H. Clauren Das Dijon-Röschen 1. Lichte Wolkenschleier, von Nachtlüftchen leise getrieben, zogen vor dem Monde vorüber. Er schien voll und freundlich auf mein Lager, auf dem ich, ohne Schlaf und Ruhe zu finden, mich ausgestreckt hatte, und mit meinem tückischen Geschicke bitter schmollte. 2. Mein ganzes Jugendleben hindurch hatte ich mit Armuth und Entsagungen aller Art gekämpft. Auf der Schule verdiente ich durch Unterricht in der Musik, und durch das, aller Verwünschung werthe Singen im Chor auf den Straßen, meinen knappen Unterhalt; durch einige kärgliche Stipendien aber ward es mir möglich, nach dem Tode der Eltern, auf der Akademie die Rechts- und Kameralwissenschaft zu studiren. Die Collatoren dieser beiden Stiftungen ließen mich auf tausendfache Weise die Wohlthat dieser Unterstützungen weit über ihren Werth fühlen, und suchten alles hervor, um sich in meinen Augen wichtig zu machen. Diesem ging ich zu geputzt, Jenem verwendete ich zu wenig Aufmerksamkeit auf mein Äußeres; der eine klagte über meinen Mangel an Sitzfleisch, während der andere mich einen Stubenhocker nannte. So machte ich es keinem recht, und jeder hielt mich in drückender Abhängigkeit, die ich, aller anderen Hilfmittel und Aussichten beraubt, geduldig ertrug; und ich bückte mich vor meinen sogenannten Wohlthätern, als wären sie die alleinigen Götter meines Glücks. 3. Meine akademische Laufbahn war beendigt. In der ganzen Welt keinen Freund, stand ich allein, ohne Hoffnung, ohne Muth. Nicht das Entbehren – denn oft schmeckte mir auf dem einsamen Spaziergange ein Trunk Quellwasser erquicklicher, als meinen reicheren Universitätsgenossen ihr, durch das Gift des Bleizuckers, zum Nierensteiner erhobener Landwein bei ihren schwelgerischen Trinkgelagen, – nicht das Entbehren, aber die Unzartheit der Menschen gegen die Mittellosen, ihre schamlose Dreistigkeit, sich gegen diese Alles zu erlauben; die natürlich daraus entstehende Erbitterung gegen das ganze Menschengeschlecht und die Muthlosigkeit, der Mangel an Selbstvertrauen – das ist der Fluch der Armuth. 4. Vier Thaler und zwanzig Groschen in der Tasche, sah ich in die große, weite Welt hinein, und hatte auf die Frage, was nun aus mir werden sollte, keine Antwort. Der lustige Studententrost: der alte Gott lebet noch, fing an in meiner Brust zu verklingen, denn einen Monat hatte ich allerhöchstens noch zu leben, dann war ich am Rande. 5. Bst, Bst! rief es am nächsten Morgen, auf der Marktstraße, aus einer Bude heraus; ich sah mich um, und eine kleine dicke Frau winkte hinter der Brustwehr ihrer aufgethürmten Schnittwaaren und bat, näher zu treten. Sie nehmen nicht übel, liebes Herrchen, hob sie freundlich an: da hat mir meine Schwester aus Käferlingen geschrieben, – sie gab mir den Brief – ich soll dem Schwager einen geschickten Juristen besorgen. Lieber Gott, ich habe dazu keine Zeit und kein Geschick, und meine beiden Herren Studenten, die bei mir wohnten, und die ich wohl darum hätte befragen können, haben gestern schon ihre Ferienreise angetreten. Ich wohne Ihnen gegenüber, in dem gelben Hause von drei Fenstern, Sie werden darauf nicht Obacht gehabt haben, aber ich sehe Sie immer bis tief in die Nacht hinein sitzen und studiren, und Ihre Frau Wirthin, die gute Madame Birkhaus ist meine Gevatterin, die kann Sie immer nicht genug rühmen, da habe ich Vertrauen zu Ihnen gefaßt und mir das Herz genommen, Sie um die Gefälligkeit anzusprechen; und wissen Sie jemand, der für das Haus paßt, so thun Sie mir die Liebe, und – Sie ließ sich mit redseliger Marktgesprächigkeit noch eines Breiteren aus; aber ich las den Brief ihrer Schwester, und hörte auf den Budenpapagai nicht. 6. Aus dem Schreiben vernahm ich, daß die Käferlinger Schwester an einen dortigen Advokaten verheirathet war, der sich, wie aus mehrern hingeworfenen Äußerungen hervorging, in recht sehr guten Umständen befinden mußte. Den Benjamin, schrieb die Briefstellerin unter andern: mußten wir abdanken; tausend dumme Streiche hat er schon gemacht, und mein armes Stümperchen bald halb todt geärgert; neulich ist der Benjamin ein bischen pressirt, da schüttet er, statt des Streusandes, die Dinte auf seine Schreiberei; vor ihm steht Stümperchen, und so fließt diesem die ganze Bescherung auf die pfirsichblüthenen Plüschhosen, die er unglücklicherweise anhatte, weil wir eben zu Vice-Ober-Rentschreibers zur Kindtaufe gehen wollten. Ich denke, Stümperchen rührt der Schlag auf der Stelle; die Dinte war durch und durch gegangen; das sah alles aus, wie die Zerstörung Jerusalems; und acht Tage lang haben wir geseift und gewaschen, gerieben und gerumpelt, ehe Alles wieder in Ordnung kam; das hätten wir aber am Ende doch noch hingehen lassen, denn Stümperchen konnte den Menschen ganz vorzüglich brauchen, und die getränkten Plüschmodesten waren schon über achtzehn Jahre alt; doch da entdeckten wir auf einmal, daß Gundel und Benjamin so eine Art von Verständniß mit einander hatten. Beim Federschneiden hatte sich die Pastete angefangen, wie mir nachher das Mädchen gestand. Da mußte Benjamin Knall und Fall fort, und nun haben wir keinen an seiner Stelle. Stümperchen wollte nun an den alten Vetter, an den Professor Kneiper schreiben, daß er ihm einen andern heraus schicken solle, aber Du weißt ja, wie die Männer sind; wenn der, den sie recommandiren, nur recht arbeiten und büffeln kann, all das andere kümmert sie nicht; ich aber habe Rücksichten, höhere, und darum sagt ich zu Stümperchen, daß ich wegen des Mastochsens, den ich Dir diesen Herbst besorgen sollte, ohnehin an Dich zu schreiben habe, und daß ich da auf Benjamins Nachfolger gleich mit Rücksicht nehmen würde. Sieh liebe Schwester, unter uns gesagt, mir thut es Noth, vorzüglich wegen der Mutterpflicht. Die Gundel ist Dir heraufgeschossen, daß sie fast so groß ist, als ich selber; sie fängt an die Kinderschuhe auszuziehen, und ist gleich Feuer und Flamme, wenn sie, wie dieß im albernen Scherz heut zu Tage wohl zu geschehen pflegt, mit dem oder jenem aufgezogen wird, oder das Gespräch so zufallweise auf das Heirathen kömmt. Sieh liebe Schwester, darum muß der, denn wir in das Haus nehmen, mehr seyn, als ein bloßer Büffel. Er muß ein frommer christlicher Mensch seyn, und hinsichtlich des Frauenzimmers, wie Stümperchen sagt, ein Abstehnius. Essen und Trinken hat der Mensch, den Du uns schickst, was des Leibes Nothdurft bedarf, und wenn er Lust hat zum Perfectioniren, so hat er bei meinem Manne die beste Gelegenheit dazu, denn mein Stümperchen mag nun seyn, wie er will, aber das muß man ihm lassen, in der Arbeit zieht er seinen Strang, und lernen kann jeder bei ihm, denn die Geschäfte gehen vom frühen Morgen, bis zur späten Nacht. 7. Ich wüßte, hob ich etwas verlegen an, und schaute meinem helfenden Posaunen-Engel in der Bude, über die unerwartete Hülfe, die er mir bot, halb verklärt in das Gesicht: ich wüßte wohl einen, der mit Freuden die Stelle annehmen würde, und für den ich, was die Mamsell Nichte, das Gundelchen betrifft, mit Leib und Leben stehen könnte, nur ist die Frage, ob er auch Ihnen gefallen würde. Wenn Sie ihn empfehlen, sagte die marktschlaue Gewandte: so würde es kein Bedenken haben, und wenn er Ihnen gleich ist, setzte sie recht verbindlich hinzu; so schlage ich ohne Weiteres ein. Ich bin es selbst, preßte ich mir mit niedergeschlagenen Augen ab, und die Dicke reichte mir die Hand und gestand, daß sie gleich beim Empfange des Briefes an mich gedacht und mit meiner Wirthin gesprochen habe, von dieser aber an mich selbst gewiesen worden sey. Morgen geht die Post, sagte sie freundlich; für das Reisegeld werde ich sorgen; das Weitere überlassen Sie unserm Herr Gott. Ich segnete seine erbarmende Vatergüte im Stillen, die aus einer von mir Jahrelang übersehenen Marktbude, mir Brot und Ehre so unverhofft gespendet hatte, und fühlte die Wahrheit des alten Wortes, daß der Herr auch in den Schwachen mächtig sey, nie lebhafter als jetzt. 8. Mein Prinzipal, der Advocat Knipps, von seiner Haus-Ehre, im Affect zärtlicher Schäkerei, Stümper genannt, empfing mich und das Empfehlungsschreiben der Schwägerin mit trockener Amtswürde. Die Frau, eine feurige Brünette von kaum vierzig Jahren, maß mich von oben bis unten, und ließ gegen den Mann, halb laut, einige belobende Anmerkungen über mein Äußeres gewogentlich fallen. Was aber Kunigunde, der siebenzehnjährige einzige Sprößling des Knippsischen Stammbaumes sagte und that, sah und hörte ich nicht, denn, um bey Vater und Mutter Vertrau'n zu gewinnen, richtete ich keinen Blick auf das Mädchen. Beim Abendbrot, was eben aufgetragen wurde, erhielt ich einen Teller ziemlich dünner Wassersuppe so reichlich überfüllt, daß ihn der im Briefe meines Heils erwähnte Mastochse kaum würde haben gewältigen können; dann kam alte Henne mit Allerlei auf den Tisch; von dieser wurden mir die oberen Hälften der zwei Keulchen vorgelegt, die bekanntlich außer dem wenigen trockenen Fleische nichts als Knochen und Sehnen enthalten, und statt des Weines, den die Familie trank, setzte man mir ein Glas sehr stark getauftes Halbbier hin. An sich war ich in meiner Armuth an nichts Besseres gewöhnt, und darum aß und trank ich mit dem Appetite, mit dem Gott in seiner Gnade die jungen Magen gewöhnlich segnet; allein die Zurücksetzung, die in dieser ganzen Weise lag, drückte mich unaussprechlich tief nieder. Die Liebe, der Enthusiasmus, womit ich in das Haus getreten war, das mir Beschäftigung und Lebensmittel gewähren wollte, und dem ich, im Feuer meines Jugendeifers, den redlichsten Fleiß, die treueste Anhänglichkeit im Stillen dafür gelobt hatte, sie erkalteten fast mit einem Male; doch – meinem armen Herrn Prinzipal ging es, wie ich jetzt sah, fast nicht viel besser. In die Brust und Flügel der Henne theilten sich Mama und Kunigundchen, letztere erhielt außerdem noch den Hauptleckerbissen unsers Soupers, das ungelegte gelbe Eychen, was sich in der Henne fand; das Gerippe sammt dem Hippauf aber fielen dem Herrn Knipps zu. Dieser einzige Zug gab mir ziemliches Licht über das Verhältniß des Hauses. Stümperchen stand unter einem, mit grausamen Zwecken beschlagenen, schweren Pantoffel, und Gundelchen war der Abgott der Mutter. Noch wußte ich nicht, wie Kunigunde aussah; bloß bis zum Halse ungefähr, hatte ich meinen Blick erhoben; und so viel ich von der Figur im Sitzen gewahren konnte, war alles wohl bestellt. Der Laut ihrer Stimme hatte für mich etwas recht Angenehmes, aber was sie sprach, wollte mir nicht recht gefallen. Die Unterhaltung der drei Menschen drehte sich fast größten Theils um die Honoratiorenwelt von Käferlingen, und wenn doch nur ein Einziger darunter gewesen wäre, dem sie etwas Gutes nachzusagen gehabt hätten; am schärfsten war Kunigundens Zünglein. Sie ging erbarmenlos mit den Leuten um, und ließ ihrem schneidenden Witze zuweilen so die Zügel schießen, daß ich über ihre verwünschten Einfälle einigemale im Stillen selbst mitlachen mußte. Ich fühlte, daß das Mädchen unrecht that, aber, hatte mich ihre Gestalt, oder der Wohllaut ihrer Stimme, oder ihr sprudelnder Witz bestochen – die Männer sind jämmerliche Schwächlinge – ich konnte der Gundel nicht gram seyn. Bei der Erziehung, dachte ich, sie bei mir im Geheimen entschuldigend, – ist es ein Wunder, wenn das Kind noch so ist, wie es ist. Machte man es mit sanften Worten auf die Unthat aufmerksam, deren es sich gegen die Durchgehechelten schuldig macht, es würde bei seinem klaren Verstande den begangenen Fehler einsehen und sich bessern. 9. Den folgenden Morgen ward ich in meinen neuen Wirkungskreis eingeführt. Herr Knipps war in einem weiten Distrikte von mehrern Meilen im Umfange, in dem reiche Gutsbesitzer und fette Bauern wohnten, der gesuchteste Advocat. Bei näherer Bekanntschaft ergab es sich, daß er einer der armseligsten Ignoranten war, aber er hatte eine Manier, sich in die Brust zu werfen, den Leuten durch ungemessene Lügen, von den prozessualischen Großthaten, die er geleistet, sich wichtig zu machen, und durch eine gewisse Art studirter Biederkeit ihr Vertrauen zu gewinnen, daß, wer besonders in Geldsachen und bei Käufen, Pachtungen, Vererbungen, Darlehngeschäften und dergl. eines Rechtsanwaldes bedurfte, zu keinem Andern, als zu Herrn Knipps ging. Vorzüglich bestürmten ihn die Bauern mit Aufträgen in Hinsicht der Unterbringung ihrer Gelder. Täglich brachten sie Geldsäcke geschleppt, und waren froh, wenn er ihre Hunderte, die er anderwärts, für seine Rechnung, zu 5 und 6 Procent unterbrachte, zu 3 Procent annahm, denn nur bei Herrn Knipps stand, nach ihrer Meinung, ihr bischen Eigenthum sicher. Auf diese Weise, und kraft der doppelten Kreide, mit der er bei andern vorkommenden Geschäften liquidirte, schlug der Mann, der Beschränktheit seiner eigentlichen juristischen Kenntnisse ungeachtet, jährlich seine sieben, acht tausend Thaler zusammen, die er, unangerührt, an Mama Knipps überliefern mußte; diese führte damit unsere frugale Haushaltung und das beträchtliche Restchen legte sie für Gundchen zurück; daher denn, da Stümperchen seit länger denn zwölf Jahren also gearbeitet und gewirthschaftet hatte, die Sage des Städtchens, daß Gundel Knipps eine Parthie von 100,000 Rthlr. sey, wohl so ziemlich ihre Richtigkeit haben konnte. 10. Herr Knipps stellte mich seinem Amanuensis als den neuen – Schreiber vor. Ich erstarrte vor Schreck, denn, um zeitlebens das essiggetränkte Kopistenbrot zu essen, hatte ich auf Gymnasium und Akademie meine Zeit nicht geopfert. Aber wo sollte ich für den ersten Augenblick gleich hin! Ich setzte mich auf das mir angewiesene Armesünderstühlchen, und fing nun, in meinen Hoffnungen furchtbar betrogen, die seelenlose Kopirarbeit an. Mein weiteres Schicksal sollte ich unserm Herr Gott überlassen, hatte die Seelenverkäuferin in der Marktbude gesagt. Wie schwankend, – ich schäme mich Allwissender, jetzt vor Dir, dieses Bekenntnisses, aber der Unglückliche ist nur gar zu leicht geneigt, an der Hilfe von oben zu zweifeln, wenn sie nicht gleich im ersten Augenblicke sich ihm offenbart, – wie schwankend ward mein Glaube, als mir der Amanuensis, Herr Stremler, auf meine an ihn vertraulich gerichtete Frage, was mein Vorgänger an Gehalt bezogen, ein theilnehmendes Nichts! entgegnete. Herr Knipps, setzte er mit bitterem Gift über des Mannes abscheuliche Knickerei hinzu: gibt Ihnen die Sonn- und Feiertage frei, was Sie da kopiren, bezahlt er mit einem Groschen per Bogen extra; auch hat er nichts dagegen, wenn Ihnen hie und da einmal ein Client, als Zeichen seiner Erkenntlichkeit für Beschleunigung seiner Angelegenheiten, eine Kleinigkeit in die Hand drückt. Die freie Station, und besonders, wie er meint, die Gelegenheit, bei ihm viel zu lernen, bringt er gehörig in Anschlag. so erhalte ich, der ich fast seine ganzen Geschäfte von einiger Bedeutung, allein mache, doch nicht mehr als 12 Rthlr. monathlich. Sie haben studirt, höre ich; wenn Ihnen daran gelegen ist, das nicht zu vergessen, was Sie gelernt haben, so machen Sie, daß Sie bald wieder von hier fortkommen, denn hier sehen Sie nichts, als immer und ewig das Nämliche; Kauf- und Pacht-Kontracte, Darlehnverschreibungen und dergleichen; das machen wir Alles nach einem Leisten. 11. Dulden – ja es ist das Schwerste. In der ganzen Welt Keinen, der mir rathen, der mir helfen konnte, blieb mir nichts übrig, als mich zu fügen. Zehnmal faßte ich den Plan, mich den Unglücklichen anzuschließen, die in der neuen Welt ihr Glück suchten, oder den Betrogenen, die karavanenweise ihren väterlichen Heerd in Süddeutschland verlassen hatten, und sich nach Norden bettelten, um dort das vorgespiegelte Eden zu finden; aber in Amerika wie im Europäischen Norden brauchte man Ackerbauern, und keine Juristen! ich blieb also auf meinem Marterstuhle und kopirte. 12. Der Amanuensis, Herr Stremler, der gestern Abend zufällig außer dem Hause speis'te, war unser gewöhnlicher Tischgenosse. War gestern auf dem Felde der Medisance mit hölzernen Eggen gearbeitet worden, so ging es heute Mittag mit eisernen; die stachlichste aber führte Herr Stremler, und das vornehmlich, wenn er der Mama oder Gundelchen etwas anhaben konnte. Er salzte Beide zuweilen mit der schärfsten Lauge seines sarkastischen Witzes ein, und brachte die Tod und Verderben sprühenden Batterien ihrer Verläumdungssucht gewöhnlich zum Schweigen. In der Regel nahm er sich der, unter ihrem Messer blutenden Opfer mit dem lebendigsten Eifer an, und endete zuletzt mit der Betheuerung, daß, wenn ihm die Aufgabe gemacht würde, eine ganz neue, recht martervolle Todesart für einen schweren Kriminal-Verbrecher zu erfinden, er früherhin sich immer gedacht hätte, einem solchen armen Teufel statt eines Bretblockes in eine Schneidemühle einspannen, und ihn so von unten herauf, in schmale Streifen zersägen zu lassen; diese mehr als kanibalische Idee aber sey gar nichts gegen den jetzt von ihm aufgeworfenen Vorschlag, den Sträfling ihren Händen zu überliefern. Ich schlug, über Herrn Stremlers Freimuth erschrocken, die Augen auf die zähen braunen Hautlappen, die mir diesen Mittag vom Hammelbraten zugefallen waren, nieder, und fürchtete, daß sich nun von Seiten der Beleidigten ein schweres Donnerwetter erheben würde; diese aber lachten über den Einfall laut und nahmen ihn für eine Art Kompliment hin. 13. Im Verlauf des Gesprächs brachte Kunigunde die Rede auf einem Holzhändler aus einer Seestadt, der vor einiger Zeit sich hier aufgehalten, und ihr und ihren Gespielinnen darum zum Gegenstand des Gelächters gedient hatte, weil er entweder aus Angewohnheit, oder aus einer Art von Körperschwäche, immer mit tief niedergesenkten Augenliedern einher gegangen sey. Sie machte es ihm nach, wie er immer den Kopf zurück legte, um die Leute, die vor ihm standen, und mit ihm sprachen, beblinzeln zu können; und wie er bei seiner sehr bemerkbaren Vorliebe für ein hübsches Mädchengesicht, die Augenlieder, wenn er hörte, daß etwas Vorzügliches der Art in seiner Nähe sich befände, mit den Fingern in die Höhe zog, um die gerühmte Schönheit genauer zu beliebäugeln. Ich konnte mir nicht helfen, ich mußte mitlachen; Herr Stremler zwar verwies uns das Lachen, und meinte, daß dieß bestimmt eine bloße Schwäche in den Augenliedern des armen Mannes war, der darum nicht unsern Spott, sondern unser Mitleid verdiene, aber, wenn ich mir den seestädtischen Holzmann dachte, wie er vor einem niedlichen Mädchen stand, und mit beiden Händen die ewig hinabgesenkten Augenl – Was der Henker, am Ende lachte die Knippsische Gundel über mich selbst! denn wenn ich über ihre Geschichte unwillkührlich mit zu lachen anfing, wollte sie sich ganz ausschütten. Ganz gewiß hatte sie mich zum Stichblatt ihres boshaften Witzes genommen; denn das war wahr, ich hatte, der Warnung der Schnitthändlerinn in der Bude gemäß, gestern Abend und heute Mittag, accurat so wie der holzmännische Seestädter, meine Augenlieder immer tief zur Erde hinabgesenkt, und das Mädchen im engsten Verstande des Wortes, noch mit keinem Auge gesehn; es konnte mir morgen begegnen, und ich wußte nicht, wie es aussah. Ich blinzte jetzt ein wenig nach ihr hin; den gestrigen Bekannten, den sehr weißen vollen Hals, fand ich wieder; noch ein kleines bischen höher hob ich den Blick, und gewahrte ein recht hübsch geformtes Kinn, dessen zartes Grübchen, von den Paar Sommersprossen, die in der Gegend da sichtbar waren, eben nicht entstellt wurde; aber weiter hinauf konnte ich diesmal nicht kommen, den Gundel mußte meine Augen an der Kletterstange ihrer Liebesreize gemerkt, und gesehen haben, daß ich immer höher klimme, und platzte jetzt vor Lachen gerade heraus, daß ich in der Angst meines Herzens alle heimlich errungenen Vortheile wieder aufgab und meine Augenlieder wieder auf das Brotrindchen niederdrückte, das ich aus lauter Verlegenheit und in der höchsten Zerstreuung fingerdick mit Salz überstreute und hastig verschlang. 14. Dem festen Vorsatze, Vater und Mutter, wegen meiner, im Verhältniß zu ihrer Tochter, nicht in die geringste Unruhe zu versetzen, getreu, kam ich, einiger verstohlner Versuche, dem Mädchen gerade einmal in das Angesicht zu schauen, ungeachtet, um keinen Schritt weiter. Eines Mittags aß Herr Stremler außer dem Hause. Vor meinem Kouvert stand wider alle Gewohnheit ein Weinglas. Der Anblick freute mich; wahrscheinlich hatte man Herrn Stremlers Recht, dessen tägliches Deputat zwei Gläser waren, heute einmal auf mich übertragen. Ich hatte gerade eine wahre Lüsternheit auf das theure Rebenblut, und ich schämte mich fast meines heimlichen Entzückens, als nach der Suppe Herr Knipps die Flasche entpfropfte, und sich sein Glas einschenkte; die rothen Medock-Perlchen zerplatzten tanzend, und eben so hüpfte mir das Herzblut über den Feiertaggenuß, der mir heute so unerwartet als willkommen war; jetzt kam die Reihe an das Glas der Mama, dann an das von Gundelchen, und zuletzt an mei – Nein ich bekam nichts. Mama Knipps schimpfte das eben eintretende Dienstmädchen einen Stroh- Schaaf- und Kalbskopf über den andern, fragte, ob sie oder das Mädchen hier Herr im Hause wäre, nannte es eine impertinente Eselei, daß man mir ein Weinglas hergesetzt habe, und empfahl dem Mädchen, das etwas zu seiner Rechtfertigung hervorbringen wollte, nicht zu mucksen, und den Augenblick zur Thür hinauszugehen, wenn es nicht das vermaledeite Glas gleich an den Kopf haben wolle. Mir war schon beim ersten Worte aller Appetit nach dem bischen Weine vergangen; ich schmeckte nichts als bittere Galle und Wermuth im Munde. 15. Ich habe das Glas hingesetzt, hob Kunigunde an, es ist in Gedanken geschehn; da es aber nun einmal da steht, so schenken Sie es auch ein, lieber Vater. Der Vater that, wie sie gebot, und ich scharrte, in der höchsten Verlegenheit, an wen ich meinen Dank richten sollte, ohne aufsehn zu können verbindlichst mit beiden Füßen unter dem Tische. Auch das zweite Glas, zufolge des dem Herrn Stremler ausgesetzten Deputats, schenkte mir der Vater ein, und Kunigunde, welche, wie sie versicherte, Kopfschmerzen hatte, und darum heute nicht viel Wein trinken wollte, schenkte mir, das ihr zugekommene dritte, selbst ein. Ich versicherte, mit dem Blicke auf die sehr weiße kleine, aber auch wieder mit einigen Sommersprossen bedeckte Hand meiner Hebe, daß es mir zu viel werden dürfte; da sie aber, mit dem Schmeichellaute ihrer Stimme, die freundliche Überzeugung äußerte, daß ich ihr gewiß kein Körbchen geben, sondern ihren Wein auf ihre Gesundheit trinken würde, so goß ich den rothen Opferwein, in die, vor unbeschreiblicher Verwirrung, halb zugeschnürte Kehle, mit einer Hast, als hätte ich den Mund an die Küste von Babel Mandel angesetzt, um das ganze rothe Meer in Einem Zuge auszutrinken. 16. Denselben Nachmittag fuhr Herr Knipps mit der Mama aus. Gundelchen blieb wegen der erwähnten Kopfschmerzen zu Hause. Ich hatte einen ganzen Berg von Schreibereien zu mundiren, aber die drei Gläser, und Gundelchens wohlwollende Auszeichnung hatten mich in eine sonderbare Stimmung gebracht. Die Buchstaben tanzten vor mir auf dem Papiere bunt durch einander, und mitten unter ihnen schwebte das Hunderttausendthaler-Mädchen, die perlweiße Gundel, von einem grünen Wolkenschleier leicht verhüllt, daß sie mir vorkam, wie die Hoffnung, welche mir mit zauberischem Lächeln zuflisterte: muthig armer Dulder; es kann, es wird Alles noch gut werden. Mit Mühe zwang ich mich an die trockene Arbeit und war eben bei der ersten Zeile eines Kauf-Kontracts mit den Zügen einer recht zierlichen Fracturschrift beschäftigt, als Kunigunde eintrat und mich ersuchte, ihr einige Federn zu schneiden. Hätte ich nicht einige dergleichen zu meinem Bedarf schon neben mir liegen gehabt, ich wäre um keinen Preis im Stande gewesen, ihr den geforderten Liebesdienst zu erzeigen; so erschrocken war ich, über den unerwarteten Besuch. Die Stelle in der Mutter Briefe an deren Schwester, wo von dem verdammten Federschneider-Verhältniß zwischen Gundelchen und meinem Vorgänger Benjamin, Erwähnung geschah, stand wie eine mit Flammenbuchstaben geschriebene Warnungtafel vor mir. Sollten die Kopfschmerzen bloßer Vorwand, und die ungewöhnlichen drey Gläser Wein? – ich zitterte an Händen und Füßen, die Wangen übergossen sich mir mit glühender Röthe und inwendig überreifte mich ein kalter Schauer, bis auf die Knochenhaut. Zufällig hatte ich der Versucherin in das Gesicht geschaut. Das Köpfchen rund und hübsch geformt, die Wangen aber bleich und weiß und mit Sommersprossen übersäet, die Lippen blaß, die Zähne fast alle schwarz, das Stumpfnäschen nicht übel, unter den Augen, die aus dem Blauen in das Graue schillerten, breite Ringel, und das zierlich geflochtene Haar hielt die Mitte zwischen dunkelgelb und brandroth; und doch sprach aus dem Ganzen etwas Anziehendes, Geistvolles, besonders aber lag in der Fülle ihrer schönen Gestalt und in der blendenden Weiße des zarten Halses und der vollen gewölbten Brust ein eigner Liebreiz. Ach wie allerliebst ist das, rief sie, mit dem Blick auf meine Fracturschnörkel: Gott, wer so schreiben könnte! ich krakle ganz abscheulich; ich wüßte nicht, was ich darum gebe, wenn ich im Stande wäre das noch zu lernen. Sie sollen mir Stunde geben. – Sie setzte sich auf meinen Stuhl, nahm eine Feder, und versuchte die Züge nachzumalen. Es ging so ziemlich; nur faßte sie die Feder falsch; ich wand sie ihr ein wenig und führte ihr die Hand. So, o so geht es herrlich! rief sie, rückte auf dem Stuhle rechts auf die Ecke hinaus, und bat, daß ich mich links neben sie setzen, und ihr die Hand weiter führen solle; sie blickte während des Schreibens einigemal lächelnd zu mir herüber, und bog sich mir näher; unsere Wangen mußten sich berühren. Mir flogen alle Pulse, sie aber meinte, immer schreibend, im freundlich drohenden Tone, ich nähme mir mein Honorar für den Unterricht wohl schon pränumerando. Wie die Menschen sich verstellen können, fuhr sie fort, und malte ihre Buchstaben, ohne den Blick davon zu wenden, nicht bis drei, glaubte ich, daß der junge Herr zählen könnte, und jetzt, wie keck, wie dreist! na, na, hübsch artig fuhr sie fort, als ich meiner halb unbewußt, einen Arm jetzt um sie schlang. In dem Augenblicke rasselte ein Wagen vor und hielt. Die Eltern schon wieder da? rief sie, flog auf, reichte mir die Hand, die ich in der Eil küßte, und flisterte im Abgehen mir noch zurück: ich habe Sie um keine Federn gebeten. 17. Ein großes Glück war, daß Papa Knipps nicht mitkam; sondern unterweges abgestiegen war, um in seine Gesellschaft zu gehen, denn kam dieser jetzt auf die Expedition, so war ich verlesen; ich hatte den ganzen Nachmittag noch keine Zeile geschrieben, und jetzt bebte mir der Athem in der Brust, daß ich kein lautes Wort sprechen konnte. Ich blutarmer Mensch – und Kunigunde mit hunderttausend baaren, blanken Thalern! Schön war sie nicht, vielleicht nicht einmal hübsch; aber die bleichen Wangen hatten sich schon recht niedlich geröthet, als sie neben mir saß; das Haar, wenn man es recht genau betrachtete, fiel in das Bronzene, und selbst wenn man überstreng seyn und es roth nennen wollte, so ist es eine allbekannte Sache, daß die ersten, die berühmtesten Schönheiten der Welt rothes Haar gehabt haben. Den Zähnen gab ein wackerer Dentist ihren Perlenschmelz bald wieder; die blauen Augenringelchen getraute ich mir ganz allein zu kuriren, und die paar Sommersprossen, – man weiß ja, daß der milchige Saft aus dem Stengel frisch gepflückter Feigenblätter das beste Mittel dagegen ist. – Nun und blieb am Ende aller Enden denn doch noch dieß und jenes zu wünschen übrig, so deckten die hunderttausend Thälerchen manch Schattenfleckchen zu. Mit einer viel geringeren Mitgift habe ich weit schmucklosere Mädchen als Gundel Knipps, in den Hafen der Ehe einsegeln gesehen, weil die zärtlichen Bräutigame große Geister waren, die allen körperlichen Reiz und dergleichen sonstige Vorzüge für vergängliche Narrenpossen erklärten, die Mosen und die Propheten für die Hauptsache hielten und nach den ersten acht Wochen der ehelichen Verbindung, vielleicht auch noch früher, mit andern hübschen Kindern in ein stilles Verhältniß traten, und mit diesen das Eingebrachte der Betrogenen lustig verpraßten. – O, ihr armen reichen Mädchen! 18. Eine Flasche Dinte, sagte Gundelchen den folgenden Morgen, als sie mit mehreren Bouteillen in einem Körbchen aus dem Keller heraufkam, und mir auf dem Vorsaal begegnete. Eine Flasche herrlicher Pontac! Die Freude über Gundelchens Güte und über ihre in diesem Zuge liegende unverkennbare Zuneigung, ließ mich übersehen, daß das liebe Kind den Eltern den Wein entwendet hatte. Trunken vor Wonne, trat ich auf den Zehen, – denn das Gefühl der Schuld, das Entwandte heimlich angenommen zu haben, fuhr aus dem bis dahin unbefleckten Gewissen, wie ein Blitz in die Fersen, daß ich nicht wie gewöhnlich festen Fußes ausschreiten konnte – in unser Arbeitzimmer, wo ich glaubte, allein zu seyn; zu meinem Schrecken aber saß der Papa, den Rücken mir zugewendet; vor seinem Tische und schrieb. Was bringen Sie denn da? fragte er mit halbem Blick auf meine Flasche. Dinte, Herr Knipps, antwortete ich, durch und durch erbebt, ganz leise, und wenn er in der Menschenkenntniß nur die geringsten Fundamental-Prinzipien inne hatte, so mußte er an dem gebrochenen Ton meiner Stimme hören, daß das Pontac war. Charmant, charmant, entgegnete Herr Knipps: da gießen Sie gleich ein wenig hinzu, die Dinte ist doch so dick und klebrig, daß man fast keinen Buchstaben schreiben kann. Ich nahm wohlweislich das Dintenfaß vom Tische, damit er meine Flasche nicht weiter in das Auge fassen solle, that wie er befahl, setzte ihm das Faß wieder hin, und er konnte meine Dinte nicht genug loben. Wo gekauft Lieber? fragte er schreibend. Ich – es ist eine grausame Wahrheit – aus einer Lüge entstehen tausend – ich entgegnete, daß ich nach einem alten guten Rezept das kunstgerechte Fabrikat selbst verfertigt hätte. Charmant, charmant, murmelte er, und schob mir, in einer Art von gutmüthiger Überwallung für die Galläpfel und das Kupferwasser, was ich, wie er meinte, dazu gebraucht habe, ein Achtgroschenstück in die Hand. Abscheuliches Gewebe des Zufalls oder des Satans selber! Dafür, daß ich mit der Tochter heimliches Spiel treibe, dafür, daß ich des Mannes gestohlenen Wein austrinke, dafür, daß ich ihm einen unchristlichen blauen Dunst vormache, dafür dringt er mir einen blanken Silberling auf! Ich schämte mich vor mir selber, aber ich mußte über das Komische des Zusammentreffens in meinem Innern doch lachen. So leicht, so lockend ist der erste Schritt zum Vergehen, das sich späterhin zur Sünde verstrickt und am Ende das Verbrechen erzeugt. 19. Herr Stremler, fuhr Papa Knipps fort: wird heute, wie Sie wohl wissen werden, im Amte als Viceactuarius verpflichtet – (ich wußte bis dahin kein Wort davon) – er hat mir gesagt, daß Sie, wie er von Ihnen gesprächweise und aus manchen kleinen Arbeiten entnahm, recht leidliche juristische Kenntnisse besäßen. Herr Stremler hat sich bei mir gebildet, vervollkommnet; wollen Sie ein Gleiches, so befördere ich Sie in seinen Posten. Freie Station und zehn Thaler monatlich, alles, wie es Herr Stremler bekam – Dieser zog einen Gehalt von zwölf Thalern. – Ich dankte ihm verbindlichst, und fühlte mein Gewissen etwas leichter, denn die gutmüthige Achtgroschen-Überwallung, vorhin, war blos die Ouvertüre zu dem Antrage, den er mir machen wollte, ihm das für zehn Thaler zu leisten, wofür er Herrn Stremler zwölf gegeben hatte. Und einem Filze, dem ich manchen Tag zwanzig und mehr Louis'dor verdiente, und der mich dafür mit dem ärmlichen Tagelohn von acht Groschen abspeis'te, einmal eine Flasche Wein, die mir noch dazu seine eigene Tochter heimlich gab, auszutrinken, hielt ich für kein Kapitalverbrechen. Auch Herrn Stremler übersah ich jetzt, ich hatte seinen Freimuth bewundert, mit dem er gegen alle Genossen des Hauses seine Ansichten rund heraussagte. Allein das Viceactuariat im Rücken, konnte er eine ganz andere Sprache führen, als ich, der ich mich ringsum von den Fäden des Herrn Knipps umstrickt sah, und außer ihm, in der ganzen Welt keinen Menschen hatte, der mir einen Bissen Brot reichte. 