Miguel de Cervantes Saavedra Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha – Erstes Buch Vorrede Müßiger Leser! Ohne Eidschwur kannst du mir glauben, daß ich wünschte, dieses Buch, als der Sohn meines Geistes, wäre das schönste, stattlichste und geistreichste, das sich erdenken ließe. Allein ich konnte nicht wider das Gesetz der Natur aufkommen, in der ein jedes Ding seinesgleichen erzeugt. Und was konnte demnach mein unfruchtbarer und unausgebildeter Geist anderes erzeugen als die Geschichte eines trockenen, verrunzelten, grillenhaften Sohnes, voll von mannigfaltigen Gedanken, wie sie nie einem andern in den Sinn gekommen sind? Eben eines Sohnes, der im Gefängnis erzeugt wurde, wo jede Unbequemlichkeit ihren Sitz hat, jedes triste Gelärm zu Hause ist. Friedliche Muße, eine behagliche Stätte, die Lieblichkeit der Gefilde, die Heiterkeit des Himmels, das Murmeln der Quellen, die Ruhe des Geistes tragen viel dazu bei, daß die unfruchtbarsten Musen sich fruchtbar zeigen und dem Publikum Erzeugnisse bieten, die es mit Bewunderung und Freude erfüllen. Es geschieht wohl, daß ein Vater einen häßlichen Sohn besitzt, der aller Grazie bar ist, und die Liebe, die er für ihn hat, legt ihm eine Binde um die Augen, daß er dessen Fehler nicht sieht, vielmehr sie für witzige und liebenswürdige Züge erachtet und sie seinen Freunden als scharfsinnige und anmutige Äußerungen erzählt. Jedoch ich, der ich zwar der Vater Don Quijotes scheine, aber nur sein Stiefvater bin, ich will nicht mit dem Strom der Gewohnheit schwimmen, noch dich, teurer Leser, schier mit Tränen in den Augen bitten, wie andre tun, daß du die Fehler, die du an diesem meinem Sohne finden magst, verzeihen oder nicht sehen wollest; denn du bist weder sein Verwandter noch sein Freund, hast deinen eignen Kopf und deinen freien Willen wie der Allertüchtigste auf Erden und sitzest in deinem Hause, darin du der Herr bist wie der König über seine Steuergelder, und weißt, was man gemeiniglich zu sagen pflegt: unter meinem Mantel kann ich den König umbringen. Alles dieses enthebt und befreit dich von jeder Rücksicht und Verpflichtung, und so kannst du von dieser Geschichte alles sagen, was dir gut dünkt, ohne zu besorgen, daß man dich schelte ob des Bösen, noch belohne ob des Guten, das du von ihr sagen magst. Nur hätte ich sie dir gerne bar und nackt geben mögen, nicht aufgeputzt mit einer Vorrede und dem unzählbaren Haufen und Katalog der üblichen Sonette, Epigramme und Lobgedichte, die man den Büchern an den Eingang zu setzen pflegt. Denn ich kann dir sagen, obschon diese Geschichte zu schreiben mich manche Mühe gekostet hat, so erschien mir doch keine größer, als diese Vorrede auszuarbeiten, die du hier liesest. Oft nahm ich die Feder, um sie niederzuschreiben, und oft ließ ich sie wieder fallen, weil ich nicht wußte, was ich schreiben sollte. Und wie ich einmal so unschlüssig dasaß, mit dem Papier vor mir, die Feder hinter dem Ohr, den Ellbogen auf dem Schreibtisch und die Hand an der Wange, erwägend, was ich sagen sollte, da trat unversehens ein Freund von mir herein, ein Mann von Witz und großer Einsicht; und als er mich so nachdenklich sah, fragte er mich um die Ursache. Ich hielt nicht damit zurück und sagte ihm, ich dächte über die Vorrede nach, die ich zur Geschichte des Don Quijote schreiben müsse und um derentwillen ich mich in einem solchen Zustand befände, daß ich sie gar nicht schreiben und ebensowenig die Taten dieses so edlen Ritters ans Licht treten lassen wolle. »Denn wie könnt Ihr verlangen, daß mich die Vorstellung: ›Was wird jener alte Gesetzgeber, den man den großen Haufen nennt, dazu sagen?‹ nicht ratlos mache, wenn er sehen wird, daß nach so vielen Jahren, seit ich im Schweigen der Vergessenheit schlafe, ich jetzt mit all meinen Jahren auf dem Halse mit einer Mär hervortrete, die da so dürr ist wie Dünengras, aller Erfindung bar, mangelhaft im Stil, arm an geistreichem Spiel der Worte und aller Gelehrsamkeit und Wissenschaft entbehrend, ohne Zitate am Rand und ohne Notate am Schluß des Buches; dieweil doch, wie ich sehe, andre Bücher alles dies haben und, selbst wenn sie fabelhaften und weltlichen Inhaltes sind, so voll von Aussprüchen des Aristoteles, des Plato und der ganzen Schar von Philosophen einhersteigen, daß sie die Leser in Staunen setzen und daß diese deren Verfasser für belesene, gelehrte und wohlberedte Männer halten. Und wie erst, wenn sie die Heilige Schrift anführen! Man möchte nicht anders glauben, als daß sie lauter heilige Thomase sind oder andre Kirchenlehrer, und dabei beobachten sie die Schicklichkeit so geistvoll, daß, wenn sie in einer Zeile einen verliebten Bruder Liederlich gemalt haben, sie in der nächsten ein Stücklein christlicher Predigt hinschreiben, daß es ein Vergnügen und Genuß ist, es anzuhören oder zu lesen. Alles dessen muß mein Buch entbehren, denn ich habe nichts am Rand zu zitieren, nichts am Schluß zu notieren, und noch weniger weiß ich, welchen Autoren ich in meinem Buche folge, um sie, wie alle tun, nach dem Abc an den Eingang zu stellen, beim Aristoteles anfangend und endigend mit Xenophon und mit Zoilus oder Zeuxis – obschon der eine ein Lästermaul und der andre ein Maler war. Auch wird es meinem Buche an Sonetten zum Eingang fehlen, wenigstens an solchen, die von Herzogen, Marquesen, Grafen, Bischöfen, Edeldamen oder weltberühmten Poeten verfaßt wären. Freilich, wenn ich mir solche von zwei oder drei befreundeten Handwerksburschen erbäte, so weiß ich, sie würden sie mir geben, und zwar so gute, daß ihnen die jener Herren nicht gleichkämen, die am meisten Ruf in unsrem Spanien haben. Kurz, werter Herr und Freund«, fuhr ich fort, »ich habe beschlossen, daß der Herr Don Quijote in seinen Archiven in der Mancha begraben bleiben soll, bis der Himmel jemanden beschert, der ihn mit so vielen Dingen, die ihm jetzt fehlen, ausschmücke; denn ich fühle mich wegen meiner Unzulänglichkeit und meiner mangelhaften literarischen Bildung unfähig, hier abzuhelfen, und bin auch von Natur zu bequem und zu träge, um nach Autoren suchen zu gehen, die da sagen sollen, was ich für mich schon ohne sie sagen kann. Daher kommt's, daß ich so unschlüssig und aufgeregt war, wie Ihr mich gefunden habt; und sicher war der Grund, den ich Euch dargelegt habe, ein genügender, um mich in solche Zustände zu versetzen.« Als mein Freund das hörte, schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn, und in ein mächtiges Gelächter ausbrechend, sagte er zu mir: »Bei Gott, Gevatter, jetzt erst werde ich eines Irrtums völlig los, in dem ich die lange Zeit her lebte, seit ich Euch kenne, denn bisher hielt ich Euch immer in allen Euren Handlungen für verständig und besonnen. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr so fern davon seid wie der Himmel von der Erde. Wie ist es möglich, daß Dinge von so geringer Bedeutung, und denen so leicht abzuhelfen ist, die Macht haben, einen so reifen Geist zu beirren und zu verwirren wie den Eurigen, der so dazu angetan ist, weit größere Schwierigkeiten zu bewältigen und aus dem Wege zu räumen? In Wahrheit, das kommt nicht vom Mangel an Geschick, sondern aus Überfluß an Trägheit und aus Denkfaulheit. Wollt Ihr sehen, ob ich die Wahrheit sage? Nun, so schenkt mir einige Aufmerksamkeit, und da werdet Ihr finden, wie ich im Handumdrehen all Eure Bedenklichkeiten zunichte mache und Euch alles das herbeischaffe, dessen Mangel, wie Ihr sagt, Euch so verlegen macht und entmutigt, daß Ihr es aufgebt, die Geschichte Eures berühmten Don Quijote, des Lichtes und Spiegels der gesamten fahrenden Ritterschaft, ans Licht der Welt treten zu lassen.« »Sagt«, entgegnete ich ihm, als ich dies hörte, »auf welche Weise wollt Ihr die Leere meiner Besorgnis ausfüllen und Helle in das Chaos meiner Verlegenheit bringen?« Darauf antwortete er: »Das erste, woran Ihr Euch stoßt, nämlich daß Sonette, Epigramme oder Lobgedichte Euch für den Eingang des Buches fehlen, und zwar solche, die von Personen von Ansehen und Adel herrühren – dem kann dadurch abgeholfen werden, daß Ihr selbst einige Mühe darauf wendet, sie anzufertigen, und nachher könnt Ihr sie taufen und jeden Namen, der Euch beliebt, daruntersetzen und könnt sie dem Priester Johannes aus Indien oder dem Kaiser von Trapezunt als Kinder unterschieben, da man von ihnen, wie ich weiß, Nachricht hat, sie seien berühmte Poeten gewesen; und wenn sie es auch nicht gewesen wären und wenn es dann ein paar Pedanten und Schwätzer gäbe, die hinterrücks nach Euch beißen und gegen Eure Angabe belfern wollten, so achtet das nicht eines Dreiers wert; denn wenn sie Euch auch die Lüge nachweisen, so werden sie Euch doch nicht die Hand abhauen, mit der Ihr's geschrieben habt. Was nun den Punkt betrifft: am Rande die Bücher und Schriftsteller aufzuführen, woraus Ihr die Lehrsprüche und Kernworte entlehnt, die Ihr in Eurer Geschichte anwendet, so braucht es weiter nichts, als es so einzurichten, daß hie und da zu gelegener Zeit etliche Sprüche oder lateinische Brocken vorkommen, die Ihr etwa schon auswendig wißt oder die aufzusuchen Euch doch nur geringe Mühe kostet; wie zum Beispiel, wenn Ihr da, wo Ihr von Freiheit und Gefangenschaft handelt, folgendes hinschreibt: Non bene pro toto Libertas venditur auro – und dann gleich am Rande den Horaz anführt, oder wer sonst es gesagt haben mag. Wenn Ihr etwa von der Gewalt des Todes handelt, dann gleich herbei mit: Pallida mors aequo pulsat pede pauperum tabernas, Regumque turres. Wenn von der Freundschaft und Liebe, die Gott befiehlt gegen den Feind zu üben, dann gleich auf der Stelle in die Heilige Schrift hineingegriffen, was Ihr mit einem wenigen von Beflissenheit fertigbringen könnt, und entlehnt nichts Geringeres als Gottes eigene Worte: Ego autem dico vobis: diligite inimicos vestros . Wenn Ihr von bösen Gedanken handelt, so kommt mit dem Evangelium herbei: De corde exeunt cogitationes malae . Wenn von der Unbeständigkeit der Freunde, so ist Cato da, Euch sein Distichon zu geben: Donec eris felix, multos numerabis amicos; Tempora si fuerint nubila, solus eris. Und mit diesen lateinischen Brocken und anderen der Art werden sie Euch doch zum mindesten für einen Grammatiker halten, was zu sein heutzutage nicht wenig Ehre und Vorteil bringt. In betreff des Schreibens von Anmerkungen zu Ende des Buches, das könnt Ihr mit aller Sicherheit folgendergestalt machen: Wenn Ihr in Eurem Buch irgendeinen Riesen nennt, so richtet es so ein, daß es der Riese Goliath sei, und allein schon damit, was Euch soviel wie nichts kosten wird, habt Ihr eine große Anmerkung, denn Ihr könnt hinsetzen: Der Riese Golías oder Goliath war ein Philister, den der Hirte David mit einem gewaltigen Steinwurf im Terebinthental tötete, wie solches im Buch der Könige berichtet wird, in dem und dem Kapitel, wo ihr es geschrieben finden könnt. Hierauf, um Euch als gelehrt in den schönen Wissenschaften und als welt- und länderkundigen Mann zu zeigen, legt es so an, daß in Eurer Geschichte der Fluß Tajo genannt werde, und gleich seht Ihr Euch wieder mit einer wundersamen Anmerkung versorgt, indem Ihr hinsetzt: Der Fluß Tajo wurde nach einem spanischen Könige so benannt; er hat seinen Ursprung an dem und dem Ort und verliert sich im Großen Ozean, nachdem er die Mauern der berühmten Stadt Lissabon geküßt, und man meint, er führe Goldsand. Wenn Ihr etwa von Räubern handelt, will ich Euch die Geschichte von Cacus geben, denn ich weiß sie auswendig. Wenn von leichtfertigen Weibern, so ist der Bischof von Mondonedo zur Stelle, der Euch Lamia, Lais und Flora bieten wird, welche Anmerkung Euch ein großes Ansehen geben muß; wenn von grausamen, wird Euch Ovid die Medea hergeben. Wenn von Zauberinnen und Hexen, so hat Homer die Kalypso und Vergil die Kirke. Wenn von tapfern Feldherrn, so wird sich Euch kein Geringerer als Julius Cäsar selbst in seinen Kommentarien darbieten und Plutarch Euch tausend Alexander geben. Wollt Ihr von der Liebe handeln, so werdet Ihr mittels eines Lots Kenntnis von der toskanischen Sprache auf Leone Ebreo stoßen, der Euch das Maß bis zum Überlaufen füllen kann. Und wenn Ihr nicht in fremde Lande gehen wollt, so habt Ihr in Eurem Hause den Fonseca Von der Liebe zu Gott , worin alles inbegriffen ist, was Ihr und der Allersinnreichste nur immer bei einem solchen Gegenstand zu wünschen vermögt. Kurz, es braucht weiter nichts, als daß Ihr Euch die Mühe gebt, diese Namen zu nennen oder diese Geschichten, die ich hier bezeichnet habe, in der Eurigen zu berühren, und mir laßt dann die Sorge, die Notate und Zitate beizusetzen; ich schwör Euch drauf, ich will Euch die Ränder füllen und noch ein Dutzend Blätter am Ende des Buches verbrauchen. Kommen wir nun zu der Anführung der Schriftsteller, die bei den andern Büchern üblich ist und die zu Eurem Buch fehlt. Die Abhilfe dafür ist sehr leicht, denn Ihr habt nichts weiter zu tun als ein Buch herbeizusuchen, das sie alle von A bis Z, wie Ihr sagt, bereits angeführt hat. Nun wohl, dies nämliche Abc setzt Ihr in Euer Buch; denn wenn man auch daraus, daß Ihr so gar wenig nötig hattet, die vielen Schriftsteller zu benutzen, die Lüge deutlich ersieht, so liegt nichts daran; und vielleicht gibt's immerhin jemanden, der so einfältig ist, zu glauben, Ihr hättet in Eurer einfachen und schlichten Geschichte sie doch alle benutzt. Und wenn auch zu weiter nichts, so wird jener große Katalog von Schriftstellern wenigstens dazu dienen, dem Buch auf einen Schlag Ansehen zu verschaffen. Zudem wird sich nicht leicht einer finden, der sich an die Untersuchung begibt, ob Ihr ihnen gefolgt oder nicht gefolgt seid, da ihm gar nichts daran liegen kann. Und dies ist um so mehr der Fall, da, wenn ich recht verstehe, dies Euer Buch nicht eines jener Dinge nötig hat, die, wie Ihr sagt, ihm fehlen; denn das Ganze ist nur ein Angriff auf die Ritterbücher, an die Aristoteles nie gedacht, von denen der heilige Basilius nichts gesagt und bis zu denen Cicero sich nicht verstiegen hat; und ebensowenig gehört in den Kreis seiner erdichteten Narreteien die strenge Genauigkeit geschichtlicher Wahrheit wie die Beobachtung der Sterndeuterei; auch sind ihm von keinem Wert die geometrischen Messungen noch die Widerlegung der Beweisführungen, deren sich die Redekunst bedient. Ebensowenig soll es irgendwem etwas vorpredigen und so das Menschliche mit dem Göttlichen vermischen – eine Art von Vermischung, die kein christlicher Geist zur Schau tragen soll. Ausschließlich soll es in allem, was es darstellt, sich der Nachahmung befleißigen, und um so vollkommener diese sein wird, um so besser wird ausfallen, was Ihr schreibt. Und da dies Euer Werk auf weiter nichts ausgeht, als das Ansehen und die Gunst zu zerstören, die die Ritterbücher in der Welt und bei der Masse genießen, so ist kein Grund, weshalb Ihr betteln gehen solltet um Kernsprüche der Weltweisen, um gute Lehren der Heiligen Schrift, Erfindungen der Dichter, hohe Worte der Redekünstler, Wunder der Heiligen; sondern Ihr habt nur darum bemüht zu sein, daß in schlichter Weise, mit bezeichnenden, anständigen und wohlgefügten Worten, Euer Stil und Satzbau klangvoll und anmutig dahinschreite; indem Ihr in allem, was Ihr erreichen könnt und was Euch möglich ist, Euern Endzweck getreulich darstellt und Eure Gedanken zum Verständnis bringt, ohne sie zu verwickeln und zu verdunkeln. Strebet auch danach, daß beim Lesen Eurer Geschichte der Schwermütige zum Lachen erregt werde, der Lachlustige noch stärker auflache, der Mann von einfachem Verstande nicht Überdruß empfinde, der Einsichtsvolle die Erfindung bewundere, der sinnig Ernste sie nicht mißachte und der Kenner nicht umhinkönne, sie zu loben. Mit einem Worte, richtet Euer Augenmerk darauf, das auf so schlechter Grundlage ruhende Gerüste jener Ritterbücher niederzureißen, die von so vielen verabscheut und von einer noch weit größeren Anzahl gepriesen werden; und wenn Ihr dieses Ziel erreicht, so werdet Ihr nichts Geringes erreicht haben.« Mit tiefem Schweigen saß ich und hörte meinem Freunde zu, und so tief prägten sich mir seine Worte ein, daß ich, ohne eine Widerrede zu versuchen, ihnen meine Gutheißung erteilte und mir vornahm, aus diesen selben Worten meine Vorrede zusammenzutragen. In ihr also wirst du, holder Leser, die Verständigkeit meines Freundes ersehen sowie mein gutes Glück, in einem so bedrängten Augenblicke einen solchen Ratgeber gefunden zu haben, und zugleich die Quelle deiner eigenen Befriedigung darüber, daß du die Geschichte des berühmten Don Quijote von der Mancha so lauter und so ganz ohne Abirrungen erhältst; des Mannes, von dem unter allen Bewohnern des Gefildes von Montiel die Meinung geht, daß er der keuscheste Liebhaber und der tapferste Ritter gewesen, den man von vielen Jahren her bis zu dieser Zeit in jenen Gegenden gesehen. Ich will den dir geleisteten Dienst, daß ich dich einen so edlen und ehrsamen Ritter kennen lehre, nicht zu hoch anschlagen; aber danken sollst du mir, daß du Bekanntschaft mit seinem Schildknappen, dem berühmten Sancho Pansa, machst, in welchem ich dir, nach meiner Ansicht, den Inbegriff aller knappenhaften Witze vorführe, die in dem Haufen der Ritterbücher sich zerstreut finden. Und hiermit, Gott möge dir Heil gewähren und mich nicht vergessen. Leb wohl. Urganda die Unerkannte an das Buch Don Quijote von der Mancha Wenn zu Trefflichen zu ko-mmen Du, mein Buch, erstreben ka-nnst, Wird dir kein Gelbschnabel sa-gen, Daß du es nicht gut getro-ffen. Doch packt Ungeduld dich o-ft, Weil du Eseln wirst zu ei-gen, Wirst du sehn im Nu, daß kei-ner Auf den Kopf den Nagel tre-ffe, Ob er sich die Finger le-cke, Sich als Mann von Geist zu zei-gen. Und da die Erfahrung spri-cht: Wer an guten Baum sich le-hnt, Daß den guter Schatten de-ckt, Beut dein Stern in Béjar di-r Einen Baum, der königli-ch, Fürsten trägt als seine Frü-chte Und an dem ein Herzog blü-ht, Der ein neuer Alexa-nder; Wage dich in seinen Scha-tten, Denn dem Kühnen lacht das Glü-ck. Abenteuer sollst du si-ngen Eines Ritters aus der Ma-ncha, Dem der Bücher hohler Ta-nd, Die er las, den Kopf verwi-rrte. Frauen, Waffen, edle Ri-tter Hatten so ihn eingeno-mmen, Daß er wie Roland der to-lle Ganz von Liebeswut befa-ngen Sich errang mit starken A-rmen Dulcinea von Tobo-so. Male du nicht eitle Bi-lder Auf den Schild, denn wenn der he-ftige Spieler stets auf Bilder se-tzt, Wird er gegen As verli-eren. Sei demütig in der Wi-dmung! Und dann wird kein Spötter ru-fen: Welch ein Konnetabel Lu-na, Welch karthagischer Hanniba-l, Welch ein König Franz in Spa-nien Will noch übers Schicksal mu-rren! Da der Himmel nicht gewo-llt, Daß so viel Latein du wi-ssest Als der Neger Juan Lati-no, Meide du lateinische Bro-cken. Nicht zitier mir Philosophen, Sei nicht überfein haarspa-lterisch; Sonst verzieht den Mund zum La-chen Wer den Pfiff versteht, und ru-ft Gellend dir ins Ohr den Spru-ch: Warum Kniffe mir und Phra-sen? Nicht beschreib in breitem Schwu-lst Fremder Leute Lebensba-hn; Weitab stehn und liegen la-sse Dinge, die dem Leser Wu-rst. Dem schlägt man auf die Kapu-ze, Der zu breit sich macht mit Wi-tz, Du arbeite nur und schwi-tze, Zu erringen guten Ru-f; Denn wer Albernheiten dru-ckt, Leiht sie aus auf ewige Zi-nsen. Merke dir: der ist ein Na-rr, Der da unterm Glasdach wei-lt Und trotzdem nach Steinen grei-ft Und sie wirft auf Nachbars Da-ch. Doch der Mann von Urteilskra-ft Geht bei allem, was er schrei-bt, Als war Blei an seinen Bei-nen; Und wer das Papier bedru-ckt, Um Backfischchen zu erlu-sten, Hat versimpelt seine Zei-t. Amadís von Gallien an Don Quijote von der Mancha Sonett O du, in dem die Lieb Nachahmung weckte Des Tränenlebens, das mich quält' und plagte, Als auf dem Armutsfelsen ich verzagte, Weil mich Entfernung und Verschmähung schreckte; Du, der zum Trank der Augen Salzflut leckte Und dem zur Mahlzeit, wenn dich Hunger nagte Und Silber, Zinn und Kupfer dir versagte, Die Erd auf harter Erd ein Tischchen deckte; Leb du in Zuversicht, daß dir auf immer – So lang zum mindsten, als die Feuerpferde Apollos in der vierten Sphäre kreisen – Dein Name hell wird sein von Ruhmesschimmer, Dein Vaterland das erst' auf dieser Erde, Dein Autor einzig unter allen Weisen. Don Belianis von Griechenland an Don Quijote von der Mancha Sonett Ich brach, hieb, sprach, schlug Beulen, hab vollbracht Mehr als der fahrenden Ritter ganz Geschlecht, Kühn, brav, stolz, tausend Frevel schwer gerächt Und hunderttausend wiedergutgemacht. Der Ruhm verewigt meiner Taten Pracht; Stets war mein Lieben sanft, freigebig, echt. Im Zweikampf war ich jeder Pflicht gerecht; Ein Riese galt als Zwerg mir in der Schlacht. Zu Füßen mir hatt ich Fortuna liegen; Am Stirnhaar hielt mein schlauer Sinn mit Spotte Die kahle Glatze der Gelegenheit. Doch hob sich auch mein Glück im steten Siegen Über des Mondes Hörner – Don Quijote, Auf deine Heldentaten hab ich Neid. Die Dame Oriana an Dulcinea von Toboso Sonett O schöne Dulcinee! Hätt ich's vollbracht, Mein Miraflores einst, mir zum Ergetzen Und Labsal, nach Toboso zu versetzen, Mit deinem Dorf zu tauschen Londons Pracht! O zierte deine Denkart, deine Tracht Mir Seel und Leib! wie froh würd ich mich schätzen, Den Ritter, der beglückt in deinen Netzen, Zu schaun im Kampfe gegen Übermacht! Hätt ich's vollbracht, mit keuschem Sinn zu meiden Herrn Amadís, wie du dem höflich feinen Quijote dich entzogst trotz seinen Qualen! Ich wär beneidet dann, statt zu beneiden, Blieb froh statt traurig und genoß den reinen Glücksbecher, ohne Zeche zu bezahlen. Gandalin, Schildknappe des Amadís von Gallien, an Sancho Pansa, den Schildknappen Don Quijotes Sonett Heil, edler Mann, dir! Als des Schicksals Macht Dich mit dem Amt des Knappentums belohnt, Hat's dich mit allem Pech so ganz verschont, Daß deine Pflichten du mit Glanz vollbracht. Jetzt wird nicht Sens und Spaten mehr verdacht Den fahrenden Knappen, simpler Geist nun wohnt Im Knappentum; der Hochmut, der den Mond Mit Füßen treten will, wird ausgelacht. Ich neide deinen Ruhm, dein Eselein; Jedoch dein Zwerchsack, der dich kennen lehrt Als höchst fürsichtig, geht mir noch darüber. Heil nochmals dir, du Biedrer, dem allein Hat unser spanischer Ovid gewährt Ehrsamen Gruß mit einem Nasenstüber. Von dem Zierlichen, dem Poeten für Allerhand, auf Sancho Pansa Sancho Pansa bin ich, Kna-ppe Des Manchaners Don Quijo-te; Einst hab ich Reißaus geno-mmen, Meines Lebens klug zu wa-rten. Villadiego sah das Ga-nze Der Politik in der Le-hre, Aus Gefahr sich fortzuste-hlen; Also sagt die Celesti-na, Die ein göttlich Buch mir schi-ene, Wenn's nicht gar zu menschlich wä-re. auf Rosinante Des Babieca Enkelso-hn, Rosinante hochberü-hmt, Meine Schwächen abzubü-ßen, Dient ich einem Don Quijo-te; War im Langsamlaufen gro-ß; Doch dem gaulhaft klugen Si-nn Nie ein Gerstenkorn entgi-ng; Was mich Lazarillo le-hrte, Der, dem Blinden Wein zu ste-hlen, Sich ins Maul den Strohhalm hi-elt. Der rasende Roland an Don Quijote von der Mancha Sonett Du bist kein Großer zwar des Reichs, indessen Muß man als Größten dich der Großen ehren, Du Sieger, unbesiegt von ganzen Heeren; Dir gleich zu sein, darf keiner sich vermessen. Von Liebe zu Angelika besessen, Zog rasend ich, Roldán, zu fernen Meeren, Und Opfer bracht ich auf des Ruhms Altären, Daß nie mein Name sinket in Vergessen. Obschon du den Verstand wie ich verloren, Kann ich dir gleich nicht sein; das Weltall schätzt Weit höher deinen Ruf und deine Taten. Mir wirst du gleich, wenn du den stolzen Mohren, Den wilden Skythen bändigst, der uns jetzt Gleich nennt im Lieben, das vom Glück verraten. Der Sonnenritter an Don Quijote von der Mancha Sonett Nie hat mein Schwert so kühn wie deins gedroht, Du span'scher Phöbus, du voll Lieb und Witz, Und deinem Arm weicht meiner, der als Blitz In Ost und West viel Feinde schlug zu Tod. Den Thron verschmäht ich, den die Welt mir bot, Verließ im Orient den Königssitz Für Claridianas Anblick, denn mich litt's Nur, wo ich sah mein holdes Morgenrot. Heiß liebt ich sie, das hehre Wunderbild; Als sie mich kalt verstieß, griff ich die Rotte Der Höllen an, die ich mit Schrecken schlug. Doch du, ein echter Gote, wild und mild, Bist ewig groß durch Dulcinee, Quijote, Und sie durch dich berühmt als keusch und klug. Solisdan an Don Quijote von der Mancha Sonett Junger Quijote, so Ihr Euch geschwächt Das Hirn und seid zur Narrenzunft gesprochen, So sagt kein Mensch doch, daß Ihr was verbrochen, Noch eines Schelmenstücks Euch habt erfrecht. Wohl Eure Taten sitzen drob zu Recht. Auf Ritterfahrt habt Frevel Ihr gerochen, Und tausendmal zerschlugen Euch die Knochen Manch böser Wicht und mannich loser Knecht. Und so dich Dulcinee gen Euch erbost Und tut Euch Leids und bringt Euch auf den Hund Und Eurem Weh kein willig Labsal gibt, In solchen Nöten sei Euch dies zum Trost: Daß Sancho sich aufs Kuppeln nicht verstund, Ein Dummkopf er, sie hart, Ihr nicht verliebt. Zwiegespräch zwischen Babieca und Rosinante Sonett B. So hager, Rosinante, so verschlissen? R. Weil's Arbeit stets und niemals Futter gab. B. Wirft Euch der Dienst nicht Stroh und Gerste ab? R. Mein Herr verabreicht mir nicht einen Bissen. B. Ihr loser Knecht, schämt Euch in Eu'r Gewissen! Ein Eselsmaul reißt seinen Herrn herab. R. Er ist ein Esel von der Wieg ans Grab; Seht nur, wie er der Liebe sich beflissen! B. Ist Lieben Torheit? R. Doch nicht viel Vernunft. B. Du bist ein Philosoph. R. Das kommt vom Hungern. B. Verklagt den Diener, der auf Euch nichts wandte. R. Wem sollt ich's klagen bei der Bettlerzunft, Wo Herr und Diener in der Welt rumlungern Und grad so schäbig sind wie Rosinante? 1. Kapitel Welches vom Stand und der Lebensweise des berühmten Junkers Don Quijote von der Mancha handelt An einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Junker, einer von jenen, die einen Speer im Lanzengestell, eine alte Tartsche, einen hagern Gaul und einen Windhund zum Jagen haben. Eine Schüssel Suppe mit etwas mehr Kuh- als Hammelfleisch darin, die meisten Abende Fleischkuchen aus den Überbleibseln vom Mittag, jämmerliche Knochenreste am Samstag, Linsen am Freitag, ein Täubchen als Zugabe am Sonntag – das verzehrte volle Dreiviertel seines Einkommens; der Rest ging drauf für ein Wams von Plüsch, Hosen von Samt für die Feiertage mit zugehörigen Pantoffeln vom selben Stoff, und die Wochentage schätzte er sich's zur Ehre, sein einheimisches Bauerntuch zu tragen – aber vom feinsten! Er hatte bei sich eine Haushälterin, die über die Vierzig hinaus war, und eine Nichte, die noch nicht an die Zwanzig reichte; auch einen Diener für Feld und Haus, der ebensowohl den Gaul sattelte als die Gartenschere zur Hand nahm. Es streifte das Alter unsres Junkers an die fünfzig Jahre; er war von kräftiger Körperbeschaffenheit, hager am Leibe, dürr im Gesichte, ein eifriger Frühaufsteher und Freund der Jagd. Man behauptete, er habe den Zunamen Quijada oder Quesada geführt – denn hierin waltet einige Verschiedenheit in den Autoren, die über diesen Kasus schreiben –, wiewohl aus wahrscheinlichen Vermutungen sich annehmen läßt, daß er Quijano hieß. Aber dies ist von geringer Bedeutung für unsre Geschichte; genug, daß in deren Erzählung nicht um einen Punkt von der Wahrheit abgewichen wird. Man muß nun wissen, daß dieser obbesagte Junker alle Stunden, wo er müßig war – und es waren dies die meisten des Jahres –, sich, dem Lesen von Ritterbüchern hingab, mit so viel Neigung und Vergnügen, daß er fast ganz und gar die Übung der Jagd und selbst die Verwaltung seines Vermögens vergaß; und so weit ging darin seine Wißbegierde und törichte Leidenschaft, daß er viele Morgen Ackerfeld verkaufte, um Ritterbücher zum Lesen anzuschaffen; und so brachte er so viele ins Haus, als er ihrer nur bekommen konnte. Und von allen gefielen ihm keine so gut wie die von dem berühmten Feliciano de Silva verfaßten; denn die Klarheit seiner Prosa und die verwickelten Redensarten, die er anwendet, dünkten ihm wahre Kleinode; zumal wenn er ans Lesen jener Liebesreden und jener Briefe mit Herausforderungen kam, wo er an mancherlei Stellen geschrieben fand: Der Sinn des Widersinns, den Ihr meinen Sinnen antut, schwächt meinen Sinn dergestalt, daß ein richtiger Sinn darin liegt, wenn ich über Eure Schönheit Klage führe. Und ebenso, wenn er las: ...die hohen Himmel Eurer Göttlichkeit, die Euch in göttlicher Weise bei den Sternen festigen und Euch zur Verdienerin des Verdienstes machen, das Eure hohe Würde verdient. Durch solche Redensarten verlor der arme Ritter den Verstand und studierte sich ab, um sie zu begreifen und aus ihnen den Sinn herauszuklauben, den ihnen Aristoteles selbst nicht abgewonnen noch sie verstanden hätte, wenn er auch zu diesem alleinigen Zweck aus dem Grab gestiegen wäre. Er war nicht sonderlich einverstanden mit den Wunden, welche Don Belianís austeilte und empfing; denn er dachte sich, wie große Ärzte ihn auch gepflegt hätten, so könnte er doch nicht anders als das Gesicht und den ganzen Körper voll Narben und Wundenmale haben. Aber bei alldem lobte er an dessen Verfasser, daß er sein Buch mit dem Versprechen jenes unbeendbaren Abenteuers beendet; und oftmals kam ihm der Wunsch, die Feder zu ergreifen und dem Buch einen Schluß zu geben, buchstäblich so, wie es dort versprochen wird; und ohne Zweifel hätte er es getan, ja er wäre damit zustande gekommen, wenn andere größere und ununterbrochen ihn beschäftigende Ideen es ihm nicht verwehrt hätten. Vielmals hatte er mit dem Pfarrer seines Ortes – der war ein gelehrter Mann und hatte den Grad eines Lizentiaten zu Siguenza erlangt – Streit darüber, wer ein besserer Ritter gewesen, Palmerín von England oder Amadís von Gallien; aber Meister Nikolas, der Barbier desselbigen Ortes, sagte, es reiche keiner an den Sonnenritter, und wenn einer sich ihm vergleichen könne, so sei es Don Galaor, der Bruder des Amadís von Gallien, weil dessen Naturell sich mit allem zurechtfinde; er sei kein zimperlicher Rittersmann, auch nicht ein solcher Tränensack wie sein Bruder, und im Punkte der Tapferkeit stehe er nicht hinter ihm zurück. Schließlich versenkte er sich so tief in seine Bücher, daß ihm die Nächte vom Zwielicht bis zum Zwielicht und die Tage von der Dämmerung bis zur Dämmerung über dem Lesen hingingen; und so, vom wenigen Schlafen und vom vielen Lesen, trocknete ihm das Hirn so aus, daß er zuletzt den Verstand verlor. Die Phantasie füllte sich ihm mit allem an, was er in den Büchern las, so mit Verzauberungen wie mit Kämpfen, Waffengängen, Herausforderungen, Wunden, süßem Gekose, Liebschaften, Seestürmen und unmöglichen Narreteien. Und so fest setzte es sich ihm in den Kopf, jener Wust hirnverrückter Erdichtungen, die er las, sei volle Wahrheit, daß es für ihn keine zweifellosere Geschichte auf Erden gab. Er pflegte zu sagen, der Cid Rui Diaz sei ein sehr tüchtiger Ritter gewesen, allein er könne nicht aufkommen gegen den Ritter vom flammenden Schwert, der mit einem einzigen Hieb zwei grimmige ungeheure Riesen mitten auseinandergehauen. Besser stand er sich mit Bernardo del Carpio, weil dieser in Roncesvalles den gefeiten Roldán getötet, indem er sich den Kunstgriff des Herkules zunutze machte, als dieser den Antäus, den Sohn der Erde, in seinen Armen erstickte. Viel Gutes sagte er von dem Riesen Morgante, weil dieser, obschon von jenem Geschlechte der Riesen, die sämtlich hochfahrende Grobiane sind, allein unter ihnen leutselig und wohlgezogen gewesen. Doch vor allen stand er sich gut mit Rinald von Montalbán, und ganz besonders, wenn er ihn aus seiner Burg ausreiten und alle, auf die er stieß, berauben sah und wenn derselbe drüben über See jenes Götzenbild des Mohammed raubte, das ganz von Gold war, wie eine Geschichte besagt. Gern hätte er, um dem Verräter Ganelon ein Schock Fußtritte versetzen zu dürfen, seine Haushälterin hergegeben und sogar seine Nichte obendrein. Zuletzt, da es mit seinem Verstand völlig zu Ende gegangen, verfiel er auf den seltsamsten Gedanken, auf den jemals in der Welt ein Narr verfallen; nämlich es deuchte ihm angemessen und notwendig, sowohl zur Mehrung seiner Ehre als auch zum Dienste des Gemeinwesens, sich zum fahrenden Ritter zu machen und durch die ganze Welt mit Roß und Waffen zu ziehen, um Abenteuer zu suchen und all das zu üben, was, wie er gelesen, die fahrenden Ritter übten, das heißt jegliche Art von Unbill wiedergutzumachen und sich in Gelegenheiten und Gefahren zu begeben, durch deren Überwindung er ewigen Namen und Ruhm gewinnen würde. Der Arme sah sich schon in seiner Einbildung durch die Tapferkeit seines Armes allergeringsten Falles mit der Kaiserwürde von Trapezunt bekrönt; und demnach, in diesen so angenehmen Gedanken, hingerissen von dem wundersamen Reiz, den sie für ihn hatten, beeilte er sich, ins Werk zu setzen, was er ersehnte. Und das erste, was er vornahm, war die Reinigung von Rüstungsstücken, die seinen Urgroßeltern gehört hatten und die, von Rost angegriffen und mit Schimmel überzogen, seit langen Zeiten in einen Winkel hingeworfen und vergessen waren. Er reinigte sie und machte sie zurecht, so gut er nur immer konnte. Doch nun sah er, daß sie an einem großen Mangel litten: es war nämlich kein Helm mit Visier dabei, sondern nur eine einfache Sturmhaube; aber dem half seine Erfindsamkeit ab, denn er machte aus Pappdeckel eine Art von Vorderhelm, der, in die Sturmhaube eingefügt, ihr den Anschein eines vollständigen Turnierhelms gab. Freilich wollte er dann auch erproben, ob der Helm stark genug sei und einen scharfen Hieb aushalten könne, zog sein Schwert und führte zwei Streiche darauf, und schon mit dem ersten zerstörte er in einem Augenblick, was er in einer Woche geschaffen hatte; und da konnte es nicht fehlen, daß ihm die Leichtigkeit mißfiel, mit der er ihn in Stücke geschlagen. Um sich nun vor dieser Gefahr zu bewahren, fing er den Vorderhelm aufs neue an und setzte Eisenstäbe innen hinein, dergestalt, daß er nun mit dessen Stärke zufrieden war; und ohne eine neue Probe damit anstellen zu wollen, erachtete und erklärte er ihn für einen ganz vortrefflichen Turnierhelm. Jetzt ging er, alsbald nach seinem Gaule zu sehen, und obschon dieser an den Hufen mehr Steingallen hatte als ein Groschen Pfennige und mehr Gebresten als das Pferd Gonellas, das tanium pellis et ossa fuit , dünkte es ihn, daß weder der Bukephalos des Alexander noch der Babieca des Cid sich ihm gleichstellen könnten. Vier Tage vergingen ihm mit dem Nachdenken darüber, welchen Namen er ihm zuteilen sollte; sintemal – wie er sich selbst sagte – es nicht recht wäre, daß das Roß eines so berühmten Ritters, das auch schon an sich selbst so vortrefflich sei, ohne einen eigenen wohlbekannten Namen bliebe. Und so bemühte er sich, ihm einen solchen zu verleihen, der deutlich anzeige, was der Gaul vorher gewesen, ehe er eines fahrenden Ritters war, und was er jetzo sei; denn es sei doch in der Vernunft begründet, daß, wenn sein Herr einen andern Stand, auch das Roß einen andern Namen annehme und einen solchen erhalte, der ruhmvoll und hochtönend sei, wie es dem neuen Orden und Beruf zieme, zu dem er sich selbst bereits bekenne. Und so, nachdem er viele Namen sich ausgedacht, dann gestrichen und beseitigt, dann wieder in seinem Kopfe andre herbeigebracht, abermals verworfen und aufs neue in seiner Vorstellung und Phantasie zusammengestellt, kam er zuletzt darauf, ihn Rosinante zu heißen, ein nach seiner Meinung hoher und volltönender Name, bezeichnend für das, was er gewesen, als er noch ein Reitgaul nur war, bevor er zu der Bedeutung gekommen, die er jetzt besaß, nämlich allen Rossen der Welt als das Erste voranzugehen. Nachdem er seinem Gaul einen Namen, und zwar so sehr zu seiner Zufriedenheit, gegeben, wollte er sich auch selbst einen beilegen, und mit diesem Gedanken verbrachte er wieder volle acht Tage; und zuletzt verfiel er darauf, sich Don Quijote zu nennen; woher denn, wie schon gesagt, die Verfasser dieser so wahren Geschichte Anlaß zu der Behauptung nahmen, er müsse ohne Zweifel Quijada geheißen haben und nicht Quesada, wie andre gewollt haben. Jedoch da er sich erinnerte, daß der tapfere Amadís sich nicht einfach damit begnügt hatte, ganz trocken Amadís zu heißen, sondern den Namen seines Königreichs und Vaterlands beifügte, um es berühmt zu machen, und sich Amadís von Gallien nannte, wollte er ebenso als ein guter Ritter seinem Namen den seiner Heimat beifügen und sich Don Quijote von der Mancha nennen; damit bezeichnete er nach seiner Meinung sein Geschlecht und Heimatland ganz lebenstreu und ehrte es hoch, indem er den Zunamen von ihm entlehnte. Da er nun seine Waffen gereinigt, aus der Sturmhaube einen Turnierhelm gemacht, seinem Rosse einen Namen gegeben und sich selbst neu gefirmelt hatte, führte er sich zu Gemüt, daß ihm nichts andres mehr fehle, als eine Dame zu suchen, um sich in sie zu verlieben; denn der fahrende Ritter ohne Liebe sei ein Baum ohne Blätter und Frucht, ein Körper ohne Seele. Er sagte sich: Wenn ich um meiner argen Sünden willen oder durch mein gutes Glück draußen auf einen Riesen stoße, wie dies gewöhnlich den fahrenden Rittern begegnet, und ich werfe ihn mit einem Speerstoß darnieder oder haue ihn mitten Leibes auseinander, oder kurz, besiege ihn und zwinge ihn zu meinem Willen, wird es da nicht gut sein, eine Dame zu haben, der ich ihn zusenden kann, um sich ihr zu stellen, so daß er eintrete und sich auf die Knie niederlasse vor meiner süßen Herrin und mit demütiger und unterwürfiger Stimme sage: Ich bin der Riese Caraculiambro, Herr der Insel Malindrania, den im Einzelkampf der nie nach voller Gebühr gepriesene Ritter Don Quijote von der Mancha besiegt hat, als welcher mir befohlen, ich solle mich vor Euer Gnaden stellen, auf daß Euer Herrlichkeit über mich nach Dero Belieben verfüge? O wie freute sich unser Ritter, als er diese Rede getan, und gar erst, als er gefunden, wem er den Namen seiner Dame zu geben hätte! Und es verhielt sich dies so – wie man glaubt –, daß an einem Ort in der Nachbarschaft des seinigen ein Bauernmädchen von recht gutem Aussehen lebte, in die er eine Zeitlang verliebt gewesen, obschon, wie man vernimmt, sie davon nie erfuhr noch acht darauf hatte. Sie nannte sich Aldonza Lorenzo, und dieser den Titel einer Herrin seiner Gedanken zu geben deuchte ihm wohlgetan. Er suchte für sie nach einem Namen, der vom seinigen nicht zu sehr abstäche und auf den einer Prinzessin und hohen Herrin hinwiese und abziele, und so nannte er sie endlich Dulcinea von Toboso , weil sie aus Toboso gebürtig war; ein Name, der nach seiner Meinung wohlklingend und etwas Besonderes war und zugleich bezeichnend wie alle übrigen, die er sich und allem, was ihn betraf, beigelegt hatte. 2. Kapitel Welches von der ersten Ausfahrt handelt, die der sinnreiche Don Quijote aus seiner Heimat tat Nachdem er alle diese Vorkehrungen getroffen, wollte er nicht länger warten, sein Vorhaben ins Werk zu setzen; es drängte ihn dazu der Gedanke an die Entbehrung, die die Welt durch sein Zögern erleide, derart waren die Unbilden, denen er zu steuern, die Ungerechtigkeiten, die er zurechtzubringen, die Ungebühr, der er abzuhelfen, die Mißbräuche, die er wiedergutzumachen, kurz, die Pflichten, denen er zu genügen gedachte. Und so, ohne irgendeinem von seiner Absicht Kunde zu geben und ohne daß jemand ihn sah, bewehrte er sich eines Morgens vor Anbruch des Tages – es war einer der heißen Julitage – mit seiner ganzen Rüstung, stieg auf den Rosinante, nachdem er seinen zusammengeflickten Turnierhelm aufgesetzt, faßte seine Tartsche in den Arm, nahm seinen Speer und zog durch die Hinterpforte seines Hofes hinaus aufs Feld, mit gewaltiger Befriedigung und Herzensfreude darob, mit wie großer Leichtigkeit er sein löbliches Vorhaben auszuführen begonnen. Aber kaum sah er sich in freiem Feld, als ihn ein schrecklicher Gedanke anfiel, und zwar ein solcher, der ihn beinahe dahin gebracht hätte, das angefangene Unternehmen wieder aufzugeben: nämlich der Gedanke, daß er nicht zum Ritter geschlagen sei und daß gemäß dem Gesetze des Rittertums er gegen keinen Ritter die Waffen führen könne noch dürfe; und wenn er es sogar schon wäre, so müßte er doch eine weiße Rüstung tragen, ohne ein Abzeichen auf dem Schild, bis er sich eines durch seine Tapferkeit gewänne. Diese Erwägungen machten ihn in seinem Vorsatze wankend; aber da seine Torheit mehr vermochte als jeglicher Vernunftgrund, nahm er sich vor, sich von dem ersten besten, auf den er stieße, zum Ritter schlagen zu lassen, in Nachahmung vieler andern, die so getan, wie er in den Büchern gelesen hatte, die ihn in solche Geistesrichtung versetzt hatten. Was die weiße Rüstung betraf, so dachte er die seine, wenn er Gelegenheit habe, dergestalt zu putzen, daß sie weißer werde als ein Hermelin. Und damit beruhigte er sich und setzte seinen Weg fort, ohne einen andern einzuschlagen, als den sein Pferd wollte; denn er meinte, gerade darin bestünde das rechte Wesen der Abenteuer. Wie nun unser funkelnagelneuer Abenteurer des Weges hinzog, pflog er ernsten Gespräches mit sich selbst und sagte: Wer zweifelt, daß in kommenden Zeiten, wann die wahrhafte Geschichte meiner ruhmvollen Taten dereinst ans Licht tritt, der weise Zauberer, der sie verfassen wird, wenn er an die Erzählung gelangt dieser meiner ersten Ausfahrt so frühmorgens, folgendermaßen hinschreibt: Kaum hatte der rotwangige Apollo über das Antlitz der großen weithingedehnten Erde die goldnen Fäden seiner schönen Haupthaare ausgebreitet und kaum hatten die kleinen buntfarbigen Vögelein mit ihren spitzigen Zungen und mit sanfter honigsüßer Harmonie das Kommen der rosigen Aurora begrüßt, welche, das weiche Lager des eifersüchtigen Gemahls verlassend, sich aus den Pforten und Erkern des Manchaner Horizontes hervor den Sterblichen zeigte, als der berühmte Ritter Don Quijote von der Mancha, die müßigen Daunen verlassend, auf seinen berühmten Hengst Rosinante stieg und des Weges zu ziehen begann über das alte weitbekannte Gefilde von Montiel. – Und in der Tat ritt er eben darüber hin. Und er sagte weiter: Glücklich das Zeitalter und glücklich das Jahrhundert, wo dereinst ans Licht treten die ruhmvollen Taten mein, würdig, in Erz gegraben, in Marmor gemeißelt, auf Tafeln gemalt zu werden zum Angedenken in aller Zukunft! O du weiser Zauberer, wer auch immer du seiest, dem es zuteil werden soll, der Chronist dieser merkwürdigen Geschichte zu sein, ich bitte dich, meines guten Rosinante nicht zu vergessen, meines ewigen Gefährten auf all meinen Wegen und Bahnen. Dann sagte er wieder, als wäre er wirklich verliebt: O Prinzessin Dulcinea, Herrin dieses mit Gefangenschaft bestrickten Herzens! Große Unbill habt Ihr mir getan, mich abzuweisen und wegzustoßen mit der grausamen Strenge des Gebotes, daß ich vor Euer Huldseligkeit mich nicht mehr zeigen soll. Es beliebe Euch, Herrin, dieses Euch untertänigen Herzens zu gedenken, das so viele Nöten um Eurer Liebe willen erduldet. An diese Ungereimtheiten reihte er noch vielfach andre an, alle in der Art jener, die seine Bücher ihn gelehrt, indem er ihre Sprache, soviel es ihm möglich war, nachahmte; und dabei ritt er so langsam fürbaß, und die Sonne stieg so eilig und mit solcher Glut herauf, daß es hingereicht hätte, ihm das Hirn breiweich zu schmelzen, wenn er welches gehabt hätte. Beinahe diesen ganzen Tag zog er dahin, ohne daß ihm etwas begegnete, was zum Erzählen wäre, und darüber wollte er schier verzweifeln; denn gern hätte er gleich zur Stelle auf jemand treffen mögen, an dem er die Tapferkeit seines starken Armes erproben könnte. Es gibt Schriftsteller, die da sagen, das erste Abenteuer, das ihm zustieß, sei das im Bergpaß Lápice gewesen; andre sagen, das mit den Windmühlen. Was ich jedoch über diesen Kasus ermitteln konnte und was ich in den Jahrbüchern der Mancha geschrieben fand, ist, daß er den ganzen Tag seines Weges zog und beim Herannahen des Abends er und sein Gaul erschöpft und bis zum Tode hungrig waren; und daß, nach allen Seiten hin spähend, ob er irgendeine Burg oder einen Hirtenpferch entdeckte, wo er eine Zuflucht finden und seinem großen Notstand abhelfen könnte, er nicht weit von dem Weg, den er ritt, eine Schenke erblickte. Da war ihm, als sähe er einen Stern, der ihn zur Pforte – wenn auch nicht in den Palast – seiner Erlösung leitete. Er beschleunigte seinen Ritt und langte eben zur Zeit an, wo es Abend wurde. Hier standen von ungefähr an der Tür zwei junge Frauenzimmer, aus der Zahl jener, welche man Die von der leichten Zunft benennt; sie waren auf der Reise nach Sevilla mit Maultiertreibern, die zufällig diese Nacht in der Schenke Rast hielten. Und da es unsern Abenteurer bedünkte, alles, was er auch immer dachte, sah oder sich einbildete, sei so beschaffen und trage sich so zu wie die Dinge, die er gelesen hatte, so kam es ihm sogleich vor, da er die Schenke sah, sie sei eine Burg mit ihren vier Türmen und Turmhauben von glänzendem Silber, ohne daß ihr ihre Zugbrücke und ihr tiefer Graben fehlte, nebst allen jenen Zubehörungen, womit man dergleichen Burgen malt. Er ritt näher an die Schenke heran – die ihm eine Burg schien –, und eine kurze Strecke von ihr hielt er seinem Rosinante die Zügel an und wartete, daß irgendein Zwerg sich zwischen den Zinnen zeige, um mit einer Drommete oder dergleichen das Zeichen zu geben, daß ein Ritter der Burg nahe. Da er aber sah, daß man zögerte, und Rosinante nach dem Stall Eile hatte, ritt er vor die Tür der Schenke und erblickte die beiden liederlichen Dirnen, die dort standen und die ihm als zwei schöne Fräulein oder anmutvolle Edelfrauen erschienen, die vor der Burgpforte sich erlusten mochten. Im selben Augenblicke geschah es zufällig, daß ein Schweinehirt, der eine Herde Schweine – denn es ist nicht zu ändern, so heißen sie einmal – von den Stoppelfeldern heimtrieb, in sein Horn stieß, auf welches Zeichen sie heimwärts ziehen; und augenblicklich stellte sich unserm Don Quijote alles dar, was er wünschte, nämlich daß ein Zwerg das Zeichen seiner Ankunft gebe. Und so, mit außerordentlicher Befriedigung, nahte er der Schenke und den Damen; diese aber, als sie einen in solcher Weise gerüsteten Mann, mit Speer und Tartsche, heranreiten sahen, wollten voller Angst in die Schenke hinein. Jedoch Don Quijote, der aus ihrer Flucht auf ihre Ängstlichkeit schloß, hob das Pappdeckelvisier empor, und sein dürres, bestäubtes Gesicht halb aufdeckend, sprach er zu ihnen mit freundlicher Gebärde und sachter Stimme: »Euer Gnaden wollen nicht zur Flucht sich wenden noch irgendeine Ungebühr befürchten, sintemal es dem Orden der Ritterschaft, der mein Beruf ist, nicht zukommt noch geziemend ist, solche irgendwem anzutun; wieviel weniger so hohen Jungfrauen, wie Euer edles Aussehen verkündigt.