewöhnt hätte. – »Wahrhaftig, ich kann Ihnen versichern, manchmal fange ich an zu glauben, daß man mich, während die Sache immer noch nicht abgemacht und das sechste oder Große Siegel immer noch geschlossen ist, auch eines Tages hier tot und starr finden wird, wie ich schon so manchen Vogel im Käfig gefunden habe.« Richard, Adas mitleidigen Blick verstehend, benützte die Gelegenheit, um leise und unbemerkt etwas Geld auf den Kaminsims zu legen. Wir traten alle näher an die Käfige und stellten uns, als betrachteten wir die Vögel. »Ich darf sie nicht oft singen lassen«, erklärte die kleine Alte. »Sie werden es seltsam finden, der Gedanke macht mich verwirrt, daß sie singen, während ich der Beweisführung im Gerichtshof folge, und ich muß mir den Kopf so außerordentlich klar erhalten. Sie verstehen! Ein andermal will ich Ihnen ihre Namen sagen. Jetzt nicht. An einem Tag von so guten Vorzeichen sollen sie singen, soviel sie wollen. Zum Preis und Lob der Jugend« – sie lächelte und knickste – »der Hoffnung« – sie lächelte und knickste. »So! Wir wollen volles Licht hereinlassen.« Die Vögel fingen an zu flattern und zu zirpen. »Ich kann nicht frische Luft hereinlassen«, begann die kleine Alte wieder – das Zimmer war dumpfig und hätte einer Lüftung dringend bedurft –, »weil die Katze unten – Lady Jane – ihnen nach dem Leben trachtet. Sie lauert am Fenstersims stundenlang. Und ich habe entdeckt«, flüsterte sie uns geheimnisvoll zu, »daß ihre natürliche Grausamkeit geschärft wird durch die Furcht, sie könnten eines Tages in Freiheit gesetzt werden. Infolge des bevorstehenden Urteils. Sie ist schlau und voll Tücke. Manchmal glaube ich so halb und halb, sie ist gar keine Katze, sondern so etwas wie der Wolf aus dem alten Märchen. Es ist so schwierig, sie vom Zimmer fern zu halten.« Die Schläge der benachbarten Turmuhr, die die Arme daran erinnerten, daß es halb zehn sei, trug mehr zur Beendigung unseres Besuchs bei, als wir selbst hätten tun können. Sie nahm hastig ihren kleinen Dokumentenbeutel, den sie beim Hereintreten auf den Tisch gelegt hatte, und fragte uns, ob wir auch mit in den Gerichtssaal gingen. Als wir verneinten und sie um keinen Preis aufhalten wollten, öffnete sie die Tür, um uns zur Treppe zu geleiten. »Bei einem so guten Omen ist es sogar notwendiger als gewöhnlich, daß ich dort bin, ehe der Kanzler kommt«, sagte sie, »falls er meine Sache gleich vornehmen sollte. Ich habe eine Ahnung, daß sie wirklich heute morgen zuerst dran kommt.« Auf der Treppe blieb sie stehen und verriet uns flüsternd, das ganze Haus sei mit allerlei Gerumpel angefüllt, das ihr Wirt stückweise gekauft habe und um keinen Preis mehr hergeben würde, – weil er ein wenig – ver – – – – sei. Das war auf dem ersten Treppenabsatz. Im zweiten Stock war sie schon ein Mal stehen geblieben und hatte bloß schweigend auf eine dunkle Tür gedeutet. »Der einzige andre Mieter außer mir!« flüsterte sie erklärend. »Ein Advokatenschreiber. Die Kinder auf der Gasse sagen, er hätte sich dem Teufel verkauft. Ich möchte nur wissen, wo er das Geld hingetan haben sollte. Sst!« – Sie schien sogar hier zu fürchten, daß der Mietsmann oben sie hören könnte, sagte immerwährend: »Sst!« und ging auf den Zehen vor uns her, als ob der Schall der Tritte ihm schon verraten könnte, was sie gesagt hatte. Als wir durch den Laden das Haus verlassen wollten, fanden wir den Alten beschäftigt, eine Anzahl Pakete Makulatur in eine Art Brunnen im Fußboden zu packen. Es schien ihn sehr anzustrengen, denn der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Mit einem Stück Kreide malte er jedes Mal einen Haken auf das Wandgetäfel, wenn er einen Pack Papier verstaut hatte. Richard, Ada, Miß Jellyby und die kleine Alte waren an ihm vorbeigegangen, und ich wollte ihnen gerade folgen, als er meinen Arm berührte, damit ich bleiben sollte, und den Buchstaben J. an die Wand malte; – auf eine sehr seltsame Weise, indem er mit dem untern Ende des Buchstabens anfing und ihn nach rückwärts schrieb. Es war ein Anfangsbuchstabe, nicht von der Form eines gedruckten, sondern von der Art, wie ihn ein Schreiber aus der Kanzlei Kenge \& Carboy gemacht haben würde. »Können Sie ihn lesen?« fragte er mich mit einem stechenden Blick. »Natürlich. Er ist sehr deutlich.« »Wie heißt er?« »Jot.« Er sah mich wieder an und dann die Tür, wischte den Buchstaben weg und schrieb statt dessen ein kleines a hin und fragte: »Was ist das?« Ich sagte es ihm. Er wischte dann das a weg und schrieb ein r hin und stellte dieselbe Frage. So malte er rasch weiter, bis er auf diese seltsame Weise, immer an dem verkehrten Ende der Buchstaben anfangend, das Wort Jarndyce zusammenbrachte, ohne ein einziges Mal zwei Buchstaben zu gleicher Zeit an der Wand stehen zu lassen. »Wie liest man das?« fragte er mich. Als ich es ihm sagte, kicherte er. In derselben seltsamen Weise, aber ebenso schnell, schrieb er dann einzeln die Buchstaben des Wortes: »Bleakhaus« hin und wischte sie einzeln wieder weg. Auch das las ich mit einigem Erstaunen, und wieder lachte er. »Hü« sagte er dann und legte die Kreide weg. »Ich habe so meine Art, aus dem Gedächtnis Buchstaben nachzumalen, Miß, obgleich ich weder lesen noch schreiben kann.« Er sah dabei so häßlich aus und seine Katze starrte mich so boshaft an, als ob ich eine Blutsverwandte der Vögel oben wäre, daß ich mich ordentlich erleichtert fühlte, als Richard an der Tür erschien und sagte: »Miß Summerson, ich hoffe, Sie verkaufen doch nicht am Ende Ihr Haar hier. Lassen Sie sich nicht verleiten! Drei Säcke im Keller sind gerade genug für Mr. Krook.« Ich säumte nicht länger und wünschte Mr. Krook guten Morgen, schloß mich dann meinen Freunden an der Straße an, und wir nahmen von der kleinen Alten Abschied. Sie gab uns mit großer Feierlichkeit ihren Segen und erneuerte ihre Versicherung von gestern, sie wolle Ada und mich zu Erben ihrer Güter einsetzen. Ehe wir aus der Gasse bogen, drehten wir uns noch einmal um und sahen Mr. Krook in seiner Ladentür stehen und uns durch die Brille nachblicken, während die Katze auf seiner Schulter saß und ihr Schwanz sich an seiner Pelzmütze wie eine große Feder in die Höhe bog. »Wirklich ein Abenteuer für einen Londoner Morgen«, sagte Richard mit einem Seufzer. »Ach Kusine, Kusine, es ist ein trauriges Wort, dieses Kanzleigericht.« »Das ist es für mich seit der Zeit, da ich denken kann«, entgegnete Ada. »Es macht mir Kummer, daß ich die Feindin einer großen Anzahl von Verwandten und andren Menschen sein muß und sie meine Feinde sein müssen und wir uns alle miteinander zugrunde richten, ohne zu wissen, wieso oder warum, und unser ganzes Leben in beständiger Spannung und Zwietracht verbringen. Da doch auf einer Seite das Recht sein muß, finde ich es wirklich seltsam, daß ein ehrlicher Richter mit rechtem Ernst in diesen vielen Jahren nicht hat herausfinden können, wo es liegt.« »Ja, Kusine«, sagte Richard, »wirklich seltsam! Dieses zeitverschwenderische, ziellose Schachspielen ist sehr sonderbar. Wie der ganze Gerichtshof gestern so unbekümmert im alten Geleise forttrabte und dabei an den Jammer und das Elend der Steine auf dem Brett denken zu müssen, hat mir Kopfweh und Herzeleid gemacht. Der Kopf glühte mir vor Nachgrübeln, wie so etwas nur möglich sei unter Menschen, die doch weder Narren noch Gauner sind. Das Herz tat mir weh, als ich dachte, ob sie nicht doch vielleicht eins von beiden sind. Aber jedenfalls, Ada, – darf ich Sie Ada nennen?« »Natürlich, Vetter Richard.« »– jedenfalls, Ada, soll das Kanzleigericht seine bösen Einflüsse nicht auf uns ausüben. Unserm guten Verwandten sei Dank, daß er uns so glücklich zusammengebracht hat; das Kanzleigericht kann uns jetzt nicht trennen.« »Niemals, hoffe ich, Vetter Richard«, sagte Ada freundlich. Miß Jellyby drückte meinen Arm und warf mir einen bedeutsamen Blick zu. Ich antwortete mit einem Lächeln, und wir legten den Rest des Weges recht vergnügt zurück. Eine halbe Stunde nach unsrer Ankunft erschien Mrs. Jellyby, und innerhalb einer Stunde verirrten sich die verschiedenen, zum Frühstück notwendigen Dinge einzeln in das Speisezimmer. Ich bezweifle durchaus nicht, daß Mrs. Jellyby wie jeder andere Mensch zu Bett gegangen und wieder aufgestanden war, aber man merkte durchaus nicht, daß sie die Kleider gewechselt hatte. Sie war während des Frühstücks außerordentlich beschäftigt, denn die Morgenpost brachte ein schweres Paket Briefe über Borriobula-Gha, das, wie sie sagte, den ganzen Tag in Anspruch nehmen werde. Die Kinder purzelten herum und kerbten neue Merkzeichen ihrer Unfälle auf ihre Schienbeine, die sowieso schon vollständige kleine Unglückskalender darstellten, und Peepy war anderthalb Stunden lang nicht zu finden, bis ihn ein Polizeidiener von Newgate-Market nach Hause brachte. Der Gleichmut, mit dem Mrs. Jellyby sowohl seine Abwesenheit wie seine Wiederkehr in den Familienkreis hinnahm, setzte uns alle in Erstaunen. Sie diktierte dann mit nimmer ermüdender Ausdauer ihrer Tochter Caddy, und diese versank wieder ziemlich schnell in den tintenbeklecksten Zustand, in dem wir sie gestern gefunden hatten. Um ein Uhr fuhr ein offener Wagen für uns vor und ein Karren für unser Gepäck. Mrs. Jellyby trug uns viele Grüße an ihren lieben Freund Mr. Jarndyce auf; Caddy verließ ihr Pult, um uns abreisen zu sehen, küßte mich im Hausflur und stand, an der Feder kauend, schluchzend auf der untersten Stufe der Treppe; Peepy schlief zu meiner Freude, so daß ihm der Schmerz des Abschieds erspart blieb, und die andern Kinder kletterten hinten auf die Barutsche und fielen wieder herunter, und wir sahen sie zu unserm großen Schrecken über das Pflaster von Thavies-Inn hingestreut, als wir zum Tore hinausrollten. 6. Kapitel Ganz zu Hause Das Wetter hatte sich aufgehellt und wurde immer schöner, je weiter wir westwärts kamen. Wir fuhren durch den Sonnenschein und die frische Luft und kamen nicht aus dem Staunen über die Länge der Straßen, den Glanz der Läden, den lebhaften Verkehr und das Gedränge der Menschen, die das angenehme Wetter wie bunte Blumen hervorgelockt zu haben schien, heraus. Allmählich ließen wir die wunderbare Metropole hinter uns und fuhren durch die Vorstädte, von denen nach meiner Ansicht jede einzelne schon eine recht ansehnliche Stadt für sich hätte bilden können, und endlich kamen wir auf die Landstraße mit ihren Windmühlen, Getreideschobern, Meilensteinen, Bauernwagen, dem Geruch von altem Heu, baumelnden Wirtshauszeichen und Pferdekrippen, Bäumen, Feldern und Hecken. Die grüne Landschaft und hinter uns die unermeßliche Hauptstadt boten einen herrlichen Anblick; und als ein Frachtwagen, mit schönen Pferden bespannt, die mit rotem Geschirr und hellklingenden Schellen geschmückt waren, sich uns mit seiner Musik näherte, hätten wir alle drei am liebsten in den Gesang der Leute eingestimmt, so heiter wirkte die ganze Umgebung auf uns. »Der ganze Weg hat mich an meinen Namensvetter Whittington erinnert«, sagte Richard, »und dieser Wagen macht das Bild fertig. – Hallo! Was gibt's?« Wir hielten still und der Frachtwagen ebenfalls. Seine Musik wurde, wie die Pferde stehen blieben, zu einem leisen Klingeln, außer wenn eins den Kopf in die Höhe warf oder sich schüttelte und einen kleinen Regen von Schellengeläute um sich warf. »Unser Postillon sieht sich nach dem Fuhrmann um«, erklärte uns Richard, »er kommt jetzt auf uns zu. Guten Tag!« – Der Fuhrmann stand jetzt an unserm Kutschenschlag. »Das ist aber seltsam«, sagte Richard und betrachtete sich den Mann genauer. »Er hat Ihren Namen auf dem Hut, Ada!« – Er hatte alle unsere Namen auf dem Hut. In dem Bande staken nämlich drei Briefchen; eins an Ada, eins an Richard, eins an mich. Auf die Frage, von wem sie kämen, antwortete er kurz: »Von der Herrschaft, Sir«, setzte den Hut wieder auf, knallte mit der Peitsche, weckte die Musik von neuem und fuhr klingelnd seines Weges. »Ist das Mr. Jarndyces Wagen?« fragte Richard unsern Postillon. »Ja, Sir. Fährt nach London.« Wir brachen die Briefe auf. Einer lautete wie der andere, und sie enthielten in einer festen schlichten Handschrift folgendes: »Ich möchte, meine Lieben, daß wir ohne große Umstände und gesellschaftlichen Zwang miteinander zusammenkommen. Ich schlage daher vor, daß wir uns wie alte Freunde begrüßen und ganz von der Vergangenheit schweigen. Für Euch wird es möglicherweise, für mich aber gewiß, eine Erleichterung sein. Also herzlichen Gruß John Jarndyce.« Ich hatte vielleicht weniger Grund, überrascht zu sein, als meine beiden Gefährten, da ich noch niemals Gelegenheit gefunden hatte, dem Manne zu danken, der mein Wohltäter und so viele Jahre lang meine einzige Stütze auf Erden gewesen war. Ich hatte mir gar nicht überlegt, wie ich ihm danken könnte, da meine Dankbarkeit dazu zu tief in meinem Herzen lag, aber jetzt, wo ich mit ihm zusammentreffen sollte, ohne es tun zu dürfen, fühlte ich, wie schwer das war. Die Briefe frischten bei Richard und Ada eine Erinnerung wieder auf, die sie beide hatten, ohne zu wissen, wie sie dazu gekommen waren, nämlich, daß ihr Vetter Jarndyce durchaus keinen Dank für Wohltaten, die er erwiesen, vertragen könnte. Um dergleichen aus dem Wege zu gehen, griffe er zu den seltsamsten Auskunftsmitteln und Ausflüchten und laufe unter Umständen sogar davon. Ada erinnerte sich noch dunkel, schon als ganz kleines Kind von ihrer Mutter gehört zu haben, daß er sich gegen sie ungewöhnlich hochherzig benommen habe; wie sie ihn aber, um ihm zu danken, besuchen gegangen sei und er sie zufällig durch das Fenster habe kommen sehen, sei er sofort durch die Hintertür ausgerissen und drei Monate lang verschwunden gewesen. Dieses Thema beschäftigte uns fast den ganzen Tag. Wir rieten hin und her, wie das Haus wohl aussehen möchte und ob wir Mr. Jarndyce gleich bei unserer Ankunft oder erst später zu Gesicht bekommen würden. Alles das besprachen wir sehr ausführlich und immer wieder und wieder. Die Straße war sehr steil für die Pferde und der Fußweg meistens gut; deshalb stiegen wir aus und gingen die ganze Strecke bergauf. Und das gefiel uns so sehr, daß wir unsern Spaziergang noch auf der Ebene fortsetzten, als wir bereits oben auf der Höhe angekommen waren. In Barnet wechselten wir die Pferde und gingen voraus über eine Heide und ein altes Schlachtfeld, ehe uns der Wagen einholte. Durch diese Verzögerung verlängerte sich unsere Reise so sehr, daß der kurze Tag zu Ende ging, ehe wir St. Albans erreichten, in dessen Nähe Bleakhaus liegen sollte. Wir waren schließlich so unruhig und aufgeregt, daß selbst Richard, als wir über das Pflaster der alten Straße rasselten, eingestand, er möchte am liebsten umkehren. Was Ada und mich betraf, so zitterten wir am ganzen Leibe, trotzdem er uns mit großer Sorgfalt in Plaids eingehüllt hatte. Als wir um eine Ecke herumbogen und Richard uns sagte, daß der Postillon sich nach uns umsähe und uns zunickte, standen wir beide im Wagen auf und suchten mit unserm Blick auf der weiten Ebene in der sternhellen Nacht unser Reiseziel. Auf einer Höhe vor uns schimmerte ein Licht. Der Postillon, der schon lange für unsere erwartungsvolle Stimmung ein großes Verständnis an den Tag gelegt hatte, deutete mit der Peitsche darauf und sagte: »Das ist Bleakhaus!« dann fuhr er im Galopp, obgleich es bergauf ging, so rasch dahin, daß die Räder den Kies von der Straße wie Schaum von einem Mühlenrad uns um den Kopf wirbelten. Jetzt verloren wir das Licht, sahen es wieder, verloren es abermals, und dann blieb es und strahlte uns durch eine Allee hell entgegen. Es kam aus dem Fenster eines altmodisch aussehenden Hauses mit drei Dachgiebeln an der Vorderseite und einer kreisrunden Auffahrt. Eine Glocke ertönte, als wir vorfuhren, und unter dem Schall ihrer tiefen Stimme in der stillen Nachtluft und des Hundegebells in der Ferne und in einem Lichtstrom aus der geöffneten Tür und dem Dampf der erhitzten Pferde stiegen wir mit Herzklopfen und ziemlich verwirrt aus. »Liebe Ada, liebe Esther, willkommen! Willkommen! Es freut mich, euch zu sehen! Rick, wenn ich jetzt eine Hand übrig hätte, würde ich sie Ihnen geben.« Der Herr, der diese Worte mit lauter, gastfreundlicher Stimme sprach, umarmte Ada und mich, küßte uns beide mit väterlicher Zärtlichkeit und zog uns durch die Vorhalle in ein kleines Zimmer, das in dem Schein eines hellen Feuers förmlich glühte. Hier küßte er uns nochmals, ließ uns los und hieß uns nebeneinander auf einem Sofa, das vor den Kamin gerückt war, Platz nehmen. Ich hatte das Gefühl, er würde auf der Stelle fortgelaufen sein, wenn wir die mindesten Umstände gemacht hätten. »So Rick«, sagte er, »jetzt habe ich eine Hand frei. Ein Wort aus dem Herzen ist so gut wie eine Rede. Ich freue mich außerordentlich, Sie zu sehen. Sie sind hier zu Hause. Wärmen Sie sich.« Richard schüttelte ihm beide Hände mit einem natürlichen Gemisch von Verehrung und Freimut und sagte bloß – obgleich mit einer Innigkeit, die mich fast beunruhigte, denn ich fürchtete, Mr. Jarndyce werde plötzlich verschwinden –: »Sie sind sehr gütig, Sir. Wir sind Ihnen sehr, sehr verbunden!« Dann legte er Hut und Mantel ab und trat ans Feuer. »Und wie hat Ihnen die Fahrt gefallen, und wie hat Ihnen Mrs. Jellyby gefallen?« wendete sich Mr. Jarndyce an Ada. Während Ada ihm antwortete, betrachtete ich – ich brauche wohl nicht zu sagen, mit welchem Interesse – sein Gesicht. Es war ein hübsches frisches Gesicht voll Bewegung und Leben, und das Haar war ein silbernes Eisengrau. Er schien den Sechzigern näher als den Fünfzigern zu sein, sah aber gerade, frisch und kräftig aus. Vom ersten Augenblick an war mir seine Stimme irgendwie bekannt vorgekommen, aber jetzt erinnerten mich etwas Rasches in seinem Wesen und ein gewinnender Ausdruck in seinen Augen an den Herrn in der Landkutsche vor sechs Jahren an jenem denkwürdigen Tage meiner Reise nach Reading. Ich war fest überzeugt, daß er jetzt vor mir stand. Ich bin in meinem ganzen Leben nicht so erschrocken, wie als ich diese Entdeckung machte, denn unsere Blicke begegneten sich, er schien meine Gedanken zu lesen und sah sich in einer Weise nach der Türe um, daß ich schon fürchtete, wir hätten ihn verloren. Zum Glück blieb er da und fragte mich, was ich von Mrs. Jellyby hielte. »Sie gibt sich außerordentlich viel Mühe mit Afrika, Sir.« »Kolossal!« bestätigte Mr. Jarndyce. »Aber Sie geben dieselbe Antwort wie Ada.« – Ich hatte nicht gehört, was sie sagte. – »Ihr scheint mir alle noch einen Nebengedanken zu haben.« »Es kam mir ein bißchen so vor«, gestand ich mit einem Blick auf Richard und Ada, die mir zuzwinkerten, ich solle doch sprechen, »als ob sie sich nicht allzusehr um ihre Wirtschaft bekümmere.« »Donnerwetter!« rief Mr. Jarndyce aus. Ich erschrak schon wieder. »Ja, ja! Ich möchte Ihre wahren Gedanken wissen, mein Kind. Ich habe Sie vielleicht mit Absicht hingeschickt.« »Wir glaubten«, begann ich zögernd, »daß es sich vielleicht gehöre, mit den Verpflichtungen gegen die eigne Häuslichkeit zu beginnen, und daß, solange diese übersehen und vernachlässigt sind, keine andern Pflichten an ihre Stelle treten sollten.« »Die kleinen Jellybys«, kam mir Richard zu Hilfe, »sind wirklich, um einen starken Ausdruck zu gebrauchen, Sir, – in einem ganz verteufelten Zustand.« »Sie meint es gut«, fiel Mr. Jarndyce hastig ein. »Es ist Ostwind.« »Auf der Fahrt hatten wir Nordwind, Sir«, bemerkte Richard. »Lieber Rick« – Mr. Jarndyce schürte das Feuer – »ich möchte einen Eid ablegen, daß wir entweder Ostwind haben oder daß er gleich einsetzen wird. Ich verspüre immer ein unbehagliches Gefühl, wenn der Wind aus Osten weht.« »Wohl Rheumatismus, Sir?« »Wahrscheinlich, Rick; ich glaube, es ist so. – Also die kleinen Jell – ich habe so meine Gedanken darüber gehabt – sind in einem – o Gott ja, es ist Ostwind«, sagte Mr. Jarndyce. Er ging zwei oder drei Mal mit dem Schüreisen unentschlossen in der Stube auf und ab, während er diese abgerissenen Worte sprach, fuhr sich mit einer so gutmütigen Verlegenheit durch die Haare und sah dabei so komisch und liebenswürdig zugleich aus, daß wir uns mehr über ihn freuten, als wir wahrscheinlich in Worten hätten ausdrücken können. Er reichte Ada und mir den Arm, bat Richard, ein Licht zu nehmen, und wollte uns hinausführen, als er plötzlich mit uns allen wiederumkehrte. »Die kleinen Jellybys! Konntet ihr nicht – warum habt ihr nicht –, na, wenn es z. B. Kuchen und Johannisbeertorten oder so etwas geregnet hätte?« fing er wieder an. »Ach, Vetter –« unterbrach ihn Ada hastig. »Sehr gut, mein Herzblatt. 'Vetter' gefällt mir. Vetter John wäre vielleicht noch besser!« »Also, Vetter John –« fing Ada von neuem lachend an. »Haha! Ausgezeichnet!« rief Mr. Jarndyce hocherfreut. »Klingt ungemein natürlich. Also, liebes Kind?« »Es geschah mehr als das. Esther kam hereingeschneit.« »Nun? Und was tat Esther?« »Sehen Sie, Vetter John«, – Ada faltete die Finger über seinen Arm und schüttelte gegen mich auf der andern Seite ihre Locken, denn ich bat sie zu schweigen, »Esther ist im Handumdrehen ihre Freundin geworden. Sie beaufsichtigte sie, brachte sie zu Bett, wusch und kämmte sie, erzählte ihnen Geschichten, kaufte ihnen Spielzeug –« – Die gute Ada! War ich doch nur ein einziges Mal mit Peepy ausgegangen, als man ihn wiedergefunden, und hatte ihm ein kleines Pferdchen gekauft. – »– und, Vetter John, sie tröstete die arme Karoline, die Älteste, und dachte nie an sich und war so liebenswürdig! – Nein, nein, ich lasse mir nicht widersprechen, liebe Esther! Du weißt selbst, es ist wahr.« Das warmherzige liebe Mädchen beugte sich an ihrem Vetter vorbei zu mir herüber und küßte mich, sah ihm dann ins Gesicht und sagte herausfordernd: »Jedenfalls, Vetter John, danke ich Ihnen für die Freundin, die Sie mir geschenkt haben.« Es war, als ob sie ihn förmlich herausforderte, auszureißen. Aber er tat es nicht. »Was für Wind hattet ihr, Rick?« fragte er wieder. »Nordwind, als wir herfuhren, Sir.« »Stimmt. Es ist kein Ostwind. Habe mich geirrt. Kommt, Mädchen, und seht euch das Haus an.« Es war eins jener entzückenden unregelmäßigen Häuser, wo man von einem Zimmer ins andere Stufen auf und ab geht und immer noch neue findet, wenn man glaubt, bereits alle gesehen zu haben. Voll von kleinen Hallen und Gängen und in versteckten Winkeln heimliche alte Sommerhallen mit Jalousien und dichtem grünem Laub vor dem Fenster. Mein Zimmer, das wir zuerst betraten, mit einer gewölbten Decke, die mehr Ecken hatte als ich zählen konnte, war von dieser Art. Es brannte ein Holzfeuer darin und spiegelte sich in den reinen, weißen Fliesen des Kamins wider. Aus diesem Gemach ging man zwei Stufen hinab in ein allerliebstes kleines gemeinsames Vorzimmer für Ada und mich, durch das man auf einen Blumengarten hinaussah; von hier führten wieder drei Stufen hinauf in Adas Schlafzimmer, dessen hübsches breites Fenster eine wunderschöne Aussicht hatte, und wir sahen eine ausgedehnte dunkle Fläche im Sternenschimmer vor uns liegen. Am Fenster war eine große breite abschließbare Sitznische, in der sich drei Adas auf einmal hätten verstecken können. Aus diesem Zimmer gelangte man auf einen kleinen Korridor, mit dem zwei große Salons in Verbindung standen, und zu einer kleinen Treppe mit niedrigen Stufen und – im Verhältnis zu ihrer Länge – einer Menge Absätzen, in die Vorhalle hinunter. Wenn man aber anstatt zu Adas Tür hinaus wieder durch mein Zimmer ging und ein paar vor Alter krumm gewordene Stufen, die in ganz unerwarteter Weise von der Treppenflucht abzweigten, hinaufstieg, verlor man sich in Gängen, wo Wäschemangeln, dreieckige Tische und ein echter Hindustuhl standen, der zugleich ein Sofa, ein Koffer und eine Bettstelle bilden konnte und halb wie ein großer Vogelbauer, halb wie ein Bambusgerippe aussah und von dem kein Mensch wußte, wer ihn aus Indien mitgebracht hatte. Aus diesen Korridoren kam man in Richards Zimmer, das teils Bibliothek, teils Schlaf-, teils Wohnraum war und ein gemütliches Gemisch von allen möglichen Zimmern zu sein schien. Von hier aus ging man geradenwegs über einen kleinen Gang nach der schmucklosen Stube, wo Mr. Jarndyce das ganze Jahr hindurch bei offnen Fenstern schlief, um mehr Luft zu haben, und eine Bettstelle ohne Vorhänge in der Mitte stand, und das kalte Bad in einem kleineren Raum daneben immer bereit war. Von hier aus kam man wieder auf einen Gang mit einer Hintertreppe, und wir konnten hören, wie draußen vor dem Stall die Pferde abgerieben wurden, wobei ihnen eine Stimme warnend zurief, wenn sie auf dem holprigen Pflaster stolperten und ausglitschten. Man konnte auch, wenn man zu einer andern Tür hinausging – denn jede Stube hatte mindestens zwei Türen –, ein halbes Dutzend Stufen hinab und durch eine niedrige Bogentür geradenwegs in die Halle hinabgehen und wunderte sich dann, wie man dahin gelangt oder überhaupt wieder herausgekommen war. Das Mobiliar war mehr altmodisch als alt, wie das Haus selbst, und allerliebst unregelmäßig. Adas Schlafzimmer war ein Garten bunter Blumen – aus Kattun und Samt, und von Stickerei auf dem Brokat der zwei steifrückigen Lehnsessel, die, jeder mit einem Taburett als stummem Diener neben sich, auf beiden Seiten des Kamins standen. Unser gemeinsames Wohnzimmer war grün; an den Wänden hingen unter Glas und Rahmen eine Menge von erstaunlichen und erstaunten Vögeln, die aus dem Bilde heraus eine wirkliche Forelle, so glänzend und braun wie in Aspik, in einer Glasschale anstierten, ferner der »Tod des Kapitän Cook«, und die »Teebereitung in China« von Anfang bis zu Ende, gemalt von chinesischen Künstlern. In meinem Zimmer hingen ovale Stahlstiche, die Monate darstellend – Damen als Mäherinnen mit kurzen Taillen und großen, unter dem Kinn zusammengebundenen Hüten für den Juni, Edelleute mit prallen Waden, mit dreieckigen Hüten nach Dorfkirchtürmen deutend, für den Oktober. Brustbilder in Pastell hingen im ganzen Hause in reicher Fülle herum, aber so verstreut, daß ich den Bruder des jungen Offiziers in meiner Stube in der Porzellankammer und die hübsche junge Braut über meinem Bett, mit einer Blume am Leibchen, als ergraute Matrone im Frühstückszimmer wiederfand. Als Ersatz für sie hingen bei mir vier Engel aus der Zeit der Königin Anna, die mit einiger Anstrengung einen behäbigen Herrn an Blumenketten in den Himmel zu tragen versuchten, eine kunstvolle Stickerei, Früchte, einen Kessel und ein Alphabet darstellend. Alle beweglichen Gegenstände, von den Kleiderschränken bis zu den Stühlen und Tischen, den Vorhängen, den Spiegeln, selbst bis zu den Nadelkissen und den Riechfläschchen auf den Toilettentischen herab zeigten dieselbe wunderliche Verschiedenheit. Sie stimmten nur darin überein, daß sie höchst sauber waren. Überall, wo es nur eine Schublade, ob groß oder klein, gab, fand man ganze Haufen von Rosenblättern und Lavendel aufgespeichert. So, mit seinen erhellten Fenstern, hie und da durch die Schatten der Vorhänge gedämpft und auf die sternenhelle Nacht hinausleuchtend, mit seinem Licht und seiner Wärme und seiner Behaglichkeit, mit dem gastlichen Geklapper von Tellern in der Ferne, mit dem die ganze Umgebung aufheiternden Gesicht seines hochherzigen Besitzers und gerade Wind genug draußen, um eine leise musikalische Begleitung zu allem, was wir hörten, zu bilden, – so waren unsere ersten Eindrücke von Bleakhaus. »Es freut mich, daß es euch gefällt«, sagte Mr. Jarndyce, als er uns wieder nach Adas Wohnzimmer zurückbrachte. »Es ist nicht anspruchsvoll, aber ein behagliches kleines Haus, und wird dies noch in größerm Maße werden mit jungen freundlichen Gesichtern darin. Wir haben kaum noch eine halbe Stunde zum Essen. Es ist niemand hier als das beste Geschöpf von der Welt – ein Kind.« »Kinder! Hörst du, Esther!« sagte Ada. »Ich meine nicht buchstäblich ein Kind«, erklärte Mr. Jarndyce. »Kein Kind an Jahren. Er ist ein erwachsener Mensch, – er ist wenigstens so alt wie ich, aber in Einfalt, Frische des Gemüts, Begeisterungsfähigkeit und einer schönen, arglosen Unfähigkeit für alle weltlichen Angelegenheiten ein vollkommenes Kind.« »– Wir interessierten uns alle lebhaft für den Betreffenden. – »Er kennt Mrs. Jellyby. Er ist Musiker, Dilettant, könnte aber Virtuos sein. Er malt, ist Dilettant, könnte aber Maler von Beruf sein. Er ist ein Mann von großen Vorzügen und gewinnenden Manieren. Er hat Unglück in seinem Beruf, Unglück in seinen Bestrebungen und Unglück in seiner Familie gehabt; aber er kümmert sich nicht darum.« »Er hat also selbst Kinder, Sir?« fragte Richard. »Jawohl, Rick! Ein halbes Dutzend. Oder noch mehr! Eher ein Dutzend, glaube ich. Aber er hat sich niemals um sie gekümmert. Wie konnte er auch! Er brauchte doch selbst jemand, der nach ihm sieht. Und er ist doch selbst ein Kind.« »Haben die Kinder also für sich selbst sorgen müssen, Sir?« fragte Richard. »Das läßt sich leicht denken«, – Mr. Jarndyce wurde plötzlich sehr unruhig. – »Von den Kindern der ganz armen Leute sagt man, sie würden nicht erzogen, sondern wüchsen auf wie Pilze. Harold Skimpoles Kinder sind Gott weiß wie groß geworden. Der Wind dreht sich schon wieder, fürchte ich. Ich fühle es schon.« Richard meinte, daß das Haus in der windigen Nacht etwas frei liege. »Es liegt frei. Das ist nicht zu bezweifeln. Der Name Bleakhaus klingt schon darnach, aber kommt jetzt mit.« Unser Gepäck stand schon im Zimmer, und so war ich in wenigen Minuten angekleidet. Ich beschäftigte mich gerade, meine Sachen einzuräumen, als ein Mädchen (nicht das, das Ada bediente, sondern ein anderes, das ich noch nicht gesehen hatte) mit einem Körbchen und zwei Bund Schlüsseln und Zetteln daran in mein Zimmer trat. »Das ist für Sie, Miß, wenn Sie erlauben«, sagte sie. »Für mich?« »Die Wirtschaftsschlüssel, Miß.« Ich konnte mein Erstaunen nicht verbergen, denn sie setzte ebenfalls ein wenig verwundert hinzu: »Ich sollte sie Ihnen bringen, sowie Sie allein wären, Miß – Miß Summerson, wenn ich nicht irre?« »Ja«, sagte ich, »so heiße ich.« »Der große Bund sind die Wirtschaftsschlüssel und der kleine die Kellerschlüssel, Miß. Zu jeder Stunde morgen früh, wann Sie wünschen, soll ich Ihnen die Schränke und Schlösser, zu denen sie sperren, zeigen.« Ich bestimmte halb sieben Uhr, und als das Mädchen gegangen war, stand ich da und betrachtete das Körbchen, ganz verloren in der Größe meiner Verantwortlichkeit. So fand mich Ada und setzte soviel entzückendes Vertrauen in mich, als ich ihr die Schlüssel zeigte und meine Besorgnis ausdrückte, daß es undankbar und gefühllos gewesen wäre, wenn ich nicht frischen Mut gezeigt hätte. Freilich wußte ich, daß nur das gute Herz aus dem lieben Mädchen sprach, aber es freute mich. Als wir herunterkamen, wurden wir Mr. Skimpole vorgestellt, der vor dem Kamin stand und Richard erzählte, wie gern er in seinen Schuljahren Fußball gespielt habe. Er war ein kleiner, freundlicher Mann mit ein wenig zu großem Kopf, aber mit feinen Zügen und einer selten angenehmen Stimme; er hatte wirklich etwas außerordentlich Gewinnendes. Alles, was er sprach, war so ungezwungen und unberechnet und wurde mit so liebenswürdiger Heiterkeit vorgebracht, daß es eine Freude war, ihn reden zu Hören. Kleiner und schlanker als Mr. Jarndyce, sah er mit seiner lebhafteren Gesichtsfarbe und dem braunen Haar eher jünger als dieser aus. Überhaupt machte er in jeder Hinsicht mehr den Eindruck eines gealterten jüngeren Mannes als den eines jung gebliebenen Greises. Eine ungenierte Nachlässigkeit charakterisierte sein Wesen. Das Haar war sorglos geordnet und sein Halstuch lose geschlungen und mit fliegenden Zipfeln wie das eines Künstlers. Kurz, er sah aus wie ein romantischer Jüngling, der einen eigenartigen Selbstentwertungsprozeß durchgemacht hat, und nicht wie ein Mann, der auf dem natürlichen Wege des Alterns, der Sorgen und der Erfahrung dem Ziel des Lebens näher gerückt ist. Im Lauf der Unterhaltung erfuhr ich, daß Mr. Skimpole, ursprünglich Arzt, als solcher am Hofe eines deutschen Fürsten gelebt hatte. Er erzählte uns, er sei in allem, was Maße und Gewichte beträfe, von jeher ein Kind gewesen und habe nie das Geringste von diesen Sachen gewußt, außer, daß sie ihm höchst zuwider wären; und so sei er nie imstande gewesen, mit der nötigen, alle Einzelheiten genau ins Auge fassenden Genauigkeit Rezepte zu verschreiben. »Überhaupt«, sagte er, »habe ich keinen Kopf für Einzelheiten.« Er erzählte uns mit großem Humor, man habe ihn, wenn er den Fürsten hätte zur Ader lassen oder einem seiner Umgebung Arzneien geben sollen, meistens im Bett liegen gefunden, mit Zeitunglesen oder Phantasieskizzenzeichnen beschäftigt und außerstande zu kommen. »Da dem Fürsten zuletzt die Sache nicht mehr paßte – worin er vollkommen recht hatte«, gestand Mr. Skimpole freimütig, »wurde das Dienstverhältnis aufgelöst, und da ich von nichts mehr zu leben hatte als von der Liebe, so verliebte ich mich, heiratete und umgab mich mit rosigen Wangen.« Sein guter Freund Jarndyce und einige andere hätten ihn dann unterstützt – bei verschiedenen Gelegenheiten und neuen Lebensanfängen; aber das wäre ganz umsonst gewesen, denn er müßte sich, sagte er, zu zwei der seltsamsten Schwächen auf der Welt bekennen. Nämlich, daß er keinen Begriff von Zeit und noch weniger von Geld habe. Infolgedessen hielte er nie eine Abmachung ein und kenne nicht den Wert auch nur einer einzigen Sache auf der Welt! Gut! So wäre er durchs Leben getrieben und sei jetzt hier. Er läse sehr gern Zeitungen, zeichne gern Phantasieskizzen, liebe die Natur außerordentlich – und die Kunst. Bloß das eine verlange er von der menschlichen Gesellschaft, nämlich, ihn leben zu lassen. Das sei nicht viel. Er habe wenig Bedürfnisse. Zeitungen, Konversation, Musik, Hammelbraten, Kaffee, eine hübsche Landschaft, Obst zur Zeit der Reife, ein paar Bogen Zeichenpapier, ein paar Gläser Rotwein – mehr verlange er nicht. Er sei ein reines Kind auf der Erde, aber er verlange nicht nach dem Monde. Er sage zur Welt: Gehet eure verschiedenen Wege in Frieden, traget rote Röcke, blaue Röcke, Linonärmel, stecket Federn hinter die Ohren, traget Schürzen; jaget nach Ruhm, nach Heiligkeit, nach Handel, nach was ihr wollt, nur – lasset Harold Skimpole leben. Das alles und noch viel mehr erzählte er uns nicht nur mit der größten Lebendigkeit und Selbstzufriedenheit, sondern auch mit einer gewissen munteren Offenheit, indem er von sich sprach, als ob er sich selbst gar nichts anginge und Skimpole eine dritte Person wäre; als ob er wohl wüßte, daß Skimpole seine Eigenheiten hätte, aber auch seine berechtigten Ansprüche, die Sache der Menschheit wären und nicht übersehen werden dürften. Er war wirklich bezaubernd. Wenn ich schon damals etwas verwirrt wurde bei dem Bemühen, das, was er sagte, mit dem in Einklang zu bringen, was ich über die Pflichten und Verbindlichkeiten des Lebens dachte, so machte es mich erst recht konfus, daß ich nicht begreifen konnte, warum gerade er frei von ihnen sein sollte. Daß er frei von ihnen sei, bezweifelte ich keinen Augenblick; und er selbst war davon vollständig überzeugt. »Ich strebe nach nichts«, erklärte er sorglos. »Aus Besitz mache ich mir gar nichts. Hier ist meines Freundes Jarndyce vortreffliches Haus. Ich fühle mich ihm verbunden, daß er es besitzt. Ich kann eine Skizze davon machen und es beliebig verändern. Ich kann es in Musik setzen. Wenn ich hier bin, genieße ich das Gute davon und habe weder Beschwerden noch Kosten noch Verantwortlichkeit. Der Name meines Verwalters ist Jarndyce, und er kann mich nicht übervorteilen. Wir sprachen vorhin von Mrs. Jellyby. Sie ist eine Frau von klarem Blick, starkem Willen und großer Umsicht in allen geschäftlichen Details und kann sich mit wunderbarer Energie auf eine Sache werfen. Ich bedauere nicht im mindesten, daß ich mich eines starken Willens und der Beherrschung geschäftlicher Details nicht rühmen kann, um mich mit wunderbarer Energie auf eine Sache zu werfen. Ich kann die Dame ohne Neid bewundern. Ich kann mit der Sache sympathisieren, von ihr träumen. Ich kann mich ins Gras legen – bei schönem Wetter – und einen afrikanischen Fluß hinabschwimmen und alle Eingebornen, denen ich begegne, umarmen und das tiefe Schweigen empfinden und das undurchdringliche Dach üppig wuchernder tropischer Pflanzen so genau zeichnen, als ob ich dort wäre. Ich weiß nicht, ob mir das unmittelbar Nutzen bringt, aber es ist alles, was ich kann, und ich betreibe es gründlich. Um Himmels willen, wenn auch schon Harold Skimpole, ein vertrauensvolles Kind, bittet, euch, die Welt, die Gesamtheit der praktischen Leute mit Geschäftssinn, bittet, ihn leben und die menschliche Familie bewundern zu lassen, so seid doch gutherzig, so oder so, und laßt ihn sein Steckenpferd reiten.« Offenbar war Mr. Jarndyce dieser Beschwörung nachgekommen. Das bewies schon Mr. Skimpoles Stellung im Hause, ohne daß er uns darüber aufzuklären nötig gehabt hätte. »Nur ihr hochherzigen Menschen seid die einzigen, die ich beneide«, sagte Mr. Skimpole und wendete sich an uns, seine neuen Freunde. »Ich beneide euch um die Fähigkeit, das zu tun, was ihr tut. Darin möchte ich selbst schwelgen. Ich fühle keine sogenannte Dankbarkeit für euch. Es kommt mir fast vor, als ob ihr mir Dank schuldig wäret, weil ich euch Gelegenheit gebe, das Hochgefühl des Edelmutes zu genießen. Ich weiß, ihr habt es gern. Vielleicht bin ich bloß zu dem Zweck auf die Erde gekommen, um eure Glückseligkeit zu vergrößern, nur geboren, um euer Wohltäter zu sein, indem ich euch Gelegenheit gebe, mir in meinen kleinen Verlegenheiten beizustehen. Warum sollte ich meine Unfähigkeit in weltlichen Dingen beklagen, wenn sie solche unangenehmen Folgen hat? Ich beklage sie gar nicht.« Von allen scherzhaften Reden, die wohl scherzhaft klangen, von Mr. Skimpole aber in vollem Ernste gemeint waren, schien keine mehr nach Mr. Jarndyces Geschmack zu sein als diese. Ich fühlte mich später oft versucht, mich verwundert zu fragen, ob es wirklich an sich merkwürdig sei oder nur mir so schiene, daß er, der wahrscheinlich beim geringsten Anlaß der dankbarste aller Menschen gewesen wäre, so sehr danach verlangte, sich der Dankbarkeitsäußerung andrer zu entziehen. Wir alle waren förmlich bestrickt. Mir erschien es wie eine verdiente Anerkennung der gewinnenden Eigenschaften Adas und Richards, daß Mr. Skimpole schon bei seinem ersten Zusammentreffen mit ihnen sich so rückhaltlos gab und sich so außerordentlich liebenswürdig vor ihnen zergliederte. Sie beide – hauptsächlich Richard – fanden natürlich aus ähnlichen Gründen ihre Freude daran und betrachteten es als Geschenk, daß ein so anziehender Mann ihnen so offenes Vertrauen entgegenbrachte. Je eifriger wir zuhorchten, desto lebendiger wurde Mr. Skimpole. Seine hübsche heitere Art, seine gewinnende Offenheit, mit der er mit seinen Schwächen spielte, als ob er sagen wollte, ich bin ein Kind, das wißt ihr doch! – im Vergleich mit mir seid ihr erfahrene Leute (ich selbst kam mir ihm gegenüber in diesem Lichte vor), aber ich bin heiter und unschuldig; vergeßt eure prosaischen Sorgen und spielt mit mir –, brachten eine wahrhaft blendende Wirkung auf uns hervor. Er war so voller Empfindung und hatte einen so feinen Sinn für alles Schöne, daß er schon dadurch allein hätte mein Herz gewinnen müssen. Als ich den Tee aufgoß und Ada im Nebenzimmer Klavier spielte und Richard eine Melodie, von der sie zufällig gesprochen hatten, vorsummte, setzte er sich aufs Sofa in meine Nähe und sprach von Ada in einer Weise, daß mir das Herz aufging. »Sie ist wie der Morgen«, schwärmte er. »Mit dem goldnen Haar und den blauen Augen und diesen frisch blühenden Wangen ist sie wie der Sommermorgen. Die Vögel hier werden sie dafür halten. Wir wollen ein so liebliches junges Wesen wie sie, die die Freude aller Menschen ist, nicht eine Waise nennen. Sie ist das Kind des Universums.« Ich bemerkte, daß Mr. Jarndyce nicht weit von uns stand, die Hände auf dem Rücken und ein aufmerksames Lächeln in der Miene. »Das Universum«, wendete er ein, »ist kein besonders guter Vater, fürchte ich.« »Oh, das weiß ich nicht«, rief Mr. Skimpole überschwenglich. »Ich glaube, ich weiß das genau«, lächelte Mr. Jarndyce. »Gut, Sie kennen die Welt, die in Ihrem Sinn das Universum ist, und ich kenne sie nicht, und daher sollen Sie Ihren Willen haben. Aber wenn es nach mir ginge«, setzte Mr. Skimpole mit einem Blick auf Richard und Ada hinzu, »so dürften keine Dornen jämmerlicher Wirklichkeit auf ihrem Wege liegen. Er müßte mit Rosen bestreut sein und durch freundliche Gefilde führen, wo weder Frühling, Herbst noch Winter, sondern immerwährender Sommer herrscht. Die Jahre und die Vergänglichkeit dürften dort keinen Schaden tun. Das gemeine Wort Geld dürfte dort nie gehört werden.« Mr. Jarndyce tätschelte ihm lächelnd mit der Hand auf den Kopf wie einem Kinde, trat einen Schritt vor, blieb stehen und warf einen Blick auf die beiden jugendlichen Gestalten. Sein Auge war gedankenvoll, und ein Ausdruck des Wohlwollens lag darin, den ich später oft – so oft – wieder gesehen habe und der sich tief in mein Herz geprägt hat. Das Zimmer, in dem sie sich befanden, lag neben dem unsrigen und war nur vom Kaminfeuer erhellt. Ada saß am Klavier; Richard stand daneben und beugte sich zu ihr herab. An der Wand verschmolzen ihre Schatten miteinander, umgeben von seltsamen Gestalten, die in dem flackernden Schein des Feuers gespenstisch zu schwanken schienen. Ada spielte und sang so leise, daß der die fernen Hügel umseufzende Wind so hörbar war wie die Musik. Das Geheimnis der Zukunft und dunkle Vorbedeutung schienen sich symbolisch in dem ganzen Vorgang auszudrücken. Aber nicht um dieses Bild zurückzurufen, so deutlich ich mich seiner auch erinnern kann, stelle ich mir die Szene wieder vor Augen. Vor allem blieb mir der Kontrast in Meinung und Absicht zwischen dem stummen Blick, den Mr. Jarndyce nach den jungen Leuten warf, und dem Schwall von Worten, der ihm vorhergegangen war, nicht ganz verborgen. Obgleich Mr. Jarndyces Auge nur einen Augenblick auf mir ruhte, fühlte ich doch, daß er mir in dieser Sekunde seine Hoffnung anvertraut habe, Ada und Richard möchte dereinst ein engeres Band verknüpfen, und ich sein Vertrauen verstanden hatte. Mr. Skimpole konnte Klavier und Cello spielen, komponierte – er hatte einmal eine halbe Oper geschrieben, aber sie wieder liegen lassen – und trug seine Kompositionen mit vielem Geschmack vor. Nach dem Tee hatten wir ein regelrechtes kleines Konzert, wobei Richard, der ganz bezaubert von Adas Gesang war und mir sagte, sie schiene alle Lieder, die jemals geschrieben worden, zu kennen, und Mr. Jarndyce und ich die Zuhörerschaft bildeten. Nach einer kleinen Weile vermißte ich zuerst Mr. Skimpole und dann Richard, und während ich mich noch wunderte, wie Richard nur solange wegbleiben und soviel versäumen könnte, sah das Mädchen, das mir die Schlüssel übergeben hatte, zur Türe herein und sagte: »Möchten Sie wohl die Güte haben, Miß, eine Minute herauszukommen?« Als ich mit ihr draußen in der Vorhalle stand, bat sie mich mit aufgehobenen Händen: »Ach, wenn Sie die Güte haben wollten, Miß – Mr. Carstone läßt Ihnen sagen, Sie möchten doch einmal herauf in Mr. Skimpoles Zimmer kommen, es ist ihm etwas zugestoßen, Miß.« »Zugestoßen?« »Ja, zugestoßen, Miß. Ganz plötzlich.« Ich fürchtete, sein Zustand könnte gefährlicher Art sein, und bat sie, zu schweigen und niemand zu alarmieren, und sammelte mich unterwegs soweit, daß ich mir im Geiste zurechtlegte, welche Mittel angewendet werden könnten. Sie öffnete die Tür, und ich trat ins Zimmer, wo ich zu meinem Erstaunen Mr. Skimpole, anstatt ihn auf dem Bett oder auf dem Fußboden liegen zu finden, vor dem Kamin stehen und Richard anlächeln sah, während dieser sehr verlegen einen Mann in einem weißen Überrock ansah, der auf dem Sofa saß und sein glattes dünnes Haar mit dem Taschentuch noch glätter und dünner strich. »Miß Summerson«, sagte Richard hastig, »ich bin froh, daß Sie gekommen sind. Sie können uns vielleicht einen Rat geben. Unser Freund – erschrecken Sie nicht – soll wegen einer Schuld verhaftet werden.« »Wahrhaftig, liebe Miß Summerson«, bestätigte Mr. Skimpole mit seiner liebenswürdigen Offenherzigkeit. »Ich war noch nie in einer Lage, in der mir die Verständigkeit, der Ordnungssinn und der richtige Takt, den jeder an Ihnen bemerken muß, der nur eine Viertelstunde das Glück gehabt hat, mit Ihnen zusammen gewesen zu sein, mehr von Nöten gewesen wären.« – Der Mann auf dem Sofa, der den Schnupfen zu haben schien, brach in ein so lautes Schnauben aus, daß ich zusammenfuhr. – »Ist die Summe groß, Sir?« fragte ich. Mr. Skimpole schüttelte freundlich den Kopf. »Liebe Miß Summerson, ich weiß es nicht. Ich glaube, es ist die Rede von einigen Pfund, ein paar Schillingen und Pence.« – »24 £ 16 sh. und 7½ d«, bemerkte der Fremde. – »Und es klingt – es klingt wie eine kleine Summe«, sagte Mr. Skimpole. – Der Fremde schwieg und ließ wieder ein Schnauben hören. So gewaltig, daß es ihn ordentlich in die Höhe zu heben schien. – »Mr. Skimpole«, erklärte mir Richard, »möchte aus Zartgefühl sich nicht gern an unsern Vetter Jarndyce wenden, weil er vor kurzem... sagten Sie nicht, vor kurzem, Sir...?« »Jawohl«, gab Mr. Skimpole lächelnd zur Antwort. »Ich habe allerdings vergessen, wieviel es war und wann. Jarndyce würde mir gerne wieder aushelfen, aber ich bin so sehr Genußmensch, daß ich eine Abwechslung in der Unterstützung vorziehen würde und lieber« – er sah Richard und mich an – »Hochherzigkeit auf einem neuen Boden zur Blüte entwickeln möchte.« »Was ist da wohl zu tun, Miß Summerson?« fragte mich Richard halblaut. Ehe ich antwortete, wagte ich die Frage, was wohl geschehen würde, wenn das Geld nicht aufgebracht werden könnte. »Gefängnis«, sagte der Fremde und steckte kaltblütig sein Taschentuch in den Hut, der vor ihm auf dem Fußboden lag. »Oder Coavinses!« »Darf ich fragen, Sir, was das ist?« »Coavinses? n Haus.« Richard und ich sahen uns wieder ratlos an. Es war so merkwürdig, daß die Verhaftung uns in Aufregung versetzte und Mr. Skimpole nicht im geringsten. Er beobachtete uns mit großer Teilnahme, schien aber in all dem, so widerspruchsvoll es klingen mag, keine Spur von Selbstsucht zu sehen. Er hatte einfach die Verlegenheit auf uns abgewälzt. »Ich habe mir gedacht«, sagte er, wie um uns gutmütig aus der Klemme zu helfen, »da Mr. Richard und seine schöne Kusine Parteien in einem Kanzleigerichtsprozeß um ein, wie die Sage geht, sehr großes Vermögen sind, könnten sie etwas unterzeichnen oder unterschreiben oder eine Verpflichtung oder sonst dergleichen eingehen. Ich weiß nicht, wie man das Ding geschäftlich nennt, aber ich sollte meinen, irgend ein Dokument müßte die Sache in Ordnung bringen.« »Keine Spur!« mischte sich der Fremde ein. »Wirklich nicht? Das muß jemandem, der kein Urteil in solchen Dingen hat, recht seltsam erscheinen.« »Seltsam oder nicht«, sagte der Fremde barsch. »Ich versichere Ihnen, keine Spur.« »Nur ruhig, lieber Freund«, besänftigte Mr. Skimpole und skizzierte den Kopf des Mannes auf das Umschlagblatt eines Buchs. »Verderben Sie sich durch Ihr Geschäft nicht die Laune. Wir können Ihre Person ganz gut von Ihrem Amte trennen und brauchen den Mann nicht mit der Sache zu verwechseln. Wir sind nicht so voreingenommen, Sie im Privatleben für etwas andres zu halten als für einen sehr achtbaren Menschen mit sehr viel unbewußter Poesie in sich.« – Der Fremde antwortete nur mit einem abermaligen heftigen Schnauben; ob in Anerkennung des poetischen Tributs oder in verächtlicher Zurückweisung desselben, sprach er nicht aus. – »Meine liebe Miß Summerson und mein lieber Mr. Richard«, wandte sich Mr. Skimpole heiter, unbefangen und vertrauensvoll an uns und betrachtete dabei, den Kopf schief gelegt, seine Zeichnung. »Sie sehen mich ganz unfähig, mir zu helfen, und mich ganz in Ihre Hände gegeben. Ich verlange nichts als frei zu sein. Die Schmetterlinge sind frei. Die Menschheit wird sicherlich Harold Skimpole das nicht verweigern, was sie den Schmetterlingen zugesteht.« »Liebe Miß Summerson«, flüsterte mir Richard zu. »Ich habe zehn Pfund, die mir Mr. Kenge gegeben hat. Ich muß sehen, was sich damit ausrichten läßt.« Ich selbst besaß fünfzehn Pfund und ein paar Schillinge, die ich mir von meinem Vierteljahrsgehalt im Lauf der Zeit zusammengespart hatte. Für den Fall, daß ich, ohne Verwandte und Vermögen, einmal in die Welt geschickt werden könnte, war ich immer bemüht gewesen, mir einen Notpfennig zurückzulegen, um nicht ganz von Geld entblößt dazustehn. Ich sagte Richard, daß ich eine kleine ersparte Summe besäße und ihrer gegenwärtig nicht bedürfe, und bat ihn, das Mr. Skimpole zartfühlend beizubringen, während ich es holte, damit wir das Vergnügen haben könnten, seine Schuld zu tilgen. Als ich zurückkam, küßte mir Mr. Skimpole die Hand und schien wirklich gerührt zu sein. Nicht seinetwegen – ich fühlte abermals diesen verwirrenden und merkwürdigen Widerspruch –, sondern lediglich unsertwegen, als ob ihm seine eignen Angelegenheiten vollkommen uninteressant wären und ihn ganz allein die Mitfreude an unserm Glück in Anspruch nähme. Richard bat mich, um die Sache »angenehmer zu gestalten«, mit Coavinses, wie Mr. Skimpole den Fremden scherzhaft nannte, abzurechnen. Ich zählte also das Geld hin und nahm die Quittung in Empfang. Auch das freute Mr. Skimpole außerordentlich. Seine Komplimente waren von so zarter Art, daß ich weniger errötete, als es sonst der Fall gewesen wäre, und ich rechnete mit dem Fremden im weißen Überzieher ab, ohne einen Fehler zu machen. Dieser steckte das Geld in die Tasche und sagte kurz: »Wir sind fertig. Ich wünsche Ihnen einen guten Abend, Miß.« »Lieber Freund«, wendete sich Mr. Skimpole, an den Kamin gelehnt, an Coavinses, und legte die fertige Skizze weg, »ich möchte Sie etwas fragen, wenn Sie erlauben.« »Schießen Sie los.« »Wußten Sie heute früh schon, daß Sie den Auftrag erhalten würden?« »Wußte es schon gestern nachmittag.« »Schadete es nicht Ihrem Appetit? Beunruhigte es Sie gar nicht?« »Ka Spur«, sagte Coavinses. »Wenn man Sie heut noch nicht vermißt hat, wären Sie morgen auch noch dagwesen. Auf einen Tag mehr oder weniger kommts not an.« »Aber als Sie hierher unterwegs waren, meine ich«, fuhr Mr. Skimpole fort, »war ein schöner Tag. Die Sonne schien, der Wind wehte, Licht und Schatten wechselten auf den Feldern, die Vögel sangen...« »Niemand hat das geleugnet, soviel ich weiß«, entgegnete Coavinses. »Nein. Aber was dachten Sie sich auf dem Wege?« »Was meinen S?« brummte Coavinses, als ob er die Frage sehr übel nähme. »Denken? Ich hab eh schon gnug zu tun und bekomm wenig genug dafür, ohne erst zu denken... Denken!« setzte er mit tiefster Verachtung hinzu. »Sie dachten also nicht: Harold Skimpole sieht gern die Sonne scheinen, hört gern den Wind wehen, freut sich über den Wechsel von Licht und Schatten auf den Auen, hört gern den Vögeln zu, diesen Chorsängern in dem großen Dome der Natur, – und ich gehe jetzt, Harold Skimpole seinen Anteil an diesen Dingen, das einzige, was er besitzt, zu rauben? Sie dachten nichts dergleichen?« »Ich – gewiß – nicht!« Coavinses wies diesen Gedanken mit solch störrischer Entschiedenheit zurück, daß er sich nur dadurch verständlich machen zu können glaubte, daß er hinter jedes Wort eine lange Pause setzte und das letzte mit einem Schütteln des Kopfs hervorstieß, das ihm leicht die Halswirbel hätte ausrenken können. »Sehr sonderbar und merkwürdig ist der Denkprozeß bei euch Geschäftsleuten«, murmelte Mr. Skimpole gedankenvoll. »Ich danke Ihnen, mein Freund. Gute Nacht!« Da unsere Abwesenheit schon lange genug gedauert hatte, um Mr. Jarndyce aufzufallen, ging ich sofort wieder hinunter. Ich fand Ada am Kamin sitzen, mit einer Handarbeit beschäftigt und in eifrigster Unterhaltung mit ihrem Vetter John. Mr. Skimpole erschien ebenfalls bald und kurz nach ihm Richard. Ich war während des übrigen Abends so ziemlich mit einer Lektion Pochbrett in Anspruch genommen, die mir Mr. Jarndyce erteilte. Er spielte es sehr gern, und ich wünschte natürlich, es so schnell wie möglich zu erlernen, um gelegentlich, wenn er keinen bessern Gegner hätte, mit ihm spielen zu können. Erst spät in der Nacht trennten wir uns; denn als Ada um elf Uhr aufstehn wollte, setzte sich Mr. Skimpole noch ans Klavier und spielte ein lustiges Lied, mit dem Text: Das beste Bestreben, Um länger zu leben, Ist der Nacht ein paar Stunden zu rauben, Juchhe! Und so war es zwölf geworden, als er seine Kerze nahm und strahlenden Gesichts das Zimmer verließ. Ich glaube wirklich, er hätte uns bis zum Morgen festhalten können. Ada und Richard standen noch ein paar Augenblicke am Fenster und erörterten lustig die Frage, ob Mrs. Jellyby um diese Zeit wohl ihr Tagewerk schon beendet habe, als Mr. Jarndyce, der bereits das Zimmer verlassen hatte, wieder zurückkehrte. »O mein Gott, was ist da wieder geschehen!« sagte er und rieb sich in gutgelaunter Verdrießlichkeit den Kopf und ging auf und ab. »Was muß ich hören! Rick, mein Junge, und liebe Esther, was habt ihr mir da gemacht. Was habt ihr da angestellt! Wieviel kommt auf jeden? Der Wind hat sich schon wieder gedreht. Ich fühle es über und über.« – Wir wußten beide nicht, was antworten. – »Nur heraus mit der Sprache, Rick! Vor dem Schlafengehen muß das abgemacht werden. Wieviel habt ihr beide ausgelegt? Ihr habt das Geld zusammengeschossen, höre ich. Wie konntet ihr das tun? Mein Gott, ja, es ist wirklich Ostwind – muß Ostwind sein.« »Ich weiß wirklich nicht, Sir«, sagte Richard, »ob ich es Ihnen verraten darf. Mr. Skimpole verließ sich auf uns und...« »Gott steh uns bei, mein lieber Junge! Er verläßt sich auf jeden.« Mr. Jarndyce rieb sich den Kopf gewaltig und blieb stehen.« »Wirklich, Sir?« »Jawohl, auf jeden, und er wird nächste Woche wieder in derselben Klemme sein«, sagte Mr. Jarndyce und ging mit langen Schritten, eine ausgelöschte Kerze in der Hand, im Zimmer auf und ab. »Er ist immer in derselben Klemme. Er ist sozusagen in der Klemme auf die Welt gekommen. Ich glaube wahrhaftig, seine Geburtsanzeige hat gelautet: Am vergangenen Dienstag in ihrer Wohnung zu Schuldenhausen genas Mrs. Skimpole unter größten Schwierigkeiten eines Sohnes.« Richard lachte herzlich, setzte aber hinzu: »Dennoch, Sir, möchte ich nicht gern einen Vertrauensbruch begehen, und wenn ich Ihnen nochmals zu bedenken gebe, daß ich meiner Ansicht nach doch eigentlich sein Geheimnis zu bewahren verpflichtet bin, so hoffe ich, Sie werden nicht weiter in mich dringen. Natürlich, wenn Sie es doch tun, weiß ich, daß ich Unrecht habe, und werde Ihnen die gewünschte Auskunft geben.« »Na, na«, rief Mr. Jarndyce, blieb wieder stehen und bemühte sich in seiner Zerstreuung vergebens, den Leuchter in die Tasche zu stecken. »Ich... ja so, der Leuchter. Bitte, setzen Sie ihn weg, liebes Kind. Ich bin so zerstreut, der Wind ist schuld daran... Hat immer diese Wirkung... Ich will nicht in Sie dringen, Rick. Sie können Recht haben. Aber – Sie und Esther herzunehmen – und euch auszupressen wie ein paar weiche junge Michaelisorangen!... Wir bekommen gewiß in der Nacht Sturm.« – Er steckte entschlossen die Hände in die Taschen, als wollte er sie so bald nicht mehr herausziehen. Gleich darauf fuhr er sich aber wieder durch die Haare. – Ich wendete ein, daß Mr. Skimpole doch in solchen Dingen das reinste Kind sei. »Wie, mein Liebling?« griff Mr. Jarndyce sofort das Wort auf. »Da er ein vollkommenes Kind ist, Sir«, fing ich an, »und so ganz anders als andre Leute...« »Sie haben Recht.« Mr. Jarndyces Gesicht strahlte. »So ein weiblicher Verstand trifft immer gleich das Richtige. Er ist ein Kind – das reinste Kind. Ich sagte es euch doch gleich.« »Gewiß, gewiß«, bestätigten wir. »Und er ist ein Kind, das ist doch klar, nicht?« fragte Mr. Jarndyce, und seine Miene hellte sich immer mehr und mehr auf. »Ja, das ist er.« »Wenn man sich's genau überlegt, ist es wirklich kindisch von euch – besser gesagt, von mir –, ihn nur einen Augenblick lang als erwachsenen Menschen zu betrachten. Ihn könnt ihr nicht verantwortlich dafür machen. Sich Harold Skimpole in Verbindung mit Plänen, berechnender Handlungsweise oder Logik nur zu denken! Hahaha!« Es war so köstlich, sein Antlitz immer vergnügter und vergnügter werden zu sehen und zu wissen, daß die Quelle seiner Freude sein gutes Herz war, dem es weh tat, jemand zu verdammen, Unrecht zu tun oder zu mißtrauen, daß ich in Adas Augen Tränen glänzen sah, während sie sich bemühte, in sein Lachen miteinzustimmen, und ich auch die meinen feucht werden fühlte. »Was ich für ein Stockfisch bin, daß ich nicht gleich daran gedacht habe. Die ganze Geschichte zeigt von Anfang bis zu Ende das Kind. Nur einem Kinde konnte es einfallen, euch beide in die Sache hineinzuziehen. Und wären es tausend Pfund gewesen, er hätte es genau so gemacht.« – Wir alle stimmten ihm nach dem, was wir diesen Abend gesehen und gehört hatten, vollkommen bei. – »Natürlich«, sagte Mr. Jarndyce, »aber Rick, Esther und auch Sie, Ada – denn ich weiß nicht, ob selbst Ihre kleine Börse vor seiner Unerfahrenheit sicher ist –, ihr müßt mir alle versprechen, daß das nie mehr wieder geschieht. Keine Vorschüsse! Verstanden? Auch nicht einen Sixpence.« Wir versprachen es alle getreulich; Richard mit einem verschmitzten Blick auf mich und auf seine Tasche klopfend, um damit anzudeuten, daß wir keine Gefahr mehr liefen, unser Wort zu brechen. »Was Skimpole betrifft, so würde dem guten Jungen ein bewohnbares Puppenhaus mit einem soliden Tisch und ein paar Zinnsoldaten, die er anpumpen könnte, zum Spielen fürs ganze Leben genügen. Er schläft jetzt gewiß schon den Schlaf eines Kindes; es wird Zeit, daß ich meinen soviel tüchtigeren Kopf auf meine mehr weltlichen Kissen lege. Gute Nacht, liebe Kinder! Gott behüte euch!« Er guckte wieder mit freundlichem Gesicht herein, als wir gerade unsre Lichter angezündet hatten, und sagte: »Ich habe nach der Wetterfahne gesehen. Es war doch ein Irrtum mit dem Wind. Er kommt aus Süden.« Und er verließ uns, ein Liedchen summend. Ada und ich plauderten noch ein paar Worte miteinander, als wir hinauf gingen, und waren uns darüber einig, daß diese Grille mit dem Winde nur ein Vorwand von Mr. Jarndyce sei, um Betroffenheit, Verstimmung oder Rührung zu verbergen. Es erschien uns das als sehr charakteristisch für seine exzentrische Herzensgüte und für den Unterschied zwischen ihm und den gewissen launischen Menschen, die im Gegenteil immer Wetter und Wind als Vorwand benützen, um ihre mürrische und verdrießliche Laune nicht unterdrücken zu müssen. Zu meiner Dankbarkeit war an diesem einen Abend schon soviel Liebe zu Mr. Jarndyce gekommen, daß ich Hoffnung schöpfte, ihn schon vermittels dieser beiden Gefühle verstehen zu lernen. Scheinbare Inkonsequenz bei Mr. Skimpole oder bei Mrs. Jellyby auf ihre Ursachen zurückführen zu können, durfte ich bei meiner geringen Erfahrung und praktischen Kenntnis nicht erwarten. Ich versuchte es auch gar nicht, und als ich allein war, mußte ich viel an Ada und Richard denken und an das Vertrauen, das mir, wie mir schien, Mr. Jarndyce hinsichtlich ihrer geschenkt hatte. Meine Phantasie, vielleicht durch das leise Stöhnen des Windes draußen ein wenig aufgeregt, wollte auch nicht ganz untätig bleiben, obgleich ich mir die größte Mühe gab. Sie schweifte zurück zu dem Hause meiner Patin und rief schattenhafte Erinnerungen an Grübeleien wieder wach, die damals manchmal in mir gedämmert hatten:... Was wohl Mr. Jarndyce von meiner frühesten Geschichte wisse und ob er wohl am Ende gar mein Vater sei... Jetzt war dieser nichtige Traum natürlich längst verschwunden. Das ist alles längst vorüber, sagte ich mir, schüttelte meine Träume ab und stand von meinem Sitz am Kamin auf. Es handelt sich jetzt nicht darum, über die Vergangenheit nachzugrübeln, sondern mit fröhlichem Sinn und dankbarem Herzen zu handeln. Esther, Esther, Esther, denk an deine Pflicht, meine Liebe! Und ich schüttelte mein Körbchen mit den Wirtschaftsschlüsseln, daß sie wie Glöckchen klangen und mich hoffnungsvoll zu Bett läuteten. 7. Kapitel Der Geisterweg Esther schläft, Esther wacht; und immer noch ist Regenwetter auf dem Landsitz in Lincolnshire. Der Regen fällt: trip, trip, trip, Tag und Nacht auf die breiten Steinplatten der Terrasse, die der »Geisterweg« heißt. Das Wetter unten in Lincolnshire ist so schlecht, daß auch die lebhafteste Phantasie daran verzweifelt, es könne jemals wieder schön werden. Nicht etwa, daß ein besonderer Überschuß an Phantasie in dem Landhaus vorhanden wäre, denn Sir Leicester ist nicht da – und wenn er da wäre, würde das die Sache auch nicht wesentlich ändern –, sondern in Paris mit Mylady; und die Einsamkeit hockt brütend mit grauem Fittich über Chesney Wold. Einige Regungen von Phantasie sind möglicherweise in den niederen Geschöpfen in Chesney Wold lebendig. Die Pferde in den Ställen – in den langgestreckten Ställen in einem roten kahlen Ziegelhof, wo im Turm eine Glocke hängt und eine Uhr mit einem großen Gesicht, das die Tauben in der Nähe, die gern dort auf dem Simse sitzen, immer zu fragen scheinen – malen sich im Geiste vielleicht manchmal doch ein Bild von schönem Wetter aus und sind darin bessere Künstler als ihre Stallknechte. Der Rotschimmel, der sich so ausgezeichnet für einen Jagdritt über schwieriges Terrain eignet, denkt vielleicht, wenn er mit seinen großen Augen nach dem vergitterten Fenster nicht weit von seiner Krippe blickt, an die frischgrünen Blätter, die zu andern Zeiten dort glänzen, an die Wohlgerüche, die dort hereinströmen, und an einen feinen Galopp mit den Hatzhunden, während das Menschenkind, das den Stand daneben auskehrt, niemals über seine Heugabel und seinen Besen hinauskommt. Der Grauschimmel, der der Tür gegenübersteht, ungeduldig am Halfter rüttelt und erwartungsvoll die Ohren spitzt, wenn die Tür aufgeht und der Stallknecht sagt: »Ruhig, Schimmel, ruhig, heut braucht dich niemand«, weiß das vielleicht so gut wie der Mann selber. Das scheinbar so stumme und ungesellige halbe Dutzend im Stall bringt vielleicht die langen nassen Stunden, wenn die Stalltür geschlossen ist, in lebhafterer Unterhaltung zu als das Gesinde in seiner Stube oder in der Ortsschenke; – vertreibt sich vielleicht gar damit die Zeit, das kleine Pony in der Ecke in die Schule zu nehmen, um es zu bilden – oder vielleicht gar zu verderben. Und der Hofhund, der draußen in seiner Hütte, den großen Kopf auf den Pfoten, im Halbschlummer dröselt, träumt vielleicht von der heißen Sonne, die, wenn die Schatten der Stallgebäude seine Geduld durch ewiges Wechseln ermüdet haben, ihm um die Mittagszeit nicht mehr Zuflucht gewähren will als den Schatten seiner eignen Hütte, in dem er dann steif dasitzt und keucht und jault und gar zu gern noch an etwas anderm reißen möchte als an seiner Kette. Jetzt träumt er sich vielleicht im Halbschlummer das Haus voller Gesellschaft, den Schuppen voller Wagen, die Ställe voller Pferde und die Dienerschaftsgebäude voller Reitknechte und Kutscher, bis er über die Gegenwart seine Zweifel bekommt und heraustritt, um nach der Wirklichkeit zu sehen. Dann knurrt er, sich ungeduldig schüttelnd, vielleicht innerlich: »Regen, Regen, Regen, nichts als Regen – und keine Familie«, wie er wieder in die Hütte geht und sich mit einem mürrischen Gähnen hinstreckt. Und die Hunde im Zwinger hinten im Park, deren klagende Stimmen, wenn der Wind auf das Haus zusteht, zuzeiten selbst bis in Myladys Zimmer dringen, sie jagen jetzt vielleicht in der Einbildung die ganze Umgebung ab, während der Regen rings um sie niederschauert. Und die Kaninchen mit ihren verräterischen Schwänzchen, die zu Löchern unter Baumwurzeln heraus- und hineinschlüpfen, werden vielleicht munter bei dem Gedanken an die luftigen Tage, wo es um ihre Ohren weht, oder an die interessanten Jahreszeiten, wo es junge süße Pflänzchen zu nagen gibt. Der Truthahn auf dem Hühnerhof, der sich immer über irgendein sein Geschlecht seit ewigen Zeiten verfolgendes Unrecht –wahrscheinlich die Weihnachtsfeier – zu ärgern scheint, denkt vielleicht an einen versäumten Sommermorgen, wo er in den dunkeln Heckengang unter die gefällten Bäume geriet und nicht loskonnte, während in der Scheune alles voll von Gerstenkörnern lag. Die mißgestimmte Gans, die sich jedes Mal bückt, wenn sie unter dem zwanzig Fuß hohen alten Torweg hindurchwackelt, schnattert vielleicht, wenn wir es nur verstünden, ihre Vorliebe für Wetter, wo der Torweg schwarze Schatten wirft, heraus. All das mag ja sein, aber sonst lebt nicht viel Phantasie in Chesney Wold. Wenn in einem seltenen Augenblick ein bißchen davon vorhanden ist, so hallt es wie ein kleines Geräusch in dem alten Gebäude lange Zeit nach und endet meist mit Geistergeschichten und Geheimnissen. Es hat so stark und anhaltend unten in Lincolnshire geregnet, daß Mrs. Rouncewell, die alte Wirtschafterin in Chesney Wold, schon mehrere Male ihre Brille abgenommen und abgewischt hat, um sich zu vergewissern, ob es wirklich noch regnet oder die Gläser nur so streifig aussehen. Mrs. Rouncewell hätte sich durch das Rauschen und Plätschern hinreichend überzeugen lassen können, aber sie ist etwas taub und will das nicht zugeben. Sie ist eine schöne alte Frau, stattlich und unendlich sauber, und hat einen Rücken und einen Brustkasten, daß sich niemand wundern würde, wenn sich nach ihrem Tode herausstellte, ihr Schnürleib sei ein großer altmodischer Familienkamin gewesen. Um die Witterung kümmert sich Mrs. Rouncewell wenig. Das Haus steht immer da, ob es regnet oder nicht, und um das Haus, sagt sie, habe sie sich zu kümmern und sonst um nichts. Sie sitzt in ihrem Zimmer, in einem Seitengang im Erdgeschoß, mit einem Bogenfenster und der Aussicht auf einen geschorenen viereckigen Rasenflecken, in regelmäßigen Zwischenräumen mit glatten runden Bäumen und glatten runden Steinpfeilern verziert, daß es aussieht, als wollten die Bäume mit den Steinen Kegel schieben. Das ganze Haus ist ihr anvertraut. Sie kann es gelegentlich öffnen, kann herumschäftern und sich erhitzen; aber jetzt ist alles abgeschlossen, und das Haus ruht auf Mrs. Rouncewells eisernem Brustkasten in majestätischem Schlummer. Fast so unmöglich, wie an eine Aufheiterung des Wetters zu glauben, ist es, sich Chesney Wold ohne Mrs. Rouncewell vorzustellen. Aber sie ist auch erst fünfzig Jahre hier. Fragt sie heute an diesem Regentag: »Wie lange sind Sie hier?« und sie wird antworten: »Fünfzig Jahre, drei Monate und vierzehn Tage werden es sein, wenn es Gott gefällt, daß ich bis Dienstag lebe.« Mr. Rouncewell starb, kurz bevor die hübsche Mode der Zöpfe abkam, und versteckte den seinigen, wenn er ihn überhaupt mitnahm, bescheiden in einer Ecke des Parkkirchhofs, nicht weit von der altersgrauen Eingangspforte. Er war im Marktflecken geboren wie seine junge Witwe. Ihre Laufbahn in der Familie begann zur Zeit des letzten Sir Leicester in der Säuglingsstube. Der gegenwärtige Repräsentant der Dedlocks ist ein vortrefflicher Herr. Er setzt bei allen seinen Leuten eine vollständige Abwesenheit individuellen Charakters und eigner Absichten und Meinungen voraus und ist überzeugt, daß er dazu da ist, seinerseits alle diese Mängel zu ersetzen. Sollte er einmal das Gegenteil entdecken, würde er einfach perplex sein und das Bewußtsein verlieren und wahrscheinlich nur wieder zu sich kommen, um noch einmal aufzuatmen und dann zu sterben. Aber er ist trotzdem ein vortrefflicher Herr und hält das für eine Pflicht seiner vornehmen Geburt. Er hat Mrs. Rouncewell sehr gern. Er nennt sie eine respektable, treffliche Frau. Er schüttelt ihr jedes Mal die Hand, wenn er nach Chesney Wold kommt oder wenn er abreist; und wenn er überfahren werden sollte oder ihm sonst ein Unfall zustieße, so würde er sagen, vorausgesetzt, daß er noch sprechen könnte: Laßt mich allein und schickt Mrs. Rouncewell her; denn er würde bei ihr seine Würde sicherer als bei andern aufgehoben wissen. Mrs. Rouncewell hat Leid im Leben gar wohl erfahren. Der eine ihrer beiden Söhne schlug aus der Art, ging unter die Soldaten und ließ nie wieder etwas von sich hören. Selbst heute noch verlieren Mrs. Rouncewells ruhige Hände ihre Fassung, wenn sie von ihm spricht, und sie fahren unruhig hin und her, wenn sie sagt: »Was für ein hübscher Bursche, was für ein munterer, gutherziger, geschickter Junge er doch war!« Ihr zweiter Sohn sollte in Chesney Wold untergebracht werden und wäre mit der Zeit Hausverwalter geworden; aber schon als Schuljunge hatte er die Gewohnheit, Dampfmaschinen aus Pfannen zu machen und Kanarienvögel dazu abzurichten, sich mit möglichst geringem Aufwand von Arbeit ihr Wasser selbst heraufzuziehen (und er kam ihnen dabei mit so raffiniert berechnetem hydraulischem Druck zuhilfe, daß ein Vogel, wenn er durstig war, sich nur mit der Achsel an das Rad zu lehnen brauchte, und die Sache war geschehen). Dieser Hang hatte Mrs. Rouncewell große Sorge gemacht. Mit der Herzensangst einer Henne, die Enteneier ausgebrütet hat, erkannte sie, daß das eine revolutionäre Richtung sei, denn sie wußte, daß Sir Leicester von jedem Hang für eine Kunst so denkt, die mit Rauch und einem hohen Schornstein irgend etwas zu tun hat. Aber da der verstockte junge Rebell, obwohl er sonst ein sanftes geduldiges Kind war, beim Älterwerden kein Zeichen der Besserung erkennen ließ, sondern im Gegenteil ein Modell zu einem Maschinenspinnstuhl baute, mußte sie sich doch endlich entschließen, unter Tränen dem Baronet seine Unverbesserlichkeit einzugestehen. »Mrs. Rouncewell«, hatte Sir Leicester gesagt, »Sie wissen, ich kann mich mit niemandem herumstreiten. Schauen Sie, daß Sie den Jungen los werden; am besten ist, Sie stecken ihn in eine Fabrik. Die Eisenbaugegenden weiter nördlich wären, wie ich glaube, das beste für einen Jungen von solchen Neigungen.« Der Knabe ging also weiter nördlich und wuchs weiter nördlich auf, und wenn ihn Sir Leicester Dedlock jemals zu Gesicht bekam, oder jemals wieder an ihn dachte, so sah er in ihm jedenfalls nur ein Individuum von tausend ruß- und rauchgeschwärzten Verschwörern, die zwei oder drei Mal in der Woche nachts bei Fackelschein zu ungesetzmäßigem Treiben ausziehen. Trotzdem ist Mrs. Rouncewells Sohn im Lauf der Zeit herangewachsen, hat geheiratet und sich selbständig gemacht und Mrs. Rouncewells Enkelseele aus dem Universum zu sich gerufen. Dieser Enkel hat nun ausgelernt, ist von einer Reise nach fernen Ländern, wo er seine Kenntnisse erweitern und die Vorbereitungen für das Wagestück dieses Lebens auf Erden vollenden sollte, zurückgekehrt und steht jetzt, auf Besuch bei seiner Großmutter, an den Kamin gelehnt in deren Zimmer in Chesney Wold. »Und nochmals und nochmals, es freut mich von Herzen, dich zu sehen, Watt! Und abermals, ich freue mich, dich zu sehen, Watt«, sagt Mrs. Rouncewell. »Du bist ein hübscher junger Bursche, deinem armen Onkel Georg so ähnlich. Ach!« – Mrs. Rouncewells Hände werden wie gewöhnlich bei Erwähnung dieses Namens unruhig. »Man sagt, ich sei meinem Vater ähnlich, Großmutter.« »Auch ihm, liebes Kind. Aber am ähnlichsten siehst du deinem armen, armen Onkel Georg; und dein lieber Vater« – Mrs. Rouncewells Hände werden wieder ruhig - »geht es ihm gut?« »Sehr gut. In jeder Hinsicht, Großmutter.« »Da bin ich dem Himmel dankbar!« Mrs. Rouncewell liebt auch ihren zweiten Sohn, aber sie denkt an ihn mit einem gewissen Bedauern, so wie von einem Soldaten, der zwar tapfer ist, aber zum Feinde überging. »Ist er glücklich?« fragt sie. »Vollkommen.« »Ich danke dem Himmel dafür. Also er hat dich in seinem Sinn erzogen und dich in fremde Länder geschickt und so? Nun, er wird es wohl am besten wissen. Es mag ja eine Welt außerhalb von Chesney Wold geben, die ich nicht verstehe, obgleich ich nicht mehr jung bin und doch auch viel gute Gesellschaft zu Gesicht bekommen habe.« »Großmutter«, sagt der junge Mann und läßt das Thema fallen, »was war das für ein hübsches Mädchen, das vorhin bei dir war? Du nanntest sie Rosa.« »Ja, Kind. Sie ist die Tochter einer Witwe im Dorf. Mädchen sind heutzutage so begriffsstutzig, daß ich sie schon als junges Ding zu mir genommen habe. Sie lernt gut, und es kann etwas aus ihr werden. Sie zeigt dem Fremden das Haus schon recht hübsch. Sie wohnt und ißt bei mir.« »Ich hoffe, ich habe sie nicht vertrieben.« »Sie glaubt wahrscheinlich, wir hätten Familienangelegenheiten zu besprechen. Sie ist sehr bescheiden. Eine gute Eigenschaft bei einem jungen Mädchen. Und gegenwärtig seltner«, sagt Mrs. Rouncewell und dehnt ihren Schnürleib zu seiner größten Breite aus, »als früher.« Der junge Mann neigt das Haupt in Anerkennung der weisen Lehre. Mrs. Rouncewell lauscht. »Räder, horch!« sagt sie. Die jüngeren Ohren haben das Geräusch längst gehört. »Mein Himmel, was für ein Wagen kann das bei solchem Wetter sein?« Nach einer kurzen Weile klopft es an die Tür. »Herein!« Eine schüchterne Dorfschöne mit dunkeln Augen und dunkelm Haar, so frisch in ihrer rosigen und doch zarten Blüte, daß die Regentropfen in ihrem Haar wie Tau auf einer frisch gepflückten Blume aussehen, tritt herein. »Was sind das für Fremde, Rosa?« »Zwei junge Herrn in einem Gig, Maam. Wollten das Haus sehen... Jawohl, ich sagte es ihnen schon«, setzt sie rasch als Antwort auf eine verneinende Gebärde der Wirtschafterin hinzu. »Ich ging an die Gartenpforte und sagte ihnen, es sei ein schlechter Tag und eine ungeeignete Stunde, aber der junge Mann, der kutschiert, zog den Hut bei dem Regen ab und bat mich, Ihnen diese Karte zu bringen.« »Lies sie, lieber Watt!« sagt die Wirtschafterin. – Rosa ist so verlegen, daß sie die Karte fallen läßt, wie sie sie dem jungen Mann geben will, und beide stoßen beinahe mit den Köpfen zusammen, als sie sich bücken. Rosa wird noch verlegner. – »Mr. Guppy. Weiter steht nichts auf der Karte.« »Guppy?« wiederholt Mrs. Rouncewell, »Mr. Guppy? Unsinn. Ich habe den Namen nie gehört.« »Wenn Sie erlauben, dasselbe sagte er auch, aber er und der andre junge Herr wären erst gestern abend mit der Post von London gekommen zur Magistratsversammlung, zehn Meilen von hier. Und da sie bald fertig geworden seien und viel von Chesney Wold gehört hätten und beim besten Willen nicht wüßten, was sie mit der Zeit anfangen sollten, so wären sie trotz des Regens hierhergefahren. Sie sind Advokaten. Er sagt, er wäre zwar nicht bei Mr. Tulkinghorn, glaube aber, sich nötigenfalls auf Mr. Tulkinghorn berufen zu dürfen.« – Als Rosa jetzt, wo sie fertig ist, bemerkt, daß sie eine lange Rede gehalten hat, wird sie noch verlegner. – Mr. Tulkinghorn gehört gewissermaßen mit zu dem Edelsitz, und außerdem geht die Sage, daß er das Testament der Mrs. Rouncewell gemacht habe. Die alte Dame wird milder gestimmt, bewilligt den Gästen den Eintritt und entläßt Rosa. Der Enkel fühlt plötzlich in sich den Wunsch, ebenfalls das Haus anzusehen, rege werden und möchte sich der Gesellschaft anschließen. Die Großmutter freut sich, daß er sich dafür interessiert, und begleitet ihn, obgleich er sie dringendst bittet, sich ja nicht in ihrer Ruhe stören zu lassen. »Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden, Maam«, sagte Mr. Guppy und zieht in der Vorhalle seinen nassen, zottigen Überrock aus. »Wir Londoner Advokaten kommen nicht oft heraus, und wenn's geschieht, nützen wir die Zeit so gut aus wie möglich.« Die alte Wirtschafterin deutet mit gnädig stolzer Gebärde auf die große Treppe. Mr. Guppy und sein Freund folgen Rosa, Mrs. Rouncewell und ihr Enkel kommen nach, und ein Gärtnerbursche eilt voraus, um die Jalousien aufzumachen.« Wie es den meisten Leuten geht, wenn sie Häuser besichtigen, sind Mr. Guppy und sein Freund bereits tödlich abgespannt, ehe sie noch recht angefangen haben. Sie verlaufen sich in die falschen Gänge, besehen sich Überflüssigkeiten, kümmern sich nicht um wirkliche Sehenswürdigkeiten, gähnen, wenn neue Zimmerreihen aufgeschlossen werden, legen die größte Niedergeschlagenheit an den Tag und sind offenbar ganz und gar fertig. In jedem Zimmer, das gezeigt wird, zieht sich Mrs. Rouncewell, die so lotrecht steht wie das Haus selbst, in eine Fenstervertiefung oder sonst eine Nische zurück und hört mit stolzer Billigung Rosas Erklärungen zu. Ihr Enkel ist so aufmerksam, daß Rosa verlegner ist als je – und noch hübscher. So gehen sie von Zimmer zu Zimmer und beschwören die gemalten Dedlocks auf ein paar kurze Minuten herauf, wie der Gärtnerbursche das Tageslicht hereinläßt, und lassen sie wieder ins Grab sinken, wenn er wieder die Läden schließt. Dem betrübten Mr. Guppy und seinem untröstlichen Freund kommt es vor, als ob es kein Ende nehmen wolle mit den Dedlocks, deren Familienruhm darin zu bestehen scheint, daß sie siebenhundert Jahre lang sich durch nichts ausgezeichnet haben. Selbst der lange Gesellschaftssaal in Chesney Wold vermag Mr. Guppys Lebensgeister nicht aufzufrischen. Er ist so niedergeschlagen, daß er auf der Schwelle kleben bleibt und nicht Willenskraft genug aufbringen kann, um einzutreten. Aber ein Porträt über dem Kamin, von dem Modemaler des Tages gemalt, wirkt wie ein Zauber auf ihn. Er erholt sich im Augenblick. Er starrt es mit ungewöhnlichem Interesse an, er ist fasziniert davon und wie am Boden festgenagelt. »Gott, wer ist das?« fragt er. »Das Gemälde über dem Kamm stellt die gegenwärtige Lady Dedlock dar; es gilt für ausgezeichnet getroffen und als das beste Werk des Meisters«, leiert Rosa in einem Zug herunter. »Ich will des Todes sein, wenn ich sie jemals gesehen habe«, flüstert Mr. Guppy und starrt seinen Freund erschrocken an, »und doch kenne ich sie! Gibt es Stahlstiche von dem Bild, Miß?« »Das Porträt ist noch niemals vervielfältigt worden. Sir Leicester hat stets die Erlaubnis verweigert.« »Hm«, sagt Mr. Guppy halblaut. »Ich will mich hängen lassen, wenn ich das Gesicht nicht schon irgendwo gesehen habe! So, so, das ist also Lady Dedlock.« »Das Bild rechts stellt den gegenwärtigen Sir Leicester dar und das Bild links seinen Vater, den verstorbenen Sir Leicester.« – Mr. Guppy hat kein Auge für die beiden Magnaten. – »Es ist mir unerklärlich«, wiederholt er und starrt immer noch das erste Porträt an. »Wie gut ich das Bild kenne! Ich will verwünscht sein«, sagte er und sieht sich um, »wenn ich nicht glaube, ich muß von diesem Bilde geträumt haben.« Da niemand von den Anwesenden ein besondres Interesse an Mr. Guppys Träumen nimmt, wird die Wahrscheinlichkeit nicht weiter erörtert. Aber der Herr ist so in das Porträt vertieft, daß er noch unbeweglich dasteht, als der Gärtnerbursche bereits die Läden zugemacht hat. Jetzt verläßt er das Zimmer ganz benommen und tritt mit den übrigen mit verwirrten, weitaufgerissenen Augen, als ob er sich überall nach Lady Dedlock umsähe, in die folgenden Gemächer. Er bekommt nichts mehr von ihr zu Gesicht. Er sieht ihre Zimmer, die als besonders schön zuletzt gezeigt werden, und blickt aus dem Fenster hinaus, vor dem sie sich noch vor kurzer Zeit des Wetters wegen so tödlich langweilte. Alle Dinge nehmen ein Ende, selbst die Besichtigung von Schlössern. Mr. Guppy hat das Ende der Sehenswürdigkeiten erlebt und die frische Dorfschöne das Ende ihrer Beschreibung, das da lautet: »Die Terrasse unten findet die größte Bewunderung jedes Fremden; einer alten Familiensage zufolge nennt man sie den Geisterweg.« »Wie?« fragt Mr. Guppy mit brennender Neugier. »Was ist das für eine Geschichte, Miß? Kommt etwas von einem Bild drin vor?« »Bitte, erzählen Sie uns die Geschichte«, flüstert Watt halblaut. »Ich weiß sie nicht, Sir«, – Rosa wird schon wieder verlegen. »Sie wird den Fremden nicht erzählt und ist fast in Vergessenheit geraten«, meldet sich die Wirtschafterin dazwischentretend. »Sie ist niemals mehr als eine Familienanekdote gewesen.« »Erlauben Sie mir nochmals die Frage, ob etwas von einem Bilde drin vorkommt, Maam«, forscht Mr. Guppy, »ich versichere Ihnen, je mehr ich an das Bild denke, desto bekannter kommt es mir vor, ohne daß ich einen Zusammenhang finden könnte.« Ein Bild kommt in der Geschichte nicht vor, das kann die Wirtschafterin verbürgen. Mr. Guppy ist ihr für die Auskunft sehr verbunden und außerdem für ihre Liebenswürdigkeit im allgemeinen. Er entfernt sich mit seinem Freund, wird von dem Gärtnerburschen eine andre Treppe hinabgeführt, und gleich darauf hört man ihn fortfahren. Es dämmert bereits. Mrs. Rouncewell kann sich auf die Verschwiegenheit ihrer beiden jungen Zuhörer verlassen, und ihnen will sie daher gerne erzählen, wieso die Terrasse ihren gespenstischen Namen bekommen hat. Sie setzt sich in einen großen Lehnstuhl an dem rasch dunkel werdenden Fenster und erzählt: »In den bösen Zeiten Karls I. – ich nenne sie natürlich nur deswegen böse, weil die Rebellen sich damals gegen den vortrefflichen König verschworen haben – war Sir Morbury Dedlock Besitzer von Chesney Wold. Ob man vor jener Zeit von einem Gespenst in der Familie gehört hat, weiß ich nicht. Ich halte es aber für sehr wahrscheinlich.« – Mrs. Rouncewell ist dieser Meinung, weil sie überzeugt ist, daß eine Familie von so altem Adel und solcher Bedeutung ein Recht auf ein Gespenst hat. Sie betrachtet ein Gespenst als eines der Privilegien der höheren Stände, als eine vornehme Auszeichnung, auf die das gewöhnliche Volk keinen Anspruch hat. – »Sir Morbury Dedlock stand, wie sich von selbst versteht, auf der Seite des heiligen Märtyrers. Aber man vermutet, daß seine Gemahlin, in deren Adern kein Tropfen des Familienblutes floß, die schlechte Sache begünstigte. Es geht die Sage, daß sie mit den Feinden König Karls in Verbindung stand, mit ihnen Briefe gewechselt und ihnen auf diese Weise Nachricht gegeben hat. Wenn Landedelleute von der Partei Seiner Majestät hier zusammenkamen, soll Mylady, wie man erzählt, der Tür des Beratungszimmers immer näher gewesen sein, als man ahnte... Hörst du nicht ein Geräusch wie Fußtritte auf der Terrasse, Watt?« – Rosa rückt näher an die Wirtschafterin. – »Ich höre den Regen auf die Steine tropfen«, gibt der junge Mann zu, »und ich höre ein sonderbares Echo –, ich glaube, es ist ein Echo. Es klingt fast wie ein hinkender Schritt.« Die Wirtschafterin nickt ernst und fährt fort: »Teils wegen dieser Gesinnungsverschiedenheit, teils aus andern Ursachen lebten Sir Morbury und seine Gemahlin nicht glücklich miteinander. Sie war von heftiger und stolzer Gemütsart. Sie paßten den Jahren und dem Charakter nach nicht zueinander und hatten keine Kinder, die zwischen ihnen hätten vermitteln können. Als ihr Lieblingsbruder als junger Mann von der Hand eines nahen Verwandten Sir Morburys fiel, empfand sie seinen Tod so tief, daß sie das ganze Geschlecht, in das sie geheiratet hatte, tödlich haßte. Als die Dedlocks im Begriff standen, von Chesney Wold für die Sache des Königs in den Kampf zu ziehen, soll sie mehr als ein Mal in der Stille der Nacht hinunter in die Ställe geschlichen sein und die Pferde lahm gemacht haben, und die Sage geht, ihr Gatte habe sie einmal zu solcher Stunde die Treppe hinunterschlüpfen sehen und sei ihr in den Stall gefolgt, wo sein Lieblingspferd stand. Er habe sie am Arm gepackt, und im Ringen oder Fallen oder durch das Pferd, das vielleicht erschrocken ausgeschlagen hat, getroffen, wurde sie lahm an der Hüfte und fing von dieser Stunde an zu siechen.« Die Wirtschafterin hat ihre Stimme fast bis zum Flüsterton gedämpft. »Sie war eine Dame von schöner Gestalt und edler Haltung gewesen. Sie klagte nie und sprach mit niemandem davon, daß sie ein Krüppel geworden war oder Schmerzen litt. Aber Tag für Tag versuchte sie auf die Terrasse zu gehen, und mit Hilfe eines Stocks und auf die steinerne Balustrade gestützt ging sie auf und ab, auf und ab, auf und ab, im Sonnenschein und im Schatten, und jeden Tag mit größerer Mühe. Da, eines Nachmittags, sah ihr Gatte, mit dem sie seit jener Nacht, mochte er sie bitten, wie er wollte, kein Sterbenswörtchen mehr gesprochen, aus dem großen Fenster an der Südseite, wie sie auf die steinernen Platten hinsank. Er eilte hinab, um sie aufzuheben, aber sie stieß ihn zurück, und als er sich über sie beugte, sah sie ihn fest und kalt an und sprach: 'Ich will hier sterben, wo ich gegangen bin. Und ich will hier gehen, wenn ich auch im Grabe liege. Ich will hier gehen, bis der Stolz dieses Hauses gedemütigt ist. Und wenn Unglück und Schande es ereilen wird, dann sollen die Dedlocks meine Schritte hören.'« Watt sieht Rosa an. Rosa blickt auf den im Dunkel verschwimmenden Fußboden nieder, halb von Grauen erfüllt, halb verlegen. »Und auf dieser Stelle starb sie. Und aus jenen Tagen stammt der Name 'Geisterweg'. Wenn der Schritt ein Echo ist, so ist er ein Echo, das nur nach dem Dunkelwerden hörbar wird und selbst dann nur von Zeit zu Zeit. Aber manchmal kehrt es wieder, und jedes Mal hört man es, wenn Krankheit oder Tod der Familie bevorsteht.« »– oder Schande, Großmutter«, ergänzt Watt. »Schande kommt nie über Chesney Wold«, entgegnet die Wirtschafterin. – Ihr Enkel macht seinen Vorstoß mit einem: »Natürlich! Natürlich!« wieder gut. – »Das ist die Geschichte. Woher der Schall auch kommen mag, es ist ein angsterregendes Geräusch«, sagt Mrs. Rouncewell und steht vom Stuhle auf. »Und was das Merkwürdigste ist, man muß ihn hören. Mylady, die sich vor nichts fürchtet, gibt selbst zu, wenn er einmal da ist, sei man gezwungen, ihn zu hören. Man kann sich nicht verschließen dagegen. Watt, hinter dir steht eine große Stehuhr, sie hat einen sehr lauten Schlag und kann auch Musik machen. Du weißt mit solchen Dingen umzugehen.« »So ziemlich, Großmutter.« »Nun, so zieh sie auf.« Watt zieht sie auf, das Musik- und das Schlagwerk. »Jetzt komm hierher«, sagt die Wirtschafterin, »hierher an das Kopfkissen von Mylady. Ich weiß nicht, ob es schon dunkel genug ist, aber horch! Kannst du den Schall auf der Terrasse hören, durch die Musik und das laute Ticken und alles andre hindurch?« »Ja!« »Das sagt Mylady auch.« Das achte Kapitel – deckt eine Menge Sünden zu. Es war interessant, beim Ankleiden vor Tagesanbruch hinaus zum Fenster zu schauen, in dessen schwarzen Scheiben meine Kerzen sich wie zwei Leuchtfeuer spiegelten, und zu beobachten, wie beim Hellerwerden die Nacht draußen schwand. Die Aussicht wurde allmählich deutlicher, und wie sich die Landschaft zeigte, über die der Wind die Nacht über hingestrichen, fand ich ein Vergnügen daran, die unbekannten Gegenstände zu entdecken, die mich im Schlafe umgeben hatten. Anfangs waren sie im Nebel nur schwach erkennbar, und einige verspätete Sterne schimmerten über ihnen. Dann dämmerte das Bild schnell größer und voller hervor, unmerklich vertrugen sich meine Lichter mit der morgendlichen Umgebung nicht mehr, die Finsternis in den Ecken meines Zimmers verschwand, und hell schien der Tag auf eine heitere Landschaft, gekrönt von der alten Abteikirche mit ihrem dicken Turm. Alles im Hause war so in Ordnung und jedermann so aufmerksam gegen mich, daß mir meine zwei Bund Schlüssel nicht viel Arbeit machten. Immerhin hatte ich so viel zu tun mit dem Aufschreiben des Inhalts jedes kleinen Faches und Kastens auf eine Schiefertafel und dem Notieren, was vorrätig war an Eingemachtem und Konserven, an Flaschen und Glaszeug, Porzellan und andern Dingen, daß ich gar nicht glauben wollte, es sei schon Frühstückszeit, als ich klingeln hörte. Ich lief hinunter und bereitete den Tee, welches verantwortliche Amt mir bereits übertragen war, und da sich alle etwas verspätet hatten und sich noch nicht sehen ließen, wollte ich den Garten ein wenig kennenlernen. Wie allerliebst, vorn die hübsche Allee und die Auffahrt, hinten der Blumengarten, und meine liebe Freundin oben am Fenster mir zulächelnd, als ob sie mich aus der Ferne küssen wolle. In der Auffahrt waren die tiefen Einschnitte der Räder, die wir gestern bei der Ankunft mit dem Wagen gemacht hatten, noch sichtbar, und ich bat den Gärtner, den Sand wieder zu glätten. Hinter dem Blumengarten befanden sich Gemüsebeete, ein Grasplatz und hübsche kleine Ökonomiegebäude. Das Haus selbst mit seinen drei Giebeln auf dem Dach, seinen abwechslungsreich geschnittenen Fenstern – einige ganz groß, einige winzig klein, aber alle entzückend –, mit seinem Spalier aus Rosen und Jelängerjelieber an der Südfront und seinem heimlichen, behäbigen, gastfreundlichen Aussehen war, wie Ada sagte, als sie mir am Arm des Hausherrn entgegenkam, ihres Vetters John würdig. Ein gewagter Ausspruch, aber er kniff sie nur dafür in die Wange. Mr. Skimpole war beim Frühstück wieder so gewinnend wie gestern abend. Es stand Honig auf dem Tisch, und er knüpfte daran eine Bemerkung über die Bienen. Er habe nichts gegen Honig einzuwenden – und das schien sehr wahr zu sein, denn er ließ sich ihn sehr gut schmecken –, aber er wolle den übermäßigen Fleiß der Bienen nicht als Vorbild gelten lassen. Jedenfalls müsse die Biene Gefallen am Honigsammeln finden, sonst würde sie sich doch damit nicht abgeben; es verlange es ja niemand von ihr. Es sei gar nicht notwendig, daß sie soviel Aufhebens von ihren Neigungen mache. Wenn jeder Zuckerbäcker in der Welt herumschwärmen und egoistischerweise alle Leute auffordern wolle, ihn ja nicht zu stören, würde die Welt zu einem ganz unerträglichen Aufenthalt werden. Im übrigen sei es doch wirklich eine lächerliche Sache, sich aus seinem Besitz, kaum daß man ihn erworben, herausräuchern zu lassen. Von einem Fabrikanten in Manchester würde man sehr gering denken, wenn er zu keinem andern Zweck Baumwolle spänne. – Die Drohne halte er dagegen für die Verkörperung einer viel schöneren und weiseren Idee. Die Drohne sage ganz ohne Ziererei: »Ihr müßt mich schon entschuldigen, ich kann mich wirklich nicht ums Geschäft bekümmern. Ich befinde mich in einer Welt, wo es so viel zu sehen gibt und so wenig Zeit dazu ist, daß ich mir schon die Freiheit nehmen muß, mich umzuschauen und zu bitten, daß jemand für mich sorgt, dem nichts daran liegt, sich umzuschauen.« Das war nach Mr. Skimpole die Drohnenphilosophie, und sie erschiene ihm als eine sehr gute Philosophie – vorausgesetzt, daß es der Drohne passe, mit der Biene auf gutem Fuß zu stehen, und das sei, soviel er wisse, immer der Fall, wenn nur nicht der wichtigtuende fleißige Knirps zuweilen seinerseits Späne machen und sich soviel auf seinen Honig einbilden wolle. – Er malte das Bild bis ins Kleinste aus, und es belustigte uns sehr, obgleich er die Sache ungemein ernst zu nehmen schien. – Die andern hörten ihm noch zu, als ich mich entfernte, um meinen neuen Pflichten nachzukommen. Sie nahmen mich einige Zeit in Anspruch, und ich ging, das Schlüsselkörbchen am Arm, durch die Korridore, da rief mich Mr. Jarndyce in ein kleines Stübchen, das neben seinem Schlafzimmer lag und zum Teil eine kleine Bibliothek mit Büchern und Papieren war, teils ein kleines Museum von Stiefeln, Schuhen und Hutschachteln. »Setzen Sie sich, liebes Kind«, sagte er. »Sie müssen wissen, das ist mein Brummstübchen. Wenn ich schlechter Laune bin, gehe ich hierher und brumme.« »Dann müssen Sie also sehr selten hier sein, Sir«, sagte ich. »O, Sie kennen mich noch nicht. Wenn ich enttäuscht bin oder verstimmt – es liegt am Wind –, so flüchte ich mich hierher. Das Brummstübchen wird von allen Zimmern im Hause am meisten benützt. Sie kennen meine Launen noch nicht zur Hälfte, aber Gott, wie Sie zittern, mein Kind.« – Ich konnte nichts dafür, ich nahm mich sehr zusammen, aber als ich mich allein sah mit diesem gütigen Menschen und in seine wohlwollenden Augen blickte und mich so glücklich, so geehrt und mein Herz so voll fühlte, küßte ich ihm die Hand. – Ich weiß nicht, was ich sagte, überhaupt nicht, ob ich sprach. Er geriet ganz außer Fassung und ging ans Fenster – ich glaubte fast in der Absicht hinauszuspringen –, dann drehte er sich um, und ich sah in seinen Augen, was er hatte verbergen wollen. Er streichelte mir sanft das Haar, und ich setzte mich. »Gut, schon gut!« sagte er. »Es ist schon vorbei. Bah, seien Sie doch kein Kind!« »Es soll nicht wieder geschehen, Sir«, stotterte ich, »aber anfangs ist es so schwer...« »Unsinn, Esther. Es ist leicht, ganz leicht. Warum auch nicht? Ich höre von einem guten kleinen verwaisten Mädchen ohne Beschützer und setze mir in den Kopf, ihm beizustehen. Sie wächst, übertrifft noch meine gute Meinung, und ich bleibe ihr Vormund und ihr Freund. Was ist da weiter? Also! Jetzt haben wir die Geschichte erledigt.« Ich sagte zu mir: Esther, ich wundere mich über dich. Das hätte ich nicht von dir erwartet. Und die gute Wirkung war, daß ich die Hände über mein Körbchen faltete und wieder ganz ruhig wurde. Mr. Jarndyce sah sehr froh darüber aus und fing an, so vertraulich mit mir zu sprechen, als ob wir schon seit langem jeden Morgen beisammen gewesen wären. »Diese Kanzleigerichtsgeschichte verstehen Sie natürlich nicht, Esther?« Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wer sie überhaupt versteht«, fuhr er fort. »Die Advokaten haben sie so bodenlos verwirrt, daß die ursprüngliche Prozeßangelegenheit längst von der Erde verschwunden ist. Es handelte sich um ein Testament oder eine Hinterlassenschaft. Jetzt handelt es sich nur noch um Kosten. Wir werden beständig vorgeladen und wieder entlassen, müssen schwören, Eingaben machen und Gegeneingaben, irgend etwas beweisen, besiegeln, beantragen und berichten, uns um den Lordkanzler und alle seine Trabanten drehen und uns nach bestmöglicher Rechtsform in einen staubigen Tod walzen lassen. Alles nur wegen der Kosten. Darum handelt es sich jetzt. Alles übrige ist auf wunderbare Weise spurlos verschwunden.« »Aber es handelte sich um ein Testament«, erinnerte ich ihn, da er wieder anfing, sich durch die Haare zu fahren. »Nun ja, es handelte sich um ein Testament, wenn überhaupt um irgend etwas Greifbares. Ein gewisser Jarndyce erwarb sich in einer bösen Stunde ein großes Vermögen und machte ein langes Testament. Über der Frage, wie die durch dieses Testament gestifteten Legate zu verwalten seien, verfliegt das Vermögen selbst in der Luft; die Erben geraten in eine so jämmerliche Lage, als ob sie sich eines großen Verbrechens schuldig gemacht hätten, und das Testament selbst sinkt zu einem toten Buchstaben herab. In dem ganzen beklagenswerten Rechtsstreit wird alles, was jeder der Beteiligten mit Ausnahme eines einzigen bereits weiß, an diesen einzigen, der es nicht weiß, gewiesen, um es herauszufinden. Jeder einzelne muß immer und immer wieder Abschriften des ganzen Falles bekommen, was sich zu Wagenladungen von Papier aufhäuft, und muß sie bezahlen, auch wenn er sie nicht bekommt, was gewöhnlich der Fall ist, denn niemand verlangt danach, muß aber den höllischen Tanz von Kosten und Spesen und Unsinn und Korruption durchtanzen, wie ihn noch kein Hexensabbat je ausgeheckt hat. Das römische Recht fragt das bürgerliche Recht, und das bürgerliche Recht fragt wieder das römische. Das bürgerliche Recht entdeckt, daß es dies, und das römische Recht, daß es jenes nicht tun kann. Beide entschließen sich aber nicht zu sagen, daß sie beide zusammen nichts tun können, ehe nicht für A ein Solizitor bestellt ist und ein Advokat erscheint und für B desgleichen. So geht es das ganze Alphabet hindurch. Auf diese Art dauert es Jahre und Menschenalter und fängt immer wieder von vorne an und wird nie fertig. Und wir können uns unter keinen Umständen von dem Prozeß freimachen, denn man hat uns zu Parteien gepreßt, und wir müssen Parteien sein, ob wir wollen oder nicht... Aber es ist nicht gut, daran zu denken. Als mein Großonkel, der arme Tom Jarndyce, daran zu denken anfing, war es der Anfang vom Ende.« »Derselbe Mr. Jarndyce, dessen Geschichte ich gehört habe?« Er nickte ernst. »Ich war sein Erbe, und dies ist sein Haus gewesen, Esther. Als ich hierherkam, war es wirklich unheimlich hier. Darum heißt es Bleakhaus, das unheimliche Haus. Er hatte die Zeichen seines Jammers allerwärts hier aufgedrückt.« »Wie verändert muß es jetzt sein«, sagte ich. »Es hat vordem das Hohe Haus geheißen. Er gab ihm seinen jetzigen Namen und wohnte hier ganz zurückgezogen. Tag und Nacht brütete er über den niederträchtigen Aktenhaufen des Prozesses und wähnte, allem gesunden Menschenverstand entgegen, ihn entwirren und zu Ende bringen zu können. Dabei verfiel das Haus. Der Wind pfiff durch die gesprungenen Mauern, der Regen strömte durch das baufällige Dach, und das Unkraut verwehrte den Weg zu den verfaulenden Türen. Als ich seine Leiche hierherbrachte, schien auch dem Hause das Gehirn aus dem Kopf geschossen zu sein, so zerfetzt und trümmerhaft sah es aus.« Er ging ein Weilchen auf und ab, nachdem er dies mit einem Schauder mehr zu sich selbst gesagt hatte... Dann sah er mich an, seine Mienen hellten sich auf, und er setzte sich wieder hin, die Hände in die Taschen gesteckt. »Ich sagte Ihnen, dies sei das Brummstübchen, mein Kind. Wo bin ich stehen geblieben?« Ich erinnerte ihn an die wohltätige Veränderung in Bleakhaus. »Ja richtig, Bleakhaus. In der City von London haben wir auch noch eine Besitzung, die jetzt so aussehen muß wie damals Bleakhaus. Ich sage, wir haben eine Besitzung, das heißt, der Prozeß hat sie, denn die Kosten sind die einzige Macht auf Erden, die jemals etwas anderes davon bekommen wird als Augenweh oder Herzeleid. Der Besitz besteht aus einer Straße verfallender blinder Häuser, denen die Augen ausgeschlagen sind – ohne Glasscheiben, ohne Fensterrahmen, nur mit kahlen Läden versehen, die aus ihren Angeln herunterhängen und auseinanderfallen. Der Rost schält sich in Flocken von dem Eisengitter ab; die Schornsteine fallen zusammen, die steinernen Stufen vor jeder Tür sind mit grünem Moder überzogen, und selbst die Stützen, die die Ruinen am Zusammenstürzen hindern, fangen schon an zu faulen. Obgleich Bleakhaus keinen Kanzleiprozeß hatte, so führte doch sein Herr einen, und es ist gebrandmarkt mit demselben Siegel. Das sind die Abdrücke des Großen Siegels, das in ganz England jedes Kind kennt. »Wie verändert es ist«, sagte ich wiederum. »Nun ja, das ist es«, antwortete er viel heiterer jetzt als vorhin, »und es ist sehr weise von Ihnen, mich immer wieder auf die Lichtseite des Bildes aufmerksam zu machen. Übrigens, das sind Angelegenheiten, von denen ich nie spreche, an die ich kaum denke, außer im Brummstübchen hier. Wenn Sie es für angezeigt halten, Rick und Ada davon zu erzählen, so überlasse ich es ganz Ihrem Urteil, Esther.« »Ich hoffe, Sir, daß...« »Wollen Sie mich nicht du und Vormund nennen, liebe Esther?« Ich fühlte wieder, daß mir etwas die Kehle zuschnürte. Aber er gab sich den Anschein, als sage er es nur so leichthin, als bloße Laune und nicht als überlegte, aus Herzensgrund kommende Güte. Ich ließ meine Wirtschaftsschlüssel klingeln, um mich an meine Schuldigkeit zu erinnern, und faltete meine Hände noch ein wenig entschlossener über dem Körbchen und zwang mich, ihn ruhig anzusehen. »Ich hoffe, Vormund«, sagte ich, »du wirst auf meine Klugheit nicht zu viel bauen, und ich hoffe, ich werde dich nicht enttäuschen. Ich fürchte immer, du wirst unangenehm überrascht sein, wenn du herausfindest, daß ich nicht besonders gescheit bin – aber es ist wirklich so, und du würdest selbst bald dahinterkommen, wenn ich es dir jetzt nicht selbst eingestünde.« Er schien von meinen Worten durchaus nicht unangenehm überrascht zu sein; ganz im Gegenteil. Er sagte mir, und sein Gesicht strahlte dabei vor Lächeln, daß er mich recht gut kenne und ich gescheit genug für ihn sei. »Nun, so will ich hoffen, daß es wahr ist, aber ich fürchte doch, du irrst dich, Vormund.« »Du bist gescheit genug, um unsre gute kleine Hausfrau hier zu sein, Kind«, versetzte er gutmütig, »kleine Alte aus dem Kinderlied.« Er trällerte: 'Kleines altes Weibchen, und willst so hoch hinaus? Willst die Spinnenweben fegen im blauen Himmelshaus?' »Du wirst sie im Lauf deiner Haushaltung, Esther, so rein von unserm Himmel fegen, daß wir einmal eines schönen Tages das Brummstübchen werden räumen und seine Tür zunageln müssen.« Bei dieser Gelegenheit erhielt ich zuerst die Namen »altes Weibchen«, »kleine Alte« und »Spinnweb« und »Mutter Hubbard«, »Mütterchen Durden«, »Mrs. Shipton« und dergleichen, so daß »Esther« darüber ganz vergessen wurde. »Um auf unsere frühere Rede zurückzukommen«, begann Mr. Jarndyce wieder. »Da haben wir Rick, einen vielversprechenden hübschen Jungen. Was sollen wir mit dem anfangen?« – O du meine Güte, was für ein Einfall, mich deswegen um Rat zu fragen! – »Er muß doch etwas lernen, Esther«, Mr. Jarndyce steckte die Hände in die Taschen und streckte die Beine aus. »Er muß sich einen Beruf wählen. Das wird noch eine lange komplizierte Zopfflechterei werden, das ahne ich schon, aber es muß geschehen.« »Eine lange komplizierte... was, Vormund?« »Zopfflechterei. Es ist das einzige Wort, mit dem man die Sache benennen kann. Er ist ein Kanzleigerichtsmündel, liebe Esther. Kenge \& Carboy werden etwas davon zu erzählen wissen; Assessor Soundso – eine Art lächerlicher Totengräber, der in einem Hinterstübchen am Ende der Quality-Court, Kanzleigerichtsgasse, Gräber für Prozeßakten schaufelt – wird etwas dreinzureden haben; die Advokaten desgleichen; der Kanzler wird etwas drüber sagen, die Trabanten werden hineinreden, und jeder wird sich ein Honorar dabei machen, und die ganze Sache wird ausnehmend feierlich, wortreich, unzulänglich und kostspielig sein. Das nenne ich so im allgemeinen Zopfflechterei. Wie das Menschengeschlecht zu dieser Plage gekommen ist oder wessen Sünden diese jungen Leute abzubüßen haben, weiß ich nicht; aber es ist so.« Er fing wieder an, sich wütend durch die Haare zu fahren und anzudeuten, daß er Ostwind zu spüren beginne. Es gab mir ein Beispiel seiner Herzensgüte, daß sein Gesicht, mochte seine Stimmung wechseln, wie sie wollte, mich immer mit gleich wohlwollendem Ausdruck ansah. Er wurde gleich wieder ruhig, steckte die Hände in die Taschen und streckte die Beine aus. »Vielleicht wäre es das Beste, man würde Mr. Richard fragen, wozu er selbst am meisten Lust hat«, sagte ich. »Sehr richtig. Das meine ich auch. Ich dächte, es wäre das Beste, wenn du mit ihm und Ada mit deinem angebornen Takt und deiner stillen Weise darüber sprechen würdest. Wir werden gewiß in dieser Angelegenheit durch deine Hilfe zum Ziele kommen, Frauchen.« – Mir machte der Gedanke an die Verantwortung, die mir jetzt auferlegt wurde, und die vielen andern Dinge wirklich Sorge. – Ich hatte das doch nicht gemeint; ich hatte gemeint, er solle mit ihm sprechen. Natürlich sagte ich weiter nichts, als daß ich mein Bestes tun wolle, gab jedoch meiner Befürchtung Ausdruck, er halte mich für viel klüger, als ich in Wirklichkeit sei, aber er lachte nur herzlich darüber. »Komm«, sagte er, stand auf und schob den Stuhl zurück. »Ich glaube, wir können das Brummstübchen für einen Tag zusperren. Und noch ein Wort zum Schluß, Esther: Wünschest du vielleicht irgend etwas von mir zu wissen?« – Er sah mich aufmerksam an, und ich mußte ihm ebenso gespannt ins Auge schauen und fühlte gut, was er meinte. – »Über mich selbst, Vormund?« »Ja.« »Vormund«, sagte ich und fühlte, daß meine Hände plötzlich kälter wurden, »Vormund, ich bin fest überzeugt, daß ich dich nicht erst zu bitten brauche, mir etwas zu sagen, wenn du es für nötig oder gut befindest. Wenn ich nicht meinen ganzen Glauben und mein ganzes Vertrauen auf dich setzte, müßte ich wahrhaftig wenig Gefühl haben. Ich habe dich wirklich nichts zu fragen. Gar nichts.« Er zog meinen Arm durch den seinen, und wir gingen hinaus, nach Ada zu sehen. Von dieser Stunde an fühlte ich mich ihm gegenüber ganz unbefangen, war ganz zufrieden, nicht mehr zu wissen, und ganz glücklich. Anfangs ging es in Bleakhaus ziemlich lebhaft zu, denn wir hatten Bekanntschaft mit den vielen nahen und entfernten Nachbarn, die Mr. Jarndyce kannten, zu machen. Es schien Ada und mir, als ob ihn jeder kenne, der etwas mit fremder Leute Geld anfangen wollte. Es setzte uns nicht wenig in Erstaunen, als wir frühmorgens anfingen, seine Briefe zu sortieren und im Brummstübchen einige derselben zu beantworten, daß das große Lebensziel fast aller seiner Korrespondenten zu sein schien, Komitees zu bilden und Geld zu sammeln und auszugeben. Die Damen waren darauf so versessen wie die Herren, ja, übertrafen sie noch bei weitem. Sie taten sich in leidenschaftlichster Weise zu Komitees zusammen und veranstalteten mit wahrer Wut Kollekten. Einige von ihnen schienen ihr ganzes Leben mit dem Verteilen von Subskriptionslisten, Schillingskarten, Halbkronenkarten, Halbsovereignkarten, Pennykarten usw. an das ganze Adreßbuch zuzubringen. Sie baten um alles. Sie baten um Kleider, um alte Leinwand, um Geld, um Kohlen, sie baten um Suppe, um persönliche Verwendung, sie baten um Autographen, um Flanell, kurz um alles, was Mr. Jarndyce hatte – oder nicht hatte. Ihre Zwecke waren so mannigfaltig wie ihre Wünsche. Sie wollten neue Gebäude errichten, Schulden von alten abzahlen, den mittelalterlichen Marienorden in einem malerischen Gebäude wieder aufleben lassen, sie wollten Mrs. Jellyby ein Ehrengeschenk überreichen, sie wollten den Sekretär des betreffenden Unternehmens malen lassen und das Porträt seiner Schwiegermutter schenken, deren große Verehrung für ihn allgemein bekannt sei; sie hatten vor, alles mögliche anzuschaffen, von fünfhunderttausend Traktätchen bis zu einer Leibrente und von einem Marmordenkmal bis zu einer silbernen Teekanne. Und welche Menge von Namen sie annahmen. Da gab es: die Frauen von England, die Töchter von Britannien, die Schwestern jeder einzelnen Kardinaltugend, die Frauen von Amerika, die »Damen« von dem und jenen. Sie schienen beständig vor lauter Stimmwerben und Wählen außer sich vor Erregung zu sein. Unserm geringen Einblick und ihren eigenen Berichten nach schienen sie fortwährend Leute zehntausendeweis für ihre Wahlliste zu werben, aber nie ihre Kandidaten durchzubringen. Wir bekamen Kopfweh schon bei dem bloßen Gedanken, in welch fieberhafter Erregung ihr Leben vergehen müsse. Unter den Damen, die sich ganz besonders durch solch habgierigen Wohltätigkeitstrieb auszeichneten, befand sich auch eine gewisse Mrs. Pardiggle, die, aus der Anzahl ihrer Briefe an Mr. Jarndyce zu schließen, eine ebenso gewaltige Briefschreiberin wie Mrs. Jellyby zu sein schien. Es fiel uns auf, daß sofort Ostwind eintrat, sowie die Rede auf Mrs. Pardiggle kam, und stets Mr. Jarndyce am Weiterreden hinderte. Er pflegte zu bemerken, daß es zwei Klassen wohltätiger Leute gäbe; die einen, die wenig tun und viel Lärm machen, die andern, die gar keinen Lärm machen und viel tun. Wir waren daher sehr neugierig auf Mrs. Pardiggle, die wir für einen Typus der ersten Klasse halten mußten, und freuten uns sehr, als sie uns eines Tags mit ihren fünf jungen Söhnen einen Besuch abstatten kam. Sie war eine Dame in gewaltigem Stil, mit einer Brille, einer Adlernase und einem lauten Organ behaftet, die den Eindruck machte, als habe sie sehr viel Platz nötig. Das war übrigens auch der Fall, denn sie verstand es, mit ihrer Schleppe kleine Stühle, selbst wenn sie in ziemlicher Entfernung standen, umzuwerfen. Da nur Ada und ich zu Hause waren, empfingen wir sie schüchtern, denn sie schien wie kaltes Wetter in das Haus zu kommen und den kleinen Pardiggles, die ihr nachfolgten, blaue Nasen zu machen. »Hier sind, meine jungen Damen«, sprach Mrs. Pardiggle mit großer Geläufigkeit nach den ersten Begrüßungsphrasen, »meine fünf Knaben. Sie haben vielleicht ihre Namen auf einer der gedruckten Subskriptionslisten im Besitze unseres geschätzten Freundes Mrs. Jarndyce gelesen. Egbert, mein Ältester (zwölf), ist der Knabe, der sein ganzes Taschengeld, 5 sh. und 3 d., den Tokahupo-Indianern geschickt hat. Oswald, mein Zweiter (zehnundeinhalb), hat zu dem großen Nationalehrengeschenk für Smithers 2 sh. und 9 d. beigetragen; Francis, mein Dritter (neun), 1 sh. und 6½ d., mein Vierter (sieben) 8 d. für die altersschwachen Witwen, Alfred, mein Jüngster (fünf), ist freiwillig dem Kinderverein 'Die Freude' beigetreten und hat gelobt, sich sein ganzes Leben hindurch des Tabaks in jeder Gestalt zu enthalten.« Noch nie in meinem Leben sind mir so mißvergnügte Kinder vorgekommen. Sie waren nicht bloß schwächlich und welk, sondern sahen geradezu verbissen und haßerfüllt vor Unzufriedenheit aus. Bei der Erwähnung der Tokahupo-Indianer hätte ich wirklich Egbert für eines der wildesten Mitglieder dieses Stammes halten können, so wütend sah er mich an. Als die Beitragssumme der Kinder erwähnt wurde, nahm wohl das Gesicht jedes einzelnen einen besonders bösartigen Ausdruck an, aber bei ihm war es weitaus am schlimmsten. Nur den kleinen Rekruten des Kinderordens »Die Freude«, der sein Unglück in stumpfsinniger Ruhe zu tragen schien, muß ich ausnehmen. »Sie haben Mrs. Jellyby einen Besuch gemacht, höre ich.« Wir sagten ja, wir hätten eine Nacht dort zugebracht. »Mrs. Jellyby«, fuhr die Dame in ihrem demonstrativen lauten harten Ton fort, so daß es mir vorkam, ihre Stimme habe auch eine Art Brille auf – ich möchte nicht zu bemerken versäumen, daß ihre Brille auf der Nase dadurch nicht verschönend wirkte, daß Mrs. Pardiggle gestielte Augen hatte, wie Ada sich ausdrückte –, »Mrs. Jellyby ist eine Wohltäterin der Menschheit und verdient hilfreiche Unterstützung. Meine Knaben haben zu dem afrikanischen Unternehmen beigetragen: Egbert 1 sh. und 6 d., das ganze Taschengeld für neun Wochen; Oswald 1 sh. und 1½ d., ebenfalls neunwöchentliches Taschengeld; die übrigen ihren bescheidenen Mitteln angemessen. Dessenungeachtet kann ich nicht in jeder Hinsicht mit Mrs. Jellyby übereinstimmen. Ich bin mit Mrs. Jellyby, was die Behandlung ihrer jungen Familie anbetrifft, nicht einverstanden. Es fängt übrigens an, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. Man hat bemerkt, daß ihre junge Familie von der Teilnahme an der Sache, der sie sich widmet, ausgeschlossen ist. Sie kann recht haben, sie kann unrecht haben; aber ob sie nun recht oder unrecht hat, ich verfahre mit meinen Kindern anders. Ich nehme sie überallhin mit.« Ich kam später zu der Überzeugung – ebenso wie Ada –, daß diese Worte es waren, die dem bösgelaunten Ältesten ein scharfes Geheul erpreßten. Er versteckte es schnell unter einem Gähnen, aber es fing als Geheul an. »Sie gehen mit mir in die Frühmesse um halb sieben, das ganze Jahr hindurch mit Einschluß des tiefen Winters«, fuhr Mrs. Pardiggle im Galopp fort, »und sind um mich während der wechselnden Pflichten des Tages. Ich bin bei dem Schulkomitee, ich bin beim Besuchskomitee, ich bin beim Lehrkomitee, ich bin bei dem Almosenverteilungskomitee, ich bin Mitglied der lokalen Leinwandverteilungsgesellschaft und vieler allgemeiner Gesellschaften, und mit dem Wahlgeschäft hat vielleicht niemand soviel zu tun wie ich. Aber überall sind sie meine Begleiter und eignen sich auf diese Art die Kenntnis der Armen an und die allgemeine Geschäftskenntnis in Wohltätigkeitssachen – mit einem Wort, den Geschmack für diese Dinge, die ihnen im spätem Leben zur Befriedigung und ihren Nebenmenschen zur Hilfe gereichen werden. Meine Jungen sind nie leichtsinnig, sie verwenden ihr gesamtes Taschengeld unter meiner Anleitung zu Subskriptionen und haben so vielen öffentlichen Versammlungen beigewohnt, so viele Vorlesungen, Reden und Diskussionen mitangehört wie nur wenig Erwachsene. Alfred (fünf), der, wie Sie wissen, aus freier Wahl dem Kinderorden 'Die Freude' beigetreten ist, war eins der wenigen Kinder, das nach einer zweistündigen, eindringlichen Anrede von dem Vorsitzenden des Abends bei dieser Gelegenheit noch bewußtes Empfinden an den Tag legte.« – Alfred glimmerte uns so böse an, als ob er die Schmach dieses Abends nie vergessen könne noch wolle. – »Sie werden bemerkt haben, Miß Summerson, daß auf einigen der erwähnten Listen im Besitz unseres geschätzten Freundes Mr. Jarndyce die Namensreihe meiner jungen Familie mit O. A. Pardiggle F. R. S. = 1 £ – schließt. Das ist ihr Vater. Wir beobachten meistens immer das gleiche Verfahren. Ich lege zuerst mein Scherflein hin, dann zeichnen meine Jungen ihre Beiträge je nach dem Alter und den bescheidnen Mitteln jedes einzelnen, und dann schließt Mr. Pardiggle den Zug. Mr. Pardiggle schätzt sich glücklich, unter meiner Anleitung seine kleine Gabe beizusteuern, und so gestalten wir die Sache nicht bloß für uns angenehm, sondern auch, schätze ich, erhebend für andere.« Gesetzt, Mr. Pardiggle speise bei Mr. Jellyby und Mr. Jellyby schütte nach Tisch Mr. Pardiggle sein Herz aus, würde Mr. Pardiggle sich auch zu einer vertraulichen Mitteilung gegenüber Mr. Jellyby bewogen fühlen? Ich wurde ganz wirr, als ich mich bei diesem Gedanken ertappte; er kam mir so von selbst in den Kopf. »Das Haus liegt sehr hübsch hier«, bemerkte Mrs. Pardiggle. – Wir waren froh, daß die Rede auf etwas anderes kam, traten ans Fenster und machten die Dame auf die Schönheiten der Aussicht aufmerksam, aber ihre Brillengläser schienen mir mit auffallender Gleichgültigkeit hinzusehen. – »Kennen Sie Mr. Gusher?« Wir mußten leider eingestehen, daß wir nicht das Vergnügen von Mr. Gushers Bekanntschaft hätten. »Da verlieren Sie viel«, versicherte uns Mrs. Pardiggle mit gebieterischem Blick. »Er ist ein höchst eindringlicher, leidenschaftlicher Redner – voller Feuer! In einem Wagen auf dieser Wiese hier, die nach der ganzen Terrainbildung von der Natur wie zu einer öffentlichen Versammlung geschaffen scheint, würde er fast jede mögliche Gelegenheit stundenlang benutzen! Nun, meine jungen Damen!« Mrs. Pardiggle trat von ihrem Stuhl zurück und warf wie durch unsichtbare magische Kraft das ziemlich entfernte runde Tischchen, auf dem mein Arbeitskörbchen stand, um... »Nun, meine jungen Damen, haben Sie mich jetzt ganz ergründet?« – Das war eine so verwirrende Frage, daß mich Ada ganz fassungslos ansah. Mein eignes Schuldbewußtsein nach dem, was ich gedacht hatte, muß sich in der Farbe meiner Wangen ausgesprochen haben. – »Ich meine, meinen hervorstechendsten Charakterzug ergründet. Ich weiß, er ist so hervorstechend, daß er auf der Stelle zu entdecken ist. Ich breite ihn selber offen hin. Ja, ich gestehe es frei und frank, ich bin eine Frau der Tat. Ich liebe anstrengende Arbeit, ich finde Genuß an anstrengender Arbeit. Aufregung tut mir gut. Ich bin anstrengende Arbeit so gewöhnt, daß ich nicht weiß, was Müdigkeit heißt.« – Wir murmelten etwas, daß das erstaunlich und sehr hübsch sei, oder etwas derart. Wir wußten zwar nicht den Grund, warum es erstaunlich oder hübsch sei, aber taten es aus Höflichkeit. – »Ich weiß nicht, was es heißt, müde zu sein. Sie können mich nicht müde machen, versuchen Sie es nur einmal!« fuhr Mrs. Pardiggle fort. »Die Menge von Anstrengungen, die mir keine sind, die Unsumme von Geschäften, die mir obliegen, setzen mich manchmal selbst in Erstaunen, aber sie werden für mich zu nichts. Manchmal sind meine Jungen und Mr. Pardiggle schon vom bloßen Zusehen aufs äußerste erschöpft, während ich mich noch rühmen kann, frisch wie eine Lerche zu sein.« – Der finstere älteste Junge sah womöglich jetzt noch böswilliger aus als vorhin. Ich bemerkte, daß er die rechte Faust ballte und damit dem Deckel seiner Mütze, die er unter dem linken Arme trug, einen heimlichen Schlag versetzte. – »Diese Eigenschaft kommt mir bei meinen Rundgängen vortrefflich zustatten. Wenn jemand nicht hören will, was ich ihm zu erzählen habe, so sage ich nur: Ermüdung kenne ich nicht, guter Freund; ich werde nie müde und werde fortreden, bis ich fertig bin. Dieses Verfahren versagt nie! Miß Summerson, ich hoffe, ich werde sogleich das Vergnügen Ihrer Begleitung auf meinem Rundgang haben, und Miß Clare wird doch auch mitkommen?« Anfangs versuchte ich, mich mit dem Hinweis auf meine häuslichen Pflichten zu entschuldigen. Da ich damit nicht durchkam, wandte ich ein, ich zweifle an meiner Befähigung zu solchen Dingen, sei zu unerfahren darin, meinen Charakter anders Gearteten anzupassen, um vom passenden Gesichtspunkt aus auf sie einzuwirken, und daß mir die feine Kenntnis des menschlichen Herzens fehle, die doch eine wesentliche Erfordernis bei diesem Werke sei. Ich sagte, ich hätte selbst noch viel zu lernen, ehe ich andre lehren könnte, und daß mein guter Wille allein nicht ausreiche. Alles das brachte ich mit wenig Selbstvertrauen vor, denn Mrs. Pardiggle war viel älter als ich, hatte große Erfahrung und war höchst gebieterisch in ihrem Auftreten. »Sie befinden sich im Irrtum, Miß Summerson«, sagte sie, »aber vielleicht können Sie anstrengende Arbeit oder die damit verbundene Aufregung nicht aushalten. Wenn Sie vielleicht sehen wollen, wie ich ans Werk gehe, so will ich Sie jetzt recht gern mitnehmen, denn ich bin eben im Begriff, mit meinen Jungen einen Ziegelstreicher in der Nähe hier, einen sehr schlechten Charakter, zu besuchen. Auch Miß Clare, wenn sie mir die Ehre erweisen will.« Ada und ich wechselten einen Blick und nahmen, da wir ohnehin ausgehen wollten, das Anerbieten an. Wir setzten unsre Hüte auf, kehrten nach kurzer Abwesenheit zurück und fanden die »junge Familie« gelangweilt in einer Ecke hinschmachten, während Mrs. Pardiggle im Zimmer auf und nieder schritt und alle leichteren Gegenstände mit der Schleppe umfegte. Sie ergriff sofort von Ada Besitz, und ich folgte mit der »Familie«. Ada erzählte mir nachher, Mrs. Pardiggle habe ihr in ihrem lauten Ton auf dem ganzen Wege zu dem Ziegelstreicher von einem aufregenden Kampfe erzählt, den sie vor zwei oder drei Jahren gegen eine andre Dame ausgefochten habe. Es habe sich dabei um Vergebung einer Stelle in einem Stift an zwei rivalisierende Kandidaten gehandelt. Es sei außerordentlich viel gedruckt, geredet, bevollmächtigt und abgestimmt worden und habe große Lebhaftigkeit da und dort gesetzt, wenn auch die Folge war, daß keiner der beiden Kandidaten die Stelle erhielt. Ich sehe es sehr gerne, wenn sich Kinder mir anvertrauen, und habe in dieser Hinsicht viel Glück, aber damals mußte ich viel darunter leiden. Kaum waren wir nämlich aus der Haustür draußen, forderte Egbert mit der Miene eines kleinen Straßenräubers einen Schilling von mir, weil ihm sein Taschengeld »von ihr« abgeschwindelt worden sei. Als ich ihn auf die Unangemessenheit dieses Wortes namentlich in Verbindung mit seiner Mutter aufmerksam machte, kniff er mich in den Arm und sagte: »O ja freilich! Würde es Ihnen vielleicht gefallen? Warum tut sie, als gäbe sie mir Geld, und nimmt es mir dann wieder weg? Warum heißt es mein Taschengeld, und ich darf es nicht ausgeben?« Diese aufregenden Fragen stiegen ihm und Oswald und Francis so zu Kopf, daß sie alle gleichzeitig an mir herumzwickten, und zwar auf so erschrecklich kunstfertige Weise, indem sie winzige Hautstücke auf meinen Armen zwischen die Nägel nahmen, daß ich mich kaum überwinden konnte, nicht laut aufzuschreien. Überdies trat mir noch Felix auf die Zehen. Und das kleine Mitglied vom Orden der »Freude«, das sein gesamtes Einkommen schon im voraus unterzeichnet hatte und sich nicht nur des Tabaks, sondern auch des Kuchens enthalten mußte, raste so vor Schmerz und Wut, als wir bei einem Konditor vorbeigingen, daß es ganz feuerrot im Gesicht wurde und mich ordentlich in Schrecken versetzte. – Ich habe noch nie auf einem Spaziergang mit Kindern an Leib und Seele so viel zu erdulden gehabt wie von diesen an Jugendfreude unterbundenen Jungen, die mir jetzt die Ehre erwiesen, natürlich zu sein. – Ich war froh, als wir des Ziegelstreichers Wohnung erreichten, obgleich sie in einer Gruppe jämmerlicher Hütten vor einer Lehmgrube stand, mit einem Schweinestall dicht vor den zerbrochenen Fenstern und einem elenden kleinen Gärtchen neben der Tür, in dem nichts als lauter Pfützen gediehen. Hie und da war bei den Hütten ein altes Faß hingestellt, um das vom Dache abfließende Regenwasser aufzufangen. Die an den Türen und Fenstern lungernden Männer und Frauen beachteten uns nicht weiter, nur, daß sie manchmal einander anlachten oder bei unserm Vorbeigehen Worte über »vornehme Leute« fallenließen, die sich um ihre Sachen kümmern und sich mit den Angelegenheiten andrer nicht den Kopf zerbrechen sollten. Mrs. Pardiggle ging voran, trug sittliche Entschiedenheit zur Schau, ließ sich sehr wortreich über die unreinlichen Gewohnheiten der Leute aus – als ob irgend jemand an einem solchen Orte hätte reinlich sein können – und führte uns schließlich in eine Hütte am äußersten Ende, deren Stube wir fast ausfüllten. Außer uns befanden sich in dem feuchten dumpfigen Zimmer eine Frau mit einem blaugeschlagenen Auge, die ein kleines ächzendes Kind am Feuer wiegte, ein Mann, ganz bedeckt von Lehm und Schlamm und von sehr liederlichem Aussehen, der lang hingerekelt auf dem Boden lag und eine Pfeife rauchte, ein athletischer junger Bursche, der einem Hunde ein Halsband umlegte, und ein frech aussehendes Mädchen, das in sehr schmutzigem Wasser irgend etwas wusch. Sie blickten alle auf, als wir hereintraten, und die Frau schien ihr Gesicht nach dem Feuer zu kehren, wie um ihr verletztes Auge nicht sehen zu lassen. Niemand hieß uns willkommen. »Nun, meine Freunde«, begann Mrs. Pardiggle, aber ihre Stimme klang durchaus nicht freundschaftlich und viel zu geschäftsmäßig und systematisch, »wie geht es euch allen? Hier bin ich wieder. Ich habe euch schon gesagt, ich bin nicht müde zu machen. Ich liebe Anstrengung und halte Wort.« »Kommen leicht noch mehr herein?« brummte der Mann auf dem Boden, den Kopf auf die Hand gestützt und uns anstierend. »Nein, mein Freund«, sagte Mrs. Pardiggle, setzte sich auf einen Stuhl und fegte den andern um. »Wir sind alle hier.« »Ich hab schon gmeint, es langt sonst net«, sagte der Mann mit der Pfeife im Mund und musterte uns. Der junge Bursche und das Mädchen lachten. Zwei Bekannte von ihnen, die unser Kommen angelockt hatte, standen, die Hände in den Taschen, draußen vor der Tür und lachten laut mit. »Ihr könnt mich nicht ermüden, liebe Leute«, sagte Mrs. Pardiggle zur Türe hinaus. »Ich habe Freude an angestrengter Arbeit, und je schwerer ihr sie mir macht, desto besser gefällt sie mir.« »Dann machen wir sie ihr leicht«, brummte der Mann auf dem Boden, »damits schon ein End hat. Ich laß mir die Frechheiten in meinem Haus nicht mehr lang gefallen. Ich laß mich nicht länger verhören wie einen Spitzbuben. Jetzt wollen Sie wie gewöhnlich herumschnüffeln und herumspitzeln; ich weiß schon, woraufs hinausgeht. Schon gut, ich werd Ihnen keine Gelegenheiten geben, anzufangen. Ich will euch die Müh ersparen. Wascht meine Tochter? Ja, sie wascht. Schauen Sies Wasser an. Stinkts? Das trinken wir. Wie gfallts Ihnen und was halten Sie von Schnaps? Is meine Wohnung schmutzig? Ja, sie is schmutzig, sie ist von Natur schmutzig und ungsund, und wir haben fünf schmutzige und ungsunde Kinder ghabt; schon tot alle, und das ist für sie das beste und für uns auch. Ob ich Ihner kleines Buch glesen hab? Nein, ich hab Ihner kleines Buch nicht glesen. Hier kann keiner lesen, und dann paßts für ein Wickelkind, und ich bin kein Wickelkind. Und wie ich mich aufgführt hab? Drei Tag bsoffen gwesen! Und ich hätt mich vier Tag lang bsoffen, wenns Geld glangt hätt. Ob ich niemals dran denk in die Kirch zu gehen? Fallt mir net ein. Sie warten dort net auf mich. Der Kirchendiener ist zu vornehm für mich. Und woher hat meine Frau das blaue Äug? Hm. Von mir. Und wenn sie sagt nein, so lügts.« Er hatte die Pfeife aus dem Mund genommen, während er sprach, legte sich jetzt auf die andre Seite und fing wieder an zu rauchen. Mrs. Pardiggle, die ihn durch ihre Brille mit einer erkünstelten Fassung, die meiner Ansicht nach nur dazu angetan war, seine Widerspenstigkeit zu vermehren, angesehen hatte, zog jetzt ein Buch heraus wie einen Konstablerstab und nahm die ganze Gesellschaft in Haft. In geistige Haft natürlich. Aber sie tat es mit der Miene eines unerbittlichen Polizeimanns. Ada und mir wurde es sehr unbehaglich zumute. Wir fühlten uns als Eindringlinge, und es kam uns beiden vor, als ob Mrs. Pardiggle viel mehr erreicht haben würde, wenn sie nicht so mechanisch zu Werke gegangen wäre. Die Kinder sahen mürrisch drein und starrten alles mit großen Augen an; die Familie nahm von uns nicht die geringste Notiz, außer, wenn der junge Bursche den Hund bellen ließ, was er meistens tat, wenn Mrs. Pardiggle mit besonderer Emphase sprach. Wir empfanden beide aufs schmerzlichste, daß zwischen uns und diesen Leuten eine eiserne unüberbrückbare Schranke bestand. Durch wen oder wie sie beseitigt werden könnte, wußten wir nicht, aber durch Mrs. Pardiggle nicht, das sahen wir ein. Selbst was sie vorlas und sagte, schien uns für solche Zuhörer schlecht gewählt zu sein, selbst wenn man es ihnen noch so rücksichtsvoll und mit noch so viel Takt beigebracht hätte. Was das kleine Buch, von dem der Mann auf dem Boden gesprochen hatte, betraf, so bekamen wir es später zu Gesicht, und Mr. Jarndyce sagte, er zweifle, ob Robinson Crusoe es gelesen haben würde, auch wenn er kein andres auf seiner wüsten Insel gehabt hätte. Unter diesen Umständen bedeutete es eine große, allgemeine Erleichterung, als Mrs. Pardiggle aufhörte. Der Mann auf dem Boden drehte wieder den Kopf und sagte mürrisch: »Also sind S jetzt fertig?« »Für heute ja, mein Freund. Aber ich werde nie müde. Ich werde regelmäßig wiederkommen«, antwortete Mrs. Pardiggle mit zur Schau getragener Leutseligkeit. »Wenn S nur jetzt schon gehen«, sagte er, verschränkte mit einem Fluch die Arme und schloß die Augen, »können S von mir aus tun, was S mögen.« Mrs. Pardiggle stand auf und erzeugte in dem engen Raum einen Wirbel, dem selbst die Pfeife des Mannes nur mit knapper Not entging. Sodann nahm sie zwei ihrer Jungen an der Hand, hieß die andern ihr auf dem Fuße folgen, sprach die Hoffnung aus, daß der Ziegelstreicher und sein ganzes Haus bei ihrem nächsten Besuche sich gebessert haben würden, und begab sich nach einer andern Hütte. Sie glaubte wahrscheinlich, wir folgten ihr, aber als sie draußen war, gingen wir zu der am Feuer sitzenden Frau hin, um sie zu fragen, ob das Kleine krank sei. Sie wandte keinen Blick von dem Kind, das jetzt auf ihrem Schoß lag. Wir hatten schon früher bemerkt, daß sie ihr verletztes Auge mit der Hand zudeckte, als wolle sie jede Erinnerung an Gewalttat und schlechte Behandlung von dem armen kleinen Wesen fernhalten. Ada, deren weiches Herz bei dem Anblick gerührt wurde, beugte sich herab, um das kleine Gesicht zu berühren. Da bemerkte ich, was vor sich ging, und zog sie schnell zurück. Das Kind starb. »Ach, Esther!« rief sie und sank auf die Knie. »Sieh her! Ach, liebe Esther, das kleine Wesen! Das hübsche kleine stille Wesen! Es tut mir so leid. Und die Mutter tut mir so leid. Ich habe noch nie so etwas Trauriges gesehen. Ach das arme, arme Kind!« Ihre Teilnahme und Milde, mit der sie sich weinend über das Kleine beugte und ihre Hand auf die der Mutter legte, hätten jedes Herz rühren müssen. Die Frau sah sie zuerst erstaunt an und brach dann in Tränen aus. Ich nahm ihr die leichte Last von Schoße, tat, was ich konnte, um die kleine Leiche hübscher und friedlicher aussehen zu machen, legte sie auf ein Brett und deckte sie mit meinem Taschentuche zu. Wir versuchten die Mutter zu trösten und flüsterten ihr die Worte zu, die unser Heiland über die Kinder gesagt hatte. Sie antwortete nichts, sondern blieb sitzen und weinte – weinte bitterlich. Als ich mich umdrehte, sah ich, daß der junge Bursche den Hund hinausgeführt hatte und an der Türe stand und auf uns blickte, mit trocknen Augen, aber still. Auch das Mädchen war stumm, saß in einer Ecke und blickte zu Boden. Der Mann war aufgestanden. Er rauchte noch immer mit trotziger Miene, aber er schwieg. Ein häßliches Weib, sehr ärmlich angezogen, kam rasch herein, während ich noch die Szene betrachtete, ging auf die Mutter zu und rief: »Jenny, Jenny.« Die Mutter stand bei diesen Worten auf und fiel ihr um den Hals. Auch diese Frau trug auf Gesicht und Armen die Spuren von Mißhandlungen. Sie hatte nichts Anmutiges an sich als die Anmut des Mitleids, aber wie sie die andere tröstete und ihr dabei die Tränen über die Wangen liefen, vermißte man die Schönheit nicht. Ich sage: tröstete; aber sie sagte nichts weiter als: »Jenny, Jenny.« Alles übrige lag in dem Ton, mit dem sie diese Worte sprach. Es war rührend, wie diese beiden Frauen, arm, zerlumpt und zerschlagen, so einig waren, – zu sehen, was sie einander sein konnten, – wie sie füreinander fühlten, – wie ihre Herzen bei den harten Prüfungen des Lebens sanfter geworden waren. Ich glaube, die beste Seite solcher Leute bleibt uns fast immer verborgen. Was der Arme dem Armen ist, ist wenigen bekannt außer ihnen selbst und Gott. Wir hielten es für das beste, uns zu entfernen und sie ungestört sich selbst zu überlassen. Wir stahlen uns still hinaus und wurden von niemand beachtet außer von dem Mann. Er stand an die Wand gelehnt, ganz nahe an der Tür, und als er bemerkte, daß wir nur mühsam an ihm vorbei konnten, ging er vor uns hinaus. Er schien nicht merken lassen zu wollen, daß er es unsertwegen tat, aber wir verstanden es gar wohl und dankten ihm. Er gab keine Antwort. Ada war auf dem ganzen Nachhausewege so bekümmert, und Richard, den wir zu Hause fanden, schmerzte es so sehr, sie in Tränen zu sehen – wenn er auch einmal zu mir hinausging, um mir zu sagen, wie schön sie aussähe –, daß wir übereinkamen, abends ein paar Sachen mitzunehmen und unsern Besuch in der Hütte des Ziegelstreichers zu wiederholen. Wir sagten Mr. Jarndyce so wenig wie möglich davon, aber der Wind schlug sofort nach Osten um. Richard begleitete uns abends nach dem Schauplatz unsres Morgenausfluges. Unterwegs mußten wir an einer lärmenden Schenke vorbei, wo eine Anzahl Männer um die Türe herumstanden. Unter ihnen und sich am lautesten herumstreitend der Vater des kleinen gestorbenen Kindes. Nicht weit davon trafen wir den jungen Burschen mit seinem Hund in ähnlich gestimmter Gesellschaft. Die Schwester lachte und plauderte mit ein paar andern Mädchen an einer Ecke der Hüttenreihe, aber sie schien sich zu schämen und wendete sich weg, als wir vorbeigingen. Wir ließen Richard warten, als wir das Haus des Ziegelstreichers erblickten, und gingen allein weiter. Als wir die Tür erreichten, sahen wir das Weib, das die Mutter getröstet hatte, dort stehen und sich voll Angst umschauen. »Ach so, Sie sinds, junge Damens«, sagte sie flüsternd. »Ich schau nach meinem Mann aus. Ich hab das Herz im Mund. Wenn er mich außer Haus trifft, schlägt er mich tot.« »Ihr Ehegatte?« fragte ich. »Ja, Miß, mein Mann. Jenny schläft. Sie ist todmüd. Seit sieben Tagen und Nächten ist das Kind kaum von ihrem Schoß gekommen, außer, wenn ich es ihr für ein paar Minuten hab abnehmen können.« Sie machte uns Platz, wir traten leise ein und legten, was wir mitgebracht, neben das elende Bett, auf dem die Mutter schlief, hin. Man hatte keinen Versuch gemacht, die Stube zu reinigen; ihre Beschaffenheit schien jede Hoffnung auszuschließen, daß sie jemals rein werden könnte, aber die kleine starre Leiche, die soviel Feierlichkeit ringsum verbreitete, war gewaschen und reinlich in ein paar weiße Leinwandlappen gehüllt worden, und auf mein Taschentuch, das immer noch das arme Kind zudeckte, hatten dieselben rauhen narbenvollen Hände einen kleinen Strauß gelegt. »Der Himmel möge es Ihnen vergelten!« sagten wir zu dem Weib. »Sie sind eine gute Frau.« »Ich, junge Damens?« fragte sie mit Erstaunen. »Ruhig, Jenny!« – Die Mutter hatte im Schlafe gestöhnt und bewegte sich. Der Klang der bekannten Stimme schien sie zu beruhigen. Sie war wieder ganz still. – Ich ahnte nicht, als ich mein Taschentuch in die Höhe hob, um die kleine Leiche darunter zu betrachten, und Adas Haar, die sich mitleidig darüber gebeugt hatte, das Kind wie ein Glorienschein umgab – ich ahnte nicht, auf welch sturmdurchtobter Brust dieses Taschentuch noch einmal ruhen würde. Ich dachte nur daran, daß vielleicht der Engel des Kindes auf die Frau niederblicke, die es mit so mitleidiger Hand wieder darüber deckte und dann, als wir Abschied nahmen, an der Türe stehen blieb und sich abwechselnd umsah, in banger Angst hinauslauschte und wieder in ihrer beruhigenden Weise flüsterte: »Jenny, Jenny.« 9. Kapitel Anzeichen Ich weiß nicht, wie es zugeht, aber es kommt mir vor, als erzählte ich stets von mir selbst. Ich denke stets, ich schreibe von andern Leuten, und will so wenig wie möglich an mich denken, und plötzlich bin ich wieder mitten in der Geschichte drin und bin ärgerlich und sage: Aber, aber, du zudringliches, unbedeutendes Geschöpf! Mein Liebling und ich lasen und arbeiteten und waren die ganze Zeit über so beschäftigt, daß die Wintertage wie froh beschwingte Vögel an uns vorüberflogen. Meistens nachmittags und jeden Abend leistete uns Richard Gesellschaft. Obgleich er einer der ruhelosesten Menschen war, die es nur geben konnte, so fühlte er sich doch sehr wohl in unsrer Gesellschaft. Er hatte Ada sehr, sehr gern. Ich weiß es, und es ist besser, ich sage es gleich. Ich hatte noch nie junge Leute sich ineinander verlieben sehen, aber ich wußte ziemlich bald, wie es mit ihnen stand. Ich konnte natürlich nicht sagen oder merken lassen, daß ich etwas davon wußte. Im Gegenteil, ich tat so ernsthaft und stellte mich so blind, daß ich manchmal, wenn ich an der Arbeit saß, bei mir dachte, ob ich mich denn nicht gar zu hinterlistig benähme. Aber es ging nicht anders. Ich hatte weiter nichts zu tun als still zu sein und war so still wie eine Maus. Sie waren auch so still wie Mäuse, was das Reden anbelangte, aber die unschuldige Art, mit der sie sich mehr und mehr auf mich verließen und einander immer lieber gewannen, war so entzückend, daß es mir sehr schwer wurde, zu verbergen, wie sehr es meine Teilnahme erregte. »Unser kleines altes Hausmütterchen ist so ein vortreffliches Frauchen«, pflegte Richard zu sagen, wenn er mir frühmorgens im Garten mit seinem gewinnenden Lachen und vielleicht nicht ohne ein wenig zu erröten entgegenkam, »daß es ohne sie gar nicht geht. Ehe ich meine wilde Tageshetze beginne, mich mit Büchern und Instrumenten herumschlage und dann wie ein Straßenräuber im Galopp bergauf, bergab die ganze Gegend durchstreife, tut es mir immer so wohl, einen ruhigen Spaziergang mit unserer guten Freundin zu machen, daß ich schon wieder hier bin.« »Du weißt, liebes Hausmütterchen«, sagte dann vielleicht Ada wieder vor dem Schlafengehen, ihren Kopf auf meiner Schulter gelehnt, während der Schein des Feuers sich in ihren nachdenklichen Augen widerspiegelte, »ich habe nicht vor zu plaudern, wenn wir abends heraufgehen, aber mit deinem lieben Gesicht als Gesellschaft eine kleine Weile dazusitzen und zu träumen und den Wind zu hören und an die armen Seeleute auf dem Meer zu denken...« So, so, wollte vielleicht Richard Seemann werden?! Wir hatten schon öfter besprochen, was er werden sollte, und es war von seiner alten Neigung für die See die Rede gewesen. Mr. Jarndyce hatte an einen Verwandten der Familie, einen gewissen hochgestellten Sir Leicester Dedlock, geschrieben und ihn um seine Verwendung für Richard gebeten. Und Sir Leicester hatte sehr gnädig geantwortet, er werde sich glücklich schätzen, wenn sich ihm Gelegenheit bieten sollte – was aber keineswegs wahrscheinlich sei –, dem jungen Gentleman irgendwie förderlich sein zu können. Und Mylady sende dem jungen Herrn, an dessen Verwandtschaft sie sich noch recht gut erinnere, die besten Wünsche. Sie hoffe, er werde seine Pflicht in jedem Beruf, den er zu ergreifen gedenke, tun. »Daraus scheint klar hervorzugehen«, sagte Richard zu mir, »daß ich mir meinen eignen Weg zu bahnen haben werde. Tut nichts! Viele haben das vor mir versuchen müssen und haben es zuwege gebracht. Ich wünschte nur, ich wäre schon jetzt Kapitän eines Kaperschiffs und könnte den Lordkanzler entführen und auf schmale Kost setzen, bis er ein Urteil in unserm Prozeß fällt. Er sollte bald mager werden, wenn er sich nicht dazu hält.« Neben einer Elastizität, Hoffnungsfreudigkeit und einem fröhlichen Sinn, der kaum jemals müde wurde, legte Richard eine Sorglosigkeit an den Tag, die mich beunruhigte, besonders, weil er sie seltsamerweise für Klugheit hielt. Sie mischte sich auf ganz merkwürdige Art in alles, was mit Rechnen und Geld zusammenhing, die ich nicht besser glaube erklären zu können, als wenn ich für einen Augenblick wieder auf unser Mr. Skimpole vorgeschossenes Darlehen zurückkomme. Mr. Jarndyce hatte den Betrag entweder von Mr. Skimpole selbst oder von »Coavinses« in Erfahrung gebracht und mir das Geld mit dem Auftrag übergeben, ich möge meinen Anteil zurückbehalten und den Rest Richard aushändigen. Die Menge gedankenlosen Geldverzettelns im kleinen, die Richard durch die Wiedererlangung seiner zehn Pfund rechtfertigte, und die vielen Male, die er diese zehn Pfund als eine Ersparnis oder einen Gewinn aufzählte, würden, einfach addiert, schon eine beträchtliche Summe ergeben haben. »Mein kluges Mütterchen Hubbard, warum nicht?« sagte er einmal zu mir, als er ohne die mindeste Überlegung dem Ziegelstreicher fünf Pfund schenken wollte. »Ich habe doch bei der Coavinsesgeschichte reine zehn Pfund verdient.« »Wieso denn?« fragte ich. »Nun, ich wurde zehn Pfund los, an denen mir nichts lag und auf die ich nie wieder rechnete. Das können Sie doch nicht leugnen.« »Nein.« »Also gut. Und dann bekam ich wieder zehn Pfund...« »Dieselben zehn Pfund«, verbesserte ich. »Das hat nichts damit zu tun! Ich habe zehn Pfund mehr bekommen, als ich erwarten konnte, und darf sie daher ausgeben, ohne mir viel daraus zu machen.« Ganz in derselben Weise schrieb er sich fünf Pfund gut, als er von der Nutzlosigkeit, sie dem Ziegelstreicher zu schenken, überzeugt war, und addierte sie dazu. »Schauen Sie mal her«, sagte er. »Ich habe fünf Pfund bei der Ziegelstreichergeschichte erspart. Wenn ich mir nun den Spaß mache und mit der Extrapost nach London und zurückfahre und dafür vier Pfund rechne, so erspare ich eins. Und es ist eine sehr hübsche Sache, ein Pfund zu sparen, behaupte ich; ein Penny gespart, ist ein Penny verdient.« Ich glaube, Richard war eine so offne und hochherzige Natur, wie man sie nur irgend finden konnte. Temperamentvoll und mutig und bei all seiner wilden Ruhelosigkeit so mild und sanft, daß ich ihn in wenigen Wochen wie einen Bruder kannte. Seine Liebenswürdigkeit war ihm angeboren und hätte sich selbst ohne Adas Einfluß im besten Lichte gezeigt. Aber unter diesem wurde er einer der gewinnendsten Gesellschafter, immer zur Teilnahme geneigt und immer glücklich, hoffnungsfreudig und leichtherzig. Wie ich mit ihnen zusammensaß, mich mit ihnen unterhielt und spazierenging und von Tag zu Tag sie sich immer mehr ineinander verlieben sah, trotzdem sie nichts davon zueinander verlauten ließen und ihre Liebe für das größte aller Geheimnisse hielten, war ich kaum weniger als sie von dem hübschen Traum bezaubert und erfreut. In dieser Weise lebten wir fort, da erhielt Mr. Jarndyce eines Morgens beim Frühstück einen Brief, sagte mit einem Blick auf die Adresse: »Ah! Von Boythorn«, öffnete ihn mit sichtlichem Vergnügen und las ihn. Ehe er noch damit zu Ende war, sagte er, Boythorn käme auf Besuch. »Wer ist Boythorn?« fragten wir alle. Und ich glaube, wir dachten auch alle – ich wenigstens tat es –, wird Boythorn vielleicht einen Einfluß auf das, was jetzt, vorgeht, ausüben?« »Ich bin mit Lawrence Boythorn in die Schule gegangen«, erzählte Mr. Jarndyce und legte den Brief auf den Tisch. Das sind jetzt mehr als fünfundvierzig Jahre. Er war damals der ungestümste Junge von der Welt und ist jetzt der ungestümste Mann. Er war damals der herzhafteste und wackerste Junge von der Welt und ist jetzt dasselbe als Mann. Er ist ein kolossaler Bursche.« »An Wuchs, Sir?« fragte Richard. »Auch in dieser Hinsicht, Rick. Er ist etwa zehn Jahre älter als ich und ein paar Zoll größer; er trägt den Kopf zurückgeworfen wie ein alter Soldat, die eiserne Brust frei heraus; Hände hat er wie ein Schmied, und Lungen!... Solche Lungen gibt es nur einmal. Mag er sprechen, lachen oder schnarchen, so zittern die Balken des Hauses.« – Wie sich Mr. Jarndyce an dem Bilde seines Freundes Boythorn erfreute, bemerkten wir als günstiges Omen, daß sich nicht das mindeste Anzeichen von Ostwind zeigte. – »Aber eigentlich meine ich die Seele des Mannes, das warme Herz, die Leidenschaftlichkeit, das feurige Blut des Mannes, Rick und Ada und auch du, kleine Spinnwebe, denn euch alle wird der Besuch interessieren. Seine Sprache ist so volltönend wie seine Stimme. Er bewegt sich immer in Extremen; er kommt nicht aus dem Superlativ heraus. In seinen Verdammungsurteilen kennt er keine Grenzen. Nach seinen Reden könnte man ihn für einen Menschenfresser halten, und ich glaube, einige Leute halten ihn auch dafür. So! Ich sage euch für jetzt nichts weiter von ihm. Ihr dürft euch nicht wundern, wenn er mich wie seinen Schützling behandelt, denn er kann nicht vergessen, daß ich in der Schule einer von den Kleinsten war und unsre Freundschaft damit begann, daß er meinem Obertyrannen vor der Frühstückspause zwei Zähne (er sagt sechs) ausschlug. Boythorn und sein Bedienter«, sagte er zu mir gewendet, »werden heute nachmittag hier eintreffen, liebe Esther.« Ich trug Sorge, daß die nötigen Anstalten für Mr. Boythorns Empfang getroffen wurden, und wir sahen neugierig seiner Ankunft entgegen. Der Nachmittag verging jedoch, und er erschien nicht. Die Speisestunde kam, und er erschien immer noch nicht. Das Essen wurde eine Stunde verschoben, und wir saßen um den Kamin, ohne ein andres Licht als seine Glut, als das Haustor plötzlich aufgerissen wurde und die Halle von einer Stentorstimme erdröhnte, die mit größter Heftigkeit rief: »Jarndyce, ein gottvergessener Schurke hat uns einen falschen Weg gewiesen. Rechts statt links. Er ist der bodenloseste Halunke, den die Erde trägt. Sein Vater muß ein vollendeter Schuft gewesen sein, daß er so einen Sohn bekommen konnte. Ich würde den Kerl ohne den leisesten Gewissensbiß erschießen lassen.« »Hat er es absichtlich getan?« hörten wir Mr. Jarndyce fragen. »Ich zweifle nicht im geringsten, daß der Schurke sein ganzes Leben lang nichts andres getan hat, als Reisende irrezuführen. Bei meiner Seele, er kam mir wie der falscheste Hund, den ich je gesehen, vor, als er uns riet, rechts zu fahren. Und dennoch hab ich dem Kerl gegenübergestanden, Auge in Auge, und ihm nicht das Gehirn herausgeschlagen.« »Zähne, meinst du«, sagte Mr. Jarndyce. »Hahaha!« lachte Mr. Lawrence Boythorn, daß die Wände zitterten. »Was, das hast du immer noch nicht vergessen? Hahaha!... Das war auch so ein unglaublicher Schuft! Bei meiner Seele, das Gesicht dieses Kerls war schon damals das schwärzeste Bild der Hinterlist, Feigheit und Grausamkeit, das man nur als Vogelscheuche in einem Felde von Halunken hätte aufstellen können. Und wenn ich morgen diesem beispiellosen Despoten auf der Straße begegnete, ich würde ihn fällen wie einen verfaulten Baum.« »Ich zweifle nicht im geringsten«, sagte Mr. Jarndyce, »aber willst du nicht heraufkommen?« »Bei meiner Seele, Jarndyce« – der Gast schien auf die Uhr zu sehen – »wenn du verheiratet wärst, würde ich lieber an der Gartentür umgekehrt sein und auf die entlegensten Gipfel des Himalayagebirges gegangen, als daß ich mich zu solch unpassender Stunde eingefunden hätte.« »Doch wohl nicht ganz so weit«, sagte Mr. Jarndyce. »Bei meinem Leben und bei meiner Ehre, ja! Um keinen Preis der Welt würde ich mich der unglaublichen Unverschämtheit schuldig machen, eine Dame vom Hause solang warten zu lassen. Lieber hinrichten würde ich mich lassen.« Bei diesen Worten gingen sie die Treppen hinauf, und gleich darauf hörten wir den Gast oben in seinem Schlafzimmer losdonnern: »Hahaha!« und wieder »Hahaha!« bis das leiseste Echo in der Nachbarschaft davon angesteckt wurde und so lustig zu lachen schien wie er und wie wir. Wir alle faßten ein Vorurteil zu Mr. Boythorns Gunsten, denn es lag ein gewisser innerer Wert in seinem Lachen, seiner kräftigen, gesunden Stimme und der Wucht, mit der jedes seiner Worte aus seinem Munde kam, und selbst in der Wut seiner Superlative, die wie blindgeladene Kanonen loszugehen und niemanden zu verletzen schienen, aber wir waren kaum daraufgefaßt, dieses Vorurteil so durch seine äußere Erscheinung gerechtfertigt zu sehen, als ihn Mr. Jarndyce vorstellte. Er war nicht nur ein schöner alter Herr, aufrecht und kraftvoll, wie er uns beschrieben worden, mit einem massiven grauen Kopf, einer schönen Ruhe im Gesicht, wenn er schwieg, einer Gestalt, die ein wenig zur Korpulenz geneigt hätte, wenn er sie nicht so beständig in Leben erhalten haben würde, einem Kinn, das, ohne die heftige Emphase, in der er sich beständig befand, ein Doppelkinn hätte werden können – er war auch ein echter Gentleman in seinem Benehmen, so ritterlich höflich, das Gesicht von einem freundlichen liebenswürdigen Lächeln erhellt, und es schien so klar zu sein, daß er nichts zu verbergen hatte und sich immer so gab, wie er war –, unfähig, etwas in beschränktem Maßstabe zu tun, und immer die blindgeladenen Kanonen abfeuernd, weil er keine kleinern Waffen hatte, daß ich wirklich nicht anders konnte als ihn bei Tisch stets mit gleicher Freude anzusehen, mochte er nun lächeln, sich mit Ada oder mir unterhalten oder sich von Mr. Jarndyce zu einer großen Salve von Superlativen verleiten lassen oder den Kopf wie ein Bluthund emporwerfen und das gewaltige Hahaha ertönen lassen. »Du hast doch deinen Vogel mitgebracht?« fragte Mr. Jarndyce. »Bei Gott! Es ist der erstaunlichste Vogel in ganz Europa«, rief Mr. Boythorn. »Er ist das allerwunderbarste Geschöpf. Ich gebe diesen Vogel nicht für zehntausend Guineen her. Ich habe ihm in meinem Testament eine Leibrente ausgesetzt, falls er mich überleben sollte. Er ist, was Verstand und Anhänglichkeit betrifft, ein Phänomen. Und sein Vater war einer der fabelhaftesten Vögel, die jemals gelebt haben.« Der Gegenstand dieser Lobeshymne war ein außerordentlich kleiner Kanarienvogel, so zahm, daß ihn Mr. Boythorns Bedienter auf dem Zeigefinger herunterbrachte und daß er jetzt seinem Herrn auf den Kopf flog, nachdem er vorher in der Stube herumgeflattert war. Den alten Herrn die unversöhnlichsten und leidenschaftlichsten Aussprüche tun zu hören, während das winzige schwache Geschöpfchen ruhig auf seiner Stirne saß, war die beste Illustration zu seinem Charakter, wie mir vorkam. »Meiner Seel, Jarndyce«, sagte Mr. Boythorn und hielt dem Kanarienvogel zärtlich ein Stückchen Brot zum Picken hin, »wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich alle Kanzleigerichtsassessoren morgen früh an der Kehle packen und sie schütteln, bis ihnen das Geld aus der Tasche fiele und die Knochen im Leibe schepperten. Ich würde mir eine Entscheidung erzwingen durch gute Mittel oder durch schlimme. Wenn du mich dazu ermächtigen willst, so werde ich es mit dem größten Vergnügen verrichten.« – Die ganze Zeit über fraß ihm der winzige Kanarienvogel aus der Hand. – »Ich danke dir, Lawrence«, lachte Mr. Jarndyce, »aber der Prozeß ist auf einem Punkt angelangt, wo ihn nichts weiter vorwärts bringen könnte, selbst wenn man das ganze Richterkollegium und das gesamte Barreau durchrütteln würde.« »Es hat auf der ganzen Welt noch keinen so höllischen Hexenkessel gegeben wie dieses Kanzleigericht«, stimmte Mr. Boythorn bei. »Nur eine Mine darunter gelegt, während der Gerichtszeit, wenn alle Urkunden und Dekrete und Präzedenzien und alle dazugehörigen Beamten groß und klein, aufwärts und abwärts gezählt von dem Sohne, dem Generalrevisor, bis zu seinem Vater, dem Teufel, darin sind, und dann das Ganze mit zehntausend Zentnern Pulver in die Luft gesprengt, würde seinen Mängeln ein wenig abhelfen.« Man konnte nicht anders, man mußte über den tiefen Ernst lachen, mit dem er diese umfassende Reformmaßregel vorschlug. Und er lachte mit, warf den Kopf in die Höhe und schüttelte die breite Brust, und wieder hallte ringsumher alles sein Hahaha wider. Er störte damit nicht im mindesten den Vogel, der sich vollkommen sicher fühlte und auf dem Tische herumhüpfte und von Zeit zu Zeit das kleine Köpfchen auf die Seite legte und mit einem schnellen Blick seinen Herrn wie seinesgleichen ansah. »Aber wie steht es mit dem Wegerecht, um das du dich mit deinem Nachbarn streitest?« fragte Mr. Jarndyce. »Du leidest doch selbst unter der Last der Gesetze.« »Der Kerl hat mich wegen Eigentumsverletzung verklagt, und ich habe ihn wegen Eigentumsverletzung verklagt«, erwiderte Mr. Boythorn. »Bei Gott, er ist der stolzeste Bursche, der jemals gelebt hat. Es ist ganz unmöglich, daß er wirklich Sir Leicester heißt, er sollte Sir Lucifer heißen.« »Ein Kompliment für unsern entfernten Verwandten«, sagte mein Vormund lachend zu Ada und Richard. »Ich würde Miß Clare und Mr. Carstone um Entschuldigung bitten«, fuhr unser Besuch fort, »wenn mir nicht das freundliche Gesicht der Dame und das Lächeln des Herrn sagten, daß es nicht angebracht ist und sie sich ihren entfernten Verwandten in respektvoller Entfernung vom Leibe zu halten wissen.« »Er hält sich uns vom Leibe«, verbesserte Richard. »Meiner Seel«, gab Mr. Boythorn wieder eine Breitseite ab. »Dieser Kerl ist – und sein Vater und sein Großvater waren es ebenfalls – der steifnackigste, arroganteste, einfältigste, dickköpfigste Pinsel, der jemals durch ein unerklärliches Mißverständnis der Natur zu etwas anderm als zu einem Spazierstock geboren wurde. Die ganze Familie besteht aus den eingebildetsten Strohköpfen... Aber es macht nichts, er soll mir meinen Weg nicht versperren und wenn er der Extrakt von fünfzig Baronets wäre und in hundert Chesney Wolds, eins in das andre geschachtelt wie die geschnitzten chinesischen Elfenbeinkugeln, wohnte. Schreibt mir der Kerl durch seinen Agenten oder seinen Sekretär oder sonst jemanden: Sir Leicester Dedlock, Baronet, empfiehlt sich Mr. Lawrence Boythorn und macht ihn auf den Umstand aufmerksam, daß der Wiesenpfad bei dem alten Pfarrhause, gegenwärtig in Mr. Lawrence Boythorns Besitz, Sir Leicesters Wegerecht ist, da er in Wirklichkeit einen Teil des Parks von Chesney Wold bildet, und daß Sir Leicester es für angemessen erachtet, ihn zu schließen. Ich schreibe an den Kerl: Mr. Lawrence Boythorn empfiehlt sich Sir Leicester Dedlock, Baronet, und macht 'ihn' auf den Umstand aufmerksam, daß er die Richtigkeit von Sir Leicester Dedlocks Ansprüchen auf irgend etwas in jeder Hinsicht leugnet und in bezug auf das Sperren des Wiesenpfades hinzusetzt, daß er sich freuen würde, den Mann zu sehen, der es zu unternehmen wagt. Der Kerl schickt einen gottverlassenen Strolch mit einem Auge, um ein Gitter bauen zu lassen. Ich bearbeite den Burschen mit der Feuerspritze, bis er fast keinen Atem mehr im Leibe hat. Der Bursche baut während der Nacht ein Gitter. Ich hacke es um und verbrenne es am andern Morgen. Der Baronet schickt seine Myrmidonen, läßt sie über das Gehege klettern und schickt sie hin und her. Ich fange sie in unschädlichen Fallen, schieße ihnen gespaltene Erbsen in die Beine, bearbeite sie mit einer Feuerspritze und bin entschlossen, die Menschheit von der unerträglichen Last des Daseins dieser wegelagernden Schurken zu befreien. Er klagt wegen unrechtmäßigen Betretens fremder Grundstücke, ich tue desgleichen. Er klagt wegen Realinjurie; ich verteidige meinen Grund und Boden und fahre unbeirrt mit Realinjurien fort. Hahaha!« Wer ihn das mit seiner unerhörten Energie sagen hörte, hätte ihn für den größten Wüterich halten müssen. Und wer ihn zur selben Zeit dem Vogel auf seinem Daumen die Federn glattstreichen gesehen hätte, würde ihn für den sanftmütigsten aller Menschen gehalten haben. Ihn lachen zu hören und sein offenes gutmütiges Gesicht zu sehen, hieß, überzeugt sein, daß er auf der Welt keine Sorge, keinen Streit, keine Abneigung kenne und daß sein ganzes Dasein ein sonniger Scherz sei. »Nein, nein«, schwor er. »Meine Wege lasse ich mir von keinem Dedlock absperren, obgleich ich gerne zugestehe« – hier wurde er einen Augenblick milde – »daß Lady Dedlock eine vollendete Weltdame ist, der ich jede Huldigung darbringen würde, die ein einfacher Gentleman und kein Baronet mit einem siebenhundert Jahr alten Dickkopf darbringen kann. Ein Mann, der mit zwanzig Jahren zum Regiment kam und acht Tage darauf den frechsten und anmaßendsten Bengel von einem kommandierenden Offizier, der jemals durch eine geschnürte Taille Atem holte, forderte – und dafür kassiert wurde –, ist nicht der Mann, sich von allen Sir Lucifers zusammengenommen auf der Nase herumtanzen zu lassen. Hahaha!« »Auch nicht der Mann, der duldet, daß man seinem Jüngern Kameraden auf der Nase herumtanzt«, fügte mein Vormund hinzu. »Ganz gewiß nicht!« Mr. Boythorn schlug Mr. Jarndyce mit einer Gönnermiene, die, trotzdem er lachte, etwas Ernstes hatte, auf die Schulter. »Er wird stets dem kleinen Jungen beistehen, Jarndyce! Du kannst dich auf ihn verlassen. Aber, um wieder von der Eigentumsverletzung zu sprechen – ich muß Miß Clare und Miß Summerson um Verzeihung bitten, daß ich solange bei dem trocknen Thema verweile –, ist nichts von deinen Anwälten Kenge \& Carboy für mich gekommen?« »Ich glaube nicht, Esther?« »Nichts, Vormund.« »Sehr verbunden. Hätte nicht zu fragen brauchen, selbst bei meiner geringen Erfahrung von Miß Summersons Fürsorglichkeit für jeden, der in ihre Nähe kommt. Ich fragte nur, weil ich von Lincolnshire herüberfuhr und natürlich nicht in London gewesen bin. Ich glaubte, man habe vielleicht einige Briefe hierher geschickt. Wahrscheinlich wird morgen früh Nachricht kommen.« Im Verlauf des Abends, der uns sehr angenehm verging, sah ich ihn oft Richard und Ada mit einer sympathischen Teilnahme und Befriedigung betrachten. Er saß in geringer Entfernung vom Piano und hörte der Musik zu, die er leidenschaftlich liebte, wie sein Gesicht verriet. Mein Vormund saß mit mir am Pochbrett, und ich fragte ihn, ob Mr. Boythorn jemals verheiratet gewesen sei.« »Nein«, sagte er, »nein.« »Aber er hat heiraten wollen?« »Wie hast du das erraten?« fragte Mr. Jarndyce lächelnd. »Siehst du, Vormund«, gab ich zur Antwort und mußte ein wenig erröten, »es liegt etwas so Zartes in seinem Benehmen, und er ist so höflich und liebenswürdig zu uns und...« Mr. Jarndyce blickte nach ihm hin. Ich sagte weiter nichts. »Du hast recht, Mütterchen. Er stand einmal dicht vor dem Heiraten. Vor langer Zeit. Nur ein Mal.« »Starb die Dame?« »Nein... Aber sie starb für ihn. Diese Zeit hat auf sein ganzes späteres Leben Einfluß gehabt. Würdest du glauben, daß sein Kopf und sein Herz jetzt noch voll Romantik stecken?« »Ich glaube, Vormund, ich hätte das angenommen. Aber jetzt läßt es sich leicht sagen, wo du es mir verraten hast.« »Er ist seitdem nie gewesen, was er hätte sein können, und jetzt in seinem Alter hat er niemand um sich als seinen Bedienten und seinen kleinen, gelben Freund. – Du bist am Wurf, liebe Esther. Da hast du den Würfelbecher.« Ich merkte an der Stimmung meines Vormunds, daß ich, sollte nicht Ostwind eintreten, das Thema nicht weiter verfolgen dürfe. Ich stand daher von weiteren Fragen ab. Meine Teilnahme war erregt, aber nicht meine Neugierde. Des Nachts, als mich Mr. Boythorns lautes Schnarchen weckte, mußte ich ein wenig über diese alte Liebesgeschichte nachdenken und versuchte etwas sehr Schweres, nämlich, mir alte Leute jung und in den Reizen der Jugend vorzustellen. Aber ich schlief wieder ein, ehe es mir gelang, und träumte von der Zeit, wo ich bei meiner Patin gewesen war. Ich bin in derlei Dingen nicht bewandert genug, um zu wissen, ob es überhaupt merkwürdig ist, daß ich fast immer von diesem Lebensabschnitt träumte. Am Morgen kam ein Brief von den Herren Kenge \& Carboy an Mr. Boythorn, worin sie ihn benachrichtigten, daß einer ihrer Angestellten ihm mittags seine Aufwartung machen werde. Da es der Tag in der Woche war, wo ich die Rechnungen bezahlte, meine Bücher abschloß und alle Wirtschaftsangelegenheiten soweit wie möglich in Ordnung brachte, blieb ich zu Hause, während Mr. Jarndyce, Ada und Richard den schönen Tag zu einem Ausflug benutzten. Mr. Boythorn wollte auf Mr. Kenge \& Carboys Angestellten warten und ihnen dann zu Fuß entgegengehen. Ich hatte vollauf zu tun, prüfte Rechnungsauszüge, addierte Zwischenreihen, zahlte Geld aus, ordnete Quittungen und sah ungeheuer beschäftigt aus, als Mr. Guppy angemeldet und hereingelassen wurde. Ich hatte so eine leise Ahnung gehabt, daß der erwartete Angestellte der junge Gentleman sein könnte, der mich im Postkutschenbureau abgeholt hatte, und ich freute mich, ihn wiederzusehen, weil er zu meiner gegenwärtigen glücklichen Lage in gewisser Beziehung stand. Ich erkannte ihn kaum wieder, so hatte er sich herausgeputzt. Er trug einen funkelnagelneuen Anzug, einen glänzenden Hut, lila Glacehandschuhe, ein vielfarbiges Halstuch, eine große Gewächshausblume im Knopfloch und einen dicken goldnen Ring am kleinen Finger. Außerdem durchduftete er das ganze Speisezimmer mit Bärenpomade und andern Parfümerien. Er betrachtete mich mit einer Aufmerksamkeit, die mich ordentlich verwirrte, als ich ihn bat, sich zu setzen, bis der Bediente wieder herunterkomme. Er saß in einer Ecke, schlug abwechselnd ein Bein über das andre, und so oft ich aufsah, während ich ihn das und jenes fragte, bemerkte ich stets, daß er mich in derselben forschenden und sonderbaren Weise anstarrte. Als der Bediente mit der Nachricht, Mr. Boythorn lasse bitten, herunterkam, sagte ich Mr. Guppy, er werde nach Erledigung seiner Geschäfte hier ein Frühstück vorfinden, das Mr. Jarndyce für ihn befohlen habe. Als er den Türgriff schon in der Hand hielt, fragte er ein wenig verlegen: »Werde ich die Ehre haben, Sie hier zu finden, Miß?« Ich bejahte, und er ging mit einer Verbeugung zur Türe hinaus. Ich hielt ihn für etwas linkisch und schüchtern, denn er war sichtlich verwirrt, und glaubte, es sei das beste, zu warten und mich zu überzeugen, ob er alles habe, was er brauche, und dann ihn sich selbst zu überlassen. Das Frühstück wurde bald aufgetragen und blieb einige Zeit auf dem Tische stehen. Die Unterredung mit Mr. Boythorn dauerte sehr lange und verlief, wie mir vorkam, sehr stürmisch, denn obgleich sein Zimmer ziemlich entfernt lag, hörte ich seine laute Stimme sich dann und wann wie einen Sturmwind erheben und offenbar volle Breitseiten von Beschuldigungen abgeben. Endlich kam Mr. Guppy, wie es schien, von der Konferenz stark mitgenommen, wieder herunter. »O Gott, Miß«, sagte er halblaut zu mir, »das ist ja der reinste Menschenfresser.« »Bitte nehmen Sie etwas zu sich, Sir«, sagte ich. Mr. Guppy nahm am Tische Platz und begann nervös das Tranchiermesser an der Vorleggabel zu schärfen, wobei er mich immer noch in derselben ungewöhnlichen Weise ansah, wie ich recht wohl merkte, trotzdem ich nicht aufsah. Das Messerwetzen dauerte so lang, daß ich endlich eine Art Verpflichtung fühlte, aufzublicken, um den auf Mr. Guppy liegenden Zauber, der ihn gar nicht aufhören ließ, zu lösen. Er blickte sofort auf die Gerichte und fing an, vorzuschneiden. »Was darf ich Ihnen anbieten, Miß? Sie werden doch einen Bissen genießen?« »Nein, ich danke Ihnen.« »Darf ich Ihnen denn gar nichts vorlegen, Miß?« fragte Mr. Guppy und stürzte ein Glas Wein hinunter. »Nein, ich danke Ihnen. Ich habe nur gewartet, um zu sehen, ob Sie alles haben, was Sie brauchen. Wünschen Sie noch irgend etwas?« »Nein, ich danke Ihnen, Miß. Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden. Ich habe alles, was ich mir nur wünschen könnte... wenigstens... Alles, ach, das hab ich nie.« Er trank noch zwei Gläser Wein hintereinander aus. Ich hielt es für angezeigt, zu gehen. »Ich bitte um Entschuldigung, Miß«, sagte Mr. Guppy und stand ebenfalls auf, »aber würden Sie nicht die Liebenswürdigkeit haben, mir ein paar Worte unter vier Augen zu gestatten?« Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, und nahm wieder Platz. »Was ich sagen möchte, ist ohne Präjudiz, Miß«, sagte Mr. Guppy und schob in großer Aufregung einen Stuhl an meinen Tisch. »Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, bemerkte ich verwundert. »Es ist einer unsrer juristischen Fachausdrücke. Sie werden doch von der Sache keinen Gebrauch zu meinem Schaden, weder bei Kenge \& Carboy noch anderswo, machen? Wenn unsre Unterredung resultatlos verläuft, so bin ich, was ich früher war, und bitte Sie, mir in meiner Stellung oder meinen Zukunftschancen nicht zu schaden. Mit einem Wort, ich spreche im vollsten Vertrauen.« »Ich kann mir durchaus nicht vorstellen, Sir, was Sie mir, wo Sie mich nur ein einziges Mal gesehen haben, so im strengsten Vertrauen mitteilen könnten, aber selbstverständlich würde es mir sehr leid tun, wenn ich Ihnen irgendwie einen Schaden zufügen sollte.« »Ich danke Ihnen, Miß. Ich bin davon überzeugt... Das genügt vollkommen.« Die ganze Zeit hindurch polierte sich Mr. Guppy entweder die Stirn mit seinem Taschentuch oder rieb sich sehr erregt die Hände. »Wenn Sie mir gestatten würden, noch ein Glas Wein zu trinken, Miß, so würde es mich instand setzen, fortzufahren, ohne von dem beständigen Würgen in der Kehle gehindert zu werden, das für uns beide nur unangenehm sein kann.« Er stand auf, trank und kam wieder zurück. Ich benützte die Gelegenheit, um mich möglichst hinter dem Tisch zu verschanzen. »Sie würden mir also nicht erlauben, Ihnen ein Glas anzubieten, Miß?« fragte Mr. Guppy, sichtlich erfrischt. »Ich danke.« »Auch nicht ein halbes Glas? Ein Viertel?« »Nein!« »Also vorwärts. Mein gegenwärtiges Gehalt bei Kenge \& Carboy, Miß Summerson, beträgt zwei Pfund wöchentlich. Als ich zuerst das Glück hatte, Sie zu sehen, betrug es 1 £ 15 sh. und war schon längere Zeit auf dieser Höhe geblieben. Seitdem hat eine Erhöhung von 5 sh. stattgefunden, und eine weitere von 5 sh. ist mir nach Ablauf eines Termins, der zwölf Monate vom heutigen Tag an nicht übersteigen soll, garantiert. Meine Mutter hat ein kleines Vermögen in Form einer kleinen Leibrente; sie lebt davon in unabhängiger, wenn auch bescheidener Weise in Oldstreet-Road. Sie eignet sich vortrefflich zu einer Schwiegermutter. Sie mischt sich nie ein, ist sehr für den Frieden und gutmütig. Sie hat ihre Fehler – wer hätte keinen –, aber ich wüßte nie, daß sie es in Gesellschaft getan hätte, und wenn Gesellschaft da ist, können Sie ihr hinsichtlich Wein, Likör oder Bier das vollste Vertrauen schenken. Ich selbst habe meine Zimmer in Penton-Place, Pentonville, und es ist eine bescheidene, aber luftige Wohnung nach hinten hinaus mit der Aussicht ins Freie und in einer der gesündesten Lagen... Miß Summerson!... Gelinde gesagt, ich bete Sie an! Wollen Sie mir freundlichst gestatten, Ihnen, um mich juristisch auszudrücken, eine Erklärung zu unterbreiten, Sie um Ihre Hand zu bitten?« Mr. Guppy sank vor mir auf die Knie nieder. Ich fühlte mich hinter meinem Tisch sicher und war nicht sonderlich erschrocken. Ich sagte: »Machen Sie dieser lächerlichen Szene ein Ende, Sir, oder Sie nötigen mich, mein gegebenes Versprechen zu brechen und zu klingeln.« »Lassen Sie mich ausreden, Miß«, flehte Mr. Guppy und faltete bittend die Hände. »Ich kann nicht ein Wort mehr anhören, Sir, wenn Sie nicht sofort aufstehen und sich wieder an den Tisch setzen.« Er sah mich mit einem kläglichen Blick an, stand aber langsam auf und setzte sich an den Tisch. »Welch ein Hohn des Schicksals, Miß«, sagte er, die Hand auf dem Herzen und mich über den Speisetisch hinüber melancholisch anblickend, »in einem solchen Augenblick am Eßtisch zu sitzen. Die Seele stößt in solchen Augenblicken die Nahrung von sich, Miß!« »Ich bitte Sie, aufzuhören«, sagte ich. »Sie haben mich gebeten, Sie zu Ende zu hören, und ich muß Sie bitten, jetzt Schluß zu machen.« »Ich will es tun, Miß. Wen ich liebe und ehre, dem gehorche ich auch. Wollte Gott, ich könnte Sie zum Gegenstand dieses Gelübdes vor dem Altare machen.« »Das ist ganz unmöglich und vollkommen ausgeschlossen.« »Ich weiß es«, sagte Mr. Guppy, beugte sich über das Servierbrett und starrte mich wieder mit dem alten gespannten Blick an, wie ich seltsamerweise fühlte, obgleich ich ihn nicht ansah. »Ich weiß allerdings, daß vom rein materiellen Gesichtspunkt aus alles, was ich zu bieten vermag, nur armselig ist. Aber Miß Summerson! Engel! – Nein, bitte klingeln Sie nicht! – Ich bin in einer harten Schule aufgewachsen und in allen möglichen Sätteln gerecht. Obgleich noch jung, habe ich schon mancherlei Beweise aufgespürt, Material gesammelt und das Leben vielfach kennengelernt. An Ihrer Seite, was könnte ich da nicht alles ausfindig machen, Ihre werten Interessen zu fördern. Was könnte ich nicht alles in Erfahrung bringen, was Sie nahe angeht! Allerdings weiß ich jetzt noch nichts, aber was könnte ich nicht alles herausbringen, wenn ich Ihr Vertrauen besäße und Sie mir ein Sporn wären!« Ich sagte ihm, daß er sich an mein Interesse oder an das, was er für mein Interesse halte, ebenso erfolglos wende wie an meine Neigung und daß ich ihn jetzt auf das entschiedenste bitten müsse, sich gefälligst sofort zu entfernen. »Grausames Fräulein. Nur noch ein einziges Wort! Ich glaube, Sie müssen gesehen haben, wie Ihre werten Reize schon an dem Tag, wo ich am Whytorseller wartete, mein Herz in Fesseln schlugen. Sie müssen doch bemerkt haben, daß ich Ihren werten Reizen meine ergebene Huldigung nicht versagen konnte, als ich den Tritt des Fiakers herunterließ. Es war nur ein schwacher Tribut, aber er kam von Herzen. Seitdem war dein Bild, Angebetete, auf ewig in mein Herz gegraben! Ich bin des Abends vor Jellybys Haus auf und ab gegangen, nur um die Ziegelmauer zu betrachten, die einst dich beschützte. Die heutige Reise, die bezüglich des in Rede stehenden Geschäftes ganz unnötig war, ist von mir allein ausgegangen. Wenn ich von Interessen sprach, so geschah es nur, um mich in meiner Armseligkeit in Ihren werten Augen zu heben. Liebe geht und ging dem allen voraus.« »Es würde mir peinlich sein, Mr. Guppy«, unterbrach ich, stand auf und legte die Hand an den Klingelzug, »gegen Sie oder gegen wen immer, der es aufrichtig meint, so ungerecht zu sein, eine ehrlich gemeinte Empfindung zu verletzen, mag sie auch noch so unangenehm ausgedrückt sein. Wenn Sie wirklich beabsichtigt haben, mir einen Beweis Ihrer guten Meinung zu geben, so fühle ich mich, so schlecht auch Zeit und Ort gewählt sein mögen, verpflichtet, Ihnen zu danken. Ich habe keinen Grund, stolz zu sein, und bin es auch nicht. Ich hoffe, daß Sie mich jetzt verlassen werden, als ob Sie nie diesen törichten Streich begangen hätten, und sich Ihren Obliegenheiten bei Kenge \& Carboy wieder zuwenden werden.« »Nur eine halbe Minute, Miß!« rief Mr. Guppy mit einer abwehrenden Bewegung, als ich klingeln wollte. »Das war ohne Präjudiz?« »Ich werde gegen niemanden etwas davon erwähnen«, sagte ich, »wenn Sie mir nicht selbst in Zukunft Veranlassung dazu geben.« »Noch eine Viertelminute, Fräulein! Im Falle Sie sich's doch noch überlegen sollten – zu jeder beliebigen Zeit, wenn sie auch noch so fern liegt, denn das hat nichts zu sagen, da meine Gefühle sich nie ändern können –, wenn Sie auf etwas, was ich gesagt habe, hauptsächlich über das, was ich alles tun könnte, einmal mehr Gewicht legen sollten, so wird Mr. William Guppy, 86, Pentonplace, oder wenn er ausgezogen oder an enttäuschten Hoffnungen oder dergleichen gestorben sein sollte: per Adresse Mrs. Guppy, 302, Oldstreet-Road, vollkommen genügen.« Ich klingelte, der Bediente trat ein, und Mr. Guppy verabschiedete sich mit einer kummervollen Verbeugung, nachdem er seine selbst geschriebene Karte auf den Tisch gelegt hatte. Als ich aufblickte, während er hinausging, fiel mir auf, daß er mich noch immer scharf anblickte, selbst, nachdem er bereits die Tür passiert hatte. Ich blieb noch ein paar Stunden sitzen, ordnete meine Bücher und Zahlungen und erledigte eine ganze Menge. Dann räumte ich mein Schreibpult auf, schloß alles ab und war so gefaßt und heiter, daß ich den unerwarteten Zwischenfall ganz vergessen zu haben glaubte. Aber als ich hinauf in mein Zimmer ging, da kam es zu meiner Überraschung über mich; ich mußte zuerst lachen und dann zu meiner noch größern Verwunderung weinen; mit einem Wort, ich war eine Weile lang ziemlich außer mir und hatte die Empfindung, als ob eine rauhe Hand eine alte Saite in mir berührt habe, rauher als jemals seit den Tagen meiner lieben, alten, im Garten begrabenen Puppe. 10. Kapitel Der Advokatenschreiber In den östlichen Grenzen von Chancery-Lane oder, genauer gesagt, in Court Cursitor Street betreibt Mr. Snagsby als Schreibmaterialienhändler sein Geschäft. Im Schatten von Cook's Court – fast zu allen Zeiten ein schattiger Platz – hat Mr. Snagsby in allen Sorten juristischer Formulare gehandelt, – mit Bogen und Rollen von Pergamenten, – mit Papier in allen Formaten, groß, klein, braun, weiß, gefaltet, gerollt, gestempelt, – mit Kanzlei-Gänsekielen, Federn, Tinte, Radiergummi, Nadeln, Bleistiften, Siegellack und Oblaten, mit rotem Band und grüner Seide, Notizbüchern, Almanachen, Tagebüchern und juristischen Kalendern, mit Bindfadenbüchsen, Linealen, Tintenfässern aus Glas und Zinkguß, mit Federmessern, Scheren, Stecknadeln, kurz, mit so viel Artikeln, daß man sie gar nicht alle nennen kann, gehandelt, seitdem er ausgelernt und zu »Pfeffer« in die Firma eintrat. Damals geriet Cook's Court sozusagen in Revolutionsstimmung, als die neue, frisch gemalte Firmatafel Pfeffer \& Snagsby an Stelle der ehrwürdigen, alten, kaum mehr leserlichen Inschrift »Pfeffer« trat. Der Ruß, der Londoner Efeu, hatte Pfeffers Namen so dicht verhüllt und das ganze Haus so überwuchert, daß das zärtliche Schmarotzergewächs den Mutterstamm ganz überwältigt hatte. Pfeffer wird in Cook's Court nicht mehr gesehen. Niemand erwartet ihn dort mehr, denn er liegt seit einem Vierteljahrhundert auf dem St. Andreaskirchhof in Holborn, wo die Wagen- und Fiakerreihe den ganzen Tag und die halbe Nacht an ihm vorüberbraust wie ein einziger großer Lindwurm. Wenn er sich jemals fortstiehlt, während der Lindwurm schlummert, um in Cook's Court wieder die alte Luft zu atmen, bis ihn das Krähen des sanguinischen Hahnes in dem Keller der kleinen Milchwirtschaft zur Rückkehr mahnt, dessen Ansichten über das Tageslicht sehr interessant zu hören sein müßten, da ihn seine persönlichen Beobachtungen so gut wie nichts darüber gelehrt haben, – wenn Pfeffer wirklich jemals die fahle Dämmerung von Cook's Court wieder besucht, was keiner seiner Berufsgenossen mit Bestimmtheit in Abrede stellen kann, so kommt er unsichtbar, und niemand wird durch sein Kommen dümmer oder klüger. Während seiner Lebenszeit und auch während Snagsbys Lehrkursus von sieben langen Jahren wohnte bei Pfeffer dessen Nichte, eine kleine, zänkische Nichte, ein wenig zu gewaltsam in der Taille geschnürt und mit einer Nase so scharf wie ein Herbstabend, an dem es frostig werden will. Bei den Cookshöflingen ging das Gerücht, daß die Mutter der Nichte, als diese noch ein Kind war, von einem allzu großen Eifer beseelt, ihrer Tochter eine vollendete Figur zu verleihen, sie jeden Morgen, des festeren Haltes wegen den mütterlichen Fuß gegen die Bettpfoste gestemmt, eingeschnürt und ihr innerlich Essig und Zitronensaft flaschenweise eingeflößt habe; und die Säuren, hieß es, hätten sich der Nichte auf Nase und Charakter geschlagen. Welche der vielen Zungen der Fama die Urheberin dieses vagen Gerüchtes auch gewesen sein mag, jedenfalls erreichte es nie die Ohren des jungen Snagsby oder machte auf ihn einen besonderen Eindruck. Zum Manne geworden, hatte er um den schönen Gegenstand des Gerüchtes geworben, ihn gewonnen und so zwei Verbindungen auf einmal geschlossen. Mr. und Mrs. Snagsby sind nicht nur ein Leib und eine Seele, sondern der Meinung der Nachbarn nach auch nur eine einzige Stimme. Diese Stimme, die nur von Mrs. Snagsby zu kommen scheint, wird oft in Cook's Court vernommen. Mr. Snagsby dagegen wird seltener gehört. Er ist ein stiller, kahlköpfiger, schüchterner Mann mit einer glänzenden Platte, die hinten in einen bürstenartigen Schopf von schwarzem Haar ausläuft. Er neigt zur Sanftmut und Wohlbeleibtheit. Wenn er in seiner Tür in Cook's Court in seinem grauen Ladenrock und den schwarzen Schreibärmeln steht und die Wolken betrachtet oder hinter einem Pult in seinem dunkeln Laden mit einem schweren Lineal in Gesellschaft seiner beiden »Stifte« Pergament beschneidet, ist er so recht das Bild eines stillen und anspruchslosen Mannes. Unter seinen Füßen ertönt zu solchen Zeiten, wie von einem ruhelosen Geist stammend, häufig schrilles Klagen und Jammern von der bereits erwähnten Stimme, und wenn es lauter wird als gewöhnlich, äußert Mr. Snagsby zuweilen gegen seine »Stifte«: »Ich glaube, meine Alte gibt es der Guster.« Diesen Namen, den Mr. Snagsby immer buchstäblich so ausspricht, wollen die witzigen Cookshöflinge von dem alten Wort Gust, Sturmwirbel, abgeleitet wissen und behaupten dabei, daß eigentlich Mrs. Snagsby von Rechts wegen so heißen sollte. Der Name ist jedoch das einzige Eigentum mit Ausnahme eines Lohnes von fünfzig Schillingen pro Jahr und einem sehr kleinen, spärlich mit Kleidern gefüllten Koffer eines hagern jungen Mädchens aus einem Armenhaus, das wahrscheinlich Auguste hieß. Obgleich sie während der Zeit ihres Wachstums bei einem liebenswürdigen Wohltäter der wohlbekannten Sorte im Waisenasyl von Tooting untergebracht gewesen und sich natürlich unter außerordentlich günstigen Bedingungen entwickelte, hat sie doch Anfälle, die sich die Kirchspielbehörde nicht erklären kann. Guster, in Wirklichkeit nur drei- oder vierundzwanzig Jahre alt, aber gute zehn Jahre älter aussehend, ist in Anbetracht ihrer rätselhaften Anfälle billig zu nennen; sie fürchtet so sehr, wieder zu ihrem Schutzheiligen zurückgeschickt zu werden, daß sie ununterbrochen arbeitet, außer, wenn man sie mit dem Kopf im Eimer, dem Ausguß, einem großen Kessel, einer Schüssel oder sonst irgendeinem Gegenstand, der zur Zeit ihres Anfalls zufällig in der Nähe steht, findet. Sie wirkt beruhigend auf die Eltern und Vormünder der »Stifte«, die herausfühlen, daß sie nicht darnach angetan ist, zärtliche Empfindungen in einer jugendlichen Brust zu erwecken; sie wirkt beruhigend auf Mrs. Snagsby, die immer ungestraft Fehler an ihr finden darf; sie ist eine Beruhigung für Mr. Snagsby, der es für eine Tat christlicher Liebe ansieht, sie in Dienst zu behalten. Das Haus ist in Gusters Augen der Gipfel des Überflusses und Glanzes. Das kleine Staatszimmer, eine Treppe hoch, das sozusagen stets sein Haar in Papilloten gewickelt und eine Schmutzschürze vorhat, hält sie für das schönste Zimmer der Christenheit. Die Aussicht, die man aus seinen Fenstern auf der einen Seite nach Cook's Court, auf der andern in den Hof des Polizeiamtes Coavins genießt – allerdings muß man den Hals schmerzhaft biegen, um auch Cursitor Street sehen zu können –, bedeutet für sie eine Aussicht von unvergleichlicher Schönheit. Die vielen Porträts in Öl, auf denen Mr. Snagsby Mrs. Snagsby und Mrs. Snagsby Mr. Snagsby ansieht, sind in ihren Augen Meisterwerke von Raffael oder Tizian. Guster wird also für ihre vielen Entbehrungen einigermaßen entschädigt. Mr. Snagsby überläßt alles, was nicht in die praktischen Mysterien des Geschäfts gehört, Mrs. Snagsby. Sie hat die Kasse, streitet sich mit dem Steuerviertler herum, bestimmt Zeit und Ort des sonntäglichen Gottesdienstes, führt Aufsicht über Mr. Snagsbys Zerstreuungen und duldet keinen Einwand hinsichtlich dessen, was sie mittags auf den Tisch zu setzen für gut findet. Dadurch ist sie für die benachbarten Frauen, die halbe Chancery-Lane auf beiden Seiten und selbst bis Holborn hinaus ein hoher Vergleichsmaßstab geworden; alle Ehemänner werden bei häuslichen Zwistigkeiten auf Mrs. Snagsbys Stellung ihrem Gatten gegenüber und auf dessen Benehmen in ähnlichen Fällen hingewiesen. Gerüchte, die immer wie Fledermäuse in Cook's Court zu jedermanns Fenster ein und aus flattern, behaupten, Mrs. Snagsby sei eifersüchtig und stecke überall die Nase hinein. Und das peinige Mr. Snagsby so, daß er es manchmal zu Hause gar nicht mehr aushalten könne. Er würde es sich nicht gefallen lassen, sagt man, wenn er nur soviel Mut wie eine Maus hätte. Es ist sogar bemerkt worden, daß die Frauen, die ihn so gern ihren widerspenstigen Ehemännern als leuchtendes Beispiel hinstellen, in Wirklichkeit auf ihn herabblicken, und insbesondere eine gewisse Dame, deren Eheherr im dringenden Verdacht steht, seinen Regenschirm an ihr als Besserungsinstrument versucht zu haben. Aber diese vagen Gerüchte haben vielleicht darin ihren Grund, daß Mr. Snagsby in seiner Art ein etwas versonnener und poetischer Mann ist. Er geht gern im Sommer in Staple-Inn spazieren und freut sich über das ländliche Aussehen der Spatzen und Blätter. Den Sonntagnachmittag verlebt er gern in Rolls Yard und äußert, wenn er guter Laune ist, daß es einmal alte Zeiten gab und er wetten möge, man würde heute noch den einen oder andern steinernen Sarg unter der Kapelle finden, wenn man nur danach graben wollte. Auch labt er seine Phantasie durch die Erinnerung an die vielen seligen Kanzler und Vizekanzler und Archivare. Es wird ihm so ländlich zumute, wenn er den beiden »Stiften« erzählt, er habe gehört, vorzeiten einmal sei wirklich ein Bach, so klar wie Kristall, Holborn hinabgelaufen, als der Steig noch ein wirklicher Steg, der geradewegs auf die Wiesen führte, war; dabei wird ihm so ländlich zumute, daß er sich gar nicht ins Freie sehnt. Der Tag neigt sich seinem Ende zu, das Gas wird angezündet, aber noch nicht ganz aufgedreht, denn es ist noch nicht völlig dunkel. Mr. Snagsby blickt von seiner Ladentür zu den Wolken auf und sieht eine verspätete Krähe westwärts über das bleifarbene Stück Himmel, das zu Cook's Court gehört, segeln. Die Krähe fliegt quer über Chancery-Lane und Lincoln's-Inn-Garden nach Lincoln's-Inn-Fields. Hier, in einem großen Haus, einem frühern Palais, wohnt Mr. Tulkinghorn. Die Zimmer sind jetzt als Kanzleien vermietet, und in diesen zusammengeschrumpften Resten vergangener Größe nisten jetzt Advokaten wie Maden in Nüssen. Aber seine geräumigen Treppen, Korridore und Vorzimmer sind immer noch vorhanden und selbst seine gemalten Plafonds, wo eine Allegorie im römischen Helm und himmlischen Linnen sich unter Balustraden und Pfeilern, Blumen, Wolken und fettbeinigen Kindern breit macht, daß einem der Kopf weh tut – was immer mehr oder weniger der Zweck der Allegorie zu sein scheint. Hier unter seinen vielen mit fabelhaft vornehmen Namen bezettelten Kasten wohnt Mr. Tulkinghorn, wenn er nicht stummer Gast in Landhäusern ist, wo die Großen der Erde sich zu Tode langweilen. Hier sitzt er heute still an seinem Tisch. Eine Auster von der alten Schule, die niemand aufmachen kann. So wie er sieht auch das Zimmer in der Dämmerung des Nachmittags aus. Rostig, veraltet, sich den Blicken entziehend, solid und behäbig. Schwere altmodische Mahagonistühle mit breiten Rücken und Roßhaarpolstern, antike Tische mit dünnen Spindelbeinen und bestaubten Überzügen, in Kupfer gestochene Porträts, die Geschenke von vornehmen Titelinhabern der letzten oder vorletzten Generation, umgeben ihn. Ein dicker, dunkler, türkischer Teppich bedeckt den Fußboden, und Mr. Tulkinghorn sitzt zwischen zwei Kerzen und altmodischen silbernen Leuchtern, die das große Zimmer nur unvollkommen erhellen, am Tische. Die Titel auf den Büchern haben sich in den Einband zurückgezogen; alles, was ein Schloß haben kann, hat eins, aber nirgends ist ein Schlüssel sichtbar. Nur wenige Papiere liegen herum. Neben sich hat Mr. Tulkinghorn ein Manuskript, aber er blickt nicht hinein. Mit dem Stöpsel eines Tintenfasses und zwei Stückchen Siegellack arbeitet er schweigend und langsam an einem Entschluß, über den er noch nicht im reinen ist. Jetzt liegt der Tintenstöpsel in der Mitte, dann das rote Stück Siegellack, dann das schwarze. Es geht nicht zusammen; Mr. Tulkinghorn muß sie alle wieder zusammenschieben und von neuem anfangen. Hier unter dem bemalten Plafond, wo die perspektivisch verkürzte Allegorie auf den Eindringling herabstarrt, als wolle sie auf ihn losstürzen, und er ihr keinen Blick schenkt, ist zugleich die Wohnung und die Kanzlei Mr. Tulkinghorns. Er hält keine Leute. Nur einen einzigen Menschen in mittleren Jahren, der, meistens an den Ellbogen abgeschabt, hinter einem hohen Gitter in der Vorhalle sitzt und selten mit Beschäftigung überladen ist. Mr. Tulkinghorn ist kein gewöhnlicher Advokat. Er braucht keine Angestellten. Er ist ein großes Sammelbecken von anvertrauten Geheimnissen und läßt sich nicht auf diese Weise anzapfen. Seine Klienten brauchen ihn; er ist alles in allem. Prozeßschriften, die er entworfen zu haben wünscht, werden von Spezialadvokaten im »Temple« nach geheimnisvoller Instruktion abgefaßt; seine Abschriften läßt er bei dem Schreibmaterialienhändler machen, und auf die Kosten kommt es ihm nicht an. Der Mann in mittleren Jahren hinter dem Gitter weiß kaum mehr von den Angelegenheiten des Hochadels als der erste beste Straßenkehrer in Holborn. Der rote Siegellack, der schwarze Siegellack, der Tintenstöpsel, der zweite Tintenstöpsel, die kleine Streusandbüchse. So! Du in die Mitte, du rechts, du links! Diese Unentschiedenheit muß um jeden Preis jetzt oder nie beseitigt werden. – So! Jetzt! Mr. Tulkinghorn steht auf, rückt die Brille zurecht, setzt den Hut auf, steckt das Manuskript in die Tasche, geht hinaus und sagt dem Mann mit den abgeschabten Ellbogen: »Ich werde gleich zurück sein.« Sehr selten spricht er sich ausführlicher aus. Mr. Tulkinghorn geht geradewegs dahin, woher die Krähe kam – wenn auch nicht so schnurgerade, so doch beinahe so –, nach Cook's Court Cursitor Street zu: Snagsby Law Stationer und Papierhändler. Besorgung von Akten und Urkundenabschriften und Kopien Anfertigung juristischer Schreibarbeit aller Art usw. usw. usw. Es ist etwa fünf oder sechs Uhr nachmittags, und ein balsamischer Duft von warmem Tee brütet in Cook's Court. Er umschwebt Snagsbys Tür. Man speist hier schon um halb zwei und ißt um halb zehn zu Abend. Mr. Snagsby war im Begriff, in die unterirdischen Regionen hinabzusteigen, um Tee zu trinken, als er noch ein Mal aus der Türe blickte und die verspätete Krähe sah. »Der Herr zu Hause?« Guster hat die Aufsicht im Laden, denn die »Stifte« trinken in der Küche mit Mr. und Mrs. Snagsby Tee. Die zwei Schneiderstöchter, die gegenüber in den zwei Fenstern der zweiten Etage vor zwei Spiegeln ihre Locken kämmen, bringen sie also nicht, wie sie sich einbilden, um ihren Verstand, sondern erregen nur die zwecklose Bewunderung Gusters, deren Haar nicht wachsen will, nie wachsen wollte und, wie jedermann tief im Herzen fühlt, niemals wachsen wird. »Der Herr zu Hause?« fragt Mr. Tulkinghorn. Der Herr ist zu Hause, und Guster will ihn holen. Sie verschwindet, froh, den Laden verlassen zu können, den sie mit einer Mischung von Scheu und Verehrung als Stapelplatz für die Folterwerkzeuge der Gesetzeskunde betrachtet, als einen Ort, den man nicht ohne Gefahr betreten darf, wenn das Gas abgedreht ist. Mr. Snagsby erscheint: fettig, warm, teeduftend und kauend. Er würgt einen Bissen Butterbrot hinunter und sagt: »Herrschaft! Mr. Tulkinghorn!« »Ich möchte ein Wort mit Ihnen sprechen, Snagsby!« »Ich bitte sehr, Sir. Mein Gott, Sir, warum haben Sie Ihren jungen Mann nicht nach mir geschickt? Bitte, kommen Sie nach hinten, Sir.« – Snagsbys Gesicht strahlt. – Das Hinterstübchen, in dem Pergamentgeruch vorherrscht, ist Ablage, Comptoir, Kopierbureau zugleich. Mr. Tulkinghorn setzt sich nieder auf einen Stuhl beim Schreibpult und blickt umher. »Jarndyce kontra Jarndyce, Snagsby.« »Zu dienen, Sir.« Mr. Snagsby dreht das Gas auf und hüstelt hinter der Hand und überschlägt im Geiste den Gewinn. Als schüchterner Mann ist Mr. Snagsby gewohnt, auf verschiedene Art zu hüsteln, um Worte zu sparen. »Sie kopierten neulich einige Affidavits in dieser Sache.« »Zu dienen, Sir.« Die festverschlossene, nie zu öffnende Auster der alten Schule greift in die falsche Rocktasche und sagt: »Eins war darunter, dessen Handschrift eigentümlich ist und mir fast gefällt. Da ich gerade vorbeiging und dachte, ich hätte es bei mir, trat ich herein, um Sie zu fragen... Aber ich habe es nicht bei mir. Macht nichts, die Sache hat keine Eile... Ah! Da ist es!... Ich trat herein, um Sie zu fragen, wer es kopiert hat.« »Wer das kopiert hat, Sir?« Mr. Snagsby nimmt das Heft, legt es flach aufs Pult und blättert die Seiten mit einem den Schreibmaterialienhändlern eigentümlichen Griff der linken Hand um. »Wir haben es außer Hause schreiben lassen, Sir. Wir ließen damals gerade ziemlich viel außer Hause schreiben. Ich brauche aber bloß in meinem Buch nachzusehen, wer es kopiert hat.« Mr. Snagsby nimmt sein Buch aus dem Schrank, würgt noch ein Mal an dem Bissen Butterbrot, der unterwegs stecken geblieben zu sein scheint, beäugt das Affidavit von der Seite und fährt mit dem rechten Zeigefinger die Seite im Buch hinunter. »Jewby... Packer... Jarndyce. Jarndyce! Da ist es, Sir. Richtig! Ich hätte es gleich wissen können. Das ist von einem Schreiber, der nicht weit von hier auf der andern Seite der Gasse wohnt.« Mr. Tulkinghorn hat den eingetragenen Namen längst vor dem Law Stationer erblickt und gelesen, während dieser noch mit dem Finger die Seite entlang fuhr. »Wie heißt er? Nemo?« fragt Mr. Tulkinghorn. »Nemo, Sir. Hier ist es. Folio Nr. 42. – Übergeben Mittwoch abends um acht Uhr, abgeliefert Donnerstag früh halb zehn Uhr.« »Nemo?« wiederholt Mr. Tulkinghorn. »Nemo heißt auf lateinisch Niemand.« »Dann muß es auf englisch Jemand heißen.« Mr. Snagsby hüstelt unterwürfig. »Jemand heißt so. Hier steht es. Sie sehen, Sir! Folio 42. Übergeben Mittwoch abends acht Uhr, abgeliefert Donnerstag früh halb zehn.« Mr. Snagsby erspäht, daß Mrs. Snagsbys Kopf zur Tür hereinguckt, um zu sehen, was dieses Wegbleiben vom Tee bedeuten soll. Mr. Snagsby richtet ein erklärendes Husten an Mrs. Snagsby, das soviel sagen soll wie: Lieber Schatz, ein Kunde! »Halb zehn, Sir«, wiederholt Mr. Snagsby. »Unsre Advokatenschreiber, die auf Stück arbeiten, sind sonderbare Leute; und Nemo ist vielleicht nicht sein wahrer Name, aber er ist unter dem Namen bekannt. Ich erinnere mich jetzt, Sir, daß er ihn selbst in einem geschriebenen Anschlag in den verschiedenen Gerichtskanzleien unten so angibt. Sie kennen diese Art Anschläge, Sir – 'Bitte um Beschäftigung' usw.« Mr. Tulkinghorn blickt durch das kleine Fenster in den Hof von Coavins, dem Polizeiamt, wo Lichter Coavins Fenster erhellen. Coavins Kaffeezimmer führt nach hinten hinaus, und die Schatten mehrerer schuldenbedrängter Gentlemen bewegen sich hinter den Gardinen. – Mr. Snagsby benützt die Gelegenheit, um ein wenig den Kopf zu wenden, sich über die Achsel nach seiner kleinen Gattin umzusehen und mit den Lippen Zeichen zu geben: Tul-king-horn – reich – gro-ßer –Einfluß. – »Haben Sie den Mann schon früher beschäftigt?« fragt Mr. Tulkinghorn. »Gewiß, ja, Sir, zu dienen. In Arbeiten von Ihnen.« »Ich dachte an wichtigere Dinge und habe vergessen, wo er wohnt.« »Über der Gasse drüben, Sir! Er wohnt eigentlich« – wieder würgt Mr. Snagsby, als ob er den Bissen Butterbrot nicht herunter bekommen könnte – »er wohnt eigentlich bei einem Lumpenhändler.« »Könnten Sie mir das Haus auf dem Rückweg zeigen?« »Mit größtem Vergnügen, Sir!« Mr. Snagsby wirft die Schreibärmel und den grauen Kittel ab, zieht seinen schwarzen Rock an und nimmt den Hut vom Haken. »Ah, da ist meine kleine Frau«, sagt er laut. »Meine Liebe, sei so gut und schicke einen der Burschen in den Laden heraus, während ich mit Mr. Tulkinghorn über die Straße gehe. – Mrs. Snagsby, Sir! – Ich bleibe höchstens zwei Minuten aus, meine Liebe.« Mrs. Snagsby verbeugt sich vor dem Advokaten, zieht sich hinter den Ladentisch zurück, betrachtet die beiden durch die Fenstervorhänge, geht leise in das Hinterstübchen und sieht in dem Buche nach, das immer noch aufgeschlagen daliegt. Sie ist selbstverständlich neugierig. »Sie werden die Lokalität wunderlich finden, Sir«, sagt Mr. Snagsby, während er ehrerbietig auf dem Fahrweg geht und den schmalen Fußsteig dem Advokaten überläßt. »Und auch der Mann selber ist recht sonderbar. Aber es ist im allgemeinen eine wilde Horde. Der Vorzug des Mannes ist, daß er keinen Schlaf braucht. Er geht an eine Arbeit, die man ihm gibt, sofort und bringt sie zu Ende in einem Zug, wenn es auch noch so lang dauert.« Es ist ganz dunkel geworden, und die Gaslampen leuchten in voller Kraft. Durch einen Strom von Advokatenschreibern, die mit Briefen zur Post gehen, von Advokaten und Substituten, die zum Essen nach Hause eilen, von Klägern und Verklagten und Prozessierenden aller Art und durch das allgemeine Gewühl, in dessen Weg die forensische Weisheit von Generationen bei der Verrichtung der gewöhnlichsten Geschäfte eine Million von Hindernissen geworfen hat, und durch das stammverwandte Mysterium des Straßenschmutzes, von dem niemand weiß, woraus er sich bildet und wie und wo er sich um uns ansammelt – wir wissen bloß, daß er weggeschaufelt werden muß, wenn er sich zu sehr angehäuft hat –, waten und arbeiten sich der Advokat und der Schreibmaterialienhändler und kommen endlich zu einem Hadernladen, wo außer Lumpen noch Abfall aller Art angesammelt ist. Der Laden liegt im Schatten der Mauer von Lincoln's Inn und gehört, wie die Firmatafel allen, die es interessiert, verkündet, einem gewissen Krook. »Hier wohnt er, Sir«, erklärt der Schreibmaterialienhändler.« »So, so, hier wohnt er«, sagt der Advokat gleichgültig. »Danke bestens.« »Wollen Sie nicht hinein, Sir?« »Ach nein; ich gehe wieder in die Kanzlei. Guten Abend. Danke schön!« Mr. Snagsby zieht den Hut und kehrt zu seiner kleinen Frau und seinem Tee zurück. Aber Mr. Tulkinghorn geht durchaus nicht in die Kanzlei. Er geht wohl eine kleine Strecke weiter, kehrt aber dann um und tritt in Mr. Krooks Laden. Es ist finster genug darin. Ein trüb brennendes Licht steht im Fenster, und ein alter Mann und eine Katze sitzen hinten beim Ofen. Der alte Mann steht auf und kommt mit einem zweiten trüb brennenden Licht in der Hand dem Besuch entgegen. »Bitte, ist die Mietspartei, die hier wohnt, zu Hause?« »Die männliche oder die weibliche, Sir?« fragt Mr. Krook. »Der Schreiber, der Akten kopiert.« – Mr. Krook mustert seinen Mann. Er kennt ihn vom Sehen. Er hat eine unklare Empfindung von seinen Beziehungen zum Adel. – »Wünschen Sie ihn zu sprechen, Sir?« »Ja.« »Ich sehe ihn selber nur selten«, sagt Mr. Krook mit einem Zähnefletschen. »Soll ich ihn herunterrufen? 's ist freilich wenig Aussicht, daß er kommt, Sir.« »Dann will ich hinaufgehen«, sagt Mr. Tulkinghorn. »Zweiter Stock, Sir! Nehmen Sie die Kerze. Hier hinauf!« Mr. Krook und neben ihm die Katze stehen unten an der Treppe und blicken Mr. Tulkinghorn nach. »Hi-hi!« sagt er, als Mr. Tulkinghorn fast verschwunden ist. Der Advokat blickt über das Geländer hinab. Die Katze reißt weit den Rachen auf und faucht ihn an. »Ruhig, Lady Jane! Anständig sein gegen Besuche, Mylady!« »Sie wissen doch, was die Leute von meinem Mieter glauben?« flüstert Krook und tritt ein paar Stufen die Treppe hinauf. »Was glauben sie denn?« »Sie sagen, er habe sich dem Teufel verkauft; aber Sie und ich wissen das besser – der kauft nicht. Ich will Ihnen aber einen Rat geben. Mein Mieter ist so übellaunisch und gallig, daß ich glaube, er würde sofort in den Handel einwilligen. Bringen Sie ihn nicht auf, Sir!« Mr. Tulkinghorn nickt und geht weiter. – Er kommt an eine dunkle Tür im zweiten Stock, klopft, bekommt keine Antwort, macht die Tür auf und löscht dabei zufällig die Kerze aus. – Die Luft im Zimmer ist fast so schlecht, daß sie das Licht ausgelöscht haben würde, wenn er es nicht getan hätte. Es ist ein kleines Zimmer, fast schwarz von Ruß, Fett und Schmutz. In dem verrosteten Gerippe des Kaminherdes, das in der Mitte eingekniffen ist, als hätte es die Armut mit ihrer Faust gepackt, brennt kümmerlich ein rotes Koksfeuer. In der Ecke beim Kamin stehen ein hölzerner Tisch und ein zerbrochenes Schreibpult; alles von Tinte beregnet. In einer andern Ecke liegt ein zerfetzter alter Mantelsack auf einem Stuhl und dient als Schrank oder Garderobe; ein größerer wäre überflüssig, denn er ist mager und eingefallen wie die Wangen eines Verhungerten. Der Fußboden ist kahl. Nur eine einzige alte Matte, zu einzelnen Fransen zertreten, modert vor dem Herde. Kein Vorhang schließt die Dunkelheit der Nacht aus, aber die wettergebleichten Läden sind geschlossen, und durch die zwei großen Löcher darin könnte der Hunger hineinsehen auf das Gespenst eines Mannes auf dem Bett. Auf der niedrigen Lagerstätte, dem Feuer gegenüber, in einem wirren Haufen schmutzigen Lappenwerkes, dünner Steppdecken und grober Sackleinwand sieht der Advokat, der zögernd in der Türe stehen bleibt, einen Mann liegen. Er liegt dort in Hemd und Hosen mit bloßen Füßen. In der gespensterhaften Dämmerung eines Lichts, das niedergebrannt ist, bis der Docht in seiner ganzen Länge sich übergelegt hat und einen Turm von glimmendem Ruß über die Flamme hinausragen läßt, sieht sein Gesicht gelb aus. Das wirre Haar vermischt sich mit dem Bart um Backen und Mund, der verwildert und vernachlässigt ist wie alles ringsum. So übelriechend und schmutzig das Zimmer, so stickig die Luft ist, wird man sich doch nicht leicht darüber klar, was für ein Geruch die Sinne am unangenehmsten berührt; aber durch den allgemeinen krankhaften, Übelkeit erregenden Geruch von kaltem Tabaksqualm dringt der bittere, fade Geschmack von Opium dem Advokaten in den Mund. »Heda, Freund!« Er ruft und schlägt den eisernen Leuchter an die Tür. Er glaubt, er habe den »Freund« aufgeweckt. Der Mann liegt da, ein wenig abgewendet und mit offenen Augen. »Heda, Freund!« ruft er wieder. »Heda! Heda!« Wie Mr. Tulkinghorn wiederholt an die Türe schlägt, geht das Licht im Zimmer, das schon lange nur kümmerlich gebrannt hat, vollends aus, und er steht im Dunkeln, und die hohlen Augen in den Fensterläden starren auf das Bett. 11. Kapitel Unser geliebter Bruder Irgend jemand berührt die runzelvolle Hand des Advokaten, wie er im finstern Zimmer unentschlossen dasteht, und macht ihn auffahren: »Wer ist da!« »Ich bin's«, sagt der Alte vom Hause. Sein Atem berührt das Ohr Mr. Tulkinghorns. »Können Sie ihn nicht wecken?« »Nein.« »Was haben Sie mit Ihrer Kerze gemacht?« »Sie ist ausgegangen. Hier ist sie.« Krook nimmt sie, geht ans Feuer, bückt sich über die roten Kohlen und versucht den Docht anzuzünden. Die ersterbende Asche hat keine Glut mehr, und seine Bemühungen sind umsonst. Ebenso vergeblich sucht er seinen Mieter zu wecken; dann brummt er und geht hinunter in den Laden, um eine brennende Kerze zu holen. Aus irgendeinem Grunde erwartet Mr. Tulkinghorn seine Rückkehr nicht im Zimmer, sondern draußen auf der Treppe. Endlich, endlich erhellt ein Licht die Wände, wie Krook langsam heraufkommt, die grünäugige Katze ihm auf den Fersen. »Schläft der Mann immer so fest?« fragt der Advokat leise. »Hi! Ich weiß nicht«, Krook schüttelt den Kopf und zieht die Augenbrauen in die Höhe. »Ich weiß so gut wie nichts von seinen Gewohnheiten, außer, daß er sich fast ganz abschließt.« So flüsternd treten sie beide ein. Wie das Licht hereinkommt, scheinen die großen Augen in den Fensterläden dunkler zu werden und sich zu schließen. Nicht so die Augen auf dem Bett. »Gott sei uns gnädig«, ruft Mr. Tulkinghorn. »Er ist tot.« Krook läßt die schwere Hand, die er ergriffen hat, so plötzlich los, daß der Arm an der Seite des Bettes herunterfällt. Die beiden sehen sich einen Augenblick an. »Laufen Sie nach einem Doktor! Rufen Sie Miß Flite oben, Sir! Hier steht Gift beim Bett! Rufen Sie Flite, wollen Sie?« sagt Krook, der seine dürren Hände über der Leiche hält wie die Flügel eines Vampirs. Mr. Tulkinghorn eilt hinaus und ruft: »Miß Flite! Flite! Schnell, kommen Sie schnell! Flite!« Krook folgt ihm mit seinen Blicken und benützt die Gelegenheit, während er ruft, sich zu dem alten Mantelsack und wieder zurück zu schleichen.« »Schnell, Flite, schnell! Zum nächsten Doktor! Schnell!« So schreit Mr. Krook die verrückte kleine Alte, seine Mieterin, an. Im Nu erscheint sie und verschwindet und kehrt zurück, begleitet von einem Arzt, der sehr verdrießlich dreinschaut, weil man ihn beim Essen gestört hat, – einem Mann mit einer dicken, mit Schnupftabak bedeckten Oberlippe und einem breiten schottischen Akzent. »Ei! Gott haab ihn seelig«, sagt der Arzt und sieht nach einer kurzen Untersuchung auf. »Der ischt so toot wie Pharao.« Mr. Tulkinghorn, der neben dem alten Mantelsack steht, fragt, ob er schon lange tot sei. »Schon lange, Ser«, sagt der Arzt. »Waahrscheinlich ischt er etwa drei Stunden toot.« »Ungefähr so lange auch meiner Meinung nach«, bemerkt ein schwarzer junger Mann auf der andern Seite des Bettes. »Sind Sie selbscht Meediziner, Ser?« fragt der Schotte. Der schwarze junge Mann sagt: »Ja.« »Nun, denn kann ich ja gehn. Denn bin ich hier gaar nichts nütze.« Mit dieser Bemerkung macht der Arzt seiner kurzen Anwesenheit ein Ende und kehrt wieder zu seinem Essen zurück. Der schwarze junge Mediziner leuchtet mit der Kerze wiederholt über das starre Gesicht und untersucht sorgfältig den Schreiber, der seine Ansprüche auf seinen Namen jetzt dadurch festgestellt hat, daß er wirklich »Niemand« geworden ist. »Ich kenne den Mann sehr gut vom Sehen«, sagt er. »Er hat seit den letzten anderthalb Jahren Opium bei mir gekauft. Ist jemand von den Anwesenden mit ihm verwandt?« fragt er und mustert die drei um das Bett herumstehenden Personen. »Ich war sein Hauswirt«, gibt Krook mürrisch zur Antwort und nimmt dem Arzt die hingehaltene Kerze aus der Hand. »Er sagte einmal zu mir, ich sei der nächste Verwandte, den er hätte.« »Er ist an einer zu starken Dosis Opium gestorben. Daran ist kein Zweifel. Das ganze Zimmer riecht danach. Hier ist noch genug«, – der Arzt nimmt Mr. Krook einen alten Teetopf aus der Hand – »um ein Dutzend Menschen zu töten.« »Meinen Sie, daß er es absichtlich getan hat?« fragt Krook. »Die zu starke Dosis genommen?« »Ja!« – Krook schmatzt fast mit den Lippen im Hochgenuß eines schauerlichen Interesses. »Das kann ich nicht sagen. Ich halte es nicht für wahrscheinlich, da er gewohnt war, starke Dosen zu nehmen. Das kann niemand wissen. Er war sehr arm, vermute ich?« »Das vermute ich auch. Sein Zimmer – macht nicht den Eindruck von Reichtum«, sagt Krook, der so aussieht, als habe er die Augen mit seiner Katze vertauscht, so gierig schweifen seine Blicke in der Stube umher. Aber ich bin nie hier gewesen, seit er eingezogen ist, und er war zu verschlossen, um mir etwas über seine Verhältnisse zu erzählen.« »Ist er Ihnen Zins schuldig?« »Sechs Wochen.« »Er wird ihn nie bezahlen«, sagt der junge Arzt und nimmt seine Untersuchung wieder auf. »Es ist ganz außer Zweifel, daß er so tot ist wie Pharao, und nach seinem Körperzustand zu urteilen, möchte ich sagen, es ist ein Glück für ihn. Und doch muß er als junger Mann groß und schlank und ich sollte meinen hübsch gewesen sein.« – Er sagt dies nicht ohne Gefühl, während er auf dem Rande der Bettstelle sitzt, das Gesicht dem Toten zugekehrt und die Hand auf die Herzgegend gelegt. – »Ich erinnere mich, daß es mir schon früher einmal so vorkam, als sei etwas in seinem Auftreten, so abstoßend er sich auch benahm, was auf eine bessere Vergangenheit hindeutete. Wissen Sie etwas darüber?« fährt er fort und sieht sich um. Krook antwortet: »Sie könnten ebensogut von mir verlangen, Ihnen die Damen zu beschreiben, deren Haar ich unten im Keller in Säcken habe. Ich weiß nicht mehr von ihm, als daß er anderthalb Jahre lang mein Mieter war und vom Abschreiben für Advokaten lebte – oder nicht lebte.« Während dieses Zwiegesprächs hat Mr. Tulkinghorn abseits neben dem alten Mantelsack gestanden, die Hände auf dem Rücken und allem Anschein nach gleich unendlich fern von all den drei verschiedenen Arten von Teilnahme, die neben dem Bett an den Tag gelegt wurden – von dem Interesse des jungen Mannes an der Leiche als Arzt und seiner Teilnahme für den Verstorbenen als Mensch –, von des alten Mannes lüsternem Genuß an der Schrecklichkeit des Vorfalls – und von dem Grauen der verrückten kleinen Alten vor der Leiche. Sein unbewegliches Gesicht blieb so ausdruckslos wie das rostige Aussehen seiner Kleider. Er scheint die ganze Zeit über an nichts gedacht zu haben. Er hat weder Geduld noch Ungeduld, weder Aufmerksamkeit noch Zerstreutheit gezeigt. Nur die äußere Schale ist zu sehen gewesen. Ebensowenig hätte man auf den Ton eines Musikinstrumentes aus dem Gehäuse schließen können. Er mischt sich jetzt hinein, redet den jungen Mann in seiner teilnahmslosen, geschäftsmäßigen Weise an. »Ich kam einen Augenblick vor Ihnen hierher«, bemerkt er, »mit der Absicht, dem Verstorbenen, den ich als Lebenden nicht gekannt habe, einige Kopierarbeiten zu geben. Ich erfuhr seine Adresse von meinem Papierhändler Snagsby in Cook's Court. Da niemand hier etwas von dem Toten weiß, wäre es vielleicht gut, nach Snagsby zu schicken. – Ah!« sagt er zu der verrückten kleinen Alten, die er oft im Kanzleigericht gesehen zu haben sich erinnert. »Ja, vielleicht holen Sie ihn«, sagt er, da sie sich in erschrecktem stummem Gebärdenspiel erbötig macht, den Papierhändler zu holen. Während sie fort ist, gibt der Arzt die Untersuchung als hoffnungslos auf und deckt den Toten mit der Flickendecke zu. Mr. Krook und er wechseln ein paar Worte miteinander. Mr. Tulkinghorn spricht kein Wort und steht immer noch neben dem alten Mantelsack. Mr. Snagsby erscheint in aller Eile in seinem grauen Kittel mit den schwarzen Schreibärmeln. »Mein Gott, mein Gott!« sagt er. »Ist es also endlich dazu gekommen! Gott soll einen Menschen behüten!« »Können Sie dem Hauswirt hier irgendeine Auskunft über den Unglücklichen geben, Snagsby?« fragt Mr. Tulkinghorn. »Er war angeblich mit seinem Zins im Rückstand. Und er muß doch begraben werden.« »Hm, Sir«, meint Mr. Snagsby und läßt hinter seiner Hand ein verlegenes Hüsteln hören. »Ich wüßte wirklich nicht, welchen Rat ich geben könnte, außer, daß man nach dem Kirchendiener schicken sollte.« »Ich spreche nicht von Rat«, lehnt Mr. Tulkinghorn ab. »Ich könnte ja selbst raten...« »Niemand besser, Sir, selbstverständlich«, entschuldigt sich Mr. Snagsby mit seinem ehrerbietigen Husten. »Ich meine, ob man nicht etwas über seine Verwandten oder woher er stammt oder über seine sonstigen Verhältnisse erfahren könnte?« Mr. Snagsby schickt seiner Antwort einen allgemein versöhnlichen Husten voraus und sagt: »Ich versichere Ihnen, Sir, ich weiß ebensowenig, woher er gekommen ist, als ich weiß...« »Wohin er gegangen ist«, unterbricht ihn der Arzt, nachhelfend. – Pause. – Mr. Tulkinghorn sieht den Schreibmaterialienhändler an. Mr. Krook sieht mit offenem Munde von einem zum andern, erwartungsvoll, wer wohl jetzt etwas sagen werde. »Was seine Verwandten betrifft, Sir«, fährt Mr. Snagsby fort, »wenn jemand zu mir spräche: Snagsby, hier liegen zwanzigtausend Pfund für Sie in der Bank von England bereit, wenn Sie mir auch nur einen von ihnen nennen, so könnte ich es nicht, Sir. Vor ungefähr anderthalb Jahren, soweit ich mich erinnern kann, und um die Zeit, wo er in den Althändlerladen hier eingezogen ist...« »Um die Zeit war es«, bestätigt Krook mit einem Kopfnicken. »Vor ungefähr anderthalb Jahren«, fährt Mr. Snagsby ermutigt fort, »kam er eines Morgens nach dem Frühstück in mein Geschäft, fand dort meine kleine Frau, legte ihr eine Probe seiner Handschrift vor und sagte ihr, er suche Abschreibearbeit zu bekommen. Und daß er – um nicht durch die Blume zu sprechen« – ein Lieblingsausdruck Mr. Snagsbys, wenn er keine Umstände machen und frei herausreden will – »und daß er sehr in Not sei. Meine kleine Frau hat für gewöhnlich keine besondere Vorliebe für Fremde, besonders – um nicht durch die Blume zu sprechen –, wenn sie etwas haben wollen. Aber irgend etwas an dem Mann mußte doch ihr Interesse erregt haben; ob er unrasiert war oder wild und ungekämmt aussah oder sonst etwas an sich hatte, was Damen interessiert, überlasse ich Ihnen zu beurteilen, aber sie nahm die Probe an und auch die Adresse. Meine kleine Frau hat kein gutes Ohr für Namen«, fährt Mr. Snagsby fort, nachdem er mit seinem rücksichtslosen Husten hinter der vorgehaltnen Hand zu Rate gegangen ist, »und sie verwechselte Nemo mit Nimrod. Sie hat sich deshalb angewöhnt, bei Tisch zu mir zum Beispiel zu sagen: Snagsby, hast du noch immer keine Arbeit für Nimrod? Oder: Snagsby, warum hast du die achtunddreißig Folioseiten in Sachen Jarndyce nicht Nimrod gegeben? Und so weiter. Auf diese Art bekam er nach und nach ziemlich regelmäßig Arbeit von uns, und das ist alles, was ich von ihm weiß, außer, daß er sehr rasch schrieb und sich aus Nachtarbeit nichts machte. Wenn man ihm zum Beispiel fünfundvierzig Folioseiten Mittwoch abends gab, hatte er sie schon Donnerstag früh fertig.« Mr. Snagsby schließt seine Rede mit einer höflichen Bewegung seines Hutes nach dem Bette hin, als wollte er hinzusetzen, – »was alles ohne Zweifel mein ehrenwerter Freund hier bestätigen würde, wenn es ihm sein Zustand erlaubte.« »Möchten Sie nicht vielleicht nachsehen, ob Papiere da sind, die Licht in die Sache bringen könnten«, sagt Mr. Tulkinghorn zu Krook. »Man wird Totenschau halten und Sie wahrscheinlich danach fragen.« »Nein, kann ich nicht«, antwortete der Alte plötzlich, die Zähne zusammenbeißend. »Snagsby, durchsuchen Sie also einmal das Zimmer für ihn«, sagt Mr. Tulkinghorn. »Er könnte sonst leicht Unannehmlichkeiten haben. Da ich schon hier bin, will ich warten, wenn Sie schnell machen, und kann dann Zeugenschaft ablegen, daß alles richtig zugegangen ist, wenn es verlangt werden sollte.« »Wenn Sie Mr. Snagsby die Kerze halten wollen, mein Freund, wird er bald sehen, ob etwas vorhanden ist.« »Erstens einmal ist hier ein alter Mantelsack, Sir«, sagt Snagsby. »Ja richtig!« Mr. Tulkinghorn scheint den Mantelsack nicht gesehen zu haben, obgleich er dicht daneben steht und weiß Gott sonst wenig genug im Zimmer ist. Der Trödler hält das Licht, und der Papierhändler leitet die Untersuchung. Der Arzt lehnt an einer Ecke des Kaminsimses; Miß Flite steht zitternd auf der Türschwelle und lugt furchtsam ins Zimmer. Der gelehrte Advokat der alten Schule mit den glanzlosen schwarzen, mit Bändern am Knie zugebundnen Hosen, der langen schwarzen Weste, dem langärmeligen schwarzen Frack und dem ungestärkten weißen Halstuch mit der kleinen Schleife, die der Hochadel so gut kennt, steht genau auf demselben Fleck in der alten Stellung. In dem Mantelsack finden sich ein paar wertlose Kleidungsstücke, ein Bündel Versatzscheine, diese Mautzettel auf dem Wege zur Armut, ein zerknittertes Blatt Papier, das nach Opium riecht und ein paar hingekritzelte Notizen aufweist, zum Beispiel: An dem und dem Tage soviel Gran genommen, an dem und dem so und so viel Gran mehr. Die Notizen sind vor längerer Zeit niedergeschrieben, wohl mit der Absicht, sie regelmäßig fortzusetzen. Aber bald sind sie abgebrochen worden. Es finden sich ein paar schmutzige Fetzen von Zeitungen, lauter Totenschauberichte. Weiter nichts. Sie suchen im Wandschrank und in der Schublade des tintenbespritzten Tisches. Auch nicht ein Stückchen eines alten Briefs oder sonst ein Anhaltspunkt ist zu entdecken. Der junge Arzt untersucht die Kleider des Schreibers. Weiter nichts als ein Messer und einige Halfpence kommen zum Vorschein. Mr. Snagsbys Rat ist schließlich doch der praktischste, und der Kirchendiener muß geholt werden. Die kleine verrückte Alte holt daher den Kirchspieldiener, und die übrigen verlassen das Zimmer. »Die Katze darf nicht hier bleiben«, sagt der Arzt. »Das geht nicht.« Mr. Krook jagt sie vor sich hinaus, und sie schleicht verstohlen die Treppe hinab, richtet ihren schlanken Schweif auf und leckt sich die Lippen. »Gute Nacht«, sagt Mr. Tulkinghorn und geht heim zu Allegorie und Grüblerei. Um diese Zeit hat sich die Nachricht von dem Todesfall im Hofe verbreitet. Es sammeln sich Gruppen seiner Bewohner, um die Sache zu besprechen, und die Vorposten der Beobachtungsarmee, die hauptsächlich aus Jungen besteht, werden bis zu Mr. Krooks Fenster vorgeschoben, das sie dicht umlagern. Ein Polizeidiener ist bereits in das Zimmer hinauf und wieder bis zur Tür hinuntergegangen, steht da wie ein Turm und läßt sich nur gelegentlich herab, die Jungen tief unten zu seinen Füßen anzublicken. Und jedes Mal, wenn er sie ansieht, weichen sie scheu zurück. Mrs. Perkins, die seit Wochen mit Mrs. Piper kein Wort gesprochen hat, weil der kleine Perkins dem kleinen Piper eins auf den Kopf gegeben hat, knüpft bei dieser aussichtsreichen Gelegenheit den freundschaftlichen Verkehr wieder an. Der Schankkellner an der Ecke, eine Art privilegierter Amts-Amateur, da er offizielle Lebenskenntnis besitzt und gelegentlich mit Betrunkenen zu tun hat, tauscht vertraulich Ansichten mit dem Polizeidiener und hat das Aussehen eines unbesiegbaren Jünglings, dem Konstablerstäbe und Polizeistationen nichts anhaben können. Die Leute reden miteinander über die Gasse hinweg aus den Fenstern, und barhäuptige Späher kommen aus Chancery-Lane herbeigelaufen, um zu sehen, was es gibt. Die allgemeine Ansicht scheint zu sein, es sei ein Glück, daß wider Erwarten die Reihe nicht an Mr. Krook zuerst kam, aber es mischt sich ein wenig natürliche Enttäuschung hinein. Inmitten dieser Aufregung erscheint der Kirchspieldiener. Der Kirchspieldiener, obgleich allgemein in der Nachbarschaft für eine lächerliche Institution gehalten, genießt für den Augenblick eine gewisse Popularität, wenn auch nur als Person, die die Leiche ansehen darf. Der Polizeidiener sieht in ihm einen schwachsinnigen Zivilisten, ein Überbleibsel aus dem barbarischen Zeitalter der Nachtwächter, aber er läßt ihn ein wie etwas, das geduldet werden muß, bis die Regierung es abschafft. Die allgemeine Aufregung erreicht ihren Höhepunkt, als das Gerücht von Mund zu Mund geht, der Kirchspieldiener sei eingetroffen und hineingegangen. Bald darauf kommt der Kirchspieldiener wieder heraus, und wieder steigt die Aufregung, die mittlerweile ein wenig abgeflaut war. Man vernimmt, daß er für die morgige Totenschau Zeugen sucht, die dem Beamten und den Geschwornen Auskunft über den Verstorbenen geben können. Er wird auf der Stelle an unzählige Leute gewiesen, die ihm nicht das mindeste zu sagen imstande sind. Er wird dadurch noch dümmer gemacht, daß man ihm beständig wiederholt, Mrs. Greens Sohn sei selbst Advokatenschreiber gewesen und habe den Toten besser gekannt als irgend jemand sonst. Der Sohn von Mrs. Green befindet sich jedoch, wie sich bei näherer Nachfrage herausstellt, gegenwärtig an Bord eines Schiffes, das vor drei Monaten nach China unter Segel ging, das man aber vermutlich nach einer Eingabe an die Admiralitätschaft telegraphisch erreichen könnte. Freund Kirchspieldiener geht in die verschiednen Läden und Gassenzimmer, fragt die Einwohner aus, schließt vor allen Dingen jedes Mal die Tür und erbittert durch langes Wartenlassen und alles umfassende Blödheit das Publikum. Der Polizeidiener lächelt den Schankkellner an. Das Publikum verliert das Interesse, und allgemeine Teilnahmslosigkeit fängt an einzutreten. Es verhöhnt den Kirchspieldiener, und schrille jugendliche Stimmen werfen ihm vor, einen Knaben gekocht zu haben; Chöre singen Fragmente eines Gassenliedes, das ebenfalls davon handelt und besagt, daß sie aus dem Knaben Suppe für das Armenhaus gekocht hätten. Der Polizeidiener sieht sich zuletzt genötigt, dem Gesetz zu Hilfe zu kommen und einen der Sänger zu ergreifen. Da die übrigen ausreißen, läßt er ihn unter der Bedingung, sofort aufzuhören und zu verduften – sonst! –, wieder los. Der Sänger kommt der Aufforderung augenblicklich nach. So legt sich die Aufregung, und der unerschütterliche Polizeimann, den ein wenig Opium mehr oder weniger kalt läßt, mit dem lackierten hohen Hut, der hohen Halsbinde, dem steifen Überrock, dem ledernen Gürtel und Armband und seiner ganzen übrigen Kriegsausrüstung schreitet langsam seines Weges mit schwerem Tritt. Er schlägt die Flächen seiner weißen Handschuhe gegeneinander und bleibt dann und wann an einer Straßenecke stehen, um sich nach Unglücksfällen umzusehen: Vom verlorenen Sohn aufwärts bis zum Mord. Unter dem Schutze der Nacht flattert der schwachsinnige Kirchspieldiener in Chancery-Lane mit seinen Vorladungen herum, in denen der Name jedes Geschwornen falsch und nur sein eigner, den aber niemand lesen kann oder will, richtig geschrieben ist. Nachdem die Vorladungen verteilt und die Zeugen benachrichtigt sind, begibt sich der Kirchspieldiener zu Mr. Krook, um hier einige Armenhausbewohner, die er bestellt hat, zu erwarten. Sie erscheinen bald darauf; er führt sie die Treppe hinauf, wo sie für die großen Augen in den Fensterläden etwas Neues zum Anstarren hinsetzen: Die letzte irdische Behausung für »Niemand«, – die letzte Behausung für jeden Sterblichen. Und die ganze Nacht hindurch steht der Sarg neben dem alten Mantelsack; und die einsame Gestalt auf dem Bett, die fünfundvierzig Jahre auf dem Pfad des Lebens gewandelt, liegt dort und hat nicht mehr Spur, die zu einer Entdeckung führen könnte, hinterlassen als ein ausgesetztes Kind. Am nächsten Tag ist alles lebendig im Hof. Es ist wie ein Jahrmarkt, wie Mrs. Perkins in dickster Freundschaft mit Mrs. Piper in vertraulichem Gespräch zu dieser vortrefflichen Frau äußert. Der Totenbeschauer wird in dem Saal im ersten Stock der »Sonne« sitzen, wo sich zwei Mal wöchentlich die harmonische Gesellschaft versammelt und ein Herr von großem künstlerischem Ruf einen Lehnstuhl ausfüllt, vis à vis dem kleinen Swills, dem komischen Sänger, der, nach dem Zettel im Fenster zu schließen, hofft, daß sich seine Freunde um ihn scharen und »ein Talent ersten Ranges« unterstützen werden. Die »Sonne« bestrahlt an diesem Morgen ein einträgliches Geschäft. Selbst Kinder bedürfen bei der allgemeinen Aufregung so sehr der Stärkung, daß ein Pastetenbäcker, der an der Ecke des Hofes einen fliegenden Laden errichtet hat, sagt, seine Likörbonbons gingen weg wie Rauch. In der Zwischenzeit zeigt der Kirchspieldiener, der zwischen Mr. Krooks Ladentür und dem Tor der »Sonne« hin und her spukt, die seiner Obhut anvertraute Sehenswürdigkeit ein paar diskreten Günstlingen, die sich ihm dafür mit einem Glas Ale oder dergleichen erkenntlich erweisen. Zur festgesetzten Stunde erscheint der Totenbeschauer, von den Geschworenen erwartet und von einer Salve rasselnder Kegel aus der guten, trocknen Kegelbahn der »Sonne« begrüßt. Der Totenbeschauer besucht mehr Wirtshäuser als irgendein lebender Mensch. Der Geruch von Sägespänen, Bier, Tabakrauch und Branntwein ist ihm in seinem Beruf untrennbar geworden vom Tode, auch in seiner schrecklichsten Gestalt. Der Kirchspieldiener und der Wirt geleiten ihn in den Saal der »Harmonischen Gesellschaft«, wo er seinen Hut auf das Klavier legt und in einem Präsidenten-Lehnstuhl Platz nimmt – am obern Ende einer langen Tafel, die sich aus vielen aneinandergeschobenen kleinen Tischen zusammensetzt und verziert ist mit klebrigen Ringen, von Gläsern und Krügen herrührend, in endloser Verschlingung. Genau soviel Geschworne, als sich um die lange Tafel zusammendrängen können, sitzen dort. Die übrigen finden Platz mitten unter Spucknäpfen und Pfeifenständern oder lehnen am Klavier. Über dem Kopf des Totenbeschauers hängt ein kleiner eiserner Kranz, der Griff eines Klingelzugs, und im Laien erweckt er den Anschein, als sollte der Vorsitzende des Gerichtshofs im nächsten Augenblick gehängt werden. »Man verlese und beeidige die Geschwornen!« Während diese Zeremonie vor sich geht, macht der Eintritt eines kleinen, dicken Mannes mit einem mächtigen Hemdkragen, Triefaugen und einer roten Nase, der bescheiden an der Tür unter dem Publikum Platz nimmt, aber dennoch in dem Saale ganz zu Hause zu sein scheint, einiges Aufsehen. Ein allgemeines Flüstern verrät, daß es der kleine Swills ist. Man hält es nicht für unwahrscheinlich, daß er heute abend vor der »Harmonischen Versammlung« den Totenbeschauer kopieren wird. »Also, meine Herren...« fängt der Vorsitzende an. »Ruhe, Ruhe!« ruft der Kirchspieldiener. Er ruft es nicht dem Vorsitzenden zu, aber es klingt fast so. »Also, meine Herren«, beginnt der Totenbeschauer von neuem, »Sie sind hier zusammengetreten, um über die Todesart einer gewissen Person die Tatsachen festzustellen. Sie werden Zeugenaussagen über die diesen Todesfall begleitenden Umstände hören und Ihren Wahrspruch nach den – Kegeln gibt's heute nicht, die Kegelbahn ist augenblicklich zu sperren, Kirchendiener! – nach den Zeugenaussagen und nach nichts anderm fällen. Zuerst haben wir die Leiche zu besichtigen.« »Platz da, Platz!« ruft der Kirchspieldiener. Alle verlassen in Prozession wie ein langgestreckter Leichenzug den Saal und begeben sich zur Besichtigung in Mr. Krooks zweiten Stock in das Hinterzimmer. Ein paar der Geschwornen verlassen es blaß und hastig auf der Stelle wieder. Der Kirchspieldiener ist eifrig bemüht, daß zwei um Ärmelaufschläge und Knopflöcher herum nicht sehr sauber aussehende Herren, für die er schon im Saal der »Harmonischen Gesellschaft« neben dem Totenbeschauer ein besonderes Tischchen hingestellt hat, alles genau zu sehen bekommen. Sie sind nämlich die öffentlichen Berichterstatter über solche Untersuchungen – nach der Zeile –, und auch er ist der allgemeinen menschlichen Schwäche unterworfen, zu hoffen, gedruckt zu lesen, was Mooney, der tätige und scharfsinnige Kirchspieldiener des Distriktes, alles gesagt und getan hat. Er wünscht sich innerlich, den Namen Mooney in dem vertraulichen Ton erwähnt zu lesen wie in letzter Zeit den Namen des Henkers. Der kleine Swills wartet im Saal auf die Rückkehr des Totenbeschauers und der Geschwornen. Auch Mr. Tulkinghorn wartet. Mr. Tulkinghorn wird mit Ehrfurcht begrüßt und in die Nähe des Totenbeschauers gesetzt. Zwischen diesen hohen Gerichtsbeamten ein Zimmerkegelspiel und eine Kohlenkiste. Die Untersuchung wird fortgesetzt. Die Geschworenen erfahren, wie der Gegenstand ihrer Untersuchung gestorben ist. Über ihn selbst erfahren sie nichts. »Ein angesehener Advokat ist hier, meine Herren«, sagt der Totenbeschauer, »der, wie ich höre, zufällig anwesend war, als man die Leiche entdeckte; aber er könnte nur wiederholen, was Sie bereits von dem Arzt, dem Hauswirt, der Mieterin im obern Stock und dem Schreibmaterialenhändler gehört haben, und wir brauchen ihn daher nicht weiter zu inkommodieren. Ist sonst noch jemand hier, der eine Auskunft geben könnte?« Mrs. Perkins schiebt Mrs. Piper vor. Mrs. Piper wird vereidigt. »Anastasia Piper, meine Herren, verheiratete Frauensperson. Nun, Mrs. Piper, was haben Sie uns über die Sache zu sagen?« Mrs. Piper hat sehr viel zu sagen. Besonders in Klammer und ohne jede Interpunktion, kann aber nicht viel Auskunft geben. Mrs. Piper wohnt im Hof (wo ihr Mann Schreiner ist) und es ist seit langer Zeit den Nachbarn wohl bekannt (es war zwei Tage nach dem Tage wo Alexander James Piper der jetzt achtzehn Monate vier Tage alt ist die Nottaufe erhielt weil er aufgegeben war so sehr litt das arme Kind an Krämpfen) daß der Kläger – so nennt immer wieder Mrs. Piper den Verstorbenen sich angeblich dem Teufel verkauft haben sollte. Das Gerücht sei wahrscheinlich entstanden weil der Kläger danach ausgschaut hat. Der Kläger habe immer fuchtig und grimmig ausgschaut und sie habe immer gesagt man dürfe ihn nicht frei herumgehen lassen weil manche Kinder furchtsam sind (und wenn man ihr nicht glaube so solle man Mrs. Perkins fragen die hier ist und die bestätigen kann daß sie und ihr Mann und ihre Familie niemals keine Unwahrheit nicht spricht) sie habe gesehen wie die Kinder den Kläger geneckt und gequält haben (denn Kinder sind Kinder und man kann nicht von ihnen erwarten besonders wenn sie munter und lebhaft sind daß sie sich wie Methuselers benehmen) deswegen und wegen seines finstern Aussehens habe sie oft geträumt daß er eine Axt aus der Tasche gezogen habe um damit Johnny den Kopf zu spalten aber das Kind kenne keine Furcht nicht und habe ihn oft dicht auf dem Fuß noch ausgespottet. In Wirklichkeit habe sie jedoch niemals den Kläger eine Axt aus der Tasche ziehen sehen. Im Gegenteil. Er sei rasch gegangen wenn ihm die Kinder nachliefen oder nachschrien als ob er Kinder nicht gern hätte und sie habe ihn nie mit einem Kind oder Erwachsenen nicht sprechen sehen ausgenommen mit dem Jungen was den Übergang unten im Gäßchen an der Ecke kehrt. Wenn er hier wäre müsse er selbst sagen daß man ihn oft mit ihm habe sprechen sehen. Der Totenbeschauer fragt: »Ist der Junge hier?« »Nein, Sir, er ist nicht hier«, sagt der Kirchspieldiener. »Gehen Sie ihn holen.« Während der Abwesenheit des emsigen und erfahrenen Dieners unterhält sich der Totenbeschauer mit Mr. Tulkinghorn. »Hier ist der Junge, meine Herren.« Hier ist er, schmutzbedeckt, ganz heiser, sehr zerlumpt. »Nun, Junge!... Aber halt, einen Augenblick. Vorsicht. Der Knabe muß erst anderweitig verhört werden.« Name? Jo. Hat keinen andern, soviel er weiß. Weiß nicht, daß jeder Mensch zwei Namen hat. Hat niemals von so was gehört. Weiß nicht, daß Jo die Abkürzung für einen längern Namen ist. Glaubt, daß er lang genug für ihn ist. Findet nichts daran auszusetzen. Kann er ihn buchstabieren? Nein. Er kann ihn nicht buchstabieren. Hat keinen Vater, keine Mutter, keine Freunde. Ist nie in der Schule gewesen – was ist dös, Elternhaus?? – Weiß, daß ein Besen ein Besen ist, und weiß, daß es eine Sünde ist, zu lügen. Erinnert sich nicht, wer ihm das von dem Besen und der Lüge gesagt hat, aber er weiß beides. Kann nicht genau sagen, was mit ihm nach dem Tode geschehen wird, wenn er den Herren hier eine Lüge sagt, aber er glaubt, daß es ihm zur Strafe sehr schlecht gehen wird und daß ihm dös dann recht gschiecht... Und deshalb will er die Wahrheit sagen. »Damit kommen wir zu nichts, meine Herren«, sagt der Totenbeschauer und schüttelt melancholisch den Kopf. »Glauben Sie nicht, daß wir seine Aussage anhören sollen, Sir?« fragt ein aufmerksamer Geschworner. »Ausgeschlossen. Sie haben den Knaben doch selbst gehört. 'Weiß ich nicht genau' können wir nicht brauchen. In einem Gerichtshof können wir mit dergleichen nichts anfangen, meine Herren. Schreckliche Herabgekommenheit. Schaffen Sie den Jungen weg.« Der Knabe tritt ab zur großen Erbauung der Zuhörerschaft – besonders des kleinen Swills, des komischen Sängers. »Nun, sind noch andre Zeugen da?« Es sind keine andern Zeugen da. »Also, meine Herren! Hier ist ein unbekannter Mann infolge Genusses einer zu großen Menge Opium tot aufgefunden worden. Er ist überwiesen, seit anderthalb Jahren aus Gewohnheit Opium in großen Mengen genossen zu haben. Wenn Sie aus den Zeugenaussagen schließen zu dürfen glauben, daß er Selbstmord begangen hat, so haben Sie dementsprechend Ihren Wahrspruch zu fällen. Wenn Sie meinen, es handle sich um einen Zufall, so haben Sie ein dementsprechendes Verdikt zu fällen.« Man fällt das entsprechende Verdikt. Selbstmord aus Zufall. Kein Zweifel. »Meine Herren, Sie sind entlassen. Guten Nachmittag.« Während der Totenbeschauer seinen Überrock zuknöpft, geben er und Mr. Tulkinghorn dem zurückgewiesenen Zeugen in einer Ecke eine Privataudienz. Dieses allen menschlichen Liebreizes bare Geschöpf weiß nur, daß der Tote, den es an seinem gelben Gesicht und schwarzen Haar soeben erkannt hat, manchmal von den Kindern auf der Straße verhöhnt und verfolgt wurde. An einem kalten Winterabend, als es in einem Torwege nicht weit von seinem Straßenübergang vor Kälte zitternd gekauert, habe sich der Mann nach ihm umgesehen, es ausgefragt und erfahren, daß es keinen Freund auf der Welt habe. Darauf hätte er gesagt: Ich auch nicht. Nicht einen! und hätte ihm Geld zu einem Abendessen und einem Obdach für die Nacht gegeben. Seitdem hätte der Mann oft mit ihm gesprochen und ihn gefragt, ob er in der Nacht schlafen könnte, wie er Kälte und Hunger vertrüge und ob er sich den Tod wünsche, und ähnliche seltsame Fragen. Und manchmal hätte er im Vorbeigehen zu ihm gesagt: »Ich bin heute so arm wie du, Jo.« Wenn er aber Geld gehabt, habe er immer welches gegeben – und sehr gern. (Wie der Knabe fest überzeugt sei.) »Er war sehr gut gegen mich.« Jo wischt sich mit dem zerlumpten Ärmel die Augen. »Wann i n so als a Toter daliegen siech, möcht i, er könnts hören. Er war immer so gut gegen mich.« Wie er die Treppe hinunterschlottert, drückt ihm Mr. Snagsby, der im Hinterhalt auf ihn wartet, eine halbe Krone in die Hand. »Wenn ich einmal mit meiner kleinen Frau – ich meine mit einer Dame – an deinem Straßenübergang vorbeikomme«, sagt Mr. Snagsby, den Finger an der Nase, »dann kennst du mich nicht, hörst du!« Die Geschworenen bleiben noch eine Zeitlang in ernstem Gespräch in der Nähe der »Sonne«. Später findet man ein halbes Dutzend von ihnen in eine Wolke von Tabakqualm gehüllt, die das Gastzimmer der »Sonne« durchräuchert; zwei trollen nach Hampstead und vier kommen überein, da halber Preis ist, ins Theater zu gehen und den Abend mit Austern zu beschließen. Der kleine Swills wird allerseits traktiert. Gefragt, was er von der Verhandlung halte, nennt er sie einen »krumpen Start« – er ist berühmt wegen seines Witzes. Der Wirt der »Sonne« empfiehlt den kleinen Swills, als er sieht, wie populär er ist, höchlichst den Geschworenen und dem Publikum und beteuert, daß er in charakteristischen Liedern nicht seinesgleichen habe und für seine Charaktergarderobe einen ganzen Wagen brauche. So verschmilzt allmählich die »Sonne« in die schattige Nacht und strahlt gewaltig im Gaslicht. Die Stunde der Harmonischen Gesellschaft naht. Der Gentleman mit dem hohen künstlerischen Ruf setzt sich in den Präsidentenstuhl vis à vis dem kleinen Swills mit dem roten Gesicht; seine Freunde scharen sich um sie und unterstützen das Talent ersten Ranges. Im Zenit des Abends sagt der kleine Swills: »Gentlemen, wenn Sie mir erlauben, will ich eine kurze Beschreibung einer wirklichen Szene aus dem Löben, deren Zeuge ich heute war, versuchön.« Großer Beifall und Ermunterung werden ihm. Er verläßt das Zimmer als Swills und kommt als Totenbeschauer wieder herein und sieht ihm nicht im geringsten ähnlich; er beschreibt die Totenschau mit Zwischenspiel auf dem Pianoforte mit dem Refrain: Tippy toi li doll, tippy toi lo doll, tippy toi li doll, Dee! den er dem Totenbeschauer in den Mund legt. Das Klaviergeklimper schweigt endlich, und die harmonischen Freunde sinken in ihre Kissen. Ruhe herrscht um den Einsamen, der jetzt in seiner letzten irdischen Behausung liegt, bewacht während der paar stillen Nachtstunden von den riesigen Augen der Fensterläden. Wenn die Mutter, an deren Busen der Verlassene einst als Kind geruht, die Augen empor zu ihr gerichtet und das weiche Händchen, kaum wissend, wie es den Nacken, zu dem es emporstrebte, umfassen sollte, ihn mit prophetischem Blick hier hätte liegen sehen können, wie unmöglich wäre ihr die Vision erschienen. Wenn in schöneren Tagen das jetzt erloschene Feuer in seiner toten Brust einst für ein Weib glühte, das sein Bild im Herzen trug, wo ist dieses Herz in dieser Stunde, wo seine Asche die letzte Nacht über der Erde weilt? Bei Mr. Snagsby in Cook's Court herrscht heute nacht keine Ruhe. Dort mordet Guster den Schlaf, indem sie, wie Mr. Snagsby selbst zugibt – um nicht durch die Blume zu sprechen –, nicht ein Mal, sondern zwanzig Mal in Krämpfe fällt. Die Ursache ist, daß Guster ein empfindsames Herz und ein empfängliches Etwas im Busen trägt, das ohne Tooting und ihren Schutzheiligen vielleicht zur Einbildungskraft ausgewachsen wäre. Sei dem, wie es wolle, Mr. Snagsbys Bericht über die Totenschau hat zur Teezeit einen so überwältigenden Eindruck auf sie gemacht, daß sie um die Stunde des Abendessens, einen fliegenden holländischen Käse voraussendend, in die Küche stürzt und einen Anfall von ungewöhnlicher Dauer bekommt, der nur aufhört, um sogleich wieder von neuem anzufangen, wobei sie die kurzen Zwischenräume dazu benützt, Mrs. Snagsby in rührendem Tone zu bitten, ihr nicht zu kündigen, wenn sie wieder zu sich käme, und mit Aufforderungen an das ganze Haus ausfüllt, sie auf die Steinfliesen zu legen und ruhig zu Bett zu gehen. Und Mr. Snagsby sagt, als er endlich den Hahn in der kleinen Milchwirtschaft in Cursitor Street in seine selbstlose Ekstase über das Erscheinen des Tageslichts ausbrechen hört, mit einem langen Atemzuge, obgleich er sonst der geduldigste aller Menschen ist: »Mistviech, ich hoffte schon, du seist tot.« Warum der enthusiastische Vogel sich in so unerhörter Weise anstrengt, über etwas zu krähen, was für ihn nicht von der mindesten Bedeutung sein kann, ist schließlich seine Sache. Krähen doch auch Menschen bei verschiedenen öffentlichen Triumphgelegenheiten, ohne daß es sie etwas angeht. Jedenfalls, und das genügt, der Tag bricht an, der Morgen und der Mittag kommen. Der Emsige und Erfahrene, der in dieser Eigenschaft richtig in der Morgenzeitung gestanden hat, erscheint mit seinem Gefolge von Armenhausbewohnern bei Mr. Krook und geleitet die Leiche unsres dahingeschiedenen lieben Bruders auf einen rings von Häusern umgebenen, pesthauchenden und leichenüberfüllten Kirchhof, wo den Leibern unsrer noch nicht dahingeschiedenen geliebten Brüder und Schwestern bösartige Krankheiten mitgeteilt werden, dieweil unsre andern gewissen geliebten Brüder und Schwestern, die sich auf Amtshintertreppen herumtreiben und leider noch nicht von uns geschieden sind, es sich sehr wohl sein lassen. In ein abscheuliches Stück Boden, der einen Türken mit Grauen erfüllen, über den ein Kaffer schaudern würde, bringen sie unsern dahingeschiedenen lieben Bruder, auf daß er ein christliches Begräbnis empfange. Wo Häuser von allen Seiten herabsehen, außer wo ein kleiner Tunnel von einem Hofe aus nach dem eisernen Gitter seinen Schlund öffnet, wo jede Verkommenheit des Lebens dicht neben den Toten und jedes giftige Element des Todes dicht neben dem Leben sich die Hand reichen, da versenken sie unsern lieben Bruder einen oder zwei Fuß tief in die Erde. Hier säen sie ihn in Fäulnis, damit er in Fäulnis wieder auferstehe als rächendes Gespenst am Krankenbett; ein beschämendes Zeugnis für künftige Zeiten, wie Zivilisation und Barbarei auf dieser prahlerischen Insel Arm in Arm gingen. Komm, Nacht! Komm, Finsternis! Ihr könnt auf einem solchen Platz wie diesem nicht zu bald kommen und nicht lange genug bleiben! Kommt, ihr flackernden Lichter in den Fenstern scheußlicher Häuser und ihr Missetäter dahinter! Recht so, Gasflamme, daß du so trag über dem Eisengitter brennst, auf das die vergiftete Luft ihre schlüpfrige Hexensalbe niederschlägt! Ganz gut, daß du jedem Vorübergehenden zurufst: Sieh her! Bei Einbruch der Dunkelheit kommt schlotternden Ganges eine Gestalt in den Tunnelhof geschlichen, an die Außenseite des eisernen Gittertors. Sie faßt das Tor mit den Händen und schaut zwischen den Stäben hindurch und bleibt so stehen eine kleine Weile lang. Mit einem alten Besen, den sie auf der Schulter trägt, kehrt sie die Stufe und fegt den Torweg rein. Sie tut das sehr geschäftig und geschickt, blickt wieder eine kleine Weile hinein und geht dann. Jo, bist du's? Gut, gut! Wenn du auch ein zurückgewiesener Zeuge bist, der »nicht genau sagen kann«, was mit ihm eine mächtigere Hand als die der Menschen vorhat, steckst du doch nicht ganz in irdischer Finsternis. Es ist etwas wie ein ferner Lichtstrahl in der Begründung, die du murmelnd dafür angibst: »Er is immer so gut gegen mich gwesen.« 12. Kapitel Auf der Lauer Endlich hat es aufgehört zu regnen in Lincolnshire, und Chesney Wold hat sich wieder ein Herz gefaßt. Mrs. Rouncewells Kopf steckt voll wirtschaftlicher Sorgen, denn Sir Leicester und Mylady kommen von Paris nach Hause. Die »Fashionable« hat es entdeckt und teilt die frohe Botschaft dem umnachteten England mit. Sie hat auch entdeckt, daß sie einen neuen glänzenden und auserwählten Kreis der élite der beau monde (die fashionablen Zeitungen sind schwach im Englischen und riesenstark im Französischen) auf dem historischen und gastlichen Familiensitz in Lincolnshire um sich sehen werden. Zu Ehren der glänzenden und vornehmen Gesellschaft und nebenbei auch Chesney Wolds wegen ist der eingestürzte Brückenbogen im Park ausgebessert, und das Wasser, das sich jetzt in die gebührenden Schranken zurückgezogen hat und wieder anmutig überbrückt wird, macht sich in der Aussicht von dem Hause aus recht hübsch. Der klare, kalte Sonnenschein glitzert im raschelnden Wald und sieht billigend zu, wie der scharfe Wind die Blätter verstreut und das Moos trocknet. Er gleitet hinter dem Schatten der Wolken über den Wald hin und jagt sie den ganzen Tag lang und kann sie doch nicht erhaschen. Er sieht zu den Fenstern herein und bringt auf den Ahnenbildern Streifen und Flecken von Licht an, von denen die Maler sich nie haben träumen lassen. Querüber das Bild von Mylady über dem Prachtkamin malt er einen breiten Lichtschrägbalken, der von links hinab in den Herd fährt und ihn zu zerspalten scheint. Durch denselben kalten Sonnenschein und denselben scharfen Wind fahren Mylady und Sir Leicester in ihrem Reisewagen heimwärts; Myladys Kammerzofe und Sir Leicesters Lakai sitzen in zärtlicher Gemeinschaft hinten. Unter beträchtlichem Geklingel und Peitschenknallen und zahlreichem Sichaufbäumen von zwei sattellosen Pferden und zwei Zentauren mit glasierten Hüten, Stulpenstiefeln und fliegenden Mähnen und Schweifen rasseln sie aus dem Hofe des Hotels Bristol auf den Place Vendôme hervor und traben zwischen der Sonnenschein- und schattenwechselnden Kolonnade der Rue de Rivoli und dem Garten des verhängnisreichen Palastes eines kopflosen Königspaars über den Place de la Concorde und die Elysäischen Felder durch das Sternentor aus Paris hinaus. Um nur die Wahrheit zu sagen, sie können gar nicht schnell genug abreisen, denn selbst hier hat sich Lady Dedlock zu Tode gelangweilt. Konzert, Matinees, Oper, Theater, Spazierfahrt, nichts ist Mylady neu unter dieser abgenutzten Sonne. Erst vorigen Sonntag, wo arme Teufel fröhlich waren innerhalb der Stadt und in dem Palastgarten unter verschnittenen Bäumen und den Statuen mit ihren Kindern spielten oder auf den Elysäischen Feldern, noch elysäischer geworden durch künstliche Hunde und hölzerne Pferde, in Gassenbreite spazieren gingen oder draußen vor dem Tor um ganz Paris einen Kreis zogen von Tanzen, Liebelei, Weintrinken, Tabakrauchen, Gräberbesuchen, Billard-, Karten- und Dominospielen und unter Quacksalbern und anderm toten und lebendigen Abschaum, – erst vorigen Sonntag hätte Mylady in der Einsamkeit der Langweile und in den Klauen des Riesen Verzweiflung beinahe ihre eigne Zofe wegen deren guter Laune gehaßt. Daher kann sie Paris jetzt nicht schnell genug verlassen. Seelische Ermüdung liegt vor ihr und hinter ihr – ihr Ariel hat einen Gürtel davon um die ganze Erde gelegt, den niemand lösen kann. Aber das einzige, wenn auch unzulängliche Heilmittel ist, immer von dem letzten Ort an einen andern zu fliehen. Also weg mit Paris! Man vertausche es mit endlosen Alleen und Queralleen winterlicher Bäume. Und wenn man wieder zum Vorschein kommt, so sei es einige Meilen weiter, wo das Sternentor nur mehr ein weißer, sonnenglänzender Fleck ist und die Stadt eine formlose, dunkle Masse in der Ebene, aus der sich zwei dunkle, viereckige Türme erheben, auf denen Licht und Schatten auf- und abwärts steigen wie die Engel in Jakobs Traum. Sir Leicester ist zumeist in ruhevoller, selbstgefälliger Gemütsverfassung und langweilt sich selten. Wenn er sonst nichts andres zu tun hat, kann er immer seine eigne Größe betrachten. Es bedeutet eine große Annehmlichkeit für einen Mann, ein so unerschöpfliches Gebiet zu haben. Nachdem er seine Briefe gelesen hat, legt er sich in eine Wagenecke zurück und stellt Betrachtungen über seine Wichtigkeit in der »Gesellschaft« an. »Sie haben diesen Morgen ungewöhnlich viel Briefe bekommen«, sagt Mylady nach einer langen Pause. Sie ist müde vom Lesen. Sie hat während der letzten zwanzig Meilen beinahe eine ganze Seite gelesen. – Es steht aber nichts drin. Überhaupt nichts. – »Ich glaube vorhin einen von Mr. Tulkinghorns langen Ergüssen gesehen zu haben.« »Mylady sehen alles«, sagt Sir Leicester voll Bewunderung. »Ach«, seufzt Mylady. »Er ist der langweiligste aller Menschen.« »Er sendet mir – ich muß Mylady wirklich um Verzeihung bitten – eine Botschaft für Sie«, sagt Sir Leicester, sucht den Brief aus den übrigen heraus und öffnet ihn. »Wir machten gerade Halt, um die Pferde zu wechseln, als ich an sein Postskript kam, und deswegen vergaß ich. Ich bitte um Entschuldigung. Er schreibt...« Sir Leicester braucht so lange, sein Augenglas herauszunehmen und sich damit zurechtzufinden, daß Mylady eine etwas gereizte Miene annimmt. »Er schreibt hinsichtlich des Wegerechts... Ich bitte um Verzeihung, das war es nicht. Er schreibt... Ja! Hier ist's. Er schreibt: 'Ich bitte, mich Mylady, der, wie ich hoffe, die Luftveränderung wohlgetan hat, hochachtungsvoll zu empfehlen. Wollen Sie mir die Gunst erweisen, ihr zu sagen, da es vielleicht von Interesse für sie ist, daß ich ihr bei ihrer Rückkunft etwas in bezug auf die Person mitzuteilen habe, die das Affidavit in dem Kanzleiprozeß, das ihre Aufmerksamkeit so sehr erregte, kopiert hat. Ich habe sie gesehen.'« – Mylady, vorwärts gebeugt, blickt zum Fenster hinaus. – »So lautet die Nachricht«, schließt Sir Leicester. »Ich möchte ein wenig zu Fuß gehen«, sagt Mylady plötzlich und blickt immer noch zum Fenster hinaus. »Zu Fuß gehen?« wiederholt Sir Leicester in einem Ton des Erstaunens. »Ich möchte ein wenig zu Fuß gehen«, wiederholt Mylady mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit. »Bitte, den Wagen halten zu lassen.« Der Wagen hält. Der zärtliche Bediente springt vom Rücksitz, öffnet den Schlag und klappt den Wagentritt herunter, einer ungeduldigen Handbewegung Myladys gehorsam. Mylady steigt so rasch aus und geht so schnell, daß Sir Leicester trotz peinlichster Höflichkeit außerstande ist, ihr den Arm zu reichen, und zurückbleibt. Eine oder zwei Minuten verstreichen, ehe er sie einholt. Sie lächelt, sieht sehr schön aus, nimmt seinen Arm, geht ein paar hundert Schritt, ist sehr gelangweilt und nimmt ihren Sitz im Wagen wieder ein. Das Gerassel und Geklapper wird den größten Teil von drei Tagen unter mehr oder weniger Schellengeklingel und Peitschenknallen, mehr oder weniger Aufbäumen der Zentauren und sattellosen Pferde fortgesetzt. Die altadlige Höflichkeit, mit der sich das Ehepaar behandelt, bildet in den Hotels, in denen es absteigt, den Gegenstand allgemeiner Bewunderung. »Wenn auch Mylord ein wenig alt für Mylady ist«, sagt Madame, die Wirtin zum »Goldenen Affen«, »und eigentlich ihr zärtlicher Vater sein könnte, so sieht man doch auf den ersten Blick, daß sie sich lieben.« Man sieht, wie Mylord in seinem weißen Haar, den Hut in der Hand, Mylady aus dem Wagen und in den Wagen hilft. Man sieht, wie Mylady Sir Dedlocks Höflichkeit anerkennend hinnimmt, indem sie ihr anmutiges Haupt neigt und ihm die Fingerspitzen ihrer so vornehmen Hand überläßt! Es ist hinreißend! Das Meer weiß große Männer nicht zu würdigen und schüttelt sie herum wie unbedeutende Plebejer. Es pflegt stets hart auf Sir Leicester einzuwirken und auf seinem Gesicht grüne Flecken wie auf Salbeikäse hervorzubringen und in seiner aristokratischen Konstitution erschreckliche Revolutionen zu verursachen. Das Meer bedeutet für ihn das Radikale in der Natur. Doch endlich, nach einer kurzen Rast der Erholung, bändigt seine Würde auch den Ozean, und er reist mit Mylady weiter nach Chesney Wold und übernachtet nur einmal in London auf dem Wege nach Lincolnshire. Durch denselben kalten Sonnenschein, der immer kälter wird, je mehr sich der Tag neigt, und durch denselben scharfen Wind, der immer schärfer wird, wie die einzelnen Schatten der kahlen Bäume im Wald zusammenfließen und der Geisterweg an seiner westlichen Ecke von einer Feuersäule am Himmel erhellt wird und sich auf die kommende Nacht gefaßt macht – fahren sie in den Park ein. Die Krähen in ihren luftigen Häusern in der Ulmenallee scheinen die Frage zu besprechen, wer in dem unten dahinrollenden Wagen sitzt; einige scheinen ganz einverstanden, daß Sir Leicester und Mylady angekommen sind, andre streiten mit den Unzufriedenen, die es nicht zugeben wollen; dann sind alle einig, die Frage als erledigt zu betrachten, plötzlich brechen sie aber wieder in heftigen Streit aus, aufgereizt durch einen hartnäckigen, verschlafenen Vogelkameraden, der noch ein letztes widerspruchsvolles Krächzen hören ließ. Der Reisewagen kümmert sich nicht darum und rollt auf das Haus zu, wo durch die Fenster warme Feuer scheinen, aber nicht genug an Zahl und nicht so hell, um der dunkeln Masse der Front den Anstrich des Bewohntseins zu geben. Aber der glänzende und auserwählte Kreis wird das bald ändern. Mrs. Rouncewell steht bereit und erwidert Sir Leicesters gewohnten Händedruck mit einem tiefen Knicks. »Wie geht's Ihnen, Mrs. Rouncewell? Es freut mich, Sie zu sehen.« »Ich hoffe, ich habe die Ehre, Sie in bester Gesundheit bewillkommnen zu dürfen, Sir Leicester.« »In bestem Wohlbefinden, Mrs. Rouncewell.« »Mylady sieht ausgezeichnet wohl aus«, sagt Mrs. Rouncewell mit einem zweiten Knicks. Mylady gibt, ohne viel Worte zu verschwenden, zu verstehen, daß sie sich so langweilig wohl befinde, wie sie nur hoffen kann. Rosa steht im Hintergrund hinter der Wirtschafterin, und Mylady, die eine schnelle Beobachtungsgabe nicht verlernt hat, was sie auch sonst alles überwunden haben mag, fragt: »Wer ist das Mädchen?« »Eine junge Schülerin von mir, Mylady – Rosa.« »Kommen Sie her, Rosa!« Lady Dedlock winkt ihr fast mit einem Schein von Interesse. »Wissen Sie, wie hübsch Sie sind, mein Kind?« fragt sie und berührt die Schulter des Mädchens mit zwei Fingern. Sehr beschämt sagt Rosa: »Nein, wenn Sie erlauben, Mylady!« und blickt empor und blickt wieder zu Boden, weiß nicht, wohin schauen, und sieht dadurch noch hübscher aus. »Wie alt sind Sie?« »Neunzehn, Mylady.« »Neunzehn«, wiederholt Mylady gedankenvoll. »Nehmen Sie sich in acht, daß man Ihnen nicht mit Schmeicheleien den Kopf verdreht.« »Ja, Mylady.« Mylady berührt das Grübchen in der Wange des Mädchens mit ihren zarten behandschuhten Fingern und geht weiter bis an den Fuß der Treppenflucht, wo Sir Leicester ritterlich ihrer harrt. Ein alter Dedlock stiert aus einem Bilde, so groß wie im Leben und ebenso schläfrig, ratlos herunter, als ob er nicht wüßte, was er sich denken sollte... Wahrscheinlich ist das sein gewöhnlicher Geisteszustand gewesen schon in den Tagen der Königin Elisabeth. Den ganzen Abend weiß Rosa in dem Zimmer der Wirtschafterin weiter nichts zu tun als das Lob Lady Dedlocks zu singen. Sie sei so leutselig, so anmutig, so schön, so elegant, habe eine so süße Stimme, und ihre Berührung durchzucke einen, daß man das Gefühl gar nicht los werden könne. Mrs. Rouncewell bestätigt das alles nicht ohne Stolz und ist nur hinsichtlich des Punktes Leutseligkeit nicht so ganz derselben Meinung. Mrs. Rouncewell weiß das nicht so ganz gewiß. Gott behüte, daß sie nur eine Silbe zum Nachteil irgend eines Mitglieds dieser hervorragenden Familie sagen sollte, und vor allem nicht über Mylady, der die ganze Welt zu Füßen liegt, aber wenn Mylady nur ein wenig freier sein wollte, nicht gar so kalt und zurückhaltend, meint Mrs. Rouncewell, würde sie leutseliger sein. »Es ist fast schade«, setzt Mrs. Rouncewell hinzu, – fast, denn es würde an Gottlosigkeit grenzen, zu denken, es könnte in einer so ausdrücklich von der Vorsehung geschaffenen Einrichtung wie den Dedlocks etwas besser sein, als es ist – »daß Mylady keine Familie hat. Wenn sie eine Tochter hätte, eine erwachsene junge Dame, für die sie Interesse fühlte, so glaube ich, besäße sie die einzige Eigenschaft, die ihr zur Vollkommenheit noch fehlt.« »Wäre dann vielleicht ihr Stolz nicht noch größer, Großmutter?« fragt Watt, der inzwischen zu Hause gewesen, aber gleich wieder zurückgekehrt ist, ein so guter Enkel ist er. »Größer und am größten, mein Lieber«, verweist ihn die Haushälterin mit Würde, »sind Worte, die ich mir auf Mylady anzuwenden nicht erlauben darf, nicht einmal angewendet hören will.« »Ich bitte um Entschuldigung, Großmutter. Aber sie ist doch stolz, nicht wahr?« »Wenn sie stolz ist, so hat sie allen Grund dazu. Die Familie Dedlock hat stets Grund dazu.« »Nun, so hoffe ich«, sagt Watt, »daß sie aus ihrem Gebetbuch eine gewisse Stelle, die wohl nur die gewöhnlichen Leute angeht, über Stolz und Hoffart ausstreicht. Entschuldige, Großmutter! Es war nur ein Spaß.« »Sir Leicester und Lady Dedlock, mein Lieber, sind keine passenden Zielscheiben für Spaße.« »An Sir Leicester ist jedenfalls nichts Spaßiges«, sagt Watt. »Er ist kein Springinsfeld, und ich bitte ihn demütig um Verzeihung. Ich hoffe, Großmutter, daß die Anwesenheit der Familie und ihrer Gäste für mich kein Hindernis bildet, noch ein paar Tage wie jeder andre Reisende im Gasthof zu bleiben.« »Natürlich, nicht im mindesten.« »Das freut mich, weil ich – weil ich ein unwiderstehliches Verlangen fühle, meine Bekanntschaft mit dieser schönen Nachbarschaft zu erweitern.« Er sieht dabei zufällig Rosa an, die deshalb die Augen senkt und wirklich sehr verlegen ist. Aber nach dem alten Aberglauben sollten Rosas Ohren brennen und nicht ihre frischen Wangen, denn Myladys Kammerzofe hält in diesem Augenblick mit erstaunlicher Energie eine lange Rede über sie. Myladys Kammerzofe ist eine Französin von zweiunddreißig Jahren aus den südlichen Provinzen zwischen Avignon und Marseille; ein großäugiges, braunes Frauenzimmer mit schwarzem Haar, die ganz hübsch wäre ohne einen gewissen katzenhaften Zug um die Lippen und eine gewisse unangenehme Gespanntheit des Gesichtes, die den Mund zu gierig erscheinen und die Stirn zu sehr hervortreten läßt. Ihr Körperbau hat etwas unbeschreiblich Scharfes und Hageres und sie selbst eine eigne Art, lauernd aus den Augenwinkeln zu schielen, ohne den Kopf zu drehen, die sie sich besser schenken könnte, besonders, wenn sie bei übler Laune und in der Nähe von Messern ist. Trotz des guten Geschmacks in ihrer Kleidung und sonstigen Toilette stechen diese Eigenschaften so hervor, daß sie wie eine zwar sehr saubere, aber doch nicht vollständig gezähmte Wölfin herumzugehen scheint. Sie ist in allen für ihre Stellung nötigen Kenntnissen wohl bewandert und spricht überdies die englische Sprache fast wie eine Engländerin, und es fehlt ihr daher nicht an Worten, um ihrem Zorn darüber, daß Rosa Myladys Aufmerksamkeit erregt hat, ausgiebig Luft machen zu können, und sie entströmen ihr während des Essens mit so ingrimmigem Hohn, daß der zärtliche Bediente, der ihr Gesellschaft leistet, sich geradezu erleichtert fühlt, als sie bei der Mehlspeise das Messer weglegt und wieder zum Löffel greift. Hahaha! Sie, Hortense, ist seit fünf Jahren in Myladys Diensten, und diese hat sie sich immer zehn Schritt vom Leibe gehalten; aber die Puppe wird geliebkost!... Jawohl, geliebkost!... Kaum, daß Mylady angekommen ist! Hahaha! »Und wissen Sie, wie hübsch Sie sind mein Kind?« – »Nein, Mylady!« – Da hat sie Recht! »Und wie alt sind Sie, mein Kind?« »Und nehmen Sie sich in acht, daß man Ihnen nicht mit Schmeicheleienden Kopf verdreht.