20. Papa stellte mich bei Tische der Familie als den neuen Herrn Amanuensis vor; ohne Einwilligung seiner Frau that Herr Knipps nichts; daher mußte ich vermuthen, daß die große Präsentation nur pro Forma geschah; auch ergab sich aus der Mutter und Gundelchens Mienen sattsam, daß beide schon darum wußten. Das Glas in der Hand, gratulirte mir der Papa, und trank auf steten Fleiß, Mama auf Verschwiegenheit und Gundelchen auf treue Ergebenheit. Der Accent, mit dem das Schelmenkind ihren Toast, den nur sie und ich verstanden, betonte, und der Gedanke, daß wir hier, vor Papa und Mama, eine Sprache sprächen, die ihnen wenn sie gleich reines Deutsch war, doch ein vollständiges Kauderwelsch blieb, kitzelte mich so, daß mir der Wein in die Sonntagkehle kam, und ich ihn, wie die Wilhelmshöher Fontaine das in dem Aquadukt aufgegossene Wasser, würde weit herausgesprudelt haben, wenn ich mich nicht augenblicklich entfernt hätte. Ein recht gefühlvoller Mensch, hörte ich die Mama im Abgehen sagen: daß ist die Freude über den Amanuensis, die ihn fast erstickte. Denselben Nachmittag noch kam sie, als Papa in die Ressource gegangen war, in die Expedition und belobte mein bisheriges Benehmen, gab mir zu verstehen, daß sie es gewesen, die den Mann auf den Gedanken gebracht, mich auf Stremlers Platz zu setzen, erklärte sich, mit Stümperchens Sparsucht, durch die verleitet, er mir von dem Gehalte meines Vorgängers monatlich zwei Thaler abknappte, gar nicht einverstanden, versprach, mir diesen Verlust zu vergüten, und machte nur zur einzigen Gegenbedingung, weder ihm, Stümperchen, noch sonst jemanden, dieserhalb Mittheilung zu machen, weil – sie schlug die schwarzen, brennenden Augen recht mädchenhaft zur Erde, – weil man dieser reinen Gerechtigkeitliebe, die nicht leiden könne, daß ich für gleiche Dienste weniger haben solle, als mein Vorgänger, leicht ganz andere Gründe unterlegen könnte. Überhaupt, fügte sie, als ich ihr die herzlichsten Küsse des Dankes für ihre überraschende Güte, auf ihre Hand gedrückt hatte, hinzu, und sah sich um, als besorge sie, behorcht zu werden: wünsche ich, daß Sie sich es zur Pflicht machen, in unserm Hause, von Dingen, die Andere nichts angehen, auch gegen keinen Menschen zu reden. Das Plaudern ist bei Euch jungen Herren eine recht gefährliche Krankheit. Ihr thut Euch selbst den größten Schaden damit. Es würde Euch manches Gute geboten, manche bescheidene Bitte gewährt werden, aber bei der Prahlsucht, mit der eure Eitelkeit lieber auf den Markt hintreten und die empfangene Gunst gegen alle vier Winde ausschreien möchte, und bei der Schlechtigkeit unserer heutigen Welt, die aus der kleinsten, schuldlosesten Veranlassung das boshafteste Gift saugt, um damit ihren bösen Leumund zu würgen, muß da nicht jede honette Frau Anstand nehmen, der Regung ihres Wohlwollens zu folgen? Den Sinn ihrer Rede im Geringsten nicht verstehend, legte ich meine Rechte auf mein Herz, und betheuerte, wenn ich nicht irre, mit einem sehr feierlichen Gesicht, daß die verehrte Frau Prinzipalin dergleichen nie von mir zu befürchtet. haben solle. Das will ich wünschen und hoffen, sagte sie, schalkhaft lächelnd, und reichte mir die Hand, und drückte sie mir so freundlich, daß ich meinem Schöpfer pries, in dieses Haus gekommen zu seyn, in dem die ersten Tage so dunkel und traurig mir waren; und das jetzt mir wie der Tempel meines Glücks erschien; denn bei dieser Stimmung der Alles vermögenden Mutter stand mit der Zeit meiner Beförderung zu irgend einem auskömmlichen Posten, und dann meiner Verbindung mit Kunigunden, nichts mehr im Wege. 21. An einem der nächsten Mittage kam beim Essen das Gespräch auf die schöne Welt von Käferlingen, und die Mutter fragte mit recht hingeworfener Gleichgültigkeit scherzend, ob ich mir hier im Orte noch nichts Liebes ausgesucht habe. Ich erschrack über die trockene Querfrage; Mama Knipps wußte ja, daß ich die ganze Zeit meines Hierseyns noch keinen Schritt aus dem Hause gesetzt hatte; am Ende war sie hinter mein und Gundelchens Verständniß gekommen, das sich jedoch, seit jener Federschneidescene, bei der ewigen Kontrolle, unter der wir Beide standen, durch nichts als durch einen sehr verstohlenen Liebesblick, durch eine uns Beiden nur verständliche Liebesphrase, durch die gestohlene Flasche Pontac, oder allerhöchstens durch einen unbemerkten Händedruck, hätte verlautbaren können. Gundelchen aber, das meine Verlegenheit gewahrte, war boshaft genug, mich gar nicht zum Worte kommen zu lassen, sondern äußerte, vom Gegentheile bei sich im Geheimen gewiß überzeugt, mit leichtfertigem Lachen, die Vermuthung, daß ich wahrscheinlich die Angebetete meines Herzens auf der Universität zurückgelassen habe. Diesen Argwohn konnte ich, wenn er auch nur im Scherze hingeworfen war, in ihrem Herzen nicht Wurzel fassen lassen; ich versicherte daher, daß ich bis zum Eintritte in mein gegenwärtiges Verhältniß, hier so wenig, als irgendwo, ein Frauenzimmer gekannt, geschweige denn geliebt habe, und freute mich, daß ich diese Betheurung so klar und verständlich herausgebracht hatte, denn Gundelchen konnte, wenn sie aufmerkte, was ich von dem, bis zum Eintritte in mein gegenwärtiges Verhältniß erwähnte, deutlich und unbezweifelt sich daraus entnehmen, daß sie meine allererste Liebe war; sie sah auch recht freundlich dazu aus, und die Mutter schenkte mir, was mich nicht wenig überraschte, das dritte Glas ein, legte mir – am Ende begünstigte die Herrliche im Geheimen meine stille, mir kaum selbst gestandene Liebe zu Gundelchen, – ein Nierenstückchen von dem vor uns stehenden saftigen Kälberbraten auf den Teller, und gab mir, als wir aufstanden, den Rest der angebrochenen Flasche Medoc, wobei sie, gleichsam zur Entschuldigung gegen den Mann, äußerte, daß die Neige doch nur kahnig werden würde. 22. Sie hatte Stümperchen und Kunigunden, die diesen Nachmittag auf das Land fuhren, begleiten wollen; allein später erklärte sie, die Lust dazu verloren zu haben und meinte, heute früh zufällig sehr zeitig aufgestanden zu seyn, und wolle sich dafür durch ein Mittagschläfchen schadlos halten. Der Köchin gab sie eine Menge Aufträge in die Stadt, und ging, als Mann und Tochter in den Wagen gestiegen waren und ich auf meine Expeditionsstube zurückkehrte, in ihr Kabinet. Es war kaum eine kleine Viertelstunde verstrichen, als sie in mein Zimmer trat, und fragte ob der Schlosser nicht hier gewesen sey; auf meine verneinende Antwort, entgegnete sie, daß sie ihn herbestellt und geglaubt habe, ihn sprechen zu hören. Ich gehe nachher aus, hob sie an: sollte er etwa während meiner Abwesenheit kommen, so sagen Sie ihm doch – kommen Sie herein, daß ich Ihnen zeigen kann, was er zu machen hat. Sie ging mir vor, ich folgte; wir gingen in ihr Schlafkabinet, wo der inwendig befindliche Fensterladen geschlossen war. Sehen Sie, fuhr sie fort: hier das Band ist los; das soll er anschlagen; und dann – sie schob den Thürriegel vor – der Riegel geht erschrecklich schwer auf und zu. Da braucht's keines Schlossers, sagte ich, über die Umständlichkeit der reichen Leute lächelnd: das ist ja lauter Flickarbeit, die man gleich selber machen kann. Auf die bin ich begierig, erwiederte Madame Knipps scherzend, als stellte sie meine Schlossertalente noch in Zweifel und lehnte sich in das Sopha. Ich ging zuerst an den Laden und wollte ihn öffnen, um mehr Licht zu haben. Sind sie von Sinnen? rief Madame Knipps erzürnt. Die ganze Nachbarschaft hat Stümperchen und Gundel ohne mich wegfahren gesehn; jeder Mensch weiß, daß das hier mein Schlafzimmer ist; was müßte man von uns beiden denken, wenn sie unterdessen sich hier am Fenster sehen ließen. Lassen Sie den Laden zu. Ich achtete Madame Knipps, die sogar den Schein ihrer Frauen-Ehre mit solcher Strenge bewahrt wissen wollte, um vieles höher, eilte zur Thür hinaus, um einen Hammer zu holen, und bemerkte im Aufriegeln, daß hier am alten Schlosse nichts als ein bischen Oel fehle. Pinsel murmelte Madame Knipps, als ich schon in der Thür war; ich verstand, daß ich zum Einölen mir einen Pinsel mitbringen sollte und versicherte, alle solche Umständlichkeiten leicht überspringend, daß eine Feder aus dem Flederwisch der Köchin dazu auch gut genug sey; sie aber drehte sich nach der Wand zu und sagte, wenn ich recht hörte, mit sehr verdrießlichem Tone: – selbst Flederwisch, unerträglich. Ich fühlte in dem Augenblicke recht schmerzlich, wie schwer es sey, dem von Glücke verwöhnten Menschen es immer recht zu machen. Sie hatte mir selbst hinter dem Rücken des Mannes eine Zulage bewilligt; erst heute noch hatte sie mir das dritte Glas, und dann gar die Neige eingeschenkt und das überraschende Nierenstückchen! – waren dieß nicht alles die freundlichsten Zeichen ihres mütterlichen Wohlwollens, und nun war sie böse, recht sehr böse, weil ich den Laden hatte aufmachen, – um ihr meinen Diensteifer recht sichtlich an den Tag zu legen und die kleinen übertragenen Arbeiten in beßtmöglicher Geschwindigkeit abzumachen, ras'te ich zur Küche hinab, wo ich das Werkzeug zu finden hoffte. Noch war ich auf der Treppe, als an der Hausthür jemand klingelte, daß ich denke, die ganze Stadt brennt an allen vier Ecken. 23. Herr Stremler war es. Er kam athemlos, aber fröhlichen Angesichts. Heute Vormittag, hob er heimlich flisternd an, und ging mit mir in die Expeditionstube; ist der Viertelsmeister Weinlich mit Tode abgegangen. Der Rath hat die Stelle zu vergeben; sie trägt an 300 Rthlr. Nur ein Studirter kann sie erhalten, weil der Viertelsmeister, nach den Statuten des Magistrats, späterhin Syndikus, und zuletzt dirigirender Bürgermeister wird. Im ganzen Orte ist in diesem Augenblick kein Mensch, dem sie die Stelle geben könnten; ich hielte selbst darum an, allein ich mag keinen Kommunalposten, und habe im landesherrlichen Dienste für die Zukunft bessere Aussichten. Da dachte ich an Sie, armer junger Freund; ich stehe Ihnen dafür, Sie fischen den Viertelsmeister weg. Nur rasch müssen Sie seyn. Zum Geben muß man sich Zeit nehmen, aber wo etwas zu holen ist, da keinen Augenblick versäumt. Die beiden Bürgermeister, der Stadthauptmann, die Schöffen, der Syndikus, die Stadträthe, der Kämmerer, die drei Viertelsmeister, kurz des ganzen löblichen Magistrats ehrsame Mitglieder, müssen Sie darum begrüßen, und das morgen persönlich. In ihrer schriftlichen Eingabe aber, die Sie heute Abend schon an den Consul dirigens abgeben müssen, beziehen Sie sich auf mein und Knippsens Zeugniß. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Uebermorgen sind vielleicht schon zehn Herren Vettern, Söhne oder sonstige Verwandte hiesiger Einwohner, die in Umkreise der Stadt sich aufhalten und schleunig herein gerufen werden, mit gleichen Anträgen da; dann aber sind Sie bereits im Hafen und lachen den zu spät kommenden in's Fäustchen. 24. Ich schloß im Uebermaße der Freude den theilnehmenden Mann in meine Arme, und dankte ihm mit dem gerührtesten Herzen. Auf einmal aber fiel mir etwas ein, und mitten aus meinem Himmel gestürzt rief ich schmerzlich aus: ich kann nicht Freund, ich kann nicht; die Stelle ist mir verloren! Na, was ist denn das wieder? fragte Stremler, halb lachend, halb ernst. Ich stockte. Heraus mit der Sprache Menschenkind, sagte Stremler ermuthigend: Was können Sie nicht? warum sehen Sie die Stelle für verloren an? Es war mir nicht möglich zu antworten. Haben Sie zu Ihrem Freunde so wenig Vertrauen? sagte Stremler verweisend. Ich tippte vor Verlegenheit, ihm meine Armuth gestehen zu sollen und in der ängstlichen Besorgniß, dem redlichen Menschen, der es so gut mit mir meinte, mir abwendig zu machen, schweigend auf meine Beinkleider. Da seh ich nichts, versetzte Stremler, dessen Blick meiner verzweiflungvollen Pantomine gefolgt war. So sprechen Sie doch rein heraus. Sie erwähnten, hob ich endlich mit gepreßter Stimme an: daß ich den Mitgliedern des Raths meine persönliche Aufwartung machen solle; das wollte ich auch recht gern, allein meine Garderobe. – Da sitzt der Knoten? rief lachend Freund Stremler: nun warten Sie, das läßt sich machen. Elegant, möglichst elegant müssen Sie auftreten, das ist unerläßlich; die Art Menschen sieht auf das Äußere; es schmeichelt sie, einen schmucken Mann aus der feinen Welt in ihr Raths-Gremium einzuführen. Fast alle Rathsmitglieder ohne Ausnahme haben, zwei und mancher gar fünf, sechs herangewachsene heirathbare Töchter. Gefallen sie der Mutter, so giebt der Mann Ihnen seine Stimme ohne Bedenken. Herr, die Welt ist nun einmal nicht anders; also mit dem Strome geschwommen, ist am besten. Sie sind ein junger netter, wohlgemachter Mann, es müßte ja mit Kräutern zugehen, wenn Sie durchfielen. Wie aus dem Ei geschält, müssen Sie morgen auftreten. Mein Schneider, Herr Heftlinger, metamorphosirt Sie mit seinen acht Gesellen, bis morgen früh eilf Uhr, zum zierlichsten Adon; und wegen der Bezahlung will ich schon mit ihm sprechen; sein Schwiegersohn ist der Rathskellerpachter, dem kann der künftige Herr Viertelsmeister auch einmal wieder einen Gefallen thun. Kommen Sie nur gleich mit, denn wenn der Mann zu rechter Zeit fertig werden soll, ist keine Minute zu versäumen. 25. Wir stürmten fort zu Herrn Heftlinger. Freund Stremler setzte ihn, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, vom Zusammenhange der Sache, so viel ihm zu wissen nöthig, in Kenntniß, empfahl ihm, vom feinsten und besten jeder Gattung zu nehmen, prägte ihm ein, den Schnitt nach der allerneuesten Mode zu wählen, nahm ihm sein Schneiderwort ab, daß Alles morgen früh zehn Uhr fertig seyn müsse, und wollte ihn jetzt wegen der Bezahlung vertrösten. Herr Heftlinger aber bat, über diesen Punkt gänzlich zu schweigen; er habe, meinte er, die Ehre in mir den künftigen Herrn Protector seines Schwiegersohns, des Rathskeller-Wirths zu sehen, und da wisse er wohl, was er dem künftigen Glücke des letztern schuldig sey. So wohl mir auch die ersten Huldigungen, die aus dem Munde des höflichen Kleidermachers der mir bevorstehenden Würde dargebracht wurden, an sich thaten; so war mir immer, wenn mir der Mann beim Maßnehmen mit seinem Papierstreifen zu nahe kam, als würde ich, wegen der Schuld, in die ich mich jetzt auf gut Glück stürzen mußte, dereinst einmal in Ketten und Banden gelegt werden. Ich hatte dreimal gebeten, Tuch und Kasimir von einer mittleren Sorte zu nehmen; allein Stremler, vom Schneider unterstützt, drang auf das Beste; dieß halte am längsten, stehe in Kostüm und Farbe am festesten, und Hinsicht des Macherlohns betrage der Unterschied keinen Groschen. Des Schneiders Rechnung mußte, nach diesem Zuschnitt, weit über hundert Thaler betragen; der schwärzeste Abgrund, that sich vor meinen Augen auf, wenn ich, bisher noch im ganz ärmlichen Leben völlig schuldenfrei geblieben, an diesen Sprung dachte, und fühlte, wie die große Möglichkeit, daß ich die Stelle nicht bekam, und dann vielleicht fünf, sechs Jahre lang in Herrn Hefterlingers Händen blieb, sich über mir wie eine Verderben bringende Wetterwolke zusammenthürmte. 26. Von hier mußte ich gleich mit in Stremlers Wohnung, und dort meine Eingabe aufsetzen. In eigenen Angelegenheiten, meinte dieser, schriebe man immer nicht so unbefangen, als in gewöhnlichen, das Interresse Anderer betreffenden Dienstsachen. Er empfahl mir, in der Abfassung meiner Vorstellung nicht zu demüthig zu seyn, mich aber auch nicht zu sehr auf das hohe Pferd zu setzen, denn der Rath bestehe hier fast größtentheils aus sehr achtbaren Mitgliedern, die wohl im Stande wären, mich aus meinem Machwerke zu beurtheilen. Ich concipirte, während er auf seinem Flügel spielte, meinen Aufsatz, gab ihm selbigen zur Durchsicht, ließ mir einige kleine Abänderungen darin gern gefallen, mundirte ihn selbst, und Stremlers Dienstmädchen trug das Anstellunggesuch, mit meinem Segen, und von Stremler, im Scherz mit drei Kreuzen begleitet, zum amtführenden Bürgermeister. Endlich erinnerte mich Freund Stremler, heute noch, wegen des empfehlenden Zeugnisses, wenn solches vom Magistrate werde gefordert werden, mit Herrn Knipps zu sprechen, und ihn zugleich um Verschweigung der Sache gegen Jedermann zu ersuchen, damit nicht vor der Zeit davon gesprochen, und vielleicht von irgend einer Seite ein Querstrich durch unsere Rechnung gemacht werde. 27. Als ich in unsere Straße bog, kam eben Gundelchen mit dem Vater gefahren, ich zog den Hut; beide grüßten recht freundlich; ich beeilte meine Schritte, um zu gleicher Zeit mit ihnen am Hause einzutreffen und Gundelchen aus dem Wagen heben zu können. Es flog mir zwar so im Fluge die Idee durch die Seele, daß das Mädchen vielleicht in Kurzem eine kleine Frau Viertelsmeisterin seyn könnte, und daß solches ihr gar nicht übel stehen würde; allein ganz reif ward der Gedanke nicht, den der Lohnkutscher rief Brr, und ich öffnete, fast ohne Athem, die Thür des Wagens. Papa schien meine Aufmerksamkeit sehr hoch aufzunehmen; er sprach, während er krächzend und langsam herauskrebste, von sich unnöthiger Weise incommodiren, von sehr geneigter Attention und dergleichen, und freute sich, an allen Fenstern der Nachbarschaft Leute zu bemerken, die es mit angesehen hatten, wie der junge Herr Amanuensis dem Herrn Prinzipal, dienender Weise, unter die Arme griff. Gundelchen war viel leichter und behender; sie schwebte, auf meinen Arm gestützt, recht zierlich aus dem Wagen herab, drückte mir, für meine Hülfe dankbar die Hand, und lispelte heimlich lachend, aber mit sichtbar freundlicher Theilnahme: Guten Abend, mein lieber Herr Viertelsmeister. 28. Im Teylerschen Museum zu Harlem befindet sich die berühmte Electrisirmaschine von Cuthbertson, die größte vielleicht in der Welt. Ein Schlag ihrer, aus 230 Flaschen bestehenden Batterie zerspaltet Eichbäume, schlimmer, als hätte der Blitz solche getroffen. Genau so, als wäre Herr Cuthbertson mit seiner ganzen Batterie in alle meine Gebeine gefahren, war mir zu Muthe, als Gundelchen des Viertelsmeisters gedachte. Woher, rief ich, sie auf der Treppe ereilend, leise: sagen Sie um Gottes willen, woher wissen Sie, daß ich mich viertheilen lassen will? Der hat es mir gesagt, entgegnete sie lachend, und tippte auf den kleinen Zeigefinger ihrer Linken, der weiß Alles; mit diesem alten verbrauchten Spase schlüpfte sie in das Zimmer der Mutter, und ich zerbrach mir den Kopf, wie es möglich sey, daß mein Geheimniß schon halb stadtkundig hatte werden können. 29. Halt! – Daß der Weinlich gestorben, hatte Papa Knips gewiß eben so gut erfahren als Freund Stremler. Papachen war mit Kunigunden ausgefahren. Letztere hatte gemeint, daß es eine Stelle für mich sey, und Papa hatte ihr versprechen müssen, sich meinetwegen beim Rathe zu verwenden. So hing die Sache zusammen, und ich konnte jetzt nichts besseres thun, als gleich zu Herrn Knipps zu gehen, und ihn, ohne mir merken zu lassen, daß zwischen ihm und Gundelchen die Sache schon verhandelt war, von meinem bereits abgegebenen Anstellgesuche, unter höflicher Bitte um sein Fürwort, in Kenntniß zu setzen. Weiß schon Alles, sagte Herr Knipps wohlwollend, und sah wahrscheinlich auch schon, in der Ferne, seine Gundel als Frau Viertelsmeisterin an meiner Seite: bei unserer Heimfahrt traten wir zufällig einen Augenblick bei Bürgermeisters ab; da kam ihr Schreiben, das zeigte mir der Herr Bürgermeister und fragte mich um mein Zeugniß, und da solches, wie nicht anders zu erwarten ist, für sie recht vortheilhaft ausfiel, so forderte er mich auf, ihm dasselbe morgen schriftlich zukommen zu lassen. Ich büße Sie zwar nicht gern ein, doch mag ich Ihnen in Ihrem Glück auch nicht hinderlich seyn, und wir können in Zukunft vielleicht einander wieder brauchen. 30. Als ich beim Abendessen der Mama Knipps gegenüber saß, fiel mir erst meine Schlosserarbeit wieder ein; ich entschuldigte mein Außenbleiben tausendmal, und bat um die Erlaubniß, die Kleinigkeiten in ihrem Schlafzimmer heute Abend noch vornehmen zu dürfen. Was denn für Kleinigkeiten? fragte Herr Knipps etwas barsch; und als ich ihm des Breiteren aus einandersetzte, was es da alles zu machen gäbe, sagte er mit einem mir recht auffälligen Seitenblick auf Mama: das Alles ist ja Ihre Arbeit nicht; dazu könntest Du allenfalls den Schlosser holen lassen. Das wollte Madam Knipps auch, fiel ich ihm, mit einer Art Verwendung für diese, in das Wort: indessen ich pestele gern, und da habe ich mich selbst erboten – Ach lassen Sie das Pesteln seyn, erwiederte er verdrießlich; das ist für uns Schreibmenschen kein Geschäft. 31. Noch spät Abends fand ich ein von mir bereits gefertigtes von ihm aber aus Versehen noch nicht unterzeichnetes Billet, das, wegen eines morgenden Termins, heute Abend noch abgesendet werden mußte. Es blieb mir daher nichts anders übrig, als ihm dasselbe zur Unterzeichnung gleich vorzulegen, und ich ging deßhalb nach seiner Wohnstube. Im Vorzimmer hörte ich ein sehr lebhaftes Zwiegespräch, ich stand eine Weile und wußte nicht, ob ich eintreten sollte, oder nicht; ein so lauter Wortwechsel konnte fast Zank genannt werden, und wie Ehegatten von Bildung sich in eine solche Gemeinheit verlieren konnten, war mir und meinen Begriffen von der gegenseitigen Achtung, welche der Grundstein dieses zarten Verhältnisses seyn muß, wenn es ein glückliches genannt werden soll, eine ganz neue Erscheinung. Aber ich habe ihm einmal mein Wort gegeben, sagte er, und schlug auf den Tisch; ich habe in der ganzen Raths-Klique keinen, der mir recht zugethan ist, und darum hoffe ich, soll er mir dort aus Dankbarkeit recht gute Dienste thun. Der Mensch ist aber, sage ich Dir, ein Esel, ein grundstockdummes Kalb, mit dem man Thüren einrennen könnte; was soll Dir der für Dienste thun. Dumm? das möchte ich nicht behaupten; er macht seine Sächelchen wie ein Daus. Gott, was weißt Du von dumm oder nicht dumm! Seine Federkritzeleien kann er verstehen; aber was Lebensklugheit anbelangt, und das ist ja die eigentliche, die wahre, da versichere ich Dich, da ist, weiß der Himmel, mein Mops klüger als er. Mag sein, mag sein, Frauchen, aber ich habe ihm das empfehlende Zeugniß einmal versprochen. – In dem Augenblick klatschte es, als ob es Ohrfeigen regnete, und sie schrie, während er immer: Frauchen, Frauchen, Du bist ja heute wieder einmal auch gar zu böse, dazwischen rief, wüthend dazu: Du Gimpel, miserabler, ich sage Dir ja, Du sollst ihm das Attest nicht geben, Du darfst nicht, Du mußt nicht – ich kann den Menschen nicht leiden, und ich breche Dir den Hals, wenn er Viertelsmeister wird. Aus dem Hause muß er mir, und das sobald als möglich, hast Du mich nun verstanden? Strohkopf? Ja mein Mäuschen, antwortete Stümperchen mit weinerlicher Stimme, und ich ging, auf Viertelsmeister und Zukunft verzichtend, zum Zimmer hinaus. 32. Nach acht Tagen erhielt ich vom wohllöblichen Magistrate die schriftliche Eröffnung, daß, da das Zeugniß meines bisherigen Prinzipals, der meine Dienstbrauchbarkeit am meisten beurtheilen könne, mehr als schwankend wäre, zugleich sich aber auch ein zweiter Mitbewerber um die nachgesuchte Stelle gemeldet habe, dem, als dem Sohne eines hier ansäßigen Bürgers, sein Näherrecht nicht verkümmert werden dürfe, meinem Antrage nicht zu willfahren sey. Dieser mein Rival war Mosje Jäckel, der Sohn eines hiesigen reichen Kaufmanns; ein lüderlicher Wüstling, der erst anderthalb Jahre auf der Universität gewesen war, der fast kein Collegium besucht, sondern die Zeit auf den umliegenden Vergnügensorten, in ganz verworfener Gesellschaft und am Pharotische zugebracht hatte, und der jetzt eilig und schleunig herbeigeholt worden war, um ihn, halb unreif und verdorben an Leib und Seele, in den Rath zu schicken. Im höchsten Unmuthe meiner bittern Kränkung eilte ich zu Freund Stremler, und fiel ihm, ja, ich will es nicht läugnen, weinend um den Hals. Komischer Mensch. sagte er ruhig: Sie sind, merke ich, noch nicht lange in der Welt. Ich bin zwar nicht gar viel älter als Sie, aber an das peinigende Gefühl, dumme Jungen über mich wegsteigen und mir die einträglichsten Stellen wegschnappen zu sehen, habe ich mich nun schon ziemlich gewöhnt. Es ist dem Stolze des Mannes, der das Seinige gelernt hat, und unbescholtnen Wandels ist, eine heimliche und darum um so blutigere Marter, Menschen an Ehre und Einkommen nachstehen zu müssen, die nicht durch Kenntnisse, nicht durch den Ruf ihres moralischen Werthes, sondern durch Geld, durch Verbindungen, durch Geburt, oder durch Drängen und Treiben sich empor schwingen, aber soll ich darum den höchsten Schatz, den mir Gott verlieh, meine gute Laune verlieren? soll ich darum mein ganzes Leben hindurch brummen, murren und mit dem Geschick hadern? Glauben Sie nur, die sich auf Unkosten Anderer, über Alle weg, in die Höhe treiben, ohne die zu ihrem Posten erforderlichen Kenntnisse zu besitzen, sie schlafen auch nicht auf Rosen. Die durch sie Benachtheiligten und deren Freunde, stellen ihnen ein Bein, wo sie nur können und benutzen die erste Gelegenheit, die Hochgestellten um das Vertrauen der Obern und um die gute Meinung des Publikums zu bringen, und ihnen, wenn auch natürlich hinter dem Rücken, alles ersinnliche Herzeleid zuzufügen, so daß jene mit ewigen Kränkungen und hinterlistigen Ränken zu fechten haben. Das ist so bei uns hier in Käferling, wie in der Residenz und in der ganzen Welt, und weil das immer so war, und immer so seyn wird, und wir beide das nicht ändern können und werden, so behalten Sie den Kopf oben. Jäkel erhält, vermöge der Verbindungen seines reichen Vaters, die Stelle, wird, wie ich heute bestimmt gehört, übermorgen mit unserer Knippsgundel seine Verlobung feiern, und Sie werden, da die Alte, ich weiß nicht warum, Sie nicht leiden kann, und bei der dicken Schwägerin in der Marktbude bereits ein neuer Amanuensis sammt einem Kopisten verschrieben ist, nächstens Ihre Aufkündigung erhalten; aber lassen Sie sich darum nicht leid seyn, Gott hat noch keinen Sperling vom Dache fallen lassen! Aber der Schneider! brach ich, den Viertelsmeister, das Hunderttausendthaler-Gundelchen und meinen Amanuensis, in Einem Athemzuge in die Fichten gehen sehend, schmerzvoll aus. Wie denn der Schneider? sagte Stremler: was hat denn der mit den Sperlingen auf den Dächern zu thun? Ach scherzen Sie nicht mein Freund, entgegnete ich mit weicher Bitte; Sie wissen ja, der Schneider Heftlinger und seine furchtbare Rechnung. Nun deshalb lassen Sie sich kein graues Haar wachsen, entgegnete Stremler gutmüthig lachend: der Mann kennt Sie nicht, ich habe mich daher für Sie verbürgt, mithin können Sie vor dem ganz ruhig schlafen. Verbürgt? rief ich, ihn umarmend: mein edler Freund! nun drückt mich die Schuld doppelt! Da sehe ich nicht viel edles, warf Stremler leicht hin: ich war die erste Veranlassung, daß Sie sich zur Ergänzung Ihrer Garderobe entschlossen, folglich muß ich auch vor dem Risse stehen. Aengstigen Sie sich darum nicht. Wer weiß, wozu das Alles noch gut ist; ein feiner, sauberer Rock – es ist leider Gottes wahrhaftig wahr, empfiehlt oft mehr, als das zierlichste Empfehlungsschreiben eines bedeutenden Mannes. 33. Ich habe schlecht erzählt. Ich erwähnte gleich beim Eingange der schlaflosen Nacht, in der ich mit meinem tükischen Geschicke schmollte, und diese Nacht trat jetzt erst in die Reihe meiner Begebenheiten, als ich spät Abends vom Freund Stremler nach Hause kam, und wie dieser prophezeit hatte, richtig ein Billet des Herrn Knipps vorfand, in dem er, unter schalen Vorwänden, mir dergestalt kündigte, daß in vierzehn Tagen unser Verhältniß als aufgehoben anzusehen sey. Eine volle Börse in der Tasche, sein sicheres Brot im wohlgeordneten Hause, schwatzt es sich recht gut vom Vertrauen auf die Vorsehung, von der Werthlosigkeit des lieben Geldes, vom Glücke des Genügsamen, und von dergleichen goldenen Sächelchen mehr. Aber in dieser unvergeßlichen Nacht konnte ich die Nichtigkeit aller jener, dem Unglücklichen nicht recht vorhaltenden Trostgründe erkennen, und eben, weil ich in jenen stillen Stunden, die dem Sorglosen Ruhe und Erquickung gewähren, den ganzen Abgrund meines Elends in seiner unergründlichen Tiefe vor mir geöffnet sah, und weil sie auf mein Gemüth einen fast unauslöschlichen Eindruck machte, war meiner Feder der Fehler enteilt, damit die Geschichte meines Lebens anzufangen. Gundelchens Verlust ging mir eigentlich weniger zu Herzen; ein Mädchen aufzugeben, das mir gut zu seyn schien und in acht Tagen einem Andern, einem durch sein wüstes Leben mir so werthlos gewordenen Mann ihre Hand zu reichen vermochte, konnte mir bei ruhiger Prüfung nicht schwer fallen. Auch die vereitelte Hoffnung auf die gesuchte Stelle im Rath schmerzte mich an sich nicht so tief, denn bei meinen Zweifeln an meinem Glück, hatte ich vom Anfange an, auf die Erhaltung dieses Postens nicht sehr gerechnet, und mich zu den Schritten, die ich dieserhalb that, lediglich von Freund Stremler verleiten lassen. Näher lag mir die Kündigung meines jetzigen Verhältnisses; was hatte ich der Frau gethan, daß sie mich aus ihrem Hause verbannt wissen wollte? Später ahnte ich wohl, was Madame Knipps-Potiphar so gegen mich aufgebracht haben konnte, aber damals in dem reinen Bewußtseyn meiner Schuldlosigkeit, war ich, bei aller ersinnlichen Strenge, mit der ich jedes Wort, jede meiner Handlungen mir vorhielt, nicht im Stande, mir eine Ursache des Vorwurfs zu ergrübeln. Wo sollte ich jetzt hin, wer gab mir, dem, aus einem der ersten Häuser des Orts Verwiesenen, Arbeit und Brot? Mehr aber, als alles drückte mich der Schneider. Die ganze Zunft seiner Genossen hätte mich mit glühenden Nähnadeln blutig stippen können, es hätte mich weniger geschmerzt, als die quälende Angst, wie ich dem Manne einmal gerecht werden könne. Er hatte auf Anrathen Stremlers, der es mit mir recht gut meinen mochte, Alles viel feiner und besser geliefert, als es eigentlich nöthig gewesen wäre; es war die erste und die einzige Schuldpost meines Lebens; ich sah im ganzen Bereiche meiner Aussichten kein Mittel, ihn je bezahlen zu können, und Stremler, der uneigennützige, der selbst nicht bemittelte Freund, hatte sich für mich verbürgt! Wer nur einiges Zartgefühl besitzt, wird jetzt die Marter jener Nacht ermessen, und Gott, der die Schwächen des menschlichen Herzens, den Blödsinn des menschlichen Verstandes in seiner Allwissenheit kennt, wird mir verzeihen, wenn ich in jenen finstern Augenblicken, in düsterster Schwermuth, an seiner Hülfe verzweifelte. 34. Ein Dienstgeschäft nöthigte mich sehr früh auszugehn. Noch war es ziemlich leer auf den Straßen; der einzige Bekannte, der mir begegnete, war der Mensch, der mir vielleicht für mein ganzes Leben mit der schweren Hand des Rechts auf mir lastete, Meister Heftlinger; er hatte ein Packt Kleidungsstücke, in einen Teppich geschlagen, unterm Arme, schien sehr eilig zu seyn, ging auf der andern Seite der Straßen-Ecke, winkte mir hinüber zu kommen, und bat umzukehren und ein Stückchen mit ihm zu gehen, weil er schnell zu einem Kundmanne müsse und keine Zeit zu verlieren habe. Lieber, bester Herr Heftlinger, hob ich bittend an, und er mußte in meinem Armensünder-Gesichte lesen, daß ich ihm meine fehlgeschlagene Viertelsmeister-Hoffnung und die dadurch bewirkte Unmöglichkeit, ihn jetzt bezahlen zu können, eröffnen wollte, denn er hob freundlich an: weiß schon alles, bin gestern Abend spät noch beim Herrn Actuarius Stremler gewesen; seyn Sie ganz ruhig; habe manche hübsche Leute im Buche stehen, Jahre lang; einen mehr oder weniger, thut nichts zur Sache. Sie sind ein ehrlicher Mann, und können Sie heute nicht wie Sie wollen, geht's vielleicht späterhin. Ist mir nur verdrießlich, daß Sie die Stelle nicht bekommen haben, wegen meines Schwiegersohns; der arme Schelm hat auch einen schweren Stand; nun er muß sich durchflicken, so gut er kann. Nein, aber was ich eigentlich wollte, da hat, wie mir diesen Augenblick auf dem Markte der Küster aus Buchenhayn erzählt, der Graf dort seinen Secretair Knall und Fall fortgejagt; können Sie Französisch? Sprechen und schreiben, entgegnete ich, im Schnellschritt neben ihm hertrottirend und horchte, was da weiter kommen sollte. Herrlich, rief er, freundlich theilnehmend; dann kann es Ihnen gar nicht fehlen; machen Sie sich gleich auf die Strümpfe, aber gleich und halten Sie beim Grafen um die Stelle an. Herr, wenn Sie sich dort zu schicken wissen, so lachen Sie den Viertelsmeister, Herrn Knipps, und uns alle aus. Aber was ist denn das für ein Graf? fragte ich, und die Brust ward mir weiter, und ich schritt aus, daß mir Herr Heftlinger kaum folgen konnte. Mein Gott, kennen Sie den Grafen Dingelheim nicht? erwiederte mein helfender Bügeleisengenius, und nahm zur Abwechselung, sein Packt unter den andern Arm. Sehen Sie, das ist der kurioseste Kauz unter der Sonne; aber Geld hat er, mehr wie wir beyde; alle Stunden einen Louisd'or! Er ist Gesandter gewesen, in der halben Welt ist er gewesen; er spricht alle Sprachen wie Wasser; seine Bauern sind seine Kinder, aber seine Leute haben einen schweren Stand; bezahlt werden sie honett, das muß man sagen: weiß Gott, seine Bedienten stehen sich besser wie unsere Viertelsmeister, aber dafür liegen sie den ganzen Tag, wie an der Kette. Kein Kind, kein Kegel im großen Schloße; sein einziger Sohn, der durch das Mutter-Erbtheil vielleicht noch reicher ist, als der Vater, lebt in Italien; der alte Herr sieht keinen Menschen bei sich, und doch bleibt, wenn das Jahr um ist, kein Groschen übrig; alles giebt er weg an die Armen, und an die Schulen, und läßt bauen, immer ein Dorf schöner als das andere; die ganze Herrschaft ist ein Garten. Da machen Sie, daß Sie hinkommen. Französisch müssen Sie können, denn darum hat er eben seinen jetzigen Secretair fortgejagt; der hat gesagt, daß er es verstände, und wie es zum Treffen kommt, hat er nichts weiter gewußt, als; wotter dreh simpel Servitör, erzählt der Küster. Buchenhayn ist vier Stunden, wenn Sie sich gleich auf den Weg machen, und tüchtig zustiefeln, sind Sie spätestens um eilf Uhr draußen; vor allen Dingen aber ziehen Sie meine neuen Sachen an, denn dafür hat die alte Excellenz eine wahrhaft lächerliche Schwäche. Ich hatte sonst das Haus. Herr, das war ein Haus! Er selber zieht keine Nachtjacke an, wenn sie nicht aus London oder Paris ist; seine Hosen bekommt er aus Rom, da meint er, würden die besten gemacht; ich hatte nur die Dienerschaft und den Stall; Herr, alle Jahre neue Livreen, faustbreit mit ächten Tressen und Borden verschamerirt; aus der besten Meinung von der Welt, bloß um ihm das Geld nicht mit Händen zum Fenster hinaus werfen zu lassen, nehme ich einmal Dreithalertuch; da denke ich, der alte Mann fährt aus der Haut; nach einem Donnerwetter von einer halben Stunde, in dem er mich unter den grausamsten Flüchen in allen Sprachen, mehr denn zwanzigmal fragte, ob ich glaubte, daß er schon bankerott wäre, ob seine Leute wie gemeine Soldaten montirt gehen sollten; und dergleichen Schraubenanzüglichkeiten mehr, bezahlte er mir meine Rechnung zu Heller und Pfennig, packte mich sammt allen meinen Livreen auf einen Wagen, ließ mich nach Hause fahren, und hat seitdem keinen Stich wieder bei mir machen lassen. Herr, wenn Sie mir die Kundschaft wieder verschaffen können, alle Jahre einen neuen Frack vom feinsten Vigogner. – Mit diesen Worten zog er an der Klingel des Hauses, in dem er sein Kleiderpackt abzugeben hatte, wünschte mir glückliche Reise und gute Geschäfte und trat in die vor uns sich öffnende Thür, die hinter ihm zufiel. Da stand ich, wie, mit Respect zu sagen, gewisse, in der Kunst die Zukunft zu berechnen eben nicht sehr bewanderte Thiere mit zwei Hörnern, am Berge. 