« Die Dirnen schauten ihn an und suchten mit den Augen hin und her nach seinem Gesicht, das das schlechte Visier zum Teil verdeckte; aber da sie sich Jungfrauen nennen hörten, ein so ganz außerhalb ihres Berufs liegendes Wort, konnten sie das Lachen nicht zurückhalten, und es war so arg, daß Don Quijote in Zorn geriet und ihnen sagte: »Gut steht Höflichkeit den Schönen, und zudem ist zu große Einfalt das Lachen, so aus unerheblicher Ursache entspringt. Indessen sage ich Euch das nicht, auf daß Ihr Euch etwa kränktet oder unfreundlichen Mut zeigtet; denn der meine steht auf andres nicht, als Euch zu Diensten zu sein.« Diese von den Damen nicht verstandene Sprache und die übel aussehende Gestalt unsres Ritters vermehrten bei ihnen das Lachen und dies Lachen bei ihm den Ärger, und er wäre vielleicht sehr weit gegangen, wenn im nämlichen Augenblick nicht der Wirt gekommen wäre, ein Mann, der, weil sehr wohlbeleibt, sehr friedfertig war. Als dieser die seltsam entstellte Figur sah, bewehrt mit so schlecht zusammenpassenden Rüstungsstücken wie Zügel und Speer, Tartsche und Koller, war er ganz nahe daran, den Fräulein in den Äußerungen ihrer Heiterkeit Gesellschaft zu leisten; doch da er diese ganze Kriegsmaschinerie in der Tat fürchtete, entschied er sich dafür, ihn mit Höflichkeit anzureden, und somit sprach er zu ihm: »Wenn Euer Gnaden, Herr Ritter, Herberge sucht, so wird, mit Ausnahme des Bettes – denn in dieser Schenke gibt es keines –, alles andre sich hier im größten Überflusse finden.« Als Don Quijote das demütige Benehmen des Befehlshabers der Feste sah – denn dafür hielt er den Wirt und die Schenke –, antwortete er: »Für mich, Herr Kastellan, genügt jegliches, was es auch immer sei, denn Meine Zierat sind die Waffen, Und mein Ausruhn ist der Kampf, und so weiter.« Der Wirt vermeinte, daß er ihn Kastellan geheißen, sei darum geschehen, weil er ihm einer von den ehrlichen Kastilianern , das ist Gaunern, geschienen, wiewohl er doch ein Andalusier war, freilich einer vom Strande von Sanlúcar, nicht weniger diebisch als Cacus und kein geringerer Schalk als ein Student oder ein Page. Und somit entgegnete er ihm: »Hiernach ist ohne Zweifel Euer Bette harter Felsen, Euer Schlaf ein stetes Wachen; und da dem so ist, so könnt Ihr getrost hier absteigen mit der Gewißheit, daß Ihr in dieser Hütte Gelegenheit und Gelegenheiten findet, um in einem ganzen Jahre, wieviel mehr in einer Nacht, nicht in Schlaf zu kommen.« Und so redend, hielt er Don Quijote den Steigbügel; der stieg mit vieler Schwierigkeit und Mühe ab, da er den ganzen Tag noch nichts über die Lippen gebracht hatte. Alsbald sagte er dem Wirt, er möchte ihm für sein Pferd besondre Fürsorge tragen, denn es sei das allerbeste Tier, das auf Erden sein Futter fresse. Der Wirt beschaute es, und es dünkte ihm lange nicht so preisenswürdig, als Don Quijote sagte, ja nicht einmal halb so gut, und nachdem er es im Stall untergebracht, kam er wieder, um zu sehen, was sein Gast begehre. Diesem waren die Fräulein – die sich bereits mit ihm ausgesöhnt – im Begriffe, die Rüstung abzunehmen; doch obwohl sie ihm bereits das Koller von der Brust und das Schulterblech gelöst, verstanden und vermochten sie nimmer, ihm die Halsberge aus dem Verschluß zu bringen, noch ihm das nachgemachte Visier abzunehmen, welches er mit grünen Schnüren festgebunden trug; es wäre erforderlich gewesen, diese zu zerschneiden, weil man die Knoten nicht lösen konnte, aber er wollte unter keiner Bedingung dareinwilligen. Und so blieb er diesen ganzen Abend mit seinem Turnierhelm auf dem Kopfe, was die komischste und seltsamste Figur abgab, die zu erdenken war. Beim Abnehmen der Rüstung, da er sich einbildete, die Landstreicherinnen, die ihn entwehrten, seien vornehme Frauen, Damen aus dieser Burg, sprach er zu ihnen mit höchst anmutigem Gebaren: »Niemals ward annoch ein Ritter So wie jetzo Don Quijote Wohl bedient von holden Damen, Da er kam aus seinem Dorfe; Edle Fräulein pflagen sein, Und Prinzessen seines Rosses, oder seines Rosinante; denn dies, meine Damen, ist der Name meines Pferdes und Don Quijote von der Mancha der meinige. Denn obschon ich mich nicht zu erkennen geben wollte, bis meine zu Eurem Dienst und Frommen vollführten Taten mich kundbar gemacht hätten, so ist doch der Drang, diese alte Romanze dem gegenwärtigen Zwecke anzupassen, Veranlassung geworden, daß Ihr meinen Namen lang vor der rechten Zeit erfahret. Allein der Tag wird kommen, wo Euer Erlaucht mir gebieten mögen und ich gehorchen und die Tapferkeit meines Armes den Wunsch offenbaren kann, den ich Euch zu dienen hege.« Die Mädchen, an solcherlei Redensarten nicht gewöhnt, erwiderten kein Wort; sie fragten ihn nur, ob er etwas zu essen wünsche. »Wohl möchte ich einen Imbiß nehmen, was es auch sei«, antwortete Don Quijote; »denn wie ich merke, würde es mir sehr zustatten kommen.« Zufälligerweise war es gerade Freitag, und in der ganzen Schenke gab es nichts als geringen Vorrat von einem Fische, den man in Kastilien Stockfisch, in Andalusien Kabeljau, in andern Gegenden Laberdan, in wieder andern Forellchen nennt. Man fragte ihn, ob vielleicht Seine Gnaden Forellchen genießen möchten, da kein andrer Fisch ihm vorzusetzen da sei. »Wenn nur viele Forellchen da sind«, erwiderte Don Quijote, »so können sie zusammen für eine Forelle dienen; denn es ist ganz dasselbe, wenn man mir acht Realen in Einzelstücken, wie wenn man mir ein Achtrealenstück gibt, um so mehr, da es doch sein könnte, daß es sich mit diesen Forellchen verhielte wie mit dem Kalbfleisch, das besser ist als Kuhfleisch, und mit dem Zicklein, das besser als der Geißbock. Aber sei es, wie es sei, es soll nur gleich kommen, denn die Mühsal und das Gewicht der Rüstung läßt sich nicht tragen ohne den Unterhalt des Magens.« Man stellte ihm den Tisch vor die Tür der Schenke, um der Kühle willen, und es brachte ihm der Wirt eine Portion des schlecht gewässerten und noch schlechter gekochten Stockfisches und ein Brot, so schwarz und schmierig wie seine Rüstung. Aber es war gar sehr zum Lachen, ihn essen zu sehen, denn da er den Helm auf dem Kopfe hatte und das Visier in die Höhe hielt, so konnte er nichts mit seinen eigenen Händen in den Mund stecken, wenn nicht ein andrer es ihm gab und hineinsteckte; und so pflag eine jener Damen dieses Dienstes. Jedoch ihm zu trinken zu geben war unmöglich und würde unmöglich geblieben sein, wenn der Wirt nicht ein Schilfrohr ausgehöhlt und ihm das eine Ende in den Mund gehalten und zum andern ihm den Wein eingegossen hätte. Und alles dies nahm er mit Geduld auf, damit er nur nicht die Schnüre seines Visiers zu zerschneiden brauchte. Wie man so weit war, kam zufällig ein Schweinschneider vor die Schenke, und wie er anlangte, blies er vier- oder fünfmal auf seiner Rohrpfeife. Das bestärkte Don Quijote vollends darin, daß er in irgendeiner berühmten Burg sei und daß man ihn mit Tafelmusik bediene und daß der Stockfisch eine Forelle, das Brot Weizenbrot, die Dirnen edle Damen und der Wirt Burgvogt dieser Feste sei; und somit fand er seinen Entschluß und seine Ausfahrt wohlgelungen. Was ihn jedoch hierbei noch sehr quälte, war, sich noch nicht zum Ritter geschlagen zu sehen, weil es ihn bedünkte, er könne sich nicht rechtmäßig in irgendwelches Abenteuer einlassen, ohne vorher den Ritterorden zu empfangen. 3. Kapitel Wo die anmutige Art und Weise erzählt wird, wie Don Quijote zum Ritter geschlagen wurde Von diesem Gedanken gequält, kürzte er sein kneipenhaft mageres und kärgliches Mahl ab, und kaum war es beendet, rief er den Wirt, schloß sich mit ihm im Pferdestall ein, fiel vor ihm auf die Knie und sprach: »Nie werde ich von der Stelle aufstehen, wo ich liege, tapferer Ritter; bis Eure edle Sitte mir eine Gunst gewährt, die ich von Euch erbitten will und die zu Eurem Preise und zum Frommen des Menschengeschlechtes gereichen wird.« Der Wirt, der seinen Gast zu seinen Füßen sah und solcherlei Reden hörte, ward ganz betroffen, betrachtete ihn und wußte nicht, was tun oder sagen, und drang in ihn, sich zu erheben; aber er wollte durchaus nicht, bis der Wirt sich genötigt sah, ihm zu erklären, er gewähre ihm die Gunst, die er von ihm erbitte. »Nichts Geringeres erwarte ich von Eurer hohen Großmut«, antwortete Don Quijote, »und so sag ich Euch denn, daß die Gunst, die ich von Euch erbeten und die mir von Eurem Edelmute gewährt worden, darin besteht, daß Ihr morgen am Tage mich zum Ritter schlagen sollt. Diese Nacht werde ich in der Kapelle dieser Eurer Burg die Waffenwacht halten; und morgen, wie ich gesagt habe, wird erfüllt werden, was ich so sehr ersehne, damit ich, wie es sich gebührt, durch alle vier Weltteile ziehen kann, Abenteuer aufsuchend zum Frommen der Hilfsbedürftigen, wie es auferlegt ist dem Rittertum und den fahrenden Rittern, wie ich einer bin, deren Verlangen auf solcherlei Großtaten gerichtet ist.« Der Wirt, der, wie gesagt, etwas vom verschmitzten Schalk in sich trug und schon einigen Argwohn hatte, daß es seinem Gast am Verstand fehle, war, sobald er solche Reden von ihm gehört, auch sogleich völlig davon überzeugt; und damit er diesen Abend etwas zu lachen hätte, entschloß er sich, auf des Ritters Grillen einzugehen. Und so sagte er ihm, er treffe durchaus das Richtige mit seinem Begehr, und ein solches Vorhaben sei so vornehmen Rittern, wie er einer scheine und wie sein stattliches Aussehen verkünde, eigentümlich und naturgemäß. Er selbst habe ebenso in den Jahren seiner Jugend sich diesem ehrenvollen Berufe hingegeben und verschiedene Weltgegenden durchzogen, um auf seine Abenteuer auszugehen, ohne daß er die Fischervorstadt von Málaga und das Riaránsche Häuserviertel daselbst, den Kirchenplatz zu Sevilla, den Krämermarkt zu Segovia, den Olivenplatz zu Valencia, den kleinen Zwinger von Granada, den Strand von Sanlúcar, den Pferdebrunnenplatz zu Córdoba und die Kneipen von Toledo vernachlässigt hätte, nebst verschiedenen andren Gegenden, wo er die Leichtigkeit seiner Füße und Fertigkeit seiner Finger geübt, viel Unrechtes getan, viele Witwen in Versuchung geführt, manche Jungfrauen zu Fall gebracht, manche Unmündige hintergangen; endlich, er habe sich fast bei allen höheren und unteren Gerichten, die es in Spanien gibt, bekannt gemacht, und schließlich sei er zu dem Entschluß gekommen, sich in diese seine Burg zurückzuziehen, wo er von seinem Vermögen lebe und auch von fremden, und in selbiger nehme er alle fahrenden Ritter auf, von was Art und Stande sie auch immer seien, lediglich aus großer Zuneigung, die er zu ihnen hege, und damit sie zur Vergeltung seiner guten Absicht ihre Habe mit ihm teilten. Er sagte ihm ferner, in dieser seiner Burg gebe es keine Kapelle, die Waffenwacht zu halten, denn sie sei niedergerissen worden, um sie neu aufzubauen; aber im Notfalle, das wisse er, könne man die Wacht halten, wo man wolle, und diese Nacht könne er sie in einem Hofe der Burg halten; am Morgen, so es Gott beliebe, würden die gebührenden Feierlichkeiten in solcher Weise stattfinden, daß er des Ritterschlags teilhaftig werde und bleibe, und zwar als ein so echter Ritter, daß in der Welt nichts echter sein könne. Dann befragte er ihn, ob er Geld bei sich führe. Don Quijote entgegnete, er habe keinen Pfennig in der Tasche, denn er habe nie in den Geschichten der fahrenden Ritter gelesen, daß irgendeiner Geld mitgenommen hätte. Darauf versetzte der Wirt, er sei im Irrtum; denn zugegeben, daß es in den Geschichten nicht geschrieben stehe, weil deren Verfasser gemeint, es sei unnötig, so selbstverständliche Dinge, die bei sich zu haben so unerläßlich sei, wie Geld und reine Hemden, ausdrücklich zu erwähnen, so müsse man darum nicht glauben, daß sie dieselben nicht bei sich führten. Und also möge er für gewiß und erwiesen halten, daß alle fahrenden Ritter – von denen so viele Bücher angefüllt und vollgepfropft sind – wohlbeschlagene Börsen mit hinausnahmen, um allerhand Zufälligkeiten begegnen zu können, und daß sie imgleichen Hemden bei sich führten, auch ein klein Kästchen voll Salben, um die Wunden zu pflegen, die sie empfingen. Denn nicht in jedem Falle habe es in den Gefilden und Einöden, wo sie kämpften und wundgeschlagen wurden, jemanden gegeben, der ihrer pflegte; wenn es nicht etwa der Fall war, daß sie irgendeinen weisen Zauberer zum Freunde hatten, der ihnen gleich zu Hilfe kam und in den Lüften auf einer Wolke eine Jungfrau oder einen Zwerg herbeibrachte, mit einer Flasche Wassers von solcher Kraft, daß sie, wenn sie einen Tropfen davon kosteten, gleich auf der Stelle von allen Hieben und Wunden geheilt waren, als wäre ihnen nie ein Leid geschehen. Aber stets, wenn das nicht zur Hand war, hielten die früheren Ritter es für das Richtige, daß ihre Schildknappen mit Geld versehen sein sollten, so auch mit andern notwendigen Dingen, wie Scharpie und Salben, um sich die Wunden zu verbinden. Und wenn es geschah, daß die besagten Ritter keine Knappen hatten – was wenige und seltene Fälle waren –, so führten sie selbst dies alles in einem sehr schmächtigen Mantelsäckchen, das beinahe gar nicht wie ein solches aussah, auf der Kruppe des Pferdes, so als ob es etwas andres von besonderer Wichtigkeit wäre; denn wenn nicht um solchen Behufes willen, war dies Mitnehmen von Mantelsäcken unter den fahrenden Rittern in der Regel nicht zulässig. Deshalb gebe er ihm den Rat – da er es ihm sogar befehlen könne als seinem Patenkind im Rittertum, was er ja so bald sein würde –, von jetzt hinfür nie ohne Geld und ohne die herkömmlichen Vorräte auszuziehen, und er würde, wenn er sich's am wenigsten versehe, finden, wie gut er damit fahre. Don Quijote versprach ihm, mit aller Pünktlichkeit zu tun, was ihm angeraten worden. Und alsbald wurde Anordnung getroffen, daß er die Waffenwacht in einem zur Seite der Schenke befindlichen großen Hofe halten sollte. Er nahm all seine Rüstungsstücke zusammen, legte sie auf einen Trog, der vor einem Brunnen stand, und seine Tartsche an den Arm nehmend, ergriff er seinen Speer und begann mit edlem Anstand vor dem Troge auf und ab zu wandeln. Und, gerade wie er dies Wandeln begann, da begann auch die Nacht hereinzubrechen. Der Wirt erzählte allen, die in der Schenke waren, von der Narrheit seines Gastes, der Waffenwacht und dem Ritterschlag, den er erwarte. Verwundert über eine so seltsame Art von Verrücktheit, gingen sie hin, um ihn von ferne zu beobachten, und sahen, wie er mit gelassener Haltung bald auf und ab ging, bald, an seinen Speer gelehnt, die Blicke auf die Rüstungsstücke richtete und sie eine geraume Zeit nicht aus den Augen ließ. Die Nacht war indessen vollends hereingebrochen, und der Mond war von solcher Helle, daß er mit dem Gestirn, das sie ihm lieh, wetteifern konnte, so daß, was immer der angehende Ritter tat, von allen deutlich gesehen wurde. Nun aber gelüstete es einen der Maultiertreiber, die sich in der Schenke aufhielten, seiner Koppel Tiere Wasser zu geben, und dazu war erforderlich, die Waffen Don Quijotes wegzunehmen, die auf dem Brunnentrog lagen. Der, als er jenen herankommen sah, sprach zu ihm mit lauter Stimme: »O du, wer auch immer du seiest, verwegener Ritter, der du herannahest, um die Waffen des tapfersten Abenteurers zu berühren, der da je sich mit einem Schwert umgürtet, siehe wohl zu, was du tust, und berühre sie nicht, wenn du nicht das Leben lassen willst zur Buße für deine Verwegenheit.« Der Treiber sorgte sich nicht um diese Worte – und es wäre besser gewesen, er hätte sich gesorgt, denn dann hätte er für sich gesorgt, ehe er in Sorge geriet –; vielmehr faßte er die Riemen und schleuderte die Rüstungsstücke eine weite Strecke von sich hinweg. Sowie Don Quijote dies gesehen, erhob er die Augen gen Himmel, und seine Gedanken – wie es sich kundgab – zu seiner Herrin Dulcinea wendend, sprach er: »Seid mir gegenwärtig, meine Herrin, bei diesem ersten Kampfe, der sich dieser Euch lehenspflichtigen Brust darbietet; es gebreche mir nicht in dieser ersten Gefährde Eure Gunst und Euer Schutz.« Diese und andre dergleichen Reden führend, ließ er die Tartsche los, hub den Speer mit beiden Händen und versetzte damit dem Maultiertreiber einen so gewaltigen Schlag auf den Kopf, daß er ihn zu Boden stürzte, so übel zugerichtet, daß, wenn er mit einem zweiten nachgefolgt wäre, der Mann keines kundigen Meisters zu seiner Heilung bedurft hätte. Dies getan, las er seine Rüstungsstücke zusammen und fing wieder an, mit derselben Ruhe wie vorher auf und ab zu wandeln. Kurze Zeit darauf kam, ohne zu wissen, was vorgegangen – denn der Maultiertreiber lag noch betäubt da –, ein andrer mit derselben Absicht, seinen Mauleseln Wasser zu geben, und wie er hinging, die Waffen wegzunehmen, um den Brunnentrog abzuräumen, da, ohne daß Don Quijote diesmal ein Wort sprach oder Gunst und Schutz von jemand verlangte, ließ er abermals die Tartsche los, hub abermals den Speer, und wenn er diesen nicht in Stücke brach, so brach er doch den Kopf des Treibers in mehr als drei Stücke, denn er schlug ihn in vier auseinander. Bei dem Lärm kamen alle Insassen der Schenke herzu, und unter ihnen der Wirt. Als Don Quijote dieses sah, faßte er die Tartsche in den Arm, nahm das Schwert zu Händen und rief: »O Herrin der Schönheit, Mut und Stärke dieses meines entkräfteten Herzens! Nun zur Stunde ist es Zeit, daß du die Augen deiner Hoheit auf diesen Ritter, deinen Gefangenen, richtest, der eines so großen Abenteuers in Erwartung steht.« Damit gewann er nach seiner Meinung so mächtigen Mut, daß er, wenn auch alle Eseltreiber der Welt ihn angegriffen, den Fuß nicht rückwärts gewendet hätte. Die Reisegefährten der Verwundeten, die diese in solchem Zustand sahen, begannen von fern Steine auf Don Quijote regnen zu lassen; der aber deckte sich, so gut er konnte, mit seiner Tartsche und wagte sich nicht von dem Troge zu entfernen, weil die Waffen nicht unbewacht bleiben durften. Der Wirt schrie, sie sollten ihn gehen lassen, denn er habe ihnen bereits gesagt, daß der Mann verrückt sei, und als Verrückter würde er freigesprochen werden, selbst wenn er sie samt und sonders totschlüge. Auch Don Quijote schrie, aber viel lauter, schalt sie Meuchler und Verräter; der Burgherr sei ein feiger Wicht und von schlechter Art, da er zugebe, daß die fahrenden Ritter solchermaßen behandelt würden, und wenn er den Ritterorden schon empfangen hätte, so würde er ihm seinen Frevel zu Gemüte führen. »Aber ihr schmähliches, gemeines Gesindel, euer achte ich nicht im geringsten; werfet, nahet euch, kommt heran und greift mich feindlich an, soviel ihr es vermöget; ihr sollt die Zahlung sehen, die ihr für eure Torheit und Frechheit davontragt.« Das sagte er mit so viel Feuer und Entschlossenheit, daß er seinen Angreifern eine entsetzliche Furcht einflößte; und sowohl deshalb als auch auf das Zureden des Wirtes ließen sie endlich ab, auf ihn zu werfen, und er ließ es zu, die Verwundeten wegzuschaffen, und kehrte wieder zu seiner Waffenwacht mit derselben Ruhe und Gelassenheit wie zuvor. Dem Wirt gefielen die Späße seines Gastes durchaus nicht, und er beschloß, es kurz zu machen und ihm den verwünschten Ritterschlag sogleich zu erteilen, ehe ein neues Unglück dazwischenkomme. Er trat also zu ihm heran und entschuldigte sich ob der Frechheit, welche dies niedrige Gesindel gegen ihn verübt habe, ohne daß er selbst irgend etwas davon gewußt; aber sie seien für ihr Unterfangen gehörig gezüchtigt. Er sagte ihm ferner, er habe ihm bereits mitgeteilt, daß in dieser Burg keine Kapelle sei; für das, was noch zu tun bleibe, sei sie auch nicht nötig. Der wesentliche Punkt, um die Ritterwürde zu empfangen, bestehe lediglich im Schlag auf den Nacken und auf die Schulter, nach dem, was er von den Ordensbräuchen in Erfahrung gebracht, und dies könne mitten auf freiem Felde vorgenommen werden; auch habe Don Quijote schon seine Schuldigkeit getan in betreff der Waffenwacht, die mit nur zwei Stunden abgetan werde; um so mehr, da er über vier dabei zugebracht habe. All dieses glaubte ihm Don Quijote und erklärte, er stehe hier bereit, um ihm zu gehorsamen, er möge nur mit tunlichster Beschleunigung ein Ende machen; denn wenn er noch einmal angegriffen werde und sich dann schon zum Ritter geschlagen sehe, so gedenke er keinen Menschen in der Burg lebend zu lassen, ausgenommen die, so er, der Burgherr, ihm gebieten würde; die würde er aus Rücksicht auf ihn leben lassen. So gewarnt und in Besorgnis vor solchen Taten, holte der Kastellan sofort ein Buch herbei, wo er die Streu und die Gerste eintrug, die er den Maultiertreibern verabreichte, und mit einem Endchen Licht, das ein Junge ihm hielt, und mit den beiden besagten Fräulein kam er zum Standort Don Quijotes, befahl ihm niederzuknien, las in seinem Schuldregister, als ob er ein fromm Gebet hersage, erhob mitten im Lesen die Hand und gab ihm einen kräftigen Streich auf den Nacken und danach einen sanften Schlag auf die Schulter mit seinem eignen Schwerte, wobei er immer zwischen den Zähnen murmelte, als ob er ein Gebet spräche. Dies vollbracht, gebot er einer der Damen, sie solle ihm das Schwert umgürten; sie tat es mit leichter Unbefangenheit und großer Zurückhaltung; denn deren bedurfte es nicht wenig, um nicht bei jedem Punkte der Feierlichkeiten vor Lachen zu platzen; allein die mannhaften Taten, die sie schon von dem angehenden Ritter gesehen, hielten ihre Lachlust in Schranken. Beim Umgürten des Schwertes sagte ihm die gutherzige Dame: »Gott mache Euer Gnaden zu einem recht glücklichen Ritter und gebe Euch Glück in den Kämpfen.« Don Quijote fragte sie, wie sie heiße, damit er fürderhin wisse, wem er für diese empfangene Gnade verpflichtet sei; denn er gedenke ihr teil an der Ehre zu geben, die er durch seines Armes Kraft erringen würde. Sie antwortete mit vieler Demut, sie heiße die Tolosa und sei die Tochter eines Flickschneiders, der aus Toledo gebürtig sei und unter den Buden von Sancho-Bienaya wohne; und wo auch immer sie sich aufhielte, würde sie ihm zu Diensten sein und ihn immer für ihren Herrn erachten. Don Quijote entgegnete ihr, aus Liebe zu ihm solle sie ihm die Gunst erweisen, sich hinfüro ein Don vorzusetzen und sich Doña Tolosa zu nennen. Sie versprach es ihm. Die andre legte ihm den Sporn an, und es gab mit ihr ungefähr die nämliche Zwiesprache wie mit dem Schwertfräulein. Er fragte sie nach ihrem Namen; sie sagte, sie nenne sich die Müllerin und sei die Tochter eines ehrbaren Müllers aus Antequera. Auch sie bat der Ritter Don Quijote, sie solle sich das Don vorsetzen und sich Doña Müllerin nennen, wobei er ihr ebenfalls seinen Dienst und Dank anbot. Als nun in Galopp und Hast die bis dahin nie gesehenen Feierlichkeiten abgetan waren, konnte Don Quijote die Stunde nicht erwarten, sich zu Pferde zu sehen und auf die Suche nach Abenteuern auszuziehen; und sogleich den Rosinante sattelnd, stieg er auf, umarmte seinen Wirt und sagte ihm, indem er ihm für die Gnade dankte, ihn zum Ritter geschlagen zu haben, so seltsamliche Dinge, daß es unmöglich gelingen kann, sie getreulich zu berichten. Der Wirt, um ihn nur bald außerhalb der Schenke zu sehen, antwortete mit ähnlichen Redensarten den seinigen, wenn auch in weit kürzern Worten; und ohne ihm die Gebühr für die Bewirtung abzufordern, ließ er ihn in Gottes Namen von dannen ziehen. 4. Kapitel Von dem, was unserm Ritter begegnete, als er aus der Schenke schied Es mochte um die Stunde des anbrechenden Tages sein, als Don Quijote aus der Schenke schied, so zufrieden, so frischen Mutes, so überglücklich, sich nun zum Ritter geschlagen zu sehen, daß ihm das Vergnügen aus allen Gliedern, ja aus dem Gurt seines Gaules herausplatzte. Aber da ihm die Ratschläge seines Wirtes ins Gedächtnis kamen in betreff der so notwendigen Vorräte, die er mitführen solle, insbesondere des Vorrats an Geld und Hemden, so beschloß er, nach Hause zurückzukehren und sich mit all diesem wie auch mit einem Schildknappen zu versehen, wobei er sich vorsetzte, einen Bauersmann in Dienst zu nehmen, seinen Ortsnachbar, der arm war und Kinder hatte, jedoch zu dem Knappenamte des Rittertums sehr tauglich war. In solchen Gedanken lenkte er den Rosinante seinem Dorfe zu, und dieser, den heimischen Futterplatz schon kennend, begann mit solcher Lust zu traben, daß es schien, als berührte er den Boden nicht mit seinen Füßen. Der Junker hatte noch nicht viel des Weges zurückgelegt, da deuchte es ihm, als ob ihm zur rechten Hand, aus dem Dickicht eines dort befindlichen Gehölzes, ein schwaches Schreien herausdringe, wie von jemand, der wehklagte; und kaum hatte er es vernommen, als er sprach: »Dank spende ich dem Himmel für die Gnade, so er mir tut, da er mir so bald Gelegenheiten vor die Augen stellt, wo ich erfüllen kann, was ich meinem Beruf schulde, und wo ich die Frucht meines tugendhaften Vorhaben pflücken kann. Diese Weherufe kommen ohne Zweifel von einem oder einer Hilfsbedürftigen, so meines Beistandes und Schutzes bedarf.« Und die Zügel wendend, lenkte er Rosinante nach der Stelle hin, wo ihm das Schreien herzukommen schien. Und als er wenige Schritte in das Gehölz hineingeritten, sah er eine Stute an eine Eiche gebunden und an eine andre einen Jungen von etwa fünfzehn Jahren, entblößt von der Mitte des Leibes bis zu den Schultern; dieser war es, der das Geschrei ausstieß, und nicht ohne Grund, denn ein Bauer von kräftiger Gestalt war daran, ihm mit seinem Gurt zahlreiche Hiebe aufzumessen, und jeden Hieb begleitete er mit einer Verwarnung und einem Rate, denn er rief: »Die Zunge still, die Augen wach!« Und der Junge antwortete in einem fort: »Ach, Herr, ich will's nicht wieder tun; bei Christi Leiden, ich will's nicht wieder tun, ich verspreche Euch, von nun an mehr acht aufs Vieh zu haben.« Als Don Quijote sah, was vorging, rief er mit zürnender Stimme: »Zuchtloser Ritter, schlecht geziemt es, den anzugreifen, der sich nicht verteidigen kann; steigt zu Rosse und nehmt Euren Speer« – denn der Bauer hatte auch einen Speer an die Eiche gelehnt, wo die Stute mit den Zügeln angebunden war –, »da werd ich Euch zu erkennen geben, daß es der Feiglinge Gepflogenheit ist, so zu handeln wie Ihr.« Der Bauer, der diese Gestalt, mit Waffen umschanzt, über sich herkommen sah, wie sie den Speer über sein Gesicht hinschwang, hielt sich schon für tot und erwiderte mit begütigenden Worten: »Herr Ritter, dieser Junge, den ich da züchtige, ist ein Knecht von mir, der mir dazu dient, eine Herde Schafe zu hüten, die ich in dieser Gegend habe; er ist so unachtsam, daß mir jeden Tag eins fehlt, und weil ich seine Unachtsamkeit – oder seine Spitzbüberei – bestrafe, sagt er, ich tue es aus Knauserei, um ihm den Lohn, den ich ihm schulde, nicht zu zahlen; und bei Gott und meiner Seele, er lügt.« »Lügt? Das vor mir, nichtswürdiger Bauernkerl?« rief Don Quijote. »Bei der Sonne, die uns bescheint, ich bin drauf und dran, Euch mit diesem Speer durch und durch zu stechen. Zahlt ihm gleich ohne längere Widerrede; wo nicht, bei dem Gotte, der uns gebeut, so mach ich Euch auf der Stelle den Garaus und hau Euch zunichte. Bindet ihn sogleich los.« Der Bauer ließ den Kopf hängen, und ohne ein Wort zu entgegnen, band er seinen Knecht los. Don Quijote fragte diesen, wieviel ihm sein Herr schulde; er antwortete: »Neun Monate, zu sieben Realen jeden Monat.« Don Quijote machte die Rechnung und fand, daß sie sich auf dreiundsechzig Realen belief, und sagte dem Bauer, er solle sie alsogleich aus dem Beutel ziehen, wenn er nicht darob des Todes sein wolle. Der furchtsame Bauer antwortete, bei den Nöten, in denen er sei, und bei dem Schwur, den er getan – und doch hatte er noch gar nicht geschworen! –, es seien nicht so viel Realen; denn es müßten ihm abgezogen und in Rechnung gestellt werden drei Paar Schuhe, die er ihm verabreicht habe, und ein Real für zwei Aderlässe, die man ihm gegeben, als er krank gewesen. »Das ist alles ganz gut«, entgegnete Don Quijote, »aber die Schuhe und die Aderlässe sollen für die Hiebe sein, die Ihr ihm ohne seine Schuld gegeben. Denn wenn er das Leder der von Euch bezahlten Schuhe zerrissen hat, so habt Ihr ihm sein eigenes Leder gegerbt und zerschlissen; und wenn ihm in seiner Krankheit der Bader Blut abgezapft hat, so habt Ihr es ihm bei gesundem Leibe abgezapft, so daß er in dieser Beziehung Euch nichts mehr schuldet.« »Das Unangenehme in der Sache, Herr Ritter, liegt darin, daß ich kein Geld bei mir habe; Andrés soll mit mir nach Hause kommen, und da werde ich ihm zahlen Real für Real.« »Ich noch mit ihm gehen?« sagte der Junge, »o weh! Lieber Herr, nicht im Traum tät ich das; denn sobald er sich allein mit mir sieht, wird er mir die Haut abziehen wie einem heiligen Bartholomäus.« »Solches wird er nicht tun«, entgegnete Don Quijote. »Daß ich es ihm gebiete, ist hinreichend, damit er mir Gehorsam erweise, und sofern er bei dem Ritterorden, den er empfangen hat, mir es schwört, lasse ich ihn frei gehen und verbürge die Zahlung.« »Bedenke Euer Gnaden, Herr, was Ihr da saget«, versetzte der Junge; »denn dieser mein Dienstherr ist kein Ritter, hat auch keinerlei Ritterorden empfangen; er ist Juan Haldudo der Reiche, Bürger zu Quintanar.« »Das tut wenig zur Sache«, erwiderte Don Quijote, »denn es kann Haldudos geben, die Ritter sind; um so mehr, da jeder der Sohn seiner Taten ist.« »So ist's in Wahrheit«, sagte Andrés darauf; »aber dieser mein Herr, welcher Taten Sohn ist er, da er mir meinen Lohn, meinen Schweiß und meine Arbeit, vorenthalten will?« »Ich will Euch nichts vorenthalten, mein guter Andrés«, antwortete der Bauer; »tut mir nur den Gefallen mitzugehen, und ich schwör Euch bei allen Ritterorden, die es in der Welt gibt, Euch zu bezahlen, wie ich gesagt, Real für Real und obendrein mit Zinseszinsen.« »Die Zinsen erlasse ich Euch«, sagte Don Quijote; »gebt ihm sein Geld bar, damit begnüge ich mich, und bedenket wohl, daß Ihr es erfüllet, wie Ihr es geschworen habt; wenn nicht, so schwöre ich Euch mit demselben Eide, daß ich wiederkehre, um Euch aufzusuchen und zu züchtigen, und daß ich Euch finden werde, wenn Ihr Euch auch noch besser als eine Eidechse versteckt. Und wenn Ihr wissen wollt, wer Euch dieses gebietet, damit Ihr Euch um so ernstlicher verbunden fühlet, es zu erfüllen, so erfahret, daß ich der tapfre Don Quijote von der Mancha bin, der Abhelfer aller Unbilden und Widerrechtlichkeiten. Und somit Gott befohlen, und es komme das Versprochene und Beschworne nicht aus Euren Gedanken, bei Strafe der ausgesprochenen Strafe!« Und dies sagend, spornte er seinen Rosinante, und in kurzer Zeit war er fern von ihnen. Der Bauer folgte ihm mit den Augen, und als er bemerkte, daß der Ritter aus dem Gehölze hinaus und nicht mehr zu sehen war, wendete er sich zu seinem Knechte Andrés und sagte zu ihm: »Komme Er her, mein Sohn, ich will Ihm zahlen, was ich Ihm schulde, wie dieser Abhelfer aller Unbilden mir geboten hat.« »Da schwör ich drauf«, entgegnete Andrés, »und sage, daß Ihr vernünftig handelt, das Gebot des wackern Ritters zu erfüllen; möge er tausend Jahr leben! Denn danach zu schließen, wie er tapfer ist und ein guter Richter, so wird er, so wahr Gott lebt, wenn Ihr mich nicht bezahlt, zurückkehren und ausführen, was er gesagt.« »Auch ich schwöre drauf«, versetzte der Bauer; »aber ob meiner großen Liebe zu Ihm will ich die Schuld vergrößern, um die Bezahlung zu vergrößern.« Und er packte ihn am Arm und band ihn abermals an die Eiche und gab ihm da so viel Hiebe, daß er ihn fast für tot auf dem Platze ließ. »Rufe Er jetzt, Herr Andrés«, sprach der Bauer, »den Abhelfer aller Unbilden, und Er wird sehen, wie er dieser Unbill nicht abhilft; zwar glaube ich, daß sie noch gar nicht vollendet ist, denn es kommt mir die Lust, Ihm lebendig die Haut abzuziehen, wie Er gefürchtet.« Indessen band er ihn endlich los und gab ihm die Erlaubnis, zu gehen und seinen Richter aufzusuchen, auf daß dieser das ausgesprochene Urteil vollstrecke. Andrés zog nicht wenig erbost von dannen und schwur, den tapfern Don Quijote von der Mancha aufzusuchen und ihm Punkt für Punkt des Vorgefallenen zu erzählen, und sein Herr werde es ihm mit siebenfachem Ersatze zahlen müssen. Aber bei alledem ging er weinend von dannen, und sein Herr blieb lachend zurück. Und auf solche Weise half der tapfere Don Quijote der Ungebühr ab; und höchst vergnügt über das Geschehene, dünkte es ihn, er habe seinem Rittertum einen äußerst glücklichen und erhabenen Anfang gegeben. Mit großer Selbstzufriedenheit zog er nach seinem Dorfe hin und sprach dabei halblaut: »Wohl kannst du dich glücklich nennen über alle Frauen, die heut über die Erde hinwandeln, o du vor allen Schönen schöne Dulcinea von Toboso, da es dir zum Lose fiel, all deinem Willen und Belieben einen so kriegskühnen und so berufenen Ritter unterwürfig und dienstbar zu haben, wie es Don Quijote von der Mancha ist und sein wird, welcher gestern, wie die ganze Welt weiß, den Ritterorden empfing und heute die größte Gewalttat und Unbill abgestellt hat, welche widerrechtlicher Sinn je erdachte und ein grausames Herz je verübte. Heute riß er die Geißel aus der Hand jenem mitleidlosen Bösewicht, der so ganz ohne Anlaß jenen zarten Prinzen geprügelt.« Indem gelangte er an einen Weg, der sich in vier teilte, und sogleich kamen ihm die Kreuzwege in den Sinn, wo die fahrenden Ritter sich der Überlegung hingaben, welchen dieser Wege sie einschlagen sollten; und um sie nachzuahmen, hielt er eine Zeitlang still, und nachdem er äußerst gründlich überlegt hatte, ließ er dem Rosinante den Zügel frei, dem Willen des Gaules den seinigen unterordnend; der aber folgte seinem ersten Vorhaben, nämlich den Weg nach seinem Stalle zu traben. Und als er etwa zwei Meilen geritten, erschaute Don Quijote eine große Schar von Leuten, die, wie man nachher erfuhr, toledanische Kaufleute waren, welche zum Einkauf von Seide nach Murcia reisten. Es waren ihrer sechs; sie zogen daher mit ihren Sonnenschirmen nebst vier Dienern zu Pferde und drei Maultierjungen zu Fuß. Kaum erblickte die Don Quijote, als er sich einbildete, es gebe dies wiederum ein Abenteuer, und da er in allem, soviel ihm möglich schien, die Begebnisse, die er in seinen Büchern gelesen, nachahmen wollte, so meinte er, da komme ihm ein solches gerade zupaß, um es ritterlich zu bestehen. Und so, mit stattlicher Haltung und Zuversichtlichkeit, setzte er sich stramm in den Steigbügeln, faßte den Speer fest, legte die Tartsche an die Brust, und inmitten des Weges haltend, wartete er, daß jene fahrenden Ritter herannahten – denn für solche hielt und erachtete er sie selbstverständlich –, und als sie so weit herangekommen, daß sie gesehen und gehört werden konnten, erhub Don Quijote seine Stimme und sprach mit stolzem Gebaren: »Alle Welt halte still, wenn nicht alle Welt bekennt, daß es in aller Welt kein schöneres Fräulein gibt als die Kaiserin der Mancha, die unvergleichliche Dulcinea von Toboso.« Beim Klang dieser Worte und beim Anblick der seltsamen Gestalt, die sie gesprochen hatte, hielten die Kaufleute an, und an der Gestalt und den Worten erkannten sie alsbald die Verrücktheit des Mannes, dem diese und jene angehörten. Indessen wollten sie gern ausführlicher erfahren, auf was jenes Bekenntnis abziele, das man von ihnen verlangte, und einer von ihnen, der zu Späßen gelaunt und ein äußerst gescheiter Kopf war, sprach zu ihm: »Herr Ritter, wir unsrenteils wissen nicht, wer die treffliche Dame ist, von der Ihr redet; zeigt sie uns, und wenn sie von so großer Schönheit ist, wie Ihr angebt, so werden wir gutwillig und ohne welchen Zwang das Bekenntnis der Tatsache ablegen, das uns von Eurer Seite abverlangt wird.« »Wenn ich sie euch zeigte«, entgegnete Don Quijote, »was würdet ihr Großes damit tun, eine so offenkundige Wahrheit zu bekennen? Das Wesentliche in der Sache besteht gerade darin, daß ihr, ohne sie zu sehen, es glauben, bekennen, behaupten, beschwören und verfechten müsset; wo nicht, so seid ihr mit mir in Fehde, ungeschlachtes und übermütiges Volk; und ob ihr nun einer nach dem andern kommt, wie es die Regel des Rittertums erheischt, ob alle zusammen, wie es Gewohnheit und böslicher Brauch derer von eurem Gelichter ist, hier erwarte und erharre ich euch, vertrauend dem Rechte, das ich auf meiner Seite habe.« »Herr Ritter«, erwiderte der Kaufmann, »ich bitt Euch flehentlich im Namen all dieser Prinzen, die wir hier sind, damit wir unser Gewissen nicht beschweren durch das Bekenntnis einer von uns nie gesehenen noch gehörten Sache, und zumal da letztere so sehr zur Beeinträchtigung der Kaiserinnen und Königinnen in den Landschaften Alcarria und Estremadura ist, daß Euer Gnaden geruhen möge, uns irgendein Bildnis dieser Dame zu zeigen, wenn es auch nur so groß wäre wie ein Weizenkorn, denn wenn man den Faden hat, kann man daran den Knäuel aufwickeln; und damit werden wir zufriedengestellt und beruhigt sein, und Euer Gnaden wird Genugtuung und Befriedigung zuteil werden. Ja, ich meine sogar, wir sind schon so sehr auf ihrer Seite, daß, wenn auch ihr Bild uns zeigen sollte, daß sie auf einem Auge schielt und aus dem andern ihr Zinnober und Schwefel fließt, wir trotz alledem, um Euer Gnaden gefällig zu sein, zu ihren Gunsten alles, was Ihr wollt, sagen werden.« »Nicht fließt von ihr, niederträchtiges Hundegezücht«, antwortete Don Quijote von Zorn entflammt, »nicht fließt von ihr, sag ich, was ihr da saget, sondern Ambra und Moschus auf Wangen weich wie Baumwollflocken, und sie ist weder scheel noch bucklig, sondern gerader als eine Spindel vom Guadarrama-Gebirg. Ihr aber sollt die ungeheure Lästerung büßen, die ihr gegen eine solche Schönheit ausgestoßen, wie die meiner Herrin ist. Und dies sagend, stürzte er mit eingelegtem Speer auf den Sprecher los, mit solcher Wut und solchem Ingrimm, daß, wenn das gute Glück es nicht gefügt hätte, daß Rosinante auf halbem Weg strauchelte und fiel, es dem verwegenen Kaufmann übel ergangen wäre. Rosinante stürzte, und sein Herr kugelte ein gutes Stück Weges weit über das Feld hin; er wollte sich wieder aufrichten und vermochte es nimmer; solche Hindernis und Beschwer verursachten ihm Speer, Tartsche, Sporen und Helm, nebst dem Gewicht der uralten Rüstung. Und während er sich abarbeitete, um aufzukommen, und nicht konnte, rief er in einem fort: »Fliehet nicht, feiges Volk, elendes Volk; bedenket, daß nicht durch meine Schuld, sondern die meines Pferdes ich hingestreckt hier liege.« Einer von den mitreisenden Maultierjungen – der gewiß nicht sehr wohlgesinnt war! – konnte, als er den armen Gestürzten solch hochmütige Reden führen hörte, es nicht länger ertragen, ohne ihm die Antwort auf die Rippen zu geben. Er eilte auf ihn zu und ergriff den Speer, und nachdem er ihn in Stücke zerbrochen, begann er mit einem dieser Stücke unsrem Don Quijote so viele Prügel zu geben, daß, ungeachtet und trotz seiner Rüstung, er ihn wie Weizen im Mühltrichter zermahlte. Seine Herren riefen ihm zu, er solle ihn nicht so arg prügeln, er solle von ihm ablassen; aber der Junge war einmal im Zug und wollte das Spiel nicht aufgeben, bis er den ganzen Rest seines Zornes auf die Karte gesetzt; er machte sich an die übrigen Bruchstücke des Speeres und zerbrach sie vollends auf dem gestürzten Jammermann, der bei dem ganzen Ungewitter von Prügeln, das auf ihn regnete, den Mund keinen Augenblick schloß und Drohungen ausstieß gegen Himmel und Erde und gegen die Wegelagerer, denn für das hielt er sie. Der Junge ward endlich müde, und die Kaufleute verfolgten ihre Straße und nahmen für den ganzen Weg Stoff zum Plaudern über den armen Prügelhelden mit. Dieser, sobald er sich allein sah, versuchte aufs neue, ob er sich aufrichten könnte; allein wenn er es nicht konnte, da er gesund und wohlbehalten, wie sollte er es jetzt tun, zerdroschen und schier in Stücke zerschlagen? Und dennoch hielt er sich beglückt, denn es bedünkte ihn, es sei dies ein Mißgeschick, wie es der Beruf fahrender Ritter mit sich bringe, und er schrieb es gänzlich der Schuld seines Rosses zu. Und bei alledem wurde es ihm nicht möglich, sich aufzurichten, so zerbleut war er am ganzen Leibe. 5. Kapitel Wo die Erzählung vom Mißgeschick unseres Ritters fortgesetzt wird Da er nun sah, daß er sich schlechterdings nicht regen konnte, verfiel er darauf, zu seinem gewöhnlichen Hilfsmittel seine Zuflucht zu nehmen, nämlich an irgendeinen Vorgang aus seinen Büchern zu denken; und seine Torheit brachte ihm jenen mit Baldovinos und dem Markgrafen von Mantua ins Gedächtnis, als Carloto den ersteren verwundet im Waldgebirge liegenließ; eine Geschichte, die die Kinder auswendig wissen, die Jünglinge nicht vergessen haben, die Greise hochhalten und sogar glauben und die bei alledem um nichts wahrer ist als die Wunder Mohammeds. Diese also dünkte ihm auf den Fall, in dem er sich befand, genau zu passen; und so begann er mit Gebärden großen Schmerzes sich auf dem Boden zu wälzen und schwach aufatmend dasselbe zu sprechen, was, wie berichtet wird, der verwundete Ritter vom Walde sprach: O wo bist du, meine Herrin, Daß dich fühllos läßt mein Schmerz? Wohl magst du's nicht wissen, oder Falsch und treulos war dein Herz. Und solchergestalt fuhr er in der Romanze fort, bis zu jenen Versen, die da lauten: Mantuas edler Markgraf, du mein Ohm und angestammter Herr! Und das Schicksal wollte, daß, wie er an diesen Vers gelangte, gerade ein Bauer aus seinem eignen Orte, sein Nachbar, vorüberkam, der eine Last Weizen in die Mühle gebracht hatte. Als dieser den Mann dort hingestreckt liegen sah, näherte er sich ihm und fragte ihn, wer er sei und was ihm denn weh tue, daß er so trübselig jammere. Ohne Zweifel meinte Don Quijote, jener sei der Markgraf von Mantua, sein Oheim, und so antwortete er ihm nichts andres, als daß er in seiner Romanze dort fortfuhr, wo er ihm Bericht über sein Unglück gab und über die Liebeswerbung des Kaisersohnes bei seiner Gemahlin, alles in derselben Weise, wie die Romanze es singt. Der Bauer stand verwundert da, als er das unsinnige Zeug hörte; er nahm ihm das Visier ab, das von den Prügeln schon in Stücke geschlagen war, reinigte ihm das Gesicht, das er voll Staubes hatte, und kaum hatte er es gereinigt, so erkannte er ihn und sprach zu ihm: »Herr Quijano« – denn so mußte er wohl geheißen haben, als er noch seinen Verstand hatte und noch nicht vom friedlichen Junker zum fahrenden Ritter befördert war –, »wer hat Euer Edlen solchermaßen zugerichtet?