« O wie drollig! Es ist wirklich überwältigend. Kurz, Mademoiselle Hortense kann es nicht verwinden, gibt sich tagelang bei Tisch selbst unter ihren Landsleuten und den Zofen, die mit der Schar von Gästen kommen, dem stillen Genuß dieses scherzhaften Themas hin – einem Genuß, der sich in der ihr eigentümlichen gemütvollen Weise durch eine noch größere Gespanntheit des Gesichts, noch schärfer zusammengepreßte Lippen und schielenden Blick ausdrückt. Ihre Vorliebe für solche Art Humor reflektiert sich häufig in Myladys Spiegeln, wenn Mylady nicht zugegen ist. Sämtliche Spiegel im Hause sind übrigens jetzt in Tätigkeit. Viele von ihnen nach langer Ruhe. Es sehen aus ihnen schöne Gesichter hervor, albern lächelnde Gesichter, junge Gesichter, Gesichter von siebzig Jahren, die durchaus nicht alt sein wollen, die ganze Gesellschaft von Gesichtern, die ein oder zwei Januarwochen in Chesney Wold zubringen wollen und denen die fashionable Zeitung, dieser gewaltige Nimrod vor dem Herrn, mit Adlerblick von dem Tage an, wo sie in St. James in Sicht kommen, bis zu dem, wo sie der Tod niederhetzt, auf den Fersen ist. Der Edelsitz in Lincolnshire ist lauter Leben. Bei Tage hört man Schüsse und Stimmen in den Wäldern, Reiter und Wagen beleben die Parkwege, Lakaien und Diener füllen das Dorf und das Wirtshaus. Des Nachts sehen die Fensterreihen, wenn man sie von fernen Waldlichtungen in dem langen Salon, wo Myladys Bild über dem großen Prachtkamin hängt, erblickt, aus wie eine Reihe Juwelen in schwarzer Fassung. Sonntags wird die kleine, kalte Kirche fast erwärmt von so viel hoher Gesellschaft, und der dumpfige Geruch des Dedlockstaubes geht ganz in zartem Parfüm unter. Der glänzende und vornehme Kreis umfaßt nicht wenig Aufwand an Erziehung, Verstand, Mut, Ehre, Schönheit und Tugend, aber dennoch leidet er an einem kleinen Mangel – trotz seiner unermeßlichen Vorzüge. Was kann das sein? Etwa Dandytum? Es ist kein König Georg IV. mehr da – wie schade –, um in der Dandymode den Ton anzugeben. Die steifgestärkten weißen Halsbinden, die Röcke mit kurzen Taillen, die falschen Waden, die Schnürleiber sind verschwunden. Es gibt keine Karikaturen solch weiblicher Exquisiten mehr, die in der Opernloge im Übermaß von Entzücken in Ohnmacht fallen und von andern zeremoniösen Geschöpfen vermittelst langhalsiger Riechfläschchen wieder zum Leben erweckt werden, kein Beau ist mehr da, der vier Männer braucht, die ihn in seine Buckskins schütteln, der zu allen Hinrichtungen geht, aber von Selbstvorwürfen gepeinigt wird, wenn er einmal eine ganze Erbse gegessen hat. Aber ist vielleicht doch Dandytum in dem glänzenden und vornehmen Kreise vorhanden? Dandytum von einer schädlicheren Art als das von der Oberfläche verschwundene und mit weniger harmlosen Dingen beschäftigt, als mit gestärkten weißen Halstüchern wundervolle Knoten zu schürzen und die eigne Verdauung einzuschränken, Dinge, die einen vernünftigen Menschen eigentlich nichts angehen. Jawohl, es ist nicht zu leugnen. Es sind in Chesney Wold in dieser Januarwoche einige Damen und Herren da von der neuesten Mode – in der Religion zum Beispiel –, eine Gesellschaft, die in geziert ergriffener Sehnsucht nach Gemütsbewegung im Verlauf einer kleinen oberflächlichen Plauderei ein für allemal festgestellt hat, daß es dem gemeinen Volk an Glauben überhaupt fehle. Es gibt auch Damen und Herren hier von einer andern Mode, die nicht so neu, aber sehr elegant ist, und die überein gekommen sind, einen glatten Firnis über die Welt zu streichen, damit die rauhe Wirklichkeit nicht so in die Augen steche. Für sie muß alles nett sein und unaufdringlich. Sie haben herausgefunden, wo es beständig fehlt. Sie dürfen über nichts weinen und über nichts lachen. Sie dürfen sich nicht durch Ideen stören lassen – sogar die schönen Künste müssen ihnen in Puder und rückwärtsschreitend wie der Lordkammerherr aufwarten –, müssen die Putzmacher- und Schneidermodelle früherer Jahrhunderte anziehen und ganz besonders Sorge tragen, daß sie sich nicht von dem lebendigen Geist der Zeit beeinflussen lassen. Da ist zum Beispiel Lord Boodle, der bei seiner Partei großen Ruf genießt, der erfaßt hat, was Staatsdienst heißt, und Sir Leicester Dedlock nach dem Diner ernsthaft versichert, er wisse wirklich nicht, wo die gegenwärtige Zeit hinaus wolle. Eine Debatte sei nicht mehr, was sie in früherer Zeit gewesen; das Unterhaus sei nicht mehr, was es früher gewesen. Selbst ein Kabinett sei jetzt ganz anders als früher. Er nehme mit Erstaunen wahr, daß, im Fall das gegenwärtige Ministerium gestürzt werden sollte, die Krone bei der Bildung eines neuen Kabinetts in ihrer Wahl auf Lord Coodle und Sir Thomas Doodle beschränkt sei – vorausgesetzt, daß der Herzog von Foodle nicht in einem Kabinett mit Goodle sitzen könne, was man nach dem Bruch infolge der Affäre Hoodle annehmen müsse. Wenn man nun das Ministerium des Innern und die Führung des Oberhauses Joodle überlasse, die Schatzkammer Koodle, die Kolonien Loodle und das Auswärtige Amt Moodle, was bleibe dann für Noodle? Den Vorsitz im Ministerrat könne man ihm nicht anbieten, der sei für Poodle reserviert. Die Domänen und Liegenschaften könne man ihm nicht anvertrauen, die langten kaum für Quoodle. Was folge daraus? Daß das Vaterland zugrunde geht. Und das leuchtet dem Patriotismus Sir Leicester Dedlocks ein, weil man keine Stelle für Doodle hat. In andrer Hinsicht beweist Hochwohlgeboren William Buffy, Parlamentsmitglied, einem ihm gegenüber Sitzenden, daß der Untergang des Vaterlandes – über die Tatsache ist gewiß kein Zweifel, es handelt sich nur um die Form – Cuffy zuzuschreiben ist. Wenn man Cuffy, als er zuerst ins Parlament gewählt wurde, gebührend behandelt und ihn verhindert hätte, zu Duffy überzugehen, so würde man ihn mit Fuffy haben alliieren können, hätte die gewichtige Unterstützung eines so gewiegten Redners wie Guffy sich gesichert, wäre bei den Wahlen durch den großen Einfluß und Reichtum Huffys unterstützt worden, hätte für drei Grafschaften Juffy, Kuffy und Luffy ins Parlament gebracht und das Kabinett durch die Amtserfahrung und das geschäftliche Talent Muffys gekräftigt. Das wäre alles geschehen, anstatt daß man jetzt von der bloßen Laune Cuffys abhinge. Über diesen Punkt und einige untergeordnete Fragen herrschen Meinungsverschiedenheiten. Aber es ist dem glänzenden und vornehmen Kreis vollkommen klar, daß es sich nur um Boodle und seinen Anhang und um Buffy und seinen Anhang handeln kann. Das sind die großen Schauspieler, für die allein die Bühne da ist. Allerdings ist auch noch das Volk da – eine gewisse große Menge von Überzähligen, die gelegentlich angeredet werden und für die Vivats und Hochs und den Chor wie auf der Theaterbühne reserviert sind –, aber Boodle und Buffy, ihre Anhänger und Familien, ihre Erben, Exekutoren, Administratoren und Kuratoren sind die gebornen ersten Helden, Direktoren und Regisseure, und sonst darf niemand auf den Brettern erscheinen. Auch darin liegt vielleicht mehr Dandytum in Chesney Wold, als dem glänzenden vornehmen Kreis auf die Dauer guttun wird. Es ist bei den ruhigsten und höflichsten Kreisen genau so wie mit dem Kreise, den der Nekromant um sich zieht – man sieht sehr seltsame Erscheinungen sich außerhalb desselben bewegen. Aber mit dem Unterschied, daß Wirklichkeiten leichter als Phantome den Kreis durchbrechen können. Chesney Wold ist jedenfalls übervoll; so voll, daß im Busen der schlechter untergebrachten Kammerzofen ein brennendes Gefühl der Zurücksetzung glimmt, das nicht auszulöschen ist. Nur ein Zimmer steht leer. Es ist ein Turmzimmer der dritten Verdienstklasse, einfach aber behaglich ausgestattet, von altmodischem geschäftsmäßigem Aussehen. Es ist Mr. Tulkinghorns Zimmer, das niemals einem andern eingeräumt wird, da er zu jeder Zeit kommen kann. Vorläufig ist er noch nicht da. In seiner stillen Art pflegt er bei schönem Wetter von dem Dorfe her durch den Park zu gehen, in diesem Zimmer zu erscheinen, als wenn er es nie verlassen hätte, einen Diener zu beauftragen, Sir Leicester seine Ankunft zu melden, falls man seiner bedürfen sollte, und zehn Minuten vor dem Diner im Schatten der Bibliothekstür aufzutauchen. Er schläft in seinem Turm mit dem klagenden Flaggenstock über denn Haupte, und vor seinem Fenster dehnt sich ein flaches, bleigedecktes Dach, wo man bei schönem Morgenwetter vor dem Frühstück seine schwarze Gestalt herumspazieren sehen kann wie eine gigantische Krähe. Jeden Tag vor dem Diner sieht sich Mylady nach ihm in der Dämmerung der Bibliothek um. Aber er ist nicht da. Jeden Tag beim Diner wirft Mylady einen Blick nach dem untern Ende der Tafel und sucht den leeren Platz, der ihn erwarten würde, wenn er schon angekommen wäre; aber es ist kein leerer Platz da. Jeden Abend fragt Mylady gelegentlich ihre Zofe: »Ist Mr. Tulkinghorn angekommen?« Jeden Abend lautet die Antwort: »Nein, Mylady, noch nicht.« Eines Abends, während sich Mylady das Haar aufbinden läßt, versinkt sie nach dieser Antwort in tiefes Grübeln, bis sie im Spiegel neben ihrem sinnenden Gesicht ein paar scharf beobachtende dunkle Augen erblickt. »Wollen Sie sich gefälligst um Ihre Obliegenheiten kümmern«, sagt Mylady zu dem Spiegelbild Hortenses. »Sie können ihre Schönheit bei einer andern Gelegenheit bewundern.« »Pardon! Ich bewundere Myladys Schönheit.« »Die brauchen Sie gar nicht zu bewundern«, sagt Mylady verweisend. Endlich; eines Nachmittags, kurz vor Sonnenuntergang, als die bunten Gruppen, die während der letzten paar Stunden den Geisterweg belebten, sich zerstreut haben und nur Sir Leicester und Mylady noch auf der Terrasse verweilen, erscheint Mr. Tulkinghorn. Er nähert sich mit seinem gewohnten gemessenen Schritt, der niemals schneller und niemals langsamer wird. Er trägt seine übliche ausdruckslose Maske und verbirgt Familiengeheimnisse in jedem Glied seines Körpers und jeder Falte seines Anzugs. Ob wirklich seine ganze Seele den Großen der Erde gewidmet ist oder sich nur auf die Dienstleistungen, die er sich bezahlen läßt, beschränkt, ist sein persönliches Geheimnis. Er bewahrt es, wie er die Geheimnisse seiner Klienten bewahrt; er ist in dieser Sache sein eigner Klient und wird sich nie verraten. »Wie geht es Ihnen, Mr. Tulkinghorn?« fragt Sir Leicester und streckt seine Hand aus. Mr. Tulkinghorn befindet sich vollkommen wohl. Sir Leicester und Mylady befinden sich ebenfalls sehr wohl. Alles höchst zufriedenstellend. Der Advokat geht, die Hände auf dem Rücken, neben Sir Leicester auf der Terrasse auf und ab. Mylady auf der andern Seite. »Wir erwarteten Sie schon früher«, sagt Sir Leicester. Eine sehr gnädige Bemerkung. Das heißt soviel wie: Mr. Tulkinghorn, wir denken an Sie, selbst wenn Sie nicht hier sind und uns durch Ihre Anwesenheit an Ihre Existenz erinnern. Sie sehen, Sir, wir widmen Ihnen einen Teil unsrer Gedanken. Mr. Tulkinghorn weiß das; er neigt das Haupt und sagt, er fühle sich außerordentlich verbunden. »Ich wäre eher gekommen, wenn mich nicht die Prozesse zwischen Ihnen und Boythorn so sehr in Anspruch genommen hätten.« »Ein sehr zügelloser Charakter«, bemerkt Sir Leicester mit Strenge. »Ein außerordentlich gefährlicher Mann für die menschliche Gesellschaft. Ein Mann von sehr niedriger Denkungsweise.« »Er ist starrköpfig«, bestätigt Mr. Tulkinghorn. »Ganz natürlich ist ein solcher Mensch starrköpfig«, sagt Sir Leicester und macht ein entsprechendes Gesicht. »Das wundert mich gar nicht.« »Die einzige Frage ist nun«, fährt der Advokat fort, »ob Sie in einer Hinsicht nachgeben wollen.« »Nein, Sir. Ausgeschlossen. Ich, nachgeben?« »Ich meine keinen Punkt von Wichtigkeit. Natürlich würden Sie darin nicht nachgeben. Ich meine in einem nebensächlicheren Punkt.« »Mr. Tulkinghorn«, erwidert Sir Leicester, »es kann zwischen mir und Mr. Boythorn keinen nebensächlichen Punkt geben. Wenn ich noch weiter gehe und sage, daß ich nicht begreife, wie irgendeins meiner Rechte ein nebensächlicher Punkt sein kann, so spreche ich nicht von mir allein, sondern in Bezug auf die Familientradition, die aufrecht zu erhalten mir obliegt.« Mr. Tulkinghorn neigt wieder das Haupt. »Ich bin jetzt instruiert«, sagt er. »Mr. Boythorn wird uns viel Ungelegenheiten machen.« »Es liegt in der Natur eines solchen Charakters, Mr. Tulkinghorn, Unannehmlichkeiten zu bereiten. Ein ausnehmend übeldenkender, rebellischer Mensch. Ein Mensch, der vor fünfzig Jahren wahrscheinlich in Old-Bailey wegen demagogischer Umtriebe vor Gericht gestellt und streng bestraft worden wäre... Wenn man ihn nicht«, fügt Sir Leicester nach einer kurzen Pause hinzu, »gehenkt und gevierteilt hätte.« – Sir Leicester scheint seine stolze Brust von einer Last zu befreien, indem er dies Todesurteil ausspricht. Das Aussprechen scheint ihm nach der wirklichen Vollstreckung des strengen Spruchs noch das beste zu sein. – »Aber es wird Abend«, sagt er, »und Mylady könnte sich erkälten. Wollen wir vielleicht hineingehen?« Als sie sich der Türe der Halle zuwenden, redet Lady Dedlock Mr. Tulkinghorn an: »Sie ließen mir etwas über die Person sagen, nach deren Handschrift ich mich gelegentlich erkundigt habe. Es sieht Ihnen sehr ähnlich, daß Sie die Sache im Gedächtnis behielten; ich hatte sie schon ganz vergessen. Ihr Brief erinnerte mich wieder daran. Ich weiß nicht mehr, welche Ideenassoziation ich mit der Handschrift verbunden haben mag. Aber jedenfalls hatte ich eine dabei.« »Wirklich?« »O ja«, sagt Mylady leichthin. »Ich glaube, es muß irgendein Gedanke damit verbunden gewesen sein. Und Sie haben sich also wirklich die Mühe gegeben, den Schreiber dieses Dinges ausfindig zu machen... Was war es gleich... Des Affidavits?« »Ja.« »Wie komisch!« Sie treten in ein düsteres Frühstückszimmer im Erdgeschoß, das während des Tages von zwei tiefnischigen Fenstern erhellt wird. Es ist jetzt Zwielicht. Das Feuer glänzt hell an der getäfelten Wand und blaß auf den Fensterscheiben, hinter denen durch sein kaltes Spiegelbild die noch kältere Landschaft im Winde draußen zittert und ein grauer Nebel langsam einherkriecht: Der einzige Wanderer außer dem Wolkenheer. Mylady ist in einem großen Lehnstuhl in der Kaminecke hingegossen, und Sir Leicester nimmt in einem andern großen Sessel ihr gegenüber Platz. Der Advokat steht vor dem Feuer und hält die Hand auf Armlänge vor, um sein Gesicht zu beschatten. Er blickt über den Arm auf Mylady. »Ja«, sagt er, »ich erkundigte mich nach dem Mann und fand ihn. Und was das Seltsamste ist, ich fand –« »– daß er durchaus keine ungewöhnliche Person ist, fürchte ich«, unterbricht ihn Lady Dedlock schmachtend. »Ich fand ihn tot!« »O Gott«, wehrt Sir Leicester Dedlock ab. Nicht so sehr von der Tatsache erschüttert als darüber, daß dergleichen hier erwähnt wird. »Man wies mich nach seiner Wohnung – einem elenden, armseligen Ort –, und ich fand ihn tot.« »Sie werden entschuldigen, Mr. Tulkinghorn«, bemerkt Sir Leicester, »ich glaube, je weniger von so etwas gesprochen wird –« »Bitte, Sir Leicester, lassen Sie mich die Geschichte zu Ende hören«, unterbricht ihn Mylady. »Die Geschichte paßt vortrefflich für die Dämmerstunde. Wie schrecklich! Tot?« Mr. Tulkinghorn bestätigt es abermals durch ein Kopfnicken. »Ob durch eigne Hand –« »Auf Ehre!« ruft Sir Leicester. »Wahrhaftig –« »Bitte lassen Sie mich die Sache zu Ende hören«, sagt Mylady. »Wie Sie wünschen, Mylady, aber ich muß sagen –« »Nein, Sie dürfen nichts sagen... Fahren Sie fort, Mr. Tulkinghorn.« Sir Leicester gibt in seiner Galanterie nach, obgleich er innerlich fühlt, daß solche Unsauberkeiten den obern Klassen vorzusetzen – wahrhaftig – »Ich wollte sagen«, fängt der Advokat mit unerschütterlicher Ruhe wieder an, »daß ich außerstande bin, Ihnen zu berichten, ob er durch eigne Hand gestorben ist oder nicht. Eigentlich müßte ich einen andern Ausdruck gebrauchen, denn er ist unzweifelhaft durch eigne Hand gestorben, wenn es sich auch nicht aufklären ließe, ob er vorsätzlich oder unabsichtlich gehandelt hat. Die Totenschau sprach sich dahin aus, daß er sich zufällig vergiftet habe.« »Und was für eine Art Mensch war der Beklagenswerte?« fragt Mylady. »Das ist sehr schwer zu sagen«, gibt der Advokat kopfschüttelnd zur Antwort. »Er hatte in so herabgekommenen Verhältnissen gelebt und sah mit seiner zigeunerhaften Gesichtsfarbe und seinem wirren schwarzen Haar und Bart so vernachlässigt aus, daß man ihn für den Gemeinsten der Gemeinen hätte halten mögen. Der Arzt jedoch war der Meinung, daß er früher etwas Besseres gewesen sein müßte.« »Wie hieß der Unglückliche?« »Er hieß so, wie er sich selbst nannte, aber niemand wußte seinen wirklichen Namen.« »Auch keiner von denen, die ihn gepflegt haben?« »Es hat ihn niemand gepflegt. Man fand ihn tot. Vielmehr ich fand ihn tot.« »Gab es keinen Anhaltspunkt, etwas über ihn zu erfahren?« »Nein; es war«, sagt der Advokat nachdenklich, »ein alter Mantelsack da, aber... Nein, es fanden sich keine Papiere vor.« Während dieses ganz kurzen Zwiegesprächs sehen sich Lady Dedlock und Mr. Tulkinghorn ohne die geringste Veränderung in ihrem gewöhnlichen Verhalten zueinander unverwandt an – wie es vielleicht bei der Besprechung eines so ungewöhnlichen Themas natürlich ist. Sir Leicester hat mit dem typischen Ausdruck des Dedlocks auf der Treppe ins Feuer gestarrt. Als die Geschichte zu Ende ist, protestiert er wieder vornehm und betont, da es ganz klar sei, daß der arme Teufel in Myladys Seele unmöglich Erinnerungen erwecken könne – wenn er nicht etwa Bettelbriefe geschrieben habe –, er hoffe nichts mehr von einem Thema zu hören, das Myladys Stellung so fern liege. »Allerdings eine Schauergeschichte«, sagt Mylady und sammelt ihre Mäntel und Pelze um sich, »aber man fühlt für einen Augenblick ein Interesse dafür. Haben Sie die Güte, Mr. Tulkinghorn, mir die Türe zu öffnen.« Mr. Tulkinghorn gehorcht ehrerbietig und hält sie offen, während Mylady hinausgeht. Sie geht mit ihrer gewöhnlichen abgespannten Miene und gleichgültigen Grazie dicht an ihm vorüber. Sie sehen sich wieder beim Diner – auch am nächsten Tag – und später Tag für Tag. Lady Dedlock ist immer dieselbe erschöpfte Göttin, umgeben von Anbetern und der furchtbaren Gefahr ausgesetzt, zu Tode gelangweilt zu werden, selbst, wenn sie auf ihrem eignen Altar thront. Mr. Tulkinghorn ist immer noch dieselbe stumme Schublade für hochadlige Vertrauensmitteilungen, so gar nicht an seinem Platz und doch so vollkommen zu Hause. Sie scheinen so wenig Rücksicht aufeinander zu nehmen, wie nur zwei Leute, die in ein und demselben Haus wohnen, aufeinander nehmen können; aber ob jeder den andern beobachtet, belauert und im Verdacht hat, daß er einen wichtigen, geheimen Gedanken verberge; ob jeder immer gerüstet ist, sich nie vom andern überrumpeln zu lassen, was jeder darum geben würde, um zu wissen, wieviel der andre weiß, – alles das liegt in ihrem tiefsten Herzen verborgen. 13. Kapitel Esthers Erzählung Wir berieten viel, was Richard werden sollte; zuerst ohne Mr. Jarndyce, wie er gewünscht hatte, und dann mit ihm; aber es dauerte sehr lange, ehe wir nur einigermaßen vorwärts gekommen waren. Richard sagte, er sei zu allem bereit. Wenn Mr. Jarndyce fürchtete, er könne für den Flottendienst schon ein bißchen zu alt sein, sagte Richard, er habe sich das auch schon gedacht und es sei leicht möglich. Wenn Mr. Jarndyce ihn fragte, was er von der Armee halte, sagte Richard, er habe auch schon daran gedacht und es sei keine üble Idee. Wenn Mr. Jarndyce ihm den Rat gab, sich selbst einmal ernstlich die Frage vorzulegen, ob seine alte Vorliebe für die See nur eine gewöhnliche knabenhafte Neigung oder ein echter, innerer Impuls sei, so gab Richard zur Antwort, er habe sich die Frage schon oft vorgelegt, könne darüber aber nicht ins reine kommen. »Wieviel an dieser Unschlüssigkeit in seinem Charakter«, sagte Mr. Jarndyce zu mir, »die unglaubliche Häufung von Ungewißheit und Indielängeziehen, mit der er von seiner Geburt an zu tun hatte, die Schuld trägt, wage ich nicht zu sagen, aber daß der Kanzleiprozeß außer seinen übrigen Sünden auch für einen Teil dafür verantwortlich ist, sehe ich deutlich. Es hat in ihm eine Gewohnheit erzeugt oder genährt, alles hinauszuschieben und sich auf Zufälle aller Art zu verlassen oder alles halbfertig und verwirrt liegen zu lassen. Selbst der Charakter älterer und gesetzterer Personen kann durch Verhältnisse und Umgebung Veränderungen erleiden. Es hieße übers Ziel schießen, wenn man von einem Jüngling, dessen Charakter noch in der Ausbildung begriffen ist, das Gegenteil verlangen wollte.« Ich fühlte, wie richtig das war, obgleich es mir innerlich beklagenswert schien, daß Richards Erziehung diesen Einflüssen nicht entgegengewirkt und nicht mehr für die Ausbildung seines Charakters getan hatte. Er war acht Jahre in die Schule gegangen und konnte lateinische Verse aller Art auf die bewunderungswürdigste Weise machen. Aber niemals schien sich jemand die geringste Mühe gegeben zu haben, zu erfahren, zu welchem Beruf er am meisten hinneige, welcher Art seine Schwächen seien oder welche Wissenschaft am besten für ihn passe. Ich dachte mir, es würde Richard mehr genützt haben, wenn jemand ihn etwas fleißiger studiert hätte, anstatt ihn die Fähigkeit, Verse so außerordentlich gründlich zu drechseln, zu lehren. Allerdings verstand ich nichts von der Sache und weiß auch bis heute noch nicht, ob die jungen Herren des klassischen Rom oder Griechenland auch solche Massenverse gemacht haben – oder ob es die Lieblingsbeschäftigung der jungen Herrn irgend eines andern Landes jemals gewesen ist. »Ich habe nicht die leiseste Idee«, sagte Richard gelegentlich eines Gesprächs nachdenklich eines Tages, »was ich eigentlich werden möchte. Außer, daß ich ganz genau weiß, daß ich nicht Geistlicher werden will, ist es mir übrigens einerlei.« »Du hast wohl keine Neigung für Mr. Kenges Beruf?« fragte Mr. Jarndyce. »Das weiß ich nun eben nicht«, antwortete Richard. »Ich rudere sehr gern, und Jurisstudenten betreiben viel Wassersport. Es wäre vielleicht ein ganz kapitaler Beruf.« »Chirurg –?« schlug Mr. Jarndyce vor. »Ja, das ist das Wahre!« rief Richard begeistert aus. – Ich glaube kaum, daß er vorher ein einziges Mal daran gedacht hat. – »Das ist das Richtige. Jetzt haben wir's: M. R. C. S.« Er ließ sich durch unser Lachen nicht davon abbringen, obgleich er selbst herzlich mitlachen mußte. Er sagte, er habe jetzt seinen Beruf gewählt, und je mehr er darüber nachdenke, desto mehr fühle er, daß die Heilkunst sein wahrer Beruf sei. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß er nur deshalb zu diesem Entschluß gekommen war, weil er, innerlich froh, der unangenehmen Mühe des Nachdenkens enthoben zu sein, immer Geschmack an dem neuesten Einfall fand, und fragte mich, ob das Studium der lateinischen Verse häufig so ende oder ob Richard nur ein vereinzelter Fall sei. Mr. Jarndyce gab sich große Mühe, mit ihm die Sache ernst durchzusprechen und ihm die Wichtigkeit eines so entscheidenden Entschlusses vor Augen zu führen. Richard war nach solchen Unterredungen immer etwas ernster als gewöhnlich, sagte aber stets Ada und mir, die Sache sei in schönster Ordnung, und fing von etwas anderm an zu sprechen. »Bei Gott!« rief Mr. Boythorn, der sich für die Angelegenheit natürlich sehr stark interessierte, denn er tat nichts halb. »Es freut mich, daß ein junger Mann von Herz und Verstand sich diesem edlen Berufe widmet. Mit je mehr Geist er betrieben wird, desto besser für die Menschheit und desto schlimmer für die feilen Handwerker und Schwindler, die sich ein Vergnügen daraus machen, diese hohe Kunst der Welt in schlechtem Lichte zu zeigen. Bei allem, was niedrig und abscheulich ist, die Behandlung der Chirurgen bei der Marine ist derart, daß ich jedem Mitglied der Admiralität einen doppelten Knochenbruch an beiden Beinen beibringen lassen und es zu einem mit Deportation zu bestrafenden Verbrechen stempeln möchte, sie wieder einzurichten, wenn die Sache nicht in achtundvierzig Stunden anders würde.« »Würdest du ihnen nicht wenigstens eine Woche Frist einräumen?« fragte Mr. Jarndyce. »Nein, unter keinen Umständen! Achtundvierzig Stunden. Und was Korporationen, Kirchspielbehörden, Gemeinderatssitzungen und ähnliche Zusammenkünfte von Dickschädeln betrifft, die sich nur versammeln, um zu faseln, so sollten sie, bei Gott, verurteilt werden, sich den schäbigen Rest ihres elenden Lebens in Quecksilberbergwerken zu schinden, geschähe es auch nur, um zu verhindern, daß ihr greuliches Englisch irgendeine schöne Sprache, die im Sonnenlicht gesprochen wird, beflecke. Was diese Kerle betrifft, die die Selbstlosigkeit anständiger Gentlemen, die sich den Wissenschaften zuwenden, gemein ausnützen, indem sie die unschätzbaren Leistungen der besten Lebensjahre, die langen Studien und die kostspielige Erziehung mit einem Lumpengeld, zu klein für einen Kopierjungen, bezahlen, so sollte man jedem von ihnen den Hals umdrehen und ihre Schädel im chirurgischen Saal zur Erbauung der ganzen Hörerschaft aufstellen lassen, damit die Jüngern Studenten schon früh im Leben durch direkte Messung lernen, wie dick Schädel überhaupt werden können.« Nach diesem heftigen Gefühlserguß sah sich Mr. Boythorn mit höchst liebenswürdigem Lächeln im Kreise um und fing plötzlich an zu donnern: »Hahaha!« und konnte sich kaum beruhigen. Da Richard auch nach längerer Bedenkzeit immer noch der Ansicht war, seine Wahl stehe fest, und in derselben entschiedenen Weise Ada und mir immer wieder versicherte, es sei daran nicht zu rütteln, so wurde es notwendig, Mr. Kenge zu Rate zu ziehen. So kam denn Mr. Kenge eines Tags zum Mittagessen, lehnte sich in seinen Stuhl zurück, drehte sein Augenglas zwischen den Fingern, redete mit sonorer Stimme und benahm sich genau so, wie ich mich erinnerte, ihn als kleines Mädchen gesehen zu haben. »Wahrhaftig«, sagte er. »Ja. Hm. Ein sehr guter Beruf, Mr. Jarndyce, wirklich, ein sehr guter Beruf.« »Das praktische und theoretische Studium verlangt anhaltenden Fleiß«, bemerkte mein Vormund mit einem Blick auf Richard. »Ohne Zweifel«, nickte Mr. Kenge. »Großen Fleiß.« »Aber da dies schließlich mehr oder weniger bei allen Berufsarten, die in Betracht kommen, der Fall ist, so ist das ein Punkt, den man auch bei jeder andern Berufswahl berücksichtigen müßte.« »Sehr wahr«, bestätigte Mr. Kenge. »Und Mr. Richard Carstone, der sich so ausgezeichnet hat – darf ich sagen, unter dem Himmel des klassischen Altertums, unter dem er seine Jugend verlebt hat? –, wird ohne Zweifel die erworbene Fertigkeit, wenn auch nicht die Prinzipien und die Praxis des Versemachens in einer Sprache, in der, wie es heißt, ein Dichter geboren und nicht gemacht wird, auf den wesentlich praktischeren Wirkungskreis, in den er jetzt eintritt, anwenden.« »Sie können sich darauf verlassen«, fiel Richard in seiner leichtherzigen Weise ein, »daß ich es ordentlich angehen und mein Bestes tun werde.« »Sehr gut, Mr. Jarndyce.« Mr. Kenge nickte milde. »Wirklich, wenn uns Mr. Richard versichert, er wolle es angehen und sein Bestes tun«, – er nickte wieder milde und voll Gefühl – »so möchte ich Ihnen nahe legen, daß wir uns nur nach der besten Art, ihm das Ziel seines Ehrgeizes näher zu rücken, umzusehen haben. Wir haben also weiter nichts zu tun, als Mr. Richard bei einem möglichst berühmten Chirurgen unterzubringen. Hat man schon jemand im Auge?« »Ich wüßte nicht, Rick.« »Ich auch nicht, Sir.« »Also gut«, bemerkte Mr. Kenge. »Also zur Sache. Haben Sie diesbezüglich besondere Wünsche?« »N-nein«, antwortete Richard. »Also gut.« »Ich hätte nur gern ein wenig Abwechslung, ich meine, genügend Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln.« »Allerdings sehr wünschenswert«, stimmte Mr. Kenge zu. »Ich glaube, dies ließe sich leicht machen, Mr. Jarndyce? Wir haben vor allen Dingen einen geeigneten Chirurgen ausfindig zu machen, und wenn wir darauf hingewiesen haben, daß wir eine gewisse Summe als Lehrgeld zu zahlen bereit sind - nicht wahr, Mr. Jarndyce? –, wird unsre einzige Schwierigkeit sein, eine entsprechende Auswahl zu treffen. Dann bleiben uns nur noch die kleinen Formalitäten zu beobachten übrig, die durch unser Alter und den Umstand, daß wir unter der Vormundschaft des Kanzleigerichts stehen, bedingt sind. Wir werden bald – wenn ich mich Mr. Richards eigner leichtherziger Worte bedienen darf – die Sache angehen, und unser Herzenswunsch ist befriedigt... Es ist ein merkwürdiger Zufall«, fügte Mr. Kenge mit einem Anflug von Melancholie hinzu, »einer jener Zufälle, die unsre irdischen, so beschränkten menschlichen Fähigkeiten nicht erklären können, daß ich selbst einen Vetter habe, der Mediziner ist. Vielleicht paßt er für Sie und ist geneigt, auf Ihren Vorschlag einzugehen. Ich kann für ihn so wenig stehen wie für Sie, aber vielleicht ist er der richtige.« Da dadurch die Sache in greifbare Nähe rückte, kam man überein, Mr. Kenge solle mit seinem Vetter reden. Mr. Jarndyce hatte uns schon früher vorgeschlagen, auf ein paar Wochen nach London zu gehen, und so wurde am nächsten Tag beschlossen, die Reise so bald wie möglich anzutreten. Mr. Boythorn verließ uns innerhalb der nächsten acht Tage, und wir schlugen unser Quartier in einer reizenden Wohnung in der Nähe von Oxfordstreet über dem Laden eines Möbelhändlers auf. London erschien uns wie ein großes Wunder, und wir waren jeden Tag stundenlang unterwegs, um uns die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, die weniger leicht zu erschöpfen waren als wir selbst. Wir machten auch mit großem Genuß durch alle größeren Theater und sehenswerten Stücke die Runde. Ich erwähne es, weil es im Theater war, wo Mr. Guppy mich wieder zu belästigen anfing. Ich saß eines Abends mit Ada vorn in einer Loge, und Richard hatte, wie er es gerne tat, sich hinter sie gesetzt, als ich zufällig unten im Parterre Mr. Guppy erkannte, der, das Haar in die Stirn gebürstet, mit einer Miene unsäglichen Leides zu mir emporblickte. Ich fühlte das ganze Stück hindurch, daß er immer nur auf mich statt auf die Schauspieler sah, und zwar beständig mit einem offenbar sorgfältig einstudierten Ausdruck tiefsten Schmerzes und äußerster Niedergeschlagenheit. Der Vorfall verdarb mir für den Abend die ganze Freude, da er mich natürlich in Verlegenheit setzte und gar so lächerlich war; aber nicht genug daran, von diesem Tag an konnten wir nie mehr ins Theater gehen, ohne daß nicht Mr. Guppy im Parterre auftauchte, immer mit zerrauftem Haar, aufgeschlagnem Kragen und deutlich zur Schau getragner Hinfälligkeit. Wenn er bei unserm Eintreten noch nicht da war und ich bereits zu hoffen anfing, er werde dies Mal nicht kommen, und mich für kurze Zeit ganz der Darstellung zuwendete, konnte ich sicher sein, seinen schmachtenden Augen zu begegnen, wo ich es am wenigsten erwartete, und sie von der Zeit an den ganzen Abend nicht mehr los zu werden. Ich kann gar nicht sagen, wie mich das verstimmte. Wenn er sich nur das Haar melancholisch gekämmt oder den Kragen aufgeschlagen hätte, so wäre es schon schlimm genug gewesen, aber das Bewußtsein, daß dieser lächerliche Mensch mich immer anstarrte und stets mit einer gewissen theatralischen Verzweiflung, machte mich derart beklommen, daß ich mich gar nicht mehr getraute, über das Stück zu lachen oder mich ergriffen zu fühlen, darüber zu sprechen –, mich auch nur zu bewegen. Ich verlor förmlich die Fähigkeit, mich natürlich zu benehmen. Ich hätte mich vor Mr. Guppy retten können, wenn ich mich in den Hintergrund der Loge gesetzt hätte, aber dazu konnte ich mich nicht entschließen, weil ich wußte, wie sehr es Ada und Richard in ihrer Unterhaltung gestört haben würde, wenn ein Fremder neben ihnen zu sitzen gekommen wäre. So saß ich denn da und wußte nicht, wohin schauen – denn wohin ich immer blickte, ich fühlte, daß mir Mr. Guppys Augen folgten –, und war nur mit dem Gedanken beschäftigt, welche schrecklichen Ausgaben der junge Mann sich meinetwegen machte. Manchmal dachte ich daran, es Mr. Jarndyce zu sagen. Dann fürchtete ich wieder, es könne den jungen Mann seine Stelle kosten. Und es Richard anzuvertrauen, hielt mich wieder der Gedanke an die Möglichkeit ab, er könne mit Mr. Guppy einen Streit anfangen und ihm ein blaues Auge schlagen. Soll ich, wenn er mich ansieht, die Stirn runzeln und mit dem Kopf schütteln? dachte ich mir. Nein, sah ich ein, das am allerwenigsten. Ich überlegte mir, ob ich nicht an seine Mutter schreiben sollte, kam aber bald zur Überzeugung, daß ein Briefwechsel die Sache nur verschlimmern würde. Und immer wieder kam ich zu dem Schluß, daß ich rein gar nichts tun könnte. Mr. Guppys Ausdauer ließ ihn nicht nur regelmäßig in jedem Theater, das wir besuchten, erscheinen, er zeigte sich auch im Gedränge, wenn wir hinausgingen, und zuweilen kam es vor, daß er sich hinten auf unsern Wagen stellte, wo ich ihn des öftern im Kampf mit den Wagenspeichen erblickte. Waren wir zu Hause angekommen, pflegte er in solchen Fällen unsrer Wohnung gegenüber an einem Pfeiler Posten zu fassen. Da das Haus des Möbelhändlers das Eck zweier Straßen bildete und mein Schlafzimmer nach vorne ging, so fürchtete ich mich jedes Mal, ans Fenster zu treten, wenn ich oben war, um ihn nicht, wie es einmal in einer Mondnacht geschehen, an den Pfeiler gelehnt, klappernd vor Kälte stehen zu sehen. Wenn er nicht zum Glück den ganzen Tag über beschäftigt gewesen wäre, ich glaube, ich hätte überhaupt keine Ruhe mehr vor ihm gehabt. Während wir unsern Zerstreuungen nachgingen, an denen Mr. Guppy in so außerordentlich intensiver Weise teilnahm, wurde die Angelegenheit, derentwegen wir in die Stadt gekommen waren, nicht vernachlässigt. Mr. Kenges Vetter war ein gewisser Mr. Bayham Badger, der eine große Praxis in Chelsea hatte und außerdem noch einer großen öffentlichen Anstalt vorstand. Er erklärte sich gern bereit, Richard in sein Haus aufzunehmen und dessen Studien zu beaufsichtigen. Und da diese, wie es schien, in seinem Haus erfolgreich betrieben werden konnten und er Gefallen an Richard fand und Richard sagte, auch er »passe ihm soweit«, so wurde ein Kontrakt gemacht, des Lordkanzlers Zustimmung eingeholt, und bald war alles in schönster Ordnung. Am Tage der Kontraktunterzeichnung lud uns Mrs. Badger zum Essen ein. Es sollte nur ein Familienessen sein, wie ihres Gatten Brief besagte; und außer uns und der Hausfrau waren keine Damen zugegen. Mrs. Badger erwartete uns im Salon, von verschiedenen Dingen umgeben, die verrieten, daß sie ein wenig male, ein wenig Klavier spiele, ein wenig Gitarre und ein wenig Harfe, ein wenig singe, ein wenig sticke und lese, ein wenig dichte und ein wenig botanisiere. Sie war, wie ich schätzte, ungefähr fünfzig Jahre alt, jugendlich gekleidet und hatte einen schönen Teint. Wenn ich zu dem kleinen Verzeichnis ihrer Kunstfertigkeiten noch hinzusetze, daß sie sich auch ein wenig schminkte, so will ich ihr damit nichts Böses nachgesagt haben. Mr. Bayham Badger war ein roter, lebhaft gefärbter, geschniegelt aussehender Herr mit einer dünnen Stimme, weißen Zähnen, blondem Haar und verwundert dreinschauenden Augen. Er schien ein paar Jahre jünger zu sein als Mrs. Bayham Badger. Er bewunderte seine Gattin ausnehmend, aber merkwürdigerweise hauptsächlich deswegen, weil sie drei Männer gehabt hatte. Schon nach den ersten Begrüßungsworten sagte er triumphierend zu Mr. Jarndyce: »Sie würden gewiß nicht glauben, daß ich Mrs. Bayham Badgers dritter bin.« »In der Tat?« »Ihr Dritter, jawohl. Mrs. Bayham Badger, glauben Sie nicht auch, Miß Summerson, sieht nicht wie eine Dame aus, die schon zwei Mal verheiratet war?« »O, durchaus nicht.« »Und zwar mit sehr bemerkenswerten Männern. Kapitän Swosser von der königlichen Marine, Mrs. Badgers erster Gatte, war ein hervorragender Offizier. Der Name Professor Dingos, meines unmittelbaren Vorgängers, genießt in ganz Europa einen großen Ruf.« Mrs. Badger hörte lächelnd zu. »Ja, meine Liebe«, bekräftigte Mr. Badger. »Ich bemerkte vorhin bereits zu Mr. Jarndyce und Miß Summerson, daß du schon zwei Mal verheiratet warst –, beide Male mit hervorragenden Männern. Und sie wollten es kaum glauben. Ja, ja, so geht es den meisten Leuten.« »Ich war kaum zwanzig, als ich Kapitän Swosser von der königlichen Marine heiratete«, erklärte Mrs. Badger. »Ich war mit ihm im Mittelländischen Meer und bin ein richtiger Seemann geworden. Am zwölften Jahrestag meiner Hochzeit wurde ich die Gattin Professor Dingos.« »Von europäischem Ruf«, schaltete Mr. Badger halblaut ein. »Und als Mr. Badger und ich getraut wurden, wählten wir wieder denselben Tag zur Hochzeit. Ich hatte das Datum liebgewonnen.« »So daß Mrs. Badger drei Männer geheiratet hat – zwei von ihnen höchst ausgezeichnete Personen –«, sagte Mr. Badger, die Tatsachen zusammenfassend, »und jeden an einem 21. März früh elf Uhr.« Wir drückten alle unsere Bewunderung aus. »Wenn Mr. Badger nicht gar so bescheiden wäre«, nahm Mr. Jarndyce das Wort, »so würde ich mir erlauben, ihn zu verbessern und zu sagen: drei ausgezeichnete Männer.« »Ich danke Ihnen, Mr. Jarndyce; das sage ich auch immer«, bemerkte Mrs. Badger. »Und, meine Liebe«, rief ihr Gatte, »was sage ich immer? Ich sage ohne falsche Bescheidenheit hinsichtlich meines Rufes, den ich in meinem Fache mir erworben habe – was unser Freund Mr. Carstone im Lauf der Zeit Gelegenheit haben wird zu erfahren –, daß ich nicht so eingebildet bin, nein, wahrhaftig, nicht so unverständig, um meinen Namen auf gleiche Höhe mit so ausgezeichneten Männern, wie Kapitän Swosser und Professor Dingo waren, zu stellen. Vielleicht interessiert Sie das Porträt Kapitän Swossers, Mr. Jarndyce?« Mr. Bayham Badger führte uns in das anstoßende Zimmer. »Es wurde nach seiner Rückkehr aus Afrika gemalt, wo er sehr von dem Fieber des dortigen Klimas gelitten hatte. Mrs. Badger meint, es sei zu gelb. Aber es ist ein sehr schöner Kopf, ein sehr schöner Kopf!« Wir alle stimmten ein: »Ein sehr schöner Kopf!« »Wenn ich ihn ansehe«, fuhr Mr. Badger fort, »fühle ich, daß er ein Mann ist, den ich im Leben gern gekannt haben möchte. Das Gesicht drückt so recht den ausgezeichneten Menschen aus, der Kapitän Swosser in so hervorragendem Maße war. Dort hängt Professor Dingo. Ich kannte ihn sehr gut – behandelte ihn in seiner letzten Krankheit... Ein Bild von sprechender Ähnlichkeit. Und über dem Piano Mrs. Bayham Badger, damals Mrs. Swosser. Über dem Sofa sehen Sie Mrs. Bayham Badger als Mrs. Dingo. Von Mrs. Bayham Badger in esse besitze ich das Original, aber keine Kopie.« Man meldete jetzt, daß gedeckt sei, und wir gingen hinunter. Es war ein sehr feines Diner, und sehr hübsch serviert. Aber der Kapitän und der Professor spukten Mr. Badger immer noch im Kopf herum, und da Ada und ich die Ehre hatten, neben ihm zu sitzen, so konnten wir sie ausgiebig genießen. »Wasser, Miß Summerson? Sie gestatten! Nicht in diesem Glase, wenn ich bitten darf. Bringen Sie das Ehrenglas des Professors, James!« Ada bewunderte einen Strauß künstlicher Blumen unter einem Sturz. »Wunderbar, wie sie sich halten«, sagte Mr. Badger. »Mrs. Bayham Badger erhielt sie als Geschenk, als sie im Mittelländischen Meer weilte.« Er lud Mr. Jarndyce ein, ein Glas Claret mit ihm zu trinken. »Nicht diesen Wein! Sie gestatten! Heute ist eine besonders festliche Gelegenheit, und bei solchen Veranlassungen möchte ich einen ganz besonderen Bordeaux, den ich zufällig im Keller habe, auf dem Tisch sehen. James, Kapitän Swossers Wein! – Mr. Jarndyce, das ist eine Marke, die der Kapitän selbst importiert hat. Ich weiß nicht, vor wieviel Jahren. Sie werden sie sehr bemerkenswert finden. Meine Liebe, ich würde mich glücklich schätzen, wenn du ein Glas von diesem Wein mittrinken würdest. Schenken Sie Madame von Kapitän Swossers Bordeaux ein! Deine Gesundheit, meine Liebe!« Als wir Damen uns zurückzogen, nahmen wir Mrs. Badgers ersten und zweiten Gatten mit uns. Sie entwarf uns im Salon eine biographische Skizze des Lebens und des militärischen Dienstes Kapitän Swossers vor seiner Verheiratung und einen mehr auf die Einzelheiten eingehenden Bericht von der Zeit an, wo er sich an Bord des »Crippler« auf einem Ball, den die Offiziere dieses Schiffs im Hafen von Plymouth gaben, in sie verliebte. »Der liebe alte 'Crippler'!« seufzte sie und schüttelte tiefsinnig den Kopf. »Er war ein schönes Schiff. Schmuck, seetüchtig, und alle Schoten belegt, wie der Kapitän zu sagen pflegte. – Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich zuweilen einen nautischen Ausdruck gebrauche, ich war damals ein halber Seemann. – Kapitän Swosser liebte das Schiff meinetwegen. Als es ins Trockendock kam, sagte er oft zu mir, wenn er reich genug wäre, die alte Holke zu kaufen, so würde er in die Spannen des Quarterdecks, wo wir im Kontertanz einander gegenüberstanden, eine Inschrift anbringen lassen, um die Stelle zu bezeichnen, wo er fiel – wie er zu sagen pflegte –, der Breitseite nach bestrichen, von dem Kreuzfeuer meiner Toplichter, so nannte er in seiner Seemannssprache meine Augen.« – Mrs. Badger schüttelte den Kopf, seufzte und warf einen Blick in den Spiegel. – »Von Kapitän Swosser zu Professor Dingo war ein großer Sprung«, fing sie wieder, mit einem trüben Lächeln, an. »Ich fühlte es anfangs tief. Eine so vollständige Umwälzung in meiner Lebensweise. Aber Gewohnheit, vereint mit Wissenschaft – vor allem mit Wissenschaft –, machte es mir mit der Zeit erträglich. Da ich des Professors einzige Begleiterin auf seinen botanischen Exkursionen war, vergaß ich fast, daß ich jemals auf See gewesen, und wurde eine Gelehrte. Es ist merkwürdig, daß der Professor der Antipode von Kapitän Swosser war und Mr. Badger keinem der beiden auch nur im geringsten gleicht.« Wir gingen dann auf eine Schilderung des Todes Kapitän Swossers und Professor Dingos über, die alle beide schwer gelitten haben mußten. Im Verlauf der Erzählung deutete Mrs. Badger an, daß sie nur ein Mal wahnsinnig geliebt habe und der Gegenstand dieser ersten Leidenschaft, die bekanntlich niemals wiederkehren könne, Kapitän Swosser gewesen sei. Der Professor sei zollweise auf die schrecklichste Weise gestorben. Mrs. Badger machte uns gerade vor, wie er geächzt hatte: »Wo ist Laura? Laura, gib mir Wasser und Zwieback«, als der Eintritt der Herren ihn für diesmal wieder in seine Gruft zurückversenkte. Ich bemerkte an diesem Abend, wie überhaupt schon seit einigen Tagen, daß Ada und Richard noch mehr aneinander hingen als sonst. Es war nur natürlich, da sie sich so bald von einander trennen sollten, und es überraschte mich daher nicht allzusehr, als wir nach Hause kamen und Ada und ich uns hinaufbegaben, Ada stiller als gewöhnlich zu finden, obgleich ich nicht darauf gefaßt war, daß sie ihre Arme um mich schlang, ihr Gesicht an meiner Brust verbarg und schluchzte: »Meine geliebte Esther! Ich habe dir ein großes Geheimnis mitzuteilen.« – Es mußte offenbar ein schreckliches Geheimnis sein! –»Was ist es denn, Ada?« »Ach, Esther, du wirst es nie erraten.« »Soll ich es versuchen?« »O nein! Nein! Bitte nicht«, rief Ada sehr erschrocken bei dem bloßen Gedanken. »Ich möchte wirklich gerne wissen, was es wohl sein könnte«, sagte ich und stellte mich nachdenklich. »Es handelt sich«, flüsterte Ada, »es handelt sich um meinen Vetter Richard.« »Nun, mein Liebling«, fragte ich weiter und küßte ihr goldenes Haar, das einzige, was ich von ihr sehen konnte, »und was ist mit ihm?« »O Esther, du wirst es nie erraten!« – Wie sie sich an mich schmiegte und ihr Gesicht verbarg und selbst nicht wußte, daß sie aus Freude, Stolz und Hoffnung und nicht aus Schmerz weinte, war so reizend, daß ich ihr unmöglich heraushelfen konnte. – »Er sagt – ich weiß, daß es sehr töricht ist, wir sind beide noch so jung – aber er sagt – sie war ganz aufgelöst in Tränen –, er liebe mich von Herzen, Esther.« »Sagt er das wirklich? So etwas hab ich mein Leben lang noch nicht gehört! Aber, mein allerliebster Schatz, das hätte ich dir schon vor vielen, vielen Wochen sagen können.« – Zu sehen, wie Ada mit glühenden Wangen freudig überrascht aufsah und mich umarmte und lachte und weinte und errötete und lachte, war entzückend. – »Aber, Liebling, für was für eine Gans mußt du mich halten. Dein Vetter Richard ist so offenkundig wie nur möglich in dich verliebt, ich weiß nicht, wie lange schon.« »Und du hast mir nie ein Wort davon gesagt!« rief Ada und küßte mich. »Nein, liebes Kind, ich wartete, bis du es mir selbst sagen würdest.« »Aber jetzt, meinst du nicht, daß es unrecht von mir ist?« Sie hätte mir ein Nein abschmeicheln können, auch wenn ich die hartherzigste Duenna in der Welt gewesen wäre, so aber sagte ich ganz offenherzig: »Nein.« »So, jetzt weiß ich ja das Schlimmste von der Sache.« »O, das ist noch nicht das Schlimmste, liebe Esther«, rief Ada und zog mich noch fester an sich und verbarg ihr Gesicht schon wieder an meiner Brust. »Nicht? Nicht einmal das?« »Nein, nicht einmal das«, murmelte Ada und schüttelte den Kopf. »Was, du willst doch nicht etwa sagen...« fing ich scherzend an. Ada blickte auf und lächelte unter Tränen. »Ja, es ist so, Esther. Du weißt, du weißt, es ist so.« Und dann schluchzte sie: »Von ganzem Herzen liebe ich ihn! Von ganzem Herzen, Esther!« Ich sagte ihr lachend, daß ich auch das ebenso genau gewußt habe wie das andre. Und wir saßen vor dem Feuer, und ich mußte eine Zeitlang ganz allein reden, wenn es auch nicht allzu lange dauerte, denn Ada war bald wieder ruhig und glücklich. »Meinst du, daß es Vetter John weiß, Mütterchen?« »Wenn Vetter John nicht blind ist, Herzblatt, so sollte ich meinen, dürfte er es ungefähr so genau wissen wie wir beide.« »Wir müssen mit ihm sprechen, ehe wir uns von Richard trennen«, gestand Ada schüchtern. »Und wir möchten gern, daß du uns einen Rat gibst und es ihm sagst. Vielleicht hast du nichts dagegen, wenn Richard hereinkommt, Mütterchen?« »So, so, Richard ist draußen. Was du sagst!« »Ich weiß es nicht ganz gewiß«, stammelte Ada mit einer verschämten Einfalt, die mein Herz hätte gewinnen müssen, wenn sie es nicht schon längst besessen hätte, »aber ich glaube, er wartet vor der Tür.« Selbstverständlich wartete er draußen. Sie stellten auf jede Seite neben mich einen Stuhl und setzten mich zwischen sich und schienen sich wirklich mehr in mich als in einander verliebt zu haben, so vertrauensvoll, aufrichtig und zärtlich waren sie zu mir. Sie ließen mich eine Weile gar nicht los, und ich freute mich viel zu sehr darüber, um ihnen zu wehren. Dann wurden wir allmählich ernster und fingen an zu bedenken, wie jung sie noch waren und daß manches Jahr vergehen müßte, ehe ihre taufrische Liebe zum Ziele kommen könnte, und daß sie nur zum Glücke führen würde, wenn sie wirklich und dauernd sei und sie zur Beständigkeit, tapferm Ausharren und Pflichttreue begeistere. Richard schwor, daß er sich die Finger bis auf die Knochen abarbeiten wolle für Ada, und Ada sagte, daß sie sich die Finger bis auf die Knochen abarbeiten wolle für Richard, und sie gaben mir alle möglichen Kosenamen, und wir saßen beratend und plaudernd die halbe Nacht beisammen. Schließlich, bevor wir von einander schieden, versprach ich ihnen, morgen darüber mit ihrem Vetter John zu reden. Gleich nach dem Frühstück begab ich mich zu meinem Vormund in das Zimmer, das uns in der Stadt das Brummstübchen ersetzte, und sagte ihm, ich hätte den Auftrag, ihm etwas mitzuteilen. »Nun, Mütterchen«, meinte er und klappte sein Buch zu. »Wenn du es übernommen hast, kann es nichts Schlimmes sein.« »Ich hoffe nicht, Vormund. Jedenfalls kann ich mich dafür verbürgen, daß es sich nicht um Heimlichkeiten handelt, denn es geschah erst gestern.« »So. Und was ist es denn, Esther?« »Vormund, erinnerst du dich an den schönen Abend unsrer Ankunft in Bleakhaus, wo Ada in dem dunkeln Zimmer sang?« – Ich wünschte, ihm den Blick, den er mir damals zugeworfen hatte, ins Gedächtnis zurückzurufen. Wenn ich mich nicht sehr irre, erinnerte er sich sogleich daran. – »Weil...« begann ich nach einigem Zögern. »Ja, mein Kind!« sagte er. »Laß dir nur Zeit.« »Weil... Weil Ada und Richard sich ineinander verliebt haben und es einander gestanden haben.« »So bald schon?« rief mein Vormund ganz erstaunt. »Ja. Und, um dir nur die Wahrheit zu sagen, Vormund, ich erwartete es fast.« »Den Kuckuck auch!« Ein paar Minuten lang saß er mit einem gewinnenden gütigen Lächeln in dem lebhaft den Ausdruck wechselnden Gesicht nachsinnend da und bat mich dann, sie wissen zu lassen, daß er sie zu sehen wünsche. Als sie kamen, schlang er den Arm um Ada in seiner väterlichen Weise und wandte sich mit heiterm Ernst an Richard. »Richard, es freut mich, Euer Vertrauen gewonnen zu haben. Ich hoffe, es mir zu erhalten. Wenn ich über die Beziehungen zwischen uns vieren, die mein Leben so aufhellen und ihm soviel neuen Inhalt und Genuß gegeben haben, nachdachte, hielt ich es allerdings in einer spätem Zeit für möglich, daß du und deine hübsche Kusine hier – sei nicht verlegen, Ada, sei nicht verlegen, liebes Kind – Lust bekommen könntet, miteinander durchs Leben zu gehen. Ich sah und sehe heute noch manchen andern Grund, der das wünschenswert erscheinen läßt, aber ich dachte dabei an eine spätere Zukunft, Rick, an eine spätere Zukunft.« »Auch wir denken an eine spätere Zukunft«, entgegnete Richard. »Gut. Das ist recht und vernünftig. Aber jetzt hört mich an, liebe Kinder. Ich könnte euch sagen, daß ihr euch selbst noch nicht genau kennt, daß tausend Dinge geschehen können, euch einander zu entfremden, daß es gut ist, daß die Blumenkette, die ihr euch angelegt habt, so leicht zu lösen ist, da sie sonst vielleicht zu einer Kette von Blei werden könnte. Aber das alles will ich euch nicht vorhalten. Solche Weisheit kommt früh genug, wenn sie überhaupt kommt. Ich will annehmen, daß ihr Jahre später einander noch im Herzen dasselbe sein werdet, was ihr euch heute seid. Alles, was ich euch jetzt sagen will, ist, schämt euch nicht, wenn ihr andern Sinnes werden solltet, wenn ihr entdeckt, daß ihr in reiferem Alter mehr in dem Verhältnis gewöhnlicher Verwandter zueinander steht als jetzt in euren blutjungen Jahren – du entschuldigst schon, Rick –, schämt euch nicht, es mir anzuvertrauen, denn es ist nichts Ungeheuerliches oder Ungewöhnliches daran. Ich bin nur euer Freund und entfernter Verwandter. Ich habe keinerlei Macht über euch. Aber ich wünsche und hoffe, mir euer Vertrauen zu erhalten, wenn ich nichts tue, um es mir zu verscherzen.« »Ich bin überzeugt, lieber Vetter«, entgegnete Richard, »daß ich auch zugleich für Ada spreche, wenn ich sage, daß du die größte Macht über uns hast, die es gibt, nämlich die, die aus Verehrung, Dankbarkeit und Liebe entspringt und jeden Tag stärker wird.« »Lieber Vetter John«, fiel Ada ein, an Mr. Jarndyces Schulter gelehnt, »meines Vaters Stelle kann nie wieder leer werden. Alle die Liebe und der Gehorsam, den ich jemals hätte geben können, gelten jetzt dir.« »Also kommt«, sagte Mr. Jarndyce. »Was ist nun unser erster Schritt? Schauen wir um uns und blicken wir hoffnungsfroh in die Ferne! Rick, die Welt liegt vor dir, und es ist höchst wahrscheinlich, daß sie dich so aufnehmen wird wie du sie. Verlaß dich auf niemanden als auf die Vorsehung und deine eigne Kraft. Trenne nie diese beiden wie der heidnische Wagenlenker in der Geschichte. Beständigkeit in der Liebe ist eine gute Sache, aber sie wiegt nichts ohne Beständigkeit in allen andern Dingen. Wenn du die Fähigkeiten aller toten und lebendigen großen Männer hättest, so könntest du nichts vollbringen, ohne es aufrichtig zu meinen und mit ganzem Herzen zu tun. Wenn du glauben solltest, daß in großen oder kleinen Dingen irgendein Erfolg dem Geschick durch ruckweise oder spontane Versuche abgerungen werden könnte oder je abgerungen wurde, so gib diese Ansicht auf oder laß deine Kusine Ada lieber da.« »Da lasse ich lieber die Ansicht hier«, gab Richard lächelnd zur Antwort, »wenn ich sie mit hergebracht haben sollte – was ich nicht hoffe –, und will mir meinen Weg zu meiner Kusine Ada in eine hoffnungsreiche Zukunft bahnen.« »Recht so«, sagte Mr. Jarndyce. »Wenn du sie nicht glücklich machen kannst, warum solltest du nach ihr streben.« »Ich möchte sie nicht unglücklich machen, selbst nicht, wenn es mich ihre Liebe kosten sollte«, gab Richard stolz zur Antwort. »Gut gesprochen. So ist's recht. Sie bleibt bei mir in ihrem Heim. Habe sie lieb, Rick, in deinem Berufsleben nicht weniger als hier in ihrem Hause, wenn du uns besuchen kommst, und alles wird gut gehen. Damit endigt meine Predigt. Vielleicht möchtest du mit Ada jetzt ein bißchen spazieren gehen?« Ada umarmte Mr. Jarndyce zärtlich, und Richard schüttelte ihm herzlich die Hand. Und dann verließen sie beide das Zimmer, sahen sich aber gleich wieder um, um mir zuzurufen, daß sie auf mich warten wollten. Die Tür stand offen, und wir blickten ihnen nach, wie sie durch das anstoßende, von der Sonne beschienene Zimmer und zur andern Tür hinausgingen. Richard, das Haupt geneigt und Adas Arm in seinem, sprach sehr angelegentlich mit ihr, und sie blickte zu ihm empor und hörte zu und schien für nichts sonst Augen zu haben. So jung, so schön, so hoffnungsfreudig gingen sie leichten Schrittes dahin durch die Sonnenstreifen, wie ihre eignen glücklichen Gedanken jetzt vielleicht über die Jahre der Zukunft hinschweiften und sie zu Jahren der Freude machten. Dann traten sie in den Schatten und verschwanden. Nur wenige Augenblicke war das Licht so strahlend durchgebrochen. Das Zimmer wurde dunkler, als sie hinausgingen, und die Sonne versteckte sich wieder hinter den Wolken. »Habe ich recht, Esther?« fragte mein Vormund, als sie fort waren. – Er, der so gut und weise war, fragte mich , ob er recht habe. – »Rick erwirbt sich vielleicht dadurch die Eigenschaft, die ihm zu den vielen guten, die er schon hat, noch fehlt«, sagte Mr. Jarndyce und wiegte nachdenklich den Kopf. »Ich habe Ada nichts gesagt, Esther. Hat sie doch ihre Freundin und Beraterin stets bei sich.« Und er legte die Hand liebevoll auf mein Haupt. Ich konnte meine Rührung nicht verbergen, obgleich ich mein möglichstes tat. »Still, still!« sagte er. »Aber wir müssen auch Sorge tragen, daß das Leben unsres kleinen Mütterchens nicht ganz allein von der Sorge um andre ausgefüllt wird.« »Sorge? Aber lieber Vormund, ich glaube, ich bin das glücklichste Geschöpf unter der Sonne.« »Ich glaube das auch«, sagte er, »aber jemand findet vielleicht, was Esther niemals tun wird, daß man an das kleine Mütterchen vor allen andern Menschen denken muß.« Ich habe früher zu erwähnen vergessen, daß noch jemand bei dem Familiendiner zu Gaste war. Es war keine Dame. Es war ein Herr. Ein Herr von dunkelm Teint und schwarzem Haar – ein junger Chirurg. Er war ein wenig reserviert, schien mir aber ein sehr gescheiter und angenehmer Mensch zu sein. Wenigstens fragte mich Ada, ob ich nicht dieser Meinung sei, und ich bejahte. 14. Kapitel Anstand Richard verließ uns schon am nächsten Abend, um seine neue Lebenslaufbahn anzutreten, und empfahl Ada vertrauensvoll meiner Obhut. Es rührte mich damals und rührt mich noch jetzt, wenn ich zurückdenke, wie sie selbst in jener ihr gesamtes Denken in Anspruch nehmenden Zeit meiner gedachten. Ich spielte eine Rolle in allen ihren Plänen für Gegenwart und Zukunft. Ich sollte Richard jede Woche getreulich über Ada berichten, die ihm jeden zweiten Tag zu schreiben versprach. Er wollte mich von allen seinen Erfolgen und Studien eigenhändig unterrichten; ich sollte sehen, wie entschlossen und ausdauernd er sei, sollte Adas Brautjungfer sein, wenn sie heirateten, später bei ihnen wohnen, alle Schlüssel im Hause bekommen, und sie wollten mich ganz und gar und auf ewig glücklich machen. »Und wenn wir durch den Prozeß reich werden sollten, Esther, was doch sein kann...« fing Richard an, um seinen Luftschlössern die Krone aufzusetzen. Ein Schatten flog über Adas Gesicht. »Liebste Ada«, unterbrach sich Richard, »warum nicht?« »Es wäre besser, der Prozeß erklärte uns gleich für arm«, meinte Ada. »Oh, das weiß ich nun gerade nicht«, entgegnete Richard. »Aber jedenfalls wird er nichts gleich erklären. Er hat, Gott weiß, seit wieviel Jahren, überhaupt nichts erklärt.« »Nur zu wahr«, sagte Ada. »Ja, aber«, wendete Richard ein und sah ihr mehr in die Augen, als er auf ihre Worte hörte, »je länger er dauert, liebe Kusine, desto näher muß er seinem Ende sein. Ist das nicht ganz vernünftig?« »Du mußt das am besten wissen, Richard. Aber ich fürchte, wenn wir auf den Prozeß bauen, macht er uns unglücklich.« »Aber liebe Ada, wir bauen doch gar nicht darauf!« rief Richard fröhlich. »Wir sagen nur, wenn er uns reich machen sollte, haben wir nichts dagegen. Das Gericht ist durch feierlichen Richterspruch unser gestrenger alter Vormund, und wir müssen denken, daß das, was er uns zuspricht – wenn er uns überhaupt etwas zuspricht –, eigentlich unser gutes Recht ist. Wir haben nicht nötig, uns mit unserm Recht herumzuzanken.« »Nein, aber es ist vielleicht besser, wir vergessen die Sache ganz und gar.« »Also gut! Dann wollen wir sie ganz und gar vergessen. Begraben wir die ganze Geschichte. Mütterchen macht ein billigendes Gesicht dazu, und die Sache ist abgetan.« »Mütterchens billigendes Gesicht«, sagte ich und blickte aus dem Koffer auf, in den ich seine Bücher einpackte, »war gar nicht sichtbar; aber sie billigt es und meint, es sei wirklich das beste so.« »Also, die Sache ist abgemacht«, sagte Richard, begann aber sofort wieder auf ganz demselben Thema soviel Luftschlösser zu bauen, daß man die chinesische Mauer damit hätte besetzen können. Er schied von uns in zuversichtlicher Stimmung. Ada und ich, darauf gefaßt, ihn sehr zu vermissen, lenkten damit in eine wesentlich ruhigere Lebenslaufbahn ein. Bei unsrer Ankunft in London hatten wir mit Mr. Jarndyce Mrs. Jellyby aufgesucht, sie aber nicht zu Hause getroffen. Sie war ausgegangen, zu einem Tee, und hatte Miß Jellyby mitgenommen. Es sollten dort verschiedne Reden gehalten und viele Briefe geschrieben werden über die Hauptvorzüge der Kaffeestrauchkultur für die Eingebornen in den Ansiedlungen von Borriobula-Gha. Das bedeutete zweifellos einen Aufwand von Tinte und Federn, der den Freudenanteil ihrer Tochter an dem Feste zu nichts weniger als einem Feiertag machen mußte. Da jetzt die Zeit gekommen war, wo Mrs. Jellyby zurückkommen sollte, hofften wir sie dies Mal zu treffen. Sie war jedoch wieder nicht zu Hause, da sie unmittelbar nach dem Frühstück in irgendwelchen Borriobula-Geschäften in eine Gesellschaft, genannt Zweighilfssubkomitee, London-Ost, nach Mile-End hatte gehen müssen. Da ich bei unserm ersten Besuch Peepy nicht gesehen hatte – er war nirgends zu finden gewesen, und die Köchin meinte, er sei wahrscheinlich mit dem Kehrichtmann fortgelaufen –, fragte ich jetzt wieder nach ihm. Die Austernschalen, mit denen er ein Haus gebaut hatte, lagen noch im Hausflur, aber er selbst war nirgends zu entdecken, und die Köchin meinte, er sei wahrscheinlich – »den Schafen nachgelaufen«. Als wir erstaunt fragten: »Den Schafen?« sagte sie: »O ja. Am Markttag läuft er ihnen manchmal bis vor die Stadt hinaus nach und kommt dann in einem schrecklichen Zustande wieder nach Hause.« Ich saß am nächsten Morgen mit meinem Vormund am Fenster, und Ada schrieb eifrig – natürlich an Richard –, als Miß Jellyby angemeldet wurde und mit Peepy eintrat, den sie sich einigermaßen präsentabel zu machen bemüht hatte, indem sie ihm den Schmutz in die Winkel seines Gesichts und seiner Hände gewischt und das Haar begossen und mit den Fingern heftig frisiert hatte. Alles, was das arme Kind an sich trug, war ihm entweder zu groß oder zu klein. Unter andern widerspruchsvollen Ornamenten hatte er einen Bischofshut und Baby-Fäustlinge an. Die Stiefel waren kleinere Ausgaben von Ackerknechtstiefeln, während seine Beine, so der Kreuz und Quer mit Schrammen und Kratzwunden bedeckt, daß sie wie Landkarten aussahen, unterhalb seiner sehr kurzen Plaidhose, die man mit einer Spitzenkante von ganz verschiednem Muster an jedem Bein besetzt hatte, vom Knie abwärts bloß waren. Die fehlenden Knöpfe an seinem Plaidfrack stammten offenbar von Mr. Jellybys Gehrock, denn sie waren aus Messing und viel zu groß. An verschiednen Stellen seiner Kleidung, wo sie hastig befestigt worden, offenbarten sich ganz merkwürdige Entartungen der Nähkunst, und dieselbe kundige Hand verriet sich an Miß Jellybys Kleidung. Ihre Erscheinung machte übrigens einen weitaus bessern Eindruck als früher, und sie sah wirklich sehr hübsch aus. Sie fühlte offenbar recht gut, daß der arme kleine Peepy trotz all ihrer Bemühungen doch mißlungen war, und verriet dies durch den verzweifelten Blick, den sie beim Eintritt ins Zimmer zuerst ihm und dann uns zuwarf. »O mein Gott«, brummte mein Vormund. »Scharfer Ost.« Ada und ich hießen sie herzlich willkommen und stellten sie Mr. Jarndyce vor. Sie nahm Platz und sagte: »Mama läßt sich bestens empfehlen und bittet, sie zu entschuldigen, da sie die Korrektur zu den Plänen lesen muß. Sie ist im Begriff, fünftausend neue Zirkulare zu versenden, und weiß, daß Sie das interessieren wird. Ich habe eins mitgebracht. Mama läßt sich empfehlen.« Damit reichte sie ihm das Papier mit mürrischer Miene hin. »Danke schön«, sagte mein Vormund. »Ich bin Mrs. Jellyby sehr verbunden. O Gott! Ist heute aber Ostwind!« Wir machten uns mit Peepy zu schaffen, nahmen ihm seinen Geistlichenhut ab, fragten ihn, ob er uns noch kenne, und anderes mehr. Anfangs flüchtete er sich hinter seinen Ellbogen, ließ sich aber durch den Anblick von Baumkuchen erweichen und erlaubte mir, ihn auf den Schoß zu nehmen, wo er dann friedlich kauend sitzen blieb. Mr. Jarndyce hatte sich in das Ersatzbrummstübchen zurückgezogen, und so konnte Miß Jellyby die Unterhaltung mit ihrer gewohnten Schroffheit eröffnen. »Es geht so schlecht wie je in Thavies Inn. Ich kann in meinem Leben nicht zur Ruhe kommen. Immer und immer Afrika! Es könnte mir nicht schlimmer gehen, wenn ich selber so ein Dingsda wäre – ein 'Mensch und ein Bruder'.« Ich suchte nach Worten, um ihr etwas Tröstliches zu sagen. »Ach, das hilft gar nichts, Miß Summerson! Obgleich ich Ihnen für Ihre freundliche Absicht dankbar bin. Ich weiß ganz gut, wie ich behandelt werde, und lasse mir das nicht ausreden. Sie ließen sich's auch nicht ausreden, wenn Sie an meiner Stelle wären. Peepy, geh und spiel wildes Tier unter dem Piano.« »Ich will nicht«, sagte Peepy. »O du undankbarer, nichtsnutziger, hartherziger Junge!« rief Miß Jellyby mit Tränen in den Augen. »Nie wieder werde ich mir soviel Mühe geben, dich anzuziehen.« »Ja, ja, ich will gehen, Caddy!« rief Peepy, der ein herzensgutes Kind war und den jetzt der Kummer seiner Schwester so rührte, daß er auf der Stelle folgte. »Es ist kein Grund zu weinen«, entschuldigte sich die arme Miß Jellyby, »aber ich bin ganz abgerackert. Ich habe bis heute früh zwei Uhr Adressen für die neuen Zirkulare geschrieben. Ich hasse die ganze Geschichte so, daß mir schon beim Gedanken daran der Kopf weh tut, bis ich nicht mehr aus den Augen schauen kann. Und sehen Sie nur das arme Kind an! Haben Sie schon jemals eine solche Vogelscheuche gesehen?« Glücklicherweise sich der Mängel seiner äußern Erscheinung nicht bewußt, saß Peepy auf dem Teppich und sah aus seiner Höhle hinter einem Pianobein friedlich hervor und aß seinen Kuchen. »Ich habe ihn in die andre Ecke des Zimmers geschickt«, erklärte Miß Jellyby und rückte ihren Stuhl näher an uns heran, »damit er nicht hört, was wir miteinander sprechen. Diese Knirpse sind so gescheit. Ich wollte vorhin sagen, es geht wirklich bei uns schlimmer zu als je. Papa wird demnächst bankrott sein, und dann, hoffe ich, ist Mama zufrieden. Und wem werden wir es zu danken haben? Ma!« Wir sagten, wir hofften, Mr. Jellybys Verhältnisse würden sich gewiß nicht so verschlimmert haben. »Das ist alles sehr freundlich von Ihnen, aber hoffen nützt nichts«, entgegnete Miß Jellyby und schüttelte den Kopf. »Pa sagte mir erst gestern morgen – und er ist schrecklich unglücklich – daß er den Sturm diesmal nicht überstehen könnte. Es würde mich auch wirklich wunder nehmen. Wenn uns die Lieferanten all ihren Mist ins Haus schicken und das Gesinde macht, was es will, und ich keine Zeit habe, es besser einzurichten, selbst wenn ich es verstünde, und Ma sich um gar nichts kümmert, so möchte ich wissen, wie Pa den Sturm diesmal aushalten sollte. Ich erkläre, wenn ich Pa wäre, ich liefe davon.« »Liebes Kind«, sagte ich lächelnd, »Ihr Papa denkt jedenfalls an seine Familie.« »Ja, natürlich. Familie ist wunderschön, Miß Summerson, aber welche Bequemlichkeit bietet ihm seine Familie? Seine Familie besteht aus Rechnungen, Schmutz, Verschwendung, Lärm, Treppenhinunterfallen, Durcheinander und Herabgekommenheit. Seine kopfüber treibende Häuslichkeit ist von Samstag zu Samstag ein einziger großer Waschtag, nur wird dabei nichts gewaschen.« Sie stampfte mit dem Fuß auf den Boden und wischte sich die Augen. »Pa tut mir so leid, und ich bin so wütend auf Ma, daß ich keine Worte finden kann, um mich auszudrücken. Aber ich lasse es mir nicht länger gefallen, dazu bin ich entschlossen. Ich will nicht mein ganzes Leben lang ein Sklave sein und von Mr. Quale um mich werben lassen. Das könnte mir so passen, einen Philantropen zu heiraten. Als ob ich nicht schon genug von dem Zeug hätte.« Ich muß zugeben, daß ich selbst recht böse auf Mrs. Jellyby war, als ich dieses vernachlässigte Mädchen vor mir sah und anhörte und wußte, wieviel bittere Wahrheit in allem war, was sie sagte. »Wenn wir nicht so vertraut geworden wären, als Sie uns damals besuchten«, fuhr Miß Jellyby fort, »würde ich mich geschämt haben, heute hierher zu kommen, denn ich weiß, was für eine Figur ich in Ihrer beider Augen abgebe; aber ich habe mich entschlossen, Sie zu besuchen, zumal ich Sie wahrscheinlich nicht wiedersehen werde, wenn Sie nächstens wieder nach London kommen.« Sie sagte dies so bedeutsam, daß Ada und ich einander einen Blick zuwarfen, ahnend, daß noch mehr kommen werde. »Nein«, rief sie und schüttelte den Kopf. »Durchaus unwahrscheinlich. Ich weiß, ich kann mich auf Sie beide verlassen. Sie werden mich nicht verraten. Ich bin verlobt.« »Ohne Wissen Ihrer Eltern?« fragte ich. »Aber, du lieber Gott im Himmel, Miß Summerson«, rechtfertigte sie sich in leidenschaftlichem, aber keineswegs unfreundlichem Ton. » Kann es denn anders sein ? Sie wissen doch, wie Ma ist, und ich darf den armen Papa doch nicht dadurch noch unglücklicher machen, daß ich es ihm jetzt schon mitteile.« »Aber wird es ihn denn nicht noch unglücklicher machen, wenn Sie ohne sein Wissen und seinen Willen heiraten?« »Nein. Ich hoffe nicht. Ich würde alles aufbieten, es ihm bei mir behaglich zu machen, wenn er mich besuchte. Und Peepy und die andern könnten auch abwechselnd zu mir kommen, und dann würden sie doch ein wenig Aufsicht und Pflege haben.« Die arme Caddy hatte wirklich ein liebevolles anhängliches Herz. Sie wurde immer weicher und weicher gestimmt, während sie uns das erzählte, und weinte so sehr, wie sie uns das kleine Bild einer ungewohnten Häuslichkeit ausmalte, daß es Peepy in seiner Höhle unter dem Piano tief ergriff und er sich laut jammernd auf dem Rücken wälzte. Erst, als ich ihn hervorholte, damit er seine Schwester küsse, ihn wieder auf den Schoß nahm und ihm zeigte, daß Caddy – die nur so tat – wieder lache, konnten wir ihn beruhigen, und selbst dann nur, indem wir ihm erlaubten, uns alle der Reihe nach am Kinn fassen und uns die Wangen streicheln zu dürfen. Da selbst das ihn noch nicht genügend stärkte, um es unter dem Piano auszuhalten, stellte ich ihn auf einen Stuhl, damit er aus dem Fenster schauen könnte, und Miß Jellyby hielt ihn an einem Bein fest und setzte ihre Erzählung wieder fort. »Die Ursache war Ihr Besuch bei uns.« Wir fragten natürlich: »Wieso?« »Ich war mir meiner linkischen Manieren so bewußt geworden, daß ich mich entschloß, mich darin zu bessern und tanzen zu lernen. Ich sagte Ma, ich schämte mich über mich selbst und müßte tanzen lernen. Ma machte ihr maliziöses Gesicht und sah über mich hinweg, als ob ich Luft wäre, aber ich war fest entschlossen, Tanzstunden zu nehmen, und ließ mich daher in Mr. Turveydrops Tanzakademie in Newman-Street einschreiben.« »Und dort war es, mein Kind...?« fing ich an. »Ja, dort war es, und ich bin mit Mr. Turveydrop verlobt. Es gibt zwei Mr. Turveydrop – Vater und Sohn. Mein Mr. Turveydrop ist natürlich der Sohn. Ich wünschte nur, ich wäre besser erzogen und könnte ihm eine bessere Frau werden, denn ich habe ihn sehr gern.« »Es tut mir wirklich sehr leid, daß Sie so reden«, sagte ich. »Ich verstehe nicht, warum es Ihnen leid tun sollte«, erwiderte sie ein wenig ängstlich. »Aber ich bin nun einmal mit Mr. Turveydrop verlobt, so oder so, und er hat mich sehr gern. Er muß es selbst auch geheim halten, weil der alte Mr. Turveydrop mit im Geschäft ist und es ihm das Herz brechen oder ihn sonstwie niederschmettern könnte, wenn man es ihm unvorbereitet mitteilte. Der alte Mr. Turveydrop ist ein großer Gentleman – ein sehr großer Gentleman.« »Weiß es seine Frau?« »Des alten Mr. Turveydrops Frau, Miß Clare?« fragte Miß Jellyby erstaunt und riß die Augen auf. »Die gibt es doch gar nicht. Er ist Witwer.« Hier wurden wir von Peepy unterbrochen, an dessen Beinchen seine Schwester jedes Mal unbewußt gerissen hatte wie an einem Klingelzug, wenn sie in Eifer geraten war, und er fing jetzt laut über sein Mißgeschick an zu jammern. Da er sich an mich um Hilfe wendete und ich nur zuzuhören brauchte, übernahm ich es, ihn zu halten. Miß Jellyby bat ihn mit einem Kuß um Verzeihung, versicherte ihm, daß es nicht absichtlich geschehen wäre, und fuhr dann fort. »So liegen die Sachen. Wenn ich mir jemals einen Vorwurf machen muß, so trägt Ma die Schuld. Wir wollen heiraten, sobald wir können. Und dann besuche ich Pa im Bureau und schreibe von dort an Ma. Es wird sie nicht sehr aufregen; ihr bin ich ja nur Feder und Tinte. Ein großer Trost ist«, seufzte sie, »daß, wenn ich verheiratet bin, ich niemals mehr etwas von Afrika hören werde. Der junge Mr. Turveydrop haßt es meinetwegen, und wenn der alte Mr. Turveydrop überhaupt weiß, daß es so ein Land gibt, ist es viel.« »Das ist der Mr. Turveydrop, der ein so großer Gentleman ist, nicht wahr?« »Ein sehr großer Gentleman, gewiß. Er ist überall wegen seines Anstandes berühmt.« »Gibt er Unterricht?« fragte Ada. »Nein. Er gibt nicht direkt Unterricht, aber seine Manieren sind fabelhaft.« Nach vielem Zögern und Stocken brachte Caddy heraus, sie habe uns noch etwas anzuvertrauen und fühle, daß wir es wissen müßten, und hoffe, wir würden es nicht übel aufnehmen. Sie habe nämlich ihre Bekanntschaft mit Miß Flite, der kleinen verrückten Alten, erneuert und gehe frühmorgens zu ihr, um ihren Verlobten vor dem Frühstück ein paar Minuten zu sprechen – nur für ein paar Minuten. »Ich besuche sie auch noch zu andern Zeiten«, sagte sie, »aber Prince kommt dann nicht. Des jungen Mr. Turveydrops Vorname ist nämlich Prince; es ist eigentlich schade, denn er klingt wie ein Hundename, aber er hat ihn sich doch nicht selbst ausgesucht! Der alte Mr. Turveydrop hat ihn zur Erinnerung an den Prinzregenten so taufen lassen. Der alte Mr. Turveydrop verehrte den Prinzregenten so sehr wegen seines Anstandes. Ich hoffe, Sie verübeln es mir nicht, daß ich diese kleinen Besuche bei Miß Flite mache. Ich habe das arme Ding um ihrer selbst willen lieb, und auch sie hat mich gern. Wenn Sie den jungen Mr. Turveydrop sehen würden, so bin ich überzeugt, daß Sie gut von ihm denken müßten... Wenigstens weiß ich ganz gewiß, daß Sie nichts Böses von ihm denken würden. Ich gehe jetzt hin, um meine Tanzstunde zu nehmen. Ich darf Sie nicht bitten, Miß Summerson, mitzukommen...« – Caddy hatte dies alles mit feierlichem Ernst und bebender Stimme gesagt – »...aber wenn Sie es doch täten, würde es mich sehr, sehr freuen.« Es traf sich, daß wir uns mit meinem Vormund verabredet hatten, gerade heute Miß Flite zu besuchen. Wir hatten ihm von unserm früheren Besuch bei ihr erzählt, und unsere Schilderungen schienen ihn sehr interessiert zu haben. Aber immer wieder war irgend etwas dazwischen gekommen, wenn wir hingehen wollten. Da ich mir genügend Einfluß auf Miß Jellyby zutraute, um sie von einem übereilten Schritt abhalten zu können, schlug ich ihr vor, daß sie und ich und Peepy nach der Tanzakademie gehen und dann meinen Vormund und Ada bei Miß Flite – deren Namen ich jetzt zum ersten Mal hörte – treffen wollten. Ich knüpfte daran die Bedingung, daß Miß Jellyby und Peepy nachher zum Essen mit uns nach Hause kommen sollten. Nachdem beide mit großer Freude auf diesen letzten Vertragspunkt eingegangen waren, putzten wir Peepy mit Hilfe einiger Stecknadeln, etwas Seife und Wasser und einer Haarbürste ein wenig heraus und lenkten unsere Schritte in die Newmanstreet, die ganz in der Nähe war. Die Akademie befand sich in einem ziemlich verrußten Gebäude mit Büsten in allen Treppenfenstern an der Ecke einer Durchfahrt. In dem Hause wohnten noch, wie ich aus den Schildern an der Tür entnahm, ein Zeichenlehrer, ein Kohlenhändler und ein Lithograph. Auf dem Schilde, das durch seine Größe und seinen Platz alle andern überragte, las ich: Mr. Turveydrop. Die Tür stand offen, und die Vorhalle war mit einem großen Piano, einer Harfe und verschiednen andern Musikinstrumenten verbarrikadiert, die alle fortgeschafft werden sollten und jetzt bei Tag einen etwas liederlichen Eindruck machten. Miß Jellyby sagte mir, daß die Akademie am Abend vorher zu einem Konzert gedient habe. Wir gingen die Treppe hinauf – es mußte früher ein recht schönes Haus gewesen sein, als es noch jemand obgelegen, es rein und sauber zu halten, und niemand, den ganzen Tag darin zu rauchen – und traten in Mr. Turveydrops großen Saal, der hinten an einen Pferdestall stieß und von Oberlicht erhellt wurde. Es war ein kahler, widerhallender Saal, der nach Stall roch, mit Rohrbänken an der Wand, die Wände in regelmäßigen Abständen mit gemalten Lyras und drei gläsernen Armleuchtern mit altmodischen Tropfen gleich Herbstblättern verziert. Mehrere junge Schülerinnen von dreizehn oder vierzehn Jahren bis zu zwei- oder dreiundzwanzig waren bereits versammelt, und ich sah mich unter ihnen nach ihrem Lehrer um, als Caddy mich in den Arm kniff und mich vorstellte: »Miß Summerson – Mr. Prince Turveydrop.« Ich verneigte mich vor einem kleinen, blauäugigen, hübschen Mann von jünglingshaftem Aussehen mit in der Mitte gescheiteltem Flachshaar, das sich rings um seinen Kopf lockte. Er hielt eine Violine unter dem linken Arm und den Bogen in der Hand. Seine Tanzschuhe waren auffallend klein, und er legte ein unschuldiges, frauenhaftes Benehmen in einer gewissen liebenswürdigen Weise mir gegenüber an den Tag, das die eigentümliche Vorstellung in mir erweckte, er müsse seiner Mutter sehr ähnlich sehen und sie selbst sei nicht sehr hochgehalten oder gut behandelt worden. »Ich schätze mich unendlich glücklich, Miß Jellybys Freundin kennen zu lernen«, sagte er und verbeugte sich tief vor mir. »Ich begann bereits zu fürchten«, fuhr er mit schüchterner Zärtlichkeit fort, »daß Miß Jellyby nicht mehr kommen werde, da der Unterricht schon begonnen hat.« »Ich muß Sie bitten, mir das zugute zu halten und mich zu entschuldigen, da ich es war, die sie abgehalten hat, Sir.« »O Gott«, sagte er. »Und bitte, lassen Sie mich nicht die Ursache einer weiteren Verzögerung sein.« Mit diesen entschuldigenden Worten zog ich mich auf einen Sitz zwischen Peepy, der, schon an die Situation gewöhnt, bereits einen Stuhl in der Ecke erklommen hatte, und einer alten Dame mit einem kritischen Blick zurück, deren zwei Nichten an den Tanzstunden teilnahmen und die sich sehr über Peepys Stiefel ärgerte. Prince Turveydrop klimperte sodann mit den Fingern in den Saiten seiner Fiedel, und die jungen Damen traten zum Tanze an. In diesem Augenblick erschien in einer Seitentür der alte Mr. Turveydrop, strahlend wie ein Gott. Er war ein fetter alter Herr mit geschminktem Teint, falschen Zähnen, gefärbtem Backenbart und einer Perücke. Er trug einen Pelzkragen, und die Brust seines Fracks, dem nur ein Stern oder ein breites blaues Band fehlte, um vollständig zu sein, war auswattiert. Er war geschnürt, ausgestopft, hergerichtet und zusammengeschnallt, wie er es nur irgend aushalten konnte. Sein Halstuch drosselte ihn so, daß es ihm die Augen förmlich aus den Höhlen drängte, und sein Kinn und selbst seine Ohren waren so tief hineinversunken, daß es aussah, als müßte er aus dem Leim gehen, wenn er es ablegte. Unter dem Arm trug er einen großen, schweren Hut, der vom Kopf zum Rande zu sich abschrägte, und in der Hand ein Paar weiße Handschuhe, mit denen er ihn von Zeit zu Zeit abstaubte, wie er auf einem Beine ruhend in unübertrefflicher, hochschulteriger, ellbogengerundeter Eleganz dastand. Er hatte einen Stock, ein Augenglas, eine Schnupftabaksdose, er hatte Ringe, er hatte Manschetten, er hatte alles, nur keine Spur von Natur; er war nicht Jugend, er war nicht Alter, er war nichts als ein Modell unübertrefflichen Anstandes. »Vater! Ein Besuch! Eine Freundin Miß Jellybys – Miß Summerson!« »Ich fühle mich hochgeehrt durch Miß Summersons Anwesenheit«, begrüßte mich Mr. Turveydrop. Wie er mir eingeschnürt eine Verbeugung machte, schien fast das Weiße seiner Augen Falten zu bekommen. »Mein Vater ist eine gefeierte Größe«, sagte der Sohn zu mir halblaut mit einem wahrhaft rührenden Glauben im Ton. »Man bewundert meinen Vater allgemein.« »Fahre fort, Prince! Fahre fort!« sagte Mr. Turveydrop, mit dem Rücken gegen den Kamin und herablassend mit den Handschuhen winkend. »Fahre fort, mein Sohn!« Auf diesen Befehl oder, besser gesagt, auf diese gnädige Erlaubnis nahm der Unterricht seinen Anfang. Prince Turveydrop spielte manchmal tanzend die Violine, manchmal stehend das Piano, manchmal summte er die Melodie mit dem bißchen Atem, das er noch übrig hatte, wenn er einer Schülerin Anweisungen gab, machte stets mit der Ungeschicktesten jeden Schritt und jeden Teil einer Tanzfigur gewissenhaft durch und war keinen Augenblick unbeschäftigt. Sein berühmter Vater tat gar nichts, sondern stand nur am Kamin, ein Bild vornehmen Anstandes. »Er tut nämlich nie etwas anderes«, bemerkte die alte Dame mit dem kritischen Blick zu mir. »Und möchten Sie glauben, daß sein Name an der Türe steht?« »Der Name seines Sohnes ist doch ganz derselbe«, sagte ich. »Am liebsten ließe er seinem Sohn gar keinen Namen! Sehen Sie sich nur den Rock des jungen Turveydrop an!« – Der war allerdings recht gewöhnlich und fadenscheinig, fast schäbig. – »Aber der Herr Vater muß natürlich herausgeputzt und gestriegelt sein«, sagte die alte Dame, »wegen seines – Anstandes. Ich möchte ihn schon Anstand lehren. Ich möchte ihn schon zur Schau stellen – aber anderswo.« Ich war begierig, mehr zu erfahren, und fragte daher: »Gibt er jetzt Unterricht in Anstand?« »Jetzt!!« gab die alte Dame kurz zur Antwort. »Hat es nie getan.« Nach einer kurzen Pause des Nachdenkens fragte ich, ob er vielleicht Fechtstunden gebe. »Ich glaube nicht, daß er überhaupt fechten kann, Miß.« Ich machte ein überraschtes und wißbegieriges Gesicht. Die alte Dame wurde mit jedem Wort erzürnter über den Meister des Anstands und erzählte mir gewisse Einzelheiten aus seinem Leben mit der lebhaftesten Versicherung, daß sie durchaus nicht übertreibe. Er hätte eine sanfte kleine Tanzlehrerin mit einer leidlichen Kundschaft – er selbst habe in seinem Leben nie etwas anderes als Anstand gepflegt – geheiratet und sie zu Tode geplagt oder, gelinde gesagt, zugelassen, daß sie sich zu Tode plagte, um ihm das Geld für die Ausgaben zu verschaffen, die für seine Stellung unentbehrlich waren. Um seinen Anstand an den besten Vorbildern schulen zu können und die besten Modelle beständig vor Augen zu haben, habe er es für notwendig gefunden, alle öffentlichen Zusammenkunftsorte der modischen und vornehmen Welt zu frequentieren, zur fashionablen Zeit in Brighton zu sein und ein müßiges Leben in den allerbesten Kleidern zu führen. Um ihm das zu ermöglichen, habe sich die gutmütige kleine Tanzlehrerin geplagt und geschunden und würde sich heute noch plagen und schinden, wenn ihre Kräfte ausgereicht hätten, denn der Kernpunkt der Sache wäre gewesen, daß seine Frau, von seinem Anstand geblendet, trotz seiner unermeßlichen Selbstsucht an ihn geglaubt und auf ihrem Sterbebett ihn in den rührendsten Worten ihrem Sohne ans Herz gelegt hätte, als ob dieser ihm eine untilgbare Schuld abzuzahlen habe und nie mit zuviel Stolz und Ehrerbietung zu ihm aufsehen könnte. Der Sohn, der seiner Mutter Glauben geerbt und den Anstand seines Vaters stets vor Augen gehabt habe, sei mit diesen Ansichten aufgewachsen und arbeite jetzt im dreißigsten Lebensjahr zwölf Stunden täglich für ihn und blicke mit Verehrung auf zu dem alten eingebildeten Götzen. »Das Air, das sich der Kerl gibt!« sagte die alte Dame und schüttelte in sprachloser Entrüstung den Kopf gegen den alten Mr. Turveydrop, dem diese Huldigung ganz und gar entging, da er gerade seine engen Handschuhe anzog. »Er bildet sich wahrscheinlich ein, er gehöre zum Adel, und tut so herablassend gegen den Sohn, daß man ihn für den trefflichsten aller Väter halten möchte, während er ihn in Wirklichkeit jämmerlich ausnützt. O!« sagte die alte Dame mit unendlicher Heftigkeit, »beißen möchte ich dich!« Die Sache belustigte mich eigentlich, obgleich ich aus der Erzählung wirkliche Teilnahme heraushörte. Es war schwer, an der Wahrheit des Gehörten zu zweifeln, wenn man Vater und Sohn vor sich sah. Meine Augen schweiften noch von dem jungen Mr. Turveydrop, der sich so abmühte, zu dem alten Mr. Turveydrop, der sich lediglich auf die Schaustellung seiner Allüren beschränkte, als letzterer zu mir trat und mich ins Gespräch zog. Er fragte mich, ob ich London das Glück und die Auszeichnung angedeihen lassen wollte, hier zu leben. Ich hielt es nicht für notwendig, zu erwidern, ich wisse recht wohl, daß das durchaus keine Auszeichnung bedeute, sondern sagte ihm bloß, wo ich wohnte. »Eine so reizende und vollendete Dame«, sagte er, indem er seinen rechten Handschuh küßte und dann mit ihm auf die Schülerinnen deutete, »wird die Mängel hier mit Nachsicht beurteilen. Wir tun, was wir können, um Politur zu geben – Politur – Politur!« Er setzte sich neben mich und gab sich offenbar Mühe, die Haltung seines erlauchten Modells auf dem Kupferstich über dem Sofa nachzuahmen. Und wirklich, es gelang ihm so ziemlich. »Politur – Politur – Politur«, wiederholte er, nahm eine Prise und schnippte leise mit den Fingern. »Aber wir sind nicht – wenn ich so zu einer Dame, in der sich Natur und Kunst so anmutig vereinen, sprechen darf«, sagte er mit einer hochschultrigen Verbeugung und zog dabei die Brauen in die Höhe und schloß die Augen. »Wir sind nicht mehr, was wir früher im Punkte des Anstands waren.« »Wirklich, meinen Sie, Sir?« »Wir sind entartet.« Er schüttelte den Kopf, soweit ihm das seine Halsbinde erlaubte. »Eine alles nivellierende Epoche ist der Entwicklung des Anstandes nicht förderlich. Sie begünstigt das Vulgäre. Ich bin vielleicht ein wenig parteiisch. Es schickt sich vielleicht nicht für mich, wenn ich sage, daß man mich seit Jahren den Gentleman Turveydrop nennt – oder daß Seine königliche Hoheit mir die Ehre erwies, zu fragen, als ich den Hut zog, während sie aus dem Pavillon in Brighton – übrigens ein prächtiges Gebäude! – fuhr: Wer ist das? Wer zum Teufel ist das? Warum kenne ich ihn nicht? Warum hat er nicht dreißigtausend Pfund jährlich?... Aber das sind Anekdoten – in aller Mund, Maam, und hie und da immer noch unter den obern Zehntausend Gesprächsthema.« »In der Tat?« Er antwortete mit seiner hochschultrigen Verbeugung: »Wenn von dem, was von Anstand noch übrig ist, die Rede ist. England – o mein Vaterland – ist sehr entartet und sinkt von Tag zu Tag. Es sind nicht viel Gentlemen mehr übrig geblieben. Unser sind nur noch wenige. Nach uns sehe ich nichts kommen als ein Geschlecht von Webern.« »Man sollte doch glauben, daß das Geschlecht der Gentlemen hier wenigstens nicht ausgestorben ist«, sagte ich. »Sie sind sehr gütig«, lächelte er, wieder mit einer hochschultrigen Verbeugung. »Belieben zu schmeicheln. Aber nein... nein! Ich bin nie imstande gewesen, meinem armen Jungen diesen Teil seiner Kunst einzuimpfen. Der Himmel sei vor, daß ich über mein liebes Kind etwas Nachteiliges sagen sollte, aber er hat keine – keine – Allüren.« »Er scheint aber ein vortrefflicher Lehrer zu sein.« »Verstehen Sie mich recht, meine Gnädige, er ist ein vortrefflicher Lehrer. Alles, was man sich aneignen kann, hat er sich angeeignet. Alles, was man lehren kann, kann er lehren, aber es gibt gewisse Dinge...« Er nahm abermals eine Prise und verbeugte sich wieder, als ob er hinzusetzen wollte: »Das da zum Beispiel.« Ich warf einen Blick in den Saal, wo Miß Jellybys Verlobter, jetzt die Schülerinnen einzeln vornehmend, sich ärger plagte als je. »Mein liebenswürdiges Kind«, murmelte Mr. Turveydrop und richtete sich die Halsbinde. »Ihr Sohn ist unermüdlich.« »Das von solchen Lippen zu hören, ist ein Lohn für mich. In mancherlei Hinsicht tritt er in die Fußstapfen seiner seligen Mutter. Sie war voll Hingebung und Aufopferung. Ja, die Frauen, die lieblichen Frauen«, sagte er mit einer widerwärtigen Galanterie. »Man kann sie nicht genug hochhalten.« Ich stand auf und ging zu Miß Jellyby, die jetzt ihren Hut aufsetzte. Da die für eine Lektion festgesetzte Zeit reichlich um war, fand ein allgemeines Hutaufsetzen statt. Wann je Miß Jellyby und der unglückliche Prince Gelegenheit gefunden haben mochten, sich miteinander zu verloben, weiß ich nicht, aber jedenfalls fanden sie jetzt keine, auch nur ein Dutzend Worte miteinander zu sprechen. »Lieber Sohn«, fragte Mr. Turveydrop herablassend, »weißt du, wie spät es ist?« »Nein, Vater!« Der Sohn hatte keine Uhr. Der Vater zog eine schöne goldne mit einer Miene, die der Menschheit zum Beispiel dienen konnte, heraus. »Mein Sohn, es ist zwei Uhr. Vergiß nicht deine Stunde in Kensington um drei.« »Da habe ich noch Zeit genug, Vater«, sagte Prince. »Ich kann ein paar Bissen Mittagbrot im Stehen essen und dann gleich gehen.« »Mein lieber Junge«, entgegnete der Vater, »da mußt du aber rasch machen. Kalten Hammelbraten findest du auf dem Tisch.« »Ich danke, Vater. Gehst du jetzt, Vater?« »Ja, mein Sohn. Vermutlich.« Mr. Turveydrop schloß die Augen und zog die Schultern in die Höhe. »Ich muß mich jetzt wie gewöhnlich in der Stadt zeigen.« »Wäre es nicht am besten, du diniertest irgendwo außer Haus, Vater?« »Ja, liebes Kind, das beabsichtige ich auch. Ich werde mein kleines Mahl im französischen Restaurants in der Opera-Kolonnade einnehmen.« »Das ist recht. Adieu Vater!« sagte Prince und schüttelte ihm die Hand. »Adieu, mein Sohn. Gott segne dich!« Mr. Turveydrop sprach diese Worte fast in einem frommen Ton, die seinen Sohn, der beim Abschied so ehrerbietig und so stolz auf ihn war, daß es mir fast wie eine Unfreundlichkeit vorgekommen wäre, wenn man nicht unumschränkt ebenfalls an seinen Vater geglaubt hätte, sehr zu freuen schienen. Die wenigen Augenblicke, die Prince dem Abschiednehmen von uns widmen konnte – und vorzüglich von einer von uns, wie ich als Mitwisserin sehr gut merkte –, vermehrten den günstigen Eindruck, den sein harmlos kindliches Benehmen auf mich gemacht hatte. Er gefiel mir sehr, und ich sah fast mit einem Mitleid, das mich beinahe noch mehr gegen seinen Vater aufbrachte als die alte Dame mit dem kritischen Blick, wie er seine kleine Violine in die Tasche steckte – und mit ihr seinen Wunsch, noch ein klein wenig mit Caddy beisammen bleiben zu können – und resigniert zu seinem kalten Hammelfleisch und zu seiner Tanzlektion in Kensington ging. Der alte Mr. Turveydrop öffnete uns die Zimmertür und verneigte sich vor uns mit einer Grandezza, die, wie ich anerkennen muß, seinen glänzenden Allüren durchaus würdig war. In demselben Stil stolzierte er gleich darauf an der andern Seite der Straße vorüber und schlug den Weg nach dem aristokratischen Viertel der Stadt ein, wo er sich unter den wenigen noch lebenden Gentlemen zeigen wollte. Eine Zeitlang war ich so in Gedanken über das in Newmanstreet Gehörte und Gesehene verloren, daß ich gänzlich außerstande war, mit Caddy zu sprechen oder dem, was sie mir erzählte, meine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Besonders, als ich mich innerlich fragte, ob es jemals andre Gentlemen als Tanzlehrer gegeben habe, die nur von Anstand gelebt und ihren Ruhm darauf begründet hätten. Das verwirrte mich so sehr und enthüllte mir die Möglichkeit der Existenz so vieler Mr. Turveydrops, daß ich zu mir sagte: »Esther, weg mit diesen Gedanken. Du mußt jetzt auf Caddy hören.« Und das tat ich, und wir plauderten den ganzen Weg bis Lincoln's-Inn. Sie erzählte mir, ihres Verlobten Erziehung sei so vernachlässigt worden, daß es ihr manchmal schwer falle, seine Briefe zu entziffern. Sie sagte, wenn er wegen seiner Orthographie nicht so ängstlich wäre und sich weniger Mühe damit gäbe, täte er besser, aber er brächte oft so viel unnötige Buchstaben in kurzen Wörtern an, daß sie manchmal ganz ihr englisches Aussehen verlören. »Er tut es in der besten Absicht«, bemerkte sie. »Aber es hat nicht die Wirkung, die er beabsichtigt; der arme Junge.« Sie erging sich sodann in Erklärungen, daß man von ihm doch auch keine Bildung verlangen könne, da er sein ganzes Leben in der Tanzschule zugebracht und nichts andres getan habe als lehren und sich abplagen, sich abplagen und lehren von morgens früh bis abends spät! Und was läge schließlich daran! Sie könne Briefe genug für beide schreiben, sie habe es auf ihre Kosten erfahren, und es sei viel besser für ihn, liebenswürdig als gelehrt zu sein. »Übrigens bilde ich mir auch nicht ein, ein gebildetes Mädchen zu sein, das ein Recht hätte, darüber die Nase zu rümpfen«, sagte sie. »Ich weiß wahrhaftig selbst wenig genug, dank meiner Erziehung.« »Etwas muß ich Ihnen noch erzählen, solange wir allein sind«, fuhr sie unterwegs fort, »was ich Ihnen nicht gern gesagt hätte, bevor Sie Prince gesehen haben, Miß Summerson! Sie wissen, wie es bei uns zu Hause zugeht. Bei uns etwas lernen zu wollen, was für mich als Princes Frau von Nutzen sein könnte, ist unmöglich. Bei uns herrscht ein solches Durcheinander, daß es einfach nicht geht. Und ich war immer noch mehr entmutigt, wenn ich es versucht habe. So übe ich mich jetzt ein wenig ... bei wem glauben Sie wohl?... bei der armen Miß Flite! Ganz früh am Morgen helf ich ihr das Zimmer aufräumen und die Vögel besorgen; dann koche ich ihr den Kaffee – sie hat es mich natürlich lehren müssen –, und ich habe ihn so gut kochen gelernt, daß Prince behauptet, es sei der allerbeste, den er jemals gekostet hat, und würde sogar den alten Mr. Turveydrop, der hinsichtlich Kaffee sehr eigen ist, in Entzücken versetzen. Ich kann auch kleine Puddings machen und weiß schon, wie man einen Hammelrücken, Tee und Zucker und Butter und andre zum Haushalt gehörige Dinge einkauft. Mit der Nadel bin ich noch nicht besonders geschickt«, sie warf einen Blick auf die Ausbesserungen an Peepys Frack, »aber vielleicht kann ich mich darin noch vervollkommnen. Seit ich mit Prince verlobt bin und mich mit allen diesen Dingen beschäftige, glaube ich besser aufgelegt und Ma gegenüber versöhnlicher gestimmt zu sein. Heute morgen packte es mich wieder, als ich Sie und Miß Clare so nett und hübsch aussehen fand und mich über Peepy und mich selbst schämen mußte, aber im großen ganzen, glaube ich, bin ich besserer Laune als früher und versöhnlicher gegenüber Ma.« Es rührte mich tief, zu hören, wie sehr sich das arme Mädchen bemühte. »Liebe Caddy«, sagte ich, »ich fühle mich sehr zu Ihnen hingezogen und hoffe, wir werden bald die besten Freundinnen sein.« »Ach wirklich?« rief Caddy. »Wie glücklich mich das machen würde.« »Liebe Caddy, wir wollen gleich von jetzt an Freundinnen und du und du sein und recht oft über diese Sachen plaudern und versuchen, uns darin zurechtzufinden, ja?« Caddy war außer sich vor Freude. Ich sagte ihr in meiner altmodischen Weise alles Mögliche, um sie zu trösten und zu ermutigen, und hätte es an diesem Tage nicht übers Herz gebracht, etwas Nachteiliges über den alten Mr. Turveydrop zu sagen. Wir hatten jetzt Mr. Krooks Haus erreicht und sahen den Privateingang offen stehen. Am Türpfosten klebte ein Zettel des Inhalts, daß im zweiten Stock ein Zimmer zu vermieten sei. Caddy erzählte mir, während wir die Treppe hinaufgingen, man habe einen plötzlichen Todesfall im Hause gehabt und Totenschau, und unsre kleine Freundin sei vor Schrecken krank geworden. Da Tür und Fenster des leeren Zimmers offen standen, blickten wir hinein. Es war das Zimmer mit der dunkeln Tür, auf die Miß Flite bei meiner letzten Anwesenheit im Haus so geheimnisvoll meine Aufmerksamkeit gelenkt hatte. – Was für ein trauriger und unwohnlicher Raum es war; ein düsterer, trauervoller Ort, der in mir ein seltsames Gefühl von Leid und sogar von Furcht erweckte. – »Du siehst blaß aus«, sagte Caddy, als wir heraustraten. »Ist dir kalt?« – Mich hatte tatsächlich im Zimmer ein Schauer überlaufen. Wir waren bei unsern Gesprächen so langsam gegangen, daß mein Vormund und Ada schon vor uns angekommen waren. Wir fanden sie in Miß Flites Dachstübchen. Sie besahen sich die Vögel, während ein Arzt, der so gutherzig war, Miß Flite mit großer Teilnahme und Sorgfalt zu behandeln, freundlich mit ihr am Kamin sprach. »Meine ärztliche Behandlung ist zu Ende«, sagte er und trat vor. »Miß Flite befindet sich bereits viel besser und kann morgen wieder im Gericht erscheinen, wenn ihr soviel daran liegt. Wie ich höre, hat man sie dort sehr vermißt.« Miß Flite nahm das Kompliment wohlgefällig auf und machte uns einen gemeinsamen Knicks. »Sehr geehrt, abermals die Mündel in Sachen Jarndyce bei mir zu sehen!« sagte sie. »Se-hr glücklich, Jarndyce von Bleakhaus unter meinem bescheidnen Dach zu empfangen!« Sie knickste. »Meine liebe Fitz-Jarndyce«, – diesen Namen hatte sie sich für mich ausgedacht – »seien Sie mir doppelt willkommen.« »Ist sie sehr krank gewesen?« fragte Mr. Jarndyce den Arzt. Sie antwortete selbst, obgleich mein Vormund nur leise flüsternd gesprochen hatte. »Oh, entschieden unpäßlich! Oh, sehr unpäßlich«, sagte sie vertraulich. »Kein Schmerz, Sie verstehen... Aufregung! Nicht so sehr körperlich, als nervös – nervös! Die Sache ist«, erklärte sie uns mit unterdrückter, bebender Stimme, »wir hatten einen Todesfall hier. Es war Gift im Hause. Ich bin solchen schrecklichen Dingen gegenüber außerordentlich empfindlich. Es entsetzte mich. Nur Mr. Woodcourt weiß, wie sehr. Mein Arzt, Mr. Woodcourt«, stellte sie mit großer Förmlichkeit vor, »die Mündel in Sachen Jarndyce – Jarndyce von Bleakhaus – Fitz-Jarndyce.« »Miß Flite«, sagte Mr. Woodcourt mit ernster, wohlwollender Stimme, als wende er sich an sie, während er zu uns sprach und seine Hand sanft auf ihren Arm legte. »Miß Flite beschreibt ihre Krankheit mit ihrer gewohnten Akkuratesse. Ein Vorfall im Hause hat sie erschüttert, der eine stärkere Person als sie hätte stark mitnehmen müssen. Und sie wurde vor lauter Aufregung und Trübsal krank. In der ersten Hast der Entdeckung brachte sie mich hierher. Leider zu spät, um dem Unglücklichen noch helfen zu können. Ich habe mich für diese Enttäuschung dadurch entschädigt, daß ich seitdem hierher kam und ihr ein wenig nützlich gewesen bin.« »Der freundlichste Arzt vom ganzen Kollegium«, wisperte mir Miß Flite zu. »Ich erwarte ein Urteil am Tag des Gerichts. Und dann werde ich Güter verschenken.« »Miß Flite wird in ein paar Tagen wieder gesund und wohlauf sein«, sagte Mr. Woodcourt und sah sie mit einem prüfenden Lächeln an. »Mit andern Worten, wieder ganz auf dem Damm. Haben Sie gehört, welches Glück sie gehabt hat?« »Ein ganz außerordentliches Glück«, bestätigte Miß Flite mit strahlendem Gesicht. »Denken Sie nur, jeden Samstag übergibt mir Konversations-Kenge oder Guppy – bei Konversations-K. – ein Kuvert mit Schillingen – mit Schillingen! Ja, ja, Sie dürfen mir's glauben! Immer die gleiche Anzahl ist im Kuvert. Immer einer für jeden Tag in der Woche. Jetzt wissen Sie es. Und gerade zur rechten Zeit gekommen, nicht wahr? Jaaaa! Woher, glauben Sie wohl, kommen diese Kuverts? Das ist die große Frage. Natürlich. Soll ich Ihnen sagen, was ich glaube? Ich glaube«, sie trat mit einem schlauen Blick zurück und hielt den rechten Zeigefinger höchst bedeutsam in die Höhe, »daß der Lordkanzler in Hinblick auf die Länge der Zeit, wo das Große Siegel geöffnet ist – denn es ist schon sehr lange geöffnet –, das Geld schickt. Bis das Urteil, das ich erwarte, erfolgt. Das ist sehr anerkennenswert, sehen Sie. Auf diese Weise einzugestehen, daß der Prozeß sich wirklich etwas langsam für das irdische Leben abwickelt. So zartfühlend! Als ich neulich im Gerichtssaal war – ich wohne den Sitzungen regelmäßig bei mit meinen Dokumenten –, stellte ich ihn zur Rede, und er gestand fast. Das heißt, ich lächelte ihn von meiner Bank aus an und er lächelte mich von seiner Bank aus an. Aber ist es nicht ein großes Glück, wie? Und meine junge Freundin verwendet das Geld für mich so vorteilhaft. Oh, ich versichere Ihnen, außerordentlich vorteilhaft!« Sie hatte sich an mich gewendet, und ich wünschte ihr Glück und weitere Vermehrung ihres Einkommens und eine recht lange Dauer desselben. Ich brauchte mir nicht den Kopf zu zerbrechen, aus welcher Quelle es kam und wer so menschenfreundlich war. Mein Vormund stand vor mir und besah sich die Vögel, und ich brauchte nicht weit zu suchen. »Und wie heißen die kleinen Burschen, Maam?« fragte er mit seiner sympathischen Stimme. »Haben sie Namen?« »Ich kann für Miß Flite bejahen«, sagte ich, »denn sie versprach uns neulich, sie uns zu nennen. – Ada, weißt du noch?« Ada erinnerte sich noch sehr gut. »So, tat ich das?« sagte Miß Flite. »Halt! Wer ist dort an meiner Tür? Was horchen Sie an meiner Tür, Krook?« Der Alte stieß die Türe auf und erschien, die Pelzmütze in der Hand, begleitet von seiner Katze, auf der Schwelle. »Ich hab nicht gehorcht, Miß Flite. Ich wollte eben klopfen, aber Sie geben so scharf acht.« »Jagen Sie Ihre Katze hinaus. Fort!« rief die alte Dame heftig aus. »Bah, bah. Es besteht keine Gefahr, meine Herrschaften«, beruhigte sie Mr. Krook und sah uns alle der Reihe nach lange und scharf an. »Sie wird, wenn ich hier bin, auf die Vögel nicht losgehen – wenn ich sie nicht hetze.« »Sie müssen meinen Hauswirt entschuldigen«, flüsterte Miß Flite mit würdevoller Miene. »Ver-, ganz ver-! Was wollen Sie denn, Krook? Sie sehen doch, daß ich Gesellschaft habe.« »Hi«, sagte der Alte. »Sie wissen, ich bin der 'Kanzler'.« »Nun, und? Was weiter?« »Daß dem Kanzler«, kicherte der Alte, »ein Jarndyce unbekannt bleiben sollte, wäre seltsam, nicht wahr, Miß Flite? Darf ich mir nicht die Freiheit nehmen? Ihr Diener, Sir. Ich kenne 'Jarndyce kontra Jarndyce' fast so genau wie Sie selbst, Sir. Ich kannte den alten Squire Tom, Sir, aber soviel ich mich erinnern kann, habe ich Sie noch nie gesehen. Nicht einmal im Gerichtshof. Und ich bin doch unendlich oft im Lauf des Jahres dort.« »Ich gehe nie hin«, entgegnete Jarndyce. »Ich würde lieber – ich weiß nicht wohin gehen.« »Wirklich?« grinste Krook. »Sie sind schlecht auf meinen vornehmen und gelehrten Bruder zu sprechen, Sir; wenn das auch vielleicht bei einem Jarndyce ganz natürlich ist. Ein gebranntes Kind, Sir!... Was, Sie sehen sich die Vögel meiner Mieterin an, Mr. Jarndyce?« Er war ganz langsam immer weiter ins Zimmer hereingekommen und berührte jetzt meinen Vormund mit dem Ellbogen und sah ihm mit seinen bebrillten Augen scharf ins Gesicht. »Es ist eine ihrer Wunderlichkeiten, daß sie niemals die Namen dieser Vögel nennt, wenn sie es vermeiden kann. Aber jeder einzelne hat seinen Namen!« Er sagte das leise flüsternd. »Soll ich sie herzählen, Flite?« fragte er dann laut, zwinkerte uns zu und deutete auf sie, während sie sich hastig abwendete und sich stellte, als kehre sie den Herd. »Wenn Sie wollen«, gab sie hastig zur Antwort. Der Alte warf uns wieder einen Blick zu, spähte zu den Käfigen hin und ging dann die Liste durch. »Hoffnung, Freude, Jugend, Friede, Ruhe, Leben, Staub, Asche, Verschwendung, Mangel, Ruin, Verzweiflung, Wahnsinn, Tod, List, Torheit, Faselei, Perücke, Pergament, Plunder, Präzedenz, Jargon, blauer Dunst und Larifari – das ist die ganze Reihe. Alle von meinem vornehmen und gelehrten Bruder zusammen in einen Käfig gesperrt.« »Ein böser Wind!« murmelte mein Vormund. »Wenn mein vornehmer und gelehrter Bruder das Urteil fällt, sollen sie freigelassen werden«, sagte Krook und zwinkerte uns wieder zu. »Und dann«, setzte er flüsternd und zähnefletschend hinzu, »wenn das geschieht – es geschieht natürlich nie –, dann werden sie von den andern Vögeln, die niemals in Gefangenschaft gewesen sind, totgebissen.« »Wenn jemals Ostwind war«, sagte mein Vormund und stellte sich, als sähe er zum Fenster hinaus nach der Wetterfahne, »so haben wir heute welchen.« Es wurde uns außerordentlich schwer, wegzukommen. Nicht Miß Flite hielt uns auf – das kleine Geschöpf war so verständig in der Berücksichtigung der Wünsche andrer wie nur möglich –, Mr. Krook tat es. Er schien sich gar nicht von Mr. Jarndyce losmachen zu können. Wenn er an ihn angekettet gewesen wäre, hätte er sich kaum dichter an ihn halten können. Er schlug uns vor, uns seinen Kanzleigerichtshof und das seltsame Durcheinander, das er enthielt, zu zeigen. Während der ganzen Besichtigung, die er geflissentlich in die Länge zog, blieb er immer dicht neben Mr. Jarndyce und hielt ihn unter allen möglichen Vorwänden auf, bis wir voraus waren, als quäle ihn eine Neigung, von irgendeinem Geheimnis zu sprechen, ohne daß er sich entschließen könnte, davon anzufangen. Ich kann mir kein Gesicht und kein Benehmen denken, das einen deutlicheren Ausdruck von Vorsicht und Unentschlossenheit und dem beständigen Drange trug, irgend etwas, was ihm auf der Zunge lag, zu sagen, als Mr. Krooks Gesicht und Benehmen an diesem Tag. Ununterbrochen belauerte er meinen Vormund. Er wendete kein Auge von ihm. Wenn er neben ihm ging, betrachtete er ihn mit der Schlauheit eines alten, weißhaarigen Fuchses. Wenn er vorausging, sah er sich um nach ihm. Standen wir still, pflanzte er sich ihm gegenüber auf und fuhr mit der Hand immer wieder langsam über den offenen Mund mit dem seltsamen Ausdruck eines gewissen Machtbewußtseins, rollte die Augäpfel in die Höhe und runzelte die grauen Augenbrauen, bis sie zusammenzustoßen schienen. Jede Linie im Gesicht meines Vormunds schien er zu studieren. Endlich, nachdem wir überall im Hause gewesen waren, immer von der Katze begleitet, und den ganzen kuriosen Vorrat von allerlei Waren gesehen hatten, führte er uns in den rückwärtigen Teil des Ladens. Hier bemerkten wir auf einem aufrechtstehenden leeren Fasse eine Tintenflasche, ein paar alte Federstümpfe und einige schmutzige Theaterzettel. An die Wand waren mehrere großgedruckte Alphabete in verschiednen Kurrentschriften geklebt. »Was machen Sie hier?« fragte mein Vormund. »Versuche lesen und schreiben zu lernen.« »Und wie kommen Sie damit zurecht?« »Langsam. Schlecht«, gab Mr. Krook ungeduldig zur Antwort. »Es ist schwer in meinen Jahren.« »Sie würden sich leichter tun, wenn Sie sich von jemand unterrichten ließen.« »Ja, aber man könnte es mich absichtlich falsch lehren«, entgegnete der Alte mit einem sonderbar argwöhnischen Aufleuchten in seinen Augen. »Ich weiß nicht, was ich dabei verloren habe, daß ich es nicht früher gelernt habe. Ich möchte jetzt nicht gern dadurch zu Schaden kommen, daß mich's einer falsch lehrte.« »Falsch?« fragte mein Vormund mit seinem gutgelaunten Lächeln. »Bitte Sie, wer sollte das tun!« »Ich weiß es nicht, Mr. Jarndyce von Bleakhaus«, gab der Alte zur Antwort, schob sich die Brille auf die Stirn hinauf und rieb sich die Hände. »Ich glaube nicht gerade, daß es jemand tun würde... Aber ich traue doch lieber mir selbst als einem andern.« Diese Antworten und sein ganzes Wesen waren seltsam genug, um meinem Vormund Anlaß zu geben, während wir durch Lincoln's-Inn schritten, Mr. Woodcourt zu fragen, ob Mr. Krook wirklich, wie seine Mieterin behauptete, verrückt sei. Der junge Arzt sagte, er habe durchaus keinen Grund, das anzunehmen. Krook sei nur außerordentlich mißtrauisch wie die meisten ungebildeten Leute und gewöhnlich mehr oder weniger von Gin berauscht. Er trinke ihn in großen Mengen und er und sein Ladenstübchen röchen sehr stark danach, wie wir selbst wohl schon bemerkt hätten, aber für verrückt halte er ihn keineswegs. Auf dem Nachhauseweg gewann ich mir Peepys Liebe so sehr durch das Geschenk einer Windmühle und zweier Mehlsäcke, daß er sich von niemand anders Hut und Handschuhe abnehmen lassen und beim Essen nur neben mir sitzen wollte. Caddy saß zwischen mir und Ada, der wir die ganze Geschichte unsres Freundschaftsbündnisses gleich nach unsrer Heimkehr mitteilten. Wir nahmen uns Caddys und auch Peepys so sehr an, daß sie vor Freude strahlten. Mein Vormund nahm an unsrer Fröhlichkeit teil, und wir alle waren heiter und lustig, bis spät abends Caddy in einer Droschke nach Hause fuhr, auf dem Schoße den fest schlafenden Peepy, der immer noch die Windmühle umklammerte. Ich habe zu erwähnen vergessen – zum mindesten nicht erwähnt –, daß Mr. Woodcourt derselbe dunkelhaarige junge Chirurg war, den wir bereits bei Mr. Badger getroffen –, daß Mr. Jarndyce ihn zu Tisch eingeladen und er die Einladung angenommen hatte, – und auch, daß, als alle fort waren und ich Ada aufforderte: »Nun, Liebling, laß uns ein wenig von Richard plaudern«, sie gelacht und gesagt hatte... Aber ich glaube, es kommt nicht auf das an, was mein Liebling gesagt hat. Sie war doch immer scherzhaft aufgelegt. 15. Kapitel Bell Yard Während unsres Aufenthaltes in London war Mr. Jarndyce beständig von der Schar der leicht erregbaren Damen und Herren umlagert, deren Unternehmungslust uns schon in Bleakhaus so in Erstaunen gesetzt hatte. Mr. Quale, der sich bald nach unsrer Ankunft vorstellen kam, kannte alle persönlich. Er schien die zwei glänzenden Beulen von Schläfen in alles hineinzustecken, was vorging, und sein Haar immer weiter und weiter zurückzubürsten, bis sogar die Wurzeln in nicht zu befriedigender Philantropie aus der Kopfhaut zu dringen schienen. Um was es sich handelte, war ihm ganz gleich, aber ganz besonders bereitwillig zeigte er sich bei Anlässen, wo es darum ging, irgend jemandes Lobeshymne zu singen. Seine Hauptstärke schien in der Gabe zu liegen, andre rückhaltlos zu bewundern. Er konnte mit dem größten Genuß beliebig lang dasitzen und seine Schläfen im Glanze jedes beliebigen großen Lichtes baden. Als ich ihn das erste Mal ganz in Bewunderung der Mrs. Jellyby versunken gesehen, hatte ich geglaubt, sie sei der alles andre verdrängende Gegenstand seiner Verehrung. Aber bald entdeckte ich meinen Irrtum und fand, daß er der Schleppenträger und Herold für eine ganze Prozession von Leuten war. Mrs. Pardiggle besuchte uns eines Tages wegen einer Subskription für irgend etwas – und mit ihr Mr. Quale. Was auch Mrs. Pardiggle sagte, Mr. Quale wiederholte es. Und wie er uns seiner Zeit Mrs. Jellyby vorgeführt hatte, führte er uns jetzt Mrs. Pardiggle vor. Mrs. Pardiggle hatte ihrem beredten Freund Mr. Gusher einen Empfehlungsbrief an meinen Vormund mitgegeben. Mit Mr. Gusher kam abermals Mr. Quale. Mr. Gusher, ein sulzartig aussehender Herr mit einem schwitzenden Gesicht und Augen, die, für sein Vollmondantlitz viel zu klein, ursprünglich einem andern gehört zu haben schienen, war auf den ersten Blick nicht einnehmend; aber kaum hatte er sich gesetzt, fragte schon Mr. Quale Ada und mich ziemlich hörbar, ob er nicht ein großer Mann sei – was hinsichtlich seiner Aufgedunsenheit allerdings der Fall war, obgleich Mr. Quale Größe in geistiger Hinsicht meinte – und ob uns nicht der massive Bau der Stirn auffalle. Kurz, wir hörten von Missionen jeder Gattung unter diesen Leuten sprechen, aber nichts kam uns nur halb so deutlich zum Bewußtsein, als daß es Mr. Quales Mission war, über jedes andern Mission in Ekstase zu geraten, und daß das offenbar die populärste Mission von allen war. Mr. Jarndyce, in seiner Herzensgüte und immer von dem Wunsch beseelt, alles Gute, was in seiner Macht stand, zu tun, trat diesen Gesellschaften zwar bei, aber er gestand offen zu, daß sie ihm oft als eine recht unzulängliche Institution erschienen, in der die Wohltätigkeit sich in Form von Krämpfen betätige, wobei marktschreierische Philantropen und Spekulanten in billiger Berühmtheit, groß im Wort, ruhelos und eitel im Handeln, kriecherisch nach oben, lobhudelnd gegen einander und unduldsam gegen die, die gern im stillen die Schwachen vor dem Falle schützten, anstatt sie lärmend und mit großem Selbstlob ein wenig aufzuheben, wenn sie schon gefallen waren, – die christliche Barmherzigkeit wie eine Uniform zur Schau trugen. Als Mr. Gusher ein Ehrengeschenk für Mr. Quale vorschlug, der früher bereits eins für ihn angeregt hatte, und anderthalb Stunden über dieses Thema vor einer Versammlung sprach, der zwei Knaben- und Mädchenklassen aus der Armenschule beiwohnten, die, ein lebendes Beispiel, an das Gleichnis vom Scherflein der Witwe erinnerten, aber nichtsdestoweniger aufgefordert wurden, ihre Halfpence zum Opfer zu bringen, glaubte ich wirklich, der Wind würde drei Wochen lang aus Osten wehen. Ich erwähne dies, weil ich auf Mr. Skimpole zu sprechen kommen will. Es schien mir, als ob seine ungezwungene Kindlichkeit und Sorglosigkeit im Gegensatz zu allen diesen Leuten ein großer Lichtblick für meinen Vormund wären, der eben dieses Gegensatzes wegen um so bereitwilliger an ihn glaubte. Es mußte ihm Freude machen, unter so vielen Andersgearteten einen so vollkommen arglosen und aufrichtigen Menschen zu finden. Es täte mir leid, wenn ich damit vielleicht den Verdacht erwecken sollte, Mr. Skimpole habe dies durchschaut und sich politisch benommen. Ich habe ihn nie genügend kennengelernt, um das zu wissen. Wie er sich zu meinem Vormund benahm, so benahm er sich bestimmt gegen jedermann. Er war nicht ganz wohl gewesen und hatte sich, obgleich er in London wohnte, bis dahin noch nicht bei uns blicken lassen. Eines Morgens aber erschien er in seiner gewöhnlichen gewinnenden Art und so heiter wie je. »Also da bin ich«, sagte er. Er habe an der Galle gelitten, aber reiche Leute litten daran oft, und deshalb habe er sich eingeredet, er sei vermögend. Und das sei er in gewisser Hinsicht... In seinen großzügigen Absichten nämlich. Er habe seinen Arzt auf die verschwenderischste Weise beschenkt und sein Honorar stets verdoppelt und manchmal sogar vervierfacht. »Mein lieber Doktor«, habe er zu ihm gesagt, »Sie täuschen sich vollkommen, wenn Sie glauben, Sie behandelten mich umsonst. Ich überschütte Sie mit Geld – in Gedanken –, wenn Sie es nur wüßten«, und wirklich, sagte er, sei es ihm damit so ernst, daß er glaube, es käme ganz auf dasselbe heraus, ob er es in Wirklichkeit tue oder anders. Wenn er die gewissen kleinen Metallscheiben oder die dünnen Papierzettel, auf die das Menschengeschlecht so großen Wert legt, dem Arzt in die Hand hätte drücken können, würde er es selbstverständlich getan haben. Da er sie nicht besäße, setze er den Willen für die Tat. Sehr gut! Wenn er es wirklich wolle, und sein Wille sei echt und wahr – und das sei er –, so scheine ihm das ebensogut wie Geld zu sein, um die Schuld zu tilgen. »Vielleicht kommt das daher, weil ich den Wert des Geldes nicht kenne«, sagte er. »Aber ich habe das Gefühl. Es kommt mir so vernünftig vor! Mein Fleischer sagte eines Tages zu mir, er wolle seine kleine Rechnung bezahlt sehen. Es liegt eine hübsche unbewußte Poesie in der Natur dieses Mannes, daß er stets von einer kleinen Rechnung spricht, um uns beiden die Bezahlung als etwas Leichtes erscheinen zu lassen. Ich antwortete dem Fleischer: 'Guter Freund, eigentlich sind Sie schon bezahlt, nur wissen Sie es nicht. Sie hätten sich dann gar nicht erst die Mühe zu machen brauchen, wegen der kleinen Rechnung hierher zu kommen. Sie sind doch eigentlich schon bezahlt.'« »Aber angenommen«, fragte mein Vormund lachend, »er hätte das Fleisch auch nur im Geiste gebracht?« »Mein lieber Jarndyce, Sie setzen mich in Erstaunen. Sie denken sich nur in die Lage des Fleischers. Ein Fleischer, mit dem ich einmal zu tun hatte, verfocht dieselbe Ansicht. Er sagte: 'Sir, warum haben Sie jungen Lammsbraten zu achtzehn Pence das Pfund gegessen?' – 'Warum ich jungen Lammsbraten zu 18 d. das Pfund gegessen habe, mein würdiger Freund?' sagte ich, natürlich erstaunt über die Frage. 'Ich esse eben gern jungen Lammsbraten!' Das war soweit überzeugend. – 'Gut, Sir', sagte er, 'was, wenn ich auch nur vorgehabt hätte, das Lamm zu bringen, so wie Sie, das Geld zu bezahlen?' – 'Guter Mann', sagte ich, 'wir wollen die Sache besprechen wie vernünftige Menschen. Wie hätte das sein können, es war doch unmöglich. Sie hatten das Lamm und ich hatte das Geld nicht. Sie konnten vorhaben, das Lamm zu schicken, denn Sie hatten eins, ich konnte nicht beabsichtigen, das Geld zu zahlen, denn ich hatte keins !' Darauf wußte er kein Wort zu erwidern. Damit war die Sache erledigt.« »Verklagte er Sie nicht?« fragte mein Vormund. »Ja, er verklagte mich. Aber darin ließ er sich von der Leidenschaft leiten und nicht von der Vernunft. Übrigens, Leidenschaft. Das erinnert mich an Boythorn. Er schreibt mir, daß Sie und die Damen ihm einen kurzen Besuch in seiner Junggesellenwirtschaft in Lincolnshire versprochen hätten.« »Er hat meine beiden Mädchen sehr gern«, bestätigte Mr. Jarndyce, »und ich habe auch in ihrem Namen zugesagt.« »Die Natur vergaß bei ihm den mildernden Schatten, glaube ich«, bemerkte Mr. Skimpole, zu Ada und mir gewendet. »Ein wenig zu stürmisch – wie das Meer. Ein wenig zu wild – wie ein Stier, der sich in den Kopf gesetzt hat, alles für scharlachrot zu halten. Aber ich gestehe ihm so eine Art Schmiedehammerverdienst immerhin zu.« Es würde mich wirklich gewundert haben, wenn die beiden viel von einander gehalten hätten; Mr. Boythorn, der allen Dingen soviel Wichtigkeit beilegte, und Mr. Skimpole, der sich überhaupt um nichts kümmerte. Außerdem war mir nicht entgangen, daß Mr. Boythorn mehr als ein Mal nahe daran gewesen war, seiner Meinung sehr stark Ausdruck zu verleihen, wenn auf Mr. Skimpole die Rede kam. Natürlich hatte ich mich einfach Adas Äußerung angeschlossen, er habe uns gefallen. »Er hat mich eingeladen«, fuhr Mr. Skimpole fort. »Und wenn sich ein Kind solchen Händen anvertraut, wie es gegenwärtig der Fall ist, wo es die vereinte Zärtlichkeit zweier Engel als Wache neben sich sieht, so ist keine Gefahr dabei. Er erbietet sich, die Hin- und Herreise zu bezahlen. Ich vermute, es kostet Geld! Schillinge wahrscheinlich! Oder Pfunde? Übrigens: Coavinses! Sie erinnern sich doch an unsern Freund Coavinses, Miß Summerson?« Er fragte mich, wie es ihm gerade in den Kopf kam, fröhlich und unbefangen und ohne die mindeste Verlegenheit. »Gewiß.« »Coavinses ist von dem großen Landvogt verhaftet worden. Er wird das Sonnenlicht nie mehr maßregeln.« Ich war ordentlich betroffen, das zu hören, denn ich hatte mir bereits unwillkürlich das Bild des Mannes, wie er bei uns auf dem Sofa gesessen und sich die Stirne abgewischt, ins Gedächtnis zurückgerufen. »Sein Nachfolger sagte es mir gestern. Er ist jetzt in meinem Hause – hat darauf Beschlag gelegt, so glaube ich, nennt er es. Er kam gestern zum Geburtstag meiner blauäugigen Tochter. Ich stellte ihm vor, das sei widersinnig und unpassend. 'Wenn Sie eine Tochter mit blauen Augen hätten, würde es Ihnen gefallen, wenn ich uneingeladen zu ihrem Geburtstag käme?' fragte ich ihn. Aber er blieb doch.« Mr. Skimpole lachte über diese liebenswürdige Absurdität und schlug einige Akkorde auf dem Piano an, an dem er saß. »Und er sagte mir«, fuhr er fort und griff nach jedem Wort einen Akkord, »daß Coavinses... drei Kinder... keine Mutter... Und da Coavinses' Gewerbe – unpopulär ist, sind die kleinen Coavinses sehr schlimm daran...« Mr. Jarndyce stand auf, fuhr sich durch die Haare und begann ruhelos im Zimmer auf und ab zu gehen. Mr. Skimpole spielte die Melodie eines von Adas Lieblingsliedern. Ada und ich blickten Mr. Jarndyce an und glaubten zu wissen, was in seiner Brust vorging. Nachdem er auf und ab gegangen, still gestanden und verschiedne Male aufgehört hatte, sich den Kopf zu reiben, und immer wieder damit angefangen hatte, legte er die Hand auf die Tasten und wehrte Mr. Skimpole, weiterzuspielen. »Ich mag das nicht, Skimpole«, sagte er gedankenvoll. Mr. Skimpole, der bereits wieder an etwas ganz andres dachte, blickte überrascht auf. »Der Mann war notwendig«, fuhr mein Vormund fort und ging in dem kleinen Raum zwischen Piano und Wand auf und ab und rieb sich das Haar am Hinterkopf in die Höh, daß es aussah, als habe es der Ostwind emporgeblasen. »Der Mann war notwendig. Wenn wir schon solche Berufe durch unsre Fehler oder durch unsern Mangel an Lebenserfahrung oder durch unsre Unfälle zur Notwendigkeit machen, so dürfen wir den Trägern derselben dann nichts nachtragen. Es war nichts Verwerfliches in seinem Beruf. Er ernährte seine Kinder damit. Man sollte sich da genauer erkundigen.« »Ach so, Coavinses!« rief Mr. Skimpole, der endlich merkte, worum es sich handelte. »Nichts leichter. Ein Gang nach Coavinses' Hauptquartier, und Sie können alles erfahren, was Sie wünschen.« Mr. Jarndyce nickte uns zu, die wir bloß auf das Signal warteten. »Kommt! Wir wollen einmal hingehen, liebe Kinder. Warum nicht einmal auch dorthin.« Wir waren rasch fertig und gingen aus, und Mr. Skimpole begleitete uns und hatte viel Vergnügen an der Expedition. Es sei ein Hauptspaß für ihn, sagte er, einmal seinerseits Coavinses suchen zu gehen, anstatt umgekehrt. Er führte uns zuerst nach Cursitor Street, Chancery-Lane, zu einem Haus mit vergitterten Fenstern, das er Coavinses' Raubschloß nannte. Wir klingelten, und ein unglaublich häßlicher Bursche kam aus einer Art Kanzleistube heraus und musterte uns über ein mit Spitzen versehenes Pförtchen hinüber. »Was wünschen Sie?« fragte er und preßte sein Kinn zwischen zwei Stacheln. »Es war ein Gerichtsvollzieher hier, der jetzt tot ist«, sagte Mr. Jarndyce. »Ja. Nun, und?« »Wir möchten gern seinen Namen wissen.« »Hieß Necken«, sagte der Bursche. »Und seine Adresse?« »Bell Yard. Krämerladen linker Hand. Firma Blinder.« »War er... Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll«, brummte mein Vormund. »War er fleißig?« »Neckett? – Na, und ob. War immer auf der Lauer. Blieb auf seinem Posten an einer Straßenecke acht bis zehn Stunden lang in einem Strich, wenn er's mal übernommen hatte.« »Er hätte Schlimmeres tun können«, hörte ich meinen Vormund murmeln. »Er hätte es übernehmen können und dann faulenzen. Danke. Weiter brauch ich nichts zu wissen.« Wir verließen den Burschen, der, den Kopf auf eine Seite geneigt, die Arme auf die Pforte gelegt, die Spitzen des Gitters streichelte, und gingen nach Lincoln's-Inn zurück, wo Mr. Skimpole, der sich nicht näher an Coavinses herangetraut hatte, auf uns wartete. Dann gingen wir nach Bell Yard, einem schmalen Hof nicht weit davon. Wir fanden bald den Krämerladen und in ihm eine gutmütig aussehende alte Frau, mit Wassersucht oder Asthma oder beiden Krankheiten zusammen behaftet. »Necketts Kinder?« wiederholte sie meine Frage. »Jawohl, Miß. Drei Treppen hoch, wenn's gefällig ist. Die Tür gerade der Treppe gegenüber.« Und sie reichte mir einen Schlüssel über den Ladentisch hinüber. Ich sah den Schlüssel an und sah sie an; aber sie schien es für selbstverständlich zu halten, daß ich wisse, was ich damit zu tun habe. Da er nur für die Tür der Kinder bestimmt sein konnte, verließ ich den Laden, ohne weiter zu fragen, und ging die dunkle Treppe hinauf voran. Wir traten so leise wie möglich auf, aber da wir zu viert waren, machten wir doch einigen Lärm auf den alten Stufen, und als wir den zweiten Stock erreichten, entdeckten wir, daß wir einen Mann gestört hatten, der jetzt aus seiner Zimmertür schaute. »Zu Gridley wollen Sie wohl«, sagte er und fixierte uns zornig. »Nein, Sir. Wir gehen höher hinauf.« Er sah Ada und Mr. Jarndyce und Mr. Skimpole der Reihe nach, wie sie vorübergingen und mir folgten, mit demselben zornigen Blick an. Mr. Jarndyce wünschte ihm guten Tag. »Guten Tag!« antwortete er kurz und barsch. Er war ein langer blasser Mann mit sorgenschwerem Haupt, auf dem nur noch sehr wenig Haar war, mit tief gefurchtem Gesicht und hervorstehenden Augen. Er hatte ein kampfbereites Aussehen und ein heftiges reizbares Wesen, das für mich, wenn ich dabei an seine Gestalt dachte, die trotz vorrückenden Alters noch groß und kräftig war, etwas Beunruhigendes hatte. Er hielt eine Feder in der Hand, und als ich im Vorbeigehen einen Blick durch die halb offene Tür warf, sah ich, daß die Stube voll Papier lag. Wir ließen ihn stehen und gingen in den obersten Stock. Ich klopfte an die Tür, und eine dünne, helle Kinderstimme rief drinnen: »Es ist zugesperrt. Mrs. Blinder hat den Schlüssel.« Ich sperrte auf und öffnete die Tür. In einem ärmlichen Zimmer mit abgeschrägten Wänden und nur sehr spärlichem Hausrat fanden wir einen kleinen Knaben, der ein schweres Kind von ungefähr achtzehn Monaten herumschleppte. Geheizt war nicht, trotz der großen Kälte. Beide Kinder waren in ein paar armselige Tücher und Kragen zum Schutz gegen die niedere Temperatur gewickelt. Aber die Umhüllungen wärmten sie so wenig, daß ihre Nasen rot und sie selbst ganz runzlig vor Kälte aussahen, wie der Knabe auf und ab ging und das Kleine, das den Kopf auf seiner Schulter ruhen ließ, auf dem Arm wiegte. »Wer hat euch denn hier eingeschlossen?« fragten wir unwillkürlich. »Charley«, sagte der Knabe, blieb stehen und starrte uns an. »Ist Charley dein Bruder?« »Nein. Meine Schwester Charlotte. Vater nannte sie Charley.« »Seid ihr euer noch mehr außer Charley?« »Ich«, sagte der Junge, »und Emma«, und streichelte dabei das Mützchen der Kleinen. »Und Charley.« »Wo ist Charley jetzt?« »Waschen gangen«, sagte der Junge, fing wieder in der Stube an auf und ab zu gehen und brachte bei seinem Bestreben, uns dabei immerwährend anzusehen, das Mützchen in gefährliche Nähe des Bettpfostens. Wir sahen noch einander und die beiden Kinder ratlos an, als ein sehr kleines Mädchen, der Gestalt nach selbst noch ein Kind, aber klug und älter aussehend im Gesicht – und auch ganz hübsch –, mit einem viel zu großen hausfrauenhaften Hut auf dem Kopf und ihre bloßen Arme mit einer ebensolchen Schürze abtrocknend, hereintrat. Ihre Finger waren weiß und runzlig vom Waschen, und der Seifenschaum, den sie von ihren Armen abwischte, rauchte noch. Man hätte sie ganz gut für ein Kind halten können, das Waschen spielte und eine arme Arbeitsfrau gut nachahmte. Sie war irgendwoher aus der Nachbarschaft gekommen und mußte sich sehr geeilt haben, denn sie war ziemlich außer Atem und konnte anfangs, wie sie keuchend und sich die Arme abwischend dastand und uns ruhig ansah, kaum sprechen. »Oh, da ist Charley«, rief der Junge. Das Kleine streckte der Schwester die Arme entgegen und wollte von ihr genommen sein. Das Mädchen nahm es mit einer frauenhaft gesetzten Zärtlichkeit, die gut zu der Schürze und dem Hut paßte, und blickte uns über das Köpfchen, das sich zärtlich an sie schmiegte, hinweg an. »Sollte man so etwas für möglich halten«, flüsterte mein Vormund, als wir dem Mädchen einen Stuhl hinschoben und sie aufforderten, sich mit ihrer Bürde niederzusetzen, wobei der Junge immer dicht bei ihr blieb und sich an ihrer Schürze festhielt. »Ist es denn möglich, daß dieses Kind für die übrigen arbeitet? Seht das an! Um Gottes willen, seht euch das an.« Es war wirklich ein seltsamer Anblick, diese drei Kinder, dicht zusammengedrängt und zwei von ihnen auf das dritte angewiesen und dieses selbst noch so jung und doch von einem gereiften und gesetzten Benehmen, das seltsam von der kindlichen Gestalt abstach, zu sehen. »Wie alt bist du, Charley?« »Dreizehn vorbei, Sir.« »Wirklich! Ein hohes Alter!« sagte mein Vormund. »Wirklich ein hohes Alter, Charley!« – Ich kann die Zärtlichkeit, mit der er zu dem Kinde sprach, nicht beschreiben; halb scherzend und dadurch nur noch mitleidiger und betrübter. – »Und du bist ganz allein mit diesen Kleinen, Charley?« »Ja, Sir«, antwortete das Kind und sah ihm offenherzig und vertrauensvoll ins Gesicht, »seit der Vater tot ist.« »Und wovon lebst du, Charley?... Nun, Charley«, fragte mein Vormund und wendete einen Augenblick das Gesicht ab. »Wovon lebst du?« »Seit der Vater starb, bin ich auf Arbeit gegangen. Heute bin ich auf Wäsche.« »Aber Gott im Himmel, Charley, du bist ja nicht groß genug, um auf das Faß hinaufzureichen.« »In Holzschuhen doch, Sir«, sagte das Kind rasch. »Ich habe ein Paar sehr hohe von der Mutter.« »Und wann ist die Mutter gestorben?... Arme Mutter!« »Die Mutter starb gleich nach Emmas Geburt«, sagte das Kind und sah das Gesichtchen an ihrer Brust an. »Der Vater sagte, ich sollte ihr eine Mutter sein, so gut ich könnte. Und so versuchte ich es. Ich habe zu Haus gearbeitet und das Reinmachen und Kinderwarten und Waschen besorgt, schon lange, bevor ich außer Haus arbeiten ging. Und daher kann ich's jetzt. Sehen Sie nicht, Sir?« »Und arbeitest du oft außer Haus?« »So oft ich kann«, Charley sah auf und lächelte, »weil ich Sixpences und Schillinge verdienen muß.« »Und schließt du immer die Kleinen ein, wenn du ausgehst?« »Damit ihnen nichts geschieht, Sir, wissen Sie, Sir. Mrs. Blinder kommt manchmal nachsehen, und manchmal kommt Mr. Gridley herauf, und zuweilen kann ich selbst auch herüberlaufen, und sie können miteinander spielen, und Tom fürchtet sich nicht, wenn man absperrt, nicht wahr, Tom?« »Nein«, sagte Tom tapfer. »Und wenn es finster wird, scheinen unten im Hof die Laternen ganz hell herauf – ganz hell. Nicht wahr, Tom?« »Ja, Charley«, sagte Tom, »fast ganz hell.« »Und dann ist er so verläßlich wie Gold«, sagte das kleine Geschöpf in einer mütterlichen, frauenhaften Weise. »Und wenn Emma müde ist, legt er sie ins Bett, und wenn er selbst müde ist, geht er auch ins Bett, und wenn ich nach Hause komme und die Kerze anzünde und einen Bissen zu Abend esse, steht er wieder auf und ißt mit. Nicht wahr, Tom?« »O ja, Charley«, sagte Tom. »Das tu ich.« Und er verbarg sein Gesicht, entweder von dieser Erinnerung an die große Freude seines Lebens oder von Dankbarkeit und Liebe zu Charley, die ihm sein Alles war, überwältigt, in den Falten ihres dürftigen Kleides, und sein Lachen ging in Weinen über. Das erste Mal seit unserm Eintreten sahen wir eine Träne bei einem dieser Kinder. Die kleine Waise hatte von Vater und Mutter gesprochen, als ob die Notwendigkeit, mutig zu sein und ihr kindliches Selbstbewußtsein, arbeiten zu können, und ihr rühriges, geschäftiges Wesen jeden Schmerz um den erlittenen Verlust erstickt hätten. Aber jetzt, als Tom weinte, sah ich eine Träne ihr Gesicht herabrinnen, wenn sie auch ruhig dasaß und uns still ansah. Ich stand mit Ada am Fenster und tat, als betrachtete ich die Dächer und die rauchgeschwärzten Schornsteine und die kümmerlichen Blumen und die Vögel in den kleinen Käfigen vor den Fenstern der Nachbarn, als ich entdeckte, daß Mrs. Blinder, die wahrscheinlich die ganze Zeit dazu gebraucht hatte, die Treppen hinaufzusteigen, aus dem Laden unten heraufgekommen war und mit meinem Vormund sprach. »Es ist weiter nichts daran. Ich lasse ihnen nur den Zins nach, Sir«, keuchte sie. »Wer möchte denn etwas von ihnen nehmen!« »Schon gut, schon gut«, sagte mein Vormund zu uns beiden. »Es ist genug, daß einmal die Zeit kommen wird, wo diese gute Frau sieht, daß sehr viel daran war und daß das, was sie an den Geringsten von diesen getan –!... Aber wird das Kind das aushalten können?« setzte er nach einer kurzen Pause hinzu. »Oh, ich glaube schon«, sagte Mrs. Blinder, schwer und asthmatisch atmend. »Sie ist so anstellig wie nur irgendeine. O mein Gott, Sir, Sie hätten sie nur sehen sollen, wie sie nach dem Tod der Mutter die beiden Kinder wartete! Der ganze Hof sprach davon. Und Sie hätten sie nur sehen sollen, wie er krank wurde! Es war das reinste Wunder! 'Mrs. Blinden, sagte er mir noch kurz vor seinem Tod- er lag dort –, 'Mrs. Blinder, was auch mein Beruf gewesen sein mag, ich habe gestern nacht in diesem Zimmer einen Engel neben meinem Kind gesehen, und ich lege sein Schicksal in die Hände unsres Vaters im Himmel.'« »Hatte er keinen andern Beruf?« fragte mein Vormund nach einer Pause. »Nein, Sir. Er war bloß Gerichtsvollzieher. Als er hier einzog, wußte ich es noch nicht, und ich gestehe, als ich es erfuhr, kündigte ich ihm. Die Leute im Hofe mochten ihn nicht. Die andern Mieter mieden ihn. Es ist kein anständiges Gewerbe, und die meisten Leute hielten sich darüber auf. Mr. Gridley war sehr gegen ihn, und das ist ein guter Mieter, wenn er auch seine Eigenheiten hat.« »So kündigten Sie ihm?« »Ich kündigte ihm. Aber als die Zeit um war und ich nichts Schlimmes an ihm bemerkte, bekam ich so meine Bedenken. Er war pünktlich und fleißig, tat, was er mußte«, sagte Mrs. Blinder und ließ dabei zufällig ihr Auge auf Mr. Skimpole ruhen. »Und es ist immerhin etwas in dieser Welt, wenn man das tut.« »Und Sie behielten ihn dann doch?« »Nun ja. Ich sagte ihm, wenn er sich mit Mr. Gridley einigen könnte, so wollte ich es mit den andern Mietern in Ordnung bringen und würde nichts darauf geben, was die im Hof dazu sagten. Mr. Gridley gab seine Einwilligung – etwas barsch -, aber er gab sie. Mr. Gridley war immer barsch gegen ihn, aber er ist seitdem gut gegen die Kinder gewesen. Man lernt jemand nie eher kennen, als bis man ihn auf die Probe gestellt hat.« »Sind viele Leute gut zu den Kindern gewesen?« »Na, es geht, Sir. Wenn nur der Beruf ihres Vaters ein andrer gewesen wäre! Der Polizist gab eine Guinee, und die andern Beamten schossen eine kleine Summe zusammen. Einige Nachbarn im Hof, die immer Witze gemacht und auf die Tasche geklopft haben, wenn er vorbeiging, machten eine kleine Subskription... Und so... Na, es war nicht so schlimm. Ähnlich geht's mit Charlotte. Manche wollen sie nicht beschäftigen, weil sie das Kind eines Gerichtsvollziehers ist, und andre, die sie beschäftigen, werfen es ihr vor, und andre rechnen sich's hoch an, wenn sie ihr trotzdem Arbeit geben, und bezahlen sie deshalb schlechter und verlangen mehr von ihr. Aber sie ist geduldiger als andre und ist auch geschickt und immer willig und arbeitet gern, soweit es ihre Kräfte zulassen, und noch mehr. Im ganzen ist's nicht so schlimm, wenn's auch besser sein könnte.« Mrs. Blinder, von der langen Rede erschöpft, setzte sich nieder, um wieder frischen Atem zu holen. Mr. Jarndyce wendete sich zu uns, um mit uns zu sprechen, als ihn der unvorbereitete Eintritt des Mannes, den wir bereits auf der Treppe gesehen, unterbrach. »Ich weiß nicht, was Sie hier zu tun haben, meine Damen und Herrn«, sagte Mr. Gridley in einem Ton, als ob er über unsre Anwesenheit grolle, »aber Sie werden schon entschuldigen, daß ich eintrete. Ich komme nicht, um herumzuglotzen. Nun Charley? Nun Tom? Nun Kleines? Wie geht's euch heute?« Er beugte sich liebkosend über die Gruppe, und offenbar betrachteten ihn die Kinder als Freund, obgleich sein Gesicht sein finsteres Aussehen beibehielt und sein Benehmen gegen uns so grob wie möglich war. Mein Vormund bemerkte und respektierte es. »Gewiß wird niemand aus bloßer Neugierde hierherkommen«, sagte er mild. »Schon möglich, Sir«, gab der Mann zur Antwort, nahm Tom auf sein Knie und winkte Mr. Jarndyce ungeduldig mit der Hand ab. »Ich brauche mich nicht mit Damen und Herrn herumzustreiten. Ich habe für ein Menschenleben genug Streit: gehabt.« »Sie haben wahrscheinlich Grund genug, heftig und reizbar zu sein«, sagte Mr. Jarndyce. »Da hat man's wieder!« rief der Mann wütend. »Ich bin streitsüchtig. Ich bin jähzornig. Natürlich! Ich bin nicht höflich.« »Nicht besonders.« »Sir!« sagte Gridley, setzte das Kind nieder und trat an meinen Vormund heran, als wollte er ihm einen Schlag versetzen. »Wissen Sie vielleicht etwas vom Kanzleigericht?« »Vielleicht, zu meinem Kummer.« »Zu Ihrem Kummer?« Gridley mäßigte seinen Zorn. »Ja, dann! Ich bitte um Entschuldigung. Ich bin nicht höflich, ich weiß... Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, fuhr er mit erneuter Heftigkeit fort. »Seit fünfundzwanzig Jahren röstet man mich auf glühendem Eisen, und ich habe mir's abgewöhnt, auf Samt zu gehen. Gehen Sie einmal in den Kanzleigerichtshof und fragen Sie, was einer von den ständigen Witzen ist, mit denen sie ihr Geschäft dort manchmal aufheitern, und sie werden Ihnen sagen, daß es der 'Mann aus Shropshire' ist. Ich«, sagte er und schlug sich leidenschaftlich mit der Faust in die offene Hand. »Ich bin der Mann aus Shropshire!« »Ich glaube, ich und meine Familie haben ebenfalls die Ehre gehabt, demselben löblichen Institut eine Unterhaltung zu verschaffen«, sagte mein Vormund gelassen. »Vielleicht haben Sie auch meinen Namen gehört?... Jarndyce.« »Mr. Jarndyce!« rief Gridley aus und begrüßte meinen Vormund mit bäurischer Rauheit. »Sie tragen Ihr Unrecht ruhiger, als ich es imstande bin. Mehr als das. Ich sage Ihnen – und sag es diesem Gentleman und diesen jungen Damen hier, wenn das Ihre Freunde sind –, ich würde verrückt werden, wenn ich es anders trüge, als ich es tue. Nur, indem ich mein Unrecht anders trage als Sie, kann ich es aushalten, ohne verrückt zu werden. Nur, wenn ich mich darüber ärgere und innerlich gifte und leidenschaftlich die Gerechtigkeit heische, die mir doch nie wird, kann ich meine fünf Sinne beisammenbehalten. Nur dadurch!« wiederholte er in einer gewissen einfachen bäurischen Weise und mit großer Heftigkeit. »Sie werden natürlich sagen, ich solle mich nicht so aufregen. Ich sage Ihnen aber, daß ich nicht anders kann, wenn ich Unrecht leide. Ich muß es tun. Es bleibt mir nur die Wahl zwischen dem und dem Versinken in das blödsinnige ewige Lächeln der armen kleinen verrückten Alten, die im Gerichtssaal herumspukt. Wenn ich es ein einziges Mal geduldiger trüge, würde ich blödsinnig.« Seine Leidenschaftlichkeit und Hitze und die Art, wie sich seine Mienen verzerrten, und die gewaltsamen Gebärden, mit denen er seine Worte begleitete, boten einen höchst peinlichen Anblick. »Mr. Jarndyce«, sagte er, »bedenken Sie meinen Fall. So wahr ein Himmel über uns ist, ich rede die Wahrheit. Ich bin einer von zwei Brüdern. Mein Vater, ein Landmann, machte ein Testament und vermachte das Gut und das Inventar und so weiter meiner Mutter für Lebenszeit. Nach dem Tode meiner Mutter sollte alles an mich fallen mit Ausnahme eines Legates von dreihundert Pfund, das ich meinem Bruder auszahlen sollte. Meine Mutter starb. Kurz darauf verlangte mein Bruder sein Legat. Ich und ein paar Verwandte waren der Ansicht, daß er einen Teil davon schon in Kost und Wohnung und anderweitig erhalten hätte. Jetzt geben Sie acht! Darum handelte es sich und um weiter nichts. Niemand bestritt das Testament. Es handelte sich nur darum, ob ein Teil der dreihundert Pfund bereits gezahlt sei oder nicht. Um das festzustellen, reichte mein Bruder eine Klage ein, und ich mußte an das verfluchte Kanzleigericht gehen, weil mich das Gesetz verhinderte, etwas andres zu tun. Siebzehn Personen wurden zu Beklagten in diesem einfachen Prozeß gemacht. Zuerst zog es sich zwei Jahre hin. Dann ruhte das Verfahren zwei Jahre lang, während der Vorsitzende – der Kopf soll ihm abfaulen! – Nachforschungen anstellte, ob ich – meines Vaters Sohn sei, worüber kein sterbliches Wesen je den leisesten Zweifel erhoben hatte. Dann entdeckte er, daß wir noch nicht genug Beklagte wären – man denke, wir waren ja nur siebzehn – und daß noch einer dazukommen müsse, den wir ausgelassen hätten. Und dann fing die Sache wieder von vorne an. Die Kosten betrugen damals schon – als es kaum erst losging – dreimal soviel als das Legat. Mein Bruder hätte seine Ansprüche mit Freuden hingegeben, nur, um nicht noch mehr Kosten bezahlen zu müssen. Mein ganzes mir von meinem Vater hinterlassenes Grundstück ist auf die Kosten draufgegangen. Der immer noch unentschiedene Prozeß ist in einem Schlund von Verfall, Ruin und Verzweiflung wie alles, was damit in Verbindung steht, versunken... Und hier stehe ich heute noch. In Ihrem Prozeß, Mr. Jarndyce, handelt es sich um viele Tausende und bei mir um Hunderte. Ist meiner weniger schwer zu ertragen oder schwerer, da meine ganze Existenz auf dem Spiele stand und schmählich dadurch vernichtet worden ist?« Mr. Jarndyce versicherte ihn seiner herzlichsten Teilnahme und sagte, daß er seinerseits durchaus kein Monopol beanspruche, unter diesem unglaublichen System Unrecht gelitten zu haben. »Da haben wir's wieder«, rief Mr. Gridley mit unverminderter Leidenschaftlichkeit. »Das System! Auf allen Seiten heißt es, es sei das System. Nach den Personen solle man nicht fragen. Es ist das System. Ich darf nicht in den Gerichtssaal gehen und sagen: Mylord! Ich möchte von Ihnen wissen, bin ich im Recht oder im Unrecht? Entschließen Sie sich doch endlich, mir zu sagen, es ist so oder so, und ich sei jetzt entlassen. Mylord weiß natürlich von nichts. Er sitzt dort, um das System zu handhaben. Ich darf nicht zu Mr. Tulkinghorn, dem Solicitor in Lincoln's-Inn-Fields, gehen und ihm sagen, wenn er mich durch seine Ruhe und Gleichgültigkeit wütend macht – was sie alle tun, denn sie gewinnen dabei, während ich verliere –, ich darf nicht zu ihm sagen, ich will eine Entschädigung dafür haben, daß man mich zugrunde gerichtet hat durch gesetzliche Mittel oder durch Schwindel! Er ist nicht verantwortlich. Es ist das System! Aber wenn ich ihnen nicht noch etwas antue – dann...! Ich weiß nicht, was noch geschieht, wenn ich einmal die Besinnung verliere! Ich werde die betreffenden Werkzeuge dieses Systems Angesicht zu Angesicht vor dem ewigen Richterstuhl anklagen.« Seine Leidenschaftlichkeit war schrecklich. Ich würde nie eine solche Wut für möglich gehalten haben, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte. »Ich bin fertig«, schloß Gridley, setzte sich nieder und trocknete sich die Stirn. »Mr. Jarndyce, ich bin fertig. Ich bin heftig, ich weiß, oder sollte es wenigstens wissen. Ich habe gesessen wegen Beleidigung des Gerichtshofs. Ich habe gesessen wegen gefährlicher Drohung gegenüber dem Solicitor. Ich war in alle möglichen Ungelegenheiten verwickelt und werde es wieder sein. Ich bin der Mann aus Shropshire, und manchmal gehe ich ihnen doch ein wenig über den Spaß, –wenn sie es auch für einen Jux gehalten haben, mich einzusperren, mich in Haft vor die Schranken zu stellen; und so weiter. Ich täte besser, sagen sie, wenn ich mich mehr beherrschte. Und ich sage ihnen, daß, wenn ich mich beherrschte, ich blödsinnig werden müßte... Ich glaube, ich war früher gutmütig. Die Leute in meiner Heimat sagen, sie hätten mich noch so gekannt. Aber jetzt muß ich mir Luft machen, oder meine fünf Sinne gehen aus dem Leim. 'Es wäre viel besser für Sie, Mr. Gridley', sagte vorige Woche der Lordkanzler zu mir, 'wenn Sie, anstatt Ihre Zeit hier zu vertrödeln, sich unten in Shropshire nützlich beschäftigen' 'Mylord, Mylord, das weiß ich selbst', sagte ich zu ihm. 'Und noch viel besser wäre es für mich gewesen, wenn ich den Namen Ihres hohen Amtes nie gehört hätte, aber leider kann ich die Vergangenheit nicht ändern, und deshalb muß ich hier sein...' Außerdem«, setzte Gridley mit einem Wutausbruch hinzu, »will ich mich zu ihrer Schande immer im Gerichtshof sehen lassen. Bis zuletzt. Wenn ich wüßte, wann ich sterben muß, und ich könnte mich hintragen lassen und noch ein Wort sprechen, würde ich ihnen zurufen: Ihr habt mich hierhergebracht und weggeschickt, viele, viele Male. Jetzt schickt mich das letzte Mal hinaus, mit den Füßen voraus.« Sein Gesicht hatte sich offenbar seit vielen Jahren so an seinen streitsüchtigen Ausdruck gewöhnt, daß es sich selbst jetzt, wo er innerlich ruhiger war, nicht glättete. »Ich kam her, um die Kleinen eine Stunde herunter in mein Zimmer zu nehmen und sie dort ein wenig spielen zu lassen«, sagte er und ging wieder zu ihnen. »Du fürchtest dich doch nicht vor mir, Tom, nicht wahr?« »Nein«, sagte Tom. »Mit mir sind Sie nie böse.« »Da hast du recht, Kind. Du gehst wieder an die Arbeit, Charley ? Ja? Also komm, Kleiner!« Er nahm das Jüngste auf den Arm, und es ließ es sich gern gefallen. »Ich sollte mich gar nicht wundern, wenn – wir einen Pfefferkuchensoldaten unten fänden. Wir wollen ihn einmal suchen gehen.« Er grüßte Mr. Jarndyce wieder in seiner früheren derben Weise, der es nicht an einer gewissen Achtung fehlte, dann verbeugte er sich flüchtig gegen uns und ging die Treppe hinunter in sein Zimmer. Zum ersten Mal nach seiner Ankunft fing Mr. Skimpole jetzt wieder in seiner gewohnten lustigen Weise an zu plaudern. Er sagte, es sei wirklich ein angenehmer Anblick, zu sehen, wie sich die Dinge so ganz von selbst ihrem Zweck anpaßten. Hier sei z. B. dieser Mr. Gridley, ein Mann von kräftigem Willen und erstaunlicher Energie, und er könne sich leicht vorstellen, wie dieser Gridley sich Vorjahren im Leben nach etwas umgesehen habe, um seiner überströmenden Kampfeslust Luft zu machen, als ihm der Kanzleigerichtshof in den Weg gekommen sei und ihn genau mit dem versorgt habe, was er brauchte. Von jetzt an seien sie unzertrennlich voneinander. Wer weiß, vielleicht wäre er ein großer General geworden, der allerlei Städte in die Luft gesprengt hätte, oder ein großer Politiker, beschlagen in jedem Zweige parlamentarischer Redekunst. Aber so seien er und der Kanzleigerichtshof auf die angenehmste Weise miteinander bekannt geworden, und niemand führe schlechter dabei; und Gridley sei sozusagen von dieser Stunde an versorgt... Man sehe einmal Coavinses an. Welch prächtiges Beispiel liefere der arme Coavinses, der Vater dieser reizenden Kinder, in gleicher Hinsicht! Er, Mr. Skimpole, habe manchmal selbst über das Dasein Coavinses' gemurrt. Coavinses sei ihm im Wege gewesen. Er habe Coavinses wahrhaftig gern missen mögen. Es habe Zeiten gegeben, wo er, wenn er Sultan gewesen wäre und sein Großvezier hätte ihn eines Morgens gefragt: Was verlangt der Beherrscher der Gläubigen von der Hand seines Sklaven ? – sich vielleicht zu der Antwort verstiegen haben würde: »Den Kopf des Coavinses«. Aber wie stelle sich jetzt die Sache dar? Die ganze Zeit über habe er einem höchst verdienstvollen Mann Beschäftigung gegeben, sei Coavinses' Wohltäter gewesen und habe es ihm tatsächlich ermöglicht, diese reizenden Kinder so trefflich zu erziehen. Daher habe ihm eben jetzt das Herz höher geschlagen, und die Tränen seien ihm in die Augen getreten, als er sich im Zimmer umgesehen und gedacht habe: Ich war eigentlich Coavinses' Gönner, und seine kleinen Lebensfreuden waren mein Werk. Die leichte Weise, mit der er diese phantastischen Saiten berührte, hatte etwas so Gewinnendes, und er war ein so fröhliches Kind gegenüber den so viel ernsteren wirklichen Kindern, daß auch mein Vormund über ihn lächeln mußte, als er sich nach einem kleinen Privatgespräch mit Mrs. Blinder wieder zu uns wandte. Wir küßten Charley und nahmen sie mit die Treppe hinunter und blieben vor dem Hause stehen, um sie zu ihrer Arbeit laufen zu sehen. Ich weiß nicht, wohin sie ging, aber wir sahen sie, das kleine Geschöpf mit dem Hut und der Schürze einer Hausfrau, durch den gedeckten Flur hinten im Hofe laufen und in dem Kampfgetümmel und Lärm der Stadt wie einen Tautropfen im Ozean verschwinden. 16. Kapitel »Toms Einöd« Lady Dedlock ist ruhelos, sehr ruhelos. Die erstaunten »fashionablen Nachrichten« wissen kaum, wo ihrer habhaft werden. Heute ist sie in Chesney Wold, gestern war sie in ihrem Haus in der Stadt, morgen kann sie im Ausland sein, wenn überhaupt die »fashionablen Nachrichten« sich noch getrauen, irgend etwas vorauszusagen. Selbst Sir Leicester in seiner Galanterie kann nicht an ihrer Seite bleiben. Um so weniger, als sein getreuer Verbündeter in guten und bösen Tagen – die Gicht – in das alte eichengetäfelte Schlafzimmer in Chesney Wold eingezogen ist und ihn bei beiden Beinen gepackt hat. Sir Leicester findet sich mit der Gicht wie mit einem lästigen Dämon ab. Aber immerhin wie mit einem Dämon adeligen Stammes. Sämtliche Dedlocks in direkter männlicher Linie haben während eines Zeitraums, weit über Menschengedanken hinaus, die Gicht gehabt. Es läßt sich beweisen. Die Väter anderer Leute sind vielleicht an Rheumatismus gestorben oder haben sich an dem verdorbenen Blute des kranken Pöbels angesteckt, aber das Haus Dedlock hat dem nivellierenden Prozeß des Sterbens den Stempel des Exklusiven aufgedrückt, indem alle seine Mitglieder an ihrer eignen Familiengicht gestorben sind. Sie hat sich in dem illustren Geschlecht vererbt wie das Silber, die Gemälde oder die Besitzung in Lincolnshire. Sie zählt mit zu den Würden. Sir Leicester ist vielleicht nicht ganz frei von der Ansicht, wenn er sie auch noch nie in Worte gefaßt hat, daß der Todesengel bei Vollzug seiner Pflichten die Schatten der Aristokratie möglicherweise anreden könnte: Mylords und Gentlemen, ich habe die Ehre, Ihnen wieder einen Dedlock vorzustellen, der laut Bescheinigung per Familiengicht soeben angekommen ist. Daher überläßt Sir Leicester seine Familienbeine der Familienkrankheit, als ob er, Namen und Vermögen gemäß, diese Lehnspflicht mit übernommen habe. Er fühlt allerdings, daß man sich eine gewisse Freiheit herausnimmt, wenn man einen Dedlock auf den Rücken legt und ihn krampfhaft in die Extremitäten zwickt und sticht, aber er denkt: Wir haben uns das alle gefallen lassen; es gehört mit dazu; es ist seit einigen hundert Jahren ein stillschweigendes Übereinkommen, daß wir die Totengruft im Park nicht aus andern gemeineren Ursachen zieren sollen, und ich unterwerfe mich dieser Vereinbarung. Und es nimmt sich sehr gut aus, wie er in einer Glut von Scharlach und Gold in der Mitte des großen Salons vor seinem Lieblingsbild von Mylady liegt, während breite Streifen Sonnenschein die lange Perspektive hinunter durch die endlose Reihe der Fenster hereinglänzen und mit den Schattenstreifen abwechseln. Draußen stehen die stattlichen Eichen seit Generationen in den Grund gewurzelt, der niemals die Pflugschar gefühlt hat und schon Jagdgebiet war, als Könige noch mit Schwert und Schild in die Schlacht und mit Bogen und Pfeil auf die Jagd ritten, und legen Zeugnis ab für seine Größe. Drinnen sagen seine von den Wänden herabblinkenden Ahnen: »Jeder von uns war hier einmal vorübergehend eine Wirklichkeit und ließ diesen gemalten Schatten seines Selbst zurück und verschmolz in Erinnerungen so traumhaft wie der ferne Schrei der Krähen, der dich jetzt in Schlaf lullt.« Und legen ebenfalls Zeugnis ab für seine Größe. Und Sir Leicester ist heute sehr von seiner Bedeutung durchdrungen. Und wehe Boythorn oder jedem anderen frechen Wicht, der sich erkühnt, ihm einen Zoll Boden streitig zu machen. Mylady weilt gegenwärtig bei Sir Leicester. Aber nur durch ihr Porträt vertreten. Sie selbst ist in die Stadt geflogen. Aber nicht mit der Absicht, dort zu bleiben. Sie wird bald wieder zurückfliegen, sehr zur Verwirrung der »fashionablen Nachrichten«. Das Haus in der Stadt ist nicht zu ihrem Empfange bereit, es ist eingewickelt und öde. Nur ein gepuderter Merkur gähnt untröstlich hinter einem Vorhallenfenster und bemerkte gestern abend zu einem andern Merkur seiner Bekanntschaft, der auch an gute Gesellschaft gewöhnt ist, wenn das so fortgehen sollte – und das sei unmöglich, denn ein Mann von seinem Geist könne das nicht ertragen und von einem Mann von seiner Figur könne man es nicht verlangen –, so bleibe ihm auf Ehre nichts übrig, als sich die Kehle abzuschneiden. Was für eine Verbindung kann es zwischen dem Schloß in Lincolnshire, dem Haus in der Stadt, dem gepuderten Merkur und dem Treiben Jos, des Ausgestoßenen mit dem Besen, auf den der Lichtstrahl der Ewigkeit fiel, als er die Kirchhoftreppe fegte, geben? Was kann die vielen Menschen in den unzähligen Histörchen dieser Welt, die trotz tiefer unüberbrückbarer Kluft seltsamerweise doch zusammenkommen, miteinander verbinden? Jo kehrt seinen Straßenübergang den ganzen Tag, ohne etwas von unsichtbaren Verbindungen, wenn es überhaupt solche gibt, zu wissen. Von seinem Geisteszustand, wenn man ihm eine Frage vorlegt, pflegt er mit den Worten Zeugnis abzulegen: »Was weiß denn i?« Er weiß, daß es schwer ist, bei schmutzigem Wetter den Straßenübergang rein zu kehren, und noch viel schwerer, davon zu leben. Selbst das hat ihn niemand gelehrt. Er hat es von selbst herausgebracht. Jo lebt – das heißt, es ist ihm noch nicht gelungen, zu sterben – in einer ruinenhaften Gegend, die Menschen seines Standes unter dem Namen »Toms Einöd« bekannt ist. Es ist eine schwarze pflasterlose Straße, gemieden von allen anständigen Leuten, wo einige freche Vagabunden sich der zusammengestürzten Häuser bemächtigt haben und sie teils selbst bewohnen, teils sie als Wohnungen – vermieten. Nachts sind diese wackligen Höhlen ein Ameisenhaufen von Elend. Wie sich auf den Ruinen menschlicher Leiber Ungeziefer erzeugt, so haben diese Häuserruinen ein Gewimmel unflätigen Daseins ausgebrütet, das durch Lücken in Mauern und Brettern aus- und einkriecht, zahlreich wie die Maden sich zum Schlaf zusammendrängt, während der Regen hereintropft – und im Kommen und Gehen Fieber holt und bringt und in jeder Fußstapfe mehr Unheil sät, als Lord Coodle und Sir Thomas Doodle und Herzog von Woodle und all die vornehmen Herren in Amt und Würden bis hinab zu Zoodle in fünfhundert Jahren wieder gutmachen können, obgleich sie ausdrücklich dazu von Geburt bestimmt sind. Zwei Mal kurz hintereinander soll man einen Krach gehört und eine Staubwolke, wie von der Explosion einer Mine, in »Toms Einöd« gesehen haben. Jedes Mal war ein Haus eingestürzt. Diese Unfälle gaben den Zeitungen Stoff und füllten ein paar Betten im nächsten Hospital. Die entstandenen Höhlen aber bleiben, und diese Wohnungen im Schutt sind nicht unbeliebt. Da mehrere andere Häuser ebenfalls dicht vor dem Einsturz stehen, so wird der nächste Krach in »Toms Einöd« voraussichtlich kolonisatorisch – sehr günstig wirken. Diese prächtige Besitzung steht natürlich unter Sequester des Kanzleigerichts. Es wäre eine Beleidigung für den Scharfsinn eines Mannes, selbst mit nur einem halben Auge, das erst sagen zu müssen. Ob Tom – von »Toms Einöd« – der vom Volksmund erschaffene Repräsentant des ursprünglichen Klägers oder Beklagten in »Jarndyce kontra Jarndyce« ist oder ob Tom »wirklich ganz allein« hier wohnte, als der Prozeß die Straße verödete, bis andre Ansiedler ihm Gesellschaft zu leisten anfingen, oder ob die traditionelle Benennung ein Sammelname für einen Zufluchtsort ist, der von ehrenwerter Gesellschaft abgeschnitten und aus dem Bereich der Hoffnung gewiesen ist, weiß vielleicht niemand. Jo weiß es keinesfalls. »Wos weiß denn i«, sagt Jo. Es muß ein seltsamer Zustand sein, in Jos Haut zu stecken. Durch die Straßen zu schlottern, ohne die geheimnisvollen Symbole nur im Entferntesten zu begreifen, die über den Läden, an den Straßenecken und an Türen und Fenstern so häufig angebracht sind! Leute lesen zu sehen und Leute schreiben zu sehen, den Postboten Briefe abgeben zu sehen, ohne den mindesten Begriff von dieser Sache zu haben, dem kleinsten Schnörkel gegenüber stockblind und – taub zu sein. Wie merkwürdig, die anständigen Leute sonntags in die Kirche gehen zu sehen, die Gebetbücher in der Hand, und zu denken (vielleicht denkt Jo doch so hie und da einmal), was das wohl alles bedeuten möge. Und wenn es für jemanden etwas bedeutet, warum es für ihn nichts bedeutet. Herumgestoßen und vom Polizeimann verjagt zu werden und einzusehen, daß es vollkommen wahr zu sein scheint, daß man hier oder dort oder irgendwo anders nichts zu schaffen hat, und doch von dem Eindruck geplagt zu werden, trotzdem hier zu sein, von jedermann übersehen, bis man das Geschöpf geworden, das man jetzt ist. Es muß ein seltsamer Zustand sein, nicht bloß hören zu müssen, daß man kaum ein menschliches Wesen ist – wie im Fall der Zeugniseinvernahme –, sondern es selbst einzusehen. Die Pferde, die Hunde und das Vieh vorübergehen zu sehen und zu begreifen, daß man an Unwissenheit zu ihnen gehört und nicht zu den höheren Wesen von gleicher menschlicher Gestalt, deren Gefühle man immer und überall verletzt. Jos Ansichten von einem Kriminalprozeß oder einem Richter oder einem Bischof oder einer Regierung oder von dem für ihn so unschätzbaren Juwel, der Verfassung, müssen seltsam sein. Sein ganzes körperliches und geistiges Leben ist wunderbar seltsam. Sein Tod das Seltsamste von allem. Jo verläßt »Toms Einöd« mit dem säumigen Morgen, der sich hierher immer verspätet, und kaut unterwegs sein schmutziges Stück Brot. Da er durch viele Straßen zu gehen hat und die Häuser noch nicht offen sind, setzt er sich zum Frühstück auf die Türschwelle der »Gesellschaft zur Verbreitung des Evangeliums im Ausland« und fährt mit dem Besen, wenn er fertig ist, zum Dank für die gewährte Gastfreundschaft darüber. Er bewundert die Größe des Gebäudes und fragt sich, wozu es da ist. Der arme Teufel hat keine Ahnung von der religiösen Rückständigkeit eines Korallenriffs im Stillen Ozean oder was es kostet, die frommen Seelen unter den Kokosnußpalmen und den Brotfruchtbäumen zu hüten. Er nimmt seinen Posten an seinem Straßenübergang ein und fängt an, ihn für den Tag frei zu kehren. Die Stadt erwacht, das große Ringelspiel beginnt sein tägliches Drehen und Wirbeln, all das unerklärliche Lesen und Schreiben, daß ein paar Stunden lang aufgehört hat, setzt von neuem an. Jo und die anderen niedern Geschöpfe helfen sich durch den unverständlichen Wirrwarr, so gut sie können. Es ist Markttag. Die geblendeten Ochsen, grausam gestachelt und abgehetzt und nie geleitet, rennen hin, wohin sie nicht gehören, werden mit Knütteln wieder fortgetrieben und rennen mit rotglühenden Augen und Schaum vor dem Maul gegen steinerne Mauern, verletzen Unschuldige und verletzen sich selbst schwer. Ganz so wie Jo und seinesgleichen. Ganz genau so. Eine Musikbande kommt und spielt. Jo hört zu. Dasselbe tut ein Hund – eines Viehtreibers Hund, der auf seinen Herrn vor einem Fleischerladen wartet und offenbar an die Schafe denkt, die ihm ein paar Stunden lang so viel Sorgen gemacht haben und die er jetzt glücklich los ist. Drei oder vier scheinen ihm besonders zu schaffen zu machen; er kann sich nicht entsinnen, wo er sie gelassen hat. Er läßt die Augen die Straße auf und ab schweifen, als erwarte er so halb und halb, sie dort verirrt zu finden. Plötzlich spitzt er die Ohren und weiß jetzt alles ganz genau. Er ist ein vollendeter Hundevagabund, an schlechte Gesellschaft und ordinäre Schenken gewöhnt, ein schrecklicher Hund für Schafe. Stets bereit, auf einen Pfiff über ihre Rücken zu springen und ihnen schnauzenweis die Wolle auszureißen, aber ein erzogener, gebildeter Hund, der seine Pflichten kennt und sie zu erfüllen weiß. Er und Jo hören der Musik zu. Wahrscheinlich mit demselben Grad von Genuß. Wahrscheinlich sind sie sich auch vollkommen gleich in der Art der Erinnerungen, in den traurigen oder freudigen Gedanken an übersinnliche Dinge. Aber sonst, – wie hoch steht das Tier über dem menschlichen Zuhörer! Man lasse die Nachkommen der Hunde unbeaufsichtigt und wild herumlaufen wie Jo, und in wenigen Jahren werden sie so ausarten, daß sie selbst das Bellen verlernen, wenn auch nicht das Beißen. Der Tag verändert sich, wie er dahinschleicht, und wird dunkel und regnerisch. Jo kämpft ihn durch bei seinem Straßenübergang mitten unter Kot und Rädern, Pferden, Peitschen und Regenschirmen und verdient sich kaum die Summe, um das ekelhafte Obdach in »Toms Einöd« zu erschwingen. Die Dämmerung sinkt herab. In den Läden fangen die Gasflammen an zu brennen. Der Laternenmann mit seiner Leiter läuft am Rand des Pflasters entlang. Ein scheußlicher Abend bricht an. In seiner Kanzlei sitzt Mr. Tulkinghorn und denkt nach über eine Eingabe an den nächsten Friedensrichter wegen eines Vorführungsmandats für morgen früh. Gridley, ein unzufriedner Prozessant, ist heute hier gewesen und hat aufbegehrt... Wir lassen uns nicht drohen, und der ungebärdige Kerl soll daran glauben. Von der Decke deutet die perspektivisch verkürzte Allegorie in Person eines unmöglichen kopfabwärts stürzenden Römers mit einem seiner zwei verrenkten linken Simsonarme aufdringlich nach dem Fenster. Warum sollte Mr. Tulkinghorn nicht auch so grundlos zum Fenster hinaussehen? Aber die Hand des Römers deutet doch immer hinaus. Warum soll also Mr. Tulkinghorn jetzt aus dem Fenster hinausschauen? Und wenn er's täte, was sähe er an der Frau, die vorübergeht? Es gibt Frauenzimmer genug auf der Welt, ist Mr. Tulkinghorns Ansicht – viel zu viel. Sie sind im Grund genommen an allem schuld, was darin verkehrt geht... Allerdings, wenn man schon einmal davon spricht, sie geben den Advokaten Beschäftigung. Was ist dabei, ein Frauenzimmer vorbei gehen zu sehen, selbst, wenn sie es heimlich tut. Sie haben immer Geheimnisse. Mr. Tulkinghorn weiß das ganz genau. Aber sie gleichen nicht alle der Frau, die jetzt ihn und sein Haus hinter sich läßt, deren einfaches Kleid und vornehme Manieren miteinander so in Widerspruch stehen. Ihrer Kleidung nach könnte sie ein besserer Dienstbote sein. Ihrem Wesen und Gange nach, obgleich beide hastig und verstellt sind – soweit sie das auf den kotigen Straßen, die sie mit ungewohntem Fuß betritt, zuwege bringt –, ist sie eine vornehme Dame. Ihr Gesicht ist verschleiert, und trotzdem ist es immer noch verräterisch genug, um mehr als einen der Passanten zu veranlassen, sich rasch nach ihr umzusehen. Sie wendet nie den Kopf. Dame oder Dienstmädchen, jedenfalls hat sie etwas vor. Sie wendet nie den Kopf, bis sie zu dem Straßenübergang kommt, wo Jo den Besen handhabt. Er tritt ihr in den Weg und bettelt sie an. Aber sie wendet nicht eher den Kopf, als bis sie über der Straße drüben ist. Dann winkt sie ihm kaum merklich und sagt: »Komm her!« Jo folgt ihr ein paar Schritte in einen stillen Hof. »Bist du der Bursche, von dem ich in den Zeitungen gelesen habe?« fragt sie hinter ihrem Schleier hervor. »Was woaß denn i von Zeitungen«, sagt Jo und starrt verdrossen den Schleier an. »Ich woaß überhaupt von nix.« »Bist du bei der Totenschau vernommen worden?« »Was woaß denn i von... Wo mi der Kirchendiener hingnommen hat, meinens?« sagt Jo. »Hat der, von was Sie reden, Jo gheißen?« »Ja.« »Dös bin i.« »Komm weiter herein.« »Sie meinen von wegen den Mann?« fragt Jo und folgt ihr. »Der wo jetzt tot is?« »St! Sprich nicht so laut. Ja. Sah er wirklich, als er noch lebte, so sehr arm und krank aus?« »No na, was denn!« sagt Jo. »Sah er aus wie – nicht wie du?« fragt die Frau mit einem Schauder. »No na, so schlecht net. I bin a Regulärer. Sie haben ihn leicht net kennt?« »Wie kannst du glauben, daß ich ihn gekannt habe?« »Tschuldigens, gnä Fräuln«, sagt Jo unterwürfig, denn selbst in ihm hat sich der Argwohn geregt, daß sie eine Dame ist. »Ich bin keine Dame. Ich bin ein Dienstmädchen.« »A feins Dienstmädel«, meint Jo, ohne etwas Beleidigendes sagen zu wollen, nur um seiner Bewunderung Ausdruck zu verleihen. »Schweig und hör zu! Sprich nicht zu mir und stell dich weiter weg von mir! Kannst du mir alle die Orte zeigen, die in dem Bericht, den ich gelesen habe, erwähnt waren, den Ort, für den er schrieb, den Ort, wo er starb, den Ort, wo du hingeholt wurdest, und den Ort, wo er begraben liegt? Weißt du, wo er begraben liegt?« Jo antwortet mit einem Nicken. Er hat auch bei der Erwähnung der andern Orte jedes Mal genickt. »Geh vor mir her und zeige mir all diese schrecklichen Orte. Bleib bei jedem stehen und sprich nicht mit mir, außer, wenn ich dich frage. Sieh dich nicht um. Tue, was ich dir sage, und ich will dich gut bezahlen.« Jo paßt scharf auf die Worte auf, während sie spricht, murmelt sie lautlos nach, in den Besenstiel, auf den er sich lehnt, hinein, weil sie ihm so schwer vorkommen, schweigt, um sich ihre Bedeutung zu überlegen, kommt zu einem zufriedenstellenden Resultat und nickt mit dem zottigen Kopf. »Stocken mer uns. An Flins, verstengans? An Stutz brennen.« »Was meint das scheußliche Geschöpf!« ruft das Dienstmädchen aus und tritt erschrocken zurück. »Flinserln brennen – an Stutz«, sagt Jo. »Ich verstehe dich nicht. Geh vor mir her! Ich will dir mehr Geld geben, als du je in deinem Leben besessen hast.« Jo spitzt die Lippen zu einem Pfeifen, fährt sich einmal durch das zottige Haar, nimmt den Besen unter den Arm und zeigt den Weg. Leicht und geschickt geht er mit seinen bloßen Füßen über die harten Steine, durch Kot und Schmutz. Cook's Court! Jo bleibt stehen. Eine Pause. »Wer wohnt hier?« »Der, wo ihn hat schreiben lassen und mir an halben Stutz geben hat«, sagt Jo flüsternd, ohne sich umzusehen. »Weiter!« Krooks Haus. Jo bleibt wieder stehen. Eine längere Pause. »Wer wohnt hier?« »Er hat hier gewohnt«, antwortet Jo wie vorhin. Nach einem Schweigen ertönt die Frage: »In welchem Zimmer?« »Dort oben, hint hinaus. Sie könnens Zimmer vom Eck aus segn. Da drobn! Dort habens n aufbahrt. Dort is s Wirthaus, wos mich hingholt habn.« »Weiter!« Bis zum nächsten Ort ist ein weiterer Weg, aber Jo, der seinen Verdacht hat fallen lassen, hält sich genau an die vereinbarten Bedingungen und sieht sich nicht um. Durch allerlei kleine Gassen voll dampfenden Unrats aller Art erreichen sie einen kleinen Tunnel von einem Hof, und eine Gaslampe brennt an dem eisernen Gittertor. »Dort habns n hinglegt«, sagt Jo, hält sich an die Gitterstäbe und sieht hinein. »Wo? – Gott, welche Stätte des Grauens« »Dorten!« Jo deutet mit dem Finger hin. »Dorten drübn. Bei dem Knochenhaufen und bei dem Küchenfenster dorten. Sie habn n obenauf glegt. Sie habn drauftreten müassen, bis n habn dringhabt. I könnt n außerfegen mit in Besen, wanns Tor offen war. Drum glaub i, spirrns es ab«, sagt er und rüttelt an dem Gitter. »Sis immer zuagspirrt. Sehgns die Ratten dort!« ruft er aufgeregt. »Hui! Sehgns! Dort laufts! Ho! in d Erd eini.« Das Dienstmädchen weicht schaudernd in eine Ecke zurück, in die Ecke des scheußlichen Torwegs, der mit seinen giftigen Ausdünstungen ihr Kleid beschmutzt, und streckt beide Hände vor und sagt Jo leidenschaftlich, er solle ihr nicht zu nahe kommen; denn sie ekelt sich vor ihm. So bleibt sie einige Augenblicke. Jo steht vor ihr mit aufgerissnem Mund und starrt sie immer noch an, als sie sich bereits erholt hat. »Ist dieser grauenhafte Ort geweihter Boden?« »Was woaß denn i von gweihtn Boden«, sagt Jo, der sie immer noch anstarrt. »Ist er eingesegnet?« »Was is er?« fragt Jo in fassungslosem Erstaunen. »Ist er eingesegnet?« »I bin gsegnt, wann is woaß«, sagt Jo und stiert sie noch mehr an als vorhin, »aber i möcht glaubn, na. Eingsegnet!!« wiederholt Jo, in seinem Innern stark beunruhigt. »Eingsegnt! S werd eam net viel gholfn habn. Eingsegnet? I glaub ender s Gegenteil. Aber was woaß denn i.« Das Dienstmädchen achtet nicht auf das, was er gesagt hat, und ist ganz geistesabwesend. Sie zieht den Handschuh aus, um ein Geldstück aus ihrer Börse zu nehmen. Jo beobachtet stumm, wie weiß und klein die Hand ist und was das für ein feines Dienstmädchen sein muß, das so funkelnde Ringe trägt. Sie läßt ein Geldstück in seine Hand fallen, ohne sie zu berühren, und schaudert, wie sie ihm mit den Fingern zu nahe kommt. »Jetzt«, setzt sie hinzu, »zeig mir die Stelle noch ein Mal.« Jo fährt mit dem Besenstiel durch die Gitterstäbe und deutet mit äußerster Sorgfalt auf die Stelle. Endlich blickt er zur Seite, um zu sehen, ob er sich verständlich gemacht hat, und findet sich allein. Sein erstes ist, das Geldstück an die Gaslaterne zu halten. Dann ist er ganz überwältigt von der Entdeckung, daß es gelb ist. – Gold! Sein nächstes, mit den Zähnen in den Rand zu beißen, um zu sehen, ob es echt ist. Dann steckt er es der Sicherheit wegen in den Mund und kehrt die Stufe und den Gang mit größter Sorgfalt. Wie er damit fertig ist, macht er sich nach »Toms Einöd« auf den Weg, bleibt im Licht zahlloser Gaslaternen stehen, um das Goldstück hervorzuholen, und immer wieder muß er, um zu prüfen, ob es echt ist, in den Rand beißen. Dem gepuderten Merkur fehlt es heute abend nicht an Gesellschaft, denn Mylady geht zu einem großen Diner und auf drei oder vier Bälle. Sir Leicester kann nicht still sitzen unten in Chesney Wold, weil er keine bessere Gesellschaft als die Gicht hat. Er beklagt sich bei Mrs. Rouncewell, der Regen prassele so eintönig auf die Terrasse, daß er nicht einmal am Kamin seines eignen behaglichen Ankleidezimmers die Zeitung lesen könne. »Sir Leicester hätte besser getan, die andre Seite des Hauses zu versuchen«, sagt Mrs. Rouncewell zu Rosa. »Sein Ankleidezimmer liegt auf Myladys Flügel, und diese ganzen langen Jahre waren die Schritte auf dem Geisterweg nicht so deutlich zu hören wie heute.« 17. Kapitel Esthers Erzählung Richard besuchte uns sehr oft während unseres Aufenthaltes in London, wenn er auch das Briefschreiben bald einstellte, und mit seiner raschen Auffassungsgabe, seiner Lebendigkeit, seinem gutherzigen Wesen, seiner Fröhlichkeit und munteren Laune war er stets ein gern gesehener Gast. Aber wenn ich ihn auch immer lieber gewann, so fühlte ich doch, je mehr ich ihn kennenlernte, wie sehr es zu beklagen war, daß man ihn nicht zu größerem Fleiß und zur Konzentration angehalten hatte. Das System, das in derselben Art auf ihn wie auf hundert andere an Charakter und Fähigkeiten vollständig verschiedene Knaben angewendet worden war, hatte ihn wohl befähigt, seine Aufgaben gar oft mit Auszeichnung abzutun, aber eben nur abzutun in einer gewissen leichtsinnigen, oberflächlichen Weise, die seine Zuversicht gerade auf die Eigenschaften, die in ihm am wenigsten erzogen und geleitet worden waren, verstärkte. Es waren gewiß hohe Eigenschaften, ohne die ein großes Ziel wirklich verdienstvoll nicht erreicht werden kann, aber wie Feuer und Wasser waren sie zwar vortreffliche Diener, aber sehr schlechte Herrn. Wenn Richard sie hätte beherrschen lernen, würden sie ihm gedient haben. So wurden sie seine Feinde. Ich schreibe diese Urteile nieder, nicht, weil ich glaube, daß sich dies oder das so und so verhielt oder weil es mir so vorkam, sondern nur, weil ich darüber nachdachte und in allem, was ich dachte und tat, aufrichtig sein will. Also so war meine Meinung über Richard. Ich dachte auch oft daran, wie recht mein Vormund mit seiner Ansicht gehabt hatte, daß die Unsicherheit, die aus den ewigen Verschleppungen des Kanzleigerichtsprozesses entsprang, in ihm schon in jungen Jahren eine Art Spielercharakter großgezogen hatte. Mr. und Mrs. Bayham Badger besuchten uns eines Nachmittags, als mein Vormund gerade abwesend war, und im Lauf des Gesprächs erkundigte ich mich natürlich nach Richard. »Oh, Mr. Carstone«, sagte Mrs. Badger, »befindet sich sehr wohl und bedeutet, versichere ich Ihnen, einen großen Zuwachs für unsern Kreis. Kapitän Swosser pflegte von mir zu sagen, daß ich für die Back der Midshipmen, wenn das Pökelfleisch zäh wie das Luv-Fock-Marssegel Vorderlick ausgefallen war, noch besser sei als Landinsicht oder Achterbrise. Er wollte damit in seiner Seemannsweise ausdrücken, welch schätzbarer Zuwachs ich für die Mannschaft war. Ich kann mit gutem Gewissen dieselbe Versicherung hinsichtlich Mr. Carstones geben. Aber ich... Werden Sie mich auch nicht für naseweis halten, wenn ich es erwähne?« Ich sagte nein, da Mrs. Badgers Ton eine Antwort zu verlangen schien. »Auch Miß Clare nicht?« fragte Mrs. Bayham Badger zärtlich. Ada sagte ebenfalls nein, aber ihr Gesicht verriet, daß sie unruhig wurde. »Ja, sehen Sie, meine Lieben«, fuhr Mrs. Badger fort... »Gestatten Sie, daß ich Sie meine Lieben nenne?« Wir baten Mrs. Badger, keine Umstände zu machen. »Ich nenne Sie so, weil Sie wirklich so liebenswürdig sind, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, Ihnen das zu sagen. Wirklich so bestrickend liebenswürdig. Sie sehen, meine Lieben, daß, wenn ich auch noch jung bin – wenigstens ist Mr. Badger so galant, das immer zu behaupten –« »Das ist durchaus keine Schmeichelei!« rief Mr. Badger aus, wie jemand, der in einer öffentlichen Versammlung widerspricht. »Nein, durchaus kein Kompliment.« »Also gut«, lächelte Mrs. Badger. »Wir wollen einfach sagen: Noch jung...« »Oh, zweifellos«, schaltete Mr. Badger ein. »Obgleich ich also selbst noch jung bin, meine Lieben, habe ich doch vielfach Gelegenheit gehabt, junge Herren zu beobachten. An Bord des guten alten 'Crippler', ich versichere Ihnen, waren ihrer eine ganze Menge. Außerdem, als ich mit Kapitän Swosser im Mittelmeer war, nahm ich jede Gelegenheit war, die Midshipmen unter Kapitän Swossers Kommando kennenzulernen und mich mit ihnen anzufreunden. Sie haben nie solche junge Gentlemen unter sich reden hören, meine Lieben, und würden mich wahrscheinlich gar nicht verstehen, wenn ich darauf anspielte, was sie das 'Schwänzen' ihres Wochendienstes nannten. Aber bei mir ist das etwas anderes, denn das Salzwasser war mir eine zweite Heimat und ich ein vollständiger Seemann. Dann wieder mit Professor Dingo...« »Ein Mann von europäischem Ruf«, murmelte Mr. Badger. »Als ich meinen geliebten ersten Mann verlor und die Gattin meines geliebten zweiten wurde«, sagte Mrs. Badger, die von ihren beiden früheren Gatten sprach wie von einer Legende, »hatte ich ebenfalls Gelegenheit, die Jugend zu beobachten. Professor Dingos Vorlesungen wurden sehr stark besucht, und es war mein Stolz, als die Frau eines so ausgezeichneten Gelehrten, die selbst in der Wissenschaft all den Trost, den Studium bieten kann, suchte, den Studenten unser Haus als eine Art wissenschaftlichen Brennpunktes zu öffnen. Jeden Dienstag abends hatten wir Limonade und Biskuit für alle, die an diesen Erfrischungen teilnehmen wollten. Und Wissenschaft gab es in unbeschränkter Auswahl.« »Höchst bemerkenswerte Versammlungen waren das, Miß Summerson«, bestätigte Mr. Badger ehrfurchtsvoll. »Unter den Auspizien eines solchen Mannes muß es viel geistige Reibung gegeben haben.« »Und jetzt«, fuhr Mrs. Badger fort, »wo ich die Gattin meines geliebten dritten, Mr. Badgers, geworden bin, habe ich die Gewohnheit zu beobachten, die ich, solange Kapitän Swosser lebte, angenommen und unter Professor Dingo zu neuen ungeahnten Zwecken ausgestaltet habe, beibehalten. Ich kam daher nicht als Neophyt zu meiner Ansicht über Mr. Carstone. Und dennoch bin ich der Meinung, meine Lieben, daß er nicht den passenden Beruf gewählt hat.« Adas Gesicht sah so besorgt aus, daß ich Mrs. Badger fragte, auf welche Gründe sich ihre Vermutung stütze. »Auf Mr. Carstones Charakter und Benehmen, meine liebe Miß Summerson. Er ist von so leichtblütiger Veranlagung, daß er es wahrscheinlich nicht der Mühe wert halten würde zu sagen, wie er es selbst empfindet; aber der Beruf langweilt ihn. Er fühlt nicht das positive Interesse dafür, das das Fach erfordert. Wenn er wirklich eine bestimmte Meinung darüber hat, so ist es meiner Ansicht nach die, daß er es für langweilig hält. Das ist nicht vielversprechend. Junge Männer wie Mr. Allan Woodcourt, die sich dem Ärztestand in allen seinen verschiedenen Gebieten eines starken Interesses wegen widmen, finden darin den Lohn für sehr viel Arbeit, geringes Verdienst für jahrelanges Ausharren und viele Enttäuschungen. Aber ich bin vollständig überzeugt, daß dies bei Mr. Carstone niemals der Fall sein wird.« »Denkt Mr. Badger ebenso?« fragte Ada schüchtern. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Miß Clare«, sagte Mr. Badger, »muß ich gestehen, daß ich zu dieser Ansicht erst hinneigte, als mich Mrs. Badger darauf aufmerksam machte. Als es mir Mrs. Badger in diesem Lichte darstellte, schenkte ich der Sache natürlich große Beachtung, denn ich weiß, daß ihr Urteil, ganz abgesehen von seinen natürlichen Vorzügen, den seltenen Vorteil gehabt hat, von zwei so ausgezeichneten – ich möchte sogar sagen, berühmten – Männern der Öffentlichkeit, wie Kapitän Swosser von der Königlichen Marine und Professor Dingo waren, gebildet zu werden. Kurz, mein Urteil deckt sich vollständig mit dem Mrs. Badgers.« »Es war eine von Kapitän Swossers Maximen«, nahm Mrs. Badger wieder das Wort, »daß – in seiner bildlichen Seemannssprache ausgedrückt –, wenn man schon Pech heiß mache, man es nicht genug heiß machen könne, und wenn man eine Planke scheuere, man sie scheuern solle, als ob der Klabautermann hinter einem stünde. Es scheint mir, als ob sich dieser Grundsatz ebenso auf den medizinischen wie auf den nautischen Beruf anwenden läßt.« – »Auf alle Berufsarten!« bestätigte Mr. Badger. »Es war prächtig ausgedrückt von Kapitän Swosser. Wirklich bewundernswert ausgedrückt.« – »Die Leute warfen, als wir uns nach unsrer Heirat im nördlichen Devonshire aufhielten, Professor Dingo vor, er verunstalte Häuser und andere Gebäude dadurch, daß er mit seinem kleinen geologischen Hammer Stücke davon losschlüge. Aber der Professor erwiderte, er kenne kein Gebäude außer den Tempel der Wissenschaft. Das Prinzip ist ganz dasselbe, glaube ich.« »Ganz dasselbe«, stimmte Mr. Badger bei. »Sehr schön ausgedrückt. Der Professor gebrauchte dieselben Worte, Miß Summerson, in seiner letzten Krankheit, als er in seiner Fieberphantasie darauf bestand, seinen kleinen Hammer unter dem Kopfkissen zu behalten und an den Gesichtern der Umstehenden herumzuklopfen. Ja, die alles beherrschende Leidenschaft!« Obgleich Mr. und Mrs. Badger uns ihre Meinung weniger umständlich hätten mitteilen können, fühlten wir doch beide die Uneigennützigkeit ihres Urteils und seine Richtigkeit. Wir beschlossen, Mr. Jarndyce, ehe wir nicht mit Richard gesprochen, nichts zu sagen, und da dieser uns am nächsten Abend besuchen sollte, wollten wir die Angelegenheit erst ernst mit ihm durchnehmen. So ließ ich ihn denn, als er gekommen war, eine Weile mit Ada allein und fand sie dann, wie ich vorausgesehen, mit allem, was er sagte, einverstanden. »Nun, was machen Ihre Fortschritte, Richard?« fragte ich. Ich saß wie gewöhnlich an seiner Seite, denn er behandelte mich ganz wie eine Schwester. »Oh, es geht so ziemlich«, antwortete er. »Besser kann es doch nicht sein, Esther, nicht wahr!« rief mein Liebling triumphierend. Ich versuchte sie mit meinem weisesten Gesicht anzusehen, aber natürlich gelang es mir nicht. »So ziemlich?« wiederholte ich. »Ja, so ziemlich. Es ist ein wenig Hundetrab und schlafmützenhaft, aber schließlich grade so gut wie irgend etwas anderes.« »Aber, lieber Richard!« wendete ich ein. »Nun, und?« »Grade so gut wie irgend etwas anderes!?« »Ist denn etwas Schlimmes dabei, Mütterchen?« sagte Ada und sah mich an ihm vorbei zuversichtlich an. »Wenn es so gut wie irgend etwas anderes ist, so ist es immerhin doch gut, oder nicht?« »Ja, ja. Das meine ich«, entgegnete Richard sorglos und schüttelte sich das Haar aus der Stirn. »Schließlich ist es ja nur eine Art Prüfungszeit, bis unser Prozeß... Ach, richtig, ich vergaß, ich soll ja nicht von dem Prozeß sprechen. Es ist ja ein verbotenes Thema! Also, es ist alles ganz in Ordnung. Reden wir vielleicht von etwas anderem.« Ada hätte es auch gern getan, überzeugt, daß die Sache zufriedenstellend erledigt sei, aber ich hielt es denn doch nicht für angezeigt, auf diesem Punkte stehen zu bleiben, und fing daher wieder an: »Aber Richard und du, liebe Ada, ihr müßt doch bedenken, wie wichtig das für euch beide ist. Es ist doch Ehrensache Ihrem Vetter gegenüber, Richard, daß Sie die Sache mit rückhaltlosem Ernst auffassen. Ich dächte, wir sollten das wirklich gründlich durchsprechen, Ada. Es könnte sonst bald vielleicht zu spät sein.« »Gewiß müssen wir es durchsprechen«, sagte Ada. »Aber ich glaube, Richard hat recht.« – Was nützte es mir, eine weise Miene aufzusetzen, wo sie so hübsch und reizend war und ihn so lieb hatte! – »Mr. und Mrs. Badger waren gestern hier, Richard«, sagte ich, »und schienen der Ansicht zuzuneigen, Sie fänden an der Chirurgie keinen besondern Geschmack.« »So, sagten sie das? Oh! Das ändert die Sache allerdings. Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie es glaubten, und hätte ihnen nicht gern eine Enttäuschung oder eine Unannehmlichkeit bereitet. Die Sache ist freilich so. Der Beruf interessiert mich nicht besonders. Aber das macht weiter nichts. Er ist so gut wie jeder andre.« »Da hörst du es, Ada«, sagte ich. »Tatsache ist«, fuhr Richard halb nachdenklich, halb scherzend fort, »er liegt mir nicht besonders. Er gefällt mir nicht sehr. Und ich muß zuviel von Mrs. Bayham Badgers erstem und zweitem Gatten hören.« »Das ist doch nur natürlich!« rief Ada erfreut aus. »Ganz dasselbe sagten wir gestern auch, Esther.« »Dann ist er so einförmig«, fuhr Richard fort. »Das Heute gleicht dem Gestern, und das Morgen ist wie das Heute.« »Aber ich fürchte«, sagte ich, »das läßt sich überall einwenden – sogar gegen das Leben selbst, außer unter ganz abnormen Verhältnissen.« »Meinen Sie wirklich?« fragte Richard, immer noch nachdenklich. »Vielleicht! Hm! Übrigens, da sehen Sie selbst«, setzte er hinzu und wurde plötzlich wieder heiter. »Wir gehen im Kreise herum auf das los, was ich eben sagte. Es ist ebensogut wie irgend etwas anderes. Reden wir doch nicht mehr davon.« Selbst Ada, und wenn sie schon unschuldig und vertrauensvoll gewesen an jenem denkwürdigen Novembernebeltag, wieviel mehr war das jetzt der Fall, wo ich ihr unschuldiges und vertrauendes Herz kannte, selbst Ada schüttelte jetzt den Kopf und machte ein ernstes Gesicht. Ich hielt es daher für eine günstige Gelegenheit, Richard anzudeuten, daß, wenn er auch manchmal leichtsinnig gegen sich selbst sei, er doch gewiß nicht leichtsinnig gegen Ada handeln wolle und daß es von seiner Seite eine Art Liebespflicht sein müsse, den Schritt, der auf ihr ganzes Leben Einfluß haben würde, nicht so leicht zu nehmen. Das stimmte ihn fast ernst. »Mütterchen Hubbard, das ist es ja eben. Ich habe auch schon oft darüber nachgedacht und mich über mich selbst geärgert, daß ich es so ernst nehmen wollte und, ich weiß nicht warum, nie recht konnte. Ich weiß nicht, wie es zugeht, ich scheine immer Abwechslung zu brauchen. Selbst Sie können sich keinen Begriff machen, wie sehr ich Ada liebe, aber in allen andern Dingen fällt mir Beständigkeit so schwer. Es ist so aufreibend und frißt soviel Zeit«, sagte Richard mit verdrießlicher Miene. »Das kommt wahrscheinlich daher, daß Sie keinen Gefallen an dem Beruf haben.« »Der arme Junge!« sagte Ada. »Ich kann mich wahrhaftig nicht darüber wundern.« Nein. Es half nicht das mindeste, daß ich versuchte, weise dreinzuschauen. Ich machte noch einen Versuch, aber wie konnte es mir gelingen, solange Ada ihre Hände auf seiner Schulter faltete und er ihr in die zärtlichen blauen Augen schaute. »Du siehst, mein Schatz«, sagte Richard und ließ ihre goldnen Locken durch seine Finger gleiten, »ich habe mich vielleicht ein wenig übereilt und meine Neigungen nicht gehörig erkannt. Ich konnte es vorher wirklich nicht wissen. Die Frage ist nur, ob es dafür steht, alles ungeschehen zu machen. Das kommt mir vor, wie einen großen Lärm wegen einer Kleinigkeit zu machen.« »Lieber Richard«, sagte ich, »wie können Sie das eine Kleinigkeit nennen?« »Ich meine es nicht in dem Sinne. Ich meine nur, es ist insofern nichts Besonderes, weil ich möglicherweise sowieso niemals darauf angewiesen sein werde.« Sowohl Ada wie ich hoben hervor, daß es nicht nur der Mühe wert wäre, die Angelegenheit ungeschehen zu machen, sondern daß das geradezu eine Notwendigkeit sei. Dann fragte ich Richard, ob er schon an einen andern passenden Beruf gedacht habe. »Da treffen Sie den rechten Punkt, Mütterchen«, sagte Richard. »Ich habe daran gedacht. Ich glaube, die Jurisprudenz läge mir besser.« »Die Jurisprudenz?!« wiederholte Ada in einem Ton, als ob sie sich schon vor dem bloßen Namen fürchtete. »Wenn ich zu Kenge in die Kanzlei käme und dort eingeschrieben würde, so hätte ich Gelegenheit, den – hm – den verbotenen Gegenstand ins Auge zu fassen, zu studieren, ihn gründlich kennenzulernen und mich zu vergewissern, daß er ordnungsgemäß geführt und nicht vernachlässigt wird. Ich wäre imstande, Adas und meine Interessen, die sich ja decken, zu verfolgen, und würde mich mit Blackstone und all den andern Schmökern mit der größten Leidenschaft herumbalgen.« Ich war durchaus nicht fest überzeugt, daß dies der Fall sein werde, und sah, wie betrübt Ada darüber war, daß er es nicht lassen konnte, Irrlichtern nachzujagen. Indessen hielt ich es immerhin noch für das beste, ihn in allem, was eine anhaltende Beschäftigung nach sich ziehen konnte, zu ermutigen, und riet ihm nur, genau mit sich zu Rate zu gehen, ob er sich nun wirklich ganz und gar entschlossen habe. »Meine liebe Minerva, Sie selbst können nicht beständiger sein, als ich es bin. Ich habe mich geirrt – wir alle sind Irrtümern unterworfen –, aber ein Mal und nicht wieder, und ich will ein Jurist werden, wie er nicht alle Tage vorkommt. Das heißt«, sagte Richard und verfiel wieder in seine Zweifel, »wenn es überhaupt der Mühe wert ist, soviel Aufhebens von einer so geringfügigen Sache zu machen.« Das veranlaßte uns, noch einmal mit großem Ernst zu wiederholen, was wir bereits gesagt hatten, und wir kamen zu demselben Schlusse wie vorhin. Wir rieten Richard so angelegentlich, ohne die Sache nur einen Augenblick aufzuschieben, frei und offen mit Mr. Jarndyce zu reden, daß er, von Natur jeder Heimlichkeit sowieso abhold, ihn sogleich aufsuchte, uns mitnahm und ihm alles eingestand. »Rick«, sagte mein Vormund, nachdem er ihn aufmerksam angehört hatte, »wir können in Ehren zurücktreten und wollen es tun. Aber wir müssen uns hüten, unsrer Kusine wegen, Rick, daß wir nicht noch mehr solcher Irrtümer begehen. Was das Jus betrifft, wollen wir uns lieber vorerst zu einer gewissen Probezeit entschließen. Sehen wir uns erst den Graben an, ehe wir springen, und lassen wir uns Zeit.« Richards Energie war so ungeduldiger und überstürzter Art, daß er am liebsten sofort auf Mr. Kenges Kanzlei gegangen wäre und sich bei ihm hätte einschreiben lassen. Er machte jedoch gute Miene zu den Vorsichtsmaßregeln, von deren Notwendigkeit wir ihn überzeugten, und saß unter uns in heiterster Laune und plauderte, als ob sein Lebensziel von Kindheit an der Beruf gewesen wäre, dem er sich jetzt widmen wollte. Mein Vormund war sehr freundlich und herzlich mit ihm, wenn auch ein wenig ernst. So ernst, daß Ada, als Richard Abschied genommen hatte und wir schlafen gehen wollten, zu ihm sagte: »Vetter John, ich hoffe doch nicht, daß du jetzt schlechter von Richard denkst?« »Nein, liebe Ada.« »Es ist doch so natürlich, daß sich Richard in einem so schwierigen Fall geirrt hat. Es ist das doch nichts Ungewöhnliches.« »Nein, nein, meine Liebe. Mach kein betrübtes Gesicht.« »Oh, ich bin durchaus nicht betrübt, Vetter John«, sagte Ada, lächelte heiter und legte die Hand auf seine Schulter, »aber ich würde es sein, wenn du schlecht von Richard dächtest.« »Liebe Ada«, sagte Mr. Jarndyce, »ich würde es nur tun, wenn du jemals durch seine Schuld unglücklich würdest oder auch nur littest. Und selbst dann würde ich mir selbst mehr zürnen als dem armen Richard, weil ich euch ja zusammengebracht habe. Aber still, alles das hat ja nichts auf sich. Er hat Zeit genug und freie Bahn vor sich. Ich schlechter von ihm denken? Ich gewiß nicht, meine liebe Kusine. Und du denkst auch nicht schlechter von ihm, ich wette.« »Nein, gewiß nicht, Vetter John, ich könnte überhaupt nie etwas Böses von Richard denken, und wenn es die ganze Welt täte. Ich könnte und würde dann sogar noch besser von ihm denken.« Ruhig und ehrlich sagte sie das, jetzt beide Hände auf seine Schulter gelegt, und sah ihm dabei ins Gesicht, gläubig und offen. Mein Vormund betrachtete sie nachdenklich. »Ich glaube, es muß irgendwo geschrieben stehen, daß die Tugenden der Mütter an den Kindern heimgesucht werden sollen wie die Sünden der Väter. Gute Nacht, mein Rosenknöspchen. Gute Nacht, Mütterchen. Gute Ruh! Angenehme Träume!« Das war das erste Mal, daß ich einen Schatten den wohlwollenden Ausdruck seiner Augen trüben sah, als er Ada nachblickte. Ich erinnerte mich noch recht gut des Blickes, mit dem er sie und Richard betrachtet hatte, als sie beim Schein des Kaminfeuers gesungen, und es war nur sehr wenig Zeit vergangen, seit wir sie aus dem sonnenerleuchteten Zimmer in den Schatten hatten treten sehen, aber sein Ausdruck war ein andrer jetzt, und selbst sein stummer vertrauensvoller Blick auf mich war nicht ganz so hoffnungsfreudig und sicher wie früher. Ada lobte an diesem Abend Richard mehr als je zuvor. Sie ging mit einem kleinen Armband, das er ihr geschenkt hatte, zu Bett. Ich glaube, sie träumte von ihm, als ich sie auf die Wange küßte, während sie schlummerte, und ihr ruhiges und glückliches Gesicht ansah. Ich selbst hatte an jenem Abend so wenig Lust zu schlafen, daß ich aufblieb und arbeitete. An und für sich wäre dieser Umstand nicht des Erwähnens wert, aber ich war nicht schläfrig und etwas trübe gestimmt. Warum, weiß ich nicht. Jedenfalls war ich entschlossen, so schrecklich fleißig zu sein, daß mir keine Minute Zeit für trübe Laune übrig bleiben sollte. Ich sagte mir: »Esther! Du bist verstimmt. Du!« Und es war wirklich hohe Zeit, mir das vorzuhalten, denn ich sah mich, ja, ich sah mich wirklich im Spiegel nahe daran zu weinen. »Als ob du irgendeine Ursache hättest, dich unglücklich zu fühlen, du undankbares Herz«, hielt ich mir vor. Wenn ich hätte einschlafen können, würde ich es jetzt auf der Stelle getan haben. Aber da ich fühlte, es würde mir nicht glücken, nahm ich aus meinem Arbeitskörbchen eine kleine Stickerei, die ich in Bleakhaus angefangen hatte, und machte mich mit großem Eifer darüber her. Man mußte bei dieser Arbeit alle Stiche abzählen, und ich beschloß, nicht eher damit aufzuhören, als bis mir die Augen zufielen. Ich war bald ganz in meine Arbeit vertieft, hatte aber in einem Arbeitstäschchen in dem jetzigen Brummstübchen unten eine Spule Seide gelassen, die ich jetzt brauchte, wenn ich weiterarbeiten wollte. Ich nahm daher ein Licht und ging leise hinunter. Zu meiner großen Überraschung sah ich meinen Vormund immer noch dort sitzen und in die verglimmende Asche blicken. Er war ganz in Gedanken versunken. Sein Buch lag unbeachtet neben ihm, sein graumeliertes Haar war verwirrt, als ob er mit den Fingern darin gewühlt hätte, und sein Gesicht sorgenvoll. Fast darüber erschrocken, ihn so unerwartet: hier zu sehen, blieb ich einen Augenblick stehen und wollte eben wieder stumm umkehren, als er sich mit der Hand zerstreut durch die Haare fuhr und mich dabei bemerkte. »Esther!« Ich sagte ihm, was ich hier noch suchte. »So spät willst du noch arbeiten, liebes Kind?« »Nur weil ich nicht einschlafen kann und mich müde machen möchte. Aber auch du, lieber Vormund, bist ja noch so spät wach und siehst angegriffen aus. Ich will doch nicht hoffen, daß du aus Sorgen nicht schlafen kannst?« »Ich habe keine Sorge, Mütterchen, die du so leicht begreifen könntest.« Er sagte dies in einem für mich so überraschend betrübten Ton, daß ich mir seine Worte innerlich wiederholte, als ob ich sie dadurch besser verstehen könnte: »Keine, die ich so leicht begreifen könnte?« »Bleib einen Augenblick, Esther«, sagte er. »Ich habe eben an dich gedacht.« »Ich hoffe, du hattest doch nicht meinetwegen Sorge, Vormund.« Er bewegte seine Hand leicht abwehrend, und sein Gesicht nahm im Augenblick seinen gewohnten Ausdruck wieder an. Die Veränderung war so auffallend und verriet soviel Selbstbeherrschung, daß ich mir abermals innerlich die Worte wiederholte: »Keine, die ich so leicht begreifen könnte.« »Mütterchen, ich dachte – das heißt, ich habe, seit ich hier sitze, an nichts anderes gedacht –, daß du eigentlich alles, was ich von deiner Geschichte weiß, erfahren solltest. Es ist sehr wenig. Fast nichts.« »Lieber Vormund«, wandte ich ein, »als du das erste Mal die Sache zur Sprache brachtest...« »Aber seitdem«, unterbrach er mich ernst, denn er erriet, was ich sagen wollte, »seitdem bin ich mir darüber klar geworden, daß es etwas sehr Verschiedenes ist, ob du mich etwas fragen willst oder ob ich dir etwas mitzuteilen habe, Esther. Es ist vielleicht sogar meine Pflicht, dir das Wenige, was ich weiß, zu enthüllen.« »Wenn du glaubst, Vormund.« »Ich glaube, es ist meine Pflicht«, sagte er sehr sanft und gütig und sehr bestimmt. »Liebe Esther, ich glaube, es ist so. Wenn in den Augen irgendeines überhaupt vollwertigen Menschen an deiner Position wirklich ein Mangel haften kann, so gehört es sich vor allem, daß du selbst ihn dir in deinen eignen Augen nicht vergrößerst, indem du die Sache in unbestimmten vagen Formen siehst.« Ich setzte mich hin und sagte nach einer kleinen Anstrengung, so ruhig zu bleiben, wie es sich für mich gebührte: »Eine meiner frühesten Erinnerungen, Vormund, sind die Worte: 'Deine Mutter, Esther, ist deine Schande, und du warst ihre. Die Zeit wird kommen – früh genug –, wo du dies besser verstehen und fühlen wirst, wie nur ein Weib es fühlen kann.'« Ich hatte mein Gesicht mit den Händen bedeckt, während ich diese Worte wiederholte. Ich nahm sie jetzt in einer bessern Erkenntnis wieder weg und sagte ihm, daß ich nur ihm das Glück verdanke, es von meiner Kindheit an bis zu dieser Stunde nie gefühlt zu haben. Er erhob abwehrend die Hand. Ich wußte wohl, daß man ihm nicht danken durfte, und schwieg. »Es sind jetzt neun Jahre her«, begann er nach einer kleinen Weile Nachdenkens, »da erhielt ich von einer in Zurückgezogenheit lebenden Dame einen Brief, der von einer finstern Leidenschaft und Kraft erfüllt war, die ihn von allen Briefen, die ich jemals gelesen, unterschied. Vielleicht war es ein unbewußter Zug der Absenderin, mir ihr Vertrauen zu schenken, vielleicht ein unbewußter Zug von mir, ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Der Brief erzählte von einem Kind, einem Waisenmädchen, damals zwölf Jahre alt, mit ähnlich grausamen Worten wie denen, an die du dich noch erinnerst. Die Schreiberin habe, hieß es darin, das Kind von seiner Geburt an im geheimen auferzogen, alle Spuren seiner Herkunft verwischt, und wenn die Schreiberin vor Mündigwerden des Kindes stürbe, so stünde es freudlos, namenlos und ungekannt in der Welt. Der Brief forderte mich auf, mit mir zu Rate zu gehen, ob ich vollenden wollte, was sie begonnen hatte.« Ich hörte schweigend zu und sah ihn gespannt an. »Deine Jugenderinnerungen, liebes Kind, werden dir am besten sagen, in welch düsterm Licht die Schreiberin alles sah und ausdrückte, in ihrem finstern Puritanismus, der ihren Geist umwölkte, mit der grausamen Anschauung, daß ein Kind eine Schuld büßen müsse, die es nicht begangen. Ich faßte ein Interesse für das Kind und sein freudloses Leben und beantwortete den Brief.« Ich ergriff seine Hand und küßte sie. »In dem Brief stand, ich solle nie den Versuch machen, die Schreiberin, die seit langer Zeit allen Verkehr mit der Welt abgebrochen habe, zu Gesicht zu bekommen, aber sie schlüge mir vor, ich möchte ihr einen vertrauenswürdigen Vertreter nennen, mit dem sie dann verhandeln wollte. Ich bestimmte Mr. Kenge. Die Dame sagte ihm aus freien Stücken, ihr Name sei ein angenommener und sie die Tante des Kindes, wenn in solchen Fällen von Blutsverwandtschaft überhaupt die Rede sein könnte. Sie werde niemals – Mr. Kenge war von der Festigkeit ihres Entschlusses durchaus überzeugt – mehr enthüllen... So, liebes Kind, jetzt habe ich dir alles gesagt.« Ich hielt seine Hand eine kleine Weile in der meinen. »Ich sah mein Mündel öfter als sie mich«, fuhr er in einem heitereren und leichteren Ton fort, »und erfuhr immer, sie sei glücklich, häuslich und von allen geliebt. Sie vergilt mir zwanzigtausendfach, und zwanzig Mal mehr noch, jede Stunde im Tag die Kleinigkeit, die ich für sie getan habe.« »Und noch öfter«, sagte ich, »segnet sie den Vormund, der ihr ein Vater ist.« Bei dem Worte Vater sah ich den frühern sorgenvollen Ausdruck wieder auf seinem Gesichte erscheinen. Er beherrschte sich wie vorhin, und einen Augenblick später sah er drein wie gewöhnlich. Sein Mienenspiel wechselte bei meinen Worten so schnell, daß es mir vorkam, als hätte ich ihm damit weh getan. Abermals wiederholte ich mir verwundert: »Keine, die ich so leicht begreifen könnte... Keine, die ich so leicht begreifen könnte.« Ja, es war wahr. Ich begriff es nicht. Lange, lange Zeit nicht. »Und nun ein väterliches gute Nacht, liebes Kind«, sagte er und küßte mich auf die Stirn, »und flink zu Bett. Das sind viel zu späte Stunden zum Arbeiten und Nachdenken. Du tust das sowieso den ganzen Tag für uns, kleine Hausfrau.« Ich arbeitete weder, noch grübelte ich in dieser Nacht mehr. Ich schüttete mein volles Herz vor Gott aus und dankte ihm inbrünstig, daß er mich nicht verlassen, und schlummerte ein. Den Tag darauf hatten wir Besuch. Mr. Allan Woodcourt. Er kam, um von uns Abschied zu nehmen. Er wollte als Schiffsarzt nach China und Ostindien gehen, wie er uns schon vor einiger Zeit erzählt hatte. Er hatte vor, sehr lange Zeit abwesend zu sein. Ich glaube – das heißt, ich weiß es –, daß er nicht reich war. Alle Ersparnisse seiner verwitweten Mutter waren darauf verwendet worden, ihn zu seinem Beruf auszubilden. Für einen jungen Arzt mit wenig Beziehungen in London war es kein einträglicher Beruf, und obgleich er sich Tag und Nacht für eine Menge armer Leute abmühte und Wunder an Zartheit und Geschicklichkeit bei ihnen verrichtete, verdiente er doch sehr wenig Geld. Er war sieben Jahre älter als ich. Nicht, daß ich es zu erwähnen brauchte, denn es scheint kaum hierher zu gehören. Ich glaube – das heißt, er sagte uns –, daß er drei oder vier Jahre praktiziert habe und die Reise nicht machen würde, wenn er sich noch drei oder vier Jahre hätte durchschlagen können. Aber er besäße kein Vermögen und wäre daher gezwungen, ins Ausland zu gehen. Er hatte uns schon einige Male besucht. Es tat uns leid, daß er jetzt Abschied nahm, denn er war ein hervorragender Arzt in den Augen aller derer, die ihn kannten, und einige der bedeutendsten Gelehrten hatten eine hohe Meinung von ihm. Als er sich jetzt von uns verabschieden kam, brachte er zum ersten Mal seine Mutter mit. Sie war eine hübsche alte Dame mit glänzenden schwarzen Augen und schien sehr stolz zu sein. Sie stammte aus Wales und hatte vor langer, langer Zeit einen außerordentlich hervorragenden Vorfahren gehabt, mit Namen Morganap-Kerrig, aus einem Ort, der wie Gimlet klang, der unglaublich berühmt gewesen und dessen Verwandte sämtlich eine Art königliche Familie gebildet hätten. Er mußte sein ganzes Leben damit zugebracht haben, in den Gebirgen herumzuziehen und Gefechte zu liefern. Ein Barde, mit Namen Crumlinwallinwer, hatte ihn in einem Lied, das, soweit ich verstehen konnte, Mewlinnwillinwodd hieß, besungen. Mrs. Woodcourt erzählte uns viel von dem Ruhm ihres großen Ahnen und sagte dann, daß, wohin ihr Sohn Allan auch immer kommen sollte, er sich stets seiner Abstammung erinnern und unter keiner Bedingung eine Verbindung unter seinem Rang schließen werde. Sie wisse, es gäbe viele schöne englische Damen in Indien, die nur aus Heiratsspekulation hinreisten, und daß sich auch einige mit Vermögen unter ihnen finden ließen, aber weder Schönheit noch Reichtum könnten dem Abkömmling eines solchen Geschlechts genügen ohne Geburt, die immer die erste Bedingung sein müßte. Sie sprach so viel von Geburt, daß ich mir für einen Augenblick fast einbildete, und mit Schmerz – aber welch törichte Einbildung, das anzunehmen –, sie könnte am Ende nach meiner Abkunft fragen. Mr. Woodcourt schien ihre Gesprächigkeit ein wenig unangenehm zu sein, aber er war zu rücksichtsvoll, um es merken zu lassen, und wußte mit viel Taktgefühl das Gespräch so zu drehen, daß er meinem Vormund für seine Gastfreundschaft und für die vielen glücklichen Stunden danken konnte – er nannte sie sehr glückliche Stunden –, die er bei uns verlebt hatte. Die Erinnerung daran, sagte er, würde ihn überall hinbegleiten, wohin er auch komme, und er werde sie stets im Herzen bewahren. Wir gaben ihm nach der Reihe die Hand – wenigstens sie taten es – und ich auch. Und er küßte Ada die Hand – und mir auch; und so verließ er uns, um seine lange, lange Reise anzutreten. Ich war den ganzen Tag über sehr beschäftigt und schrieb Unterweisungen für die Dienstboten nach Bleakhaus und Briefe für meinen Vormund, staubte seine Bücher und Papiere ab und hatte mit meinen Wirtschaftsschlüsseln viel im Hause herumzuklimpern. Die Dämmerung kam, und ich war immer noch beschäftigt, sang und arbeitete am Fenster, als niemand anders als Caddy, die ich am wenigsten erwartet hätte, eintrat. »Ei, liebe Caddy«, sagte ich, »was für schöne Blumen!« Sie hatte ein allerliebstes Blumensträußchen in der Hand. »Sie sind wirklich sehr hübsch, Esther. Die schönsten, die ich je gesehen habe.« »Von Prince, liebe Caddy?« flüsterte ich lächelnd. Caddy schüttelte den Kopf und hielt mir den Strauß zum Riechen hin. »Nein. Nicht von Prince.« »Was? Du hast zwei Anbeter!?« »So? Sehen die Blumen danach aus?« fragte Caddy. »Sehen Sie danach aus?« wiederholte ich und kniff sie in die Wange. Caddy lachte nur dazu und sagte, sie sei bloß auf eine halbe Stunde gekommen, dann werde Prince auf sie an der Ecke warten. Sie plauderte mit mir und Ada am Fenster, reichte mir von Zeit zu Zeit ihre Blumen hin oder probierte, wie sie sich in meinem Haar ausnähmen. Beim Abschied zog sie mich in meine Stube und steckte mir den Strauß an. »Für mich?« fragte ich überrascht. »Für dich«, sagte Caddy und küßte mich. »Sie wurden von jemand zurückgelassen.« »Zurückgelassen?« »Bei der armen Miß Flite. Jemand, der immer sehr gut zu ihr war, eilte vor einer Stunde weg, um abzureisen, und ließ diese Blumen zurück. Nein, nein, nein! Leg sie nicht weg! Laß die hübschen kleinen Dinger hier ruhen«, sagte Caddy und steckte die Blumen sorgfältig zurecht. »Ich war selbst anwesend und würde mich nicht wundern, wenn sie jemand absichtlich zurückgelassen hätte.« »Sehen sie danach aus?« fragte Ada, die lachend hinter mich trat und mich lustig mit ihren Armen umschlang. »O ja, sie sehen danach aus, Mütterchen. Sie sehen sogar sehr, sehr danach aus, wahrhaftig, liebe Esther.« 18. Kapitel Lady Dedlock Es war nicht so leicht, wie es anfangs geschienen hatte, für Richard in Mr. Kenges Kanzlei eine Probezeit auszumachen. Richard selbst war das Haupthindernis. Kaum stand es in seiner Macht, Mr. Badger jeden Augenblick zu verlassen, fing er an zu zweifeln, ob er denn das überhaupt wünsche. Er wisse es selbst nicht recht, sagte er. Medizin sei immerhin kein übler Beruf. Er könne nicht sagen, daß er ihm mißfalle. Vielleicht gefalle er ihm so gut wie jeder andere... Wir sollten es ihn nur noch einmal versuchen lassen. Hierauf schloß er sich ein paar Wochen lang mit einigen Büchern und ein paar Knochen ein und schien sich mit großer Schnelligkeit eine ziemliche Menge Kenntnisse anzueignen. Nachdem seine Begeisterung ungefähr einen Monat gedauert, fing sie an, sich abzukühlen, und als sie ganz kalt geworden, fing sie an, sich noch einmal zu erwärmen. Sein Hin- und Herschwanken zwischen Jus und Medizin dauerte so lang, daß der Hochsommer herankam, ehe er von Mr. Badger schied und seine Probezeit bei Kenge \& Carboy antrat. Bei aller dieser Flatterhaftigkeit bildete er sich sehr viel darauf ein, daß er es »diesmal« außerordentlich ernst nähme. Und er war so gutmütig und so fröhlich gelaunt und liebte Ada so sehr, daß es sehr schwer war, ihm böse zu sein. »Was Mr. Jarndyce betrifft«, der, wie ich hier erwähnen will, während dieser ganzen Zeit sehr viel über Ostwind klagte, »was Mr. Jarndyce betrifft«, sagte Richard zu mir, »so ist es der prächtigste Kerl unter der Sonne, Esther. Schon ihm zuliebe muß ich mich diesmal fest ins Zeug legen und die Sache ordentlich ins Geleise bringen.« Sein Vorhaben, sich tüchtig ins Zeug zu legen, stach von seinem lustigen Gesicht, seiner sorglosen Art und seiner Sprunghaftigkeit, mit der er alles erfaßte, aber nichts festhalten konnte, komisch ab. Dennoch sagte er uns zuweilen, er nähme es so ernst, daß er sich wundere, wieso sein Haar nicht grau werde. Also, wie bereits erwähnt, im Hochsommer trat er bei Mr. Kenge ein, um zu versuchen, wie ihm der Beruf gefalle. Die ganze Zeit über war er in Geldsachen, wie ich ihn schon früher beschrieben habe: freigebig, verschwenderisch, unglaublich sorglos, aber immer überzeugt, daß er eher berechnend und überlegt sei. Um die Zeit, wo er in die Kanzlei eintreten sollte, sagte ich einmal in seiner Anwesenheit halb im Scherz, halb ernsthaft zu Ada, er müsse Fortunas Säckel haben, so leichtsinnig gehe er mit Geld um. Und er gab darauf zur Antwort: »Mein Juwel von einer lieben Kusine, man höre diese alte Frau! Warum sagt sie das? Weil ich vor ein paar Tagen acht Pfund oder so etwas für eine gewisse hübsche Weste und Knöpfe gegeben habe. Wenn ich nun bei Badger geblieben wäre, hätte ich auf einen Sitz zwölf Pfund für eine Reihe herzzerbrechender Vorlesungen bezahlen müssen. So spare ich vier Pfund rund bei dem Geschäft.« Zwischen ihm und meinem Vormund wurde viel betreffs der Arrangements, die seinetwegen in London, während er es mit der Jurisprudenz versuchen wollte, getroffen werden mußten, erörtert. Wir waren nämlich schon seit längerer Zeit nach Bleakhaus zurückgekehrt, und es lag zu weit entfernt, als daß er öfter als einmal in der Woche hätte hinauskommen können. Mein Vormund sagte mir, wenn Richard sich entschließen sollte, bei Mr. Kenge zu bleiben, wolle er ihm eine größere Wohnung, in der auch wir manchmal ein paar Tage bleiben könnten, mieten. »Aber, kleines Frauchen«, setzte er hinzu und rieb sich sehr bedeutsam den Kopf, »er hat sich noch nicht fest entschlossen.« Die Beratungen endeten damit, daß wir für ihn gegen monatliche Kündigung eine hübsche kleine möblierte Wohnung in einem stillen alten Hause in der Nähe von Queens-Square mieteten. Er fing gleich damit an, all sein Geld zum Ankauf der wunderlichsten kleinen Ausschmückungen für diese Wohnung auszugeben, und so oft es Ada und mir gelungen war, ihm irgendeine besonders unnütze und kostspielige Ausgabe auszureden, schrieb er sich die Summe gut und hielt es für eine Ersparnis des Restes, wenn er etwas weniger für irgend etwas andres aufwendete. Solang diese Angelegenheit noch in Schwebe war, blieb unser Besuch bei Mr. Boythorn aufgeschoben. Endlich zog Richard in seine neue Wohnung ein, und nichts stand unsrer Abreise mehr im Weg. Er hätte uns ganz gut um diese Jahreszeit begleiten können, aber er war von dem Reiz der Neuheit seiner Stellung zu sehr in Anspruch genommen und machte höchst energische Anläufe, den Geheimnissen des verhängnisvollen Prozesses auf die Spur zu kommen. Daher gingen wir ohne ihn, und mein Liebling war voll Freude, ihn seines Fleißes wegen loben zu können. Wir hatten in der Landkutsche eine angenehme Fahrt nach Lincolnshire und in Mr. Skimpole einen unterhaltenden Reisegefährten. Wie wir erfuhren, hatte ihm die Person, die am Geburtstage seiner blauäugigen Tochter seine Wohnung mit Beschlag belegt, sein ganzes Mobiliar ausräumen lassen. Aber es schien ihm eine große Erleichterung zu sein, daß es fort war. Tische und Stühle, sagte er, seien langweilige Gegenstände und wirkten monoton. Sie gewährten keine Abwechslung und brächten den Menschen um sein seelisches Gleichgewicht. Wie angenehm wäre es, an keine bestimmten Stühle und Tische gebunden zu sein und wie ein Schmetterling unter gemieteten Möbeln herumzugaukeln, von Rosenholz zu Mahagoni, von Mahagoni zu Nußbaum und von dieser zu jener Form zu flattern, wie es gerade die Laune eingäbe. »Das Komische bei der Sache ist«, erzählte er mit seinem geschärften Sinn für das Lächerliche, »daß meine Stühle und Tische noch gar nicht bezahlt sind und dennoch mein Hauswirt mit der ruhigsten Miene von der Welt mit ihnen abzieht. Ist das nicht komisch? Es liegt etwas Groteskes darin. Der Möbelhändler hat sich doch niemals verpflichtet, dem Hauswirt meinen Zins zu zahlen. Wenn ich eine Warze auf der Nase habe, die meines Hauswirts Begriffe von Schönheit verletzt, so hat er doch kein Recht, an der Nase meines Möbelhändlers, der keine Warze hat, zu kratzen. Seine Logik scheint recht mangelhaft zu sein.« »Nun«, sagte mein Vormund gutgelaunt, »es ist ziemlich klar, daß der die Stühle und Tische zu bezahlen hat, der sie schuldig ist.« »Natürlich!« entgegnete Mr. Skimpole. »Das ist der Gipfelpunkt von Unverstand in dieser Geschichte. Ich sagte zu meinem Hauswirt: 'Mein Bester, Sie wissen wohl nicht, daß mein vortrefflicher Freund Jarndyce diese Dinge zu bezahlen haben wird, die Sie so unzarterweise wegschaffen lassen. Haben Sie denn gar keine Rücksicht für sein Eigentum ?' Er hatte nicht die mindeste.« »Und wies alle Vermittlungsvorschläge zurück?« fragte mein Vormund. »Wies alle Vorschläge zurück. Ich machte ihm ganz kühle geschäftliche Vorschläge. Ich nahm ihn beiseite und sagte zu ihm: 'Sie sind doch Geschäftsmann, glaube ich.' 'Ja', gab er zur Antwort. 'Also gut, so wollen wir die Sache geschäftsmäßig behandeln. Hier ist Tinte. Hier sind Federn und Papier und hier Oblaten. Was wünschen Sie eigentlich? Ich habe Ihr Haus seit ziemlich langer Zeit bewohnt und, wie ich glaube, zu unsrer beiderseitigen Zufriedenheit, bis dieses unangenehme Mißverständnis entstand; wollen wir also die Sache in aller Freundschaft und ganz geschäftsmäßig abmachen. Was wünschen Sie denn eigentlich?« Als Antwort darauf bediente er sich des bildlichen Ausdrucks – der etwas Orientalisches an sich hat –, daß er nie die Farbe meines Geldes gesehen hätte. 'Lieber Freund', erklärte ich ihm, 'ich habe nie Geld. Ich verstehe nichts von Geld.' – 'Gut, Sir, was bieten Sie also, wenn ich Ihnen Zeit lasse ?' fragte er. 'Mein Bester, Sie müssen wissen, ich habe keinen Begriff von Zeit, aber Sie sagen, Sie seien Geschäftsmann, und was in geschäftsmäßiger Form mit Feder, Tinte, Papier und Oblaten getan werden kann, bin ich bereit zu tun. Machen Sie sich nicht auf Kosten eines Fremden bezahlt – das ist töricht –, sondern verfahren Sie geschäftsmäßig!' Aber er wollte nicht, und das war das Ende vom Lied.« Wenn das die Nachteile von Mr. Skimpoles Kindlichkeit waren, so hatte sie doch auch für ihn ihre gewissen Vorteile. Auf der Reise entwickelte er einen sehr guten Appetit bei jeder Erfrischung, die uns angeboten wurde, zum Beispiel bei einem Korb köstlicher Treibhauspfirsiche. Ans Zahlen dachte er nie. So fragte er den Kutscher, als dieser das Fahrgeld einsammeln kam, was er für ein gutes Fahrgeld halte – für ein reichliches –, und sagte auf die Antwort: »Eine halbe Krone für jeden Passagier«, daß das wenig genug sei, wenn man bedenke... und überließ das Zahlen Mr. Jarndyce. Es war herrliches Wetter. Die grünen Getreidefelder wogten so schön, die Lerchen sangen so fröhlich, die Hecken waren so bunt von wilden Blumen, das Laub der Bäume stand so dicht, und die Bohnenfelder, über die ein leichter Wind dahinstrich, erfüllten die Luft mit köstlichem Wohlgeruch! Spät nachmittags erreichten wir den Marktflecken, wo wir die Kutsche verlassen sollten, einen ausgestorbnen kleinen Ort mit einem Kirchturm, einem Marktplatz mit einem Kreuz, einer sonnenbestrahlten Straße und einem Teich, in dem sich ein altes Pferd die Beine kühlte, und ein paar Menschen, die schläfrig in kleinen Schattenflecken lagen oder herumstanden. Nach dem Rauschen der Blätter und dem Wogen des Korns den ganzen Weg entlang sah es wie die stillste, heißeste, regungsloseste kleine Stadt in ganz England aus. Vor dem Wirtshaus wartete Mr. Boythorn zu Pferd mit einem offnen Wagen auf uns, der uns nach seinem noch einige Meilen entfernten Hause bringen sollte. Er war außer sich vor Freude, uns zu sehen, und stieg behende aus dem Sattel. »Bei Gott!« sagte er, nachdem er uns höflich begrüßt hatte. »Das ist eine ganz niederträchtige Kutsche. Sie ist das schlagendste Beispiel eines abscheulichen öffentlichen Vehikels, das jemals die Oberfläche der Erde verunstaltet hat. Fünfundzwanzig Minuten zu spät gekommen! Der Kutscher verdiente hingerichtet zu werden.« »Ist sie zu spät gekommen?« fragte Mr. Skimpole, an den er sich bei diesen Worten gewendet hatte. »Sie kennen meine Schwäche.« »Fünfundzwanzig Minuten! Sogar sechsundzwanzig Minuten!« entgegnete Mr. Boythorn und sah auf die Uhr. »Mit zwei Damen im Wagen hat dieser Halunke seine Ankunft absichtlich um sechsundzwanzig Minuten verzögert. Absichtlich! Ein Zufall ist ausgeschlossen. Schon sein Vater – und sein Onkel waren die liederlichsten Kutscher, die jemals auf einem Bock saßen.« Während er dies mit einem Ton höchster Entrüstung ausrief, half er uns mit größter Höflichkeit und mit freudestrahlendem Gesicht in seinen kleinen Phaethon. »Es tut mir leid, meine Damen«, sagte er, entblößten Hauptes am Wagenschlag stehend, als alles fertig war, »daß ich leider einen Umweg von fast zwei Meilen machen muß, da der nächste Weg durch Sir Leicester Dedlocks Park führt. Ich habe geschworen, den Grund und Boden dieses Kerls nie mit meinem oder meines Pferdes Fuß zu betreten, während der gegenwärtigen Verhältnisse und solange ich atmen kann.« Als er dabei den Blicken meines Vormundes begegnete, brach er in eins seiner fürchterlichen Gelächter aus, daß es selbst den regungslosen Marktflecken in Aufruhr zu versetzen schien. »Die Dedlocks sind hier, Lawrence?« fragte mein Vormund, als wir auf der Straße dahinfuhren und Mr. Boythorn auf dem grünen Rasen daneben trabte. »Sir Arrogant Strohkopf ist hier«, antwortete Mr. Boythorn. »Hahaha! Sir Arrogant ist hier, und ich freue mich, denn die Gicht hat ihn bei den Beinen erwischt. Mylady« – immer, wenn er sie nannte, machte er eine höfliche Handbewegung, als wolle er sie von dem Streite ausschließen – »wird, glaube ich, täglich erwartet. Es wundert mich nicht im geringsten, daß sie ihr Erscheinen so lang wie möglich hinausschiebt. Was dieses herrliche Weib veranlaßt haben mag, dieses Gestell mit Kopf von einem Baronet zu heiraten, ist eines der unfaßbarsten Geheimnisse, die jemals der menschliche Geist zu lösen versucht hat. Hahahaha!« »Ich nehme an«, sagte mein Vormund lachend, »daß wir den Park doch während unsres Aufenthaltes hier betreten dürfen? Das Verbot erstreckt sich doch nicht auf uns; oder doch?« »Ich kann meinen Gästen nichts verbieten...« Mr. Boythorn verbeugte sich gegen Ada und mich mit seiner gewinnenden ritterlichen Höflichkeit, die ihm so gut stand. »Außer ihre Abreise. Es tut mir nur leid, daß ich nicht das Glück haben kann, sie in Chesney Wold herumzuführen, das wirklich sehr schön ist. Aber trotz der Sonne dieser Sommertage, Jarndyce, werdet ihr, wenn ihr den Besitzer besucht, wahrscheinlich sehr kühl empfangen werden. Er benimmt sich jederzeit wie eine Achttageuhr, wie eine von den Achttageuhren in prachtvollen Gehäusen, die nie gehen und nie gegangen sind... Hahaha! Aber er wird eine Extrasteifheit den Freunden seines Freundes und Nachbarn Boythorn gegenüber an den Tag legen. Soviel kann ich euch versprechen.« »Wir werden es nicht darauf ankommen lassen«, sagte mein Vormund. »Er schätzt die Ehre, mich zu kennen, wahrscheinlich ebensowenig, darf ich wohl sagen, wie ich die Ehre seiner Bekanntschaft. Die Luft der Parkanlagen und vielleicht eine Besichtigung des Hauses, wie sie jeder beliebige Neugierige haben kann, genügen mir vollkommen.« »Gut«, sagte Mr. Boythorn. »Das freut mich. Man betrachtet mich hier als einen zweiten Ajax, der den Blitz herausfordert. Hahahaha. Wenn ich sonntags in unsre kleine Kirche gehe, so erwartet ein beträchtlicher Teil der unbeträchtlichen Gemeinde, mich, von dem Blitz des Dedlock-Zornes getroffen und zu Asche verbrannt, niederstürzen zu sehen. Hahahaha! Ich glaube, Sir Leicester wundert sich selbst, daß es nicht geschieht. Denn er ist, bei Gott, der selbstgefälligste, hohlköpfigste, geckenhafteste und gehirnloseste aller Esel.« Wir kamen jetzt an den Kamm des Hügels, und Mr. Boythorn konnte uns Chesney Wold zeigen, was seine Aufmerksamkeit von seinem Feinde ablenkte. Es war ein malerisches altes Haus mitten in einem schönen baumbestandnen Park. Aus den Gipfeln, nicht weit von dem Herrschaftssitz, lugte die Turmspitze der von ihm erwähnten kleinen Kirche hervor. Wie schön sie aussahen, die feierlich stillen Wälder, über die Licht und Schatten wie himmlische Fittiche mit barmherzigen Botschaften durch die Sommerluft rasch dahinglitten –, der grüne Samtrasen der Abhänge, das glitzernde Wasser und der Garten mit seinen reichfarbigen, in symmetrische dichte Gruppen gedrängten Blumenbeeten –, das Haus mit Giebel und Schornstein und Turm, mit seinem dunklen Torweg und der geräumigen Terrasse, um deren Balustraden sich, die Pfeiler erkletternd und die Vasen füllend, eine Glut von Rosen schlang. Alles schien in seiner Solidität und in der heiteren, friedlichen Stille, die ringsum herrschte, kaum mehr Wirklichkeit zu sein. Auf Ada und mich machte es einen tiefen Eindruck. Über allem, über Haus, Garten und Terrasse, über den Abhängen, dem Wasser, den alten Eichen, dem Farnkraut und Moos, der Waldung und weithinaus durch die Lichtungen in der Ferne, die in einem purpurnen Nebel vor uns lag, schien ungestörte Ruhe zu herrschen. Als wir das kleine Dorf erreichten und an einer kleinen Schenke vorbeifuhren, die das Wappen der Dedlocks trug, grüßte Mr. Boythorn einen jungen Mann, der auf einer Bank vor der Wirtshaustür saß und Angelgeräte neben sich liegen hatte. »Das ist der Enkel der Wirtschafterin, Mr. Rouncewell«, sagte er. »Er hat sich in ein hübsches Mädchen oben im Edelhof verliebt. Lady Dedlock hat Gefallen an dem hübschen Mädchen gefunden und will sie um ihre eigne schöne Person behalten, eine Ehre, die mein junger Freund durchaus nicht zu würdigen weiß. Da er sein Röschen jetzt sowieso nicht heiraten kann, selbst wenn sie wollte, so muß er sich's gefallen lassen und schauen, wie er am besten dabei fährt. Mittlerweile kommt er ziemlich oft auf einen oder zwei Tage her, um – zu fischen. Hahahaha!« »Ist er mit dem hübschen Mädchen verlobt, Mr. Boythorn?« fragte Ada. »Nun, meine liebe Miß Clare, ich glaube, sie verstehen einander. Sie werden sie ja in Bälde selbst sehen, und in solchen Sachen muß ich von Ihnen lernen – nicht Sie von mir.« Ada errötete, und Mr. Boythorn, der uns auf seinem hübschen Grauschimmel vorausgetrabt war, stieg vor seiner Haustür ab und stand mit dargebotnem Arm und entblößtem Haupt da, bereit, uns zu empfangen. Er bewohnte ein hübsches Haus, ein ehemaliges Pfarrhaus mit einem Rasenplatz davor, einem bunten Blumengarten an den beiden Seiten, und das ganze Grundstück umschlossen von einer ehrwürdigen alten Mauer von fruchtreifem, rötlichem Aussehen. Übrigens hatte so ziemlich alles in der Nähe des Hauses einen Anstrich der Reife und des Überflusses. Die alte Lindenallee sah aus wie ein grüner Klostergang, die Kirsch- und Apfelbäume waren von Früchten schwer, die Stachelbeerbüsche trugen so reichlich, daß sich die Zweige bogen und auf die Erde senkten, Erdbeeren und Himbeeren gediehen in demselben Überfluß, und die Pfirsiche glühten zu Hunderten an der Mauer in der Sonne. Unter den ausgespannten Netzen und den in der Sonne funkelnden und glitzernden Glasrahmen häufte sich ein solcher Berg von Schoten und Hülsenfrüchten und Gurken, daß jeder Fußbreit Erdboden wie eine Schatzkammer von Pflanzen erschien, während der Duft von Gewürzkräutern und allerlei nützlichen Gewächsen die Luft zu einem großen Blumenstrauß machte; ganz zu schweigen von dem Heugeruch, der von den benachbarten Wiesen herüberwehte. Eine solche Stille und Ruhe herrschte innerhalb der alten roten Mauer, daß selbst die zur Verscheuchung der Vögel in Girlanden ausgehängten Federn sich kaum bewegten, und die Mauer hatte ein so Reife beförderndes Aussehen, daß, wo hie und da hoch oben ein unbenutzter Nagel oder ein Stück Leiste hängen geblieben war, man sich leichter denken konnte, sie wären mit den wechselnden Jahreszeiten reif geworden als nach dem Lauf der Dinge verrostet und verwittert. Das Haus, im Vergleich zu dem Garten ein wenig unordentlich, war so ein richtiges altes Haus, mit Sitzen am Kamin, die Küche mit Ziegeln gepflastert und große Balken quer über der Decke. Auf der einen Seite des Gebäudes lag der schreckliche strittige Fleck, und Mr. Boythorn hatte Tag und Nacht eine Schildwache in einem Fuhrmannskittel dort stehen, die beauftragt war, im Falle eines Angriffs augenblicklich eine eigens zu diesem Zweck aufgehängte große Glocke zu läuten und eine in einer Hundehütte angekettete große Bulldogge zur Vernichtung des Feindes loszulassen. Noch nicht zufrieden mit diesen Vorsichtsmaßregeln, hatte Mr. Boythorn auf Schildern, auf denen sein Name in großen Buchstaben stand, die schreckliche Warnung angeschrieben: »Achtung vor der Bulldogge. Bissig im höchsten Grade. Lawrence Boythorn.« »Die Muskete ist mit Rehposten geladen. Lawrence Boythorn.« »Fußeisen und Selbstschüsse sind hier zu allen Zeiten Tag und Nacht gelegt. Lawrence Boythorn.« Dann: »Achtung: Wer sich frecherweise erlaubt, ohne Erlaubnis dieses Grundstück zu betreten, verfällt der schärfsten körperlichen Züchtigung und wird außerdem mit der äußersten Strenge des Gesetzes verfolgt. Lawrence Boythorn.« Diese Tafeln zeigte er uns von seinem Fenster aus, während ihm dabei sein Vogel auf dem Kopf herumhüpfte, und er lachte sein: Hahahaha! Hahahaha! so laut und heftig, daß ich wirklich glaubte, er werde sich einen Schaden tun. »Aber das nenne ich, sich recht viel Unannehmlichkeiten bereiten«, meinte Mr. Skimpole in seiner gewöhnlichen leichtherzigen Weise, »wo es Ihnen doch nicht ernst damit ist.« »Nicht ernst?« rief Boythorn mit unbeschreiblicher Wärme. »Nicht ernst? Ich hätte einen Löwen gekauft, wenn Aussicht gewesen wäre, ihn abzurichten, anstatt dieses Hundes, und ihn auf den ersten dieser widerwärtigen Räuber gehetzt, der sich eine Verletzung meiner Rechte erlaubt haben würde. Wenn Sir Leicester Dedlock sich übrigens dazu verstehen will, die Frage durch ein Duell zu entscheiden, so bin ich bereit, ihm mit jeder Waffe, die der Menschheit in irgendeinem Land oder zu irgendeiner Zeit bekannt gewesen ist, entgegenzutreten. So sehr ist's mir ernst. Ich dächte, das genügt.« Wir waren an einem Samstag in seinem Hause angekommen und machten uns Sonntag morgens alle nach der kleinen Kirche im Park auf den Weg. Wir betraten den Park fast unmittelbar von dem strittigen Grundstück aus und gingen einen hübschen Fußweg über den grünen Rasen und unter schönen Bäumen hinweg, bis wir den Eingang zur Kirche erreichten. Die Gemeinde war sehr klein und bestand aus lauter Bauern, mit Ausnahme der ziemlich großen Menge Dienerschaft des Herrschaftssitzes. Einige waren bereits auf ihren Plätzen, während andre noch nachkamen. Es befanden sich einige sehr stattliche Bediente darunter und ein wahres Bild von einem alten Kutscher, der aussah, als ob er der offizielle Repräsentant allen Pompes und Glanzes, der jemals auf einem Bock gesessen, wäre. Auch eine hübsche Kette von jungen Mädchen war zugegen, und über ihnen thronte das schöne alte Gesicht und die würdige behäbige Gestalt der Wirtschafterin. Das Mädchen, von dem Mr. Boythorn gesprochen, saß neben ihr. Sie war so außerordentlich hübsch, daß ich sie an ihrer Schönheit erkannt haben würde, selbst wenn ich nicht gesehen hätte, wie verschämt sie sich der Blicke des jungen Fischers bewußt war, den ich nicht weit davon entdeckte. Ein Gesicht, und zwar kein angenehmes, obgleich es schön war, schien außerdem dieses hübsche Mädchen und überhaupt alles und jedes tückisch zu belauern. Es war das Gesicht einer Französin. Die Glocke läutete noch, die vornehmen Herrschaften waren auch noch nicht da, und so hatte ich Zeit, mich in der Kirche umzusehen, die so modrig wie ein Grab roch. Was für eine dunkle, altertümliche, feierliche kleine Kirche es war! Die von Bäumen dicht beschatteten Fenster ließen ein gedämpftes Licht herein, das die Gesichter rings um mich her bleich erscheinen ließ und die alten Erzplatten auf dem Fußboden und die von der Zeit und Feuchtigkeit zerfressenen Denkmäler verdunkelte und das Stückchen Sonnenschein auf der Schwelle der kleinen Eingangspforte, wo ein Glockenstrang einförmig die Glocke in Bewegung setzte, glänzend machte wie einen Edelstein. Eine gewisse Bewegung unter den Leuten, die Miene ehrfürchtiger Scheu auf den Gesichtern der Bauern und ein höflich grimmiger Ausdruck Mr. Boythorns, als ob er unerschütterlich entschlossen sei, die Anwesenheit eines gewissen jemand unter gar keinen Umständen zur Kenntnis zu nehmen, verrieten mir, daß die hohen Herrschaften gekommen waren und der Gottesdienst beginnen konnte. »Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Diener, denn vor dir...« Werde ich jemals vergessen, wie heftig mein Herz klopfte, als mich beim Aufstehen jener Blick traf? Werde ich jemals vergessen, wie die schönen stolzen Augen aus ihrem gleichgültig schmachtenden Schlummer plötzlich zu erwachen und mich fast zu bannen schienen? Es dauerte nur eine Sekunde, dann waren meine Augen wieder freigelassen –wenn ich es so nennen kann –, und ich sah auf mein Buch nieder. Aber das schöne Gesicht stand im Geiste haarscharf vor mir. Und merkwürdig, es regte sich in mir etwas, was mich an die einsamen Tage bei meiner Patin erinnerte. Ja, selbst an die längst entschwundne Zeit, wo ich auf den Zehen vor meinem kleinen Spiegel gestanden, um mich anzukleiden, nachdem ich vorher meine Puppe angezogen hatte. Und trotzdem wußte ich genau, daß ich das Gesicht dieser Dame niemals vorher in meinem Leben gesehen hatte. Es war nicht schwer zu erraten, daß der zeremoniöse, gichtische, grauköpfige Herr, der allein mit der Dame im Kirchenstuhl saß, Sir Leicester Dedlock war und sie Lady Dedlock. Aber warum ihr Gesicht so sonderbar auf mich wirkte, wie ein zerbrochener Spiegel, in dem ich einzelne Bruchstücke alter Erinnerungen sah, und warum ich so aufgeregt und unruhig war, weil zufällig ihr Blick auf mir geruht hatte, das konnte ich mir nicht erklären. Ich empfand es als eine ganz unbegreifliche Schwäche und trachtete, sie dadurch zu überwinden, daß ich aufmerksam den Worten der Predigt folgte. Und da kam es mir sonderbarerweise vor, als hörte ich nicht den Geistlichen sprechen, sondern die unvergeßliche Stimme meiner Patin. Das brachte mich auf den Gedanken, ob Lady Dedlock ihr nicht vielleicht zufällig ähnlich sähe. Vielleicht war das wirklich ein wenig der Fall, aber der Ausdruck war so ganz anders, und die finstere Strenge, die sich in die Züge meiner Patin eingefressen hatte, wie Witterung in Felsgestein, fehlte so vollständig in diesem Gesicht, daß von einer Ähnlichkeit nicht gut die Rede sein konnte. Ebensowenig hatte ich jemals in irgend einem Antlitz einen derartig stolzen und hochmütigen Ausdruck wie bei Lady Dedlock gesehen, und doch schien ich, ich, die kleine Esther Summerson, als Kind, das ein Leben für sich geführt hatte und dessen Geburtstag nie ein Festtag gewesen, vor meinen eignen Augen emporzusteigen, aus der Vergangenheit heraufbeschworen wie durch eine seltsame Macht dieser vornehmen Dame, von der ich genau wußte, daß ich sie bis zu dieser Stunde niemals gesehen hatte. Ich war so unerklärlich aufgeregt, daß mir selbst die beobachtenden Blicke der französischen Zofe weh taten, die doch schon von ihrem ersten Erscheinen in der Kirche an ununterbrochen lauernd umhergeblickt hatte. Allmählich, wenn auch nur sehr langsam, wurde ich meiner seltsamen Bewegung Herr. Nach einer Weile sah ich mich wieder nach Lady Dedlock um. Sie stand gerade auf, um in den Gesang vor der Predigt einzustimmen. Sie beachtete mich nicht, und mein Herzklopfen hatte aufgehört. Es kam auch nicht wieder außer auf ein paar Augenblicke, als sie später ein oder zwei Mal Ada und mich durch ihre Lorgnette musterte. Nach Beendigung des Gottesdienstes reichte Sir Leicester Lady Dedlock höchst zeremoniell und feierlich den Arm – obgleich er selbst nur mit Hilfe eines dicken Stockes gehen konnte – und führte sie aus der Kirche an den Ponywagen, in dem sie gekommen waren. Die Dienerschaft zerstreute sich und ebenso die Gemeinde, die, wie Mr. Skimpole zu Mr. Boythorns unendlichem Vergnügen äußerte, Sir Leicester die ganze Zeit über betrachtet hätte, als wäre er Großgrundbesitzer im Paradiese. »Das glaubt er nämlich wirklich«, sagte Mr. Boythorn. »Er ist fest davon überzeugt. Auch sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater waren es.« »Wissen Sie«, fuhr Mr. Skimpole ganz unerwartet zu Mr. Boythorn fort, »daß ich sehr gern einen solchen Mann sehe.« »So? Ah. Was Sie sagen!« »Nehmen Sie an, er wünsche mich zu begönnern. Sehr gut, ich würde nicht widersprechen.« »Aber ich«, rief Mr. Boythorn mit großer Entschiedenheit. »Wirklich?« entgegnete Skimpole leichthin. »Aber das würde Ihnen doch Mühe machen. Warum sollten Sie sich Mühe machen? Hier bin ich, zufrieden, was da kommt, über mich ergehen zu lassen, und gebe mir nie Mühe. Ich komme also hierher und finde einen mächtigen, Huldigung heischenden Potentaten. Gut. Ich sage: Mächtiger Potentat, hier meine Huldigung! Es ist leichter, sie darzubringen, als sie zu verweigern. Hier ist sie. Wenn Sie mir irgend etwas Angenehmes zu zeigen haben, werde ich mich glücklich schätzen, es anzusehen. Wenn Sie mir irgend etwas Angenehmes zu geben haben, werde ich mich glücklich schätzen, es anzunehmen. Der mächtige Potentat antwortet: 'Das ist ein verständiger Mensch. Ich finde, er wirkt günstig auf meine Verdauung und mein galliges Naturell. Er zwingt mir nicht die Notwendigkeit auf, mich zusammenzurollen wie ein Stacheligel. Im Gegenteil, ich breite mich aus, ich entfalte mich und wende mein silbernes Futter nach außen, wie Miltons Wolke, und das ist angenehmer für uns beide.' So sehe ich die Sache an, wenn ich als Kind spreche.« »Aber angenommen, Sie gingen morgen irgendwo anders hin«, sagte Mr. Boythorn, »wo Sie das gerade Gegenteil eines solchen Kerls fänden; was dann?« »Was dann?« sagte Mr. Skimpole mit einer Miene kindlicher Einfalt und Aufrichtigkeit. »Ganz dasselbe dann! Ich würde sagen: Mein verehrter Boythorn – wenn Sie der Betreffende wären –, mein verehrter Boythorn, Sie wollen von dem mächtigen Potentaten nichts wissen? Sehr gut. Ich auch nicht. Ich halte es für meinen Beruf im sozialen System, mich angenehm zu machen; ich halte es für jedermanns Beruf im sozialen System, sich angenehm zu machen. Es soll doch ein System der Harmonie sein. Deshalb, wenn Sie gegen den Potentaten sind, bin ich auch gegen ihn. Und jetzt, mein trefflicher Boythorn, lassen Sie uns zu Tisch gehen.« »Aber der treffliche Boythorn könnte sagen«, entgegnete unser Wirt und wurde blutrot vor Zorn, »ich will ver...« »Ich verstehe schon«, unterbrach ihn Mr. Skimpole. »Sehr wahrscheinlich würde er das sagen.« »...sein, wenn ich zu Tische gehe«, ergänzte Mr. Boythorn mit großer Heftigkeit, blieb stehen und stieß mit dem Stock auf den Boden. »Und er würde wahrscheinlich hinzusetzen, gibt es nicht etwas, was Prinzip heißt, Mr. Harold Skimpole?« »Worauf Harold antworten würde«, erwiderte Mr. Skimpole in seiner fröhlichsten Weise und mit seinem naivsten Lächeln: »Bei meinem Leben, ich habe nicht den mindesten Begriff davon. Ich weiß nicht, was Sie Prinzip nennen, wo es ist oder wer es hat. Wenn Sie es haben und es angenehm finden, freut mich das sehr, und ich gratuliere Ihnen von Herzen. Aber ich weiß nichts davon, das versichere ich Ihnen, denn ich bin ein reines Kind und lege keinen Wert darauf und brauche es nicht. Und dann, sehen Sie, würden der treffliche Boythorn und ich dennoch zu Tisch gehen.« Das war eins von den vielen kleinen Zwiegesprächen zwischen den beiden, bei denen ich immer fürchtete, sie würden mit einem heftigen Ausbruch von Seiten unsres Wirtes enden. Das wäre unter allen Umständen auch sicher der Fall gewesen, wenn nicht Mr. Boythorn eine so hohe Auffassung von Gastfreundschaft gehabt hätte. Überdies lachte mein Vormund so herzlich über Mr. Skimpole wie über ein Kind, das den ganzen Tag Seifenblasen macht, daß die Sache nie über diesen Punkt hinausging. Mr. Skimpole, der es nie zu wissen schien, wenn er einen gefährlichen Gegenstand berührte, fing dann vielleicht eine Skizze im Park an, die er nie fertig machte, oder spielte Melodien auf dem Piano, sang Bruchstücke von Liedern oder legte sich unter einen Baum auf den Rücken und schaute in den Himmel und hielt alles das für seinen wirklichen Beruf, weil es ihm so ausgezeichnet paßte. »Unternehmungsgeist und Anstrengung«, pflegte er in solchen Fällen zu uns zu sagen, »sind mir eine wahre Lust. Ich glaube, ich bin ein echter Kosmopolit. Ich habe die größten Sympathien für sie. Ich liege an einem schattigen Platz wie diesem hier und denke an die Wagehälse, die den Nordpol suchen oder bis in das Herz der heißen Zone eindringen, mit Bewunderung. Habsüchtige, geldgierige Leute fragen: Was trägt es ihm ein, nach dem Nordpol zu fahren. Wozu ist das gut? Ich weiß es nicht, aber jedenfalls, wenn der Wagehals es auch nicht weiß, gibt er meinen Gedanken, während ich hier liege, angenehm Nahrung. Aber vielleicht fährt er wirklich hin – unbewußt natürlich –, um meine Gedanken angenehm zu beschäftigen, während ich hier liege. Nehmen wir einen extremen Fall: Nehmen wir die Sklaven in den amerikanischen Plantagen. Ich gebe zu, daß sie hart arbeiten müssen. Ich gebe zu, daß ihnen das nicht besonders gefällt. Ich gebe ohne weiteres zu, daß sie ihr Dasein im großen ganzen recht unangenehm empfinden, aber sie beleben die Landschaft für mich, stimmen sie poetisch für mich, und vielleicht ist das einer der angenehmeren Zwecke ihres Daseins. Ich empfinde es jedenfalls so und würde mich nicht wundern, wenn es sich auch in Wirklichkeit so verhielte.« Ich fragte mich bei solchen Gelegenheiten immer, ob er wohl jemals an seine Frau und Kinder denke und von welchem Gesichtspunkt aus er sie in seiner kosmopolitischen Weltanschauung wohl betrachte. Soweit ich übrigens beurteilen konnte, dachte er fast niemals an sie. Wieder war eine Woche bis zum Samstag nach jenem Kirchgang verflossen, und jeder Tag war so hell und blau gewesen, daß im Wald herumzustreifen und das Sonnenlicht zwischen den durchscheinenden Blättern hereinfallen und in den schönen Verschlingungen der Schatten der Bäume glänzen zu sehen, während die Vögel sangen und die Luft schlief bei dem Gesumme der Insekten, eine wahre Freude war. Wir hatten uns ein Lieblingsplätzchen tief in Moos und altem abgefallnem Laub, wo ringsum einige gefällte, ganz aus der Rinde geschälte Bäume lagen, ausgesucht. Wenn wir dort saßen, blickten wir durch einen grünen Prospekt, getragen von tausend natürlichen Säulen, den weißschimmernden Stämmen der Bäume, in eine Ferne, die durch ihren Gegensatz zu dem Schatten, in dem wir saßen, und die Laubwölbung, durch die wir auf sie hinsahen, so hell erstrahlte, daß sie wie ein Blick ins Jenseits war. An diesem Samstag saßen Mr. Jarndyce, Ada und ich dort, bis wir dumpf in der Ferne den Donner rollen und große Regentropfen auf die Blätter klatschen hörten. Die ganze Woche über war es außerordentlich schwül gewesen, aber das Gewitter kam so plötzlich – wenigstens für uns an dieser geschützten Stelle –, daß, ehe wir noch den Saum des Waldes erreichten, Blitz auf Blitz zuckte und der Regen schwer durch die Blätter rauschte, als wäre jeder Tropfen eine Bleikugel. Da das kein Wetter war, um unter den Bäumen Schutz zu suchen, liefen wir aus dem Wald heraus und die moosbewachsenen Stufen, die an den Umzäunungen entlang führten, hinauf und hinab und eilten zu einem Parkwächterhäuschen in der Nähe hin. Schon oft war uns die düstere romantische Schönheit dieser Hütte in dem dunkeln Zwielicht der Bäume aufgefallen. Von Efeu dicht umwuchert, stand sie an einem steilen Abhang, und einmal hatten wir den Hund des Parkhüters in das tiefe Farnkraut untertauchen sehen wie in einen grünen See. Es war so dunkel in der Hütte bei dem ganz mit Wolken bedeckten Himmel, daß wir nur den Mann unterscheiden konnten, der, als er uns sah, an die Tür kam und zwei Stühle für Ada und mich hinsetzte. Die Jalousien waren in die Höhe gezogen, und wir saßen im Flur und sahen auf das Gewitter hinaus. Es war grandios, wie sich der Wind erhob und die Bäume niederbog und den Regen vor sich hertrieb wie eine Rauchwolke, den feierlichen Donner zu hören und das Blitzen zu sehen und dabei mit Schauer an die gewaltigen Mächte denken zu müssen, von denen unser unbedeutendes Leben umgeben ist, Zeuge zu sein, wie wohltätig sie wirkten und auf Blätter und Blüten eine Frische ausschütteten, die alles neu zu machen schien. »Ist es nicht gefährlich, an einer so offnen Stelle zu sitzen?« »O nein, liebe Esther«, antwortete Ada ruhig. Ada sagte das zu mir, aber ich hatte kein Wort gesprochen. Mein Herzklopfen kam wieder. Ich hatte die Stimme nie gehört, wie ich auch das Gesicht vorher nie gesehen hatte, aber sie machte denselben seltsamen Eindruck auf mich. In einem Augenblick erzeugte sie unzählige Bilder vor meiner Seele: Lady Dedlock hatte vor uns Schutz in der Hütte gesucht und war aus dem Dunkel drinnen hervorgetreten. Sie stand hinter meinem Stuhl und hatte die Hand auf die Lehne gelegt. Ich sah ihre Hand ganz dicht an meiner Schulter, als ich mich umdrehte. »Ich habe Sie erschreckt?« sagte sie. Nein. Ich war nicht erschrocken. Warum hätte ich auch erschrecken sollen. »Ich glaube«, wendete sich Lady Dedlock zu meinem Vormund, »ich habe das Vergnügen mit Mr. Jarndyce.« »Ihr Gedächtnis erweist mir mehr Ehre, als ich hätte vermuten dürfen, Lady Dedlock«, entgegnete er. »Ich erkannte Sie am Sonntag in der Kirche. Es tut mir leid, daß Streitigkeiten Sir Leicesters – sie sind, ich glaube, nicht von ihm ausgegangen – es so lächerlich schwierig machen, Ihnen hier unsre Gastfreundschaft anbieten zu können.« »Ich bin in die Verhältnisse eingeweiht«, antwortete mein Vormund mit einem Lächeln, »und ich fühle mich auch ohne dies verpflichtet.« Sie hatte ihm in einer gewissen kühlen Gleichgültigkeit, die ihr Gewohnheit geworden zu sein schien, die Hand gereicht und sprach in einem ebensolchen Ton, obgleich ihre Stimme etwas außerordentlich Gewinnendes hatte. Sie war ebenso anmutig wie schön, ungemein sicher und sah aus, wie ich mir dachte, als könnte sie das Herz jedes Menschen gefangen nehmen, wenn sie es der Mühe wert halte. Der Parkhüter brachte ihr einen Stuhl heraus, und sie setzte sich in die Mitte des Eingangs zwischen uns. »Haben Sie den jungen Herrn untergebracht, von dem Sie uns schrieben, dessen Wünsche in irgendeiner Weise zu fördern aber leider nicht in Sir Leicesters Macht stand?« fragte sie über die Schulter meinen Vormund. »Ich hoffe ja.« – Sie schien eine hohe Meinung von Mr. Jarndyce zu haben und zu wünschen, mit ihm auf gutem Fuß zu stehen. Es lag etwas sehr Gewinnendes in ihrem stolzen Wesen, und sie wurde vertraulicher – besser gesagt, unbefangener, wenn das überhaupt noch möglich war, wie sie mit ihm über ihre Schulter hinüber sprach. – »Ich vermute, dies ist Ihr anderes Mündel, Miß Clare?« Er stellte ihr Ada vor. »Man wird Ihnen trotz Ihres Don-Quichote-Charakters Ihre Uneigennützigkeit nicht mehr glauben, wenn Sie nur Schönheiten unter Ihren Schutz nehmen. Aber stellen Sie mich auch dieser jungen Dame vor«, sagte sie und sah mir voll ins Gesicht. »Miß Summerson ist wirklich mein Mündel«, erklärte Mr. Jarndyce. »Für sie bin ich beim Lordkanzler verantwortlich.« »Hat Miß Summerson ihre beiden Eltern verloren?« »Ja.« »Sie hat es sehr gut mit der Wahl ihres Vormunds getroffen.« Lady Dedlock sah mich an, und ich stimmte ihr bei, daß das allerdings in ganz hervorragender Weise der Fall sei. Plötzlich wendete sie sich mit einer Hast von mir ab, die fast wie Abneigung oder Mißfallen aussah, und sprach wieder mit ihm über die Achsel. »Jahre sind vergangen, seit wir zusammengekommen sind, Mr. Jarndyce.« »Eine sehr lange Zeit. Wenigstens glaubte ich, es sei lange her, bis ich Sie vorigen Sonntag sah.« »Was, selbst Sie sind ein Schmeichler oder halten es für notwendig, mir gegenüber einer zu werden«, sagte sie mit leichter Geringschätzung. »Einen solchen Ruf habe ich mir erworben?« »Sie haben soviel erworben, Lady Dedlock«, sagte mein Vormund, »daß Sie wohl eine kleine Strafe bezahlen müssen. Wenn auch nicht mir.« »Soviel!« wiederholte sie leise lachend. »Ja!« In ihrer Überlegenheit und Macht und Faszinationsgabe und, ich weiß nicht, was alles, schien sie in Ada und mir wenig mehr als Kinder zu sehen. Wie sie leise lachte und dann nachdenklich in den Regen hinausschaute, war sie so unbefangen und sicher und hing ihren Gedanken so ungeniert nach, als ob sie allein wäre. »Ich glaube, Sie kannten meine Schwester besser als mich, als wir zusammen im Ausland waren?« fragte sie und blickte wieder auf. »Ja, wir trafen uns öfter.« »Wir sind unsre eignen Wege gegangen«, sagte Lady Dedlock, »und hatten selbst, ehe wir noch uneins zu werden für gut fanden, wenig miteinander gemein. Es ist bedauerlich, aber es konnte nicht anders sein.« Wieder sah sie in den Regen hinaus. Das Gewitter zog schnell vorüber. Der Regenschauer ließ stark nach, das Blitzen hörte auf, der Donner rollte in der Ferne über den Hügeln, und die Sonne fing an, auf die nassen Blätter und den dünn rieselnden Regen zu glitzern. Während wir schweigend dasaßen, sahen wir einen kleinen Pony-Phaethon in munterm Trab auf uns zufahren. »Der Bote kommt mit dem Wagen zurück, Mylady«, meldete der Parkhüter. Als der Phaethon vorfuhr, bemerkten wir, daß zwei Personen drin saßen. Mit einigen Mänteln und Tüchern im Arm stieg zuerst die Französin aus, die ich in der Kirche gesehen hatte, und dann das hübsche Mädchen. Die Französin mit einer gewissen trotzigen Zuversicht, das Mädchen verlegen und zögernd. »Was heißt das?« fragte Mylady. »Zwei?!« »Ich bin für jetzt noch Ihre Kammerfrau, Mylady«, sagte die Französin. »Der Bote verlangte nach der Zofe.« »Ich fürchtete, Sie könnten mich meinen, Mylady«, entschuldigte sich das hübsche Mädchen. »Ich meinte auch dich, mein Kind«, entgegnete Lady Dedlock ruhig. »Gib mir diesen Schal um.« Sie bückte sich ein wenig, und das hübsche Mädchen ließ das Tuch leicht auf ihre Schultern fallen. Die Französin stand unbeachtet daneben und sah mit krampfhaft zusammengepreßten Lippen zu. »Es tut mir leid«, wendete sich Lady Dedlock zu Mr. Jarndyce, »daß wir unsre frühere Bekanntschaft wahrscheinlich nicht erneuern können. Sie werden mir erlauben, den Wagen für Ihre beiden Mündel wieder herzuschicken. Er wird gleich zurück sein.« Da mein Vormund um keinen Preis dieses Anerbieten annehmen wollte, verabschiedete sie sich mit Anmut von Ada – nicht von mir –, legte ihre Hand auf seinen dargebotnen Arm und stieg in den Wagen, der eine kleine, niedrige Parkchaise mit einem Halbdach war. »Steig ein, Kind«, sagte sie zu dem hübschen Mädchen. »Ich werde dich brauchen. Fahren Sie zu.« Der Wagen fuhr fort, und die Französin, die mitgebrachten Plaids auf dem Arm, blieb stehen, wo sie ausgestiegen war. Ich glaube, Stolz kann nichts so wenig vertragen als wieder Stolz, und sie war bestraft für ihr herrisches Wesen. Ihre Rache war das eigentümlichste, was ich mir denken kann. Sie blieb regungslos stehen, bis der Wagen in die Auffahrt eingebogen war, und zog dann, ohne eine Miene zu verziehen, die Schuhe aus, ließ sie auf dem Rasen stehen und ging langsam und wohlüberlegt gerade durch die nassesten Stellen des Grases dem Wagen nach. »Ist das Mädchen verrückt?« fragte mein Vormund. »O nein, Sir«, sagte der Parkhüter, der ihr mit seiner Frau nachsah. »Hortense ist gar nicht verrückt. Sie ist so klar im Kopf wie irgendeine, aber schrecklich obenhinaus und leidenschaftlich. – Sie ist furchtbar wütend, weil man ihr gekündigt hat und ihr andre vorgezogen werden.« »Aber warum geht sie ohne Schuhe durch das Wasser?« »Nun, vielleicht um sich abzukühlen«, meinte der Mann. »Oder vielleicht bildet sie sich ein, es sei Blut«, sagte die Frau. »Die würde ebensogut durch Blut wie durch alles andre gehen, wenn es ihr einmal in den Kopf steigt.« Wenige Minuten später kamen wir in der Nähe des Herrenhauses vorbei. Es sah jetzt, wo überall ringsum Diamantentropfen glitzerten, ein leichter Wind wehte, die Vögel nicht mehr ängstlich schwiegen und wieder laut sangen und alles von dem Regen erfrischt war und der Wagen auf der Auffahrt glänzte wie ein Feenwagen aus Silber, noch friedlicher aus. Immer noch voll Fassung und Ruhe, auch eine friedliche Gestalt nach ihrer Art in der Landschaft, ging Mademoiselle Hortense ohne Schuhe durch das nasse Gras. 19. Kapitel Marsch vorwärts Um Chancery-Lane haben die Gerichtsferien begonnen. Bürgerliches Recht und römisches Recht, diese guten Schiffe, diese teakholzgebauten, kupferbeschlagenen, eisengegürteten, erzgestirnten und doch nichts weniger als schnellsegelnden Klipper liegen abgetakelt im Dock. Der »Fliegende Holländer« mit seiner Mannschaft gespenstischer Klienten, die alle, denen sie begegnen, anflehen, ihre Leidensgeschichte anzuhören, ist für jetzt Gott weiß wohin verschlagen worden. Die Gerichtshöfe sind sämtlich geschlossen, die öffentlichen Ämter liegen in einem heißen, schweißtreibenden Schlaf, selbst die Westminster-Hall ist eine schattige, einsame Insel, wo Nachtigallen singen und eine zärtlichere Klasse von Prozessanten, als man sie gewöhnlich dort findet, spazieren gehen könnte. Der »Tempel«, Chancery-Lane, Serjeant's-Inn und Lincoln's-Inn bis hinaus zu Lincoln's-Inn-Fields sind wie Fluthäfen zur Ebbezeit, wo gestrandete Prozesse und Kanzleien vor Anker hoch und trocken auf dem Schlamm der Ferienzeit liegen und unbeschäftigte Schreiber sich auf Stühlen schaukeln, die erst wieder auf die vier Beine zu stehen kommen, wenn die Strömung der Gerichtszeit wiederkehrt. Die Tore der Kanzleilokale sind zu Dutzenden geschlossen, und Briefe und Pakete werden scheffelweise beim Portier abgegeben. Ganze Wagenladungen Gras würden aus den Fugen des Trottoirs von Lincoln's-Inn wachsen, wenn nicht die Austräger, die nichts zu tun haben als dort im Schatten zu sitzen – die weißen Schürzen als Schutz vor den Fliegen über den Kopf gezogen –, es herausrupften und nachdenklich kauten. Nur ein einziger Richter weilt in der Stadt. Selbst er erscheint nur zwei Mal wöchentlich in seinen Amtszimmern. Wenn die Provinzbewohner der Assisen-Städte zu seinem Bezirk ihn jetzt sehen könnten! Keine Allongeperücke, kein roter Talar, kein Hermelin, keine Hellebardiers, keine weißen Stäbe. Ein bürgerlicher, sorgfältig rasierter Gentleman mit weißen Hosen und einem weißen Hut, das richterliche Gesicht seegebräunt und die richterliche Nase infolge Sonnenstichs sich schälend, der, wenn er in die Stadt kommt, den Austernkeller besucht und eisgekühltes Ingwerbier trinkt. Das Barreau Englands ist über die ganze weite Erde verstreut. Wie England vier lange Sommermonate ohne seine Advokaten – diese allgemein anerkannte Zuflucht im Unglück und sein einzig legitimer Triumph im Glück – auskommen kann, gehört nicht hierher; jedenfalls trägt Britannia gegenwärtig nicht diesen Ehrenschild. Der gelehrte Herr, der über die unerhörte Verletzung der Gefühle seiner Klienten durch die Gegenpartei immer so entsetzlich entrüstet wird, daß er außerstande zu sein scheint, sich jemals zu erholen, befindet sich viel besser, als man denken sollte, in der Schweiz. Der gelehrte Herr, der das Geschäft des Verächtlichmachens besorgt und alle Gegner mit seinem giftigen Sarkasmus vernichtet, lebt kreuzfidel in einem französischen Badeort. Der gelehrte Herr, der bei der geringsten Veranlassung kannenweis weint, hat seit sechs Wochen keine Träne vergossen. Der sehr gelehrte Herr, der die angeborne Hitze seines heftigen Temperaments in den Brunnen und Quellen der Rechtswissenschaft abgekühlt hat, bis er während der Session groß geworden ist in verknoteten und verwickelten Argumentationen, die die Eingeweihten nur unvollkommen verstehen und die Uneingeweihten überhaupt nicht, macht in charakteristischer Vorliebe für Dürre und Staub die Gegend von Konstantinopel unsicher. Andere Fragmente desselben großen Palladiums sind auf den Lagunen Venedigs, am zweiten Nilkatarakt, in den deutschen Bädern und auf dem Meeressand an der ganzen englischen Küste verstreut zu finden. Kaum einem einzigen begegnet man in der verlassenen Region von Chancery-Lane. Wenn ein solches einsames Mitglied des Barreaus über diese Wüste flattert und einen umherschweifenden Klienten trifft, der sich vom Schauplatz seiner Sorgen nicht trennen kann, so erschrecken beide voreinander, weichen sich in großem Bogen aus und verstecken sich im Schatten. Es ist die heißeste Ferienzeit seit vielen Jahren. Alle jungen Schreiber sind wahnsinnig verliebt und sehnen sich in verschiedenen Abstufungen in Margate, Ramsgate oder Gravesend nach seligem Beisammensein mit dem Gegenstand ihrer Liebe. Allen Schreibern von mittlerem Alter kommen ihre Familien zu zahlreich vor. Alle herrenlosen Hunde, die in den Inns herumstreunen und an den Treppenabsätzen und andern ausgetrockneten Orten nach Wasser lechzen, lassen ein kurzes, ärgerliches Geheul hören. Alle Hunde von Blinden auf der Straße rennen mit ihren Herrn gegen Brunnen oder machen sie über Wassereimer stolpern. Ein Laden mit Jalousien, einem wasserbegossenen Trottoir davor und einer Schüssel mit Goldfischen im Fenster gilt als geweihtes Asyl. In »Temple Bar« wird es so heiß, daß es für den benachbarten Strand von Fleetstreet das bedeutet, was das Lämpchen für einen Teekocher ist, und die Umgebung die ganze Nacht in Siedehitze erhält. Es gibt Kanzleien in den Inns, wo man sich abkühlen könnte, wenn die Langeweile nicht noch schlimmer wäre als die Hitze. Aber in den kleinen Gäßchen in der Nähe dieser Zufluchtsorte brütet die Glut. In Mr. Krooks Hof ist es so heiß, daß die Leute das Innere ihrer Häuser nach außen gekehrt haben und in Stühlen auf dem Trottoir sitzen – Mr. Krook mit eingerechnet, der, die Katze neben sich, hier seine Studien fortsetzt. Die »Sonne« hat ihre harmonischen Gesellschaften vorläufig unterbrochen, und der kleine Swills ist in den Gärten flußabwärts tätig, wo er den Unschuldigen spielt und komische, für die Harmlosen bearbeitete Liedchen singt, die, wie der Anschlagzettel besagt, selbst das empfindsamste Gemüt nicht verletzen können. Über der ganzen juristischen Nachbarschaft hängt wie ein großer Schleier von Rost oder eine riesenhafte Spinnwebe das Nichtstun und die Traumstimmung der Gerichtsferien. Auch Mr. Snagsby, der Schreibmaterialienhändler in Cook's Court, Cursitor Street, empfindet diesen Einfluß. Nicht nur als mitfühlender und versonnener Mann, sondern auch hinsichtlich seiner Geschäftstätigkeit. Er hat während der Gerichtsferien mehr Muße, in Staple-Inn und Rolls-Yard zu träumen, als zu andern Zeiten und bemerkt gelegentlich zu den beiden »Stiften«, wie schön es sei, bei so heißem Wetter sich vorzustellen, daß man auf einer Insel, vom Meere umwogt und umtost, lebe. Guster hat an diesem Nachmittag sehr viel zu tun, denn Mr. und Mrs. Snagsby erwarten Gäste. Die geladene Gesellschaft ist nicht so sehr zahlreich als gewählt, denn sie besteht aus Mr. und Mrs. Chadband und sonst niemandem. Da Mr. Chadband sich sowohl im Gespräch als in Briefen gern ein »Gefäß« nennt, halten ihn zuweilen Leute, die ihn nicht kennen, für einen Herrn, der mit Wasserleitungen zu tun hat. Er ist aber, wie er sich ausdrückt, »in der Seelsorge tätig«. Mr. Chadband gehört keiner besondern Sekte an, aber er hat Jünger, und Mrs. Snagsby zählt zu ihnen. Mrs. Snagsby hat sich erst vor kurzem bei Mr. Chadband eingeschrieben. Dieses Gefäß zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, als die Sommerhitze sie ein wenig aufgeregt hatte. »Meine kleine Frau«, sagt Mr. Snagsby zu den Spatzen in Staple-Inn, »liebt die Religion gern ein wenig gepfeffert, müßt ihr wissen.« Deshalb richtet Guster, sehr erbaut von dem Gedanken, heute die fromme Magd Chadbands sein zu dürfen, von dem sie weiß, daß er die Gabe hat, vier Stunden lang in einem Zug predigen zu können, das kleine Staatszimmer zum Tee her. Die Möbel sind ausgeklopft und abgestaubt, die Porträts Mr. und Mrs. Snagsbys mit einem feuchten Tuch aufgefrischt, das beste Teeservice steht auf dem Tisch und neben ihm schmackhaftes frisches Brot, kalte frische Butter, dünn geschnittener Schinken, Zunge und Gothaer Wurst, und köstliche kleine Reihen von Anchovis ruhen in Petersilie. Ganz zu schweigen von den frisch gelegten Eiern, die warm in einer Serviette heraufgebracht werden sollen, und dem warmen, butterbestrichnen Zwieback. Denn Chadband ist ein geräumiges Gefäß – seine Feinde sagen, ein Schlund von einem Gefäß –, und er weiß mit den Waffen des Fleisches, wie es Messer und Gabel sind, merkwürdig gut umzugehen. Mr. Snagsby hat seinen besten Rock an, überblickt noch einmal alle Vorbereitungen, als sie fertig sind, und sagt nach einem bescheidenen Hüsteln hinter der Hand zu Mrs. Snagsby: »Wann erwartest du Mr. und Mrs. Chadband, meine Liebe?« »Um sechs.« Mr. Snagsby äußert leichthin und äußerst milde, daß es schon sechs Uhr vorbei sei. »Möchtest du vielleicht ohne sie anfangen?« fragt Mrs. Snagsby vorwurfsvoll. Mr. Snagsby sieht aus, als ob er das allerdings gern möchte, aber er sagt bloß mit seinem sanftmütigen Hüsteln: »Nein, meine Liebe, nein. Ich erwähnte es nur so.