35. Wohl waren der Gründe für und wider mancherlei; die mir entworfene Schilderung machte mir vor dem Grafen bange, aber konnte – durfte ich denn wählen? blieb mir denn etwas anderes übrig? und wenn die Skizze über den Character des Mannes, dem ich meine Kräfte und meine Dienste anbieten sollte, noch zehnmal abschreckender ausgefallen wäre, – auch in den Dornstrauch greift der im Wasser Verunglückte, um sich von dem Untergehen zu retten. Ich eilte nach Hause, wo Alles noch schlief, schrieb an Herrn Knipps einen etwas patzigen Brief, in dem ich ihm aus einander setzte, daß er mir, da ich mich auf einmal außer Brot sehe, nicht verargen könne, wenn ich wegen meines anderweiten Unterkommens, mich auf einen Tag beurlaube, warf mich der Weisung meines Freundes Heftlinger gemäß, in meinen neuen Gallafrack, und ging mit schwerem Herzen zur Stadt hinaus. 36. Je näher ich Buchenhayn kam, desto banger ward mir. Das war am Ende nichts weiter, als eine kühne Speculation des Herrn Heftlinger, zu seinen Gelde zu gelangen. Bei Gott ist kein Ding unmöglich; folglich lag es auch in dem Kreise der Möglichkeit, daß ich die Secretairstelle wegfischen konnte, und dann hatte Herr Heftlinger die sichere Aussicht, seine Forderung einziehn zu können. Wie durfte ich, steinfremd, und ohne alle Empfehlung, erwarten, daß der gewandte Weltmann, der seine Leute mit Geld aufwog, und also bei jeder Vacanz gewiß auf hundert Anstellunggesuche rechnen konnte, mich berücksichtigen würde. Meine Muthlosigkeit nahm so überhand, daß ich schon im Begriff stand, wieder umzukehren – aber wie ein drohendes Schreckbild, wie den in der nordischen Mythe berühmten Wolf Fenris, der, wenn er den Rachen aufsperrt, das Weltall verschlingt, dachte ich mir Herrn Heftlinger hinter mir. Ich mußte vorwärts. Hinter einer verfallenen Meierei trat ich in das Gebiet des Grafen. Mein erster Blick fiel auf eine große Tafel an einem hohen Pfahl. Erstere enthielt ein, in Hinsicht der Kunst nicht mißlungenes, dem Gegenstande nach aber höchst schreckenvolles Gemälde. Ein Unglücklicher, wie ein Wanderer gekleidet, hatte seine zwei Hände auf einem Blocke liegen, die ihm ein blutroth angethaner Henkersknecht, dessen teuflisch grinsendes Fratzengesicht an dem Höllengeschäft eine wahre Satansfreude zu haben schien, mit einem großen Beile abschlug. Unter diesem furchtbaren Gemälde stand in rother Schrift: Gerechte Strafe des Baumfrevels. Mich schauderte. Das war also der Willkommen, mit dem der Graf den Fremden beim ersten Schritte in sein Besitzthum gastlich begrüßte. In diesem einzigen Zuge characterisirte sich der ganze Mensch! Lieber Himmel, wenn nun auch einmal ein Rüthchen, ein Zweig, eine Frucht abgebrochen ward! Gott unser Herr hat nirgend eine solche grausende Warnungtafel aufgestellt, und doch blüht seine schöne Welt, Jahr aus Jahr ein, in tausend neuen Reizen auf. Der Graf ist ein Unmensch! rief ich halb laut hin, und wollte Kehrt machen, aber der Schneider! – Mit gepreßtem Herzen ging ich weiter; eine schnurgerade Kunststraße, mit einer vierfachen Reihe von blühenden Äpfelbäumen, führte mich dem vor mir liegenden blanken Dörfchen zu. Ein Meer von Wohlgerüchen duftete mir aus dem Blüthenschnee der herrlichen Fruchtbäume entgegen; sie standen alle so frisch und kerngesund, daß mir das Herz im Leibe lachte. Ich holte ein junges Bauer-Mädchen ein, das vom Felde kam und heim ging; sie grüßte freundlich und antwortete auf meine Fragen bescheiden; das feine Leinen, in das sie gekleidet war, ihr Anstand und ihre verständige Rede – es mußte etwas apartes seyn, und ich äußerte daher mit einer Art galanter Wendung, daß ich wohl das Vergnügen hätte, mit der Tochter des Herrn Schulzen – Ihr beliebt zu scherzen, guter Herr, entgegnete das niedliche Mädchen, halb geschmeichelt, halb verlegen, wo denkt Ihr hin, die Schulzentochter! die sieht bei uns aus ganz anderen Augen! ich bin, setzte sie mit leichtem Lächeln hinzu: gerade die Aermste und Geringste im Dorfe; mein Vater ist der Hirte: indessen – ich hin ja auch noch nicht hungrig zu Bette gegangen. Ich war über die Manier, über das ganze Wesen des sittigen Hirtenkindes vor Verwunderung ganz außer mir; sie verrieth im Laufe des Gesprächs, ohne im Mindesten damit glänzen zu wollen, das Wissen einer Menge Dinge, von denen Gundel Knipps und hundert Schönen in Käferlingen bestimmt kein Wort wußten, und ließ sich über das Alles mit einer so zarten Anspruchlosigkeit aus, daß ich die mir lange auf den Lippen geschwebte Frage, woher sie das Alles wisse, und wie sie überhaupt zu der bei Mädchen ihres Verhältnisses seltenen Bildung gelangt sey, mir nicht länger versagen konnte. Ach Gott, ich weiß noch wenig, entgegnete sie in lieblicher Einfalt: da sollt Ihr mit andern Mädchen des Dorfes, die auf das Lernen mehr Zeit verwenden können, und mit unseren jungen Burschen reden; da sind welche darunter, mit denen ich mich nicht messen kann. Aber Kind, hob ich, die nie geahnte Vollkommenheit eines solchen dörflichen Unterrichts laut belobend an: woher kömmt das alles hier? Woher das kömmt? erwiederte sie mit einer Art heimathlicher Selbstgefälligkeit: das kömmt alles aus der Allee her. Aus der – wollte ich fragen, denn wie die Allee mit des Mädchens vorzugweiser Bildung in Beziehung stehe, wollte mir nicht recht einleuchten; aber es ließ sich nicht unterbrechen, und erzählte, daß diese Aepfelbaum-Allee hier, bis zum Dorfe, jährlich für den festen Zins von 1600 Thaler verpachtet sey, daß diese Summe an die beiden Schullehrer ihres Dorfes und an eine Lehrerinn als Gehalt gezahlt werde; daß das von den Eltern der Kinder außerdem noch zu entrichtende geringe Schulgeld zum Ankauf von Büchern, Musikalien und dergleichen bestimmt sey; daß beide Lehrer auf der Hochschule studirt hätten, und gar gelehrte, liebe Herren wären; daß die Frau des Einen die Mädchen des Dorfes in allen weiblichen Arbeiten unterrichtete, u. s. w. Unsere Allee, fuhr sie fort: ist schon über 25 Jahre alt; unser Herr hat sie anlegen lassen; anfangs sind, wie der Vater oft erzählt hat, fast in jeder Nacht, mehr denn zwanzig, dreißig Stämmchen abgehauen und verstümmelt worden; seit aber die Tafel am Eingange steht, hat doch keiner auch nur ein Blatt angerührt. Da hatte ich, für mein vorschnelles Urtheil über jenes Schreckenbild, meinen Klapps weg. Die Tafel mag recht gut seyn, hob ich an, und wollte mit dieser Einleitung auf den Grafen selbst kommen: aber wer Euern Herrn nicht kennt, der sollte, wenn ihm die Exekutionsgeschichte in dem Gemählde zu Gesicht kommt, denken, Wunder, wie streng er wäre. Das ist er auch, antwortete sie: er ist wie unser Herr Gott; streng, wo er muß; und milde, wo er kann. Noch neulich habe ich von ihm eins mit der Reitgerte gekriegt, daß ich zeitlebens daran denke. Du? rief ich, und betrachtete das zarte hübsche Kind mit schmerzlicher Theilnahme. Ein Satan, ein recht eingefleischter Satan mußte der Mensch seyn, und hätte ich seine ganze Herrschaft geschenkt bekommen sollen, es wäre mir nicht möglich gewesen, dieses schuldlose, idyllische Mädchen nur unziemlich anzusehen, geschweige den so barbarisch zu behandeln! Ich klagte es dem Vater, fuhr das Hirtenkind fort: der meinte aber, es sey mir ganz recht geschehen; ich hatte nähmlich die Kälber unsers Dorfs eines Morgens auf die Hutung getrieben; dicht an diese stößt eine junge Birkenschonung, und während ich am Grabenrande sitze, und mir einen Blumenkranz winde, spaziren ein Paar Kälbchen in die Schonung, und lassen es sich ganz trefflich schmecken. Unglücklicherweise kommt der alte Herr um die Ecke geritten, und in der ersten Hitze bot er mir da über die Achsel weg mit der Reitgerte einen guten Morgen, daß ich das Danken vergaß, – doch, sagte sie, ihr trauliches Plaudern unterbrechend, und trat in das erste Häuschen des Dorfes, das uns aus einem blühenden Frucht- und Blumengarten freundlich entgegen lachte: wollt Ihr, guter Herr, nicht ein wenig eintreten und ausruhen? Kann ich Euch mit einem Glase frischer Milch dienen? Ich dankte höflich und ging, denn mir war Essen und Trinken vergangen. Wenn das am grünen Holze geschah, was war nicht alles für das dürre zu befürchten! Wenn der alte hochgräfliche Belzebub ein solches wunderhübsches Kind durch körperliche Züchtigungen verunglimpfen konnte, was hatte ich von seiner ersten Hitze, wie das sanfte Mädchen seinen rasenden Jähzorn nannte, bey dem leichtesten Versehen nicht alles zu erwarten! Es war mir, als schleppe mich mein Schicksal einer endlosen Marterbank entgegen; noch einmal wandelte mich der Entschluß an umzukehren; aber der Schneider! Das Dörfchen war das schönste, was ich in meinem Leben sah, lauter neue, geschmackvoll gebaute steinerne Gehöfte; vor jedem Hause Blumen und Obstbäume, hinter jedem Gemüse- und Küchengärten in der Pracht ihres Reichthums und alles reinlich und nett, und still und friedlich beisammen. Die Kinder, die hie und da auf der Straße spielten, grüßten alle ohne Ausnahme höflich; viele kamen an mich heran, und boten mir die Hand, fragten, wo ich hin wolle, und wiesen mir den an sich nicht zu verfehlenden Weg nach Buchenhayn, wohin wieder eine mit Kirschbäumen vierfach besetzte Kunststraße führte. 37. Da lag das große prächtige Schloß vor mir; der mit Kupfer gedeckte Thurm ragte aus dem frischen Maygrün des umgebenden Gartens hoch empor. Je näher ich kam, desto enger ward mir die Brust. Zum großen Hofthor wollte ich nicht hinein gehen, da fiel ich vielleicht gleich einem groben Bedienten in die Hände, der mich ohne Umstände abwies; dann hatte ich den weiten Weg umsonst gemacht. Eine offen stehende Gartenthür, die ich in der Ferne bemerkte, schien mir einladender. Wollte mir das Glück wohl, so traf ich auf einen Gärtner oder Arbeiter, der, durch meine freundliche Ansprache gewonnen, mich dem Kammerdiener oder einem Lakey mit theilnehmender Verwendung zuführte, und dann durfte ich hoffen, auf diese Weise dem Grafen eher vorgestellt zu werden. Schüchtern und befangen streifte ich einige Blätter von einem blühenden Kastanienbaum ab; wischte mir damit den Staub von den Stiefeln, trat in den Garten und lauerte, meinen Weg nach dem Schlosse zu nehmend, wo ich eines Menschen möchte gewahr werden. Ein dicker Herr lustwandelte im Schatten einer unabsehbaren blauen Fliederhecke, und an dem höflichen Tone, in dem er sich mit einem, ihm in einiger Entfernung folgenden Livreebedienten unterhielt, konnte ich abnehmen, daß es vermuthlich ein Gast des Grafen war, denn er nannte den Lackey Sie, und bat ihn, doch so gut zu seyn und ihm eine gestopfte Pfeife zu bringen; auch das Feuerzeug oder das Brennglas, ersuchte er ihn, nicht zu vergessen. Ein hübscher alter Mann, stark in die Sechszig; einen Schlafrock von allerfeinsten weißen Piqué; Stiefeln und Sporen; eine lange Pfeife im Munde und ein rothes Sammet-Barret auf dem Kopfe. Suchen sie Jemand? fragte er leicht hin, als er mir nahe kam, und grüßte mit einer kleinen Handbewegung; es mußte ein sehr vornehmer Herr seyn, denn sonst hätte er das rothe Sammetmützchen wenigstens etwas gelüftet, aber so rührte er es nicht einmal an. Auf meine Entgegnung, daß ich mich nach einem von der Bedienung umgesehen habe, der mich bei Sr. Excellenz, dem Herrn vom Hause melde, fragte er mich, ob ich letzteren bereits kenne und als ich dieß verneinte, sagte er, daß der Graf ausgeritten sey, hoffentlich aber bald wieder kommen werde, und fragte, indem er sich auf eine Ruhebank niederließ, und mich, mit vornehmen Handwinke zum Setzen einladete, ob mir eine Erfrischung gefällig sey. Ich hatte zwar einen Löwenhunger, aber die Angst vor dem baldigen Erscheinen Sr. Excellenz benahm mir allen Appetit. Der Graf ist heute bei Laune, sagte der alte Herr, und schien ein bischen neugierig auf das zu seyn, was ich hier zu bringen oder zu holen habe: wenn Sie also etwas bei ihm suchen, so sind Sie zu einer guten Stunde gekommen. Das milde Wort des fremden Herrn gab mir den Muth, ihm mein Anliegen zu vertrauen. Das wird schwer halten, entgegnete er, als ich endete. Die Stelle, die Sie wünschen, verlangt einen sehr zuverlässigen, gediegenen Mann, der wenigstens einige Tausend Thaler Kaution stellen kann; denn es ist die Führung einer nicht unwichtigen Kasse damit verknüpft, und der Graf hat, wie er mir erzählt, erst kürzlich die sehr unangenehme Erfahrung gemacht, daß ihm ein solcher treuloser Beamter mit einer nahmhaften Summe zum Henker ging. Dann ist jeder weitere Schritt vergebens, entgegnete ich trostlos, und stand auf. Selbst Kaution zu stellen bin ich nicht vermögend; und die genügende Bürgschaft durch einen Dritten zu bewirken, habe ich keine Freunde; bei dieser Lage der Sache wäre es daher überflüssig, Se. Excellenz selbst zu behelligen. Ich dankte dem alten Herrn für seine Mittheilung und empfahl mich. Nun, lassen Sie nur mit sich reden, junger Herr, rief er, über meine Raschheit etwas spitz: vielleicht läßt sich die Sache doch machen. Ich meines Theils sehe die Kaution für keine so unbedingte Nothwendigkeit an; auch ohne solche ist der ehrliche Mann in meinen Augen ein vertrauenvoller Mann, und vielleicht sieht der Graf, wenn ich mit ihm ein vernünftiges Wort spreche, von dieser Forderung ab; setzen Sie sich. Ich setzte mich zwar, doch sah ich sein Ausfragen über mein bisheriges Leben und meine Kenntnisse für bloße Neugierde des alten Mannes an, dem die Zeit hier lang zu werden schien, und der sie sich, bis der Graf komme, auf diese Weise mit mir verplaudern wolle. Ich antwortete daher anfänglich auf alle seine Fragen kurz und verstimmt; doch, als er auf die Erkundigung kam, wie es mit meiner französischen Sprachkenntniß stehe, da fiel mir mein Verhängniß, der Schneider wieder ein; der hatte mir ja gesagt, daß diese ein Haupterforderniß sey; ich ward wieder gesprächiger und gewann aus des alten Herrn beifälligen Aeußerungen im Geheimen allmählig die Hoffnung, daß es am Ende auch ohne die verwünschte Kaution doch noch gehen könnte. Ich dachte, der Patron würde nun tüchtig zu parliren anfangen, aber wahrscheinlich mochte er selbst nicht recht sattelfest seyn, er brachte kein französisches Wort über die Lippen. Jetzt kam der Bediente mit der Pfeife; er stand auf, dankte ihm freundlich, und bat ihn, den Herrn Grafen, sobald dieser zurückkehre, zu ersuchen, hieher in den Garten zu kommen, weil ein fremder Herr ihn zu sprechen wünsche. Ich wagte zwar die Aeußerung, daß es mir schicklicher zu seyn scheine, Sr. Excellenz im Schlosse aufzuwarten; der alte Herr meinte aber, der Morgen sey so schön, daß es schade wäre, eine Minute davon einzubüßen; und im Freien spräche sich's auch besser, als im Zimmer. Wir fuhren jetzt in unserer Unterhaltung fort, und er meinte, daß der Graf, nach dem zu urtheilen, was er darüber noch heute früh habe fallen lassen, vorzüglich gern sehen würde, wenn der neue Secretair, außer den übrigen erforderlichen Qualitäten, auch musikalische Kenntnisse besitze; bisher habe dieser darauf nicht gesehen, weil, so lange er den Grafen und das Schloß kenne, hier keine Note gespielt worden sey, als höchstens von einem oder dem anderen Gaste, weshalb auch für dergleichen Besuche die hier befindlichen Flügel immer in Stimmung erhalten würden, und ein vollständiger Vorrath von andern Instrumenten und Musikalien da sey; indessen jetzt lege der Graf, aus bewegenden Gründen, bei der Wahl des neuen Secretairs ein ganz besonderes Gewicht mit darauf, daß er Musik verstehe; bei dieser Gelegenheit mischte der alte Herr sehr feiner Weise die Erwähnung des eben Knall und Fall verabschiedeten Secretairs ein, der mehr zu können vorgegeben, als er nachher zu leisten vermocht hatte, und schien mir damit andeuten zu wollen, daß ich mich nicht etwa einer gleichen Ueberhebung schuldig machen möge. Indessen hier war ich meiner Sache gewiß, und als ich ihm erzählte, daß ich Klavier und Violine spiele, daß ich in meiner frühen Jugend, und selbst auf der Universität, mit dem Unterricht in beiden, mir meines Lebens Unterhalt mitverdiente, daß ich als Schüler im Chore sang, und daß bei dem Theater in meiner Universitätstadt die Tenorparthien in den Chören sämmtlicher Opern mir zugetheilt waren, da erheiterte sich sein ganzes Gesicht merklich; er legte seine Hand auf mein Knie und meinte, daß dieß uns beim Grafen hoffentlich über die Kautionklippe wegbringen werde. Nur einen Punkt haben wir noch, lieber Freund, hob er an, und fixirte mich mit scharfem Blicke, wie stehen wir mit den Frauenzimmern? Einen blutjungen unschuldigen Menschen das so querfeldein zu fragen, war eine sonderbare Manier. Mein Blick schoß zur Erde, und mein ganzes Blut mir in's Gesicht. Ich spielte mit meinem Stöckchen im Sande, und frug, wahrscheinlich mit einem rechten Schaafgesicht, denn der alte Herr lachte beinahe laut auf, – wie er das eigentlich meine. Sehen Sie Freund, erwiederte er mit vertraulichem Tone, und zündete sich seine Pfeife mit dem Brennglase an: in dem Punkte ist der Graf streng, sehr streng. Er kennt die Welt, vornehmlich die jetzige junge, und hat oft seinen tiefsten Unwillen über die Sittenlosigkeit der letztern ausgelassen. Die Mädchen – kommen sie mir doch wahrhaftig wie das Brennglas hier vor! sie erhalten ihr Feuer vom Himmel, und entzünden, was in ihren Brennraum kömmt; ich habe in Paris das berühmte Glas von Tschirnhausen gesehen, das 33 Zoll im Durchmesser hat, und 160 Pf. wiegt; in Zeit von einer halben Minute verschmolz und verglas'te es die härtesten Metalle, entzündete nasses Holz, und brachte Eis zum Sieden. Accurat so machen es auch die Mädchen. Darum darf mir keiner hintreten und prahlen mit seiner Festigkeit, mit seiner Unempfänglichkeit, mit seiner Kälte, keiner. Stehen wir im Brennpunkte eines hübschen Mädchens, so werden wir alle, einer wie der andere, sammt unseren beßten Grundsätzen, ohne Erbarmen, in Feuer und Gluth gebracht und am Ende gar pulverisirt! Sie wissen, das Brennglas thut nur dann seine Wirkung, wenn das in den Brennraum fallende Sonnenbild völlig kreisrund erscheint. Sehen Sie einmal in das Feuerauge eines schönen Mädchens! Da haben Sie das vollständige Sonnenbild, und Sie sind unrettbar verloren. Brisson und Lavoisier haben in der neuern Zeit an den Brenngläsern viel gekünstelt, und mögen daran manches verbessert haben; aber gegen die Brenngläser, die der liebe Herr Gott den Weibern in den Kopf gesetzt, ist Beider Werk doch eitel Stümperei. Wissen Sie also nun, was ich meine, wenn ich Sie fragte, wie Sie mit den Frauenzimmern stehen? O ja, recht gut, entgegnete ich ernsthaft: und ich kann betheuern, daß ich zur Zeit noch in keines Mädchens Brennraum gestanden. Ich konnte das auch mit ganz reinem Gewissen sagen, denn von dem was mit mir und Madame Knipps und Gundelchen sich zugetragen, war ich weder verglas't, noch pulverisirt worden; doch begriff ich nicht recht, warum der fremde Herr auf meine ehrliche Antwort so entsetzlich lachte, und was er überhaupt bei dem ganzen Rigorosum beabsichtigte; denn wie mir das Hirtenmädchen in der Aepfelbaumallee erzählte, hatte der Graf weder eine Frau, noch eine Tochter, noch, außer vielleicht ein Paar Scheuer- und Aufwaschmädchen, sonst ein weibliches Wesen im Hause. Schön, schön! fuhr der alte Herr ernster werdend fort: der beßte Rath, und den befolgen Sie, junger Mann, hier pünktlich, und mit eiserner Festigkeit, der beßte Rath ist, bleiben Sie in dieser Entfernung von allem, was hier Mädchen oder Frau ist. Sie sind ein schmucker junger Mann; Sie haben in der Kräftigkeit Ihrer Gestalt, in der Frische Ihrer Farbe, in Ihrem Anstande, kurz in Ihrem ganzen Aeußern etwas, was den Weibern wohl gefallen mag, auch ziehen Sie sich geschmackvoll und gewählt an; es kann daher nicht fehlen, daß Sie, wie die leichtsinnige heutige Männerbrut das so zu nennen pflegt, beim zweiten Geschlechte Glück machen würden, wenn Sie darauf ausgingen; aber ist Ihnen an der Begründung Ihres Glückes, ist Ihnen an der Achtung des Grafen etwas gelegen, so ziehen Sie sich, wenn Ihnen hier ein weibliches Wesen naht, immer in die gehörige Entfernung zurück, und meiden Sie alle Gelegenheit, mit ihm in Berührung zu kommen. Kann Ihnen der Graf in diesem Punkte erst trauen, mit voller Gewißheit trauen, so – Der Kammerdiener, dafür hielt ich wenigstens den stattlichen Mann, der längs der Fliederhecke jetzt herauf kam, meldete, daß Se. Excellenz eben zu Hause gekommen, und den gnädigen Herrn ersuchen ließen, sich auf einen Augenblick zu ihm zu bemühen. Lassen Sie sich unterdessen die Zeit nicht lang werden, sagte der alte Herr im Abgehen: sehen Sie sich im Garten ein wenig um, und gegen zwey Uhr lassen Sie sich durch den da, er wies auf den Kammerdiener – beim Grafen melden. Vermuthlich stand der sogenannte der da, den ich für Sr. Excellenz Kammerdiener gehalten hatte, in dem Dienst des alten Herrn selbst; denn Letzterer machte mit ihm bei weitem nicht so viel Ceremonien, als vorhin mit dem Lakay des Grafen. 38. Der Garten mochte recht schön seyn, aber in diesem Augenblicke hatte ich kein Auge für seine Blüthenpracht, kein Ohr für ein Heer von Nachtigallen, Grasmücken, Finken und dergl., keine Nase für die Wohlgerüche seiner Millionen von Blumen; ich ging tief in mich gekehrt, suchte die dunkelsten Schattenparthieen und zerdachte mir jedes Wort, was der alte Herr mit mir sprach. Wahrscheinlich – ganz bestimmt hatte die Excellenz eine junge Freundin bei sich, die der fremde alte Herr entweder aus eigner Leidenschaft, oder aus zärtlicher Anhänglichkeit an seinen Freund den Grafen, gegen alle Secretairungebührlichkeiten gesichert wissen wollte, und darum legte er auf diesen Punkt mehr Gewicht, als auf alle die übrigen. Das Hirtenmädchen hatte mir zwar ausdrücklich gesagt, daß, außer den Scheuerweibern, weder ein Mädchen, noch eine Frau im Schlosse sey; aber was wußte so ein junges Ding; indessen, und wenn die Bevorwortete ein Ausbund von Schönheit wäre, vor mir hatte sie gewiß Ruhe, der alte Herr hatte mir jede auch die entfernteste Annäherung so streng verboten, daß ich bei Nichtbeachtung seiner Winke fürchten mußte, mein Brot zu verlieren, und das war die ungesehene Schöne sicher nicht werth. Ich schwor es mir also, immer auf meiner Hut zu seyn, und, die Sache mochte nun zusammenhängen, wie sie wollte, gegen jede Frauensperson, der ich im Schlosse begegne, die strengste Gleichgültigkeit zu – Was Henker, was war das –? Da drüben in der blühenden Schneeballparthie schlüpfte quer über den Weg ein ganz allerliebstes – Aber Herr Secretarius, Herr Secretarius, rief ich mir heimlich zu; und kommandirte mich, aus dem Siebenmeilenstiefelschritt, in den ich beim Erblicken der Feengestalt, meiner unbewußt, fiel, wieder in meinen gemessenen, ruhigen Gang zurück: wo sind Ihre Vorsätze, Ihre Grundsätze, Ihre Absätze, wo Ihr Schicksals-Dämon, der Schneider? Gemach, gemach lieber junger Herr! jede Hecke hat hier tausend Ohren, durch jedes Blatt sehen hier tausend Augen. Wenn Ihnen nun das reizvolle Mädchen, das aus dem Schneeballgebüsch hier über den Weg schwebte, absichtlich in den Wurf geschickt ward, um Sie mit Ihrer Festigkeit und gerühmten Gleichgiltigkeit zu sondiren! Wie, wenn Sie von zehn Spionen belauscht würden, und alle zehn dem Grafen berichteten, in welche gränzenlose Ekstase, in welchen beflügelten Sturmschritt der bloße Anblick der schönen Versucherin Sie versetzte! Ich drängte durch die ernstesten Vorstellungen mir das Blut aus dem klopfenden Herzen in seine Adern, wohin es gehörte, zurück und zwang mich, an das entschwebte Zauberbild gar nicht zu denken, aber es war nicht möglich. Nur einen Augenblick hatte ich es gesehen, und ich hätte es malen wollen. Die Gestalt sehr zart, im schwarzen Lockenköpfchen ein Paar Tschirnhausensche Brenngläser; das Füßchen behende und niedlich. Es mußte, der völlig ausgebildeten Grazien-Figur ungeachtet, noch ein halbes Kind seyn, denn es sprang einem bunten Schmetterlinge nach, ohne des Secretär-Tagvogels nur im mindesten zu achten, der vom Entzücken über die Erscheinung wie durchbebt, wie eine Marmorsäule dastand und nach Luft schnappte. Das Gewand der Schmetterlings-Diana – man hat in Japan aus dem Gespinst der Phalaena noctua serici, ein so feines Gewebe, daß zehn daraus gefertigte Damenkleider noch kein Pfund wiegen; von einem solchen Luftgewebe mußte dies modische, blendend weiße Gewand auch seyn; denn es umfloß den schönen Körper des Mädchens wie ein leichtes Nebelgewölk, daß es fast schien, als schwebe das Götterkind über den Erdball hinweg. Die Thurmuhr schlug, ich sah nach dem Zeiger, er wies auf drei viertel auf zwei; dieß war ja die Zeit; wo ich dem Grafen vorgestellt werden sollte. Eine unbeschreibliche Bangigkeit überfiel mich auf einmal wieder; ich vergaß die Schmetterlings-Jägerin, sammt ihrem japanesischen Nebelgewölke, rekapitulirte, während ich mit einem sehr feierlichen Gesichte nach dem Schlosse zuging, bei mir im Stillen, was ich Sr. Excellenz alles sagen wollte, ward an dem Schloßthore von einem Heiducken, der dahin postirt zu seyn schien, um mich zu erwarten, in Empfang genommen, und folgte diesem schweigend über den Hof und durch eine lange Reihe von Zimmern. Die weiten, hohen Gemächer, das reiche köstliche Geräth, die Riesenspiegel, die tiefe Stille in allen diesen Zimmern, der glatte Fußhoden – das Große, Prächtige im ganzen Styl – mir ward sehr sonderbar zu Muthe; schon als wir die Treppe hinaufkamen, war es mir in die Waden gefahren; jetzt, auf der spiegelglatten Täfelei, ich spannte alle Sehnen straffer, um hier nicht etwa eine Lerche zu schießen und bekam ein solches leises Zittern über den ganzen Körper, daß ich kaum auftreten konnte. In einem kleinen Salon stand ein runder Eßtisch mit drei Gedecken; wahrscheinlich speis'te hier Se. Excellenz mit dem alten Freunde, und dem jungen Schmetterlinge; im nächst anstoßenden Zimmer überlieferte mich der Heiduck dem Herrn, den ich für den Kammerdiener angesehn hatte, und dieser öffnete das Kabinet des Grafen und ließ mich eintreten. Se. Excellenz saßen, mir den Rücken zugewendet, an einem kleinen Tischchen, und speis'ten ganz allein. Ich stellte mich ihm zur linken Seite, und während meiner stummen Verbeugung fiel mein erster Blick auf den Stern und die Orden, die ihm auf der Brust und im Knopfloche prangten, und mein zweiter auf das Gesicht, in dem ich den Bruder des alten Herrn erkannte. Es ist mir lieb gewesen, sagte der Graf vornehm lächelnd, und stand vom Tische auf: daß wir uns auf diese Weise kennen lernten. Ich bin auch jung gewesen und habe die älteren höhergestellten Personen suchen müßen, und ich weiß, wie mir da allemal zu Muthe war, und daß mir das Beßte, was ich hatte sagen wollen, immer erst auf dem Heimwege einfiel. Darum, und also um Ihrer willen war es mir angenehm, daß Sie mich für einen andern nahmen. Sie sprachen unbefangener, und Ihr Gespräch und Ihr Benehmen ersetzten mir den Mangel der Zeugnisse und Empfehlungen. Ich habe in meinem Leben viel Menschen kennen gelernt, deßhalb bin ich aber in der schwierigsten Kunst, die uns von keinem Katheder gelehrt wird, und die wir späterhin oft mit unserem theuersten Schatze, mit unserem Glauben an die Menschen erkaufen, in der Kunst der Menschenkenntniß noch nicht gar weit gekommen; indessen mit ihnen glaube ich den Versuch wagen zu können. Bewahren Sie die Unverdorbenheit Ihres Gemüths, und Sie werden für die Schwächen und Mängel, denen wir ja Alle unterworfen sind, und die mir unser näheres Beisammenseyn also auch bei Ihnen kund machen wird, einen nachsichtigen Richter in mir finden. Nehmen Sie die Winke und die wohlgemeinten Regeln, die ich Ihnen in vorkommenden Fällen zu geben für nöthig finden werde, mit der Herzlichkeit an, mit der ich sie Ihnen, lediglich um Ihres Beßten willen ertheile, und bleiben Sie offen und wahr. Damit reichte er mir mit freundlichem Wohlwollen die Hand, und ich gelobte ihm in dieselbe, Treue und Fleiß nach meinen Kräften. Essen Sie mit uns, hob er hierauf an; und dann machen Sie, daß Sie bald wieder nach Hause kommen, um je eher je lieber mit Ihrem gegenwärtigen Herrn Prinzipal sich auseinander zu setzen, und Ihr Amt hier anzutreten; vorher aber beantworten Sie mir doch einmal das Billet des Domherrn von Liborius, der mich auf morgen zu sich eingeladen, unter irgend einem schicklichen Vorwande, abschläglich; nur machen Sie mich nicht krank, denn, setzte er scherzend hinzu; man muß den Teufel nicht an die Wand malen. Er hatte eben gegessen und wie ich aus den Schüsseln auf dem Nebentische abnehmen konnte, war das kein bloßes Gabelfrühstück gewesen, und doch sagte er, essen Sie mit uns! – wer waren denn die uns? – Am Ende speis'te das weiße Hirschchen mit, und er sah nur zu! Doch – der Tisch im kleinen Saale war auf drei Gedecke eingerichtet, also mußte noch jemand daseyn! – Immer offen und wahr sollte ich seyn, hatte er gesagt, und er wer es gar nicht gegen mich. Gleich die erste Stunde unseres Beisammenseyns spielte er die Rolle eines Fremden. Wie hing sein ehrerbietiges Benehmen gegen den Lakey mit seiner vornehmen Haltung zusammen? Warum nannte er mir die Bedingungen nicht, unter denen er mich bei sich anstellen wollte? Warum gab er mir ein Billet des Domherrn von Liborius, das dieser in seinem Leben nicht geschrieben hatte, denn dessen Hand kannte ich auf's Daus, da Herr Knipps ihm in mehrern Prozeßsachen bedient war, und der Domherr fast wöchentlich an diesen ellenlange Briefe schrieb? Warum hatte er den Domherrn französisch schreiben lassen, der wenigstens nach dem Aeußern zu urtheilen, gewiß kein französisches Wort verstand. Alle diese Fragen flogen mir, während ich mich setzte und mir die Feder spitzte, durch den Kopf, und hatte der Graf über Mangel an Menschenkenntniß geklagt, so jammerte ich im Stillen über das gänzliche Abgehen dieser goldenen Wissenschaft, noch zehnmal mehr. Im Ganzen gefiel mir der Graf und sein schönes Buchenhayn, auch mochte die reitzende Schmetterlingsjägerin zu dem Entschlusse, mein Heil hier zu versuchen, das ihrige beitragen; aber wenn ich mir auf der andern Seite des Grafen sonderbares Betragen zersetzte – doch – ich sollte ja schreiben. 