« Allein auf alles, was er ihn fragte, fuhr der Junker nur mit seiner Romanze fort. Da der gute Kerl das sah, nahm er ihm, so gut er konnte, den Koller und das Schulterblech ab, um zu sehen, ob er eine Wunde an sich trage; aber er sah weder Blut noch irgendein Wundenmal. Er brachte es fertig, ihn vom Boden aufzurichten, und mit nicht geringer Mühe hob er ihn auf seinen Esel, weil ihm dies bequemer zum Reiten dünkte. Er las die Waffen bis auf die letzten Lanzensplitter zusammen und band sie fest auf Rosinante; den nahm er am Zügel und den Esel am Halfter und wanderte nach seinem Dorfe, sehr nachdenklich darüber, daß er derlei Ungereimtheiten von Don Quijote zu hören bekam. Nicht minder nachdenklich zog dieser dahin, der, weil ganz zerdroschen und zerschlagen, sich nicht recht auf dem Esel zu halten vermochte und von Zeit zu Zeit Seufzer zum Himmel schickte; dergestalt, daß er aufs neue den Bauern zur Frage veranlaßte, er möge ihm doch sagen, was ihm weh tue. Und es schien nicht anders, als ob der Teufel selbst die auf seine jetzigen Umstände passenden Geschichten ihm ins Gedächtnis brächte; denn in diesem Augenblick vergaß er des Baldovinos, und es fiel ihm der Mohr Abindarráez ein, als der Vogt von Antequera, Rodrigo von Narváez, ihn gefangennahm und ihn zur Haft nach seiner Vogtei führte. So geschah's, daß, als der Bauer ihn abermals fragte, wie er sich befinde und was ihm weh tue, er ihm mit den nämlichen Ausdrücken und Reden antwortete, die der gefangene Abencerraje dem Rodrigo von Narváez sagte, ganz in derselben Weise, wie er es in der Geschichte der Diana von Jorge von Montemayor gelesen hatte, wo es geschrieben steht, und er wendete sie so passend an, daß der Bauer des Teufels werden wollte, ein so endloses Gewebe von Albernheiten zu hören. Aus alledem ward dem Bauer klar, daß sein Nachbar verrückt sei, und er eilte, ins Dorf zu kommen, um des Überdrusses loszuwerden, den ihm Don Quijote mit seinem langen Gerede verursachte. Zum Schlusse fügte der Ritter bei: »Es wisse Euer Gnaden, Herr Rodrigo von Narváez, daß diese schöne Jarifa, von der ich gesprochen, jetzt die reizende Dulcinea von Toboso ist, für welche ich die ruhmreichsten Rittertaten getan habe, tue und tun werde, die man in der Welt gesehen hat, jetzt vielleicht sehen mag und künftig sehen wird.« Darauf antwortete der Bauer: »Bedenke doch Euer Gnaden, Herr Junker, bei meiner armen Seele, daß ich weder Don Rodrigo von Narváez noch der Markgraf von Mantua bin, sondern Pedro Alonzo, Euer Ortsnachbar, und daß Euer Gnaden weder Baldovinos noch Abindarráez sind, sondern der ehrsame Junker Herr Quijano.« »Ich weiß, wer ich bin«, sagte Don Quijote, »und weiß, daß ich nicht nur jeder der gedachten Helden sein kann, sondern auch sämtliche Pairs von Frankreich und selbst all die neun Söhne des Ruhms; denn all den Großtaten, die sie alle zusammen und jeder für sich vollbracht haben, werden die meinigen voranstehen.« Unter diesen Gesprächen und andern ähnlicher Art gelangten sie ans Dorf, zur Zeit, als der Abend kam; allein der Bauer wartete, bis es etwas dunkler wurde, damit man den zerbleuten Junker nicht so schlecht beritten sähe. Als nun die ihm passend scheinende Stunde gekommen, begab er sich ins Dorf und in Don Quijotes Haus, wo er alles im Aufruhr fand. Es waren da der Pfarrer und der Barbier des Ortes, die mit Don Quijote sehr befreundet waren, und die Haushälterin sagte ihnen eben mit lautem Schreien: »Was dünkt Euer Gnaden, Herr Lizentiat Pero Pérez« – denn so hieß der Pfarrer –, »von dem Unglück meines Herrn? Sechs Tage ist's her, daß weder er noch der Gaul, weder die Tartsche noch der Speer noch die Rüstung zu sehen sind. Ich Unglückselige! Ich denke mir, und so sicher ist's die Wahrheit, als ich geboren bin, um zu sterben, daß diese verwünschten Ritterbücher, die er hat und so regelmäßig zu lesen pflegt, ihm den Verstand verdreht haben; denn jetzt entsinne ich mich, daß ich ihn oftmals, wenn er so vor sich hinsprach, habe sagen hören, er wolle ein fahrender Ritter werden und draußen in der Welt herum auf Abenteuer ziehen. Daß doch dem Satanas und Barrabas alle derlei Bücher befohlen seien, die den feinsten Kopf, den es in der ganzen Mancha gab, zugrunde gerichtet haben!« Die Nichte sagte dasselbe, ja noch mehr dazu: »Wisset, Meister Nikolas« – dies war der Name des Barbiers –, »daß es meinem Herrn vielmals geschah, in diesen verruchten Schlacht- und Abenteuerbüchern zwei Tage nebst den Nächten dazu in einem fort zu lesen, und nachher warf er das Buch aus den Händen weg und zog das Schwert und ging mit Hieben gegen die Wände an, und wenn er dann ganz abgemüdet war, sagte er, er habe vier Riesen, wie Türme so groß, umgebracht, und der Schweiß, den er vor Ermüdung ausschwitzte, der, sagte er, sei Blut von den Wunden, die er im Gefecht erhalten; und gleich trank er einen großen Krug kalten Wassers in sich hinein und war dann wieder gesund und beruhigt und sagte, dies Wasser sei ein gar köstlicher Trank, den ihm der weise Alquife gebracht, ein großer Zauberer und Freund von ihm. Aber ich selbst bin schuld an allem, weil ich euch Herren nicht von den Narreteien meines Herrn Oheims in Kenntnis gesetzt, damit ihr abgeholfen hättet, bevor es dahin kam, wohin es gekommen, und alle diese verfluchten Bücher – deren er viele besitzt – verbrannt hättet; denn wohl verdienen sie das Feuer, als wenn sie Ketzer wären.« »Das sag ich auch«, sprach der Pfarrer, »und aufs Wort, es soll der morgende Tag nicht vergehen, ohne daß man über sie öffentliches Gericht halte und sie zum Feuer verurteilt werden, damit sie einem, der sie etwa künftig lesen würde, nicht Anlaß geben, zu tun, was mein lieber Freund getan haben muß.« All dieses hörten der Bauer und Don Quijote mit an, und nun begriff jener vollends die Krankheit seines Nachbarn. So begann er denn laut zu rufen: »Öffnet, ihr Herrschaften, dem Herrn Baldovinos und dem Herrn Markgrafen von Mantua, der hart verwundet daherkommt, und dem Herrn Mohren Abindarráez, den der tapfre Rodrigo von Narváez, der Vogt von Antequera, gefangen herführt.« Bei diesen Worten eilten sie alle heraus, und da die beiden Männer ihren Freund, die Frauen ihren Herrn und ihren Oheim erkannten – der noch nicht von dem Esel abgestiegen war, weil er nicht konnte –, liefen sie herbei, ihn zu umarmen. Er aber sagte: »Bleibt alle zurück, denn ich komme schwer verwundet daher durch meines Rosses Schuld; man bringe mich in mein Bett und rufe, sofern es möglich sein sollte, die weise Urganda, damit sie meine Wunden verbinde und pflege.« »Seht nur, zum Henker!« sagte hier die Haushälterin, »ob mir mein Herz es nicht richtig gesagt hat, wo es meinem Herrn fehlt. Gehe Euer Gnaden in Gottes Namen hinauf; denn ohne daß jene Urganda zu kommen braucht, werden wir Eure Wunden hier zu pflegen wissen. Verflucht, sag ich, seien noch einmal und noch hundertmal diese Ritterbücher, die Euer Gnaden so zugerichtet haben.« Sie brachten ihn sogleich zu Bette, und als sie ihm die Wunden untersuchen wollten, fanden sie keine; er aber sagte, es sei alles nur eine Quetschung, weil er mit seinem Gaul Rosinante einen großen Sturz getan, als er mit zehn Riesen gekämpft, den ungeschlachtesten und verwegensten, die man weit und breit auf Erden finden könne. »Aha!« sagte der Pfarrer, »Riesen sind im Spiel? Beim Zeichen des heiligen Kreuzes, ich will sie morgen verbrennen, bevor der Abend kommt.« Man stellte dem Ritter hunderterlei Fragen, aber auf keine mochte er etwas andres erwidern, als daß man ihm zu essen geben und ihn schlafen lassen solle; denn das sei ihm das Nötigste. Es geschah also, und der Pfarrer erkundigte sich sehr ausführlich bei dem Bauern nach den Umständen, unter denen er Don Quijote gefunden habe. Dieser erzählte ihm alles, nebst dem Unsinn, den der Junker geäußert, als er ihn fand und als er ihn herbrachte, und dies verstärkte im Lizentiaten den Vorsatz, das zu tun, was er andern Tags wirklich ausführte, nämlich seinen Freund Meister Nikolas zu rufen und sich mit ihm in Don Quijotes Haus zu begeben. 6. Kapitel Von der heiteren und gründlichen Untersuchung, welche der Pfarrer und der Barbier in der Bücherei unsres sinnreichen Junkers anstellten Der aber schlief noch immer. Der Pfarrer forderte der Nichte die Schlüssel des Gemaches ab, wo die Bücher, die Anstifter des Unheils, sich befanden, und sie gab sie ihm mit gar vielem Vergnügen. Sie traten alle hinein, und die Haushälterin mit ihnen, und fanden mehr als hundert Bände großer, gut gebundener Bücher nebst andern, kleineren; und sobald die Haushälterin sie sah, ging sie in großer Eile wieder aus dem Zimmer hinaus, kehrte bald mit einem Näpfchen Weihwasser und einem Weihwedel zurück und sagte: »Nehmet, Euer Gnaden, Herr Lizentiat, besprengt dieses Zimmer, damit kein Zauberer von den vielen, die diese Bücher enthalten, hierbleibe und uns verzaubere, um uns zu strafen für die Strafe, mit der wir sie belegen wollen, indem wir sie aus der Welt schaffen.« Den Lizentiaten brachte die Einfalt der Haushälterin zum Lachen, und er wies den Barbier an, er solle ihm von den Büchern eins nach dem andern reichen, um zu sehen, wovon sie handelten, da es doch sein könnte, daß man einige fände, welche die Strafe des Feuers nicht verdienten. »Nein«, sagte die Nichte, »es ist kein Grund, irgendeines zu verschonen; denn sie alle sind die Unheilstifter gewesen. Am besten wird es sein, sie zum Fenster hinaus in den Vorhof zu schleudern, sie zu einem Haufen zu schichten und Feuer an sie zu legen oder, wenn nicht, sie in den großen Hof zu werfen; dort soll der Scheiterhaufen errichtet werden, und so wird der Rauch nicht beschwerlich fallen.« Das nämliche sagte die Haushälterin, so groß war das Verlangen, das die beiden nach dem Tode dieser unschuldigen Kindlein trugen. Allein der Pfarrer wollte nicht darauf eingehen, ohne wenigstens erst die Titel zu lesen. Das erste, was ihm Meister Nikolas in die Hände gab, waren Die vier Bücher des Amadís von Gallien , und der Pfarrer sprach: »Es scheint hierbei etwas Wundersames zu walten; denn wie ich habe sagen hören, war dieses Werk das erste Ritterbuch, das in Spanien gedruckt wurde, und alle übrigen haben ihren Ausgang und Ursprung von diesem genommen; und also ist meine Meinung, daß wir den Amadís als den Irrlehrer und Stifter einer so schlimmen Sekte, ohne Zulassung irgendeines Milderungsgrundes, zum Feuer verurteilen müssen.« »Nein, Herr Pfarrer«, entgegnete der Barbier, »denn ich habe auch sagen hören, es sei das beste aller Bücher, die in dieser Art verfaßt worden, und so muß ihm, als einzig in seiner Kunstgattung, Gnade zuteil werden.« »Das ist richtig«, sagte der Pfarrer, »und aus diesem Grunde wird ihm für jetzt das Leben gewährt. Sehen wir jenes andere an, das neben ihm steht.« »Das«, sagte der Barbier, »sind die Geschichten von Esplandian , dem ehelichen Sohn des Amadís von Gallien.« »Nun, in der Tat«, versetzte der Pfarrer, »dem Sohne soll die Trefflichkeit des Vaters nicht zugute kommen; nehmt, Jungfer Haushälterin, öffnet das Fenster dort und werft ihn in den Hof; mit ihm soll die Aufschichtung des Scheiterhaufens begonnen werden, den wir errichten wollen.« Mit großem Behagen tat die Haushälterin also, und der gute von Esplandian nahm seinen Flug in den Hof und harrte daselbst in aller Geduld des Feuers, das ihm drohte. »Weiter!« sprach der Pfarrer. »Der hier kommt«, sagte der Barbier, »ist Amadís von Griechenland ; ja alle auf dieser Seite, wie ich glaube, sind aus der nämlichen Sippschaft des Amadís.« »So mögen sie alle in den Hof hinabwandern«, sprach der Pfarrer; »denn um die Königin Pintiquiniestra verbrennen zu dürfen, nebst dem Schäfer Darinel und seinen Hirtengedichten und den verteufelten und verdrehten Redensarten ihres Verfassers, würde ich mit ihnen meinen eigenen Vater verbrennen, wenn er in der Gestalt eines fahrenden Ritters aufträte.« »Dieser Meinung bin ich auch«, versetzte der Barbier. »Und ich auch«, fügte die Nichte bei. »Da dem so ist«, sprach die Haushälterin, »her damit und in den Hof mit ihnen!« Man reichte sie ihr, es waren deren viele, und sie ersparte sich die Treppe und warf sie zum Fenster hinaus. »Wer ist jenes Stückfaß?« fragte der Pfarrer. »Es ist dies«, antwortete der Barbier, » Don Olivante de Laura .« »Der Verfasser dieses Buches«, sprach der Pfarrer, »war derselbe, welcher den Blumengarten schrieb, und in der Tat, ich könnte nicht entscheiden, welches von beiden Büchern wahrhafter, oder richtiger gesagt, minder lügenhaft ist; ich kann nur sagen, daß dieses, weil es ungereimt und frech, in den Hof wandern wird.« »Dieses folgende Buch ist Florismarte von Hyrkanien «, sagte der Barbier. »Ist der Herr Florismarte da?« entgegnete der Pfarrer. »Auf mein Wort denn, er soll baldigst seine Bestimmung im Hofe finden, trotz seiner wundersamen Geburt und seiner chimärischen Abenteuer; denn die Härte und Trockenheit seines Stils gestattet nichts anderes. In den Hof mit ihm und mit jenem andern, Jungfer Haushälterin.« »Mir recht, Herr Pfarrer«, antwortete sie und vollstreckte mit vielen Freuden, was ihr aufgetragen worden. »Dies ist Der Ritter Platir «, sagte der Barbier. »Es ist ein altes Buch«, versetzte der Pfarrer, »und ich finde nichts darin, das Gnade verdiente; es begleite die andern ohne Widerrede.« Und so geschah es. Ein andres Buch ward aufgeschlagen, und sie sahen, daß es den Titel hatte Der Ritter vom Kreuz . »Um eines so heiligen Namens willen, wie dieses Buch trägt, hätte man ihm seine Dummheit verzeihen können; allein man pflegt auch zu sagen: ›Hinter dem Kreuze lauert der Teufel.‹ Ins Feuer mit ihm!« Der Barbier nahm ein andres Buch und sprach: »Dieses ist der Spiegel des Rittertums .« »Wohl kenn ich Seine Gnaden«, sagte der Pfarrer. »Dort treten Herr Rinaldo von Montalban auf mit seinen Freunden und Gefährten, die räuberischer sind als Cacus, und die zwölf Pairs mit dem wahrheitsliebenden Geschichtsschreiber Turpin; und wirklich, ich bin geneigt, sie zu nicht mehrerem als zu ewiger Verbannung zu verurteilen, wenn es auch nur deshalb wäre, weil sie einen Anteil an der Dichtung des berühmten Mateo Bojardo haben, aus welcher hinwiederum der christliche Dichter Ludovico Ariosto sein Gewebe entnommen. Und wenn ich diesen hier finde und er in einer anderen Sprache als der seinigen redet, so werde ich ihm keinerlei Achtung bezeigen; wenn er aber in seiner eigenen Zunge spricht, dann werde ich ihm mein Haupt mit Verehrung beugen.« »Wohl, ich habe ihn auf italienisch«, sagte der Barbier, »aber ich verstehe ihn nicht.« »Es wäre auch nicht einmal gut, daß Ihr ihn verstündet«, antwortete der Pfarrer, »und daher hätten wir es jenem Herrn Hauptmann gern erlassen, wenn er ihn nicht nach Spanien herübergebracht und zum Kastilier umgeschaffen hätte; denn er hat ihm viel von seinem ursprünglichen Werte benommen. Und dasselbe wird jedem begegnen, der in Versen geschriebene Werke in eine andere Sprache übertragen will; denn wie viele Sorgfalt er anwende und wieviel Geschicklichkeit er an den Tag lege; nie wird er die Vollendung erreichen, die sie in ihrer ersten Gestaltung besitzen. Ich bestimme also, daß dies Buch und alle, die über jene französischen Geschichten handeln, in eine trockene Brunnengrube geworfen und verwahrt werden sollen, bis man mit mehr Überlegung beurteilen kann, was mit ihnen zu tun ist; wobei ich jedoch einen gewissen Bernardo del Carpio , der sich in der Welt herumtreibt, und ein andres Buch, des Titels Roncesvalles , ausnehme; denn diese, sobald sie in meine Gewalt gelangen, sollen sogleich in die der Haushälterin kommen und aus dieser in die des Feuers, ohne Gnade und Erbarmen.« Dieses Urteil bestätigte der Barbier und erachtete es für recht und durchaus sachgemäß; denn ihm war wohl bewußt, daß der Pfarrer ein so guter Christ und so großer Freund der Wahrheit war, daß er um aller irdischen Dinge willen nie etwas als eben die Wahrheit gesagt hätte. Und ein andres Buch aufschlagend, fand er, es sei Palmerin de Oliva , und nebenan stand eines, das Palmerin von England hieß. Als der Lizentiat das sah, sprach er: »Jenen Olivenbaum schlage man zu Splittern und verbrenne ihn, daß auch nicht die Asche von ihm übrigbleibe; aber jene Palme von England hebe man auf und bewahre sie als etwas Einziges, und man mache für sie ein solches Kästchen wie jenes, das Alexander unter der Beute des Darius fand und das er bestimmte, darin die Werke des Dichters Homer aufzubewahren. Dies Buch, Herr Gevatter, steht aus zwei Gründen in Hochachtung: der eine, weil es an sich ein sehr gutes Buch ist, der andere, weil der Ruf geht, daß ein geistvoller König von Portugal es verfaßt hat. Die sämtlichen Abenteuer im Schlosse der Prinzessin Miraguarda sind vortrefflich und mit großer Kunst entworfen; die Gespräche, in gutem Ton und klarem Stil, beobachten und bezwecken stets das für die sprechende Person Geziemende in angemessenster Weise und mit großem Verständnis. Ich tue sonach den Ausspruch, vorbehaltlich Eures Gutbefindens, Meister Nikolas, daß dieses Buch und Amadís von Gallien des Feuers ledig bleiben und die anderen ohne langes Probieren und Examinieren sämtlich umkommen sollen.« »Nein, Herr Gevatter«, entgegnete der Barbier, »denn dieser, den ich hier habe, ist der weitberühmte Don Belianís .« »Der freilich«, versetzte der Pfarrer, »mit dem zweiten, dritten und vierten Teile, bedarf einiges Rhabarbers, um seinen übermäßigen Jähzorn abzuführen, und es ist unerläßlich, aus ihnen all jenes von der Burg des Ruhms und andere Ungereimtheiten von größerem Belang fortzuschaffen. Dazu wird ihnen dieselbe Frist gewährt wie für gerichtliche Vorladungen über See, und je nachdem sie sich bessern sollten, je nachdem wird ihnen Gnade oder Recht widerfahren. Und Ihr mittlerweile behaltet sie, Gevatter, in Eurem Hause, aber lasset niemand sie lesen.« »Dem stimme ich bei«, sagte der Barbier. Und ohne sich mehr mit dem Durchsehen von Ritterbüchern langweilen zu wollen, wies der Pfarrer die Haushälterin an, sie solle alle die großen Bände nehmen und sie in den Hof werfen. Dies war nicht tauben Ohren gepredigt; denn die alte Jungfer hatte ohnehin noch größere Lust, die Bücher zu verbrennen, als ein ganzes Stück Leinwand für den Weber zurechtzumachen, und wäre es auch noch so groß und fein; sie ergriff etwa acht auf einmal und warf sie zum Fenster hinaus. Da sie zu viele zusammen nahm, fiel ihr eins zu den Füßen des Barbiers nieder; den überkam das Verlangen zu sehen, von wem es sei, und er fand, daß es besagte: Geschichte des berühmten Ritters Tirante des Weißen . »Helf mir Gott!« sprach der Pfarrer mit lautem Aufschrei. »So wäre denn Tirante der Weiße auch hier? Gebt mir ihn her, Gevatter, denn ich meine, ich habe in ihm einen Schatz von Vergnügen und eine Fundgrube von Zeitvertreib gefunden. Hier finden sich Don Kyrieleisón von Montalbán, der tapfere Ritter, und sein Bruder Tomás von Montalbán und der Ritter Fonseca und der Kampf, den der Haudegen von Tirante gegen den Bullenbeißer bestand, und die klugen Einfälle des Fräuleins Meineslebenslust, nebst der Liebesmühe und der Heimtücke der Witwe Geruhsam, und die Frau Kaiserin, so in den Schildknappen Hippolyt verliebt ist. Ich sag Euch in Wahrheit, Herr Gevatter, daß es in seiner Art das beste Buch der Welt ist. Hier wenigstens essen doch die Ritter und schlafen und sterben in ihrem Bette und machen Testamente vor ihrem Tode, nebst andern Dingen, deren alle übrigen Bücher dieser Sorte ermangeln. Trotz alledem, sage ich Euch, verdiente der Verfasser, da er absichtlich so große Albernheiten geschrieben, daß man ihn, wenn auch nicht wie die andern zum Feuertode, doch wenigstens für zeitlebens auf die Galeeren schicken sollte. Nehmt ihn fort nach Hause und leset ihn, und Ihr werdet sehen, daß alles, was ich Euch von ihm gesagt habe, Wahrheit ist.« »So soll's geschehen«, sagte der Barbier. »Aber was werden wir mit diesen kleinen Bänden anfangen, die noch übrig sind?« »Diese«, versetzte der Pfarrer, »dürften nicht Ritterbücher, sondern Dichtwerke sein.« Er schlug eines auf und sah, daß es Die Diana von Georg von Montemayor war, und sagte, in der Meinung, alle übrigen seien von derselben Art: »Diese verdienen nicht, verbrannt zu werden wie die andern; denn sie stiften nicht solchen Schaden und werden ihn nie stiften, wie ihn die Rittergeschichten angerichtet haben; sie sind Bücher von Verständnis und Einsicht, die keinem Dritten schaden können.« »Ach, Herr Pfarrer«, versetzte die Nichte, »immerhin könnte Euer Gnaden sie verbrennen lassen wie die andern; denn es wäre nicht zu verwundern, daß meinen Oheim, wenn er von der Ritterkrankheit genesen, beim Lesen dieser Bücher die Lust ankäme, ein Schäfer zu werden und singend und musizierend durch die Wälder und Wiesen zu wandeln und, was noch schlimmer wäre, ein Dichter zu werden, was, wie die Leute sagen, eine unheilbare und ansteckende Krankheit sein soll.« »Dieses Mädchen redet die Wahrheit«, sagte der Pfarrer, »und es wird gut sein, diese Gelegenheit und Veranlassung zum Straucheln unsrem Freunde vor den Füßen wegzuräumen. Und da wir mit der Diana Montemayors angefangen haben, so bin ich des Erachtens, daß man sie nicht verbrenne, sondern ihr alles wegschneide, was von der weisen Felicia und dem verzauberten Wasser handelt, sowie die meisten Verse in längeren Silbenmaßen, und es verbleibe ihm in Gottes Namen die Prosa und die Ehre, der erste in solcherlei Werken zu sein.« »Dies folgende«, sagte der Barbier, »ist der zweite Teil der Diana , gewöhnlich Die zweite Diana von dem Salmantiner geheißen, und dieses ist ein andres, das denselben Titel trägt und dessen Verfasser Gil Polo ist.« »So soll die des Dichters aus Salamanca«, antwortete der Pfarrer, »die Anzahl der zum Sturz in den Hof Verurteilten begleiten und vermehren, und die des Gil Polo soll aufbewahrt werden, als wenn sie von Apollo selbst wäre; und geht weiter, Herr Gevatter, denn es wird allgemach spät.« »Dieses Buch«, sagte der Barbier, indem er ein anderes aufschlug, »heißt Die zehen Bücher von den Schicksalen der Liebe , verfaßt von Antonio de Lofraso, einem sardinischen Dichter.« »Bei den Weihen, die ich empfangen«, versetzte der Pfarrer, »ich sag Euch, daß, seit Apollo Apollo ist und die Musen Musen und die Poeten Poeten, ein so unterhaltendes und närrisches Buch wie dies nicht geschrieben worden, und in seiner Weise ist es das beste und erlesenste von allen, die in dieser Dichtungsart ans Licht der Welt getreten sind; und wer es nicht gelesen hat, darf wohl glauben, daß er nie etwas Ergötzliches gelesen hat. Gebt mir es her, Gevatter, denn diesen Fund schätze ich höher, als wenn man mir einen Chorrock aus florentinischen Stücken geschenkt hätte.« Er legte es mit absonderlichem Vergnügen beiseite, und der Barbier fuhr fort: »Diese folgenden sind Der Schäfer von Iberien , die Nymphen und Hirten des Henares und die Genesung von der Eifersucht .« »Wohl, da ist nichts weiter zu tun«, sagte der Pfarrer, »als sie dem weltlichen Arm der Haushälterin zu übergeben, und man frage mich nicht nach dem Warum; denn das hieße, niemals zu Ende zu kommen.« »Dieses, das jetzt kommt, ist Filidas Schäfer .« »Der ist kein Schäfer«, sagte der Pfarrer, »sondern ein höchst geistreicher Hofmann; man hebe es auf als ein kostbares Juwel.« »Dieses große, das hier kommt«, sagte der Barbier, »betitelt sich Schatz von Gedichten verschiedener Art .« »Wenn ihrer nicht so viele wären«, bemerkte der Pfarrer, »würden sie in höherem Werte stehen; es wäre erforderlich, ihm das Unkraut auszujäten und es von einigen ordinären Sachen zu reinigen, die sich unter seinen großartigen Schönheiten finden. Es soll aufbewahrt werden, weil sein Verfasser mein Freund ist, und aus Rücksicht auf andere, bedeutsamere und erhabenere Werke, die er geschrieben.« »Dieses ist«, fuhr der Barbier fort, » Das Liederbuch des Lopez Maldoñado .« »Auch der Verfasser dieses Buches«, entgegnete der Pfarrer, »ist ein großer Freund von mir, und in seinem Munde setzen seine Verse jeden, der sie hört, in bewunderndes Erstaunen, und so süß ist die Lieblichkeit seiner Stimme, daß, was aus seiner Kehle klingt, tief in die Seele dringt. Er ist etwas weitschweifig in den Hirtengedichten, aber des Guten kann man nie zuviel bringen; hebt es bei den auserwählten auf. Aber was für ein Buch ist jenes, das danebensteht?« »Die Galatea von Miguel de Cervantes«, sagte der Barbier. »Viele Jahre ist es her, daß dieser Cervantes mir sehr befreundet ist, und ich weiß, daß er erfahrener ist im Leid als im Lied. Sein Buch hat einiges von guter Erfindung, legt einiges an und führt nichts durch. Man muß den zweiten Teil abwarten, den er verspricht; vielleicht wird er durch nachträgliche Besserung das milde Urteil völlig verdienen, das ihm jetzt versagt wird; und mittlerweile haltet ihn eingesperrt in Eurer Wohnung, Herr Gevatter!« »Einverstanden«, antwortete der Barbier. »Und hier kommen drei miteinander: Die Araucana von Don Alonso de Ercilla, Die Austríada von Juan Rufo, dem Stadtrat zu Córdoba, und Der Monserrate von dem valencianischen Dichter Christóbal de Virués.« »Alle diese drei Bücher«, sagte der Pfarrer, »sind die besten, die in achtzeiligen Stanzen in spanischer Sprache geschrieben sind, und können sich mit den berühmtesten Italiens messen; sie sollen aufbewahrt werden als die reichsten Pfänder der Dichtkunst, die Spanien besitzt.« Der Pfarrer war es müde, noch länger Bücher anzusehen, und so verlangte er, alle übrigen sollten auf einen Schlag verbrannt werden; aber schon hatte der Barbier eines aufgeschlagen, welches den Titel trug: Die Tränen der Angelika . »Tränen würde ich selber weinen«, sagte der Pfarrer, als er den Namen hörte, »wenn ich angeordnet hätte, ein solches Buch zu verbrennen; denn sein Verfasser war einer der berühmtesten Dichter auf Erden und war auch in der Übersetzung einiger Ovidischer Erzählungen sehr glücklich.« 7. Kapitel Von der zweiten Ausfahrt unsres trefflichen Ritters Don Quijote von der Mancha Wie man so weit war, begann Don Quijote mit lauter Stimme zu rufen: »Hier, hier, tapfere Ritter, hier ist's not, die Kraft eurer tapfern Arme zu zeigen; denn die Ritter vom Hofe tragen das Beste im Turnier davon!« Um zu diesem Lärmen und Toben herbeizueilen, wurde mit der Prüfung der noch übrigen Bücher nicht fortgefahren, und so, glaubt man, wanderten sonder Untersuchung und Gehör ins Feuer die Carolea , Leon der Löwe von Spanien nebst den Taten des Kaisers , die Don Luis de Avila geschrieben, welche ohne Zweifel unter den übrigen gewesen sein mußten; und vielleicht, wenn der Pfarrer sie gesehen, hätten sie nicht eine so strenge Verurteilung erlitten. Als sie zu Don Quijote kamen, war er schon vom Bette aufgestanden und fuhr mit seinem Geschrei und seinem Unsinn fort, führte Stiche und Hiebe nach allen Seiten und war so wach, als ob er nie geschlafen hätte. Sie umfaßten ihn mit den Armen und brachten ihn mit Gewalt ins Bett zurück; und sobald er sich ein wenig beruhigt hatte, wandte er sich zu dem Pfarrer und sagte ihm: »Sicherlich, Herr Erzbischof Turpin, ist es eine große Schande für uns, die wir uns die zwölf Pairs nennen, so mir nichts, dir nichts die Ritter vom Hofe den Sieg in diesem Turniere davontragen zu lassen, da doch wir fahrenden Ritter den Preis an den drei vorhergehenden Tagen gewonnen haben.« »Laßt gut sein, Herr Gevatter«, sagte der Pfarrer, »Gott wird es schon gefallen, daß das Glück sich wieder ändere und morgen gewonnen werde, was heute verlorengeht; und seid für jetzt auf Eure Gesundheit bedacht; denn es bedünkt mich, daß Ihr übermäßig müde sein müßt, wenn Ihr nicht etwa wund geschlagen seid.« »Wund geschlagen nicht«, sprach Don Quijote, »aber zerprügelt und zerschlagen; denn jener Bankert von Roldán hat mich mit einem Eichenstamme gedroschen, und all das aus Neid, weil er sieht, daß ich allein seinen hochmütigen Taten entgegentrete. Allein ich würde nicht Rinald von Montalbán heißen, wenn er, sobald ich mich von diesem Bette erhebe, mir es nicht zahlen soll, trotz all seiner Zauberkünste. Aber für jetzt bringe man mir zu essen; denn das, weiß ich, tut mir am meisten not, und was meine Rache betrifft, das bleibe mir anheimgestellt.« Sie taten also; sie gaben ihm zu essen, und er verfiel wieder in Schlaf und sie abermals in Verwunderung über seine Torheit. Diese Nacht vertilgte die Haushälterin mit Feuer und Brand alle Bücher, soviel deren im Hofe und im ganzen Haus waren, und manche wohl mochten mit verbrennen, die verdienten, in unvergänglichen Archiven aufbewahrt zu werden; allein ihr Schicksal und die Trägheit des Untersuchungsrichters ließ es nicht zu, und so erfüllte sich an ihnen der Spruch, daß oftmals die Gerechten für die Sünder zahlen. Eines der Mittel, welche der Pfarrer und der Barbier für jetzt gegen ihres Freundes Krankheit anwendeten, bestand darin, daß sie ihm das Gemach, wo die Bücher gestanden, vermauerten und mit einer Lehmwand verschlossen, damit er, wenn er wieder aufstünde, sie nicht mehr fände – weil vielleicht, wenn man die Ursache beseitigte, die Wirkung aufhören würde –, und sie wollten ihm sagen, ein Zauberer habe die Bücher und das Zimmer und alles auf und davon geführt. Und so ward es in großer Eile vollbracht. Zwei Tage nachher stand Don Quijote auf, und das erste, was er tat, war, seinen Büchern einen Besuch zu machen, und da er das Gemach nicht fand, wo er es gelassen hatte, ging er von einer Stelle zur andern, es zu suchen. Er kam dahin, wo sonst die Türe war, und tastete nach ihr mit den Händen und drehte und verdrehte die Augen überallhin, ohne ein Wort zu sagen; nach einer guten Weile indessen fragte er seine Haushälterin, wohinaus denn das Gemach mit seinen Büchern liege. Die Haushälterin, bereits wohlunterrichtet, was sie zu antworten habe, entgegnete ihm: »Was für ein Gemach oder was für ein Ding sonst sucht Euer Gnaden? Weder Gemach noch Bücher sind mehr in unserm Hause; denn all das hat der Teufel in eigner Person geholt.« »Es war kein Teufel«, sagte die Nichte, »sondern ein Zauberer, der auf einer Wolke daherkam, die Nacht nach dem Tage, wo Euer Gnaden sich von hier entfernte; er kam auf einer Schlange geritten, stieg ab, ging ins Gemach hinein, und ich weiß nicht, was er darin tat; denn nach einer kurzen Weile flog er durchs Dach hinaus und ließ das Haus voll Rauch; und wie wir daran dachten, nachzusehen, was er getan, fanden wir kein Buch und kein Gemach mehr. Nur ist es mir und der Haushälterin noch sehr gut in Erinnerung, daß im Augenblick seines Abscheidens der böse Alte mit schallender Stimme rief, aus geheimer Feindschaft, die er gegen den Herrn dieser Bücher und dieses Gemaches hege, habe er in diesem Hause den Schaden angerichtet, den man nachher schon finden werde. Er sagte auch, er heiße ›Der weise Muñatón‹.« »Fristón, wird er gesagt haben«, sprach Don Quijote. »Ich weiß nicht«, entgegnete die Haushälterin, »ob er sich Fristón oder Frißschon nannte; ich weiß nur, daß sein Name auf on ausging.« »So ist's«, sagte Don Quijote; »denn der ist ein weiser Zauberer, ein großer Feind von mir, der deshalb böse Gesinnung gegen mich hegt, weil er durch seine Künste und Bücher erfahren hat, daß ich im Verlauf der Zeit mit einem Ritter im Zweikampf fechten soll, den er begünstigt, und daß ich ihn besiegen werde, ohne daß er es hindern kann; und darum müht er sich, mir alle Widerwärtigkeiten zuzufügen, die er vermag. Aber ich tue ihm zu wissen, daß er schwerlich dem widerstreben und entgehen kann, was der Himmel gefügt hat.« »Wer zweifelt daran?« sagte die Nichte. »Aber wer treibt Euer Gnaden, Herr Ohm, in all diese Streithändel hinein? Ist's nicht besser, friedlich in seinem Hause zu sitzen und nicht durch die Welt zu ziehen, um noch besser Brot als das beste zu suchen, ohne zu bedenken: Mancher zieht nach Wolle aus und kommt geschoren nach Haus.« »O Nichte mein«, versetzte Don Quijote, »wie wenig Begriff hast du von solchen Dingen! Ehe man sich scheren soll, hab ich allen denen den Bart gerauft und ausgerissen, denen es einfallen könnte, mir an eines einzigen Haares Spitze zu rühren.« Sie wollten ihm nichts weiter entgegnen, weil sie sahen, daß sein Zorn aufzulodern begann. Es geschah nun, daß er vierzehn Tage ganz ruhig zu Hause blieb, ohne irgendein Anzeichen zu geben, daß er mit seinen früheren Torheiten fortfahren wolle. In diesen Tagen führte er mit seinen beiden Gevattern, dem Pfarrer und dem Barbier, die ergötzlichsten Gespräche über seine Behauptung: wessen die Welt am meisten bedürfe, das seien die fahrenden Ritter, und in ihm werde das fahrende Rittertum wiederaufstehen. Der Pfarrer widersprach ihm ein paarmal, ein andermal stimmte er ihm zu, denn wenn er diesen Kunstgriff nicht anwendete, war es nicht möglich, mit ihm fertigzuwerden. Während dieser Zeit suchte Don Quijote einen Ackersmann, seinen Ortsnachbar, zu gewinnen, einen guten Kerl – wenn man den gut nennen kann, dem es am Besten fehlt –, der aber sehr wenig Grütze im Kopf hatte. Und schließlich sagte er ihm so viel, redete ihm so viel ein und versprach ihm so viel, daß der arme Bauer sich entschloß, mit ihm von dannen zu ziehen und ihm als Schildknappe zu dienen. Unter anderem sagte ihm Don Quijote, er solle sich nur frohen Mutes anschicken, mit ihm zu ziehen; denn vielleicht könnte ihm ein solch Abenteuer aufstoßen, daß er im Handumdrehen irgendwelche Insul gewänne und ihn als deren Statthalter einsetzte. Auf diese und andre solche Versprechungen hin verließ Sancho Pansa – denn so hieß der Bauer – Weib und Kind und trat in seines Nachbarn Dienst als Knappe. Sogleich traf Don Quijote Anstalt, Geld aufzutreiben, und indem er einen Acker verkaufte und einen andren verpfändete und dabei alles verschleuderte, brachte er eine ziemliche Summe zusammen. Desgleichen versah er sich mit einem Rundschilde, den er sich von einem Freunde leihen ließ, und nachdem er seinen zerschlagenen Helm, so gut er konnte, hergerichtet, benachrichtigte er seinen Knappen Sancho von Tag und Stunde, wo er sich auf den Weg zu begeben gedachte, damit auch er sich mit allem versehe, was er am meisten zu bedürfen dächte; vor allem aber gab er ihm den Auftrag, einen Zwerchsack mitzunehmen. Sancho erwiderte, er würde allerdings einen solchen bei sich führen, und ebenso gedenke er auch einen Esel mitzunehmen, da er einen sehr guten habe; denn er für sein Teil sei nicht gewohnt, viel zu Fuße zu gehen. In betreff des Esels hatte Don Quijote einiges Bedenken und überlegte hin und her, ob er sich irgendeines fahrenden Ritters entsinnen könne, der einen Schildknappen eselhaft beritten bei sich gehabt hätte; aber es kam ihm keiner in den Sinn. Jedoch trotz alledem entschied er sich dafür, daß Sancho ihn mitnehmen solle; nur nahm er sich vor, ihn mit einer ehrbaren Reitgelegenheit zu versehen, sobald die Möglichkeit sich böte, dem ersten ungebärdigen Ritter, auf den er stieße, das Pferd abzunehmen. Er versah sich auch mit Hemden und mit den andern Dingen, soviel ihm möglich, gemäß dem Rate, den der Wirt ihm gegeben. Als all dies getan und zu Ende geführt war, zogen beide – Sancho Pansa, ohne von Kindern und Weib, Don Quijote, ohne von Haushälterin und Nichte Abschied zu nehmen – eines Nachts aus dem Dorfe von dannen, ohne daß jemand sie sah, und in dieser Nacht legten sie so viel Weges zurück, daß sie beim Morgengrauen sich für sicher hielten, man würde sie nicht finden, selbst wenn man auf die Suche nach ihnen ginge. Sancho Pansa zog auf seinem Esel einher wie ein Patriarch, mit seinem Zwerchsack und seiner Lederflasche und mit großem Sehnen, sich schon als Statthalter der Insul zu sehen, die sein Herr ihm versprochen hatte. Don Quijote nahm zufällig dieselbe Richtung und Straße, die er bei seiner ersten Fahrt genommen, nämlich über das Gefilde von Montiel, das er mit minderer Beschwer als das vorige Mal durchzog, da es die Morgenstunde war und die Sonnenstrahlen sie nur schräg trafen, so daß sie von diesen nicht sehr belästigt wurden. Hier nun sagte Sancho Pansa zu seinem Herrn: »Gnädiger Junker, fahrender Herr Ritter, sehet wohl zu, daß Euch nicht in Vergessenheit gerate, was Ihr mir von wegen der Insul versprochen habt; denn ich will schon verstehen, sie zu regieren, wie groß sie auch immer sein mag.« Darauf erwiderte ihm Don Quijote: »Du mußt wissen, Freund Sancho, daß es ein vielfach betätigter Brauch der alten fahrenden Ritter war, ihre Knappen zu Statthaltern der Insuln oder Königreiche zu machen, die sie gewannen, und ich habe mir vorgenommen, daß durch mich ein so preisenswürdiges Herkommen nicht in Abgang geraten soll; vielmehr gedenke ich in demselben noch viel weiter zu gehen. Denn jene haben in manchen Fällen, und vielleicht in den meisten, gewartet, bis ihre Knappen alt geworden, und nachdem sie schon müde waren, zu dienen und schlimme Tage und schlimmere Nächte zu ertragen, so verliehen sie ihnen ein Amt als Graf oder wenigstens als Markgraf über irgendein Tal oder einen Gau von größerer oder geringerer Bedeutung. Allein wenn du leben bleibst und ich leben bleibe, könnte es wohl geschehen, daß, ehe ein halb Dutzend Tage um sind, ich ein großes Königreich gewänne, zu dem noch ein paar andre als Nebenländer gehörten, und die kämen gerade zupaß, um dich zum König über eines derselben zu krönen. Und das brauchst du nicht für etwas Besonderes zu halten; denn es begegnen den besagten Rittern Vorfälle und Zufälle auf so unerhörte und ungeahnte Weise, daß ich mit Leichtigkeit dir sogar noch mehr geben könnte, als ich dir verspreche.« »Auf diese Art«, entgegnete Sancho Pansa, »wenn ich durch eines der Wunder, wie sie Euer Gnaden erwähnt, König würde, dann brächte es Johanna Gutiérrez, meine Hausehre, mindestenfalls zur Königin und meine Kinder zu Prinzen?« »Wer zweifelt daran?« antwortete Don Quijote. »Ich zweifle daran«, versetzte Sancho Pansa, »weil, ich habe so die Meinung, daß, wenn Gott auch Königreiche herabregnen ließe, doch keines auf den Kopf einer Gutiérrez passen würde. Wisset, Euer Gnaden, zur Königin ist sie keine zwei Pfennige wert; Gräfin stünde ihr schon besser, und selbst da müßte der liebe Himmel und guter Menschen Beistand das Beste tun.« »Befiehl das unserem Herrgott, Sancho«, erwiderte Don Quijote. »Er wird ihr schon geben, was ihr am zuträglichsten ist. Aber werde du nicht so kleinmütig, daß du dich am Ende gar mit wenigerem begnügst, als Landvogt zu werden.« »Das werde ich nicht tun, gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »zumal ich in Euer Gnaden einen so hochgestellten Herrn habe, der in seiner Einsicht schon wissen wird, mir all das zu geben, was gut ist und was ich tragen kann.« 8. Kapitel Von dem glücklichen Erfolg, den der mannhafte Don Quijote bei dem erschrecklichen und nie erhörten Kampf mit den Windmühlen davontrug, nebst andern Begebnissen, die eines ewigen Gedenkens würdig sind Indem bekamen sie dreißig oder vierzig Windmühlen zu Gesicht, wie sie in dieser Gegend sich finden; und sobald Don Quijote sie erblickte, sprach er zu seinem Knappen: »Jetzt leitet das Glück unsere Angelegenheiten besser, als wir es nur immer zu wünschen vermöchten; denn dort siehst du, Freund Pansa, wie dreißig Riesen oder noch etliche mehr zum Vorschein kommen; mit denen denke ich einen Kampf zu fechten und ihnen allen das Leben zu nehmen. Mit ihrer Beute machen wir den Anfang, uns zu bereichern; denn das ist ein redlicher Krieg, und es geschieht Gott ein großer Dienst damit, so böses Gezücht vom Angesicht der Erde wegzufegen.« »Was für Riesen?« versetzte Sancho Pansa. »Jene, die du dort siehst«, antwortete sein Herr, »die mit den langen Armen, die bei manchen wohl an die zwei Meilen lang sind.« »Bedenket doch, Herr Ritter«, entgegnete Sancho, »die dort sich zeigen, sind keine Riesen, sondern Windmühlen, und was Euch bei ihnen wie Arme vorkommt, das sind die Flügel, die, vom Winde umgetrieben, den Mühlstein in Bewegung setzen.« »Wohl ist's ersichtlich«, versetzte Don Quijote, »daß du in Sachen der Abenteuer nicht kundig bist; es sind Riesen, und wenn du Furcht hast, mach dich fort von hier und verrichte dein Gebet, während ich zu einem grimmen und ungleichen Kampf mit ihnen schreite.« Und dies sagend, gab er seinem Gaul Rosinante die Sporen, ohne auf die Worte zu achten, die ihm sein Knappe Sancho warnend zuschrie, es seien ohne allen Zweifel Windmühlen und nicht Riesen, die er angreifen wolle. Aber er war so fest davon überzeugt, es seien Riesen, daß er weder den Zuruf seines Knappen Sancho hörte noch selbst erkannte, was sie seien – obwohl er schon sehr nahe war –, vielmehr rief er mit lauter Stimme: »Fliehet nicht, feige niederträchtige Geschöpfe; denn ein Ritter allein ist es, der euch angreift.« Indem erhub sich ein leiser Wind, und die langen Flügel fingen an, sich zu bewegen. Sobald Don Quijote dies sah, sprach er: »Wohl, ob ihr auch mehr Arme als die des Riesen Briareus bewegtet, ihr sollt mir's doch bezahlen.« Und dies ausrufend und sich von ganzem Herzen seiner Herrin Dulcinea befehlend und sie bittend, ihm in so entscheidendem Augenblicke beizustehen, wohl gedeckt mit seinem Schilde, mit eingelegtem Speer, sprengte er an im vollsten Galopp Rosinantes und griff die erste Mühle vor ihm an; aber als er ihr einen Lanzenstoß auf den Flügel gab, drehte der Wind diesen mit solcher Gewalt herum, daß er den Speer in Stücke brach und Roß und Reiter mit sich fortriß, so daß sie gar übel zugerichtet übers Feld hinkugelten. Sancho Pansa eilte im raschesten Trott seines Esels seinem Herrn beizustehen, und als er herzukam, fand er, daß Don Quijote sich nicht regen konnte, so gewaltig war der Stoß, mit dem Rosinante ihn niedergeworfen. »So helf mir Gott!« sprach Sancho, »hab ich's Euer Gnaden nicht gesagt, Ihr möchtet wohl bedenken, was Ihr tuet, es seien nur Windmühlen, und das könne nur der verkennen, der selbst Windmühlen im Kopf habe?« »Schweig, Sancho«, antwortete Don Quijote. »Denn die Dinge des Krieges, mehr als andere, sind fortwährendem Wechsel unterworfen; zumal ich meine, und gewiß verhält sich's so, daß jener weise Fristón, der mir das Zimmer und die Bücher entführte, diese Riesen in Windmühlen verwandelt hat, um mir den Ruhm ihrer Besiegung zu entziehen; solche Feindseligkeit hegt er gegen mich. Aber am Ende, am Ende werden seine bösen Künste wenig vermögen gegen die Macht meines Schwertes.« »Gott füge das so, er vermag's«, entgegnete Sancho Pansa und half ihm, sich zu erheben; und der Ritter stieg wieder auf seinen Rosinante, der nahezu buglahm war. Unter Gesprächen über das stattgehabte Abenteuer zogen sie nun des Weges weiter nach dem Gebirgspaß Lápice; denn dort, sagte Don Quijote, müßten sich, es sei nicht anders möglich, viele und mannigfache Abenteuer finden, weil es eine vielbegangene Örtlichkeit sei. Nur war er sehr betrübt, weil ihm der Speer zersplittert war; und seinem Knappen dies klagend, sprach er zu ihm: »Ich erinnere mich, gelesen zu haben, daß ein spanischer Ritter namens Diego Pérez de Vargas, als ihm in einer Schlacht das Schwert zerbrach, von einer Eiche einen gewichtigen Ast oder Stumpf losbrach und damit solcherlei Taten an jenem Tag verrichtete und damit auf so viele Mohren klopfte, daß ihm davon die Bezeichnung Machuca (Klopfedrauf) als Zuname blieb, und so nannte er wie seine Nachkommen sich von jenem Tage fürderhin Vargas y Machuca. Dies hab ich dir darum gesagt, weil ich beabsichtige, von der ersten Stechpalme oder Eiche, die sich mir darbeut, auch einen solchen und ebenso tüchtigen Ast abzureißen, und ich meine und gedenke, mit ihm solche Großtaten zu tun, daß du dich für hochbeglückt halten sollst, ihres Anblicks würdig erachtet und Zeuge von Dingen geworden zu sein, die kaum glaublich erscheinen.« »Das gebe Gott«, sprach Sancho, »ich glaube alles, so wie Euer Gnaden es sagt; aber richtet Euch doch ein wenig gerade auf, denn mich dünkt, Ihr hängt nach einer Seite herüber, und das muß von der Quetschung beim Sturze sein.« »So ist's wirklich«, antwortete Don Quijote; »und wenn ich ob des Schmerzes nicht wehklage, so ist es darum, weil es den fahrenden Rittern nicht vergönnt ist, ob irgendwelcher Wunde zu wehklagen, selbst wenn die Eingeweide aus ihr heraushängen sollten.« »Wenn es so ist, so habe ich nichts zu erwidern«, entgegnete Sancho, »aber Gott weiß, ob ich mich freuen würde, wenn Euer Gnaden wehklagen wollte, wenn Euch etwas weh tut. Von mir kann ich versichern, ich werde über den kleinsten Schmerz, den ich fühlen mag, jammern, wenn nicht etwa der Punkt wegen des Nichtwehklagens sich auch von den Schildknappen der fahrenden Ritter versteht.