« »Was ist Zeit gegen die Ewigkeit«, seufzt Mrs. Snagsby. »Sehr wahr, meine Liebe«, gibt Mr. Snagsby zu. »Nur wenn jemand Speisen für einen Tee bereit hält, denkt er dabei – vielleicht – mehr – an die Zeit. Und wenn schon eine Zeit zum Tee festgesetzt ist, so sollte man auch pünktlich antreten.« »Antreten!« wiederholt Mrs. Snagsby mit Strenge. »Antreten! Als ob Mr. Chadband ein Preisboxer wäre!« »O, so habe ich es nicht gemeint, meine Liebe«, entschuldigt sich Mr. Snagsby. Guster, die zum Fenster des Schlafzimmers hinausgesehen hat, kommt plötzlich die Treppe heruntergepoltert wie das Gespenst aus dem Volksmärchen, stürzt mit rotem Gesicht in das Staatszimmer und meldet, daß Mr. und Mrs. Chadband in Sicht seien. Da gleich darauf die Klingel an der innern Tür im Gang ertönt, wird Guster von Mrs. Snagsby streng ermahnt, bei sonstiger augenblicklicher Entlassung die Zeremonie des Anmeldens nicht zu versäumen. Durch diese Drohung ganz außer Fassung gebracht, verstümmelt sie die Zeremonie derart, daß sie meldet: »Mr. und Mrs. Cheeseming, oder so heißens«, und verschwindet dann mit Gewissensbissen. Mr. Chadband ist ein großer gelber Mann mit einem fetten Lächeln und sieht aus, als flösse Tran in seinen Adern. Mrs. Chadband ist eine finstere, strengblickende, schweigsame Frau. Mr. Chadband bewegt sich langsam und schwerfällig, fast wie ein Bär, der aufrecht gehen gelernt hat. Er weiß nichts mit seinen Armen anzufangen; als ob sie ihm im Wege wären und er am liebsten damit scharren möchte. Sein Kopf ist stets schweißbedeckt, und er fängt nie an zu reden, ohne nicht vorher seine große Hand emporzuhalten als Zeichen für seine Zuhörer, daß er sie zu erbauen gedenke. »Meine Freunde«, hebt Mr. Chadband an. »Friede sei mit diesem Hause! Friede dem Hausherrn und der Hausfrau, den Jungfrauen und den Jünglingen darin! Meine Freunde, warum wünsche ich Frieden? Was ist Friede? Ist es Krieg? Nein. Ist es Kampf? Nein. Ist er lieblich und sanft und schön und heiter und voll Freude? Ja, ja! Deshalb, meine Freunde, wünsche ich: Friede sei mit euch und den Eurigen!« Da Mrs. Snagsby sehr erbaut aussieht, hält es Mr. Snagsby für angebracht, Amen zu sagen. Das findet allgemeine Billigung. »Nun, meine Freunde«, fährt Mr. Chadband fort, »da ich einmal bei diesem Thema bin...« Guster erscheint. Mrs. Snagsby ruft mit tiefer Grabesstimme und ohne den Blick von Chadband zu wenden, mit grauenhafter Deutlichkeit: »Fahr ab!« »Nun, meine Freunde«, sagt Chadband, »da ich einmal bei diesem Thema bin, um es in meiner schlichten Weise zu eurer Erbauung...« Ganz unverantwortlicher Weise murmelt Guster: »Siebzehnhundertzweiundachtzg!« Die Grabesstimme wiederholt noch feierlicher: »Abfahren!« »Nun, meine Freunde«, sagt Mr. Chadband, »wollen wir im Geiste der Liebe...« Abermals wiederholt Guster: »Siebzehnhundertzweiundachtzg!« Mr. Chadband hält mit der entsagungsvollen Miene eines Mannes, der an Verfolgung gewöhnt ist, inne, faltet langsam sein Kinn in ein fettes Lächeln und sagt: »Wir wollen die Jungfrau hören! Sprich, Jungfrau!« »Siebzehnhundertzweiundachtzg, wenn S erlauben, Sir. Er möcht gern wissen, für was der Schilling is«, sagt Guster atemlos. »Wofür?« entgegnet Mr. Chadband. »Das Fahrgeld.« Guster erklärt, daß der Kutscher auf einem Schilling acht Pence bestehe und die Polizei holen wolle. Mrs. Snagsby und Mrs. Chadband wollen ihrer Entrüstung durch schrille Schreie Luft machen, aber Mr. Chadband erhebt die Hand und beschwichtigt den Sturm. »Meine Freunde«, sagt er, »ich entsinne mich einer gestern unerfüllt gelassenen Pflicht. Es ist recht, daß ich gezüchtigt werde. Man soll nicht murren. Rachael, bezahle die acht Pence.« Während Mrs. Snagsby tief aufatmet und Mr. Snagsby streng ansieht, als wollte sie sagen: Hörst du diesen Apostel! und Mr. Chadband in Demut und Tran erglänzt, bezahlt Mrs. Chadband das Geld. Es ist Mr. Chadbands Gepflogenheit, diese Art Verrechnung von kleinsten Soll- und Habenposten öffentlich zu verbuchen. »Meine Freunde, acht Pence ist nicht viel. Es hätte ebensogut 1 sh. und 4 d. sein können. Es hätte ebensogut eine halbe Krone sein können. O lasset uns jauchzön! Lasset uns jauchzön!« Mit dieser Bemerkung, die das Bruchstück aus einer Hymne zu sein scheint, nach dem Tone zu schließen, begibt sich Mr. Chadband mit feierlichem Schritt an den Tisch und erhebt nochmals, bevor er einen Stuhl nimmt, ermahnend die Hand. »Meine Freunde, was ist das, was wir hier vor uns ausgebreitet sehen? Erfrischungen. Bedürfen wir der Erfrischungen, meine Freunde? Ja, wir bedürfen ihrer. Und warum bedürfen wir der Erfrischungen, meine Freunde? Weil wir sterblich sind. Weil wir eitel Sünder sind. Weil wir der Erde angehören, weil wir nicht der Luft angehören. Können wir fliegen, meine Freunde? Nein, wir können es nicht. Warum können wir nicht fliegen, meine Freunde?« Kühn gemacht durch seinen Erfolg vorhin, wagt Mr. Snagsby mit aufgeräumtem, ja fast schlauem Ton zu bemerken: »Keine Flügel.« Aber sofort wird er von Mrs. Snagsby mit einem finstern Stirnrunzeln in seine Schranken gewiesen. »Nun, meine Freunde«, fährt Mr. Chadband fort, ohne im mindesten Mr. Snagsbys Einwurf zu beachten: »Warum können wir nicht fliegen? Vielleicht, weil wir geschaffen sind, um zu gehen? So ist es. Können wir gehen, meine Freunde, ohne Kraft? Wir können es nicht. Was würden wir tun ohne Kraft, meine Freunde? Unsre Beine würden ihren Dienst versagen, unsre Knie würden einknicken, unsre Füße würden straucheln, und wir fielen zu Boden. Woher nun, meine Freunde, nehmen wir, vom fleischlichen Standpunkt aus betrachtet, die Kraft, die unsern Gliedern nötig ist? Ziehen wir sie nicht«, fragt Chadband mit einem Blick über die Tafel, »aus dem Brote in mannigfacher Gestalt, aus der Butter, die da gewonnen wird aus der Milch, die da wiederum gemolken wird von der Kuh, aus den Eiern, so das Huhn leget, aus Schinken, aus Zunge, aus Wurst und dergleichen? So ist es. So lasset uns denn teilhaben an den guten Dingen, so uns beschert sind.« Mr. Chadbands Widersacher leugnen, daß seine Gabe, Worte auf Worte zu türmen, etwas Besonderes sei. Aber das spricht nur für ihre Scheelsucht, weiß jedermann doch, daß der Chadbandsche Redestil Gemeingut ist und überall Anklang findet. Mr. Chadband ist vorläufig fertig, nimmt an Mrs. Snagsbys Tische Platz und legt mit fabelhafter Energie los. Die Verwandlung jeglicher Art Speise in den bereits erwähnten Tran scheint ein von der Konstitution dieses musterhaften »Gefäßes« so unzertrennlicher Prozeß zu sein, daß man ihn eine Ölmühle oder eine andre zur Verfertigung dieses Artikels eingerichtete Fabrik nennen könnte, wenn er anfängt, zu essen und zu trinken. An dem heutigen Abend hält er in Cook's Court, Cursitor Street, die Mühle so flott in Gang, daß das Vorratshaus bis zum Rande gefüllt erscheint, als er zu arbeiten aufhört. Während der Erbauungsepoche des Essens flüstert Guster – die sich von ihrem ersten Versehen nicht erholen konnte und kein mögliches oder unmögliches Mittel unversucht gelassen hat, ihrem eignen Ansehen und dem des Hauses zu schaden, indem sie zum Beispiel eine Art unerwarteter Militärmusik mit Tellern auf Mr. Chadbands Kopf veranstaltete und später den würdigen Herrn mit Eierbrötchen krönte – flüstert Guster Mr. Snagsby zu, daß jemand nach ihm frage. »Um nicht durch die Blume zu sprechen, man erwartet mich unten im Laden«, sagt Mr. Snagsby und steht auf. »Die werte Gesellschaft wird mich gewiß für eine halbe Minute entschuldigen.« Mr. Snagsby geht hinunter und findet die beiden »Stifte« in Betrachtung eines Polizeidieners versunken, der einen zerlumpten Knaben am Arm hält. »Gott im Himmel«, fragt Mr. Snagsby, »was ist denn los?« »Dieser Junge da«, sagt der Konstabler, »gehorcht nicht, obgleich ich ihm wiederholt gesagt habe, er solle sich auf die Beine machen...« »I bin immer auf die Bein, Sir«, heult der Junge und wischt sich die schmutzigen Tränen mit dem Ärmel ab. »I bin immer auf die Bein gwesen, was i auf der Welt bin. Wo kann i denn hin, Sir, wenn i auch immer weiter geh?« »Er geht nicht, wenn ich sage: Marsch vorwärts!« wiederholt der Polizeimann ruhig und bewegt den Hals militärisch hin und her, um ihn besser in seine steife Halsbinde zu passen. »Obgleich ich es ihm wiederholt gesagt habe. Deshalb hab ich ihn arretieren müssen. Er ist der widerspenstigste Spitzbub, der mir jemals vorgekommen ist. Er will nicht vorwärts.« »Gottes willen, wo soll i denn hin«, heult der Junge, rauft sich verzweifelt die Haare und stampft mit seinen bloßen Füßen auf Mr. Snagsbys Hausflur. »Mit so was komm mir nicht, oder ich mach kurzen Prozeß mit dir«, droht der Konstabler und schüttelt ihn, ohne sich dabei weiter aufzuregen. »Meine Instruktion lautet: Marsch vorwärts. Ich habe dir das schon fünfhundert Mal gesagt.« »Aber wohin?« jammert der Junge. »Hm, das scheint mir wirklich auch die Frage zu sein, Konstabler«, sagt Mr. Snagsby gedankenvoll und hüstelt ratlos hinter der Hand. »Soweit gehen meine Instruktionen nicht«, entgegnet der Konstabler. »Ich habe meinen Instruktionen gemäß Jungen, die auf der Gasse herumstrolchen, zu sagen: Marsch vorwärts!« Hörst du das, Jo? Es geht dich und andre deinesgleichen nichts an, daß die großen Sterne am parlamentarischen Himmel seit ein paar Jahren unterlassen haben, ein Beispiel in: Marsch, vorwärts! zu geben. Das große Rezept, die profunde philosophische Vorschrift, ist für dich allein das Um und Auf deines seltsamen Daseins auf Erden. Marsch vorwärts! Nicht, daß du etwa ganz von der Welt verschwinden sollst, Jo – das würde den großen Sternen nicht passen –, aber: Marsch vorwärts! Mr. Snagsby sagt nichts dieser Art – sagt überhaupt nichts –, hüstelt nur seinen ratlosesten Husten als Ausdruck dafür, daß er keinen Ausweg sieht. Mittlerweile sind Mr. und Mrs. Chadband und Mrs. Snagsby, von dem Wortwechsel herbeigelockt, auf der Treppe erschienen, und da Guster von Anfang an dort gestanden hat, ist jetzt das ganze Haus am Ende des Ganges versammelt. »Es handelt sich einfach darum, Sir«, sagt der Konstabler, »ob Sie den Jungen kennen. Er behauptet ja.« Mrs. Snagsby ruft von ihrer Höhe herunter: »Nein, er kennt ihn nicht.« »Mein kleines Frauchen«, sagt Mr. Snagsby mit einem Blick auf die Treppe, »meine Liebe, du gestattest. Bitte, nur einen Augenblick Geduld, meine Liebe. Ich kenne diesen Jungen allerdings ein wenig und wüßte nichts Schlimmes von ihm, eher vielleicht das Gegenteil.« Und der Schreibmaterialienhändler erzählt alles, was er von Jo weiß, und verschweigt nur die Geschichte mit der halben Krone. »Soweit scheint er also wahr gesprochen zu haben«, sagt der Polizeimann. »Als ich ihn droben in Holborn arretierte, behauptete er, Sie kennen ihn. Darauf sagte ein junger Mann unter den Umstehenden, daß er Sie kenne und daß Sie ein ehrenwerter Mann und Hausbesitzer wären und daß er nachkommen wolle, wenn ich herginge und mich erkundige. Der junge Mann scheint aber keine Lust zu haben, Wort zu halten, sondern... Ah, da ist ja der junge Mann!« Mr. Guppy tritt ein, nickt Mr. Snagsby zu und greift mit kommishafter Ritterlichkeit zur Begrüßung der Damen auf der Treppe an den Hut. »Ich habe soeben die Kanzlei verlassen, um spazieren zu gehen, als ich Zeuge dieses Auftritts wurde«, erklärt Mr. Guppy dem Papierhändler. »Und da Ihr Name fiel, hielt ich es für nötig, die Sache näher untersuchen zu lassen.« »Das war sehr freundlich von Ihnen, Sir«, bedankt sich Mr. Snagsby. »Ich bin Ihnen sehr verbunden.« Und abermals erzählt Mr. Snagsby, was er weiß, und verschweigt wieder die Geschichte mit der halben Krone. »Ich weiß schon, wo du wohnst«, sagt der Polizeimann zu Jo. »Du wohnst unten in 'Toms Einöd'. Eine hübsche unschuldige Gegend zum Wohnen und von gutem Ruf.« »I kann in keim bessern Ort net wohnen«, jammert Jo. »Sie würden nix von mir wissen wolln, wenn i an am bessern Ort wohnen möcht wollen. Wer möcht so einen, wie i bin, in an ordentlichen Haus wohnen lassn.« »Du bist sehr arm, was?« fragt der Polizeimann. »Ja, dös bin i.« »Nun, was sagen Sie dazu? Diese beiden Kronen hab ich aus ihm herausgeschüttelt, kaum daß ich ihn angefaßt habe«, sagt der Konstabler und zeigt die Geldstücke den Umstehenden. »Sie sin der Rest von an Sovering, Mr. Snagsby«, rechtfertigt sich Jo. »Von an Sovering, was mir eine Dame mit an Schleier gebn hat, die gsagt hat, sie war a Dienstmadel, und die amal abends an mein Straßenübergang kommen is und mi aufgfordert hat, ihr dös Haus hier zu zeign, und das Haus, wo der, was für Ihna abgschriebn hat, gstorben is, und den Kirchhof, wos n begraben habn. Sie hat zu mir gsagt: Bist du der Bursche von der Totenschau, hats gsagt. I hab zu ihr gsagt, ja, hab i zu ihr gsagt. Kannst du mir alle diese Orte zeigen, hat s gfragt. Ja, dös kann i, hab i gsagt. Und sie hat zu mir gsagt: So tu es. Und i bin vorausgangen, und sie hat mir an Sovering gebn und is fortgloffen. Und i hab nix von den Sovering ghabt«, sagt Jo, und schmutzige Tränen laufen ihm über die Wangen, »denn i hab unten in Toms Einöd fünf Schilling fürs Wechseln gebn müssn, und einer hat mir fünfi gstohln bein Schlafn, und aner hat mir neun Pence gstohlen, und der Wirt hat gsagt, i müßt was zum Besten gebn, und des hat a ganze Menge kost.« »Du erwartest doch nicht, daß dir ein Mensch die Geschichte von der Dame und dem Sovereign glaubt?« sagt der Konstabler und sieht Jo mit unaussprechlicher Verachtung von der Seite an. »I erwart gar nix«, erwidert Jo, »aber wahr ist die Gschicht.« »Sie sehen, was das für ein Subjekt ist«, bemerkt der Konstabler zu den Umstehenden. »Nun, Mr. Snagsby, wenn ich ihn dies Mal nicht einstecke, wollen Sie da für ihn bürgen, daß er schaut, daß er weiterkommt ?« »Nein«, ruft Mrs. Snagsby von der Treppe herab. »Liebes Frauchen!« bittet ihr Gatte. »Konstabler, ich bezweifle nicht, daß er sich packen wird. Du mußt es wirklich tun«, sagt Mr. Snagsby. »Ja, ja, ich wers schon tun, Herr«, beteuert der unglückliche Jo. »Also, marsch fort«, befiehlt der Polizeimann. »Du weißt jetzt, was du zu tun hast, und bild dir nicht ein, daß du das nächste Mal so gut wegkommst. Hier, nimm dein Geld. Und je eher du fünf Meilen weg bist, desto besser für uns alle.« Mit diesem Abschiedswink und einer Handbewegung auf die untergehende Sonne als einem leidlichen Ort, wohin Jo sich packen könne, wünscht der Polizeimann seinem Auditorium einen guten Nachmittag und weckt das Echo in Cook's Court, wie er auf der Schattenseite drüben langsamen Schrittes dahingeht und, um sich bei der Hitze den Kopf abzukühlen, seinen eisenbeschlagenen Hut in der Hand trägt. Jos unwahrscheinlich klingende Geschichte von der Dame und dem Sovereign hat die Neugier der ganzen Gesellschaft mehr oder weniger erregt. Mr. Guppy, der in Zeugensachen stets sehr wißbegierig ist und unter der Langweile der Ferienzeit schwer gelitten hat, fühlt ein solches Interesse für den Fall, daß er mit Jo ein regelrechtes Kreuzverhör anstellt. Das interessiert die Damen so außerordentlich, daß Mrs. Snagsby ihn höflich einlädt, hinauf zu kommen und eine Tasse Tee zu trinken. Da Mr. Guppy die Einladung annimmt, wird Jo aufgefordert, mit bis an die Tür des Staatszimmers zu kommen, wo ihn Mr. Guppy einvernimmt und in alle möglichen Formen quetscht, wie ein Koch ein Stück Tafelbutter, und ihn nach berühmten Mustern ausholt. Auch insofern ist die Einvernahme den Musterverhören ähnlich, als sie auch nichts zu Tage fördert und ebenfalls sehr lang dauert. Mr. Guppy schwelgt in seinen Talenten, und Mrs. Snagsby sieht nicht nur ihre Neugier befriedigt, sondern hat auch die Empfindung, daß es ihres Gatten Geschäft in den Augen der Jurisprudenz hebt. Während des hitzigen Gefechtes ist das »Gefäß« Chadband, das sich ausschließlich der Tranbereitung zuwendet, kalt gestellt und wartet, bis es wieder aufs Herdfeuer kommt. »Das eine weiß ich«, sagt Mr. Guppy. »Entweder bleibt der Junge an seiner Geschichte pappen wie Schusterpech, oder es ist wirklich etwas Außergewöhnliches an der Sache, das alles übertrifft, was mir jemals bei Kenge \& Carboy vorgekommen ist.« Mrs. Chadband flüstert Mrs. Snagsby etwas zu, und diese ruft aus: »Was Sie nicht sagen!« »Seit vielen Jahren!« antwortet Mrs. Chadband. »Sie kennt Kenge \& Carboys Kanzlei seit vielen Jahren«, erklärt Mrs. Snagsby triumphierend Mr. Guppy. »Mrs. Chadband – Gattin dieses Herrn hier – Ehrwürden Mr. Chadband.« »O wirklich!« sagt Mr. Guppy. »Ja, ehe ich meinen jetzigen Mann heiratete«, bestätigt Mrs. Chadband. »Waren Sie Partei in einem Prozeß, Maam?« fragt Mr. Guppy und beginnt mit ihr ein Kreuzverhör. »Nein.« »Nicht Partei in einem Prozeß, Maam?« Mrs. Chadband schüttelt den Kopf. »Da standen Sie wahrscheinlich in Beziehungen mit jemandem, der Partei in einem Prozeß war, Maam?« forscht Mr. Guppy, der es über alles liebt, einer Unterhaltung einen juristischen Anstrich zu geben. »Auch das eigentlich nicht«, entgegnet Mrs. Chadband, die auf den Spaß mit einem sauern Lächeln eingeht. »Auch das eigentlich nicht!« wiederholt Mr. Guppy. »Also gut. Bitte, Maam, war es eine Ihnen bekannte Dame, die mit der Firma Kenge \& Carboy zu tun hatte, oder war es ein Ihnen bekannter Herr? Lassen Sie sich Zeit, Maam. Wir werden es gleich haben. Herr oder Dame?« »Keins von beiden.« »O! Ein Kind!« sagt Mr. Guppy und wirft der staunenden Mrs. Snagsby den gewissen pfiffigen Advokatenblick zu, den Anwälte englischen Geschworenen zuzuwerfen pflegen. »Nun, Maam, würden Sie vielleicht die Güte haben, uns zu sagen, was für ein Kind.« »Sie haben es endlich heraus, Sir«, sagt Mrs. Chadband wieder mit einem sauern Lächeln. »Es wird, nach Ihrem Aussehen zu urteilen, wohl vor Ihrer Zeit gewesen sein. Ich hatte ein Kind in meiner Obhut, namens Esther Summerson, das ich später den Herren Kenge \& Carboy übergab.« »Miß Summerson, Maam?« fragt Mr. Guppy aufgeregt. »Ich nenne sie Esther Summerson«, sagt Mrs. Chadband mit Strenge. »Zu meiner Zeit ist es noch ohne Miß gegangen. Esther, hieß es, Esther, tu das, Esther, tu jenes. Und sie hatte zu parieren.« »Meine werte Maam«, entgegnet Mr. Guppy und tritt von der andern Seite des kleinen Zimmers an Mrs. Chadband heran. »Der untertänigst Ergebene, der jetzt vor Ihnen steht, nahm die junge Dame in Empfang, als sie aus dem Institut nach London fuhr, auf das Sie soeben Bezug nahmen. Darf ich mir das Vergnügen gestatten, Ihnen die Hand zu drücken?« Mr. Chadband, der jetzt seine Zeit gekommen sieht, gibt sein gewohntes Zeichen, erhebt sein dampfendes Haupt und betupft es mit einem Taschentuch. »Still!« flüstert Mrs. Snagsby. »Meine Freunde«, beginnt Chadband. »Wir haben mit Mäßigkeit von den guten Dingen genossen, die uns beschert wurden. Möge dieses Haus leben von dem Fett der Erden, mögen Korn und Wein im Überfluß sein darin, möge es wachsen, möge es blühen, möge es gedeihen, möge es vorwärts kommen! Aber, meine Freunde, haben wir sonst nichts genossen? Ja! Meine Freunde. Was haben wir sonst noch genossen? Geistige Nahrung? Ja. Von wem stammte dieser geistige Nutzen? Mein junger Freund, tritt vor!« Der so angeredete Jo zögert verlegen, weicht erst einen Schritt zurück, voller Argwohn gegenüber den Absichten des beredten Mr. Chadband, und geht dann zu ihm. »Mein junger Freund«, sagt Chadband, »du bist uns eine Perle, du bist uns ein Diamant, du bist uns ein Edelstein, du bist uns ein Juwel. Und warum, mein junger Freund?« »Ich woaß net«, sagt Jo. »Was woaß denn i.« »Mein junger Freund, eben weil du nicht die Erkenntnis hast, daß du uns ein Edelstein und ein Juwel bist, weißt du es nicht. Denn was bist du, mein junger Freund? Bist du ein Tier des Feldes? Nein. Ein Vogel der Luft? Nein. Ein Fisch des Meeres oder des Flusses? Nein. Du bist ein menschlicher Knabe, mein junger Freund. Ein menschlicher Knabe. O glorreich, ein menschlicher Knabe zu sein. Und warum ist es glorreich, mein junger Freund? Weil du fähig bist, die Lehren der Weisheit zu empfangen, weil du fähig bist, Gewinn zu ziehen aus der Rede, die ich jetzt zu deinem Besten halten will, weil du weder ein Stecken noch ein Stab noch ein Stock noch ein Stein noch ein Pfosten noch ein Pfeiler bist. O Himmelsstrom, so klar und rein, ein frommer Knabe noch zu sein! Und fühlst du jetzt in diesem Strome deine Glieder, mein junger Freund? Nein. Warum kühlst du jetzt nicht in diesem Strom deine Glieder? Weil du in einem Zustande der Finsternis bist, weil du in einem Zustande der Umnachtung bist, weil du in einem Zustande der Sündhaftigkeit bist, weil du in einem Zustande der Knechtschaft bist. Mein junger Freund, was ist Knechtschaft? Lasset uns das jetzt ergründen im Geiste der Liebe.« Bei diesem bedrohlichen Stadium der Predigt fährt Jo, der jetzt ganz den Verstand verloren zu haben scheint, mit dem rechten Arm über sein Gesicht und gähnt fürchterlich. Mrs. Snagsby spricht entrüstet die Vermutung aus, daß er ein Kind des Erzfeindes sei. »Meine Freunde«, sagt Mr. Chadband, faltet sein so viel gelästertes Kinn wieder zu einem fetten Lächeln und blickt um sich. »Es ist recht, daß ich gedemütigt werde. Es ist recht, daß ich geprüft werde, es ist recht, daß ich gegeißelt werde, es ist recht, daß ich gezüchtigt werde. Ich strauchelte vergangnen Sabbat, als ich mit Hochmut meiner dreistündigen Erbauung gedachte. Die Schuld ist getilgt. Der Gläubiger hat den Zehent genommen. O lasset uns jauchzen im Herrn! O lasset uns jauchzen!« Große Ergriffenheit Mrs. Snagsbys. »Meine Freunde«, schließt Chadband und blickt um sich. »Ich will jetzt nicht mit meinem jungen Freund fortfahren. Willst du morgen zu mir kommen, mein junger Freund, und diese gute Dame fragen, wo ich zu finden bin, auf daß du die Predigt hörst? Oder willst du den Tag darauf kommen wie die durstige Schwalbe und den Tag nach diesem und viele folgende schöne Tage, um die Predigt zu hören?« – So spricht Mr. Chadband mit der Grazie einer Kuh. Jo, dem es vor allem drum zu tun scheint, fort zu kommen, nickt linkisch. Mr. Guppy wirft ihm einen Penny hin, und Mrs. Snagsby ruft Guster zu, ihn sicher aus dem Hause zu geleiten. Aber ehe er hinuntergeht, wird er von Mr. Snagsby mit Speiseresten vom Tisch beladen, die er mit dem Arm fest an sich drückt. Mr. Chadband – von dem seine Widersacher sagen, es sei zwar kein Wunder, daß er beliebig lang solch gräßlichen Unsinn fortsprechen könne, aber ganz bestimmt eines, daß er wieder aufhöre, wenn er einmal die Kühnheit gehabt habe, anzufangen – Mr. Chadband zieht sich in das Privatleben zurück, bis die Zeit kommt, wo er ein kleines Kapitalabendessen in Tran umwandelt. Jo wandert nach der Blackfriars Brücke, wo er eine heiße steinerne Ecke findet, um dort sein Mahl zu halten. Und da sitzt er und kaut und nagt und schaut hinauf zu dem großen Kreuz auf der Kuppel der St. Pauls-Kathedrale, das über einer rot und violett gefärbten Dunstwolke funkelt. Nach seinem Gesicht zu urteilen, ist ihm das heilige Symbol der Gipfelpunkt von Verwirrung und Unverständlichkeit inmitten der Wirrnis der Stadt. So golden, so hoch oben, so weit außer seinem Bereich. Da sitzt er. Die Sonne geht unter, schnell rinnt der Fluß dahin, und in zwei Strömen wogt das Menschengewühl vorüber – vorwärts getrieben zu irgendeinem Zweck und zu einem einzigen Ziel... Dann jagt der Konstabler ihn wieder fort und herrscht ihn an: »Marsch vorwärts!« 20. Kapitel Ein neuer Mieter Die langen Gerichtsferien treiben ihrem Ende zu, wie ein fauler Strom bequem und langsam durch flaches Land dem Meere zufließt. Mr. Guppy treibt in ähnlicher Weise den Strom der Zeit hinab. Er hat sein Federmesser stumpf gemacht und die Spitze abgebrochen, so oft hat er es in sein Pult gestoßen. Nicht etwa, daß er auf das Pult irgend einen Groll hätte, aber er muß irgend etwas zu tun haben, etwas, was ihn nicht aufregt, was weder seine physische noch seine geistige Energie allzu sehr in Anspruch nimmt. Er hat bald herausgefunden, daß ihm nichts besser bekommt, als auf einem Bein seines Sessels zu balancieren, mit dem Federmesser in das Pult zu stechen und zu gähnen. Kenge \& Carboy sind verreist. Der Substitut hat einen Jagdschein genommen und weilt auf seines Vaters Gut. Und Mr. Guppys beide Stipendiarkollegen sind auf Urlaub. Mr. Guppy und Mr. Richard Carstone teilen sich in die Kanzlei. Aber Mr. Carstone ist für die Ferien in Kenges Zimmer einquartiert, und Mr. Guppy ärgert sich darüber. So übermäßig ärgert er sich darüber, daß er zu seiner Mutter in vertraulichen Stunden, wo er mit ihr in Oldstreet-Road Hummer und Salat zu Abend ißt, mit beißendem Sarkasmus äußert, er fürchte sehr, die Kanzlei sei nicht fein genug für Gigerln, und wenn er gewußt hätte, daß ein Gigerl komme, hätte er frisch tünchen lassen. Mr. Guppy hat jeden, der einen Stuhl in Kenge \& Carboys Kanzlei besetzt, im Verdacht, daß er gegen ihn heimtückische Pläne schmiede. Es ist klar, daß jeder ihn stürzen will. Wenn man ihn fragt, wieso, warum und zu welchem Zweck, schließt er nur das eine Auge und schüttelt den Kopf. Auf Grund dieser tiefsinnigen Erkenntnis gibt er sich unendliche Mühe, das Komplott zu vereiteln, und ersinnt die geistreichsten Schachzüge auf einem Brett ohne Gegner. Es ist daher kein geringer Trost für Mr. Guppy, daß der neue Ankömmling beständig über den Akten in Sachen Jarndyce kontra Jarndyce brütet, denn er weiß ganz gut, daß daraus nur Mißlingen und Enttäuschung kommen kann. Seine Zufriedenheit teilt auch der dritte Genosse während der Gerichtsferien in Kenge \& Carboys Kanzlei, nämlich der junge Smallweed. Ob der kleine Smallweed, mit seinem Spitznamen auch Small oder Hühnchen genannt, jemals ein Kind gewesen ist, wird in Lincoln's-Inn stark bezweifelt. Er ist nicht ganz fünfzehn Jahre und schon ein alter Rechtswissenschaftler. Man neckt ihn damit, er habe eine leidenschaftliche Neigung für eine Dame in einem Zigarrenladen in der Nähe von Chancery-Lane gefaßt und ihretwegen einer andern, mit der er seit einigen Jahren verlobt gewesen, die Treue gebrochen. Er ist eine Stadtpflanze, von kleiner Statur und welken Gesichtszügen, fällt aber schon von weitem durch einen sehr hohen Zylinder auf. Ein Guppy zu werden, ist sein Ehrgeiz. Er wird von diesem Herrn begönnert, kleidet sich wie er, spricht und geht wie er und ahmt ihn in allem und jedem nach. Er genießt Mr. Guppys besonderes Vertrauen und erteilt ihm gelegentlich aus dem Brunnen seiner Erfahrung Rat über gewisse schwierige Punkte im Privatleben. Mr. Guppy hat den ganzen Morgen im Fenster gelegen und alle Sessel der Reihe nach probiert und keinen bequem gefunden. Auch hat er verschiedne Male den Kopf in den eisernen Dokumentenschrank gesteckt, um sich abzukühlen. Mr. Smallweed ist zwei Mal nach Brausegetränken geschickt worden und hat sie zwei Mal in den zwei Kanzleigläsern gemischt und mit dem Lineal umgerührt. Mr. Guppy stellt zu Mr. Smallweeds Erbauung das Paradoxon auf, daß man durstiger wird, je mehr man trinke, und läßt sein Haupt in einem Zustand hoffnungsloser Langweile auf dem Fensterbrett ruhen. Während er so auf den Schatten von Oldsquare Lincoln's-Inn hinausblickt und die unerträgliche Ziegelmauer betrachtet, dämmert ein männlicher Backenbart in die Sphäre seines Bewußtseins, tritt aus dem gewölbten Gang unten hervor und wendet sich ihm zu. Zugleich ertönt ein lautes Pfeifen durch das Inn, und eine gedämpfte Stimme ruft: »He, Guppy!« »Ist es denn möglich«, fährt Mr. Guppy aus seinem Halbschlummer auf. »Hühnchen! Jobling ist unten.« Small guckt ebenfalls zum Fenster hinaus und ruft Jobling an. »Wo bist du denn entsprungen?« fragt Mr. Guppy. »Aus den Gemüsegärten unten bei Deptford. Ich kann es nicht länger dort aushalten. Ich lasse mich anwerben. Ja, ja! – Könntest du mir nicht eine halbe Krone pumpen? Meiner Seel, ich habe Hunger.« Jobling sieht auch ganz danach aus und scheint unten in den Gemüsegärten von Deptford ein wenig herabgekommen zu sein. »Ja, ja. Wirf mir eine halbe Krone herunter, wenn du eine übrig hast. Ich muß unbedingt etwas essen.« »Willst du mit mir essen kommen?« fragt Mr. Guppy, wirft das Geldstück hinunter, und Mr. Jobling fängt es geschickt auf. »Wie lang muß ich da noch warten?« fragt Jobling. »Höchstens eine halbe Stunde. Ich warte hier nur, bis der Feind weggeht.« Guppy winkt mit dem Kopf nach dem Zimmer daneben. »Was für ein Feind?« »Ein Neuer. Will sich hier einschreiben lassen. Willst du warten?« »Kann man unterdessen was zu lesen haben?« fragt Mr. Jobling. Smallweed schlägt das Advokatenverzeichnis vor, aber Mr. Jobling erklärt mit größtem Ernst, daß er das nicht aushalten würde. »Du kannst auch die Zeitung haben«, meint Mr. Guppy. »Er soll sie dir herunterbringen. Es ist nämlich besser, wenn man dich hier nicht sieht. Lies sie auf der Treppe. Es ist ein ruhiger Platz.« Jobling nickt eingeweiht. Der findige Smallweed bringt ihm die Zeitung und wirft noch ein Mal vom Treppenabsatz aus einen forschenden Blick auf ihn, ob er sich nicht am Ende vor der Zeit davonmachen werde. Endlich entfernt sich der Feind, und Small holt Mr. Jobling herauf. »Nun, wie geht's dir?« fragt Mr. Guppy und schüttelt ihm die Hand. »So, so. Und dir?« Da Mr. Guppy erwidert: Nicht besonders, wagt Mr. Jobling die Frage: »Na, und wie geht's ihr «? Das weist Mr. Guppy als unziemlich zurück und sagt: »Jobling, es gibt Saiten im menschlichen Herzen...« Jobling bittet um Verzeihung. »Jedes Thema, nur das nicht«, sagt Mr. Guppy, in seinem Grame wühlend. »Es gibt Saiten, Jobling...« Mr. Jobling bittet abermals um Verzeihung. Während dieses kurzen Zwiegesprächs hat der rührige Smallweed, der mit von der Partie ist, in Kanzleischrift auf einen Zettel geschrieben: »Kommen gleich zurück.« Diese Nachricht für jeden, den es angehen mag, heftet er an den Briefkasten. Dann setzt er seinen Hut in demselben Neigungswinkel auf wie Mr. Guppy und meldet seinem Gönner, daß sie sich jetzt »drücken könnten«. Alle drei begeben sich in ein Speisehaus in der Nähe, das von den Gästen »das Hundsfutter« genannt wird und wo eine Kellnerin, ein strammes Mädchen von vierzig Jahren, einen gewissen Eindruck auf den empfänglichen Smallweed gemacht hat, wie die Sage geht. Er ist nämlich ein niederträchtiger Wetterhahn, dem Jahre nichts gelten. In seiner Frühreife repräsentiert er Jahrhunderte eulenhafter Klugheit. Wenn er jemals in einer Wiege gelegen hat, muß er bereits damals einen Taillenrock angehabt haben. Ein uraltes Auge hat Smallweed; er trinkt und raucht in einer merkwürdig affenhaften Weise, sein Hals steckt tief in seinem Kragen, und er läßt sich prinzipiell nie leimen. Er durchschaut immer alles, was es auch sei. Kurz, die Jurisprudenz hat ihn von Kindesbeinen an so gehegt und gepflegt, daß er eine Art fossiler Kobold geworden ist, dessen irdisches Dasein man in den Gerichtskanzleien dadurch erklärt, daß sein Vater der Herr Pappdeckel und seine Mutter das einzige weibliche Mitglied der Familie Fließpapier gewesen sei und daß man ihm seinen ersten Rock aus einem blauen Aktenbeutel geschnitten habe. Ungerührt von dem verführerischen Anblick im Fenster, wo künstlich weiß gemachter Blumenkohl und Geflügel, Körbe mit grünen Schoten und kühle saftige Gurken und Keulen, fertig für den Bratspieß, ausgestellt sind, tritt Mr. Smallweed in das Speisehaus. Sie kennen ihn und fürchten ihn dort. Er hat seine Lieblingsbox, bestellt alle Zeitungen und ist grob gegen kahlköpfige Patriarchen, wenn sie sie länger als zehn Minuten lesen. Es ist vergeblich, ihn mit einem zu dünnen Brote täuschen zu wollen oder ihm mit einem Aufschnitt zu kommen, der nicht von allerbester Sorte ist. Was die Sauce betrifft, ist er unerbittlich wie Stein. In Erkenntnis seiner geradezu magischen Gewalt und sich seine gefürchtete Erfahrung zunutze machend, zieht ihn Mr. Guppy in der Wahl der Speisen für heute zu Rate, wirft ihm einen fragenden Blick zu, während die Kellnerin die Speisekarte herunterleiert, und erkundigt sich: »Was ißt du, Hühnchen?« Das Hühnchen wählt in seiner unendlichen Schlauheit Kalbsbraten und Schinken und französische Bohnen. »Die Fülle gefälligst nicht vergessen, Polly«, setzt er mit einem koboldartigen Zwinkern seines Auges hinzu, worauf Mr. Guppy und Mr. Jobling dasselbe bestellen. »Und drei Krüge Porter mit Ale!« Die Kellnerin kommt bald wieder zurück und trägt ein Ding, das wie ein Modell des babylonischen Turms aussieht, aber in Wirklichkeit aus aufgeschichteten Tellern und flachen zinnernen Schüsseln besteht. Mr. Smallweed befindet für gut, was serviert wird, und zwinkert, Wohlwollen des Eingeweihten in seinem uralten Auge, der Kellnerin zu. Dann stillt das juristische Triumvirat seinen Appetit inmitten beständigen Kommens und Gehens, Herumrennens, Geklappers von Steingut und eines Auf- und Abrollens des Speiseaufzugs aus der Küche. Rufe nach immer mehr Portionen schrillen das Sprachrohr hinunter. Überall herrscht der Geruch und Dampf von Braten vor, und in der heißen Atmosphäre scheinen die unsaubern Messer und Tischtücher von selbst Fett- und Bierflecken auszuschwitzen. Mr. Jobling ist höher zugeknöpft, als die Mode erfordert. Sein Hut glänzt an den Rändern merkwürdig, als ob dort die Schnecken eine Lieblingspromenade gehalten hätten. Dasselbe Phänomen zeigt sich an mehreren Stellen seines Rockes und besonders an den Nähten. Er hat das fadenscheinige Aussehen eines Gentlemans in bedrängter Lage, und selbst sein blonder Backenbart macht den Eindruck von Schäbigkeit. Sein Appetit ist so groß, daß man daraus auf eine karge Kost von längerer Dauer schließen kann. Er räumt mit seiner Portion Kalbsbraten und Schinken so schnell auf, noch ehe die beiden andern halb fertig sind, daß Mr. Guppy ihm noch eine Portion vorschlägt. »Ich danke dir, Guppy«, sagt Mr. Jobling. »Ich glaube wirklich, ich könnte noch eine vertragen.« Es wird also noch eine gebracht, und er macht sich mit großem Eifer darüber her. Mr. Guppy sieht ihn zuweilen schweigend an, bis er auch mit diesem zweiten Gericht halb fertig ist und inne hält, um einen wonnigen Zug aus seinem Krug Porter mit Ale zu tun, die Beine ausstreckt und sich die Hände reibt. Als ihn Mr. Guppy so behaglich zufrieden sieht, sagt er: »So. Jetzt bist du wieder ein lebendiger Mensch, Tony.« »Nun, noch nicht ganz«, meint Mr. Jobling. »Aber sagen wir: Eben auf die Welt gekommen.« »Willst du vielleicht noch Gemüse, Spargel, Schoten, Sommerkohl?« »Ich danke dir, Guppy. Ich glaube wirklich, ich könnte noch ein bißchen Sommerkohl vertragen.« Er wird bestellt, und Mr. Smallweed setzt sarkastisch hinzu: »Ohne Schnecken!« Der Sommerkohl wird gebracht. »Ich wachse in die Höhe, Guppy«, berichtet Mr. Jobling und handhabt Messer und Gabel mit Genuß und Ausdauer. »Freut mich zu hören.« »Komme schon in die Flegeljahre«, berichtet Mr. Jobling. Er spricht weiter nichts, bis er sich seiner Aufgabe entledigt hat, was genau mit dem Fertigwerden der Herren Guppy und Smallweed zusammentrifft. Er hat seine Strecke im besten Stil zurückgelegt und die beiden mit Leichtigkeit um eine Portion Braten und Kohl geschlagen. »Nun, Hühnchen«, fragt Mr. Guppy, »was würdest du als Mehlspeise empfehlen?« »Markpudding«, antwortet Mr. Smallweed ohne Zögern. »Jawohl, jawohl«, bestätigt Mr. Jobling mit schlauem Blick. »Das ist das Wahre. Danke dir, Guppy. Ich glaube wirklich, ich könnte noch einen Markpudding vertragen.« Drei Markpuddings erscheinen, und Mr. Jobling äußert frohgelaunt, daß er jetzt bald mündig werde. Auf die Puddings folgen auf Mr. Smallweeds Befehl drei Cheshire-Käse und darauf drei Rum. Als dieser Gipfelpunkt des Glücks erreicht ist, legt Mr. Jobling die Beine auf den teppichüberzognen Sitz – er hat eine Seite der Box ganz für sich allein –, lehnt sich gegen die Wand und sagt: »Jetzt bin ich erwachsen, Guppy. Ich habe das Alter der Reife erlangt.« »Was hältst du nun vom... Du genierst dich doch nicht vor Smallweed?« »Nicht im mindesten. Ich erlaube mir, auf seine Gesundheit zu trinken.« »Sir. Die Ihre!« dankt Mr. Smallweed. »Ich wollte sagen, was hältst du jetzt vom Anwerbenlassen, Jobling?« »Mein lieber Guppy, was ich nach dem Essen denke und was ich vor dem Essen denke, ist zweierlei. Aber selbst nach dem Essen lege ich mir die Frage vor: Was soll ich anders anfangen? Wovon soll ich leben? Ill foh manscheh, ihr wißt«, sagt Mr. Jobling und spricht die Worte mit sorgfältiger Vermeidung jeglicher französischer Betonung aus. »Ill foh manscheh, sagt der Franzose, und das hat der Engländer gerade so notwendig wie der Franzose. Sogar noch notwendiger.« Mr. Smallweed ist ebenfalls der Ansicht: Noch notwendiger. »Wenn mir jemand gesagt hätte«, fährt Jobling fort, »selbst damals noch, als wir beide die Partie nach Lincolnshire machten, Guppy, und hinüber nach Castle-Wold fuhren...« »Chesney-Wold«, berichtigt Mr. Smallweed. »Chesney-Wold. Ich danke Ihnen... Wenn mir damals jemand gesagt hätte, daß es mir einmal so schlecht gehen würde wie jetzt, würde ich ihm eine... Ja, ich würde ihm eine heruntergehauen haben«, sagt Mr. Jobling und nimmt mit einer Miene verzweifelter Resignation einen Schluck Rum mit Wasser. »Ich hätte ihm eine heruntergehauen.« »Aber Tony, es stand schon damals schlimm mit dir«, wirft Mr. Guppy ein. »Du hast im Gig von nichts anderm gesprochen.« »Guppy«, sagt Mr. Jobling, »ich will das nicht leugnen. Es stand schon damals recht schlecht mit mir. Aber ich dachte, es würde schon irgend etwas Günstiges kommen. Ich hatte das sichere Gefühl, daß sich alles noch machen werde, aber ich habe mich geirrt. Es macht sich nie etwas von selbst, und als die Gläubiger Lärm in den Kanzleien schlugen und schmutzig genug waren, sich wegen ein paar Pfennigen, die ich bei ihnen geborgt hatte, zu beklagen, war es mit meiner Stellung vorbei. Und mit jeder neuen Stelle ebenfalls, denn wenn ich mich auf meine ehemaligen Chefs beziehen wollte, käme alles heraus und die Sache wäre wieder rum. Was soll man nun tun? Ich habe mich verborgen gehalten und unten in den Gemüsegärten billig gelebt, aber was hilft das Billigleben, wenn man kein Geld hat. Da könnte man ebensogut teuer leben.« »Besser«, berichtigt Mr. Smallweed. »Gewiß, das wäre wenigstens vornehm. Und Vornehmheit und Backenbart waren von jeher meine Schwächen, und mir ist's gleich, ob's jemand weiß oder nicht. Es sind große Schwächen... Verdamm mich, Sir, es sind große Schwächen. Gut«, fährt Mr. Jobling fort und greift herausfordernd wieder nach dem Rum mit Wasser. »Was bleibt einem da andres übrig, als sich anwerben lassen?« Mr. Guppy nimmt jetzt größeren Anteil am Gespräch, um zu zeigen, was seiner Meinung nach übrig bleibt. Er spricht mit der ernsten eindringlichen Miene eines Mannes, der noch keinen dummen Streich gemacht hat, außer, daß er das Opfer der Liebe geworden ist. »Jobling, ich und unser beider Freund Smallweed –« Mr. Smallweed bemerkt bescheiden: »Auf das Wohl der Herren!« und trinkt. »– haben mehr als einmal die Sache besprochen, seitdem du –« »– einen Tritt gekriegt hast«, ergänzt Mr. Jobling mit Bitterkeit. »Sprich es nur aus, Guppy!« »N-nein. Seitdem Sie die Inn verlassen haben«, verbessert Mr. Smallweed zartfühlend. »– seitdem du die Inn verlassen hast, Jobling«, sagt Mr. Guppy. »Und ich habe neulich mit unserm Freund Smallweed einen Plan besprochen, der mir eingefallen ist. Du kennst doch Snagsby, den Papierhändler?« »Ich weiß nur, daß es einen Papierhändler dieses Namens gibt«, entgegnet Mr. Jobling. »Er war nicht unser Lieferant, und ich kenne ihn nicht weiter.« »Aber unsrer ist er, Jobling, und ich kenne ihn. Also höre. Ich bin in letzter Zeit durch gewisse Umstände mit ihm und seiner Familie besser bekannt geworden. Die Umstände tun hier nichts zur Sache. Sie können – oder können auch nicht – in Beziehung zu einem Thema stehen, das vielleicht – oder vielleicht auch nicht – einen Schatten auf mein Dasein geworfen hat.« Da es Mr. Guppys Art ist, seine vertrauten Freunde mit seinem Schmerz anzurenommieren, sie aber in dem Augenblick, wo sie auf das Thema eingehen, mit schneidender Härte wegen »gewisser Saiten des menschlichen Herzens« schroff in ihre Schranken zu weisen, weichen sowohl Mr. Jobling wie Mr. Smallweed der gelegten Falle aus und bleiben stumm. »Es kann so sein«, wiederholt Mr. Guppy. »Oder es kann auch nicht so sein. Das gehört nicht hierher. Es genügt, das sowohl Mr. wie Mrs. Snagsby gern bereit sind, mir gefällig zu sein, und während der Gerichtssession von uns viel beschäftigt werden. Er bekommt auch viel Arbeit von Tulkinghorn und hat überdies ein glänzendes Geschäft. Ich glaube, wenn unser gemeinsamer Freund Smallweed auf der Zeugenbank säße, könnte er das beeiden?!« Mr. Smallweed nickt und scheint vor Begier zu brennen, beeidigt zu werden. »Nun, meine Herren Geschworenen«, fährt Mr. Guppy fort. »Ich meine dich, Jobling... Du wirst sagen, daß das eine sehr armselige Perspektive ist. Zugegeben. Aber es ist besser als nichts und besser, als sich anwerben zu lassen. Du brauchst vor allem Zeit. Es muß einige Zeit verstreichen, bis Gras über die Geschichte gewachsen ist. Du könntest noch viel Schlimmeres erleben, als für Snagsby abschreiben zu müssen.« Mr. Jobling will ihn unterbrechen, aber der weise Smallweed hält ihn mit einem trocknen Husten und den Worten: »Hm! Shakespeare!« davon ab. »Die Sache hat zwei Seiten, Jobling. Das ist die erste. Ich komme zur zweiten. Du kennst Krook, den Kanzler drüben. Was, Jobling?« sagt Mr. Guppy in ermutigendem Kreuzverhör. »Du kennst doch Krook, den Kanzler drüben in der Gasse?« »Vom Sehen.« »Vom Sehen. Gut. Und du kennst doch die kleine Flite?« »Die kennt jeder Mensch.« »Die kennt jeder Mensch. Sehr gut. Nun gehört es seit einiger Zeit zu meinen Obliegenheiten, Flite eine gewisse Summe wöchentlich auszubezahlen. Außerdem habe ich meinen Instruktionen gemäß ihren Wochenzins vor ihren Augen Krook selbst zu übergeben. Dadurch kam ich in Verbindung mit Krook und lernte sein Haus und seine Gewohnheiten kennen. Ich weiß, daß er noch ein Zimmer zu vermieten hat. Dort kannst du unter einem beliebigen Namen sehr billig wohnen... So ungestört, als ob du hundert Meilen weit weg wärst. Er stellt keine unnötigen Fragen und würde dich auf ein Wort von mir als Mieter annehmen, ehe noch die Glocke zu Ende schlägt. Und ich will dir noch etwas sagen, Jobling«, Mr. Guppy spricht plötzlich leiser und wird vertraulicher. »Er ist ein sonderbarer alter Knabe, wühlt immer in einem Haufen Papieren herum und plagt sich ab, um allein lesen und schreiben zu lernen, ohne damit vorwärts zu kommen, wie mir scheint. Er ist ein sonderbarer alter Kauz. Ich weiß nicht, ob es nicht der Mühe wert wäre, sich den Burschen ein wenig genauer anzusehen.« »Du willst doch nicht sagen?...« fängt Mr. Jobling an. »Ich will nur sagen«, Mr. Guppy zuckt bescheiden die Achseln, »daß ich mir nicht recht klar über ihn werden kann. Unser gemeinsamer Freund Smallweed soll selbst erklären, ob er mich nicht hat bemerken hören, daß ich mir nicht über ihn klar werden kann.« »Allerdings«, bestätigt Mr. Smallweed lakonisch. »Ich kenne ein wenig das Geschäft und auch ein wenig das Leben, Tony, und es kommt mir selten vor, daß ich mir nicht über irgend jemand mehr oder weniger klar werden kann, aber ein solch alter Fuchs, so schlau und geheimnisvoll, wenn er auch, glaube ich, nie nüchtern ist, ist mir noch nie vorgekommen. Er muß wunderbar alt sein und hat keine Seele um sich. Er soll unermeßlich reich sein, und ob er nun ein Schmuggler, ein Hehler ist oder insgeheim auf Pfänder borgt oder wuchert – was ich mir manchmal schon gedacht habe –, jedenfalls wäre es für dich der Mühe wert, ihm ein wenig in die Karten zu gucken. Ich sehe nicht ein, weshalb du nicht darauf eingehen solltest, wenn dir alles übrige soweit paßt.« Mr. Jobling, Mr. Guppy, Mr. Smallweed stützen ihre Ellbogen auf den Tisch, legen das Kinn auf die Hand und blicken zur Decke empor. Nach einer Weile trinken sie jeder einen Schluck, lehnen sich langsam zurück, stecken die Hände in die Taschen und sehen einander an. »Ja, wenn ich meine alte Energie noch hätte, Tony«, seufzt Mr. Guppy. »Aber es gibt Saiten im menschlichen Herzen...« Mr. Guppy ertränkt den Rest des schmerzlichen Gedankens in Rum mit Wasser, schließt damit, daß er es Tony Jobling überläßt, sich zu dem Abenteuer zu entschließen, und sagt ihm, daß ihm während der Gerichtsferien und solange das Geschäft stocke seine Börse zur Verfügung stehe. Auf drei, vier oder sogar fünf Pfund käme es ihm nicht an. »Denn man soll niemals sagen«, setzt Mr. Guppy mit Emphase hinzu, »daß William Guppy einen Freund im Stiche gelassen habe.« Der Vorschlag ist so annehmbar, daß Mr. Jobling mit Rührung ausruft: »Guppy, alter Kamerad, deine Hand.« Mr. Guppy reicht sie ihm: »Jobling, mein Junge, hier ist sie.« Mr. Jobling entgegnet: »Guppy, wir sind jetzt schon einige Jahre Duzfreunde.« »So ist es, Jobling«, bestätigt Mr. Guppy. Sie schütteln einander die Hände, und Mr. Jobling fügt in gerührtem Ton hinzu: »Ich danke dir, Guppy, aber ich glaube, ich könnte noch ein Glas vertragen. Alter Bekanntschaft wegen.« »Krooks letzter Mieter ist in seinem Zimmer gestorben«, bemerkt Guppy so gelegentlich nach einer Pause. »So, ist er das?« »Es war Totenschau. Ursache des Todes: Zufall. Das macht dir doch nichts aus?« »Nein«, sagt Mr. Jobling, »macht mir nichts aus. Aber er hätte ebensogut anderswo sterben können. Es ist verdammt kurios, daß er gerade in meiner Wohnung sterben mußte.« Mr. Jobling nimmt den Übergriff sehr übel und kommt einige Mal darauf zurück mit Bemerkungen wie: »Es gibt doch wahrhaftig Orte genug zum Sterben. Ob es ihm wohl gefallen hätte, wenn ich in seiner Wohnung gestorben wäre!« Da der Vertrag so gut wie abgeschlossen ist, schlägt Mr. Guppy vor, den getreuen Smallweed hinzuschicken und fragen zu lassen, ob Mr. Krook zu Hause sei, um in diesem Fall das Geschäft ohne Verzug abschließen zu gehen. Mr. Jobling erteilt seine Zustimmung, und Smallweed begibt sich unter seinen großen Zylinder und balanciert ihn à la Guppy aus dem Speisehaus hinaus. Bald darauf kehrt er mit der Nachricht zurück, Mr. Krook sei zu Hause und er habe ihn durchs Fenster hinten im Laden schlafen sehen, so fest wie ein Murmeltier. »Also, zahlen«, ruft Mr. Guppy. »Wir wollen hingehen. Small, wieviel wird's machen?« Mr. Smallweed winkt die Kellnerin mit dem Augenlid herbei und diktiert: »Vier Mal Kalbsbraten und Schinken ist drei, vier Mal Kartoffeln macht drei und vier, ein Sommerkohl macht drei und sechs, drei Mal Pudding ist vier und sechs, und sechs Brote sind fünf, und drei Cheshire sind fünf und drei, vier Bier sechs und drei, vier kleine Rum acht und drei, und drei Mal für Polly ist acht und sechs. Acht Schilling sechs Pence, Polly, und achtzehn Pence heraus, ist ein halber Sovereign!« Nicht im geringsten von dieser fürchterlichen Rechenarbeit angegriffen, entläßt Smallweed seine Freunde mit einem kaltblütigen Nicken und bleibt zurück, um bei Gelegenheit Polly ein wenig zu bewundern und die Zeitung zu lesen, die, außer wenn er seinen Zylinder aufhat, so groß für ihn ist, daß er hinter ihr wie unter einem Bettuch verschwindet. Mr. Guppy und Mr. Jobling begeben sich nach dem Hadern- und Flaschen-Laden, wo sie Mr. Krook immer noch fest wie ein Murmeltier schlafen finden. Er schnarcht laut, das Kinn auf der Brust, und läßt sich weder durch Geräusche draußen noch durch leises Schütteln wecken. Auf dem Tisch neben ihm stehen unter dem gewöhnlichen Allerlei eine leere Ginflasche und ein Glas. Die stickige Luft ist so von dem Geruch des Getränks gesättigt, daß selbst die grünen Augen der Katze oben auf dem Sims, sich öffnend und schließend und den Besuch anglimmernd, betrunken aussehen. »Heda!« ruft Mr. Guppy und rüttelt die zusammengesunkene Gestalt des Alten von neuem. »Mr. Krook! Hallo, Sir!« – Ebenso leicht könnte man ein Bündel alter Kleider, in dessen Innerem Spiritus glüht, wecken. – »Ist dir jemals eine solche Betäubung zwischen Betrunkenheit und Schlaf vorgekommen?« fragt Mr. Guppy. »Wenn das sein regelmäßiger Schlummer ist«, bemerkt Jobling, ein wenig beunruhigt, »wird er eines Tages überhaupt nicht mehr aufwachen.« »Es ist bei ihm immer mehr ein Schlaganfall als ein Schlaf«, sagt Mr. Guppy und schüttelt ihn abermals. »Hallo, Euer Lordschaft! Sie können schon fünfzig Mal beraubt sein! Machen Sie doch die Augen auf!« Nach vielem Lärm tut es Krook, aber anscheinend, ohne den Besuch oder irgend etwas andres zu sehen. Er legt zwar ein Bein über das andre, faltet die Hände, öffnet und schließt ein paar Mal die pergamentnen Lippen, scheint jedoch gefühllos zu sein wie vorher. »Jedenfalls lebt er noch«, sagt Mr. Guppy. »Wie geht's, Mylord Kanzler? Ich habe einen Freund mitgebracht, Sir. Wegen eines kleinen Geschäftes.« Der Alte sitzt immer noch da, schmatzt mit seinen trockenen Lippen und hat nicht das mindeste Bewußtsein. Nach einigen Minuten macht er einen Versuch, aufzustehen. Sie helfen ihm dabei, und er taumelt an die Wand und starrt sie an. »Wie geht's, Mr. Krook?« fragt Mr. Guppy, ein wenig außer Fassung. »Wie geht's, Sir. Sie sehen entzückend aus, Mr. Krook. Ich hoffe, Sie sind doch ganz wohl?« Der Alte will nach Mr. Guppy oder in die leere Luft schlagen, dreht sich dabei willenlos um und kommt mit dem Gesicht gegen die Wand zu stehen. So bleibt er ein oder zwei Minuten angelehnt und taumelt dann durch den Laden zur Eingangstür. Die Luft, die Bewegung im Hof, die Zeit oder alle drei zusammen bringen ihn wieder zum Bewußtsein. Er kommt ziemlich festen Schrittes wieder, schiebt sich seine Pelzmütze auf dem Kopf zurecht und sieht die beiden lauernd an. »Ihr Diener, meine Herren. Ich habe ein wenig genickt. Hi! Ich bin manchmal schwer zu wecken.« »Ziemlich schwer, das stimmt«, bestätigt Mr. Guppy. »Was? Sie haben es wohl versucht?« fragt Krook argwöhnisch. »Nur ein wenig.« Das Auge des Alten ruht auf der leeren Flasche. Er nimmt sie, untersucht sie und dreht sie langsam um. »So, so!« sagt er und sieht dabei aus wie der Kobold im Märchen. »Da ist jemand drüber gewesen!« »Ich versichere Ihnen, wir fanden sie so«, sagt Mr. Guppy. »Aber wenn Sie mir erlauben, lasse ich sie Ihnen wieder füllen?« »O natürlich!« ruft Krook freudig erregt. »Gewiß! Machen Sie keine Umstände! Lassen Sie sie nebenan füllen – in der 'Sonne'. Mit des Lordkanzlers Vierzehnpence. Hihi! Sie wissen's schon drüben.« Er drängt die leere Flasche Mr. Guppy so angelegentlich auf, daß dieser seinem Freund zunickt, hinauseilt und mit der gefüllten Flasche wieder hereinkommt. Der Alte nimmt sie wie ein geliebtes Enkelkind in die Arme und streichelt sie zärtlich. »Aber«, flüstert er mit halbgeschlossenen Augen, nachdem er sie gekostet hat, »das ist ja nicht des Lordkanzlers Vierzehnpence. Das ist Achtzehnpence.« »Ich dachte, er würde Ihnen besser schmecken«, meint Mr. Guppy. »Sie sind ein Edelmann, Sir«, Krook kostet abermals, und sein heißer Atem haucht sie an wie eine Flamme. »Sie sind ein Reichsbaron.« Rasch benützt Mr. Guppy den günstigen Augenblick, stellt seinen Freund unter dem Namen Mr. Weevle vor und erklärt, warum sie gekommen seien. Mit der Flasche unter dem Arm – seine Betrunkenheit überschreitet nie einen gewissen Grad – mustert Krook mit aller Muße den neuen Mieter und scheint Gefallen an ihm zu finden. »Sie wünschen sich das Zimmer anzusehen, junger Mann? O, es ist ein schönes Zimmer. Habe es weißen lassen. Hi! Es ist jetzt die doppelte Miete wert. Ganz abgesehen von meiner Gesellschaft, wenn Sie Wert darauf legen, und einer so ausgezeichneten Katze für die Mäuse.« Mit diesen Worten führt der Alte die beiden die Treppe hinauf in das Zimmer, das allerdings viel reinlicher aussieht und einige alte Möbelstücke enthält, die er aus seinen unerschöpflichen Schätzen herausgegraben hat. Über die Bedingungen sind sie bald einig, denn der Lordkanzler kann es mit Mr. Guppy, der mit Kenge \& Carboy, »Jarndyce kontra Jarndyce« und so weiter in Verbindung steht, nicht genau nehmen, und man kommt überein, daß Mr. Weevle am nächsten Tag einziehen soll. Mr. Weevle begibt sich sodann mit Mr. Guppy nach Cook's Court, Cursitor Street, um sich Mr. Snagsby vorstellen zu lassen, und, was noch wichtiger ist, sich Stimme und Fürsprache Mrs. Snagsbys zu sichern. Dann erstatten sie dem ausgezeichneten Smallweed, der zu diesem Zweck mit seinem großen Zylinder auf dem Kopf in der Kanzlei wartet, Bericht und scheiden voneinander, nachdem Mr. Guppy erklärt hat, er möchte am liebsten dem kleinen Fest damit die Krone aufsetzen, daß er sie ins Theater führte, wenn es nicht Saiten im menschlichen Herzen berührte, die das wie Hohn erscheinen ließen. Am nächsten Tag in der Abenddämmerung findet sich Mr. Weevle bescheiden bei Krook ein, durchaus nicht übermäßig mit Gepäck beschwert, und nimmt Besitz von seiner neuen Wohnung, wo die beiden großen Augen in den Fensterläden ihn im Schlaf verwundert anstarren. Am folgenden Tag borgt sich Mr. Weevle, der ein findiger, anstelliger Nichtsnutz von einem Burschen ist, von Miß Flite Nadel und Zwirn und einen Hammer von seinem Wirt und geht ans Werk, sich bescheidne Ersatzfenstervorhänge zu verfertigen, und hängt seine beiden Teetassen, seine Milchkanne und andre Steingutsachen an kleine Haken wie ein schiffbrüchiger Matrose, der es sich so gut wie möglich einrichtet. Was Mr. Weevle von all seinem bißchen Besitz am höchsten schätzt – außer seinem blonden Backenbart –, ist eine auserlesene Sammlung von Kupferdrucken des echt nationalen Werkes »Die Göttinnen Albions oder Pracht-Galerie britischer Schönheiten«, die Damen der Modewelt oder vornehmer Abkunft in jeder albernen Geziertheit, die Kunst verbunden mit Kapital hervorbringen kann, darstellend. Mit diesen prachtvollen Porträts, die während seines Exils in den Gemüsegärten in einer unwürdigen Bandschachtel ruhten, dekoriert er sein Zimmer. Die Wirkung ist imponierend, da die »Prachtgalerie britischer Schönheiten« in jeder Art Phantasietracht jedes mögliche Instrument spielt, jede Art von Hund streichelt und alle möglichen Sorten Blumentöpfe und Balustraden als Hintergrund gewählt hat. Die Modewelt ist nun einmal Mr. Weevles Schwäche, wie sie schon Tony Joblings Schwäche war. Sich abends die gestrige Zeitung aus der »Sonne« zu borgen und zu lesen, was für glänzende und ausgezeichnete Meteore in jeder Richtung über den Modehimmel schießen, gewährt ihm unsägliche Befriedigung. Zu wissen, welches Mitglied der Haute volée geruhte, sich dem oder jenem Feste anzuschließen, oder die nicht weniger glänzende und bedeutungsvolle Tat plant, morgen wieder abzureisen, durchbebt ihn mit wonnevollem Entzücken. Unterrichtet zu sein, was die Prachtgalerie britischer Schönheiten augenblicklich tut oder vorhat und was für Heiraten in dieser Galerie auf dem Tapet sind und »was man spricht«, heißt die glorreichsten Ziele des Menschengeschlechts kennen lernen. Mr. Weevle wendet sein Auge von diesen Nachrichten auf die darin besprochenen fashionablen Porträts, und es ist ihm, als kenne er die Originale und sie kennten ihn. Sonst ist er ein ruhiger Mieter, anstellig und erfinderisch. Er versteht ebensogut für sich zu kochen und zu waschen, wie für sich zu zimmern, und zeigt gesellige Neigungen, sobald die abendlichen Schatten sich über den Hof senken. Zu solchen Zeiten, wenn ihn nicht Mr. Guppy besucht oder dessen Ebenbild, ein kleinerer Stern mit Zylinder, verläßt er sein düsteres Zimmer, dessen großes tintenberegnetes Holzpult er geerbt hat, und plaudert mit Krook oder ist sehr »aufgeknöpft«, wie sie es in Cook's Court nennen, gegen jeden, der Lust zur Unterhaltung hat. Deshalb sieht sich Mrs. Piper, die im Hof tonangebend ist, veranlaßt, Mrs. Perkins gegenüber zweierlei Bemerkungen zu machen: Erstens, daß, wenn ihr Johnny einen Backenbart bekommen sollte, sie wünsche, er ganz dem des jungen Mannes gleiche, und zweitens: »Merken Sie sich meine Worte, Mrs. Perkins... Wundern Sie sich nicht, wenn der junge Mann einmal des alten Krook ganzes Geld erbt.« 21. Kapitel Die Familie Smallweed Inmitten einer recht übel aussehenden und übel duftenden Nachbarschaft, wenn auch einer ihrer höher gelegenen Teile den Namen Mount Pleasant führt, verbringt der Kobold Smallweed, getauft Bartholomäus, am häuslichen Herde aber »Bart« genannt, den spärlichen Rest seiner Zeit, den ihm die Kanzlei, und was damit zusammenhängt, übrig läßt. Er wohnt in einer kleinen schmalen Straße, die immer einsam, schattig, und traurig von allen Seiten wie ein Grab dicht ummauert ist. Aber immer noch wächst in ihr der Stumpf eines alten Waldbaumes, und sein Duft ist fast so frisch und natürlich wie Smallweeds Anstrich von Jugend. Seit mehreren Generationen hat es in der Familie Smallweed nur ein einziges Kind gegeben. Kleine alte Männer und Frauen sind vorgekommen, aber kein Kind, bis Mr. Smallweeds Großmutter, die jetzt noch am Leben ist, schwachen Geistes und zum ersten Mal in ihrem Leben zum Kinde wurde. Mit den kindischen Eigenschaften eines gänzlichen Mangels an Beobachtungsgabe, Gedächtnis, Verstand und Interesse und mit der ewigen Neigung behaftet, beim Feuer einzuschlafen und hineinzufallen, hat Mr. Smallweeds Großmutter unzweifelhaft zur Belebung der ganzen Familie beigetragen. Mr. Smallweeds Familie erfreut sich noch eines Großvaters. Der untere Teil seines Körpers ist ganz und der obere Teil beinah in hoffnungslosem Zustand, aber sein Geist ist ungeschwächt. Er kennt so gut wie früher die vier Spezies der Arithmetik und eine gewisse kleine Auswahl der greifbarsten Tatsachen. Was Idealismus, Ehrfurcht, Bewunderung und andre derartige phrenologische Eigenschaften betrifft, ist er darin nicht schlimmer dran als früher. Alles, was Großvater Smallweed je in seinen Geist aufgenommen hat, ist bei Beginn eine Raupe gewesen und bis zuletzt eine Raupe geblieben. In seinem ganzen Leben hat er nicht einen einzigen Schmetterling ausgebrütet. Der Vater dieses angenehmen Großvaters, aus der Gegend von Mount Pleasant, war eine hornhäutige zweibeinige geldsammelnde Art Spinne gewesen, die ihre Netze wob, um unvorsichtige Fliegen zu fangen, und in dunkeln Löchern auf der Lauer lag. Der Gott dieses alten Heiden hieß Zinseszins. Er lebte für diesen Gott, heiratete für ihn und starb für ihn. Als ihn ein schwerer Verlust in einem ehrenhaften kleinen Unternehmen traf, in dem der ganze Verlust auf der andern Seite hätte liegen sollen, brach ihm etwas – etwas, was zu seinem Leben notwendig war und daher nicht gut sein Herz gewesen sein konnte –, und er starb. Da sein Ruf nicht gut gewesen und er in einer Armenschule einen vollständigen Kursus der Fragen und Antworten über das alte Volk der Ammoniter und Hittiter durchgemacht hatte, wurde er häufig als ein Beispiel der schlimmen Folgen der Erziehung hingestellt. Sein Geist pflanzte sich in seinem Sohne fort, dem er stets eingeprägt hatte, frühzeitig die Fühler auszustrecken, und den er im zwölften Lebensjahr bei einem Wucherer in die Lehre gab. Hier bildete der junge Gentleman, der von knickerigem und geizigem Charakter war, seinen Geist und schwang sich durch Entwicklung seiner Familienanlage allmählich bis zum – Eskompteur auf. Da er sich ebenfalls frühzeitig etablierte und spät heiratete, wie sein Vater vor ihm, zeugte er ebenfalls einen Sohn von knickerigem engherzigem Charakter, der auch seinerzeit sich frühzeitig etablierte und spät heiratete und Vater des Zwillingspaares Bartholomäus und Judith Smallweed wurde. Während der ganzen Zeit des langsamen Gedeihens dieses Stammbaums hatte das Haus Smallweed, immer sich frühzeitig etablierend und spät heiratend, seinen praktischen Charakter gestärkt, allen Vergnügungen entsagt, alle Geschichtsbücher, Märchen, Phantasien und Fabeln verboten und jegliche Art Spielerei verbannt. Die Folge davon war die erquickliche Tatsache, daß dem Hause nie ein Kind geboren wurde und die fertigen kleinen Männer und Frauen, die es hervorbrachte, alten Affen glichen, auf deren Seele etwas Niederdrückendes lastete. Gegenwärtig sitzen in der dunkeln kleinen Stube, einige Fuß unter dem Straßenpflaster, in zwei schwarzen Roßhaarlehnstühlen auf beiden Seiten des Kamins Mr. und Mrs. Smallweed, beide steinalt, und verbringen hier ihre rosigen Stunden. Es ist eine grimmig und streng aussehende ungemütliche Stube, in der man keine andere Zier bemerkt als ein ganz ordinäres Tischtuch und ein ganz hartes eisenblechernes Teebrett, das seinem dekorativen Charakter nach kein schlechtes allegorisches Bild von Großvater Smallweeds Seele ist. Auf dem Herd stehen ein paar Dreifüße für die Töpfe und Kessel, deren Bewachung Großvater Smallweeds gewöhnliche Beschäftigung ausmacht, und zwischen ihnen ragt von dem Kaminsims eine Art messingner Hausgalgen vor, um daran Fleisch zu braten, der ebenfalls unter seiner Aufsicht steht, wenn er in Tätigkeit ist. Unter des ehrwürdigen Mr. Smallweeds Sessel und bewacht von seinen spindeldürren Beinen ist ein Schubkasten angebracht, der der Legende nach Schätze von fabelhaftem Wert birgt. Neben ihm liegt ein überzähliges Kissen, das er immer bei der Hand haben muß, um es der ehrwürdigen Gefährtin seines Lebensabends an den Kopf werfen zu können, wenn sie eine Anspielung auf Geld macht, eine Anspielung, gegen die er ganz besonders empfindlich ist. »Wo bleibt nur Bart?« fragt Großvater Smallweed Judy, Barts Zwillingsschwester. »Ist noch nicht da«, brummt Judy. »Es ist seine Teezeit, was?« »Nein.« »Wieviel, glaubst du, fehlt noch daran?« »Zehn Minuten.« »He?« »Zehn Minuten«, schreit Judy lauter. »Ho!« sagt Großvater Smallweed. »Zehn Minuten.« Großmutter Smallweed, die gemummelt hat und mit dem Kopf gewackelt, den Dreifuß anstierend, hört die Zahlen nennen, bringt sie mit Geld in Verbindung und kreischt wie ein häßlicher alter Papagei ohne Federn: »Zehn Zehnpfundnoten.« Großvater Smallweed wirft ihr augenblicklich das Kissen an den Kopf. »Verwünscht noch Mal, kusch!« ruft der gute Alte. Die Wirkung der Wurfbewegung ist zwiefach. Sie drückt nicht nur Mrs. Smallweeds Kopf in die Ecke ihres Lehnstuhls und läßt ihre Mütze in einem wenig respektierlichen Zustand erblicken, wenn die Enkelin sie wieder erlöst hat, sondern die damit verbundne Anstrengung macht auch Mr. Smallweed in seinen Lehnstuhl zurücksinken wie eine zerbrochene Puppe. Da der treffliche alte Herr zu solchen Zeiten nur wie ein bloßes Kleiderbündel mit einem schwarzen Hauskäppchen obendrauf aussieht, so bietet er keinen sehr belebten Anblick, bis ihn die Enkelin wie eine große Flasche geschüttelt und zurecht geklopft und gepufft hat wie ein Polster. Wenn sich durch diese Behandlungsweise wieder ein Ansatz von Hals bei ihm zeigt, sitzen er und die Gefährtin seines Lebensabends sich wieder in den zwei Lehnstühlen gegenüber wie ein paar Schildwachen, die der Tod, der schwarze Sergeant, auf ihrem Posten vergessen hat. Das Zwillingskind Judy ist eine würdige Gesellschaft für die beiden. Sie ist so unzweifelhaft Mr. Smallweed jrs. Schwester, daß beide zusammengeknetet kaum einen jungen Menschen von Durchschnittsproportionen ergeben hätten, während sie allein ein so glückliches Beispiel der Familienähnlichkeit mit dem Affengeschlecht ist, daß sie, mit Tressenjacke und Mütze aufgeputzt, ruhig, ohne aufzufallen, auf einer Drehorgel sitzen könnte. Gegenwärtig jedoch trägt sie natürlich nur einen einfachen knappen Rock von braunem Stoff. Judy hat nie eine Puppe gehabt, hat nie vom Aschenbrödel gehört oder irgendein Spiel gespielt. Als sie ungefähr zehn Jahre alt war, kam sie ein oder zwei Mal in Kindergesellschaft, aber die Kinder konnten nicht mit Judy und Judy nicht mit ihnen auskommen. Sie schien ein Geschöpf anderer Gattung zu sein, und auf beiden Seiten herrschte ein instinktiver Widerwille. Ob Judy lachen kann, ist fraglich. Sie hat es so selten gesehen, daß die Wahrscheinlichkeit sehr dagegen spricht. Von einem kindlichen Lachen hat sie bestimmt keinen Begriff. Wenn sie zu lachen versuchen würde, stünden ihr wahrscheinlich die Zähne im Weg, denn sie ahmt in jeder Miene das Greisenalter nach, das um sie ist. So ist Judy. Und ihr Zwillingsbruder hat in seinem ganzen Leben noch nie einen Kreisel aufgewunden. Von dem Däumling, der den Riesen totschlug, oder Sindbad, dem Seefahrer, weiß er nicht mehr als von den Bewohnern der Sterne. Von Bockspringen oder Ballspielen hatte er schon gar nie eine blasse Ahnung. Aber insofern ist er glücklicher als seine Schwester, als in seine enge Welt der Tatsachen ein Dämmerschein der höheren Regionen gedrungen ist, die innerhalb des Gesichtskreises Mr. Guppys liegen, dieses glänzenden Zauberers. Deshalb seine Bewunderung vor diesem strahlenden Stern. Mit einem gongähnlichen Geräusch setzt Judy eins der eisenblechernen Teebretter auf den Tisch und verteilt Ober- und Untertassen. Das Brot legt sie in ein eisernes Körbchen und ein wenig Butter auf einen kleinen Zinnteller. Großvater Smallweed sieht scharf hin, wie der Tee eingeschenkt wird, und fragt Judy, wo das Mädchen ist. »Charley, meinst du?« fragt Judy. »He?« »Charley, meinst du?« Das berührt eine Feder in Großmutter Smallweeds Erinnerungsuhrwerk. Und wie gewöhnlich den Dreifuß angrinsend, schreit sie: »Über dem Wasser. Charley über dem Wasser! Charley über dem Wasser. Über das Wasser zu Charley! Charley über dem Wasser! Über das Wasser zu Charley!« – und wird ganz lebhaft dabei. Der Großvater sieht sich nach dem Kissen um, hat sich aber von seiner letzten Anstrengung noch nicht genügend erholt. »Ha!« fragt er, als Stille eingetreten ist. »Heißt sie so? Sie ißt viel. Es wäre besser, ihr Kostgeld zu geben.« Mit dem schlauen Augenzwinkern ihres Bruders schüttelt Judy den Kopf und spitzt ihre Lippen zu einem Nein, ohne es auszusprechen. »Nein?« wiederholt der Alte. »Warum nicht?« »Wir würden ihr sechs Pence täglich geben müssen und können es billiger machen«, sagt Judy. »Bestimmt?« Judy antwortet mit einem höchst bedeutsamen Nicken und schrillt, während sie so sparsam wie möglich die Butter auf das Brot kratzt und es in Scheiben schneidet: »Charley, wo bist du?« Schüchtern erscheint ein kleines Mädchen in einer groben Schürze und einem großen Hut, die Arme mit Seifenschaum bedeckt und in der Hand eine Scheuerbürste, und knickst. »Was machst du jetzt?« herrscht Judy sie an und schnappt nach ihr wie eine bösartige alte Hexe. »Ich scheuere das Hofzimmer oben, Miß.« »Mach es ordentlich und trödle nicht. Schlamperei paßt mir nicht. Mach rasch! Fort!« ruft Judy und stampft mit dem Fuß auf den Boden. »Ihr Mädchen macht einem doppelt so viel Arbeit, als ihr wert seid.« Als diese strenge Matrone wieder an ihre Beschäftigung geht, Butter auf das Brot zu kratzen, fällt der Schatten ihres Bruders, der zum Fenster hereinsieht, auf sie. Messer und Brot in der Hand, macht sie ihm die Haustür auf. »Nun, Bart!« sagt Großvater Smallweed. »Da bist du ja. He?« »Da bin ich«, nickt Bart. »Wieder mit deinem Freund zusammen gewesen, Bart?« Small nickt. »Auf seine Kosten zu Mittag gegessen, Bart?« Small nickt wieder. »Das ist recht. Lebe auf seine Kosten, soviel du kannst, und laß dich durch sein törichtes Beispiel warnen. Das ist der Nutzen eines solchen Freundes. Der einzige Nutzen, den du aus ihm ziehen kannst«, sagt der ehrwürdige Weise. Der Enkel könnte diesen guten Ratschlag ehrerbietiger aufnehmen, aber er billigt ihn mit einem leichten Nicken und Augenzwinkern und setzt sich an den Teetisch. Die vier alten Gesichter schweben sodann über den Teetassen wie eine Gesellschaft gespenstischer Cherubim, und Mrs. Smallweed wackelt beständig mit dem Kopf und schnattert die Dreifüße an, während der greise Patriarch beständig geschüttelt werden muß wie eine große schwarze Flasche. »Ja, ja«, sagt der alte Herr und fängt seine Vorlesungen über Weisheit wieder an. »Diesen Rat würde dir auch dein Vater gegeben haben, Bart. Du hast deinen Vater nie gesehen. Sehr schade. Er war mein echter Sohn.« »Er war mein echter Sohn«, wiederholt der alte Herr und faltet die Hände mit der Butterschnitte über dem Knie. »Ein guter Rechner. –Starb vor fünfzehn Jahren.« Von ihrem gewohnten Instinkt getrieben, ruft Mrs. Smallweed: »Fünfzehnhundert Pfund. Fünfzehnhundert Pfund in einem schwarzen Kasten! Fünfzehnhundert Pfund unter Schloß und Riegel! Fünfzehnhundert Pfund gut versteckt.« Der würdige Gatte legt das Butterbrot hin und wirft sofort mit dem Kissen nach ihr. Sie wird in die Ecke ihres Stuhls gequetscht, und er sinkt entkräftet zurück. Sein Aussehen, wenn er an Mrs. Smallweed wieder eine solche Ermahnung verschwendet hat, ist höchst ausdrucksvoll, aber keineswegs einnehmend. Erstens, weil ihm die Anstrengung meistens das Hauskäppchen über ein Auge schiebt und ihm ein Aussehen koboldartiger Flottheit verleiht, zweitens, weil er heftige Verwünschungen gegen Mrs. Smallweed ausstößt, und drittens, weil der Kontrast zwischen seinen kräftigen Ausdrücken und seiner schwächlichen Gestalt an einen giftigen alten Bösewicht erinnert, der gern grausam sein möchte, aber nicht kann. Das alles ist etwas so Gewöhnliches in dem Familienkreise der Smallweeds, daß es weiter keinen Eindruck hervorruft. Der alte Herr wird nur geschüttelt und seine inneren Federn werden aufgeklopft, das Kissen wird von neuem an seinen gewöhnlichen Platz neben ihn gelegt und die alte Dame abermals in ihrem Stuhl aufgerichtet, um bei nächster Gelegenheit wieder wie ein Kegel umgeworfen zu werden. Manchmal rückt man ihr die Mütze zurecht. Manchmal auch nicht. Dies Mal vergeht einige Zeit, bis sich der alte Herr soweit beruhigt hat, um seine Rede fortsetzen zu können, und selbst dann mischt er verschiedne erbauliche Zurufe an die Gefährtin seines Lebens, die aber nicht zuhört und sich auf Erden nur noch mit Dreifüßen unterhält, hinein. »Wenn dein Vater, Bart, länger gelebt hätte, würde er sehr reich geworden sein – du höllisches Plappermaul –, aber gerade als er anfing, das Gebäude aufzurichten, zu dem er viele Jahre lang den Grund gelegt hatte – du verwünschte Elster, was willst du denn eigentlich –, erkrankte er und starb an einem zehrenden Fieber, denn er war immer ein sparsamer Mann voll Sorge ums Geschäft – ich möchte dir eine Katze an den Kopf werfen, anstatt eines Kissens und tue es auch noch ein Mal, wenn du einen so verdammten Narren aus dir machst –, und deine Mutter, die eine verständige Frau war, so dürr wie ein Hobelspan, schwand hin wie Zunder, als sie dich und Judy geboren hatte... Du bist ein altes Schwein, du bist ein dummes Höllenschwein – Schweinskopf!!« Judy, die sich für das, was sie schon so oft gehört hat, nicht im geringsten interessiert, gießt aus den Ober- und Untertassen und dem Grunde der Kanne verschiedne Nebenströme Tee zum Abendbrot der kleinen Scheuerfrau zusammen. Ebenso sammelt sie in dem eisernen Brotkorb soviel Rinden und Brocken Brot, als die strenge Sparsamkeit des Hauses übrig gelassen hat. »Aber dein Vater und ich waren Kompagnons, Bart«, fährt der alte Herr fort, »und nach meinem Tode bekommen du und Judy alles. Es ist ein großes Glück für euch, daß ihr zeitig in die Lehre gegangen seid. Judy ins Blumengeschäft und du in die Kanzlei. Ihr werdet das Geld nicht anzugreifen brauchen. Ihr verdient euch auch so euren Lebensunterhalt und spart noch mehr dazu. Wenn ich tot bin, geht Judy wieder ins Blumengeschäft, und du bleibst in der Kanzlei.« Nach Judys Aussehen könnte man eher auf eine Beschäftigung mit Dornen als mit Blumen schließen, aber sie ist frühzeitig in die Mysterien der Verfertigung künstlicher Blumen eingeweiht worden. Ein scharfer Beobachter hätte sowohl in ihrem als in ihres Bruders Auge, während ihr ehrwürdiger Großvater von seinem Tode sprach, ein klein wenig Ungeduld, wann er wohl sterben würde, und ein wenig Groll, daß es schon so lange dauere, entdecken können. »Wenn ihr jetzt alle fertig seid«, sagt Judy und räumt auf, »will ich das Mädchen zum Tee hereinholen. Sie würde nie fertig werden, wenn ich ihr den Tee draußen in der Küche gäbe.« Charley wird also hereingerufen und setzt sich unter einem heftigen Kreuzfeuer von Blicken zu ihrem Tee und einer druidischen Ruine von Butterbrot hin. Bei der Beaufsichtigung des Mädchens scheint Judy Smallweed ein wahrhaft geologisches Alter zu erreichen und auszusehen, als ob sie aus den fernsten Zeitepochen herstamme. Ihr System, mit oder ohne Anlaß über das Kind herzufallen, es auszuschimpfen, ist geradezu wunderbar und beweist eine Fertigkeit im Mißhandeln von Dienstboten, die selbst jahrhundertealte Übung nur selten verleiht. »Glotze nicht den ganzen Nachmittag in der Stube herum«, ruft sie und stampft mit dem Fuß, als sie zufällig einen Blick des Kindes auf den Teekessel erhascht, »verzehre deinen Proviant und geh wieder an die Arbeit.« »Ja, Miß.« »Sage nicht ja«, fährt Miß Smallweed auf. »Ich weiß schon, wie ihr Mädchen seid. Tue es, ohne zu reden, dann fang ich vielleicht an, dir zu glauben.« Charley schlingt einen großen Schluck Tee hinunter, zum Zeichen der Unterwürfigkeit, und zerstört die druidischen Ruinen so sehr, daß Miß Smallweed ihr vorwirft, gefräßig zu sein, »was bei euch Mädchen«, wie sie sagt, »so abstoßend ist«. Es würde Charley wahrscheinlich noch schwerer fallen, Judys Anforderungen, wie Mädchen sein müßten, zu entsprechen, wenn man nicht ein Klopfen an der Tür hörte. »Sieh nach, wer's ist, und kaue nicht beim Aufmachen«, ruft Judy. Während sich die Zielscheibe ihrer Liebenswürdigkeiten zu diesem Zweck entfernt, benützt Miß Smallweed die Gelegenheit, um die Reste von Brot und Butter zusammenzuschieben und ein paar schmutzige Teetassen in die ebbende Flut des Teekessels zu werfen; ein Wink, daß sie das Essen und Trinken für beendigt ansieht. »Nun, wer ist's und was will er?« fragt sie dann spitzig. Es ist ein gewisser Mr. George, wie sich herausstellt. Ohne weitere Anmeldung oder Zeremonie tritt Mr. George ein. »Pfui Teufel!« sagt Mr. George. »Habt ihr's aber heiß hier. Immer ein Feuer, was? Na! Vielleicht tut ihr gut, euch beizeiten daran zu gewöhnen.« Mr. George spricht diese letzten Worte zu sich selbst, während er Großvater Smallweed zunickt. »Ho! Sie sind's?« ruft der alte Herr. »Wie geht's? Wie geht's?« »Soso mittel«, antwortet Mr. George und nimmt einen Stuhl. »Ihre Enkelin habe ich bereits die Ehre zu kennen. Ihr Diener, Miß.« »Hier, mein Enkel«, stellt Großvater Smallweed Bart vor. »Sie kennen ihn noch nicht. Er ist in einer Kanzlei und nicht viel zu Hause.« »Ihr Diener, ebenfalls! – Er ist wie seine Schwester. Ganz seine Schwester. Verflucht ähnlich sieht er seiner Schwester.« Mr. George legt einen großen, nicht sehr höflich klingenden Nachdruck auf seine Worte. »Und wie geht die Welt mit Ihnen um, Mr. George?« fragt Großvater Smallweed und reibt sich langsam die Schenkel. »So ziemlich wie gewöhnlich. Wie mit einem Fußball.« Mr. George ist ein sonnenverbrannter Mann von etwa fünfzig Jahren, gut gebaut und hübsch von Gesicht, mit schwarzem Kraushaar, hellen Augen und einer breiten Brust. Seine sehnigen und kräftigen Hände, so sonnenverbrannt wie sein Gesicht, sind offenbar an ein rauhes Leben gewöhnt. Seltsam an ihm ist, daß er immer nur auf der Vorderkante des Stuhles sitzt, als ob er aus alter Gewohnheit Raum ließe für ein Kleidungsstück oder eine Rüstung. Auch sein Schritt ist taktmäßig und wuchtig und würde gut zu Sporenklirren passen. Er ist glatt rasiert, aber sein Mund sieht aus, als ob die Oberlippe seit vielen Jahren einen großen Schnurrbart gewohnt gewesen wäre, und die Art, wie er manchmal mit seiner breiten braunen Hand darüber streicht, verstärkt diese Vermutung. Man möchte glauben, daß Mr. George einmal früher Kürassier gewesen sei. Zu der Familie Smallweed bildet Mr. George einen ganz besondern Kontrast. Wohl noch nie ist ein Kavallerist in einem ihm unähnlicheren Haushalt einquartiert gewesen. Er verhält sich zu ihr wie ein Schlachtschwert zu einem Krebsmesser. Seine entwickelte Gestalt und ihre verkümmerten Formen, sein breitspuriges Wesen, dem das Zimmer zu klein scheint, und ihre kleine verkümmerte Weise, seine tönende Stimme und ihre spitzigen unansehnlichen Töne bilden den stärksten und seltsamsten Gegensatz, den man sich nur denken kann. Wie er in der Mitte des grämlich aussehenden Zimmers sitzt, ein wenig vorgebeugt, die Hände auf die Schenkel gestützt und die Ellbogen auswärts gekehrt, sieht er aus, als könnte er, wenn er lange hier bliebe, die ganze Familie samt dem Haus und seinen vier Zimmern nebst Küche absorbieren. »Reiben Sie sich vielleicht die Beine, um Leben hineinzureiben?« fragt er Großvater Smallweed, nachdem er sich im Zimmer umgesehen hat. »S ist so eine Gewohnheit, Mr. George, und... hm, ja... Es unterstützt auch die Zirkulation.« »Die Zir-ku-la-tion«, wiederholt Mr. George, faltet seine Arme auf der Brust und sieht dadurch noch zwei Mal so groß aus. »Wird nicht mehr viel davon vorhanden sein, sollte ich meinen.« »Nun ja, ich bin alt, Mr. George«, gibt Großvater Smallweed zu. »Aber ich trage meine Jahre noch recht rüstig. Ich bin älter als sie«, fügt er mit einem Kopfnicken auf seine Gattin hinzu. »Und schauen Sie sie an, wie sie ist... Verdammtes Höllenplappermaul!« ruft er in plötzlich wiedererwachender Feindseligkeit. »Die arme alte Seele!« sagt Mr. George mitleidig und wendet ihr sein Gesicht zu. »Schelten Sie die alte Dame nicht. Sehen Sie sie nur an, wie sie dasitzt, die Mütze halb auf dem armseligen Kopf, im Stuhl. Fast wie ein Bündel. Munter, Maam. So ist's recht. Na also... Denken Sie an Ihre Mutter, Mr. Smallweed«, Mr. George hat unterdessen der Alten ein wenig aufgeholfen und kehrt jetzt wieder zu seinem Platz zurück, »wenn Ihnen Ihre Frau nicht genügt.« »Sie selbst sind wahrscheinlich ein vortrefflicher Sohn gewesen, Mr. George«, wirft der Alte mit einem spöttischen Lächeln hin. Mr. Georges Gesicht rötet sich etwas lebhafter, als er antwortet: »Nun, nein, ich war das gerade nicht.« »Ah, da staune ich.« »Ich auch. Ich hätte ein guter Sohn sein sollen und glaube, ich hatte auch die Absicht, es zu sein. Aber ich war's nicht. Ich war ein verdammt schlechter Sohn. Das ist das Lange und Breite von der Geschichte. Und ich habe nie jemand Ehre gemacht.« »Merkwürdig!« höhnt der Alte. »Je weniger wir davon sprechen, desto besser ist's«, beginnt Mr. George von neuem. »Kommen Sie. Sie wissen, was wir ausgemacht haben. Immer eine Pfeife für die zwei Monate Zinsen. Ba, s ist schon gut. Sie brauchen sich nicht wegen der Pfeife zu fürchten. Hier ist der neue Wechsel, und hier sind die zwei Monate Zinsen. Es ist verteufelt schwer, sie in meinem Geschäft zusammenzubringen.« Mr. George sitzt mit verschränkten Armen da und scheint die Familie und die ganze Stube in sich hineinzuatmen, während Judy dem Großvater Smallweed zwei schwarze Ledertaschen aus einem Schreibtisch holt. In eine derselben kommt das eben erhaltene Dokument, und aus der anderen übergibt der alte Herr ein ähnliches Mr. George, der es nimmt und zu einem Fidibus zusammendreht. Da Mr. Smallweed durch die Brille jeden Federstrich der beiden Dokumente genau vergleicht und das Geld drei Mal durchzählt und sich von Judy jedes Wort, das sie spricht, mindestens zwei Mal wiederholen läßt und in seiner Rede und allen seinen Bewegungen so zitterig und langsam wie nur möglich ist, dauert dieses Geschäft ziemlich lange. Erst als er ganz fertig ist, und nicht eine Sekunde früher, machen sich seine gierigen Augen und Finger davon los, und er beantwortet Mr. Georges letzte Bemerkung mit den Worten: »Fürchten, die Pfeife zu bestellen? So knickerig sind wir nicht, Sir. Judy, hol sogleich die Pfeife und das Glas Brandy mit Wasser für Mr. George.« Die lieblichen Zwillinge haben die ganze Zeit über geradeaus gesehen, außer wenn sie von den schwarzen Ledertaschen abgelenkt wurden, entfernen sich jetzt und verschmähen den Gast und überlassen ihn dem Alten, wie zwei junge Bären einen Reisenden dem väterlichen Petz überlassen würden. »So sitzen Sie wohl den ganzen Tag da?« fragt Mr. George, die Arme auf der Brust verschränkt. »Jawohl, jawohl«, nickt der Alte. »Und Sie beschäftigen sich mit gar nichts?« »Ich sehe dem Feuer zu – und dem Kochen und Braten.« »Wenn etwas da ist«, betont Mr. George mit großem Nachdruck. »Jawohl, wenn etwas da ist.« »Lesen Sie nichts oder lassen Sie sich nicht vorlesen?« Der Alte schüttelt triumphierend und schlau den Kopf. »Nein, nein. Unsere Familie hat sich nie ans Lesen gehalten. Es schaut nichts dabei heraus. Unsinn. Faulenzerei. Dummes Zeug. Nein, nein.« »Zwischen euch beiden ist auch eine schwere Wahl«, brummt der Gast leise vor sich hin und blickt auf das alte Weib und wieder zu Mr. Smallweed. »Sie!« sagt er dann laut. »Nun, was denn?« »Sie ließen mich wahrscheinlich auch gleich federn, wenn ich nur einen Tag im Rückstand bliebe?« »Bester Freund!« ruft Großvater Smallweed und streckt beide Arme wie ein Wegweiser aus. »Niemals! Niemals! Bester Freund! Aber mein Gewährsmann in der City, den ich bewogen habe, Ihnen das Geld zu leihen, täte es vielleicht.« »O, Sie können also nicht für ihn stehen?« fragt Mr. George und murrt in sich hinein: »Du verdammter alter lügnerischer Schuft!« »Bester Freund, es ist kein Verlaß auf ihn. Ich möchte ihm nicht trauen. Er will seinen Wechsel haben, bester Freund.« »Der Teufel zweifelt daran«, sagt Mr. George. Da jetzt Charley mit einem Präsentierbrett hereintritt, auf dem die Pfeife, ein kleines Paket Tabak und das Glas Brandy mit Wasser stehen, fragt er sie: »Wo kommst denn du her? Du hast das Familiengesicht nicht.« »Ich bin Zugeherin, Sir«, gibt Charley zur Antwort. Der Kavallerist – wenn er überhaupt ein Kavallerist ist oder war – nimmt ihr mit einer für eine so schwere Hand auffallenden Zartheit den Hut ab und streichelt ihr den Kopf. »Du gibst dem Hause beinah ein gesundes Aussehen. Es fehlt ihm ein bißchen Jugend ebensosehr wie frische Luft.« Dann entläßt er sie, zündet sich die Pfeife an und trinkt auf das Wohl von Mr. Smallweeds Freund in der City – der einzigen jemals vorgekommenen Ausgeburt der Phantasie des geschätzten alten Herrn. »Sie glauben also, er würde ganz rücksichtslos gegen mich vorgehen, wie?« »Ich glaube es... Ich fürchte es. Ich weiß, daß er es«, sagt Mr. Smallweed unvorsichtigerweise, »wohl schon zwanzig Mal getan hat.« Unvorsichtigerweise insofern, als seine gelähmte bessere Hälfte, die mittlerweile über dem Feuer hingedröselt hat, beim Nennen der Zahl augenblicklich aufwacht und schnattert: »Zwanzigtausend Pfund, zwanzig Zwanzigpfundnoten in einem Geldkasten, zwanzig Guineen. Zwanzig Millionen. Zwanzig Prozent. Zwanzig...« Hier wird sie von dem fliegenden Kissen unterbrochen. Der Gast, dem dieses eigentümliche Verfahren ganz neu zu sein scheint, reißt es von ihrem Gesicht weg. »Du Teufelsidiot, du Skorpion... Du Höllenskorpion! Giftkröte! Du verdammte schnatternde Besenstielhexe! Verbrennen sollte man dich!« japst der Alte, tief in seinen Stuhl versunken. »Bester Freund, möchten Sie mich nicht ein bißchen aufschütteln?!« Mr. George, der die beiden abwechselnd angestarrt hat, als kenne er sich gar nicht mehr aus, faßt seinen verehrungswürdigen Wirt auf dessen Bitte an der Kehle, zerrt ihn im Stuhl in die Höhe wie eine Puppe und scheint zu schwanken, ob er nicht lieber alle Fähigkeit, je wieder das Kissen zu schleudern, aus ihm heraus und ihn selbst ins Grab schütteln solle. Er widersteht dieser Versuchung zwar, schüttelt ihn aber doch so heftig, daß dem Greis der Kopf wackelt wie einem Harlekin, setzt ihn derb in seinem Stuhl aufrecht und schiebt ihm seine Hauskappe mit solcher Kraft zurecht, daß der Alte eine ganze Minute lang mit den Augen zwinkert. »O Gott«, ächzt Mr. Smallweed. »Schon gut. Danke, bester Freund, schon gut. O Gott, ich bin ganz außer Atem. O Gott!« – Mr. Smallweed hat sichtlich Furcht vor seinem »besten Freunde«, der, größer als je aussehend, immer noch vor ihm steht. Die beunruhigende Gestalt sinkt jedoch allmählich wieder in ihren Stuhl und raucht in langen Zügen und ergeht sich in philosophischen Reflexionen wie: »Der Name des Freundes in der City fängt mit einem T an, und du hast ganz recht hinsichtlich des Wechsels.« »Sagten Sie etwas, Mr. George?« Der Kavallerist schüttelt den Kopf, fährt, den rechten Ellbogen auf das rechte Knie gestützt, fort zu rauchen und läßt die andere Hand auf dem linken Schenkel ruhen, den Ellbogen in soldatischer Weise auswärts gekehrt. Dabei betrachtet er Mr. Smallweed mit aufmerksamem Ernst und fächelt dann und wann die Rauchwolken weg, um das Gesicht seines Gegenübers deutlicher sehen zu können. »Ich vermute«, sagt er und verändert seine Stellung gerade nur soviel, um das Glas an seine Lippen bringen zu können, »daß ich der einzige unter allen Lebenden oder Toten bin, der je eine Pfeife Tabak aus Ihnen herausgequetscht hat.« »Ich sehe doch keine Gesellschaft um mich, Mr. George, die ich traktieren könnte. Ich kann es mir nicht leisten, aber da Sie in Ihrer gewinnenden Art eine Pfeife zur Bedingung gemacht haben...« »O, es ist mir nicht um den Wert zu tun. Darum nicht. Es war nur so ein Einfall von mir, aus Ihnen etwas herauszuquetschen, etwas für mein Geld zu haben.« »Ja, Sie sind klug, klug, Sir!« ruft Großvater Smallweed und reibt sich die Schenkel. »Sehr klug. War ich immer.« – Paff – »Ein sicheres Zeichen für meine Klugheit, daß ich überhaupt den Weg hierher gefunden habe.« – Paff – »Auch daß ich's zu dem gebracht habe, was ich jetzt bin.« – Paff – »Ich bin überhaupt als klug bekannt«, sagt Mr. George und raucht ruhevoll. »Ich habe es im Leben zu etwas gebracht.« »Lassen Sie den Mut nicht sinken, Sir. Sie können noch in die Höhe kommen.« Mr. George lacht und trinkt. »Haben Sie keine Verwandten«, fragt Großvater Smallweed mit einem Zucken in seinen Augenlidern, »die das kleine Kapital abzahlen möchten oder eine oder zwei gute Unterschriften geben würden? Ich könnte meinen Freund in der City dann zu einem größeren Wechsel bewegen. Zwei gute Unterschriften genügen meinem Freund in der City. Haben Sie keine solchen Verwandten, Mr. George?« Mr. George, der immer noch ruhig fortraucht, gibt zur Antwort: »Wenn ich welche hätte, würde ich sie nicht in Anspruch nehmen. Ich habe den Meinen schon Sorgen genug gemacht. Es mag vielleicht eine gute Buße für einen Vagabunden sein, der die beste Zeit seines Lebens vergeudet hat, wieder zu anständigen Leuten zurückzugehen, denen er nie Ehre gemacht hat, und sich von ihnen erhalten zu lassen. Aber das ist nicht meine Art. Die beste Art Buße fürs Fortlaufen ist meiner Ansicht nach das Fortbleiben.« »Und die natürliche Zuneigung, Mr. George?« wirft Großvater Smallweed hin. »Zu zwei guten Namen, wie?« Mr. George schüttelt den Kopf. »Nein, das ist auch nicht meine Art.« Großvater Smallweed ist allmählich wieder in seinen Stuhl zu einem Bündel Kleider mit einer Stimme darin zusammengesunken, die Judy ruft. Dieser Engel erscheint, schüttelt ihn in der gewohnten Weise und hat von jetzt an neben dem alten Herrn zu bleiben. Er scheint keine Lust mehr zu verspüren, die Hilfe seines Gastes nochmals in Anspruch zu nehmen. »Ja, ja«, bemerkt er, als er wieder in Ordnung ist. »Wenn Sie den Kapitän hätten aufspüren können, Mr. George, hätten Sie Ihr Glück gemacht. Wenn Sie damals, wo Sie infolge unsrer Zeitungsankündigungen – wenn ich sage unsrer, so meine ich die mehrerer meiner Freunde in der City, die ihr Kapital in dieser Weise anlegen und mich armen Teufel auch nebenbei eine Kleinigkeit verdienen lassen –, wenn Sie damals uns hätten helfen können, Mr. George, wären Sie heute ein gemachter Mann.« »Ich wäre sehr gern ein gemachter Mann, wie Sie's nennen«, sagt Mr. George, raucht aber nicht mehr so ruhig wie vorher, denn seit der Anwesenheit Judys steht er wie unter einem Zauber, wenn auch unter keinem liebreizenden, der ihn zwingt, sie anzusehen, wie sie neben ihres Großvaters Stuhl steht. »Aber im übrigen bin ich froh, daß es nicht geschehen ist.« »Warum, Mr. George? Hölle und Schwefel... Warum?« fragt Großvater Smallweed, sichtlich gereizt. – Hölle und Schwefel sind ihm offenbar eingefallen, weil sein Blick gerade auf die schlummernde Mrs. Smallweed gefallen ist. – »Aus zwei Gründen, Kamerad.« »Aus was für zwei Gründen, Mr. George? Im Namen –« »– unsres Freundes in der City?« fragt Mr. George und nimmt einen Schluck. »Nun ja, wenn Sie wollen. Aus was für zwei Gründen?« »Erstens«, entgegnet Mr. George, blickt aber immer noch Judy an, als wäre es gleichgültig, wen von beiden er anredete, sie sieht doch ebenso alt und fast genau so aus wie ihr Großvater. »Erstens, weil Ihr Gentlemen mich eingetunkt habt. Ihr habt in die Zeitungen gesetzt, daß Ihr für Mr. Hawdon – oder meinetwegen Kapitän Hawdon, wenn Sie's schon nicht anders haben wollen, weil er früher einmal Kapitän war – eine angenehme Nachricht hättet.« »Nun, und?« fährt der Alte schrill und heftig auf. »Nun«, sagt Mr. George und raucht ruhig weiter, »es wäre ihm wohl sehr angenehm gewesen, sich von der ganzen Wechslerzunft Londons einstecken zu lassen?« »Woher wissen Sie das ? Einige von seinen reichen Verwandten hätten seine Schulden gezahlt oder für ihn gebürgt. Außerdem hat er uns eingetunkt. Er schuldete uns allen ohne Ausnahme ungeheure Summen. Ich hätte ihn lieber erwürgt, als ihn losgelassen. Wenn ich hier sitze«, krächzt der Alte und hält seine kraftlosen zehn Finger empor, »so möchte ich ihn jetzt noch erwürgen.« In einem plötzlichen Wutanfall wirft er mit dem Kissen nach der nichts Arges ahnenden Mrs. Smallweed, trifft sie aber nicht. »Ich weiß ja«, beginnt der Kavallerist von neuem, nimmt seine Pfeife aus dem Mund und sieht von dem Kissen auf den Pfeifenkopf, der fast ausgebrannt ist. »Ich weiß ja, daß er's schlimm getrieben hat und ins Verderben gerannt ist. Ich bin so manchen Tag an seiner Seite geritten, wie er in voller Karriere ins Verderben stürmte. Ich bin bei ihm gewesen in gesunden und kranken Tagen, in Reichtum und Armut. Diese Hand hat ihn zurückgehalten, als er alles vergeudet hatte und alles um ihn her zusammenbrach und er sich die Pistole an die Stirn setzte.« »Ich wollte, er hätte sie abgedrückt«, flucht der wohlwollende alte Herr, »und sich den Kopf in so viele Stücke zersprengt, als er Sovereigns schuldig war.« »Das hätte freilich einen Krach gegeben«, antwortet der Kavallerist kaltblütig. »Jedenfalls ist er damals jung, voll Hoffnungen und schön gewesen, und es freut mich, daß ich ihn, als er es nicht mehr war, nicht aufgefunden habe, um ihm zu Ihrer angenehmen Nachricht zu verhelfen. Das ist Grund Numero 1.« »Ich hoffe, Numero 2 ist ebensogut«, knurrt der Alte. »Nun, nein. Der ist selbstsüchtiger. Wenn ich ihn hätte finden wollen, hätte ich ihn in einer andern Welt suchen müssen.« »Woher wissen Sie das ?« »Er war nicht mehr hier.« »Woher wissen Sie, daß er nicht mehr hier war?« »Verlieren Sie nicht Ihre Laune, wie Sie Ihr Geld verloren haben«, sagt Mr. George und klopft ruhig seine Pfeife aus. »Er ertrank schon lange vorher. Davon bin ich überzeugt. Er ist über Bord gegangen. Ob absichtlich oder zufällig, weiß ich nicht. Vielleicht weiß es Ihr Freund in der City. Kennen Sie diese Melodie, Mr. Smallweed?« setzt er hinzu und fängt an zu pfeifen und schlägt dazu den Takt mit der leeren Pfeife auf dem Tisch. »Melodie?« entgegnet der Alte. »Nein! Mit Melodien haben wir hier nichts zu schaffen.« »Es ist der Totenmarsch aus Saul. Sie spielen ihn bei Soldatenbegräbnissen. Daher ist's der natürliche Abschluß der Sache. Nun, wenn Ihre hübsche Enkelin – Sie entschuldigen schon, Miß – sich herablassen will, diese Pfeife zwei Monate lang aufzuheben, brauchen wir das nächste Mal keine zu kaufen. Guten Abend, Mr. Smallweed.« »Bester Freund!« Der Alte streckt ihm beide Hände hin. »Sie glauben also, Ihr Freund in der City würde kein Erbarmen haben, wenn ich das nächste Mal nicht zahlte«, fragt der Kavallerist und sieht wie ein Riese auf den Alten herunter. »Bester Freund, das fürchte ich sehr«, sagt Mr. Smallweed und blickt wie ein Pygmäe zu ihm auf. Mr. George lacht und schreitet, mit einem Blick auf den Großvater und einem Abschiedsgruß auf die wütende Judy, zum Zimmer hinaus und rasselt mit seinem imaginären Säbel und seinem Küraß davon. »Verdammter Schurke!« sagt der alte Ehrenmann und schneidet der Tür eine scheußliche Grimasse, wie sie sich schließt. »Ich werde dich schon noch leimen!« Nach dieser liebenswürdigen Bemerkung schwingt sich sein Geist wieder in die Zauberregionen seines Denkens, die ihm seine Erziehung und seine Lebensweise erschlossen haben, und wieder verdämmern er und Mrs. Smallweed ihre rosigen Stunden wie zwei Schildwachen, die der schwarze Sergeant vergessen hat. Während das Paar getreulich auf seinem Posten ausharrt, schreitet Mr. George mit gewichtigem Schritt und ernstem Gesicht durch die Straßen. Es ist acht Uhr, und der Tag neigt sich seinem Ende zu. Er bleibt dicht bei der Waterloobrücke stehen, liest einen Theaterzettel und entschließt sich, in Astleys Theater zu gehen. Dort freut er sich an den Pferden und den Kraftstücken, betrachtet die Waffen mit kritischem Blick, mißbilligt die Gefechte, weil sie von mangelhafter Fechtkunst zeugen, wird aber tief gerührt von der Poesie. Bei der letzten Szene, wo der Kaiser der Tartaren in den Wagen steigt und die vereinten Liebenden segnet, indem er die englische Flagge über ihnen schwingt, werden seine Wimpern feucht. Als das Stück aus ist, geht Mr. George wieder über die Brücke und wendet seine Schritte nach der merkwürdigen Region um Hay-Market und Leicester-Square, dem Mittelpunkt ausländischer Hotels und zweideutiger Fremder, Ballhäuser, Boxer, Fechtmeister, Fußgardisten, alter Porzellanläden, Spielhäuser, Ausstellungen und eines großen Gemischs von Schäbigkeit und lichtscheuem Treiben. Im Herzen dieser Region angelangt, erreicht er durch einen Hof und einen langen weißgetünchten Durchlaß ein großes Ziegelgebäude, das aus nackten Wänden, Dachbalken und Dachfenstern besteht und an dessen Vorderseite, wenn man es so nennen kann, in großen Buchstaben steht: Georges Schießgalerie usw. Er geht in »Georges Schießgalerie usw.«. Darin erblickt man einige Gaslampen, die jetzt zum größten Teil abgedreht sind, zwei weiß angestrichene Scheibenstände und Einrichtungen zum Bogenschießen, Fechtzeug und alle Erfordernisse für Boxkunst. An diesem Abend ist in Georges Schießgalerie keine dieser sportlichen Übungen in Gang, und ein kleiner grotesk aussehender Mann mit einem großen Kopf ist hier Alleinherrscher und liegt schlafend auf dem Fußboden. Der kleine Mann ist wie ein Büchsenmacher gekleidet, trägt eine grünwollene Schürze und Mütze, und sein Gesicht und seine Hände sind schmutzig von Pulver und vom Laden von Gewehren. Wie er vor einer grellweißen Scheibe im Lichtschein liegt, sieht man die schwarzen Flecken an ihm um so deutlicher. Nicht weit von ihm steht ein fester, grob gehobelter Tisch mit einem Schraubstock, an dem er gearbeitet hat. Er ist ein kleiner Mann mit einem ganz zerhauenen Gesicht, der nach dem blaugefleckten Aussehen einer seiner Backen zu urteilen im Lauf des Geschäfts ein paar abgekriegt zu haben scheint. »Phil«, sagt der Kavallerist ruhig. »Zu Befehl!« Phil springt auf. »Wie war das Geschäft?« »Flau wie Dünnbier«, berichtet Phil. »Fünf Dutzend Büchsen- und ein Dutzend Pistolenschüsse. Und das Ziel!« Phil stößt bei dem Gedanken daran ein Geheul aus. »Sperr zu, Phil!« Wie Phil im Saal herumgeht, um den Auftrag auszuführen, zeigt es sich, daß er lahm ist, obgleich er sich sehr rasch vom Fleck bewegt. Auf der fleckigen Seite seines Gesichts hat er keine Augenbraue. Auf der andern eine sehr buschige schwarze, was ihm ein sehr eigentümliches und fast finsteres Aussehen verleiht. Seinen Händen scheint alles zugestoßen zu sein, was ihnen nur ohne Fingerverlust zustoßen konnte; sie sind über und über gekerbt, vernarbt und verkrümmt. Er scheint sehr stark zu sein und hebt schwere Bänke, als habe er gar keinen Begriff von ihrer Last. Er hat eine seltsame Art, sich mit der Achsel an der Wand entlang zu schieben und nach Gegenständen, die er sucht, hinzulavieren, anstatt gerade auf sie loszugehen, wodurch um die ganze Galerie herum ein Schmutzstreifen an der Wand entstanden ist, den die Leute »Phils Unterschrift« nennen. Dieser Aufseher von Georges Galerie – George selbst ist manchmal nicht anwesend – beendigt jetzt, nachdem er die großen Türen geschlossen und alle Flammen bis auf eine ausgedreht hat, seine Vorkehrungen damit, daß er aus einem hölzernen Verschlag in der Ecke zwei Matratzen mit Bettzeug herauszieht. Sie werden an die entgegengesetzten Enden der Galerie geschleppt, und dann macht sich jeder seine Lagerstätte zurecht. »Phil«, sagt der Galeriedirektor, geht ohne Rock und Weste auf ihn zu und sieht in seinen Hosenträgern noch soldatischer aus. »Man hat dich in einem Hausflur gefunden, was?« »In der Gosse«, berichtigt Phil. »Der Nachtwächter ist über mich gestolpert.« »Da ist dir das Vagabundieren schon von Anfang an zur zweiten Natur geworden?« »Zweiten Natur geworden«, nickt Phil. »Gute Nacht.« »Gute Nacht, Gouverneur.« Phil kann nicht einmal auf das Bett direkt zugehen, sondern muß sich erst an zwei Seiten der Galerie hinwetzen, um dann auf die Matratze zuzulavieren. Der Kavallerist geht noch ein paar Mal auf und ab, blickt zu dem durch die Dachfenster hereinscheinenden Mond hinauf, begibt sich auf einem kürzeren Weg als sein Aufseher zu seiner Matratze und legt sich ebenfalls schlafen. 22. Kapitel Mr. Bucket Die Allegorie in Lincoln's-Inn-Fields sieht ziemlich kühl drein, obgleich der Abend schwül ist, denn beide Fenster Mr. Tulkinghorns stehen weit offen, und das Zimmer ist hoch, luftig und schattig. Das sind vielleicht, wenn der November kommt mit Nebel und Regen oder der Januar mit Eis und Schnee, keine sehr wünschenswerten Eigenschaften, aber sie haben ihre guten Seiten während der Hundstage. Sie ermöglichen es der Allegorie, obgleich sie Backen hat wie Pfirsiche und Knie wie Blumensträuße und rosenrot geschwollen ist an Waden und Armmuskeln, heute abend ziemlich kühl auszusehen. Staub fliegt in Menge zu Mr. Tulkinghorns Fenster herein und hat sich auf den Möbeln und Akten angehäuft. In dicken Schichten liegt er überall. Wenn ein Windhauch vom Lande her sich hereinverirrt und in blinder Hast wieder hinauswehen will, streut er der Allegorie soviel Staub in die Augen, wie das Gesetz – oder Mr. Tulkinghorn, einer seiner treuesten Anhänger – gelegentlich der Laienwelt in die Augen zu streuen pflegt. In diesem dumpfigen Magazin voll von Staub, jenem alles durchdringenden Artikel, in den sich seine Akten und er selbst und alle seine Klienten und alle irdischen Dinge, belebte und unbelebte, dereinst auflösen werden, sitzt Mr. Tulkinghorn an einem der offenen Fenster und erfreut sich an einer Flasche alten Portweins. Obgleich ein hartgesottener Mann, verschlossen, trocken und still, liebt er doch alten Wein zuweilen. Er hat einen unschätzbaren Portwein in einem versteckten Keller unter den Fields, der eins seiner vielen Geheimnisse ist. Wenn er allein zu Hause speist, wie er es heute getan hat, und sich seinen Fisch, sein Beefsteak oder Huhn aus dem benachbarten Restaurant bringen läßt, steigt er mit einer Kerze in die hallenden Regionen unter dem verlassenen Gebäude hinab und kehrt, angemeldet von dem fernen Donnerhall zufallender Türen, zurück, umduftet von Erdatmosphäre und in der Hand eine Flasche mit fünfzig Jahre altem, funkelndem Nektar, der dann im Glase über seine eigne Berühmtheit errötet und das ganze Gemach mit dem Dufte südlicher Trauben erfüllt. Mr. Tulkinghorn sitzt in der Dämmerung am offnen Fenster und freut sich seines Weines. Als ob er ihm von fünfzig Jahre langem Schweigen zuraune, macht er ihn nur noch verschlossener und zugeknöpfter. Undurchdringlicher als je sitzt Mr. Tulkinghorn da und trinkt und denkt in dieser Zwielichtstunde über alle seine Geheimnisse nach, die sich für ihn an dunkelnde Waldungen auf dem Land und an große leere verschlossene Häuser in der Stadt knüpfen. Und vielleicht hat er auch ein paar Gedanken übrig an seine eigne Familiengeschichte, an sein Geld und sein Testament, das allen ein Geheimnis ist, und an seinen einzigen Junggesellenfreund, der ebenso wie er Advokat gewesen und dasselbe Leben geführt hatte, bis er mit fünfundsiebzig Jahren es plötzlich zu einsam fand, an einem Sommerabende seinem Friseur seine goldne Uhr schenkte, ruhig nach Hause in den »Tempel« ging und sich erhängte. Aber Mr. Tulkinghorn ist heute abend nicht allein und kann sich daher seinem gewohnten Nachsinnen nicht überlassen. Am Tisch mit ihm, wenn auch mit bescheiden ein wenig weggezogenem Stuhl sitzt ein kahlköpfiger milder Mann mit glänzender Platte, der ehrerbietig hinter der Hand hüstelt, wenn der Advokat ihn auffordert, sich einzuschenken. »Nun, Snagsby«, sagt Mr. Tulkinghorn, »erzählen Sie diese seltsame Geschichte noch einmal.« »Bitte sehr, Sir. Sie sagten mir, als Sie so gütig waren, gestern abend einen Sprung herüber zu machen – ich bitte zu entschuldigen, daß ich mir die Freiheit genommen habe, Sir, aber ich erinnerte mich Ihres Interesses für den Verstorbenen und dachte, – Sie könnten, das heißt, Sie wollten vielleicht...« Mr. Tulkinghorn ist nicht der Mann, der einem einen Satz ergänzen oder irgendeine ihn betreffende Möglichkeit zugeben würde. So verliert sich Mr. Snagsby mit einem verlegenen Hüsteln wieder in die Worte: »Ich bitte zu entschuldigen, wenn ich mir die Freiheit genommen habe.« »Keine Ursache«, sagt Mr. Tulkinghorn. »Sie erwähnten vorhin, Snagsby, Sie hätten Ihren Hut aufgesetzt und seien zu mir gekommen, ohne Ihrer Frau etwas davon zu sagen. Ich denke, das war recht klug. Die Sache ist nicht wichtig genug, um viel Aufhebens davon zu machen.« »Ja, sehen Sie, Sir«, entgegnet Mr. Snagsby. »Meine kleine Frau ist – um nicht durch die Blume zu sprechen – vielleicht ein wenig neugierig. Sie ist neugierig. Armes kleines Ding, sie leidet an Krämpfen, und es tut ihr gut, wenn sie eine Ablenkung hat. Deshalb bemächtigt sie sich, ich möchte fast sagen, jedes Themas, das in ihren Bereich kommt, mag es sie etwas angehen oder nicht, besonders, wenn es sie nichts angeht. Meine kleine Frau ist geistig sehr regsam, Sir!« Mr. Snagsby trinkt und murmelt mit einem bewundernden Hüsteln hinter der Hand: »Wahrhaftig, ein exzellenter Wein!« »Deshalb erwähnten Sie zu Hause nichts von Ihrem gestrigen Besuch?« fragt Mr. Tulkinghorn. »Und von Ihrem heutigen desgleichen nichts?« »Nein, Sir. Und von dem heutigen desgleichen nichts. Meine kleine Frau ist gegenwärtig – um nicht durch die Blume zu sprechen – fromm gestimmt, oder glaubt es wenigstens, und besucht die abendlichen geistlichen Übungsstunden – so nennt sie sie – eines gewissen Reverend namens Chadband. Er verfügt zweifellos über eine große Beredsamkeit. Aber der Stil gefällt mir nicht besonders. Doch das gehört nicht her. Da meine kleine Frau in dieser Weise beschäftigt ist, wurde es mir leichter, unauffällig einen Sprung herüberzumachen.« Mr. Tulkinghorn nickt beistimmend. »Schenken Sie sich ein, Snagsby!« »O, ich danke bestens, Sir«, entgegnet der Papierhändler mit seinem ehrerbietigen Husten. »Wirklich, ein wundervoller Wein, Sir.« »Es ist ein jetzt selten gewordner Wein«, nickt Mr. Tulkinghorn. »Er ist fünfzig Jahre alt.« »Was Sie sagen, Sir! Aber es wundert mich eigentlich gar nicht. Er könnte geradesogut – beliebig alt sein.« Nach dieser allgemeinen Lobspende auf den Portwein hüstelt Mr. Snagsby hinter der Hand seinen Bescheidenheitshusten, als wolle er sich entschuldigen, daß er überhaupt so etwas Kostbares zu trinken wage. »Möchten Sie nicht noch ein Mal wiederholen, was der Junge sagte?« Mr. Tulkinghorn steckt die Hände in die Taschen seiner rostigen Kniehosen und lehnt sich ruhevoll in seinen Stuhl zurück. »Mit Vergnügen, Sir.« Getreulich, wenn auch etwas weitschweifig, geht der Papierhändler durch, was Jo vor den versammelten Gästen in seinem Hause erzählt hat. Am Ende seiner Geschichte angelangt, fährt er plötzlich erschrocken auf und bricht ab mit einem: »Mein Gott, Sir, ich wußte gar nicht, daß noch jemand anders hier anwesend ist.« Mr. Snagsby ist ganz erregt, weil er in einer kleinen Entfernung vom Tisch zwischen sich und dem Advokaten eine Person mit aufmerksamem Gesicht, Hut und Stock in der Hand, stehen sieht, die anfänglich nicht da war und inzwischen weder durch die Tür noch zu den Fenstern hereingekommen ist. Es steht wohl ein Schrank im Zimmer, aber seine Angeln haben nicht geknarrt, und man hat keinen Tritt auf dem Fußboden gehört. Und dennoch steht diese dritte Person jetzt da mit aufmerksamem Gesicht, Hut und Stock in der Hand und die Hände auf dem Rücken; ein stummer aufmerksamer Zuhörer. Er ist ein untersetzter, kräftig gebauter, solid aussehender, schwarzgekleideter Mann mit scharfen Augen und in mittleren Jahren. Abgesehen davon, daß er Mr. Snagsby ins Auge faßt, als wolle er ihn porträtieren, ist auf den ersten Blick nichts Auffälliges an ihm; wenn nur sein gespenstisches Kommen nicht gewesen wäre. »Sie brauchen wegen des Herrn nicht zu erschrecken«, sagt Mr. Tulkinghorn in seiner gelassenen Weise. »Es ist nur Mr. Bucket.« »Ach so, Sir«, entgegnet der Papierhändler und deutet durch einen Husten an, daß er keine Ahnung hat, wer Mr. Bucket sein mag. »Ich wollte, daß er die Geschichte mit anhöre«, erklärt der Advokat. »Aus einem gewissen Grunde hätte ich halb und halb Lust, mehr davon zu erfahren, und er kennt sich in solchen Dingen aus. Was meinen Sie dazu, Bucket?« »Sehr einfach, Sir. Da unsre Schutzleute den Jungen von seinem Standpunkt abgeschoben haben und er auf seinem alten Strich nicht sein kann, ist es nicht schwer, ihn in weniger als ein paar Stunden herzubringen, wenn Mr. Snagsby nichts dagegen hat, mit mir einen Besuch in 'Toms Einöd' zu machen, um ihn mir zu zeigen. Ich kann es natürlich auch ohne Mr. Snagsby tun. Aber das ist der kürzeste Weg.« »Mr. Bucket ist Polizeidetektiv, Snagsby«, erklärt der Advokat. »Was Sie nicht sagen, Sir!« stammelt Mr. Snagsby und fühlt in seinem Haarbüschel eine Neigung, als wolle er sich aufrichten. »Und wenn Sie nichts dagegen haben, Mr. Bucket an den fraglichen Ort zu begleiten«, fährt der Advokat fort, »würden Sie mich wirklich sehr verpflichten.« Mr. Snagsby zögert nur einen Augenblick, aber schon hat Mr. Bucket seine Seele bis auf den Grund sondiert. »Sie brauchen keine Angst um den Jungen zu haben«, sagt er. »Es geschieht ihm durchaus nichts. Er hat nichts angestellt. Wir wollen ihn nur hier haben, um ihm ein paar Fragen vorzulegen, und er wird für seine Mühe bezahlt und dann wieder entlassen werden. Er wird ein gutes Geschäft dabei machen. Ich verspreche Ihnen als Mensch, daß der Junge anstandslos wieder entlassen werden wird. Haben Sie keine Angst, daß Sie ihm schaden. Sie brauchen das nicht zu befürchten.« »Also gut, Mr. Tulkinghorn!« ruft Mr. Snagsby fröhlich und beruhigt aus. »Da das der Fall ist...« »Ja. Übrigens hören Sie mal, Mr. Snagsby«, nimmt Bucket den Papierhändler beiseite und klopft ihm gemütlich auf die Brust. »Sie sind ein Mann von Welt, verstehen Sie, und ein Geschäftsmann und ein verständiger Mensch. Das wissen wir.« »Ich bin Ihnen sehr für Ihre gute Meinung verbunden«, antwortet der Stationer mit seinem Bescheidenheitshüsteln, »aber...« »Das sind Sie bestimmt«, versichert Bucket. »Daher ist es überflüssig, einem Mann wie Ihnen, der einem Geschäft vorsteht, das Vertrauenssache ist und eine Person erfordert, die die Augen offen und alle ihre fünf Sinne beisammen hat und den Kopf gerade hält – ist es überflüssig, einem Mann wie Ihnen zu sagen, daß es das Beste und Klügste ist, über derlei kleine Dinge den Mund zu halten. Verstehen Sie mich wohl, den Mund zu halten!« »Gewiß, gewiß«, beteuert der Papierhändler. »Ihnen kann ich's ja sagen«, fährt Bucket mit einer gewinnend offenherzigen Miene fort. »Soweit ich die Sache durchschaue, scheint der Verstorbene auf eine kleine Erbschaft Anspruch gehabt zu haben, und das Frauenzimmer hat ihm vermutlich einige Streiche gespielt.« »Oh«, versichert Mr. Snagsby. Aber die Sache scheint ihm nicht besonders einzuleuchten. »Sie sehen es gewiß gern«, Mr. Bucket klopft Mr. Snagsby wieder gemütlich und beruhigend auf die Brust, »daß jeder zu seinem Rechte kommt. Das ist gewiß auch Ihr Wunsch.« »Natürlich!« nickt Mr. Snagsby. »Also Ihnen und zugleich einem Kunden oder Klienten zuliebe... Wie nennen Sie es in Ihrem Geschäft? Ich habe vergessen, wie mein Onkel, der früher einmal bei Ihnen im Geschäft war, es nannte.« »Nun, ich sage meistens Kunde«, entgegnet Mr. Snagsby. »Sie haben recht!« Mr. Bucket schüttelt ihm freundschaftlich die Hand. »Ihnen und zu gleicher Zeit einem wirklich guten Kunden zuliebe werden Sie mit mir ganz im Vertrauen einen Besuch in 'Toms Einöd' machen und über die ganze Geschichte für alle Zeiten schweigen und sie niemandem gegenüber erwähnen. Das ist so etwa Ihre Absicht, wenn ich Sie recht verstehe.« »Sie haben ganz recht, Sir, Sie haben ganz recht«, sagt Mr. Snagsby. »Also hier ist Ihr Hut; und wenn Sie fertig sind, ich bin bereit.« Die beiden verlassen Mr. Tulkinghorn, der, ohne daß sich die Oberfläche seiner unergründlichen Tiefen auch nur im geringsten kräuselt, seinen alten Wein weitertrinkt, und treten auf die Straße. »Sie kennen wohl nicht zufällig einen wackern Mann namens Gridley, oder ja?« fragt Bucket freundschaftlich so nebenbei, als sie die Treppe heruntergehen. »Nein«, sagt Mr. Snagsby nachdenklich. »Ich kenne niemanden dieses Namens. Warum?« »Es ist nichts Besonderes. Er hat ein bißchen seinem Temperament die Zügel schießen lassen, sich gegen einige respektable Leute Drohungen erlaubt und hält sich jetzt vor einem Vorführungsbefehl versteckt, den ich gegen ihn habe –, was ein vernünftiger Mann nicht tun sollte.« Wie sie durch die Straßen eilen, macht Mr. Snagsby die merkwürdige Beobachtung, daß, so schnellen Schrittes sie auch gehen, sein Begleiter stets in einer ganz undefinierbaren Art zu lauern und zu schleichen scheint und jedes Mal, wenn er rechts oder links abbiegen will, vorher den festen Vorsatz heuchelt, geradeaus zu gehen und erst im allerletzten Augenblick knapp abschwenkt. Dann, wenn sie an einem Polizeimann vorbeikommen, bemerkt Mr. Snagsby, daß sowohl der Konstabler wie auch Mr. Bucket auffallend zerstreut werden, einander ganz übersehen und ins Leere zu blicken scheinen. Ein paar Mal holt Mr. Bucket einen oder den andern klein gewachsenen jungen Mann mit einem glänzenden Hut und glattem, zu großen Locken an jedem Ohr gedrehtem Haar ein und berührt ihn, fast ohne ihn anzusehen, mit seinem Stock, worauf sich jedes Mal der betreffende junge Mann umsieht und augenblicklich verduftet. Meistens nimmt Mr. Bucket derlei Vorgänge mit einem Gesicht zur Kenntnis, das sich so wenig verändert wie der große Trauerring an seinem kleinen Finger oder sein Chemisettknopf, der nicht besonders viel Diamanten, aber dafür eine sehr dicke Fassung hat. Als sie endlich 'Toms Einöd' erreichen, bleibt Mr. Bucket einen Augenblick an der Ecke stehen, läßt sich von dem dort patrouillierenden Schutzmann eine angezündete Blendlaterne geben, worauf ihn dieser, die eigne Blendlaterne am Gürtel, begleitet. Zwischen seinen beiden Führern geht Mr. Snagsby eine greuliche Gasse ohne Abzugskanäle entlang durch tiefe Schichten von schwarzem Schlamm und fauligem Wasser – trotzdem um diese Zeit in allen andern Stadtteilen die Straßen trocken sind –, durch scheußliche Gerüche und Szenerien, daß er kaum seinen Sinnen traut, wo er doch sein ganzes Leben in London verbracht hat. Von dieser Straße und ihren Trümmerhaufen zweigen andre Straßen und Höfe von so unflätigem Aussehen ab, daß Mr. Snagsby an Leib und Seele ganz krank wird und jeden Augenblick in den höllischen Abgrund zu versinken fürchtet. »Treten Sie ein bißchen zur Seite, Mr. Snagsby«, sagt Bucket, als eine Art schäbiger Palankin, von einer lärmenden Menge umgeben, sich ihnen nähert. »Da kommt das Fieber die Gasse herauf.« Wie der unsichtbare Kranke vorübergetragen wird, verläßt die Menge diesen anziehenden Gegenstand und drängt sich wie ein Traumbild voll grauenhafter Gesichter um die drei Fremden und verschwindet in Gäßchen unter Trümmern oder hinter Mauern und behält sie von weitem im Auge, gelegentliche Warnungsrufe und gellende Pfiffe ausstoßend, bis sie die Gegend verlassen. »Sind das die Fieberhäuser, Darby?« fragt Mr. Bucket kaltblütig, wie er seine Blendlaterne eine Reihe stinkender Ruinen entlang leuchten läßt. Darby bestätigt es und erwähnt, daß seit vielen Monaten die Leute zu Dutzenden drin »umgestanden« seien oder sterbend hinausgetragen wurden wie »rotzkranke Schafe«. Als Bucket, wie sie weitergehen, zu Mr. Snagsby bemerkt, er finde ihn etwas angegriffen aussehend, antwortet ihm Mr. Snagsby, er glaube, er könne die schreckliche Luft nicht mehr länger einatmen. In verschiedenen Häusern fragen sie nach einem Jungen namens Jo. Da in 'Toms Einöd' nur wenige Leute nach Taufnamen bekannt sind, so wird Mr. Snagsby viel gefragt, ob er »Rotkopf« meine oder den »Oberst« oder »Galgennagel« oder »Spitzmeisl«, »Terrier Tip« oder »Lanky« oder »Baron«. Mr. Snagsby beginnt seine Beschreibung immer wieder von vorn. Die Meinungen, wer das Original des Bildes sei, sind geteilt. Die einen meinen, es müsse »Rotkopf« sein, die andern stimmen für den »Baron«. Der »Oberst« wird vorgeführt, entspricht aber der Schilderung nicht im mindesten. Wo Mr. Snagsby und seine Begleiter stehen bleiben, umflutet sie das Gedränge, und aus seinen schmutzigen Tiefen schöpft Mr. Bucket diensteifrigen Rat. Wenn sie weitergehen und die Blendlaterne leuchten lassen, strömt es wieder zurück und behält sie die Gäßchen entlang, in Ruinen und hinter Mauern, im Auge wie vorhin. Endlich finden sie eine Spelunke, wo der »Schmier-Ober« die Nacht zubringt, und man kommt auf den Gedanken, der »Schmier-Ober« könne Jo sein. Ein Frage- und Antwortspiel zwischen Mr. Snagsby und der Eigentümerin des Hauses – einem versoffenen Gesicht, in ein schwarzes Bündel gehüllt, das aus einem Haufen Lumpen auf dem Fußboden einer Hundehütte, die ihr Privatwohnraum ist, hervorstiert – bringt sie auf diesen Gedanken. Der »Schmier-Ober« sei zum Arzt gegangen, um für eine Kranke eine Flasche Medizin zu holen, werde aber bald wieder da sein. »Und wen haben wir heute nacht hier?« fragt Mr. Bucket, öffnet eine andre Tür und leuchtet mit der Blendlaterne hinein. »Zwei Betrunkene, he, und zwei Frauenzimmer? Die Männer sind vorläufig gut aufgehoben«, setzt er hinzu und zieht den Schlafenden die Arme vom Gesicht, um sie anzusehen. »Sind das eure Zuhälter, ihr Täubchen?« »Ja, Sir«, gibt eins der Frauenzimmer zur Antwort. »Es sind unsre Männer.« »Ziegelstreicher, was?« »Ja, Sir.« »Was macht ihr hier? Ihr gehört doch nicht nach London.« »Nein, Sir. Wir gehören nach Hertfordshire.« »Wohin in Hertfordshire?« »Nach St. Albans.« »Ihr seid auf der Walze, was?« »Wir sind gestern herübergewandert. Wir haben jetzt unten bei uns keine Arbeit. Aber hier wird es nicht besser werden, fürchte ich.« »Das ist nicht der Ort, um es zu was zu bringen«, sagt Mr. Bucket und wirft einen Blick auf die bewußtlosen Gestalten auf dem Boden. »No, na«, antwortet die Frau mit einem Seufzer. »Jenny und ich wissen dös recht gut.« Das Zimmer ist, wenn auch zwei oder drei Fuß höher als die Tür, doch so niedrig, daß keiner der drei Besucher, ohne nicht an die geschwärzte Decke zu stoßen, aufrecht stehen kann. Es verletzt jeden Sinn. Selbst die Talgkerze brennt blaß und kränklich in der vergifteten Luft. An der Wand stehen ein paar Bänke und eine höhere Bank als Tisch. Die Männer sind eingeschlafen, wo sie hingestolpert sind, und die Weiber sitzen bei der Kerze. In den Armen der Frau, die eben gesprochen hat, liegt ein winziger Säugling. »Nun, wie alt soll denn das kleine Geschöpf sein?« fragt Mr. Bucket. »Es sieht ja aus, als wäre es erst gestern geboren.« Er hat jetzt gar nichts Barsches an sich, und wie er sein Licht vorsichtig auf das Kind fallen läßt, wird Mr. Snagsby ganz seltsam an ein andres gewisses Kind erinnert, das auf Bildern von Glanz umstrahlt ist. »Es ist noch nicht drei Wochen alt, Sir.« »Ist es Ihr Kind?« »Ja, meins.« Die andre Frau, die sich darüber gebeugt hatte, als sie eingetreten waren, beugt sich jetzt wieder zu dem Kleinen herab und küßt es. »Sie scheinen es so lieb zu haben, als ob Sie selbst seine Mutter wären«, sagt Mr. Bucket. »Ich hatte grad so eins, Master, aber es ist gestorben.« »Ach, Jenny«, sagt die andre Frau zu ihr, »besser so. Besser, s ist tot als lebendig, Jenny! Viel besser.« »Was! Sie sind doch nicht so unnatürlich, hoffe ich«, sagt Mr. Bucket streng, »daß Sie Ihrem eignen Kind den Tod wünschen?« »Gott weiß, daß Sie recht haben, Master. Gewiß bin ich nicht so. Ich würde mein eignes Leben dafür hergeben. So gut wie irgend eine vornehme Dame.« »Dann sprechen Sie nicht so lästerlich«, sagt Mr. Bucket wieder besänftigt. »Warum tun Sie das?« »Es kommt mir so in den Kopf, Master, wenn ich das Kind so liegen seh«, entgegnet die Frau, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. »Wenn es nie wieder aufwachen sollte, würden Sie mich für wahnsinnig halten, so würde ich mich gebärden. Ich weiß das ganz genau. Ich war dabei, wie Jenny das ihre verloren hat – nicht wahr, Jenny –, und ich weiß, wie es sie gepackt hat. Aber schaun Sie sich hier um. Schaun Sie die da«, sagt sie mit einem Blick auf die beiden Schlafenden auf dem Boden. »Schaun Sie sich den Jungen an, der ausgegangen ist, um mir einen Gefallen zu tun. Denken Sie an die Kinder, die Ihnen gewiß oft vorkommen und die Sie aufwachsen sehen.« »Nun, nun. Sie werden den Kleinen anständig aufziehen, und er wird Ihnen ein Trost sein und im Alter für Sie sorgen«, tröstet Mr. Bucket. »Ich werde gewiß mein möglichstes tun«, antwortet sie und wischt sich die Augen. »Aber wie ich heut ganz matt und nicht wohl vom Fieber gewesen bin, hab ich an alles das gedacht, was ihm in den Wegkommen wird. Mein Mann wird ihn nicht leiden können, und er wird Prügel kriegen und wird mich prügeln sehen, und es wird ihm zu Haus nicht gefallen, und er wird herumstreunen. Drum, wenn ich ihn da so liegen seh, denk ich mir, es war am besten, er war gestorben wie der Jenny ihr Kind.« »Laß, laß!« sagt Jenny. »Liz, du bist müd und krank. Ich werd das Kind nehmen.« Sie tut das und bringt dabei das Kleid der Mutter in Unordnung, deckt es aber rasch wieder über die wundgeschlagne Brust, an der der Säugling gelegen hat. »Wenn ich an mein totes Kind denk«, sagt Jenny und geht, den Säugling auf dem Arm schaukelnd, auf und ab, »hab ich das Kleine hier so gern. Und ihr geht's geradso. Ich denk mir, was ich alles drum geben möcht, könnt ich mein Kind wieder haben. Aber wir meinen innerlich ganz dasselbe.« Während sich Mr. Snagsby schneuzt und ein Hüsteln der Teilnahme hören läßt, vernimmt man draußen einen Schritt. Mr. Bucket leuchtet mit seiner Laterne in den Eingang und sagt zu Mr. Snagsby: »Was sagen Sie jetzt? Ist es der Schmier-Ober?« »Es ist Jo«, bestätigt Mr. Snagsby. Jo steht ganz erstaunt in dem hellen Lichtkreis wie eine zerlumpte Gestalt in einer Laterna magica und zittert bei dem Gedanken, gegen das Gesetz verstoßen zu haben und nicht weit genug fort gegangen zu sein. Da ihm jedoch Mr. Snagsby die tröstliche Versicherung gibt: »Es geschieht dir nichts und du kriegst Geld, Jo«, erholt er sich wieder und erzählt draußen, wohin ihn Mr. Bucket zu einer kleinen Privatunterhaltung hinführt, seine Geschichte fließend, wenn auch atemlos. »Ich habe den Burschen vernommen«, sagt Mr. Bucket, als er zurückkommt, »und es stimmt schon. Also, Mr. Snagsby, wir sind bereit.« Zuerst vollendet Jo seinen Liebesdienst damit, daß er die Medizin, die er geholt hat, der Frau mit der lakonischen mündlichen Vorschrift übergibt, daß alles auf einmal einzunehmen sei. Zweitens legt Mr. Snagsby eine halbe Krone auf den Tisch, sein gewöhnliches Allheilmittel für eine unermeßliche Zahl von Leiden. Drittens faßt Mr. Bucket Jo ein wenig oberhalb des Ellbogens am Arm, um ihn vor sich herzuschieben, denn ohne dies Verfahren kann doch weder der »Schmier-Ober« noch irgend jemand anders in vorschriftsmäßiger Weise nach Lincoln's-Inn-Fields gebracht werden. Nachdem alle diese Anordnungen getroffen sind, wünschen sie den Frauenzimmern gute Nacht und treten wieder in die schwarze faulende 'Toms Einöd'. Auf denselben stinkenden Wegen, durch die sie in diesen Schlund hinabgestiegen sind, gelangen sie allmählich wieder hinaus. Die Menge umwogt sie und pfeift und belauert sie, bis sie den Rand erreichen, wo Darby seine Blendlaterne wieder zurückerhält. Hier flieht die Menge wie eine Schar gefangen gehaltener Dämonen mit gellendem Gekreisch zurück und wird nicht mehr gesehen. Sie gehen und fahren jetzt durch die helleren und luftigeren Straßen, die Mr. Snagsby noch nie so hell und luftig vorgekommen sind, bis sie an Mr. Tulkinghorns Haustür kommen. Mr. Tulkinghorns Bureau ist im ersten Stock, und als sie die halberleuchteten Treppen hinaufsteigen, erwähnt Mr. Bucket, daß er den Schlüssel in der Tasche habe und sie nicht zu klingeln brauchten. Für einen in solchen Dingen so bewanderten Mann braucht Bucket merkwürdig lang zum Öffnen der Tür und verursacht auch einigen Lärm. Vielleicht macht er damit jemand aufmerksam. Endlich treten sie in das Vorzimmer, wo eine Lampe brennt, und dann in Mr. Tulkinghorns gewöhnliches Zimmer, wo er heute abend seinen alten Wein trank. Er ist nicht da, wohl aber seine beiden altmodischen Leuchter, und der Raum ist leidlich hell. Mr. Bucket, der Jo immer noch mit vorschriftsmäßigem Griff festhält und nach Mr. Snagsbys Ansicht eine unbegrenzte Zahl von Augen zu besitzen scheint, macht ein paar Schritte in das Zimmer, da fährt Jo plötzlich zurück und bleibt stehen: »Was gibt's?« fragt Bucket flüsternd. »Da ist sie«, ruft Jo. »Wer?« »Die Dame.« Eine dichtverschleierte Frauengestalt steht mitten im Zimmer, und das Licht fällt auf sie. Sie regt sich nicht und ist ganz stumm. Das Gesicht der Gestalt ist ihnen zugekehrt, nimmt aber keine Notiz von ihrem Eintreten, und sie bleibt stehen wie eine Statue. »Jetzt sag mir, woher weißt du, daß das die Dame ist?« fragt Bucket laut. »I kenn den Schleier«, antwortet Jo mit weitaufgerissenen Augen. »Den Hut und a dös Kleid.« »Bist du auch deiner Sache ganz gewiß, Schmier-Ober?« fragt Bucket und beobachtet Jo mit großer Aufmerksamkeit. »Schau noch ein Mal hin.« »I schau schon so gut hin, wie i kann«, sagt Jo. »Und dös is der Schleier, der Hut und dös Kleid.« »Wie war's mit den Ringen, von denen du mir erzählt hast?« »Glänzt habens, rund um a dum«, sagt Jo und reibt die Finger seiner linken Hand an den Knöcheln der rechten, ohne einen Blick von der Gestalt abzuwenden. Die Gestalt zieht den rechten Handschuh aus und zeigt die Hand. »Nun, was sagst du jetzt?« Jo schüttelt den Kopf. »Ganz andere Ring warens, und d Hand is scho gar net.« »Wie meinst du das?« fragt Bucket sichtlich und zwar außerordentlich befriedigt. »d Hand war vüll weißer, vüll zarter und vüll kleiner«, erklärt Jo. »Na, du wirst am Ende gar noch behaupten, ich war meine eigne Mutter«, sagt Mr. Bucket. »Erinnerst du dich noch an die Stimme der Dame?« »I glaub schon«, sagt Jo. Die Gestalt spricht. »Klang sie wie diese? Ich will so lang sprechen, wie du willst, wenn du deiner Sache nicht gewiß bist. War es diese Stimme oder klang sie ähnlich?« Jo sieht Mr. Bucket ganz entgeistert an. »Net ein bisl.« »Weshalb sagtest du dann, es wäre die Dame?« forscht der würdige Mann und deutet auf die Gestalt. »Weil«, sagt Jo mit betroffenem Gesicht, aber ohne sich im geringsten beirren zu lassen, »weil dös der Schleier und der Hut und dös Kleid is. Sie is s und is s wieder net. Es is net ihre Hand, auch not ihre Stimm, und s sin auch nicht ihre Ring. Aber das is der Schleier, der Hut und dös Kleid, und sie hat sich auch grad so tragn und war auch grad so groß und hat mir an Sovring gebn und weg wars.« »Na«, sagt Mr. Bucket leichthin, »was Besonderes haben wir von dir nicht erfahren, aber da hast du fünf Schillinge. Wende sie gut an und mach keine dummen Streiche.« Bucket zählt verstohlen die Münzen aus einer Hand in die andre wie Spielmarken – es ist das so eine taschenspielerische Angewohnheit von ihm – und legt sie dann zu einer kleinen Säule geschichtet dem Knaben in die Hand und führt ihn zur Tür hinaus, wobei er Mr. Snagsby, dem bei all diesen mysteriösen Vorgängen durchaus nicht wohl zumute ist, mit der verschleierten Gestalt allein läßt. Aber als Mr. Tulkinghorn eintritt, hebt sich der Schleier, und eine recht hübsche, wenn auch sehr leidenschaftlich aussehende Französin kommt zum Vorschein. »Ich danke Ihnen, Mademoiselle Hortense«, sagt Mr. Tulkinghorn mit seinem gewohnten Gleichmut. »Ich will Sie wegen dieser kleinen Wette nicht weiter bemühen.« »Werden Sie nicht vergessen, Sir, daß ich gegenwärtig keine Stellung habe?« fragt Mademoiselle. »Gewiß, gewiß.« »Und mir die Ehre Ihrer einflußreichen Verwendung zusagen?« »Unbedingt, Mademoiselle Hortense.« »Ein Wort von Mr. Tulkinghorn ist fast allmächtig...« »Es soll daran nicht fehlen, Mademoiselle.« »Empfangen Sie die Versicherung meines verbindlichsten Dankes, Sir. Gute Nacht.« Mademoiselle geht mit einer Miene angeborner Vornehmheit hinaus, und Mr. Bucket, der, wenn es darauf ankommt, ebenso zeremoniell wie irgend etwas anderes sein kann, begleitet sie nicht ohne Galanterie die Treppe hinunter. »Nun, Bucket?« fragt ihn Mr. Tulkinghorn, als er wieder heraufkommt. »Sie sehen, es ist so, wie ich gleich sagte, Sir. Es ist gar kein Zweifel. Es war die andre in den Kleidern von dieser hier. Die Farben und alles übrige hat der Junge genau erkannt. Mr. Snagsby, ich versprach Ihnen als Mensch, daß ihm nichts geschehen solle. Nun, ist ihm etwas geschehen ?« »Sie haben Wort gehalten, Sir«, entgegnet der Papierhändler. »Und wenn ich jetzt nicht weiter mehr von Nutzen sein kann, Mr. Tulkinghorn, glaube ich, da meine kleine Frau etwas in Angst sein wird...« »Ich danke Ihnen, Snagsby, wir brauchen Sie weiter nicht«, sagt Mr. Tulkinghorn. »Ich bin Ihnen sehr verpflichtet für Ihre Mühewaltung.« »Keine Ursache, Sir. Ich wünsche Ihnen gute Nacht.« »Sehen Sie, Mr. Snagsby«, Mr. Bucket begleitet den Stationer an die Tür und schüttelt ihm unentwegt die Hand, »was mir so an Ihnen gefällt, ist, daß Sie ein Mann sind, der sich nicht ausholen läßt.« »Wenigstens bemühe ich mich, so zu sein«, entgegnet Mr. Snagsby bescheiden. »Nein. Da unterschätzen Sie sich. Sie bemühen sich nicht erst, so zu sein«, sagt Mr. Bucket, schüttelt ihm die Hand und segnet ihn in seiner zärtlichsten Weise. »Sie sind von Natur so. Das schätze ich eben an einem Mann von Ihrem Beruf so sehr.« Mr. Snagsby gibt eine passende Antwort und geht heimwärts, so verwirrt von den Ereignissen des Abends, daß er nicht recht weiß, ob er wach ist oder an der Wirklichkeit der Straßen, durch die er geht, zweifeln soll, und sogar gewisse Bedenken hat, ob es wirklich der Mond ist, der da auf ihn herabscheint. Sehr bald verfliegen seine Zweifel angesichts der unleugbaren Wirklichkeit, denn Mrs. Snagsby ist auf dem Sofa, den Kopf in einem vollständigen Bienenkorb von Haarwickeln und die Nachtmütze darüber, wachgeblieben, hat Guster mit der Nachricht, ihr Gatte sei plötzlich verschwunden, nach der nächsten Polizeistation geschickt und die letzten zwei Stunden jedes Stadium Ohnmacht mit bemerkenswertem Anstand durchgemacht. Wie die kleine Frau gefühlvoll bemerkt, erntet sie einen »schönen Dank« dafür. 23. Kapitel Esthers Erzählung Nach sechs vergnüglich verlebten Wochen kehrten wir von Mr. Boythorn wieder nach Hause zurück. Wir waren oft im Park und im Walde gewesen und selten vor der Hütte des Parkhüters vorbeigegangen, ohne ein paar Worte mit seiner Frau zu sprechen; aber Lady Dedlock bekamen wir weiter nicht zu Gesicht, außer sonntags in der Kirche. Es waren Gäste in Chesney Wold, und obgleich viele schöne Gesichter sie umgaben, übte ihr Antlitz immer noch denselben Einfluß auf mich aus wie das erste Mal. Selbst jetzt weiß ich nicht recht, war der Einfluß peinlich oder angenehm für mich. Zog er mich zu ihr hin oder stieß er mich von ihr ab! Ich glaube, meine Bewunderung war mit einer gewissen Furcht gemischt, und ich weiß, daß in ihrer Anwesenheit meine Gedanken stets wie das erste Mal zu jener längst vergangnen Zeit meines Lebens zurückwanderten. An mehr als einem Sonntag schien es mir, ich könnte vielleicht auf Lady Dedlock ebenso wirken wie sie auf mich –, ich meine, daß ich ihren Gedankengang vielleicht ebenso störte, wie sie den meinen beeinflußte. Aber jedes Mal, wenn ich einen verstohlenen Blick auf sie warf und sie so ruhig und kühl und unnahbar dasitzen sah, fühlte ich, daß das eine törichte Einbildung war. Überhaupt merkte ich, daß mein ganzes Denken und Fühlen in bezug auf sie unvernünftig und haltlos war, und machte mir innerlich darüber manchen Vorwurf. Ein Vorfall, der sich ereignete, bevor wir Mr. Boythorn verließen, findet wohl am besten gleich hier Erwähnung. Ich ging mit Ada im Garten spazieren, als man mir meldete, jemand wünsche mich zu sprechen. Ich trat in das Frühstückszimmer, in das man die Person geführt hatte, und fand dort die französische Zofe, die an dem Tag des Gewitters die Schuhe ausgezogen hatte und durch das nasse Gras gegangen war. »Mademoiselle«, fing sie an und fixierte mich mit ihren scharfen Augen ein wenig zu sehr, als daß es sich mit ihrer sonst angenehmen Erscheinung und ihrem weder frechen noch kriecherischen Benehmen gut vertragen hätte. »Ich nehme mir eine große Freiheit, indem ich hierher komme, aber Sie werden es gewiß entschuldigen, da Sie so liebenswürdig sind, Mademoiselle.« »Sie brauchen sich durchaus nicht zu entschuldigen, wenn Sie mit mir zu sprechen wünschen«, sagte ich. »Ja, das wünsche ich. Tausend Dank für die freundliche Erlaubnis. Ich darf also sprechen. Nicht wahr?« sagte sie rasch und natürlich. »Gewiß.« »Mademoiselle, Sie sind so liebenswürdig! Hören Sie mich, bitte, an. Ich habe Myladys Dienst verlassen. Wir konnten nicht miteinander auskommen. Mylady trägt den Kopf hoch. Außerordentlich hoch. Pardon! Mademoiselle, Sie haben recht!« Ihre schnelle Auffassung erriet, was ich hatte sagen wollen. »Es ziemt sich nicht für mich, hierherzukommen und Klage über Mylady zu führen. Aber ich sage nur, sie trägt den Kopf hoch, außerordentlich hoch. Weiter sage ich kein Wort. Alle Welt weiß das.« »Bitte, fahren Sie fort!« »Sogleich, Mademoiselle. Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Höflichkeit. Mademoiselle, ich hätte den glühenden Wunsch, bei einer jungen Dame, die gebildet ist und schön ist, einen Dienst zu bekommen. Sie sind gut, gebildet und schön wie ein Engel. Ach, wenn ich die Ehre haben könnte, in Ihre Dienste treten zu dürfen!« »Es tut mir wirklich leid...« begann ich. »Weisen Sie mich nicht so rasch zurück, Mademoiselle«, sagte sie und zog unwillkürlich ihre schönen schwarzen Augenbrauen zusammen. »Lassen Sie mich wenigstens hoffen – nur einen Moment! Mademoiselle, ich weiß, die Stelle bei Ihnen würde stiller sein als die, die ich verlassen habe. Aber grade das hätte ich gerne. Ich weiß, diese Stelle würde weniger angesehen sein als meine vorige. Aber das wäre gerade mein Wunsch. Ich weiß, daß ich mich an Lohn schlechter stünde. Gut. Ich bin zufrieden.« »Ich versichere Ihnen«, sagte ich, schon von dem bloßen Gedanken, eine solche Gesellschafterin um mich zu haben, ganz verwirrt, »daß ich überhaupt keine Kammerfrau halte und...« »Ach Mademoiselle, warum nicht? Warum nicht, wenn Sie jemand haben können, der Ihnen anhänglich ist, der Ihnen mit Freuden dienen würde, treu, eifrig und verläßlich! Mademoiselle, ich möchte bei Ihnen wirklich von Herzen gern dienen. Reden Sie jetzt nicht von Geld. Nehmen Sie mich, so, wie ich vor Ihnen stehe. Umsonst.« Sie war so merkwürdig ernst, daß ich einen Schritt zurücktat, denn ich fürchtete mich fast vor ihr. Ohne es in ihrem Eifer zu merken, drängte sie sich mir immer noch auf und sprach mit rascher, unterdrückter Stimme, aber immer mit einer gewissen Anmut und voll Anstand. »Mademoiselle, ich bin aus dem Süden, wo man schnell entschlossen ist und liebt oder haßt. Mylady trug den Kopf zu hoch für mich, und ich tat es auch. Es ist geschehen. Vorbei. Aus. Nehmen Sie mich als Ihre Zofe an, und ich will Ihnen gut dienen. Ich will mehr für Sie tun, als Sie sich jetzt vorstellen können. Gut! Mademoiselle, verlassen Sie sich darauf! Ich sage Ihnen, ich werde mein Allermöglichstes in allem und jedem tun! Wenn Sie meine Dienste annehmen, werden Sie es nicht bereuen. Mademoiselle, Sie werden es nicht bereuen, und ich werde Ihnen nützlich sein. Sie wissen nicht, wie nützlich.« In ihrem Gesicht drückte sich eine drohende Energie aus, während ich ihr auseinandersetzte, daß es mir rein unmöglich sei, sie in meine Dienste zu nehmen. Ihr Anblick erinnerte mich an das Bild eines Weibes in den Straßen von Paris während der Schreckenszeit. Sie hörte mich ohne Unterbrechung an und sagte dann mit ihrem hübschen Akzent und mit ihrer sanftesten Stimme: »Nun gut, Mademoiselle, ich habe meine Antwort! Es tut mir leid. Ich muß also anderswo suchen, was ich hier nicht gefunden habe. Würden Sie mir gütigst erlauben, Ihnen die Hand zu küssen?« Sie sah mich noch aufmerksamer an, als sie meine Hand nahm, und schien sich einen Augenblick jede Ader genau merken zu wollen. »Ich fürchte, Sie haben sich über mich gewundert an jenem Gewittertag, Mademoiselle?« sagte sie und verbeugte sich zum Abschied noch einmal. Ich gab zu, daß wir uns alle gewundert hätten. »Ich habe ein Gelübde getan, Mademoiselle«, sagte sie lächelnd, »und wollte es meinem Gedächtnis einprägen, damit ich es getreulich erfülle. Und das werde ich auch. Adieu, Mademoiselle!« So endete unsere Unterredung, und, wie ich gestehen muß, zu meiner großen Erleichterung. Sie reiste wahrscheinlich ab, denn ich bekam sie nicht mehr zu Gesicht. Und nichts störte weiter unsre stillen Sommervergnügungen, bis sechs Wochen verstrichen waren und wir nach Hause zurückkehrten. Damals und viele Wochen nachher noch besuchte uns Richard sehr häufig. Außer, daß er jeden Samstag kam und bis Montag bei uns blieb, ritt er oft unerwartet herüber, brachte den Abend bei uns zu und ritt am nächsten Morgen früh wieder zurück. Er war so lebhaft wie immer und erzählte uns, daß er sehr fleißig sei. Aber trotzdem war ich innerlich nicht ohne Besorgnis. Es schien mir, als ob er in einer falschen Richtung tätig sei. Ich konnte nicht entdecken, daß sein Fleiß zu etwas anderm führte als zur Erweckung trügerischer Hoffnungen hinsichtlich des Prozesses, der schon die verderbliche Ursache so vieler Schmerzen und Leiden geworden war. Er sei jetzt in den Kern des Geheimnisses eingedrungen, sagte er uns, und nichts könne klarer sein, als daß das Testament, nach dem er und Ada, ich weiß nicht, wie viele tausend Pfund, erben sollten, endlich anerkannt werden müßte, wenn der Kanzleigerichtshof nur einen Funken Verstand oder Gerechtigkeit besäße, und daß dieser glückliche Abschluß nicht mehr lange auf sich warten lassen könne. Das bewies er sich durch all die ermüdenden Argumente, die er gelesen hatte, und jedes derselben stürzte ihn nur noch tiefer in seine Verblendung. Er hatte sogar angefangen, die Gerichtssitzungen regelmäßig zu besuchen. Er erzählte uns, daß er täglich Miß Flite dort sähe, daß sie sich miteinander unterhielten und er ihr kleine Gefälligkeiten erweise und sie von ganzem Herzen bemitleide, wenn er auch innerlich über sie lächeln müsse. Er dachte keinen Augenblick daran, der arme, liebe, sanguinische Richard, damals so vielen Glückes fähig und mit einer so viel bessern Zukunft vor sich, welch verhängnisvolle Kette sich zwischen seiner frischen Jugend und ihrem welken Alter schlang, zwischen seinen hohen Hoffnungen und ihren in Käfigen hintrauernden Vögeln und ihrem ärmlichen Dachstübchen und ihrem irren Geist. Ada liebte ihn zu sehr, um ihm in irgend etwas, was er sagte oder tat, zu mißtrauen, und mein Vormund klagte zwar häufig über Ostwind und las mehr als gewöhnlich im Brummstübchen, beobachtete aber sonst strengstes Stillschweigen über dieses Thema. Als ich daher eines Tages Caddy Jellyby auf ihre Bitte einen Besuch in London machte, kam ich auf den Einfall, mich von Richard im Landkutschenbureau abholen zu lassen, um mit ihm ein wenig über seine Angelegenheiten zu plaudern. Ich fand ihn bei meiner Ankunft dort, und wir gingen Arm in Arm fort. »Nun, Richard«, sagte ich, sobald ich anfangen konnte, mit ihm ernst zu sprechen, »arbeiten Sie sich jetzt ein?« »O ja, liebe Esther«, entgegnete Richard. »So ziemlich.« »Ich meine, haben Sie ordentlich Wurzel gefaßt?« »Wie meinen Sie das, Wurzel gefaßt?« fragte er mit seinem heitern Lachen. »In der Jurisprudenz Wurzel gefaßt.« »O ja. Es macht sich.« »Das haben Sie schon vorhin gesagt, lieber Richard.« »Und Sie halten es für keine ausreichende Antwort, wie? Nun, da haben Sie vielleicht recht. Wurzel gefaßt? Sie meinen, ob ich mit ganzem Herzen bei der Sache bin?« »Ja.« »Nun, nein. Das kann ich nicht gerade behaupten, weil man nicht ordentlich anfangen kann, solange sich die Angelegenheit in einem so unklaren Stadium befindet. Wenn ich sage Angelegenheit, so meine ich natürlich damit – das verbotene Thema.« »Glauben Sie wirklich, der Prozeß könne jemals aus dem unklaren Stadium herauskommen?« »Daran ist doch kein Zweifel.« Wir gingen eine Weile stumm nebeneinander her; dann redete mich Richard in seiner offenherzigsten Weise an: »Meine liebe Esther, ich verstehe Sie ganz gut und wünschte bei Gott, ich wäre ein beständigerer Mensch. Ich meine nicht beständig in bezug auf Ada, denn ich liebe sie aufs innigste – mehr und mehr von Tag zu Tag –, aber beständiger in bezug auf mich selbst. Vielleicht drücke ich mich nicht richtig aus, aber Sie werden mich schon verstehen. Wenn ich ein beständigerer Mensch wäre, hätte ich entweder bei Badger oder bei Kenge \& Carboy festgehalten wie der grimme Tod und wäre jetzt solid und gesetzt geworden und hätte keine Schulden und...« »Haben Sie Schulden, Richard?« »Ja. Ein paar, liebe Esther. Auch habe ich mir etwas zu sehr das Billardspielen angewöhnt und ähnliches. Jetzt ist's draußen. Sie verabscheuen mich, Esther, nicht wahr?« »Sie wissen, daß dies nicht der Fall ist«, sagte ich. »Sie sind nachsichtiger gegen mich, als ich es oft selbst bin. Liebe Esther, ich bin ein armer Hund, daß ich nicht zur Ruhe kommen kann. Aber wie kann ich es denn? Wenn Sie in einem unvollendeten Hause wohnen müßten, würden Sie darin nicht zur Ruhe kommen können, und wenn Sie verurteilt wären, alles, was Sie anfingen, halbfertig liegen lassen zu müssen, wären Sie auch nicht imstande, sich einer Sache ernstlich zu widmen. Ich bin in diesen endlosen Rechtsstreit mit all seinen wechselnden Chancen hineingeboren worden, und er hat mich aus dem Gleichgewicht zu bringen begonnen, ehe ich noch recht wußte, was ein Prozeß ist. Er hat mich seitdem nie mehr recht wieder ins Geleise kommen lassen. Hier stehe ich nun manchmal, von der Überzeugung durchdrungen, daß ich gar nicht wert bin, meine vertrauensvolle Kusine Ada zu lieben.« Wir waren an einer menschenleeren Stelle angelangt, und er bedeckte die Augen mit seiner Hand und schluchzte. »Richard, nehmen Sie es sich nicht so zu Herzen! Sie haben eine vornehme Denkungsweise, und der Gedanke an Ada kann Sie jeden Tag ihrer würdiger machen.« »Ich weiß das, liebe Esther«, antwortete er und drückte mir den Arm. »Ich weiß das alles. Sie dürfen sich nicht wundern, daß ich jetzt ein bißchen weich bin, aber die Geschichte hat mir lange Zeit auf der Seele gelegen, und ich wollte oft mit Ihnen darüber sprechen, aber manchmal hat mir die Gelegenheit und oft der Mut dazu gefehlt. Ich weiß, daß der Gedanke an Ada mich ändern sollte, aber er tut es nicht. Ich bin zu unbeständig. Ich liebe sie auf das innigste, und dennoch handle ich jeden Tag und jede Stunde unrecht an ihr und an mir. Aber das kann nicht ewig dauern. Wir müssen endlich zu einem Schlußtermin kommen und zu einem Urteil zu unsern Gunsten. Und dann sollen Sie und Ada sehen, was ich in Wirklichkeit sein kann.« Es hatte mir einen Stich ins Herz gegeben, als ich ihn schluchzen hörte und die Tränen zwischen seinen Fingern durchdringen sah, aber es war mir unendlich weniger schmerzlich als die Hoffnungsfreude, mit der er die letzten Worte sprach. »Ich habe die Akten gründlich studiert, Esther, mich monatelang in sie vertieft«, fuhr er mit seiner alten Heiterkeit wieder fort, »und Sie können sich darauf verlassen, daß wir gewinnen müssen. Was langes Warten betrifft, hat es daran nicht gefehlt, Gott weiß. Um so wahrscheinlicher, daß die Sache rasch zu Ende geht. Sie steht sogar heute auf der Tagesordnung. Es wird zuletzt alles gut werden, und dann sollen Sie sehen.« Da ich ihn soeben Kenge \& Carboy in dieselbe Kategorie mit Mr. Badger hatte stellen hören, fragte ich ihn, wann er beabsichtige, sich in Lincoln's-Inn einschreiben zu lassen. »Das ist's ja eben! Ich denke gar nicht daran, Esther«, erwiderte er gezwungen. »Ich glaube, ich habe die Sache dick. Ich habe im Falle 'Jarndyce kontra Jarndyce' wie ein Galeerensklave gearbeitet und vorläufig meinen Durst nach Jurisprudenz gelöscht und mich überzeugt, daß ich mich nicht dafür eigne. Außerdem finde ich, daß es mich nur noch unruhiger macht, immerwährend auf dem Schauplatz der Handlung zu sein. Worauf richten sich nun naturgemäß meine Gedanken?« fuhr Richard fort, im Laufe seiner Rede wieder zuversichtlich geworden. »Ich kann es nicht erraten.« »Machen Sie kein so ernstes Gesicht! Es ist jedenfalls das Beste«, entgegnete Richard, »was ich tun kann, liebe Esther, das ist sicher. Ich brauche doch keinen Beruf im Leben zu haben, um versorgt zu sein. Der Prozeß muß endlich zu Ende gehen, und dann bin ich geborgen. Nein! Ich betrachte die Jurisprudenz als einen Beruf, der für mich nur vorübergehend ist und zu meiner zeitweiligen Lage, ich möchte sagen, vortrefflich paßt. Worauf richten sich nun naturgemäß meine Gedanken?« Ich sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Auf was sonst«, sagte Richard im Tone tiefster Überzeugung, »als auf die Armee.« »Auf die Armee?« »Auf die Armee, natürlich. Ich brauche mir nur ein Patent zu verschaffen, und fertig.« Und dann bewies er mir durch ausführliche Berechnungen in seinem Notizbuch, daß – vorausgesetzt, er habe zweihundert Pfund Schulden in sechs Monaten gemacht, noch vor seinem Eintritt in die Armee, und als Offizier in einem entsprechenden Zeitraum gar keine weitern – denn dazu sei er fest entschlossen –, daß diese veränderte Lebensweise eine Ersparnis von vierhundert Pfund jährlich oder zweitausend Pfund in fünf Jahren bewirken müsse, was schon eine recht beträchtliche Summe sei. Und dann sprach er so offen und aufrichtig von dem Opfer, das er bringen wolle, indem er sich eine Zeitlang von Ada fernhalte, und von dem Ernst, der ihn jetzt erfülle, ihre Liebe zu vergelten, sie glücklich zu machen und alle seine Fehler abzulegen und ein Mann von Energie und Festigkeit zu werden, daß mir wirklich das Herz weh tat. Ich dachte bei mir, wie würde und könnte das alles enden, wo alle seine hohen Eigenschaften so bald und so sicher von dem Gifthauch getroffen werden mußten, der alles, was er berührte, zugrunde richtete. Ich sprach mit Richard mit dem ganzen Ernst, der mich erfüllte, und bat ihn um Adas willen, nicht seine Hoffnung auf den Kanzleigerichtsprozeß zu setzen. Allem, was ich sagte; stimmte Richard bereitwillig bei. Nur über den Gerichtshof und was damit zusammenhing ging er leicht hinweg und entwarf die glänzendsten Schilderungen von dem Beruf, dem er sich widmen wollte, wenn der böse Prozeß einmal aufgehört haben würde, seine Gedanken gefangen zu halten. Wir hatten ein langes Gespräch, aber im Wesen drehte es sich immer wieder um denselben Punkt. Endlich erreichten wir Soho-Square, welchen Platz Caddy Jellyby als einen stillen Ort in der Nähe von Newmanstreet zum Stelldichein bestimmt hatte. Caddy ging in dem Park in der Mitte des Platzes spazieren und eilte uns entgegen, sobald sie uns erblickte. Nach einigen fröhlichen Worten ließ uns Richard allein. »Prince hat in der Nähe Unterricht zu geben, Esther«, sagte Caddy, »und hat sich den Gartenschlüssel für uns geben lassen. Wenn du daher mit mir hier spazieren gehen willst, können wir uns einschließen, und ich kann dir in Ruhe erzählen, weshalb ich dein liebes gutes Gesicht so bald wieder zu sehen wünschte.« »Sehr gut, liebe Caddy«, sagte ich. »Das ist ein prächtiger Einfall.« Caddy verschloß, nachdem sie das »liebe gute Gesicht«, wie sie es nannte, liebreich geküßt hatte, das Gitter, nahm meinen Arm, und wir gingen gemütlich im Garten spazieren. »Du mußt wissen, Esther«, begann Caddy, die immer eine Vorliebe für Vertraulichkeit hatte, »als du mir sagtest, es sei Unrecht, ohne Ma's Wissen zu heiraten oder sie über unser Verlöbnis in Unwissenheit zu lassen – wenn ich auch nicht annehme, daß sie sich viel um mich kümmert –, glaubte ich deine Äußerung Prince mitteilen zu müssen. Erstens, weil ich aus allem, was du mir sagst, profitieren möchte, und zweitens, weil ich keine Geheimnisse vor Prince habe.« »Ich hoffe, er hat mir beigestimmt, Caddy.« »Und wie! Ich versichere dir, er würde dir in allem und jedem beistimmen. Du hast keine Idee, welch hohe Meinung er von dir hat.« »Wirklich?« »Esther, jede andere als mich würde es eifersüchtig machen«, lachte Caddy und schüttelte den Kopf. »Aber ich freue mich nur darüber, denn du bist meine erste Freundin und die beste, ich jemals haben werde. Und niemand kann dich genug achten und lieben, wenn er mir gefallen will.« »Mein Wort, Caddy«, sagte ich, »ihr habt euch wohl alle zusammen verschworen, mich eingebildet zu machen? Nun, was wolltest du sagen?« »Wir sprachen also ausführlich darüber, und ich sagte zu Prince: 'Prince, da Miß Summerson...'« »Ich hoffe doch nicht Miß Summerson?« »Nein, allerdings nicht!« rief Caddy fröhlich. »Ich sagte: Esther. Ich sagte zu Prince: Da Esther entschieden dieser Meinung ist, Prince, und sie gegen mich ausgesprochen hat und stets darauf anspielt in den freundlichen Briefchen, die du dir so gern von mir vorlesen läßt, so bin ich bereit, Mama alles zu gestehen, sobald du die Zeit für geeignet hältst. Und ich glaube, Prince, daß Esther der Meinung ist, ich stünde besser und ehrenhafter da, wenn du es zugleich deinem Papa sagtest.« »Ja, liebe Caddy«, rief ich. »Esther ist ganz gewiß dieser Ansicht.« »So hatte ich also recht! Siehst du! Nun also! Das beunruhigte Prince sehr. Nicht, daß er im mindesten andrer Meinung gewesen wäre, sondern weil er soviel Rücksicht auf die Gefühle seines Vaters nimmt und befürchtet, dem alten Mr. Turveydrop würde das Herz brechen oder er könnte in Ohnmacht fallen oder die Sache könnte ihn in irgendeiner andern Art überwältigen. Er fürchtete, der alte Mr. Turveydrop würde es als Pflichtvergessenheit auffassen und eine große seelische Erschütterung davontragen. Du mußt nämlich wissen, Esther, Mr. Turveydrop ist bei seinem hervorragenden Anstand ungemein sensitiv.« »Wirklich, liebe Caddy?« »O, außerordentlich sensitiv. Prince sagt es immer. Nur das war die Ursache, daß mein liebes Kind...« Caddy entschuldigte sich, über und über errötend, »...ich nenne gewöhnlich Prince mein liebes Kind.« Ich lachte; und Caddy lachte und wurde rot und fuhr fort: »Dies hat ihn veranlaßt, Esther.« »Wen veranlaßt, meine Liebe?« »O du Boshafte!« Caddys hübsches Gesicht wurde feuerrot. »Mein liebes Kind, also, wenn du darauf bestehst... Das hat ihm wochenlang Sorge gemacht und ihn veranlaßt, es von Tag zu Tag hinauszuschieben. Endlich sagte er zu mir: Caddy, wenn Miß Summerson, auf die mein Vater große Stücke hält, sich bewegen ließe, mit dabei zu sein, wenn ich es ihm entdecke, glaube ich, könnte ich es tun. So versprach ich ihm denn, dich zu fragen. Ich möchte außerdem«, sagte Caddy und sah mich voll Hoffnung, aber furchtsam an, »wenn es dir recht wäre, später mit dir zu Mama gehen. Das meinte ich, als ich in meinem Brief schrieb, ich wollte dich um eine große Gunst und um deinen Beistand bitten. Und wenn du glaubst, du könntest mir meinen Wunsch erfüllen, Esther, würden wir beide dir von Herzen dankbar sein.« »Wir werden sehen, Caddy«, sagte ich und tat, als ob ich überlegte. »Ich glaube wirklich, wenn es drauf ankäme, könnte ich Schwereres als das vollbringen. Ich stehe dir und dem lieben Kind natürlich gern zur Verfügung, liebe Caddy.« Caddy war ganz entzückt, empfand sie doch jeden kleinen Freundschaftsdienst so tief wie wohl je ein zärtliches Herz, das auf dieser Erde geschlagen hat. Und nachdem wir noch ein paar Mal im Garten auf und ab gewandelt waren, zog sie sich ein Paar funkelnagelneue Handschuhe an, wie sie sich denn überhaupt nach Möglichkeit herausgeputzt hatte, um dem Meister des Anstands keine Schande zu machen, und wir gingen geradenwegs nach Newmanstreet. Prince gab natürlich Unterricht. Er beschäftigte sich gerade mit einer nicht sehr hoffnungsvollen Schülerin – einem bornierten kleinen Mädchen mit trotzigen Stirnfalten, einer tiefen Stimme und einer seelenlosen unzufriedenen Mama; und die Sache wurde durch die Verwirrung, in die wir Prince versetzten, keineswegs aussichtsvoller. Die Unterrichtsstunde nahm einen so unharmonischen Verlauf wie möglich, ging aber endlich zu Ende, und als das kleine Mädchen seine Schuhe gewechselt und den Feuerglanz ihres weißen Musselinkleides in vielen Shawls gelöscht hatte, nahm seine Mama es mit sich fort. Nach ein paar vorbereitenden Worten suchten wir Mr. Turveydrop auf und fanden ihn, Hut und Handschuhe um sich gruppiert, als ein Musterbild des Anstandes auf dem Sofa in seinem Privatzimmer sitzen, dem einzigen wirklich behaglichen Raum im ganzen Hause. Er schien sich zwischen den Mahlzeiten in aller Muße angekleidet zu haben. Sein Toilettekasten, seine Bürsten und andere Utensilien, alles von elegantester Form, lagen herum. »Vater: Miß Summerson – Miß Jellyby.« »Entzückend! Bezaubernd!« rief Mr. Turveydrop und erhob sich mit seiner hochschultrigen Verbeugung. »Darf ich bitten!...« Er schob uns Stühle hin. »Bitte, Platz zu nehmen!« Er küßte die Fingerspitzen seiner linken Hand. »Ich bin außer mir vor Entzücken!« Er verdrehte und schloß die Augen. »Meine kleine Einsiedelei wird zu einem Paradies!« Wieder gruppierte er sich auf dem Sofa wie der ersten Gentleman nach dem König. »Abermals finden Sie uns, Miß Summerson«, säuselte er, »beschäftigt mit unsern kleinen Künsten: Politur, Politur! Abermals spornt uns das schöne Geschlecht an und belohnt uns durch seine liebenswürdige Gegenwart. Es bedeutet schon sehr viel in diesen Zeiten – und wie sehr sind wir seit den Tagen Seiner Königlichen Hoheit des Prinzregenten, meines Gönners, wenn ich so sagen darf, entartet –, zu sehen, daß der Anstand nicht ganz von Handwerkern mit Füßen getreten wird und daß noch das Lächeln der Schönheit auf ihn herabglänzt, gnädiges Fräulein.« Ich konnte keine passende Antwort finden, und er nahm noch eine Prise. »Lieber Sohn«, wendete er sich zu Prince, »du hast heute nachmittag vier Stunden zu geben. Ich würde dir raten, schnell ein paar Sandwichs zu essen.« »Ich danke dir, Vater«, antwortete Prince, »ich werde pünktlich sein. Lieber Vater, darf ich dich bitten, dich auf das gefaßt zu machen, was ich dir zu sagen habe?« »Gütiger Himmel!« rief das Anstandsmusterbild aus, blaß und erschrocken, als Prince und Caddy Hand in Hand vor ihm niederknieten. »Was bedeutet das? Ist das Verrücktheit? Oder was sonst?« »Vater«, begann Prince mit großer Unterwürfigkeit, »ich liebe diese junge Dame, und wir sind verlobt.« »Verlobt!« rief Mr. Turveydrop, lehnte sich in das Sofa zurück und verhüllte sich das Gesicht mit der Hand. »Ein Pfeil in mein Hirn geschleudert von meinem eignen Kinde!« »Wir sind schon seit einiger Zeit verlobt, Vater«, stammelte Prince. »Und Miß Summerson, die davon hörte, riet uns, dir die Sache mitzuteilen, und war so außerordentlich liebenswürdig, uns heute hierher zu begleiten. Miß Jellyby ist eine junge Dame, die dich im höchsten Grade schätzt, Vater!« Mr. Turveydrop ließ ein Stöhnen hören. »Nicht, Vater, nicht«, flehte der Sohn. »Miß Jellyby schätzt dich außerordentlich hoch, und unser heißester Wunsch ist, dir jede mögliche Bequemlichkeit zu schaffen.« Mr. Turveydrop seufzte laut. »Nicht, bitte nicht, Vater«, flehte Prince wieder. »Mein Junge«, ächzte Mr. Turveydrop, »es ist gut, daß deiner seligen Mutter dieser Schlag erspart blieb. Stoß zu und schone mich nicht. Triff mich ins Herz, mein Sohn, triff mich ins Herz!« »Ich bitte dich, Vater, sprich nicht so!« jammerte Prince unter Tränen. »Es zerreißt mir das Herz. Ich versichere dir, Vater, unser heißester Wunsch ist, dir jede Bequemlichkeit zu schaffen. Caroline und ich kennen unsre Pflicht. Was für mich Pflicht ist, ist es auch für Caroline, wie wir oft miteinander besprochen haben. Und mit deiner Bewilligung und Zustimmung, Vater, wollen wir alles tun, um dir das Leben so angenehm wie möglich zu machen.« »Triff mich ins Herz«, murmelte Mr. Turveydrop. »Triff mich ins Herz!« – Aber er schien auch zu horchen, wie mir vorkam. – »Lieber Vater, wir wissen recht gut, daß du an mancherlei kleine Bequemlichkeiten gewöhnt bist und Anspruch darauf hast, und es wird unsre größte Sorge und unser Stolz sein, in erster Linie dafür zu sorgen. Wenn du uns mit deiner Einwilligung und Zustimmung glücklich machen willst, Vater, wollen wir gar nicht eher heiraten, als bis es dir paßt, und wenn wir einmal verheiratet sind, werden wir natürlich an dich in erster Reihe denken. Du mußt hier immer das Oberhaupt bleiben, Vater, und wir fühlen, wie widernatürlich es wäre, wenn wir anders dächten oder wenn es uns nicht gelingen sollte, dir in jeder Hinsicht das Leben angenehm zu gestalten.« Mr. Turveydrop kämpfte einen schweren innerlichen Kampf durch und saß jetzt wieder im Sofa aufrecht, die dicken Backen über die steife Halsbinde hängend; ein vollendetes Muster väterlichen Anstandes. »Mein Sohn«, sagte er, »meine Kinder! Ich kann euern Bitten nicht widerstehen. Seid glücklich!« Sein gütiges Wohlwollen, mit dem er seine künftige Schwiegertochter emporhob, seinem Sohn die Hand reichte und Caddy küßte, wirkte geradezu verwirrend auf mich. »Meine Kinder!« – Mr. Turveydrop schlang väterlich den linken Arm um Caddy, die neben ihm saß, und stemmte die rechte Hand graziös in die Hüfte. – »Mein Sohn und meine Tochter! Euer Glück wird mir beständig am Herzen liegen. Ich will über euch wachen. Ihr sollt immer bei mir wohnen«, – damit meinte er natürlich, er wolle stets bei ihnen wohnen – »dieses Haus ist von jetzt an das eure so gut wie das meine. Betrachtet es als euer eignes Heim. Möget ihr lange leben, es mit mir zu teilen.« Die Macht seiner Allüren war so groß, daß Caddy und Prince ganz von Dankbarkeit überwältigt waren, als ob er ihnen ein unermeßliches Opfer gebracht hätte, während er sich doch in Wirklichkeit nur für den Rest seines Lebens bei ihnen einquartierte. »Was mich betrifft, meine Kinder, so naht für mich des Lebens gelber Herbst, und unmöglich ist es, zu sagen, wie lange die letzten schwachen Spuren ritterlichen Anstandes diesem Zeitalter der Weberei und Spinnerei erhalten bleiben. Aber solange das noch der Fall ist, will ich meine Pflicht gegen die Gesellschaft erfüllen und mich wie gewöhnlich in der Stadt zeigen. Ich habe nur wenige und einfache Bedürfnisse. Mein kleines Appartement, meine paar Toilettebedürfnisse, ein frugales Frühstück und ein einfaches Diner genügen. Ich überlasse es eurer Kindesliebe, für diese Bedürfnisse zu sorgen, und komme für alle übrigen auf.« Prince und Caddy waren abermals von seiner Hochherzigkeit überwältigt. »Mein Sohn, was die kleinen Einzelheiten betrifft, die dir mangeln, Einzelheiten in Allüren, die den Menschen angeboren sind und sich wohl ausbilden, aber nie erschaffen lassen, kannst du stets auf mich bauen. Ich habe seit den Tagen seiner Königlichen Hoheit des Prinzregenten getreulich auf meinem Posten ausgeharrt und werde ihn auch jetzt nicht verlassen. Nein, mein Sohn! Wenn du jemals deines Vaters bescheidne Stellung mit einem Gefühl des Stolzes betrachtet hast, so kannst du dich auch jetzt darauf verlassen, daß er nie etwas tun wird, was sie beflecken könnte. Was dich selbst betrifft, Prince, so ist dein Charakter anders geartet. Wir können nicht alle gleich sein, noch wäre das auch wünschenswert, und du mußt arbeiten, fleißig sein, Geld verdienen und deinen Kundenkreis so sehr vergrößern wie nur möglich.« »Darauf kannst du dich verlassen, lieber Vater. Ich will es mit ganzem Herzen tun«, beteuerte Prince. »Ich zweifle nicht daran. Deine Eigenschaften sind nicht glänzend, lieber Sohn, aber solid und nützlich. Und euch beiden, liebe Kinder, möchte ich nur im Geiste meiner seligen Gattin, auf deren Lebenspfad ich das Glück hatte, glaube ich, wenigstens einige Lichtstrahlen zu werfen, euch möchte ich zurufen: Sorget für das Etablissement, sorgt für meine einfachen Bedürfnisse, und Gott sei mit euch!« Mr. Turveydrop wurde aus Anlaß des feierlichen Augenblicks dann wieder so galant, daß ich Caddy sagte, wir müßten wirklich auf der Stelle nach Thavies-Inn gehen, wenn wir überhaupt heute noch hinkommen wollten. So entfernten wir uns denn nach einem sehr zärtlichen Abschied Caddys von ihrem Bräutigam, und sie war auf dem Nachhauseweg so glücklich und so voll des Lobes über den alten Mr. Turveydrop, daß ich um keinen Preis ein Wort des Tadels über ihn über die Lippen gebracht hätte. In den Fenstern des Hauses in Thavies-Inn hingen Vermietungsanzeigen, und es sah schmutziger, düsterer und unheimlicher aus als je. Der Name des armen Mr. Jellyby hatte erst vor ein paar Tagen in der Konkursliste gestanden, und er hatte sich im Speisezimmer mit zwei Herren und einem Haufen von blauen Dokumentenbeuteln, Rechnungsbüchern und Papieren eingeschlossen und machte die verzweifeltsten Anstrengungen, Einsicht in seine Angelegenheiten zu gewinnen. Sie schienen sich ganz und gar seinem Verständnis zu entziehen, denn als Caddy mich irrtümlich in das Speisezimmer führte und wir ihn dort, die Brille auf der Nase, hoffnungslos in einer Ecke neben dem großen Eßtisch von zwei Herrn blockiert fanden, schien er alles aufgegeben zu haben und sprach- und gefühllos geworden zu sein. Als wir die Treppe hinauf zu Mrs. Jellybys Zimmer gingen – die Kinder kreischten unisono in der Küche, und kein Dienstbote ließ sich sehen –, trafen wir sie mit einer umfangreichen Korrespondenz beschäftigt. Sie öffnete, las und sortierte Briefe, und ganze Haufen zerrissener Kuverts bedeckten den Boden. Sie war so davon in Anspruch genommen, daß sie mich anfangs nicht gleich erkannte, obgleich sie mich mit ihrem sonderbaren in die Ferne gerichteten Blick ihrer hellen Augen lange ansah. »Ah, Miß Summerson«, sagte sie endlich. »Ich dachte gerade an etwas anderes. Ich hoffe, Sie befinden sich wohl. Es freut mich, Sie zu sehen. Mr. Jarndyce und Miß Clare befinden sich doch ebenfalls wohl?« Ich bejahte und erkundigte mich nach Mr. Jellybys Befinden. »Nun, es geht ihm nicht allzu gut«, gab Mrs. Jellyby mit Seelenruhe zur Antwort. »Er hat Unglück im Geschäft gehabt und ist etwas niedergeschlagen. Glücklicherweise bin ich selbst so beschäftigt, daß ich keine Zeit habe, darüber nachzudenken. Wir haben gegenwärtig ungefähr hundertsiebzig Familien, Miß Summerson, jede ungefähr fünf Köpfe stark, die entweder gerade im Begriffe sind, nach dem linken Nigerufer abzureisen, oder bereits abgereist sind.« Ich mußte an die arme Familie in unsrer unmittelbarsten Nähe denken, die weder am linken Nigerufer war noch dorthin reisen konnte, und begriff nicht, wie Mrs. Jellyby so ruhig sein konnte. »Sie haben Caddy mitgebracht, wie ich sehe«, bemerkte sie mit einem Blick auf ihre Tochter. »Sie ist eine wahre Seltenheit bei uns geworden. Sie hat mich wirklich gänzlich im Stich gelassen und tatsächlich genötigt, einen Jungen anzustellen.« »Ich weiß, Ma...« begann Caddy. »Du weißt doch, Caddy«, unterbrach sie die Mutter mild, »daß ich einen Jungen angestellt habe und daß er jetzt nur zu Tisch gegangen ist. Was für einen Zweck hat es da, zu widersprechen!« »Ich wollte doch gar nicht widersprechen, Ma. Ich wollte nur sagen, daß du doch nicht verlangen kannst, ich solle mein ganzes Leben lang der Packesel bleiben.« »Ich sollte doch denken, meine Liebe«, sagte Mrs. Jellyby und fuhr dabei fort, ihre Briefe zu öffnen und sie mit lächelndem Gesicht zu überfliegen und zu sortieren, »du hättest in deiner Mutter ein Vorbild von Geschäftseifer vor dir. Übrigens: Ein bloßer Packesel? Wenn du die geringste Sympathie für die Bestimmung des Menschengeschlechts hättest, würdest du hoch über einem solchen Gedanken stehen. Aber die fehlt dir eben. Ich habe es dir oft gesagt, Caddy, du hast keine solche Sympathie.« »Nein, für Afrika nicht, Ma, gewiß nicht.« »Natürlich nicht. Sehen Sie, Miß Summerson, wenn ich nicht glücklicherweise so beschäftigt wäre«, Mrs. Jellyby sah mich einen Augenblick sanft an und überlegte dabei, wohin sie einen eben erbrochenen Brief legen solle, »würde mich das wieder sehr schmerzen und enttäuschen. Aber ich habe in der Angelegenheit mit Borriobula-Gha so den Kopf voll und muß mich so darauf konzentrieren, daß ich nicht darunter leide.« Da Caddy mir einen bittenden Blick zuwarf und Mrs. Jellyby gerade durch meinen Hut und meinen Kopf hindurch weit nach Afrika hineinblickte, hielt ich es für eine günstige Gelegenheit, auf den Zweck meines Besuchs zu sprechen zu kommen und Mrs. Jellybys Aufmerksamkeit darauf zu lenken. »Vielleicht werden Sie sich fragen«, begann ich, »was mich hierher geführt und veranlaßt hat, Sie zu stören.« »Es freut mich stets, Sie zu sehen, Miß Summerson«, versicherte mir Mrs. Jellyby und nahm ihre Beschäftigung mit gewinnendem Lächeln wieder auf, »obgleich ich wünschte, Sie interessierten sich ein wenig mehr für das Borriobulaprojekt.« Sie schüttelte mißbilligend den Kopf. »Ich bin also mit Caddy hergekommen«, fing ich wieder an, »weil sie der gewiß richtigen Meinung ist, sie dürfe kein Geheimnis vor ihrer Mutter haben, und sich einbildet, sie würde mehr Mut haben, wenn ich ihr behilflich wäre.« »Caddy«, sagte Mrs. Jellyby, hielt einen Augenblick in ihrer Beschäftigung inne und setzte sie dann kopfschüttelnd, aber in heiterer Ruhe fort. »Du willst mir gewiß irgendeinen Unsinn mitteilen?« Caddy knüpfte ihr Hutband auf, nahm den Hut ab, ließ ihn an dem Bande auf den Fußboden herunterbaumeln, schluchzte laut und sagte: »Ma, ich bin verlobt!« »O du törichtes Kind«, erwiderte Mrs. Jellyby mit zerstreuter Miene und überflog dabei ein Telegramm. »Was für eine Gans du doch bist!« »Ich bin verlobt, Ma«, schluchzte Caddy, »mit dem jungen Mr. Turveydrop von der Tanzakademie, und der alte Mr. Turveydrop – er ist ein hervorragender Gentleman, ich versichere dir – hat seine Einwilligung gegeben, und ich bitte und flehe dich an, gib mir auch die deine, Ma. Denn sonst könnte ich nie glücklich sein. Wirklich nie, nie«, schluchzte Caddy, die alle ihre früheren Leiden ganz und gar vergaß und sich nur ihrem guten Herzen überließ. »Da sehen Sie wieder, Miß Summerson«, bemerkte Mrs. Jellyby voller Seelenruhe, »welches Glück, daß ich so beschäftigt bin und meine Gedanken auf eine einzige Sache konzentrieren muß. Da verlobt sich Caddy mit dem Sohn eines Tanzmeisters, verkehrt mit Leuten, die nicht mehr Sympathien für die Geschicke des Menschengeschlechts haben als sie selbst! Und noch dazu, wo Mr. Gusher, einer der ersten Philantropen unsrer Zeit, mir angedeutet hat, daß er ernstlich geneigt sei, sich für sie zu interessieren.« »Ma, ich habe Mr. Gusher von jeher gehaßt und verabscheut«, schluchzte Caddy. »Caddy, Caddy!« Mrs. Jellyby öffnete mit der größten Gemütsruhe wieder einen Brief. »Ich zweifle daran nicht. Wie könnte es auch anders sein, da dir die Neigungen, von denen er überfließt, gänzlich abgehen. Ich wiederhole, Miß Summerson, diese kleinlichen Einzelheiten würden mich tief bekümmern, wenn meine öffentlichen Pflichten nicht mein Lieblingskind wären und mich in umfassendster Weise in Anspruch nähmen. Aber kann ich die Folgen eines törichten Streichs von Seiten Caddys, von der ich übrigens nichts andres erwarten durfte, wie einen Nebel zwischen mich und den großen afrikanischen Kontinent treten lassen? Nein, nein!« wiederholte Mrs. Jellyby mit ruhiger klarer Stimme und lächelte liebenswürdig, Briefe aufbrechend und sortierend. »Nein, wahrhaftig nicht!« Ich war so wenig gefaßt auf eine so außerordentlich kaltblütige Aufnahme der Angelegenheit, obgleich ich es mir hätte denken können, daß ich keine Worte fand. Caddy schien es ebenso zu gehen. Mrs. Jellyby fuhr fort, Briefe zu öffnen und zu sortieren, und wiederholte in freundlichem Ton und mit dem ruhigsten Lächeln von der Welt von Zeit zu Zeit: »Nein, wahrhaftig nicht!« »Ich hoffe, Ma«, schluchzte endlich die arme Caddy, »du bist nicht böse auf mich?« »Ach Caddy, du bist wirklich abgeschmackt, daß du noch so fragen kannst, wo du doch eben von mir gehört hast, wie sehr ich anderweitig beschäftigt bin.« »Und ich hoffe, Ma, du gibst uns deine Zustimmung und deinen Segen.« »Du hast sehr töricht gehandelt, Kind, daß du einen solchen Schritt tatest, und bist aus der Art geschlagen, sonst hättest du dich dem allgemein menschlichen Interesse gewidmet. Aber der Schritt ist einmal geschehen, und ich habe einen Knaben aufgenommen und will kein Wort weiter darüber verlieren. Ich bitte dich, Caddy«, sagte Mrs. Jellyby, denn Caddy küßte sie, »störe mich nicht bei meiner Arbeit und laß mich diesen Stoß Briefe erledigen, ehe die Nachmittagspost kommt.« Ich konnte nichts Besseres tun als mich verabschieden, blieb aber noch einen Augenblick stehen, und Caddy sagte: »Du wirst doch nichts dagegen haben, daß ich ihn dir vorstelle, Ma?« »O Gott, o Gott, Caddy!« rief Mrs. Jellyby, die bereits wieder im Geiste in weiter Ferne weilte. »Fängst du schon wieder an? – Wen willst du vorstellen?« »Ihn, Ma.« »Caddy, Caddy!« sagte Mrs. Jellyby, solcher Nebensächlichkeiten sichtlich müde, »dann mußt du ihn an einem Abend mitbringen, an dem keine Sitzung des Haupt-, des Neben- oder des Abzweigungsvereins angesetzt ist. Du mußt den Besuch nach den Ansprüchen einrichten, die man an meine Zeit stellt. Meine liebe Miß Summerson, es war sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mit hierhergekommen sind, diesem albernen Gänschen herauszuhelfen. Leben Sie wohl! Wenn ich Ihnen sage, daß ich heute morgen achtundfünfzig Briefe von Fabrikarbeiterfamilien empfangen habe, die alle wünschen, die Einzelheiten der Eingeborenen- und Kaffeekulturfrage kennenzulernen, so muß ich Sie gewiß nicht erst um Verzeihung bitten, daß ich so wenig Zeit habe.« Caddy war sehr betrübt, als wir die Treppe hinabgingen, und fing an meiner Brust wieder zu schluchzen an. Scheltworte wären ihr lieber gewesen als eine so gleichgültige Behandlung, sagte sie und vertraute mir an, sie sei so arm an Ausstattung, daß sie noch gar nicht wüßte, wie sie jemals würde anständig getraut werden können. Ich konnte mich über all das natürlich nicht wundern, und es gelang mir, sie nach und nach zu trösten, indem ich von den vielen Dingen sprach, die sie für ihren armen Vater und für Peepy tun könnte, wenn sie erst einmal eine eigne Wirtschaft habe würde. Dann gingen wir hinunter in die feuchte dunkle Küche, wo Peepy mit seinen kleinen Brüdern und Schwestern auf dem Steinboden herumkrabbelte. Wir spielten so lustig mit ihnen, daß ich, um nicht ganz in Stücke gerissen zu werden, wieder zum Märchenerzählen meine Zuflucht nehmen mußte. Von Zeit zu Zeit hörte ich im Zimmer über uns laute Stimmen und heftiges Herumwerfen von Stühlen. Dies Geräusch ließ mich vermuten, daß der arme Mr. Jellyby jedes Mal vom Speisetisch aufsprang und zum Fenster rannte, mit der Absicht, sich hinauszustürzen, so oft er einen neuen Versuch machte, Einsicht in seine Angelegenheiten zu gewinnen. Als ich nach des Tages Geschäften abends ruhig nach Hause fuhr, mußte ich viel über Caddys Verlobung nachdenken und fühlte mich in der Hoffnung bestärkt, daß sie trotz des alten Mr. Turveydrop glücklich sein werde. Wenn auch nur geringe Aussicht war, daß sie und ihr Gatte jemals das Musterbild des Anstands durchschauen würden, so brachte ihnen das weiter keinen Schaden, und kein Mensch auf der Welt hätte ihnen wohl mehr Weisheit gewünscht. Ich jedenfalls nicht. Ich schämte mich fast, daß ich nicht selbst an ihn glauben konnte. Und ich blickte zum Himmel empor und dachte an die Wanderer in fernen Ländern und an die Sterne, die sie sahen, und hoffte, immer so gesegnet und glücklich zu sein, mich in meiner bescheidenen Weise irgend jemandem nützlich machen zu können. Als ich nach Hause kam, freuten sich alle so sehr, mich wiederzusehen, daß ich mich am liebsten hingesetzt und vor Freude geweint hätte. Nur wäre das wohl nicht die beste Art gewesen, mich angenehm zu machen. Jedermann im Hause, vom Geringsten bis zum Höchsten, zeigte mir ein so freundliches Bewillkommnungsgesicht und sprach so heiter zu mir und freute sich so sehr, etwas für mich tun zu können, daß ich wirklich glaube, es hat noch nie auf der Welt ein glücklicheres unbedeutendes Geschöpf gegeben, als ich war. Wir kamen an diesem Abend so ins Plaudern hinein, als Ada und mein Vormund mich verleiteten, ihnen die ganze Geschichte von Caddy zu erzählen, daß ich lange Zeit allein erzählte und immer nur erzählte. Endlich ging ich in mein Zimmer hinauf, ganz rot bei dem Gedanken, wie ich gepredigt hatte. Und gleich darauf klopfte es leise an meine Türe. Ich sagte: »Herein!« und auf der Schwelle erschien ein hübsches kleines Mädchen in saubern Trauerkleidern und knickste. »Wenn Sie gestatten, Miß«, sagte die Kleine leise, »ich bin Charley.« »Ja wirklich, Charley«, rief ich, beugte mich erstaunt zu ihr nieder und gab ihr einen Kuß. »Wie es mich freut, dich zu sehen, Charley!« »Wenn Sie gestatten, Miß, ich bin Ihre Zofe.« »Charley?« »Wenn Sie gestatten, Miß, ich bin ein Geschenk für Sie. Mr. Jarndyce läßt Sie vielmals grüßen.« Ich setzte mich, die Hand auf Charleys Schulter, und blickte sie an. »Und, ach, Miß«, sagte Charley, während Tränen ihr über die Grübchen in den Wangen liefen, »Tom ist in der Schule, wenn Sie gestatten, und lernt so gut! Und die kleine Emma ist bei Mrs. Blinder, Miß, und in so guter Obhut! Und Tom wäre schon viel eher in die Schule gekommen und Emma zu Mrs. Blinder und ich schon viel eher hierher, Miß, aber Mr. Jarndyce dachte, Tom und Emma und ich sollten uns erst ein wenig mit der Trennung vertraut machen, weil wir so klein wären. Aber bitte, weinen Sie nicht, Miß.« »Ich kann nicht anders, Charley.« »Ach, Miß, ich kann auch nicht anders. Und wenn Sie erlauben, Miß, Mr. Jarndyce läßt herzlich grüßen und glaubt, es würde Ihnen Freude machen, mir dann und wann etwas beizubringen. Und wenn Sie erlauben, Tom und Emma und ich sollen uns ein Mal im Monat sehen. Und ich bin so glücklich und dankbar, Miß«, rief Charley mit überströmendem Herzen, »und ich werde mich bemühen, eine gute Dienerin zu sein.« »O liebe Charley, vergiß nie, wer das alles getan hat.« »Nein, Miß, ich werde es nie vergessen. Und Tom auch nicht. Und Emma auch nicht. Ihnen haben wir alles zu verdanken, Miß.« »Ich habe nicht einmal davon gewußt. Mr. Jarndyce war es, Charley.« »Ja, Miß, aber es geschah alles Ihnen zuliebe, und damit Sie meine Herrin werden sollten. Wenn Sie erlauben, Miß, Mr. Jarndyce schickt mich Ihnen mit seinen herzlichsten Grüßen, und es sei alles nur Ihnen zuliebe geschehen. Ich und Tom dürften das nie vergessen.« Charley trocknete sich die Augen und trat ihr Amt an, wobei sie sich in ihrer matronenhaften zierlichen Weise im Zimmer umherbewegte und alles zusammenlegte, was ihr in die Hände fiel. Gleich darauf kam sie wieder zu mir geschlichen und sagte: »Ach bitte, Miß, weinen Sie nicht.« Und ich sagte wieder: »Ich kann nicht anders, Charley.« Und Charley sagte wieder: »Ach, Miß, ich kann auch nicht anders.« Und so weinte ich doch, aber vor lauter Freude, und sie auch. 24. Kapitel Eine Gerichtsverhandlung Richard weihte Mr. Jarndyce in seinen Gemütszustand ein, kurz nachdem er mit mir das bereits erwähnte Gespräch gehabt hatte. Ich bezweifle, daß mein Vormund durch die Mitteilung besonders überrascht war, aber sie bereitete ihm viel Sorge und Enttäuschung. Er und Richard waren oft noch spät abends und bereits früh morgens wieder miteinander eingeschlossen und verbrachten ganze Tage in London, hatten unzählige Zusammenkünfte mit Mr. Kenge und arbeiteten sich durch eine große Menge unangenehmer Geschäfte hindurch. Trotz alledem war mein Vormund, obgleich er sehr unter der Windrichtung litt und seinen Kopf so beständig rieb, daß kein einziges Haar auch nur einen Augenblick auf seiner rechten Stelle blieb, zu mir und Ada so freundlich wie immer, beobachtete aber über diese Angelegenheiten das strengste Stillschweigen, und da wir trotz angestrengtesten Bemühens aus Richard nur die allgemeine Versicherung herausbringen konnten, daß alles vortrefflich gehe und jetzt wirklich im richtigen Geleise sei, so wurden unsere Besorgnisse durch ihn nicht sehr vermindert. Wir erfuhren im Verlauf der Zeit, daß man im Namen Richards, als Mündel oder als Unmündiger oder ich weiß nicht als was sonst, eine Eingabe an den Lordkanzler gemacht und lange hin- und hergeredet hatte und daß der Lordkanzler ihn in offener Gerichtssitzung ein beschwerliches und launisches Mündel genannt habe und daß man die Sache vertagte und wieder vertagte und weiter verwies und darüber Bericht erstattete und darum petitionieren ließ, bis Richard zu zweifeln anfing, wie er uns sagte, ob er, wenn er überhaupt je in die Armee eintreten könne, dann nicht ein Veteran von siebzig oder achtzig Jahren sein werde. Endlich lud ihn der Lordkanzler zu einer Besprechung in seinem Privatbureau ein und warf ihm dort ernstlich vor, daß er nicht wisse, was er wolle, und die Zeit vertrödle. »Ein wirklich guter Witz, wenn er aus solchem Munde kommt, sollte ich meinen«, sagte Richard. Endlich wurde seine Eingabe bewilligt. Sein Name wurde im Armeekommando unter den Bewerbern um ein Fähnrichspatent bei der Garde eingeschrieben. Die Gebühr wurde deponiert, und Richard warf sich in seiner gewohnten charakteristischen Art mit Leidenschaft auf militärische Studien und stand jeden Morgen früh um fünf Uhr auf, um sich im Säbelfechten zu üben. Ferienzeit folgte auf Gerichtssession und Gerichtssession auf Ferienzeit. Wir hörten manchmal vom Prozeß Jarndyce kontra Jarndyce, daß er auf der Liste stehe oder von der Liste gestrichen sei, daß er daran komme und auch daran kam und dann wieder vorbei war. Richard, der jetzt bei einem ihm Unterricht erteilenden Lehrer in London wohnte, konnte uns weniger häufig besuchen als früher. Mein Vormund beobachtete immer noch dieselbe Zurückhaltung, und so verging die Zeit, bis das Patent kam und Richard Ordre erhielt, sich zu seinem Regiment nach Irland zu begeben. Er traf eines Abends mit dieser Nachricht in der größten Eile ein und hatte eine lange Konferenz mit meinem Vormund. Über eine Stunde verging; dann steckte mein Vormund den Kopf in das Zimmer, wo Ada und ich saßen, und sagte: »Kommt einmal herein, liebe Kinder.« Wir traten ein und fanden Richard, den wir noch vor kurzem in bester Laune gesehen, mit gekränktem und erzürntem Gesicht am Kamin lehnen. »Rick und ich, Ada«, erklärte uns Mr. Jarndyce, »sind nicht ganz einer Meinung. Komm, komm, Rick, mach ein freundlicheres Gesicht dazu.« »Du bist sehr hart gegen mich«, sagte Richard. »Um so härter, als du doch in jeder andern Hinsicht so nachsichtig gewesen bist und für mich getan hast, was ich nie gebührend anerkennen kann. Ich wäre ohne dich nie in Ordnung gekommen.« »Schon gut, schon gut«, sagte Mr. Jarndyce. »Ich möchte dich aber noch mehr in Ordnung bringen. Ich möchte dich mit dir selbst in Ordnung bringen.« »Ich hoffe, du wirst entschuldigen, wenn ich sage, daß ich mir selbst das beste Urteil über mich zutraue«, erwiderte Richard sehr lebhaft, aber mit aller Ehrerbietung. »Ich hoffe, du wirst entschuldigen, lieber Rick, wenn ich sage«, bemerkte Mr. Jarndyce mit größter Freundlichkeit und in bester Laune, »daß ich es ganz natürlich finde, wenn du dieser Meinung bist, daß ich aber anders denke. Ich muß meine Pflicht tun, Rick, sonst würdest du bei kaltem Blut keine gute Meinung von mir haben, und ich hoffe, du wirst stets gut von mir denken. Bei kaltem oder bei heißem Blut.« Ada war so blaß geworden, daß er sie in seinen Lehnstuhl drückte und sich neben sie setzte. »Es ist nichts, liebes Kind«, beruhigte er sie. »Es ist nichts. Rick und ich hatten nur in aller Freundschaft einen kleinen Meinungsaustausch, den wir dir mitteilen müssen, denn um dich handelt es sich. Es ist dir gewiß bange vor dem, was jetzt kommen soll?« »Gewiß nicht, Vetter John«, entgegnete Ada lächelnd, »da es doch von dir kommt.« »Ich danke dir, liebes Kind. Schenke mir eine Minute Aufmerksamkeit, ohne Rick anzusehen, und du, Mütterchen, tust desgleichen.« »Mein liebes Kind«, er legte seine Hand auf die Adas auf der Armlehne des Stuhls, »erinnerst du dich noch des Gesprächs unter uns vieren? Als das Mütterchen mir etwas von einer gewissen kleinen Liebesgeschichte erzählte?« »Es ist nicht gut möglich, daß Richard oder ich jemals vergessen könnten, wie gut du an jenem Tage zu uns warst, Vetter John.« »Ich kann es nie vergessen«, rief Richard. »Und ich auch nicht«, sagte Ada. »So ist das, was ich zu sagen habe, desto leichter, und desto leichter werden wir uns verständigen.« Das Gesicht meines Vormunds strahlte vor Herzensgüte. »Ada, mein liebes Kind, du mußt wissen, daß Rick jetzt zum letzten Mal seinen Beruf gewählt hat. Das ganze Vermögen, das er zu bekommen hat, wird vollständig verbraucht sein, wenn er equipiert ist. Er hat damit alle seine Hilfsquellen erschöpft und ist von jetzt an an den Baum gebunden, den er gepflanzt hat.« »Es ist ganz richtig, daß ich meine gegenwärtigen Hilfsquellen erschöpft habe, und ich bin ganz zufrieden, es zu wissen. Aber was ich zu bekommen habe«, sagte Richard, »ist nicht alles, was ich besitze.« »Rick, Rick!« rief mein Vormund mit einer ganz veränderten Stimme und fuhr mit plötzlichem Entsetzen mit den Händen empor, als wollte er sich die Ohren zuhalten. »Um Gottes willen, erhoffe oder erwarte nichts von diesem Familienfluch! Was du immer auf dieser Seite des Grabes tun magst, niemals schenke diesem furchtbaren Phantom, das uns so viele Jahre verfolgt hat, auch nur einen einzigen sehnsüchtigen Blick. Viel besser zu borgen, betteln zu gehen oder zu sterben.« Der leidenschaftliche Ton in seiner Warnung erschreckte uns alle. Richard biß sich in die Lippen und hielt den Atem an und sah mich an, als ob er wüßte, daß auch ich fühlte, wie sehr er der Warnung bedürfte. »Meine liebe Ada«, sagte Mr. Jarndyce und gewann seinen fröhlichen Gleichmut wieder, »das sind starke Worte, aber ich lebe in Bleakhaus und habe hier manches mitansehen müssen. Genug davon. Alles, was Richard zur Begründung einer Laufbahn im Leben besitzt, steht jetzt auf dem Spiel. Ich empfehle ihm und dir, seinet- und deinetwillen, von uns mit der Gewißheit zu scheiden, daß euch keinerlei Verpflichtung mehr aneinander bindet. Ich muß noch weiter gehen. Ich will offen gegen euch beide sein. Ihr sollt mir rückhaltlos vertrauen, und ich will auch in euch rückhaltloses Vertrauen setzen. Ich bitte euch für jetzt, jedes andre Band als das eurer Verwandtschaft zu vergessen.« »Sag doch lieber gleich heraus, daß du kein Vertrauen mehr zu mir hast und Ada rätst, deinem Beispiel zu folgen.« »Ich kann das nicht sagen, weil ich es nicht meine.« »Aber du denkst dir, ich hätte schlecht angefangen! Ich habe es, das weiß ich.« »Wie ich hoffte, daß du anfangen und fortfahren mögest, sagte ich dir bereits damals, als wir zuletzt von diesen Dingen sprachen«, erwiderte Mr. Jarndyce in herzlichem und ermutigendem Tone. »Du hast diesen Anfang noch nicht gemacht; aber jedes Ding braucht seine Zeit, und deine ist noch nicht vorbei, oder vielmehr, sie ist noch gar nicht gekommen. Schlage eine neue Seite auf und beginne. Ihr beide seid noch sehr jung und seid Verwandte. Bis jetzt seid ihr euch weiter nichts. Was weiter kommen soll, muß eine Frucht deiner eignen Anstrengungen sein, Rick.« »Du bist sehr hart gegen mich, Vetter, härter, als ich von dir erwartet hätte.« »Mein lieber Junge, ich bin noch härter gegen mich selbst, wenn ich etwas tue, was dir Schmerz bereitet. Du hast das Heilmittel selbst in deiner Hand. Ada, es ist besser für ihn, daß er frei ist und daß du nicht mit ihm von Jugend auf verlobt bist. Rick, es ist besser für sie, viel besser. Du bist es ihr schuldig. Kommt! Ihr werdet doch beide tun, was das Beste für den andern ist!« »Warum ist es so am besten?« wendete Richard hastig ein. »Als wir dir unser Herz ausschütteten, war es nicht so. Du sprachst damals anders.« »Seitdem habe ich Erfahrungen gemacht. Ich tadle dich durchaus nicht, Rick, aber ich habe Erfahrungen gemacht.« »Du meinst, in bezug auf mich?« »Hm! Ja. In bezug auf euch beide«, sagte Mr. Jarndyce gütig. »Die Zeit ist noch nicht gekommen, wo ihr euch einander versprechen sollt. Es ist nicht recht, und ich darf nicht damit einverstanden sein. Folgt mir, meine lieben Kinder, und fangt von neuem an. Laßt geschehen sein und wendet eine neue Seite um in euerm Leben.« Richard betrachtete Ada gespannt, sagte aber kein Wort. »Ich habe bis jetzt vermieden, gegen euch beide oder gegen Esther eine Silbe darüber zu äußern, damit wir so offen wie der Tag sein und auf gleichem Fuß miteinander stehen können. Ich rate euch nun auf das innigste und bitte euch aufs eindringlichste, so voneinander zu scheiden, wie ihr hierher gekommen seid. Überlaßt alles übrige der Zeit, der Treue und der Standhaftigkeit. Wenn ihr anders handelt, tut ihr Unrecht und verflechtet mich mit in das Unrecht. Denn ich war es, der euch zusammengebracht hat.« Eine lange Pause folgte. »Richard«, sagte Ada und sah ihn mit ihren blauen Augen zärtlich an. »Nach dem, was unser Vetter vorhin gesagt hat, bleibt uns, glaube ich, keine Wahl. Meinetwegen kannst du ganz ruhig sein, denn du läßt mich hier unter seiner Obhut zurück und kannst überzeugt sein, daß mir nichts zu wünschen bleibt, wenn ich mich nach seinem Rate richte. Ich –ich bezweifle nicht, Vetter Richard«, sagte Ada ein wenig verwirrt, »daß du mich sehr lieb hast, und ich – ich glaube nicht, daß du dich in eine andre verlieben wirst. Aber ich möchte doch, du überlegtest dir es ordentlich, da ich dich vor allem glücklich zu sehen wünsche. Auf mich kannst du vertrauen, Vetter Richard. Ich bin ganz und gar nicht flatterhafter Natur, aber auch nicht unverständig, und würde dich niemals tadeln. Selbst Verwandten kann es leid tun, voneinander scheiden zu müssen, und in Wahrheit tut es mir sehr, sehr leid, Richard, wenn ich auch weiß, daß es nur zu deinem Besten geschieht. Ich werde immer mit Liebe an dich denken und oft von dir mit Esther sprechen, und – und vielleicht wirst du auch manchmal ein klein wenig an mich denken, Vetter Richard. Also«, sagte Ada, trat zu ihm und reichte ihm ihre zitternde Hand, »jetzt sind wir wieder bloß Kusin und Kusine, Richard. Vielleicht bloß für jetzt – und ich bete um Gottes Segen für meinen lieben Vetter Richard, wohin er auch gehen mag.« Es kam mir seltsam vor, daß Richard nie imstande war, meinem Vormund zu verzeihen, daß dieser ganz dieselbe Meinung von ihm hegte, der er mir gegenüber doch selbst in viel stärkerem Maße Worte gegeben hatte. Mit großem Bedauern bemerkte ich, daß er von dieser Stunde an nie wieder so frei und offen Mr. Jarndyce entgegenkam wie früher. Er hätte jede Ursache gehabt, es zu sein, aber er war es nicht, und eine einseitige Entfremdung griff zwischen ihnen Platz. Über den Reisevorbereitungen und was damit zusammenhing vergaß er bald sich selbst und sogar seinen Schmerz, von Ada zu scheiden, die in Hertfordshire zurückblieb, während er, Mr. Jarndyce und ich uns für eine Woche nach London begaben. Dann und wann gedachte er ihrer allerdings mit heißen Tränen, und zu solchen Zeiten schüttete er mir sein Herz aus und überhäufte sich mit schwersten Selbstanklagen. Aber schon ein paar Minuten später wieder baute er sich Luftschlösser, in denen sie beide immer reich und glücklich und so fröhlich wie möglich werden sollten. Es war eine geschäftige Zeit, und ich lief mit ihm den ganzen Tag herum, um eine Menge Sachen zu kaufen, die er notwendig brauchte. Von all den Dingen, die er angeschafft haben würde, wenn man ihn sich selbst überlassen hätte, will ich gar nicht sprechen. Er war voll Vertrauen zu mir und sprach oft so vernünftig und gefühlvoll von seinen Fehlern und seinem festen Entschluß und schöpfte soviel Mut aus diesen Gesprächen, daß ich ihrer nie müde geworden wäre, auch wenn ich es versucht hätte. In jener Woche kam außerordentlich häufig ein Mann zu uns, der früher Kavallerist gewesen, und erteilte Richard Fechtunterricht. Er war ein hübscher, kräftig aussehender Mensch von offenem, freiem Wesen. Richard hatte schon seit einigen Monaten Lektionen bei ihm genommen. Ich hörte soviel von ihm, nicht bloß von Richard, sondern auch von meinem Vormund, daß ich absichtlich eines Morgens nach dem Frühstück zu Hause blieb, als er kam. »Guten Morgen, Mr. George«, begrüßte ihn mein Vormund, der gerade mit mir allein im Zimmer war. »Mr. Carstone kommt gleich. Unterdessen wird es Miß Summerson hier ein großes Vergnügen machen, Sie kennenzulernen, wie sie mir sagt. Bitte nehmen Sie Platz.« Der Mann setzte sich, ein wenig verlegen wegen meiner Anwesenheit, wie mir schien, und fuhr sich mit seiner schweren sonnenverbrannten Hand wiederholt über seine Oberlippe, ohne mich anzusehen. »Sie sind so pünktlich wie die Sonne, Mr. George.« »Militärisch, Sir, Sache der Gewohnheit. Eine reine Angewohnheit bei mir, Sir, kein Geschäftseifer.« »Aber Sie haben ein großes Etablissement, wie ich höre.« »Es ist nicht so schlimm, Sir. Nur einen Scheibenstand. Es ist nicht viel dahinter.« »Und wie macht sich Mr. Carstone als Schütze und als Fechter?« »Recht gut, Sir«, antwortete Mr. George und kreuzte die Arme auf seiner breiten Brust, was ihm ein riesenhaftes Aussehen verlieh. »Wenn Mr. Carstone sich der Sache mit ganzer Seele widmen wollte, könnte er sehr Tüchtiges leisten.« »Aber das ist wohl nicht der Fall?« »Anfangs tat er es, Sir, aber dann ließ er nach. Er ist nicht mehr recht bei der Sache. Vielleicht hat er etwas anderes auf dem Herzen, eine junge Dame vielleicht.« Seine glänzenden dunkeln Augen blickten mich jetzt zum ersten Mal an. »Mich hat er nicht auf dem Herzen, das versichere ich Ihnen, Mr. George«, sagte ich lachend, »wenn Sie mich auch im Verdacht zu haben scheinen.« Das sonnengebräunte Gesicht des Kavalleristen errötete ein wenig, und er machte mir eine militärische Verbeugung. »Nichts für ungut, Miß. Ich bin einer von den Ungehobelten.« »Aber es ist doch nur ein Kompliment, Mr. George.« Wenn er früher kaum aufgeblickt hatte, so sah er mich jetzt drei oder vier Mal rasch hintereinander aufmerksam an. »Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagte er mit einer gewissen männlichen Art von Schüchternheit zu meinem Vormund. »Aber Sie erwiesen mir die Ehre, mir den Namen der jungen Dame zu nennen...« »Miß Summerson.« »Miß Summerson!« wiederholte er und sah mich wieder an. »Kennen Sie den Namen?« fragte ich. »Nein, Miß. Soviel ich weiß, habe ich ihn nie gehört. Ich glaube nur, Sie irgendwo gesehen zu haben.« »Das kann nicht gut sein«, entgegnete ich, blickte von meiner Arbeit auf und sah ihn an. Es lag soviel Treuherzigkeit in seiner Rede und seinem Benehmen, daß mir die Gelegenheit ganz lieb war. »Ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter.« »Ich auch, Miß.« Er wandte mir seine dunkeln Augen und seine breite Stirn zu. »Hm! Wie komme ich nur auf den Gedanken?« Da sein braunes Gesicht wieder errötete und er sich vergeblich bemühte, in seiner Erinnerung zu suchen, entschloß sich mein Vormund, ihm herauszuhelfen. »Haben Sie viele Schüler, Mr. George?« »Manchmal ja, manchmal nicht, Sir. Meistens sind's recht wenige, um davon zu leben.« »Und was für Leute besuchen Ihre Galerie, um sich zu üben?« »Leute aller Art, Sir. Hiesige und Fremde. Vom Gentleman herab bis zum Kommis. Sogar Französinnen habe ich schon unterrichtet, und sie haben sich als geschickte Pistolenschützen gezeigt. Natürlich auch eine Menge Verrückte, aber die gehen ja überallhin, wo eine Tür offen steht.« »Ich will doch nicht hoffen, daß Leute mit Racheplänen, um Ihre Lektionen mit dem Schießen nach lebendigen Zielscheiben zu beendigen, zu Ihnen kommen?« fragte mein Vormund lächelnd. »Das geschieht wohl selten, Sir, ist aber auch schon vorgekommen. Die meisten treiben's bloß der Übung wegen oder aus Langeweile. Sechs von der einen und ein halbes Dutzend von der andern Sorte. Ich bitte um Verzeihung, Sir.« Er setzte sich aufrecht und stützte seine Hände, die Ellbogen nach außen gedreht, auf seine Knie. »Ich glaube, Sie haben einen Kanzleigerichtsprozeß, wenn ich recht gehört habe?« »Es tut mir leid, die Frage bejahen zu müssen.« »Mich hat auch einer Ihrer Leidensgenossen besucht, Sir.« »Partei in einem Prozeß? Wie ging das zu?« »Nun. Der Mann war so verfolgt, gepeinigt und gemartert, weil sie ihn von Pontius zu Pilatus und von Pilatus zu Pontius schickten«, sagte Mr. George, »daß er ein wenig verrückt wurde. Ich glaube nicht, daß er auf jemand Bestimmten schießen wollte, aber er war so voll Zorn und Wut manchmal, wenn er kam, daß er für fünfzig Schüsse bezahlte und drauflos feuerte, bis er förmlich glühte. Aber eines Tages, als ich mit ihm allein war und er mir ganz zornig von allem, was ihm Unrechtes geschehen, erzählt hatte, sagte ich zu ihm: 'Wenn dieses Schießen für Sie eine Erleichterung bedeutet, Kamerad, ist's ja gut, aber es will mir nicht besonders gefallen, daß Sie immer in Ihrem gegenwärtigen Gemütszustand so darauf versessen sind, Kamerad. Ich möchte Ihnen lieber raten, sich dann mit etwas anderm zu befassen !' Er wurde so leidenschaftlich, daß ich schon einen Schlag parieren wollte, aber er nahm es verhältnismäßig gut auf und ließ es gleich sein. Wir haben uns dann die Hände geschüttelt und sind so eine Art Freunde geworden.« »Was war das für ein Mann?« fragte mein Vormund mit sichtlicher Teilnahme. »Bevor sie einen wilden Stier aus ihm gemacht haben, war er ein kleiner Landwirt in Shropshire.« »Hieß er Gridley?« »Jawohl, Sir.« Mr. George sah mich ein paar Mal rasch hintereinander aufmerksam an, während mein Vormund und ich, überrascht über das Zusammentreffen, ein paar Worte zusammen sprachen, und ich erklärte ihm daher, woher wir den Namen des Mannes kannten. Zum Dank für meine Herablassung, wie er es nannte, machte er mir wieder eine seiner militärischen Verbeugungen. »Ich weiß nicht«, sagte er und sah mich an, »was mich wieder auf diese Gedanken bringt, aber – ba, wo mein Kopf nur wieder hinaus will.« Er fuhr sich mit seiner schweren Hand über sein kurzgelocktes schwarzes Haar, als wollte er seine Gedanken wegwischen, und saß, ein wenig vorwärts gebeugt, den einen Arm in die Seite gestemmt, den andern auf seinen Schenkel gelegt, da und starrte, in dieses Sinnen verloren, auf den Fußboden. »Ich habe zu meinem Bedauern gehört, daß Gridley infolge seiner Gemütsverfassung wieder in neuerliche Ungelegenheiten geraten ist und sich versteckt hält«, sagte mein Vormund. »Ich habe es auch gehört, Sir«, bestätigte Mr. George, immer noch nachdenklich auf den Boden starrend. »Ich habe es auch gehört.« »Wissen Sie nicht, wo er ist?« »Nein, Sir«, antwortete der Kavallerist, erwachte jetzt aus seinem Brüten und blickte wieder auf. »Ich habe nichts mehr von ihm gehört. Ich fürchte, es wird bald aus mit ihm sein. Man kann viele Jahre an dem Herzen eines starken Mannes herumfeilen, aber endlich bricht es doch.« Die Ankunft Richards brach das Gespräch ab. Mr. George stand auf, machte mir wieder eine militärische Verbeugung, wünschte meinem Vormund guten Tag und schritt gewichtig zur Tür hinaus. Das war an dem Morgen des Tages, wo Richard abreisen sollte. Wir hatten keine Einkäufe mehr zu besorgen. Mit dem Einpacken war ich schon zeitig vormittags fertig geworden, und wir waren frei bis zum Abend, wo er über Liverpool nach Holyhead abreisen sollte. Da »Jarndyce kontra Jarndyce« wieder verhandelt werden sollte, schlug mir Richard vor, mit ihm den Gerichtshof zu besuchen und der Sitzung beizuwohnen. Da es sein letzter Tag war, ihm viel an dem Gange zu liegen schien und ich überdies niemals dort gewesen war, gingen wir zusammen nach Westminster, wo damals der Gerichtshof seine Versammlungen abhielt. Unterwegs unterhielten wir uns mit Verabredungen, wie oft wir uns schreiben wollten, und mit vielen hoffnungsvollen Plänen. Mein Vormund wußte, wo wir hingingen, und begleitete uns daher nicht. Als wir den Gerichtshof erreichten, sahen wir den Lordkanzler – denselben, den ich damals in seinem Privatzimmer in Lincoln's-Inn gesprochen hatte – in großem Ornat feierlich in einem Thronsessel sitzen, das Zepter und die Siegel auf einem roten Tisch unter sich und einen ungeheuren flachen Blumenstrauß daneben, der wie ein kleiner Garten den ganzen Gerichtssaal durchduftete. Vor dem Tisch zog sich eine lange Reihe von Solicitoren mit Aktenstößen auf dem Strohteppich zu ihren Füßen hin, und dann kamen die Herren vom Barreau mit Perücke und Talar. Einige schliefen, andre wachten, und gelegentlich sprach einer, ohne daß jemand dem, was er sagte, die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Der Lordkanzler saß in seinen bequemen Lehnstuhl zurückgelehnt, den Ellbogen auf die gepolsterte Armlehne und die Stirn auf die Hand gestützt. Einige der übrigen Anwesenden schlummerten, einige lasen Zeitungen, andre gingen auf und ab oder unterhielten sich flüsternd in Gruppen. Aber alle schienen sich sehr wohl zu fühlen und nicht die mindeste Eile zu haben, als ginge sie das Ganze überhaupt nichts an. Zu sehen, wie alles so glatt verlief, und daran zu denken, wie rauh das Leben und Sterben der Prozessierenden war, all den Pomp und die Feierlichkeit zu sehen und an die Verschwendung und andererseits den Mangel und das bettelhafte Elend, um das es sich handelte, zu denken, – zu bedenken, daß, während bange Hoffnung in so vielen Herzen wühlte, dieses glänzende Schauspiel Tag für Tag und Jahr um Jahr wohlgeordnet und ruhevoll ungestört seinen Fortgang nahm, den Lordkanzler und die ganze Schar von Juristen um ihn herum zu sehen, die sich und die Zuschauer anblickten, als hätte keiner von ihnen je gehört, daß in ganz England das, in dessen Namen sie sich versammelten, bitterer Hohn sei, ein Gegenstand allgemeinen Abscheus, der Verachtung und Erbitterung, eine Institution, so offenkundig unwürdig, daß fast ein Wunder dazu gehörte, wenn es wirklich jemals irgend jemandem Nutzen brachte – das alles kam mir bei meiner Unerfahrenheit so merkwürdig und widerspruchsvoll vor, daß ich es anfangs gar nicht begreifen konnte und meinen Augen nicht traute. Ich setzte mich auf den Platz, den Richard mir aussuchte, und versuchte zuzuhören und mich zurechtzufinden, aber es schien nichts Reales an dem ganzen Schauspiel zu sein als die kleine Miß Flite, die arme Verrückte, die auf einer Bank stand und immerwährend nickte. Miß Flite erspähte uns bald und kam zu uns. Sie bewillkommnete mich huldvoll in ihrem Gebiet und machte mich mit vielem Behagen auf seine Hauptreize aufmerksam. Auch Mr. Kenge trat zu uns und machte uns die Honneurs fast in gleicher Weise und mit der freundlich bescheidenen Miene eines Hauseigentümers. Die Gelegenheit sei für einen Besuch nicht sehr gut gewählt, sagte er, er würde den ersten Tag der Session vorgezogen haben, aber es sei ein imposantes, sehr imposantes Schauspiel. Als wir ungefähr eine halbe Stunde dagewesen waren, schien die eben im Stadium der Verhandlung befindliche Rechtssache an ihrer eignen Nichtigkeit, ohne daß jemand übrigens ein Resultat zu erwarten schien, zu sterben. Der Lordkanzler warf einen Stoß Papier von seinem Pult den Herren unter ihm zu, und irgend jemand rief: »Jarndyce kontra Jarndyce.« Dann hörte man ein Summen und Lachen und bemerkte eine allgemeine Flucht der Zuhörer und sah große Haufen und Stöße und Beutel um Beutel voller Akten hereingetragen werden. Ich glaube, die Sache kam »wegen weiterer Verweisung wegen Kostenfestsetzung« zur Sprache, soviel mir trotz meiner Verwirrung klar wurde. Ich zählte dreiundzwanzig Herrn in Perücken, die sagten, sie hätten darin »zu vertreten«, und keiner derselben schien in der Sache mehr zu wissen als ich. Sie plauderten darüber mit dem Lordkanzler und stritten sich und erklärten einander das und jenes, und einige von ihnen behaupteten, es sei so, und andere, es sei anders, und einige schlugen scherzweise vor, ungeheure Folianten Zeugenaussagen verlesen zu lassen, und das Summen und Lachen nahm immer mehr zu, und allen, die in der Sache zu tun hatten, schien der Prozeß ein Feld müßiger Unterhaltung zu sein, und niemand wußte etwas damit anzufangen. Nach ungefähr einer Stunde und sehr viel begonnenen und wieder unterbrochenen Reden wurde sie »vorläufig zurückgestellt«, wie Mr. Kenge sagte, und die Akten wurden wieder hinausgeschafft, ehe die Schreiber noch mit dem Hereinbringen fertig waren. Ich sah nach Schluß dieser hoffnungslosen Verhandlung Richard an und erschrak über den müden angegriffenen Ausdruck seines hübschen jungen Gesichtes. »Es kann nicht ewig dauern, Mütterchen. Das nächste Mal wird es besser gehen.« Das war alles, was er sagte. Ich hatte Mr. Guppy Akten hereinbringen und von Mr. Kenge ordnen sehen. Er erkannte mich und machte mir eine melancholische Verbeugung, was in mir den Wunsch erweckte, den Gerichtssaal zu verlassen. Richard reichte mir den Arm und wollte mich hinausführen, da trat Mr. Guppy zu uns. »Ich bitte um Verzeihung, Mr. Carstone«, sagte er flüsternd, »und auch Miß Summerson, aber es ist eine Dame hier, die ich kenne und die auch Miß Summerson kennt und das Vergnügen haben möchte, sie zu begrüßen.« Noch während er sprach, sah ich Mrs. Rachael wie eine körperlich gewordene Erinnerung aus dem Haus meiner Patin vor mir auftauchen. »Wie geht es Ihnen, Esther?« fragte sie. »Erinnern Sie sich meiner noch?« Ich reichte ihr die Hand und bejahte und sagte, sie habe sich sehr wenig verändert. »Ich wundere mich, daß Sie sich noch an diese Zeiten erinnern, Esther«, sagte sie mit ihrer alten Schroffheit. »Sie haben sich sehr verändert. Nun, ich freue mich, Sie zu sehen, und freue mich, daß Sie nicht zu stolz geworden sind, um mich noch zu kennen.« – In Wirklichkeit schien sie sich zu ärgern, daß ich es nicht war. – »Stolz, Mrs. Rachael?« »Ich bin verheiratet, Esther«, verbesserte sie kalt, »und heiße Mrs. Chadband. Ich wünsche Ihnen guten Tag und hoffe, daß es Ihnen auch weiter gut gehen wird.« Mr. Guppy, der diesem kurzen Zwiegespräch aufmerksam zugehört hatte, seufzte hörbar und bahnte sich und Mrs. Rachael durch das Gewühl der kommenden und gehenden Menschen, in dessen Mitte wir uns befanden und das der Wechsel der Verhandlungen verursacht hatte, mit dem Ellbogen einen Weg. Richard und ich drängten uns ebenfalls durch, und das Fröstelgefühl bei diesem unerwarteten Zusammentreffen hatte mich noch nicht verlassen, als ich niemand anders als Mr. George auf uns zukommen sah. Er schritt gewichtig einher, kümmerte sich nicht um die Umstehenden und spähte über ihre Köpfe hinweg in den Gerichtssaal. »Heda, George«, rief Richard, den ich auf ihn aufmerksam gemacht hatte. »Das ist gescheit, daß ich Sie hier treffe«, antwortete der Kavallerist, »und auch Sie, Miß. Könnten Sie mir nicht eine Person im Saal zeigen, die ich suche? Ich kenne mich hier nicht aus.« Er drehte sich um, schaffte mühelos Platz für uns und blieb, als wir sicher vor dem Gedränge waren, in einer Ecke hinter einem großen roten Vorhang stehen. »Es ist hier eine kleine verrückte Alte«, fing er an, »die...« Ich hielt meinen Finger warnend empor, denn Miß Flite stand dicht neben uns. Sie hatte sich die ganze Zeit über in meiner unmittelbarsten Nähe gehalten und die Aufmerksamkeit verschiedener ihr bekannter Advokaten auf mich gelenkt und ihnen, wie ich in meiner Verwirrung bemerkte, in die Ohren geraunt: »Sst! Fitz-Jarndyce, hier links von mir.« »Hm, Sie werden sich erinnern, Miß, daß wir diesen Morgen von einem gewissen – Gridley«, setzte er hinter der Hand flüsternd hinzu, »sprachen.« »Ja.« »Er hält sich bei mir versteckt. Ich durfte es heute früh nicht sagen. Hatte keine Erlaubnis. Er tritt seinen letzten Marsch an, Miß, und hat sich in den Kopf gesetzt, sie zu sehen. Er sagt, sie verstünden einander und sie wäre ihm hier fast wie eine Freundin gewesen. Ich kam her, um sie zu suchen, denn als ich heute nachmittag bei ihm saß, war mir's, als hörte ich bereits den Schall der gedämpften Trommeln.« »Soll ich es ihr sagen?« fragte ich. »Würden Sie so gut sein!« Er warf einen fast ängstlichen Blick auf Miß Flite. »Es ist eine Schickung der Vorsehung, daß ich Sie treffe, Miß. Ich bezweifle, daß ich mit dieser Dame umzugehen verstanden hätte.« Und er steckte eine Hand in die Brust und stand militärisch gerade aufgerichtet da, während ich Miß Flite den Zweck seines freundlichen Kommens ins Ohr flüsterte. »Mein temperamentvoller Freund aus Shropshire! Fast so berühmt wie ich!« rief sie aus. »Nein, wirklich! Gewiß, mein Kind, werde ich ihn mit dem größten Vergnügen besuchen.« »Er hält sich bei Mr. George versteckt. Still! Dies ist Mr. George.« »Soooo«, sagte Miß Flite. »Sehr geehrt. Ein Militär, wie ich sehe. Ein vollkommener General, nicht wahr?« flüsterte sie mir zu. Die arme Miß Flite hielt es für unumgänglich notwendig, als Zeichen ihrer Hochachtung vor der Armee so höflich zu sein und soviel Knickse zu machen, daß es keine leichte Sache war, sie aus dem Gerichtssaal zu bugsieren. Als dies endlich geglückt war und sie Mr. George, den sie General anredete, zum großen Spaß verschiedner Maulaffen den Arm gab, verlor er dermaßen seine Fassung und bat mich so ehrerbietig, »ihn nicht zu verlassen«, daß ich es nicht übers Herz bringen konnte, es zu tun, zumal sich Miß Flite von mir immer gern leiten ließ und noch dazu sagte: »Meine liebe Fitz-Jarndyce, Sie werden doch natürlich mit uns kommen?« Da Richard ganz damit einverstanden war, entschlossen wir uns, sie zu begleiten. Mr. George erzählte uns, daß Gridley den ganzen Nachmittag von Mr. Jarndyce gesprochen habe, und so schrieb ich schnell ein paar Zeilen an meinen Vormund, um ihm mitzuteilen, wohin wir gegangen seien und weshalb. Richard versiegelte den Brief in einem Kaffeehaus, damit nicht zufällig etwas herauskäme, und wir ließen ihn durch einen Dienstmann besorgen. Dann nahmen wir eine Droschke und fuhren bis in die Nähe von Leicester-Square. Wir gingen durch einige enge Höfe und erreichten bald den Schießstand, dessen Eingang verschlossen war. Während Mr. George an einer an der Tür hängenden Klingel zog und auf das Öffnen wartete, redete ihn ein sehr respektabler alter Herr mit grauem Haar, Brille, schwarzem Spencer, Gamaschen und einem breitkrempigen Hut und einem dicken Stock mit goldnem Knopf in der Hand an: »Ich bitte um Entschuldigung, guter Freund, ist das Georges Schießgalerie?« »Jawohl, Sir«, antwortete Mr. George und sah hinauf zu den großen Buchstaben, mit denen die Firma auf die weiße Mauer gemalt war. »Ah, ja«, sagte der alte Herr, der seinen Augen gefolgt war. »Danke Ihnen. Haben Sie geklingelt?« »Mein Name ist George, Sir. Ich habe bereits geklingelt.« »O, wirklich?« sagte der alte Herr, »Sie sind Mr. George? Dann bin ich, wie Sie sehen, ebenso rasch hier wie Sie. Sie haben nach mir geschickt.« »Nein, Sir. Ich nicht.« »So? Dann war es Ihr Diener. Ich bin Arzt und wurde vor fünf Minuten geholt, um zu einem Kranken in Georges Schießgalerie zu kommen.« »Die gedämpften Trommeln«, sagte Mr. George zu Richard und mir und schüttelte ernst den Kopf. »Es ist schon richtig, Sir. Haben Sie die Güte, einzutreten.« Die Türe wurde jetzt von einem sehr seltsam aussehenden kleinen Mann in einer grünwollenen Mütze und Schürze geöffnet, dessen Gesicht, Hände und Kleider über und über geschwärzt waren, und wir gingen durch einen öden Gang in ein großes Gebäude mit kahlen Ziegelwänden, wo Scheiben und Gewehre, Säbel und andere Dinge dieser Art herumhingen. Als wir dort angekommen waren, blieb der Arzt stehen, nahm seinen Hut ab und schien wie durch Zauberei verschwunden und durch einen andern von ihm ganz verschiednen Herrn ersetzt worden zu sein. »Nun, sehen Sie mich mal an, George«, sagte er, drehte sich rasch gegen den Kavalleristen um und tippte ihm mit seinem langen Zeigefinger auf die Brust. »Sie kennen mich, und ich kenne Sie. Sie sind ein Mann von Welt, und ich bin ein Mann von Welt. Ich heiße Bucket, wie Sie wissen, und habe einen Vorführungsbefehl gegen Gridley. Sie haben ihn lange Zeit versteckt gehalten und es sehr schlau angefangen. Es macht Ihnen Ehre.« Mr. George sah ihn bös an, biß sich in die Lippen und schüttelte den Kopf. »Hören Sie, George, Sie sind ein verständiger Mann und unbescholten. Das sind Sie, darüber ist kein Zweifel. Und merken Sie wohl, ich spreche nicht zu Ihnen wie zu einem gewöhnlichen Menschen, denn Sie haben dem Vaterland gedient und wissen, daß man gehorchen muß, wenn die Pflicht ruft. Daher fällt es Ihnen auch gar nicht ein, Anstände zu machen. Wenn ich Beistand brauche, würden Sie ihn mir sogar leisten. Ja, das würden Sie tun. Phil Squod, schleichen Sie mir nicht so in der Galerie herum.« Der pulvergeschwärzte kleine Mann schob sich nämlich mit der Schulter an der Wand entlang und heftete sein Auge in höchst drohender Weise auf den Eindringling. »Ich kenne Sie, und es paßt mir nicht.« »Phil!« rief Mr. George. »Ja, Govneur.« »Ruhig sein.« Mit einem tiefen Brummen blieb der kleine Mann stehen. »Meine Damen und Herren«, fuhr Mr. Bucket fort, »Sie müssen entschuldigen, wenn Ihnen alles das etwas peinlich ist, aber ich bin der Inspektor Bucket von der Geheimpolizei und muß meine Pflicht tun. George, ich weiß, wo mein Mann ist. Ich war vorige Nacht auf dem Dach und habe ihn durchs Deckenfenster gesehen und Sie bei ihm. Er ist dort drin. Sie wissen schon. Dort drin auf einem Sofa. Ich muß jetzt meinen Mann sehen und ihm sagen, daß er sich als verhaftet zu betrachten hat. Aber Sie kennen mich und wissen, daß ich keine peinlichen Maßregeln ergreifen werde. Sie geben mir Ihr Wort, wie es ein Mann dem andern gibt, und auch als alter Soldat, daß es eine Ehrensache zwischen uns ist, und ich will Ihnen, wie ich irgend kann, entgegenkommen.« »Ich gebe es Ihnen«, war die Antwort. »Aber es war nicht schön von Ihnen, Mr. Bucket.« »Dummes Zeug, George! Nicht schön?« sagte Mr. Bucket, tippte dem Kavalleristen wieder auf die breite Brust und schüttelte ihm die Hand. »Sage ich vielleicht, es sei nicht schön gewesen, daß Sie meinen Mann so versteckt gehalten haben? Machen Sie mir doch ein freundliches Gesicht, alter Junge, alter Wilhelm Tell! Alter Leibgardist! Wahrhaftig, er ist ganz für sich allein ein Muster der ganzen britischen Armee, meine Herrschaften. Ich gäbe eine Fünfzigpfundnote, wenn ich seine Finger hätte.« Nachdem sich Mr. George die Sache ein wenig überlegt hatte, schlug er vor, er wolle zuerst zu seinem Kameraden, wie er ihn nannte, hineingehen und Miß Flite mitnehmen. Mr. Bucket gab seine Zustimmung, und sie gingen nach dem andern Ende der Galerie, während wir um den mit Gewehren bedeckten Tisch herumsaßen und – standen. Mr. Bucket nahm die Gelegenheit wahr, um in leichtem Konversationston eine Unterhaltung zu beginnen, fragte mich, ob ich mich vor Gewehren fürchte wie die meisten jungen Damen, fragte Richard, ob er ein guter Schütze sei, und Phil Squod, welche wohl die beste unter den Büchsen sei, und was sie neu kosten möge, und riet ihm im Laufe des Gesprächs, sich nie von seinem Temperament fortreißen zu lassen, zumal er doch von Natur so freundlich sei wie ein junges Mädchen. Nach einer Weile folgte er uns an das andre Ende der Galerie, und Richard und ich wollten uns eben ruhig entfernen, als Mr. George uns nachkam. Er sagte, wenn wir nichts dagegen hätten, seinen Kameraden zu sehen, so würde sich dieser gewiß sehr darüber freuen. Kaum hatte er ausgesprochen, da läutete es, und mein Vormund erschien. Auf die Möglichkeit hin, bemerkte er, einem armen Mann, der unter demselben Mißgeschick wie er selbst leide, einen kleinen Dienst erweisen zu können. Wir kehrten alle vier um und traten in den Verschlag, wo Gridley lag. Es war ein kahler Raum, von der Galerie durch einen rohen Bretterverschlag abgeteilt. Da die Scheidewand nicht höher als acht oder zehn Fuß war und nicht bis zur Decke reichte, nahm man hoch oben die Dachbalken wahr und die Luke, durch die Mr. Bucket hineingesehen hatte. Die Sonne stand bereits tief und ging eben unter, und ihr Licht schien rot oben durchs Fenster, ohne den Boden zu erreichen. Auf einem einfachen, mit Leinwand überzogenen Sofa lag der Mann aus Shropshire, ziemlich so gekleidet, wie wir ihn zuletzt gesehen, aber so verändert, daß ich sein farbloses Gesicht anfangs gar nicht wiedererkannte. Er hatte in seinem Versteck immer noch geschrieben und Stunde für Stunde über dem Gegenstand seines Kummers gebrütet. Ein Tisch und einige Regale waren mit Manuskripten, mit alten Federn und einem bunten Haufen ähnlicher Dinge bedeckt. In rührender und zugleich grauenerregender Freundschaft saßen er und die kleine Verrückte nebeneinander, sozusagen allein in ihrer Welt. Sie saß auf einem Stuhle und hielt seine Hand in der ihren, und keiner von uns trat näher an sie heran. Mit dem Verschwinden seines alten Gesichtsausdrucks, seiner Kraft, seines Zornes, seines Widerstandes gegen das Unrecht, das ihn zuletzt doch zu Boden geworfen hatte, war auch seine Stimme schwach geworden. Er war nur mehr der Schatten des Mannes aus Shropshire, den wir früher gekannt. Er nickte Richard und mir müde zu und sagte zu meinem Vormund: »Mr. Jarndyce, es ist sehr freundlich von Ihnen, mich besuchen zu kommen. Man wird mich nicht mehr oft besuchen kommen, glaube ich. Es macht mir Freude, Ihnen die Hand drücken zu können, Sir. Sie sind ein braver Mann, über Ungerechtigkeit erhaben, und Gott weiß, wie hoch ich Sie schätze.« Sie schüttelten sich ernst die Hand, und mein Vormund sagte ihm einige Worte des Trostes. »Es mag Ihnen vielleicht seltsam erscheinen, Sir, aber ich würde mich in meinem jetzigen Zustand hier nicht gerne von Ihnen haben sehen lassen, wenn wir uns nicht schon früher kennen gelernt hätten. Aber Sie wissen, daß ich gekämpft habe. Sie wissen, daß ich mich als einzelner gegen sie alle gestemmt habe. Sie wissen, daß ich ihnen bis zuletzt ins Gesicht gesagt habe, was sie sind und was sie mir angetan haben, drum mache ich mir nichts daraus, daß Sie mich jetzt als Wrack hier sehen.« »Sie haben Ihren Mut oft genug bewiesen«, tröstete ihn mein Vormund. »Ja, Sir, das habe ich«, Mr. Gridley lächelte schwach. »Ich sagte Ihnen, wie es kommen würde, wenn ich damit aufhörte, und schauen Sie her. Sehen Sie uns beide an.« Er zog Miß Flites Hand durch seinen Arm und brachte sie sich dadurch etwas näher. »Das ist das Ende. Von allen meinen alten Bekannten, von allen meinen alten Hoffnungen und Bestrebungen, von der ganzen lebendigen und toten Welt ist diese arme Seele meine einzige natürliche Gefährtin, zu der ich passe. Zwischen uns besteht ein Band seit vielen leidensvollen Jahren, und es ist das einzige Band auf Erden, das das Kanzleigericht noch nicht zerrissen hat.« »Nehmen Sie meinen Segen, Gridley!« sagte Miß Flite unter Tränen. »Nehmen Sie meinen Segen!« »Ich brüstete mich damit, sie würden mir nie das Herz brechen können, Mr. Jarndyce. Ich war entschlossen, es sollte ihnen nicht gelingen. Ich glaubte, ich würde ihnen solange vorwerfen können, welch dummes Gaukelspiel sie trieben, bis ich an einer Krankheit des Körpers stürbe. Aber ich bin abgenutzt. Wie lang die Zerbröcklung gedauert hat, weiß ich nicht. Es war mir, als ob ich in einer einzigen Stunde zusammenbräche. Ich hoffe, sie werden es nie erfahren. Ich hoffe, Sie werden sie, alle die Sie hier sind, glauben machen, daß ich ihnen noch auf dem Totenbette getrotzt habe wie die langen Jahre hindurch.« Hier kam ihm Mr. Bucket, der in einem Winkel in der Tür saß, gutmütig tröstend zu Hilfe. »Ach, lassen Sie doch«, sagte er aus seiner Ecke heraus. »Reden Sie doch nicht so, Mr. Gridley. Sie sind ein wenig niedergedrückt. Das sind wir alle manchmal. Ich bin's auch. Kopf hoch! Sie werden sich noch oft genug mit der ganzen Kohorte herumzanken, und ich werde noch ein paar Dutzend Vorführungsbefehle gegen Sie bekommen, wenn ich Glück habe.« Gridley schüttelte den Kopf. »Schütteln Sie nicht den Kopf. Nicken Sie. Das möchte ich von Ihnen sehen. O du mein Himmel, was haben wir alles zusammen erlebt! Habe ich Sie nicht immer und immer wieder in der Fleet gesehen wegen Beleidigung von Amtspersonen? Bin ich nicht zwanzig Nachmittage im Gerichtshof gewesen, bloß um zu sehen, wie Sie wie eine Bulldogge den Kanzler angingen? Wissen Sie nicht mehr, wie Sie zuerst die Advokaten zu bedrohen anfingen und jede Woche ein paar Mal ein Friedensbruch gegen Sie bezeugt wurde? Fragen Sie die kleine alte Dame da. Sie war immer dabei. Kopf hoch, Mr. Gridley! Kopf hoch, Mann!« »Was wollen Sie mit ihm machen?« fragte George mit leiser Stimme. »Ich weiß es noch nicht«, antwortete Bucket ebenfalls flüsternd. Dann fuhr er mit seinem Zureden wieder laut fort: »Abgenutzt, Mr. Gridley, nachdem Sie mich wochenlang an der Nase herumgeführt und gezwungen haben, wie eine Katze auf das Dach zu klettern und als Arzt verkleidet mich hereinzuschleichen? So sieht jemand, der fertig ist, nicht aus. Ich glaube das nicht. Ich will Ihnen sagen, was Sie brauchen. Sie brauchen Aufregung, verstehen Sie, um sich aufrecht zu erhalten. Das ist's, was Sie brauchen. Sie sind daran gewöhnt und können ohne das nicht leben. Mir würde es gerade so gehen. Sehen Sie, hier ist der Vorführungsbefehl, erwirkt von Mr. Tulkinghorn in Lincoln's-Inn-Fields und seitdem auf ein halb Dutzend Grafschaften ausgedehnt. Was meinen Sie dazu, wenn Sie mit mir kämen und sich mit dem Friedensrichter tüchtig herumzankten? Es würde Sie aufmuntern und Ihnen zu einem neuen Kampf mit dem Kanzler frische Kräfte geben. Fertig sein! Ich muß mich wirklich wundern, einen Mann von Ihrer Energie so etwas sagen zu hören. Das dürfen Sie doch gar nicht. Ohne Sie ist die Komödie im Kanzleigerichtshof nicht halb so fidel. George, reichen Sie Mr. Gridley die Hand und versuchen Sie, ob es ihm nicht besser täte, wenn er aufsteht.« »Er ist zu schwach.« »Wirklich?« fragte Bucket besorgt. »Ich möchte ihn irgendwie aufmuntern. Ich sehe nicht gern einen alten Bekannten so zusammenbrechen. Es würde ihn mehr als alles andere stärken, wenn ich ihn ein bißchen wütend auf mich machen könnte. Er soll nur über mich herfallen, soviel er mag. Ich werde es ihm wahrhaftig nicht nachtragen.« Das Dach hallte von einem Schrei Miß Flites wider. Jetzt klingt er noch in meinen Ohren. »Nein, nein, Gridley«, schrie sie, als der Kranke schwer und lautlos vor ihr zurücksank. »Nicht ohne meinen Segen nach so vielen Jahren!« Die Sonne war untergegangen und das Licht allmählich von dem Dach verschwunden, und Schatten krochen die Wände empor. Für mich fiel der Schatten dieser zwei Personen, die eine lebendig, die andere tot, trüber auf Richards Abreise als die Finsternis der dunkelsten Nacht. Und durch Richards Abschiedsworte klangen mir die Worte in den Ohren: »Von allen meinen alten Bekannten, von allen meinen alten Hoffnungen und Bestrebungen, von der ganzen lebendigen und toten Welt ist diese arme Seele meine einzige natürliche Gefährtin, zu der ich passe. Zwischen uns besteht ein Band seit vielen leidensvollen Jahren, und es ist das einzige Band auf Erden, das das Kanzleigericht noch nicht zerrissen hat.« 25. Kapitel Mrs. Snagsby auf der Lauer Mißstimmung herrscht in Cook's Court, Cursitor Street. Schwarzer Verdacht wohnt in diesen friedlichen Regionen. Die Cook's Courter sind wohl in ihrer gewöhnlichen Gemütsverfassung, aber Mr. Snagsby ist nicht mehr derselbe, und seine kleine Frau weiß es. 'Toms Einöd' und Lincoln's-Inn-Fields bleiben wie ein paar widerspenstige Durchgeher vor den Wagen von Mr. Snagsbys Phantasie gespannt. Mr. Bucket kutschiert, und drin sitzen Jo und Mr. Tulkinghorn, und das ganze Gefährt saust in wildem Jagen um das Zifferblatt herum. Selbst in der kleinen Küche auf die Gasse heraus, wo die Familie zu speisen pflegt, rasselt sie in scharfem Trab vom Eßtisch weg, wenn Mr. Snagsby im Anschneiden der Hammelkeule innehält und an die Küchenwand starrt. Mr. Snagsby findet sich in seinem Kopf nicht mehr zurecht. Irgend etwas ist nicht in Ordnung. Aber was daraus werden soll, wann und aus welchem Winkel es ungeahnt hervortreten wird, ist das verwirrende Rätsel seines Lebens. Seine dunklen Eindrücke von den Talaren und Krönchen, den Sternen und Ordensbändern, die durch die Stauboberfläche von Mr. Tulkinghorns Kanzlei schimmern, seine Ehrfurcht vor den Geheimnissen dieses besten und verschlossensten aller seiner Kunden, den sämtliche Inns, ganz Chancery-Lane und die juristische Nachbarschaft mit Scheu betrachten, seine Erinnerung an den Detektiv Mr. Bucket mit seinem langen Zeigefinger und seinem vertraulichen Getue, dem man weder entgehen noch etwas abschlagen kann, festigen in ihm die Überzeugung, daß er an einem gefährlichen Geheimnis teilhat, ohne zu wissen, was es ist. Und es ist die schreckliche Eigentümlichkeit dieser Lage, daß zu jeder Stunde, bei jedem Aufgehen der Ladentür, bei jedem Klingeln, bei jeder Ankunft eines Boten oder eines Briefes das Geheimnis Feuer fangen, explodieren und irgend jemanden in die Luft sprengen kann. Wen, weiß Mr. Bucket allein. Wenn daher ein Unbekannter, wie es doch oft geschieht, in den Laden tritt und fragt: Ist Mr. Snagsby da? oder sonst etwas Unschuldiges, so klopft Mr. Snagsbys Herz laut in seiner schuldbeladenen Brust. So sehr irritieren ihn solche Fragen, daß, wenn Knaben sie stellen, er über den Ladentisch hinweg ihnen eins hinter die Ohren gibt und die Schlingel fragt, was sie damit sagen wollen und warum sie nicht gleich mit allem herausrücken. Weniger irdisch greifbare Männer und Jungen stören beständig Mr. Snagsbys Schlummer und jagen ihn mit rätselhaften Fragen in Furcht, so daß, wenn sich der Hahn in der kleinen Milchwirtschaft in Cursitor Street in seiner gewohnten zwecklosen Weise über den Morgen ausläßt, Mr. Snagsby sich im Stadium des Alpdruckes befindet, bis seine kleine Frau ihn wachrüttelt und sagt: Was hat der Mann nur! Die kleine Frau selbst trägt nicht wenig zu seiner Qual bei. Zu wissen, daß er immer ein Geheimnis vor ihr verbirgt, unter allen Umständen einen schmerzenden Zahn vor ihr zu verheimlichen hat, den sie ihm stets mit schlauer Begier herauszudrehen bereit ist, gibt Mr. Snagsby seiner Frau gegenüber ganz das Aussehen eines Hundes, der etwas angestellt hat und dem Auge seines Herrn ausweicht. Alle diese kleinen Anzeichen entgehen Mrs. Snagsbys scharfem Blick keineswegs. Snagsby hat etwas auf dem Herzen, sagt sie sich. Und so hält der Argwohn in Cook's Court, Cursitor Street, seinen Einzug. Vom Argwohn zur Eifersucht findet Mrs. Snagsby den Weg so leicht wie von Cook's Court nach Chancery-Lane. Und so hält die Eifersucht in Cook's Court, Cursitor Street, ihren Einzug. Einmal dort – gelauert hat sie immer in der Gegend –, rumort sie rastlos in Mrs. Snagsbys Brust, treibt sie bei Nacht, Mr. Snagsbys Taschen zu untersuchen, Mr. Snagsbys Briefe heimlich zu lesen, im stillen das Hauptbuch und Journal, die kleine und die große Kasse und den Dokumentenschrank zu durchforschen, am Fenster zu lauern, hinter Türen zu horchen und beständig das und jenes mit den unrichtigen Enden zusammenzuknüpfen. Mrs. Snagsby liegt so beständig auf der Lauer, daß das Haus vor lauter Dielenknistern und Kleiderrascheln einen ganz gespensterhaften Eindruck macht. Die »Stifte« glauben, es müsse jemand in alten Zeiten hier ermordet worden sein. In Gusters Kopf spuken Bruchstücke legendenhafter Ideen, daß unter dem Keller Geld vergraben sei und von einem weißbärtigen Alten bewacht werde, der vor siebentausend Jahren nicht erlöst werden könne, weil er das Vaterunser einmal rückwärts gebetet habe. Wer war Nimrod? fragt sich Mrs. Snagsby immer wieder. Wer war die Dame – diese »Person« ? Und wer ist der Junge? Da Nimrod so tot ist wie der gewaltige Jägersmann, dessen Namen Mrs. Snagsby für ihre Zwecke mit Beschlag belegt hat, und die »Dame« nicht herbeizuschaffen ist, lenkt sich der Blick ihres Geistes vorderhand mit verdoppelter Wachsamkeit auf den Jungen. Wer ist dieser Junge? fragt sich Mrs. Snagsby tausend und ein Mal. Wer ist dieser...? Und da geht ihr plötzlich ein Licht auf. Er hat keinen Respekt vor Mr. Chadband! Nein, den hat er nicht und kann ihn auch nicht haben! Natürlich kann er keinen haben unter solchen ansteckenden Verhältnissen! Mr. Chadband hat ihn eingeladen – Mrs. Snagsby hat es mit eignen Ohren gehört –, wiederzukommen, um zu erfahren, wo Mr. Chadband predige. Und er ist nicht gekommen! Warum ist er nicht gekommen? Weil man es ihm verboten hat! Wer hat es ihm verboten? Wer? Haha! Mrs. Snagsby sieht plötzlich klar. Aber zum Glück – und Mrs. Snagsby schüttelt grimmig den Kopf und lächelt grimmig – hat Mr. Chadband gestern den Knaben auf der Straße getroffen, und Mr. Chadband hat diesen Knaben, über den er zur Erbauung einer auserlesenen Gemeinde zu predigen wünscht, ergriffen und ihm gedroht, ihn der Polizei zu übergeben, wenn er nicht sage, wo er wohne, und sich nicht morgen seinem Versprechen gemäß in Cook's Court einfinde. Mor-gen a-bend! wiederholt Mrs. Snagsby des Nachdrucks wegen mit grimmigem Lächeln und Kopfschütteln, und morgen abend wird der Junge kommen, und morgen abend wird Mrs. Snagsby ein Auge auf ihn und noch eine andere gewisse Person haben. O, du magst schon eine hübsche Weile deine Schleichwege gehen, sagt Mrs. Snagsby mit Stolz und Verachtung, aber mich betrügst du nicht! Mrs. Snagsby hängt es nicht an die große Glocke, was sie sich denkt, sondern schweigt über ihre Pläne und behält ihr Geheimnis für sich. Morgen kommt. Die schmackhaften Vorbereitungen für die Ölmühle kommen, und der Abend kommt. Es kommt Mr. Snagsby in seinem schwarzen Rock. Es kommen die Chadbands, wenn das »Gefäß« genügend leer ist. Es kommen die »Stifte« und Guster, um sich erbauen zu lassen. Es kommt endlich mit hängendem Kopf und schlottrigem Gang, in der schmutzigen Hand die Pelzmütze, die er rupft wie einen Vogel, den er roh verzehren will, Jo, der Schmier-Ober, den Mr. Chadband bessern will. Mrs. Snagsby wirft einen wachsamen, aber verstohlenen Blick auf Jo, wie ihn Guster jetzt in das kleine Staatszimmer führt. Er sieht Mr. Snagsby beim Eintreten an. Aha! Warum sieht er Mr. Snagsby an ? – Mr. Snagsby sieht ihn an. Warum tut er das? Mrs. Snagsby weiß sofort alles. Warum denn sonst wechseln diese beiden einen Blick miteinander, warum denn sonst ist Mr. Snagsby so verlegen und hustet einen Signalhusten hinter seiner Hand, als, weil es klar wie Kristall ist, daß Mr. Snagsby der – Vater dieses Knaben ist. »Friede sei mit euch, meine Freunde!« salbadert Chadband, steht auf und wischt sich die Ölabsonderungen von seinem Reverendgesicht ab. »Friede sei mit uns! Meine Freunde, warum mit uns? Weil«, sagt er mit seinem fetten Lächeln, »weil er nicht gegen uns sein kann, weil er für uns ist; weil er nicht verhärtet, sondern weil er erweicht; weil er nicht Krieg führt wie der Habicht, sondern zu uns kommt wie die Taube. Deshalb, meine Freunde, sei Friede mit uns! Du, menschlicher Knabe, tritt vor!« Mr. Chadband streckt die aufgedunsene Pfote aus, legt sie auf Jos Arm und überlegt sich, wo er ihn hinsetzen solle. Jo, sehr argwöhnisch in bezug auf die Absichten Seiner Ehrwürden und keineswegs sicher, ob man nicht etwa eine schmerzliche Operation an ihm vornehmen wolle, brummt: »Lassen S mi gehn. I hab Eahna nix tan. Lassen S mi gehn.« »Nein, mein junger Freund«, sagt Chadband salbungsvoll. »Ich lasse dich nicht. Und warum? Weil ich einsammle die Ernte; weil ich mich mühe und plage; weil du mir überliefert bist und ein köstlich Werkzeug geworden in meiner Hand. Meine Freunde, möge ich mich dieses Werkzeugs bedienen zu eurem Besten, zu eurem Nutzen, zu eurem Gewinn, zu eurer Wohlfahrt, zu eurer Bereicherung! Mein junger Freund, setze dich auf diesen Stuhl.« Sichtlich von dem Gedanken beherrscht, daß Seine Ehrwürden ihm die Haare schneiden wolle, schützt sich Jo den Kopf mit beiden Armen und läßt sich nur mit großer Mühe und unter vielem Sträuben hinsetzen. Als man ihn endlich wie eine Modellpuppe zurechtgerückt hat, zieht sich Mr. Chadband hinter den Tisch zurück, hält seine Bärentatze empor und spricht: »Meine Froinde!« Das ist das Signal für die ganze Zuhörerschaft, die Ohren aufzumachen. Die »Stifte« kichern in sich hinein und stoßen sich mit den Ellbogen. Guster verfällt in einen Zustand leeren Vorsichhinstierens, zusammengesetzt aus atemloser Bewunderung Mr. Chadbands und Mitleid mit dem armen freundlosen Ausgestoßnen, dessen Lage sie tief ergreift. Mrs. Snagsby legt schweigend Pulverminen. Mrs. Chadband setzt sich mit finsterer Miene an den Kamin und wärmt sich die Knie. Sie findet, daß dies das Zuhören erleichtert. Mr. Chadband hat die übliche Kanzelpredigergewohnheit, ein Mitglied der Gemeinde zu fixieren und mit fettigem Wohlwollen seine Argumente insbesondere an diese Person zu richten. Von dem Angeredeten wird in solchen Fällen gewöhnlich erwartet, daß er sich zu gelegentlichem Stöhnen, Seufzen, Ächzen oder andern hörbaren Äußerungen des Innenlebens aufschwingt. Diese Äußerung der Seele pflegt dann von einer ältlichen Dame im nächsten Kirchenstuhl zumeist wiederholt zu werden, geht dann wie beim Pfänderspiel im Kreise der leichter gärbaren Sünder unter den Anwesenden herum, erfüllt den Zweck des parlamentarischen »Hört, hört!« und erhält den Prediger in Volldampf. Aus bloßer Gewohnheit also hat Mr. Chadband bei den Worten »Meine Froinde!« sein Auge auf Mr. Snagsby geheftet und richtet an den armen Schreibmaterialienhändler, dem die Sterne sichtlich übel wollen und der schon verlegen genug ist, unmittelbar seine Rede. »Meine Freunde!« beginnt Chadband. »Wir haben hier unter uns einen Ungesalbten, einen Heiden, einen Bewohner der Zelte von 'Toms Einöd', einen, der da herumschweift auf Erden. Meine Freunde, wir haben hier unter uns« – Mr. Chadband nestelt das Argument mit seinem schmutzigen Daumennagel auf, wirft ein öliges Lächeln auf Mr. Snagsby, als wolle er sagen, er werde ihn sofort logisch zu Fall bringen, wenn er nicht schon sowieso am Boden liege – »haben hier unter uns einen Bruder und einen Knaben. – Ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne Vieh und Herden, ohne Gold und Silber und Edelgestein. Aber, meine Freunde, warum sage ich, daß er dieser Besitztümer ermangelt? Warum? Warum ermangelt er ihrer?« Mr. Chadband wirft die Frage auf, als lege er Mr. Snagsby ein ganz neues ungemein geistreiches Rätsel vor und bäte ihn, nur ja nicht an der Auflösung zu verzweifeln. Mr. Snagsby, sehr verwirrt von dem Sphinxblick, den sein kleines Frauchen bei den Worten »ohne Eltern« auf ihn wirft, läßt sich zu der bescheidnen Bemerkung verleiten: »Ich weiß es wirklich nicht, Sir.« Diese Unterbrechung macht Mrs. Chadband finster aufblicken, und Mrs. Snagsby ruft: »Es ist eine Schande.« »Ich höre eine Stimmö«, sagt Chadband. »Ist es eine demütige Stimmö, meine Freunde? Ich fürchte nicht, wiewohl ich es hoffen möchte.« Hörbares Räuspern Mr. Snagsbys. »...Die da saget, ich weiß es nicht. Und nun will ich euch sagen, warum. Ich sage, dieser Bruder, der da stehet vor uns, ermangelt der Eltern, ermangelt der Verwandten, ermangelt des Viehs und der Herden, ermangelt des Silbers, des Goldes und jeglichen Geschmeides, weil er des Lichtes entbehrt, das da niederscheinet auf einige von uns. Was ist das für ein Licht? Was ist es? Ich frage euch, was ist das für ein Licht?« Mr. Chadband legt den Kopf zurück und hält inne, aber Mr. Snagsby geht nicht noch einmal auf den Leim. Mr. Chadband lehnt sich über den Tisch hinüber und bohrt, was er noch zu sagen hat, mit dem bereits erwähnten Daumennagel in Mr. Snagsby hinein. »Es ist«, erläutert Chadband, »der Strahl der Strahlen, die Sonne der Sonnen, der Mond der Monde, der Stern der Sterne. Es ist das Licht der Waharheit.« Mr. Chadband richtet sich wieder auf und sieht Mr. Snagsby triumphierend an, als wolle er sich vergewissern, wie seinem Opfer jetzt zumute sei. »Der Waharheit«, wiederholt Mr. Chadband mit einem neuen Lanzenstich. »Saget mir nicht, daß sie nicht sei die Leuchte der Leuchten. Ich sage euch, sie ist es. Ich sage euch millionenmal, sie ist es. Sie ist es. Ich sage euch, daß ich es euch verkündigen werde, ob ihr da wollet oder nicht. Ja, je weniger ihr wollet, desto lauter will ich es euch verkünden mit Drommetenzungen. Ich sage euch, locket ihr dagegen, werdet ihr fallen, werdet ihr stürzen, werdet ihr zerschlagen, werdet ihr zerbrochen, werdet ihr zermalmet zu Stahub.« Der kühne Redeflug, von Mr. Chadbands Anhängern wegen seiner Gewaltigkeit ungemein bewundert, macht Seiner Ehrwürden nicht nur unangenehm warm, sondern stellt auch den unschuldigen Mr. Snagsby als einen entschiedenen Feind der Tugend, erzgestirnt und hartherzig, dar, und deshalb gerät der unglückliche Schreibmaterialienhändler noch mehr außer Fassung, als er ohnehin schon ist. Und da gibt ihm Mr. Chadband zufällig den Gnadenstoß. »Meine Freunde«, beginnt er wieder, nachdem er seine fette Stirn eine Weile betupft hat – und sie dampft so sehr, daß sein Taschentuch, das nach jedesmaligem Tupfen ebenfalls dampft, daran anzubrennen scheint –, »um den Gegenstand, an dem wir nach unsern bescheidenen Gaben uns zu erbauen trachten, weiter zu verfolgen, wollen wir im Geiste der Liebe fragen: Was ist die Waharheit, von der ich gesprochen habe? Denn, meine jungen Freunde«, wendet er sich an die »Stifte« und Guster, zu deren großer Bestürzung, »wenn mir der Arzt sagt, daß Calomel oder Kastoröl gut für mich seien, so werde ich natürlich fragen, was ist Calomel, und was ist Kastoröl? Ich werde mich darüber vergewissern, ehe ich eins der Mittel oder beide einnehme. Nun, meine jungen Freunde, was ist also diese Waharheit? Erstlich im Geiste der Liebe, was ist die gewöhnliche Art der Waharheit?... Die Werktagswaharheit – sozusagen –, meine jungen Freunde? Ist sie Hintergehung?« Hörbares Räuspern Mr. Snagsbys. »Ist sie Verheimlichung?« Mrs. Snagsby erschauert förmlich vor stummer Verneinung. »Ist sie heimliches Vorenthalten?« Ein langes entschiedenes Kopfschütteln Mrs. Snagsbys. »Nein, meine Freunde, sie ist keins von alledem. Keiner dieser Namen ist ihr echter. Als dieser jetzt unter uns weilende junge Heide, der jetzt, mit dem Siegel der Gleichgültigkeit und Verworfenheit auf seinen Augenlidern, schläft, meine Freunde (wecket ihn nicht, auf daß ich seinetwegen kämpfe und ringe und den Sieg gewinne), als dieser verstockte junge Heide uns eine Geschichte von einem Hahn und einem Stier und einer Dame und einem Sovereign erzählte, war das die Waharheit? Nein. Oder, wenn sie es zum Teil war, war sie es ganz vollständig? Nein, meine Freunde, nein!« Mr. Snagsby müßte ganz anders beschaffen sein, wenn er den Blick seiner kleinen Frau aushalten sollte, wie er sich jetzt durch die Fenster seiner Seele in sein tiefstes Inneres bohrt. »Oder, meine jungen Freunde«, fährt Mr. Chadband fort, klettert bis zum tiefsten Niveau der Auffassungskraft der »Stifte« herab und lächelt fett und demütig mit der Miene eines Mannes, der eine hohe Treppe hinuntersteigt, »wenn der Herr dieses Hauses in die Stadt ginge, einen Aal sähe und zurückkehrte, um die Herrin dieses Hauses zu sich zu berufen und ihr zu sagen: Sarah, freue dich mit mir, denn ich habe einen Elefanten gesehen! Wäre das die Waharheit?« Mrs. Snagsby bricht in Tränen aus. »Oder nehmen wir an, meine jungen Freunde, daß er einen Elefanten gesehen hätte und heimkehrte und sagte: Siehe, die Stadt ist öde, wahrlich, ich habe nur einen Aal gesehen! Wäre das die Waharheit?« Mrs. Snagsby schluchzt laut. »Oder nehmen wir an, meine jungen Freunde«, sagt Chadband, bei dem Tone angeregt, »daß die unnatürlichen Eltern dieses schlummernden Heiden – denn Eltern hat er ohne Zweifel gehabt –, nachdem sie ihn den Wölfen und den Geiern und den wilden Hunden und den jungen Gazellen und den Schlangen hingeworfen, in ihre Wohnung zurückkehrten und sich erfreuten an ihren Pfeifen und ihren Fleischtöpfen und ihrem Flötenspiel und ihren Tänzen und ihrem Gerstensaft und des Schlächters Fleisch und Geflügel – wäre das die Waharheit?« Mrs. Snagsby antwortet damit, daß sie eine Beute von Krämpfen wird; nicht eine widerstandslose Beute, sondern eine weinende und schluchzende, so daß Cook's Court von ihrem Jammergeschrei widerhallt. Endlich wird sie kataleptisch und muß die schmale Treppe umständlich wie ein Piano hinaufgetragen werden. Nach unaussprechlichen Leiden, die die größte Bestürzung hervorbringen, melden Eilboten aus dem Schlafzimmer, daß sie frei von Schmerzen, aber noch sehr angegriffen sei. Mr. Snagsby, den man bei diesem Klaviertransport an die Wand gedrückt und auf die Füße getreten und dadurch sehr verschüchtert hat, wagt sich jetzt wieder hinter der Tür des Staatszimmers hervor. Die ganze Zeit über ist Jo dort, wo er aufgewacht ist, stehen geblieben, hat beständig seine Mütze gerupft und Pelzstückchen in den Mund gesteckt. Er spuckt sie mit reuevoller Miene aus, denn er begreift, daß er von Natur ein unverbesserliches verworfenes Geschöpf ist, dem jeder Versuch, wach zu bleiben, fehlschlägt. Aber doch ist es möglich, Jo, daß es selbst für so vertierte Gemüter wie dich eine Geschichte gibt, die von Taten handelt, so ergreifend für das Menschenherz, daß sie selbst dich wach erhalten und belehren könnte, wenn sie dir die Chadbands nur ohne Schwulst und schlicht erzählen wollten. Aber Jo hat nie von einer solchen Historie und solchen Büchern gehört. Seine Verfasser und Reverend Chadband gelten ihm gleich; nur, daß er Ehrwürden Chadband kennt und lieber eine Stunde weit weglaufen möchte, als ihn noch fünf Minuten länger reden zu hören. »Es hat kan Zweck, no länger zwarten«, sagt Jo. »Mr. Snagsby redet eh nix heit abend.« Und er schlottert die Treppe hinunter. Aber unten steht die mildtätige Guster, hält sich am Geländer der Küchentreppe fest, um gegen einen herannahenden Krampfanfall, den Mrs. Snagsbys Gekreisch geweckt hat, anzukämpfen. Sie reicht ihr eigenes Abendbrot – Butterschnitt und Käse – Jo hin und wagt ein paar Worte an ihn zu richten. »Hier hast du was zum Essen, armer Bub.« »Dank schön, Mum«, sagt Jo. »Hast an Hunger?« »Damisch«, sagt Jo. »Was ist aus deinem Vater und deiner Mutter geworden?« Jo hält mitten im Abbeißen inne und sieht ganz versteinert aus, denn der Waisenschützling des christlichen Heiligen, dessen Schrein in Tooting steht, hat ihm auf die Schulter geklopft. Das erste Mal in seinem Leben, daß eine anständige Hand ihn so berührt hat. »I hab nie nix von ihnen ghört«, sagt Jo. »Und ich von meinen auch nicht«, ruft Guster. Sie unterdrückt einige Krampfsymptome, da verscheucht sie plötzlich etwas, und sie entschwindet auf der Kellertreppe. »Jo«, flüstert der Schreibmaterialienhändler leise, während der Junge noch zögernd auf der Treppe steht. »Da bin i, Mr. Sangsby.« »Ich wußte nicht, daß du schon fort bist... Hier hast du wieder eine halbe Krone, Jo. Du hast es gut gemacht, daß du nichts von der Dame von neulich abends sagtest. Es könnte Unannehmlichkeiten verursachen. Du kannst nicht verschwiegen genug sein, Jo.« »I bin a Ghauter, Master.« »Also gute Nacht.« Ein geisterhafter Schatten in Unterrock und Nachtmütze folgt dem Papierhändler in das Zimmer, aus dem er gekommen ist, und gleitet höher hinauf. Und von nun an, mag Mr. Snagsby gehen, wohin er will, begleitet ihn noch ein andrer Schatten als sein eigner, kaum weniger fest an seine Fersen geheftet, kaum weniger ruhig, kaum weniger geräuschlos als sein eigner. Und in welche Geheimnisatmosphäre sein eigner Schatten auch treten mag, von nun an mögen sich alle an dem Geheimnis Beteiligten in acht nehmen. Die wachsame Mrs. Snagsby liegt auf der Lauer. Bein von seinem Bein, Fleisch von seinem Fleisch, Schatten von seinem Schatten. 26. Kapitel Scharfschützen Der Wintermorgen, der mit trüben Augen und fahlem Gesicht auf die Umgebung von Leicester-Square herabsieht, findet die Schläfer noch alle in ihren Betten. Viele von ihnen sind auch in der hellsten Jahreszeit keine Frühaufsteher, sind Nachtvögel, die schlafen, wenn hoch am Himmel die Sonne steht, sind wach und beutegierig, wenn die Sterne scheinen. Hinter schmutzig grauen Vorhängen im Obergeschoß und im Dachstübchen, mehr oder weniger unter falschem Namen, falschem Haar, falschen Titeln, falschem Schmuck und falschen Vorgeschichten, liegt eine Kolonie Briganten in ihrem ersten Schlaf. Herren, die aus persönlicher Erfahrung von fremden Galeeren und heimischen Tretmühlen erzählen könnten, Spione starker Regierungen, die ewig vor Schwäche und elender Furcht zittern, Bankerottiers, Feiglinge, Renommisten, Spieler, Schwindler und falsche Zeugen, einige unter der schmutzigen Hülle mit der Brandmarke gezeichnet, alle mit mehr Grausamkeit im Herzen als Nero und mit mehr Verbrechen beladen, als im Kerker von Newgate zu finden sind. So schlecht der Teufel in Barchent und Fuhrmannskittel auch sein kann, schlauer, gefühlloser und unerträglicher ist er, wenn er eine Busennadel trägt, sich einen Gentleman nennt, auf eine Karte oder eine Farbe setzt, ein paar Partien Billard spielt oder etwas von Wechseln oder Schuldverschreibungen versteht. Und in dieser Gestalt findet ihn Mr. Bucket, wenn er will, überall in den Nebengassen von Leicester-Square. Aber der Wintermorgen bedarf seiner nicht und weckt ihn nicht. Er weckt Mr. George in der Schießgalerie und seinen Gehilfen. Sie stehen auf, rollen ihre Matratzen zusammen und verstauen sie. Nachdem Mr. George sich vor einem winzig kleinen Spiegel rasiert hat, marschiert er barhäuptig und mit bloßer Brust hinaus an die Pumpe im kleinen Hof und kehrt bald zurück, glänzend vom Reiben, vom Regen, von gelber Seife und schneidend kaltem Wasser. Wie er sich mit einem großen Frottiertuch abreibt und dabei wie eine Art eben an die Oberfläche gekommener militärischer Tauchervogel prustet, lockt sich sein krauses Haar immer dichter an seinen sonnenverbrannten Schläfen, je mehr er es reibt, so daß es aussieht, als könne man es bestenfalls nur mehr mit einem eisernen Rechen oder einem Striegel in Ordnung bringen. Und wie er reibt und pustet und poliert und schnaubt und den Kopf von einer Seite auf die andre wendet, um sich besser die Kehle zu reinigen, und mit vorgebeugtem Körper dasteht, um keine Tropfen auf seine martialischen Beine kommen zu lassen, sieht sich Phil, der vor dem Kamin kniet, um Feuer zu machen, um, als wäre es für ihn Wäsche genug, wenn er dem allen bloß zusähe, und hinreichend Stärkung für einen Tag, die von seinem Herrn weggeworfene überflüssige Gesundheit magnetisch anzuziehen. Als Mr. George trocken ist, beginnt er seinen Kopf mit zwei harten Bürsten zugleich so unbarmherzig zu bearbeiten, daß Phil, der, die Galerie auskehrend, mit der Schulter an der Wand entlangrutscht, vor Mitgefühl mit den Augen zwinkert. Auf diese Abbürstung folgt der verschönernde Teil der Toilette, der bald zu Ende ist. Dann stopft sich Mr. George die Pfeife, zündet sie an und marschiert, wie er es gewohnt ist, rauchend auf und ab, während Phil in einem gewaltigen Dunstkreis von heißen Semmeln und Kaffee das Frühstück zurecht macht. Er raucht ernst und marschiert langsam auf und ab. Vielleicht ist diese Morgenpfeife dem Andenken Gridleys in seinem Grabe gewidmet. »Also du hast diese Nacht vom Lande geträumt, Phil«, sagt der Inhaber der Schießgalerie, nachdem er einige Mal stumm auf und nieder geschritten ist. Phil hatte es nämlich im Tone der Überraschung, als er aus dem Bette stieg, erwähnt. »Ja, Govner.« »Wie hat's ausgesehen?« »Ich weiß nicht recht, wie's ausgesehen hat, Govner«, sagt Phil nachdenklich. »Woher wußtest du, daß es auf dem Lande war?« »Von wegen dem Gras, glaub ich, und den Schwänen drauf«, sagt Phil nach weiterer Überlegung. »Was haben die Schwäne auf dem Grase gemacht?« »Haben's gefressen vermutlich.« Mr. George setzt seinen Marsch und der Diener die Bereitung des Frühstücks fort. Es bedürfte eigentlich keiner sehr langen Vorbereitung, denn es besteht bloß aus dem Auftragen sehr einfacher Frühstücksrequisiten für zwei Personen, dem Rösten einer Scheibe Schinken an dem Feuer des rostigen Herdes. Aber da Phil sich bei jedem Gegenstand, den er braucht, einen beträchtlichen Teil an der Galerie entlangschieben muß und nie zwei Sachen auf einmal bringt, dauert es ziemlich lange. Endlich ist das Frühstück fertig, wie Phil meldet. Mr. George klopft die Pfeife an der Herdwand aus, stellt sie in eine Ecke und setzt sich zum Essen hin. Als er zugelangt hat, folgt Phil seinem Beispiel. Er sitzt am äußersten Ende des kleinen länglichen Tisches und hält den Teller auf den Knien. Entweder aus Bescheidenheit oder um seine pulvergeschwärzten Hände zu verstecken oder weil es seine natürliche Art ist, so zu essen. »Auf dem Lande!« sagt Mr. George wieder und hantiert mit Messer und Gabel. »Ich glaube, du hast überhaupt noch nie das Land gesehen.« »Ich hab die Sümpf ein Mal gsehn«, sagt Phil und verzehrt zufrieden sein Frühstück. »Was für Sümpfe?« »Die Sümpf, Kommandeur.« »Wo sind sie?« »Ich weiß nicht, wo sie sind, aber gsehn hab ich's, Govner, flach sinds gwesn und neblig.« Gouverneur und Kommandeur sind für Phil Worte von gleichem Wert, drücken beide dieselbe Achtung und Ehrerbietung aus und dürfen nur auf Mr. George angewendet werden. »Ich bin auf dem Lande geboren, Phil.« »Was S net sagen, Kommandeur!« »Ja, und dort aufgewachsen.« Phil zieht seine einzige Augenbraue in die Höhe und schlingt, nachdem er seinen Herrn ehrerbietig angestarrt hat, um sein Interesse auszudrücken, einen großen Schluck Kaffee hinunter. »Es gibt keinen Vogel, den ich nicht an der Stimme kenne«, sagt Mr. George. »Es gibt wenig Blätter oder Beeren in England, deren Namen ich nicht wüßte. Nicht viele Bäume, auf die ich nicht heute noch klettern könnte, wenn es darauf ankäme. Ich war zu meiner Zeit ein echter Bursch vom Lande. Meine gute Mutter wohnte auf dem Lande.« »Sie muß eine schöne alte Dame gewesen sein, Govner.« »Jawohl. Und doch noch nicht besonders alt vor fünfunddreißig Jahren. Aber ich möchte wetten, daß sie mit neunzig Jahren sich fast noch so gerade halten und so breit über die Schultern sein würde wie ich.« »Starb sie mit neunzig Jahren, Govner?« »Nein!... Bah! Mag sie in Frieden leben, und Gott segne sie! Möcht wissen, was mich Bauernburschen und fortgelaufne Taugenichtse heut angehen! Du natürlich hast mich draufgebracht. Also du hast nie das Land gesehen, Sümpfe und Träume ausgenommen. Was?« Phil schüttelt den Kopf. »Möchtest du's sehen?« »N-nein. Ich glaub eigentlich nicht.« »Die Stadt genügt dir, was?« »Ja, sehen Sie, Kommandeur«, sagt Phil, »ich kenn weiter nichts und weiß nicht, ob ich nicht für Neuheiten zu alt bin.« »Wie alt bist du eigentlich, Phil?« fragt der Kavallerist und hebt die rauchende Untertasse zum Munde. »Es ist etwas mit einem Achter drin. Achtzig kann's nicht sein, achtzehn auch nicht. Es muß so zwischen beiden sein.« Mr. George setzt langsam die Tasse hin, ohne einen Schluck getan zu haben, und will gerade zu lachen anfangen, da sieht er, daß Phil an seinen schmutzigen Fingern zählt. »Was, zum Donnerwetter, Phil...« »Ich war gerade acht Jahre«, erklärt Phil, »nach der Gemeindehausrechnung, als ich mit dem Kesselflicker fortlief. Ich sollte was holen und sah ihn vor einem alten Haus ganz behaglich allein an einem Feuer sitzen, und er sagte: 'Du gingst wohl gern mit mir, Bürschchen ?' Ich sag ja, und er und ich und das Feuer sind zusammen nach Clerkenwell gegangen. Das war am ersten April. Ich konnte bis zehn zählen, und als der erste April wiederkam, sagte ich zu mir: Na, alter Bursche, jetzt bist du eins und eine Acht darin. Als wieder der erste April kam, sagte ich: Jetzt, alter Junge, bist du zwei und eine Acht dann. Mit der Zeit kam ich zu zehn und eine Acht darin und dann zu zwei Zehnern und eine Acht darin. Höher hinauf konnte ich's nicht mehr bewältigen, aber ich weiß immer, daß eine Acht darin war.« »So!« sagt Mr. George und macht sich wieder über sein Frühstück her. »Und wo ist der Kesselflicker?« »S Trinken hat ihn ins Spital gebracht, Govner, und das Spital in – einen Glaskasten, hab ich mir sagen lassen«, gibt Phil geheimnisvoll zur Antwort. »Auf diese Weise bist du avanciert – hast das Geschäft übernommen, Phil?« »Ja, Kommandeur, das Geschäft übernommen. So, wie's eben war. Es war nicht viel daran. Um Saffronhill, Hattongarden, Clerkenwell, Smiffield und daherum gibt's nur arme Leut, die die Kessel abnützen, bis nichts mehr dran zu flicken ist. Die meisten der herumziehenden Kesselflicker kamen zu uns und wohnten bei uns. Das war der Hauptverdienst von meinem Meister. Aber zu mir kamen sie nicht. Ich war nicht wie er. Er hat ihnen so schön vorgsungen. Ich konnte das nicht. Er konnte ihnen etwas vorspielen auf jedem Topf, ob er jetzt aus Eisen oder Zinn war. Ich konnte nie etwas andres mit einem Topf anfangen, als ihn flicken oder drin kochen – ich hab nie einen Ton Musik in mir gehabt. Und dann war ich zu häßlich, und ihre Weiber beschwerten sich über mich.« »Die haben's nötig gehabt! In der Herde wärst du schon auch noch mit durchgerutscht, Phil«, sagt der Kavallerist mit einem freundlichen Lächeln. »Nein, Govner«, entgegnet Phil mit Kopfschütteln. »O nein, bestimmt nicht. Ich war noch so ziemlich passabel, als ich zum Kesselflicker kam, wenn ich mich damit auch nicht brüsten konnte, aber ich mußte immer schon als Junge das Feuer anblasen und verdarb mir die Haut und versengte mir das Haar und mußte den Rauch schlucken. Und dann hatte ich von Natur aus Pech, hab mich immer an heißem Eisen verbrannt und mich auf die Art gezeichnet, und dann hab ich immer, als ich älter wurde, mit dem Kesselflicker Streit gehabt, so oft er betrunken war, und mich herumprügeln müssen. Und besoffen war er immer. Daher hat es mit meiner Schönheit schon damals sehr windig ausgesehen. Und seitdem bin ich ein Dutzend Jahre in einer dunkeln Schmiede beschäftigt gewesen, wo die Leute Schindluder mit mir getrieben haben, und bei einem Unglücksfall in einer Gasanstalt verbrannt worden und bei einem Feuerwerksgeschäft beim Böllerfüllen zum Fenster hinausgeflogen. Jetzt bin ich so häßlich, daß man mich auf dem Jahrmarkt zeigen könnte.« Phil sieht trotz dieses Zustandes ganz zufrieden aus und fragt um Erlaubnis, ob er noch eine Tasse Kaffee trinken dürfe. Während er sie schlürft, sagt er: »Nach der Explosion bei dem Feuerwerker hab ich Sie das erste Mal gesehen, Kommandeur. Erinnern Sie sich noch?« »Gewiß, Phil, du gingst im Sonnenschein spazieren.« »Schob mich an der Wand hin, Govner.« »Jawohl, Phil, mit der Schulter...« »In einer Nachtmütze!« ruft Phil ganz aufgeregt aus. »In einer Nachtmütze...« »Und humpelte an ein paar Krücken!« ruft Phil noch aufgeregter. »Mit ein paar Krücken – da...« »Da blieben Sie stehen, erinnern Sie sich!« ruft Phil aus, setzt seine Tasse hin und nimmt hastig den Teller vom Knie. »Und sagten zu mir: 'Was, Kamerad, du bist im Krieg gewesen !' Ich sagte nicht viel zu Ihnen, Kommandeur, denn ich war ganz überrascht, daß ein so starker und gesunder Mann wie Sie stehen blieb und einen hinkenden Knochenhaufen wie mich ansprach. Aber Sie fragten mich und sagten es so herzlich heraus, daß es grad war wie ein Glas von was Heißem: 'Was ist dir zugestoßen? Du bist bös dabei weggekommen. Was fehlt dir, alter Knabe? Kopf hoch und alles frisch erzählt!' Kopf hoch! Mich frischte es ordentlich auf, und dann haben Sie etwas gesagt, und ich hab etwas gesagt, und dann haben wir lang miteinander gesprochen, und so bin ich jetzt hier, Kommandeur. Hier bin ich, Kommandeur!« ruft Phil, der von seinem Stuhl aufgesprungen ist und jetzt anfängt, sich auf ganz unerklärliche Weise seitwärts fortzubewegen. »Wenn man ein Ziel braucht oder es dem Geschäft von Nutzen ist, sollen die Kunden mich nur ruhig als Scheibe verwenden. Meiner Schönheit können sie weiter nicht mehr schaden. Mir ist alles gleich. Nur heran! Wenn sie einen brauchen, um auf ihn loszuboxen, sollen sie losboxen. Sie können mir ruhig auf den Kopf hauen. Mir ist's gleich. Wenn sie einen Leichtgewichtler brauchen, um ihn nach Cornwall-, Devonshire- oder Lancashire-Weise zu werfen, sollen sie mich werfen. Macht nichts. Ich bin mein ganzes Leben lang auf jede Weise geworfen worden.