39. Ich hatte kaum angefangen, so erzählte mir der Graf, unter der hingeworfenen Bitte, mich nicht stören zu lassen, daß er einen neuen Lakey in seine Dienste genommen, und daß er, bei der Unterweisung dieser Art Menschen eine ganz eigne Methode befolge, der er die gewandtesten, höflichsten und brauchbarsten Domestiken verdanke. Vier ganze Wochen nämlich, müsse der Mensch den Herrn spielen, und er übernähme dagegen die Rolle des Bedienten. Wenzel, der Lakey, der ihm vorhin die Pfeife brachte, habe heute von gedachten vier Lehrwochen, den letzten Tag. Einen ganzen Monat habe er den Wenzel aus- und angezogen, ihm bey Tische aufgewartet, jeden seiner Winke befolgt, und ihm mit der allerausgezeichnetesten Artigkeit begegnet. Dieß sey die einzige Manier, den Leuten dieses Schlages recht in die Augen fallend zu zeigen, wie sie sich in ihrem Berufskreise zu nehmen und ihren Herrn und jeden Fremden zu behandeln hätten. Wenzel speise heute zum letzten Male an der Tafel, und ich müsse nicht übel nehmen, mich in solcher Gesellschaft zu sehen; allein Wenzel repräsentire ihn im vollen Sinne des Wortes, dergestalt, daß er über Küche und Keller, wie er selbst gebieten könne. Er bat mich hierauf, dem Wenzel recht fleißig einzuschenken, und ihm tapfer zuzutrinken, denn ohne dieß könne Wenzel sein Meisterstück nicht vollgiltig ablegen; dieß bestehe nämlich darin, daß Wenzel nach dem Essen einen Teller, mit einem bis an den Rand gefüllten Glase Wasser in der Hand, eine halbe Stunde lang im Garten hinter ihm her, auf und abgehen müsse. Schwappe das Glas über, so sey dieß ein Zeichen, daß der Mensch, wenn er Wein getrunken, keine feste Hand habe, und dann könne ihm das Porzellain und das Glas und Krystallgeschirr, das ihm eigentlich untergeben werden solle, nicht anvertraut werden, denn man müsse befürchten, er lasse alles aus den Händen fallen; bliebe aber der Teller unbenetzt, so sey daraus abzunehmen, daß selbst bei großen Gastmählern, wo die Bedienten gewöhnlich sich auch eine kleine Güte thäten, das dem Wenzel anvertraute zerbrechliche Gut, in seinen Händen wohl und sicher aufgehoben sey. 40. Ich wäre über die verdammte originelle Bedienten-Seminaristen-Anstalt gern in lautes Lachen ausgeplatzt, hätte der Graf mich nicht, während dieser Mittheilung, wenigstens fünfmal gefragt, ob ich mit meiner Antwort noch nicht fertig sey; ich zwang mich also, auf die fernere Ausführung seines Systems nicht weiter zu hören, warf die Antwort schnell hin, sagte in dieser, im Nahmen des Grafen, daß ich ohnehin schon längst dem Herrn Domherrn meine Aufwartung hätte machen gewollt, und daß es mir daher um so unangenehmer sey, seiner heutigen geneigten Einladung nicht folgen zu können, indem ich selbst Besuch erwarte, daß ich mir aber vorbehalte, ihm ehestens die besondere Hochschätzung persönlich zu bethätigen, mit der ich die Ehre hätte zu seyn, u. s. w. und überreichte dem alten Herrn mein Probstück mit unbeschreiblichem Herzklopfen. Der Graf las das Billet zweimal durch und schien mit der Hand nicht unzufrieden zu seyn; hinsichtlich des Styls, meinte er, daß er noch ein wenig deutsch-französisch sey, daß dieß sich aber mit der Zeit, bei mehrerer Übung, wohl geben werde. Zugleich fragte er aber auch, warum ich geschrieben, daß er Gesellschaft erwarte , da ich ja hätte äußern können, daß er deren, – er wies recht artig auf mich – eben habe . Ich entgegnete, – ohne zu thun, als merke ich sein feines Kompliment, – indem ich mich doch unmöglich für eine Gesellschaft des Grafen ansehen konnte, daß, wenn ich von Gesellschaft haben spräche, der Domher die Unwahrheit leicht erfahren und daher jenen Vorwand für leere Ausflucht annehmen könne, da ich aber die Gesellschaft erwarten ließ, so müsse der Domherr, wenn er gleich später erführe, daß niemand hier war, immer noch glauben, die Gesellschaft sey durch irgend einen Zufall ausgeblieben. Recht gut, recht gut, entgegnete der Graf, und öffnete die Thür, um mit mir in den Speisesal zu gehen. Ich wollte ihm natürlich den Vortritt lassen: er erklärte aber, daß ich heute sein Gast sey, und ich ging nun, ohne umständliche Weigerung voran. Vor den Domestiken, deren hier fünf oder sechs waren, nahm er sich gegen mich, als hätte er einen jungen Mann seines Standes bei sich; wir sprachen und lachten, doch gab ich immer möglich Acht auf mich, um nicht aus dem Takte zu fallen; ich war zwar unbefangen, so viel ich es seyn konnte, indessen ich vergaß nicht, daß der Graf mein künftiger Prinzipal war. 41. Das dritte Gedecke gehörte gewiß irgend einem Stallknecht oder ähnlichen Dienstneuling, dem der Graf auf seine Weise die nöthigen Sitten beibringen wollte und mich verlangte schon zu wissen, wie mein Tischgespräch mit den Domestiknovizen ablaufen werde, als die Salthür aufging und mein weißer Engel aus der Schneeballparthie eintrat. Das Mädchen war höchstens sechszehn Jahre alt; das Haar schwarz, das große seelenvolle Auge kornblumenblau; Brust und Hals glänzten lilienweiß, und auf den Wangen blühten die frischesten Dijonröschen; so kam es, mehr tanzend als gehend, herein, küßte dem Grafen die Hand, und verbeugte sich gegen mich mit reizvoller Anmuth. Demoiselle Dumesnil, sagte der Graf, die Kleine mir vorstellend, und fragte sie, indem er ihr das dunkelblaue Auge küßte, daß mir das Wasser im Munde zusammenlief, französisch, wie sie geschlafen und ob sie sich schon ein wenig umgesehen habe. Also auch eine Novize hier! Aber stellte sie Tochter, Mündel, Verwandte oder Freundinn vor? Ersteres konnte sie nicht seyn, denn Herr Heftlinger hatte gesagt, der Graf habe außer seinem Sohn in Italien, weder Kind noch Kegel, und dann hätte sie auch nicht Dumesnil heißen können. Dumesnil! Dumesnil! so hieß ja die berühmte Schauspielerinn in Paris, die vor ungefähr zwölf, fünfzehn Jahren, in ihrem 91sten Jahre starb, und von der ich erst vor Kurzem einen Band Memoiren gelesen hatte. Französin war das Kind, das gab die Geläufigkeit ihres Plappermäulchens, das Wohltönende ihrer Aussprache und ihre ganze ungebundene und doch so unbeschreiblich anmuthige Flattermanier. Ich war naiv genug, zu fragen, ob sie mit jener Familie verwandt sey, und wie verklärt rief sie aus: Kannten Sie meine alte Urgroßmutter? die ist alt geworden! zwei Jahre vor meiner Geburt ist sie gestorben; ich soll ihr gleichen; finden Sie das? 42. Die Antwort auf die komische Frage mußte ich ihr schuldig bleiben, denn der Graf, der jetzt seinen Bedientenposten bereits angetreten, und, seit die Suppenterrine aufgetragen worden war, alle Viertelminuten an der Thür gehorcht hatte, um zu sehen, ob sein gnädigster Pseudo-Gebieter nicht bald komme, riß jetzt hastig beide Flügel auf und der Lackay-Schüler trat in seiner Parade-Livree, wie ein großer Herr, herein. Wir setzten uns sogleich, und der Graf faßte den Teller unter dem Arm, hinter Wenzel, Posto. Es ist nicht möglich, eine komischere Situation sich zudenken. So etwas von Anstand und Feinheit, von Aufpassen und Genauigkeit im Serviren, war mir, selbst in der Phantasie noch nicht vorgekommen. Der Graf hatte Wenzels Gesicht, in dem gegenüber befindlichen Spiegel, und Wenzels Gedeck, beständig im Auge; er griff keinen Teller mit der bloßen Hand an, sondern alles mit der Serviette; Wenzel durfte sich nur rühren, so flog der Graf gleich heran und sah nach, wo es fehlte, und das alles ging so geräuschlos vor sich, daß man von ihm und von sämmtlichen sechs, hinter unsern Stühlen beschäftigten, diese Marterschule bereits passirten Bedienten, keinen Tritt, kein Tellerklappern oder dergleichen störendes, bei Tische oft unerträgliches Rasaunen vernahm. Wenzel kümmerte sich wenig um die Excellenz; er wußte, daß er heute zum letzten Male den Herrn spielte, daß er fordern konnte, was er wollte, und daß er den Grafen böse machte, wenn er es sich nicht ordentlich schmecken ließ; einen Monat bereits an seine Rolle gewöhnt, verlangte er die schwersten Weine, und aß, als ob er morgen hängen solle. An meiner Unterhaltung mit Demoiselle Dumesnil nahm er keinen Theil, weil er keine Sylbe französisch verstand; blos mit mir sprach er zuweilen von höchst gleichgiltigen Dingen, hielt sich jedoch immer nicht sehr lange bei unserer Unterhaltung auf, um zu seinem ihm viel wichtigeren Geschäft, zum Essen, die edle Zeit nicht zu verlieren. 43. Desto lebendiger war meine Unterhaltung mit der kleinen Klotilde; ich hatte mir eingebildet, ein recht gewandtes französisch sprechen zu können, aber alle Augenblicke verbesserte sie, bald meine Aussprache, bald an der Wahl meiner Ausdrücke, an der Wortfügung und dergl.; sie machte das nicht im hofmeisternden Tone ab, und noch weniger lachte sie dazu, sondern sie sprach ungefähr in der freundlichen Weise darüber, wie man mit einem kleinen Kinde spricht, das gern plaudern will, und sich mit der Redekunst noch nicht recht befassen kann; aber wenn sie selbst in das Schwatzen kam, und dem geläufigen Züngelchen den Zügel schießen ließ, so mußte ich mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit aufpassen, und dennoch ging mir immer ein Drittel von dem, was sie sprach, verloren. War es die Richtigkeit, die Bestimmtheit, die Nettigkeit, mit der sie ihre feinen Bemerkungen, ihre Witzspiele, ihre Scherze hinwarf, oder waren es die frischen Lippen, die blendend weißen, kleinen Zähne, das unbeschreiblich süße Lächeln des sehr schön geschnittenen Rosenmündchens, der Wohllaut ihrer Silberstimme, und das lebendige Zuspiel der beredten dunkelblauen Augen, – ich hätte bis tief in die Mitternacht hier sitzen und ihr zuhören mögen. Als der alte Herr, den sie bei allem ungebundenen Plaudern doch immer im Auge behielt, einmal nach dem Büffet ging und uns den Rücken kehrte, lispelte sie mir rasch zu: essen Sie mehr, sonst wird er böse. Gott, wenn man dem guten Mann damit einen Gefallen thun kann, dachte ich, so soll es mir nicht schwer fallen, mir sein Wohlwollen zu gewinnen, und ich aß nun mit Wenzel um die Wette; auch Plaudermäulchen, die niedliche Klotilde langte zu, als wolle sie sich in des alten Herrn Gunst einessen und so machten wir von nun an alle Schüsseln leer, daß man hätte glauben sollen, es säße eine recht ausgehungerte Einquartierung am Tische. Aber das ist wahr, der Graf sah jetzt viel freundlicher, weit heiterer aus, als vorher. Der erhaltenen Order gemäß, wollte ich Wenzeln wacker einschenken, allein der brave Mensch ließ mich dazu nicht kommen; er besorgte dieß Geschäft selbst, und zwar mit einer Aufmerksamkeit, die mich in Staunen setzte, denn alle Augenblicke gab er dem Grafen eine leere Flasche über die Achsel zurück. Vermuthlich hatte der gute Wenzel in Absicht meiner einen ähnlichen Auftrag bekommen, denn er nöthigte entsetzlich, frischte immer an, meinte, daß ich mit ihm gleichen Strang ziehen, d. h. so viel trinken müsse, als er und hatte dergleichen niedliche Späßchen mehr; auch Klotilde schien es darauf anlegen zu wollen, mir einen Haarbeutel einzubinden, denn sie schenkte mir jetzt einen köstlichen Burgunder selbst ein, und als ich das zweite Glas dieses Feuerweins verbat, legte sie in die Frage, ob ich denn ihrem Landsmann, dem Romanée hier, gar keinen Geschmack abgewinnen könne, eine so stillschweigende Aufforderung, mir, aus bloßer Achtung vor der Landsmannschaft, einen Habemus zu trinken, daß ich nun schon nicht umhin konnte, der reizenden Hebe Glas und Kopf Preis zu geben. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich zugleich, daß Klotilde eine Burgunderinn war. Bekannt mit der Urgeschichte ihres vaterländischen Departements, erwähnte sie mit einer Art von Stolz, in dem aber eigentlich die feinste Artigkeit für uns Alle hier liegen sollte, daß sie, wie sämmtliche Burgunder, ursprünglich von jenen Deutschen abstamme, die in der heutigen Neumark und dem südlichen Theile von Westpreußen, zwischen der Oder und Weichsel gewohnt hätten, und daß sie daher sich noch halb und halb zu den Deutschen zähle. Ich entgegnete ihr zwar, daß das keine Deutsche, sondern Vandalen gewesen wären, die, von der damaligen deutschen Gewohnheit ganz abweichend, in Burgen gewohnt, mit andern germanischen Völkern aber im fünften Jahrhunderte in Gallien eingefallen, sich im jetzigen Burgund niedergelassen und von gedachten Burgen, dem Lande wahrscheinlich den noch heute geltenden Namen Burgund gegeben hätten, allein sie ließ sich, ächt französisch, auf dergleichen gelehrte Spitzfindigkeiten, wie sie meine Auseinandersetzung nannte, nicht ein, meinte, Deutsche und Vandalen wären einerlei, und in ihrem Lande müsse man besser wissen, wo man hergekommen sey als hier, und schloß mit der Bemerkung, daß sie, für die Zukunft bestimmt hier zu leben, deutsch lernen müsse, daß sie dazu sehr große Lust habe, daß sie, als eigentlich deutscher Abkömmling, glaube, damit bald fertig zu werden, und daß ich ihr darin den erforderlichen Unterricht gehen solle. Sie fing gleich ihre Lektion an, und ich mußte ihr Brot, Salz und Hecht deutsch nennen; allein an ihrem Brutt, Saahls und Echt, merkte man, daß sie von ihren Stamm-Eltern, den Vandalen, keine deutsche Zunge geerbt hatte, denn sie zerquälte sich zwar möglichst, und gab sich alle ersinnliche Mühe, aber, und wenn sie auch, um das o in Brot herauszubringen, den kleinen Purpurmund bis zu einem förmlichen Karpfenschnäutzchen verunstaltete, der hervorgebrachte Laut klang immer wie Brutt. Das Salz, ungeachtet ich es ihr zehnmahl vorsagte, dehnte sich ellenlang und mit dem armen Hechte konnte sie platterdings nicht fertig werden. Sie machte, über sich selbst lachend, ein wunderhübsches Fitznäschen, hauchte dann aus der vollen Brust heraus, als wolle sie eine Windmühle in Bewegung setzen, und immer kam Echt, statt Hecht heraus. Wenzel knüpfte sich einen Knoten in die Serviette, und biß darauf, weil er vor Lachen sich fast nicht länger zu halten vermochte, Klotilde aber, wieder ächt französisch, war sehr zufrieden mit sich, und meinte, daß sie recht viel Anlage zu der Sprache habe, daß letztere zwar etwas schwer zu seyn scheine, daß sie aber binnen sechs Monaten sich Jedem hier vollkommen verständlich machen wolle. 44. Nach aufgehobener Tafel trat der Graf wieder in die Rolle des Herrn und nun ging Wenzels Probemarsch an. Wir spazirten, der Graf die zarte Klotilde am Arm, bis an das Ende des Gartens; Wenzel, ein bis an den Rand gefülltes Glas Wasser auf einem glatten Porzellainteller in der Hand, hinter uns drein. Er überstand sein Meisterstück glücklich, kein Tropfen war übergelaufen, und der Graf trank in dem Wasser Wenzels Gesundheit, schenkte ihm einen Doppel-Louisd'or, ernannte ihn auf der Stelle zu seinem Lackay, und übertrug ihm zugleich die künftige Aufwartung bei meiner werthen Person. Als wir in das Schloß zurückkamen, standen in dem einen Zimmer zwei köstliche Flügel, ein Wiener von Katholnik, und ein Pariser von Erard dicht neben einander, und der Graf ersuchte Klotilden und mich, ihm etwas vorzuspielen. Letztere holte aus dem vorfindlichen Musikalienvorrathe eine der schwersten Doppelsonaten von Dussek heraus, erzählte, während wir uns setzten, und ich einige leise Anfälle von Manschettenfieber in mir verspürte, daß der Komponist ein geborner Böhme, mehrere Jahre in Berlin, im Hause des Prinzen Ludwig von Preußen gelebt, dann beim Fürsten Isenburg als Kapellmeister gestanden, und zuletzt in Paris, wo sie von ihm noch als Kind den ersten Untericht genossen, die kleine Kapelle des Fürsten von Benevent geleitet habe, und that jetzt auf ihrem volltönigen Instrumente ein Paar Griffe, die durch Leichtigkeit und Geschmack die gelehrige Schülerin des großen Meisters sattsam verriethen. Zum Glück war mir die Sonate, die unterrichtete Klavierspieler just nicht zu den Anfangsaufgaben rechnen werden, nicht ganz fremd; ich faßte Muth, und die Sache ging viel besser als ich dachte; die Kleine rief, wenn ich eine recht schwierige Passage ohne Anstoß durchführte, mir ein aufmunterndes Bravo über das andere zu, und ich gewann, durch ihren gemüthvollen Vortrag noch mehr befeuert, es über mich, nicht allein fertig, sondern auch ihr möglich gleich, mit Geist und Seele zu spielen. Der Graf, der, wahrscheinlich um meine anfängliche Verlegenheit zu mindern, bis jetzt hinter uns im Fenster stand, trat näher, stellte sich uns gegenüber, und in seinem immer freundlicher werdenden Gesichte war deutlich zu sehen, daß ihm die Sache nicht übel gefalle. Die Brust ward mir jetzt freier und ich nahm mir das Herz, die Eilige, die mit ihrem Burgunderblute immer rascher und rascher fortstürmte, und der ich bis dahin aus blöder Artigkeit fügsam nachgegeben hatte, im Takte fest zu halten; der Graf, der Musikkenner seyn mußte, merkte dieß bald, und nickte mir beifällig zu, und als wir geendet hatten, beehrte er uns Beide mit dem lautesten Beifall; Klotilde aber klatschte in die kleinen Hände, und versicherte dem Grafen, daß ihr hier nun die Zeit nicht mehr werde lang werden. 45. Du singst ja auch, sagte der alte Herr, und mich überfiel eine neue Angst, denn das holde Kind kramte von Neuem unter den Noten, und brachte das Duett aus dem zweiten Akt der Vestalin zum Vorschein. Der Zufall wollte mir wohl, ich hatte das Duett mehr denn fünfzigmal gesungen, und konnte es daher so gut als auswendig; um mir aber bei meinen Leutchen, die mich für das erste Mal denn doch auch fast ein wenig zu sehr in das Gebet nahmen, denn nöthigen Respect zu verschaffen, entgegnete ich auf Klotildens Frage, ob ich dieß Duett kenne, mit scheinbarer Befangenheit, daß ich es wohl einigemal in der Oper gehört, es aber selbst noch nicht gesungen habe. Da geht es auch nicht, erwiederte Klotilde, und wollte andere leichtere Singsachen von Martin, Mehul, oder Isouard suchen; indessen der Graf meinte, es komme auf einen Versuch an, wir könnten ja immer aufhören, wenn wir umwürfen, und so setzte ich mich an das Klavier, und wir begannen. Was hatte das Mädchen für eine wunderherrliche glockenreine Bruststimme! was für eine himmlische Manier im Gesange, was für eine Kraft und welchen Umfang! Der alte Graf verlor alle Haltung; er staunte sie minutenlang an, und nahm sie, mitten im Duett, als sie in die süßesten Flötentöne ihre ganze Seele aushauchte, beim Kopf, und küßte sie im Uebermaaß seines Entzückens vor meinen Augen so herzhaft ab, daß mir alle Laute in der Kehle erstarben. Fortgerissen vom Zauber dieses Engelwesens, that auch ich, was ich vermochte, und so konnte ich, als wir fertig waren, und der Graf mir seine Verwunderung darüber zu erkennen gab, daß ich ein so schweres Duett a prima vista so wacker sänge, mit aller Ehrlichkeit betheuren, daß ich in meinem Leben nie so gesungen habe, daß aber meine heutige Leistung rein das Werk der Begeisterung sey, in die Klotildens mir gewiß ewig unvergeßlicher Seraph-Gesang mich versetzt habe. Klotilde sah mich ganz sonderbar von der Seite an, als ob sie sagen wollte, daß ich da in Gegenwart des alten Herrn wohl ein wenig zu viel sage; dieser aber ging, höchlich zufrieden und vergnügt, in das Nebenzimmer, und schien etwas holen zu wollen; wahrscheinlich ein Violinkonzert, sammt Geige, denn es war ja einmal Doctorexamen. 46. Klotilde suchte unterdessen wieder in den Singsachen, trudelte den Anfang der hervorgeholten Piecen und legte sie dann immer wieder weg, vermuthlich weil sie ihr nicht gefielen, oder zu leicht waren. Zufällig stieß sie, in den vielfältig angefangenen Texten, auf das Wort aimer, und fragte, wie das auf deutsch heiße; sie wiederholte die ihr gegebene Uebersetzung mehrere Male, und meinte, daß das Wort im Deutschen viel zarter, weicher klinge, als im Französischen; ich mußte ihr das Präsens vorconjugiren; und sie sprach es gelehrig nach, nur hing sie, ich mochte predigen, so viel ich wollte, das n allemal hinten an, und meinte, es klänge ihr so besser. Ich lieben, wiederholte sie vor sich, und lächelte über den Wohllaut dieses Wortes: Du lieben, fuhr sie fort, und setzte mir einem sonderbaren Seitenblick auf mich hinzu, Er lieben. Sie fing wieder von vorn an: Ich lieben, und sagte dieß so ungefähr in der Manier, als wenn ein deutsches Mädchen recht herzlich sagen würde, ich bin Dir gut. Das Er lieben aber sprach sie jetzt aus, als hätte sie das Feuer gesehen, das mir in der Brust loderte und über dem Kopf zusammen zu schlagen drohte; wären mir nicht der Ort, der Graf und der Schneider eingefallen, ich hätte mich zu Klotildens Füßen geworfen, und ihr die Gluth der Leidenschaft gestanden, in der vom ersten Augenblicke, da ich das Mädchen sah, mein Herz fast verschmolz. Mich vergessend zog ich ihre kleine Hand an meine bebenden Lippen, lispelte leise, ihren Sprachfehler verbessernd, Er liebt und mußte von ihr wenigstens halb verstanden worden seyn, denn das Mädchen erglühte in holder Verwirrung, und ihre Minnesterne warfen mir einen in himmelreiner Azurbläue freundlich aufflammenden Blick zu, in welchem ich, als ihm der meinige begegnete, fast das süße Wort, wir lieben, zu lesen vermeinte. 47. Der Graf trat ein. Zum Glück hatte er die Augen auf ein Papier, das er in der Hand hielt, gerichtet, sonst hätte er sehen müssen, wie heftig ich erschrocken war; ich phantasirte mit der Rechten – denn in der Linken hatte ja eben ihre Lilienhand geruht, mit dieser hätte ich jetzt um keinen Preis etwas anrühren können – auf meinem Katholnik herum; sie fingerte auch ein bischen verlegen auf ihrem Erard, faßte sich jedoch – wie in der Regel die Mädchen und Frauen in solchen Fällen fast immer – weit schneller, lief dem Grafen entgegen, und plapperte wie ein Staarmätzchen ihre eben erlernten Herrlichkeiten: ich lieben, du lieben, er lieben, ihm lachend vor; dieser aber wendete sich zu mir, und sagte mit sehr verbindlichen Wendungen, daß er hoffe, in mir den Mann gefunden zu haben, den er suche: daß ich, außer dem Schreibe und Kassengeschäft, was er mir hiermit übertrage, ihn verpflichten würde, wenn ich täglich mit Klotilden einige Musikübungen halte, und ihr in der deutschen Sprache gründlichen Unterricht ertheile, und daß er mir dagegen für diesen vierfachen Posten, außer völlig freier Station, einen Bedienten und zwei Reitpferden, tausend Thaler jährlich bestimme. Er gab mir hierüber eine schriftliche Zusicherung, händigte mir zugleich ein Paar Zeilen an Herrn Knipps ein, in welchen er diesen ersuchte, mich in acht Tagen meiner Stelle zu entlassen, und bemerkte daß der Wagen bereit stehe, um mich nach Käferlingen zurückzubringen. Menschen, denen es immer gut gegangen ist, und die daher von dem drückendsten Peiniger, von der Nahrungssorge nichts wissen, können die Freude nicht ermessen, die mich bei dieser wahrhaft hochgräflichen Eröffnung überströmte. Ich hatte für das Gefühl meines Dankes keine Worte; ich küßte dem alten Herrn, wie das Kind dem Vater, die Hand, und wiederholte ihm das Gelöbniß der Dauer meiner Diensttreue, bis an mein Lebensende, und an dem fröhlichen theilnehmenden Gesichtchen, was Klotilde machte, als sie vom Grafen hörte, daß mein Hierbleiben nun fest begründet sey, konnte ich abnehmen, daß ihr letzteres nicht unlieb war. Der Graf und Klotilde begleiteten mich bis zum Wagen, und im Einsteigen drückte mir ersterer, mit den heimlichen Worten: zur ersten Einrichtung, zehn Dukaten in die Hand. Vier rasche Rappen zogen an, und im gestreckten Trabe flog ich in meinem zurückgeschlagenen niedlichen Wagen, meinen neugebackenen Lackey Wenzel vor mir auf dem Bocke, zum Hofe hinaus. 48. Kein Prinz der Erde konnte in diesem Augenblicke glücklicher seyn, als ich. Vor wenigen Stunden noch der preßhafteste Märtyrer einer unerschwinglichen Schneiderrechnung, und jetzt ein Krösus; auf meinem Hergange rings um mich nichts als Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, und nun, eine lachende Zukunft vor mir, in deren fernen Hintergrunde meine frevelnde Phantasie gern schon die reizende Klotilde stellte. Sah ich recht, so brachte mir das kaum erkennbare Nebelbild der Angebeteten, die Blumenkrone meines Lebensglückes dar. Aber so, so ist der Mensch! Das Glück reicht ihm kaum den Finger, so will er gleich die ganze Hand; noch kenne ich im unersättlichen Geschlecht keinen, den Fortuna ganz zufrieden gestellt hätte. Mein Posten war mir jetzt fast Nebensache; Klotilde beschäftigte mein Herz mehr, als Alles. Wer sie eigentlich sey, wie sie hierher kam, was sie hier zu thun habe, was ging das Alles mich an! Sie war engelschön, wohl unterrichtet, fröhlichen Sinnes, herzensgut, und mir nicht gram; mehr brauchte ich nicht zu wissen. Der alte Herr hatte einen weißen Kopf und ich war vier und zwanzig Jahre alt; also sah ich sein freundliches Wesen zu dem zauberischen Mädchen, und dessen kindliches Anschmiegen an den alten Herrn, mit aller Ruhe an, und dachte, daß sich das Übrige schon von selbst finden werde; meine einzige Besorgniß, denn ganz ungetrübt kann der Mensch keine Freude genießen, war jetzt nur, daß ich heute Abend zu spät in Käferlingen eintreffen und die Leute mich daher in meiner prächtigen Equipage nicht mehr sehen würden. Doch die vier Rappen hielten in ihrem Vogelfluge aus, und noch stand die Sonne am Himmel, als ich zu den Barrieren der guten Stadt Käferlingen hineingeras't kam. Die vier schaumbedeckten stolzen Pferde lang gespannt, das glänzende Geschirr, die reich galonirte Livree des Kutschers und meines Wenzels, das geschmackvolle blizzende Wägelchen – alle Fenster flogen auf, alle Menschen blieben auf der Straße stehen, und starrten den jungen Herrn geheimen Secretair, der sich selbstgefällig auf den Marokinkissen hin und her schaukeln ließ, mit offenem Munde an; hunderte zogen vor der Eleganz der Equipage, denn mich selbst kannte keiner, ehrerbietig den Hut. – Eine halbe Tonne Goldes hätte man mir für diesen Augenblick bieten können, ich hätte sie für diesen ersten Ersatz meiner bisherigen lebenslänglichen Entbehrung nicht genommen. Um das Maß meiner Genugthuung voll zu machen, lagen Herr und Madame Knipps sammt dem geviertelten Gundelchen und dem Bräutigam, als ich vor das Haus gebraus't kam, in den Fenstern. Wenzel schoß wie ein Pfeil vom Bocke, öffnete mir die Wagenthür, schlug die Tritte aus einander, war mir beim Aussteigen behilflich, und fragte sehr laut und ehrerbietig, ob der Herr geheime Secretair noch etwas zu befehlen hätten. Ich trug ihm eben so laut und vernehmlich blos auf, dem Herrn Grafen meinen Respect zu versichern, und Demoiselle Dumesnil mich beßtens zu empfehlen, drückte ihm und dem Kutscher, jedem einen blanken Thaler in die Hand und schlüpfte in die Thür unseres Hauses. 49. Auf dem ganzen Rückwege hatte ich mir schon ausgesonnen, wie ich dem Herrn Knipps und der werthen Familie die Geschichte meines heutigen Glücktages erzählen wollte; ich gedachte dabei, mich ein bischen auf das große Pferd zu setzen, und sie fühlen zu lassen, daß ich zu etwas besserem bestimmt sey, als wozu sie mich hatten herabwürdigen wollen. Auf der Treppe aber – Gott weiß, wie das kam – fiel mir meiner seligen frommen Mutter mir oft gelehrter sanfter Denkspruch ein: im Unglücke Stolz, im Glücke Demuth. Ich entschuldigte mich zuvörderst bei Herrn Knipps, daß ich, ohne seine Urlaubbewilligung abzuwarten, heute früh ausgegangen wäre, und rückte dann mit der schriftlichen Amtszusicherung des Grafen Dingelheim ihm unter die Augen. Freie Station? Tausend Thaler, schrie er, und leis noch einmal: wer hat Sie empfohlen? wer hat sie dahin recommandirt? habe zehn gehabt, die auf die Stelle lauerten; haben mir Gold über Gold geboten! Wie sind Sie da hinaus gekommen? Herr, wissen Sie, daß Sie sich in allen Ehren, auf der Stelle noch ihre zwei, dreitausend Thälerchen nebenbei machen können? Wenn ich in allen Ehren ein Schurke seyn will, entgegnete ich, ganz ruhig: vielleicht; ich für meine Person bin mit dem, was mir der Graf giebt, vollkommen zufrieden. Komische, neumodische Ansichten, entgegnete Knipps lächelnd: wissen Sie nicht, wie Friedrich der Große einen Kriegs-Kommissair nannte, der in bitterer Armuth verstarb, und dessen Wittwe und Waisen den König um eine Pension ansprachen? Einen Esel nannten ihn Se. Majestät, den Allerhöchstdieselben an die Krippe gebunden, und der sich nicht satt gefressen habe. Ein so albernes, ein so grausames Witzwort hat der große König nie gesagt; gewissenlose Beamte haben ihm das zur Beschönigung ihrer Ehrlosigkeit nur in den Mund gelegt! erwiederte ich im bittern Groll über die Schlechtigkeit des Gauners, und eilte zu meinem Freund Stremler, und zu meinem ehrlichen Heftlinger, um ihnen mein Glück zu verkünden, denn diesen beiden hatte ich ja doch die erste Begründung desselben zu danken. 50. Der alte Schneidermeister betheuerte, daß, und wenn der Graf ihn selbst zu seinem geheimen Secretair machte, er nicht mehr Freude darüber haben könnte, als über mein Glück, nahm die Abschlagzahlung, die ich ihm aus meinem Ducaten-Vorrathe reichte, dankbarlich an, bat, mich mit Abtragung des Restes nicht zu übereilen, und wiederholte, unter nochmaliger Hindeutung auf den jährlichen Vigogne-Frack, mehr denn zehnmal das Gesuch, ihm die Kundschaft des hochgräflichen Hauses nunmehr auch wieder zu verschaffen. Stremler aber nannte meinen Schritt einen dummen Streich. Die Großen, hob er, für meine Zukunft besorgt theilnehmend an: sind, wie der fromme Emir Hiob zu Damaskus schon vor 3000 Jahren gesagt hat, nicht immer die Weisesten; der Graf ist ein jähzorniger Mensch, voll unerträglicher Launen, keiner kann länger als ein Paar Monate bei ihm aushalten; er bezahlt fürstlich, aber dafür verlangt er auch tyrannisch; das Alter hat ihn, wie man meint, in der letztern Zeit etwas mürber und ruhiger gemacht, allein ohne Ohrfeigen, Fußtritte und Peitschenhiebe ist bis jetzt noch keiner seiner Secretaire von ihm gekommen. Einen Hauptpunkt zum baldigen Scheitern meines Glücks fand Stremler in der kleinen frisch angekommenen Französin. Er steckte mir mit seiner Weltkenntniß über das Verhältniß dieses, übrigens von ihm nicht gekannten Mädchens zum Grafen, das gehörige Licht auf, und bat mich um Gotteswillen, in meinem Benehmen gegen das Burgunder Kind auf meiner Hut zu seyn; in diesem Punkte sey der Graf ganz verdammt kitzlich, und man erzähle sich ein Beispiel, daß dieser vor einigen Jahren einen meiner vielen Vorgänger, der sich in das Kabinet einer jungen, damals in den nämlichen Verhältnissen zu Buchenhayn lebenden Circasserin verirrte, auf dem Flecke erstochen, und nachher einen unschuldigen Blutsturz vorgegeben habe, an dem der junge Mensch plötzlich verstorben sey. Der Graf traue keiner Seele, er halte sich immer für hintergangen und betrogen, und darum sey dessen einzige und beständige Lieblingbeschäftigung, den Leuten aufzupassen, sie auf die Probe zu stellen, und auf allen Schritten und Tritten zu bewachen. Durch besondere Vorrichtungen in seinem ganzen Schlosse, könne er unbemerkt in alle Zimmer sehen und die darin geführten leisesten Gespräche hören, und damit ihm nichts entgehe, habe er unter seiner Umgebung ein complettes Spionensystem organisirt. Einer gebe auf den Andern Acht; Einer behorche und belausche den Andern, und sobald Einer irgend etwas in seiner Art von Bedeutung bemerke, sey er gehalten, dem Grafen unmittelbar sofort Anzeige zu machen; darum erfahre und wisse der Graf die geringste Kleinigkeit in seinem Hause und darum rathe er mir, da ich nun einmal die Stelle angenommen habe, und jetzt nicht wohl zurücktreten könne, beständige Aufmerksamkeit auf mich, besonders in meinem Umgange mit dem Mädchen; so viel er den Grafen kenne, werde dieser mich bestimmt, besonders im Anfange, mit seiner Burgunderin viel allein lassen, um sie und mich zu prüfen; ich solle ja nicht glauben, daß ich da unbeobachtet sey; denn alle Wände hätten dort Ohren, in allen Thüren wären Ritzen oder kleine Löcher, und bei der allerersten, an sich noch so unschuldigen Vertraulichkeit, die zwischen uns beiden vorfiele, sähe er schon in Gedanken den Grafen, bei derlei Gelegenheiten gewöhnlich mit einem stattlichen Ochsenziemer versehen, aus einer vorher nie bemerkten Tapetenthür treten und dann unmenschlich strenges Gericht halten über die Ertappten. 51. In den Erwartungen von meinem neuen Wonneleben, durch Stremlers, des Weltkundigen Ansichten, sehr herabgestimmt, schlich ich nach Hause, und Gundelchen rief mich zum Abendbrot. Der unausstehliche Herr Jäkel war nicht da; wir speis'ten ganz allein, aber wider Gewohnheit, vortrefflich, und Papa und Mama waren auch, wider Gewohnheit, gegen mich die Artigkeit, die Freundlichkeit selbst. In der Liebe war ich zwar noch schrecklich unerfahren, aber wenn ich in Gundelchens Augen sah, las ich immer, ich möchte Dich viel lieber, als den neuen Viertelsmeister Jäkel. Hätte Gundelchen gestern Abend mich so angesehen, mit dem verlangenden, schmachtenden Blicke; ich glaube, ich wäre vor Seligkeit unter den Tisch geflossen. Heute aber, – meine kleine Diana mit den Burgunderröschen auf den Wangen und den Lilien auf Hals und Busen, und den Kornblumen in den Augen; neben der hielt die Knippsgundel doch platterdings keinen Vergleich aus; die hundert tausend Thaler klangen mir jetzt wie Blei; was war mir das viele Gold nöthig, ich hatte ja, was ich brauchte, ich hatte ja viel mehr, auch ohne einen rothen Kreuzer war mir meine niedliche Klotilde Dumesnil hunderttausendmal lieber als Kunigunde Knipps. Nach aufgehobener Tafel entfernte sich Gundel auf einen Wink der Mutter, und diese fing dann von weitem über die Nothwendigkeit meiner nunmehr baldigen Verheiratung, in ihrer Manier recht witzig an zu scherzen; auch der Vater mischte sich in das Gespräch, und meinte, daß er ein recht gutes Kind wisse, das nicht ganz blos sey, und für mich, wie zur Frau geschaffen wäre; das Mädchen sey zwar mit einem Anderen so gut wie versprochen, indessen ihn koste es nur ein Wort, und jene Parthie sey annullirt. Das hieß den mit andern Worten so viel, als Du hast, wenn Du meinen guten Rath befolgst, zehnmal mehr Einnahme, als Jäkel, folglich wollen wir Dir unsere Gundel lieber geben, als diesem; sprich ein Wort, und sie ist mit ihren dereinstigen 100,000 Rthlr. dein. Ich sprach aber das Wort nicht, denn das holde Kind aus dem Departement der Côte d'or stak mir im Kopfe, sondern that, als sehe ich das Ganze nur für einen gewöhnlichen Scherz an, wich jeder näheren Erklärung darauf aus, und meinte hingeworfener Weise, daß ich zum Heirathen noch viel zu jung sey, daß ich aber, wenn mir je dazu die Lust ankommen sollte, mich, wegen dießfälliger Vorschläge, an niemand mit mehrerem Vertrauen würde wenden können, als an Herrn und Madame Knipps, und zog auf diese Manier den Kopf aus der Schlinge, ohne sie böse zu machen. 