« Don Quijote konnte nicht umhin, über die Einfalt seines Schildknappen zu lachen, und so erklärte er ihm, er dürfe allerdings wehklagen, wie und wann er möge, wider Willen oder mit Willen; denn bis jetzt habe er nichts dagegen in den Ordnungen des Rittertums gelesen. Sancho sagte ihm nun, er möge bedenken, daß es Essenszeit sei. Sein Herr antwortete ihm, für jetzt tue das ihm selbst nicht not; er aber möchte essen, wann es ihn gelüste. Auf diese Erlaubnis hin setzte sich Sancho, so gut er konnte, auf seinem Esel zurecht, nahm aus dem Zwerchsack, was er darein getan, und zog reitend und essend hinter seinem Herrn gar langsam einher und setzte von Zeit zu Zeit die Lederflasche mit so großem Wohlbehagen an den Mund, daß ihn der größte Feinschmecker unter den Schenkwirten von Malaga hätte beneiden mögen. Und während er solchergestalt hinzog und einen Schluck nach dem andern tat, kam ihm nichts von allem in den Sinn, was ihm sein Herr nur immer versprochen haben mochte, und er hielt es nicht für Mühsal, sondern für große Ergötzlichkeit, auf die Suche nach Abenteuern zu gehen, so gefahrvoll sie auch wären. Schließlich verbrachten sie die Nacht unter Bäumen, und von einem derselben brach Don Quijote einen trockenen Ast ab, der ihm zur Not als Speer dienen konnte, und befestigte daran die Eisenspitze, die er von dem Schaft, der ihm in Stücke gegangen, löste. Diese ganze Nacht schlief Don Quijote nicht und dachte an seine Herrin Dulcinea, um sich nach dem zu richten, was er in seinen Büchern gelesen, wo die Ritter viele Nächte schlaflos in Wäldern und Einöden zubrachten, mit Erinnerungen an ihre Gebieterinnen sich unterhaltend. Nicht so verbrachte sie Sancho Pansa; denn da sein Magen voll war, und nicht mit Zichorienwasser, durchschlief er die ganze Nacht in einem Zuge, und wenn sein Herr ihn nicht gerufen hätte, wären die Sonnenstrahlen, die ihn ins Gesicht trafen, nicht imstande gewesen, ihn aufzuwecken, ebensowenig wie der Gesang der Vögel, die zahlreich und gar fröhlich die Ankunft des neuen Tages begrüßten. Beim Aufstehen machte er seiner Lederflasche einen Besuch und fand sie etwas schlaffer als den Abend vorher, und es ward ihm das Herz schwer, weil es ihn bedünkte, daß sie nicht einen solchen Weg einschlugen, wo diesem Mangel bald wieder abzuhelfen wäre. Don Quijote wollte kein Frühstück zu sich nehmen, weil er, wie gesagt, des Sinnes war, sich mit süßen Erinnerungen zu nähren. Sie wandten sich wieder auf den bereits eingeschlagenen Weg nach dem Passe Lápice, und sie erblickten ihn ungefähr um die dritte Stunde des Mittags. »Hier«, sprach Don Quijote, als er seiner ansichtig wurde, »hier können wir die Hände bis an den Ellenbogen in das stecken, was man Abenteuer nennt. Allein beachte wohl, daß du, wenn du mich in den größten Fährlichkeiten erblicken solltest, nicht Hand an dein Schwert legen darfst, um mich zu verteidigen, falls du nicht etwa siehst, daß, die mich angreifen, Pöbel und niederes Gesindel sind; denn in solchem Fall darfst du wohl mir zu Hilfe kommen. Jedoch wenn es Ritter sind, so ist es dir in keiner Weise statthaft noch durch die Gesetze des Rittertums vergönnt, mir beizustehen, bis du zum Ritter geschlagen bist.« »Sicherlich, Señor«, erwiderte Sancho, »soll Euch hierin völlig gehorsamt werden, um so mehr, als ich von mir aus friedfertig bin und die größte Abneigung habe, mich in Händel und Streitigkeiten zu mischen. Zwar wenn es sich einmal darum handelt, mich zu verteidigen, da werd ich nicht viel Rücksicht auf diese Gesetze nehmen, da göttliche und menschliche Gesetze erlauben, daß jeder sich gegen den wehre, der ihm etwas zuleide tun will.« »Dagegen sage ich nichts«, antwortete Don Quijote; »aber mir gegen Ritter beizustehen, in diesem Betreff mußt du deinen natürlichen Ungestüm in Schranken halten.« »Ich erkläre förmlich, daß ich so tun werde«, erwiderte Sancho, »und daß ich diese Vorschrift so heilig halten will wie den Sonntag.« Als sie mitten in diesem Gespräche waren, ließen sich von fern auf der Straße zwei Brüder vom Benediktinerorden sehen; sie ritten auf Dromedaren, denn nicht kleiner als solche waren die beiden Maultiere, auf denen sie einherzogen. Sie trugen Reisebrillen und Sonnenschirme. Hinter ihnen kam eine Kutsche, begleitet von vier oder fünf Leuten zu Pferd und zwei Maultierjungen zu Fuß. In der Kutsche saß, wie man später erfuhr, eine Dame aus Biscaya; sie reiste nach Sevilla, wo sich ihr Mann befand, der in einem höchst ehrenvollen Amte nach Indien ging. Die Mönche reisten nicht mit ihr, obwohl sie desselben Weges zogen. Und kaum erblickte sie Don Quijote, als er seinem Knappen sagte: »Entweder ich täusche mich sehr, oder dies wird das prächtigste Abenteuer, das man je gesehen; denn diese schwarzen Gestalten, welche sich dort zeigen, müssen Zauberer sein, ja sind es ohne Zweifel, die eine geraubte Prinzessin in dieser Kutsche fortführen, und es tut not, mit all meinen Kräften dieser Ungebühr zu steuern.« »Das wird schlimmer als die Windmühlen«, sagte Sancho; »bedenket, Señor, daß es Mönche vom Orden des heiligen Benedikt sind, und die Kutsche enthält jedenfalls nur Reisende. Bedenket, ich sage, bedenket ernstlich, was Ihr tut, damit der Teufel Euch nicht berücke.« »Ich habe dir schon gesagt«, antwortete Don Quijote, »daß du im Punkte der Abenteuer nicht viel verstehst; was ich sage, ist wahr, und gleich sollst du es sehen.« Und dies sagend, ritt er vorwärts und hielt mitten auf dem Wege, den die Mönche einherzogen; und als sie so nahe waren, daß es ihn bedünkte, sie könnten hören, was er ihnen zu sagen habe, sprach er mit lauter Stimme: »Teuflisches, ungeschlachtes Volk, gleich auf der Stelle laßt die hohen Prinzessinnen frei, die ihr in dieser Kutsche bewältigt von dannen führt; wo nicht, so bereitet euch, augenblicklichen Tod zu empfangen, zur gerechten Strafe eurer bösen Taten.« Die Mönche hielten die Zügel an und waren hoch erstaunt sowohl über die Gestalt Don Quijotes als auch über seine Reden, und sie antworteten: »Herr Ritter, wir sind weder teuflisch noch ungeschlacht, sondern zwei Geistliche vom Benediktinerorden, die ihres Weges ziehen und nicht wissen, ob oder ob nicht in dieser Kutsche bewältigte Prinzessinnen fahren.« »Mit guten Worten kommt man mir nicht an; denn ich kenn euch schon, verlogenes Gesindel«, sprach Don Quijote, und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, spornte er den Rosinante und sprengte mit gesenktem Speer gegen den nächsten Mönch an, mit solcher Wut und Tapferkeit, daß der Mönch, hätte er sich nicht vom Maultier herabgleiten lassen, unfreiwillig zu Boden geschleudert, ja schwer verwundet, wenn nicht gar tot hingestürzt wäre. Als der zweite Klosterbruder sah, in welcher Art man seinen Gefährten behandelte, drückte er seinem guten Maultier die Beine wider den mächtigen Leib und begann leichter als der Wind über das Gefilde hinzutraben. Wie Sancho Pansa den Mönch am Boden liegen sah, stieg er behende von seinem Esel, stürzte auf ihn los und begann ihm die Kleider abzuziehen. Indem kamen die zwei Maultierjungen herbei und fragten ihn, warum er den Mönch entkleide. Sancho antwortete, das komme ihm von Rechts wegen zu, als Beute des Kampfes, den sein Herr Don Quijote siegreich bestanden habe. Die Jungen, die keinen Spaß verstanden und von Beute und Kampf keinen Begriff hatten, warfen sich auf Sancho, dieweil sie sahen, daß Don Quijote sich bereits von dort weggewendet, um mit den Leuten in der Kutsche zu reden; sie rissen ihn zu Boden, rauften ihm den Bart, daß ihm kein Haar darin blieb, zerdroschen ihn mit Fußtritten und ließen ihn ohne Atem und Besinnung am Boden hingestreckt liegen. Ohne einen Augenblick zu verziehen, stieg der Mönch wieder auf, voller Angst und Entsetzen und ohne einen Blutstropfen im Gesichte; und sobald er im Sattel saß, ritt er eiligst seinem Gefährten nach, der ein gutes Stück von da beobachtend hielt und zusah, welchen Ausgang die Schreckensgeschichte nehmen würde; und ohne das gänzliche Ende dieses Begebnisses abwarten zu wollen, ritten sie ihres Weges weiter und schlugen mehr Kreuze, als wenn sie den Teufel im Nacken gehabt hätten. Don Quijote war derweilen, wie schon bemerkt, im Gespräch mit der Herrin des Wagens und sagte ihr: »Euere Huldseligkeit, Herrin mein, mag mit Eurem Selbst schalten, wie es Euch am ehesten zu Sinn kommen mag; denn allbereits liegt der Übermut Eurer Entführer am Boden, niedergeschmettert durch diesen meinen starken Arm. Und damit Ihr Euch nicht in Sehnsucht quält, den Namen Eures Befreiers zu erfahren, wisset, ich nenne mich Don Quijote von der Mancha, bin ein fahrender Ritter und Gefangener der unvergleichlichen und huldseligsten Doña Dulcinea von Toboso. Und zum Entgelt für die Guttat, so Ihr von mir empfangen habt, begehr ich nichts andres, denn daß Ihr Euch zurück nach Toboso wendet und Euch von meinethalben dieser hohen Frau stellet und ihr verkündet, was ich für Eure Befreiung vollbracht.« Alles, was Don Quijote sagte, vernahm ein Kammerjunker in Diensten der Dame, einer von denen, die die Kutsche geleiteten; es war ein Biskayer. Als dieser sah, daß der Ritter die Kutsche nicht vorüberlassen wollte, sondern verlangte, sie solle sogleich die Umkehr nach Toboso nehmen, ritt er auf Don Quijote zu, und ihn am Speer fassend, sprach er in schlechtem Kastilianisch und noch schlechterem Biskayisch: »Fort, Ritter, fort mit dem Gottseibeiuns; bei dem Gott, der mich geschafft, wenn du nicht lassen Kutsche, ich bring um dir, wo wahr ist allhie Biskayer.« Don Quijote verstand ihn ganz gut und antwortete ihm mit großer Gelassenheit: »Wenn du ein Edelmann und Ritter wärest, wie du es nicht bist, so hätte ich dich bereits für deine Torheit und Vermessenheit bestraft, elendes Geschöpf!« Darauf entgegnete der Biskayer: »Ich nicht Edelmann? Schwör ich zu Gott, lügst so arg wie Christ; wenn wegwirfst Speer und ziehest Schwert, wirst sehen bald, wie Bach durch Katze schleifst; Biskayer zu See, Edelmann zu Land, Edelmann in Namen Teufels, und lügst du, wenn sagen anderes.« Don Quijote antwortete: »Das sollt Ihr zur Stunde ersehen, sagte Agrages«, und den Speer zu Boden werfend, zog er sein Schwert, faßte seinen Schild in den Arm und drang auf den Biskayer ein, entschlossen, ihm das Leben zu nehmen. Als der Biskayer ihn so auf sich zukommen sah, wäre er gern von seinem Maulesel herabgesprungen, auf welches als einen jener schlechten Mietklepper kein Verlaß war; doch konnte er in der Eile nichts anderes tun, als sein Schwert zu ziehen. Indessen geriet es ihm zum Glück, daß er gerade dicht neben der Kutsche hielt, so daß er aus ihr ein Kissen nehmen konnte, das ihm zum Schilde diente, und alsbald stürzten beide aufeinander los, als ob sie Todfeinde wären. Die andern hätten gern Frieden zwischen ihnen gestiftet; allein sie vermochten es nicht, denn der Biskayer sagte in seiner schlecht zusammengeflickten Redeweise, wenn sie ihn seinen Kampf nicht beenden ließen, würde er selber seine Gebieterin umbringen, samt allen, die ihn daran hindern wollten. Die Dame im Wagen, verwundert und ängstlich ob der Dinge, die sie sah, winkte dem Kutscher, er solle ein wenig zur Seite fahren, und schaute von weitem dem heißen Kampfe zu, in dessen Verlauf der Biskayer dem Ritter eine so gewaltige Quart über den Schild hinüber auf das Schulterblatt schlug, daß sie ihn, ohne den Schutz seiner Wehr, bis zum Gürtel gespalten hätte. Don Quijote, der die schmerzliche Wucht dieses ungeheuren Streiches fühlte, erhub einen mächtigen Aufschrei und rief: »O Herrin meiner Seele, Dulcinea, Blume der Huldseligkeit und Schönheit, stehet diesem Eurem Ritter bei, der, um Eurer großen Fürtrefflichkeit eine Genüge zu tun, sich in diesen harten Nöten befindet.« Dies sagen und das Schwert fest fassen, sich mit seinem Schilde wohl decken und auf den Biskayer anstürmen, das alles geschah in einem Augenblick, da er ernstlich vorhatte, alles auf einen einzigen Streich zu setzen. Der Biskayer, der ihn so auf sich eindringen sah, erkannte aus seiner kühnen Haltung seinen ingrimmigen Sinn und nahm sich vor, gleiche Tapferkeit zu zeigen wie Don Quijote; und so erwartete er ihn, mit seinem Kissen wohlgedeckt, ohne sein Maultier nach der einen oder anderen Seite hin wenden zu können, da es vor lauter Müdigkeit, und weil solcher Narreteien ungewohnt, nicht einen Schritt zu tun imstande war. Es drang also, wie gesagt, Don Quijote auf den vorsichtigen Biskayer ein, mit hochgeschwungenem Schwert, entschlossen, ihn mitten auseinanderzuhauen, und der Biskayer erwartete ihn ebenso, das Schwert gehoben und mit seinem Kissen umpolstert, und alle ringsumher waren bang und gespannt, was sich aus den so mächtigen Streichen ergeben sollte, mit denen sie einander bedrohten; und die Dame in der Kutsche und ihre Dienerinnen taten tausend Gelübde und Verheißungen zu allen Heiligenbildern und Andachtsstätten in ganz Spanien, auf daß Gott ihren Kammerjunker und sie selbst von dieser so großen Gefahr befreie. Es ist jammerschade, daß gerade bei dieser Stelle und Sachlage der Verfasser unserer Geschichte den Kampf in der Schwebe läßt, indem er sich damit entschuldigt, er habe von den Heldentaten Don Quijotes nicht mehr geschrieben gefunden, als bis hierher erzählt sei. Indessen hat der zweite Verfasser dieses Buches nicht glauben mögen, daß eine so interessante Geschichte ins Reich der Vergessenheit versinken könnte und daß die Literaten in der Mancha so wenig forschbegierig gewesen wären, daß sie nicht irgendwelche Papiere, die von diesem preisenswürdigen Ritter handelten, in ihren Archiven oder Schreibpulten aufbewahrt haben sollten; und in dieser Voraussetzung verzweifelte er nicht daran, das Ende dieser anziehenden Geschichte aufzufinden. Und da ihm der Himmel gnädig war, fand er dasselbe wirklich auf die Weise, wie im folgenden Kapitel erzählt werden soll. 9. Kapitel Worin der erschreckliche Kampf zwischen dem tapferen Biskayer und dem mannhaften Manchaner beschlossen und beendet wird Im ersten Teil dieser Geschichte verließen wir den mutigen Biskayer und den preiswürdigen Don Quijote, die blanken Schwerter hochgeschwungen, wie eben jeder von ihnen einen wütigen Hieb hoch herab führen wollte, so gewaltig, daß, wenn er voll gesessen hätte, beide von oben bis unten zerteilt und zerspalten und wie ein Granatapfel auseinandergeschnitten worden wären. Und in diesem Augenblick, wo der Ausgang so ungewiß war, hörte die anmutige Geschichte auf und blieb ein Bruchstück, ohne daß ihr Verfasser uns Nachricht gegeben, wo das Mangelnde zu finden wäre. Dies verursachte mir großen Unmut, und das Vergnügen über das wenige, das ich gelesen hatte, verwandelte sich in Mißvergnügen, wenn ich an den schwierigen Weg dachte, all das viele aufzufinden, das meines Bedünkens an der so reizenden Erzählung fehlte. Es schien mir unmöglich und wider jedes gute Herkommen, daß ein so trefflicher Ritter irgendeines weisen Zauberers ermangeln sollte, der es auf sich genommen hätte, seine nie erhörten Großtaten niederzuschreiben; Dinge, an denen es doch keinem gefehlt hat von den fahrenden Rittern, die, wie die Leute sagen, hinausziehn auf ihre Abenteuer. Denn jeder von ihnen hatte einen oder zwei Zauberer oder weise Männer, wie sie zur Sache paßten, die nicht nur seine Handlungen aufschrieben, sondern auch seine geringsten Gedanken und Kindereien schilderten, so geheim sie auch waren; und ein so trefflicher Ritter konnte unmöglich so unglücklich sein, daß ihm fehlte, was Platir und andere seinesgleichen im Übermaß hatten. Und so konnte ich mich nicht dem Glauben zuwenden, daß eine so herrliche Geschichte unvollständig und verstümmelt geblieben, und ich warf die Schuld auf die Tücke der alles verschlingenden und aufzehrenden Zeit, die das Buch verborgen halte oder vernichtet habe. Anderseits bedünkte es mich, da unter seinen Büchern sich so neue gefunden wie die Genesung von der Eifersucht und Die Nymphen und Hirten des Henares, so müsse auch seine Geschichte aus neuerer Zeit sein und sich, auch wenn sie nicht niedergeschrieben wäre, in der Erinnerung der Leute aus seinem Dorf und der Nachbarschaft erhalten haben. Dieser Gedanke brachte mich ganz durcheinander und machte mich um so begieriger, das ganze Leben und die Wunderwerke unsers preisenswerten Spaniers Don Quijote von der Mancha wahr und wahrhaftig zu erfahren, jenes Lichtes und Spiegels der Manchaner Ritterschaft, des ersten, der in unsern Tagen und in diesen so unglückseligen Zeiten die Last und Mühsal der Waffen des fahrenden Rittertums und des Berufes auf sich nahm, alle Ungebühr abzustellen, Witwen beizustehen, auch Jungfrauen zu schirmen von der Klasse derer, die mit der Reitpeitsche, auf ihren Zeltern, mit ihrer ganzen Jungfräulichkeit beladen, von Berg zu Berg und von Tal zu Tal zogen. Denn wenn nicht etwa ein schuftiger Lümmel oder ein gemeiner Kerl mit Axt und Eisenhut oder ein ungeschlachter Riese ihr Gewalt antat, so gab's in vergangenen Tagen manche Jungfrau, die nach Verfluß von achtzig Jahren, während welcher langen, langen Zeit sie nicht ein einzigmal unter Dach geschlafen, so völlig unberührt zu Grabe ging wie die Mutter, die sie geboren. Ich sage also, mit Rücksicht auf dieses und viel andres ist unser herrlicher Don Quijote immerwährender und im Gedächtnis aufzubewahrender Lobpreisungen würdig, und solche darf man auch mir nicht versagen für die Mühe und Sorgfalt, die ich daran setzte, das Ende dieser ergötzlichen Geschichte aufzufinden. Freilich weiß ich wohl, wenn der Himmel, der Zufall und das Glück mir nicht beigestanden hätten, so würde jetzt die Welt alles Vergnügens und Zeitvertreibs verlustig gehn, das jeder, der sie mit Aufmerksamkeit lesen wird, während einiger Stunden genießen kann. Mit dem Auffinden der Geschichte ging's aber folgendermaßen zu: Als ich mich eines Tages auf dem Alcaná in Toledo befand, kam ein Junge herzu und wollte einem Seidenhändler etliche geschriebene Hefte und alte Papiere verkaufen; und da es meine Liebhaberei ist, alles zu lesen, wären es auch nur Papierschnitzel von der Gasse, ließ ich mich von dieser angeborenen Neigung hinreißen, eines von den Heften zu nehmen, die der Junge verkaufen wollte, und sah, daß es arabische Schrift war, die ich zwar kannte, aber nicht zu lesen imstande war. Ich sah mich um, ob einer von jenen ein schlechtes Spanisch redenden Morisken in der Nähe wäre, damit er sie mir vorläse, und es hielt nicht schwer, hierfür einen Dolmetsch auf zu treiben; denn wenn ich mir solchen auch für eine bessere und ältere Sprache gesucht hätte, würde ich ihn ebenfalls dort gefunden haben. Kurz, der Zufall führte mir einen zu, und als ich ihm meinen Wunsch mitgeteilt und ihm das Buch in die Hand gegeben, schlug er es in der Mitte auf, und kaum hatte er ein wenig darin gelesen, so fing er an zu lachen. Ich fragte ihn, worüber er lache; er antwortete: »Über eine Bemerkung, die hier am Rand geschrieben steht.« Ich bat ihn, sie mich hören zu lassen, und ohne mit seinem Lachen aufzuhören, sprach er: »Hier, wie ich gesagt, ist an den Rand geschrieben: ›Diese Dulcinea von Toboso, die so oft in dieser Geschichte vorkommt, hatte, wie berichtet wird, unter allen Frauenzimmern in der Mancha die geschickteste Hand, Schweine einzusalzen.‹« Wie ich Dulcinea von Toboso nennen hörte, war ich voll Staunens und gespannter Erwartung; denn sogleich kam ich auf den Gedanken, daß diese alten Hefte die Geschichte des Don Quijote enthielten. In dieser Voraussetzung drängte ich ihn, mir schnell den Anfang zu lesen; er tat dies, indem er das Arabische aus dem Stegreif ins Kastilianische übertrug, und sagte mir, es laute: Geschichte des Junkers Don Quijote von der Mancha, geschrieben von Sich Hamét Benengeli, arabischem Geschichtsschreiber . Ich bedurfte großer Selbstbeherrschung, um das freudige Gefühl zu verhehlen, das mich überkam, als der Titel des Buches mir in die Ohren klang; ich riß es gewaltsam dem Seidenhändler weg und kaufte dem Jungen die sämtlichen Papiere und Hefte für einen halben Real ab; wäre er aber gescheit gewesen und hätte gewußt, wie großes Verlangen ich danach trug, hätte er sich mehr als sechs Realen für den Kauf versprechen können und sie auch bekommen. Sogleich entfernte ich mich mit dem Morisken durch den Kreuzgang der Domkirche, bat ihn, mir die Papiere, welche sämtlich von Don Quijote handelten, in die kastilianische Sprache zu übersetzen, ohne etwas auszulassen noch beizufügen, und bot ihm dafür eine Zahlung, wie er sie verlangen möchte. Er war mit einem halben Zentner Rosinen und zwei Scheffeln Weizen zufrieden und versprach, gut und treu und in kürzester Frist zu übersetzen. Doch um das Geschäft zu erleichtern und einen so guten Fund nicht aus der Hand zu lassen, nahm ich ihn zu mir ins Haus, wo er in etwas über anderthalb Monaten die ganze Geschichte so übertrug, wie sie hier erzählt werden soll. In dem ersten Hefte war ganz naturgetreu Don Quijotes Kampf mit dem Biskayer dargestellt, in derselben Stellung, wie die Geschichte berichtet, mit hochgeschwungenen Schwertern, der eine mit seinem Schilde, der andre mit dem Kissen gedeckt, und das Maultier des Biskayers so nach dem Leben gemalt, daß es auf Bogenschußweite den Mietklepper erkennen ließ. Der Biskayer hatte zu seinen Füßen eine Inschrift, welche lautete: Don Sancho de Azpeitia , was jedenfalls sein Name sein mußte; und unter Rosinante sah man eine andre mit dem Namen Don Quijote . Rosinante war wunderbar getroffen, so lang und gestreckt, so dürr und hager, mit so herausstehendem Rückgrat und so entschieden schwindsüchtig, daß er deutlich und klar zeigte, wie wohlbedacht und passend der Name Rosinante ihm gegeben worden. Neben ihm stand Sancho Pansa und hielt seinen Esel an der Halfter; zu dessen Füßen war ebenfalls ein Zettel, auf dem stand zu lesen: Sancho Zancas (Schiefbein, Dünnbein), offenbar weil er, wie das Bild zeigte, einen dicken Wanst, kurzen Wuchs und dünne Waden hatte, und deshalb wird man ihn auch Pansa (Wanst) und Zancas genannt haben, mit welchen beiden Zunamen ihn jezuweilen die Erzählung belegt. Es wären noch ein paar Nebensachen auf dem Bilde zu erwähnen, aber sie sind alle nicht besonders wichtig und haben keinen Wert für die wahrhaftige Darstellung unsrer Geschichte; und gewiß ist keine schlecht, falls sie nur wahrheitsgetreu ist. Wenn man jedoch an dieser Geschichte im Punkte der Wahrheit etwas auszusetzen hätte, so könnte es schwerlich etwas andres sein, als daß ihr Verfasser ein Araber gewesen, weil das Lügen eine besondere Eigentümlichkeit dieser Nation ist. Indessen, da die Araber so feindseligen Sinnes gegen uns sind, so läßt sich voraussetzen, daß er eher zuwenig als zuviel gesagt, und so muß ich in der Tat urteilen; denn wo seine Feder sich ausführlich über das Lob eines so trefflichen Ritters verbreiten konnte und sollte, da scheint er es absichtlich mit Schweigen zu übergehen. Eine schlechte Handlungsweise, aus noch schlechterer Gesinnung hervorgehend; denn der Geschichtsschreiber muß und soll genau, wahrhaftig und nie leidenschaftlich sein; weder eigensüchtige Zwecke noch Furcht, weder Groll noch Zuneigung dürfen ihn vom Weg der Wahrheit abbringen; deren Mutter die Geschichte ist, die Nebenbuhlerin der Zeit; Aufbewahrerin der Taten, Zeugin der Vergangenheit, Vorbild und Belehrung der Gegenwart, Warnung der Zukunft. In dieser unsrer Geschichte, das weiß ich, wird man alles finden, was man nur immer in der ergötzlichsten wünschen kann, und wenn irgend etwas Gutes darin fehlen sollte, so bin ich überzeugt, es liegt die Schuld mehr an dem Hund von Verfasser als am Gegenstand. Und nun kurz: der zweite Teil, der Übersetzung zufolge, hub an wie nachstehend: Die scharfschneidigen Schwerter der beiden mannhaften und ingrimmigen Kämpen, gezückt und geschwungen, schienen nicht anders als Himmel, Erde und Unterwelt zu bedrohen; so war der Männer kühne Haltung, so ihr Gebaren. Und der erste, der seinen Hieb niederfahren ließ, war der heißblütige Biskayer, und er schlug mit solcher Kraft und Wut, daß, wenn das Schwert sich nicht ihm mitten im Schwunge seitwärts gedreht hätte, dieser einzige Hieb hinreichend gewesen wäre, um dem harten Streit und allen Abenteuern unsers Ritters mit einem Male ein Ende zu machen. Aber das gute Glück, welches ihn zu größeren Dingen aufbewahrte, wendete das Schwert seines Gegners vom Ziel ab, so daß es, obschon es die linke Schulter traf, ihn nicht weiter schädigte, als daß es ihm von dieser ganzen Seite die Rüstung wegschlug, nachdem es ihm unterwegs einen großen Teil des Helms nebst dem halben Ohr abgerissen, was alles in grausigem Getrümmer zu Boden stürzte, so daß er sich gar übel zugerichtet fand. Hilf Gott, wer lebt auf Erden, der nun vermöchte, nach Gebühr die Wut zu schildern, die das Herz unsers Manchaners durchdrang, als er sah, daß man ihm so mitspielte! Nur soviel sei gesagt, sie war so gewaltig, daß er sich aufs neue in den Bügeln erhob, das Schwert noch fester mit beiden Händen faßte und mit solchem Ingrimm auf den Biskayer losschlug und ihn voll auf Kissen und Kopf traf, daß die so gute Deckung ihm nichts half und ihm aus Nase und Mund und Ohr das Blut schoß, als wäre ein Berg auf ihn gestürzt, und daß er drauf und dran war, vom Maultier zu fallen, und er wäre auch gefallen, wenn er nicht dessen Hals umklammert hätte. Nichtsdestoweniger verloren die Füße den Steigbügel, er ließ die Arme sinken, und das Maultier, ob des furchtbaren Hiebes scheuend, lief querfeldein, bäumte sich und warf nach wenigen Sprüngen seinen Herrn zu Boden. Mit großer Gelassenheit schaute ihm Don Quijote zu, und als er ihn fallen sah, sprang er von seinem Rosse, lief eilenden Fußes hin, hielt ihm die Spitze seines Schwertes auf die Augen und gebot ihm, sich zu ergeben; wo nicht, würde er ihm den Kopf abschlagen. Der Biskayer war so betäubt, daß er kein Wort erwidern konnte, und es wäre ihm übel ergangen, so blind vor Zorn war Don Quijote, wenn nicht die Damen in der Kutsche, die bisher dem Kampfe mit Angst und Entsetzen zugeschaut, zu dem Ritter hingeeilt wären und ihn inständig gebeten hätten, er möchte ihnen die große Gnade und Gunst erweisen, ihrem Kammerjunker das Leben zu schenken. Don Quijote erwiderte hierauf mit großem Stolz und vieler Würde: »Sicherlich, huldselige Herrinnen, bin ich gern bereit zu gewähren, wessen ihr von mir begehret; aber es kann nur unter einer Bedingung und Vereinbarung geschehen, nämlich, daß dieser Ritter mir das Versprechen gibt, nach dem Orte Toboso zu gehen und sich der unvergleichlichen Doña Dulcinea von meinetwegen zu stellen, damit sie mit ihm schalte, wie ihr am besten gefällt und beliebt.« Die verängstigten und hilflosen Damen, ohne sich erst Don Quijotes Begehr zu überlegen und ohne zu fragen, wer Dulcinea wäre, versprachen ihm, ihr Begleiter werde alles tun, was von seinetwegen ihm geboten würde. »Wohl, im Vertrauen auf diese Zusage werde ich ihm kein weiteres Leid antun, obschon er es um mich wohl verdient hätte.« 10. Kapitel Von den anmutigen Gesprächen, die zwischen Don Quijote und seinem Schildknappen Sancho Pansa stattfanden Unterdessen hatte sich Sancho, von den Dienern der Mönche ziemlich übel zugerichtet, wiederaufgerafft, hatte dem Kampfe seines Herrn achtsam zugeschaut und im Herzen zu Gott gebetet, er möchte den Ritter den Sieg und mit dem Sieg irgendwelche Insul gewinnen lassen, um ihn als deren Statthalter einzusetzen, wie er ihm versprochen. Wie er nun sah, daß der Waffenstreit zu Ende war und sein Herr wieder auf den Rosinante steigen wollte, eilte er hinzu, ihm den Steigbügel zu halten, und ehe der Ritter im Sattel war, warf er sich vor ihm auf die Knie, faßte ihn an der Hand, küßte sie und sprach: »Geruhe Euer Gnaden Señor Don Quijote, mir die Regierung über die Insul zu verleihen, die in diesem schweren Kampfe gewonnen worden; denn so groß sie auch sein mag, ich fühle mich mit genug Kraft gerüstet, um sie ebenso und ebensogut zu regieren als irgendeiner, der in der Welt jemals Insuln regiert hat.« Darauf antwortete Don Quijote: »Merke Er sich, Freund Sancho, daß dieses Abenteuer und andre ähnlicher Art keine Insuln-, sondern Kreuzwegs-Abenteuer sind, bei denen man nichts andres gewinnt, als daß man ein Ohr weniger und einen zerschlagenen Schädel davonträgt. Habe Er Geduld, denn es werden sich Abenteuer uns bieten, wo ich Ihn nicht nur zum Statthalter machen kann, sondern zu noch etwas Höherem.« Sancho bedankte sich höflich, küßte ihm nochmals die Hand und den Saum des Panzers und half ihm aufs Pferd; er aber bestieg seinen Esel und folgte seinem Herrn nach, der in weitausgreifendem Trabe, ohne sich von den Damen in der Kutsche zu verabschieden oder noch ein Wort mit ihnen zu wechseln, in ein nahe liegendes Gehölz einbog. Sancho folgte ihm im vollsten Trott seines Esels, aber Rosinante hielt einen so guten Schritt ein, daß er besorgte zurückzubleiben und genötigt war, seinem Herrn laut zuzurufen, er möge auf ihn warten. Don Quijote tat also und hielt Rosinante am Zügel so lange an, bis ihn der ermüdete Schildknappe eingeholt. Der nun, als er ihn erreicht hatte, sagte: »Mich bedünkt, Señor, es wäre gescheit, in einer Kirche Zuflucht zu suchen; denn wenn ich ermesse, wie sehr der Mann, mit dem Ihr gefochten, übel zugerichtet ist, so wäre es nicht zuviel vorausgesetzt, daß man der Heiligen Brüderschaft den Fall zur Kenntnis brächte und uns gefangennähme, und wahrlich, wenn das geschieht, so werden wir gehörig zu schwitzen haben, bevor wir aus dem Gefängnis herauskommen.« »Schweig«, versetzte Don Quijote, »wo hast du denn jemals gesehen oder gelesen, daß ein fahrender Ritter vor Gericht gestellt worden, so oftmals auch durch sein Schwert jemand wider Willen ins Gras gebissen?« »Von Widerwillen weiß ich nichts«, antwortete Sancho, »habe ihn auch niemals gegen jemand gehabt; ich weiß nur, daß die Heilige Brüderschaft sich mit denen zu tun macht, die sich im freien Feld schlagen, und auf das andre laß ich mich nicht ein.« »Nun, darum sei nur unbekümmert«, entgegnete Don Quijote, »denn ich würde dich aus den Händen der Chaldäer, geschweige aus denen der Brüderschaft herausreißen. Aber sage mir, bei deinem Leben sage mir, hast du je einen mannhafteren Ritter in allen bis heut entdeckten Landen des Erdkreises gesehen? Hast du in Geschichtsbüchern von einem andern gelesen, der kühneren Mut beim Angreifen hat oder gehabt hat, mehr Festigkeit beim Beharren im Kampf, größeres Geschick im Dreinschlagen, mehr Gewandtheit beim Niederwerfen des Feindes?« »Die Wahrheit wird eben die sein«, antwortete Sancho, »daß ich niemals irgendeine Geschichte gelesen habe; denn ich kann weder lesen noch schreiben; aber darauf getrau ich mich zu wetten, daß ich zeit meines Lebens keinem vermesseneren Herrn als Euer Gnaden gedient habe, und wolle Gott, daß diese Vermessenheit ihre Bezahlung nicht da finde, wo ich gesagt habe. Um was ich aber Euer Gnaden bitte, ist, einen Verband anzulegen; denn es läuft Euch viel Blut aus dem einen Ohr, und ich habe hier Scharpie und etwas weiße Salbe im Zwerchsack.« »Alles dessen könnten wir entraten«, entgegnete Don Quijote, »wenn ich daran gedacht hätte, eine Flasche von dem Balsam des Fierabrás zu bereiten; denn mit einem einzigen Tropfen könnte sich Zeit und Medizin ersparen lassen.« »Was für eine Flasche, was für ein Balsam ist das?« fragte Sancho Pansa. »Es ist ein Balsam«, antwortete Don Quijote, »von dem ich das Rezept im Kopf habe, bei dem man den Tod nicht zu befürchten hat und bei dem der Gedanke, an einer Verwundung zu sterben, gar nicht aufkommen kann. Wenn ich ihn also bereite und ihn dir übergebe, so hast du nichts weiter zu tun, als daß du, wenn du mich bei irgendeinem Kampf mitten auseinandergehauen siehst, wie das gar oft zu geschehen pflegt, mir die eine Hälfte des Körpers, die zu Boden gefallen ist, sachte und mit großer Fürsicht, ehe das Blut gerinnt, an die andre Hälfte, die im Sattel geblieben, ansetzest, wobei du achthaben mußt, sie genau und richtig aneinanderzufügen; unverzüglich gibst du mir zwei Schluck und nicht mehr von besagtem Balsam zu trinken, und du wirst sehen, gleich bin ich so gesund wie ein Fisch.« »Wenn das wirklich so ist«, sagte Pansa, »so verzichte ich von diesem Augenblick an auf die Statthalterschaft der versprochenen Insul und begehre zum Lohn meiner vielen redlichen Dienste weiter nichts, als daß Euer Gnaden mir das Rezept dieses vortrefflichsten Trankes gibt; denn hier bin ich sicher, daß die Unze allenthalben mehr als zwei Realen wert sein muß, und mehr brauche ich nicht, um mein Leben in Ruhe und Ehren hinzubringen. Aber nun fragt sich's, ob die Bereitung viele Kosten macht.« »Für weniger als drei Realen lassen sich drei Maß herstellen«, erwiderte Don Quijote. »Gott verzeih mir meine Sünden!« rief Sancho, »worauf warten denn Euer Gnaden, um ihn zu bereiten und mich es zu lehren?« »Still, Freund«, versetzte Don Quijote, »noch größere Geheimnisse denke ich dich zu lehren und noch größere Gnaden dir zu erweisen; doch für jetzt wollen wir uns den Verband anlegen, denn das Ohr tut mir weher, als mir lieb ist.« Sancho holte aus dem Zwerchsack Scharpie und Salbe hervor; als aber Don Quijote seinen zertrümmerten Helm zu sehen bekam, meinte er den Verstand zu verlieren, und die Hand auf den Schwertgriff legend, die Augen gen Himmel erhebend, sprach er: »Ich tue einen Eid zum Schöpfer aller Dinge und zu den heiligen vier Evangelien, als hätte ich sie ausführlichst geschrieben hier vor mir, ein Leben zu führen wie der große Markgraf von Mantua, als er den Tod seines Neffen Baldovinos zu rächen schwur, nämlich auf keinem Tischtuche sein Brot zu essen noch mit seinem Weibe der Kurzweil zu pflegen, nebst andren Dingen mehr, deren ich mich nicht entsinne, die ich aber hier ausdrücklich mit erwähnt haben will, bis ich vollständige Rache an dem geübt habe, der mir solcherlei Schmach angetan.« Als Sancho das hörte, sagte er: »Beachte Euer Gnaden, Señor Don Quijote, wenn der Ritter erfüllt hat, was Ihr ihm auferlegtet, nämlich sich meinem gnädigen Fräulein Dulcinea von Toboso zu stellen, so hat er ja alles vollbracht, was seine Pflicht war, und verdient weiter keine Strafe, wenn er nicht ein neues Vergehen verübt.« »Wohl gesprochen, du hast es ganz richtig getroffen«, antwortete Don Quijote, »und so erkläre ich denn den Eidschwur für nichtig, insoweit er darauf zielte, aufs neue an ihm Rache zu üben; jedoch ich tue abermals und bestätige den Schwur, ein Leben zu führen, wie ich gesagt, bis dahin, daß ich einen ebensolchen und einen ebenso guten Streithelm, als dieser ist, irgendeinem Ritter mit Gewalt abnehme. Und denke nur nicht, daß ich das so ins Blaue hineinrede; nein, ich weiß schon, wen ich hierbei nachzuahmen habe; denn das nämliche hat sich buchstäblich so mit dem Helm des Mambrín zugetragen, der dem Sakripant so teuer zu stehen kam.« »Solche Eidschwüre solltet Ihr des Teufels sein lassen, Herre mein«, versetzte Sancho; »sie gereichen der Gesundheit zum großen Schaden und dem Gewissen zur argen Beschwer. Oder meint Ihr nicht? Nun, so sagt mir gleich einmal, wenn wir vielleicht viele Tage lang keinen treffen, der mit einem Helm bewehrt ist, was sollen wir tun? Soll der Schwur dennoch gehalten werden, trotz so vieler Mißstände und Unbequemlichkeiten, als da sind: in den Kleidern schlafen und an keinem bewohnten Orte schlafen und tausend andre Kasteiungen, die jener alte Narr von Markgraf in seinem Eidschwur aufführte, welchen Euer Gnaden jetzt wieder in Kraft setzen will? Überleget Euch einmal gründlich, daß auf all diesen Wegen keine Leute in Rüstung einherziehen, sondern Maultiertreiber und Kärrner, die nicht nur Helme nie tragen, sondern sie vielleicht ihr Leben lang nicht haben nennen hören.« »Darin täuschest du dich«, sagte Don Quijote, »nicht zwei Stunden werden wir uns auf diesen Kreuzwegen umgetrieben haben, so werden wir mehr Leute in Rüstung zu sehen bekommen, als einst gegen Albraca zogen, um Angelika die Schöne im Kampf zu gewinnen.« »Wohlan denn, es mag so sein«, versetzte Sancho, »und wolle Gott, daß es uns gut geht und die Zeit bald kommt, jene Insul zu gewinnen, die mich so teuer zu stehen kommt, und dann mag ich meinetwegen gleich sterben.« »Ich sagte dir schon, Sancho, du brauchst dir darob keinerlei Sorge zu machen; denn wenn es auch an einer Insul fehlen sollte, so ist das Königreich Dänemark oder das Reich Soliadisa gleich zur Hand, die werden dir passen wie ein Ring am Finger; und zumal sie auf dem festen Lande liegen, mußt du darob um so vergnügter sein. Aber lassen wir das für die geeignete Zeit, und für jetzt sieh, ob du in deinem Zwerchsack etwas mitführst, das wir essen könnten; dann wollen wir alsbald auf die Suche nach einer Burg gehen, wo wir diese Nacht Wohnung nehmen und den besagten Balsam bereiten wollen; denn ich schwör dir's bei Gott, mein Ohr schmerzt mich gewaltig.« »Hier hab ich eine Zwiebel und etwas Käse und etliche Stücklein Brot, ich weiß nicht wieviel«, erwiderte Sancho; »aber das sind keine Gerichte, wie sie sich für einen so gewaltigen Ritter wie Euer Gnaden schicken.« »Wie schlecht verstehst du dich darauf!« antwortete Don Quijote. »Ich tue dir zu wissen, daß es den fahrenden Rittern eine Ehre ist, einen ganzen Monat nichts zu essen, und selbst wenn sie essen, nur was ihnen gerade zuhanden kommt; und das würde dir außer Zweifel stehen, wenn du wie ich so viele Geschichten gelesen hättest. Und so viele es deren waren, so habe ich doch in keiner von allen berichtet gefunden, daß die fahrenden Ritter gegessen hätten, wenn es nicht durch Zufall oder bei köstlichen Festmahlen geschah, die man ihnen gab. Die andren Tage verbrachten sie mit Nichtigkeiten. Und wiewohl sich begreifen läßt, daß sie nicht ohne Essen und ohne Verrichtung aller andren natürlichen Bedürfnisse bestehen konnten, denn am Ende waren sie Menschen wie wir, so muß man auch begreifen, daß, sintemal sie den größten Teil ihres Lebens durch Wälder und Einöden und ohne einen Koch hinzogen, ihre gewöhnlichste Nahrung in ländlicher Kost, wie du sie mir jetzt anbietest, bestanden haben muß. Sonach, Freund Sancho, betrübe dich nicht über das, was mir gerade recht behagt; wolle du nicht eine neue Welt schaffen oder das fahrende Rittertum aus seinen Angeln heben.« »Verzeihe mir Euer Gnaden«, sagte Sancho; »denn da ich weder lesen noch schreiben kann, wie ich Euch schon einmal gesagt, so kenne und begreife ich nicht die Regeln des Ritterhandwerks; und so will ich denn fürderhin den Zwerchsack mit allerlei trockenem Obst für Euer Gnaden versehen, der Ihr ein Ritter seid, und für mich, weil ich keiner bin, will ich andere Dinge, wie Geflügel und sonstige nahrhaftere Kost, vorsehen.« »Das sage ich nicht«, entgegnete Don Quijote, »daß für die fahrenden Ritter ein Zwang bestehe, nichts andres als das besagte trockne Obst zu verzehren, sondern nur, daß ihre gewöhnliche Nahrung offenbar aus solchem bestehen mußte sowie aus gewissen Kräutern, so sie auf dem Felde fanden, die sie kannten und die auch ich kenne.« »Es ist eine treffliche Gabe«, antwortete Sancho, »derlei Kräuter zu kennen; denn wie ich mir denke, wird's eines Tages nötig werden, diese Kenntnis zu benützen.« Und nun holte er hervor, was er, wie schon gesagt, bei sich hatte, und es aßen die beiden miteinander als ein paar friedliche gute Gesellen. Jedoch vom Wunsche getrieben, eine Herberge für die Nacht aufzusuchen, beendeten sie in aller Kürze ihr armselig trocknes Mahl, saßen sofort auf und beeilten sich höchlich, einen bewohnten Ort zu erreichen, bevor es Nacht würde. Aber es schwand ihnen das Tageslicht hinweg und damit auch die Hoffnung, das Ersehnte zu erreichen, gerade als sie bei ärmlichen Hütten von Ziegenhirten angelangt waren, und so beschlossen sie, die Nacht dort zuzubringen. Sosehr es dem guten Sancho verdrießlich war, zu keiner bewohnten Ortschaft gelangt zu sein, so sehr war es seinem Herrn vergnüglich, unter freiem Himmel zu schlafen; denn es bedünkte ihn, daß jeder solche Vorfall eine tatsächliche Ausübung des Besitzrechts sei, welche ihm den Beweis seines Rittertums erleichtern müsse. 11. Kapitel Von dem, was Don Quijote mit den Ziegenhirten begegnete Er wurde von den Ziegenhirten mit Freundlichkeit aufgenommen, und nachdem Sancho den Rosinante und sein Eselein, so gut er konnte, versorgt hatte, ging er dem Geruche nach, den etliche Stücke Ziegenfleisch von sich gaben, welche brodelnd in einem Kessel am Feuer standen; und wiewohl er gern auf der Stelle nachgesehen hätte, ob sie schon so weit wären, um sie aus dem Kessel in den Magen zu versetzen, so mußte er es doch unterlassen, weil die Hirten sie bereits vom Feuer wegnahmen, Schaffelle auf den Boden breiteten, schleunigst ihre ländliche Tafel zurichteten und die beiden mit freundlicher Bereitwilligkeit zu dem einluden, was sie vorzusetzen hatten. Sie lagerten sich zu sechsen – so viele waren ihrer zur Hütung bei den Ziegen – um die Felle her, nachdem sie zuvor Don Quijote mit bäurischen Höflichkeiten ersucht hatten, sich auf einen Kübel zu setzen, den sie zu diesem Zwecke umgestülpt und ihm hingestellt hatten. Don Quijote setzte sich, und Sancho blieb stehen, um ihm den Becher, der von Horn war, zu kredenzen. Als ihn nun sein Herr stehen sah, sprach er zu ihm: »Auf daß du innewerdest, Sancho, wieviel Gutes das fahrende Rittertum in sich begreift und wie diejenigen, die in irgendwelcher Stellung in seinem Dienste arbeiten, bald dahin gelangen, bei der Welt in Ehre und Achtung zu stehen, so will ich, daß du hier an meiner Seite und in Gesellschaft dieser biederen Leute niedersitzest und daß du ganz eins und dasselbe mit mir seiest, der ich doch dein Brotherr und angeborener Gebieter bin, aus meiner Schüssel issest, und trinkest, woraus ich trinke; denn von der fahrenden Ritterschaft kann man dasselbe sagen wie von der Liebe: sie macht alle Dinge gleich.« »Große Gnade!« entgegnete Sancho; »allein ich kann Euer Gnaden sagen, wenn ich was Gutes zu essen hätte, so würde ich ebensogut und noch besser stehend und für mich allein essen, als wenn ich neben dem Kaiser säße. Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, weit besser schmeckt mir, was ich in meinem Winkel ohne Umstände und Reverenz verzehre, wenn's auch nur Brot mit einer Zwiebel ist, als die Truthähne andrer Tafeln, wo ich genötigt wäre, hübsch langsam zu kauen, wenig zu trinken, mich jeden Augenblick abzuwischen, nicht zu niesen noch zu husten, wenn's mich ankommt, und noch andre Dinge zu unterlassen, die das Frei- und Alleinsein vergönnt. Sonach, edler Herre mein, diese Ehren, die Euer Gnaden mir dafür antun will, daß ich Diener und Genosse der fahrenden Ritterschaft bin, wie ich es denn als Euer Gnaden Schildknappe wirklich bin: verwandelt sie in etwas andres, das mir ersprießlicher und vorteilhafter sein würde; denn selbige Ehren, obschon ich sie für richtig empfangen annehme, ich verzichte darauf für alle Zeit von jetzt ab bis zum Ende der Welt.« »Trotz alledem mußt du dich setzen; denn wer sich erniedrigt, den wird Gott erhöhen.