« Mit dieser unerwarteten Rede, die er sehr energisch vorbringt, und mit den verschiednen Leibesübungen angepaßten Gebärden begleitet, schiebt sich Phil Squod mit der Schulter an drei Seiten der Galerie herum und wendet sich dann plötzlich gegen seinen Kommandeur und vollführt mit dem Kopf einen Stoß nach ihm, um damit seine volle Hingebung im Dienst anzudeuten. Dann fängt er an, das Frühstück wegzuräumen. Mr. George hat heiter gelacht und ihm auf die Schulter geklopft. Jetzt hilft er ihm beim Wegräumen und bringt dann mit ihm die Galerie für das Geschäft in Ordnung. Er macht ein paar Übungen mit Hanteln durch. Dann wiegt er sich, schließt daraus, daß er zuviel Fleisch ansetze, und schreitet mit großem Ernst an eine Übung im Säbelschwingen. Unterdessen hat sich Phil an seinen Arbeitstisch gesetzt, schraubt Gewehre auseinander und zusammen, putzt und feilt und bläst in kleine Löcher und wird immer schwärzer dabei und hantiert aufs emsigste mit allen möglichen Waffenbestandteilen. Herr und Diener hören endlich im Gange, wo es so stark hallt, Tritte, die die Ankunft seltener Gäste verraten. Die Schritte kommen der Galerie immer näher, und endlich tritt eine Gruppe auf die Schwelle, die auf den ersten Anblick zu keinem andern Tag im Jahr als dem fünften November, dem Datum der großen Verschwörung, zu passen scheint. Sie besteht aus einer hinfälligen und häßlichen Gestalt auf einem von zwei Trägern getragnen Stuhl und einem daneben hergehenden hagern Frauenzimmer mit einem Gesicht wie eine halbverhungerte Maske. Sie sieht aus, daß man jeden Augenblick von ihr die Verse zur Erinnerung an die Zeit, wo sie ganz England in die Luft sprengen wollten, zu hören erwarten würde, wenn sie die Lippen nicht so fest und trotzig zusammenbisse. Der Stuhl wird hingesetzt, und die darin liegende Gestalt, die bis jetzt nur gekeucht hat: »O Gott, o Gott!« fügt hinzu: »Wie geht's, mein lieber Freund, wie geht's?« und Mr. George erkennt in der Prozession den auf einer Spazierfahrt begriffenen würdigen Mr. Smallweed, begleitet von seiner Enkelin Judy als Leibwache. »Mr. George, mein lieber Freund«, ruft Großvater Smallweed und nimmt seinen rechten Arm von dem Halse eines seiner Träger, den er auf dem Herweg fast erwürgt hat. »Wie geht's? Sie sind wohl sehr überrascht, mich zu sehen, mein lieber Freund?« »Ich würde über Ihren Freund in der City kaum weniger überrascht sein.« »Ich gehe sehr selten aus«, keucht Mr. Smallweed. »Ich bin seit vielen Monaten nicht herausgekommen. Es ist unbequem und teuer. Aber ich sehnte mich so sehr, Sie zu sehen, lieber Mr. George. Wie geht es Ihnen?« »Recht gut«, sagt Mr. George. »Ich hoffe, Ihnen auch?« »Es kann Ihnen nie zu gut gehen, mein lieber Freund.« Mr. Smallweed ergreift seine beiden Hände. »Ich habe meine Enkelin Judy mitgebracht. Sie ließ sich's nicht nehmen. Sie sehnte sich auch so sehr, Sie zu sehen.« »Hm! Anmerken tut man ihr nichts«, brummt Mr. George. »So nahmen wir also eine Droschke und setzten einen Stuhl hinein, und unten an der Straßenecke hoben sie mich aus dem Wagen und in den Stuhl und trugen mich hierher, damit ich meinen lieben Freund in seinem eignen Geschäft besuchen könnte! Das ist der Kutscher«, sagt Großvater Smallweed und deutet auf den Mann, der der Gefahr des Erwürgens ausgesetzt war und sich, seine Luftröhre befühlend, jetzt entfernt. »Er bekommt nichts extra. Es ist im Fahrgeld mit einbegriffen. Den andern Mann da nahmen wir auf der Straße für eine Finte Bier. Das kostet zwei Pence. Judy, gib dem Mann zwei Pence. Ich wußte nicht, daß Sie selbst einen Gehilfen hier haben, lieber Freund, sonst hätten wir den Mann gespart.« – Großvater Smallweed richtet dabei einen ziemlich erschrockenen Blick auf Phil und läßt ein halbunterdrücktes »O Gott, o Gott!« hören. Seine Besorgnis ist anscheinend nicht grundlos, denn Phil, der die Erscheinung in dem schwarzen Samtkäppchen noch nie gesehen hat, steht mit einer Flinte in der Hand starr da wie ein Jäger, der Mr. Smallweed wie einen häßlichen alten Vogel vom Krähengeschlecht soeben herunterzuschießen im Begriff steht. – »Judy, mein Kind, gib dem Mann seine zwei Pence. Es ist schrecklich viel für die kleine Arbeit.« Der Mann, eines jener merkwürdigen Exemplare menschlicher Pilze, die in den westlichen Straßen Londons ganz plötzlich aus dem Boden schießen können, in alte rote Jacken gekleidet sind und sich mit der Mission, Pferde zu halten und Kutscher zu holen, mit Vorliebe betrauen lassen, nimmt seine zwei Pence ohne besonderes Entzücken in Empfang, wirft das Geld in die Luft, fängt es wieder auf und entfernt sich. »Mein lieber Mr. George«, sagt Großvater Smallweed, »möchten Sie nicht so gut sein und mich ans Feuer tragen helfen? Ich bin an Wärme gewöhnt und bin ein alter Mann und fröstle leicht. – O Gott!« Der Ausruf entfährt dem würdigen Herrn infolge der Plötzlichkeit, mit der Mr. Squod wie ein diensteifriger Gnom ihn samt dem Stuhl in die Höhe hebt und dicht am Herd niedersetzt. »O Gott«, sagt Mr. Smallweed keuchend. »O mein Gott! O Gott im Himmel! Mein lieber Freund, Ihr Gehilfe ist furchtbar stark und – so rasch. O Gott, ist der rasch! Judy, zieh mich ein bißchen zurück. Es verbrennt mir die Beine.« Das stimmt, wie alle Anwesenden an dem Geruch der versengten Wollstrümpfe des alten Herrn merken. Nachdem ihn die sanfte Judy ein wenig vom Feuer weggezogen, wie gewöhnlich zurechtgeschüttelt und sein Auge von dem schwarzsamtenen Lichtauslöscher befreit hat, sagt er abermals: »O Gott, o Gott!«, sieht sich um, begegnet Mr. Georges Blick und streckt ihm wieder seine beiden Hände hin. »Mein lieber Freund, wie froh bin ich, Sie zu sehen! Und das ist Ihr Geschäftslokal? Ein entzückender Ort! Ein wahres Bild! – Es kommt doch nicht vor, daß hier manchmal etwas zufällig losgeht, mein lieber Freund?« setzt Großvater Smallweed plötzlich sehr besorgt hinzu. »Nein, nein, haben Sie keine Angst.« »Und Ihr Gehilfe? Er – o Gott – läßt doch nichts losgehen, auch nicht unabsichtlich. Wie, mein lieber Freund?« »Er hat noch niemanden verletzt als sich selbst«, sagt Mr. George lächelnd. »Aber es könnte doch geschehen, wissen Sie. Er scheint sich sehr oft verletzt zu haben und könnte doch auch andre verletzen«, wendet der alte Herr ein. »Er braucht es ja nicht mit Absicht zu tun. Oder vielleicht gelegentlich doch mit Absicht. Was kann man wissen. Mr. George, möchten Sie ihm nicht befehlen, diese höllischen Feuerwaffen liegenzulassen und wegzugehen?« Einem Wink des Kavalleristen gehorsam, begibt sich Phil mit leeren Händen an das andre Ende der Galerie. Mr. Smallweed ist jetzt beruhigt und fängt an, sich die Schenkel zu reiben. »Und Sie befinden sich also wohl, Mr. George?« fragt er den Kavalleristen, der mit dem Säbel in der Hand Front vor ihm macht. »Das Geschäft geht gut, so Gott will?« Mr. George antwortet mit einem kühlen Nicken und setzt hinzu: »Also los endlich! Um das zu sagen, sind Sie doch nicht hergekommen.« »Sie sind so spaßig, Mr. George«, entgegnet der ehrwürdige Greis. »Sie sind so ein guter Gesellschafter.« »Haha! Aber los endlich.« »Mein lieber Freund!... Aber das Schwert funkelt schrecklich und sieht so scharf aus. Es könnte jemanden zufällig schneiden. Es macht mich schaudern, Mr. George. Verflucht soll er sein«, sagt der vortreffliche alte Herr heimlich zu Judy, als der Kavallerist ein paar Schritte weggeht, um den Säbel aufzuhängen. »Er ist mir Geld schuldig und könnte auf den Einfall kommen, seine Rechnung in diesem Mörderloch zu begleichen. Ich wollte, deine Höllengroßmutter wäre hier und er rasierte ihr den Kopf ab.« Mr. George kommt zurück, verschränkt die Arme, sieht auf den Alten herab, der mit jedem Augenblick tiefer in seinen Stuhl versinkt, und sagt ruhig: »Nun also?« »Ha!« ruft Mr. Smallweed und reibt sich die Hände mit schlauem Kichern. »Ja. Nun also. Nun also, was jetzt, mein lieber Freund?« »Eine Pfeife«, sagt Mr. George, setzt sich höchst gelassen in seinen Stuhl in der Kaminecke, nimmt seine Pfeife vom Rost, stopft sie und zündet sie an und beginnt friedlich zu rauchen. Das bringt Mr. Smallweed aus der Fassung. Er findet es so schwer, auf sein Thema zu kommen, und gerät darüber so in Aufregung, daß er mit seinen klauenartigen Fingern mit ohnmächtiger Rachgier, als wolle er Mr. Georges Gesicht zerfleischen, in der Luft herumfährt. Die Nägel des vortrefflichen alten Herrn sind lang und bleifarben, seine Hände mager und dickaderig und seine Augen grün und wäßrig. Und da er außerdem, während er so in der Luft herumfuchtelt, immer tiefer in seinem Stuhl zu einem gestaltlosen Bündel zusammensinkt, bietet er selbst den abgehärteten Augen Judys ein so scheußliches Schauspiel dar, daß diese Jungfrau, wenn auch nicht mit der Glut kindlicher Liebe, auf ihn zustürzt und ihn so aufrüttelt und ihm am Körper herumklopft und ihn pufft, daß er in seinem Jammer Töne wie die Ramme eines Pflasterers hören läßt. Als Judy ihn durch diese Mittel wieder in seinem Stuhl, in dem er jetzt mit weißem Gesicht und blauer Nase, aber immer noch in die Luft krallend, dasitzt, aufgerichtet hat, streckt sie ihren dünnen Zeigefinger aus und sticht damit Mr. George in den Rücken. Als der Kavallerist aufblickt, sticht sie auf dieselbe Weise nach ihrem geschätzten Großvater und starrt, nachdem sie so die Unterhaltung eingeleitet hat, streng ins Feuer. »Ui, ui! O, o! U-u-uff«, schnattert Großvater Smallweed, seine Wut in sich hineinschlingend. »Mein lieber Freund.« »Ich will Ihnen was sagen, wenn Sie mit mir reden wollen, müssen Sie geradeheraus sprechen. Ich bin einer von den Ungehobelten und nicht gewohnt, wie die Katze um den Brei herumzugehen. Ich bin das nicht gewohnt. Ich bin nicht gescheit genug dazu. Es paßt mir nicht. Wenn Sie mich so umschlängeln«, sagt der Kavallerist und steckt die Pfeife wieder zwischen die Zähne, »verdammt, ob es mir nicht vorkommt, als ob ich ersticken müßte.« Und er dehnt seine breite Brust aus, so weit er kann, als wolle er sich versichern, daß er noch nicht erwürgt ist. »Wenn Sie gekommen sind, um mir einen freundschaftlichen Besuch zu machen, bin ich Ihnen dafür verbunden. Wie befinden Sie sich? Wenn Sie gekommen sind, um nachzusehen, wie's mit meinem Besitz steht, dann sehen Sie sich um: Sie sind willkommen. Wenn Sie was zu sagen haben, dann reden Sie.« Die rosige Judy versetzt, ohne ihren Blick vom Feuer abzuwenden, ihrem Großvater einen gespensterhaften Stoß. »Sie sehen, es ist auch ihre Meinung. Aber warum zum Teufel setzt sich das Mädchen nicht wie jeder andre Christenmensch?« fragt Mr. George, die Augen nachdenklich auf Judy geheftet. »Ich kann's nicht begreifen.« »Sie bleibt neben mir, um auf mich acht zu geben«, erklärt Großvater Smallweed. »Ich bin ein alter Mann, mein lieber Mr. George, und brauche Beistand. Ich kann meine Jahre noch tragen. Ich bin kein Höllenteufelplapperpapagei.« Er knurrt und sieht sich unwillkürlich nach dem Kissen um. »Aber ich brauche Beistand, mein lieber Freund.« »Gut«, entgegnet der Kavallerist und dreht seinen Stuhl so, daß er dem Alten ins Gesicht sieht. »Nun, also?« »Mein Freund in der City, Mr. George, hat ein kleines Geschäftchen mit einem Schüler von Ihnen gemacht.« »Hat er das? Tut mir leid zu hören.« »Ja, Sir.« Großvater Smallweed reibt sich die Schenkel. »Er ist ein hübscher junger Soldat jetzt, Mr. George, und heißt Carstone. Freunde sind für ihn eingesprungen und haben alles ehrlich bezahlt.« »So, taten sie das! – Meinen Sie, Ihr Freund in der City würde einen guten Rat annehmen?« »Ich glaube wohl, mein lieber Freund. Von Ihnen?« »Dann rate ich ihm, keine weiteren Geschäfte mehr in dieser Richtung zu machen. Es schaut nichts mehr dabei heraus. Der junge Herr ist, soviel ich weiß, mit der Nase an der Wand angekommen.« »Nein, nein, mein lieber Freund, o nein, Mr. George. Nein, nein, nein, Sir«, wendet Großvater Smallweed ein und reibt sich listig seine dürren Schenkel. »Noch nicht ganz, glaube ich. Er hat gute Freunde und ist gut für seine Gage und ist gut für den Verkaufspreis seines Patents und ist gut für seine Aussichten in einem Prozeß und ist gut für seine Chancen auf eine Heirat und... O, wissen Sie, Mr. George, ich glaube, mein Freund würde den jungen Herrn noch immerhin für ganz gut halten«, sagt Großvater Smallweed, schiebt das Sammetkäppchen in die Höhe und kratzt sich hinter dem Ohr wie ein Affe. Mr. George, der die Pfeife weggelegt hat und einen Arm auf der Stuhllehne ruhen läßt, trommelt mit dem rechten Fuß auf den Fußboden, als fände er keinen besondern Gefallen an der Wendung, die das Gespräch genommen hat. »Aber, um von einem Thema auf das andre überzugehen, um die Unterhaltung avancieren zu lassen, wie ein Spaßvogel wie Sie sagen würde, um von dem Fähnrich auf den Kapitän zu kommen, Mr. George...« »Was meinen Sie damit?« fragt Mr. George und hält mit gerunzelter Stirn inne, sich in der Erinnerung seinen Schnurrbart zu streichen. »Auf was für einen Kapitän?« »Auf unsern Kapitän. Auf den Kapitän, den wir kennen. Kapitän Hawdon.« »So, so. Um den handelt sich's!« Mr. George läßt ein leises Pfeifen hören, während Großvater und Enkelin ihn scharf ansehen. »Das ist's also. Nun, was ist's damit? Los. Ich habe nicht Lust, mich länger ersticken zu lassen. Reden Sie!« »Mein lieber Freund«, entgegnet der Alte, »man wendete sich gestern an mich – Judy, schüttle mich ein bißchen auf –, man hat sich gestern an mich wegen des Kapitäns gewendet, und ich bin immer noch der Ansicht, daß der Kapitän nicht tot ist.« »Blech!« bemerkt Mr. George. »Was sagten Sie, lieber Freund?« forscht der Alte, die Hand am Ohr. »Blech!« »Ho!« sagt Großvater Smallweed. »Mr. George, Sie können selbst meine Meinung nach den mir gestellten Fragen und den dafür angegebnen Gründen beurteilen. Also was, meinen Sie, will der Advokat denn dann, der immer bei mir nachforscht?« »Ein Geschäft machen.« »Nichts derart.« »Dann kann er kein Advokat sein«, sagt Mr. George und verschränkt die Arme mit einer Miene größter Entschlossenheit. »Mein lieber Freund, er ist Advokat, und zwar ein sehr berühmter. Er wünscht Kapitän Hawdons Handschrift zu sehen. Er will sie nicht behalten. Er wünscht sie bloß zu sehen und mit einer in seinem Besitz befindlichen Handschrift zu vergleichen.« »Nun, und?« »Nun, Mr. George, da er sich zufällig an die Zeitungsnotiz, die Kapitän Hawdon betraf, erinnerte, forschte er nach und kam zu mir – gerade wie Sie, mein lieber Freund. Geben Sie mir die Hand. Ich freute mich so sehr an jenem Tag, daß Sie kamen. Wir hätten nie Freundschaft geschlossen, wenn Sie mich nicht damals besucht hätten.« »Nun, und, Mr. Smallweed?« fragt Mr. George wiederum und tut die Zeremonie des Händeschüttelns mit einer gewissen Steifheit ab. »Ich besaß kein Schreiben von ihm. Ich hatte nichts als eine Unterschrift. Hölle, Pest und Hungersnot, Schlacht, Mord und Schlagfluß sollen über ihn kommen«, sagt der Alte und macht einen Fluch aus seinen bruchstückweisen Erinnerungen an ein Gebet und zaust sein Samtkäppchen wütend zwischen den Händen. »Ich glaube, ich habe eine halbe Million von seinen Unterschriften. Aber Sie«, fährt er fort und gewinnt atemlos seinen milderen Ton wieder, wie ihm Judy das Käppchen wieder auf seinen kahlen Kopf setzt, »aber Sie, mein lieber Mr. George, besitzen wahrscheinlich einen Brief oder ein Papier, das unsern Zweck erfüllt. Alles wäre geeignet. Nur muß es von seiner Hand geschrieben sein.« »Etwas von seiner Hand Geschriebenes?« überlegt der Kavallerist. »Möglich, daß ich etwas habe.« »Mein lieber, lieber Freund!« »Vielleicht auch nicht.« »Ho!« sagt Großvater Smallweed entmutigt. »Aber wenn ich auch ganze Scheffel davon hätte, würde ich nicht soviel zeigen, als zu einer Patrone reicht, ohne zu wissen, wozu?« »Sir, ich habe Ihnen doch gesagt, wozu! Mein lieber Mr. George, ich habe Ihnen doch gesagt, wozu!« »Das ist nicht genug.« Der Kavallerist schüttelt den Kopf. »Ich muß mehr wissen und damit einverstanden sein.« »Wollen Sie dann mit zu dem Advokaten kommen? Mein lieber Freund, kommen Sie mit, und besuchen wir den Herrn«, drängt Großvater Smallweed und zieht eine verhungerte alte Uhr heraus mit Zeigern wie die Beine eines Skeletts. »Ich sagte ihm, ich würde ihn zwischen zehn und elf heute vormittag besuchen, und es ist jetzt halb elf. Wollen Sie mich zu dem Herrn begleiten, Mr. George?« »Hm«, überlegt der Kavallerist ernst. »Mir ist's gleich. Ich möchte nur wissen, warum Ihnen gar soviel daran liegt.« »Mir liegt an allem, was mir die Möglichkeit gibt, etwas über den Kapitän zu erfahren. Hat er uns nicht alle eingetunkt? Ist er uns nicht allen ohne Ausnahme ungeheure Summen schuldig? Mich angehen? Wen kann es mehr angehen als mich? Nicht etwa, mein lieber Freund«, sagt Großvater Smallweed mit ruhigerem Ton, »daß ich Ihnen zumute, etwas zu verraten. Weit entfernt davon. Sind Sie bereit, mitzukommen, mein lieber Freund?« »Na ja! Ich komme. Aber ich verspreche nichts, verstanden!« »Nein, mein lieber Mr. George, nein.« »Und Sie wollen mich doch nicht glauben machen, daß Sie mich in Ihrem Wagen mitfahren lassen, ohne etwas dafür zu berechnen?« höhnt Mr. George und holt seinen Hut und seine dicken waschledernen Handschuhe. Dieser Spaß gefällt Mr. Smallweed so sehr, daß er lange und leise vor dem Feuer lacht. Aber selbst während er lacht, blickt er über seine gelähmte Schulter nach Mr. George und belauert mit gierigen Augen, wie er das Vorhängschloß vor einem einfachen Schrank am hintern Ende der Galerie öffnet, in den obern Fächern herumsucht und schließlich etwas herausnimmt, das wie Papier raschelt, es zusammenfaltet und in die Brusttasche steckt. Dabei stößt Judy Mr. Smallweed an, und Mr. Smallweed stößt Judy an. »Ich bin bereit«, sagt der Kavallerist und kommt zurück. »Phil, du kannst diesen alten Herrn an seinen Wagen tragen. Gib aber acht!« »O Gott, o Gott! Warten Sie einen Augenblick«, sagt Mr. Smallweed. »Sie sind schrecklich schnell. Wissen Sie auch sicher, daß nichts geschieht, mein Bester?« Phil gibt keine Antwort, packt den Stuhl und stürzt seitwärts, von dem jetzt sprachlosen Mr. Smallweed krampfhaft umklammert, durch den Gang, als hätte er den freundlichen Auftrag, den alten Ehrenmann nach dem nächsten Vulkan zu tragen. Da sein Ziel jedoch schon der Wagen ist, setzt er ihn dort hinein, die schöne Judy nimmt daneben Platz, und der Stuhl verziert das Dach. Mr. George setzt sich auf den Bock. Mr. George ist ganz verblüfft von dem Schauspiel, das sich ihm bietet, wenn er von Zeit zu Zeit durch das Fenster zurück in den Wagen blickt, wo die grimme Judy regungslos sitzt, während der alte Herr, das Käppchen über einem Auge, von dem Sitz in das Stroh hinuntergerutscht ist und mit dem freien Auge in hilfloser Klage, daß ihn das Rütteln so in den Rücken stoße, zu ihm hinaufschaut. 27. Kapitel Schachzüge Nicht lange braucht Mr. George, die Arme verschränkt, auf dem Bock zu sitzen, denn das Ziel ist Lincoln's-Inn-Fields. Als der Kutscher hält, steigt er herunter, sieht zum Fenster hinein und fragt: »Was, Mr. Tulkinghorn ist Ihr Gewährsmann?« »Ja, lieber Freund. Kennen Sie ihn denn, Mr. George?« »Ich habe von ihm gehört –, ihn auch schon gesehen, glaube ich. Aber ich kenne ihn nicht und er mich auch nicht.« Zuerst muß Mr. Smallweed die Treppe hinaufgetragen werden, was mit des Kavalleristen Hilfe leicht vonstatten geht. Man bringt ihn in Mr. Tulkinghorns großes Zimmer und setzt ihn auf den türkischen Teppich neben den Kamin. Mr. Tulkinghorn ist momentan nicht anwesend, wird aber gleich wieder zurück sein. Der Inhaber des Pultes im Vorzimmer meldet dies, schürt das Feuer und überläßt es dem Kleeblatt, sich zu wärmen. Mr. George sieht neugierig im Zimmer umher, zu der gemalten Decke hinauf, betrachtet die alten juristischen Bücher, die Porträts der vornehmen Klienten und liest laut die Namen auf den Kasten. »Sir Leicester Dedlock, Baronet«, buchstabiert er gedankenvoll. »Ha! Rittergut Chesney Wold. Hm!« Er steht eine Weile vor diesen Kasten wie vor Gemälden und tritt wieder an den Kamin und wiederholt dabei die Worte: »Sir Leicester Dedlock, Baronet«, und »Rittergut Chesney Wold. Hm!« »Hat schrecklich viel Geld, Mr. George«, flüstert Großvater Smallweed und reibt sich die Schenkel. »Fürchterlich reich.« »Wen meinen Sie? Diesen alten Herrn oder den Baronet?« »Diesen Herrn, diesen Herrn.« »Hab es auch schon gehört. Hat auch so manchen im Sack, möchte wetten. Kein schlechtes Quartier übrigens«, sagt Mr. George und sieht sich wieder um. »Schauen Sie mal die eiserne Kasse dort.« Mr. Tulkinghorns Ankunft schneidet die Antwort ab. Er sieht natürlich aus wie immer. Sein Anzug ist stumpf schwarz. Die Brille trägt er in der Hand, und sogar ihr Futteral ist abgeschabt. Sein Benehmen ist verschlossen und abweisend, die Stimme tonlos und gedämpft. Sein Gesicht ist wach, aber wie hinter einem Vorhang. Wer weiß, vielleicht ist er ein Misanthrop oder ein Weltverächter. Der hohe Adel könnte nach allem vielleicht wärmere Verehrer haben und treuere Anhänger als Mr. Tulkinghorn. »Guten Morgen, Mr. Smallweed, guten Morgen«, sagt er beim Hereintreten. »Sie haben den Sergeanten mitgebracht, wie ich sehe. Setzen Sie sich, Sergeant.« Während Mr. Tulkinghorn die Handschuhe auszieht und sie in seinen Hut legt, wirft er unter den Lidern hinweg einen Blick auf die andre Seite des Zimmers, wo der Kavallerist steht, und sagt leise, wahrscheinlich zu sich selbst: »Du könntest mir so passen, mein Freund.« »Setzen Sie sich, Sergeant«, wiederholt er laut, tritt an den Tisch neben dem Kamin und nimmt in seinem Lehnstuhl Platz. »Kalt und rauh heute morgen, kalt und rauh...« Mr. Tulkinghorn wärmt sich vor dem Kamingitter abwechselnd Innen- und Außenseite seiner Hände und betrachtet hinter seinem Gesichtsvorhang, der immer heruntergelassen ist, hervor das im Halbkreis herumsitzende Kleeblatt. »Nun, ich möchte jetzt wissen, woran ich bin, Mr. Smallweed.« Der alte Herr wird von Judy zurechtgeschüttelt, um an der Unterhaltung teilnehmen zu können. »Sie haben den Sergeanten mitgebracht, wie ich sehe.« »Ja, Sir«, antwortet Mr. Smallweed und liegt auf dem Bauch vor dem Reichtum und Einfluß des Advokaten. »Und was meint der Sergeant zu der Sache?« »Mr. George«, sagt Großvater Smallweed und streckt seine runzelige Hand zitterig aus. »Dies ist der Herr, Mr. George.« Mr. George begrüßt den Herrn, sitzt aber dabei steif aufrecht und in tiefstem Schweigen auf der Vorderkante seines Stuhls, als ob er seine ganze feldmäßige Adjustierung anhätte. Mr. Tulkinghorn fährt fort: »Nun, George, ich glaube, Ihr Name ist doch George?« »So ist's, Sir.« »Was sagen Sie dazu, George?« »Entschuldigen Sie, Sir«, entgegnet der Kavallerist, »aber ich möchte wissen, was Sie dazu sagen.« »Meinen Sie hinsichtlich Bezahlung?« »Ich meine in jeder Hinsicht.« Das stellt Mr. Smallweeds Geduld derartig auf die Probe, daß er plötzlich herausfährt: »Du Höllenhundsbestie!« Ebenso schnell bittet er Mr. Tulkinghorn um Entschuldigung, indem er sich damit herausredet, daß er zu Judy sagt: »Mir ist deine Großmutter eingefallen, mein Kind.« »Ich glaubte, Mr. Smallweed hätte Ihnen bereits die Sache genügend auseinandergesetzt, Sergeant«, beginnt Mr. Tulkinghorn von neuem, lehnt sich in den Stuhl zurück und schlägt die Beine übereinander. »Sie ist übrigens bald erklärt. Sie haben unter Kapitän Hawdon gedient, ihn in seiner Krankheit gepflegt, ihm manchen kleinen Dienst geleistet und waren sein Vertrauter, wie ich hörte. Verhält es sich so?« »Ja, Sir, so verhält es sich«, bestätigt Mr. George mit militärischer Kürze. »Sie besitzen daher vielleicht etwas – gleichgültig was –, Rechnungen, Instruktionen, Befehle, einen Brief oder sonst etwas von Kapitän Hawdons Hand? Ich wünsche seine Handschrift mit einem in meinem Besitz befindlichen Schriftstück zu vergleichen. Wenn Sie mir das ermöglichen, werde ich Sie für Ihre Mühe entschädigen. Drei, vier, fünf Guineen würden wohl anständig bezahlt sein, schätze ich.« »Nobel, mein lieber Freund!« ruft Großvater Smallweed und drückt die Augen halb zu. »Wenn es Ihnen nicht genug ist, so sagen Sie auf Ihr Gewissen als Soldat, wieviel mehr es sein soll. Sie brauchen die Schrift nicht aus der Hand zu geben, wenn es Ihnen widerstrebt, obgleich es mir lieber wäre, wenn sie in meinen Besitz überginge.« Mr. George sitzt unbeweglich stramm, blickt auf den Boden, auf die gemalte Decke hinauf und spricht kein Wort. Mr. Smallweed kratzt wütend in der Luft herum. »Die Frage ist«, sagt Mr. Tulkinghorn in seiner methodischen, gedämpften, teilnahmslosen Weise, »erstens, ist etwas von Kapitän Hawdons Handschrift in Ihrem Besitz?« »Erstens, ist etwas von Kapitän Hawdons Handschrift in meinem Besitz, Sir?« wiederholt Mr. George. »Zweitens, was wollen Sie für Ihre Mühe haben?« »Zweitens, was will ich für meine Mühe haben, Sir?« wiederholt Mr. George. »Drittens können Sie selbst urteilen, ob dies der Handschrift irgendwie ähnlich sieht«, sagt Mr. Tulkinghorn und gibt dem Kavalleristen plötzlich einige zusammengebundene Bogen beschriebenen Papiers in die Hand. »Ob sie dieser irgendwie ähnlich sieht, Sir. Ich verstehe«, wiederholt Mr. George. Alle drei Sätze spricht Mr. George ganz mechanisch nach und sieht Mr. Tulkinghorn unverwandt an und wirft auch nicht den flüchtigsten Blick auf das Affidavit in Sachen Jarndyce kontra Jarndyce, das ihm der Advokat, um ihn zu überrumpeln, gegeben hat, sondern sieht Mr. Tulkinghorn mit einer Miene unruhigen Grübelns an. »Nun?« fragt Mr. Tulkinghorn. »Was meinen Sie dazu?« »Nun, Sir«, antwortet Mr. George, richtet sich straff auf und sieht wie ein Riese aus. »Sie entschuldigen schon, aber ich möchte lieber nichts mit der Sache zu tun haben.« Äußerlich nicht im mindesten erregt, fragt Mr. Tulkinghorn: »Warum nicht?« »Warum nicht, Sir? Ich habe wohl militärische Disziplin, bin aber sonst kein Geschäftsmann. Unter Zivilisten bin ich, was man so sagt, das fünfte Rad am Wagen. Ich habe schriftliche Sachen nicht gern, Sir. Ich kann jedes Feuer besser aushalten als ein Feuer von Kreuzfragen. Ich erwähnte erst vor einer Stunde zu Mr. Smallweed, daß, wenn man mir von derlei Dingen zu reden anfängt, mir ist, als müßte ich ersticken. Und so ist mir jetzt wieder zumut«, sagt Mr. George und sieht die Anwesenden der Reihe nach an. Dann macht er drei Schritte vorwärts, um die Papiere wieder auf den Tisch zu legen, und drei Schritte rückwärts zu seinem frühern Platz. Und dort bleibt er aufrecht stehen, blickt auf den Boden und dann wieder auf die gemalte Decke und versteckt die Hände auf dem Rücken, wie um kein Dokument mehr annehmen zu müssen. Das reizt Mr. Smallweed dermaßen, daß er sein Lieblingsschimpfwort wieder mit »Höllenschwefel...« beginnt, aber noch rechtzeitig verschluckt, »mein lieber Freund«, sagt und eine Pause macht. Dann aber fängt er an, seinen lieben Freund aufs zärtlichste zu ermahnen, nicht starrköpfig zu sein, sondern zu tun, was so ein hervorragender Gentleman wünsche, und zwar bereitwillig und unbedenklich, da es ebenso tadellos sei wie gewinnbringend. Nur gelegentlich flicht Mr. Tulkinghorn einen Satz ein wie: »Sie müssen am besten wissen, wie hoch Sie es veranschlagen, Sergeant. – Denken Sie selbst nach, ob es Ihnen Schaden bringt. – Ganz, wie es Ihnen beliebt, ganz wie es Ihnen beliebt. – Wenn Sie wissen, was Sie wollen, so genügt das vollkommen.« Er spricht die Sätze anscheinend mit vollkommener Gleichgültigkeit, kramt dabei unter den Papieren auf seinem Tisch herum und trifft Vorbereitungen, einen Brief zu schreiben. Mr. George blickt mißtrauisch von der gemalten Decke auf den Boden, von dem Boden auf Mr. Smallweed, von Mr. Smallweed auf Mr. Tulkinghorn und von Mr. Tulkinghorn wieder auf die gemalte Decke und läßt in seiner Verlegenheit seinen Körper bald auf dem einen, bald auf dem andern Bein ruhen. »Ich versichere Ihnen, Sir«, sagt er, »ohne Sie beleidigen zu wollen, daß ich mich zwischen zwei solchen Leuten wie Ihnen und Mr. Smallweed wahrhaftig fünfzig Mal hintereinander ersticken fühle. Tatsächlich, Sir! Ich kann es mit zwei solchen Gentlemen nicht aufnehmen. Darf ich fragen, warum Sie des Kapitäns Handschrift zu sehen wünschen, falls ich eine Probe davon finden sollte?« Mr. Tulkinghorn schüttelt ruhig den Kopf. »Nein! Wenn Sie Geschäftsmann wären, Sergeant, so würde ich Ihnen nicht erst zu sagen brauchen, daß es in meinem Beruf Vertrauenssache ist, auch Gründe, die an und für sich ganz harmlos sind, geheim zu halten. Aber wenn Sie fürchten, Kapitän Hawdon vielleicht irgendwie zu schaden, so können Sie in dieser Hinsicht beruhigt sein.« »Das glaube ich ohne weiteres. Er ist ja tot, Sir.« »So?« Mr. Tulkinghorn setzt sich ruhig zum Schreiben hin. »Es tut mir leid, Sir«, sagt der Kavallerist und sieht nach einer neuerlichen Verlegenheitspause in seinen Hut, »daß ich Ihrem Wunsch nicht mehr habe entsprechen können. Wenn es gewünscht wird, daß ich in meiner Ansicht, lieber nichts mit der Sache zu tun zu haben, noch von einem Freund bestärkt werde, der einen bessern Kopf für Geschäftssachen hat als ich und auch ein alter Soldat ist, so will ich ihn gern zu Rate ziehen. Die – die Kehle ist mir gegenwärtig so vollkommen zugeschnürt«, sagt Mr. George und fährt sich mit der Hand hoffnungslos über die Stirn, »daß ich nicht weiß, ob es nicht eine Befriedigung für mich wäre.« Als Mr. Smallweed vernimmt, daß die Autorität ein alter Soldat ist, rät er, so lebhaft er kann, ihn zuzuziehen und ihm vor allem zu sagen, daß es sich um fünf Guineen oder mehr handelt. Mr. George verspricht schließlich, hinzugehen und seinen Freund um Rat zu fragen. Mr. Tulkinghorn sagt nichts dafür und nichts dagegen. »Wenn Sie wünschen, Sir, werde ich also meinen Freund zu Rate ziehen«, sagt der Kavallerist, »und mir die Freiheit nehmen, im Lauf des Tages mit einer endgültigen Antwort wieder vorzusprechen. Mr. Smallweed, wenn Sie jetzt die Treppe hinuntergetragen zu werden wünschen...« »Einen Augenblick, mein lieber Freund, einen Augenblick. Möchten Sie mich noch ein Wort mit diesem Herrn unter vier Augen sprechen lassen?« »Gewiß, Sir. Übereilen Sie sich meinetwegen nicht.« Der Kavallerist zieht sich in einen entfernten Winkel des Zimmers zurück und besichtigt wieder neugierig den Geldschrank und die Kasten. »Wenn ich nicht so schwach wie ein kleines Höllenschwefelkind wäre, Sir«, flüstert Großvater Smallweed, während er den Advokaten an der Rockklappe zu sich herunterzieht und in seinen zornigen Augen ein halberloschnes grünes Feuer glimmt, »so würde ich ihm das Schreiben entreißen. Er hat es in seine Brusttasche eingeknöpft. Ich habe gesehen, wie er es einsteckte. Judy hat's auch gesehen. Sprich doch, du ausgetrocknetes Bild für das Schild eines Spazierstockladens, und sag, daß du es ihn hast einstecken sehen!« Diese vehemente Beschwörung begleitet der alte Ehrenmann mit einem solchen Stoß nach seiner Enkelin, daß es seine Kräfte übersteigt und er aus seinem Stuhl herausrutscht, Mr. Tulkinghorn nachziehend, bis Judy ihn aufhält und zurechtschüttelt. »Mit Gewaltmaßregeln will ich nichts zu tun haben, mein Freund«, lehnt Mr. Tulkinghorn kühl ab. »Nein, nein, ich weiß, ich weiß, Sir, aber ärgerlich und verdrießlich ist's... s ist noch viel schlimmer als deine schnatternde plappernde Elster von einer Großmutter«, sagt Großvater Smallweed zu der undurchdringlichen Judy, die immer nur ins Feuer sieht. »Zu wissen, daß er hat, was wir brauchen, und es nur nicht herausgeben will. Er es nicht herausgeben ! Er! Ein Vagabund! Aber tut nichts, Sir. Tut nichts. Schlimmstenfalls hat er nur eine kleine Weile seinen Willen. Ich habe ihn von Zeit zu Zeit im Schraubstock. Ich werd ihn schon mürb machen, Sir. Ich werde die Schraube schon zuziehen, Sir. Wenn er nicht freiwillig tut, was ich will, werde ich ihn schon zwingen, Sir. – Nun, mein lieber Mr. George«, sagt Großvater Smallweed, läßt den Advokaten los und zwinkert ihm häßlich zu. »Wenn ich jetzt Ihre Hilfe in Anspruch nehmen darf, mein vortrefflicher Freund...« Mr. Tulkinghorn, durch dessen Selbstbeherrschung ein leichtes Licht dringt, das verrät, daß ihn der Auftritt sehr amüsiert, steht mit dem Rücken gegen das Feuer auf dem Kaminteppich, sieht dem Entschwinden Mr. Smallweeds zu und erwidert den Gruß des Kavalleristen mit einem leichten Nicken. Mr. George findet, daß es schwerer ist, den alten Herrn loszuwerden als ihn die Treppen hinuntertragen zu helfen, denn als dieser wieder im Wagen sitzt, zeigt er sich so geschwätzig über die Guineen und hält »seinen lieben Freund« so zärtlich am Knopf fest – von dem heimlichen Verlangen beseelt, ihm den Rock aufzureißen und das Papier zu entwenden –, daß Mr. George beinahe Gewalt anwenden muß, um von ihm loszukommen. Endlich gelingt es, und er macht sich allein auf den Weg zu seinem Ratgeber. Er schreitet am klösterlichen »Tempel« und bei Whitefriars vorbei –nicht ohne einen Blick auf Hanging-Sword-Alley, die ihm einigermaßen am Weg zu sein scheint – und über die Blackfriarsbrücke und durch die Blackfriars-Road gelassen nach einer Straße voll kleiner Läden in jenem Gewirr von Wegen aus Kent und Surrey und Straßen von den Londoner Brücken her, die in dem allbekannten Elefanten zusammenlaufen, der sein Kastell, aus tausend vierspännigen Kutschen geformt, an ein noch stärkeres eisernes Ungeheuer, das ihn an jedem beliebigen Tag zu Wurstfleisch zu zerhacken bereit ist, abgetreten hat. Nach einem der kleinen Läden in dieser Straße, einem Instrumentenladen mit einigen Violinen, ein paar Panpfeifen, einem Tambourin, einem Triangel und ein paar Noten in der Auslage lenkt Mr. George seine wuchtigen Schritte. Kurz davor bleibt er stehen, als er eine soldatenmäßig aussehende Frau mit aufgeschürztem Kleid und einem kleinen Holzzuber heraustreten und auf dem Trottoirrand zu waschen anfangen sieht, und murmelt: »Sie wäscht Grünzeug wie gewöhnlich. Ich habe sie noch nie gesehen, außer auf einem Bagagewagen, ohne daß sie nicht Grünzeug wusch.« Der Gegenstand seiner Reflexionen ist jedenfalls mit dem Grünzeugwaschen so eifrig beschäftigt, daß er von seiner Annäherung nichts ahnt, bis er das Wasser in den Rinnstein geschüttet hat, mit dem Zuber aufsteht und ihn vor sich sieht. Ihr Empfang ist nicht besonders schmeichelhaft. »George, ich sehe Sie nie, ohne daß ich Sie nicht hundert Meilen weit weg wünschte.« Ohne ein Wort auf diese Begrüßung zu erwidern, folgt der Kavallerist der Dame in den Instrumentenladen, wo sie ihr Gemüsefäßchen auf den Ladentisch setzt, ihm die Hand schüttelt und die Hüften stemmt. »Ich halte Matthew Bagnet keine Minute für sicher, wenn Sie in der Nähe sind, George. Sie sind ein ruheloser, landstreicherischer...« »Ja, ja! Ich weiß schon, Mrs. Bagnet. Ich weiß schon.« »Wenn Sie's auch wissen, was hilft das? Warum sind Sie so?« »Wahrscheinlich ein animalischer Zug«, entschuldigt sich der Kavallerist gutmütig. »Ach!« ruft Mrs. Bagnet mit ein wenig schriller Stimme. »Was hab ich von dem animalischen Zug, wenn das Tier meinen Mat vom Musikgeschäft weg nach Neuseeland oder Australien gelockt haben wird.« Mrs. Bagnet ist keineswegs häßlich. Etwas derbknochig zwar und von grobem Wuchs und gebräunt von Sonne und Wind, die ihr das Haar auf der Stirne gebleicht haben, aber gesund und frisch und mit muntern Augen. Eine kräftige rührige tätige Frau mit ehrlichem Gesicht, von fünfundvierzig oder fünfzig Jahren. Reinlich, einfach und so ökonomisch, obgleich nicht ärmlich gekleidet, daß ihr einziger Schmuck ihr Trauring zu sein scheint, der ihr nicht mehr vom Finger geht, bis er sich dereinst mit ihrem Staub vermischt. »Mrs. Bagnet«, sagt der Kavallerist, »Sie haben mein Wort. Mat soll meinethalben keinen Schaden nehmen. Insofern können Sie sich auf mich verlassen.« »Nun, dann will ich's glauben. Aber schon Ihr Aussehen macht einen unruhig. Ach, George, George! Wären Sie nur gesetzter geworden und hätten Joe Pouchs Witwe geheiratet, als er in Nordamerika starb! Sie hätte sich die Hände abgearbeitet für Sie.« »Diese Gelegenheit habe ich allerdings versäumt«, entgegnet der Kavallerist halb lachend, halb im Ernst. »Aber jetzt werde ich kein solider Ehemann mehr werden. Joe Pouchs Witwe hätte mir helfen können – es war etwas an ihr –, aber ich konnte mich nicht dazu entschließen. Ja, wenn ich das Glück gehabt hätte, so eine Frau, wie Mat eine hat, zu finden.« Mrs. Bagnet, die in ehrbarer Weise einem guten Kerl gegenüber wenig Zurückhaltung zu kennen scheint, sondern in dieser Hinsicht selbst eine Art guter Kerl ist, bedankt sich für dieses Kompliment, indem sie Mr. George mit einem Bund Grünzeug ins Gesicht spritzt. Dann trägt sie ihren Zuber in das kleine Zimmer hinter dem Laden. »Nun, Quebec, mein Püppchen«, sagt George, der ihr auf ihre Einladung in die Stube folgt. »Was, und die kleine Malta auch? Kommt und küßt euern Wauwau.« Die angeredeten jungen Damen, die nicht wirklich so getauft sind, aber in ihren Familien stets so nach ihren Geburtsorten in den Militärstationen genannt werden, sind beide auf dreibeinigen Stühlchen beschäftigt. Die jüngere, fünf oder sechs Jahre alt, mit Buchstabierenlernen aus einer Pennyfibel, die ältere, acht oder neun Jahre alt, als ihre Lehrerin und dabei fleißig nähend. Beide jubeln Mr. George als altem Freund zu und setzen nach einigem Küssen und Balgen ihre Stühle neben ihn. »Was macht der kleine Woolwich?« fragt Mr. George. »Ach ja! Hören Sie nur!« ruft Mrs. Bagnet aus und sieht mit lebhaft gerötetem Gesicht – denn sie kocht eben das Mittagessen – von ihrer Pfanne auf. »Man sollte es nicht glauben. Hat eine Anstellung im Theater neben dem Vater, um in einem Militärstück die Querpfeife zu blasen.« »Bravo, mein Patenkind«, ruft Mr. George und schlägt sich auf die Schenkel. »Glaub's Ihnen«, sagt Mrs. Bagnet. »Er ist ein Brite. Ja, das ist Woolwich. Ein echter Brite.« »Und Mat bläst sein Fagott, und ihr seid alle samt und sonders ehrbare Zivilisten«, nickt Mr. George. »Familienvolk, den Stall voll Kinder, und Mats alte Mutter in Schottland und Ihr alter Vater irgendwo daherum bekommen Briefe und ein bißchen Unterstützung und... Gut, gut! Freilich weiß ich nicht, warum man mich nicht hundert Meilen weit weg wünschen sollte, denn was gehen mich solche Sachen an.« Mr. George wird nachdenklich, wie er am Kamin in der weißgetünchten Stube sitzt, deren Fußboden mit Sand bestreut ist. Kasernengeruch herrscht, und nichts Überflüssiges ist zu sehen, von den Anzügen Quebecs und Maltas bis zu den glänzenden weißblechernen Töpfen und Pfannen auf den Simsen. Nirgends liegt Staub und Schmutz. – Mr. George grübelt, während Mrs. Bagnet kocht, und dann kommen Mr. Bagnet und der junge Woolwich pünktlich nach Hause. Mr. Bagnet ist ein ehemaliger Artillerist, hochgewachsen und kerzengerade, mit zottigen Augenbrauen und einem Backenbart wie aus Kokosfasern, kein einziges Haar auf dem kahlen Kopf und von rotglühender Gesichtsfarbe. Seine kurze, tiefe und hallende Stimme klingt dem Instrument, das er spielt, nicht unähnlich. Überhaupt ist alles an ihm von straffem, unnachgiebigem, messingbeschlagnem Wesen, als ob er selbst das Fagott des ganzen großen Menschenorchesters wäre. Der kleine Woolwich ist der Typus eines kleinen Trommlerknaben. Vater und Sohn begrüßen den Kavalleristen gleich herzlich. Später, als er erklärt, er sei gekommen, um Mr. Bagnet um Rat zu fragen, erklärt dieser gastfreundschaftlich, nicht eher etwas von Geschäften hören zu wollen, ehe nicht sein Freund an dem Schweinefleisch mit Gemüse teilgenommen habe. Da der Kavallerist die Einladung annimmt, gehen beide, um die häuslichen Vorbereitungen nicht zu stören, hinaus, machen einen kleinen Spaziergang auf der Straße und marschieren mit gemessenem Schritt, die Arme verschränkt, auf und ab, als befänden sie sich auf einer Schanze. »George«, sagt Mr. Bagnet, »du kennst mich. Meine Alte erteilt die Ratschläge. Sie ist der Kopf. Aber ich gestehe es vor ihr nicht ein. Disziplin muß sein. Warte, bis sie ihre Sorge um das Gemüse los ist. Dann wollen wir beraten. Was die Alte sagt, das tue. Tue das ja!« »Das ist auch meine Absicht, Mat. Ich frage lieber sie um Rat als ein ganzes Kollegium.« »Kollegium!« entgegnet Mr. Bagnet in kurzen Sätzen, ganz fagottartig. »Was für ein Kollegium würde ganz allein aus einem andern Weltteil, mit nichts als einem grauen Mantel und einem Regenschirm, nach Europa heimreisen! Die Alte würde es morgen tun. Hat es schon einmal getan.« »Da hast du Recht«, sagt Mr. George. »Welches Kollegium könnte sich mit zwei Pence Kalk – für einen Penny Walkererde – einen halben Penny Sand – und dem Rest, der noch von einem Sixpence an Bargeld bleibt, etablieren? Und damit hat die Alte angefangen. In diesem Geschäft hier.« »Es freut mich, zu hören, daß es gedeiht, Mat.« »Die Alte spart«, sagt Mr. Bagnet zustimmend. »Hat irgendwo einen Strumpf. Mit Geld drin. Habe ihn nie gesehen. Aber ich weiß, daß sie einen hat. Warte nur, bis sie die Sorge mit dem Gemüse los ist. Dann wird sie dir gut raten.« »Sie ist ein wahrer Schatz!« ruft Mr. George aus. »Mehr noch! Aber ich sage das nie, wenn sie's hören könnte. Disziplin muß sein. Meine Alte war's, die meine musikalischen Fähigkeiten entdeckt hat. Ich stünde noch heute bei der Artillerie ohne die Alte. Sechs Jahre lang habe ich die Violine mißhandelt. Die Alte sagte, das ginge nicht! – Wille gut, aber Mangel an Biegsamkeit. Sollte Fagott versuchen. Die Alte borgte sich ein Fagott vom Kapellmeister beim Schützenregiment. Ich übte mich in den Laufgräben. Machte Fortschritte, bekam selbst ein Fagott. Lebe jetzt davon.« George sagt, sie sähe so frisch aus wie eine Rose und so gesund wie ein Apfel. »Die Alte ist durch und durch eine schöne Frau«, gibt Mr. Bagnet zu. »Daher gleicht sie einem durch und durch schönen Tage. Wird schöner, je älter sie wird. Habe nie ihresgleichen gesehen. Sage es aber nie, wenn sie's hören könnte. Disziplin muß sein.« Sie fangen jetzt an, von gleichgültigen Dingen zu sprechen, und gehen in Schritt und Takt die kleine Straße auf und ab, bis Quebec und Malta sie zum Schweinefleisch mit Gemüse hereinrufen, über das Mrs. Bagnet dann wie ein Regimentskaplan ein kurzes Tischgebet spricht. Bei der Verteilung dieser Speisen hält sich Mrs. Bagnet wie bei jeder andern Wirtschaftspflicht an ein strenges System, setzt jedes Gericht vor sich hin, mißt jeder Portion Fleisch ihr Maß Brühe, Grünzeug, Kartoffeln und Senf zu und teilt sie dann aus. Nachdem sie auf die Art auch das Bier aus einer Kanne eingeschenkt und verteilt hat, befriedigt sie ihren eignen Hunger, der recht zufriedenstellend ist. Das Tischgerät besteht hauptsächlich aus Horn und Zinn und hat schon in verschiednen Weltteilen Dienste geleistet. Namentlich des kleinen Woolwichs Messer, von Austernart und mit einer starken Neigung behaftet, zuzuklappen, wodurch es häufig dem Appetit des jungen Musikers den Dienst verweigert, hat, wie man bei Tisch erfährt, bereits in verschiednen Händen den Dienst in allen Kolonien mitgemacht. Nach beendeter Mahlzeit macht Mrs. Bagnet mit Hilfe der Jüngern Familienmitglieder, die ihre Becher und Teller, Messer und Gabeln selbst reinigen, das ganze Tischgerät so glänzend wie zuvor und räumt alles weg, kehrt aber zuerst den Herd, damit Mr. Bagnet und der Gast nicht behindert sind, ihre Pfeifen zu rauchen. Diese Wirtschaftssorgen sind mit vielem Hin- und Zurückklappern von Holzschuhen im rückwärtigen Hof verbunden und mit reichlicher Inanspruchnahme eines Wassereimers, der schließlich das Glück hat, zur Abwaschung von Mrs. Bagnet selbst zu dienen. Bald erscheint die Alte ganz frisch wieder und setzt sich mit ihrer Näharbeit hin, und erst jetzt, wo ihre Sorgen um das Gemüse als ganz und gar beendet zu betrachten sind, fordert Mr. Bagnet den Kavalleristen auf, seine Sache vorzutragen. Mr. George tut das mit größter Diskretion, indem er zu Mr. Bagnet zu sprechen scheint, aber während der ganzen Zeit wie dieser selbst sein Auge auf die Alte gerichtet hat. Sie, ebenso diskret, beschäftigt sich mit ihrer Näherei. Als die Sache vollständig auseinandergesetzt ist, nimmt Mr. Bagnet, um die Disziplin aufrecht zu erhalten, zu seiner altgewohnten List seine Zuflucht. »Das ist die ganze Geschichte, was, George?« fragt er. »Die ganze Geschichte.« »Und du willst meinem Rate folgen?« »Ich werde mich ganz nach ihm richten.« »Alte«, sagt Mr. Bagnet, »sag ihm meine Meinung. Du kennst sie. Teile sie ihm mit.« Der Rat lautet, daß man nicht wenig genug mit Leuten, die zu schlau für einen sind, zu tun haben und sich nicht genug hüten kann, sich in Dinge zu mischen, die man nicht versteht. Die einfache Regel lautet, nichts heimlich zu tun, an nichts Verstecktem oder Geheimnisvollem teilzunehmen und den Fuß nirgendshin zu setzen, wo man den Weg nicht sieht. Das ist dem Wesen nach Mrs. Bagnets Meinung. Und sie erleichtert Mr. George, der darin seine eigne Meinung bestätigt und seine Zweifel schwinden sieht, so sehr, daß er die seltne Gelegenheit benutzt, noch eine Pfeife raucht und mit der ganzen Familie Bagnet Lebenserfahrungen austauscht und von alten Zeiten plaudert. So kommt es, daß Mr. George sich in dieser Stube nicht eher zu seiner vollen Höhe erhebt, als bis die Zeit naht, wo das englische Publikum im Theater das Fagott und die Querpfeife nicht länger mehr missen kann. Und selbst dann braucht Mr. George noch geraume Zeit, um in seiner Stellung als Wauwau Abschied von Quebec und Malta zu nehmen und einen Patenschilling in die Tasche des jungen Woolwich gleiten zu lassen, mit Glückwünschen über seine Erfolge im Leben. Erst als es finster wird, wendet Mr. George wieder sein Gesicht Lincoln's-Inn-Fields zu. Eine Häuslichkeit, spricht er zu sich selbst auf dem Heimweg, macht, so klein sie auch sein mag, daß ein Mann wie ich sich einsam fühlt. Aber es ist gut, daß ich das Manöver des Heiratens nie ausgeführt habe. Ich hätte nicht dafür gepaßt. Ich bin heute noch ein solcher Vagabund, daß ich sogar meine Schießgalerie nicht einen Monat lang führen könnte, wenn es ein regelmäßiges Geschäft wäre oder ich nicht nach Zigeunerart kampieren könnte. Und was ist schließlich daran! Ich mache niemandem Schande und falle niemandem zur Last. Das ist immerhin etwas. Das habe ich seit vielen Jahren nicht getan. Dann pfeift er sich's aus dem Sinn und marschiert weiter. In Lincoln's-Inn-Fields und an Mr. Tulkinghorns Treppe angekommen, findet er die Saaltür abgesperrt und die Kanzlei geschlossen. Aber da er als Kavallerist wenig von Saaltüren versteht, tastet er, in der Hoffnung, einen Klingelzug zu finden oder die Tür öffnen zu können, noch herum, da kommt Mr. Tulkinghorn – selbstverständlich leise – die Treppe herauf und fragt unwirsch: »Wer ist da? Was machen Sie da?« »Entschuldigen Sie, Sir. Ich bin George. Der Sergeant.« »Und George, der Sergeant, konnte nicht sehen, daß meine Tür verschlossen ist?« »Nun, nein, Sir. Konnte ich nicht. Jedenfalls hab ich es nicht gesehen«, antwortet der Kavallerist ein wenig gereizt. »Haben Sie sich anders besonnen oder sind Sie noch derselben Ansicht?« Mr. Tulkinghorn fragt, aber er sieht auf den ersten Blick, woran er ist. »Ich bin noch derselben Ansicht, Sir.« »Ich habe mir's gedacht. Das genügt. Sie können gehen. – Sie sind doch der Mann«, sagt Mr. Tulkinghorn und sperrt seine Tür auf, »in dessen Versteck Mr. Gridley gefunden wurde?« »Ja, ich bin der Mann«, bestätigt der Kavallerist und bleibt zwei oder drei Stufen tiefer unten stehen. »Warum, Sir?« »Warum? Ihr Umgang gefällt mir nicht. Ich hätte Sie heute morgen nicht vorgelassen, wenn ich gewußt hätte, daß Sie der Betreffende sind. Gridley!! Ein gefährlicher mörderischer Kerl!« Mr. Tulkinghorn geht mit diesen für ihn ungewöhnlich laut gesprochnen Worten in seine Wohnung und wirft die Tür hinter sich zu. Mr. George ärgert sich sehr über diese Manier, sich zu verabschieden. Und umsomehr, als ein die Treppe heraufkommender Schreiber die letzten Worte gehört hat und sie offenbar auf ihn bezieht. »Hübsche Sachen muß man sich da gefallen lassen«, brummt er und steigt mit einem Fluch die Treppe hinunter. Und als er hinaufblickt, sieht er den Schreiber herunterschauen und ihn, wie er an einer Lampe vorbeigeht, beobachten. Das steigert seinen Ärger so sehr, daß er fünf Minuten lang schlechter Laune ist. Aber er pfeift sich auch das aus dem Sinn und marschiert durch die Straßen in seine Schießgalerie. 28. Kapitel Der Hüttenbesitzer Sir Leicester Dedlock hat für diesmal die Familiengicht überstanden und ist abermals in wörtlichem wie figürlichem Sinn auf den Beinen. Er weilt auf seinem Edelsitz in Lincolnshire, aber das Wasser steht wieder in den Niederungen, und die Kälte und Feuchtigkeit dringen trotz der besten Schutzmaßregeln in Chesney Wold ein und in Sir Leicesters Knochen. Die hellen Feuer von Holz und Steinkohlen – Dedlock-Holz und vorsintflutlicher Wald –, die in den breiten geräumigen Kaminen lodern und im Zwielicht den finster blickenden Wäldern zuzwinkern, die grollend zusehen, wie ihre Bäume geopfert werden, können den Feind nicht vertreiben. Die Röhren mit heißem Wasser, die sich durch das ganze Haus schlängeln, die Polsterung der Türen und Fenster und die Vorhänge und Jalousien ersetzen nicht die Unzulänglichkeit der Feuer und genügen Sir Leicesters Bedürfnissen nicht. Daher verkünden die fashionablen Nachrichten eines Morgens dem lauschenden Erdenrund, daß Lady Dedlock binnen kurzem auf einige Wochen in die Stadt zurückkehren wird. Es ist eine traurige aber wahre Tatsache, daß selbst große Männer arme Verwandte haben. Ja, große Männer haben oft mehr als den ihnen gebührenden Anteil an armen Verwandten. Und blaues Blut der feinsten Qualität ebenso wie geringes unrechtmäßig vergossenes schreien zum Himmel und wollen gehört sein. Sir Leicesters Vettern bis in den fernsten Grad sind in ihrer Art Mordtaten, die um jeden Preis ans Tageslicht wollen. Unter ihnen sind Vettern von so großer Armut, daß man fast denken könnte, es wäre für sie ein größeres Glück gewesen, sie wären niemals plattierte Glieder an der Dedlock-Goldkette geworden, sondern gleich von Anfang an von gemeinem Eisen und gewöhnlichen Diensten gewidmet gewesen. Dienen dürfen sie, mit einigen sehr beschränkten, aber auch da keinen Nutzen bringenden Ausnahmen, wegen ihrer hohen Dedlock-Abstammung keinesfalls. Daher besuchen sie ihre reichen Vettern und machen Schulden, wenn sie können, und leben ziemlich schäbig, wenn es ihnen nicht gelingt. Als Frauen finden sie keine Männer und als Männer keine Frauen. Sie fahren in geborgten Wagen und sitzen bei Gastmählern, die sie selbst nie geben, und schlagen sich so durchs Leben. In die große Familiensumme haben sich allzuviele Zahlen geteilt, und sie sind der kleine Rest, mit dem niemand weiß, was anfangen. Jeder von Sir Leicester Dedlocks Überzeugung und Denkungsart scheint mehr oder weniger sein Vetter zu sein. Von Lord Boodle und Herzog von Woodle bis herab zu Noodle spinnt Sir Leicester wie eine glorreiche Spinne seine Verwandtschaftsfäden. Aber während er großartig jedermanns von seinesgleichen Vetter ist, ist er in seiner würdevollen Weise gütig und großmütig gegen die kleinen Vettern, und gegenwärtig erträgt er trotz der Feuchtigkeit den Besuch mehrerer solcher Verwandten in Chesney Wold mit dem Opfermut eines Märtyrers. Zu diesen gehört in erster Linie Volumnia Dedlock, eine junge Dame von sechzig Jahren, die in zwiefacher Hinsicht eine vornehme Verwandte ist. Hat sie doch die Ehre, mütterlicherseits mit einer andern großen Familie verschwägert zu sein. Da Miß Volumnia in ihrer Jugend ein hübsches Talent besaß, allerlei nette Ornamente aus buntem Papier auszuschneiden, zur Guitarre spanische Lieder zu singen und auf Herrschaftssitzen französische Wortspiele zum besten zu geben, so verbrachte sie die zwei Dezennien ihres Lebens zwischen dem zwanzigsten und vierzigsten auf eine hinreichend angenehme Art. Als sie dann aus der Mode kam und ihre spanischen Lieder der Menschheit langweilig wurden, zog sie sich nach Bath zurück, wo sie bescheiden von einem jährlichen Geschenk Sir Leicesters lebt und gelegentlich in den Herrschaftssitzen ihrer Vettern aufersteht. In Bath erfreut sie sich einer ausgedehnten Bekanntschaft unter entsetzlich alten Herrn mit dürren Beinen und Nankinghosen und nimmt in dieser öden Stadt eine hohe Stellung ein. Aber anderwärts fürchtet man sie ein wenig wegen einer gewissen indiskreten Verschwendung von roter Schminke und eines ewigen altmodischen Perlenhalsbandes, das ihr wie ein Rosenkranz aus kleinen Vogeleiern um den Hals hängt. In jedem Lande mit gesunden Zuständen hätte Volumnia berechtigte Ansprüche auf eine Pension. Man hat Versuche gemacht, sie in die Liste zu bringen, und als William Buffy das Ministerium übernahm, rechnete man sicher darauf, daß ihr Name mit ein paar hundert Pfund jährlich bedacht werden würde. Aber wider alles Erwarten entdeckte William Buffy irgendwie, daß das in solchen Zeitläuften nicht anginge, und das war für Sir Leicester Dedlock das erste deutliche Zeichen von dem bevorstehenden Untergang Englands. Ferner ist da Bob Stables, Hochwohlgeboren, der mit der Geschicklichkeit eines Veterinärarztes warme Umschläge machen kann und ein besserer Schütze ist als die meisten Hegereiter. Er hat seit einiger Zeit eifrigst gewünscht, seinem Vaterland in einem bezahlten Amt ohne weitere Mühe und Verantwortlichkeit zu dienen. In einem gut geordneten Staatswesen wäre dieser natürliche Wunsch eines strebsamen jungen Mannes von so hohen Beziehungen rasch befriedigt worden. Aber William Buffy entdeckte, als er Minister wurde, daß er in solchen Zeitläuften auch diese kleine Sache nicht deichseln könnte. Und das war für Sir Leicester Dedlock das zweite Zeichen von Englands bevorstehendem Untergang. Die übrigen Verwandten sind Damen und Herren von verschiedenen Fähigkeiten und Altersstufen. Der größere Teil ist liebenswürdig und verständig und besteht aus Leuten, die aller Wahrscheinlichkeit nach ganz gut im Leben vorwärts gekommen wären, wenn sie sich nur ihre Vetterschaft hätten aus dem Kopf schlagen können. So aber sind sie fast alle deswegen schlechter daran und schlendern auf zweck- und ziellosen Pfaden dahin und stehen sich und andern im Wege. In dieser Gesellschaft, wie überall, herrscht Lady Dedlock unumschränkt. Schön, elegant, gebildet und tonangebend in ihrer kleinen Welt, trägt sie durch ihren Einfluß in Sir Leicesters Haus, so hochmütig und gleichgültig auch ihre Art ist, nicht wenig dazu bei, den Ton zu heben und zu verfeinern. Die Vettern und Basen, selbst die altern, die ganz erstarrt waren, als Sir Leicester Mylady heiratete, sind ihre Vasallen geworden, und Bob Stahles, Hochwohlgeboren, wiederholt täglich zwischen Frühstück und Lunch gelegentlich seine Lieblingsbemerkung, daß sie die bestgestriegelte Frau im ganzen Gestüt sei. Das sind die Gäste in dem großen Salon in Chesney Wold an diesem unfreundlichen Abend, wo der Schritt auf dem Geisterweg, der nicht bis hierher hörbar ist, gerade so gut der Schritt eines in die Kälte hinausgestoßenen verstorbenen Vetters sein könnte. Es ist fast Schlafenszeit. Die Schlafzimmerfeuer schimmern hell durch das ganze Haus und beschwören Gespenster grotesker Möbel an Wand und Decke. Schlafzimmerleuchter stehen auf dem Tisch in der Ecke drüben an der Tür, und Vettern und Basen gähnen auf Ottomanen. Vettern und Basen am Piano, Vettern und Basen am Sodawasser-Tablett. Vettern und Basen stehen vom Spieltisch auf, Vettern und Basen sind am Kamin versammelt. Auf der einen Seite seines eigenen Feuers, denn es sind deren zwei im Salon, steht Sir Leicester, und an der andern Kaminseite sitzt Mylady an ihrem Tisch. Volumnia, als eine der begünstigteren Verwandten, ruht in einem üppigen Lehnstuhl zwischen ihnen. Sir Leicester blickt mit vornehmem Mißvergnügen auf die rote Schminke und das Perlenhalsband. »Zuweilen treffe ich hier auf der Treppe eines der hübschesten Mädchen, das mir jemals vorgekommen ist«, sagt Volumnia gedehnt, deren Gedanken nach dem langen Abend höchst zerfahrner Unterhaltung schon zu Bett hüpfen wollen. »Eine Protege von Mylady«, bemerkt Sir Leicester. »Das dachte ich mir. Ich war überzeugt, daß ein ungewöhnlicher Blick das Mädchen ausgewählt haben müßte. Die Kleine ist wirklich ein Wunder. Vielleicht von etwas puppenhafter Schönheit«, sagt Volumnia, sich ihre Eigenart vorbehaltend. »Aber in ihrer Weise vollkommen. Eine solche blühende Frische ist mir noch nie vorgekommen.« Sir Leicester mit seinem mißvergnügten Blick auf die Schminke scheint ebenfalls dieser Meinung zu sein. »O«, bemerkt Mylady gelangweilt, »wenn jemand eine ungewöhnliche Hand in der Sache bewiesen hat, so ist es Mrs. Rouncewell gewesen und nicht ich. Sie hat Rosa entdeckt.« »Rosa ist Ihre Zofe, nicht wahr?« »Nein, sie ist alles für mich. Liebling – Sekretär – Bote... Ich weiß nicht, was alles.« »Sie haben sie um sich, wie Sie gern eine Blume oder einen Vogel, ein Bild oder einen Pudel – aber nein, einen Pudel nicht – oder sonst etwas Hübsches um sich sehen würden«, sagt Volumnia verständnisinnig. »Ach, wie reizend das ist, und wie gesund diese liebe alte Mrs. Rouncewell aussieht. Sie muß außerordentlich alt sein, und doch ist sie so rührig und hübsch. Ich bin ihr wirklich von Herzen gut.« Sir Leicester findet es recht und schicklich, daß die Haushälterin von Chesney Wold eine bemerkenswerte Person ist. Abgesehen davon hat er wirklich Achtung vor Mrs. Rouncewell und hört sie gern loben. Deshalb sagt er: »Sie haben recht, Volumnia«, – was zu vernehmen Volumnia außerordentlich freut. »Sie selbst hat keine Tochter?« »Mrs. Rouncewell? Nein, Volumnia. Sie hat einen Sohn. Eigentlich zwei.« Mylady, deren chronische Langweile diesen Abend durch Volumnia sehr verstärkt wurde, blickt müde nach den Leuchtern und seufzt innerlich. »Und es ist ein merkwürdiges Beispiel des Verfalles, dem das gegenwärtige Zeitalter entgegengeht, des Verwischens aller Grenzen, des Öffnens der Schleusen und der Mißachtung aller Distinktionen«, sagt Sir Leicester mit vornehmer Melancholie, »daß ich von Mr. Tulkinghorn höre, man habe Mrs. Rouncewells Sohn zur Kandidatur ins Parlament aufgefordert.« Miß Volumnia läßt ein halblautes Aufkreischen hören. »Ja, wirklich«, wiederholt Sir Leicester. »Ins Parlament!« »Da hört sich denn doch alles auf! Gütiger Himmel, was ist denn der Mann?« »Er ist... Man nennt es, glaube ich, einen Hüttenmeister.« Sir Leicester sagt das langsam und mit ernstem Zweifel, als könne der Mann gerade so gut ein Bleigießer sein oder irgend etwas anderes Rätselhaftes. Volumnia läßt wieder ein Kreischen vernehmen. »Er hat den Vorschlag abgelehnt, wenn die mir von Mr. Tulkinghorn mitgeteilte Nachricht richtig ist, was ich nicht im mindesten bezweifle, denn Mr. Tulkinghorn ist stets richtig informiert, aber das vermindert das Ungehörige der Sache durchaus nicht«, sagt Sir Leicester. »Man könnte die sonderbarsten und, wie mir scheint, erschreckendsten Betrachtungen darüber anstellen.« Da Miß Volumnia mit einem leuchterwärts gerichteten Blick aufsteht, macht Sir Leicester höflich die »große Tour«, das heißt, er geht im Bogen im Salon herum, holt eine Kerze und zündet das Licht an Myladys Lampe an. »Ich möchte Mylady bitten, noch ein paar Augenblicke zu bleiben«, sagt er dabei. »Denn der Mann, von dem ich sprach, ist heute abend kurz vor dem Essen angekommen und hat – in einem sehr schicklichen Briefe« – schaltet Sir Leicester mit seiner gewohnten Wahrheitsliebe ein – »in einem sehr schicklichen und gut verfaßten Briefe, muß ich sagen – um die Gunst einer kurzen Unterredung mit Mylady und mir wegen dieses jungen Mädchens gebeten. Da es schien, als ob er diesen Abend noch abzureisen wünschte, antwortete ich ihm, daß wir ihm noch vor dem Schlafengehen Audienz geben wollten.« Miß Volumnia entflieht mit einem dritten leisen Schrei, indem sie ihren Wirten, o Gott, glückliche Befreiung von dem – was ist er? – Hüttenmeister wünscht. Die andern Vettern und Basen verlieren sich ebenfalls bald. Sir Leicester klingelt. »Empfehlen Sie mich Mr. Rouncewell unten bei der Haushälterin und sagen Sie ihm, daß ich ihn jetzt empfangen kann.« Mylady, die all dem äußerlich nur mit geringer Aufmerksamkeit zugehört hat, wirft einen Blick auf Mr. Rouncewell, als er ins Zimmer tritt. Er ist dem Anschein nach ein wenig über fünfzig, gut gewachsen wie seine Mutter, hat eine sonore Stimme, eine breite Stirn, von der das dunkle Haar schon ein wenig zurückgewichen ist, und ein gescheites und offenes Gesicht. Er sieht in seinem schwarzen Rock behäbig aus, aber kräftig und beweglich, wie jemand, der eine gewisse verantwortliche Tätigkeit gewohnt ist. Er benimmt sich vollkommen natürlich und unbefangen und ist nicht im mindesten verlegen. »Sir Leicester und Lady Dedlock, da ich wegen der Belästigung bereits um Verzeihung gebeten habe, so kann ich nichts Besseres tun, als mich sehr kurz zu fassen. – Ich danke Ihnen, Sir Leicester.« – Das Familienoberhaupt der Dedlocks hat nämlich mit der Hand auf ein Sofa zwischen sich und Mylady gewiesen. – Mr. Rouncewell nimmt ruhig Platz. »In diesen geschäftigen Zeiten, wo so große Unternehmungen im Gange sind, haben Leute wie ich eine solche Menge Arbeiter an so vielen Orten, daß wir beständig unterwegs sind.« Sir Leicester paßt es, daß der Hüttenbesitzer fühlt, daß hier nichts eilt, hier, in diesem uralten Hause, festgewurzelt in dem stillen Park, wo der Efeu und das Moos Zeit gefunden haben, sich auszubreiten, und die zackigen warzigen Ulmen und die schattigen Eichen tief in hundertjährigem Farnkraut und Laub stehen, wo die Sonnenuhr auf der Terrasse seit Generationen stumm die Zeit gezeigt hat, die ebensosehr das Eigentum jedes Dedlocks war – für Lebenszeit – wie das Haus und die Ländereien. Sir Leicester nimmt in einem Lehnstuhl Platz und setzt seine Ruhe und die ganz Chesney Wolds dem Ungestüm des Eisenwerkbesitzers entgegen. »Lady Dedlock ist so gütig gewesen«, fährt Mr. Rouncewell mit einem Blick und einer Verbeugung voll Ehrerbietung vor der Dame des Hauses fort, »eine junge Schönheit namens Rosa in ihre Dienste zu nehmen. Nun hat sich mein Sohn in Rosa verliebt und meine Einwilligung verlangt, ihr seine Hand antragen und sich mit ihr verloben zu dürfen, wenn sie ihn haben will, was ich nämlich voraussetze. Ich habe Rosa heute das erste Mal gesehen, aber ich vertraue auf meines Sohnes richtigen Blick, selbst in der Liebe. Nach meinem Dafürhalten ist sie wirklich so, wie er sie schildert, und auch meine Mutter ist voll des Lobes über sie.« »Sie verdient es in jeder Hinsicht«, bestätigt Mylady. »Es freut mich, daß Sie das auch sagen, Lady Dedlock, und ich brauche wohl nicht erst auseinanderzusetzen, welchen Wert für mich Ihre Meinung über Rosa hat.« »Das wäre wohl auch ganz unnötig«, bemerkt Sir Leicester unsäglich würdevoll, denn der Eisenwerkbesitzer kommt ihm ein wenig zu zungenfertig vor. »Ganz unnötig, Sir Leicester. Gewiß. – Nun ist mein Sohn ein sehr junger Mann und Rosa ein sehr junges Mädchen. Wie auch ich mich emporarbeiten mußte, so muß auch mein Sohn es tun, und jetzt zu heiraten, ist für ihn ausgeschlossen. Aber vorausgesetzt, ich gäbe meine Einwilligung zu seiner Verlobung, wenn sich die kleine Schönheit überhaupt mit ihm verloben will, so halte ich es für meine Pflicht, von vornherein aufrichtig zu sagen – und ich bin überzeugt, Sir Leicester und Lady Dedlock, Sie werden mich verstehen und entschuldigen, – daß ich es zur Bedingung machen müßte, daß Rosa nicht in Chesney Wold bleibt. Deshalb, ehe ich die Sache weiter mit meinem Sohn bespreche, nehme ich mir die Freiheit, zu versichern, daß, wenn Ihnen Rosas Entfernung nicht passen sollte oder irgendwie unangenehm wäre, ich die Sache auf einen beliebigen vernünftigen Termin hinausschieben und sie so lassen würde, wie sie gegenwärtig steht.« Nicht in Chesney Wold bleiben? Es zur Bedingung machen? Alle alten bösen Ahnungen Sir Leicesters in bezug auf Wat Tyler und die Leute in den Eisendistrikten, die immerwährend bei Fackelschein ausziehen, erwachen wieder in seinem Kopf, so daß sich sein schönes graues Haar samt dem Backenbart vor Entrüstung sträubt. »Soll ich darunter verstehen, Sir, und soll Mylady darunter verstehen ...« – Sir Leicester erwähnt sie erstens aus Galanterie und zweitens aus Klugheit, da er sehr viel von ihrem Verstand hält – »soll ich darunter verstehen, Mr. Rouncewell, und soll Mylady darunter verstehen, Sir, daß Sie das junge Mädchen für zu gut für Chesney Wold halten, oder meinen Sie, ihr Hierbleiben könne ihr vielleicht schaden?« »Durchaus nicht, Sir Leicester.« »Es freut mich, das zu hören.« Sir Leicester sieht sehr erhaben drein. »Bitte, Mr. Rouncewell«, sagt Mylady und scheucht Sir Leicester mit einem leisen Wink ihrer hübschen Hand weg wie eine Fliege. »Erklären Sie mir, was Sie wollen.« »Mit größter Bereitwilligkeit, Lady Dedlock. Nichts könnte mir erwünschter sein.« Mylady kehrt ihr unbewegliches Gesicht, dessen Geist jedoch zu rasch und lebendig ist, um sich durch eine einstudierte, wenn auch noch so sehr zur Gewohnheit gewordene Teilnahmslosigkeit verbergen zu lassen, den kräftigen angelsächsischen Zügen des Gastes, der ein Bild von Entschlossenheit und Ausdauer ist, zu, lauscht aufmerksam seinen Worten und neigt gelegentlich ein wenig ihr Haupt. »Ich bin der Sohn Ihrer Haushälterin, Lady Dedlock, und habe meine Kindheit in diesem Hause verbracht. Meine Mutter hat hier ein halbes Jahrhundert gelebt und wird hier wohl auch sterben. Sie ist eins von den Beispielen – vielleicht eines der besten – von Liebe, Anhänglichkeit und Treue, auf die England wohl stolz sein kann, aber deren Ehre oder Verdienst sich kein Stand allein anmaßen darf, weil ein solches Beispiel hohen Wert auf beiden Seiten voraussetzt. Auf der Seite der Herrschaft gewiß, aber auf der des Untergebenen nicht minder.« Sir Leicester rümpft ein wenig die Nase, die Tatsachen so ausgelegt zu hören, aber in seiner Ehrenhaftigkeit und Wahrheitsliebe gibt er, wenn auch stumm, die Richtigkeit der Behauptung des Eisenwerkbesitzers zu. »Verzeihen Sie, daß ich erwähne, was so selbstverständlich ist, aber ich wollte nicht Anlaß zu einer Vermutung geben, als ob ich mich etwa der Stellung meiner Mutter hier schäme oder es sonstwie an gerechter Ehrerbietung vor Chesney Wold und seiner Familie irgendwie fehlen ließe. Gewiß hätte ich wünschen dürfen und habe es auch gewünscht, Lady Dedlock, daß sich meine Mutter nach so vielen Jahren zurückziehe und ihr Leben bei mir beschließen möge. Aber da ich fand, daß die Trennung von hier ihr das Herz brechen würde, habe ich den Gedanken längst aufgegeben.« Sir Leicester sieht wieder sehr großartig drein bei dem Gedanken, man könne Mrs. Rouncewell ihrer natürlichen Heimat entführen, damit sie ihre Tage bei einem Eisenwerkbesitzer beschließe. »Ich bin Lehrling und Arbeiter gewesen«, fährt der Besuch in schlichter, klarer Weise fort, »habe viele Jahre lang von meinem Arbeitslohn gelebt und mich bis zu einem gewissen Punkte selbst erziehen müssen. Meine Frau war als die Tochter eines einfachen Werkführers aufgewachsen. Wir haben drei Töchter außer diesem Sohn, den ich bereits erwähnte, und da wir glücklicherweise imstande waren, ihnen günstigere Lebensbedingungen zu schaffen, als wir sie selbst gehabt, so haben sie eine gute, sogar sehr gute Erziehung genossen. Es ist eine unsrer Hauptsorgen und Hauptfreuden gewesen, sie jeder Lebensstellung würdig zu machen.« Ein wenig Stolz klingt durch seinen väterlichen Ton, als ob er innerlich hinzusetzte: »Würdig selbst für die Chesney-Wold-Stellung.« Deshalb mildert Sir Leicester die Großartigkeit seiner Miene nicht ein bißchen. »Alles dieses kommt in meiner Gegend und in der Gesellschaftsklasse, zu der ich gehöre, so häufig vor, Lady Dedlock, daß das, was man so landläufig ungleiche Heiraten nennt, nicht so selten ist wie anderswo. Ein junger Mann sagt manchmal seinem Vater, daß er sich in ein Mädchen in der Fabrik verliebt habe. Der Vater, der früher selbst Arbeiter gewesen, wird anfangs ein wenig unzufrieden sein. Sehr möglich. Vielleicht hat er mit seinem Sohn andre Absichten. Wahrscheinlicher aber ist, daß er zu seinem Sohn sagt, nachdem er sich vergewissert hat, daß das Mädchen einen tadellosen Ruf besitzt: Ich muß erst sicher sein, daß es dir ernst ist. Es ist eine wichtige Angelegenheit für euch beide. Deshalb werde ich dieses Mädchen zwei Jahre lang unterrichten lassen oder soundso lange mit deinen Schwestern in ein und dieselbe Schule schicken, und du gibst mir dein Ehrenwort, daß du sie während dieser Zeit nur soundsooft siehst. Wenn das Mädchen nach Verlauf dieser Zeit die Gelegenheit entsprechend wahrgenommen hat, so daß ihr hinsichtlich Bildung auf dem richtigen Fuß miteinander steht, und wenn ihr dann immer noch desselben Sinnes seid, so will ich das Meine tun, um euch glücklich zu machen. Ich kenne mehrere Fälle dieser Art, Mylady, und ich glaube, sie zeigen mir, welchen Weg ich einzuschlagen habe.« Sir Leicesters Großartigkeit kommt jetzt zum Ausbruch. Ruhig, aber schrecklich. »Mr. Rouncewell«, sagt er, die rechte Hand in der Brust seines blauen Fracks – die Staatsstellung, in der sein Bild in der Galerie hängt. »Ziehen Sie einen Vergleich zwischen Chesney Wold und einer« – er unterdrückt einen Erstickungsanfall – »einer Fabrik?« »Ich brauche wohl nicht zu versichern, Sir Leicester, daß die zwei Orte sehr verschieden von einander sind, aber zum Zweck der Beurteilung des vorliegenden Falles glaube ich einen gewissen Vergleich zwischen ihnen immerhin ziehen zu dürfen.« Sir Leicester läßt seinen majestätischen Blick die eine Seite des langen Salons hinab und die andre heraufschweifen, ehe er glauben kann, daß er wach ist. »Ist es Ihnen bekannt, Sir, daß dieses junge Mädchen, das Mylady-Mylady! – in ihre Dienste genommen hat, in der Dorfschule draußen erzogen worden ist?« »Sir Leicester, das ist mir wohl bekannt. Es ist eine sehr gute Schule, und sie wird von Ihrer Familie in nicht genug anzuerkennender Weise unterstützt.« »Dann muß ich gestehen, Mr. Rouncewell, daß mir Ihre Äußerungen vollkommen unverständlich sind.« »Werden sie Ihnen begreiflicher sein, Sir Leicester, wenn ich Ihnen sage«, entgegnet der Eisenwerksbesitzer, und das Blut steigt ihm ein wenig ins Gesicht, »daß ich nicht der Meinung bin, die Dorfschule könne alles lehren, was der Gattin meines Sohnes zu wissen wünschenswert ist?« »Von dem Unterfangen, die bis zu dieser Minute sakrosankt gewesene Dorfschule von Chesney Wold herabzusetzen, bis zu dem ganzen sozialistischen Lattenbau mit seinen Übergriffen, Menschen über ihren Stand zu erziehen und dadurch die Grenzen zu verwischen, die Schleusen zu öffnen und alles andre Übel anzurichten, ist nur ein Schritt.« Das ist der rasche Ideengang im Geiste des Dedlockhauptes. »Mylady, bitte um Verzeihung! Gestatten Sie mir nur noch einen Augenblick!« – Sie hatte ein leises Zeichen gegeben, daß sie sprechen wollte. – »Mr. Rouncewell, unsere Ansichten von Pflicht und unsere Ansichten von gesellschaftlicher Stellung, unsere Ansichten von Erziehung und unsere Ansichten von... Kurz, alle unsere Ansichten stehen in so entschiednem Gegensatz zueinander, daß eine Verlängerung dieser Unterhaltung Ihre Gefühle ebenso verletzen müßte wie die meinen. Dieses junge Mädchen wird mit Myladys Beachtung und Gunst beehrt. Wenn sie sich dieser Beachtung und Gunst zu entziehen wünscht oder es vorzieht, sich unter den Einfluß jemandes zu begeben, der infolge seiner eigentümlichen Ansichten – Sie werden mir den Ausdruck eigentümliche Ansichten gestatten, wenn ich auch gern zugestehe, daß ich keinerlei Rechtfertigung derselben zu fordern habe –, der sie infolge seiner eigentümlichen Ansichten dieser Beachtung und Gunst zu entziehen wünscht, so steht das dem Mädchen jeder Zeit frei. Wir sind Ihnen verbunden für die Offenheit, mit der Sie sich ausgesprochen haben. Sie wird an sich in keiner Weise die Stellung des jungen Mädchens hier beeinflussen. Zu etwas weiterem können wir uns nicht verstehen und bitten Sie – wenn Sie so gut sein wollen –, das Thema fallen zu lassen.« Der Besuch schweigt einen Augenblick, um Mylady Gelegenheit zu geben, das Wort zu ergreifen, aber sie sagt nichts. Dann steht er auf und entgegnet: »Sir Leicester und Lady Dedlock, erlauben Sie mir, Ihnen für das Gehör, das Sie mir geschenkt haben, zu danken und nur zu bemerken, daß ich meinem Sohn angelegentlichst raten werde, seiner Herzensneigung Herr zu werden. Gute Nacht!« »Mr. Rouncewell«, sagt Sir Leicester mit dem ganzen Glanz eines vollendeten Gentlemans, »es ist spät, und die Wege sind finster. Ich hoffe, Ihre Zeit ist nicht so kostbar, daß Sie nicht Mylady und mir erlauben würden, Ihnen wenigstens für heute nacht ein gastliches Obdach in Chesney Wold anzubieten.« »Ich hoffe es ebenfalls«, setzt Mylady hinzu. »Ich bin Ihnen sehr verbunden, aber ich muß die ganze Nacht durchreisen, um pünktlich morgen früh einen ziemlich weit entlegnen Ort zur festgesetzten Stunde zu erreichen.« Damit verabschiedet sich der Hüttenbesitzer. Sir Leicester klingelt, und Mylady erhebt sich, als er den Saal verlassen hat. Als Mylady in ihr Boudoir kommt, setzt sie sich gedankenvoll an den Kamin und beobachtet, ohne auf die Schritte auf dem Geisterweg zu achten, Rosa, die in einem Nebenzimmer schreibt. Nach einer Weile ruft sie das Mädchen: »Komm herein, Kind! Sag mir offen, bist du verliebt?« »O Mylady!« Mylady betrachtet das errötende Gesicht und die niedergeschlagnen Augen und sagt lächelnd: »Wer ist es? Ist es Mrs. Rouncewells Enkel?« »Ja, wenn Sie erlauben, Mylady. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn – schon liebe.« »Schon? Du närrisches kleines Ding! Weißt du, daß er dich – schon liebt?« »Ich glaube, er hat mich ein wenig gern, Mylady.« Rosa bricht in Tränen aus. Ist das Lady Dedlock, die jetzt neben der ländlichen Schönheit steht, ihr mit mütterlicher Hand das dunkle Haar zurückstreicht und sie mit Augen so voll nachdenklichen Interesses betrachtet? Ja, wahrhaftig, sie ist es. »Hör mich an, mein Kind. Du bist jung und treu und hängst, wie ich glaube, an mir.« »Unendlich, Mylady. Es gibt gewiß nichts in der Welt, was ich nicht tun würde, um zu beweisen, wie sehr.« »Und ich glaube nicht, daß du mich jetzt schon zu verlassen wünschtest, Rosa, selbst nicht um eines Liebhabers willen.« »Nein, Mylady, o nein!« Rosa blickt zum ersten Mal auf, ganz erschrocken bei diesem Gedanken. »Vertraue auf mich, mein Kind! Hab keine Scheu vor mir. Ich wünsche dich glücklich zu sehen und will dich glücklich machen, wenn ich noch jemanden auf dieser Erde glücklich machen kann.« Mit Tränen in den Augen kniet Rosa vor ihr nieder und küßt ihr die Hand. Mylady nimmt die Hand, mit der das Mädchen die ihre gefaßt hat, und legt sie, ins Feuer starrend, in nachdenklichem Spiel abwechselnd in die linke und rechte und läßt sie dann sinken. Da Rosa sie so vertieft sieht, entfernt sie sich leise. Myladys Augen blicken immer noch ins Feuer. Was sieht sie dort? Eine Hand, die nicht mehr ist oder nie war, oder eine, deren Berührung wie mit Zauberkraft ihr Leben hätte anders machen können? Oder lauscht sie auf den Schall auf dem Geisterweg und grübelt, was für einem Schritt er am meisten gleicht. Dem eines Mannes? Einer Frau? Dem Trippeln eines kleinen Kindes, das immer näher kommt, näher und näher? Eine melancholische Stimmung beherrscht sie. Oder warum sonst brauchte eine so stolze Dame selbst die Türen zuzumachen und einsam am Kamin zu sitzen? Volumnia ist am nächsten Morgen abgereist, und alle Vettern und Basen haben sich vor dem Essen verflüchtigt. Alle, ohne Ausnahme, sind erstaunt, bereits beim Frühstück Sir Leicester davon sprechen zu hören, wie sich die Grenzen verwischen, die Schleusen öffnen und die Grundfesten der Gesellschaft ins Wanken kommen, wie das Beispiel des Sohnes von Mrs. Rouncewell zeige. Alle, ohne Ausnahme, sind wirklich entrüstet und schreiben es der Schwäche William Buffys als Minister zu und fühlen sich ihres Rechtes auf das Vaterland – oder einer Pension oder sonst eines Privilegiums – durch Trug und Unrecht beraubt. Was Volumnia betrifft, geleitet Sir Leicester sie die große Treppe hinab und spricht dabei so beredt über das Thema, als wäre im Norden Englands ein allgemeiner Aufstand ausgebrochen, um ihr den Schminktopf und das Perlenhalsband zu entreißen. Und dann zerstreuen sich die Vettern und Basen unter einem großen Hin- und Herrennen von Zofen und Kammerdienern – denn es ist eine charakteristische Eigenschaft ihrer Vetter- und Basenschaft, stets Zofen und Kammerdiener halten zu müssen, so schwer ihnen auch der eigne Unterhalt werden mag – nach allen vier Himmelsrichtungen, und der Winterwind fegt einen Blätterschauer von den Bäumen an dem verlassnen Hause vorbei, als ob sich sämtliche Vettern und Basen in dürres Laub verwandelt hätten. 29. Kapitel Der junge Mann Chesney Wold ist zugeschlossen. Teppiche stehen zusammengerollt in den Ecken der ungemütlich aussehenden Zimmer, und der Damast tut Buße in Leinwandüberzügen. Holzschnitzerei und Vergoldung ergeben sich der Abtötung des Fleisches, und die Ahnen der Dedlocks ziehen sich wieder aus dem Tageslicht zurück. Dicht fallen die Blätter rings ums Haus. Dicht und langsam schweben sie mit einer toten melancholischen Leichtigkeit in Kreisen nieder. Der Gärtner mag die Rasenplätze noch so rein fegen und die Blätter in volle Schiebkarren drücken und wegfahren, immer noch liegt das Laub knöcheltief. Der schrille Wind heult um Chesney Wold. Der Regen schlägt scharf ans Haus, die Fenster rasseln, und es saust in den Schornsteinen. Nebel verstecken die Alleen, verschleiern die Aussicht und bewegen sich wie Leichenzüge über die Anhöhen im Park. Im ganzen Hause herrscht ein kalter nichtssagender Geruch, wie der Geruch in der kleinen Kirche, nur etwas trockener. Er erweckt die Vermutung, daß die toten und begrabenen Dedlocks in den langen Nächten hier umherwandern und den Hauch ihrer Gräber zurücklassen. Aber das Haus in der Stadt, das meist andern Sinnes ist als Chesney Wold und sich freut, wenn jenes trauert – außer wenn ein Dedlock stirbt –, und trauert, wenn jenes sich freut, das Haus in der Stadt ist wieder zum Leben erwacht. So warm und hell, wie Prunk es sein kann, so süß durchzogen von angenehmen Gerüchen, die so wenig an den Winter erinnern, wie Treibhausblumen es nur vermögen. Still und ruhig, daß nur das Ticken der Uhren und das Prasseln des Feuers das allgemeine Schweigen stören, scheint es die fröstelnden Beine Sir Leicesters in regenbogenfarbene Watte zu wickeln. Und Sir Leicester ist froh, in würdevoller Befriedigung vor dem großen Kamin in der Bibliothek zu ruhen, herablassend die Rücken seiner Bücher zu lesen oder den Kindern der schönen Künste einen billigenden Blick zuzuwerfen. Er besitzt Gemälde, alte und neue. Einige von der Kostümballschule, in der sich die Kunst gelegentlich herabläßt, ein Meister zu werden, und die sich am besten in Kataloge, wie Auktionsartikel, einteilen lassen. Etwa so: Drei Stühle mit hohen Lehnen, ein Tisch mit Decke, langhalsige Flaschen mit Wem, ein Krug, ein spanisches Frauenkleid; Dreiviertelporträt von Miß Jogg, eine Rüstung, Don Quixote enthaltend. Oder: eine steinerne Terrasse (zersprungen), eine Gondel in der Ferne, ein vollständiger Ornat eines venezianischen Senators, ein reichgestickter weißer Atlasanzug mit dem Profil Miß Joggs, ein Scimetar, reich mit Gold und Juwelen ausgelegt, ein kompletter maurischer Anzug (sehr selten) und Othello. Mr. Tulkinghorn kommt und geht ziemlich häufig, denn es sind Gutsgeschäfte abzuschließen, Pachtverträge zu erneuern und anderes mehr. Er sieht auch Mylady ziemlich oft. Und er und sie sind so ruhig und gleichgültig und geben so wenig acht aufeinander wie je. Aber es könnte doch sein, daß Mylady diesen Mr. Tulkinghorn fürchtet und daß er es weiß. Es könnte möglich sein, daß er sie mit zäher Beharrlichkeit verfolgt, ohne einen Funken von Mitleid, Gewissensbissen oder Erbarmen. Es könnte sein, daß ihm ihre Schönheit und all die Pracht und der Staat ihrer Umgebung nur noch ein größerer Ansporn sind zu dem, was er vorhat, und ihn nur noch unbeugsamer und beharrlicher machen. Mag er nun kalt oder grausam sein oder unerschütterlich in dem, was er zu seiner Pflicht gemacht hat, oder verzehrt von Liebe zur Macht, oder entschlossen, nichts in den Gebieten verborgen sein zu lassen, in denen er sein ganzes Leben lang unter Geheimnissen gewühlt hat, oder mag er in seinem Herzen den Glanz verachten, von dem er selbst einen Strahl im Hintergrunde bildet; oder mag er beständig Vernachlässigung und Kränkung aus der Leutseligkeit seiner prunkvollen Klienten herauslesen und sie heimlich sammeln; mag er eins von diesen oder alles sein, jedenfalls wäre es für Mylady besser, wenn fünftausend Paar fashionable Augen mit argwöhnischer Wachsamkeit sie belauerten, als die beiden Augen dieses rostigen Advokaten mit dem dürftigen Halstuch und den mit Bändern zugebundenen glanzlosen schwarzen Kniehosen. Sir Leicester sitzt in Myladys Zimmer, in demselben Zimmer, wo Mr. Tulkinghorn das Affidavit in Sachen Jarndyce kontra Jarndyce gelesen hat, in ganz besonders selbstzufriedner Stimmung. Wie damals sitzt Mylady wieder vor dem Kamin mit ihrem Handschirm. Sir Leicester ist ganz besonders gut aufgelegt, weil er in seiner Zeitung einige Bemerkungen eines Gleichgesinnten über Dämmeeinreißen und sozialistisches Lattenwerk gelesen hat. Sie passen so vortrefflich auf den kürzlich erlebten Fall, daß Sir Leicester aus der Bibliothek eigens zu dem Zweck in Myladys Zimmer gekommen ist, um sie ihr vorzulesen. »Der Mann, der diese Artikel schrieb«, bemerkt er als Vorrede und nickt das Feuer an, als nicke er dem Autor von Bergeshöhen herab zu, »hat einen sehr gesunden Menschenverstand.« Der Menschenverstand des Verfassers ist aber nicht so gesund, um nicht Mylady zu langweilen, die nach einem matten Versuch, zuzuhören, oder vielmehr nach einem matten Sichfügen mit dem Anschein, als höre sie zu, sich ganz zerstreut in die Betrachtung des Feuers versenkt, als wäre es ihr Feuer in Chesney Wold und sie sei noch dort. Ohne das zu merken, liest ihr Sir Leicester weiter durch sein zusammengelegtes Augenglas vor und hält gelegentlich inne, um es wegzunehmen und seine Beistimmung auszudrücken: »Wahrhaftig wahr, sehr gut gesagt, ich habe selbst oft diese Bemerkung gemacht.« Und jedes Mal verliert er die Stelle und muß die Spalten auf- und absuchen, um sie wieder zu finden. Sir Leicester liest gerade wieder, unendlich ernst und würdevoll, als die Tür aufgeht und der gepuderte Merkur die seltsame Meldung macht: »Der junge Mann, Mylady, namens Guppy.« Sir Leicester hält inne, reißt die Augen auf und wiederholt mit verweisender Stimme: »Der junge Mann namens Guppy?« Sich umsehend, erblickt er den jungen Mann namens Guppy, der, ganz außer Fassung, durch sein Benehmen sowohl wie durch seine Erscheinung einen keineswegs empfehlenswerten Eindruck macht. »Bitte, was soll das heißen«, sagt Sir Leicester zu dem Merkur, »daß Sie ohne alle Umstände einen jungen Mann namens Guppy anmelden?« »Ich bitte um Verzeihung, Sir Leicester, aber Mylady sagte, sie wolle den jungen Mann sprechen; sowie er käme. Ich wußte nicht, daß Sie im Zimmer sind, Sir Leicester.« Mit dieser Entschuldigung wirft der Merkur einen zornigen und ärgerlichen Blick auf den jungen Mann namens Guppy, der offenbar besagt: Was kommst du hierher und bringst mich in Ungelegenheiten. »Es ist schon richtig, ich habe es ihm befohlen«, bestätigt Mylady. »Der junge Mann soll warten.« »Durchaus nicht, Mylady. Da Sie ihn bestellt haben, will ich nicht stören.« Sir Leicester entfernt sich galant und möchte am liebsten beim Hinausgehen eine Verbeugung des jungen Mannes übersehen, den er in seiner Großartigkeit für irgend einen zudringlichen Schuster hält. Lady Dedlock blickt gebieterisch ihren Besuch an, als der Bediente das Zimmer verlassen hat, und mustert ihn von Kopf bis Fuß. Sie läßt ihn an der Tür stehen und fragt, was er wünsche. »Daß Euer Gnaden die Gewogenheit haben mögen, mir eine kurze Unterredung zu gewähren«, antwortet Mr. Guppy verlegen. »Sie sind natürlich die Person, die mir so viele Briefe geschrieben hat?« »Verschiedne, Euer Gnaden. Verschiedne, ehe Euer Gnaden mich mit einer Antwort zu beehren geruhten.« »Und können Sie jetzt nicht wieder dasselbe Mittel wählen, um eine Unterredung unnötig zu machen? Können Sie sich nicht darauf beschränken?« Mr. Guppy verzieht seine Lippen zu einem stummen Nein und schüttelt den Kopf. »Sie sind merkwürdig zudringlich gewesen. Wenn es sich nach allem zeigen sollte, daß das, was Sie mir zu sagen haben, mich gar nichts angeht – und ich wüßte auch nicht, wie es mich etwas angehen sollte –, so werden Sie schon gestatten, daß ich die Unterredung ohne weitere Umstände abbreche. Sagen Sie also, was Sie zu sagen haben.« Mylady bewegt gleichgültig ihren Handschirm, kehrt sich wieder dem Feuer zu und dreht dem jungen Mann namens Guppy beinahe den Rücken. »So will ich denn mit Euer Gnaden Erlaubnis gleich mit dem Geschäft beginnen«, sagt der junge Mann. »Ehem! Ich bin, wie ich Euer Gnaden in meinem ersten Briefe mitteilte, von der Rechtsbranche. In dieser Eigenschaft habe ich die Gewohnheit angenommen, mich schriftlich nicht bloßzustellen, und erwähnte daher nicht gegen Euer Gnaden den Namen der Firma, bei der ich angestellt bin und bei der meine Position, und ich möchte auch hinzufügen, mein Einkommen, ziemlich gut ist. Ich kann jetzt Euer Gnaden im Vertrauen mitteilen, daß die Firma Kenge \& Carboy, Lincoln's-Inn, lautet. Ein Name, der Euer Gnaden vielleicht in Verbindung mit dem Kanzleigerichtsprozeß Jarndyce kontra Jarndyce nicht ganz unbekannt ist.« In Myladys Haltung verraten sich Spuren von Aufmerksamkeit. Sie bewegt nicht mehr den Handschirm und scheint sogar zuzuhören. »Nun kann ich Euer Gnaden wohl auch offen heraussagen«, fährt Mr. Guppy, ein wenig kühner werdend, fort, »daß es keine mit 'Jarndyce kontra Jarndyce' in Verbindung stehende Angelegenheit ist, die mich so sehr wünschen ließ, mit Euer Gnaden zu sprechen und mich im Lichte der Zudringlichkeit, fast der Flegelhaftigkeit, erscheinen ließ und teilweise noch erscheinen läßt.« Nachdem Mr. Guppy einen Augenblick vergeblich gewartet hat, um eine Versicherung des Gegenteils zu vernehmen, fährt er fort: »Hätte es sich um 'Jarndyce kontra Jarndyce' gehandelt, so wäre ich gleich zu Euer Gnaden Solicitor, Mr. Tulkinghorn in Lincoln's-Inn-Fields, gegangen. Ich habe das Vergnügen, mit Mr. Tulkinghorn bekannt zu sein – wenigstens grüßen wir uns, wenn wir einander begegnen –, und hätte es sich um etwas Derartiges gehandelt, wäre ich gleich zu ihm gegangen.« Mylady wendet sich ein bißchen vom Kamin weg und sagt: »Setzen Sie sich doch nieder!« »Danke, Euer Gnaden!« Mr. Guppy nimmt einen Stuhl. »Also, Euer Gnaden«, – Mr. Guppy wirft einen Blick auf einen kleinen Zettel, auf den er sich offenbar vorher Notizen gemacht hat und der ihn in die tiefste Finsternis zu stürzen scheint, so oft er ihn anblickt... »Also – ich – richtig, ja – gebe mich ganz in die Hand Euer Gnaden. Wenn Euer Gnaden sich bei Kenge \& Carboy oder bei Mr. Tulkinghorn wegen meines heutigen Besuches beschweren sollten, käme ich in eine sehr unangenehme Lage. Ich sag's, wie es ist. Ich verlasse mich also ganz auf die Ehrenhaftigkeit der Allergnädigsten.« Mylady versichert ihm mit einer geringschätzigen Handbewegung, daß sie ihn einer Beschwerde nicht für wert halte. »Ich danke Euer Gnaden«, sagt Mr. Guppy. »Nun – also... Ich – verdammter Zettel – ich habe mir nämlich die einzelnen Punkte, die ich berühren wollte, hier in Abkürzungen aufgeschrieben und kann jetzt nicht recht herausbringen, was sie bedeuten. Wenn Euer Gnaden mir erlauben wollen, einen Augenblick ans Fenster zu treten, so...« Mr. Guppy geht ans Fenster und stört dabei ein paar Inseparables in einem Käfig, zu denen er in seiner Verlegenheit stammelt: »Ich bitte vielmals um Entschuldigung«, was die Lesbarkeit seiner Notizen nicht gerade vergrößert. Er murmelt vor sich hin. Es wird ihm heiß. Er errötet, hält den Zettel manchmal dicht an die Augen und dann wieder weit weg von sich. »C. S. Was bedeutet C. S.? Ach ja, so: E. S. Weiß schon! Ja, natürlich!« Und er geht erleuchtet wieder zu seinem Sessel zurück. »Ich weiß nicht«, sagt er und bleibt zwischen Mylady und seinem Stuhl stehen, »ob Euer Gnaden vielleicht jemals von einer jungen Dame namens Miß Summerson gehört oder sie vielleicht schon gesehen haben.« Myladys Augen blicken ihn plötzlich fest an: »Ich sah eine junge Dame dieses Namens vor nicht langer Zeit. Vergangnen Herbst.« »Nun, und fiel es Euer Gnaden nicht auf, daß sie jemandem ähnlich sieht?« fragt Mr. Guppy, verschränkt die Arme, neigt den Kopf auf die Seite und kratzt sich mit seinem Notizzettel am Mundwinkel. Mylady wendet keinen Blick mehr von ihm. »Nein.« »Nicht Euer Gnaden Familie ähnlich?« »Nein.« »Ich glaube, Euer Gnaden werden sich schwerlich an Miß Summersons Gesicht erinnern können.« »Ich erinnere mich der jungen Dame sehr gut. Aber was hat das mit mir zu tun?« »Euer Gnaden, ich versichere, daß ich – ich erwähne im tiefsten Vertrauen, daß Miß Summersons Bild in meinem Herzen eingeprägt ist –, als ich während eines kurzen Ausflugs nach Lincolnshire mit einem Freunde nach Chesney Wold kam und die Ehre hatte, Euer Gnaden Landsitz zu besichtigen, eine solche Ähnlichkeit zwischen Miß Esther Summerson und dem Porträt Euer Gnaden fand, daß es mich ordentlich umwarf. Ich habe mir seit jener Zeit oft die Freiheit genommen, Euer Gnaden bei der Ausfahrt in den Park anzusehen, ohne daß es Euer Gnaden wahrscheinlich bemerkt haben, aber jetzt, wo ich die Ehre habe, die Allergnädigste in der Nähe zu sehen, ist die Ähnlichkeit noch überraschender als damals.« Junger Mann namens Guppy! Es hat Zeiten gegeben, wo Damen in festen Burgen lebten und erbarmungslosen Dienern gebieten konnten, wo dein armseliges Leben, wenn dich schöne Augen so angesehen hätten, wie dich jetzt diese ansehen, keine Minute mehr sicher gewesen wäre! Mylady, die ihren kleinen Handschirm langsam wie einen Fächer gebraucht, fragt abermals, was das denn sie anginge. »Euer Gnaden«, entgegnet Mr. Guppy und wirft wieder einen Blick auf seinen Zettel, »ich komme sogleich darauf – verdammt, diese Notizen –, richtig, ja, Mrs. Chadband! Ja, richtig!« Mr. Guppy zieht seinen Stuhl ein wenig weiter vor und setzt sich. Mylady lehnt sich ruhig zurück, wenn auch vielleicht mit ein bißchen weniger graziöser Unbefangenheit als gewöhnlich, aber ihr fester Blick wird niemals unsicher. »Ah, wart ein bissel.« Mr. Guppy zieht wieder den Zettel zu Rate. »E. S. Zwei Mal? Ja, richtig! Jetzt weiß ich schon.« Er rollt den Zettel zusammen, um ihn als Instrument, seiner Rede Nachdruck zu verleihen, zu benützen, und fährt fort: »Euer Gnaden, Miß Esther Summersons Geburt und Erziehung sind in Dunkel gehüllt. Ich kenne diese Tatsache, weil – ich erwähne es im Vertrauen – weil sie mir auf geschäftlichem Wege bei Kenge \& Carboy zur Kenntnis kam. Es ist nun, wie ich Euer Gnaden bereits bemerkt habe, Miß Summersons Bild tief in meinem Herzen eingegraben. Wenn ich dieses Geheimnis für sie aufklären oder nachweisen könnte, daß sie von guter Familie ist, oder fände, daß sie als Verwandte von Euer Gnaden Familie einen Anspruch auf den Prozeß Jarndyce kontra Jarndyce hätte, so könnte ich sie in gewisser Hinsicht vielleicht bewegen, meine Anträge günstiger, als sie es bisher eigentlich getan hat, aufzunehmen. Genau genommen hat sie sie eigentlich bisher überhaupt nicht begünstigt.« Eine Art zürnenden Lächelns dämmert über Myladys Gesicht. »Nun ist es ein seltsames Zusammentreffen, Euer Gnaden, obgleich solche Sachen bei uns von der Rechtsbranche zuweilen vorkommen, zu der ich mich rechnen darf – denn, wenn ich auch noch nicht inskribiert bin, so wollen mir doch Kenge \& Carboy meinen Lehrbrief schenken, da meine Mutter von ihrem kleinen Kapital die beträchtlichen Stempelkosten erlegt hat –, nun ist es ein seltsamer Zufall, daß ich mit der Person zusammenkam, die bei der Dame diente, die Miß Summerson erzog, ehe Mr. Jarndyce sie unter seine Obhut nahm. Diese Dame war eine gewisse Miß Barbary, Euer Gnaden.« Hat die Totenfarbe in Myladys Gesicht ihren Grund in dem Widerschein des grünseidnen Handschirms, oder überzieht wirklich eine schreckliche Blässe ihr Gesicht? »Haben Euer Gnaden jemals von einer gewissen Miß Barbary gehört?« »Ich weiß nicht. Ich glaube, ja.« »War Miß Barbary irgendwie mit der Familie Euer Gnaden verwandt?« Myladys Lippen bewegen sich, sprechen aber nicht. Sie schüttelt den Kopf. »Nicht verwandt?« fragt Mr. Guppy. »O! Vielleicht wissen es Euer Gnaden nur nicht? So! Aber es könnte doch der Fall sein? Ja.« Bei jeder dieser Fragen hat Mylady das Haupt geneigt. »Sehr gut. Nun war diese Miß Barbary merkwürdig verschlossen – sie scheint für eine Frauensperson außergewöhnlich verschwiegen gewesen zu sein, denn Frauen im allgemeinen, wenigstens im bürgerlichen Leben, sprechen gern –, und meine Zeugin hatte nie eine Ahnung, ob sie auch nur eine einzige Verwandte besitze. Bei einer gewissen Gelegenheit und nur ein Mal scheint sie sich zu meiner Zeugin über einen einzigen Punkt vertraulich geäußert zu haben. Sie sagte damals: Des kleinen Mädchens wahrer Name ist nicht Esther Summerson, sondern Esther Hawdon.« »Mein Gott!« Mr. Guppy reißt die Augen auf. Lady Dedlock sitzt vor ihm, sieht ihn mit durchbohrendem Blick an, mit demselben grünen Schatten auf ihrem Gesicht, erstarrt selbst die Hand, die den Schirm hält, die Lippen ein wenig geöffnet, die Stirn ein wenig gerunzelt, sieht sie aus wie scheintot. Er sieht ihr Bewußtsein zurückkehren, ein Zittern über ihre Gestalt laufen, wie ein Kräuseln über eine Wasserfläche, sieht ihre Lippen zuhalten und sich gewaltsam wieder zusammenpressen und sieht, wie sie sich zum Bewußtsein seiner Gegenwart und alles dessen, was er gesagt hat, zurückzwingt. Alles dieses geschieht so rasch, daß ihr Ausruf und ihr scheintoter Zustand verflogen zu sein scheinen, wie die Züge gewisser in Gräbern gefundener Leichen an der Luft, wie von einem Blitz getroffen, sich im Nu verändern. »Euer Gnaden kennen den Namen Hawdon?« »Ich habe ihn früher gehört.« »Ist es der Name eines entfernten Zweigs der Familie Euer Gnaden ?« »Nein.« »Nun, Euer Gnaden«, fährt Mr. Guppy fort, »komme ich zu dem letzten Punkt dieser Angelegenheit, soweit ich sie bis jetzt kenne. Sie ist noch in ihrer Entwicklung begriffen, und ich werde mehr und mehr von ihr erfahren, je weiter sie sich entwickelt. Gnädigste müssen wissen – wenn es nicht Euer Gnaden vielleicht schon durch Zufall erfahren haben –, daß man vor einiger Zeit in dem Hause eines gewissen Krook in der Nähe von Chancery-Lane einen Schreiber in den ärmlichsten Umständen tot auffand. Wegen dieses Schreibers tagte eine Totenschau, und dieser Mann war eine anonyme Person, deren Namen niemand wußte. Ich habe nun, Euer Gnaden, vor ganz kurzer Zeit entdeckt, daß der Name des Verstorbenen Hawdon war.« »Aber was geht das mich an?« »Ja, Euer Gnaden, das ist es eben! Gnädigste müssen wissen, daß sich nach dem Tod dieses Mannes etwas sehr Sonderbares ereignete. Eine Dame tauchte auf, eine verkleidete Dame, Euer Gnaden, die sich die Orte ansah, wo Hawdon gelebt und wo er begraben liegt. Sie mietete als Führer einen Jungen, der einen Straßenübergang kehrt. Wenn ihn Euer Gnaden zum Beweis der Richtigkeit meiner Angaben zu sehen wünschen, so kann ich ihn jeder Zeit stellig machen.« Der arme Junge ist Mylady ganz gleichgültig, und sie wünscht nicht, ihn zu sehen. »O, ich versichere Euer Gnaden, es ist das eine sehr seltsame Geschichte. Wenn Sie ihn erzählen hören könnten von den Ringen, die an den Fingern der Dame funkelten, als sie den Handschuh auszog, würde es Ihnen ganz romantisch vorkommen.« Es funkeln Diamanten an der Hand, die den Schirm hält. Mylady spielt mit dem Schirm und läßt sie noch mehr funkeln, wieder mit dem Ausdruck im Gesicht, der in alten Zeiten für den jungen Mann namens Guppy hätte den Tod bedeuten können. »Man glaubt, Euer Gnaden, er habe keinen Fetzen Papier und keinen einzigen Zettel hinterlassen, auf Grund dessen man ihn hätte möglicherweise identifizieren können. Ich meine Hawdon. Aber es war doch der Fall. Er hinterließ ein Bündel alter Briefe.« Der Handschirm bewegt sich immer noch wie vorhin. Die ganze Zeit über wendet Mylady keinen Blick von Mr. Guppy. »Es hat sie jemand an sich genommen und sie versteckt. Aber morgen abend werden sie in meinem Besitz sein.« »Ich frage Sie abermals, was geht das alles mich an?« »Euer Gnaden, ich habe weiter nichts zu sagen.« Mr. Guppy steht auf. »Wenn Sie glauben, daß in dieser geschlossenen Kette von Umständen, in der unzweifelhaft großen Ähnlichkeit der jungen Dame mit Euer Gnaden, was eine Tatsache in Augen von Geschworenen sein müßte, in dem Umstand, daß Miß Barbary sie erzogen hat – daß Miß Barbary angab, Miß Summersons wirklicher Name sei Hawdon –, daß Euer Gnaden die beiden Namen sehr gut kennen und daß Hawdon so gestorben ist, wie er starb, noch nicht genug Veranlassung für Euer Gnaden liegt, aus Familieninteresse die Angelegenheit genauer zu prüfen, so will ich die Papiere hierher bringen. Ich weiß weiter nichts von ihnen, als daß es alte Briefe sind. Ich habe sie noch nie in Händen gehabt. Ich will diese Papiere herbringen, sowie sie in meinen Besitz kommen, und sie mit Euer Gnaden zum ersten Mal durchgehen. Ich habe Euer Gnaden den Zweck meines Hierseins mitgeteilt. Ich habe Euer Gnaden gesagt, daß ich in eine sehr unangenehme Lage kommen würde, wenn man sich über mich beschwerte, und alles in tiefstem Vertrauen berichtet.« Ist das der ganze Zweck des jungen Mannes namens Guppy, oder hat er noch einen andern? Enthüllen seine Worte den ganzen Umfang des Zweckes oder Verdachtes, die ihn hierher geführt haben, oder verbergen sie noch etwas? Das zu erraten, ist Sache Myladys. Sie kann ihn ansehen, aber er kann den Tisch anblicken, ohne in seinem Gesicht etwas zu verraten. »Sie können die Briefe bringen«, sagt Mylady, »wenn Sie wollen.« »Euer Gnaden drücken sich nicht sehr ermutigend aus, mein Ehrenwort!« sagt Mr. Guppy ein wenig verletzt. »Aber es soll geschehen. Ich wünsche Euer Gnaden guten Tag.« Auf einem Tisch in der Nähe steht ein reichverziertes Kästchen, beschlagen und verriegelt wie eine alte Geldkassette. Ohne den Blick von Mr. Guppy zu wenden, nimmt es Lady Dedlock und schließt es auf. »O, ich versichere Euer Gnaden, Motive dieser Art haben mich durchaus nicht bestimmt«, wehrt Mr. Guppy ab. »Und ich könnte nicht das mindeste dieser Art annehmen. Ich empfehle mich Euer Gnaden und bin Ihnen auch trotzdem sehr verpflichtet.« Der junge Mann verbeugt sich und geht die Treppe hinab, wo sich der Merkur mit dem geringschätzigen Blick nicht im geringsten berufen fühlt, seinen Olymp am Kaminfeuer in der Vorhalle zu verlassen, um dem Besuch die Tür zu öffnen. Geht nicht etwas, während Sir Leicester sich in seiner Bibliothek dehnt und über seiner Zeitung dröselt, durch das Haus, das ihn aufschreckt? Etwas, das selbst die Bäume in Chesney Wold veranlassen könnte, ihre knorrigen Arme gen Himmel zu strecken, ja, selbst die Ahnenbilder zürnen und die Rüstungen rasseln machen könnte? Nein. Worte, Seufzer und Wehgeschrei sind nur Luft. Und Luft ist im ganzen Stadthaus so ein- und ausgeschlossen, daß Mylady in ihrem Zimmer mit Posaunenzungen rufen müßte, ehe ein schwacher Widerhall davon zu Sir Leicesters Ohren dränge. Und dennoch vibriert ein Jammerruf im Hause, den eine verzweifelte Gestalt auf ihren Knien zum Himmel sendet. »O mein Kind, mein Kind! Also nicht gestorben in der ersten Stunde seines Lebens, wie meine grausame Schwester mir sagte, sondern in finsterer Strenge von ihr auferzogen, nachdem sie mich und meinen Namen von sich gestoßen! O mein Kind, o mein Kind!« 30. Kapitel Esthers Erzählung Richard war bereits einige Zeit fort, da bekamen wir für ein paar Tage Besuch. Von einer ältlichen Dame. Es war Mrs. Woodcourt aus Wales, die während eines Besuches bei Mrs. Bayham Badger, »auf Wunsch ihres Allan«, an meinen Vormund geschrieben hatte, sie habe Nachricht von ihrem Sohn erhalten und er befände sich wohl »und lasse uns allen seine freundlichsten Grüße senden«. Mein Vormund hatte sie daraufhin nach Bleakhaus eingeladen, und sie blieb fast drei Wochen bei uns. Sie schloß sich sehr an mich an, und so ausnehmend vertraulich, daß es mich manchmal in eine recht unbehagliche Stimmung versetzte. Ich wußte ganz gut, ich hatte kein Recht, mich darüber unbehaglich zu fühlen, und es war unverständig von mir, aber trotz aller Bemühungen konnte ich mir nicht helfen. Sie war eine so lebhafte kleine Dame, pflegte, die Hände gefaltet, mich oft so aufmerksam zu beobachten beim Sprechen, daß mir vielleicht das etwas lästig wurde. Vielleicht war es auch ihre Gewohnheit, immer so aufrecht dazusitzen, aber ich glaube, das konnte nicht gut die Ursache sein, denn es kam mir manchmal recht drollig und nett vor. Auch kann es nicht an ihrem Gesichtsausdruck gelegen haben, der für eine alte Dame sehr lebendig und hübsch war. Ich weiß nicht, woran es lag. Oder wenigstens wußte ich es damals nicht. Oder wenigstens... Aber darauf kommt es nicht an. Manchmal, wenn ich hinauf zu Bett gehen wollte, lud sie mich in ihr Zimmer ein, setzte sich in einen großen Lehnstuhl an den Kamin und erzählte mir – o Gott, o Gott – von Morgan ap Kerrig, bis ich ganz tiefsinnig wurde. Manchmal sagte sie eine Anzahl Verse aus Crumlinwallinwer und Mewlinwillinwodd, wenn das wirklich die Namen waren, her und wurde ordentlich leidenschaftlich dabei. Ich verstand ihre Bedeutung nicht, denn sie waren in welscher Sprache, und wußte nur, daß sie das Geschlecht Morgan ap Kerrig in den Himmel hoben. »Sie sehen, Miß Summerson, wie groß das Erbe meines Sohnes ist«, pflegte sie triumphierend zu mir zu sagen. »Überall, wohin er auch kommt, kann er sich auf seine Abstammung von Morgan ap Kerrig berufen. Er wird vielleicht nie ein Vermögen haben, aber stets wird er besitzen, was so unendlich viel mehr wert ist, nämlich Familie, mein Kind.« Ich hatte so meine Zweifel, ob sie sich in Indien und China drüben besonders um Morgan ap Kerrig kümmern würden, aber natürlich sprach ich es nicht aus. Ich sagte gewöhnlich nur, es sei eine große Sache, von so hoher Abkunft zu sein. »Es ist auch wirklich eine große Sache, liebes Kind«, pflegte in solchen Fällen Mrs. Woodcourt zur Antwort zu geben. »Sie hat allerdings ihre Nachteile. So ist zum Beispiel mein Sohn in der Wahl einer Gattin sehr dadurch beschränkt. Aber auch die ehelichen Verbindungen der königlichen Familie sind schließlich in ähnlicher Weise beeinträchtigt.« Dann klopfte sie mir wohl auf den Arm und strich mir das Kleid glatt, als wolle sie mir versichern, daß sie trotz des Abstandes zwischen uns beiden eine gute Meinung von mir habe. »Mein armer seliger Mann, Mr. Woodcourt, liebes Kind«, sagte sie auch oft nicht ohne Rührung, denn neben ihrem vornehmen Stammbaum besaß sie ein sehr gefühlvolles Herz, »stammte von einer großen hochländischen Familie ab, den Mac Courts von Mac Court. Er diente seinem Könige und seinem Vaterlande als Offizier bei den königlichen Highlanders und fiel auf dem Schlachtfeld. Mein Sohn ist einer der letzten Repräsentanten zweier alter Familien. So Gott will, wird er sie wieder zur Geltung in der Welt bringen und sie mit einer andern alten Familie vereinigen.« Vergebens in solchen Fällen versuchte ich dem Gespräch eine andre Richtung zu geben – nur der Abwechslung wegen – oder vielleicht, weil... Aber ich brauche mich nicht so in Einzelheiten zu verlieren. Kurz, Mrs. Woodcourt wollte nie von etwas anderm sprechen. »Liebes Kind«, sagte sie eines Abends. »Sie sind so verständig und sehen die Welt mit so ruhigen und für Ihre Jahre so überlegnen Augen an, daß es für mich eine wahre Erleichterung ist, mit Ihnen diese Familienverhältnisse zu besprechen. Sie wissen nicht viel von meinem Sohn, mein Kind, aber Sie kennen ihn, möchte ich sagen, doch genug, um sich seiner erinnern zu können?« »Gewiß, Maam, erinnere ich mich seiner.« »Gut, liebes Kind. Und nun, mein Kind, muß ich Ihnen sagen, daß ich Ihnen viel Menschenkenntnis zutraue und gerne wissen möchte, was Sie von ihm halten.« »O, Mrs. Woodcourt, das ist so schwer.« »Warum sollte es schwer sein, liebes Kind? Ich sehe dann keine Schwierigkeit.« »Ein Urteil abzugeben...« »Nach so oberflächlicher Bekanntschaft, liebes Kind? Das ist allerdings wahr.« Das meinte ich nicht, denn Mr. Woodcourt war im großen ganzen ziemlich viel in unserm Haus gewesen und mit meinem Vormund sehr vertraut geworden. Ich äußerte das und setzte hinzu, daß er sehr talentvoll in seinem Beruf zu sein scheine, und beispielsweise seine Güte und Freundlichkeit gegen Miß Flite über allem Lobe stünden. »Sie lassen ihm Gerechtigkeit widerfahren«, sagte Mrs. Woodcourt und drückte mir die Hand. »Sie schildern ihn wirklich treffend. Allan ist ein lieber Junge und in seinem Beruf ohne Tadel. Ich gebe es zu, wenn ich auch seine Mutter bin. Dennoch muß ich gestehen, daß er nicht frei von Fehlern ist, meine Liebe.« »Das ist keiner von uns«, sagte ich. »Ja! Aber seine Fehler sind von der Art, daß er sie ablegen könnte und sollte«, erwiderte die muntere alte Dame und schüttelte lebhaft den Kopf. »Ich habe Sie so gern, daß ich Ihnen, liebes Kind, als einer dritten unbeteiligten Person in allem Vertrauen sagen kann, daß er die Unbeständigkeit selbst ist.« Ich bemerkte, ich könnte es bei dem Ruf, den er sich erworben, kaum für möglich halten, daß er in seinem Beruf nicht beständig und nicht von jeher eifrig auf seine Ausbildung bedacht gewesen sei. »Da haben Sie wieder Recht, liebes Kind; aber ich spreche nicht von seinem Beruf, müssen Sie wissen.« »O!« »Nein. Ich meine sein Benehmen in gesellschaftlicher Beziehung, mein Kind. Er macht stets jungen Damen harmlos den Hof und hat es seit seinem achtzehnten Jahr getan. Aber, liebes Kind, er hat sich dabei niemals etwas Ernstes gedacht und auch nichts Böses damit gemeint. Er hat nie etwas andres als Höflichkeit und Freundlichkeit damit ausdrücken wollen, aber dennoch ist es nicht recht, nicht wahr?« »Nein«, sagte ich, da sie diese Antwort zu erwarten schien. »Und es könnte leicht zu Irrtümern führen, sehen Sie.« Ich gab das zu. »Deshalb habe ich ihm oft gesagt, er solle sich sowohl aus Rücksicht gegen sich selbst wie gegen andre wirklich mehr in acht nehmen. Und stets hat er versprochen: 'Mutter, das will ich. Aber du kennst mich am besten von allen Menschen und weißt, daß meine Absichten ganz harmlos sind, wenn ich mir überhaupt etwas dabei denke.' Alles das ist ja recht hübsch, mein Kind, kann sein Benehmen jedoch nicht rechtfertigen. Da er aber jetzt so weit von uns und auf unbestimmte Zeit weggegangen ist und es ihm drüben an guten Gelegenheiten und Bekanntschaften nicht fehlen wird, können wir das ja als vorbei und abgemacht betrachten. Und nun, liebes Kind«, sagte die alte Dame und wurde plötzlich ganz Nicken und Lächeln, »was nun Sie selbst betrifft, liebes Kind...« »Mich, Mrs. Woodcourt?« »Um nicht immer selbstsüchtigerweise von meinem Sohn zu sprechen, der uns verlassen hat, um sein Glück zu versuchen und eine Gattin zu finden, wann gedenken Sie Ihr Glück zu versuchen und einen Gatten zu finden, Miß Summerson? Ah, sehen Sie! Jetzt werden Sie rot.« Ich glaube nicht, daß ich rot wurde – jedenfalls hatte es nichts zu bedeuten, wenn es geschah –, und ich sagte, daß ich mit meinem gegenwärtigen Los vollkommen zufrieden sei und mir kein besseres wünsche. »Soll ich Ihnen sagen, was ich immer von Ihnen und Ihrem zukünftigen Schicksal denke, meine Liebe?« »Wenn Sie glauben, eine gute Prophetin zu sein.« »Nun, ich glaube, daß Sie einen sehr reichen und sehr würdigen Mann heiraten werden, der viel älter als Sie – vielleicht fünfundzwanzig Jahre älter ist. Und Sie werden eine vortreffliche Gattin sein, auf den Händen getragen werden und sich sehr glücklich fühlen.« »Das ist ein sehr beneidenswertes Los«, sagte ich. »Aber warum soll es mir zufallen?« »Liebes Kind, weil es eben ganz für Sie paßt. Sie sind so häuslich und sauber und im übrigen in so einer ganz besondern Lage, daß es bestimmt so kommen wird. Und niemand, liebes Kind, wird Ihnen aufrichtiger zu einer solchen Heirat Glück wünschen als ich.« Es war merkwürdig, daß mich diese Rede in eine unbehagliche Stimmung versetzte, aber ich glaube, es war tatsächlich der Fall. Ich weiß es sogar. Es verstimmte mich einen Teil der Nacht lang außerordentlich. Ich schämte mich meiner Torheit so sehr, daß ich sie selbst nicht Ada bekennen mochte, und das vermehrte meine Mißstimmung noch. Ich hätte etwas darum gegeben, wenn mich die lebhafte alte Dame nicht so sehr ins Vertrauen gezogen hätte. Es verleitete mich zu den widersprechendsten Urteilen über sie. Manchmal erschien sie mir als geschwätzig und aufschneiderisch, manchmal wieder als ein Muster von Wahrheitsliebe. Kaum hatte ich sie im Verdacht, listig und verschlagen zu sein, erschien mir im nächsten Augenblick wieder ihr ehrliches welsches Herz vollkommen unschuldig und schlicht. Und was im Grunde kümmerte es mich und warum kümmerte es mich etwas! Warum sollte ich, wenn ich mit meinem Schlüsselkorb abends hinauf in mein Zimmer ging, nicht ein bißchen bei ihr vorsprechen, mich mit ihr ans Feuer setzen und mich eine kurze Zeit lang in ihre kleinen Eigenheiten fügen, wie ich es bei jedem andern machte, und warum sollte ich mich wegen der harmlosen Dinge, die sie mir erzählte, verstimmen lassen? Da es mich nun ein Mal, wie es der Fall war, zu ihr hinzog, denn es lag mir außerordentlich viel daran, ihre Neigung zu gewinnen, und es machte mir große Freude, daß ich ihr gefiel, warum sollte ich mich nachher mit wirklichem Schmerz und Leid über jedes ihrer Worte zergrübeln und es aber- und abermals auf der Goldwaage abwägen ? Warum war es mir so peinlich, sie als Gast bei uns zu haben und jeden Abend mit ihrem Vertrauen beschenkt zu werden? Das waren Verwicklungen und Widersprüche, die ich mir nicht erklären konnte. Wenigstens, wenn ich's gekonnt hätte... Aber ich werde nach und nach alles erzählen, und es ist ganz überflüssig, jetzt sich damit abzugeben. Es tat mir wirklich ehrlich leid, als Mrs. Woodcourt uns verließ, aber ich fühlte mich zugleich wie befreit. Und dann besuchte uns Caddy Jellyby und brachte einen solchen Stoß häuslicher Neuigkeiten mit, daß wir reichlich beschäftigt waren. Erstens erklärte Caddy, und wollte anfangs überhaupt nichts anderes erzählen, daß ich die beste Ratgeberin von der Welt sei. Mein Liebling meinte, das sei durchaus nichts Neues, und ich sagte natürlich, es sei Unsinn. Dann teilte uns Caddy mit, daß sie sich nächsten Monat verheiraten werde und sich für das glücklichste Mädchen unter der Sonne halte, wenn Ada und ich ihre Brautjungfern sein wollten. Das war allerdings eine große Neuigkeit, und ich glaube, wir hätten am liebsten nie aufgehört, darüber zu reden, soviel hatte Caddy uns und wir ihr zu erzählen. Wie es schien, war Caddys unglücklicher Vater dank der Nachsicht und der mitleidigen Teilnahme aller seiner Gläubiger durch den Bankrott »hindurchgerutscht«, wie Caddy sich ausdrückte – als ob es ein Tunnel wäre –, und war auf irgendeine segensreiche Weise seine Angelegenheiten losgeworden, ohne jemals Einsicht in sie erlangt zu haben. Er hatte alles, was er besaß – nach dem Zustand der Möbel zu urteilen, konnte das nicht sehr viel gewesen sein –, hergegeben und jedem Gläubiger nachgewiesen, daß er nicht mehr tun könne. Der Arme. So hatte man ihm in Ehren seine Schulden erlassen und ihn seinem Bureau zurückgegeben, damit er das Leben von neuem beginne. Was er in seinem Bureau eigentlich tat, habe ich nie erfahren. Caddy sagte, er sei Zollhaus- und Generalagent, und das einzige, was ich jemals von diesem Geschäft erfuhr, war, daß er immer in die Docks ging, wenn er Geld noch notwendiger als gewöhnlich brauchte, um welches auf zutreiben, daß es ihm aber kaum jemals gelang. Sobald er ein solch geschorenes Lamm geworden und damit seine Seelenruhe verhältnismäßig wieder gewonnen hatte und die Familie in eine möblierte Wohnung in Hatton-Garden übersiedelt war, wo ich bei einem spätem Besuch die Kinder beschäftigt fand, das Roßhaar aus den Stuhlsitzen zu schneiden, um sich gegenseitig damit den Mund zu verstopfen, brachte Caddy zwischen ihm und dem alten Mr. Turveydrop eine Zusammenkunft zustande, und der arme Mr. Jellyby hatte sich in seiner Demut und Bescheidenheit vor Mr. Turveydrops Allüren so unterwürfig gebeugt, daß sie vortreffliche Freunde geworden waren. Der alte Mr. Turveydrop, auf diese Weise mit dem Gedanken an seines Sohnes Verheiratung vertraut gemacht, hatte allmählich seine väterlichen Gefühle bis zu der Höhe gesteigert, daß er sich das Ereignis als nahe bevorstehend denken konnte und dem jungen Paare seine gnädige Erlaubnis erteilte, in der Akademie der Newmanstreet zu wirtschaften anzufangen, sobald sie wollten. »Und dein Papa, Caddy? Was sagt er dazu?« »Ach, der arme Papa weinte nur und sagte, er hoffe, wir würden glücklicher miteinander sein als er und Ma. Er sagte das nicht vor Prince, sondern bloß zu mir und setzte hinzu: 'Mein armes Kind, man hat dich zu Hause nicht besonders gut unterwiesen, wie du deinem Gatten eine Häuslichkeit bereiten sollst, aber wenn du nicht mit ganzem Herzen bestrebt bist, es zu tun, so ermorde ihn lieber, als daß du ihn heiratest, wenn du ihn wirklich gern hast.'« »Und hast du ihn beruhigt, Caddy?« »Ach, es war natürlich sehr schmerzlich, den armen Papa so niedergeschlagen zu sehen und ihn so schreckliche Dinge sagen zu hören, und ich mußte selbst mitweinen. Ich sagte ihm, daß es mein aufrichtigster Herzenswunsch sei und daß ich hoffte, unser Haus werde für ihn ein Ort werden, wo er des Abends eine gemütliche Umgebung finden könnte, und daß ich hoffte und glaubte, ich werde ihm dort eine bessere Tochter sein können als daheim. Dann erwähnte ich, daß Peepy zu mir kommen würde, und da fing Papa wieder an zu weinen und sagte, die Kinder wären Indianer.« »Indianer, Caddy?« »Ja, wilde Indianer. Und Papa sagte, er sehe ein, das Beste, was ihnen geschehen könnte, wäre, wenn man sie allesamt mit dem Tomahawk erschlüge.« Ada meinte, es sei ein Trost, zu wissen, daß es Mr. Jellyby mit seinen Zerstörungsgelüsten nicht ernst sei. »Natürlich weiß ich, daß Papa nicht wünscht, seine Familie sich in ihrem Blut wälzen zu sehen«, sagte Caddy. »Aber er meint, daß es ein Unglück für die Kinder ist, eine solche Mutter zu haben, und ein Unglück für ihn, Mas Gatte zu sein. Und das ist gewiß wahr, wenn es auch unnatürlich klingt, daß ich es bestätige.« Ich fragte Caddy, ob Mrs. Jellyby wisse, daß der Hochzeitstag bereits festgesetzt sei. »Ach, du weißt, wie Ma ist, Esther«, antwortete sie. »Es ist rein unmöglich zu sagen, ob sie es weiß oder nicht. Man hat es ihr oft genug erzählt, aber so oft man darauf zu sprechen kommt, wirft sie nur einen friedlichen Blick auf mich, als wäre ich – ich weiß nicht was – ein Kirchturm in der Ferne. Und dann schüttelt sie den Kopf und sagt: 'O Caddy, o Caddy, wie du mich quälst!' und arbeitet an ihren Borriobula-Briefen weiter.« »Und wie steht's mit deiner Garderobe, Caddy?« – Sie brauchte sich uns gegenüber ja nicht zu genieren. – »Ach, liebe Esther«, entgegnete sie und trocknete sich die Augen, »ich muß es machen, so gut ich kann, und meinem lieben Prince vertrauen, er werde nie unfreundlich daran zurückdenken, daß ich so schäbig zu ihm gekommen bin. Wenn es sich um eine Ausstattung für Borriobula-Gha handelte, so würde Ma alles ganz genau wissen und im höchsten Grad aufgeregt darüber sein. Aber so weiß sie nichts und kümmert sich um nichts.« Es fehlte Caddy durchaus nicht an natürlicher Liebe zu ihrer Mutter, und sie erwähnte nur die nackte Tatsache mit Tränen in den Augen. Uns tat das arme gute Mädchen so leid, und wir mußten ihre gute natürliche Veranlagung, die trotz so entmutigender Verhältnisse nicht zugrunde gegangen war, so bewundern, daß wir beide zugleich, nämlich Ada und ich, einen kleinen Plan in Vorschlag brachten, der Caddy in größte Freude versetzte. Er bestand darin, daß sie uns auf drei Wochen und ich sie auf eine Woche besuchen sollte und daß wir uns alle drei bemühen wollten, durch Schneidern, Ausbessern, Nähen und dergleichen unser möglichstes für ihre Garderobe zu tun. Da mein Vormund sich über den Plan ebenso freute wie Caddy, begleiteten wir sie der nötigen Vorbereitungen wegen am nächsten Tag schon nach London und brachten sie im Triumph mit ihren Schachteln und all den Einkäufen für eine Zehnpfundnote, die Mr. Jellyby vermutlich in den Docks gefunden hatte, ihr aber jedenfalls schenkte, zurück. Was mein Vormund ihr erst alles geschenkt hätte, wenn wir ihn dazu aufgemuntert hätten, wäre schwer zu sagen, aber wir hielten es für recht, ihm nicht mehr als ein Hochzeitskleid und einen Hut zu gestatten. Er ging auf den Vergleich ein, und Caddy war überglücklich, als wir uns zur Arbeit hinsetzten. Sie war anfangs ungeschickt genug mit der Nadel, das arme Kind, und stach sich jetzt so oft in die Finger, wie sie sich früher mit Tinte beschmiert hatte. Sie wurde dann meistens ein wenig rot, teils vor Schmerz, teils aus Verdruß über ihre Ungeschicklichkeit, gewöhnte sich das aber bald ab und machte rasche Fortschritte. So saßen sie und mein Liebling, meine kleine Zofe Charley und eine Putzmacherin aus der Stadt und ich Tag für Tag in eifriger Arbeit und so gemütlich wie möglich beisammen. Außerdem war Caddy sehr besorgt, »wirtschaften zu lernen«, wie sie es nannte. Nun war aber, gütiger Himmel, der Gedanke, sie könnte von einer Person von meiner unermeßlichen Erfahrung wirtschaften lernen, ein solcher Spaß, daß ich lachte und rot wurde und über ihren Vorschlag in Verlegenheit geriet. Ich sagte: »Caddy, gewiß will ich dich alles lehren, was du von mir lernen kannst, liebes Kind«, und ich zeigte ihr alle meine Bücher und Methoden und alle meine kleinen Einrichtungen. Wie sie zuhörte und zusah, hätte man meinen können, ich offenbarte ihr die wundervollsten Erfindungen, und wer sie hätte jedes Mal aufstehen und mit mir kommen sehen, so oft ich mit meinen Wirtschaftsschlüsseln klingelte, hätte gewiß gedacht, daß es nie einen größeren Charlatan gegeben als mich und einen blindem Anhänger als Caddy Jellyby. So vergingen mit Arbeiten und Wirtschaften, Unterrichtsstunden für Charley und dem Pochbrettspielen abends mit meinem Vormund und Duetten mit Ada die drei Wochen schnell genug. Dann begleitete ich Caddy nach Hause, um zu sehen, was sich dort tun lasse, und Ada und Charley blieben zurück, um für meinen Vormund zu sorgen. Wenn ich sage, ich begleitete Caddy nach Hause, so meine ich damit die möblierte Wohnung in Hatton-Garden. Wir gingen zwei oder drei Mal nach Newmanstreet, wo ebenfalls allerlei Vorbereitungen im Gange waren. Ziemlich viel, wie ich bemerkte, um die Behaglichkeit des alten Mr. Turveydrop zu vermehren, und einige wenige, um das junge Paar billig im obersten Stock des Hauses unterzubringen. Unser Hauptziel jedoch war, die möblierte Wohnung für das Hochzeitsfrühstück anständig herzurichten und Mrs. Jellyby vorher ein schwaches Bewußtsein von der kommenden Feier einzuimpfen. Letzteres war das schwerste von beiden, weil Mrs. Jellyby und ein kränklicher, blasser Knabe das vordere Wohnzimmer inne hatten – das rückwärtige war bloß eine Kammer. Der Fußboden war mit einer dichten Schicht von Papierfetzen und Borriobula-Dokumenten bedeckt wie ein liederlich gehaltner Stall mit Streu. Mrs. Jellyby saß hier den ganzen Tag, trank starken Kaffee, diktierte und hielt Borriobula-Konferenzen ab. Der kränkliche blasse Knabe, der im ersten Stadium der Schwindsucht zu stehen schien, aß außer Hause. Wenn Mr. Jellyby heim kam, stöhnte er gewöhnlich und ging hinab in die Küche. Dort bekam er etwas zu essen, wenn die Köchin ihm etwas gab, und dann fühlte er, daß er im Wege war, und ging draußen in der Nässe in Hatton-Garden spazieren. Die armen Kinder kletterten und purzelten im Hause herum, wie sie es von jeher gewohnt gewesen. Die armen kleinen Opfer in der kurzen Frist einer Woche in einen nur irgend präsentablen Zustand zu versetzen, war einfach unmöglich, und ich schlug Caddy daher vor, sie an ihrem Hochzeitsmorgen in der Dachkammer – wo sie alle schliefen – so glücklich wie möglich zu machen und unser Hauptaugenmerk auf ihre Mama und deren Zimmer und die Vorbereitungen für ein reinliches Hochzeitsfrühstück zu beschränken. Wirklich erforderte Mrs. Jellyby ziemlich viel Aufmerksamkeit, denn das Gitterwerk auf ihrem Rücken hatte sich seit dem Tag unsrer ersten Bekanntschaft erheblich vergrößert und ihr Haar sah aus wie die Mähne eines Kehrichtwagenpferdes. Da mir eine allgemeine Besichtigung von Caddys Garderobe das beste Mittel zu sein schien, mich dem Thema auf Schleichwegen zu nähern, lud ich Mrs. Jellyby eines Abends, als der kränkliche Knabe fortgegangen war, ein, sich die Sachen, die auf Caddys Bett ausgebreitet waren, anzusehen. »Meine liebe Miß Summerson«, sagte sie und stand mit ihrer gewohnten freundlichen Gelassenheit vom Schreibtisch auf, »das sind wahrhaft lächerliche Vorbereitungen, wenn es auch ein Beweis Ihrer Güte ist, daß Sie sich so sehr darum bemühen. Es liegt für mich etwas unaussprechlich Absurdes in dem Gedanken, daß Caddy heiratet. O Caddy, du törichtes, törichtes, törichtes Gänschen!« Nichtsdestoweniger begleitete sie mich hinauf und besah sich die Kleider in ihrer gewohnten geistesabwesenden Art. Sie gaben ihr sogar einen bestimmten Gedanken ein, denn sie sagte mit ihrem friedlichen Lächeln kopfschüttelnd: »Meine gute Miß Summerson, mit dem halben Gelde hätte man ein Kind für Afrika ausstatten können.« Wir gingen dann wieder hinunter, und Mrs. Jellyby fragte mich, ob das störende Geschäft des Heiratens wirklich nächsten Mittwoch stattfinden sollte. Als ich bejahte, sagte sie: »Wird man mein Zimmer brauchen, liebe Miß Summerson? Es ist mir ganz unmöglich, meine Papiere wegzuschaffen.« Ich nahm mir die Freiheit, zu bemerken, daß wir das Zimmer jedenfalls brauchen würden und die Papiere irgendwohin schaffen müßten. »Nun, Sie müssen es am besten wissen, liebe Miß Summerson«, sagte Mrs. Jellyby. »Aber dadurch, daß mich Caddy genötigt hat, einen Knaben aufzunehmen, hat sie mich bei meiner Überbürdung mit Geschäften für das öffentliche Wohl so in Verlegenheit gebracht, daß ich nicht weiß, wohin ich mich wenden soll. Wir haben überdies Mittwoch nachmittag Zweigvereinsversammlung, und die Störung durch die Hochzeit kommt daher recht ungelegen. »Es wird so leicht nicht wieder vorkommen«, tröstete ich sie lächelnd. »Caddy wird sich wahrscheinlich nur ein Mal verheiraten.« »Das ist richtig«, gab Mrs. Jellyby zu. »Das ist richtig, liebes Kind. Wir müssen uns also wohl, so gut es eben geht, hinein schicken.« Die nächste Frage war, was Mrs. Jellyby zu der Feierlichkeit anziehen sollte. Es war so seltsam, wie sie von ihrem Schreibtisch herüber uns so heiter und ruhig anblickte, während Caddy und ich darüber zu Rate gingen, und gelegentlich mit einem vorwurfsvollen Lächeln den Kopf schüttelte wie ein überlegner Geist, der langmütig solche Tändeleien duldet. Der Zustand, in dem sich ihre Kleider befanden, und das außerordentliche Durcheinander, in dem sie sie aufbewahrte, vermehrten nicht wenig die Schwierigkeit unsres Unternehmens. Aber schließlich brachten wir doch etwas zustande, was dem, was eine Durchschnittsmutter bei einer solchen Veranlassung getragen haben würde, nicht direkt unähnlich sah. Die Geistesabwesenheit, mit der Mrs. Jellyby sich ihr Kleid von der Putzmacherin anprobieren ließ, und die Freundlichkeit, mit der sie sodann zu mir äußerte, wie leid es ihr tue, daß ich meine Gedanken nicht lieber Afrika gewidmet habe, paßten so recht zu ihrem ganzen übrigen Benehmen. Die Wohnung war hinsichtlich Raum ziemlich beschränkt; aber ich glaube, die St. Pauls- oder St. Peterskirche in ihrer ganzen gewaltigen Größe hätte für Mrs. Jellybys Haushalt höchstens auch nur dazu ausgereicht, um darin mehr Schmutz entfalten zu können. Ich glaube nicht, daß irgend etwas überhaupt Zerbrechliches aus dem Familienbesitz zur Zeit dieser Hochzeitsvorbereitungen noch nicht zerbrochen war. Nichts, was irgendwie verderben konnte, war unverdorben. Kein häuslicher Gegenstand, vom Knie eines lieben Kindes an bis zu einem Türschild, der überhaupt schmutzig werden konnte, war ohne soviel Schmutz, als sich nach physikalischen Gesetzen darauf ansammeln konnte. Der arme Mr. Jellyby, der sehr selten sprach und zu Hause fast stets mit dem Kopf an die Wand gelehnt dasaß, faßte ein lebhaftes Interesse, als er Caddy und mich bemüht sah, einigermaßen Ordnung inmitten dieser Verwirrung und Zerrüttung herzustellen, und zog seinen Rock aus, um mitzuhelfen. Aber so wunderbare Dinge kamen in den Schränken zum Vorschein –verschimmelte Stückchen von Pasteten, versäuerte Flaschen, Mrs. Jellybys Mützen, Briefe, Tee, Gabeln, einzelne Kinderstiefel und Schuhe, Unterzünder, Oblaten, Topfdeckel, naßgewordner Zucker in einer Anzahl Papiertüten, Fußschemelbestandteile, Stiefelbürsten, Brot, Damenhüte, Bücher, auf deren Einband Butter klebte, – Lichtstümpfe, die man verkehrt in zerbrochne Leuchter gesteckt hatte, um sie auszulöschen, – Nußschalen, Köpfe und Schwänze von Krebsen, Tischdecken, Handschuhe, Kaffeesatz, Regenschirme –, daß er ein erschrockenes Gesicht machte und es aufgab. Aber regelmäßig kam er jeden Abend herein und setzte sich in Hemdsärmeln, den Kopf an die Wand gelehnt, hin, als hätte er uns gern geholfen und wüßte nur nicht, wie. »Armer Papa«, sagte Caddy am Abend vor dem großen Tag zu mir, als wirklich ein wenig Ordnung hergestellt war. »Es ist eigentlich grausam, ihn zu verlassen, Esther. Aber was könnte ich tun, wenn ich bliebe? Seit ich dich kennen gelernt habe, habe ich immer und immer wieder aufgeräumt und geputzt, aber es half nichts. Ma vereint mit Afrika stellt das ganze Haus auf den Kopf. Wir haben nie einen Dienstboten, der nicht tränke. Ma verdirbt alles.« Mr. Jellyby konnte nicht gehört haben, was sie sagte, aber er war sehr niedergeschlagen und weinte, wie mir schien. »Mir tut das Herz weh, wenn ich an ihn denke, wahrhaftig!« schluchzte Caddy. »Ich kann mich heute abend des Gedankens nicht erwehren, wo ich doch von ganzer Seele hoffe, mit Prince glücklich zu werden, daß gewiß auch Papa einst wähnte, mit Ma glücklich zu sein. Was für ein Leben voller Enttäuschungen!« »Meine liebe Caddy«, sagte Mr. Jellyby und kehrte uns langsam sein Gesicht von der Wand her zu. Ich glaube, es war das erste Mal, daß ich drei zusammenhängende Worte von ihm hörte. »Ja, Papa?« rief Caddy, ging zu ihm hin und umarmte ihn liebreich. »Meine liebe Caddy, nimm niemals...« »Niemals Prince, Pa?« stotterte Caddy. »Niemals...« »Doch, liebes Kind«, sagte Mr. Jellyby. »Nimm ihn jedenfalls. Aber nimm niemals...« Ich erinnerte mich, daß schon bei unserm ersten Besuch in Thavies Inn Richard von Mr. Jellyby behauptet hatte, er pflege häufig den Mund aufzumachen, ohne etwas zu sagen. Es war wirklich seine Gewohnheit. Er machte jetzt viele Male den Mund auf und schüttelte trübsinnig den Kopf. »Was soll ich niemals nehmen, was denn, lieber Papa?« fragte Caddy und hing liebkosend an seinem Hals. »Nimm nie eine Mission auf dich, mein liebes Kind.« Er stöhnte und lehnte den Kopf wieder an die Wand. Es war das erste Mal, daß ich von ihm eine Meinungsäußerung über die Borriobula-Frage hörte. Ich glaube, er muß in früheren Zeiten gesprächig und lebhaft gewesen sein, aber er schien es lange, bevor ich ihn kennen lernte, ganz und gar aufgegeben zu haben. Ich glaubte, Mrs. Jellyby wollte diese Nacht überhaupt nicht aufhören, mit heiter ruhigem Blick ihre Papiere durchzusehen und dabei Kaffee zu trinken. Es schlug zwölf Uhr, ehe wir von dem Zimmer Besitz ergreifen konnten, und das Aufräumen war so entmutigend, daß Caddy, sowieso schon ganz erschöpft, sich mitten in den Staub hinsetzte und weinte. Aber sie wurde bald wieder fröhlich, und wir verrichteten wahre Wunder in der Stube, ehe wir zu Bett gingen. Des Morgens früh sah es mit Hilfe einiger Blumen, eines großen Aufwandes von Seife und Wasser und ein bißchen Aufräumens ganz freundlich aus. Der einfache Frühstückstisch nahm sich recht hübsch aus, und Caddy war wirklich entzückend. Aber als mein Liebling kam, glaubte ich und glaube es noch jetzt, noch nie etwas Schöneres als Ada gesehen zu haben. Für die Kinder machten wir ein kleines Festmahl zurecht, übergaben Peepy den Vorsitz an der Tafel und zeigten ihnen Caddy in ihrem Brautkleid. Und sie klatschten in die Hände und riefen: »Hurra!« Nur Caddy weinte bei dem Gedanken, sie jetzt verlassen zu müssen, und drückte sie immer und immer wieder ans Herz, bis wir Prince heraufkommen ließen, um sie abzuholen. Leider, wie ich gestehen muß, biß ihn Peepy bei dieser Gelegenheit. Unten fanden wir den alten Mr. Turveydrop in unbeschreiblich vornehmer Haltung. Er segnete Caddy huldreich und gab meinem Vormund zu verstehen, daß seines Sohnes Glück sein väterliches Werk sei und er persönliche Rücksichten ganz aus dem Spiel lasse, um es zu sichern. »Wertgeschätzter Herr«, sagte er, »die jungen Leute werden bei mir wohnen. Mein Haus ist groß genug für sie. Und es soll ihnen nicht an Schutz und Obdach unter meinem Dache fehlen. Ich hätte es gerne gesehen – Sie werden die Andeutung verstehen, Mr. Jarndyce, denn Sie erinnern sich noch meines hohen Gönners, des Prinzregenten –, ich hätte es gerne gesehen, daß mein Sohn in eine Familie mit vornehmeren Allüren geheiratet hätte, aber der Wille des Himmels geschehe!« Mr. und Mrs. Pardiggle waren ebenfalls eingeladen. – Mr. Pardiggle, ein eigensinnig aussehender Mann mit einer langen Weste und struppigem Haar, sprach beständig mit tiefer Baßstimme von seinem Scherflein, Mrs. Pardiggles Scherflein und seiner fünf Knaben Scherflein. Mr. Quale, das Haar wie gewöhnlich zurückgebürstet und die Beulen an den Schläfen glänzend wie immer, war gleichfalls gekommen, nicht als enttäuschter Liebhaber, sondern als Erklärter einer jungen – besser gesagt, unverheirateten – Dame, einer gewissen Miß Wisk. Miß Wisks Mission war, der Welt zu zeigen, daß die Mission des Weibes die Mission des Mannes sei und daß die einzig echte Mission von Mann und Weib sei, in öffentlichen Versammlungen über allgemeine Grundsätze rastlos erklärende Behauptungen aufzustellen. Es waren nur wenig Gäste, aber sie widmeten sich sämtlich, wie man nicht anders erwarten konnte, der öffentlichen Wohlfahrt. Außer den bereits erwähnten war eine außerordentlich schmutzige Dame anwesend mit ganz schiefem Hut, den Preiszettel noch am Kleid, deren Haus, wie mir Caddy erzählte, die reinste Wildnis sei. Ein sehr streitsüchtiger Herr, dessen Mission, wie er sagte, war, jedermanns Bruder zu sein, was ihn aber nicht hinderte, mit seiner ganzen großen Weltfamilie auf gespanntem Fuß zu stehen, vervollständigte die Gesellschaft. Eine weniger zu einer solchen Festlichkeit passende Gästeschar hätte selbst das größte Genie nicht zusammenstellen können. Eine so gewöhnliche Mission wie die Mission der Häuslichkeit war das allerletzte, was sie hätten ertragen können, und Miß Wisk äußerte mit größter Empörung vor dem Frühstück, daß die Zumutung, die Mission des Weibes läge hauptsächlich in der engen Sphäre der Häuslichkeit, eine niederträchtige Herabwürdigung von seiten der Tyrannen, nämlich der Männer, bedeute. Eine andre Eigentümlichkeit war, daß kein mit einer Mission behafteter – außer Mr. Quale, dessen Mission, wie bereits früher erwähnt, war, von der anderer begeistert zu sein – sich auch nur im mindesten um die Mission seines Nebenmenschen bekümmerte. Mrs. Pardiggle war genau so davon durchdrungen, daß der einzig unfehlbare Beruf der ihre sei, über Arme herzufallen und ihnen Wohltaten zu applizieren wie eine Zwangsjacke, wie Miß Wisk überzeugt war, daß das einzig richtige für die Welt die Emanzipation der Frau von dem Joche ihres Tyrannen, des Mannes, sei. Mrs. Jellyby lächelte die ganze Zeit über die Beschränktheit eines Blickes, der etwas anderes als Borriobula-Gha sehen konnte. Aber ich spreche schon von unsrer Unterhaltung auf der Heimfahrt. Vorher gingen wir alle in die Kirche, und Mr. Jellyby gab Caddy das Geleit. Von der Grazie, mit der der alte Mr. Turveydrop seinen Zylinder unter dem linken Arm trug, das Innere dem Geistlichen wie eine Kanonenmündung zugekehrt, und mit Augen, die fast unter seiner Perücke verschwanden, steif und hochschultrig während der Feierlichkeit hinter uns Brautjungfern stand und uns nachher küßte, werde ich nie entsprechend schildern können. Miß Wisk, von der ich nicht behaupten kann, daß ihr Äußeres besonders anziehend gewesen wäre, hörte der Zeremonie als einem neuen Beweis der Sklaverei des Weibes mit verachtungsvoller Miene zu. Mrs. Jellyby mit ihrem ruhigen Lächeln und ihren heitern Augen war sichtlich die Unbeteiligste von der ganzen Gesellschaft. Wir fuhren zum Frühstück wieder in die Wohnung zurück, und Mr. und Mrs. Jellyby setzten sich an die beiden Schmalenden der Tafel. Caddy hatte sich vorher hinauf geschlichen, um die Kinder nochmals zu umarmen und ihnen zu sagen, sie heiße jetzt Turveydrop. Aber diese Nachricht verursachte Peepy, anstatt auf ihn wohltätig zu wirken, einen derartigen Schmerz, daß er sich auf den Rücken warf und mit den Beinen strampelte. Als man mich zu Hilfe holte, konnte ich auch nichts weiter tun, als dem Vorschlag, ihn mit zur Frühstückstafel zu nehmen, beizustimmen. So kam er denn herunter und setzte sich auf meinen Schoß, und Mrs. Jellyby war, nachdem sie in bezug auf den Zustand seines Lätzchens gesagt hatte: »Du nichtsnutziger Peepy, was für ein abscheuliches kleines Schwein du bist!« nicht im mindesten aus der Fassung gebracht. Er benahm sich im allgemeinen sehr gut, nur bestand er darauf, daß er den Noah – aus seiner Arche, die ich ihm vor dem Kirchgang gekauft – in die Weingläser tunken und dann in den Mund stecken durfte. Mein Vormund verstand es mit seiner guten Laune, seinem feinen Takt und seinem liebenswürdigen Benehmen, selbst aus der ungemütlichsten Gesellschaft etwas Angenehmes zu machen. Keiner der Gäste schien von etwas anderm als von seiner eignen Mission sprechen zu können, aber mein Vormund wußte alles in heiterer Weise zu Ehren der Feier und zur Aufmunterung Caddys zu drehen und steuerte uns sicher durch die Gefahren des Frühstücks. Was wir ohne ihn gemacht hätten, fürchte ich mich fast auszudenken, denn da jeder auf Braut und Bräutigam von oben herabsah und sich der alte Mr. Turveydrop infolge seines vornehmen Anstandes und seiner Allüren der ganzen Gesellschaft unendlich überlegen hielt, war es ein geradezu verzweifelter Fall. Endlich kam die Zeit, wo die arme Caddy Abschied nehmen mußte und ihr ganzes Hab und Gut auf den gemieteten Zweispänner, der sie und ihren Gatten nach Gravesend bringen sollte, gepackt wurde. Es war rührend, wie sie sich jetzt gar nicht von dem Vaterhaus, das ihr so jämmerlich wenig geboten, trennen konnte und mit der größten Zärtlichkeit am Halse der Mutter hing. »Es tut mir so leid, daß ich nicht länger diktando schreiben konnte, Ma«, schluchzte sie. »Ich hoffe, du verzeihst mir jetzt.« »Ach Caddy, Caddy«, seufzte Mrs. Jellyby. »Ich habe dir doch oft genug gesagt, daß ich einen Knaben aufgenommen habe, und damit ist's abgemacht.« »Bist du auch ganz gewiß nicht ein bißchen böse mehr auf mich, Ma? Sage, daß du's nicht bist, ehe ich weggehe, Ma!« »Du närrische Caddy«, entgegnete Mrs. Jellyby. »Sehe ich böse aus oder neige ich überhaupt zum Bösesein? Oder habe ich Zeit dazu?« »Gib ein bißchen auf Papa acht, wenn ich fort bin, Ma!« Mrs. Jellyby lachte geradezu über diesen Einfall. »Du romantisches Kind!« sagte sie und klopfte Caddy auf den Rücken. »Geh nur. Es liegt nicht der geringste Schatten zwischen uns. Jetzt leb wohl, Caddy, und sei recht glücklich.« Dann umarmte Caddy ihren Vater und legte seine Wange an ihre, als wäre er ein krankes Kind, und konnte sich gar nicht von ihm losreißen. Alles dies spielte sich in der Vorhalle ab. Der Vater ließ sie los, zog sein Taschentuch heraus, setzte sich auf die Treppe und lehnte den Kopf an die Wand. Ich hoffe, daß ihn das einigermaßen getröstet hat. Ich glaube es sogar. Und dann nahm Prince ihren Arm und wandte sich in großer Ergriffenheit und Verehrung zu seinem Vater, dessen Anstand und Allüren in diesem Augenblick sich in geradezu überwältigender Weise entfalteten. »Ich danke dir aber- und abermals, Vater«, sagte Prince und küßte ihm die Hand. »Ich bin dir unendlich dankbar für all deine Güte und deine Rücksicht betreffs unsrer Heirat. Und dasselbe, kann ich dir versichern, fühlt auch Caddy.« »Sehr«, schluchzte Caddy, »seh-e-r.« »Mein lieber Sohn«, antwortete Mr. Turveydrop, »und du, meine liebe Tochter, ich habe meine Pflicht getan. Wenn der Geist der Verewigten über uns schwebt und jetzt herabblickt, so ist das und eure beständige Liebe mein Dank, mein Sohn. Ihr werdet euere Pflicht, mein Sohn und meine Tochter, doch niemals vergessen?« »Teurer Vater, nie!« rief Prince. »Nie, nie, lieber Mr. Turveydrop!« beteuerte auch Caddy. »So sei es! Meine Kinder, mein Haus gehört euch, mein Herz ist euer. Und alles, was mein ist. Ich will euch nie verlassen, und nur der Tod soll uns scheiden. Mein lieber Sohn, gedenkst du wirklich, eine ganze Woche wegzubleiben?« »Eine Woche, lieber Vater. Wir kommen heute über acht Tage wieder nach Hause.« »Mein liebes Kind, ich muß dir selbst unter den gegenwärtigen Ausnahmeverhältnissen strengste Pünktlichkeit empfehlen. Es ist von höchster Wichtigkeit, mit der Kundschaft in Fühlung zu bleiben. Wenn man Schulen auch nur im mindesten vernachlässigt, so rächt sich das leicht.« »Heute über acht Tage, Vater, sind wir gewiß zum Mittagessen wieder zu Hause.« »Gut«, sagte Mr. Turveydrop. »Euer Zimmer wird geheizt sein, liebe Caroline, und das Essen in meinem eignen Appartement bereit stehen. Ja, ja, Prince«, kam er einem bescheidnen Einwand von Seiten seines Sohns mit einer großartigen Geste zuvor, »Du und unsre Caroline werden sich im obern Teil des Hauses noch nicht heimisch fühlen, und ich will deshalb, daß ihr für diesen Tag in meinem Appartement diniert. Und nun behüt euch Gott!« Sie fuhren fort. Ob ich mich mehr über Mrs. Jellyby oder über Mr. Turveydrop wundern sollte, wußte ich nicht. Mein Vormund und Ada sprachen darüber, und es ging ihnen ebenso. Ehe wir uns empfahlen, machte mir Mr. Jellyby ein höchst unerwartetes und beredtes Kompliment. Er kam im Vorzimmer auf mich zu, ergriff meine beiden Hände, drückte sie und machte zwei Mal den Mund auf und zu. Ich wußte so genau, was er meinte, daß ich ganz verlegen abwehrte: »Bitte, sprechen Sie nicht davon, Sir.« »Ich hoffe, diese Heirat fällt gut aus, Vormund«, sagte ich, als wir drei nach Hause fuhren. »Ich hoffe, Mütterchen! Geduld. Wir werden sehen!« »Ist heute Ostwind?« wagte ich zu fragen. Er lachte herzlich und verneinte. »Aber diesen Morgen muß Ostwind gewesen sein, glaube ich?« Er verneinte wieder, und dieses Mal sagte auch mein Liebling ganz zuversichtlich nein und schüttelte das hübsche Köpfchen, das mit den Blumen in dem blonden Haar wie der Lenz selbst aussah. »Was weißt du denn von Ostwind, mein häßlicher Liebling«, sagte ich und mußte sie in meiner Bewunderung küssen – ich konnte mir nicht helfen. Ach, ich weiß gar wohl, daß nur die Liebe der beiden zu mir die Ursache war, daß sie mir das sagten. Ich muß es hinschreiben, selbst wenn ich es wieder ausstreichen sollte, weil es mir soviel Freude macht: Sie sagten mir, es könne kein Ostwind sein, wo ein gewisser Jemand sei. Wo Mütterchen Hubbart sei, da sei Sonnenschein und Sommerluft. 31. Kapitel Wärterin und Kranke Ich war noch nicht viele Tage wieder zu Hause, als ich eines Abends hinauf in mein Zimmer ging, um Charley über die Schulter zu gucken und zu sehen, wie sie mit ihren Schreibübungen vorankäme. Schreiben war eine harte Arbeit für Charley. Sie schien keine Macht über die Feder zu haben, die in ihrer Hand ein widerspenstiges Leben zu bekommen schien, ausglitschte, krumm ging, stehen blieb, spritzte und sich in die Ecken drängte wie ein Reitesel. Es war seltsam, was für alte Buchstaben Charleys junge Hand machte. Buchstaben, so runzlig und verschrumpft und schlottrig, und die Hand so voll und rund! Und wie ungewöhnlich geschickt Charley in andern Dingen war! Sie hatte so gewandte kleine Finger wie nur irgend jemand. »Nun, Charley, wir machen Fortschritte«, ermutigte ich sie, als ich eine ganze Seite voll Os betrachtete, auf der alle möglichen drei- und viereckigen, birnenförmigen und schiefstehenden Formen zu sehen waren. »Wenn es uns erst einmal gelingt, sie rund zu kriegen, sind wir Meister, Charley.« Dann machte ich ein O, und Charley machte eins. Charleys Feder wollte es aber nicht zusammenschließen, sondern geruhte, es zu einem Knoten zu wirbeln. »Tut nichts, Charley. Wir werden es mit der Zeit schon lernen.« Charley war mit ihrem Pensum fertig, legte die Feder hin, machte das steifgewordne Händchen auf und zu, besah mit ernstem Gesicht, halb stolz, halb zweifelhaft, die Seite, stand auf und knickste. »Ich danke Ihnen, Miß. Wenn Sie erlauben, Miß, haben Sie nicht eine arme Frau namens Jenny gekannt?« »Die Frau eines Ziegelstreichers, Charley« »Ja. Sie redete mich vor kurzem an, als ich ausging, und sagte, sie kenne Sie, Miß. Sie fragte mich, ob ich nicht die kleine Zofe der jungen Dame sei – sie meinte Sie, Miß –, und ich sagte ja, Miß.« »Ich dachte, sie wäre weggezogen, Charley.« »Sie war auch weg, Miß, aber ist wieder in ihre alte Wohnung zurückgekommen – sie und Liz. Haben Sie die andre arme Frau namens Liz gekannt, Miß?« »Ich glaube wohl, wenn auch nicht dem Namen nach.« »Sie hat das auch gesagt«, entgegnete Charley. »Sie sind beide zurückgekehrt, Miß, und haben sich weit und breit herumgetrieben.« »Weit und breit herumgetrieben haben sie sich, Charley?« »Ja, Miß.« Wenn Charley die Buchstaben in ihrem Schreibheft nur so rund hätte machen können wir ihre Augen, als sie mich dabei ansah, wären sie vortrefflich gewesen. »Und diese arme Frau kam vor drei oder vier Tagen hierher ins Haus in der Hoffnung, Sie zu sehen, Miß. Weiter wollte sie nichts, sagte sie. Aber Sie waren nicht da. Sie sah mich herumgehen, Miß«, sagte Charley und lachte voll Freude und Stolz, »und meinte, ich sähe ganz wie Ihre Zofe aus.« »Meinte sie das wahrhaftig, Charley?« »Ja, Miß, wirklich und wahrhaftig.« Charley machte wieder kreisrunde Augen, lachte fröhlich auf und sah dann so ernsthaft drein, wie es sich für meine Zofe schickte. Ich konnte mich nie satt an Charley im Vollgenuß ihrer großen Würde sehen, wenn sie mit ihrem jungen Gesicht, ihrer kindlichen Gestalt und doch so gesetztem Ausdruck vor mir stand und ihre kindliche Freude dann und wann auf das reizendste die Hülle durchbrach. »Und wo hast du sie gesehen, Charley?« Das Gesicht meiner kleinen Zofe trübte sich, als sie zur Antwort gab: »Vor der Apotheke, Miß«, denn sie trug noch ihren schwarzen Trauerrock. Ich fragte, ob die Frau des Ziegelstreichers krank sei, aber Charley sagte: »Nein. Jemand anders. Ein armer Junge in ihrer Hütte, der sich bis St. Albans geschleppt hat und ohne Ziel herumgewandert ist. Ein armer Junge! Ohne Vater, ohne Mutter und ohne sonst jemanden auf Erden. So, wie Tom gewesen wäre, Miß, wenn Emma und ich nach dem Vater gestorben wären«, sagte Charley, und ihre runden Augen füllten sich mit Tränen. »Und sie holte Arznei für ihn, Charley?« »Sie sagte, Miß, daß er das einmal auch für sie getan hätte.« Das Gesicht meiner kleinen Zofe glühte so vor Eifer, und ihre sonst so ruhigen Hände verkrampften sich so fest, als sie vor mir stand und mich ansah, daß ich unschwer ihre Gedanken erriet. »Ich glaube, Charley, wir könnten beide nichts Besseres tun, als hinüberzugehen und nachzusehen, was es gibt.« Die Schnelligkeit, mit der Charley mir Hut und Schleier brachte, mir beim Ankleiden half, sich in ihr Umschlagtuch hüllte und sich wie eine kleine alte Frau zurechtputzte, verrieten genügend ihre Bereitwilligkeit. Und so gingen Charley und ich, ohne weiter ein Wort darüber zu verlieren, aus. Es war ein kalter unwirtlicher Abend, und die Bäume schauerten im Wind. Es hatte seit vielen Tagen unaufhörlich stark geregnet. Soeben erst hatte es nachgelassen. Der Himmel, zum Teil aufgehellt, war noch sehr dunkel, selbst über uns, wo ein paar Sterne schimmerten. Im Norden und Nordwesten, wo die Sonne vor drei Stunden untergegangen war, lag ein bleiches totes Licht, schön und grauenhaft zugleich. Und in dasselbe hinein ragten lange schwere Wolkenreihen wie ein Meer, das im Wogen erstarrt ist. In der Richtung von London breitete sich ein fahlroter Schimmer über die ganze dunkle Himmelswüste, und der Gegensatz zwischen diesen beiden Lichtern und der Gedanke, daß der rote Schein von einem unirdischen Feuer herrühren könne und auf alle die unsichtbaren Gebäude der Stadt und die Gesichter der vielen tausend staunenden Bewohner herabscheinen, war im höchsten Grade feierlich. Ich hatte an diesem Abend keine Ahnung – keine, ich weiß es gewiß –von dem, was mir bald zustoßen sollte. Aber ich habe mich seitdem oft erinnert, daß mich, wie wir an der Gartentür stehen blieben, um den Himmel anzusehen, und dann unsern Weg einschlugen, für einen Augenblick ein unbeschreibliches Gefühl beschlich, ich sei etwas andres, als ich damals war. Ich weiß, daß damals und an jenem Ort, den wir besuchten, dieser Gedanke über mich kam. Seitdem ist dieses Gefühl mit diesem Ort und dieser Zeit in mir verknüpft und mit allem, was damit in Verbindung steht, bis hinab zu den Stimmen im Dorf, dem Bellen eines Hundes und dem Rollen von Rädern, die die aufgeweichte Straße bergab kamen. Es war ein Samstagabend, und die meisten Leute aus der Gegend, in die wir gingen, saßen in den Schenken. Der Ort war ruhiger, als ich ihn von früher her kannte, aber immer noch so ärmlich und elend. Die Ziegelöfen brannten, und ein erstickender Rauch wälzte sich blau und grau auf uns zu. Wir erreichten die Hütte, in deren Fenster ein schwacher Lichtschein glänzte, klopften an die Tür und traten ein. Die Mutter, der das kleine Kind gestorben war, saß auf einem Stuhl an der Seite des kärglichen Feuers neben dem Bett, und ihr gegenüber hockte ein zerlumpter Knabe auf dem Fußboden, an den Herd gelehnt. Unter dem Arm hielt er die letzten zerfetzten Reste einer Pelzmütze, und wie er sich zu wärmen versuchte, klapperte er mit den Zähnen wie die Türe und das Fenster. Die Stube war dumpfiger noch als früher, und es herrschte in ihr ein ungesunder eigentümlicher Geruch. Ich hatte den Schleier nicht zurückgeschlagen, als ich die Frau beim Eintreten anredete. Sogleich fuhr der Junge mit wankenden Beinen in die Höhe und starrte mich mit einem merkwürdigen Ausdruck von Überraschung und Entsetzen an. Seine Bewegung war so rasch und ich so offenkundig die Ursache, daß ich nicht näher trat, sondern stehen blieb. »I mag net noch amal aufn Friedhof gehn«, murmelte der Junge vor sich hin. »I mag net, hören S.« Ich schlug den Schleier zurück und sprach mit der Frau. Sie sagte zu mir halblaut: »Achten Sie nicht auf ihn, Maam. Er wird bald wieder zu sich kommen«, und zu dem Jungen: »Jo, Jo, was ist denn?« »I weiß schon, warum s kommen is.« »Wer?« »Die Dame dorten. I soll mit ihr aufn Friedhof gehn. 's gfallt mir net dorten. Sie könnten mich dorten begrabn.« Sein Schüttelfrost kam wieder, und wie er sich an die Wand lehnte, teilte sich sein Zittern der ganzen Hütte mit. »Das und ähnliches hat er den ganzen Tag über gesprochen, Maam«, flüsterte mir Jenny zu. »Was machst du denn für Augen! Das ist doch meine Dame, Jo.« »Das is sie?« antwortete der Junge zweifelnd und betrachtete mich, wobei er den Arm schützend über seine fiebrigen Augen hielt. »Schaut grad aus wie die andre. S is net der Hut und a net des Kleid, aber anschaun tut s mich wie die andre.« Meine kleine Charley, erfahren in Krankheit und Sorge, hatte Hut und Schal abgelegt, ging jetzt still mit einem Stuhl zu ihm hin und hieß ihn sich niedersetzen, wie eine alte Krankenwärterin. Nur hätte eine solche ihm vielleicht nicht so viel Vertrauen eingeflößt wie Charley mit ihrem jugendlichen Gesicht. »Hören S«, sagte der Junge. »Is die Dame wirklich net die andre Dame?« Charley schüttelte den Kopf und wickelte methodisch seine Lumpen um ihn und hüllte ihn so warm ein wie nur möglich. »So. Dann kann sie's wohl net sein.« »Ich komme, um zu sehen, ob ich etwas für dich tun kann«, sagte ich. »Was fehlt dir?« »Mir is kalt«, antwortete der Knabe heiser, und sein hohler Blick musterte mich ruhelos. »Und dann is mir wieder heiß, und das wechselt so miteinander. Im Kopf is mir so dumm, und i glaub, i werd verrückt. Und dann is mir so trocken, und alle Knochen im Leib tun mir weh.« »Seit wann ist er hier?« fragte ich die Frau. »Seit heut morgen, Maam. Ich hab ihn in einem Winkel im Dorf gefunden. Ich kenn ihn von London her. Nicht wahr, Jo?« »Toms Einöd«, bestätigte er. So oft sich seine Aufmerksamkeit oder seine Augen auf etwas richteten, geschah es nur für kurze Zeit. Bald ließ er wieder den Kopf sinken, wiegte ihn schwer hin und her und redete halb wie im Schlaf. »Wann ist er von London gekommen?« »Gestern«, antwortete der Junge selbst, jetzt ganz rot und fieberheiß. »I geh irgendwohin.« »Wohin denn?« »Irgendwohin«, wiederholte er lauter. »Marsch vorwärts! ham s mir öfter als je zuvor gsagt, seitdem mir die, was die andre is, den Sovring geben hat. Mrs. Sangsby hetzts gegen mi auf-, und ich hab doch nix angestellt, und sie beobachtens und hetzens mi alle. Alle ohne Ausnahm. Von der Stund an, wo ich net aufsteh, bis zu Stund, wo i net schlafn geh. I geh irgendwohin. Dahin geh i. Unten in Toms Einöd hat s zu mir gsagt, daß s von St. Albans kommen is, und so bin i auf d St. Albansstraßn gangen. S is so gut wie alles andre.« Bei den letzten Worten wendete er sich an Charley. »Was soll man mit ihm anfangen?« fragte ich und nahm die Frau beiseite. »In diesem Zustand kann er seine Reise unmöglich fortsetzen, selbst wenn er ein Ziel hätte.« »Ich weiß nicht mehr als die Toten, Maam«, entgegnete sie und sah ihn mitleidig an. »Vielleicht wissen es die Toten besser, wenn sie's uns nur sagen könnten. Ich hab ihn aus Barmherzigkeit den Tag über hier behalten und ihm eine Suppe und Arznei gegeben, und Liz ist fort, um zu versuchen, ob ihn nicht jemand zu sich nehmen will. Hier liegt mein kleiner Liebling im Bett, es ist ihr Kind, aber ich nenne es das meine. Aber ich kann den Jungen nicht lang hier behalten, denn wenn mein Mann nach Hause kommt und findet ihn hier, wird er ihn hinauswerfen und könnte ihm was antun. Horch! Da kommt Liz zurück.« Die andre Frau hastete bei diesen Worten herein, und der Junge stand mit dem dunkeln Bewußtsein, gehen zu müssen, auf. Wann das kleine Kind aufwachte, wann und wieso Charley es aus dem Bette nahm, um, es beruhigend, auf und ab zu gehen, weiß ich nicht, aber sie tat das alles in einer ruhigen mütterlichen Weise, als ob sie wieder mit Tom und Emma in Mrs. Blinders Dachstübchen sei. Liz war da und dort gewesen, von einem zum andern gewiesen worden und kam unverrichteter Dinge wieder. Anfangs war es zu zeitig für die Aufnahme des Knaben in das Armenspital gewesen und dann wieder zu spät. Ein Beamter schickte sie zu einem andern, und der wieder zum ersten zurück, und so war es reihum gegangen, als wären beide nur wegen ihrer Geschicklichkeit, mit der sie ihren Obliegenheiten auszuweichen verstanden, anstatt ihnen nachzukommen, angestellt. »Jenny«, sagte Liz keuchend, denn sie war gelaufen und hatte große Angst. »Jenny, dein Mann ist auf dem Heimweg, und meiner kommt auch gleich, und Gott helfe dem Jungen. Wir können nicht mehr für ihn tun.« Sie brachten ein paar Halfpence zusammen und drückten sie ihm eilig in die Hand, und dann wankte er halb bewußtlos, halb dankbar aus dem Hause. »Gib mir das Kleine, liebes Kind«, sagte die Mutter zu Charley. »Und ich dank dir auch schön. Und gute Nacht, liebe Jenny. – Fräulein, wenn mein Mann mich läßt, will ich nachher unten am Ziegelofen nachschauen, wo der Junge wahrscheinlich sein wird, und auch wieder morgen früh.« Sie eilte fort, und gleich darauf sahen wir sie, das Kind in ihren Armen einsingend, an ihrer Tür stehen und voll Spannung die Straße hinunterschauen, die ihr betrunkner Mann kommen mußte. Ich wagte nicht, mich aufzuhalten oder mit einer der beiden Frauen zu sprechen, um sie nicht in Ungelegenheiten zu bringen, aber ich sagte Charley, wir dürften den Knaben hier nicht ohne Hilfe sterben lassen. Charley, die viel besser als ich wußte, was not tat, und ebenso rasch wie geistesgegenwärtig war, eilte vor mir her, und gleich darauf holten wir Jo unmittelbar am Ziegelofen ein. Ich glaube, er mußte seine Wanderung mit einem kleinen Bündel unter dem Arm begonnen haben, das man ihm vermutlich gestohlen hatte, denn er trug immer noch die zerlumpten Reste einer Pelzmütze wie ein Bündel unter dem Arm und wankte barhäuptig in dem jetzt wieder heftig gießenden Regen einher. Als wir ihn riefen, blieb er stehen, und wieder erwachte seine Furcht vor mir. Er starrte mich mit seinen fieberglänzenden Augen an, und sogar sein Frösteln hörte auf. Ich forderte ihn auf, mit uns zu kommen, und sagte, wir würden Sorge tragen, daß er für die Nacht ein Obdach fände. »I brauch ka Obdach«, antwortete er. »I kann mi auf die warmen Ziegel legn.« »Aber weißt du denn nicht, daß die Leute dort sterben?« wendete Charley ein. »Sterben tuns überall. Sie sterben in ihnere Stuben – sie weiß schon wo, ich habs ihr zeigt – und sterben tuns in Toms Einöd haufenweis. Sterben tuns mehr, als s leben, was i weiß.« Dann flüsterte er Charley heiser zu: »Wanns nicht die andre is, is a net die Ausländerin. Gibt's denn drei?« Charley sah mich erschrocken an. Ich fürchtete mich förmlich vor mir selbst, als mich der Knabe so anstarrte. Aber er wendete sich um und folgte mir, als ich ihm winkte, und da ich sah, daß mein Einfluß auf ihn soweit reichte, führte ich ihn graden Wegs nach Hause. Es war nicht weit. Nur den Hügel hinauf. Wir trafen bloß einen Mann unterwegs. Ich bezweifle, ob wir ohne Beistand nach Hause gekommen wären, so unsicher und schwankend war der Gang des Jungen. Aber er ließ keinen Laut der Klage hören und war seltsam unbekümmert um sich, wenn ich mich so ausdrücken darf. Ich ließ ihn einen Augenblick in der Vorhalle stehen, wo er sich in eine Ecke des Fenstersitzes drückte und mit mehr Teilnahmslosigkeit als Verwunderung den Komfort der Umgebung anstarrte. Dann ging ich in das Besuchszimmer, um mit meinem Vormund zu sprechen. Dort fand ich Mr. Skimpole, der mit der Landkutsche angekommen war, ohne vorher jemanden verständigt zu haben, wie das so seine Gewohnheit war. Nie pflegte er sich in solchen Fällen Kleider mitzubringen, sondern stets alles, was er brauchte, zu borgen. Sie kamen gleich mit mir heraus, um den Jungen zu besichtigen. Auch die Dienerschaft hatte sich in der Vorhalle versammelt. Jo kauerte, von Fieber geschüttelt, in der Fensternische wie ein verwundetes Tier, das man in einem Graben gefunden hat, und Charley stand bei ihm. »Das ist ein trauriger Fall«, sagte mein Vormund, nachdem er ihm einige Fragen gestellt, ihm den Puls gefühlt und seine Augen untersucht hatte. »Was meinen Sie, Harold?« »Das Beste ist, Sie schicken ihn fort«, riet Mr. Skimpole. »Was meinen Sie?« fragte mein Vormund fast zornig. »Mein lieber Jarndyce«, entschuldigte sich Mr. Skimpole, »Sie wissen doch, was ich bin. Ich bin ein Kind. Schelten Sie mich nicht aus, wenn ich es vielleicht verdiene. Aber ich habe eine angeborne Abneigung gegen dergleichen. Ich hatte sie stets, als ich noch Arzt war. Er ist krank, müssen Sie wissen. Er hat ein sehr bösartiges Fieber.« Mr. Skimpole hatte sich wieder aus der Vorhalle in das Besuchszimmer zurückgezogen, sich auf den Musikstuhl gesetzt und sagte dies, während wir um ihn herumstanden, in seiner gewohnten leichtherzigen Weise. »Sie werden sagen, das sei kindisch. Gut, ich gebe das zu. Aber ich bin eben ein Kind und beanspruche auch nicht, etwas andres zu sein. Wenn Sie ihn auf die Straße hinausschicken, schicken Sie ihn nur dorthin, wo er schon früher war. Er wird sich da nicht schlimmer befinden als früher. Sogar besser, wenn Sie wollen. Geben Sie ihm sechs Pence oder fünf Schilling oder fünf Pfund zehn Schilling – Sie sind ja Rechenkünstler und ich nicht – und schicken Sie ihn fort.« »Und was soll er dann anfangen?« fragte mein Vormund. »Meiner Seel.« Mr. Skimpole zuckte mit seinem gewinnendsten Lächeln die Achseln. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, was er dann anfangen soll. Aber ich zweifle nicht, daß er irgend etwas anfangen wird.« »Ist es nicht ein entsetzlicher Gedanke«, sagte mein Vormund, als ich ihm in kurzen Worten von den vergeblichen Bemühungen der zwei Frauen erzählte, »ist es nicht ein entsetzlicher Gedanke«, – er schritt dabei auf und nieder und fuhr sich in den Haaren herum – »daß, wenn dieses unglückliche Kind ein Verbrecher wäre, ihm das Gefängnisspital weit offen stünde und er so gut wie jeder andre Junge im ganzen Königreich gepflegt werden würde?« »Mein lieber Jarndyce«, entgegnete Mr. Skimpole, »Sie werden mir die Albernheit der Frage verzeihen, da sie von einem Menschen kommt, der von den Dingen dieser Welt gar nichts versteht, – aber warum ist er denn also kein Verbrecher?« Mein Vormund blieb stehen und sah Mr. Skimpole mit einer Mischung von Ergötzen und Entrüstung an. »Ich sollte meinen, man brauchte unsern jungen Freund nicht wegen allzu großen Zartgefühls im Verdacht zu haben«, sagte Mr. Skimpole aufrichtig und ohne im geringsten zu erröten. »Ich glaube, wenn er mehr falsch angewendete Energie, die ihn ins Gefängnis gebracht hätte, gezeigt haben würde, so wäre er weiser und vielleicht auch anständiger gewesen. Das hätte mehr Unternehmungsgeist und daher eine gewisse Art Poesie verraten.« »Ich glaube wirklich«, entgegnete mein Vormund und ging jetzt wieder unruhig auf und ab, »daß es auf der Welt kein zweites Kind wie Sie gibt.« »Meinen Sie im Ernst? Wohl möglich. Aber ich kann wirklich nicht einsehen, warum unser junger Freund in seiner Weise nicht versuchen sollte, sich mit soviel Poesie, als ihm zu Gebote steht, zu umgeben. Sicherlich ist er mit Appetit begabt. Wahrscheinlich ist, wenn er sich in einem bessern Gesundheitszustand befindet als jetzt, sein Appetit vortrefflich. Also gut. Wenn die Eßstunde unsres jungen Freundes kommt – wahrscheinlich gegen Mittag –, soll unser junger Freund zur menschlichen Gesellschaft sagen: 'Ich habe Hunger, möchten Sie nicht die Gewogenheit haben, mir Ihren Löffel zu geben und mich zu füttern.' Die menschliche Gesellschaft, die doch das ganze Löffelsystem eingeführt hat und keinen Löffel für unsern Freund zu haben behauptet, gibt diesen Löffel nicht heraus, daher soll unser junger Freund sagen: 'Sie werden schon entschuldigen, wenn ich mir einen nehme.' Dies erscheint mir als ein Fall falsch angewendeter Energie, aber es liegt eine gewisse Vernunft und eine gewisse Romantik drin. Und ich weiß nicht, ob mich nicht unser junger Freund als Illustration eines solchen Falles mehr interessieren würde als als armer Vagabund. Das kann schließlich jeder sein.« »Unterdessen verschlimmert sich sein Zustand«, erlaubte ich mir einzuwenden. »Unterdessen«, sagte Mr. Skimpole heiter, »verschlimmert sich sein Zustand, wie Miß Summerson mit ihrem praktischen gesunden Sinn sehr richtig bemerkt. Um so mehr empfehle ich Ihnen, ihn fortzuschicken, ehe sich sein Zustand verschlimmert.« – Das liebenswürdige Gesicht, mit dem er das sagte, werde ich wohl nie vergessen. – »Natürlich, Mütterchen«, wendete sich mein Vormund zu mir, »kann ich seine Aufnahme an den Ort, wo er hingehört, schon dadurch erzwingen, daß ich hingehe und darauf dringe. Aber schlimm genug ist es, wenn so etwas überhaupt nötig ist. Es ist schon spät, und das Wetter sehr schlecht, und der Junge scheint ganz erschöpft zu sein. In der Dachkammer über dem Schuppen steht ein Bett. Es ist wohl das beste, wir lassen ihn dort bis morgen früh liegen, und dann kann man ihn einwickeln und fortschaffen. Das wollen wir tun.« »O«, sagte Mr. Skimpole, dessen Hände auf den Tasten des Klaviers ruhten, während wir uns von ihm wieder zu dem Knaben wendeten. »Wollen Sie wieder zu unserm jungen Freund gehen?« »Ja.« »Nein, wie ich Sie um Ihre Konstitution beneide! Sie machen sich nichts aus solchen Dingen, und Miß Summerson auch nicht. Sie sind immer bereit, irgendwohin zu gehen oder irgend etwas zu tun. Das ist das Wollen! – Ich habe überhaupt kein Wollen – und kein Nichtwollen –, nur ein Nichtkönnen.« »Sie können dem Jungen nichts verschreiben, vermute ich?« fragte mein Vormund und sah sich über die Schulter halb ärgerlich nach Mr. Skimpole um. Nur halb ärgerlich, denn er schien ihn niemals als ein zurechnungsfähiges Wesen zu betrachten. »Lieber Jarndyce, ich bemerkte eine Flasche kühlender Medizin in seiner Tasche, und er kann nichts Besseres tun, als sie einnehmen. Sie können auch in seiner Schlafstube ein wenig Essig sprengen lassen und das Zimmer mäßig kühl und ihn mäßig warm halten. Aber es wäre eine Anmaßung von mir, einen Rat geben zu wollen, wo Miß Summerson eine solche Detailkenntnis besitzt und eine solche Fähigkeit, sich um jede Kleinigkeit zu kümmern.« Wir kehrten wieder in die Vorhalle zurück und setzten Jo auseinander, was wir vorzunehmen gedächten, und Charley machte es ihm dann noch ein Mal klar. Er hörte uns mit schlaffer Teilnahmslosigkeit an und sah müde allen Vorbereitungen zu, als geschähen sie für einen ganz Fremden. Da die Dienerschaft großes Mitleid für seinen jammervollen Zustand an den Tag legte und voll Eifer half, war die Stube über dem Schuppen bald fertig, und ein paar Leute trugen ihn, gut eingehüllt, über den nassen Hof. Sie waren sehr freundlich gegen ihn, munterten ihn auf und nannten ihn »alter Knabe«. Charley leitete das Ganze und war immer unterwegs zwischen Krankenstube und dem Haus mit Stärkungsmitteln und was wir ihm sonst einzugeben wagten. Mein Vormund sah selbst nach ihm, ehe man ihn für die Nacht allein ließ, und berichtete mir, als er in sein Brummstübchen ging, um an das Krankenhaus einen Brief zu schreiben, den ein Bote am nächsten Morgen mit Tagesanbruch besorgen sollte, daß der Patient ruhiger sei und schlafen zu wollen scheine. Sie hätten die Tür von außen verschlossen, im Falle er delirieren sollte, aber alles wäre so eingerichtet, daß er sofort gehört werden würde, wenn er riefe oder sonst Lärm machen sollte. Da Ada wegen einer Erkältung das Zimmer hütete, war Mr. Skimpole die ganze Zeit über allein und vertrieb sich die Zeit mit Klavierspielen, mit Bruchstücken von rührenden Liedern, zu denen er, wie wir aus der Ferne hörten, mit großem Ausdruck und Gefühl sang. Als wir wieder in den Salon zurückkehrten, sagte er, er wolle uns eine kleine Ballade vorsingen, zu der ihn unser junger Freund »angeregt« habe. Und er sang ein paar Strophen von einem Betteljungen, der »Vereinsamt, verwaist, verstoßen, verlassen durch die Welt sich schleppt, ziellos, durch die Gassen«. Ein Lied, das ihn stets zum Weinen brächte, sagte er. Er war den ganzen übrigen Abend außerordentlich fröhlich. – Er »zirpe« geradezu, wie er sich lustig ausdrückte, wenn er bedächte, von welch geschäftigen Geistern er umgeben sei. Er trank ein Glas Glühwein auf die »Genesung unsres jungen Freundes« und malte in heitern Farben die Möglichkeit aus, daß es Jo wie Whittington vielleicht bestimmt sein könnte, Lordmayor von London zu werden. Er würde dann gewiß eine Jarndyce-Stiftung und ein Summerson-Armenhaus und eine kleine jährliche Prozession des ganzen Gemeinderats nach St. Albans ins Leben rufen. Er bezweifle nicht, sagte er, daß unser junger Freund in seiner Art ein vortrefflicher Junge sei. Aber seine Art sei nicht Harold Skimpoles Art, und was Harold Skimpole sei, habe Harold Skimpole zu seiner größten Überraschung selbst erst entdeckt, als er zuerst seine eigne Bekanntschaft gemacht habe. Er habe sich mit allen seinen Fehlern ohne Widerspruch hingenommen und es für die gesündeste Philosophie gehalten, sich in die Umstände zu fügen, und er hoffe, wir würden dasselbe tun. Charleys letzter Bericht lautete, daß der Knabe sich ruhig verhalte. Ich konnte aus meinem Fenster die Laterne, die sie bei ihm gelassen hatten, brennen sehen und legte mich zu Bett, ganz glücklich bei dem Gedanken, daß der Arme wenigstens ein Obdach habe. Noch vor Tagesanbruch war mehr Unruhe und Gerede im Haus als gewöhnlich und weckte mich. Ich zog mich an, blickte zum Fenster hinaus und fragte einen unsrer Leute, ob ein Unglück geschehen sei. Die Laterne brannte immer noch in dem Fenster über dem Schuppen. »Der Junge, Miß!« »Geht es ihm schlechter?« »Fort, Miß.« »Tot!« »Tot, Miß? Nein. Fort. – Verschwunden.« Jemals zu erraten, um welche Stunde der Nacht Jo sich davon gemacht hatte oder wie und warum, schien eine hoffnungslose Sache zu sein. Die Tür war noch ganz so, wie wir sie verlassen hatten, die Laterne stand immer noch im Fenster, und man konnte nur vermuten, er sei durch eine Falltür im Fußboden, die in den leeren Schuppen hinunterführte, entflohen. Aber wenn das der Fall war, hatte er sie wieder sorgfältig zugemacht, und sie sah aus, als habe man sie nie berührt. Vermißt wurde nicht das mindeste. Wir mußten uns also zu der Ansicht entschließen, er habe in der Nacht das Delirium bekommen und sei von irgend einer Einbildung verlockt oder aus gegenstandsloser Furcht in seinem mehr als hilflosen Zustand entflohen. So dachten wir alle, mit Ausnahme Mr. Skimpoles, der wiederholt sorglos äußerte, es sei unserm jungen Freund wahrscheinlich durch den Kopf gegangen, er wäre mit seinem bösartigen Fieber ein gefährlicher Hausgenosse, weshalb er sich mit großem natürlichem Takt empfohlen habe. Man stellte jede mögliche Nachforschung an und fragte an allen möglichen Orten nach. Man untersuchte die Ziegelöfen, ging nach den Hütten und verhörte die beiden Frauen aufs gründlichste, aber sie wußten nichts von ihm, und niemand konnte an der Echtheit ihres Erstaunens zweifeln. Die Witterung war schon seit einiger Zeit sehr naß gewesen, und es hatte auch während der Nacht selbst zu sehr geregnet, als daß sich seine Fußstapfen hätten verfolgen lassen. Hecken, Gräben, Mauern, Heustadel und Schober wurden von unsern Leuten in weitem Umkreis untersucht, ob sich der Junge nicht vielleicht an einem dieser Orte bewußtlos oder tot auffände, aber auch nicht die geringste Spur war von ihm zu entdecken. Von der Stunde an, wo man ihn in der Kammer allein gelassen hatte, blieb er verschwunden. Fünf Tage lang dauerten die Nachforschungen fort. Ich meine nicht, daß sie dann aufhörten, aber meine Aufmerksamkeit wurde damals in einer für mich sehr einschneidenden Weise abgelenkt. Als Charley nämlich wieder des Abends in meinem Zimmer ihre Schreibaufgaben machte und ich ihr gegenüber arbeitete, fühlte ich, daß plötzlich der Tisch zitterte. Ich blickte auf und sah, daß meine kleine Zofe ein Schüttelfrost vom Kopf bis zur Zehe durchlief. »Charley«, fragte ich, »frierst du so?« »Ich glaube ja, Miß. Ich weiß nicht, was es ist. Ich kann mich nicht ruhig verhalten. Es war mir schon gestern so zumute. Ziemlich um dieselbe Stunde, Miß. Erschrecken Sie nicht, aber ich fürchte, ich bin krank.« Ich hörte Adas Stimme draußen und eilte sogleich an die Verbindungstür zwischen dem gemeinschaftlichen Salon und meinem Zimmer. Ich verschloß sie gerade noch rechtzeitig, denn während meine Hand noch den Schlüssel umdrehte, hörte ich klopfen. Ada rief mir zu, ich solle sie hereinlassen, aber ich sagte: »Jetzt nicht, Liebste. Geh lieber. Es ist nichts. Ich werde gleich hinüberkommen.« Ach, es dauerte lange, lange Zeit, ehe mein Liebling und ich wieder zusammenkamen. Charley wurde krank. Im Verlauf von zwölf Stunden war sie schwerkrank. Ich ließ sie in mein Zimmer tragen, legte sie in mein Bett und setzte mich ruhig daneben, um sie zu pflegen. Ich unterrichtete meinen Vormund von allem, und warum ich es für notwendig halte, mich abzuschließen, und weshalb ich meinen Liebling durchaus nicht sehen wollte. Anfangs kam sie sehr oft an die Tür und rief mich und machte mir schluchzend und weinend Vorwürfe, aber ich schrieb ihr einen langen Brief, sagte ihr, daß sie mir damit Sorge und Schmerz bereite, und bat sie, wenn sie mich liebe und mir keinen Kummer zu machen wünsche, mir nicht näher als bis zum Garten zu kommen. Daraufhin trat sie oft unter das Fenster, und wenn ich schon vorher, wo wir kaum je getrennt gewesen, ihre liebe süße Stimme so sehr und von Herzen lieben gelernt hatte, wie teuer wurde sie mir jetzt, wo ich, ohne hinauszublicken, hinter dem Vorhang stand und ihr lauschte. Wie sehr lernte ich sie erst später lieben, als die schwere Zeit kam. Man schlug in unserm gemeinsamen Salon ein Bett für mich auf, und durch Offenstehenlassen der Tür machte ich aus den beiden Zimmern eins, nachdem Ada diesen Flügel des Hauses ganz geräumt hatte. So war die Krankenstube stets frisch und luftig. Nicht ein Dienstbote war im Hause, der nicht mit größter Bereitwilligkeit und ohne die mindeste Furcht zu jeder Stunde des Tags oder der Nacht mir geholfen hätte, aber ich hielt es für das beste, eine einzige sehr gewissenhafte Frau auszuwählen, die Ada nie sehen durfte, wie ich anordnete, und von der ich wußte, daß sie keine Vorsichtsmaßregel außer acht lassen werde. Das ermöglichte mir, daß ich zuweilen in den Garten gehen konnte, um in Gesellschaft meines Vormunds frische Luft zu schöpfen, wenn wir nicht Gefahr liefen, Ada zu begegnen. Die arme Charley wurde schwerkrank und schwebte in Lebensgefahr. Eine lange Reihe von Tagen und Nächten lag sie danieder. So geduldig war sie, klagte so wenig und war so sanft und ergeben, daß ich oft, wenn ich bei ihr saß und ihren Kopf auf meinem Arm ruhen ließ, denn das war manchmal das einzige Mittel, sie einschlummern zu machen, unsern Vater im Himmel im stillen bat, mich die Lehre, die mir diese kleine Schwester gab, nicht vergessen zu lassen. Viel Sorgen machte mir der Gedanke, daß Charleys hübsches Gesicht entstellt sein würde, wenn sie wieder genesen sollte, aber meistens verdrängte ich die Angst, daß sie in weit größerer Gefahr schwebe. Als es am schlimmsten mit ihr stand und sie von ihren Sorgen um ihre kleinen Geschwister und von dem Krankenbett ihres Vaters phantasierte, kannte sie mich doch immer noch soweit, daß sie ruhiger wurde, wenn ich sie in die Arme nahm, weil nichts andres mehr half. In solchen Stunden pflegte ich mir mit Qual vorzustellen, wie ich jemals den zwei verwaisten Kleinen mitteilen sollte, daß das Kind, das von seinem eignen treuen Herzen gelernt hatte, ihnen in ihrer Not Mutter zu sein, gestorben sei. In Stunden, wo das Fieber nachließ, kannte Charley mich recht gut und sprach mit mir, ließ Tom und Emma vielmals grüßen und sagte, sie sei überzeugt, Tom werde zu einem tüchtigen Mann heranwachsen. In solchen Augenblicken erzählte sie mir von dem, was sie ihrem Vater vorgelesen hatte, um ihn zu trösten: Von dem Jüngling, den sie hinaus zum Begräbnis trugen und der der einzige Sohn seiner verwitweten Mutter gewesen. Und von der Tochter des Hauptmanns, die die Hand der Barmherzigkeit auf dem Totenbett wieder zum Leben erweckte. – Sie sagte mir, sie sei niedergekniet, als ihr Vater gestorben war, und habe in ihrem ersten Schmerz gebetet, auch er möge auferweckt und seinen armen Kindern zurückgegeben werden, und daß sie glaube, auch Tom werde dasselbe Gebet für sie zum Himmel schicken, falls sie nie wieder genesen und sterben sollte. Und dann müßte ich Tom auslegen, wie diese Menschen in den alten Zeiten wieder zum irdischen Leben erweckt worden wären, auf daß wir ein Pfand der ewigen Fortdauer im Himmel hätten. In keinem ihrer Krankheitsstadien verlor sie auch nur ein einziges Mal ihre sanften liebenswürdigen Eigenschaften. Charley starb nicht. Langsam, langsam überwand sie die Krisis, und dann fing es an, besser mit ihr zu werden. Die Furcht, ihr Gesicht könne entstellt sein, wich bald von mir, und auch hierin ging es immer besser, und ich sah sie wieder zu ihrem früheren kindlichen Ebenbilde werden. Es war ein großer Morgen, als ich Ada, die unten im Garten stand, alles das berichten konnte. Und ein großer Abend, als Charley und ich endlich zusammen im anstoßenden Zimmer Tee tranken. Aber an demselben Abend fühlte ich, daß ein Fieber über mich kam. Zum Glück für uns beide fiel es mir erst, nachdem Charley wieder ruhig im Bett lag, ein, ich könnte mich von ihr angesteckt haben. Während des Tees hatte ich meinen Zustand noch unterdrücken können, aber damit war es jetzt bereits vorbei, und ich begriff, daß ich in Charleys Fußstapfen trat. Ich war jedoch noch kräftig genug, zeitig früh aufzustehen und den fröhlichen Gruß meines Herzenslieblings aus dem Garten erwidern und mit ihr so lange wie gewöhnlich sprechen zu können. Aber ich war nicht ganz frei von dem Eindruck, während der Nacht fiebernd und außer mir in den beiden Zimmern herumgegangen zu sein. Und manchmal wurde es mir wirr im Kopf, und ich hatte ein seltsames Gefühl der Vollheit, so, als ob ich viel größer sei als sonst. Des Abends wurde es mir soviel schlimmer, daß ich beschloß, Charley vorzubereiten, und ihr sagte: »Du fühlst dich jetzt wieder viel kräftiger, Charley, nicht wahr?« »O, gewiß.« »Kräftig genug, um ein Geheimnis zu hören, Charley?« »O, kräftig genug, Miß!« rief sie. Aber mitten in ihrer Freude trübte sich ihre Miene, denn sie las das Geheimnis auf meinem Gesicht. Sie stand aus dem Lehnstuhl auf, fiel mir um den Hals und sagte: »O Miß, daran bin ich schuld. Ich schuld!« Und noch vieles mehr aus der Fülle ihres dankbaren Herzens heraus. »Nun höre, Charley«, sagte ich, nachdem ich sie eine Weile hatte gewähren lassen, »wenn ich krank werde, setze ich mein größtes Vertrauen von allen Menschen auf dich. Und wenn du nicht so ruhig und gefaßt für mich bist, wie du es immer für dich selbst warst, kannst du mir nicht beistehen, Charley!« »Lassen Sie mich nur noch ein wenig mich ausweinen, Miß«, jammerte Charley. »O, mein Gott, o Gott, o Gott! Ich werde mich gleich wieder beruhigt haben, o Gott!« An den innigen Ton, wie sie das sagte, während sie an meinem Halse hing, kann ich nie ohne Tränen zurückdenken. So ließ ich sie sich denn ein wenig ausweinen, und es tat uns beiden wohl. »Verlassen Sie sich auf mich, Miß!« sagte Charley dann ruhig. »Ich höre jetzt genau zu.« »Vorderhand ist es sehr wenig, Charley. Ich werde dem Doktor heute abend sagen, daß ich mich nicht recht wohl fühle und daß du meine Wärterin sein sollst.« Dafür dankte mir das arme Kind mit ganzem Herzen. »Und morgen in der Frühe, wenn du Miß Ada im Garten hörst und ich nicht mehr imstande sein sollte, wie gewöhnlich an den Fenstervorhang zu kommen, so gehe du hin, Charley, und sag, ich schliefe noch und wäre etwas erschöpft. Die ganze Zeit über bleibst du im Zimmer, wie ich darin geblieben bin, Charley, und läßt niemanden herein.« Charley versprach es mir, und ich legte mich nieder, denn der Kopf war mir sehr schwer. Ich sprach an diesem Abend den Arzt und bat ihn darum, nichts im Hause von meiner Erkrankung verlauten zu lassen. Ich habe eine sehr undeutliche Erinnerung von dem Hinüberschwimmen dieser Nacht in den Tag und dem des Tags wieder in die Nacht. Am ersten Morgen war ich gerade noch knapp imstande, an das Fenster zu gehen und mit meinem Liebling zu sprechen. Am zweiten Morgen hörte ich ihre Stimme draußen und bat Charley mit Anstrengung, denn das Reden wurde mir schwer, ihr zu sagen, ich schliefe. Ich hörte sie leise antworten: »Störe sie nicht, Charley, um alles in der Welt nicht!« »Und wie sieht mein Herzenskind aus, Charley?« »Enttäuscht, Miß«, berichtete Charley, durch den Vorhang lugend. »Aber ich weiß, sie ist heute morgen wieder sehr schön.« »Ja, das ist sie, Miß. Sie sieht immer noch zum Fenster herauf.« Mit ihren klaren blauen Augen, Gott segne sie! Ich rief Charley zu mir und gab ihr einen letzten Auftrag: »Jetzt höre, Charley! Wenn sie erfährt, daß ich krank bin, wird sie versuchen, in das Zimmer zu dringen. Laß sie nicht herein, Charley, wenn du mich wirklich lieb hast, Charley. Wenn sie auch nur ein einziges Mal hereinkommt, um mich anzusehen, während ich hier liege, ist es mein Tod.« »Ich werde es nie tun! Niemals!« »Ich vertraue dir, meine gute Charley. Und jetzt komm her und setz dich eine Weile neben mich und gib mir die Hand, denn ich kann dich nicht sehen, Charley. Ich bin blind!« 32. Kapitel Um die bestimmte Stunde Es ist Nacht in Lincoln's-Inn – diesem Tale der Verworrenheit und Ruhelosigkeit. Fette Kerzen werden in den Kanzleien ausgeblasen, Schreiber sind die wackelnden hölzernen Treppen hinuntergepoltert und haben sich zerstreut. Die Glocke, die um neun Uhr geläutet wird, hat ihr zweckloses klägliches Gewimmer eingestellt. Die Pforten sind verschlossen, und der nächtliche Türhüter, ein würdevoller Pförtner mit übermenschlicher Schlafkraft, hält in seiner Loge Wacht. Aus Reihen von Treppenfenstern schimmern trübe Lampen gleich den Augen der Gerechtigkeit, diesem schielenden, kurzsichtigen Argus mit einer unergründlichen Tasche und Augen außen drauf, zu den Sternen empor. In schmutzigen Fenstern der obern Stockwerke verraten neblige kleine Strahlenflecken von Kerzenlicht hie und da, daß ein listiger Paragraphenfuchs und Lehensrechtskundiger an Maschen aus Pergament arbeitet, um in dem Netz arglose Grundbesitzer einzufangen. Bienen gleich hocken diese Wohltäter der Menschheit über ihrer Beschäftigung, trotzdem die Geschäftsstunden längst vorüber sind, auf daß sie sich Rechenschaft geben über den gut angewendeten verflossnen Tag. In dem benachbarten Cook's Court, wo der Lordkanzler des Hadern- und Flaschenlandes wohnt, ist ein gewisser Hang nach Bier und Abendbrot unverkennbar. Mrs. Piper und Mrs. Perkins, deren beide Söhne im Freundeskreis, mit Versteckenspielen beschäftigt, einige Stunden lang in den Nebenstraßen von Chancery-Lane im Hinterhalt gelegen und zur Verwirrung der Vorübergehenden die Örtlichkeit unsicher gemacht haben, – Mrs. Piper und Mrs. Perkins haben sich soeben erst beglückwünscht, daß die Kinder, Gott sei Dank, zu Bett gebracht sind, und wechseln noch auf einer Türstufe ein paar Worte zum Abschied. Mr. Krook und sein Mieter, die Tatsache, daß Mr. Krook »immer einen weg hat«, und die Erbchancen des jungen Mannes bilden wie gewöhnlich das Hauptthema ihrer Unterhaltung. Aber sie haben auch etwas über die harmonische Gesellschaft in der »Sonne« zu sagen. Das Klimpern des Pianos klingt auf den Hof hinaus durch die halb geöffneten Fenster, hinter denen der kleine Swills, nachdem er die Harmonischen – ein zweiter Yorick – in beständigem Brüllen erhalten hat, jetzt seine Freunde und Gönner sentimental beschwört: »Lahauschet, lahauschet, lahauschet döm Wahahasserfall.« Mrs. Perkins und Mrs. Piper tauschen ihre Ansichten aus über die junge Dame von Weltruf, die der harmonischen Gesellschaft ihre Talente angedeihen läßt und auf dem geschriebnen Programm im Fenster eine Extrazeile für sich hat. Mrs. Perkins weiß, daß sie schon gute anderthalb Jahre verheiratet ist, obgleich sie als »Miß M. Mellwilleson, die berühmte Sirene«, angekündigt ist, und daß ihr Baby jeden Abend heimlich in die »Sonne« gebracht wird, um während der Vorstellungspausen seine natürliche Nahrung zu empfangen. »Jetzt, was i bin«, sagt Mrs. Perkins, »i möcht lieber mein Brot mit Zündhölzhausieren verdiena.« Mrs. Piper hält es für ihre Pflicht, derselben Meinung zu sein, und glaubt, daß der bescheidne Glanz des Privatlebens weit besser ist als öffentlicher Beifall, und sie dankt dem Himmel für ihre eigne und – selbstverständlich Miß Perkins' Achtbarkeit. Da jetzt der junge Kellner aus der »Sonne« mit dem bestellten überschäumenden Bierkrug erscheint, nimmt Mrs. Piper die Kanne entgegen und zieht sich in ihre Wohnung zurück, nachdem sie Mrs. Perkins, die ihren Krug in der Hand hält, seit ihn der junge Perkins vor dem Schlafengehen aus dem gleichen Gasthaus geholt, eine recht geruhsame Nacht gewünscht hat. Dann hört man im Hof Fensterläden schließen, riecht Pfeifenrauch, und in den obern Fenstern machen sich Sternschnuppen bemerkbar, als Zeichen, daß die Leute zu Bett gehen. Jetzt fängt auch der Polizeimann an, an den Türen zu klinken, Riegel zu prüfen, Bündel argwöhnisch zu betrachten und die Runde zu machen, immer von der Voraussetzung ausgehend, daß entweder jemand stiehlt oder aber bestohlen wird. Die Luft ist schwer heute nacht, feuchte Kälte dringt in alle Winkel, und ein träger Nebel schwebt über dem Boden. Es ist so ganz die Nacht dazu, um den Einfluß der Schlachthäuser, der ungesunden Keller, der Kloaken, des schlechten Wassers und der Begräbnisplätze so recht zur Geltung zu bringen und der Totenliste einen Extrabeitrag zu liefern. Liegt etwas in der Luft oder in Mr. Weevle – alias Jobling – selbst, was nicht ganz in Ordnung ist? Kurz, er befindet sich durchaus nicht in behaglicher Stimmung. Er pendelt wohl zwanzig Mal in der Stunde zwischen seinem Zimmer und dem offnen Haustor hin und her, seitdem es dunkel geworden ist. Seit der Kanzler seinen Laden zugemacht hat, was heute abend sehr zeitig geschehen ist, hat Mr. Weevle, auf dem Kopf ein billiges knappes Samtkäppchen, das seinen Backenbart unverhältnismäßig groß erscheinen läßt, öfter noch als vorher den Weg zwischen Treppe und Haustor auf- und abgemacht. Es ist nichts Abnormes, daß sich Mr. Snagsby ebenfalls in unbehaglicher Stimmung befindet, denn er leidet immer mehr oder weniger unter dem Druck des Geheimnisses, das auf ihm lastet. Mr. Krooks Laden übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn aus und scheint ihm die Hauptquelle alles Mysteriösen zu sein. Eben jetzt kommt Mr. Snagsby in der Absicht Cook's Court hinab, zu dem Ausgang nach Chancery-Lane zu gehen, um damit seinen zehn Minuten lang dauernden Abendspaziergang von seiner Haustür und wieder zurück zu beschließen, um die Ecke des Gasthauses zur »Sonne« herum. »Was? Mr. Weevle«, sagt er und bleibt stehen. »Sie sind auch da?« »Ja, ich bin auch da, Mr. Snagsby.« »Wollen Luft schöpfen, wie ich, vor dem Schlafengehen?« fragt der Schreibmaterialienhändler. »Na, es ist hier nicht viel Luft zu schöpfen, und das bißchen ist nicht sehr erquickend«, meint Mr. Weevle und läßt seinen Blick Cook's Court auf und ab schweifen. »Sehr richtig, Sir. Merken Sie nicht auch...»Mr. Snagsby hält wieder inne, um in die Luft zu schnuppern. »Finden Sie nicht auch, Mr. Weevle, daß es hier – um nicht durch die Blume zu sprechen – merkwürdig brenzlig riecht, Sir?« »Hm. Mir ist es auch schon so vorgekommen, als ob heute abend ein eigentümlicher Geruch im Hofe läge. Ich vermute, es gibt Hammelkoteletten in der 'Sonne'.« »Hammelkoteletten, meinen Sie? Hm! – Hammelkoteletten?« Mr. Snagsby schnuppert wieder. »Schon möglich, Sir, aber ich an Stelle des Wirtes möchte der Köchin in der 'Sonne' ein wenig auf die Finger sehen. Sie hat sie verbrennen lassen, Sir, und ich glaube nicht...« Mr. Snagsby schnuppert wieder, spuckt dann aus und wischt sich den Mund. »Ich glaube nicht – um nicht durch die Blume zu sprechen –, daß sie ganz frisch waren, als sie auf den Rost kamen.« »Schon möglich. Bei solchem Wetter verderben die Sachen schnell.« »Das Wetter verdirbt überhaupt alles«, bestätigt Mr. Snagsby. »Ich finde, sogar die gute Laune.« »Donnerwetter, ja! Ich finde, es verursacht mir ordentlich Beklemmungen.« »Ja, sehen Sie, Mr. Weevle, Sie leben hier so einsam und in einer Stube, über der ein dunkles Verhängnis liegt«, sagt Mr. Snagsby, blickt über des andern Schulter hinweg in den dunkeln Gang hinein und tritt dann einen Schritt zurück, um außen an dem Haus hinaufzuschauen. »Ich möchte in dieser Stube nicht allein wohnen wie Sie, Sir. Mir würde manchmal des Abends ganz bange und unruhig zumute werden. Ich möchte lieber am Haustor stehen bleiben als oben im Zimmer sitzen. Aber allerdings haben Sie dort nicht gesehen, was ich gesehen habe. Das ist ein großer Unterschied.« »Ich weiß grade genug davon«, bemerkt Tony. »Nicht besonders angenehm, wie?« fährt Mr. Snagsby fort und hüstelt seinen Überzeugungshusten hinter der Hand. »Mr. Krook sollte bei dem Zins darauf Rücksicht nehmen. Er wird es sicher tun.« »Ich hoffe, er wird es tun«, sagt Tony, »aber ich bezweifle es.« »Sie finden den Zins teuer, nicht wahr, Sir? Aber die Zinse sind in dieser Gegend überhaupt hoch. Ich weiß nicht, wie das kommt. Die Justiz scheint sie in die Höhe zu treiben. Nicht etwa«, setzt Mr. Snagsby mit seinem 'Pardonhusten' hinzu, »daß ich auch nur ein Wort gegen den Beruf, der mich mein Brot verdienen läßt, zu sagen beabsichtigte.« Wieder läßt Mr. Weevle einen Blick den Court auf und ab schweifen und sieht dann den Papierhändler an. Mr. Snagsby begegnet seinem Auge, schaut zum Himmel auf nach einem Stern oder sonst etwas und läßt einen Husten hören, der verrät, daß er nicht weiß, wie er der Unterhaltung ein Ende machen soll. »Es ist ein merkwürdiger Zufall, Sir«, bemerkt er und reibt sich langsam die Hände, »daß er...« »Wer, er?« »Der Verstorbne, meine ich«, sagt Mr. Snagsby, indem er mit dem Kopf und seiner rechten Augenbraue nach der Treppe weist und seinem Gegenüber auf einen Knopf tippt. »Ja, so«, entgegnet dieser in einem Ton, als spräche er von der Sache nicht allzu gern. »Ich dachte, wir hätten das Thema schon fallen lassen.« »Ich wollte nur sagen, es ist ein merkwürdiger Zufall, Sir, daß er hier gewohnt und gelebt hat und einer meiner Schreiber war und daß Sie jetzt hier wohnen und auch einer meiner Schreiber sind. Es ist durchaus nichts Entwürdigendes in der Beschäftigung«, unterbricht sich Mr. Snagsby in der Befürchtung, er könne unhöflicherweise eine Art Eigentümerrecht auf Mr. Weevle geltend gemacht haben, »Gott sei vor. Ich habe Schreiber gekannt, die später ins Brauereigeschäft gekommen sind und sehr angesehen waren. Außerordentlich angesehen, Sir«, wiederholt Mr. Snagsby mit der unangenehmen Empfindung, daß er die Sache nicht verbessert hat. »Es ist ein seltsames Zusammentreffen, wie Sie richtig sagen«, gibt Mr. Weevle zu und blickt wieder den Hof auf und ab. »Eine Art Schicksalsbestimmung.« »So scheint es.« »Ja, ja«, hüstelt der Papierhändler bestätigend. »Die reinste Schicksalsbestimmung. Ich fürchte, Mr. Weevle, ich muß Ihnen jetzt gute Nacht sagen.« Mr. Snagsby spricht, als sei er untröstlich, gehen zu müssen, obgleich er von Anfang des Gespräches an schon nach Mitteln gesucht hat, loszukommen. »Meine kleine Frau würde mich sonst vermissen. Gute Nacht, Sir.« Wenn Mr. Snagsby nach Hause eilen zu müssen glaubt, um seiner kleine Frau die Mühe, nach ihm zu sehen, zu ersparen, so könnte er darüber vollkommen beruhigt sein. Seine kleine Frau hat ihn die ganze Zeit über hinter der Ecke der »Sonne« hervor belauert und schlüpft ihm jetzt nach, ein Taschentuch über den Kopf gebunden, und beehrt Mr. Weevle und seinen Hausflur beim Vorbeigehen mit einem sehr argwöhnischen Blick. »Nun, jedenfalls werden Sie mich wiedererkennen, Maam«, brummt Mr. Weevle vor sich hin. »Und über Ihr Aussehen mit Ihrem eingebundenen Kopf kann man Ihnen auch kein Kompliment machen, wer Sie auch sein mögen. – Will denn der Kerl gar nicht kommen?« Der Kerl kommt näher, während er noch brummt. Mr. Weevle hält warnend die Hand empor, zieht ihn am Ärmel in den Gang und macht die Haustür zu. Dann gehen sie die Treppe hinauf. Mr. Weevle schwerfällig, Mr. Guppy mit sehr leichtem Schritt. Als sie die Tür des Zimmers hinter sich zugemacht haben, sprechen sie in leisem Ton miteinander. »Ich dachte schon, du wärst mindestens nach Jericho gegangen, anstatt zu mir zu kommen«, brummt Tony. »Ich sagte doch, gegen zehn.« »Gegen zehn«, wiederholt Tony. »Gegen zehn! Nach meiner Rechnung ist es schon zehn Mal zehn. Ist es schon hundert Uhr! In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen solchen Abend gehabt.« »Was war denn los?« »Das ist's ja eben«, sagt Tony. »Nichts war los. Ich habe hier in dieser lieblichen alten Krippe geraucht und gesessen, bis mir die Schauer fingerdick über den Rücken gelaufen sind. Da, sieh nur einmal diese liebenswürdige Kerze.« Tony deutet auf das trüb brennende Licht auf dem Tisch, das am Docht große Räuber und ein Leichenhemd um hat aus abgetropftem Talg. »Dem läßt sich leicht abhelfen«, bemerkt Mr. Guppy und nimmt die Lichtschere zur Hand. »Ja, ja! aber nicht so leicht, wie du meinst. Sie hat so schlecht gebrannt, seitdem sie angezündet ist.« »Was ist eigentlich mit dir los, Tony ?« fragt Mr. Guppy, sieht ihn, mit der Lichtschere in der Hand, an, setzt sich hin und stützt die Ellbogen auf den Tisch. »William Guppy«, entgegnet der andre, »ich bin schon ganz trübsinnig. Es kommt von dieser unerträglichen langweiligen selbstmörderischen Stube – und dem alten Popanz unten, glaube ich.« Mr. Weevle schiebt mürrisch mit dem Ellbogen den Lichtscherenkasten weg, stützt den Kopf in die Hand, stemmt die Füße auf das Kamingitter und starrt ins Feuer. Mr. Guppy sieht ihn an, zuckt leise die Achseln und setzt sich an die andre Seite des Tisches in ungezwungner Haltung hin. »War das nicht Snagsby, der vorhin mit dir sprach, Tony?« »Ja, und hol dich... Ja, es war Snagsby«, sagt Mr. Weevle und ändert rasch die Worte, die er sich zuerst gedacht hat. »In Geschäften?« »Nein. Nicht in Geschäften. Er kam gerade vorbei und blieb stehen, um zu tratschen.« »Ich habe mir gleich gedacht, es müsse Snagsby sein«, sagt Mr. Guppy, »und glaubte, es wäre gut, wenn er mich nicht sähe. Deshalb wartete ich, bis er fortging.« »Da haben wir's wieder, William Guppy!« ruft Tony und wirft einen verzweifelten Blick auf die Decke. »So geheimnisvoll und versteckt! Zum Donnerwetter, wenn wir einen Mord beabsichtigten, könnten wir nicht geheimnisvoller tun.« Mr. Guppy heuchelt ein Lächeln und besieht sich, um dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, mit echter oder vorgeblicher Bewunderung die Schönheitsgalerie an den Zimmerwänden und beschließt sie beim Porträt der Lady Dedlock, das sie darstellt auf einer Terrasse, einer Vase auf dem Piedestal, ihrem Schal auf der Vase, einem Pelzkragen auf dem Schal, ihrem Arm auf dem Pelzkragen und einem Armband an ihrem Handgelenk. »Es sieht Lady Dedlock wirklich sprechend ähnlich. Sie ist es selbst.« »Ich wollte, es wäre so«, brummt Tony, ohne seine Stellung zu ändern, »dann hätte man wenigstens eine fashionable Unterhaltung hier.« Mr. Guppy hat sich jetzt überzeugt, daß sich sein Freund nicht in eine heiterere Stimmung hineinscherzen läßt, gibt den Versuch als nutzlos auf und macht ihm Vorstellungen. »Tony«, sagt er, »ich kann Trübsinn entschuldigen. Niemand weiß besser als ich, wie es ist, wenn er über einen kommt. Und vielleicht weiß das ein Mensch, in dessen Herzen unerwiderte Liebe wohnt, am besten, aber Trübsinn muß seine Grenzen haben, und ich muß dir gestehen, Tony, daß mir dein Benehmen weder gastfreundschaftlich noch besonders anständig erscheint.« »Das sind starke Worte, William Guppy«, entgegnet Mr. Weevle. »Kann sein, Sir. Aber ich fühle stark, wenn ich so spreche.« Mr. Weevle gibt zu, Unrecht gehabt zu haben, und bittet Mr. William Guppy, nicht mehr daran zu denken. Da jedoch Mr. William Guppy momentan im Vorteil ist, so kann er doch unmöglich aufhören. »Nein, wahrhaftig, Tony«, sagt er, »du solltest dich wirklich in acht nehmen, die Gefühle eines Menschen zu verletzen, dessen Herz so überempfindlich sein muß. Du, Tony, besitzest in dir selbst alles, was das Auge erquickt und den Geschmack erfreut. Es ist – vielleicht zum Glück für dich, und ich wünschte, ich könnte dasselbe von mir sagen –nicht in deinem Charakter gelegen, eine einzige Blume zu umschweben. Dir steht der ganze Garten offen, und deine luftigen Schwingen tragen dich von Blüte zu Blüte. Dennoch, Tony, liegt mir nichts ferner, als ohne Ursache selbst deine Gefühle zu verletzen.« Tony bittet abermals, die Sache fallen zu lassen, und sagt mit Emphase: »Aber laß doch, William Guppy, hör schon auf!« Mr. Guppy fährt versöhnlich fort: »Ich hätte nie von selbst davon angefangen, Tony.« »Aber jetzt zu den Briefen«, unterbricht ihn Tony und schürt das Feuer. »Ist es nicht merkwürdig, daß Krook gerade zwölf Uhr Mitternacht zur Übergabe bestimmen muß?« »Allerdings. Warum wohl?« »Hat er je einen Grund, wenn er etwas tut? Er sagte, heute sei sein Geburtstag und er wolle sie mir nachts um zwölf Uhr übergeben. Er wird um diese Zeit total betrunken sein. Er war es schon den ganzen Tag über.« »Hoffentlich hat er die Verabredung nicht vergessen?« »Vergessen? Da kennst du ihn schlecht. Er vergißt nie etwas. Ich sah ihn heute abend gegen acht und half ihm den Laden zusperren, und da hatte er die Briefe unter seiner Pelzmütze. Er nahm sie ab und zeigte mir das Paket. Als der Laden zu war, nahm er es heraus, hängte die Mütze auf die Stuhllehne und sah es durch vor dem Kamin. Kurze Zeit darauf hörte ich ihn durch die Dielen hier, wie der Wind heult, das einzige Lied summen, das er kann, von Bibo und dem alten Charon, und daß Bibo betrunken war, als er starb, oder so etwas Ähnliches. Er ist seitdem so ruhig gewesen wie eine alte Ratte, die in ihrem Loch schläft.« »Und du sollst um zwölf Uhr hinunterkommen?« »Um zwölf. Und wie ich dir schon sagte, als du kamst, scheint es mir bereits hundert Uhr zu sein.« »Tony«, sagt Mr. Guppy, nachdem er eine Weile mit überschlagnen Beinen nachdenklich dagesessen hat. »Er kann noch immer nicht lesen, wie?« »Lesen! Er wird überhaupt nie lesen können. Er kann die Buchstaben einzeln hinschreiben und kennt sie, wenn er sie sieht, das habe ich ihm nach und nach beigebracht, aber verbinden kann er sie nicht. Er ist zu alt, um solche Nüsse zu knacken, und säuft zu viel.« »Tony.« Mr. Guppy schlägt jetzt das rechte Bein über das linke. »Wie mag er wohl den Namen Hawdon herausbuchstabiert haben?« »Er hat ihn doch gar nicht heraus buchstabiert. Du weißt, wie merkwürdig sein Auge geschult ist, sich mit dem Kopieren von Worten bloß der äußern Form nach zu beschäftigen. Er machte den Namen nach – allem Anschein nach war es eine Briefadresse – und fragte mich, was sie bedeute.« »Tony, was meinst du? Ist das Original eine Frauen- oder eine Männerhand?« »Eine Frauenhand! Fünfzig gegen eins sind die Briefe von einer Dame. Die Buchstaben stehen schräg, und die Schwänze der 'n' sind lang und hastig.« Mr. Guppy hat während dieses Zwiegesprächs abwechselnd an den Nägeln seiner Daumen gekaut und die Beine nervös übereinandergeschlagen. Wieder ändert er seine Stellung, und dabei fällt sein Blick zufällig auf seinen Rockärmel. Seine Aufmerksamkeit wird rege. Er starrt erschrocken hin. »Aber Tony, was geht nur heute nacht in diesem Hause vor? Brennt ein Schornstein?« »Ein Schornstein brennen?« »Hm«, entgegnet Mr. Guppy. »Schau nur, wieviel Ruß fällt. Schau hier meinen Arm. Und hier auf dem Tisch! Verdammtes Zeug! Es läßt sich nicht wegblasen. Es schmiert sich wie schwarzes Fett.« Sie sehen einander an, Tony geht horchend an die Tür und ein paar Stufen die Treppe hinauf, kommt dann mit der Nachricht zurück, es sei alles still, und äußert wieder, wie schon vorhin zu Mr. Snagsby, daß sie wahrscheinlich in der »Sonne« Hammelkoteletten brieten. »Und bei dieser Gelegenheit«, nimmt Mr. Guppy seine Rede wieder auf, besieht sich dabei immer noch mit sichtlichem Ekel seinen Rockärmel, während sie vor dem Feuer ihr Gespräch fortsetzen und die Köpfe zusammenstecken, »bei dieser Gelegenheit sagte er dir also, daß er die Briefe aus dem Mantelsack des Verstorbenen genommen habe?« »Ja, bei dieser Gelegenheit«, antwortet Tony und kämmt sich seinen Backenbart mit den Fingern. »Worauf ich meinem lieben Freunde, Seiner Hochwohlgeboren William Guppy, ein paar Zeilen schrieb, mit der Nachricht, sich heute hier einzufinden, und zwar vorsichtig, denn der alte Popanz sei ein Schlaufuchs.« Der leichte fashionable Konversationston, den Mr. Weevle gern anzunehmen pflegt, liegt ihm diese Nacht so wenig, daß er ihn und die Pflege seines Backenbarts ganz und gar aufgibt, scheu über die Achsel blickt und wieder eine Beute banger Schrecken zu sein scheint. »Und du sollst die Briefe auf deine Stube nehmen, um sie zu lesen und zu vergleichen? Du willst mir dann alles mitteilen, was drin steht? Das haben wir doch vereinbart, nicht wahr, Tony?« fragt Mr. Guppy und zerkaut aufgeregt seine Daumennägel. »Du kannst nicht leise genug sprechen! Ja, das haben wir vereinbart.« »Ich will dir was sagen, Tony.« »Du kannst nicht leise genug sprechen«, mahnt Tony noch einmal. Mr. Guppy nickt weise. Sie stecken die Köpfe wieder zusammen und flüstern. »Ich will dir was sagen, Tony. Das erste, was wir zu tun haben, ist, die Briefe genau nachzumachen, so daß du ihm, wenn er es etwa verlangen sollte, die falschen zeigen kannst, solange die echten in meinem Besitz sind.« »Und angenommen, er erkennt die nachgemachten, was bei seinem verwünschten Scharfblick fünfhundert gegen eins wahrscheinlich ist?« wirft Tony ein. »Dann müssen wir es eben darauf ankommen lassen. Sie gehören ihm nicht und haben ihm nie gehört. Du hast das entdeckt, verstanden, und sie der Sicherheit wegen in meine Hände als die einer juristischen Vertrauensperson gelegt. Wenn er uns dazu zwingt, können wir sie ja bei Gericht deponieren, nicht wahr?« »Hm, ja«, gibt Mr. Weevle widerwillig zu. »Aber Tony, was du für ein Gesicht machst! Du zweifelst doch nicht am Ende an William Guppy? Es ist doch nichts Schlimmes dabei«, hält ihm sein Freund vor. »Ich argwöhne nicht mehr, als ich weiß, William«, entgegnet Jobling ernst. »Und was weißt du?«, dringt Mr. Guppy mit etwas lauterer Stimme in ihn. Aber da sein Freund ihn abermals warnt: »Ich sage dir doch, du kannst nicht leise genug sprechen«, wiederholt er seine Frage ganz tonlos: »Was weißt du?« »Ich weiß dreierlei. Erstens weiß ich, daß wir hier geheimnisvoll miteinander flüstern wie ein paar Verschwörer.« »Gut«, gibt Mr. Guppy zu. »Besser, wir sind ein paar Verschwörer als ein paar Dummköpfe. Und das wären wir, wenn wir etwas andres täten. Es ist der einzige Weg, das zu erreichen, was wir wollen. Und zweitens?« »Zweitens ist es mir nicht klar, welchen Nutzen die Sache abwerfen soll.« Mr. Guppy läßt seine Augen über das Porträt der Lady Dedlock über dem Kaminsims gleiten und gibt zur Antwort: »Das, Tony, muß ich dich bitten, der Ehrenhaftigkeit deines Freundes zu überlassen. Abgesehen davon, daß du nicht an gewisse Saiten zu rühren brauchst, quälerischerweise, so ist dein Freund doch kein Dummkopf... Ha, was ist das?« »Elf Uhr schlägt es von der St. Paulskirche. Horch, gleich werden alle Glocken in der City läuten.« Beide sitzen schweigend da und lauschen den metallenen Stimmen, die in der Nähe und aus der Ferne und von den Türmen herab erklingen. Als sie endlich verstummen, scheint alles nur noch geheimnisvoller als vorher. Eine unangenehme Folge des Flüsterns im allgemeinen ist, daß es eine eigenartige Atmosphäre des Schweigens zu erzeugen scheint, belebt von den Gespenstern des Schalles, von seltsamem Knarren und Klopfen, dem Rauschen wesenloser Kleider und dem Tritt grauenvoller Füße, die auf Ufersand oder Winterschnee keine Spur zurücklassen könnten. Für solche Eindrücke sind die beiden Freunde heute empfänglich. Die Luft ist voll von Phantomen, und die beiden sehen sich wie auf Verabredung um, ob die Tür auch wirklich geschlossen ist. »Ja, Tony«, sagt Mr. Guppy, rückt dem Feuer näher und kaut ruhelos an seinem Daumennagel. »Du wolltest sagen: Drittens!« »Drittens ist es nichts weniger als angenehm, gegen einen Toten in dem Zimmer, wo er gestorben ist, zu konspirieren, zumal, wenn man zufällig darin wohnt.« »Aber wir konspirieren doch nicht gegen ihn, Tony.« »Vielleicht nicht. Aber trotzdem gefällt es mir nicht. Wohne nur selbst einmal hier. Dir würde es auch nicht gefallen.« »Was Tote betrifft, Tony«, belehrt Mr. Guppy, dem Vorschlag ausweichend, »so haben in den meisten Zimmern schon Tote gelegen.« »Das weiß ich. Aber in den meisten Zimmern läßt man sie in Ruhe, und – sie lassen einen in Ruhe.« Wieder blicken sich die beiden an. Mr. Guppy wirft eine Bemerkung hin, daß sie dem Verstorbenen vielleicht einen Dienst erweisen und daß er das hoffe. Dann entsteht eine bedrückende Pause. Plötzlich schürt Mr. Weevle das Feuer, und das macht Mr. Guppy auffahren, als hätte man statt in den Kohlen in seinem Herzen herumgerührt. »Pfui! Da hängt noch mehr von diesem abscheulichen Ruß«, ruft er. »Wir wollen das Fenster ein bißchen aufmachen und einen Mund voll Luft schnappen. Es ist so dumpf hier.« Er schiebt das Fenster in die Höhe, und beide setzen sich auf das Fensterbrett. Die Nachbarhäuser sind zu nahe, als daß man den Himmel sehen könnte, wenn man nicht den Hals verdrehen und die Wand des Hauses hinaufsehen will. Aber da und dort Lichtschimmer in trüben Fenstern, das Rollen ferner Wagen und das Bewußtsein, daß sich auf der Straße Menschen regen, machen ihnen das Herz etwas leichter. Mr. Guppy klopft geräuschlos auf das Fensterbrett und beginnt sein Flüstern in einem freieren, fast scherzhaften Ton von neuem. »Übrigens, Tony, vergiß dich nicht dem alten Smallweed gegenüber.« Er meint damit den jungen Smallweed. »Du weißt, ich habe ihn in die Angelegenheit nicht eingeweiht. Sein Großvater ist mir schon gar zu schlau. Es liegt in der Familie.« »Ich werde schon achtgeben«, brummt Tony. »Ich kenn mich schon »Und was Krook betrifft, glaubst du wirklich, daß er noch andre Papiere von Wichtigkeit besitzt, wie er sich gegen dich gerühmt hat?« Tony schüttelt den Kopf. »Weiß ich nicht. Habe keine Ahnung. Wenn uns diese Sache gelingt, ohne seinen Verdacht zu erregen, werde ich es schon herausbringen. Wie kann ich's wissen, ohne sie gesehen zu haben! Er weiß es doch selbst nicht einmal. Er buchstabiert beständig Worte aus ihnen und malt sie auf den Tisch und die Wand und fragt, was das oder jenes heiße. Sein ganzer Vorrat kann von A bis Z recht gut die Makulatur sein, für die er ihn gekauft hat. Es ist eine seiner fixen Ideen, zu glauben, er besitze Dokumente. Nach dem, was er mir gesagt hat, scheint er sie das ganze letzte Vierteljahrhundert zu lesen versucht zu haben.« »Wie mag er nur auf solche Gedanken gekommen sein?« fragt Mr. Guppy und schließt grübelnd ein Auge. »Vielleicht hat er unter Dingen, die er zusammengekauft hat, versteckte Papiere gefunden und daraus in seiner Schlauheit geschlossen, sie besäßen einen Wert.« »Oder man hat ihn bei diesen anscheinend guten Geschäften hintergangen. Oder er ist bei dem langen Grübeln darüber oder vom Trinken und dem ewigen Herumlungern im Gerichtshof und dem beständigen Redenhören von Dokumenten verrückt geworden«, wendet Mr. Weevle ein. Guppy sitzt auf dem Fensterbrett, nickt mit dem Kopf und wägt alle diese Wahrscheinlichkeiten im Geiste ab. Dann fährt er fort, gedankenvoll auf das Fensterbrett zu klopfen, und mißt es nach allen Richtungen zerstreut mit den Fingern ab. Plötzlich zieht er hastig die Hand zurück: »Zum Teufel, was ist das? Schau nur!« Ein zäher gelber Saft befleckt seine Finger, widerlich fett, widerlich anzusehen und noch widerlicher riechend. Ein klebriges ekelhaftes Öl, das beide schaudern macht. »Was hast du hier ausgegossen? Was hast du denn aus dem Fenster geschüttet?« »Ich, aus dem Fenster geschüttet? Nichts. Ich schwöre dir. Nichts, seit ich hier bin.« »Und schau nur, hier... Und da.« Weevle bringt das Licht. Langsam träufelt und kriecht die Flüssigkeit an der Ecke des Fensterbrettes die Ziegel hinunter und bildet im Zimmer eine kleine dicke ekelhafte Pfütze. »Das ist ein gräßliches Haus«, ächzt Mr. Guppy und schließt das Fenster. »Gib mir Wasser, oder ich schneide mir die Hand ab.« Er wäscht und reibt und schabt, riecht an den Fingern, versucht, sich mit einem Glas Branntwein zu stärken, und wäscht sich immer noch schweigend am Kamin, als die St. Paulskirche zwölf schlägt und all die andern Glocken in ihren Türmen in der dunkeln Luft mit ihren vielfach verschiednen Klängen einfallen. Als alles wieder ruhig ist, sagt Jobling: »Es ist die bestimmte Stunde. Soll ich gehen?« Mr. Guppy nickt und wünscht ihm Glück mit einem Schlag auf die Schulter, aber nicht mit der gewaschenen Hand, obgleich es seine rechte ist. Mr. Weevle geht die Treppe hinab, und Mr. Guppy versucht, sich am Kamin auf ein längeres Warten gefaßt zu machen. Aber kaum ein oder zwei Minuten sind verstrichen, da hört er die Treppenstufen knarren, und sein Freund kehrt rasch zurück. »Hast du sie?« »Ob ich sie habe? Nein. Der Alte ist nicht zu finden.« Er sieht so fürchterlich erschrocken aus, daß sein Entsetzen den andern ansteckt. Guppy stürzt auf ihn los und fragt laut: »Was ist geschehen?« »Ich bekam keine Antwort, als ich nach ihm rief. Ich öffnete leise die Tür und sah hinein. Der brandige Geruch kommt von dort – und der Ruß und das Öl. Er selbst ist nicht da.« Tony stöhnt laut auf. Mr. Guppy nimmt das Licht. Sie gehen hinunter, mehr tot als lebendig, halten sich aneinander fest und stoßen die Türe auf. Die Katze hat sich in einen Winkel zurückgezogen und faucht etwas an. Nicht sie. Etwas auf dem Boden vor dem Kamin. Im Rost glimmt noch ein kleines Feuer, und das ganze Zimmer ist erfüllt von einem schweren erstickenden Rauch. Ein dunkler schmieriger Überzug bedeckt Wände und Decke. Die Stühle und der Tisch mit der darauf liegenden Flasche stehen da wie gewöhnlich. Auf einer Stuhllehne hängen die Pelzmütze und der Rock des Alten. »Siehst du?« flüstert Weevle und deutet mit zitterndem Finger auf die Sachen. »Ganz so, wie ich es dir gesagt habe. Als ich ihn zuletzt sprach, nahm er seine Mütze ab, holte das Paket Briefe heraus und hängte die Mütze auf die Stuhllehne – sein Rock hing schon dort, denn er hat ihn ausgezogen, wie er die Läden zumachte. Ich verließ ihn, wie er die Briefe durchsah und gerade dort stand, wo dieses verkohlte schwarze Ding auf dem Boden liegt.« Hat er sich erhängt? Hängt er irgendwo? Sie sehen sich um... Nein. »Dort«, flüstert Tony, »vor dem Stuhl, dort liegt ein Stück dünner roter Bindfaden. Damit waren die Briefe zusammengebunden. Er wickelte es langsam ab und grinste mich zähnefletschend an und lachte, ehe er sie durchblätterte, und warf es dorthin. Ich sah es noch fallen.« »Was hat nur die Katze?« sagt Mr. Guppy. »Schau nur!« »Verrückt wahrscheinlich. Kein Wunder an diesem entsetzlichen Ort.« Sie machen einen Schritt vorwärts und besichtigen alle Gegenstände. Die Katze rührt sich nicht von der Stelle und faucht immer noch etwas auf dem Boden vor dem Kamin zwischen den zwei Stühlen an. »Was ist das? Halt die Kerze in die Höhe!« Ein schmaler verbrannter Fleck auf der Diele. Daneben liegt der Zunder von einem kleinen Paket verbrannten Papiers. Er ist nicht so leicht, wie er sein müßte, denn er scheint von etwas befeuchtet zu sein. Und hier – ist es der Rest von einem verkohlten Holzklotz, mit weißer Asche überstreut? Oder ist es Steinkohle? Entsetzlich: Er ist hier! Und das, vor dem sie zurückprallen, dabei das Licht auslöschen und dann übereinander weg auf die Straße stürzen, ist alles, was von ihm übrig geblieben ist. »Hilfe, Hilfe, Hilfe! Um Gottes willen kommt in das Haus hier!« Eine Menge Leute eilen herbei. Aber niemand kann helfen. Der Lordkanzler dieses Gerichtshofs hier, bis zu seiner letzten Tat seinem Titel getreu, ist den Tod aller Lordkanzler, aller Gerichtshöfe gestorben und aller Behörden an allen Orten, wo falsche Ansprüche unter allen möglichen Namen erhoben werden und die Ungerechtigkeit herrscht. Nennt den Tod, wie Euer Hoheit Lust haben, schreibt ihn zu, wem ihr wollt, oder sagt, er hätte verhindert werden können. Es bleibt immer und ewig derselbe Tod, eingeboren, eingepflanzt, erzeugt von den verdorbnen Säften des verkommenen Körpers selbst: Selbstverbrennung! Spontane, von selbst entstandne Verbrennung und keine andre von all den vielen Todesarten, die der Mensch sterben kann. 33. Kapitel Mr. Smallweed mischt sich ein Jetzt erscheinen die beiden um Rockaufschläge und Knopflöcher herum nicht sehr sauber aussehenden Herren, die schon der letzten Totenschau in der »Sonne« beiwohnten, mit erstaunlicher Schnelligkeit wieder – der emsige und findige Kirchendiener hat sie nämlich atemlos geholt –, stellen Nachforschungen in ganz Cook's Court an, verschwinden im Gastzimmer der »Sonne« und schreiben mit gefräßigen kleinen Federn auf dünnes Papier. Sie notieren in stiller Nacht, die Nachbarschaft von Chancery-Lane sei um die Geisterstunde durch folgende höchst beunruhigende und schreckliche Entdeckung in die fürchterlichste Aufregung versetzt worden. Sie setzen voraus, daß man sich jedenfalls noch erinnern werde, welch peinliches Aufsehen vor einiger Zeit beim Publikum ein gewisser geheimnisvoller Todesfall, infolge Opiumgenusses, in dem ersten Stockwerk eines Hauses, das einem exzentrischen Individuum von hohem Alter und großer Trunksucht, namens Krook, gehörte, gemacht habe, und wie man durch ein höchst merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen denselbigen Krook bei der Totenschau damals in der »Sonne«, einem guten Wirtshaus unmittelbar neben dem in Rede stehenden Hause auf der Westseite und im konzessionierten Besitz eines sehr achtbaren Wirtes, Mr. James George Bogsby, verhört habe. Sie erzählen so ausführlich wie möglich, daß schon einige Stunden vorher, am Abend, die Bewohner von Cook's Court, wo sich der tragische Vorfall ereignet habe, einen sehr eigentümlichen Geruch verspürten. Der Geruch sei zuzeiten so stark gewesen, daß Mr. Swills, ein Coupletsänger in Mr. J. G. Bogsbys Etablissement, wie er unserm Berichterstatter persönlich erzählte, zu Miß M. Melvilleson, einer Dame von bemerkenswertem musikalischem Talent (ebenfalls bei Mr. J. B. Bogsby, für eine Reihe von Konzerten, besser gesagt, harmonischen Assemblees oder Meetings, engagiert), bemerkt habe, die auffallend unreine Atmosphäre griffe Sängerkehlen stark an, bei welcher Gelegenheit er sich des scherzhaften Ausdrucks bediente, er komme sich wie ein leerer Postschalter vor, denn er habe keine einzige Note in sich. Diesen Bericht Mr. Swills hätten zwei sehr intelligente verheiratete Frauen auf demselben Hof, namens Mrs. Piper und Mrs. Perkins, vollständig bestätigt. Beide hatten einen brenzlig stinkenden Geruch bemerkt und seien der Meinung gewesen, er käme aus des verunglückten Krooks Hause. Alles das schreiben die beiden Herren in einem Zuge nieder und schließen anläßlich der traurigen Katastrophe eine Art freundschaftliche Kompagnieschaft, und die jugendliche Bevölkerung des Hofs ist im Nu aus dem Bett und klettert die Läden der Wirtsstube der »Sonne« hinauf, um die Scheitel ihrer Köpfe zu sehen, während sie mit Schreiben beschäftigt sind. Ganz Cook's Court, alt und jung, schläft diese Nacht nicht, hat seine vielen Köpfe in Tücher gehüllt, wendet kein Auge von dem Unglückshaus und schwätzt unaufhörlich. Miß Flite hat man mit Todesmut aus ihrem Zimmer gerettet, als ob es in Flammen stünde, und ihr ein Bett in der »Sonne« angewiesen. Die »Sonne« dreht für diese Nacht weder das Gas aus noch schließt sie die Türen, denn jede Art öffentlicher Aufregung gibt ihr zu verdienen und macht den Hof der Stärkung bedürftig. Seit der Totenschau damals hat das Haus nicht soviel Geschäfte in magenstärkenden Getränken oder Brandy mit heißem Wasser gemacht. Kaum hörte der Kellner von dem Vorfall, krempelte er seine Hemdsärmel bis an die Schultern in die Höhe und sagte: »Jetzt wird's gleich damisch zu tun geben.« Bei dem ersten Lärm ist Jung-Piper um die Feuerspritze geeilt und triumphierend in polterndem Galopp, hoch oben auf dem Phönix sitzend und sich mit äußerster Kraftanstrengung an dem Fabeltier festhaltend, umgeben von Helmen und Fackeln, zurückgekehrt. Nach sorgfältiger Prüfung aller Ritzen und Spalten bleibt aber nur ein einziger Helm zurück und geht langsam mit einem der zwei Polizeimänner, die ebenfalls kommen mußten, vor dem Hause auf und ab. Jedermann in Cook's Court, der einen Sixpence besitzt, zeigt ein unersättliches Verlangen, diesem Trio Gastfreundschaft in flüssiger Form anzubieten. Mr. Weevle und sein Freund Mr. Guppy stehen innerhalb der Bar und dürfen in der »Sonne« alles bestellen, was an Getränken vorhanden ist. Nur dableiben sollen sie. »Das ist nicht die Zeit«, sagt Mr. Bogsby, »um mit Geld zu knickern«, obgleich er hinter dem Ladentisch sehr scharf aufs Geschäft sieht. »Bestellen Sie, meine Herren, bestellen Sie, und Sie sollen haben, was Sie nur mit Namen nennen können.« So gebeten, nennen die beiden Gentlemen, und ganz besonders Mr. Weevle, so vielerlei mit Namen, daß es ihnen im Lauf der Stunden immer schwerer und schwerer wird, überhaupt noch etwas deutlich beim Namen nennen zu können. Aber immer noch erzählen sie jedem neuen Ankömmling mit irgendeiner kleinen Variation, was ihnen zugestoßen ist und was sie gesagt oder gesehen haben. Währenddessen klinkt einer der beiden Polizeimänner von Zeit zu Zeit die Türe auf und späht aus der Dunkelheit draußen herein. Nicht etwa, weil er Verdacht hat, sondern weil er auch gern wissen möchte, was die da drinnen erzählen. So nimmt die Nacht ihren bleiernen Verlauf und findet den Hof in ungewohnten Stunden immer noch außer Bett, immer noch traktierend und traktiert werdend und immer noch sich benehmend wie ein Verein, der unerwartet eine kleine Erbschaft gemacht hat. Dann scheidet die Nacht endlich mit langsamem Schritt, und der Laternenmann macht seinen Rundgang und schlägt wie der Scharfrichter eines despotischen Märchenkönigs die kleinen Flammenköpfe ab, die sich angemaßt haben, die Finsternis zu schädigen. Dann muß der Tag kommen, ob er will oder nicht. Und der Tag sogar, trotz seinem trüben Londoner Auge, kann erkennen, daß Cook's Court die ganze Nacht durchwacht hat. Wie die Gesichter schläfrig auf Tischen ruhen, die Beine auf harten Dielen liegen anstatt in Betten, sehen selbst die Hausfassaden des Hofs müde und matt drein, und als die Nachbarschaft aufwacht und von dem Geschehnis erfährt, strömt sie, nur halb angekleidet, herbei, und die beiden Polizeidiener und der Feuerwehrhelm, äußern Eindrücken viel weniger zugänglich als der Hof, haben alle Hände voll zu tun, um nur die Tür freizuhalten. »Gott im Himmel, meine Herren«, ruft Mr. Snagsby, der jetzt herankommt. »Was höre ich!« »Ist alles wahr«, entgegnet einer der Polizeimänner, »alles wahr, aber, bitte, nicht stehenbleiben!« »Du mein Gott, meine Herren«, sagt Mr. Snagsby, noch während er zurückgedrängt wird. »Ich war gestern abend noch zwischen zehn und elf Uhr an seiner Haustür und sprach mit dem jungen Mann, der dort wohnt.« »Wirklich? Nun, dann werden Sie den jungen Mann hier daneben finden. Nicht stehenbleiben, nicht stehenbleiben, bitte.« »Nicht verletzt, hoffentlich?« fragt Mr. Snagsby. »Verletzt? Nein! Warum sollte er denn verletzt sein?« Mr. Snagsby, ganz außerstande, diese oder irgendeine andere Frage bei seinem verstörten Gemütszustand zu beantworten, begibt sich in die »Sonne« und findet Mr. Weevle, bei Tee und Zwieback gähnend, sichtlich von der überstandenen Aufregung und vielem Tabakrauch erschöpft. »Und Mr. Guppy auch«, stauntMr. Snagsby. »Gott, Gott, Gott! Wie ein Verhängnis scheint alles das. Und meine klei...« Die Fähigkeit zu reden verläßt Mr. Snagsby mitten in den Worten: meine kleine Frau, denn diese schwer geprüfte Dame zu dieser Morgenstunde in die »Sonne« treten und vor der Bierpumpe stehen zu sehen, wie der Geist der Anklage die Augen auf ihn gerichtet, macht ihn verstummen. »Meine Liebe«, sagt Mr. Snagsby, als sich seine Zunge wieder löst, »willst du nicht etwas nehmen, ein wenig – um nicht durch die Blume zu sprechen – einen Tropfen Shrub?« »Nein«, sagt Mrs. Snagsby. »Meine Liebe, du kennst doch diese beiden Herren?« »Ja«, sagt Mrs. Snagsby und nimmt mit steifer Kälte von ihrer Anwesenheit Notiz, Mr. Snagsby immer noch unablässig fixierend. Der getreue Mr. Snagsby kann diese Behandlung nicht länger mehr ertragen. Er nimmt Mrs. Snagsby bei der Hand und führt sie beiseite zu einem an der Wand stehenden Faß. »Mein kleines Frauchen, warum siehst du mich so an? Bitte, tu das doch nicht!« »Ich kann nichts für meine Blicke«, ist die Antwort. Mr. Snagsby entgegnet mit feinem Sanftmutshüsteln. »Wirklich nicht, meine Liebe?« und denkt nach. Dann hustet er seinen Besorgnishusten und sagt: »Das ist ein schreckliches Geheimnis, meine Liebe«, immer noch ganz außer Fassung gebracht durch Mrs. Snagsbys unverwandten Blick. »Schreckliches Geheimnis«, bestätigt Mrs. Snagsby. »Mein kleines Frauchen«, fleht Mr. Snagsby kläglich. »Um Gottes willen, sprich nicht in diesem verbitterten Ton mit mir und sieh mich nicht immer so forschend an. Ich bitte und flehe dich an: Laß das! Gott im Himmel, du traust mir doch nicht am Ende gar zu, jemand bei seiner eigenen Selbstverbrennung mitgeholfen zu haben, meine Liebe.« »Weiß ich nicht«, entgegnet Mrs. Snagsby. Hastig seine unglückliche Lage überschauend, kommt es Mr. Snagsby jetzt fast auch so vor, als sei es wirklich nicht so ganz ausgeschlossen. Hat er doch mit soviel Geheimnisvollem, das in Beziehung zu diesem Hause steht, schon zu tun gehabt, daß vielleicht doch eine Mitschuld an dem gegenwärtigen Vorfall nicht so ganz ausgeschlossen ist. Er wischt sich kraftlos mit seinem Taschentuch die Stirn und schnappt nach Luft. »Meine Liebe«, sagt er ganz unglücklich, »möchtest du mir nicht vielleicht sagen, warum du bei deinem doch sonst so überlegten und taktvollen Benehmen vor dem Frühstück in eine Weinkneipe kommst?« »Warum bist du hier?« fragt Mrs. Snagsby. »Liebe Frau, nur um Näheres über die Umstände des Unglücksfalls, der dem ehrenwerten – selbstverbrannten – Mann passiert ist, zu erfahren.« Mr. Snagsby hat eine Pause gemacht, um ein Stöhnen zu unterdrücken. »Ich hätte dir dann alles beim Frühstück erzählt.« »Ja, ja, selbstverständlich! Sie erzählen mir bekanntlich alles, Mr. Snagsby!« »Alles – mein klei...?« »Es sollte mich freuen«, sagt Mrs. Snagsby, nachdem sie sich mit einem strengen finstern Lächeln an seiner Verwirrung geweidet hat, »wenn du mit mir nach Hause kommen wolltest. Ich glaube, Snagsby, du bist dort sicherer als anderswo.« »Meine Liebe, da hast du allerdings recht; ich gehe sofort mit dir.« Mr. Snagsby sieht sich ratlos in der Bar um, wünscht Mr. Weevle und Mr. Guppy einen guten Morgen, beteuert ihnen seine Freude, daß sie nicht verletzt sind, und geht mit Mrs. Snagsby fort. Noch ehe der Abend kommt, ist sein Zweifel, ob er nicht am Ende doch irgendwie für die Katastrophe, von der jetzt die ganze Nachbarschaft spricht, verantwortlich sei, infolge Mrs. Snagsbys hartnäckigem Festhalten an starren Blicken fast zur Gewißheit geworden. Sein Seelenleid ist so groß, daß er sich schon halb und halb mit dem Gedanken trägt, sich der Justiz zu stellen, um, wenn unschuldig, freigesprochen, im Falle der Schuld jedoch mit der äußersten Härte des Gesetzes bestraft zu werden. Mr. Weevle und Mr. Guppy gehen nach eingenommenem Frühstück nach Lincoln's-Inn, um durch einen kleinen Spaziergang um das Häuserviereck soviel wie möglich all die dunklen Spinnweben der verflossenen Nacht aus ihrem Kopf zu fegen. »Es kann keine günstigere Zeit geben als die gegenwärtige, Tony«, beginnt Mr. Guppy, nachdem sie schweigend den Platz umschritten haben, »um über einen Punkt hinsichtlich dessen wir uns sobald wie nur möglich verständigen müssen, ein paar Worte zu sprechen.« »Ich will dir etwas sagen, William Guppy«, entgegnet Mr. Weevle und sieht seinen Freund mit seinen übernächtigten Augen an. »Wenn es schon wieder so etwas wie eine Verschwörung ist, so sprich gefälligst nicht erst davon. Ich habe vorläufig genug und mag von solchen Dingen weiter nichts wissen. Am Ende fängst du nächstens selbst noch Feuer und fliegst mit einem Knall in die Luft.« Diese Zumutung berührt Mr. Guppy so unangenehm, daß seine Stimme zittert, wie er in moralisierendem Ton anfängt: »Tony, ich hätte wirklich gedacht, was wir heute nacht erlebt haben, wäre für dich eine Lehre fürs ganze Leben, nie wieder anzüglich zu werden.« Mr. Weevle entgegnet: »William, und ich glaubte, es würde für dich eine Lehre sein, nie wieder zu konspirieren, so lange du lebst«, worauf Mr. Guppy sagt: »Wer konspiriert?« »Mein Gott, du.« »O nein, ich nicht.« »Jawohl, du.« »Wer sagt das?« »Ich sage das.« »So, so, du!« »Ja, ich.« Da beide in eine große Aufregung geraten sind, gehen sie eine Weile stumm nebeneinander her, um ihren Ärger ein wenig verrauchen zu lassen. »Tony«, fängt Mr. Guppy wieder an. »Wenn du deinen Freund gefälligst aussprechen ließest, anstatt ihn anzufahren, kämen solche Mißverständnisse nicht vor. Aber du bist jähzornig und überlegst nicht. Trotzdem dir nichts fehlt, Tony, was das Auge erquickt.« »Papperlapapp«, unterbricht ihn Mr. Weevle. »Sag geradeheraus, was du zu sagen hast.« Da Mr. Guppy sieht, daß sein Freund mürrisch und irdisch gestimmt ist, gibt er den zarten Regungen seines Herzens nur durch den verletzten Ton Ausdruck, in dem er wieder anfängt: »Tony, wenn ich sage, daß es einen Punkt gibt, über den wir uns sobald wie möglich verständigen müssen, so sage ich das ohne den geringsten Hinweis auf irgendwelche Verschwörungspläne, und mögen sie noch so unschuldiger Natur sein. Du weißt, daß wir Juristen bei allen Fällen vorerst feststellen müssen, wie die Zeugenaussagen zu lauten haben. Ist es wünschenswert oder nicht, daß wir uns über die Tatsachen bei dem Tod dieses unglücklichen alten Mo... Gentleman klar werden?« Mr. Guppy hatte Mogul sagen wollen, aber sich rechtzeitig zu Gentleman, als den gegebenen Verhältnissen besser angepaßt, entschlossen. »Was für Tatsachen denn?« »Die mit dem Vorfall in Verbindung stehenden Tatsachen! Sie sind«, – Mr. Guppy zählt sie an den Fingern ab – »was wir von seiner Lebensweise wußten, wann du ihn zuletzt sahst, in welchem Zustand er damals war, was wir entdeckten und wie es geschah.« »Ja«, gibt Mr. Weevle zu. »Das sind so die Tatsachen.« »Wir entdeckten das Unglück deshalb, weil er dir in seiner exzentrischen Weise um Mitternacht ein Rendezvous gegeben hat, um sich gewisse Schriften erklären zu lassen, wie schon früher öfter, weil er selbst nicht lesen konnte. Ich war des Abends auf Besuch bei dir, wurde von dir hinuntergerufen, – und so weiter. Da sich die Untersuchung bloß auf die näheren Umstände des Todesfalls zu erstrecken hat, ist es nicht notwendig, über diese Tatsachen hinauszugehen. Das wirst du mir wohl zugeben!« »Ja«, entgegnet Mr. Weevle. »Ich glaube, es ist nicht notwendig.« »Vielleicht hältst du das auch für eine Verschwörung«, sagt Guppy verletzt. »Wenn es sich nicht um Schlimmeres handelt als das, nehme ich meine Worte zurück.« »Nun, Tony«, Mr. Guppy nimmt wieder den Arm seines Begleiters und geht langsam mit ihm weiter, »möchte ich gern als dein Freund wissen, ob du schon jemals über die vielen Vorteile nachgedacht hast, die dir daraus erwachsen können, daß du dort wohnst.« »Wie meinst du das?« fragt Tony und bleibt stehen. »Ob du schon über die vielen Vorteile deines Dortwohnenbleibens nachgedacht hast?« wiederholt Mr. Guppy und geht mit ihm weiter. »Wo, dort? Dort?« Mr. Weevle weist nach dem Hadern- und Flaschenladen. Mr. Guppy nickt. »Nicht um alles, was du mir überhaupt bieten könntest, möchte ich auch nur eine Nacht dort zubringen«, sagt Mr. Weevle und starrt seinen Freund entsetzt an. »Ist das wirklich dein Ernst, Tony?« »Mein Ernst? Sehe ich danach aus, als ob ich spaße«, sagt Mr. Weevle mit einem Schauer. »Dann würde also die Möglichkeit oder, besser gesagt, die Wahrscheinlichkeit, auf immer im ungestörten Besitz der Habseligkeiten zu bleiben, die einem alleinstehenden alten Mann, der wahrscheinlich auf der ganzen Welt nicht einen einzigen Verwandten hatte, gehörten, oder die Gewißheit, je herauszukriegen, was er eigentlich dort aufgespeichert hat, bei dir gar nicht ins Gewicht fallen, wenn ich dich recht verstehe, Tony?« sagt Mr. Guppy und kaut ärgerlich an seinem Daumennagel. »Gewiß nicht. So kaltblütig davon zu sprechen, man solle dort gar noch wohnen bleiben!« ruft Mr. Weevle entrüstet. »Wohn du doch dort.« »O! Ich, Tony!« sagt Mr. Guppy besänftigend. »Ich habe nie dort gewohnt und könnte auch jetzt gar kein Logis dort bekommen, während du bereits Mieter bist.« »Du sollst mir stets willkommen sein«, gibt sein Freund zur Antwort, »und – pfui Teufel – kannst dich dort häuslich einrichten.« »Du willst also wirklich und wahrhaftig die Sache bei diesem Punkt aufgeben, wenn ich dich recht verstehe, Tony?« »Du hast nie ein wahreres Wort in deinem ganzen Leben gesprochen«, bestätigt Tony im Tone felsenfester Überzeugung. »Ja, ich gebe es auf.« Während sie noch sprechen, kommt eine Droschke in den Hof gefahren, und auf dem Bock derselben zeigt sich dem staunenden Publikum ein sehr hoher Zylinder. In der Kutsche selbst, und daher den Augen der Menge nicht so sichtbar, wohl aber zur Genüge den beiden Freunden, denn der Wagen macht fast unmittelbar vor ihnen Halt, sitzt das ehrwürdige Paar Mr. und Mrs. Smallweed in Begleitung ihrer Enkelin Judy. Die ganze Familie verrät in ihren Mienen Hast und Aufregung, und während der Zylinder mit Mr. Smallweed jr. darunter vom Bock steigt, steckt Mr. Smallweed senior den Kopf aus dem Fenster und kreischt Mr. Guppy zu: »Wie geht's, wie geht's, Sir?« »Was Hühnchen und seine Familie zu so früher Morgenstunde hier wollen, möcht ich wirklich gerne wissen«, brummt Mr. Guppy und nickt seinem Vertrauten zu. »Verehrtester!« ruft Großvater Smallweed, »möchten Sie mir nicht den Gefallen erweisen, Sie und Ihr Freund, und so außerordentlich gütig sein, mich in das Wirtshaus zu tragen, während Bart und seine Schwester ihre Großmutter nachbringen? Würden Sie wohl einem alten Mann die Freundlichkeit erweisen, Sir?« Mr. Guppy wirft Tony einen Blick zu und wiederholt fragend: »In das Wirtshaus in Cook's Court?« Dann schicken sie sich an, die ehrwürdige Bürde in die »Sonne« zu tragen. »Hier haben Sie Ihr Fahrgeld«, sagt der Patriarch mit einem grimmigen Zähnefletschen zu dem Kutscher und droht ihm mit seiner ohnmächtigen Faust. »Wenn Sie sich unterstehen, einen Penny mehr zu verlangen, gehe ich zu Gericht. – Meine lieben jungen Herren, bitte, bitte, nur recht vorsichtig. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Arme um den Hals lege. Ich werde Sie so wenig wie nur möglich drücken. O Gott, o Himmel, ach, meine Knochen!« Es ist gut, daß die »Sonne« nicht weit ist, denn Mr. Weevle sieht ganz apoplektisch aus, ehe noch der halbe Weg zurückgelegt ist. Aber ohne weitere Verschlimmerung dieser Symptome, nur unter lautem Ächzen, was auf erschwertes Atmen schließen läßt, schleppt er seine Bürde, und der wohlwollende alte Herr wird wunschgemäß in der Gaststube der »Sonne« abgesetzt. »O Gott!« krächzt Mr. Smallweed und sieht sich im Lehnstuhl atemlos um. »Gott im Himmel! Meine Knochen und mein Rücken! O Gott, diese Schmerzen! Setz dich doch nieder, du veitstanzender humpelnder Papagei, du! Setz dich doch nieder!« Die Ursache dieser an Mrs. Smallweed gerichteten Aufforderung ist eine Schwäche der unglücklichen alten Dame, immer herumzuhumpeln und auf leblose Gegenstände loszufahren, wenn sie einmal auf den Beinen ist, wobei sie mit lautem Schnattern diese Art Hexentanz begleitet. Vielleicht ist ein Nervenleiden die Ursache dieser Demonstrationen oder irgendeine unergründliche blödsinnige Absicht der armen Alten. Augenblicklich benimmt sie sich so besonders lebhaft einem Windsor-Lehnstuhl, dem Gegenstück zu dem, in dem Mr. Smallweed sitzt, gegenüber, daß sie nicht eher zur Ruhe kommt, als bis ihre Enkelkinder sie hineinsetzen und darin festhalten. Währenddessen bedenkt sie ihr Herr und Gatte mit großer Zungengeläufigkeit mit dem Epitheton einer schweinsköpfigen Schnatterelster, das er erstaunlich oft wiederholt. »Mein lieber Herr«, wendet sich Großvater Smallweed dann zu Mr. Guppy, »es hat sich hier ein Unglück ereignet. Haben Sie oder Ihr Freund davon gehört?« »Davon gehört! Wir haben es doch entdeckt!« »Sie haben es entdeckt! Sie beide haben es entdeckt! Bart! Sie haben es entdeckt!« Die beiden Entdecker stieren die Smallweeds an, und diese geben das Kompliment zurück. »Meine werten Freunde«, winselt Großvater Smallweed und streckt beide Hände aus. »Tausend Dank, daß Sie das traurige Amt übernommen haben, die Asche meines Schwagers zu entdecken.« »Wie... Wieso?« stottert Mr. Guppy. »Mrs. Smallweeds Bruder, mein lieber Freund, ihr einziger Verwandter. Wir standen nicht auf gutem Fuß miteinander, was jetzt sehr zu beklagen ist. Aber er wollte es nicht anders. Er konnte uns nicht leiden. Er war exzentrisch. Er war sehr exzentrisch. Wenn er nicht ein Testament hinterlassen hat, was wohl nicht wahrscheinlich ist, lasse ich mir eine Art Administrationsbewilligung ausstellen. Ich bin hergefahren, um nach meinem Eigentum zu sehen. Es muß versiegelt und beschützt werden. Ich bin hergefahren«, wiederholt Großvater Smallweed und krallt mit allen zehn Fingern in der Luft herum, »um die Hinterlassenschaft unter meine Obhut zu nehmen.« »Ich dächte, Small«, sagt Mr. Guppy enttäuscht, »du hättest uns auch sagen können, daß Mr. Krook dein Onkel war.« »Ihr habt beide so geheimnisvoll mit ihm getan, daß ich glaubte, es wäre euch am liebsten, wenn ich's ebenso machte«, entgegnet der uralte Vogel mit einem unterdrückten Glitzern im Auge. »Übrigens war ich nicht besonders stolz auf ihn.« »Und dann ging es Sie nichts an, ob er unser Onkel war oder nicht«, sagt Judy, ebenfalls mit einem Glitzern im Auge. »Er hat mich in seinem Leben nie gesehen oder gekannt«, bemerkt Small. »Ich weiß wirklich nicht, warum ich von dem Alten hätte sprechen sollen.« »Nein. Er verkehrte nie mit uns, was sehr zu beklagen ist«, bestätigt der alte Herr. »Aber ich bin hergekommen, um die Hinterlassenschaft unter meine Obhut zu nehmen, die Papiere durchzusehen, die Hinterlassenschaft unter meine Obhut zu nehmen. Wir werden unsre Ansprüche beweisen. Die Dokumente sind in den Händen meines Anwalts. Mr. Tulkinghorn in Lincoln's-Inn-Fields drüben ist so freundlich, mich zu vertreten, und unter seinen Füßen wächst kein Gras mehr, das kann ich Ihnen versichern. Krook war Mrs. Smallweeds einziger Bruder. Sie hatte keinen Verwandten als Krook, und Krook keine Verwandte als Mrs. Smallweed. Ich spreche von deinem Bruder, du Höllenschwefelkakerlak. Sechsundsiebzig Jahre alt war er.« Mrs. Smallweed fängt unverzüglich an, mit dem Kopf zu wackeln und aufzuquieken: »Sechsundsiebzig Pfund, sieben Schilling, sieben Pence! Sechsundsiebzigtausend Sack Geld! Sechsundsiebzigtausend Millionen Paket Banknoten!« »Möchte mir nicht jemand ein Quartseidel hergeben!« ruft voll Wut ihr Gatte, sich hilflos nach irgendeinem Wurfgeschoß umsehend. »Kann mir niemand einen Spucknapfreichen! Ist denn gar nichts Hartes oder Spitziges da, das man auf sie werfen könnte. Du Hexe, du Katze, Mistviech, Höllenschwefelkläffer!« Hier wirft Mr. Smallweed in überschäumender wuterfüllter Beredsamkeit in Ermanglung von etwas anderm tatsächlich Judy selbst nach ihrer Großmutter, das heißt, er stößt die liebliche Jungfrau mit aller Kraft, die er aufbieten kann, auf die alte Dame los und sinkt in seinem Stuhl zu einem Haufen zusammen. »Schüttelt mich doch auf, irgendeiner!« sagt dann eine Stimme in dem schwarzen zappelnden Kleiderbündel, zu dem er zusammengesunken ist. »Ich bin hergekommen, um den Besitz in meine Obhut zu nehmen. Schütteln Sie mich und rufen Sie die Polizei daneben, damit ich alles auseinandersetzen kann. Mein Anwalt wird gleich hier sein, um die Hinterlassenschaft unter seine Obhut zu nehmen. Deportation oder Galgen für jeden, der sich untersteht, die Hinterlassenschaft anzurühren.« Wie seine pflichtgetreuen Enkelkinder ihn aufrichten und mit ihm das gewohnte Wiederbelebungsverfahren mit Schütteln und Puffen vornehmen, wiederholt er immer noch wie ein Echo: »Die Hinterlassenschaft! Die – die Hinterlassenschaft – Hi-Hin-Hinterlassenschaft.« Mr. Weevle und Mr. Guppy sehen einander an. Ersterer scheint die ganze Sache jetzt erst recht aufgegeben zu haben, letzterer macht ein enttäuschtes Gesicht, als habe er bis dahin immer noch eine leise Hoffnung gehegt. Aber gegen die Ansprüche der Familie Smallweed läßt sich nichts tun. Mr. Tulkinghorns Schreiber kommt von seinem Pult in der Kanzlei herab, um der Polizei zu melden, daß Mr. Tulkinghorn für die Richtigkeit der Ansprüche der Nächstverwandten stehe und daß man zur gehörigen Zeit die Papiere und Habseligkeiten in gesetzlicher Form mit Beschlag belegen werde. Mr. Smallweed erhält sofort Erlaubnis, sein Verwandtschaftsrecht insoweit auszuüben, daß er eine Trauervisite in dem Haus machen darf. Er läßt sich in Miß Flites verlassnes Zimmer tragen und nimmt sich dort wie ein neu zu der Vogelsammlung hinzugekommener Aasgeier aus. Das Lauffeuer von der Ankunft dieses unerwarteten Erben ist abermals segenspendend für die »Sonne«, da es Cook's Court in seiner Aufregung erhält. Mrs. Piper und Mrs. Perkins meinen, es sei eine Ungerechtigkeit gegen den jungen Mann, wenn sich wirklich kein Testament vorfinden sollte, und man müßte ihm aus der Hinterlassenschaft ein anständiges Geschenk machen. Den ganzen Tag über spielen Jung-Piper und Jung-Perkins als Mitglieder des ruhelosen jugendlichen Kreises, der der Schrecken aller Fußgänger durch Chancery-Lane ist, hinter Brunnen und hinter dem Torweg Selbstverbrennung, und wildes Geheul und Gebrüll umtost ihre Leichen. Der kleine Swills und Miß M. Melwilleson lassen sich mit ihren Gönnern in leutselige Gespräche ein, denn sie fühlen, daß solch ungewöhnliche Vorfälle die Schranken zwischen künstlerischen und nichtkünstlerischen Berufen verwischen. Mr. Bogsby erhebt »das Volkslied vom König Tod unter Beiwirkung sämtlicher musikalischer Kräfte des Ensembles zum großen harmonischen Clou der Woche« und zeigt auf dem Zettel an, »daß J.G.B, sich veranlaßt sehe, die beträchtlichen Mehrunkosten mit Rücksicht auf den allgemeinen Wunsch und in Hinblick auf den traurigen Vorfall der letzten Tage, der soviel Aufsehen gemacht hat, selbst zu tragen«. Eins besonders beschäftigt den Hof angelegentlich. Nämlich, daß man bei dem Begräbnis an einem Sarg für einen Erwachsenen festzuhalten habe, wenn auch noch so wenig hineinzutun wäre. Des Leichenbesorgers Versicherung in der Bar der »Sonne«, daß ein »sechs Schuh langer« bereits bestellt sei, behebt die allgemeine Sorge, und man zollt Mr. Smallweeds Benehmen höchste Anerkennung. Außerhalb des Hofs herrscht in allen möglichen Kreisen ebenfalls große Aufregung. Naturforscher und Männer der Wissenschaft wollen alle etwas sehen, und Wagen setzen Doktoren an der Ecke ab, die in derselben Absicht gekommen sind. Man hört mehr von entzündlichen Gasen und Phosphorwasserstoff sprechen, als es sich der Hof jemals hätte träumen lassen. Einige der Autoritäten, selbstverständlich die aufgeklärtesten, behaupten mit Entrüstung, daß der Verstorbne kein Recht hatte, so zu sterben. Sie betrachten des seligen Mr. Krooks Dickschädligkeit, mit der er zu seinem Ausgang aus der Welt einen solchen Nebenpfad gewählt hat, für höchst ungerechtfertigt und geradezu persönlich beleidigend. Es hilft nichts, daß andre Autoritäten sie an eine gewisse Untersuchung dieser Sorte von Todesfällen erinnern, die im sechsten Band der »Philosophischen Abhandlungen« abgedruckt ist, ferner an ein gewisses nicht ganz unbekanntes Buch über englische Gerichtsmedizin, an den Fall der italienischen Gräfin Cornelia Baudi, ausführlich erzählt von dem Stiftsgeistlichen Bianchini in Verona, der ein paar gelehrte Werke schrieb und zu seiner Zeit gelegentlich ein nicht ganz unvernünftiger Mann genannt worden sein soll, ferner an das Zeugnis der Herren Foderé und Mere, zweier unangenehmer und höchst lästiger Franzosen, die schon damals durchaus solchen Vorkommnissen auf die Grundursache kommen wollten, und endlich auf das unumstößliche Zeugnis Monsieur le Cats, des berühmten französischen Chirurgen, der die Rücksichtslosigkeit besessen hatte, in einem Hause zu wohnen, wo sich ein solcher Fall ereignete, und sogar einen Bericht darüber abzufassen. Je weniger der Hof von all dem versteht, desto mehr gefällt es ihm und desto größeren Genuß findet er an den Vorräten in der »Sonne«. Dann erscheint der Künstler einer illustrierten Zeitung mit einem bereits vorgezeichneten Vordergrund – nebst Figuren – für alles, vom Schiffbruch an der Küste von Cornwallis angefangen bis zu einer Revue im Hydepark oder einer Volksversammlung in Manchester, passend –und zeichnet von Mrs. Perkins eignem Zimmer aus, das dadurch für alle Zeiten unsterblich wird, Mr. Krooks Haus außerordentlich groß, sozusagen in Überlebensgröße, denn er macht einen wahren Tempel daraus. Ebenso entwirft er das Unglückszimmer, in das man ihm erlaubt hat, einen Blick zu werfen, ungefähr dreiviertel Meilen lang und fünfzig Meter hoch, worüber sich der Hof besonders freut. Die ganze Zeit über wimmeln die beiden bereits erwähnten Herren mit den schäbigen Knopflöchern in jedem Hause herum, wohnen den gelehrten Disputationen bei, stecken überall die Nase hinein und machen lange Ohren. Beständig verschwinden sie dann wieder in das Gastzimmer der »Sonne« und schreiben mit den gefräßigen kleinen Federn auf dünnes Papier. Endlich kommt der Totenbeschauer mit seinen Geschworenen, wie schon damals, nur hebt er diesen Fall als etwas Ungewöhnliches hervor und äußert – inoffiziell – gegen die Herren von der Jury: Das Haus nebenan, meine Herren, scheint ein Unglückshaus zu sein, aber so was kommt eben manchmal vor, und das sind Geheimnisse, die wir nicht erklären können. Sodann kommt der »sechs Schuh lange« aufs Tapet und wird sehr bewundert. Bei alledem spielt Mr. Guppy eine höchst unbedeutende Rolle, außer bei Ablegung seiner Zeugenaussage. Vorläufig kann er sich vor dem geheimnisvollen Haus herumtreiben, wo er, zu seinem größten Ärger, Mr. Smallweed ein Vorhängschloß an der Tür befestigen sieht, was soviel bedeutet, daß er nicht mehr hinein darf. Aber ehe alles vorüber ist, das heißt, am Abend nach der Katastrophe, muß Mr. Guppy Lady Dedlock unbedingt berichten gehen. Aus diesem Grund erscheint der junge Mann namens Guppy mit bangem Herzen und zerknirscht vor Schuldbewußtsein, das Furcht und langes Wachsein in der »Sonne« erzeugt haben, im Stadtpalais gegen sieben Uhr abends und will mit Mylady sprechen. Der Merkur gibt zur Antwort, daß sie gerade zu einem Diner ausfahren will, und ob er denn nicht den Wagen vor der Tür stehen sehe? Ja, er sieht den Wagen vor der Tür, wünscht aber dennoch Mylady zu sprechen. Der Merkur ist geneigt, wie er voraussichtlich gleich einem Kameraden erklären wird, »dem jungen Mann eins zu geben«, aber er hat bestimmten Befehl. Deshalb meint er mürrisch, der junge Mann müsse wohl mit in die Bibliothek hinaufkommen. Dort läßt er ihn in dem großen, nicht übermäßig hellen Zimmer stehen, während er ihn anmeldet. Mr. Guppy sieht sich nach allen Richtungen in der Dämmerung um und entdeckt das gewisse verkohlte, mit weißer Asche bestreute Stück Holz, das er nicht loswerden kann, in jeder Ecke. Gleich darauf hört er ein Rauschen. Ist es ein Geist? Nein, es ist kein Gespenst, sondern Fleisch und Blut, prachtvoll gekleidet. »Ich habe Euer Gnaden um Entschuldigung zu bitten«, stammelt Mr. Guppy sehr niedergeschlagen. »Es ist dies eine sehr unpassende Zeit...« »Ich sagte Ihnen, Sie könnten zu jeder Zeit kommen.« Mylady nimmt einen Stuhl und sieht ihn unverwandt an wie das letzte Mal. »Danke verbindlichst, Euer Gnaden. Euer Gnaden sind sehr gütig.« »Sie können Platz nehmen.« Ihr Ton ist durchaus nicht gütig. »Ich weiß nicht, Euer Gnaden, ob es der Mühe wert ist, mich zu setzen und Sie aufzuhalten, denn ich – ich habe die Briefe, von denen ich neulich sprach, als ich die Ehre hatte, der Allergnädigsten meine Aufwartung zu machen, nicht bekommen.« »Sind Sie bloß deswegen hier, um mir das zu sagen?« »Bloß, um Ihnen das zu sagen, Euer Gnaden.« Mr. Guppy ist sehr deprimiert, sehr enttäuscht und befangen, aber der Glanz und die Schönheit Myladys bringen ihn noch um seinen Rest von Fassung. Sie kennt die Wirkung ihrer Erscheinung vollkommen. Sie hat sie zu gut studiert, um auch nur die geringste Spur ihres Eindrucks auf andre zu übersehen. Wie sie ihn so fest und kalt anblickt, fühlt er nicht bloß, daß er hoffnunglos hinsichtlich dessen, was sie sich denkt, führerlos im Dunkel tappt, sondern ihr auch sozusagen von Sekunde zu Sekunde weiter entrückt wird. Sie will nicht sprechen, das ist klar. Also muß er anfangen. »Kurz, Euer Gnaden«, sagt er zerknirscht wie ein reuiger Dieb, »die Person, von der ich die Briefe bekommen sollte, ist plötzlich gestorben und...« Lady Dedlock vollendet ruhig den Satz: »und die Briefe sind mit ihr vernichtet?« Mr. Guppy möchte nein sagen, wenn er könnte, aber er ist nicht imstande, sich zu verstellen. »Ich glaube ja, Euer Gnaden.« Ob er jetzt in ihrem Gesicht auch nur die leiseste Spur von Erleichterung sehen könnte? Nein, er könnte nichts derart sehen, selbst wenn ihre eisige Miene ihn nicht gänzlich aus der Fassung brächte. Er stammelt ein paar ungeschickte Worte der Entschuldigung, daß der Plan fehlgeschlagen ist. »Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?« fragt Lady Dedlock, nachdem sie ihn ruhig hat ausstottern lassen. Mr. Guppy glaubt, das sei alles. »Überlegen Sie sich wohl, ob Sie mir nichts weiter zu sagen haben, denn es ist das letzte Mal, daß Ihnen Gelegenheit dazu geboten ist.« Mr. Guppy ist fest davon überzeugt. »Das genügt. Ich erlasse Ihnen Ihre Entschuldigungen. Guten Abend.« Und Mylady klingelt dem Merkur, um den jungen Mann namens Guppy hinunterführen zu lassen. Nun befindet sich im Hause zufällig in demselben Augenblick auch ein alter Mann namens Tulkinghorn. Und dieser alte Mann geht jetzt mit lautlosem Schritt zur Bibliothek und legt gerade die Hand auf die Türklinke, tritt ein und steht dem jungen Mann gegenüber, als dieser das Zimmer verläßt. Ein Blick fliegt zwischen dem Alten und Mylady hin und her, und eine Sekunde lang geht der Vorhang, der immer über sein Gesicht gezogen ist, empor. Verdacht, scharf und heftig, blitzt in Mr. Tulkinghorns Auge auf. In der nächsten Sekunde ist alles wieder vorbei. »Ich bitte um Verzeihung, Lady Dedlock. Ich bitte tausend Mal um Verzeihung. Es ist sehr ungewöhnlich, Sie zu dieser Stunde hier zu finden. Ich nahm an, das Zimmer sei leer. Ich bitte um Verzeihung.« »Ach, bleiben Sie nur!« Sie ruft ihn nachlässig zurück. »Bitte, bleiben Sie nur. Ich fahre gerade zum Diner. Ich habe dem jungen Mann weiter nichts zu sagen.« Fassungslos verbeugt sich der junge Mann beim Hinausgehen und hofft untertänigst, daß sich Mr. Tulkinghorn wohl befinde. »Es macht sich«, sagt der Advokat und sieht Guppy unter den Augenbrauen hinweg an, obgleich er nicht nötig hat, noch einmal hinzusehen – er gewiß nicht. »Bei Kenge \& Carboy, nicht wahr?« »Bei Kenge \& Carboy, Mr. Tulkinghorn. Mein Name ist Guppy, Sir.« »Ja, richtig. Ich danke Ihnen, Mr. Guppy, es geht mir gut.« »Sehr erfreut zu hören, Sir. Es kann Ihnen nicht zu gut gehen, Sir, zu Ehren unsres Standes.« »Danke, Mr. Guppy.« Mr. Guppy drückt sich hinaus. Mr. Tulkinghorn, in seinem altmodischen stumpfen Schwarz, ein seltsamer Gegensatz zu Lady Dedlocks Glanz, geleitet sie die Treppe hinunter an den Wagen. Er kommt wieder zurück und reibt sich das Kinn. Reibt es sich im Lauf des Abends sehr oft. 34. Kapitel Unter der Schraube »Was mag das sein, möchte ich gern wissen?« sagt Mr. George. »Eine Platzpatrone oder eine scharfe? Brennt's nur auf der Pfanne oder ist es ein Schuß?« Ein Brief beschäftigt den Kavalleristen und scheint ihm gewaltiges Kopfzerbrechen zu machen. Er hält ihn mit ausgestrecktem Arm vor sich hin, hält ihn dicht vor die Augen, nimmt ihn in die rechte Hand, nimmt ihn in die linke Hand, liest ihn, den Kopf auf die Seite gelegt, liest ihn, den Kopf auf die andre Seite gelegt, zieht die Augenbrauen zusammen, zieht sie in die Höhe und kann doch nicht ins klare kommen. Er streicht den Brief mit seiner schweren Hand auf dem Tisch glatt, geht gedankenvoll in der Galerie auf und ab und steht dann und wann still, um das Schreiben abermals anzusehen. Selbst das nützt nichts. Ist es eine Platzpatrone oder eine scharfe? überlegt Mr. George immer noch. Phil Squod ist mit einem Pinsel und einem Farbtopf im Hintergrund beschäftigt, die Schießscheiben weiß anzustreichen. Er pfeift sich dabei im Geschwindschrittempo eins. »Phil!« Der Kavallerist winkt. Phil kommt in seiner gewohnten Art näher und schiebt sich seitlich an der Wand entlang, wie wenn er vorhätte, anderswo hinzugehen, um dann wie zu einem Bajonettangriff auf seinen Kommandeur loszustürzen. Einzelne Spritzer weißer Farbe stechen grell von seinem schmutzigen Gesicht ab, und er kratzt sich seine einzige Augenbraue mit dem Stiel des Pinsels. »Gib acht, Phil. Hör mal zu!« »Zu Befehl, Kommandeur.« »Sir. Ich erlaube mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, obgleich ich, wie Sie wohl wissen, gesetzlich dazu nicht verpflichtet bin, daß der Wechsel über 97 £ 4 sh. und 9 d. auf zwei Monate Ziel, von Mr. Matthew Bagnet auf Sie gezogen und von Ihnen akzeptiert, morgen fällig ist, und bitte Sie, die Tratte bei Vorkommen pünktlich zu honorieren. Ihr Josua Smallweed.« »Was soll das bedeuten, Phil?« »Unheil, Govner!« »Wieso?« »Ich glaube«, entgegnet Phil und folgt mit dem Pinselstiel nachdenklich einer Querfalte auf seiner Stirn, »daß allemal Unheil im Zuge ist, wenn einer Geld will.« »Schau mal, Phil«, sagt der Kavallerist und setzt sich auf den Tisch. »Erstens und letztens habe ich, kann ich wohl sagen, die Hälfte mehr an Zinsen nach und nach, als das Kapital beträgt, bezahlt.« Phil tritt ein paar Schritte seitlich zurück und schneidet ein saures Gesicht und gibt dadurch zu verstehen, daß ihm durch diesen Einwand die Sache nicht hoffnungsvoller zu werden scheint. »Und zweitens, schau, Phil«, sagt der Kavallerist und weist solche voreiligen Schlüsse mit einer Handbewegung zurück. »Es war immer stillschweigend ausgemacht, daß der Wechsel prolongiert werden sollte, wie sie's nennen, und er ist oft genug prolongiert worden. Was sagst du jetzt dazu?« »Ich sage, ich glaube, damit ist's jetzt aus.« »So, meinst du? Hm! Ich bin so ziemlich derselben Meinung.« »Josua Smallweed ist wohl der, den sie damals im Stuhl hierher getragen haben, Govner?« »Jawohl.« »Govner«, sagt Phil außerordentlich ernst, »er ist ein Blutegel von Natur, eine Schraube und ein Schraubstock in seinen Taten, eine Schlange, was seine Umschlingungen, und ein Hummer, was die Scheren betrifft.« Nachdem Mr. Squod so ausdrucksvoll seine Ansichten geäußert und ein wenig gezögert hat, um zu sehen, ob man noch weiteres von ihm erwarte, begibt er sich wieder zu seiner Scheibe und deutet auf seine frühere musikalische Art kraftvoll an, daß er: Kehret heim aus dem Feld, Kehret heim aus dem Feld, Heim zum Mädchen, das er verla-ha-ssen. George hat den Brief zusammengelegt und tritt zu ihm. »Es gibt schon einen Weg, die Sache abzumachen, Kommandeur«, sagt Phil und sieht seinen Herrn schlau an. »Das Geld bezahlen, was? Ja, wenn ich das könnte.« Phil schüttelt den Kopf. »Nein, Govner, nein. Etwas Besseres. Es gibt einen Weg. Sehen Sie: so«, sagt Phil mit einer hochkünstlerischen Schwenkung seines Pinsels. »Einen Strich drüber machen?« Phil nickt. »Das wäre mir ein hübscher Ausweg! Weißt du, was dann aus den Bagnets werden würde? Weißt du, daß sie dann meine Schulden bezahlen müßten und zugrunde gerichtet wären. Du bist mir ein netter Kerl«, sagt der Kavallerist und sieht Phil entrüstet an. »Meiner Seel, ein netter Kerl, Phil!« Phil, seine Scheibe auf dem Knie, will gerade ernstlich protestieren, wenn es auch nicht ohne viele allegorische Schwenkungen seines Pinsels und Glätten des weißen Randes mit dem Daumen abgeht, und beteuern, er habe die Bagnets ganz vergessen und würde keinem Mitglied dieser würdigen Familie auch nur ein Haar krümmen, als man draußen im Einlaß Schritte kommen und eine muntere Stimme fragen hört, ob George zu Hause sei. Mit einem Blick auf seinen Herrn humpelt Phil ein paar Schritte weit und sagt: »Hier ist der Govner, Mrs. Bagnet! Hier.