52. Endlich waren die acht Tage verflossen; am neunten trampelten meine vier Rappen wieder vor der Thür und in zwei kleinen Stunden darauf stand ich vor dem Grafen. Klotilde flog mir mit freundlicher Herzlichkeit entgegen, klagte, daß sie schrecklich viel Langweile gehabt, wiederholte mir ihre Lection von Brutt, Saals und Echt, sagte ihr ich lieben, du lieben, er lieben, eben noch so allerliebst schlecht her, wie vor acht Tagen, überraschte mich mit einer Menge anderer deutscher Worte, die sie indessen vom Grafen und ihrem Kammermädchen sich sagen ließ, und brachte mir, da sie vom alten Herrn gehört hatte, daß ich auch die Geige spiele, aus dem Instrumenten-Schranke im Musikzimmer eine vom alten berühmten Straduarius. Doch der Graf meinte, daß ich jetzt wichtigere Dinge zu thun habe, und setzte bei dieser Gelegenheit unsern Tageplan fest, nach welchem alle Abende drei Stunden zum Unterricht in der deutschen Sprache und zu den Musik- und Singübungen bestimmt waren. Wer die Ruhe seines Herzens lieb hat, enthalte sich aller solcher Lehrversuche, besonders wenn sie bei Mädchen gewagt werden, die so geist- und gemüthvoll, so lebendig und reizend sind, als mein Burgunder-Röschen Klotilde. Anfänglich schwebte mir immer vor der Seele was der ehrliche Stremler mir von dem Spionirsystem des Grafen, von den Ohren der Wände, von den Löchern und Ritzen in den Thüren, von den Tapetenthüren und unmanirlichen Ochsenziemern vorgeschwatzt hatte; ich wollte mir erst weiß machen, das Alles sey nur ein Früchtchen der, vorzüglich in Käferlingen patentirten Klatschsucht, wo man den Leuten manches nachsagte, was nicht wahr war; allein Stremler schien den Grafen auf das Haar gekannt zu haben. Ich wiederholte mir des ersteren Äußerungen Wort vor Wort, und sie trafen fast buchstäblich ein. Der alte Herr wußte die geringfügigste Kleinigkeit, die im Bereich seiner weitläufigen Besitzungen vorfiel, bis auf die unbedeutendsten Nebenumstände, also mußte er Aufpasser, Zuträger haben. Ritzen? ja, die waren in den Thüren hie und da bemerkbar, eigentliche Löcher gewahrte ich nicht; desto bestimmter vermuthete ich sie aber jetzt an irgend einem verborgenen Flecke. Tapetenthüren fanden sich fast in allen Zimmern, und aus jeder sah ich gelegentlich im Geiste den Grafen, vor Eifersucht schäumend, mit dem unziemlichen Ziemer hervortreten. Buchstäblich traf auch ein, was Stremler in Bezug auf mein Alleinlassen mit Klotilden gesagt hatte. Wir saßen – wer beschreibt die süße Marter – stundenlang allein, und – wenn es keine Wandohren und keine Gucklochthüren gab, – von aller Welt ungehört und ungesehen, dicht nebeneinander, plauderten und spielten und sangen zusammen, und des zauberischen Mädchens schuldlose Unbefangenheit, seine, den Französinnen sonst nicht immer eigene Gemüthlichkeit, sein trauliches argloses Wesen – zehnmal hatte ich schon auf dem Punkte gestanden, ihm zu Füßen zu fallen, ihm die Höllenqual zu gestehen, die mir dieses aufgezwungene Entferntseyn, dieses Wollen und nicht Dürfen, diese schmerzliche Entsagung verursache, und es zur Entschädigung für alle diese bittere Herzensleiden, wenigstens um einen einzigen Kuß bitten wollen. – Aber die verwünschten Tapetenthüren! – Einen Kuß auf diese Purpurlippen, auf dieses große, geistvolle Auge, auf diesen zarten Lilienhals! Hundertmal schielte ich mit brennendem Verlangen auf die frische Jugendpracht dieser vor mir entfalteten, dieser mir so allein blühenden Reize, und hundertmal mußte ich, vor innerem Jammer still verblutend, den sehnsüchtigen Seitenblick wieder auf den vor uns liegenden trocknen Adelung, oder auf die stummen Noten werfen. Was mir aber der gute Stremler von des Grafen Verhältniß zu Klotilden selbst erzählt hatte, daran war, mit allem Respect vor Stremlers Ansichten, gewiß kein wahres Wort. Wer dieses taubenfromme, himmelreine Kind nur ein einziges Mal sah, der mußte auf dessen unbefleckte Tugend einen leiblichen Eid schwören können. Auf den Wangen einer Lasterhaften blühte dieser Karmin der frischesten Gesundheit nimmermehr. In dem Blicke einer Schuldbewußten lächelte nie diese jungfräuliche Unschuld, diese himmlische Liebe. Nein, nein, Stremler hatte gewiß gelogen, oder wenn sich das Mädchen verstellen, in dem Grade verstellen konnte, so war es das Kind des Teufels selber. 53. Nach und nach verlor sich zwar die Furcht vor ungebetener Überraschung, allein es trat etwas anderes, etwas Edleres zwischen uns, was mich hinderte, diesem wahrhaften Engel von Mädchen mich so zu nähern, wie meine immer glühender werdende Liebe wohl wünschte. Der Graf, der mir als halber Tyrann geschilderte Graf, hatte mir in den zwei, drei Monaten meines nunmehrigen Hierseyns noch kein böses Wort gesagt; er war mit meinen Arbeiten unausgesetzt zufrieden, lobte mich unverdienter Weise über die zum Erstaunen raschen Fortschritte, die Klotilde in der deutschen Sprache machte, ergötzte sich an unsern Musikübungen, und nahm sich gegen mich überall so freundlich, so theilnehmend und verschwenderisch gütig, daß ich ihn nicht wie meinen Prinzipal, sondern wie meinen Vater liebte und ehrte. An Klotilden hing der alte Mann mit einer Innigkeit, die alle Beschreibung überstieg. An irgend eine sträfliche Schattenseite in diesem Verhältnisse war gar nicht zu denken. Es hätte gar keine Wahrheit in der Welt mehr seyn müssen, wenn dieß offene, fromme, zartfühlende Mädchen, und dieser strengrechtliche, gewissenhafte, mit dem Silberhaar des Greises geschmückte Mann – nein, nein, das war gar nicht möglich. Seine Zärtlichkeit gegen die zauberholde Kleine war nichts als reines Wohlwollen, sein Errathen aller ihrer Wünsche, und seine Hast, sie, wenn es nur irgend möglich war, alle zu erfüllen, nichts als die ihm angeborne Gutmüthigkeit, und seine, in jedem andern Falle eben so lebendige Raschheit und die Freudenthränen, die ihm still im Auge zitterten, als sie eines Morgens blendend schön und rosig wie Aurora selbst, zu ihm eintrat, und ihm zum ersten Male ein deutsches Morgengebet, in ihrer unnennbar wohlklingenden Aussprache, mit tiefem Gefühl und herzerhebender Andacht vorlas – sollte ich diese Thränen der sanftesten Rührung für Zeugen eines schuldbelasteten Verhältnisses ansehen? mußten sie mir nicht vielmehr die sichersten Beweise von der Lauterkeit des Grafen geben? Nein, Stremler hatte Unrecht; er hatte gewiß Unrecht. Aber band mich dieses zarte Verhältniß zwischen beiden, und meine kindliche Liebe zum alten Manne nicht viel mehr, als früher die Furcht vor ihm? Mußte ich nicht im Voraus sehen, daß wenn der Graf meine Neigung zu Klotilden nur im Entferntesten merkte, der stille glückliche Frieden unsers Hauses mit einem Male zerstört war? und durfte ich denn, wenn ich nicht gegen mich, gegen den Grafen und gegen Klotilden wie ein Rasender handeln wollte, meine Neigung zu dem holden Wesen, im heimlich gequälten Herzen bleibenden Raum gewinnen lassen, ohne Klotildens Herkunft, Lage und hiesige Stellung ganz genau zu kennen? wie und weßhalb Klotilde hergekommen war, wußte kein Mensch. Sämmtliche Leute im Hause hatten einen so eigenen Tact, daß man fühlte eine Unschicklichkeit begangen zu haben, wenn man sich um Dinge bekümmerte, die einem nichts angingen. Kurz das Mädchen war da, und weiter wußte keiner eine Sylbe zu sagen. Sie selbst wußte eigentlich eben so wenig. Sie war in Dijon geboren, hatte ihren Vater, einen wohlhabenden Privatmann, in ihrer frühesten Kindheit eingebüßt, und war, nach dem kürzlich erfolgten Tode ihrer Mutter, mit der sie die letzte Zeit in Paris lebte, von ihren Verwandten hieher nach Buchenhayn spedirt worden. Warum gerade nach Buchenhayn, war ihr eben so unbekannt, als mir; sie hatte den Grafen einmal darüber selbst ausholen wollen, allein statt einer aufklärenden Antwort hatte er sie lächelnd gefragt: ob es ihr hier nicht gefalle? und damit war das Gespräch abgebrochen gewesen. Ich hatte im Stillen schon meinen guten Herrn Grafen wegen eines kleinen Jugendversehens im Verdacht; allein Klotildens Mutter war, wie ich das Mädchen gelegentlich und ohne die Absicht meines Nachforschens merken zu lassen, aushorchte, nie aus Frankreich gekommen, und der Graf, wie ich aus seinem Munde wußte, seit vier und zwanzig Jahren in Frankreich nicht gewesen, folglich entkräftete dieß meinen Verdacht von dem Bezuge, in dem der Graf zum Mädchen stehen könnte, gänzlich. Desto auffallender aber war mir Klotildens Aehnlichkeit mit der verstorbenen Gräfin. Ich war nur einmal erst mit dem Grafen im Ahnensaale unsers Schlosses gewesen; da schloß ihr Bild von Anton Graff aus Winterthur die Reihe der Altvordern des berühmten Dingelheimischen Grafengeschlechts. Der alte Herr schien damals von dem Gemälde seiner vorangegangenen Gattin sehr tief ergriffen zu seyn; er preßte die Thränen, die ihm der Blick auf die milden Züge der Verewigten in die Augen drängte, mit Gewalt zurück, denn es soll sich für Vornehme nicht schicken, in Gegenwart von Personen niedern Ranges, sich ihren Gefühlen Preis zu geben – und ich verweilte, um den Grafen davon ab und auf andere Gegenstände zu bringen, nicht lange vor dem Bilde, weßhalb ich es damals eigentlich nur mit halbem Auge sah. Gestern aber mußte ich mit Wenzel in den Saal, um aus einem darin befindlichen alten großen Schranke, dem Grafen einen ganzen Stoß Familien-Acten zu holen. Da sah ich mir das Bild zufällig noch einmal an; das war die ganze Klotilde, wie sie leibte und lebte; das schwarze Haar umfloß in der Rabenpracht von hundert ringelnden Locken den schneeweißen Hals und Nacken; in dem Spiegel des geistvollen Auges loderte das blaue Feuer der treusten Liebe; zarte Frauenmilde lächelte in den Zügen des Madonnengesichtchens, und über dem Wangengrübchen, in das sich bei der Burgunderin der schalkhafteste Muthwille gelagert hatte, schwebte hier der Duft der verrathenen Liebesscham. Es war, als hätte Herr Anton Graff die schöne Frau am Brautmorgen gemalt, und ich dachte mir, still verzückt, daß Klotilde an solch einen Morgen in meinen Armen accurat auch so aussehen müsse. Wenzel, der hinter mir gestanden, und das Bild auch lange angeklotzt hatte, tippte mir, ganz außer sich, auf die Achsel, und rief! ähnelt die hochselige Frau nicht unserm Tilscherchen justement aufs Daus. Aus der engelgleichen Klotilde ein Tilscherchen zu machen! Ich hätte mich über die verrückte Idee ärgern können, aber – in diesem süßen Augenblicke – ich zersetzte mir den reizenden Traum des Brautmorgens in seine kleinsten Theile, und in diesen stillen Minuten reifte, ohne daß ich es eigentlich selbst wußte, der Keim meiner ersten Liebe. War Klotilde, wie ich jetzt bestimmt glaubte, ein heimliches Kind der Gräfin, die Frucht verbotenen Umganges, so legte der Graf meiner Bitte, sie mir als Gattin zu geben, gewiß keine Schwierigkeit in den Weg. Wir brachten jetzt die Acten in das Zimmer des Grafen, und Wenzel, der seine Zunge immer unnöthiger Weise spaziren führte, erzählte auch hier mit einer Art von Triumph, daß er in dem Bilde der hochseligen Frau Gräfin das ganze Tilscherchen wiedergefunden hätte. Dem Grafen zuckte ein schmerzlicher Krampf durch das ganze Gesicht, aber er zwang sich zum Lächeln und sagte mit leicht hingeworfenem Scherz, dem man es jedoch anhörte, daß er sich mit Mühe aus der blutenden Brust heraufwand: Du bist ein Narr. Mehr bedurfte es nicht, um Gewißheit über meine Vermuthung zu haben. Natürlich mußte es dem Manne von strengem Ehrgefühl entsetzlich niederschlagend seyn, den Fehltritt seiner Gattin hier nach langen Jahren durch Klotildens Engelsgesicht verrathen zu sehen. Jetzt erklärte ich mir auch des Grafen sonderbare Weise in seinem Benehmen gegen das Mädchen. Es war die zarteste Liehe, mit der er das reizende Kind umfing, aber immer mischte sich eine Art Wehmuth in diese väterlichen Liebkosungen; immer war es, als wolle er sagen, daß sein Herz ihn zu dem Mädchen hinzöge, aber daß zwischen ihm und diesen etwas sey, was nicht seyn solle. Unwillkührlich stellte sich dies sonderbare Gefühl auch zwischen mich und Klotilden; ich liebte das Mädchen im Stillen, bis zum Wahnsinn, aber wenn ich das Geständniß meiner glühenden Liebe auf der Zunge hatte, schloß mir die Dunkelheit der Frage, wer das holde Kind eigentlich sey, immer den Mund. 54. Je länger wir beisammen hier lebten, je traulicher ward unser Verhältniß; sie sah mich als ihren brüderlichen Freund an, sie konnte schmollen wenn ich, wegen anderer dringender Arbeiten, einen Abend unsere Musikübung aussetzte, und war ich einmal weniger heiter als gewöhnlich, so fragte sie mit solcher zarten Theilnahme, was mir fehle, daß ich oft im Begriffe [war], sie in meine Arme zu schließen und ihre mir unbeschreibliche wohlthuende Frage mit nichts als Du! zu beantworten. Seit sie der deutschen Sprache mächtig war, ward sie der Abgott unsers Hauses und der ganzen Grafschaft. Sie plauderte mit Jedem; ihr mit verschwenderischer Freigebigkeit vom Grafen bestimmtes Taschengeld, war gewöhnlich schon in der Mitte des Monats ausgegeben, denn den Armen und den Witwen und Waisen theilte sie mit vollen Händen, was zur Erhaltung ihrer Garderobe ausgesetzt war. Noch hatte sie sich in dem halben Jahre ihres Hierseyns keine Stecknadel gekauft, und ihr Hauskleidchen war einfacher, als das ihrer Zofe. Der Graf – wir saßen eben eines Nachmittags in der schattigen Weinlaube, von der mehrere hundert reife Trauben über uns herabhingen – sprach über den Reichthum der Natur, über ihre Freygebigkeit, über das schöne Beispiel, was sie uns ihm Wohlthun gäbe, und wollte einem Wanderburschen, der auf der Heerstraße dicht am Garten vorbei ging, etwas geben, als er bemerkte, daß er kein Geld bei sich habe; ich reichte dem Wanderer eine Kleinigkeit, und als dieser sich entfernt hatte, äußerte der Graf lächelnd sein Befremden, das Klotilde nicht auch ihr Börschen öffnete. Ein Börschen habe ich wohl, entgegnete Klotilde halb ernst, halb scherzend: aber kein Geld darin. Der Graf meinte, das heute erst der sechszehnte im Monat sey, und fragte, wo sie all ihr Taschengeld lasse; frage mich nicht, mein Väterchen, erwiederte sie, verlegen bittend: was die Rechte thut, soll die Linke nicht wissen; in den Grenzen Deiner Besitzungen sind wir Alle Deine Kinder, und ich habe viel Brüder und Schwestern, die mehr brauchen, als ich. Dem Grafen trieb die einfache Antwort des frommen Mädchens Thränen in die Augen; seine verklärte Gattin war auch so gewesen; alle Unterthanen der Grafschaft nannten sie noch heute ihren wohlthätigen Engel. Ich will Dir ein Amt geben, Klotilde, sagte er gerührt: ein Amt, das seit dem Tode meiner Frau unbesetzt geblieben ist; Du sollst meine Almosiniere seyn. Du giebst, ich habe Dich im Stillen beobachtet, Wenigen reichlich, Vielen nichts; Du unterstützest Hilfbedürftige in ihren rechtmäßigen Zwecken; Du spendest viele Deiner Wohlthaten im Geheimen, um der, feinfühlenden Seelen drückenden Empfindung des großen Dankes für kleine Gaben, zu entgehen; Du prüfst die Bedürftigkeit und die Würdigkeit des Bittenden, ehe Du Deine milde Hand aufthust; so ist es recht; so machte es mein seliges Lottchen auch, und darum ist ihr Andenken hier unter meinen Unterthanen auch noch heilig und in hohen Ehren. Er wischte sich die Augen und gab mir den Schlüssel zu seinem Zimmer, mit dem Auftrage, die Banknote zu holen, die ich auf dem Schreibtische finden würde. 55. Neben dieser, sie betrug 500 Rthlr. lag auch eine für mich von gleichem und höherem Werthe, ein angefangenes Schreiben des alten Herrn an seinen Sohn in Italien. Ich erblickte meinen Nahmen darin, und wenn es gleich ein altes Ehrengesetz ist, anderer Leute Briefe nicht zu lesen, so konnte ich diesmal doch nicht umhin, diese Zeilen in aller Geschwindigkeit zu überfliegen. Der Graf äußerte sich in dem Schreiben, über alle meine Erwartung, ganz unbedingt zu meinem Vortheile. Er hätte, schrieb er, mich mehr Male hinsichtlich meiner Treue auf die Probe gestellt, und ich wäre immer untrüglich bestanden; er hätte meine Verschwiegenheit, meine persönliche Anhänglichkeit geprüft, er hätte meinen sittlichen Wandel beobachtet, und überall hätte ich seine Erwartung von meinem Pflichtgefühl, meiner Ehrliebe und meiner Religiosität übertroffen; ich hätte mir die Achtung der übrigen Beamten und die Liebe der Unterthanen gewonnen, und was Klotilden beträfe, so wäre unverkennbar, daß ein besonderes Wohlwollen, eine auszeichnende Zuneigung – es ging in einem der Vorzimmer eine Thür auf, ich erschrak, griff nach der Fünfhundertthaler-Note und eilte damit in den Garten hinab. Welche Gewalt mußte ich mir nicht anthun, um dem schlauen Manne, dem tiefen Menschenkenner nicht zu verrathen, daß ich mich unterdessen ein bischen in meinem Spiegel besah! Im Tiefsten meines Innern jauchzte die Freude des gelesenen Lobes laut auf, und eben so regsam war der Ärger über das verdammte Thürengeknarre, das mich um das gebracht hatte, was von Klotilden im Briefe stand, und beide Gefühle durften sich in meinen Zügen nicht ahnen lassen, denn lag mein Gesicht bei meinem Wiederkommen nur um ein Haar in andern Fältchen, als bei meinem Weggehen, so merkte der alte Herr Unrath, und dann war mir sein ganzes Vertrauen verloren. Klotilde flog dem Grafen, beim Empfang der Note, im Nahmen der Armen, denen sie davon die nöthigen Unterstützungen zudachte, um den Hals, und gab ihm einen Kuß, der mehr werth war, als zehn solche Noten. 56. Den nächsten Posttag traf beim Grafen die Aufforderung des Monarchen ein, nach der Residenz zu kommen, um in mehrern wichtigen Angelegenheiten seines früheren Geschäftlebens mündliche Aufschlüsse zu geben. Klotilde sollte mit; als der alte Herr, der sich von der Einladung ungemein geschmeichelt fühlte, und den ich nie vergnügter gesehen hatte, dem Mädchen den Begleitung-Antrag machte, und ihm das Prachtleben der Residenz, und die zu erwartenden Zerstreuungen schilderte, fühlte ich, daß es mir die Kehle zuschnürte. Bis dahin hatte die Liebe geschlummert; es raubte mir ja niemand den Genuß, täglich um Klotilden zu seyn; es störte mich nicht einmal jemand darin; ich war meiner Sache gewiß, ohne einmal selbst das Glück dieser Gewißheit recht genau zu kennen. Jetzt aber – die Lage eines Millionairs, dem man unvermuthet sagt, er sey in diesem Augenblick zum Bettler verarmt – ist ein bloßes Schattenspiel gegen den Schreck, den ich hatte, als Klotilde, vor Freude über die Schilderung des Reidenzlebens, in die Hände klatschte, und sich auf den Absätzchen umdrehte, um fortzustürmen und ihre Habseligkeiten packen zu lassen. Mitten im Umdrehen fiel ihr Blick auf mein Schmerzgesicht, das ich, von dem seitwärts von mir stehenden Grafen unbemerkt, unwillkührlich machte, und in dem sich die furchtbare Besorgniß, dort im Gewühl der jungen eleganten Männerwelt dieses Musterbild von frischer Jugendfülle und holder Anmuth auf immer und ewig zu verlieren, deutlich aussprechen mochte. Sie sah mich sonderbar befremdet an, schüttelte still lächelnd, als habe sie etwas erspäht, was ihr gerade nicht unlieb sey, das Köpfchen, und antwortete auf des Grafen Ermahnung, mit dem Packen nicht zu säumen, weil es morgen mit dem frühesten fortgehe, in einer so eigenen Zerstreuung, daß der staarblind seyn mußte, der hier nicht merkte, was das Glöcklein geschlagen hatte. Blieb das Mädchen, reis'te es nicht, so – aber nein, bis zu diesem Grade konnte die Eitelkeit meine Hoffnungen nicht steigern. 57. Zweimal, dreimal hatte mich der Graf angeredet, und mir in einem Athem zehn Aufträge gegeben, und ich hatte keine Sylbe gehört. Reis't oder bleibt Klotilde? das war die Frage, die mir Kopf und Herz so einnahm, daß ich nicht sah und nicht hörte, und wie halb entgeistert minutenlang auf Einen Fleck hinstarrte. Der alte Herr schmälte mich in seinem Leben zum ersten Male aus; ich entschuldigte mich mit den vielen Fragen, auf die ich mich besonnen hätte, um sie ihm, über die während seiner Abwesenheit vorfallenden vielen Arbeiten, noch vor seiner Abreise vorzulegen, allein er nahm meine Ausflüchte nicht an, und meinte – eben trat Klotilde wieder ein, und hielt das Tuch an ihre linke Wange – daß man bei unerwarteten Vorfällen nicht gleich den Kopf so ganz verlieren müsse, daß besonders dem Geschäftsmann gezieme, Gegenwart des Geistes zu behaupten, daß der Dienst überall die Hauptsache sey, und daß alles Andere Nebensache wäre. Ich wollte mich vor Klotilden schämen, daß sie meine, eigentlich ja doch um ihretwillen erhaltenen Wischer mit angehört hatte, und fürchtete in ihren Augen darum zu verlieren: allein wenn ich das heimliche Lächeln ihres halb schadenfrohen Blickes recht verstand, so sagte dies ungefähr, daß sie recht wohl wisse, warum ich hier den Leviten gelesen bekomme, und daß sie mir das unverschuldete Herzleid, was mir der alte Herr anthat, bei vorkommender Gelegenheit auf tausendfache Weise wieder vergüten wolle. Der Graf fragte, auf das Tuch an ihrer Wange deutend, ob sie Zahnschmerz habe, und ich jauchzte im Stillen, weil ich mir einbildete, sie würde nun nicht mitreisen können; sie meinte aber leicht hin, daß der eine Zahn zwar ein wenig weh thäte, daß dieß sich aber hoffentlich bald verlieren werde, indem sie bei starken Aufregungen des Blutes, bei heftigen Affecten der Freude oder des Schmerzes, leicht kleine Anfälle der Art habe, die aber eben so schnell vergingen, als sie kämen. Französin – Quecksilber, brummte der alte Herr halb laut vor sich hin, und ich wünschte im Geheimen, daß nur dießmal der Zahnschmerz sich nicht so geschwind verlieren möchte, denn litt sie morgen noch daran, so mußte sie zu Hause bleiben. Aber Kind, sagte der Alte, sie erinnernd; Du sollst ja packen lassen. Gleich, entgegnete Klotilde, mit einem ganz eigenen verschmitzten Gesichtchen: ich wollte nur fragen, wem ich unterdessen meine Blumen und meine Kanarienvögel zur Abwartung übergeben soll; am sichersten sind sie wohl, fuhr sie zu mir gewendet fort: bei Ihnen aufgehoben, aber Sie reisen ja wohl mit? Bewahre, erwiederte der alte Herr, und Klotilde drückte das Tuch fester an die Wange, und klagte, daß es ihr im Zahn zuweilen Rucke gebe, kaum zum Aushalten. Beim Abendessen kam sie, das Köpfchen mit einem Tuche gebunden, und erklärte, daß, wenn ihr so bliebe, sie morgen auf keinen Fall mitfahren könne. Der alte Herr, der sich in einem einmal gefaßten Plane nicht gern stören ließ, trug mir auf, einen reitenden Boten nach Käferlingen zu senden, um Herrn Kropfgans, einen dortigen berühmten Zahnarzt, sofort heraus zu holen, der, wenn es die Noth erfordere, den Zahn diese Nacht noch, oder morgen früh, ausnehmen solle. Ich hatte, in der Verblendung meiner Eigenliebe bis dahin die ganze Geschichte für Maske gehalten. Erst war sie vor Freude, die Residenz zu sehen, deckenhoch gesprungen; dann hatte sie meinen Schmerz über die bevorstehende Trennung bemerkt; dann kam sie, weil sie nicht wußte, ob ich bleiben oder mitreisen werde, und holte den Alten darüber aus, und hatte auf den ersten Fall vorläufig schon die Zahnschmerzen in Bereitschaft, um einen Vorwand des Zuhausebleibens zu haben, und endlich, da sie nun ihrer Sache gewiß ist, bereitet sie den Grafen heute Abend schon auf die Möglichkeit vor, daß sie morgen ihn nicht werde begleiten können. Die ausgesuchteste Intrigue konnte kein feineres Spiel spielen; das gefährliche Talent, den Leuten ein Näschen zu drehen, entwickelte sich vor meinen Augen mit unglaublicher Schnelligkeit: ich erschrak über die vollendete Gewandtheit des kleinen Schlauköpfchens, und freute mich auf der andern Seite auch wieder darüber, denn das ganze Spiel, in dem sie die Keckheit hatte, dem alten Herrn, der meilenweit sah, einen blauen Dunst vorzumachen, galt ja mir. Eitler Mensch, der ich war! Jetzt, da der Zahnarzt geholt werden sollte, der am Ende im Stande war, ihr einen ihrer blendend weißen, gesunden Zähne, ohne Umstände, statt eines kranken herauszunehmen, jetzt kam die Sache zum Klappen, und ich erwartete daher von ihr, daß sie gegen die Abholung des Arztes feierlich protestiren, und den Grafen auf die hoffentlich morgen erfolgende Besserung vertrösten werde; allein – bittere Täuschung – mit der ganzen Krankheit hatte es seine vollkommene Richtigkeit; sie ließ sich die gebotene Hülfe gern gefallen, sah den Herrn Kropfgans für den Erlöser ihres fast unerträglichen Übels an, und äußerte blos die Besorgniß, was denn anzufangen wäre, wenn dieser zufällig nicht zu Hause seyn sollte. Ich machte den Vorschlag, statt unmittelbar an Herrn Kropfgans, lieber an meinen Freund Stremler, der unterdessen unser Gerichtshalter geworden war, schreiben zu wollen, und diesen, in dem Falle, daß jener nicht zu haben sey, um die Übersendung eines zuverläßigen Mannes zu bitten. Der alte Herr und Klotilde genehmigten dieß, und ich stand vom Tische auf, um das Billet an Stremler sogleich zu besorgen. Klotilde sprang, als ich eben die Thür in der Hand hatte, mir nach, sprach im Abgehen noch im Zimmer etwas von Feigen, die ich ihr mitkommen lassen sollte, um sie in Milch geweicht auflegen zu können, flisterte mir, von der Todesangst vor Schlüssel und Pelikan hart gepreßt, draußen vor der Thür zu: ich habe keine Zahnschmerzen, und ging in das Speisezimmer zurück. Es kann vielleicht keine komischere Liebes-Erklärung in der Welt geben, als diese, aber mich erfüllte sie mit unaussprechlichem Entzücken. Ein einziger schmerzlicher Zug in meinem Gesichte, und Klotilde opferte die Freude, in die Residenz zu reisen, dem kaum geregten Wunsche meines liebekranken Herzens auf. Ich habe keine Zahnschmerzen, hatte sie gesagt; und ich wiederholte die an sich trivialen Worte auf dem Gange in mein Zimmer zwanzigmal in einem Athem. Ich traute meinen Ohren kaum, ich fragte mich halblaut, ob sie wirklich so sagte; ich zitterte vor Freude, daß ich kaum schreiben konnte, und hatte, als der Bote abgefertigt war, und ich in das Speisezimmer zurückkam, die größte Mühe, mein vor überseliger Wonne rein verklärtes Gesicht in die vorige Gleichgiltigkeit zurückzuzwingen. Zum ersten Male fühlte ich mich jetzt über dem Grafen; der alte gute Herr, der Alles zu wissen behauptete, dem, nach seiner Meinung, Nichts entging, der im Seelenspiegel, im Auge allen Menschen die tiefsten Geheimnisse abzulauschen vermeinte, – er war von uns beiden doch eigentlich abscheulich hinter das Licht geführt. Ich wollte zwar anfangen, mir ein Gewissen daraus zu machen, denn der alte Mann hatte mir bis jetzt nichts als Liebes und Gutes erwiesen, und ihn dafür zu hintergehen, war – das fühlte ich gar wohl – nicht recht von mir; aber hatte Klotilde nicht eigentlich allein die Schuld? that ich nicht blos ihren Willen? und war es mir zu verdenken, wenn ich zu der Ausführung der, Klotilden jetzt selbst nicht mehr willkommenen Idee des Grafen, die Hände zu bieten, mich nicht besonders aufgelegt fühlte? Ich wäre während ihrer Abwesenheit vor langer Weile gestorben, und die Eifersucht, diese grausame Furie des Seelenfriedens, malte mir das Aufsehn, welches Klotildens Zauberreize in der Stadt machen würde, und das Heer der Anbeter, und des Mädchens Empfänglichkeit für die Macht der Neuheit, und meine Werthlosigkeit gegen die viel interessanteren Residenzbewohner, mit so schwarzen Farben, daß ich, wenn es die Noth erforderte, noch viel mehr aufgeboten hätte, um Klotildens Mitreise zu verhindern. Aber bei aller Vernünftelei, mit der ich den kleinen Betrug gegen mein Gewissen beschönigte, konnte ich doch dem Grafen nicht in das Auge sehen. Er stand einmal auf und entfernte sich auf einen Augenblick; ich wollte mich gegen Klotilden verständigen, daß ich ihren Wink befolgt habe, aber die umstehenden Bedienten – Stremlers Spionensystem fiel mir ein, und ich sprach von den gleichgiltigsten Dingen. Unsere kleine, heute ziemlich einsylbige Tafelrunde, ward bald aufgehoben, und jedes eilte auf sein Zimmer. Klotilden rief der alte Herr noch nach, daß wenn Herr Kropfgans nicht zu haben wäre, und unser Gerichts-Director Stremler keinen anderen Arzt habe auftreiben können, ihr Zahnweh aber unterdessen noch nicht aufgehört habe, oder vielleicht gar schlimmer geworden sey, er es für räthlicher halte, daß sie dießmal zu Hause bleibe, wogegen er ihr verspreche, sie das nächstemal mitzunehmen. Hatte der alte Mann Klotildens, draußen von der hinter sich zugemachten Thür heimlich geflisterten Worte: ich habe keine Zahnschmerzen, gehört? hatte er in unser beider, fast immer auf den Teller niedergeschlagenen Blicken, ihre menschenfreundliche Barmherzigkeit, ihr Mitleiden, ihre Liebe und meine Seligkeit durch die Augenlieder gelesen? oder stand er mit dem Obersten aller Hexenmeister im Bunde? – und das ganz sonderbare Gesicht, was er dazu machte, als er das sagte! Lichtenberg hätte mit seiner Meisterfeder, die Hogarths Werken erst ihren Werth gab, über dieß Gesicht ein halbes Buch geschrieben; las ich in diesem heimlichen Lachen, in diesen zusammengeknippenen Mundwinkeln, in diesen Augenfältchen, anderwärts Taubenpfötchen genannt, und besonders in diesem brennenden Feuerblicke recht, so sagte Se. Hochgräfliche Excellenz: ich weiß Alles, denn ich habe mir, als ich vorhin aufstand, das Billet an Stremler geben lassen, solches geöffnet und darin gelesen, daß Herr Kropfgans nicht zu Hause seyn soll; Euer Spiel entschuldige ich, da es das Spiel der Liebe ist, bei dem ich es allenfalls gelten lassen mag, das dem Dritten einmal ein unschuldiges X für ein U gemacht werde. Die Hauptschuld trägt Klotilde; sie spielt aber ihre Rolle für das Erstemal recht brav, und darum mag sie dießmal ihren kleinen Willen haben; sich aber einbilden, daß sie mich angeführt hätten – das dürfen sie nicht; sie müssen merken, wenigstens ahnen, daß ich ihren Plan durchschaut habe. 58. Ich hatte den kommenden Morgen den Muth nicht, mit dem von Stremler, meiner Vorschrift gemäß geschriebenen Billet, in dem er mir richtig meldete, daß Herr Kropfgans nicht zu Hause, ein anderer zuverlässiger Zahnarzt aber im Orte nicht zu haben sey, dem Grafen unter die Augen zu treten: ich schickte es erbrochen an Klotilden, und diese beförderte es durch ihr Kammermädchen an den alten Herrn, mit der Meldung, daß sie vor Schmerz die ganze Nacht nicht habe schlafen können, daß sie zu ihrem sehr großen Bedauern, mitzufahren, unmöglich im Stande sey, und daß sie Sr. Excellenz recht glückliche Reise wünsche. Mit mir sprach der alte Herr über die ganze Sache kein Wort weiter, nur als er bereits im Wagen saß, meinte er, daß Klotilde, wegen der ihr zugestoßenen Fatalität, ihn nicht habe begleiten können, daß er ihr daher zur Gesellschaft Mamsell Muthchen bestellt habe, und daß ich dem Kastellan auftragen möge, dieser das grüne Zimmer zu geben. Fatalität! – war denn in der ganzen Sprache kein anderes Wort, daß er gerade dieses wählen mußte? Leitete er es von Fatum ab, und wollte er damit sagen, daß er es für einen Wink des Schicksals ansehe, daß Klotilde hier bleiben müsse? oder war ihm die ganze Geschichte fatal? Nach dem scharfen Tone, den er auf das Wort legte, mußte ich fast das letztere fürchten. Mamsell Muthchen war die Schwester unseres vormaligen, vor kurzem verstorbenen Gerichtsdirectors. Zur Ehrendame, oder vielmehr Ehrenwächterin hätte ich die auch nicht gewählt, denn hatte die nur immer ein volles Gläschen vor sich stehen, so konnten wir beide machen, was wir wollten. Meiner Idee nach sollte nun ein Götterleben angehen, und in einer halben Viertelstunde nach des Grafen Abfahrt; war mein Klotildchen bestimmt frisch und gesund unten im Garten. Ich durchstreifte alle Gänge und Alleen; es ließ sich kein Mensch sehen; ihre Fenster waren dicht verhangen. Sie kam auch nicht zu Tische. Statt meines erwarteten Burgunder-Röschens, erschien die Dame d'Atour, Erdmuthe, stattlich geputzt, und in der rosigsten Laune. Tildchen, wie die alte Schäckerin das Mädchen meines Herzens nannte, hatte wirklich die Nacht nicht geschlafen, und konnte, wegen heftiger Schmerzen, das Zimmer nicht verlassen, auch ließ sie mir für die Aufmerksamkeit danken, mit der ich die von ihr so dringend erbetenen Feigen besorgt habe, die ihr, wenn sie solche nur erst hätte, gewiß recht gute Dienste thun würden, da Kräutersäckchen, Papieröl und alle andere angewandte Hausmittel bis jetzt erfolglos wären. Also doch krank? wirklich krank? das Ganze kein Spiel ihrer zarten Liebe zu dem, der ihr mit seinem ganzen Leben gehörte? Hatte ich denn die Blitze des Muthwillens, die gestern Abend, als ich den Boten abgefertigt hatte und zur Tafel zurückkam, auf des Mädchens Purpurlippen, in den Mundwinkeln und überall in dem ganzen Gesichtchen herum zuckten, ganz falsch verstanden? War ich Stümper in der Menschenkenntniß, mit der Deutung der Miene, die der Graf machte, als er ihr gestern schon sagte, daß sie heute Zahnschmerzen haben und nicht würde mitfahren können, denn so ganz links gekommen? Hatte ich denn gestern Abend ihre mir zugeflisterten himmlischen Liebesworte, ich habe keine Zahnschmerzen, verhört? hatte sie etwas anderes gesagt und ich hatte sie nur so verstanden, weil ich wollte, daß sie keine Zahnschmerzen haben sollte. Die verdammten Feigen! Aber da sie mir das gesagt hatte, wozu sollten noch die dummen Dinger herausgeschleppt werden. Natürlich jagte nach fünf Minuten schon ein zweiter Reitknecht zur Stadt, um die erwünschten Früchte des Baumes zu holen, der durch eine unrichtige Uebersetzung zu dem unverdienten Rufe gekommen ist, im Paradiese der ersten Schneiderin das Material zu einem Cottillon, zu deutsch Unterröckchen, in seinen Blättern geliefert zu haben, und weil ich von halben Maßregeln nie Freund bin, übrigens aber den Feigen keine besondere Heilkraft zutraue, und Klotilden, um ihret- und meinetwillen, von dem Störenfried meiner sehnlichsten Wünsche, von dem Zahnweh, gern je eher je lieber befreit sehen wollte; so bestellte ich zugleich Herrn Kropfgans mit heraus. Dachte ich es doch gleich, daß der Schreckenkünstler mit seinem Pelikan hier keine Arbeit finden würde. Er erklärte in seiner ziemlich markschreierischen Sprache, daß ihm in seiner Praxis noch kein Maul mit solch einem herrlichen Gebiß vorgekommen, vermaß sich hoch und theuer, daß der der allerjämmerlichste Pfuscher unter der Sonne seyn müsse, der diesem kostbaren Gefräße mit dem Instrumente nur nahe käme, weil an allen Pallisadchen da drinnen auch nicht ein einziges Fehl zu bemerken wäre, und bestätigte Klotildens frühere Vermuthung, daß das ganze Uebel lediglich im Blute liegen müsse, für welchen Fall er eine Flasche, zwei Büchsen und drei Schachteln wirksamer Beruhigungmittel mitgebracht hatte. Klotildens Mädchen, das mir dem Pelikan-Virtuosen, nachdem er ihre Herrin gesprochen, zugeführt hatte, zischelte mir in das Ohr, daß mich Klotilde ersuche, dem Arzte für seine Bemühungen und Heilmittel die angemessene Vergütung zukommen und mir von ihm darüber Quittung geben zu lassen. Was war das wieder? In der Regel drückte man Artigkeiten der Art, wie Bonbons, in ein Stückchen Papier gewickelt, dem Empfänger mit einigen verbindlichen Worten, Mienen und Gebehrden in die Hand; hier sollte ich mir Quittung gehen lassen. Auch als Verwalter fremden Gutes hätte ich im vorliegenden Falle von Herrn Kropfgans keinen Empfangschein gefordert. Für etwas was gar nicht bezahlt werden kann, eine Quittung über das Zehntausendtheil von dem, was man hätte geben sollen, zu verlangen, ist eine Unzartheit, die dem Geber, wie dem Empfänger gleich drückend ist. Wer kann den Arzt, der mir Gesundheit und Leben rettete, bezahlen? Wer den Wundarzt, wenn er mich durch einen Schnitt, durch einen Ruck von den unerträglichsten Schmerzen im Nu befreit? Kein Mensch. Wollte Klotilde in jenem Auftrage sich mir als den Schützling des Grafen zeigen, der dessen Secretair zu befehlen sich herausnahm? oder sollte die Quittung des Herrn Kropfgans, mehrere Stunden nach der Abreise des Grafen, diesem nach der Rückkunft, bei Durchsicht meiner Rechnung, als Beleg dienen, daß sie wirklich krank gewesen? Wenn das letztere der Fall war, so verrieth Klotilde eine furchtbare Anlage zur Intrigue, und dann war es wahrhaft gefährlich, einem solchen Mädchen die Hand zu bieten; denn wenn sie in ihrem sechzehnten Jahre so berechnet handeln konnte, wessen war sie in ihrem reiferen Alter nicht fähig. Ich nahm mir vor, auf meiner Hut zu seyn, und sie genauer zu beobachten; ich hatte dieß jugendlich frohe Wesen für die Unbefangenheit selbst gehalten, und – nein, mit meinem gänzlichen Mangel an Menschenkenntniß stieß ich überall an. Ich bildete mir ein, daß Klotilde durch diesen entdeckten Zug von Ultra-Besonnenheit bei mir verloren habe, daß ich jetzt ruhiger, kälter geworden sey; aber das war nur vorübergehender Wahn. Als sie am Tage noch immer nicht erschien, konnte die Sehnsucht, die mich zehnmal schon vor ihrem Fenster vorbei getrieben hatte, sich nicht länger fassen; ich hatte längst schon ihr den kleinen Absprung vom Wege der Offenheit verziehen, ich hatte sie im Stillen selbst entschuldigt, ich war ihr wieder so gut wie vorher, und fragte, als Muthchen wieder allein zu Tische kam, mit einer Art von Herzensangst, ob Klotilde denn immer noch nicht hergestellt sey. Ihre Feigen haben Wunder gethan, entgegnete schalkhaft Muthchen; Mamsell Dumesnil ist gesund wie ein Fischchen; das Mädchen ist lauter Lust und Leben, mein lieber Herr Geheimsecretair. – Sie stockte, warf einen Seitenblick auf Wenzel, präsentirte mir die eben auf dem Tische befindlichen Saucischen, und fragte: ist nicht gefällig ein Würstchen? – delikat sind die Dingerchen, sie zergehen auf der Zunge, wie Butter. Fischgesund, und doch nicht hier? fragte ich gepreßt, und ließ Saucischen unangerührt, denn mir quoll der Bissen im Munde. Sie hält es wider das Dekorum, entgegnete Muthchen, Klotildens Zimperlichkeit bespöttelnd. Glauben Sie nur, fuhr sie, als Wenzel eben das Zimmer auf einen Augenblick verließ, traurig fort: sie äße für ihr Leben gern mit uns, denn Sie, lieber Herr Geheimsecretair – na, Sie werden es wohl gemerkt haben – Wenzel trat wieder ein, und Muthchen lobte den vor uns stehenden Karpfen mit Krautsallat und Weinbeeren, als ihr erstes Leibessen. Ich saß wie auf Kohlen, nun von ihr das zu hören, was ich gemerkt haben sollte, aber der grausame Krautsallat stopfte ihr den Mund dermaßen, daß sie kein Wort sprach, und Wenzel wich und wankte nicht aus dem Zimmer. Bestimmt war der Mensch beordert, uns zu behorchen, denn absichtlos war, wie ich jetzt erst sah, sein beständiges Bleiben hinter unseren Stühlen gewiß nicht. Muthchen ging nach dem Essen auf ihr Zimmer, und ließ mich auf der Folter meiner Neugierde ohne Erbarmen halb verschmachten. 