« Und ihn am Arme fassend, nötigte er ihn, sich an seiner Seite niederzusetzen. Die Ziegenhirten konnten das Kauderwelsch von Schildknappen und fahrenden Rittern nicht verstehen und taten nichts als essen und schweigen und ihren Gästen ins Gesicht sehen, wie sie mit viel Anstand und Appetit faustgroße Stücke hinunterschluckten. Als man mit dem ersten Gang, der Fleischspeise, zu Ende war, schütteten sie einen großen Haufen getrockneter Eicheln auf die Schaffelle und setzten zugleich einen halben Käse auf, härter als Mörtel. Dabei blieb der Hornbecher nicht müßig; denn bald voll und bald leer, wie ein Eimer am Ziehbrunnen, ging er so häufig in die Runde, daß er von den zwei Schläuchen, die da zu sehen waren, einen mit Leichtigkeit leerte. Nachdem Don Quijote seinen Magen gehörig befriedigt hatte, nahm er eine Handvoll Eicheln auf, betrachtete sie nachdenklich und erhob die Stimme zu folgender Rede: »Glückliche Jahrhunderte, glückliches Zeitalter, dem die Alten den Namen des Goldenen beilegten, und nicht deshalb, weil das Gold, das in unserm eisernen Zeitalter so hoch geschätzt wird, in jenem beglückteren ohne Mühe zu erlangen gewesen wäre, sondern weil, die damals lebten, die beiden Worte dein und mein nicht kannten. In jenem Zeitalter der Unschuld waren alle Dinge gemeinsam. Keiner bedurfte, um seinen täglichen Unterhalt zu gewinnen, einer andern Mühsal, als die Hand in die Höhe zu strecken, um ihn von den mächtigen Eichen herabzuholen, die freigebig jeden zu ihren süßen gereiften Früchten einluden. Klare Quellen und rieselnde Bäche boten ihnen in herrlicher Fülle ihr wohlschmeckendes, kristallhelles Wasser. In den Spalten der Felsen, in den Höhlungen der Bäume hatten die sorgsamen klugen Bienen ihr Gemeinwesen eingerichtet und boten ohne Eigennutz einer jeglichen Hand die reiche Ernte ihrer köstlich süßen Arbeit. Die gewaltigen Korkbäume spendeten von selbst, ohne andre Bemühung als die ihrer freundlichen Bereitwilligkeit, ihre breite leichte Rinde, und mit dieser begannen die Menschen ihre auf rohen Pfählen ruhenden Häuser zu decken, lediglich zum Schutze gegen des Himmels Unfreundlichkeit. Alles war Friede damals, alles Freundschaft, alles Eintracht; noch hatte des gekrümmten Pfluges schwere Schar sich nicht erdreistet, die heiligen Eingeweide unsrer Urmutter zu zerreißen und zu durchfurchen; denn ohne Nötigung bot sie überall aus ihrem weiten fruchtbaren Schoße, was nur immer die Söhne, deren Eigentum sie damals war, zur Sättigung, Erhaltung und Ergötzung bedurften. Ja, damals wandelten die unschuldigen schönen Mägdlein von Tal zu Tal und von Hügel zu Hügel, das Haar in Flechten oder frei fliegend, ohne andre Bekleidung, als was erforderlich, um zu verschleiern, was die Ehrbarkeit zu verhüllen gebietet und stets geboten hat; und ihr Putz war nicht solcher Art, wie er jetzt bräuchlich, den der Purpur von Tyrus und die mit so mannigfachen Zubereitungen zermarterte Seide kostbar machen, sondern er bestand aus ineinandergeflochtenen Blättern von grünem Kletterkraut und Efeu, womit sie vielleicht ebenso prächtig und geschmückt einhergingen wie jetzt unsre Hofdamen mit den seltenen und erstaunlichen Erfindungen, die der müßige Drang nach Neuem sie gelehrt hat. Damals schmückten sich die Liebesworte des Herzens mit derselben Einfachheit und Unschuld, wie das Herz sie gedacht, ohne nach künstlichen Wendungen und Redensarten zu suchen, um ihnen einen vornehmen Anstrich zu geben. Noch hatten Betrug, Arglist, Bosheit sich nicht unter Wahrheit und Einfalt gemischt. Die Gerechtigkeit hielt sich innerhalb ihrer eignen Grenzen, ohne daß die Herrschaft der Gunst oder des Eigennutzes sie zu stören oder zu verletzen wagte, welche jetzt das Recht so arg schädigen, verwirren und verfolgen. Das Gesetz der Willkür hatte sich noch nicht im Geiste des Richters festgesetzt; denn es gab damals nichts und niemanden zu richten. Die Jungfrauen und die Ehrbarkeit wandelten, wie ich gesagt, allerwegen einsam und allein, ohne Besorgnis, daß fremde Dreistigkeit und lüsterne Absicht sie schädigten, und Unkeuschheit entsprang bei ihnen nur aus ihrer Neigung und eignem freiem Willen. Jetzt aber, in diesen unsren abscheulichen Zeiten, ist keine sicher, wenn auch ein neues Labyrinth wie das kretische sie verbärge und verschlösse; denn auch hier dringt mit der Anreizung der verruchten Umwerbungen die Liebespest herein und bringt ihre ganze Enthaltsamkeit zum Scheitern. Ihnen zur Beschirmung wurde, da im Fortgang der Zeiten die Schlechtigkeit stets höher wuchs, der Orden der fahrenden Ritter eingesetzt, um die Jungfrauen zu verteidigen, die Witwen zu schützen und den Waisen und Hilfsbedürftigen beizustehen. Zu diesem Orden gehöre auch ich, ihr guten Ziegenhirten, denen ich für die Gastlichkeit und freundliche Aufnahme, die ihr mir und meinem Schildknappen zuteil werden lasset, herzlich danke; denn obwohl nach dem Naturgesetz jeder Lebende verpflichtet ist, den fahrenden Rittern Gunst zu erweisen, so weiß ich doch, daß ihr, ohne diese Verpflichtung zu kennen, mich aufgenommen und wohl bewirtet habt; und darum ist es recht und billig, daß ich mit aller Freundlichkeit, deren ich fähig bin, die eure dankend anerkenne.« Diese lange Rede, welche ganz gut hätte unterbleiben können, hielt unser Ritter aus dem Anlaß, daß die ihm gespendeten Eicheln ihm das Goldne Zeitalter in Erinnerung brachten, und so gelüstete es ihn, diese zwecklosen Worte an die Ziegenhirten zu richten, welche ohne ein Wort der Erwiderung ihm mit offenem Munde und still vor Verwunderung zuhörten. So schwieg auch Sancho und verzehrte Eicheln und besuchte gar häufig den zweiten Schlauch, den sie, um den Wein zu kühlen, an einer Korkeiche aufgehängt hatten. Don Quijote brauchte mehr Zeit zum Reden als das Abendmahl, um zum Schluß zu kommen. Als dieses zu Ende war, sagte einer der Hirten: »Auf daß Euer Gnaden mit um so mehr Recht sagen könne, daß wir Euch, Herr fahrender Ritter, bereitwilligst und freundlichst aufnehmen, wollen wir Euch noch eine Lust und Ergötzlichkeit bereiten und einen unsrer Kameraden bitten, daß er Euch was singt. Er wird bald hier sein; er ist ein gar geschickter Bursche und gar sehr verliebt, und obendrein kann er lesen und schreiben und spielt die Fiedel, daß man sich nichts Schöneres wünschen kann.« Kaum hatte der Hirte ausgeredet, als der Ton der Fiedel zu ihren Ohren drang, und bald kam auch der Fiedelspieler selbst, ein Jüngling von etwa zweiundzwanzig Jahren und äußerst angenehmen Manieren. Seine Kameraden fragten ihn, ob er schon zu Abend gegessen, und da er mit Ja antwortete, sagte ihm der Hirte, der dem Ritter das Anerbieten gemacht hatte: »Demnach, Antonio, kannst du uns gewiß den Gefallen tun, ein wenig zu singen, damit hier unser Herr Gast sieht, daß es auch im Gebirg und Wald Leute gibt, die etwas von der Musik verstehen. Wir haben ihm von deinen Kunstfertigkeiten erzählt und wünschen, daß du sie ihm zeigst und ihm beweist, daß wir die Wahrheit gesagt; und so bitte ich dich denn bei deinem Leben, setz dich und sing uns das Lied von deiner Liebschaft, das dein Oheim, der Kaplan, verfaßt hat und das allen Leuten im Ort so gut gefallen hat.« »Sehr gern«, erwiderte der Jüngling, und ohne sich lange bitten zu lassen, setzte er sich auf den Stumpf einer gestutzten Eiche, stimmte seine Fiedel und begann alsbald mit anmutigem Gebaren zu singen: Antonio an Olalla Ja, du liebst mich, und ich weiß es, Wenn dein Mund auch schweigsam bliebe, Deine Augen selbst nie sprachen, Stumme Zungen sie der Liebe. Da ich weiß, du bist verständig, Mußt du wahrlich mich erkiesen, Denn wenn Liebe recht erkannt wird, Wird sie nie zurückgewiesen. Manchmal hast du zwar, Olalla, Mir gezeigt so rauhe Mienen, Daß von Stein dein weißer Busen, Und die Seel aus Erz erschienen. Doch in deinem spröden Zürnen, Das als Tugend wird gepriesen, Hat gar manchmal mir die Hoffnung Ihres Mantels Saum gewiesen. Deinem Lockton fliegt mein Herz nach, Dessen Glut nie konnte sinken, Wenn du zürntest, und nie steigen, Wenn Erhöhung schien zu winken. Doch wenn holde Miene Lieb ist, Dann schließ ich aus deinen Mienen, Daß mein Hoffen an das Ziel kommt, Das als Traumbild mir erschienen. Und wenn treue Dienste helfen Spröder Herzen Gunst erringen, Muß gar manches, das ich tat, Meiner Sache Hilfe bringen. Oft ja sahst du, wenn Beachtung Meinem Tun du hast geliehen, Daß ich montags trug, was sonst mich Freut' am Sonntag anzuziehen. Weil sich Lieb und schmucke Kleidung Immer gut zusammen schicken, Wollt ich stets, daß deine Augen Mich in feiner Tracht erblicken. Wie ich tanzte dir zuliebe, Kam, um Ständchen dir zu bringen, Rühm ich nicht; du hörtest nachts oft Bis zum Hahnenschrei mein Singen. Nicht sag ich, wie deiner Schönheit ich manch Loblied angestimmet, Daß, obwohl ich Wahrheit sprach, Manche Maid mir drob ergrimmet. Die aus Berrocal, Teresa, Sprach, als ich dich jüngst gepriesen: »Manch Verliebter sieht als Engel, Was sich bald als Aff erwiesen. Das kommt von erborgten Haaren Und den Futtern, Bändern, Ringen Und von den erlognen Reizen, Die selbst Amor hintergingen.« Gleich straft ich sie Lügen; kam ihr Vetter gleich, ihr beizuspringen, Bot mir Kampf; du weißt, was er da Und was ich vermocht im Ringen. Nicht lieb ich so oberflächlich, Nicht auch wag ich dich zu minnen Von gemeiner Lüste wegen; Tugendsamer ist mein Sinnen. Seidne Bande hat die Kirche, Gut, um sich darein zu schmiegen; Unters Joch leg deinen Nacken, Werd ich meinen drunter biegen. Sonst, beim größten Heilgen schwör ich, Wenn du deinem treuen Diener Absagst, zieh ich vom Gebirge Fort und werd ein Kapuziner. Hiermit beschloß der Ziegenhirte sein Lied, und während Don Quijote ihn bat, noch etwas zu singen, wollte doch Sancho Pansa nichts davon wissen, weil er mehr Lust hatte zu schlafen, als Lieder zu hören. Und so sagte er denn zu seinem Herrn: »Euer Gnaden könnte sich wohl jetzt gleich niederlegen, wo Ihr diese Nacht zubringen sollt; denn die braven Leute haben den ganzen Tag über so viel Arbeit, daß sie ihnen nicht erlaubt, die Nächte mit Gesang zu verbringen.« »Ich verstehe dich schon«, entgegnete Don Quijote, »und es ist mir ziemlich klar, daß deine Besuche beim Weinschlauch mehr mit Schlaf als mit Musik belohnt sein wollen.« »Es schmeckt gottlob uns allen gut«, antwortete Sancho. »Das leugne ich nicht«, versetzte Don Quijote; »aber mache dir's bequem, wo du willst; denn denen von meinem Beruf ist es ziemlicher zu wachen, als zu schlafen. Jedoch bei alledem war's gut, wenn du noch einmal nach meinem Ohre sähest; denn es schmerzt mich mehr als nötig.« Sancho tat, wie ihm befohlen, und als einer der Hirten die Wunde bemerkte, sagte er ihm, er möge nur unbesorgt sein; er wolle ein Mittel anwenden, womit sie leicht heilen würde. Er pflückte einige Blätter vom Rosmarin, der dort herum in Menge wuchs, kaute sie und mengte etwas Salz darunter, legte sie aufs Ohr und verband es sorgfältig, mit der Versicherung, daß er keines Heilmittels weiter bedürfe; und so war es in der Tat. 12. Kapitel Von dem, was ein Ziegenhirt der Tischgesellschaft Don Quijotes erzählte Indem kam ein anderer Junge herzu, einer von denen, die ihnen die Lebensmittel aus dem Dorfe holten, und sagte: »Wißt ihr, was im Dorf vorgeht, Kameraden?« »Wie können wir das wissen?« antwortete einer von ihnen. »So hört denn«, fuhr der Junge fort, »heute morgen ist der berühmte studierte Schäfer, der Grisóstomo, gestorben, und man munkelte, er sei aus Liebe zu jenem Teufelsmädchen gestorben, der Tochter des reichen Guillermo, derselben, die in Hirtentracht durch die abgelegenen Wildnisse dorten herumzieht.« »Du meinst wohl Marcela«, sagte einer. »Die mein ich«, antwortete der Ziegenhirt, »und was das schönste ist, er hat in seinem Letzten Willen verordnet, man solle ihn im freien Feld begraben, als wäre er ein Mohr gewesen, und zwar unten am Felsen, wo die Quelle bei dem Korkbaum ist; denn wie es heißt – und sie erzählen, er selbst habe es gesagt –, ist das der Ort, wo er sie zum erstenmal gesehen. Und noch andere Dinge hat er bestimmt, die, wie die Geistlichen im Dorf sagen, nicht geschehen dürfen und die auch nicht recht sind; denn sie kommen einem vor wie Bräuche von Heiden. Auf all das aber entgegnet sein Herzensfreund, der Student Ambrosio, der auch die Hirtentracht wie er angelegt, daß alles so geschehen muß, ohne daß ein Tüpfelchen daran fehlt, wie es der Grisóstomo verordnet hinterlassen hat, und darüber ist der ganze Ort in Aufruhr. Aber wie die Leute sagen, wird zuletzt doch alles geschehen, was Ambrosio und alle die Schäfer, seine guten Freunde, wollen, und morgen kommen sie und wollen ihn mit großer Pracht begraben, an derselben Stelle, wie ich gesagt. Und ich denke mir, da gibt es viel zu sehen; ich wenigstens will nicht unterlassen hinzugehen, auch wenn ich wüßte, daß ich morgen nicht mehr ins Dorf zurück könnte.« »Wir alle tun das gleiche«, erwiderten die Hirten und wollten das Los werfen, wer dableiben sollte, für alle andern die Ziegen zu hüten. »Hast recht, Pedro«, sprach einer von ihnen, »aber zu losen braucht ihr gar nicht; ich will für alle dableiben; und nicht aus tugendsamen Beweggründen oder Mangel an Neugier, sondern weil ich wegen des Splitters, den ich mir vor einigen Tagen in den Fuß gestochen habe, nicht gehen kann.« »Trotz alledem sind wir dir dankbar dafür«, entgegnete Pedro. Don Quijote fragte Pedro, wer jener Verstorbene und wer jene Schäferin sei. Darauf erwiderte Pedro, alles, was er wisse, sei, daß der Verstorbene ein reicher und vornehmer Herr gewesen, aus einem Dorfe dort im Gebirge; er sei lange Jahre in Salamanca Student gewesen und dann mit dem Ruf eines hochgelahrten und sehr belesenen Mannes in sein Dorf zurückgekommen. »Sonderlich, sagten die Leute, verstand er die Wissenschaften von den Sternen und wußte, was Sonne und Mond dort am Himmel treiben; denn er sagte uns jedesmal pünktlich die Hindernisse von Sonne und Mond.« »›Finsternisse‹ heißt's, guter Freund, und nicht ›Hindernisse‹, wenn diese beiden großen Himmelslichter sich verdunkeln«, sagte Don Quijote. Aber Pedro kümmerte sich nicht um Kleinigkeiten und fuhr mit seiner Erzählung fort: »So hat er auch proffenzeit, ob es eine gute Ernte oder ein Mistjahr gäbe.« »›Mißjahr‹ wollt Ihr sagen«, fiel Don Quijote ein. »Mißjahr oder Mistjahr«, antwortete Pedro, »kommt alles auf eins heraus. Und ich sag Euch, durch all das, was er ihnen sagte, wurde sein Vater samt Freunden steinreich; denn sie taten, was er ihnen riet, je nachdem er ihnen sagte: ›Säet dieses Jahr Gerste und keinen Weizen; dieses Jahr könnt ihr Kichererbsen säen und keine Gerste; das nächste Jahr wird ein Jahr reichster Ölernte sein, in den drei folgenden wird man keinen Tropfen eintun.‹« »Diese Wissenschaft heißt man Astrologie«, sagte Don Quijote. »Ich weiß nicht, wie sie heißt«, versetzte Pedro; »aber ich weiß, daß er alles das wußte und noch mehr. Kurz und gut, es gingen nicht viel Monate ins Land, seit er von Salamanca kam, da zeigte er sich auf einmal als Schäfer gekleidet mit seinem Krummstab und Schafpelz; den langen Rock, den er als ein studierter Mann trug, hatte er abgelegt, und zugleich mit ihm kleidete sich als Schäfer sein Herzensfreund Ambrosio, der beim Studieren sein Kamerad gewesen. Ich hab zu sagen vergessen, daß der Grisóstomo, der Verstorbene, ein großer Mann war im Dichten und Reimen, so daß er es war, der die Hirtenlieder für die Christnacht machte, auch Fronleichnamsstücke, die die Burschen aus unserem Ort aufführten, und jeder sagte, sie wären über alle Maßen schön. Wie die Leute vom Ort plötzlich die beiden studierten Jünglinge in Schäfertracht erblickten, waren sie höchlich verwundert und konnten den Grund nicht erraten, der sie zu einer so sonderbaren Verwandlung bewogen hatte. Inzwischen war der Vater des Grisóstomo gestorben, und er erbte ein sehr großes Vermögen sowohl an fahrender Habe als auch an Grund und Boden und eine nicht geringe Menge von großem und kleinem Vieh und einen großen Haufen bares Geld; über alles das war er nun der uneingeschränkte Herr. Und in Wahrheit, er war das alles wert, denn er war ein guter Kamerad und war mildtätig und ein Freund der Redlichen und hatte ein Gesicht wie ein wahrer Segen Gottes. Später hat man in Erfahrung gebracht, daß er aus keiner andern Ursach seine Tracht veränderte, als weil er in diesen abgelegenen Gründen jener Marcela nachgehen wollte, die unser Junge vorher genannt hat; in die hatte sich der arme Kerl von Grisóstomo, der anjetzo tot ist, verliebt. Und jetzt will ich Euch sagen, denn es gehört sich, daß Ihr es wisset, wer dies Mägdlein ist, vielleicht, oder auch ganz gewiß, habt Ihr dergleichen Euer Lebtage nicht gehört, und wenn Ihr auch länger lebt als Jerusalem.« »Sagt ›Methusalem«‹, versetzte Don Quijote, der die Wortverwechslung des Ziegenhirten nicht leiden mochte. »Ach, das Jerusalem hat auch ein langes Leben gehabt«, entgegnete Pedro, »und wenn es so geht, Herr, und Ihr mir jeden Ritt an den Worten mäkeln wollt, so werden wir in einem Jahr nicht fertig.« »Entschuldiget, guter Freund«, entgegnete Don Quijote, »ich sagte es nur, weil ein so großer Unterschied zwischen Jerusalem und Methusalem ist; aber Eure Antwort war sehr gut, denn allerdings hat Jerusalem noch ein längeres Dasein als Methusalem. Und fahret nun mit Eurer Geschichte fort, ich will Euch in nichts mehr hineinreden.« »Ich sage also, liebster, bester Herr«, sprach der Ziegenhirt, »daß in unserm Dorf ein Bauer lebte, der noch reicher war als Grisóstomos Vater; der hieß Guillermo, und ihm schenkte Gott neben dem vielen und großen Reichtum eine Tochter, deren Geburt die Mutter das Leben kostete; das war die bravste Frau, die man weit und breit im Lande finden mochte. Mir kommt's vor, ich sehe sie noch, mit jenem Gesicht, auf dem zu einer Seite die Sonne und zur andern der Mond leuchtete, und vor allem war sie fleißig zur Arbeit und eine Freundin der Armen, weshalb ich glaube, ihre Seele wohnt jetzt zur Stunde in jener Welt im Genusse von Gottes Seligkeit. Aus Schmerz über den Tod einer so vortrefflichen Frau starb ihr Mann Guillermo und ließ seine Tochter Marcela unter der Vormundschaft ihres Oheims, eines Geistlichen, der in unserm Ort die Pfründe innehat. Das Kind wuchs zu solcher Schönheit heran, daß es uns an die erinnerte, die seine Mutter in so hohem Grade besessen, und bei alldem war doch das allgemeine Urteil, daß die der Tochter sie noch übertreffen werde. Und so ist's auch gekommen; denn als sie zum Alter von vierzehn bis fünfzehn Jahren gelangte, schaute sie keiner an, ohne daß er nicht Gott lobpries, der sie so schön geschaffen, und schier jeder war auf den Tod verliebt in sie. Ihr Oheim hielt sie unter guter Aufsicht und in großer Eingezogenheit; aber trotzdem verbreitete sich der Ruf ihrer absonderlichen Schönheit so sehr, daß um derentwillen sowohl als ihres großen Reichtums wegen nicht nur von den Leuten aus unserem Dorfe, sondern von denen aus der ganzen Gegend, viele Meilen in der Runde, und zwar von den angesehensten, der Oheim täglich angegangen, mit Bitten bestürmt und heftig gedrängt wurde, sie ihnen zum Weibe zu geben. Aber er, ein richtiger guter Christ, wenn er sie auch gern verheiratet hätte, als er sie in dem Alter dazu sah, wollte es nicht ohne ihre Einwilligung tun, – gewißlich ohne daß er ein Auge auf den Vorteil und Erwerb hatte, den ihm die Verwaltung von Hab und Gut des Mädchens bot, wenn er ihre Verheiratung hinausschob. Und wahrlich, in mehr als einem Plauderkränzchen im Dorfe ist das zum Lobe des geistlichen Herrn gesagt worden. Ihr müßt nämlich wissen, fahrender Herr Ritter, daß in diesen kleinen Ortschaften über alles geschwatzt und alles bös mitgenommen wird; und seid überzeugt, wie ich es bin, daß der Geistliche über die Maßen brav sein muß, der seine Pfarrkinder nötigt, Gutes von ihm zu reden, zumal auf dem Lande.« »So ist's in Wahrheit«, sagte Don Quijote, »und fahrt weiter fort; denn die Erzählung ist sehr anziehend, und Ihr, mein guter Pedro, erzählt sie so hübsch, daß man sein Wohlgefallen daran haben muß.« »Möge Gottes Wohlgefallen mir nicht gebrechen, denn das ist die Hauptsache. Und fürs übrige müßt Ihr wissen, daß, obschon der Oheim seiner Nichte Vorschläge tat und ihr die Vorzüge eines jeden ihrer vielen Freier im besondern auseinandersetzte und sie bat, zu heiraten und die Wahl nach ihrem Geschmack zu treffen, sie nie eine andre Antwort gab, als daß sie sich für jetzt nicht verheiraten wolle, und sie halte sich wegen ihrer großen Jugend nicht für geeignet, die Lasten der Ehe zu tragen. Auf diese dem Anscheine nach ganz triftigen Gründe hörte der Oheim mit seinem Zureden auf und wartete ab, bis sie etwas mehr in die Jahre käme und selbst nach ihrer Neigung einen Lebensgefährten wählen würde. Denn er sagte, und sagte sehr mit Recht, die Eltern sollten ihren Kindern nicht wider ihren Willen einen Hausstand gründen. Aber sieh da, ehe man sich's versieht, eines Tages kommt die launische Marcela in der Tracht einer Schäferin gegangen; und ohne daß ihr Oheim oder die Leute im Ort, die es ihr alle abrieten, etwas dagegen vermochten, fiel es ihr ein, mit den andern Mädchen vom Dorf aufs Feld zu gehen und ihre Herde selbst zu hüten. Und wie sie nun unter die Leute ging und man ihre Schönheit ohne Schleier erblickte, da kann ich gar nicht gebührend sagen, wieviel reiche Jünglinge, so Junker wie Bauern, seitdem die Tracht des Grisóstomo angenommen haben und überall auf der Flur umher ihr den Hof machen. Zu denen, wie ich Euch schon gesagt, gehörte auch der Verstorbene, und die Leute sagten, er habe zuletzt aufgehört, sie zu lieben, und sie nur noch angebetet. Man muß aber nicht denken, daß Marcela, weil sie sich solcher Freiheit und solch zwanglosem Leben, wobei so wenige oder gar keine Zurückgezogenheit möglich, ergeben hat, darum irgendein Merkmal, auch nur mit dem geringsten Anschein, hätte sehen lassen, das ihrer Ehrbarkeit und Züchtigkeit zur Schädigung gereichte; vielmehr ist die Wachsamkeit, mit der sie ihre Ehre hütet, so groß und solcher Art, daß von allen, die ihr dienen und um sie werben, keiner sich je gerühmt hat noch in Wahrheit je rühmen kann, sie hätte ihm nur die kleinste Hoffnung vergönnt, seinen Wunsch zu erreichen. Denn sie will zwar die Gesellschaft und Unterhaltung mit den Hirten nicht fliehen noch vermeiden und behandelt sie höflich und freundlich; sobald aber einer von ihnen, wer auch immer, so weit geht und ihr seine Absichten entdeckt, seien sie auch so redlich und heilig, wie es das Begehren einer Heirat ist, schleudert sie ihn weit von sich weg, wie aus einer Wurfmaschine geschossen. Und mit dieser Art von Benehmen richtet sie mehr Schaden in diesem Lande an, als wenn die Pest darin einzöge. Denn ihre Umgänglichkeit und Schönheit verleitet die Herzen derer, die mit ihr verkehren, ihr Huldigung und Liebe zu widmen; aber die Verschmähung und Enttäuschung, die sie ihnen werden läßt, treibt die Leute der Verzweiflung entgegen, und so wissen sie nicht mehr, was sie ihr sagen sollen, außer sie mit lauter Stimme grausam und undankbar zu schelten, nebst andren Benennungen solcher Art; Ausdrücken, die ganz richtig ihre Gemütsart kennzeichnen. Wenn Ihr, Herr, Euch einmal hier verweiltet, würdet Ihr finden, wie die Berge und Täler hier widerhallen von den Wehklagen der Verschmähten, die ihr nachlaufen. Nicht weit von hier ist ein Platz, wo etwa zwei Dutzend hoher Buchen stehen, und da ist keine, die nicht auf ihrer glatten Rinde den Namen Marcela eingegraben und eingezeichnet trägt, und hie und da ist eine Krone darüber in den Baum geschnitten, als ob der Verliebte sagen wollte, daß Marcela die Krone aller irdischen Schönheit trägt und verdient. Hier stößt ein Schäfer Seufzer aus, dort wehklagt ein andrer, an jener Stelle hört man verliebte Lieder, an dieser verzweiflungsvolle Trauergesänge. Es gibt manchen, der die ganze Nacht unter einer Eiche oder einem Felsgrat sitzen bleibt; und ohne daß er die tränenvollen Augen schließt, in seine Gedanken verloren und verzückt, hat ihn öfters die Sonne noch am Morgen dort gefunden; es gibt manchen, der, ohne seiner Qual einen Ausweg oder einen Augenblick Ruhe zu vergönnen, sich mitten in der Hitze des drückendsten Sommermittags auf den glühenden Sand hinstreckt und seine Klagen zum erbarmungsvollen Himmel schickt; und über diesen und über jenen und über all diese und all jene, frei und unbefangen, triumphiert die schöne Marcela. Und wir alle, die wir sie kennen, stehen in Erwartung, wo ihre Hoffart am Ende hinauswill und wer der Glückliche sein wird, der einen so schrecklichen Charakter bändigen und einer so außerordentlichen Schönheit Herr werden soll. Sintemal nun alles, was ich berichtet, so zweifellos wahr ist, so denke ich, es ist ebenso mit den Angaben über die Ursache vom Tode des Grisóstomo, die unser Bursche uns berichtet hat. Und so rat ich Euch, Señor, unterlasset nicht, Euch morgen bei seinem Begräbnis einzufinden; es ist gewiß sehr sehenswert; denn Grisóstomo hat viele Freunde, und von hier bis zu der Stelle, wo er begraben sein wollte, ist's keine halbe Meile.« »Ich halt es wohl im Sinn«, sagte Don Quijote, »und danke Euch für das Vergnügen, das Ihr mir mit dem Vortrag einer so anziehenden Geschichte gewährt habt.« »Oh!« entgegnete der Hirt, »ich weiß lange nicht die Hälfte von all dem, was sich mit den Liebhabern der Marcela zugetragen hat; aber möglicherweise finden wir morgen unterwegs einen Schäfer, der uns alles erzählt. Jetzt aber wird's gut sein, wenn Ihr unter Dach und Fach schlafen geht; denn die Nachtluft könnte Eurer Wunde Schaden tun, wiewohl das Heilmittel, das Euch aufgelegt worden, derart ist, daß von keinem widrigen Zufall mehr etwas zu besorgen steht.« Sancho Pansa, der schon längst das lange Gerede des Hirten zum Teufel wünschte, bat auch seinerseits darum, sein Herr möge in Pedros Hütte schlafen gehen. So tat er es denn, und der größte Teil der Nacht verging ihm unter Gedanken an seine Gebieterin Dulcinea, in Nachahmung der Liebhaber Marcelas. Sancho Pansa machte sich's zwischen Rosinante und seinem Esel bequem und schlief, nicht wie ein verschmähter Liebhaber, sondern wie ein wohlzerprügelter Schildknappe. 13. Kapitel Worin die Geschichte der Schäferin Marcela beschlossen wird, nebst andern Begebenheiten Aber kaum begann der Tag sich an den Fenstern des Ostens zu zeigen, als fünfe von den sechs Ziegenhirten sich vom Lager erhoben und hingingen, Don Quijote zu wecken und ihn zu fragen, ob er noch immer des Vorhabens sei, zu dem vielbesprochenen Begräbnis des Grisóstomo zu gehen; dann würden sie ihm Gesellschaft leisten. Don Quijote, der nichts andres wünschte, stand auf und befahl Sancho, augenblicklich zu satteln und den Tieren Zaum und Halfter anzulegen; dieser tat es mit besonderer Eilfertigkeit, und ebenso eilig begaben sich alle auf den Weg. Und sie waren noch keine Viertelmeile gewandert, als sie beim Kreuzen eines Pfades etwa ein halb Dutzend Schäfer ihnen entgegenkommen sahen, alle in schwarzen Schafpelz gekleidet, das Haupt mit Zweigen von Zypressen und bitterm Oleander bekränzt. Jeder trug einen dicken Stab von der Stechpalme in Händen. Mit ihnen zugleich kamen des Weges zwei Edelleute zu Pferd, in stattlicher Reisetracht, nebst drei Dienern zu Fuß, die ihr Gefolge bildeten. Als sie zusammentrafen, grüßten sie einander höflich, und da sie sich gegenseitig nach ihrem Reiseziel erkundigten, stellte es sich heraus, daß sie alle nach dem Ort der Bestattung wollten; und so zogen sie nun gemeinschaftlich des Weges weiter. Einer von den Herren zu Pferd wandte sich an seinen Gefährten und sagte: »Mich dünkt, Señor Vivaldo, für eine ganz richtige Verwendung unserer Zeit müssen wir diesen Aufenthalt erachten, dem wir uns unterziehen, wenn wir diese merkwürdige Bestattung ansehen; denn sie kann nicht anders als merkwürdig ausfallen, nach den seltsamen Dingen, die diese Hirten uns von dem verstorbenen Schäfer wie von der todbringenden Schäferin erzählt haben.« »So bedünkt es auch mich«, antwortete Vivaldo, »und ich sage, nicht nur einen Tag, sondern weitere vier Tage würde ich dran wenden, sie zu sehen.« Don Quijote fragte sie, was sie über Marcela und Grisóstomo gehört hätten. Der Reisegefährte erwiderte, diesen Morgen seien sie den Schäfern begegnet und hätten, da sie diese in so düsterer Tracht gesehen, gefragt, aus welchem Anlaß sie in solchem Aufzug einhergingen; einer von ihnen habe es ihnen berichtet und von dem seltsamen Wesen und der Schönheit einer Schäferin namens Marcela erzählt und von der Liebe zahlreicher Jünglinge, die um sie geworben, sowie vom Tode jenes Grisóstomo, zu dessen Begräbnis sie jetzt hinzögen. Kurz, er erzählte alles, was Don Quijote bereits über Grisóstomo gehört hatte. Dieses Gespräch ward abgebrochen und ein anderes begonnen, indem der Fremde, der Vivaldo hieß, an Don Quijote die Frage richtete, was ihn veranlasse, dergestalt gerüstet eine so friedliche Gegend zu durchwandern. Darauf antwortete Don Quijote: »Die Ausübung meines Berufes verwilligt und verstattet es mir nicht, daß ich in andrer Tracht einhergehe. Gute Tage haben, Wohlleben und Ruhe genießen, das ist für weichliche Höflinge erfunden; aber Mühsal, Rastlosigkeit und Waffen sind für diejenigen allein geschaffen, so die Welt fahrende Ritter nennt und unter welchen ich, obschon des Berufes unwürdig, der geringste bin von allen.« Kaum hörten sie das, als alle ihn auch schon für verrückt hielten; und da sie der Sache noch mehr auf den Grund kommen und erforschen wollten, welcher Art seine Verrücktheit sei, wandte sich Vivaldo wiederum an ihn und fragte, was mit den »fahrenden Rittern« gemeint sei. »Haben denn Euer Gnaden«, entgegnete Don Quijote, »niemals die Jahrbücher und Geschichten von England gelesen, worin von den ruhmreichen Taten des Königs Artur gehandelt wird, welchen wir in unserm heutigen Kastilianisch den König Artus nennen und von dem die alte Sage in dem ganzen Königreich Großbritannien geht, daß er nicht gestorben, sondern durch Zauberkunst in einen Raben verwandelt ist, und daß er im Lauf der Zeiten wieder zur Herrschaft kommen und Reich und Zepter wiedererlangen wird? Weshalb denn auch niemand nachweisen kann, daß von jener Zeit ab bis heute jemals ein Engländer einen Raben getötet hätte. Nun denn, zu Zeiten dieses edlen Königs wurde jener hochberühmte Orden der Ritter von der Tafelrunde gestiftet. Und damals trug sich, genau bis aufs Tüpfelchen, die Liebesgeschichte zu, die dort von Lanzelot vom See und der Königin Ginevra erzählt wird, wobei jene würdige Dame Quintañona Vermittlerin und Mitwisserin war; und daraus entstand dann jene allbekannte Romanze, an der sich unser Spanien so satt gesungen hat: Niemals ward annoch ein Ritter Also wohl bedient von Damen, Wie es wurde Lanzelot, Da er herkam aus Britannien – samt jenem so süßen und lieblichen Verlauf seiner Liebes- und Heldentaten. Und seitdem hat von einem zum andern jener Orden des Rittertums sich weiter verbreitet und sich über viele und mannigfaltige Teile der Welt ausgedehnt; und zu ihm gehörten, durch ihre Taten vielberufen und weitbekannt, der mannhafte Amadís von Gallien mit all seinen Söhnen und Enkeln bis ins fünfte Glied und der tapfere Felixmarte von Hyrkanien und der nie nach Verdienst gepriesene Tirante der Weiße, und viel fehlt nicht, daß wir schier noch in unsern Tagen den unbesiegbar gewaltigen Ritter Don Belianis von Griechenland gesehen und gehört und Umgang mit ihm gepflogen. Das also, werte Herren, heißt zu den fahrenden Rittern gehören, und der Orden ihres Rittertums ist der, den ich erwähnte und dem, wie auch schon erwähnt, ich, obwohl ein sündhafter Mensch, zugeschworen bin; und der Beruf, zu dem sich die besagten Ritter bekannten, zu ihm bekenne auch ich mich, und so ziehe ich durch diese Einöden und Wüsteneien und suche Abenteuer, entschlossenen Sinnes, dem gefährlichsten, so das Schicksal mir darbietet, meinen Arm und mein ganzes Selbst zu widmen, zum Schutze der Schwachen und Hilfsbedürftigen.« Aus diesen seinen Reden wurde es den Reisenden vollends klar, wie es bei Don Quijote nicht richtig im Kopfe sei und welche Art von Narretei ihn beherrsche, und sie gerieten darüber in die nämliche Verwunderung wie alle, die zum erstenmal mit ihm bekannt wurden. Vivaldo, der ein gescheiter Kopf und fröhlichen Humors war, wollte sogleich, um den kurzen Weg, der nach Angabe der Leute ihnen noch bis zu dem felsigen Bestattungsort übrigblieb, ohne Langeweile zurückzulegen, dem Ritter Gelegenheit geben, in seiner Narretei noch weiter zu gehen. Und so sagte er ihm: »Mich bedünkt, Herr Ritter, daß Euer Gnaden sich einem äußerst strengen Berufe gewidmet hat, und ich bin des Glaubens, daß der Orden der Kartäuser minder streng ist.« »So streng mag er wohl sein«, erwiderte Don Quijote; »aber ob so notwendig in der Welt, da bin ich nicht zwei Finger breit davon entfernt, es zu bezweifeln. Denn soll ich die Wahrheit sagen; so tut der Soldat, der ausführt, was sein Hauptmann ihm vorschreibt, nicht weniger als der Hauptmann selbst, der es ihm befiehlt. Damit will ich sagen, daß die Mönche in aller Friedlichkeit und Ruhe vom Himmel das Wohl der Erde erflehen; aber wir Soldaten und Ritter bringen zur Ausführung, was sie erbeten, indem wir alles Irdische mit der Kraft unsrer Arme und der Schneide unsres Schwertes verteidigen, und zwar nicht unter schützendem Dach, sondern unter freiem Himmel, ein Ziel den Sonnenstrahlen im Sommer und dem starrenden Frost im Winter. Sonach sind wir die Beamten Gottes auf Erden und der Arm, durch den hienieden seine Gerechtigkeit vollstreckt wird. Und da nun die Geschäfte des Krieges, und was ihn angeht und sich auf ihn bezieht, nicht anders als mit Schweiß und Arbeit und übermäßiger Mühsal betrieben werden können, so folgt daraus, daß, die ihn zum Beruf erkoren, ohne Zweifel größere Beschwer erdulden, als die in friedlicher Ruh und Stille dem Gebete zu Gott obliegen, daß er die Schwachen beschütze. Ich will nicht sagen, noch kommt es mir je in den Sinn, daß der Stand des fahrenden Ritters ein so tugendsamer sei wie der eines unter geweihtem Verschluß lebenden Klosterbruders; ich will nur aus dem, was ich zu erdulden habe, folgern, daß er ohne Zweifel mühseliger und mit Prügeln geplagter und hungriger und durstiger, jämmerlicher, zerlumpter und lausiger ist. Denn es ist unleugbar, die fahrenden Ritter der früheren Zeit erfuhren vielerlei Mißgeschick im Verlauf ihres Lebens. Und wenn etliche durch die Kraft ihres Armes zum Kaisertum aufstiegen, wahrlich, so kostete es sie ein gut Teil ihres Schweißes und Blutes; und wenn denen, die zu solchem Rang emporgelangt sind, Zauberer und Weise gefehlt hätten, um ihnen zu helfen, so hätten sie sich sicher um das Ziel ihrer Wünsche betrogen und in ihren Hoffnungen getäuscht gefunden.« »Dieser Meinung bin ich auch«, sagte der Reisegefährte; »aber unter mancherlei anderem mißfällt mir namentlich etwas gar sehr. Nämlich wenn sie gerade im Begriffe sind, ein großes und gefährliches Abenteuer zu bestehen, wobei augenscheinliche Gefahr ist, das Leben zu verlieren, so kommt es ihnen im Augenblick, wo sie es bestehen wollen, nie in den Sinn, sich Gott zu empfehlen, wie jeder Christ bei solcherlei Gefahren zu tun verpflichtet ist, vielmehr empfehlen sie sich ihrer Dame mit solcher Inbrunst und Andacht, als wenn sie ihr Gott wäre; und das gehört zu den Dingen, die nach Heidentum schmecken, wie mich dünkt.« »Werter Herr«, antwortete Don Quijote, »das kann unter keiner Bedingung anders sein, und übel fahren würde der Ritter, der anders handelte. Denn es ist nun einmal in Brauch und Übung bei der fahrenden Ritterschaft, daß der fahrende Ritter, sobald er an eine große Waffentat geht, seine Gebieterin vor Augen hat und die Blicke zärtlich und liebevoll auf sie richtet, als ob er sie bitte, ihm Huld und Schutz zu verleihen in der Fährlichkeit vor ungewissem Ausgang, die er zu bestehen sich anschickt. Und selbst wenn keiner ihn hört, ist er verpflichtet, ein paar Worte leise zwischen den Zähnen zu sprechen, in denen er sich ihr von ganzem Herzen empfiehlt; und davon gibt's unzählige Beispiele in den Geschichten. Und das hat man nicht so zu verstehen, daß die Ritter deshalb unterlassen sollen, sich Gott zu empfehlen; denn dazu bleibt ihnen Zeit und Gelegenheit im Verlauf des Waffenwerks.« »Trotz alledem«, entgegnete der Reisende, »bleibt mir doch noch ein Bedenken. Ich habe nämlich oftmals gelesen, daß zwischen zwei fahrenden Rittern ein Wortwechsel sich entspinnt, und wie ein Wort das andre gibt, entbrennt der Zorn in ihnen, sie wenden die Rosse, nehmen eine tüchtige Strecke zum Anlauf, und ohne weiteres wenden sie wieder um, im vollsten Rennen ihrer Gäule, zum Ansturm gegeneinander, und mitten im Anrennen empfehlen sie sich ihren Damen. Und was sich dann beim Aufeinandertreffen zu begeben pflegt, ist, daß der eine, vom Speer des Gegners durch und durch gestochen, über die Kruppe des Pferdes herabstürzt; und dem andren auch geschieht es, daß er, wenn er sich nicht an der Mähne des seinigen festhielte, den Fall zu Boden nicht vermeiden könnte. Und da weiß ich nicht, wie der Tote eine Möglichkeit gefunden haben soll, sich im Verlauf eines so eilig abgemachten Waffenwerks Gott zu empfehlen. Besser wäre es gewesen, er hätte die Worte, die er im Rennen darauf verwendet, sich seiner Dame zu empfehlen, auf das verwendet, was er als Christ schuldig und verpflichtet war zu tun. Und dies um so mehr, als ich der Meinung bin, nicht alle fahrenden Ritter haben Damen, denen sie sich empfehlen können; denn nicht alle sind verliebt.« »Das ist unmöglich«, antwortete Don Quijote. »Ich sage, unmöglich kann es einen fahrenden Ritter ohne Dame geben; denn denselbigen ist es so zu eigen und angeboren, verliebt zu sein, wie dem Himmel, Sterne zu haben, und zuverlässig hat man nie eine Geschichte gelesen, wo ein fahrender Ritter ohne Liebeshandel vorkäme, und im Fall es einen gäbe, so würde er gerade darum nicht für einen echten Ritter gehalten werden, sondern für einen Bastard, der in die Burg des besagten Rittertums nicht durch die Tür, sondern über die Mauer weg eingedrungen wäre wie ein Wegelagerer und Dieb.« »Trotz alledem«, sagte der Reisegefährte, »bedünkt es mich, wenn ich mich recht entsinne, gelesen zu haben, daß Don Galaor, der Bruder des tapferen Amadís von Gallien, niemals eine bestimmte Geliebte hatte, der er sich hätte empfehlen können; und trotzdem ward er um nichts geringer geachtet und war ein höchst streitbarer, wohlberufener Ritter.« Darauf entgegnete Don Quijote: »Werter Herr, eine Schwalbe macht keinen Sommer, außerdem weiß ich, daß dieser Ritter insgeheim allerdings gar sehr verliebt war; nur war der Umstand, daß er alle, die ihm gefielen, gern hatte, seine angeborne Eigentümlichkeit, gegen die er nicht aufkommen konnte. Aber am Ende bleibt es doch völlig erwiesen, daß er eine einzige hatte, die er zur Herrin seiner Herzensneigungen erkoren, und dieser empfahl er sich ganz häufig und ganz im geheimen; denn er legte besonderen Wert darauf, ein das Geheimnis wahrender Rittersmann zu sein.« »Wenn es also zum Wesen der Sache gehört, daß jeder fahrende Ritter verliebt sein muß«, sagte der Reisende, »so darf man sicherlich glauben, daß auch Euer Gnaden es ist, da Ihr zu diesem Stande gehört; und sollte es der Fall sein, daß Euer Gnaden keinen besonderen Wert darauf legt, alles so geheimzuhalten wie Don Galaor, so bitte ich Euch so inständig, als ich vermag, namens dieser ganzen Gesellschaft und meiner selbst, uns über Namen, Heimat, Stand und Schönheit Eurer Dame zu berichten; denn sie kann sich jedenfalls glücklich schätzen, wenn die ganze Welt erfährt, es sei ihr Huldigung und Liebe von einem solchen Ritter gewidmet, wie Euer Gnaden erscheint.« Hier stieß Don Quijote einen tiefen Seufzer aus und sprach: »Ich kann nicht versichern, ob die süße Feindin mein es gern sieht oder nicht, daß die Welt wisse, daß ich ihr huldige; ich kann nur sagen, als Antwort auf ein so höfliches Ersuchen, daß ihr Name Dulcinea ist; ihre Heimat Toboso, ein Ort in der Mancha; ihrem Stande nach muß sie mindestens eine Prinzessin sein, da sie meine Königin und Gebieterin ist; ihre Schönheit überirdisch, da in ihr zur Wahrheit werden all die unmöglichen und nur von kühner Phantasie erträumten Reize, womit die Dichter ihre Geliebten begabt haben. Ihre Haare sind Gold, ihre Stirn ein Paradiesgarten, ihre Brauen gewölbte Regenbogen, ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen, Perlen ihre Zähne, Alabaster ihr Hals, Marmor ihre Brust, Elfenbein ihre Hände, ihre Weiße ist Schnee, und die Teile, welche die Ehrbarkeit dem menschlichen Anblick verdeckt, sind der Art, daß, wie ich denke und urteile, nur eine feinsinnige Beobachtung sie zu preisen, doch nicht mit andern zu vergleichen imstande ist.« »Den Stammbaum, das Geschlecht, die Sippschaft wünschten wir zu erfahren«, versetzte Vivaldo. Worauf Don Quijote antwortete: »Sie ist nicht aus dem Geschlechte der alten römischen Curtius, Gajus und Scipio noch der neueren Colonna und Orsini, sie ist nicht vom Stamme der Moncada oder Requesens von Katalonien, ebensowenig der Rebella und Villanova von Valencia, der Palafoj, Nuza, Rocaberti, Corella, Luna, Alagón, Urrea, Fos und Gurrea von Aragón; der Cerda, Manrique, Mendoza und Guzmán von Kastilien, der Alencastro, Pallas und Meneses von Portugal; sondern sie ist vom Hause derer von Toboso von der Mancha, einem Geschlechte, das zwar ein neues, aber doch ein solches ist, daß es den erlauchtesten Familien künftiger Jahrhunderte einen edlen Ursprung gewähren kann. Und hiergegen soll mir niemand Widerspruch erheben, es sei denn unter der Bedingung, welche Zerbin an den Fuß des Siegesmals schrieb, das er aus den Waffen Rolands errichtet hatte: Es rühre keiner diese Waffen an, Der nicht Roldán im Streit bestehen kann.« »Obschon ich dem Geschlechte der Cachopines von Laredo angehöre«, entgegnete der Reisegefährte, »will ich doch nicht wagen, es mit dem Hause derer von Toboso von der Mancha zu vergleichen; wiewohl – die Wahrheit zu sagen – ein solcher Geschlechtsname mir noch nie zu Ohren gekommen ist.« »Sonach wäre er Euch nicht zu Ohren gekommen?« erwiderte Don Quijote. Mit großer Aufmerksamkeit hörten alle die übrigen Wanderer dem Gespräch der beiden zu, und selbst den Ziegenhirten und Schäfern wurde klar, an welch hohem Grad von Verrücktheit unser Don Quijote litt. Nur Sancho Pansa war des Glaubens, alles, was sein Herr sagte, sei volle Wahrheit, trotzdem er wußte, wer er war, und er ihn von Jugend auf kannte; nur woran er einigermaßen Anstand nahm, war, an die Sache mit der schönen Dulcinea von Toboso zu glauben; denn nie war ein solcher Name oder eine solche Prinzessin ihm zur Kenntnis gekommen, obschon er so nahe bei Toboso wohnte. Unter solchen Gesprächen zogen sie des Weges, als sie sahen, daß aus einer Schlucht, die sich zwischen zwei hohen Bergen öffnete, etwa zwanzig Schäfer herabkamen, alle in schwarze Schafpelze gekleidet, den Kopf geschmückt mit Kränzen, die, wie man nachher in der Nähe sah, hier aus Taxus, dort aus Zypressenzweigen geflochten waren. Sechs von ihnen trugen eine Bahre, die mit einer Masse mannigfaltiger Blumen und Zweige bedeckt war. Bei diesem Anblick sprach einer der Ziegenhirten: »Die dort kommen, die tragen Grisóstomos Leiche, und am Fuß dieses Berges ist die Stelle, die er zu seinem Grabe bestimmt hat.« Sie beeilten sich daher, an den Ort zu gelangen, und sie kamen gerade hinzu, als die Träger die Bahre eben niedergesetzt hatten. Vier von ihnen waren beschäftigt, mit spitzen Pickeln die Gruft am Rande einer harten Felswand zu graben. Mit Höflichkeit begrüßten sich alle gegenseitig, und Don Quijote und seine Begleiter richteten sofort ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Bahre und erblickten auf derselben, mit Blumen überdeckt, einen Leichnam in Schäfertracht, dem Anscheine nach im Alter von dreißig Jahren; und noch im Tode zeigte er, wie schön sein Antlitz und wie stattlich sein Aussehen im Leben gewesen war. Auf der Bahre lagen um ihn her einige Bücher und viele Papiere, teils offen und teils verschlossen. Sowohl die zuschauten als auch, die das Grab bereiteten, und alle andern, die zugegen waren, beobachteten ein wundersames Schweigen, bis einer der Träger zu dem andern sagte: »Seht wohl zu, Ambrosio, ob dies die Stelle ist, die Grisóstomo bezeichnet hat, da Ihr wollt, daß alles so ganz genau vollstreckt werde, was er in seinem Letzten Willen bestimmt hat.« »Hier ist die Stelle«, antwortete Ambrosio, »denn hier hat mein unglücklicher Freund mir oft die Geschichte seines Mißgeschicks erzählt. Hier, sagte er mir, habe er zum erstenmal jene Todfeindin des menschlichen Geschlechts erblickt. Hier auch war's, wo er ihr zum erstenmal seine Gesinnungen offenbarte, die so rein waren wie reich an Liebe; und hier war's, wo Marcela zum letztenmal und unwiderruflich ihm kundgab, daß sie ihn verschmähe und alle Hoffnung ihm versagt sei, so daß er dem Trauerspiel seines elenden Lebens ein Ende machte; und hier wollte er, zum Angedenken so großen Unglücks, in den Schoß der ewigen Vergessenheit versenkt werden.« Und sich zu Don Quijote und dessen Reisegefährten wendend, fuhr er folgendermaßen fort: »Dieser Körper, ihr Herren, den ihr mit Augen voll frommen Mitgefühls betrachtet, umschloß eine Seele, in welche der Himmel eine unendliche Fülle seiner reichsten Gaben gelegt. Dies ist der Körper jenes Grisóstomo, der einzig war an Geist, einzig an feiner Sitte, unvergleichlich an liebenswürdigem Wesen, ein Phönix in der Freundschaft, großmütig ohne Grenzen, würdevoll ohne Anmaßung, heiter, ohne zu niedrigem Scherz herabzusteigen, und, in einem Worte, der Erste in allem, was gut und edel, und ohnegleichen in allem, was unglücklich ist. Er liebte treu und wurde gehaßt; er betete an und ward verschmäht; er flehte zu einem reißenden Tier, er wollte einen Marmorblock rühren, er lief dem Winde nach, er erhob seine Stimme in der einsamen Öde, er weihte seine Dienste der Undankbarkeit, von der er als Lohn empfing, dem Tode zur Beute zu werden inmitten seiner Lebensbahn, der ihr Ende bereitet ward von einer Hirtin, die er bestrebt war unsterblich zu machen, auf daß sie im Angedenken der Menschen fortlebe; und das könnten wohl diese Blätter dartun, auf die ihr hinblickt, wenn er mir nicht geboten hätte, sie dem Feuer zu übergeben, sobald ich seinen Körper der Erde anvertraut habe.