« Begleitet von ihrem Mann, erscheint die Alte. Ist Mrs. Bagnet marschbereit, so ist sie immer mit einem grauen groben, und wenn auch sehr reinlichen, so doch sehr abgetragnen Tuchmantel ausgerüstet – demselben Kleidungsstück, von dem Mr. Bagnet damals sagte, es habe mit Mrs. Bagnet und einem Regenschirm zusammen die Reise aus fremden Weltteilen nach Hause gemacht. Der Schirm ist ebenfalls ein unzertrennlicher Begleiter der guten Frau, wenn sie sich auf die Straße begibt. Er ist von keiner in diesem Leben bekannten Farbe und hat einen runzligen hölzernen Haken als Griff mit einem Stück Blech daran. Er ist bauchig und scheint sehr eines Schnürleibs zu bedürfen, eine Eigentümlichkeit, die wahrscheinlich daher kommt, daß er eine Reihe von Jahren zu Hause als Vorratskammer und auf Reisen als Handtasche gedient hat. Sie spannt ihn niemals auf, da sie das größte Zutrauen auf ihren schwergeprüften Mantel und seine geräumige Kapuze hat, und gebraucht ihn nur als Stock, um damit beim Einkaufen auf Fleischstücke oder Gemüsebündel zu deuten oder durch einen freundschaftlichen Stich die Aufmerksamkeit der Höker zu erregen. Auch ohne ihren Marktkorb, eine Art geflochtenen Brunnen mit zwei großen Deckeln, geht sie nie aus. Von diesen beiden getreuen Gefährten begleitet und das ehrliche sonnenverbrannte Gesicht unter einen großen Strohhut gebunden, erscheint jetzt Mrs. Bagnet, frisch und munter aussehend, in Georges Schießgalerie. »Nun, George, alter Bursche«, sagt sie, »wie geht's an diesem schönen Morgen?« Sie schüttelt dem Galeriedirektor freundlich die Hände, holt tief Atem und setzt sich hin, um sich auszuruhen. Gewöhnt, auf Bagagewagen oder auf ähnlich bequemen Lagerstätten zu ruhen, hockt sie sich auf eine schmale Holzbank, schiebt den Hut zurück, löst seine Bänder, verschränkt die Arme und befindet sich dem Anschein nach höchst behaglich. Unterdessen hat Mr. Bagnet seinem alten Kameraden und Mr. Squod die Hand geschüttelt. Mrs. Bagnet hat Phil bereits mit einem freundlichen Nicken und Lächeln bedacht. »Na, George«, sagt Mrs. Bagnet heiter, »hier sind wir, Lignum und ich.« Sie gibt ihrem Mann oft diesen Namen, wahrscheinlich, weil sein Spitzname: »lignum vitae« im Regiment war, als sie ihn kennenlernte – wegen der besondern Härte und Zähigkeit seiner Physiognomie. – »Wir kommen bloß, um alles wegen der Bürgschaft in Ordnung zu bringen. Geben Sie den neuen Wechsel zum Unterschreiben her, George.« »Ich wollte diesen Morgen zu euch kommen«, bemerkt der Kavallerist zögernd. »Ja, wir dachten es uns, aber wir sind zeitig ausgegangen und ließen Woolwich zum Schutz seiner Schwestern zurück und zogen es vor, selber zu Ihnen zu kommen, wie Sie sehen. Lignum ist jetzt so angebunden und hat so wenig Bewegung, daß ein Spaziergang ihm nur gut tun kann. Aber was ist denn los, George?« unterbricht Mrs. Bagnet ihre fröhliche Rede. »Was machen Sie denn für ein Gesicht?« »Ich – ich«, entgegnet der Kavallerist, »ich habe Verdruß gehabt, Mrs. Bagnet.« Ihr rasches helles Auge errät augenblicklich die Wahrheit. »George«, sagt sie und hält den Zeigefinger in die Höhe, »sagen Sie mir nicht, daß etwas mit der Bürgschaft Lignums nicht in Ordnung ist? Sagen Sie das nicht, George, von wegen unsrer Kinder!« Der Kavallerist sieht sie mit verstörtem Gesicht an. »George«, sagt Mrs. Bagnet, bewegt unruhig die Arme und schlägt sich gelegentlich mit der flachen Hand auf die Knie, »wenn Sie mit dieser Bürgschaft irgend etwas haben geschehen lassen oder Lignum im Stich gelassen haben oder uns der Gefahr aussetzen, gepfändet zu werden – und ich lese so etwas wie Pfändung auf Ihrem Gesicht, George, als ob es deutlich drauf geschrieben stünde –, so haben Sie etwas Schändliches getan und uns grausam enttäuscht. Ich sage Ihnen, grausam, George! So. Jetzt wissen Sie's.« Mr. Bagnet, für gewöhnlich unbeweglich wie ein Pumpenstock oder ein Laternenpfahl, legt seine breite rechte Hand auf seine Glatze, als ob er sie vor einem Regenguß schützen wolle, und sieht Mrs. Bagnet mit großer Unruhe an. »George«, fährt die Alte fort, »ich hätte das nicht von Ihnen geglaubt. George, ich schäme mich für Sie! George, ich hätte nie geglaubt, Sie wären zu so etwas imstande. Ich wußte immer, daß Sie ein rollender Stein sind, der kein Moos ansetzt, aber ich hätte nie gedacht, daß Sie auch noch das bißchen Moos wegnehmen würden, von dem Bagnet und die Kinder leben sollen. Sie wissen, was für ein fleißiger solider Kerl er ist. Sie wissen, wie Quebec und Malta und Woolwich sind, und ich hätte nie gedacht, daß Sie das Herz haben könnten, uns das anzutun. Ach, George!« – Mrs. Bagnet nimmt ihren Mantel zusammen, um sich ihre Augen zu wischen, – »wie konnten Sie uns das antun?« Als Mrs. Bagnet aufgehört hat, nimmt Mr. Bagnet die Hand vom Kopf, als sei jetzt der Regenguß vorüber, und sieht Mr. George an, der, kreideweiß geworden, mit schmerzlichem Gesicht den grauen Mantel und den Strohhut anstarrt. »Mat«, sagt der Kavallerist mit gedämpfter Stimme zu seinem Kameraden, kann aber keinen Blick von dessen Frau wenden. »Es tut mir leid, daß ihr es euch so zu Herzen nehmt, denn ich hoffe, es wird nicht so schlimm ausgehen. Allerdings habe ich heute früh diesen Brief bekommen«, – er liest ihn vor – »aber ich hoffe, die Sache läßt sich noch in Ordnung bringen. Was Sie da von einem rollenden Stein sagen, so haben Sie freilich recht. Ich bin ein rollender Stein, und ich glaube wahrhaftig, ich bin nie jemandem in den Weg gerollt, um ihm den mindesten Nutzen zu bringen, aber es ist mir altem Vagabunden unmöglich, mehr von deiner Frau und deiner Familie zu halten, als ich es tue, Mat, und ich hoffe, ihr werdet mich mit Nachsicht beurteilen. Glaubt nicht, daß ich euch etwas verheimlicht habe. Ich habe den Brief erst vor einer Viertelstunde bekommen.« »Alte«, murmelt Mr. Bagnet nach einer kurzen Pause, »willst du ihm nicht meine Meinung sagen?« »Ach, warum hat er nicht Joe Pouchs Witwe in Nordamerika geheiratet! Dann wäre er nicht in alle diese Ungelegenheiten gekommen«, ruft Mrs. Bagnet halb lachend, halb weinend. »Die Alte hat ganz recht«, nickt Mr. Bagnet. »Warum hast du's nicht getan?« »Ich hoffe, sie hat jetzt einen bessern Mann«, entgegnet der Kavallerist. »So oder so. Jedenfalls steh ich hier und bin nicht mit Joe Pouchs Witwe verheiratet. Was soll ich tun? Du siehst hier alles, was ich habe. Es gehört nicht mir, es gehört dir. Sag nur ein Wort, und ich verkaufe jedes Stück. Hätte ich hoffen können, dafür nur annähernd die Summe, die ich brauche, zu bekommen, hätte ich längst alles verklopft. Glaub nicht, daß ich dich oder die Deinigen in der Tinte lasse, Mat. Eher würde ich mich selbst verkaufen. Ich wünschte nur«, sagt der Kavallerist und schlägt sich verächtlich auf die Brust, »ich wüßte jemanden, der so einen alten abgelegten Kerl kaufte.« »Alte«, murmelt Mr. Bagnet, »sag ihm weiter meine Meinung!« »George«, lenkt die Alte ein. »Sie sind bei reiflicher Überlegung nicht so sehr zu tadeln. Außer, daß Sie überhaupt das Geschäft ohne Mittel angefangen haben.« »Das hat mir übrigens ganz ähnlich gesehen«, bemerkt bußfertig der Kavallerist. »Ganz ähnlich. Das weiß ich.« »Ruhig! Die Alte«, sagt Mr. Bagnet, »hat recht, in ihrer Art meine Meinung zu sagen. Hör weiter.« »Und damals hätten Sie nie die Bürgschaft verlangen sollen, George, und auch nicht bekommen dürfen, wenn man sich alles jetzt ordentlich überlegt. Aber was einmal geschehen ist, läßt sich nicht mehr ändern. Sie handeln immer wie ein ehrenhafter und rechtschaffner Kerl, soweit es in Ihrer Macht liegt, wenn auch ein bißchen unüberlegt. Andererseits müssen Sie zugeben, daß es ganz natürlich ist, wenn wir mit einer solchen Sorge auf dem Hals ängstlich sind. Wollen wir also sagen, vergeben und vergessen, George! Kommen Sie, vergeben und vergessen!« Mrs. Bagnet reicht ihm eine ihrer ehrlichen Hände und ihrem Gatten die andre. Mr. George erfaßt sie und hält sie fest und sagt: »Ich versichere euch beiden, ich würde alles tun, um diese Verpflichtung loszuwerden. Aber was ich habe zusammenscharren können, habe ich gebraucht, um alle zwei Monate die Zinsen für den Wechsel zu zahlen. Phil und ich haben hier einfach genug gelebt. Aber die Galerie trägt nicht soviel, wie wir erwarteten, und ist –kurz, ist kein Eldorado. War es unrecht von mir, sie zu übernehmen? Ja, allerdings! Aber ich wurde gewissermaßen zu dem Schritt gedrängt und glaubte, es würde mich gesetzter machen und mir im Leben forthelfen. Wenn ihr versucht, zu vergessen, daß ich mich mit solchen Erwartungen trug, bin ich euch wirklich sehr dankbar – und recht, recht beschämt.« Mit diesen Worten schüttelt Mr. George den beiden die Hände und macht dann in militärischer Haltung ein paar Schritte zurück, als habe er sein letztes Bekenntnis abgelegt und solle sofort mit allen militärischen Ehren erschossen werden. »George, hör mich zu Ende an«, sagt Mr. Bagnet mit einem Blick auf seine Frau. »Alte, sprich weiter!« Mr. Bagnet, der sich auf diese eigentümliche Weise zu Ende anhören läßt, hat nur zu bemerken, daß der Brief unverzüglich beantwortet werden müsse und es das ratsamste sei, wenn George und er selbst auf der Stelle zu Mr. Smallweed gingen, um in erster Linie allen Schaden vom Hause Bagnet, das das Geld nicht habe, fernzuhalten. Mr. George stimmt dem vollständig bei, setzt seinen Hut auf und ist bereit, mit Mr. Bagnet in das feindliche Lager zu marschieren. »Sie dürfen das vorschnelle Wort einer Frau nicht übelnehmen«, sagt Mrs. Bagnet und klopft ihm auf die Schulter. »Ich vertraue Ihnen meinen alten Lignum an und bin überzeugt, daß Sie ihn heil durchbringen werden.« Der Kavallerist entgegnet, das sei freundlich von ihr gesprochen und er werde Lignum auf irgendeine Weise schon durchbringen. Darauf geht Mrs. Bagnet mit ihrem Mantel, Korb und Regenschirm wieder mit fröhlichen Augen zu ihrer Familie nach Haus, und die Kameraden treten die hoffnungsreiche Sendung an, Mr. Smallweed zu erweichen. Ob es in ganz England noch zwei Leute gibt, die mit weniger Aussicht auf Erfolg eine Verhandlung mit Mr. Smallweed zu Ende zu führen imstande wären, als Mr. George und Mr. Matthew Bagnet, ist mehr als fraglich. Auch, ob es trotz ihres kriegerischen Aussehens, ihrer breiten Schultern und ihres gewichtigen Schrittes im Reich zwei in Smallweedschen Geschäften ungeübtere und unschlauere Kinder geben könnte. Wie sie mit großem Ernst durch die Straßen nach Mount-Pleasant schreiten, glaubt Mr. Bagnet, da er seinen Begleiter so nachdenklich dreinschauen sieht, in freundlicher Weise auf Mrs. Bagnets letzte Attacke zurückkommen zu müssen. »George, du kennst die Alte. Sie ist so sanft und mild wie Milch. Aber rühr ihre Kinder an – oder mich –, und sie geht in die Luft – wie Schießpulver.« »Das macht ihr nur Ehre, Mat.« »George«, sagt Mr. Bagnet und blickt geradeaus, »die Alte kann nichts tun, was ihr nicht Ehre macht. Mehr oder weniger. Ich sage es nicht vor ihr. Disziplin muß sein.« »Sie ist ihr Gewicht in Gold wert«, entgegnet der Kavallerist. »In Gold? Ich will dir was sagen, George. Die Alte wiegt – hundertsechsundsiebzig Pfund. Ob ich dieses Gewicht – egal, in welchem Metall – für die Alte nähme? Nein. Warum nicht? Weil die Alte aus einem viel kostbareren Metall ist. Sie ist besser als alles Metall.« »Du hast recht, Mat.« »Als sie mich nahm – und den Ring annahm –, ließ sie sich bei mir und den Kindern anwerben – mit Herz und Kopf fürs Leben. Und sie hält treu zu ihrer Fahne, so daß, wenn einer gegen uns auch nur den Finger rührt, sie gleich bei der Hand ist – und unters Gewehr tritt. Wenn die Alte einmal übers Ziel schießt – so gelegentlich, aus Pflichteifer –, muß man ihr das verzeihen, George. Denn sie meint's gut.« »Gott behüte sie, Mat! Ich denke nur um so besser von ihr.« »Da hast du recht«, sagt Mr. Bagnet enthusiastisch, aber ohne dabei auch nur einen Muskel seines Gesichts zu verziehen. »Denk dir die Verdienste der Alten – so hoch wie den Felsen von Gibraltar –, und du wirst immer noch zu niedrig von ihren Verdiensten denken. Aber ich erwähne es nie vor ihr. Disziplin muß sein.« Unter solchen Lobeshymnen gelangen sie endlich nach Mount-Pleasant und an Großvater Smallweeds Haus. Die ewig unveränderliche Judy öffnet die Tür, mustert die beiden mit nicht besondrer Freundlichkeit, wohl aber mit einem boshaften Lächeln von Kopf bis Fuß, läßt sie draußen stehen und fragt das Orakel, ob sie sie einlassen soll. Das Orakel scheint seine Einwilligung gegeben zu haben, denn sie kehrt mit den Worten auf ihren Honiglippen zurück, sie könnten hereinkommen – wenn sie Lust hätten. So huldreich empfangen, treten sie also ein und finden Mr. Smallweed, mit den Füßen im Schubkasten seines Lehnstuhls ruhend wie in einem Papierfußbad, und Mrs. Smallweeds Gesicht, von dem Kissen verdunkelt wie ein Vogel, der nicht singen soll. »Mein lieber Mr. George«, sagt Großvater Smallweed und streckt seine beiden magern Arme sehnsüchtig aus. »Wie geht's Ihnen? Wie geht's Ihnen? Und wer ist unser Freund hier?« »Das hier ist«; entgegnet George mit recht wenig versöhnlichem Ton, »ist Matthew Bagnet, der für mich, wie Sie wissen, gebürgt hat.« »Oh, Mr. Bagnet? Ja, richtig!« Der Alte beschattet sich die Augen mit der Hand und sieht ihn an. »Hoffe, Sie befinden sich wohl, Mr. Bagnet! Ein schöner Mann, Mr. George. Militärisches Aussehen, Sir.« Da man ihnen keine Stühle anbietet, holt Mr. George selbst einen für Bagnet und einen für sich. Sie setzen sich. Mr. Bagnet, als ob er nur in den Hüften ein Gelenk hätte. »Judy«, sagt Mr. Smallweed, »bring die Pfeife.« »Ich glaube, die junge Dame braucht sich die Mühe nicht zu machen«, unterbricht ihn Mr. George, »denn, um die Wahrheit zu sagen, ich bin heute zum Rauchen nicht aufgelegt.« »So. Nicht?... Judy, bring die Pfeife!« »Die Sache ist die, Mr. Smallweed, daß ich mich in einer nicht besonders angenehmen Gemütsverfassung befinde. Es scheint mir, Sir, als ob Ihr Freund in der City dumme Streiche machen will.« »O Gott, nein«, sagt Großvater Smallweed. »Das tut er nie.« »Wirklich nicht? Nun, das freut mich. Ich glaubte schon, es sei sein Werk. Das da. Dieser Brief hier.« Großvater Smallweed lächelt scheußlich, als er den Brief erblickt. »Was hat das zu bedeuten?« fragt Mr. George. »Judy, hast du die Pfeife? Gib sie mir. – Sie fragen, was der Brief zu bedeuten hat, mein lieber Freund?« »Ja. Hören Sie einmal, Mr. Smallweed«, drängt der Kavallerist und zwingt sich, dabei so ruhig und vertrauensvoll wie nur möglich auszusehen. Er hält den Brief in der Linken und läßt seine Faust auf dem Schenkel ruhen. »Es ist viel Geld zwischen uns hin- und hergegangen, und wir sitzen jetzt einander gegenüber und wissen beide recht gut, wie die Sache stillschweigend vereinbart war. Ich bin bereit, zu tun, was ich bisher immer getan habe und was regelmäßig geschehen ist, damit die Sache im Gang bleibt. Ich habe bisher noch nie einen Brief wie diesen von Ihnen bekommen, und es hat mich diesen Morgen etwas außer Fassung gebracht, weil mein Freund hier, Matthew Bagnet, der, wie Sie wissen, das Geld nicht hat...« »Ich weiß es nicht«, sagt der Alte ruhig. »Hol Sie der... Er hat es nicht –, ich sag es Ihnen doch.« »O ja, Sie sagen es«, entgegnet Großvater Smallweed. »Aber ich weiß es nicht.« »Na«, sagt der Kavallerist, seinen Ärger hinunterschluckend, »aber ich weiß es.« »Ah, das ist ganz etwas andres«, meint Mr. Smallweed gut gelaunt. »Aber das ändert nichts an Mr. Bagnets Lage.« Der unglückliche George machte die größten Anstrengungen, die Sache in Frieden abzutun, und geht auf Mr. Smallweeds Launen ein, bloß, um ihn freundlich zu stimmen. »Das meine ich eben. Ganz wie Sie sagen, Mr. Smallweed. Hier ist Matthew Bagnet, und Sie können ihn beim Schopf packen, ob er das Geld nun hat oder nicht. Das nimmt sich nun seine gute Frau sehr zu Herzen, und ich leide auch drunter, denn während ich ein leichtsinniger Taugenichts bin, der mehr Schläge als Halfpence verdient, ist er ein solider Familienvater. Ich weiß nun recht gut, Mr. Smallweed«, der Kavallerist wird, wie er auf diese soldatische Weise von dem Geschäft spricht, immer zuversichtlicher, »daß ich von Ihnen nicht verlangen kann, obgleich wir in einer gewissen Art ganz gut miteinander stehen, meinen Freund Bagnet ganz aus dem Spiel zu lassen.« »Mein Gott, Sie sind zu bescheiden. Verlangen können Sie alles, Mr. George.« Großvater Smallweed zeigt eine gewisse menschenfresserhafte Neigung zur Spaßhaftigkeit. »Und Sie können es abschlagen, meinen Sie, nicht? Oder vielleicht nicht so sehr Sie als Ihr Freund in der City. Hahaha!« »Hahaha!« lacht auch Großvater Smallweed in so hartem Ton und mit so ganz besonders grünen Augen, daß Mr. Bagnets natürliche Ernsthaftigkeit sich beim Anblick des verehrungswürdigen alten Herrn sehr vertieft. »Kommen Sie«, sagt der sanguinische Mr. George. »Es freut mich, daß wir so gut aufgelegt sind. Ich möchte gern alles in Frieden abmachen. Hier sitzt mein Freund Bagnet, und hier bin ich. Wir wollen die Sache auf der Stelle in der gewohnten Weise abmachen, nicht wahr, Mr. Smallweed? Und Sie werden meinem Freund Bagnet und seiner Familie das Herz um vieles erleichtern, wenn Sie ihm sagen wollen, daß wir uns darüber verständigt haben.« Hier ruft ein Gespenst mit schriller Stimme höhnisch aus: »Ach, du lieber Gott!« – wenn es nicht etwa gar die spaßhafte Judy ist, die zwar ganz stumm dasteht, als die Gäste sich erschrocken nach ihr umsehen, deren Lippen aber eben erst vor Hohn und Verachtung gezuckt haben. Mr. Bagnets Ernsthaftigkeit vertieft sich noch mehr. »Ich glaube, Sie fragten mich doch, Mr. George« – Großvater Smallweed, der die ganze Zeit über die Pfeife in der Hand gehalten hat, ist jetzt der Sprecher – »ich glaube, Sie fragten mich, was der Brief zu bedeuten habe?« »Nun ja, das wollte ich wissen«, entgegnet der Kavallerist sorglos. »Aber es liegt mir nicht so gar viel daran, wenn nur jetzt alles in Ordnung ist.« Mr. Smallweed tut, als ziele er nach dem Kopf des Kavalleristen, und zerschmettert die Pfeife dann plötzlich auf dem Boden in tausend Stücke. »Das hat er zu bedeuten, mein lieber Freund. Zerschmeißen will ich Sie. Ich will Sie vernichten. Zu Staub. Scheren Sie sich zum Teufel!« Die beiden Freunde springen auf und sehen einander an. Mr. Bagnets Ernsthaftigkeit hat jetzt ihren Höhepunkt erreicht. »Scheren Sie sich zum Teufel!« wiederholt der Alte. »Ich mag nichts mehr von Ihrem Pfeifenrauchen und Ihrem Schwadronieren hören. Was, Sie wollen ein freier unabhängiger Dragoner sein? Sie? Gehen Sie zu meinem Advokaten – Sie wissen, wo er wohnt, Sie sind schon einmal dort gewesen – und beweisen Sie jetzt Ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Vielleicht, mein lieber Freund, haben Sie da noch eine Aussicht. Mach die Tür auf, Judy, und geleite diese Prahlhänse schön sanft hinaus. Ruf die Polizei, wenn sie nicht freiwillig gehen... Hinaus mit euch!« Er kreischt die letzten Worte so laut, daß Mr. Bagnet seinem Kameraden die Hände auf die Schultern legt und ihn, ehe er sich noch von seinem Staunen erholen kann, eilig hinausschiebt. Triumphierend wirft Judy die Haustür zu. Ganz verwirrt bleibt Mr. George eine Weile davor stehen und starrt den eisernen Klopfer an. Mr. Bagnet geht, das Urbild der Ernsthaftigkeit, vor dem kleinen Wohnstubenfenster auf und ab wie eine Schildwache und wirft jedes Mal einen Blick hinein, als ob er sich irgend etwas überlege. »Komm, Mat«, sagt endlich Mr. George, als er sich erholt hat. »Wir müssen es bei dem Advokaten versuchen. Nun, was sagst du zu diesem Schurken?« Mr. Bagnet bleibt stehen, wirft einen Abschiedsblick in die Wohnstube und brummt mit einem Kopfnicken, das denen drin gelten soll: »Wenn meine Alte hier gewesen wäre, hätte ich ihm meine Meinung gesagt.« Auf diese Art die Ursache seiner Nachdenklichkeit losgeworden, tritt er an des Kavalleristen Seite und marschiert mit ihm in gleichem Schritt, Schulter an Schulter, fort. Als sie sich in Lincoln's-Inn-Fields melden, ist Mr. Tulkinghorn beschäftigt und nicht zu sprechen. Er scheint durchaus nicht geneigt, sie vorzulassen. Und als sie eine volle Stunde gewartet haben und der Schreiber, als ihn die Klingel ruft, die Gelegenheit benützt, zu erwähnen, daß sie schon sehr lange draußen warteten, bringt er keine ermutigendere Botschaft zurück, als daß Mr. Tulkinghorn ihnen nichts zu sagen habe. Sie warten jedoch mit militärischer Ausdauer, und endlich schellt die Klingel, und der Klient, der so lange drin gewesen ist, tritt aus Mr. Tulkinghorns Zimmer. Der Klient ist eine hübsche alte Dame. Niemand anders als die Haushälterin von Chesney Wold, Mrs. Rouncewell. Sie verläßt das Sanktuarium mit einem hübschen altmodischen Knicks und macht leise die Tür zu. Sie wird hier mit einer gewissen Auszeichnung behandelt, und der Schreiber tritt hinter seinem Pult hervor, um sie durch das Vorzimmer zu geleiten. Die alte Dame dankt ihm für seine Aufmerksamkeit und bemerkt dabei die beiden wartenden Kameraden. »Ich bitte um Entschuldigung, Sir, aber sind diese Herren nicht vom Militär?« Da der Schreiber die beiden fragend ansieht und Mr. George, vertieft in einen Wandkalender über dem Kamin, sich nicht umsieht, antwortet Mr. Bagnet: »Ja, Maam. Gewesen.« »Hab mir's gleich gedacht. Auf den ersten Blick. Das Herz geht mir auf, wie ich Sie so sehe, meine Herren. Es geht mir immer so. Gott behüte Sie, Gentlemen. Sie werden es einer alten Frau nicht übelnehmen, aber ich hatte einmal einen Sohn, der unter die Soldaten gegangen ist, einen hübschen prächtigen Jungen und gutherzig in seiner kecken Weise, wenn auch so manche Leute ihn bei seiner armen Mutter herabsetzen wollten. Ich bitte Sie um Entschuldigung, wenn ich Sie gestört habe, Sir. Gott behüte Sie, Gentlemen!« »Gott behüte Sie ebenfalls, Maam«, erwidert ihr Mr. Bagnet in herzlichem Ton. Es liegt etwas Rührendes in den Worten der alten Dame und in dem Zittern, das ihre ehrwürdige alte Gestalt durchläuft, aber Mr. George ist so vertieft in den Wandkalender, daß er sich erst umsieht, als sie fort und die Tür hinter ihr geschlossen ist. »George«, flüstert ihm Mr. Bagnet mit seinem Baß zu, als er sich endlich von dem Kalender losreißt. »Nur nicht niedergeschlagen! Soldatenblut ist fröhlich Blut. Kopf hoch, mein Junge!« Der Schreiber ist wiederum hineingegangen, um zu melden, daß sie noch immer da sind, und Mr. Tulkinghorn hat so laut, daß sie es hören können, in gereiztem Ton geantwortet: »Also sollen sie meinetwegen hereinkommen!« Darauf treten sie in das große Zimmer mit der gemalten Decke und sehen ihn vor dem Kamin stehen. »Nun, was wollt Ihr denn eigentlich? Sergeant, ich sagte Ihnen schon neulich, daß mir Ihre Gesellschaft nicht paßt.« Der Sergeant gibt zur Antwort – er ist in den letzten Minuten in seiner Redeweise und seiner ganzen Haltung viel schüchterner geworden als sonst –, daß er diesen Brief empfangen habe, deshalb bei Mr. Smallweed gewesen und von diesem hierher gewiesen worden sei. »Ich habe Ihnen nichts zu sagen«, entgegnet Mr. Tulkinghorn. »Wenn Sie Schulden machen, müssen Sie sie bezahlen oder die Folgen auf sich nehmen. Müssen Sie, um sich das sagen zu lassen, eigens hierherkommen?« Der Sergeant muß leider gestehen, daß er das Geld nicht hat. »Sehr gut! Dann muß der andre, dieser Mann da, wenn er es ist, für Sie bezahlen.« Der Sergeant muß leider hinzufügen, daß der andre das Geld ebenfalls nicht habe. »Nun gut, dann müssen Sie beide es zusammen bezahlen oder Sie werden beide verklagt und müssen die Folgen auf sich nehmen. Sie haben das Geld bekommen und müssen es wieder zurückzahlen. Sie können nicht andrer Leute Pfunde, Schillinge und Pence in die Tasche stecken und dann sich mir nichts dir nichts drücken.« Der Advokat setzt sich in seinen Lehnstuhl und schürt das Feuer. Mr. George hofft, er werde doch die Güte haben, zu... »Ich habe Ihnen doch schon gesagt, Sergeant, daß mich das nichts angeht. Mir gefällt Ihr Umgang nicht, und ich will Sie nicht hier haben. Die Sache schlägt nicht in mein Fach, und ich habe nichts damit zu tun. Mr. Smallweed beliebt es, mir die Sache zuzuschieben, aber sie geht mich nichts an. Gehen Sie zu Melchisedek in Clifford's-Inn.« »Ich muß Sie um Entschuldigung bitten«, sagt Mr. George, »daß ich mich Ihnen noch so aufdränge. Es ist mir so unangenehm, wie es Ihnen nur sein könnte. Aber wollen Sie mir ein Wort unter vier Augen gestatten?« Mr. Tulkinghorn steht, die Hände in den Taschen, auf und tritt in eine Fensternische. »Also sprechen Sie. Ich habe nicht lange Zeit.« Trotz seiner Maske vollkommener Gleichgültigkeit beobachtet er scharf den Kavalleristen und trägt Sorge, daß er mit dem Rücken gegen das Fenster steht und das Licht auf das Gesicht des andern fällt. »Sehen Sie, Sir«, sagt Mr. George, »der Mann dort ist der andre, der in meine Angelegenheit unglücklicherweise mit verwickelt ist, nur nominell – nur nominell –, und ich muß vor allem verhindern, daß er meinetwegen in Ungelegenheit kommt. Er ist ein höchst ehrenwerter Mann und hat Frau und Kinder. Er stand früher bei der königlichen Artillerie...« »Lieber Freund, die ganze königliche Artillerie ist mir höchst gleichgültig – Offiziere, Mannschaften, Protzkästen, Wagen, Pferde, Kanonen und Munition!« »Schon möglich, Sir, aber mir liegt es sehr am Herzen, daß Bagnet und seine Frau und Familie nicht meinetwegen zu Schaden kommen. Wenn ich sie damit heil aus dieser Klemme herausbringen könnte, würde ich ohne weitere Bedingung das, was Sie neulich von mir haben wollten, herausgeben.« »Haben Sie es mitgebracht?« »Ich habe es bei mir, Sir.« »Sergeant«, fährt der Advokat in seiner trocknen leidenschaftslosen Weise fort, die viel mehr als die größte Heftigkeit jede Hoffnung vernichtet. »Fassen Sie Ihren Entschluß, noch während ich mit Ihnen rede, denn es ist das letzte Mal. Wenn ich aufgehört haben werde, zu sprechen, ist die Sache abgetan, und ich will nichts weiter davon hören. Merken Sie sich das wohl. Wenn Sie wollen, können Sie auf einige Tage hier lassen, was Sie bei sich haben, wie Sie sagen. Sie können es auch gleich wieder mitnehmen, wenn Sie wollen. Im Fall Sie es hier lassen, kann ich soviel für Sie tun, daß die Angelegenheit wieder wie früher geregelt wird. Ich kann außerdem noch so weit gehen, Ihnen eine schriftliche Zusicherung zu geben, daß dem Bagnet dort nichts geschehen soll, bis man gegen Sie bis auf das Äußerste verfahren ist, daß alle Ihre Zahlungsmöglichkeiten erschöpft sein sollen, ehe der Gläubiger sich an ihn hält. Das heißt fast soviel, wie ihn ganz aus dem Spiel lassen. Sind Sie jetzt entschlossen?« Der Kavallerist steckt die Hand in die Brusttasche und antwortet mit einem tiefen Seufzer: »Ich muß es wohl sein, Sir.« Sodann setzt Mr. Tulkinghorn die Brille auf, setzt sich hin und schreibt das Dokument, liest es Bagnet, der die ganze Zeit über die Decke angestarrt hat, langsam vor und erklärt es ihm. Der Artillerist legt wieder die Hand bei jedem neuen Regenbad von Worten auf seine Glatze und scheint die Alte sehr nötig zu haben, um eine Meinung zu äußern. Dann nimmt Mr. George aus der Brusttasche ein zusammengefaltetes Papier und legt es widerstrebend neben den Ellbogen des Advokaten. »Es ist nur ein Brief mit Instruktionen, Sir. Der letzte, den ich von ihm bekam.« Ein Mühlstein könnte sich ebensowenig verändern wie die Miene Mr. Tulkinghorns, als er jetzt den Brief aufmacht und ihn liest. Mit einem Gesicht, undurchdringlich wie der Tod selbst, faltet er ihn wieder zusammen und legt ihn in sein Pult. Weiter hat er nichts zu sagen oder zu tun, nickt nur noch ein einziges Mal in seiner früheren kalten und unhöflichen Weise und sagt kurz: »Sie können gehen. – Heda! Führen Sie die Leute hinaus!« Der Schreiber öffnet ihnen die Tür, und sie begeben sich nach Mr. Bagnets Wohnung zum Essen. Gekochtes Fleisch mit grünem Gemüse tritt heute an die Stelle von Schweinefleisch mit grünem Gemüse. Mrs. Bagnet verteilt wieder wie damals das Mahl und würzt es mit der besten Laune. Sie gehört zu der seltnen Art alter Frauen, die das Gute hinnehmen, ohne sich etwas Besseres zu wünschen, und aus jeder kleinen Stelle Dunkelheit noch Licht zu ziehen verstehen. Die dunkle Stelle ist dieses Mal die finstre Stirn Mr. Georges. Er ist ungewöhnlich nachdenklich und niedergeschlagen. Zuerst überläßt Mrs. Bagnet seine Aufheiterung den vereinigten Anstrengungen Quebecs und Maltas. Aber als sie merkt, daß die jungen Damen in dem heutigen Wauwau nicht den lustigen Wauwau von damals finden, gibt sie ihrer leichten Infanterie ein stummes Zeichen, sich zurückzuziehen, und gibt George Gelegenheit, sich auf dem offnen Terrain des häuslichen Herdes in aller Muße frei zu entwickeln. Aber er tut es nicht. Er bleibt in geschlossener Schlachtordnung und ist umwölkt und bedrückt. Während des ganzen langen Reinigungsprozesses und Hin- und Herklapperns, wo er und Mr. Bagnet ihre Pfeifen bekommen, wird es nicht besser als während des Essens. Er vergißt zu rauchen, starrt ins Feuer, läßt die Pfeife ausgehen und erfüllt die Brust Mr. Bagnets dadurch, daß er zeigt, der Tabak mache ihm keine Freude, mit Unruhe und Schrecken. Als daher Mrs. Bagnet endlich erscheint, gerötet von dem kalten Wasser, und sich zur Arbeit niedersetzt, gibt ihr ihr Gatte einen Wink, sie möge versuchen, der Sache auf den Grund zu kommen. »Aber George«, sagt Mrs. Bagnet und fädelt ruhevoll ihre Nadel ein, »wie Sie heute wieder verstimmt sind!« »Bin ich das? Keine gute Gesellschaft? Ja, ja. Ich fürchte wirklich, ich bin's nicht.« »Er ist gar nicht der Bluffy wie sonst, Mutter«, ruft die kleine Malta. »Weil ihm nicht wohl ist, glaub ich«, setzt Quebec hinzu. »Gewiß ist das ein schlechtes Zeichen, nicht wie sonst zu sein«, entgegnet der Kavallerist und küßt die Mädchen. »Aber es ist leider wahr. Die Kleinen haben immer recht.« »George«, sagt Mrs. Bagnet und wendet keinen Blick von ihrer Arbeit. »Wenn ich denken sollte, Sie könnten etwas übelgenommen haben, was einer Soldatenfrau über die Zunge gerutscht ist – ich hätte sie mir gleich darauf am liebsten abgebissen –, so wüßte ich nicht, was ich jetzt sagen sollte.« »Liebe gute Seele«, entgegnet der Kavallerist. »Schlagen Sie sich doch das aus dem Kopf.« »Ich habe wirklich und wahrhaftig nur sagen wollen, daß ich Ihnen Lignum anvertraue und überzeugt sei, Sie würden ihn heil durchbringen. Und Sie haben ihn durchgebracht, und fein!« »Ich danke Ihnen«, sagt George. »Es freut mich, daß Sie so eine gute Meinung von mir haben.« Er schüttelt Mrs. Bagnets mit der Arbeit beschäftigte Hand am Gelenk und sieht ihr aufmerksam ins Gesicht. Sie näht ruhig weiter, und sein Blick fällt auf den jungen Woolwich, der auf seinem Stuhl in der Ecke sitzt. Er winkt ihn heran. »Schau mal, mein Junge«, sagt er und streicht der Alten sanft das Haar aus der Stirn. »Siehst du, da ist eine Stirn voll Güte und voll Liebe zu dir! Strahlend vor Liebe zu dir, mein Junge. Ein wenig gebräunt von der Sonne und dem Wetter, weil sie deinem Vater überall hin gefolgt ist und für dich hat sorgen müssen, aber so frisch und gesund wie ein reifer Apfel auf dem Baum.« Mr. Bagnets Züge drücken, soweit es das sein hölzernes Gesicht erlaubt, die größte Billigung und Beistimmung aus. »Die Zeit wird kommen, mein Junge«, fährt der Kavallerist fort, »wo das Haar deiner Mutter ergraut ist und die Stirn voller Runzeln und Falten. Eine schöne alte Frau wird sie dann sein. Trag Sorge, solang du noch jung bist, daß du in jenen fernen Tagen sagen kannst: Ich bin nicht schuld, daß nur ein einziges Haar auf ihrem geliebten Haupt weiß geworden ist, und ich habe nicht eine einzige Gramesfalte in ihr Gesicht gezeichnet. Denn von all den vielen Dingen, an die du als Mann denken kannst, ist das eins der besten, Woolwich!« Mr. George steht von seinem Stuhle auf und setzt den Knaben hinein. Dann sagt er hastig etwas, das so klingt wie: »Ich will lieber meine Pfeife auf der Straße draußen rauchen.« 35. Kapitel Esthers Erzählung Ich lag mehrere Wochen krank darnieder, und mein gewohntes Tagewerk war mir eine weit in der Vergangenheit liegende Erinnerung geworden. Das war weniger der Wirkung der Zeit als vielmehr den Veränderungen infolge meiner Hilflosigkeit und der Untätigkeit im Krankenzimmer zuzuschreiben. Schon nach wenigen Tagen schien alles in eine weite Ferne gerückt zu sein, in der die verschiedenen Abschnitte meines Lebens, in Wirklichkeit durch Jahre voneinander getrennt, sich wenig oder gar nicht voneinander abhoben. Ich schien durch mein Kranksein über ein dunkles Meer gefahren zu sein und meine sämtlichen Erlebnisse, durch die große Entfernung wie in eins verschwommen, auf der Küste der gesunden Tage zurückgelassen zu haben. Der Gedanke, meine Wirtschaftspflichten jetzt versäumen zu müssen, machte mir anfangs wohl große Sorge, trat aber dann soweit in den Hintergrund meiner Erinnerung wie die Zeiten in Greenleaf oder die Sommernachmittage, wo ich als Kind mit der Mappe unter dem Arm, begleitet von dem Schatten an meiner Seite, nach Hause zu meiner Patin ging. Ich hatte vorher nie gewußt, wie kurz in Wirklichkeit das Leben ist und in welch kleinen Raum man es zusammendrängen kann. Während ich gefährlich krank war, quälte dies Ineinanderschwimmen der Lebensabschnitte mein Gemüt außerordentlich. Zu gleicher Zeit ein Kind, ein heranwachsendes Mädchen und die kleine Hausfrau, als die ich so glücklich gewesen war, bedrückten mich nicht nur die Sorgen jeder einzelnen dieser Epochen, sondern auch das unaufhörliche vergebliche Bestreben, sie miteinander in Einklang zu bringen. Ich glaube, daß nur wenige, die nicht in einer solchen Lage gewesen sind, vollkommen verstehen können, was ich sagen will, oder sich von der quälenden Unruhe in mir eine Vorstellung machen können. Aus demselben Grund fürchte ich mich fast, von der Zeit meiner Krankheit zu sprechen, wo ich mir einbildete, ich kletterte riesige Treppen hinauf, beständig bemüht, oben anzukommen, und stets von einem Hindernis daran verhindert, wie ein Wurm an einem Gartenzaun, und gezwungen, immer wieder von vorn anfangen zu müssen. Zuweilen wußte ich ganz genau, daß ich im Bett lag, sprach mit Charley, fühlte ihre Berührung und erkannte sie genau. Und doch hörte ich mich klagen : »O diese unendlichen Treppen, Charley – immer mehr und mehr –, bis zum Himmel hinauf in die Höhe getürmt.« Und dann fing ich wieder an zu klettern. Ich fürchte mich, von jener schlimmen Zeit zu sprechen, wo sich irgendwo im unendlichen schwarzen Raum ein feuriges Band oder ein Flammenring oder ein Kreis von Sternen bewegte, von dem ich ein kleiner Teil war –; wo mein einziges Gebet war, von den übrigen getrennt zu werden, und es für mich eine so unbeschreibliche Qual und ein so unsägliches Elend bedeutete, ein Teil dieses grauenhaften Dinges zu sein. Vielleicht werde ich um so weniger langweilig und verständlicher, je weniger ich von diesen Krankheitserinnerungen spreche. Ich rufe sie nicht zurück, um andre zu verstimmen oder weil es mich jetzt im mindesten angriffe, daran zurückzudenken. Es könnte nur sein, daß wir besser imstande wären, Linderung zu schaffen, wenn wir mehr von diesen seltsamen Heimsuchungen wüßten. Die nun folgende Ruhe, der lange köstliche Schlaf, der selige Frieden, als ich vor Mattigkeit mich nicht mehr selbst quälen konnte und sogar die Nachricht von dem Herannahen des Todes mit keinem andern Gefühl aufgenommen hätte als dem des Mitleids mit den Zurückbleibenden – dieser Zustand ist vielleicht allgemeiner verständlich. Und in ihm befand ich mich, als ich vor dem Licht mit Schrecken zurückbebte, das mir eines Tages wieder in die Augen schimmerte, dann aber mit einer grenzenlosen Freude, die sich mit Worten nicht schildern läßt, begriff, daß ich wieder würde sehen können. Ich hatte Ada Tage und Nächte an der Tür jammern hören und mir zurufen, ich sei grausam und habe sie nicht lieb. Ich hatte sie bitten und flehen hören, man möge sie hereinlassen, damit sie mich pflegen und trösten könnte, und wiederholt Charley daran erinnert, daß sie meinem Liebling nicht öffnen dürfe, selbst nicht, wenn ich im Sterben läge. Und Charley mit ihrer kleinen Hand und ihrem großen Herzen hat in dieser Zeit der Not treu bei mir ausgeharrt und standhaft die Tür verschlossen gehalten. Wie meine Augen besser wurden und das herrliche Licht jeden Tag herrlicher und voller auf mich schien, konnte ich allmählich selber die Briefe lesen, die mein Liebling mir jeden Morgen und Abend schrieb, konnte sie an meine Lippen drücken und an meine Wange legen. – Ich sah meine liebreiche sorgsame kleine Zofe im Zimmer herumgehen und alles aufräumen und hörte, wie sie wieder heiter durch das offne Fenster mit Ada sprach. Ich verstand jetzt, warum es so still im Hause war, und begriff die zarte Rücksicht, die mir alle dadurch bewiesen. Ich konnte wieder in der Seligkeit meines Herzens weinen und fühlte mich in meiner Mattigkeit so glücklich wie vielleicht noch niemals, während ich gesund und stark gewesen. Allmählich kehrten meine Kräfte zurück. Ich mußte nicht mehr ruhig daliegen und zusehen, was für mich geschah, sondern war imstande, hie und da ein wenig mitzuhelfen, bis ich mich wieder nützlich machen und dem Leben wieder ein Interesse abgewinnen konnte. Wie deutlich erinnere ich mich noch an den herrlichen Nachmittag, als ich mit Kissen gestützt zum ersten Mal im Bett aufrecht saß, um mit Charley einen Freudentee zu trinken. Die Kleine, von frühester Kindheit an wie dazu auf die Welt gekommen, den Schwachen und Kranken zu helfen, war so glücklich und so geschäftig und unterbrach sich so oft in ihren Vorbereitungen, um ihren Kopf an meiner Brust ruhen zu lassen und mich zu liebkosen und unter Freudentränen auszurufen, sie sei so froh, so froh, daß ich endlich sagen mußte: »Charley, wenn du nicht aufhörst, muß ich mich wieder hinlegen, liebes Kind, denn ich bin schwächer, als ich dachte.« So wurde denn Charley so ruhig wie ein Mäuschen und bewegte sich mit ihrem heitern Gesicht emsig in den beiden Zimmern hin und her, aus dem Schatten in den göttlichen Sonnenschein und aus dem Sonnenschein wieder in den Schatten, während ich ihr friedvoll zusah. Als alle ihre Vorbereitungen fertig waren und der hübsche Teetisch mit seinen kleinen delikaten Speisen, die meinen Appetit reizen sollten, seinem weißen Tischtuch und seinen Blumen – alles von Ada unten liebevoll und schön für mich arrangiert – neben meinem Bett stand, fühlte ich mich standhaft genug, Charley etwas zu sagen, das mich schon lange beschäftigt hatte. Erst belobte ich sie wegen der Ordnung im Zimmer und machte ihr Komplimente wegen seines Aussehens. Es war so frisch, luftig, fleckenlos und sauber, daß ich kaum glauben konnte, ich hätte darin so lange krank gelegen. Das freute Charley, und ihr Gesicht glänzte noch mehr als vorher. »Und doch, Charley«, sagte ich und sah mich um, »vermisse ich irgend etwas, an das ich gewohnt war.« Die arme kleine Charley sah sich ebenfalls um, schüttelte schüchtern den Kopf und tat, als ob sie nichts entdecken könne. »Hängen die Bilder alle wie früher?« »Jawohl, alle, Miß.« »Stehen die Möbel anders, Charley?« »Außer, wo ich sie weggerückt habe, um mehr Platz zu haben, stehen sie noch alle wie früher, Miß.« »Und doch vermisse ich irgend etwas Altgewohntes«, sagte ich. »Ah, jetzt weiß ich es, Charley. Es ist der Spiegel.« Charley sprang vom Tisch auf, als ob sie etwas vergessen hätte, ging in das nächste Zimmer, und ich hörte sie draußen schluchzen. Ich hatte schon oft daran gedacht und war jetzt meiner Sache gewiß. Ich konnte Gott danken, daß es mich jetzt nicht mehr erschütterte. Ich rief Charley zurück, und als sie kam – anfangs mit einem gezwungnen Lächeln, aber, wie sie näher trat, mit bekümmerter Miene –, schloß ich sie in meine Arme und sagte: »Es liegt wenig daran, Charley. Ich glaube, ich kann auch ohne mein altes Gesicht recht gut auskommen.« Ich erholte mich bald soweit, daß ich das Bett verlassen, im Lehnstuhl sitzen oder sogar, auf Charley gelehnt, schwindlig in das nächste Zimmer gehen konnte. Auch in diesem fehlte der Spiegel, aber was ich zu tragen hatte, war deshalb nicht schwerer zu tragen. Mein Vormund hatte beständig darauf gedrungen, mich zu besuchen, und jetzt war kein Grund mehr, daß ich mir dieses Glück noch länger hätte versagen sollen. Er kam eines Morgens und wollte mich anfangs gar nicht aus seinen Armen lassen. Immer und immer wieder rief er: »Mein liebes, liebes Mädchen!« Ich hatte längst gewußt, wie hätte es auch anders sein können, welchen tiefen Quell von Liebe und Edelsinn sein Herz barg, und mußte nicht all das geringfügige Leid bei dem Gedanken, eine Stelle in einem solchen Herzen einnehmen zu dürfen, in den Hintergrund treten? Sicherlich! sagte ich mir. Er hat mein Gesicht gesehen und ist sogar noch zärtlicher gegen mich als früher. Er hat mich gesehen und hat mich trotzdem noch lieber als ehedem. Worüber sollte ich da noch traurig sein! Er setzte sich neben mich aufs Sofa und schlang seinen Arm um mich. Eine kleine Weile saß er so, mit der Hand vor dem Gesicht; aber als er sie sinken ließ, verrieten seine Mienen keine Erregung. Er sah fröhlich aus wie immer. »Mein kleines Mütterchen«, sagte er, »was war das doch für eine traurige Zeit. Und noch dazu ist das Mütterchen unerbittlich gewesen.« »Das hat so sein müssen, Vormund.« »Sein müssen ?« wiederholte er liebreich. »Natürlich. Ja, du hast recht. Aber erstlich waren Ada und ich ganz und gar einsam und unglücklich, und dann ist deine Freundin Caddy beständig zu allen Zeiten gekommen, und alle im Haus waren elend und traurig, und sogar der arme Rick hat geschrieben – und noch dazu an mich – aus Sorge um dich.« Ich hatte in Adas Briefen von Caddy gehört, aber nichts von Richard. Ich sagte ihm das. »Nun ja, liebes Kind«, erklärte er mir. »Ich habe es für das Beste gehalten, ihr nichts zu sagen.« »Du legtest Nachdruck darauf, daß er an dich geschrieben hat. Es ist doch ganz natürlich von ihm. Er hätte keinem bessern Freund schreiben können.« »Er ist vielleicht andrer Meinung«, entgegnete mein Vormund. »Die Wahrheit ist, daß er an mich scheinbar nur widerwillig schrieb, und zwar nur in der Hoffnung, über dich Nachricht zu bekommen. Er schrieb kalt, stolz und gereizt. Aber wir müssen da Nachsicht üben, kleines Frauchen. Er ist nicht zu tadeln. 'Jarndyce kontra Jarndyce' hat eben zu sehr auf ihn eingewirkt und läßt mich ihm in einem andern Licht erscheinen. Ich habe erfahren, wie oft der Prozeß so Schlimmes und noch viel Schlimmeres angerichtet hat. Wenn zwei Engel darein verwickelt wären, glaube ich, würde es sogar ihrem Charakter schaden.« »Deinen Charakter, Vormund, hat es jedenfalls nicht verändert.« »O doch, liebes Kind«, sagte er lachend. »Er hat aus Südwind Ostwind gemacht, ich weiß nicht, wie oft. Rick hegt Mißtrauen und Argwohn gegen mich, geht zu Advokaten, die ihn lehren, mir mit Verdacht zu begegnen. Er hört von einander widerstreitenden Interessen reden und Ansprüchen, die sich mit den seinen angeblich nicht vertragen, und was sonst noch alles. Weiß der Himmel, wenn ich sie für meinen Teil aufgeben könnte, aus diesem Wust von Zopfflechterei, der meinen unglücklichen Namen seit so langer Zeit trägt, herauskommen oder alles dadurch ein für alle Mal beseitigen könnte, ich würde es, weiß Gott, diese Stunde noch tun. Und lieber möchte ich dem armen Rick seinen ursprünglichen Charakter wiedergeben, als all das Geld zu besitzen, das die toten Prozessierenden, denen auf dem Rad des Kanzleigerichts Herz und Seele gebrochen worden sind, bei dem Generalrechnungsführer haben liegen lassen müssen, ohne auch nur einen Pfennig davon gehabt zu haben. Und glaube mir, liebes Kind, das wäre Geld genug, um eine Pyramide zum Andenken an die himmelschreiende Verkommenheit des Kanzleigerichts damit anzufüllen.« »Ist es denn wirklich möglich, Vormund?« fragte ich erstaunt, »daß Richard argwöhnisch gegen dich sein kann?« »Ach, meine Liebe, meine Liebe! Das schleichende Gift dieser Mißbräuche hat leider die Eigenschaft, solche Krankheiten wieder zu erzeugen, Richards Blut ist infiziert, und alles verliert in seinen Augen sein natürliches Aussehen. Nein, ihn trifft keine Schuld.« »Aber es ist ein schreckliches Unglück, Vormund.« »Es ist ein schreckliches Unglück, Mütterchen, in den Kreis der Einflüsse eines Prozesses wie 'Jarndyce kontra Jarndyce' zu geraten. Ich kenne kaum ein größeres. Schritt für Schritt hat er sich verleiten lassen, sich auf dieses gebrechliche Rohr zu stützen, das seine Fäulnis seiner ganzen Umgebung mitteilt. Ich sage abermals aus ganzem Herzen, wir müssen mit dem armen Rick Geduld haben und dürfen ihm keinen Vorwurf machen. Was für eine Unzahl fröhlich schlagender Herzen gleich dem seinen habe ich nicht schon zu meiner Zeit unter demselben unheilvollen Einfluß anders werden sehen.« Ich mußte dennoch meine Verwunderung und mein Bedauern aussprechen, daß meines Vormunds wohlwollende und uneigennützige Absichten so wenig Erfolg gehabt hatten. »So dürfen wir heute noch nicht sprechen, Mütterchen«, erwiderte er heiter. »Ada ist, hoffe ich, glücklicher jetzt, und das ist schon viel. Ich glaubte, diese beiden jungen Leute und ich könnten Freunde sein, anstatt einander mißtrauende Feinde, und imstande, den Folgen des Prozesses die Stirn zu bieten und zu zeigen, wir wären zu stark für ihn. Aber das war zuviel verlangt, 'Jarndyce kontra Jarndyce' war der Vorhang an Ricks Wiege.« »Können wir denn nicht hoffen, Vormund, daß ihm ein wenig Erfahrung beweist, auf was für eine trügerische und elende Sache er baut?« »Wir wollen das hoffen, liebe Esther, und wollen auch hoffen, daß die Lehre nicht zu spät kommt. Aber keinesfalls dürfen wir zu hart über ihn urteilen. Es gibt heutzutage sicherlich nur wenig erwachsne und gereifte und gewiß auch gute Menschen auf Erden, die, wenn sie als Klienten in diesen Gerichtshof kämen, nicht binnen drei Jahren, nein, binnen zwei, vielleicht sogar in einem Jahr ihren guten Charakter einbüßten. Wie können wir uns da über den armen Rick wundern?« Ein so unglücklicher junger Mann kann anfangs nicht glauben – wie könnte es denn auch anders sein –, daß das Kanzleigericht wirklich so verkommen ist. Voll Aufregung und ewig hin und her geworfen, erwartet er von ihm, daß es etwas für seine Sache tue und zu einem Abschluß bringen werde. Es verschleppt, enttäuscht, martert und quält ihn, zerreibt stückweise seine sanguinischen Hoffnungen und seine Geduld, Faden um Faden, aber immer noch hofft er und klammert sich daran und findet die ganze übrige Welt trügerisch und hohl. »Ja, so ist es leider! Doch genug davon jetzt, liebes Kind!« Mein Vormund war mir die ganze Zeit über und schon in meiner Kindheit eine Stütze gewesen, und sein liebreiches Wesen ergriff mich jetzt so sehr, daß ich meinen Kopf an seine Schulter legte, voll Liebe, als wäre er mein Vater. Ich faßte innerlich den Entschluß, Richard aufzusuchen, sobald ich wieder kräftig genug dazu sein würde, und mich zu bemühen, ihm die Augen zu öffnen. »Wir haben, dächte ich, bessere Unterhaltungsthemen als dieses«, sagte mein Vormund, »bei so einem Freudenfest, wie es die Genesung meines geliebten Mütterchens ist. Und ich hatte den Auftrag, gleich mit dem ersten Wort eines derselben zu erwähnen. Wann soll dich Ada besuchen, liebes Kind?« Ich hatte auch schon daran gedacht. Ein wenig in Verbindung mit dem Gedanken an den Spiegel, aber nicht viel –, wußte ich doch, daß mein Liebling durch mein entstelltes Gesicht nicht anders zu mir sein würde. »Da ich Ada so lang habe entbehren müssen«, fing ich nach einer Weile an, »glaube ich, wäre es das beste, wenn ich noch ein bißchen auf meinem alten Entschluß beharrte und das Haus hier auf einige Zeit verließe, ehe ich sie wiedersehe. Wenn Charley und ich eine Wohnung auf dem Lande bezögen und ich eine Woche vorläufig dort wohnen könnte, um mich in der frischen Luft ein wenig zu erholen, glaube ich, würde es besser für uns sein.« Ich hoffe, es war kein kleinlicher Wunsch von mir, daß ich mich selbst erst etwas mehr an mein verändertes Äußeres gewöhnen wollte, bevor ich dem lieben Kind, das ich mit so heißer Sehnsucht wiederzusehen wünschte, vor die Augen träte. Aber es ist die Wahrheit. Ich hegte wirklich diesen Wunsch und war überzeugt, daß mein Vormund mich verstehen werde. »Unser verzognes kleines Frauchen«, sagte er, »soll, wenn sie schon so versessen drauf ist, ihren Willen haben, wenn es auch Tränen kosten wird. Da hätten wir zum Beispiel Boythorn. Der ritterliche Bursche hat mit so leidenschaftlichen Gelübden, wie sie vielleicht noch kein Papier je aufgenommen hat, bei Himmel und Erde geschworen, wenn du nicht zu ihm kämest und sein ganzes Haus bezögest, das er übrigens nur zu diesem Zweck bereits geräumt hat, wolle er es niederreißen und keinen Stein auf dem andern lassen.« Und mein Vormund legte einen Brief in meine Hand, der nicht wie gewöhnlich mit: »Mein lieber Jarndyce« begann, sondern anfing: »Ich schwöre, daß, wenn Miß Summerson nicht zu mir kommt und mein Haus bezieht, das ich heute um ein Uhr mittags für sie räume, usw. usw.« und dann mit der größten Ernsthaftigkeit und den nachdrücklichsten Worten dieselbe Erklärung wiederholte. Wir mußten herzlich über den Brief lachen, so sehr wir auch Mr. Boythorns liebenswürdigen Vorschlag zu schätzen wußten, und kamen überein, daß ich ihm morgen früh einen Dankbrief schreiben und sein Anerbieten annehmen sollte. Es war mir höchst angenehm, denn von allen Orten, die ich mir hätte ausdenken können, war mir keiner so erwünscht als Chesney Wold. »Nun, kleine Hausfrau«, sagte mein Vormund und sah auf die Uhr, »meine Zeit wurde mir, ehe ich heraufkam, genau zugemessen und ist jetzt bis zur letzten Minute verstrichen. Du mußt dir vorläufig noch Ruhe gönnen. Ich habe nur noch eine Bitte. Die kleine Miß Flite faßte nämlich auf das Gerücht, daß du krank wärest, auf der Stelle den Entschluß, hierher zu wandern – zwanzig Meilen in Tanzschuhen, die arme Alte –, um sich nach dir zu erkundigen. Ein wahres Glück, daß wir zu Hause waren, sonst hätte sie unverrichteter Dinge wieder umkehren müssen.« Die alte Verschwörung, mich glücklich zu machen! Jedermann schien dabei beteiligt zu sein! »Wenn es dir nun nicht unangenehm ist, die harmlose kleine Alte einmal nachmittags vorzulassen, ehe du Boythorns sonst dem Untergang geweihtes Haus vor Zerstörung bewahren gehst, glaube ich, würdest du sie stolzer und zufriedener damit machen, als ich – trotzdem ich den ausgezeichneten Namen Jarndyce führe – in meinem ganzen Leben imstande wäre.« Ich bezweifle nicht, daß er wußte, wie besänftigend und heilsam der Anblick des armen unglücklichen Geschöpfs zu jener Zeit auf mein Gemüt wirken werde. Ich fühlte es, noch während er mit mir sprach. Ich konnte ihm nicht herzlich genug versichern, wie bereit ich sei, sie zu empfangen. Ich hatte sie immer bemitleidet; vielleicht niemals so sehr wie jetzt. Ich war stets froh gewesen, sie in ihrem Unglück wenigstens einigermaßen trösten zu können; aber nie, nie halb so sehr wie jetzt. Wir verabredeten also einen Tag, wo Miß Flite mit der Landkutsche zu uns kommen und mein Rekonvaleszentenmittagessen mit mir teilen sollte. Als mein Vormund mich verließ, wendete ich auf meinem Lager mein Gesicht ab und betete zu Gott um Verzeihung, daß ich meine kleine Prüfung, von solchen Segnungen umgeben, nicht leichter trug. Die kindliche Bitte an jenem längst vergangnen Geburtstag, wo ich gelobt hatte, zufrieden, fleißig und treuen Herzens zu sein und Gutes zu erweisen, wann immer ich könnte, und mir Liebe zu erwerben, wenn es mir gelänge, kehrte mit einem vorwurfsvollen Gedanken an alles seitdem genoßne Glück und all die mir erwiesne Liebe in meine Seele zurück. Wenn ich jetzt schwach werden sollte, was hätten mir alle diese gnädigen Schickungen genützt? Ich wiederholte das alte kindische Gebet in seinen alten kindischen Worten und fand, daß es mir Frieden gab wie damals. Mein Vormund besuchte mich von da an jeden Tag. Nach Verlauf einer Woche konnte ich in den beiden Zimmern herumgehen und hinter dem Vorhang hervor lange mit Ada sprechen. Aber ich zeigte mich ihr nie, denn ich hatte noch nicht den Mut dazu. An dem festgesetzten Tag kam Miß Flite. Die arme kleine Alte eilte, ihr gewöhnliches würdevolles Benehmen ganz beiseite lassend, in mein Zimmer und rief, aus tiefstem Herzen schluchzend: »Meine liebe Fitz-Jarndyce!«, fiel mir um den Hals und küßte mich wohl zwanzig Mal. »Mein Gott!« sagte sie und fuhr mit der Hand in ihren Strickbeutel. »Ich habe hier nichts als Dokumente, meine liebe Fitz-Jarndyce. Sie müssen mir ein Taschentuch leihen.« Charley gab ihr eins, und das gute Geschöpf machte den reichlichsten Gebrauch davon, denn sie hielt es mit beiden Händen vor die Augen und weinte so die nächsten zehn Minuten lang. »Aus Freude, meine liebe Fitz-Jarndyce«, versicherte sie dabei unaufhörlich. »Nicht etwa vor Schmerz. Vor Freude, Sie wieder gesund zu sehen. Vor Freude, die Ehre zu haben, Sie besuchen zu dürfen. Ich habe Sie noch viel lieber als den Kanzler. Obgleich ich regelmäßig den Gerichtssitzungen beiwohne. Übrigens, meine Liebe, da wir gerade von Taschentüchern sprechen...« Sie fing einen Blick von Charley auf, die sie vorher von der Kutsche abgeholt hatte. Charley sah mich an und schien ein wenig beunruhigt. »Ja, richtig«, sagte Miß Flite, »ja, richtig. Wahrhaftig! Im höchsten Grade indiskret von mir, darauf zu sprechen zu kommen. Meine liebe Miß Fitz-Jarndyce, unter uns gesagt, ich fürchte, ich bin manchmal ein wenig – zerstreut, wissen Sie.« – Sie deutete auf ihre Stirn – »Es ist weiter nichts.« »Was wollten Sie mir denn sagen?« fragte ich lächelnd, denn ich sah, daß sie gern fortfahren wollte. »Sie haben mich neugierig gemacht, und ich lasse mich jetzt nicht so ohne weiteres abspeisen.« Miß Flite sah in ihrem Dilemma Charley hilfesuchend an und freute sich dann über die Maßen, als Charley sagte: »Wenn Sie erlauben, Maam, aber es ist wohl am besten, Sie erzählen es selber.« »Wie klug unsre junge Freundin ist«, sagte sie zu mir in ihrer geheimnisvollen Weise. »Winzig klein. Aber s-eh-r klug. Also, meine Liebe, eine hübsche kleine Anekdote. Weiter nichts. Aber ich halte sie für reizend. Wer, glauben Sie wohl, kam hinter uns her in der Landkutsche? Eine arme Person in einem höchst unmodischen Hut...« »Jenny, wenn Sie erlauben, Miß«, erklärte Charley. »Ganz richtig«, stimmte Miß Flite lebhaft bei. »Jenny. Jawohl. Und was erzählt sie unsrer jungen Freundin? Daß sich in ihrer Hütte eine verschleierte Dame nach dem Befinden meiner lieben Fitz-Jarndyce erkundigte und als kleines Andenken ein Taschentuch mitgenommen hat, bloß, weil es meiner liebenswürdigen Fitz-Jarndyce gehörte. Bloß deswegen nahm es die verschleierte Dame mit.« »Wenn Sie erlauben, Miß«, erklärte mir Charley, als ich sie verwundert anblickte, »Jenny sagte, als ihr Kind starb, hätten Sie ein Taschentuch zurückgelassen. Sie hat es aufgehoben mit den andern kleinen Sachen. Ich glaube, wenn Sie erlauben, Miß, nicht nur, weil es das tote Kind zugedeckt hat, sondern weil es von Ihnen stammt.« »Winzig klein«, flüsterte Miß Flite und machte allerhand merkwürdige Gesten vor ihrer Stirn, um auszudrücken, wie gescheit Charley sei. »Aber ausnehmend klug! Und so klar! Meine Liebe, sie drückt sich klarer aus als der beste Advokat, den ich jemals gehört habe.« »Ja, Charley«, entgegnete ich. »Ich erinnere mich. Und weiter?« »Ja, Miß, dies Taschentuch hat die Dame mitgenommen. Und Jenny wünscht, Sie wissen zu lassen, daß sie es nicht für einen Haufen Geld weggegeben hätte, aber die Dame hat es einfach genommen und Geld dafür hingelegt. Jenny kennt sie gar nicht, wenn Sie erlauben, Miß.« »Wer mag das nur gewesen sein?« »Meine Liebe«, meinte Miß Flite und brachte mit ihrer geheimnisvollen Miene ihre Lippen ganz nahe an mein Ohr. »Meiner Meinung nach – verraten Sie es unsrer kleinen Freundin nicht – war es des Lordkanzlers Gemahlin. Er ist verheiratet, müssen Sie wissen. Und wie ich höre, hat er ein Höllenleben bei ihr auszuhalten. Sie wirft Seiner Lordschaft Akten ins Feuer, meine Liebe, wenn er den Juwelier nicht bezahlen will.« Ich machte mir damals nicht viel Gedanken über die unbekannte Dame und glaubte, es könnte vielleicht Caddy gewesen sein. Außerdem wurde meine Aufmerksamkeit ganz von meinem Besuch in Anspruch genommen. Von der Fahrt ganz durchgefroren und ausgehungert, hatte sie, als das Mittagessen aufgetragen wurde, einigen Beistand nötig, um sich zu ihrer Befriedigung mit einer jämmerlichen alten Schärpe und einem Paar sehr abgenutzter und oft geflickter Handschuhe, die, in Papier eingeschlagen, die Reise mitgemacht hatten, herauszuputzen. Ich hatte ihr außerdem bei dem Mahl, das aus einem Gericht Fisch, einem gebratenen Huhn, Gemüse, Madeira und Mehlspeise bestand, vorzulegen, und es war so hübsch anzusehen, wie sie es sich schmecken ließ und mit welchem Anstand und welcher Feierlichkeit sie sich dabei benahm, daß ich bald an weiter nichts dachte. Als wir fertig waren und unser bescheidenes Dessert vor uns stand, mit Blumen geschmückt von den Händen meines Lieblings, war Miß Flite so heiter gestimmt und gesprächig, daß ich auf den Einfall kam, sie auf ihre eigne Lebensgeschichte zu bringen, denn ich wußte, daß sie immer gern von sich sprach. Ich fing mit der Frage an: »Sie haben den Lordkanzler wohl schon viele Jahre besucht, Miß Flite?« »Oh, viele, viele, viele Jahre, meine Liebe. Aber ich erwarte ein Urteil. Binnen kurzem.« Selbst aus ihrem hoffnungsfreudigen Wesen blickte jetzt eine schmerzliche Spannung durch und ließ mich zweifeln, ob ich recht getan hätte, die Sache erwähnt zu haben. Ich nahm mir vor, lieber nicht mehr davon anzufangen. »Mein Vater erwartete schon ein Urteil«, fuhr Miß Flite nach einer Weile fort. »Mein Bruder, meine Schwester, sie alle erwarteten ein Urteil. Dasselbe, das ich erwarte.« »Sie sind alle...« »Jaaaa. Tot natürlich, meine Liebe.« Da ich sah, daß sie durchaus fortfahren wollte, hielt ich es für das Beste, doch auf das Thema einzugehen, anstatt ihm auszuweichen. »Wäre es nicht vielleicht klüger«, sagte ich, »nicht länger auf dieses Urteil zu warten?« »Natürlich, meine Liebe«, antwortete sie auf der Stelle, »wäre es das.« »Und den Gerichtshof nicht länger mehr zu besuchen.« »Ebenso natürlich. Es ist sehr aufreibend, immer auf etwas zu warten, das nie kommt, meine liebe Fitz-Jarndyce! Aufreibend bis auf die Knochen, versichere ich Ihnen.« Sie zeigte mir einen Augenblick ihren Arm, der wirklich schrecklich abgezehrt aussah. »Aber, meine Liebe«, fuhr sie geheimnisvoll fort, »der Ort übt eine schreckliche Anziehungskraft aus. Still! Erwähnen Sie nichts davon gegen unsre kleine Freundin, wenn sie hereinkommt. Es könnte sie erschrecken. Mit gutem Grund. Der Ort übt eine grausame Anziehungskraft aus. Sie können ihn nicht verlassen. Sie müssen auf etwas warten.« Ich versuchte, ihr das auszureden. Sie hörte mich geduldig und lächelnd an, war aber gleich mit ihrer Antwort zur Hand. »Jajaja! Sie denken so, weil ich etwas zerstreut bin. Seh-r absurd, so zerstreut zu sein, nicht wahr? Und seh-r konfus. Im Kopf. Es kommt mir so vor. Aber, meine Liebe, ich bin seit vielen Jahren dort und habe scharf acht gegeben. Es geht von dem Szepter und dem Siegel auf dem Tisch aus.« »Wieso von dem Szepter und dem Siegel?« fragte ich. »Sie saugen und ziehen! Sie ziehen die Leute an, meine Liebe. Ziehen den Frieden aus ihrer Seele. Den Verstand. Das gute Aussehen. Die guten Eigenschaften ziehen sie heraus. Ich habe gefühlt, wie sie mir sogar in der Nacht die Ruhe entzogen. Kalte und glitzernde Teufel.« Sie tippte verschiedne Male auf meinen Arm und nickte mir gutmütig zu, als liege ihr wohl viel daran, mich zu überzeugen, daß ich aber keine Ursache habe, mich vor ihr zu fürchten, wenn sie mir so düstere und schreckliche Geheimnisse anvertraute. »Warten Sie «, sagte sie, »ich will Ihnen meine eigne Geschichte erzählen. Ehe sie mich anzogen, die glitzernden Teufel, womit beschäftigte ich mich da? – Mit Tambourinspielen? Nein, Tambourarbeit allerdings. Ich und meine Schwester machten nämlich Tambourierstickerei. Unser Vater und unser Bruder waren Baumeister. Wir wohnten alle zusammen. Seh-r respektabel, meine Liebe. Zuerst zogen sie meinen Vater weg. Langsam. Die ganze Häuslichkeit zog es mit ihm. In wenigen Jahren war er ein mürrischer, verbitterter, bankrotter Mann, der für niemanden ein gutes Wort oder einen freundlichen Blick mehr hatte. Früher war er so ganz anders gewesen, Fitz-Jarndyce! Es zog ihn ins Schuldgefängnis. Dort starb er. Dann zog es unsern Bruder – rasch – zur Trunksucht und Herabgekommenheit. Und Tod. Dann zog es meine Schwester. Still. Fragen Sie mich nicht, zu was. Dann wurde ich krank. Und darbte. Und ich hörte, wie schon oft vorher, daß all das das Werk des Kanzleigerichts sei. Als ich mich erholte, sah ich mir das Ungeheuer an. Und dann entdeckte ich, wie es war, und es zog mich, dort zu bleiben.« Nach und nach, wie sie mit der kurzen Schilderung ihres Lebens fertig wurde, mit unterdrückter gepreßter Stimme sprechend, als stünde all das Leiden noch in frischer Erinnerung vor ihr, und zu Ende kam, nahm sie ihre gewohnte Miene liebenswürdiger Wichtigtuerei wieder an. »Sie schenken mir nicht vollen Glauben, meine Liebe. Gut, gut. Eines Tages werden Sie es schon tun. Ich bin ein wenig zerstreut. Aber ich habe beobachtet. Ich habe manches neue Gesicht arglos in den Bereich des Einflusses des Szepters und des Siegels kommen sehen in diesen vielen Jahren. Meinen Vater. Meinen Bruder. Meine Schwester. Mich selbst. Ich höre Konversationskenge und alle übrigen zu den neuen Gesichtern sagen: Das ist die kleine Miß Flite. Oh, Sie sind zum ersten Mal hier? Da müssen wir Ihnen doch die kleine Miß Flite vorstellen! Sehr gut! Und ich bin über die Ehre natürlich sehr stolz. Und wir alle lachen. Aber, Fitz-Jarndyce, ich weiß, was vor sich geht. Ich weiß viel besser als sie, wann die Anziehungskraft zu wirken begonnen hat. Ich kenne die Zeichen, meine Liebe. Ich sah den Anfang bei Gridley. Und ich sah das Ende. Meine liebe Fitz-Jarndyce«, sagte sie wieder mit leiserer Stimme, »ich sah, wie es anfing bei unserm Freund, dem Mündel in Sachen Jarndyce. Sagen Sie doch, man solle ihn zurückhalten. Oder es wird ihn ins Verderben ziehen.« Einige Augenblicke lang sah sie mich schweigend an, dann wurde ihre Miene langsam wieder ein Lächeln. Sie schien zu fürchten, sie habe mir zu trübe Dinge erzählt, und schien gleichzeitig den Zusammenhang zu verlieren, denn sie sagte höflich und nippte dabei an ihrem Glas Wein: »Ja, meine Liebe, wie ich schon sagte, ich erwarte ein Urteil. Binnen kurzem. Dann schenke ich meinen Vögeln die Freiheit wieder, wie Sie wissen, und verteile Güter.« Ihre Anspielung auf Richard ergriff mich tief. Ihre verkümmerte Gestalt war trotz des unzusammenhängenden Sinns ihrer Rede ein furchtbares und trauriges Beispiel. Zum Glück für sie war sie jetzt wieder seelenvergnügt und wurde wieder ganz Lächeln und Nicken. »Aber, meine Liebe«, sagte sie heiter und legte ihre Hand auf die meine, »Sie haben mir noch nicht wegen meines Arztes gratuliert. Wirklich, noch nicht ein einziges Mal.« Ich mußte gestehen, daß ich nicht recht wußte, was sie meinte. »Wegen meines Arztes, Mr. Woodcourt, meine Liebe, der so außerordentlich aufmerksam zu mir war! Obgleich er mir seine Dienste gratis zur Verfügung stellte. Bis der Tag des Gerichts kommt. Ich meine den Tag des Urteils, der den Zauber vernichtet, den Szepter und Siegel auf mich ausüben.« »Mr. Woodcourt ist jetzt so weit weg«, sagte ich, »daß ich glaubte, eine solche Gratulation käme verspätet, Miß Flite.« »Aber, mein Kind«, entgegnete sie, »ist es denn möglich, daß Sie nicht wissen, was geschehen ist?« »Was denn? Ich weiß von nichts.« »Es war doch in jedermanns Munde, meine liebe Fitz-Jarndyce. Und Sie wissen es wirklich nicht?« »Nein. Sie vergessen, wie lange ich hier krank lag.« »Sehr wahr. Meine Liebe, wirklich, sehr wahr. Ich muß mich selbst tadeln. Aber mein Gedächtnis ist mit allem andern aus mir herausgezogen worden von... Sie wissen schon. Seh-r starker Einfluß, nicht wahr? Ja, ja, meine Liebe. Dort im indischen Ozean hat ein schrecklicher Schiffbruch stattgefunden.« »Mr. Woodcourt ist untergegangen!!!« »Regen Sie sich nicht auf, meine Liebe. Er ist gerettet. Eine grauenerregende Szene. Der Tod in allen Gestalten. Hunderte von Toten und Sterbenden. Feuer, Sturm und Finsternis. Eine Menge von Ertrinkenden auf einen Felsen geworfen. Dort, und die ganze Zeit über, war mein lieber Arzt ein Held. Ruhig und tapfer in jeder Gefahr. Rettete vielen das Leben, klagte nie über Hunger und Durst, hüllte Nackte in seine eignen Kleider, übernahm die Führung, riet ihnen, was sie tun sollten, pflegte die Kranken, begrub die Toten und brachte die armen Überlebenden endlich in Sicherheit. Meine Liebe, die armen ausgehungerten Geschöpfe beteten ihn fast an. Sie fielen vor ihm auf die Knie und segneten ihn, als sie endlich gerettet wurden. Das ganze Land spricht davon. Warten Sie. Wo ist mein Dokumentenbeutel? Ich hab es mit. Und Sie sollen es lesen, Sie sollen es lesen.« Und ich las die ganze herrliche Geschichte. Wenn auch nur sehr langsam und unvollkommen damals, denn meine Augen waren so getrübt, daß ich die Worte nur schwer unterscheiden konnte, und ich weinte soviel, daß ich oft den langen Zeitungsausschnitt weglegen mußte. Ich fühlte mich so glücklich, den Mann gekannt zu haben, der so edle und tapfere Taten vollbracht, sein Ruhm erfüllte mich mit solcher Begeisterung, und ich bewunderte ihn so sehr wegen dessen, was er getan, daß ich die sturmgepeitschten Unglücklichen, die vor ihm auf die Knie gesunken waren und ihn als ihren Retter gesegnet hatten, beneidete. Ich selbst hätte vor ihm niederknien und ihn segnen mögen in meinem Entzücken, daß er sich so wahrhaft edel und tapfer benommen. Ich fühlte, daß niemand – weder Mutter, Schwester noch Gattin – ihn höher halten könnte als ich. Ja, als ich, das fühlte ich. Die arme kleine Miß Flite schenkte mir den Bericht, und als sie bei herannahendem Abend aufstand, um sich zu verabschieden, um nicht die Rückfahrt mit der Landkutsche zu versäumen, sprach sie noch immer von dem Schiffbruch. Ich war meinerseits noch zu sehr außer Fassung, um ihn in allen seinen Einzelheiten zu begreifen. »Meine Liebe«, sagte sie, als sie Schärpe und Handschuhe sorgfältig eingewickelt hatte, »mein wackerer Arzt sollte einen Titel bekommen. Jedenfalls wird das auch geschehen. Sie sind doch auch der Meinung?« »Daß er gewiß einen verdiente, ja. Daß er einen bekommen wird, nein.« »Warum nicht, Fitz-Jarndyce?« fragte sie etwas gereizt. Ich erklärte ihr, es sei in England nicht Sitte, für verdienstvolle Taten in Friedenszeiten, wie bedeutend sie auch immer wären, Titel zu verleihen. Außer, gelegentlich, wenn diese Taten in der Aufhäufung irgendeiner großen Summe Geldes bestünden. »Aber, Gott im Himmel«, sagte Miß Flite, »wie können Sie so etwas sagen! Sie wissen doch, meine Liebe, daß die größten Zierden Englands in Wissenschaft, Kunst, Humanität und Fortschritten aller Art adlig geworden sind. Blicken Sie um sich, meine Liebe. Jetzt müssen Sie ein wenig zerstreut sein, glaube ich, wenn Sie nicht wissen, daß das allein der Grund ist, weshalb in England der Adel nie aussterben wird.« Ich fürchte, sie glaubte wahrhaftig, was sie sagte. Es gab Augenblicke, wo sie wirklich ganz verrückt war. Und jetzt muß ich wohl das kleine Geheimnis verraten, das ich bis jetzt für mich zu behalten versucht habe. Ich hatte mir manchmal gedacht, Mr. Woodcourt liebe mich und würde, wenn er reicher gewesen wäre, es mir vielleicht vor seiner Abreise gesagt haben. Ich dachte mir manchmal, ich würde mich gefreut haben, wenn er es mir gesagt hätte. Aber wieviel besser war es jetzt, daß es nicht der Fall gewesen! Was hätte ich leiden müssen, wenn ich ihm hätte schreiben und sagen müssen, daß die armseligen Gesichtszüge, die er als die meinen gekannt, jetzt so verändert seien und daß ich ihn freiwillig seiner Verpflichtung gegen eine, die er nie gesehen, so verändert habe sie sich, entbinde. Oh, wieviel besser war es so! Nichts war jetzt ungeschehen zu machen, für mich keine Kette zu lösen, für ihn keine Kette zu schleppen, und ich konnte, so es Gott gefiel, meinen einfachen Weg auf dem Pfade der Pflicht verfolgen und er seinen besseren Weg auf der breiteren Straße gehen. 36. Kapitel Chesney Wold Charley und ich traten unsre Reise nach Lincolnshire nicht allein an. Mein Vormund hatte es sich nicht nehmen lassen, mich im Auge zu behalten bis zu unsrer sichern Ankunft in Mr. Boythorns Haus. So begleitete er uns, und wir waren zwei Tage unterwegs. Mir erschien jeder Lufthauch, jeder Duft, jede Blume und jedes Blatt, jeder Grashalm und jede vorüberziehende Wolke und alles in der Natur schöner und wunderbarer als je. Das war mein erster Gewinn, den ich aus meiner Krankheit zog. Wie wenig hatte ich verloren, wenn die ganze weite Welt so voller Wonnen für mich war! Da mein Vormund gleich wieder zurückreisen wollte, vereinbarten wir bereits auf der Hinfahrt einen Tag, wo mein Liebling mich besuchen kommen sollte. Ich schrieb ihr einen Brief, den er ihr zu geben versprach, und er schied von uns eine halbe Stunde nach unsrer Ankunft an unserm Reiseziel. Es war ein schöner Frühsommerabend. Hätte eine gute Fee für mich das Haus mit einem Wink ihres Zauberstabes gebaut und wäre ich eine Prinzessin und ihr Patenkind gewesen, hätte man mich darin nicht mehr ehren können. So viele Vorbereitungen hatte man für mich getroffen und überall eine so liebevolle Erinnerung an all die Kleinigkeiten, die ich liebte, an den Tag gelegt, daß ich mich wohl ein Dutzend Mal, von Rührung überwältigt, hätte hinsetzen können, ehe noch die Hälfte der Zimmer besichtigt war. Ich tat jedoch etwas Vernünftigeres. Ich führte nämlich Charley überall herum. Charleys Entzücken beruhigte mich, und nachdem wir einen Spaziergang im Garten gemacht und Charley ihr ganzes Vokabularium von Bewunderungsausdrücken erschöpft hatte, fühlte ich mich wieder stillglücklich. Es war mir ein großer Trost, nach dem Tee zu mir sagen zu können: Liebe Esther, ich glaube, du bist jetzt verständig genug, um dich hinzusetzen und einen Dankesbrief an deinen liebenswürdigen Wirt zu schreiben. Er hatte einen Bewillkommnungsbrief an mich zurückgelassen, der so sonnig war wie sein eignes Gesicht, und seinen Vogel meiner Obhut anvertraut, worin ich das höchste Zeichen seines Vertrauens sah. Ich schrieb ihm ein Billett nach London, erzählte ihm, was alle seine Lieblingspflanzen und Bäume machten und wie der wunderbarste aller Vögel mir mit seinem Gezirp auf gastfreundschaftlichste Weise die Honneurs des Hauses gemacht habe und jetzt, nachdem er zum unsäglichen Entzücken meiner kleinen Zofe auf meiner Schulter gesungen, in der gewöhnlichen Ecke seines Käfigs schlafen gegangen sei. Ob er dabei träume oder nicht, sei ich außerstande zu berichten. Nachdem ich meinen Brief beendet und auf die Post geschickt hatte, blieb mir viel mit dem Auspacken und Ordnen meiner Sachen zu tun, und ich schickte deshalb Charley zeitig zu Bett, da ich ihrer diesen Abend nicht weiter bedürfe. Ich hatte nämlich noch nicht in den Spiegel gesehen und auch meinen eignen nicht zurückverlangt. Deshalb wollte ich allein sein und sagte mir, wie ich jetzt in meinem Zimmer ungestört war: Esther, wenn du glücklich sein und ein Recht haben willst, zu beten, treu und wahr zu bleiben, mußt du jetzt Wort halten. Ich war fest entschlossen, es zu halten, aber ich setzte mich erst eine Weile hin, um mir all das Gute, das mir widerfahren, nochmals vor Augen zu führen. Das Haar hatte man mir nicht abgeschnitten, obgleich es mehr als einmal gefährdet gewesen war. Es war noch lang und stark. Ich löste es, ließ es herunterfallen und trat vor den Toilettenspiegel. Man hatte ihn mit einem Musselinevorhang verhüllt. Ich zog die Gaze zurück. Ich hatte mich sehr verändert – ach, sehr, sehr. Anfangs war mir mein Gesicht so fremd, daß ich es fast mit den Händen bedeckt und wahrscheinlich zurückgefahren wäre, wenn ich vorher meine Gedanken nicht gesammelt hätte. Bald aber gewöhnte ich mich mehr daran und lernte dadurch die Größe der Veränderung nur noch genauer kennen. Sie war nicht von der Art, wie ich sie erwartete. Ich war nie schön gewesen und hatte mich nie dafür gehalten, aber ich hatte doch ganz anders ausgesehen. Jetzt war alles verschwunden. Es gelang mir mit ein paar durchaus nicht bittern Tränen, mich damit abzufinden, und ich band mir das Haar für die Nacht auf und konnte mit wirklich dankbarem Herzen vor dem Spiegel stehen. Eine Sache beunruhigte mich, und ich mußte lange darüber nachdenken, ehe ich einschlief. Ich hatte den Blumenstrauß von Mr. Woodcourt aufgehoben, die Blumen getrocknet und in ein Buch, das mir teuer war, gelegt. Niemand wußte das, selbst Ada nicht. Ich schwankte, ob ich recht täte, ein Geschenk aufzubewahren, das er früher einer andern gegeben – ob es edel gegen ihn war. Ich wollte selbst in den heimlichsten Tiefen meiner Seele edel gegen ihn sein, weil ich ihn einst hätte lieben und ihm mein Herz ganz widmen können. Endlich kam ich zu dem Schluß, daß ich es behalten dürfte, wenn auch nur als eine Erinnerung an etwas, das unwiderruflich vorüber war. Ich stand absichtlich am nächsten Morgen zeitig auf, um vor dem Spiegel sitzen zu können, wenn Charley wie gewöhnlich auf den Zehenspitzen hereinkäme. »O Gott, Miß!« rief sie und fuhr zurück, als sie mich so sah. »Ja, Charley«, sagte ich und steckte mir ruhig das Haar auf. »Ich befinde mich ganz wohl dabei und fühle mich vollkommen glücklich.« Ich sah, welche Last ihr von der Seele fiel. Aber bei mir war die Erleichterung noch bei weitem größer. Ich kannte jetzt das Schlimmste und hatte mein seelisches Gleichgewicht wiedergewonnen. Von dem Wunsch erfüllt, noch vor Adas Ankunft ganz wieder bei Kräften und guter Laune zu sein, entwarf ich mit Charley eine Reihe von Plänen, die uns ermöglichen sollten, den ganzen Tag im Freien zu sein. Wir wollten vor dem Frühstück spazieren gehen und zeitig zu Mittag essen und dazwischen uns ebenfalls im Freien und nach dem Tee im Garten aufhalten, uns zeitig schlafen legen, jeden Hügel der Nachbarschaft besteigen und jeden Weg durch Gebüsch und Feld durchforschen. Was kräftigende Speisen und kleine Stärkungsmittel betraf, war Mr. Boythorns gutherzige Haushälterin beständig mit etwas zu essen oder zu trinken bei der Hand, und wenn es ihr zu Ohren kam, daß ich im Park ausruhe, gleich kam sie mir mit einem Korb nachgetrabt, und ihr freundliches Gesicht glänzte bei ihren Vorlesungen über die Wichtigkeit häufigen Essens. Dann war ein ausdrücklich für mich bestimmtes Pony da, ein dickes kleines Ding mit einem kurzen Hals und einer dicht über die Augen fallenden Mähne, das, wenn es wollte, so leicht und ruhig galoppieren konnte, daß es eine wahre Freude war. Schon nach ein paar Tagen kam es auf mich zu, wenn ich es rief, fraß mir aus der Hand und lief mir nach. Wir lernten uns so gut verstehen, daß, wenn es träge und etwas trotzköpfig mit mir einen schattigen Heckengang entlang trabte und ich ihm auf den Hals klopfte und sagte: »Stubbs, ich wundre mich, daß du nicht galoppierst, wo du doch weißt, wie gern ich das habe; mir scheint gar, du willst einschlafen«, es den Kopf komisch ein paar Mal schüttelte und sogleich in Galopp verfiel, wobei Charley immer stehen blieb und vor Freude in die Hände klatschte. Ich weiß nicht, wer dem Pony den Namen »Stubbs« gegeben hatte, aber er schien so natürlich zu ihm zu gehören wie sein zottiges Fell. Einmal spannten wir es vor einen kleinen Wagen und fuhren triumphierend fünf Meilen weit die grünen Hecken entlang, aber plötzlich, gerade als wir es in den Himmel hoben, schien es übelzunehmen, daß es ein Kreis von Mücken, die schon auf dem ganzen Weg seine Ohren umschwirrten, so weit begleitet hatte, und es blieb stehen, offenbar, um darüber nachzudenken. Wie ich vermute, kam es zu der Ansicht, die Lage sei unerträglich, denn es weigerte sich standhaft, sich von der Stelle zu rühren, bis ich Charley die Zügel übergab, ausstieg und zu Fuß weiterging. Und da folgte es mir mit einer gewissen trotzigen Art von guter Laune, steckte mir den Kopf unter den Arm und rieb sich das Ohr an meinem Ärmel. Es nützte nichts, daß ich sagte: »Stubbs, ich bin, wie ich dich kenne, überzeugt, du wirst weitergehen, wenn ich mich in den Wagen setze.« Aber kaum war ich auch nur einen Schritt von ihm weg, blieb es wie eingewurzelt stehen, und wieder mußte ich wie zuerst vor ihm hergehen. Und in diesem Aufzug kehrten wir zur großen Freude der Dorfbevölkerung wieder nach Hause zurück. Charley und ich hatten wirklich allen Grund, Chesney Wold das freundschaftlichste aller Dörfer zu nennen. Schon nach Verlauf einer Woche freuten sich die Leute so sehr, wenn wir vorbeikamen – und das geschah häufig genug im Lauf des Tages –, daß uns aus jeder Hütte freundliche Gesichter grüßten. Ich hatte schon früher viele von den Erwachsenen und fast alle Kinder kennengelernt, aber jetzt schien sogar der Kirchturm ein vertrautes und liebevolles Aussehen anzunehmen. Unter meinen neuen Freundinnen befand sich auch eine uralte Frau, die in einem so kleinen Hüttchen, strohbedeckt und weißgetüncht, wohnte, daß der Fensterladen, wenn er aufgeklappt wurde, die ganze Vorderseite des Hauses bedeckte. Diese Alte hatte einen Enkel auf der See, und ich schrieb einen Brief für sie an ihn und zeichnete oben drüber die Kaminecke, in der er aufgewachsen war und wo sein Stuhl noch auf seinem alten Fleck stand. Das ganze Dorf hielt das für das größte Kunstwerk der Welt, und als eine Antwort von Plymouth kam, worin er äußerte, daß er das Bild mit nach Amerika hinübernehmen und von dort wieder schreiben wollte, rechnete man mir all das Gute, das von rechtswegen dem Postamt gebührte, hoch an und schrieb alle Verdienste des ganzen Beförderungssystems mir zu. Das viele Spazierengehen in frischer Luft, das Spielen mit den Kindern, das Plaudern mit so vielen Leuten, die Besuche in den vielen Hütten, dazu noch der Unterricht für Charley und das tägliche Briefschreiben an Ada ließen mir kaum Zeit übrig, an den kleinen Verlust, den ich erlitten, zu denken. Und so war ich fast immer heiter. Wenn ich zuweilen doch daran denken mußte, ging es immer bald vorüber. Ich fühlte es tiefer, als ich hätte hoffen dürfen, als einmal ein Kind vor mir zu seiner Mutter sagte: »Warum ist die Dame jetzt nicht mehr so hübsch wie früher?« Aber als ich merkte, daß das Kind mich deshalb nicht weniger gern hatte und mit einer Art mitleidiger Zärtlichkeit mit seiner weichen Hand über mein Gesicht strich, war ich bald wieder beruhigt. Die Luft wehte mich so frisch und erquickend an wie nur je, und die Farbe der Gesundheit kam nach und nach wieder. Charley sah prächtig aus, strahlend und rosig, und wir freuten uns beide, so lange der Tag war, und schliefen gesund die Nächte hindurch. Einen Platz im Park von Chesney Wold, mit einer lieblichen Aussicht von einer erhöht stehenden Bank aus, hatte ich besonders gern. Die Waldung war dort gelichtet und ausgehauen, um den Ausblick zu verschönern, und die helle sonnige Landschaft dahinter schimmerte so wundervoll in der Ferne, daß ich wenigstens einmal des Tages dort rastete. Ein malerischer Teil des Herrschaftssitzes, der »Geisterweg« genannt, nahm sich von dieser Höhe herab sehr schön aus, und der unheimliche Name und die damit zusammenhängende alte Familiensage der Dedlocks, die mir Mr. Boythorn schon früher einmal erzählt hatte, verliehen der Landschaft neben ihren wirklichen Reizen etwas seltsam Geheimnisvolles. Nicht weit davon lag ein Abhang, auf dem die herrlichsten Veilchen wuchsen, und da es Charleys tägliches Vergnügen war, Blumen zu pflücken, gewann sie die Stelle so lieb wie ich selbst. Ich kam nie in die Nähe des Hauses und hatte auch keine Veranlassung dazu. Die Familie war nicht anwesend, wie ich schon bei meiner Ankunft gehört hatte, und wurde auch nicht erwartet. Immerhin empfand ich eine gewisse Neugierde und ein Interesse für das Gebäude. Ich saß oft auf der Bank, malte mir aus, wie wohl das Haus eingerichtet wäre, und hätte gern gewußt, ob wirklich, wie die Sage erzählt, ein menschlichen Tritten ähnlicher Schall auf dem einsamen Geisterweg widerhalle. Das unbeschreibliche Gefühl, das Lady Dedlock in mir erweckt hatte, mag wohl dazu beigetragen haben, daß ich mich selbst während ihrer Abwesenheit von dem Hause fern hielt. Ich weiß es nicht gewiß, glaube aber, daß das der Grund war, der mich abschreckte, in die Nähe des Hauses zu gehen. Eines Tages nun, nach einem langen Spaziergang, ruhte ich wieder auf meinem Lieblingsplatz aus, und Charley suchte Veilchen in meiner Nähe. Ich richtete wie gewöhnlich meinen Blick auf den sich in weiter Ferne in tiefem Schatten von Mauerwerk hinziehenden Geisterweg und malte mir die weibliche Gestalt aus, die dort angeblich spuken sollte, als ich wahrnahm, daß sich mir in Wirklichkeit eine Gestalt durch das Gehölz näherte. Der Ausblick war so von Laub verfinstert, und die auf dem Erdboden sich abmalenden Schatten der Zweige wirkten auf das Auge so verwirrend, daß ich sie anfangs nicht erkennen konnte, aber ganz allmählich zeigte es sich, daß es eine Dame war. – Und zwar Lady Dedlock! Sie war allein und näherte sich der Bank, wie ich mit Erstaunen bemerkte, in viel rascherem Schritt, als ich sie sonst je hatte gehen sehen. Ihr unerwartetes Näherkommen versetzte mich in große Aufregung, und ich wäre gern aufgestanden, um meinen Spaziergang fortzusetzen, aber ich konnte nicht. Ich war wie gebannt. Nicht so sehr durch ihre aufgeregt flehende Gebärde, ihr rasches Näherkommen, ihre ausgestreckten Hände und die ganze Veränderung in ihrem sonst so stolzen selbstbeherrschten Wesen, als durch ein Etwas in ihrem Gesicht, nach dem ich geschmachtet und von dem ich geträumt hatte, als ich noch ein kleines Kind gewesen – von einem Etwas, das ich noch in keinem Gesicht gesehen. Mir wurde ganz bang und schwach, und ich rief Charley. Lady Dedlock blieb sofort stehen und zeigte augenblicklich wieder ihre alte Haltung und ihre eisige Miene. »Miß Summerson, ich fürchte, ich habe Sie erschreckt«, sagte sie und kam jetzt langsamer auf mich zu. »Sie können wohl kaum schon wieder bei Kräften sein. Ich weiß, daß Sie sehr krank gewesen sind. Es ist mir sehr zu Herzen gegangen, als ich es hörte.« Ich hätte meine Augen ebensowenig von ihrem bleichen Gesicht wegwenden als von der Bank aufstehen können. Sie reichte mir ihre Hand, deren Eiseskälte mit der gezwungnen Fassung in ihrem Gesicht so im Widerspruch stand, daß mich der Bann noch mehr überwältigte. Ich kann nicht sagen, was für Gedanken mir durch den Kopf wirbelten. »Aber Sie erholen sich jetzt wieder?« fragte sie freundlich. »Vor einem Augenblick war mir noch ganz wohl, Lady Dedlock.« »Ist dies Ihre junge Begleiterin?« »Ja.« »Möchten Sie sie nicht vorausschicken und mit mir Ihren Heimweg machen?« »Charley«, sagte ich, »trag deine Blumen nach Hause. Ich werde gleich nachkommen.« Mit ihrem besten Knicks band sich Charley errötend ihren Hut fest und entfernte sich. Als sie fort war, setzte sich Lady Dedlock neben mich auf die Bank. Ich habe keine Worte, um meinen Gemütszustand zu beschreiben, als ich in ihrer Hand mein Taschentuch sah, mit dem ich die Leiche des Kindes in der Zieglerhütte zugedeckt hatte. Ich blickte sie an. Aber ich konnte sie nicht sehen, ich konnte nicht Atem holen. So wild und ungestüm klopfte mein Herz, daß es mir vorkam, als wolle sich mein Leben von mir losreißen. Aber als sie mich an ihre Brust riß, mich mit heißen Tränen küßte, mich bedauerte, mich wieder zu mir selber brachte, dann vor mir auf die Knie fiel und mir zurief: »Mein Kind, mein Kind, ich bin deine verworfne unglückselige Mutter, oh, versuche mir zu vergeben...« als ich sie so zu meinen Füßen in ihrer großen Seelenqual liegen sah, fühlte ich mitten durch den Strom all dieser Gefühle ein Jauchzen der Dankbarkeit gegen die göttliche Vorsehung, daß ich jetzt so verändert war und durch keine Spur von Ähnlichkeit ihre Schande verraten konnte, gehen. Niemand hätte jetzt auch nur entfernt an einen nahen Verwandtschaftsgrad zwischen uns denken können. Ich hob meine Mutter auf und bat und flehte sie an, sich nicht solcher Betrübnis hinzugeben und sich so vor mir zu demütigen. Ich tat es in gebrochenen, unzusammenhängenden Worten, denn außer daß ich furchtbar aufgeregt war, erschreckte es mich, sie vor mir knien zu sehen. Ich sagte ihr oder versuchte es vielmehr, daß, wenn mir, ihrem Kinde, es überhaupt zukäme, von Verzeihen zu reden, ich ihr schon viele, viele Jahre vergeben hätte. Ich sagte ihr, daß mein Herz vor Liebe zu ihr überströme, vor einer natürlichen Liebe, die nichts längst Vergangenes verändert habe oder irgend etwas je verändern könne. Es käme nicht mir, die ich jetzt zum ersten Mal an der Brust meiner Mutter läge, zu, sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen, daß sie mir das Leben gegeben, sondern daß es meine Pflicht sei, sie zu segnen und sie aufzunehmen, ob auch die ganze Welt sich von ihr abwende, und daß ich sie nur um Erlaubnis bitten könne, das tun zu dürfen. Ich hielt meine Mutter umarmt und sie mich, und in der schweigenden Waldung, in der stillen Ruhe des Sommertags schien es außer unser beider stürmisch klopfenden Herzen nichts zu geben, was nicht von Frieden erfüllt war. »Mich zu segnen und mich aufzunehmen!« stöhnte meine Mutter. »Dazu ist es viel zu spät! Ich muß meinen dunkeln Weg allein gehen, und er wird mich führen, wohin er will. Von Tag zu Tag, manchmal von Stunde zu Stunde, sehe ich nicht den nächsten Schritt vor meinen schuldigen Füßen. Das ist die irdische Strafe, die ich auf mich geladen habe. Ich muß sie tragen und sie verbergen.« Wie sie jetzt daran dachte, hüllte sie sich unwillkürlich wieder in die Miene stolzer Gleichgültigkeit wie in einen Schleier, aber nur einen Augenblick. »Ich muß dieses Geheimnis verbergen, wenn es überhaupt möglich ist, nicht bloß um meinetwillen. Ich habe einen Gatten, ich unglückliches und Schande bringendes Geschöpf!« Sie sprach diese Worte fast mit einem unterdrückten Schrei der Verzweiflung, der schrecklicher war, als wenn sie ihrer Leidenschaft freien Lauf gelassen hätte. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, schauderte in meiner Umarmung zusammen, als wollte sie vermeiden, daß ich sie berühre. Ich konnte sie mit all meiner Überredungskunst und meinen Liebkosungen nicht bewegen, aufzustehen. »Nein, nein, nein«, sagte sie, nur so könne sie mit mir sprechen, überall sonst müsse sie stolz und hochmütig sein. Hier in den einzigen natürlichen Minuten ihres Lebens wolle sie sich demütigen und sich schämen. Sie erzählte mir, sie sei während meiner Krankheit fast wahnsinnig geworden. Erst vor nicht langer Zeit habe sie erfahren, daß ihr Kind noch lebe. Vorher habe sie nicht ahnen können, daß ich ihre Tochter sei. Sie wäre mir hierher gefolgt, um nur ein einziges Mal in ihrem Leben mit mir zu sprechen. Wir könnten nie zusammen kommen, nie miteinander verkehren, vielleicht von dieser Zeit an nie wieder auf Erden ein Wort miteinander sprechen. Sie übergab mir einen Brief, den sie nur für mich geschrieben hatte, und sagte mir, wenn ich ihn gelesen haben würde und vernichtet – nicht sowohl um ihretwegen, denn sie verlange für sich nichts mehr, als um ihres Gatten und meinetwillen –, müßte ich sie für immer als gestorben betrachten. Wenn ich glauben könnte, daß sie in der Seelenqual, in der ich sie jetzt sähe, mich mit der Liebe einer Mutter umfange, so bäte sie mich, es zu tun. Denn dann würde ich bei der Erinnerung daran, was sie gelitten, mit größerer Barmherzigkeit an sie denken können. Sie habe sich selbst über alle Hoffnung und Hilfe hinausbegeben. Ob sie ihr Geheimnis bis zum Tode bewahren könne oder ob es entdeckt und damit Schmach und Schande auf den Namen, den sie angenommen, bringen werde, sei ihr beständiger Gedanke in ihrer seelischen Einsamkeit. Keine Liebe könne sich ihr nahen und kein menschliches Geschöpf ihr die mindeste Hilfe leisten. »Aber ist das Geheimnis vorläufig sicher?« fragte ich. »Ist es jetzt sicher, liebste Mutter?« »Nein. Es war schon dicht daran, entdeckt zu werden. Durch einen Zufall nur wurde es noch gerettet. Ein andrer Zufall kann es verraten –morgen –, jeden Tag.« »Fürchtest du eine bestimmte Person?« »Still! Zittre und weine nicht so meinetwegen. Ich bin diese Tränen nicht wert«, sagte meine Mutter und küßte mir die Hände. »Ja, eine Person fürchte ich sehr.« »Einen Feind?« »Mein Freund ist er nicht. Er ist zu leidenschaftslos, um das eine oder das andre zu sein. Es ist Sir Leicester Dedlocks Advokat – mechanisch treu, ohne Anhänglichkeit und sehr erpicht auf den Gewinn, das Privilegium und den Ruf, der Herr der Geheimnisse großer Häuser zu sein.« »Hat er Verdacht geschöpft?« »Sogar sehr.« »Aber nicht gegen dich?« fragte ich voll Unruhe. »Ja. Er ist immer wachsam und beständig in meiner Nähe. Ich kann ihn vielleicht auf einem Punkt festhalten, aber ihn nie abschütteln.« »Hat er so wenig Erbarmen oder Mitleid?« »Er kennt weder das, noch Haß. Ihm ist alles gleichgültig, außer seinem Beruf. Sein Beruf ist die Entdeckung von Geheimnissen und der unumschränkte Besitz der Macht, die sie ihm verleihen.« »Kannst du dich ihm nicht anvertrauen?« »Ich werde es nie versuchen. Der finstre Weg, den ich seit so vielen Jahren gegangen bin, mag führen, wohin er will. Ich folge ihm bis zum Ende, was es auch immer sein mag. Es kann nahe, es kann entfernt liegen. So lange der Weg dauert, wird mich nichts davon abbringen.« »Liebe Mutter, so entschlossen bist du?« »Ich bin entschlossen. Ich habe lange Torheit mit Torheit, Hochmut mit Hochmut, Verachtung mit Verachtung, Trotz mit Trotz überboten und viele Eitelkeiten mit noch größeren überlebt und will auch diese Gefahr überleben und übersterben, wenn ich kann. Sie hat mich fast so grauenhaft eingeschlossen, wie diese Waldungen von Chesney Wold das Haus dort ringsum, aber mein Weg durch sie bleibt derselbe. Ich habe bloß einen. Ich kann bloß einen haben.« »Mr. Jarndyce...«, fing ich an, aber meine Mutter unterbrach mich heftig. »Hegt er Argwohn?« »Nein. Nein, gewiß nicht. Verlaß dich darauf, er ahnt nichts.« Und ich teilte ihr mit, wieweit er meine Jugendgeschichte kenne und was er mir von ihr erzählt hatte. »Aber er ist so gut und verständig«, setzte ich hinzu, »daß er vielleicht, wenn er wüßte...« Meine Mutter, die bis dahin ihre Stellung nicht im mindesten verändert hatte, unterbrach mich und legte mir die Hand auf den Mund. »Vertraue ihm ganz«, sagte sie nach einer kleinen Weile. »Du hast meine Erlaubnis dazu – eine armselige Mitgift von einer solchen Mutter für ihr schwer gekränktes Kind –, aber sage mir nichts davon. Selbst jetzt besitze ich noch eine Spur von Stolz.« Meine Aufregung und mein Schmerz waren so groß, daß ich meine Worte kaum selbst verstehen konnte, und jeder Satz, den meine Mutter gesprochen, hatte einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß ich ihr auseinandersetzte oder es wenigstens versuchte, ich habe nur gehofft, Mr. Jarndyce, der wie der beste Vater an mir gehandelt, könne vielleicht imstande sein, ihr einigermaßen mit Rat und Hilfe beizustehen. Aber meine Mutter sagte, es sei unmöglich. Niemand könne ihr helfen. Durch die Wüste, die vor ihr läge, müsse sie ganz allein gehen. »Mein Kind, mein Kind!« sagte sie. »Jetzt zum letzten Mal! Ich küsse dich zum letzten Mal, umarme dich zum letzten Mal. Wir werden uns nie wiedersehen. Um die Hoffnung aufrecht zu erhalten, das tun zu können, wonach ich strebe, muß ich so bleiben, wie ich schon so lange gewesen bin. Das ist mein Lohn und mein Verhängnis. Wenn du von Lady Dedlock hörst, von der glänzenden, beneideten, umschmeichelten Lady, so denke daran, daß deine unglückliche, schuldbeladne Mutter sich unter dieser Maske verbirgt. Denke, daß sie in Wirklichkeit leidet und in nutzloser Reue den Rest von Zärtlichkeit und Wahrheit, dessen sie noch fähig ist, in ihrer Brust ersticken muß. Dann verzeihe ihr, wenn du kannst, und flehe den Himmel an, ihr zu vergeben.« Wir hielten uns noch eine kleine Weile in den Armen, aber sie war so stark, daß sie meine Hände wegnehmen, wieder auf meine Brust legen, sich mit einem letzten Kuß von mir losreißen und wieder zurück durch den Wald gehen konnte. Ich war allein. Ruhig und still unter mir in Sonnenschein und Schatten lag das alte Haus mit seinen Terrassen und Türmchen, das, wie ich es zum ersten Mal gesehen, ein so ruhevoller Frieden zu umschweben schien, das aber jetzt wie ein erbarmungsloser Zeuge des Jammers meiner Mutter aussah. In meiner Betäubung und einer Schwäche und Hilflosigkeit, wie ich sie kaum in der schlimmsten Zeit meiner Krankheit empfunden, kam mir die Notwendigkeit, mich gegen die Gefahr einer Entdeckung und selbst des leisesten Verdachtes sichern zu müssen, zu Hilfe. Ich tat mein möglichstes, um Charley zu verbergen, daß ich geweint hatte, und zwang mich, an die Verpflichtung, vorsichtig und gesammelt zu erscheinen, wie an ein mir anvertrautes heiliges Gut zu denken. Es bedurfte einiger Zeit, ehe es mir gelang, meine Schmerzensausbrüche zurückzudrängen, aber nach ungefähr einer Stunde befand ich mich besser und fühlte, daß ich heimkehren könnte. Ich ging sehr langsam auf unser Haus zu und sagte Charley, die an der Gartenpforte nach mir Ausschau hielt, ich hätte mich verleiten lassen, meinen Spaziergang, nachdem mich Lady Dedlock verlassen, fortzusetzen, fühlte mich jetzt sehr müde und wolle mich hinlegen. In der Stille meines Zimmers las ich den Brief und ersah daraus aufs deutlichste – und das tat mir wohl –, daß meine Mutter mich wissentlich nie verlassen hatte. Ihre ältere und einzige Schwester, meine Patin, hatte, als man mich als tot auf ein Bett gelegt, wahrscheinlich Lebenszeichen in mir entdeckt, mich in ihrem finster strengen Pflichtgefühl, ohne mein Lebenbleiben weiter zu wünschen oder zu wollen, insgeheim auferzogen und seit dem Tag meiner Geburt das Antlitz meiner Mutter nie wiedergesehen. Welch seltsame Stellung nahm ich in dieser Welt ein. Meine Mutter hatte bis vor kurzer Zeit noch gewähnt, ich habe nie geatmet, sei längst begraben, habe nie zu den Lebenden gezählt und nie einen Namen getragen. Als sie mich das erste Mal in der Kirche erblickt, wäre ich ihr aufgefallen, und sie hätte an das kleine Wesen denken müssen, das jetzt wohl so ähnlich wie ich hätte aussehen müssen. Was der Brief mir weiter sagte, will ich vorläufig nicht niederschreiben. Meine erste Sorge war, ihn zu verbrennen und sogar die Asche zu vernichten. Dabei beschlich mich der Gedanke, es sei besser, ich wäre überhaupt nie am Leben geblieben – besser für viele Leute, wenn ich nie geatmet hätte. Es flößte mir Schrecken ein, daß ich meiner Mutter und einem stolzen Familiennamen möglicherweise Gefahr und Schande bringen könnte. Ich fühlte mich so verwirrt und erschüttert, daß ich zu glauben anfing, es sei vom Schicksal bestimmt gewesen, daß ich bei meiner Geburt hätte sterben sollen, und, daß ich noch lebe, sei unrecht. So waren die Gefühle, die mich erfüllten. Erschöpft schlief ich ein und weinte beim Aufwachen, bei dem Gedanken, mit meiner Last von Sorgen wieder in der Welt sein zu müssen. Es flößte mir ein Grauen ein, wenn ich wieder an die dachte, gegen die ich ein lebendiges Zeugnis war, und an den Besitzer von Chesney Wold – und an die neue schreckliche Bedeutung der alten Worte, die jetzt wie eine am Ufer zerschellende Woge in mein Ohr klangen: »Deine Mutter, Esther, ist deine Schande, und du bist die ihre. Die Zeit wird kommen, und früh genug, wo du das besser verstehen und auch fühlen wirst, wie es ein Weib nur fühlen kann.« Und wieder erwachten die Worte in meinem Hirn: »Bete täglich, daß die Sünden anderer nicht auf dein Haupt kommen mögen.« Das, was mich umfing, vermochte ich nicht mehr zu entwirren, und es kam mir vor, als ob alle Schmach und Schande an mir läge und jetzt die Heimsuchung über mich gekommen sei. Der Tag verschwamm in einen düstern, trüben Abend, und immer noch kämpfte ich mit meinem Gram. Ich ging allein aus, ging eine kleine Weile im Park spazieren und beobachtete die dunkeln, auf die Bäume fallenden Schatten und den flatternden Flug der Fledermäuse, die mich manchmal fast streiften. Zum ersten Mal fühlte ich mich nach dem Schlosse hingezogen. Vielleicht wäre ich nicht in seine Nähe gekommen, wenn ich gefaßter gewesen wäre. Aber so lenkte ich in den Pfad ein, der dicht daran vorbeiführte. Ich wagte nicht, stehen zu bleiben oder aufzublicken, aber ich ging an dem Terrassengarten mit seinen reichen Düften und seinen breiten Gängen, den wohlgepflegten Beeten und dem geschornen Rasen vorüber. Ich sah, wie schön und ernst er war, wie an den alten steinernen Balustraden und Brustlehnen und den breiten Treppen mit den niedrigen Stufen Zeit und Wetter genagt hatten, wie Moos und Efeu sie und das alte steinerne Piedestal der Sonnenuhr umwucherten, und ich hörte das Plätschern der Springbrunnen. Dann führte mich der Weg an langen Reihen dunkler Fenster vorüber, unterbrochen von bezinnten Türmen und Pforten in exzentrischen Formen, wo alte steinerne Löwen und groteske Ungeheuer vor dunkeln schattigen Höhlen sich aufbäumten und, mit Wappenschildern in den Klauen, das Abendgrauen anfletschten. Von da ging der Pfad unter einem Torweg hinweg über einen Hof mit dem Haupteingang und an den Stallungen vorbei. Tiefe Stimmen lebten im Rauschen des Windes auf, in der dicken, sich an einer hohen roten Ziegelmauer hinaufschlingenden Efeudecke, in dem leisen Ächzen des Wetterhahns, im Bellen der Hunde und in dem langsamen Dröhnen einer Uhr. Ein süßer Geruch von den rauschenden Linden traf mich, und ich wendete mich, wie der Pfad sich dahinwand, nach der Südfront, und über mir erblickte ich die Balustrade des Geisterwegs und ein helles Fenster. Vielleicht war es das meiner Mutter. Der Weg war hier gepflastert wie die über mir befindliche Terrasse, und meine Schritte, bisher unhörbar gewesen, hallten jetzt laut auf den steinernen Platten wider. Ich blieb nirgends stehen, um mir etwas zu betrachten, aber ich sah alles beim Vorübergehen. Ich eilte rasch weiter und wäre in wenigen Augenblicken an dem erhellten Fenster vorbeigekommen, da brachte mich der Widerhall meiner Schritte plötzlich auf den Gedanken, in der Sage vom »Geisterweg« könne eine schreckliche Wahrheit liegen. Ich selbst könne bestimmt sein, Unglück über das stolze Haus zu bringen, und meine eignen warnenden Schritte spukten jetzt darin. Von einem Grauen vor mir selbst erfaßt, das mein Blut gerinnen machte, entfloh ich vor mir selbst und eilte auf dem Weg zurück, den ich gekommen, und schöpfte erst wieder Atem, als ich das Haus des Pförtners erreichte und in schweren schwarzen Massen der Park hinter mir lag. Erst als ich in meinem Zimmer wieder für die Nacht allein war, bekümmert und unglücklich, wurde mir klar, wie unrecht und undankbar ich war. Ein Brief von meinem Herzensliebling, der morgen kommen wollte, wurde mir übergeben. Ein heiterer Brief voll so liebreicher Vorfreude, daß ich hätte von Stein sein müssen, wenn er mich nicht gerührt hätte. Auch mein Vormund schrieb, er bäte das Mütterchen, wenn ich es vielleicht irgendwo treffen sollte, zu grüßen und ihm zu sagen, wie jämmerlich sie sich ohne mich befunden hätten. Die Wirtschaft ginge aus allen Fugen, und niemand sonst könne die Schlüssel führen – jeder im Hause erkläre, es sei ganz verändert, und alle drohten mit Rebellion, wenn ich nicht bald zurückkäme. Die beiden Briefe führten mir vor Augen, wieweit über Verdienst man mich liebe und wie glücklich ich mich fühlen müsse. Das brachte mich darauf, über mein ganzes vergangenes Leben nachzudenken, und – was schon längst hätte geschehen sollen –ich kam in eine bessere Stimmung. Ich sah recht gut ein, daß es nicht meine Bestimmung hatte sein können, zu sterben, sonst hätte ich nicht gelebt – um nicht zu sagen, sonst wäre ich nie für ein so glückliches Leben aufgespart worden. Ich erkannte, wieviel Umstände für mein Wohlergehen zusammen gewirkt hatten, und daß, wenn die Sünden der Väter manchmal an ihren Kindern heimgesucht würden, dies Wort nicht die Bedeutung haben könnte, die ich ihm heute morgen unterlegt. Ich begriff, daß ich an meiner Geburt ebensowenig schuld war wie die Königin an der ihren und von dem Vater im Himmel nicht für meine Geburt bestraft worden sein könnte, ebensowenig wie eine Königin dafür belohnt werden würde. Die erschütternden Ereignisse des heutigen Tages müßten mich belehren, daß ich sogar so bald schon einen mildernden Trost in der über mich gekommenen Veränderung finden könnte. Ich fühlte mich bestärkt in meinen alten Entschlüssen und flehte um Kraft und schüttete mein Herz aus in einer Bitte für meine unglückliche Mutter und mich und fühlte, daß der finstere Schatten von heute morgen zu schwinden begann. Er quälte mich nicht im Schlaf, und als das Licht des kommenden Tages mich weckte, war er verschwunden. Mein Liebling sollte um fünf Uhr nachmittags ankommen. Ich wußte die Zwischenzeit nicht besser zu verbringen, als durch einen langen Spaziergang die Straße entlang, die sie kommen mußte. So machten denn Charley und ich und Stubbs – Stubbs diesmal gesattelt, denn nach unsern Erfahrungen spannten wir ihn nie wieder ein – einen langen Ausflug auf diesem Weg und wieder zurück. Dann hielten wir große Umschau in Haus und Garten, um nachzusehen, ob alles in bestem Zustand sei, und hielten den Vogel als wichtigen Bewohner des Hauses bereit. Es mußten noch mehr als zwei Stunden vergehen, ehe sie ankommen konnte, und die Zwischenzeit erschien mir sehr lang, da ich wegen meines veränderten Aussehens voll banger Unruhe war. Ich liebte mein Herzenskind so sehr, daß ich in großer Sorge war, welchen Eindruck es auf sie machen würde. Wird sie wohl vorbereitet sein? dachte ich. Bei meinem Anblick nicht erschrecken und sich abgestoßen fühlen? Wird sie sich nicht vielleicht erst wieder von neuem an mich gewöhnen müssen? Ich kannte das offenherzige reizende Gesicht meines Lieblings zu gut, als daß ich nicht schon im voraus hätte gewiß sein müssen, sie würde den ersten Eindruck nicht vor mir verbergen können. Und ich überlegte mir, ob ich dann ganz für mich würde einstehen können, wenn es, wie es doch so wahrscheinlich war, wechselnde Empfindungen verraten sollte. Ja! Ich glaubte, ich werde es imstande sein. Nach der letzten Nacht glaubte ich es. Aber warten und warten und hoffen und harren und denken und grübeln sind eine schlimme Sache, und so beschloß ich denn, ihr wieder auf der Straße entgegenzugehen. Daher sagte ich zu Charley: »Charley, ich gehe allein auf der Straße spazieren, bis sie kommt.« Und da Charley stets im höchsten Maße alles billigte, was ich für gut fand, blieb sie zu Hause und ließ mich gehen. Aber als ich an den zweiten Meilenstein kam, hatten mich die öfters in der Ferne aufsteigenden Staubwolken so wiederholt in Aufregung versetzt, trotzdem ich mir sagte, es könne die Kutsche noch nicht sein, daß ich wieder umzukehren und nach Hause zu gehen beschloß. Und dann war mir so bange, die Kutsche möchte am Ende hinter mir herkommen, daß ich den größten Teil des Weges lief, um mich nicht einholen zu lassen. Wieder sicher zu Hause, hielt ich mir vor, was für Dummheiten ich gemacht hatte. Jetzt war ich ganz erhitzt, und die Situation war schlimmer anstatt besser. Endlich – ich glaubte, es sei noch mindestens eine Viertelstunde Zeit –rief mir Charley plötzlich zu: »Da kommt sie, Miß! Da ist sie schon!« Fast ohne es zu wollen, lief ich die Treppe hinauf in mein Zimmer und versteckte mich hinter der Tür. Und da stand ich zitternd, selbst noch, als ich meinen Liebling die Treppe heraufkommen und rufen hörte: »Esther, meine liebe gute Esther, wo steckst du denn? Mütterchen! Kleines altes Mütterchen!« Sie kam hereingerannt und wollte wieder hinauslaufen, als sie mich erblickte. Ach, mein Engel, mein Liebling! Der alte teuere Blick! Lauter Liebe, Zärtlichkeit und Zuneigung. Nichts sonst darin, nein, nichts, nichts. Ach, wie glücklich fühlte ich mich, wie ich auf dem Fußboden saß und neben mir mein süßes liebes Kind, das seine liebliche Wange an mein durch Narben entstelltes Gesicht schmiegte, es mit Tränen und Küssen bedeckte, mich hin- und herwiegte wie ein Baby, mich bei jedem erdenklichen Kosenamen rief und an ihr zärtliches Herz drückte. 37. Kapitel Jarndyce kontra Jarndyce Wenn das Geheimnis, das ich zu bewahren hatte, nur mich betroffen hätte, würde ich es Ada anvertraut haben, bevor wir noch lange beisammen gewesen wären, so aber fühlte ich mich nicht einmal berechtigt, es meinem Vormund mitzuteilen, außer im äußersten Notfall. Es war eine schwere Bürde für mich, es so allein tragen zu müssen, aber meine Verpflichtung stand klar vor mir, und glücklich in der Liebe meines Herzenskindes, bedurfte ich keiner Ermutigung, stark zu bleiben. Oft, wenn sie schlief und alles ruhig war, erhielt mich die Erinnerung an meine Mutter wach, und ich fühlte mich tief bekümmert. Aber nie mehr wurde ich ein zweites Mal schwach, und Ada fand mich, wie sie sagte, so wie je. Sie berührte die Veränderung nicht, von der ich genug gesagt habe, und wenn ich es vermeiden kann, auch weiter nicht mehr zu erwähnen gedenke. Sehr schwer wurde es mir, an diesem Abend ganz gefaßt zu erscheinen. Ada fragte mich, während wir arbeiteten, ob die Familie auf ihrem Landsitz sei, und als ich antworten mußte, ja, ich glaubte es, denn Lady Dedlock habe vorgestern mit mir im Park gesprochen, war es mir noch schwerer, auf die Frage, was sie denn gesagt habe, nur zur Antwort zu geben, sie wäre sehr gütig und teilnehmend gewesen. Ada gab zu, daß sie schön und elegant sei, machte aber einige Bemerkungen über ihr stolzes Wesen und ihre hochmütige abweisende Miene. Ohne es zu wissen, kam mir Charley zu Hilfe, indem sie uns erzählte, Lady Dedlock habe nur zwei Nächte auf dem Landsitz verbracht, um bei einer andern großen Familie in der nächsten Grafschaft einen Besuch zu machen, und sei zeitig am andern Morgen, nachdem sie mit mir an unserm Lieblingsplatz gesprochen, wieder weitergereist. Charley machte das Sprichwort, daß kleine Eimer stets große Ohren haben, zur Wahrheit, denn sie erfuhr immer an einem Tag mehr als ich in einem Monat. Wir sollten vier Wochen in Mr. Boythorns Haus bleiben. Mein Liebling war kaum acht schöne Tage dagewesen, soweit ich mich erinnere, als eines Abends, nachdem wir dem Gärtner beim Blumenbegießen geholfen hatten und gerade die Lichter angezündet worden waren, Charley mit höchst wichtiger Miene hinter Adas Stuhl auftauchte und mir geheimnisvoll winkte, hinauszukommen. »O, wenn Sie erlauben, Miß«, flüsterte sie mit so runden und großen Augen wie nur möglich. »Es verlangt Sie jemand im Wirtshaus zu sprechen.« »Wer kann mich denn im Wirtshaus sprechen wollen, Charley?« »Ich weiß nicht, Miß«, entgegnete Charley, streckte den Kopf vor und faltete ihre Hände über ihrem kleinen Schürzenbund, was sie stets tat, wenn sie im Hochgenuß eines Geheimnisses oder einer vertraulichen Mitteilung schwelgte. »Aber es ist ein Herr, Miß. Er läßt sich Ihnen empfehlen und Sie bitten, zu kommen, ohne jemandem etwas davon zu sagen.« »Wer läßt sich empfehlen, Charley?« »Er tut's, Miß«, entgegnete Charley, deren grammatikalische Kenntnisse gewiß Fortschritte, aber nicht allzuschnelle, machten. »Und wie kommst du dazu, die Botschaft zu überbringen, Charley?« »Ich bin nicht der Bote, wenn Sie erlauben, Miß«, rechtfertigte sich meine kleine Zofe. »Es war W. Grubble, Miß.« »Und wer ist denn W. Grubble, Charley?« »Mister Grubble, Miß. Kennen Sie ihn denn nicht, Miß? 'Gasthaus zum Dedlock-Wappen, ausgeübt von W. Grubble'.« Charley sagte die Worte her, als ob sie die Firmatafel langsam abbuchstabierte. »Ah, der Wirt, Charley?« »Ja, Miß. Wenn Sie erlauben, Miß, seine Frau ist eine sehr schöne Dame, aber sie hat sich einmal den Knöchel gebrochen und ist nie mehr wieder grade geworden. Ihr Bruder ist der Sägemüller, den sie eingesteckt haben, Miß, und sie glauben, er wird sich mit Bier noch einmal ganz und gar zu Tode trinken«, sagte Charley. Da ich nicht wußte, um was es sich handeln könne, und jetzt sehr leicht in Schrecken zu versetzen war, hielt ich es für das Beste, sogleich selbst hinzugehen. Ich ließ mir von Charley rasch Hut, Schleier und meinen Schal holen und ging dann die kleine holprige Straße hinab, wo ich ebenso zu Hause war wie in Mr. Boythorns Garten. Mr. Grubble stand in Hemdsärmeln an der Tür seines äußerst saubern kleinen Gasthauses und wartete auf mich. Als er mich kommen sah, nahm er seinen Hut mit beiden Händen ab und trug ihn wie ein schweres eisernes Gefäß vor mir her durch den sandbestreuten Garten in sein bestes Zimmer, eine hübsche, mit Teppichen belegte Stube mit mehr Blumenstöcken darin, als gerade nötig gewesen wären, einem kolorierten Kupferstich, die Königin Karoline darstellend, verschiednen Muscheln und einer ziemlichen Anzahl Teebretter, zwei ausgestopften Fischen in Glaskästen und einem seltsamen Ei oder Kürbis – oder was es sonst war, was da von der Ecke herabhing. Ich kannte Mr. Grubble vom Ansehen recht gut, denn er pflegte oft an seiner Haustür zu stehen. Er war ein freundlich aussehender untersetzter Mann von mittleren Jahren und schien sich einzubilden, ohne Hut und Stulpenstiefel nie passend angezogen zu sein. Einen Rock dagegen trug er nur in der Kirche. Er putzte den Docht der Kerze, trat ein paar Schritte zurück, um zu sehen, ob sie gut brenne, und verschwand aus dem Zimmer, mir ganz unerwartet, denn ich wollte ihn gerade fragen, wer nach mir geschickt habe. Die Tür der gegenüberliegenden Stube ging jetzt auf, und ich hörte einige Stimmen, die mir bekannt vorkamen, aber sogleich verstummten. Ein rascher leichter Schritt näherte sich dem Zimmer, in dem ich wartete, und wer stand vor mir? Richard! »Meine liebe Esther!« rief er. »Meine Herzensfreundin!« Er war so zärtlich und innig, daß ich in der ersten Überraschung, erfreut über seine brüderliche Begrüßung, kaum Atem genug finden konnte, ihm zu sagen, daß sich Ada wohl befinde. »Sie erraten immer meine innersten Gedanken – sind immer dasselbe liebe Mädchen.« Er führte mich zu einem Stuhl und setzte sich neben mich. Ich schlug meinen Schleier ein wenig zurück. »Immer dasselbe liebe Mädchen«, wiederholte er genau so herzlich wie vorhin. Ich schlug den Schleier ganz zurück, legte meine Hand auf seinen Arm, sah ihn an und sagte ihm, wie dankbar ich ihm für sein freundliches Willkommen sei und wie sehr es mich freue, ihn wiederzusehen; –innerlich froh auch wegen des in meiner Krankheit gefaßten Entschlusses, den ich ihm sogleich mitteilte. »Meine Liebe«, sagte Richard, »auch für mich gibt es niemanden, mit dem es mich mehr zu sprechen verlangte, als Sie, denn ich möchte, daß Sie mich ganz verstehen.« »Und ich möchte, Richard«, sagte ich und schüttelte den Kopf, »daß Sie vor allem noch eine andre Person verstehen lernten.« »Da Sie so direkt auf John Jarndyce anzuspielen scheinen«, sagte Richard, »kann ich wohl annehmen, daß Sie niemand anderen meinen?« »Natürlich meine ich ihn.« »Dann kann ich gleich sagen, daß mich das freut, denn gerade in dieser Hinsicht liegt es mir am meisten am Herzen, verstanden zu werden. Von Ihnen, verstehen Sie recht: von Ihnen, liebe Esther. Mr. Jarndyce oder Mr. Sonstjemand bin ich keine Rechenschaft schuldig.« Es schmerzte mich, daß er diesen Ton anschlug, und äußerte mich in diesem Sinne. »Gut, gut, liebe Esther. Wir wollen davon jetzt nicht weiter sprechen«, sagte Richard. »Ich möchte mit Ihnen am Arm in Ihrem Landhaus hier erscheinen und meine reizende Kusine überraschen. Ich hoffe, Ihre Gewissenhaftigkeit John Jarndyce gegenüber verbietet Ihnen das nicht?« »Lieber Richard, Sie wissen, Sie würden in seinem eignen Haus ebenso herzlich willkommen sein. Es würde Ihnen ein Vaterhaus sein, wenn Sie es nur so betrachten wollten. Und Sie sind hier wie dort gleich herzlich willkommen.« »Sie sprechen wie die beste aller kleinen Hausfrauen!« rief Richard heiter. Ich fragte ihn, wie ihm sein neuer Beruf gefalle. »Ganz gut, danke«, sagte er. »Nichts auszusetzen. Vorderhand ist er so gut wie jeder andre. Ich weiß nicht, ob ich mich sehr um ihn kümmern werde, wenn ich erst einmal im reinen bin, aber dann kann ich ja mein Patent verkaufen und... Aber sprechen wir jetzt nicht von dem ganzen Trödel.« So jung und schön, in jeder Hinsicht so das vollkommene Gegenteil von Miß Flite und doch ihr so schrecklich ähnlich, als jetzt ein gequälter, von Ungeduld verzehrter Ausdruck sein Gesicht überflog. »Ich bin soeben auf Urlaub in London, Esther.« »Nein, wirklich?« »Ja! Ich bin herübergereist wegen meiner – Kanzleigerichtsangelegenheit, ehe die langen Ferien anfangen, um nachzusehen, wie sie steht«, sagte Richard mit einem gezwungen unbefangnen Lächeln. »Ich versichere Ihnen, wir fangen jetzt wirklich an, mit dem langwierigen Prozeß vorwärts zu kommen.« Ich schüttelte bedenklich den Kopf. »Sie meinen, es ist kein angenehmes Gesprächsthema?« Wieder flog derselbe Schatten wie vorhin über sein Gesicht. »Wir wollen für heute abend die Sache ganz und gar fallen lassen... Weg damit. Wen, denken Sie wohl, habe ich mitgebracht?« »War das Mr. Skimpoles Stimme vorhin?« »Erraten! Das ist der richtige Mann für mich! Er tut mir wohler als jeder andre Mensch. Was für ein bezauberndes Kind er doch ist.« Ich fragte Richard, ob jemand wisse, daß sie beide zusammen hierhergereist wären. »Nein, niemand.« Richard hätte einen Besuch bei dem lieben alten Knaben gemacht – so nannte er Mr. Skimpole –, und der »liebe alte Knabe« hätte ihm unsern Aufenthalt mitgeteilt, es sich in den Kopf gesetzt, uns zu besuchen, und Lust bekommen, ihn zu begleiten, und so sei er denn hier. »Er ist – ohne die nicht unbedeutenden Kosten, die er einem macht, einzubeziehen – dreifach sein Gewicht in Gold wert. Er ist so ein fideler Kerl. Kein Funken Eigennutz in ihm. Ein frisches jugendliches Herz.« Ich sah zwar gerade keinen Beweis von Mr. Skimpoles Uneigennützigkeit in dem Umstand, daß er sich seine Reisekosten von Richard bezahlen ließ, aber ich machte weiter keine Bemerkung darüber. Er kam jetzt selbst herein, und das gab unserm Gespräch eine andere Wendung. Er war entzückt, mich zu sehen, sagte, er hätte meinetwegen zuweilen während sechs Wochen Tränen der Freude und Teilnahme vergossen, wäre nie so glücklich gewesen, als wie er von meiner Genesung gehört habe, und finge jetzt an, einzusehen, warum in der Welt Gutes mit Schlimmem gemischt sei. Er fühle, daß er die Gesundheit um so höher schätze, wenn jemand anders krank sei, und sagte, er wisse durchaus nicht, ob es nicht im Schöpfungsplan läge, daß A. schielen müsse, um B. wegen seines eignen geraden Blickes glücklich zu machen, oder daß C. ein hölzernes Bein habe, um D. zufriedener mit seinem eignen aus Fleisch und Blut in einem seidnen Strumpf zu machen. »Meine liebe Miß Summerson. Hier haben Sie unsern Freund Richard zum Beispiel. Er ist erfüllt von herrlichen Zukunftsträumen, die er aus der Nacht des Kanzleigerichtshofs heraufbeschwört. Ist das nicht herrlich, begeisternd und voller Poesie? In alten Zeiten wurden die Wälder und Einöden für den Schäfer durch die Pfeifen des Pan und den Tanz der Nymphen belebt und erhellt. Unser idyllischer Richard, dieser Schäfer der Gegenwart, bringt heitere Fröhlichkeit in die schläfrigen Advokatenkanzleien, indem er die Nymphe Fortuna und ihr Gefolge nach den melodischen Noten eines Urteils vor dem Richterstuhl tanzen läßt. Das ist doch wirklich erfreulich, das müssen Sie doch selbst sagen! Irgendein bärbeißiger, sauertöpfischer Kerl wird vielleicht einwenden: Was, einen Nutzen sollen alle diese Mißbräuche unsrer Gerichtshöfe auch noch haben? Wie können Sie so etwas verteidigen! Und ich antworte darauf: Mein bärbeißiger Freund, ich verteidige sie nicht, aber sie sind mir sehr angenehm. Ich habe einen Freund, einen jungen Schäfer, der sie in etwas für meine Einfalt geradezu Faszinierendes verwandelt. Ich sage nicht, daß sie erwiesenermaßen zu diesem Zweck existieren – aber es könnte vielleicht doch sein... Sie müssen bedenken, daß ich unter euch weltgesinnten Brummbären ein Kind bin und mich überdies nicht verpflichtet fühle, euch oder mir wegen irgend etwas Rechenschaft zu geben.« Es wurde mir sofort klar, daß Richard kaum irgendeinen schlimmeren Freund hätte finden können als gerade diesen. Es machte mir große Sorge, daß er noch dazu zu einer Zeit, wo er eines festen Vorsatzes und Zieles am meisten bedurft hätte, diesen gewinnenden Leichtsinn, dieses jederzeit bereite Wegschieben unangenehmer Dinge vor Augen hatte. Ich glaubte mir wohl erklären zu können, warum ein fester Charakter wie der meines Vormunds – in der Welt erfahren und überdies gezwungen gewesen, die unglückseligen Verschleppungen des Familienunglücks mit anzusehen – einen so großen Trost in Mr. Skimpoles Offenherzigkeit hinsichtlich seiner Schwächen und seines Zurschautragens harmloser Aufrichtigkeit fand, aber ich konnte doch nicht so ganz davon durchdrungen sein, daß Mr. Skimpoles Wesen vollständig uneigennützig sei. Sie gingen beide mit mir nach Hause, und nachdem Mr. Skimpole uns am Gartentor verlassen hatte, trat ich leise mit Richard ein und sagte: »Liebe Ada, ich habe einen Herrn mitgebracht, der dich besuchen will.« Es war nicht schwer, in ihrem errötenden erschrockenen Gesicht zu lesen. Sie liebte ihn innig, und er wußte es, und ich wußte es. Es war eine durchsichtige Sache, dieses »Einander-nur-Vetter-und-Kusine-Sein«. Ich machte mir fast Vorwürfe, in meinem Argwohn engherzig zu sein, aber ich fühlte mich doch nicht so ganz sicher, ob Richard Ada ebenso innig liebte wie sie ihn. Er bewunderte sie sehr – das hätte jeder tun müssen – und würde, glaube ich wohl sagen zu dürfen, sein jugendliches Verlöbnis mit Stolz und Freude erneuert haben, wenn er nicht gewußt hätte, wie fest sie das ihrem Vormund gegebne Versprechen gehalten haben würde. Dennoch quälte mich der Gedanke, daß der ihn beherrschende Einfluß sich sogar bis hierher erstreckte, daß er hier wie in allem andern das Beste aufschöbe, bis ihm 'Jarndyce kontra Jarndyce' nicht mehr auf der Seele liege. Was Richard ohne diesen geistigen Mehltau hätte sein können, entzieht sich wohl für immer meinen Blicken. Er sagte Ada in seiner offensten Weise, er sei nicht gekommen, um die mit Mr. Jarndyce – wie er sagte, zu blind und vertrauensvoll – vereinbarten Bedingungen heimlich zu verletzen, sondern sei öffentlich gekommen, um sie und mich zu sehen und sich wegen seiner gegenwärtigen Stellung zu Mr. Jarndyce zu rechtfertigen. Da das alte Kind uns gleich stören kommen werde, bäte er mich, für morgen eine Stunde, wo er ohne Rückhalt mit mir sprechen und sich rechtfertigen könne, zu bestimmen. Ich schlug ihm einen Spaziergang im Park für sieben Uhr früh vor, und er ging darauf ein. Mr. Skimpole erschien bald darauf und erheiterte uns eine Stunde lang. Er legte ein besonderes Verlangen an den Tag, die kleine Coavinses, wie er Charley nannte, zu sehen, und erzählte ihr mit der Miene eines Patriarchen, daß er ihrem seligen Vater soviel Beschäftigung, wie nur in seiner Macht gestanden, gegeben habe, und wenn einer ihrer kleinen Brüder sich beizeiten demselben Beruf zuwenden würde, er immer noch imstande zu sein hoffe, ihm ziemlich viel zu tun zu geben. »Denn man fängt mich stets mit den gleichen Netzen«, sagte er und sah uns über ein Glas Wein mit Wasser mit strahlendem Gesicht an. »Und ich werde jedesmal wieder ausgelöst. Irgend jemand zahlt immer für mich. Ich selbst kann es nicht, das wissen Sie, denn ich habe nie Geld. Durch irgend jemandes Hilfe komme ich immer wieder frei. Wenn Sie mich aber fragen, wer der Jemand ist, könnte ich es Ihnen auf mein Wort nicht sagen. Wir wollen auf dieses Jemands Gesundheit trinken. Gott segne ihn!« Richard verspätete sich ein wenig am Morgen, aber ich hatte nicht lange auf ihn zu warten, und wir gingen zusammen in den Park. Die Luft war hell und taufrisch, und kein Wölkchen stand am Himmel. Die Vögel sangen entzückend, die funkelnden Tropfen im Farnkraut, auf Gras und Laub, waren herrlich anzusehen, und der Reichtum des Waldes schien sich seit gestern verzwanzigfacht zu haben, als ob die Natur in der stillen Nacht emsiger als je für die Herrlichkeit des Tages vorgesorgt hätte. »Es ist ein reizender Ort«, sagte Richard und sah sich um. »Nichts von dem Streit und dem Unfrieden von Prozessen.« – Aber andrer Kummer war hier! – »Ich will Ihnen was sagen, liebes Mütterchen. Wenn ich meine Angelegenheiten erst einmal in Ordnung gebracht habe, glaube ich, ich ziehe hierher und setze mich zur Ruhe.« »Wäre es nicht besser, sich jetzt zur Ruhe zu setzen?« »Jetzt zur Ruhe zu kommen oder überhaupt etwas Definitives zu tun, ist nicht so leicht. Kurz, es ist unmöglich. Mir wenigstens.« »Warum?« »Sie wissen, warum, Esther. Wenn Sie in einem unausgebauten Hause wohnten, das jeden Tag ein neues Dach bekommen oder vom Giebel bis zum Grund eingerissen und wieder neu aufgebaut werden kann – morgen, übermorgen, nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr –, würde es Ihnen auch schwerfallen, sich zur Ruhe zu setzen oder ins Geleise zu kommen. So geht es mir. Jetzt!! Es gibt kein Jetzt für uns Prozeßparteien.« Ich hätte fast an die Anziehungskraft glauben können, von der meine arme geisteskranke Freundin in Bleakhaus gesprochen hatte, als ich jetzt wieder Richards verfinsterten Blick von gestern abend sah. Schrecklicher Gedanke, aber es lag auch etwas darin von dem Schatten des unglücklichen Gridley. »Mein lieber Richard«, wendete ich ein, »das ist ein schlechter Anfang für unsre Unterredung.« »Ich wußte, daß Sie das sagen würden, Mütterchen.« »Und nicht ich allein, lieber Richard, war es, die Sie einmal warnte, nie eine Hoffnung oder eine Erwartung auf diesen Familienfluch zu gründen!« »Da kommen Sie wieder auf John Jarndyce zurück«, unterbrach mich Richard ungeduldig. »Nun gut. Früher oder später müssen wir sowieso darauf kommen, denn auf ihn bezieht sich alles, was ich zu sagen habe, und es ist vielleicht am besten, wir sprechen gleich davon. Meine liebe Esther, wie können Sie nur so blind sein! Sehen Sie denn nicht, daß er als Mitbeteiligter ein Interesse daran haben muß, daß ich nichts von dem Prozesse weiß und mich möglichst wenig darum kümmere?« »Richard!« drang ich in ihn. »Ist es denn möglich, daß Sie Mr. Jarndyce jemals gesehen, ihn sprechen gehört haben, jemals in seinem Hause gewohnt und ihn gekannt haben und es dennoch über sich bringen können, selbst mir gegenüber und an diesem einsamen Ort, wo uns niemand hört, einen so unwürdigen Verdacht auszusprechen!« Er errötete tief, als ob er in seiner angebornen natürlichen Hochherzigkeit einen Gewissensbiß empfinde. Er schwieg eine kleine Weile, ehe er mit gepreßter Stimme zur Antwort gab: »Esther, ich bin überzeugt, Sie halten mich nicht für einen niedrig denkenden Menschen und wissen, ich fühle wie Sie, daß Argwohn und Mißtrauen schlimme Eigenschaften in so jungen Jahren wie den meinen sind.« »Gewiß«, versicherte ich, »gewiß.« »Sie sind ein liebes Mädchen, wie immer, und trösten mich. Ich hätte überhaupt in dieser ganzen Angelegenheit ein bißchen Trost nötig, denn sie ist selbst im besten Fall eine schlimme Sache, wie ich Ihnen nicht erst zu sagen brauche.« »Das weiß ich, Richard, das weiß ich so gut – was soll ich nur sagen –so gut wie Sie.« »Kommen Sie, Schwester«, sagte Richard ein wenig heiterer. »Seien Sie jetzt unparteiisch. Wenn ich das Unglück habe, unter dem Einfluß des Prozesses zu stehen, so hat er's doch auch. Wenn es mich ein wenig durcheinander gebracht hat, so ist es doch bei ihm ebenso der Fall. Ich sage ja nicht, daß er – abgesehen davon – nicht ein ehrenwerter Mann sei. Ich bin überzeugt, daß er es ist. Aber es steckt jedermann an. Sie wissen selbst, daß es jedermann ansteckt. Sie haben das fünfzigmal von ihm selber gehört. Warum sollte denn gerade er davon frei sein.« »Weil«, sagte ich, »weil er ein ungewöhnlicher Charakter ist und sich mit Festigkeit außerhalb des Zauberkreises gehalten hat, Richard.« »Ach, weil und weil!« entgegnete Richard in seiner lebhaften Weise. »Ich weiß wirklich nicht, mein liebes Mütterchen, ob es nicht bloße Klugheit und Vorsichtigkeit von ihm ist, die Maske solcher Gleichgültigkeit aufzusetzen. Andre dabei beteiligte Parteien werden vielleicht dadurch gleichgültiger gegen ihre eignen Interessen. Leute können wegsterben und Einzelheiten in Vergessenheit geraten – kurz, viele Dinge ruhig geschehen, die recht gelegen kommen.« Richard tat mir so leid, daß ich ihm keinen Vorwurf mehr machen konnte, selbst nicht mit einem Blick. Ich erinnerte mich daran, wie nachsichtig und ohne Bitterkeit mein Vormund von ihm gesprochen hatte. »Esther«, fing Richard wieder an, »Sie dürfen nicht etwa glauben, ich sei hierher gekommen, um John Jarndyce heimlich anzuklagen. Ich bin nur gekommen, um mich zu rechtfertigen. Was ich sage, ist: Alles war recht gut und schön, und wir kamen aufs beste miteinander aus, solange ich noch ein Knabe war und mich um den Prozeß ganz und gar nicht kümmerte. Kaum aber fing ich an, ein Interesse daran zu finden und ihm nachzugehen, wurde die Sache anders. Da entdeckte John Jarndyce, Ada und ich müßten unser Verhältnis lösen und paßten nicht für einander, wenn ich meinen höchst tadelnswerten Weg nicht verließe. Und das zu tun, fällt mir nun, liebe Esther, nicht ein. Ich will John Jarndyces Gunst nicht unter diesen unbilligen Bedingungen genießen, die er durchaus kein Recht hat, mir vorzuschreiben. Aber ob es ihm nun gefallen oder mißfallen mag, jedenfalls werde ich meine und Adas Rechte aufrecht erhalten. Ich habe viel darüber nachgedacht und bin endlich zu diesem Schluß gekommen.« Armer lieber Richard! Allerdings hatte er darüber sehr viel nachgedacht. Sein Gesicht, seine Stimme und sein ganzes Benehmen verrieten das deutlich. »Ich sage offen und ehrlich und habe ihm bereits darüber geschrieben, daß wir uneins sind und daß es besser ist, wir sind es offen als heimlich. Ich danke ihm für seinen guten Willen und seinen Schutz, und er geht seinen Weg und ich den meinen. Tatsache ist nun einmal, daß unsre Wege nicht dieselben sind. Nach einem der strittigen Testamente soll ich viel mehr bekommen als er. Ich will nicht behaupten, daß gerade dieses Testament gerichtlich bestätigt werden müsse, aber es hat gerade soviel Aussicht darauf wie die andern.« »Lieber Richard. Ich habe schon von Ihrem Brief an ihn gehört. Er erwähnte ihn ohne ein böses oder erzürntes Wort.« »Wirklich?« entgegnete Richard, ein wenig besänftigt. »Da freut es mich, daß ich sagte, er sei ein ehrenhafter Mann, außerhalb dieser ganzen unglückseligen Geschichte. Ich sagte das immer und habe nie daran gezweifelt. Ich weiß wohl, liebe Esther, meine Ansichten werden Ihnen ungerecht erscheinen und auch Ada, wenn Sie ihr erzählen, was wir miteinander gesprochen haben, aber wenn Sie die Prozeßakten so durchgenommen hätten, wie ich bei Kenge, wenn Sie wüßten, was für eine Unmasse von Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen, Verdächtigungen und Gegenverdächtigungen in ihnen steckt, so würden Sie mich in meiner jetzigen Ansicht geradezu für gemäßigt halten.« »Vielleicht«, sagte ich. »Aber glauben Sie denn, daß in diesem Wust von Papieren viel Wahrheit und Gerechtigkeit steckt, Richard?« »Wahrheit und Gerechtigkeit steckt irgendwo in dem Prozeß, Esther –« »– oder war vor langer Zeit einmal darin«, sagte ich. »Ist – ist darin – muß doch irgendwo darin stecken«, fuhr Richard ungeduldig fort, »und endlich einmal an den Tag kommen. Aber Ada mir als Lockvogel hinzustellen, um mich abzulenken, ist nicht der richtige Weg, die Wahrheit an den Tag zu bringen. Sie sagen, der Prozeß habe mich verändert. John Jarndyce sagt, er verändere jeden, der daran teil hat, habe es getan und werde es immer tun. Ein um so größeres Recht habe ich dann, alles aufzubieten, was ich nur kann, um ihn zu Ende zu bringen.« »Alles, was Sie können, Richard! Aber glauben Sie nicht, daß in diesen vielen Jahren andre nicht auch schon getan haben, was sie konnten? Sind die Schwierigkeiten geringer geworden, bloß, weil es so vielen fehlgeschlagen ist?« »Es kann nicht ewig dauern«, rief Richard mit einer heftig aufflammenden Wildheit, die wieder die traurige Erinnerung an Gridley in mir wachrief. »Ich bin jung, und es ist mir ernst. Und Energie und festes Wollen haben schon manches Wunder getan. Andre haben sich nur mit halber Kraft darauf geworfen. Ich widme mich der Sache mit Leib und Seele. Ich mache sie zu meinem Lebenszweck.« »Um so schlimmer, lieber Richard, ach, nur um so schlimmer.« »Nein, nein, nein, haben Sie keine Angst um mich!« antwortete er mit großer Innigkeit. »Sie sind ein liebes, gutes, kluges, ruhiges, prächtiges Mädchen, aber Sie sind in Vorurteilen befangen. Ich komme damit wieder auf John Jarndyce. Ich sage Ihnen, meine gute Esther, als wir miteinander auf dem Fuß standen, den er für so angemessen fand, standen wir nicht auf dem natürlichen Fuß.« »Halten Sie denn Zwist und Feindschaft für natürliche Verhältnisse, Richard?« »Nein, das sage ich nicht. Ich meine nur, daß die ganze Angelegenheit uns in eine schiefe Lage drängt, in der natürliche Verhältnisse ein Unding sind. Wieder ein Grund mehr, die Sache nach Möglichkeit zu beschleunigen. Wenn alles vorbei sein wird, entdecke ich vielleicht, daß ich mich in John Jarndyce geirrt habe. Mein Kopf wird möglicherweise klarer sein, wenn ich den Prozeß einmal los bin, und dann stimme ich vielleicht dem bei, was Sie mir heute gesagt haben. – Sehr gut. Dann werde ich das mit Freude anerkennen und ihm Abbitte leisten.« – Also alles in eine phantastische Ferne gerückt, und bis dahin Verwirrung und Unklarheit! – »Vertrauteste meiner Seele! Meine liebe, liebe Esther, ich wünsche, daß meine Kusine Ada einsieht, daß ich hinsichtlich John Jarndyce nicht voreingenommen, launenhaft oder trotzköpfig bin, sondern zielbewußt vorgehe und die Vernunft auf meiner Seite habe. Ich möchte gern, daß Sie bei ihr für mich sprechen. Sie hat eine große Verehrung für ihren Vetter John, und ich weiß, Sie werden den von mir gewählten Weg in milderem Licht darstellen, selbst, wenn Sie ihn nicht billigen, und – kurz – ich möchte mich einem so vertrauensvollen Herzen wie dem Adas nicht im Lichte eines streitsüchtigen und argwöhnischen Charakters zeigen.« Ich sagte ihm, er sei in diesen letzten Äußerungen mehr wieder der alte Richard gewesen als in all dem, was er vorher geäußert habe. »Nun ja«, gestand Richard, »da mögen Sie recht haben, Esther. Es kommt mir fast selbst so vor. Aber ich werde mit der Zeit imstande sein, mich offen zu geben. Dann wird alles ins Geleise kommen, haben Sie keine Angst.« Ich fragte, ob das alles sei, was ich Ada sagen sollte. »Nicht ganz. Es ist meine Pflicht, ihr nicht zu verschweigen, daß John Jarndyce meinen Brief in seiner gewohnten Art beantwortet hat, mich als 'lieber Rick' angeredet, mir meine Meinungen auszureden versucht und mir gesagt hat, daß er deshalb zu mir nicht anders sein werde. Das alles ist recht schön und gut, ändert aber die Sache selbst nicht. Ich wünsche auch, Ada wissen zu lassen, daß ich für ihre Interessen so gut wie für die meinen sorge – denn ihr und mein Interesse decken sich –, und hoffe, sie werde mich, wenn vielleicht unbestimmte Gerüchte ihr zu Ohren kommen sollten, nicht für leichtsinnig oder unbedacht halten. Ich richte im Gegenteil mein ganzes Augenmerk auf die Beendigung des Prozesses und arbeite stets auf dieses Ziel hin. Da ich inzwischen mündig geworden bin und diesen Schritt nun einmal getan habe, so halte ich mich jeder Verantwortlichkeit gegenüber John Jarndyce zwar für ledig, aber da Ada immer noch Kanzleigerichtsmündel ist, verlange ich die Erneuerung unsres Verlöbnisses vorläufig noch nicht von ihr. Wenn sie frei und selbständig handeln kann, werde ich wieder mir selbst gehören, und ich glaube, wir werden dann in ganz andern materiellen Verhältnissen sein. Wenn Sie ihr das alles in Ihrer rücksichtsvollen Weise sagen wollten, würden Sie mir einen großen Freundschaftsdienst erweisen, liebe Esther, und ich werde mich mit 'Jarndyce kontra Jarndyce' mit noch größerer Energie herumschlagen. Natürlich verlange ich nicht, daß in Bleakhaus etwas geheimgehalten wird.« »Richard«, sagte ich, »Sie schenken mir großes Vertrauen, und doch, fürchte ich, werden Sie keinen Rat von mir annehmen?« »In dieser Angelegenheit unmöglich, meine liebe Esther. In jeder andern mit der größten Bereitwilligkeit.« – Als ob in seinem Leben noch eine andre existierte! Als ob seine ganze Laufbahn und sein Charakter nicht eine einzige Farbe angenommen hätten! – »Aber eine Frage darf ich Ihnen doch vorlegen, Richard?« »Ich dächte ja«, sagte er lachend. »Ich wüßte nicht, wer es sonst tun könnte, wenn nicht Sie.« »Sie sagten vorhin, daß Sie kein geordnetes Leben führten.« »Wie kann ich denn das, liebe Esther, wenn nichts im Geleise ist?« »Haben Sie wieder Schulden gemacht?« »Natürlich«, sagte Richard, ganz erstaunt über meine Einfalt. »Ist das so natürlich?« »Gewiß, liebes Kind. Ich kann mich einer Sache ohne Geldkosten doch nicht vollständig widmen. Sie vergessen oder vielmehr wissen nicht, daß, mag jetzt dieses oder jenes Testament bestätigt werden, Ada und ich jedenfalls etwas bekommen müssen. Es kann sich nur um die größere oder die kleinere Summe handeln. Ganz durchzufallen ist ausgeschlossen. Beruhigen Sie sich, meine prächtige Esther«, sagte Richard, dem ich wirklich Spaß zu machen schien, »ich werde schon gut durchkommen! Ich werde mir schon einen Weg bahnen, meine Liebe.« Ich sah die Gefahr, in der er schwebte, so deutlich, daß ich ihn in Adas und meines Vormunds und meinem eignen Namen aufs dringendste beschwor, ihn warnte und ihm einige seiner Irrtümer klar zu machen versuchte. Alles, was ich ihm sagte, hörte er mit Geduld und Sanftmut an, aber es prallte von ihm ab, ohne den mindesten Eindruck hervorzubringen. Nach der Art, wie er meines Vormundes Brief aufgenommen hatte, konnte ich mich darüber eigentlich nicht wundern, aber jedenfalls beschloß ich, auch noch Adas Einfluß auf ihn wirken zu lassen. Als wir daher auf unserm Spaziergang das Dorf erreichten und ich zum Frühstück nach Hause kam, bereitete ich Ada auf alles, was ich ihr mitzuteilen hatte, vor, und stellte ihr vor Augen, wie sehr wir zu befürchten hätten, daß Richard sich selbst verlieren und sein ganzes Leben zwecklos vergeuden könnte. Natürlich machte sie das sehr bekümmert, aber sie hoffte, viel zuversichtlicher als ich, daß er seine Irrtümer rechtzeitig einsehen werde. – Es war so natürlich und liebevoll von meinem Herzensschatz. – Dann setzte sie sich hin und schrieb ihm folgenden Brief: Liebster Vetter! Esther hat mir alles mitgeteilt, was Du ihr diesen Morgen gesagt hast. Ich schreibe Dir jetzt, um auf das dringlichste alles, was sie Dir vorgehalten hat, selbst zu wiederholen und Dich wissen zu lassen, wie fest ich überzeugt bin, daß Du früher oder später in unserm Vetter John ein Muster von Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und Herzensgüte erkennen wirst. Es wird Dir noch einmal bitter leid tun, ihm, wenn auch unabsichtlich, so unrecht getan zu haben. Ich weiß nicht recht, wie ich das, was ich Dir jetzt sagen möchte, schreiben soll, aber ich hoffe, Du wirst es so auffassen, wie ich es meine. Ich fürchte fast, liebster Vetter, daß Du Dir zum Teil meinetwegen für die Zukunft so viel Sorge machst – und damit natürlich auch mir. Im Falle das so sein sollte, bitte ich Dich auf das ernstlichste und flehentlichste, davon abzulassen. Du könntest nichts für mich tun, was mich halb so glücklich machen würde, als daß Du dem unheilvollen Schatten, in dem wir beide geboren sind, auf ewig den Rücken kehrtest. Sei mir nicht böse, daß ich Dir das sage. Bitte, bitte, lieber Richard, tue es um meinet – und um deinetwillen. Schon aus natürlicher Abneigung gegen die Sorgenquelle, die mit schuld war, daß wir schon in frühester Jugend Waisen wurden, bitte, bitte, sage Dich auf ewig davon los. Wir haben wahrhaftig Grund, zu wissen, daß nichts Gutes und keine Hoffnung aus dieser Quelle kommt. Nur Kummer und Sorgen. Liebster Vetter, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß Du selbstverständlich ganz frei bist. Aller Wahrscheinlichkeit nach wirst Du einmal ein Mädchen finden, das Du viel mehr lieben wirst als Deine erste flüchtige Jugendneigung. Laß mich Dir sagen, daß ich Deinem Schicksal viel lieber in die weite Welt folgen – und wäre es noch so bescheiden und armselig – und Dich in der Erfüllung Deiner Pflicht und im Verfolgen des von Dir erwählten Weges glücklich sehen, als hoffen würde, mit Dir auf Kosten öder Jahre martervollen Wartens und gleichgültig gegen jedes andre Lebensziel dereinst reich zu sein, wenn das überhaupt möglich wäre. Du wirst Dich vielleicht wundern, daß ich das bei meiner geringen Lebenserkenntnis und Erfahrung so zuversichtlich ausspreche, aber im innersten Herzen fühle ich, daß ich recht habe. Stets verbleibe ich, liebster Vetter, Deine Dich zärtlich liebende Ada. Dieses Briefchen brachte Richard sehr bald zu uns. Aber es machte nur einen sehr geringen, wenn überhaupt einen Eindruck auf ihn. »Wir wollen unparteiisch versuchen«, sagte er, »wer recht und wer unrecht hat.« Er wollte es uns zeigen – wir sollten schon sehen. Er war begeistert und voller Glut, als ob Adas Zärtlichkeit ihn ansporne, aber ich konnte nur seufzend hoffen, der Brief möchte, wenn er ihn später nochmals läse, einen stärkeren Eindruck auf ihn machen, als es offenbar jetzt der Fall gewesen. Da er den Tag über bei uns bleiben wollte und für den nächsten Morgen Plätze in der Landkutsche bestellt hatte, suchte ich Gelegenheit, mit Mr. Skimpole zu sprechen. Da wir uns viel im Freien aufhielten, ergab sich das leicht, und ich deutete ihm zart an, es sei eine Sache der Verantwortlichkeit, Richard vor unnötigen Ausgaben zurückzuhalten. »Verantwortlichkeit, meine liebe Miß Summerson?« griff Mr. Skimpole das Wort mit seinem gewinnendsten Lächeln auf. »Ich bin für so etwas der allerungeeignetste Mensch auf der Welt. Ich war nie in meinem Leben verantwortlich. Ich kann es nicht sein.« »Ich fürchte, jedermann ist verpflichtet, es zu sein«, wendete ich schüchtern ein, da er soviel älter und gescheiter war als ich. »Wirklich?« sagte Mr. Skimpole mit drolligem Erstaunen über meinen lichtvollen Einwand. »Aber jedermann ist doch nicht verpflichtet, zahlungsfähig zu sein? Ich bin es zum Beispiel nicht. Ich war es nie. Sehen Sie her, meine liebe Miß Summerson.« Er nahm eine Handvoll loses Kupfer- und Silbergeld aus der Tasche. »Hier ist soundsoviel Geld. Ich habe keine Idee, wieviel es ist. Ich bin in der Kunst des Zählens nicht bewandert. Sagen wir vier Schilling und neun Pence – sagen wir vier Pfund und neun Schilling. Jemand behauptet nun, ich wäre viel mehr schuldig als das. Ich glaube das gern. Ich glaube, ich bin soviel schuldig, als gutmütige Leute mir borgen wollen. Wenn sie nicht aufhören, das zu tun, warum sollte ich mich weigern. Da haben Sie Harold Skimpole im kleinen. Wenn das Verantwortlichkeit ist, so bin ich verantwortlich.« Die vollkommene Unbefangenheit, mit der er das Geld wieder einsteckte und mich mit einem Lächeln auf seinem geistvollen Gesicht ansah, als ob er mir eine Anekdote von irgendeinem andern erzählt hätte, machte auf mich fast den Eindruck, als ob ihn wirklich die Sache nicht das geringste anginge. »Wenn Sie schon von Verantwortlichkeit sprechen«, fing er wieder an, »so möchte ich Ihnen sagen, daß ich noch nie das Glück gehabt habe, jemanden zu kennen, der so erfrischend verantwortlich ist wie Sie. Sie erscheinen mir wie der wahre Probierstein der Verantwortlichkeit. Wenn ich Sie, meine liebe Miß Summerson, so beschäftigt sehe, das ganze kleine geordnete System, dessen Mittelpunkt Sie selbst sind, tadellos in Gang zu erhalten, so fühle ich eine Neigung, mir zu sagen – und sage es wirklich sehr oft –: das ist wahres Verantwortlichkeitsgefühl.« Nach solchen Äußerungen fiel es mir schwer, ihm zu erklären, was ich meinte, aber ich ging doch so weit zu sagen, daß wir alle hofften, er werde Richard in seiner jetzigen falschen Lebensansicht nicht bestärken, sondern eher davon abzubringen suchen. »Wie gern täte ich's, wenn ich könnte«, gab er zur Antwort. »Aber, meine liebe Miß Summerson, mir liegt alle Künstelei und Verstellung fern. Wenn er mich bei der Hand nimmt und nach einer lustigen Jagd nach dem Glück durch Westminster-Hall führt, muß ich ihm doch folgen. Wenn er sagt: 'Skimpole, schließen Sie sich dem Tanz an', muß ich mich ihm anschließen. Der gesunde Menschenverstand würde das nicht tun, ich weiß. Aber ich habe keinen gesunden Menschenverstand.« »Es ist ein großes Unglück für Richard«, gab ich ihm zu bedenken. »Sind Sie wirklich der Meinung?« entgegnete Mr. Skimpole. »Sagen Sie das nicht! Nehmen wir an, er trifft auf der Straße den leibhaftigen gesunden Menschenverstand, einen vortrefflichen Mann, Runzeln im Gesicht, fürchterlich praktisch. Kleingeld für eine Zehnpfundnote in jeder Tasche, ein liniertes Rechenbuch in der Hand, kurz, sagen wir gleich, in jeder Hinsicht einem Steuereinnehmer gleichend. Unser lieber Richard, sanguinisch, enthusiastisch, Hindernisse überspringend, von Poesie übervoll wie eine junge Knospe, sagt zu diesem höchst respektablen Gefährten: 'Ich sehe eine goldne Aussicht vor mir, sie ist heiter, wunderschön und freudig. Ich springe einfach über die öde Landschaft, die dazwischen liegt, hinweg, um die goldne Aussicht zu erreichen.' Der respektable Gefährte schlägt ihn sofort mit dem linierten Rechenbuch zu Boden, sagt ihm in seiner prosaischen Weise, er sehe nichts derart, beweist ihm, daß es nichts ist als Advokatenhonorare, Betrug, Roßhaarperücken und schwarze Talare. Sie müssen zugeben, daß das eine schmerzliche Enthüllung ist, allerdings verständig in letzter Linie, was ich gar nicht bezweifle, aber unangenehm. So etwas liegt mir nicht. Ich besitze kein liniertes Rechenbuch und habe kein steuereinsammelndes Element in der Zusammensetzung meiner Seele. Ich bin in keiner Hinsicht respektabel und verlange es nicht zu sein. Sonderbar vielleicht, aber es ist so.« Es war unnütz, darüber noch ein Wort zu verlieren, und so schlug ich denn vor, uns Ada und Richard, die ein wenig vorausgegangen waren, anzuschließen, und gab Mr. Skimpole verzweifelt auf. Er hatte im Lauf des Morgens sich das Schloß angesehen und beschrieb während unsres Spaziergangs sehr launig die Familienporträts. Es befänden sich unter den seligen Ladies Dedlock, erzählte er uns, so schauderhafte Schäferinnen, daß die friedlichen Hirtenstäbe in ihren Händen wie Angriffswaffen aussähen. Sie hüteten ihre Herden in Steifleinen und Puder und legten sich, nur um das Bürgervolk zu erschrecken, Schönheitspflästerchen auf, wie sich die Häuptlinge wilder Stämme für den Kriegspfad bemalten. Unter den Bildern befände sich eines von Sir Dedlock, Numero Soundsoviel, mit einer Schlacht im Hintergrund, einer auffliegenden Mine, Rauchwolken, flammenden Blitzen, einer brennenden Stadt und einem erstürmten Fort. Alles das sei zwischen den Hinterbeinen seines Pferdes zu sehen, wahrscheinlich um zu zeigen, wie wenig sich ein Dedlock aus solchen Kleinigkeiten mache. Das ganze Geschlecht, sagte er, sei im Leben das gewesen, was er ausgestopfte Menschen nenne – eine zahlreiche Kollektion mit Glasaugen, in der jeweilig modernsten Haltung auf verschiedenen Zweigen und Stengeln des Stammbaumes sitzend, sehr korrekt, ganz ohne Leben und immer in Glaskästen. Der Name Dedlock und jede Anspielung darauf bedrückte mich, und ich fühlte mich förmlich erleichtert, als Richard das Thema unterbrach, indem er mit einem Ausruf des Erstaunens einem Fremden entgegeneilte, der langsam auf uns zukam. »Mein Gott!« rief Mr. Skimpole. »Vholes.« Wir fragten, ob der Herr ein Freund Richards sei. »Freund und juristischer Beirat«, erklärte Mr. Skimpole. »Ich versichere Ihnen, liebe Miß Summerson, wenn Sie gesunden Menschenverstand, Verantwortlichkeitssinn und Respektabilität in einem Mann vereinigt haben wollen, kurz, wenn Sie einen Mustermenschen haben wollen, dann ist Vholes der Mann.« Wir sagten, wir hätten nicht gewußt, daß Richard den Rechtsbeistand eines Herrn dieses Namens genieße. »Als er seine juristischen Kinderschuhe austrat«, entgegnete Mr. Skimpole, »machte er sich von unserm Freund, dem Konversationskenge, los und schloß sich, glaube ich, Vholes an. Das heißt, ich weiß es, denn ich führte ihn bei Vholes ein.« »Kannten Sie ihn schon lange?« fragte Ada. »Vholes? Meine liebe Miß Clare, ich war mit ihm auf dieselbe Weise wie schon mit mehreren Herren seines Fachs bekannt geworden. Er hat mich einmal in sehr gewinnender höflicher Weise behandelt. Ich glaube, er beantragte eine Exekution, wie es die Leute nennen, gegen mich. Irgend jemand war so gut, zu vermitteln und das Geld zu bezahlen. – Irgendeine Summe plus vier Pence war der Betrag –, ich habe vergessen, wieviel Pfund und Schillinge, aber ich weiß noch, die Summe endete mit vier Pence, und es kam mir damals noch so komisch vor, daß ich jemand vier Pence schuldig sein sollte. Kurz nach diesem Vorfall machte ich sie miteinander bekannt. Vholes bat mich darum, und ich tat es. Jetzt, wo ich weiter darüber nachdenke« – er sah uns mit seinem offenherzigsten Lächeln an, als ob er eine große Entdeckung gemacht habe – »frage ich mich, hat mich Vholes vielleicht bestochen? Er gab mir etwas und nannte es Provision. War es eine Fünfpfundnote? Ich glaube fast, es war eine Fünfpfundnote.« Von weiteren Äußerungen über diesen Punkt hielt ihn Richards Rückkunft ab, der jetzt aufgeregt wieder zu uns trat und hastig Mr. Vholes vorstellte, einen blassen Mann mit schmalen Lippen, die aussahen, als seien sie eiskalt, hie und da einen roten Pickel auf dem Gesicht, von langer dürrer Gestalt, ungefähr fünfzig Jahre alt, engbrüstig und von gebückter Haltung. Ganz schwarz gekleidet, sogar die Handschuhe schwarz, und bis ans Kinn zugeknöpft, war an ihm nichts so merkwürdig wie sein lebloses Wesen und eine gewisse langsame starre Art, Richard anzublicken. »Ich hoffe, ich störe Sie nicht, meine Damen«, sagte Mr. Vholes, und dabei bemerkte ich, daß er noch etwas Seltsames an sich hatte, nämlich eine merkwürdige Angewohnheit, in sich hineinzusprechen. »Ich habe mit Mr. Carstone verabredet, ihn stets auf dem laufenden zu erhalten, wenn der Lordkanzler seinen Prozeß auf die Tagesordnung setzt, und da mich nun einer meiner Schreiber gestern abend nach Postschluß benachrichtigte, der Fall werde unerwarteterweise morgen drankommen, nahm ich heute in aller Frühe einen Platz in der Landkutsche, um mit ihm in konferieren.« »Ja«, sagte Richard mit gerötetem Gesicht und warf einen triumphierenden Blick auf Ada und mich. »Wir betreiben diese Sachen jetzt nicht mehr in der alten langsamen Weise. Jetzt heißt's vorwärts. – Mr. Vholes, wir müssen ein Fuhrwerk mieten, um zur Poststation hinüberzufahren, damit wir heute abend die Kutsche noch treffen und in die Stadt kommen.« »Ganz wie Sie wünschen, Sir«, entgegnete Mr. Vholes. »Ich stehe ganz zur Verfügung.« »Warten Sie mal«, – Richard sah auf die Uhr, »Wenn ich jetzt zum Wirtshaus hinunterlaufe und meinen Mantelsack schnüren lasse, ein Gig oder eine Chaise bestelle oder was wir sonst bekommen können, bleibt uns noch eine ganze Stunde. Ich bin zum Tee wieder da. Ada und Sie, Esther, würden Sie vielleicht so liebenswürdig sein, Mr. Vholes während meiner Abwesenheit zu bewirten?« In seiner Hast war er schon fort, und wir verloren ihn bald in der Abenddämmerung aus dem Gesicht und gingen mit Mr. Vholes dem Hause zu. »Ist Mr. Carstones Anwesenheit morgen notwendig, Sir?« fragte ich. »Kann sie von Nutzen sein?« »Nein, Miß«, entgegnete Mr. Vholes. »Ich wüßte nicht, wie.« Ada und ich sprachen unser Bedauern aus, daß Richard uns also nur verlassen sollte, um sich morgen enttäuscht zu sehen. »Mr. C. hat es sich zum Prinzip gemacht, selbst seine Interessen überwachen zu wollen«, erklärte Mr. Vholes. »Und wenn ein Klient ein Prinzip aufstellt, und es ist nicht unmoralisch, so ist es meine Pflicht, danach zu handeln. Ich wünsche im Geschäft exakt und offen zu sein. Ich bin Witwer mit drei Töchtern – Emma, Jane und Karoline – und habe nur den Wunsch, meinen Lebenspflichten so zu genügen, daß ich ihnen einen geachteten Namen hinterlasse. – Übrigens, das ist wirklich ein sehr hübscher Aussichtspunkt hier, Miß.« Da die Bemerkung mir galt, denn er ging neben mir, stimmte ich bei und wies noch auf andre Hauptreize der Landschaft hin. »Es liegt mir ob«, sagte Mr. Vholes, »einen greisen Vater im Tal von Taunton zu unterstützen, seiner Heimat, und bin ein großer Bewunderer von Landschaften. Ich hatte keine Ahnung, daß die Gegend hier so reizvoll ist.« Um die Konversation im Gang zu erhalten, fragte ich Mr. Vholes, ob er wohl gern auf dem Lande leben würde. »Da berühren Sie eine zarte Saite in meinem Herzen, Miß. Meine Gesundheit ist nicht besonders gut – meine Verdauung hat sehr gelitten –, und wenn ich nur auf mich Rücksicht zu nehmen hätte, würde ich mich auf das Land zurückziehen, zumal mich Geschäftssorgen stets abgehalten haben, viel in Gesellschaft zu verkehren, und vor allem in Damengesellschaft, an der mir stets am meisten lag. Aber da ich drei Töchter habe – Emma, Jane und Karoline – und außerdem meinen greisen Vater, kann ich nicht an mich selbst denken. Allerdings brauche ich meine geliebte Großmutter, die in ihrem hundertzweiten Jahr starb, nicht mehr zu unterstützen, aber immerhin bleibt mir noch genug zu tun, die Mühle stets in Gang zu erhalten.« – Man mußte wegen seiner Angewohnheit, in sich hineinzusprechen, und seiner merkwürdig leblosen Weise aufmerksam zuhören, wenn man ihn verstehen wollte. – »Sie müssen entschuldigen, daß ich meine Töchter erwähnte. Es ist meine schwache Seite. Ich wünsche den armen Mädchen ein, wenn auch bescheidenes, so doch unabhängiges Einkommen sowie einen guten Namen zu hinterlassen.« Wir erreichten jetzt Mr. Boythorns Haus, wo der gedeckte Teetisch unser bereits wartete. Kurz darauf kam auch Richard wieder, ruhelos und in Eile, und beugte sich über Mr. Vholes' Stuhl und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Mr. Vholes antwortete laut – das heißt, was man bei ihm laut nennen konnte –: »Sie wollen mich selbst kutschieren, Sir? Ganz wie Sie wünschen. Ich bin stets zu Ihren Diensten.« Aus den hierauf folgenden Gesprächen entnahmen wir, daß Mr. Skimpole bis zum Morgen dableiben sollte, um die bereits bezahlten Rückplätze für sich allein zu benützen. Da Ada und ich wegen Richard bekümmert waren und es uns leid tat, so von ihm zu scheiden, gaben wir so deutlich, wie es die Höflichkeit erlaubte, zu verstehen, wir möchten Mr. Skimpole im Wirtshause lassen und uns zurückziehen, sobald Richard und Mr. Vholes fortgefahren sein würden. Da Richards Lebhaftigkeit uns alle mitriß, gingen wir zusammen nach dem Hügel auf der Höhe des Dorfes, wohin er das Gig bestellt hatte, und fanden dort einen Mann mit einer Laterne bei dem dürren Falb, der vor den Wagen gespannt war, stehen. Ich werde nie vergessen, wie die beiden im Laternenschimmer nebeneinander saßen. Richard, ganz Feuer und Flamme, mit den Zügeln in der Hand, Mr. Vholes, totenstill, in schwarzen Handschuhen, bis zum Kinn zugeknöpft und ihn ansehend wie eine Beute, die er mit seinem Zauber umstrickte. Vor mir steht das ganze Bild der warmen dunkeln Sommernacht, das Wetterleuchten, die staubige Landstraße, von Hecken und hohen Bäumen umsäumt, und das dürre fahle Pferd mit den gespitzten Ohren. So fuhren sie fort zur Verhandlung 'Jarndyce kontra Jarndyce'. Mein Liebling sagte mir diese Nacht, ob Richard in Zukunft glücklich oder unglücklich, von Freunden umgeben oder verlassen sein würde, könne für sie nur insofern einen Unterschied machen, als daß, je mehr er eines treuen Herzens bedürfen sollte, desto mehr Liebe das ihre für ihn haben werde. Immer und zu allen Zeiten werde sie an ihn und nie an sich selbst denken, nie an ihr eignes Wohl, wenn sie das seine würde fördern können. Und hielt sie Wort? Ich blickte im Geiste die vor mir sich hinziehende Lebensstraße entlang, auf der das Ende der Reise bereits in der Ferne sichtbar wird, und treu und gut über dem toten Meer des Kanzleigerichtsprozesses und allen seinen mit Asche gefüllten Früchten, die es ans Ufer wirft, glaube ich meinen Liebling zu sehen. 38. Kapitel Ein Seelenkampf Als die Zeit unsrer Rückkehr nach Bleakhaus gekommen war, hielten wir pünktlich den Tag ein und wurden mit einem überwältigenden Willkommen empfangen. Ich fühlte mich vollständig wiederhergestellt, und als ich meine Wirtschaftsschlüssel in meinem Zimmer bereitliegen fand, läutete ich mich ein mit lustigem Geklingel wie das neue Jahr. »Jetzt wieder Pflicht, Pflicht, Esther«, sagte ich zu mir. »Und wenn du nicht überfroh bist, sie in allen und jeden Verhältnissen heiter und zufrieden erfüllen zu können, so solltest du es doch sein. Weiter habe ich dir nichts zu sagen, meine Liebe.« Die ersten paar Vormittage waren so mit Geschäften aller Art, dem Abschließen von Rechnungen, Hin- und Herlaufen zwischen Brummstübchen und allen andern Teilen des Hauses, mit so vielem Umpacken von Schränken und Kästen und einem so allgemeinen Wiedervonvornanfangen ausgefüllt, daß ich keine Minute freie Zeit hatte. Erst als ich damit fertig und alles in Ordnung war, machte ich einen kurzen Besuch von einigen Stunden in London, wozu mich eine in dem in Chesney Wold vernichteten Briefe enthalten gewesene Äußerung bestimmte. Ich schützte einen Besuch bei Caddy Jellyby – ihr Mädchenname war mir so zur Gewohnheit geworden, daß ich sie stets so nannte – vor und schrieb ihr ein Billett, mit der Bitte, sie möge mich auf einem kleinen Geschäftsweg begleiten. Ich brach sehr früh am Morgen auf und kam mit der Landkutsche so zeitig nach London, daß ich den ganzen Tag noch vor mir hatte, als ich nach Newmanstreet ging. Caddy, die mich seit ihrem Hochzeitstag nicht mehr gesehen hatte, freute sich so und war so zärtlich zu mir, daß ich fast schon fürchtete, es würde ihren Mann eifersüchtig machen. Aber er benahm sich ebenso schlimm – ich meine, ebenso liebenswürdig... Kurz, es war die alte Geschichte, die alte Verschwörung, mir Liebes zu erweisen. Der alte Mr. Turveydrop lag noch im Bett, wie ich hörte, und Caddy kochte seine Schokolade, die ihm dann ein melancholisch aussehender kleiner Junge, ein Lehrling – es war so sonderbar, ein Tanzlehrling zu sein –, hinauftragen sollte. Ihr Schwiegervater sei ausnehmend gütig und nachsichtig, sagte mir Caddy, und sie lebten sehr glücklich zusammen. Wenn sie von einem Zusammenleben sprach, verstand sie darunter, daß der alte Herr allen Komfort und alle besseren Zimmer für sich hatte, während sie und ihr Gatte mit dem vorlieb nahmen, was übrig blieb, und in zwei Eckstuben über dem Marstall eingepfercht hausten. »Was macht deine Mutter, Caddy?« fragte ich. »Ich höre bloß von ihr durch Papa, liebe Esther, bekomme sie aber wenig zu Gesicht. Es freut mich, sagen zu können, daß wir gut miteinander auskommen, aber sie hält es immer noch für eine Albernheit, daß ich einen Tanzmeister geheiratet habe, und scheint fast zu fürchten, dieser Einfluß könne sich auch auf sie erstrecken und sie anstecken.« Ich dachte mir, wenn Mrs. Jellyby ihren eignen natürlichen Verpflichtungen und Obliegenheiten nachgekommen wäre, anstatt am fernen Horizont mit einem Teleskop nach andern weit abliegenden zu suchen, würde sie sich am besten vor einer Ansteckung durch Albernheit geschützt haben. Aber selbstverständlich behielt ich diese Ansicht für mich. »Und dein Papa, Caddy?« »Er kommt jeden Abend zu uns und sitzt so friedlich dort in der Ecke, daß es eine wahre Lust ist, ihn zu sehen.« Ein Blick in die Ecke zeigte mir deutlich die Spur von Mr. Jellybys Kopf an der Wand. Es war ein Trost, zu wissen, daß er einen solchen Ruheplatz dafür gefunden hatte. »Und du, Caddy«, sagte ich, »bist gewiß immer beschäftigt, möchte ich wetten.« »Allerdings bin ich das, meine Liebe, denn um dir ein großes Geheimnis zu verraten, ich bereite mich vor, selbst Unterricht zu geben. Princes Gesundheit ist nicht allzu gut, und ich möchte ihm gerne helfen. Mit dem Unterricht hier und den Privatschülern und Lehrlingen hat der arme Kerl wahrhaftig mehr als zuviel zu tun.« Ich konnte mir noch immer nicht recht vorstellen, was eigentlich ein Tanzlehrling sei, und fragte Caddy, ob sie denn so viele hätten. »Vier«, erklärte mir Caddy. »Einen hier und drei außer dem Hause. Es sind sehr gute Jungen, aber sie können es nicht lassen, zu spielen, ganz wie Kinder, wenn sie zusammenkommen, anstatt sich um den Beruf zu kümmern. Deshalb tanzt der kleine Junge, den du soeben gesehen hast, jetzt in der leeren Küche Walzer, und die andern verteilen wir im Hause, so gut es eben geht.« »Natürlich nur, um die Tanzschritte zu lernen?« fragte ich. »Nur um die Tanzschritte zu lernen. Auf diese Art üben sie sich viele Stunden hintereinander in den Pas. Sie tanzen in der Akademie, und in dieser Jahreszeit üben wir die Touren täglich von fünf Uhr früh an.« »Was für ein mühseliges Leben!« rief ich aus. »Ich versichere dir, meine Liebe«, entgegnete Caddy lächelnd, »wenn die außer Haus wohnenden Lehrlinge uns des Morgens aufklingeln – die Klingel führt in unser Zimmer, um den alten Mr. Turveydrop nicht zu stören – und ich das Fenster in die Höhe schiebe und sie mit ihren kleinen Tanzschuhen unter dem Arm auf der Torschwelle stehen sehe, kommen sie mir manchmal wie Rauchfangkehrerzwerge vor.« Das alles stellte mir die Kunst in einem eigentümlichen Lichte dar. Caddy schwelgte in ihren Mitteilungen und malte mir heiter die Einzelheiten ihres eignen Studiums aus. »Siehst du, meine Liebe, damit wir Geld sparen, muß ich ein wenig Piano spielen können und auch ein bißchen Violine. Daher muß ich mich auf diesen beiden Instrumenten üben, ohne dabei unser Spezialfach vernachlässigen zu dürfen. Wenn mich Ma nur halbwegs vernünftig erzogen hätte, wäre ich wenigstens ein klein wenig musikalisch geschult gewesen. So aber war der Anfang ein bißchen entmutigend, muß ich gestehen, aber ich habe ein recht gutes Gehör und bin an Plackerei gewöhnt – dafür wenigstens muß ich Ma dankbar sein –, und wo der Wille gut ist, gibt es auch überall in der Welt einen Weg. Das weißt du ja selbst, Esther.« Mit diesen Worten setzte sich Caddy an einen kleinen Klimperkasten und rasselte wirklich fehlerlos und mit großer Lebendigkeit eine Quadrille herunter. Fröhlich und errötend stand sie dann wieder auf und sagte: »Bitte, liebe Esther, lach mich nicht aus.« Ich hätte lieber weinen mögen, tat aber keins von beiden. Ich sprach ihr Mut zu und lobte sie von ganzem Herzen. Ich begriff, daß sie, wenn auch nur die Frau eines Tanzmeisters und in ihrem bescheidnen Ehrgeiz bestrebt, nur eine Tanzlehrerin zu werden, doch aus Liebe ein natürliches und gesundes Betätigungsfeld für ihren Fleiß und ihre Ausdauer gefunden hatte, das ebenso gut war wie eine Mission. »Liebe Esther, du kannst dir gar nicht denken, wieviel Mut mir dein Beispiel immer gibt«, sagte Caddy fröhlich. »Ich verdanke dir, du weißt gar nicht, wieviel. Was hat sich alles in meiner kleinen Welt geändert. Erinnerst du dich noch jenes Abends, wo ich so unhöflich und tintenbekleckst war? Wer hätte damals an die Möglichkeit gedacht, daß ich Tanzunterricht erteilen würde.« Ihr Gatte, der uns während dieser Plauderei allein gelassen hatte, kehrte jetzt zurück, bevor er die Stunde für die Lehrlinge im Tanzsaal anfing, und Caddy sagte mir, sie stünde jetzt ganz zu meiner Verfügung. Aber meine Zeit war noch nicht gekommen, wie ich ihr zu meiner Freude sagen konnte, denn es hätte mich geschmerzt, sie jetzt zu entführen. Deshalb gingen wir alle drei zu den Lehrlingen, und ich nahm mit an der Tanzstunde teil. Die Lehrlinge waren ein wunderliches kleines Volk. Außer dem melancholisch aussehenden Jungen, den, wie ich hoffte, nicht das Alleintanzen in der Küche so trübe gestimmt hatte, waren noch zwei andre Knaben und ein schmutziges, schlampig angezognes kleines Mädchen in einem Gazekleid da. Die kleinen Jungen zogen, wenn sie nicht gerade tanzten, allerhand Bindfaden, Marmeln und Hühnerknochen aus der Tasche, hatten so schmutzige Beine und Füße wie nur möglich und schiefgetretne Absätze. Das frühreife kleine Mädchen trug einen großen altväterischen Gazehut und hatte ihre Tanzschuhe in einem alten abgenutzten Samtstrickbeutel mitgebracht. Ich fragte Caddy, was denn die Eltern der Kleinen veranlaßt habe, ihre Kinder zu einem solchen Gewerbe zu bestimmen. Caddy wußte es nicht und meinte, sie sollten später wahrscheinlich selbst Unterricht geben oder vielleicht im Theater auftreten. Die Eltern seien durchwegs unbemittelte Leute und die Mutter des melancholisch aussehenden Jungen verkaufe Ingwerbier. Wir tanzten eine Stunde lang mit großem Ernst, und das melancholische Kind verrichtete Wunder mit seinen unteren Extremitäten. Die Tanzbegeisterung schien ihm aber nie über die Hüfte hinaufzusteigen. Caddy beobachtete unablässig ihren Gatten und hatte sich eine natürliche Anmut und Unbefangenheit angeeignet, die in Verbindung mit ihrem hübschen Gesicht und ihrer schlanken Gestalt sie ungemein anziehend erscheinen ließen. Sie half ihm bereits im Unterrichten der Kinder, und er mischte sich selten ein, außer um seinen Teil bei den Touren zu tanzen, oder wenn er etwas Besonderes vormachen mußte. Er spielte immer die Melodie. Die Geziertheit des in Gaze gekleideten Mädchens und ihre Herablassung gegenüber den Jungen war ein Anblick für Götter. – So tanzten wir also eine geschlagne Stunde lang. Als die Übungen vorüber waren, machte sich Caddys Gatte fertig, um außerhalb der Stadt in einer Schule Lektionen zu geben, und Caddy lief fort und zog sich an, um mit mir auszugehen. Ich blieb unterdessen in dem Tanzsaal sitzen und betrachtete mir die Lehrlinge. Die beiden außer dem Hause wohnenden Knaben gingen die Treppe hinauf, um ihre Schuhe zu wechseln und den hier wohnenden Jungen an den Haaren zu beuteln, wie ich aus seinen lauten Einwendungen schloß. Als sie dann mit zugeknöpften Jacken und darunter gesteckten Tanzschuhen wieder zurückkamen, zogen sie aus ihren Taschen Brot und Fleischschnitten und biwakierten unter einer bemalten Lyra an der Wand. Das kleine gazebekleidete Mädchen paßte, nachdem sie ihre Sandalen in den Strickbeutel geschoben und ein Paar schiefgetretne Schuhe angezogen hatte, ihren Kopf mit einem einmaligen wilden Schütteln unter ihren großen Hut und gab mir auf meine Frage, ob sie gern tanze, zur Antwort: »Mit Jungen nicht!« band sich ihre Hutbänder unter dem Kinn fest und ging voll Verachtung nach Hause. »Der alte Mr. Turveydrop bedauert unendlich«, sagte Caddy, als sie wiederkam, »noch nicht mit Ankleiden fertig zu sein und nicht das Vergnügen haben zu können, dich zu sehen, ehe wir gehen. Du bist nämlich sein Liebling, Esther.« Ich versicherte, daß ich ihm sehr verbunden sei, hielt es aber nicht für notwendig, hinzuzusetzen, daß ich seinen Aufmerksamkeiten gern entsagte. »Das Ankleiden kostet ihn viel Zeit«, sagte Caddy, »denn wie du weißt, ist er in solchen Dingen Autorität und hat seinen Ruf zu wahren. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie freundlich er zu Papa ist. Er erzählt ihm immer abends von dem Prinzregenten, und ich habe noch nie Pa so interessiert zuhören sehen.« Mr. Turveydrop seine Allüren vor Mr. Jellyby entfalten zu sehen, war ein Bild, das meine Phantasie mächtig reizte. Ich fragte Caddy, ob es ihm gelänge, ihren Vater gesprächig zu stimmen. »Nein«, sagte Caddy. »Das könnte ich gerade nicht behaupten, aber er spricht mit Pa, und Pa bewundert ihn, hört zu und freut sich. Ich weiß natürlich, daß Papa keine Ansprüche auf vornehme Allüren machen kann, aber sie kommen vortrefflich miteinander aus. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gut sie einander Gesellschaft leisten. Ich habe Papa vorher nie schnupfen sehen, aber jetzt nimmt er regelmäßig aus Mr. Turveydrops Dose eine Prise an und riecht den ganzen Abend daran, ohne sie ein einziges Mal zu schnupfen.« Daß der alte Mr. Turveydrop in den Wechselfällen und Wandlungen des Lebens jemals dazu bestimmt gewesen war, Mr. Jellyby von Borriobula-Gha zu erlösen, erschien mir als eine der komischsten Schicksalsmerkwürdigkeiten. »Was Peepy betrifft«, fuhr Caddy ein wenig zögernd fort, »von dem ich am meisten fürchtete – vielleicht von eignen Kindern abgesehen, Esther –, daß er Mr. Turveydrop lästig fallen würde, so übersteigt die Freundlichkeit des alten Herrn gegen den Jungen alle Grenzen. Er fragt nach ihm, meine Liebe! Er läßt sich von ihm die Zeitung ins Bett bringen, gibt ihm die Rinde von seinem Zwieback zu essen und schickt ihn mit kleinen Botschaften im Hause herum! Und ich muß ihm Sixpences schenken. Kurz«, sagte Caddy, »ich bin unendlich glücklich und muß wahrhaft sehr dankbar sein. Wohin gehen wir eigentlich, Esther?« »Nach Oldstreet-Road. Ich habe dort ein paar Worte mit dem Advokatenschreiber zu sprechen, der mich an dem Tag, als ich in London ankam und dich das erste Mal sah, meine Liebe, an der Landkutsche abholte. Übrigens jetzt fällt mir ein, er brachte uns ja nach deiner Wohnung.« »So? Dann bin ich ja sozusagen deine vom Schicksal bestimmte Begleiterin«, entgegnete Caddy. Wir gingen nach Oldstreet-Road und fragten nach Mr. Guppy in seiner Wohnung. Mrs. Guppy, die im Erdgeschoß wohnte und eben Gefahr lief, wie eine Nuß zwischen der Tür des vorderen Wohnzimmers aufgeknackt zu werden, da sie verstohlen herauslugte, erschien, noch ehe wir nach ihr fragen konnten, und lud uns zum Eintreten ein. Sie war eine alte Dame mit einer großen Mütze, einer etwas roten Nase und einem unsicheren Auge, aber über und über Lächeln. Ihr kleines Wohnstübchen war für einen Besuch hergerichtet, denn ich hatte ihr von Bleakhaus aus geschrieben, und es hing darin ein Porträt ihres Sohnes, das noch viel ähnlicher war als das Original selbst. Aber nicht nur das Porträt war da, sondern auch das Original. Es war in vielerlei Farben gekleidet, saß an einem Tisch und las Akten, wobei es von Zeit zu Zeit nachdenklich den Zeigefinger an die Stirn legte. »Miß Summerson«, begrüßte es mich und stand auf, »das ist in der Tat eine Oase. Mutter, möchtest du so gut sein, der andern Dame einen Stuhl zu geben und uns dann nicht weiter zu stören.« Mrs. Guppy, deren beständiges Lächeln ihr einen fast schalkhaften Ausdruck verlieh, tat, wie ihr Sohn sie geheißen, und setzte sich dann in eine Ecke und drückte ihr Taschentuch wie einen warmen Umschlag mit beiden Händen an ihre Brust. Ich stellte Caddy vor, und Mr. Guppy sagte, eine Freundin von mir sei stets mehr als willkommen. Dann fing ich von dem Zweck meines Besuchs an. »Ich nahm mir die Freiheit, Ihnen einen Brief zu schreiben.« Mr. Guppy bekannte sich damit zu seinem Empfang, daß er ihn aus seiner Brusttasche zog, an die Lippen drückte und mit einer Verbeugung wieder in die Tasche steckte. Das ergötzte Mr. Guppys Mutter derart, daß sie lächelnd mit dem Kopf wackelte und Caddy mit dem Ellbogen einen bedeutsamen Stoß gab. »Könnte ich mit Ihnen einen Augenblick allein sprechen?« fragte ich. Etwas, das der Lustigkeit von Mr. Guppys Mutter in diesem Augenblick gleichgekommen wäre, habe ich nie wieder gesehen. Sie lachte geräuschlos, wackelte mit dem Kopf, schüttelte ihn, hielt sich das Taschentuch vor den Mund und stieß auf Caddy mit dem Ellbogen, der Hand und der Schulter ein und war überhaupt so unbeschreiblich aufgeregt, daß Caddy sie kaum durch die kleine Flügeltür in das anstoßende Schlafzimmer bugsieren konnte. »Miß Summerson«, sagte Mr. Guppy, »Sie müssen die Lebhaftigkeit einer immer an das Glück ihres Sohnes denkenden Mutter entschuldigen. Wenn auch meine Mutter einen nervös macht, so handelt sie doch immer aus mütterlichen Gefühlen heraus.« Ich hätte kaum geglaubt, daß jemand in einem Augenblick so rot werden oder sich so verändern könnte wie Mr. Guppy, als ich jetzt plötzlich den Schleier emporschlug. »Ich bat Sie um die Gefälligkeit, mit Ihnen ein paar Augenblicke lieber hier als bei Mr. Kenge sprechen zu dürfen«, begann ich, »um Sie nicht am Ende in Ungelegenheiten zu bringen, Mr. Guppy.« – Ich hatte ihn schon so verlegen genug gemacht, aber sein Stammeln, seine Verwirrung und seine Angst waren jetzt unbeschreiblich. – »Miß Summerson«, stotterte er, »ich – ich – ich – bitte um Verzeihung, aber in unsrer Branche – finden – wir es notwendig, uns – uns stets deutlich auszusprechen. Sie spielen auf eine Gelegenheit an, Miß, wo ich – wo ich mir die Ehre nahm, einen Antrag zu machen, der...« Es schien ihn etwas im Halse zu würgen, was er nicht hinunterschlingen konnte. Er legte die Hand auf die Kehle, hustete, schnitt Gesichter, versuchte abermals, es hinunterzuschlingen, hustete wieder, schnitt wieder Gesichter, sah sich rings im Zimmer um und kramte verlegen in seinen Papieren. »Ich habe eine Art Schwindelanfall, Miß, der mich ein wenig aus der Fassung bringt«, erklärte er mir. »Ich-äh-bin solchen Anfällen zuweilen unterworfen – äh – bei Gott.« Ich ließ ihm einige Zeit zur Erholung. Er legte dabei die Hand an die Stirn, nahm sie wieder weg und rutschte mit seinem Stuhl in die hinter ihm befindliche Ecke. »Ich wollte nur bemerken, Miß«, sagte er, »mein Gott – irgend etwas mit den Bronchien, glaube ich – hem –, wollte nur bemerken, daß Sie damals so gütig waren, meinen Antrag nicht anzunehmen, besser gesagt, zurückzuweisen. Sie – Sie werden das gewiß zugeben ? Wenn auch keine Zeugen anwesend sind, könnte es vielleicht eine Beruhigung sein – für – Ihr Gewissen –, wenn Sie – das zugeben wollten.« »Daran kann doch gar kein Zweifel sein, daß ich Ihren Antrag ohne allen Vorbehalt und ohne alle Nebenbedingungen dankend ablehnte, Mr. Guppy.« »Ich danke Ihnen, Miß«, entgegnete er und maß geistesabwesend den Tisch mit seinen unruhigen I landen ab. »Soweit wäre das zufriedenstellend und macht Ihnen Ehre. Ah – sicher die Bronchien –, muß in der Luftröhre sein – äh –, Sie würden es vielleicht nicht übel aufnehmen, wenn ich erwähne – nicht, daß es notwendig wäre, denn Ihr eigner oder jedermanns gesunder Menschenverstand muß Ihnen das sagen –, wenn ich bemerke, daß dieser Antrag von meiner Seite mein letzter war und die Sache ganz und gar abgemacht ist?« »Das sehe ich vollkommen ein«, sagte ich. »Vielleicht – äh – ist es solche Umständlichkeit nicht wert, aber es könnte doch eine Beruhigung für Sie selbst sein... Vielleicht würden Sie nichts dagegen haben, das zuzugeben, Miß?« »Ich gebe das vollkommen und freiwillig zu.« »Ich danke Ihnen. Höchst ehrenwert, muß ich sagen, Miß Summerson. Ich bedauere, daß meine Lebenspläne – und Verhältnisse, über die ich keine Macht habe – mich außerstand setzen, jemals auf diesen Antrag zurückzukommen oder ihn in irgendeiner Form zu erneuern, aber er wird stets eine Erinnerung sein, die – äh – die Palme der Freundschaft in der Hand trägt.« Die Bronchitis kam hier Mr. Guppy zu Hilfe und unterbrach ihn im Abmessen des Tisches. »Ich darf jetzt vielleicht auf das kommen, was ich Ihnen zu sagen wünschte«, fing ich an. »Es wird mir eine große Ehre sein«, sagte Mr. Guppy. »Ich bin so fest überzeugt, daß Ihr richtiges Gefühl und Ihre gesunde Lebensauffassung, Miß, alles in dem rechten Lichte sehen werden, daß ich jedenfalls nur mit Vergnügen allem, was Sie mir zu sagen haben, zuhören kann.« »Sie waren so gütig, damals anzudeuten...« »Entschuldigen Sie, Miß«, unterbrach mich Mr. Guppy, »aber es ist besser, unsern vorgesteckten Weg nicht aus dem Auge zu verlieren und uns nicht auf Andeutungen einzulassen. Ich kann nicht zugestehen, daß ich etwas angedeutet hätte.« »Sie sagten bei jener Gelegenheit«, fing ich wieder von neuem an, »daß Sie möglicherweise die Mittel haben könnten, durch gewisse mich betreffende Entdeckungen meine Interessen zu fördern. Ich vermute, daß Sie diese Annahme darauf gründeten, daß Sie wußten, ich sei eine Waise, die der Wohltätigkeit Mr. Jarndyces alles verdankt. Das Um und Auf alles dessen, was ich Ihnen hier sagen möchte, ist nun, daß ich Sie bitte, Mr. Guppy, die Güte zu haben, jeden Gedanken, mir auf diese Weise gefällig sein zu wollen, aufzugeben. Ich habe oft darüber nachgedacht, und am meisten während meiner Krankheit. Ich habe mich schließlich entschlossen, im Falle Sie zu irgendeiner Zeit wieder diesen Plan aufgreifen und an seiner Ausführung arbeiten sollten, zu Ihnen zu kommen und Ihnen zu versichern, daß Sie sich in jeder Hinsicht im Irrtum befinden. Sie könnten keine Entdeckungen in bezug auf mich machen, die mir den kleinsten Dienst leisten oder das geringste Vergnügen bereiten würden. Ich kenne meine eigne Lebensgeschichte und bin imstande, Ihnen zu versichern, daß Sie mein Wohlergehn durch solche Mittel auf keine Weise fördern können. Sie haben nun vielleicht den Plan längst aufgegeben. Wenn das der Fall ist, bitte ich, zu entschuldigen, daß ich Sie aufgehalten habe. Wenn es nicht der Fall ist, so ersuche ich Sie, aufgrund der Versicherung, die ich Ihnen soeben gegeben habe, solche Pläne von nun an gänzlich fallen zu lassen. Ich bitte Sie, dies um meines Friedens willen zu tun.« »Ich fühle mich verpflichtet zu gestehen, Miß«, sagte Mr. Guppy, »daß Sie sich mit dem richtigen Gefühl, das ich Ihnen zutraute, ausdrücken. Nichts kann befriedigender sein als ein solch richtiges Gefühl, und wenn ich soeben hinsichtlich Ihrer Absichten im Irrtum war, so bin ich bereit, Sie aufs tiefste um Verzeihung zu bitten. Ich möchte damit sagen, Miß, daß ich hiermit in aller Form um Verzeihung bitte.« Mr. Guppys anfangs so gedrücktes Wesen wurde jetzt wesentlich freier. Er schien aufrichtig erfreut zu sein, mir einen Gefallen tun zu können, und man sah ihm an, daß er sich wirklich schämte. »Wenn Sie mir gestatten möchten, das, was ich Ihnen zu sagen habe, ohne Unterbrechung zu beenden, damit ich nicht Veranlassung habe, noch einmal darauf zurückkommen zu müssen«, fuhr ich fort, da ich sah, daß er eine längere Rede halten wollte, »würden Sie mir damit eine Freundlichkeit erweisen, Sir. Ich komme so privatim wie möglich zu Ihnen, weil Sie mir Ihre damalige Mitteilung als vertraulich bezeichneten und ich wirklich stets gewünscht habe, Ihr Vertrauen zu respektieren, und es auch nie verletzt habe, wie Sie wissen. Ich habe meine Krankheit erwähnt. Es ist wirklich kein Grund vorhanden, warum ich anstehen sollte, zu sagen, daß jede kleine Delikatesse, die mich hätte abhalten können, Sie um etwas zu ersuchen, jetzt, wie ich recht gut weiß, ganz wegfällt. Deshalb sagte ich Ihnen offen, um was ich Sie bitte, und hoffe, Sie werden rücksichtsvoll genug gegen mich sein, mir meinen Wunsch nicht abzuschlagen.« Ich muß Mr. Guppy Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er sah sehr beschämt aus, als er jetzt mit feuerrotem Gesicht zur Antwort gab: »Bei meinem Wort und meiner Ehre, bei meinem Leben, bei meiner Seele, Miß Summerson, so wahr ich lebendig vor Ihnen stehe, ich will Ihrem Wunsch nachkommen. Ich will nie wieder einen Schritt in der erwähnten Angelegenheit tun und mich eidlich dazu verpflichten, wenn Sie das beruhigen sollte. Bezugnehmend auf mein gegenwärtiges Versprechen«, fuhr er zungenfertig fort, als wiederhole er eine ihm vertraut gewordne juristische Formel, »bekräftige ich, daß ich die Wahrheit spreche, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so...« »Ich bin vollständig zufrieden«, sagte ich und stand auf. »Ich danke Ihnen recht sehr. – Liebe Caddy, ich bin bereit.« Mr. Guppys Mutter kam mit Caddy wieder herein – sie richtete ihr geräuschloses Lachen und ihre Ellbogenstöße jetzt an mich –, und wir verabschiedeten uns. Mr. Guppy sah uns mit der Miene eines Mannes, der entweder nicht ganz wach ist oder schlafwandelt, nach, und wir ließen ihn an der Tür stehen. Eine Minute später kam er uns jedoch ohne Hut und mit fliegenden Haaren nachgelaufen, hielt uns an und sagte mit Wärme: »Miß Summerson, auf Ehre und Seligkeit, Sie können sich auf mich verlassen.« »Das tue ich auch mit der größten Zuversicht.« »Ich bitte um Verzeihung, Miß«, fuhr er fort und ging langsam und zögernd neben uns her. »Aber da diese Dame dabei ist, ihre eigne Zeugin, und ich Sie wirklich ganz beruhigt zu sehen wünsche, so wäre es vielleicht gut, wenn Sie Ihr Zugeständnis von vorhin wiederholen wollten.« »Caddy«, sagte ich und wendete mich an meine Freundin. »Du wirst dich wahrscheinlich nicht besonders wundern, wenn ich dir sage, daß niemals eine Verlobung -« »– kein Eheversprechen irgendeiner Art«, verbesserte Mr. Guppy. »–- kein Eheversprechen irgendeiner Art zwischen diesem Herrn...« »William Guppy von Penton-Place, Pentonville in der Grafschaft Middlessex«, murmelte er. »– zwischen diesem Herrn, Mr. William Guppy von Penton-Place, Pentonville in der Grafschaft Middlessex, und mir vereinbart wurde.« »Ich danke Ihnen, Miß. Das genügt. – Äh –, entschuldigen Sie... Den Namen der Dame, Vor- und Zuname?« Ich nannte sie ihm. »Verheiratet?« »Verheiratet.« »Ich danke Ihnen.« »Geborne Miß Karoline Jellyby von Thavies-Inn, London City, zu keinem Kirchspiel gehörig, jetzt wohnhaft in Newmanstreet, Oxfordstreet. Sehr verbunden.« Er lief nach Hause und kam wieder zurück. »Was die Angelegenheit betrifft, möchte ich noch sagen, so tut es mir wirklich und – wahrhaftig sehr leid, daß Lebenspläne sowie Verhältnisse, die sich meinem Machtbereich entziehen, eine Erneuerung meines Antrages, der schon damals zurückgewiesen wurde, ausschließen«, sagte Mr. Guppy traurig und niedergeschlagen zu mir. »Aber es ist nicht möglich. Ich frage Sie selbst, wäre es möglich?« Ich gab zur Antwort, daß es gewiß nicht möglich wäre. Die Sache sei über jeden Zweifel erhaben. Er dankte mir, eilte wieder zu seiner Mutter und kehrte noch einmal um. »Es ist wirklich sehr ehrenhaft von Ihnen, Miß. Wäre es möglich, einen Altar unter den Palmen der Freundschaft zu errichten, so... Aber, meiner Seel, Sie können sich auf mich in jeder Hinsicht verlassen – Herzensbeziehungen ausgenommen.« Die Kämpfe in Mr. Guppys Brust und die zahlreichen Schwankungen, die sie zwischen seiner Mutter Haustür und uns in ihm hervorriefen, traten in der windigen Straße, zumal sein Haar dringend des Schermessers bedurfte, so auffällig zutage, daß wir uns nach Möglichkeit beeilten, fortzukommen. Ich tat es mit erleichtertem Herzen, und als wir uns in der Ferne noch einmal umsahen, schien Mr. Guppy immer noch nicht ganz beruhigt zu sein. 39. Kapitel Advokat und Klient Der Name »Mr. Vholes« unter der Überschrift »Parterre« ist an einem Türpfeiler von Symond's-Inn in Chancery-Lane zu lesen. Es ist ein kleines, blasses, halbblindes, gramgebeugtes Inn und sieht wie ein großer Aschenkasten mit zwei Fächern und einem Sieb aus. Vielleicht ist Symond seinerzeit ein sparsamer Mann gewesen und hat sein altes Inn aus Baumaterialien errichtet, die eine Vorliebe für Schwamm, Schmutz und andre modrige faule Sachen hatten und jetzt Symonds Gedächtnis mit seelenverwandter Schäbigkeit bewahren. In die Tafelquadrate dieses verrosteten Erinnerungsschildes an Symond ist jetzt auch das juristische Wappen Mr. Vholes aufgenommen. Mr. Vholes' Kanzlei, zurückgezogen gelegen und von ebensolchem Aussehen, ist in eine Ecke gequetscht und schielt eine kahle Mauer an. Drei Fuß astlöcherdurchflochtne Dielen bringen den Klienten durch einen finstern Gang nach Mr. Vholes' pechschwarzer Tür in einer selbst an den hellsten Sommermorgen stockfinstern Ecke mit einem dunkeln Vorbau an einer Kellertreppe, gegen den Klienten, wenn sie in Eile sind, meistens mit dem Kopf anzurennen pflegen. Mr. Vholes' Kanzleizimmer sind so klein bemessen, daß ein Schreiber die Tür öffnen kann, ohne vom Stuhl hinunterzusteigen, und sein Nachbar an demselben Pult in gleicher Weise das Feuer zu schüren imstande ist. Ein Geruch wie von kranken Schafen, vermischt mit Moder- und Staubgeruch, liegt in der Luft und rührt von dem allabendlichen Verbrauch von Hammeltalg, in Form von Kerzen, und dem Hin- und Herschieben von Pergamentakten in schmierigen Schubladen her. Aber auch sonst ist die Luft dumpf und verdorben. Die Zimmer sind seit Menschengedenken nicht mehr gemalt oder geweißt worden, die zwei Kamine rauchen, und alles ist mit einer lockeren Rußschicht überzogen. Die blinden zersprungnen Fenster in ihren plumpen Rahmen haben nichts als den Willen miteinander gemein, beständig schmutzig zu sein und immerwährend zuzufallen, wenn man sie nicht gewaltsam offen hält. Das erklärt auch das Phänomen, daß dem schwächeren der beiden Fenster gewöhnlich bei warmem Wetter ein Scheit Brennholz zwischen die Zähne gesteckt ist. Mr. Vholes ist ein höchst respektabler Mann. Er hat kein großes Geschäft, aber er ist ein sehr respektabler Mann. Die größeren Anwälte, die sich bereits ein bedeutendes Vermögen erworben haben oder noch erwerben, geben einstimmig zu, daß er ein sehr respektabler Mann sei. Er läßt nie eine Chance in seiner Praxis ungenützt vorübergehen, und das ist doch gewiß ein Zeichen von Respektabilität. Er leistet sich nie ein Vergnügen, und das ist schon wieder ein Zeichen von Respektabilität. Er ist schweigsam und ernst, und das ist abermals ein Zeichen von Respektabilität. Seine Verdauung hat gelitten, und das ist höchst respektabel. Er macht für seine drei Töchter Heu aus lebendigem Fleisch, und sein Vater im Tal von Taunton wird von ihm unterstützt. Das erste Prinzip der englischen Justiz ist, für sich selbst Geschäfte zu machen. In all ihren engen verschlungenen Pfaden ist kein andres Prinzip so bestimmt, sicher und konsequent durchgeführt. Sieht man sie in diesem Lichte an, so wird sie sofort ein zusammenhängendes Ganzes und ist nicht mehr der maßlos verwirrte Knäuel, als den sie der Laie zu sehen pflegt. Wenn das Publikum nur ein einziges Mal klar erkennen wollte, daß das Hauptprinzip der Justiz ist, für sich selbst auf Unkosten der Parteien zu arbeiten, so würde es gewiß nicht mehr murren. Aber die Laien sehen das eben nicht klar oder nur halb oder ungenau. Darum kommt ihnen Gemütsruhe und Geld abhanden, sie machen eine böse Miene zu dem lieblichen Spiel und murren. In solchen Fällen pflegt man ihnen die Respektabilität, deren sich auch Mr. Vholes erfreut, aufs nachdrücklichste vor Augen zu führen. »Diesen Paragraphen abschaffen, bester Herr?« sagt zum Beispiel Mr. Kenge zu einem Klienten, dem übel mitgespielt wurde. »Abschaffen, werter Herr? Nie, solange ich etwas zu sagen habe. Stoßen Sie dieses Gesetz um, Sir, und was wird die Wirkung Ihres übereilten Vorgehens für eine Klasse von Anwälten sein, deren höchst ehrenwerter Repräsentant, erlaube ich mir, zu bemerken, der gegnerische Advokat, Mr. Vholes, ist? Sir, diese Klasse von Anwälten würde von der Erde verschwinden! Nun können wir aber nicht – ich möchte sagen, das soziale System kann es nicht – eine Klasse von Männern wie Mr. Vholes missen. Eine Klasse, fleißig, ausdauernd, solid und mit großem geschäftlichem Scharfsinn ausgestattet! Werter Herr, ich kann mir Ihre persönlichen Empfindungen hinsichtlich der existierenden Zustände recht gut denken und gestehe, daß sie Sie im gegebnen Fall ein wenig hart treffen, aber für die Vernichtung einer Klasse von Männer wie Mr. Vholes würde ich meine Stimme nie abgeben.« Man hat die Respektabilität eines Mr. Vholes sogar schon mit vernichtender Wirkung vor Parlamentskomitees angeführt, wie aus folgenden Protokollen eines hervorragenden Rechtsanwalts hervorgeht: Frage Numero 517869: Wenn ich Sie recht verstehe, wirken also diese Normen in der Praxis unzweifelhaft verzögernd? Antwort: Ja, allerdings verzögernd. Frage: Und ziehen große Kosten nach sich? Antwort: Natürlich können sie nicht umsonst sein. Frage: Und unsäglichen Ärger? Antwort: Das möchte ich nicht behaupten. Mir haben sie nie Ärger verursacht, ganz im Gegenteil. Frage: Aber Sie glauben, ihre Abschaffung würde einer ganzen Klasse von Anwälten schaden? Antwort: Ich zweifle nicht daran. Frage: Können Sie einen Typus dieser Klasse anführen? Antwort: Ja. Ich würde ohne Besinnen Mr. Vholes nennen. Er würde zum Beispiel dadurch ruiniert sein. Frage: Mr. Vholes gilt bei seinen Kollegen als respektabler Mann? Antwort, die weiteren Fragen für die Dauer von mindestens zehn Jahren ein Ende macht: Mr. Vholes gilt bei seinen Kollegen sogar als außerordentlich respektabler Mann. So äußern auch gelegentlich bei allgemeinen Unterhaltungen nicht weniger uneigennützige Privatautoritäten, daß sie nicht wissen, wohin die Zeit eigentlich hinauswolle. Immer wünsche sie etwas zu stürzen oder etwas Bestehendes auszureißen. Solche Veränderungen bedeuteten für manche Leute den Tod – für Vholes zum Beispiel, einen Mann von unzweifelhafter Ehrenhaftigkeit, mit einem Vater im Tal von Taunton und drei Töchtern zu Hause. Noch ein paar Schritte dem Abgrund zu, sagen sie, und was soll dann aus Mr. Vholes' Vater werden? Soll er zugrunde gehen? Und aus Vholes' Töchtern? Sollen sie vielleicht Nähterinnen oder Gouvernanten werden? – Gerade als ob Mr. Vholes und seine Verwandten untergeordnete Menschenfresserhäuptlinge wären, und entrüstete Fürsprecher auf den allgemeinen Vorschlag, den Kannibalismus abzuschaffen, sagen wollten: Erkläret das Menschenfressen für ungesetzlich, und die Vholes müssen durch Eure Schuld verhungern. – Kurz und gut, Mr. Vholes mit seinen drei Töchtern und seinem Vater im Tale von Taunton wird beständig wie ein Stück Balken, ein morsches Gebäude, das ein Stein des Anstoßes geworden ist, zu stützen, benutzt. Und bei vielen Leuten handelt es sich in den meisten Fällen nicht um Feststellung von Recht und Unrecht, sondern lediglich darum, ob es der ehrenwerten Legion von Menschen à la Vholes zum Schaden oder Nutzen gereicht. Der Kanzler ist vor zehn Minuten aufgestanden, und die langen Gerichtsferien haben begonnen. Mr. Vholes, sein junger Klient und verschiedne in Eile vollgestopfte blaue Beutel, die dadurch jede regelmäßige Form verloren haben wie vollgefressne große Schlangen, sind in ihre Höhle zurückgekehrt. Mr. Vholes, gelassen und unbewegt, wie es einem Mann von solcher Respektabilität geziemt, zieht seine engen schwarzen Handschuhe aus, als zöge er die Haut von seinen Fingern, nimmt seine enge Kappe vom Kopf, als skalpiere er sich, und setzt sich an sein Pult. Der Klient wirft Hut und Handschuhe irgendwohin, wirft sich selbst halb seufzend, halb stöhnend in einen Stuhl, läßt die brennende Stirn auf die Hand sinken und sieht aus wie das Bild jugendlicher Verzweiflung. »Abermals nichts geschehen«, sagt Richard. »Nichts, nichts geschehen!« »Sagen Sie nicht, es sei nichts geschehen, Sir«, entgegnet Vholes gleichmütig. »Das ist kaum gerecht, Sir, kaum gerecht.« »Nun, was ist denn also geschehen?« fragt Richard mit düsterer Miene. »Die Frage ist vielleicht nicht richtig gestellt. Juristisch gefaßt, müßte sie vielleicht lauten: Was geschieht?« »Und was geschieht also?« fragt der Klient mürrisch. Vholes, die Ellbogen auf das Pult gestützt, paßt ruhig die fünf Finger seiner rechten Hand auf die fünf Spitzen der Finger seiner linken, entfernt sie ebenso ruhig voneinander, sieht seinen Klienten fest und gelassen an und antwortet: »Sehr viel geschieht, Sir! Wir haben uns mit der Schulter gegen das Rad gestemmt, Mr. Carstone, und das Rad dreht sich!« »Ja, und Ixion ist darauf festgebunden. Wie soll ich mir durch die nächsten vier oder fünf verwünschten Monate durchhelfen!« ruft der junge Mann aus und geht erregt im Zimmer auf und ab. »Mr. C.«, gibt Vholes zur Antwort und beobachtet Richard gespannt. »Sie sind von aufbrausendem Temperament, und das tut mir Ihretwegen leid. Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich Ihnen empfehle, nicht so heftig zu sein, sich nicht zu ärgern und innerlich so aufzureiben. Sie sollten mehr Geduld haben – sich stärker zeigen!« »Mit einem Wort, ich sollte Sie nachahmen, Mr. Vholes!« Richard nimmt wieder mit ungeduldigem Lachen Platz und trommelt mit dem Absatz auf dem ungemusterten Teppich des Teufels Zapfenstreich. »Sir«, entgegnet Vholes und sieht dabei seinen Klienten unentwegt an, als verzehre er ihn langsam mit seinen Augen und seinem trefflichen Advokatenappetit. »Sir«, entgegnet Vholes mit seiner Art, in sich hineinzusprechen, und seiner blutlosen Gelassenheit, »ich würde mir gewiß nicht anmaßen, mich Ihnen, oder wem immer, als ein Muster vorzustellen. Ich strebe nach nichts weiter, als meinen drei Töchtern einen guten Namen zu hinterlassen, und bin nicht selbstsüchtig. – Aber da Sie sich so deutlich ausdrücken, will ich zugeben, daß ich gern sähe, Sie hätten etwas von meiner – nun ja, Sir, Sie sind geneigt, es Empfindungslosigkeit zu nennen, und ich habe weiter nichts dagegen – etwas von meiner Empfindungslosigkeit... Ja, ja, ein wenig von meiner Empfindungslosigkeit.« »Mr. Vholes«, entschuldigt sich der Klient etwas beschämt, »ich hatte durchaus nicht die Absicht, Sie der Empfindungslosigkeit zu zeihen.« »Sie taten es, Sir, ganz unwissentlich. Sehr natürlich. Es ist meine Pflicht, bei Wahrung Ihrer Interessen einen kühlen Kopf zu behalten, und ich kann gar wohl begreifen, daß ich bei solchen Gelegenheiten wie der jetzigen Ihnen gefühllos erscheine. Meine Töchter kennen mich vielleicht besser. Mein alter Vater kennt mich vielleicht besser. Aber sie kennen mich viel länger als Sie, und das Auge der Liebe ist nicht das mißtrauische Auge des Prozessierenden. Nicht, daß ich beklagte, Sir, daß das Auge des Prozessierenden mißtrauisch ist, ganz im Gegenteil. Gerade weil ich Ihre Interessen wahre, wünsche ich, daß man mich in jeder Weise kontrolliert. Das ist ganz in Ordnung. Ich selbst fordere dazu auf, daß man mich kontrolliert. Ihre Interessen nun verlangen, daß ich kalt und methodisch bin, Mr. Carstone. Und ich kann nicht anders sein. Nein, Sir, selbst nicht Ihnen zu Gefallen!« Mr. Vholes beobachtet eine Weile die geduldig vor einem Mausloch lauernde Kanzleikatze, richtet dann seinen Zauberblick wieder auf den jungen Klienten und fährt mit seiner zugeknöpften, kaum hörbaren Stimme; die klingt, als ob ein unreiner Geist in ihm wäre, der weder entfliehen noch mit der Sprache heraus wollte, fort. »Sie fragen, was Sie während der Gerichtsferien tun sollen. Ich sollte doch glauben, daß die Herren von der Armee nicht um Mittel, sich zu zerstreuen, verlegen sind! Wenn Sie mich gefragt hätten, was ich während der Ferienzeit tun sollte, hätte ich Ihnen kürzer antworten können: Ich werde Ihre Interessen wahren. Ich werde Tag für Tag hier zu finden sein, beschäftigt mit der Wahrung Ihrer Interessen. Das ist meine Pflicht, Mr. C., und Gerichtssession oder Ferien machen darin keinen Unterschied bei mir. Wenn Sie mich wegen Ihrer Interessen zu Rate zu ziehen wünschen, werden Sie mich jederzeit hier finden. Andre Herren von unserm Beruf gehen aufs Land. Ich tue das nicht. Nicht, daß ich jemand tadeln wollte. Ich sage bloß, ich tue es nicht. Dieses Pult ist Ihr Fels, Sir!« Mr. Vholes schlägt darauf, und es klingt so hohl wie ein Sarg. Aber für Richards Ohren klingt es nicht so. Für ihn hat der Schall etwas Ermutigendes. Vielleicht weiß Mr. Vholes das. »Ich weiß recht gut, Mr. Vholes«, sagt Richard vertrauensvoll und erleichtert, »daß Sie der allerverläßlichste Mann auf der Welt sind, und wer mit Ihnen zu tun hat, einen Advokaten vor sich hat, der sich kein Schnippchen schlagen läßt. Aber versetzen Sie sich in meine Lage. Schleppen Sie sich mit diesem aus dem Geleise gekommenen Leben hin, wo man jeden Tag tiefer und tiefer in Kalamitäten versinkt, beständig hofft und beständig enttäuscht wird, sich bewußt ist, daß es immer mehr mit einem bergab geht und mit nichts bergauf, und Sie würden auch manchmal finden, wie ich, daß es keine beneidenswerte Lage ist.« »Sie wissen, daß ich nie Hoffnungen zu erwecken pflege«, erwidert Mr. Vholes. »Ich sagte Ihnen gleich anfangs, daß ich das prinzipiell nicht tue, vorzüglich nicht in einem Prozeß wie diesem, wo der größere Teil der Kosten aus dem strittigen Kapital gedeckt wird. Ich würde meinen guten Ruf außer acht lassen, wenn ich Hoffnungen gäbe. Es müßte den Schein erwecken, als ob es mir um die Kosten zu tun wäre. Aber wenn Sie sagen, daß keine Veränderung zum Bessern zu bemerken ist, so muß ich das als nackte Tatsache in Abrede stellen.« »Wirklich?« fragt Richard mit einem Hoffnungsschimmer. »Aber wie wollen Sie das begründen?« »Mr. Carstone, Sie werden vertreten von...« »Sie sagten es eben... Von einem Felsen!« »Ja, Sir, von einem Felsen.« Mr. Vholes nickt leise mit dem Kopf und fährt über den Pultdeckel, daß es klingt, als ob Asche auf Asche fiele und Staub auf Staub. »Ist das nichts? Sie sind allein für sich vertreten und nicht mehr länger mit den Interessen andrer verquickt und verflochten. Das ist etwas. Der Prozeß schläft nicht. Wir wecken ihn auf, bringen ihn an die Luft, wir führen ihn spazieren. Das ist etwas. Es ist nicht bloß 'Jarndyce', der Tatsache und dem Namen nach. Das ist etwas. Niemand kann jetzt willkürlich damit verfahren, Sir. Und das ist gewiß etwas.« Richard wird plötzlich rot im Gesicht und schlägt mit der geballten Faust auf das Pult. »Mr. Vholes! Wenn mir jemand gesagt hätte, als ich zuerst John Jarndyces Haus betrat, er sei etwas andres als der selbstlose Freund, für den er sich gab, sondern das, als was er sich allmählich entpuppt hat, ich hätte nicht genug starke Worte finden können, um eine solche Verleumdung zurückzuweisen – ich hätte ihn nicht warm genug verteidigen können. So wenig kannte ich die Welt! Aber jetzt, sage ich Ihnen, kommt er mir vor wie der personifizierte Prozeß selbst. Der Rechtsstreit ist nichts Abstraktes mehr, er ist John Jarndyce selbst. Je mehr ich leide, desto mehr zürne ich über ihn, und jede neue Enttäuschung bedeutet einen neuen Schlag von John Jarndyces Hand.« »Nein, nein«, sagt Vholes. »Sagen Sie das nicht. Wir alle müssen Geduld haben. Überdies rede ich nie jemandem Böses nach, Sir. Es ist ein Grundsatz von mir.« »Mr. Vholes! Sie wissen so gut wie ich, daß er den Prozeß abgebrochen hätte, wenn es möglich gewesen wäre«, entgegnet Richard zornig. »Er hat nicht direkt Schritte dagegen getan«, gibt Mr. Vholes anscheinend widerwillig zu. »Nicht direkt Schritte. Aber immerhin, er kann freundschaftliche Absichten dabei gehabt haben. Wer kann im Herzen der Menschen lesen, Mr. C.!?« »Sie!« »Ich, Mr. C.?« »Immerhin gut genug, um zu wissen, was seine Absichten waren. Widerstreiten sich unsre Interessen, oder widerstreiten sie sich nicht? Sagen – Sie – selbst!« Richard begleitet die drei letzten Worte mit drei heftigen Schlägen auf den Fels seines Vertrauens. »Mr. C.«, gibt Vholes, ohne sich zu bewegen und auch nur ein einziges Mal mit seinen hungrigen Augen zu zwinkern, zur Antwort: »Ich würde meine Pflicht als Ihr Rechtsbeistand verletzen, Ihren Interessen untreu werden, wenn ich sie als identisch mit denen Mr. Jarndyces darstellte. Sie sind es nicht, Sir. Ich schiebe nie Motive unter. Ich habe einen Vater und bin selbst Vater und schiebe nie Motive unter, aber ich darf andererseits meine Pflicht als Anwalt nicht verletzen, selbst wenn dadurch Zwietracht in Familien gesät wird. Ich bin der Meinung, Sir, Sie ziehen mich jetzt doch in meiner Eigenschaft als Ihr Anwalt hinsichtlich Ihrer Interessen zu Rate? Ist es so? Also, dann antworte ich: Nein, sie sind nicht identisch mit denen Mr. Jarndyces.« »Natürlich sind sie's nicht!« ruft Richard. »Sie haben das schon längst herausgefunden.« »Mr. C.«, fährt Vholes fort. »Über fremde Parteien möchte ich nicht mehr sagen, als unbedingt notwendig ist. Ich wünsche meinen Namen außer dem kleinen Vermögen, das ich mir vielleicht durch Fleiß und Ausdauer erwerbe, meinen Töchtern Emma, Jane und Karoline unbefleckt zu hinterlassen. Ich wünsche auch in brüderlicher Freundschaft mit meinen Berufskollegen zu leben. Als Mr. Skimpole mir die Ehre erwies, Sir – ich sage absichtlich nicht, die außerordentliche Ehre, denn ich lasse mich nie zu Schmeicheleien herab –, uns hier in der Kanzlei zusammenzubringen, da äußerte ich, daß ich hinsichtlich Ihrer Interessen keine Meinung abgeben und auch keinen Rat erteilen könnte, solange diese Interessen in den Händen eines Berufskollegen lägen, und ich sprach mich so anerkennend über die Firma Kenge \& Carboy aus, wie sie es auch tatsächlich verdient. Sie fanden sodann für gut, Ihre Vertretung diesen Herren zu entziehen und sie mir anzuvertrauen. Sie brachten sie mit reinen Händen, Sir, und ich nahm sie mit reinen Händen entgegen. Ihre Interessen gehen jetzt in meiner Kanzlei allen andern vor. Meine Verdauung, wie Sie mich vielleicht schon haben äußern hören, ist nicht im besten Zustand, und Ruhe könnte sie verbessern. Aber ich werde mir keine Ruhe gönnen, Sir, solange ich Sie vertrete. So oft Sie mich brauchen, werden Sie mich hier finden. Rufen Sie mich, wohin Sie wollen, und ich werde kommen. Während der langen Ferien, Sir, werde ich meine Mußestunden dazu benützen, Ihre Interessen noch gründlicher zu studieren und Anordnungen zu treffen, nach dem Michaelitermin Himmel und Erde (den Kanzler natürlich eingeschlossen) in Bewegung zu setzen, und wenn ich Ihnen dann endlich Glück wünschen kann, Sir«, sagt Mr. Vholes mit der ganzen sittlichen Strenge eines fest entschlossnen Mannes, »wenn ich Ihnen dann endlich von ganzem Herzen Glück wünschen kann, daß Sie zu Ihrem Vermögen gekommen sind – wenn es nicht in meinen Grundsätzen läge, niemals Hoffnungen zu erwecken, könnte ich mich darüber weiter auslassen –, werden Sie mir nichts schuldig sein als den kleinen Rest, der vielleicht noch von den zwischen Anwalt und Klienten erwachsenden Kosten außensteht. Abgesehen von den der Taxe unterliegenden Kosten, die von dem strittigen Kapital in Abzug kommen. Ich werde dann weiter keinen Anspruch an Sie erheben, Mr. Carstone, außer der Anerkennung der eifrigen und tätigen Erfüllung meiner Pflicht als Ihr Anwalt. Ich meine damit nicht die übliche und formelle Erfüllung, Sir.« Vholes fügt als Nachwort zu dieser Darlegung seiner Grundsätze noch hinzu, Mr. Carstone werde vielleicht die Güte haben, da er jetzt zu seinem Regiment zurückgehe, ihm eine Anweisung auf zwanzig Pfund à conto auszustellen. »Denn wir haben neuerdings viele kleine Konsultationen und Tagfahrten gehabt, Sir«, bemerkt Vholes und blättert in seinem Journal. »Und die Sachen summieren sich, und ich will mir nicht den Anschein geben, ein Kapitalist zu sein. Als wir unsre gegenwärtige Verbindung anknüpften, sagte ich Ihnen offen, – es ist mein Prinzip, daß Anwalt und Klient nie offen genug gegeneinander sein können –, daß ich kein Kapitalist bin, und wenn Sie auf den Kostenpunkt allein sehen wollten, Sie lieber Ihre Akten bei Kenge \& Carboy lassen möchten. Nein, Mr. C., Sie werden hier weder die Vorteile noch die Nachteile eines kapitalkräftigen Vertreters finden. Dies hier« – Vholes schlägt wieder auf das hohlklingende Pult – »ist Ihr Fels, aber es gibt nicht vor, mehr zu sein.« Der Klient, dessen Niedergeschlagenheit allmählich abgenommen hat und dessen vage Hoffnungen wieder wach geworden sind, nimmt Feder und Tinte und schreibt die Anweisung, nicht ohne längere Zeit zu überlegen und nachzurechnen, auf welches Datum er sie ausstellen solle. – Das verrät dem Advokaten, daß nur spärliche Deckung vorhanden ist. – Die ganze Zeit über sieht ihm Vholes, körperlich und geistig zugeknöpft, aufmerksam zu. Die ganze Zeit über lauert Vholes Kanzleikatze vor dem Mauseloch. Schließlich ersucht ihn der Klient unter Händeschütteln, um Himmelswillen sein möglichstes zu tun, um ihn durch den Kanzleigerichtsprozeß durchzubringen. Mr. Vholes, der nie Hoffnungen gibt, legt sodann dem Klienten die Hand auf die Schulter und antwortet lächelnd: »Ich bin stets hier, Sir, persönlich oder brieflich werden Sie mich stets hier finden, Sir, die Schulter gegen das Rad gestemmt.« So scheiden sie, und Vholes, jetzt allein gelassen, beschäftigt sich damit, verschiedne kleine Summen aus seinem Journal in sein Trattenbuch zum Besten seiner drei Töchter zu übertragen. So würde auch ein sorgsamer Fuchs oder Bär mit dem Nebengedanken an seine Jungen seine Rechnung über Hühner oder verirrte Wanderer abschließen, womit durchaus nichts Nachteiliges über die drei dürren und zugeknöpften Jungfrauen, die mit Vater Vholes in einem dumpfigen Landhaus mit feuchtem Garten in Kennington wohnen, gesagt sein soll. Als Richard aus dem düstern Schatten von Symond's-Inn in den Sonnenschein von Chancery-Lane heraustritt – dort ist heute zufällig Sonnenschein –, geht er gedankenvoll weiter, wendet sich nach Lincoln's-Inn und tritt unter die Schatten der Bäume. Auf viele solcher Spaziergänger sind die fleckigen Schatten dieser Bäume schon gefallen, auf manches ebenso gebeugte Haupt, auf ebenso nervös zerbissene Nägel, umdüsterte Augen und ziellos träumerische Mienen, auf verschwindendes und verschwundenes Vermögen, auf ein verfehltes und verbittertes Leben. Noch sieht dieser Spaziergänger nicht schäbig aus, aber das kann noch werden. Das Kanzleigericht kennt keine andre Weisheit als Präzedenzien und ist reich an solchen Präzedenzien. Und warum sollte sich ein einziger unterscheiden von Zehntausenden? Aber es ist erst kurze Zeit her, daß Richard angefangen hat, im Treibsand zu versinken, wie er jetzt von dem Ort für mehrere Monate lang scheidet – zögernd scheidet, obgleich er ihn haßt. Sein Herz ist schwer von verzehrender Sorge, von Hangen und Bangen, von Mißtrauen und Zweifel, aber es hat vielleicht noch Platz für ein schmerzliches Staunen, wenn er sich erinnert, wie anders sein erster Besuch hier war, wie anders er selbst, wie anders das bunte Farbenspiel des Lebens. Aber Ungerechtigkeit muß Ungerechtigkeit gebären, und wer mit Schemen kämpft und von ihnen geschlagen wird, muß Wesenheiten zum Kampf ins Feld stellen. Von dem ungreifbaren Prozeß, den kein Lebender verstehen kann, denn die Zeit dazu ist längst vorbei, wendet Richard sich in Gedanken mit trübem Trost zu der greifbaren Gestalt des Freundes, der ihn vor diesem Untergang hat retten wollen und in dem er einen Feind sieht. Richard hat Vholes die Wahrheit gesagt. Mag er bös oder weich gestimmt sein, stets schiebt er die Schuld seinem Vetter Jarndyce zu. An dessen Tür ist man ihm vorsätzlich in den Weg getreten, und der Zweck konnte nur dem Prozeß entspringen, der jetzt sein Dasein in sich auflöst. Richard hält es für eine Art Genugtuung, daß er einen Gegner von Fleisch und Blut hat. Ist er deshalb ein Ungeheuer, oder ist das Kanzleigericht nicht auch an solchen Präzedenzien reich? Könnte man Engel zum Zeugen anrufen, sie würden es bestätigen! Zwei an diese Art Leute nicht ungewöhnte Paar Augen sehen ihm jetzt nach, wie er, nervös an seinen Nägeln kauend und in Brüten verloren, über den Platz geht und im Schatten des südlichen Torwegs verschwindet. Mr. Guppy und Mr. Weevle sind die Besitzer dieser Augen. Sie lehnen sich im Gespräch an die niedrige steinerne Balustrade unter den Bäumen. Er geht knapp an ihnen vorüber und sieht nichts als die Erde. »William«, meint Mr. Weevle und kräuselt sich den Backenbart. »Da findet eine Verbrennung statt. Es ist kein Fall von Selbstverbrennung, aber eine Art langsamer Röstung.« »Hm«, sagt Mr. Guppy. »Er wollte sich nicht von Jarndyce fernhalten lassen, und ich glaube, er steckt bis über die Ohren in Schulden. Ich habe nie viel von ihm gewußt. Er war hochnäsig, als er bei uns praktizierte, wie das Monument dort. Ich bin froh, daß ich ihn los bin, sowohl als Praktikanten wie als Klienten. – Ja, Tony, also damit beschäftigen sie sich jetzt; – um wieder darauf zurückzukommen.« Mr. Guppy verschränkt die Arme, lehnt sich an die Balustrade und fährt in seinem eben unterbrochnen interessanten Gespräch wieder fort. »Damit beschäftigen sie sich immer noch! Sie nehmen immer noch Inventur auf, prüfen die Papiere und wühlen Tag für Tag die Lumpenhaufen durch. Wenn sie so fortfahren, werden sie noch sieben Jahre dazu brauchen.« »Und Small hilft dabei?« »Small verließ uns nach achttägiger Kündigung. Er sagte Kenge, das Geschäft nähme seinen Großvater zu sehr in Anspruch, und er selbst stünde sich besser, wenn er es übernähme. Zwischen mir und Small ist eine gewisse Spannung eingetreten. Er tat mir gar zu heimlich. Aber er sagte, du und ich hätten diesen Ton zuerst angeschlagen, und darin hat er eigentlich recht. Und deshalb haben wir uns wieder ausgesöhnt, und so habe ich erfahren, womit sie sich beschäftigen.« »Einblick hast du weiter nicht bekommen?« »Tony«, sagt Mr. Guppy ein wenig irritiert, »um dir nichts zu verschweigen, das Haus zieht mich nicht mehr so an, seit du nicht mehr dort bist, und deshalb bin ich nicht mehr hingegangen. Das war auch der Grund, weshalb ich dir dieses kleine Rendezvous vorschlug. Da, gerade schlägt die Turmuhr, Tony!« Mr. Guppy wird geheimnisvoll und zärtlich beredt. »Ich muß dir nochmals vor Augen führen, daß Verhältnisse, über die ich keine Macht habe, eine traurige Veränderung in meinen Lieblingsplänen und in dem Bilde, von dem ich dir früher im Vertrauen auf unsre Freundschaft erzählte, hervorgebracht haben. Das Bild ist zerschmettert und das Idol in Trümmer zerfallen. Mein einziger Wunsch hinsichtlich der Zwecke, die ich mit deiner Freundeshilfe in Cook's Court zu verfolgen gedachte, ist nunmehr, sie liegen zu lassen und in Vergessenheit zu begraben. Hältst du es für möglich, hältst du es überhaupt für wahrscheinlich – ich lege dir diese Frage als Freund vor, Tony –, nach deiner Kenntnis des Charakters des schlauen und unberechenbaren Alten, der damals ein Opfer der Selbstverbrennung wurde, hältst du es überhaupt für möglich, bei näherer Überlegung, Tony, daß er jene Briefe, als ihr euch damals trenntet, anderswo hingetan hat, oder wurden sie in jener Nacht wirklich vernichtet?« Mr. Weevle denkt eine Weile nach. Dann schüttelt er den Kopf. »Tony«, fängt Mr. Guppy beim Weiterschlendern wieder an. »Noch einmal! Versteh mich gut. Als Freund. Ohne mich auf weitere Erklärungen einlassen zu können, wiederhole ich dir nur: Das Idol ist zerschmettert. Ich habe jetzt keinen andern Zweck, als alles in Vergessenheit zu begraben. Dazu habe ich mich verpflichtet. Ich bin es mir selbst schuldig, dem zerschmetterten Bild und auch den Verhältnissen, über die ich keine Macht habe. Wenn du mir durch einen Wink oder eine Gebärde verrietest, du habest in deiner früheren Wohnung irgendwo Papiere liegen sehen, die den fraglichen irgendwie ähnlich sind, würde ich sie jetzt auf meine eigne Verantwortung ins Feuer werfen.« Mr. Weevle nickt. Mr. Guppy kommt sich sehr großartig vor, daß es ihm gelungen ist, seine Äußerungen mit halb juristischer, halb romantischer Miene vorgebracht zu haben. Er hat nun einmal eine Leidenschaft, allem die Form eines Verhörs, einer Rede oder eines Resumes zu geben. Würdevoll begleitet er jetzt seinen Freund nach Cook's Court. Nie, seit er im Hof gewesen, hat es dort einen solchen Berg von Geklatsch gegeben wie nach den Vorfällen in Mr. Krooks Laden. Pünktlich um acht Uhr früh trägt man Mr. Smallweed senior, begleitet von Mrs. Smallweed, Judy und Bart, um die Ecke in das Haus. Regelmäßig, Tag für Tag, bleiben sie dort bis neun Uhr abends, stärken sich nach Zigeunerart durch nicht besonders reichliche Mittagsmahle aus der benachbarten Garküche und wühlen, suchen, graben und kratzen unter den Schätzen des vielbeweinten Verstorbenen. Welcher Art diese Kleinodien sind, halten sie so geheim, daß der ganze Hof in Verzweiflung gerät. In seinem Delirium träumt der Hof von Guineen, die aus Teekannen gegossen werden, von Punschbowlen, die von Münzen überfließen, von mit Banknoten ausgestopften Stühlen und Matratzen. Man kauft für sechs Pence bunt illustrierte Geschichten von Mr. Daniel Dancer und seiner Schwester und Mr. Elwes aus Suffolk und überträgt alle Tatsachen aus diesen wirklich wahren Erzählungen auf Mr. Krook. Zweimal, als der Kehrichtmann hineingerufen wird, um eine Wagenladung altes Papier, Asche und Flaschenscherben fortzuschaffen, versammelt sich der ganze Hof und spürt neugierig in den Körben herum, wie sie herausgetragen werden. Rastlos schleichen die beiden Herren, die mit den gefräßigen kleinen Federn auf dünnes Papier schreiben, in der Nachbarschaft herum. Sie weichen einander scheu aus, denn ihre frühere Kompagnieschaft ist wieder in Brüche gegangen. Die »Sonne« spinnt geschickt einen Faden des allgemeinen Interesses durch die harmonischen Abendgesellschaften. Der kleine Swills wird, wenn er darauf anspielt, mit Applaus bedacht und weiß wie ein inspirierter Dichter überall Brocken davon anzubringen. Selbst Miß M. Melvilleson begleitet in der wieder aufgefrischten schottischen Melodie: »Wir nicken, wir nicken, wir nicken dazu« die letzte Strophe: »Die Hunden lieben den starken Saft« – ohne zu verraten, welcher Art dieser Saft sein mag – mit einer so schlauen Miene und einem so ausdrucksvollen Nicken des Kopfs nach dem Nachbarhaus, daß die Zuhörer auf der Stelle erraten, Mr. Smallweed habe eine Vorliebe für Geld. Und so wird sie allabendlich mit wiederholtem da capo beehrt. Trotzdem entdeckt der Hof keine Spur, lebt aber, wie Mrs. Piper und Mrs. Perkins dem ehemaligen Mieter, dessen Erscheinen jetzt die lebhafteste Aufmerksamkeit des Publikums erregt, verraten, in beständiger Aufregung, irgend etwas und noch viel mehr zu entdecken. Mr. Weevle und Mr. Guppy, von sämtlichen Augen im Hofe beobachtet, klopfen an die verschlossne Tür des vielbeweinten Toten. Sie sind sehr populär. Da sie aber wider Erwarten des Hofes Einlaß erhalten, gehen sie sofort der Volksgunst verlustig und geraten in Verdacht, Böses im Schilde zu führen. Im ganzen Hause sind fast alle Läden vor den Fenstern geschlossen, und im Erdgeschoß ist es so finster, daß man Licht brennen muß. Eben aus dem Sonnenschein hereingetreten und von Mr. Smallweed junior in den rückwärtigen Laden geführt, sind die beiden Freunde fast blind und können anfangs nichts sehen als Finsternis und Schatten, bis sie allmählich Großvater Smallweed, in seinem Lehnstuhl am Rand eines Brunnens oder eines Grabes voll von altem Papier sitzend, unterscheiden. Die tugendstarke Judy wühlt darin wie eine Totengräberin, und Mrs. Smallweed sitzt in der Nähe auf der Diele, eingeschneit in einem Haufen von Papierfetzen, von Druck- und Schreibmakulatur – anscheinend die angehäuften Komplimente, die ihr im Lauf des Tages an den Kopf geflogen sind. Die ganze Gesellschaft, Small nicht ausgenommen, ist geschwärzt von Staub und Schmutz und trägt einen dämonischen Charakter, der den allgemeinen Eindruck des Zimmers keineswegs mildert. Es ist mehr Gerümpel und Plunder darin als früher, und es sieht womöglich noch schmutziger aus. Die Spuren seines verstorbnen Inhabers und besonders die mit Kreide an die Wand gemalten Buchstaben verleihen ihm etwas Gespensterhaftes. Als der Besuch hereintritt, verschränken Mr. Smallweed und Judy sofort die Arme und hören auf zu suchen. »Aha!« krächzt der alte Herr. »Wie geht's, Gentlemen, wie geht's? Sie kommen wohl, Ihre Sachen abzuholen, Mr. Weevle? Schön, schön. Ha! Ha! Wir hätten sie versteigern lassen müssen, Sir, wegen der Lagermiete, wenn sie noch länger hier geblieben wären. Sie fühlen sich wieder ganz zu Hause hier, hoffe ich? Freut mich, Sie zu sehen, freut mich, Sie zu sehen.« Mr. Weevle dankt ihm und läßt seinen Blick rings in der Stube umherschweifen. Mr. Guppys Auge folgt seinem Blick. Mr. Weevles Auge kehrt zurück, ohne etwas erkundet zu haben. Mr. Guppys Auge kehrt ebenfalls zurück und begegnet Mr. Smallweeds Blick. Der gewinnende alte Herr murmelt immer noch wie ein aufgezognes Instrument: »Wie geht's, Sir, wie geht's... Wie...« Dann scheint das Uhrwerk abgelaufen zu sein, und er versinkt in zähnefletschendes Schweigen, da erschrickt plötzlich Mr. Guppy über den Anblick Mr. Tulkinghorns, der ihm, die Hände auf dem Rücken, in der Finsternis gegenübersteht. »Der Herr ist so gütig, mir als Rechtsanwalt beizustehen«, erklärt Großvater Smallweed. »Ich bin eigentlich kein richtiger Klient für ihn, aber er ist trotzdem so liebenswürdig...« Mr. Guppy gibt seinem Freund einen leisen Stoß, damit er sich noch einmal umsähe, und macht Mr. Tulkinghorn eine verlegne Verbeugung, die dieser mit einem leichten Nicken erwidert. Mr. Tulkinghorn sieht zu, als ob er weiter nichts zu tun habe und sich über das neuartige Schauspiel eher amüsiere. »Eine sehr bedeutende Hinterlassenschaft, Sir, sollte ich meinen«, äußert Mr. Guppy zu Mr. Smallweed. »Fast nur Lumpen und altes Gerumpel, mein lieber Freund! Ich und Bart und meine Enkelin Judy geben uns Mühe, ein Inventar von dem aufzunehmen, was des Verkaufens wert ist. Aber wir haben noch nicht viel gefunden, haben – noch – nicht... Ha...« Mr. Smallweeds Uhrwerk ist wieder abgelaufen. Mr. Weevles Auge, begleitet von Mr. Guppys Auge, ist abermals im Zimmer umher- und zurückgeschweift. »Nun, Sir«, sagt Mr. Weevle, »wir wollen Sie jetzt nicht stören, wenn Sie uns erlauben wollten, hinaufzugehen.« »Überallhin, wohin Sie wollen, Sir! Sie sind zu Hause. Bitte, genieren Sie sich nicht.« Wie sie die Treppe hinaufgehen, zieht Mr. Guppy fragend die Augenbrauen in die Höhe und sieht Tony an. Tony schüttelt den Kopf. Das alte Zimmer ist womöglich noch ungemütlicher als früher, und auf dem Herd liegt noch die Asche des Feuers, das in jener denkwürdigen Nacht brannte. Sie fühlen sich sehr abgeneigt, etwas anzurühren, und blasen erst sorgfältig den Staub weg. Sie haben auch gar keine Lust, sich länger als nötig aufzuhalten, und packen die wenigen Sachen so schnell wie möglich zusammen, ohne lauter als flüsternd zu sprechen. »Sieh nur«, sagt Tony plötzlich und fährt zurück. »Da kommt die abscheuliche Katze herein.« Mr. Guppy flüchtet sich hinter seinen Stuhl. »Small hat mir von ihr erzählt. Sie ist in jener Nacht wie ein Drache herumgefahren, hat um sich gekratzt und sich dann vierzehn Tage lang auf den Dächern herumgetrieben und ist schließlich ganz abgemagert den Kamin heruntergekollert. Hast du je ein solches Vieh gesehen ? Sieht sie nicht aus, als ob sie in alles eingeweiht wäre? Sie sieht fast aus, als wäre sie Krook. Ksch, hinaus, du Kobold!« Lady Jane steht in der Tür mit einem tigerartigen Fletschen von einem Ohr bis zum andern, den keulenförmigen Schweif aufgerichtet, und zeigt keine Lust, zu gehorchen. Mr. Tulkinghorn stolpert über sie, sie faucht wütend seine rostigen Beine an und schleicht dann mit krummem Rücken die Treppe hinauf. Wahrscheinlich, um sich wieder auf den Dächern herumzutreiben und durch den Schornstein zurückzukehren. »Mr. Guppy«, fragt Mr. Tulkinghorn, »kann ich ein Wort mit Ihnen sprechen?« Mr. Guppy nimmt eben die Prachtgalerie englischer Schönheiten von den Wänden und legt diese Kunstwerke in ihre alte unwürdige Hutschachtel. »Sir«, entgegnet er und wird rot, »es liegt mir außerordentlich daran, gegen jedes Mitglied der Advokatenkammer, und insbesondere gegen ein so wohlbekanntes und, wie ich wohl sagen darf, so ausgezeichnetes wie Sie, das größte Entgegenkommen zu beweisen, nur möchte ich es mir, Mr. Tulkinghorn, zur Bedingung machen, meinen Freund zuzuziehen, wenn Sie etwas mit mir sprechen wollen.« »Hm«, meint Mr. Tulkinghorn. »Ja, Sir. Meine Gründe sind durchaus nicht persönlicher Art, aber trotzdem für mich ausschlaggebend.« »Die Sache ist nicht von solcher Wichtigkeit, daß Sie sich die Mühe hätten zu machen brauchen, Bedingungen zu stellen, Mr. Guppy.« Mr. Tulkinghorn hält inne und lächelt einen Augenblick, und sein Lächeln ist so glanzlos und rostig wie seine Beinkleider. »Man muß Ihnen übrigens gratulieren, Mr. Guppy. Sie sind ein glücklicher junger Mann, Sir.« »So leidlich, Mr. Tulkinghorn. Ich kann nicht klagen.« »Klagen? – Vornehme Freunde, freier Zutritt in großen Häusern und bei eleganten Damen. Mr. Guppy, es gibt Leute in London, die für so etwas ihre Ohren hergeben würden.« Mr. Guppy sieht ganz so aus, als ob er seine immer röter werdenden Ohren gern hergeben würde, um lieber keinen Zutritt bei vornehmen Damen zu haben. »Sir, wenn ich bei meinen Berufsgeschäften bleibe und bei Kenge \& Carboy meinen Verpflichtungen nachkomme, geht es kein Mitglied der Advokatenkammer, nicht einmal Mr. Tulkinghorn von Lincoln's-Inn-Fields, etwas an, wer meine Freunde und Bekannten sind. Ich fühle mich nicht verpflichtet, mich weiter zu erklären, und mit aller Achtung vor Ihnen, Sir, und ohne Sie beleidigen zu wollen –, ich wiederhole, ohne Sie im geringsten beleidigen zu wollen...« »O, bitte sehr, Mr. Guppy.« »Es liegt durchaus nicht in meiner Absicht...« »Ich bin davon überzeugt«, sagt Mr. Tulkinghorn und nickt gelassen. »Schon gut. Ich sehe an diesen Porträts, daß Sie ein bedeutendes Interesse an der fashionablen Welt nehmen, Sir.« – Er richtet diese Worte an Tony, der seine Schwäche nicht leugnen kann und ein ziemlich dummes Gesicht macht. – »Eine Tugend, die wenigen Engländern mangelt«, bemerkt Mr. Tulkinghorn. Den Rücken dem verräucherten Kamin zugekehrt, hat er auf der Steinplatte vor dem Herd gestanden und sieht sich jetzt, mit dem Glas vor den Augen, um. »Wer ist das? Lady Dedlock! Ah! Eigentlich sehr ähnlich, aber es fehlt dem Bild die Charakteristik. Guten Tag, meine Herrn. Guten Tag.« Als er zur Türe draußen ist, beeilt sich Mr. Guppy schweißgebadet, die Galerie der Schönheiten vollends herunterzunehmen, und macht mit Lady Dedlock den Schluß. »Tony«, sagt er hastig zu seinem Freund, der bei Mr. Tulkinghorns Worten ein sehr erstauntes Gesicht gemacht hat, »wir wollen uns beeilen, die Sachen zusammenzupacken und den Ort zu verlassen. Es wäre vergeblich, dir länger verheimlichen zu wollen, Tony, daß zwischen mir und einem der Mitglieder unsrer schwanengleichen Aristokratie eine Verbindung bestanden hat. Es hätte eine Zeit kommen können, wo ich dir alles enthüllt haben würde. Sie wird jetzt nie mehr kommen. Ich habe es nicht nur geschworen, sondern bin es auch meinem zerschmetterten Idol und den Verhältnissen, über die ich keine Macht habe, schuldig, das Ganze in Vergessenheit zu begraben. Ich beschwöre dich als Freund bei dem Interesse, das du immer an den 'fashionablen Nachrichten' genommen hast, und bei den kleinen Vorschüssen, mit denen ich dir auszuhelfen Gelegenheit gehabt habe, mich nicht weiter zu fragen und die Sache ein für allemal vergessen sein zu lassen.« In einem Zustand, der einer Art juristischen Wahnwitzes gleicht, sprudelt Mr. Guppy diese Worte hervor, und wie verwirrt sein Freund darüber ist, verrät sich durch das Aussehen seines Haars und seines sorgfältig gepflegten Backenbartes. 40. Kapitel Häusliche und Staats-Angelegenheiten England ist seit einigen Wochen in einer schrecklichen Lage gewesen. Lord Coodle wollte demissionieren, Sir Thomas Doodle das Portefeuille nicht annehmen, und da in ganz Großbritannien außer Coodle und Doodle niemand nennenswerter war, gab es keine Regierung! Es war ein Segen des Himmels, daß aus dem eine Zeitlang unvermeidlich scheinenden Duell zwischen den beiden großen Männern nichts wurde. Angenommen, Coodle und Doodle hätten einander totgeschossen: England wäre ohne Regierung dagestanden und hätte warten müssen, bis der junge Coodle und der junge Doodle, die zur Zeit noch in Röckchen gingen, groß geworden wären. Dies unabsehbare Nationalunglück wurde Gott sei Dank dadurch abgewendet, daß Lord Coodle rechtzeitig entdeckte, daß, wenn er auch in der Hitze der Debatte behauptet habe, er verabscheue und verachte die ganze ehrlose Laufbahn Sir Thomas Doodles, er nur habe sagen wollen, daß ihn Parteistreitigkeiten nie verleiten würden, seinem Gegner den Tribut in offizieller wärmster Bewunderung vorzuenthalten. Ebenso rechtzeitig entdeckte man auf der andern Seite, daß Sir Thomas Doodle innerlich Lord Coodle für ein mustergültiges Beispiel von Mannesmut und Ehrenhaftigkeit halte. Aber trotz alledem ist England doch einige Wochen lang von dem schrecklichen Verhängnis betroffen gewesen, keinen Lotsen zu haben, »um dem Sturme zu trotzen«, wie Sir Leicester Dedlock so schön zu bemerken pflegt. Das Wunderbare an der Sache ist nur, daß sich England darum gar nicht besonders gekümmert zu haben schien, denn es hat gegessen und getrunken und geheiratet wie die alte Welt in den Tagen vor der Sintflut. Aber Coodle erkannte die Gefahr, und Doodle desgleichen, und alle ihre Parteigenossen und Wähler erkannten die Gefahr auf das allerdeutlichste. Endlich hat sich Sir Thomas Doodle nicht nur herabgelassen, in das Ministerium einzutreten, sondern sich dabei sehr nobel benommen und alle seine Neffen, seine Vettern und seine Schwäger mitgebracht. So ist also wieder Hoffnung für das alte Schiff. Doodle hat gefunden, daß er an das Land appellieren muß, besonders mit Sovereigns und Bier. Da Britannia sehr darauf brennt, Kandidat Doodle, fleischgeworden, in der Gestalt von Sovereigns in die Tasche zu stecken und ihn, geistgeworden, in Form von Bier hinunterzuschlucken und dabei falsch zu schwören, sie tue keines von beiden – offenbar zur Vermehrung ihres Ruhms und ihrer Moralität –, so nimmt die Londoner Saison ein plötzliches Ende, und alle Doodlianer und Coodlianer zerstreuen sich über ganz England, um Britannia bei diesen religiösen Feierlichkeiten zu unterstützen. Daher sieht Mrs. Rouncewell, trotzdem sie noch keine Instruktionen empfangen hat, genau voraus, daß die Familie, begleitet von einem großen Schwarm von Vettern und andern Leuten, die in irgendeiner Weise bei dem großen politischen Werk mithelfen können, in Bälde zu erwarten ist. So nimmt die stattliche alte Dame die Zeit beim Schopf, geht die Treppen auf und ab, die Korridore und Treppen entlang, durch die Zimmer und Säle, um ohne Verzug und eignen Auges sich zu überzeugen, ob die Parkette gewichst sind, Teppiche gelegt, Vorhänge ausgeschüttelt, Betten geklopft und glatt gestrichen, Vorratskammer und Küche aufgeräumt ist und jedes Ding so hergerichtet, wie es das Ansehen der Dedlocks erfordert. Als an diesem Sommerabend die Sonne untergeht, ist bereits alles fix und fertig. Öde und feierlich sieht das alte Haus aus, so wohnlich hergerichtet und noch von niemandem bewohnt, mit Ausnahme der gemalten Gestalten an den Wänden. »So wie ich sind auch die andern gekommen und gegangen«, hätte der jeweilig herrschende Dedlock sagen können, als er durch die Zimmer schritt. »So sahen sie diese Galerie, trüb und verlassen, wie ich sie jetzt sehe. So wie ich jetzt, dachten sie an die Lücke, die ihr Scheiden einst in diesem Reiche verursachen würde. So wie mir jetzt wurde ihnen zu glauben schwer, daß es ohne sie bestehen könnte. Sie verließen meine Welt, wie ich jetzt die ihre verlasse, wenn ich die Tür dumpfhallend ins Schloß werfe.« Durch einige der unverhangnen, im Sonnenuntergang glühenden Fenster in dem Hause, das in dieser Stunde nicht mehr aus dunklem grauem Stein, sondern aus glitzerndem Gold zu bestehen scheint, strömt das Licht herein, voll, reich, im Überfluß, wie alles im Sommer auf dem Lande. Jetzt tauen die gefrornen Dedlocks auf. Ein seltsames Leben tritt auf ihre Züge, wie die Schatten der Blätter darauf spielen. Ein ernster Richter in einer Ecke läßt sich zu einem Augenzwinkern verführen. Ein glotzäugiger Baronet mit einem Feldherrnstab bekommt ein Grübchen in der Wange. In den Busen einer steinharten Schäferin stiehlt sich ein Strahl Licht und Wärme, der ihr schon vor hundert Jahren gut getan haben würde. Eine Ahne Volumnias auf hohen Absätzen und ihr sehr ähnlich – sie wirft den Schatten ihres jungfräulichen Daseins volle zwei Jahrhunderte voraus – verschmilzt in einen Glorienschein und wird zu einer Heiligen. Eine Hofdame Karls II. mit runden Augen und andern dazu passenden Reizen scheint sich in einer leuchtenden, sich kräuselnden Wasserflut zu baden. Aber bald erstirbt die Flammenpracht der Sonne. Schon ist der Fußboden dunkel, und Schatten steigen langsam die Wände hinauf und suchen die Dedlocks heim wie Alter und Tod. Jetzt fällt auf das Bild von Mylady über dem großen Kamin ein unheimlicher Schatten von einem alten Baum, der ihm die Farben raubt und es aufgeregt aussehen macht. Wie ein großer Arm scheint es eine dunkle Decke in die Höhe zu halten, auf eine Gelegenheit wartend, sie ihr über das Haupt zu werfen. Höher und dunkler kriecht der Schatten die Wand hinauf, läßt nur noch eine Weile an der Decke eine rote Glut, und dann ist die Flamme ganz erloschen. Die Landschaft, die von der Terrasse so nahe aussah, hat sich feierlich in die Ferne zurückgezogen und ist zu einem unerreichbaren Phantom geworden wie so manches, das anfangs so nahe aussieht und dann weit, weit weg liegt. Leichte Nebel erheben sich, der Tau fällt, und die Düfte des Gartens hängen in der Luft. Die Wälder werden zu einer dichten Masse – wie zu einem einzelnen, riesenhaften Baum. Und jetzt steigt der Mond empor, um sie wieder aufzulösen und da und dort schimmernde Streifen hinter ihren Stämmen hervorzuwerfen und die Allee zu einem Pfade des Lichts und einer hohen phantastisch geformten Kathedrale zu machen. Jetzt steht er hoch am Himmel, und das große Haus gleicht einem Körper ohne Leben. Man kann nur mit Bangen, wenn man sich durch die Korridore stiehlt, an die Lebendigen denken, die in den einsamen Schlafzimmern gelegen haben. Von den Toten ganz zu schweigen. Das ist die Stunde für das wachsende Dunkel, wo jeder Winkel eine kleine Höhle ist und jede Stufe eine Fußangel, wo sich die gemalten Glasscheiben mit blassen Farben auf dem Fußboden widerspiegeln und man in den schweren Balken der Decke alles sehen kann, nur ihre wirkliche Form nicht. Auf den Rüstungen blinken trübe Lichter, die es einem scheinen machen, als herrsche hier eine leise, kaum merkliche, gespenstische Beweglichkeit, und beim Anblick der Helme mit den herabgelassenen Visieren muß man voll Grauen an Köpfe denken, die darin stecken könnten. Aber von allen Schatten in Chesney Wold fällt der Schatten in dem großen Salon auf Myladys Bild zuerst und verschwindet zuletzt. Um diese Stunde und bei diesem Lichtschein wird er zu dräuend erhobenen Händen, die dem schönen Antlitz nahendes Unheil künden bei jedem Hauch, der sich regt. »Sie ist unpäßlich, Maam«, sagt ein Stallknecht in Mrs. Rouncewells Sprechzimmer. »Mylady unpäßlich? Was fehlt ihr?« »Nun, ich meine, sie hat sich schon, als sie zuletzt hier war, nicht besonders wohl befunden... Ich meine nicht, wie sie mit der Familie hier war, Maam, sondern wie sie durchkam wie ein Zugvogel. Mylady ist gegen sonst nicht viel ausgewesen und hat hübsch lange ihr Zimmer gehütet.« »Chesney Wold«, entgegnet die Haushälterin mit Stolz und Befriedigung, »wird Mylady bald wieder zu Kräften bringen, Thomas. Es gibt keine schönere Luft und keinen gesünderen Ort auf der ganzen Welt.« Thomas mag so seine besondere Meinung darüber haben, deutet sie vielleicht dadurch an, wie er sich seinen runden Kopf vom Nacken nach den Schläfen zu streichelt, aber er hütet sich, noch mehr zu sagen, und zieht sich in das Bedientenzimmer zurück, um sich an kalter Fleischpastete und Ale gütlich zu tun. Dieser Stallknecht ist der Lotsenfisch, der vor dem edlen Hai einherschwimmt. Morgen abend kommen Sir Leicester und Mylady mit ihrem ganzen Troß und Gefolge. Es kommen die Vettern und Basen aus allen Strichen der Windrose. Von jetzt an, manche Woche, eilen geheimnisvolle Personen ohne Namen hin und her und fliegen in allen Orten des Landes herum, wo sich Doodle gerade in einem Gold- oder Bierregen zeigt, aber sie sind weiter nichts als Leute von ruhelosem Charakter, die nirgends etwas Besonderes zu tun haben. Bei solchen nationalen Veranlassungen findet Sir Leicester die Vettern ganz nützlich. Einen bessern Jagdgesellschafter bei Tisch als Bob Stahles, Hochwohlgeboren, kann es in der Welt nicht geben. Besser angezogne Herren als die andern Vettern, um da und dort mit ihnen zu den Wahlbühnen zu reisen, um sich an Englands rechter Seite zu zeigen, würden schwer zu finden sein. Volumnia ist zwar ein bißchen verblaßt, aber von direkter Abstammung, und es gibt viele, die ihre sprühende Unterhaltung, ihre französischen Wortspiele, die so alt sind, daß sie fast schon wieder neu sind, und die Ehre, eine Dedlock zu Tisch führen zu dürfen, und gar erst das Privilegium, mit ihr zu tanzen, sehr zu würdigen wissen. Bei solchen nationalen Veranlassungen kann das Tanzen geradezu zu einer patriotischen Pflicht werden, und ununterbrochen kann man Volumnia herumhopsen sehen zum Besten eines undankbaren und pensionskargen Vaterlandes. Mylady gibt sich nicht viel Mühe, die zahlreiche Schar der Gäste in Chesney Wold zu unterhalten, und da sie immer noch unpäßlich ist, erscheint sie auch selten früh. Aber bei all den melancholischen Diners, den bleiernen Frühstücken, den basiliskenhaften Bällen und andern trübseligen Festlichkeiten ist ihre bloße Erscheinung schon ein Trost. Was Sir Leicester betrifft, so hält er es für ganz und gar unmöglich, daß sich irgend jemand, der das große Glück hat, in diesem Haus empfangen zu werden, noch unbehaglich fühlen könne. Und er bewegt sich in einem Zustand sublimer Selbstzufriedenheit in der Gesellschaft umher wie eine großartige Kühlmaschine. Täglich traben die Vettern durch den Staub und galoppieren über den Rasen an der Landstraße zu den Wahlbühnen hinüber – mit dänischen Handschuhen und Hetzpeitschen für die Grafschaften und Glacehandschuhen und Reitstöcken für die Landstädte –, und täglich bringen sie Berichte zurück, über die dann Sir Leicester nach dem Essen Reden hält. Täglich täuschen diese unruhigen Menschen, die im Leben nichts zu tun haben, vor, viel beschäftigt zu sein. Täglich plaudert Kusine Volumnia vertraulich über die Lage der Nation, woraus Sir Leicester zu schließen geneigt ist, daß Volumnia eine weitblickendere Frau ist, als er geglaubt hätte. »Wie steht es mit uns?« fragt Miß Volumnia und klatscht in die Hände. »Sind wir sicher?« – Das gewaltige Geschäft nähert sich nämlich jetzt seinem Ende, und Doodle wird in wenigen Tagen aufhören, an das Land zu appellieren. Sir Leicester ist nach dem Diner soeben in den großen Salon getreten. Ein heller Stern ersten Ranges, von Wolken von Vettern umgeben. – »Volumnia«, entgegnet Sir Leicester, der ein Verzeichnis in der Hand hat. »Es steht ganz leidlich.« »O, nur leidlich!« Obgleich es warmes Sommerwetter ist, läßt sich Sir Leicester doch stets abends seinen eignen Kamin heizen. Er nimmt seinen gewohnten durch einen Ofenschirm geschützten Platz nicht weit davon ein und wiederholt mit großer Bestimmtheit, wenn auch ein wenig unzufrieden, als wolle er sagen, ich bin doch kein gewöhnlicher Mensch, und wenn ich das Wort »leidlich« gebrauche, so darf man das nicht für einen gewöhnlichen Ausdruck auffassen: »Volumnia, es geht leidlich.« »Wenigstens haben Sie keine Opposition?« klopft Volumnia zuversichtlich auf den Busch. »Nein, Volumnia. Unser schwergeprüftes Land hat in mancher Hinsicht den Verstand verloren, muß ich leider sagen, aber ganz von Sinnen ist es denn doch noch nicht.« »Es freut mich, das zu hören.« Die letzten Worte Volumnias setzen sie wieder in Gunst bei Sir Leicester. Er neigt gnädig das Haupt und scheint damit sagen zu wollen: Im großen ganzen ein recht verständiges Frauenzimmer, wenn auch mitunter etwas vorlaut. In der Tat war die Frage der schönen Dedlock nach der Opposition ganz überflüssig, denn wenn Sir Leicester kandidiert, so ist das dasselbe, als wenn er eine Engrosbestellung einschickte, die augenblicklich auszuführen ist. Zwei andre kleine Parlamentssitze, auf die er Anspruch hat, pflegt er als Detailbestellung von geringerer Wichtigkeit zu behandeln, indem er bloß seine Leute hinschickt und den Wählern zu verstehen gibt wie Schneidern: Machen Sie mir aus diesem Stoff zwei Parlamentsmitglieder und schicken Sie sie mir zu, wenn sie fertig sind. »Ich bedaure, konstatieren zu müssen, Volumnia, daß an vielen Orten das Volk eine schlechte Gesinnung bewiesen hat und die Opposition gegen die Regimentspartei auf das entschiedenste und unversöhnlichste aufgetreten ist.« »Schurrrken«, sagt Volumnia. »Selbst«, fährt Sir Leicester mit einem Blick auf die ringsum auf Sofas und Ottomanen verstreuten Vettern fort, »selbst in vielen – das heißt, in den meisten – der Wahldistrikte, wo das Ministerium gegen eine Faktion durchgedrungen ist...« – Die Coodlianer sind nämlich in den Augen der Doodlianer stets eine Faktion, und umgekehrt. – «... selbst in solchen Distrikten – zur Schande Englands sei es gesagt – hat die Partei nicht ohne enorme Unkosten gesiegt. Hundert, äh«, sagt Sir Leicester und sieht die Wände mit steigendem Selbstgefühl und wachsender Entrüstung an, »Hunderttausende von Pfunden!« – Wenn Volumnia einen Fehler hat, so ist es der, ein klein wenig unschuldig zu sein. Es würde recht gut zu einer hellblauen Schärpe und einem Schürzchen passen, harmoniert aber nicht besonders mit der Schminke und dem Perlenhalsband. – In einem solchen Unschuldsanfall fragt sie jetzt: »Wofür?« »Volumnia!!« mahnt Sir Leicester mit äußerster Strenge. »Volumnia!« »Nein, nein, ich meine nicht, wofür«, verbessert sich Volumnia mit ihrem kleinen Lieblingsschrei. »Wie gedankenlos von mir. Ich meine, wie schade!« »Es freut mich, daß Sie meinen, wie schade«, entgegnet Sir Leicester. Volumnia beeilt sich, die Meinung auszusprechen, das abscheuliche Volk solle wegen Landesverrats vor Gericht gestellt und direkt gezwungen werden, die Partei zu unterstützen. »Es freut mich, Volumnia«, wiederholt Sir Leicester, ohne ihre Beschwichtigungsäußerungen zu beachten, »es freut mich, daß Sie meinen, wie schade. Es ist eine Schande für die Wähler. Aber da Sie, wenn auch unabsichtlich, mich fragten, wofür, so möchte ich Ihnen darauf antworten: Zu notwendigen Ausgaben! Ich traue Ihrem richtigen Gefühl zu, Volumnia, daß Sie hier wie anderswo dieses Thema nicht weiter verfolgen werden.« Sir Leicester hält es für seine Pflicht, Volumnia gegenüber eine zermalmende Miene aufzusetzen, geht doch sowieso schon das Gerücht, solche notwendigen Ausgaben in etwa zweihundert Wahldistrikten könnten gar leicht mit dem Wort Bestechung in Einklang gebracht werden. Ein paar freche Witzbolde haben bereits vor einiger Zeit den Rat gegeben, aus dem Kirchengebet die das Parlament betreffende Stelle wegzulassen und statt dessen eine Bitte um Genesung für sechshundertachtundfünfzig notleidende Herren einzuschalten. »Ich vermute«, bemerkt Volumnia, nachdem sie eine Weile gebraucht hat, um sich von der letzten Zurechtweisung wieder zu erholen, »ich vermute, daß Mr. Tulkinghorn sich zu Tode gearbeitet hat.« »Ich wüßte nicht«, sagt Sir Leicester mit erstaunten Augen, »warum. Mr. Tulkinghorn hat mit den Wahlen nichts zu schaffen. Er ist nicht Kandidat.« Volumnia hatte geglaubt, er habe vielleicht irgend etwas dabei zu tun und sei von irgend jemandem beschäftigt. Sir Leicester scheint wissen zu wollen, von wem und wozu. Abermals beschämt, meint Volumnia: »Nun, von irgend jemandem, um Rat zu erteilen und Arrangements zu treffen.« Sir Leicester wüßte nicht, welcher Klient von Mr. Tulkinghorn darin irgendeines Beistandes bedürft hätte. Lady Dedlock, die an einem offnen Fenster sitzt, den Arm auf das Polster gelegt und auf die den Park einhüllenden Abendschatten hinaussehend, scheint bei Nennung des Namens aufmerksam zu werden. Ein entfernter Vetter mit einem Schnurrbart und von äußerst hinfälligem Aussehen lispelt von seinem Ruhebett aus, jemand habe gestern gesagt, Mr. Tulkinghorn sei nach Eisenhütten jereist, um wejen irjendwas 'n Rechtsjutachten, äh, erteilen, äh, und daß es recht hübsch wäre, wenn heute, wo Wahl vorüber, Tulkinghorn mit Nachricht käme, äh, Gegner von Coodle unterlegen. Einen Augenblick später teilt der den Kaffee servierende Merkur Sir Leicester mit, daß Mr. Tulkinghorn angekommen sei und soeben diniere. Mylady wendet einen Augenblick das Gesicht ins Zimmer und sieht dann wieder hinaus wie vorher. Volumnia ist entzückt, zu hören, daß ihr Herzblatt angekommen ist. »Er ist so originell, ein so närrischer Kauz, der alles mögliche weiß und nichts verrät!« Volumnia ist überzeugt, daß er Freimaurer ist, wahrscheinlich Meister vom Stuhl, kleine Schürzchen trägt und sich mit Kerzen und Kellen zu einem wahren Götzenbild herausstaffiert. Diese geistreichen Bemerkungen äußert die schöne Dedlock in jugendlicher Naivität und häkelt dabei an einer Börse. »Seit meiner Ankunft ist er nicht ein einziges Mal hier gewesen«, setzt sie hinzu. »Ich dachte schon, seine Unbeständigkeit würde mir das Herz brechen. Ich machte mich schon fast damit vertraut, er wäre tot.« »Mr. Tulkinghorn«, sagt Sir Leicester, »ist hier immer willkommen – und immer diskret, wo er sich auch befindet. Ein wirklich wertvoller Mensch und verdientermaßen geachtet.« Der hinfällig aussehende Vetter vermutet, daß er ein scheußlich bejüterter Jeselle sei. »Ich bezweifle nicht, daß ihn materielle Interessen an die Sache des Landes fesseln. Er wird selbstverständlich ausgezeichnet bezahlt und verkehrt mit der vornehmsten Gesellschaft fast wie gleichberechtigt.« Plötzlich fahren alle auf. Dicht vor den Fenstern ist ein Schuß gefallen. »O Gott, was ist das!« schreit Volumnia mit ihrem dünnen verwelkten Kreischen. »Eine Ratte«, sagt Mylady. »Sie haben sie totgeschossen.« Mr. Tulkinghorn tritt ein, gefolgt von einigen Merkuren mit Lampen und Lichtern. »Nein, nein, noch kein Licht«, sagt Sir Leicester. »Ich glaube wenigstens. Ist Mylady die Dämmerstunde unangenehm?« Im Gegenteil, Mylady hat sie gern. »Und Ihnen, Volumnia?« O, nichts erscheint Volumnia so köstlich, als im Dunkeln zu sitzen und zu plaudern. »Tragen Sie alles wieder hinaus«, befiehlt Sir Leicester. »Tulkinghorn, ich bitte um Verzeihung. Wie geht es Ihnen?« Mr. Tulkinghorn ist mit seiner gewohnten gemessenen Ruhe eingetreten, hat im Vorübergehen Mylady seine Huldigung dargebracht, schüttelt Sir Leicester jetzt die Hand und setzt sich in einen Stuhl an der andern Seite des kleinen Zeitungstisches, der neben dem Baronet steht. Sir Leicester fürchtet, Mylady könne sich, da sie sich noch nicht ganz wohl befinde, an dem offnen Fenster erkälten. Mylady dankt ihm, möchte aber der frischen Luft wegen lieber dort sitzen bleiben. Sir Leicester steht auf, richtet ihr den Umhang zurecht und kehrt auf seinen Platz zurück. Mr. Tulkinghorn hat unterdessen eine Prise genommen. »Nun«, fragt Sir Leicester, »wie ist die Wahl verlaufen?« »Ach, faul von Anfang an. Aussichtslos. Sie haben ihre beiden Kandidaten durchgebracht. Sie sind aussichtslos geschlagen. Drei zu eins!« Es liegt in Mr. Tulkinghorns System, nie Meinungen zu haben, geschweige denn gar politische. Deshalb sagt er: »Sie« sind geschlagen, und nicht: »Wir«. Sir Leicesters Zorn ist majestätisch. Volumnia traut ihren Ohren nicht. Der hinfällig aussehende Vetter ist der Meinung, daß so etwas stets jeschehen müsse, solange Pöbel, äh, Stimmrecht. »Es ist der Distrikt, Sie wissen, wo man Mrs. Rouncewells Sohn als Kandidaten aufstellen wollte«, erklärt Mr. Tulkinghorn, als die andern wieder schweigen. – Die Dunkelheit nimmt rasch zu. – »Ein Vorschlag, den zurückzuweisen er Takt und Schicklichkeitsgefühl genug hatte, wie Sie damals ganz richtig sagten«, bemerkt Sir Leicester. »Ich kann nicht sagen, daß ich die Meinungen, die Mr. Rouncewell einmal während eines halbstündigen Besuches hier aussprach, irgendwie billige, aber in seinem Vorgehen bewies er ein Schicklichkeitsgefühl, das ich gern anerkenne.« »Na!« sagt Mr. Tulkinghorn. »Es hielt ihn aber doch nicht ab, bei der Wahl sehr tätig einzugreifen.« Sir Leicester schnappt deutlich nach Luft. Er kann kaum Worte finden. »Verstehe ich Sie recht? Sagten Sie, Mr. Rouncewell habe bei der Wahl tätig eingegriffen?« »Ungemein tätig.« »Gegen...« »Natürlich gegen Sie! Er ist ein vorzüglicher Redner. Er spricht einfach und mit Nachdruck, Seine Rede wirkte vernichtend, und er hat großen Einfluß. In der Auseinandersetzung des geschäftlichen Teils der Sache schlug er alle aus dem Felde.« Die ganze Gesellschaft weiß genau, wenn sie es auch nicht sehen kann, daß Sir Leicester flammende Augen macht. »Und sein Sohn leistete ihm vielen Beistand«, setzt Mr. Tulkinghorn als Schlußeffekt hinzu. »Sein Sohn, Sir?« wiederholt Sir Leicester mit Bangen erregender Höflichkeit. »Sein Sohn.« »Der Sohn, der Myladys Kammerjungfer heiraten wollte?« »Derselbe. Er hat bloß einen.« »Dann, auf Ehre«, sagt Sir Leicester nach einer beängstigenden Pause, während der man ihn schnauben hörte, »dann, auf Ehre, bei meinem Leben, bei meinem Ruf, bei meinen Grundsätzen, dann sind wirklich die Dämme der Gesellschaft gebrochen, und die Wogen haben – uff – den Fuß des Gerüstes, das die Welt zusammenhält, unterspült.« Allgemeiner Entrüstungsausbruch bei den Vettern. Volumnia meint, es sei denn doch wahrhaftig höchste Zeit, daß jemand, der die Gewalt in der Hand habe, eingreife und etwas Entscheidendes tue. Der hinfällig aussehende Vetter meint –, Vaterland, jehe, zum Deubel – mit Flachrennenjeschwindichkeit. »Nur kein Kommentar gefälligst«, verbittet sich Sir Leicester noch ganz atemlos. »Nur kein weiterer Kommentar über diesen Vorfall! Kommentar ist überflüssig. Mylady, erlauben Sie mir, in bezug auf die Kammerjungfer zu sagen...« »Ich beabsichtige nicht, mich von ihr zu trennen«, kommt ihm Mylady von ihrem Fenster her in leisem, aber entschiednem Ton zuvor. »Das wollte ich nicht sagen«, entschuldigt sich Sir Leicester. »Im Gegenteil, es freut mich, das zu hören. Ich meinte nur, Sie sollten Ihren Einfluß auf das Mädchen geltend machen, um so mehr, als Sie es Ihrer Gunst für wert halten, Ihren Einfluß darauf wenden, sie nicht in so gefährliche Hände fallen zu lassen... Sie könnten ihr vor Augen führen, wie man in solcher Umgebung ihren Pflichten und Prinzipien Gewalt antun würde, und sie für ein besseres Schicksal aufsparen. Sie könnten ihr vielleicht Winke geben, daß sie wahrscheinlich auch in Chesney Wold einen Gatten finden würde, einen Gatten, der sie nicht...« – fügt Sir Leicester nach einem Augenblick Besinnen hinzu – »von den Altären ihrer Ahnen wegreißen würde.« Diese Bemerkungen bringt er mit der stets sich gleichbleibenden Höflichkeit und Ehrerbietung vor, die er an den Tag legt, wenn er mit seiner Gemahlin redet. Sie neigt als Antwort nur den Kopf. Der Mond geht auf, und wo sie sitzt, fällt ein schmaler Streifen kaltes bleiches Licht herein auf ihr Gesicht. »Es ist vielleicht erwähnenswert«, mischt sich Mr. Tulkinghorn ein, »daß diese Leute in ihrer Art sehr stolz sind.« »Stolz!?« Sir Leicester glaubt sich verhört zu haben. »Es sollte mich nicht wundern, wenn sie alle freiwillig das Mädchen aufgeben würden – ja, der Bräutigam und alle übrigen, anstatt umgekehrt –, vorausgesetzt, daß das Mädchen unter solchen Umständen überhaupt in Chesney Wold bliebe.« »Nun«, sagt Sir Leicester mit zitternder Stimme. »Nun! Sie müssen es wissen, Mr. Tulkinghorn. Sie haben sich unter ihnen bewegt.« »Ja, ja, Sir Leicester, ich spreche nur von Tatsachen«, entgegnet der Advokat. »Ich könnte Ihnen sogar darüber eine Geschichte erzählen –, wenn es Lady Dedlock erlaubt.« – Mit einer Neigung ihres Kopfes erteilt sie die Bewilligung, und Volumnia ist entzückt. Eine Geschichte! O, endlich will er etwas erzählen! Ein Gespenst wird darin vorkommen, hofft Volumnia. – »Nein, nur Fleisch und Bein.« Mr. Tulkinghorn hält einen Augenblick inne und wiederholt mit etwas mehr Nachdruck, als er sonst anzuwenden pflegt: »Wirklichkeit, Fleisch und Bein, Miß Dedlock! – Sir Leicester, ich habe erst vor kurzem die Einzelheiten erfahren. Es ist in wenig Worten erzählt. Die Geschichte ist eine Erläuterung zu dem, was ich eben sagte. Ich verschweige für jetzt die Namen. Lady Dedlock wird mich deshalb nicht der Unhöflichkeit zeihen, hoffe ich.« – Beim Schimmer des Feuers, das nur schwach brennt, kann man ihn nach dem Mondlichtstreif blicken sehen. Vollkommen ruhig sitzt Lady Dedlock dort. – »Ein Mitbürger dieses Mr. Rouncewell, ein Mann in ebensolchen Verhältnissen wie er, wie ich hörte, hatte das Glück, eine Tochter zu besitzen, die die Beachtung einer vornehmen Dame auf sich zog. Ich spreche von einer wirklich vornehmen Dame, nicht bloß vornehm in seinen Augen, sondern vermählt mit einem Gentleman Ihres Standes, Sir Leicester.« Sir Leicester sagt herablassend: »Ich verstehe, Mr. Tulkinghorn«, und deutet damit an, wie groß erst die Dame in den Augen eines Hüttenbesitzers erscheinen müßte. »Die Dame war reich und schön, hatte eine Vorliebe für das Mädchen, behandelte es mit großer Güte und ließ es nicht von ihrer Seite. Nun behütete diese Dame trotz ihrer hohen Stellung ein Geheimnis seit vielen Jahren. Sie war nämlich in früher Jugend mit einem jungen Roué verlobt gewesen, einem Kapitän in der Armee, der jeden, der sich mit ihm einließ, ins Unglück brachte. Sie war nie mit ihm verheiratet, aber sie gebar ein Kind, dessen Vater er war.« – Beim Schein des Feuers kann man Mr. Tulkinghorn nach dem Mondlichtstreifen blicken sehen. Das Profil Lady Dedlocks ist regungslos wie aus Stein gehauen. – »Als der Kapitän gestorben war, hielt sie sich für sicher. Aber eine Verkettung von Umständen, mit denen ich Sie nicht zu behelligen brauche, führte eine Entdeckung herbei. Sie soll mit einer Unvorsichtigkeit ihrerseits angefangen haben, als sie sich einmal bei einer überraschten Miene ertappen ließ, und das zeigt wieder, wie schwer es selbst für den Festesten von uns ist – und sie hatte einen sehr festen Charakter –, stets auf der Hut zu sein. Sie können sich denken, welches Entsetzen im Hause herrschte, und sich selbst ausmalen, Sir Leicester, wie groß der Schmerz ihres Gatten war. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Als Mr. Rouncewells Mitbürger von der Entdeckung hörte, duldete er ebensowenig, daß das Mädchen von der Dame weiter patronisiert werde, wie er geduldet hätte, daß man sie vor seinen Augen mit Füßen getreten haben würde. Sein Stolz war so groß, daß er sie entrüstet wegnahm, wie um sie vor der Ansteckung, von Befleckung und Schande zu bewahren. Er hatte kein Verständnis für die Ehre, die ihm und seiner Tochter durch die Herablassung der vornehmen Dame zuteil geworden war. Die Stellung des Mädchens kam ihm entehrend vor, gerade so, als ob die Dame nicht vornehm, sondern eine der allergewöhnlichsten Frauen gewesen wäre. Das ist die Geschichte. Ich hoffe, Lady Dedlock wird ihren peinlichen Charakter entschuldigen.« Es werden verschiedne Meinungen über die Geschichte laut, die alle mehr oder weniger von Volumnias Ansicht abweichen. Diese schöne Jungfrau kann nämlich durchaus nicht glauben, daß es jemals eine solche Dame gegeben haben könne, und verweist von vornherein die ganze Geschichte in das Gebiet der Fabel. Die Majorität schließt sich dem Urteil des hinfällig aussehenden Vetters an, das in wenigen Worten abgetan ist: »Jeht lediglich blödsinnigen Mitbürger Rouncewells an.« Sir Leicester denkt im stillen an Wat Tyler bösen Angedenkens und malt sich aus, wie alles sein müßte, wenn es nach ihm ginge. Die Unterhaltung stockt, denn man ist in Chesney Wold schon seit einiger Zeit lang aufgeblieben. Es ist zehn Uhr vorüber, als Sir Leicester Mr. Tulkinghorn bittet, um Kerzen zu klingeln. Der Streifen Mondlicht ist inzwischen zu einem See angeschwollen, und Lady Dedlock reckt sich jetzt zum erstenmal. Sie steht auf und tritt an einen Tisch, um ein Glas Wasser zu trinken. Blinzelnde Vettern, im Kerzenschein wie Fledermäuse anzusehen, drängen sich um sie, um es ihr zu reichen. Volumnia, stets bereit, etwas zu nehmen – um so lieber, je wertvoller es ist –, nimmt ebenfalls ein Glas Wasser und nippt daran. Lady Dedlock, anmutig und vollkommen gefaßt, geht, von bewundernden Augen verfolgt, ruhevoll die lange Treppenflucht mit der lieblichen Nymphe, die sich im Gegensatz zu ihr keineswegs schöner ausnimmt als allein, hinab. 