59. Wider das Decorum! eine alberne Idee! wenn der strenge Graf uns eine Ehrenwächterinn gab, und diese nicht für unschicklich hielt, daß wir zusammen aßen, brauchte sie wahrhaftig auch keinen Anstoß darin zu finden. War das Stolz, Ziererey, Kälte? Hatte am Ende Stremler doch Recht, und war es denn Besorgniß, die Eifersucht des Grafen rege zu machen? Ich ward immer mehr irre in dem Charakter des Mädchens, das ich mir so kristallklar gedacht hatte, daß man es beim ersten Blick bis auf den Grund durchschauen könne. – Und ich sollte etwas gemerkt haben, sagte Erdmuthe, und sagte es mit einer Manier, als wolle sie mir weiß machen, ich sey Klotilden nicht ganz gleichgiltig. Wer die Eitelkeit der Männer kennt, wird wissen, daß das Hinwerfen einer solchen Mittheilung ein brennend Licht in ein Pulverfaß setzen heißt. Ich konnte den ganzen Tag keine Feder in der Hand halten, keinen gescheiten Gedanken denken, kein vernünftiges Wort sprechen. Ich sollte ihr nicht gleichgiltig seyn! in diesem Zaubergedanken lag der Inbegriff aller Himmel. Setzte ich mir das Glück, von diesem liebreizenden Wesen geliebt zu seyn, recht lebhaft aus einander; so schwanden alle jene kleinen Besorgnisse über Klotildens Herz und Gemüth; so war sie der fleckenloseste Engel im Himmel und auf Erden, denn sie liebte mich. Muthchen, der Götterbote, hatte mir es ja deutlich gesagt! – Die Nacht floh mir unter den süßesten Träumen; am frühen Morgen schrieb ich an Klotilden; ich hauchte meine ganze Seele in diesem Briefe aus; ich betheuerte ihr die Reinheit meiner Absichten, und beschwor sie, um das Almosen einer Unterredung von einer einzigen Stunde. Dieß Billet wollte ich Muthchen während des Essens zustecken. Muthchen blieb aus; ich saß im großen Speisezimmer allein vor der leckern Tafel. Ich aß aus Verzweiflung wie ein hungriger Wolf; ich hätte mich todttrinken mögen; der Wein drückte mir die von der halb durchwachten Nacht noch müden Augen bei Tische zu. Meine Lage ging an meinem inneren Auge vorüber; ich kam mir hier wie verrathen und verkauft vor. Nur einen Freund, einen einzigen Freund hätte ich an meine Seite gewünscht. Ich schlug, von einem kleinen Geräusch erwacht, die Augen in die Höhe, und wie durch Feenmacht hergezaubert, saß der gewünschte Freund, ein langer dürrer Mann, geisterbleichen Angesichts, dicht neben mir, und langte schweigend nach dem Essen und Trinken, was vor ihm stand. Ich fuhr, über den unerwarteten Nachbar erschrocken vom Stuhle auf, und hatte im ersten Augenblicke kaum so viel Besinnung, zu fragen, wer er sey; er aber antwortete keine Sylbe, starrte mich mit seinen tief liegenden schwarzen Augen still lächelnd an, tippte sich mit den Fingerspitzen seiner Rechten auf das Herz, und aß und trank wieder, ohne sich im mindesten stören zu lassen. Ich wiederholte ziemlich vernehmlich meine Frage, und konnte nicht unbemerkt lassen, daß bei aller Achtung für das Gastrecht, ich doch über die Art und Weise, von einem Platze an der Tafel des Grafen von Dingelheim Besitz zu nehmen, mein Befremden nicht bergen könne. Der steinerne Gast erwiederte keine Sylbe, er würdigte mich keines Blickes, that, als hätte er von meiner Frage keinen Laut gehört und ließ es sich wacker schmecken. Wenzel, der eben eintrat, war nicht weniger verwundert, Muthchens Kouvert von einem Steinfremden besetzt zu finden, der zum Schornstein hereingeflogen seyn mußte, denn kein Mensch hatte ihn kommen gesehen, und der Umstand, daß er gerade das Speisezimmer gefunden, verrieth eine treffliche Nase. Mir kam das Begebniß fast lächerlich vor, denn das völlige Ueberhören unserer ziemlich verständlichen Aeusserungen, und der Löwenappetit, mit dem der Fremde über Schüsseln und Flaschen herfiel, hatten etwas höchst Komisches; auf der andern Seite aber war die seltsame Mittag-Erscheinung doch auch gar zu auffällig, als daß man darüber hätte lachen können. Der Ungebetene war sehr anständig und modisch gekleidet; auf der weißen feinen Hand blitzte ein Brillantring mit einer Namenchiffer unter einer Königskrone; aus den großen Augen sprach Genialität und strenger Ernst; im ganzen Wesen lag etwas Sonderbares und Grauenerregendes, und des Fleisches war an dieser erdfahlen, abgehagerten Geistergestalt so wenig, daß man fast hätte glauben sollen, der seltsame Gast habe ein Dutzend Jahre in der Erde gelegen. Das ist der Tod oder der Teufel, sagte Wenzel halb laut vor sich hin, und drückte sich zum Zimmer hinaus, der Fremde aber, nachdem er sich redlich genährt, spielte den Wirth, winkte mir, mich zu setzen und schenkte mir das Restchen Wein, was er noch übrig gelassen hatte, recht gastlich ein. Hierauf holte er aus der Brusttasche seines Fracks ein Billet hervor und überreichte es mir schweigend. Es war vom Grafen. Herr Frugoni, ein taubstummer Maler, der mit seinen vortrefflichen Arbeiten en miniature in der Residenz viel Glück machte, sollte Klotilden malen, wenn diese, setzte der Graf scherzend oder beißend hinzu, von ihrem Zahnweh nicht so entstellt sey, daß für den Künstler zu besorgen, er werde sie nicht treffen. Ich führte den Stummen in Klotildens Vorzimmer, ließ Muthchen herausrufen, stellte dieser meinen Empfohlenen vor, nannte den Zweck seiner Sendung, und fragte, warum Mamsell nicht heute bei Tische erschienen. Wir haben unsere Ursachen, entgegnete sie mit einem Tone, der deutlich zu verstehen gab, daß dieß Wir auf Klotilden ging, und daß Muthchen die sogenannten Ursachen höchlich mißbilligte. 60. Der Maler kam nach einigen Stunden rein verklärt aus Klotildens Zimmer; er hatte bereits an ihrem Portrait gearbeitet, und machte durch Zeichen verständlich, daß dieß Mädchen der Ausbund aller Schönheiten sey; seine Beschreibung ihres Liebreizes, und sein Entzücken waren so lebhaft, daß ich anfing, auf den Stummen eifersüchtig zu werden. Der Mann war gar nicht uneben; mager zwar und klapperdürr, aber die Frauen sind nicht so eitel als wir, sie sehen mehr auf den Geist des Mannes, als auf dessen Äusseres; und wer dem armen Frugoni in das selenvolle beredte Auge sah, vergaß, daß er stumm war. Nach vielen Kämpfen und Überlegungen und Selbstgesprächen, ließ ich den folgenden Tag geradezu durch Wenzel mündlich bei Klotilden anfragen, ob ich mit Herrn Frugoni aufwarten und ein wenig zusehen dürfe. Diese Anfrage dem Wenzel mit der allerhöchstmöglichen Gleichgültigkeit aufzutragen, war kein Kleines; aber ich freute mich, daß ich sie heraus hatte; sie klang so unbefangen, daß ich selbst, hörte ich sie im Munde eines Dritten, nichts weiter darin gesucht hätte, als die Neugierde, einmal en miniature malen zu sehen. Als er zum Zimmer hinaus war, begriff ich die Keckheit, die ich gehabt hatte, mich bei dem Mädchen förmlich melden zu laßen, das mich, während des Grafen Abwesenheit absichtlich vermied. Schlug sie mir die Erlaubniß zu kommen ab, so war ich dem ganzen Hause bloßgegeben; denn Wenzel erzählte das bestimmt allen Menschen; sagte sie zu, – so – hatte ich denn Kälte genug, diese Zusage aus Wenzels Munde zu hören, ohne ihm vor Freuden um den Hals zu fallen? Ich ging in meinem Zimmer auf und ab, und preßte auf den Fall der Zusage mein Gesicht in alle mögliche Formen der gleichgiltigsten Ruhe; endlich hatte ich, sagte mir mein Spiegel, die rechte Maske; Wenzel trat ein und brachte die Antwort, daß es der Mamsel Dumesnil recht sehr lieb seyn werde; ich machte blitzschnell kehrt, mit dem Gesichte noch dem Bücherschrank zu, und that als ob ich ein Buch suche, denn auf das recht sehr lieb war ich doch nicht gefaßt gewesen, und das Blut ergoß sich mir siedend, das fühlte ich, über beide Wangen zugleich. Recht sehr lieb , war es dem kleinen Spitzbuben; nun möchte ich um Gotteswillen wissen, was das Mädchen abgehalten hatte, die Tage, während welcher der Graf abwesend gewesen war, herunter zu kommen, und mit uns zu essen und – aber wozu das Grübeln und Fragen. Fort! zu ihr, zu ihr selbst. 61. Herr Frugoni, den ich hier vermuthete, war noch nicht da, und Muthchen ließ sich auch nicht sehen. Klotilde war allein und kam mir entgegen, und nannte mich mit freundlicher Herzlichkeit willkommen, und reichte mir zum ersten Male in ihrem Leben die Hand. Nun endlich, sagte sie lächelnd: haben Sie sich entschließen können, der armen Gefangenen ein Stündchen Unterhaltung zu schenken. Gefangenen? wiederholte ich fragend. Dazu hat mich der Graf gemacht, versetzte sie etwas empfindlich. Er bestellt mir eine Ehrenwache, als ob ich nicht groß genug wäre, auf mich selbst Acht zu haben. Muthchen ist selengut, aber, und wenn er mir die erste Äbtissin von Frankreich zur Aufsicht geschickt hätte, sie wäre hier nicht nöthig, sie wäre überflüssig gewesen. Ein Mißtrauen der Art ist dem, der nicht den mindesten Anlaß zum Verdacht giebt, doppelt kränkend, und um den alten Herrn zu zeigen, daß ich von seinem sogenannten Dekorum noch strengere Begriffe habe, als er selbst, habe ich mir vorgenommen, keinen Fuß über die Schwelle meines Zimmers zu setzen, bis er zurückkommt, hier in meinem Stübchen ist mir ohnehin am wohlsten; hier werde ich nicht behorcht und belauscht, nicht beklatscht; ich versichere Sie, ich bin in meinem selbstgewählten kleinen Käfig hier freier, als da unten in der Mitte von Menschen, die in der Spionirkunst förmlich unterrichtet sind, und nun glauben, sich bei ihrem Herrn nur einschmeicheln zu können, wenn sie ihm recht viele heimliche Nachrichten bringen. Ich entschuldigte den Grafen, dessen aufrichtige Absicht gewiß sei, ihr das Leben möglichst angenehm zu machen, und der bei seiner bisherigen tiefen Eingezogenheit, sich aus langer Weile angewöhnt zu haben schiene, seine einzige Unterhaltung darin zu finden, daß er um die Angelegenheiten seiner Umgebungen alles, bis auf den geringsten Umstand wissen wolle, und fragte sie, warum sie, statt sich zu solch einem Einsiedlerleben zu entschließen, nicht lieber mit in die Residenz gereis't sey, besonders, da sie anfänglich so viel Vergnügen darin zu finden geschienen hätte. Das fragen Sie? sagte Klotilde bedeutend, und schlug die Augen nieder, als ärgere sie sich, in meinem Schmerzgesichte sich geirrt zu haben, das ich damals gemacht hatte, als ich hörte, daß Klotilde mitreisen werde. Klotilde, meine himmlische Klotilde! rief ich im Übermaß meines Entzückens, und zog ihre Hand an meine Lippen, und gestand ihr mit verschämter Rede, daß ich, im Gefühle meines geringen Werthes, den Gedanken des Opfers, daß sie durch das Aufgeben der Reise, meinem geheimen Wunsche gebracht, nicht gewagt hätte. Das war kein Opfer, mein Freund, antwortete sie mit niedergeschlagenen Augen, und spielte verlegen mit einem Bande, was sie eben in der Hand hielt; oder wenn es ein Opfer war, so ward es von dem Lohn, der meiner kleinen Entsagung zu Theil wurde, tausendfach überwogen. Glauben Sie denn, daß mich es nicht geschmerzt haben würde, wenn Ihnen meine Abwesenheit gleichgiltig gewesen wäre? Halten Sie es meiner Eitelkeit nicht zu gut, wenn Sie sich freute, in Ihrem Gesicht – das ich nie vergessen werde, zu lesen, daß es Ihnen lieber sey, wenn ich bliebe? Meinen Sie denn, daß ich nun in der Residenz hätte vergnügt seyn können? Muß ich Sie erst darauf aufmerksam machen, daß meine Freude über die ganze Reise vorbei war, als ich hörte, daß Sie uns nicht begleiteten? – Haben Sie das Alles nicht verstanden, setzte sie leiser hinzu, und wendete sich halb von mir: so ist es ein Opfer gewesen, dessen ich mich jetzt schäme. Meine einzige, meine angebetete Klotilde, entgegnete ich, vor seliger Wonne meiner Sinne kaum mehr mächtig, und stürzte zu ihren Füßen nieder: ich habe Dich verstanden, Du einziges Engelwesen; ach wenn Du wüßtest, welche Martertage ich verlebt habe, Dich nicht sehen zu dürfen, Dir nicht sagen zu können, wie namenlos ich Dich liebe. Lieben, fiel sie mir plötzlich in das Wort, und trat einige Schritte zurück, und bat dringend, aufzustehen. Lieben? – Sie hob das dunkelblaue Auge langsam auf mich, lächelte wehmüthig, zerdrückte eine Thräne, und sagte kopfschüttelnd: das thun Sie nicht, Sie kennen mich nicht. Weiß ich doch selbst nicht, wer ich bin. Sie sehen daß ärmste Mädchen dieser Welt vor sich, ohne Vaterland, ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne Freunde; abhängig von der Gnade eines Fremden, dessen verschwenderische Freigebigkeit mir eine Quelle von tausend Verlegenheiten ist, dessen Liebkosungen mehr demüthigend als erfreulich sind. – Ich stehe ganz allein; ich habe keine Zukunft, keine Hoffnung, kein anderes Gefühl, als das der goldenen Kette, an die ich hier gefesselt bin. Sie brach in lautes Weinen aus, und konnte sich trotz aller Gewalt, die sie sich anthat, nicht fassen, als Herr Frugoni eintrat. Dieser ward über Klotildens Weinen böse; er gab durch seine beredte Pantomime zu verstehen, daß er dieses Thränengesichtchen nicht malen könne, und daß, wenn ich etwa die Veranlassung desselben seyn sollte, ich mich augenblicklich entfernen möchte. Als Klotilde ihm aber, durch eben so verständliche Zeichen erklärte, daß ich an ihren Thränen ganz unschuldig sey, und mir zum Beweise, daß er auf mich nicht im Geringsten zu zürnen Ursach habe, freundlich die Wangen streichelte, – was mir, beiläufig gesagt, von diesen weichen warmen Lilienhändchen unaussprechlich wohl that, – so gab er sich zufrieden, und meinte, daß es ihm dann recht lieb sey, wenn ich bliebe, weil Klotildens Gesichtszüge, wenn sie jemand habe, mit dem sie sich während der Sitzung unterhalte, dann sprechender, lebendiger werden würden. Er brachte mir hierauf seinen ganzen Vorrath an Blau in allen Arten und bedeutete mir sein Unglück, mit keiner einzigen aller dieser Farben, dieses Kornblumenblau, der wunderherrlichen Feueraugen, in seiner seltenen Pracht ganz genau darstellen zu können; indeß war dieß wahrscheinlich von dem feinen Manne nur eine recht zarte Schmeichelei gewesen, denn er traf dieß milde Dunkelblau zum Sprechen. Klotilde vergaß ganz, daß sie dem Maler saß; sie plauderte so viel, und so lebendig, daß Herr Frugoni einige Male bitten mußte, nicht gar zu sprachselig zu werden; wir gingen die Geschichte der letzten Tage mit einander durch, und ich konnte mich nicht enthalten, Klotilden halb im Scherz, halb im Ernst den Vorwurf zu machen, daß sie den alten Herrn, der von dem ersten Augenblicke ihres Hierseins, ihr nichts als Liebes und Gutes erwies, mit ihrem vorgegebenen Zahnschmerzen doch fast ein wenig zu arg hintergangen habe. Nichts da! erwiederte sie leichthin, aber bestimmt. Kein Mensch kann der Offenheit mehr huldigen als ich; wer mir aber nichts Gutes zutraut, wer mich überall mit Wächtern umstellt, wer jeden meiner Schritte mit Argwohn verfolgt, dem erkläre ich den Krieg. Dem Grafen, das sage ich Ihnen vorher, erkläre ich ihn rund heraus, sobald er kömmt. Ich leide das Aufpassen, das gelbsüchtige Schielen auf jede meiner Handlungen durchaus nicht, ich kann, so lange ich das bemerke, hier nicht froh, nicht heimisch werden. Alle seine Leute müssen über die Gränze; das sind lauter Tuckmäuser, lauter Schniffler, lauter Douaniers. Wo es offen und ehrlich hergeht, da bin ich gern. Fluchen Sie mir, wenn sie je wahrnehmen, daß ich dem eine Lüge sage, daß ich dem meiner Handlungen geheimste verhehle, von dem ich weiß, daß er ehrlich und offen und arglos gegen mich ist. Mein Mutterchen hatte Vertrauen zu mir, und darum wußte es um jedes meiner kleinen Geheimnisse; Sie mein Freund, – sie reichte mir die Hand, und drückte sie recht herzlich – Sie sind jetzt der Einzige in der Welt, auf den ich baue; der Einzige, von dem ich weiß; daß er mir durch keinen Argwohn wehe thut; darum werde ich auch vor Ihnen, und mir vor Ihnen allein hier, nie ein Geheimniß haben; es thut mir wohl, wenn sie alles wissen, was ich denke und fühle. Frugoni stand auf, und legte den Pinsel weg. Er schrieb, hier sey es nicht möglich zu malen. Als er gestern angefangen, habe Klotilde da gesessen, wie ein Sauertöpfchen; heute sey das ganze Gesichtchen verändert; die Paar Thränen hätten ihn nicht gestört; in allen Zügen sey Leben und Frische gewesen; aber jetzt zöge eine finstere Wolke nach der andern darüber hin; er habe, als er Klotilden zum ersten Male gesehen, eine Hebe, das Bild des jugendlichen Liebreizes, malen wollen, und es werde ihm unter den Händen zu einer Mater dolorosa. Er hob die Sitzung auf und versprach, morgen wieder zu kommen. Ich bezeigte Lust, noch ein wenig zu bleiben und mit diesem wunderholden Kinde zu kosen. Klotilde aber erinnerte mich an das, was sie vom Dekorum gesagt hatte, und bat mich, zu gehen; morgen aber, wenn der Maler da sey, würde ich ihr, meinte sie, recht willkommen seyn, weil dieser es ja gewünscht habe, daß sie jemand während der Sitzung unterhalte; ich ersuchte sie nun, wenigstens in den Garten zu gehen, und den schönen Herbstnachmittag zu genießen, und stellte ihr vor, daß das viele Stubensitzen ihrer Gesundheit offenbar Nachtheil bringe. Vergessen Sie denn, fragte sie freundlich: daß ich mir vorgenommen habe, so lange der Graf abwesend ist, mein Zimmer nicht zu verlassen? Ich aber kehrte mich an den Einwand nicht, setzte ihr auseinander, daß ein solches Vornehmen, wenn vernünftige Gründe da wären, die dessen Ausführung nicht räthlich machten, in die Klasse der Grillen gehörte, und bat sie wiederholt, mir den Arm zu geben. Ich hätte sie gern noch um etwas, um etwas Höheres gebeten; ihre frischen Lippen waren so reizend, daß ich einen Kuß als Honorar für meinen diätetischen Rath wohl angenommen hätte! aber man weiß ja, wie blöde die tugendhafte erste Liebe ist. Grillen? wiederholte sie komisch lächelnd: nein mein lieber Freund, die sind mir fremd; nur die Kranken, oder die vom Glücke Verwöhnten, – die mögen von Grillen geplagt werden, und andere wieder damit quälen. Ihrem Wunsche opfere ich meinen Vorsatz. Sie holte sich Shawl und Hut. Ein zweites Opfer, sagte sie mit leichtem Scherze: ein zweites schon, und wie viel zählen Sie dagegen! Wahrhaftig Eines, was mehr gilt, als beide; die Ruhe meines ganzen Lebens, platzte ich heraus, und umschlang das zauberische Mädchen, und machte gleich auf der Stelle zur Verlobungfeier Anstalt. Klotilde aber entschlüpfte meinem Arme, flog über Flur, Treppe und Hof, daß ich ihr kaum folgen konnte, und fing erst im Garten an, langsam zu gehen, wo die milden Lüfte eines ausgesucht schönen Herbsttages sie nach langer Entbehrung willkommen hießen. 62. Gern wäre ich hinten an das Ende des Parks, in den Tempel der Ruhe gegangen, da war es heimlich und still; oder hinunter an den See, in die Grotte des Neptun, da störte uns kein Mensch, da erlauschte uns kein sterbliches Auge; aber Klotilde setzte sich, gewiß absichtlich, in die große Weinlaube; hier hatten wir Schutz vor den Strahlen der Nachmittagsonne, und wer uns sehen wollte, konnte kommen und sich überzeugen daß wir nicht versteckt seyn wollten. Die lang vermißte freie Luft that dem Mädchen wohl; seine Lilienwangen rötheten sich sichtbar, und in den großen, sprechenden Augen lächelte die freundlichste Behaglichkeit. Ringsum und über uns hingen vom zierlichen Gitterwerk des Laubengewölbes die saftreichsten Trauben herab, blaue und weiße, eine immer größer, reifer und schöner als die andere; wir pflückten und aßen und plauderten. Klotilde verlor sich, von dem schwarzblauen, mit zartem Duft überhauchten Trauben an ihr Vaterland gemahnt, in den Erinnerungen an ihre Jugend und ihre reizende Heimath, und je länger sie sprach, desto weicher ward ihre Stimme. Des Heimwehs wunderbare Gewalt preßte ihr die Brust, und sie gestand endlich unter herzlich geweinten Thränen, daß sie hier nicht länger bleiben könne, und daß, wenn ich ihr nur halb so gut sey, als ich es ihr betheuert hätte, ich auf Mittel sinnen sollte, wie sie ohne den Grafen zu kränken, baldigst in ihr Vaterland zurückkehren könne. Habe der Graf, was sie nicht beurtheilen könne, Verpflichtungen gegen sie, so sey ihm ja unbenommen, auch nach Burgund die nöthigen Unterstützungen zukommen zu lassen, und selbst wenn er dieß nicht wolle, oder möge, hoffe sie mit dem, was sie wisse und verstehe, sich auf eine anständige Weise, oben so gut durch die Welt zu helfen, als es tausend andere arme Mädchen ihrer Lage thun müßten, die vom harten Schicksale hinausgestoßen, sich auf sich selbst zu verlassen gezwungen wären. Der Graf und ich, fuhr sie mit rascher Lebendigkeit fort: wir passen nun einmal nicht zusammen; ich bin an die strenge Abgemessenheit nicht gewöhnt; seine Wachsamkeit über jede meiner Handlungen bringt eine Bitterkeit, einen Trotz in mir hervor, der meinen Charakter sonst ganz fremd war, es ist mir, als müßte ich dem Druck, mit dem er mich belastet, eine gleiche Kraft entgegensetzen; ich fange an heimlich zu werden, die Lust der Intrigue beschleicht mich unwillkührlich; ich weiß, daß ich Unrecht thue; allein ich kann es nicht lassen, dem Manne, der mich, der Sonnenklarheit meiner Handlungen ungeachtet, mit ewigen Argwohn verfolgt, im Ueberwallen meines Unmuthes, bei weitem nicht mit der kindlichen Offenheit entgegen zu kommen, zu der mich seine Güte, seine Liebe verpflichten; ich fühle, daß ich, wenn ich lange hier bleibe, am Ende schlecht werde, und darum will ich, darum muß ich fort, um mich vor mir selber zu retten, weil es noch Zeit ist. Helfen Sie mir meinen Plan ausführen, sinnen Sie, wie es möglich ist, – aber was fehlt Ihnen? frug sie mit sanfter Rede; und sah mir in das Gesicht und schwieg, weil sie die Thränen verstand, die mir in die Augen geschossen waren. Klotilde! rief ich, und erlag fast dem Riesenkampfe zwischen Vernunft und Liebe, der mir Kopf und Herz blutig zerriß. Sie wollen fort, und ich soll Ihnen dazu behilflich seyn! Sie fordern das Grausamste! Von der Residenz blieben Sie zurück, weil Sie – so sagen Sie wenigstens, und gegen mich wollen Sie ja wahr seyn, – weil Sie sahen, wie unglücklich ich über Ihre Reise war, und jetzt, wo Sie uns auf immer und ewig verlassen wollen, soll ich einen Beweis meiner Liebe Ihnen dadurch geben, daß ich Ihnen zu Ihrer Entfernung selbst behilflich bin! Klotilde – verlangen Sie mein Lehen, nur das nicht. Meine einzige, meine himmlische Klotilde, seyn Sie barmherzig, gehen Sie nicht! mein ganzes Glück hienieden ist dahin, wenn ich Sie verliere. Sie sagen, Sie sind arm. Gott sey ewig Dank, daß Sie es sind; denn dann darf ich Ihnen gestehen, was dieß Herz für Sie fühlt. Es ist ja ein Gott im Himmel, in dessen Vaterhand auch unser Schicksal liegt; vertrauen wir auf ihn, Klotilde! er ist mit uns, wenn wir mit ihm sind. Schlagen Sie ein, mein heilig geliebtes Mädchen, und ich werde – Sie that einen lauten Schrei, flog von der Bank auf, und fuhr mit beiden Händen, laut jammernd nach dem Schwanenhals. Eine Wespe hatte das zarte Kind grimmig gestochen. Beim tollen Hundsbiß soll das Aussaugen des Giftes das schnellste Heilmittel seyn. In der Angst meines Herzens verwechselte ich jenen schrecklichen Fall mit dem Wespenstich, schleuderte rasch Klotildens zitternde Hand von der schwellenden dunkelrothen Stichwunde weg, rief hastig: laß mich, um Gotteswillen Engel, laß mich, ich will Dir das Wespengift aussaugen, sonst bist Du in zehn Minuten des Todes – und ich hatte noch keine zwei Züge gethan, als Klotilde, die im Staunen, über die Größe meiner edeln Selbstaufopferung und in der Freude, durch die ihr neue chirurgische Operation vom Tode gerettet zu werden, mir eben die Wange unter süßem Kosen streichelte, auf einmal links wegprallte; ich starrte auf, und erbebte, denn der Graf stand in Lebensgröße vor uns. 63. Welche ungeheure Gewalt hatte der Mann über sich! Ich rechnete bestimmt auf Sturm und Donnerwetter, aber er schwieg und schüttelte ironisch lächelnd den Kopf; doch eben in diesem Schweigen, in diesem kalten Spottlächeln lag die berechneteste Peinigung, ich konnte kein Auge aufschlagen, kein Glied still halten, kein Wort sprechen, und was hatte ich denn eigentlich gethan – nichts, gar nichts; denn dem liebenswürdigsten Mädchen von der Welt hilfreich beizuspringen, war doch wahrhaftig kein Verbrechen. Klotilde sammelte sich vom Schreck der Ueberraschung noch eher, – doch sie hatte ja auch nichts Böses gethan; denn daß sie in ihren Todesnöthen die Schneepracht ihres Halses hingab, um entgiftet zu werden, war ja bei Gott auch keine Sünde; entblößt doch das züchtigste Mädchen vor dem Chirurgus gar den Fuß, wenn es sich daran zur Ader lassen muß. Sie erzählte mit geläufiger französischer Zunge den ganzen Vorfall, und belobte meinen Edelmuth, mit dem ich mein Leben daran gesetzt, um sie zu retten. Der Graf mußte über meine Dummheit, in der ich den Biß eines tollen Hundes mit einem bloßen Wespenstich verwechselt hatte, laut lachen; Klotilde war empfindlich, daß er meinen Eifer für ihr Leben und ihre Wohlfahrt belachen konnte, und ich war, trotz der Scham, die mir das ganze Gesicht mit Karmin übergoß, über Klotildens Empfindlichkeit, im Tiefsten meines Innern, höchlich entzückt. Nach und nach kam, besonders durch Klotildens ächt französische Redseligkeit, das Gespräch in den Zug und der Graf erzählte zwar ein Breites über die ihm in der Residenz widerfahrenen Artigkeiten, äußerte aber, doch froh zu seyn, daß er wieder hier wäre, weil er dort keinen Tag gesund gewesen sey, und fast beständig an Schwindel, Ohrenbrausen, übergroßer Hitze im Gesicht und fortwährendem Uebelseyn gelitten habe. Er nahm mich hierauf mit sich auf sein Zimmer, ließ sich von den unbedeutendsten vorgekommenen Geschäftsachen vortragen, und erwähnte der Wespengeschichte weiter mit keinem Worte, aber Mamsell Muthchen hatte fünf Minuten nach seiner Ankunft schon Order bekommen; gleich und sofort wieder nach Hause zu gehen, vermuthlich, weil sie Klotilden in den Garten allein gehen ließ, und sich nicht auch in die Weinlaube setzte, um sich von den Wespen zerstechen zu lassen. 64. Herr Frugoni vollendete den folgenden Tag Klotildens Bild, ohne daß ich der Sitzung beiwohnen konnte, denn einmal saß ich in den mir vom Grafen aufgetragenen Geschäften bis über die Ohren vertieft, und dann hatte dieser gegen Frugoni bereits sein Mißvergnügen geäußert, daß er meine Gesellschaft beim Malen zugelassen, indem es wider das Dekorum sey, und ein junger Mensch in das Zimmer eines jungen Mädchens nicht gehöre. Ein sonderbarer Mann, der Graf! warum sagte er mir das nicht selbst? und dann – über den unschuldigsten Besuch von der Welt, bei dem jeder Mensch zugegen seyn konnte, und bei dem Herr Frugoni auch wirklich zugegen war, machte er ein Aufheben, als ob Wunder was geschehen wäre, und über die weit verfänglichere Wespengiftgeschichte, bei der er uns selbst überraschte, verliert er kein Wort. Ergötzte ihn der christliche Muth, mit dem ich in meiner Dummheit für Klotilden selbst in den Tod gehen wollte, oder das gewiß recht reizende Bild, die himmelschöne Klotilde in meinen Armen? oder sah er heimlich vielleicht gar gern, daß wir beide uns einander gut waren, oder wollte er nur scheinen, als möge er ein solches Verhältniß nicht gestattet wissen? ich quälte mich mit dem Allen weiter nicht. Klotilde hatte mir gesagt, daß sie arm sey; ich konnte also den Gedanken wagen, das süßeste Kind in einer Runde von tausend Meilen einmal mein zu nennen. Seit dem Wespenkusse hatte sich, meiner Ansicht nach, Alles anders gestaltet. Ich wußte, daß ich Klotilden liebte, ich fühlte, daß sie mir gut war und ich ahnete, daß der Graf – er ließ mich eben rufen, und der Bediente, der mich ersuchte, schleunig zu kommen, machte ein recht bedenkliches Gesicht. So weit ich im Studium der hiesigen Hofaugensprache gekommen war, sagte der Blick des Bedienten, der mich rief, ungefähr so viel, als: geh nur, Du wirst jetzt ein Kapitel gelesen bekommen, über das Du Dich wundern sollst; ich knöpfte mir daher, es war mir, als flöge ein leichter Frost mir über alle Glieder, Rock und Weste bis an den Hals zu, – allein dießmal hatte ich mich in meiner Kunst, geschnittene Gesichter zu deuten, geirrt; der Graf war plötzlich erkrankt, und schien sehr bedeutend zu leiden. Der von Käferlingen eilig herbeigeholte Arzt erklärte die Krankheit für einen Nervenschlag, meinte, daß die kleinen Zufälle, die, wie ich ihm erzählte, der Graf schon in der Residenz gehabt, die gewöhnlichen Vorboten dieser meist tödtlichen Krankheit wären, und gab wenig Hoffnung; er hielt mir und Klotilden eine sehr gelehrte Vorlesung über die verschiedenen Arten des Schlagflusses, als: des lymphatischen, gastrischen, spasmodischen und nervösen, verschrieb eine ganze Reihe von Recepten, fuhr mit bedenklichem Achselzucken von dannen, und überließ uns unseren bangen Besorgnissen. Klotilde verließ das Lager des Kranken keinen Augenblick. Der kleine Groll über die beständige Aufsicht, unter der sie der Graf aus Argwohn oder Liebe bisher gehalten hatte, verschwand in diesem Augenblicke vor der Herzlichkeit ihres Antheils an seinen Leiden; die Pflicht der Dankbarkeit gegen den Wohlthäter ihres ganzen Lebens, und die geheime Ahnung des Familienbandes, was sie an den Grafen fesselte, belebten ihre zarte Sorgfalt um seine Pflege; sie lauschte auf jeden seiner Winke, sie kam seinen leisesten Wünschen zuvor, und verrichtete das schwere Amt der Krankenwärterinn mit der kindlichsten Selbstverläugnung. Der alte Mann schien dieß Alles mit tiefer Rührung zu bemerken; er sah sie immer mit stillen Thränen im Auge freundlich an, und bat sie gegen Mitternacht, mit ihm zu beten. Wohl war es ein tief ergreifender Anblick, das fromme Kind am Bette des sterbenden Greises auf den Knieen liegen zu sehen; Klotilde betete in der Sprache ihres Landes, zu dem, der den Völkern aller Zungen sein Ohr willig leiht, wenn sie in der Noth zu ihm rufen; aber das Weinen erstickte ihre Stimme. Sie senkte den Kopf auf ihre gefaltenen Hände und schluchzte leise; da legte der Alte seine Rechte auf ihr Haupt und segnete sie. Nach einer langen Pause ersuchte er Klotilden, sich zu entfernen, und winkte mir, mich zu ihm zu setzen. Er sprach mit sichtbarer Anstrengung, kaum halb verständlich; das Athemholen ward ihm immer schwerer, und das zunehmende Röcheln störte ihn unaufhörlich. Er fühlte bestimmt die Nähe seines Todes; es lag ihm etwas auf dem Herzen, gewiß stand dieß mit Klotilden in Bezug; aber die Macht der Gewohnheit verfolgt den armen Sterblichen bis an den Rand des Grabes; an Heimlichthun gewöhnt, konnte er sich nicht entschließen, sich mir zu offenbaren. Alles, was er mir in kurzen abgebrochenen Sätzen eröffnete, beschränkte sich darauf, daß, wenn der Herr über ihn gebieten sollte, ich an seinen Sohn augenblicklich einen Kourier abfertigen, und dessen Befehle, wegen der Empfangnahme der Belehnung einholen möchte. Was Klotilden anbelangt, hob er an, und drückte mir mit schwacher Kraft die Hand: so bleiben Sie ihr Freund. – Ueber ihrer Herkunft liegt ein schweres Geheimniß – die Ehre meines Hauses – ein schrecklicher Husten krampfte ihm die Brust zusammen, ich rief Klotilden; sie flog zitternd an sein Bette und beschwichtigte seine sichtbare Angst mit milder Rede und frommen Gebet. Er legte die Hand auf ihr Haupt, er wollte sprechen, und konnte nicht; er wollte schlucken, und vermochte es nicht; der Nase entquollen einige Tropfen Blut, der Todesschaum bedeckte ihm die erstarrenden Lippen, die Pulse stockten, das Auge brach. – Er war verschieden. 