« »Da würdet Ihr mit größerer Härte und Grausamkeit gegen sie verfahren«, sagte Vivaldo, »als ihr eigener Verfasser; denn es ist nicht gerecht noch verständig, den Willen eines Mannes zu vollziehen, dessen Anordnungen die Grenzen alles vernünftigen Denkens überschreiten. Auch Cäsar Augustus würde es nicht für recht erachtet haben, die Ausführung dessen zu gestatten, was der göttliche Mantuaner in seinem Letzten Willen verordnet hatte. Sonach, Señor Ambrosio, wenn Ihr den Körper Eures Freundes der Erde übergeben müßt, so wollet doch seine Schriften nicht der Vergessenheit übergeben; denn es ist nicht wohlgetan, daß Ihr, was er als ein schwergekränkter Mann verfügt hat, als ein unüberlegter vollstrecket. Verleihet vielmehr diesen Blättern Leben, damit sie es der Grausamkeit Marcelas auf ewig verleihen, um in den kommenden Zeiten den Lebenden zum Beispiel zu dienen, daß sie es meiden und scheuen, in solche Abgründe zu fallen. Denn ich und alle, die wir hier zugegen sind, wissen bereits die Geschichte dieses Eures durch Liebe in Verzweiflung gestürzten Freundes; wir kennen Eure Freundschaft und die Ursache seines Todes und die Verfügungen, die er bei seines Lebens Ende hinterlassen hat; eine jammervolle Geschichte, aus der man entnehmen kann, wie groß Marcelas Grausamkeit, Grisóstomos Liebe und die Treue Eurer Freundschaft gewesen und welches Ziel die erreichen, die mit verhängtem Zügel den Weg hinstürmen, den sinnlose Liebe ihnen vorzeichnet. Gestern abend erfuhren wir den Tod Grisóstomos, und daß er an diesem Orte bestattet werden solle, und deshalb haben wir, aus Neugier und aus schmerzlichem Mitgefühl, unsere gerade Straße verlassen und uns vorgenommen, mit unsern Augen zu sehen, was zu hören uns so sehr betrübt hatte. Zur Vergeltung nun für diese unsere Teilnahme und für den Wunsch, der in uns lebendig wurde, noch Hilfe zu leisten, wenn sie möglich wäre, bitten wir dich, Ambrosio, als verständigen Mann – ich wenigstens meinerseits gehe dich flehentlich an –: Laß ab von dem Vorhaben, diese Papiere zu verbrennen, und laß mich einige davon mit mir nehmen.« Und ohne die Antwort des Schäfers abzuwarten, streckte er die Hand aus und nahm einige von den zunächst liegenden Blättern. Wie Ambrosio das gewahrte, sprach er: »Aus schuldiger Höflichkeit will ich zugeben, daß Ihr die Blätter, die Ihr schon genommen, behalten möget; aber zu denken, daß ich darauf verzichte, die übrigen zu verbrennen, wäre ein eitler Gedanke.« Vivaldo, im lebhaften Wunsch, den Inhalt der Blätter kennenzulernen, faltete sofort eines auseinander und sah, daß die Überschrift lautete: Gesang der Verzweiflung. Das hörte Ambrosio und sprach: »Dies ist das letzte, was der Unglückliche geschrieben; und damit Ihr sehet, wie weit ihn sein Elend gebracht hat, leset es laut, daß man Euch hören kann; die Zeit, die man braucht, das Grab herzustellen, wird Euch dazu völlig ausreichen.« »Das will ich sehr gerne tun«, sagte Vivaldo; und da die Anwesenden sämtlich den nämlichen Wunsch hegten, stellten sie sich in die Runde, und er las mit vernehmlicher Stimme das Gedicht vor, das folgendes aussagte: 14. Kapitel Welches Grisóstomos Gesang der Verzweiflung enthält, nebst andern unerwarteten Ereignissen Grisóstomos Gesang Da du es willst, daß rings von Mund zu Munde, Von Volk zu Volk erschallt, grausame Schöne, Wie hart dein Herz und wie es mir ergrimme, So leih ich Schmerzenston mir aus dem Grunde Der Hölle selbst, daß mir die grausen Töne Entstellen den gewohnten Klang der Stimme. Und meinem Wunsch gehorchend, der das schlimme Geschick, so deine Frevel mir verheißen, Laut künden will, wird wilder Schmerz erbrausen Und wird mir, um zu steigern Qual und Grausen, Vom blutgen Herzen Stücke mit sich reißen. Sollst du Gehör leihn, nein, dem krassen Stöhnen Des Jammers, der tief aus erkrankten Herzen Hervor sich ringt mit Wahnsinn, mit Entsetzen, Um mich zu letzen und dich doch zu schmerzen. Des Wolfes fürchterlich Geheul, des Leuen Gebrüll, das gräßliche Gezisch der schuppigen Schlange, Aus fremden Untiers Schlund das heisere Bellen; Und das Gekrächz der Krähen, die da dräuen, Daß Unheil naht; die Stürm im Donnergange, Wild kämpfend auf empörten Meereswellen; Des Stiers Gebrülle, den im Kampf zu fällen Dem Feind gelang; der Turteltaube Girren Um ihres Gatten Tod; der düstre Sang der Eule, Der vielbeneideten; das Angstgeheule Verdammter Geister, die im Dunkel schwirren; Mir sollen sich all diese Kläng entringen, Mit meiner Seele ineinanderklingen In einem Schrei, daß wirr zusammenbrechen Die Sinne all; denn was mein Herz bedränge, Heischt neue Klänge, um es auszusprechen. Nicht soll des Vaters Tajo Sandgefilde Mich hören, nicht der Bätis, der in Düften Des Ölbaums hinwallt zu des Südens Pforten: Ausklingen soll mein Schmerz, der grimme, wilde, Auf hohen Felsen und in tiefen Klüften, Von toter Zunge, in lebendigen Worten; Oder in dunklen Tälern und an Orten, In deren Öde Menschen nie verkehren Oder die nie den Sonnenstrahl gewahren, Oder wo wilder Bestien giftge Scharen Sich an des flachen Nils Gestade nähren. Und wenn auch nur in leblos öder Heide Das Echo, auferweckt von meinem Leide, Verkündet deine Härte sondergleichen, So wird es doch – ein Vorrecht meinem Wehe – In Fern und Nähe rings die Welt durchstreichen. Verschmähn bringt Tod; Verdacht, ob er vergebens Sich regt, ob wahr, weiß die Geduld zu morden; Tod bringt auch Eifersucht, die schlimmste Plage. Zu lange Trennung nagt am Mark des Lebens; Gegen die Angst, daß du vergessen worden, Hilft auch kein sichres Hoffen beßrer Tage. Dies all ist sichrer Tod. Ich aber frage: Welch Wunder, daß ich fort mein Dasein führe, Entfernt, verschmäht, von Eifersucht durchlodert! Wahrheit der Argwohn, der mein Leben fordert! In der Vergessenheit, an der ich schüre Des Busens Glut, in soviel Qualen, nimmer Ersah mein Blick der Hoffnung fernsten Schimmer, Ich wage selbst nicht mehr, ihr nachzustreben, Nein, um mich zu versenken in mein Leiden, Schwör ich zu meiden sie fürs ganze Leben. Kann man im selben Augenblicke hoffen Und fürchten? Wer mag hoffen und vertrauen, Wo für das Fürchten stärkre Gründe walten? Vom Blick der nahenden Eifersucht getroffen, Soll schließen ich mein Äug; ich muß sie schauen Durch tausend Wunden, so die Seel zerspalten. Wer wird dir nicht die Tür weit offenhalten, Mißtrauen, wenn Mißachtung ihre Züge Entschleiert zeigt, in jeder kleinsten Handlung Verdacht zur Wahrheit wird, o schlimme Wandlung! Und reine Wahrheit sich verkehrt zur Lüge? Gib, Eifersucht, Tyrannin in den Landen Der Liebe einen Dolch! Mit Todesbanden, Verschmähung, komm, mit festgedrehten Stricken! Doch ach, schon fühl ich, wie Erinnerungen, Die mich bezwungen, alles Leid ersticken. Doch muß ich sterben. Und damit ich künftig Nie Heil erhoffen darf in Tod und Leben, Will ich festhalten meinen Wahn und sagen: Daß, wer recht liebt, recht handelt und vernünftig; Daß der am freisten, der zumeist ergeben Sich von der Liebe läßt in Bande schlagen; Daß dir die Feindschaft stets zu mir getragen, Schönheit der Seele wie des Leibs beschieden; Daß ich's verschulde, wenn du mich vergessen; Daß durch das Leid, das sie uns zugemessen, Die Lieb ihr Reich hält in gerechtem Frieden. Mit solchem Wahn und mit grausamem Strange Das Ziel beschleunigend, zu dem seit lange Dein Hohn mich führt, geb ich, dem Erdenqualme Entrückt, den Lüften Leib und Seele, ohne Daß einst mir lohne Lorbeer oder Palme. Durch soviel Unrecht, das du mir erwiesest, Gabst du das Recht mir und gabst mir die Lehre: Sein Recht zu tun dem lang verhaßten Leben. Sieh meines Herzens Wunden an, du liesest Darin, wie freudevoll ich dir's gewähre, Mich deinem Groll als Opfer hinzugeben. Erkennst du dann vielleicht, mein treues Streben War wert, daß deiner Augen Himmelshelle Bei meinem Tod sich trübe – doch geschehe Das nie! Dich rühre nie das kleinste Wehe, Wenn ich mein Herze dir zur Beute fälle. Nein, lachend, wenn zum Grab gehn meine Reste, Zeig, daß mein letzter Tag dir wird zum Feste! Doch töricht, daß ich solchen Rat verschwende; Da es ja anerkannt, wie Ruhm und Ehre Es dir gewähre, wenn so rasch mein Ende. Nun kommt, 's ist Zeit, vom schwarzen Höllenpfade, Kommt! Tantalus, der ewgen Dursts Geplagte, Und Sisyphus, den Stein emporzuschwingen Bemüht, Ixion unter seinem Rade, Und Tithyus, der vom Geier stets Genagte, Die Schwestern, die in ewger Mühsal ringen: Laßt euren Jammerschrei herüberklingen In meine Brust, kommt all mit dumpfer Klage, Und – falls sie dem Verzweifelten gebühren Dem Leichnam Totenchöre aufzuführen, Ob auch die Welt das Bahrtuch ihm versage. Du, Höllenpförtner, auch mit den drei Rachen, Ihr Ungeheuer, all ihr tausendfachen, Eur Grundbaß klinge drein, der rauhe, harte; Denn wert ist keiner Beßren Leichenfeier Ein toter Freier, den die Liebe narrte. Lied der Verzweiflung, nun du von mir scheidest, Glaub, daß du darum nicht Verlust erleidest; Denn da dem Quell, draus deine Tön entspringen, Mein Unglück wird zur reichern Glückesgabe, Darfst du am Grabe selbst nicht traurig klingen. Grisóstomos Gesang gefiel allen Zuhörern wohl; wiewohl der Vorleser sagte, das Gedicht scheine ihm nicht dem Bericht zu entsprechen, den er über Marcelas Züchtigkeit und Tugend vernommen, denn darin klage Grisóstomo über Eifersucht, Verdacht und Abwesenheit, alles zum Nachteil von Marcelas gutem Ruf und unbescholtenem Namen. Darauf antwortete Ambrosio als der genaue Kenner der geheimsten Gedanken seines Freundes: »Damit Ihr, edler Herr, Euch wegen dieses Zweifels beruhigt, wird es Euch angenehm sein zu erfahren, daß der Unglückliche damals, da er dieses Gedicht schrieb, sich aus Marcelas Nähe fernhielt; er hatte sich freiwillig von ihr entfernt, um zu erproben, ob die Abwesenheit ihre gewöhnlichen Rechte bei ihm geltend machen würde. Und da es nichts gibt, was den entfernten Liebenden nicht quälte, und sich keine Besorgnis denken läßt, die ihn nicht ergriffe, so fühlte sich Grisóstomo gepeinigt von eingebildeter Eifersucht und von einem Argwohn, vor dem er sich ängstigte, als ob er wirklich in seiner Seele vorhanden wäre. Und so bleibt alles völlig in seiner Wahrheit, was der Ruf von Marcelas Tugend rühmt. Denn außer daß sie grausamen Sinnes ist und etwas Hoffart und sehr viel Geringschätzung an den Tag legt, darf und kann der Neid selbst Ihr keinen Fehler anheften.« »So ist's in Wahrheit«, erwiderte Vivaldo; und eben war er im Begriff, ein andres Blatt, das er gleichfalls aus dem Feuer gerettet, zu lesen, als eine wunderbare Erscheinung – so kam sie allen vor – ihn davon abhielt, welche unversehens sich den Blicken zeigte. Hoch oben nämlich auf dem Felsen, an dessen Fuße man das Grab aufwarf, erschien die Schäferin Marcela in so hoher Schönheit, daß sie ihren Ruf noch weit überstrahlte. Die sie bis jetzt noch nicht gesehen hatten, schauten mit schweigender Bewunderung zu ihr hinauf, und die bereits ihres Anblicks gewohnt waren, blieben nicht weniger gefesselt als jene, die sie nie gesehen. Aber kaum hatte Ambrosio sie gewahrt, als er mit Gebärden lebhafter Entrüstung ihr zurief: »Kommst du vielleicht, du grimmer Basilisk dieser Berge, um zu sehen, ob in deiner Gegenwart die Wunden dieses Unglücklichen, dem deine Grausamkeit das Leben geraubt, zu fließen beginnen, oder um von dieser Höhe wie ein anderer Nero gefühllos auf die Flammen seines brennenden Roms zu schauen oder um diesen unseligen Leichnam mit Füßen zu treten wie die undankbare Tochter den ihres Vaters Servius Tullius? Sag uns nur unverzüglich, warum du kommst oder was eigentlich dein Begehr ist; denn da ich weiß, daß alle Gedanken Grisóstomos nie einen Augenblick im Leben aufhörten, dir dienstbar zu sein, so will ich es bewirken, daß, obschon er selber tot, dir das ganze Denken und Wollen all derer zu Diensten sei, die seine Freunde waren.« »Ich komme keineswegs, Ambrosio«, antwortete Marcela, »in einer Absicht, wie du deren manche genannt hast, sondern um mich selbst zu verteidigen und klarzumachen, wie vernunftwidrig sie alle denken, die mir an Grisóstomos Leiden und Tod schuld geben. Und so bitte ich euch alle, die ihr zugegen seid, mir Aufmerksamkeit zu schenken; denn es wird nicht vieler Zeit noch der Aufwendung vieler Worte bedürfen, um die Verständigen von einer wahren Tatsache zu überzeugen. Der Himmel schuf mich, wie ihr es saget, schön, und von solcher Schönheit, daß sie, ohne daß ihr anders vermöchtet, euch zwinge, mich zu lieben; und um der Liebe willen, die ihr mir bezeigt, sagt ihr, ja fordert ihr, soll ich verpflichtet sein, euch zu lieben. Wohl kann ich mit dem natürlichen Verstande, den Gott mir gegeben, einsehen, daß alles Schöne liebenswert ist; aber das kann ich nicht begreifen, wieso aus dem einzigen Grunde, daß es geliebt wird, dasjenige, was man um seiner Schönheit willen liebt, auch verpflichtet sein soll, den Liebenden wiederzulieben. Zumal es sich ja ereignen könnte, daß der Liebhaber des Schönen häßlich wäre, und da das Häßliche Haß verdient, ziemt es einem Manne gar übel, dem Weibe zu sagen: Ich liebe dich, weil du schön bist; du mußt mich lieben, obschon ich häßlich bin. Aber gesetzt den Fall, es sei die Schönheit beiderseits gleich, so müssen darum noch nicht die Neigungen beiderseits gleiche Wege verfolgen; denn nicht jede Schönheit erweckt Liebe, manche erfreut den Anblick und unterwirft sich nicht die Herzen. Wenn aber jede Schönheit Liebe erweckte und die Herzen unterwürfe, so würden die Neigungen in Wirrsal und ohne sichern Weg hin und her schwanken, so daß sie gar nicht wüßten, auf welches Ziel sie ausgehen sollten; denn da die schönen Menschen zahllos sind, müßten auch die Wünsche zahllos sein, und doch, wie ich sagen hörte, kann sich wahre Liebe nicht teilen und muß freiwillig sein und nicht erzwungen. Da dem nun so ist – und ich bin überzeugt, es ist so –, warum wollt ihr, daß ich mein Herz mit Gewalt bezwinge, da ich doch durch nichts weiter verpflichtet bin, als daß ihr versichert, mich zu lieben? Wo nicht, so sagt mir doch: wenn der Himmel, wie er mich schön erschuf, mich häßlich geschaffen hätte, wäre es gerecht, wenn ich mich über euch beschwerte, weil ihr mich nicht liebtet? Außerdem müßt ihr erwägen, daß ich die Schönheit, die ich besitze, mir nicht selbst erkoren; wie sie eben ist, so hat der Himmel sie mir als Gnadengabe verliehen, ohne daß ich sie mir erbeten oder auserwählt habe. Und wie die Viper wegen des Giftes, das sie in sich trägt, obwohl sie damit tötet, keine Anschuldigung verdient, weil die Natur es ihr gegeben, so verdiene auch ich deshalb, weil ich schön bin, keinen Vorwurf; denn die Schönheit ist bei einem sittsamen Weibe wie das entfernte Feuer oder wie die scharfe Schwertklinge: jenes brennt und diese schneidet keinen, der ihnen nicht nahe kommt. Die Ehre, die Tugenden sind der Seele Zierden, ohne welche der Leib, mag er auch schön sein, nicht als schön betrachtet werden kann. Da nun Sittsamkeit eine der Tugenden ist, die den Leib am meisten zieren und verschönern, weshalb soll diejenige, die um ihrer Schönheit willen geliebt wird, die Tugenden aufgeben, um den Wünschen dessen zu entsprechen, der bloß seiner Neigung wegen mit allen Kräften und Künsten danach trachtet, sie ihr zu rauben? Frei bin ich geboren, und um in Freiheit leben zu können, hab ich die Einsamkeit der Fluren erkoren; die Bäume dieser Berghöhen sind meine Gesellschaft, die klaren Fluten dieser Bäche sind meine Spiegel; den Bäumen und Bächen geh ich teil an meinen Gedanken und meiner Schönheit. Ich bin ein entferntes Feuer, eine beiseite gelegte Schwertklinge. Die ich durch meinen Anblick mit Liebe erfüllte, hab ich durch meine Worte enttäuscht; und wenn Wünsche sich von Hoffnungen nähren, so habe ich weder Grisóstomo noch sonst jemandem irgendeine Hoffnung gewährt, und so kann man wohl sagen, daß ihn eher sein eigensinniges Beharren als meine Grausamkeit getötet hat. Legt man mir aber zur Last, daß seine Absichten redlich waren und daß ich deshalb verpflichtet gewesen, ihnen Gehör zu geben, so sage ich: als an diesem nämlichen Orte, wo jetzt sein Grab gegraben wird, er mir das redliche Ziel seiner Wünsche offenbarte, erklärte ich ihm, daß die meinigen dahin gingen, in beständiger Einsamkeit zu leben und nur den Schoß der Erde dereinst die Frucht meiner Zurückgezogenheit, und was von meiner Schönheit alsdann noch übrig, genießen zu lassen. Und wenn er nun trotz dieser Aufklärung, der versagten Hoffnung zu Trotz, beharrlich bleiben und gegen den Wind segeln wollte, was Wunder, daß er mitten auf dem Meere seiner sinnlosen Torheit unterging? Hätt ich ihn hingehalten, so wäre ich falsch gewesen; hätt ich ihn zufriedengestellt, so hätte ich gegen meine bessere Überzeugung und Absicht gehandelt. Er beharrte auf seinem Sinn, wiewohl über alles im klaren; er verzweifelte, ohne gehaßt zu werden: erwäget nun, ob es recht ist, seines Leidens Schuld mir aufzubürden. Es beschwere sich, wer getäuscht worden; es verzweifle, wem erweckte Hoffnungen fehlgeschlagen; den ich zu mir rufe, der hege Zuversicht; wem ich Zugang verstatte, der rühme sich dessen; aber es nenne nicht der mich grausam und Mörderin, dem ich nichts verspreche, den ich nicht täusche, nicht rufe, nicht zulasse. Der Himmel hat bis jetzt nicht gewollt, daß ich durch den Zwang des Geschickes liebe, und zu glauben, daß ich aus freier Wahl lieben werde, ist zwecklos. Diese allgemeine Absage diene allen, die mich zu ihrem eignen Besten umwerben; und fürderhin sei es klargestellt, daß, wenn jemand um meinetwillen sterben sollte, er nicht aus Eifersucht oder Zurücksetzung stirbt; denn wer keinen liebt, darf auch keinem Eifersucht einflößen, und Enttäuschung darf man nicht für Verschmähung erklären. Wer mich ein Untier, einen Basilisken nennt, der soll mich als etwas Schädliches und Böses meiden; wer mich undankbar nennt, soll mir nicht huldigen; wer unerkennbar, möge mich nicht kennenlernen; wer grausam, suche nicht meine Nähe: denn dies Untier, dieser Basilisk, diese Undankbare, diese Grausame, diese Unerkennbare wird nie und nimmermehr jene herbeiwünschen, ihnen huldigen, ihre Bekanntschaft und ihren Umgang suchen. Wenn rastlose Leidenschaft und ungestümes Begehren Grisóstomo den Tod gebracht haben, warum soll mein sittsames Benehmen, meine züchtige Zurückhaltung beschuldigt werden? Wenn ich meine Reinheit im Verkehr mit den Bäumen des Waldes bewahre, wie kann der verlangen, daß ich sie opfere, der da verlangt, daß ich Verkehr mit Männern unterhalte? Ich besitze eigne Habe, wie ihr wisset, und begehre fremder nicht; ich bin freien Standes, und es behagt mir nicht, mich von jemand abhängig zu machen. Ich liebe und hasse niemand; nicht täusche ich daher diesen und werbe um jenen, nicht treibe ich Spiel mit dem einen noch Scherz mit dem andern. Der sittsame Umgang mit den Mägdlein dieser Dörfer und das Hüten meiner Ziegenherde ist meine Unterhaltung; meine Wünsche haben diese Berghöhen zur Grenze, und wenn sie je darüber hinausstreben, so geschieht es doch nur, um die Schönheit des Himmels zu betrachten, eine Beschäftigung, die die Seele zu ihrer ersten Wohnung zurückleitet.« Und mit diesen Worten, ohne eine Entgegnung hören zu wollen, wandte sie ihnen den Rücken und bog ins tiefste Dickicht eines nahen Bergwaldes ein, während sie alle Anwesenden in hohem Staunen über ihren Verstand und über ihre Schönheit zurückließ. Und einige aus der Zahl jener, die sich vom mächtigen Geschoß ihrer schönen Augenstrahlen getroffen fühlten, machten Miene, ihr zu folgen, ohne die unumwundene Absage, die sie vernommen, sich zunutze zu machen. Sowie Don Quijote dies bemerkte, erachtete er hier sogleich die rechte Gelegenheit gekommen zur Übung seiner Ritterpflicht, bedrängten Jungfrauen beizustehen; und die Hand an den Knauf seines Schwertes legend, sprach er mit lauter, vernehmbarer Stimme: »Keiner, wes Standes und Ranges er auch sei, erkühne sich, der schönen Marcela zu folgen, bei Strafe, meinen wütigen Groll zu erfahren. Sie hat mit klaren, genügenden Gründen dargelegt, wie sie geringe oder gar keine Schuld an Grisóstomos Tode trägt und wie fern sie dem Gedanken steht, auf die Wünsche irgendeines ihrer Liebeswerber einzugehen; und aus sotanen Gründen ist es gebührend, daß, anstatt Marcela zu folgen und zu verfolgen, sie geehrt und hochgeschätzt werde von allen Redlichen auf dieser Erde, sintemal sie erweiset, daß auf selbiger sie allein es ist, die in so tugendsamen Gesinnungen lebt.« Ob es nun um der Drohungen Don Quijotes willen geschah oder weil Ambrosio sie ersuchte, bald zu Ende zu bringen, was sie ihrem guten Freunde schuldig waren, keiner von den Hirten rührte sich oder wich von der Stelle, bis das Grab fertiggegraben, Grisóstomos Papiere verbrannt und sein Leichnam – nicht ohne reichliche Tränen der Umstehenden – in die Erde versenkt worden. Dann verschlossen sie die Gruft einstweilen mit einem Felsblock, bis der Grabstein bereit wäre, den Ambrosio, wie er mitteilte, fertigen zu lassen gedachte, mit einer Inschrift, die folgendes aussagen sollte: Hier ruht aus ein liebend Herz, Und sie, die ihm schuf die Leiden, Da die Herd er ging zu weiden, Weidet sich an seinem Schmerz. Schön war, die den Tod ihm gab, Aber grausam ohnegleichen: – So führt nun in Amors Reichen Tyrannei den Herrscherstab. Sodann streuten sie auf das Grab viele Blumen und Zweige, und nachdem sie alle ihrem Freunde Ambrosio ihr Beileid bezeigt, nahmen sie von ihm Abschied. So taten auch Vivaldo und sein Gefährte, und Don Quijote nahm Urlaub von seinen Wirten und den beiden Reisenden, welche ihn baten, mit ihnen nach Sevilla zu kommen, weil dieser Ort sich so dazu eigne, Abenteuer zu finden, daß sie sich in jeder Gasse und hinter jeder Ecke häufiger bieten als irgendwo auf Erden. Don Quijote dankte ihnen für den guten Rat und für den ihm bezeigten Willen, ihm förderlich zu sein, erklärte aber, daß er für jetzt nicht nach Sevilla gehen wolle und dürfe, bis er dieses ganze Gebirge von den Räubern und Wegelagerern gesäubert habe, mit denen es, wie es allgemein heiße, angefüllt sei. Da die Reisenden sein edles Vorhaben ersahen, wollten sie nicht weiter in ihn dringen, sondern nahmen nochmals Abschied, verließen ihn und verfolgten ihren Weg weiter, wobei es ihnen nicht an Stoff zur Unterhaltung fehlte sowohl über Marcelas und Grisóstomos Geschichte als auch über die Narreteien Don Quijotes. Dieser indessen beschloß, die Hirtin Marcela aufzusuchen und alles ihr zu erbieten, was er zu ihrem Dienste vermöchte. Allein es erging ihm anders, als er dachte; wie dieses nun im Fortgang unserer wahrhaftigen Geschichte erzählt werden soll. 15. Kapitel Worin das unglückliche Abenteuer erzählt wird, welches Don Quijote begegnete, als er den ruchlosen Yanguesen begegnete Es erzählt der gelahrte Sidi Hamét Benengelí, daß Don Quijote, sobald er sich von seinen Wirten und von allen andern, die der Beerdigung des Schäfers Grisóstomo beigewohnt, verabschiedet hatte, sofort mit seinem Schildknappen den Weg in denselben Wald nahm, in welchen, wie sie gesehen, die Schäferin Marcela sich begeben hatte. Sie waren zwei Stunden lang darin umhergeschweift, hatten sie allerorten gesucht, ohne sie finden zu können, und gelangten endlich an eine Wiese voll frischen Grases, an der ein Bach vorbeifloß, so anmutig und kühl, daß er sie einlud, ja sie nötigte, hier die Stunden der Mittagshitze zu verbringen, die sich bereits mit drückender Gewalt einzustellen begann. Don Quijote und Sancho stiegen ab, und das Grautier und Rosinante frei umher das reichlich vorhandene Gras abweiden lassend, gingen sie daran, alles Eßbare aus Sanchos Habersack in den Magen einzusacken, und ohne viel Umstände wurde, was darin war, in gemütlicher Eintracht und Kameradschaft von Herrn und Diener aufgegessen. Sancho war es nicht zu Sinn gekommen, dem Rosinante eine Spannkette anzulegen; er war unbesorgt, da er den Gaul als ein so sanftes und so wenig brünstiges Tier kannte, daß alle Stuten von den Gehegen von Córdoba ihn nicht zu etwas Ungebührlichem hätten verleiten können. Nun aber fügten es das Schicksal und der Teufel, der nicht immer schläft, daß eine Koppel galizischer Stuten in diesem Tale weidete, geführt von Treibern aus Yanguas, die die Gewohnheit haben, Mittagsruhe mit ihren Tieren an Orten, wo es Gras und Wasser gibt, zu halten; und der Platz, wo Don Quijote sich gelagert, war den Yanguesen sehr gelegen. Da geschah es denn, daß den Rosinante die Lust ankam, mit den jungen Galizierinnen zu kurzweilen, und gleich wie er sie witterte, ganz aus der Art schlagend, ohne seinen Herrn um Erlaubnis zu bitten, setzte er sich kecklich in einen kurzen Hundetrab und sprengte hin, um seinem Herzensdrang bei ihnen obzuliegen; aber die Stuten, die offenbar mehr Lust zur Weide als zu anderm hatten, empfingen ihn so mit Hufen und Zähnen, daß sie ihm alsbald den Gurt sprengten und er ohne Sattel und Bügel dastand. Was ihn dabei am schmerzlichsten berühren mußte, war, daß die Säumer, sobald sie sahen, daß ihren Stuten Gewalt geschehen sollte, mit Knütteln herzuliefen und ihm so viel Prügel aufzählten, daß sie ihn übel zugerichtet zu Boden streckten. Don Quijote und Sancho, welche die Abprügelung Rosinantes mit angesehen, kamen jetzt keuchend herbei, und der Ritter sprach zu seinem Knappen: »Soviel ich sehe, Freund Sancho, sind dies nicht Ritter, sondern gemeines Volk und von niedriger Herkunft; ich sage dies, weil du hier mir allerdings beistehen kannst, die gebührende Rache zu nehmen für die Schmach, die vor unsern Augen Rosinante zugefügt worden.« »Was Teufel für Rache sollen wir nehmen«, entgegnete Sancho, »wenn ihrer mehr als zwanzig und unser nur zwei sind, und vielleicht gar nur anderthalb?« »Ich zähle für hundert«, entgegnete Don Quijote. Und ohne mehr Worte zu verlieren, griff er zum Schwert und fiel über die Yanguesen her; und dasselbe tat Sancho Pansa, befeuert und angetrieben durch das Beispiel seines Herrn. Und gleich zum Beginn versetzte Don Quijote dem einen einen Hieb, der ihm den Lederkittel samt einem großen Teil der Schulter spaltete. Die Yanguesen, die von nur zwei Leuten sich mißhandelt sahen, während ihrer so viele waren, griffen zu ihren Knütteln, und die beiden in die Mitte nehmend, begannen sie mit gewaltigem Nachdruck und Ingrimm auf sie loszudreschen. Die Wahrheit verlangt zu sagen, daß sie schon mit dem zweiten Schlag Sancho zu Boden streckten und dem Ritter das nämliche geschah, ohne daß seine Gewandtheit oder sein mutiger Sinn ihm geholfen hätten, und sein Geschick wollte, daß er zu Rosinantes Füßen zu Fall kam, der sich noch nicht wiederaufgerichtet hatte. Woraus man denn ersehen kann, wie wütig die Knüttel in den Händen ergrimmter Bauern dreinschlagen. Als nun die Yanguesen die arge Bescherung sahen, die sie hier angerichtet, packten sie mit größtmöglicher Schnelligkeit ihren Tieren die Traglasten wieder auf, verfolgten ihren Weg und ließen die beiden Abenteuergierigen in übler Verfassung und noch üblerem Gemütszustand liegen. Der erste, der wieder zu sich kam, war Sancho Pansa, und da er sich neben seinem Herrn hingestreckt sah, sagte er mit schwacher, kläglicher Stimme: »Señor Don Quijote! Ach, Señor Don Quijote!« »Was willst du, Freund Sancho?« versetzte Don Quijote mit demselben schwächlichen, jammervollen Ton wie Sancho. »Ich möchte, wenn's möglich wäre«, antwortete Sancho Pansa, »daß mir Euer Gnaden ein paar Tropfen von jenem Tranke des Schwerenbrast gäbe, wenn Ihr ihn hier zuhanden habt; vielleicht nützt er ebenso für zerschlagene Knochen wie für Hieb- und Stichwunden.« »Hätt ich ihn hier, ich Unseliger, was ginge uns dann ab?« entgegnete Don Quijote. »Aber ich schwöre dir, Sancho Pansa, auf fahrenden Ritters Wort, ehe zwei Tage ins Land gehen, wenn es das Glück nicht anders fügt, wird er in meinem Besitz sein, oder ich müßte keine Hand mehr regen können.« »So? In wieviel Tagen meinen denn Euer Gnaden, daß wir die Füße rühren können?« versetzte Sancho. »Soviel mich angeht, muß ich sagen«, antwortete der wohlzerdroschene Ritter Don Quijote, »daß ich diesen Tagen eine Frist nicht bestimmen kann. Aber ich trage Schuld an allem, ich durfte nicht zum Schwerte greifen gegen Leute, die nicht wie ich zum Ritter geschlagen sind; und so glaube ich, daß zur Strafe für diese Übertretung der Gesetze des Rittertums der Gott der Schlachten verstattet hat, daß mir diese Züchtigung zuteil geworden. Deshalb, Sancho Pansa, ist es gebührlich, daß du wohl auf das merkest, was ich dir jetzt sagen will; denn es ist hochwichtig für unser beider Wohlfahrt: wenn du nämlich siehst, daß solches Gesindel uns eine Unbill zufügt, so warte nicht ab, daß ich zum Schwert greife, denn das werde ich unter keinerlei Umständen tun, sondern lege du Hand ans Schwert und züchtige sie gehörig nach Herzenslust. Kommen ihnen aber Ritter zu Hilfe und Beistand, so werde ich dich zu verteidigen und sie aus aller Macht zu befehden wissen; denn du wirst schon an tausend Merkzeichen und Proben gesehen haben, wieweit die Gewalt dieses starken Armes reicht.« Mit solcher Hoffart hatte den armen Herrn die Besiegung des mannhaften Biskayers erfüllt. Aber die Anweisung, die Don Quijote ihm gegeben, gefiel dem Knappen keineswegs so sehr, daß er eine Antwort darauf hätte unterlassen mögen. Und so sagte er: »Edler Herr, ich bin ein friedfertiger Mann, sanftmütig, geruhigen Sinnes, und weiß mich über jede Unbill hinwegzusetzen; denn ich habe Frau und Kinder zu ernähren und zu erziehen. Und so bitte auch ich Euer Gnaden, wohl darauf zu merken, denn vorschreiben kann ich ja nichts: daß ich unter keinerlei Umständen je zum Schwert greifen werde, weder gegen Bauern noch gegen Ritter, und daß ich von jetzt ab, bis ich vor Gott erscheine, jede Ungebühr verzeihe, die man mir angetan hat oder antun wird, einerlei ob der mir sie angetan oder antut oder antun wird, vornehm oder gering, reich oder arm, adelig oder bürgerlich ist, ohne irgendeinen Stand oder Beruf auszunehmen.« Als sein Herr ihn so reden hörte, entgegnete er: »Ich möchte nur, daß ich Atem genug hätte, um ohne Beschwer reden zu können, und daß der Schmerz an der Rippe hier sich ein klein wenig lindern wollte, um dir klarzumachen, in welchem Irrtum du befangen bist. Gib acht, du sündiger Tropf: Wenn der Wind des Glückes, der uns bisher so zuwider war, sich zu unsern Gunsten dreht und uns die Segel unsres Wunsches schwellt, auf daß wir sicher und ohne Gegenwind noch Hindernis an einer der Insuln landen, die ich dir versprochen habe, wie würde es um dich stehen, wenn ich sie unterwürfe und dich zu ihrem Herrn einsetzte? Du wirst mir dieses ja zur Unmöglichkeit machen, weil du weder Ritter bist noch es werden willst und weil du weder Mut noch Willen hast, zugefügte Unbilden zu rächen und dein Fürstentum zu verteidigen. Denn du mußt wissen, in neu eroberten Reichen und Provinzen sind die Gemüter der Eingeborenen nie so ruhig noch so völlig auf seiten des neuen Herrn, daß man nicht stets besorgen müßte, daß sie irgendwelche Neuerung vornehmen wollen, um die Zustände wieder zu ändern und aufs neue, wie man sich ausdrückt, ihr Glück zu versuchen. Notwendig also muß der neue Besitzer den Verstand haben, sich richtig zu benehmen, und tapfern Mut, um bei jedem Vorkommnis zu Angriff und Abwehr bereit zu sein.« »Bei dem Vorkommnis von heute«, antwortete Sancho, »hätte ich wohl den Verstand nebst dem tapfern Mut besitzen mögen, worüber Euer Gnaden sprechen; aber ich schwör's auf armen Mannes Wort, mir steht der Sinn mehr nach einem Pflaster als nach Unterhaltung. Seht zu, gnädiger Herr, ob Ihr Euch aufrichten könnt, und dann wollen wir Rosinante auf die Beine helfen, wiewohl er's nicht verdient. Nie hätt ich so was von Rosinante geglaubt; denn ich hielt ihn für einen keuschen, so friedfertigen Jungen wie mich selbst. Freilich, mit Recht sagt man, es braucht geraumer Zeit, um die Leute kennenzulernen, und nichts Gewisses gibt's in diesem Leben. Wer hätte gedacht, daß nach jenen so gewaltigen Schwerthieben, wie sie Euer Gnaden dem Unglücksmann, dem fahrenden Ritter von dazumal, versetzt hat, gleich darauf mit der Eilpost dieses gewaltige Unwetter von Prügeln kommen sollte, das sich über unsre Rücken entladen hat?« »Jedenfalls muß der deinige, Sancho«, entgegnete Don Quijote, »auf solche Ungewitter eingerichtet sein; jedoch der meinige, von Jugend auf an feine Leinwand und Batist gewöhnt, muß natürlich den Schmerz dieses Mißgeschicks weit mehr fühlen; und wäre es nicht darum, daß ich denke – was sage ich, denke? –, daß ich mit völliger Gewißheit weiß, wie solche Unannehmlichkeiten von dem Waffenhandwerk unzertrennlich sind, so möchte ich gleich vor lauter Ingrimm des Todes sein.« Darauf entgegnete der Schildknappe: »Werter Herr, da solcherlei Unannehmlichkeiten doch einmal die Ernte sind, die das Rittertum einheimst, so sagt mir, ob solche Ernten sehr häufig oder ob sie an ihre bestimmten Zehen gebunden sind, wo sie eintreffen? Denn mich wahrlich will's bedünken, daß nach zwei Ernten wir für eine dritte nicht mehr nützlich sind, wenn Gott uns nicht mit seinem unendlichen Erbarmen beisteht.« »Du mußt dir zu Gemüte führen, Freund Sancho«, erwiderte Don Quijote, »daß das Leben der fahrenden Ritter tausend Gefahren und Widerwärtigkeiten ausgesetzt ist und daß es darum nicht mehr noch minder in allernächster Möglichkeit steht, daß die fahrenden Ritter Könige und Kaiser werden, wie die Erfahrung an vielen und verschiedenen Rittern gezeigt hat, von deren Erlebnissen ich sichere Kunde habe. Und wenn der Schmerz es zuließe, könnte ich dir gleich von etlichen erzählen, die durch die Kraft ihres Armes allein zu den hohen Stufen emporgestiegen sind, wovon ich dir gesagt, und diese selben haben sich vorher und nachher in allerhand Nöten und Trübsalen befunden. Denn der tapfere Amadís von Gallien sah sich in der Gewalt seines Todfeindes Arcalaus, des Zauberers, von dem es für erwiesen gilt, daß er dem guten Ritter, als er ihn gefangen und an eine Säule in seinem Hof gebunden hatte, zweihundert Streiche und mehr mit dem Zaum seines Rosses aufmaß. Ja, es gibt einen Autor, der in geheimen Geschichten zu Hause ist und in nicht geringem Ansehen steht, der sagt, daß derselbe den Sonnenritter in einer gewissen Burg mittels einer gewissen Falltüre, die unter seinen Füßen zusammenstürzte, gefangennahm, und wie er hinabfiel, fand er sich in einem Abgrund tief unter der Erde an Händen und Füßen gebunden, und da gab man ihm eines jener Klistiere, wie man sie nennt, von Schneewasser und Sand, woran er beinahe des Todes geworden wäre; und wenn ihm nicht in dieser großen Not ein Zauberer, sein treuer Freund, Hilfe gebracht hätte, so wäre es dem armen Ritter gar übel ergangen. Sonach kann ich denn wohl unter soviel fürtrefflichen Männern auch mitgehen; denn größer sind die Unbilden, die sie erlitten haben, als die wir jetzt erleiden; und ich will dich nur gründlich belehren, daß Hiebe und Stiche, die man mit Werkzeugen empfängt, die zufällig zur Hand sind, die Ehre nicht kränken; dies steht im Gesetz des Zweikampfs mit ausdrücklichen Worten geschrieben. Wenn also ein Schuhmacher jemanden mit dem Leisten schlägt, den er in der Hand hat, so kann man, obwohl dieser wirklich aus einem Stück Holz geformt ist, darum noch keineswegs sagen, der damit Geschlagene sei geholzt worden. Dies tue ich dir kund, damit du nicht etwa denkst, daß wir, obschon in diesem Streite weidlich zerschlagen, deshalb eine Ehrenkränkung erlitten; denn die Waffen, die jene Leute führten und womit sie uns zerdroschen, waren nichts andres als die Knüppel, die sie in der Hand führten, und keiner von ihnen, soviel mir in der Erinnerung ist, hatte Stoßdegen; Schwert oder Dolch.« »Mir ließen sie keine Zeit, auf so vieles achtzugeben«, entgegnete Sancho; »denn kaum legte ich Hand an mein mächtig Ritterschwert, da haben sie mich mit ihren Tannenstecken so auf die Schultern gesegnet, daß sie meinen Augen die Kraft zu sehen und meinen Beinen die Kraft zu stehen benahmen und mich hinwarfen, wo ich noch liege und wo der Gedanke, ob die Geschichte mit den Knüppelhieben eine Ehrenkränkung war oder nicht, mir keinen Kummer macht, wohl aber der Schmerz von den Schlägen; die werden mir im Angedenken wie auf dem Rücken fest eingeprägt bleiben.« »Trotz alledem tu ich dir zu wissen, Freund Pansa«, erwiderte Don Quijote, »daß es kein Angedenken gibt, dem die Zeit nicht ein Ende macht, und keinen Schmerz, den der Tod nicht austilgt.« »So? Welch ein größeres Unglück kann es geben«, versetzte Pansa, »als ein solches, das darauf warten muß, daß die Zeit es austilge und der Tod ihm ein Ende mache? Wenn dies unser Mißgeschick eins von denen wäre, die man mit ein paar Pflastern heilt, da wäre es noch nicht so arg; aber ich sehe es schon, alle Pflaster im Spital werden nicht ausreichen, um es nur auf den Weg der Besserung zu bringen.« »Laß ab von dergleichen«, antwortete Don Quijote, »raffe dich aus deiner Schwäche zu neuen Kräften auf, so will auch ich tun; wir wollen einmal nachsehen, wie es mit Rosinante steht; denn wie mich bedünkt, ist dem armen Kerl nicht gerade der kleinste Teil an diesem Unheil zugefallen.« »Das ist nicht zu verwundern«, entgegnete Sancho, »da er ja auch ein fahrender Ritter ist. Allein worüber ich mich wundere: mein Esel kommt davon mit gesunder Haut und wir mit geschundener Haut.« »Das Schicksal läßt bei allen Unfällen stets ein Pförtchen offen, durch das ihnen Abhilfe kommen kann«, sagte Don Quijote; »ich meine nämlich, dies Tierlein kann wohl den Rosinante, der uns jetzt abgeht, ersetzen und mich von hier nach einer Burg tragen, allwo man meiner Wunden pflegen könnte. Zumal ich ein solches Reiten nicht für Unehre erachte, da ich mich erinnere gelesen zu haben, daß jener gute alte Silen, der Führer und Erzieher des heitern Gottes der Fröhlichkeit, als er in die hunderttorige Stadt einzog, zu seinem großen Behagen auf einem gar schönen Esel ritt.« »Es wird wohl wahr sein«, erwiderte Sancho, »er muß so geritten sein, wie Euer Gnaden sagt; aber es ist ein großer Unterschied, ob man reitet oder quer drüberhängend liegt wie ein Sack mit Kehricht.« Darauf versetzte Don Quijote: »Die Wunden, die man in Kämpfen empfängt, verleihen eher Ehre, als daß sie solche rauben. Sonach, Freund Pansa, keine Gegenrede mehr, sondern, wie ich dir gesagt, richte dich auf, so gut du kannst, und setze mich so, wie es dir am bequemsten ist, auf deinen Esel, und machen wir uns davon, ehe die Nacht kommt und uns in dieser Einöde überfällt.« »Aber ich habe Euer Gnaden sagen hören«, entgegnete Pansa, »es sei der fahrenden Ritter Art, auf öder Heide und in Wüsteneien den meisten Teil des Jahres zu schlafen, und sie hielten dies für ein besonderes Glück.« »Das heißt«, sagte Don Quijote, »wenn sie nicht anders können oder wenn sie verliebt sind; und dies ist so in Wahrheit begründet, daß es manchen Ritter gegeben hat, der auf einem Felsen im Sonnenbrand und im Schatten der Nacht und in allem Ungemach unter freiem Himmel zwei Jahre zubrachte, ohne daß seine Gebieterin darum wußte. Und einer von diesen war Amadís, als er unter dem Namen Dunkelschön auf dem Armutfelsen seinen Aufenthalt nahm, ich weiß nicht, ob acht Jahre oder acht Monde lang; denn ich bin nicht klar in der Rechnung; genug, er verweilte dorten, Buße zu tun für ich weiß nicht welche Widerwärtigkeit, die ihm das Fräulein Oriana angetan. Aber lassen wir das nun, Sancho, und komm zu Ende, bevor dem Esel auch ein Unglück widerfährt wie Rosinanten.« »Das war ja der Teufel!« sprach Sancho; und mit einem Dutzend Ach und Weh und zwei Dutzend Seufzern und vier Dutzend Flüchen und Verwünschungen über den, so ihn hier hingebracht, erhob er sich, blieb aber auf halbem Wege zusammengekrümmt stehen wie ein türkischer Bogen, ohne daß er sich vollends aufrichten konnte. Aber bei all dieser Beschwer und Mühsal setzte er seinen Esel instand, der, ebenfalls die ungewöhnliche Freiheit dieses Tages benutzend, ein wenig weiter umhergeschweift war. Sodann half er dem Rosinante auf, der, wenn er eine Zunge gehabt hätte, sich zu beklagen, sicher nicht hinter Sancho noch seinem Herrn zurückgeblieben wäre. Endlich brachte Sancho den Ritter auf den Esel, koppelte Rosinante hinter ihm fest, und den Esel an der Halfter führend, nahm er seinen Weg, so gut es ging, in der Richtung, wo er die Heerstraße vermutete; und er hatte noch keine halbe Meile zurückgelegt, als das Schicksal, das die Dinge zum Bessern zu lenken anfing, die Landstraße seinen Blicken darbot, an der er eine Schenke entdeckte, die aber ihm zum Ärger und dem Ritter zum Vergnügen durchaus eine Burg sein sollte. Sancho blieb dabei, es sei eine Schenke, und sein Herr, es sei nicht so, sondern eine Burg; und so lang dauerte der Streit, daß sie Zeit hatten hinzukommen, bevor er zu Ende war; und ohne weitere Prüfung der Sache begab sich Sancho mit seinem ganzen Zug in die Schenke. 16. Kapitel Was dem sinnreichen Junker in der Schenke begegnete, die er für eine Burg hielt Der Wirt, welcher Don Quijote quer über dem Esel liegen sah, fragte Sancho, was dem Mann fehle. Sancho antwortete ihm, es sei nichts, er habe nur einen Fall von einem Felsen getan und sich dabei den Rücken ein wenig gequetscht. Der Wirt hatte eine Frau, die nicht des Charakters war wie sonst gewöhnlich die Leute dieses Gewerbes; denn sie war von Natur liebreich und mildtätig und hatte Mitgefühl mit dem Unglück ihrer Nebenmenschen. So kam sie denn gleich herbei, um des Ritters zu pflegen, und rief ihre Tochter, ein junges Mädchen von sehr hübschem Aussehen, ihr beim Verbinden ihres Gastes zu helfen. In der Schenke diente auch eine Magd aus Asturien, breit von Angesicht, mit flachem Hinterkopf und stumpfer Nase; auf dem einen Auge war sie blind, mit dem andern sah sie nicht viel. Allerdings ersetzten die Reize ihrer Gestaltung die sonstigen Körperfehler; sie maß nicht ganz sieben viertel Ellen von den Füßen bis zum Kopf, und der Rücken, der sie ein bißchen schwer belastete, nötigte sie mehr, als ihr lieb war, zur Erde zu blicken. Diese liebliche Maid nun war der Tochter behilflich, und die beiden rüsteten dem Ritter ein elendes Bett auf einem Dachboden, der deutliche Spuren davon aufwies, daß er in früheren Zeiten lange Jahre hindurch als Strohspeicher gedient hatte. Daselbst hatte auch ein Maultiertreiber seine Schlafstätte; man hatte ihm sein Bett etwas entfernt von dem des Ritters aufgeschlagen, und obschon es nur aus den Sätteln und Decken seiner Saumtiere bestand, war es doch weit vorzüglicher als dasjenige Don Quijotes, welches nur auf zwei Bänken von ungleicher Höhe stand, vier ungehobelte Bretter hatte und darüber eine Matratze, die wie eine von Ratzen zernagte Matte aussah und dazu voller Knollen war, die man, wäre nicht durch ein paar Risse hindurch die Wolle zu sehen gewesen, beim Anfühlen für Kieselsteine halten mußte; ferner zwei Bettlaken wie aus dem steifen Leder eines Mohrenschilds und darüber eine Pferdedecke, deren Fäden man zählen konnte, ohne um einen in der Rechnung zu kurz zu kommen. Auf dies verwünschte Bett nun legte sich Don Quijote, und alsbald bepflasterten ihn die Wirtin und ihre Tochter von oben bis unten, wobei ihnen Maritornes leuchtete, denn so hieß die Asturianerin; und als die Wirtin beim Auflegen der Pflaster Don Quijote so sehr mit Striemen bedeckt fand, meinte sie, das sehe mehr nach Schlägen aus als nach einem Fall. »Schläge waren's nicht«, sagte Sancho, »sondern der Felsen hatte viele Spitzen und viele Stellen zum Stolpern, und jede hat ihm ihren Striemen aufgemalt.« Und er fuhr fort: »Richtet's doch so ein, Señora, daß etliche Scharpie übrigbleibt, es wird noch sonst einer da sein, der sie brauchen kann, denn auch mir tut es ein wenig im Kreuz weh.« »Sonach«, entgegnete die Wirtin, »seid Ihr wohl auch gefallen?« »Ich bin keineswegs gefallen«, sagte Sancho Pansa, »sondern von dem Schrecken, meinen Herrn fallen zu sehen, tut mir der ganze Körper so weh, daß es mir ist, als wären mir tausend Prügel und mehr aufgezählt worden.« »Das kann wohl der Fall sein«, sagte die Haustochter, »denn auch mir ist's oftmals vorgekommen, daß ich träumte, ich fiele von einem Turm herunter und fiele immer und käme nimmer unten auf dem Erdboden an, und daß ich, wenn ich dann vom Traum erwachte, mich so zerschlagen und abgemattet fand, als ob ich wirklich gefallen wäre.« »Da eben liegt der Hase im Pfeffer, Frau Wirtin«, erwiderte Sancho Pansa; »denn ohne daß mir was träumte, vielmehr war ich so wach und wacher, als ich jetzt bin, hab ich kaum weniger Striemen auf meinen Körper bekommen als mein Herr Don Quijote.« »Wie heißt der Herr?« fragte die Asturianerin Maritornes. »Don Quijote von der Mancha«, antwortete Sancho Pansa, »und er ist ein abenteuernder Ritter und einer der besten und gewaltigsten, die man von langen Zeiten her bis jetzt in der Welt gesehen.« »Was ist denn ein abenteuernder Ritter?« fragte die Magd weiter. »Seid Ihr so neu in der Welt, daß Ihr das nicht wißt?« entgegnete Sancho Pansa. »So wisset denn, mein Kind, daß ein abenteuernder Ritter ein Ding ist, das im Handumdrehen Prügel bekommt und Kaiser wird; heut ist er das unglücklichste Geschöpf, das hilfsbedürftigste auf Erden, und morgen hat er zwei, drei Königskronen seinem Schildknappen zu vergeben.« »Wie kommt's also«, sagte hier die Wirtin, »da Ihr doch der Knappe dieses so trefflichen Herrn seid, daß Ihr nicht wenigstens eine Grafschaft irgendwo besitzet?