41. Kapitel In Mr. Tulkinghorns Zimmer Mr. Tulkinghorn tritt in sein Turmzimmer, etwas außer Atem vom Treppensteigen, obgleich er langsam gegangen ist. Auf seinem Gesicht liegt ein Ausdruck, als habe er seinen Geist von einer wichtigen Sache befreit und sei, soweit das möglich ist, zufrieden. Von einem stets so gelassnen Mann zu sagen, er triumphiere, wäre ebenso ungerecht, als ihm zuzutrauen, er ließe sich von Liebe oder Gefühl oder einer andern romantischen Schwäche aus dem Geleise bringen. Vielleicht empfindet er ein etwas erhöhtes Gefühl der Macht, wie er jetzt, die Hände auf dem Rücken, geräuschlos auf und ab geht. Im Zimmer steht ein großer Schreibtisch, auf dem sich ziemlich viele Papiere angesammelt haben. Die grünbeschirmte Lampe brennt. Die Lesebrille liegt auf dem Tisch, der Lehnstuhl ist herangerollt, und es könnte fast scheinen, als beabsichtige Mr. Tulkinghorn, vor dem Zubettgehen sich ein paar Stunden mit Geschäften zu befassen. Aber er ist heute zufällig nicht in seiner Arbeitslaune. Nach einem Blick auf die seiner harrenden Dokumente, mit tief auf den Tisch gebeugtem Kopf – er kann als alter Mann abends Gedrucktes oder Geschriebenes nicht gut lesen –, öffnet er die Fenstertür und tritt hinaus auf das flache Dach. Hier geht er wieder auf und ab und erholt sich. Wenn ein so gefühlloser Mann sich überhaupt nach der unten im Salon erzählten Geschichte zu erholen braucht. Es gab einmal Zeiten, wo mindestens ebenso gescheite Leute wie Mr. Tulkinghorn bei Sternenlicht auf Türme stiegen und zum Himmel hinaufsahen, um dort ihr Schicksal zu lesen. Legionen von Sternen sind sichtbar dort oben, obgleich der Glanz des Mondes ihren Schimmer verdunkelt. Wenn Mr. Tulkinghorn seinen eignen Stern sieht, während er gleichmäßig auf dem Bleidach auf und ab schreitet, muß es ein ziemlich blasser sein, nach dem Aussehen seines rostigen Vertreters auf Erden zu schließen. Wenn er sein Schicksal lesen will, kann er das vielleicht aus andern Zeichen in seiner Nähe leichter tun. Während er auf dem platten Dach auf und ab geht, die Gedanken in weite Fernen gerichtet, halten ihn plötzlich bei einem Fenster zwei Augen fest, die den seinen begegnen. Die Decke seines Zimmers ist ein wenig niedrig, und der obere Teil der Türe, die dem Fenster gegenüberliegt, ist aus Glas. Es ist auch noch eine innere, mit grünem Tuch beschlagne Tür vorhanden, aber da die Nacht warm ist, hat er sie beim Heraufkommen nicht zugemacht. Die Augen, die jetzt den seinen begegnen, sehen durch die Glasscheibe von dem Korridor draußen herein. Er kennt sie gut. Seit langen Jahren ist ihm das Blut nicht so heiß ins Gesicht geschossen wie jetzt, wo er Lady Dedlock erkennt. Er tritt in das Zimmer, und auch sie kommt herein und schließt beide Türen hinter sich. Eine wilde Verstörung – ist es Furcht oder Zorn? –hegt in ihren Augen, aber in ihrer Haltung und auch sonst sieht sie genau so aus wie vor zwei Stunden im Salon. Ist es jetzt Furcht oder Zorn? Er kann es nicht sicher wissen. Beide können so blasse und gespannte Mienen erzeugen. »Lady Dedlock?« Sie spricht anfangs nicht, selbst nicht, nachdem sie sich langsam in den Lehnstuhl am Tisch hat sinken lassen. Sie sehen einander an wie zwei Bilder. »Warum haben Sie meine Geschichte so vielen Personen erzählt?« »Lady Dedlock, ich mußte Sie wissen lassen, daß ich sie kenne.« »Seit wie lange kennen Sie sie?« »Geargwöhnt habe ich sie schon seit langer Zeit... Vollkommen kennengelernt erst seit kurzem.« »Seit Monaten?« »Seit Tagen.« Er steht vor ihr, die eine Hand auf einer Stuhllehne und die andre in seiner altmodischen Weste und dem Busenstreif. Genau so hat er schon tausendmal, seit sie sich verheiratete, vor ihr gestanden. Dieselbe förmliche Höflichkeit, dieselbe gefaßte Ehrerbietung, die geradesogut Mißtrauen sein könnte – der ganze Mann, derselbe dunkle Gegenstand wie je –, immer in derselben Distanz, die nie etwas hat verringern können. »Ist das, was Sie von dem armen Mädchen erzählten, wahr?« Er neigt ein wenig den Kopf und streckt ihn vor, als verstünde er die Frage nicht ganz. »Was Sie vorhin erzählten. Ist es wahr? Kennen ihre Freunde meine Geschichte ebenfalls ? Ist sie schon Stadtgespräch ? Steht sie an den Wänden geschrieben und schreit man sie auf der Straße aus?« – Also Zorn und Furcht und Scham. Alle drei kämpfen miteinander. Welche Kraft dieses Weib doch besitzt, ihre rasenden Leidenschaften niederzuhalten! Diese Gedanken schießen Mr. Tulkinghorn durch den Kopf, während er Mylady anblickt, seine struppigen grauen Augenbrauen ein Haar breit mehr zusammengezogen als gewöhnlich. – »Nein, Lady Dedlock. Es war nur eine Hypothese, die ich anführte, weil Sir Leicester einen so hochmütigen Ton anschlug, wahrscheinlich, ohne es selbst zu wissen. Aber es würde wirklich so kommen, wenn sie wüßten, was wir wissen.« »Also wissen sie es noch nicht?« »Nein.« »Kann ich das arme Mädchen vor Leid bewahren, ehe sie es erfahren?« »Wahrhaftig, Lady Dedlock«, entgegnet Mr. Tulkinghorn, »darüber kann ich keine genügende Antwort geben.« Und er denkt voll Interesse und Neugier, während er den Kampf in ihrem Herzen beobachtet: Macht und Kraft dieser Frau sind erstaunlich. »Sir«, sagt sie, für den Augenblick gezwungen, das Zucken ihrer Lippen mit aller Energie zu bekämpfen, um deutlicher sprechen zu können. »Ich will mich klarer ausdrücken. Ich will nicht über die Möglichkeit Ihrer Hypothese streiten. Ich fühlte ihre Wahrheit so stark wie Sie, als ich damals Mr. Rouncewell hier sah. Ich wußte recht gut, daß er es für eine Schmach für das arme Mädchen gehalten hätte, wäre er imstande gewesen, mich so zu sehen, wie ich bin. Aber ich interessiere mich für sie oder, besser gesagt, da ich nicht mehr hierher gehöre, ich interessierte mich für sie. Und wenn Sie soviel Rücksicht auf die Frau nehmen können, die Sie jetzt unter Ihre Füße getreten haben, das im Auge zu behalten, so würden Sie sie dadurch sehr verpflichten.« Mr. Tulkinghorn, mit tiefster Aufmerksamkeit zuhörend, lehnt mit einem bescheidnen Achselzucken ab und zieht seine Augenbrauen noch etwas mehr zusammen. »Sie haben mich auf meine Bloßstellung vorbereitet, und ich danke Ihnen auch dafür. Verlangen Sie sonst noch etwas von mir? Ist noch eine Schuld von mir zu tilgen, die ich tilgen könnte, oder bin ich imstande, irgendeine Unannehmlichkeit meinem Gatten zu ersparen, indem ich ihn freimache, dadurch, daß ich die Richtigkeit Ihrer Entdeckung schriftlich bestätige? Ich bin bereit und zu diesem Zweck hier, um alles zu schreiben, was Sie diktieren.« – Sie würde es wahrhaftig tun, denkt der Advokat, als er sieht, wie sie mit fester Hand die Feder ergreift. – »Ich will Sie nicht bemühen, Lady Dedlock. Bitte, schonen Sie sich.« »Ich habe das alles, wie Sie wissen, schon lange kommen sehen. Ich wünsche mich weder zu schonen noch von Ihnen schonen zu lassen. Schlimmeres, als Sie mir schon zugefügt haben, können Sie nicht tun. Verfahren Sie jetzt, ganz wie es Ihnen beliebt.« »Lady Dedlock, es handelt sich um nichts dergleichen. Ich werde mir erlauben, ein paar Worte zu sprechen, wenn Sie zu Ende sind.« Die beiden hätten eigentlich nicht mehr nötig, einander zu beobachten, aber sie tun es ohne Unterlaß, und die Sterne beobachten sie beide durch das offne Fenster herein. Draußen im Mondlicht liegt friedlich das Waldland, und das weite Haus des Lebens ist so still wie das enge des Todes. Das enge! Wo sind in dieser stillen Nacht der Totengräber und der Spaten, bestimmt, das letzte große Geheimnis zu den vielen Geheimnissen des Tulkinghornschen Daseins zur Ruhe zu bestatten? Ist der Mann schon geboren, der Spaten schon geschmiedet? Seltsame Frage, darüber nachzudenken. Seltsamer vielleicht noch, nicht darüber nachzudenken unter den beobachtenden Sternen der Sommernacht. »Von Reue oder Gewissensbissen oder jedem andern Gefühl meines Herzens sage ich kein Wort«, fährt Lady Dedlock fort. »Wenn ich nicht stumm wäre, würden Sie taub sein. Lassen wir das. Es paßt nicht für Ihre Ohren.« Er macht eine protestierende Bewegung, aber sie weist ihn verächtlich mit der Hand zurück. »Ich bin hier, um über ganz andre Dinge mit Ihnen zu sprechen. Meine Juwelen liegen an ihrem gewöhnlichen Aufbewahrungsort. Man wird sie dort finden. Meine Kleider ebenfalls. Alle meine Wertsachen ebenso. Ein wenig bares Geld habe ich bei mir, aber nicht viel. Ich trage nicht meine eignen Kleider, um nicht erkannt zu werden. Ich bin gegangen, um von heute an verschwunden zu sein. Berichten Sie das. Weiter lasse ich Ihnen keinen Auftrag zurück.« »Entschuldigen Sie, Lady Dedlock«, sagt Mr. Tulkinghorn unbewegt. »Ich weiß nicht, ob ich Sie richtig verstehe. Sie sind gegangen?...« »Um für alle hier verloren zu sein. Ich verlasse heute nacht Chesney Wold. Ich gehe diese Stunde.« Mr. Tulkinghorn schüttelt den Kopf. Sie steht auf. Aber er, ohne die Hand von der Stuhllehne zu nehmen und ohne sonst seine Stellung zu ändern, schüttelt den Kopf. »Was? Ich soll nicht gehen, wie ich gesagt habe?« »Nein, Lady Dedlock«, antwortet er sehr ruhig. »Wissen Sie denn nicht, welche Erleichterung für alle mein Verschwinden sein wird? Haben Sie denn vergessen, wer der einzige Schandfleck dieses Schlosses ist?« »Nein, Lady Dedlock, durchaus nicht.« Ohne ihn eines weiteren Wortes zu würdigen, geht sie zu der inneren Tür und faßt die Klinke, da sagt er zu ihr, ohne Hand oder Fuß zu bewegen oder auch nur seine Stimme zu erheben: »Lady Dedlock, haben Sie die Gewogenheit, zu bleiben und mich anzuhören, oder ich bin gezwungen, ehe Sie noch die Treppe erreichen, die Alarmglocke zu ziehen und das Haus zusammenzurufen. Und dann müßte ich vor jedem Gast und jedem Bedienten, Mann oder Frau, frei heraussprechen.« Er hat sie bezwungen. Sie wankt, zittert und legt die Hand verwirrt an die Stirn. Bei jeder andern wären das unwichtige Zeichen, aber wenn ein so geübtes Auge wie das Mr. Tulkinghorns nur eine Spur von Schwanken in einer solchen Frau sieht, so weiß er, woran er ist. Er wiederholt rasch: »Haben Sie die Gewogenheit, mich anzuhören, Lady Dedlock«, und deutet nach dem Stuhl, von dem sie eben aufgestanden ist. Sie zaudert, aber er wiederholt die Handbewegung, und sie setzt sich. »Unsre Stellung zueinander ist unerquicklicher Natur, Lady Dedlock, aber da ich sie nicht dazu gemacht habe, brauche ich mich deshalb nicht zu entschuldigen. Die Stellung, die ich Sir Leicester gegenüber einnehme, ist Ihnen so gut bekannt, daß ich Ihnen wohl längst als die für eine solche Entdeckung berufenste Person erscheinen mußte.« Lady Dedlock heftet ihre Augen auf den Boden und blickt nicht mehr auf. »Sir, es wäre besser, ich wäre gegangen. Es wäre viel besser gewesen, Sie hätten mich nicht zurückgehalten. Ich habe nichts zu erwidern.« »Entschuldigen Sie mich, Lady Dedlock, wenn ich Ihnen noch etwas zu bedenken geben muß.« »Dann wünsche ich, es am Fenster zu hören. Ich kann hier nicht atmen.« – Sein argwöhnischer Blick, wie sie ans Fenster geht, verrät einen bangen Zweifel, ob sie sich nicht mit dem Plane tragen könnte, sich hinauszustürzen und unten auf der Terrasse zu zerschmettern. Aber ein nur Sekunden dauerndes Betrachten ihrer Gestalt, wie sie, ohne sich zu stützen, am Fenster steht und hinaus auf die Sterne blickt, die tief unten am Horizonte funkeln, beruhigt ihn wieder. Er dreht sich zu ihr herum und steht jetzt ein paar Schritte hinter ihr. – »Lady Dedlock. Ich bin noch nicht imstande gewesen, über das, was ich zu tun habe, einen richtigen Entschluß zu fassen. Ich bin mir noch nicht über das klar, was ich zunächst zu tun habe.« – Er macht eine Pause, aber sie gibt ihm keine Antwort. – »Verzeihen Sie, Lady Dedlock. Es ist das sehr wichtig. Schenken Sie mir auch die Ehre Ihrer Aufmerksamkeit?« »Ich höre.« »Ich danke Ihnen. Ich hätte es wissen können, nach dem, was ich von Ihrer Charakterstärke gesehen habe. Ich hätte die Frage nicht zu stellen brauchen, aber es ist meine Gewohnheit, das Terrain schrittweise zu prüfen. In diesem unglücklichen Fall ist lediglich Sir Leicester zu berücksichtigen.« »Also, warum halten Sie mich dann in seinem Haus zurück?« fragt sie mit gedämpfter Stimme und ohne ihren Blick von den fernen Sternen wegzuwenden. »Weil er zu berücksichtigen ist! Lady Dedlock, ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie stolz Sir Leicester ist und wie unbedingt er sich auf Sie verläßt. Wenn der Mond vom Himmel fiele, würde ihn das nicht mehr in Erstaunen versetzen als Ihr Fall von Ihrer so hohen Stellung als seine Gattin herab.« – Sie atmet rasch und schwer, steht aber so erhobenen Hauptes da, wie er sie jemals mitten in der größten Gesellschaft hat stehen sehen. – »Ich erkläre Ihnen unumwunden, Lady Dedlock, daß ich leichter mit bloßen Händen den ältesten Baum auf diesem Grundstück würde haben entwurzeln können, als es mir möglich gewesen wäre, das starke Band, das Sir Leicester an Sie fesselt, zu lösen oder sein Vertrauen in Sie zu erschüttern. Und selbst jetzt, wo ich die Sache in der Hand habe, zögere ich noch. Nicht, daß er zweifeln könnte, denn das ist selbst bei ihm unmöglich, sondern weil ihn nichts auf den Schlag vorbereiten könnte.« »Meine Flucht auch nicht? Bedenken Sie es noch ein Mal!« »Ihre Flucht, Lady Dedlock, würde die Wahrheit und hundert Mal mehr als die Wahrheit weit und breit ruchbar machen. Es wäre unmöglich, den Ruf der Familie auch nur einen Tag lang zu retten. Daran ist nicht zu denken.« – In seiner Antwort liegt eine ruhige Entschiedenheit, die keine Einwendung zuläßt. – »Wenn ich sage, daß meine Rücksicht einzig und allein Sir Leicester gilt, so betrachte ich ihn und das Ansehen der Familie als eins. Sir Leicester und die Baronetschaft, Sir Leicester und Chesney Wold, Sir Leicester und seine Ahnen und sein Majorat«, – Mr. Tulkinghorn sagt das sehr trocken – »sind, wie ich Ihnen wohl nicht weiter zu erläutern brauche, Lady Dedlock, voneinander nicht zu trennen.« »Und weiter?« »Deshalb muß ich viele Punkte berücksichtigen«, fährt Mr. Tulkinghorn in seinem Alltagsstil fort. »Die Sache muß vertuscht werden, wenn es möglich ist. Und wie könnte das sein, wenn Sir Leicester darüber wahnsinnig oder krank würde? Wenn ich ihm morgen früh den Schlag beibrächte, wie könnte man sich die plötzliche Veränderung in ihm erklären? Was könnte Sie beide getrennt haben? Lady Dedlock, was Sie vorhin sagten: 'Steht die Geschichte an den Wänden geschrieben, schreit man sie auf der Straße aus', alles das würde auf der Stelle eintreten. Und Sie dürfen nicht vergessen, daß es nicht bloß Sie treffen würde, die ich in dieser Sache durchaus nicht berücksichtigen kann, sondern auch Ihren Gemahl, Lady Dedlock, Ihren Gemahl!« – Er wird klarer und deutlicher, wie er fortfährt, aber nicht ein Atom bewegter oder herzlicher. – »Die Sache stellt sich noch unter einem andern Gesichtspunkt dar. Sir Leicester hängt an Ihnen fast bis zur Verblendung. Er könnte vielleicht nicht imstande sein, diese Verblendung zu überwinden, selbst wenn er das wüßte, was wir wissen. Ich nehme damit einen extremen Fall an, aber es könnte immerhin so sein. Wenn es so wäre, ist es besser, daß er nichts weiß. Besser für die Allgemeinheit, besser für ihn, besser für mich. Ich muß alles dies in Erwägung ziehen, und es trägt mit dazu bei, mir den Entschluß außerordentlich schwer zu machen.« – Mylady steht immer noch da und betrachtet dieselben Sterne, ohne ein Wort zu sagen. Sie scheinen jetzt langsam zu verbleichen, und sie sieht aus, als ob ihre Kälte sie erstarren machte. – »Die Erfahrung lehrt mich«, sagt Mr. Tulkinghorn, der unterdessen die Hände in die Tasche gesteckt hat und in seiner geschäftsmäßigen Darlegung des Falles fortfährt wie eine gefühllose Maschine, »meine Erfahrung lehrt mich, Lady Dedlock, daß die meisten Leute, die ich kenne, besser nicht geheiratet hätten. Die Ehe ist der Grund von Dreivierteilen ihrer Sorgen. So dachte ich, als Sir Leicester heiratete, und so habe ich seitdem immer gedacht. Sprechen wir nicht mehr davon. Ich muß mich jetzt von den Umständen leiten lassen. Unterdessen muß ich Sie bitten, zu schweigen, und ich werde es ebenfalls tun.« »Ich soll also mein gegenwärtiges Leben hinschleppen und seine Qualen Tag für Tag, solange es Ihnen belieben wird, tragen?« fragt sie und wendet keinen Blick von dem fernen Horizont. »Ja, ich fürchte, Lady Dedlock.« »Sie meinen, es ist notwendig, daß ich so auf dem Scheiterhaufen festgebunden bleibe.« »Ich bin überzeugt, daß das, was ich Ihnen anrate, notwendig ist.« »Ich soll also auf dieser bunt aufgeputzten Bühne, auf der ich unter meiner Maske so lange gespielt habe, bleiben, und sie soll unter mir zusammenbrechen, wenn Sie das Signal geben!« sagt sie langsam. »Ich werde es nicht tun, ohne Sie vorher zu benachrichtigen, Lady Dedlock. Ich werde keinen Schritt tun, ohne Sie vorher zu warnen.« »Und wir sehen uns wie gewöhnlich?« »Ganz so wie gewöhnlich, wenn Sie gestatten.« – Sie legt ihm ihre Fragen fast geistesabwesend vor, als ob sie sie im Gedächtnis wiederholte oder im Schlaf hersagte. – »Und ich muß meine Schuld verbergen, wie ich es so viele Jahre lang getan habe?« »Wie Sie es so lange Jahre getan haben. Ich hätte es nicht gern selbst erwähnt, Lady Dedlock, aber ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß Ihr Geheimnis Sie jetzt wohl nicht schwerer bedrücken kann als früher. Ich glaube, besser gesagt, ich weiß, wir haben einander nie ganz getraut.« – In derselben erstarrten Weise wie früher steht sie noch eine kleine Weile tief in Gedanken versunken da und sagt: »Bleibt heute nacht noch etwas zu besprechen übrig?« »Nun«, entgegnet Mr. Tulkinghorn gleichmütig und reibt sich leise die Hände dabei, »ich würde allerdings gern von Ihnen hören, ob Sie meinen Anordnungen beistimmen, Lady Dedlock?« »Sie können dessen versichert sein.« »Gut. Und ich möchte der Klarheit wegen Sie zum Schluß noch daran erinnern, daß ich einzig und allein Sir Leicesters Gefühle und Ehre und den Ruf der Familie schone. Ich sage das, für den Fall ich bei einer gelegentlichen Mitteilung an Sir Leicester auf die Tatsache wieder zurückkommen müßte. Ich hätte mich glücklich geschätzt, auch auf Lady Dedlock Rücksicht haben nehmen zu können; leider erlaubt es der Fall nicht.« »Oh, ich kenne Ihre Pflichttreue, Sir.« Bisher ist Mylady, ohne sich zu rühren, in Gedanken versunken dagestanden, aber endlich bewegt sie sich und wendet sich unerschüttert in ihrer natürlichen oder erzwungnen Fassung zum Gehen. Mr. Tulkinghorn öffnet beide Türen genauso, wie er es gestern oder vor zehn Jahren getan hätte, und macht ihr seine altmodische Verbeugung, wie sie hinausgeht. Es ist nicht der Blick wie sonst, den ihm das schöne Gesicht, das jetzt in der Dunkelheit verschwindet, zuwirft, als sie ihm für seine Höflichkeit kaum merklich dankt. Die Frau erlegt sich einen ungewöhnlichen Zwang auf, denkt er sich, als er wieder allein ist. Er wüßte das noch genauer, wenn er sähe, wie sie in ihren Gemächern verstört, die Hände hinter dem Haupt gefaltet und wie von Schmerz krampfhaft durchzuckt, auf und ab geht; wüßte es noch genauer, wenn er sie sähe, wie sie stundenlang ohne Ermüdung und ohne Rast, verfolgt von den getreuen Schritten auf dem Geisterweg, durch die Zimmer irrt. Aber er schließt das Fenster vor der kalt werdenden Nachtluft, zieht die Vorhänge zu, geht zu Bett und schläft ein. Und wie die Sterne verlöschen und der bleiche Tag in das Turmzimmer lugt und ihn mit seiner greisenhaftesten Miene daliegen findet, da sieht er aus, als hätten der Totengräber und der Spaten schon ihren Auftrag und würden bald zu graben anfangen. Und derselbe blasse Tag sieht zu, wie im Traum Sir Leicester majestätisch dem reuigen Vaterland verzeiht, wie die Vettern verschiedne öffentliche Ämter annehmen, deren Hauptpflichten im Beziehen von Gehalt bestehen, und wie die keusche Volumnia einem häßlichen alten General mit einem Mund voll falscher Zähne, gleich einem mit Tasten übersäten Klavier, der lange die Bewunderung von Bath und der Schrecken aller andern Ortschaften ist, eine Mitgift von fünfzigtausend Pfund einbringt. Er sieht auch in Zimmer hinein, hoch oben im Dach, und in Kammern, in Höfe und Ställe, wo bescheidenere Wünsche von Seligkeiten im Portierhäuschen und im heiligen Ehestand zwischen Hänsel und Gretel träumen. Und dann steigt die glänzende Sonne empor und zieht alles mit sich hinauf – die Hänsel und Gretel, den in der Erde verborgnen Dunst, die schlummernden Blätter und Blumen, die Tiere, die da gehen, fliegen und kriechen, den Gärtner, der den tauglänzenden Rasen kehrt und smaragdenen Samt werden läßt, wo die Walze geht, und läßt den Rauch des Küchenfeuers gerade und hoch in die dünne Morgenluft sich emporkräuseln. Endlich steigt auch das Banner über Mr. Tulkinghorns in Schlummer ruhendem Haupte empor als freudige Kunde, daß Sir Leicester und Lady Dedlock in ihrem glücklichen Heim weilen und Gastfreundschaft auf dem Schlosse in Lincolnshire geübt wird. 42. Kapitel In Mr. Tulkinghorns Wohnung Mr. Tulkinghorn verläßt die grünen Abhänge und breitästigen Eichen des Dedlockschen Herrschaftssitzes und vertauscht sie mit der brütenden Hitze und der staubigen Luft Londons. Die Art, wie er zwischen den beiden Orten kommt und geht, ist eines seiner undurchdringlichen Privatgeheimnisse. Er erscheint in Chesney Wold, als läge es unmittelbar neben seiner Wohnung, und taucht in seiner Kanzlei auf, als habe er Lincoln's-Inn-Fields nie verlassen. Er zieht sich weder vor der Reise anders an, noch spricht er darüber vor- oder nachher. Diesen Morgen schmolz er wie ein Stück Eis aus seinem Turmzimmer hinweg, genauso, wie er jetzt in der späten Abenddämmerung in sein Stadtquartier hineingefriert. Gleich einem rauchgeschwärzten Londoner Vogel unter seinen Artgenossen, die in diesen lieblichen Gefilden hausen, wo die Schafe zu Pergament, die Ziegen zu Perücken, das Weideland zu Häcksel verarbeitet werden, zieht der vertrocknete und verwelkte Advokat, der unter den Menschen wohnt und nicht mit ihnen verkehrt und alterte, ohne je eine heitere Jugend gekannt zu haben, und so lange gewohnt gewesen ist, sein ödes Nest in Höhlen und Winkeln des menschlichen Gemütes aufzuschlagen, daß er die geräumigeren und besseren Regionen darüber ganz vergessen hat, gemächlich in seinem Hause ein. In dem Brutofen, den das glühende Pflaster und die heißen Gebäude bilden, hat es ihm die Kehle mehr als gewöhnlich ausgedörrt, und er denkt durstig an seinen milden, ein halbes Jahrhundert alten Portwein. Der Laternenmann klimmt auf Mr. Tulkinghorns Häuserseite der Inn-Fields, wo dieser Oberpriester adliger Geheimnisse jetzt in seinen düstern stillen Hof tritt, die Leiter auf und ab. Der Advokat geht gerade die Türstufen hinauf, um in seine dämmrig dunkle Halle zu gehen, als er auf der obersten Stufe einem sich verbeugenden, lächelnden kleinen Mann begegnet. »Sind Sie es, Snagsby?« »Ja, Sir. Ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Sir? Ich hatte eben die Hoffnung aufgegeben, Sir, Sie zu treffen, und wollte nach Hause gehen.« »So? Was gibt's? Was wünschen Sie von mir?« »Ach, Sir«, sagt Mr. Snagsby und hält vor lauter Ehrerbietung vor seinem besten Kunden den Hut neben dem Kopf. »Ich hätte gern ein Wort mit Ihnen gesprochen, Sir.« »Kann es hier geschehen?« »O gewiß, Sir.« »Also sprechen Sie.« Der Advokat dreht sich um, legt die Arme auf das eiserne Treppengeländer und sieht dem Laternenmann unten zu, wie er die Lichter im Hof anzündet. »Es handelt sich«, beginnt Mr. Snagsby in geheimnisvollem, leisem Ton, »es handelt sich – um nicht durch die Blume zu sprechen – um die Fremde.« Mr. Tulkinghorn sieht ihn erstaunt an. »Was für eine Fremde?« »Die fremde Frauensperson, Sir. Französin, wenn ich nicht irre. Ich meinerseits kenne ihre Sprache nicht, aber ich möchte nach ihrem Wesen und ihrem Aussehen meinen, es sei eine Französin. Jedenfalls ist sie eine Ausländerin. Die oben im Zimmer war, Sir, als Mr. Bucket und ich an jenem Abend die Ehre hatten, Ihnen mit dem Gassenkehrerjungen unsre Aufwartung zu machen.« »Ja, so, Mademoiselle Hortense.« »So. Hm. Heißt sie so, Sir?« Mr. Snagsby hüstelt seinen Unterwürfigkeitshusten hinter dem Hut. »Mir sind im allgemeinen Namen von Ausländern nicht allzu geläufig, aber ich bezweifle durchaus nicht, daß man die Worte so ausspricht.« Mr. Snagsby scheint diese Antwort mit einem verzweifelten Ansatz, den Namen nachzusprechen, begonnen zu haben, aber bei näherer Überlegung beschränkt er sich lieber auf das Hüsteln. »Und was haben Sie mir in bezug auf sie zu sagen, Snagsby?« fragt Mr. Tulkinghorn. »Ja, sehen Sie, Sir«, antwortet der Papierhändler bescheiden in seinen Hut hinein, »es trifft mich etwas hart. Mein häusliches Glück ist sehr groß – wenigstens immerhin so groß, als es die Umstände erlauben –, aber meine kleine Frau neigt ein wenig zur Eifersucht. Um nicht durch die Blume zu sprechen, sie ist sogar außerordentlich eifersüchtig. Und sehen Sie, da kommt nun ein ausländisches Frauenzimmer von noblem Aussehen in den Laden herein, treibt sich in Cook's Court herum – ich wäre gewiß der letzte, einen starken Ausdruck zu gebrauchen, wenn ich es vermeiden könnte –, aber sie treibt sich wirklich im Hof herum – wissen Sie –, aber sagen Sie selbst, ist es nicht so? Ich bin im voraus ganz Ihrer Meinung, Sir.« – Nachdem Mr. Snagsby das in einer sehr kläglichen Weise vorgebracht hat, läßt er eine Art Gemeinplatzhusten hören, um alle etwa noch leergelassnen Lücken in seiner Schilderung damit auszufüllen. – »Nun, und was wünschen Sie denn eigentlich?« fragt Mr. Tulkinghorn. »Das ist es ja eben, Sir. Ich war überzeugt, Sie würden es selbst mitempfinden und meine Gefühle entschuldigen, wenn Sie die bekannte Reizbarkeit meiner kleinen Frau bedenken wollten. Sehen Sie, die ausländische Frauensperson – deren Namen Sie soeben nannten –schnappte an jenem Abend das Wort Snagsby auf – denn sie faßt ungewöhnlich rasch auf – und forschte weiter nach, erfuhr meine Adresse und platzte zum Mittagessen herein. Nun, wissen Sie, ist Guster, unser Mädchen, sehr furchtsam und überdies Krämpfen unterworfen, und richtig bekommt sie beim Anblick der ausländischen Person und infolge der höhnischen Manier, mit der sie spricht und sie sehr erschreckt, ihre Anfälle und stürzt die Küchentreppe hinab. Zum Glück war meine Frau damit beschäftigt, sie wieder zum Leben zurückzubringen, und außer mir weilte niemand im Laden. Die Ausländerin sagte mir, da sich Mr. Tulkinghorn beständig vor ihr verleugnen ließe, wollte sie sich solange das Vergnügen machen, in meinen Laden zu kommen, bis sie vorgelassen würde... Seit dieser Zeit hat sie sich unablässig in Cook's Court herumgetrieben«, wiederholt Mr. Snagsby mit rührendem Nachdruck. »Die Folgen dieses Benehmens sind nicht auszudenken. Es würde mich nicht wundern, wenn es selbst in den Köpfen der Nachbarn, von meiner kleinen Frau gar nicht zu reden, bereits zu den peinlichsten Mißverständnissen Anlaß gegeben hätte. Und ich habe doch, der Himmel weiß es, nie im Leben von einem ausländischen Frauenzimmer auch nur geträumt, außer höchstens als Kind in Verbindung mit einem Bund Ruten oder einem Sack Nüsse. Das versichere ich Ihnen, Sir.« Mr. Tulkinghorn hat das Herzeleid des Papierhändlers mit ernstem Gesicht bis zu Ende angehört und fragt jetzt: »Nun, und das ist alles, Snagsby?« »Gewiß, Sir, das ist alles.« Mr. Snagsby fügt ein Hüsteln hinzu, das deutlich sagen soll: Ich dächte wirklich, daß das für meine Verhältnisse gerade genug ist. »Ich weiß wirklich nicht, was Mademoiselle Hortense verlangen oder wollen mag, sie müßte denn verrückt geworden sein«, sagt der Advokat. »Aber auch für diesen Fall, Sir«, fällt Mr. Snagsby ein, »wäre es kein großer Trost, fürchten zu müssen, eines Tages eine ausländische Waffe in Gestalt eines fremdländischen Dolches im Herzen seiner Familie stecken zu sehen.« »Nein«, gibt Mr. Tulkinghorn zu. »Gut, gut! Dem soll ein Ende gemacht werden. Es tut mir leid, daß Sie Ungelegenheiten deswegen gehabt haben. Wenn sie wieder kommt, schicken Sie sie zu mir.« Mit vielen Bücklingen und einem kurzen um Verzeihung bittenden Hüsteln empfiehlt sich Mr. Snagsby erleichterten Herzens. Mr. Tulkinghorn geht die Treppe hinauf und murmelt vor sich hin: »Ob nicht diese Weiber geschaffen sind, auf der ganzen Welt den Frieden zu stören. Ich habe noch nicht genug mit der Herrin zu tun, da kommt mir noch die Kammerzofe in die Quere! Aber mit dieser Dirne will ich mich wenigstens kurz fassen.« Mit diesen Worten sperrt er seine Türe auf, tastet sich seinen Weg in das dunkle Zimmer, zündet seine Kerzen an und blickt um sich. Es ist zu dunkel, um viel von der Allegorie an der Decke zu sehen, aber der aufdringliche Römer, der beständig aus den Wolken fällt und mit dem Finger nach abwärts deutet, ist unentwegt in dieser Beschäftigung tätig. Mr. Tulkinghorn schenkt ihm weiter keine Aufmerksamkeit, zieht einen kleinen Schlüssel aus der Tasche, öffnet damit eine kleine Schublade, in der wieder ein Schlüssel liegt. Dieser erst paßt zu dem Kästchen, in dem der Schlüssel liegt, der den Aufenthaltsort des Kellerschlüssels aufsperrt. Mit dem Licht in der Hand geht Mr. Tulkinghorn, in der Absicht, in die Regionen des Portweins hinabzusteigen, zur Türe, da klopft es. »Wer ist da? – Aha, Mistreß. Sie sind es. Sie kommen mir gerade recht. Ich habe eben von Ihnen gehört. Nun! Was wollen Sie?« Er stellt das Licht auf den Kamin im Wartezimmer und klopft sich die dürre Wange mit dem Schlüssel, wie er Mademoiselle Hortense so bewillkommt. Die katzenhafte Zofe mit ihren schmalen Lippen schließt, den Advokaten aus den Augenwinkeln ansehend, geräuschlos die Tür. »Ich habe große Mühe gehabt, Sie zu finden, Sir«, sagt sie mit französischem Akzent. »So. Ich bin sehr oft hier gewesen, Sir. Immer hat es geheißen, er nicht zu Haus, er beschäftigt, er dies und das, er nicht bei sich.« »Stimmt schon.« »Stimmt nicht. Lügen!« – Manchmal kann in Mademoiselle Hortenses Wesen etwas Rasches sein, das einem plötzlichen Sprung beängstigend ähnlich sieht. Der, den es angeht, pflegt in solchen Augenblicken unwillkürlich zu erschrecken und zurückzubeben. So geht es gegenwärtig Mr. Tulkinghorn, obgleich Mademoiselle Hortense mit fast geschlossnen Augen ruhig dasteht und nur verachtungsvoll lächelt. – »Nun, Mistreß«, sagt der Advokat und klopft mit dem Schlüssel ungeduldig auf das Kaminsims, »wenn Sie etwas zu sagen haben, genieren Sie sich nicht.« »Sir, Sie aben mich behandelt nicht gut. Sie sind gewesen gemein und schäbig.« »Gemein und schäbig, oho!« Mr. Tulkinghorn reibt sich mit dem Schlüssel die Nase. »Ja. Was ist es sonst? Sie aben mich drangekriegt – mich gefangen, um sich zu verschaffen Information. Sie mich haben lassen anziehen das Kleid, das Mylady muß getragen haben diesen Abend, haben mich gebeten, zu kommen ier und zu sehen den Knaben... Sprechen Sie!« Mademoiselle Hortense macht wieder einen Sprung. »Zänkische Bestie!« scheint sich Mr. Tulkinghorn zu denken, wie er sie mißtrauisch mustert. Dann gibt er zur Antwort: »Gut, Dirne. Habe ich Sie denn nicht bezahlt?« »Sie, mich bezahlt«, wiederholt sie verächtlich voller Wut. »Zwei Sovereign. Ich habe sie nicht gewechselt. Ich ver-achte sie, ich wer-fe sie von mir, ich will sie nicht.« Sie nimmt die Goldstücke bei diesen Worten aus ihrem Busen und wirft sie mit solcher Gewalt auf den Fußboden, daß sie klingend wieder in die Höhe springen, dann in die Ecke kollern und sich dort langsam klirrend beruhigen. »Nun!« sagt Mademoiselle Hortense und schließt ihre großen Augen wieder halb. »Sie mich aben bezahlt? Mon dieu, o ja?« Mr. Tulkinghorn kratzt sich amüsiert mit dem Schlüssel den Kopf und lächelt sarkastisch dabei. »Sie müssen reich sein, meine schöne Freundin«, bemerkt er gleichmütig, »wenn Sie Geld auf diese Weise wegwerfen können.« »Ich bin reich. Ich bin reich an Haß. Ich hasse Mylady aus tiefster Seele. Sie wissen das.« »Wissen? Woher soll ich es wissen?« »Weil Sie es gewußt aben ganz gut, ehe Sie mich baten, Ihnen zu geben diese Information. Weil Sie aben gewußt ganz gut, daß ich war voll Zorrn.« Mademoiselle scheint das »r« nicht wütend genug schnarren zu können, trotzdem sie schon energisch genug beide Hände ballt und mit den Zähnen knirscht. »So! Wußte ich es? Wirklich?« sagt Mr. Tulkinghorn und besieht sich den Bart des Schlüssels. »Ja, gewiß. Ich bin nicht blind. Sie haben mich umgarnt, weil Sie das wußten. Sie hatten recht. Ich verabscheue sie.« Mademoiselle Hortense verschränkt ihre Arme und wirft ihm ihre Bemerkung über die Schulter hin zu. »Haben Sie außerdem noch etwas zu sagen, Mademoiselle?« »Ich abe noch keine Stellung. Verschaffen Sie mir eine gute Stellung. Wenn Sie das nicht können oder nicht wollen, stellen Sie mich an, sie zu verfolgen, sie in Schmach und Schande zu hetzen. Ich will Ihnen helfen gut und mit gutem Willen. Sie wollen das doch. Glauben Sie, ich weiß es nicht?« »Sie scheinen überhaupt sehr viel zu wissen«, entgegnet Mr. Tulkinghorn. »Weiß ich nicht viel? Bin ich etwa so dumm, zu glauben, wie ein Kind, daß ich bin hierhergekommen in dem Kleid, um den Knaben zu sehen, nur wegen einer kleinen Wette? Mon dieu, o ja.« – Anfangs hat Mademoiselle, ironisch höflich, liebenswürdig gesprochen, dann ist sie plötzlich zum bittersten Hohn übergegangen, und ihre schwarzen Augen, eben noch fast ganz geschlossen, sind jetzt weit aufgerissen. – »Wollen mal sehen, wie die Sachen stehen«, sagt Mr. Tulkinghorn, klopft sich mit dem Schlüssel an das Kinn und macht ein höchst gleichmütiges Gesicht. »Ja! Wollen mal sehen«, stimmt Mademoiselle mit lebhaftem und zornigem Kopfnicken ein. »Sie kommen zu mir mit dem merkwürdig bescheidnen Verlangen, das Sie eben ausgesprochen haben, und wollen wahrscheinlich, wenn ich Ihnen nicht willfahre, wiederkommen?« »Wiederkommen«, bestätigt Mademoiselle und nickt abermals zornig. »Und wieder. Und immer wieder. Und immer und immer wieder, ja, ewig.« »Und nicht nur hierher wollen Sie kommen, sondern auch, wenn das keinen Erfolg hat, zu Mr. Snagsby? Immer und immer wieder?« »Immer wieder«, knirscht Mademoiselle verbissen. »Und immer wieder. Und immer wieder.« »Sehr gut. Jetzt, Mademoiselle Hortense, möchte ich Ihnen empfehlen, das Licht zu nehmen und Ihr Geld aufzulesen. Wenn ich nicht irre, liegt es hinter dem Pult des Schreibers dort in der Ecke.« Sie schleudert ihm nur über die Schulter eine Lache ins Gesicht und bleibt, die Arme verschränkt, unbeweglich stehen. »Sie wollen nicht?« »Nein, ich will nicht.« »Nun, dann sind Sie um zwei Sovereigns ärmer und ich um diese Summe reicher. Sehen Sie einmal, Mistreß, das ist der Schlüssel zu meinem Weinkeller. Ein hübsch großer Schlüssel, aber die Schlüssel von den Gefängnissen sind noch größer. In dieser Stadt gibt es Zwangsanstalten mit Tretmühlen – auch für Frauen –, deren Kerkertüren sehr dick und schwer sind, und wahrscheinlich auch die Schlüssel. Ich fürchte, einer Dame von Ihrem Temperament und Ihrer Lebhaftigkeit würde es kaum angenehm sein, sich von einem solchen Schlüssel auch nur ein paar Stunden einsperren zu lassen. Was meinen Sie dazu?« »Ich meine«, entgegnet Mademoiselle, ohne sich zu rühren, in einem klaren verbindlichen Ton, »daß Sie sind – ein elender Schuft.« »Schon möglich!« Mr. Tulkinghorn schneuzt sich ruhig. »Aber ich frage nicht, was Sie von mir denken, sondern was Sie vom Gefängnis halten.« »Nichts. Was geht es mich an!« »Nun, es geht Sie insoweit an, Mistreß«, sagt der Advokat, steckt langsam das Taschentuch ein und zupft sich den Busenstreif zurecht, »daß das Gesetz hierzulande so ungeniert ist, sich energisch einzumischen, um unsere guten englischen Bürger gegen ungebetne Besuche, selbst wenn sie von Damen kommen, zu schützen. Wenn sich jemand beschwert, daß ihn ein solcher Besuch belästigt, so nimmt das Gesetz die betreffende Dame beim Kragen und steckt sie hinter Schloß und Riegel. Ja, es dreht sogar den Schlüssel hinter ihr um, Mistreß.« Mr. Tulkinghorn macht mit dem Kellerschlüssel die entsprechende Bewegung. »Nein, wirklich?« höhnt Mademoiselle in demselben verbindlichen Ton. »Wie drollig! Aber – meiner Treu – was geht das mich an!« »Meine schöne Freundin«, sagt Mr. Tulkinghorn, »kommen Sie nur noch einmal hierher oder zu Mr. Snagsby, und Sie werden es erfahren.« »Dann würden Sie mich vielleicht ins Gefängnis schicken?« »Vielleicht.« Mademoiselle macht Miene, mit schäumendem Mund tigerhaft die Zähne zu fletschen, bezwingt sich aber, denn es hätte nicht zu ihrer scherzhaften Stimmung gepaßt. »Kurz und gut, Mistreß«, sagt Mr. Tulkinghorn, »es würde mir leid tun, unhöflich sein zu müssen, aber wenn Sie noch ein Mal uneingeladen hierher kommen oder zu Mr. Snagsby, übergebe ich Sie der Polizei. Sie ist sonst sehr galant gegen Damen, aber lästig fallende Personen läßt sie auf eine gewisse unangenehme Weise, auf ein Brett geschnallt, durch die Straßen tragen, mein Dämchen.« »Ich werde Sie beim Wort nehmen«, flüstert Mademoiselle und streckt ihre Hand ganz seltsam aus. »Ich will sehen, ob Sie es wagen.« »Und wenn ich Ihnen diese gute Stelle im Kerker einmal verschafft habe«, fährt der Advokat gelassen fort, »wird es einige Zeit dauern, ehe ich Sie wieder in Freiheit sehen darf.« »Ich werde Sie auf die Probe stellen«, wiederholt Mademoiselle mit ihrem früheren Flüstern. »Und jetzt«, fährt der Advokat fort, immer noch ohne sie zu beachten, »täten Sie am besten, Sie gingen. Überlegen Sie es sich zwei Mal.« »Und überlegen Sie sich zweihundert mal zwei Mal Ihren Schritt«, gibt sie zur Antwort. »Sie wissen, Ihre Herrin hat Sie entlassen, weil Sie so unduldsam und unlenkbar wie nur möglich waren«, bemerkt Mr. Tulkinghorn, während er sie hinausbegleitet. »Schlagen Sie jetzt ein andres Blatt auf und seien Sie gewarnt. Was ich sage, das meine ich auch. Und was ich drohe, das tue ich, Mistreß.« Sie geht die Treppe hinunter, ohne ein Wort zu erwidern oder sich umzusehen. Als sie fort ist, geht auch er hinunter und kehrt mit einer bestaubten, bespinnwebten Flasche zurück und setzt sich hin, um in aller Muße seinen Portwein zu schlürfen. Dann und wann, wenn er sich im Stuhl zurücklehnt, fällt ihm der mit hartnäckiger Ausdauer auf ihn weisende Römer an der Decke in die Augen. 43. Kapitel Esthers Erzählung Es gehört nicht hierher, wie oft ich an meine Mutter dachte, die mich gebeten hatte, ihrer wie einer Toten zu gedenken. Ich durfte nicht wagen, mich ihr zu nähern oder ihr zu schreiben, denn ich mußte fürchten, die Gefahr, in der sie beständig schwebte, dadurch nur noch zu vermehren. Mir stets bewußt, daß mein bloßes Dasein für sie eine ungeahnte Gefahr auf ihrer Lebensbahn bedeutete, konnte ich mich manchmal kaum erwehren, wieder von dem Entsetzen befallen zu werden, das mich damals das erste Mal ergriffen hatte, als ich von ihr das Geheimnis erfuhr. Niemals getraute ich mich, ihren Namen auszusprechen. Es war mir, als dürfte ich nicht einmal wagen, ihn nennen zu hören. Wenn das Gespräch gelegentlich in meiner Gegenwart auf sie kommen zu wollen schien, zwang ich mich, so gut es ging, nicht hinzuhören, oder ich zählte oder sagte innerlich etwas her oder verließ das Zimmer. Wie oft rief ich mir die Stimme meiner Mutter ins Gedächtnis zurück und grübelte darüber nach, ob ich sie jemals wieder hören würde. Ich sehnte mich so nach ihr und mußte daran denken, wie seltsam und traurig es war, daß sie mir so neu und fremd klang. Es kommt jetzt wenig darauf an, daß ich oftmals an der Tür ihres Hauses in der Stadt vorüberging und sie so gern angesehen hätte und mich davor fürchtete –, daß ich einmal im Theater war, als sich auch meine Mutter darin befand und mich sah und wir so weit getrennt waren – in jeder Hinsicht –, daß mir die Möglichkeit, zwischen uns könne überhaupt ein Band existieren, wie ein Traum erschien. Es ist jetzt doch alles, alles vorüber. Mein Lebensweg ist so mit Freude und Segen bestreut gewesen, daß ich nur wenig von mir berichten kann, was nicht von der Güte und dem Edelmut andrer Zeugnis ablegte. So kann ich recht gut mein Leid übergehen und fortfahren. Als wir uns wieder zu Hause eingewöhnt hatten, sprachen Ada und ich oft und viel mit meinem Vormund über Richard. Meinen Liebling schmerzte es tief, daß er meinem Vormund so unrecht tat, aber sie hielt so treu zu Richard, daß sie trotzdem kein tadelndes Wort über ihn hätte ertragen können. Mein Vormund wußte das recht gut und verband seinen Namen nie mit einem Wort des Vorwurfs. »Rick ist nur im Irrtum, liebes Kind«, pflegte er immer wieder zu ihr zu sagen. »Nun, wir alle haben schon oft geirrt. Wir müssen seine Belehrung dir und der Zeit überlassen.« Wir erfuhren später, was wir damals nur argwöhnten. Mr. Jarndyce tat alles mögliche, um Richard die Augen zu öffnen, schrieb an ihn, war zu ihm gegangen, um ihm zuzureden und es mit allen Mitteln zu probieren, die nur sein gutes Herz hätte ersinnen können. Aber unser armer Richard war für alles taub und blind. Wenn er unrecht hätte, sagte er, wollte er sein Unrecht wieder gut machen, sobald der Kanzleigerichtsprozeß vorüber sei. Wenn er im Dunkeln tappen müsse, so wolle er eben sein möglichstes tun, um die verfinsternden Wolken zu zerstreuen. Im Argwohn und im Mißverstehen andrer lägen die Fehler des Prozesses? Gut, dann solle man den Prozeß zu Ende führen, schon der Wahrheit wegen. So lautete stets seine Antwort. Jarndyce kontra Jarndyce« hatte ihn so gefangen genommen, daß es unmöglich war, ihm irgend etwas plausibel zu machen. Aus allem drehte er sich einen neuen Strick zugunsten dessen, was er sich ausgeklügelt hatte. »Je mehr man dem armen Jungen Vorstellungen macht, desto mehr schadet man ihm«, sagte einmal mein Vormund zu mir. »Es ist vielleicht das Beste, man überläßt ihn sich selbst.« Ich benutzte einmal eine Gelegenheit, meinen Zweifeln Ausdruck zu geben, ob Mr. Skimpole ein guter Ratgeber für Richard sei. »Ratgeber?« lachte mein Vormund. »Aber, liebe Esther, wem würde es einfallen, sich von Skimpole einen Rat geben zu lassen!« »Anstifter wäre vielleicht das bessre Wort«, sagte ich. »Anstifter, Esther? Wer könnte sich denn von Mr. Skimpole zu irgend etwas aufmuntern oder anstiften lassen?« »Nicht Richard?« »Nein. Ein so unweltlich gesinntes, unberechnendes und immer in Wolken schwebendes Geschöpf kann ihm vielleicht ein Spaß oder zu Zeiten ein Trost sein. Von einem Kind wie Skimpole kann man nicht annehmen, daß er irgend jemand aufmuntere, anstifte oder irgend etwas überhaupt ernst nähme.« »Bitte, Vetter John«, fragte Ada, die eben hereingetreten war und jetzt über meine Schulter blickte, »was hat ihn denn eigentlich zu einem solchen Kind gemacht?« »Was ihn zu einem solchen Kind gemacht hat?« Mein Vormund rieb sich ein wenig ratlos den Kopf. »Ja, Vetter John.« »Nun«, antwortete langsam und zögernd Mr. Jarndyce und fuhr sich durch die Haare, »er ist ganz Gefühl und – Empfänglichkeit und – Sensibilität – und – und Einbildungskraft. Alle diese Eigenschaften sind bei ihm, ich weiß nicht, wieso, nicht gehörig geregelt. Ich vermute, die Leute, die ihn deswegen in seiner Jugend vielleicht bewunderten, haben auf sie zuviel Wert gelegt und zuwenig auf ihre Erziehung. Und so ist er schließlich zu dem geworden, was er ist. Wie?« Mein Vormund brach kurz ab und sah uns erwartungsvoll an. »Was haltet ihr beide davon?« Ada warf mir einen Blick zu und meinte, es sei jedenfalls bedauerlich, daß er Richard soviel Geld koste. »Das ist richtig. Das ist richtig«, fiel mein Vormund hastig ein. »Das darf nicht sein. Das muß anders werden. Das darf ich nicht dulden. Das geht durchaus nicht.« Ich sagte, ich hielte es für beklagenswert, daß Mr. Skimpole wegen eines Geschenkes von fünf Pfund Richard überhaupt bei Mr. Vholes eingeführt habe. »So? Tat er das?« Ein Schatten des Verdrusses flog rasch über das Gesicht meines Vormundes. »Da habt ihr ihn wieder. Das sieht ihm ähnlich. Bei ihm liegt darin aber trotzdem nicht die mindeste Habgier. Er hat einfach keinen Begriff von dem Werte des Geldes. Er führt Rick ein, und dann wird er gut Freund mit Mr. Vholes und borgt sich von ihm fünf Pfund. Er denkt sich nicht das geringste dabei. Ich möchte wetten, er hat es dir selbst gesagt, liebes Kind.« »Allerdings.« »Na also!« rief mein Vormund triumphierend. »Da haben wir's wieder. Wenn er etwas Unrechtes damit beabsichtigt hätte, würde er dir doch nicht selbst alles erzählt haben. Er spricht so, wie er handelt, in reiner kindlicher Einfalt. Aber ihr müßt ihn einmal in seiner Wohnung sehen. Dann werdet ihr ihn besser verstehen. Wir müssen ihm einen Besuch machen und ihm wegen des erwähnten Punktes Vorstellungen machen. Ja, ja, meine Lieben, er ist ein Kind, ein reines Kind.« So kam es, daß wir uns wenige Tage später in London befanden und bald vor Mr. Skimpoles Türe standen. Seine Wohnung lag im sogenannten Polygon in Somerstown, wo sich damals viele arme spanische Flüchtlinge aufhielten und, in Mäntel gehüllt, kleine Papierzigarren rauchend, umherschlenderten. Ob er ein besserer Mieter war, als man hätte annehmen sollen, oder weil Freund »Jemand« zuletzt immer doch den Zins bezahlte, oder ob sein Mangel an Geschäftssinn seine endgültige Entfernung aus dem Logis vielleicht schwierig gestaltete, weiß ich nicht, jedenfalls bewohnte er das Haus schon seit mehreren Jahren. Es war in einer Weise verfallen, die unsern Erwartungen ganz entsprach. Zwei oder drei Vorgartengitter fehlten ganz, das Wasserfaß war zerbrochen, der Klopfer locker, der Klingelgriff, nach dem verrosteten Zustand des Drahtes zu urteilen, längst abgerissen, und nur schmutzige Fußtapfen auf der Treppe verrieten, daß es überhaupt bewohnt war. Ein schlampiges üppiges Mädchen, das aus den geplatzten Nähten ihres Kleides und den Rissen in ihren Schuhen wie eine überreife Beere herauszuquellen schien, öffnete auf unser Klopfen die Tür ein wenig und versperrte die Öffnung mit ihrem Körper. Als sie Mr. Jarndyce erkannte – Ada und mir schwante es, als ob er mit ihrer monatlichen Entlohnung in einer gewissen Verbindung stünde –, schwand sofort ihre Besorgnis, und sie ließ uns eintreten. Da das Schloß verdorben war, machte sie die Türe mit einer Kette zu, die ebenfalls nicht besonders gut erhalten war, und fragte uns, ob wir wirklich hinaufgehen wollten. Wir stiegen in den ersten Stock, und das einzige Zeichen von Bewohntsein bildeten immer noch die schmutzigen Fußstapfen. Ohne weitere Zeremonie trat Mr. Jarndyce in ein Zimmer, und wir folgten. Es war arg verräuchert und keineswegs sauber, aber möbliert in einer wunderlichen Art von schäbigem Luxus. Ich sah einen großen Fußschemel, ein Sofa, eine Menge von Polstern, einen Lehnstuhl, wieder mit einem Überfluß von Kissen, ein Piano, Bücher, Zeichenmappen, Musikalien, Zeitungen, einige Skizzen und Gemälde. Eine zerbrochne Glasscheibe in einem der schmutzigen Fenster war mit Papier und Oblaten verklebt, aber auf dem Tisch standen ein Teller mit Treibhauspfirsichen, einer mit Trauben und ein dritter mit Kuchen. Eine Flasche mit leichtem Wein daneben. Mr. Skimpole selbst ruhte im Schlafrock auf dem Sofa, schlürfte duftenden Kaffee aus einer alten Porzellantasse, obwohl es ungefähr Mittag war, und betrachtete eine Sammlung Mauerblumen auf dem Balkon. – Unser Kommen brachte ihn nicht im mindesten außer Fassung. Er stand auf und empfing uns in seiner gewohnten unbefangnen Weise. – »Hier lebe ich, wie Sie sehen«, sagte er, als wir uns – nicht ohne Schwierigkeit, denn der größte Teil der Stühle war zerbrochen – gesetzt hatten. »Hier ist mein Heim. Dies ist mein frugales Frühstück. Manche Leute bestehen auf Rinds- und Hammelkeule zum Frühstück. Ich nicht. Wenn ich meine Pfirsiche, meine Tasse Kaffee und meinen Claret habe, bin ich zufrieden. Ich genieße sie nicht ihrer Geschmacksvorzüge wegen, sondern nur, weil sie mich an die Sonne erinnern. In Rinds- und Hammelkeulen liegt nichts Sonnenhaftes. Reiner tierischer Genuß.« »Das ist das Sprechzimmer unsres Freundes, das heißt, wenn er praktizierte, würde es das sein – sein Allerheiligstes –, sein Studierzimmer«, erklärte uns mein Vormund. »Ja«, sagte Mr. Skimpole und sah sich mit strahlender Miene um. »Das ist der Käfig des Vogels. Hier wohnt und singt der Vogel. Dann und wann rupfen sie ihm die Federn aus und schneiden ihm die Flügel. Aber er singt.« Er reichte uns die Trauben hin und ergänzte in seiner strahlenden Weise: »Er singt kein anspruchsvolles Lied, aber er singt.« »Die Trauben sind vorzüglich«, sagte mein Vormund. »Ein Geschenk, Harold?« »Nein. Irgendein liebenswürdiger Gärtner hat sie zu verkaufen gehabt. Als ein Gehilfe sie gestern abend brachte, fragte er, ob er auf das Geld warten solle. 'Ich dächte nicht, mein Freunds riet ich ihm, 'wenn Ihnen Ihre Zeit etwas wert ist.' Und das mußte wahrscheinlich der Fall sein, denn er ging fort.« Mein Vormund sah uns lächelnd an, als wolle er sagen: »Ist es überhaupt möglich, mit diesem Kind von praktischen Sachen zu sprechen?« »Das ist heute ein Tag, dessen man sich hier ewig erinnern wird«, sagte Mr. Skimpole und nahm aus seinem großen Glas einen kleinen Schluck Claret. »Wir werden ihn den St. Clare und St. Summersonntag taufen. Sie müssen meine Töchter sehen. Ich habe eine blauäugige Tochter, das ist meine Schönheitstochter, dann eine Gefühlstochter und außerdem eine Komödientochter. Sie müssen sie alle sehen – Sie werden entzückt sein.« – Er wollte sie holen gehen, aber mein Vormund hielt ihn ab und bat ihn, noch einen Augenblick zu warten, da er erst ein paar Worte mit ihm sprechen möchte. – »Soviel Augenblicke wie Sie wollen, mein lieber Jarndyce.« Mr. Skimpole setzte sich wieder auf sein Sofa. »Auf Zeit kommt es uns hier nie an. Wir wissen nie, wie spät es ist, und kümmern uns auch nicht darum. Das ist nicht der Weg, im Leben vorwärts zu kommen, werden Sie sagen. Gewiß nicht. Wollen wir denn überhaupt im Leben vorwärtskommen? Wir beanspruchen es doch gar nicht.« – Mein Vormund warf uns wieder einen lustigen Blick zu. – »Nun, Harold«, fing er an, »was ich Ihnen zu sagen habe, betrifft Rick.« »Er ist mein teuerster Freund auf der Welt«, fiel Mr. Skimpole herzlich ein. »Er soll wahrscheinlich nicht mein teuerster Freund sein, da er mit Ihnen nicht auf bestem Fuß steht? Aber er ist es nun einmal, und ich kann nichts dafür. Er ist voll jugendfrischer Poesie, und ich liebe ihn. Wenn Sie das nicht gerne sehen, so kann ich mir nicht helfen. Ich liebe ihn.« Seine gewinnende Offenheit machte wirklich einen uneigennützigen Eindruck, entzückte meinen Vormund und jedenfalls auch Ada. »Sie können ihn lieben, soviel Sie wollen«, versicherte Mr. Jarndyce. »Aber seine Tasche müssen wir schonen, Harold.« »O«, sagte Mr. Skimpole, »seine Tasche? Jetzt fangen Sie schon wieder von Dingen an, die ich nicht verstehe.« Er schenkte sich wieder ein Glas Claret ein, tunkte seinen Kuchen hinein, schüttelte den Kopf und lächelte Ada und mich mit einer naiven Vorahnung, daß er uns niemals würde verstehen können, an. »Wenn Sie in seiner Begleitung sind«, sagte mein Vormund offen heraus, »dürfen Sie ihn nicht für Sie mitbezahlen lassen.« »Mein lieber Jarndyce«, entgegnete Mr. Skimpole, und sein durchgeistigtes Gesicht strahlte, so komisch schien ihm der Gedanke vorzukommen. »Was soll ich denn anderes tun? Wenn er mich irgendwohin mitnimmt, muß ich doch gehen. Und wie kann ich für mich bezahlen? Ich habe doch nie Geld. Und wenn ich Geld hätte, was hülfe es. Ich verstehe nichts davon. Nehmen wir an, daß ich jemanden fragte: Wieviel kostet das? Und ich bekäme zur Antwort: Sieben Schilling und sechs Pence, so ist es mir einfach unmöglich, daraus die nötigen praktischen Konsequenzen zu ziehen. Ich laufe nicht bei Geschäftsleuten herum, um sie zu fragen, was sieben Schilling und sechs Pence auf arabisch heißt. Ich verstehe es ja doch nicht. Warum soll ich dann herumlaufen, was sieben Schilling und sechs Pence in der Geldsprache heißt, die ich ebenfalls nicht verstehe.« »Nun«, sagte mein Vormund, dem diese naive Antwort durchaus nicht mißfiel, »wenn Sie wieder einmal mit Rick reisen, müssen Sie sich das Geld von mir borgen – aber Sie dürfen es nicht verraten – und ihm das Rechnen überlassen.« »Mein lieber Jarndyce«, beteuerte Mr. Skimpole, »ich will alles tun, was Ihnen Vergnügen macht, aber es erscheint mir als eine leere Formsache, ein Aberglauben. Außerdem gebe ich Ihnen mein Wort, Miß Clare und meine liebe Miß Summerson, ich glaubte, Mr. Carstone sei ungeheuer reich. Ich dachte, er brauchte bloß ein Papier oder einen Wechsel zu unterschreiben oder auf einen Knopf zu drücken, um einen Regen von Geld vom Himmel fallen zu lassen.« »Das ist durchaus nicht der Fall, Sir«, sagte Ada. »Er ist arm.« »So, wirklich?« Mr. Skimpole lächelte fröhlich. »Da staune ich wirklich.« »Und da er überdies dadurch nicht reicher wird, daß er sich auf ein morsches Rohr stützt«, – mein Vormund legte ernst seine Hand auf den Ärmel von Mr. Skimpoles Schlafrock – »so müssen Sie sich hüten, daß Sie ihn in seinen Hoffnungen bestärken.« »Mein lieber guter Freund«, entgegnete Mr. Skimpole, »und meine liebe Miß Summerson und meine liebe Miß Clare, wie soll ich das anfangen? Es handelt sich um Geschäfte, und ich verstehe doch nichts von Geschäften. Er bestärkt mich vielmehr. Er kommt nach großen Geschäftstaten zu mir, zeigt mir als ihr Resultat die glänzendsten Aussichten und fordert mich auf, sie mit ihm zu bewundern. Ich bewundere sie – als glänzende Aussichten –, aber mehr verstehe ich nicht davon, und ich sage ihm das auch.« Die hilflose Aufrichtigkeit, mit der er uns das erklärte, die leichtherzige Weise, mit der er uns durch seine Unschuld ergötzte, und die phantastische Art, wie er sich selbst in Schutz nahm, verbunden mit seiner gewinnenden Unbefangenheit, bestätigten nur das Urteil meines Vormundes. Je mehr ich ihn kennenlernte, desto unwahrscheinlicher erschien es mir in seiner Anwesenheit, daß er absichtlich einen bösen Einfluß ausüben könnte. Aber desto wahrscheinlicher kam es mir vor, wenn ich nicht mit ihm beisammen war, und um so mehr quälte mich der Gedanke, er könne mit irgend jemandem, dessen Wohl mir am Herzen lag, etwas zu tun haben. Da er jetzt vernahm, daß sein Verhör – wie er es nannte – vorüber sei, verließ er fröhlich das Zimmer, um seine Töchter zu holen – seine Söhne waren zu verschiednen Zeiten bereits davongelaufen-, und ließ meinen Vormund ganz entzückt über die Art, wie er seinen kindlichen Charakter gerechtfertigt hatte, zurück. Er kam bald wieder herein mit drei jungen Damen und Mrs. Skimpole, die früher eine Schönheit gewesen sein mußte, aber jetzt eine kränkliche hochnäsige Dame war, die an allen möglichen Krankheiten litt. »Dies«, stellte Mr. Skimpole vor, »ist meine Schönheitstochter Arethusa, sie spielt und singt alles durcheinander wie ihr Vater. Hier meine Gefühlstochter Laura, musiziert ein wenig, singt aber nicht. Und das ist meine Komödientochter Kitty, singt ein bißchen, musiziert aber nicht. Wir zeichnen alle ein wenig und komponieren ein bißchen, und keins von uns hat einen Begriff von Zeit oder Geld.« – Mrs. Skimpole seufzte, kam mir vor, als hätte sie recht gern auf diesen Teil der Familienfertigkeiten verzichtet. – Mir schien auch, als ob ihr Seufzer ein wenig auf meinen Vormund gemünzt sei und sie gern jede Gelegenheit ergriffen haben würde, einen zweiten hören zu lassen. »Es ist erfreulich«, sagte Mr. Skimpole und sah uns mit seinen munteren Augen der Reihe nach an, »und es ist komisch interessant, ererbten Eigentümlichkeiten in Familien nachzugehen. In dieser Familie sind wir alle Kinder, und ich bin das jüngste.« – Den Töchtern, die ihn sehr lieb zu haben schienen, machte diese wunderliche Tatsache großen Spaß, besonders der Komödientochter. – »Ist es nicht wahr, meine Lieben? So ist es, und so muß es sein, weil es, wie es im Liede von den Hunden heißt, unsre Natur ist. Hier haben wir zum Beispiel Miß Summerson, ausgestattet mit einem schönen Administrationstalent und einem wahrhaft erstaunlichen Auffassungsvermögen für Details. Es wird Miß Summersons Ohr vielleicht seltsam klingen, aber wir wissen in diesem Hause zum Beispiel nicht das mindeste von Koteletten. Wir können nicht das Geringste kochen. Nadel und Zwirn verstehen wir nicht zu gebrauchen. Wir bewundern die Leute, die das praktische Wissen besitzen, das uns abgeht, aber wir zanken uns deshalb nicht mit ihnen. Warum sollten sie sich dann mit uns zanken? Leben und leben lassen, sagen wir zu ihnen. Lebt ihr von eurer praktischen Wissenschaft und laßt uns von euch leben!« – Er lachte und schien wie immer aufrichtig von dem, was er sagte, überzeugt zu sein. – »Wir haben Sympathien, meine Rosen, für alles. Nicht wahr?« »O ja, Papa!« riefen die drei Töchter. »Das ist unser Fach. In unserm Durcheinander von Leben. Wir sind imstande, mit Interesse zuzusehen, und tun das. Was wollen wir mehr? Hier meine Schönheitstochter ist seit drei Jahren verheiratet. Ich muß gestehen, daß sie wieder ein erwachsenes Kind heiratete und zwei kleine dazu bekam, ist vielleicht in nationalökonomischer Hinsicht ein Unrecht, aber es war sehr angenehm. Wir hielten unsre kleinen Festlichkeiten bei diesen Gelegenheiten ab und tauschten soziale Ideen aus. Sie brachte eines Tages ihren Gatten nach Hause, und sie und ihre junge Brut haben ihr Nest oben. Gemüt und Komödie werden wahrscheinlich auch eines Tages ihre Gatten nach Hause bringen und ihr Nest oben bauen. So leben wir. Wir wissen nicht, wie, aber wir leben.« Arethusa sah für eine Mutter von zwei Kindern sehr jung aus, und ich mußte sie und auch ihre Sprößlinge innerlich bemitleiden. Es war klar, daß die drei Töchter aufgewachsen waren, wie es eben gekommen war, und nicht mehr Bildung besaßen, als sich zufällig ergeben hatte, wenn sie ihrem Vater in seinen Träumereien als Spielzeug gedient hatten. Auf seinen malerischen Geschmack nahmen sie, wie ich bemerkte, in ihren verschiednen Arten, ihr Haar zu tragen, Rücksicht. Die Schönheitstochter trug das ihre klassisch, die Gemütstochter war üppig und wallend und die Komödientochter kokett und mit lebhaften kleinen Löckchen an den Augenwinkeln ihrer heiteren Stirn frisiert. Ihre Kleider waren dementsprechend, aber unsauber und sehr vernachlässigt. Ada und ich unterhielten uns mit den jungen Damen und fanden sie ihrem Vater außerordentlich ähnlich. Mr. Jarndyce, der sich den Kopf sehr viel gerieben und von einer Veränderung der Windrichtung gesprochen hatte, unterhielt sich unterdessen mit Mrs. Skimpole in einer Ecke, und wir hörten gelegentlich Geld klimpern. Mr. Skimpole hatte sich vorher entfernt, um sich umzukleiden, denn er wollte uns später nach Hause begleiten. »Meine Rosen«, sagte er, als er zurückkam, »pflegt mir die Mama. Sie ist angegriffen heute. Ich gehe auf ein paar Tage auf Besuch zu Mr. Jarndyce, werde die Lerchen singen hören und will mir meine fröhliche Laune bewahren. Ihr wißt, Mama hat wieder manches ausstehen müssen, und es würde wieder so kommen, wenn ich zu Hause bliebe.« »Der schlechte Mann«, sagte die Komödientochter. »Und gerade zu der Zeit kam er, wo er wußte, daß Papa sich neben seine Mauerblumen legen und den blauen Himmel betrachten wollte«, klagte Laura. »Und als Heugeruch die Luft durchduftete«, fügte Arethusa hinzu. »Es verrät einen Mangel an Poesie in dem Mann«, stimmte Mr. Skimpole gutgelaunt bei. »Es war roh. Es verriet das Fehlen der feinen Züge der Menschlichkeit. Meine Töchter haben sich nämlich sehr geärgert«, erklärte er uns, »über einen ehrlichen Mann...« »Nicht ehrlich, Papa. Unmöglich!« protestierten alle drei. »Über einen rauhen Burschen – eine Art zusammengerollten menschlichen Igel. Einen Bäcker hier in der Nähe, von dem wir uns ein paar Lehnstühle geborgt hatten. Wir brauchten ein paar Lehnstühle, besaßen keine und sahen uns daher natürlich nach einem Mann um, der welche hätte. Der mürrische Mensch lieh sie uns, und wir nutzten sie ab. Als sie abgenutzt waren, wollte er sie wieder zurück haben. Wir gaben sie ihm zurück. Er war befriedigt, werden Sie glauben. Durchaus nicht! Er beklagte sich darüber, daß sie abgenutzt waren. Ich machte ihm Vorstellungen und bemühte mich, ihm seinen Irrtum aufzuklären. Ich sagte: 'Können Sie in Ihrem Alter wirklich so kurzsichtig sein, mein Freund, und behaupten, ein Lehnstuhl sei ein Ding, das man auf den Schrank stellt und ansieht? Oder ist es vielleicht ein Gegenstand zum Anschauen? Wissen Sie denn nicht, daß wir uns diese Armstühle borgten, um uns darauf zu setzen ?' Aber er nahm keine Vernunft an, war nicht zu überzeugen und wurde heftig. Ich blieb so ruhig, wie ich jetzt bin, und machte ihm weitere Vorstellungen. 'Mein guter Mann', sagte ich, 'so verschieden auch unsere Fähigkeiten sein mögen, so sind wir doch alle Kinder einer großen Mutter, der Natur. An diesem herrlichen Sommermorgen sehen Sie mich hier auf dem Sofa liegen, mit Blumen vor mir, Früchten auf dem Tisch, den wolkenlosen Himmel über mir, die Luft voll Wohlgerüchen, versunken in die Betrachtung der Natur. Ich beschwöre Sie bei unsrer gemeinsamen Mutter, nicht zwischen mich und einen so erhabnen Anblick die lächerliche Gestalt eines zornigen Bäckers zu drängen.' Aber er tat es«, sagte Mr. Skimpole mit erstaunt in die Höhe gezognen Augenbrauen. »Er tat es und wird es wieder tun. Deshalb bin ich froh, ihm aus dem Wege gehen und meinen Freund Jarndyce nach Hause begleiten zu können.« Daß Mrs. Skimpole und die Töchter zurückbleiben und es mit dem Bäcker allein würden aufnehmen müssen, schien er nicht weiter zu bedenken. Es war ihnen allen eine so alte Geschichte, daß sie es offenbar für ganz selbstverständlich hielten. Dann nahm er mit großer Zärtlichkeit, anmutig und liebenswürdig wie immer, von seiner Familie Abschied und fuhr in vollster Seelenharmonie mit uns fort. Durch einige offne Türen konnten wir, wie wir die Treppe hinuntergingen, sehen, daß sein Zimmer im Vergleich zu den übrigen Räumen des Hauses ein wahrer Palast war. Ich ahnte nicht im entferntesten, daß noch an diesem Tage etwas mich für den Augenblick sehr Erschütterndes und mir in seiner Tragweite für immer Denkwürdiges vorfallen sollte. Unser Gast war auf dem Wege zu uns so heiterer Laune, daß ich weiter nichts tun konnte, als ihm zuzuhören und mich immer wieder über ihn zu wundern. Ada schien unter demselben Zauber zu stehen. Was meinen Vormund betraf, so war der Wind wieder vollständig umgesprungen, ehe noch eine Stunde hinter uns lag. Konnte Mr. Skimpoles Kindlichkeit in andern Dingen vielleicht auch noch so zweifelhaft sein, daß er sich über Ortsveränderungen und schönes Wetter freute wie ein Kind, –war sicher. In keiner Weise ermüdet durch die lustige Unterhaltung unterwegs, war er früher im Salon als wir, und ich hörte ihn am Piano Dutzende von Refrains von Barkarolen und deutschen und italienischen Trinkliedern singen, noch während ich mit meinen Wirtschaftsschlüsseln beschäftigt war. Wir saßen vor dem Essen alle im Salon beisammen, und er, immer noch am Piano, schwelgte in kurzen Melodien und sprach davon, er wolle morgen Skizzen von der alten verfallnen Mauer von Verulam, die er vor ein paar Jahren angefangen und wieder liegen gelassen hatte, beenden, als man eine Karte hereinbrachte und mein Vormund mit erstauntem Ton laut las: »Sir Leicester Dedlock!« Das Zimmer drehte sich mit mir, und ich hatte nicht die Kraft, mich zu bewegen, sonst wäre ich rasch zu dem draußen wartenden Besuch hinausgegangen. In meinem Zustand von Schwindel hatte ich nicht einmal die Geistesgegenwart, mich an das Fenster zu Ada zurückzuziehen; konnte sie überhaupt kaum sehen. Ich hörte meinen Namen nennen und begriff, daß mich mein Vormund vorstellte, noch ehe ich mich nach einem Stuhl begeben konnte. »Bitte, nehmen Sie Platz, Sir Leicester.« »Mr. Jarndyce«, sagte Sir Leicester mit einer Verbeugung und setzte sich, »ich erweise mir die Ehre, Sie zu besuchen...« »Sie erweisen mir die Ehre, Sir Leicester.« »Ich danke Ihnen. Auf... Auf meiner Reise nach Lincolnshire, Sie hier zu besuchen, um Ihnen mein Bedauern auszudrücken, daß Ursachen zur Beschwerde, die ich gegen einen Herrn habe, den Sie kennen und bei dem Sie wohnten und auf den ich daher nicht weiter anspielen werde, nicht nur Sie, sondern auch die unter Ihrer Obhut stehenden Damen verhindert haben, das Wenige zu besichtigen, was in meinem Hause in Chesney Wold einem feinen und gebildeten Geschmack gefallen kann.« »Sie sind außerordentlich liebenswürdig, Sir Leicester. In dem Namen dieser Damen – Sie sehen sie hier –, und für mich selbst danke ich Ihnen auf das verbindlichste.« »Wäre es möglich, Mr. Jarndyce, daß der Herr, auf den ich aus den bereits angedeuteten Gründen keine weiteren Anspielungen machen kann, wäre es möglich, Mr. Jarndyce, daß dieser Herr meinen Charakter so falsch aufgefaßt haben könnte, daß er Sie vielleicht zu dem Glauben verleitet hat, man würde Sie auf meinem Landsitz in Lincolnshire nicht mit der Höflichkeit und Courtoisie empfangen, die meinen Leuten gegenüber allen Damen und Herren, die sich mein Haus ansehen wollen, aufs strengste aufgetragen ist? Ich möchte für einen solchen Fall nur zu bemerken bitten, Sir, daß Sie des Gegenteils versichert sein dürfen.« – Mein Vormund hörte taktvoll zu, gab aber keine Antwort. – »Es hat mir unendlich leid getan, Mr. Jarndyce«, fuhr Sir Leicester wichtig fort, »ich versichere Ihnen, Sir, es hat – mir unendlich leid getan, von der Haushälterin in Chesney Wold haben hören zu müssen, daß auch ein Herr, der damals dort in Ihrer Gesellschaft war und einen sehr feinen Geschmack und gebildeten Kunstsinn zu besitzen scheint, sich von einer ähnlichen Ursache abhalten ließ, die Familienbilder mit der Muße der Aufmerksamkeit und der Sorgfalt, die er Ihnen vielleicht sonst zu widmen gewünscht haben würde, zu besichtigen!« Er zog bei diesen Worten eine Karte heraus und las mit großem Ernst und einiger Anstrengung durch sein Augenglas: »Mr. Hirrold – Herald – Harold –Skampling – Skumpling – Pardon – Skimpole.« »Hier, dieser Herr ist Mr. Skimpole«, sagte mein Vormund, sichtlich überrascht. »O«, rief Sir Leicester, »ich schätze mich glücklich, mit Mr. Skimpole zusammenzutreffen und eine Gelegenheit zu haben, ihm mein persönliches Bedauern aussprechen zu können. Ich hoffe, Sir, wenn Sie wieder in meine Gegend kommen, werden Sie sich nicht mehr durch ähnliche Beweggründe abhalten lassen.« »Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Sir Leicester Dedlock. So ermutigt, werde ich mir gewiß nicht das Vergnügen eines abermaligen Besuchs Ihres schönen Hauses versagen. Die Besitzer solcher Schlösser wie Chesney Wold«, sagte Mr. Skimpole in seiner gewohnten fröhlichen und leichtherzigen Weise, »sind die Wohltäter des Publikums. Sie sind so gütig, eine Menge der herrlichsten Gegenstände zur Bewunderung und Freude von uns armen Leuten bereitzuhalten; und nicht alle Freuden ihres Anblicks zu genießen, hieße Undankbarkeit für unsre Wohltäter an den Tag legen.« – Sir Leicester schien diese Worte sehr zu billigen. – »Sie sind Künstler, Sir?« »Nein«, antwortete Mr. Skimpole. »Ich bin ein Mann ohne jeden Beruf, ein bloßer Amateur.« Sir Leicester schien das sogar noch mehr zu gefallen. Er hoffte, so glücklich zu sein, sagte er, in Chesney Wold anwesend zu sein, wenn Mr. Skimpole das nächste Mal nach Lincolnshire kommen werde, und Mr. Skimpole fühlte sich dadurch sehr geschmeichelt und geehrt. »Mr. Skimpole«, fuhr Sir Leicester, wieder zu meinem Vormund gewendet, fort, »erwähnte gegen die Haushälterin, die, wie er vielleicht bemerkt hat, eine alte und treue Dienerin der Familie ist –« »Es war, als ich mir neulich, wie ich Miß Summerson und Miß Clare besuchte –« erklärte Mr. Skimpole in seiner unbefangnen Weise. »– daß der Freund, mit dem er früher dort gewesen, Mr. Jarndyce sei.« Sir Leicester machte meinem Vormund eine Verbeugung. »Und dadurch erfuhr ich den Umstand, wegen dessen ich mein Bedauern ausgesprochen habe. Daß es gerade einen Gentleman betraf, Mr. Jarndyce, einen Gentleman, der Lady Dedlock früher gekannt hat und sogar ihr entfernter Verwandter ist und den sie, wie ich von Mylady selbst weiß, außerordentlich hochschätzt, das, versichere ich Ihnen, tut mir ganz be--son-ders leid.« »Bitte, sprechen Sie nicht weiter davon, Sir Leicester«, erwiderte mein Vormund. »Wir alle sind Ihnen sehr verpflichtet für Ihre Liebenswürdigkeit. In Wirklichkeit lag der Irrtum ganz auf meiner Seite, und ich sollte um Entschuldigung bitten.« – Ich hatte nicht ein einziges Mal aufgeblickt, den Besuch nicht gesehen, und es schien mir sogar, als habe ich nicht einmal das Gespräch gehört. Es wundert mich, daß ich es mir überhaupt ins Gedächtnis zurückrufen kann, denn es schien damals an meinem Ohr spurlos vorübergegangen zu sein. Ich hörte wohl sprechen, aber der Kopf war mir so wirr, und die instinktive Scheu vor Sir Leicester Dedlock machte mir seine Anwesenheit so schmerzlich, daß ich wegen des Brausens in den Ohren und vor Herzklopfen nichts zu verstehen glaubte. – »Ich erwähnte den Vorfall gegen Lady Dedlock«, sagte Sir Leicester aufstehend, »und Mylady erzählte mir, daß sie das Vergnügen gehabt habe, mit Mr. Jarndyce und seinen Mündeln gelegentlich eines zufälligen Zusammentreffens während ihres dortigen Aufenthalts ein paar Worte auszutauschen. Erlauben Sie mir, Mr. Jarndyce, Ihnen und Ihren Damen die Versicherung zu wiederholen, die ich bereits Mr. Skimpole gegeben habe. Verhältnisse gestatten mir allerdings nicht, zu sagen, ich würde mit Vergnügen hören, daß Mr. Boythorn mein Haus mit seinem Besuch beehrt habe, aber das bezieht sich ausschließlich auf diesen Herrn und dehnt sich auf keine andre Person aus.« »Sie wissen, was ich von jeher von ihm gedacht habe«, sagte Mr. Skimpole leichthin, indem er sich dabei an uns wendete. »Ein liebenswürdiger Stier, der jede Farbe scharlachrot sieht.« – Sir Leicester Dedlock hustete, als ob er um keinen Preis noch ein Wort in Bezug auf ein solches Individuum anhören könne, und verabschiedete sich sehr zeremoniell und höflich. Ich zog mich so schnell wie möglich auf mein Zimmer zurück und blieb dort, bis ich meine Fassung wiedergewonnen hatte. Sie hatte einen großen Stoß bekommen, aber ich danke Gott, daß sie nichts gemerkt hatten und mich nur wegen meines schüchternen und stummen Wesens vor dem großen Lincolnshirer Baronet neckten, als ich wieder hinunterkam. – Ich fühlte klar, daß die Zeit gekommen war, wo ich mein Geheimnis meinem Vormund mitteilen müßte. Die Möglichkeit, mit meiner Mutter in Berührung zu kommen, ihr Haus betreten zu müssen, ja, sogar daß Mr. Skimpole, wenn er auch in noch so entfernter Beziehung zu mir stand, von ihrem Gatten Gefälligkeiten annehmen könne und werde, alles das war so peinlich, daß ich fühlte, ich könne seinen väterlichen Beistand nicht länger entbehren. Als wir uns für die Nacht zurückgezogen und Ada und ich wie gewöhnlich in unserm hübschen gemeinsamen Zimmer geplaudert hatten, suchte ich meinen Vormund wieder bei seinen Büchern auf. Ich wußte, daß er stets um diese Stunde noch las, und beim Näherkommen sah ich das Licht seiner Studierlampe auf den Korridor hinausscheinen. »Darf ich herein, Vormund?« »Gewiß, kleines Frauchen. Was gibt's denn?« »Nichts Besonderes. Ich möchte nur gern diese stille Stunde benutzen, um mit dir ein Wort über meine Angelegenheiten zu sprechen.« Er schob mir einen Stuhl hin, legte sein Buch weg und wendete mir sein gütiges Gesicht aufmerksam zu. Es konnte mir nicht entgehen, daß es wieder denselben seltsamen Ausdruck zeigte, den ich schon einmal darauf gesehen hatte – an jenem Abend, als er gesagt, er fühle keinen Kummer, den ich so leicht verstehen könnte. »Was dich angeht, liebe Esther, geht uns alle an«, sagte er. »Du kannst nicht mehr bereit sein zu sprechen als ich zu hören.« »Das weiß ich, Vormund. Aber ich bedarf deines Rates und deines Beistandes wirklich dringend. Du ahnst gar nicht, wie sehr ich ihrer heute nacht bedarf.« – Mein Ernst schien ihn zu überraschen und ein wenig zu beunruhigen. – »Oder wie sehr ich mich gesehnt habe, dich zu sprechen, seit der heutige Besuch fort war.« »Der Besuch, mein Kind? Sir Leicester Dedlock?« »Ja.« Er verschränkte die Arme und saß in Erwartung dessen, was ich ihm zu sagen hätte, mit einer Miene tiefsten Staunens da. Ich wußte nicht recht, wie ich ihn vorbereiten sollte. »Unser heutiger Besuch und du, Esther«, sagte er und fing an zu lächeln, »sind wirklich die beiden letzten Personen auf der Welt, die ich miteinander hätte in Verbindung bringen können.« »Gewiß, Vormund. Das weiß ich. Und ich dachte es auch noch bis vor ganz kurzer Zeit.« Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht, und er wurde ernster als vorher. Er ging nach der Türe, um zu sehen, ob sie zu sei – aber ich selbst hatte es schon getan –, und nahm seinen Platz vor mir wieder ein. »Vormund«, begann ich, »erinnerst du dich noch, damals, als uns das Gewitter überraschte, daß Lady Dedlock mit dir von ihrer Schwester sprach?« »Natürlich, natürlich.« »Und dich erinnerte, daß sie und ihre Schwester sich entzweit hätten und jede ihre eignen Wege gegangen wäre.« »Natürlich.« »Warum haben sie sich getrennt, Vormund?« – Der Ausdruck seines Gesichtes änderte sich plötzlich. – »Mein Kind, was sind das für Fragen! Ich habe es nie erfahren. Ich glaube, niemand, sie selbst ausgenommen, hat es je erfahren. Wer könnte sagen, welcher Art die Geheimnisse dieser beiden schönen und stolzen Frauen waren! Du hast Lady Dedlock gesehen. Hättest du nur ein einziges Mal ihre Schwester gesehen, so wüßtest du, daß sie ebenso halsstarrig und stolz war wie jene.« »Ach, Vormund, ich habe sie viele, viele Male gesehen.« »Sie gesehen?« Er hielt eine Weile inne und biß sich in die Lippen. »Dann sag mir, Esther, als du vor mir vor langer Zeit von Boythorn sprachst und ich dir erzählte, er sei einmal schon so gut wie verheiratet gewesen und die Dame sei zwar nicht gestorben, aber für ihn tot, und daß diese Zeit einen großen Einfluß auf sein späteres Leben gehabt habe, wußtest du damals schon alles, oder wußtest du, wer die Dame war?« »Nein, Vormund«, gab ich zur Antwort, voller Bangen vor dem Licht, das plötzlich in mir aufdämmerte. »Auch jetzt weiß ich es noch nicht.« »Lady Dedlocks Schwester.« »Und warum«, konnte ich nur mit Mühe über die Lippen bringen, »warum trennten sie sich von einander?« »Sie bestand darauf und begrub ihre Gründe tief in ihrem unbeugsamen Herzen. Er vermutete später – aber es war eine bloße Vermutung –, irgendein Schimpf, den ihre stolze Seele gelegentlich eines Streites mit ihrer Schwester erlitten, müsse sie bis zum Wahnsinn verletzt haben. Sie schrieb ihm, daß sie von dem Tag dieses Briefes an für ihn tot sei und diesen Entschluß gefaßt habe, weil sie seinen stolzen Charakter und sein fast übertriebnes Ehrgefühl kenne und ihm darin nicht nachstehen wolle. Mit Rücksicht auf diese beiden, seine ganze Seele erfüllenden Eigenschaften und darauf, daß sie nicht um ein Haar anders sei, bringe sie das Opfer und wolle so leben und sterben. Ich fürchte, sie tat beides. Jedenfalls sah und hörte er von ihr nichts wieder seit jener Stunde. Und auch kein andrer Mensch.« »Oh, Vormund, was habe ich getan!« rief ich aus und ließ meinem Schmerz freien Lauf. »Welches Leid habe ich unschuldigerweise verursacht!« »Du, verursacht, Esther?« »Ja, Vormund. Unschuldigerweise, aber ohne jeden Zweifel. Jene verschwundene Schwester Lady Dedlocks ist meine erste Erinnerung.« »Nein, nein«, fuhr er auf. »Ja, Vormund, ja! Und ihre Schwester ist meine Mutter!« Ich würde ihm den ganzen Inhalt des Briefes meiner Mutter erzählt haben, aber er wollte jetzt nichts hören. Er sprach so zärtlich und klug zu mir und stellte mir alles so deutlich vor Augen, daß ich, wie sehr ich auch schon seit vielen Jahren von innigster Dankbarkeit gegen ihn durchdrungen war, ihn doch noch nie so wahrhaft geliebt und ihm in meinem Herzen so innig gedankt hatte wie diese Nacht. Er brachte mich an meine Tür, küßte mich, und als ich endlich im Bette lag, sagte ich mir, daß ich wohl kaum jemals hoffen, jemals tätig und selbstlos genug sein könnte, um ihm zu zeigen, wie hoch ich ihn hielt. 44. Kapitel Der Brief und die Antwort Mein Vormund rief mich am nächsten Morgen in sein Zimmer, und ich erzählte ihm alles, was ich ihm gestern abend noch nicht hatte ausführlich auseinandersetzen können. Man könne weiter nichts tun, meinte er, als das Geheimnis zu bewahren und einem zweiten Zusammentreffen wie dem gestrigen auszuweichen. Er verstand meine Gefühle, teilte ganz meine Ansicht und übernahm es sogar, Mr. Skimpole abzuhalten, die Bekanntschaft fortzusetzen. Einer Person, die er mir nicht zu nennen brauche, Rat oder Hilfe zu erteilen, sei er jetzt leider außerstande. Er wünschte, es wäre anders. Aber leider sei es unmöglich. Wenn der Argwohn gegen den Advokaten, von dem sie gesprochen, begründet sei, woran er kaum zweifle, so fürchte er Entdeckung. Er kenne ihn flüchtig vom Sehen und auch seinem Rufe nach und glaube fest, er sei ein höchst gefährlicher Mensch. Und wiederholt stellte er mir mit fürsorglicher Güte und Liebe vor Augen, was auch immer geschehen möge, ich sei so unschuldig daran wie er selbst und nicht imstande, auch nur den geringsten Einfluß auf den Verlauf dieser Angelegenheit auszuüben. »Übrigens, was deine Person anbelangt, sehe ich nicht, wie sich auch nur der leiseste Argwohn auf dich lenken sollte, mein Kind«, sagte er. »Der Verdacht kann auch ohne diesen Zusammenhang groß genug sein.« »Ja, bei dem Advokaten«, wendete ich ein. »Aber es sind noch zwei andre Personen da, an die ich immerwährend denken muß.« Und ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Mr. Guppy, der, wie ich fürchtete, bereits damals, als ich noch gar nicht recht wußte, was er eigentlich wollte, gewisse unbestimmte Vermutungen gehabt haben mußte. Allerdings glaubte ich mich seit unsrer letzten Zusammenkunft fest auf seine Verschwiegenheit verlassen zu dürfen. »Gut«, sagte mein Vormund. »Dann können wir ihn vorderhand beiseite lassen. Aber wer ist die andre Person?« Ich erinnerte ihn an die französische Zofe und ihren damals so leidenschaftlich vorgebrachten Wunsch, bei mir in Dienst zu treten. »Hm!« sagte er nachdenklich. »Sie ist mehr zu fürchten als der Schreiber. Aber vielleicht suchte sie wirklich nur einen neuen Dienst bei dir, liebes Kind. Sie hatte dich und Ada damals eben erst gesehen, und es ist ganz natürlich, daß sie auf dich verfiel. Sie bot sich dir als Zofe an und wollte vielleicht nichts weiter.« »Ihr Benehmen war höchst merkwürdig«, wendete ich ein. »Ja, und ebenso sonderbar war es, daß sie damals die Schuhe auszog und soviel Genuß an einem kühlen Spaziergang fand, bei dem sie sich hätte den Tod holen können«, gab mein Vormund zu. »Aber es wäre ein nutzloses Kopfzerbrechen, über solche Zufälligkeiten und Möglichkeiten nachzudenken. Der harmloseste Umstand kann, so betrachtet, die gefährlichsten und bedeutungsvollsten Formen annehmen. Sei guten Mutes, kleines Frauchen! Bleib so, wie du warst, ehe du das Geheimnis wußtest, das ist das Beste, was du im Interesse aller tun kannst. Da ich Mitwisser deines Geheimnisses bin –« »– und es mir dadurch tragen hilfst, Vormund –« »– so werde ich ein aufmerksames Auge auf das haben, was in der Familie vorgeht, soweit ich dazu hier von meinem entfernten Standpunkt aus imstande bin. Und wenn die Zeit kommen sollte, wo ich eine Hand ausstrecken kann, um auch nur den kleinsten Dienst derjenigen zu leisten, deren Namen selbst hier auszusprechen nicht ratsam sein dürfte, so werde ich es schon ihrer lieben Tochter wegen nicht verabsäumen.« Ich dankte ihm von ganzem Herzen. Was konnte ich mehr tun, als ihm danken! Ich wollte das Zimmer verlassen, aber er bat mich, noch einen Augenblick zu bleiben. Ich drehte mich rasch um, und wieder sah ich denselben Ausdruck auf seinem Gesicht. – Und auf ein Mal, ich weiß nicht, wie, leuchtete es mir wie eine neue und weit in der Ferne liegende Möglichkeit ein, daß ich ihn vielleicht doch verstünde. »Meine liebe Esther, ich habe lange etwas auf dem Herzen gehabt, was ich dir gern gesagt hätte.« »Was ist es denn?« »Es ist mir recht schwer geworden, davon anzufangen, und es wird mir immer noch schwer. Ich möchte, daß es mit Überlegung gesagt und mit ebensolcher Überlegung überdacht würde. Hast du etwas dagegen, wenn ich es dir schreibe?« »Lieber Vormund, wie könnte ich etwas dagegen haben, daß du mir etwas schreibst.« »Dann sag mir, meine Liebe, erscheine ich in diesem Augenblick ebenso klar und unbefangen, ehrlich und altmodisch wie zu jeder andern Zeit?« »Vollkommen«, antwortete ich mit allem Ernst und streng der Wahrheit gemäß, denn sein Zaudern hatte keine Minute gedauert, und sein schönes herzliches offnes Wesen war wiedergekehrt. »Sehe ich aus, als ob ich etwas verhehlte, etwas andres meinte, als ich sage, oder einen geheimen Vorbehalt hätte, welcher Art er auch immer sei?« fragte er und heftete seine hellen klaren Augen auf mich. »Ganz und gar nicht.« »Kannst du mir ganz vertrauen, und glaubst du dich vollständig auf das, was ich beteuere, verlassen zu können, Esther?« »Vollkommen und ganz«, sagte ich aus tiefstem Herzen heraus. »Liebes Kind, gib mir deine Hand.« Er nahm sie, zog sie durch seinen Arm und sah mit derselben natürlichen Frische und Treuherzigkeit auf mich herab, mit der alten väterlichen Weise, die mich damals in einem Augenblick in seinem Hause mich hatte heimisch fühlen lassen, und sagte: »Du hast gewisse Veränderungen in mir hervorgebracht, kleines Frauchen, seit jenem Wintertag in der Landkutsche. Vom ersten bis zum letzten Tag seit jener Zeit hast du mir unendlich viel Gutes getan.« »Ach, Vormund, was hast du erst für mich alles getan!« »Daran«, wehrte er ab, »darf jetzt nicht gedacht werden.« »Ich kann es aber nie vergessen.« »Esther«, sagte er mit sanftem Ernst, »es muß aber jetzt vergessen werden. Eine Weile wenigstens vergessen werden. Du sollst jetzt nur daran denken, daß nichts, was auch kommen mag, mich anders machen kann, als ich dir je erschienen bin. Bist du davon felsenfest überzeugt, liebes Kind?« »Ja, felsenfest.« »Dann ist es gut. Weiter wünsche ich nichts. Aber trotzdem darf ich das nicht auf ein Wort hin glauben. Ich will das, woran ich denke, dir nicht eher schreiben, als bis du dir auch innerlich ganz klar darüber bist, daß mich nichts anders machen kann, als wie du mich kennst. Wenn du im mindesten daran zweifelst, so schreibe ich nie. Wenn du aber nach reiflicher Überlegung noch immer davon überzeugt sein wirst, so schicke Charley heute in acht Tagen am Abend zu mir – 'wegen des Briefes'. Aber bist du deiner Sache nicht ganz gewiß, dann schicke sie nie. Bedenke, ich verlasse mich auf deine Wahrhaftigkeit in diesem wie in allen andern Punkten. Also wenn du dir über diesen einen Punkt nicht ganz klar bist, so schicke sie nicht.« »Vormund«, sagte ich, »ich bin mir darüber vollständig klar. Diese Überzeugung kann sich in mir ebensowenig mehr ändern, als du jemals gegen mich anders werden könntest. Ich werde Charley um den Brief schicken.« Er schüttelte mir die Hand und sagte weiter kein Wort. Auch während der ganzen Woche berührte er das Gespräch nicht mit einer Silbe. Als der festgesetzte Abend kam, sagte ich zu Charley, als ich mich zurückgezogen hatte: »Geh und klopfe an Mr. Jarndyces Tür und sage, du kämst von mir wegen des Briefes.« Charley ging die Treppen hinauf und die Treppen hinab und die Gänge entlang, und der Zickzackweg durch das altmodische Haus erschien meinen lauschenden Ohren diesen Abend unendlich lang zu dauern. Dann kam sie zurück, die Gänge entlang, die Treppen herunter, die Treppen herauf, und brachte den Brief. »Lege ihn auf den Tisch, Charley«, sagte ich. Und Charley legte ihn auf den Tisch und ging zu Bett. Ich setzte mich hin und sah das Schreiben an, ohne es in die Hand zu nehmen, und mancherlei ging mir durch den Kopf. Ich durchlebte im Geiste die Zeit meiner umdüsterten Kindheit bis zu dem schweren Tag, wo meine Tante, das entschloßne Gesicht so kalt und starr, als Leiche dalag und ich bei Mrs. Rachael einsamer war, als hätte ich gar niemand auf der Welt gehabt, um mit ihm ein Wort oder einen Blick zu tauschen. Ich ging zu den anders gewordnen Tagen über, wo ich so glücklich war, überall um mich herum Freunde zu finden und von ihnen geliebt zu werden. Dann kam die Zeit, wo ich das erste Mal meinen Liebling sah und sie mich mit der schwesterlichen Liebe umfing, die den Glanz und die Schönheit meines Lebens bildete. Ich erinnerte mich an den ersten freundlichen Willkommensschimmer, der in der kalten hellen Nacht unsrer Ankunft aus diesen selben Fenstern hier auf unsre erwartungsvollen Gesichter gefallen und seit jener Zeit nie blasser geworden war. Noch einmal lebte ich mein ganzes glückliches Leben hier durch, meine Krankheit und meine Genesung, und mußte daran denken, wie verändert ich war und wie unverändert alle rings um mich. Und all dieses Glück strahlte wie ein Licht von einem Mittelpunkte aus. Von demselben, der mir dieses Briefchen hier auf dem Tisch geschickt. Ich öffnete es und las es. Er war so eindringlich in seiner Liebe zu mir, und seine uneigennützigen Warnungen und die rücksichtsvolle Zartheit in jedem Wort machten, daß meine Augen sich zu oft verschleierten, als daß ich lange Zeit hintereinander hätte fortlesen können. Aber ich las den Brief drei Mal durch, ehe ich ihn hinlegte. Ich hatte schon vorher geglaubt, seinen Inhalt ahnen zu können, und sah mich nicht getäuscht. Er fragte mich, ob ich die Herrin von Bleakhaus werden wollte. Es war kein Liebesbrief, obgleich sich so unendlich viel Liebe darin aussprach. Er lautete ganz so, wie er selbst zu mir gesprochen haben würde. Ich sah sein Gesicht vor mir und hörte seine Stimme und fühlte den Einfluß seines väterlichen Wohlwollens in jeder Zeile. Er sprach zu mir, als ob unsre Stellung zueinander umgekehrt wäre; als ob alle guten Taten von mir herrührten und alle Dankesempfindungen, die sie hervorgerufen, nur in ihm lebten. Er stellte mir vor, wie jung ich sei, während er die Blüte der Jahre überschritten habe –, sagte, er stehe im reifen Alter und ich sei noch ein Kind –; er schreibe an mich als ergrauter Mann und wisse alles das so gut, daß er mich bäte, reiflich mit mir zu Rate zu gehen. Er schrieb, ich würde durch eine solche Ehe nichts gewinnen; und nichts verlieren, wenn ich sie zurückwiese. Kein neues Band könne seine Liebe zu mir vermehren, und er werde meine Handlungsweise billigen, möge mein Entschluß ausfallen so oder so. Er habe sich seit unsrer letzten vertraulichen Besprechung den Schritt nochmals reiflich überlegt und sich entschlossen, ihn zu tun, und wenn auch nur, um mir in einem kleinen Beispiel zu zeigen, daß sich die ganze Welt gern vereinigen würde, um die düstre Prophezeiung meiner Kindheit zunichte zu machen. – Ich könne nicht ahnen, wie glücklich ich ihn machen würde, aber davon wollte er weiter nicht sprechen. Ich solle stets im Auge behalten, daß ich ihm nichts schulde, sondern daß er im Gegenteil mein Schuldner in jeder Hinsicht sei. Er hätte oft an unsre Zukunft gedacht, wohl wissend, daß die Zeit kommen werde – leider nur zu bald –, wo Ada mündig sein und uns verlassen werde und unsre gegenwärtige Lebensweise aufhören müsse. Deshalb hätte er sich gewöhnt, über seinen jetzigen Antrag nachzudenken, und deshalb mache er ihn jetzt. Wenn ich fühlte, ich könnte ihm überhaupt jemals das beste Recht, mein Beschützer zu sein, geben, und glaubte, die in Wahrheit geliebte Gefährtin seines noch übrigen Lebens werden und dabei glücklich sein zu können, erhaben über alle kleinen Zufälle und Veränderungen außer den Tod, selbst dann sollte ich mich nicht unauflöslich binden, solange mir der Brief noch so neu sei –, selbst dann müßte ich reichlich Zeit zur Überlegung haben. In diesem oder dem entgegengesetzten Fall wünsche er das alte Verhältnis, den alten ungezwungnen Ton und den Namen, den ich ihm von Anfang an gegeben, beibehalten zu sehen. Was sein munteres Mütterchen Spinnweb als kleine Wirtschafterin beträfe, so würde sie, wie er wisse, immer dieselbe bleiben. Das war so der wesentliche Inhalt des Schreibens. Aus jedem Wort sprach ein Gerechtigkeitsgefühl, als wäre er nur ein verantwortlicher Vormund, der mir ganz unparteiisch den Vorschlag eines Freundes mitteilte und selber alle dagegen sprechenden Punkte mir vor Augen stellte. Was er mir aber nicht verriet, war, daß er schon dieselbe Absicht hatte, als ich noch hübscher ausgesehen, davon aber abgestanden war, daß er jetzt, wo mein Gesicht verunstaltet war, mich noch ebenso lieben konnte wie in den Tagen meiner Schönheit. Auch daß die Entdeckung der Umstände meiner Geburt keinen nachteiligen Eindruck auf ihn gemacht habe, verschwieg er mir. Aber ich wußte es, ich wußte es jetzt gar wohl. Am Schluß seines Briefes kam es über mich, und ich fühlte, daß mir nur ein Weg übrig blieb. Mein Leben seinem Glück zu widmen, war ein armseliger Dank. Und hatte ich mir neulich nachts etwas anderes gewünscht, als etwas zu finden, wie ich ihm danken könnte?! Dennoch weinte ich sehr viel, nicht bloß aus der Überfülle meines Herzens heraus, nicht bloß wegen der Neuartigkeit der Aussicht, denn sie war neu und befremdend, obgleich ich keinen andern Inhalt erwartet hatte –, sondern, als ob etwas, für das ich keinen Namen und von dem ich keinen deutlichen Begriff hatte, nun für immer für mich verloren sei. Ich war sehr glücklich, sehr dankbar und hoffnungsfreudig, aber ich mußte heiße Tränen weinen. Ich wagte mich vor meinen alten Spiegel. Meine Augen waren rot und geschwollen, und ich sagte: »Esther, Esther, bist du das wirklich?« Ich fürchtete, das Gesicht im Spiegel wolle bei diesem Vorwurf wieder zu weinen anfangen, aber ich hielt meinen Finger in die Höhe, und es bezwang sich. »So! Das ist dem gefaßten Aussehen, mit dem du mich tröstetest, als du mir die große Veränderung damals nach der Krankheit zeigtest, ähnlicher«, sagte ich, indem ich mein Haar löste. »Wenn du erst die Hausfrau hier bist, mußt du so fröhlich sein wie ein Vogel. Du mußt überhaupt immer fröhlich sein, und deshalb wollen wir jetzt damit gleich ein für alle Mal anfangen.« Ich löste mir vollends das Haar. Ich mußte noch ein wenig schluchzen, aber bloß weil ich geweint hatte, sonst war ich wieder ganz gefaßt und ruhig. »Also, liebe Esther, du bist jetzt für dein ganzes Leben glücklich. Glücklich unter deinen besten Freunden, glücklich in dem gewohnten heimischen Haus, glücklich in der Möglichkeit, viel Gutes tun zu können, und unverdient glücklich, von dem besten aller Menschen geliebt zu werden.« Dann dachte ich mir, was ich wohl gefühlt und getan haben würde, wenn mein Vormund eine andre geheiratet hätte. Wie so ganz anders wäre da alles gewesen! Mein Leben stellte sich mir bei dem Gedanken daran in einer so neuen Form und so inhaltsleer dar, daß ich mit meinen Wirtschaftschlüsseln klingelte und sie freudig küßte, bevor ich sie wieder in das Körbchen zurücklegte. Dann, während ich mir das Haar vor dem Spiegel für die Nacht aufsteckte, dachte ich daran, wie oft ich mir schon vorgehalten hatte, daß die tiefen Spuren, die meine Krankheit zurückgelassen, und die Umstände meiner Geburt nur neue Gründe für mich wären, sehr, sehr, sehr tätig zu sein und mich liebenswürdig und dienstfertig zu erweisen in jeder Hinsicht. Das wäre jetzt so die richtige Zeit gewesen, sich betrübt hinzusetzen und zu weinen! Und war es so sonderbar, was jetzt werden sollte? Und warum sollte es sonderbar sein? Andre Leute hatten daran gedacht. »Erinnerst du dich, meine Liebe«, sagte ich zu meinem Spiegelbild, »was Mrs. Woodcourt darüber zu dir sagte, noch ehe diese Narben hier waren?« Vielleicht erinnerte mich der Name an die getrockneten Blumen. Besser, sie jetzt nicht mehr aufzubewahren. Ich hatte sie nur zur Erinnerung an etwas, was jetzt für immer vorüber war, aufgehoben. Besser, sie jetzt nicht länger mehr aufzuheben. Sie lagen in einem Buch, das sich zufällig in dem anstoßenden gemeinschaftlichen Zimmer zwischen Adas Schlafgemach und dem meinen befand. Ich nahm eine Kerze und ging leise hinein, um es zu holen. Als ich es in der Hand hielt, sah ich meinen schönen Liebling durch die offne Tür im Schlaf daliegen und küßte sie leise. Ich weiß wohl, es war eine Schwäche, und ich konnte keinen Grund haben, zu weinen, aber ich ließ eine Träne auf ihr liebes Gesicht fallen, und noch eine und noch eine. Und was noch eine größere Schwäche war, ich nahm die verwelkten Blumen aus dem Buch und hielt sie ihr einen Augenblick an die Lippen. Ich dachte dabei an ihre Liebe zu Richard, obgleich im Grund die Blumen nichts damit zu tun hatten. Dann nahm ich den Strauß in mein Zimmer und verbrannte ihn am Licht, und im Augenblick war er zu Asche geworden. Als ich am nächsten Morgen in das Frühstückszimmer trat, fand ich meinen Vormund ganz wie gewöhnlich dort. So offen, frei und herzlich wie immer. Nicht das mindeste von gezwungnem Wesen war an ihm zu bemerken, und auch bei mir nicht, hoffe ich. Ich war im Lauf des Vormittags mehrere Male mit ihm allein und dachte, er werde von dem Brief zu sprechen anfangen. Aber er sagte kein Wort. So war es auch am nächsten Morgen und am übernächsten und die ganze Woche lang, bis zu welcher Zeit Mr. Skimpole seinen Besuch bei uns ausdehnte. Ich erwartete jeden Tag, daß mein Vormund von dem Brief anfangen werde, aber er sagte kein Wort. Ich wurde schließlich unruhig und überlegte, ob ich ihm nicht schriftlich antworten sollte. Ich versuchte es nachts in meinem Zimmer immer und immer wieder mit einem Brief, aber ich konnte keine Antwort zustande bringen und keinen richtigen Anfang finden. Und so verschob ich es von Tag zu Tag. Ich wartete eine ganze Woche, und er spielte noch immer nicht auch nur mit einem Wort darauf an. Endlich war Mr. Skimpole abgereist, und wir drei wollten eines Nachmittags eine Spazierfahrt miteinander machen. Früher mit dem Ankleiden fertig als Ada, ging ich hinunter und fand hier meinen Vormund, den Rücken mir zugekehrt, zum Salonfenster hinaussehen. Er drehte sich um, als ich eintrat, und sagte lächelnd: »Ach, du bist es, kleines Frauchen.« Dann sah er wieder hinaus. Ich hatte mir vorgenommen, diesmal mit ihm zu sprechen. Kurz, ich war eigentlich zu diesem Zweck heruntergekommen. »Vormund«, sagte ich etwas zögernd und zitternd, »wann wünschest du die Antwort auf den Brief zu haben, den Charley geholt hat?« »Wenn sie fertig ist, mein Kind.« »Ich glaube, sie ist fertig.« »Wird sie Charley überbringen?« fragte er freundlich. »Nein, ich habe sie selbst mitgebracht, Vormund!« Ich schlang meine Arme um seinen Hals und küßte ihn, und er fragte, ob das die Herrin von Bleakhaus getan habe, und ich sagte ja. Und es machte keinen Unterschied zwischen uns, und wir gingen alle zusammen hinaus, und ich sagte meinem Liebling nichts davon. 45. Kapitel Im Vertrauen Eines Morgens, nachdem ich wieder mit meinem Schlüsselkörbchen herumgeklingelt hatte und gerade mit meinem Liebling im Garten spazieren ging, wendete ich zufällig meinen Blick auf das Haus zurück und sah einen langen dünnen Schatten die Mauer entlang gehen, der Mr. Vholes sehr ähnlich sah. Ada hatte erst diesen Morgen zu mir geäußert, sie hoffe, Richard werde durch sein allzu emsiges Betreiben des Kanzleigerichtsprozesses in seinem Eifer darin nachlassen, und um dem lieben Kind nicht die fröhliche Laune zu verderben, sagte ich nichts von Mr. Vholes Schatten. Gleich darauf kam Charley leicht auf den Wegen zwischen den Gebüschen dahergehuscht, so rosig und hübsch wie eine von Floras Dienerinnen, und sagte: »Ach, wenn Sie so gut sein möchten, Miß, hineinzukommen zu Mr. Jarndyce, er möchte gern mit Ihnen sprechen.« – Es war eine von Charleys Eigenheiten, wenn sie eine Botschaft ausrichten sollte, sie augenblicklich herzusagen, sobald sie in der Ferne die Person, für die sie bestimmt war, erblickte. – Deshalb sah ich Charley mich in ihrer gewohnten Art bitten, zu Mr. Jarndyce hineinzukommen, lange, ehe ich sie hören konnte. Und als sie vor mir stand, hatte sie es so oft wiederholt, daß sie ganz außer Atem war. Ich sagte Ada, ich käme gleich wieder, und fragte Charley unterwegs, ob nicht ein Herr bei Mr. Jarndyce sei, worauf Charley, deren Grammatik, muß ich zu meiner Schande gestehen, meiner Erziehungskunst nicht viel Ehre machte, zur Antwort gab: »Ja, Miß, der Herr, wo uns mit Mr. Richard besucht hat.« Einen schärfern Gegensatz als meinen Vormund und Mr. Vholes konnte es nicht gut geben. Als ich eintrat, saßen sie einander gegenüber am Tisch und sahen sich an. Der eine so offen, der andre so in sich verschlossen. Der eine breitschultrig und aufrecht, der andre schmal und gebückt. Mr. Jarndyce, alles mit voller klingender Stimme sagend, was er zu sagen hatte, und der andre in seiner froschblütigen, fischkalten Art alles in sich hineinflüsternd, daß ich glaubte, nie zwei so ungleiche Menschen beisammen gesehen zu haben. »Du kennst diesen Mr. Vholes hier, liebe Esther«, begann mein Vormund mit nicht besonders erfreutem Ton, muß ich gestehen. Mr. Vholes stand auf, wie gewöhnlich behandschuht und zugeknöpft, und setzte sich wieder. Genau so, wie er sich damals neben Richard in das Gig gesetzt hatte. Da er aber Richard jetzt nicht ansehen konnte, schaute er gerade vor sich hin ins Leere. »Mr. Vholes«, fuhr mein Vormund fort und sah die schwarze Gestalt wie einen unglückverkündenden Vogel unfreundlich an, »hat uns schlimme Nachrichten von unserm höchst unglücklichen Richard gebracht.« Er legte einen besonderen Nachdruck auf die Worte »höchst unglücklich«, als ob er damit auf die zwischen Richard und Mr. Vholes stehende Verbindung anspielen wollte. Ich nahm zwischen beiden Platz. Mr. Vholes verzog keine Miene. Nur hie und da kratzte er sich heimlich an einem der roten Pickel in seinem gelben Gesicht. »Da ihr glücklicherweise gute Freunde seid, Rick und du, so hätte ich gern gehört, was du von der Sache denkst, mein Kind«, begann mein Vormund. »Wollen Sie so freundlich sein, offen herauszusprechen, Mr. Vholes.« In einer Art, die dieser Aufforderung nichts weniger als entsprach, begann Mr. Vholes: »Ich sagte soeben, Miß Summerson, daß ich als Mr. Carstones Rechtsbeistand Grund habe, mit Sicherheit anzunehmen, daß seine Angelegenheiten gegenwärtig in einer höchst fatalen Lage sind. Nicht so sehr, was die Höhe der Summe anbetrifft, sondern hinsichtlich der besondern und dringlichen Art der Verpflichtungen, die Mr. C. eingegangen ist, im Verhältnis zu den geringen Einkünften, die er bezieht und die ihm nicht erlauben, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Ich habe manche kleine Zahlungsverpflichtung für Mr. C. hinausgeschoben, aber es gibt eine Grenze in solchen Dingen, und wir haben sie erreicht. Ich habe einige Vorschüsse aus eigner Tasche gegeben, muß aber natürlich an Wiederbezahltwerden denken, denn ich habe mich nie als Kapitalisten ausgegeben und muß, abgesehen davon, daß ich für meine drei lieben Töchter zu Hause ein kleines Sümmchen zu ersparen suche, noch im Tal von Taunton einen greisen Vater unterstützen. Ich befürchte, mit einem Wort, Mr. C.s Verhältnisse sind derart, daß er um Bewilligung wird nachsuchen müssen, sein Patent verkaufen zu dürfen, und es ist jedenfalls wünschenswert, daß seine Verwandten von diesen Umständen in Kenntnis gesetzt werden.« Mr. Vholes hatte mich während seiner Rede angesehen, ließ jetzt seine Blicke sinken und versank wieder in das Schweigen, das er eigentlich nie unterbrochen hatte, so gedämpft und klanglos war der Ton seiner Stimme gewesen. »Man denke sich den armen Burschen, wenn ihm jetzt selbst diese letzte Hilfe fehlt«, sagte mein Vormund zu mir. »Aber was kann ich tun? Du kennst ihn, Esther! Er würde um keinen Preis eine Unterstützung von mir annehmen. Sie ihm jetzt anzubieten oder nur darauf hinzudeuten, würde ihn zu Unbesonnenheiten treiben, wenn nicht noch zu etwas Schlimmerem.« Mr. Vholes nickte bestätigend. »Was Mr. Jarndyce bemerkt, Miß, ist ohne Zweifel richtig, und darin liegt die Schwierigkeit. Ich sehe nicht, daß irgend etwas getan werden könnte. Ich sage auch nicht, daß etwas getan werden sollte. Weit entfernt davon. Ich komme bloß hierher, ganz im Vertrauen, und berichte, damit man später nicht sagen kann, ich hätte es an Offenheit fehlen lassen. Mein Wunsch ist, daß alles so offen wie möglich betrieben wird. Ich wünsche vor allem, einen guten Namen zu hinterlassen. Wenn ich bloß mein eignes Interesse in dieser Sache mit Bezug auf Mr. C. berücksichtigte, würden Sie mich nicht hier sehen. Er selbst würde jede Einwendung dagegen erhoben haben, das wissen Sie am besten. Mein heutiger Besuch ist also nicht geschäftlicher Art. Er kann niemandem aufgerechnet werden. Ich habe kein andres Interesse daran als das eines Mitgliedes der menschlichen Gesellschaft und als Vater – und als Sohn«, ergänzte Mr. Vholes schnell, als er merkte, daß er diesen Punkt einen Augenblick ganz vergessen hatte. Es schien uns, als ob Mr. Vholes hinsichtlich der Verpflichtungen Richards gerade nur die knappe Wahrheit verraten habe. Ich konnte nichts andres vorschlagen, als selber nach Deal, wo Richard damals in Garnison stand, zu reisen, um ihn zu sprechen und zu versuchen, das Schlimmste noch abzuwenden. Ohne Mr. Vholes darüber zu Rate zu ziehen, nahm ich meinen Vormund beiseite, um ihm diesen Vorschlag zu machen, während Mr. Vholes an den Kamin trat und sich die Leichenbitterhandschuhe wärmte. Als Haupteinwand führte mein Vormund sofort die Anstrengung der Reise an. Da ich aber sah, daß er keinen andern wußte, und selbst nur zu gern ging, erwirkte ich leicht seine Zustimmung. Wir hatten uns also nur noch mit Mr. Vholes auseinanderzusetzen. »Nun, Sir«, sagte Mr. Jarndyce zu ihm. »Miß Summerson wird sich mit Mr. Carstone in Verbindung setzen, und wir wollen nur hoffen, daß seine Stellung noch nicht endgültig verloren ist. Gestatten Sie, daß ich Ihnen ein Frühstück bringen lasse.« »Ich danke Ihnen, Mr. Jarndyce«, lehnte Mr. Vholes ab und streckte seinen langen schwarzen Ärmel aus, um meinen Vormund am Klingeln zu verhindern. »Ich danke Ihnen. Nein. Nicht einen Bissen. Meine Verdauung ist gar nicht in Ordnung, und ich bin überhaupt von jeher niemals stark mit Messer und Gabel gewesen. Wenn ich um diese Tageszeit kompakte Speisen genösse, weiß ich nicht, was die Folgen sein würden. Da jetzt vollkommene Klarheit zwischen uns besteht, Sir, möchte ich mich mit Ihrer Erlaubnis verabschieden.« »Und ich wollte, daß wir uns alle auch von einem gewissen Prozeß verabschieden könnten, Mr. Vholes«, sagte mein Vormund bitter. Mr. Vholes, dessen schwarzer Anzug am Kamin einen sehr unangenehmen Geruch nach Tuch verbreitete, verbeugte sich halb und schüttelte langsam den Kopf. »Wir, deren Ehrgeiz es ist, in jedermanns Augen als achtbare Advokaten zu erscheinen, können nur unsre Schultern gegen das Rad stemmen. Wir tun es, Sir. Wenigstens tue ich es und denke von meinen Kollegen ohne Ausnahme gut. Ich muß Sie selbstverständlich bitten, Miß, meine Mitteilung als vertraulich zu betrachten und nichts davon gegenüber Mr. C. zu erwähnen.« Ich versprach es. »Ich danke, Miß. Guten Morgen. Mr. Jarndyce, guten Morgen.« Mr. Vholes legte seinen Totenhandschuh erst mir und dann meinem Vormund auf die Finger und verschwand. Ich stellte mir vor, wie sein langer dünner Schatten von der Außenseite der Postkutsche auf die sonnige Landschaft zwischen uns und London fiel, über die Felder hinglitt und das Samenkorn im Erdboden frösteln machte. Ich mußte natürlich Ada sagen, wohin ich ginge und weshalb, und sie war sehr besorgt und betrübt darüber. Aber sie hielt zu treu zu Richard, um von ihm anders als in Ausdrücken des Mitleids und der Entschuldigung zu sprechen. Und mit noch größerer Liebe – braves treues Mädchen – schrieb sie ihm einen langen Brief, den ich zu besorgen versprach. Charley sollte meine Reisebegleiterin sein, obgleich ich sie eigentlich nicht brauchte und gern zu Hause gelassen hätte. Wir begaben uns am Nachmittag nach London, bestellten zwei Plätze und fuhren abends seewärts mit der kentischen Post. Es war in jenen Zeiten der Landkutschen eine Nachtfahrt, aber wir hatten den Wagen ganz allein für uns und fanden die Reise nicht sehr ermüdend. Sie verging mir, wie sie wohl den meisten Leuten unter solchen Umständen zu vergehen pflegt. Manchmal kam sie mir hoffnungsvoll, dann wieder ganz aussichtslos vor. Zuweilen glaubte ich Richard nützlich sein zu können, dann wieder wunderte ich mich, wie ich nur einen solchen Gedanken je hatte fassen können. In welchem Zustand ich ihn finden würde, was ich ihm sagen sollte, was er mir antworten würde, beschäftigte abwechselnd meinen Geist, und die Räder schienen in einem fort eine ewig gleiche Melodie, der sich die letzten Worte des Briefes meines Vormundes anpaßten, zu spielen. Endlich kamen wir in die schmalen Straßen von Deal. Sie sahen an diesem rauhen nebligen Morgen sehr düster aus. Der lange flache Strand mit den kleinen unregelmäßigen Häusern aus Holz und Ziegeln und dem Gewirr von Ankerwinden, großen Booten, Schuppen, kahlen, aufrecht stehenden Stangen mit Flaschenzügen boten einen trüben, wüsten Anblick dar. Die See wogte unter einem dicken weißen Nebel dahin, und kein lebendes Wesen war zu sehen als ein paar Seiler, die mit ihrem um den Leib gewickelten Werg aussahen, als ob sie sich selbst, des Erdenlebens müde, zu Tauen verspännen. Aber als wir in einem vortrefflichen Hotel in eine warme Stube kamen, uns gewaschen und angekleidet hatten und uns zu einem zeitigen Frühstück hinsetzten, fing Deal an, heiterer auszusehen. Unser kleines Zimmer war eine Art Schiffskajüte, und das machte Charley große Freude. Dann fing der Nebel an, sich wie ein Vorhang zu heben, und eine kleine Menge Schiffe, von deren Nähe wir bis dahin keine Ahnung gehabt hatten, wurden sichtbar. Ich weiß nicht mehr, wie viele Segelboote nach Angabe des Kellners damals in den Dünen lagen. Einige dieser Schiffe waren sehr ansehnlich, vor allem ein großer Ostindienfahrer, der eben angelegt hatte. Und als die Sonne durch die Wolken schien und silberne Flecke auf die schwarze See zeichnete, war es sehr schön anzusehen, wie die Kolosse zu glänzen anfingen und scharfe Umrisse bekamen, während ein Gewimmel von Booten vom Ufer zu ihnen und wieder zurückfuhr und allgemeines Leben ringsum zu herrschen begann. Der große Ostindienfahrer interessierte uns am meisten, zumal er diese Nacht erst im Hafen angekommen war. Eine Menge von Jollen umringten ihn, und wir sagten uns, wie froh die Leute an Bord sein müßten, endlich an Land gehen zu können. Charley war sehr wißbegierig und fragte viel über ferne Länder, über die Hitze in Indien, die Schlangen und die Tiger, und da sie auf diese Art rascher lernen konnte als durch Hocken über der Grammatik, sagte ich ihr, was ich von diesen Sachen wußte. Ich erzählte ihr auch, wie auf solchen Reisen die Leute manchmal Schiffbruch erlitten, auf Felsen geworfen und manchmal durch die Unerschrockenheit und Menschenliebe eines einzelnen gerettet würden. Und da Charley mich ausfragte, wie das zugehen könnte, erzählte ich ihr, wie wir selbst von einem solchen Beispiel gehört hätten. Ich wollte anfangs Richard ein Billett mit der Anzeige unsrer Ankunft schicken, aber dann schien es mir besser, zu ihm zu gehen, ohne ihn vorher zu benachrichtigen. Da er in der Kaserne wohnte, zweifelte ich ein wenig an der Ausführbarkeit, aber wir gingen doch hin, um zu rekognoszieren. Als wir einen Blick durch das Tor in den Kasernenhof warfen, fanden wir zu dieser frühen Morgenstunde alles noch sehr still, und ich fragte den wachhabenden Sergeanten nach Richards Wohnung. Er gab uns einen Soldaten mit, der sie uns zeigen sollte, und dieser ging ein paar Stufen hinauf, klopfte an eine Tür und verließ uns dann. »Was gibt's?« rief Richard drinnen. Ich ließ Charley auf dem schmalen Gang stehen, trat an die halb geöffnete Tür und sagte: »Kann ich hereinkommen, Richard? Es ist nur Mütterchen Hubbard.« – Er hatte gerade an einem Tische geschrieben; und in großer Unordnung lagen Kleider, Blechkästen, Bücher, Stiefel, Bürsten und Mantelsäcke umher. Er war nur halb angekleidet – in Zivil, nicht in Uniform –, sein Haar war ungebürstet, und er sah so unordentlich aus wie sein Zimmer. Das alles bemerkte ich, nachdem er mich herzlich bewillkommnet hatte und ich jetzt neben ihm saß. Er war aufgesprungen, als er meine Stimme gehört hatte, und hielt mich im nächsten Augenblick in seinen Armen. Der liebe Richard! Er war immer noch der alte gegen mich – war es bis ans Ende –, der arme, arme Junge! Bis ans Ende empfing er mich stets mit seiner alten lustigen knabenhaften Art. »Gott im Himmel, mein liebes kleines Mütterchen, wie kommen Sie denn hierher? Doch nichts vorgefallen? Ada befindet sich doch wohl?« »Ganz wohl. Sie ist schöner als je, Richard.« »Ach«, sagte er und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. »Meine arme Kusine! Eben schrieb ich einen Brief an Sie, Esther.« – Wie angegriffen und hohläugig er aussah trotz seiner Jugend, wie er sich jetzt in den Stuhl zurücklehnte, den engbeschriebnen Bogen in der Hand zerknitternd. – »Sie haben sich die Mühe gegeben, den ganzen langen Brief zu schreiben, und jetzt soll ich ihn nicht einmal lesen?« »Ach, liebe Esther«, entgegnete er mit einer Gebärde der Hoffnungslosigkeit, »was drin steht, können Sie hier im ganzen Zimmer lesen. Es ist alles vorbei.« Ich bat ihn sanft, sich doch nicht so der Niedergeschlagenheit hinzugeben. Ich sagte ihm, ich hätte zufällig gehört, er befände sich in Verlegenheiten, und sei gekommen, um mit ihm wegen der zu ergreifenden Mittel zu beraten. »Das sieht Ihnen ganz ähnlich, Esther, aber es ist nutzlos«, sagte er mit einem trüben Lächeln. »Ich habe mir heute Urlaub geben lassen – ich wäre in der nächsten Stunde schon abgereist gewesen –, nur zu dem Zweck, meinen Austritt aus der Armee vorzubereiten. Geschehen ist geschehen. Ich brauche mich nur noch der Theologie zu widmen, um die Runde durch alle Berufsarten gemacht zu haben.« »Richard«, drang ich in ihn, »ist wirklich alle Hoffnung verloren?« »Ja, Esther, es ist so weit. Man ist bereits so unzufrieden mit mir, daß mich meine Vorgesetzten am liebsten gehen sehen möchten. Und sie haben recht. Abgesehen von Schulden und Gläubigern und andern Unannehmlichkeiten der Art tauge ich nun einmal nicht zu diesem Beruf. Ich kümmere mich um nichts, habe keinen Sinn, kein Herz und keine Seele für etwas andres als nur für die eine Sache. Wenn diese Blase jetzt nicht geplatzt wäre«, er zerriß den Brief und zerstreute die Stückchen mit trüber Miene in der Stube, »wie hätte ich jetzt England verlassen können. Ich hätte jedenfalls Ordre bekommen, in die Kolonien zu gehen, aber wie hätte ich fort können! Wie hätte ich, wo ich jetzt diese Sache kenne, sogar Vholes trauen dürfen, ohne nicht immer hinter ihm zu stehen.« – Ich glaube, er las mir am Gesicht ab, was ich sagen wollte, denn er nahm meine Hand, die ich ihm auf den Arm gelegt hatte, und legte sie auf meine Lippen, um mich zu verhindern, fortzufahren. – »Nein, Mütterchen! Zwei Themen bitte ich Sie, nicht zu berühren. Ich muß es tun. Das erste betrifft John Jarndyce. Das zweite, Sie wissen schon, was. Nennen Sie es meinetwegen Wahnwitz, aber ich kann mir nicht helfen. Oder ich müßte verrückt werden. Aber es ist nicht Wahnwitz. Es ist der eine Zweck, den ich im Leben habe. Es ist schade, daß ich mich jemals habe bewegen lassen, mich etwas anderm zuzuwenden. Es würde unendlich weise sein, nach soviel Aufwand von Zeit, Sorge und Mühen davon abzulassen! O ja, unendlich weise! Es würde auch gewissen Leuten sehr angenehm sein, aber ich will nicht.« Er war in einer Stimmung, in der ich es für das Beste halten mußte, ihn in seinem Entschluß nicht noch durch Widerspruch zu bestärken, wenn so etwas überhaupt möglich war. Ich zog Adas Brief hervor und legte ihn ihm in die Hand. »Soll ich ihn jetzt lesen?« fragte er. Da ich bejahte, öffnete er ihn, stützte die Stirn auf die Hand und fing an zu lesen. Er war noch nicht weit gekommen, da stützte er den Kopf auf beide Hände, um mir sein Gesicht zu verbergen, und nach einer kleinen Weile stand er auf, als ob er nicht Licht genug zum Lesen habe, und trat ans Fenster. Dort blieb er, den Rücken mir zugekehrt, und als er mit dem Brief fertig war und ihn wieder zusammengefaltet hatte, blieb er ein paar Minuten dort stehen. Ich sah Tränen in seinen Augen, als er wieder zu dem Stuhl zurückkehrte. »Sie wissen natürlich, Esther, was sie schreibt?« – Er sprach mit weicher Stimme und küßte den Brief. – »Ja, Richard.« »Sie bietet mir die kleine Erbschaft an«, fuhr er fort und klopfte dabei aufgeregt mit dem Fuß auf den Boden, »die ihr binnen kurzem zufallen muß – gerade so wenig und so viel, als ich bis heute durchgebracht habe –, und bittet mich aufs inständigste, sie anzunehmen, meine Angelegenheiten damit in Ordnung zu bringen und in der Armee zu bleiben.« »Ich weiß, daß Ihr Glück ihr heißester Herzenswunsch ist«, sagte ich. »Lieber Richard, Ada hat ein edles Herz.« »Das weiß ich. Ich – ich wollte, ich wäre tot.« Er ging wieder ans Fenster zurück und legte das Gesicht auf seinen Arm. Es schnitt mir ins Herz, ihn so zu sehen. Aber ich hoffte, er könnte jetzt nachgiebiger werden, und schwieg deshalb. Meine Menschenkenntnis war offenbar sehr gering, denn ich war durchaus nicht darauf vorbereitet, daß er sich aus seiner Rührung zu einem neuen Gefühl des Beleidigtseins aufschwingen würde. »Und das ist das Herz, das dieser selbige John Jarndyce, dessen Namen ich eigentlich gar nicht mehr in den Mund nehmen sollte, mir zu entfremden versucht hat«, rief er entrüstet aus. »Das gute Mädchen macht mir dies hochherzige Anerbieten aus desselben John Jarndyces Haus mit desselben John Jarndyces Genehmigung, wage ich zu behaupten, als ein neues Mittel in seinen Augen, mich zu verkaufen.« »Richard!« rief ich aus und stand hastig auf. »Ich will solche schändlichen Worte nicht mehr von Ihnen hören.« Ich war das erste Mal in meinem Leben wirklich recht böse auf ihn, aber es dauerte nur einen Augenblick. Als ich sein abgespanntes junges Gesicht mich schmerzlich anblicken sah, legte ich ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Bitte, lieber Richard, sprechen Sie nicht in einem solchen Ton zu mir. Bedenken Sie doch!« Er machte sich die bittersten Vorwürfe und sagte mir in seiner herzlichsten Art, er sähe ein, er sei im Unrecht, und bäte mich tausend Mal um Verzeihung. Ich lächelte, zitterte aber ein klein wenig dabei, denn ich war von meinem Zorn noch zu aufgeregt. »Dieses Anerbieten anzunehmen, meine liebe Esther«, knüpfte er sein früheres Gespräch wieder an und setzte sich neben mich, » – noch ein Mal, bitte, bitte, verzeihen Sie mir, es tut mir aufs tiefste leid, was ich gesagt habe –, dieses Anerbieten meiner lieben Kusine anzunehmen, ist, wie ich wohl nicht erst zu erklären brauche, unmöglich. Überdies könnte ich Ihnen Belege bringen, die Sie überzeugen würden, daß hier alles vorbei ist. Mit dem roten Rock habe ich nichts mehr zu schaffen, glauben Sie mir. Aber es ist mir eine gewisse Genugtuung, mitten in meinen Sorgen und Verlegenheiten zu wissen, daß ich mit meinen Interessen zugleich die Adas fördere. Vholes hat die Schulter an das Rad gestemmt, und er muß es für sie, Gott sei Dank, ebensoweit schieben wie für mich.« Seine sanguinischen Hoffnungen wachten wieder in ihm auf und erhellten seine Züge, aber auf mich machte sein Gesicht einen nur noch traurigeren Eindruck als vorher. »Nein, nein! Und selbst wenn jeder Pfennig von Adas Vermögen mir gehörte, so sollte auch kein Bruchteil davon verwendet werden, um mich an einen Beruf festzubinden, für den ich nun einmal nicht passe, der mir gleichgültig ist und den ich satt habe. Es müßte vielmehr zu etwas verwendet werden, woran sie ein wichtigeres Interesse hat und das bessere Zinsen verspricht. Machen Sie sich keine Sorgen meinetwegen. Ich werde mein ganzes Augenmerk nur noch auf die eine Sache richten, und Vholes und ich werden dafür arbeiten. Ich werde nicht ganz ohne Mittel dastehen. Nach dem Verkauf meines Patents werde ich imstande sein, mit einigen kleinen Wucherern, die jetzt von nichts als ihrem Wechsel hören wollen, einen Vergleich zu schließen, sagt Vholes. Ich würde auch sowieso einen Überschuß haben, aber dadurch wird er noch größer. Kommen Sie! Nehmen Sie einen Brief von mir an Ada mit, Esther, setzen Sie mehr Hoffnung auf mich und denken Sie nicht, ich sei schon ganz und gar verloren.« Ich will nicht wiederholen, was ich zu Richard sagte. Ich weiß, daß es langweilig war und sich keineswegs durch besondre Weisheit auszeichnete, aber es kam mir aus dem Herzen. Er hörte mir geduldig und teilnehmend zu, ich sah jedoch, daß gegenwärtig keine Hoffnung war, ihm über die beiden Themen, deren Erörterung er sich verbeten hatte, mit Erfolg Vorstellungen zu machen. Ich sah jetzt deutlich bestätigt, was mein Vormund mit seinen Worten gemeint hatte: Es ist schädlicher, bei ihm Überredung anzuwenden, als ihm seinen Willen zu lassen. Ich mußte ihn schließlich fragen, ob es ihm nicht widerstrebe, mir zu beweisen, daß wirklich hier alles vorbei sei, wie er mir gesagt habe, und er es sich nicht bloß einbilde. Ohne Zaudern wies er mir Briefe vor, aus denen aufs deutlichste hervorging, daß sein Austritt aus der Armee bereits beschloßne Sache war. Ich erfuhr von ihm, daß Mr. Vholes Abschriften von diesen Papieren habe und von ihm in allen Angelegenheiten zu Rate gezogen worden sei. Meine Reise war also nutzlos gewesen, höchstens abgesehen davon, daß ich ihn nach London zurückbegleiten sollte und ihm Adas Brief hatte selbst überbringen können. Ich wollte also, sagte ich, nach dem Hotel zurückkehren und ihn dort erwarten. Er warf einen Mantel um, begleitete mich bis an das Kasernentor, und Charley und ich gingen den Strand entlang nach Hause. An einem Landungssteg waren viele Leute zusammengelaufen. Sie standen um einige Seeoffiziere herum, die eben aus einem Boot ausgestiegen waren, und zeigten ein ungewöhnliches Interesse für sie. Ich sagte zu Charley, das würde wohl eins von den Booten des großen Ostindienfahrers sein, und wir blieben stehen, um zuzusehen. Die Herren kamen langsam vom Ufer herauf und unterhielten sich heiter mit einander und den sie umringenden Leuten und schauten um sich, sichtlich voll Freude, wieder in der Heimat zu sein. »Charley, Charley«, rief ich, »komm fort!« Und ich eilte so rasch fort, daß meine kleine Zofe ganz erstaunt darüber war. Erst als wir in unserm Zimmer waren und ich wieder zu Atem kommen konnte, fing ich an, zu überlegen, warum ich mich eigentlich so beeilt hatte. In einem der Herren hatte ich Mr. Allan Woodcourt erkannt und gefürchtet, er werde mich entdecken. Ich wollte ihn mein entstelltes Gesicht nicht sehen lassen, war ganz überrascht gewesen und hatte all meinen Mut eingebüßt. Ich wußte jetzt, das ginge so nicht, und sagte zu mir: »Meine Liebe, es ist kein Grund vorhanden – es ist und darf kein Grund vorhanden sein –, warum es für dich jetzt schlimmer sein sollte als früher. Was du damals warst, bist du noch heute, und du bist nicht schlimmer und nicht besser. Das ist nicht deine alte Entschlossenheit. Raffe dich auf, Esther, raffe dich auf!« – Ich zitterte noch – vom Laufen – und war anfangs ganz außerstande, mich zu beruhigen. Aber allmählich wurde mir freier zumute, und ich freute mich, als ich es bemerkte. – Die Angekommenen stiegen in unserm Hotel ab. Ich hörte sie auf der Treppe reden. Ich wußte, daß es dieselben Herren waren, denn ich erkannte ihre Stimme wieder – ich meine, ich erkannte Mr. Woodcourts Stimme. Es wäre mir eine Erleichterung gewesen, wenn ich hätte abreisen können, ohne mich ihm zu erkennen zu geben, aber ich war entschlossen, es nicht zu tun: »Nein, meine Liebe, nein. Nein, nein, nein!« Ich band meinen Hut um, schlug meinen Schleier halb zurück – ich meine, halb herunter, aber es kommt darauf wenig an – und schrieb auf eine Karte, daß ich zufällig mit Mr. Richard Carstone hier sei, und schickte sie an Mr. Woodcourt. Er kam augenblicklich. Ich sagte ihm, daß ich mich freute, zufällig unter den ersten zu sein, die ihn in der Heimat begrüßten. Und ich sah, daß ich ihm sehr leid tat. »Sie haben Schiffbruch erlitten und sind in Lebensgefahr gewesen, seit Sie uns verlassen haben, Mr. Woodcourt«, sagte ich. »Aber man kann wohl kaum ein Unglück nennen, was Sie instand gesetzt hat, sich so wacker und tapfer zu benehmen. Wir haben es mit aufrichtigster Ergriffenheit gelesen. Ich erfuhr es zuerst von Ihrer alten Patientin, der armen Miß Flite, als ich von meiner schweren Krankheit genas.« »Ach, ach, die kleine Miß Flite! Führt sie immer noch dasselbe Leben?« »Ganz dasselbe.« – Ich war ihm gegenüber jetzt so unbefangen, daß ich es wagen konnte, den Schleier ganz zurückzuschlagen. – »Ihre Dankbarkeit gegen Sie, Mr. Woodcourt, ist unbegrenzt. Sie ist Ihnen wirklich von Herzen zugetan.« »Sie – Sie haben das an ihr bemerkt?« entgegnete er. »Das – das freut mich sehr.« – Ich tat ihm so außerordentlich leid, daß er kaum sprechen konnte. –»Ich kann Ihnen nur versichern«, sagte ich, »daß mich ihre Ergriffenheit und Freude damals tief gerührt haben.« »Ich hörte zu meinem Bedauern, daß Sie sehr krank gewesen sind, Miß Summerson.« »Ja, ich war sehr krank.« »Aber Sie haben sich doch wieder ganz erholt?« »Meine Gesundheit und gute Laune habe ich wieder zurückgewonnen«, sagte ich. »Sie wissen, wie gut mein Vormund ist und welch glückliches Leben wir führen. Ich besitze alles, wofür man nur Gott danken kann, und es bleibt mir auf der Welt nichts mehr zu wünschen übrig.« – Es war, als fühlte er größeres Mitleid mit mir als ich selbst. Der Gedanke, eigentlich ihn beruhigen zu müssen, gab mir neue Kraft und Ruhe. Wir unterhielten uns über seine Reisen und über seine Pläne für die Zukunft und die Möglichkeit seiner Rückkehr nach Indien. - Er sei drüben nicht mehr vom Glück begünstigt gewesen als in der Heimat und es sei ihm daher zweifelhaft, ob er es nicht für vorteilhafter halten werde, vorläufig in England zu bleiben, sagte er. Er wäre als armer Schiffsarzt hingereist und als nichts besseres zurückgekommen. Noch während wir sprachen, kam Richard. Er hatte unten gehört, wer bei mir sei, und er und Mr. Woodcourt begrüßten sich voller Herzlichkeit. Ich bemerkte, als sie dann von Richards Aussichten sprachen, daß Mr. Woodcourt eine Ahnung zu bekommen schien, wie die Sachen stünden. Er blickte ihm öfter ins Gesicht, als ob er dort etwas sähe, was ihm Schmerz bereitete, und mehr als ein Mal warf er einen Blick auf mich, als suchte er in meinen Mienen die Wahrheit zu lesen. Richard selbst war wieder in einer seiner sanguinischen Stimmungen und vortrefflichen Laune und freute sich sehr, Mr. Woodcourt, den er immer gern gehabt hatte, wiederzusehen. Er schlug vor, wir sollten alle zusammen nach London reisen. Mr. Woodcourt mußte aber noch einige Zeit auf seinem Schiff bleiben und konnte uns daher nicht begleiten. Er aß jedoch mit uns zeitig zu Mittag und war ganz wieder wie früher. Nur Richard schien ihm nicht aus dem Sinn zu gehen. Als die Postkutsche schon bereit stand und Richard hinuntereilte, um nach seinem Gepäck zu sehen, sprach er mit mir über ihn. Ich fühlte mich nicht berechtigt, seine ganze Geschichte zu erzählen, deutete aber in wenigen Worten auf die zwischen ihm und Mr. Jarndyce entstandne Entfremdung und den Einfluß des unseligen Kanzleigerichtsprozesses hin. Mr. Woodcourt hörte mit Interesse zu und gab seinem Bedauern lebhaft Ausdruck. »Ich bemerkte schon vorhin, daß Sie ihn genau beobachteten«, sagte ich. »Halten Sie ihn für sehr verändert?« »Er hat sich allerdings verändert«, gab Mr. Woodcourt, traurig den Kopf schüttelnd, zur Antwort. – Ich fühlte zum ersten Mal, wie mir das Blut ins Gesicht schoß, aber es war nur ein Augenblick. Ich wendete mein Gesicht ab, und es war wieder vorüber. – »Nicht etwa, daß er älter, magerer oder dicker, blässer oder röter aussähe, aber sein Gesicht hat einen so eigentümlichen Ausdruck. Bei einem so jungen Menschen ist das um so merkwürdiger und mir bisher noch nie vorgekommen. Man kann nicht sagen, daß es bloß Sorge oder bloß Abspannung sei, und doch ist es beides und sieht einer aufkeimenden Verzweiflung sehr ähnlich.« »Also Sie glauben nicht, daß er krank ist?« »Nein. Körperlich sieht er sehr kräftig aus.« »Daß er zu keinem innern Frieden kommen kann, haben wir Grund genug zu wissen«, fuhr ich fort. »Mr. Woodcourt, Sie gehen nach London?« »Morgen oder übermorgen.« »Nichts fehlt Richard so sehr wie ein Freund, Mr. Woodcourt. Er hat Sie immer gern gehabt. Bitte, bitte, besuchen Sie ihn doch, wenn Sie nach London kommen, unterstützen Sie ihn manchmal mit Ihrem Rat, wenn Sie können. Sie wissen gar nicht, welchen Freundschaftsdienst Sie ihm damit erweisen würden. Sie können sich gar nicht denken, wie Ada und Mr. Jarndyce und auch ich – wie sehr wir Ihnen alle dafür dankbar sein würden, Mr. Woodcourt!« »Miß Summerson«, sagte er mit größerer Bewegung, als er bisher gezeigt hatte, »beim Himmel, ich will ihm ein wahrer Freund sein. Ich will ihn als ein mir anvertrautes Pfand betrachten; und es soll mir heilig sein.« »Gott segne Sie«, sagte ich, und meine Augen füllten sich mit Tränen; aber ich schämte mich ihrer nicht, da ich ja nicht meinetwegen weinte. »Ada liebt ihn – wir alle lieben ihn –, aber Ada liebt ihn, wie wir es nicht können. Ich will ihr mitteilen, was Sie gesagt haben. Ich danke Ihnen, und Gott segne Sie in ihrem Namen.« Richard kehrte zurück, kaum daß wir diese hastigen Worte mit einander gesprochen hatten, und reichte mir den Arm, um mich zur Kutsche zu führen. »Woodcourt«, sagte er, ohne zu ahnen, wie gut es zu dem paßte, was wir eben besprochen hatten, »wir sehen uns doch in London?« »Sehen? Ich habe jetzt kaum einen andern Bekannten dort als Sie. Wo kann ich Sie dort treffen?« »Ich muß mich natürlich nach einer Wohnung umsehen«, sagte Richard nachdenklich. »Sagen wir bei Vholes, Symond's-Inn.« »Also gut! Spätestens übermorgen.« Sie schüttelten sich herzlich die Hände, und als ich in der Kutsche saß und Richard noch auf der Straße stand, legte Mr. Woodcourt wie freundschaftlich die Hand auf seine Schulter und sah mich dabei an. Ich verstand ihn. In seinem letzten Blick, als wir fort fuhren, las ich, wie sehr ich ihm leid tat. Ich freute mich darüber. Ich fühlte für mein ehemaliges Ich, wie vielleicht die Toten fühlen mögen, wenn sie diese Erde wieder besuchen. 46. Kapitel Aufhalten! Aufhalten! Finsternis ruht auf »Toms Einöd«. Immer mehr und mehr hat sie sich ausgebreitet, seit abends die Sonne unterging, und ist allmählich so angeschwollen, daß sie alles ausfüllt. Eine Zeitlang brannten noch einige halbverhungerte Lichter, wie die Lebenslampe in »Toms Einöd« brennt, schwer atmend in der ekelhaften Luft. Jetzt sind sie erloschen. Der Mond hat »Toms Einöd« trüb und kalt angestarrt, als sei dieser Ort ein jämmerliches Abbild seiner Wüsteneien, in deren ausgebrannten Kratern nichts leben kann und alles von vulkanischen Feuern zerstört ist. Dann ist er weiter durch die Wolken gezogen. Ein höllischer Alpdruck aus den schwärzesten Regionen liegt auf dem schlafenden »Toms Einöd«. Ein gewaltiges Gerede ist über »Tom« in- und außerhalb des Parlaments gewesen, und zornig wurde darüber gestritten, wie »Tom« geholfen werden könne. Ob ihn Konstabler oder Büttel, Glockenläuten oder ästhetische Grundsätze, die Hochkirche oder die gewöhnliche auf den rechten Weg bringen solle; ob er die polemischen Strohhalme mit dem schartigen Messer seines Geistes spalten oder lieber Steine klopfen solle. Unter all dem aufgewirbelten Staub und dem Lärm ist nur das eine klar: daß »Tom« nur theoretisch, aber nicht praktisch gebessert werden kann, soll und wird. Und in der hoffnungsreichen Zwischenzeit geht »Tom« mit seiner alten entschloßnen Weise, den Kopf voran, zum Teufel. Aber er hat seine Rache. Selbst der Wind ist sein Bote und dient ihm in diesen Stunden der Finsternis. Da ist kein Tropfen von »Toms« verderbtem Blut, der nicht irgendwohin Ansteckung und Seuche verpflanzte. Noch heute nacht wird er das erlauchte Blut eines normannischen Hauses vergiften, und Seiner Erlaucht, dem Familienoberhaupt, wird es nicht gestattet sein, zu dieser verunehrenden Blutsverbindung nein zu sagen. Nicht ein Atom geht verloren von »Toms« Schmutz, kein Kubikzoll der verpesteten Luft, das er atmen muß, keine Untätigkeit oder Verkommenheit um ihn herum, nichts von der Bosheit, Unwissenheit und Roheit seines Tuns geht verloren, ohne durch alle Gesellschaftsklassen hindurch bis zu den Stolzesten der Stolzen und dem Höchsten der Hohen hinauf Vergeltung zu üben. Wenn man Ansteckung, Raub und Verderbnis zusammen rechnet, wahrhaftig, dann hat »Tom« seine Rache. Ein strittiger Punkt ist, ob »Toms Einöd« scheußlicher aussieht bei Tag oder bei Nacht. Da es Tatsache ist, daß es um so häßlicher wird, je mehr man davon sieht, und die Phantasie in diesem Fall von der Wirklichkeit noch weit übertroffen wird, so trägt der Tag den Sieg davon. Er bricht jetzt langsam an, und wenn auch im britischen Reich die Sonne nie untergeht, so wäre es für den Nationalruhm vielleicht besser, wenn sie über einem so scheußlichen Weltwunder wie »Toms Einöd« auch nie aufginge. Ein sonnenverbrannter feiner Herr, der, außerstande zu schlafen, lieber herumwandern zu wollen scheint, als die Stunden auf schlummerlosem Pfühl zu zählen, hat sich bis hierher verirrt. Von Neugierde getrieben, bleibt er oft stehen und blickt die elenden Seitengassen hinauf und hinunter. Er ist aber auch nicht bloß neugierig, denn in seinem lebhaften dunklen Auge glänzt es wie Mitleid, und wie er umherschaut, scheint er ein gewisses Verständnis für solches Elend zu haben und es vielleicht von früher her zu kennen. Am Rande des stagnierenden Schmutzkanals, der die Hauptstraße von »Toms Einöd« bildet, ist nichts zu sehen als baufällige Häuser, verschlossen und stumm. Kein wachendes Geschöpf zeigt sich, nur die einsame Gestalt einer Frau sitzt auf einer Türstufe. Dorthin lenkt Mr. Allan Woodcourt seine Schritte, und wie er näher kommt, bemerkt er, daß sie einen langen Weg gereist sein muß und wunde und bestaubte Füße hat. Sie sitzt auf der Türstufe wie jemand, der wartet, den Ellbogen auf die Knie gestützt und den Kopf in der Hand ruhend. Neben ihr liegt ein leinenes Bündel, das sie getragen hat. Sie scheint im Halbschlummer dazusitzen, denn sie achtet nicht auf das Geräusch seiner näher kommenden Schritte. Der holprige Fußsteig ist so schmal, daß Allan Woodcourt, als er die Frau erreicht, auf den Fahrweg treten muß, um an ihr vorbei zu kommen. Wie er ihr ins Gesicht blickt, begegnet sein Auge dem ihren, und er bleibt stehen. »Was machen Sie hier?« »Nichts, Sir.« »Wollen Sie vielleicht hinein? Hört man Sie nicht drin?« »Ich warte nur, bis sie in der Nähe aufsperren – das Logierhaus«, gibt die Frau geduldig zur Antwort. »Und auf die Sonne, um mich zu wärmen.« »Sie sind wohl müde? Es tut mir leid, Sie so auf der Straße sitzen zu sehen.« »Ich danke Ihnen, Sir. Es macht weiter nichts.« – Er ist gewohnt, mit armen Leuten zu sprechen, und vermeidet geflissentlich alles Gönnerhafte oder Herablassende und ist dadurch mit der Frau sofort gut freund. – »Lassen Sie mich Ihre Stirne ansehen«, sagt er und beugt sich nieder. »Ich bin Arzt. Haben Sie keine Angst. Ich werde Ihnen nicht weh tun.« – Er weiß, daß er durch die Berührung seiner geschickten und geübten Hand ihre Schmerzen nur lindern kann. – Sie wehrt sich ein wenig und sagt: »Es ist nichts.« Aber er hat kaum mit seinen Fingern den wunden Fleck berührt, da dreht sie ihre Stirn dem Licht zu, damit er besser sehen könne. »Hm! Eine arge Wunde; die Haut ist sehr zerrissen. Es muß sehr weh tun.« »Es tut ein bißchen weh, Sir«, gibt die Frau zu, während eine Träne über ihre Wange rollt. »Ich werde versuchen, sie Ihnen weniger schmerzhaft zu machen. Mein Taschentuch wird Ihnen nicht weiter weh tun.« »Oh, gewiß nicht, Sir.« Er reinigt die Wunde und trocknet sie, und nachdem er sie sorgfältig untersucht und mit der Handfläche leise gedrückt hat, nimmt er ein Etui aus der Tasche und verbindet sie. Während er so beschäftigt ist, sagt er, bei diesem Versuch, auf der Straße ein Lazarett zu errichten, lächelnd: »Ihr Mann ist Ziegelstreicher?« »Wieso wissen Sie das, Sir?« fragt die Frau verwundert. »Nun, ich schließe es aus der Farbe der Flecken auf Ihrem Bündel und an Ihrem Kleid. Und ich weiß, daß Ziegelstreicher, die auf Stück arbeiten, oft von Ort zu Ort ziehen. Es ist sehr bedauerlich, daß sie oft ihre Weiber mißhandeln.« Die Frau blickt hastig auf, als wolle sie leugnen, daß ihre Verletzung von einem Schlag herrührt. Aber da sie die Hand des Arztes auf ihrer Stirn fühlt und sein ruhiges Gesicht sieht, läßt sie den Blick stumm wieder sinken. »Wo ist er jetzt?« »Er hat gestern abend Ärger mit der Polizei gehabt, Sir, und will mich im Logierhaus aufsuchen.« »Er wird noch in schlimmere Ungelegenheiten kommen, wenn er seine schwere Hand nicht besser im Zaum hält. Aber da Sie ihm verzeihen, wie ich sehe, so brutal er auch ist, rede ich nichts weiter davon. Ich wünschte nur, er wäre dessen würdig. – Sie haben kein Kind?« Die Frau schüttelt den Kopf. »Eins, das ich zwar mein nenne, Sir, aber es gehört Liz.« »Ihres ist tot? Ich verstehe schon. Das arme Kleine!« – Er ist jetzt fertig und packt sein Etui wieder zusammen. »Ich vermute, Sie haben eine ständige Bleibe. Ist sie weit von hier?« – Er winkt ihr gutmütig ab, als sie aufsteht und ihm danken will. »Es sind gute zwei- oder dreiundzwanzig Meilen von hier, Sir. St. Albans... Sie kennen St. Albans, Sir?« – Mr. Allan Woodcourt war zusammengezuckt. – »Ja, ich kenne es ein wenig. Und jetzt will ich Ihnen eine Frage stellen. Haben Sie Geld für Ihre Unterkunft?« »Ja, Sir. Wirklich und wahrhaftig.« Und sie zeigt es ihm. »Schon gut, schon gut«, sagt er, als sie wieder halblaut ihren Dank beteuert, wünscht ihr guten Tag und geht. »Toms Einöd« schläft immer noch, und nichts regt sich. Doch! Etwas regt sich. Als der Arzt wieder nach der Stelle zurückgeht, von wo aus er die Frau auf der Türstufe hat sitzen sehen, bemerkt er eine zerlumpte Gestalt, die sich vorsichtig dicht an den feuchten Wänden hinschleicht. Dem Äußern nach ist es ein junger Mensch von abgezehrtem Aussehen und mit fieberhaft glühenden Augen. Er ist so darauf bedacht, unbemerkt zu bleiben, daß sogar die Erscheinung eines Fremden in guten Kleidern ihn nicht in Versuchung bringt, sich umzusehen. Wie er zu einem Straßenübergang kommt, verbirgt er das Gesicht hinter seinem zerlumpten Ellbogen und schleicht zusammengekauert, fast kriechend, weiter, die Hand suchend vor sich ausgestreckt. In Lumpen hängen die zerfetzten Kleider um ihn herum, und es ist unmöglich, zu sagen, aus welchem Stoff sie jemals gemacht wurden. Der Farbe und Beschaffenheit nach sehen sie wie ein Bündel im Morast gewachsner Blätter aus, die längst verfault sind. Allan Woodcourt bleibt stehen und blickt dem Knaben nach, mit dem dunklen Gefühl, ihn schon einmal irgendwo gesehen haben zu müssen. Er kann sich nur nicht erinnern, wann oder wo. Er denkt zuletzt, er werde ihn wohl in einem Hospital oder in einem Asyl getroffen haben, aber er kann nicht herausbekommen, warum er sich so besonders in seiner Erinnerung abhebt. Er kommt allmählich aus den Grenzen von »Toms Einöd« heraus in den lichten Morgen und denkt noch darüber nach, als er laufende Schritte hinter sich hört und, wie er sich umsieht, den Knaben in großer Eile, verfolgt von der Frau, auf sich zurennen sieht. »Aufhalten, aufhalten!« ruft die Frau atemlos. »Halten Sie ihn auf, Sir!« Er springt in die Mitte der Straße, um dem Jungen den Weg abzuschneiden. Aber dieser ist rascher als er, schlägt einen Haken, duckt sich, entschlüpft seinen Händen, kommt ein halbes Dutzend Schritte weiter wieder zum Vorschein und setzt seine Flucht fort. Immer noch verfolgt ihn die Frau mit dem Ruf: »Aufhalten! Halten Sie ihn auf, Sir!« Allan, in der Meinung, daß der Junge ihr vielleicht ihr Geld gestohlen habe, macht auf ihn Jagd und läuft so rasch, daß er ihn wohl ein Dutzend Mal überholt, aber jedes Mal schlägt dieser wieder einen Haken, duckt sich und entwischt. Ihm bei einer solchen Gelegenheit einen Schlag zu versetzen, würde der Jagd sogleich ein Ende machen, aber dazu kann sich Mr. Woodcourt nicht entschließen, und so dauert die phantastische lächerliche Verfolgung fort. Endlich verläuft sich der Flüchtling in seiner Bedrängnis in eine schmale Sackgasse. Hier, an einer morschen Planke, kann er nicht mehr entkommen und kauert sich zusammen, seinen Verfolger ankeuchend, der ebenfalls außer Atem vor ihm steht und wartet, bis die Frau herankommt. »Du, Jo«, ruft die Frau. »Was? Habe ich dich endlich gefunden!« »Jo?« wiederholt Allan und betrachtet den Jungen aufmerksam. »Jo! Wart einmal. Ja richtig! Ich erinnere mich, dich vor einiger Zeit bei einer Leichenschau gesehen zu haben.« »Ja, i hab Ihna schon amal bei der Totenschau gsehn«, wimmert Jo. »Was is da weiter? Können S net an Unglücklichen wie mich in Ruh lassn? Bin i net auch so schon unglücklich genug. Wie unglücklich soll i denn noch werdn. I bin hin- und hergestoßn worn, erst von dem einen, dann von dem andern, bis i nur noch Haut und Knochen bin. An der Totenschau war i net schuld. I hab nie nix tan. Er war immer sehr gut gegen mich. Er war der einzige, was mit mir gsprochn hat, wenn er über die Straßen gangen is. Warum hätt i ihm denn a Totenschau wünschn sollen? I wollte, i war selbst schon so weit. I weiß überhaupt net, warum i net hergeh und a Loch ins Wasser mach. Wirkli net...« Er bringt das mit so einer erbärmlichen Miene vor, seine schmutzigen Tränen scheinen so echt zu sein, und er liegt in dem Winkel der Verplankung, einem Schwamm oder einem andern aus Unreinlichkeit oder dergleichen entstandnen krankhaften Gewächs so ähnlich, daß Allan Woodcourt milder gegen ihn gestimmt wird. »Was hat denn dieses jämmerliche Geschöpf getan?« fragt er die Frau. »O du, Jo, habe ich dich endlich gefunden!« Sie schüttelt mehr in Verwunderung als in Zorn den Kopf, wie sie auf die auf dem Boden kauernde Gestalt heruntersieht. »Was hat er denn getan?« wiederholt Allan. »Hat er Sie beraubt?« »Nein, Sir, nein. Mich beraubt? Er ist immer gut zu mir gewesen, und das ist eben das Wunder.« – Allan sieht Jo und die Frau fragend an und wartet, daß eines der beiden ihm das Rätsel lösen werde. – »Er hat sich einmal zu mir geflüchtet«, sagt die Frau. »O du, Jo... Und er lag krank bei mir, Sir, unten in St. Albans, und eine junge Dame – Gott segne ihr gutes Herz! – hat sich seiner erbarmt und ihn mit nach Hause genommen...« Allan fährt mit plötzlichem Grausen einen Schritt zurück. »Ja, Sir, ja! Hat ihn nach Hause genommen und gepflegt, und das undankbare Scheusal ist in der Nacht fortgelaufen und hat nichts mehr von sich sehen oder hören lassen, bis heute. Die junge Dame war so hübsch und hat sich von ihm angesteckt! Sie hat ihr schönes Gesicht verloren, und man würde sie gar nicht mehr wiedererkennen, wenn nicht ihr gutes Herz, ihre hübsche Gestalt und ihre liebe Stimme wären. Weißt du das, du undankbares Geschöpf?! Weißt du, daß alles wegen dir und ihrem Erbarmen zu dir so gekommen ist! ?« fragt die Frau voll Zorn bei der Erinnerung und bricht in leidenschaftliche Tränen aus. Der Junge, in seiner verwilderten Art und ganz bestürzt von dem, was er hört, fängt an, sich die Stirn mit seiner schmutzigen Hand zu beschmieren, die Erde anzustarren und von Kopf bis Fuß zu zittern, bis die gebrechliche Planke, an die er sich lehnt, klappert. Allan winkt heimlich der Frau, sich zu beruhigen. »Richard hat mir das schon erzählt«, sagt er stockend. »Ich meine, ich habe davon gehört... Achten Sie einen Augenblick nicht auf mich. Ich werde gleich mit Ihnen sprechen.« – Er wendet sich weg und blickt eine Weile aus der Sackgasse heraus. Als er zurückkommt, ist er wieder vollkommen gefaßt, nur kämpft er sichtlich gegen eine gewisse Scheu vor dem Knaben an, die so merkwürdig ist, daß sie der Frau auffällt. – »Du hörst, was sie sagt. Steh doch endlich auf!« Bebend und zähneklappernd steht Jo langsam auf und steht, wie Menschen seiner Art, wenn sie in einer Klemme sind, mit der Schulter an die Planke gedrückt und reibt sich mit dem linken Fuß den rechten. »Du hörst, was sie sagt, und ich weiß, daß es wahr ist. Bist du seitdem hier gewesen?« »I will augenblicklich tot umfalln, wenn i vor heut morgen 'Toms Einöd' wiedergsehn hab«, beteuert Jo mit heiserer Stimme. »Weshalb bist du jetzt hergekommen?« Jo schaut sich in der Sackgasse um, sieht dann den Fragenden an, aber nicht höher als bis zum Knie, und antwortet endlich: »I weiß net, was anfangen, und krieg nix zu tun. I bin sehr arm und krank und hab mi zurückschleichen wolln, wann noch neamd auf is. I hab mi verstecken wollen, bis s dunkel wird, und dann zu Mr. Sangsby gehen und mir was von ihm ausbetteln. Er hat mir immer gern was gebn, wenn auch Mrs. Sangsby immer hinter mir drein gewesen is, wie alle Leut überall.« »Wo kommst du her?« Jo sieht sich wieder in der Sackgasse um, blickt wieder das Knie des Fragenden an und lehnt schließlich resigniert den Kopf seitwärts an die Planke. »Hast du nicht gehört? Wo du jetzt herkommst?« »Rumgstrichn bin i.« »Sag mir jetzt«, fährt Allan fort, zwingt sich, seine Scheu zu überwinden, tritt nahe an Jo heran und bückt sich freundlich über ihn. »Sag mir jetzt, warum bist du eigentlich aus dem Hause entflohen, als die gutherzige junge Dame das Unglück hatte, dich aus Mitleid mitzunehmen?« Jo erwacht plötzlich aus seiner Resignation und erklärt in großer Aufregung der Frau, daß er nie von der jungen Dame vorher gewußt oder gehört habe, ihr nie ein Leid habe tun wollen und sich lieber den Kopf abhacken lassen möchte, als ihr Böses zuzufügen. Sie sei sehr gut gegen ihn gewesen, sehr gut. Und er benimmt sich dabei in seiner verwilderten Art, daß man sehen kann, wie ernst es ihm ist, und schließt dann mit einem kläglichen Schluchzen. Allan Woodcourt sieht, daß das keine Verstellung ist. Er überwindet sich und faßt den Jungen an. »Komm, Jo, sag es mir!« »Na. I darf net«, sagt Jo und drückt sich wieder an die Planke. »I darf net, sonst möcht i s schon sagen.« »Aber ich muß es doch wissen. Trotzdem! Komm, Jo, sag es nur.« Nach wiederholtem Drängen hebt Jo wieder den Kopf, schaut sich wieder in der Sackgasse um und sagt halblaut: »No, i will Ihnen was sagen. Er hat mi fortgeholt. Das is s.« »Fortgeholt? In der Nacht?« »Mhm!« – Voll Angst, es könne ihn jemand belauschen, schaut Jo besorgt umher, und auf den Rand der Planke hinauf, und späht durch die Spalten, ob nicht jemand dahinter versteckt sei. »Wer hat dich denn weggeholt?« »I darf n net nennen. Ich darf net, Sir.« »Aber ich muß es wegen der jungen Dame wissen. Du kannst mir ruhig vertrauen. Es wird es niemand erfahren.« »Aber i weiß net, ob er's net am End doch hört«, antwortet Jo und schüttelt in banger Besorgnis den Kopf. »Aber er ist doch gar nicht hier!« »Ja, wenn man das wüßt«, sagt Jo. »Er ist immer überall zur gleichen Zeit.« Allan sieht ihn betroffen an, erkennt aber, daß dieser verwirrten Antwort etwas Wahres zugrunde liegen müsse. Er wartet ruhig auf eine deutlichere Auskunft, und Jo, auf den seine Geduld zwingender wirkt als alles andre, flüstert ihm schließlich verzweifelt einen Namen ins Ohr. »So!?« sagt Allan. »Was hast du denn angestellt?« »Nix, Sir. Hab nie nix Unrechts net angstellt, außer die Totenschau, und daß i mi net druckt hab. Aber jetzt muß i fort. I will auf n Friedhof.. . Dort ghör i hin.« »Nein, nein. Wir wollen versuchen, das zu verhindern. Aber was hat er denn mit dir gemacht?« »Hat mi ins Siechenhaus gsteckt, bis i wieder gsund worn bin«, erklärt Jo flüsternd. »Nacher hat er mir Geld geben, vier halbe Stutz, und nacher hat er gsagt, bist hier nix nutz, hat er gsagt. Da nimm und schau, daß d weiter kommst. Daß i di net wieder innerhalb vierzg Meilen von London siech, sonst sollst mir's büßen. Und i wers büßen müssen, wann er mi sieht, und er wird mi sehgn, solang i über der Erd bin«, schließt Jo und wirft wieder forschende Blicke voller Unruhe in der Sackgasse auf und ab. Allan denkt ein wenig nach, dann bemerkt er, zur Frau gewendet, und sieht dabei immer noch Jo freundlich und ermutigend an: »Sehen Sie, er ist nicht so undankbar, wie Sie angenommen haben. Er hatte einen Grund zum Fortgehen, wenn auch keinen genügenden.« »I dank Ihna recht schön!« ruft Jo. »Da sehgn S es wieder, wie hart S gegen mi gewesn sin. Aber sagen S nur der jungen Dame, was der Herr sagt, und s is schon in Ordnung. Denn Sie sin immer gut gegen mi gwesn, i weiß doch.« »Komm jetzt mit, Jo«, sagt Allan und läßt den Jungen nicht aus den Augen. »Ich will einen bessern Platz für dich finden, wo du dich ausruhen und verstecken kannst. Wenn ich auf der einen Seite der Straße gehe und du auf der andern, damit es nicht auffällt, wirst du nicht fortlaufen, wenn du es versprichst, das weiß ich recht gut?!« »Na, gwiß net, außer wann i ihn kommen seh, Sir.« »Also gut. Ich verlasse mich auf dein Wort. Die halbe Stadt steht jetzt erst auf, und eine Stunde drauf wird erst die ganze auf den Beinen sein. Komm mit. Nochmals guten Tag, gute Frau!« »Guten Tag, Sir, und ich dank Ihnen auch noch vielmals.« Die Frau hatte sich während der Gespräche auf ihr Bündel gesetzt und aufmerksam zugehört. Jetzt steht sie auf und nimmt es wieder unter den Arm. Jo wiederholt noch ein Mal: »Sagn S es nur der jungen Dame, daß ich ihr nie ka Leid net hab antun wolln, und was der Herr vorhin gsagt hat.« Er zittert, wetzt sich an der Planke, halb lachend, halb weinend, nickt ihr ein Lebewohl zu, setzt dann schleichend an der Wand seinen Weg hinter Allan Woodcourt fort und geht, seinem Auftrag gemäß, dicht an den Häusern auf der andern Seite der Straße hin. So treten sie beide aus »Toms Einöd« hinaus in die vollen Strahlen des Sonnenscheins und in reinere Luft. 47. Kapitel Jos letzter Wille Während Allan Woodcourt und Jo durch die Straßen gehen, wo die hohen Kirchtürme im Morgenlicht so rein und frisch aussehen, als ob auch die Stadt sich durch den Schlaf erquickt hätte, überlegt Allan, wo und auf welche Art er seinen Begleiter unterbringen könnte. Es ist doch seltsam, denkt er sich, daß mitten im Herzen einer zivilisierten Welt dieses Geschöpf von menschlicher Gestalt schwerer unterzubringen ist als ein herrenloser Hund. Aber trotz seiner Seltsamkeit bleibt es eine Tatsache, und die Schwierigkeit wird dadurch nicht behoben. Anfangs blickt er oft zurück, um zu sehen, ob Jo ihm wirklich noch folge. Aber beständig sieht er ihn dicht an den Häusern gegenüber sich seinen Weg von einer Tür zur andern tasten und dabei gelegentlich aufmerksam zu ihm herüberblicken. Bald überzeugt, daß Jo durchaus nicht daran denkt, davonzulaufen, geht Allan weiter und überlegt mit weniger geteilter Aufmerksamkeit, was er tun solle. Ein Frühstücksstand an einer Straßenecke erinnert ihn an das, was vor allem nötig ist. Er bleibt dort stehen, blickt zurück und winkt. Jo kommt hinkend und schlotternd über die Straße und reibt die Knöchel seiner rechten Hand in der hohlen Fläche der linken, Schmutz in einem natürlichen Mörser knetend. Ein für Jo leckeres Mahl wird ihm jetzt vorgesetzt, und er fängt an, Kaffee hinunterzuschlingen und Butterbrot zu kauen, und während er ißt und trinkt, sieht er sich wie ein gehetztes Tier ängstlich nach allen Richtungen um. Aber er ist so krank und herabgekommen, daß ihn selbst der Hunger verlassen hat. »Zerst hab i glaubt, i verhunger fast, Sir«, sagt er und legt das Essen wieder hin. »Aber i kenn mi gar nimmer aus, net amal dadrin mehr. Mir is jetzt ganz gleich, ob i was eß oder was trink.« Dann steht er fieberzitternd auf und sieht das Frühstück verwundert an. Allan Woodcourt befühlt ihm den Puls und die Brust. »Hol einmal Atem, Jo.« »Er geht so schwer wie a Lastwagn«, sagt Jo. Er könnte sagen, »und rasselt auch so«, aber er murmelt nur vor sich hin: »Jetzt mach i wirkli 'Marsch vorwärts', Sir.« Allan sieht sich nach einer Apotheke um. Es ist keine in der Nähe, aber eine Schenke ist gerade so gut oder noch besser. Er holt ein wenig Wein und gibt dem Knaben mit großer Vorsicht einen kleinen Schluck davon. Fast schon beim ersten Tropfen fängt Jo an, wieder aufzuleben. »Wir können die Dosis wiederholen«, bemerkt Allan, nachdem er Jo mit aufmerksamem Gesicht beobachtet hat. »Jo! Jetzt wollen wir fünf Minuten Rast machen und dann weitergehen.« Er läßt den Jungen auf der Bank des Frühstücksstandes, mit dem Rücken gegen ein eisernes Gitter gelehnt, sitzen und geht in der Morgensonne auf und ab, wobei er von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihn wirft, ohne sich anmerken zu lassen, daß er ihn beobachtet. Es bedarf keines Scharfblickes, um zu bemerken, daß es Jo wärmer geworden ist und er sich erquickt fühlt. Wenn sich ein so umdüstertes Gesicht überhaupt aufhellen kann, so ist das jetzt der Fall, und in kleinen Bissen verzehrt Jo den Schnitt Brot, den er vorhin verzweifelt aus der Hand gelegt hat. Als Allan diese Zeichen von Erholung bemerkt, knüpft er ein Gespräch mit dem Knaben an und lockt zu seiner nicht geringen Verwunderung das Abenteuer mit der verschleierten Dame und allen seinen Folgen aus ihm heraus. Jo kaut langsam, wie er es ihm nach und nach erzählt. Wie er dann mit seiner Geschichte und seinem Brot fertig ist, setzen sie ihren Weg fort. In der Absicht, sich bei seiner ehemaligen Patientin, der dienstwilligen Miß Flite, Rat zu holen, wo er in seiner Verlegenheit für den Knaben vorläufig einen Zufluchtsort finden will, geht Allan nach dem Hof, wo er und Jo das erste Mal miteinander in Berührung gekommen waren. In dem Hadern- und Flaschenladen ist jetzt alles anders geworden, und Miß Flite wohnt nicht mehr dort. Er ist geschlossen, und ein Frauenzimmer mit harten, staub geschwärzten Zügen, dessen Alter niemand erraten kann – es ist niemand anders als die interessante Judy –, gibt spitze und kurze Antworten. Aus ihnen entnimmt der junge Arzt, daß Miß Flite mit ihren Vögeln gegenwärtig bei Mrs. Blinder in Beil-Yard wohnt, und begibt sich nach diesem benachbarten Platz, und Miß Flite, die immer früh aufsteht, um pünktlich in dem von ihrem Freund, dem Lordkanzler, abzuhaltenden Gerechtigkeitsschauspiel zu erscheinen, kommt ihm mit Tränen des Willkommens und offnen Armen die Treppe herunter entgegengelaufen. »Mein lieber Doktor!« ruft sie, »mein verdienstvoller ausgezeichneter höchst ehrenwerter Offizier.« Sie gebraucht einige sonderbare Ausdrücke, aber sie ist so warm und herzlich, wie man es nur von einem Menschen mit gesundem Verstand verlangen könnte –, ist es mehr, als man es oft bei einem solchen findet. Allan, gewohnt, viel Geduld mit ihr zu haben, wartet, bis ihr die Worte ausgegangen sind, dann zeigt er auf Jo, der zitternd im Torweg steht, und erzählt ihr, wie und wo er ihn gefunden habe. »Wo kann ich ihn hier in der Nähe unterbringen? Sie wissen so viel und sind so verständig und können mir vielleicht einen Rat geben.« Miß Flite ist auf dieses Kompliment gewaltig stolz und fängt an, zu überlegen. Aber es dauert lange, ehe ihr etwas einfällt. »Mrs. Blinder hat alles vermietet und wohnt jetzt selbst im Zimmer des armen Gridley. – Gridley!!« ruft sie plötzlich und klatscht in die Hände, nachdem sie den Namen ungefähr zwanzig Mal wiederholt hat. »Gridley! Aber natürlich! Mein bester Doktor, General George wird uns helfen.« Es wäre ein vergebliches Bemühen, Näheres von General George zu erfahren, auch wenn Miß Flite nicht bereits die Treppen hinaufgelaufen wäre, den zerdrückten Hut aufzusetzen, ihren armseligen kleinen Schal umzunehmen und sich mit ihrem Strickbeutel voll Dokumenten zu bewaffnen. Wie sie dann in vollem Staat herunterkommt, in ihrer zerstreuten Weise erzählt, General George, den sie oft besuche, kenne ihre liebe Fitz Jarndyce und interessiere sich für alles, was sie beträfe, außerordentlich, glaubt Allan, sie könne doch vielleicht das Richtige gefunden haben. Er sagt daher Jo, um ihm wieder Mut zu machen, das Herumlaufen werde jetzt bald vorbei sein, und sie begeben sich zu dem General. Glücklicherweise ist es nicht weit. Beim Anblick von Georges Schießgalerie, dem langen Gang und der kahlen Perspektive dahinter faßt Allan Hoffnung. Auch Mr. George, der, gerade mit seiner Morgenpromenade beschäftigt, ohne Halsbinde und mit den vom Fechten und Hantelstemmen gestählten Armen, deren gewaltiges Muskelspiel man durch die Hemdärmel hindurch bemerkt, die Pfeife im Mund, auf ihn zuschreitet, flößt ihm Vertrauen ein. »Ihr Diener, Sir«, grüßt Mr. George militärisch. Mit einem freundlichen Lächeln, das bis in das krause Haar hinaufspielt, wendet er sich dann zu Miß Flite, die sehr zeremoniell und wortreich Mr. Woodcourt vorstellt. Er grüßt nochmals militärisch mit einem abermaligen »Ihr Diener, Sir«. »Entschuldigen Sie, Sir, Sie sind Seemann?« »Es freut mich, daß Sie finden, ich sähe wie ein solcher aus, aber ich bin nur Schiffsarzt«, entgegnet Allan. »Wirklich, Sir! Ich hätte Sie für eine regelrechte Blaujacke gehalten.« Mr. Woodcourt gibt der Hoffnung Ausdruck, Mr. George werde ihm die verursachte Störung deshalb um so bereitwilliger verzeihen und vor allem seine Pfeife nicht weglegen, wozu dieser in seiner Höflichkeit Anstalten gemacht hat. »Sie sind sehr gütig, Sir«, bedankt sich der Kavallerist. »Da ich aus Erfahrung weiß, daß es Miß Flite nicht stört, und Sie auch nichts dagegen haben...« er schließt den Satz, indem er seine Pfeife wieder zwischen die Zähne steckt. Allan erzählt ihm sodann alles, was er von Jo weiß, und Mr. George hört ernsthaft zu. »Und das ist der Junge, Sir?« fragt er und wirft einen Blick auf den Eingang, wo Jo die großen Buchstaben an der weißen Wand, die für ihn so gar keine Bedeutung haben, unverwandt anstarrt. »Das ist er. Und, Mr. George, ich befinde mich nun in folgender Verlegenheit seinetwegen. Ich möchte ihn nicht gern in ein Spital schaffen lassen, selbst wenn ich ihn dort sofort unterbringen könnte, weil ich voraussehe, er würde dort nur wenige Stunden bleiben, wenn er überhaupt hinginge. Ebenso verhält es sich mit dem Armenhaus. Selbst wenn ich die Geduld hätte, mich an der Nase herumführen und von Pontius zu Pilatus schicken zu lassen. Ich kann dem System keinen Geschmack abgewinnen.« »Das kann niemand, Sir«, nickt Mr. George. »Ich bin überzeugt, er würde an keinem der beiden Orte bleiben, weil er sich vor dem Mann, der ihm befohlen hat, sich nirgends mehr blicken zu lassen, ganz außerordentlich fürchtet. In seiner Unwissenheit glaubt er nämlich, dieser Mensch sei überall und wisse alles.« »Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, sagt Mr. George, »aber Sie haben den Namen des Mannes nicht genannt. Ist es ein Geheimnis, Sir?« »Der Junge wenigstens hält es dafür. Der Mann heißt Bucket.« »Bucket von der Geheimpolizei, Sir?« »Ja, derselbe.« »Ich kenne ihn, Sir!« Der Kavallerist bläst eine mächtige Rauchwolke von sich und dehnt seine Brust gewaltig aus. »Der Junge hat insofern recht, als Bucket zweifellos ein – eigentümlicher Kunde ist.« Mr. George raucht mit einer bedeutungsvollen Miene weiter und sieht Miß Flite schweigend an. »Nun wünsche ich, daß Mr. Jarndyce und Miß Summerson wenigstens erfahren, daß Jo, der übrigens eine seltsame Geschichte zu erzählen weiß, wieder aufgefunden ist und daß sie mit ihm sprechen können, wenn sie es für gut befinden sollten. Ich möchte ihn deshalb vorderhand in einer ganz bescheidnen Wohnung bei anständigen Leuten unterbringen. Anständige Leute und Jo, Mr. George«, sagt Allan und folgt den Augen des Kavalleristen, die jetzt wieder nach dem Eingang blicken, »haben bisher nicht viel miteinander zu tun gehabt, wie Sie sehen. Darin liegt die Schwierigkeit. Kennen Sie vielleicht zufällig jemand in der Nähe, der ihn gegen Vorausbezahlung eine kurze Zeit bei sich aufnehmen würde?« Noch während er die Frage stellt, bemerkt er einen kleinen Mann mit einem pulvergeschwärzten Gesicht, der jetzt plötzlich neben dem Kavalleristen steht und zu diesem mit einer seltsam verzwickten Miene aufsieht. Der Kavallerist pafft noch ein paar Züge, blickt dann auf den kleinen Mann herunter und sagt dann: »Ich versichere Ihnen, Sir, ich ließe mir jeder Zeit bereitwillig eins zwischen die Augenbrauen geben, wenn ich damit Miß Summerson einen Dienst leisten könnte. Ich rechne es mir als Ehre an, dieser Dame auch nur den kleinsten Dienst erweisen zu können. Wir behelfen uns hier natürlich ziemlich vagabundenhaft, ich und Phil. Sie sehen ja selbst, was es für ein Lokal ist. Ein stiller Winkel für den Jungen steht Ihnen aber hier zu Diensten, wenn es Ihnen paßt. Zu bezahlen ist nichts. Außer für die Ration. Wir sind hier nicht gerade in blühenden Verhältnissen und können unter Umständen, ohne eine Minute Kündigung, jeden Augenblick mit Sack und Pack hinausgeworfen werden. Aber solange es noch unser ist, steht Ihnen das Lokal so, wie es ist, zu Diensten.« Mit einem umfassenden Schwung seiner Pfeife stellt Mr. George Allan das ganze Gebäude zur Verfügung. »Da Sie Arzt sind, Sir«, setzt er hinzu, »nehme ich an, daß diesmal vorderhand bei dem armen Jungen nichts von Ansteckung zu befürchten ist?« Allan beruhigt ihn in dieser Hinsicht. »Wir haben nämlich schon genug davon gehabt, Sir«, sagt George mit betrübtem Kopfschütteln. Mr. Woodcourt nickt bekümmert. »Dennoch darf ich Ihnen nicht verhehlen«, bemerkt er, nachdem er seine Versicherung hinsichtlich der Ansteckungsgefahr wiederholt hat, »daß der Knabe sehr angegriffen und schwach ist, vielleicht – ich sage nur vielleicht – überhaupt schon zu schwach ist, um sich jemals wieder zu erholen.« »Glauben Sie, daß er augenblicklich in Gefahr schwebt, Sir?« »Ja, ich fürchte es.« »Dann, Sir«, fällt der Kavallerist mit großer Entschiedenheit ein, »ist es das Beste, wenn er unverzüglich hereinkommt. Ich gehöre selbst ein wenig zu den Vagabunden und verstehe das. Phil! Bring ihn herein!« Mr. Squod krebst seitwärts hinaus, um den Befehl auszuführen, und der Kavallerist legt die jetzt ausgerauchte Pfeife weg. Jo wird hereingebracht. Er ist nicht einer von Mrs. Pardiggles Tokahupo-Indianern, keins von Mrs. Jellybys Lämmern und hat mit Borriobula-Gha auch nichts zu schaffen; die weite Ferne und der Reiz des Fremdartigen lassen ihn nicht in besserem Licht erscheinen; er ist kein wirklicher, in der Fremde aufgewachsner Wilder, sondern ein ganz gewöhnlicher einheimischer Artikel. Schmutzig, scheußlich, allen Sinnen eine Qual, äußerlich ein niedriges Geschöpf der Straße, ist er auch der Seele nach ein Heide. Heimischer Schmutz bedeckt ihn, heimisches Ungeziefer verzehrt ihn, heimische Krankheiten wüten in ihm, und heimische Lumpen umhüllen ihn. Eingeborne Unwissenheit, auf Englands Boden gewachsen, drückt seine unsterbliche Natur auf eine tiefere Stufe als die eines verendeten Tiers. Ja, ja, zeig dich nur, Jo, ganz so, wie du bist! Vom Scheitel bis zur Sohle ist nichts Interessantes an dir! Langsam kommt er in Mr. Georges Schießsaal gehumpelt und steht – ein Lumpenbündel – da und hebt seinen Blick nicht von der Erde. Er scheint zu wissen, daß alle eine Neigung fühlen, von ihm zurückzuweichen, teils wegen dessen, was er ist, teils wegen dessen, was er verschuldet hat. Auch er scheut sich vor ihnen. Er gehört nicht zur selben Wesensreihe in der Schöpfung wie sie. Er gehört zu keiner Klasse und nirgends hin, weder zu den Tieren noch zu den Menschen. »Schau mal her, Jo«, sagt Allan. »Das ist Mr. George.« Jo sucht noch eine Zeitlang mit den Augen auf dem Fußboden herum, blickt eine Sekunde lang auf und dann wieder zu Boden. »Er meint es gut mit dir und will dich hier beherbergen.« Jo macht mit der Hand eine schaufelnde Bewegung, was wahrscheinlich eine Verbeugung ausdrücken soll. Nach einigem Besinnen und ein paarmal den Fuß, auf dem er seinen Körper ruhen läßt, wechselnd, brummt er, er sei sehr dankbar. »Du bist hier vollständig in Sicherheit. Vorläufig hast du nichts weiter zu tun, als gehorsam zu sein und wieder zu Kräften zu kommen, aber du mußt uns die Wahrheit sagen, Jo! Verstehst du mich?« »I soll auf der Stelle tot umfalln, wann is net tu, Sir«, sagt Jo mit seiner Lieblingsbeteuerung. »I hab nie nix angstellt, als was Sie schon wissn, und doch habens mi immer verfolgt. I hab bloß nie nix gwußt, Sir, und hab ghungert.« »Ich glaub es dir. Gib jetzt acht auf Mr. George. Ich sehe, er will dir etwas sagen.« »Ich wollte ihm nur zeigen, Sir«, bemerkt Mr. George, unglaublich breitschultrig und kerzengerade aussehend, »wo er sich hinlegen und einmal ordentlich ausschlafen kann, Sir. – Komm mal her.« Mit diesen Worten führt der Kavallerist Jo in den Hintergrund der Schießstätte und macht die Tür eines der kleinen Verschlage auf. »Das ist für dich. Schau her! Und dort ist eine Matratze. Hier kannst du, wenn du dich gut aufführst, solang bleiben, als Mr... Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, – er wirft einen Blick auf die Karte, die ihm Allan gegeben hat – »solange es Mr. Woodcourt beliebt. Erschrick nicht, wenn du schießen hörst. Es wird auf die Scheibe geschossen und nicht nach dir. – Ich möchte nur noch etwas empfehlen, Mr. Woodcourt. – Phil, komm einmal her!« Phil laviert in seiner gewohnten Art auf seinen Herrn los. »Hier ist ein Mann, Sir, den sie einst als kleines Kind im Rinnstein gefunden haben. Daher ist anzunehmen, daß er ein natürliches Interesse an dem armen Teufel nimmt. Was meinst du, Phil?« »Gewiß und wahrhaftig, Govner«, versichert Phil. »Meine Meinung ist, Sir«, sagt Mr. George mit einer gewissen soldatischen Offenherzigkeit, als ob er in einem Kriegsrat bei Trommelwirbel etwas vorbrächte, »daß, wenn dieser Mann den Jungen in ein Bad steckte und für ein paar Schillinge ein paar ordinäre Sachen besorgte...« »Sie denken an alles, Mr. George«, unterbricht ihn Allan und zieht seine Börse heraus. »Ich wollte Sie gerade darum bitten.« Phil Squod und Jo werden auf der Stelle fortgeschickt, um den Reinigungsprozeß vorzunehmen. Miß Flite, ganz entzückt, daß alles so glatt geht, eilt, so schnell sie kann, nach dem Gerichtshof, denn sie ist in großer Angst, ihr Freund, der Lordkanzler, könne ihretwegen in Sorge sein oder das lang erwartete Urteil in ihrer Abwesenheit erlassen. »Und das«, bemerkt sie, »wäre nach so vielen Jahren denn doch gar zu schrecklich, mein lieber Doktor, und Sie, General.« Allan benützt die Gelegenheit, einige stärkende Arzneien in der Nähe zu besorgen. Dann kehrt er zurück, findet den Kavalleristen in der Schießstätte auf- und abmarschieren und schließt sich ihm an. »Ich vermute, Sie kennen Miß Summerson ziemlich gut?« fragt Mr. George. »Ja, allerdings.« »Nicht verwandt mit ihr, Sir?« »Nein, das nicht.« »Entschuldigen Sie meine Neugierde. Es schien mir wahrscheinlich, daß Sie mehr als gewöhnliche Teilnahme für den armen Teufel deswegen fühlen, weil sich Miß Summerson schon – leider zu ihrem Schaden – so sehr für ihn interessiert hat. So geht es wenigstens mir, Sir.« »Und mir auch, Mr. George.« – Der Kavallerist betrachtet von der Seite Allans gebräunte Wange, und sein lebhaftes dunkles Auge mißt mit raschem Blick seinen Wuchs und scheint Gefallen an ihm zu finden. – »Als Sie fort waren, Sir, ist mir eingefallen, daß ich die Zimmer in Lincoln's-Inn-Fields, wo Bucket den Jungen, seiner Aussage nach, hinbrachte, kenne. Wenn er auch den Namen nicht weiß, ich kann ihn Ihnen nennen. Tulkinghorn! So heißt er.« Allan sieht den Kavalleristen fragend an und wiederholt den Namen. »Tulkinghorn. So heißt er, Sir. Ich kenne den Mann und weiß, daß er früher mit Bucket wegen eines inzwischen Verstorbnen, der ihn einmal beleidigte, zu tun gehabt hat. Ich kenne den Mann, Sir. – Zu meinem Leidwesen.« Allan fragt natürlich, was für ein Mann Mr. Tulkinghorn sei. »Was für ein Mann? Meinen Sie, wie er aussieht?« »Ich glaube, soweit kenne ich ihn. Ich meine, in seinem Wesen. Was er so im allgemeinen für ein Mensch ist?« »Nun, das will ich Ihnen sagen, Sir.« Der Kavallerist bleibt stehen, verschränkt die Arme über der breiten Brust und wird dabei so zornig, daß sein Gesicht über und über rot wird. »Er ist eine verdammt schlechte Art Mensch. Einer, der die Leute langsam martert. Er hat ebensowenig Fleisch und Blut wie ein verrosteter alter Karabiner. Er ist ein Mann – beim heiligen Georg –, der mir mehr Unruhe und Sorgen und Unzufriedenheit mit mir selbst verursacht hat als alle Menschen zusammengenommen. Von der Sorte ist Mr. Tulkinghorn einer.« »Es tut mir leid, eine wunde Stelle berührt zu haben«, entschuldigt sich Allan. »Eine wunde Stelle?« Der Kavallerist stellt sich breitbeinig hin, befeuchtet die Fläche seiner breiten rechten Hand und legt sie auf die Stelle, wo früher wahrscheinlich sein Schnurrbart gewesen ist. »Das ist Ihre Schuld nicht, Sir. Aber urteilen Sie selbst. Er hat mich ganz in der Hand. Er ist es, von dem ich vorhin sagte, daß er mich jeden Augenblick mit Sack und Pack hinauswerfen könne. Und er hält mich stets in einer beständigen Unruhe. Er greift nicht zu und läßt mich nicht los. Wenn ich ihm eine Zahlung zu machen oder um Stundung zu bitten oder sonst etwas mit ihm zu tun habe, ist er für mich nicht zu Hause – schickt mich zu Melchisedek in Clifford's-Inn, und Melchisedek in Clifford's-Inn schickt mich wieder zurück –, und so muß ich endlos hin und her laufen, als sei ich aus Stein wie er. Bei Gott, mein halbes Leben vergeht jetzt damit, daß ich in einem fort an seiner Tür herumlungern muß. Was kümmert's ihn? Nichts. Gerade so wenig wie den verrosteten alten Karabiner, mit dem ich ihn vorhin verglichen habe. Er peinigt und quält mich bis... Bah, Unsinn, ich vergesse mich, Mr. Woodcourt.« Der Kavallerist nimmt seinen Marsch wieder auf. »Ich sage weiter nichts, als daß er ein alter Mann ist. Aber froh bin ich, daß ich nie Gelegenheit haben kann, meinem Pferd die Sporen zu geben und mit ihm unter gleichen Bedingungen Mann gegen Mann zu stehen. Denn wenn ich dann in einer der Stimmungen wäre, in die er mich immer hineinzwingt, würde ich ihn mir ausborgen, Sir!« Mr. George hat sich so in die Wut hineingeredet, daß er sich die Stirn mit dem Hemdärmel abwischen muß. Er pfeift zwar seinen Zorn mit der Nationalhymne weg, aber an seinem gelegentlichen Kopfschütteln und dem tiefen Aufatmen seiner breiten Brust kann man erkennen, daß er innerlich immer noch nicht ganz beruhigt ist. Auch zerrt er noch zuweilen mit beiden Händen an seinem offnen Hemdkragen, als sei er ihm zu eng. Kurz, Allan Woodcourt hat nicht den geringsten Zweifel, daß Mr. Tulkinghorn, Mann gegen Mann, in freiem Feld den kürzern ziehen würde. Der fürsorgliche Phil kehrt bald darauf zurück und geleitet Jo nach seiner Matratze. Allan reicht dem Kranken eigenhändig die Medizin, erteilt Mr. Squod die nötigen Ratschläge und vertraut ihm dann die Mittel an. Es ist jetzt bereits Vormittag. Er begibt sich, um sich umzuziehen und zu frühstücken, in seine Wohnung und dann unverzüglich zu Mr. Jarndyce, um diesem von der gemachten Entdeckung Mitteilung zu machen. In seiner Begleitung und von ihm im Vertrauen eingeweiht, daß Gründe vorhanden seien, die Sache so geheim wie möglich zu halten, kommt er voll Interesse wieder. Jo wiederholt vor Mr. Jarndyce im großen ganzen genau und ohne wesentliche Abschweifungen, was er heute morgen erzählt hat, nur daß der Lastkarren noch schwerer geht und noch hohler rasselt. »Lassen S mi ruhig hier liegen und quälen S mi nimmer«, ächzt Jo. »Und sin S so gut, wenn S in die Näh kommen, wo i früher die Straßn kehrt hab, so sagen S Mr. Sangsby, daß Jo, den er früher gut kennt hat, jetzt urdentlich 'Marsch vorwärts' macht. I möcht schön danken dafür.« – Im Lauf des Tages und noch am nächsten erwähnt er so oft den Schreibmaterialienhändler, daß Allan sich in seiner Gutmütigkeit entschließt, nachdem er mit Mr. Jarndyce beraten hat, selbst nach Cook's Court zu gehen; um so mehr, als der Lastkarren bald das Ende der Fahrt erreicht zu haben scheint. – Er begibt sich also nach Cook's Court. Mr. Snagsby steht in grauem Rock und Schreibärmeln hinter seinem Ladentisch und sieht einen Stoß Akten auf Pergament, der eben von einem Kopisten gekommen ist, durch. Es ist eine unermeßliche Wüste aus Kanzleihandschrift und Pergament, in der nur hie und da ein paar große Buchstaben als Rastorte dienen, um Abwechslung in die grauenhafte Monotonie zu bringen und den Reisenden vor Verzweiflung zu retten. Mr. Snagsby macht bei der Durchforschung einer dieser Titenzisternen halt und begrüßt den Fremden mit einem allgemeinen Einleitungshüsteln. »Sie erinnern sich meiner wohl nicht mehr, Mr. Snagsby?« Dem Papierhändler fängt das Herz an heftig zu klopfen, denn er ist seine alten Befürchtungen nie ganz los geworden. Kaum kann er herausbringen: »Nein, Sir, ich kann mich wirklich nicht entsinnen. Ich sollte meinen – um nicht durch die Blume zu sprechen –, daß ich Sie noch nie im Leben gesehen habe, Sir.« »O doch, zwei Mal«, hilft Allan Woodcourt seinem Gedächtnis nach. »Ein Mal am Totenbett eines Unglücklichen und ein Mal...« »Also doch!« denkt der Papierhändler niedergeschmettert, und es dämmert in seinem Kopf. »Da haben wir's! Jetzt ist alles aus!« Aber er hat noch Geistesgegenwart genug, um seinen Besuch in das kleine Komptoir zu drängen und die Türe zu schließen. »Sind Sie verheiratet, Sir?« »Nein.« »Möchten Sie nicht vielleicht, wenn Sie auch Junggeselle sind«, flüstert Mr. Snagsby bekümmert, »so leise wie nur irgend möglich sprechen? Denn meine kleine Frau horcht bestimmt irgendwo. Mein Geschäft und fünfhundert Pfund dazu möchte ich darauf wetten.« In tiefer Bekümmernis setzt sich Mr. Snagsby auf seinen Stuhl, den Rücken zum Pult gekehrt, und beteuert: »Ich habe nie ein Geheimnis für mich gehabt, Sir. Ich kann mich nicht entsinnen, meine kleine Frau seit dem Tag, wo wir versprochen wurden, ein einziges Mal absichtlich hintergangen zu haben. Ich würde es unter keinen Umständen getan haben, Sir. – Um nicht durch die Blume zu sprechen –, ich hätte es auch nicht können, nicht einmal wagen dürfen. Und doch bin ich von Geheimnissen und Rätseln so umgeben, daß es mir fast das Leben zur Last macht.« Der Arzt gibt sein Bedauern zu erkennen und fragt, ob Mr. Snagsby sich Jos erinnere. »Ja, leider«, seufzt der Papierhändler. »Sie könnten kein menschliches Wesen nennen – mich selbst vielleicht ausgenommen –, gegen das meine kleine Frau entschiedner aufträte als gegen Jo.« Allan fragt, warum. »Warum!?« Mr. Snagsby packt in seiner Verzweiflung das Büschel Haare am rückwärtigen Teil seines sonst ganz kahlen Kopfes. »Wie kann ich wissen, warum? Aber Sie sind eben ein lediger Mann, Sir. Mögen Sie lange Zeit nicht nötig haben, einer verheirateten Person eine solche Frage zu stellen.« – Mit diesem wohlwollenden Wunsch hüstelt Mr. Snagsby einen Husten bekümmerter Ergebenheit und hört mit Duldermiene an, was der Besuch ihm mitzuteilen hat. – »Da haben wir's wieder«, sagt er dann, teils aus tiefem Mitgefühl, teils, weil er angsterfüllt so leise flüstert, ganz blaß geworden. »Da geht's schon wieder los in einer neuen Richtung. Eine gewisse Person beschwört mich aufs feierlichste, niemandem, selbst nicht meiner kleinen Frau, etwas von Jo zu sagen. Dann kommt eine andre gewisse Person in Ihrer Person und beschwört mich in gleich feierlicher Weise, der andern gewissen Person um Gottes willen nichts von Jo zu sagen. Das ist ja das reinste Privatirrenhaus. – Um nicht durch die Blume zu sprechen –, es ist die Landesirrenanstalt selbst, Sir«, sagt Mr. Snagsby. Aber trotz alledem sieht er ein, daß es hätte noch schlimmer kommen können. Es ist weiter keine Mine unter ihm explodiert, und die Fallgrube, in die er schon früher gestürzt ist, hat sich weiter nicht vertieft. Und da er ein weiches Herz hat und von dem, was er über Jos Befinden hört, sehr gerührt ist, verspricht er gern, »mal einen Blick hinüber zu werfen«, sobald er es heute abend irgendwie unbemerkt tun kann. Und als der Abend kommt, begibt er sich ganz im stillen hinüber... Aber wer weiß, vielleicht tut das Mrs. Snagsby ebenfalls. Jo freut sich sehr, seinen alten Freund wiederzusehen, und sagt, als sie allein sind, es sei von Mr. Snagsby unendlich freundlich, seinetwegen einen so weiten Weg gemacht zu haben. Ergriffen von dem Anblick, legt der Schreibmaterialienhändler sofort eine halbe Krone auf den Tisch, seinen Zauberbalsam für alle Arten Wunden. »Und wie geht es dir denn, mein armer Junge?« fragt er mit seinem Teilnahmshüsteln. »I bin jetzt ganz ausm Wasser, Mr. Sangsby. I brauch gar nix mehr. Mir is wohler, als Ihna denkn können, Mr. Sangsby. Mir is arg leid, daß is tan hab, aber i habs net mit Fleiß tan, Sir.« Der Papierhändler legt leise noch eine halbe Krone auf den Tisch und fragt ihn, was ihm denn leid tue, getan zu haben. »Mr. Sangsby«, sagt Jo, »i bin hergangen und bin schuld, daß die Dame krank wordn is, was die andre Dame war und doch wieder nicht war. Keiner von ihnen hat mir deswegn was gsagt, weil s alle so gut sin und i so unglücklich bin. Die Dame is gestern selber herkommn und hat gsagt: 'Jo', hats gsagt, 'wir dachten schon, mir hätten dich verloren', hats gsagt und hat sich ruhig lächelnd hingsetzt und hat net a böses Wort und kan bösen Blick net für mi ghabt, und i hab mi gegen die Wand drehen müssn, Mr. Sangsby, und Mr. Jarnders hat si auch abwendn müssn, wie i gsehgn hab. Und Mr. Woodcot hat mir bei Tag und Nacht was zur Beruhigung gebn, hat si über mi gebeugt und hat mir Mut zugsprochen, aber dabei sin ihm die Tränen heruntergloffn, Mr. Sangsby!« Gerührt legt der Papierhändler abermals eine halbe Krone auf den Tisch. Nur eine Wiederholung dieses unfehlbaren Mittels ist imstande, sein Herz zu erleichtern. »Was i mir denkt hab, Mr. Sangsby«, fährt Jo fort, »is, ob Sie leicht recht groß schreiben könnan?« »Ja, Jo. Gott sei Dank!« »So ganz groß leicht?« fragt Jo eindringlich. »Ja, natürlich, mein armer Junge.« Jo lacht vor Freude. »Was i mir also denkt hab, Mr. Sangsby, is, wenn i so weit Marschvorwärts gmacht hab, bis s kein Schritt mehr weiter geht, ob S da nicht vielleicht so gut sein möchten, es so ganz groß hinzuschreiben, daß es jeder überall sehgn kan, daß es mir wirklich so arg leid tut, daß is tan hab. Und daß is nie hab net tun wolln und daß Mr. Woodcot drüber geweint hat, und er soll mirs vergeben. Wenn die Schrift es so ganz groß sagn könnt, tut ers vielleicht.« »Ich werde schon machen, Jo. Sehr groß!« Jo lacht wieder. »I dank Ihnan, Mr. Sangsby. Es is sehr gut von Ihna, Sir, und s is mir jetzt viel wohler, als mir jemals gwesn is.« Der gutmütige kleine Schreibmaterialienhändler bleibt mitten in seinem Hüsteln stecken und legt leise seine vierte halbe Krone hin. Er hat einen Fall, wo er so viele brauchte, bisher noch nie vor Augen gehabt, und geht erleichtert fort. Jo und er sollen sich auf dieser kleinen Erde nie mehr begegnen. Nie mehr. Denn der immer schwerer werdende Lastkarren ist jetzt dem Ziel der Reise nahe und rasselt über steinigen Boden dahin. Das ganze Zifferblatt herum strengt er sich an, die steile und unebne Straße hinaufzukommen, und jeden Augenblick kann er in Trümmer gehen. Die Sonne kann nicht mehr oft aufgehen und ihn immer noch auf dem mühseligen Wege sehen. Phil Squod mit seinem pulverrauchgeschwärzten Gesicht ist zugleich Krankenwärter und Büchsenmacher und arbeitet an einem kleinen Tischchen in der Ecke. Er sieht sich von Zeit zu Zeit um und sagt mit einem Nicken seiner grünen Wollmütze, seine eine Augenbraue ermutigend in die Höhe gezogen: »Kopf hoch, mein Junge, Kopf hoch!« Auch Mr. Jarndyce ist häufig da, und Allan Woodcourt fast immer. Beide denken oft, wie seltsam das Schicksal diesen armen Ausgestoßnen mit den Fäden anderer von seinem so unendlich verschiednen Lebenswege verknüpft hat. Auch der Kavallerist ist ein häufiger Besucher. Er füllt die Tür mit seiner athletischen Gestalt aus und scheint von seinem Überfluß an Leben und Gesundheit Jo, der sich immer bemüht, seinem heiteren Zuruf lauter als andern zu antworten, vorübergehend Kraft zu übertragen. Jo schläft heute oder ist halb bewußtlos, und Allan Woodcourt, eben erst angekommen, steht vor ihm und blickt auf die abgezehrte Gestalt herab. Nach einer Weile nimmt er vorsichtig neben dem Bett Platz, das Gesicht dem Kranken zugekehrt – gerade wie damals bei dem Advokatenschreiber –, und fühlt nach der Brust und dem Herzschlag. – Der Karren kann fast nicht weiter und schleppt sich nur noch ein Stück fort. – Stumm steht der Kavallerist im Torweg. Phil hat mit dem leisen Klopfen aufgehört und hält seinen kleinen Hammer regungslos in der Hand. Mr. Woodcourt sieht sich mit der ernsten Miene des Arztes um, wirft dem Kavalleristen einen bedeutsamen Blick zu und gibt Phil einen Wink, sein Tischchen hinauszutragen. – Wenn der kleine Hammer wieder gebraucht wird, wird ein Rostfleck darauf sein. – »Nun, Jo! Warum erschrickst du so?« »I hab mir denkt«, sagt Jo, der in die Höhe gefahren ist und entsetzt um sich blickt, »i hab mir denkt, i war wieder in 'Toms Einöd'. Ist niemand da als Sie, Mr. Woodcot?« »Niemand.« »Und man wird mi net wieder nach 'Toms Einöd' bringen, Sir?« »Nein.« Jo schließt die Augen und brummt vor sich hin: »I bin so sehr dankbar.« Nachdem Allan ihn eine Weile lang aufmerksam beobachtet hat, legt er den Mund dicht an sein Ohr und fragt ihn mit leiser, aber sehr deutlicher Stimme: »Jo! Kannst du beten?« »Hab nie nix gwußt, Sir.« »Auch nicht ein ganz kurzes Gebet?« »Nein, Sir. Gar keins. Mr. Chadbans hat amal bei Mr. Sangsby bet, und i habn ghört. Aber er hat mit sich selber gsprochn und net mit mir. Er hat viel bet, aber i hab n net verstandn. Dann sin auch andre Leut nach 'Toms Einöd' kommen und habn bet. Sie ham gsagt, daß die andern falsch beten, und ham nacher auch mit sich selbst gsprochn oder auf die andern gschimpft und net mit uns gesprochn. Mir habn nie nix gwußt. I habs net rauskriegen könnan, was s gmeint ham.« Er braucht lange dazu, um alles das zu sagen, und nur ein erfahrner und aufmerksamer Zuhörer kann sein Flüstern verstehen. Nach einem kurzen Rückfall in Betäubung oder Schlummer macht er plötzlich eine heftige Anstrengung, aus dem Bett zu kommen. »Bleib nur liegen! Was gibt's denn?« »I muß jetzt aufn Friedhof, Sir«, gibt Jo mit einem verstörten Blick zur Antwort. »Leg dich nur wieder hin und hör mich an. Was für einen Friedhof meinst du denn, Jo?« »Wo s n hinglegt ham. Er ist so gut zu mir gwesn. Es is Zeit, daß i auch auf n Friedhof geh, damit sie mi neben ihn legn. I möcht auch dortliegn. Er hat immer zu mir gsagt: 'Heut bin i so arm wie du, Jo', hat er gsagt. Ich muß eam sagn, daß i jetzt so arm bin wie er und kommen bin, ummi neben eam z legn.« »Das hat noch Zeit, Jo. Noch Zeit.« »Aber vielleicht möchten sie's net tun, wann i selber hinginget. Vielleicht möchten S mir versprechn, daß man mi neben ihn legt?« »Ich verspreche es dir!« »I dank Ihnan vielmals, Sir! Man wird erst den Gatterschlüssel holen müssen, sonst können s mi net einibriiign, s is immer verschlossn. Und a Stufn is dort, was i immer mit in Besen abkehrt hab. Es wird jetzt sehr dunkel, Sir. Kommt denn ka Licht?« »Gleich kommt Licht, Jo.« »...Ja, gleich.« Der Karren geht in Trümmer, und gleich ist der mühsame Weg zu Ende. »Jo, mein armer Junge!« »I kann Sie schon hörn, Sir. Aber dunkel is. I find Ihner Hand net. Lassen S mi Ihner Hand halten!« »Jo, kannst du nachsprechen, was ich dir sage?« »Alls, was S wolln, Sir, i weiß, daß s gut is.« »Vater unser!« »Vater unser... Ja, das is sehr gut, Sir.« »Der du bist im Himmel.« »Bist im Himmel... Kommt ka Licht, Sir?« »Gleich kommt es. – Geheiligt werde dein Name.« »Geheiligt werde – dein...« Endlich ist das Licht auf diesen dunkeln umnachteten Weg gefallen! Tot! Tot! Euer Majestät. Tot, Mylords und Gentlemen. Tot, Euer Ehrwürden aller Konfessionen. Tot, ihr Männer und Frauen mit himmlischem Erbarmen in euren Herzen. Ja, ja, so sterben sie rings um uns jeden Tag. 48. Kapitel Das Verhängnis nimmt seinen Lauf Das Schloß in Lincolnshire hat seine hundert Augen wieder geschlossen, und das Haus in der Stadt ist aufgewacht. In Lincolnshire träumen die Dedlocks der Vergangenheit in ihren Bilderrahmen, und leise seufzt der Wind durch den langen Salon, als ob die Toten regelmäßig atmeten im Schlaf. In der Stadt rasseln die Dedlocks der Gegenwart in ihren feueräugigen Karossen durch die Dunkelheit der Nacht, und die Dedlock-Merkure, Asche oder vielmehr Puder auf dem Haupt zum Zeichen ihrer großen Unterwürfigkeit, verdämmern die schläfrigen Morgenstunden in den kleinen Fenstern der Vorhalle. Die fashionable Welt – fast fünf Meilen im Umkreis – ist in voller Bewegung, und das Sonnensystem kreist um sie ehrfurchtsvoll in der gebührenden Entfernung. Wo das Gewühl am dichtesten ist, die Lichter am hellsten und den Sinnen mit dem größten Luxus gehuldigt wird, da ist Lady Dedlock. Sie fehlt nie auf der glänzenden Höhe, die sie erstürmt und erobert hat, wenn auch ihr alter Glaube, sie könne unter dem Mantel ihres Stolzes alles, was sie will, verbergen, verschwunden ist. Wenn sie auch nicht weiß, ob das, was sie den andern scheint, morgen noch sein wird, liegt es doch nicht in ihrem Naturell, sich schwach zu zeigen, solange neidische Augen auf sie gerichtet sind. Man sagt von ihr, sie sei in der letzten Zeit noch schöner und stolzer geworden. Der hinfällig aussehende Cousin sagt, sie sei »schön jenuch, um nem janzen Schock Weiber auf die Beene zu helfen, – aber sie is von ner dollen Sorte –, erinnere an – das ekliche Frauenzimmer, das im Schlaf – äh – Bett verläßt und im Hause – äh –rumfuhrwerkt – äh – Shakespeare«. Mr. Tulkinghorn sagt nichts. Weder mit Worten noch mit Blicken. Jetzt wie jemals sieht man ihn an den Türen der Säle mit dem locker umgebundnen weißen Halstuch mit der altmodischen Schleife. Er wird vom Hochadel begönnert und gibt kein Zeichen der Anerkennung von sich. Von allen Menschen möchte man von ihm am letzten glauben, er könne Einfluß auf Mylady haben. Von allen Frauen ist sie noch immer die letzte, der man zutrauen könnte, sie fürchte ihn. Seit dem Gespräch im Turmzimmer in Chesney Wold liegt ihr ununterbrochen eine Sache auf der Seele. Sie ist jetzt entschlossen und bereit, die Last von sich zu werfen. Es ist Morgen in der großen Welt, das heißt, Nachmittag in der kleinen gewöhnlichen. Die Merkure, erschöpft vom Zumfensterhinaussehen, ruhen aus in der Vorhalle und lassen ihre schweren Köpfe hängen – diese prachtvollen Geschöpfe – gleich überreifen großen Sonnenblumen. Wie diese scheinen sie mit ihren Fangschnüren und dem übrigen glitzernden Behänge Wassertriebe angesetzt zu haben. Sir Leicester ist in der Bibliothek über dem Bericht eines Parlamentskomitees zur Hebung vaterländischer Interessen eingeschlafen. Mylady sitzt in dem Zimmer, wo sie dem jungen Mann namens Guppy einmal Audienz gegeben hat. Rosa ist bei ihr, hat nach dem Diktat ihrer Herrin geschrieben und ihr vorgelesen. Rosa ist jetzt mit einer Stickerei oder einer ähnlichen niedlichen Arbeit beschäftigt, und während sie sich darüber beugt, beobachtet Mylady sie schweigend. Nicht zum ersten Mal heute. »Rosa!« Die kleine Dorfschöne blickt munter auf. Aber als sie Myladys ernste Miene sieht, nimmt ihr Gesicht einen verlegnen und überraschten Ausdruck an. »Sieh mal nach, ob die Türe geschlossen ist.« »Ja.« Sie geht, überzeugt sich und sieht noch überraschter drein. »Ich will dir etwas anvertrauen, mein Kind. Ich weiß, daß ich mich auf deine Anhänglichkeit, wenn nicht auch auf dein Urteil, verlassen kann. In dem, was ich jetzt vorhabe, will ich dir gegenüber ohne alle Verkleidung erscheinen. Aber ich verlasse mich ganz auf dich. Verrate niemandem ein Wort von dem, was ich dir jetzt sage!« – Die schüchterne kleine Schöne verspricht mit innigem Ernst, sich des geschenkten Vertrauens würdig zu erweisen. – »Hast du bemerkt«, – Lady Dedlock winkt ihr, mit dem Stuhle näher zu rücken – »hast du bemerkt, Rosa, daß ich gegen dich anders bin als gegen irgend jemanden sonst.« »Ja, Mylady. Viel gütiger. Aber dann denke ich mir oft, ich kenne Sie eben, wie Sie wirklich sind.« »Du denkst oft, du kennst mich, wie ich wirklich bin? Armes Kind, armes Kind!« – Mylady sagt das mit einer Art Hohn – der jedoch nicht Rosa gilt –und sitzt dann eine Weile brütend da mit versonnenem Gesicht. – »Bist du überzeugt, Rosa, daß du mir ein Trost und eine Erquickung bist? Bist du überzeugt, daß es mir Freude macht, dich in meiner Nähe zu haben, bloß, weil du jung und natürlich bist und mich lieb hast?« »Ich weiß es nicht, Mylady; ich kann es kaum hoffen. Aber von ganzem Herzen wünsche ich, es wäre so.« »Es ist so, Kleine!« – Das freudige Erröten Rosas wird gehemmt durch den düstern Ausdruck Myladys. Schüchtern fragend blickt sie auf. – »Und wenn ich heute sagte: Geh! Verlaß mich! würde ich etwas sagen, was mir sehr schmerzlich wäre und mich ganz und gar einsam machen würde.« »Mylady, habe ich Sie beleidigt?« »Durchaus nicht. Komm zu mir!« – Rosa kniet vor Myladys Fußbank nieder. Wie damals in der Nacht nach dem denkwürdigen Gespräch mit dem Eisenwerksbesitzer legt Lady Dedlock mütterlich die Hand auf das dunkle Haar der Kleinen und läßt sie sanft dort ruhen. – »Ich sagte dir damals, Rosa, ich möchte dich glücklich machen, wenn ich überhaupt imstande bin, jemanden auf Erden noch glücklich zu machen. Ich habe jetzt Gründe, an denen du keine Schuld trägst, die es aber ratsam machen, daß du nicht mehr bei mir bleibst. Du darfst nicht hier bleiben! Ich bin fest dazu entschlossen. Ich habe an den Vater deines Geliebten geschrieben, und er wird heute hierher kommen. Ich habe es deinetwegen getan.« Weinend bedeckt das Mädchen die Hand ihrer Herrin mit Küssen und sagt, sie wisse nicht, was sie tun solle, wenn sie von einander scheiden müßten. Mylady küßt sie auf die Wange und gibt keine Antwort. »Mögest du unter bcssern Verhältnissen glücklich sein, Kind. Sei geliebt und glücklich!« »Ach, Mylady, ich habe mir manchmal gedacht – verzeihen Sie mir, daß ich mir eine solche Freiheit herausnehme –, daß Sie selbst nicht glücklich sind.« »Ich!« »Würden Sie glücklicher sein, wenn ich nicht mehr bei Ihnen bin? Bitte, bitte, bedenken Sie das noch einmal. Lassen Sie mich nur noch eine kurze Zeit bleiben.« »Ich habe dir gesagt, mein Kind, daß, was ich tue, nur deinetwillen geschieht. Es ist geschehen. So, wie ich jetzt zu dir bin, Rosa, so bin ich wirklich, und nicht so, wie du mich in einer kleinen Weile sehen wirst. Vergiß das nicht und verschließe in deinem Herzen, was ich dir anvertraut habe. Tue es um meinetwillen, und dann sind alle Bande zwischen uns zerschnitten.« Sie macht sich von dem Mädchen los und verläßt das Zimmer. Als sie spät nachmittags wieder auf der Treppe erscheint, hat sie ihre stolzeste und kälteste Miene auf; so teilnahmslos ist sie, als ob Leidenschaft, Gefühl und Interessen jeder Art längst in ihrer Seele seit vorsintflutlichen Epochen gestorben wären. Der Merkur hat Mr. Rouncewell angemeldet. Deshalb erscheint sie jetzt. Mr. Rouncewell ist noch nicht im Bibliothekzimmer, aber sie begibt sich dorthin. Sir Leicester ist dort, und sie wünscht zuerst mit ihm zu sprechen. »Sir Leicester, ich wollte mit Ihnen... Aber wie ich sehe, sind Sie beschäftigt.« »Oh, durchaus nicht, Mylady. Nur Mr. Tulkinghorn ist hier.« – Immer anwesend! Überall lauert er herum! Keinen Augenblick Sicherheit vor ihm! – »Ich bitte um Entschuldigung, Lady Dedlock. Darf ich mich entfernen?« Mit einem Blick, der deutlich sagt: Sie wissen doch ganz gut, daß Sie die Macht haben, zu bleiben, wenn Sie wollen, bedeutet sie ihm, es sei nicht nötig, und geht zu einem Sessel. Mr. Tulkinghorn tritt ihr mit seiner altmodischen Verbeugung ein paar Schritte entgegen und zieht sich dann in ein gegenüberliegendes Fenster zurück. Er steht zwischen ihr und dem sinkenden Licht des Tages, und sein Schatten fällt auf sie und macht alles vor ihr dunkel. So, wie er auch ihr Leben verdüstert. Auch im besten Fall ist das eine langweilige Straße draußen, in der die beiden langen Häuserzeilen sich gegenseitig mit einer solchen Strenge anstarren, daß ein halbes Dutzend ihrer größten Paläste schon unter solchen Blicken langsam zu Stein geworden wären, wenn man sie nicht schon vorher aus diesem Material gebaut hätte. Es ist eine Straße von so eisiger Größe, so entschlossen, sich nie zum atmenden Leben herabzulassen, daß die Türen und Fenster, staubbedeckt und schwarz, düster Cercle halten – und die hallenden Marställe dahinter ausgestorben und massiv aussehen, als wären sie bestimmt, die steinernen Schlachtrosse der adligen Statuen in sich aufzunehmen. Labyrinthisches eisernes Gitterwerk schlingt sich um die Vortreppen in dieser Ehrfurchtschauer erregenden Straße, und in steinernen Wölbungen gähnen die Auslöscher für die aus der Mode gekommenen Fackeln den Emporkömmling »Gas« an. Hie und da hat ein schwacher eiserner Ringbügel, durch den tagsüber kecke Jungen die ihren Spielgefährten herabgerissnen Mützen zu werfen sich bemühen, seinen Platz unter dem verrosteten Laubwerk behauptet und denkt trauervoll an lang entschwundne Zeiten. Ja sogar das Öl, das noch hie und da in kleinen sonderbaren Glasnäpfchen, mit einem Fleck auf dem Boden gleich einer Auster, übrig geblieben ist, blinzelt jeden Abend die neuen Lichter an, nicht so ganz unähnlich seinen hochgestellten Herren im Oberhaus. Es ist daher wohl nicht gut möglich, daß Lady Dedlock von ihrem Stuhl aus durch das Fenster, in dessen Nische Mr. Tulkinghorn steht, besonders viel zu sehen wünschen sollte, und doch wirft sie einen Blick in diese Richtung, als ob es ihr innigster Herzenswunsch wäre, daß seine Gestalt sich von dort entfernte. Sir Leicester bittet Mylady um Verzeihung: sie habe etwas sagen wollen? »Bloß, daß Mr. Rouncewell da ist – ich habe ihn kommen lassen –, und daß wir am besten der Angelegenheit mit dem Mädchen ein Ende machen sollten. Ich bin der Sache endlich müde.« »Was kann ich – dabei – tun?« fragt Sir Leicester zögernd und unsicher. »Empfangen wir ihn hier und machen wir der Sache ein Ende. Möchten Sie ihn nicht herauf kommen lassen?« »Mr. Tulkinghorn, würden Sie vielleicht die Güte haben, zu klingeln – danke bestens –, lassen Sie den... Eisengentleman«, sagt Sir Leicester zu dem Merkur und kann nicht gleich das richtige Wort finden, »lassen Sie den Eisengentleman heraufkommen.« Der Merkur entfernt sich, um den »Eisengentleman« zu suchen, findet ihn und bringt ihn. Sir Leicester empfängt ihn sehr gnädig. »Ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Mr. Rouncewell? Nehmen Sie Platz. – Hier mein Anwalt, Mr. Tulkinghorn. – Mylady wünscht mit Ihnen zu sprechen.« Sir Leicester überweist ihn geschickt mit einem feierlichen Wink seiner Hand Lady Dedlock. »Hem.« »Es wird mir eine Ehre sein, allem, was Lady Dedlock mir mitzuteilen geruhen wird, mit der größten Aufmerksamkeit zuzuhören.« – Wie sich Mr. Rouncewell zu Mylady wendet, scheint sie ihm einen weniger angenehmen Eindruck zu machen als damals. Ein gewisses abweisendes geringschätziges Benehmen verbreitet eine eisige Atmosphäre um sie, und in ihrer ganzen Haltung ist nicht mehr das zu entdecken, was ihn bei seinem ersten Besuch zur Offenherzigkeit aufmunterte. – »Würden Sie mir gestatten, zu fragen«, sagt Lady Dedlock gleichgültig, »ob zwischen Ihnen und Ihrem Sohn in bezug auf dessen Grille etwas vorgefallen ist?« – In ihrer gelangweilten Stimmung scheint es ihr fast Mühe zu machen, Mr. Rouncewell einen Blick zu schenken, während sie diese Frage stellt. – »Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, Lady Dedlock, sagte ich, als ich zuletzt die Ehre hatte, Sie zu sehen, daß ich meinem Sohn allen Ernstes raten würde, dieser – Grille Herr zu werden.« – Der Eisenwerksbesitzer legt auf das Wort einen gewissen Nachdruck. – »Und haben Sie das getan?« »Ja, natürlich.« – Sir Leicester nickt billigend. »Sehr schicklich.« – Da der Eisengentleman doch gesagt hatte, er würde es tun, war er auch dazu verpflichtet. In dieser Hinsicht ist zwischen edlen und unedlen Metallen kein Unterschied. »Sehr schicklich.« – »Und hat er Ihren Rat beherzigt?« »Darüber kann ich Ihnen wirklich keine bestimmte Antwort geben, Lady Dedlock. Ich fürchte, nein. Wahrscheinlich sogar nicht. Wir in unserm Stande verbinden manchmal mit unsern – unsern Grillen einen Entschluß, der nicht so leicht wankend zu machen ist. Ich glaube, es ist so unsre Art, die Sachen ernst zu nehmen.« – Sir Leicester hat das unangenehme Gefühl, daß sich unter diesen Worten eine gewisse revolutionäre Bedeutung verbergen könne, und es wird ihm ein bißchen heiß. Mr. Rouncewell ist vollkommen guter Laune und sehr höflich, aber innerhalb dieser Grenzen paßt er offenbar seinen Ton dem Empfang an, den man ihm bereitet hat. – »Ich habe nämlich über die Sache nachgedacht«, fährt Mylady fort, »und sie ennuyiert mich.« »Das tut mir wirklich sehr leid.« »Und auch über das, was Sir Leicester darüber sagte, womit ich ganz übereinstimme.« – Sir Leicester fühlt sich geschmeichelt. – »Und wenn Sie uns nicht die Versicherung geben können, daß die Grille vergessen ist, bin ich zu der Ansicht gekommen, daß es besser ist, wenn das Mädchen geht.« »Ich kann eine solche Versicherung nicht geben, Lady Dedlock.« »Dann ist es besser, sie geht.« »Mylady wolle entschuldigen«, bemerkt Sir Leicester rücksichtsvoll, »aber vielleicht würden wir auf diese Art dem Mädchen ein Unrecht zufügen, das es nicht verdient hat. Wir haben hier ein junges Mädchen«, sagt Sir Leicester und unterbreitet Mr. Rouncewell die Sache großartig wie ein silbernes Service, »das das Glück gehabt hat, die Beachtung und Gunst einer vornehmen Dame zu gewinnen. Die verschiednen Vorteile, die ihr eine solche Stelle gewährt und die unzweifelhaft sehr groß sind, geben zu bedenken. Es fragt sich nun, soll dieses junge Mädchen so vieler Vorteile und einer so glücklichen Lebensstellung verlustig gehen, bloß weil sie« – Sir Leicester schließt mit einer würdevollen Neigung seines Kopfes – »die Aufmerksamkeit von Mr. Rouncewells Sohn auf sich gezogen hat? Hat sie diese Strafe verdient? Ist es gerecht gegen sie gehandelt? Haben wir das vorher wohl bedacht?« »Ich bitte um Entschuldigung«, unterbricht ihn Mr. Rouncewell. »Sir Leicester, würden Sie mir ein Wort gestatten? Ich glaube, dazu beitragen zu können, die Sache abzukürzen. Wenn Sie etwas so Unbedeutendes im Gedächtnis behalten haben sollten – was nicht zu erwarten ist –, werden Sie sich vielleicht entsinnen, daß mein erster Gedanke war, sie nicht hier zu lassen.« – Die Gunst der Dedlocks nicht in Erwägung zu ziehen! O! – Sir Leicester müßte einem Paar Ohren, die er von einer solchen Reihe von Ahnen geerbt hat, mißtrauen, wenn er nicht so deutlich gehört hätte, was der Eisenwerksbesitzer soeben selbst sagte. – »Es ist nicht notwendig«, bemerkt Mylady mit eisiger Kälte, ehe Sir Leicester noch etwas andres tun kann, als erstaunt Atem zu holen, »näher auf die Sache einzugehen. Rosa ist ein sehr gutes Mädchen, und ich habe ihr durchaus nicht auch nur das Geringste nachzusagen, aber sie ist insofern für all ihre Vorteile hier und ihr Glück unempfänglich, als sie eben – armes Närrchen – verliebt ist oder es zu sein glaubt.« Sir Leicester erlaubt sich zu bemerken, daß das allerdings die Sache vollständig ändere. Er hätte gleich überzeugt sein können, daß Mylady die besten Gründe für ihre Ansicht habe, und er stimme vollständig mit Mylady überein. Ja, es sei tatsächlich besser, daß das junge Mädchen gehe. »Wie Sir Leicester schon das letzte Mal bemerkte, wo uns diese Angelegenheit fatiguierte«, fährt Lady Dedlock gelangweilt fort, »können wir Ihnen nichts vorschreiben. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist das Mädchen hier durchaus nicht an seinem Platz, und es ist das Beste, sie geht. Ich habe ihr das selbst gesagt. Ziehen Sie vor, daß wir sie in das Dorf zurückschicken, oder wollen Sie sie selbst mitnehmen?« »Lady Dedlock, wenn ich offen sprechen darf –« »Ich bitte darum.« »– so würde ich den Weg vorziehen, der Ihnen die Last am ehesten abnimmt und das Mädchen am frühesten aus seiner gegenwärtigen Lage entfernt.« »Und um ebenso offen zu sprechen«, erwidert Mylady mit derselben einstudierten Gleichgültigkeit, »würde ich in Ihrer Lage auch so handeln. Verstehe ich Sie recht, Sie wünschen sie gleich mit sich zu nehmen?« Der Eisengentleman macht eine steife Verbeugung. »Sir Leicester, würden Sie wohl die Güte haben, zu klingeln?« Mr. Tulkinghorn tritt aus der Fensternische und zieht die Klingel. »Ich habe Sie ganz vergessen, ich danke Ihnen.« Der Advokat macht seine gewohnte Verbeugung und tritt wieder ruhig in die Fenstervertiefung zurück. Der Merkur erscheint auf der Stelle, nimmt seine Instruktion, wen er zu bringen habe, entgegen, schwebt fort, bringt das Verlangte und verschwindet. Rosa hat geweint und ist noch immer sehr bekümmert. Bei ihrem Eintritt steht der Eisenwerksbesitzer von seinem Sessel auf, zieht ihren Arm durch seinen und bleibt mit ihr bei der Tür stehen, bereit, sich zu empfehlen. »Sie sind in guter Obhut, wie Sie sehen«, sagt Mylady in ihrer müden Weise, »und verlassen uns, verläßlichen Händen anvertraut. Ich habe Ihnen das Zeugnis ausgestellt, daß Sie sehr brav waren, und Sie haben keine Veranlassung zu weinen.« »Immerhin«, bemerkt Mr. Tulkinghorn und tritt ein wenig aus der Nische hervor, »scheint es ihr leid zu tun, daß sie fortgeht.« »Wohlerzogen ist sie allerdings nicht«, entgegnet Mr. Rouncewell ein wenig rasch und laut, als sei er froh, wenigstens über den Advokaten herfallen zu können. »Sie ist ein unerfahrnes junges Ding und weiß es nicht besser. Wenn sie hier geblieben wäre, Sir, würde sie sich sicher mehr Schliff angewöhnt haben.« »Ohne Zweifel«, gibt Mr. Tulkinghorn gelassen zur Antwort. Rosa schluchzt, es tue ihr sehr, sehr leid, Mylady zu verlassen, und sie sei so glücklich in Chesney Wold gewesen und so glücklich bei Mylady. Und immer und immer wieder dankt sie Mylady. »Schweig doch schon, Kindchen«, redet ihr der Eisenwerksbesitzer leise und freundlich zu. »Du mußt dich ein wenig fassen, wenn du Wat gern hast.« Mylady winkt ihr bloß gleichgültig und sagt: »Schon recht, schon recht, Kind! Sie sind ein gutes Mädchen. Gehen Sie nur!« – Sir Leicester hat sich würdevoll von der Sache losgemacht und sich in das Heiligtum seines blauen Fracks zurückgezogen. Mr. Tulkinghorns unbestimmte Umrisse heben sich gegen die dunkle Straße, in der jetzt vereinzelte Lampen brennen, ab, und Myladys Augen scheinen noch größer und schwärzer als zuvor. – »Sir Leicester und Lady Dedlock«, beginnt Mr. Rouncewell nach einigen Augenblicken, »ich bitte um Erlaubnis, mich verabschieden zu dürfen, und um Entschuldigung, wenn ich Sie, zwar nicht auf meine Veranlassung, aber doch immerhin noch ein Mal, belästigt habe. Ich kann mir recht gut vorstellen, ich versichere Ihnen, wie ermüdend eine solche nebensächliche Angelegenheit auf Lady Dedlock gewirkt haben muß. Wenn ich mir zweifelhaft bin, ob ich mich richtig dabei benommen habe, so ist dies nur hinsichtlich dessen der Fall, daß ich nicht gleich anfangs im stillen meinen Einfluß geltend machte, meine junge Freundin hier, ohne Sie vorher zu inkommodieren, wegzunehmen. Aber ich habe eben die Wichtigkeit der Sache überschätzt und glaubte mir schuldig zu sein, Ihnen das Verhältnis auseinandersetzen und Ihre Meinung darüber einholen zu müssen. Ich hoffe, Sie werden meine geringe Kenntnis der Gebräuche der feinen Welt entschuldigen.« Sir Leicester glaubt bei dieser Bemerkung aus seinem Heiligtum heraustreten zu müssen. »Mr. Rouncewell, bitte, sprechen Sie nicht weiter davon. Eine Rechtfertigung ist, hoffe ich, auf keiner Seite nötig.« »Es freut mich, das zu hören, Sir Leicester, und wenn ich als letztes Wort noch einmal auf das zurückkommen darf, was ich damals von der langjährigen Stellung meiner Mutter bei der Familie sagte, und auf den Wert, von dem sie auf beiden Seiten Zeugnis ablegt, so möchte ich jetzt auch auf dieses kleine Beispiel hier neben mir weisen, das beim Scheiden soviel Gefühl und Anhänglichkeit an den Tag legt und in dem gewiß meine Mutter zur Erweckung solcher Empfindungen, glaube ich, sagen zu dürfen, das ihre getan hat. Obgleich natürlich Lady Dedlock bei ihrer aus dem Herzen kommenden Teilnahme und ihrer gütigen Herablassung noch viel mehr getan hat.« – Wenn er dies auch ironisch meint, so ist doch im Grunde mehr Wahres daran, als er selbst wissen kann. Er wendet sich bei seinen Worten zu dem Halbdunkel hin, in dem Mylady sitzt. – Sir Leicester steht auf, um seine Verbeugung zu erwidern. Mr. Tulkinghorn klingelt wieder; wieder schwebt der Merkur herein und hinaus, und Mr. Rouncewell und Rosa verlassen das Haus. Lichter werden gebracht. Immer noch steht Mr. Tulkinghorn, die Hände auf dem Rücken, im Fenster, und immer noch sitzt Mylady da, und seine Gestalt benimmt ihr die Aussicht auf die Nacht und auf den Tag. Sie ist sehr blaß. Mr. Tulkinghorn bemerkt es, als sie aufsteht, um zu gehen, und denkt sich: »Sie hat –wahrhaftig Ursache dazu. Ihre Seelenstärke ist wirklich erstaunlich. Die ganze Zeit über hat sie eine eingelernte Rolle gespielt.« Aber auch er kann seinerseits eine Rolle spielen – seine gewohnte unveränderliche Rolle. Und wie er dieser Frau die Tür öffnet, könnten auch fünfzig Paar Augen, jedes einzelne fünfzig Mal schärfer als das Sir Leicesters, keine Spur von Rachsucht in ihm entdecken. Lady Dedlock speist heute allein auf ihrem Zimmer. Sir Leicester muß schleunigst der Doodle-Partei gegen die Coodle-Faktion beispringen. Als sich Lady Dedlock zu Tisch setzt, immer noch totenblaß, fragt sie, ob er schon fort ist. Ja. Ob Mr. Tulkinghorn auch schon fort ist. Nein. Womit er sich beschäftige? Der Merkur glaubt, er schreibe Briefe im Bibliothekszimmer, und ob Mylady ihn zu sprechen wünsche? Keineswegs! Aber er wünscht Mylady zu sprechen. Nach wenigen Minuten läßt er sich durch den Diener empfehlen und bei Mylady anfragen, ob er nach dem Essen ein paar Worte mit ihr sprechen könne. Mylady wünscht es gleich jetzt. Er kommt, bittet um Entschuldigung, daß er störe, und sie bleibt am Tisch sitzen. Als sie allein sind, winkt Mylady mit der Hand, allen Firlefanz sein zu lassen. »Was wünschen Sie, Sir?« »Wirklich, Lady Dedlock«, sagt der Advokat, nimmt auf einem Stuhl in einiger Entfernung von ihr Platz und reibt sich die rostigen Beinkleider auf und ab, auf und ab, auf und ab. »Wirklich, ich bin sehr erstaunt über Ihr Vorgehen.« »Wirklich?« »Ja, ganz entschieden. Ich sehe darin eine Verletzung unsres Übereinkommens und Ihres gegebnen Versprechens. Es versetzt uns in eine neue Lage, Lady Dedlock. Ich fühle mich vor die Notwendigkeit gestellt, zu sagen, daß ich es nicht billige.« Er hält mit dem Reiben inne und sieht sie an, die Hände auf die Knie gestützt. So undurchdringlich und unverändert er scheinbar ist, so liegt doch in seinem Benehmen eine gewisse Freiheit, die an ihm neu ist und Myladys Blick nicht entgeht. »Ich verstehe Sie nicht ganz.« »Ich glaube doch. Ich bitte Sie, Lady Dedlock, wollen wir jetzt nicht mit Worten kämpfen. Sie wissen selbst, daß Sie dieses Mädchen gern haben.« »Nun, und, Sir?« »Und Sie wissen – ebenso wie ich –, daß Sie das Mädchen nicht aus den Gründen, die Sie angegeben haben, entließen, sondern um sie soviel wie möglich von – entschuldigen Sie, daß ich es als etwas rein Geschäftliches erwähne – vor jeder Bloßstellung, die Ihnen droht, zu trennen.« »Nun, und, Sir?« »Nun, Lady Dedlock«, der Advokat schlägt die Beine übereinander und faltet die Hände auf dem Knie, »dagegen habe ich gar mancherlei einzuwenden. Ich halte diesen Schritt für gefährlich. Erstens ist er nicht nötig, zweitens geeignet, Zweifel, Gerüchte und ich weiß nicht, was sonst alles noch im Hause zu erwecken, und drittens ist es ein Bruch unsrer Vereinbarung. Sie hatten genau so zu bleiben, wie Sie vorher waren. Und es ist Ihnen doch selbst klar, daß Sie an diesem Abend dem zuwiderhandelten. Mein Himmel, Lady Dedlock, einfach zuwiderhandelten!« »Wenn ich in der Erkenntnis meines Geheimnisses...« Mr. Tulkinghorn unterbricht sie: »Ich muß bitten, Lady Dedlock, das ist eine Geschäftssache, und in einer solchen kann man die Worte nicht präzis genug wählen. Es ist nicht länger Ihr Geheimnis. Sie entschuldigen schon, aber darin liegt eben der Irrtum. Es ist mein Geheimnis, Sir Leicester und der Familie gegenüber. Wenn es Ihr Geheimnis wäre, Lady Dedlock, säßen wir nicht hier und hielten nicht diese Unterredung miteinander.« »Das ist sehr wahr, Mr. Tulkinghorn. Aber eben, weil ich das Geheimnis kenne, tue ich mein möglichstes, damit nicht auf ein unschuldiges Mädchen ein Schatten von der mir drohenden Schande fällt... Wenn ich an Ihre eigne Äußerung denke, als Sie meine Geschichte den versammelten Gästen in Chesney Wold erzählten, liegt doch das im Bereich der Möglichkeit. Ich habe also nach einem festen Entschluß gehandelt, und nichts in der Welt und kein Mensch auf Erden könnten mich darin wankend machen oder hätten mich bestimmen können, anders zu handeln.« – Sie sagt dies mit großer Überlegung und Deutlichkeit und ebenso leidenschaftlich, wie er selbst ist. – »Wirklich? Dann, Lady Dedlock«, entgegnet er ganz methodisch, als ob sie irgendein empfindungsloses Rad in seinen Machinationen sei, »müssen Sie selbst einsehen, daß kein Verlaß auf Sie ist. Sie selbst haben die Sache ganz unverschleiert dargestellt.« »Vielleicht werden Sie sich erinnern, daß ich hinsichtlich dieses Punktes, als wir damals in Chesney Wold miteinander sprachen, eine gewisse Angst an den Tag legte, Mr. Tulkinghorn?« »Ja«, sagt Mr. Tulkinghorn, steht gleichgültig auf und lehnt sich an den Kamin. »Ja. Ich erinnere mich, Lady Dedlock, daß Sie allerdings von dem Mädchen sprachen, aber das geschah, bevor wir unsre Übereinkunft trafen, und sowohl der Buchstabe wie der Geist unsrer Abmachung schließt jeden freien Schritt Ihrerseits, insofern er mit der Entdeckung, die ich gemacht habe, irgendwie zusammenhängt, vollständig aus. Darüber kann gar kein Zweifel bestehen. Sie sprechen von notwendiger Schonung des Mädchens, aber ich frage, welche Wichtigkeit oder welchen Wert hat diese Person? – Schonen! – Lady Dedlock, die Ehre eines Familiennamens steht auf dem Spiel! Man hätte doch denken sollen, der Weg hätte geradeaus, über alles hinweg, weder nach rechts noch nach links, gehen müssen, ohne Rücksicht auf irgend etwas zu nehmen, und ohne Schonung.« – Mylady hat bisher den Tisch angesehen und wendet dem Advokaten nun ihre Augen zu. Ein finsterer Ausdruck liegt auf ihrem Gesicht, und man sieht, wie sie die Zähne zusammenbeißt. »Diese Frau versteht mich«, denkt Mr. Tulkinghorn, während sie wieder wegsieht. »Sie rechnet nicht auf Schonung. Warum schont sie andre?« – – Eine kleine Weile schweigen beide. Lady Dedlock hat keinen Bissen gegessen und nur ein paar Mal mit fester Hand einen Schluck Wasser genommen. Sie steht vom Tische auf, nimmt einen Lehnstuhl und legt sich darin zurück. Nichts in ihren Mienen drückt Schwäche aus oder bittet um Mitleid. Sie ist gedankenvoll auf sich selbst konzentriert. – »Diese Frau«, denkt Mr. Tulkinghorn, der jetzt vor dem Kamin steht und wieder als schwarzer Hintergrund ihr die Aussicht versperrt, »ist ein Studium.« Er studiert sie in Muße und spricht eine Zeitlang nicht. Auch sie grübelt über irgend etwas nach. Es ist so unwahrscheinlich, daß sie das erste Wort spräche, und wenn er auch bis Mitternacht noch dastünde, daß er sich schließlich genötigt sieht, das Stillschweigen zu brechen. »Lady Dedlock. Es bleibt uns noch der unangenehmste Teil dieser geschäftlichen Unterredung zu erledigen. Aber es ist eben eine Geschäftssache. Unsre Abmachung ist nicht eingehalten worden. Eine Dame von Ihrer Einsicht und Charakterstärke wird darauf vorbereitet sein, daß ich sie jetzt als aufgehoben erkläre und meinen eignen Weg gehen werde.« »Ich bin auf alles gefaßt.« Mr. Tulkinghorn verneigt sich. »Ich habe Sie mit nichts weiter mehr zu belästigen, Lady Dedlock.« Als er das Zimmer verlassen will, hält sie ihn noch mit der Frage zurück: »Das soll wohl die versprochne Benachrichtigung sein? Ich wünsche nicht, Sie mißzuverstehen.« »Nicht genau in dem Sinn, Lady Dedlock, wie ich Sie Ihnen zugesagt habe, da das voraussetzte, daß unsre Abmachung eingehalten würde, aber im Grunde genommen ist sie es. Ein Unterschied ist nur in den Augen eines Juristen vorhanden.« »Sie beabsichtigen also, mir keine andre Warnung zukommen zu lassen?« »So ist es. Nein.« »Beabsichtigen Sie, Sir Leicester heute abend aufzuklären?« »Eine Frage, die auf den Kern losgeht«, sagt Mr. Tulkinghorn mit einem schwachen Lächeln und schüttelt vorsichtig den Kopf. »Nein, heute nicht.« »Morgen?« »Wenn ich mir alles genau überlege, muß ich die Beantwortung dieser Frage verweigern, Lady Dedlock. Wenn ich sagte, ich wüßte nicht genau, wann, würden Sie mir nicht glauben, und das hätte also keinen Zweck. Es könnte morgen sein. Ich will lieber nichts weiter sagen. Sie sind vorbereitet, und ich will keine Hoffnungen erwecken, die die Umstände vielleicht nicht rechtfertigen könnten. Ich wünsche Ihnen einen guten Abend.« Sie entfernt die Hand von ihrer Stirn, wendet ihm ihr bleiches Gesicht zu, und wie er schweigend zur Türe geht und sie eben öffnen will, ruft sie ihn noch ein Mal zurück. »Gedenken Sie noch einige Zeit im Haus zu bleiben? Ich hörte, Sie schrieben in der Bibliothek Briefe. Gehen Sie wieder dorthin?« »Nur um meinen Hut zu holen. Ich gehe nach Hause.« Sie grüßt mehr mit den Augen als mit dem Kopf, so leise und seltsam ist ihre Bewegung, und er zieht sich zurück. Draußen sieht er auf seine Uhr und scheint zu mutmaßen, sie könne eine Minute oder zwei falsch gehen, und vergleicht sie daher mit einer prachtvollen Wanduhr auf der Treppe, die, was bei solchen Prunkstücken selten vorkommt, wegen ihres genauen Ganges berühmt ist. »Und was sagst du?« fragt Mr. Tulkinghorn diese Uhr. »Was sagst du?« Was, wenn sie jetzt sagte: Geh nicht nach Hause?! Was für eine berühmte Uhr würde sie erst werden, wenn sie gerade heute nacht von allen Nächten, die sie schon abgezählt hat, gerade zu diesem alten Mann von all den jungen und alten Leuten, die schon vor ihr gestanden haben, sagen würde: Geh nicht nach Hause! Mit ihrer lauten hellen Glocke schlägt sie dreiviertel nach sieben und tickt dann weiter. »Was, du bist ja schlimmer, als ich dachte«, sagt Mr. Tulkinghorn tadelnd zu seiner Taschenuhr. »Zwei Minuten falsch ? Auf diese Art wirst du nicht bei mir bis zu meinem Lebensende aushalten können.« Wie schön von ihr, vergälte jetzt die Uhr Böses mit Gutem, wenn sie ihm zur Antwort geben würde: Geh nicht nach Hause. Er tritt auf die Straße und geht, die Hände auf dem Rücken, im Schatten der hohen Häuser dahin, von deren Geheimnissen, Verlegenheiten, Schulden und delikaten Angelegenheiten jeder Art so manches hinter seiner schwarzen Atlasweste aufgespeichert liegt. Er scheint sogar mit den bloßen Mauern im vertrauten Verhältnis zu stehen, und – wer weiß – vielleicht telegraphieren ihm die hohen Schornsteine Familiengeheimnisse zu. Aber keiner von ihnen hat eine Stimme, die ihm zuflüstern würde: Geh nicht nach Hause. Durch das Leben und Treiben der weniger nobeln Straßen, durch das Geräusch und Getümmel vieler Fuhrwerke, zahlloser Füße und Stimmen, an den grellen beleuchteten Ladenfenstern vorbei, dem Westwind entgegen, schiebt ihn das Gedränge erbarmungslos vorwärts, und nichts ist da, was zu ihm träte und ihm zuflüsterte: Geh nicht nach Hause. Und wie er endlich sein stilles Zimmer erreicht und die Kerzen anzündet und um sich schaut und den Römer von der Decke herunterdeuten sieht, da ist in dessen Hand keine andre Bedeutung als sonst und warnt ihn nicht: Bleib nicht hier. Es ist eine helle Nacht, aber der Mond, der eben im Abnehmen begriffen ist, geht erst jetzt über der großen Wildnis von London auf. Die Sterne glänzen wie damals über dem bleiernen Turmdach von Chesney Wold, und die Frau blickt wieder zu ihnen auf wie damals, und in ihrer Seele stürmt es wild. Ihr Herz ist krank und ruhelos. Die großen Zimmer sind ihr zu schwül und eng. Sie kann es nicht länger in ihnen aushalten und will in einem benachbarten Garten allein spazieren gehen. Zu launenhaft und herrisch in allem, was sie tut, als daß sich irgend jemand über etwas verwundern sollte, was sie für gut befindet, geht sie, einen Plaid um die Schultern, in den Mondschein hinaus. Der Merkur begleitet sie mit dem Schlüssel. Nachdem er die Gartenpforte geöffnet hat, übergibt er ihn Mylady auf ihr Verlangen und erhält den Befehl, wieder hineinzugehen. Sie wolle hier eine Zeitlang spazieren gehen, weil sie Kopfweh habe. Vielleicht eine Stunde, vielleicht länger. Sie bedürfe keiner weitern Begleitung. Die Gitterpforte fällt klirrend zu, und sie schreitet hinaus in den dunkeln Schatten der Bäume. Eine schöne Nacht, ein heller Vollmond, unzählige Sterne. Mr. Tulkinghorn hat zu seinem Keller mit den widerhallenden vielen Türen über einen kleinen gefängnisartigen Hof zu gehen. Er blickt unwillkürlich empor und denkt: Was für eine schöne Nacht, der Vollmond so hell, und die Millionen von Sternen! Eine stille herrliche Nacht! Ja, eine sehr stille Nacht! Wenn der Mond besonders hell scheint, so ist es, als gösse er eine Einsamkeit und Stille über die Erde, die selbst menschenreiche und belebte Orte beeinflußt. Die Nacht ist nicht nur still auf staubigen Landstraßen und Hügelgipfeln und auf der weiten Strecke Land ringsum, die stiller und stiller wird, wie sie in einem Waldsaum in den Himmel verläuft mit dem grauen Gespenst des Nachtnebels darüber. In Ruhe liegen die Wälder und Gärten und die frischen grünen Wiesen, an denen das Wasser murmelnd zwischen lieblichen Inseln, flüsterndem Schilf und über Fischwehre dahinglitzert. Überall ist stille Nacht. Auch wo der Strom vorüberfließt an den dicht sich drängenden Häusern, unter den vielen Brücken hindurch, die ihre Bogen in seiner Fläche widerspiegeln, an den Werften vorüber, wo die vor Anker liegenden Schiffe ihm ein schwarzes und schauerliches Aussehen geben. Stille der Nacht überall auf dem Marschland, dessen Signalstangen wie an das Ufer geschwemmte Gerippe aussehen – auf sanft geflügeltem Land, reich an Kornfeldern, Windmühlen und Kirchtürmen. Stille Nacht auf dem ewig wogenden Meer –, an der Küste, wo der Wächter steht und das Schiff mit ausgebreiteten Fittichen quer über seinen Lichtpfad gleiten sieht – Stille selbst über der Wildnis Londons. Die Kirchtürme und der große, große Dom werden ätherischer, die verräucherten Giebel der Häuser verlieren ihre Körperlichkeit in dem bleichen Glanz, das Lärmen auf der Straße wird gedämpfter, und die Schritte auf dem Pflaster gehen ruhiger vorüber als sonst. In diesen Gefilden, wo Mr. Tulkinghorn wohnt und die Schäfer auf ihren Kanzleigerichtspfeifen spielen, unablässig, ohne Pause, und ihre Schafe wohl oder übel festzuhalten wissen, bis sie ganz kahl geschoren sind, verschwimmt jedes Geräusch in dieser Mondnacht in ein ferntönendes Gesumm, als wäre die Stadt ein großes vibrierendes Glas. Was ist das? Jemand hat eine Flinte oder Pistole abgeschossen. Wo? Ein paar verspätete Fußgänger fahren zusammen, bleiben stehen und sehen sich erstaunt um. Hie und da gehen Fenster und Türen auf, und Leute treten heraus, um spähend umherzublicken. Es war ein lauter Knall mit schwerem rollendem Echo. »Das Haus hat förmlich gezittert«, sagt ein Mann, der vorüberging. Der Schuß hat alle Hunde in der Nachbarschaft aufgeweckt, und sie bellen heftig. Erschrockne Katzen huschen über die Straße. Noch bellen die Hunde, und einer heult wie ein Dämon – da fangen die Turmuhren zu schlagen an, als seien auch sie erschrocken. Das Summen auf den Straßen scheint einen Augenblick zu einem Toben anzuschwellen. Aber es ist bald vorbei. Noch ehe die letzte Uhr anfängt, zehn zu schlagen, nimmt das Geräusch schon ab. Und als sie aufgehört hat, senken die schöne Nacht, der klare Vollmond und das Abertausend von Sternen wieder den alten Frieden herab. Hat es Mr. Tulkinghorn gestört? Seine Fenster sind dunkel und still, und seine Türe geschlossen. Ja, das müßte etwas ganz Ungewöhnliches sein, was ihn veranlassen würde, aus seinem Schneckenhaus herauszukommen. Man hört und sieht nichts von ihm. Ob wohl ein Kanonenschuß den verrosteten alten Mann aus seiner unerschütterlichen Fassung bringen könnte? Seit vielen Jahren hat der beharrliche Römer, ohne damit etwas Besonderes haben sagen zu wollen, von der Decke heruntergedeutet. Es ist nicht wahrscheinlich, daß er heute nacht damit etwas Besonderes meint. Wer ein Mal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht, ob's jetzt ein Römer oder sogar ein Brite ist. Darum bleibt er jetzt in seiner unmöglichen Stellung und deutet und deutet – erfolglos – die ganze Nacht herunter. Mondlicht, Dunkelheit, Dämmerung, Morgenrot, Tag. Immer noch deutet er eifrig herunter, und niemand achtet auf ihn. Aber kurz nach Tagesanbruch kommen Leute, um die Zimmer zu reinigen. Entweder sagt der Römer jetzt wirklich die Wahrheit, oder der erste der Leute, die hereinkommen, ist plötzlich verrückt geworden, denn wie er hinaufblickt zur Decke und dem ausgestreckten Finger folgt, schreit er auf und läuft davon. Die andern blicken ins Zimmer, so wie der erste hineinblickte, und auch sie schreien auf und laufen davon. Alarm entsteht in den Straßen. Was hat das zu bedeuten? Man läßt kein Licht in das verfinsterte Zimmer, und Leute, die sonst nie hineinkommen, treten auf den Fußspitzen ein und kommen schweren Tritts wieder heraus, tragen etwas in das Schlafzimmer und legen es hin. Den ganzen Tag geht ein Flüstern der Verwunderung durch die Straßen. Nachforschung wird gehalten in jeder Ecke, Fußstapfen auf Fußstapfen aufmerksam verfolgt und sorgfältig die Stellung jedes Stücks Hausrat betrachtet. Aller Augen blicken hinauf zu dem Römer, und Stimmen murmeln: Wenn der reden könnte! Er deutet beharrlich auf einen Tisch mit einer fast noch vollen Flasche Wein und einem Glas darauf und zwei Kerzen, die kurz nach dem Anbrennen ausgeblasen worden sein müssen. Er deutet auf einen leeren Stuhl und auf einen Fleck auf dem Fußboden davor, den man mit einer Hand bedecken kann. Eine aufgeregte Phantasie könnte sich einreden, es läge darin etwas so Schreckliches, daß das ganze Deckengemälde samt den dickbeinigen Amoretten, samt Wolken, Blumen und Pfeilern, kurz, die ganze Allegorie an Leib und Seele, verrückt werden müßte. Jeder, der in das verdunkelte Zimmer tritt und sich diese Sachen ansieht, blickt auch hinauf zu dem Römer, der jetzt in aller Augen etwas Geheimnisvolles und Schauerliches hat und aussieht wie ein vom Schlag getroffner stummer Zeuge. Viele Jahre lang noch werden Schauergeschichten von dem Fleck auf dem Fußboden erzählt werden, der so leicht zu bedecken und so schwer wegzuwaschen war; und der Römer wird, solange Staub und Feuchtigkeit und Spinnen ihn verschonen, mit viel größerer Bedeutung als jemals zu Mr. Tulkinghorns Lebzeiten, vom Tode berichtend, herunterdeuten. Mr. Tulkinghorns Zeit ist vorüber für immer, und der Römer deutete auf die Mörderhand, die sich gegen das Leben erhoben, und deutete rastlos auf den, der den Abend bis Morgen mit dem Gesicht auf dem Fußboden dagelegen hat, mitten durch das Herz geschossen. 49. Kapitel Hie Pflicht, hie Freundschaft! Ein großer Jahrestag ist in der Familie Mr. Matthew Bagnets, alias Lignum vitae, ehemaligen Artilleristen und gegenwärtigen Fagottbläsers. Ein Tag der Lustbarkeit und Freude. Die Feier eines Geburtstags in der Familie. Natürlich nicht der des Familienoberhaupts, denn Mr. Bagnet ehrt diesen Zeitabschnitt in seinem Instrumentengeschäft immer dadurch, daß er den Kindern vor dem Frühstück einen Extraschmatz gibt, eine Pfeife mehr nach dem Mittagessen raucht und sich gegen Abend Grübeleien hingibt, was jetzt seine alte arme Mutter wohl denken möge – eine ungemein schwierig zu lösende Aufgabe, die dadurch nicht leichter wird, daß die Dame schon vor zwanzig Jahren gestorben ist. Manche Menschen erinnern sich selten an ihre Väter und scheinen in den Bankbüchern ihres Gedächtnisses ihr ganzes Kapital Kindesliebe auf den Namen der Mutter überschrieben zu haben. Mr. Bagnet ist einer von diesen Leuten. Vielleicht bestätigt das Verdienst seiner Gattin ihn in der Ansicht, daß das Hauptwort »Verdienst« eigentlich weiblichen Geschlechts sein solle. Der Geburtstag eines der drei Kinder ist es auch nicht. Derlei Tage erhalten natürlich ihre Auszeichnung, aber sie übersteigt selten die Grenzen herzlicher Glückwünsche und eines Puddings. Es kann also nur der Geburtstag seiner Alten sein, und das ist der größte Festtag und der am rötesten angestrichne Tag in Mr. Bagnets Kalender. Das glückliche Ereignis wird stets streng nach gewissen Normen gefeiert, die Mr. Bagnet schon vor einigen Jahren ein für alle Mal ausgearbeitet und festgelegt hat. Er ist fest überzeugt, daß ein paar Hühner auf dem Mittagstisch den Gipfelpunkt eines geradezu kaiserlichen Luxus bilden, und geht daher regelmäßig schon sehr zeitig an diesem Tag aus, um ein paar zu kaufen, wird ebenso regelmäßig von dem Geflügelhändler übers Ohr gehauen und ersteht jedes Mal die beiden ältesten Hühner von ganz Europa. Dann bindet er diese Triumphe von Zähigkeit in ein reines, blauweiß gestreiftes Taschentuch, – ein wesentliches Requisit der Feier –, kehrt nach Hause zurück und fordert Mrs. Bagnet beim Frühstück gelegentlich auf, zu sagen, was sie am liebsten zu Mittag essen würde. Durch ein unerklärliches Zusammentreffen, das noch niemals versagt hat, erwidert Mrs. Bagnet prompt: »Geflügel«, worauf das Familienoberhaupt unter allgemeinem Staunen und Händezusammenschlagen das Bündel aus einem Versteck hervorzieht. Er verlangt ferner, daß die Alte den ganzen Tag lang nichts machen darf, als in ihrem Staatskleid zur Parade da zu sitzen und sich von ihm und dem jungen Volk bedienen zu lassen. Da er wegen seiner Kochkunst keinen besondern Ruf genießt, so ist anzunehmen, daß diese Maßregel mehr Sache der Zeremonie ist, als daß sie einen Genuß für die Alte bildet. Aber trotzdem behält Mrs. Bagnet stets unentwegt die Miene großer Fröhlichkeit bei. An dem heutigen Geburtstag hat Mr. Bagnet die gewohnten Präliminarien schon hinter sich. Er hat zwei Prachtexemplare von Federvieh, die sich, wenn die Anzeichen nicht trügen, mit nicht besondrer Schwierigkeit haben für den Bratspieß fangen lassen, erstanden und durch ihr ganz unerwartetes Erscheinen die Familie in das größte Erstaunen und Entzücken versetzt. Er selbst leitet das Braten des Geflügels, und Mrs. Bagnet, die es in den gesunden braunen Fingern immer juckt, wenn sie etwas falsch machen sieht, sitzt in ihrem Ehrenkleid als Gast da. Quebec und Malta decken den Tisch, während Woolwich, wie es sich gebührt, im Rang unter seinem Vater dient und den Spieß mit den Hühnern in Gang erhält. Diesen jugendlichen Küchengehilfen verrät Mrs. Bagnet gelegentlich mit einem Augenzwinkern, einem Kopfschütteln oder Stirnrunzeln, wenn sie Fehler machen. »Um halb zwei!« sagt Mr. Bagnet. »Auf die Minute! Sie werden fertig sein.« Mit Angstschweiß auf der Stirn sieht Mrs. Bagnet eines der Hühner am Feuer aufhören sich zu drehen und zu brennen anfangen. »Du sollst ein Essen haben, Alte«, sagt Mr. Bagnet, »wie eine Königin.« Mrs. Bagnet zeigt heiter ihre weißen Zähne, aber ihr Sohn nimmt eine so große seelische Beunruhigung an ihr wahr, daß ihn die Gebote der Kindesliebe zwingen, mit dem Auge zu fragen, was denn los sei, wobei er natürlich auf die Hühner noch viel weniger acht gibt als früher und auch die letzte Spur von Hoffnung, er könne zur Erkenntnis der Sachlage kommen, im Keime erstickt. Zum Glück entdeckt seine ältere Schwester die Ursache der Aufregung in Mrs. Bagnets Busen und erinnert ihn mit einem Rippenstoß an seine Pflicht. Die Hühner fangen an sich wieder zu drehen, und Mrs. Bagnet schließt, von der Wonne der Erleichterung überwältigt, die Augen. »George kommt uns besuchen«, sagt Mr. Bagnet. »Um halb fünf. Auf den Glockenschlag. Wieviel Jahre, Alte, hat George uns so besucht, nachmittags?« »Ach Lignum, Lignum, so viele, als aus einer jungen Frau eine alte machen, glaube ich. So viele werden's wohl schon gewesen sein«, entgegnet Mrs. Bagnet lachend und schüttelt den Kopf. »Alte«, sagt Mr. Bagnet. »Gräm dich nicht. Du wärst so jung wie je. Wenn du nicht jünger wärst. Was du bist. Wie jedermann weiß.« Quebec und Malta rufen hier unter Händeklatschen, daß Bluffy der Mutter gewiß etwas mitbringen werde, und fangen an zu raten, was es wohl sein könne. »Weißt du, Lignum«, sagt Mrs. Bagnet, wirft einen Blick auf das Tischtuch, winkt mit ihrem rechten Auge Malta »Salz« zu und schüttelt mit dem Kopf Quebec mit dem »Pfeffer« weg. »Es kommt mir so vor, als ob George wieder einmal sein Wanderfieber hätte.« »George«, entgegnet Mr. Bagnet, »wird nie desertieren. Und seinen alten Kameraden sitzen lassen. Brauchst das nicht zu befürchten.« »Nein, Lignum, nein, das sag ich auch nicht. Ich weiß, er wird das nie tun. Aber wenn er die Geldgeschichte loswerden könnte, glaube ich, würde er wieder fortmachen.« Mr. Bagnet fragt: »Warum?« »Nun, George scheint mir ein wenig ungeduldig und ruhelos zu werden. Ich sage nicht, daß er weniger frei und offen wäre als gewöhnlich. Aber es drückt ihn etwas, und das regt ihn auf.« »Er muß nachexerzieren«, erklärt Mr. Bagnet. »Bei einem Advokaten. Der den Teufel aufgeregt machen würde.« »Daran kann etwas Wahres sein«, stimmt die Alte zu. Eine Fortsetzung des Gesprächs wird vorderhand dadurch verhindert, daß Mr. Bagnet sich in die Zwangslage versetzt sieht, die ganze Kraft seines Geistes dem Mittagsmahl zuzuwenden, das durch den trocknen Humor, mit dem die Hühner sich weigern, auch nur einen Tropfen Brühe herzugeben, sowie durch das Naturspiel, daß die Sauce keinen Geschmack bekommt und nicht von ihrer flachsgelben Farbe läßt, einen bedrohlichen Charakter annimmt. Von ähnlicher Seelenverderbnis befallen, bröckeln die Kartoffeln während des Schälens in Stücken von den Gabeln und platzen, wie von inneren Erdbeben aufgerührt, auseinander. Auch die Beine der Hühner sind länger als gerade wünschenswert und stahlhart gepanzert. Mr. Bagnet überwindet schließlich diese Schwierigkeiten siegreich, trägt das Mahl auf, und alle setzen sich zu Tisch, wobei Mrs. Bagnet den Ehrenplatz zugewiesen bekommt. Es ist gut für die Alte, daß sie bloß ein Mal im Jahr Geburtstag hat, denn zwei solche Schwelgereien in Geflügel könnten die schwersten Folgen nach sich ziehen. Auch die kleinste Sehne, deren sich das Geflügel erfreut, hat sich in beiden Hühnern übereinstimmend zu der den Gitarresaiten eigentümlichen Form entwickelt. Ihre Flügel und Schenkel haben in Brust und Rumpf knorrig Wurzel geschlagen wie uralte Bäume. Ihre Keulen sind so hart, daß man auf den Gedanken kommen möchte, sie könnten den größten Teil einer langen mühseligen Lebenswanderung mit angestrengten Märschen oder Wettläufen zugebracht haben. Aber für den von diesen kleinen Mängeln nichts ahnenden Mr. Bagnet ist es Herzenssache, daß Mrs. Bagnet eine möglichst große Quantität von den ihr vorgesetzten Leckerbissen ißt, und da ihm die gute Alte um keinen Preis an irgendeinem Tage, geschweige denn an einem solchen, auch nur den geringsten Verdruß bereiten möchte, gefährdet sie ihren Verdauungsapparat auf das bedenklichste. Wie der junge Woolwich imstande ist, die Trommelschlegel auf seinem Teller zu bewältigen, ohne doch von einem Strauß abzustammen, vermag seine besorgte Mutter absolut nicht zu begreifen. Nach Beendigung des Mahles hat die Alte noch eine weitere Prüfung zu bestehen, denn sie muß in Paradestellung sitzen bleiben, während das Zimmer aufgeräumt, der Herd gekehrt und das Tischgeschirr im Hof gewaschen und poliert wird. Die große Freude und Energie, mit der die beiden jungen Damen diese Pflichten verrichten und nach dem Beispiel der Mutter das Kleid aufschürzen und auf kleinen Schafotten von Holzschuhen herein und hinaus Rollschuh laufen, erwecken die glänzendsten Hoffnungen für die Zukunft, aber eine gewisse Bangigkeit für die Gegenwart. Dieselben Ursachen führen zu einem Stimmengewirr, einem Geklapper von irdenem Geschirr, Rasseln von Zinnkrügen, einem Schwingen von Besen und einer Verschwendung von Wasser in denkbar größtem Maße, wobei der durchnäßte Zustand der jungen Damen selbst ein so rührendes Schauspiel darbietet, daß es Mrs. Bagnet kaum mehr mit der ihrer Stellung angemeßnen Ruhe mit ansehen kann. Endlich sind die verschiednen Reinigungsprozesse siegreich erledigt worden. Quebec und Malta erscheinen lächelnd und trocken in frischen Kleidern, Pfeifen, Tabak und etwas zu trinken kommen auf den Tisch, und auf die Alte senkt sich das erste Morgenrot des Friedens an dem Tage dieses genußreichen Festes nieder. Als Mr. Bagnet seinen gewohnten Platz einnimmt, stehen die Zeiger der Uhr nahe auf halb fünf, und wie sie genau darauf stehen, ruft er: »George! Militärische Pünktlichkeit.« Es ist George, und er überbringt die herzlichsten Glückwünsche für die Alte, die er bei dieser feierlichen Gelegenheit küßt, und für die Kinder und für Mr. Bagnet. »Allen wünsche ich eine viel, vielmalige Wiederkehr dieses Tages.« »Aber George, alter Junge!« ruft Mrs. Bagnet und sieht den Kavalleristen neugierig an. »Was fehlt Ihnen denn ? Sie sind so blaß, George – verhältnismäßig –, und sehen so angegriffen aus. Nicht wahr, Lignum?« »George«, nickt Mr. Bagnet. »Sag's der Alten. Was fehlt dir?« »So, so, bin ich blaß«, sagt der Kavallerist und fährt sich mit der Hand über die Stirn. »Ich wußte nicht, daß ich angegriffen aussehe, und es tut mir leid. Aber die Sache ist die, daß der Junge, den sie zu mir gebracht haben, gestern nachmittag gestorben ist. Das hat mich ein bißchen hergenommen.« »Armer Teufel!« sagt Mrs. Bagnet mit mütterlichem Mitleid. »Ist's aus mit ihm? Gott, Gott!« »Ich wollte nichts davon erwähnen, denn es ist kein Geburtstagsgespräch. Aber Sie haben es aus mir herausbekommen, noch ehe ich mich niedergesetzt habe. Ich wäre in einem Augenblick schon wieder munter gewesen«, sagt der Kavallerist und zwingt sich zu einem heiteren Ton, »aber Sie haben zu scharfe Augen, Mrs. Bagnet.« »Da hast du recht! Die Alte«, sagt Mr. Bagnet, »ist schnell. Wie Pulver.« »Aber was viel wichtiger ist«, fährt George fort, »heute hat sie ihren Tag, und wir wollen ihn feiern. Ich habe Ihnen eine kleine Brosche mitgebracht, 's ist ein armseliges Ding, aber ein Andenken. Das ist das einzig Gute daran, Mrs. Bagnet.« Mr. George zieht sein Geschenk aus der Tasche, das mit bewundernden Sprüngen und Händeklatschen von den Kindern und einer Art ehrfurchtsvollen Staunens von Mr. Bagnet begrüßt wird. »Alte«, sagt Mr. Bagnet, »sage ihm meine Meinung darüber.« »Ach, es ist wunderschön, George!« ruft Mrs. Bagnet aus. »So etwas Herrliches habe ich noch niemals gesehen.« »Gut«, sagt Mr. Bagnet. »Das ist meine Meinung.« »Es ist so hübsch, George«, beteuert Mrs. Bagnet, wendet die Brosche nach allen Seiten und hält sie auf Armeslänge vor sich hin, »daß es für mich viel zu vornehm aussieht.« »Schlecht«, sagt Mr. Bagnet. »Nicht meine Meinung.« »Aber so oder so, hunderttausend Mal Dank, alter Junge!« Mrs. Bagnet reicht mit vor Freude glänzenden Augen George die Hand. »Und wenn ich auch manchmal eine etwas kratzbürstige Soldatenfrau gegen Sie gewesen bin, George, so sind wir doch in Wirklichkeit so gut Freund miteinander wie nur möglich. Nicht? Sie müssen die Brosche jetzt der guten Vorbedeutung wegen selbst feststecken, George.« Die Kinder drängen sich heran, um zuzusehen, und Mr. Bagnet schaut über des jungen Woolwich Kopf ebenfalls zu, und mit einem so ausgesprochen hölzernen und doch so vergnügt kindischen Interesse, daß Mrs. Bagnet lachen muß und sagt: »Ach Lignum, Lignum, was für ein kostbarer alter Kerl du doch bist!« Aber es gelingt dem Kavalleristen nicht, die Brosche zu befestigen. Seine Hände zittern, er ist nervös, und sie fällt herunter. »Sollte man das glauben?« sagt er, indem er sie auffängt und sich umsieht. »Ich bin so hergenommen, daß ich nicht einmal mehr das kann.« Mrs. Bagnet ist der Meinung, daß es für einen solchen Fall kein besseres Mittel gibt als eine Pfeife, und schiebt dem Kavalleristen, nachdem sie selbst die Brosche in einem Nu festgesteckt hat, seinen gewohnten bequemen Sessel hin und holt die Pfeifen herbei. »Wenn Sie das nicht wieder in Stimmung bringt, George«, sagt sie, »brauchen Sie nur manchmal einen Blick auf Ihr Geschenk hier zu werfen, und das beides zusammen wird dann schon wirken.« »Sie selbst werden es tun, Mrs. Bagnet«, gibt George zur Antwort. »Die blauen Bohnen sind mir in letzter Zeit ein wenig zu arg um den Kopf geflogen. Da war erstens einmal der arme Bursche. Es war eine schlimme Sache, ihn so sterben zu sehen, ohne ihm helfen zu können.« »Wieso, George? Sie haben ihm doch geholfen. Sie haben ihn doch bei sich aufgenommen.« »Insofern schon. Aber das ist ein bißchen wenig. Ich meine, Mrs. Bagnet, ich sah ihn sterben, ohne daß man ihn jemals viel mehr gelehrt hatte, als seine rechte Hand von seiner linken zu unterscheiden. Und dann stand es schon zu schlimm mit ihm, als daß man ihm noch viel hätte helfen können.« »Armer Teufel«, seufzt Mrs. Bagnet. »Und dann«, fährt der Kavallerist fort und streicht sich wieder mit seiner schweren Hand über die Stirn, »hab ich dabei an Gridley denken müssen. Ebenfalls ein schlimmer Fall, wenn auch in andrer Art. Überdies trug die Schuld daran in beiden Fällen derselbe steinharte Schuft, und an diesen verrosteten Karabiner denken zu müssen, wie er immer dasteht, teilnahmslos und gleichgültig – da kribbelt's mir in den Fingern.« »Mein Rat wäre«, meint Mrs. Bagnet, »zünden Sie sich lieber die Pfeife an und lassen Sie sich den Rauch im Munde kribbeln. Das ist angenehmer und weniger aufregend und wahrscheinlich auch besser für Ihre Gesundheit.« »Da haben Sie recht. Das will ich tun.« Der Kavallerist tut es auch, aber mit einer Miene entrüsteter Ernsthaftigkeit, die auf die jungen Familienmitglieder einen großen Eindruck macht und sogar Mr. Bagnet veranlaßt, die Zeremonie, auf Mrs. Bagnets Gesundheit zu trinken, noch ein wenig aufzuschieben. Erst nachdem die jungen Damen das, was Mr. Bagnet die »Legierung« nennt, bereitet haben und Georges Pfeife in heller Glut brennt, hält es Mr. Bagnet für seine Pflicht, den Trinkspruch des Abends, wie immer bei solchen Gelegenheiten, mit musterhafter Knappheit auszubringen. Er richtet an die versammelte Gesellschaft folgende Worte: »George. Woolwich. Quebec. Malta. Heute ist ihr Geburtstag. Marschieret den ganzen Tag. Und ihr werdet keine zweite finden. Auf ihre Gesundheit!« Nachdem dieser Toast mit Begeisterung getrunken worden, dankt Mrs. Bagnet ebenfalls mit einer hübschen Rede von entsprechender Kürze. Ihre Musterstilübung beschränkt sich wie immer auf die paar Worte: »Und die eurige.« Sie nickt dabei allen der Reihe nach zu und nimmt dann einen genau bemeßnen Schluck von der »Legierung«. Heute aber fügt sie außerdem ganz unerwartet den Ausruf hinzu: »Da steht jemand.« Und wirklich, sehr zum Erstaunen der kleinen Gesellschaft schaut jemand zur Stubentür herein. Es ist ein Mann mit scharfem, durchdringendem Blick. Und jeder muß ihn ansehen und hat dabei das Gefühl: Das ist ein höchst merkwürdiger Mensch. »George«, sagt der Mann und nickt, »wie befinden Sie sich?« »Ah, Bucket!« ruft Mr. George. »Ich ging hier durch die Straße«, erzählt der Mann, kommt jetzt herein und schließt die Tür, »als ich zufällig hier stehen blieb, mir die Musikinstrumente im Ladenfenster betrachtete – ein Freund von mir möchte nämlich ein gebrauchtes Violoncello von gutem Ton kaufen – und eine Gesellschaft sich amüsieren sah. Ich glaubte, Sie in der Ecke zu erkennen, George, und habe mich, wie ich sehe, auch nicht geirrt. Wie geht es Ihnen zur Zeit, George? Ziemlich gut? Und Ihnen, Maam, und Ihnen, Meister? Aber sieh mal einer!« Mr. Bucket breitet die Arme aus. »Da sind ja Kinder. Ihr könnt alles mit mir machen, wenn ihr mir nur Kinder zeigt. Gebt mir einen Kuß, ihr Schätzchen! Brauche nicht erst zu fragen, wer euer Vater und eure Mutter ist. Hab so eine Ähnlichkeit in meinem Leben noch nicht gesehen.« Freundlich aufgenommen, hat sich Mr. Bucket neben Mr. George gesetzt und Quebec und Malta auf seine Knie genommen. »Ihr hübschen Kinder«, sagt Mr. Bucket, »gebt mir noch einen Kuß; das ist das einzige, wovon ich nie satt werden kann. Gott segne euch. Wie gesund ihr ausseht. Wie alt mögen die beiden wohl sein, Maam? Möchte sie so etwa auf acht bis zehn Jahre schätzen.« »Stimmt so ungefähr, Sir«, sagt Mrs. Bagnet. »Ich errate es fast immer, denn ich habe Kinder so gern. Ein Freund von mir hat neunzehn, Maam. Alle von einer Mutter. Und sie sieht noch so frisch und rosig aus wie der Morgen. Nicht so wie Sie, aber meiner Seel, sie kommt Ihnen nahe.« »Ja, und was ist denn das da, meine Schätzchen?« fährt Mr. Bucket, wieder zu den Kindern gewendet, fort und kneift Malta in die Wange. »Das sind ja wirkliche Pfirsiche. Meiner Seel. Und was meinst du von Papa? Glaubst du, er könne ein gebrauchtes Violoncello von gutem Ton für Mr. Buckets Freund empfehlen, Kleine? Ich heiße Bucket. Komisch, nicht?« Diese kleinen Schmeicheleien haben dem Mann die Herzen der Familie im Handumdrehen gewonnen. Mrs. Bagnet vergißt die Feierlichkeiten des Tages soweit, daß sie Mr. Bucket eine Pfeife stopft und ihm eigenhändig ein Glas einschenkt. Sie würde unter allen Umständen, sagt sie, einen so gewinnenden Menschen freundlich aufnehmen, aber als Freund Georges sehe sie ihn heute, wo dieser nicht in seiner gewöhnlichen Laune sei, besonders gerne. »Nicht in seiner gewöhnlichen Laune!« ruft Mr. Bucket aus. »Na, aber so etwas! Was ist denn los, George? Mir werden Sie doch nicht sagen, Sie wären nicht bei Laune. Sie haben doch nichts auf dem Herzen?« »Nichts Besonderes«, entgegnet der Kavallerist. »Na, das sollt ich auch meinen. Was könnten denn Sie auf dem Herzen haben, möchte ich wissen? Haben diese kleinen Schätzchen da vielleicht auch etwas auf dem Herzen, he? Sie selbst nicht, aber manch junger Bursche wird sie später einmal auf dem Herzen haben und schrecklich traurig dabei sein. Ich verstehe mich nicht aufs Prophezeien, aber soviel kann ich mit Bestimmtheit voraussagen, Maam.« Mrs. Bagnet, ganz entzückt, hofft, daß Mr. Bucket auch Familie hat. »Das ist es doch eben, Maam, würden Sie das glauben? Nein, ich habe keine. Meine Frau und eine Mieterin sind meine ganze Familie. Mrs. Bucket hat Kinder ebenso lieb wie ich und wünschte sich auch welche. Aber nein. So geht's. Irdische Güter sind ungleich verteilt, und der Mensch soll nicht murren. Was für einen hübschen Hof Sie da haben, Maam. Hat er einen Ausgang?« Der Hof hat keinen Ausgang. »Wahrhaftig nicht?« sagt Mr. Bucket. »Man sollte doch wirklich glauben, daß so ein Hof einen Ausgang haben müsse. Ich wüßte wirklich nicht, daß mir jemals ein Hof besser gefallen hätte. Sie erlauben doch, daß ich ihn mir näher ansehe. Danke bestens. Er hat wirklich keinen Ausgang, wie ich sehe.« Nachdem Mr. Bucket mit seinem scharfen Blick sich draußen überall umgesehen hat, kehrt er zu seinem Stuhl zurück und klopft Mr. George freundschaftlich auf die Achsel. »Wie sind Sie jetzt aufgelegt, George?« »Schon wieder ganz gut.« »Sehen Sie, das laß ich mir gefallen. Ein Mann von Ihrer Gestalt und Konstitution hat kein Recht, niedergedrückt zu sein, nicht wahr, Maam? Und Sie haben nichts auf dem Herzen. Verstehen Sie wohl, George! Was könnten Sie denn auf dem Herzen haben!« Mr. Bucket verweilt auffallend lange bei diesen Äußerungen, indem er sie ganz im Widerspruch mit seinem sonstigen Unterhaltungstalent ein paar Mal wiederholt, während er sich die Pfeife anzündet und dabei, wie das so seine Gewohnheit manchmal ist, ein horchendes Gesicht macht. Aber die Sonne seiner Gemütlichkeit erholt sich bald von dieser kurzen Verfinsterung und scheint wieder. »Und das ist der kleine Bruder, nicht wahr, Kinder?« wendet er sich an Quebec und Malta, um über den jungen Woolwich Näheres zu erfahren. »Ein hübscher kleiner Bruder – Stiefbruder wollte ich sagen, denn er ist zu alt, um Ihr Sohn zu sein, Maam.« »Von wem sollte er denn sonst sein«, lacht Mrs. Bagnet. »Was? Ah, da staun ich. Aber er ist Ihnen wahrhaftig ähnlich. Kein Zweifel. Wunderbar ähnlich. Nur um die Stirn herum erkennt man den Vater.« Mr. Bucket vergleicht die Gesichter und schließt dabei ein Auge, während Mr. Bagnet ruhevoll seine Pfeife raucht. Mrs. Bagnet benützt die Gelegenheit, zu sagen, daß der Junge Georges Patenkind ist. »Georges Patenkind? So, so«, entgegnet Mr. Bucket mit ausnehmender Herzlichkeit. »Da muß ich ihm ja noch ein Mal die Hand schütteln. Die beiden machen einander Ehre. Was wollen Sie ihn denn werden lassen, Maam? Zeigt er Lust zu einem musikalischen Instrument?« Mr. Bagnet mischt sich plötzlich ins Gespräch: »Spielt die Querpfeife. Wunderschön.« »Würden Sie glauben, Meister«, sagt Mr. Bucket, über das Zusammentreffen verwundert, »daß ich als Junge selber die Querpfeife gespielt habe? Nicht wissenschaftlich, wie er wahrscheinlich; nur nach dem Gehör. Meiner Seel! – 'Die britischen Grenadiere' das ist eine Melodie, bei der einem Engländer warm ums Herz wird. Könntest du uns 'die britischen Grenadiere' vorspielen, mein Junge?« Sofort holt der junge Woolwich seine Querpfeife und spielt die wilde erregende Melodie, zu der Mr. Bucket begeistert den Takt schlägt und immer in den Refrain einstimmt: »Die britischen Gre-he-nadiere.« Kurz, er zeigt soviel musikalischen Geschmack, daß Mr. Bagnet tatsächlich die Pfeife aus dem Mund nimmt, um ihm zu versichern, er müsse unbedingt ein Sänger sein. Mr. Bucket bekennt bescheiden, einmal ein wenig gesungen zu haben, und man fordert ihn auf, zu singen. Um die Gemütlichkeit seinerseits zu fördern, gibt er schließlich nach und singt ihnen »Glaubt mir, wenn all diese zau-berischen Rei-hei-ze« vor. Diese Ballade, verrät er, habe einst Mrs. Buckets jungfräuliches Herz bewegt und sie vermocht, vor den Altar zu treten – oder, wie er sich ausdrückt, pappen zu bleiben. Der bestrickende Gast ist eine so neue unschätzbare Zugabe für den Festtag, daß Mr. George, der anfangs keine sehr große Freude bei seinem Eintritt an den Tag gelegt hat, anfängt, stolz auf ihn zu werden. Er entpuppt sich als ein so vielseitiger Mann und hat ein so gewinnendes Benehmen, daß es immerhin ein gewisses Verdienst ist, ihn hier eingeführt zu haben. Mr. Bagnet fühlt nach einer zweiten Pfeife den Wert der neuen Bekanntschaft so sehr, daß er den Gast um die Ehre seines Besuchs am nächsten Geburtstag der Alten bittet. Wenn etwas die Achtung, die Mr. Bucket der Familie gegenüber an den Tag legt, noch mehr befestigen kann, so ist es seine Entdeckung des Anlasses der heutigen Festlichkeit. Er trinkt Mrs. Bagnet mit einer an Begeisterung grenzenden Wärme zu, bedankt sich verbindlich für die Einladung, merkt sich den Tag in einer großen schwarzen Brieftasche mit Gummiband an und gibt der Hoffnung Raum, daß inzwischen Mrs. Bucket und Mrs. Bagnet schwesterliche Freundinnen geworden sein möchten. Was sei öffentliches Leben ohne Freundschaftsbande, sagt er. Er sei in seiner bescheidnen Sphäre ein Mann der Öffentlichkeit sozusagen, aber darin fände er sein Glück nicht. Nur in der engen Häuslichkeit könne man es finden. Unter diesen Umständen ist es nur natürlich, wenn er jetzt auch des Freundes gedenkt, dem er eine so vielversprechende Bekanntschaft verdankt. Und er tut es. Er schließt sich sehr an ihn an. Immer wieder kommt er darauf zurück, von was immer auch gesprochen wird. Er wartet, um mit ihm nach Hause zu gehen. Sogar seine Stiefel interessieren ihn, und er beobachtet sie aufmerksam, während Mr. George mit überschlagnen Beinen am Kamin sitzt und raucht. Endlich steht der Kavallerist auf, um zu gehen, und im selben Augenblick erhebt sich auch Mr. Bucket. Er kann sich von den Kindern gar nicht trennen und kommt wieder auf den Auftrag, den er für einen abwesenden Freund übernommen hat, zurück. »Was das gebrauchte Violoncello betrifft, Meister, können Sie mir ein solches empfehlen?« »Dutzende«, sagt Mr. Bagnet. »Ich bin Ihnen sehr verbunden«, entgegnet Mr. Bucket und drückt ihm die Hand. »Sie sind ein Freund in der Not. Einen guten Ton muß es haben, nicht vergessen! Mein Freund ist kein Stümper. Wahrhaftig, er fiedelt seinen Mozart und seinen Händel und die andern Obermacher herunter wie einer vom Fach, und«, setzt er vertraulich hinzu, »Sie brauchen sich hinsichtlich des Preises nicht zu sehr ins Fleisch zu schneiden, Meister. Ich will nicht gerade einen zu hohen Preis für meinen Freund anlegen, aber andrerseits sollen Sie auch Ihre anständigen Prozente haben und für Ihren Zeitverlust entsprechend entschädigt werden. Das ist recht und billig. Jeder Mensch muß leben und verdienen.« Mr. Bagnet nickt der Alten zu, um damit auszudrücken, welches Juwel sie in dem Manne gefunden hätten. »Angenommen, ich fragte morgen um halb elf wieder hier an, könnten Sie mir da schon die Preise von ein paar Violoncellos von gutem Ton sagen?« Nichts leichter als das. Mr. und Mrs. Bagnet verpflichten sich beide, bis dahin die erforderliche Auskunft verschafft zu haben, und wechseln Blicke, ob es nicht möglich sei, einen kleinen Vorrat zur Besichtigung herbeizuschaffen. »Ich danke Ihnen«, sagt Mr. Bucket. »Gute Nacht, Maam. Gute Nacht, Meister. Gute Nacht, meine Schätzchen. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar für einen der angenehmsten Abende, die ich in meinem Leben gehabt habe.« Die Bagnets sind dem Herrn sehr verpflichtet für das Vergnügen, und so scheiden sie mit vielen Ausdrücken der Zufriedenheit von einander. »Nun, George, alter Junge«, sagt Mr. Bucket und nimmt an der Ladentür den Arm des Kavalleristen, »kommen Sie.« Wie sie die kleine Straße hinabgehen und die Bagnets ihnen eine Weile nachsehen, bemerkt die Alte zu dem würdigen Lignum, »daß Mr. Bucket sehr an George zu hängen und ihn wirklich gern zu haben scheint«. Da die nächstfolgenden Straßen eng und schlecht gepflastert sind, so ist es sehr unbequem für zwei Leute, nebeneinander Arm in Arm zu gehen, und Mr. George schlägt daher vor, sie sollten lieber einzeln marschieren. Mr. Bucket kann sich durchaus nicht entschließen, den Freund loszulassen, und vertröstet ihn: »Nur noch eine Minute, George! Ich möchte erst mit Ihnen sprechen.« Gleich darauf schiebt er ihn in ein Wirtshaus hinein und in ein Stübchen, stellt sich ihm gegenüber und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Tür. »Hören Sie, George«, sagt er. »Pflicht ist Pflicht und Freundschaft ist Freundschaft. Ich will nie, daß die beiden einander in die Haare geraten, wenn ich es verhindern kann. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, die Sache heute abend angenehm zu gestalten, und sagen Sie selbst, ob ich es getan habe oder nicht. Aber jetzt haben Sie sich als verhaftet zu betrachten.« »Verhaftet? Weshalb?« entgegnet der Kavallerist, wie vom Donner gerührt. »Hören Sie, George«, sagt Mr. Bucket und hebt bedeutungsvoll und eindringlich seinen dicken Zeigefinger in die Höhe. »Pflicht, das wissen Sie recht gut, und Unterhaltung sind zweierlei. Es ist meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß jede Äußerung, die Sie tun, unter Umständen belastend für Sie sein kann. Also nehmen Sie sich in acht, George, mit dem, was Sie sagen. Also: Haben Sie nicht zufällig von einer Mordtat gehört?« »Einer Mordtat?« »George«, sagt Mr. Bucket und macht mit seinem Zeigefinger eine ausdrucksvolle Bewegung, »vergessen Sie nicht. Sie sind diesen Nachmittag in gedrückter Stimmung gewesen. Ich sage, haben Sie zufällig nichts von einem Mord gehört?« »Nein. Wer ist denn ermordet worden?« »Passen Sie auf, George. Kompromittieren Sie sich nicht. Ich will Ihnen sagen, weshalb ich Sie verhafte. Es ist jemand in Lincoln's-Inn-Fields ermordet worden – ein Gentleman namens Tulkinghorn. Er ist gestern nacht erschossen worden.« Der Kavallerist sinkt auf eine hinter ihm stehende Bank zurück. Große Schweißtropfen perlen auf seiner Stirn, und Totenblässe überzieht sein Gesicht. »Bucket! Es ist doch nicht möglich, daß Sie mich in Verdacht haben, Mr. Tulkinghorn ermordet zu haben?« »George«, – Mr. Bucket bewegt immer noch seinen Zeigefinger hin und her – »das ist nicht nur möglich, sondern sogar der Fall. Die Tat geschah gestern abend um zehn Uhr. Nun wissen Sie doch jedenfalls, wo Sie gestern abend um zehn Uhr waren, und können es beweisen.« »Gestern abend? Gestern abend?« wiederholt der Kavallerist gedankenvoll. Dann geht ihm plötzlich ein Licht auf. »Gott im Himmel, ich war gestern abend dort.« »Das weiß ich, George«, entgegnet Mr. Bucket mit großer Überlegung. »Ich weiß es. Und Sie sind sehr oft dort gewesen. Man hat Sie häufig in der Gegend gesehen und mehr als ein Mal gehört, daß Sie sich mit ihm herumgezankt haben. Man soll sogar – ich sage nicht, daß es der Fall sein muß, wohl verstanden –, aber man will ihn Sie einen gewalttätigen gefährlichen Kerl haben nennen hören.« Der Kavallerist schnappt nach Luft, als wolle er alles das zugeben und könne nur nicht sprechen. »Also, George«, fährt Mr. Bucket fort und legt seinen Hut auf den Tisch mit einer geschäftsmäßigen Miene wie ein Tapezierer. »Mein Wunsch ist, die Sache so glatt und angenehm zu machen, wie sie den ganzen Abend gewesen ist. Ich sage Ihnen offen, Sir Leicester Dedlock, Baronet, hat eine Belohnung von hundert Guineen ausgesetzt. Wir beide sind immer gut miteinander ausgekommen, und ich sehe nicht ein, weshalb ich die hundert Guineen nicht ebensogut wie irgendein andrer verdienen sollte. Aus allen diesen Gründen wird es Ihnen hoffentlich klar sein, daß ich Sie haben muß und daß ich verdammt sein will, wenn ich Sie jetzt nicht habe. Soll ich Beistand herbeirufen oder geht die Sache glatt?« Mr. George hat sich erholt und richtet sich auf wie ein Soldat. »Los!« sagt er. »Ich bin bereit.« »Warten Sie einen Augenblick, George«, fährt Mr. Bucket fort. Mit seiner Tapezierermiene, als wäre der Kavallerist ein auszubesserndes Möbel, holt er ein Paar Handschellen aus der Tasche. »Es ist eine peinliche Sache, George, aber die Pflicht schreibt es mir vor...