65. Des Grafen Hülle ruhte schon mehrere Tage in der Familiengruft unserer Kirche. Im Schlosse war es öde und still. Klotilde, vom schleunigen Hintritt des Grafen tief erschüttert, lebte so auffallend zurückgezogen, daß ich sie seit dem Begräbnißtage, wo sie an der Spitze sämmtlicher Gemeinden dem Sarge gefolgt war, mit keinem Auge sah. Fast zwei ganze Wochen hatte ich, von einer Menge Geschäfte überladen, das ausgehalten; jetzt überwog die Sehnsucht jede andere Rücksicht, und ich faßte mir das Herz, sie auf ihrem Zimmer, unangemeldet zu überraschen. Ein mit dem Postboten an sie eingelaufener, mit einem mir fremden adeligen Petschaft versehener Brief, gab mir einen schicklichen Vorwand dazu. Sonst immer die lebendige Raschheit selbst, schien sie über meinen Zuspruch befangen; es lag in ihrem ganzen Wesen etwas Gemessenes, Ängstliches. Sie nahm mir den Brief ab, ohne ihn zu öffnen; ich hätte gern gewußt, wer an das fremde, hier ganz unbekannte Mädchen schriebe, und was er schriebe; aber sie schien auf das Alles nicht zu achten. Unser Gespräch, das ich mir ganz anders gedacht hatte, drehte sich nur um die gewöhnlichsten Gegenstände; ich konnte nicht länger, ich mußte dem gepreßten Herzen Luft machen, und mein Befremden über die Kälte laut werden lassen, mit der sie diese ganzen vierzehn ewig langen Tage jedes Zusammentreffen mit mir absichtlich gemieden, und selbst jetzt sich ein Benehmen angeeignet habe, daß es scheine, als wolle sie jede Näherung wie ein Vergehen von mir betrachten. Sie sah mich eine Weile an, lächelte wehmüthig, schüttelte das Köpfchen und schwieg. Habe ich etwa Unrecht, Klotilde? fragte ich sanft, und der Gedanke, ihr wehe gethan zu haben, milderte den Ton meines Vorwurfs. Wohl haben Sie Unrecht, mein Freund, entgegnete Klotilde ruhig. So lange der Graf mich mit Aufpassern umstellte, so lange war es, wenigstens nach meiner Ansicht verzeihlich, wenn ich den Fesseln, die er mir anlegen zu wollen schien, eine Art unschuldigen Trotz entgegen setzte. Jetzt, da ich frei bin, kommt es mir vor, als müßte ich mich selbst in jene Fesseln schmieden. Was mir eigentlich der gute alte Mann war, weiß ich nicht; nur so viel fühle ich, daß ich sein Andenken ehren muß; und dieß kann ich nicht besser, als daß ich das freiwillig und gern thue, was er bei seinen Lebzeiten wünschte, daß ich es thun möchte. Er hatte manche Schwäche, manche Eigenheit, er hatte dafür aber auch viel Großes und Herrliches, und die tausend Thränen, die ihm seine Unterthanen, als sie ihn zur ewigen Ruhe begleiteten, still nachweinten, waren unverwerfliche Zeugen seines Werthes. Lassen wir ihn im Frieden schlummern. Jetzt mein Freund, wollen wir den Brief öffnen. Vor Ihnen habe ich kein Geheimniß. Sie werden selbst ermessen, daß ich hier nicht bleiben kann. Die Güter gehören dem Sohne unsers alten Herrn, einem jungen Wüstling, von dem die eigenen Leute des Grafen nicht viel Gutes zu erzählen wissen. Wahrscheinlich trifft dieser, auf die Nachricht, die Sie ihm vom Tode des Vaters haben zukommen lassen, in wenig Tagen hier ein. Mit welchem drückenden Gefühle müßte ich vor ihm erscheinen, wenn er mich in seinen Besitzungen hier fände, wenn er mich fragte, wie ich hieher gekommen, was ich hier wolle, und ich ihm auf alles dieß keine genügende Antwort geben könnte. Legt Ihnen, fragte ich lächelnd: auf die letzte Frage, Ihr Herz die Antwort nicht in den Mund? Wenn der junge Graf Sie fragt, was Sie hier wollen, so sagen Sie nur ganz trocken weg: Heirathen, und fragt er weiter, wen, so zeigen Sie nur gefälligst auf mich, so wird er, wenn er nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, den Zusammenhang wohl verstehen. Jetzt keinen Scherz, entgegnete Klotilde bittend: wir stehen beide auf einem sehr ernsten Punkte, auf dem Punkte der Entscheidung unserer Zukunft. Wissen Sie denn Ihr Schicksal so bestimmt, daß Sie dessen Theilung mir bieten können? Der junge Graf hat, wie Sie wissen, mit dem Vater Jahre lang in gespannten Verhältnissen gelebt, wird er denn den Günstling dieses Vaters bei sich behalten? Des Herumschwärmens in der Welt müde, setzt er sich ruhig hieher, verwaltet seine Besitzungen selbst, und ersucht Sie, zum Neujahr sich nach einem andern Verhältniß umzusehen; was dann? Nein, mein Freund, ich will Sie zu keiner Uebereilung verleiten. Unsere Wege gehen aus einander. Ich habe an den Schwager des alten Grafen, an den Ober-Kammerherrn geschrieben; von dem erzählte der selige Graf immer viel Gutes, und darum habe ich Vertrauen zu ihm gefaßt; ich habe ihm meine hiesige Lage geschildert, ihm die Nothwendigkeit aus einandergesetzt, vor der Ankunft des jungen Grafen von hier weggehen zu müssen, und ihn gebeten, mich zum Unterricht im Französischen, in der Musik u. s. w., in anständigen Häusern seiner Bekanntschaft zu empfehlen, und bei den bescheidenen Ansprüchen, die ich mache, wird sich gewiß ein solcher Platz gefunden haben. Jetzt wollen wir den Brief öffnen, und ihn zusammen lesen, in ihm liegt der Faden, an dem ich mich durch das Labyrinth dieses dunkeln Lebens unter Kummer und Entsagen, fortwinden soll; es gibt kein mißlicheres Loos, als das eines Mädchens, das in der Welt mittellos und allein steht. Sie zerdrückte eine stille Thräne, und griff nach dem Briefe. Oeffnen Sie nicht, rief ich mit mir selbst unbegreiflicher Laune, und gedachte der bösen Nacht in Käferlingen, wo ich auch alle Hoffnungen aufgegeben und der Verzweiflung mich in die kalten Arme geworfen hatte, und auf die es mir gleich nachher so überselig bis jetzt gegangen war. Der Brief kann über Ihr ganzes Schicksal gebieten. Der Ober-Kammerherr kann Ihnen, – er war der vertrauteste Freund des Grafen, – er kann Ihnen schreiben, daß Sie im Testamente, das der Verstorbene beim höchsten Landesgerichte deponirt hat, reichlich bedacht sind; dann – ich stockte, denn der Gedanke, daß sie mir, dem blutarmen Secretair dann verloren sey, durchzuckte mir, wie ein kalter Donnerschlag, die Seele. Nun und dann? fragte Klotilde freundlich: das sollte ich meinen, wäre ja das Beßte, was mir begegnen könnte, Sie aber machen ein Gesicht dazu, als sey das ein Unglück. Das wäre es auch, entgegnete ich, und mußte mich wegwenden, denn die schmerzliche Idee, daß Klotilde, wenn es bekannt würde, daß ihr durch Erbschaft ein beträchtliches Vermögen zufiele, ein Heer von Anbetern um sich haben würde, von denen mancher ihr zehnmal lieber und werther seyn dürfte, als ich, trübte mir das Auge und machte mich finster. Mein Freund, mein lieber, lieber Freund, sagte Klotilde, mild lächelnd, und in ihrem himmelreinen Auge glänzte eine stille Thräne, wir sind, ich weiß nicht wie, wieder auf die Unterhaltung gerathen, bei der uns neulich in der Weinlaube die Wespe unterbrach; heute sehe ich, kommt kein solches mitleidiges Thier geflogen, um mich des Geständnisses zu überheben, daß alle äußere Nebenumstände auf die Neigung meines Herzens nie von Einfluß sind. Der Brief hier, und Ihr fast überspanntes Zartgefühl, dringen mir diese Betheurung ab; bin ich nach der Lesung dieses Briefes reicher als jetzt, so würden Sie, nach Ihren Ansichten und Gefühlen, nicht wieder den Muth haben, sich mir mit Liebe und Vertrauen zu nähern, und ich – sie lachte mit unbeschreiblichem Liebreiz – ich kann Ihnen doch die Hand zuerst nicht bieten; und bin ich, nach der Lesung des Briefes, ärmer, setzte sie ernst hinzu: und ich wollte dann noch von Ihrer Liebe sprechen hören, würde es, müßte es nicht den Schein haben, als – Als wäre ich Ihnen nun gut genug, fiel ich ihr halb empfindlich, halb scherzend in das Wort. Also vor der Entsiegelung des Briefes, fuhr ich fort, und drückte ihre Hand an mein Herz, und sah ihr in das klare Kornblumenblau ihres geistvollen Auges, und sie sank in meine Arme; ein minutenlanger Kuß besiegelte den Bund zwischen zwei der ärmsten Menschen unter der Sonne, die in der Seligkeit dieses Augenblicks die Glücklichsten, die Reichsten auf dem ganzen Erdenrunde waren. Wie war das Mädchen schön, wie liebenswerth! Es kam mir vor, als wäre es tausendmal reizender, seit es mein sey. Ihr vertrauliches Du, um das ich sie jetzt bat, hatte einen ganz unbeschreiblichen Wohllaut. Wir waren vom Küssen zum Kosen, zum Scherzen und Tändeln übergegangen; sie erzählte mir nun mit herzlicher Offenheit, daß ich gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft das Glück gehabt hätte, vor ihren Augen Gnade zu finden, wir machten tausend Pläne für die Zukunft; uns bangte unseres Fortkommens halber im Mindesten nicht; der junge Graf konnte heute eintreffen und wir morgen auswandern müssen, so stand uns jede grosse Stadt offen, wo wir mit Stundengeben in Musik und Sprache, uns unsern Lebenserwerb schon verdienen wollten. Armselige Aussichten, und doch war der Spiegel, der uns unsere künftigen Tage so rosig zeigte, der freundlichste, in den ich je gesehen. 66. Wir wollten schon in den Garten hinab, um von allen unseren Lieblingsplätzchen, von den Schneeballparthie, wo wir uns zuerst sahen, von der Weinlaube, und noch von vielen anderen, die wir nun wahrscheinlich bald würden verlassen müssen, vorläufig Abschied zu nehmen, als uns des Ober-Kammerherrn Brief, den wir über die Seligkeit unserer Liebe ganz vergessen hatten, wieder in die Augen fiel. Wir öffneten und lasen: Ma chere demoiselle! Si rous voulez être employée en qualité d'une gouvernante, il vous faut laisser annoncer dans la gazette. Moi je ne suis pas votre Commissaire, et j'ai trop a faire, pour pouvoir me meler en votre petites choses. Le comte a parlé avec moi tres souvent de vous, et toujours avec beaucoup amour et tendresse; cet aussi la cause, pourquoi je suis avec l'estimation veritable Votre etc. Wir lachten über die kauderwelschen Zeilen; ihr Inhalt schmerzte uns nicht, nur fand Klotilde, daß der Ober-Kammerherr ein ungefälliger Mensch sey. Wenn er wirklich eine estimation veritable für mich hätte, sagte sie halb empfindlich; so konnte er wohl für das verlassene Mädchen ein freundliches Wort bei seinen Bekannten sprechen. Sieh mir in das Herz, und Du wirst keinen Hang zur Rache darin finden, aber solchen Menschen, gerade solchen, möchte ich fühlen lassen, wie wenig sie verstehen, den vom Unglück Niedergebeugten aufzurichten. Jetzt mein Freund – sie schlug die Augen nieder: jetzt habe ich nichts, was ich Dir mitbringen kann, nicht einmal den Stolz einer geopferten Aussicht. Du knüpfest Dir eine Last an das Leben, die Dich nie wird so hoch steigen lassen, als Du mit Deinen Kenntnissen, mit Deinem Herzen verdienst. Ich kann Dir keinen Ersatz bieten, nicht den geringsten. Das Feuer Deiner Liebe werden späterhin der Reue Thränen auslöschen, daß Du Dich übereiltest, und ein Band knüpftest, das Dir Deine Lage nur erschwert, Dir nimmer Freude bringen kann. Laß mich in Frieden ziehn! ich will zurück in mein Vaterland! Mein Gott wird mich ja dort nicht zu Schanden werden lassen; ein belohnendes Gefühl schon begleitet mich dahin, daß Dir dann die Hälfte Deiner Lebenssorgen abgenommen ist. Mein Freund, mein Herzensfreund, der Armen Loos ist unbarmherzig hart! Die Trennung von Dir, mein Geliebter – Sie ist unmöglich! rief ich im Übermaß des Schmerzes, und umschlang das wunderholde Kind. Klotilde sank, laut schluchzend, an meine Brust. Hast Du denn den Muth, fragte sie nach langer Pause, und lächelte unter sanftem Weinen, mit hoffendem Vertrauen auf die Güte der Allmacht, mir in die Augen; hast Du den Muth, des Lebens Bürde, die das Geschick uns in unserer Armuth auflegt, mit mir zu tragen? Wir sind nicht arm, entgegnete ich, den frommen Engel an mein tief bewegtes Herz drückend: wir verstehen beide die große Kunst, die selbst manchen Weltweisen abgeht, die Kunst des Entbehrens und wir haben beide so viel gelernt, daß wir uns verdienen können, was wir brauchen. Schlag ein meine treu geliebte Klotilde! bauen wir auf Gott, der wird es wohl machen; wir wollen nicht schlafen, noch schlummern, noch die Hände zusammenthun, daß wir ruhen, auf das nicht über uns komme die Armuth wie ein Wanderer, und der Mangel, wie ein gewappneter Mann. Weinen und Klagen hat seine Zeit; laß uns fröhlich seyn auf unserm stillen Wege durch das Leben, das ist unser Theil. Ich hab' einmal ein Schätzel g'habt, Ich wollt, ich hätt es noch. blies der Käferlinger Postknecht, und saus'te mit dem aus Italien zurückkehrenden Kammerdiener am Garten vorüber. Wir lachten über das alte Lied des Posthorn-Virtuosen und eilten in das Schloß zurück, um zu hören, was der Kammerdiener uns für Nachrichten vom jungen Grafen bringe. Dringender Ursachen halber, schrieb er, sey es ihm unmöglich, selbst zu kommen: ich solle aber bei Ansicht dieses, nach Wien eilen, und im Erzherzoge Karl nach ihm mich erkundigen; zugleich soll ich die Guts-Rechnungen des letzten Jahres mitbringen, und was hier sonst noch von Interesse für ihn seyn könne. 67. Ein Packen Rechnungen im Wagen links neben mir, ein Blechkästchen mit des seligen Herrn Documenten rechts neben mir, Frugoni's Meisterbild auf der Brust, und tausend Pläne, Hoffnungen und Zweifel im Kopfe – so fuhr ich in die Kaiserstadt ein, fragte im Erzherzoge Karl nach dem Grafen, hörte, daß er bereits eingetroffen sey und ließ mich, nachdem ich den Reisestaub abgeschüttelt hatte, bei ihm melden. In banger Erwartung – denn in des Mannes Hand lag ja meine Zukunft, mein Glück, – trat ich vor den Grafen, und hätte beinahe laut aufgeschrieen, den ich stand vor Klotilden. Dasselbe Gesicht, die nämlichen Züge, das schwarze Haar, die dunkelblauen Augen, – nur einige zwanzig Jahre älter, und an die Stelle der weiblichen Grazie, die zarteste männliche Anmuth. Das war Klotildens Bruder, und kein anderer. Kommen Sie allein? fragte er gespannt, und schien, als ich die Frage bejahte, in einer sehr angenehmen Hoffnung getäuscht zu werden; er wendete sich halb seitwärts und murmelte etwas von dem Schlusse seines Briefes, den ich nicht gelesen haben müsse, jedoch nur so leise vor sich hin, daß ich das, was er sagte, oder vielmehr damit sagen wollte, nicht recht verstehen konnte. Sollte er unter den Worten: daß ich ihm außer den Rechnungen mitbringen solle, was sonst noch für ihn von Interesse seyn könne, Klotilden, den unschuldigen Zeugen von der Schuld seiner Mutter gemeint haben? Ich schwieg, und glaubte, er würde sich deutlicher erklären, aber er berührte den Punkt nicht weiter, sondern ließ sich, die mitgebrachten Papiere durchblätternd, von der letzten Stunde des Vaters erzählen, hörte mit der aufmerksamsten Theilnahme zu, legte am Ende die Papiere aus der Hand, barg das Gesicht in sein Taschentuch und weinte die bittersten Thränen. War das der Mann, an dem die Leute unseres Hauses kein gutes Haar wissen wollten, den Klotilde, meine sanfte Klotilde selbst, einen Wüstling gescholten hatte? Ein guter Sohn ist kein schlechter Mensch, und daß der Graf keiner war, sagte mir sein leises Schluchzen um den tödtlichen Hintritt des kindlich geliebten Vaters. Ich habe, sprach er, wie im Vorwurf gegen sich selbst: hier in Freude und Glück gelebt, während mein armer Vater mit dem Tode rang. Er hat Niemand gehabt, der ihm in den letzten Stunden des schweren Kampfes Trost zusprach, Niemand, der – Er starb, fiel ich ihm in das Wort, und an meinem Tone mußte der junge Graf abnehmen, daß mir seine Vorstellung, als hätten wir uns gegen unsern väterlichen Freund, den alten Grafen, einer Lieblosigkeit zu Schulden kommen lassen, recht innig weh that: Er starb in meinen Armen; Klotilde betete mit ihm, bis zu seinem letzten Athemzuge, und als sein Geist von ihm wich, drückte sie das lebensmüde Auge zu. That sie das? rief der Graf begeistert, und lächelte durch die hellen Thränen, und faltete freudig die Hände vor die Brust: sie betete mit ihm, sie drückte ihm an meiner Stelle die Augen zu? – er konnte nicht weiter sprechen; die tiefste Rührung erstickte ihm die Stimme. Nach einer langen Pause sagte er still vor sich hinsinnend: sonderbare Fügung! also darum mußte sie sterben? darum mußte Klotilde zum Vater? Er schüttelte, in Gedanken tief verloren, den Kopf und ging, den nassen Blick zur Erde gewandt, schweigend im Zimmer auf und ab. Morgen früh! sagte er endlich, Klotildens blaues Auge auf mich gerichtet, freundlich bittend zu mir und verabschiedete mich. 68. Ich hatte mich auf Wien gefreut, und war jetzt mitten darin, aber ich hatte keinen Sinn für die Annehmlichkeiten der gerühmten Kaiserstadt. Die Sehnsucht nach Klotilden schwellte mir die Brust! Hundert bildschöne Mädchen und Frauen begegneten mir, aber mein Engelskind mit dem Rabenhaar und den azurblauen Augen, war nimmer unter ihnen. – Das Räthselhafte in des Grafen Benehmen beschäftigte meine Phantasie! Er mußte jenen Brief, dessen Anfang ich in des alten Grafen Zimmer gelesen, erhalten haben, denn er wußte von Klotilden. Seine wehmüthige Freude, als er hörte, daß sie den sterbenden Vater gepflegt, daß sie ihn getröstet, daß ihr Gebet ihn in das Schauerreich des Todes begleitet hatte – und dann seine sonderbare Aeußerungen über die Fügung des Schicksals – darum mußte sie sterben, sagte er! – wer war die sie? seine Mutter, die Schuldbelastete? die war aber ja schon lange todt! Ich bog, in Gedanken tief verloren, aus der Kärnthner Straße beim Stock am Eisen, links ein, wandelte nach dem Graben zu, und prallte, da in der engen Passage dieser Gegend, zwei Equipagen an einander vorbeiflogen, rechts an die Glasthür eines Konditor-Ladens. Ein zarter weißer Finger tippte im innern, an die Scheiben der Thür, ich hörte meinen Namen nennen, wendete mich, und erblickte das Sommersprossen Gesicht der Gundel. 69. Ich trat, meinen Augen kaum trauend, in den Laden, ward von ihr mit einem lauten Gelächter bewillkommt, fand an ihrer Seite einen jungen Mann, den sie mir als den Baron von Finkenbach vorstellte, und mußte Mandelschnitzl essen, die sie mir als das weltberühmte Backwerk dieser Konditorei anprieß, und nebenher, während ich die wahrhaft überirdische Ambrosia mir auf der Zunge zergehen ließ, beiläufig erzählte, daß sie in dem kleinstädtischen Käferlingen nicht mehr habe aushalten können, daß Papa und Mama Knipps immer eigensinniger und unerträglicher wurden, daß ihr Mann, nachdem er im Spiel und Trunk ihr Vermögen und seine Gesundheit verlor, wegen lebensgefährlicher Anfälle von Wahnwitz; im landesherrlichen Tollhause habe untergebracht werden müssen, daß sie, um sich von dem tausendfachen Ungemach, dem sie diese Zeit über fast erlegen, zu zerstreuen, mit ihrem Freunde, dem Baron, eine kleine Lustreise hieher gemacht habe, daß sie gestern erst hier angekommen sey, und sich unbeschreiblich freue, gleich in den ersten vier und zwanzig Stunden ihres Hierseins, einen so alten lieben Bekannten zu finden. Auf gut Deutsch, Gundelchen war davon gelaufen, lebte mit ihrem sogenannten Freunde, der, wie ich später in Käferlingen erfuhr, dort als Declamator und Magnetiseur aufgetreten war, in den Tag hinein, und freute sich, mich, den alten Bekannten hier zu wissen, um ihn, im Fall der Noth, die wahrscheinlich nicht lange ausbleiben konnte, auf irgend eine gute Manier, wegen einer Hand voll Guldenscheine, in Kontribution zu setzen. Die Mandelschnitzl schmeckten mir auf einmal nicht mehr. Die Flasche Pontac, die Gundel dem Vater gemaus't hatte, um sie mir heimlich zuzustecken, stand wie eine schwarze Warnungsäule mir vor den Augen. Wo ein Kind gegen Vater und Mutter, wo ein Gatte gegen den andern heimlich handelt, da ist kein Glück, kein Segen im Hause. Ich entfernte mich, unter einem gesuchten Vorwande, so bald als möglich, und habe von der Landflüchtigen nie wieder gehört. 70. Morgen früh, hatte der Graf gesagt; ich stand also bei guter Zeit auf, um in den Erzherzog Karl zu gehen; allein der Graf überraschte mich auf meinem Zimmer. Er begrüßte mich freundlich, hatte einige Papiere in der Hand, und begann von Geschäften zu sprechen, als er Frugoni's Miniaturbild auf dem Tische neben meinem Bette gewahrte. Das hat Frugoni gemalt, rief er, wie electrisirt, griff mit dringender Hast nach dem Gemälde, weilte mit stillem Blick eine Weile auf demselben, sagte leise, mit gebrochener Stimme: ja das ist sie! fing dann laut an zu weinen, und stürzte, das Bild in der Hand, zum Zimmer hinaus; ich folgte ihm, vor Schreck und Verwunderung mehr todt als lebendig, bis zur Treppe, er deutete mir aber durch Handwinken zu bleiben, sagte durch das vor den Mund gehaltene Tuch, ich möchte morgen früh zu ihm kommen, eilte die Treppe hinab, warf sich in den Wagen, und fuhr davon. Ich stand zehn Minuten und länger auf einem und demselben Flecke, und wußte nicht, ob ich wache oder träume. Was wußte der Graf von Frugoni? was von Klotilden? Klotilde hatte mehr als einmal gesprächweise erwähnt, daß sie vom jungen Grafen nichts wisse, als was sie von den Umgebungen des Hauses gehört hatte, und das war nicht sehr erfreulich. Wie konnte Klotildens Bild, das Bild eines Mädchens, das er nie mit Augen sah, den Grafen so ergreifen? Was wollte er mit seinem, das ist sie, das ist sie! oder kannten sich beide, und hatte mich Klotilde belogen, betrogen? Aber das war ja nicht möglich; welche Teufel müßten die Weiber seyn, wenn das reinste, das fleckenloseste Wesen unter ihnen, diese Klotilde, mich so hätte täuschen können. Das ganze Benehmen des Grafen war so befremdend! – Klotilde war nicht das Kind seiner Mutter, nicht seine Halbschwester! um einer solchen willen gerieth ein Mann, wie der Graf, nicht in diese Extase; die Leidenschaftlichkeit, mit der er nach dem Bilde griff, die tiefe Wehmuth, die ihm die Thränen aus den Augen preßte; der Schmerz, die Verzweiflung, die ihn von dannen trieben; der Raub des Gemäldes selbst, – konnte ich denn noch an einem heimlichen Verständniß zwischen ihm und Klotilden zweifeln? Ja, sie hatte mich hintergangen, die Schlange. Das ungeheuerste aller Gefühle, das Gefühl betrogener Liebe packte mich mit glühenden Zangen. Ich mußte Aufschluß haben, aus des Grafen eigenem Munde, wollte ich den Zusammenhang hören; ich stürzte ihm nach. Er hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen, und ließ Niemand vor sich. Ich ließ mich nach einer Stunde wieder melden, dieselbe Antwort; ich wiederholte eine Stunde später meine Anfrage; der Graf schickte mir ein versiegeltes Billet heraus, in dem er mich mit freundlichen Worten ersuchte, morgen früh wieder zu kommen, und bis dahin ganz ruhig zu seyn. Ruhig! das Wort war bald geschrieben; ich durchlief die halbe Stadt, und wurde es nicht. Es wurde Mittag und ich konnte keinen Bissen essen! es wurde Abend, und ich konnte nirgend aushalten, ich lief in das Theater an der Wien, aus diesem in das Kärnthner-Thor-Theater, aus diesem in das Burgtheater! überall wollte es mich nicht leiden, überall verfolgte mich Klotildens Bild, und des Grafen Worte, das ist sie, zerschnitten mir das Herz in blutige Stücke. Müde, erschöpft bis zum Tode, warf ich mich auf mein Lager, und der Schlaf, der himmlische Tröster der Leidenden, drückte mir das thränenfeuchte Auge zu. 71. Den folgenden Morgen wachte ich früher als gewöhnlich auf; ich eilte in den Erzherzog Karl; der Graf war fort! Der Wirth des Hauses händigte mir ein versiegeltes dickes Packt Papier unter meiner Adresse ein, und richtete die Grüße aus, die der Graf noch beim Einsteigen in den Wagen an mich bestellt hatte. Der Graf fort? – Ueber den Gedanken konnte ich nicht wegkommen. Diese Papiere – was konnten mir die todten Papiere helfen; das waren, das sah ich an der großen Folioform, trockene Acten- und Rechnungssachen. Die ängstigendsten Beklemmungen in der Brust, ging ich mit dem Packte unterm Arme, nach Hause; meine Bürde ward mir immer schwerer; in den Papieren war nichts Gutes; darum schrieb der Graf, denn einem Manne von irgend einigem Zartgefühl fällt es schwer, andern etwas Unangenehmes mündlich sagen zu müssen. Wie in jener Nacht zu Käferlingen, als ich ohne Trost und Aussicht mit düsterem Blicke meine Lage überschaute, haderte ich jetzt mit dem Schicksale, dessen Tücke mich gegenwärtig mit Doppelkrallen packte. Es war, als hätte ich mein eigenes Kreuz zu meinem Golgatha getragen, so erschöpft sank ich in das Sopha,. als ich meine Wohnung erreicht hatte. Mit schmerzlichen Ahnungen entsiegelte ich endlich die verhängnißvollen Papiere. Oben auf lag eine auf mich gestellte, vor den Gerichten zu Piombino ausgefertigte Vollmacht, in des Grafen Stelle, die Lehn der ihm durch des Vaters Tod erblich zugefallenen Güter zu empfangen. Das zweite, gleichfalls vor gedachten Gerichten ausgestellte Document, übergab die sämmtlichen Güter, sammt allem in Deutschland befindlichem Vermögen des verstorbenen Vaters, es möge solches bestehen, worin es wolle, Klotilden und ihren nächsten Erben, zur lebenslänglichen Nutznießung. Das dritte ebenfalls gerichtlich bestätigt, ernannte mich zu Klotildens Vormund. Das vierte Papier endlich, waren folgende Zeilen, von des jungen Grafen eigener Hand, und gestern erst geschrieben. Mein Freund! Der letzte Brief meines seligen Vaters hat mich von dem Verhältniß in Kenntniß gesetzt, in dem sie zu Klotilden stehen. Mein Betragen diesen Morgen, mag Ihnen vielleicht auffallend gewesen seyn; indessen lesen Sie weiter, und Sie werden mich entschuldigen. Ich bin Ihnen offene Mittheilung schuldig; mündlich vermochte ich das nicht; dem Schuldbewußten fällt es schwer, dem Reinen gegenüber zu stehen: nehmen Sie daher meine schriftlichen Bekenntnisse mit schonendem Wohlwollen auf; doch zur Sache. Nach beendigter akademischer Laufbahn sandte mich mein Vater auf Reisen. Paris war mein erster Ausflug, dort mein erster Gang in die große Oper, und noch denselben Abend lag ich zu den Füßen eines der schönsten Mädchen, das diese Erde trug. Charlotte Dumesnil fesselte mich mit den Reizen ihrer Jugend und ihrer heiligen Unschuld. Sie ward mein, vor Gottes Altare, und Klotilde war die Frucht unserer Liebe. Zufällig erfuhr unser Gesandter von der Verbindung; er meldete sie meinem Vater, und dieser entzog mir von diesem Augenblicke an sein Herz und seine Liebe; er schwor mir unversöhnlichen Haß, und verbot mir, ihm je wieder unter die Augen zu treten. Des Vaters Briefe fielen in Charlottens Hände. Sie verschwand mit ihrem Kinde aus Paris, und hinterließ mir nichts, als einige Zeilen, in denen sie mir ewige Liebe gelobte, aber unsere Ehe, auf der des Vaters Fluch ruhe, für aufgehoben ansehe; ich durchstreifte ganz Frankreich, um sie aufzufinden, vergeblich; ich habe sie nie wieder gesehen, nie wieder von ihr gehört, als in einem Briefe, den ich ungefähr vor drei Jahren von meinem guten seligen Vater erhielt. Ich ward, wahrscheinlich auf dessen Betrieb zu verschiedenen Sendungen nach London und Petersburg gebraucht, und lebte, da der Vater mir seit jenem Fehltritte, wie er es nannte, alle und jede Unterstützung versagte, von der Hinterlassenschaft meiner, kurz nach dieser Katastrophe verstorbenen Mutter. Alle Bemühungen meiner Freunde unserer Heimath, den Vater mit mir zu versöhnen, blieben erfolglos. Er hatte große Pläne gehabt, mich in eine der ersten Familien des Landes zu verheirathen, und da diese durch meine Verbindung mit Charlotten vereitelt waren, blieb er für jeden Antrag zum Frieden unerbittlich, schrie mich bei allen Bekannten seines Kreises für einen Wüstling aus, und erklärte ein für allemal, nichts von mir hören zu wollen. Zwanzig Versuche, meine treugeliebte Charlotte späterhin ausfindig zu machen, schlugen fehl; die politischen Stürme der jüngsten Zeit verwehten jede Spur, wenn ich ja auch einmal so glücklich war, eine solche zu finden. Ich hielt dessen ungeachtet das Gelübde, was ich ihr im ersten Schmerze unserer Trennung, ohne Worte, that; ich verheirathete mich, so lange sie unter den Lebendigen war, nicht wieder. Charlottens Tod versöhnte den Vater; er schrieb mir seit langen, langen Jahren zum ersten Male wieder; er meldete mir, daß er Klotilden zu sich genommen, und in ihrem Umgang neuen Reitz für das Leben gewonnen habe. Ersparen Sie mir die Äusserungen über den harten, strengen Mann, der durch seine unbegreiflichen Kanäle, Charlottens Aufenthalt ausgekundschaftet, und ihn mir, bis zu ihrem Lebensende verschwiegen hatte; er hat der Bitterkeit, die meine Seele bei diesem Gedanken überwallt, ihren Stachel durch die himmlische Milde genommen, mit der er die ganze Zeit über Mutter und Kind unterstützte. Charlotte hat, wie ich jetzt erst durch den Pariser Freund, der diese Angelegenheit für meinen Vater besorgte, erfahren habe, immer in dem Wahne gestanden, daß alle die Summen, die sie aus des Vaters Hand, mit verschwenderischer Freigebigkeit erhielt, ihr von mir zugeflossen sind; sie hat sich verpflichtet gefühlt, alles auf Klotildens Erziehung zu wenden. und ihr mit dem Übrigen ein kleines Kapital zu sammeln. – Sie selbst hat von ihrer Hände Arbeit gelebt. Ich – ich habe nichts für sie, nichts für mein Kind gethan. Das Dokument, wodurch Klotilde die Nutznießung meines sämmtlichen väterlichen Erbes erhält, löscht daher nur einen Theil meiner Schuld aus. Ich vermuthete, daß mein Vater Ihnen vielleicht auf dem Todbette gesagt habe, daß Klotilde meine Tochter sey; weil ich es indessen nicht gewiß wußte, schrieb ich bloß, daß Sie mir mitbringen sollten, was von Interesse für mich seyn könne. Ich sehnte mich, das Kind meiner Charlotte zu sehen, das mir, noch kein Jahr alt, entrissen ward. Sobald ich erfuhr, daß Klotilde beim Vater war, sandte ich Frugoni an ihn, mit der Bitte, sie für mich malen zu lassen. Der Vater verspricht mir das Bild zu senden, und stirbt darüber. Jetzt haben Sie es mir gebracht; denn daß das Klotilde, und keine Andere ist, sagen mir die Züge ihrer Mutter, die mir so ähnlich war, daß wir in Paris gewöhnlich für Geschwister gehalten wurden. Lassen Sie mir das Bild, ich gebe Ihnen dafür das Original. Nach dem Briefe des Vaters, der, wie Sie wissen, durch tausend Mittel die tiefsten Geheimnisse seiner Umgebungen zu ergründen verstand, ist zwischen Ihnen und Klotilden der zarte Bund der Liebe geschlossen. Die bittere Erfahrung meines Lebens hat mich milde gemacht; ich will das Herz meines Kindes in keine Schranken einzwängen; ihre Wahl soll ganz frei seyn. Sagen Sie ihr, wer sie sey und welche Aussicht in Betreff ihrer Vermögensverhältnisse sich ihr eröffnet, und bleibt sie ihrem Entschlusse treu, Ihnen die Hand zu geben, so ertheile ich hiermit gern und freudig meinen Segen. Mein Vater war streng, er war überstreng, seine Forderungen an die Menschen gingen fast in das Ueberspannte, weil er mit eiserner Pünktlichkeit seinen Pflichten genügte und immer noch glaubte, zu wenig gethan zu haben; darum war er fast nie mit den Menschen zufrieden, denn sie blieben alle hinter den Ansprüchen zurück, die er an sie machte; indessen Sie sind der Einzige, in dessen Lobe er unerschöpflich war. Als Geschäftmann und als Mensch, waren Sie ihm gleich werth, und darum vertraue ich ihnen das Wohl meines Kindes, wenn dieß in seiner Neigung beharrt, unbedenklich