« »Dazu ist es noch zu früh«, antwortete Sancho, »denn es ist erst einen Monat her, seit wir auf die Suche nach Abenteuern gehen; und bis jetzt ist uns noch kein rechtes, echtes in den Wurf gekommen, und es gibt Fälle, wo man ein Ding sucht und ein anderes findet. Aber wahr ist's, wenn Don Quijote, mein Herr, von seiner Wunde oder seinem Fall wieder genest und wenn ich nicht davon zum Krüppel werde, möchte ich meine Aussichten nicht gegen das vornehmste Rittergut in Spanien vertauschen.« Bei dieser ganzen Unterhaltung war Don Quijote ein sehr aufmerksamer Zuhörer; und nun setzte er sich im Bette aufrecht, so gut er konnte, nahm die Wirtin bei der Hand und sprach zu ihr: »Glaubet mir, huldselige Herrin, Ihr könnt Euch glücklich preisen, daß Ihr in dieser Eurer Burg Herberge gegeben meiner Person, als welche so geeigenschaftet ist, daß ich selbst sie nur deshalb nicht lobe, weil, wie man zu sagen pflegt, Eigenlob stinkt, aber mein Knappe wird Euch sagen, wer ich bin. Ich sage Euch nur dies: ewig wird der Dienst, so mir von Euch getan worden, in meinem Gedächtnis eingeschrieben bleiben, auf daß ich Euch Dank dafür erweise, solang mir das Leben andauern mag. Und wollte der hohe Himmel, daß die Liebe mich nicht so unter ihre Gebote gebeugt und den Blicken jener schönen Undankbaren so Untertan gemacht hätte, die ich nur leise zwischen den Lippen nenne, dann wären jetzt die Augen dieses schönen Fräuleins die Herren meiner Freiheit.« Die Wirtin und ihre Tochter und das gute Ding von Maritornes waren ganz verwirrt, als sie die Worte des fahrenden Ritters hörten, die sie geradeso verstanden, als hätte er Griechisch gesprochen, obschon sie doch so viel begriffen, daß alles auf Höflichkeiten und süße Redensarten hinauslief; und als Leute, die solcher Sprache nicht gewohnt waren, staunten sie ihn an und verwunderten sich und bewunderten ihn. Er dünkte sie ein ganz anderer Mann, als wie sie ihnen sonst vorkamen, sie dankten ihm für seine Höflichkeiten mit Worten aus dem Kneipenlexikon, verließen ihn dann, und die Asturianerin Maritornes verband Sancho, der es nicht weniger nötig hatte als sein Herr. Der Maultiertreiber hatte sich mit der letzteren verabredet, sie wollten sich in dieser Nacht zusammen erlusten, und sie hatte ihm ihr Wort darauf gegeben, daß, sobald die Gäste zur Ruhe gegangen und ihre Herrschaft schliefe, sie ihn besuchen und ihm seine Wünsche in allem, was er von ihr begehre, befriedigen wolle. Und es wird von diesem wackern Mägdlein berichtet, daß sie ein derartiges Wort niemals gab, ohne es zu halten, selbst wenn sie es im dichten Wald und ohne Zeugen gegeben; denn sie war gar stolz auf ihren Adel, hielt es aber keineswegs für eine Schande, in der Schenke zu dienen, da, wie sie sagte, Unglück und traurige Lebensschicksale sie zu diesem niedern Beruf gebracht hätten. Mitten in diesem Speicher, durch dessen Dach die Sterne schienen, stand zuerst das harte, enge, elende, vermaledeite Bett Don Quijotes, und nahe dabei hatte Sancho das seinige aufgeschlagen, das nur eine Matte von Schilf und eine Decke enthielt, welche sichtlich eher aus rauhem zerschlissenem Segeltuch als aus Wolle bestand. Nach diesen beiden Betten kam das des Maultiertreibers, hergerichtet, wie gesagt, aus den Saumsätteln und dem ganzen Aufputz seiner zwei besten Maulesel, deren er übrigens ein volles Dutzend hatte, alle mit glänzendem Fell, wohlgenährt und ganz vorzüglich. Denn er war einer der reichsten Säumer von Arévalo, wie der Verfasser dieser Geschichte berichtet, der seiner besondere Erwähnung tut, weil er ihn sehr gut kannte; man will sogar behaupten, er sei mit ihm weitläufig verwandt gewesen. Außerdem war Sich Hamét Benengelí ein sehr gründlicher und in allem genauer Geschichtsschreiber, und das läßt sich deutlich ersehen, da er die bis hierher erzählten Umstände, wiewohl so geringfügig und unbedeutend, nicht mit Stillschweigen übergehen wollte. Daran kann sich mancher wichtigtuende Geschichtsschreiber ein Beispiel nehmen, der uns die Tatsachen so verstümmelt und kurz zusammengefaßt berichtet, daß wir sie kaum mit den Lippen zu kosten bekommen; wobei die Autoren aus Sorglosigkeit oder böser Absicht oder Unwissenheit das Wesentliche des Werkes im Tintenfaß stecken lassen. Da sei doch der Verfasser des Tablante de Ricamonte tausendmal gepriesen, wie nicht minder der jenes Buches, worin die Taten des Grafen Tomillas erzählt werden; und mit welcher Genauigkeit beschrieben diese all und jedes! Sonach berichte ich nun, daß der Maultiertreiber, sobald er nach seinen Tieren gesehen und ihnen das zweite Futter gereicht hatte, sich auf seine Saumsättel streckte, in Erwartung seiner allzeit pünktlichen Maritornes. Sancho lag bereits wohlbepflastert in seinem Bett, und obschon er sich Mühe gab zu schlafen, wollten es ihm doch seine Rückenschmerzen nicht gestatten, und Don Quijote mit den seinigen lag mit offenen Augen da wie ein Hase. Die ganze Schenke war in Schweigen versunken, und nirgends war in ihr ein Licht zu sehen als das einer Lampe, die mitten im Torweg hing. Diese wundersame Ruhe und die Gewohnheit unsres Ritters, stets an die Begebnisse zu denken, die die Bücher, die Urheber seines Unglücks, bei jedem Schritt und Tritt erzählen, erzeugte jetzt in seiner Phantasie eine der seltsamsten Tollheiten, die in der Tat dem Menschen einfallen können. Und zwar bildete er sich ein, er sei in eine herrliche Burg gekommen – denn wie gesagt, Burgen waren in seiner Meinung alle Schenken, wo er Herberge nahm – und die Tochter des Schenkwirts sei die des Burgherrn, die, besiegt von seiner anmutigen Art, sich in ihn verliebt und verheißen habe, diese Nacht hinter dem Rücken ihrer Eltern zu ihm zu kommen, um eine gute Weile bei ihm zu liegen. Indem er nun sogleich dieses Hirngespinst, das er sich selbst gewoben, für wirklich und wahr hielt, fing er an, ängstlich besorgt zu werden und an die arge Notlage zu denken, in der sich seine Sittsamkeit demnächst befinden würde, und er nahm sich in seinem Herzen vor, keinen Treubruch gegen seine Herrin Dulcinea von Toboso zu begehen, wenn selbst die Königin Ginevra mit ihrer Kammerfrau Quintañona ihm vor die Augen träte. Wie er nun über dies tolle Zeug nachdachte, nahte sich Zeit und Stunde – für ihn eine Unglücksstunde! –, wo die Asturianerin kommen wollte. Im Hemd und barfuß, das Haar in eine Barchenthaube gebunden, mit leise-vorsichtigen Schritten trat sie in die Kammer, wo die drei übernachteten, um ihren Maultiertreiber zu suchen. Allein kaum nahte sie der Tür, als schon Don Quijote ihres Kommens inneward, sich ungeachtet seiner Pflaster, unter beständigen Rückenschmerzen, im Bett aufrecht setzte und die Arme ausstreckte, um in ihnen seine holdselige Jungfrau, die Asturianerin, zu empfangen, die, ganz in sich gebückt und schweigend, mit vorgehaltenen Händen hinschlich, um ihren Geliebten zu finden. Sie stieß gegen Don Quijotes Arme; er faßte sie mit aller Macht am Handgelenk, und indem er sie an sich zog, ohne daß sie ein Wort zu sprechen wagte, nötigte er sie, auf dem Bette niederzusitzen. Er befühlte ihr sogleich das Hemd, und obschon es von Packleinwand war, schien es ihm vom feinsten, zartesten Batist; um das Handgelenk trug sie Glaskügelchen, für ihn hatten sie den Schimmer kostbarer orientalischer Perlen; ihre Haare, die nach Roßhaar aussahen, stellte er sich vor als Fäden glänzenden Goldes aus Arabien, deren lichter Schein den der Sonne selbst verdunkle; und ihr Atem, der ohne Zweifel nach übernächtigem Fleischsalat roch, dünkte ihm so köstlich, als hauche sie aus ihrem Munde süßen, würzigen Duft aus. Kurz, er malte sie sich in seiner Einbildung ganz nach demselben Muster und Aussehen, wie er es in seinen Büchern von jener Prinzessin gelesen hatte, die, besiegt von Liebe, mit all ihrem Schmucke kam, wie es dort beschrieben ist, den wund geschlagenen Ritter zu besuchen. Und so blind war der arme Junker, daß weder das Befühlen noch der Atem noch alles sonstige, was das gute Fräulein an sich hatte und was jeden andern als einen Maultiertreiber zum Erbrechen gebracht hätte, ihn zu enttäuschen vermochte. Vielmehr deuchte es ihm, er habe die Göttin der Schönheit in den Armen, und sie eng umfaßt haltend, begann er mit leiser und von Liebe bewegter Stimme zu ihr zu sprechen: »Wohl möcht ich mich in der Lage befinden, huldselige, erhabene Herrin, eine solche Gunst vergelten zu können, wie Ihr mir sie mit dem Anblick Eurer huldseligen Schönheit zu erweisen geruht; aber dem Schicksal, das nimmer müde wird, die besten Männer zu verfolgen, hat es beliebt, mich auf das Bett hinzustrecken, wo ich so zerschlagen und zermalmt liege, daß, wenn ich auch die Neigung fühlte, Eurer Neigung zu entsprechen, es unmöglich wäre. Und überdies gesellt sich zu dieser Unmöglichkeit eine noch größere, nämlich, daß ich meine Treue der unvergleichlichen Dulcinea von Toboso, der einzigen Herrin meiner geheimsten Gedanken, verpfändet habe. Wenn dies nicht dazwischenträte, so würde ich kein so einfältiger Ritter sein, die glückliche Gelegenheit, die Eure große Güte mir bieten wollte, ungenutzt vorüberzulassen.« Maritornes war voller Trübsal und schwitzte vor Angst, sich so von Don Quijote festgehalten zu sehen, und ohne seine Reden zu verstehen oder auch nur auf sie zu achten, suchte sie still und schweigsam sich von ihm loszumachen. Der gute Kerl von Maultiertreiber, den seine tugendlosen Begierden wachhielten, hatte seine Dirne im Augenblick, wo sie zur Tür hereintrat, gleich bemerkt und horchte gespannt auf alles, was Don Quijote sagte. Eifersüchtig, daß die Asturianerin ihm für einen andern das Wort gebrochen haben sollte, schlich er näher an des Ritters Bett heran und hielt sich ruhig, um zu erfahren, worauf diese Redensarten hinausgingen, die er nicht verstehen konnte. Als er aber sah, daß die Magd rang, um loszukommen, und Don Quijote sich abarbeitete, um sie festzuhalten, gefiel ihm der Spaß gar übel; er reckte den Arm hoch empor und ließ einen so furchtbaren Faustschlag herniederfahren auf die hagern Kinnbacken des verliebten Ritters, daß dessen Mund ganz im Blute schwamm; und damit noch nicht zufrieden, sprang er ihm auf die Rippen und stampfte mit den Füßen rascher, als wenn er im Trab liefe, von einer auf die andere, von der ersten bis zur letzten. Das Bett, etwas schwächlich und auf nicht sehr festen Grundlagen ruhend, konnte die hinzukommende Last des Säumers nicht aushalten und brach zusammen. Von dem großen Lärm wachte der Wirt auf und kam gleich auf den Gedanken, es müßten das Händel sein, bei denen Maritornes beteiligt sei, weil sie, da er laut nach ihr gerufen, keine Antwort gab. Mit diesem Verdachte stand er auf, zündete ein Licht an und eilte dahin, wo er die Schlägerei gehört hatte. Als die Magd ihren Herrn kommen sah und dessen fürchterliche Wut bemerkte, flüchtete sie in großer Angst und Aufregung ins Bett Sancho Pansas, der inzwischen eingeschlummert war und noch schlief, und kauerte sich da in einen Knäuel zusammen. Der Wirt kam mit den Worten herein: »Wo bist du, Metze? Gewiß ist das wieder einer von deinen Streichen!« In diesem Augenblick erwachte Sancho, und da er den Klumpen fühlte, der schier auf ihm lag, dünkte es ihn, er habe das Alpdrücken, und er begann nach allen Seiten mit Fäusten um sich zu schlagen; und da er mit nicht wenigen von diesen Streichen auf Maritornes traf, so setzte diese in dem Schmerz, den sie fühlte, alle Scham beiseite und zahlte ihm das Empfangene mit so viel Schlägen heim, daß sie ihm zu seinem Ärger den Schlaf vollends vertrieb. Als er sich so mißhandelt sah und nicht einmal wußte, von wem, richtete er sich auf, so gut er's vermochte, und umfaßte Maritornes, und es erhub sich zwischen den beiden das hartnäckigste und komischste Scharmützel der Welt. Als jetzt der Maultiertreiber beim Lichte des Wirts sah, wie es seiner Dame erging, ließ er von Don Quijote ab und stürzte herzu, ihr den nötigen Beistand zu leisten. Der Wirt kam in gleicher Eile, aber in ganz anderer Absicht, denn er wollte die Magd züchtigen, da er nicht zweifelte, sie allein habe zu dieser ganzen Musik den Anlaß gegeben. Und wie man zu sagen pflegt: Hund auf Katze, Katze auf Ratze, Ratze tot auf dem Platze, so schlug der Maultiertreiber auf Sancho, Sancho auf die Magd, die Magd auf ihn, der Wirt auf die Magd, und immer ein Schlag nach dem andern, und alle setzten ihre Arbeit so eilig fort, daß keiner einen Augenblick ausruhen mochte. Das schönste bei der Sache war, daß dem Wirte das Licht verlöschte, und wie sie nun im Dunkeln blieben, schlugen sie aufs Geratewohl so unbarmherzig aufeinander los, daß sie, wo sie nur immer mit der Faust hintrafen, nirgends einen heilen Fleck ließen. Zufällig war in der nämlichen Schenke ein Landreiter, einer von denen, die zur so betitelten alten Brüderschaft von Toledo gehören, diese Nacht eingekehrt. Als dieser nun gleichfalls das ungewöhnliche Getobe dieser Schlägerei hörte, griff er nach seinem Amtsstab und der blechernen Büchse mit seiner Bestallung darin und tappte im Dunkeln in die Kammer hinein mit den Worten: »Achtung vor der Justiz! Achtung vor der Heiligen Brüderschaft!« Der erste, der ihm in den Wurf kam, war der schwer durchwalkte Don Quijote, der in seinem zusammengebrochenen Bette dalag, rücklings mit aufgesperrtem Munde, ohne Bewußtsein; und vor sich hintastend, faßte er ihn am Barte und hörte dabei nicht auf zu rufen: »Achtung vor der Justiz!« Da er aber sah, daß der Mann, den er festhielt, sich nicht regte noch bewegte, meinte er, derselbe sei tot und die in der Kammer Befindlichen seien seine Mörder, und in diesem Verdacht erhub er die Stimme noch lauter und rief: »Man schließe die Tür der Schenke, man gebe acht, daß keiner von dannen gehe; denn hier haben sie einen Menschen totgeschlagen!« Dieses Wort setzte alle urplötzlich in Schrecken, und jeder ließ die Schlacht so ruhen, wie sie im Augenblicke stand, wo ihm die Stimme ins Ohr klang. Der Wirt zog sich in sein Gemach, der Maultiertreiber auf seine Saumsättel, die Dirne in die Mägdekammer zurück; nur Don Quijote und Sancho, die Unglückseligen, konnten sich nicht von der Stelle bewegen, wo sie lagen. Jetzt ließ der Landreiter Don Quijotes Bart los und ging nach Licht hinaus, um nach den Verbrechern zu fahnden; aber er fand keines, weil der Wirt bei dem Rückzug nach seinem Zimmer absichtlich die Lampe ausgelöscht hatte. So sah er sich genötigt, den Küchenherd aufzusuchen, wo er denn mit Aufwand vieler Mühe und Zeit sich eine andre Lampe anzündete. 17. Kapitel Weiterer Verlauf der unzähligen Drangsale, die der mannhafte Don Quijote und sein wackerer Schildknappe in der Schenke zu bestehen hatten, die der Ritter zu seinem Unglück für eine Burg ansah Jetzt war Don Quijote aus seiner Betäubung wieder erwacht, und mit demselben Ton der Stimme, womit er tags zuvor seinem Knappen zugerufen, als er »dorten in dem Tal der Knüppel« niedergestreckt lag, begann er jetzt wieder: »Sancho, guter Freund, schläfst du? Freund Sancho, schläfst du?« »Was soll ich schlafen, ich Ärmster!« antwortete Sancho voll Verdruß und Ärger; »ist es doch nicht anders, als hätten diese Nacht alle Teufel ihr Spiel mit mir getrieben.« »Das darfst du wohl glauben, ohne Zweifel«, entgegnete Don Quijote; »denn entweder verstehe ich mich nicht darauf, oder diese Burg ist verzaubert; du mußt nämlich wissen ... Doch was ich dir jetzt sagen will, das mußt du mir schwören bis nach meinem Tode geheimzuhalten.« »Wohl, ich schwöre es«, erwiderte Sancho. »Ich sage das«, versetzte Don Quijote, »weil es mir zuwider ist, daß irgend jemand an seiner Ehre geschädigt werde.« »Ich sage ja, ich schwöre«, sprach Sancho abermals, »daß ich es bis zum Ende Eurer Tage geheimhalten will, und wollte Gott, ich könnte es schon morgen offenbaren.« »Tu ich dir denn so viel Leides an«, entgegnete Don Quijote, »daß du mich in so kurzer Zeit tot sehen möchtest?« »Ich sag es nicht von dessentwegen«, antwortete Sancho, »sondern weil es mir zuwider ist, die Sachen lange bei mir aufzuheben, und ich möchte sie mir nicht durch langes Aufbewahren verfaulen lassen.« »Aus welchem Grunde auch immer du dein Versprechen hältst«, sagte Don Quijote, »ich verlasse mich immer am meisten auf deine Treue und Anständigkeit; und so sollst du denn erfahren, daß ein Abenteuer, eines der seltsamsten, die zu preisen mir je beschieden sein wird, diese Nacht mir begegnet ist. Und um dir es in Kürze zu erzählen, so sollst du wissen, daß vor wenigen Minuten die Tochter des Burgherrn hier zu mir gekommen, das reizendste, allerschönste Fräulein, das schier in allen Landen der Welt zu finden. Was könnte ich dir von der köstlichen Zier ihrer Person sagen? Was von ihrem herrlichen Geiste? Was von andern verborgenen Dingen, die ich, um meiner Gebieterin Dulcinea von Toboso die ihr schuldige Treue zu wahren, unberührt und in Stillschweigen begraben lasse! Nur das will ich dir sagen: weil der Himmel neidisch auf ein so großes Glück war, das ein günstiges Schicksal mir in die Hand gegeben, oder weil vielleicht – und das ist wohl das sicherste! – diese Burg, wie gesagt, verzaubert ist – zur selben Zeit, wo ich mit ihr im süßesten, liebeglühendsten Gespräche war, da kam unsichtbar, und ohne daß ich wußte woher, eine Hand, die zu irgendwelchem Arm irgendwelches ungeheuren Riesen gehörte, und versetzte mir einen solchen Faustschlag auf die Kinnbacken, daß sie ganz in Blut gebadet sind; und darauf zerprügelte er mich derart, daß ich jetzt schlimmer dran bin denn gestern, als die Pferdetreiber wegen Rosinantes Dreistigkeit uns die bewußte Ungebühr antaten; woraus ich denn schließe, daß der Schatz der Huldseligkeit dieses Fräuleins in der Hut irgendeines verzauberten Mohren stehen und nicht mir bestimmt sein muß.« »Auch mir nicht«, entgegnete Sancho, »denn mich haben mehr als vierhundert Mohren so durchgewalkt, daß die Prügelei mit den Knüppeln dagegen purer Kuchen und Zuckerbrot war. Aber sagt mir doch, hochedler Herr, wie benennt Ihr denn dies herrliche, rare Abenteuer, nachdem es uns so bekommen ist, wie hier zu schauen? Freilich Euch nicht so übel wie mir, da Ihr in Eure Arme jene unvergleichliche Schönheit bekamt, die Ihr beschrieben habt; aber ich, was bekam ich als die schwersten Prügel, die ich, glaub ich, je in meinem Leben erhalten kann? Wehe mir und der Mutter, die mich geboren! Ich bin kein fahrender Ritter und gedenke es nie zu werden, und in allen Fällen, wo wir übel fahren, bin immer ich's, der am übelsten fährt!« »Also auch du hast Prügel bekommen?« fragte Don Quijote. »Wehe über meine ganze Sippschaft! Habe ich Euch nicht schon gesagt, daß dem so ist?« sprach Sancho. »Mache dir darum keinen Kummer, Freund«, erwiderte Don Quijote, »denn ich will nunmehr den köstlichen Balsam bereiten, mittels dessen wir in einem Nu heil sein werden.« In diesem Augenblick war endlich der Landreiter mit dem Anzünden seiner Lampe fertig geworden und kam herein, um sich nach dem Manne umzutun, den er für tot hielt; und sobald Sancho ihn hereinkommen sah und gewahrte, daß er im Hemde war, mit einem Tuch um den Kopf, die Lampe in der Hand und mit bitterböser Miene, fragte er seinen Herrn: »Ob das vielleicht der verzauberte Mohr ist, der noch einmal kommt, um uns Hiebe zu verabreichen, wenn er etliche noch auf Lager hat?« »Der Mohr kann's nicht sein«, antwortete Don Quijote, »denn die Verzauberten lassen sich von niemandem anschauen.« »Wenn sie sich nicht schauen lassen, so lassen sie sich fühlen«, sagte Sancho; »wer nein sagt, dem kann mein Rücken davon erzählen.« »Auch der meinige könnte das«, erwiderte Don Quijote; »aber es ist dies kein genügendes Merkzeichen, daß man ihn für den verzauberten Mohren halten sollte.« Der Landreiter trat näher, und als er sie in so ruhiger Unterhaltung fand, blieb er ganz verdutzt stehen. Allerdings lag Don Quijote noch ausgestreckt auf dem Rücken, ohne sich bewegen zu können, so zerschlagen und mit Pflastern bedeckt war er. Der Landreiter fragte ihn: »Nun, wie geht's, guter Junge?« »Ich würde höflicher reden«, antwortete Don Quijote, »wenn ich du wäre; spricht man hierzulande so mit fahrenden Rittern, du Lümmel?« Der Landreiter konnte es nicht ertragen, sich von einem so jämmerlich aussehenden Menschen so grob behandelt zu sehen; er hob die Lampe mit all ihrem Öl hoch empor und schleuderte sie Don Quijote ins Gesicht, so daß er ihm den Schädel gar übel zurichtete. Da alles nun im Dunkeln blieb, entfernte er sich auf der Stelle, und Sancho Pansa sagte: »Ohne Zweifel, Herr Ritter, ist dies der verzauberte Mohr, und er muß gewiß den Schatz für andre aufbewahren, und für uns bewahrt er nur Hiebe mit der Faust und Schmisse mit der Lampe.« »So ist's«, antwortete Don Quijote, »und man darf sich aus solchen Verzauberungs-Geschichten nicht viel machen, auch nicht sich darüber in Harnisch bringen oder ärgern lassen; denn da sie unsichtbar und bloße Phantome sind, würden wir doch keinen finden, an dem wir uns rächen könnten, so große Mühe wir uns auch darum gäben. Steh auf, Sancho, wenn du kannst, und rufe mir den Vogt dieser Burg und sorge dafür, daß ich etwas Öl, Wein, Salz und Rosmarin bekomme, um den heilsamen Balsam zu bereiten; in der Tat glaube ich, ich habe ihn jetzt sehr nötig; denn es dringt mir viel Blut aus der Wunde, die dies Gespenst mir geschlagen hat.« Sancho erhob sich mit nicht geringem Schmerz in den Knochen und tappte im Dunkeln nach dem Zimmer des Wirts, und da er auf den Landreiter stieß, welcher lauschte, wie es mit seinem Gegner werden möchte, sprach er ihn mit den Worten an: »Lieber Herr, wer Ihr auch seid, erweist uns die Gnade und Wohltat, uns ein wenig Rosmarin, Öl, Salz und Wein zu geben; es ist dies nötig zur Medizin für einen der besten fahrenden Ritter auf Erden, welcher hier im Bette liegt, wund geschlagen von den Händen des verzauberten Mohren, der sich in dieser Schenke aufhält.« Als der Landreiter solcherlei Dinge hörte, hielt er ihn für einen verrückten Menschen, und da es jetzt schon zu tagen begann, öffnete er die Tür der Schenke, rief den Wirt und sagte ihm, was der gute Kerl verlange. Der Wirt versah ihn mit allem, was er wünschte, und Sancho brachte es zu Don Quijote, der dasaß und sich mit beiden Händen den Kopf hielt und über den Schmerz vom Wurf der Lampe klagte, der ihm doch weiter nichts als ein paar hochgeschwollene Beulen geschlagen hatte; was er für Blut hielt, war nur Schweiß, den er in der Beängstigung des über ihn hereingebrochenen Unwetters vergoß. Indessen, er nahm seine Heilmittel, schüttete sie zusammen, mischte sie tüchtig und ließ sie eine gute Weile kochen, bis ihm deuchte, sie seien nun fertig zum Gebrauch. Dann verlangte er eine Flasche, um den Trank einzufüllen, und da es eine solche in der Schenke nicht gab, entschloß er sich, ihn in einen für Öl bestimmten Topf oder Krug von Blech zu gießen, den ihm der Wirt aus Gefälligkeit zum Geschenk machte; und dann betete er über den Krug an die achtzig Vaterunser, ebenso viele Ave-Maria, Salve Regina und Credo, und zu jedem Wort schlug er ein Kreuz wie beim Segensprechen. Bei alledem waren Sancho, der Wirt und der Landreiter zugegen; denn der Maultiertreiber hatte sich sachte davongemacht, da er auf die Versorgung seiner Tiere bedacht war. Wie alles fertig war, wollte Don Quijote sofort die treffliche Wirkung, die er sich von diesem köstlichen Balsam versprach, an sich selbst erproben, und so trank er von dem, was in den Krug nicht hineingegangen und nach dem Kochen im Topfe zurückgeblieben war, ungefähr einen halben Schoppen. Und kaum hatte er es hinuntergeschluckt, so fing er an, sich dermaßen zu erbrechen, daß ihm nichts im Magen blieb, und mit der Beklemmung und Anstrengung des Erbrechens kam ihm ein reichlicher Schweiß, weshalb er verlangte, man solle ihn warm zudecken und allein lassen. Es geschah also, er fiel in Schlummer und blieb darin über drei Stunden; und nach deren Verfluß erwachte er, am ganzen Körper erleichtert, und fühlte solche Besserung in seinen zerschlagenen Gliedern, daß er sich für genesen hielt und nun wirklich daran glaubte, daß er den Balsam des Fierabrás richtig und wirklich erlangt habe und mit diesem Heilmittel hinfüro sonder Furcht an alle Streithändel, Kämpfe und Schlachten gehen könne, so gefahrvoll sie auch seien. Sancho Pansa, der die Besserung seines Herrn gleichfalls für ein Wunder hielt, bat sich aus, was im Kruge war, und das war nicht wenig. Don Quijote überließ es ihm, Sancho nahm den Krug mit beiden Händen, und mit starkem Glauben und noch stärkerer Begier setzte er die Lippen an und goß sich kaum weniger ein als vorher sein Herr. Nun war aber der Kasus dieser: der Magen des armen Sancho war ohne Zweifel nicht so reizbar wie der seines Herrn, und mithin, ehe es bei ihm zum Erbrechen kam, befielen ihn solche Beklemmungen und Übelkeiten mit so viel Angstschweiß und Ohnmächten, daß er ernstlich und wirklich glaubte, seine letzte Stunde sei da, und in seinem Jammer und Elend den Balsam verfluchte, samt dem Spitzbuben, der ihn ihm gegeben. Als ihn Don Quijote in diesem Zustand sah, sprach er zu ihm: »Ich glaube, Sancho, all dies Leid kommt dir davon, daß du nicht zum Ritter geschlagen bist; denn ich bin der Meinung, dieser Trank muß denen nicht helfen, die es nicht sind.« »Wenn Euer Gnaden das wußte«, entgegnete Sancho, »wehe über mich und meine ganze Sippschaft! Warum erlaubtet Ihr, daß ich ihn kostete?« In demselben Augenblick tat der Trank seine Wirkung, und der arme Schildknappe begann sich aus beiden Kanälen so hastig zu entleeren, daß weder die Schilfmatte, auf die er sich wieder geworfen, noch die Decke von Segeltuch, die er über sich gezogen, jemals mehr zu brauchen waren. Er schwitzte und zerfloß ganz in Schweiß, mit solchen Krämpfen und Anfällen, daß nicht nur er, sondern alle glaubten, es ginge mit seinem Leben auf die Neige. Dies Ungewitter und Elend hielt fast zwei Stunden an, nach deren Verfluß sich Sancho keineswegs wie sein Herr befand, sondern so zerschlagen und entkräftet, daß er sich nicht aufrecht halten konnte. Indessen wollte Don Quijote, der, wie gesagt, sich erleichtert und genesen fühlte, unverzüglich auf die Suche nach neuen Abenteuern gehn, indem es ihn bedünkte, alle die Zeit, die er hier am Ort zögere, werde der Welt und all denen, die in der Welt seines Schirms und Beistands bedürftig seien, wider Gebühr entzogen, zumal bei der Zuversicht und dem Vertrauen, das er auf seinen Balsam setzte. Und somit, von seinem Begehr angetrieben, sattelte er selbst den Rosinante, legte dem Esel die Decke auf und half auch dem Schildknappen, sich anzukleiden und sein Tier zu besteigen. Hierauf setzte er sich zu Pferd, und als er im Vorüberreiten in einem Winkel der Schenke einen Feldhüterspieß stehen sah, ergriff er ihn, um sich dessen als eines Ritterspeers zu bedienen. Alles, was sich in der Schenke befand – es waren mehr als zwanzig Personen –, stand da und schaute ihm zu; so auch stand und schaute die Wirtstochter, und er ebenfalls verwandte kein Auge von ihr und stieß von Zeit zu Zeit einen Seufzer aus, den er aus tiefstem Herzen heraufzuholen schien, und alle dachten, er seufze vor Schmerz ob seines zerprügelten Rückens, oder wenigstens dachten es diejenigen, die abends zuvor gesehen, wie er mit Pflastern belegt wurde. Als beide nun auf ihren Tieren saßen, hielt Don Quijote am Tor der Schenke, rief den Wirt herzu und sagte ihm mit gelassener, würdevoller Stimme: »Zahlreich und sehr groß sind die Gnaden, Herr Burgvogt, die ich in dieser Eurer Burg empfangen, und ich fühle mich höchlich verpflichtet, sie Euch mein Leben lang zu verdanken. Wenn ich sie Euch damit heimzahlen kann, daß ich Euch an einem übermütigen Feind, der Euch etwelche Unbill angetan, Rache schaffe, so wisset: mein Beruf ist kein andrer, als den Schwachen beizustehn und die zu rächen, die Unrecht erleiden, und Treulosigkeit zu bestrafen. Forschet nach in Euren Erinnerungen, und wenn Ihr etwas von solcherlei Art mir anzuvertrauen habt, so braucht Ihr es nur zu sagen; denn bei dem Ritterorden, den ich empfangen, verheiße ich, Genugtuung und Vergeltung Euch ganz nach Eurem Begehr zu verschaffen.« Der Wirt antwortete ihm mit derselben Gelassenheit: »Herr Ritter, ich habe nicht nötig, daß Euer Gnaden mich ob irgendwelcher Unbill räche; denn wenn mir eine solche widerfährt, weiß ich schon eine Rache zu nehmen, wie sie mir beliebt; ich bedarf nichts weiter, als daß Euer Gnaden mir für die Nacht in dieser Schenke die Zeche zahlet sowohl für Stroh und Gerste, die Eure beiden Tiere bekamen, als auch für Abendessen und Betten.« »So ist dies also eine Schenke?« fragte Don Quijote hierauf. »Und eine höchst angesehene«, antwortete der Wirt. »Bis jetzt lebte ich also im Irrtum«, entgegnete Don Quijote, »denn ich glaubte wirklich, es sei eine Burg, und das keine geringe. Aber da es sich so verhält, daß es keine Burg, sondern eine Schenke ist, so kann eben für jetzt nichts geschehen, als daß Ihr von wegen der Zahlung mich entschuldigt; denn ich kann der Ordensregel der fahrenden Ritter nicht zuwiderhandeln, von welchen ich mit Gewißheit weiß – ohne daß ich bis jetzt etwas Gegenteiliges gelesen hätte –, daß sie niemals für Herberge oder sonst was in der Schenke, wo sie einkehrten, bezahlt haben. Denn von Gesetzes und Rechts wegen schuldet man ihnen jegliche gute Aufnahme, die ihnen zuteil wird, zum Entgelt für die unerträgliche Mühsal, die sie erdulden, indem sie auf Abenteuer ausziehen bei Nacht und bei Tag, im Winter und Sommer, zu Fuß und zu Pferd, mit Durst und Hunger, in Hitze und Kälte, allen Unbilden des Himmels und allem Ungemach der Erde ausgesetzt.« »Darum habe ich mich gar wenig zu kümmern«, entgegnete der Wirt, »man zahle mir, was man mir schuldig ist, und lassen wir die Ritterschaft beiseite und die Unbilden und das Vergelten; einen Entgelt brauche ich nicht, mein Geld will ich haben und weiter nichts.« »Ihr seid ein alberner, nichtsnutziger Schenkwirt«, entgegnete Don Quijote, gab Rosinante die Sporen, schwang seinen Spieß und ritt zur Schenke hinaus, ohne daß jemand ihn anhielt, und entfernte sich eine tüchtige Strecke, ohne acht darauf zu haben, ob sein Schildknappe ihm folge. Der Wirt, der sah, wie er davonritt und nicht zahlte, machte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen. Der aber sagte, nachdem sein Herr nicht habe zahlen wollen, so werde auch er nicht zahlen; denn da er der Schildknappe eines fahrenden Ritters sei, so gelte dieselbe Regel und Rechtsordnung für ihn wie für seinen Herrn, nämlich durchaus nichts in Wirtshäusern und Schenken zu zahlen. Darüber wurde der Wirt sehr aufgebracht und drohte ihm, wenn er nicht zahle, so werde er sich sein Geld auf eine Weise verschaffen, daß es ihm übel bekommen solle. Sancho erwiderte ihm, nach den Gesetzen des Rittertums, das seinem Herrn zuteil geworden, würde er nicht einen einzigen Pfennig bezahlen, wenn es ihn auch das Leben kosten sollte; denn er wolle nicht daran schuld sein, daß der gute alte Brauch der fahrenden Ritter abkomme, noch solle irgendwelcher Knappe der besagten Ritter, der künftig auf die Welt kommen würde, sich über ihn beschweren und ihm die Verletzung eines so gerechten Gesetzes vorwerfen. Nun wollte es der Unstern des unglücklichen Sancho, daß unter den Gästen der Schenke sich ein Tuchscherer aus Segovia, drei Nadler vom Pferdebrunnenplatz in Córdoba und zwei Trödler vom Markte zu Sevilla befanden, alles lustige Leute, wohlaufgelegt, schadenfroh und zu jedem Mutwillen gestimmt; alle diese, wie von einem Gedanken beseelt und angetrieben, gingen auf Sancho los und zogen ihn vom Esel herunter; einer von ihnen holte drinnen die Bettdecke des Wirts, und sie warfen ihn darauf. Als sie aber die Augen in die Höhe richteten, fanden sie, daß die Stubendecke für ihr Werk zu niedrig war; sie beschlossen mithin, in den Hof zu gehen, der nur den Himmel über sich hatte, und hier legten sie Sancho mitten auf die Bettdecke und begannen ihn in die Höhe zu schnellen und hatten ihren Spaß mit ihm wie mit einem Hunde auf Fastnacht. Das Geschrei, das der arme gewippte Sancho ausstieß, war so gewaltig, daß es zu den Ohren seines Herrn drang; dieser hielt an, um aufmerksam zu horchen, und glaubte schon, daß ein neues Abenteuer im Anzug sei, bis er zuletzt deutlich erkannte, es sei sein Schildknappe, der da so schreie. Sogleich wendete er um und eilte in einem schwächlichen Galopp zur Schenke; und da er sie verschlossen fand, ritt er um sie herum, um eine Stelle aufzufinden, wo er hinein könne. Aber kaum war er zur Hofmauer gelangt, die nicht sehr hoch war, als er das arge Spiel erschaute, das man mit seinem Knappen trieb. Er sah ihn in den Lüften auf und nieder fliegen mit so viel Anmut und Behendigkeit, daß ich überzeugt bin, hätte sein grimmiger Zorn es ihm gestattet, so hätte er lachen müssen. Er versuchte, vom Sattel aus auf die Mauer zu steigen, aber er war so zerwalkt und zerschlagen, daß er nicht einmal absteigen konnte. Und so begann er vom Gaul herunter gegen die Burschen, die den guten Sancho wippten, so viel ehrenrührige Schmähungen und Schimpfworte auszustoßen, daß es unmöglich ist, sie alle niederzuschreiben. Allein sie hörten darum weder mit ihrem Gelächter noch mit ihrer Beschäftigung auf, sowenig Sancho in seinem Fluge sein Jammern ließ, in das er bald Drohungen, bald Bitten mischte. Aber alles das half ihm wenig, half ihm gar nichts, bis sie zuletzt aus lauter Ermüdung von ihm abließen. Nun brachten sie ihm seinen Esel zur Stelle, setzten ihn darauf und legten ihm seinen Mantel um. Als das mitleidige Ding von Maritornes ihn so abgemattet sah, dünkte es sie gut, ihm mit einem Krug Wasser zu Hilfe zu kommen, und sie holte es ihm aus dem Brunnen, weil es da um so frischer war. Sancho nahm den Krug, aber als er ihn schon an den Mund setzte, hielt er wieder inne auf das laute Rufen seines Herrn, der ihm zuschrie: »Sancho, mein Sohn, trinke kein Wasser; mein Sohn, trinke es nicht, es ist dein Tod! Sieh, hier habe ich den benedeiten Balsam« – und er zeigte ihm den blechernen Krug mit dem Tranke –, »und mit zwei Tropfen, die du davon trinkst, wirst du sicher wiederum heil und gesund.« Auf diesen Zuruf sah Sancho ihn schief an und schrie noch lauter als sein Herr: »Ist es Euer Gnaden vielleicht schon aus dem Gedächtnis, daß ich kein Ritter bin, oder wollt Ihr, daß ich vollends herauswürgen soll, was ich von heut nacht her noch von Eingeweiden im Leib habe? Mag Euer Trank zu allen Teufeln gehen, und laßt mich in Ruhe.« Diese Worte enden und das Trinken anfangen war eins. Als er aber beim ersten Zuge spürte, daß es Wasser war, wollte er damit nicht fortfahren und bat die Maritornes, sie möchte ihm Wein bringen. Das tat sie denn auch äußerst gutwillig und zahlte mit ihrem eigenen Gelde; denn in der Tat sagt man von ihr, daß sie, obgleich sie ein derartiges Leben führte, doch Spuren und leise Züge eines christlichen Gemütes zeigte. Mitten im Trinken setzte Sancho seinem Esel die Fersen in die Weichen, stieß das Tor der Schenke sperrangelweit auf und trabte hinaus, höchst zufrieden, daß er nichts bezahlt und seinen Willen durchgesetzt hatte, wenn auch auf Kosten seines gewöhnlichen Bürgen, nämlich seines Rückens. Allerdings blieb sein Zwerchsack zur Zahlung der Schuld beim Wirte zurück; allein Sancho merkte es nicht, in solcher Benommenheit zog er von dannen. Der Wirt wollte das Tor fest verriegeln, sobald er Sancho draußen sah; aber die ihn gewippt hatten, gaben es nicht zu. Denn das waren Leute, die, auch wenn Don Quijote in Wahrheit ein fahrender Ritter von der Tafelrunde selbst gewesen wäre, darum doch keinen Deut auf ihn gegeben hätten. 18. Kapitel Worin die Unterredung berichtet wird, welche Sancho Pansa mit seinem Herrn Don Quijote hatte, nebst anderen erzählenswerten Dingen Als Sancho bei seinem Herrn anlangte, war er in so hohem Grade ermattet und entkräftet, daß er seinen Esel nicht einmal anzutreiben vermochte. Wie Don Quijote ihn in solchem Zustande sah, sprach er zu ihm: »Jetzt bin ich vollends überzeugt, Sancho, mein Guter, daß diese Burg oder Schenke verzaubert ist; denn jene, die in so scheußlicher Weise sich einen Zeitvertreib mit dir machten, was konnten sie sein als Spukgestalten und Wesen aus der andern Welt? Und ich behaupte das um so mehr, als ich fand, da ich über den Rand der Hofmauer hinüber den Auftritten deines schmerzlichen Trauerspiels zuschaute, daß es mir nicht möglich war, hinüberzukommen, und noch weniger, vom Rosinante abzusteigen, weil man mich ohne Zweifel verzaubert hatte. Sonst, ich schwör dir's, so wahr ich der bin, der ich bin: hätte ich hinaufklimmen oder absteigen gekonnt, ich hätte dich dergestalt gerächt, daß jene Menschen und Wegelagerer immerdar dieses Spaßes hätten gedenken müssen, obwohl ich wußte, daß ich damit den Gesetzen des Rittertums zuwiderhandelte, welche, wie ich schon oftmals gesagt, dem Ritter nicht gestatten, gegen jemanden, der kein Ritter ist, die Hand zu erheben, es sei denn zur Verteidigung seines Lebens und seiner Person im Falle dringender und äußerster Notwehr.« »Auch ich«, versetzte Sancho, »hätte mich gerächt, wenn ich gekonnt hätte, ob zum Ritter geschlagen oder nicht geschlagen: aber ich konnte eben nicht. Jedoch bin ich der Überzeugung, daß diejenigen, die ihre Kurzweil mit mir trieben, weder Spukgestalten noch verzauberte Menschen waren, wie Euer Gnaden sagt, sondern Menschen von Fleisch und Blut wie wir, und jeder von ihnen, wie sie einander zuriefen, als sie mich wippten, hatte seinen Namen. Der eine hieß Pedro Martínez und der andre Tenorio Hernández, und der Wirt, hörte ich, hieß Juan Palomeque der Linkshänder. Sohin, gnädiger Herr, daß Ihr nicht über die Mauer springen und nicht vom Gaul absteigen konntet, das lag an anderm als an Verzauberungen. Und was ich mir aus alledem abnehme, ist, daß diese Abenteuer, auf die wir ausziehen, uns am Ende und zu guter Letzt in so viel Unglück bringen werden, daß wir nicht mehr wissen, wo unser rechter und wo unser linker Fuß ist. Ja, was besser und gescheiter wäre, das, nach meinem geringen Verstand, wäre, zu unserm Ort heimzukehren, jetzt, wo es Erntezeit ist, und nach unsern Angelegenheiten zu sehen, statt daß wir von Irland nach Wirrland und von Brechhausen nach Pechhausen ziehen, wie's im Sprichwort heißt.« »Wie wenig Verständnis hast du«, antwortete Don Quijote, »in betreff des Ritterwesens! Schweig und habe Geduld; denn einst wird kommen der Tag, wo du mit eignen Augen siehst, welch ehrenvolle Sache es ist, diesen Beruf zu üben. Oder sage mir doch: Welch größeren Genuß kann es auf Erden geben, oder welch Vergnügen läßt sich dem vergleichen, eine Schlacht zu gewinnen und über seinen Feind zu triumphieren? Ohne Zweifel keines.« »So muß es wohl sein«, versetzte Sancho, »wiewohl ich es nicht weiß; ich weiß nur, daß, seit wir fahrende Ritter sind oder seit Euer Gnaden es ist – denn ich habe keinen Grund, mich zu einer so ehrenwerten Gesellschaft zu zählen –, wir noch niemals eine Schlacht gewonnen haben, es sei denn die gegen den Biskayer, und auch aus dieser kam Euer Gnaden nur mit einem halben Helm und halben Ohr weniger davon. Von da an bis jetzt war alles nur Prügel und abermals Prügel, Faustschläge und abermals Faustschläge, wobei ich nur das voraus hatte, daß ich gewippt wurde und daß mir dies von verzauberten Personen widerfuhr, an denen ich mich nicht einmal rächen kann, um wenigstens zu erfahren, wie groß das Vergnügen ist, den Feind zu besiegen, wovon Euer Gnaden mir sagt.« »Das ist ja eben der Kummer, den ich empfinde und den auch du empfinden mußt, Sancho«, antwortete Don Quijote; »aber hinfüro werde ich darauf Bedacht nehmen, stets ein so meisterlich gearbeitetes Schwert zur Hand zu haben, daß, wer es führt, keinerlei Verzauberung ausgesetzt ist. Vielleicht kann es auch geschehen, daß das Glück mir jenes Schwert beschert, das Amadís führte, als er sich den Ritter vom flammenden Schwert nannte; das war eines der besten, so je ein Ritter auf Erden besaß; denn außerdem, daß ihm die besagte Zauberkraft innewohnte, schnitt es wie ein Schermesser, und es gab keine noch so feste und gefeite Rüstung, die ihm standhielt.« »Ich habe so viel Glück«, sagte Sancho, »daß, wenn es geschähe und Euer Gnaden gelänge es, ein solches Schwert zu finden, so würde es doch am Ende wie der Balsam nur denen, die den Ritterschlag empfingen, dienen und frommen, und die Schildknappen, die mag der Jammer aufessen.« »Fürchte das nicht«, sprach Don Quijote, »der Himmel wird es besser mit dir fügen.« Unter solchen Gesprächen zog Don Quijote mit seinem Schildknappen dahin; da sah er, daß ihnen auf ihrer Straße eine große, dichte Staubwolke entgegenkam, und bei diesem Anblick wandte er sich zu Sancho und sprach: »Das ist der Tag, o Sancho, an dem man erschauen wird; welches Glück mein Schicksal mir vorbehalten hat; das ist der Tag, sage ich, an dem sich so gewaltig wie je die Kraft meines Armes zeigen wird und an dem ich Taten zu tun gedenke, die alle kommenden Jahrhunderte hindurch im Buche des Ruhmes verzeichnet bleiben sollen. Siehst du die Staubwolke, die dorten sich erhebt, Sancho? Wohl; sie ist ganz und gar von einem großmächtigen Heere aufgewirbelt, das mit seinen mannigfachen unzähligen Mannschaften dort hergezogen kommt.« »Demnach müßten es zwei Heere sein«, sagte Sancho; »denn dort erhebt sich gleichfalls von der entgegengesetzten Seite eine ähnliche Staubwolke.« Don Quijote schaute nochmals hin und sah, daß dem wirklich so war. Da freute er sich über die Maßen, da er nicht zweifelte, es seien zwei Kriegsheere, die da kämen, einander anzugreifen und inmitten dieser weiten Ebene sich zu schlagen. Denn er hatte zu jeder Stunde und Minute die Gedanken voll von jenen Kämpfen, Verzauberungen, Begebnissen, unsinnigen Unternehmungen, Liebschaften, Herausforderungen, die in den Ritterbüchern erzählt werden, und was er sprach, dachte und tat, lief alles auf dergleichen Dinge hinaus. Die Staubwolken aber, die er gesehen, waren von zwei großen Herden Schafen und Hammeln aufgerührt, die von zwei verschiedenen Seiten her dieses selben Weges kamen, die man aber des Staubes wegen nicht erkennen konnte, bis sie ganz nahe gekommen. Don Quijote bestand mit solchem Nachdruck darauf, es seien gewaffnete Heere, daß Sancho es zuletzt wirklich glaubte und ihm sagte: »Gnädiger Herr, was aber sollen wir denn nun tun?« »Was?« entgegnete Don Quijote, »den Bedrängten und Notleidenden beistehen und Hilfe leisten. Und du mußt wissen, Sancho: das Heer, das uns gerade entgegenkommt, das führt und leitet der große Kaiser Alifanfarón, Herr der großen Insel Trapobana; das andere, das mir im Rücken heranzieht, ist das seines Feindes, des Königs der Garamanten, Pentapolín mit dem aufgestreiften Arm, weil er stets mit entblößtem rechtem Arm in die Schlacht geht.« »Warum sind sich denn die beiden Herren einander so feind?« fragte Sancho. »Sie sind einander feind«, antwortete Don Quijote, »weil dieser Alifanfarón ein hartnäckiger Heide ist und sich in die Tochter des Pentapolín verliebt hat, die ein äußerst schönes und zudem sehr liebenswürdiges Fräulein ist; dazu ist sie eine Christin, und ihr Vater will sie dem heidnischen Könige nicht geben, wenn er nicht vorher dem Gesetze seines falschen Propheten Mohammed entsagt und sich zu seinem Glauben wendet.« »Bei meinem Barte«, sagte Sancho, »ich will nicht gesund sein, wenn der Pentapolín nicht sehr wohl daran tut, und ich werd ihm beistehen, soviel ich nur vermag.« »Da wirst du tun, was deine Pflicht fordert, Sancho«, sprach Don Quijote; »denn um an dergleichen Schlachten teilzunehmen, ist es nicht vonnöten, den Ritterschlag empfangen zu haben.« »Das begreife ich wohl«, entgegnete Sancho. »Aber wo werden wir unsern Esel hintun, um sicher zu sein, daß wir ihn nach dem Handgemenge wiederfinden? Denn so beritten in die Schlacht zu ziehen ist, glaub ich, bis zum heutigen Tag nicht der Brauch.« »So ist's in Wirklichkeit«, sagte Don Quijote. »Was du mit dem Tiere tun kannst, ist, es aufs Geratewohl laufen zu lassen, möge es sich nun verlieren oder nicht; denn wir werden so viel der Pferde haben, nachdem wir als Sieger aus der Schlacht gekehrt, daß sogar Rosinante Gefahr läuft, daß ich ihn vielleicht gegen ein andres Roß vertausche. Indessen habe jetzt acht auf meine Worte und schau auf, denn ich will dir über die vornehmsten Ritter berichten, die sich bei diesen zwei Heeren befinden; und auf daß du sie besser sehen und dir merken kannst, ziehen wir uns auf jenes Hügelchen zurück, das dort ansteigt; von da muß man beide Heere übersehen können.