« Der Kavallerist wird blutrot vor Zorn und zögert einen Augenblick; dann aber hält er seine beiden Hände hin und sagt: »Da! Legen Sie sie an!« Mr. Bucket hat die Handschellen im Nu befestigt. »Wie passen sie Ihnen? Sind sie bequem? Wenn nicht, so sagen sie's, denn ich möchte Ihnen alles so angenehm machen, wie es sich nur irgend mit meiner Pflicht verträgt, und ich habe noch ein Paar in der Tasche.« Er sagt das alles wie ein höchst respektabler Kaufmann, dem die sorgfältigste Ausführung eines Auftrags sehr am Herzen liegt. »Passen sie Ihnen so, wie sie sind? Also gut! Sie sehen, George«, er nimmt einen Mantel aus einer Ecke und hängt ihn dem Kavalleristen um, »ich habe auf Ihre Gefühle Rücksicht genommen und den Mantel zu diesem Zweck mitgebracht. So. Wer weiß jetzt was?« »Nur ich«, entgegnet der Kavallerist, »aber da ich es weiß, tun Sie mir nur noch den einzigen Gefallen und ziehen Sie mir den Hut über die Augen.« »Trotzdem? Glauben Sie? Warum eigentlich? Es sieht nicht gut aus.« »Ich kann niemandem mit diesen Dingern an den Händen ins Gesicht sehen«, antwortet Mr. George hastig. »Um Gottes willen, ziehen Sie mir den Hut ins Gesicht.« So eindringlich gebeten, gibt Mr. Bucket nach, setzt dann selbst seinen Hut auf und führt seine Beute auf die Straße hinaus. So fest wie immer marschiert der Kavallerist einher, nur den Kopf trägt er weniger aufrecht, und Mr. Bucket steuert ihn über die Straßenübergänge und um die Ecken. 50. Kapitel Esthers Erzählung Als ich von Deal nach Hause kam, fand ich einen Brief von Caddy Jellyby mit der Nachricht vor, ihr Gesundheitszustand, seit einiger Zeit schon nicht der beste gewesen, habe sich verschlimmert, und sie würde sich mehr, als sie sagen könne, freuen, wenn ich sie besuchen käme. Es waren nur wenige Zeilen, offenbar im Bett geschrieben, und ihnen lag ein Brief von ihrem Gatten bei, der ihre Bitte unterstützte. Caddy war inzwischen Mutter geworden und ich die Patin eines niedlichen, uralt aussehenden Würmchens mit einem Gesicht, so klein, daß man kaum etwas andres als den Mützenbesatz sehen konnte. Seine kleinen magern langfingerigen Händchen hielt es beständig unter dem Kinn zusammengeballt. In dieser Stellung pflegte es nämlich den ganzen Tag dazuliegen, die hellen Äugelchen weit offen und offenbar ganz verwundert, warum es so klein und schwach war. Nur wenn man es nahm, schrie es, aber zu allen andern Zeiten war es so geduldig, daß es der einzige Wunsch seines Lebens zu sein schien, still zu liegen und nachzudenken. Es hatte seltsame tiefblaue kleine Äderchen im Gesicht und merkwürdige dunkle Flecken unter den Augen, die aussahen wie Erinnerungszeichen an Caddys Tintenklecksepoche, und alles in allem bot es für Fremde oder Unbeteiligte einen recht kläglichen Anblick. Aber Caddy war offenbar daran gewöhnt. Ihre Pläne und Gedanken über der kleinen Esther Erziehung und deren künftige Heirat, mit denen sie sich die Stunden ihres Krankenlagers verkürzte und sich zuweilen bis in die ferne Zukunft verstieg, wo sie erst Großmutter sein würde, sprachen so hübsch von ihrer Liebe und Hingebung zu diesem Stolz ihres Lebens, daß ich gerne noch mehr davon erzählen würde, wenn ich nicht fürchten müßte, mich dabei allzu sehr aufzuhalten. Um also wieder auf den Brief zurückzukommen. Caddy frönte in bezug auf mich einem Aberglauben, der sich von jenem längst vergangnen Abend, wo sie mit ihrem Kopf auf meinem Schoß eingeschlummert war, herleitete und im Lauf der Zeit immer stärker geworden war. Sie bildete sich nämlich ein, daß ihr meine Nähe gut täte. Natürlich war das nur eine Grille des guten Kindes, die zu erwähnen ich mich fast schäme, der ich aber, wo sie jetzt wirklich krank war, jedenfalls Rechnung tragen mußte. Deshalb fuhr ich mit meines Vormunds Einwilligung bereits mit der nächsten Post zu ihr, und sie und Prince empfingen mich mit einer Überschwenglichkeit, die wirklich schon jedes Maß überstieg. Den Tag darauf besuchte ich sie abermals, und den nächsten Tag wieder. Es war durchaus keine beschwerliche Reise, und ich brauchte nur früh etwas zeitiger aufzustehen, um meine Rechnungen in Ordnung zu bringen und die Wirtschaftsangelegenheiten vorzubereiten, ehe ich mich auf den Weg machte; aber nach dem dritten Besuch sagte mein Vormund zu mir, als ich abends zurückkehrte: »Nein, kleines Frauchen, das geht so nicht weiter. Steter Tropfen höhlt den Stein, und wenn Mütterchen Spinnweb immer so hin und her fahren wollte, würde sie das schließlich sehr angreifen. Wir müssen auf einige Zeit nach London gehen und unsre alte Wohnung wieder beziehen.« »Bitte, nicht meinetwegen, lieber Vormund«, sagte ich. »Es ermüdet mich gar nicht« – das war auch wirklich der Fall – »und ich fühle mich so glücklich, daß man meiner bedarf.« »Also dann meinetwegen und Adas wegen. – Morgen ist übrigens, wenn ich nicht irre, irgend jemandes Geburtstag.« »Es kommt mir wahrhaftig auch so vor.« – Ich küßte meinen Liebling, der morgen einundzwanzig Jahre alt wurde. »Ja, das ist ein wichtiger Tag«, sagte mein Vormund halb scherzend, halb ernst, »und meine schöne Kusine wird allerhand Wege haben, weil sie volljährig wird. Schon deswegen müssen wir nach London. Das wäre also abgemacht. Sag mal, wie geht es übrigens Caddy?« »Nicht besonders, Vormund. Ich fürchte, es wird immerhin einige Zeit dauern, ehe sie wieder zu Kräften kommt.« »Was nennst du einige Zeit?« fragte mein Vormund nachdenklich. »Einige Wochen, fürchte ich.« »So, so!« Er schien sich dasselbe gedacht zu haben. »Was meinst du über ihren Arzt? Ist er gut und verläßlich, mein Kind?« Ich sagte, daß man sich in keiner Hinsicht über ihn beklagen könne, aber Prince und ich hätten heute abend davon gesprochen, sein Urteil noch von einem andern bestätigen zu lassen. »Da wäre doch Woodcourt am besten«, entgegnete mein Vormund rasch. Ich hatte gar nicht an ihn gedacht und war daher ein wenig überrascht. Einen Augenblick schienen alle Gedanken, die ich mir je über Mr. Woodcourt gemacht hatte, in meiner Erinnerung aufzuwachen und mich zu verwirren. »Hast du vielleicht etwas gegen ihn einzuwenden, kleines Frauchen?« »Etwas gegen ihn einzuwenden? Gewiß nicht.« »Und du glaubst nicht, daß die Kranke dagegen wäre?« Ich bezweifelte nicht im geringsten, daß sie großes Vertrauen zu ihm haben und er ihr sehr gut gefallen würde. Sie kenne ihn übrigens persönlich und habe ihn oft bei Miß Flite gesehen. »Ausgezeichnet«, sagte mein Vormund. »Er war heute hier, und ich werde ihn gleich morgen wegen der Sache aufsuchen.« Während dieses kurzen Gesprächs hielt mich mein Herzenskind fröhlich umschlungen, und mich beschlich die deutliche Empfindung, trotzdem sie kein Wort sagte oder auch nur mit einem Blick darauf anspielte, daß sie daran dachte, wie mir Caddy damals den kleinen Abschiedsstrauß Mr. Woodcourts übergab. Das brachte mich auf den Gedanken, ich müsse ihr und auch Caddy anvertrauen, daß ich Mr. Jarndyces Gattin werden sollte, und diese Enthüllung schon um meiner selbst willen nicht weiter hinausschieben dürfe. Nachdem wir hinaufgegangen waren und ich gewartet hatte, bis es zwölf Uhr schlug, um als erste meinem Liebling zu ihrem Geburtstag Glück zu wünschen und sie an mein Herz zu schließen, vertraute ich ihr an, welch glückliches Leben mir bestimmt sei, und sie fiel mir um den Hals und war so zärtlich zu mir wie vielleicht nie vorher. Ich freute mich so sehr darüber, und das Gefühl, richtig gehandelt zu haben, war mir eine solche Erleichterung, daß ich mich noch zehnmal glücklicher fühlte als zuvor. Den Tag darauf fuhren wir nach London. Unsre alte Wohnung stand leer, und in einer halben Stunde fühlten wir uns wieder so gemütlich darin, als hätten wir sie nie verlassen. Zur Feier des Geburtstags meines Lieblings hatte mein Vormund Mr. Woodcourt zu Mittag geladen, und es war so gemütlich, wie es bei der großen Lücke, die Richards Abwesenheit bei einem solchen Feste natürlich bedeuten mußte, nur sein konnte. Von da an war ich acht oder neun Wochen lang meistens bei Caddy, und so kam es, daß ich Ada viel seltner sah als früher. Sie kam zwar oft zu Besuch, aber wir bemühten uns dann, die Kranke zu zerstreuen oder aufzuheitern, und plauderten daher nicht wie sonst in unsrer gewohnten vertraulichen Weise. So oft ich über die Nacht nach Hause ging, waren wir wohl beisammen, aber das war nicht häufig der Fall, denn ich blieb meistens bei Caddy, die oft vor Schmerzen schlaflos war, um sie zu pflegen. Was für ein gutes Geschöpf Caddy doch war! Sie liebte ihren Gatten und ihr armes kleines Würmchen von einem Kind so zärtlich und mußte sich doch für ihre Häuslichkeit so abrackern! So voller Selbstverleugnung, so ohne die leiseste Klage, so bestrebt, der andern wegen gesund zu werden, und besorgt, jemand beschwerlich zu fallen, machte sie sich immerwährend Vorwürfe, ihrem Gatten jetzt in seinem Unterricht nicht beistehen und die Bequemlichkeiten des alten Mr. Turveydrop nicht unterstützen zu können, daß ich mir gestehen mußte, ich lernte sie erst jetzt von ihrer besten Seite kennen. Und es war so seltsam, daß sie blaß und hilflos Tag für Tag daliegen mußte, wo doch das Tanzen ihr Lebensberuf war und schon frühzeitig jeden Morgen die Fiedel den Schülern im Ballsaal aufspielte und der melancholische kleine Junge den ganzen Nachmittag allein in der Küche Walzer tanzte. Auf ihren Wunsch übernahm ich die Oberaufsicht über ihr Zimmer, räumte es auf und schob sie samt ihrem Bett in eine helle, luftigere und freundlichere Ecke, und jeden Tag, wenn alles sauber aufgeräumt worden war, legte ich ihr mein kleines Namensschwesterchen in die Arme und setzte mich neben sie, um zu arbeiten, zu plaudern oder ihr vorzulesen. Bei einer solchen Gelegenheit erzählte ich ihr auch von der bevorstehenden Änderung in meinem Schicksal. Außer Ada bekamen wir noch mancherlei Besuch. In erste Linie natürlich von Prince, der oft in den ihm so kärglich zugemeßnen freien Minuten zwischen den Lehrstunden vorsichtig hereinkam und sich leise hinsetzte, zärtlich um Caddy und das winzige Kind bekümmert. Mochte sich Caddy gut oder schlecht befinden, immer versicherte sie Prince, sie sei fast schon gesund, und ich versäumte natürlich nicht, ihm das zu bestätigen. Das pflegte ihn immer sehr aufzuheitern. Er nahm dann zuweilen die Violine aus der Tasche und spielte ein paar Noten, um das Baby in Erstaunen zu versetzen, aber es wollte ihm niemals gelingen, denn mein kleines Namensschwesterchen nahm nicht die geringste Notiz davon. Zuweilen kam auch Mrs. Jellyby. Sie saß dann in ihrer gewohnten zerstreuten Art ruhig da und blickte über ihr Enkelkind hinaus in unendliche Fernen, als wäre ihre Aufmerksamkeit ganz und gar von irgendeinem jungen Borriobulaner an seinem heimischen Strand in Anspruch genommen. So klaräugig, heiter, ruhig und unsauber wie immer pflegte sie dann stets zerstreut zu fragen: »Nun, Caddy, mein Kind, wie geht es dir heute?« Und dann saß sie wieder liebenswürdig lächelnd da, überhörte die Antwort und schien im Geiste die Zahl der Briefe, die sie empfangen oder noch zu beantworten hatte, zu überschlagen oder über die Ertragsfähigkeit der Kaffeebäume in Borriobula-Gha Berechnungen anzustellen. Ein gewisse fröhliche Geringschätzung der Beschränktheit unsres Wirkungskreises, aus der sie kein Hehl machte, lag dabei stets in ihren Mienen. Auch der alte Mr. Turveydrop kam zuweilen. Von Morgen bis Abend und von Abend bis Morgen war er ununterbrochen der Mittelpunkt umfassender Vorsichtsmaßregeln. Schrie zum Beispiel das Wickelkind, so erstickte man es fast, damit der Lärm ihn nicht störe. Mußte das Feuer in der Nacht geschürt werden, tat man es heimlich und so geräuschlos wie möglich. Zum Dank für solche Rücksicht kam er gewöhnlich ein Mal des Tages mit seinem Segen in das Krankenzimmer und legte dabei eine Herablassung, eine Gönnermiene und ein so huldreiches Wesen an den Tag, wenn er das Licht seiner hochschultrigen Anwesenheit leuchten ließ, daß man hätte meinen sollen, er wäre Caddys Wohltäter von ihrer Kindheit an gewesen. »Liebe Caroline«, pflegte er zu sagen und sich, soweit ihm das sein Schnürleib erlaubte, über sie zu beugen, »sagen Sie mir, daß Sie sich heute viel besser befinden.« »Oh, viel besser, ich danke Ihnen, Mr. Turveydrop«, gab dann stets Caddy zur Antwort. »Entzückend! Bezaubernd! Und Sie, liebe Miß Summerson, brechen Sie nicht vor Ermüdung zusammen ?« Er blinzelte mich dabei immer an und warf mir einen Kußfinger zu, aber glücklicherweise war er in seinen Aufmerksamkeiten bei weitem nicht mehr so übertrieben, seit mein Gesicht entstellt war. »Oh, durchaus nicht, Mr. Turveydrop!« »Entzückend! Wir müssen unsre liebe Caroline sehr in acht nehmen, Miß Summerson! Wir dürfen es ihr an nichts fehlen lassen, was zu ihrer Genesung beitragen kann. Wir müssen sie kräftig nähren. Meine liebe Caroline«, pflegte er sich dann jedes Mal mit Gönnermiene und unendlicher Großmut an seine Schwiegertochter zu wenden, »lassen Sie es sich nur ja an nichts fehlen, meine Liebe. Alles im Hause, alles hier im Zimmer steht zu Ihrer Verfügung, meine Tochter. Und nehmen Sie nicht die mindeste Rücksicht«, setzte er manchmal in einem Anfall von Edelmut hinzu, »auf meine einfachen Bedürfnisse, wenn Sie zufällig einmal mit den meinigen in Konflikt geraten sollten, liebe Caroline. Ihre gehen selbstverständlich den meinigen stets vor.« – Der Glorienschein, der sein Haupt umwob, bildete sein schon von altersher – schon von seiner verstorbnen Gattin her – so angestammtes Recht, daß niemand auch nur auf den Gedanken kam, daran zu rütteln. Ich habe sogar mehrere Male gesehen, wie Caddy und Prince durch seine Opferwilligkeit bis zu Tränen gerührt waren. – Wenn Caddy in solchen Fällen ihren abgemagerten Arm um seinen fetten Hals schlang, remonstrierte er gewöhnlich: »Nein, nein, ich habe gelobt, euch nie zu verlassen. Erfüllet eure Pflicht gegen mich, meine Kinder, und habt mich lieb, weiter verlange ich nichts. Und jetzt, Gott segne euch! Ich gehe in den Park.« Wie Caddys Augen standen dann auch immer meine voll Tränen, wenn auch aus ganz andern Gründen. Er schöpfte im Park frische Luft, natürlich nur, um Appetit zu seinem Mittagessen im Hotel zu bekommen. Hoffentlich tue ich dem alten Mr. Turveydrop kein Unrecht, aber bessere Züge als die hier getreulich berichteten habe ich wirklich niemals an ihm bemerkt. Höchstens vielleicht, daß er zu dem kleinen Peepy eine Neigung faßte und ihn zuweilen in großem Staat spazieren führte. Bei solchen Gelegenheiten schickte er ihn aber stets nach Hause, wenn er zu Tisch ging, und schenkte ihm hie und da einen halben Penny. Aber auch diese guten Seiten Mr. Turveydrops verursachten mancherlei Kosten und Zeitverlust, denn ehe Peepy genügend geschmückt war, um Hand in Hand mit dem Meister des Anstandes spazieren gehen zu können, mußte er natürlich auf Kosten Caddys und ihres Gatten von Kopf bis zu Fuß neu gekleidet werden. Der letzte in der Reihe der Besucher war Mr. Jellyby. Ich muß sagen, wenn er des Abends kam und Caddy mit leiser Stimme fragte, wie es ihr gehe, und sich dann hinsetzte, den Kopf an die Wand gelehnt, und niemals auch nur den Versuch machte, ein Wort zu sprechen, hatte ich ihn wirklich gern. Wenn er mich herumschäftern oder irgend etwas aufräumen sah, zog er manchmal seinen Rock halb aus, als beabsichtigte er, mir beizuspringen, aber weiter kam es nie. Seine einzige Beschäftigung war, dazusitzen und den versonnenen Säugling fest anzusehen. Und ich hatte beim Anblick dieses Idylls immer die komische Empfindung, daß sie einander verstünden. Unter unsern Besuchern habe ich Mr. Woodcourt nicht angeführt, da er ja als Arzt selbstverständlich regelmäßig zu Caddy kam. Unter seiner Behandlung besserte sich ihr Zustand bald; aber er war so sanft, geschickt und unermüdlich, daß das kein Wunder war. Ich sah Mr. Woodcourt damals sehr oft, trotzdem ich häufig während der Stunden, wo er erwartet wurde und ich Caddy in seinen Händen gut aufgehoben wußte, auf einen Sprung nach Hause eilte. Trotzdem trafen wir uns recht häufig. Ich hatte ihm gegenüber mein Gleichgewicht vollständig wiedergefunden, aber es war mir immer noch ein wohltuendes Gefühl, zu denken, daß er meinetwegen bekümmert war. Er war jetzt Assistent bei Mr. Badger und hatte für die Zukunft noch keine bestimmten Pläne gefaßt. Um die Zeit, als Caddy sich zu erholen begann, fing ich an, eine Veränderung an meinem Liebling zu bemerken. Ich kann nicht sagen, wann das zuerst geschah, und es war auch eigentlich das Zusammenwirken vieler Kleinigkeiten, das mich darauf aufmerksam machte. Es kam mir so vor, als sei Ada nicht mehr so heiter und offen gegen mich wie früher. Daß sie in ihrer Liebe zu mir so zärtlich und treu wie immer war, daran konnte ich keinen Augenblick zweifeln, aber es bedrückte sie ein stiller Kummer, den sie vor mir verbarg und der von einer heimlichen Wunde herrühren mußte. Das machte mir oft Sorgen, und das Glück meines Lieblings lag mir so am Herzen, daß ich viel darüber nachdenken mußte. Endlich, als ich wirklich fest überzeugt war, daß Ada mir etwas verberge, kam ich auf die Vermutung, sie sei vielleicht meinetwegen unglücklich, und zwar dessentwegen, was ich ihr hinsichtlich meines zukünftigen Schicksals gesagt hatte. Wieso ich daraufkam, weiß ich nicht, aber keinesfalls war eine selbstsüchtige Ansicht von der Sache meinerseits der Grund, denn ich fühlte mich durchaus nicht unglücklich und war im Gegenteil vollständig zufrieden. Dennoch schien es mir glaubhaft, Ada könne innerlich darüber betrübt sein und vielleicht mit Schmerz daran zurückdenken, was einmal gewesen. Was könnte ich nur tun, überlegte ich mir, um sie von solchen Gedanken abzubringen und sie eines Bessern zu belehren? Wohl kaum etwas Richtigeres, als so fröhlich und geschäftig zu sein wie möglich. Und so gab ich mir denn die größte Mühe in dieser Hinsicht. Da Caddys Pflege mehr oder weniger mit meinen sonstigen häuslichen Pflichten kollidiert hatte, wenn ich auch stets morgens meinem Vormund das Frühstück bereitet und er hundert Mal lachend gesagt hatte, es müsse wahrscheinlich zwei kleine Frauchen auf der Welt geben, denn immer sei eine an zwei ganz verschiednen Orten, so beschloß ich doch jetzt, alles nachzuholen und doppelt fleißig zu sein, lief im Hause herum, summte alle Melodien, die ich kannte, und arbeitete von früh bis Abend und schwatzte und plauderte den ganzen langen Tag hindurch. Aber trotz alledem wollte der Schatten zwischen mir und meinem Herzenskind nicht weichen. »Also, Mütterchen«, bemerkte mein Vormund eines Abends, als wir alle drei beisammen saßen, und machte sein Buch zu, »also Woodcourt hat Caddy Jellyby wieder zum Vollgenuß ihrer Gesundheit verholfen ?« »Ja«, sagte ich. »Und solche Dankbarkeit erwecken, wie sie sie für ihn empfindet, heißt Reichtümer sammeln, Vormund.« »Ich wünschte, ich könnte ihn auch in andrer Hinsicht reich machen«, nickte Mr. Jarndyce gedankenvoll. »Wirklich, von ganzem Herzen.« Ich stimmte ihm bei und sprach es aus. »Jawohl. Wir würden ihn so reich machen wie einen Juden, wenn wir nur wüßten, wie, nicht wahr, kleines Frauchen?« Ich arbeitete an meiner Stickerei weiter und lachte und meinte, daß ich das doch nicht so genau wüßte, denn vielleicht würde es ihn verderben, und so mancher würde dann seine Hilfe entbehren müssen. Wie Miß Flite und Caddy und viele andere. »Du hast recht, Mütterchen. Das habe ich nicht bedacht. Aber ihn so reich zu machen, daß er davon bequem leben könnte, dagegen hättest du doch nichts? Reich genug, um mit Ruhe arbeiten zu können. Reich genug, um sein eignes glückliches Heim und seine eignen Hausgötter haben zu können – und vielleicht auch seine Hausgöttin?« »Das wäre natürlich etwas andres«, gab ich zu. Darin wären wir gewiß alle einig. »Ja, ja«, sagte mein Vormund, »wir alle. Ich habe eine hohe Meinung von Woodcourt und schätze ihn sehr. Übrigens habe ich ihn, ohne es ihn merken zu lassen, über seine Zukunftspläne ausgeholt. Es ist schwer, einem unabhängigen Mann, der so berechtigterweise auf sich stolz sein kann wie er, Hilfe anzubieten, und dennoch täte ich es gern, wenn ich nur wüßte, wie. Er scheint so halb und halb wieder zu einer neuen Seereise entschlossen zu sein, und das bedeutet für einen Menschen wie ihn ungefähr so viel, wie alle seine Talente zu begraben. »Es könnte ihm doch vielleicht eine neue Welt eröffnen«, sagte ich. »Ja, ja, vielleicht, kleines Frauchen, und ich zweifle, daß er sich von der alten Welt noch besondre Hoffnungen macht. Ich glaube immer, es hat ihn irgendein Schicksalsschlag oder eine besondre Enttäuschung betroffen. Hast du niemals etwas dieser Art von ihm gehört?« Ich schüttelte den Kopf. »Hm. Dann muß ich mich wohl geirrt haben.« Es trat eine kleine Pause ein, und ich summte, da ich das für das Beste hielt, meinen Liebling aufzuheitern, eine Melodie, die mein Vormund gern hatte, und arbeitete dabei ruhig an meiner Handarbeit weiter. »Und glaubst du, es wird dazu kommen, daß Mr. Woodcourt abermals auf Reisen gehen wird, Vormund?« »Ich weiß nicht recht, was ich darüber denken soll, meine Liebe, aber es macht mir den Eindruck, als wolle er in einem andern Lande sein Glück versuchen.« »Er nimmt unsre allerbesten und herzlichsten Wünsche mit, wohin er auch gehen mag«, sagte ich, »und wenn das auch keine Reichtümer sind, wird es ihn darum doch nicht ärmer machen, Vormund.« »Nein, sicher nicht, kleines Frauchen.« Ich saß auf meinem gewohnten Platz neben meinem Vormund, und als ich Ada mir gegenüber anblickte, sah ich, daß ihre Augen voller Tränen standen. Ich fühlte, daß ich bloß gefaßt und heiter zu sein brauchte, um sie zu beruhigen, und da mir wirklich so zumute war, fiel es mir nicht schwer. So ließ ich denn meinen Liebling sich an meine Schulter lehnen und sagte ihr, sie sei nicht ganz wohl, schlang meinen Arm um ihre Taille und führte sie hinauf. Wie wenig ahnte ich, was ihr so schwer auf dem Herzen lag. Als wir in unserm Zimmer waren und sie, wie ich ihr ansah, mit sich kämpfte, mir etwas anzuvertrauen, was ich nicht zu hören erwartete, verredete ich die Gelegenheit und munterte sie nicht auf, mir ihr Herz auszuschütten, nicht ahnend, wie sehr sie dessen bedurfte. »Ach, meine liebe gute Esther«, sagte sie, »wenn ich mich nur entschließen könnte, mit dir und meinem Vetter John zu sprechen, wenn ihr beisammen seid.« »Aber warum tust du es denn nicht, meine Liebe?« fragte ich ganz erstaunt. »Ada?« Sie ließ nur den Kopf sinken und drückte mich fester ans Herz. »Du darfst nicht vergessen, liebes Kind«, sagte ich lächelnd, »was für ruhige altmodische Leute wir sind und was für eine gesetzte Matrone ich geworden bin. Du darfst nicht vergessen, welch glückliches friedvolles Leben meiner wartet, und an wessen Seite. Du mußt dir immer vor Augen führen, an der Seite welches hochherzigen Menschen, Ada!« »Ja, immer, Esther.« »Aber dann ist ja alles in Ordnung, Liebling. Warum kannst du dann nicht mit uns sprechen?« »Alles in Ordnung, Esther? Ach, wenn ich an alle diese Jahre, an seine väterliche Sorgfalt und Güte und unsre alten freundschaftlichen Beziehungen und an dich denke, was soll ich da tun, was soll ich da tun?« Ich sah meinen Liebling ein wenig verwundert an, hielt es aber für das Beste, das Gespräch auf allerlei kleine gemeinsame Erinnerungen zu lenken, um sie zu verhindern, mehr zu sagen. Als sie sich niedergelegt und eingeschlafen war, kehrte ich noch einmal zu meinem Vormund zurück, um ihm gute Nacht zu sagen, ging dann wieder zu ihr und setzte mich eine kleine Weile an ihr Bett. Sie schlief bereits fest, und wie ich sie ansah, kam sie mir ein wenig verändert vor. Mehr als ein Mal schon hatte mir das in der letzten Zeit so geschienen, aber auch jetzt konnte ich mir nicht darüber klar werden, woran es lag. Irgend etwas in der mir so vertrauten Schönheit ihres Gesichtes war anders geworden. Traurig gedachte ich der Hoffnungen, die einstmals mein Vormund auf sie und Richard gesetzt hatte, und sagte mir, daß sie sich um ihren Geliebten gegrämt haben müsse. Sorgenvoll fragte ich mich, welches Ende diese Liebe wohl noch nehmen werde. So oft ich während Caddys Krankheit nach Hause gekommen war, immer hatte Ada bei einer Handarbeit gesessen, sie stets weggelegt, wenn ich eintrat, so daß ich nie erfuhr, was es war. Ein Zipfel davon guckte jetzt aus dem halboffnen Schubkasten neben ihrem Bett hervor. Ich zog den Kasten natürlich nicht auf, aber es wollte mir nicht aus dem Kopf gehen, welcher Art die Arbeit wohl sein möge, denn für sie selbst war sie gewiß nicht bestimmt. Auch bemerkte ich, als ich meinen Liebling küßte, daß sie eine Hand unter dem Kopfpolster verborgen hielt. Wie viel selbstsüchtiger muß ich damals gewesen sein, als ich von mir glaubte, und wie ganz und gar von Selbstzufriedenheit ausgefüllt, daß ich wähnen konnte, es läge nur in meiner Hand, Ada zu trösten und ihrem Herzen den Frieden wiederzugeben. So in Selbsttäuschung befangen, legte ich mich nieder, und als ich am nächsten Tag erwachte, da lag der alte Schatten immer noch zwischen mir und meinem Herzenskind. 51. Kapitel Mir geht plötzlich ein Licht auf Als Mr. Woodcourt in London ankam, ging er noch am selben Tag, wie er mir später erzählte, zu Mr. Vholes in Symond's-Inn. Von dem Augenblick an, wo ich ihn bat, Richards Freund zu sein, vergaß er niemals sein Versprechen. Er hatte mir gesagt, daß er den Auftrag als ein ihm heiliges Vertrauensamt übernähme, und war dem keine Minute untreu geworden. Er fand Mr. Vholes in seiner Kanzlei und setzte ihn von seiner Übereinkunft mit Richard, sich hier nach seiner Adresse zu erkundigen, in Kenntnis. »Schon richtig, Sir«, sagte Mr. Vholes. »Mr. C. wohnt keine hundert Meilen von hier, Sir. Wollen Sie gefälligst Platz nehmen, Sir.« Mr. Woodcourt lehnte dankend ab, denn er hatte weiter nichts mit Mr. Vholes zu besprechen. »Schon richtig, Sir«, sagte Mr. Vholes, abermals durch Nichtnennen der Adresse stillschweigend auf seiner Aufforderung, sein Besuch möge sich doch niedersetzen, beharrend. »Ich glaube, Sir, Sie haben einen gewissen Einfluß auf Mr. C. – Besser gesagt, ich weiß es.« »Da wissen Sie mehr als ich, Mr. Vholes.« »Sir«, entgegnete der Advokat mit seiner gewohnten Zurückhaltung in seiner Stimme und seinem Benehmen, »es gehört sozusagen zu meinen Berufspflichten, solche Dinge besser zu wissen. Es ist ein Teil meiner Pflicht als Anwalt, einen Herrn, der mir seine Interessen anvertraut, zu studieren und von Grund auf zu verstehen. Und meine Pflicht als Advokat werde ich nie versäumen, Sir, wenn ich mir einmal darüber klar bin. Es kann vorkommen, wenn ich sie nicht kenne, aber andernfalls sicher nicht, Sir.« Mr. Woodcourt bemerkte wiederum, daß er lediglich wegen der Adresse gekommen sei. »Gestatten Sie mir nur noch einen Augenblick, Sir! Mr. C. spielt um einen beträchtlichen Einsatz, und er kann nicht spielen, ohne... Brauche ich zu sagen, ohne was?« »Ohne Geld, vermutlich?« »So ist es. Um ganz offen mit Ihnen zu reden – Offenheit und Ehrlichkeit sind meine Grundprinzipien, ob ich jetzt dabei gewinne oder verliere, und gewöhnlich verliere ich dabei –, so ist es: Geld! Über die Chancen Mr. C.s gebe ich keine Meinung ab – keine Meinung. Es könnte sehr unpolitisch von Mr. C. sein, aufzuhören, nachdem er so lang und so hoch gespielt hat. Es könnte ganz das Gegenteil sein. Ich sage nichts. Nein, Sir.« – Mr. Vholes legte mit großem Nachdruck die Hand flach auf seinen Schreibtisch. – »Nichts!« »Sie scheinen zu vergessen«, unterbrach Mr. Woodcourt, »daß ich Sie nach nichts frage und auch nicht das mindeste Interesse an dem, was Sie mir da erzählen, habe.« »Verzeihen Sie, Sir«, entgegnete Mr. Vholes, »Sie fügen sich selbst ein Unrecht zu. Jawohl, Sir. Entschuldigen Sie! Sie sollen nicht in meiner Kanzlei, wenn ich Sie daran hindern kann, ungerecht gegen sich selbst sein. Sie haben ein Interesse für alles und jedes, was sich auf Ihren Freund bezieht. Ich kenne die menschliche Natur viel zu gut, Sir, um auch nur einen Augenblick annehmen zu können, daß ein Herr von Ihrem Aussehen nicht an allem, was seinen Freund betrifft, Interesse haben sollte.« »Mag sein«, gab Mr. Woodcourt zu. »Aber ein ganz besondres Interesse hab ich an seiner Adresse.« (»Die Nummer, Sir?«) warf Mr. Vholes so in Parenthese hin (»glaube ich schon erwähnt zu haben)... Wenn Mr. C. fortfahren will, um diesen beträchtlichen Einsatz zu spielen, muß er Fundus haben. Wohl verstanden ! Es sind zur Zeit Kapitalien da, ich sage es also nicht deswegen. Ja, es sind Kapitalien da. Aber um weiter zu spielen, muß man sich nach einem größeren Fundus umsehen, wenn Mr. C. nicht verloren geben will, was er schon gewagt hat... Das allein ist zu erwägen. Ihnen dies als dem Freund Mr. C.s offen zu sagen, ergreife ich jetzt die Gelegenheit, Sir. Ohne Fundus werde ich mich immer glücklich schätzen, Mr. C.s Rechte in dem Maß zu vertreten, als die erforderlichen Kosten von dem Gericht aus dem strittigen Vermögen bewilligt werden, aber nicht einen Schritt weiter. Ich kann und darf es nicht, ohne nicht irgend jemandem ein Unrecht zuzufügen. Entweder muß ich meinen drei lieben Töchtern ein Unrecht zufügen oder meinem verehrten Vater, der ganz von mir abhängt – im Tale von Taunton –, oder irgendeiner andern Person. Es ist aber nun mein Grundsatz, nennen Sie es nun Schwäche oder Torheit, niemandem ein Unrecht zuzufügen.« Mr. Woodcourt erwiderte etwas scharf, es freue ihn, das zu hören. »Ich wünsche einen guten Namen zu hinterlassen; deshalb nehme ich jede Gelegenheit wahr, einem Freunde Mr. C.s offen den Stand seiner Angelegenheiten zu unterbreiten. Ich sage, Sir, in bezug auf mich: der Arbeiter ist seines Lohnes wert, und wenn ich versprochen habe, mich mit der Schulter gegen das Rad zu stemmen, so tue ich es und beziehe daraus, was ich verdiene. Zu diesem Zwecke lebe ich hier. Aus diesem Grund steht mein Name draußen an der Tür geschrieben.« »Und Mr. Carstones Adresse, Mr. Vholes?« »Sir, wie ich schon erwähnt zu haben glaube, wohnt er gleich daneben. Im zweiten Stock finden Sie seine Wohnung. Mr. C. wünscht in der Nähe seines Rechtsbeistandes zu sein, und ich habe nicht nur nichts dagegen, sondern es im Gegenteil gern, wenn man mich kontrolliert.« Mr. Woodcourt wünschte Mr. Vholes kurz und kühl guten Tag und suchte Richard auf, dessen verändertes Aussehen er sich jetzt nur zu gut erklären konnte. Er fand ihn in einem ungemütlichen Zimmer, das mit fadenscheinigen und verschossenen Möbeln ausgestattet war, ziemlich so, wie ich ihn vor gar nicht langer Zeit in seiner Stube in der Kaserne gefunden hatte, nur daß er nicht schrieb, sondern mit einem Buch in der Hand dasaß, mit seinen Gedanken und seiner Aufmerksamkeit sichtlich ganz woanders. Da die Türe zufällig offen stand, konnte Mr. Woodcourt ihn eine Weile betrachten, ohne von ihm bemerkt zu werden, und er sagte mir, daß er das angegriffne Aussehen und die Niedergeschlagenheit Richards, wie er so vor sich hinträumte, nie vergessen könne. »Mein lieber Woodcourt«, rief Richard aus, sprang auf und streckte dem jungen Arzt die Hände entgegen. »Sie erscheinen ja wie ein Geist.« »Wie ein guter, Richard«, war die Antwort, »der nur wartet, wie es Geister tun, bis man ihn anredet. Wie geht's auf dieser Erdenwelt?« – Sie setzten sich nebeneinander nieder. – »Schlimm und langsam genug, wenigstens was meine Rolle in diesem Leben betrifft.« »Was ist das für eine Rolle?« »Eine, die auf der Kanzleigerichtsbühne gespielt wird.« »Diese Sorte soll nicht besonders vergnüglich sein, habe ich mir sagen lassen«, bemerkte Mr. Woodcourt mit Kopfschütteln. »Ich mir auch«, sagte Richard trübe. Im nächsten Augenblick war er wieder heiterer und begann mit seiner natürlichen Offenheit: »Woodcourt, ich möchte nicht gern von Ihnen mißverstanden werden, selbst wenn ich dadurch in Ihrer Achtung stiege. Sie müssen nämlich wissen, daß ich jetzt schon lange Zeit nicht besonders gut getan habe. Nicht etwa, daß ich beabsichtigt hätte, Schaden anzurichten, aber ich scheine zu nichts anderm fähig gewesen zu sein. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte mich von dem Netz fern gehalten, in dem ich jetzt hänge, aber ich kann es nicht recht glauben, obgleich ich wetten möchte, daß Sie darüber gar bald andre Meinungen zu hören bekommen werden, wenn das nicht schon der Fall gewesen ist. Der langen Rede kurzer Sinn ist: Ich fürchte, es hat mir an einem Ziel gefehlt, aber jetzt habe ich eins – oder es hat mich. Es ist jetzt zu spät, darüber zu streiten. Sie müssen mich eben so nehmen, wie ich bin, und so gut Sie können.« »Abgemacht«, sagte Mr. Woodcourt. »Tun Sie dasselbe mit mir.« »Ach, Sie! Sie können Ihren Beruf um seiner selbst willen betreiben und Hand an den Pflug legen, ohne ein einziges Mal zurückzublicken und in jeder Sache auf ein Ziel loszusteuern. Ja, Sie und ich, wir sind eben ganz verschiedne Menschen.« Sein Ton war kummervoll, und er versank einen Augenblick wieder in seine müde Abspannung. »Aber alles muß ein Ende haben«, rief er und schüttelte seine niedergedrückte Stimmung ab. »Wir werden sehen! Sie nehmen mich also, wie ich bin?« »Ja, das will ich.« Sie schüttelten einander die Hände, lachend, aber in tiefstem Ernst. Für einen von ihnen wenigstens kann ich mich aus meinem innersten Herzen verbürgen. »Sie kommen wie von Gott gesandt«, sagte Richard, »denn ich habe hier niemanden zu Gesicht bekommen außer Vholes. – Woodcourt, eine Sache möchte ich ein für alle Mal gleich zu Anfang unsres Vertrages zur Sprache bringen. Sie könnten sonst kaum gut von mir denken, wenn ich es unterließe. Sie wissen wahrscheinlich von meinen Beziehungen zu meiner Kusine Ada?« Mr. Woodcourt antwortete, ich hätte sie ihm angedeutet. »Ich bitte Sie also, halten Sie mich nicht für einen berechnenden Egoisten. Glauben Sie nicht, daß ich mir bloß meinetwegen über diesen miserablen Kanzleigerichtsprozeß den Kopf zerbreche und halb und halb auch das Herz. Adas Interessen sind mit den meinen verflochten, und sie können nicht voneinander getrennt werden; Vholes arbeitet also für beide. Bedenken Sie das!« Die Sache schien ihm so am Herzen zu liegen, daß Mr. Woodcourt ihm wiederholt versicherte, er denke das Beste von ihm. »Sehen Sie, ich kann es nicht über mich bringen«, sagte Richard, mit ein wenig mehr Pathos – wenn er sich dessen auch nicht bewußt war –auf diesem Punkt verweilend, als gerade nötig gewesen wäre, »ich kann es nicht über mich bringen, einem aufrichtigen ehrlichen Menschen wie Ihnen, der mit einem so freundlichen Gesicht hierherkommt, selbstsüchtig und niedrig zu erscheinen. Ich wünsche, daß Ada zu ihrem Recht kommt, Woodcourt, so gut wie ich. Ich wünsche mein Äußerstes zu tun, um ihr dazu zu verhelfen, so gut wie mir selbst; ich setze aufs Spiel, was ich zusammenscharren kann, um sie und mich aus diesem Netz herauszuwickeln. Ich bitte Sie, bedenken Sie das!« Später, als Mr. Woodcourt über das damals Geschehene nachdachte, war der Eindruck, den die Leidenschaftlichkeit Richards in diesem Punkte auf ihn gemacht hatte, so stark, daß er ganz besonders lang dabei verweilte, als er mir in großen Zügen von seinem ersten Besuch in Symond's-Inn erzählte. Es machte die schon früher gehegte Besorgnis in mir wieder lebendig, Mr. Vholes könne auch das kleine Vermögen meines Lieblings heraussaugen und Richard habe sich, weil die Sache vielleicht schon ihren Anfang genommen, deswegen so ängstlich rechtfertigen wollen. Die Zusammenkunft fand um die Zeit statt, wo ich angefangen hatte, Caddy zu pflegen, und ich kehre jetzt zu dem Zeitpunkt wieder zurück, wo sie genesen war und immer noch der Schatten zwischen mir und meinem Liebling schwebte. Ich schlug Ada eines Morgens vor, Richard zu besuchen, und es setzte mich ein wenig in Erstaunen, daß sie zögerte und nicht so freudig bereit war, als ich erwartet hatte. »Aber Liebste«, sagte ich, »du hast dich doch nicht am Ende während der langen Zeit meiner Abwesenheit mit Richard gezankt?« »Nein, Esther.« »Oder keine Nachrichten von ihm bekommen?« »Nein, nein.« – Die Tränen in ihren Augen und dabei so viel Liebe in ihrem Gesicht? Ich konnte aus meinem Liebling nicht klug werden. – »Soll ich vielleicht allein zu Richard gehen?« fragte ich. Nein, Ada wollte mich begleiten. Ob sie jetzt gehen möchte? »Ja, gehen wir.« – Wahrhaftig, ich konnte aus meinem Liebling nicht klug werden. Tränen in den Augen!? – Wir waren bald angezogen und gingen aus. Es war trübes Wetter, und mit Unterbrechungen fielen kalte Regenschauer. Es war einer jener farblosen Tage, wo alles finster und traurig aussieht. Die Häuser blickten uns zürnend an, der Ruß fiel auf uns nieder, und die ganze Natur war schlecht aufgelegt und zeigte ein böses Gesicht. Es kam mir vor, als passe mein hübscher Liebling gar nicht in diese düstern Straßen, und mehr Leichenbegängnisse, als ich je früher gesehen, schienen mir über das unheimliche feuchte Pflaster zu ziehen. Es galt vor allem, die Lage von Symond's-Inn zu erfragen. Ich stand eben im Begriff, mich in einem Laden danach zu erkundigen, da sagte Ada, sie glaube, es sei in der Nähe von Chancery-Lane. »Dann können wir nicht mehr fehlgehen, Liebste, wenn wir diese Richtung einschlagen«, sagte ich. So gingen wir denn nach Chancery-Lane, und wirklich, dort las ich: Symond's-Inn. Wir mußten jetzt die Hausnummer suchen. Oder Mr. Vholes' Kanzlei, besann ich mich. Denn Mr. Vholes' Kanzlei sollte gleich daneben sein. Vielleicht sei Mr. Vholes' Kanzlei an der Ecke dort, meinte Ada. Und richtig war sie dort. Nun kam die Frage, welches Haustor daneben das richtige sei. Ich stimmte für das eine und mein Herzenskind für das andre, und abermals hatte sie recht. So gingen wir denn in den zweiten Stock hinauf, wo wir Richards Namen in großen weißen Buchstaben auf einer grabsteinähnlichen Platte lasen. Ich wollte klopfen, aber Ada meinte, wir sollten den Türgriff aufklinken und hineingehen. So überraschten wir Richard, an einem Tisch mit bestaubten Aktenbündeln brütend, die mir wie blind gewordne Spiegel, in denen sich das Abbild seiner Seele malte, erschienen. Wo ich hinsah, las ich die unseligen Worte: »Jarndyce kontra Jarndyce«. Er empfing uns sehr liebreich, und wir setzten uns. »Wären sie ein wenig früher gekommen, hätten Sie Woodcourt hier gefunden«, sagte er. »Er ist wirklich ein guter Kerl. Er findet Zeit, mich manchmal zu besuchen, wo ein andrer mit nur der Hälfte seiner Arbeit kaum abkommen könnte. Und er ist so munter und frisch, so verständig, so ernst dabei –, kurz, so ganz das Gegenteil von mir, daß die Wohnung ordentlich freundlicher wird, wenn er kommt, und wieder düster, wenn er geht.« »Gott segne ihn«, dachte ich, »daß er so Wort hält!« »Er ist nicht so sanguinisch, Ada«, fuhr Richard fort und warf einen trüben Blick auf die Akten, »wie Vholes und ich gewöhnlich sind, aber er ist nur ein Laie und kennt die Geheimnisse nicht. Wir sind in sie eingedrungen und er eben nicht. Da kann man von ihm natürlich nicht erwarten, daß er sich in einem solchen Labyrinth besonders auskennt.« – Wie sein Blick wieder über die Papiere hinschweifte und er sich mit beiden Händen über die Stirne strich, bemerkte ich, wie hohläugig er aussah und – wie trocken seine Lippen waren; auch hatte er alle Nägel an den Fingern abgenagt. – »Glauben Sie, daß es sich hier gesund wohnt, Richard?« fragte ich. »Nun, meine liebe Minerva«, gab Richard mit seinem alten fröhlichen Lachen zur Antwort, »die Umgebung ist hier freilich weder ländlich noch heiter, und wenn es hier ein wenig heller wird, können Sie mit ziemlicher Sicherheit wetten, daß die Sonne im Freien wolkenlos am Himmel steht. Aber vorläufig ist die Lage nicht schlecht. Es ist nicht weit zum Gericht und ganz in der Nähe von Vholes.« »Vielleicht würde eine Trennung von beiden –« »– mir guttun? Meinen Sie?« Richard zwang sich zu einem Lachen. »Leicht möglich! Aber das kann nur auf eine Weise geschehen; entweder muß es mit dem Prozeß aus sein, Esther, oder mit den Parteien. Aber wir werden dem Prozeß schon ein Ende machen, meine Liebe.« – Die letzten Worte sagte er zu Ada, die ihm zunächst saß. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, da sie es von mir weggewendet hatte. – »Wir machen gute Fortschritte«, fuhr Richard wieder zu mir gewendet fort. »Fragen Sie nur Vholes. Wir lassen die Sache nicht ruhen. Vholes kennt alle ihre Schliche und Abwege, und wir sind ihr überall auf den Fersen. Wir haben die Siebenschläfer schon oft in Erstaunen versetzt und werden das ganze Nest eines Tages schon aufwecken. Denken Sie an meine Worte.« – Seine Hoffnungsfreudigkeit hatte mich seit langem schon schmerzlicher berührt als seine Niedergeschlagenheit. Sie hatte so gar nichts von wirklichem Hoffen an sich, war so hungrig und ruhelos, daß es mir lange schon ins Herz schnitt, aber der jetzt unauslöschlich auf sein hübsches Gesicht geschriebne Kommentar machte den Eindruck noch viel peinlicher. Ich sage »unauslöschlich«, denn ich fühlte im tiefsten Innersten, die Spuren frühzeitiger Sorgen, Selbstvorwürfe und Täuschungen würden bis zur Stunde seines Todes ihren Stempel auf sein Gesicht gedrückt haben, selbst wenn der unselige Prozeß in dieser Stunde seine glänzendsten Hoffnungen erfüllt hätte. »Der Anblick unsres lieben kleinen Mütterchens«, sagte Richard, während Ada immer noch still und ruhig dasaß, »ist mir so liebgewohnt, und ihr Gesicht, so voll Teilnahme, dem Gesicht entschwundner Tage so ähnlich –« »Ach nein, nein.« Ich lächelte und schüttelte den Kopf. »– so ganz und gar das Gesicht der entschwundnen Tage« – Richard hatte einen Augenblick seinen alten herzlichen Ton wiedergefunden und ergriff meine Hände mit dem brüderlichen Gefühl, das nichts wanken machen konnte – »daß ich mich vor ihr nicht verstellen kann. Ich schwanke ein wenig, es ist ja wahr. Manchmal hoffe ich, liebe Esther, und manchmal – bin ich ganz verzweifelt. Aber nur scheinbar. Ich werde so müde...« Er ließ sanft meine Hand fallen und ging im Zimmer auf und nieder... Dann warf er sich auf das Sofa. »Ich werde so müde«, wiederholte er trüb. »Es ist eine aufreibende, aufreibende Arbeit.« Er stützte sich auf seinen Arm, seine Augen suchten den Boden, und er sagte diese Worte in einem so nachdenklichen Ton, daß mein Liebling aufstand, den Hut abband, neben ihm niederkniete, daß ihr goldblondes Haar wie Sonnenlicht auf sein Haupt herniederfiel, ihn mit ihren beiden Armen umschlang und mir ihr Gesicht zuwendete. – Welche Liebe und Hingebung lag in diesem Antlitz! – »Liebe Esther«, sagte sie sehr ruhig, »ich gehe nicht wieder nach Hause.« Mir ging plötzlich ein Licht auf. »Nein, niemals wieder. Ich bleibe bei meinem lieben Gatten. Wir sind jetzt zwei Monate verheiratet. Geh nach Hause ohne mich, meine liebe Esther. Ich werde nie mehr wieder zurückkommen.« Mit diesen Worten zog sie sein Haupt an ihre Brust und ließ es dort ruhen. Und wenn ich jemals in meinem Leben eine Liebe gesehen habe, die nur der Tod trennen kann, sah ich sie jetzt in ihrem Gesicht. »Sprich mit Esther, meine liebe Ada«, unterbrach Richard das Schweigen. »Erzähle ihr, wie alles gekommen ist.« Ich hob sie auf und schloß sie in meine Arme. Keins von uns sprach; ihre Wange ruhte an der meinen, und ich wollte nichts hören. »Mein Herz«, sagte ich. »Mein Liebling. Mein armes, armes Kind!« Ich bedauerte sie so sehr. Ich hatte Richard sehr gern, aber es drängte mich innerlich, sie tief zu bemitleiden. »Esther, kannst du mir verzeihen ? Wird mir Vetter John verzeihen?« »Liebes Kind, daran auch nur einen Augenblick zu zweifeln, hieße ihm ein schweres Unrecht tun. Und was mich betrifft...« Was mich betraf, was hatte ich zu verzeihen? Ich trocknete meinem schluchzenden Liebling die Tränen und setzte mich neben sie auf das Sofa, und Richard saß auf meiner andern Seite. Ganz so wie damals an jenem denkwürdigen Abend, wo sie mich ins Vertrauen gezogen und mir in ihrer jungen Begeisterung von ihrer Liebe geschwärmt hatten, erzählten sie mir, wie es gekommen war. »Alles, was ich hatte, gehörte doch Richard«, sagte Ada, »aber er wollte es nicht annehmen, und was konnte ich da anderes tun, als seine Frau werden, wo ich ihn so innig liebte?« »Und Sie waren so vollkommen von guten Werken in Anspruch genommen, Mütterchen«, erklärte Richard, »daß wir uns nicht entschließen konnten, Ihnen damals etwas davon zu sagen. Und überdies hatten wir nicht lange Zeit zur Überlegung. Wir gingen eines Morgens aus und ließen uns trauen.« »Und als es geschehen war, Esther«, fiel mein Liebling ein, »sann ich beständig darüber nach, wie ich es dir am besten mitteilen sollte. Manchmal glaubte ich, du müßtest es auf der Stelle erfahren, und manchmal wieder, es dürfte nie sein und ich müßte es vor meinem Vetter John verheimlichen, und so schwankte ich unentschlossen hin und her, und es quälte mich sehr.« – Wie selbstsüchtig mußte ich gewesen sein, daß ich nicht vorher daran gedacht hatte! – Ich wußte nicht, was ich jetzt dazu sagen sollte. Es tat mir so leid, und doch hatte ich sie beide so lieb und freute mich, daß sie so aneinander hingen; ich bedauerte sie so sehr und empfand es doch wie Stolz, daß sie sich liebten. Noch nie haben in mir so schmerzliche und milde Empfindungen zu gleicher Zeit gekämpft, und ich wußte nicht, welches Gefühl das stärkere war. Aber eins war sicher, ich durfte ihren Lebensweg nicht verfinstern. Als ich gefaßter geworden war, nahm mein Herzenskind ihren Trauring aus dem Busen, küßte ihn und steckte ihn an den Finger. Ich erinnerte mich an den gestrigen Abend und sagte Richard, sie habe ihn seit ihrer Verheiratung beständig im Schlafe getragen, und als Ada mich errötend fragte, woher ich das wisse, erzählte ich ihr, wie ich gesehen, und ohne zu ahnen, warum, daß sie die Hand unter dem Kissen versteckt gehalten hatte. Dann fingen sie mir wieder an zu erzählen, wie alles gekommen war, und ich wurde wieder betrübt und erfreut und wieder ganz kindisch und mußte mein Gesicht verbergen, so gut es ging, um ihnen nicht allen Mut zu nehmen. So verrann die Zeit, bis ich endlich an das Nachhausegehen denken mußte. Da wurde es am allerschlimmsten, und mein Herzenskind verlor alle Fassung. Sie warf sich an meine Brust, gab mir alle erdenklichen zärtlichen Namen und jammerte, was sie denn ohne mich anfangen solle. Richard ging es nicht viel besser, und ich selbst mußte mich zusammennehmen, um mich nicht am wenigsten gefaßt von uns allen dreien zu zeigen. Nur daß ich mir sagte: »Esther, wenn du dich nicht besser benimmst, spreche ich nie ein Wort mehr mit dir«, half mir ein wenig. »Wirklich, ich erkläre«, sagte ich, »so eine junge Ehefrau ist mir noch nicht vorgekommen. Man sollte denken, daß sie ihren Mann überhaupt nicht lieb hat. Hier, Richard, nehmen Sie um Himmels willen mein Herzenskind!« Aber ich hielt Ada die ganze Zeit über fest an mich gedrückt und hätte, ich weiß nicht wie lange, an ihrer Wange weinen können. »Ich gebe hiermit diesem lieben jungen Ehepaar kund und zu wissen«, sagte ich endlich, »daß ich nur gehe, um morgen wieder zu kommen, und das so Tag für Tag, bis Symond's-Inn meinen Anblick satt hat. Deshalb sage ich ihnen auch nicht Lebewohl, Richard. Was haue das für einen Zweck, wo ich so bald wiederkomme.« Ich hatte ihm meinen Liebling jetzt übergeben und wollte gehen. Aber ich konnte nicht fort, ohne nicht noch einen letzten Blick auf das liebe Gesicht zu werfen, von dem ich mich nicht trennen konnte, ohne daß es mir das Herz zerriß. So sagte ich denn in erkünstelter Lustigkeit, wenn sie mich nicht aufforderten, wiederzukommen, wüßte ich nicht, ob ich mir »die Freiheit nehmen« dürfe? Mein Liebling blickte auf, lächelte unter Tränen, und ich nahm ihr liebes Gesicht zwischen meine beiden Hände, gab ihm einen letzten Kuß und lachte und lief fort. Aber als ich die Treppe unten war, wie weinte ich da! Es war mir fast, als hätte ich Ada auf ewig verloren. Ich fühlte mich so einsam und verlassen ohne sie, und es war so unendlich traurig, nach Hause zu gehen, ohne Hoffnung, sie dort zu finden, daß ich mich eine Weile lang gar nicht trösten konnte und in einer dunkeln Ecke schluchzend und weinend auf und ab ging. Nach und nach faßte ich mich wieder, nahm eine Droschke und fuhr nach Hause. Mein Vormund war ausgegangen, um sich nach dem armen Jungen, den ich in St. Albans gefunden und der, wie ich hörte, jetzt im Sterben lag, zu erkundigen, und wollte erst nach dem Mittagessen zurückkehren. So war ich also ganz allein, weinte wieder ein wenig, wenn ich auch, wie ich hoffe, mich nicht mehr so gänzlich fassungslos benahm. Es war nur natürlich, daß ich mich nicht so leicht an den Verlust meines Lieblings gewöhnen konnte, und es war erst drei oder vier Stunden her, daß ich alles erfahren hatte. Aber die ungemütliche Umgebung, in der ich sie verlassen, ging mir nicht aus dem Sinn, und immer noch sah ich den düstern versteinerten Ort vor mir und sehnte mich so sehr, in Adas Nähe zu sein und mich wenigstens einigermaßen um sie zu sorgen, daß ich mich entschloß, abends wieder hinzugehen, wenn auch nur, um zu ihrem Fenster hinaufzusehen. Es war kindisch, ich gebe es zu, aber es erschien mir damals gar nicht so, und auch heute denke ich nicht anders darüber. Ich zog Charley ins Vertrauen, und wir gingen bei Dunkelwerden miteinander hin. Es war finster, als wir die neue seltsame Wohnung meines Lieblings erreichten, und Licht schimmerte hinter den gelben Vorhängen. Wir gingen vorsichtig ein paar Mal vorbei und wären mit einem Haar Mr. Vholes in die Arme gelaufen, als er gerade aus seiner Kanzlei kam und ebenfalls vor dem Nachhausegehen einen Blick hinaufwarf. Der Anblick seiner hagern schwarzen Gestalt und das einsame trübe Aussehen dieses Winkelwerks bei Nacht paßten gut zu meiner Gemütsverfassung. Ich dachte an die Jugend, die Liebe und Schönheit meines lieben Mädchens, das in diesem grausamen finstern Gebäude jetzt eingeschlossen war. Es war jetzt einsam und still, und ich glaubte mich ungesehen die Treppe hinaufschleichen zu können. Ich ließ Charley unten warten und ging auf den Fußspitzen hinauf im Schein der düster brennenden Öllaterne. Ich lauschte einen Augenblick und glaubte in der staubigen verfallenen Einsamkeit des alten stillen Hauses das Gemurmel ihrer jungen Stimmen zu hören. Ich drückte einen Kuß für mein Herzenskind auf das grabsteinartige Türschild und ging still wieder hinunter, mit dem Vorsatz, ihnen diesen Besuch an einem der nächsten Tage einzugestehen. Ich fühlte mich erleichtert. Obgleich niemand als Charley und ich davon wußte, kam es mir doch vor, als habe der Schmerz der Trennung zwischen Ada und mir sich gesänftigt und als seien wir für einen Augenblick wieder beisammen gewesen. Dann ging ich nach Hause, noch nicht ganz gewöhnt an die Veränderung, aber durch den heimlichen Versuch immerhin ein wenig in besserer Stimmung. Mein Vormund war inzwischen nach Hause gekommen und stand gedankenvoll am Fenster. Als ich eintrat, erhellte sich sein Gesicht, und er ging zu seinem Stuhle. Als ich mich setzte, fiel das Licht auf mein Gesicht. »Kleines Frauchen«, sagte er, »du hast geweint?« »Nun ja, Vormund, ich fürchte, ich habe ein wenig geweint«, gestand ich. »Ada war so betrübt und ist so voller Kummer, Vormund.« Ich legte meinen Arm auf seine Stuhllehne und sah ihm an, daß meine Worte und mein Blick auf ihren leeren Sessel ihm bereits alles verraten hatten. »Ist sie verheiratet, Esther?« Ich erzählte ihm alles, und auch, daß ihr erstes Wort die Bitte gewesen sei, er möge ihr verzeihen. »Sie braucht darum nicht zu bitten«, sagte er. »Gott segne sie und ihren Gatten!« Aber wie es auch bei mir die erste Regung gewesen war, sie tief zu bemitleiden, so auch jetzt bei ihm. »Armes, armes Mädchen! Armer Rick! Arme Ada!« Wir beiden schwiegen lange, dann seufzte er nach einer Weile: »Ja, ja, es wird wieder einsam in Bleakhaus.« »Aber seine Herrin bleibt, Vormund.« Obgleich es mir widerstrebte, das zu sagen, tat ich es doch wegen des bekümmerten Tones, mit dem er sprach. »Sie wird ihr möglichstes tun, es glücklich zu machen.« »Es wird ihr gelingen, Esther!« Er sah mich mit seinem alten klaren väterlichen Blick an, legte in seiner freundlichen Weise seine Hand auf die meinige und sagte wieder: »Es wird ihr gelingen, mein Kind. Dennoch wird Bleakhaus wieder einsam sein, kleines Frauchen.« Es tat mir innerlich leid, daß wir weiter nichts darüber sprachen. Ich fühlte mich fast enttäuscht und fürchtete schon, ich sei seit dem Vorfall mit dem Brief vielleicht doch nicht immer so gewesen, wie ich hätte sein sollen. 52. Kapitel Halsstarrigkeit Nur ein Tag war vergangen, da kam zeitig morgens, eben als wir uns an den Frühstückstisch setzen wollten, Mr. Woodcourt in Eile herein mit der überraschenden Nachricht, ein schrecklicher Mord sei begangen und als mutmaßlicher Täter Mr. George verhaftet worden. Als er uns erzählte, Sir Leicester Dedlock habe eine hohe Belohnung auf die Entdeckung des Mörders gesetzt, konnte ich mir in meiner ersten Bestürzung nicht erklären, warum. Aber ein paar Worte riefen in mir die Erinnerung zurück, daß der Ermordete Sir Leicesters Advokat war, und plötzlich fiel mir ein, wie sehr sich meine Mutter vor ihm gefürchtet hatte. Die unerwartete und gewaltsame Beseitigung eines Mannes, den sie so lange mit Furcht und Argwohn beobachtet hatte, eines Mannes, dessen sie unmöglich freundlich gedacht haben konnte und den sie stets als einen gefährlichen und versteckten Feind fürchtete, erschien mir in einem doppelt grauenerregenden Lichte. Wie schrecklich, die Nachricht von einem solchen Todesfall zu hören und nicht imstande zu sein, Mitleid zu empfinden! Wie grauenhaft, denken zu müssen, sie könne manchmal dem alten Mann, der jetzt so plötzlich dem Leben entrissen war, den Tod gewünscht haben! Solche Gedanken stürmten auf mich ein, vermehrten noch das Unbehagen und die Furcht, die der Name Tulkinghorn schon immer in mir geweckt hatte, und versetzten mich in so große Aufregung, daß ich es kaum bei Tisch auszuhalten vermochte. Ich konnte dem Gespräch nicht mehr folgen und brauchte erst eine kleine Weile Zeit, um mich zu erholen. Als ich dann sah, wie erschüttert mein Vormund war, und sie in tiefem Ernst von dem Verhafteten sprechen hörte und wir den günstigen Eindruck, den er auf uns alle gemacht hatte, dagegen hielten, erwachte meine Teilnahme für den Kavalleristen so lebhaft in mir, daß ich mich schon allein dadurch wieder erholte. »Vormund, nicht wahr, du hältst es für unmöglich, daß man ihn mit Grund beschuldigt?« »Meine Liebe, ich kann es mir nicht denken. Dieser Mann, der immer so offenherzig und mitleidig gewesen ist und neben der Kraft eines Riesen die Sanftmut eines Kindes besitzt und wie der bravste Kerl von der Welt aussieht und so einfach und schlicht ist, kann unmöglich ein Mörder sein. Ich kann es nicht glauben.« »Und ich auch nicht«, sagte Mr. Woodcourt. »Aber was wir auch von ihm glauben oder wissen, wir dürfen nicht vergessen, daß der Schein gegen ihn spricht. Er war dem Ermordeten durchaus nicht wohlgesinnt und hat das offen bei allen möglichen Gelegenheiten geäußert. Er soll ihn heftig angefahren haben und sprach sich auch einmal mir gegenüber haßerfüllt über ihn aus. Er gibt zu, fast in der Minute an dem Ort, wo der Mord vorgefallen ist, das heißt, begangen worden sein muß, allein gewesen zu sein. Aber trotz alledem möchte ich darauf schwören, daß er an dem Mord so unschuldig ist wie ich. Leider jedoch sind die erwähnten Gründe danach angetan, den Verdacht auf ihn fallen zu lassen.« »Sehr wahr«, sagte mein Vormund und wendete sich an mich. »Und wir würden ihm einen sehr schlechten Dienst leisten, meine Liebe, wenn wir auch nur hinsichtlich eines dieser Punkte unsre Augen der Wahrheit verschließen wollten.« Ich fühlte natürlich die Richtigkeit dieser Worte vollkommen. Dennoch wüßte ich – konnte ich mich nicht enthalten zu sagen –, daß alle diese Verdachtsmomente uns nicht bewegen dürften, ihn in seiner Not im Stiche zu lassen. »Gott sei vor«, entgegnete mein Vormund. »Wir wollen bei ihm aushalten, wie er selbst bei den beiden armen Geschöpfen, die jetzt tot sind, es getan hat.« – Er meinte Mr. Gridley und Jo. – Mr. Woodcourt erzählte uns dann, daß der Gehilfe des Kavalleristen vor Tagesanbruch bei ihm gewesen war, nachdem er die ganze Nacht wie ein Wahnsinniger in den Straßen umher geirrt sei. Wie eine Last habe Mr. George die Sorge auf der Seele gelegen, daß wir ihn für schuldig halten könnten. Deshalb habe er seinen Gehilfen beauftragt, uns seiner vollkommensten Unschuld mit den feierlichsten Beteuerungen zu versichern. Und Mr. Woodcourt habe den Mann nur durch das feste Versprechen beruhigen können, uns diese Botschaft schon zeitig am Morgen überbringen zu wollen. Er sei soeben im Begriff, setzte er hinzu, den Gefangnen zu besuchen. Mein Vormund erklärte, sofort mitgehen zu wollen. Und was mich betraf, hatte ich außer einer herzlichen Sympathie für den ehemaligen Soldaten, die auf Gegenseitigkeit zu beruhen schien, das geheime Interesse, das nur mein Vormund kannte, an dem Geschehnis. Ich hatte das Gefühl, daß es mich nahe angehe, und es schien mir eine Sache von großer Wichtigkeit für meine Person zu sein, daß die Wahrheit entdeckt werde und kein Unschuldiger in Verdacht komme; denn verwirrten sich einmal die Pfade der Wahrheit, wer weiß, –wie weit dann noch alles führen konnte. Mit einem Wort, mein Pflichtgefühl sagte mir, daß ich sie begleiten müßte, und da mein Vormund es mir nicht ausredete, ging ich mit. Es war ein großes Gefängnis mit vielen Höfen und Gängen, einander so ähnlich und so ermüdend gleichförmig gepflastert, daß ich zu begreifen anfing, wie einsame Gefangene, wenn sie viele Jahre lang immer in denselben kahlen Wänden eingekerkert vertrauern, ein Pflänzchen oder einen einzelnen Grashalm, wie ich oft gelesen, lieb gewinnen konnten. Allein in einem gewölbten Raum, der einem Keller über der Erde glich, mit so grellweißen Wänden, daß das starke eiserne Gitter vordem Fenster und die schwere Eisentür dadurch noch tiefer schwarz aussahen, fanden wir den Kavalleristen in einer Ecke stehen. Er hatte dort auf einer Bank gesessen und war aufgesprungen, als er die Schlösser und Riegel hatte rasseln hören. Als er uns sah, kam er uns mit seinem gewohnten, wuchtigen Gang zwei Schritte entgegen, blieb dann stehen und machte eine zögernde Verbeugung. Aber als ich auf ihn zukam und ihm meine Hand entgegenstreckte, erhellte sich sogleich seine Miene. »Es fällt mir ein Stein vom Herzen, versichere ich Ihnen, Miß, und Ihnen, meine Herren«, sagte er, holte tief Atem und begrüßte uns mit großer Herzlichkeit. »Und jetzt ist es mir einerlei, wie die Sache endet.« – In seiner Ruhe und mit seiner soldatischen Haltung sah er viel eher wie ein Kerkermeister als wie ein Gefangener aus. – »Das ist womöglich ein noch unfreundlicherer Ort als meine Schießgalerie, um den Besuch einer Dame zu empfangen, aber ich weiß, Miß Summerson wird sich daran nicht stoßen.« Er führte mich zu der Bank, auf der er gesessen hatte, und daß ich Platz nahm, schien ihn sehr zu freuen und zu befriedigen. »Ich danke Ihnen, Miß«, sagte er. »Nun, George«, bemerkte mein Vormund, »da wir keiner neuen Beteuerung Ihrerseits bedürfen, so glaube ich, brauchen wir unsrerseits Ihnen auch keine zu machen.« »Gewiß nicht, Sir. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Wäre ich nicht unschuldig an dem Verbrechen, könnte ich Ihnen nicht ins Gesicht sehen und mein Geheimnis vor Ihnen verbergen. Ich empfinde es sehr tief, daß Sie mich hier besuchen. Ich bin keiner von der beredten Sorte, aber ich fühle es tief, Miß Summerson, und Sie, meine Herren.« Er legte seine Hand einen Augenblick auf seine breite Brust und verbeugte sich leicht gegen uns. Obgleich er sich sofort wieder aufrichtete, verriet sein Gesicht doch die Rührung, die ihn eine Sekunde überwältigt hatte. »Erstens«, begann mein Vormund, »können wir irgend etwas zur Verbesserung Ihrer Lage tun, Mr. George?« »Inwiefern, Sir?« »Wünschen Sie vielleicht irgend etwas, daß Sie Ihre Lage weniger drückend empfinden ließe?« »Nein, Sir, nichts«, entgegnete Mr. George nach kurzem Nachdenken. »Ich bin Ihnen sehr verbunden; da aber Rauchen nicht erlaubt ist, wüßte ich wirklich nichts.« »Es wird Ihnen vielleicht nach und nach manches einfallen, und dann, bitte; lassen Sie es uns wissen, George.« »Besten Dank, Sir. Ein Mann, der sich so lange in der Welt herumgeschlagen hat wie ich«, bemerkte Mr. George mit einem Lächeln auf seinem sonnenverbrannten Gesicht, »kann es auch, wenn es darauf ankommt, an einem Ort wie dem gegenwärtigen aushalten.« »Und zweitens, was Ihre Sache betrifft«, fuhr mein Vormund fort. – Mr. George verschränkte die Arme, und etwas wie Neugierde malte sich auf seinem Gesicht. – »Wie steht es jetzt damit?« »Nun, Sir, sie ist bis auf ein weiteres Verhör verschoben. Bucket ließ mich wissen, daß er wahrscheinlich von Zeit zu Zeit ein neues Verhör beantragen wolle, bis der Fall vervollständigt sein werde. Wie er vollständiger werden soll, kann ich nicht recht einsehen, aber Bucket wird das schon irgendwie deichseln.« »Aber Gott bewahre, Mensch!« rief mein Vormund ungeduldig aus. »Sie sprechen ja von sich, als seien Sie dabei gar nicht beteiligt.« »Nichts für ungut, Sir. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Güte, aber ich verstehe nicht, wie ein Unschuldiger solche Anklagen überhaupt ertragen kann, ohne mit dem Kopf an die Wand zu rennen, wenn er die Sache nicht auf diese Weise auffaßt.« »Bis zu einem gewissen Grade wahr genug«, gab mein Vormund ein wenig besänftigt zu. »Aber, mein Lieber, selbst ein Unschuldiger muß die notwendigen Maßregeln zu seiner Verteidigung ergreifen.« »Sicherlich, Sir. Und das habe ich auch getan. Ich habe vor den Beamten erklärt: 'Meine Herren, ich bin in dieser Sache so unschuldig wie Sie selbst. Die Tatsachen, die Sie mir entgegengehalten haben, sind vollständig wahr, aber weiter weiß ich nichts von der Sache'. Bei dieser Erklärung gedenke ich zu bleiben, Sir. Was kann ich mehr tun. Es ist die Wahrheit.« »Aber die Wahrheit allein reicht nicht aus«, wendete mein Vormund ein. »Reicht nicht aus, Sir? Das ist ja eine schlechte Aussicht für mich«, bemerkte Mr. George gutgelaunt. »Sie müssen einen Rechtsbeistand haben«, fuhr mein Vormund fort. »Wir müssen Ihnen einen guten Advokaten verschaffen.« »Ich bitte um Verzeihung, Sir«, – Mr. George wich einen Schritt zurück – »ich bin Ihnen wirklich außerordentlich verbunden, aber ich muß Sie entschieden bitten, mich zu entschuldigen...« »Sie wollen keinen Advokaten haben?« »Nein, Sir.« Mr. George schüttelte den Kopf mit großer Entschlossenheit. »Ich danke Ihnen nochmals, Sir, aber, bitte, keinen Advokaten.« »Warum denn nicht?« »Ich kann diese Sorte nicht besonders ausstehen. Auch Gridley konnte es nicht und... Sie entschuldigen schon, aber ich hätte gedacht, Sie selbst könnten es auch nicht, Sir.« »Ja, das betrifft Zivilsachen«, erklärte mein Vormund, nach Worten suchend. »Hm, ja, Zivilsachen, George.« »So, so, Sir«, entgegnete der Kavallerist leichthin. »Ich kenne mich in diesen Unterschieden nicht aus, aber trotzdem kann ich die Sorte nicht ausstehen.« Er wechselte seine Stellung und stand, seine schwere Hand auf den Tisch gelegt und die andre in die Hüfte gestemmt, wie das Urbild eines Mannes da, den nichts von einem ein Mal gefaßten Entschluß abbringen könne. Vergebens redeten wir ihm alle drei zu und bemühten uns, ihn andern Sinnes zu machen. Er hörte uns mit der Freundlichkeit, die so gut zu seinem derben geraden Wesen stand, aufmerksam zu, aber unsre Vorstellungen machten offenbar auf ihn nicht mehr Eindruck als auf die Kerkermauern. »Bitte, überlegen Sie sich's noch ein Mal, Mr. George«, mischte ich mich ein. »Können wir denn gar nichts in Ihrer Angelegenheit tun?« »Am liebsten wäre mir, ich käme vor ein Kriegsgericht, Miß. Aber das ist leider ausgeschlossen, wie ich recht gut weiß. Wenn Sie so gut sein wollen, Miß, mir nur ein paar Minuten Ihre Aufmerksamkeit zu schenken, so will ich mich bemühen, Ihnen so klar, wie ich kann, auseinanderzusetzen, was ich meine.« Er sah uns drei der Reihe nach an, schüttelte den Kopf ein wenig, als ob er ihn in der engen Halsbinde einer Uniform zurechtrücke, und fing nach kurzer Überlegung an: »Miß, man hat mir Handschellen angelegt, mich verhaftet und dann hierher gebracht. Ich bin ein gezeichneter und entehrter Mensch und sitze jetzt hier im Gefängnis. Bucket hat meine Schießgalerie von oben bis unten durchstöbert. Was ich besitze – es ist wenig genug –, ist um und um gewendet worden, bis sich kein Mensch mehr darin auskennt, und ich muß hier sitzen. Ich beklage mich nicht weiter darüber. Ich bin gewiß nicht schuld daran, daß ich mich gegenwärtig hier befinde, aber ich kann recht gut einsehen, daß das nicht geschehen wäre, wenn ich nicht schon von Jugend auf dieses Vagabunden leben geführt hätte. Aber es ist nun einmal geschehen. Jetzt kommt die Frage, wie soll man sich dabei benehmen.« Er rieb seine gebräunte Stirn einen Augenblick mit einem gut gelaunten Lächeln und entschuldigte sich: »Ich bin ein so kurzatmiger Redner, daß ich immer erst ein wenig zum Nachdenken 'einnehmen' muß.« Nachdem er das offenbar getan, blickte er wieder auf und fuhr fort: »Also, wie sich benehmen? Der Ermordete war Advokat und hatte mich ziemlich fest an der Gurgel. Ich möchte einem Toten nichts Böses nachsagen, aber er hatte mich, wie ich's nennen würde, wenn er noch am Leben wäre, höllisch an der Gurgel zu fassen gekriegt, und sein Beruf kommt mir dadurch nicht anziehender vor. Hätte ich mich von seinesgleichen ferngehalten, wäre ich jetzt nicht hier. Aber ich wollte etwas andres sagen. Nehmen wir an, ich hätte ihn wirklich getötet. Nehmen wir an, ich hätte ihn mit einer der vor kurzem abgefeuerten Pistolen, die Bucket in meiner Galerie gefunden hat – und, Herrgott im Himmel, jeden Tag, seit ich dort bin, hätte finden können –, niedergeschossen. Was würde ich getan haben, kaum daß man mich hierher gebracht hätte? Einen Advokaten genommen!« Er hielt inne, weil man draußen die Schlösser und Riegel klirren hörte, und fing nicht eher wieder an, als bis die Tür aufgegangen und wieder zugemacht worden war. Zu welchem Zweck sie geöffnet wurde, werde ich gleich erwähnen. »Ich hätte einen Advokaten genommen, und er würde gesagt haben, wie man es so oft in den Zeitungen liest: Mein Klient sagt nichts – mein Klient behält sich seine Verteidigung vor –, mein Klient hin, mein Klient her, mein Klient tut dies, das oder jenes. Es ist meiner Meinung nach dieser Sorte Menschen einfach unmöglich, einen graden Schritt zu tun oder so zu denken, wie es andre Leute tun. Nehmen wir an, ich bin unschuldig und lasse mir einen Advokaten kommen. Er würde mich wahrscheinlich auch für schuldig halten, oder aber es wäre ihm gleichgültig. Was würde er nun tun in diesem oder jenem Falle? Er würde so handeln, als ob ich schuldig wäre, würde mir den Mund verbieten, mir raten, mich nicht zu kompromittieren, manche Umstände zu verschweigen, andre zu verschleiern, würde allerlei Fuchssprünge machen und mich vielleicht auf die Art frei kriegen. Aber, Miß Summerson, was ist besser, auf diese Art loskommen oder lieber auf seine eigne Manier gehenkt werden? – Sie entschuldigen schon, daß ich vor einer Dame eine so unangenehme Sache beim Namen nenne.« Er war jetzt warm geworden und brauchte nicht erst wieder »zum Nachdenken einzunehmen«. »Da würde ich schon vorziehen, mich lieber auf meine eigne Art henken zu lassen. Und das will ich auch. Ich will damit durchaus nicht etwa sagen« – er sah uns der Reihe nach an, seine kräftigen Arme in die Seite gestemmt und die dunkeln Augenbrauen in die Höhe gezogen – »daß ich dem Hängen größeren Geschmack abgewinnen könnte als irgendein andrer. Was ich sage, ist nur, ich muß freikommen, rein und ohne Makel, oder gar nicht. Daher, wenn ich höre, daß man etwas gegen mich vorbringt, das wahr ist, so sage ich: das ist wahr. Und wenn sie mir vorhalten: was Sie da sagen, kann gegen Sie belastend aufgefaßt werden, so sage ich ihnen, das ist mir gleich, soll es das nur. Wenn sie mich nicht mit der ganzen Wahrheit reinwaschen können, so wird es mit der halben erst recht nicht gehen. Und wenn sie es doch können, so hat es keinen Wert für mich.« Er ging ein paar Mal auf dem steinernen Fußboden auf und ab, trat dann wieder an den Tisch und vollendete, was er noch zu sagen hatte. »Ich danke Ihnen, Miß, und Ihnen, Gentlemen, vielmals für ihre Aufmerksamkeit, und noch vielmals mehr für Ihre Teilnahme. Aber so liegt die Sache, wie sie sich darstellt vor einem einfachen Soldatenverstand. Ich habe niemals im Leben gut getan außer im Dienst, und sollte es zum Schlimmsten kommen, werde ich eben ernten, was ich gesät habe. Als ich mich von dem ersten Ruck, als Mörder verhaftet zu werden, erholt hatte – bei einem, der sich so viel und unter so mancherlei Schicksal in der Welt herumgeschlagen hat, dauert so etwas nicht besonders lang –, kam ich allmählich zu der Ansicht, die ich Ihnen soeben auseinandergesetzt habe, und bei dieser werde ich bleiben. Ich bringe über keinen Verwandten Schande und breche niemandem das Herz, und – und weiter habe ich nichts zu sagen.« Die Tür war vorhin aufgemacht worden, um einen andern ebenso soldatenmäßig aussehenden Mann von einem auf den ersten Blick weniger einnehmenden Äußern und eine wettergebräunte, blitzäugige, gesunde Frau mit einem Korb einzulassen, die von ihrem Eintritt an allem, was George gesagt, sehr aufmerksam zugehört hatten. George hatte sie mit einem Lächeln und einem freundlichen Nicken flüchtig begrüßt, ohne seine Rede zu unterbrechen. Er schüttelte ihnen jetzt herzlich die Hand und sagte: »Miß Summerson und meine Herren, das hier ist ein alter Kamerad von mir, Matthew Bagnet. Und das hier seine Frau, Mrs. Bagnet.« Mr. Bagnet machte uns eine steife militärische Verbeugung, und Mrs. Bagnet knickste. »Es sind treue gute Freunde von mir. In ihrem Hause war es, wo ich verhaftet wurde.« »Mit einem gebrauchten Violoncello. Als Vorwand«, schaltete Mr. Bagnet ein und schüttelte empört den Kopf. »Von gutem Ton. Für einen Freund. Kostenpunkt Nebensache.« »Mat«, sagte Mr. George, »du hast jetzt so ziemlich alles mit angehört, was ich der Dame und den beiden Herren gesagt habe. Ich setze voraus, daß du es billigst.« Mr. Bagnet dachte eine Weile nach, dann verwies er die Sache zur Entscheidung an seine Frau. »Alte, sag ihm, ob es meine Billigung findet. Oder nicht.« »Wahrhaftig, George«, rief Mrs. Bagnet aus, die inzwischen aus ihrem Korb ein Stück kaltes Schweinspökelfleisch, ein wenig Tee und Zucker und einen Laib Brot ausgepackt hatte, »Sie sollten wissen, daß es nicht seinen Beifall findet. Sie sollten wissen, daß es einen ganz wild machen kann, so etwas mit anzuhören. Sie wollen nicht auf diese Weise loskommen und dann wieder nicht auf jene! Gar so wählerisch zu sein! Dummes Zeug. Unsinn, George.« »Seien Sie nicht so hart gegen mich in meinem Unglück, Mrs. Bagnet«, sagte der Kavallerist mutwillig. »Zum Kuckuck mit Ihrem Unglück«, rief Mrs. Bagnet, »wenn es Sie nicht verständiger macht, als Sie sich bisher gezeigt haben. Ich habe mich noch nie so geschämt in meinem Leben, einen Menschen solchen Unsinn sprechen zu hören, wie Sie vorhin vor den anwesenden Herrschaften. Advokaten! Mein Gott, was, außer daß vielleicht viel Köche den Brei verderben, könnte Sie abhalten, ein Dutzend Advokaten anzunehmen, wenn der Herr hier sie Ihnen anbietet?« »Sie sind eine höchst verständige Frau«, fiel mein Vormund ein. »Ich hoffe, Sie werden ihn überreden, Mrs. Bagnet.« »Ihn überreden, Sir? Gott segne Sie! Da kennen Sie George schlecht. Da, schauen Sie ihn nur an« – Mrs. Bagnet stellte ihren Korb hin, um mit ihren beiden gebräunten Händen auf den Kavalleristen deuten zu können – »schauen Sie nur, wie er dort steht. So eigensinnig und zu Dummheiten entschlossen, wie nur je einer ein menschliches Geschöpf unter der Sonne hat die Geduld verlieren machen. Sie könnten ebensogut einen Achtundvierzigpfünder aufheben und schultern, wie diesen Menschen andern Sinnes machen, wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hat. O Gott, den kenne ich! Oder vielleicht nicht, George? Sie wollen doch nicht etwa nach soviel Jahren neue Eigenschaften vor mir entfalten, will ich hoffen.« Ihre freundschaftliche Entrüstung wirkte als Beispiel auf ihren Mann, und mehrmals während ihrer Rede setzte er dem Kavalleristen mit einem Kopfnicken zu, als empfehle er ihm stumm, aber dringend, nachzugeben. Mrs. Bagnet hatte mich auch dabei manchmal angesehen, und ich glaubte in ihren Augen zu lesen, daß sie wünschte, ich sollte irgend etwas tun, aber ich konnte nur nicht begreifen, was. »Ich hab es schon längst aufgegeben, mich mit Ihnen herumzustreiten, alter Junge«, fuhr Mrs. Bagnet fort, blies dabei ein wenig Staub von dem Pökelfleisch weg und sah mich dabei wieder an, »und wenn diese Herrschaften hier Sie erst einmal so gut kennen wie ich, werden sie es auch aufgeben, Ihnen zuzureden. Wenn Sie nicht zu dickschädlig sind, ein paar Bissen als Mittagessen anzunehmen, so steht es hier.« »Ich nehme es mit vielem Dank an«, entgegnete der Kavallerist. »Wahrhaftig?« rief Mrs. Bagnet, die immer noch gutmütig fortbrummte. »Nein, da bin ich wirklich höchlichst erstaunt. Es wundert mich nur, daß Sie nicht auch noch auf Ihre eigne Manier verhungern wollen. Es sähe Ihnen ganz ähnlich. Vielleicht setzen Sie sich das nächstens auch noch in den Kopf.« Sie sah mich abermals an, und jetzt erriet ich aus ihren Blicken, die sie abwechselnd auf die Tür und auf mich richtete, daß sie wünschte, wir möchten gehen und draußen vor dem Gefängnis auf sie warten. Ich teilte dies auf ähnliche Art meinem Vormund und Mr. Woodcourt mit und stand auf. »Ich hoffe, Sie werden sich eines Bessern besinnen, Mr. George«, sagte ich zum Abschied, »und wenn wir Sie wieder besuchen kommen, werden wir Sie hoffentlich vernünftiger finden.« »Dankbarer können Sie mich jedenfalls gewiß nicht finden, Miß Summerson.« »Aber Ratschlägen zugänglicher, hoffe ich. Und ich bitte Sie zu bedenken, daß die Aufklärung dieses Geheimnisses und die Entdeckung des wirklichen Mörders auch noch für andre Personen außer Ihnen von höchster Wichtigkeit sein kann.« Er hörte mich ehrerbietig an, aber ohne meinen Worten eine größere Beachtung zu schenken – ich sprach sie bereits auf dem Wege nach der Tür, ein wenig abgewendet von ihm, und betrachtete – wie man mir später sagte – mit plötzlich rege gewordner Aufmerksamkeit meine Figur. »Es ist doch merkwürdig«, sagte er, »schon damals kam es mir so vor!« Mein Vormund fragte, was er meine. »Ja, sehen Sie, Sir, als mich damals mein Geschick in der Nacht, als der Mord geschah, an die Treppe des Toten führte, sah ich im Dunkeln eine Gestalt an mir vorübergehen, die Miß Summerson so ähnlich war, daß ich sie beinah angesprochen hätte.« – Einen Augenblick fühlte ich einen Schauder, wie ich ihn nie vorher gekannt und hoffentlich nie mehr wieder fühlen werde. – »Sie kam die Treppen herab, gerade als ich hinaufging, und schritt an dem mondbeschienenen Fenster, in einen weiten schwarzen Mantel, mit langen Fransen daran, gehüllt, vorüber. Das hat natürlich mit meiner Angelegenheit nichts weiter zu tun, ausgenommen, daß Miß Summerson der Gestalt gerade jetzt in diesem Augenblick so ähnlich sah, daß es mir wieder einfiel.« – Ich kann die Gefühle, die in mir aufstiegen, nicht klar definieren und auseinander halten und nur soviel sagen, daß das unbestimmte Pflichtgefühl, das mich schon anfangs bewogen hatte, herzukommen und der Sache nachzugehen, jetzt noch stärker wurde. Warum, wagte ich mich eigentlich nicht zu fragen, trotzdem ich mir gleichzeitig innerlich voll Entrüstung vorhielt, ich könne in keiner Weise Ursache zu Befürchtungen haben. Wir verließen alle drei das Gefängnis und gingen vor dem Tor, das auf einen einsamen Platz mündete, ein Stückchen auf und ab. Wir hatten nicht lange zu warten, denn Mr. und Mrs. Bagnet kamen bald heraus und eilten auf uns zu. Mrs. Bagnets Augen standen voller Tränen, und ihr Gesicht war gerötet und aufgeregt. »Ich hab es George nicht merken lassen, was ich davon denke, Miß«, waren ihre ersten Worte, als sie uns erreichte. »Aber es steht schlimm mit dem armen alten Burschen.« »Nicht bei der nötigen Vorsicht und Klugheit und gutem Rechtsbeistand«, beruhigte sie mein Vormund. »Ein Herr wie Sie muß das natürlich besser wissen, Sir« – Mrs. Bagnet wischte sich mit dem Saum ihres grauen Mantels die Augen – »aber ich habe große Angst um ihn. Er ist viel zu sorglos gewesen und hat so viel gesagt, was er nie hätte sagen sollen. Die Herren vom Schwurgericht können ihn doch nicht so verstehen wie Lignum und ich. Und dann sprechen so viele Verdachtsmomente gegen ihn, und so viele Leute werden gegen ihn als Zeugen antreten, und Bucket ist so schlau.« »Mit einem gebrauchten Violoncello. Und sagte, er spielte die Querflöte. Als Knabe«, ergänzte Mr. Bagnet mit großer Feierlichkeit. »Ich will Ihnen was sagen, Miß. Und wenn ich Miß sage, so meine ich Sie alle. Kommen Sie mal hier in die Ecke, und ich will es Ihnen sagen.« – Mrs. Bagnet eilte mit uns in einen am Ende der Mauer liegenden Winkel und konnte anfangs vor Atemlosigkeit gar kein Wort herausbringen, was ihren Gatten veranlaßte, sie aufzumuntern: »Alte. Sprich.« – »Also, Miß«, fuhr die Alte fort und band sich, um mehr Luft zu haben, die Hutbänder auf, »Sie könnten ebensogut die Schanzen von Dover vom Fleck rücken als George, wenn Sie nicht ein andres Mittel wissen, um auf ihn einzuwirken. Und ein solches habe ich jetzt in Händen.« »Sie sind ein Juwel von einer Frau!« rief mein Vormund aus. »Ich sage Ihnen, Miß« – Mrs. Bagnet schlug vor Aufregung bei jedem ihrer Sätze wohl ein Dutzend Mal die Hände zusammen – »alles, was er da daherredet, er habe keine Verwandten und dergleichen, ist lauter dummes Zeug; sie wissen allerdings nichts von ihm, aber er weiß von ihnen. Er hat mit mir verschiedentliche Male offner gesprochen als mit andern, und nicht umsonst einmal zu meinem Woolwich so etwas von weißem Haar und Gramesfurchen greiser Mütter gesagt. Fünfzig Pfund möchte ich wetten, daß er an jenem Tag seine Mutter gesehen hat. Sie lebt und muß sogleich hierhergebracht werden.« Ohne eine Sekunde Zeit zu verlieren, nahm Mrs. Bagnet einige Stecknadeln in den Mund und fing an, ihr Kleid ringsherum aufzustecken, so daß es ganz von dem grauen Mantel bedeckt war, womit sie mit überraschender Gewandtheit und Schnelligkeit zu Rande kam. »Lignum«, sagte sie dann, »daß du mir ein Auge auf die Kinder hast, Alter! Und jetzt gib mir den Schirm! Ich mach jetzt fort nach Lincolnshire, um die alte Dame herzubringen.« »Du lieber Himmel, was will die Frau?« rief mein Vormund und wühlte in seinen Taschen. »Wo will sie hin? Wieviel Geld hat sie denn?« Mrs. Bagnet griff wieder unter ihren Mantel und brachte einen ledernen Geldbeutel hervor, in dem sie hastig ein paar Schillinge überzählte, und ihn dann wieder mit größter Befriedigung zuzog. »Haben Sie keine Sorge um mich, Miß. Ich bin eine Soldatenfrau und gewohnt, auf meine Weise zu reisen. Lignum, mein Alter, da einen Kuß für dich und drei für die Kinder. Ich mache jetzt fort nach Lincolnshire zu Georges Mutter.« Und sie trabte wirklich fort, während wir drei einander in grenzenlosem Erstaunen ansahen. Mit kräftigem Schritt marschierte sie in ihrem grauen Mantel von dannen und verschwand um die Ecke. »Und so wollen Sie sie fortlassen, Mr. Bagnet?« fragte mein Vormund. »Kann's nicht verhindern. Ist schon ein Mal nach Hause gereist. Aus einem andern Weltteil. Mit demselben grauen Mantel. Und demselben Regenschirm. Wenn die Alte sagt, tue das, soll man's tun. Wenn die Alte sagt, das tue ich, tut sie's.« »Dann ist sie so echt und treu, wie sie aussieht«, entgegnete mein Vormund. »Und es ist unmöglich, mehr zu ihrem Lobe zu sagen.« »Sie ist Fahnenjunker beim Nonpareil-Bataillon«, rief uns Mr. Bagnet noch über die Schulter zu, als er sich von uns verabschiedet hatte. »Es gibt keine zweite der Art. Aber ich gestehe es vor ihr nicht ein. Disziplin muß sein.« 53. Kapitel Die Spur Mr. Bucket und sein dicker Zeigefinger halten unter den gegenwärtigen Umständen sehr häufig Beratung miteinander. Wenn Mr. Bucket eine Sache von so großer Wichtigkeit in Händen hat, so scheint sich sein dicker Zeigefinger zur Würde eines Daimonions zu erheben. Ans Ohr gehalten, flüstert er ihm Ratschläge zu. Sein Herr hält ihn an seine Lippen, und er befiehlt ihm Schweigen; reibt seine Nase damit, und ihre Witterung wird schärfer; droht dem Schuldigen mit ihm, bezaubert ihn und stürzt ihn ins Verderben. Die Auguren der Geheimpolizei prophezeien stets, wenn sie Mr. Bucket mit seinem Finger Beratung pflegen sehen, daß man in kurzem von einer schrecklichen Vergeltung hören werde. Ein sanfter sinniger Beobachter der menschlichen Natur, im großen ganzen ein wohlwollender Philosoph, dem es fern liegt, streng über die Torheiten der Menschen zu urteilen, läßt sich Mr. Bucket in einer Anzahl von Häusern blicken und schlendert in einer Menge von Straßen herum, anscheinend gelangweilt und ohne ein besonderes Ziel im Auge zu haben. Er ist in der freundlichsten Stimmung gegen seine Mitmenschen und pflegt mit den meisten von ihnen einen Schoppen zu trinken. Er ist freigebig mit Geld, leutselig in seinen Manieren, unschuldig in seiner Haltung. Aber durch den Frieden seines Lebens zieht sich eine verborgne Zeigefinger-Unterströmung. Zeit und Raum können Mr. Bucket nichts anhaben. Wie der Mensch im allgemeinen, so kann er von heute auf morgen verschwunden sein. Aber darin ist er dem Menschen sehr unähnlich, daß er am nächsten Tag wieder aufzutauchen imstande ist. Heute abend wirft er im Vorbeigehen einen Blick auf die Fackelauslöscher vor der Tür von Sir Leicester Dedlocks Haus in der Stadt, und morgen früh sieht man ihn auf den Bleidächern von Chesney Wold umherwandern, wo früher der alte Mann herumging, dessen Geist jetzt mit einem Sühnopfer von hundert Guineen zur Ruhe gebracht werden soll. Schubladenpulte, Taschen, kurz, alles, was Mr. Tulkinghorn gehörte, untersucht Mr. Bucket. Ein paar Stunden später sind dann immer er und der Römer allein beisammen und vergleichen, was ihre Zeigefinger wissen. Wahrscheinlich vertragen sich diese Beschäftigungen nicht mit häuslichen Freuden, jedenfalls ist es sicher, daß Mr. Bucket gegenwärtig nie nach Hause geht. Obgleich er im allgemeinen das Beisammensein mit Mrs. Bucket sehr hoch schätzt – die Dame erfreut sich eines gewissen angebornen Detektivgenies, das bei weiterer Ausbildung und praktischer Übung Großes hätte leisten können, leider aber auf der Stufe eines geschickten Dilettantismus stehen geblieben ist –, entsagt er doch gegenwärtig ihren zärtlichen Tröstungen. Mrs. Bucket ist daher, wenn sie nicht ganz auf Gesellschaft und Unterhaltung verzichten will, auf ihre Mieterin angewiesen, glücklicherweise eine liebenswürdige Dame, an der sie großes Interesse nimmt. Eine große Menschenmenge versammelt sich in Lincoln's-Inn-Fields am Tage des Leichenbegängnisses. Sir Leicester Dedlock allerdings wohnt der Feierlichkeit persönlich bei; aber streng genommen sind außer ihm nur noch drei andre menschliche Leidtragende da, nämlich Lord Doodle, William Buffy und als Zugabe der hinfällige Vetter; aber die Zahl der leeren untröstlichen Equipagen ist unendlich. Der Hochadel stellt mehr vierrädrige Beileidsbezeugungen bei, als jemals in dieser Gegend der Stadt gesehen worden sind. Die Versammlung von Wappen auf Kutschenschlägen ist so groß, daß man fast auf die Vermutung kommen könnte, das Heroldsamt habe Vater und Mutter in einer Nacht verloren. Der Herzog von Woodle schickt einen Trauerprachtbau mit silbernen Beschlägen, Patentachsen und den allerneuesten Verbesserungen, nebst drei Waisenknaben, jeder sechs Fuß hoch, die sich als »letzter Gruß« hinten anklammern. Alle Staatskutscher in London stecken bis über die Ohren in Trauer, und wenn der tote alte Mann mit dem rostigen Anzug nicht bereits hoch über Rosseprunk erhaben ist, so muß er sich an diesem Tag von Herzen freuen. Ganz still, mitten unter den Leichenbesorgern und den Equipagen und den Waden so vieler gramumflorter Beine, sitzt Mr. Bucket verborgen in einer der untröstlichen Kutschen und überschaut durch die Vorhänge in aller Muße die versammelte Menge. Er hat ein scharfes Auge für das Gewimmel – und für was sonst nicht noch alles –, und wie er umherblickt, bald aus dem linken, bald aus dem rechten Wagenfenster, bald hinauf zu den Fenstern der Häuser und über die Köpfe der Leute hinweg, entgeht ihm nichts. »Aha, da sind Sie ja, werte Ehehälfte«, sagt Mr. Bucket zu sich selbst und meint damit Mrs. Bucket, die durch seine hohe Verwendung einen Platz auf den Stufen des Trauerhauses bekommen hat. »Da bist du ja. Und recht hübsch siehst du aus, Mrs. Bucket.« Der Zug hat sich noch nicht in Bewegung gesetzt und man wartet, bis die Leiche herausgebracht wird. Mr. Bucket, in dem vordersten mit Wappen geschmückten Wagen, hält mit seinen beiden dicken Zeigefingern die Vorhänge ein Haarbreit auseinander, um hindurch zu spähen. Es spricht wirklich sehr für seine Zärtlichkeit als Gatte, daß er sich immer noch mit Mrs. Bucket beschäftigt. »Also da sind Sie ja, werte Ehehälfte«, wiederholt er halblaut. »Und unsre Mieterin auch. Ich sehe Sie ganz gut, Mrs. Bucket, und hoffe, wir sind wohlauf.« Mr. Bucket spricht kein Wort weiter, sondern sitzt nur mit Augen, denen nichts entgeht, wartend da, bis das eingesargte Depositorium der adligen Geheimnisse heruntergetragen wird. Wo sind sie jetzt alle, diese Geheimnisse? Bewahrt sie Mr. Tulkinghorn immer noch? Begleiten sie ihn vielleicht auch auf dieser unvorhergesehnen Reise? Der Zug setzt sich in Bewegung, und Mr. Buckets Gesichtskreis bekommt Abwechslung. Er macht sich's für eine längere Spazierfahrt bequem und besichtigt die innere Ausstattung der Kutsche, für den Fall ihm einmal eine solche Kenntnis von Nutzen sein könnte. Kontrast genug zwischen Mr. Tulkinghorn in seiner dunkeln Kutsche und Mr. Bucket in der seinigen. Zwischen der kleinen Wunde, die den einen in ewigen Schlaf versetzt hat, der jetzt so dumpf über das Straßenpflaster rumpelt, und der schmalen Blutspur, die den andern in Wachsamkeit erhält und sich dennoch auch nicht in einem Haar seines Hauptes verrät! Aber eins ist beiden gemeinsam, daß sich keiner von ihnen stören läßt. Mr. Bucket macht die Prozession mit und schlüpft aus dem Wagen, als die Gelegenheit gekommen ist, die er sich ausersehen hat. Er macht sich auf nach Sir Leicesters Wohnung, wo er zurzeit ganz zu Hause ist, nach Belieben zu allen Stunden kommt und geht, stets willkommen ist und mit Aufmerksamkeit behandelt wird, den ganzen Haushalt kennt und, mit einer Atmosphäre von Geheimnis umgeben, umherwandelt. Er braucht weder zu klopfen noch zu klingeln. Er hat sich einen Schlüssel geben lassen und kann nach Belieben eintreten. Als er durch die Vorhalle geht, benachrichtigt ihn der Merkur: »Die Post hat wieder einen Brief für Sie gebracht, Mr. Bucket«, und übergibt ihm das Schreiben. »Wieder einen, so?« sagt Mr. Bucket. Sollte der Merkur zufällig von Neugierde hinsichtlich Mr. Buckets Briefen gequält werden, so ist der Detektiv der letzte, der sie befriedigen würde. Er blickt in das Gesicht des Mannes wie in eine Aussicht in weiter Ferne, die er sich in aller Muße betrachtet. »Haben Sie vielleicht eine Tabaksdose bei sich?« fragt Mr. Bucket. Unglücklicherweise ist der Merkur kein Schnupfer. »Könnten Sie mir vielleicht irgendwoher eine Prise verschaffen. Ja? Danke schön. Es ist mir gleich, was es für Tabak ist. Ich bin nicht wählerisch. Danke schön.« Nachdem er mit Muße aus einer unten im Portierstübchen entliehenen Dose eine Prise genommen und sie mit großer Wichtigkeit erst mit einem Nasenloch und dann mit dem andern geprüft hat, erklärt er die Sorte für die richtige und geht mit dem Brief in der Hand hinauf. Obgleich nun Mr. Bucket die Treppe hinauf nach der kleinen Bibliothek, die an die größere anstößt, mit der Miene eines Mannes geht, der täglich Dutzende Briefe bekommt, ist dennoch ein lebhafter Briefwechsel durchaus nichts Gewöhnliches bei ihm. Er ist kein Mann der Feder und führt sie etwa wie den Amtsstab, den er beständig bei sich trägt, und es ist nicht seine Gewohnheit, Leute aufzufordern, mit ihm Briefe zu wechseln, da es eine zu kunstlose und unmittelbare Art ist, delikate Geschäfte zu erledigen. Außerdem hat er zu oft erlebt, wie häufig kompromittierende Briefe zur Entdeckung führten, und hat daher alle Veranlassung, zu bedenken, wie wenig schlau es gewesen, sie zu schreiben. Aus allen diesen Gründen hat er sehr wenig mit Briefen, weder als Absender noch als Empfänger, zu tun, und um so auffallender ist es, daß er innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden genau ein halbes Dutzend erhielt. »Und dieser hier«, sagt Mr. Bucket und breitet den eben empfangnen auf dem Tische aus, »enthält dieselben zwei Worte.« Was für zwei Worte? Er sperrt die Tür ab, öffnet seine schwarze Brieftasche, die schon für so viele verhängnisvoll geworden ist, legt einen andern Brief daneben und liest in beiden die mit festen Zügen geschriebnen Worte: »Lady Dedlock.« »Ja, ja«, sagt Mr. Bucket., »Aber ich hätte das Geld auch ohne diesen anonymen Wink verdienen können.« Nachdem er die Briefe wieder eingesteckt hat, schließt er die Tür gerade zur rechten Zeit auf, um sein Mittagessen hereinzulassen, das auf einem gedeckten Servierbrett nebst einer Karaffe Sherry gebracht wird. Mr. Bucket erwähnt häufig im Kreise vertrauter Freunde, ein hohler Zahn voll schönem braunem altem ostindischem Sherry sei ihm das Liebste, was man ihm anbieten könne. Daher füllt und leert er jetzt sein Glas mit schmatzenden Lippen und schlürft seinen Wein. Aber plötzlich fällt ihm etwas ein. Er öffnet vorsichtig die in das anstoßende Zimmer führende Tür und späht hinein. Die Bibliothek ist leer, und die Glut im Kamin sinkt zusammen. Nach einem raschen Blick durch das ganze Zimmer fällt sein Auge auf einen Tisch, wo man Briefe hinzulegen pflegt, wenn sie ankommen. Die für Sir Leicester angekommene Post liegt jetzt dort. Mr. Bucket tritt näher und liest die Aufschriften. »Nein«, sagt er, »von dieser Hand ist keiner darunter. Man hat also bloß an mich geschrieben. Ich kann es morgen Sir Leicester Dedlock, Baronet, mitteilen.« Darauf kehrt er wieder zu seinem Essen zurück, verzehrt es mit gutem Appetit und wird nach einem kurzen Schläfchen in den Salon befohlen. Sir Leicester hat ihn dort die letzten Abende wiederholt empfangen, um zu erfahren, zu welchem Resultat die Nachforschungen bisher geführt haben. Der hinfällige Vetter, von dem Leichenbegängnis stark mitgenommen, und Volumnia sind anwesend. Mr. Bucket macht jeder der drei Personen eine besondere Verbeugung: Sir Leicester eine huldigungsvolle, Volumnia eine galante und dem ausgemergelten Vetter eine wissende, die ungefähr soviel sagt wie: Sie sind ein etwas anrüchiges Gigerl, werter Herr, und wir kennen uns. Nachdem er diese kleinen Proben seines Taktgefühls gewissenhaft verteilt hat, reibt er sich die Hände. »Können Sie mir bereits etwas mitteilen, Inspektor?« fragt Sir Leicester. »Wünschen Sie vielleicht mit mir unter vier Augen zu sprechen?« »Nein –, heute abend nicht, Sir Leicester Dedlock, Baronet.« »Sie wissen, meine Zeit steht Ihnen ganz zur Verfügung, wenn es gilt, die Übertretungen des Gesetzes zu ahnden, Inspektor.« Mr. Bucket hustet und blickt die in Schminke und Halsband prangende Volumnia an, als wolle er ehrerbietig sagen: Ich versichere Ihnen, Sie sind ein entzückendes Geschöpf. Ich habe Hunderte gesehen, die in Ihrem Alter sich zehnmal schlimmer ausnahmen. – Ehrenwort! Die schöne Volumnia, sich der Wirkung ihrer Reize nicht so ganz unbewußt, hält im Schreiben eines Stoßes dreieckiger Briefchen inne und rückt versonnen das Perlenhalsband zurecht. Mr. Bucket überschlägt im Geiste den Wert des Schmuckes und hält es nicht für ausgeschlossen, daß Volumnia Verse schreibe. »Wenn ich Sie nicht schon auf das nachdrücklichste beschworen haben sollte, Inspektor«, fährt Sir Leicester majestätisch fort, »all Ihre Geschicklichkeit zur Entdeckung dieser schrecklichen Tat aufzubieten, so möchte ich eine solche Unterlassungssünde jetzt wieder gut machen. Sie dürfen auf Geld keine Rücksicht nehmen, hören Sie? Sie können sich bei Verfolgung der Sache, die Sie in die Hand genommen haben, keine Kosten machen, mit deren Bezahlung ich nur einen Augenblick zögern würde.« Mr. Bucket verbeugt sich tief, solcher Freigebigkeit seine Anerkennung zu zollen. »Ich habe mich noch immer nicht«, fährt Sir Leicester mit edler Wärme fort, »seit dieser teuflischen Tat erholen können; wie sich leicht denken läßt. Es wird mir auch fürder nicht so leicht fallen, aber heute abend, nachdem ich die schwere Pflicht vollzogen, einen treuen, eifrigen und ergebenen Diener bestattet zu haben, bin ich geradezu von Entrüstung erfüllt.« Sir Leicesters Stimme zittert, und sein graues Haar sträubt sich. Tränen treten ihm in die Augen, und die beste Saite seines Wesens vibriert. »Ich erkläre«, sagt er, »ich erkläre feierlich, daß, solange das Verbrechen nicht entdeckt und der Täter den Händen der Gerechtigkeit überliefert ist, ich fast so darunter leide, als ob ein Schandfleck auf meinem Namen ruhte. Ein Mann, der einen so großen Teil seines Lebens mir gewidmet hat, und zwar bis zum letzten Tage, der beständig an meiner Tafel gesessen und unter meinem Dach geschlafen hat, geht von meinem Haus nach dem seinigen und wird eine Stunde darauf erschlagen. Wie kann ich wissen, ob man ihn nicht von meinem Hause aus verfolgte, vor meinem Hause ihm auflauerte, ja, vielleicht zu der Tat dadurch angeregt wurde, weil er mit meinem Haus in Verbindung stand, und dadurch auf den Gedanken geriet, er sei vermögender und einflußreicher, als sein zurückgezognes Leben mutmaßen ließ? Wenn ich nicht alle Mittel, meinen ganzen Einfluß und meine Stellung aufböte, um sämtliche Mitschuldigen an einem solchen Verbrechen der verdienten Strafe zu überliefern, ließe ich es an Hochachtung dem Gedächtnis des Mannes gegenüber und der Treue, die ich dem schulde, der immer treu zu mir gehalten hat, fehlen.« Während er dies mit großem Ernst und tiefer Bewegung beteuert und dabei mit der Miene eines Redners vor einer Versammlung um sich blickt, sieht ihn Mr. Bucket ernst und beobachtend an, mit einem Ausdruck, dem, wenn der Gedanke nicht gar so kühn wäre, eine Spur von Mitleid beigemischt sein könnte. »Die heutige Begräbnisfeierlichkeit«, fährt Sir Leicester fort, »ein glänzendes Zeichen der Hochachtung, die die Blüte des Landes für meinen verstorbnen Freund fühlt« – er legt auf das Wort »Freund« einen besonderen Nachdruck, denn der Tod hebt bekanntlich alle Unterschiede auf – »hat, sage ich, die seelische Erschütterung, die sich meiner bei diesem schrecklichen und unerhörten Verbrechen bemächtigte, noch vertieft. Selbst meinen Bruder würde ich nicht schonen, wenn er die Tat begangen hätte.« Mr. Bucket macht wiederum ein sehr ernstes Gesicht. Volumnia äußert über den Verstorbenen, er sei der zuverlässigste und liebste Mensch gewesen. »Sie müssen seinen Verlust schwer empfinden, Miß«, tröstet Mr. Bucket. »Sicherlich. Er ist ganz ein Mann gewesen, dessen Verlust man schwer fühlt. Wahrhaftig, ja.« Volumnia verrät Mr. Bucket, ihr gefühlvolles Herz sei fest entschlossen, sich von dem Stoß, solange es schlage, nie wieder zu erholen, und daß ihre Nerven unwiderbringlich zerrüttet seien und sie selbst keine Aussicht mehr habe, je wieder lächeln zu können. Dabei faltet sie ein dreieckiges Briefchen an den alten gefürchteten General in Bath zusammen, in dem sie ihren traurigen Gemütszustand geschildert hat. »So etwas muß natürlich einer zartbesaiteten Dame einen Stoß geben«, sagt Mr. Bucket voll Mitgefühl. »Aber man erholt sich schon wieder.« Vor allem wünscht Volumnia zu wissen, was weiter geschehen wird. Ob man nicht schon endlich diesen schrecklichen Soldaten verurteile, ob er Mitschuldige habe, oder wie sie es vor Gericht nennen. »Ja, sehen Sie, Miß«, erklärt Mr. Bucket und fängt an, seinen Zeigefinger ausdrucksvoll zu bewegen, und seine natürliche Galanterie ist so groß, daß er beinahe gesagt hätte: Meine Liebe. »Es ist nicht so leicht, diese Fragen, wie die Sache gegenwärtig steht, zu beantworten. – Ich habe mich mit dieser Sache, Sir Leicester Dedlock« – Mr. Bucket zieht den Baronet als Hauptperson in das Gespräch – »zu allen Stunden des Tages ununterbrochen und eingehend beschäftigt; ohne ein paar Gläser Sherry hätte ich kaum meinen Geist in einer so beständigen Spannung erhalten können. Ich könnte Ihre Fragen beantworten, Miß, aber die Pflicht verbietet es mir. Sir Leicester Dedlock, Baronet, wird sehr bald alles erfahren, was ich bis jetzt herausgebracht habe. Und ich will hoffen«, – Mr. Bucket macht wieder ein ernstes Gesicht – »daß es ihn befriedigen wird.« Der hinfällig aussehende Vetter hofft nur, daß – äh – Schweinehund hinjerichtet – äh –, Exempel statuiert, jlaubt, heutzutage mehr alljemeines Interesse. – Mann an Galgen bringen, als jemand Stelle verschaffen mit zehntausend jährlich Jehalt. Ist überzeugt – Beispiels wegen –, viel besser, falschen Kerl hängen, als überhaupt niemanden. »Sie kennen das Leben, Sir«, sagt Mr. Bucket mit einem gewissen vertraulichen Zwinkern des Auges und einem Krümmen seines Zeigefingers, »und Sie können bestätigen, was ich soeben dieser Dame gesagt habe. Ihnen brauche ich nicht erst zu verraten, daß Nachrichten, die ich bekommen habe, mich dazu veranlaßt haben. Sie verstehen, was man dem Verständnis einer Dame nicht zumuten kann. Besonders einer Dame in Ihrer hohen gesellschaftlichen Stellung, Miß«, sagt Mr. Bucket und wird blutrot, denn bei einem Haar wäre ihm zum zweiten mal die Anrede »Meine Liebe« entschlüpft. »Der Inspektor tut seine Pflicht und ist vollkommen im Recht, Volumnia«, betont Sir Leicester. »Sehr erfreut, mein Vorgehen von Ihnen gebilligt zu sehen, Sir Leicester Dedlock, Baronet«, murmelt Mr. Bucket. »Tatsächlich, Volumnia«, fährt Sir Leicester fort, »gibt man kein gutes Beispiel, wenn man dem Inspektor solche Fragen vorlegt, wie Sie sie soeben gestellt haben. Er muß am besten wissen, was er beantworten kann, und es schickt sich nicht für uns, die wir die Gesetze mitmachen helfen, denen, die sie in Anwendung bringen, hindernd in den Weg zu treten. Oder«, sagt Sir Leicester etwas streng, denn Volumnia wollte ihn unterbrechen, noch ehe er seinen Satz abgerundet hatte, »oder denen ihre Pflicht schwer zu machen, die die rächenden Organe unsrer Gesetzgebung repräsentieren.« Volumnia rechtfertigt sich in aller Demut, daß sie nicht nur als Entschuldigung den Hinweis auf die Neugierde, die eine Eigenschaft der leichtsinnigen Jugend im allgemeinen und die ihres Geschlechtes im besondern bilde, für sich habe, sondern auch fast von Sinnen sei vor Schmerz und Teilnahme für den lieben reizenden Menschen, dessen Verlust sie alle so sehr beklagen. »Sehr gut, Volumnia«, entgegnet Sir Leicester, »um so mehr können Sie nicht diskret genug sein.« Mr. Bucket benützt die eingetretne Pause, um sich wieder hören zu lassen. »Sir Leicester Dedlock, Baronet, eines kann ich jedenfalls der Dame mit Ihrer Erlaubnis, und ganz im Vertrauen, verraten, nämlich, daß ich die Angelegenheit bereits für ziemlich abgeschlossen halte. Es ist ein schöner Fall – ein schöner Fall –, und das Wenige, was noch zu seiner Vervollständigung fehlt, hoffe ich in ein paar Stunden beisammen zu haben.« »Es freut mich sehr, das zu hören«, sagt Sir Leicester. »Es macht Ihnen sehr viel Ehre.« »Sir Leicester Dedlock, Baronet, ich hoffe, die Sache wird nicht nur mir Ehre machen, sondern auch allen Teilen Befriedigung gewähren. Wenn ich sage, es ist ein schöner Fall, Miß«, fährt Mr. Bucket fort und wirft einen ernsten Seitenblick auf Sir Leicester, »müssen Sie im Auge behalten, daß ich ihn von meinem Standpunkt aus betrachte. Von andern Gesichtspunkten aus gesehen, ziehen solche Fälle immer mehr oder weniger Unannehmlichkeiten nach sich. Oft kommen sehr sonderbare Familienangelegenheiten zu unsrer Kenntnis, Miß. Ja, wahrhaftig Dinge, die Sie geradezu für unmöglich halten würden.« Volumnia glaubt das gern und sagt es mit ihrem naiven halblauten Schrei. »Ja, und sogar in feinen Familien, in vornehmen Familien, in sehr hohen Familien« – Mr. Bucket sieht abermals Sir Leicester ernst von der Seite an. »Ich habe die Ehre gehabt, schon früher in vornehmen Familien zu Rate gezogen zu werden, und Sie haben keinen Begriff – ich gehe soweit zu sagen, daß selbst Sie keinen Begriff haben, Sir« – dies sagt er zu dem hinfällig aussehenden Vetter – »was da für Geschichten vorkommen.« Der Vetter, der sich, halbtot vor Langweile, in den Sofakissen gerekelt hat, gähnt: »Woh ö – i« – was »wohl möglich« heißen soll. Sir Leicester hält es für an der Zeit, den Inspektor zu entlassen, sagt majestätisch: »Sehr gut, ich danke Ihnen«, und gibt mit einer ausdrucksvollen Handbewegung zu verstehen, daß das Gespräch als beendet anzusehen ist und daß vornehme Familien, wenn sie in schlechte Gewohnheiten verfallen, sich eben die Folgen selbst zuzuschreiben haben. »Vergessen Sie nicht, Inspektor«, setzt er herablassend zu, »daß ich zu jeder Zeit zu Ihrer Verfügung stehe.« Wieder sehr ernst, erkundigt sich Mr. Bucket, ob es vielleicht morgen vormittag angenehm wäre, falls die Sache bis dahin soweit gediehen sein sollte. Sir Leicester gibt zur Antwort: »Jede Stunde ist mir recht.« Mr. Bucket macht seine drei Verbeugungen und will sich entfernen, da fällt ihm ein, daß er noch etwas vergessen hat. »Dürfte ich beiläufig fragen«, sagt er, geräuschlos und vorsichtig umkehrend, »wer die Bekanntmachung wegen der ausgesetzten Belohnung an der Treppe angeschlagen hat.« »Ich selbst ließ sie dort anschlagen«, entgegnet Sir Leicester. »Würde ich mir eine Freiheit herausnehmen, Sir Leicester Dedlock, Baronet, wenn ich Sie fragte, warum?« »Durchaus nicht. – Ich wählte die Treppe deswegen, weil diesen Teil des Hauses jedermann betritt. Ich glaubte, es könnte gar nicht aufmerksam genug darauf gemacht werden. Ich wünschte meinen Leuten die Größe des Verbrechens, meinen festen Entschluß, es zu bestrafen, und die Unmöglichkeit, der Strafe zu entgehen, tief einzuprägen. Aber wenn Sie, Inspektor, bei Ihrer größeren Erfahrung in solchen Sachen etwas dagegen einzuwenden haben...« Mr. Bucket hat jetzt nichts dagegen einzuwenden; da die Bekanntmachung einmal angeschlagen ist, sei es besser, sie nicht zu entfernen. Er wiederholt seine drei Verbeugungen und entfernt sich. Volumnia läßt wieder ihren leisen Schrei hören und leitet damit die Bemerkung ein, daß die Seele dieses entzückend furchtbaren Menschen die reinste Blaubartkammer sei. Mit seinem Hang zur Geselligkeit und seiner Gewandtheit, mit allen Menschenklassen zu verkehren, steht Mr. Bucket gleich darauf vor dem Kaminfeuer in der Vorhalle – so hell und warm in der frühen Winterabendstunde – und bewundert den Merkur. »Wahrhaftig, ich glaube, Sie sind sechs Fuß zwei Zoll?« »Drei«, verbessert der Merkur. »Wirklich so groß? Aber freilich, ja, Sie sind breit im Verhältnis, und man sieht es Ihnen nicht an. Sie sind keiner von den Spindelbeinen. Haben Sie nie Modell gestanden?« Mr. Bucket sieht ihn mit auf die Seite geneigtem Kopf und dem Blick eines Künstlers an. Der Merkur hat nie Modell gestanden. »Dann sollten Sie's tun«, sagt Mr. Bucket. »Ein Freund von mir, von dem Sie noch eines schönen Tages hören werden, daß er Bildhauer der königlichen Akademie geworden ist, würde etwas springen lassen, wenn er Sie als Modell für eine Marmorstatue bekommen könnte. Mylady ist nicht zu Hause, nicht wahr?« »Zum Diner ausgefahren.« »Fährt wohl ziemlich jeden Tag aus, nicht wahr?« »Ja.« »Nicht zu verwundern«, meint Mr. Bucket. »Eine so vornehme Frau wie sie, so schön, so anmutig und elegant, ist wie eine frische Zitrone auf einem Speisetisch und eine Zierde überall, wo sie hinkommt. War Ihr Vater auch in einer Stellung wie Sie?« Die Antwort fällt verneinend aus. »Aber meiner«, sagt Mr. Bucket. »Mein Vater war erst Page, dann Bedienter, dann Kellermeister, dann Steward, dann Gastwirt. War zu Lebzeiten allgemein geachtet und starb tief betrauert. Sagte mit seinem letzten Atemzug, er betrachte seine Bedientenzeit als den ehrenvollsten Teil seiner Laufbahn, und so war es auch. Ich habe einen Bruder, der Bedienter ist, und einen Schwager. Ist Mylady gut mit den Leuten?« Der Merkur entgegnet, soweit man das von ihr erwarten könne. »Aha«, sagt Mr. Bucket, »ein bißchen verwöhnt? Ein bißchen launenhaft? Mein Gott, wie kann es anders sein, wenn man so schön ist. Und je launenhafter sie ist, desto lieber hat man sie.« Der Merkur, die Hände in den Taschen seiner schönen pfirsichblütnen Kniehose, streckt seine symmetrischen seidenüberzognen Beine mit der Miene eines Stutzers von sich und kann es nicht leugnen. Draußen kommt ein Wagen angerollt, und es wird heftig geklingelt. »Wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt«, sagt Mr. Bucket. »Da ist sie.« Die Türen werden weit geöffnet, und Mylady schreitet durch die Vorhalle. Sie ist immer noch sehr bleich, in Halbtrauer gekleidet, und trägt zwei kostbare Armbänder. Entweder ihre Schönheit oder die Schönheit ihrer Arme erregen Mr. Buckets ganz besondre Aufmerksamkeit. Er sieht mit spähendem Blick hin und klappert mit etwas in der Tasche – vielleicht mit Halfpences. Sie bemerkt ihn im Hintergrund und wendet sich mit einem fragenden Blick an den andern Merkur, der sie nach Hause brachte. »Mr. Bucket, Mylady.« Mr. Bucket macht einen Kratzfuß und tritt hervor, indem er sich mit seinem Hausdämon über den Mund fährt. »Warten Sie auf Sir Leicester?« »Nein, Mylady. Ich war bereits bei ihm.« »Haben Sie mir etwas zu sagen?« »Jetzt gerade nicht, Mylady.« »Haben Sie neue Entdeckungen gemacht?« »Ein paar, Mylady.« – Sie stellt ihre Fragen nur so im Vorübergehen. Sie bleibt kaum stehen und schwebt allein die Treppe hinauf. – Mr. Bucket tritt einen Schritt vor und beobachtet sie, wie sie die Stufen hinaufgeht, die der alte Advokat herunterstieg in sein Grab, an mordgierigen Gruppen von Bildhauerwerk vorüber, die sich mit dem Schatten ihrer Waffen an der Wand wiederholen, an der gedruckten Bekanntmachung, auf die sie im Vorbeigehen einen Blick wirft, vorüber. Dann verschwindet sie. »Wahrhaftig, eine schöne Frau«, sagt Mr. Bucket und kommt zu dem Merkur zurück. »Sieht aber nicht ganz gesund aus.« Sei auch nicht ganz gesund, teilt ihm der Merkur mit, leide sehr an Kopfschmerzen. Wahrhaftig? Schade! Spazierengehen würde Mr. Bucket als Heilmittel anempfehlen. »O, sie geht spazieren«, entgegnet der Merkur. »Geht manchmal zwei Stunden spazieren, wenn ihr Zustand sich verschlimmert. Sogar in der Nacht.« »Wissen Sie auch ganz sicher, daß Sie genau sechs Fuß drei Zoll hoch sind?« fragt Mr. Bucket. »Sie müssen schon entschuldigen, daß ich Sie einen Augenblick unterbreche.« »Darüber besteht gar kein Zweifel.« »Ich hätte das wirklich nicht geglaubt bei Ihren guten Proportionen. Die Garden gelten doch auch als schöne Leute, aber sie sind mir zu schlenkrig und aufgeschossen. – Geht also bei Nacht spazieren? Wenn Mondschein ist?« O ja, wenn Mondschein ist! Natürlich. Ja natürlich. – Übereinstimmung auf beiden Seiten. – »Sie selbst gehen wohl nicht viel spazieren?« fragt Mr. Bucket. »Haben wahrscheinlich nicht viel Zeit dazu übrig?« Außerdem findet der Merkur keinen Geschmack daran. Zieht Fahren vor. »Selbstverständlich.« – Mr. Bucket sieht das ein. – »Das ist etwas ganz andres. Übrigens, jetzt fällt mir ein«, sagt Mr. Bucket, indem er sich die Hände wärmt und vergnüglich in die flackernde Flamme schaut, »sie ist an demselben Abend, wo die Geschichte geschehen ist, auch spazieren gegangen.« »Ja, freilich! Ich schloß ihr den Garten drüben auf.« »Und verließen sie dort. Richtig, ja. Ich hab es zufällig mit angesehen.« »Ich habe Sie nicht bemerkt«, sagt der Merkur. »Ich hatte ziemliche Eile«, erklärt Mr. Bucket, »denn ich wollte gerade eine Tante besuchen, die in Chelsea wohnt – die zweitnächste Tür von dem alten ehemaligen Bun-Haus. Neunzig Jahre alt. Unverheiratet und im Besitz eines kleinen Vermögens. Ja, ich ging gerade zufällig vorbei. Wie spät mochte es wohl gewesen sein? Warten Sie mal. Es war noch nicht zehn.« »Halb zehn.« »Ganz richtig. Halb zehn war's. Und wenn ich mich nicht ganz irre, war Mylady in einen weiten schwarzen Mantel, mit breiten Fransen daran, gehüllt.« »Ganz richtig.« »Ganz richtig.« Mr. Bucket muß wieder zu einer kleinen Arbeit zurück, die er oben noch zu verrichten hat, muß aber vorher noch dem Merkur erkenntlich für die angenehm verlebte Viertelstunde die Hand schütteln, und ob er wohl – möchte er noch ein Mal fragen – ob er wohl, wenn er einmal eine halbe Stunde übrig habe, sie dem Bildhauer der königlichen Akademie zum Nutzen beider Teile schenken möge? 54. Kapitel Eine Mine fliegt auf Vom Schlaf gestärkt, steht Mr. Bucket zeitig morgens auf und macht sich fertig zum Kampfe. Aufgeputzt mit Hilfe eines reinen Hemdes und einer nassen Haarbürste, mit der er bei feierlichen Gelegenheiten die dünnen Locken befeuchtet, die ihm nach einem solchen Leben angestrengten Studiums noch übrig geblieben sind, nimmt er ein Frühstück ein, von dem zwei Hammelkoteletten den Grundstein und Tee, Eier, Zwieback und Marmelade in entsprechender Menge den Aufbau bilden. Nachdem er diese kräftigenden Speisen mit Genuß verzehrt und eine geheime Konferenz mit seinem Hausdämon gehalten hat, ersucht er den Merkur vertraulich, Sir Leicester Dedlock, Baronet, im stillen wissen zu lassen, daß er für ihn bereit sei, wenn es jetzt genehm wäre. Auf die gnädige Antwort, daß Sir Leicester seine Toilette beschleunigen und den Inspektor binnen zehn Minuten in der Bibliothek sehen wolle, begibt sich Mr. Bucket dorthin, steht dort vor dem Kamin, den Finger am Kinn, und blickt in die glühenden Kohlen. Er ist gedankenvoll wie ein Mann, der ein hochwichtiges Werk zu vollenden hat, aber gefaßt, sicher, voller Selbstvertrauen. Nach dem Ausdruck seines Gesichtes könnte man ihn für einen berühmten Whistspieler halten, der um einen großen Einsatz spielt – sagen wir, um hundert Guineen – und der das Spiel in der Hand hat, es aber seinem großen Ruf schuldig ist, auf meisterhafte Weise bis zur letzten Karte durchzuspielen. Mr. Bucket zeigt sich nicht im mindesten erregt, als Sir Leicester erscheint; und wie der Baronet langsam nach seinem Lehnstuhl geht, blickt er ihn wieder wie gestern von der Seite mit dem beobachtenden Ernst an, in den eine Spur von Mitleid gemischt zu sein scheint. »Es tut mir leid, daß ich Sie habe warten lassen müssen, Inspektor, aber ich habe mich heute morgen ein wenig länger mit dem Ankleiden aufgehalten als gewöhnlich. Ich fühle mich nicht recht wohl. Die Aufregung der letzten Tage hat mich zu sehr angegriffen. Überdies bin ich – Gichtanfällen unterworfen.« Sir Leicester hat anfangs bloß Unpäßlichkeit vorschützen wollen und hätte es auch jedermann gegenüber aufrecht erhalten, aber Mr. Bucket durchschaut ihn offenbar. »Und die Ereignisse der letzten Zeit haben wieder einen Anfall herbeigeführt.« – Während er, mit einiger Schwierigkeit und seine Schmerzen verbeißend, Platz nimmt, tritt Mr. Bucket etwas näher und stützt sich mit einer seiner großen Hände auf den Bibliothekstisch. – »Ich weiß nicht, Inspektor«, bemerkt Sir Leicester und blickt auf, »ob Sie mit mir unter vier Augen zu sprechen wünschen. Ich überlasse das ganz Ihnen. Wenn Sie es wünschen, gut, wenn nicht, so würde Miß Dedlock gern...« »Nun, Sir Leicester Dedlock, Baronet, ich glaube, wir können gerade jetzt die Sache nicht geheim genug behandeln. Sie werden gleich selbst einsehen, daß wir sie nicht geheim genug behandeln können. Die Anwesenheit einer Dame würde mir unter allen Verhältnissen, zumal wenn sie eine so hohe gesellschaftliche Stellung einnimmt wie Miß Dedlock, nur angenehm sein, aber wenn ich von mir absehe, muß ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen zu versichern, daß wir die Sache nicht geheim genug behandeln können.« »Das genügt.« »So geheim, Sir Leicester Dedlock, Baronet«, fährt Mr. Bucket fort, »daß ich Sie um Erlaubnis bitten wollte, die Tür absperren zu dürfen.« »Tun Sie das nur.« Mr. Bucket vollzieht geschickt und geräuschlos diese Vorsichtsmaßregel und bückt sich aus bloßer Gewohnheit einen Augenblick nieder, um den Schlüssel in dem Schloß so zu drehen, daß von außen niemand hereinsehen kann. »Sir Leicester Dedlock, Baronet, ich erwähnte gestern abend, daß mir nur noch sehr wenig fehle, um den Fall ganz beisammen zu haben. Heute bin ich so weit und habe die Beweise gegen die Person in Händen, die das Verbrechen begangen hat.« »Gegen den Soldaten?« »Nein, Sir Leicester Dedlock. Es ist nicht der Soldat.« Sir Leicester macht ein erstauntes Gesicht und fragt: »Ist der Täter verhaftet?« Mr. Bucket sagt nach einer Pause: »Es ist eine Frau.« Sir Leicester lehnt sich in seinen Stuhl zurück und ruft atemlos aus: »Gott im Himmel!« »Jetzt, Sir Leicester Dedlock, Baronet«, fängt Mr. Bucket an, steht aufrecht da, die Hand auf den Tisch gestützt und den Zeigefinger der andern ausdrucksvoll hin und her bewegend, »jetzt ist es meine Pflicht, Sie auf eine Verkettung von Umständen vorzubereiten, die Sie wahrscheinlich, und ich will soweit gehen, zu sagen, gewiß sehr erschüttern werden. Aber Sir Leicester Dedlock, Baronet, Sie sind ein Gentleman, und ich weiß, was ein Gentleman ist und was ein Gentleman alles ertragen kann. Ein Gentleman wird einen Stoß, der sich nicht abwenden läßt, tapfer und standhaft aushalten. Ein Gentleman muß imstande sein, sich fast auf jeden Schlag gefaßt machen zu können. Nehmen Sie einmal sich an, Sir Leicester Dedlock, Baronet. Wenn ein Schlag Sie treffen soll, so denken Sie natürlich zuerst an Ihre Familie. Sie legen sich die Frage vor, wie alle Ihre Ahnen, bis zu Julius Cäsar zurück – um vorläufig nicht noch weiter zu gehen –, solche Schläge ertragen haben würden, und Sie können dabei gewiß an eine große Anzahl von ihnen denken, die es mit Ehren getragen hätten, und um ihretwegen und des Ansehens der Familie willen ertragen Sie es auch. So würden Sie denken, und so würden Sie auch handeln, Sir Leicester Dedlock, Baronet.« Sir Leicester, in seinen Lehnstuhl zurückgelehnt, umklammert krampfhaft mit den Fingern die Armlehnen und sieht den Inspektor mit starrem Gesicht an. »Wenn ich Sie auf diese Weise vorbereite, Sir Leicester Dedlock«, fährt Mr. Bucket fort, »möchte ich Sie bitten, sich keinen Augenblick darüber Sorgen zu machen, daß etwas zu meiner Kenntnis gekommen ist. Ich weiß soviel von einer Unmenge Personen hohen oder niedern Standes, daß eine Geschichte mehr oder weniger nicht das mindeste zu bedeuten hat. Ich glaube nicht, daß es einen Zug auf dem Brett gibt, der mich in Erstaunen setzen würde. Und ob ich nun weiß, daß dieser oder jener Zug in Wirklichkeit geschehen ist, hat weiter nichts zu sagen. Jeder mögliche Zug ist meiner Erfahrung nach ein wahrscheinlicher Zug. Ich sage Ihnen daher nur nochmals, Sir Leicester Dedlock, Baronet, machen Sie sich nur ja deswegen keine Sorgen, daß ich etwas von Ihren Familienangelegenheiten weiß.« »Ich danke Ihnen für Ihre Vorbereitung«, entgegnet Sir Leicester nach einer längeren Pause und bewegt weder Fuß noch Hand noch einen Muskel seines Gesichts. »Ich hoffe, sie ist nicht vonnöten, aber ich weiß die gute Absicht zu schätzen. Haben Sie die Güte, fortzufahren. Bitte, nehmen Sie« – Sir Leicester scheint in dem Schatten des Inspektors, in dem er sitzt, zusammenzuschauern – »nehmen Sie einen Stuhl, wenn Sie nichts dagegen haben.« »Durchaus nicht.« – Mr. Bucket holt sich einen Sessel und verkleinert seinen Schatten. – »Jetzt, Sir Leicester Dedlock, Baronet, komme ich nach dieser kurzen Einleitung zur Sache. Lady Dedlock...« Sir Leicester erhebt sich halb in seinem Stuhl und starrt den Inspektor wild an. Mr. Bucket bewegt seinen Finger besänftigend hin und her. »Lady Dedlock, sehen Sie, wird allgemein bewundert. Ja, das wird die Gnädigste. Sie wird allgemein bewundert.« »Ich würde vorziehen, Inspektor«, entgegnet Sir Leicester abweisend und kalt, »daß Myladys Name in dieser Angelegenheit überhaupt nicht genannt würde.« »Ich auch, Sir Leicester Dedlock, Baronet, aber – es ist unmöglich.« »Unmöglich?« Mr. Bucket schüttelt erbarmungslos das Haupt. »Sir Leicester Dedlock, Baronet, es ist rein unmöglich. Was ich zu sagen habe, bezieht sich auf die Gnädigste. Sie ist der Punkt, um den sich alles dreht.« »Inspektor«, entgegnet Sir Leicester mit flammendem Auge und zuckenden Lippen, »Sie kennen Ihre Pflicht. Tun Sie ihre Pflicht, aber hüten Sie sich, darüber hinauszugehen. Ich würde das unter keinen Umständen dulden. Ich würde es nicht ertragen können. Wenn Sie Myladys Namen mit der Sache in Verbindung bringen, so tun Sie das auf Ihre Verantwortung, – auf – Ihre – Verantwortung! Myladys Name ist kein Name, mit dem gewöhnliche Leute spielen dürfen!« »Sir Leicester Dedlock, Baronet, ich sage, was ich sagen muß, und nicht mehr.« »Ich hoffe, daß sich das erweisen wird. Gut. Fahren Sie fort. Fahren Sie fort, Sir.« Mit einem Blick auf die zornfunkelnden Augen, die ihm jetzt ausweichen, und auf die Gestalt, die vom Kopf bis zu den Füßen in Entrüstung bebt und sich dennoch bemüht, ruhig zu erscheinen, tastet sich Mr. Bucket seinen Weg und fährt mit leiser Stimme fort. »Sir Leicester Dedlock, Baronet, es ist jetzt meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen – daß der verstorbne Mr. Tulkinghorn seit langer Zeit Argwohn und Verdacht gegen Lady Dedlock hegte.« »Wenn er gewagt hätte, das nur mit einer Silbe anzudeuten, Sir, hätte ich ihn mit eigner Hand getötet«, ruft Sir Leicester aus und schlägt mit der Faust auf den Tisch. Aber selbst mitten in seinem Zornesausbruch hält er inne, gebannt von den wissenden Augen Mr. Buckets, der jetzt seinen Zeigefinger wieder langsam hin und her bewegt und voller Selbstvertrauen und Geduld den Kopf schüttelt. »Sir Leicester Dedlock, der verstorbne Mr. Tulkinghorn war listig und verschlossen, und was er von Anfang an eigentlich im Sinn gehabt hat, getraue ich mich nicht zu sagen. Aber ich weiß aus seinem eignen Munde, daß er seit langer Zeit Lady Dedlock im Verdacht hatte, sie habe beim Anblick einer Handschrift, die ihr vor Augen gekommen – in diesem Hause hier und in Ihrer Anwesenheit, Sir Leicester Dedlock –, zu ihrem Entsetzen entdeckt, daß eine gewisse Person noch am Leben sei (und zwar in höchst ärmlichen Verhältnissen), die, ehe Sie um Mylady geworben, ihr Geliebter gewesen und ihr Gatte hätte werden müssen.« Mr. Bucket hält inne und wiederholt nachdrücklich: »Der ihr Gatte hätte werden müssen. Darüber ist kein Zweifel. Ich weiß aus Mr. Tulkinghorns eignem Munde, daß er, als dieser Mann kurz darauf starb, Lady Dedlock im Verdacht hatte, seine elende Wohnung und sein noch elenderes Grab allein und im geheimen besucht zu haben. Durch meine eignen Nachforschungen und durch das Zeugnis meiner eignen Augen und Ohren weiß ich, daß Lady Dedlock in den Kleidern ihrer Zofe heimlich diese Orte besucht hat, denn der verstorbne Mr. Tulkinghorn gebrauchte mich dazu, die Gnädigste dingfest zu machen – wenn Sie das Wort entschuldigen wollen, das wir gewöhnlich brauchen –, und ich habe sie so weit vollständig dingfest gemacht. Ich konfrontierte die Zofe in der Kanzlei in Lincoln's-Inn-Fields mit einem Zeugen, der Lady Dedlock als Führer gedient hatte, und es blieb nicht der Schatten eines Zweifels übrig, daß Mylady die Kleider der Zofe angehabt hatte, ohne daß diese es wußte. Sir Leicester Dedlock, Baronet, ich habe mich gestern bemüht, sie ein wenig auf diese unangenehme Enthüllung durch die Äußerung vorzubereiten, daß selbst in vornehmen Familien zuweilen sehr seltsame Dinge geschehen. Alles dies und noch mehr hat sich in Ihrer eignen Familie, in Verbindung mit der Gnädigsten, zugetragen. Ich glaube, daß der verstorbne Mr. Tulkinghorn seine Nachforschungen bis zur Stunde seines Todes fortgesetzt hat und daß Lady Dedlock und er sich noch am Abend vor seiner Ermordung wegen dieser Sache entzweit haben. Sie brauchen dies bloß, Sir Leicester Dedlock, Baronet, Mylady mitzuteilen und sie zu fragen, ob sie nicht, nachdem er das Haus hier verlassen, nach seiner Kanzlei gegangen ist, um noch weiter mit ihm darüber zu sprechen, und bei dieser Gelegenheit einen weiten schwarzen Mantel mit langen Fransen daran angehabt hat.« – Sir Leicester sitzt wie ein Steinbild da und starrt den grausamen Finger an, der in seinem innersten Herzen wühlt. – »Legen Sie der Gnädigen, Sir Leicester Dedlock, Baronet, die Frage als von mir, dem Inspektor Bucket von der Geheimpolizei, kommend, vor. Und wenn die gnädige Frau Schwierigkeiten machen sollte, es zuzugestehen, so sagen Sie ihr, daß das nichts nütze. Inspektor Bucket wisse es genau und wisse auch, daß sie an dem Soldaten, wie Sie ihn nennen, vorübergegangen ist und ihm auf der Treppe begegnet ist. Nun, Sir Leicester Dedlock, Baronet, warum, glauben Sie wohl, erzähle ich Ihnen alles das?« Sir Leicester, das Gesicht mit den Händen verhüllt, läßt nur ein einziges tiefes Stöhnen vernehmen und bittet den Inspektor, einen Augenblick inne zu halten. Als er nach einer Weile seine Hände wieder wegnimmt, hat sein Gesicht seine Würde und äußere Ruhe, wenn es auch nicht mehr Farbe hat als sein weißes Haar, so wiedergewonnen, daß Mr. Bucket fast ergriffen ist. Sein Benehmen hat etwas Starres, Erfrornes, ganz abgesehen von der gewohnten Maske des Hochmuts, und Mr. Bucket fällt es auf, daß er ungewöhnlich langsam spricht und manchmal bei den Anfangsbuchstaben der Worte stottert, was ihn veranlaßt, unartikulierte Töne vernehmen zu lassen. Mit solchen Tönen bricht er jetzt das Schweigen, gewinnt aber bald wieder soviel Herrschaft über sich, daß er sagen kann, er begreife nicht, warum ein so pflichteifriger, wahrheitsliebender Gentleman wie Mr. Tulkinghorn ihm nicht selbst diese peinliche, unerwartete, niederschmetternde und unglaubliche Enthüllung gemacht habe. »Auch diese Frage können Sie der Gnädigen vorlegen, Sir Leicester Dedlock, Baronet«, entgegnet Mr. Bucket. »Und wenn Sie es für gut finden, wiederum im Namen des Inspektors Bucket von der Geheimpolizei. Sie werden erfahren, oder ich müßte mich sehr irren, daß der verstorbne Mr. Tulkinghorn die Absicht hatte, Ihnen alles mitzuteilen, sobald er die Sache für reif gehalten haben würde, sowie auch, daß er es der gnädigen Frau zu verstehen gegeben hat. Mein Gott, vielleicht wollte er es Ihnen gerade an dem Morgen, als ich den Tatort besichtigte, mitteilen! Sie wissen auch nicht von mir, Sir Leicester Dedlock, Baronet, was ich nach Ablauf der nächsten fünf Minuten sagen oder tun werde, und angenommen, ich fiele jetzt auf der Stelle tot um, würden Sie sich da wundern, warum ich es nicht getan hätte?« »W-w-wahr!« Sir Leicester wird nur mit Mühe des Stöhnens Herr, das sich ihm immer wieder in die Kehle drängt, und sagt: »Wohl wahr.« Da lassen sich plötzlich draußen in der Vorhalle lärmende Stimmen vernehmen. Mr. Bucket horcht auf, geht nach der Türe, schließt sie leise auf und öffnet und lauscht wieder. Dann steckt er den Kopf herein und flüstert hastig, aber bestimmt: »Sir Leicester Dedlock, Baronet, die unglückselige Familiengeschichte ist ruchbar geworden, wie ich gleich befürchtete, als der selige Mr. Tulkinghorn eines so plötzlichen Todes starb. Die einzige Möglichkeit, sie zu vertuschen, ist, die Leute, die sich jetzt da unten mit Ihren Bedienten herumzanken, vorzulassen. Können Sie es über sich bringen, ruhig dazusitzen – der Familie wegen –, während ich mit ihnen fertig werde? Und wollen Sie mir nur zunicken, wenn ich Sie darum zu bitten scheine?« Sir Leicester gibt verworren zur Antwort: »Inspektor, tun – Sie –, was – Sie für das Beste halten.« Mr. Bucket nickt, krümmt schlau seinen Zeigefinger und huscht in die Vorhalle hinunter, worauf das Stimmengewirr schnell verstummt. Nicht lange darauf kehrt er wieder zurück, und einige Schritte hinter ihm kommen der Merkur und ein ebenfalls gepuderter Gott vom selben Rang in pfirsichblütenen Beinkleidern mit einem Stuhl herein, in dem sie einen hilflosen alten Mann tragen. Ein andrer Mann und zwei Frauen schließen den Zug. Mr. Bucket erteilt mit leutseligem, unbefangnem Wesen Befehle, wo der Stuhl hinzustellen sei, entläßt dann die Merkure und schließt die Tür wieder ab. Sir Leicester sieht diesem Einbruch in seine geheiligten Räume starr und eisig zu. »Sie werden mich vielleicht kennen, meine Damen und Herren«, beginnt Mr. Bucket in vertraulichem Ton. »Ich bin der Inspektor Bucket von der Geheimpolizei, und dies hier« – er läßt die Spitze seines handlichen kleinen Stabes aus der Brusttasche hervorgucken – »ist mein Amtszeichen. Also Sie wünschen, Sir Leicester Dedlock, Baronet, zu sehen? Gut! Hier sehen Sie ihn, und bedenken Sie wohl, es widerfährt nicht jedermann diese Ehre. Und Ihr Name, mein ehrenwerter alter Herr, ist Smallweed; ich kenne ihn recht gut.« »So. Und werden noch nichts Böses von ihm gehört haben«, schreit Mr. Smallweed mit schriller lauter Stimme. »Sie wissen wahrscheinlich nicht, weshalb sie das Schwein geschlachtet haben«, entgegnet Mr. Bucket mit einem durchdringenden Blick, ohne nur im geringsten aus der Fassung zu kommen. »Nein.« »Nun, sie schlachteten es, weil es gar zu laut quiekte. Bringen Sie sich nicht in dieselbe Lage, es wäre Ihrer nicht würdig. Sind Sie vielleicht gewöhnt, mit Taubstummen zu verkehren?« »Ja«, knurrt Mr. Smallweed. »Meine Frau ist taub, wenn auch nicht stumm.« »Nun, das erklärt, warum Sie so laut sprechen. Aber da sie nicht hier ist, stimmen Sie vielleicht Ihren Ton ein oder zwei Oktaven tiefer. Sie würden mich dadurch nicht nur verpflichten, sondern auch mehr Ehre damit einlegen«, sagt Mr. Bucket. »Der andre Herr hier ist wohl vom Predigergeschäft, nicht wahr?« »Mr. Chadband«, stellt Mr. Smallweed vor, mit viel leiserer Stimme als vorher. »Hatte einmal einen Freund und Kameraden, der ebenso hieß«, sagt Mr. Bucket und streckt bewillkommnend seine Hand aus. »Und daher berührt mich der Name sehr wohltuend. – Mrs. Chadband, nicht wahr?« »Und Mrs. Snagsby.« – Mr. Smallweed stellt die Damen vor. »Gattin eines Schreibmaterialienhändlers. Eines Freundes von mir«, sagt Mr. Bucket. »Liebe ihn wie einen Bruder! Also, was gibt's?« »Meinen Sie, weshalb wir hierhergekommen sind?« fragt Mr. Smallweed, ein wenig verblüfft von der plötzlichen Frage. »Sie wissen schon, was ich meine. Lassen Sie uns einmal hören, was Sie uns hier vor Sir Leicester Dedlock, Baronet, zu sagen haben. Nur heraus damit.« Mr. Smallweed winkt Mr. Chadband zu sich und berät sich mit ihm einen Augenblick flüsternd. Mr. Chadband preßt eine beträchtliche Menge Öl aus den Poren seiner Stirn und seiner Handflächen und sagt dann laut: »Ja. Nach Ihnen.« Dann zieht er sich wieder auf seinen früheren Platz zurück. »Ich war ein Klient und Freund Mr. Tulkinghorns«, fängt Großvater Smallweed mit dünner Stimme an. »Ich stand mit ihm in Geschäftsverbindung. Ich war ihm nützlich und er mir. Der verstorbne Krook war mein Schwager. Er war der leibliche Bruder der Höllenschwefel – wollte sagen, Mrs. Smallweeds. Ich erbte Krooks Nachlaß. Ich habe alle seine Papiere und alle seine Sachen untersucht. Sie wurden vor meinen Augen ausgepackt. Es befand sich ein Paket Briefe darunter, die einem dort verstorbnen Mieter gehört hatten und hinter einem Brett neben Lady Janes – ich meine die Katze – Korb versteckt waren. Er hat überhaupt allerlei Sachen da und dort versteckt. Mr. Tulkinghorn brauchte die Briefe und hat sie bekommen. Aber ich las sie zuerst durch. Ich bin Geschäftsmann und habe einen Blick hineingeworfen. Die Briefe waren von der Geliebten des Mieters, und mit Honoria unterzeichnet. Das ist kein gewöhnlicher Name, Honoria, was? Es gibt vielleicht in diesem Hause niemanden, der Briefe mit Honoria unterzeichnet, was ? Gott bewahre. Und die Handschrift stimmt auch nicht? Gott bewahre.« – Mitten in seinem Triumph bekommt Mr. Smallweed einen solchen Hustenanfall, daß er innehalten muß und ausruft: »O Gott, o Gott, das reißt mich noch in Stücke.« – »Na, wenn Sie jetzt fertig sind«, sagt Mr. Bucket, nachdem er abgewartet hat, bis Mr. Smallweed wieder zu sich gekommen ist, »fangen Sie vielleicht endlich von dem an, was Sir Leicester Dedlock, Baronet, den Herrn dort, angeht.« »Hab ich vielleicht noch nicht damit angefangen, Mr. Bucket?« ruft Großvater Smallweed. »Geht es den Herrn nichts an? Kapitän Hawdon und seine ewig getreue Honoria und ihr Kind gehen ihn auch nichts an? Kurz und gut, ich möchte wissen, wo die Briefe sind? Das geht mich etwas an, wenn es schon Sir Leicester Dedlock nichts angeht. Ich möchte wissen, wo sie sind. Es kann mir nicht passen, daß sie so mir nichts dir nichts verschwinden. Ich habe sie meinem Freund und Rechtsanwalt Mr. Tulkinghorn übergeben und niemandem sonst.« »Nun, ich dächte, er hat Sie recht anständig dafür bezahlt«, meint Mr. Bucket. »Das ist mir einerlei. Ich muß wissen, wer sie hat, und ich will Ihnen sagen, was wir verlangen –; was wir alle hier verlangen, Mr. Bucket. Wir verlangen, daß man sich mit der Entdeckung der Mordtat ein bißchen mehr Mühe gibt! Wir wissen ganz gut, wem der Tod Mr. Tulkinghorns gelegen kommt. Sie haben nicht genug getan. Wenn George, der liederliche Dragoner, die Hand im Spiel hatte, so war er nur ein Komplize und ist dazu angestiftet worden. Sie wissen schon, was ich meine.« »Hören Sie einmal.« – Mr. Bucket ändert augenblicklich sein Benehmen, tritt dicht an Mr. Smallweed heran und bewegt seinen Zeigefinger mit einer ganz ungewöhnlichen Eindringlichkeit. – »Ich will verdammt sein, wenn ich auch nur einem Menschen auf der Welt gestatte, sich in meine Sachen hineinzumischen oder mir auch nur um eine halbe Sekunde vorzugreifen. Sie verlangen mehr Eifer und Anstrengung? Sie? Schauen Sie sich einmal diese Hand an. Glauben Sie wirklich, daß ich nicht den rechten Zeitpunkt wüßte, wann ich sie auszustrecken habe, um damit den Arm zu packen, der den Schuß abgefeuert hat?« – So groß ist die Macht des gefürchteten Detektivs, und es ist so schrecklich offenbar, daß er nicht prahlt, daß Mr. Smallweed sofort einlenkt und sich zu entschuldigen beginnt. – Mr. Bucket ist im Augenblick wieder versöhnt und unterbricht ihn. »Der Rat, den ich Ihnen gebe, ist also, zerbrechen Sie sich den Kopf nicht wegen des Mordes. Das ist meine Sache. Sie richten manchmal, glaube ich, Ihr Augenmerk auf die Zeitungen, und es sollte mich nicht wundern, wenn Sie ziemlich bald etwas darüber lesen sollten, wenn Sie ordentlich aufpassen. Ich kenne mein Geschäft, und weiter habe ich Ihnen über die Sache nichts zu sagen. Jetzt zu den Briefen. – Sie wollen wissen, wer sie hat? Ich will es Ihnen sagen. Ich habe sie. Ist es vielleicht dies Paket hier?« Mr. Smallweed blickt mit gierigen Augen auf das kleine Bündel, das Mr. Bucket aus den geheimnisvollen Tiefen seines Rockes hervorholt, und erklärt es für das richtige. »Was haben Sie jetzt weiter zu sagen, Mr. Smallweed? Reißen Sie den Mund nicht zu weit auf. Es steht Ihnen nicht besonders.« »Ich will fünfhundert Pfund haben.« »So, so! Sie meinen natürlich fünfzig«, sagt Mr. Bucket gutgelaunt. Es erweist sich jedoch, daß Mr. Smallweed wirklich fünfhundert Pfund meint. »Ich bin nämlich von Sir Leicester Dedlock, Baronet, beauftragt, das Geschäft in Erwägung zu ziehen, wohlverstanden, nur in Erwägung zu ziehen.« Sir Leicester neigt mechanisch das Haupt. »Und Sie schlagen fünfhundert Pfund vor. Nun, das ist ja eine wirklich recht – unvernünftige Forderung! Zweimal fünfzig wäre schon schlimm genug, aber immerhin diskutabel. Möchten Sie nicht lieber sagen, zweimal fünfzig?« Mr. Smallweed möchte das lieber nicht. »Dann wollen wir uns Mr. Chadband anhören. Mein Gott, wie oft habe ich meinen alten Kameraden mit demselben Namen nennen hören! Ach, und er war ein so gemäßigter Mann, wie man es sich nur wünschen konnte. In jeder Hinsicht. In jeder Hinsicht.« So eingeladen, tritt Mr. Chadband vor und hält, nachdem er zur Einleitung ölig gelächelt und aus seinen Handflächen ein wenig Tran gequetscht hat, folgende Rede: »Meine Freunde. Wir sind jetzt – Rachael, meine Gattin, und ich – in den Palästen der Reichen und Großen. Warum sind wir jetzt in den Palästen der Reichen und Großen, meine Freunde? Sind wir etwa eingeladen? Sind wir etwa gebeten, mit ihnen zu schmausen? Sind wir etwa gebeten, mit ihnen die Laute zu spielen? Sind wir vielleicht gebeten, mit ihnen zu tanzen? Nein. Wozu sind wir dann hier, meine Freunde? Sind wir im Besitz eines sündigen Geheimnisses und verlangen wir Korn und Wein und Öl – oder, was dasselbe ist, Geld –, auf daß es bewahrt werde? Wahrscheinlich, meine Freunde.« »Sie sind Geschäftsmann, wie ich sehe«, entgegnet Mr. Bucket sehr aufmerksam, »und wollen infolgedessen darauf zu sprechen kommen, welcher Art Ihr Geheimnis ist. Sie haben recht. Sie können nichts Besseres tun.« »So lasset uns denn, mein Bruder, im Geiste der Liebe damit beginnen«, sagt Mr. Chadband mit schlauem Blick. »Rachael, meine Gattin, tritt vor!« Mehr als bereitwillig kommt Mrs. Chadband dieser Aufforderung nach und drängt dadurch ihren Gatten in den Hintergrund der Aufmerksamkeit. Mit einem harten finstern Lächeln pflanzt sie sich vor Mr. Bucket auf. »Da Sie hören wollen, was wir wissen, will ich es Ihnen sagen. Ich habe Miß Hawdon, die Tochter der Gnädigen, auferziehen helfen. Ich stand in Diensten der Schwester der Gnädigen. Sie hat die Schande, die die Gnädige über sie brachte, tief empfunden und gegenüber jedermann, und selbst gegenüber der Gnädigen, vorgegeben, das Kind sei tot. Es war es auch fast, als es geboren wurde, aber es lebt, und ich kenne es.« Mit diesen Worten und einem Lachen verschränkt Mrs. Chadband, die jedes Mal einen bitteren Nachdruck auf die Worte »die Gnädige« gelegt hat, die Arme und sieht Mr. Bucket herausfordernd an. »Ich vermute also«, entgegnet der Inspektor, »Sie erwarten demnach eine Zwanzigpfundnote oder ein Geschenk von ungefähr diesem Wert.« Mrs. Chadband lacht bloß und sagt verächtlich, er könne gerade so gut zwanzig Pence anbieten. »Nun, und meines Freundes, des Papierhändlers, werte Gattin drüben?« – Mr. Bucket lockt Mrs. Snagsby mit dem Finger zu sich heran. –»Um was handelt es sich denn bei Ihnen, Maam?« Mrs. Snagsby kann anfangs vor lauter Tränen und Wehklagen kein Wort herausbringen, aber allmählich und sehr konfus wird es offenbar, daß sie eine unter der Last des ihr widerfahrnen Unrechts zusammengebrochne Frau ist, die Mr. Snagsby planmäßig hintergehe, vernachlässige und im dunkeln zu erhalten suche. Ihr Haupttrost in all ihren Leiden sei die Teilnahme des seligen Mr. Tulkinghorn gewesen, der ihr anläßlich eines Besuchs in Cook's Court, in Abwesenheit ihres treubrüchigen Mannes, soviel Mitleid entgegengebracht habe, daß sie von da an immer ihm ihr Leid geklagt hätte. Alle Welt, nur die Anwesenden ausgenommen, habe sich gegen ihren Seelenfrieden verschworen. Da sei vor allem Mr. Guppy, der Schreiber bei Kenge \& Carboy, der anfangs so offenherzig gewesen wie die Sonne um Mittag, plötzlich so geheimnisvoll geworden wie die Mitternacht, zweifellos von Mr. Snagsby verführt und bestochen. Und desgleichen Mr. Weevle, der Freund Mr. Guppys, der geheimnisvolle Mieter in Mr. Krooks Haus, jedenfalls aus denselben naheliegenden Gründen. Nicht minder der verstorbne Krook, der selige Nimrod und der verstorbne Jo. Sie alle seien Eingeweihte gewesen. In was sie eingeweiht gewesen sein sollen, darüber erklärt sich Mrs. Snagsby nicht besonders deutlich, aber sie wisse ganz gut, daß Jo Mr. Snagsbys Sohn gewesen sei; so unumstößlich sicher, als ob es »mit Drommeten verkündet worden wäre«. Sie sei Mr. Snagsby nachgeschlichen bei seinem letzten Besuch am Sterbelager des Jungen. Wenn es nicht sein Sohn gewesen wäre, warum wäre er dann hingegangen? Die einzige Beschäftigung ihres Lebens sei schon seit langem gewesen, Mr. Snagsby auf Schritt und Tritt zu beobachten und verdächtige Umstände zusammenzutragen – und alles, was sich begeben, wäre höchst verdächtig gewesen. Und auf diesem Weg habe sie bei Tag und Nacht ihr Ziel verfolgt, ihren treubrüchigen Gatten seiner Schuld zu überführen. Bei dieser Gelegenheit und ganz zufällig hätten die Chadbands und Mr. Tulkinghorn einander kennengelernt, und als sie Mr. Tulkinghorn hinsichtlich der an Mr. Guppy bemerkten Veränderung zu Rate gezogen, seien die Umstände an den Tag gekommen, die jetzt die Anwesenden so interessierten. Immer noch befinde sie sich daher auf der breiten Straße, die zu Mr. Snagsbys Entlarvung und zu einer Ehescheidung führen müsse und solle. Alles das wollte Mrs. Snagsby als schwergekränkte Frau und als Freundin Mr. Chadbands und als Leidtragende um den seligen Mr. Tulkinghorn unter dem Siegel des Vertrauens und mit jeder möglichen und unmöglichen Verwicklung der Tatsachen bestätigen. Geld ist bei ihr kein Beweggrund, und sie hat kein andres Ziel als das eben erwähnte und bringt hierher und überall hin ihre eigne dicke Staubatmosphäre mit, die aus dem unablässigen Arbeiten der Mühle ihrer Eifersucht entstanden ist. Während sich ihre Rede abwickelt und viel Zeit in Anspruch nimmt, geht Mr. Bucket, der Mrs. Snagsbys Essigseele bereits auf den ersten Blick durchschaut hat, mit seinem vertrauten Hausdämon zu Rate und läßt die Chadbands und Mr. Smallweed nicht aus den Augen. Sir Leicester Dedlock sitzt unbeweglich da, eingefroren in seinen Eispanzer, und wirft nur hie und da einen Blick auf Mr. Bucket, als verlasse er sich von allen Menschen nur mehr auf ihn. »Sehr gut«, sagt Mr. Bucket. »Jetzt verstehe ich Sie, sehen Sie; und da mich Sir Leicester Dedlock, Baronet, beauftragt hat, mich in diese kleine Angelegenheit zu mischen« – abermals nickt Sir Leicester mechanisch –»so kann ich ihr ja meine Aufmerksamkeit schenken. Ich will hier nicht auf einen Versuch, Geld zu erpressen, anspielen oder von ähnlichen Dingen sprechen, denn wir sind hier lauter welterfahrne Leute und wollen die Sache in Frieden beilegen; aber ich muß mich wirklich wundern und bin sehr überrascht, wie Sie auf den Einfall kommen konnten, unten in der Vorhalle Lärm zu schlagen. Das war doch ganz gegen ihr Interesse. So betrachte ich die Sache wenigstens.« »Wir wollten vorgelassen werden«, erklärt Mr. Smallweed. »Selbstverständlich wollten Sie das«, gibt Mr. Bucket freundlich und bereitwillig zu. »Aber einem alten Herrn in Ihren Jahren und von so wahrhaft ehrwürdigem Alter, muß ich schon sagen, dessen Geist noch durch die Lähmung seiner Glieder geschärft ist, weil das seine ganze Lebendigkeit in den Kopf hinaufsteigen macht, hätte denn doch bedenken müssen, daß für ihn die ganze Sache auch keinen Pfifferling wert ist, wenn er sie nicht gegenwärtig so geheim wie möglich hält. Sie sehen, Sie haben sich von Ihrem Temperament fortreißen lassen und dadurch wesentlich an Terrain verloren«, sagt Mr. Bucket in überzeugendem und freundschaftlichem Ton. »Ich sagte doch nur, ich wollte nicht eher gehen, als bis einer der Bedienten uns bei Sir Leicester Dedlock anmeldete«, wendet Mr. Smallweed ein. »Das ist's ja eben. Da ist Ihr Temperament mit Ihnen durchgegangen. Ein ander Mal werden Sie sich vielleicht besser zu beherrschen wissen, wenn Sie Geld verdienen wollen. Soll ich klingeln, daß man Sie wieder hinunterbringt?« »Wann werden wir wieder von der Sache hören?« fragt Mrs. Chadband mit großer Entschiedenheit. »Gott segne Sie! Sie sind eine echte Frau. Immer neugierig ist Ihr entzückendes Geschlecht«, erwidert Mr. Bucket galant. »Ich werde mir das Vergnügen geben, morgen oder übermorgen bei Ihnen vorzusprechen – und auch Mr. Smallweeds Vorschlag von zwei Mal fünfzig Pfund nicht vergessen.« »Fünfhundert«, verbessert Mr. Smallweed. »Ganz richtig! Nominell fünfhundert.« Mr. Bucket legt die Hand an den Klingelzug. »Darf ich Ihnen jetzt guten Tag wünschen, in meinem und im Namen des Herrn vom Hause?« fragt er mit einschmeichelndem Ton. Da niemand keck genug ist, etwas dagegen einzuwenden, tut er es, und der Besuch entfernt sich, wie er gekommen ist. Mr. Bucket folgt ihnen bis an die Tür und sagt dann zurückkehrend mit ernster Geschäftsmiene: »Sir Leicester Dedlock, Baronet, es ist jetzt an Ihnen, sich zu überlegen, ob Sie das Schweigen der Leute erkaufen wollen oder nicht. Ich, an Ihrer Stelle, täte es und glaube, es ist ziemlich billig zu haben. Es liegt auf der Hand, diese kleine Essiggurke Mrs. Snagsby ist von allen Beteiligten zu der Spekulation benützt worden und hat durch falsches Zusammenknüpfen der unrichtigen Enden der Fäden viel mehr Unheil angerichtet, als sie vorsätzlich imstande gewesen wäre. Der verstorbene Mr. Tulkinghorn hatte alle diese Pferde im Zügel und konnte sie beliebig lenken, darüber ist kein Zweifel. Jetzt ist er kopfüber vom Bock gestürzt, und sie haben über die Stränge geschlagen, und jedes zerrt nach einer andern Richtung. So ist es, und so ist das menschliche Leben. Wenn die Katze nicht zu Hause ist, tanzen die Mäuse frei herum. Und wenn das Eis aufgeht, fängt es an zu fließen. – Aber jetzt zu der Person, die ich verhaften muß.« Sir Leicester Dedlock scheint plötzlich zu erwachen, trotzdem er bis jetzt mit offnen Augen dagesessen hat. Er sieht Mr. Bucket, der auf die Uhr schaut, gespannt an. »Die zu verhaftende Person befindet sich gegenwärtig hier im Hause«, fährt Mr. Bucket fort, steckt seine Uhr wieder ein und wird lebhafter. »Ich werde sie in ihrem Beisein verhaften. Sir Leicester Dedlock, Baronet, bitte, sprechen Sie kein Wort und rühren Sie keinen Finger. Sie haben keinen Lärm und keine Störung zu befürchten. Ich werde im Lauf des Abends wiederkommen, wenn es Ihnen angenehm ist, und mich bemühen, Ihren Wünschen in bezug auf Ihre unglückliche Familienangelegenheit und über die feinste Art, sie zu vertuschen, nachzukommen. Werden Sie jetzt, Sir Leicester Dedlock, Baronet, nicht nervös darüber, daß die Verhaftung hier vorgenommen werden soll. Sie müssen einen klaren Einblick in den ganzen Fall von A bis Z gewinnen.« Mr. Bucket klingelt, geht an die Tür, flüstert dem Merkur etwas zu, schließt die Tür wieder und bleibt mit verschränkten Armen dahinter stehen. Nach ein paar Minuten geht die Tür langsam auf, und eine Französin tritt herein. Mademoiselle Hortense. In dem Augenblick, wo sie im Zimmer steht, schlägt Mr. Bucket die Tür zu und lehnt sich mit dem Rücken dagegen. Das plötzliche Geräusch veranlaßt sie, sich umzudrehen. Und jetzt erst sieht sie Sir Leicester Dedlock in seinem Lehnstuhl. »Ich bitte um Verzeihung«, murmelt sie hastig. »Man sagte mir doch, es sei niemand hier.« Sie geht nach der Tür zurück und kommt dadurch gegenüber von Mr. Bucket zu stehen. Krampfhaft zuckt es über ihr Gesicht, und sie wird totenblaß. »Das ist meine Mieterin, Sir Leicester Dedlock«, sagt Mr. Bucket und nickt ihr zu. »Diese junge Fremde ist seit einigen Wochen meine Mieterin.« »Was soll das Sir Leicester interessieren, mein Engel?« entgegnet Mademoiselle in scherzendem Ton. »Das werden Sie schon erfahren, mein Engel.« Mademoiselle Hortense sieht ihn bös an, und ihr gespanntes Gesicht verzieht sich zu einem geringschätzigen Lächeln. »Sie sind sehr miste-rieux. Sind Sie betrunken?« »Leidlich nüchtern, mein Engel.« »Ich bin soeben mit Ihrer Frau in diesem widerwärtigen Haus angekommen. Ihre Frau mich hat verlassen vor ein paar Minuten. Sie mir unten sagen, daß Ihre Frau hier ist. Ich komme hier, und Ihre Frau ist nicht hier. Was soll dieses Possenspiel bedeuten, sagen Sie mir?!« fragt Mademoiselle und verschränkt ruhig die Arme, während etwas in ihrer dunkeln Wange wie eine Uhr pulsiert. Mr. Bucket droht ihr nur mit seinem Zeigefinger. »O, mon dieu, Sie sind ein armer Idiot!« ruft Mademoiselle und wirft lachend den Kopf zurück. »Lassen Sie mich vorübergehen die Treppe hinab, großes Schwein.« – Sie stampft mit dem Fuß und runzelt die Stirn. – »Ich will Ihnen etwas sagen, Mademoiselle«, sagt Mr. Bucket mit ruhigem, entschlossenem Ton. »Setzen Sie sich dort auf das Sofa.« »Ich will mich setzen auf nichts«, entgegnet sie mit energischem Kopfschütteln. »Mademoiselle«, wiederholt Mr. Bucket und droht ununterbrochen mit dem Finger, »setzen Sie sich auf das Sofa dort.« »Warum?« »Weil ich Sie eines Mordes verdächtig verhafte. Welchen Mordes, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen. Nun wünsche ich höflich gegen eine Person Ihres Geschlechts, und obendrein eine Fremde, zu sein, wenn ich kann. Wenn ich nicht kann, muß ich grob werden. Und noch Gröbere warten draußen. Wie ich mich zu benehmen haben werde, hängt von Ihnen ab. Ich rate Ihnen daher in aller Freundschaft, sich auf das Sofa zu setzen, ehe noch eine Sekunde vergangen ist.« Mademoiselle gehorcht und sagt mit gepreßter Stimme: »Sie sind ein Teufel.« – Der Puls in ihrer Wange schlägt rasch und deutlich. – »Sehen sie«, fährt Mr. Bucket billigend fort, »jetzt sind Sie ruhig und benehmen sich, wie man es von einer jungen Französin von Ihrer Einsicht erwarten darf. Daher will ich Ihnen jetzt einen Rat geben, und der lautet: Sprechen Sie nicht zu viel. Man erwartet von Ihnen nicht, daß Sie hier etwas sagen, und Sie können Ihre Zunge nicht genug im Zaum halten. Kurz, je weniger Sie parlühren, desto besser für Sie.« – Mr. Bucket ist sichtlich stolz auf seine Kenntnisse der französischen Sprache. – Mademoiselle, den alten tigerhaften Ausdruck um den Mund, sitzt, Zornesblitze in ihren schwarzen Augen, auf dem Sofa steif aufrecht da, die Hände geballt – und vielleicht auch die Füße –, und murmelt vor sich hin: »O, Sie, Bucket, Sie sind ein Teufel.« »Nun hören Sie, Sir Leicester Dedlock, Baronet«, beginnt Mr. Bucket, und von diesem Augenblick an kommt sein Finger nicht mehr zur Ruhe. »Diese junge Person, meine Mieterin, war seinerzeit Zofe bei der Gnädigen und ist, abgesehen davon, daß sie ungewöhnlich heftig und leidenschaftlich gegen ihre Herrin war, entlassen worden...« »Lüge«, ruft Mademoiselle dazwischen. »Ich habe selbst gekündigt.« »Warum befolgen Sie denn meinen Rat nicht?« warnt sie Mr. Bucket in eindringlichem, fast flehendem Tone. »Ich muß mich über Ihr unvorsichtiges Benehmen wahrhaftig wundern. Sie werden plötzlich etwas sagen, was schwer belastend für Sie sein wird. Die Zeit, wo Sie reden können, wird schon kommen. Kümmern Sie sich nicht um das, was ich sage, bis es als Beweis gegen Sie angeführt wird. Ich sage es doch nicht zu Ihnen.« »Ich, entlassen!« ruft Mademoiselle schäumend. »Von der Gnädigen ! Meiner Treu, eine schöne Gnädige! Ha, ich mich würde brrringen um meine Ruf, wenn ich geblieben wäre bei der Gnädigen, so infam.« »Meiner Seel, ich muß mich über Sie wundern«, stellt ihr Mr. Bucket vor. »Ich habe immer geglaubt, die Franzosen wären eine höfliche Nation. Und jetzt benimmt sich ein Frauenzimmer so! Und noch dazu vor Sir Leicester Dedlock, Baronet.« »Er ist ein armer betrogner Mann. Ich auf sein Haus spucken. Auf seinen Namen. Auf seine Einfalt.« Mademoiselle spuckt dabei drei Mal auf den Teppich. »O ja, er ist ein großer Mann. O ja, süperb !Mondieu! Fi!« »Also, Sir Leicester Dedlock«, fährt Mr. Bucket fort, »auch diese unbändige Französin da bildete sich ein, einen Anspruch an den seligen Mr. Tulkinghorn zu haben, weil er sie bei der erwähnten Gelegenheit in seine Kanzlei bestellt hatte. Daß er sie für ihre Mühe und den Zeitverlust reichlich entschädigte, das...« »Lüge!« ruft Mademoiselle. »Ich ihm habe geworfen sein Geld vor die Füße!« »Wenn Sie parlühren wollen, nun gut, dann müssen Sie eben die Folgen auf sich nehmen. – Weiter, Sir Leicester Dedlock. Ob sie schon damals mit der vorgefaßten Absicht, die Tat zu begehen, zu mir zog, um mich sicher zu machen, darüber erlaube ich mir kein Urteil. Aber, kurz und gut, sie wohnte bei mir als Mieterin und hat den verstorbenen Mr. Tulkinghorn in seiner Kanzlei beständig mit ihren Besuchen belästigt, um sich mit ihm herumzuzanken, und gleichzeitig den unglückseligen Papierhändler fast zu Tode gepeinigt.« »Lügen!« ruft Mademoiselle. »Alles Lügen!« »Die Mordtat wurde begangen, Sir Leicester Dedlock, Baronet, und Sie kennen die näheren Umstände. Ich muß Sie jetzt bitten, mir ein paar Minuten Ihre angestrengteste Aufmerksamkeit zu schenken. Man ließ mich holen und vertraute mir den Fall an. Ich untersuchte die Wohnung, die Leiche, die Papiere und alles. Infolge eines Winkes von selten des Schreibers in Mr. Tulkinghorns Kanzlei verhaftete ich George, weil man ihn nachts, ungefähr in der Zeit, als der Mord geschah, im Hause gesehen hatte und außerdem wußte, daß er schon früher heftige Wortwechsel mit dem Verstorbenen gehabt und sogar Drohungen gegen ihn ausgestoßen hatte, was alles der Zeuge bestätigte. Wenn Sie mich fragen, Sir Leicester Dedlock, ob ich von Anfang an George für den Mörder gehalten habe, so sage ich ganz ruhig, nein, aber immerhin hätte er es doch sein können, und es sprach so viel gegen ihn, daß es meine Pflicht war, ihn zu verhaften. Jetzt merken Sie wohl auf!« – Wie sich Mr. Bucket mit ziemlicher Aufregung vorbeugt und seine Rede mit einem unheilschwangeren Hieb seines Zeigefingers durch die Luft einleitet, heftet Mademoiselle Hortense ihre schwarzen Augen mit finsterm Groll auf ihn und preßt ihre fieberhaft trocknen Lippen fest zusammen. – »Ich ging abends nach Hause, Sir Leicester Dedlock, Baronet, und fand dieses junge Frauenzimmer beim Abendbrot bei meiner Frau, Mrs. Bucket. Von dem ersten Tag an, wo sie sich bei uns einmietete, zeigte sie sich mächtig zu meiner Frau hingezogen; aber an diesem Abend war es auffälliger als je. Sie übertrieb es geradezu. In ebenso übertriebnen Farben schilderte sie ihre Hochachtung und ihre Verehrung für den beklagenswerten Mr. Tulkinghorn. Beim lebendigen Gott, da fuhr es mir durch den Kopf, wie ich sie so mir gegenüber am Tisch mit dem Messer in der Hand dasitzen sah, sie müsse die Tat begangen haben.« Mademoiselle zischt kaum hörbar durch die Zähne: »Sie sind ein Teufel.« »Wo war sie nun an dem Abend, wo der Mord begangen wurde, gewesen?« fährt Mr. Bucket fort. »Im Theater! Sie war auch wirklich dort gewesen, wie ich erfahren habe, sowohl vor wie nach der Tat. Ich war mir bewußt, daß ich es mit einer schlauen Person zu tun hatte und mir der Beweis sehr schwer fallen würde, und ich legte ihr eine Schlinge – eine Schlinge, wie ich sie noch nie gelegt habe. Es war ein Wagestück, wie ich es noch nie unternommen habe. Ich dachte mir die Sache aus, während ich mich mit ihr während des Abendessens unterhielt. Als ich hinauf zu Bett ging, stopfte ich, weil unser Haus klein ist und das Ohr dieses jungen Frauenzimmers scharf, Mrs. Bucket ein Tuch in den Mund, damit sie kein Wort der Überraschung hören ließe, während ich ihr die Geschichte erzählte... Mein Schätzchen, lassen Sie sich das nicht noch ein Mal einfallen, oder ich schließe Ihnen die Füße zusammen.« – Mr. Bucket hat plötzlich inne gehalten, ganz geräuschlos Mademoiselle überfallen und sie in das Sofa zurückgedrückt. – »Was haben Sie schon wieder?« fragt sie ihn. »Lassen Sie sich das nicht noch ein Mal einfallen«, entgegnet Mr. Bucket mit warnendem Finger, »zum Fenster hinausspringen zu wollen. Das habe ich wieder. Geben Sie mir Ihren Arm. Sie brauchen nicht aufzustehen. Ich werde mich neben Sie setzen. Gleich nehmen Sie meinen Arm, bitte. Ich bin doch ein verheirateter Mann, wie sie wissen, und Sie kennen meine Frau. Gleich nehmen Sie meinen Arm!« Sie versucht, ihre trocknen Lippen zu befeuchten, kämpft stöhnend mit sich und gehorcht. »So, jetzt sind wir wieder in Ordnung. – Sir Leicester Dedlock, Baronet, der Fall hätte sich nie so schön gestaltet ohne Mrs. Bucket. Eine Frau, wie man unter fünfzigtausend, was sage ich, unter hundertfünfzigtausend keine zweite findet. Um diese junge Person hier sicher zu machen, habe ich seither unser Haus nicht betreten, aber Mrs. Bucket in den Broten und Milchkannen, so oft es nötig war, Mitteilungen zukommen lassen. Nachdem ich ihr also damals in der Nacht das Bettuch in den Mund gestopft hatte, flüsterte ich ihr zu: 'Meine Liebe, glaubst du, sie durch unbefangnes Erwähnen von Verdachtsmomenten gegen George oder diesen oder jenen in Sicherheit wiegen zu können? Glaubst du, imstande zu sein, sie Tag und Nacht, und ohne zu schlafen, im Auge behalten zu können? Kannst du dir fest vornehmen: sie darf nichts tun ohne mein Wissen, sie soll meine Gefangene sein, ohne es zu ahnen, und mir so wenig entkommen wie dem Tod, und ihr Leben soll mein Leben sein, und ihre Seele meine Seele, bis ich sie in Händen habe, wenn sie diesen Mord begangen hat?' Und Mrs. Bucket sagte zu mir, so gut es ihr gelingen wollte, trotz des Knebels zu sprechen: 'Bucket, das kann ich.' Und sie hat ihr Versprechen glorreich gehalten.« »Lügen!« fährt Mademoiselle wieder auf. »Alles Lügen, mein Freund.« »Sir Leicester Dedlock, Baronet, und wie trafen nun meine Berechnungen unter diesen Verhältnissen ein? Als ich annahm, daß das leidenschaftliche junge Frauenzimmer wieder nach irgendeiner neuen Richtung hin übertreiben würde, hatte ich da recht oder unrecht? Ich hatte recht. Und was tut sie? Erschrecken Sie nicht darüber. Sie versucht den Verdacht, den Mord begangen zu haben, auf – die Gnädige zu lenken.« Sir Leicester erhebt sich in seinem Stuhl und sinkt wieder zurück. »Und sie wurde darin bestärkt, weil sie hörte, ich sei immerwährend hier. Jetzt öffnen Sie einmal diese Brieftasche, Sir Leicester Dedlock, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, sie Ihnen hinüberzuwerfen, und sehen Sie sich die Briefe an, die ich bekam, und von denen jeder die zwei Worte: 'Lady Dedlock' enthält. Öffnen Sie den einen an Sie adressierten, den ich heute morgen auffing, und lesen Sie die drei Worte: 'Lady Dedlock, Mörderin' darin. Es regnete solche Briefe so dicht wie Marienkäfer. Was sagen Sie nun dazu, daß Mrs. Bucket von ihrem Versteck aus gesehen hat, daß dieses Frauenzimmer selbst sie alle geschrieben hat? Was sagen Sie dazu, daß Mrs. Bucket noch vor einer halben Stunde die dazugehörigen andern halben Bogen, die Tinte, und was nicht sonst noch alles, in Sicherheit gebracht hat? Was sagen Sie dazu, daß Mrs. Bucket beobachtet hat, wie das junge Frauenzimmer jeden dieser Briefe selbst auf die Post trug, Sir Leicester Dedlock, Baronet« fragt Mr. Bucket voll Triumph über die Genialität seiner Ehehälfte. Zwei Umstände fallen jetzt vor allem auf, je weiter Mr. Bucket in seinem Berichte kommt. Erstens, daß er unmerklich ein grauenerregendes Eigentumsrecht auf Mademoiselle zu gewinnen scheint. Zweitens, daß sie aussieht, als ob sogar die Luft sich enger und enger um sie schlösse, als zöge sich ein Netz oder ein Leichentuch immer fester und fester um ihre atemlose Gestalt zusammen. »Es ist kein Zweifel, daß die Gnädige in der verhängnisvollen Stunde an Ort und Stelle war«, fährt Mr. Bucket fort, »und meine französische Freundin hat sie vermutlich vom obern Treppenabsatz aus gesehen. Die Gnädigste und George und meine französische Freundin folgten einander fast auf den Fersen. Aber das hat weiter nichts zu bedeuten, und ich brauche daher nicht mehr davon zu sprechen. Ich fand den Pfropf der Pistole, mit der der verstorbene Mr. Tulkinghorn erschossen worden war. Er bestand aus einem Stück der gedruckten Beschreibung Ihres Hauses in Chesney Wold. Daraus kann man nicht viel schließen, werden Sie sagen, Sir Leicester Dedlock, Baronet. Nein, allerdings nicht, aber wenn meine französische Freundin sich so hat einlullen lassen, daß sie es für gefahrlos hält, die andern Stücke des Blattes zu zerreißen und wegzuwerfen, und wenn Mrs. Bucket die Stücke zusammensetzt und findet, daß gerade der Fetzen fehlt, aus dem der Pfropf besteht, fängt die Sache an, bedenklich faul zu werden.« »Das sind sehr lange Lügen«, unterbricht ihn Mademoiselle. »Sie schwatzen sehr viel. Sind Sie endlich bald fertig oder wollen Sie immer so fortreden?« »Sir Leicester Dedlock, Baronet«, fährt Mr. Bucket fort, der einen großen Genuß dabei empfindet, den vollständigen Titel herzusagen, und sich Gewalt antut, wenn er auch nur ein Stück davon wegläßt, »der letzte Umstand in dieser Sache, den ich gleich erwähnen werde, zeigt, wie notwendig es in unserm Beruf ist, Geduld zu haben und sich nie zu übereilen. Ich beobachtete die Person gestern ohne ihr Wissen, während sie dem Leichenbegängnis, in Gesellschaft meiner Frau, die sie absichtlich dazu mitgenommen hatte, zusah, und ich besaß schon soviel Beweise gegen sie und der Ausdruck von niederträchtiger Bosheit in ihrem Gesicht gegen die gnädige Frau empörte mich derart, und überdies war die Zeit so recht dazu geeignet, Vergeltung an ihr üben zu lassen, daß eine jüngere und weniger erfahrene Hand als meine sie gewiß verhaftet hätte. Auch gestern abend wieder, als die Gnädige, die so mit Recht allgemein bewundert wird, nach Hause kam und aussah – mein Gott, man könnte fast sagen, wie die Venus, die aus dem Meere emporsteigt –, war es so verletzend und peinlich, zu denken, daß sie unter dem Verdacht, einen Mord begangen zu haben, stehen sollte, daß ich mich schon heftig gedrängt fühlte, der Sache ein Ende zu machen. Aber was hätte mir dann gefehlt? Sir Leicester Dedlock, Baronet, mir hätte das corpus delicti, die Waffe, gefehlt! Meine Gefangene hier schlug nun Mrs. Bucket nach dem Leichenbegängnis vor, mit dem Omnibus über Land zu fahren und in einem hübschen Wirtshause dort einen Tee zu nehmen. Nun befindet sich aber nicht weit von diesem Wirtshaus ein Teich. Während des Tees geht die Gefangene in die Stube, wo die Damen ihre Hüte abgelegt haben, angeblich, um ihr Taschentuch zu holen, bleibt ziemlich lange weg und kommt, ein wenig außer Atem, wieder. Dies, sowie alle ihre Vermutungen darüber, berichtet mir Mrs. Bucket sogleich, wie sie nach Hause kommt. Ich lasse im Beisein von ein paar von unsern Leuten den Teich untersuchen und habe wirklich bald darauf die Taschenpistole, noch ehe sie ein halbes Dutzend Stunden im Wasser gelegen hat, in Händen. So, und jetzt, mein Schatz, halten Sie einen Augenblick still, ich werde Ihnen nicht wehe tun.« In einem Nu hat Mr. Bucket ihr eine Handschelle angelegt. »Das wäre eine«, sagt Mr. Bucket. »Jetzt die andre, mein Liebling. So. Jetzt sind wir fertig.« Er steht auf, und sie ebenfalls. »Wo«, fragt sie und schließt die Augen, damit man ihren starren, entsetzten Blick nicht sehen solle, »wo ist Ihr falsches, verräterisches, verfluchtes Weib?« »Sie ist voraus auf die Polizei gegangen«, gibt Mr. Bucket zur Antwort. »Sie werden sie gleich dort treffen, meine Liebe.« »Ich möchte sie küssen!« ruft Mademoiselle Hortense aus und keucht dabei wie eine Tigerin. »Und sie beißen, wie?« »Ja«, sagt sie und reißt die Augen weit auf, »ich möchte sie zerreißen, Stück um Stück.« »Das kann ich mir wohl denken, mein Schatz«, sagt Mr. Bucket mit Seelenruhe. »Ihr Weiber habt eine merkwürdige Wut aufeinander, wenn ihr uneins seid. Mich hassen Sie wohl nicht halb so viel, nicht wahr?« »Nein, obgleich Sie auch ein Teufel sind.« »Also einmal Engel, einmal Teufel, was? Aber ich tue nur meine Pflicht, müssen Sie bedenken. Erlauben Sie mir, Ihnen den Schal umzugeben. Ich habe schon oft Kammermädchen gespielt. Fehlt noch etwas an dem Hut? Es steht ein Cab vor der Tür.« Mademoiselle Hortense wirft einen zürnenden Blick in den Spiegel und schüttelt sich mit einer einzigen Bewegung zurecht und sieht, es ist nicht zu leugnen, ungewöhnlich elegant aus. »Hören Sie, mein Engel«, sagt sie und lächelt höhnisch, »Sie sind schrecklich gescheit, aber können sie ihn wieder ins Leben zurückrufen?« »Nein, das gerade nicht.« »Das ist sehr komisch. Hören Sie weiter. Sie sind schrecklich gescheit. Können Sie der Gnädigen ihre Ehre wiedergeben?« »Seien Sie nicht so boshaft«, warnt Mr. Bucket. »Oder ihm seinen Stolz«, wendet sich Mademoiselle mit unsäglicher Verachtung an Sir Leicester, »he? Sehen Sie ihn nur an! Der arme Kind, hahaha!« »Kommen Sie, kommen Sie, das ist ein böseres Parlühren als vorhin«, sagt Mr. Bucket. »Kommen Sie jetzt.« »Also Sie können alles das nicht ändern? Gut. Dann können Sie mit mir machen, was Sie wollen. Es ist nur der Tod, weiter nichts. Gehen wir, mein Engel. Leben Sie wohl, Sie alter Graukopf! Ich bemitleide Sie und verabscheue Sie!« – Mit diesen Worten beißt Sie ihre Zähne zusammen, und ihr Mund schnappt zusammen wie unter einer Feder. – Es läßt sich nicht beschreiben, wie Mr. Bucket sie hinausbugsiert, aber er verrichtet das Kunststück auf eine ganz besondre, ihm eigentümliche Weise. Er umgibt sie und umhüllt sie wie eine Wolke und schwebt mit ihr fort, als wäre er ein Jupiter in Zivil und sie der Gegenstand seiner Neigung. Sir Leicester bleibt allein und rührt sich nicht, als ob er immer noch aufmerksam zuhöre. Endlich wandert sein Blick durch das leere Zimmer, und als er niemanden darin sieht, steht er unsicher auf und wankt ein paar Schritte und stützt sich dabei auf den Tisch. Dann bleibt er stehen. Wieder kommen aus seinem Munde die unartikulierten Töne; er erhebt seine Augen und scheint etwas starr anzublicken. Der Himmel weiß, was er sehen mag. Die grünen Waldungen von Chesney Wold, den Herrschaftssitz, die Bilder seiner Vorväter, Unbekannte, die sie entstellen, Polizeibeamte, die mit roher Hand seine kostbarsten Erbstücke schänden, Tausende von Fingern, die auf ihn weisen, Tausende von Gesichtern, die ihn höhnisch angrinsen. Aber wenn diese Schatten sinnverwirrend an ihm vorüberschweben, ohne daß er sie festzuhalten vermag, einer ist darunter, den er selbst jetzt noch genau unterscheiden kann und dessen Namen er ruft, sich sein weißes Haar ausraufend und verzweifelt die Arme ausgebreitet. Sei Jahren ist sie die Hauptwurzel seines Stolzes gewesen, aber nie hat er mit ihr einen selbstsüchtigen Gedanken verknüpft. Er hat sie geliebt, bewundert, geehrt und sie der Welt hingestellt, sich von ihr Hochachtung zollen zu lassen. Und inmitten all des ihn umwuchernden Zeremoniells und der gesellschaftlichen Formalitäten ist sie der Mittelpunkt seiner Liebe und Zärtlichkeit gewesen. Er sieht sie vor sich und vergißt sich selbst dabei. Aber er kann nicht ertragen, sie sich herabgesunken von der Höhe zu denken, die sie so herrlich geziert hat. Und selbst, wie er schon zu Boden sinkt, um seine Qual nicht mehr zu fühlen, kann er ihren Namen noch aussprechen, mitten unter dem Stöhnen, das wieder aus seiner Brust heraufklingt, – aussprechen, viel eher mit Trauer und Mitleid als mit Vorwurf. 55. Kapitel Flucht Noch ehe Inspektor Bucket von der Geheimpolizei seinen Hauptcoup ausgeführt hatte und als er noch fest schlief, fuhr auf gefrornen Winterwegen ein zweispänniger Wagen aus Lincolnshire in der Richtung nach London. Eisenbahnen werden bald die ganze Gegend durchziehen, und rasselnd werden Zug und Maschine mit einem grellen Schein gleich einem Meteor durch die weite Nachtlandschaft brausen und den Mondesglanz erbleichen machen. Aber bis jetzt ist so etwas in den Gegenden noch nicht vorhanden, wenn auch sein Kommen schon geahnt wird. Vorbereitungen aller Art sind im Gang; Messungen werden vorgenommen und Strecken abgesteckt. Brücken sind angefangen, und ihre noch nicht miteinander verbundenen Pfeiler sehen sich über Straßen und Flüsse hinüber an wie Liebespaare aus Ziegel und Kalk, deren Vereinigung noch allerlei Hindernisse im Wege stehen. Dämme sind aufgeworfen, und Ströme aus schmutzigen Wagen und Karren ergießen sich in ihre Schrunde. Dreifüße von langen Stangen erscheinen auf Hügelspitzen, und man raunt, daß da und dort Tunnels gebohrt werden sollen. Alles sieht chaotisch und verödet und hoffnungslos aus. Die gefrornen Straßen entlang rumpelt durch die Nacht die Postchaise, und kein Gedanke an Eisenbahnen bedrückt ihr Herz. Mrs. Rouncewell, so lange Jahre nun schon Haushälterin in Chesney Wold, sitzt darin, und neben ihr Mrs. Bagnet mit grauem Mantel und Regenschirm. Die alte Soldatenfrau säße lieber oben auf dem Bock, weil dieser Platz mehr dem Wetter ausgesetzt ist und besser mit ihrer sonstigen Art zu reisen harmoniert, aber Mrs. Rouncewell ist viel zu sehr auf ihr Wohlbefinden bedacht, um so etwas zuzulassen. Sie kann die Alte gar nicht genug ehren. Sie sitzt in ihrer stattlich steifen Weise da, hält die Hand Mrs. Bagnets in der ihren und zieht sie, so rauh sie auch ist, oft an ihre Lippen. »Sie sind eine Mutter«, sagt sie immer und immer wieder, »und haben meines Georges Mutter aufgefunden.« »Sehen Sie, George war immer offenherzig zu mir«, entgegnet Mrs. Bagnet. »Und als er bei uns zu Hause zu meinem Woolwich sagte, der größte Trost, den ein Mann haben könne, sei die Gewißheit, an keiner Gramesfurche auf dem Antlitz seiner Mutter und an keinem ihrer grauen Haare schuld zu sein, da erriet ich aus seinem ganzen Benehmen, daß kurz vorher etwas vorgefallen sein mußte, was ihm das Bild seiner Mutter wieder so lebendig ins Gedächtnis gerufen hatte. Er hatte schon oft früher zu mir gesagt, er habe sich schlecht gegen sie benommen.« »Niemals, niemals!« – Mrs. Rouncewell bricht in Tränen aus. – »Meinen Segen aufsein Haupt! Niemals! Es war mir stets ein guter und zärtlicher Sohn. Mein George! Aber bei seinem Feuergeist war er ein wenig unbändig, und so ging er unter die Soldaten, und ich weiß ganz gut, er wollte uns nicht früher Nachricht geben, als bis er Offizier sein würde, und als er dann nicht avancierte, hielt er sich zu schlecht für uns und wollte uns keine Schande machen. Er hatte ein Löwenherz, mein George, schon als Kind.« – Die Hände der Greisin greifen unsicher in die Luft, wie immer, wenn sie sich erinnert, was für ein schöner Junge, was für ein lustiger gescheiter Junge er war, wie sie ihn unten in Chesney Wold alle lieb hatten, wie ihn Sir Leicester lieb gewann, als er selbst noch ein junger Herr war, und ihn die jungen Hunde lieb hatten, und selbst die Leute, die ihm zürnten, ihm verziehen, sowie er fort war, der arme Junge! Und ihn jetzt doch noch wiederzusehen, und noch dazu im Gefängnis! Und der breite Schnürleib hebt sich, und die gerade, altmodische Gestalt beugt sich unter der Last bekümmerter Liebe. Mit dem angebornen Takt eines guten mitfühlenden Herzens überläßt Mrs. Bagnet die alte Haushälterin ein Weilchen ihrer Rührung –nicht ohne sich mit dem Handrücken über ihre eignen Mutteraugen zu fahren – und schwatzt dann mit ihr in ihrer heiteren Weise weiter. »Und so sage ich zu George, wie ich ihn zum Tee hereinrufe, denn er schützte vor, draußen seine Pfeife rauchen zu wollen: 'Um Gottes willen, was fehlt Ihnen denn nur heute, George. Ich habe Sie schon in jeder Stimmung gesehen, bei guter und bei schlechter Laune, daheim und im Ausland, aber noch nie haben Sie ein so melancholisches Büßergesicht gemacht.' – 'Weil ich wirklich heute melancholisch und bußfertig bin, Mrs. Bagnet', hat George gesagt und den Kopf geschüttelt. 'Was ich angestellt habe, ist vor langen, langen Jahren geschehen, und es ist das Beste, nichts daran mehr ändern zu wollen. Wenn ich je in den Himmel komme, geschieht es nicht, weil ich einer alten verwitweten Mutter ein guter Sohn gewesen bin. Weiter sage ich nichts.' Nun, Maam, wie mir George alles das sagt, mache ich mir darüber meine Gedanken, so, wie früher schon manches Mal, und locke aus ihm heraus, wieso er gerade heute nachmittag auf solche Gedanken komme. Und da erzählt er mir, er habe zufällig bei einem Advokaten eine stattliche alte Frau gesehen, bei deren Anblick er sofort an seine Mutter habe denken müssen, und er spricht über diese alte stattliche Dame, bis er sich ganz und gar vergißt und mir schildert, wie sie vor vielen, vielen Jahren ausgesehen habe. So frage ich ihn denn, als er fertig ist, wer die alte Dame gewesen wäre, die er gesehen, und er sagt mir, es sei Mrs. Rouncewell, die alte treue Haushälterin bei den Dedlocks unten in Chesney Wold in Lincolnshire. George hatte mir schon früher oft erzählt, er sei aus Lincolnshire, und drum sage ich an diesem Abend zu meinem alten Lignum: 'Lignum, ich wette fünfundvierzig Pfund, das ist seine Mutter.'« – Das alles erzählt Mrs. Bagnet jetzt mindestens zum zwanzigsten Male seit den letzten vier Stunden. Sie trillert es in ziemlich hohem Ton wie ein Vogel, damit die alte Dame es bei dem Wagengerassel verstehen kann. – »Gott segne Sie, und ich danke Ihnen von ganzem Herzen, meine gute liebe Mrs. Bagnet...« »Aber Sie schulden mir wahrhaftig keinen Dank, gewiß nicht!« ruft Mrs. Bagnet lustig und natürlich. »Vergessen Sie nur nicht, Maam, vor allem, wenn Sie in George wirklich Ihren Sohn erkennen, darauf zu bestehen, daß er sich Ihretwegen gegen die Anschuldigungen einer Tat zur Wehr setzt, die er so wenig begangen hat wie Sie und ich. Es genügt nicht, daß er die Wahrheit auf seiner Seite hat, er muß auch das Gesetz und die Juristen auf seiner Seite haben«, versichert die Alte, offenbar fest überzeugt, daß Advokat und Gerechtigkeit sich zueinander verhalten wie zwei Kompagnons, die sich für alle Zeit miteinander entzweit haben. »Es soll ihm jede Hilfe zur Seite stehen, die nur irgend auf der Welt zu haben ist, meine Beste. Ich will alles hingeben, was ich besitze, und mit dankbarem Herzen, wenn ich sie ihm dadurch verschaffen kann. Sir Leicester wird sein möglichstes tun, und die ganze Familie. Ich – ich weiß etwas, meine Liebe, und will auf meine eigne Art bitten als seine Mutter, die ihn so viele Jahre nicht gesehen hat und ihn jetzt endlich im Kerker wiederfindet.« – Die große Unruhe, mit der die alte Haushälterin das sagt, ihre abgerissnen Worte und ihr Händeringen machen einen mächtigen Eindruck auf Mrs. Bagnet und würden sie noch mehr in Erstaunen setzen, wenn sie nicht alles ihrem Schmerz über die Lage ihres Sohnes zuschriebe. Aber trotzdem wundert sich Mrs. Bagnet, warum Mrs. Rouncewell immer so verzweifelt vor sich hinmurmelt: »Mylady, Mylady, Mylady!« – Die kalte Nacht schwindet, und der Tag bricht an, und der Postwagen kommt durch den Morgennebel dahergerollt wie das Gespenst einer verstorbenen Chaise. Er hat geisterhafte Gesellschaft in Menge in den Gespenstern der Bäume und Hecken, die langsam verschwindet und der Wirklichkeit des Tages Platz macht. Die Reisenden erreichen London und steigen aus. Die alte Haushälterin in großer Unruhe und Verwirrung, Mrs. Bagnet frisch und fröhlich wie immer. Sie würde es wahrscheinlich auch sein, wenn die nächste Haltestation das Kap der guten Hoffnung, die Insel Ascension, Hongkong oder irgendeine andre Militärstation wäre. Als sie sich dann nach dem Gefängnis begeben, hat die alte Dame in ihrem lavendelfarbigen Kleid wieder viel von ihrer alten gefaßten Ruhe zurückgewonnen. Sie sieht aus wie ein wunderbar ernstes und schönes Stück altes Porzellan, obgleich ihr Herz schnell schlägt und sich ihr Schnürleib ungestümer hebt als seit vielen Jahren, wenn sie an ihren Sohn gedacht hat. Sie nähern sich der Zelle, da geht die Türe auf und ein Wärter tritt heraus. Mrs. Bagnet bittet ihn mit einer raschen Gebärde, sie nicht zu verraten; er nickt beistimmend, läßt sie eintreten und macht die Türe zu. So blickt George, der an seinem Tische schreibt, in der Meinung, er sei allein, nicht auf, sondern bleibt, in Nachdenken versunken, sitzen. Die alte Haushälterin betrachtet ihn, und ihre unruhig wandernden Hände sind Bestätigung genug für Mrs. Bagnet, selbst wenn sie jetzt, wo sie Mutter und Sohn nebeneinander sieht, noch einen Augenblick an der Verwandtschaft der beiden zweifeln könnte. Kein Rauschen des Kleides, keine Bewegung, kein Wort verraten die Haushälterin. Sie betrachtet ihren Sohn, wie er ahnungslos weiter schreibt, und nur ihre zitternden Hände geben von ihrer inneren Bewegung Zeugnis. Aber sie sind sehr beredt, sehr, sehr beredt. Mrs. Bagnet versteht sie. Sie sprechen von Dankbarkeit, Freude, Kummer und Hoffnung, von Liebe, die nicht verblassen konnte, seit dieser stahlharte Mann dem Knabenalter entwuchs, und reden eine so rührende Sprache, daß Mrs. Bagnets Augen voller Tränen stehen und die glänzenden Tropfen über ihre sonnenverbrannten Wangen rinnen. »George! Mein geliebtes Kind!« Der Kavallerist springt auf, fällt seiner Mutter um den Hals und sinkt vor ihr nieder auf die Knie. Er faltet seine Hände, von dem Gedanken an seine Jugend, der ihn bei ihrem Anblick durchzuckt, überwältigt, wie ein Kind, das ein Gebet hersagt, und läßt das Haupt sinken und weint. »George, mein lieber, lieber Sohn! Von jeher mein Liebling, wo bist du diese vielen Jahre und Jahre gewesen? Und zu einem solchen Mann herangewachsen, zu einem so schönen stattlichen Mann! So ähnlich dem Bild, daß ich mir von ihm machte, wenn ich hoffte, er sei noch am Leben.« Eine Zeitlang können beide nichts Zusammenhängendes sprechen. Mrs. Bagnet hat sich abgewendet, lehnt sich mit dem Arm an die weißgetünchte Wand und läßt ihre ehrliche Stirn darauf ruhen. Sie wischt sich mit dem unentbehrlichen grauen Mantel die Augen und freut sich, die brave Alte, wie sie es bei ihrem guten Herzen nur imstande ist. »Mutter«, sagt der Kavallerist, als sie wieder gefaßter sind, »zuerst vergib mir, denn ich weiß, wie sehr ich dessen bedarf.« Ihm vergeben! Sie tut es von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Hat sie ihm doch längst verziehen. Sie erzählt ihm, wie sie vor langen Jahren ihr Testament gemacht habe und darin niedergeschrieben, daß er von jeher ihr Lieblingssohn gewesen sei. Nie habe sie etwas Böses von ihm geglaubt. Niemals. Und wenn sie gestorben wäre, ohne dieses große Glück zu erleben, hätte sie ihn mit ihrem letzten Atemzug gesegnet. »Mutter, ich bin dir ein pflichtvergessner Sohn und ein Kummer gewesen und habe jetzt meinen Lohn. Aber in den letzten Jahren habe ich auch so eine Art Lebenszweck gehabt. Als ich von Hause fortging, wurde mir der Abschied nicht schwer, Mutter, ich fürchte nicht allzuschwer; und ich lief fort und ließ mich anwerben, mir nichts dir nichts, als stünde ich ganz allein in der Welt da.« – Der Kavallerist hat seine Augen getrocknet und sein Taschentuch eingesteckt, aber er spricht und benimmt sich ganz anders als sonst, und seine gepreßte Stimme wird zuweilen von einem halberstickten Schluchzen unterbrochen. – »So schrieb ich denn eine Zeile nach Hause, Mutter, wie du gewiß noch weißt, daß ich mich unter einem andern Namen hatte anwerben lassen, und ging übers Meer. Und dort dachte ich manchmal, ich wollte das nächste Jahr nach Hause schreiben, wenn ich eine bessere Stellung haben würde, und wie das Jahr vorüber war, verschob ich es wieder aufs nächste. Und so ging es eine Dienstzeit von zehn Jahren fort, bis ich älter zu werden und mich zu fragen begann, warum ich überhaupt noch schreiben sollte.« »Ich will dich nicht tadeln, Kind, aber hättest du mir nicht dadurch die Sorgen vom Herzen genommen, George? Hättest du nicht ein Wort an deine dich liebende Mutter, die doch auch älter wurde, schreiben können?« Das schmettert den Kavalleristen von neuem nieder; aber er bezwingt sich mit einem lauten kräftigen Räuspern. »Der Himmel verzeihe mir, Mutter, aber ich glaubte damals, es sei kein besonderer Trost, etwas von mir zu hören. Du warst geachtet und geehrt, und mein Bruder, wie ich aus einigen Zeitungen aus dem Norden, die mir zufällig in die Hand kamen, erfuhr, reich und berühmt geworden. Und was war ich dagegen? Ein Dragoner, herumabenteuernd, ohne Heimat, nicht durch eignes Können zu etwas geworden wie er, sondern durch eignes Tun verdorben – ein Mensch, der alles von sich geworfen, das Wenige, was er gelernt, vergessen und keine neuen Kenntnisse dazu erworben hatte. Wozu sollte ich da Nachricht von mir geben? Wozu konnte es gut sein, nachdem ich die ganze lange Zeit hatte verstreichen lassen? Das Schlimmste lag hinter dir, Mutter. Ich wußte, zum Mann geworden, wie du um mich geklagt und geweint und für mich gebetet haben mußtest. Der Schmerz war vorüber oder gelindert, und in deiner Erinnerung war ich besser als in Wirklichkeit.« Die Greisin schüttelt bekümmert den Kopf, ergreift seine Hände und legt sie liebreich auf ihre Schultern. »Nein, ich sage ja nicht, daß es so war, Mutter, aber so stellte ich es mir vor. Ich sagte eben, wem hätte es genützt. Liebe Mutter, nur mir; und darin hätte eben die Gemeinheit für mich gelegen. Du hättest mich aufgesucht, mich losgekauft, mich nach Chesney Wold genommen, meinen Bruder mit seiner Familie zusammengetrommelt, und ihr alle hättet euch den Kopf zerbrochen, wie ihr etwas für mich tun und mich zu einem anständigen Zivilisten machen könntet. Aber wie durftet ihr euch dabei auf mich verlassen, wo ich mich doch selbst nicht einmal auf mich verlassen konnte. Mußte ich nicht in euern Augen ein alter abgetakelter Dragoner, mir selbst eine Last und eine Schmach, außer wenn mich der Zwang in Ordnung hielt, sein? Wie konnte ich meines Bruders Kindern ins Gesicht sehen und ihnen ein Vorbild sein, ich, der weggelaufne Junge, der seiner Mutter das Leben verbittert hat? Nein, George, sagte ich zu mir, Mutter, als ich mir all das überlegte – wie man sich bettet, so liegt man.« Mrs. Rouncewell richtet ihre stattliche Gestalt in die Höhe und schüttelt mit einem Blick auf Mrs. Bagnet, der von Stolz auf ihren Sohn erfüllt ist, den Kopf, als wollte sie sagen: Habe ich es nicht gewußt? Mrs. Bagnet macht ihren Gefühlen Luft und gibt ihre Teilnahme an der Unterhaltung dadurch zu erkennen, daß sie dem Kavalleristen mit ihrem Regenschirm einen derben Stoß zwischen die Schultern gibt. Das wiederholt sie später noch verschiedne Male und ist vor Rührung und Zärtlichkeit ganz aufgelöst. Nachdem sie sich auf diese Weise in die Unterhaltung gemischt, nimmt sie wieder zu der geweißten Wand und dem grauen Mantel ihre Zuflucht. »Auf diese Weise machte ich mich mit dem Gedanken vertraut, Mutter, es sei die beste Buße für mich, so liegen zu bleiben, wie ich mich gebettet hatte, und so dereinst zu sterben. Ich besuchte wohl manches Mal heimlich Chesney Wold und sah dich bei Gelegenheiten, wo du es am wenigsten vermuten konntest, aber es wäre wohl nie zu unserm heutigen Wiedersehen gekommen, wenn nicht die Frau meines alten Kameraden hier doch zu schlau für mich gewesen wäre. Und wir dankbar bin ich Ihnen dafür. Ich danke Ihnen dafür, Mrs. Bagnet, wirklich von ganzem Herzen und von ganzer Seele.« Mrs. Bagnet antwortet mit einem Doppelstoß ihres Regenschirms. Und dann bindet die alte Dame ihrem Sohn George, ihrem lieben wiedergewonnenen Herzenskind, ihrer Freude und ihrem Stolz, dem Licht ihrer Augen, mit jedem zärtlichen Namen, den sie für ihn ersinnen kann, auf die Seele, er müsse den besten juristischen Berater annehmen, der sich nur durch Geld und Einfluß verschaffen lasse, müsse in dieser ernsten Lage handeln, wie der Advokat es ihm vorschreibe, und dürfe nicht eigensinnig sein, wenn er auch noch so sehr im Recht sei, und feierlich versprechen, einzig und allein seiner alten Mutter Angst und Kummer zu berücksichtigen, sonst bräche er ihr das Herz. »Mutter, ich mache wenig genug damit wieder gut«, entgegnet der Kavallerist und schließt ihr mit einem Kuß den Mund. »Sag mir, was ich tun soll, und ich werde, wenn auch spät, anfangen, ein gehorsamer Sohn zu sein. Mrs. Bagnet, Sie werden sich meiner Mutter annehmen, nicht wahr?« Ein derber Stoß mit dem Regenschirm ist die Antwort der Alten. »Wenn Sie sie Mr. Jarndyce und Miß Summerson vorstellen, wird sie sich mit ihnen ins Einvernehmen setzen und sich von ihnen Beistand und gewiß den besten Rat holen können...« »Und dann, George«, unterbricht ihn die alte Dame, »müssen wir auf der Stelle nach deinem Bruder schicken. Er ist ein verständiger tüchtiger Mann, wie man mir allgemein versichert – draußen in der Welt, jenseits von Chesney Wold –, und kann uns sehr von Nutzen sein.« »Mutter«, entgegnet der Kavallerist, »ist es zu bald, wenn ich dich um etwas bitte?« »Gewiß nicht, mein Sohn.« »Dann gewähre mir diese eine große Bitte. Sage meinem Bruder nichts.« »Was soll ich nicht sagen, mein Sohn?« »Sage ihm nichts von mir. Wahrhaftig, Mutter, ich könnte es nicht ertragen. Ich kann mich dazu nicht entschließen. Er hat sich so verschieden von mir gezeigt und sich emporgeschwungen, während ich Soldat gespielt habe, daß ich eine frechere Stirn haben müßte, um ihn an diesem Ort, und noch dazu unter der Last meiner Anklage, zu sehen. Wie kann ein Mann wie er auch nur die geringste Freude über ein solches Wiedersehen empfinden? Es ist unmöglich. Nein, Mutter, halte ihm die Sache noch geheim. Erweise mir größere Liebe, als ich verdient habe, und halte von allen Menschen vor meinem Bruder die Sache geheim.« »Aber doch nicht für immer, lieber George?« »Vielleicht nicht für immer und ewig, Mutter, wenn mir das auch das liebste wäre, aber jedenfalls behalte es jetzt für dich. Ich bitte dich darum. Wenn er jemals erfahren soll, daß sich sein Galgenstrick von einem Bruder wiedergefunden hat, so möchte ich es ihm am liebsten selber sagen« – verzweifelt schüttelt der Kavallerist den Kopf – »und ich würde vorher sondieren, wie er es aufnehmen würde.« – Offenbar hat er über diesen Punkt eine so stark vorgefaßte Meinung, daß die Mutter seinen Wunsch erfüllt, zumal ihr Mrs. Bagnets Gesicht denselben Rat gibt. – Er dankt ihr herzlich. »In jeder andern Hinsicht, liebe Mutter, will ich so fügsam und gehorsam sein, wie du nur wünschen kannst, bloß auf diesem Punkt möchte ich bestehen. Ich bin sogar auf die Advokaten gefaßt. Ich habe hier«, sagt er mit einem Blick auf die auf dem Tisch liegende Schrift, »einen genauen Bericht über alles aufgesetzt, was ich von dem Verstorbenen weiß, und wieso ich in die ganze unglückliche Geschichte verwickelt worden bin. Es ist einfach und genau eingetragen wie in einem Orderbuch und ohne ein überflüssiges Wort. Ich hatte vor, es geradeso abzulesen, wenn man mich auffordern würde, etwas zu meiner Verteidigung vorzubringen. Ich hoffe, man wird auch jetzt noch nichts dagegen haben, doch ich will in dieser Sache keinen freien Willen mehr haben, und mag da was immer beschlossen und geredet werden, ich verspreche, mich zu fügen.« Da die Sachen soweit zufriedenstellend abgemacht sind und die Zeit vorrückt, schlägt Mrs. Bagnet vor, zu gehen. Immer und immer wieder wirft sich die Greisin ihrem Sohn um den Hals, und immer und immer wieder drückt sie der Kavallerist an seine breite Brust. »Wo bringen Sie meine Mutter hin, Mrs. Bagnet?« »In die Stadtwohnung der Familie, lieber George. Ich habe etwas dort zu tun, was keinen Aufschub duldet«, gibt Mrs. Rouncewell zur Antwort. »Möchten Sie nicht meine Mutter in einem Wagen dorthin bringen, Mrs. Bagnet? Aber natürlich tun Sie's. Warum frage ich noch.« »Natürlich«, gibt ihm Mrs. Bagnet mit dem Regenschirm zu verstehen. »Nehmen Sie sie mit, alte Freundin, und meine Dankbarkeit dazu. Und Küsse für Quebec und Malta und herzliche Grüße meinem Patenkind und einen freundschaftlichen Händedruck für Lignum. Und das für Sie. Und ich wollte, es wären zehntausend Pfund in Gold.« Mit diesen Worten drückt der Kavallerist seine Lippen auf die sonnenverbrannte Stirn der Alten, und die Türe seiner Zelle fällt wieder ins Schloß. Kein Bitten der guten alten Haushälterin kann Mrs. Bagnet bewegen, die Droschke zu behalten und nach Hause zu fahren. Sie steigt vor der Tür des Palais fröhlich aus, begleitet Mrs. Rouncewell die Stufen hinauf, schüttelt ihr zum Abschied die Hand und marschiert fort. Bald darauf taucht sie wieder inmitten der Bagnet-Familie auf und fängt an, Gemüse zu waschen, als ob nichts geschehen wäre. Mylady befindet sich in dem Zimmer, wo sie ihre letzte Unterredung mit dem Ermordeten hatte. Sie sitzt an derselben Stelle wie damals und blickt auf den Kamin, vor dem er stand und sie in aller Muße studierte. Da klopft es an die Tür. »Wer ist da« ? »Mrs. Rouncewell.« »Was hat Sie unerwartet in die Stadt geführt, Mrs. Rouncewell?« »Sorgen, Mylady, Schwere Sorgen. Ach, Mylady, dürfte ich ein Wort allein mit Ihnen sprechen?« Was ist denn schon wieder geschehen? Was macht diese sonst so ruhige Alte so zittern? »Was gibt es denn? Setzen Sie sich und erholen Sie sich ein wenig.« »Ach, Mylady, Mylady! Ich habe meinen Sohn gefunden – meinen Jüngsten, der vor langen, langen Jahren unter die Soldaten ging. Und er ist im Gefängnis.« »Wegen Schulden?« »Ach nein, Mylady. Ich hätte jede Schuld mit Freuden bezahlt.« »Weshalb ist er denn dann im Gefängnis?« »Eines Mordes beschuldigt, Mylady, an dem er so unschuldig ist wie – ich selbst –, angeklagt, Mr. Tulkinghorn ermordet zu haben.« – Was will sie mit diesem Blick und diese flehentlichen Gebärde? Warum tritt sie so nahe heran. Was hat der Brief in ihrer Hand zu bedeuten? – »Lady Dedlock, meine liebe Lady, meine gütige Lady, Sie müssen ein Herz haben, um mit mir zu fühlen, Sie müssen ein Herz haben, um mir zu verzeihen. Ich war in diesem Hause lange, ehe Sie geboren wurden. Ich hänge so daran. Aber denken Sie an meinen lieben, unschuldig angeklagten Sohn.« »Aber ich klage ihn doch nicht an!« »Nein, Mylady, nein. Aber andre. Und er ist im Gefängnis und in großer Gefahr. – Ach, Lady Dedlock, wenn Sie nur ein Wort für ihn sprechen können, sprechen Sie es.« – In welchem Wahn mag sie leben? Welche Macht schreibt sie Mylady zu, das Unrecht, wenn es ein solches ist, abwenden zu können, daß sie sie so anblickt? Lady Dedlocks schöne Augen sehen sie mit Staunen, fast mit Furcht an. – »Mylady, ich verließ gestern abend Chesney Wold, um meinen Sohn als bejahrten Mann wiederzufinden, und die Schritte auf dem Geisterweg klangen so unausgesetzt und feierlich, wie ich sie in all den langen Jahren noch nie gehört habe. Abend für Abend, wenn es dunkel geworden war, schritt es durch Ihre Zimmer, aber vorige Nacht klang es am grauenhaftesten, und mit Dunkelwerden gestern abend, Mylady, bekam ich diesen Brief.« »Was für einen Brief denn?« »Still, still!« Die Haushälterin sieht sich um und flüstert erschrocken: »Mylady, ich habe niemand ein Wort davon gesagt. Ich glaube nicht, was darin steht. Ich weiß, daß es nicht wahr sein kann. Wahrhaftig und wirklich, ich bin fest überzeugt, daß es nicht wahr ist. Aber mein Sohn schwebt in größter Gefahr. Haben Sie Mitleid mit mir. Wenn Sie etwas wissen, was andern nicht bekannt ist, wenn Sie einen Verdacht haben, oder eine Vermutung und einen Grund, es für sich zu behalten, o liebe gütige Mylady, denken Sie an mich, vergessen Sie diesen Grund und sagen Sie es. Mehr halte ich ja nicht für möglich. Ich weiß, Sie sind nicht hartherzig, aber Sie gehen immer Ihre eignen Wege, ohne jemandes Hilfe, und vertrauen sich Freunden nie an, und alle, die Sie als schöne und vornehme Dame bewundern, wissen, daß Sie hoch über ihnen stehen und daß man Ihnen nicht nahe kommen darf. Mylady, Sie haben vielleicht aus Stolz Gründe, zu verschweigen, was Sie wissen, und wenn das der Fall ist, so bitte ich Sie, denken Sie an eine treue Dienerin, die ihr ganzes Leben in diesem Hause, das sie so hoch und teuer hält, zugebracht hat; haben Sie Erbarmen und helfen Sie meinem Sohn von diesem schrecklichen Verdacht. Ach, Mylady, meine gute gnädige Lady«, fleht die alte Haushälterin in ihrer Schlichtheit. »Meine Stellung ist so bescheiden und niedrig, und Sie stehen so hoch und so weit über mir, daß Sie vielleicht nicht wissen, was ich für mein Kind fühle, aber ich bin hierher gekommen, um Sie zu bitten und anzuflehen, mir nicht zu zürnen, daß ich so kühn bin, Sie zu bitten, uns in dieser furchtbaren Zeit zu Recht und Gerechtigkeit zu verhelfen.« Lady Dedlock hebt sie vom Boden auf, ohne ein Wort zu sagen. Dann nimmt sie ihr den Brief aus der Hand. »Soll ich das lesen?« »Wenn ich fort bin, Mylady, wenn ich Sie bitten dürfte. Und bedenken Sie, daß ich kein Wort davon glaube. Nur was ich Ihnen gesagt habe, halte ich für möglich.« »Aber ich wüßte nicht, was ich tun könnte. Ich halte nichts geheim, was Ihrem Sohn nützen könnte! Ich habe ihn nie beschuldigt!« »Mylady, dann werden Sie ihn als unschuldig Angeklagten nur um so mehr bemitleiden, nachdem Sie den Brief gelesen haben.« – Die alte Haushälterin verläßt das Zimmer, und Mylady hält den Brief in der Hand. Sie ist von Natur gewiß nicht hartherzig, und es hat eine Zeit gegeben, wo der Anblick der ehrwürdigen Greisin, die sie mit so innigem Ernst anflehte, sie bis zu tiefem Mitleid gerührt hätte. Aber sie ist so lange gewöhnt, Gemütsbewegung niederzuhalten, ist so lange ihrer selbst wegen in die verderbliche Schule gegangen, die die natürlichen Gefühle des Herzens luftdicht absperrt, wie der Bernstein die Mücken, das Gute und das Schlechte, Gefühl und Gefühllosigkeit, Einsicht und Unvernunft mit einem Firnis überzieht, daß sie sogar ihr Staunen bis jetzt unterdrückt hat. – Sie öffnet den Brief. Er enthält einen gedruckten Befund des Toten, wie er, mit dem Gesicht auf dem Boden, mitten durch das Herz geschossen, dagelegen hat, und darunter steht ihr Name und dabei das Wort »Mörderin« geschrieben. Er sinkt ihr aus den Händen. Wie lange er auf dem Teppich gelegen haben mag, weiß sie nicht, aber er liegt noch auf der Stelle, wo er hingefallen ist, als ein Bedienter vor ihr steht und den jungen Mann namens Guppy anmeldet. Wahrscheinlich hat der Bediente die Worte schon mehrere Male wiederholt, denn sie klingen ihr noch in den Ohren, ehe sie sie verstehen kann. »Lassen Sie ihn eintreten.« Er tritt ein. Sie hat den Brief vom Boden aufgehoben und versucht ihre Gedanken zu sammeln. In Mr. Guppys Augen ist sie dieselbe Lady Dedlock in derselben erkünstelten stolzen kalten Unnahbarkeit wie immer. »Euer Gnaden werden vielleicht den abermaligen Besuch einer Person, die Ihnen niemals willkommen gewesen ist, nicht zu entschuldigen geneigt sein, aber ich hoffe, wenn ich der Allergnädigsten meine Beweggründe auseinandersetze, wird sie mich nicht tadeln«, sagt Mr. Guppy. »Sprechen Sie!« »Ich danke Euer Gnaden. Ich hätte zuerst gleich erwähnen sollen« –Mr. Guppy sitzt verlegen auf der Kante des Stuhles und stellt seinen Hut vor sich auf den Teppich – »daß Miß Summerson, deren Bild, wie ich seinerzeit gegen die Allergnädigste erwähnte, einstmals tief in mein Herz eingegraben war, bis Umstände, über die ich keine Gewalt hatte, es zerstörten, mir mitteilte, sie wünsche dringend, ich möchte keine weiteren Schritte in irgendeiner sie betreffenden Angelegenheit tun. Und da mir Miß Summersons Wunsch Befehl ist, außer wenn er sich auf Verhältnisse bezöge, über die ich keine Gewalt habe, so erwartete ich natürlich niemals wieder, die ausgezeichnete Ehre zu haben, der Allergnädigsten meine Aufwartung machen zu dürfen.« »Und dennoch sind Sie wieder hier«, unterbricht ihn Lady Dedlock ärgerlich. »Und dennoch bin ich jetzt hier«, gibt Mr. Guppy zu. »Meine Absicht ist, Euer Gnaden unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitzuteilen, warum ich hier bin.« Mylady bedeutet dem jungen Mann, daß er sich nicht einfach und kurz genug fassen könne. »Auch ich«, entgegnet Mr. Guppy ein wenig verletzt, »kann die Allergnädigste nicht angelegentlich genug ersuchen, fest im Auge zu behalten, daß mich kein persönliches Interesse herführt. Wenn mein Miß Summerson gegebenes Versprechen nicht wäre, und meine Verpflichtung, es zu halten, würde ich die Schwelle dieses Hauses wahrhaftig nicht wieder betreten haben.« – Mr. Guppy hält den Augenblick für günstig, sich mit beiden Händen in das Haar zu fahren, so daß es kerzengerade in die Höhe steht. – »Euer Gnaden werden sich vielleicht erinnern, daß ich bei meinem letzten Hiersein mit einer in unsern Berufskreisen hoch angesehenen Person, deren Verlust wir alle beklagen, zusammengetroffen bin. Diese Person unterließ von dieser Zeit an nichts, gegen mich auf eine Weise zu verfahren, die man geradezu hart nennen muß, und ließ mich ununterbrochen befürchten, ich könne unwissentlich vielleicht doch Miß Summersons Wünschen zuwider gehandelt haben. Eigenlob ist keine Empfehlung, aber ich möchte immerhin betonen, daß ich auch gerade kein schlechter Geschäftsmann bin.« Lady Dedlock sieht fragend und streng auf. Mr. Guppy wendet augenblicklich seinen Blick von ihrem Gesicht. »Es war mir in der Tat so schwer«, fährt er fort, »auch nur eine Ahnung von dem zu haben, was diese gewisse Person im Verein mit andern vorhatte, daß ich bis zu dem Verlust, den wir alle so sehr beklagen, ganz 'aufgeschmissen' war – ein Ausdruck, den die Gnädigste, die sich in höheren Kreisen bewegt, dahin auslegen möge, daß mir der Verstand stillstand. Auch Small – ein Name, der eine andre beteiligte Person bezeichnet –, einer meiner Freunde – Euer Gnaden kennen ihn nicht –, benahm sich mir gegenüber so versteckt und doppelzüngig, daß es einem nicht leicht wurde, sich nicht an den Kopf zu greifen. Jedoch ist es mir endlich mit Aufgebot aller meiner bescheidenen Fähigkeiten und mit Hilfe eines gemeinsamen Freundes von hocharistokratischer Gesinnung namens Tony Weevle, der in seinem Zimmer beständig das Portrait der gnädigen Frau vor Augen hat, gelungen, auf eine Spur zu kommen, die mich veranlaßt, Euer Gnaden zu warnen. Zuvörderst erlaube mir nun die Allergnädigste zu fragen, ob sie nicht heute morgen einen etwas ungewöhnlichen Besuch gehabt hat. Ich meine nicht Besuch aus der vornehmen Welt, sondern zum Beispiel von der alten Dienerin Miß Barbarys, oder einer Person, deren untere Gliedmaßen gelähmt sind und die auf einem Stuhl die Treppe hinaufgetragen werden muß?« »Nein.« »Dann kann ich Euer Gnaden die Versicherung geben, daß solche Personen hier gewesen und empfangen worden sind. Ich habe sie an der Tür gesehen und an der Ecke des Platzes gewartet, bis sie wieder herauskamen. Ich habe einen Umweg von einer halben Stunde machen müssen, um ihnen nicht zu begegnen.« »Was geht das mich an, oder was haben Sie damit zu tun? Ich verstehe Sie nicht. Was wollen Sie eigentlich?« »Euer Gnaden, ich komme, um Sie zu warnen. Es ist vielleicht keine Veranlassung dazu. Nun gut; dann habe ich nur mein möglichstes getan, Miß Summerson gegenüber mein Versprechen zu halten. Ich hege starken Verdacht – nach dem, was Small hat fallen lassen und was wir aus ihm herausgekorkziehert haben –, daß die Briefe, die ich seinerzeit Euer Gnaden versprach, bei der bewußten Gelegenheit nicht mitverbrannt sind und ihr Inhalt, wenn er überhaupt etwas zu verraten hat, bereits verraten ist. Der Besuch, von dem ich gesprochen habe, war diesen Morgen hier, um Geld aus der Sache herauszuschlagen. Vielleicht ist es schon geschehen, oder es steht etwas dergleichen bevor.« Mr. Guppy nimmt seinen Hut und steht auf. »Euer Gnaden werden am besten wissen, ob das alles von Belang ist oder nicht. So oder so, jedenfalls habe ich Miß Summersons Wunsch, der Sache ihren freien Lauf zu lassen und das, was ich bereits darin getan, so gut wie möglich rückgängig zu machen, befolgt, und das genügt mir. Falls ich mir damit eine Freiheit herausgenommen haben sollte, Euer Gnaden überflüssigerweise gewarnt zu haben, so bitte ich, meine Anmaßung nicht übel auffassen zu wollen. Ich verabschiede mich jetzt von Euer Gnaden mit der Versicherung, daß die Allergnädigste in keinem Fall wieder durch einen Besuch von mir belästigt werden wird.« Mylady nimmt die Abschiedsworte kaum durch einen Blick zur Kenntnis; aber als Mr. Guppy eine kleine Weile fort ist, klingelt sie. »Wo ist Sir Leicester?« Der Merkur berichtet, daß er sich gegenwärtig in der Bibliothek eingeschlossen habe. »Hat Sir Leicester diesen Morgen Besuch gehabt?« »Verschiedene. Vermutlich geschäftliche.« Der Merkur will die Personen beschreiben... Genug. Er kann gehen. So! Also alles verloren. Ihr Name geht von Mund zu Mund, ihr Gatte kennt ihre Schuld; ihre Schande wird publik werden – ist es vielleicht jetzt schon, während sie noch daran denkt; und außer diesem von ihr so lang vorausgesehenen und von ihrem Gatten so wenig geahnten Schlag klagt sie eine unsichtbare Hand der Ermordung Tulkinghorns – ihres Todfeindes – an. Ja, er war ihr Feind, und wie oft, wie oft, wie oft hat sie sich gewünscht, er sei tot! Ihr Feind ist er selbst jetzt noch in seinem Grabe. Die schreckliche Anklage trifft sie wie eine neue Marter von seiner leblosen Hand. Und wie sie bedenkt, daß sie an jenem Abend in aller Stille an seiner Türe war, bedenkt, wie man den Umstand, daß sie kurz vorher ihre Lieblingszofe fortgeschickt hat, so auslegen könnte, als wollte sie sich jeder möglichen Beobachtung entziehen, schaudert sie. Sie glaubt, die Hand des Henkers bereits an ihrem Halse zu fühlen. Dann hat sie sich auf den Boden geworfen und liegt da, das Haarwild zerrauft und das Gesicht in die Kissen des Sofas vergraben. Sie steht auf, rast in der Stube auf und ab und wiegt sich stöhnend hin und her und ächzt. Ein namenloses Entsetzen hat sich ihrer bemächtigt. Wenn sie wirklich die Mörderin wäre, könnte es kaum schrecklicher sein. Was ist jetzt sein Tod anderes als die Beseitigung des Schlußsteins eines vom Einsturz bedrohten Gewölbes?! In tausend Trümmer fällt der Bogen, und jedes einzelne Stück zermalmt und zerschmettert sie. Es bemächtigt sich ihrer das schreckliche Gefühl, daß es vor diesem Verfolger, lebendig oder ermordet, keine Rettung mehr gibt als den Tod. Unerbittlich und unnahbar steht der Tote vor ihr in der Gestalt, die sich tief in ihr Gedächtnis eingegraben hat, unnahbarer noch im Sarg als im Leben. Fort, nur fort! Scham, Angst, Reue und Jammer in schrecklichem Zusammenwirken werfen sie zu Boden, und selbst ihre starke Seele wird im Wirbel fortgerissen wie ein Blatt im Sturmwind. Hastig schreibt sie ein paar Zeilen an ihren Gatten, versiegelt sie und legt sie auf den Tisch. »Wenn man mich sucht oder des Mordes anklagt, so seien Sie überzeugt, daß ich daran keine Schuld trage. In einer andern Sache, die man mir zur Last legt oder legen wird, verteidige ich mich nicht. An jenem verhängnisvollen Abend teilte er mir mit, daß er Ihnen meine Schuld enthüllen werde. Als er mich verlassen hatte, ging ich aus, unter dem Vorwand, im Garten spazieren gehen zu wollen, in Wirklichkeit, um ihn aufzusuchen und ihn anzuflehen, er möge der schrecklichen Ungewißheit, mit der er mich – Sie wissen nicht, wie lange schon – gefoltert hat, ein Ende machen und so barmherzig sein, am nächsten Morgen den Schlag zu führen. Ich fand seine Wohnung dunkel und still. Ich klingelte zwei Mal an seiner Tür, aber es antwortete niemand, und ich ging wieder nach Hause. Ich habe kein Heim mehr. Ich werde Ihnen nicht mehr lästig fallen. Mögen Sie in Ihrem gerechten Zorn imstande sein, die Unwürdige zu vergessen, an die Sie Hochherzigkeit und Liebe verschwendet haben und die Sie mit einem Schamgefühl meidet, noch tiefer als das, mit dem sie vor sich selbst fliehen möchte, und Ihnen jetzt dieses letzte Lebewohl schreibt.« Sie kleidet sich rasch an, verschleiert sich, läßt alle ihre Juwelen und ihr Geld zurück, horcht und geht in dem Augenblick, wo die Vorhalle gerade leer ist, die Treppe hinunter und eilt hinaus in den pfeifenden kalten Wind. 56. Kapitel Verfolgung Leidenschaftslos, wie es sich für vornehm erzogene Leute schickt, starrt das Stadtpalais der Dedlocks die andern Häuser der traurigstolzen Straße an, und kein äußeres Zeichen verrät, daß in seinem Innern etwas nicht in Ordnung ist. Kutschen rasseln, es wird an die Türen gehämmert, die Welt stattet Besuche ab, ältliche Circen mit dürren Hälsen und Pfirsichwangen, die etwas Gespensterhaftes haben in ihrer blühenden Röte, blenden die Augen der Menschheit. Bei Tageslicht erblickt, haben diese faszinierenden Geschöpfe eine fatale Ähnlichkeit mit Zwittergeschöpfen, halb Tod halb Dame. Aus den frostigen Marställen kommen elastisch gefederte Wagen, gelenkt von kurzbeinigen Kutschern mit flachsenen Perücken, die in daunenweichen Bockpolstern eingesunken sitzen, und hintenauf stehen Prunkmerkure, prächtig lange Stöcke in den Händen und dreieckige Hüte quer auf den Köpfen; ein Schauspiel für die Götter. Unverändert starrt das Stadtpalais der Dedlocks vor sich hin, und Stunden vergehen, ehe die erhabene Schlummerruhe in seinem Innern gestört wird. Indessen leidet die schöne Volumnia an der üblichen allgemeinen Langeweile, und da sich gerade jetzt diese Krankheit zu einem besonders heftigen Anfall zuspitzt, so wagt sie sich endlich nach der Bibliothek, um eine Ortsveränderung vorzunehmen. Da sie auf ihr schüchternes Klopfen an der Tür keine Antwort bekommt, öffnet sie sie und blickt hinein. Sie sieht niemanden darin und nimmt daher Platz. In dem grasüberwachsenen altertümlichen Bath sagt man der jugendlich munteren Dedlock nach, sie litte beständig unter einer quälenden Neugier, die sie bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten zwinge, mit einem goldeingefaßten Glas vor dem Auge herumzuschweben, um Gegenstände aller Art zu begucken. Tatsache ist, daß sie die gegenwärtige Gelegenheit benützt, wie ein Vogel über den Briefen und Papieren ihres Verwandten zu kreisen, bald dieses Dokument anzupicken, bald mit auf die Seite geneigtem Kopf jenes anzuschielen und, mit dem Glas vor dem Auge, wißbegierig und ruhelos von Tisch zu Tisch zu hüpfen. Im Laufe dieser Untersuchungen stolpert sie über etwas; und wie sie ihr Glas nach dieser Richtung wendet, sieht sie ihren Verwandten auf dem Boden liegen gleich einem gefällten Baum. Volumnias herziger kleiner Lieblingsschrei bekommt einen ziemlich starken Anstrich von Wirklichkeit bei diesem überraschenden Anblick, und bald ist das ganze Haus in Bewegung. Bediente stürzen die Treppen auf und ab, Klingeln werden heftig gezogen, Ärzte geholt, und Lady Dedlock wird gesucht, aber nirgends gefunden. Niemand hat sie gesehen oder gehört, seitdem sie zuletzt geklingelt hat. Man findet ihren Brief an Sir Leicester auf dem Tisch; aber es ist noch ungewiß, ob der Baronet nicht eine Botschaft aus einer andern Welt erhalten hat, die persönliche Antwort verlangt, und vorläufig sind ihm alle lebenden Sprachen und alle toten vollkommen gleichgültig. Man legt den alten Herrn auf sein Bett, frottiert und fächelt ihn, legt ihm Eis auf den Kopf und versucht jedes Mittel, ihn wieder zum Bewußtsein zu bringen; aber der Tag vergeht, und es wird Nacht in seinem Zimmer, ehe das Röcheln seines Atmens aufhört und seine starren Augen auf das Licht reagieren, das man ihnen von Zeit zu Zeit vorhält. Aber als diese Veränderung einmal eingetreten ist, macht sie Fortschritte, und bald nickt er oder bewegt die Augen oder sogar die Hand zum Zeichen, daß er hört und versteht. Als er diesen Morgen niederstürzte, war er ein schöner, stattlicher alter Herr, ein wenig mitgenommen von den Jahren, aber prächtig konserviert, und die Wangen voll und blühend. Jetzt liegt er auf seinem Bett, ein Greis mit verfallenen Zügen, der Schatten seiner selbst. Seine Stimme war voll und weich, und er fühlte sich seit langer Zeit so vollkommen überzeugt von der Wichtigkeit und hohen Bedeutung jedes seiner Worte für die gesamte Menschheit, daß seinen Reden ein Klang innewohnte, als hätten sie wirklich einen gewissen inneren Wert. Aber jetzt kann er nur flüstern; und was er flüstert, klingt wie das, was es ist – wie bloße Sinnlosigkeit und Kauderwelsch. Seine treue Haushälterin steht neben seinem Bett. Sie ist die erste, die er bemerkt, und ihr Anblick hellt sein Gesicht auf. Nachdem er vergeblich versucht hat, sich durch Worte verständlich zu machen, verlangt er durch Zeichen einen Bleistift. So undeutlich, daß man ihn anfangs nicht versteht, bis die alte Haushälterin errät, was er haben will, und ihm eine Schiefertafel bringt. Nachdem seine Hand eine Weile gezaudert hat, malt er langsam in einer Schrift, die nicht die seinige ist: »Chesney Wold?« Nein, sagt ihm Mrs. Rouncewell, er befände sich in London und sei heute morgen in der Bibliothek plötzlich ohnmächtig geworden. Sie dankt dem Himmel, daß sie zufällig nach London gekommen ist und ihm beistehen kann. »Es ist keine ernste oder gefährliche Krankheit, Sir Leicester. Sie werden sich morgen wieder besser befinden, Sir Leicester. Alle die Herren sagen es.« So spricht sie, und heiße Tränen laufen ihr über das schöne Matronengesicht. Nachdem er sich im Zimmer umgesehen und mit besonderer Aufmerksamkeit die Augen rund um das Bett hat schweifen lassen, wo die Ärzte stehen, schreibt er: »Mylady.« »Mylady ist ausgegangen, Sir Leicester, ehe Sie den Anfall hatten, und weiß noch nichts von Ihrer Krankheit.« Er deutet abermals mit großer Aufregung auf das Wort. Sie versuchen alle, ihn zu beruhigen, aber er deutet mit steigender Angst darauf. Wie sie einander ansehen und nicht wissen, was sie sagen sollen, nimmt er noch ein Mal die Schiefertafel und schreibt: »Mylady. Um Gottes willen, wo?« Und ein flehentliches Stöhnen dringt aus seiner Kehle. Man hält es für das Beste, daß die alte Haushälterin ihm Lady Dedlocks Brief gibt, dessen Inhalt allerdings niemand weiß oder ahnen kann. Sie bricht den Brief für ihn auf und faltet ihn auseinander, daß er ihn lesen kann. Er liest ihn zwei Mal mit großer Anstrengung, dann legt er ihn verkehrt auf das Bett, so, daß man den Inhalt nicht sehen kann, und liegt stöhnend da. Er bekommt eine Art Rückfall oder sinkt in Ohnmacht; und es vergeht eine Stunde, ehe er wieder die Augen öffnet, gestützt auf den Arm seiner alten treuen Dienerin. Die Ärzte sehen ein, daß er sich am wohlsten befindet, wenn sie um ihn ist, und halten sich fern, wenn ihre Hilfeleistung nicht unmittelbar erforderlich ist. Wieder muß die Schiefertafel gebracht werden; aber er kann sich auf das Wort, das er schreiben will, nicht besinnen. Seine Angst, sein fieberhaftes Ringen, sich verständlich zu machen, und seine Qual darüber sind kläglich anzusehen. Eine wahnsinnige Aufregung, etwas nicht ausdrücken zu können, was unverzüglich zu geschehen habe, beherrscht ihn. Er hat den Buchstaben B geschrieben und ist dabei stecken geblieben. Plötzlich, wie seine Herzensqual und sein Jammer ihren Höhepunkt erreicht haben, setzt er ein Mr. davor. Die alte Haushälterin rät »Bucket«. Dem Himmel sei Dank! das meint er. »Mr. Bucket wartet unten und sagt, er sei bestellt. Ob er heraufkommen soll?« Es ist nicht möglich, Sir Leicesters brennendes Verlangen, ihn zu sehen, oder seinen Wunsch, daß alle, außer Mrs. Rouncewell, das Zimmer verlassen möchten, mißzuverstehen. Es geschieht sofort, und Mr. Bucket erscheint. Sir Leicester ist von seinem hohen Thron so tief herabgesunken, daß dieser Mann sein letzter Trost, sein einziger Verlaß auf Erden ist. »Sir Leicester Dedlock, Baronet, es tut mir unendlich leid, Sie in diesem Zustande zu sehen. Ich hoffe, Sie werden und müssen sich wieder aufraffen, schon wegen des Ansehens der Familie.« Sir Leicester drückt ihm den Brief in die Hand und sieht ihm gespannt in das Gesicht. Eine plötzliche Erkenntnis blitzt in Mr. Buckets Auge auf, wie er die Zeilen überfliegt. Mit einem Krümmen seines Fingers, noch während sein Auge die Worte liest, deutet er an: »Sir Leicester Dedlock, Baronet, ich verstehe, was sie wünschen.« Sir Leicester schreibt auf die Schiefertafel: »Volle Verzeihung. Finden...« Mr. Bucket hält ihm die Hand auf. »Sir Leicester Dedlock, Baronet, ich werde sie finden. Aber die Nachforschung muß auf der Stelle begonnen werden. Keine Minute ist zu verlieren.« Mit Gedankenschnelle folgt er Sir Leicester Dedlocks Blick nach einem Kästchen auf dem Tisch. »Herbringen, Sir Leicester Dedlock, Baronet? Gewiß. Es mit einem dieser Schlüssel aufschließen? Gewiß. Mit dem kleinsten Schlüssel? Natürlich. Die Banknoten herausnehmen? Gut. Zählen? Ist bald geschehen. Zwanzig und dreißig macht fünfzig, und zwanzig, siebenzig und fünfzig hundertundzwanzig und vierzig hundertundsechzig. Für die Reisekosten einstecken? Gut. Lege natürlich Rechnung ab. Kein Geld sparen? Nein, gewiß nicht.« Die Schnelligkeit und Sicherheit, mit der Mr. Bucket alles errät, grenzt ans Wunderbare. Mrs. Rouncewell, die das Licht hält, ist von der Schnelligkeit seiner Augen und Hände noch ganz schwindlig, als er bereits reisefertig aufgestanden ist. »Sie sind Georges Mutter, alte Dame. Ich irre mich doch nicht, nicht wahr?« wirft Mr. Bucket hin, während er den Hut schon aufhat und seinen Rock zuknöpft. »Ja, Sir, ich bin seine Mutter und bin so in Angst um ihn.« »Das dachte ich mir nach dem, was er mir vor kurzem mitgeteilt hat. Nun will ich Ihnen etwas sagen. Sie brauchen sich nicht mehr zu grämen. Mit Ihrem Sohne ist bereits alles in schönster Ordnung. Fangen Sie jetzt nicht an zu weinen, Sie müssen vor allen Dingen Sir Leicester Dedlock, Baronet, behüten und pflegen, und das geht nicht mit Weinen. Was Ihren Sohn betrifft, sage ich Ihnen doch, so ist alles in schönster Ordnung. Er schickt Ihnen seine zärtlichsten Grüße und hofft, daß Sie seiner ebenso gedenken. Er ist in Ehren entlassen. So steht die Sache. Mit einem ebenso unbescholtnen Rufe wie dem Ihrigen, und ich will ein Pfund wetten, der ist ohne Fehl und Makel. Sie können sich auf mich verlassen, denn ich selbst habe Ihren Sohn verhaftet. Und ich sage Ihnen, er hat sich brav und wacker dabei benommen und ist ein schöner, stattlicher Mann, und Sie sind eine schöne stattliche Matrone. Mutter und Sohn sind ein Paar, das man auf der Messe als Muster zeigen könnte. – Sir Leicester Dedlock, Baronet, den Auftrag, den Sie in meine Hände gelegt haben, werde ich ausführen. Fürchten Sie nicht, daß ich mich von meinem Weg auch nur einen Schritt ablenken lasse. Ich will nicht schlafen, mich nicht waschen noch rasieren, bis ich gefunden habe, was ich suche. Ich soll ihr alles Gute von Ihnen ausrichten und ihr sagen, daß Sie ihr verzeihen? Sir Leicester Dedlock, Baronet, machen wir! Und ich wünsche Ihnen gute Besserung, und daß diese Familienangelegenheiten beigelegt werden mögen – wie schon, ach Gott, so viele andre ausgeglichen worden sind und bis zum Ende der Welt werden ausgeglichen werden.« Mit diesen Worten geht Mr. Bucket, zugeknöpft und ruhig, hinaus und sieht festen Blickes vor sich hin, als durchsuche er schon im Geiste die Nacht nach der Flüchtigen. Sein erster Gang ist nach Lady Dedlocks Zimmern. Sorgfältig durchforscht er alles mit seinen Blicken nach Anzeichen, die für ihn von Wert sein könnten. Es ist stockfinster darin, und Mr. Bucket, ein Wachslicht über den Kopf emporhaltend, zu sehen, wie er ein ganz genaues Inventar der vielen zierlichen Gegenstände, die so merkwürdig von ihm selbst abstechen, aufzeichnet und seinem Gedächtnis einprägt, ist ein seltsames Bild. Aber niemand sieht es, denn er hat fürsorglich die Türen abgeschlossen. »Ein schmuckes Boudoir das«, brummt Mr. Bucket, der heute morgen sein Französisch sozusagen aufgefrischt hat. »Muß einen guten Batzen Geld gekostet haben. Seltsam, von solchen Sachen davon zu laufen; der Boden muß ihr unter den Füßen gebrannt haben.« Er öffnet und schiebt Schubladen zu, späht in Kästchen und Juwelenetuis und sieht dabei sein Bild in den verschiedenen Spiegeln und stellt allerlei Betrachtungen darüber an. »Man könnte fast auf den Gedanken kommen, ich bewegte mich in den vornehmen Kreisen und putzte mich heraus zum Modeball. Vielleicht bin ich gar ein Offizier von der Garde und weiß es nur nicht.« Alles durchstöbernd, hat er auch ein zierliches Kästchen in einem geheimen Schubfach geöffnet. Wie seine groben Finger in Handschuhen wühlen, die er kaum fühlen kann, so leicht und weich sind sie, findet er plötzlich ein weißes Taschentuch. »Hm! Dich wollen wir einmal ansehen«, sagt Mr. Bucket und setzt das Licht hin. »Warum bist du aufgehoben worden? Was hast du mir zu erzählen? Gehörst du der Gnädigen oder sonst jemandem? Du hast doch gewiß irgendein Zeichen, sollte ich meinen?« Er findet es, während er noch spricht: »Esther Summerson.« »Aha!« sagt Mr. Bucket und läßt sich von seinem Finger beraten. »Wart einmal, dich nehmen wir mit.« Er vollendet seine Nachforschungen so ruhig und sorgsam, wie er sie angefangen, läßt alles andre genau so, wie er es gefunden, gleitet hinaus, nachdem er sich im ganzen kaum fünf Minuten aufgehalten hat, und tritt auf die Straße. Mit einem Blick hinauf nach den schwach erhellten Fenstern von Sir Leicesters Zimmern eilt er im vollen Trabe nach dem nächsten Droschkenstand, sucht sich für sein Geld ein Pferd aus und befiehlt, nach der Schießgalerie zu fahren. Mr. Bucket macht keinen Anspruch darauf, ein wissenschaftlich geschulter Rossekenner zu ein; aber er läßt etwas springen, wenn er einen besonders tüchtigen Repräsentanten dieser Tiergattung mietweise ergattern kann, und drückt gewöhnlich das Um und Auf seines Wissens in diesem Gebiet mit der Bemerkung aus, er könne einem Pferd auf den ersten Blick ansehen, ob es laufen könne. Auch diesmal hat er sich nicht getäuscht. Er rasselt in einem geradezu gefährlichen Tempo über das Pflaster, faßt aber gedankenvoll und mit scharfem Blick jedes umherschleichende Geschöpf ins Auge, an dem er in den mitternächtlichen Straßen vorüberfährt, und vergißt selbst die Lichter in den oberen Stockwerken, wo die Leute zu Bett gehen oder gegangen sind, und die Straßenecken, um die er rasselt, und den dicken Himmel und die Erde, auf der eine dünne Schneedecke liegt, nicht – denn jede Kleinigkeit kann ihm vielleicht etwas verraten, das ihm irgendwie von Nutzen ist. Die Eile, mit der er auf sein Ziel losstürmt, ist so groß, daß, als er hält, das Pferd wie in eine Dampfwolke gehüllt ist, die ihn fast erstickt. »Laß es eine halbe Minute rasten, damit's wieder munter wird. Ich bin gleich zurück.« Er läuft den langen Plankengang hinein und findet den Kavalleristen, wie er sich gerade seine Pfeife schmecken läßt. »Recht so, George, nach dem, was Sie durchgemacht haben, mein Junge. Ich habe kein Wort übrig. Drauf und dran, jetzt gilt's, eine Frau zu retten. Wo wohnt Miß Summerson, die hier war, als Gridley starb – so hieß sie – ich weiß es doch –, schnell, schnell! – Wo wohnt sie?« Der Kavallerist kommt eben von dort und gibt ihm die Adresse. Nähe von Oxford-Street. »Sie werden es nicht bereuen, George. Gute Nacht.« Schon ist er wieder draußen, mit einer dunkeln Ahnung, daß er Phil an dem kärglichen Feuer, mit offnem Munde und ganz verblüfft ob seines Kommens, sitzen gesehen habe, und rasselt in scharfem Trab weiter und steigt, abermals von einer Dampfwolke umgeben, aus. Mr. Jarndyce, der einzige im Haus, der noch auf ist, will eben zu Bett gehen; er sieht von seinem Buche auf, als er das ungestüme Klingeln hört, und kommt im Schlafrock an das Haustor hinunter. »Erschrecken Sie nicht, Sir!« Im Augenblick steht Bucket mit Mr. Jarndyce in vertraulichem Gespräch in der Vorhalle, hat die Tür zugemacht und die Hand auf das Schloß gelegt. »Ich habe schon früher einmal das Vergnügen gehabt. Inspektor Bucket. Sehen Sie dieses Taschentuch an, Sir. Gehört Miß Esther Summerson. Fand es vor einer Viertelstunde in einem Schubkasten bei Lady Dedlock. Kein Augenblick zu verlieren. Handelt sich um Leben oder Tod. Sie kennen Lady Dedlock?« »Ja.« »Es ist heute dort etwas vorgefallen. Familiengeschichten sind an den Tag gekommen. Sir Leicester Dedlock, Baronet, hat einen Schlaganfall gehabt und konnte nicht zu sich gebracht werden, und kostbare Zeit ist verloren worden. Lady Dedlock ist diesen Nachmittag verschwunden und hat einen Brief zurückgelassen, der schlimm aussieht. Überfliegen Sie ihn selbst. Hier ist er!« Nachdem ihn Mr. Jarndyce gelesen hat, fragt er den Inspektor, was er davon halte. »Weiß es nicht. Sieht aus wie Selbstmord. Jedenfalls wird mit jeder Minute die Gefahr größer, daß es dazu kommt. Ich gebe für jede Stunde, die ich gewinnen kann, hundert Pfund. Mr. Jarndyce, ich bin von Sir Leicester Dedlock, Baronet, beauftragt, Mylady zu folgen und sie zu finden – sie zu retten und ihr seine Verzeihung zu überbringen. Ich habe Geld und unbeschränkte Vollmacht, aber ich brauche noch etwas: Ich brauche Miß Summerson.« Mr. Jarndyce wiederholt erschrocken: »Miß Summerson?« »Hören Sie, Mr. Jarndyce!« – Mr. Bucket hat während der ganzen Zeit mit der größten Aufmerksamkeit in dem Gesicht seines Gegenübers gelesen. – »Ich spreche zu Ihnen wie zu einem Mann, der ein menschliches Herz in der Brust hat, und unter so drängenden Verhältnissen, wie sie nicht oft vorkommen. Wenn jemals Gefahr im Verzug war, so ist es jetzt der Fall; und wenn Sie sich später nicht bittere Vorwürfe machen wollen, schuld an einem Unglück zu sein, so willfahren Sie meiner Bitte. Acht oder zehn Stunden, jede wenigstens hundert Pfund wert, sind seit Lady Dedlocks Verschwinden verloren gegangen. Ich muß sie auffinden, koste es, was es wolle. Ich bin Inspektor Bucket. Außer all dem, was sie sonst noch schwer bedrückt, glaubt sie, des Mordes verdächtig zu sein. Wenn ich ihr allein folge, so kann sie, da sie nicht weiß, was Sir Leicester Dedlock, Baronet, mir mitgeteilt hat, zu einem verzweifelten Schritt getrieben werden. Aber wenn ich ihr in Begleitung einer jungen Dame folge, die der Beschreibung einer jungen Dame entspricht, für die sie eine zärtliche Neigung hat – ich stelle keine Fragen und sage weiter nichts –, so wird sie wissen, daß ich als Freund komme. Wenn ich sie einhole und imstande bin, diese junge Dame ein paar Worte vorher mit ihr sprechen zu lassen, so kann ich sie retten und sie überreden, zurückzukehren, wenn sie am Leben ist. Hole ich sie allein ein – was viel schwerer ist –, werde ich wohl mein Bestes tun; aber ich stehe nicht dafür, wie dieses Beste ausfallen wird. Die Zeit verstreicht; es geht stark auf ein Uhr. Wenn es eins schlägt, ist wieder eine Stunde verloren; und sie ist jetzt tausend Pfund wert anstatt hundert.« Das ist alles sehr einleuchtend, und die Dringlichkeit des Falles steht außer Frage. Mr. Jarndyce bittet den Detektiv, hier zu warten, während er mit Miß Summerson sprechen will. Mr. Bucket verspricht das, hält es aber nicht, sondern handelt wie immer in solchen Fällen, geht mit hinauf und läßt seinen Mann nicht aus dem Auge. So bleibt er lauernd auf der dunkeln Treppe stehen, während die beiden beraten. Nach ein paar Minuten kommt Mr. Jarndyce herunter und berichtet Mr. Bucket, daß Miß Summerson sogleich bei ihm sein und sich unter seinen Schutz stellen werde, um ihn zu begleiten, wohin er wolle. Sehr befriedigt, spricht Mr. Bucket seine höchste Billigung aus und wartet an der Tür, bis sie kommt. Im Geiste steigt er auf einen hohen Turm und läßt seine Blicke im weiten Umkreise umherschweifen. Er sieht viele einsame Gestalten durch die Straßen schleichen, viele einsame Gestalten draußen auf der Heide und auf Landwegen und unter Heuschobern die Nacht verbringen. Aber die, die er sucht, ist nicht unter ihnen. Andre einsame Gestalten sieht er in dunkeln Brückennischen in den Fluß hinabschauen und an umschatteten Stellen unten am Strome stehen; und ein dunkler, gestaltloser Gegenstand, der, einsamer als alle andern, mit der Flut stromabwärts treibt, erfaßt mit der Kraft der Vision seine Aufmerksamkeit. Wo ist sie? Lebendig oder tot, wo ist sie? Wenn das Taschentuch, das er jetzt zusammengelegt hat und sorgsam einsteckt, imstande wäre, ihm mit Zaubermacht den Ort vor Augen zu bringen, wo sie es fand, und die Nachtlandschaft um die Hütte, wo es die kleine Leiche zudeckte, würde er sie dort erblicken? Auf dem wüsten Fleck, wo die Ringöfen mit blauem Scheine brennen, wo der Wind die Strohdächer der elenden Hütten zerzaust, in denen die Ziegel geformt werden, wo der Lehm und das Wasser hart gefroren sind und die Mühle, in der das magere, blinde Pferd den ganzen Tag lang im Kreise herumgeht, wie ein Folterwerkzeug für Menschen aussieht, –dort, über diese wüste, verlaßne Stelle, geht eine einsame Gestalt, allein in der Welt mit ihrem Schmerz, gepeitscht von Schnee und Regen und ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Menschen. Wohl ist es die Gestalt einer Frau; aber sie ist jämmerlich angezogen, und solche Kleider gingen nie durch die Vorhalle und zur Pforte des Palastes der Dedlocks hinaus. 57. Kapitel Esthers Erzählung Ich war zu Bett gegangen und lag bereits in tiefem Schlaf, als mein Vormund an die Tür meines Zimmers klopfte und mich bat, auf der Stelle aufzustehen. Als ich rasch aus dem Bett sprang, um mit ihm durch die Türe zu sprechen und zu erfahren, was es denn gäbe, erzählte er mir nach einigen vorbereitenden Worten, daß Sir Leicester Dedlock alles erfahren habe, meine Mutter geflohen sei und eine Person jetzt unten warte, ermächtigt, ihr die umfassendste Versicherung liebevollster Verzeihung zu überbringen, wenn sie die Flüchtige auffinden sollte, und daß ich diesen Mann begleiten sollte, da er hoffe, meine Bitten würden sie bewegen, wenn es ihm nicht gelänge. Irgend etwas dieser Art wurde mir klar; aber Unruhe, Hast, Leid und Überraschung verwirrten mich dermaßen, daß ich trotz aller Anstrengung, mein Entsetzen niederzukämpfen, mich, meinem Empfinden und Erinnern nach, erst vollständig wieder erholte, als Stunden darüber vergangen waren. Ich zog mich rasch an und hüllte mich ein, ohne Charley oder sonst jemanden zu wecken, und begab mich zu Mr. Bucket hinunter, der beauftragt war, Lady Dedlock zu suchen. Mein Vormund erzählte mir näheres, während er mich hinunterführte, und erklärte mir auch, wieso der Mann auf mich verfallen war. Mr. Bucket las mir bei dem Schein der Kerze meines Vormundes im Hausflur mit leiser Stimme einen Brief vor, den meine Mutter auf ihrem Tisch zurückgelassen hatte; und ich glaube, kaum zehn Minuten waren vergangen, seit ich geweckt worden, da saß ich bereits neben ihm und fuhr rasch durch die Straßen. Er setzte mir kurz und ohne Umschweife, aber doch voll Rücksicht, auseinander, es hinge sehr viel davon ab, daß ich ohne Verwirrung ein paar Fragen beantwortete, die er mir vorzulegen wünschte. Sie bezogen sich hauptsächlich darauf, ob ich viel mit meiner Mutter (von der er nur als Lady Dedlock sprach) verkehrt, wann und wo ich mit ihr zuletzt gesprochen habe und wie sie zu meinem Taschentuch gekommen sei. Als ich ihn über diese Punkte zufriedengestellt hatte, forderte er mich auf, genau nachzudenken – und mir dabei wohl Zeit zu nehmen –, ob ich jemanden kenne, ganz gleichgültig wo, dem sie möglicherweise in Fällen dringendster Not wohl ihr Vertrauen würde geschenkt haben. Ich konnte mich anfangs auf niemanden besinnen als auf meinen Vormund; aber sodann nannte ich auch Mr. Boythorn. Er kam mir wegen seiner alten ritterlichen Weise, mit der er immer den Namen meiner Mutter nannte, in den Sinn, sowie nach Überlegung alles dessen, was mir mein Vormund von seinem früheren Verhältnis zu ihrer Schwester und dem Zusammenhang der ganzen unglücklichen Geschichte mit der seinigen erzählt hatte. Mr. Bucket ließ den Kutscher während dieses Gesprächs haltmachen, damit wir einander besser verstehen könnten. Er hieß ihn jetzt weiterfahren und sagte mir, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht, daß er sich jetzt über das einzuschlagende Verfahren vollkommen klar sei. Er wollte mir bereitwilligst seinen Plan auseinandersetzen, aber ich fühlte mich zu verwirrt, als daß ich hätte hoffen können, ihn zu verstehen. Wir waren noch nicht weit gefahren, als wir in einer Nebenstraße vor einem wie ein öffentliches Gebäude aussehenden, mit Gas erleuchteten Hause hielten. Mr. Bucket nahm mich mit hinein und ließ mich in einem Lehnstuhl neben einem hellen Kaminfeuer Platz nehmen. Es war jetzt Eins vorüber, wie ich an der an der Wand angebrachten Uhr erkannte. Zwei Polizeibeamte, die in ihren saubern Uniformen gar nicht aussahen wie Leute, die Nacht für Nacht aufbleiben mußten, schrieben ruhig an einem Pulte. Der Ort schien sehr still zu sein, von dem Zuschlagen ferner Türen unter der Erde, worauf übrigens niemand zu achten schien, vielleicht abgesehen. Ein dritter Mann in Uniform verließ das Zimmer, nachdem er die Anweisungen, die ihm Mr. Bucket zugeflüstert, entgegengenommen hatte; dann gingen die beiden andern miteinander zu Rate, und einer schrieb nieder, was ihm Mr. Bucket halblaut diktierte. Sie entwarfen eine Beschreibung meiner Mutter; und Mr. Bucket brachte sie mir, als sie fertig waren, und las sie mir leise vor. Sie stimmte wirklich auf das genaueste. Der zweite Beamte, der aufmerksam zugehört hatte, schrieb sie dann ab und rief einen andern Mann in Uniform aus dem Vorzimmer, der das Papier nahm und damit hinausging. Alles dies geschah mit der größten Schnelligkeit und ohne einen Augenblick zu verlieren, aber trotzdem war nirgends kopflose Hast zu bemerken. Sobald das Papier seine Reise angetreten hatte, wendeten sich die beiden Polizeibeamten wieder ihrer früheren ruhigen Beschäftigung zu und setzten sich an ihre Pulte. Mr. Bucket trat zu mir und wärmte sich gedankenvoll seine Stiefelsohlen abwechselnd am Kaminfeuer. »Sind Sie warm angezogen, Miß Summerson?« fragte er mich, als sein Blick dem meinen begegnete. »Es ist eine verwünscht kalte Nacht zum Reisen für eine junge Dame.« Ich sagte ihm, das Wetter sei mir gleichgültig und ich hätte warme Kleider an. »Es kann eine lange Reise werden«, bemerkte er, »aber machen Sie sich nichts daraus, Miß, wenn nur das Ende gut ist.« »Gott gebe es.« Er nickte mir tröstend zu. »Ich sagte Ihnen schon, härmen Sie sich nicht ab, was auch immer geschehen mag. Bleiben Sie kühl und ruhig und seien Sie auf alles gefaßt, und es wird besser für Sie, besser für mich, besser für Lady Dedlock und für Sir Leicester Dedlock, Baronet, sein.« Er war wirklich sehr freundlich und rücksichtsvoll; und wie er vor dem Feuer seine Stiefel wärmte und sich das Gesicht mit dem Zeigefinger rieb, faßte ich Vertrauen zu seinem Scharfsinn und fühlte mich beruhigter. Es war noch nicht ein Viertel auf Zwei, als ich draußen einen Wagen vorfahren hörte. »Jetzt, Miß Summerson, geht es fort, wenn's gefällig ist!« sagte er. Er gab mir seinen Arm, und die beiden Polizeibeamten begleiteten mich höflich bis an die Tür, vor der wir eine Art Phaethon oder Barouche mit einem Postillon und Postpferden fanden. Mr. Bucket hob mich hinein und nahm selbst auf dem Bocke Platz. Der Mann in der Uniform, der nach dem Wagen geschickt hatte, reichte ihm auf sein Verlangen eine Blendlaterne hinauf, und nachdem er dem Kutscher einige Anweisungen gegeben, rollten wir fort. Mir war zumute, als träumte ich. Wir fuhren mit großer Schnelligkeit durch ein Labyrinth von Straßen, so daß ich bald jede Orientierung verlor; ich wußte nur soviel, daß wir wiederholt den Fluß passierten und dann weiter durch einen niedrig gelegenen, nahe am Wasser befindlichen, dicht zusammengedrängten Stadtteil schmaler Gäßchen fuhren, in denen man überall Docks und Kessel, Warenhausspeicher, Drehbrücken und Schiffsmaste erblickte. Endlich hielten wir an der Ecke einer kleinen schlammigen Gasse, die die vom Flusse aufsteigende Ausdünstung nur noch übler riechen machte, und ich sah, wie sich mein Begleiter beim Schein seiner Laterne mit mehreren Personen, die halb wie Polizeileute und halb wie Matrosen aussahen, beriet. An der moderfeuchten Mauer, an der sie standen, klebte ein Zettel mit der Anzeige: »Ertrunken gefunden«; und dies und ein gedruckter Hinweis auf in der Nähe befindliche Schleppnetze erregten in mir einen grauenhaften Verdacht, weshalb wir diesen Ort aufgesucht hatten. Ich bezwang mein Herzklopfen, so gut ich konnte, aber was ich an diesem schrecklichen Orte litt, werde ich nie vergessen. Es war wie ein grauenhafter Traum. Ein schlammbedeckter Mann mit hohen, vom Wasser wie ein Schwamm aufgeweichten Stiefeln und einem ebensolchen Hut wurde aus einem Boote herbeigerufen und sprach mit Mr. Bucket, der sodann mit ihm einige schlüpfrige Stufen hinabstieg, wie um etwas Geheimnisvolles, das dort lag, anzusehen. Sie kamen wieder und wischten sich die Hände an ihren Röcken ab, als ob sie etwas Feuchtes angefaßt hätten; aber Gott sei Dank, es war nicht das, was ich fürchtete! Nach weitern Beratungen ging Mr. Bucket, den alle zu kennen und als eine Art Vorgesetzten zu betrachten schienen, mit den andern in ein Haus und ließ mich im Wagen zurück, während der Kutscher bei den Pferden auf und ab ging, um sich zu wärmen. Die Flut kam den Fluß herauf, wie mich das Plätschern der Wellen erraten ließ, und ich konnte am Ende des Gäßchens die Strömung an den Mauern anschlagen hören. Das Wasser kam niemals bis zu mir; aber mich durchschauderte wohl hundert Mal in der bangen Viertelstunde der Gedanke, daß die Leiche meiner Mutter plötzlich den Pferden vor die Füße geschwemmt werden könnte. Mr. Bucket kam wieder heraus, schärfte den andern äußerste Wachsamkeit ein, verfinsterte seine Laterne und nahm seinen Platz auf dem Bock ein. »Beunruhigen Sie sich nicht, Miß Summerson, daß wir hierher gefahren sind«, sagte er, zu mir gewendet. »Ich will nur nichts außer acht lassen und mich selbst überzeugen, daß alles im Zuge ist, indem ich selbst danach sehe. Fahren Sie zu, Kutscher.« Wir schienen den Weg, den wir gekommen waren, zurückzufahren. Nicht etwa, daß ich mir in meiner Aufregung besondere Gegenstände gemerkt hätte, sondern mehr nach dem allgemeinen Charakter der Straßen zu schließen. Wir sprachen eine Minute lang an einer andern Polizeistation vor und fuhren abermals über den Fluß. Während der ganzen Zeit, und solange das Suchen dauerte, ließ mein Begleiter, der dicht eingehüllt auf dem Bock saß, auch nicht einen Augenblick in seiner Wachsamkeit nach; aber wie wir über die Brücke fuhren, schien sich seine gespannte Aufmerksamkeit womöglich noch zu verdoppeln. Er stand auf, um über die Brustwehr hinunterzusehen; er stieg ab und ging zurück, einer dunkeln weiblichen Gestalt nach, die an uns vorübereilte, oder spähte in den tiefen schwarzen Abgrund da unten, mit einem Gesicht, das mir das Herz erbeben machte. Grauenhaft sah der Strom aus, wie er so nebelbedeckt und geheimnisvoll rasch und still zwischen den flachen Ufern hinfloß, umdüstert von undeutlichen, grauenhaften Formen, halb Wesenheiten, halb Schatten: so totenähnlich und verschwiegen. Ich habe ihn seitdem oft gesehen, bei Sonnen- und bei Mondenschein, aber niemals mehr konnte ich mich von dem Eindruck dieser Reise wieder befreien. Im Geiste sehe ich die Laternen auf der Brücke trübe brennen, der schneidend kalte Wind fegt an dem obdachlosen Weib vorbei, dem wir begegnen, die Räder rasseln eintönig weiter, und im Schimmer der Wagenlampen sieht mich ein bleiches Gesicht an, das aus den dunkeln Wassern emporzusteigen scheint. Nachdem wir lange durch die leeren Straßen gefahren waren, kamen wir endlich aus dem Pflaster heraus auf die glatte dunkle Landstraße und ließen allmählich die Häuser hinter uns. Alsbald erkannte ich den mir bekannten Weg nach St. Albans. In Barnet standen frische Pferde für uns bereit, und wir spannten um und fuhren weiter. Es war sehr kalt, und die Gegend lag weit und breit unter einer weißen Schneedecke, wenn es auch jetzt nicht mehr schneite. »Ein wohlbekannter Weg für Sie, Miß Summerson«, munterte mich Mr. Bucket auf. »Ja, gewiß«, gab ich zurück. »Haben Sie schon etwas in Erfahrung gebracht?« »Noch nichts von Belang«, gab er zur Antwort. »Aber das wäre auch zu bald.« Er trat in jedes noch offen stehende Wirtshaus, wo sich Licht zeigte –die Zahl derselben war damals nicht gering, denn die Straße war sehr von Viehtreibern besucht –, und stieg jedes Mal ab, um mit den Mautwächtern an den Schlagbäumen zu sprechen. Ich hörte ihn immer zu trinken bestellen und mit Geld klimpern. Überall war er bemüht, sich angenehm zu machen und lustig zu sein; aber so oft er seinen Platz auf dem Bocke einnahm, bekam sein Gesicht wieder den Ausdruck gespanntester Wachsamkeit, und er sagte stets zu dem Postillon in demselben Geschäftstone: »Fahren Sie zu, Kutscher!« Durch dieses häufige Anhalten war es zwischen fünf und sechs Uhr geworden, und immer noch lag St. Albans einige Meilen vor uns, als er aus einem dieser Wirtshäuser am Wege herauskam und mir eine Tasse Tee anbot. »Trinken Sie, Miß Summerson, es wird Ihnen gut tun. Sie fangen an, mehr zu sich selbst zu kommen, nicht wahr?« Ich dankte ihm und sagte, ich hoffte es. »Im Anfang waren Sie, was man so sagt, ein wenig verdattert. Mein Gott, das ist auch schließlich kein Wunder. Sprechen Sie nicht zu laut, Miß. Die Sache geht gut. Wir haben die Fährte.« Ich weiß nicht, welcher freudige Ausruf mir entschlüpfte oder entschlüpfen wollte, aber er hob den Finger warnend in die Höhe, und ich hielt an mich. »Sie ist heute abend gegen acht oder neun Uhr zu Fuß hier durchgekommen. Ich hörte zuerst von ihr drüben in Highgate, konnte mir aber noch nicht volle Gewißheit verschaffen. Ich habe ihre Spur bis jetzt mit einigen Unterbrechungen verfolgen können, sie da und dort aufgefunden und dann wieder verloren; aber sie ist jetzt sicher vor uns. Hier, nehmen Sie die Tasse, Hausknecht. Und jetzt, wenn Sie nicht beim Butterfaß aufgewachsen sind, passen Sie mal auf, ob Sie diese halbe Krone mit der andern Hand fangen können. Eins, zwei, drei – na, also! Kutscher, versuchen Sie's mal mit einem Galopp!« Wir erreichten bald St. Albans und stiegen kurz vor Tagesanbruch aus, als ich gerade anfing, mir Rechenschaft über die Vorfälle der Nacht abzulegen und wirklich zu glauben, daß ich nicht träumte. Mr. Bucket ließ den Wagen im Posthause stehen, befahl, frische Pferde bereit zu halten, gab mir den Arm, und wir gingen nach unsrer Wohnung. »Da Sie hier ziemlich zu Hause sind, Miß Summerson«, bemerkte er, »könnten Sie vielleicht erkunden, ob eine der Beschreibung entsprechende Unbekannte nach Ihnen oder nach Mr. Jarndyce gefragt hat. Was meinen Sie? Ich mache mir keine besonderen Hoffnungen, aber immerhin wäre es ja möglich.« Als wir die Höhe hinaufgingen, spähte er mit scharfem Auge durch die Morgendämmerung und erinnerte mich daran, daß ich eines Abends mit meiner kleinen Zofe und dem armen Jo, den er »Schmier-Ober« nannte, hier herabgegangen sei. Ich drückte meine Verwunderung aus, daß er das wissen könne. »Sie begegneten damals einem Mann auf der Straße dort oben, nicht wahr, Miß?« Ja; auch daran erinnerte ich mich nur zu gut. »Das war ich. Ich fuhr an jenem Nachmittag in einem Gig hierher, um nach dem Jungen zu sehen. Sie hätten die Räder rollen hören können, als sie herauskamen, um ihn aufzusuchen, denn ich weiß noch, daß Sie und Ihre kleine Zofe hinaufgingen, als ich das Pferd hinunterführte. Durch ein paar Erkundigungen im Städtchen erfuhr ich bald, in welcher Gesellschaft er sich befand, und wollte ihn gerade in den Zieglerhütten aufsuchen, als ich sie mit ihm heraufkommen sah.« »Hat er denn ein Verbrechen begangen?« »Angezeigt hat ihn niemand«, sagte Mr. Bucket und lüftete kaltblütig den Hut; »aber ich glaube, es war nicht alles richtig mit ihm. Nein. Ich brauchte ihn nur, um eben diese Sache Lady Dedlocks nicht ruchbar werden zu lassen. Er hatte über kleine Gelegenheitsdienste, für die ihn der selige Mr. Tulkinghorn bezahlte, mehr gesprochen, als nötig war; und es ging durchaus nicht an, daß er das so weiter trieb. Nachdem ich ihm daher bedeutet hatte, London zu verlassen, benutzte ich einen freien Nachmittag, um ihm einen Wink zu geben, auch hübsch von London weg zu bleiben und sich wohl in acht zu nehmen, daß ich ihn nicht noch ein Mal in der Stadt fände.« »Der Arme!« sagte ich. »Arm genug«, gab Mr. Bucket zu, »und lästig genug. Besser, er war von London weg und anderswo. Mich hat's fast umgeworfen, als ich hörte, Sie hätten ihn in Ihr Haus aufgenommen, das versichere ich Ihnen.« Ich fragte ihn, warum. »Warum, Miß? Da wäre doch sein Geschwätz erst recht losgegangen und hätte überhaupt nicht mehr aufgehört.« Obgleich ich mich jetzt dieses Gesprächs noch ganz gut entsinne, war es mir doch damals so wirr im Kopfe, daß meine Aufmerksamkeit gerade nur ausreichte, um zu begreifen, daß Mr. Bucket von diesen Sachen bloß redete, um mich zu zerstreuen. Offenbar mit derselben freundlichen Absicht sprach er mit mir von allen möglichen gleichgültigen Dingen, während sein Gesicht verriet, daß er sich ausschließlich mit dem einen Ziel unsrer Reise beschäftigte. Er sprach immer noch, als wir zum Gartentor hereintraten. »So! Da wären wir«, sagte er, »ein gar hübsches, stilles Fleckchen. Erinnert einen an das Häuschen von der Knusperhexe, das man schon von weitem durch den Rauch entdeckte, der so schön in die Höhe wirbelte. Das Küchenfeuer brennt zeitig, und das bedeutet eine gute Dienerschaft. Aber worauf Sie immer bei Dienstboten sehen müssen, ist, wer sie besucht. Sie sind nie sicher, was Sie von ihnen zu gewärtigen haben, wenn Sie das nicht wissen. Wenn Sie einen jungen Menschen hinter der Küchentür finden, so lassen Sie ihn immer gleich als verdächtig, sich zu einem unerlaubten Zweck in ein Wohnhaus eingeschlichen zu haben, verhaften.« Wir standen jetzt vor dem Hause, und er suchte aufmerksam auf dem Sande nach Fußstapfen, ehe er nach den Fenstern hinaufblickte. »Geben Sie dem alten jugendlichen Herrn immer dasselbe Zimmer, wenn er hier auf Besuch ist, Miß Summerson?« fragte er mit einem Blick nach dem Fenster Mr. Skimpoles. »Sie kennen Mr. Skimpole?« »Wie nannten Sie ihn?« entgegnete Mr. Bucket und neigte sein Ohr zu mir. »Skimpole, sagten Sie? Ich habe mir oft den Kopf zerbrochen, wie er wohl heißen möge. Skimpole. Doch nicht John, oder vielleicht Jakob?« »Harold.« »Harold. So so. Ein kurioser Bursche, dieser Harold«, sagte Mr. Bucket und sah mich mit sehr ausdrucksvollem Gesichte an. »Er ist ein sehr merkwürdiger Mensch.« »Hat keinen Begriff von Geld«, bemerkte Mr. Bucket, »nimmt's aber doch!« »Sie kennen ihn also«, gab ich unwillkürlich zur Antwort. »Nun, ich will Ihnen die Geschichte erzählen, Miß Summerson. Es ist besser für Sie, wenn Sie nicht beständig an dieselbe Sache denken, und ich will es Ihnen der Abwechslung wegen erzählen. Er war's doch, der mir gesagt hat, wo sich der 'Schmier-Ober' befand. Ich wollte diesen Abend an die Haustür klopfen und direkt nach dem Jungen fragen, wenn mir nichts andres übrig bleiben sollte; aber um erst noch einen Versuch zu machen; fiel es mir ein, eine Handvoll Sand an das Fenster dort zu werfen, hinter dem ich einen Schatten sah. Sowie Harold es aufmacht und ich einen Blick auf ihn werfe, denke ich mir schon, du bist mein Mann. Ich sagte ihm, um ihn ein wenig kirre zu machen, ich möchte nicht erst die Familie aufwecken, und es sei doch sehr zu beklagen, daß junge mitleidige Damen Vagabunden beherbergten; und dann, als ich seine Art recht weg hatte, warf ich so hin, ich würde gern einen Fünfpfundlappen springen lassen, wenn ich den 'Schmier-Ober' ohne Aufsehen von hier fortbringen könnte. Darauf sagte er und zog seine Augenbrauen fidel in die Höhe: 'Es ist ganz unnütz, mit mir von einer Fünfpfundnote zu sprechen, mein Freund, ich bin in solchen Sachen ein wahres Kind und habe keinen Begriff von Geld.' Natürlich wußte ich sofort, woran ich war, wickelte die Banknote um einen Stein und warf sie ihm hinauf. Gut! Er lacht, macht ein freundliches Gesicht und sieht so unschuldig drein, wie man sich's nur wünschen kann, und sagt: 'Aber ich kenne den Wert dieser Sache doch nicht. Was soll ich damit machen ?' 'Ausgeben, Sir', rate ich ihm. 'Aber man wird mich betrügen', meint er; 'sie geben mir nicht genug heraus, und ich habe nichts davon.' Gott, Sie haben noch kein so unschuldiges Gesicht gesehen, wie er eins dabei machte! Natürlich sagte er mir, wo der Junge zu finden war, und ich fand ihn.« Ich mußte in der Handlungsweise Mr. Skimpoles natürlich eine Verräterei gegen meinen Vormund sehen und meinte, daß so etwas denn doch die Grenzen kindlicher Unschuld überschritte. »Grenzen, Miß Summerson?« entgegnete Mr. Bucket. »Ich will Ihnen bei dieser Gelegenheit einen Rat erteilen, der Ihnen und Ihrem Mann sehr nützlich sein wird, wenn Sie erst einmal glücklich verheiratet sein und Familie haben werden. Wenn Ihnen einer sagt, ich bin unschuldig wie ein Kind in allem, was Geld anbelangt, so nehmen Sie Ihr Portemonnaie in acht, denn Sie können Ihren Kopf darauf wetten, daß er es sich holt, wenn er's kriegen kann. Wenn jemand ausposaunt, 'in praktischen Sachen bin ich ein Kind', so nehmen Sie nur ruhig an, daß es sich diesem jemand nur darum handelt, nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden, und daß das liebe 'Ich' bei ihm die Hauptrolle spielt. Ich selber bin kein poetischer Mensch, höchstens hinsichtlich Rundgesängen, aber ich bin ein Praktiker, und das ist meine Erfahrung. Die Regel ist: unzuverlässig in einer Sache, unzuverlässig in allem. Ich habe noch nicht erlebt, daß sie nicht eingetroffen wäre. Und Sie werden es auch nicht erleben. Und mit dieser Warnung für Unvorsichtige, meine Liebe, nehme ich mir die Freiheit, die Klingel zu ziehen, und komme wieder auf unser Geschäft zurück.« Ich glaube, das war ihm übrigens keinen Augenblick aus dem Kopf gekommen, ebensowenig wie mir, und auch sein Gesicht verriet, daß er sich innerlich ununterbrochen damit beschäftigt hatte. Das ganze Haus war höchlichst erstaunt, mich ohne vorherige Benachrichtigung so früh am Morgen und in dieser Begleitung zu sehen. Und das Erstaunen unsrer Leute wurde durch meine Erkundigungen nicht vermindert. Es war jedoch niemand dagewesen. An der Richtigkeit dieser Angabe konnten wir nicht zweifeln. »Dann, Miß Summerson«, sagte mein Begleiter, »können wir nicht rasch genug die Hütte der Ziegelstreicher, die Sie ja kennen, aufsuchen. Wenn Sie so gut sein wollen, sich dort zu erkundigen, so wäre das der natürlichste Weg, und der ist immer der beste.« Wir brachen unverzüglich auf. Als wir die Hütte erreichten, war die Tür zu, und allem Anscheine nach niemand daheim; aber einer der Nachbarn, der mich kannte und zu mir trat, als ich versuchte, mich jemandem hörbar zu machen, sagte mir, die beiden Frauen wohnten mit ihren Männern in einem andern Hause aus losen Ziegeln am Rande des Feldes, wo die Ringöfen ständen und die Ziegelsteine in langen Reihen trockneten. Die Stelle war nur ein paar hundert Schritt entfernt; da die Tür nur angelehnt war, stieß ich sie auf. Es saßen nur drei der Leute beim Frühstück, und das Kind schlief auf einem Bett in der Ecke. Jenny war nicht da. Die andre Frau stand auf, als sie mich erblickte, und beide Männer, obgleich sie wie gewöhnlich finster und stumm dasaßen, nickten mir mürrisch zu. Sie warfen sich einen Blick zu, als Mr. Bucket hinter mir eintrat, und es überraschte mich, zu bemerken, daß die Frau ihn offenbar kannte. Ich hatte natürlich um Erlaubnis gebeten, einzutreten. Liz (der einzige Name, unter dem ich sie kannte) stand auf, um mir ihren Stuhl anzubieten, aber ich nahm auf einer Bank neben dem Feuer Platz und Mr. Bucket auf einer Ecke der Bettstelle. Jetzt, wo ich sprechen sollte und mich unter halbfremden Leuten befand, kam mir erst zum Bewußtsein, wie außer Fassung und schwindlig ich war. Ich wußte nicht recht, wie anfangen, und konnte die Tränen nicht zurückhalten. »Liz«, sagte ich endlich, »ich habe eine weite Reise durch Nacht und Schnee gemacht, um mich nach einer Dame zu erkundigen...« »Die hier war, wißt ihr«, fiel Mr. Bucket ein und wendete sich mit ruhiger, einschmeichelnder Miene an sämtliche Anwesende. »Die Dame meint das Fräulein. Die Dame, die gestern abend hier war, wißt ihr.« »Und wer hat Ihnen denn gsagt, das jemand hier gwesen is?« fragte Jennys Mann, hielt mürrisch im Essen inne, um zuzuhören, und maß uns von oben bis unten. »Ein Mann namens Michael Jackson in einer blauen Manchesterweste mit einer doppelten Reihe Perlmutterknöpfe«, entgegnete Mr. Bucket schlagfertig. »Er soll ich um seine Sachen kümmern; kenn ihn übrigens nicht«, brummte der Ziegelstreicher mürrisch. »Er hat grad keine Arbeit, glaub ich«, entschuldigte Mr. Bucket seinen Freund Michael Jackson, »da gewöhnt man sich das Schwatzen an.« Die Frau hatte sich noch nicht wieder niedergesetzt, griff mit der Hand unsicher auf der zerbrochnen Stuhllehne herum und sah mich an. Ich sah ihr an, daß sie am liebsten mit mir allein gesprochen hätte, aber sie wagte es offenbar nicht. Sie stand immer noch zögernd und unentschlossen da, als ihr Mann, der mit einem Schnappmesser ein Stück Brot und Speck aß, mit dem Griff heftig auf den Tisch schlug und ihr mit einem Fluche befahl, sich um ihre Sachen zu kümmern und sich zu setzen. »Ich hätte Jenny sehr gern gesehen«, sagte ich. »Ich bin überzeugt, sie würde mir alles sagen, was sie weiß. Es liegt mir so sehr am Herzen, die Dame zu finden. Sie können sich gar nicht denken, wie sehr. Wird Jenny bald hier sein? Wo ist sie?« In Liz' Mienen verriet sich deutlich der Wunsch, mir zu antworten, aber der Ziegelstreicher stieß fluchend mit seinem schweren Stiefel nach ihrem Fuße. Er überließ es Jennys Mann, zu sprechen; und nach einem verstockten Schweigen wendete mir dieser seinen zottigen Kopf zu. »Ich seh's nicht bsonders gern, wenn vornehmes Volk zu mir ins Haus kommt, wie ich Ihnen schon ein Mal gsagt hab, glaub ich, Miß. Ich lasse sie in ihren Wohnungen ungeschoren, und es ist doch merkwürdig, daß sie mich nicht in Ruh lassen wollen. Die möchten schön aufbegehrn, wenn ich sie bsuchen kommen möcht. Na, über Sie hab ich mich grad weiter net so zu beklagen wie über die andern; und ich will Ihnen eine höfliche Antwort gebn; aber das sag ich Ihnen gleich, i laß i mir net das Fell über die Ohren ziehen wie am Dachs. Ob Jenny bald hier sein wird, fragen S? Nein. Wo s is? Nach London is gangen.« »Gestern abend?« »Gestern abend? Ja, gestern abend«, gab er mit einem mürrischen Zurückwerfen des Kopfes zur Antwort. »Aber war sie da, als die Dame hier war? Und was hat die Dame zu ihr gesagt? Und wo ist die Dame hingegangen? Ich bitte und flehe Sie an, seien Sie doch so gut, es mir zu sagen. Es liegt mir sehr am Herzen, es zu erfahren«, sagte ich. »Wenn mein Mann mich sprechen lassen wollt; kein Wort, was an Schaden bringen könnt...« fing die Frau schüchtern an. »Dein Mann wird dir das Gnack umdrehn, wenn du dich in Sachen mischst, wo dich nix angehn«, unterbrach sie der Ziegelstreicher und zerbiß ingrimmig einen Fluch zwischen den Zähnen. Nach einer Pause antwortete mir Jennys Mann mit seinem gewohnten widerwilligen Brummen: »Ob Jenny dagwesen is, als die Dame hier war? Ja, sie is dagwesen. Was die Dame zu ihr gsagt hat? No, ich wills Ihnen sagn, was die Dame zu ihr gsagt hat. 'Sie erinnern sich doch, daß ich einmal hier war', hats gsagt, 'um mich nach der jungen Dame zu erkundigen, die Sie früher amal bsucht hat. Sie erinnern sich, daß ich Ihnen Geld für das Taschentuch gab, das sie daglassen hat.' Ja, mir ham uns dran erinnert. Und die andern auch. Dann hats gfragt, ob die junge Dame jetzt oben im Hause is. Na, sie is net im Haus, ham mir gsagt. Jetzt hören S weiter. Die Dame is ganz allein unterwegs gwesen, und dös is uns seltsam vorkommen, und hat gfragt, ob s leicht a Stunde dorten auf dem Platz, wo Sie jetzt sitzen, ausruhen könnt. Ja, dös könnt s, ham mir gsagt, und nacher hat s ausgruht. Und nacher is wieder weiter gangen. S hat so zwanzig Minuten nach elf oder zwölf Uhr sein können; wir ham hier ka Taschenuhr net, um nach der Zeit zu sehn, und a Schlaguhr scho gar net. Wo s hingangen is? I weiß net, wo s hingangen is. Sie is den an Weg gangen, und Jenny den andern; die ane is den Weg gradaus nach London gangen, und die andre grade entgegengsetzt. So, dös ist aus. Fragn S den da. Er hat alls mit angehört und a alls gsehn. Er weiß es.« »Dös is alls«, bestätigte Liz' Mann. »Weinte die Dame?« »Zum Teufel auch. Ihre Schuhe haben schlimm ausgsehen und ihre Kleider auch, aber gweint hat s net grad. I hab nix gsehn.« Liz saß mit übereinandergeschlagnen Armen und zu Boden gesenkten Augen da. Ihr Mann hatte seinen Stuhl ein wenig umgedreht, so daß er sie im Auge behalten konnte; und seine hammerähnliche Faust lag auf dem Tisch, als wäre er bereit, jeden Augenblick seine Drohung auszuführen, wenn sie ihm nicht gehorchte. »Ich hoffe, Sie werden nichts dawider haben, wenn ich Ihre Frau frage, wie die Dame aussah«, sagte ich. »No, sprich also!« rief er ihr mürrisch zu. »Du hörst, was sie sagt. Mach's kurz und sag's ihr.« »Schlecht«, entgegnete die Frau. »Bleich und erschöpft. Sehr schlecht.« »Sprach sie viel?« »Nicht viel; aber ihre Stimme war heiser.« Die Frau antwortete zwar, fragte aber beständig ihren Mann mit den Augen um Erlaubnis. »War sie sehr angegriffen? Hat sie hier etwas gegessen oder getrunken?« »Sprich!« sagte der Mann, Liz' Blick beantwortend. »Sag's ihr und mach's kurz.« »Sie hat etwas Wasser getrunken, Miß, und Jenny hat ihr Brot und Tee geholt. Aber sie hat's kaum angrührt.« »Und als sie von hier fortging...« fragte ich weiter, aber Jennys Mann unterbrach mich ungeduldig. »Wie s von hier fortgangen is, is s gradaus vorwärts auf der Landstraße gangen. Fragen S unterwegs, wenn S es mir net glaubn, und Sie werden schon sehen, daß s wahr is. So, und jetzt is aus. Das ist alls, was wir wissen.« Ich sah Mr. Bucket fragend an, und da ich bemerkte, daß er schon aufgestanden war, bereit, zu gehen, dankte ich den Leuten für die Auskunft, die sie mir gegeben hatten, und nahm Abschied. Die Frau sah Mr. Bucket, als er hinausging, scharf an, und er sie desgleichen. »Ich will Ihnen was sagen, Miß Summerson«, sagte er zu mir, während wir uns rasch entfernten. »Die Leute dort haben die Uhr von Mylady. Das steht fest.