an. Wäre mein Vater am Leben geblieben, so hätte ihn, dahin zielen seine späteren Briefe deutlich, nichts glücklicher gemacht, als Sie beide mit einander vereinigt zu sehen; ich handle daher in dem Geiste des edlen Mannes, wenn ich Eure beiden Hände segnend in einander lege. Verzeihen Sie dem Vater, der den Sohn kennen zu lernen wünschte, ehe er das geliebte Kind ihm zuführen mochte. Ich bin jetzt ruhig, denn ich weiß nun meine Tochter an der Seite eines gesunden, wohlgebildeten Mannes, der ein redlicher Haushalter, das Vermögen des Vaters nicht vergeuden, und mit Klotilden die Lebensgenüsse eben so treu und ehrlich theilen wird, als er des Lebens Entbehrungen mit ihr gemeinschaftlich zu tragen entschlossen war. Um Ihrem Danke und meiner Beschämung zu entgehen, bin ich, wenn Sie diese Zeilen lesen, schon auf dem Wege in meine neue Heimath Piombino. Nach dem Tode meiner Charlotte verband ich mich dort mit der Duchesse Binelli, aus einem der geachtetsten Häuser unserer Gegend. Bis hieher hatte ich nicht den Muth, meiner geliebten Gattin von meiner früheren Verbindung zu sagen. Sobald ich weiß, daß Klotilde sich Ihnen bestimmt, und daß sie alsdann nicht schutzlos ist, werde ich offen und ehrlich das Bekenntniß meiner früheren jugendlichen Uebereilung, das lange schon meine Seele gedrückt hat, zu meiner Gattin Füßen niederlegen, und Klotilde soll dann, im Bilde wenigstens, bei meiner sanften Engelsfrau, meine Fürbitterin seyn. Verzeiht mir meine Maria, wie ich von dem frommen Wesen glauben darf, so kommen Sie bald einmal mit Klotilden nach Piombino, und ich will in diesem Leben auf alle weitere Wünsche verzichten. Leben sie wohl, und lassen Sie mich bald Klotildens Entscheidung wissen. Auf den unerwarteten Fall, daß sie durch die Veränderung ihrer Vermögensumstände anderes Sinnes werden sollte, habe ich Sie als Vormund bestellt, und Sie werden dann ihr und mein Freund bleiben. Der Beweis von unbedingtem Vertrauen in Ihre gewissenhafte Rechtlichkeit, der in der Art und Weise liegt, mit welcher ich das zeitige und geistige Wohl und Wehe meines geliebten Kindes Ihnen hingebe, mag Ihnen mehr, als alle leere Worte sagen, mit welcher aufrichtigen und innigen Hochachtung ich bin Ihr u. s. w. 72. Ich stierte über fünf Minuten gerade vor mich hin, als ich ausgelesen hatte. Klotilde die Tochter des Grafen, mit einer jährlichen Einnahme von wenigstens 50,000 Rthlr. Ich sollte mich freuen und konnte es nicht. Wer das Drückende kennt, sich, sey es durch Talente oder Kenntnisse, durch Gold oder Rang seiner Frau untergeordnet zu fühlen, wird die Beklommenheit meines Gefühls rechtfertigen. Die glänzende Zukunft, die mir der Graf bot, wie gern hätte ich sie gegen meine frühere Lage vertauscht, wo Klotilde ihr ganzes Glück, ihre ganze Seligkeit in meiner Liebe fand. Sie war jetzt meine Gebieterinn, ich nichts, als der Verwalter ihres Vermögens. Unser Verhältniß war durch die leidige Entdeckung auf ewig zerstört; diese Ungebundenheit, diese Traulichkeit konnten nie mehr wiederkehren, und wo diese fehlten, wo konnte da von Liebe die Rede seyn! Wie hatte ich mich auf die Heimreise gefreut, und wie bangte mir nun vor ihr. Ich sollte, ich mußte Klotilden aufgeben, denn die finstere Ueberzeugung, daß von jetzt an jede Verbindung mit ihr ein Mißverhältniß sey, das über uns beide mit der Zeit nur Unheil bringen müsse, lag mit mathematischer Gewißheit vor mir. Tausend Entschlüsse reiften mir in der düstern Seele, und tausend verwarf ich, weil sie bald mit meinem Herzen, bald mit meinem Kopf im Widerstreit standen. Der halbe, der ganze Tag verging, und immer noch konnte ich mit mir nicht einig werden. Endlich, am späten Abend, setzte ich mich hin und schrieb an Klotilden. Ihr, nach geschehener Mittheilung von dem, was mir ihr Vater eröffnet hatte, anheimzustellen, ob sie meine leere Hand noch annehmen oder ausschlagen wolle, wäre mehr als vermessen gewesen; im ersten Falle muß ich es als Gnade, als mitleidige Barmherzigkeit, oder höchstens als Nothwendigkeit, das mir einmal gegebene Wort halten zu müssen, ansehen; im letztern hätte mich die Kränkung getödtet. Ich folgte also dem Gefühl meiner Bescheidenheit und meiner Rechtlichkeit, und gab sie auf; ich setzte ihr, unter urschriftlicher Beischließung des von ihrem Vater erhaltenen Briefes, aus einander, daß bei der durchaus veränderten Lage der Dinge von der Vergangenheit keine Rede mehr seyn könne; daß ich Besonnenheit genug habe, in die Schranken, die mir das Verhängniß jetzt bestimmt habe, zurückzutreten; daß sie unumschränkte Herrin ihres Willens und Herzens sey; daß ich die Vormundschaft, mit der mich ihr Vater beehrte, nur für den ersten Augenblick annehme; daß ich sie aber dem übertragen zu dürfen mir vorbehalte, den sie mit ihrer Hand beglücken werde; daß ich mich gegenwärtig nicht stark genug fühlte, mich ihr gegenüber zu stellen; daß ich daher dringend bäte, für die erste Zeit wenigstens in Käferlingen bleiben zu dürfen, von wo aus ich die Gutsangelegenheiten, mit denen mich ihr Vater beauftragt habe, bis zu der anderweitigen Einrichtung besorgen würde; daß ich den nächsten Sonnabend daselbst einzutreffen gedächte, und in der goldenen Krone absteigen würde, wohin ich ihre etwanigen Befehle gelangen zu lassen sie gehorsamst ersuchte. Um folgerecht zu bleiben, hatte ich das süße Du der Liebe, das in den letzten seligen Tagen unseres Beisammenseyns unter uns statt fand, aus diesem Briefe ganz weggelassen, und sie vom Anfang bis zu Ende mit Sie angeredet; ich las die Zeilen mehrmal durch; kein Geschäftschreiben konnte ruhiger, kälter aussehen; aber ich hatte es mit meinem Herzblut geschrieben. Der kalte Schweiß stand mir auf der glühenden Stirne, als ich endete. Es war Mitternacht geworden. Wenzel mußte aber dessen ungeachtet noch fort auf die Post, um für diesen verhängnißvollen Brief unverzüglich eine Estafette zu besorgen, denn das Papier brannte mir wie Feuer in den Händen. Ich sah dem schlaftrunkenen Wenzel aus dem Fenster nach, so weit ihn in der matt beleuchteten stillen Straße mein Auge erreichen konnte. Er verschwand mit meiner ewigen Verzichtleistung auf mein zeitliches Glück in dem Dunkel der Nacht, und ich warf mich trostlos auf das Sopha. Ich hatte gewähnt, aus den heimlichen Kampfe zwischen Pflicht und Liebe wie ein Held hervorgegangen zu seyn, und ich war schwach, wie ein Kind. Ich hatte wie ein Rasender gehandelt. Auf diesen sinn- und gemüthlosen Brief – was sollte Klotilde antworten, was sollte sie thun! Das Mädchen mit einer Million Thaler, mit diesem Reichthum von Wissen, mit diesem Uebermaß von Liebreiz, mit diesem unermeßlichen innern Werthe, mit diesen himmlischen Augen, mit diesem entsetzlichen, ächt burgundischen leichten Sinn – morgen lagen hundert. und übermorgen wieder hundert zu ihren Füßen, und konnte ich ihr denn verargen, wenn sie das bischen Wohlwollen, was sie für mich empfunden hatte, nach Empfang dieses hölzernen Briefes, auf immer und ewig erstickte? Verlangte, selbst wenn jenes Wohlwollen mehr, wenn es Liebe gewesen wäre, verlangte nicht ihr Stolz, nicht die Achtung vor ihr selbst, den fallen zu lassen, ihn aus ihrem Herzen, aus ihrem Gedächtniß zu verbannen, der, ohne sie zu prüfen, ohne ruhig abzuwarten, was sie thun werde, ihr mit eiliger, ganz unnöthiger Hast schrieb, daß er ihre frühere Zuneigung für eine Verirrung ihres Herzens, für eine jugendliche Uebereilung ansehe? Konnte – sie hatte einmal selbst gestanden, daß sie von Eifersucht nicht ganz frei sey – konnte sie nicht dem Wahne Raum geben, daß mich eine von den bildschönen Wienerinnen um das Restchen meines Verstandes gebracht habe, und die unbegreifliche Einfalt, mit der ich alle meine Ansprüche freiwillig aufgebe, blos Maske sey? – Der Brief, der vermaledeite Brief darf nicht fort, rief ich von peinigender Angst gefoltert, laut aus, griff nach dem Hut und stürzte fort, Wenzeln nach, aber dieser kam mir schon in der Hausthür entgegen, und berichtete mit unausstehlicher Selbstgefälligkeit, daß er, wie er einmal den Schlaf aus den Augen gehabt, nur so geflogen wäre, und daß ein Kourier, der eben in unsere Gegend abgegangen, meine Depesche mitgenommen habe. Kurios, setzte er lächelnd hinzu: wie der Kammerdiener damals aus Italien zurückkam, blies Christian der närrische Kerl, der Postknecht aus Käferlingen, das lustige Stückchen: Ich hab einmal ein Schätzl g'habt Ich wollt ich hätt es noch. Dasselbe blies der Postillon, als er mit seinem Herrn Kourier fortsaus'te, aber viel schöner und stärker, es schmetterte mir bis in das Herz, so ging es durch Mark und Bein. Ich schrie laut auf, ballte meine beiden Hände vor die Augen, und wandte mich von dem Unglücksboten, denn auch mir drang das vermaledeite Lied, der Schwanengesang meiner Seligkeit, bis in das Tiefste meiner Seele. In den zufälligen Umständen, daß gerade ein Kourier, die allerschnellste Gelegenheit, meinen Brief an Klotilden mitgenommen, und daß das Horn seines Postillons, mir jene Elegie angestimmt hatte, über die ich vor wenigen Tagen noch mit Klotilden lachen konnte, lag meine Ueberzeugung, daß die Vorsehung, oder mein altes, mich überall verfolgendes Mißgeschick, mich zu der harten Nothwendigkeit, das Mädchen meines Herzens aufgeben zu müssen, ausdrücklich bestimmt habe. Ich hatte dem unglückseligen Briefe erst nacheilen wollen, um ihn von der Postbehörde, wo ich ihn einholte, wieder zurück zu fordern; allein jetzt, da ein Kourier ihn mitnahm, sah ich durch die schwarzen Brillengläser meiner Melancholie, daß es so, wie es einmal war, am beßten sey. Erst den folgenden Tag trat ich meine Rückreise an, und je näher ich Käferlingen kam, desto bänglicher ward es mir um das Herz. Zehn Antworten hatte ich mir schon in Gedanken aufgesetzt, die ich von Klotildens Hand in der goldnen Krone zu finden gedachte, immer eine kälter als die andere. Meine erste und letzte Bitte, die ich gleich nach meiner Ankunft an Klotilden ergehen lassen wollte, war die, wenn sie mir irgend noch einiges Wohlwollen schenke, es so einzurichten, daß wir uns nie wieder sähen; ich zerquälte mich, wie ich ihr diesen Wunsch vortragen sollte, ohne daß sie gewahre, welche furchtbare Opfer es mir koste, als mein Wagen vor der goldnen Krone hielt. Diese war mir in diesem Augenblicke eine dornige. Vor Angst und Beklommenheit halb erdrückt, stieg ich aus; die Wirthin, unsere Dingelheimer ehemalige Ausgeberin, Susette, empfing mich mit freundlichem Gesicht. Sind nicht Briefe aus Dingelheim für mich hier? fragte ich mit zugeschnürter Kehle. Ich hatte keinen Athem in der Brust mehr, ärgerte mich, wie man einen so bejammernswerthen Unglücksmenschen, als ich in diesem Augenblicke, mit so freundlichen Augen ansehen konnte, und schwankte neben der Redseligen, halb todt vor unsaglicher Spannung über den Inhalt des zu erwartenden Schicksalbriefes, die Treppe hinauf, in unser gewöhnliches Absteigequartier. Keine Zeile, entgegnete die Wirthin, und erzählte von dem Wiener Kourier, der vorgestern früh schon durchgegangen war, und Briefe nach Dingelheim bei dem hiesigen Postamte zur Weiterbeförderung abgegeben habe. Keine Zeile? war Klotilde krank, todt oder mir abhold? – Warum hatte ich geschrieben – Warum hatte ich – o – die Haare hätte ich mir ausraufen mögen – was sollte ich nun thun? – Meiner Sinne kaum mächtig, schritt ich hinter der Wirthin über die Flur – sie öffnete mir die Thür meines Zimmers und – Klotilde flog in meine Arme. 73. Wer den Muthwillen und die Liebe, die Schelmerei und die zarteste Sinnigkeit malen will, hätte das Mädchen sehen müssen, wie es mit dem Lächeln des höchsten Liebreizes die Hand auf meine Stirne legte, und mir dann an den Puls fühlte, und mich fragte, ob ich den tollen Brief wirklich selbst geschrieben habe, ob ich fieberkrank gewesen, ob mein Herz in der Eisgrube meines Kopfes erstickt sey, ob ich denn alles, ihre Liebe, ihren Charakter, ihre Treue, ihre Wünsche, ihr Glück, ihre und meine Schwüre vergessen habe? Ich wollte antworten, mich entschuldigen, aber sie verschloß mir mit der kleinen Hand den Mund, und bat mich, ernster werdend, zu schweigen. Meinst Du denn, fuhr sie dann mit weicher Stimme fort: daß ein Paar Hände voll Ducaten mein Gefühl, das heiligste des Lebens, meine Liebe umwandeln können? Glaubst Du denn, daß meinem Gedächtniß jener Augenblick je entfallen konnte, wo Du der Mittellosen Deine Hand botest, um mit ihr zu darben, und mit ihr das Bittere der Entbehrung aller Art zu theilen? Hast Du nicht gesagt, als ich das Loos des Armen unbarmherzig hart schalt, hast Du da nicht gesagt, daß wir beide nicht arm wären, daß wir auf Gott unsern Herrn bauen wollten, der uns nicht verlassen würde? Hast Du das nicht gesagt? Nun und sieh, er hat uns nicht verlassen; er hat unsere reine schuldlose Liebe gesegnet, und Du willst jetzt seine Vaterhand, mit der er uns, durch seine wunderbare Fügung, ein sorgenfreies Leben bereitet hat, zurückweisen? Glaubst Du denn, daß auf dem ganzen Erdball ein Einziger ist, dem ich mit mehrerem Vertrauen mich hingeben kann, als Dir? Von Dir allein weiß ich, daß Du mich liebst, um meinetwillen, denn Du gelobtest mir Dein Herz, als ich verlassen und arm war: bei jedem andern, der sich jetzt mir näherte, müßte ich dem Wahne Raum geben, daß nicht ich, sondern das, was die Güte meines Vaters in die Wagschale gelegt hat, ihn bestimme, mir seine Hand zu bieten. – Der Wunsch meines verklärten Großvaters vereinigt sich mit dem meines Vaters, der unsern Bund segnete. Hat der wohlgemeinte Wille des Verewigten, und der Segen meines Vater, der sein Kind durch Dich glücklich machen will, bei Dir gar kein Gewicht– oder hat – sie stockte, fing laut an zu weinen, und lispelte, das Gesicht halb von mir gewendet, leise – oder hat – Du warst in Wien, wo der schöneren Mädchen es hunderte gibt, – hat vielleicht dort – Nein, nein, meine himmlische Klotilde, rief ich laut, und sank zu ihren Fußen nieder, und umschlang den holden Engel; nenne es Demuth, Bescheidenheit, Bewußtseyn meines Unwerthes, nenne das Gefühl, das mir jenen Brief in die Feder dictirte, wie Du willst, nur zweifle nicht an meiner Liebe; Du nur lebst in meinem Herzen und keine andere, Du wirst ewig darin leben; ohne Dich ist die ganze Welt mir eine freudenleere Einöde. – Wir wollen sie uns zum Paradiese schaffen, sagte Klotilde, und senkte den süßen Liebesblick zu mir herab, und reichte mir fromm und herzlich die Hand, und ich stand auf und schloß das holdseligste aller Burgunder-Röschen an mein, in unaussprechlich süßem Wehe fast vergehendes Herz. – Ein stiller, langer, seelenvoller Verlobungkuß besiegelte den Bund unseres Glückes; da trat unser guter Herr Gerichts-Director Stremler in das Zimmer. Uebergossen vom Incarnate der bräutlichsten Scham, wand sich Klotilde, unter süßen Thränen verlegen lächelnd, aus meinen Armen, ich aber stellte dem wackeren Freunde, der es immer ehrlich und redlich mit mir meinte, der, selbst unbemittelt in der Zeit meiner höchsten Bedrängniß sich wegen meiner unglücklichen Schuld bei Meister Heftlinger ritterlich vor den Riß stellte, und mir überall mit Rath und That treulich beistand, Klotilden, als meine Braut vor, und erzählte ihm offen und kurz, den Zusammenhang unserer Begebnisse. Als sey ihm selbst ein Glückstern erster Größe aufgegangen, so hocherfreut drückte er mich in seine Arme, aber rund und gerade wie er immer war, meinte er unverholen, daß es ihm wider das Dekorum zu seyn scheine, wenn ich jetzt mit nach Buchenhayn hinausführe, wo noch kein Mensch recht wisse, in welchem Verhältniß ich zu Klotilden stehe; ich sollte von hier aus, meinte er, heute noch die Reise in die Residenz antreten, um bei der Lehncurie und den übrigen obersten Gerichtsbehörden die Aufträge des Grafen zu besorgen, Klotilde aber fahre, nach seinem unmaßgeblichen Dafürhalten, heute ebenfalls wieder ab, und zwar nach Buchenhayn; er wolle hier verbreiten, daß sie habe herein kommen müssen, um mehrere Geschäftangelegenheiten mit mir und ihm zu besprechen. Nach Verlauf von acht Tagen aber werde er mit der Nachricht unserer bevorstehenden Verbindung in das Publikum treten, und die kirchlichen Formalitäten des Aufgebots besorgen, und wenn sich die Leute über das unerwartete Ereigniß müde gloßirt hätten, wozu er vierzehn Tage vollkommen hinlänglich hielte, so sollte ich mit Klotilden in Weideleben, einem unserer entlegenen Pfarrdörfer, zusammen treffen, von dem dort befindlichen Prediger, den er unterdessen darauf vorbereiten werde, mich im Stillen trauen lassen, mich dann mit Klotilden in den Wagen setzen, und directe zu dem Vater nach Italien reisen. Von dort aus kämen wir, nach mehreren Monaten, als Mann und Frau zurück, und dann hätte das Ding vor der Welt ein viel besseres anständigeres Ansehen, als wenn ich jetzt mit Klotilden gleich nach Buchenhayn führe, und dort dem lieben klatschsüchtigen Publikum zu allerlei Gerede Anlaß gäbe. Klotilde, die, wie immer die jugendliche Unschuld, auf das Urtheil der Welt nicht viel achten zu brauchen glaubte, und der Meinung war, die Leute, wenn man sich selbst nur keiner Schuld bewußt sey, reden zu lassen, was sie wollten, hatte anfänglich gegen Stremlers Vorstellungen Manches einzuwenden, und ich, mit meinem ewigen Mißtrauen in die Ausdauer meines Glückes, sah die von ihm als nöthig gepriesene Trennung von Klotilden, laut für höchst überflüssig, heimlich aber für unglückschwanger an; indessen seine Beredsamkeit, und vielleicht unser Gefühl, daß er im Ganzen nicht Unrecht habe, entkräfteten am Ende unsere Einreden, und so fuhren wir, nach dem augenblicklichen Genuß der seligsten Minuten meines Lebens, diesen Abend noch aus einander, sie nach Buchenhain, ich in die Residenz. 74. Noch keine Meile war ich gefahren, als die heraufdämmernde Nacht mich mit einem ganzen Heer banger Zweifel und Besorgnisse umlagerte. Wußte Stremler, der als unser Gerichts-Director leicht mit dem Grafen in Briefwechsel gestanden haben konnte, um dessen Entschluß, Klotilden in den Nießbrauch seines ganzen in Deutschland befindlichen Vermögens zu setzen? Hatte er vielleicht einen andern Werthvolleren für sie auf dem Rohre? Je dunkler es ward, je mehr Licht brachte ich in diese schaudervolle Möglichkeit, denn sein auffallendes Erscheinen, die unberufenen Aeußerungen seiner Ansichten über das einfältige Dekorum; seine beredten Remonstrationen auf unsere beiderseitige Einwendungen, sein Dringen auf sofortige Trennung; sein heuchlerisches Versprechen, wegen unserer baldigsten Verbindung das Nöthige beßtens besorgen zu wollen – alles paßte zusammen, um meinen rege gewordenen Verdacht vollständig zu begründen; und wenn ich an das Lächeln dachte, mit dem er seine gelehrten Sentenzen zuweilen begleitete; so mußten sich dießmal meine Zweifel in seine Rechtlichkeit immer mehr bestätigen. Ich begriff meine einfältige Leichtgläubigkeit nicht, mit der ich meine süße Klotilde unwiederbringlich aus den Händen gegeben hatte. Was gingen uns die Leute und ihr dummes Gerede an. Hatte die Kirche erst unserem Bunde die Weihe gegeben, so konnte die Welt schwatzen, was sie wollte; man sprach höchstens vier Wochen darüber, und dieß dazu hoffentlich hinter unserem Rücken, wovon wir also nicht einmal etwas hörten, und dann hätte unser Wandel und unser Betragen jedes nachtheilige Urtheil wohl widerlegen sollen. Umkehren, zu Klotilden fliegen, sie in den Arm nehmen, und uns in einfacher Stille von unserm wackern Prediger in Buchenhayn einsegnen lassen, war das Beßte. Doch die Aufträge des Grafen in der Residenz, von denen manche nicht wohl aufschieblich waren; die Scham vor Stremler, Klotilden und mir selber – Nach langem Kampfe siegte endlich die Vernunft und ich fuhr weiter. 75. In den ersten Tagen schon erhielt ich von Klotilden die zärtlichsten Briefe; sie erfolgten posttäglich; immer herzlicher und inniger. Unter mehreren Mittheilungen schrieb sie mir auch, daß ihr verändertes Verhältniß durch Stremler in der Gegend bekannt geworden wäre, und daß, unter dem Vorwande, sich in Buchenhayn umzusehen, fast alle Tage junge Männer aus der Nachbarschaft, und selbst aus entfernteren Ortschaften kämen, deren Absichten offenbar andere, als die vorgewandten, zu seyn schienen; daß sie sich aber vor keinem sehen lasse, und allen Anmeldungen, Visiten und Versuchen, sich ihr vorstellen zu lassen, jedesmal ausweiche. Sie ergoß sich in die bittersten Bemerkungen über die flache Erbärmlichkeit dieser Menschen, die von dem fremden armen Mädchen aus Dijon bisher nicht die geringste Kenntniß genommen, und nun naiv genug waren, mit ihr die Renten von Buchenhayn theilen zu wollen. In einem ihrer jüngsten Briefe erwähnte sie übrigens, daß ihr der Vater, von Piombino aus, ungemein gütig geschrieben, und Sie und mich, im Namen seiner Gattin, eingeladen, je eher je lieber einmal hinzukommen. Sie fand jetzt Stremlers Plan, gleich nach der Verbindung die Reise nach Italien anzutreten, zu des Vaters Einladung sehr glücklich passend, und träumte mit ihrer lebendigen Phantasie schon von nichts, als von den Genüssen, die unserer auf dieser schönen Tour warteten. Auf einmal blieben ihre Briefe aus. Ich marterte mich einen, zwei, drei Posttage mit allerlei erdenklichen Besorgnissen und Beunruhigungen. Vergehens. – Keine Zeile! keinen Buchstaben. Jetzt hielt es mich nicht länger. Die wichtigsten Angelegenheiten des Vaters waren ohnehin in Ordnung, die minder wichtigen konnten, mußten warten. Von unleidlicher Qual bis auf das Höchste gefoltert, bestellte ich auf der Post selbst zwei Kourier-Pferde. Der Briefträger begegnete mir im Posthause und händigte mir ein eben mit Estafette eingetroffenes Schreiben ein. Es war von Klotilden; Überschrift und Siegel von einem Dritten. Verrathe mich nicht, schrieb sie: ich wollte nichts, als Dir sagen, daß ich Dich liebe; daß ich Dich namenlos, daß ich Dich unendlich liebe. Am Ausbleiben meiner Briefe bin ich unschuldig; man hat sie unterschlagen. Komme bald, mein einziger, mein lieber, mein herzenslieber Freund. Sag Stremler nicht, daß ich Dir geschrieben; sag es Niemand. Man will nicht, daß ich Dir habe schreiben sollen. Immer und ewig und noch viel länger Deine treue Klotilde. Vier Kourier-Pferde! rief ich, das unerklärliche Billet in der Hand, und zitterte am ganzen Körper. Es mußte Ungeheures vorgefallen seyn. Wer hatte ein Recht über das freie Burgunder-Mädchen, wer über die Herrin der Grafschaft Buchenhayn? Warum brauchte sie sich vor Stremler zu verstecken? Wer war der, der sich unterstehen durfte, ihre Briefe zu unterschlagen? – Ich jagte athemlos in meinen Gasthof, saß in einer halben Stunde im Wagen, und flog mit den vier Kourier-Pferden zum Thore hinaus. Mein Weg ging über Käferlingen. Ich überraschte Stremler, der nichts weniger als mich erwartet zu haben schien, am frühen Morgen beim Frühstück. Sein Gesicht war mein Commentar. Er konnte den an mir und Klotilden begangenen Hochverrath nicht bergen. Er war unbefangen genug, um mir zu gestehen, daß ich ihm gar nicht gelegen komme. Er schalt auf die Ungeduld meiner Liebe; nahm sich heraus, verdrüßlich darüber zu seyn, daß ich viel früher komme, als der Abrede gemäß; brummte vor sich hin, daß nun der ganze Spaß verdorben sey, und zog sich unterdessen an, um mich, ungebetener Weise, zu begleiten. Daß Klotildens nothgedrungenes Schweigen und ihre angstvollen Zeilen meine Rückkunft beschleunigten, durfte ich ihm nicht verrathen; ich that mir also die möglichste Gewalt an, ihn den Sturm meines heimlichen Ingrimms nicht merken lassen, log ihm vor, daß meine Geschäfte in der Residenz früher abgemacht worden wären, als ich hätte vermuthen können; daß ich dort an dem wüsten großstädtischen Leben länger keinen Gefallen hätte finden können; daß ich von der Idee, uns in Weideleben copuliren zu lassen, völlig abgegangen wäre, weil der dortige Pfarrer mir weniger zusage, als unserer in Buchenhayn; daß ich Klotilde nur auf einige Stunden zu sprechen wünsche, und daß ich dann, da er einmal unser dortiges Beysammenseyn vor der Hochzeit nicht wohl für schicklich halte, wieder hierher nach Käferlingen zurückkehren, und hier bis zum Hochzeittage selbst, dessen Bestimmung ich Klotilden anheimstellen wolle, verbleiben würde. Schön, recht sehr schön! entgegnete Stremler, fuhr in die Kleider, und machte eine Miene dazu, als wollte er sagen, komme Du nur nach Buchenhayn, Du wirst dort schon die gehörige Bescheerung finden. Endlich saßen wir im Wagen! Er fing, um die Unterhaltung in den Gang zu bringen, an, von Geschäften zu sprechen, allein, wie konnte ich jetzt mit dem vollen, übervollen Herzen, in der Überspannung, in der ich mich befand, mit der Idee, das Unerhörteste aus Klotildens Munde zu vernehmen, von trockenen Geschäften reden; ich schloß die Augen, versicherte, von der Nachtreise sehr erschöpft zu seyn, und drückte mich in die Ecke des Wagens. Ich ärgerte mich jetzt, daß ich bei ihm vorgefahren und nicht allein nach Buchenhayn geeilt war. Aber meine Neugierde, von ihm etwas Näheres über die Lage der Dinge zu erfahren, und der innere Drang, ihn wegen seines Benehmens zur Rede zu stellen, waren zu groß gewesen. Beide Absichten aber hatte ich verfehlt; ich wußte so viel als vorher, und statt daß ich vor ihm meinen ganzen Verdruß hatte ausschütten wollen, spielte er den Verdrüßlichen. Mit jeder Minute wollte ich losbrechen, aber ich hätte Klotilden ja verrathen. Einige wenige Stunden kostete es nur, mir noch Gewalt anzuthun. Erst mußte ich sie sprechen, und dann sollte das schwere Gericht über Stremler und alle ergehen, die sich unterfangen hatten, sich uns und unserm Lebensglück in den Weg zu stellen. 76. Wir rollten eben vor der Warnungtafel vorüber. Der blutroth Angethane – wahrhaftig er hatte einige Ähnlichkeit mit Stremler! Der gute alte, selige Graf! Um seine Alleen zu sichern, hatte er, mit seiner Alles umfassenden Vorsorge, das abschreckende Merkzeichen hingestellt, und die schönste Blüthe seines eigenen Stammbaumes, Klotilde, sollte schonungslos den Händen des ersten beßten Baumfrevlers Preis gegeben werden. Nicht also – Herr Stremler! sagte ich, vor heimlichen Ärger erglühend, zu mir selbst, und drückte die Augen wieder zu, und ward nicht eher wieder munter, als bis wir in die Gegend der Gartenthür kamen, durch die ich bei meinem ersten Hierseyn in den Park getreten war. Ich ließ halten, stieg mit Stremler aus, trat in den Garten, und sah – war ich denn verzaubert? träumte ich denn? waren denn meine Augen vom Teufel geblendet? – nicht dreißig Schritte vor mir, Klotilden an der Seite eines fremden, wohlgestalteten Herrn, vor mir hergehen. Sie lachte einige Male laut, klatschte in die kleinen Hände und schien mit den Fremden auf einen sehr vertraulichen Fuß zu stehen, denn sie legte ihre Hand auf seine Achsel, sie – Mir verging Hören und Sehen, und Stremler verhielt sich das Lachen, und in seinem Blicke schien die Frage zu liegen, was ich zu dem Auftritte sage. Wer ist denn das? flisterte ich zwischen den zusammengeknirschten Zähnen, halb leise: da lachte Stremler laut auf, der Fremde wendete das Gesicht nach uns – Klotildens Vater – das Mädchen stürzte mit einem Freudengeschrei in meine Arme. Aus der Seiten-Allee eilte eine junge schöne Frau auf die überraschte Gruppe zu, und ohne daß mir jemand die holde Fremde vorstellte, wußte ich, daß es die italische Gattin des Grafen sey. Dem Vaterherzen war, der sanften liebreizenden Gattin gegenüber, das Geständniß der früheren Verbindung mit Klotildens verklärter Mutter, nicht schwer geworden. Die scharfsüchtige Frau hatte bald den glühenden Wunsch des Vaters entdeckt, sein Kind, das sie aus Frugoni's Bilde mit himmlischer Anmuth ansprach, von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Eigener, herzlicher Antheil an dem bis jetzt fast verwais't gewesenen Kinde ihres geliebten Mannes, und, wie die Gräfin selbst gestand, die Neugierde, zu wissen, ob das Mädchen wirklich so reizvoll sey, als Frugoni es malte, hatte ihr den Vorschlag in die Seele dictirt, unvorzüglich nach Deutschland zu reisen, und der liebende Vater war entzückt gewesen, das geheime Verlangen seiner Sehnsucht von der angebeteten Frau so zart unterstützt zu sehen. Beide hatten geglaubt, mich hier an Klotildens Seite zu finden; indessen war ich beim Vater noch mehr im Preise gestiegen, als er hörte, daß ich die Seligkeit der Brautwochen, meiner Pflicht gegen ihn und seine Aufträge, zum Opfer brachte. Klotilde hatte mit kindlicher Offenheit die Geschichte der letzten Tage erzählt, vom Vater den Segen zu ihrer Verbindung mit mir wiederholentlich erhalten, und die junge Gräfin, die mit Klotilden bald ein Herz und eine Seele war, hatte sich ausbedungen, die Ausrichtung unserer Hochzeitfeier allein übernehmen zu dürfen. Ich hatte mit allen den Herrlichkeiten überrascht werden sollen, darum war Klotilden auf das strengste untersagt worden, mich vom Hierseyn der Eltern in Kenntniß zu setzen; und weil sie der Zuverlässigkeit ihrer Feder in derlei Dingen doch nicht recht trauten; so hatte mein ehrlicher, lieber Stremler, der mit im Komplot stack, die honette Einrichtung getroffen, ihre an mich gesandten Briefe sich von dem Käferlinger Postamte wieder ausliefern zu lassen. Damit ich jedoch über das Ausbleiben ihrer Briefe nicht unruhig werden, noch an der Dauer ihrer Liebe zweifeln solle, hatte sie mir heimlich, per Estafette, den lakonischen, in meiner damahligen Stimmung mein Innerstes empörenden Brief geschrieben. Jetzt – jetzt hatte ich den Schlüssel zu Allem, und mein zauberholdes Mädchen im Arme. Acht Tage später rief uns zur selbigen Stunde das herrliche Festgeläute unserer Kirche zum Traualtar. Halb Käferlingen füllte den schönen, einfachen Tempel, in dessen Grundfesten sein Erbauer, der verewigte edle Graf, der Stifter unseres Glückes, nach gesegnetem, thatenvollen Leben, der Ruhe des Grabes genoß. Im dichteren Kreise um uns herum aber standen sämmtliche Gemeinden der ganzen Herrschaft. Alles Gäste der jungen Gräfin, und darum in hochzeitlichen Kleidern und stattlich geschmückt. Und als das Lied, mit dem uns die Versammlung im Gotteshause empfing, geendet hatte, und die Töne der prächtigen Orgel im weiten hohen Raume verklungen waren, da trat der Graf auf die unterste Stufe des Altars, und stellte den Schulzen und Gerichten und ihren sie umringenden Gemeinen, Klotilden als seine Tochter und ihre Herrin vor, und sagte ihnen in einfachen Worten, daß er Klotildens Herzen, aus Gründen eigener Erfahrung, freie Wahl gelassen, und daß sie ihre Hand mir gelobt habe. Sein verstorbener Vater, die hier an heiliger Stätte versammelten Gerichts- und Obrigkeitlichen Behörden, und sämmtliche Guts-Einwohner hätten mein Lob einstimmig ausgesprochen, und darum segne er mit vollem Herzen den Bund, den Unschuld und Liebe geschlossen, und bitte jetzt den Diener Gottes, uns im Namen des Allliebenden die fromme Weihe der Kirche zu geben. – Klotilde sank mit mir zu des Vaters Füßen nieder; wir umschlangen dankbar seine Kniee. Er hob uns tief bewegt in seine Arme. Der Prediger bekräftigte den Bund unserer Liebe mit der Kirche heiligem Segenspruch, und vor Gottes Altare gelobten sämmtliche Guts-Einsassen, die uns von den ersten Tagen unsers Hierseyns an, herzlich zugethan gewesen waren, dieß bis zum letzten zu bleiben. Als wir aber Paar und Paar, unter feierlicher Musik, nach dem Schlosse zogen, erwischte in der Kirchthür der alte Meister Heftlinger meine Hand, und drückte sie freudig an sein Herz. Unser Hof- und Leibschneider, sagte ich lächelnd zu Klotilden, und stellte ihn ihr, in dankbarer Erinnerung jenes Morgens, wo er mir den Rath gab, mein Lebensglück in Buchenhayn zu suchen, als den Mann vor, durch den ich es hier gefunden. In der feierlichen Stimmung, in der ich in diesem Augenblicke war, gedachte ich der Worte Sirachs! Bleibe treu Deinem Freunde in seiner Armuth, daß Du Dich mit ihm freuen mögest, wenn es ihm wohl geht. Ich erwiederte seinen biedern Handdruck herzlich, und Klotilde; die Ähnliches fühlen mochte, reichte ihm freundlich ihre Rechte und ladete ihn, unter Zustimmung der Mutter, die hinter uns ging, und das, was ich über ihn gesprochen, mit angehört hatte, zur gastlichen Tafel. Unsere wackern Bauern, die mein süßes Frauchen, um seiner sanften Milde und zarten Sorglichkeit für das häusliche Wohl ihrer Familien willen, in der rührenden Einfalt ihrer unverdorbenen Herzen fast vergöttern, wissen, daß Burgund das schöne Vaterland des holden Engels ist. Die von ihnen selbst ausgegangene Idee, alle Befriedigungen ihrer Dorfgärten, statt der bisherigen todten Zäune, ihr zu Ehren von Burgunderröschen , anzulegen. ist ein Beweis ihrer gewiß recht sinnigen Aufmerksamkeit. Denselben Spätherbst noch wurden überall, im ganzen Bereiche unserer Besitzungen, solche Hecken angelegt, und in diesem Frühjahr schon stehen die grünenden Landsleute meiner Klotilde frisch und munter, und blühen mit ihr um die Wette. Den ganzen Winter über hatten wir von dem Plane gesprochen, die Ältern, die gleich nach unserer Verbindung zurückreis'ten, in Piombino zu besuchen; aber heute, da ich über die Zeit unserer Abreise Klotildens Wünsche bestimmter vernehmen wollte, fiel sie mir glühroth und fröhlich weinend um den Hals, und lispelte mir verschämt in das Ohr, daß dießmal aus der Reise nach Italien nichts werden könne. Ich weiß auch, warum.