« »Sie haben sie gesehen?« rief ich aus. »Es ist ebensogut, als ob ich sie gesehen hätte. Was spricht der Kerl da von 'zwanzig Minuten nach' und gleich darauf, daß er keine Uhr habe? Zwanzig Minuten! Glauben Sie, er teilt sich für gewöhnlich seine Zeit so sorgfältig ein? Wenn er von halben Stunden spricht, ist das schon viel. Folglich hat ihm Mylady die Uhr entweder gegeben, oder er hat sie genommen. Ich glaube, sie hat sie ihm gegeben. Wofür mag sie ihm die Uhr gegeben haben? Wofür mag sie ihm die Uhr gegeben haben?« – Er murmelte diese Frage mehrere Male vor sich hin, wie wir die Straße entlang eilten, und schien zwischen einer Reihe von Antworten zu schwanken, die sich ihm aufdrängten. – »Wenn wir Zeit übrig hätten, und das ist gerade das einzige, was wir in dieser Sache nicht übrig haben, so könnte ich es aus dieser Frau schon herauskriegen; aber es hieße, unter den gegebenen Verhältnissen zuviel auf eine Karte setzen. Sie sind ganz die Leute, sie nicht aus den Augen zu lassen, und jeder Narr weiß, daß ein armes Geschöpf wie sie, gestoßen und geschlagen und von Kopf bis zu den Füßen mit Narben und Beulen bedeckt, durch Dick und Dünn zu ihrem Manne hält, wenn er sie auch mißhandelt. Sie verheimlichen etwas. Schade, daß wir nicht haben die andre sprechen können.« – Auch ich bedauerte es außerordentlich, denn ich wußte, Jenny war sehr dankbar und hätte meinen Bitten gewiß nicht widerstanden. – »Es ist möglich, Miß Summerson«, sagte Mr. Bucket, immer noch ganz in Grübeln verloren, »daß Mylady sie nach London geschickt hat, um Ihnen eine Botschaft zu überbringen; und es ist möglich, daß der Mann die Uhr bekommen hat, damit er seiner Frau erlaube, zu gehen. Es ist nicht so ganz klar, wie ich es gern haben möchte, aber es liegt mit in meinen Karten. Nun verschwende ich das Geld Sir Leicester Dedlocks, Baronet, nicht gern an solche Rüpel und sehe auch nicht ein, was es nutzen sollte. Nein, vorderhand, Miß Summerson, geht unser Weg geradeaus; und, bitte, kein Wort weiter über die Sache!« Wir sprachen noch ein Mal zu Hause vor, damit ich in der Eile ein Billett an meinen Vormund schicken könnte, und eilten dann nach dem Posthaus zurück, wo der Wagen auf uns wartete. Man brachte sofort die Pferde heraus, als man uns kommen sah, und in wenigen Minuten waren wir wieder unterwegs. Es hatte mit Tagesanbruch zu schneien angefangen und schneite jetzt sehr stark. Die Luft war von der Trübe des Wetters und dem dichten Flockentreiben so undurchsichtig, daß wir in keiner Richtung mehr als nur eine sehr kleine Strecke erkennen konnten. Obgleich es sehr kalt war, war der Schnee nur teilweise gefroren, und die Hufe der Pferde zerknirschten ihn – daß es klang, als ob die Straße ein Strand von kleinen Muscheln wäre – zu Schlamm und Wasser. Das Gespann konnte sich oft eine Meile weit, bald ausgleitend, bald in tiefe Löcher stürzend, nur mit Mühe hindurcharbeiten, und wir mußten manchmal haltmachen. Ein Pferd stürzte auf dieser ersten Station drei Mal und war so angegriffen, daß der Kutscher zuletzt vom Bock steigen und es führen mußte. Ich konnte weder essen noch schlafen – und dieser Aufenthalt, und überhaupt die Langsamkeit, mit der wir vorwärts kamen, machten mich so unruhig, daß ich wider alle Vernunft, aus Ungeduld, aussteigen und zu Fuß gehen wollte. Ich gab jedoch den Vorstellungen meines Begleiters nach und blieb sitzen. Munter erhalten durch die Arbeitsfreude an der Aufgabe, die er übernommen, stieg er die ganze Zeit über bei jedem Hause, an dem wir vorüberkamen, im Nu vom Bock, redete Leute, die er nie gesehen, als alte Bekannte an, lief in die Wirtsstuben hinein, um sich zu wärmen, plauderte, trank, schüttelte den Leuten die Hände, war gut Freund jedes Fuhrmannes, Wagners, Schmieds oder Zolleinnehmers und schien dabei doch niemals Zeit zu verlieren. Jedes Mal, wenn er wieder mit seinem geschäftsmäßigen: »Los, Kutscher!« auf den Bock stieg, zeigte sein Gesicht die alte gespannte Aufmerksamkeit. Als wir zum zweiten Mal die Pferde wechselten, watete er von den Ställen her knietief durch den Schnee – durchnäßt bis auf die Haut, ohne weiter darauf zu achten, schon seitdem wir St. Albans verlassen hatten – und sprach ein paar Worte mit mir durch das Kutschenfenster. »Nur immer Kopf hoch, Miß! Sie ist ganz gewiß hier durchgekommen. Nach den Kleidern, die sie anhatte, läßt sich daran nicht mehr zweifeln.« »Und immer noch zu Fuß?« fragte ich. »Immer noch zu Fuß. Ich glaube, sie will den Herrn, den Sie nannten, aufsuchen. Nur daß seine Wohnung in so unmittelbarer Nähe von Sir Leicesters Besitzung liegt, will mir nicht in den Kram passen.« »Ich kann das leider nicht beurteilen«, sagte ich. »Vielleicht wohnt sonst noch jemand in der Umgebung, von dem ich nicht weiß.« »Sehr richtig. Aber ich bitte Sie, meine Liebe, fangen Sie um Gottes willen nur nicht wieder an zu weinen. Grämen Sie sich nicht überflüssigerweise. Los, Kutscher!« Es schneite den ganzen Tag über in einem fort, und bald fiel ein dicker Nebel ein, der bis zum Abend keinen Augenblick nachließ. Die Straßen waren in einem geradezu unglaublichen Zustand. Manchmal dachte ich, wir müßten den Weg verloren haben und auf das Ackerfeld oder in die Sümpfe gekommen sein. Wenn ich an die vielen Stunden, die seit unsrer Abreise verflossen waren, dachte, kam mir die Zeit zwischen unsrer Abfahrt und der Gegenwart so lange vor wie ein ganzes Leben, und ich hatte die seltsame Empfindung, nie von der Sorge und der Angst frei gewesen zu sein, die mich damals erfüllten. Je weiter wir kamen, desto mehr quälte mich eine böse Ahnung, mein Begleiter sei seiner Sache nicht mehr so sicher wie früher. Er benahm sich zwar immer gleich, wenn er Leute unterwegs traf, aber sein Gesicht schien mir ernster zu sein, wenn er wieder auf den Bock stieg. Ich sah, daß er häufig während der langen mühseligen Fahrt den Finger unruhig vor den Lippen hin und her bewegte. Es fiel mir auf, daß er die Kutscher der Landwagen und andrer uns entgegenkommender Fuhrwerke ausfragte, wie die Passagiere in andern Kutschen, denen sie begegnet seien, ausgesehen hätten. Und ihre Antworten schienen ihm durchaus nicht zu gefallen. Er gab mir wohl jedes Mal einen beruhigenden Wink mit dem Finger oder lächelte mir ermutigend zu, wenn er wieder auf den Bock stieg, aber es lag eine gewisse Unentschlossenheit in seinem Ton, wenn er sagte: Los, Kutscher! Endlich, als wir abermals die Pferde wechseln mußten, gestand er mir, daß er die Spur der Frau, die, nach ihren Kleidern zu schließen, Lady Dedlock sein müßte, seit so langer Zeit schon verloren habe, daß ihm die Sache anfange, befremdlich vorzukommen. Es sei nichts weiter daran, eine solche Spur eine Zeitlang zu verlieren – erfahrungsgemäß tauche sie nach einiger Zeit wieder auf, und so fort –, aber diesmal habe sie plötzlich auf eine unerklärliche Weise aufgehört und sei seitdem nicht wieder zum Vorschein gekommen. Der Umstand, daß er anfing, Wegweiser anzusehen und an Kreuzwegen den Wagen manchmal wohl eine Viertelstunde lang stehen zu lassen, um zu rekognoszieren, bestätigte meine Befürchtungen. Ich solle nur den Mut nicht verlieren, beruhigte er mich immer wieder, denn es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß bereits der Befund auf der nächsten Station alles wieder ins Geleise bringen werde. Die nächste Haltestelle enttäuschte uns jedoch abermals und gab uns keine neuen Anhaltspunkte. Es war ein alleinstehendes, aber komfortabel eingerichtetes und solides Wirtshaus, und ehe es mir noch recht zum Bewußtsein kam, fuhren wir in einen großen Torweg hinein. Eine saubere Wirtin trat mit ihren hübschen Töchtern an den Wagenschlag und bat mich, auszusteigen und eine Erfrischung zu nehmen, während die Pferde gewechselt würden. Ich konnte es nicht gut abschlagen, und sie führten mich die Treppe hinauf in eine geheizte Stube und ließen mich dort allein. Es war ein Eckzimmer, wie ich mich noch recht gut entsinne, und man hatte aus seinen Fenstern die Aussicht nach zwei Seiten. Auf der einen in den Hof mit den Stallungen, mit einem Ausgange nach einem Fahrweg, wo die Stallknechte die kotbespritzten und müden Pferde von unserm schlammbedeckten Wagen abspannten, und weiter hinaus auf die Landstraße selbst, über der das Wirtszeichen schwer im Winde schwankte, und durch das andre Fenster auf ein dunkles Fichtengehölz. Die Äste der Bäume waren mit Schnee beladen, und ich sah, wie er von Zeit zu Zeit in dicken Schichten geräuschlos herunter fiel. Die Nacht brach herein; und die Unwirtlichkeit draußen wurde noch fühlbarer durch den Gegensatz zu dem traulichen Kaminfeuer, das auf der Fensterscheibe glühte und glitzerte. Wie ich zwischen den Stämmen der Fichten hindurchblickte und mit dem Auge die mißfarbigen Spuren im Schnee verfolgte, wo es zu tauen anfing und das durchsickernde Wasser das Weiß unterwühlte, dachte ich an das mütterliche Gesicht der Wirtin unten, inmitten ihrer hübschen Töchter; und das Bild meiner Mutter, die sich jetzt vielleicht in einem solchen Gehölz zum Sterben niederlegte, trat wie eine Vision vor meine Augen. Ich erschrak, als ich sie alle um mich stehen fand, und dunkel kam mir zum Bewußtsein, daß ich mit aller Kraft gegen eine Ohnmacht angekämpft hatte, aber schließlich doch unterlegen war. Sie betteten mich auf ein großes Sofa vor dem Kaminfeuer, und die gutmütige Wirtin redete mir zu, ich dürfe heute nacht unter keinen Umständen weiter reisen und müsse zu Bett gehen. Aber als sie sah, in welche Aufregung mich der Gedanke, hier untätig die Zeit zu versäumen, versetzte, ließ sie bald ab und forderte nur, daß ich wenigstens eine halbe Stunde rastete. Was für ein gutes, liebes Geschöpf sie war! Wie sie und ihre drei hübschen Töchter sich um mich sorgten! Im Nu stand ein rundes Tischchen weiß gedeckt neben dem Kamin, und ich sollte warme Suppe und gebratenes Huhn essen, während Mr. Bucket seinen Mantel trocknete und unten in der Wirtsstube speiste; aber es war mir nicht möglich, etwas zu genießen, so sehr es mir leid tat, ihnen ihre Bitte abschlagen zu müssen. Ein wenig Glühwein und Röstzwieback war das einzige, was ich zu mir nahm und was mir wirklich schmeckte, und so konnte ich ihnen wenigstens diesen kleinen Gefallen tun. Pünktlich, nach Ablauf einer halben Stunde, kam der Wagen unter den Torweg gerumpelt, und man brachte mich hinunter, eingewärmt, erquickt und durch die mir erwiesene Liebe und Güte wieder hoffnungsfreudiger gestimmt und, wie ich ihnen versichern konnte, außer Gefahr, wieder in Ohnmacht zu fallen. Als ich einstieg und von allen dankbar Abschied nahm, trat die jüngste Tochter, ein blühendes Mädchen von neunzehn Jahren, die demnächst heiraten sollte, wie sie mir in der Geschwindigkeit anvertraut hatte, auf den Kutschentritt und gab mir einen Kuß. Ich habe sie seit jener Stunde nicht wieder gesehen, aber noch heute gedenke ich ihrer wie einer lieben Freundin. Die lichterhellten Fenster, die im Gegensatz zu der kalten Nacht so hell und warm aussahen, waren bald verschwunden, und unser Wagen arbeitete sich wieder mit knirschenden Rädern durch den aufgeweichten tiefen Schnee. Es ging schlecht genug voran, aber die Wege waren nicht viel schlimmer als früher, und die nächste Station lag nur neun Meilen entfernt. Mein Begleiter rauchte auf dem Bock – ich hatte ihn gebeten, sich meinetwegen keinen Zwang aufzuerlegen, da ich bemerkt, daß er sich im Wirtshaus vor dem Kamin in der Gaststube in dichte Rauchwolken gehüllt hatte –, und seine Wachsamkeit erlahmte keinen Augenblick; wie immer sprang er hurtig vom Bock, wenn wir eine menschliche Wohnung erreichten oder Leuten begegneten. Er hatte seine kleine Blendlaterne angezündet, deren er sich mit besonderer Vorliebe zu bedienen schien, trotzdem Laternen an unserm Wagen angebracht waren; und von Zeit zu Zeit ließ er ihren Schein auf mich fallen, um sich zu überzeugen, ob ich mich wohl befände. Die Vorderseite der Kutsche hatte ein Schiebfensterchen, aber ich machte es niemals zu, denn es war mir, als ob ich damit die Hoffnung hinaussperrte. Wir erreichten die Station, und noch immer hatte sich die verlorene Fährte nicht wiedergefunden. Ich sah Mr. Bucket mit angstvoller Erwartung an, als wir haltmachten, um die Pferde zu wechseln, und erriet aus seiner ernsten Miene, mit der er den Stallknechten zusah, daß er nichts Neues in Erfahrung gebracht hatte. Ein paar Minuten später trat er plötzlich an den Wagenschlag, die Blendlaterne in der Hand, und blickte sichtlich aufgeregt und ganz verändert herein. »Was gibt's?« rief ich erschreckt und fuhr in die Höhe. »Ist sie hier?« »Nein, nein. Nur ruhig, Miß, nur ruhig. Niemand ist hier. Aber ich habe es jetzt heraus!« – Eisnadeln hingen ihm im Haar, und seine Kleider waren über und über mit Schnee bedeckt. Er mußte sich die Flocken aus dem Gesicht schütteln und rang nach Atem, ehe er weiter sprach. – »Vor allem, Miß Summerson«, sagte er und trommelte mit den Fingern auf dem Spritzleder, »machen Sie sich keine unnötigen Sorgen wegen dessen, was ich jetzt unternehmen werde. Sie kennen mich. Ich bin der Inspektor Bucket, und Sie können sich auf mich verlassen. Wir sind einen langen Weg umsonst gefahren. Tut nichts. – Vier Pferde vor, bis zur nächsten Station zurück! Rasch!« Es entstand eine Bewegung im Hofe, und ein Mann kam aus dem Stall gelaufen, um noch ein Mal zu fragen, ob er zurück oder vorwärts meine. »Zurück! sage ich. Zurück! Zurück! Hören Sie denn nicht? Zurück!« »Zurück?« fragte ich erstaunt. »Wir fahren nach London zurück?« »Ja, Miß Summerson. Wir kehren um. Geradenwegs zurück, ohne eine Minute zu versäumen. Sie kennen mich. Fürchten Sie nichts. Ich muß die andre verfolgen. Teufel noch einmal!« »Die andre?« – Ich traute meinen Ohren kaum. – »Wen meinen Sie?« »Sie nannten sie Jenny, glaube ich. Ich muß sie einholen. Rasch die vier Pferde heraus, jeder Mann kriegt eine Krone. Flott, flott, ihr Leute!« »Sie werden doch nicht die Dame, die wir suchen, in einer solchen Nacht und in dem verzweifelten Gemütszustand, in dem sie sich befinden muß, ohne Hilfe lassen?« rief ich zu Tode erschrocken und ergriff seine Hand. »Da haben Sie recht, das werde ich gewiß nicht tun, meine Liebe. Aber ich muß der andern nach. – Schnell, schnell, ihr da mit den Pferden. Schickt einen berittenen Eilboten voraus zur nächsten Station. Auf jeder Haltestelle bis London müssen zwei Paar frische Pferde für uns bereit stehen. Verstanden?! Liebes Kind, Kopf hoch. Nur sich nicht unnötig aufregen!« Seine Befehle und die Lebhaftigkeit, mit der er im Hofe herumrannte und die Leute antrieb, brachten eine allgemeine Aufregung hervor, die auf mich kaum minder betäubend wirkte als die plötzliche Änderung seines Entschlusses. Mitten im schlimmsten Wirrwarr sprengte ein reitender Bote fort, um die Relais zu bestellen, und unsre Pferde wurden in größter Eile angespannt. »Meine Liebe«, sagte Mr. Bucket, sprang auf den Bock und sah wieder zu mir herein, »Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich manchmal ein bißchen familiär bin – grämen und ängstigen Sie sich nur nicht. Ich sage jetzt weiter nichts, aber Sie kennen mich, meine Liebe; nun, habe ich nicht recht?« Ich versicherte ihm, ich zweifelte keinen Augenblick, er müsse am besten wissen, was zu geschehen habe; aber ob er denn auch sicher sei, daß er sich nicht irre? Ob ich nicht vielleicht allein weiter reisen könnte, um – ich ergriff in meinem Schmerze wieder seine Hand und flüsterte es ihm zu – um meine Mutter zu suchen. »Meine Liebe«, gab er zur Antwort, »ich weiß es ja, ich weiß es ja. Glauben Sie wirklich, daß ich Ihnen zu etwas Falschem raten würde? Inspektor Bucket. Sei kennen mich doch. Oder nicht?« Was konnte ich anderes sagen als ja! »Also, dann verlieren Sie den Mut nicht und verlassen Sie sich darauf, daß ich sie nicht im Stich lassen werde, so wenig wie Sir Leicester Dedlock, Baronet. Nun, seid Ihr endlich fertig da vorn?« »Alles fertig, Sir!« »Also vorwärts! Los, Kutscher!« Und wieder fuhren wir die traurige Straße entlang, die wir gekommen waren, und das halbgefrorne Schneewasser spritzte umher, wie von einem Mühlrad gepeitscht. 58. Kapitel Ein Wintertag und eine Winternacht Gleichgültig und unbewegt, wie es sich für wohlerzogene Leute geziemt, sieht das Dedlockpalais in der Stadt drein. Von Zeit zu Zeit kann man gepuderte Köpfe aus den kleinen Fenstern der Vorhalle auf den taxfreien Puder, der da den ganzen Tag lang gratis vom Himmel fällt, hinausschauen sehen; und in demselben menschlichen Gewächshaus wendet sich eine Lakaienpfirsichblüte melancholisch von dem Anblick des schneidend kalten Wetters draußen dem großen Feuer im Kamin zu. Die Parole ist ausgegeben, Mylady sei nach Lincolnshire gereist, werde aber bald zurückerwartet. Die immerwache Fama hält es aber gar nicht für nötig, mit nach Lincolnshire zu gehen. Sie begnügt sich damit, in der Stadt herumzuflattern und zu schnattern. Sie weiß, daß der arme unglückliche Sir Leicester schwer hintergangen worden ist. Ja, ja, mein liebes Kind, sie weiß ganz schreckliche Dinge zu erzählen und hält die Welt fünf Meilen im Umkreise in Atem. Nicht zu wissen, daß bei den Dedlocks etwas faul ist, heißt soviel, wie zu den ganz unbekannten Leuten zu zählen. Eines der vielen entzückenden Geschöpfe mit den Pfirsichwangen und den dürren Hälsen kennt bereits alle Nebenumstände, die zur Sprache kommen müssen, wenn Sir Leicester um Ehescheidung einreichen wird. Bei Blaze \& Sparkle, den Juwelieren, und bei Sheen \& Gloß, den Seidenhändlern, bildet es bereits stundenlang das Hauptgespräch und wird als eine Art Wendepunkt des Jahrhunderts angesehen. Die ehedem so hoch erhabnen und unantastbaren Patronessen dieser Etablissements, die hier so sorgsam wie alle andern Artikel gewogen und abgeschätzt werden, sind bei diesem plötzlichen Modeumschwung dem Verständnis sogar des jüngsten Kommis hinter dem Ladentische näher gerückt. »Unsre Kunden, Mr. Jones«, sagen Blaze \& Sparkle zu dem neuen Reisenden, den sie anstellen wollen, »unsre Kunden sind wie die Schafe, ganz wie die Schafe. Wo zwei oder drei Leithammel hingehen, da folgen die übrigen. Behalten Sie diese zwei oder drei beständig im Auge, Mr. Jones, und Sie haben die ganze Herde.« Ebenso sprechen Sheen \& Gloß zu ihrem Jones über die Art, wie man die fashionable Kundschaft fesseln kann und wie man in die Mode bringt, was die Firma für gut befindet. Von ähnlichen unfehlbaren Prinzipien ausgehend, gibt Mr. Sladdery, der Kunsthändler und Hauptzüchter von Prunkschafen, an demselben Tage zu: »Nun ja, Sir, allerdings kursieren gewisse Gerüchte über Lady Dedlock unter meinen vornehmen Kunden. Meine vornehmen Kunden haben das Bedürfnis, von etwas zu sprechen, Sir; und Sie sehen, man braucht nur ein Thema durch ein oder zwei Damen, die ich nennen könnte, in Fluß zu bringen, und im Handumdrehen wird es in aller Munde sein. Gerade so, sehen Sie, wie ich es mit diesen Damen gemacht haben würde, Sir, wenn es sich mir darum gehandelt hätte, eine Novität in die Mode zu bringen; so haben in diesem Falle meine werten Kundinnen selbsttätig funktioniert, da sie mit Lady Dedlock verkehrten und vielleicht ein bißchen eifersüchtig auf sie waren, Sir. Sie werden finden, Sir, daß das Gesprächsthema bereits bei meinen sämtlichen vornehmen Kunden die Runde gemacht hat. Wäre es eine Spekulation gewesen, Sir, so hätte man viel Geld dabei verdient. Und wenn ich das sage, so können Sie sich darauf verlassen, daß ich recht habe, Sir. Ich habe es zu meinem Beruf gemacht, die vornehme Kundschaft zu studieren, um jederzeit imstande zu sein, sie aufzuziehen wie eine Uhr, Sir.« So wächst und wächst das Gerücht in der Hauptstadt und will sich nicht mit dem Hinweis auf Lincolnshire abfinden lassen. Um halb sechs nachmittags, nach der Rennuhr gemessen, hat es sogar Hochwohlgeboren Mr. Stables ein neues bon mot entlockt, das sogar verspricht, das alte in den Schatten zu stellen, auf dem seit langem sein Ruf als geistreicher Kopf basierte. Er habe immer gewußt, lautet der witzige Einfalt, sie sei im ganzen Gestüt am besten im Geschirr gegangen; aber auf Sonnenkoller hätte er nie geraten. Auf dem Turf ist man entzückt über diesen Einfall. Auch bei Festlichkeiten und Gelagen, an Firmamenten, die Mylady so oft geziert, und unter den Sternbildern, deren Glanz sie noch gestern in den Schatten gestellt, ist sie allgemeines Gesprächsthema. Was ist los? Wer ist's ? Wann war's ? Wo war's ? Wie war's ? Von ihren besten Freunden wird sie mit dem gentilsten Gigerlton, der gerade Mode ist, den allerneusten Ausdrücken, in der affektiertesten Manier und dem näselndsten Akzent, mit der vollkommen höflichsten Gleichgültigkeit besprochen. Höchst auffallend ist, wie Leute, denen es sonst gar nicht liegt, bei dieser Gelegenheit vor Geist sprühen! William Buffy bringt eines dieser Witzworte von der Tafel, an der er soeben dinierte, mit ins Unterhaus; und der Einpeitscher seiner Partei läßt es mit seiner Tabakdose unter den Leuten, die es sonst vor Langeweile nicht mehr aushalten würden, mit solchem Erfolg zirkulieren, daß der Sprecher, dem es natürlich auch schon privatim unter dem Zipfel seiner Perücke ins Ohr geflüstert worden ist, drei Mal, ohne daß es den geringsten Eindruck machen würde, ausruft: »Zur Ordnung an den Schranken!« Und nicht weniger erstaunlich ist es, daß Leute, die sich an den Grenzmarken von Mr. Sladderys vornehmen Kunden herumtreiben, Leute, die Mylady gar nicht kennen und sie niemals gesehen haben, es jetzt plötzlich für unumgänglich notwendig für ihren Ruf halten, ebenfalls von ihr zu sprechen und aus zweiter Hand mit dem allerneusten Witzwort im Gigerljargon untergeordneten Sonnensystemen und Sternen dritten bis letzten Grades aufzuwarten. Wenn ein Mann der Literatur oder der Kunst und Wissenschaft unter diesen Kleinhändlern ist, wie selbstverständlich, daß er dann nicht zurückstehen darf! So vergeht der Wintertag außerhalb der Stadtwohnung der Dedlocks. Und wie innerhalb? Sir Leicester liegt im Bett und kann ein wenig sprechen, aber schwer und undeutlich. Die Ärzte haben ihm Stillschweigen und Ruhe empfohlen und ihm ein Opiat eingegeben, um seine Schmerzen zu lindern, denn sein alter Feind, die Gicht, setzt ihm sehr hart zu. Er schläft nie, wenn er auch manchmal in einen schweren Halbschlummer zu sinken scheint. Er hat sich sein Bett näher ans Fenster schieben lassen, als er hörte, daß so rauhes Wetter sei, und sich den Kopf so legen, daß er das wilde Schneetreiben sehen kann. Den ganzen langen Wintertag sieht er zu, wie sich die Flocken jagen. Beim geringsten Geräusch im Hause, in dem die größte Stille herrscht, fährt seine Hand nach dem Griffel. Die alte Haushälterin, die neben ihm sitzt, weiß, was er schreiben will, und flüstert ihm jedes Mal zu: »Nein, er kann noch nicht zurück sein, Sir Leicester. Er ist erst spät gestern nacht abgereist. Er ist erst kurze Zeit unterwegs.« Und immer wieder zieht er die Hand zurück, und immer wieder sieht er zu, wie der Schnee fällt, bis vom langen Hinsehen das Gestöber so dicht und schnell zu fallen scheint, daß er vor dem schwindelnden Tanz der weißen Flocken eine Minute die Augen schließen muß. Schon als der Morgen dämmerte, fing er an, ihnen zuzusehen. Der Tag ist noch nicht weit vorgerückt, als er bereits Befehle gibt, die Zimmer für Myladys Empfang herrichten zu lassen. »Es ist sehr kalt und naß. Daß für gute Heizung gesorgt wird. Sagen Sie den Leuten, daß sie jeden Augenblick kommen kann. Bitte, sehen Sie selbst nach.« So schreibt er auf seine Schiefertafel, und Mrs. Rouncewell gehorcht mit schwerem Herzen. »Ich fürchte, George«, sagt sie zu ihrem Sohn, der unten wartet, um ihr Gesellschaft zu leisten, wenn sie gelegentlich ein paar freie Minuten hat, »ich fürchte, lieber George, Mylady wird nie wieder ihren Fuß über diese Schwelle setzen.« »Du siehst zu schwarz, Mutter.« »Und auch nicht über die Schwelle von Chesney Wold, lieber George.« »Noch schlimmer. Aber warum, Mutter?« »Als ich gestern Mylady sah, George, lag in ihrem Blick etwas, als ob die Schritte auf dem Geisterweg ihr Herz zertreten hätten.« »Aber Mutter! Du darfst diese alten Geschichten nicht so ernst nehmen. Du machst dir unnötige Sorgen.« »Nein, gewiß nicht, lieber George. Nein, gewiß nicht. Es sind nun bald sechzig Jahre, daß ich in dieser Familie bin, und ich habe den Spuk nie allzu ernst genommen, aber jetzt geht es zu Ende, lieber George. Das alte Haus der Dedlocks fällt in Trümmer.« »Man muß nicht gleich das Schlimmste befürchten, Mutter.« »Ich danke dem Himmel, daß ich noch solange gelebt habe, um Sir Leicester Dedlock in Krankheit und Unglück beistehen zu können. Ich weiß, er sieht mich noch immer lieber als jeden andern um sich. Aber glaub mir, die Tritte auf dem Geisterweg haben Mylady erreicht; sie sind ihr lange Zeit gefolgt, und jetzt werden sie über sie hinwegschreiten.« »Nun, liebe Mutter, ich wiederhole dir noch einmal, man muß nicht immer gleich das Schlimmste befürchten.« »Ach, ich kann mir nicht helfen, George«, seufzt die alte Dame und schüttelt besorgt den Kopf. »Was, wenn meine Befürchtungen wahr werden und er es erfahren muß, wer wird es ihm sagen!« »Sind das ihre Zimmer?« »Das sind die Zimmer Myladys, unberührt, so, wie sie sie verlassen hat.« »Wahrhaftig«, sagt der Kavallerist, sieht sich um und dämpft unwillkürlich den Ton seiner Stimme. »Ich fange an zu begreifen, wie du auf solche Gedanken kommst, Mutter. Es geht etwas Schauerliches von diesen verlaßnen Zimmern aus. Man muß immer an die denken, auf die sie warten und die entflohen ist, vielleicht auf Nimmerwiedersehen.« – Er hat nicht so unrecht. Wie jeder Abschied nichts andres ist als der Schatten, den der letzte große Abschied von der Welt vorauswirft, so scheinen leere verlaßne Zimmer voll des Flüsterns zu sein, das von bangem unabwendbarem Schicksal raunt. Der anspruchsvolle Prunk der Gemächer hat in diesem düstern und verlaßnen Zustande etwas Hohles, Unheimliches, und in dem innern Zimmer, wo Mr. Bucket gestern nacht seine geheimen Nachforschungen anstellte, geben Myladys Kleider, ihre Schmucksachen und sogar die Spiegel, gewohnt, ihr Bild zurückzustrahlen, allem einen wüsten und leeren Anstrich. So finster und kalt der Wintertag auch draußen ist, so ist es doch in diesen verlaßnen Räumen dunkler und kälter als in so mancher Hütte, die ihre Bewohner kaum vor dem Winde schützt; und ob auch die Bedienten große Feuer auf den Rosten der Kamine prasseln machen und die Diwane und Stühle in den Bereich der warmen gläsernen Schirme rücken, die den rötlichen Schein der Glut bis in die fernsten Ecken schimmern lassen, eine schwere Wolke schwebt über den Zimmern, die kein Licht zerstreuen kann. – Die alte Haushälterin bleibt mit ihrem Sohn, bis alle Vorbereitungen fertig sind, und geht dann wieder hinauf. Volumnia hat unterdessen Mrs. Rouncewells Platz eingenommen, obgleich Perlenhalsbänder und Schminktöpfe, so sehr sie auch zur Verschönerung des leuchtenden Sterns von Bath geeignet sein mögen, einem Kranken unter den gegebenen Verhältnissen nur geringen Trost gewähren können. Da Volumnia nicht den Anschein erwecken will, als wisse sie, was vorgefallen ist – und bei Licht betrachtet, weiß sie auch nichts davon –, war es für sie eine kitzlige Sache, den richtigen Ton zu finden, und sie hat sich darauf beschränkt, mit einem gewissen krampfhaften Eifer das Bettzeug glatt zu streichen, mit affektierter Vorsicht auf den Zehen herumzuschleichen und ihren Vetter wachsam anzulügen und ihn mit einem geflüsterten: »Ach, er schläft«, zu stören. Zur Widerlegung dieser höchst überflüssigen Bemerkung hat Sir Leicester jedes Mal ärgerlich auf die Schiefertafel geschrieben: »Nein.« Volumnia überläßt jetzt den Stuhl neben dem Bett der alten Haushälterin, setzt sich an einen Tisch in der Nähe und seufzt teilnehmend. Sir Leicester sieht immer noch dem Schneetreiben zu und horcht aufgeregt, ob denn die Schritte, die er so sehnlich erwartet, noch immer nicht kommen wollen. Der alten Frau, die aussieht wie aus einem alten Bilderrahmen herausgetreten, um einem von dieser Welt Abschied nehmenden Dedlock den letzten Liebesdienst zu erweisen, klingt durch das Schweigen immer noch der Widerhall ihrer eignen Worte in den Ohren: »Wer wird es ihm sagen!« Mit Hilfe seines Kammerdieners hat er diesen Morgen, so gut es gehen wollte, Toilette gemacht, und er sieht so schmuck aus, wie es die Umstände nur erlauben. Kissen stützen sein Haupt, das graue Haar ist auf die gewohnte Weise gebürstet und gekämmt, seine Wäsche ist ein Muster von Sauberkeit, und ein entsprechender Morgenanzug hüllt ihn würdevoll ein. Augenglas und Uhr liegen im unmittelbaren Bereiche seiner Hand. Es ist notwendig – vielleicht jetzt weniger seiner eignen Würde wegen als um Myladys willen –, daß er so wenig angegriffen und so unverändert wie möglich aussieht. Frauen können nun einmal das Reden nicht lassen, und Volumnia, wenn auch eine Dedlock, macht keine Ausnahme. Es kann kein Zweifel bestehen, daß er sie nur um sich duldet, damit sie nicht anderswo aus der Schule schwatze. Er ist sehr, sehr krank, aber er hält mutig den Leiden des Körpers und der Seele stand. Da die schöne Volumnia eines von den Wesen ist, die nicht lange stumm bleiben können, ohne nicht Gefahr zu laufen, von dem grimmen Drachen der Langeweile gepackt zu werden, so verrät sie bald die drohende Nähe dieses Ungeheuers durch wiederholte unüberwindliche Gähnkrämpfe. Außerstande, diese Anfälle anders zu unterdrücken als durch Plauderei, lobt sie gegen Mrs. Rouncewell deren Sohn und erklärt, daß er ganz bestimmt einer der schönstgewachsenen Männer sei, die sie jemals gesehen, und etwas so Soldatisches an sich habe, wie – wie hieß er doch nur – ihr Lieblingsleibgardist – na, der Mann, den sie anbete, der entzückende Mensch, der bei Waterloo fiel. In Sir Leicesters Mienen spiegelt sich bei diesen Lobsprüchen eine solche Überraschung, und er blickt so verwirrt um sich, daß sich Mrs. Rouncewell genötigt sieht, ihm eine Erklärung zu geben. »Miß Dedlock meint nicht meinen ältesten Sohn, Sir Leicester, sondern meinen jüngsten. Ich habe ihn wieder. Er ist heimgekommen.« Sir Leicester unterbricht die Stille mit einem lauten Schrei. »George? Ihr Sohn George ist wiedergekommen, Mrs. Rouncewell?« Die alte Haushälterin wischt sich die Augen. »Gott sei Dank. Ja, Sir Leicester.« Erfüllt ihn dieses Wiederfinden eines Verlorengeglaubten, diese Rückkehr eines so lange Verschollenen mit neuen Hoffnungen für sich selbst? Denkt er: »Und ich sollte sie nicht wiederfinden, wo mir so viel Mittel zu Gebote stehen? Wo in ihrem Falle weniger Stunden vergangen sind als Jahre in diesem?« Alle Bitten sind vergebens; er ist jetzt fest entschlossen zu sprechen, und er spricht. Die Töne drängen sich verwirrt aus seinem Munde, aber dennoch kann man einige Sätze daraus verstehen. »Warum haben Sie mir es nicht gesagt, Mrs. Rouncewell?« »Es ist erst gestern geschehen, Sir Leicester, und ich fürchtete, es könne Ihrem Zustand schaden, wenn ich Ihnen solche Sachen mitteilte.« Außerdem erinnert sich plötzlich die jugendlich unbesonnene Volumnia mit ihrem herzigen Lieblingsschrei, daß ja niemand wissen dürfte, daß es Mrs. Rouncewells Sohn sei, und sie es nicht habe sagen sollen. Aber Mrs. Rouncewell protestiert mit Wärme, daß sie es selbstverständlich Sir Leicester sofort gesagt hätte, sowie sich sein Zustand gebessert haben würde. »Wo ist Ihr Sohn George, Mrs. Rouncewell?« fragt Sir Leicester. Nicht wenig beunruhigt, daß er die Vorschriften des Arztes so wenig beachtet, antwortet sie: »In London.« »Wo in London?« Mrs. Rouncewell ist genötigt, einzugestehen, daß er sich im Hause befindet. »Bringen Sie ihn her in mein Zimmer. Bringen Sie ihn sogleich.« Die alte Dame muß ihm den Willen tun und ihren Sohn suchen. Sir Leicester legt sich, soweit das die Bewegungsfreiheit seiner Glieder zuläßt, zurecht, um ihn zu empfangen. Dann blickt er wieder hinaus in das Schneegestöber und horcht im Geiste auf die ersehnten Schritte; man hat die Straße unten mit Stroh belegt, um den Lärm zu dämpfen, und Mylady könnte vielleicht vor der Tür vorfahren, ohne daß er die Räder hörte. Er liegt ruhig da und denkt anscheinend nicht mehr an die neue und soviel weniger einschneidende Überraschung, als die Haushälterin, begleitet von ihrem Sohne, zurückkehrt. Mr. George nähert sich leise dem Bett, macht seine Verbeugung und bleibt militärisch stramm, das Gesicht von tief innerer Scham gerötet, stehen. »Gott im Himmel, es ist wirklich George Rouncewell!« ruft Sir Leicester aus. »Erinnern Sie sich meiner noch, George?« Der Kavallerist muß ihn erst eine Weile ansehen und sich die Worte innerlich wiederholen, ehe sie ihm klar bewußt werden, dann ermannt er sich aber, von seiner Mutter ein wenig ermuntert, und gibt zur Antwort: »Ich müßte ein schlechtes Gedächtnis haben, Sir Leicester, wenn ich mich Ihrer nicht mehr erinnerte.« »Wenn ich Sie ansehe, George Rouncewell«, bemerkt Sir Leicester mit schwerer Zunge, »muß ich wieder an den Jungen denken – in Chesney Wold – damals.« Er sieht den Kavalleristen an, bis Tränen in seine Augen treten, und dann blickt er wieder hinaus auf das Wirbeln der Schneeflocken. »Ich bitte um Verzeihung, Sir Leicester«, sagt der Kavallerist, »aber würden Sie mir vielleicht erlauben, Sie ein wenig in den Kissen aufzurichten? Sie würden bequemer liegen, Sir Leicester, wenn Sie mir gestatteten, Sie anders zu legen.« »Bitte, George Rouncewell; wenn Sie so gut sein wollen.« Der Kavallerist nimmt ihn in seine Arme wie ein Kind, hebt ihn mit Leichtigkeit empor und wendet ihn mit dem Gesicht mehr nach dem Fenster. »Ich danke Ihnen, Sie haben die sanfte Hand Ihrer Mutter«, sagt Sir Leicester, »und sind so stark. Ich danke Ihnen.« Er gibt ihm mit der Hand ein Zeichen, nicht wegzugehen. George bleibt an seinem Bett stehen und wartet, bis er angeredet wird. »Warum wünschten Sie denn, daß – Ihre Rückkehr – verschwiegen bliebe?« – Sir Leicester braucht einige Zeit, bis er die Frage herausbringt. – »Man kann auf mich wohl kaum besonders stolz sein, Sir Leicester, und ich würde am liebsten noch eine Weile unbekannt im Dunkel geblieben sein, aber meine Mutter sagte mir, Sie wären krank; – aber hoffentlich geht das bald wieder vorüber. Ich müßte Ihnen da manches auseinandersetzen, was vielleicht nicht allzu schwer zu erraten ist, aber ich glaube, dazu ist die Zeit nicht besonders geeignet, und ich würde wohl auch nicht viel Ehre damit einlegen. Wenn auch in manchen Punkten die Meinungen vielleicht auseinander gehen mögen, eins ist wohl sicher, nämlich, daß wohl niemand Grund haben kann, auf mich stolz zu sein, Sir Leicester.« »Sie sind Soldat gewesen«, bemerkt Sir Leicester, »und haben sich gut geführt, höre ich.« George macht seine militärische Verbeugung. »Was das anbetrifft, Sir Leicester, so habe ich meine Pflicht im Dienst getan, aber das war wohl das wenigste, was ich tun konnte.« »Sie finden mich durchaus nicht wohl wieder, George Rouncewell«, sagt Sir Leicester, der den Blick nicht von dem Kavalleristen wenden kann. »Es tut mir sehr, sehr leid, das zu hören, Sir Leicester.« »Ich glaube Ihnen. Ich bin davon überzeugt. Und zu meiner alten Krankheit ist noch ein plötzlicher und schlimmer Anfall dazugekommen. Etwas, das lahmt –«, er versucht mit der einen Hand an der einen Seite hinabzufühlen, »und verwirrt...«, er berührt seine Lippen. Mit einem Blick voller Teilnahme und Verständnis verbeugt sich George abermals. Die alten Zeiten, wo beide junge Leute waren, und der Kavallerist noch ein Knabe, und einander in Chesney Wold sahen, steigen vor ihnen empor und machen sie beide weich gestimmt. Sir Leicester versucht – offenbar mit einem Entschluß ringend, etwas, das ihm auf der Seele liegt, in irgendeine Form zu bringen und zu sagen, ehe er wieder in Schweigen versinkt –, sich in seinen Kissen ein wenig aufzurichten. George bemerkt es sogleich, nimmt ihn wieder in seine Arme und legt ihn so, wie er es wünscht. »Ich danke Ihnen, George, Sie sind mir wie ein zweites Ich. Wie oft haben Sie mir unten in Chesney Wold mein Reservegewehr getragen, George. Ihr Anblick berührt mich so anheimelnd und vertraut in diesen fremdartigen Verhältnissen; so sehr vertraut.« Er bleibt eine Weile auf des Kavalleristen Arm gelehnt, und es scheint ihm wohl zu tun. »Ich wollte hinzusetzen«, fährt er gleich darauf wieder fort, »ich wollte in bezug auf diesen Anfall hinzusetzen, daß er unglücklicherweise mit einem kleinen Mißverständnis, das ich mit Mylady hatte, zusammenfiel. Ich meine nicht, daß ein Zwist zwischen uns stattgefunden hätte, das ist keineswegs der Fall, sondern lediglich ein Mißverständnis hinsichtlich gewisser Umstände, die nur für uns von Wichtigkeit sind, das mich aber für einige Zeit der Gesellschaft Myladys beraubt. Sie hat es für notwenig gefunden, eine Reise zu machen... Ich bin überzeugt, daß sie in Bälde zurück sein wird. Volumnia, mache ich mich verständlich? Ich habe die Worte noch nicht recht in der Gewalt.« Volumnia versteht ihn vollkommen, und er spricht in der Tat mit viel größerer Deutlichkeit, als man noch vor einer Minute für möglich gehalten hätte. Die Anstrengung, die es ihn kostet, kann man ihm leicht an seinen gespannten und erregten Zügen ansehen. Nur der Wille ist's, der ihn aufrecht erhält. »Was ich sagen will, ist, Volumnia, daß ich hiermit in Ihrer Anwesenheit – und in der Anwesenheit meiner alten Dienerin und Freundin, Mrs. Rouncewell – und in der Anwesenheit ihres Sohnes George, der wie eine vertraute Erinnerung an meine Jugendzeit auf dem Wohnsitz meiner Ahnen in Chesney Wold zurückgekommen ist –, im Fall ich einen Rückfall erleiden –, im Fall ich nicht wieder genesen –, im Fall ich die Fähigkeit zu sprechen und zu schreiben ganz verlieren sollte, wenn ich auch auf Genesung hoffe...« – Die alte Haushälterin weint still vor sich hin; Volumnia ist im höchsten Grade aufgeregt, und unvergängliches Rot blüht auf ihren Wangen; der Kavallerist steht mit übereinandergeschlagnen Armen, den Kopf ein wenig vorgeneigt, ehrerbietig und aufmerksam da. – »Was ich ausdrücklich wünsche, ist, vor Ihnen allen als Zeugen feierlichst zu erklären, daß dasselbe unverändert gute Einvernehmen zwischen Lady Dedlock und mir weiterbesteht und niemals getrübt wurde. Daß ich mich in keiner Hinsicht über sie beschweren kann und auch nicht den geringsten Grund dazu hätte. Daß ich immer die stärkste Herzensneigung für sie gefühlt habe und noch fühle. Sagen Sie all das ihr selbst und jedermann, Volumnia. Und wenn Sie ein Wort davon weglassen, so machen Sie sich einer absichtlichen Falschheit gegen mich schuldig.« Volumnia beteuert zitternd, daß sie seinen Befehlen bis aufs I-Tüpfelchen gehorsam sein wolle. »Mylady steht zu hoch, ist zu schön, zu vollkommen in jeder Beziehung, zu sehr allen ihresgleichen überlegen, als daß sie nicht Feinde und Verleumder haben sollte. Sagen Sie diesen Leuten, wie ich es Ihnen hiermit sage, daß ich gegenwärtig bei klarem Verstande und ungeschwächtem Gedächtnisse auch nicht die kleinste zu ihren Gunsten getroffne Verfügung zurücknehme oder abändere oder eine Einschränkung hinsichtlich dessen treffe, was ich ihr vermacht habe. Mein Verhältnis zu ihr ist ungetrübt und so, wie es immer war, und ich widerrufe – wie Sie hören – nichts, was ich, um sie glücklich zu machen, verfügt habe.« Die feierliche Umständlichkeit seiner Ausdrucksweise hätte zu jeder andern Zeit, wie so oft schon, lächerlich gewirkt, aber diesmal ist sie ergreifend und rührend. Die vornehme Würde, seine Treue, sein ritterliches Einstehen für sie, die Hochherzigkeit, mit der er ihretwegen die eigne erlittene Unbill und seinen Stolz vergißt, haben etwas erschütternd Schlichtes, Ehrenhaftes und Wahres. Solche Denkungsweise adelt den gewöhnlichsten Handwerker nicht weniger als den Vornehmsten und hebt beide gleich empor aus dem Staub der Erden zum strahlenden Licht. Von der Anstrengung erschöpft, läßt Sir Leicester den Kopf auf die Kissen sinken und schließt die Augen, aber nur eine Minute, dann sieht er wieder hinaus in das Schneegestöber und horcht gespannt auf das leiseste Geräusch. Der Kavallerist hat sich bescheiden ein paar Schritte zurückgezogen, um nicht zu stören, und steht hinter seiner Mutter Stuhl Wache. Sir Leicester hat kein Wort darüber fallen lassen, wie unentbehrlich ihm die Dienste, die ihm George leistet, in der kurzen Zeit geworden sind, aber alle fühlen es. Der Tag neigt sich seinem Ende zu. Der Nebel und das dichte Fallen des mit Regen untermischten Schnees machen die Stunde noch finsterer, und lebhafter glänzt der Feuerschein an den Wänden und den Möbeln. Die Dunkelheit nimmt zu; Gasflammen zucken hell auf in den Straßen, und die altmodischen hartnäckigen Öllampen vor dem Palais mit halbgefrornem und halbaufgetautem Lebensborn flimmern schnappend, wie feurige Fische auf trockenem Land. Die vornehme Welt, die über das Stroh gerollt kam und die Klingeln gezogen hat, um »anzufragen«, begibt sich nach Hause und kleidet sich um zum Diner, um wieder von neuem im Stil der letzten Mode die teure Freundin zu begeifern. Sir Leicesters Befinden verschlimmert sich, er wird unruhig, aufgeregt und leidet große Schmerzen. Volumnia zündet eine Kerze an – es scheint in ihrer Bestimmung zu liegen, stets das Unpassendste zu tun –, aber er läßt ihr befehlen, sie wieder auszulöschen, da es noch nicht dunkel genug sei. Dennoch ist es fast finster; so finster, wie es die ganze Nacht sein wird. Mit der Zeit versucht sie es abermals. »Nein! Auslöschen!« Noch immer ist es ihm nicht dunkel genug. Die alte Haushälterin erkennt zuerst, daß er sich in dem Wahne erhalten will, es sei noch nicht spät. »Lieber Sir Leicester, mein lieber guter Herr«, flüstert sie halblaut. »Denken Sie doch an Ihren Zustand. Es ist meine Pflicht, Sie inständigst zu bitten, sich doch nicht hier mit Wachen und Warten in der einsamen Finsternis durch die langen Stunden hinzuschleppen und sich so aufzureiben. Erlauben Sie mir, die Vorhänge zuzumachen und die Lichter anzubrennen, damit es gemütlicher im Zimmer wird. Die Zeit läuft deshalb nicht anders, Sir Leicester, und die Nacht wird schnell vorübergehen. Mylady kommt deshalb nicht früher und nicht später.« »Ich weiß es wohl, Mrs. Rouncewell, aber ich bin schwach, und er ist schon so lange, lange weg.« »Nicht so sehr lange, Sir Leicester. Kaum vierundzwanzig Stunden.« »Aber das ist lange. Schrecklich lang!« – Er sagt das mit einem Stöhnen, daß es ihr das Herz zerreißt. – Sie fühlt, daß der Zeitpunkt nicht geeignet: ist, das grelle Licht auf sein Gesicht fallen zu lassen; seine Tränen sind ihr zu heilig, als daß er wissen dürfte, daß selbst sie sie sieht. Daher bleibt sie eine Weile stumm im Dunkeln sitzen; dann macht sie sich still im Zimmer zu schaffen, schürt das Feuer und tritt an das dunkle Fenster, um hinauszusehen. Endlich hat er seine Fassung wiedergewonnen und sagt zu ihr: »Sie haben recht, Mrs. Rouncewell, es wird nicht dadurch schlimmer, daß man es sich eingesteht. Es wird spät, und sie sind noch nicht da. Zünden Sie das Licht an!« Als es hell im Zimmer wird und die Vorhänge zugezogen sind und das Wetter hinausgesperrt haben, bleibt ihm nur noch das Horchen. Mrs. Rouncewell weiß, es tut ihm in seiner niedergedrückten Stimmung und seinen Leiden wohl, wenn man ihn merken läßt, daß man in Myladys Gemächern nach dem Feuer sieht und sich vergewissert, ob alles zu ihrem Empfange bereit steht. So armselig das Mittel ist, so erhalten doch diese kleinen Andeutungen, daß sie erwartet wird, die Hoffnung in ihm aufrecht. Mitternacht kommt. Immer noch dieselbe öde leere Stimmung. Nur wenig Wagen mehr hört man auf den Straßen, und andre späte Geräusche gibt es in dieser Gegend nicht, außer daß vielleicht ein Mann, der so sinnlos betrunken ist, daß er sich in diese kalte nüchterne Zone des vornehmsten Stadtteils verirrt hat, johlend und brüllend über das Pflaster taumelt. In dieser Winternacht herrscht eine Stille, daß das Lauschen in das tote Schweigen so ist wie ein Hinaussehen in tiefste Finsternis. Wenn ein fernes Geräusch erwacht, so verklingt es durch die Nacht, wie ein schwacher Schein im Dunkel erstirbt, und alles ist dann noch tiefer und stiller als zuvor. Die Dienerschaft ist zu Bett geschickt worden und geht nicht ungern, denn sie hat die ganze vorige Nacht aufbleiben müssen, und nur Mrs. Rouncewell und George wachen noch in Sir Leicesters Zimmer. Wie die Nacht langsam vergeht und zwischen zwei und drei Uhr fast still zu stehen scheint, stellen sich bei dem Kranken Ruhelosigkeit und der quälende Wunsch ein, zu erfahren, was für Wetter draußen ist, da er es nicht mehr sehen kann. Daher dehnt George, der regelmäßig jede halbe Stunde nach den so sorgfältig zum Empfang Myladys bereitgehaltnen Zimmern gesehen hat, seine Runde bis zur Pforte des Hauses aus und schildert sodann diese schlechteste aller Nächte in den bestmöglichen Farben. In Wirklichkeit aber fällt immer noch Schnee und Regen, und selbst auf dem Fußsteig liegt der halbgefrorne Schlamm knöcheltief. Volumnia ist in ihrem Zimmer an einem entlegnen Treppenabsatz – dem zweiten über der Stelle, wo das Schnitzwerk und die Vergoldung aufhören –, einem Zimmer für Kusinen mit einer fürchterlichen Mißgeburt von einem Porträt Sir Leicesters – seiner Scheußlichkeit wegen hier herauf verbannt –, eine Beute schlimmster Befürchtungen. Was wird mit ihrem kleinen Einkommen geschehen, im Fall Sir Leicester »etwas zustoßen sollte«, wie sie sich ausdrückt? Wenn einem Baronet »etwas« passiert, so heißt das natürlich soviel wie das allerletzte, was einem Menschen auf dieser Erde widerfahren kann. Eine Folge dieser Seelenqualen ist, daß Volumnia entdeckt, sie könne nicht in ihrem Zimmer zu Bett gehen und auch nicht am Kaminfeuer sitzen, sondern müsse ihr schönes Haupt mit einer Unzahl Schals umwinden und ihre junonische Gestalt in faltige Gewänder hüllen und durch das Haus wandeln wie ein Geist und vorzugsweise die warmen und luxuriösen Zimmer heimsuchen, die für die Eine bereitgehalten werden, die immer noch nicht zurückkehrt. Einsamkeit unter solchen Umständen ist natürlich ausgeschlossen, und so läßt sich Volumnia auf ihren Wanderungen von der Zofe begleiten, die, zu diesem Zweck aus dem Bett geholt, frierend, schlaftrunken und an und für sich schon zu Tod unglücklich über das harte Los, eine Kusine bedienen zu müssen, wo sie sich doch fest vorgenommen hat, es nicht billiger zu tun als mit einer Herrin von zehntausend Pfund Einkünften aufwärts, ein nichts weniger als freundliches Gesicht macht. Daß der Kavallerist bei seiner Runde von Zeit zu Zeit in diese Zimmer kommt, ist für Herrin und Zofe eine Bürgschaft des Schutzes und ein Lichtblick, der sein Erscheinen in den ersten Stunden nach Mitternacht sehr angenehm macht. Sooft man ihn kommen hört, nehmen beide einige flüchtige Verschönerungsversuche an sich vor, um ihn gebührend zu empfangen. Die Zwischenpausen vergehen teils in kurzem Schlummer, teils mit Zwiegesprächen, die einen gewissen ätzenden Charakter tragen, und manchmal sieht Miß Dedlock, die, immer die Füße auf das Kamingitter gestützt, dasitzt, aus, als stünde sie eben im Begriff, kopfüber ins Feuer zu fallen. »Wie befindet sich jetzt Sir Leicester, Mr. George?« erkundigt sich soeben Volumnia und zupft sich dabei die Nachtmütze zurecht. »Sir Leicesters Zustand ist ziemlich unverändert, Miß, er ist sehr schwach und phantasiert sogar bisweilen.« »Hat er nach mir verlangt?« fragt Volumnia zärtlich. »N-nein. Nicht, daß ich wüßte, Miß. Wenigstens habe ich es nicht gehört, Miß.« »Das ist eine schlimme, schlimme Zeit, Mr. George.« »Ja, wirklich, Miß. Aber möchten Sie nicht lieber zu Bett gehen?« »Ich glaube auch, es wäre viel besser, wenn Sie zu Bett gingen, Miß Dedlock«, meint die Zofe scharf. Aber Volumnia antwortet: Nein, nein! Er könne jeden Augenblick nach ihr verlangen. Sie würde es sich nie verzeihen können, wenn ihm »etwas« zustoßen sollte und sie wäre nicht bei der Hand, und zeigt gar keine Lust, auf die Frage der Zofe, warum sie denn dann gerade hier sein müsse, einzugehen, anstatt in ihrem eignen Zimmer (wo sie doch in Sir Leicesters Nähe sei); sie erklärt vielmehr mit großer Bestimmtheit, unbedingt hierbleiben zu wollen, und möchte es sich offenbar als ein besonderes Verdienst angerechnet wissen, die ganze Nacht »kein« Auge geschlossen zu haben, als ob sie deren zwanzig oder dreißig hätte und der Umstand, daß sie erst vor fünf Minuten zwei aufgemacht hat, nicht weiter ins Gewicht fiele. Als es aber auf vier Uhr geht und immer noch alles still bleibt, bekommt Volumnias Standhaftigkeit einen Stoß, und sie hält es mit einem Mal für ihre Pflicht, sich lieber für morgen zu schonen, wo man sie wahrscheinlich sehr in Anspruch nehmen werde, und wird schwankend, ob sie nicht doch lieber das Opfer bringen solle, ihren Posten zu verlassen. Als daher der Kavallerist mit seinem »möchten Sie nicht lieber zu Bett gehen, Miß«, wieder erscheint und die Zofe mit größerer Schärfe als früher beteuert, »ich glaube auch, es wäre viel besser, Sie gingen zu Bett, Miß Dedlock«, steht sie geduldig wie ein Lamm auf und sagte resigniert: »Machen Sie mit mir, was Sie wollen!« Mr. George hält es jedenfalls für das Beste, sie bis an die Tür ihres Kusinenzimmers zu geleiten, und die Zofe hält es ebenso für das Beste, sie ohne viel Umstände ins Bett zu treiben. Das wickelt sich alles sodann zur allgemeinen Zufriedenheit ab, und der Kavallerist hat jetzt das ganze Haus für sich allein. Das Unwetter hat noch immer nicht nachgelassen. Von dem Porticus, den Rinnen, dem Fries, von jedem Sims und jeder Säule und jedem Pfeiler sickert der tauende Schnee hernieder. Er ist, wie um Schutz zu suchen, in die Nischen der großen Vorhallentüre gekrochen, in die Ecken der Fenster, in jede verborgne Spalte und Lücke, und schmilzt dort und stirbt. Ohne Unterlaß fällt er auf das Dach, dringt durch das Fenster in der Decke und tröpfelt mit der Regelmäßigkeit des Schrittes auf dem Geisterwege auf den Boden der steinernen Halle herab. Alte Erinnerungen an Chesney Wold erwachen in der Brust des Kavalleristen durch die feierliche Einsamkeit des vornehmen Hauses, und er geht die Treppen hinauf und durch die Hauptzimmer, die Kerze sorgsam in die Höhe haltend. Wie er an die Veränderung seines Schicksals in den letzten paar Wochen denkt, an seine auf dem Lande verlebte Kindheit und an die sich jetzt so seltsam über den weiten dazwischenliegenden Zeitraum hinüber die Hände reichenden zwei so einschneidenden Epochen seines Lebens und an den Ermordeten, dessen Bild noch so lebendig vor seiner Seele steht, an Mylady, die aus diesen Zimmern verschwunden ist und von deren Aufenthalt hier noch alles Zeugnis gibt, an den Herrn des Hauses oben in seinem Zimmer und an das ahnungsvolle »wer wird es ihm sagen?« – da sieht er sich überall um und stellt sich vor, was, wenn er jetzt plötzlich etwas erblicken würde, was all seinen Mut erforderte, darauf loszugehen, darnach zu greifen mit den Händen, um sich zu überzeugen, daß es nur ein Hirngespinst sei! Aber alles ist leer, öde und leer wie die Finsternis oben und unten, wie er wieder die große Treppe hinaufgeht; öde und einsam wie das bedrückende Schweigen. »Ist alles bereit und hergerichtet, George Rouncewell?« »Alles, Sir Leicester, alles in bester Ordnung.« »Keine Nachricht? Noch immer nichts?« Der Kavallerist schüttelt den Kopf. »Kein Brief, der vielleicht übersehen worden sein kann?« – Er weiß selbst nur zu gut, daß auf so etwas nicht zu hoffen ist, und läßt den Kopf, ohne eine Antwort abzuwarten, wieder in die Kissen sinken. – Wieder hebt ihn George Rouncewell von Zeit zu Zeit während des Restes der stillen Winternacht in bequemere Lagen und löscht, seinen stummen Wunsch erratend, das Licht aus und zieht die Vorhänge auf beim ersten verspäteten Morgengrauen. Wie ein Gespenst kommt der Tag. Kalt, farblos und trübe sendet er einen fahlen leichenfarbenen Lichtschimmer voraus wie eine traurige Mahnung: »Seht ihr nicht, was ich euch bringe? Ihr, die ihr da wacht? Wer wird es ihm sagen?« 59. Kapitel Esthers Erzählung Es war drei Uhr morgens, als die ersten Häuser vor London aus dem Nebel tauchten und uns mit ihren Straßen einzuschließen begannen. Wir hatten auf viel schlechteren Wegen, als wir bei Tage angetroffen, reisen müssen, denn unablässig hatten Schneefall und das Tauwetter fortgedauert. Trotz alledem war die Energie meines Begleiters keinen Augenblick erlahmt. Es kam mir vor, als hätte sie mehr dazu beigetragen als die Anstrengung der Pferde, uns vorwärts zu bringen. Oft waren sie erschöpft auf halbem Weg bergauf stehen geblieben; sie wurden durch reißende Regenbäche gepeitscht, waren gestürzt und hatten sich in das Geschirr verwickelt, aber jedes Mal stand er mit seiner kleinen Laterne bereit, und kaum war dem Unglück abgeholfen, ertönte sein ruhiges, stereotypes »Los, Kutscher!« Die Ruhe und das Selbstvertrauen, mit der er unsre Rückreise leitete, konnte ich mir nicht erklären. Er schwankte keinen Augenblick und ließ nie halt machen, um sich etwa zu erkundigen, bis wir bloß noch wenige Meilen von London entfernt waren; und auch da genügten ihm ein paar kurze Worte hie und da, und so erreichten wir bereits zwischen drei und vier Uhr früh Islington. Ich will jetzt nicht von der Spannung und der Angst sprechen, die mich die ganze Zeit über in Atem hielt, wenn ich bedachte, daß wir uns mit jeder Minute weiter von meiner Mutter entfernten. Ich glaube, nur die Hoffnung hielt mich aufrecht, daß er recht haben müsse und wisse, was er tue, wenn er der andern folge; aber Zweifel quälten mich die ganze Fahrt über, und allerhand wirre Gedanken erfüllten mein Hirn. Was werden sollte, wenn wir sie fänden, und was es sein müßte, das uns für diesen Zeitverlust entschädigen könnte, waren ebenfalls Fragen, die sich mir immer und immer wieder aufdrängten, und mein Geist war durch das ewige Verweilen bei solchen quälenden Gedanken fast am Ende seiner Kräfte angelangt, als endlich der Wagen hielt. Wir hatten in einer Hauptstraße halt gemacht, wo sich ein Fiakerstand befand. Mein Gefährte bezahlte unsre beiden Postillone, die so vollständig mit Kot bedeckt waren, als wären sie wie der Wagen selbst durch dick und dünn geschleppt worden, und nachdem er ihnen rasch erklärt, wohin sie das Fuhrwerk bringen sollten, hob er mich heraus und in einen Fiaker, den er mit Kennerblick unter den übrigen ausgesucht hatte. »Aber, meine Liebe«, sagte er, während er mir half, »wie durchnäßt Sie sind.« Ich hatte es gar nicht gefühlt. Der tauende Schnee war in den Wagen eingedrungen und ich überdies ein paar Mal ausgestiegen, wenn ein gestürztes Pferd losgeschirrt und wieder aufgerichtet werden mußte, und das hatte meine Kleider ganz und gar durchnäßt. Ich versicherte ihm, es habe weiter nichts auf sich; aber der Kutscher, der ihn kannte, ließ es sich nicht nehmen, die Straße hinab nach seinem Stall zu laufen, von wo er rasch mit einem Arm voll reinen, trocknen Strohs zurückkehrte. Sie schütteten es im Wagen aus, hüllten meine Füße hinein, und bald wurde mir wieder warm und behaglich. »Jetzt, meine Liebe«, sagt Mr. Bucket und steckte, bevor er auf den Bock stieg, den Kopf zum Fenster herein, »jetzt werden wir dieser Person Schritt für Schritt folgen. Es kostet vielleicht ein wenig Zeit, aber ängstigen Sie sich deshalb nicht. Sie sind jetzt doch ziemlich überzeugt, daß ich meine Gründe haben muß. Nicht wahr?« Ich ahnte nicht, was er meinte – ahnte nicht, in wie kurzer Zeit ich ihn besser verstehen würde –, aber ich versicherte ihm, daß ich volles Vertrauen in ihn setze. »Das können Sie auch, mein Kind. Und ich will Ihnen etwas sagen! Wenn Sie mir nur halb soviel Vertrauen schenken wie ich Ihnen, nach dem, was ich bisher von Ihnen gesehen habe, bin ich ganz zufrieden. Gott! Sie machen einem keine Mühe. Ich habe noch mein Lebtag keine junge Frauensperson in irgendeiner Lebensstellung gesehen – wo ich doch so manche hochgestellte kenne –, die sich so benommen hätte wie Sie, seit ich Sie in der Nacht aus dem Bett geholt habe. Sie sind ein Muster, an dem sich viele cm Beispiel nehmen können«, versicherte er mir mit Wärme. »Wahrhaftig, ja, das sind Sie.« Ich sagte ihm, ich freute mich von Herzen, ihm nicht hinderlich gewesen zu sein, und ich hoffte, es auch weiterhin nicht zu sein. »Mein liebes Kind«, entgegnete er, »wenn eine junge Dame ebenso sanft ist wie tapfer und so tapfer wie sanft, so braucht es nicht mehr. Mehr kann man auch von einer Königin nicht verlangen.« Mit diesen ermutigenden Worten – die mir in dieser sorgenvollen Zeit wirklich ein großer Trost waren – stieg er auf den Bock, und wir fuhren abermals davon. Wohin, wußte ich weder damals, noch weiß ich es heute, aber es schien, als ob wir die engsten und schlechtesten Straßen Londons aufsuchten. Jedes Mal, wenn ich ihn dem Kutscher neue Befehle geben sah, war ich darauf gefaßt, daß wir uns in ein neues Labyrinth verlieren würden; und immer traf meine Voraussetzung ein. Von Zeit zu Zeit kamen wir auf eine breite Straße heraus oder erreichten ein Gebäude, das größer als die übrigen und hell erleuchtet war. Dann machten wir bei einem Polizeibureau, ähnlich dem ersten, das wir beim Anfang unsrer Reise besucht hatten, halt, und ich sah ihn sich mit andern Beamten beraten. Manchmal stieg er bei einem Torweg oder an einer Straßenecke ab und ließ geheimnisvoll das Licht seiner kleinen Blendlaterne aufblitzen. Das lockte ähnliche Lichter aus verschiedenen dunkeln Winkeln wie Leuchtkäfer hervor, und jedes Mal fand eine neuerliche Beratung statt. Allmählich schienen sich unsre Nachforschungen auf engere und leichter zu übersehende Grenzen zu beschränken. Einzelne auf Posten stehende Polizeimänner können jetzt Mr. Bucket sagen, was er zu wissen wünschte, und ihm zeigen, wohin er gehen sollte. Endlich machten wir halt, und er hatte mit einem dieser Leute eine ziemlich lange Unterredung, die ihn zufriedenstellen mußte, denn er nickte von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe. Als sie fertig waren, kam er mit höchst geschäftsmäßiger und aufmerksamer Miene zu mir. »Jetzt, Miß Summerson, dürfen Sie nicht erschrecken, was auch geschehen möge. Ich weiß, ich brauche Ihnen keine weiteren Vorsichtsmaßregeln einzuschärfen, als Ihnen zu sagen: Seien Sie auf der Hut, wir haben jetzt die sichere Spur dieser Person. Sie können mir von Nutzen sein, früher, als ich vielleicht selbst glaube. Ich möchte jetzt gern eine Gefälligkeit von Ihnen. Mein Kind, sagen Sie, würden Sie ein Stück zu Fuß gehen?« Natürlich stieg ich sofort aus und nahm seinen Arm. »Man glitscht hier leicht aus«, warnte Mr. Bucket, »lassen Sie sich nur schön Zeit.« Ich sah mich verwirrt und aufgeregt um, als wir über eine Straße gingen, und glaubte mich dunkel an den Platz zu erinnern. »Sind wir in Holborn?« fragte ich. »Ja. Kennen Sie diese Ecke?« »Sie sieht fast aus wie Chancery-Lane.« »Heißt auch so«, sagte Mr. Bucket. Wir bogen in die Straße ein, und während wir durch den halbaufgetauten Schnee wateten, hörte ich die Turmuhren halb sechs Uhr schlagen. Wir gingen schweigend nebeneinander her und so rasch, wie es bei der Unsicherheit, mit der man Fuß fassen konnte, möglich war, als uns auf dem engen Trottoir jemand, in einen Mantel gehüllt, entgegenkam, still stand und Platz machte, um mich vorbei zu lassen. In demselben Augenblick hörte ich einen Ausruf des Erstaunens und meinen Namen nennen. Ich erkannte Mr. Woodcourts Stimme. Die Überraschung kam so unerwartet und machte, ich weiß nicht, ob ich es einen peinlichen oder freudigen Eindruck nennen soll, auf mich, nach der fieberhaften Unruhe der Reise und mitten in der Nacht, daß mir unwillkürlich die Tränen in die Augen traten. Es war, als ob ich nach langer Zeit seine Stimme in einem fernen fremden Lande hörte. »Meine liebe Miß Summerson, Sie in dieser Stunde und bei solchem Wetter auf der Straße?« Er hatte von meinem Vormund gehört, daß ich in einer höchst ungewöhnlichen und dringlichen Angelegenheit von Hause abgeholt worden war, und sagte mir dies mit ein paar Worten, um mir weitere Erklärungen zu ersparen. Ich erklärte ihm, wir wären eben aus dem Wagen gestiegen und gingen jetzt... Ich mußte meinen Begleiter fragend ansehen. »Wir wollen gerade in die nächste Straße einbiegen, Mr. Woodcourt. – Inspektor Bucket ist mein Name.« Ohne meine Einwendungen zu beachten, zog Mr. Woodcourt rasch seinen Mantel aus und hüllte mich ein. »Guter Einfall, das«, meinte Mr. Bucket und half ihm. »Ein sehr guter Einfall.« »Darf ich Sie begleiten?« fragte Mr. Woodcourt mich oder meinen Begleiter. »Aber Gott!« rief Mr. Bucket aus, der die Frage auf sich bezog. »Natürlich.« Das ganze Gespräch nahm nur einen Augenblick in Anspruch, dann nahmen die beiden Herren mich, in den Mantel gehüllt, in die Mitte. »Ich komme soeben von Richard. Ich habe seit gestern abend zehn Uhr bei ihm gesessen«, erzählte Mr. Woodcourt. »Um Gottes willen, ist er krank?« »Nein, nein, seien Sie außer Sorge – krank nicht, nur nicht ganz wohl. Er fühlte sich so niedergedrückt und schwach – Sie wissen, er ist manchmal so angegriffen und matt –, daß Ada mich natürlich holen ließ. Ich fand ein paar Zeilen von ihr zu Hause vor. Richard erholte sich nach so kurzer Zeit, und Ada war so glücklich darüber und so sehr davon überzeugt, daß das meine Bemühungen zustande gebracht hätten, obgleich ich, Gott weiß, wenig genug dazu beitragen konnte, daß ich bei ihm blieb, als er fest eingeschlafen war, und ein paar Stunden bei ihm wachte.« Wir lenkten unsre Schritte jetzt wieder in eine schmalere Gasse, und Mr. Bucket, der Mr. Woodcourt unterdessen scharf gemustert hatte, sagte: »Unser Weg führt uns jetzt zu einem Papierhändler, einem gewissen Mr. Snagsby. – Was, Sie kennen ihn?« Mit scharfem Blick erfaßte er auf der Stelle, daß Mr. Woodcourt der Name nicht fremd war. »Ja, ich kenne ihn ein wenig und habe ihn hier besucht.« »So? Nun, dann sind Sie vielleicht so gut, Sir, und geben hier inzwischen einen Augenblick auf Miß Summerson acht, während ich drin ein paar Worte mit Snagsby spreche?« Ein Polizeimann, den Mr. Bucket vor einer Weile zu Rate gezogen hatte, stand stumm hinter uns. Ich wurde nicht eher darauf aufmerksam, als bis er sich, auf meine Bemerkung, daß ich jemanden weinen höre, ins Gespräch mischte: »Ängstigen Sie sich nicht, Miß«, sagte er, »es ist nur Snagsbys Dienstmädchen.« »Sie müssen wissen«, erklärte Mr. Bucket, »das Mädchen leidet an Krämpfen, und diese Nacht hat sie's wieder mal sehr arg gepackt. Eine höchst fatale Geschichte gerade heute, ich muß nämlich etwas aus ihr herauskriegen, und das ist nicht leicht, wenn man sie nicht irgendwie zu sich bringt.« »Jedenfalls wären die drinnen nicht mehr auf, wenn sie nicht das Gefrett mit dem Mädchen hätten, Mr. Bucket«, meinte der Polizeimann. »Es hat sie die ganze Nacht wieder mal toll beim Kragen, Sir.« »Sie haben recht. – Halt, meine Laterne ist ausgegangen. Borgen Sie mir einen Augenblick ihre.« Alles das wurde im Flüsterton, ein oder zwei Türen entfernt von dem Hause, gesprochen, in dem ich ein schwaches Weinen oder Jammern hören konnte. In dem kleinen runden Schein der Laterne trat Mr. Bucket an die Tür und mußte zwei Mal klopfen, ehe ihm geöffnet wurde; dann trat er ein und ließ uns auf der Straße warten. »Miß Summerson«, fragte Mr. Woodcourt, »darf ich, ohne mich in Ihr Vertrauen drängen zu wollen, bei Ihnen bleiben?« »Wirklich sehr liebenswürdig von Ihnen«, gab ich zur Antwort. »Wenn ich Ihnen etwas geheim halten muß, so betrifft es nicht mich selbst, und meine Hände sind gebunden.« »Ich verstehe vollkommen. Verlassen Sie sich auf mich; ich werde nur so lange in Ihrer Nähe bleiben, als es die Diskretion erlaubt.« »Ich weiß, wie unbedingt ich mich auf Sie verlassen kann«, sagte ich. »Ich weiß und fühle es tief, wie treu Sie Ihr Versprechen gehalten haben.« Nach einer kleinen Weile blitzte die kleine runde Blendlaterne wieder auf, und Mr. Bucket trat uns mit ernstem Gesicht entgegen. »Bitte, kommen Sie herein, Miß Summerson«, sagte er, »und setzen Sie sich ein wenig ans Feuer. – Mr. Woodcourt, wie ich erfahren habe, sind Sie Arzt. Möchten Sie sich nicht das Mädchen anschauen? Vielleicht läßt sich doch etwas tun, um sie zu sich zu bringen! Sie muß irgendwo einen Brief haben, den ich unbedingt brauche. In ihrem Koffer ist er nicht, und ich glaube, sie hat ihn bei sich; aber die Krämpfe haben sie so zusammengekrümmt, daß man sie nicht durchsuchen kann, ohne sie zu verletzen.« Wir gingen alle drei zusammen in das Haus. Obgleich der Raum ungeheizt und kalt war, roch es doch dumpf und übernächtig darin. In dem Gange hinter der Tür stand ein kleiner, scheuer, sorgenvoll aussehender Mann in einem grauen Rock. Er schien von Natur aus ungemein höflich zu sein und sprach mit sehr sanfter Stimme. »Die Treppe hinab, Mr. Bucket, wenn ich bitten darf«, sagte er. »Die Dame muß entschuldigen, daß die Küche vorn hinaus geht; wir benutzen sie als Wochentagswohnzimmer. Nach hinten hinaus liegt Gusters Schlafzimmer, und dort reißt es das arme Ding wieder einmal ganz schrecklich!« Wir gingen die Treppe hinab, begleitet von Mr. Snagsby, so hieß der kleine Mann, wie ich erfuhr; und in der Küche vorn heraus fanden wir Mrs. Snagsby mit sehr roten Augen und sehr strenger Miene am Feuer sitzen. »Mein kleines Frauchen«, sagte Mr. Snagsby, als er hinter uns eintrat, »um nicht durch die Blume zu sprechen, meine Liebe, lasse nur einen Augenblick in dieser nicht endenwollenden Nacht die Feindseligkeiten beiseite; ich bringe dir hier Inspektor Bucket, Mr. Woodcourt und eine Dame.« Mrs. Snagsby machte begreiflicherweise ein sehr erstauntes Gesicht und sah speziell mich ganz besonders scharf an. »Mein kleines Frauchen«, fuhr Mr. Snagsby fort und setzte sich schüchtern in die fernste Ecke neben der Türe, als ob er sich damit eine große Freiheit herausnähme, »es ist nicht unwahrscheinlich, daß du mich fragst, warum Inspektor Bucket, Mr. Woodcourt und eine Dame uns in gegenwärtiger Stunde in Cook's Court, Cursitor-Street, besuchen kommen. Ich kann nur sagen, ich weiß es nicht. Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Und wenn man es mir auseinandersetzte, glaube ich, würde ich es nicht begreifen, darum will ich es lieber gar nicht wissen.« Er schien so unglücklich zu sein, wie er so dasaß, den Kopf auf die Hand gestützt, und meine Anwesenheit kam so sichtlich ungelegen, daß ich mich gerade entschuldigen wollte, als mir Mr. Bucket zuvorkam. »Mr. Snagsby«, sagte er, »das Beste, was Sie tun können, ist, Sie begleiten Mr. Woodcourt und schauen nach Ihrer Guster –« »Nach meiner Guster, Mr. Bucket!« verbesserte Mrs. Snagsby streng. »Nur so weiter, mein Herr, nur so weiter.« »– und halten das Licht«, fuhr Mr. Bucket fort, ohne im geringsten auf ihre Worte zu achten, »oder das Mädchen, wenn es nötig sein sollte, oder machen sich sonstwie nützlich. Ich weiß doch, Sie sind ein höflicher, sanfter Mann, der auch für andre ein Herz im Leibe hat. Und Sie, Mr. Woodcourt, sind vielleicht so gut, sich das Mädchen anzusehen; und wenn Sie ihr den Brief entwinden können, bitte, bringen Sie ihn mir sobald wie irgend möglich.« Als sie hinausgegangen, nötigte mich Mr. Bucket, in einer Ecke am Feuer Platz zu nehmen, und zog mir meine nassen Schuhe aus, die er sodann auf dem Kamingitter zum Trocknen aufhängte. »Machen Sie sich weiter nichts daraus, Miß, daß Ihnen Mrs. Snagsby so gar keinen gastfreundlichen Blick schenkt. Sie ist nämlich in einem ganz merkwürdigen Wahn befangen und wird das viel früher entdecken, als es einer Dame von so bemerkenswerter Denkkraft angenehm sein kann, und ich selbst werde mir erlauben, ihr sogleich die nötigen Erklärungen zu geben.« Bis auf die Haut durchnäßt, seinen triefenden Hut und Schal in der Hand, stand er vor dem Kamin und wendete sich zu Mrs. Snagsby. »Das erste, was ich Ihnen als einer verheirateten, was man so sagt, reizvollen Frau – Sie kennen doch das Lied: 'Denn so wie du, so lieblich und so schön' usw. –, aber natürlich kennen Sie's, Sie werden mir doch nicht einreden, daß Sie nicht in der besten Gesellschaft verkehrten –, als einer verheirateten Frau, die Reize besitzt, die ihr ein gewisses Selbstvertrauen einflößen sollten, zu sagen habe, ist, daß Sie selbst an allem schuld sind.« Mrs. Snagsby machte ein erschrockenes Gesicht, schien ein wenig versöhnlicher gestimmt und fragte stotternd, was Mr. Bucket damit sagen wolle? »Was Mr. Bucket damit sagen will?« wiederholte er, und ich las in seinem Gesicht, wie gespannt er die ganze Zeit, während er sprach, lauschte, ob der Brief noch nicht gefunden sei, was mich sehr aufregte, denn ich sah daraus, wie wichtig die Sache sein mußte. »Ich will es Ihnen verraten, was er sagen will, Maam. Sehen Sie sich einmal Othello an. Das ist das richtige Trauerspiel für Sie.« Mrs. Snagsby fragte gewissenhaft: »Wieso?« »Wieso? Sie werden es selbst noch soweit bringen, wenn Sie sich nicht in acht nehmen. Glauben Sie mir, ich weiß genau, wovon selbst in diesem Augenblick Ihr Geist in Bezug auf die junge Dame hier nicht ganz frei ist. Sie meinen, ich soll Ihnen sagen, wer diese junge Dame ist? Nun gut, hören Sie. Sie sind, was ich eine gescheite Frau nenne –, nur ist Ihr Geist zu groß für Ihren Körper. Er reibt Sie auf; Sie kennen mich doch und erinnern sich vielleicht, wo Sie sich zuletzt gesehen haben und wovon in diesem Kreise damals die Rede war. Nicht wahr? Ja! Sehr gut. Also die junge Dame hier ist jene junge Dame.« Mrs. Snagsby schien ihn besser zu verstehen, als ich es imstande war. »Und der 'Schmier-Ober' – der, den Sie Jo nennen – war mit in diese Geschichte verwickelt, und in keine andre, und der Kopist, den Sie gekannt haben, desgleichen, und Ihr Mann, der nicht mehr von der Sache versteht als Ihr seliger Urgroßvater, ist ebenfalls durch den verstorbnen Mr. Tulkinghorn, seinen ehemals besten Kunden, in diese selbige Geschichte, und keine andre, verwickelt worden, und die ganze übrige Gesellschaft schon gar. Aber trotzdem macht eine verheiratete Frau, noch dazu mit Ihren Reizen ausgestattet, die Augen zu, und was für schöne Augen, sieht nicht rechts, nicht links und rennt mit ihrem zarten Köpfchen gegen die Wand. Wahrhaftig, daß Sie sich nicht schämen!... (Ich dächte, Mr. Woodcourt müßte ihn jetzt haben!)« Mrs. Snagsby schüttelte den Kopf und hielt das Taschentuch vor die Augen. »Ist das alles?« fuhr Mr. Bucket, seine Aufregung niederkämpfend, fort. »Nein. Sehen wir mal, was weiter geschieht. Eine andre Person, die in diese Geschichte, und keine andre, mitverwickelt ist, kommt im elendesten Zustand heute nacht hierher, und Sie sehen sie mit Ihrem Dienstmädchen sprechen, und sie gibt Ihrem Dienstmädchen ein Papier, für das ich auf der Stelle hundert Pfund bar bezahlen würde. Und was tun Sie? Sie verstecken sich und belauern die beiden, stürzen auf das Dienstmädchen los – wo Sie doch wissen, was für Anfällen das arme Ding ausgesetzt ist und wie wenig dazu gehört, sie zu verursachen –, und stürzen so unerwartet und mit solcher Heftigkeit auf sie los, daß sie, ehe man sich's versieht, hinschlägt und jetzt noch bewußtlos ist; und dabei hängt von ihren Worten ein Menschenleben ab!« Es lag plötzlich ein so furchtbarer Ernst in seinen Worten, daß ich unwillkürlich die Hände zusammenkrampfte und fühlte, wie sich die Stube mit mir drehte. Aber es dauerte nur einen Augenblick. Mr. Woodcourt kam herein, drückte ihm ein Papier in die Hand und ging wieder hinaus. »Das einzige, womit sie wieder etwas gut machen können, Mrs. Snagsby«, sagte Mr. Bucket mit einem raschen Blick auf das Papier, »ist, mich einen Augenblick mit der jungen Dame hier allein sprechen zu lassen. Und wenn Sie dem Herrn in der Küche irgend helfen oder sich auf etwas besinnen wollten, wodurch Sie das Mädchen wieder zu sich bringen können, so tun Sie es, bitte, so rasch wie möglich!« In einem Augenblick war sie draußen, und er schloß die Tür. »Und jetzt, mein Kind... Sind Sie gefaßt?« »Vollkommen.« »Wessen Hand ist dies?« Es war die meiner Mutter. Eine Bleistiftschrift auf einem zerknitterten Fetzen Papier, von der Nässe halb verlöscht. Achtlos zusammengefaltet, in Briefform, wie ein Kuvert zusammengelegt und an mich adressiert, bei meinem Vormund abzugeben. »Sie kennen die Hand«, sagte er. »Und wenn Sie gefaßt genug sind, mir den Brief vorzulesen, so tun Sie es. Aber geben Sie auf jedes Wort acht.« Der Brief war stückweise und offenbar zu verschiednen Zeiten geschrieben. Ich las folgendes: »Aus zweierlei Gründen suchte ich die Zieglerhütte auf. Hauptsächlich, um womöglich noch ein Mal mein geliebtes Kind zu sehen – aber bloß zu sehen –, nicht mit ihr zu sprechen oder sie wissen zu lassen, daß ich in der Nähe sei. Und dann, um meinen Verfolgern zu entgehen und sie auf eine falsche Spur zu bringen. Tadle die Frau nicht wegen dessen, was sie getan hat. Die Hilfe, die sie mir geleistet hat, leistete sie auf meine nachdrücklichsten Versicherungen, daß es nur zum Besten der Geliebten geschehe. Denke an ihr gestorbenes Kind. Die Zustimmung der Männer erkaufte ich, aber sie hat mir ohne Entgelt geholfen.« »Das hat sie geschrieben, als sie dort war«, sagte mein Begleiter. »Es stimmt zu dem, was ich mir dachte. Ich hatte recht.« Der nächste Absatz war später geschrieben worden. »Ich bin eine lange Strecke gewandert, und viele Stunden, und ich weiß, daß ich bald sterben muß. Oh, diese Straßen! Ich habe kein andres Ziel mehr, als zu sterben. Als ich fortging, hatte ich ein schlimmeres; aber es bleibt mir erspart, noch diese Schuld zu den übrigen zu fügen. Kälte, Nässe und Erschöpfung werden genug Begründung sein, wenn man mich tot findet, aber ich sterbe aus andern Ursachen, wenn ich auch unter diesen leide. Es ist gut so, daß alles, was mich aufrecht erhielt, auf ein Mal zusammenbrechen mußte, um mich vor Angst und Gewissensqualen sterben zu lassen.« »Mut, Mut«, sagte Mr. Bucket, »es sind nur noch ein paar Worte.« – Auch diese waren später, und allem Anschein nach fast im Dunkeln, geschrieben. – »Ich habe alles getan, was ich konnte, damit man mich nicht finde. So werde ich am schnellsten vergessen sein und ihm am wenigsten Schande bringen. Ich habe nichts bei mir, woran man mich erkennen könnte. Von diesem Papier trenne ich mich jetzt. An die Stelle, wo ich mich hinlegen will, wenn ich sie noch erreichen kann, habe ich oft gedacht. Leb wohl. Vergib mir.« Mr. Bucket stützte mich und ließ mich sanft in meinen Stuhl sinken. »Kopf hoch! Halten Sie mich nicht für rücksichtslos, mein Kind; aber sobald Sie sich stark genug fühlen, ziehen Sie Ihre Schuhe an und halten Sie sich bereit.« Ich kam seinem Wunsche nach; er ließ mich lange Zeit allein, und ich betete für meine unglückliche Mutter. Die andern beschäftigten sich unterdessen mit dem armen Dienstmädchen, und ich hörte, wie Mr. Woodcourt ihnen Anweisung gab. Endlich kam er mit Mr. Bucket zu mir und sagte, er halte es für das Beste, wenn ich ihr sanft zuredete und sie nach dem fragte, was wir von ihr zu erfahren wünschten. Es stehe außer allem Zweifel, daß sie jetzt antworten würde, wenn man sie beruhigte und nicht einschüchterte. »Die Fragen«, sagte Mr. Bucket, »wären: Wie sie zu dem Briefe gekommen und was zwischen ihr und der Person, die ihr ihn gegeben habe, vorgegangen sei, und wohin sich diese dann gewendet hätte?« Ich konzentrierte meinen Geist, so fest ich konnte, auf diese Punkte und ging sodann in das nächste Zimmer mit. Mr. Woodcourt wollte draußen bleiben, aber auf meine Bitten begleitete er mich. Man hatte das arme Mädchen auf den Fußboden gelegt, und sie saß jetzt aufrecht. Die übrigen standen um sie herum, aber in einiger Entfernung, damit sie sich nicht beengt fühle. Sie war nicht hübsch und sah kränklich und angegriffen aus, und ihr Blick hatte etwas Verstörtes, und ich konnte sehen, daß in ihrem Gesicht ein Ausdruck von Kummer lag. Ich kniete auf dem Fußboden neben ihr nieder und legte ihren Kopf an meine Brust, worauf sie den Arm um meinen Hals schlang und in Tränen ausbrach. »Armes Kind«, sagte ich und legte mein Gesicht an ihre Stirn, denn auch ich weinte und zitterte sehr. »Es klingt so grausam, daß wir Sie jetzt quälen, aber es hängt mehr davon ab, daß wir etwas von diesem Briefe erfahren, als ich Ihnen in einer Stunde auseinandersetzen könnte.« Sie fing an, ganz jämmerlich zu beteuern: »Ich hab's nicht böse gmeint, Mrs. Snagsby, ach Gott.« »Davon sind wir alle überzeugt«, tröstete ich sie. »Aber bitte, sagen Sie mir, wie Sie zu dem Briefe gekommen sind.« »Ja, das will ich tun, gnä Fräuln, und die Wahrheit sagen. Ich will alles erzählen, wahrhaftig, Mrs. Snagsby.« »Niemand zweifelt daran. Also, wie war es?« »Ich hab etwas zu besorgen ghabt, gnä Fräuln, nach Dunkelwerden. Es war schon ganz spät, und als ich an unsre Tür kam, stand eine gemein aussehende Person, ganz naß und kotbespritzt, vor dem Hause und sah hinauf. Als sie mich hat in die Tür neingehen sehen, hat s mich zurückgrufen und gfragt, ob ich hier wohn? Und ich hab ja gsagt, und dann hat sie gmeint, sie kennt sich hier in der Gegend net gut aus und hätt sich verlaufen. – O Gott, was soll ich tun, was soll ich tun! Sie glauben mir nicht, ich seh's! Wirklich, sie hat nichts Unrechtes zu mir gsagt, und ich zu ihr auch nicht, wahrhaftig nicht, Mrs. Snagsby!« – Sie kam nicht darüber hinweg, und ihre Herrin mußte sie selbst trösten – was sie, wie ich sagen muß, mit sehr reuiger Miene tat –, ehe ich wieder etwas aus ihr herausbringen konnte. – »Sie konnte also etwas nicht finden, das sie suchte?« fragte ich weiter. »Nein!« rief das Mädchen und schüttelte den Kopf. »Nein! Konnte es nicht finden. Und sie war so erschöpft und lahm und elend, ach, so elend, daß, wenn Sie sie gsehen hätten, Mr. Snagsby, Sie ihr gwiß eine halbe Krone geben hätten!« »Ja, ja, Guster, schon gut«, nickte Mr. Snagsby, anfangs ein wenig unschlüssig, was er sagen sollte. »Ich – ja – hm – hoffentlich.« »Und sie hat so eine feine Sprach ghabt«, fuhr das Mädchen fort, »und mich dabei mit weit offnen Augen so angsehen, daß s einem das Herz zerrissen hat. Und dann hat s mich gfragt, ob ich den Weg nach dem Gottesacker wüßt? Welchen Gottesacker, hab ich s gfragt. Und sie hat gsagt, der, wo die Armen begraben würden. Ich hab ihr erklärt, daß ich selbst aus dem Armenhause sei und daher wüßt, daß sich das nach dem Kirchspiele richt. Aber sie hat den Begräbnisplatz gmeint, hat s gsagt, der, wo nicht sehr weit von hier is, mit einem Torweg, einer Stufen und einem eisernen Gitter davor.« Ich sah, daß Mr. Buckets Gesicht bei ihren Worten ein Ausdruck des Schreckens überflog, und Angst ergriff mich. »O Gott, o Gott«, rief das Mädchen wieder und hielt sich die Stirn, »was soll ich nur tun, was soll ich nur tun! Sie hat den Gottesacker gmeint, wo der Mann liegt, was den Schlaftrunk eingnommen hat – von dem Sie uns erzählt haben, Mr. Snagsby –, wo ich so erschrocken bin damals, Mr. Snagsby. Jetzt kommt's wieder über mich. Halten S mich!« »Sehen Sie, es ist Ihnen jetzt schon wieder viel besser«, redete ich ihr zu. »Bitte, erzählen Sie noch.« »Ja, recht gern! Aber sind S nicht bös auf mich, gnä Fräuln, daß ich so krank gwesen bin.« Wer hätte dem armen Mädchen böse sein können! »So! Jetzt geht's schon wieder. Also, dann hat s gfragt, ob ich ihr den Weg dorthin weisen könnte, und ich hab gsagt ja und hab ihm gwiesen, und sie hat mich mit Augen angsehen, fast, als ob s blind war und umfallen möcht. Und dann hat s den Brief herausgnommen und mir zeigt und gsagt, wann sie n auf die Post gab, möcht er verwischt und vergessen und niemals bsorgt werden; und ob ich n nehmen und besorgen wollt. Der Bote würde bei der Abgabe bezahlt werden. Und ich hab gsagt ja, wenn's nichts Unrechtes war, und sie hat gsagt nein –, nichts Unrechtes. Und wie ich den Brief gnommen hab, hat s gsagt, sie könnt mir nichts geben, und ich hab gmeint, des brauchets net, ich sei selbst arm. Und Gott segne Sie! hat s gsagt und is gangen.« »Und ging sie...?« »Ja!« fiel mir das Mädchen in die Rede. »Ja! sie ging den Weg, den ich ihr gezeigt hab. Dann bin ich ins Haus treten, und Mrs. Snagsby is auf mich losgstürzt, hat mich festghalten, und ich bin so erschrocken.« Mr. Woodcourt nahm sie liebevoll von mir weg. Mr. Bucket hüllte mich wieder ein, und gleich daraufwaren wir auf der Straße. Mr. Woodcourt blieb zögernd stehen, aber ich bat ihn, mich nicht zu verlassen, und Mr. Bucket setzte hinzu: »Ja, es ist besser, Sir, Sie gehen mit, wir könnten Sie vielleicht brauchen; beeilen wir uns, wir dürfen keine Zeit verlieren!« Von diesem Gange sind mir nur wirre Eindrücke zurückgeblieben. Ich entsinne mich noch, daß es weder Nacht noch Tag war, daß der Morgen graute und die Straßenlaternen noch nicht ausgelöscht waren. Immer noch fiel der Schnee, und die Straßen waren überall bedeckt davon. Ich entsinne mich nur noch dunkel, an ein paar fröstelnden Leuten in den Straßen vorübergegangen zu sein. Ich entsinne mich der nassen Dächer, der verstopften und überlaufenden Straßenrinnen und Gossen, der Haufen von schmutzigem Eis und Schnee, die wir passierten, und der engen Höfe, durch die wir eilten. Mir war, als klängen mir die Worte des armen Mädchens noch deutlich in den Ohren und als fühlte ich sie noch an meiner Brust ruhen. Die fleckigen Häuserfronten schienen mir menschliche Gesichter zu bekommen und mich anzusehen, und Wasserschleusen brausten in meinem Kopf oder in der Luft. Die wesenlosen Dinge wurden mir stofflicher als die wirklichen. Endlich standen wir unter einem dunkeln und elenden gewölbten Gang, durch den der Morgen schwach hereindämmerte. Eine Laterne brannte trüb über einem eisernen Gitter. Das Tor war zu. Dahinter lag ein Begräbnisplatz – eine grauenvolle Stätte – noch halb verborgen im Dunkel der Nacht. Ich konnte kaum die Ungewissen Umrisse von Haufen vernachlässigter Gräber und Leichensteine von den sie ringsum umdrängenden unsauberen Häusern unterscheiden, in deren Fenstern ein paar trübe Lichter brannten und deren Mauern eine klebrige Feuchtigkeit wie eine scheußliche Krankheit ausschwitzten. Auf der von dem schrecklichen Naß dieses Ortes, das überall heruntertröpfelte und –rieselte, benetzten Stufe vor dem Gittertor sah ich eine Frauengestalt liegen – Jenny, die Mutter des toten Kindes. Ein Schrei des Mitleids und Entsetzens entfuhr mir. Mein erster Gedanke war, auf sie zuzueilen, aber man hielt mich zurück, und Mr. Woodcourt bat mich mit der größten Innigkeit, Tränen in den Augen, ehe er mich ließe, nur einen Augenblick auf das zu hören, was Mr. Bucket mir sagen wollte. Ich glaube, ich tat es, tat es sogar bestimmt. »Miß Summerson, wenn Sie ein wenig Ihre Gedanken sammeln, werden Sie mich verstehen. Die beiden haben in der Hütte die Kleider vertauscht.« In der Hütte die Kleider vertauscht! – Ich mußte die Worte im Geiste langsam wiederholen, ehe ich ihren Sinn verstand, aber was sie für mich zu bedeuten hatten, konnte ich in meiner Verwirrung nicht fassen. »Und die eine kehrte um«, sagte Mr. Bucket. »Und die andre ging weiter. Und die, die weiterging, ging, wie sie es besprochen hatten, nur eine Strecke weit, um die Fährte zu verwischen, und kehrte quer übers Feld nach Hause zurück. Denken Sie einen Augenblick nach!« Auch dies wiederholte ich mir; aber nicht die leiseste Ahnung verriet mir, was ich mir darunter denken sollte. Vor mir auf den Stufen sah ich die Mutter des toten Kindes liegen. Sie lag dort, mit einem Arm eine Stange des eisernen Gitters umklammernd, als wolle sie sie umarmen. Sie, die erst vor so kurzem mit meiner Mutter gesprochen hatte, lag dort. Ein unglückliches, obdachloses, bewußtloses Geschöpf. Sie, die den Brief gebracht hatte, die mir allein eine Andeutung über den Aufenthalt meiner Mutter geben konnte, sie, die uns nun führen sollte, um die zu erretten, die wir weit und breit gesucht hatten, sie, die in ihrem Zustand jeden Augenblick unsrer Hilfe entrückt sein konnte, lag dort – und sie hielten mich auf?! Ich sah den feierlichen und teilnahmsvollen Blick Mr. Woodcourts, ohne ihn zu verstehen. Ich sah, wie er die Brust des andern berührte, um ihn zurückzuhalten, aber ich verstand es nicht. Ich sah ihn barhäuptig mit scheuer Ehrfurcht vor etwas Unsichtbarem in der bitter kalten Luft dastehen. Aber von dem allem verstand ich nichts. Ich hörte wie in weiter Ferne sagen: »Wollen wir sie gehen lassen?« »Es ist besser. Ihre Hände sollten sie zuerst berühren. Sie hat ein heiligeres Recht dazu als wir.« Ich eilte nach dem Gittertor und beugte mich über die Gestalt. Ich hob das schwere Haupt empor, strich das lange feuchte Haar beiseite und wendete das Gesicht dem Lichte zu. Es war meine Mutter, starr und kalt. 60. Kapitel Aussichten Ich wende mich jetzt andern Abschnitten meiner Lebensgeschichte zu. Die Güte und Freundlichkeit aller, die um mich waren, spendeten mir so viel Trost, daß ich nur mit der größten Rührung daran zurückdenken kann. Ich habe bereits so oft von mir gesprochen und noch so viel von mir zu sagen, daß ich nicht weiter von meinem Schmerz sprechen will. Ich war krank, aber nicht lange; und ich würde diesen Umstand auch nicht weiter erwähnen, wenn nicht die Erinnerung an die Teilnahme meiner Umgebung so stark in mir lebte. Ich komme jetzt also, wie gesagt, zu andern Abschnitten meiner Lebensgeschichte. Während meiner Krankheit blieben wir in London, und auf Einladung meines Vormundes war Mrs. Woodcourt zu uns auf Besuch gekommen. Als mein Vormund mich für wohl und heiter genug hielt, um in der alten Weise wieder mit ihm zu plaudern – obgleich ich dazu viel eher imstande gewesen wäre, aber er wollte es lange nicht glauben –, nahm ich eines Tages wieder meine Handarbeit vor und setzte mich wie früher neben ihn. Er hatte mich darum gebeten, und wir waren allein. »Mütterchen«, sagte er und empfing mich mit einem Kusse, »willkommen im Brummstübchen! Ich habe dir einen Plan zu enthüllen, kleines Frauchen. Ich gedenke nämlich, hier zu bleiben, vielleicht sechs Monate, vielleicht länger, wie es gerade kommt. Mit einem Wort, ich gedenke mich für ein Weilchen hier häuslich niederzulassen.« »Und währenddessen willst du Bleakhaus im Stich lassen?« »Ja, meine Liebe! Bleakhaus muß lernen, für sich selbst zu sorgen.« Es schien mir, als ob seine Stimme bekümmert klänge; aber wie ich ihn anblickte, sah ich, daß ein freundliches Lächeln sein gütiges Antlitz erhellte. »Bleakhaus«, wiederholte er, und diesmal lag nur Fröhlichkeit in seiner Stimme, »muß lernen, für sich selbst zu sorgen. Es wäre von dort ein zu weiter Weg zu Ada, mein Kind, und Ada bedarf deiner sehr.« »Es sieht dir wieder ganz ähnlich, Vormund«, sagte ich, »an sie zu denken und uns beiden eine so angenehme Überraschung zu bereiten.« »Es ist nicht so uneigennützig von mir, wie es vielleicht scheint, denn wenn du so oft unterwegs wärst, könntest du selten um mich sein. Und außerdem möchte ich bei dieser Entfremdung zwischen dem armen Rick und mir so viel und so oft von Ada hören wie möglich. Und nicht bloß von ihr, sondern auch von ihm, dem armen Burschen.« »Hast du heute morgen Mr. Woodcourt gesehen, Vormund?« »Ich sehe Mr. Woodcourt jeden Morgen, Mütterchen.« »Ist er immer noch derselben Meinung über Richard?« »Immer noch. Er kann keine eigentliche körperliche Krankheit an ihm entdecken und glaubt bestimmt, daß ihm in dieser Hinsicht nichts fehle. Aber trotzdem ist er keineswegs außer Sorgen seinetwegen. Begreiflicherweise.« In der letzten Zeit war mein Herzenskind täglich bei uns gewesen, manchmal sogar zwei Mal. Aber wir fühlten, daß dies nur bis zu meiner vollständigen Genesung so fortgehen könnte. Wir wußten recht gut, daß ihr Herz voller Liebe und Dankbarkeit für ihren Vetter John schlug, und waren überzeugt, daß Richard keinen Versuch machen würde, sie von uns fernzuhalten; aber andrerseits sahen wir ein, daß sie es für Pflicht ihrem Gatten gegenüber halten mußte, ihre Besuche bei uns nach Möglichkeit einzuschränken. Mein Vormund hatte bei seinem Zartgefühl die Situation bald überschaut und sie merken lassen, daß er ihre Ansicht billige. »Lieber unglücklicher irregeleiteter Richard«, sagte ich. »Wann wird endlich die Binde von seinen Augen fallen!« »So bald wohl kaum, mein Kind. Je mehr er leidet, desto mehr wächst seine Abneigung gegen mich. Er hält mich doch für die Hauptursache seiner Leiden.« »Wie unvernünftig«, rief ich aus. »Ach Frauchen, Frauchen!« entgegnete mein Vormund. »Wo 'Jarndyce kontra Jarndyce' mitspielt, ist's um Vernunft und Einsicht geschehen. Unverstand und Ungerechtigkeit auf allen Seiten, innen und außen, Unverstand und Ungerechtigkeit von Anfang bis zu Ende, wenn man überhaupt bei einem Prozeß von einem Ende reden kann. Wie sollte da der arme Rick, der sich beständig damit abgibt, zu Verstand kommen? Er kann ebensowenig Trauben von Dornen oder Feigen von Disteln ernten.« – Die Rücksicht, Sanftmut und Güte, mit der er stets von Richard sprach, rührten mich so, daß ich jedes Mal sehr bald wieder dieses heikle Thema fallen ließ. – »Ich glaube, der Lordkanzler und die Vizekanzler und die ganze Kanzleibatterie würden sich auch wundern, wenn sie soviel Unverstand und Ungerechtigkeit bei einem ihrer Klienten fänden«, fuhr mein Vormund fort. »Ich meinesteils wieder würde mich wundern, wenn es diesen gelehrten Herren gelingen sollte, aus dem Puder, den sie in ihre Perücken streuen, Moosrosen zu ziehen.« Er hatte einen Blick nach dem Fenster geworfen, um zu sehen, woher der Wind wehte, und lehnte sich nun auf die Rücklehne meines Stuhles. »Aber weg damit, kleines Frauchen! Zeit, Zufall und vielleicht ein wenig Glück werden diesen Block schon aus dem Wege räumen, aber wir dürfen Ada nicht daran Schiffbruch leiden lassen. Sie und er dürfen sich unter keinen Umständen mehr der Gefahr, sich einen Freund zu entfremden, aussetzen. Deshalb habe ich Woodcourt inständigst gebeten, und bitte auch dich, meine Liebe, jetzt inständig, bei Rick an dieses Thema auch mit keinem Wort mehr zu rühren. Lassen wir die Sache vorläufig begraben sein. In Wochen, Monaten, Jahren, früher oder später, wird ihm die Binde schon von den Augen fallen. Ich kann warten.« »Aber ich habe bereits mit ihm darüber gesprochen und, wie ich glaube, auch Mr. Woodcourt«, gestand ich. »Ich weiß«, entgegnete mein Vormund. »Mr. Woodcourt hat seinen Protest eingelegt, und Mütterchen Durden ebenfalls, und damit gut und Schluß ein für allemal. – Um von etwas anderm zu sprechen, wie gefällt dir Mrs. Woodcourt, mein Kind?« Die Frage kam seltsam unvermittelt, und ich sagte, daß mir die alte Dame jetzt sehr gefiele und angenehmer vorkäme als früher. »Mir auch«, sagte mein Vormund. »Weniger Stammbaum, nicht wahr? Nicht mehr soviel Morgan – ap... Wie heißt er doch?« »Ja, an den habe ich gedacht«, gab ich zu, »aber er scheint eine sehr harmlose Person gewesen zu sein, wenigstens, was wir von ihm gehört haben.« »Jedenfalls bleibt er am besten in seinen heimatlichen Bergen. Ich bin ganz deiner Meinung. Also, kleines Frauchen, ist es nicht das Wichtigste, Mrs. Woodcourt eine Zeit hier zu behalten?« »Ja. Und doch...« Mein Vormund sah mich erwartungsvoll an. Ich hatte eigentlich nichts zu sagen. Wenigstens nichts im Sinn, was ich in Worte fassen konnte. Ich hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß ein andrer Gast vielleicht vorzuziehen gewesen wäre, aber warum, darüber war ich mir selbst keineswegs klar. »Unsre Wohnung«, sagte mein Vormund, »liegt auf Woodcourts Weg, und er kann seine Mutter so oft besuchen kommen, wie er will; das wird beiden sehr angenehm sein; überdies hat sie dich gern und hängt an uns.« – Ja. Das war unleugbar der Fall. Dagegen konnte ich nichts einwenden. Ich hätte selber kein besseres Arrangement treffen können; aber doch war ich innerlich nicht ganz ruhig. Esther, Esther, warum nicht? Esther, denke nach! – »Es ist wirklich ein sehr guter Plan, lieber Vormund, und das Beste, was wir tun können.« »Sicher, Frauchen?« Ganz gewiß. Ich hatte mich mir gegenüber verpflichtet gefühlt, die Sache noch genau einen Augenblick zu überlegen, und konnte jetzt mit bestem Gewissen bejahen. »Also gut«, sagte mein Vormund. »Es soll geschehen. Einstimmig angenommen.« »Einstimmig angenommen«, wiederholte ich und nahm meine Arbeit wieder vor. Ich stickte eine Decke für seinen Büchertisch. Ich hatte sie am Abend vor meiner trauervollen Reise weggelegt und seitdem nicht wieder aufgenommen. Ich zeigte sie ihm jetzt, und er bewunderte sie höchlichst. Nachdem ich ihm das Muster und alle die großen Effekte, die mit der Zeit sichtbar werden sollten, erklärt hatte, fing ich wieder von unserm letzten Thema an. »Du sagtest, lieber Vormund, als wir von Mr. Woodcourt sprachen, ehe Ada uns verließ, daß du glaubtest, er werde es noch ein Mal im Auslande versuchen. Hast du ihm seitdem Ratschläge in dieser Hinsicht gegeben?« »Ja, kleines Frauchen, ziemlich oft.« »Hat er sich dazu entschlossen?« »Ich glaube nicht.« »So haben sich ihm also andre Aussichten eröffnet?« »Nun ja –, vielleicht«, entgegnete mein Vormund langsam und nachdenklich. »In etwa einem halben Jahre wird irgendwo in Yorkshire die Stelle eines Armenarztes frei. Es ist ein blühender Ort, hübsch gelegen – Bäche und Straßen, Stadt und Land, Mühlen und Moorland –, und scheint einem Manne wie ihm eine Aussicht zu eröffnen. Ich meine einem Manne, dessen Hoffnungen und Ziele manchmal höher hinaus gehen als gewöhnlich, dem aber auch zuletzt das alltägliche Ziel hoch genug ist, wenn es sich als ein Weg der Nützlichkeit und Barmherzigkeit erweist. Ich glaube, alle lebhaften Geister sind ehrgeizig; aber der Ehrgeiz, der mit ruhigem Vertrauen einen solchen Weg betritt, anstatt krampfhafte Versuche zu machen, über ihn hinweg zu fliegen, gefällt mir am allerbesten. Und so ist Woodcourts Ehrgeiz.« »Und wird er die Stelle bekommen?« »Nun, mein kleines Frauchen«, entgegnete mein Vormund lächelnd, »da ich kein Orakel bin, kann ich das nicht mit Gewißheit sagen; aber ich glaube ja. Sein Ruf als Arzt ist sehr bedeutend; es waren Leute aus jener Gegend bei dem Schiffbruch, und merkwürdigerweise hat diesmal der beste Mann die beste Aussicht, wie es scheint. Du darfst es aber nicht etwa für eine ausgezeichnete Anstellung halten. Es ist ein sehr gewöhnlicher Posten, mein Kind; ein Posten, bei dem es sehr viel zu tun und sehr wenig zu verdienen gibt; aber es können sich immerhin bessere Aussichten daran knüpfen.« »Die Armen des Ortes werden jedenfalls Grund haben, die Wahl zu segnen, wenn sie auf Mr. Woodcourt fallt, Vormund.« »Da hast du recht, kleines Frauchen; daran ist gewiß kein Zweifel.« Wir sprachen nicht weiter über die Sache, und er erwähnte auch kein Wort von der Zukunft von Bleakhaus. Aber da ich heute das erste Mal in meinen Trauerkleidern neben ihm saß, erklärte ich mir daraus sein Schweigen. Ich fing nun an, meine liebe Ada in dem stillen Winkel, wo sie wohnte, täglich zu besuchen. Der Vormittag war meine gewöhnliche Zeit; aber so oft ich mich eine Stunde frei machen konnte, setzte ich meinen Hut auf und lief hinüber nach Chancery-Lane. Sie und Rick waren jederzeit so froh, mich zu sehen, und ihre Gesichter heiterten sich so auf, wenn sie mich die Tür aufmachen und hereinkommen hörten (da ich ganz wie zu Hause war, klopfte ich niemals an), daß ich nicht fürchtete, ihnen lästig zu fallen. Bei solchen Gelegenheiten fand ich Richard häufig abwesend. Zu andern Zeiten schrieb er oder las Prozeßakten, die auf seinem Tisch, der niemals aufgeräumt werden durfte, in Stößen aufgetürmt lagen. Manchmal traf ich ihn vor der Tür von Mr. Vholes' Kanzlei wartend; manchmal, wie er in der Nähe herumwanderte und sich die Nägel zerkaute. Oft traf ich ihn in der Nähe von Lincoln's-Inn, ruhelos, an der Stelle, wo ich ihn – ach, so ganz, ganz anders – das erste Mal gesehen hatte. Daß Adas Mitgift mit den Kerzen, die ich fast immer nach Dunkelwerden in Mr. Vholes' Kanzlei brennen sah, zusammenschmolz, wußte ich recht gut. Es war von Hause aus nicht viel gewesen; Richard mußte Schulden gehabt haben, als er heiratete, und ich hatte längst einsehen gelernt, was es bedeutete, daß sich Mr. Vholes »mit der Schulter gegen das Rad stemmte« – was er immer noch tat, wie ich hörte. Meine gute Ada war die wirtschaftlichste Hausfrau, die man sich denken konnte, und tat ihr möglichstes, um zu sparen, aber ich wußte, daß sie mit jedem Tage ärmer wurden. Sie leuchtete in dem elenden Winkel wie ein schöner Stern. Sie schmückte und verschönerte ihn so, daß er ordentlich ein ganz verändertes Aussehen bekam. Blasser, als sie zu Hause gewesen, und ein wenig stiller, als ich es für möglich gehalten hätte, als sie noch so heiter und hoffnungsfreudig war, war doch auf ihrem Antlitz so wenig ein Schatten zu bemerken, daß ich fast glaubte, ihre Liebe zu Richard machte sie blind und ließ sie das Verderben nicht sehen, in das er rannte. Ich ging eines Tages zu ihnen, um bei ihnen zu speisen, und hing solchen Gedanken nach, da begegnete ich, als ich in Symond's-Inn einlenkte, der kleinen Miß Flite, die gerade aus der Türe trat. Sie hatte den »Mündeln in Sachen Jarndyce«, wie sie sie immer noch nannte, einen Anstandsbesuch gemacht und schwelgte noch in der Erinnerung an diese Feierlichkeit. Ada hatte mir bereits erzählt, daß sie jeden Montag um fünf Uhr mit einer kleinen weißen Extraschleife auf dem Hute, die sie sonst niemals trüge, und mit ihrem größten Strickbeutel voller Dokumente am Arme zu Besuch käme. »Meine Gute!« fing sie an. »Freue mich unendlich! Wie geht es Ihnen! Bin so froh, Sie zu sehen. Und Sie wollen unsre guten Mündel in Sachen Jarndyce auch besuchen? Natürlich, ja! Unsre kleine Schönheit ist zu Hause, mein Kind, und wird entzückt sein, Sie zu sehen.« »Also ist Richard noch nicht da?« sagte ich. »Das freut mich; ich fürchtete schon, ich hätte mich ein wenig verspätet.« »Nein, er ist noch nicht da. Er hat eine lange Sitzung im Gerichtshof gehabt. Ich verließ ihn dort mit Vholes. Sie haben doch Vholes nicht gern, hoffe ich? Nur Vholes nicht gern haben! Gefäh-rlicher Mensch!« »Ich fürchte, Sie sehen jetzt Richard öfter als früher?« fragte ich. »Meine Teuerste, täglich und stündlich. Sie wissen, was ich Ihnen von der Anziehungskraft des Zepters des Kanzlers sagte! Mein Kind, nächst mir besucht er mit der größten Regelmäßigkeit den Gerichtshof. Er fängt unsre kleine Familiengesellschaft wirklich zu amüsieren an. Eine seh-r hübsche kleine Familiengesellschaft, nicht wahr?« Es war wirklich jämmerlich, dies aus dem Munde der armen Wahnsinnigen zu hören, wenn man sich auch nicht darüber wundern konnte. »Mit einem Worte, meine werte Freundin«, fuhr Miß Flite fort und näherte mit mysteriöser Gönnermiene ihre Lippen meinem Ohre, »ich muß Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Ich habe ihn zu meinem Testamentsvollstrecker ernannt. Ernannt, eingesetzt und bestätigen lassen. In meinem Testamente. Ja-awohl.« »Wirklich?« »Ja-awohl«, wiederholte Miß Flite, unendlich vornehm tuend, »zu meinem Testamentsvollstrecker, Verwalter oder Kurator. So heißt es bei uns im Kanzleigericht, meine Liebe. Ich habe mir gedacht, wenn ich einmal zu nichts mehr nütze sein sollte, könnte er den Prozeß überwachen. Er wohnt den Sitzungen so regelmäßig bei.« Ich mußte bei dem Gedanken an ihn seufzen. »Ich gedachte früher einmal den armen Gridley zu ernennen, einzusetzen und bestätigen zu lassen«, sagte sie und seufzte ebenfalls. »Er kam auch sehr regelmäßig, meine Liebwerteste. Ich versichere Ihnen, höchst regelmäßig! Aber mit dem Armen ist's vorbei, und so habe ich Richard zu seinem Nachfolger ernannt. Lassen Sie nichts drüber verlauten. Ich sage Ihnen das im Vertrauen.« Sie machte vorsichtig ihren Strickbeutel ein klein wenig auf und zeigte mir darin ein zusammengefaltetes Papier als das Testament, von dem sie gesprochen. »Noch ein Geheimnis, meine Liebe. Ich habe meine Vogelsammlung vergrößert.« »Was Sie sagen, Miß Flite.« – Ich wußte, wie gern sie es hatte, wenn man ihre vertraulichen Mitteilungen mit Interesse aufnahm. – Sie nickte mehrere Male, und ihr Gesicht wurde trüb und bekümmert. »Noch zwei. Ich nenne sie die Mündel in Sachen Jarndyce. Sie sind mit den übrigen im Käfig. Mit Hoffnung, Freude, Jugend, Friede, Ruhe, Leben, Staub, Asche, Verschwendung, Mangel, Ruin, Verzweiflung, Wahnsinn, Tod, List, Torheit, Gefasel, Perücke, Plunder, Pergament, Raub, Präzedenz, Jargon, blauer Dunst und Larifari!« Dann küßte mich die Arme mit dem verstörtesten Blick, den ich jemals an ihr bemerkt, und eilte fort. Die Art, wie sie über die Liste ihrer Vögel hinwegeilte, als wenn sie sich fürchtete, ihre Namen sogar aus ihrem eignen Munde zu hören, machte mich schaudern. Das war keine aufheiternde Vorbereitung auf meinen Besuch, und ich hätte auf die Gesellschaft Mr. Vholes' gern verzichtet, den Richard, der ein oder zwei Minuten nach mir kam, mit zu Tisch brachte. Obgleich das Mahl bescheiden war, waren doch Ada und Richard ein paar Minuten zusammen draußen, um es herzurichten. Mr. Vholes ergriff die Gelegenheit, um mit mir halblaut ein Gespräch anzuknüpfen. Er trat an das Fenster, an dem ich saß, und fing von Symond's-Inn an. »Ein langweiliger Ort, Miß Summerson, für jemanden, der nicht als Geschäftsmann hier wohnt«, – er wischte die Fensterscheibe mit seinem schwarzen Handschuh ab, damit ich besser hinaussehen könnte. »Viel zu sehen ist allerdings hier nicht«, sagte ich. »Und auch nicht viel zu hören, Miß. Manchmal verirrt sich ein bißchen Musik hierher, aber wir Juristen sind nicht musikalisch und dulden sie nicht lange. Ich hoffe, Mr. Jarndyce befindet sich wohl?« Ich dankte und versicherte, er sei wohlauf. »Ich habe leider nicht das Vergnügen, mit unter seine Freunde gezählt zu werden, und weiß, daß bei Personen seines Standes Herren unsres Berufs manchmal nicht sehr gern gesehen werden. Aber ob man uns Gutes oder Übles nachsagt und Vorurteile aller Art gegen uns hegt, unsre Wege sind gerade und offen. Wie finden Sie Mr. C. aussehen, Miß Summerson?« »Sehr schlecht. Schrecklich sorgenvoll.« »Sie haben recht«, sagte Mr. Vholes. – Er stand hinter mir, und seine lange schwarze Gestalt reichte fast bis an die Decke des niedrigen Zimmers; dabei befühlte er die Pickel in seinem Gesicht, als wären es Zierraten, und sprach so gleichgültig in sich hinein, als sei ihm jede menschliche Leidenschaft oder Gemütsbewegung fremd. – »Mr. Woodcourt kommt häufig zu Mr. C., glaube ich?« fing er wieder an. »Mr. Woodcourt ist sein uneigennützigster Freund, Sir!« »Ich meine, er behandelt ihn in seiner Eigenschaft als Arzt.« »Das kann einem kummerbedrückten Gemüt wenig helfen«, sagte ich. »Sehr wahr!« nickte Mr. Vholes. Es lag etwas so Vampirhaftes in seinem Wesen, etwas Schleichendes, Gieriges, Blutloses, daß es mir vorkam, als müßte Richard schon unter den Augen eines solchen Beraters hinsiechen. »Miß Summerson«, begann er wieder und rieb sich langsam die behandschuhten Hände, als ob es seinem Gefühlssinn ganz gleichgültig wäre, ob sie in schwarzen Handschuhen stäken oder nicht, »diese Heirat Mr. C.s war ein übelberatener Schritt.« Ich bat ihn, dieses Thema nicht weiter zu berühren. Ich sagte ihm mit unterdrückter Entrüstung, sie hätten sich verlobt, als sie beide noch sehr jung gewesen, und zu einer Zeit, als ihre Aussichten für die Zukunft noch viel besser und freundlicher waren und als Richard sich noch nicht dem Einflusse hingegeben habe, der jetzt sein Leben verdüstere. »Sehr wahr«, stimmte Mr. Vholes bei. »Dennoch möchte ich, um ganz offen zu sein, wenn Sie gestatten, Miß Summerson, bemerken, daß ich diese Heirat für einen sehr übel beratenen Schritt halte. Dies zu sagen, bin ich nicht nur Mr. C.s Verwandten und Freunden schuldig, denen gegenüber ich mich ganz natürlich zu decken wünschen muß, sondern auch meinem Rufe, den ich mir als Geschäftsmann unbefleckt zu erhalten trachte, eingedenk meiner drei Mädchen zu Hause, deren Lage ich unabhängig zu gestalten mich bemühe, sowie auch meines alten Vaters, dessen Erhaltung mir außerdem obliegt.« »Es würde eine ganz andre Ehe, eine viel glücklichere und bessere sein, Mr. Vholes«, sagte ich, »wenn sich Richard überreden ließe, von dem unseligen Ziele, das Sie mit ihm verfolgen, abzulassen.« Mit einem lautlosen Husten – oder vielmehr Schnappen – hinter seiner schwarz behandschuhten Hand neigte Mr. Vholes das Haupt, als ob er auch dies nicht bestreite. »Miß Summerson«, sagte er, »das ist wohl möglich, und ich gestehe gern zu, daß die junge Dame, die auf so übelberatene Weise Mr. C.s Namen angenommen hat – ich bin überzeugt, Sie werden mir nicht zürnen, daß ich als eine Pflicht, die ich Mr. C.s Verwandten und Freunden schuldig bin, diese Bemerkung noch ein Mal mache –, eine höchst achtbare junge Dame ist. Geschäfte haben mich abgehalten, mich viel in andrer als beruflicher Gesellschaft zu bewegen, aber dennoch getraue ich mir das Urteil zu, daß sie eine höchst achtbare junge Dame ist. Was Schönheit betrifft, so bin ich darin nicht kompetent, und ich habe schon als Knabe kein besonderes Verständnis dafür gehabt, aber ich glaube sagen zu dürfen, daß an der jungen Dame auch in diesem Punkte nicht das geringste auszusetzen ist. Wie ich höre, gilt sie bei den Schreibern in Symond's-Inn als eine Schönheit, und diese können darüber besser urteilen als ich. Was die Art betrifft, in der Mr. C. seine Interessen verfolgt...« »Ach, ich bitte Sie, seine Interessen, Mr. Vholes!« »Verzeihen Sie«, fuhr Mr. Vholes genau in derselben in sich gekehrten und leidenschaftslosen Weise fort, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, »Mr. C. hat gewisse Interessen kraft gewisser, in dem Prozeß bestrittener Testamente. Es ist das ein Geschäftsausdruck bei uns. Was die Art betrifft, mit der Mr. C. sein Interesse verfolgt, so erwähnte ich bereits damals, als ich das erste Mal das Vergnügen hatte, Sie zu sehen, Miß Summerson, bewegt von dem Wunsche, stets offen zu handeln – ich gebrauchte genau diese Worte, denn ich schrieb sie später zufällig in meinem Tagebuch auf, das ich jederzeit vorweisen kann –, daß Mr. C. das Prinzip verfolgt, selbst darüber zu wachen, und daß, wenn einer meiner Klienten einem Grundsatz huldigt, der seiner Natur nach nicht unsittlich – das heißt, nicht ungesetzlich ist –, es meine Pflicht sei, diesem Grundsatz Rechnung zu tragen. Ich habe ihm Rechnung getragen und trage ihm auch jetzt Rechnung. Aber ich möchte um keinen Preis einem Verwandten oder Bekannten Mr. C.s die Sachen in einem günstigeren Lichte darstellen, als es sich mit dem Fall verträgt. So offen, wie ich gegen Mr. Jarndyce war, bin ich gegen Sie. Ich betrachte dies als meine Pflicht als Geschäftsmann, wenn ich auch niemandes Konto damit belasten kann. Ich sage offen, so wenig mundgerecht es auch klingen mag, daß, meiner Meinung nach, Mr. C.s Angelegenheiten sehr schlecht stehen, daß es mit ihm selbst sehr schlecht steht, und daß ich diese Heirat für einen sehr übelberatenen Schritt halte... Ob ich hier bin, Sir? Ja, ich danke Ihnen; ich bin hier, Mr. C., und erfreue mich des Vergnügens einer Unterhaltung mit Miß Summerson, für die ich Ihnen vielen Dank schuldig bin, Sir.« Er brach auf diese Weise ab, da Richard hereinkam und ihn anredete. Ich durchschaute Mr. Vholes' gesucht gewissenhafte Art, sich und seine Respektabilität für alle Fälle zu salvieren, zu gut, um nicht zu fühlen, daß unsre schlimmsten Befürchtungen ganz am Platze gewesen waren. Wir setzten uns zu Tisch, was mir Gelegenheit gab, Richard genau zu beobachten. Mr. Vholes – der erst kurz vor dem Essen seine Handschuhe auszog – störte mich darin nicht, obgleich er mir gegenüber saß, denn ich bezweifle, daß er seine Augen ein einziges Mal von dem Gesicht Richards abwendete, wenn er überhaupt aufblickte. Ich fand Richard abgemagert und schlaff aussehen, unordentlich in der Kleidung, zerstreut in seinem Wesen, dann und wann gezwungen heiter, und dann wieder in trübe Gedanken versunken. Seine großen hellen Augen, die so lustig dreinzuschauen pflegten, waren so eingesunken und ruhelos, daß man sie kaum mehr wiedererkannte. Ich kann nicht direkt den Ausdruck gebrauchen, daß er alt aussah, aber es gibt eine Ruine von Jugend, die dennoch nichts mit Alter gemein hat, und zu einer solchen Ruine war Richards jugendliche Schönheit geworden. Er aß wenig, und es schien ihm gleichgültig zu sein, was er aß; er zeigte sich viel ungeduldiger als gewöhnlich, selbst Ada gegenüber. Anfangs glaubte ich, sein früheres leichtblütiges Wesen sei überhaupt schon ganz verschwunden, aber manchmal kam es doch auf Sekunden wieder zum Vorschein; wie ich selbst zuzeiten Augenblicke hatte, wo es mir schien, als ob mir aus dem Spiegel mein altes Gesicht entgegenschaue. Auch sein Lachen hatte er nicht ganz verlernt, wenn es auch nur der Nachhall seines früheren fröhlichen Temperaments war und mich unendlich traurig berührte. Trotz alledem war er in seiner alten liebreichen Weise so sichtlich froh wie sonst, mich bei sich zu sehen, und wir sprachen fröhlich von den alten Zeiten. Diese schienen Mr. Vholes nicht zu interessieren, wenn er auch manchmal mit dem Mund eine schnappende Bewegung machte, was offenbar ein Lächeln sein sollte. Kurz nach dem Essen stand er auf und sagte, er werde mit der Erlaubnis der Damen sich in seine Kanzlei begeben. »Immer Geschäfte, Vholes!« rief Richard. »Ja, Mr. C.«, entgegnete er, »die Interessen der Klienten dürfen unter keinen Umständen vernachlässigt werden, Sir. Sie nehmen in den Gedanken eines Geschäftsmannes wie mir, der sich einen guten Namen unter seinen Kollegen und in der Gesellschaft im allgemeinen zu erhalten wünscht, die erste Stelle ein. Daß ich mir das Vergnügen der gegenwärtigen so angenehmen Unterhaltung versage, geschieht vielleicht nicht ganz ohne Rücksicht auf Ihre Interessen, Mr. C.« Richard sprach seine Überzeugung aus, daß er keinen Augenblick daran zweifle, und leuchtete Mr. Vholes hinaus. Bei seiner Rückkehr versicherte er uns wiederholt, Vholes sei ein verläßlicher Kerl, ein Mann, der das tue, was er sage; wirklich ein Prachtsmensch! Es lag trotzdem soviel Unsicherheit in seinem Ton, daß ich mich des Gedankens nicht erwehren konnte, daß er Mr. Vholes zu mißtrauen anfange. Dann warf er sich ganz erschöpft aufs Sofa, und Ada und ich räumten auf, denn sie hatten keinen andern Dienstboten als eine Aufwartefrau. Meine liebe Ada besaß ein kleines Klavier und fing an, einige von Richards Lieblingsliedern zu singen; aber erst mußte die Lampe in das Nebenzimmer getragen werden, da er klagte, daß sie seinen Augen weh täte. Ich saß zwischen ihnen, an der Seite meines lieben Mädchens, und der Klang ihrer lieblichen Stimme stimmte mich unendlich trübe. Ich glaube, das war auch bei Richard der Fall, und vielleicht ließ er nur deshalb die Lampe hinaustragen. Sie hatte eine Zeitlang gesungen und war von Zeit zu Zeit aufgestanden, um sich über ihn zu beugen und mit ihm zu sprechen, als Mr. Woodcourt kam, neben Richard Platz nahm und ihn im Lauf des Gespräches, halb scherzend, halb im Ernst, auf unauffällige Weise ausfragte, wie er sich befände und was er den ganzen Tag getrieben habe. Er schlug ihm sodann vor, in der hellen Mondnacht einen Spaziergang auf einer der Brücken zu machen, und da Richard bereitwilligst einverstanden war, gingen sie zusammen aus. Als sie fort waren, saß meine liebe Ada noch immer am Piano, und ich neben ihr. Ich schlang meinen Arm um sie, und sie legte ihre linke Hand in die meine; mit der rechten glitt sie gedankenvoll über die Tasten, ohne einen Ton anzuschlagen. »Liebste Esther«, sagte sie endlich, »niemals befindet sich Richard so wohl, und ich bin nie so ruhig seinetwegen, als wenn er in Gesellschaft Allan Woodcourts ist. Das haben wir dir zu danken.« Ich wollte meinem Herzenskinde klarmachen, daß das kaum so sein könne, da Mr. Woodcourt ihres Vetters John Haus besucht und dort uns alle gekannt hätte und überdies immer Gefallen an Richard und dieser an ihm gefunden habe; – u. a. m. »Das ist alles wahr«, gab Ada zu, »aber daß er uns ein so treuer Freund ist, verdanken wir doch nur dir.« Ich hielt es für das Beste, meinem lieben Mädchen den Willen zu lassen und weiter nichts dagegen zu sagen. Dies äußerte ich auch gegen sie. Ich sagte es leichthin, weil ich fühlte, daß sie zitterte. »Liebste Esther, ich möchte so gern eine gute, eine sehr gute Gattin sein. Willst du es mich nicht lehren?« »Ich es dich lehren?!« Ich schwieg sofort still, denn ich bemerkte, wie ihre Hand unruhig über die Tasten glitt, und wußte, daß ich nicht sprechen dürfte und sie etwas auf dem Herzen habe. »Als ich Richard heiratete«, fing sie zögernd an, »war mir nicht verborgen, was ihm bevorstand. Ich war lange Zeit mit dir vollkommen glücklich gewesen und hatte keinen Kummer und keine Sorge gekannt, so liebte und pflegte mich alles; aber ich wußte trotzdem genau, welche Gefahr ihm drohte.« »Ich weiß, ich weiß wohl, mein Liebling.« »Als ich ihn geheiratet hatte, trug ich mich mit der leisen Hoffnung, daß ich imstande sein würde, ihn von seinem Irrtum zu überzeugen, daß er als mein Gatte die Sache in einem neuen Lichte betrachten würde und sie nicht noch meinetwegen verzweifelter verfolgen, wie er es jetzt tut. Aber auch wenn ich diese Hoffnung nicht gehegt hätte, liebe Esther, ich würde ihn dennoch geheiratet haben.« An der augenblicklichen Festigkeit ihrer bisher ruhelos gewesnen Hand – eine Festigkeit, die von ihren letzten Worten ausströmte und mit ihrem Laut erstarb –, sah ich die Bestätigung ihres innigen Tones. »Du darfst nicht denken, liebe Esther, daß ich nicht sehe, was du siehst, und nicht fürchte, was du fürchtest. Niemand kann ihn besser kennen als ich. Der größte Weise auf Erden könnte Richard kaum besser kennen, als ich ihn kenne in meiner Liebe.« Sie sprach so bescheiden und mild, und ihre zitternde Hand verriet große Aufregung, wie sie sich auf den stummen Tasten hin- und herbewegte. Meine gute, liebe Ada! »Ich sehe ihn jeden Tag in seinem schlimmsten Zustande. Ich beobachte ihn im Schlaf. Ich kenne jeden Wechsel seines Mienenspiels. Als ich ihn heiratete, war ich fest entschlossen, Esther, mit Gottes Hilfe, ihm nie zu zeigen, daß ich mich seiner Handlungsweise wegen grämte, um ihn nicht noch unglücklicher zu machen. Wenn er nach Hause kommt, darf er keine Spur von Sorge auf meinem Gesicht lesen. Wenn er mich ansieht, soll er in mir finden, was er liebte. Deshalb habe ich ihn geheiratet, und das hält mich aufrecht.« Ich fühlte, wie sie immer mehr zitterte. Ich wartete, was noch kommen würde, und glaubte jetzt zu wissen, was es sein werde. »Und noch etwas andres erhält mich aufrecht, Esther.« Sie hielt eine Minute inne. Sie hielt nur inne im Sprechen – ihre Hand bewegte sich immer noch ruhelos. »Nur noch eine kleine Weile, dann wird mir Gott vielleicht eine große Hilfe schicken. Wenn dann Richard seinen Blick auf mich richtet, sieht er vielleicht etwas an meiner Brust liegen, das beredter zu ihm spricht als ich, das größere Macht hat, ihm den wahren Weg zu zeigen und ihn wieder zurückzugewinnen.« Ihre Hand wurde jetzt ruhig. Sie zog mich an ihre Brust, und ich umschlang sie mit meinen Armen. »Auch wenn es diesem kleinen Geschöpfe nicht gelingen sollte, Esther, so will ich immer noch warten. Ich werde lange, lange Jahre warten und mir dann denken, daß, wenn ich alt oder vielleicht tot bin, ein schönes Weib, seine Tochter, glücklich verheiratet sein wird, und stolz auf ihn und ein Segen für ihn. Oder daß ein wackerer, braver junger Mann, so schön, wie er einst war, hoffnungsreich und glücklicher, ihn stützt, wenn sie im Sonnenschein miteinander spazieren gehen, sein graues Haar ehrt und zu sich sagt: 'Ich danke Gott, daß das mein Vater ist! Zugrunde gerichtet durch eine unselige Erbschaft und wiederhergestellt durch mich!'« – »O liebe Ada! Du gutes, treues Herz.« – »Diese Hoffnungen halten mich aufrecht, meine liebe Esther, und ich weiß, daß sie auch fernerhin mich aufrecht erhalten werden, obwohl sogar sie manchmal von mir weichen und der Angst Platz machen, die mich erfaßt, wenn ich Richard ansehe.« Ich versuchte, mein Herzenskind zu beruhigen, und fragte, wovor sie sich denn fürchte? Schluchzend und weinend gab sie zur Antwort: »Daß er nicht so lange lebt, um sein Kind zu sehen!« 61. Kapitel Eine Entdeckung Wie können die Tage, während deren ich jenen elenden Winkel besuchte, den mein Herzenskind verschönte, aus meinem Gedächtnis entschwinden! Ich sehe ihn jetzt nie mehr, und wünsche ihn auch nie mehr zu sehen; ich bin seit der Zeit, an die ich denke, nur ein einziges Mal dort gewesen, aber in meiner Erinnerung umschwebt ihn dennoch ein trauervoller Glanz, der nie von ihm weichen wird. Natürlich verging kein Tag, wo ich nicht hinging. Anfangs fand ich zwei oder drei Mal Mr. Skimpole dort, der auf dem Piano herumklimperte und in seiner gewöhnlichen lebhaften Weise plauderte. Außer dem, daß ich sehr die Möglichkeit argwöhnte, daß er nicht hinkommen würde, ohne nicht jedes Mal Richard ärmer zu machen, schien mir auch seine sorglose Fröhlichkeit zu unverträglich mit dem zu sein, was in Adas innerstem Herzen vorging. Überdies bemerkte ich deutlich, daß Ada meine Empfindungen teilte. Nach vielem Nachdenken darüber entschloß ich mich daher, Mr. Skimpole einen Privatbesuch zu machen und zu versuchen, ihm mein Bedenken auf eine zarte Weise auseinanderzusetzen. Der Gedanke an mein Herzenskind machte mich so kühn. Ich begab mich daher eines Morgens, begleitet von Charley, nach Somers-Town. Während ich mich dem Hause näherte, fühlte ich eine starke Neigung, umzukehren, denn es wurde mir immer klarer, welch verzweifelter Versuch es sei, einen Eindruck auf Mr. Skimpole zu machen, und wie wahrscheinlich es sei, daß ich ihm gegenüber den Kürzern ziehen würde. Ich dachte jedoch, daß ich, einmal hergekommen, die Sache auch zu Ende führen sollte. Ich klopfte daher mit zitternder Hand an Mr. Skimpoles Tür- buchstäblich mit den Fingerknöcheln, denn der Klopfer war abgebrochen –, bis mich nach langem Debattieren eine Irin einließ, die gerade dabei gewesen war, im Halbkellergeschoß den Deckel eines Wasserfasses mit dem Schüreisen zu Brennholz zu zerschlagen. Mr. Skimpole lag in seinem Zimmer auf dem Sofa, spielte Flöte und war anscheinend entzückt, mich zu sehen. Er fragte mich, wer mich in aller Form empfangen sollte? Wer mir als Zeremonienmeisterin am liebsten wäre? Welche von seinen Töchtern es sein sollte, die Komödien-, die Schönheits- oder die Gemütstochter? Oder ob alle drei auf ein Mal, wie ein Blumenstrauß? Schon halb besiegt, gab ich zur Antwort, daß ich mit ihm allein zu sprechen wünschte, wenn er es erlaubte. »Meine liebe Miß Summerson, mit dem größten Vergnügen! Natürlich«, sagte er, indem er seinen Stuhl neben den meinen schob und gewinnend lächelte. »Natürlich kann es sich nicht um Geschäfte handeln und muß daher ein Vergnügen betreffen.« Ich sagte, ich käme allerdings nicht in Geschäften, aber trotzdem beträfe es keine angenehme Sache. »Dann sprechen Sie lieber nicht davon«, riet er mir mit der offenherzigsten Heiterkeit. »Warum wollen Sie von etwas sprechen, das nicht angenehm ist? Ich tue das nie. Und Sie sind in jeder Hinsicht ein viel angenehmeres Wesen als ich. Sie sind vollkommen Sonnenschein, und ich bin es nur in unvollkommenem Maße, wie viel weniger dürfen Sie daher von einer unangenehmen Sache sprechen, wenn ich es nicht tue! Das wäre also abgemacht, und wir wollen von etwas anderm reden.« Obgleich ich verlegen war, so faßte ich mir doch ein Herz, ihm anzudeuten, daß ich trotzdem die Sache nicht fallen lassen könnte. »Mr. Skimpole«, begann ich und blickte ihn fest an, »ich habe Sie so oft sagen hören, daß Ihnen die Angelegenheiten des täglichen Lebens ganz fremd sind –« »Sie meinen unsre drei Bankierfreunde, Pfund, Schilling, und wie heißt der jüngste Associe doch? Penny?« unterbrach mich Mr. Skimpole fröhlich. »Habe keinen Begriff von ihnen.« »– daß Sie vielleicht deshalb meine Keckheit entschuldigen werden. Ich – ich glaube, Sie sollten sich allen Ernstes vor Augen halten, daß Richard ärmer ist, als er je war –« »Mein Gott! Das bin ich doch auch, höre ich allgemein.« »– und in sehr bedrängten Umständen.« »Ganz genau mein Fall«, sagte Mr. Skimpole mit erfreuter Miene. »Das bereitet natürlich Ada gegenwärtig viel geheimen Kummer, und da ich glaube, daß sie sich weniger Sorgen macht, wenn sie weniger durch Besuche in Anspruch genommen wird, und überdies Richard immer eine große Sorge auf der Seele liegt, so habe ich es für meine Pflicht gehalten, mir die Freiheit zu nehmen, Sie zu bitten – lieber – nicht...« Es wurde mir schwer, meine Bitte auszusprechen; aber er nahm jetzt meine beiden Hände und kam mir mit strahlendem Gesicht und auf das lebhafteste zuvor. »Nicht hingehen? Gewiß nicht, meine liebe Miß Summerson, ganz gewiß nicht. Warum sollte ich hingehen? Wenn ich irgendwohin gehe, tue ich es immer nur des Vergnügens wegen. Um mir Schmerz zu bereiten, gehe ich keinen Schritt, weil ich für Vergnügen geschaffen bin. Der Schmerz kommt schon zu mir, wenn er mich braucht. Nun habe ich letzter Zeit sehr wenig Vergnügen bei unserm guten Richard gefunden, und Ihr praktischer Scharfsinn sagt Ihnen, warum. Unsre jungen Freunde verlieren die jugendliche Poesie, die sie einst so anziehend machte, und fangen an zu denken: das ist ein Mann, der Pfunde braucht. Das stimmt allerdings bei mir; ich brauche immer Pfunde; nicht für mich, sondern weil beständig Gewerbsleute sie von mir verlangen. Weiters fangen unsre jungen Freunde an, berechnend zu denken: das ist ein Mann, der sich immer Geld ausgeborgt. Und das stimmt wieder. Ich borge mir immer Geld aus. So sinken unsre jungen Freunde zur Prosa herab, was sehr zu bedauern ist, und büßen ihre Fähigkeit, Vergnügen zu bereiten, ein. Weshalb sollte ich sie daher besuchen? Höchst überflüssig!« Durch das strahlende Lächeln, mit dem er mich während dieser Rede ansah, glänzte jetzt ein Blick uneigennützigen Wohlwollens, der wahrhaft erstaunlich war. »Außerdem«, fuhr er in seinem Tone leichtherziger Überzeugung fort, »wenn ich nirgends hingehe, um Schmerz zu suchen – was eine Verkehrung meines Lebenszweckes und etwas ganz Ungeheuerliches für mich wäre –, warum sollte ich es tun, um andern Schmerz zu bereiten? Und wenn ich fortführe, unsre jungen Freunde in ihrer gegenwärtigen schlechten Gemütsverfassung zu besuchen, so würde ich ihnen Schmerz verursachen. Mein bloßer Anblick müßte sie verstimmen. Sie könnten sagen, das ist der Mann, der sich Geld von uns ausborgte und es nicht bezahlen kann; was ich natürlich nicht: kann; nichts steht so außer aller Frage wie das. Daher gebietet die Freundschaft, fernzubleiben, und das werde ich auch tun.« Er schloß, indem er mit Wärme meine Hand küßte und mir dankte. Nur Miß Summersons feinem Takt, sagte er, verdanke er, darauf aufmerksam geworden zu sein. Ich war sehr in Verlegenheit, tröstete mich aber mit dem Gedanken, daß, wenn nur der Hauptzweck erreicht sei, es wenig darauf ankomme, welch seltsam verdrehter logischer Denkschlüsse sich Mr. Skimpole bediene. Ich hatte mir jedoch vorgenommen, noch etwas zur Sprache zu bringen, und dachte, wenigstens in diesem Punkte nicht schachmatt gesetzt werden zu können. »Mr. Skimpole«, sagte ich, »ehe ich meinen Besuch beendige, muß ich mir noch die Freiheit nehmen, Ihnen zu sagen, daß ich zu meinem größten Erstaunen vor kurzem aus zuverlässigem Munde erfahren habe, daß Sie wußten, mit wem jener arme Knabe von Bleakhaus wegging, und daß Sie bei dieser Gelegenheit ein Geschenk angenommen haben. Ich habe meinem Vormund nichts davon gesagt, weil ich fürchtete, ihm unnötigerweise weh zu tun, aber Ihnen kann ich ja sagen, daß ich mich sehr darüber gewundert habe.« »O? Wirklich gewundert, meine liebe Miß Summerson?« entgegnete er und zog lächelnd die Augenbrauen in die Höhe. »Höchlichst gewundert.« Er dachte mit einem höchst freundlichen Gesicht eine kleine Weile nach, gab es aber dann auf und sagte in seiner gewinnendsten Weise: »Sie wissen, was für ein Kind ich bin. Warum gewundert?« Ich ging ungern näher auf die Frage ein, aber da er mich darum bat und wirklich neugierig auf meine Antwort zu sein schien, gab ich ihm mit den zartesten Worten, die ich finden konnte, zu verstehen, daß er durch sein Benehmen seine moralischen Verpflichtungen verletzt habe. Dies zu hören, ergötzte und interessierte ihn höchlichst, und er sagte mit wahrhaft kindlicher Einfalt: »Oh, wirklich?« »Sie wissen, mir geht der Sinn für Verantwortlichkeit vollständig ab. Verantwortlichkeit ist etwas, das immer für mich zu hoch – oder zu niedrig gewesen ist«, sagte er. »Ich weiß nicht einmal, was von beiden; aber wenn ich den Standpunkt recht verstehe, von dem aus meine liebe Miß Summerson, die ich stets wegen ihrer praktischen Einsicht und Klarheit bewundere, den Fall beurteilt, möchte ich denken, es drehe sich hauptsächlich um die Geldfrage, nicht wahr?« Unvorsichtigerweise stimmte ich bei. »Ah! Dann müssen Sie aber selbst einsehen, daß ich es ganz unmöglich begreifen kann.« Als ich aufstand, um zu gehen, gab ich ihm noch zu verstehen, daß es überdies unrecht sei, das Vertrauen meines Vormundes um eine Bestechungssumme zu mißbrauchen. »Meine liebe Miß Summerson«, entgegnete er mit der heiteren Offenherzigkeit, die ihm eigen war, »ich kann nicht bestochen werden.« »Auch nicht von Mr. Bucket?« »Nein. Von niemandem. Ich lege doch nicht den mindesten Wert auf Geld! Ich kümmere mich nicht darum, ich verstehe nichts davon, ich brauche keins, ich behalte keins, – es schwindet mir unter der Hand weg. Wie kann ich da bestochen werden?« Ich ließ ihn merken, daß ich andrer Meinung sei, wenn ich auch nicht die Fähigkeit besäße, über die Sache zu disputieren. »Im Gegenteil«, fuhr er fort, »ich bin gerade der Mann, der in einem solchen Falle höher als andre steht. Ich stehe in einem solchen Falle über der Menschheit. Ich kann in einem solchen Falle als Philosoph handeln. Ich bin nicht in Vorurteile eingeschnürt wie ein italienischer Säugling in seine Windeln. Ich bin so frei wie die Luft. Ich fühle, daß ich so hoch über jedem Verdacht stehe wie Cäsars Frau.« – So etwas wie die naive Unbefangenheit seines Wesens und die spielerische Unparteilichkeit, mit der er sich selbst zu überzeugen schien und die Frage wie einen Federball hin und her warf, war gewiß noch nicht dagewesen. – »Fassen Sie den Fall wohl ins Auge, meine liebe Miß Summerson. Die Sache liegt so: Ein Knabe wird in einem Zustande, gegen den ich äußerst viel einzuwenden habe, in das Haus aufgenommen und zu Bett gebracht. Kaum ist das geschehen, steht plötzlich ein Mann da – wie ein Pilz aus dem Boden geschossen. Der Mann wünscht über den Knaben, gegen dessen Gesundheitszustand ich ausnehmend viel einzuwenden habe und der in das Haus aufgenommen und zu Bett gebracht worden ist, Näheres zu wissen. Er zieht eine Banknote hervor, und Skimpole nimmt sie an. Das sind die Tatsachen. Sehr gut. Sollte der Skimpole die Banknote ausschlagen? Warum sollte Skimpole die Banknote ausschlagen? Skimpole sagt zu Bucket: 'Wofür ist das? Ich verstehe es nicht. Es nützt mir nichts, nehmen Sie es wieder zurück.' Aber Bucket bittet Skimpole, die Banknote anzunehmen. Gibt es Gründe, warum Skimpole, der von Vorurteilen frei ist, es annehmen sollte? Ja. Skimpole sieht sie. Was sind diese Gründe? Skimpole sagt sich: Dieser Mann ist ein gezähmter Luchs, ein tätiger Polizeibeamter, ein gescheiter Mann, eine Person von einer nach einer eigentümlichen Richtung gehenden Energie und großer Schlauheit im Entwerfen und Ausführen seiner Pläne. Ein Mann, der unsre Freunde und Feinde für uns findet, wenn wir sie suchen müssen, der unser Eigentum wieder zur Stelle schafft, wenn wir bestohlen worden sind, der uns in aller Ruhe rächt, wenn wir totgeschlagen worden sind. Dieser tätige Polizeibeamte und gescheite Mann hat in der Ausübung seines Amtes einen starken Glauben an die Macht des Geldes gewonnen; er findet, daß es ihm sehr nützlich ist, und verwendet es auf eine der Gesellschaft sehr nützliche Weise. Soll ich diesen Glauben Buckets erschüttern, wo ich seiner vielleicht einmal selbst bedarf? Soll ich mit voller Überlegung eine von Buckets Waffen abstumpfen ? Soll ich möglicherweise Buckets Kraft für seine nächsten Operationen lähmen? Und weiter: Wenn es tadelnswert von Skimpole ist, die Banknote anzunehmen, so ist es tadelnswert von Bucket, die Note anzubieten, viel tadelnswerter von ihm, weil er der erfahrene Mann ist. Nun wünscht Skimpole gut von Bucket zu denken; Skimpole hält es bei den heutigen gesellschaftlichen Zuständen für direkt wesentlich, gut von Bucket zu denken. Der Staat fordert ihn ausdrücklich auf, Bucket Vertrauen zu schenken, und er tut es. Und weiter tut er nichts!« Ich hatte auf diese Auseinandersetzung nichts zu erwidern und nahm daher Abschied. Mr. Skimpole jedoch, der bei vortrefflicher Laune war, wollte durchaus nicht gestatten, daß ich, nur von der kleinen »Coavinses« begleitet, nach Hause ginge, und geleitete mich daher selbst. Unterwegs unterhielt er mich auf die fesselndste und angenehmste Weise und gab mir beim Abschied die Versicherung, daß er niemals vergessen werde, mit welch feinem Takt ich ihn auf die Punkte betreffs unsrer jungen Freunde aufmerksam gemacht hätte. Da ich nie wieder mit Mr. Skimpole zusammenkam, will ich gleich hier seine Geschichte auserzählen, soweit ich sie kenne. Hauptsächlich aus den vorerwähnten Gründen, und weil er die Bitten meines Vormundes in bezug auf Richard gewissenloserweise nicht beachtete – wie wir später von Ada erfuhren –, trat zwischen beiden eine Entfremdung ein. Daß er bedeutend in der Schuld meines Vormundes stand, hatte natürlich nichts damit zu tun. Als er ungefähr fünf Jahre später starb, hinterließ er ein Tagebuch mit Briefen und andern »Belegen«, das im Druck erschien und zeigte, daß er das Opfer einer Verschwörung der Menschheit gegen ein liebenswürdiges Kind geworden sei. Man rühmte es als eine sehr amüsante Lektüre, aber ich habe nie mehr als den Satz gelesen, auf den mein Auge zufällig, als ich den Band aufschlug, fiel. Er lautete: »Jarndyce ist, wie die meisten andern Menschen, die ich kennen gelernt habe, die verkörperte Selbstsucht.« Und nun komme ich zu einem Teil meiner Geschichte, der mich sehr nahe angeht und auf den ich gar nicht gefaßt war, als sich der Vorfall, den ich jetzt erzählen will, ereignete. Wenn noch einige sehnsüchtige Gedanken in bezug auf mein früheres Aussehen dann und wann in mir aufgetaucht waren, so tauchten sie nur auf wie Erinnerungen an einen Teil meines hinter mir liegenden Lebens – in der Vergangenheit unwiederbringlich versunken wie meine Kindheit. Ich habe keine von meinen vielen Schwächen hinsichtlich dieses Punktes verschwiegen, sondern sie so getreulich niedergeschrieben, wie es mir mein Gedächtnis erlaubte. Und ich hoffe und gedenke dasselbe bis zum letzten Ende dieser Blätter zu tun, das ich in nicht zu weiter Ferne bereits vor mir liegen sehe. Die Monate verflossen, und mein Herzenskind, aufrecht erhalten von der Hoffnung, die es mir anvertraut hatte, blieb derselbe schöne Stern in dem elenden Winkel. Abgespannter und hohläugiger Tag für Tag besuchte Richard den Gerichtshof; teilnahmslos und still saß er dort die langen Stunden, selbst wenn er wußte, daß keine Aussicht auf eine Verhandlung seines Prozesses vorhanden war, und wurde so zu einer der typischen Gestalten des Ortes. Ich möchte gern wissen, ob einer der Herren sich seiner erinnerte, wie er war, als er das erste Mal dort erschien. Seine fixe Idee hielt ihn so vollkommen umstrickt, daß er in seinen heitern Augenblicken zu gestehen pflegte, er würde jetzt nie frische Luft schöpfen gehen, außer Woodcourt zu Liebe. Bloß dieser brachte es zuwege, gelegentlich ein paar Stunden hintereinander seine Aufmerksamkeit abzulenken und ihn aufzurütteln, wenn er in eine Lethargie des Geistes und des Körpers versank, die uns durch ihre von Monat zu Monat immer häufiger werdende Wiederkehr außerordentlich beunruhigte. Meine Herzens-Ada hatte recht, wenn sie sagte, daß er seinen Irrlichtern ihretwegen nur um so verzweifelter nachjagte. Ich bezweifle nicht, daß sein Kummer um sein junges Weib seinen heißen Wunsch, das Verlorene wieder zu gewinnen, noch brennender machte, bis er schließlich zum Wahnsinn eines Spielers ausartete. Ich besuchte sie, wie ich schon erwähnt habe, zu allen Stunden. Wenn ich abends bei ihnen war, fuhr ich meistens mit Charley nach Hause; manchmal erwartete mich auch mein Vormund in der Nachbarschaft, und wir gingen dann zusammen heim. Eines Abends hatten wir besprochen, uns um acht Uhr zu treffen. Ich konnte nicht ganz pünktlich gehen, was ich sonst für gewöhnlich tat, denn ich arbeitete etwas für meine gute Ada und hatte noch ein paar Stiche zu machen, um fertig zu werden – aber bereits ein paar Minuten nach der bestimmten Stunde konnte ich mein kleines Arbeitskörbchen zusammenpacken, gab meinem Herzenskinde zum Abschied für die Nacht noch einen Kuß und eilte die Treppe hinunter. Mr. Woodcourt begleitete mich, da es schon dämmerig war. Als wir an den Ort kamen, wo wir uns treffen sollten – es war nicht weit, und Mr. Woodcourt hatte mich oft bis dahin begleitet –, war mein Vormund nicht da. Wir warteten eine halbe Stunde und gingen unterdessen auf und ab; aber er kam nicht. Wir glaubten, es hätte ihn entweder etwas abgehalten oder er sei dagewesen und wieder fortgegangen; und Mr. Woodcourt erbot sich, mich nach Hause zu bringen. Es war der erste längere Gang, den wir zusammen machten, und wir sprachen auf dem ganzen Wege von Richard und Ada. Ich dankte ihm nicht in Worten für das, was er getan – ich dachte zu hoch davon, als daß ich es mit Worten hätte ausdrücken können –, aber ich hoffte innerlich, er werde etwas von dem ahnen, was ich so tief fühlte. Als wir zu Hause ankamen und hinaufgingen, bemerkten wir, daß sowohl mein Vormund wie auch Mrs. Woodcourt ausgegangen waren. Wir befanden uns in demselben Zimmer, in das ich meine errötende Ada geführt hatte, als ihr jugendlicher Geliebter, jetzt ihr so veränderter Gatte, der Erwählte ihres jungen Herzens gewesen war – in demselben Zimmer, aus dem mein Vormund und ich sie einst in der frischen und hoffnungsreichen Blüte ihrer Jugend in den Sonnenschein hatten hinaustreten sehen. Wir standen am offenen Fenster und blickten die Straße hinab, als Mr. Woodcourt zu sprechen anfing. Ich wußte in einem Augenblick, daß er mich liebte; ich wußte in einem Augenblick, daß mein vernarbtes Gesicht für ihn noch das alte war. Ich wußte in einem Augenblick, daß das, was ich für Teilnahme und Mitleid gehalten, hingebende, edle, treue Liebe war. Oh, ich wußte es jetzt zu spät. Zu spät, zu spät. Das war der erste undankbare Gedanke, den ich hatte. Zu spät! »Als ich aus Ostindien zurückkehrte«, sagte er zu mir, »und nicht reicher, als ich hingegangen war, und Sie kaum vom Krankenlager erstanden und doch voll von so liebreicher Sorge für andre und so frei von jedem selbstischen Gedanken fand...« »Oh, Mr. Woodcourt, bitte, sagen Sie das nicht!« bat ich ihn. »Ich verdiene nicht Ihr hohes Lob. Ich hatte damals gar manchen selbstischen Gedanken!« »Der Himmel weiß, Geliebte meiner Seele«, sagte er, »daß mein Lob nicht das Lob eines Liebenden ist, sondern die Wahrheit. Sie wissen nicht, was alle um Sie in Esther Summerson sehen, wie viele Herzen sie rührt und erweckt, welch heilige Bewunderung und Liebe sie gewinnt.« »Oh, Mr. Woodcourt«, rief ich, »es ist eine große Sache, Liebe zu gewinnen! Ich bin stolz darauf und fühle mich geehrt dadurch; und es zu hören, macht mich Tränen vergießen, Tränen der Freude und des Schmerzes – der Freude, daß ich sie gewonnen, des Schmerzes, daß ich sie nicht besser verdient habe; aber an Ihre Liebe zu denken, ist mir nicht erlaubt.« Ich sagte es mit gestärktem Herzen, denn als er mich so pries und ich aus seiner Stimme den Glauben herausklingen hörte, daß das, was er sagte, die Wahrheit sei, da erfüllte mich das Verlangen, mich des Lobes noch würdiger zu machen. Es war nicht zu spät dazu. Wenn ich diese Seite meines Lebens, die die Hand des Schicksals jetzt in so ungeahnter Weise und so plötzlich beschrieben, entschlossen umwendete, konnte ich ihrer mein ganzes Leben lang würdiger sein. Und es war mir ein Trost und ein neuer Sporn, und ich empfand in mir etwas wie einen inneren Wert, den ich ihm verdankte, wenn ich so dachte. Er brach das Schweigen. »Ich würde eine armselige Probe des Vertrauens geben, das ich auf die Geliebte setze, die mir für alle Zeit gleich teuer sein wird« – der innige Ernst, mit dem er dies sagte, gab mir zugleich Kraft und machte mich weinen – »wenn ich nach ihrer Versicherung, daß es ihr nicht erlaubt ist, an meine Liebe zu denken, weiter in sie drängen wollte. Teuerste Esther, erlauben Sie mir nur, Ihnen zu sagen, daß die innige Zuneigung, die ich für Sie mit übers Meer nahm, in den Himmel wuchs, als ich nach Hause zurückkehrte. Ich habe immer gehofft, Ihnen dies in der ersten Stunde, wo nur ein Strahl von Glück auf mich fallen würde, sagen zu können. Ich habe stets gefürchtet, daß ich vergeblich zu Ihnen sprechen würde. Meine Hoffnungen und Befürchtungen haben sich an diesem Abend bestätigt. Aber ich sehe, ich tue Ihnen weh. Ich habe genug gesagt.« Etwas schien an meine Stelle zu treten, das dem Engel glich, für den er mich hielt, und der Verlust, den er erlitten, betrübte mich tief! Ich wünschte ihn in seinem Kummer zu trösten, wie damals, als ihm das Mitleid mit mir auf dem Gesichte geschrieben stand. »Lieber Mr. Woodcourt«, begann ich, »ehe wir heute voneinander gehen, muß ich Ihnen noch etwas sagen. Ich könnte es nie so tun, wie ich wünschte – es ist unmöglich – aber –« – Ich mußte noch einmal an meinen Entschluß denken, seiner Liebe und seines Schmerzes würdiger zu werden, bevor ich fortfahren konnte. – »– ich empfinde Ihre Hochherzigkeit aufs tiefste und werde die Erinnerung daran bis zu meiner letzten Stunde in meinem Herzen bewahren. Ich weiß vollkommen, wie sehr ich verändert bin, ich weiß, daß Ihnen meine Geschichte nicht unbekannt ist, und weiß, was für eine große Liebe es sein muß, die so treu aushält. Was Sie mir gesagt haben, hätte mich von keinen andern Lippen so rühren können, aus keinem andern Munde hätte es solchen Wert für mich gehabt. Es wird nicht verloren sein. Es wird mich besser machen.« Er bedeckte die Augen mit der Hand und wendete sich ab. – Wie werde ich mich jemals dieser Tränen würdig machen können?- »Wenn Sie in dem unveränderten Verkehr, den wir miteinander haben werden, indem wir über Richard und Ada wachen – und ich hoffe, unter fröhlicheren Lebensverhältnissen –, etwas in mir entdecken, das Sie wirklich für besser halten können, als es früher war, so glauben Sie, daß es von heute abend herrührt und ich es Ihnen verdanke. Und glauben Sie niemals, lieber, lieber Mr. Woodcourt, glauben Sie niemals, daß ich diesen Abend vergessen könnte oder daß ich, solange mein Herz schlägt, nicht voll des Stolzes und der Freude sein müßte, von Ihnen geliebt worden zu sein.« Er ergriff meine Hand und küßte sie. Er hatte sich wieder vollständig gefaßt, und ich fühlte mich noch mehr ermutigt als vorher. »Nach dem, was Sie soeben erwähnten«, fragte ich, »kann ich wohl annehmen, daß Ihre Bemühungen Erfolg hatten?« »Ja«, gab er zur Antwort. »Mit der Hilfe, die mir Mr. Jarndyce, wie Sie sich leicht denken können, wo Sie ihn so gut kennen, hat angedeihen lassen.« »Der Himmel segne ihn dafür«, sagte ich und reichte Mr. Woodcourt die Hand, »und der Himmel segne Sie in allem Ihrem Tun.« »Ihr Segenswunsch wird mir ein Sporn sein; er wird mich meine neuen Pflichten wie ein mir von Ihnen vertrautes heiliges Amt betrachten lassen.« »Ach, Richard!« rief ich unwillkürlich aus. »Was wird aus ihm werden, wenn Sie fort sind?« »Ich brauche jetzt noch nicht zu gehen, und würde ihn auch nicht verlassen, wenn ich jetzt fort müßte, liebe Miß Summerson.« Noch einen andern Gegenstand mußte ich berühren, fühlte ich, ehe er mich verließ. Ich wußte, daß ich seiner Liebe, die ich nicht annehmen konnte, nicht würdiger sein würde, wenn ich es unterließ. »Mr. Woodcourt«, sagte ich also, »es wird Sie gewiß freuen, aus meinem Munde, ehe ich Ihnen gute Nacht sage, zu hören, daß ich in der Zukunft, die so klar und hell vor mir liegt, glücklich und sorgenlos sein und nichts zu beklagen und nichts zu wünschen haben werde.« Es freue ihn wirklich von ganzer Seele, das zu hören, gab er zur Antwort. »Von Kindheit an«, fuhr ich fort, »bin ich der Mittelpunkt der unerschöpflichen Güte des besten aller Menschen gewesen. Ich bin durch jedes Band von Zuneigung, Dankbarkeit und Liebe so fest an ihn geknüpft, daß alles, was ich im Laufe eines ganzen Lebens tun könnte, nicht imstande wäre, die Gefühle eines einzigen Tages auszudrücken.« »Ich teile diese Gefühle«, entgegnete er. »Sie sprechen von Mr. Jarndyce.« »Sie kennen seine hohen Eigenschaften, Mr. Woodcourt, aber wenige sind imstande, die Größe seines Charakters so zu kennen wie ich. Aber alle seine schönsten und besten Eigenschaften sind mir noch nie in glänzenderem Lichte erschienen als in der Aussicht auf die Zukunft, in der ich mich so glücklich fühle, und wenn Sie ihm noch nicht die höchste Verehrung und Achtung zollten, so würden Sie es jetzt, glaube ich, nach dieser Versicherung tun, und infolge des Gefühls, das Sie meinetwegen für ihn empfinden müßten.« Er antwortete mit Innigkeit, ich wisse gar nicht, wie hoch er Mr. Jarndyce schätzte, und ich reichte ihm abermals die Hand. »Gute Nacht!« sagte ich. »Leben Sie wohl...!« »Das erste, bis wir uns morgen wiedersehen; das zweite als einen Abschied von diesem Gegenstand für uns auf immer?« »Ja.« »Also, gute Nacht! Leben Sie wohl!« Er ging, und ich stand an dem dunkeln Fenster und sah auf die Straße hinaus. Seine Liebe hatte mich in ihrer Treue und ihrem Edelsinn so sehr überwältigt, daß er noch keine Minute von mir fort war, als mich all meine Kraft verließ und ein Tränenstrom die Straße vor meinem Blick verhüllte. Aber es waren nicht Tränen des Schmerzes und der Trauer. Nein. Er hatte mich die Geliebte seiner Seele genannt und gesagt, ich würde ihm immer so teuer bleiben wie jetzt, und diese Worte erfüllten mein Herz mit einem solch seligen Frohlocken, daß ich glaubte, es müsse zerspringen. Ich hatte mein inneres Gleichgewicht wieder gefunden. Es war nicht zu spät, seine Worte zu hören, denn es war nicht zu spät, von ihnen zur Hochherzigkeit, zur Wahrheit, zur Dankbarkeit und zur Zufriedenheit angespornt zu werden. Wie eben war mein Weg; wie viel ebener als der seinige! 62. Kapitel Noch eine Entdeckung Ich hatte nicht den Mut, an diesem Abend jemanden zu sehen, nicht einmal den Mut, mich selbst im Spiegel zu sehen, denn ich fürchtete, den Anblick meiner verweinten Augen wie einen Vorwurf zu empfinden. Ich ging im Finstern in mein Zimmer hinauf und betete im Finstern und legte mich im Finstern schlafen. Ich brauchte kein Licht, um meines Vormundes Brief noch ein Mal durchzulesen; konnte ich ihn doch auswendig. Ich nahm ihn aus meiner Schublade und wiederholte mir seinen Inhalt im Geiste bei seinem eignen hellen Licht reiner Liebe und schlief mit dem Briefe neben mir auf dem Kissen ein. Ich stand des Morgens sehr zeitig auf und machte mit Charley einen Spaziergang. Wir kauften Blumen für den Frühstückstisch und kamen wieder nach Hause und stellten sie in die Vasen und waren so geschäftig wie möglich. Wir wurden mit allem so frühzeitig fertig, daß ich vollauf Zeit hatte, Charley noch vor dem Frühstück ihre Lektion zu geben, und meine kleine Zofe, die in der Grammatik noch immer nicht recht sattelfest war, bestand die Prüfung mit Auszeichnung, und wir klappten ruhmbedeckt unsre Bücher zu. Als mein Vormund eintrat, sagte er: »Wahrhaftig, kleines Frauchen, du siehst ja frischer aus als deine Blumen!« Und Mrs. Woodcourt rezitierte und übersetzte eine Stelle aus dem Mewlinwillinwodd, in der sie mich mit einem sonnenbeschienenen Berge verglich. Das alles war so hübsch und erfreulich für mich, daß ich hoffe, es machte mich dem Berge ein wenig ähnlicher, als ich es vorher gewesen war. Nach dem Frühstück schäfterte ich ein bißchen herum, um nicht untätig zu sein, und bemerkte dabei, daß mein Vormund allein in seinem Zimmer – dem Zimmer von gestern abend – saß. Ich benutzte meine Würde als Wirtschafterin als einen Vorwand, hineinzugehen, und machte die Türe hinter mir zu. »Nun, Hausmütterchen?« sagte mein Vormund. – Die Post hatte ihm mehrere Briefe gebracht, und er war mit Schreiben beschäftigt. – »Du brauchst Geld!« »O nein, ich habe noch eine ganze Menge.« »Es hat wohl noch nie ein Hausmütterchen gegeben, das mit Geld so lange ausgekommen wäre.« Er legte seine Feder hin, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sah mich nachdenklich an. Wie genau kannte ich jeden Zug seines milden menschenfreundlichen Gesichtes, aber noch nie glaubte ich soviel Liebe und Güte darin gesehen zu haben. – Ein Glanz von Glück lag darauf, daß ich mir unwillkürlich dachte: er muß diesen Morgen etwas ganz besonders Segensreiches getan haben. Er hatte sein altes Benehmen mir gegenüber bisher unverändert beibehalten. Ich liebte es an ihm so sehr, daß ich, als ich jetzt zu ihm ging und mich, wie so oft, wenn ich mit ihm plauderte, ihm vorlas oder an einer Stickerei arbeitete, neben ihn setzte, mich fast fürchtete, seine Seelenruhe zu stören, indem ich an seine Herzensangelegenheit rührte. Aber wie ich fand, überraschte es ihn gar nicht. »Lieber Vormund«, fing ich an, »ich möchte dich gerne etwas fragen. Bin ich in irgend etwas säumig gewesen?« »Säumig gewesen, mein Kind?« »War ich vielleicht nicht so, wie ich beabsichtigte, seitdem ich dir die Antwort auf deinen Brief brachte, Vormund?« »Du bist mir alles gewesen, was ich nur wünschen konnte, mein Liebling!« »Ich freue mich wirklich von Herzen, das zu hören. Du weißt, du fragtest mich, ob ich die Herrin von Bleakhaus sein wolle? Und ich sagte ja.« »Ja«, sagte mein Vormund und nickte freudig. Er hielt seinen Arm um mich geschlungen, als ob er mich vor etwas beschützen müßte, und sah mir lächelnd ins Gesicht. »Seit damals haben wir nie wieder über diese Sache gesprochen. Nur ein einziges Mal, Vormund.« »Und damals sagte ich, Bleakhaus wird einsam, und das ist es auch geworden, mein Liebling.« »Und ich sagte«, erinnerte ich ihn schüchtern, »aber seine Herrin bleibt.« Er hielt mich immer noch mit seinem Arm beschützend, dieselbe strahlende Herzensgüte auf seinem Gesicht, umschlungen. »Lieber Vormund«, sagte ich, »ich weiß, wie sehr du alles, was geschehen ist, mit mir gefühlt hast und wie rücksichtsvoll du gewesen bist. Da es schon so lange her ist und du erst diesen Morgen äußertest, daß ich wieder wohlauf sei, so erwartest du vielleicht, daß ich von der Sache anfange. Ich glaube, es ist dies meine Pflicht. Ich will die Herrin von Bleakhaus sein, wann du wünschest.« »Schau nur«, entgegnete er heiter, »welche Gedankengleichheit zwischen uns herrscht! Den armen Richard vielleicht ausgenommen, hat mir nichts so sehr auf dem Herzen gelegen. Als du hereintratest, war ich ganz damit beschäftigt. Wann soll Bleakhaus seine Herrin bekommen, Frauchen?« »Wann du wünschest.« »Nächsten Monat?« »Nächsten Monat, lieber Vormund.« »Der Tag, an dem ich den glücklichsten und besten Schritt meines Lebens tun, der Tag, an dem ich der glücklichste und beneidenswerteste Mensch auf der Welt sein werde, der Tag, an dem ich Bleakhaus seine kleine Herrin gebe, soll also nächsten Monat sein?« Ich umarmte und küßte ihn, gerade wie an dem Tage, wo ich ihm eine Antwort überbracht hatte. Das Dienstmädchen öffnete die Tür, um Mr. Bucket zu melden, was ganz unnötig war, denn er blickte ihr bereits über die Achsel. »Mr. Jarndyce und Miß Summerson«, sagte er etwas außer Atem, »ich bitte um Verzeihung, wenn ich störe, aber würden Sie mir vielleicht erlauben, jemanden herausbringen zu lassen, der auf der Treppe wartet und sich dort zu bleiben weigert, weil er befürchtet, daß wir hinter seinem Rücken über ihn sprechen könnten? Ja? Ich danke. – Sie sind wohl so gut und bringen diesen Stuhl da herauf, nicht wahr?« Er winkte über das Treppengeländer hinunter. Auf diese eigentümliche Aufforderung hin wurde ein alter Mann in einem schwarzen Hauskäppchen, der nicht gehen konnte, von ein paar Männern heraufgetragen und im Zimmer niedergesetzt. Mr. Bucket schickte die Träger fort, machte geheimnisvoll die Türe zu und schob den Riegel vor. »Nun, sehen Sie, Mr. Jarndyce«, fing er an, setzte seinen Hut hin und eröffnete seinen Vortrag mit seinem mir unvergeßlichen Hin- und Herbewegen seines Zeigefingers, »Sie kennen mich, und Miß Summerson kennt mich. Dieser Herr kennt mich ebenfalls, und sein Name ist Smallweed. Eskomptieren ist sein Hauptgeschäft, und er 'macht in Wechseln' wie man so sagt. Nicht wahr, so ungefähr verhält sich die Sache«, sagte Mr. Bucket und beugte sich ein wenig zu dem alten Herrn herab, der sehr mißtrauisch gegen ihn zu sein schien. Mr. Smallweed wollte offenbar lebhaft widersprechen, wurde aber durch einen heftigen Hustenanfall daran verhindert. »Sehen Sie, das ist die Strafe!« sagte Mr. Bucket, sich den Anfall zunutze machend. »Widersprechen Sie nicht, wo es nicht nötig ist, und Sie werden solche Anfälle nicht bekommen. – Mr. Jarndyce, hören Sie zu, was ich Ihnen sage. Ich habe mit diesem Herrn im Auftrage Sir Leicester Dedlocks, Baronet, unterhandelt und bin in diesen und andern Sachen bei ihm viel aus- und eingegangen. Wo er jetzt wohnt, wohnte früher ein gewisser Krook, ein Hadernhändler und Verwandter von ihm, den Sie, wenn ich nicht irre, bei Lebzeiten gekannt haben?« Mein Vormund bejahte. »Gut! Sie müssen nun wissen, daß dieser Herr hier Krooks Hinterlassenschaft geerbt hat. Sie sah der Hinterlassenschaft einer Elster ziemlich ähnlich. Unmassen Makulatur befanden sich darunter. Mein Gott, alter Plunder, zu nichts nütze!« – Die Verschmitztheit in Mr. Buckets Blick und die meisterhafte Weise, in der er uns, ohne daß sein mißtrauischer Zuhörer auch nur gegen eines seiner Worte oder eine einzige Geste hätte protestieren können, zu verstehen zu geben wußte, daß er die Sache nach vorherigem Übereinkommen darstellte und uns viel mehr von Mr. Smallweed sagen könnte, wenn er es für ratsam fände, sagten uns, daß wir auf der Hut sein müßten. Die Sache wurde ihm dadurch noch schwieriger gemacht, daß Mr. Smallweed nicht nur äußerst mißtrauisch, sondern auch halb taub war und jede seiner Mienen mit der schärfsten Aufmerksamkeit beobachtete. – »Unter diesem Haufen alter Papiere stöbert nun dieser Herr, als er die Erbschaft antritt, natürlich herum. Sie verstehen.« »Was tut er? Sagen Sie das noch ein Mal«, rief Mr. Smallweed mit schriller, dünner Stimme. »Fängt darin herumzustöbern an«, wiederholte Mr. Bucket. »Als kluger Mann und gewohnt, Ihre Angelegenheiten selbst zu besorgen, fangen Sie an, in den Papieren herumzustöbern; oder nicht?« »Natürlich tue ich das«, schrie Mr. Smallweed. »Natürlich tun Sie es«, sagte Mr. Bucket in unbefangenem Konversationston. »Und es wäre unverantwortlich von Ihnen, wenn Sie es nicht täten. Und so finden Sie zufällig, nicht wahr?« fuhr Mr. Bucket fort und beugte sich mit einer schelmischen Miene, in die Mr. Smallweed nichts weniger als einstimmte, über ihn, »und so finden Sie zufällig ein Papier, das die Unterschrift eines gewissen Jarndyce trägt, nicht wahr?« Mr. Smallweed blickte uns mit unruhigen Augen an und drückte widerwillig seine Beistimmung aus. »Und wie Sie sich dieses Papier gelegentlich und in aller Muße – alles zu seiner Zeit, denn Sie sind gar nicht neugierig, i, wo wären Sie denn – besehen, was ist es anders als ein Testament, nicht wahr? Es ist ein Mordsjux«, sagte Mr. Bucket so heiter, als ob er einen Witz erzählte, der aber Mr. Smallweed durchaus keinen Spaß zu machen schien. »Wirklich und wahrhaftig ein Testament, was?« »Na ja, wahrscheinlich wird's ein Testament oder was ähnliches sein«, knurrte Mr. Smallweed. Mr. Bucket sah einen Augenblick den Alten, der in seinem Stuhl zu einem wahren Bündel zusammengesunken war, an, als hätte er ihn am liebsten am Kragen gepackt, beugte sich aber gleich darauf wieder mit freundlicher Miene über ihn und warf uns dabei aus den Augenwinkeln einen listigen Blick zu. »Natürlich bereitet Ihnen das einigermaßen Unruhe, denn Sie haben ein sehr zartes Gewissen.« »He? was sagen Sie, soll ich haben?« fragte Mr. Smallweed, die Hand am Ohr. »Ein sehr zartes Gewissen.« »Ho! Gut, weiter!« »Und da Sie ziemlich viel von einem berühmten Kanzleigerichtsfall wegen eines Testaments unter gleichem Namen gehört haben und überdies wissen, was für ein Mordskerl Krook war, wenn es galt, allen möglichen alten Kram und Bücher und Papiere und sonstigen Plunder aufzukaufen und zusammenzuhamstern, und daß er sich beständig bemühte, von selber lesen zu lernen, so wird allmählich in Ihnen die Befürchtung wach – und mehr Grund dazu haben Sie vielleicht in Ihrem ganzen Leben noch nicht gehabt –, Donnerwetter, wenn ich mich da nicht sehr in acht nehme, kann ich wegen dieses Testaments noch verdammt in Ungelegenheiten kommen.« »Jetzt geben Sie gefälligst acht, Bucket, auf jedes Wort«, unterbrach der Alte voll Aufregung und hielt die Hand ans Ohr. »Heraus damit, aber keine von Ihren Höllenschwefelstreichen. Verstanden! Heben Sie mich in die Höhe; ich muß es besser hören. – O Gott, er schüttelt mich in Stücke!« Mr. Bucket hatte ihn allerdings mit einem unsanften Ruck in die Höhe gehoben, und Mr. Smallweed hustete und jammerte giftig: »Oh, meine Knochen! O Gott! Ich habe keinen Atem mehr im Leibe! Mir ist schlimmer zumute als der schnatternden Höllenschwefelhexe zu Hause.« Dann fuhr Mr. Bucket in derselben gemütlichen Weise wie früher fort. »Und da ich viel bei Ihnen aus und ein gehe, so ziehen Sie mich natürlich ins Vertrauen, nicht wahr?« – Ich glaube nicht, daß jemand etwas mit größerem Widerwillen und galliger zugeben könnte, als Mr. Smallweed dies jetzt tat. Er verriet dadurch offenkundig, daß Mr. Bucket der Allerletzte gewesen wäre, den er aus freien Stücken ins Vertrauen gezogen hätte. »Und ich gehe die Sache in Ruhe mit Ihnen durch und bestätige Ihre wohlbegründete Befürchtung, daß Sie in eine höchst fatale Lage geraten können, wenn Sie das Testament nicht herausgeben«, sagte Mr. Bucket mit Nachdruck. »Und so kommen Sie denn mit mir überein, es dem jetzt hier anwesenden Mr. Jarndyce ohne alle Bedingungen auszuhändigen. Wenn es von Wert sein sollte, so überlassen Sie ihm die Belohnung; so war's ungefähr, was?« »So haben wir's vereinbart«, stimmte Mr. Smallweed mit demselben Unwillen wie früher bei. »Infolge dieses Übereinkommens«, fuhr Mr. Bucket fort, gab sein gemütliches Wesen jetzt auf einmal auf und wurde streng geschäftsmäßig, »haben Sie das Testament mit hierhergebracht, und das einzige, was Ihnen noch zu tun übrig bleibt, ist, es herauszugeben!« Nach einem schnellen Seitenblick auf uns streckte Mr. Bucket, nachdem er sich die Nase triumphierend mit seinem Zeigefinger gerieben, die Augen auf seinen vertrauten Freund geheftet, die Hand aus, um das Dokument in Empfang zu nehmen und es meinem Vormund zu übergeben. Erst nach vielem Sträuben und wortreichen Beteuerungen, daß er ein armer fleißiger Mann sei und es ganz Mr. Jarndyces Ehrenhaftigkeit überlasse, ihn nicht zu Schaden kommen zu lassen, brachte Mr. Smallweed allmählich und langsam aus der Brusttasche ein beflecktes und vergilbtes Papier, das auf der Außenseite sehr versengt und an den Rändern ein wenig angebrannt aussah, als wäre es vor langer Zeit ins Feuer geworfen und hastig wieder herausgerissen worden, zum Vorschein. Ohne eine Sekunde Zeit zu verlieren, jonglierte es Mr. Bucket mit der Gewandtheit eines Taschenspielers aus Mr. Smallweeds Händen. Als er es meinem Vormund reichte, flüsterte er ihm hinter der vorgehaltenen Hand zu: »Waren nicht einig, wie sie ihren Preis machen sollten. Zankten sich darüber und hielten nicht reinen Mund. Ich habe zwanzig Pfund daran gewendet. Zuerst verrieten ihn die geizigen Enkelkinder, weil er so unvernünftig lange lebte, und dann wurden sie untereinander uneins. Gott, in der ganzen Familie ist keiner, der nicht den andern für ein paar Pfund verkaufen würde, außer der alten Dame, die zu blödsinnig ist, um noch schachern zu können.« »Mr. Bucket«, sagte mein Vormund laut, »ich bin Ihnen zu größtem Dank verpflichtet; was immer der Wert dieses Papiers auch sein mag – wenn es überhaupt von Wert ist –, so werde ich selbstverständlich Mr. Smallweed angemessen entlohnen.« »Nicht nach Ihren Verdiensten, müssen Sie wissen«, sagte Mr. Bucket freundschaftlich erläuternd zu Mr. Smallweed. »Sie brauchen jedoch deswegen keine Angst zu haben. Nach seinem Werte!« »Ja, das meine ich damit«, sagte mein Vormund. »Sie werden bemerken, Mr. Bucket, daß ich für meinen Teil mich enthalte, das Dokument zu prüfen. Die einfache Wahrheit ist, daß ich mich seit vielen Jahren verschworen habe, mich meinerseits um die Sache so wenig wie möglich zu kümmern. Sie ist mir in der Seele zuwider. Miß Summerson und ich werden das Papier sofort und ohne Verzug meinem Rechtsbeistand in dieser Sache übergeben, und sein Inhalt soll allen Beteiligten unverzüglich bekannt gemacht werden.« »Sie hören, was Mr. Jarndyce sagt. Anständiger kann man nicht handeln«, bemerkte Mr. Bucket zu seinem Begleiter. »Und da es Ihnen jetzt klar sein wird, daß niemandem Unrecht geschehen kann – was für Ihr Gewissen ein großer Trost sein muß –, so können wir Sie ja wieder nach Hause bringen.« Er riegelte die Tür auf, rief die Träger, wünschte uns guten Morgen und entfernte sich mit einem bedeutungsvollen Blick und einem Abschiedswink seines Zeigefingers. Wir gingen auf der Stelle nach Lincoln's-Inn. Mr. Kenge war gerade unbeschäftigt und saß an seinem Tisch in seinem staubigen Zimmer mit den ausdruckslos aussehenden Büchern und den Stößen von Akten. Nachdem Mr. Guppy uns Stühle gebracht, sprach Mr. Kenge sein Erstaunen und seine Freude über den ungewöhnlichen Besuch Mr. Jarndyces in seiner Kanzlei aus. Er spielte mit seinem zusammengelegten Augenglas und war mehr als je Konversations-Kenge. »Ich hoffe, daß der wohltuende Einfluß Miß Summersons« – er verbeugte sich gegen mich – »Mr. Jarndyce vermocht hat« – er verbeugte sich gegen ihn –, »einigermaßen seine Abneigung gegen einen Prozeß und gegen einen Gerichtshof fallen zu lassen, die, darf ich sagen, ihren Platz in der stattlichen Reihe der Grundpfeiler unsres Berufs einnehmen?« »Ich möchte eher glauben«, entgegnete mein Vormund, »daß Miß Summerson zu viel von den Wirkungen des Gerichtshofs und des Prozesses gesehen hat, um sich noch zu ihren Gunsten verwenden zu können. Dennoch sind sie zum Teil der Grund meines Hierseins. Mr. Kenge, ehe ich dieses Papier auf Ihren Schreibtisch lege und es damit ein für alle Mal aus den Händen gebe, erlauben Sie mir; daß ich Ihnen erzähle, wie es in meinen Besitz kam.« Und er legte es ihm kurz und bestimmt auseinander. »Man hätte es nicht einfacher und bestimmter klarlegen können, wenn es ein Rechtsfall gewesen wäre«, sagte Mr. Kenge. »So? Ist denn englisches oder römisches Recht wirklich so einfach und klar?« »O pfui!« sagte Mr. Kenge. Anfangs schien er dem Dokument keine große Wichtigkeit beizulegen; aber als er es in die Hand nahm, erwachte sein Interesse, und als er es aufgemacht und ein Stück davon durch sein Augenglas gelesen hatte, geriet er in großes Erstaunen. »Mr. Jarndyce«, sagte er und blickte meinen Vormund an. »Sie kennen doch seinen Inhalt?« »Ich habe es nicht gelesen«, entgegnete mein Vormund. »Aber, mein werter Herr«, rief Mr. Kenge, »es ist ein Testament von einem späteren Datum als alle bisher im Prozeß bekannt gewordenen. Es scheint auch von des Testators eigner Hand zu sein. Und selbst wenn die Absicht vorlag, es zu vernichten, was nach den Brandspuren anzunehmen ist, so ist es doch nicht vernichtet. Es ist eine vollkommene Urkunde!« »Gut!« sagte mein Vormund. »Und inwiefern hat das für mich Interesse?« »Mr. Guppy!« rief Mr. Kenge laut zur Türe hinaus. »Ich bitte, entschuldigen Sie, Mr. Jarndyce.« »Sir?« »Mein Kompliment an Mr. Vholes in Symond's-Inn. Jarndyce kontra Jarndyce. Würde mir sehr angenehm sein, mit ihm zu sprechen.« Mr. Guppy verschwand. »Sie fragen mich, inwieweit diese Urkunde Sie angeht, Mr. Jarndyce? Wenn Sie dieses Dokument gelesen hätten, würden Sie wissen, daß es Ihren Anteil erheblich vermindert, wenn er auch immer noch sehr beträchtlich bleibt«, erklärte Mr. Kenge mit einem abgerundeten und beredten Schwenken der Hand. »Sie würden ferner daraus ersehen, daß die Anteile Mr. Richard Carstones und Miß Ada Clares, jetzt Mrs. Richard Carstones, darin wesentlich höher bedacht sind.« »Kenge«, sagte mein Vormund, »wenn das ganze große Vermögen, das der Prozeß vor dieses abscheuliche Kanzleigericht geschleppt hat, meinen beiden jungen Verwandten zufallen könnte, wäre mir das das Liebste. Aber Sie werden mich doch nicht glauben machen wollen, daß aus Jarndyce kontra Jarndyce irgend etwas Gutes entspringen könnte?« »Aber! Mr. Jarndyce! Vorurteil, Vorurteil! Verehrter Herr, England über alles. England hat nicht seinesgleichen. Sein Prozeßsystem ist ein ganz außerordentliches System, ein wirklich außerordentliches. Wahrhaftig, Sie können mir das glauben!« Mein Vormund sagte weiter nichts. Mr. Vholes erschien und hüllte sich vor Mr. Kenges größerem advokatorischem Ruf in Bescheidenheit. »Wie geht es Ihnen, Mr. Vholes? Wollen Sie so gut sein, hier neben mir Platz zu nehmen und dieses Dokument durchzulesen?« Mr. Vholes tat, wie gewünscht, und schien jedes Wort durchzubuchstabieren. Es schien ihn durchaus nicht in Aufregung zu versetzen; aber im Grunde regte ihn ja überhaupt nichts auf. Als er das Dokument gründlich geprüft hatte, zog er sich mit Mr. Kenge in ein Fenster zurück, hielt seinen schwarzen Handschuh vor den Mund und sprach sehr ausführlich mit seinem Kollegen. Es wunderte mich nicht, daß Mr. Kenge sich geneigt zeigte, ihm zu widersprechen, kaum daß er angefangen hatte, denn ich wußte, daß über keinen Punkt von »Jarndyce kontra Jarndyce« zwei Personen miteinander einig sein konnten. Aber er schien doch gegen Mr. Kenge in einem Gespräch recht zu behalten, das, soweit man einzelne Worte verstehen konnte, nur aus Ausdrücken wie Generalkasse, Generalrechnungsführer, Kostgeld, Konkursmasse und Spesen bestand. Als sie fertig waren, traten sie wieder an Mr. Kenges Tisch und sprachen laut. »Nun, das ist doch gewiß ein sehr bemerkenswertes Dokument, Mr. Vholes?« sagte Mr. Kenge. »Ein sehr bemerkenswertes Dokument«, bestätigte Mr. Vholes. »Und ein sehr wichtiges Dokument, nicht wahr, Mr. Vholes?« Abermals wiederholte Mr. Vholes: »Ein sehr wichtiges Dokument.« »Und wie Sie sehr richtig sagen, Mr. Vholes, wird diese Entdeckung, wenn die Sache in der nächsten Sitzung auf die Tagesordnung kommt, eine unerwartete und interessante Wendung in den Prozeß bringen«, sagte Mr. Kenge und warf meinem Vormund einen stolzen Blick zu. Mr. Vholes fühlte sich als kleiner aufstrebender Advokat geschmeichelt, seine Meinung von einem so angesehenen Kollegen bestätigt zu hören. »Und wann findet die nächste Tagfahrt statt?« fragte mein Vormund nach einer Pause, während der Mr. Kenge in der Tasche mit losem Geld geklimpert und Mr. Vholes an seinen Pickeln gezupft hatte, und stand auf. »Die nächste Session ist nächsten Monat, Mr. Jarndyce. Natürlich werden wir auf der Stelle alles Nötige hinsichtlich dieses Dokumentes veranlassen und die erforderlichen Evidenzen zusammenstellen und Ihnen ordnungsgemäß über den Stand der Sache berichten.« »Welcher Nachricht ich natürlich meine gewohnte Aufmerksamkeit angedeihen lassen werde, Mr. Kenge.« »Also immer noch, mein verehrter Herr, selbst mit Ihrem aufgeklärten Geist, in den Vorurteilen der großen Menge befangen?« sagte Mr. Kenge, während er uns durch die Kanzlei zur Türe begleitete. »Wir sind ein aufblühender Staat, Mr. Jarndyce! Wir sind ein großes Land, Mr. Jarndyce, ein sehr großes Land! Unser System ist ein groß angelegtes System, Mr. Jarndyce, und wünschen Sie etwa, daß ein großes Land ein kleines System haben solle? Doch gewiß nicht!« Er sagte dies oben an der Treppe und bewegte dabei seine Hand wie eine silberne Kelle, wie um den Zement seiner Worte an das Gebäude des Systems zu werfen und es für tausend Generationen gegen Verwitterung zu schützen. 63. Kapitel Stahl und Eisen Georges Schießgalerie steht zu vermieten, und die Utensilien werden verkauft, und George selbst ist nach Chesney Wold übergesiedelt, wo er Sir Leicester auf seinen Spazierritten begleiten und dicht neben ihm reiten muß, weil der alte Herr sein Pferd nur mit unsicherer Hand leiten kann. Aber heute ist George anders beschäftigt. Heute reist er weiter nördlich in die Eisendistrikte, um sich umzusehen. Und je weiter nördlich in die Eisendistrikte er kommt, desto weniger frische grüne Wälder sind zu sehen, und Kohlengruben und Schlackenberge, hohe Essen und rote Ziegelmauern, verdorrtes Grün, sengende Feuer und eine schwere, unveränderliche Rauchwolke zieren die Landschaft. In einer solchen Umgebung reitet der Kavallerist die Straße entlang und sieht sich häufig um, wie jemand, der etwas sucht. Endlich, an der berußten Kanalbrücke einer geschäftigen Stadt, in der alles klingt wie Eisen und mehr Feuer und Rauch zu sehen ist, als ihm bis jetzt vor Augen gekommen ist, hält er, geschwärzt von dem Staube der Kohlenstraßen, sein Pferd an und fragt einen Arbeiter, ob ihm der Name Rouncewell bekannt sei. »Da könnte ich gerade so gut meinen eignen vergessen haben«, meint der Arbeiter. »So bekannt ist er hier, Kamerad?« »Rouncewell? Das will ich meinen!« »Und wo könnte ich ihn wohl finden?« fragt der Kavallerist und blickt suchend umher. »Das Lager, die Fabrik oder das Haus?« wünscht der Arbeiter zu wissen. »Hm! Die Rouncewells sind allem Anscheine nach so groß«, brummt der Kavallerist vor sich hin und streicht sich das Kinn, »daß ich fast Lust hätte, wieder umzukehren. Hm, ich weiß eigentlich nicht, wohin ich gehen soll. Meinen Sie wohl, daß ich Mr. Rouncewell in der Fabrik finde?« »Nicht leicht zu sagen, wo Sie ihn finden. – Um diese Zeit des Tages werden Sie entweder ihn oder seinen Sohn dort finden, wenn er in der Stadt ist; aber er ist oft auf Geschäftsreisen.« »Und wo ist die Fabrik?« Ob er die Schornsteine dort, die höchsten, sehe? Ja, er sieht sie. Nun, diese Schornsteine soll er im Auge behalten, so geradeaus reiten, wie er kann, und dann werde er sie am Ende einer Straße links, umgeben von einer Mauer von Ziegelsteinen, die die eine Seite der Straße bilde, zu Gesicht bekommen. Das sei Rouncewells Fabrik. Der Kavallerist dankt dem Manne, reitet langsam weiter und läßt seine Blicke umherschweifen. Er kehrt nicht um, wie er einen Augenblick vorhatte, sondern steigt in einem Wirtshaus ab, wo ein paar von Rouncewells Leuten zu Mittag essen, wie ihm der Hausknecht sagt. Ein Teil von Rouncewells Arbeiterschaft macht eben Mittagspause und scheint die ganze Stadt zu überschwemmen. Sie sind sehr muskulös und stark, auch ein wenig rußig, Mr. Rouncewells Arbeiter. Er erreicht einen Torweg in der Mauer von Ziegelsteinen, blickt hinein und sieht einen großen Wirrwarr von Eisen in jeder Stufe der Vollendung und in einer unendlichen Verschiedenartigkeit von Formen daliegen; Stangen, Blech, Tafeln, Kessel, Achsen, Räder, Zapfen, Kurbeln, Schienen; – Eisen, in seltsame und wunderliche Formen zu einzelnen Maschinenteilen gedreht, und große Berge von Brucheisen, vor Alter verrostet; Öfen, im Hintergrund, wo es, noch jung, glüht und kocht; helles Feuerwerk von sprühendem Eisen, das unter den Schlägen des Dampfhammers Funken umherspritzt; rotglühendes Eisen, weißglühendes Eisen, schwarzkaltes Eisen; ein Geschmack von Eisen, ein Geruch von Eisen, und ein tausendstimmiger Wirrwarr von Klängen von Eisen. »Da könnte einem ja der Kopf in Stücke gehen«, brummt der Kavallerist und sieht sich nach einem Kontor um. »Wer kommt da? So ungefähr sah ich auch aus, ehe ich fortlief. Das dürfte mein Neffe sein, wenn sich Ähnlichkeit in den Familien fortpflanzt. – Ihr Diener, Sir.« »Ihrer, Sir. Suchen Sie jemanden?« »Entschuldigen Sie, Sie sind der junge Mr. Rouncewell, glaube ich?« »Ja.« »Ich suche Ihren Vater, Sir. Ich möchte gern ein paar Worte mit ihm sprechen.« Der junge Mann sagt Mr. George, daß er die Zeit gut getroffen habe, denn der Vater sei anwesend, und führt ihn nach dem Kontor. »Verdammt ähnlich, wie ich damals war!« denkt der Kavallerist, wie er ihm folgt. Sie kommen zu einem Hofgebäude, in dessen oberem Stockwerk sich ein Bureau befindet. Mr. George wird sehr rot, als er den Herrn unter dem Fenster erblickt. »Was für einen Namen soll ich meinem Vater nennen?« fragt der junge Mann. George, den Kopf voller Eisen, gibt verzweifelt zur Antwort: »Stahl«, und wird unter diesem Namen gemeldet. Er bleibt allein mit dem Herrn im Kontor, der an einem mit Rechnungsbüchern und Plänen bedeckten Tisch sitzt. Es ist ein schmuckloses Zimmer mit kahlem Fenster, und wenn man herunter sieht, erblickt man nichts als Eisen. Auf dem Tische liegen einige Stücke Eisen wirr durcheinander, zu verschiedenen Zeiten ihres Dienstes zertrümmert, um ihre Beschaffenheit zu zeigen. Eisenstaub überall; schwer sieht man den Rauch durch die Fenster aus den hohen Schornsteinen hervorqualmen und sich mit dem eines halb im Dunst versteckten Babylons anderer Schornsteine mischen. »Ich stehe zu Diensten, Mr. Stahl«, sagt der Herr, als der Besuch einen rostbefleckten Stuhl genommen hat. »Mr. Rouncewell«, beginnt George, vorgebeugt, den linken Arm aufs Knie gelegt und den Hut in der Hand, und weicht dem Auge seines Bruders aus, »ich fürchte fast, mit meinem gegenwärtigen Besuch eher zudringlich als willkommen zu erscheinen. Ich habe in früheren Jahren bei den Dragonern gedient, und einer meiner Kameraden, den ich ziemlich gern hatte, war, wenn ich nicht irre, ein Bruder von Ihnen. Ich glaube, Sie hatten einen Bruder, der seiner Familie viel Kummer machte und fortlief?...« »Heißen Sie auch wirklich Stahl?« entgegnet der Eisenwerksbesitzer mit veränderter Stimme. Der Kavallerist stockt und blickt ihn an. Sein Bruder springt auf, ruft ihn beim Namen und ergreift seine beiden Hände. »Du bist zu rasch für mich!« ruft der Kavallerist, und Tränen treten ihm in die Augen. »Was machst du, mein lieber alter Junge? Ich hätte nie gedacht, daß du dich auch nur halb so sehr freuen würdest, mich zu sehen. Wie geht dir's, mein lieber alter Junge, wie geht dir's?« Sie schütteln sich die Hände und umarmen einander immer und immer wieder, und der Kavallerist wiederholt immer noch mechanisch seine Frage, wie geht dir's, mein lieber alter Junge, und beteuert, daß er nie geglaubt hätte, sein Bruder würde sich auch nur halb so freuen, ihn wieder zu sehen! »Weit entfernt davon, dachte ich natürlich gar nicht daran, mich zu erkennen zu geben«, erklärt er nach einem ausführlichen Bericht, wie es ihm die ganze Zeit über ergangen. »Ich dachte, wenn du meinen Namen nur irgend mit Nachsicht anhörtest, würde ich mich vielleicht allmählich dazu entschließen können, dir einen Brief zu schreiben. Aber ich wäre durchaus nicht überrascht gewesen, wenn du es als eine nichts weniger als angenehme Nachricht aufgenommen hättest, von mir zu hören.« »Wir werden dir zu Hause schon zeigen, wie wir es aufnehmen, George«, entgegnet der Eisenwerksbesitzer. »Es ist heute ein großer Tag bei uns, und du hättest an keinem besseren ankommen können, du sonnenverbrannter alter Soldat. Ich treffe heute mit meinem Sohn Watt eine Übereinkunft, daß er heute über ein Jahr ein so schönes und gutes Mädchen heiraten darf, wie du je eins auf deinen Reisen gesehen hast. Sie reist morgen mit einer deiner Nichten nach Deutschland ab, um ihre Erziehung zu vollenden. Wir feiern heute die Sache, und du sollst der Held des Festes sein.« Diese Aussicht überwältigt Mr. George anfangs so vollkommen, daß er die angetragene Ehre mit großer Entschlossenheit zurückweist. Seinem Neffen – dem er seine Beteuerungen wiederholt, daß er sich nie hätte träumen lassen, sie würden sich so freuen, ihn wiederzusehen – und seinem Bruder gelingt es jedoch endlich, ihn zu überreden, und sie bringen ihn nach einem eleganten Hause, in dessen ganzer Einrichtung sich eine angenehme Mischung der ursprünglichen einfachen Bedürfnisse von Vater und Mutter und der Gewohnheiten zeigt, die der veränderten Lebensstellung und der besseren Erziehung der Kinder angepaßt sind. Mr. George wird sehr bestürzt vor den Reizen und der Bildung seiner gegenwärtigen Nichten und der Schönheit Rosas, seiner zukünftigen Nichte, und den liebreichen Begrüßungen dieser jungen Damen, die er halb im Traum entgegennimmt; arg beschämt ihn auch das ehrerbietige Benehmen seines Neffen, und er fühlt sich so recht als Taugenichts der Familie. Aber es herrscht so großer Jubel, soviel Freude, und alles ist so gemütvoll und ungezwungen, daß er sich als alter gerader Soldat durchhilft. Sein Versprechen, zur Hochzeit zu kommen und die Braut wegzugeben, wird mit allgemeiner Freude aufgenommen. Es ist ihm noch ganz wirr im Kopf, als er sich in das Staatsbett in seines Bruders Haus legt und über alle diese Sachen nachdenkt und seine Nichten – wie wundervoll sie abends waren in ihren wallenden Musselinkleidern – im Geiste über die Bettdecke deutsche Reigen tanzen sieht. Die Brüder haben am nächsten Morgen in dem Zimmer des Eisenwerksbesitzers ein Privatgespräch miteinander, und der ältere setzt in seiner klaren verständigen Weise auseinander, wie er George am besten in seinem Geschäft verwenden könne, aber George drückt ihm die Hand und unterbricht ihn. »Bruder, ich danke dir Millionen Mal für dein mehr als brüderliches Willkommen, und noch Millionen Mal für deine mehr als brüderlichen Absichten, aber ich habe mich bereits entschieden. Ehe ich ein Wort darüber sage, möchte ich dich gerne in einer Familienangelegenheit zu Rate ziehen. – Auf welche Weise«, sagt der Kavallerist, verschränkt die Arme und blickt seinen Bruder, felsenfest entschlossen, sich nicht überreden zu lassen, an, »auf welche Weise wäre meine Mutter zu bewegen, mich auszustreichen?« »Ich verstehe nicht recht, was du meinst, George«, entgegnet der Eisenwerksbesitzer. »Ich meine, Bruder, wie meine Mutter zu bewegen wäre, mich auszustreichen? Sie muß irgendwie dazu gebracht werden.« »Dich aus ihrem Testament zu streichen, glaube ich, meinst du?« »Natürlich! Mit einem Wort«, sagt der Kavallerist und schlägt seine Arme noch entschlossener übereinander, »ich meine, mich ausstreichen.« »Lieber George, ist es wirklich so unumgänglich notwendig, daß das geschieht?« »Unbedingt! Wenn es nicht geschieht, wäre es eine Gemeinheit von mir gewesen, zurückzukommen. Ich würde bestimmt eines Tages wieder ausreißen. Ich habe mich nicht zu Hause wieder eingeschlichen, um deinen Kindern, wenn nicht dir, ihre Rechte zu rauben. Ich, der ich die meinigen längst verwirkt habe! Wenn ich bleiben und offen jedem ins Gesicht sehen soll, muß ich gestrichen werden. Rede doch! Du bist ein Mann von anerkanntem Scharfsinn und kannst mir sagen, wie es anzufangen ist.« »Ich kann dir sagen, George«, entgegnet der Eisenwerksbesitzer bedächtig, »wie es nicht anzufangen ist, was, hoffe ich, dem Zweck ebensogut entsprechen wird. Sieh unsre Mutter an, denke an sie, rufe dir ihre Ergriffenheit zurück, als sie dich wiederfand. Glaubst du wirklich, irgendeine Rücksicht auf der Welt könne sie dazu bringen, ihrem Lieblingssohne so etwas anzutun ? Glaubst du, es wäre eine Aussicht auf ihre Beistimmung vorhanden, die nur im mindesten den Schmerz aufwiegen könnte, den ihr der Vorschlag verursachen würde? Wenn du das glaubst, so irrst du dich. Nein, George! Du mußt dich damit abfinden, unausgestrichen zu bleiben. Ich glaube« – auf dem Gesicht des Eisenwerksbesitzers zeigt sich ein verschmitztes Lächeln, wie er seinen Bruder beobachtet, der, aufs tiefste enttäuscht, nachsinnt – »ich glaube aber doch, du könntest die Sache fast ebensogut einrichten, als ob es geschehen wäre.« »Wieso, Bruder?« »Wenn du schon so darauf erpicht bist, so kannst du ja alles, was du zu erben das Unglück haben wirst, wem du willst, testamentarisch vermachen.« »Das ist wahr!« sagt der Kavallerist und sinnt wieder nach. Dann fragt er angelegentlich und ergreift seines Bruders Hand, »möchtest du das nicht deiner Frau und deiner Familie sagen?« »Aber mit Vergnügen.« »Ich danke dir. Du könntest vielleicht sagen, daß ich zwar zweifellos ein Vagabund, aber ein Vagabund aus Abenteuerlust und nicht aus Gemeinheit bin.« Der Eisenwerksbesitzer unterdrückt sein verschmitztes Lächeln und nickt ernsthaft. »Ich danke dir. Danke dir wirklich. Mir fällt damit ein Stein vom Herzen«, sagt der Kavallerist und atmet tief auf. »Aber lieber wär's mir gewesen, sie hätte mich ausgestrichen.« Die Brüder sehen sich sehr ähnlich, wie sie so einander gegenübersitzen, aber eine gewisse massive Einfachheit und Weltunkenntnis zeichnen den Kavalleristen aus. »Nun also zu meinen Plänen«, fährt er fort und schüttelt seine Verstimmung ab. »Du bist so brüderlich gewesen, mir vorzuschlagen, hier zu bleiben und einen Platz unter den Früchten deiner Ausdauer und deines Verstandes einzunehmen. Ich danke dir herzlich. Das ist mehr als brüderlich, und wirklich, ich danke dir von Herzen dafür«, er schüttelt ihm lange und warm die Hand. »Aber, um nur bei der Wahrheit zu bleiben, Bruder, ich – ich bin eine Art Unkraut, und es ist zu spät, mich in einen gepflegten Garten zu verpflanzen.« »Lieber George«, entgegnet der Eisenwerksbesitzer und wendet ihm lächelnd seine breite feste Stirn zu, »das ist meine Sache. Laß mich nur machen.« George schüttelt den Kopf. »Du könntest es, wenn überhaupt jemand, daran zweifle ich nicht. Aber es ist unausführbar. Es geht nicht, Bruder! Andrerseits trifft es sich, daß ich Sir Leicester Dedlock seit seiner Krankheit – die ihn infolge seines Unglücks in der Familie befallen hat – ein wenig von Nutzen sein kann. Er nimmt diese Hilfe lieber von dem Sohne unsrer Mutter an als von irgendeinem andern.« »Allerdings, lieber George«, entgegnet Mr. Rouncewell, während ein leichter Schatten sein offenes Gesicht überfliegt, »wenn du vorziehst, in Sir Leicester Dedlocks Leibgarde zu dienen...« »So ist's, Bruder!« unterbricht ihn der Kavallerist und legt die Hand wieder auf die Knie. »So ist's! Dir gefällt der Gedanke nicht recht, aber für mich ist es das Beste. Du bist nicht gewohnt, dir kommandieren zu lassen; ich bin es. Alles um dich her ist in vollständiger Ordnung und Disziplin; bei mir muß alles in Ordnung und unter Disziplin gehalten werden. Wir betrachten die Sache von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Ich sage weiter nichts von meinen Soldatenmanieren, weil ich mich gestern abend wirklich wohl befunden habe, und ich glaube auch nicht, daß man sich hier daran stoßen würde, wenn man sich einmal dran gewöhnt hätte, aber es ist am besten, ich lasse mich in Chesney Wold – wo mehr Platz für ein Stück Unkraut, wie ich bin, ist – nieder, und unsre gute alte Mutter wird es überdies glücklich machen. Deshalb will ich Sir Leicester Dedlocks Anerbieten annehmen. Wenn ich nächstes Jahr wiederkomme, um die Braut wegzugeben, oder wenn ich sonst wiederkomme, werde ich verständig genug sein, um die Leibgardenbrigade im Hintertreffen zu halten und sie nicht auf deinem Terrain manövrieren zu lassen. – Nochmals, ich danke dir herzlich und denke mit Stolz an die Rouncewells, deren Haus du begründen wirst.« »Du mußt dich am besten kennen, George«, sagt der Eisenwerksbesitzer und erwidert den Händedruck seines Bruders, »und vielleicht kennst du mich besser als ich mich selbst. Tue, was du willst. Schon, damit wir nicht wieder auseinanderkommen.« »Nun, das ist wohl nicht zu befürchten!« entgegnet der Kavallerist. »Aber ehe ich wieder heim reite, Bruder, möchte ich dich bitten – wenn du so gut sein willst –, einen Brief für mich durchzusehen. Ich habe ihn mit hierher genommen, um ihn von hier aus abzuschicken, da der Name Chesney Wold die Person, an die er geschrieben ist, wahrscheinlich schmerzlich berühren würde. Ich bin nicht sehr ans Korrespondieren gewöhnt, und gerade an diesem Briefe liegt mir sehr viel, da er zugleich offenherzig und zartfühlend sein soll.« Mit diesen Worten gibt er dem Eisenwerksbesitzer einen Brief, mit etwas blasser Tinte, eng, aber mit einer hübschen runden Hand geschrieben, zu lesen: »Miß Esther Summerson. Da mir Inspektor Bucket mitteilte, daß man unter den Papieren einer gewissen Person einen an mich gerichteten Brief gefunden habe, so nehme ich mir die Freiheit, Sie in Kenntnis zu setzen, daß es sich bloß um eine schriftliche Instruktion aus dem Auslande handeln kann, in der stand, wann, wo und wie ich einen beigeschlossenen Brief an eine junge und schöne Dame, die damals unverheiratet in England lebte, abgeben sollte. Ich habe damals alles genau befolgt. Ich nehme mir außerdem die Freiheit, Sie in Kenntnis zu setzen, daß man mir dieses Papier, nur um eine Handschrift damit zu vergleichen, abverlangte, und daß ich es auch dazu nicht herausgegeben hätte, obgleich es mir unter den in meinem Besitz befindlichen als das harmloseste erschien, wenn man mir nicht die Pistole auf die Brust gesetzt hätte. Ich nehme mir ferner die Freiheit, zu erwähnen, daß, wenn ich hätte vermuten können, ein gewisser unglücklicher Herr sei noch am Leben gewesen, ich nicht eher geruht haben würde, als bis ich ihn entdeckt und meinen letzten Pfennig mit ihm geteilt hätte. Nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern, glauben Sie mir, aus alter Anhänglichkeit. Aber er war (dienstlich) als ertrunken gemeldet worden und fiel tatsächlich nachts in einem irischen Hafen von einem eben erst aus Westindien angekommenen Transportschiff über Bord, wie ich sowohl von Offizieren wie von der Mannschaft des Schiffes gehört habe. Der Fall ist übrigens, soviel ich weiß, auch später (dienstlich) bestätigt worden. Ich nehme mir außerdem die Freiheit, zu versichern, daß ich in meiner bescheidenen Eigenschaft als Gemeiner stets Ihr ergebenster Diener bin und immer bleiben werde und die hohen Eigenschaften, die Sie besitzen, über alles und weit mehr, als es die gegenwärtigen Zeilen ausdrücken können, schätze. Ich habe die Ehre zu unterzeichnen George.« »Etwas förmlich«, bemerkt der ältere Bruder und faltet den Brief mit etwas verwirrter Miene wieder zusammen. »Enthält aber doch nichts, was man nicht einem Muster von einer jungen Dame schreiben könnte?« »Durchaus nichts.« Der Brief wird also versiegelt und mit unter die Eisenkorrespondenz des Tages gelegt, um auf die Post gebracht zu werden. Sodann nimmt Mr. George herzlichen Abschied von der Familie und macht sich fertig und sattelt sein Pferd. Sein Bruder möchte jedoch noch gern ein wenig mit ihm beisammen sein und schlägt ihm vor, ihn in einem leichten offenen Wagen nach dem Orte zu bringen, wo er zu übernachten gedenkt, und dort bis zum Morgen bei ihm zu bleiben, während ein Bedienter mit dem alten Grauschimmel von Chesney Wold vorausreitet. Der Vorschlag wird bereitwillig angenommen, und es folgt eine gemütliche Fahrt, ein gemütliches Abendessen und ein gemütliches Frühstück in brüderlicher Eintracht. Dann schütteln sie sich noch ein Mal lange und herzlich die Hände und scheiden; der Eisenwerksbesitzer wendet sein Gesicht dem Rauch und den Essen wieder zu und der Kavallerist dem frischgrünen Lande. Zeitig des Nachmittags hört man den gedämpften Schall seines schweren militärischen Trabes auf dem Rasen in der Allee, wie er, im Geiste mit Säbel und Küraß rasselnd und klirrend, unter den alten Ulmen dahinreitet. 64. Kapitel Esthers Erzählung Eines Morgens, kurz nach unsrer letzten Unterredung, drückte mir mein Vormund ein versiegeltes Kuvert in die Hand und sagte: »Das ist für nächsten Monat, mein Kind.« Ich fand zweihundert Pfund darin. In aller Ruhe begann ich alle nötigen Vorbereitungen zu treffen und richtete mich dabei nach dem Geschmack meines Vormundes, den ich natürlich ganz genau kannte. Auch bei Beschaffung meiner Garderobe nahm ich darauf Bedacht und hoffte, daß mir alles gut gelingen sollte. Ich besorgte alles ganz im geheimen, weil ich von meiner alten Befürchtung nicht vollkommen frei war, Ada könne meinetwegen bekümmert sein, und weil mein Vormund ebenfalls nicht weiter davon sprach. Ich nahm an, daß wir jedenfalls in aller Stille getraut werden würden. Vielleicht würde ich nur zu Ada zu sagen haben: Mein Liebling, möchtest du nicht morgen zu unserm Hochzeitsmahl kommen? Vielleicht würde unsre Trauung ebenso bescheiden sein wie die ihrige, und ich brauchte ihr nicht eher etwas zu sagen, als bis alles vorbei war. Ich dachte, wenn ich zu bestimmen hätte, würde ich es so arrangieren. Nur Mrs. Woodcourt gegenüber machte ich eine Ausnahme. Ich sagte ihr, daß ich in Bälde meinen Vormund heiraten würde und daß wir schon seit einiger Zeit verlobt wären. Sie billigte dies höchlichst. Sie konnte nicht genug um mich sein und war gegen früher, als wir sie zuerst kennen gelernt hatten, merkwürdig sanft geworden. Es gab keine Mühe, der sie sich nicht meinetwegen unterzogen hätte; aber ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich ihr nur soviel zu machen gestattete, als gerade unumgänglich nötig war, sie ihren guten Willen beweisen zu lassen. Natürlich durfte ich bei all dem meinen Vormund nicht vernachlässigen, und auch mein Herzenskind nicht. Immerhin hatte ich also sehr viel zu tun – was mir ganz angenehm war –, und was Charley betraf, so kam sie vor lauter Näherei gar nicht mehr zum Vorschein. Sich mit großen Haufen von Garderobestücken – Körbe und Tische voll – zu umgeben und ein wenig daran zu arbeiten und sehr viel Zeit darauf zu verwenden, mit großen runden Augen das anzusehen, was noch zu machen war, und sich einzureden, sie habe alle Hände voll zu tun, das waren so Charleys große Würden und Freuden. Was das Testament anbetraf, muß ich sagen, konnte ich mit meinem Vormund nicht recht derselben Meinung sein und hatte einige sanguinische Hoffnungen auf »Jarndyce kontra Jarndyce« gesetzt. Wer von uns recht hatte, mußte sich bald zeigen. Ich meinesteils war jedenfalls hoffnungsfroh gestimmt. Bei Richard hatte die Entdeckung einen Anfall von Geschäftigkeit und Aufregung zur Folge, der ihn eine Zeitlang aufrecht erhielt, aber die wirkliche Elastizität der Hoffnung schien er verloren zu haben und nur mehr in fieberischer Wartestimmung zu sein. Aus einer Äußerung meines Vormundes, als wir eines Tages von dieser Sache sprachen, schloß ich, daß unsre Vermählung erst nach dem Beginn der angekündigten Session stattfinden sollte, und ich malte mir meine Hochzeitsfeier um so schöner aus, als ich hoffte, dann Richard und Ada bereits in besseren Umständen zu wissen. Die Tagfahrt stand schon sehr nahe bevor, als mein Vormund eine Reise nach Yorkshire in Mr. Woodcourts Angelegenheiten machte. Er hatte mir schon früher gesagt, daß seine Anwesenheit notwendig sein würde. Ich war gerade eines Abends von meiner lieben Ada nach Hause gekommen und saß mitten unter allen meinen neuen Kleidern, sah sie mir an und dachte über allerlei nach, als ich einen Brief von ihm erhielt. Er forderte mich darin auf, zu ihm zu kommen, bezeichnete mir die Kutsche, mit der ich fahren und zu welcher Stunde des Morgens ich die Stadt verlassen müßte. Er setzte in einer Nachschrift hinzu, daß ich nur wenige Stunden von Ada weg sein würde. Ich war damals auf nichts weniger als auf eine Reise gefaßt, aber in kurzer Zeit machte ich mich fertig und fuhr mit dem Schlag der bezeichneten frühen Morgenstunde ab. Ich reiste den ganzen Tag und grübelte wohl ununterbrochen, wozu man mich in Yorkshire brauchen würde; einmal dachte ich mir dies, dann wieder jenes aus, aber nie kam ich der Wahrheit nahe. Es war Nacht, als ich das Ziel meiner Reise erreichte, und mein Vormund erwartete mich. Das war mir eine große Erleichterung, denn gegen Abend hatte ich zu fürchten angefangen – um so mehr, da sein Brief nur kurz gewesen war –, daß er krank sein könnte. Ich fand ihn jedoch so wohl wie nur möglich, und als ich sein gutmütiges Gesicht wieder vor Freundlichkeit strahlen sah, sagte ich mir, daß er gewiß wieder heimlich eine gute Tat verrichtet haben müßte. Es gehörte kein großer Scharfsinn dazu, denn sein Hiersein war schon an und für sich eine gute Tat. Das Abendessen stand im Gasthof bereit, und als wir bei der Tafel saßen, sagte er: »Bist gewiß sehr neugierig, kleines Frauchen, warum ich dich hierher gerufen habe.« »Nun ja«, gab ich zu, »ich halte mich zwar für keine Fatime und dich für keinen Blaubart, aber neugierig bin ich doch ein wenig.« »Nun, damit du ruhig schlafen kannst, mein Liebling«, entgegnete er heiter, »wollen wir nicht erst bis morgen warten, um es dir zu sagen. Es hat mir immer sehr auf dem Herzen gelegen, Woodcourt irgendwie meinen Dank für seine Menschlichkeit gegenüber dem armen unglücklichen Jo und für die unschätzbaren Dienste, die er Richard und uns allen geleistet hat, zu beweisen. Als es ausgemacht war, daß er hierher ziehen würde, fiel es mir ein, ihn zu bitten, ein anspruchsloses und passendes Häuschen, worin er wohnen könnte, von mir anzunehmen. Deshalb gab ich den Auftrag, ein solches zu suchen, und es hat sich wirklich eins unter sehr annehmbaren Bedingungen gefunden, und ich habe es für ihn herrichten und bewohnbar machen lassen. Als ich nun vorgestern Nachricht erhielt, daß es fertig sei, und es mir ansehen kam, fand ich, daß ich doch nicht Wirtschaftskenntnisse genug besäße, um zu wissen, ob alles so sei, wie es sein müßte. Ich schickte daher nach der besten kleinen Hausfrau, die nur zu haben ist, damit sie ihr Urteil ausspräche und ihren Rat erteilte. Und da sitzt sie«, sagte mein Vormund, »und lacht und weint schon wieder in einem Atem!« Weil er so lieb, so gut, so bewunderungswürdig war. Ich versuchte, ihm zu sagen, wie sehr es mich ergriff, konnte aber kein Wort über die Lippen bringen. »Still, still!« sagte er. »Du machst zu viel Aufhebens davon, kleines Frauchen. Wie du schluchzst, schluchzst, Mütterchen, wie du schluchzst!« »Vor unaussprechlicher Freude, aus dankerfülltem Herzen.« »Nun, nun, schon gut, schon gut«, besänftigte er mich. »Es freut mich, daß du es billigst. Ich dachte es mir gleich. Es sollte eine angenehme Überraschung für die kleine Herrin von Bleakhaus sein.« Ich küßte ihn und trocknete mir die Tränen. »Ich weiß es!« sagte ich. »Ich habe seit langer Zeit auf deinem Gesicht gelesen, daß du so etwas Ähnliches vorhattest.« »So? Hast das wirklich, mein Liebling?« fragte er. »Nein, wie gut Mütterchen Durden einem etwas vom Gesicht ablesen kann!« Er lächelte verschmitzt heiter, daß ich bald wieder fröhlich war und mich fast schämte, es nicht gleich von Anfang gewesen zu sein. Als ich zu Bett ging, weinte ich. Ich muß gestehen, ich weinte; aber ich hoffe, es war vor Freude, wenn ich mir auch dessen nicht ganz gewiß bin. Ich wiederholte mir im Geist jedes Wort des Briefes, den er mir damals geschrieben, zwei Mal. Ein wunderschöner Sommermorgen folgte diesem Abend, und nach dem Frühstück gingen wir Arm in Arm nach dem Hause, über das ich mein gewichtiges Hausfrauenurteil abgeben sollte. Wir traten durch eine Tür in einer Mauer, zu der mein Vormund den Schlüssel hatte, in einen Blumengarten, und das erste, was ich sah, war, daß die Beete und Blumen alle so angeordnet waren wie die in Bleakhaus. »Du siehst, mein Kind«, bemerkte er und blieb mit erfreutem Gesicht stehen, um mich zu beobachten, »da ich keine bessere Einteilung kannte, habe ich deine nachgemacht.« Wir gingen durch einen hübschen kleinen Obstgarten, wo die Kirschen aus dem grünen Laube hervorglänzten und der Schatten der Apfelbäume auf dem Rasen zitterte, nach dem Hause – einem Häuschen, einem ganz ländlichen Häuschen mit Zimmern wie für Puppen. Ein so allerliebster Ort, so still und so schön, mit so fruchtbarer und freundlicher Gegend rings umher, mit glänzenden Wassern im Hintergrunde, hier von frischem Sommergrün überschattet, dort eine brausende Mühle drehend, dann wieder in der Nähe glitzernd durch eine Wiese fließend, an der heitern Stadt vorbei, wo Ballspieler sich in munteren Gruppen sammelten und über einem weißen Zelt eine Fahne wehte, mit der der linde Westwind spielte. Und überall, wie wir durch die hübschen Zimmer und zu den kleinen ländlichen Verandatüren hinaus und unter dem niedlichen hölzernen Säulengang, von Waldrebe, Jasmin und Jelängerjelieber umschlungen, gingen, sah ich in den Tapeten, in den Farben des Hausrats und in der Anordnung aller der hübschen Gegenstände meine kleinen Arrangements und Erfindungen, die sie immer so belachten und in den Himmel hoben, kurz, ganz meinen eigenen Geschmack berücksichtigt. Ich konnte nicht genug meine Bewunderung ausdrücken, wie schön alles war, mich aber eines geheimen inneren Zweifels nicht erwehren, als ich es sah. Ich dachte, wird es Mr. Woodcourt glücklich machen? Würde es nicht für seinen Seelenfrieden besser sein, wenn ihn nicht alles so an mich erinnerte? Wenn ich auch nicht das war, wofür er mich hielt, so liebte er mich doch innig, das wußte ich, und es mußte ihn alles hier schmerzlich an das mahnen, was er verloren zu haben glaubte. Ich wünschte ja nicht, daß er mich vergäße – vielleicht würde er es auch ohne diese Erinnerungen nicht tun –, aber mein Weg war leichter als der seine, und ich hätte mich selbst damit aussöhnen können, wenn es ihn nur glücklicher gemacht hätte. »Und jetzt, kleines Frauchen«, sagte mein Vormund, den ich nie so stolz und froh gesehen hatte, als wie er mir dies alles zeigte und beobachtete, welchen Eindruck es auf mich machte, »nun kommt das letzte, der Name des Hauses.« »Und wie heißt es, lieber Vormund?« »Liebes Kind», sagte er, »sieh selbst nach.« Er führte mich nach der Eingangspforte, der er bis jetzt ausgewichen war, und fragte mich, indem er stillstand, ehe wir hinausgingen: »Liebes Kind, du errätst wirklich den Namen nicht?« »Nein!« sagte ich. Wir gingen zur Pforte hinaus; und darüber stand geschrieben: »Bleakhaus« Er führte mich zu einer Laubenbank in der Nähe, setzte sich neben mich, ergriff meine Hand und sprach: »Mein Herzenskind, bei dem, was zwischen uns bestanden hat, habe ich, wie ich hoffe, wahrhaft dein Glück im Auge gehabt. Als ich dir den Brief schrieb, auf den du selbst die Antwort brachtest«, – er lächelte, wie er davon sprach – »hatte ich mein eignes Glück wohl sehr im Auge, aber das deinige auch. Ob ich unter andern Verhältnissen den alten, von mir so oft, als du fast noch ein Kind warst, geträumten Traum erneuern würde, dich einmal zu meiner Gattin zu machen, brauche ich mich nicht zu fragen. Ich erneuerte ihn und schrieb meinen Brief, und du brachtest die Antwort. Verstehst du, mein Kind, was ich meine?« Mich fröstelte, und ich zitterte heftig, verlor aber kein Wort von dem, was er sprach. Wie ich dasaß und ihn fest ansah und die Sonnenstrahlen durch das Laub hindurch auf sein Haupt fielen, kam es mir vor, als ob der Glorienschein um ihn wie der Glanz der Engel sein müßte. »Höre mir zu, mein Liebling, aber sprich jetzt nicht. Die Reihe zu sprechen ist an mir. Wann ich anfing zu zweifeln, ob das, was ich beabsichtigte, dir wirklich zum Glück gereichen würde, tut nichts zur Sache. Woodcourt kam zurück, und ich hatte bald keinen Zweifel mehr.« Ich schlang meine Arme um ihn, barg mein Haupt an seiner Brust und weinte. »Bleib hier still und vertrauensvoll ruhen, mein Kind«, sagte er und drückte mich sanft an sich. »Ich bin jetzt dein Vormund und dein Vater wieder. Bleib hier ruhen.« Besänftigend wie das leise Rauschen der Blätter, ruhig wie die Sommerluft und heiter und strahlend wie der Sonnenschein, fuhr er fort: »Versteh mich recht, mein liebes Kind. Ich zweifelte nie, daß du zufrieden und glücklich an meiner Seite sein würdest, wo du so voller Pflichttreue und Hingebung bist, aber ich sah auch, mit wem du glücklicher sein müßtest. Daß ich sein Geheimnis durchschaute, als unser Hausmütterchen noch nichts davon ahnte, ist kein Wunder – kannte ich doch alles Gute an ihr, das immer bleiben wird, viel besser als sie selbst. Allan Woodcourt hat mir schon längst sein Vertrauen geschenkt, wenn ich ihn auch erst gestern wenige Stunden vor deiner Ankunft in meine Pläne einweihte. Aber meiner Esther glänzendes Beispiel durfte nicht verloren gehen; es durfte kein Jota ihrer hohen Eigenschaften ungesehen und ungeehrt bleiben; sie durfte in dem Geschlechte der Morgan-ap-Kerrigs nicht bloß geduldet werden, nein, nicht um soviel Gold wie alle Berge von Wales zusammen!« Er hielt inne, um mich auf die Stirn zu küssen, und ich schluchzte und weinte von neuem. Ich glaubte die schmerzliche Wonne seines Lobes nicht ertragen zu können. »Still, kleines Frauchen! Weine nicht; heute soll ein Tag der Freude sein. Ich habe mich Monate und Monate darauf gefreut«, sagte er frohlockend. »Nur noch ein paar Worte, Mütterchen, und ich habe gesagt, was ich zu sagen habe. Entschlossen, auch kein Atom des Wertes meiner Esther verloren gehen zu lassen, nahm ich mir Mrs. Woodcourt besonders vor. 'Hören Sie, Madam', sagte ich, 'ich sehe klar – und weiß es außerdem auch –, daß Ihr Sohn mein Mündel liebt. Ich weiß auch, daß mein Mündel Ihren Sohn liebt, aber ihre Liebe einem Gefühl der Pflicht und der Hingebung opfern will, und zwar so vollständig und so unselbstsüchtig, daß Sie es nie ahnen werden, wenn Sie sie auch Tag und Nacht beobachten.' Dann erzählte ich ihr unsre ganze Geschichte –unsre, deine und meine. 'Nun mache ich Ihnen den Vorschlag, Madam', sagte ich, 'besuchen Sie uns, nachdem Sie dies erfahren haben, und wohnen Sie bei uns. Kommen Sie zu uns und sehen Sie mein Kind zu jeder Stunde; halten Sie das, was Sie sehen, gegen ihren Stammbaum, der so und so ist', – ich verschmähte, ihr etwas zu verhehlen – 'und sagen Sie mir, was echtes, reines Blut ist, wenn Sie sich die Sache recht ordentlich überlegt haben.'« Aber Ehre sei ihrem alten welschen Blute, meine Liebe!« rief mein Vormund voll Begeisterung. »Ich glaube, ihr Herz schlägt nicht weniger warm, nicht weniger bewundernd, nicht weniger liebevoll für Mütterchen Durden als mein eignes!« Er hob zärtlich meinen Kopf in die Höhe und küßte mich auf seine alte väterliche Weise wieder und wieder. Welch ein Licht ging mir jetzt auf, wenn ich an die Beschützermiene dachte, die mir so oft an ihm aufgefallen war! »Und noch ein letztes Wort. Als Allan Woodcourt mit dir sprach, meine Liebe, geschah es mit meinem Wissen und meiner Zustimmung – aber ich ermutigte ihn in keiner Weise, durchaus nicht, denn diese kleinen Überraschungen waren meine große Belohnung, und ich war zu geizig, um nur ein Jota davon zu missen. Er sollte mir alles erzählen, was vorgegangen war, und er tat es. Ich habe weiter nichts mehr zu sagen, mein Herzlieb. Allan Woodcourt stand neben der Leiche deines Vaters – stand neben der deiner Mutter. Dies ist Bleakhaus. Heute gebe ich diesem Hause seine kleine Herrin, und ich schwöre es zu Gott, es ist der schönste Tag meines ganzen Lebens!« Er stand auf und zog mich an seine Brust. Wir waren nicht länger allein. Mein Gatte – volle sieben glückliche Jahre sind es jetzt, daß ich ihn so genannt – stand neben mir. »Allan«, sagte mein Vormund, »nehmen Sie von mir als freiwillige Gabe das beste Weib, das jemals ein Mann gehabt hat. Kann ich Ihnen mehr sagen, als daß ich weiß, daß Sie es verdienen?! Nehmen Sie mit ihr das Häuschen, das sie Ihnen zubringt. Sie wissen, wie glücklich sie es machen wird, Allan; Sie wissen, was sie für das andre Bleakhaus gewesen ist. Erlauben Sie, mich manchmal in sein Glück zu teilen, und was opfere ich dann? Nichts, nichts.« Er küßte mich noch einmal, und Tränen standen ihm im Auge, als er mit gedämpfterer Stimme sagte: »Liebe Esther, nach so vielen Jahren bedeutet dies doch eine Art Trennung. Ich weiß, daß mein Irrtum dir Schmerzen verursacht hat. Verzeihe deinem alten Vormund und räume ihm wieder seinen alten Platz in deinem Herzen ein; und lösche den Irrtum aus deinem Gedächtnis. Allan, hier, nehmen Sie mein liebes Kind hin!« Er trat unter dem grünen Blätterdach hervor in den Sonnenschein draußen, wendete sich heiter nach uns um und sagte: »Ich werde hier irgendwo in der Nähe zu finden sein. Es ist Westwind, kleines Frauchen, reiner Westwind! Es darf mir niemand mehr danken; denn ich kehre wieder zu meinen Junggesellengewohnheiten zurück, und wenn jemand auf diese Warnung nicht achtet, laufe ich fort und komme nie wieder!« Oh, dieser Tag mit seinem Glück, seiner Freude, seinem Frieden, seiner Hoffnung, seiner dankerfüllten Seligkeit! Wir sollten noch vor Ende dieses Monats getraut werden, aber der Zeitpunkt, wo wir unser Heim beziehen sollten, hing von Richard und Ada ab. Am nächsten Tage reisten wir alle drei zusammen nach Hause. Sowie wir in der Stadt angekommen waren, begab sich Allan zu Richard, um ihm und meinem Herzenskinde die freudige Botschaft zu überbringen. So spät es war, gedachte ich sie doch vor dem Schlafengehen noch auf ein paar Minuten zu besuchen, ging aber zuerst mit meinem Vormund heim, um ihm seinen Tee zu bereiten und meinen alten Platz an seiner Seite einzunehmen, denn ich wollte nicht daran denken, daß er so bald leer werden sollte. Als wir zu Hause ankamen, hörten wir, daß ein junger Mann im Laufe des Tages drei Mal nach mir gefragt hatte, und als er bei seinem dritten Besuch erfahren, daß ich nicht vor zehn Uhr abends zurückkehren würde, zurückgelassen habe, er werde um diese Zeit wiederkommen. Er hatte seine Karte drei Mal abgegeben. »Mr. Guppy.« Da ich mir natürlich über den Zweck seiner Besuche Gedanken machte und in meinen Vorstellungen immer etwas Lächerliches mit seiner Person verband, kam es dazu, daß ich meinem Vormund lachend von Mr. Guppys früherem Heiratsantrag und seinem späteren Rücktritt erzählte. »Oh, wenn sich die Sache so verhält, müssen wir diesen Helden unbedingt empfangen«, sagte mein Vormund. So wurde also Befehl gegeben, Mr. Guppy vorzulassen, wenn er wieder erscheinen sollte, und kaum war das geschehen, meldete man ihn auch schon. Er geriet sehr in Verlegenheit, als er meinen Vormund bei mir fand, faßte sich aber bald und sagte: »Wie geht es Ihnen, Sir?« »Wie geht es Ihnen, Sir?« entgegnete mein Vormund. »Ich danke Ihnen, Sir, es macht sich. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Mutter, Mrs. Guppy von Old-Street-Road und meinen Freund Mr. Weevle vorstelle. Mein Freund hat den Namen Weevle nur angenommen, wirklich und eigentlich heißt er Jobling.« Mein Vormund bat die Herrschaften, Platz zu nehmen, und alle drei setzten sich. »Tony«, begann Mr. Guppy zu seinem Freund nach einer Verlegenheitspause. »Willst du den Fall vortragen?« »Tu es doch selber«, entgegnete der Freund, ein wenig kurz angebunden. »Sehen Sie, Mr. Jarndyce, – ehüm –«, fing Mr. Guppy nach kurzem Besinnen an, zum großen Entzücken seiner Mutter, was sie dadurch an den Tag legte, daß sie Mr. Jobling einen Stoß mit dem Ellbogen versetzte und mir auf die merkwürdigste Weise mit den Augen zuzwinkerte. »Ich hoffte, Miß Summerson allein zu finden, und war auf Ihre geehrte Gegenwart nicht vorbereitet. Miß Summerson hat Ihnen vielleicht gesagt, daß bei früheren Gelegenheiten etwas zwischen uns vorgefallen ist?« »Miß Summerson hat mir allerdings eine derartige Mitteilung gemacht«, bestätigte mein Vormund lächelnd. »Das erleichtert die Sache«, sagte Mr. Guppy. »Sir, ich habe meine Lehrzeit bei Kenge \& Carboy absolviert und, wie ich glaube, zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Ich bin jetzt, nach einem Examen in einem Haufen von überflüssigem Unsinn, bei dem der Mensch blau anlaufen könnte, in der Anwaltsliste eingetragen und habe mein Zertifikat bekommen. Wenn Sie irgend wünschen sollten, kann ich es Ihnen zeigen.« »Ich danke Ihnen, Mr. Guppy«, wehrte mein Vormund ab. »Ich nehme – ich glaube, so lautet der juristische Ausdruck – die Existenz des Zertifikates als erwiesen an.« Mr. Guppy ließ also das Papier, das er eben aus der Tasche ziehen wollte, stecken und fuhr fort: »Ich selbst besitze zwar kein Kapital, aber meine Mutter hat ein kleines Vermögen in Form einer Leibrente«, – Mr. Guppys Mutter wackelte mit dem Kopfe, als ob sie sich über die Bemerkung gar nicht genug freuen könnte, hielt sich das Taschentuch vor den Mund und zwinkerte mir wieder mit den Augen zu – »und an ein paar Pfund für die Barauslagen im Geschäft – unverzinslich natürlich – wird es nie fehlen. Und das ist immerhin etwas, wie Sie wissen«, hob Mr. Guppy mit Gefühl hervor. »Gewiß, ohne Zweifel«, erwiderte mein Vormund. »Auch habe ich einige Beziehungen, hauptsächlich in der Gegend von Walcot-Square, Lambeth, und habe daher in jener Gegend ein Haus gemietet, das nach dem Urteil meiner Freunde spottbillig ist (die Abgaben lächerlich gering, und die Benutzung des unbeweglichen Besitzes im Zins mit eingeschlossen), und gedenke mich dort zu etablieren.« Bei diesen Worten nahm Mrs. Guppys Kopfwackeln geradezu bedenkliche Dimensionen an, und schelmisch lächelnd blickte sie uns der Reihe nach an. »Das Haus umfaßt sechs Räume, die Küche nicht mitgerechnet, und ist nach dem Urteil meiner Freunde eine bequeme Wohnung. Wenn ich von meinen Freunden spreche, so meine ich damit vor allem Mr. Jobling, der mich, glaube ich«, – Mr. Guppy sah ihn mit sentimentalem Gesicht an – »schon von Kindheit an kennt.« Mr. Jobling bestätigte dies mit einem Kratzfuß unter dem Stuhle. »Mein Freund Jobling wird mir seine Unterstützung als Substitut leihen und mit im Hause wohnen. Meine Mutter wird ebenfalls dort wohnen, wenn der Kontrakt ihres gegenwärtigen Quartiers in Old-Street-Road abgelaufen ist. An Gesellschaft wird es daher nicht fehlen. Mein Freund Jobling ist von Natur aristokratisch gesinnt; und außer daß er mit allem, was in den vornehmen Kreisen vorgeht, vertraut ist, teilt er die Ansichten, die ich jetzt entwickle.« Mr. Jobling bestätigte: »Gewiß«, und zog sich ein wenig aus dem Ellbogenbereich der Mutter Mr. Guppys zurück. »Da Sie Miß Summerson ins Vertrauen gezogen hat, so habe ich keine Veranlassung, Ihnen nochmals zu wiederholen – Mutter, sei so gut, und sei still –, daß Miß Summersons Bild früher meinem Herzen eingeprägt war und daß ich ihr einen Heiratsantrag machte.« »Das habe ich gehört«, entgegnete mein Vormund. »Umstände«, fuhr Mr. Guppy fort, »auf die ich keinen Einfluß hatte – sogar ganz das Gegenteil –, drängten eine Zeitlang dies Bild in den Hintergrund. Damals war Miß Summersons Benehmen höchst gentil, ich darf sogar hinzusetzen, edelmütig.« Mein Vormund klopfte mir auf die Achsel und schien sich köstlich zu amüsieren. »Ich bin nun selbst in einen solchen Gemütszustand gelangt«, sagte Mr. Guppy, »so daß ich mich meinerseits nicht weniger edelmütig zu benehmen wünsche. Es liegt mir viel daran, Miß Summerson zu beweisen, daß ich mich zu einer Höhe erheben kann, deren sie mich vielleicht kaum für fähig hält. Ich habe herausgefunden, daß das Bild, das, wie ich glaubte, aus meinem Herzen herausgerissen war, in Wirklichkeit nicht herausgerissen ist. Es übt immer noch einen gewaltigen Einfluß auf mich aus, und indem ich diesem Gefühle nachgebe, bin ich bereit, über die Verhältnisse wegzusehen, über die keiner von uns gebieten kann, und Miß Summerson den Antrag zu wiederholen, den ich die Ehre hatte, ihr früher zu machen. Ich bitte Miß Summerson hiermit um die Erlaubnis, das Haus in Walcot-Square, das Geschäft und mich selbst ihr zu Füßen legen zu dürfen.« »Ungemein edelmütig. In der Tat, Sir«, bemerkte mein Vormund. »Nun ja, Sir«, entgegnete Mr. Guppy mit Offenheit, »ich wünsche auch, edelmütig zu sein. Ich bin nicht der Ansicht, daß ich mir durch diesen Antrag bei Miß Summerson nichts vergebe. Durchaus nicht; und auch mein Freund ist dieser Ansicht. Aber doch liegen Verhältnisse vor, die ich gehorsamst bitte, als eine Art Gegenrechnung gegen etwaige kleine Mängel meinerseits in Erwägung zu ziehen, damit wir auf diese Weise zu einem glatten und unparteiischen Abschluß gelangen.« »Ich übernehme es selbst, Sir, Ihre Miß Summerson gemachten Anträge zu beantworten«, sagte mein Vormund und griff lachend nach der Klingel. »Sie erkennt Ihre großmütige Absicht an und wünscht Ihnen guten Abend und fernerhin Wohlergehen.« »Oh!« sagte Mr. Guppy mit verblüfftem Gesicht. »Heißt das soviel wie Annahme oder Verwerfung oder eventuelle Inbetrachtnahme?« »Entschieden Verwerfung, wenn Sie gestatten«, entgegnete mein Vormund. Mr. Guppy sah ratlos abwechselnd seinen Freund und seine Mutter, die plötzlich sehr zornig wurde, und den Fußboden und die Decke an. »Wirklich ? – Dann, Jobling, wenn du der Freund bist, für den du dich ausgibst, solltest du eigentlich meine Mutter hinausführen und sie aus dieser Situation befreien.« Mrs. Guppy weigerte sich jedoch entschieden, hinauszugehen, und wollte nichts davon hören. »Machen Sie doch selbst, daß Sie fortkommen«, sagte sie zu meinem Vormund. »Was soll das heißen? Ist mein Sohn nicht gut genug für Sie? Sie sollten sich schämen. Machen Sie selbst, daß Sie fortkommen.« »Meine gute Frau«, entgegnete mein Vormund, »es ist doch wohl kaum vernünftig, mich aus meinem eignen Hause zu weisen.« »Mir ganz wurst«, sagte Mrs. Guppy. »Hinaus mit Ihnen. Wenn wir Ihnen net gut gnug sin, so suchen Sie sich jemand, wo Ihnen gut genug is. Gehen Sie doch und suchen Sie einen.« – Ich war ganz überrascht von der Plötzlichkeit, mit der Mrs. Guppys Lustigkeit in Angriffsstimmung umschlug. – »Gehen Sie und suchen Sie sich einen, wo gut genug für Sie is«, wiederholte Mrs. Guppy. »Schauen Sie, daß Sie hinauskommen!« wiederholte sie in einem fort. »Hinaus!« Nichts schien sie so in Erstaunen zu setzen und so sehr zum Zorn zu reizen, als daß mein Vormund absolut nicht gehen wollte. »Warum schauen Sie denn nicht, daß Sie fortkommen? Worauf warten Sie eigentlich noch?« »Mutter«, mischte sich jetzt ihr Sohn ein, der sich bis dahin immer nur stumm vor sie gestellt und sie mit einer Schulter zurückzuschieben versucht hatte, als sie auf meinen Vormund los wollte, »wirst du denn nicht endlich den Mund halten?« »Nein, William«, rief sie, »nein! Ich will nicht. Erst muß er machen, daß er fortkommt. Ich will nicht.« Mr. Guppy und Mr. Jobling nahmen schließlich die alte Dame, als sie gar zu arg zu schelten anfing, in die Mitte und brachten sie sehr gegen ihren Willen die Treppe hinunter. Ihre Stimme wurde mit jeder Stufe, die sie sie hinabschleiften, eine Oktave höher, und sie bestand beharrlich darauf, daß wir sofort gehen und jemand suchen sollten, »wo für uns gut genug wäre«, und vor allem, daß wir schauen sollten, daß wir fortkämen. 65. Kapitel Ein neues Leben Die Session hatte begonnen, und mein Vormund erhielt die Meldung von Mr. Kenge, daß sein Prozeß übermorgen zur Verhandlung kommen würde. Da ich sehr gespannt war, wie die Sache ausfallen würde, kamen Allan und ich überein, an dem bestimmten Vormittag hinzugehen. Richard war außerordentlich aufgeregt und so schwach und matt, obgleich sich immer noch keine körperliche Krankheit an ihm nachweisen ließ, daß meine gute Ada der Unterstützung gar sehr bedurfte. Aber sie hoffte auf die Hilfe, die ihr jetzt binnen so kurzem in Aussicht stand, und ließ nie den Mut sinken. Die Tagfahrt sollte in Westminster abgehalten werden. Der Prozeß war dort wohl schon hundert Mal verhandelt worden, aber ich konnte mich nicht von dem Gedanken befreien, daß es dies Mal zu einem Resultat kommen müßte. Wir eilten gleich nach dem Frühstück fort, um rechtzeitig nach der Westminsterhall zu gelangen, und gingen Arm in Arm – wie glücklich und seltsam es doch war! – durch die lebhaften Straßen dorthin. Wir besprachen gerade, was wir für Richard und Ada tun könnten, da hörte ich jemanden rufen: »Esther! liebe Esther! Esther!« Und ich sah Caddy Jellyby, wie sie mir mit dem Kopf so lebhaft aus dem kleinen Wagen winkte, den sie in letzter Zeit gemietet hatte, um damit zu ihren Schülern zu fahren, deren sie jetzt eine große Anzahl hatte, als ob sie mich aus hundert Schritt Entfernung umarmen wollte. Ich hatte ihr in einem Briefe alles erzählt, was mein Vormund getan, aber keinen Augenblick Zeit gefunden, sie zu besuchen. Natürlich kehrten wir um, und das herzensgute Kind war so entzückt und freute sich so sehr, von dem Abend sprechen zu können, wo sie mir die Blumen brachte, und war so sehr darauf erpicht, mein Gesicht – samt dem Hute – zwischen ihren Händen zu drücken und sich ganz wie außer sich zu benehmen und mir allerlei Kosenamen zu geben und Allan zu sagen, ich hätte, ich wisse gar nicht, was alles, für sie getan, daß ich mich durchaus einen Augenblick in den Wagen hineinsetzen und sie beruhigen mußte, indem ich ihre Zärtlichkeit über mich ergehen ließ. Endlich mußten wir aber doch gehen – die Zeit drängte –, und Caddy blickte uns aus dem Kutschenfenster nach, solange sie uns sehen konnte. Dadurch verspäteten wir uns etwa eine Viertelstunde, und als wir die Westminsterhall erreichten, hatte die Verhandlung schon angefangen. Überdies war im Kanzleigericht ein so ungewöhnliches Gedränge, daß die Menschen bis an der Tür standen und wir weder hören noch sehen konnten, was drin vorging. Es schien etwas Komisches zu sein, denn dann und wann hörte man ein Lachen und den Ruf: Ruhe! Auch etwas Interessanteres als gewöhnlich, denn alles stieß sich und drängte vorwärts. Daß es etwas sein mußte, was den Herren vom Fach sehr spaßhaft vorkam, ersahen wir daraus, daß verschiedne junge Advokaten mit Perücken und Backenbärten, die abseits vom Gedränge standen, sich, während einer von ihnen die Sache erzählte, mit den Händen in die Taschen fuhren und sich geradezu vor Lachen krümmten und, mit den Füßen stampfend, in der Halle herumliefen. Wir fragten einen Herrn in unsrer Nähe, ob er wisse, was für ein Prozeß verhandelt werde? Er sagte uns: »Jarndyce kontra Jarndyce.« Und ob er wüßte, wie die Sache stehe? Er sagte nein, das habe noch niemand gewußt, aber soviel er aus allem entnehmen könne, sei es vorbei damit. »Vorbei für heute?« fragten wir. »Nein«, sagte er, »vorbei für immer.« Vorbei für immer! Als wir diese überraschende Antwort hörten, sahen wir uns sprachlos vor Erstaunen an. Konnte es wirklich möglich sein, daß das neuaufgefundene Testament alles in Ordnung gebracht haben sollte und daß Richard und Ada jetzt reich seien? Es schien zu gut, um wahr zu sein. Und doch mußte es so sein. Wir hatten nicht lange zu warten, denn das Gedränge geriet bald in Bewegung, und die Leute kamen mit roten erhitzten Gesichtern, mit einer förmlichen Wolke verdorbener Luft umgeben, herausgeströmt. Sie waren immer noch sehr lustig, wie Leute, die aus eine Komödie oder von einem Taschenspieler kommen, und nicht aus einem Gerichtshof. Wir traten beiseite und warteten, ob nicht ein Bekannter darunter wäre, und sahen, wie große Pakete Akten herausgetragen wurden, Pakete in Beuteln – Bündel, zu groß, um sie in Beutel zu stecken –, unermeßliche Papiermassen, zusammengeschnürt oder lose, unter deren Gewicht die Diener wankten und die sie vorläufig aufs Geratewohl aufs Pflaster der Halle warfen, wenn sie wieder hineingingen, um immer noch neue zu holen. Auch die Diener lachten. Wir warfen einen Blick auf die Bündel, und da wir überall »Jarndyce kontra Jarndyce« lasen, fragten wir einen wie eine Amtsperson aussehenden Mann, der mitten unter ihnen stand, ob der Prozeß aus sei. »Ja«, sagte er, »endlich hat er ein Ende gefunden!« und fing auch an zu lachen. Endlich sahen wir Mr. Kenge, leutselig und würdevoll, aus dem Gericht kommen und Mr. Vholes zuhören, der sehr ehrerbietig auf ihn einsprach und seine Aktenmappe unter dem Arm trug. Mr. Vholes erblickte uns zuerst. »Hier ist Miß Summerson, Sir«, sagte er. »Und Mr. Woodcourt.« »Was seh ich! Ja. Wahrhaftig!« rief Mr. Kenge und zog vor mir mit der größten Höflichkeit den Hut. »Wie steht das werte Befinden? Freut mich außerordentlich, Sie zu sehen. Mr. Jarndyce ist nicht hier?« »Nein. Er kommt nie hierher«, erinnerte ich ihn. »Nun«, sagte Mr. Kenge, »es ist vielleicht gut, daß er heute nicht hier ist, denn seine – soll ich in meines werten Freundes Abwesenheit sagen, seine hartnäckig verfochtene Ansicht? – wäre – wenn auch nicht mit Recht – heute bestärkt worden.« »Bitte, was ist denn eigentlich geschehen?« fragte Allan. »Ich bitte um Verzeihung, wie meinen?« fragte Mr. Kenge mit ausnehmender Höflichkeit. »Was heute geschehen ist?« »Was geschehen ist?« wiederholte Mr. Kenge. »Ja so. Hm. Nun, nichts Besonderes; hm, nichts Besonderes. Wir sind zu einem Stillstand gekommen – zu einem plötzlichen Stillstand auf der – wie soll ich sagen – auf der... Soll ich es – Schwelle nennen?« »Ist das Testament als echt anerkannt, Sir?« fragte Allan. »Möchten Sie uns nicht wenigstens das sagen?« »Gewiß würde ich das tun, wenn ich könnte«, sagte Mr. Kenge, »aber wir sind der Sache nicht weiter nachgegangen, nicht weiter nachgegangen.« »Nicht weiter nachgegangen«, wiederholte Mr. Vholes mit seiner gedämpften Bauchrednerstimme wie ein fernes Echo. »Sie müssen bedenken, Mr. Woodcourt«, bemerkte Mr. Kenge und schwenkte überredend und besänftigend seine silberne Kelle, »daß dies ein großer Prozeß, ein langer Prozeß, ein verwickelter Prozeß gewesen ist. Man hat 'Jarndyce kontra Jarndyce' nicht mit Unrecht ein Denkmal der Kanzleigerichtspraxis genannt.« »Und die Geduld hat lange darauf als Statue gesessen«, sagte Allan. »Wahrhaftig, sehr gut, Sir«, entgegnete Mr. Kenge mit dem herablassenden Lächeln, das ihm eigen war. »Sehr gut! – Sie müssen ferner bedenken, Mr. Woodcourt«, – er wurde würdevoll bis zur Strenge – »daß auf die zahlreichen Schwierigkeiten, Zwischenfälle, meisterhaften Fiktionen und Einzelstadien in diesem großen Prozeß Studium, Geschicklichkeit, Beredsamkeit, Kenntnis und Geist, viel Geist, Mr. Woodcourt, verwendet worden sind. Viele Jahre lang hat 'Jarndyce kontra Jarndyce' die – äh –, ich möchte sagen, die Blüte des Advokatenstandes – und die –äh –, ich möchte mir hinzuzusetzen erlauben, die gereiften herbstlichen Früchte des richterlichen Oberhauses in Anspruch genommen. Wenn die Allgemeinheit daraus Nutzen zieht und der Staat den Ruhm dieses großartigen Zusammenwirkens von geistigen Eigenschaften, so muß dafür bezahlt werden, Sir, in Geld oder Geldeswert.« »Mr. Kenge«, sagte Allan, dem jetzt auf einmal ein Licht aufzugehen schien, »entschuldigen Sie mich, aber unsre Zeit ist gemessen. Wollen Sie damit sagen, daß die ganze Hinterlassenschaft in Kosten aufgeht?« »Hm! Ich glaube«, entgegnete Mr. Kenge. – »Mr. Vholes, was meinen Sie?« »Ich glaube auch«, bestätigte Mr. Vholes. »Und daß auf diese Weise der Prozeß sozusagen in Rauch aufgeht?« »Wahrscheinlich«, entgegnete Mr. Kenge. – »Mr. Vholes?« »Wahrscheinlich«, sagte Mr. Vholes. »Liebste Esther«, flüsterte mir Allan zu, »das bricht Richard das Herz.« In seinem Gesicht drückte sich ein so plötzlicher Schrecken aus, und er kannte Richard so durch und durch, und auch ich hatte seinen allmählichen geistigen Verfall so deutlich bemerkt, daß mir die Worte, die meine Ada mit dem vorausahnenden Blick der Liebe zu mir gesprochen hatte, wie ein Totengeläute in den Ohren klangen. »Im Falle Sie Mr. C. zu sehen wünschen sollten, Sir«, sagte Mr. Vholes, der hinter uns herkam, »so finden Sie ihn im Gerichtssaal. Ich ließ ihn dort, weil er ein wenig ruhen wollte. Guten Tag, Sir; guten Tag, Miß Summerson.« Wie er mich mit seinem langsam verzehrenden Blick ansah und dabei die Schnüre seines Aktenbeutels zusammendrehte, bevor er Mr. Kenge nacheilte, von dessen wohlwollendem Schatten er sich nicht gern zu trennen schien, schnappte er ein Mal, als schlänge er damit den letzten Bissen dieses Klienten hinunter. Dann glitt seine schwarze, zugeknöpfte, widerwärtige Gestalt hinweg nach der niedrigen Tür am Ende der Halle. »Liebes Herz«, sagte Allan, »überlaß mir auf eine kleine Weile den, den du mir so lange anvertraut hast. Geh und melde alles zu Hause und komm dann zu Ada!« Ich ließ ihn nicht erst einen Wagen holen, sondern bat ihn, ohne einen Augenblick Verzug Richard aufzusuchen und mich allein gehen zu lassen. Zu Hause angekommen, fand ich meinen Vormund vor und berichtete ihm schonend, was vorgefallen war. »Kleines Frauchen«, sagte er, seinetwegen nicht im geringsten bekümmert, »den Prozeß endlich vom Halse zu haben, ist ein segensreicheres Resultat, als ich erwartet hätte. Aber das arme, arme junge Paar!« Wir sprachen den ganzen Vormittag von Ada und Richard und berieten, was wir für sie tun könnten. Dann begleitete mich mein Vormund nach Symond's-Inn und verließ mich an der Haustür. Ich ging hinauf. Als mein Liebling mich kommen hörte, kam sie auf den schmalen Gang heraus und warf sich an meine Brust; aber gleich faßte sie sich wieder und sagte mir, daß Richard mehrmals nach mir gefragt hätte. Wie sie mir erzählte, hatte ihn Allan in einer Ecke des Gerichtssaales sitzen gefunden, starr wie ein Steinbild. Als er ihn aus seinem Grübeln weckte, war er aufgesprungen und hatte eine Bewegung gemacht, als wollte er voll Zorn sich gegen die Richter wenden, aber ein Blutsturz hatte ihn daran gehindert, und er mußte nach Hause gebracht werden. Er lag mit geschlossenen Augen auf dem Sofa, als ich eintrat. Medizinflaschen standen auf dem Tisch, das Zimmer war so luftig wie möglich gemacht und verdunkelt, sauber aufgeräumt und still. Allan stand hinter dem Kranken und beobachtete ernst sein Gesicht, in dem keine Spur von Farbe mehr war. Jetzt erst erkannte ich genau, wie hinfällig er war. Aber sein Gesicht war friedlicher, schöner, als ich es seit langem gesehen. Ich setzte mich stumm neben ihn. Bald darauf schlug er die Augen auf und sagte mit schwacher Stimme und seinem alten Lächeln: »Mütterchen Durden, küssen Sie mich!« Es war mir ein großer Trost, ihn in seinem geschwächten Zustande heiter und hoffnungsvoll zu sehen. Er sagte, unsre bevorstehende Heirat mache ihn glücklicher, als er mit Worten ausdrücken könne. Mein Bräutigam sei für ihn und für Ada ein Schutzengel gewesen, und er segne uns beide und wünsche uns alles Glück, das das Leben nur gewähren könnte. Es war mir, als müsse mir das Herz brechen, als ich ihn Allans Hand ergreifen und an seine Brust drücken sah. Wir sprachen so viel wie möglich von der Zukunft, und er sagte mehrere Male, daß er bei unsrer Hochzeit sein müsse, wenn er sich auf den Füßen halten könnte. Ada würde ihn schon irgendwie hinbringen, hoffte er. »Aber selbstverständlich, liebster Richard!« tröstete sie ihn. Aber wie sie ihm so hoffnungsvoll, so heiter und innig antwortete, aufrecht erhalten von der Hoffnung auf die Hilfe, von der sie zu mir gesprochen, da wußte ich, wie alles kommen werde. Er durfte nicht zuviel sprechen; und wenn er schwieg, schwiegen wir ebenfalls. Wie ich neben ihm saß, tat ich, als ob ich etwas für mein Herzenskind arbeitete, da es ihm immer Spaß gemacht hatte, mich wegen meines Fleißes zu necken. Ada beugte sich über sein Kissen und hielt sein Haupt in ihrem Arme. Er fiel von Zeit zu Zeit in einen Halbschlummer; und so oft er aufwachte, war seine erste Frage: »Wo ist Woodcourt«, wenn er ihn nicht gleich sah. Es war Abend geworden, als ich aufblickte und meinen Vormund in dem kleinen Vorzimmer stehen sah. »Wer ist da, Mütterchen Durden?« fragte mich Richard. Die Tür befand sich hinter ihm, aber er hatte es in meinem Gesicht gelesen, daß jemand da war. Ich fragte Allan mit den Augen, und da er ein Ja nickte, beugte ich mich über Richard und sagte es ihm. Mein Vormund sah, was vorging, trat leise an mich heran und legte seine Hand auf Richards Hand. »Ach, Vetter«, flüsterte Richard, »du bist so gut, so gut!« und brach zum ersten Mal in Tränen aus. Mein Vormund, das Bild eines guten Menschen, nahm auf meinem Stuhle Platz und ließ seine Hand in Richards Hand ruhen. »Lieber Rick«, sagte er, »die Wolken haben sich verzogen und es ist heller Tag geworden. Wir gingen alle irre, Rick, mehr oder weniger. Was liegt daran!... Und wie geht es dir, lieber Richard?« »Ich bin sehr schwach, Vetter, aber ich hoffe, ich werde bald wieder zu Kräften kommen. Jetzt heißt es ein neues Leben beginnen.« »Recht so, Rick.« »Diesmal werde ich es nicht in der alten Weise anfangen«, sagte Richard mit einem trüben Lächeln. »Ich habe jetzt eine Lehre erhalten, Vetter. Es war eine harte Lehre, aber du kannst versichert sein, daß ich sie nicht vergessen werde.« »Schon gut«, tröstete ihn mein Vormund. »Schon gut, lieber Junge!« »Ich dachte mir eben, Vetter«, fing Richard wieder an, »daß ich nichts auf Erden so gern sehen würde als – Mütterchen Durdens und Woodcourts Haus. Wenn ich dorthin gebracht werden könnte, sobald ich wieder mehr Kraft habe, glaube ich, ich würde dort früher genesen als anderswo.« »Daran habe ich auch schon gedacht, Rick!« sagte mein Vormund. »Und unser kleines Frauchen auch; sie und ich haben erst heute darüber gesprochen. Ich glaube nicht, daß ihr Bräutigam etwas dawider haben wird. Was meinen Sie, Woodcourt?« Richard lächelte und erhob den Arm und tastete nach Allan, der hinter ihm zu Häupten seines Bettes stand. »Ich sage nichts von Ada, aber ich denke an sie und habe sehr viel an sie gedacht. Sieh her! Sieh her, wie sie sich so sorgsam über das Kissen beugt, wo sie doch selbst der Ruhe so dringend bedarf! Meine heißgeliebte, meine arme Ada!« Er schloß sie in seine Arme, und keines von uns sprach ein Wort. Allmählich ließ er sie los, und sie sah uns an, blickte hinauf zum Himmel und bewegte die Lippen. »Wenn ich nach Bleakhaus komme«, flüsterte Richard, »werde ich dir viel zu erzählen haben, und wir müssen vieles besprechen. Du kommst, nicht wahr, Vetter?« »Sei überzeugt, lieber Rick.« »Ich danke dir. So bist du immer. Immer. Sie haben mir erzählt, was du alles für sie getan, und daß du nicht die kleinste ihrer Lieblingsgewohnheiten außer acht gelassen hast. Es wird mir sein, als ob ich wieder das alte Bleakhaus besuchte.« »Und auch dorthin wirst du kommen, hoffe ich, lieber Rick. Ich bin jetzt ein alleinstehender Mann, wie du weißt, und ein Besuch wird mir eine Wohltat sein. Eine Wohltat, meine Liebe«, wiederholte er, zu Ada gewendet, streichelte sanft ihr goldenes Haar und drückte eine Locke davon an seine Lippen. Ich ahnte, daß er innerlich gelobte, sich ihrer anzunehmen, wenn sie allein zurückblieb. »Nicht wahr, es war nur ein böser Traum?« sagte Richard und faßte bittend meines Vormundes beide Hände. »Nichts sonst, Rick; nichts sonst.« »Und du kannst in deiner Güte dem Träumer wirklich verzeihen, ihn bemitleiden und nachsichtig zu ihm sein und ihm Mut zusprechen, jetzt, wo er erwacht ist?« »Gewiß, mein lieber Junge. Bin ich denn nicht selbst nur ein Träumer, Rick?« »Ich will ein neues Leben anfangen«, sagte Richard, und seine Augen leuchteten. Allan trat näher an Ada heran, und ich sah, wie er feierlich die Hand erhob, um meinen Vormund vorzubereiten. »Wann werde ich diesen Ort hier mit dem schönen Lande vertauschen und die alten Zeiten wieder vor mir sehen und Kraft genug haben, zu sagen, was Ada mir gewesen ist, und imstande sein, meine vielen Fehler und meine Verblendung wieder gut zu machen und mich vorbereiten können, meinem Kind ein Führer zu sein?« sagte Richard. »Wann glaubst du, kann ich reisen?« »Lieber Rick, sowie wir wieder ein wenig bei Kräften sind«, entgegnete mein Vormund. »Ada, meine Herzens-Ada.« Er versuchte sich ein wenig zu erheben. Allan kam seinem Wunsch zuvor und hob ihn so, daß er seinen Kopf an ihre Brust legen konnte. »Ich habe dir viel Leid zugefügt, mein Alles. Ich bin wie ein armer verirrter Schatten auf deinen Lebenspfad gefallen. Ich habe dich mit Armut und Sorgen vermählt und dein Vermögen vergeudet. Vergibst du mir, meine Ada, ehe ich ein neues Leben beginne?« Ein Lächeln erhellte sein Gesicht, als sie sich niederbeugte, um ihn zu küssen. Er ließ langsam sein Gesicht an ihre Brust sinken, schlang seine Arme fest um ihren Nacken und fing mit einem Abschiedsseufzer das neue Leben an. Das Leben, das über das Grab hinausreicht und alles irdische verwischt. Abends spät, als alles still war, kam die arme verrückte Miß Flite weinend zu mir und sagte, daß sie allen ihren Vögeln die Freiheit geschenkt habe. 66. Kapitel Unten in Lincolnshire Ein Schweigen herrscht in diesen so anders gewordenen Tagen über Chesney Wold wie über einem Teil der Familiengeschichte. Das Gerücht geht, Sir Leicester habe sich die Verschwiegenheit der Leute erkauft, die sprechen könnten, wenn sie wollten, aber es ist eine flügellahme Geschichte, die nicht flügge werden kann, und ihr Lebensfunke ist bald erstorben. Nur soviel weiß man gewiß, daß die stolze Lady Dedlock im Mausoleum im Park ruht, wo sich dunkel die Bäume wölben und nachts die Eule durch den Wald schreit; aber von wo sie nach Hause gebracht worden, um unter den Echos dieses einsamen Ortes bestattet zu werden, und wie sie gestorben, das ist ein Geheimnis. Einige von ihren alten Freundinnen, vorzüglich unter den Jungfrauen mit den Pfirsichwangen und den dürren Hälsen, sagten einmal, wie sie scherzend gespensterhaft mit großen Fächern spielten – wie Jungfrauen, die mit dem grimmen Tod kokettieren müssen, weil ihnen kein andrer Liebhaber treu geblieben –, gelegentlich, als die vornehme Welt sich versammelte, sie wunderten sich, daß die Asche der Dedlocks im Mausoleum sich niemals gegen die Entweihung durch Myladys Gesellschaft erhöbe. Aber die abgeschiedenen Dedlocks nehmen es sehr ruhig hin, und man hat nie von einem Protest von ihnen gehört. Durch das Farnkraut in den Wegmulden und den Reitweg unter den Bäumen herauf nähert sich manchmal dieser einsamen Stelle der Schall von Hufschlägen. Dann erscheint Sir Leicester – gelähmt, gebeugt und fast blind, aber noch immer eine würdige achtunggebietende Erscheinung – im Sattel, und neben ihm reitet ein Mann mit Sehnen von Stahl dicht an seiner linken Hand. Und wenn sie eine gewisse Stelle vor der Tür des Mausoleums erreichen, bleibt Sir Leicesters Leibpferd von selbst stehen, und Sir Leicester entblößt schweigend das Haupt und wartet still einige Augenblicke, ehe sie weiter reiten. Der Kampf mit dem kühnen Boythorn tobt immer noch, wenn auch mit Intervallen, und bald heiß und bald schläfrig, aufflackernd wie ein unstetes Feuer. Die Wahrheit ist, daß, als Sir Leicester krank nach Lincolnshire kam, Mr. Boythorn offen den Wunsch zeigte, sein Wegerecht aufzugeben und alles zu tun, was Sir Leicester wünschte; aber Sir Leicester, der dies für Mitleid mit seiner Krankheit oder seinem Unglück hielt, nahm es so übel auf und fühlte sich in seinem Stolz so verletzt, daß Mr. Boythorn sich in die Notwendigkeit versetzt sah, das nachbarliche Gebiet offen zu verletzen, um ihn wieder zu sich selbst zu bringen. So fährt daher Mr. Boythorn fort, furchtbare Drohungen an dem umstrittenen Wege anzuschlagen und, während der Vogel auf seinem Kopf sitzt, sich in dem Heiligtum seines Hauses in leidenschaftlichen Wutausbrüchen gegen Sir Leicester zu ergehen. Auch trotzt er ihm wie vor alters in der kleinen Kirche, indem er eine vollständige Unkenntnis der Anwesenheit seines Feindes zur Schau trägt. Aber man flüstert sich zu, daß er, wenn er sich gegen seinen Gegner am wildesten ausspricht, in Wirklichkeit am rücksichtsvollsten gegen ihn ist und daß Sir Leicester in seiner Würde als unversöhnlicher Feind wenig ahnt, wie sehr man ihm zu Gefallen lebt. Ebensowenig ahnt er, in wie enger Verbindung er und Mr. Boythorn durch die Schicksale zweier Schwestern gelitten haben; und sein Gegner, der es jetzt weiß, ist der letzte, der es ihm verraten würde. So wird also der Streit zur Befriedigung beider fortgesetzt. In einem der Portiershäuser des Parks, in dem Häuschen, das man vom Fenster des Herrenhauses erblickt, wo zu jener Zeit, als das Wasser in Lincolnshire so hoch stand, Mylady das Kind des Parkwärters sah, wohnt jetzt der sehnige, stahlharte Mann, der ehemalige Kavallerist. Einige Reliquien von seinem alten Berufe her hängen an den Wänden; und sie hellpoliert zu erhalten, ist die Lieblingserholung eines kleinen, lahmen Mannes, den man immer bei den Ställen findet. Rastlos ist er vor Geschirrkammern tätig mit dem Polieren von Steigbügeln, Gebissen, Kinnketten, Geschirrteilen und allen andern irgendwie zu den Ställen gehörigen Sachen, die sich polieren lassen – und sein Leben ist ein fortwährendes Reiben und Putzen. Es ist ein kleiner, zottiger, mehrfach beschädigter Mann, nicht unähnlich einem alten schlechtrassigen Bastardhund, der sich viel in der Welt herumgeschlagen hat und auf den Namen Phil hört. Ein erfreulicher Anblick ist es, die würdige alte Haushälterin, die jetzt noch schwerhöriger ist, am Arme ihres Sohnes in die Kirche gehen zu sehen und das Verhältnis zwischen ihnen und Sir Leicester zu beobachten. Allerdings haben nur wenige Gelegenheit dazu, denn das Haus sieht jetzt selten Gäste. In den heißen Sommertagen zuweilen kommt Besuch mit einem Regenschirm und einem grauen Mantel, der früher in Chesney Wold unbekannt war. Dann sieht man manchmal in abgelegenen Sägegruben und ähnlichen versteckten Winkeln des Parks zwei junge Damen herumspringen, und vor des Kavalleristen Tür kräuselt sich der Rauch zweier Pfeifen in die duftende Abendluft hinauf. Dann hört man von einer Querpfeife im Portierhäuschen die wilden begeisternden Klänge von Englands Grenadieren spielen; und wenn der Abend anbricht, sagt eine tiefe Baßstimme, während zwei Männer miteinander auf und abschreiten: »Aber ich gebe es vor der Alten nie zu. Disziplin muß sein.« Der Haupttrakt des Hauses ist zugeschlossen, und es wird nicht länger Fremden gezeigt, aber Sir Leicester hält auch jetzt noch Hof in dem langen Salon und ruht auf seinem alten Platze vor dem Bilde Myladys. Des Abends, von breiten Schirmen eingeschränkt und nur in diesem Teile des Hauses brennend, scheint das Licht des Salons immer mehr zusammenzuschrumpfen, bis es eines Tages ganz aufhören wird. Ja, binnen sehr kurzem wird es für Sir Leicester ganz verlöschen; und die dumpfige Pforte des Mausoleums, die so fest schließt und so hartherzig aussieht, wird sich auftun und ihn aufnehmen. – – – Volumnia, die immer rosiger wird, je mehr die Zeit verrauscht, liest Sir Leicester an den langen Abenden vor und muß, um ihr Gähnen zu verbergen, ihre Zuflucht zu verschiedenen Kunstgriffen nehmen, deren vornehmster und wirksamster darin besteht, daß sie das Perlenhalsband zwischen ihre Blütenlippen nimmt. Hauptsächlich liest sie langatmige Abhandlungen über die Buffy- und Boodlefrage, die zeigen, daß Buffy ein unbefleckter Patriot und Boodle ein Schurke ist, und wie das Vaterland zugrunde gehen muß, wenn es nur für Boodle und nicht für Buffy stimmt, oder wie es gerettet werden kann, wenn es nur für Buffy und nicht für Boodle ist, denn einer von den beiden muß es sein, und andre kommen nicht in Betracht. Sir Leicester ist es ziemlich gleich, was sie vorliest, und er scheint ihr nicht sehr aufmerksam zu folgen, aber doch wird er auf der Stelle munter, sowie sie wagt, aufzuhören, und fragt, jedes Mal mit sonorer Stimme ihr letztes Wort wiederholend, verdrießlich, ob sie müde sei. Volumnia ist nun aber bei Gelegenheit ihres vogelartigen Herumhüpfens und Anpickens von Papieren auf die Notiz einer sie betreffenden Testamentsklausel gestoßen (im Fall ihrem Verwandten »etwas passieren sollte«), und solche Chancen vor Augen als Entschädigung für einen langen Vorlesekursus, nimmt sie sogar den Kampf mit dem Drachen Langeweile auf. Die Vettern im allgemeinen fürchten sich ein wenig vor Chesney Wold in der stillen Zeit, wagen sich aber in der Jagdsaison heran, wo man dann Schüsse im Park hört und ein paar Treiber und Jagdgehilfen auf den alten Sammelplätzen auf zwei oder drei schwermütige Cousins warten. Der hinfällige Vetter, den die Eintönigkeit des Ortes immer gräßlicher mitnimmt, verfällt dann in eine schrecklich niedergedrückte Stimmung, stöhnt in seinen jagdfreien Stunden unter Sofakissen und beteuert, daß so ein –ah – höllischer oller Kerker – äh – Menschenleben kosten könne. Die einzigen großen Lichtblicke für Volumnia in diesen veränderten Verhältnissen des Schlosses in Lincolnshire sind die seltenen Gelegenheiten, wo durch den Besuch eines öffentlichen Balles etwas für die Grafschaft oder das Vaterland getan werden muß. Dann zeigt sich die abgehetzte Sylphe in Feengestalt der Menschheit und fährt voller Freude unter vetterlicher Eskorte vierzehn lange Meilen weit nach dem alten Festlokale, das an dreihundertvierundsechzig Tagen und Nächten jedes Normaljahres eine Art antipodische Rumpelkammer voll auf den Kopf gestellter alter Tische und Stühle ist. Hier gewinnt sie alle Herzen durch ihre Leutseligkeit, ihre mädchenhafte Munterkeit und durch ihr Herumspringen, wie in den Tagen, wo der garstige alte General mit dem Prachtgebiß im Munde noch nicht einen einzigen der vierundsechzig falschen Zähne zu zwei Guineen das Stück sich hat einsetzen lassen müssen. Dann dreht und wirbelt sie als Hirtennymphe aus guter Familie durch das Gewühl der Tänzer, und die Schäfer nahen sich ihr mit Tee, Limonade, Sandwiches und Huldigungen. Dann kann sie freundlich und hartherzig sein, stolz und anspruchslos, veränderlich, reizend und jugendlich launenhaft, und eine auffallende Ähnlichkeit herrscht zwischen ihr und den kleinen gläsernen Armleuchtern aus einem vergangenen Zeitalter, die das Festlokal zieren und mit ihren dünnen Stengeln, ihren spärlichen Knöspchen, ihren kahlen Verästelungen und ihrem schwachen prismatischen Schillern wie lauter Volumnias erscheinen. Im übrigen ist das Leben in Lincolnshire für Volumnia wie die ungeheure Leere des übergroßen Hauses, mit Bäumen davor, die seufzend die Hände ringen, die Köpfe senken und in eintöniger Trauer ihre Tränen gegen die Fensterscheiben werfen. Ein feierliches Labyrinth, das nicht mehr den letzten Repräsentanten einer alten Familie von menschlichen Wesen und ihren gespensterhaften Ebenbildern zu gehören scheint, sondern bewohnt wird von hallenden Klängen, die bei jedem Ton aus ihren Gräbern hervorkommen und durch das ganze Gebäude schallen. Eine Einöde von unbenutzten Korridoren und Treppen, wo, wenn man nachts einen Kamm auf den Boden des Schlafzimmers fallen läßt, es wie ein verstohlener Tritt erkundend durch das Haus geht. Ein Haus, wo es nicht jedermanns Sache ist, allein herumzugehen, wo das Dienstmädchen aufschreit, wenn eine Schlacke durch den Rost schlurrt, sich angewöhnt, zu allen Zeiten und bei allen Gelegenheiten zu weinen, schließlich das Opfer einer krankhaften Schwermut wird, kündigt und den Dienst verläßt. So ist Chesney Wold. Fast ganz der Nacht und der Leere überlassen, unverändert im strahlenden Sommer und im trüben Winter; immer düster und still. Kein Banner weht mehr bei Tage; und keine Lichterreihen glänzen mehr bei Nacht; keine Familie kommt oder geht mehr, keine Besucher sind mehr die Seelen der blassen kalten Zimmer, und kein Leben regt sich mehr in ihm. – Leidenschaft und Stolz sind selbst für das Auge des Fremden in dem Herrensitz in Lincolnshire erstorben und haben toter Ruhe Platz gemacht. 67. Kapitel Der Schluß von Esthers Erzählung Volle sieben glückliche Jahre bin ich Herrin von Bleakhaus gewesen. Die wenigen Worte, die ich dieser Niederschrift noch hinzuzufügen habe, sind bald geschrieben. Dann werde ich das Buch schließen und von den Freunden und Freundinnen, für die ich schreibe, für immer scheiden. Nicht ohne manche teure Rückerinnerung meinerseits, und nicht ohne so manche, hoffe ich, ihrerseits. Sie legten mir meinen schönen Liebling ans Herz, und viele Wochen lang verließ ich meine liebe Ada auch nicht einen Tag. Der Säugling, auf den sie so viel Hoffnung gesetzt, kam zur Welt, ehe der Rasen seines Vaters Grab bedeckte. Es war ein Knabe; mein Mann, mein Vormund und ich gaben ihm den Namen Richard. Die Hilfe, auf die meine liebe Ada so gebaut, wurde ihr zuteil, wenn auch von der ewigen Allweisheit zu einem andern Zweck bestimmt. Als ich sah, wie die kleine schwache Hand des Kindchens mit seiner Berührung das wunde Herz meiner lieben Ada genesen machte und wieder Hoffnung in ihr aufkeimen ließ, fühlte ich in einer neuen Bedeutung die Güte und Barmherzigkeit Gottes walten. Allmählich sah ich meine Herzens-Ada in meinen ländlichen Garten kommen und dort, mit dem Kinde auf dem Arm, umherwandeln. Ich war nun verheiratet und die Glücklichste der Glücklichen. Um jene Zeit kam mein Vormund zu uns und fragte Ada, wann sie zu ihm kommen würde. »Beide Häuser sind jetzt dein Heim, mein Kind«, sagte er, »aber das ältere Bleakhaus hat den Vorrang. Wenn du und dein Knabe kräftig genug sind, kommt ihr und nehmt Besitz von ihm.« Ada nannte ihn ihren lieben, teuern Vetter John; aber er bat sie, in ihm ihren Vormund zu sehen. Und er war von da an ihr und dem Knaben ein Vormund und fühlte sich glücklich, sich so nennen zu hören. So nannte sie ihn denn Vormund und hat ihn seitdem stets so genannt. Die Kinder kennen ihn unter keinem andern Namen – ich sage die Kinder, denn ich habe zwei kleine Töchter. Es ist kaum zu glauben, daß Charley, die immer noch runde Augen macht und immer noch schwach in der Grammatik ist, mit einem Müller unsrer Gegend verheiratet ist, und doch ist es wahr. Selbst jetzt, in diesem Augenblick, wenn ich von meinem Schreibtisch im Morgensonnenschein zum Fenster hinausschaue, sehe ich, wie ihre Mühle zu gehen anfängt. Ich hoffe nur, der Müller verdirbt mir Charley nicht, denn er hat sie sehr gern. Charley ist etwas eitel seinetwegen, denn er hat sein gutes Auskommen, und es war ein großes Gereiße um ihn. Was die Erinnerung an die Zeit, wo sie meine kleine Zofe war, betrifft, so möchte ich fast meinen, daß die Zeit sieben Jahre lang ebenso still gestanden haben müßte wie die Mühle noch vor einer halben Stunde, denn die kleine Emma, Charleys Schwester, ist ganz ihr früheres Ebenbild. Wie weit es Tom, Charleys Bruder, in der Schule im Rechnen gebracht hat, wage ich nicht zu entscheiden, aber ich glaube, bis zu den Dezimalbrüchen. Aber wie weit es auch gewesen sein mag, jedenfalls ist er jetzt Lehrling bei dem Müller und ein guter, schüchterner Junge, der immer in irgendein Mädchen verliebt ist und sich jedes Mal mächtig darüber schämt. Caddy Jellyby verlebte die eben verflossenen Feiertage bei uns und war liebenswürdiger als je. Beständig tanzte sie mit den Kindern im Hause herum, als ob sie nie in ihrem Leben Lektionen gegeben hätte. Sie hat jetzt ihren eignen Wagen anstatt des gemieteten und ist von Newman-Street zwei ganze Meilen weiter westlich gezogen. Sie arbeitet sehr angestrengt, denn ihr Mann, ein vortrefflicher Gatte, ist gelähmt und kann nur sehr wenig tun. Dennoch ist sie zufriedener als je und kommt allen ihren Pflichten getreu und freudig nach. Mr. Jellyby verbringt seine Abende in ihrem neuen Hause und lehnt den Kopf an die Wand, genau wie im alten. Mrs. Jellyby soll lange Zeit sehr unter der Mesalliance und dem »entwürdigenden« Beruf ihrer Tochter gelitten haben, wie ich hörte, aber ich hoffe, sie hat sich mit der Zeit von ihrem Verdruß erholt. Mit Afrika hat sie Pech gehabt, denn das Unternehmen schlug fehl, weil der König von Borriobula-Gha jeden, den das Klima am Leben ließ, für Schnaps zu verkaufen strebte. Sie ist jetzt tätig, der Frau das Recht, im Parlamente zu sitzen, zu erwirken, und Caddy sagt mir, daß diese Mission einen noch größeren Briefwechsel nach sich zieht als die alte. Fast hätte ich Caddys armes kleines Mädchen vergessen. Es ist nicht mehr so winzig klein, aber taubstumm. Ich glaube, es hat nie eine bessere Mutter gegeben als Caddy, die in ihren kargbemessenen Mußestunden unzählige Taubstummenkünste lernt, um dem Kinde sein Los erträglicher zu gestalten. Als ob ich niemals mit Caddy fertig werden sollte, fallen mir hier Peepy und der alte Mr. Turveydrop ein. Peepy ist beim Zollamte angestellt und befindet sich dabei außerordentlich wohl. Der alte Mr. Turveydrop, sehr apoplektisch geworden, trägt seinen Anstand immer noch in der Stadt spazieren, genießt das Leben auf die alte Weise und wird immer noch wie ehedem mit Ehrfurcht und gläubigen Auges angesehen. Er ist ein großer Gönner Peepys und soll ihm seine Lieblingsstutzuhr im Ankleidezimmer, die nicht ihm gehört, vermacht haben. Mit dem ersten Gelde, das wir uns ersparten, bauten wir an unser hübsches Haus ein kleines Brummstübchen für meinen Vormund an, das wir dann, als er uns besuchen kam, mit großem Glänze einweihten. Ich versuche, alles das leichten Sinnes hinzuschreiben, weil mein Herz jetzt, wo es zu Ende geht, übervoll ist; aber wenn ich von ihm schreibe, treten mir immer wieder die Tränen in die Augen. Nie kann ich ihn ansehen, ohne daß ich nicht im Geiste unsern armen, lieben Richard ihn einen guten Menschen nennen höre. Ada und ihrem hübschen Knaben ist er der zärtlichste Vater, mir, was er mir immer gewesen ist, und mit welchem Namen kann ich das ausdrücken! Er ist meines Mannes bester und teuerster Freund, er ist der Liebling unsrer Kinder, der Mittelpunkt unsrer innigsten Liebe und Verehrung. Aber trotzdem ich fast ein höheres Wesen in ihm sehe, bin ich doch so vertraut und unbefangen zu ihm, daß es mir fast wie ein Wunder vorkommt. Wir beide, sowohl er wie ich, haben unsre alten Namen noch, und wenn er bei uns zu Besuch ist, nehme ich keinen andern Platz als meinen alten auf dem Stuhle neben ihm ein. Mütterchen Hubbard, Frau Spinnweb, kleines Frauchen, so heißt es immer noch; und ich antworte: Ja, lieber Vormund, ganz wie früher. Ich wüßte nicht, daß der Wind auch nur einen einzigen Augenblick aus Osten geweht hätte seit dem Tage, wo er mich an unsre Pforte, auf der das Wort Bleakhaus stand, geführt. Ich brachte einmal gelegentlich die Sprache darauf, daß jetzt niemals mehr Ostwind zu herrschen scheine, und er sagte: Nein, gewiß nicht; er habe seit jenem Tage aufgehört, aus dieser Himmelsrichtung zu wehen. Ich glaube, mein Herzenskind ist schöner als je. Der Gram, der eine Zeit in ihrem Gesicht gelegen – er ist jetzt verschwunden –, scheint sogar seinen unschuldigen Ausdruck noch geläutert und ihm etwas Heiliges gegeben zu haben. Manchmal, wenn ich sie in ihrem Trauerkleid, das sie immer noch trägt, meinen Richard unterrichten sehe, kommt es mir vor – wie soll ich nur sagen –, als ob es gut wäre, zu wissen, daß sie ihrer lieben Esther in ihren Gebeten gedenkt. Ich nenne ihn meinen Richard! Aber er sagt, er hätte zwei Mamas, und ich sei die eine. Wir sind nicht reich an Geld, aber es ist uns stets gut gegangen, und wir haben, was wir brauchen. Nie gehe ich mit meinem Gatten aus, ohne zu hören, wie ihn die Leute segnen. Nie trete ich in ein Haus, vornehm oder gering, ohne sein Lob zu hören oder in dankerfüllten Augen zu lesen. Nie lege ich mich nachts nieder, ohne zu wissen, daß er im Laufe des Tages Schmerzen gelindert oder einem Nebenmenschen in seiner Not beigestanden hat. Ich weiß, daß von dem Lager hoffnungslos aufgegebener Kranker oft in Sterbestunden ein Dankgebet für seine geduldige Pflege zum Himmel geschickt worden ist. Heißt das nicht reich sein? Die Leute preisen mich, bloß weil ich seine Frau bin! Sogar mich haben die Leute gern, wenn ich zu ihnen komme, und machen soviel Aufhebens mit mir, daß ich mich ordentlich schäme. Und das verdanke ich alles ihm, meinem Geliebten, meinem Stolz! Sie haben mich seinetwegen gern, wie ich alles, was ich auf Erden tue, seinetwegen tue. Vor ein oder zwei Abenden, nachdem ich für meine Herzens-Ada und für meinen Vormund und den kleinen Richard, die morgen kommen, allerlei vorgerichtet hatte, saß ich vor der Tür, die ich in so teuerm Andenken halte, als Allan nach Hause kam. Er sagte: »Nun, mein kleines Frauchen, was machst du hier?« und ich erwiderte, »der Mond scheint so hell, und die Nacht ist so köstlich, daß ich mich hergesetzt und nachgedacht habe.« »Und worüber hast du nachgedacht, mein Schatz?« »Wie neugierig du bist. Ich schäme mich fast, es zu sagen, aber du sollst es wissen. Ich habe an mein altes Gesicht gedacht, wie es früher war.« »Und was hast du davon gedacht, mein kleines fleißiges Bienchen?« fragte Allan. »Ich habe mir gedacht, daß ich für unmöglich hielte, du könntest mich mehr lieben, selbst wenn ich mein altes Gesicht behalten hätte.« »Wie es früher war?« sagte Allan lachend. »Natürlich, wie es früher war.« »Mein liebes Mütterchen«, fragte Allan und zog meinen Arm durch den seinen, »schaust du manchmal in den Spiegel?« »Du weißt, daß ich es tue; du siehst es ja.« »Und du weißt nicht, daß du hübscher bist als je?« Ich wußte es nicht; ich weiß nicht einmal, ob ich es jetzt weiß. Aber ich weiß, daß meine lieben Kleinen sehr hübsch sind, und daß meine Herzens-Ada sehr schön ist, und daß mein Mann sehr hübsch ist, und daß das Gesicht meines Vormundes von Heiterkeit und Herzensgüte strahlt wie kein andres auf der Welt, und daß sie sehr gut ohne viel Schönheit bei mir auskommen können – selbst vorausgesetzt –.