« Sie taten also und stellten sich auf einer Höhe auf, von welcher man die beiden Herden, die unserm Don Quijote zu Heeren wurden, recht gut gesehen hätte, wenn die von ihnen aufgerührten Staubwolken nicht den beiden Beobachtern die Augen bis zur Blindheit getrübt hätten. Aber trotzdem in seiner Einbildung erschauend, was er nicht sah und was nicht vorhanden war, begann er mit lauter Stimme also zu sprechen: »Jener Ritter, den du dorten mit gelber Rüstung siehst, der im Schild einen gekrönten Löwen führt, der zu eines Fräuleins Füßen demutvoll liegt, ist der mannhafte Laurcalco, Herr der silbernen Brücke. Der dort mit der goldgeblümten Rüstung, der im Schilde drei silberne Kronen im blauen Felde führt, ist der furchtbare Micocolembo, Großfürst von Quirossia. Jener zu seiner Rechten, mit den riesenhaften Gliedern, ist der nie zagende Brandabarbarán von Boliche, Herr der drei Arabien, der mit einer Schlangenhaut bepanzert ist und als Schild eine Tür hat, welche, wie der Ruf sagt, von jenem Tempel stammt, den Simson zusammenriß, als er durch seinen eignen Tod an seinen Feinden Rache nahm. Aber wende deine Augen nach dieser andern Seite, und da wirst du vor dir und an der Spitze dieses andren Heeres den stets siegreichen und nie besiegten Timonel von Carcajona sehen, den Fürsten von Neu-Biscaya, dessen Rüstung in vier Farben geviertelt ist, Blau, Grün, Weiß und Gelb, und der im Schild eine goldene Katze im purpurnen Felde führt mit der Umschrift Miau , was der Anfang des Namens seiner Dame ist, welche, wie man wissen will, die unvergleichliche Miaulina ist, die Tochter des Herzogs Alfeñiquén von Algarbien. Jener dort, der den Rücken seines gewaltigen Streitrosses drückt und belastet, die Rüstung weiß wie Schnee, den Schild weiß und sonder Wappen und Zeichen, ist ein angehender Ritter, Franzose von Nation, namens Peter Papin, Herr der Herrschaften Utrique. Dieser andere, der seinem leichten Zebra die eisenbeschlagenen Fersen in die Flanken stößt und blaue Eisenhütlein im Wappen führt, ist der mächtige Herzog von Nerbio, Espartafilardo vom Busch, der als Sinnbild im Schilde eine Spargelstaude führt, mit der Devise auf kastilianisch: Rastrea mi suerte (Spüre meinem Geschicke nach).« Und auf diese Weise nannte er nacheinander zahlreiche Ritter von den beiden Geschwadern, die er in seiner Einbildung schaute, und allen gab er ihre Rüstungen, Farben, Wappen und Sinnbilder aus dem Stegreif, fortgerissen von seiner erfinderischen, unerhörten Verrücktheit. Und ohne einzuhalten, fuhr er fort: »Dies Geschwader vor uns bilden und formen Leute verschiedener Volksstämme: hier sind die, welche die süßen Wasser des berühmten Xanthus trinken, die Bergbewohner, welche die Massylischen Gefilde umwandern, die, welche den Staub feinsten Goldes im glücklichen Arabien sieben, die, so sich der herrlichen frischen Ufergelände des klaren Thermodon erfreuen, die den goldführenden Paktolus auf vielfach verschiedene Weise zur Ader lassen, die in ihren Versprechungen unzuverlässigen Numidier, die Perser, durch Bogen und Pfeile berühmt, die Parther und Meder, die im Fliehen fechten, die Araber mit beweglichen Wohnstätten, die Skythen, so grausam als hellfarbig, die Äthiopier mit durchbohrten Lippen und andere Völker ohne Zahl, deren Gesichtszüge ich kenne und sehe, wiewohl ich mich ihrer Namen nicht erinnere. In jener andern Schar zeigen sich die, so die kristallhellen Wellen des olivenreichen Bätis trinken, die, welche ihr Antlitz im Naß des immerdar reichen goldenen Tajo baden und erfrischen, die, welche der fruchtbringenden Wasser des göttlichen Genil sich erfreuen; die, deren Füße die tartessischen Fluren, an Triften reich, beschreiten, die, welche sich am elysäischen Gelände von Jeréz ergötzen, die Manchaner, reich und mit blonden Ähren bekränzt; die im Eisenhemde einhergehen, alte Überbleibsel des gotischen Bluts; die im Pisuerga sich baden, der so berühmt ist durch die Weichheit seines Gewässers; die, so ihre Herde weiden auf den ausgedehnten Auen des vielgekrümmten Stromes Guadiana, der ob seines verborgenen Laufes berühmt; die, so zittern von der Kälte der waldigen Pyrenäen und vom Schnee des hochgipfligen Apennin; endlich alle, so ganz Europa enthält und umschließt.« Hilf, Himmel, wieviel Provinzen zählte er auf, wieviel Völkerschaften nannte er, wobei er einer jeden mit wunderbarer Fertigkeit die eigentümlichen Bezeichnungen lieh, die ihr zukamen, ganz vertieft und versunken in die Dinge, die er in seinen Lügengeschichten gelesen hatte. Sancho Pansa hing an des Ritters Lippen, ohne die seinigen zu einem Wort zu öffnen, nur hier und da den Kopf umwendend, um zu sehen, ob die Ritter und Riesen, die sein Herr nannte, auch ihm sichtbar würden; und da er nicht einen zu Gesicht bekam, sprach er zu ihm: »Gnädiger Herre, der Teufel soll's holen, weder Mensch noch Riese noch Ritter, soviel auch Euer Gnaden benamset, läßt sich weit und breit sehen; ich wenigstens erblicke keinen, es muß alles vielleicht nur Zauberei sein wie die Spukgestalten heut nacht.« »Wie kannst du das sagen?« entgegnete Don Quijote; »hörst du nicht das Wiehern der Rosse, das Blasen der Trompeten, das Rollen der Trommeln?« »Ich höre nichts andres«, antwortete Sancho, »als vielfaches Blöken von Schafen und Hammeln.« Und so war's auch in der Tat; denn die beiden Herden kamen bereits näher. »Die Furcht, die du fühlst, Sancho«, sprach Don Quijote, »macht, daß du nicht recht siehst und hörst; denn eine der Wirkungen der Furcht ist, die Sinne zu verwirren, so daß die Dinge nicht als das erscheinen, was sie sind. Ist's der Fall, daß du so arge Angst hast, so zieh dich seitwärts und laß mich allein; denn allein schon bin ich Manns genug, um der Partei, der ich meinen Beistand gewähre, den Sieg zu verschaffen.« Und mit diesen Worten gab er Rosinanten die Sporen, und mit eingelegtem Speer stürmte er wie der Blitz den Hügel hinunter. Sancho schrie ihm nach: »Kehret um, Señor Don Quijote, denn ich schwör's zu Gott, es sind Hammel und Schafe, die Ihr angreifen wollt; kehrt um! Weh über den Vater, der mich gezeugt! Was für Tollheit! Seht doch nur hin, es ist kein Riese da und kein Ritter, keine Katzen, keine Rüstungen, keine geviertelten und keine ganzen Schilde, keine Eisenhütlein, blaue nicht und nicht verteufelte; was tut Ihr? O ich armer Sünder gegen Gott und Menschen!« Allein Don Quijote kehrte nicht um; vielmehr ritt er voran mit dem lauten Ruf: »Auf, ihr Ritter, die ihr unter dem Banner des mannhaften Kaisers Pentapolín mit dem aufgestreiften Arme dienet und fechtet, folgt mir alle, und ihr sollt sehen, wie leicht ich ihn an seinem Feinde Alifanfarón von Trapobana räche!« Mit diesen Worten drang er mitten in die Schlachtschar der Schafe hinein und begann sie mit solcher Kühnheit und Entschlossenheit anzuspießen, als zückte er den Speer wirklich auf seine Todfeinde. Die Schafknechte und die Herren der Herde, die mit ihren Tieren daherkamen, schrien ihm zu, er solle davon ablassen; aber da sie sahen, daß sie nichts ausrichteten, zogen sie ihre Schleudern aus dem Gurt und begannen ihm die Ohren mit faustgroßen Steinen zu begrüßen. Don Quijote kümmerte sich nicht um die Steine, vielmehr sprengte er nach allen Seiten hin und her und rief: »Wo bist du, hochmütiger Alifanfarón? Komm heran! Her zu mir! Ein Ritter, ganz allein bin ich hier, will Mann gegen Mann deine Kraft erproben und will dir das Leben rauben, zum gerechten Lohn für den schlimmen Lohn, den du dem Pentapolín bezahlt, dem Garamanten!« In diesem Augenblick kam ein Bachkiesel geflogen, traf ihn in die Seite und schlug ihm zwei Rippen in den Leib hinein. Als er sich so übel zugerichtet sah, zweifelte er nicht, er sei zu Tode getroffen oder doch schwer verwundet; da fiel ihm sein Trank ein, er zog sein Krüglein hervor, setzte es an den Mund und begann das heilsame Naß in den Magen zu gießen. Aber ehe er das ihm genügend scheinende Maß völlig heruntergeschüttet, kam wieder eine Krachmandel und traf ihn so voll auf Hand und Krug, daß sie diesen in Stücke zerbrach, unterwegs ihm drei oder vier Vorder- und Backenzähne ausschlug und ihm zwei Finger arg zerquetschte. Derartig war der erste Wurf und derartig der zweite, daß der arme Ritter nicht anders konnte: er mußte vom Pferde herab zu Boden stürzen. Die Hirten liefen auf ihn zu und glaubten, sie hätten ihn umgebracht; und so trieben sie denn in großer Eile ihre Herde zusammen, luden die toten Tiere auf, deren es über sieben waren, und ohne sich nach was anderm umzutun, zogen sie von dannen. Während der ganzen Zeit stand Sancho auf dem Hügel und schaute den Tollheiten seines Herrn zu, raufte sich den Bart und verwünschte die Stunde und Minute, wo ihn das Schicksal mit seinem Herrn bekannt gemacht. Als er ihn nun auf dem Boden ausgestreckt liegen und die Schäfer schon entfernt sah, eilte er vom Hügel herab, näherte sich ihm und fand ihn in sehr üblem Zustand, wiewohl er das Bewußtsein nicht verloren. Da sprach Sancho zu ihm: »Hab ich's Euch nicht gesagt, Señor Don Quijote, Ihr solltet umkehren, weil die, so Ihr angreifen wolltet, keine Kriegsheere, sondern Schafherden wären?« »Ja, auf solche Weise vermag jener Schurke von Zauberer, mein Feind, alles verschwinden zu lassen und umzugestalten! Du mußt wissen, Sancho, daß es den besagten Zauberern sehr leicht ist, alles vor uns erscheinen zu lassen, was sie wollen, und der Bösewicht, der mich verfolgt, neidisch auf den Ruhm, den er mich im Begriffe sah von diesem Kampfe zu gewinnen, hat die Feindesgeschwader in Schafherden verwandelt. Und wo du dies nicht glaubst, so mußt du, bei meinem Leben! eines tun, damit du deines Irrtums loswirst und siehst, daß volle Wahrheit ist, was ich sage: steig auf deinen Esel und reite ihnen sachte nach, und du wirst sehen, sobald sie sich ein weniges von hier entfernt haben, verwandeln sie sich wieder in ihr erstes Wesen, hören auf, Hammel zu sein, und sie sind wieder echte, rechte Menschen, wie ich dir sie zuerst geschildert. Aber entferne dich nicht jetzt, denn ich habe deine Hilfe und Unterstützung nötig. Komm zu mir her und sieh nach, wieviel Backen- und Vorderzähne mir fehlen; denn es kommt mir vor, als wäre nicht einer mir im Munde übrig.« Sancho näherte sich seinem Herrn so dicht, daß er ihm beinahe mit den Augen in den Mund kam. Das geschah aber in dem Augenblick, wo der Balsam bereits in Don Quijotes Magen seine Wirkung getan, und gerade als Sancho sich näherte, um ihm in den Mund zu sehen, warf der Ritter mit größerer Gewalt, als eine Büchse schießt, alles aus, was er bei sich hatte, und schleuderte das Ganze dem mitleidigen Schildknappen ins Gesicht. »Heilige Mutter Gottes!« rief Sancho, »was ist mir da geschehen? Gewiß ist der Sündenmensch auf den Tod verwundet, da er Blut aus dem Munde bricht.« Aber indem er es sich etwas genauer betrachtete, merkte er an Farbe, Geschmack und Geruch, daß es keineswegs Blut, sondern der Balsam aus dem Kruge war, den er ihn hatte trinken sehen; und der Ekel, der ihn dabei befiel, war so groß, daß der Magen sich in ihm umdrehte und er sein ganzes Inneres auf seinen eigenen Herrn herausbrach; und beide sahen nun gar köstlich aus. Sancho lief zu seinem Esel hin und wollte aus dem Zwerchsack etwas holen, um sich zu reinigen und seinen Herrn zu verbinden, und als er ihn nicht fand, war er nahe daran, den Verstand zu verlieren. Er verwünschte sich aufs neue und nahm sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und in seine Heimat zurückzukehren, wenn er auch den Lohn für die gediente Zeit und die Aussicht auf die Statthalterschaft der versprochenen Insul verlieren müßte. Inzwischen erhub sich Don Quijote, und die linke Hand an den Mund haltend, damit die Zähne ihm nicht vollends herausfielen, faßte er mit der rechten die Zügel Rosinantes, der seinem Herrn bisher nicht von der Seite gewichen war – so treuen Gemütes und gutherzigen Charakters war er –, und wandte sich zu seinem Knappen hin, der dastand, über seinen Esel gelehnt, die Hand an der Wange, wie ein Mensch in tiefsten Gedanken. Und als Don Quijote ihn so dastehen sah, mit allen Zeichen großer Traurigkeit, sprach er zu ihm: »Wisse, Sancho, kein Mensch ist mehr als ein andrer, wenn er nicht mehr vollbringt als ein andrer. All diese Ungewitter, die uns treffen, sind Anzeichen, daß der Himmel sich bald aufheitert und unsre Angelegenheiten wieder gut gehen werden; denn es ist nicht möglich, daß Glück oder Unglück von Dauer sind. Daraus folgt, daß, nachdem das Unglück lange gedauert hat, das Glück jetzt nahe ist; und so darfst du dich nicht ob des Mißgeschicks betrüben, das mir begegnet, der du keinen Teil daran hast.« »Wie? Ich nicht?« antwortete Sancho. »War vielleicht der Mann, den sie gestern gewippt haben, ein andrer als der Sohn meines Vaters? Und der Zwerchsack, der mir heute fehlt mit all meinen Habseligkeiten, gehörte er einem andern als mir selbst?« »Was? Der Zwerchsack mangelt dir, Sancho?« versetzte Don Quijote. »Freilich mangelt er mir«, antwortete Sancho. »Demnach haben wir heute nichts zu essen«, sprach Don Quijote. »So würde es sein«, erwiderte Sancho, »wenn es auf den Feldern hier an den Kräutern fehlte, die Euer Gnaden versichert zu kennen und mit denen sich stets derartigem Mangel abhelfen läßt bei den so sehr vom Unglück verfolgten fahrenden Rittern, wie Euer Gnaden einer ist.« »Bei alledem«, antwortete Don Quijote, »nähme ich anitzo mit größerem Begehr ein Viertellaibchen Brot oder einen Laib und ein paar Heringe als alle Kräuter, die Dioskórides in seinem Buche beschreibt, selbst wenn Doktor Lagunas Kommentar beigebunden wäre. Aber sintemal es so ist, steig auf deinen Esel, Sancho, du Guter, und ziehe hinter mir drein; Gott, der Fürsorger aller Dinge auf Erden, wird uns nicht im Stiche lassen, zumal da wir so völlig in seinem Dienste wandeln, wie wir tun; denn er verläßt nicht die Mücken in der Luft noch die Würmlein auf dem Erdboden noch die junge Froschbrut im Wasser, und er ist so barmherzig, daß er seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen über Ungerechte und Gerechte.« »Euer Gnaden«, sprach Sancho, »taugte besser zum Prediger als zum fahrenden Ritter.« »Die fahrenden Ritter«, erwiderte Don Quijote, »verstanden von allem und mußten von allem verstehen, Sancho. In alten Zeiten gab es manch fahrenden Ritter, der inmitten eines Heerlagers ebenso bereit war, eine Predigt oder Rede zu halten, als hätte er seine akademischen Grade auf der Hochschule zu Paris erhalten, woraus zu schließen, daß weder der Speer die Feder noch die Feder den Speer jemals stumpf gemacht hat.« »Nun gut, so sei es an dem, wie Euer Gnaden sagt«, entgegnete Sancho. »Machen wir uns jetzt von dannen und sehen, wo wir diese Nacht herbergen, und wolle Gott, daß es ein Ort ist, wo es keine Bettdecken zum Wippen und keine Wipper gibt, keine Spukgestalten, keine verzauberten Mohren; denn wenn es dergleichen dort gibt, so laß ich alles im Stiche und gehe zum Teufel in die Hölle.« »Geh deinen Weg lieber zu Gott, mein Sohn«, sprach Don Quijote, »und reite voran in jeder Richtung, die du willst; denn diesmal überlasse ich es deiner Wahl, uns Herberge zu nehmen. Doch gib einmal die Hand her und fühle mit dem Finger und sieh genau nach, wieviel Vorder- und Backenzähne mir auf der rechten Seite in der oberen Kinnlade fehlen; denn da fühl ich den Schmerz.« Sancho steckte ihm die Finger in den Mund, befühlte die Kinnlade und sprach: »Wieviel Backenzähne pflegte Euer Gnaden auf dieser Seite zu haben?« »Vier«, antwortete Don Quijote, »und alle außer dem Weisheitszahn ganz und gesund.« »Euer Gnaden bedenke wohl, was Ihr saget«, entgegnete Sancho. »Vier sag ich, wenn es nicht fünf waren«, antwortete Don Quijote; »denn in meinem ganzen Leben ist mir weder Vorderzahn noch Backenzahn ausgefallen noch ausgezogen noch von Fäule oder Fluß angefressen worden.« »Nun denn, in der unteren Kinnlade habt Ihr auf dieser Seite nicht mehr als zwei Backenzähne und einen halben und in der obern keinen halben und keinen ganzen mehr; denn da ist alles glatt wie die flache Hand.« »Ich Unglückseliger!« sprach Don Quijote, als er die traurige Nachricht erfuhr, die ihm sein Knappe mitteilte; »lieber möchte ich, man hätte mir einen Arm abgeschlagen, nur müßte es nicht der sein, der das Schwert führt; denn ich tue dir zu wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne ist wie eine Mühle ohne Mühlstein, und ein Zahn ist weit höher zu schätzen als ein Diamant. Aber alledem sind wir ausgesetzt, die wir uns zum strengen Orden des Rittertums bekennen. Steig auf, Freund, und sei Wegeführer, ich werde dir folgen und gleichen Schritt nach deinem Belieben mit dir halten.« Sancho tat also; er nahm seinen Weg dahin, wo er Herberge zu finden dachte, ohne von der Landstraße abzuweichen, die dort viel begangen war. Als sie nun Schritt vor Schritt hinritten, denn Don Quijotes Zahnschmerz gestattete ihnen weder zu rasten noch an Eile zu denken, wollte Sancho ihn unterhalten und durch Gespräch zerstreuen; und unter mancherlei Dingen, die er ihm sagte, war auch das, was im folgenden Kapitel berichtet werden soll. 19. Kapitel Handelt von dem verständigen Gespräche, das Sancho mit seinem Herrn führte, und von dem Abenteuer, so dem Ritter mit einer Leiche begegnete, nebst andern großartigen Ereignissen »Es will mich bedünken, mein edler Herr, daß all diese Unglücksfälle, die uns in den letzten Tagen zugestoßen sind, ganz gewiß die Strafe für die Sünde waren, so Euer Gnaden gegen die Pflichten Eures Rittertums begangen hat, indem Ihr den Eidschwur nicht gehalten, den Ihr getan, auf keinem Tischtuch Brot zu essen noch mit der Königin zu kurzweilen, samt alledem, was Euer Gnaden darauf noch weiter sagte und zu halten schwur, bis Ihr jenen Helm des Malandrin geraubt, oder wie der Mohr sonst heißt, ich erinnere mich nicht recht.« »Du hast sehr recht, Sancho«, sprach Don Quijote, »aber um dir die Wahrheit zu sagen, es war mir aus dem Gedächtnis gekommen, und du kannst es ebenfalls für gewiß halten, daß um deiner Schuld willen, weil du mich nicht zur rechten Zeit daran erinnert hast, dir die Geschichte mit dem Wippen widerfahren ist. Aber ich will es wiedergutmachen; denn im Ritterorden gibt es Mittel und Wege, alles wieder auszugleichen.« »So? Hab etwa ich etwas geschworen?« erwiderte Sancho. »Es kommt nicht darauf an, daß du nicht geschworen hast«, sprach Don Quijote; »genug, daß ich einsehe, daß du als teilhaftig an der Sünde nicht sehr sicher bist, frei auszugehen. Aber ob so oder nicht so, es wird nicht übel sein, uns mit einem Sündenablaß zu versehen.« »Nun, wenn es so ist«, sagte Sancho, »so möge Euer Gnaden acht haben, nicht abermals dieses zu vergessen wie jenes mit dem Eidschwur. Vielleicht kommt den Spukgestalten die Lust wieder, sich mit mir nochmals eine Ergötzlichkeit zu machen und gar mit Euer Gnaden selbst, wenn sie Euch so hartnäckig in der Sünde finden.« Unter diesen und andren Gesprächen wurden sie inmitten der Landstraße von der Nacht überfallen und hatten nicht und fanden nicht, wo sie ihr Haupt hinlegen sollten; und was die Sache erst recht Schlimmes hatte, war, daß sie schier Hungers starben, da mit dem Fehlen des Zwerchsacks ihnen ihre Speisekammer und ihr Mundvorrat fehlten. Und um das Unglück vollständig zu machen, stieß ihnen ein Abenteuer auf, das ohne Nachhilfe romanhafter Phantasie in Wirklichkeit wie ein solches aussah. Die Nacht war nämlich mit ziemlicher Finsternis hereingebrochen, und trotzdem ritten sie des Weges fürbaß; denn Sancho meinte, da es eine Landstraße sei, würde er zwei, drei Meilen weiter zweifellos an derselben eine Schenke finden. Und wie sie dergestalt dahinzogen, die Nacht finster, der Schildknappe hungrig und der Herr voll Eßbegierde, sahen sie, daß auf derselben Straße, die sie ritten, ihnen eine große Menge Lichter entgegenkamen, die nicht anders denn wandelnde Sterne aussahen. Sancho fiel bei dem Anblick beinahe in Ohnmacht, und Don Quijote ward es nicht wohl bei der Sache; der eine zog seinem Esel die Halfter an, der andre seinem Gaul die Zügel, und so hielten sie still und beobachteten aufmerksam, was dies sein möchte. Und sie sahen, daß die Lichter ihnen näher kamen und immer größer schienen, je mehr sie heranzogen. Bei diesem Schauspiel begann Sancho zu zittern, als hätte er Quecksilber eingenommen, und dem Ritter stand das Haar zu Berge. Dieser indessen ermannte sich einigermaßen und sprach: »Ohne Zweifel, Sancho, muß dies ein sehr großes, ein sehr gefährliches Abenteuer sein, wo es vonnöten sein wird, all meine Mannhaftigkeit und Tapferkeit zu zeigen.« »Ich Unglückseliger!« entgegnete Sancho, »wenn etwa dies ein Abenteuer mit Geisterspuk sein sollte, wie mir es das Aussehen hat, wo soll man Rippen genug hernehmen, um das Abenteuer auszuhalten?« »Mögen sie so viele Spukgeister sein, wie sie wollen«, antwortete Don Quijote, »ich werde nicht gestatten, daß sie dir nur an ein Fädchen deines Gewandes rühren. Wenn die Spukgestalten neulich ihr Spiel mit dir getrieben, so war's, weil ich nicht über die Mauerbrüstung hinüberspringen konnte; jetzt aber befinden wir uns im freien Feld, wo ich mein Schwert nach Willkür schwingen kann.« »Und wenn sie Euch verzaubern und lahmen, wie sie es jüngst getan«, sagte Sancho darauf, »was wird es frommen, im freien oder nicht freien Feld zu sein?« »Trotz alledem«, entgegnete Don Quijote, »bitte ich dich, Sancho, fasse rechten Mut; denn welchen ich habe, wird dich die Erfahrung lehren.« »Mut will ich schon fassen, wenn Gott will«, antwortete Sancho. Nun zogen sich die beiden seitwärts der Straße und beobachteten aufs neue mit Aufmerksamkeit, was jener Vorgang mit den wandelnden Lichtern bedeuten möchte. Gleich darauf erblickten sie viele Gestalten in weißen Hemden, und diese furchtbare Erscheinung gab dem Mute Sancho Pansas den letzten Stoß. Ihm klapperten die Zähne wie einem, den der Frost eines viertägigen Fiebers gepackt hat, und dies Klappern und Knirschen ward noch stärker, als die beiden deutlich erkannten, was es war; sie sahen nämlich gegen zwanzig Leute mit weißen Chorhemden, alle beritten, brennende Fackeln in den Händen, und hinter ihnen kam eine in Trauer gehüllte Tragbahre, welcher wieder sechs Berittene folgten, ebenfalls in Trauer gekleidet vom Kopf bis zu den Hufen ihrer Maultiere; denn an dem ruhigen Schritt, mit dem sie einherzogen, sah man wohl, daß es keine Pferde waren. Die Hemdenträger murmelten etwas vor sich hin mit leisem kläglichem Ton. Diese seltsame Erscheinung, zu solcher Stunde und in so menschenleerer Gegend, war wohl genügend, um Sanchos Herz, ja auch das seines Herrn, mit Furcht zu erfüllen; und so hätte es allerdings bei Don Quijote sein können, da bei Sancho bereits der letzte Rest von Mut verlorengegangen. Allein seinem Herrn erging es jetzt umgekehrt, da gerade in diesem Augenblick in seinem Geiste mit Lebensfarben die Vorstellung auftauchte, es sei dies eines der Abenteuer aus seinen Büchern. Nämlich die Sache gestaltete sich ihm so, als sei die Tragbahre eine Leichenbahre, auf der ein hart verwundeter oder erschlagener Ritter liegen müsse, den zu rächen ihm allein vorbehalten sei. Und ohne sonst etwas zu erwägen, legte er seinen Spieß ein, setzte sich im Sattel fest und stellte sich mit edlem Feuer und Anstand inmitten des Weges auf, wo die Hemdenmänner notwendig vorüber mußten. Und als er sie in seiner Nähe sah, erhob er die Stimme und sprach: »Haltet, ihr Ritter, wer ihr auch sein möget, und gebt mir Auskunft, wer ihr seid, woher ihr kommt, wohin ihr wollt und was ihr auf dieser Bahre traget; denn nach allen Anzeichen, entweder habt ihr oder man hat an euch eine Ungebühr verübt, und es ziemt sich und ist notwendig, daß ich es wisse, entweder um euch für das Böse zu züchtigen, das ihr getan, oder aber um euch zu rächen ob des Unrechts, so man euch getan.« »Wir müssen eilig weiter«, antwortete einer von den Hemdenträgern, »denn das Wirtshaus ist fern, und wir können uns nicht damit aufhalten, Euch all die Auskunft zu erteilen, die Ihr verlangt.« Und seinem Maultier die Sporen gebend, ritt er weiter. Don Quijote nahm die Antwort höchlich übel, und dem Maultier in die Zügel fallend, sprach er zu dem Reiter: »Haltet und seid höflicher und gebt mir Auskunft; wo nicht, seid ihr alle mit mir in Fehde.« Das Maultier war scheu, und so plötzlich am Zügel gefaßt, schreckte es zusammen, bäumte sich hoch auf und schleuderte seinen Reiter über die Kruppe zur Erde. Ein Bursche, der zu Fuße nebenherging, begann, als er den Hemdenträger fallen sah, auf Don Quijote zu schimpfen, und dieser, ohnehin schon in Zorn entbrannt, fällte, ohne weiter zuzuwarten, seinen Spieß, stürzte sich auf einen der in Trauer Gehüllten und warf ihn hart verwundet zu Boden, und wie er sich darauf gegen die andern wendete, war es wahrlich der Mühe wert, zu sehen, mit welcher Hurtigkeit er sie angriff und sie auseinanderjagte; es schien nicht anders, als wenn Rosinanten augenblicks Flügel gewachsen wären, so leicht und stolz trabte er einher. Die Männer mit den Hemden waren alle furchtsame, waffenlose Leute, und so ließen sie ohne Widerstreben und im Nu den Kampf beruhen und begannen mit ihren brennenden Fackeln über das Feld zu eilen, so daß sie den Teilnehmern an einem Maskenzuge glichen, wie sie in Nächten der Lustbarkeit und Festfreude umherstreifen. Auch die Leute in den Trauerkleidern, von heftiger Furcht befallen und wie gefangen in ihren Schleppen und Priesterröcken, konnten sich nicht von der Stelle regen, so daß Don Quijote sonder Fährlichkeit sie sämtlich durchbleute und sie sehr wider ihren Willen das Feld zu räumen zwang; denn alle glaubten, das sei kein Mensch, sondern ein Teufel aus der Hölle, aus der er herausgekommen, um ihnen die Leiche abzunehmen, die sie auf der Bahre trugen. Bei all diesem war Sancho ein aufmerksamer Zuschauer, hoch erstaunt ob der Kühnheit seines Herrn, und sprach für sich: Ohne Zweifel ist dieser mein Gebieter so tapfer und mutig, wie er selber sagt. Auf dem Boden lag eine brennende Fackel neben dem ersten, den sein Maultier abgeworfen; bei deren Licht konnte Don Quijote den Mann sehen, und sich ihm nähernd, setzte er ihm die Eisenspitze des Spießes aufs Gesicht und rief ihm zu, sich für geschlagen zu bekennen, sonst würde er ihn töten. Worauf der Gefallene die Antwort gab: »Geschlagen bin ich zur Genüge; denn ich kann mich nicht bewegen, weil ich ein Bein gebrochen habe; ich flehe zu Euer Gnaden, wenn Ihr ein christlicher Ritter seid, mich nicht zu töten. Ihr würdet eine Sünde gegen die Kirche begehn; denn ich bin Lizentiat und habe die niederen Weihen empfangen.« »Wer Teufel hat Euch denn hierhergebracht«, sagte Don Quijote, »da Ihr doch ein Mann der Kirche seid?« »Wer, Señor?« entgegnete der Gefangene, »mein Unglück!« »So droht Euch ein noch größeres«, sagte Don Quijote, »wenn Ihr mir nicht auf alles Genüge tut, was ich Euch vorher gefragt.« »Euer Gnaden ist leicht Genüge getan«, antwortete der Lizentiat, »und sonach sollt Ihr erfahren, daß ich, wenn ich auch hierzuvor mich einen Lizentiaten genannt, doch nur Baccalaureus bin und Alonso López heiße, aus Alcobendas gebürtig bin und aus der Stadt Baéza mit elf andern Geistlichen komme, eben jenen, welches die sind, die sich mit den Fackeln zur Flucht gewendet haben. Wir gehen nach der Stadt Segovia zur Begleitung einer Leiche, die auf dieser Tragbahre liegt und welche die eines Ritters ist, der in Baéza verstorben, wo er beigesetzt wurde. Jetzt, wie gesagt, führen wir seine Gebeine in sein Erbbegräbnis über; dasselbe ist in Segovia, von wo er gebürtig ist.« »Und wer hat ihn umgebracht?« fragte Don Quijote. »Gott, vermittels eines pestartigen Fiebers, das ihn befiel«, erwiderte der Baccalaureus. »Demnach«, versetzte Don Quijote, »hat mich unser Herrgott der Mühsal überhoben, die ich auf mich hätte nehmen müssen, ihn zu rächen, wenn ein anderer ihn umgebracht hätte. Aber da ihm der den Tod gesendet, der es so gewollt hat, so läßt sich nichts tun als stillschweigen und sich ducken; denn das nämliche würde ich selber tun, wenn er mich aus dem Leben abriefe. Und ich will, daß Euer Wohlehrwürden erfahre, daß ich ein Ritter aus der Mancha bin mit Namen Don Quijote und daß mein Beruf und mein Brauch ist, durch die Lande zu fahren, um alle Frevel und Verbrechen abzutun und alles Schlechte gut und alles Krumme gerade zu machen.« »Ich weiß nicht«, entgegnete der Baccalaureus, »wie man das heißen kann, alles Krumme gerad machen; denn mich, der ich gerade war, habt Ihr krumm gemacht, da Ihr schuld seid, daß mein Bein entzwei ist, und es wird mein Leben lang nicht wieder ganz werden. Und daß Ihr Verbrechen abtut, soll heißen, daß Ihr viel im Zerbrechen tut und daß Ihr mich auf immerdar zu einem gebrochenen Mann gemacht; und indem ich Euch begegnet bin, der Ihr auf Abenteuer zieht, kommt mir dieser Abend teuer zu stehen.« »Nicht alles«, antwortete ihm Don Quijote, »verläuft in gleicher Weise. Das Schlimme war, Herr Baccalaureus Alonso Lopéz, daß ihr des Nachts einherzoget, mit diesen Chorhemden bekleidet, mit brennenden Fackeln, Gebete murmelnd, in Trauer gehüllt, so daß man euch wirklich für nicht geheuer, für etwas aus der andern Welt halten mußte; und so konnte ich nicht umhin, meiner Pflicht gemäß zu handeln und euch anzugreifen. Ich hätte euch auch angegriffen, wenn ich sicher gewußt hätte, ihr wäret der Satan selbst und seine Teufel aus der Hölle; denn für solche hab ich euch beständig gehalten und erachtet.« »Da es mein Schicksal einmal so gewollt hat«, sagte der Baccalaureus, »so bitte ich Euer Gnaden, fahrender Herr Ritter, durch den ich so übel gefahren bin, helft mir unter diesem Maultier hervor, das mich mit meinem einen Bein zwischen Steigbügel und Sattel eingeklemmt hält.« »Da hätte ich wahrlich bis morgen fortreden können!« sagte Don Quijote, »worauf habt Ihr denn gewartet, mir Eure Not zu klagen?« Sogleich rief er Sancho Pansa herbei, aber der kümmerte sich nicht ums Kommen, da er eben damit beschäftigt war, einen Proviantesel zu plündern, den mit Eßwaren wohlbeladen die guten Herren mitführten. Sancho machte aus seinem Filzmantel einen Sack; raffte zusammen, soviel ihm möglich war und in die neue Reisetasche hineinging, packte alles auf sein Tier, und dann folgte er dem Zuruf seines Gebieters, half den Herrn Baccalaureus unter der Wucht des Maultiers hervorziehen, gab ihm die Fackel in die Hand, und Don Quijote sagte ihm, er möchte dieselbe Richtung wie seine Gefährten verfolgen und sie von seinetwegen um Verzeihung bitten ob der Unbill, die zu unterlassen nicht in seiner Macht gewesen sei. Auch Sancho sprach zu ihm: »Wenn vielleicht jene Herren wissen wollen, wer der Held war, der sie so zugerichtet, so möget Ihr ihnen sagen: Es war der berühmte Don Quijote von der Mancha, der auch mit einem andern Namen der Ritter von der traurigen Gestalt genannt wird.« Hiermit machte sich der Baccalaureus davon, und Don Quijote fragte Sancho, was ihm jetzt eher als sonst Anlaß gegeben habe, ihn den Ritter von der traurigen Gestalt zu heißen. »Ich will's Euch sagen«, antwortete Sancho, »ich hab's getan, weil ich eine Zeitlang dastand, Euch beim Lichte der Fackel anzuschauen, die jener so übelfahrende Mann trägt, und in Wahrheit hat Euer Gnaden seit kurzer Zeit die jämmerlichste Gestalt, die ich je gesehen. Daran muß entweder die Ermattung von dem Kampfe schuld sein oder das Fehlen Eurer Vorder- und Backenzähne.« »Nicht dies ist es«, entgegnete Don Quijote, »sondern den weisen Zauberer, der ohne Zweifel die Obliegenheit hat, die Geschichte meiner Taten zu schreiben, wird es bedünkt haben, daß ich gut daran tue, irgendeinen Beinamen anzunehmen, wie alle bisherigen Ritter einen solchen annahmen; einer hieß Der vom flammenden Schwert , einer Der vom Einhorn , dieser Der von den Jungfrauen , jener Der vom Vogel Phönix , der eine Der Ritter vom Greif , der andere Der vom Tod , und unter diesen Namen und Zeichen waren sie auf dem ganzen Erdenrunde bekannt. Und also sag ich, daß der bereits erwähnte Zauberer dir es in die Gedanken und auf die Zunge gelegt haben muß, jetzt gerade solltest du mich den Ritter von der traurigen Gestalt nennen, wie ich mich auch hinfüro zu nennen gedenke. Und damit der Name um so besser auf mich passe, bin ich willens, sobald Gelegenheit sich bietet, mir auf den Schild eine sehr traurige Gestalt malen zu lassen.« »Es ist nicht nötig, Zeit und Geld auf die Anfertigung einer solchen Gestalt zu verwenden«, sagte Sancho; »Euer Gnaden brauchen weiter nichts als Eure eigne Gestalt sehen zu lassen und denen, die Euch anschauen, das Antlitz zuzuwenden; dann werden sie ohne weitere Umstände und ohne Bild und ohne Schild Euch Den von der traurigen Gestalt benamsen. Glaubt, ich sage Euch die Wahrheit; denn ich bin Euch gut dafür – aber das will ich nur im Scherz gesagt haben –, daß der Hunger und der Mangel an Zähnen Euch ein so jämmerliches Aussehen gibt, daß das traurige Gemälde wohl entbehrlich sein wird.« Don Quijote lachte über Sanchos Witz, aber trotzdem nahm er sich vor, sich mit diesem Namen zu nennen, sobald er seinen Ritterschild oder seine Tartsche, so wie er es sich ausgedacht, malen lassen könne. Dann sprach er: »Es ist mir klar, Sancho, ich bin im Kirchenbann, weil ich Hand an Heiliges gelegt, juxta illud: si quis suadente diabolo et cetera , obwohl ich weiß, daß ich nicht die Hand, sondern diesen Spieß anlegte. Zumal ich auch nicht glaubte, gegen Geistliche oder überhaupt Kirchliches vorzugehen, denn das alles achte und verehre ich als Katholik und getreuer Christ, der ich bin, sondern gegen Spukgestalten und Scheusale aus der andern Welt. Und selbst wenn dem so wäre, so habe ich noch im Gedächtnis, was sich mit dem Cid Ruy Diaz zutrug, als er den Sessel des Gesandten jenes Königs vor Seiner Heiligkeit dem Papste zerschmetterte, der ihn in Bann tat, und am selben Tage erschien der wackere Rodrigo von Vivár allen als ein höchst ehrenwerter tapferer Ritter.« Als der Baccalaureus dieses hörte, zog er von dannen, wie schon gesagt, ohne ihm ein Wort zu entgegnen. Don Quijote hätte gern nachgesehen, ob der Körper, den man auf der Bahre trug, nur aus den Gebeinen bestand oder was sonst; aber Sancho gab es nicht zu und sprach zu ihm: »Señor, Euer Gnaden hat dies schwere Abenteuer am gefahrlosesten unter allen bestanden, die ich bisher erlebte. Aber es könnte immerhin geschehen, und diese Leute, wiewohl besiegt und auseinandergejagt, kämen zur Überlegung, daß ein Mann allein ihr Besieger war, und würden, ärgerlich und beschämt darüber, sich wieder sammeln und uns aufsuchen und uns was zu raten aufgeben, daß wir daran zu denken hätten. Mein Esel ist wohlversorgt, das Gebirg nahe, der Hunger drückt uns; da gibt's nichts anderes zu tun, als uns in rascher Gangart zurückzuziehen, und dann, wie man sagt: Zum Grabe, wem der Leib tot, und wer am Leben, zum Laib Brot.« Und den Esel vor sich hertreibend, bat er seinen Herrn, ihm zu folgen; und dieser, da ihm Sancho recht zu haben schien, folgte ohne fernere Widerrede. Nach einer kurzen Strecke Wegs, die sie zwischen zwei Hügeln wanderten, fanden sie sich in einem räumigen, versteckten Tal, wo sie abstiegen und Sancho seinen Esel ablud, und hingestreckt in das grüne Gras, nahmen sie zu gleicher Zeit ihr Frühstück, Mittagessen, Vesperbrot und Abendmahl, alles das vom Hunger gewürzt, und befriedigten ihren Magen mit gar mancher kalten Speise, welche die geistlichen Begleiter des Verstorbenen – denn dergleichen Herren lassen es sich nicht leicht an etwas fehlen – auf ihrem Proviantesel mit sich geführt hatten. Aber jetzt stieß ihnen ein neues Unglück zu, das Sancho für das ärgste von allen hielt; sie hatten nämlich weder Wein zu trinken noch auch nur Wasser, um die Lippen zu netzen. Wie sie sich so vom Durste gequält sahen, bemerkte Sancho, daß die Wiese, auf der sie lagerten, mit frischem zartem Gras über und über bewachsen war, und sprach, was im folgenden Kapitel gesagt werden soll. 20. Kapitel Von dem noch nie erhörten und noch nie gesehenen Abenteuer, welches selbst der allervortrefflichste Ritter auf Erden nicht mit so wenig Gefahr bestanden hätte als der mannhafte Don Quijote von der Mancha »Es ist nicht anders möglich, edler Herre mein, dieses Gras gibt Zeugnis, daß hier herum eine Quelle oder ein Bach sein muß, der das Gras befeuchtet, und sonach wird es gut sein, etwas weiterzuwandern; dann finden wir bald einen Ort, wo wir den schrecklichen Durst lindern können, der uns quält; denn der verursacht ohne Zweifel größere Pein als der Hunger.« Der Rat gefiel Don Quijote; er nahm Rosinante am Zügel, Sancho seinen Esel am Halfter, nachdem er auf denselben die Überbleibsel des Mahles geladen, und sie wanderten die Wiese tappend hinauf, da die Finsternis der Nacht sie durchaus nichts erkennen ließ. Sie hatten aber nicht zweihundert Schritte zurückgelegt, als zu ihren Ohren ein mächtiges Rauschen von Wasser drang, als ob es von gewaltigen hohen Felsenklippen herabstürze. Das Rauschen freute sie über die Maßen; aber als sie hielten und horchten, in welcher Richtung sich dies Rauschen hören lasse, da vernahmen sie plötzlich ein andres Getöse, das ihnen die Freude über das Wasser zu Wasser machte, besonders dem armen Sancho, der von Natur furchtsam und gar geringen Mutes war. Sie hörten nämlich ein taktmäßiges Stampfen, dazu ein gewisses Klirren von Eisen und Ketten, was im Verein mit dem wütigen Tosen des Wassers jedes andere Herz als das Don Quijotes mit Bangen erfüllt hätte. Die Nacht war, wie gesagt, finster, und sie waren eben in ein Wäldchen hochwipfliger Bäume gelangt, deren Blätter, von sanftem Winde bewegt, schauerlich leise rauschten, so daß die einsame Öde, die Lage des Ortes, die Finsternis, das Brausen des Wassers mit dem Surren der Blätter, alles, alles Grausen und Entsetzen weckte, zumal als sie bemerkten, daß weder das Stampfen aufhörte, noch der Wind ruhte, noch der Morgen herannahte, zu allen welchen Schrecknissen noch das kam, daß es ihnen durchaus unbekannt war, wo sie sich befanden. Aber Don Quijote, im alleinigen Geleite seines unverzagten Herzens, sprang auf Rosinante, und seinen Schild an den Arm nehmend, schwang er seinen Spieß und sprach: »Sancho, mein Freund, du mußt wissen, daß ich, durch des Himmels Fügung in diesem eisernen Zeitalter zur Welt kam, um in ihm das Goldene zur Auferstehung zu wecken. Ich bin der, für den die Gefahren, die Großtaten, die Werke des Heldentums aufgespart sind; ich bin der, sage ich nochmals, durch den die Ritter der Tafelrunde, die zwölf Pairs von Frankreich und die neun Männer des Ruhms wiederauferstehen und welcher die Platir, die Tablante, Olivante und Tirante, die Sonnenritter und Belianís in Vergessenheit bringen wird, sowie die ganze Schar der berühmten fahrenden Ritter der vergangenen Zeit, indem ich in dieser jetzigen, in der ich lebe, solche gewaltigen Werke, außerordentlichen Dinge und Waffentaten vollbringen werde, daß sie die glänzendsten, welche jene Helden vollbracht, in Schatten stellen sollen. Du bemerkst wohl, biederer, pflichtgetreuer Knappe, die Finsternisse dieser Nacht und ihre seltsam tiefe Stille, das dumpfe verworrene Rauschen von diesen Bäumen herab, das erschreckliche Brausen dieses Wassers, das wir aufzusuchen kamen und das so gewaltig toset, als ob es von dem hohen Mondgebirge stürzte und herniederströmte; und endlich jenes unaufhörliche Stampfen und Hämmern, das uns an die Ohren pocht und sie zerquält. All dies zusammen wie jedes einzelne für sich wäre hinreichend, um Furcht, Schrecken und Entsetzen in die Brust des Gottes Mars selbst einzugießen, wieviel mehr also dessen, der solcher Begebnisse und Abenteuer nicht gewohnt ist. Wohlan, alles dies, was ich dir male, sind nur Reizmittel und Auferwecker meines Mutes, der bereits mich so erfüllt, daß das Herz mir schier den Busen sprengt vor Gier, mich in dieses Abenteuer zu stürzen, ob es sich auch noch so schwierig zeige. Mithin zieh dem Rosinante den Gurt etwas fester an und bleibe hier mit Gott und erwarte mich an dieser Stelle, bis drei Tage vorüber sind, und nicht länger. Kehre ich binnen dieser Frist nicht zurück, so kannst du dich nach unserm Dorfe heimwenden, und von da, um einen großen Dienst und ein gutes Werk an mir zu tun, gehst du nach Toboso, wo du meiner unvergleichlichen Herrin Dulcinea sagst, daß der Ritter, den sie in Banden hielt, gestorben, weil er sich an Taten wagte, die ihn würdig machen sollten, sich den ihrigen zu nennen.« Als Sancho diese Worte seines Herrn vernahm, brach er mit der denkbar größten Rührung in Tränen aus und sprach zu ihm: »Señor, ich weiß nicht, warum Euer Gnaden sich in dies so schreckliche Abenteuer stürzen will; es ist jetzt Nacht, hier sieht uns keiner; ganz gut können wir einen andern Weg einschlagen und der Gefahr ausweichen, sollten wir auch drei Tage lang nichts zu trinken bekommen. Und da niemand da ist, der uns sieht, ist um so sicherer niemand da, der uns der Feigheit bezichtigen kann. Zumal ich auch gar oft den Pfarrer unsres Orts, den Euer Gnaden ja sehr gut kennt, predigen hörte: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Sonach ist es nicht recht, Gott zu versuchen mit einem so ungeheuren Wagnis, aus dem zu entrinnen nur durch ein Wunder möglich; und es ist schon genug an den Wundern, die der Himmel für Euer Gnaden getan, indem er Euch davor bewahrte, gewippt zu werden, wie es mir geschehen, und Euch siegreich, frei und mit heiler Haut aus der Mitte all der vielen Feinde, die die Leiche geleiteten, herausgerissen hat. Und wenn all dieses Euer hartes Herz nicht rührt und erweicht, so möge es sich rühren lassen durch den Gedanken, ja durch die Gewißheit, daß, sowie Euer Gnaden sich von hier entfernt, ich alsbald vor Angst meine Seele jedem beliebigen preisgebe, der Lust hat, sie zu holen. Ich zog aus meiner Heimat fort und verließ Kinder und Weib, um Euer Gnaden zu dienen, weil ich glaubte, herauf- und nicht herunterzukommen. Aber wie Habgier den Säckel sprengt, so ist nichts geworden aus meinen Hoffnungen; denn als ich gerade am zuversichtlichsten erwartete, die verwünschte und unglückselige Insul zu gewinnen, die Euer Gnaden mir versprochen hat, da seh ich, daß Ihr zur Vergütung und Entschädigung dafür mich jetzt in einer öden, von allem Menschenverkehr fern abliegenden Stätte verlassen wollt. Bei dem einzigen Gott, lieber Herre mein, wollet nicht solchergestalt an mir missetun. Wollt Ihr aber durchaus nicht ablassen, diese Tat zu wagen, so verschiebt es wenigstens bis morgen; denn wie mir die Erfahrung zeigt, die ich mir erwarb, als ich Schäfer war, muß es von jetzt bis zum Frührot nicht drei Stunden sein, da die Schnauze des kleinen Bären sich über unserm Kopfe befindet und die Mitternacht in der Linie des rechten Armes steht.« »Wie kannst du, Sancho«, sprach Don Quijote, »sehen, wo jene Linie steht, noch wo die Schnauze oder wo der Kopf, wovon du sprichst, sich befindet, wenn die Nacht so finster ist, daß am ganzen Himmel nicht ein einziger Stern erscheint?« »Das ist wahr«, entgegnete Sancho, »aber die Furcht hat tausend Augen und sieht, was unter der Erde, wieviel mehr, was oben am Himmel ist, da man ja auch schon durch richtige Überlegung wissen kann, daß von jetzt bis zum Tage nur noch wenige Zeit fehlt.« »Mag fehlen, was da will«, erwiderte Don Quijote, »von mir soll weder jetzt noch jemals gesagt werden, daß Tränen und Bitten mich von dem abgebracht haben, was zu tun ich nach Rittersitte verpflichtet war. Und so bitte ich dich, Sancho, zu schweigen; denn Gott, der mir es ins Herz gelegt, mich jetzt an dies so unerhörte und so schreckliche Abenteuer zu wagen, wird darauf bedacht sein, für mein Wohlergehen Sorge zu tragen und deinen traurigen Sinn zu trösten. Was du zu tun hast, ist, dem Rosinante den Gurt fest anzuziehen und hierzubleiben; denn sehr bald kehre ich wieder, lebend oder tot.« Als nun Sancho den letzten Entschluß seines Herrn vernahm und sah, wie wenig seine Tränen, Ratschläge und Bitten bei jenem vermochten, nahm er sich vor, seine Zuflucht zur List zu nehmen und ihn womöglich zu zwingen, bis zu Tagesanbruch zu warten. Während er also dem Rosinante den Gurt fester schnallte, schnürte er sachte und unvermerkt dem Gaul beide Beine mit der Halfter seines Esels zusammen, so daß Don Quijote, als er fortreiten wollte, dazu nicht imstande war, weil der Gaul sich nur in kurzen Sprüngen bewegen konnte. Als Sancho den guten Erfolg seines tückischen Anschlags gewahr wurde, sprach er: »Wohlan, Señor, der Himmel, von meinen Tränen und flehentlichen Bitten bewegt, hat es so gefügt, daß Rosinante sich nicht von der Stelle rühren kann, und wenn Ihr dennoch auf Eurem Sinn beharren und ihm Sporn und Peitsche geben wollt, so würde das heißen, das Geschick zu erzürnen und, wie man sagt, wider den Stachel zu locken.« Don Quijote geriet darob in helle Verzweiflung, und je mehr er dem Gaul die Sporen einsetzte, um so weniger konnte er ihn von der Stelle bringen. Ohne daß er auf die Zusammenschnürung des Gaules kam, hielt er es nun für geraten, ruhig zu bleiben und abzuwarten, entweder bis der Tag käme oder bis Rosinante sich wieder frei bewegen könne; denn er zweifelte gar nicht daran, daß die Geschichte von etwas ganz anderem als von einem listigen Streich Sanchos herrühre. Und daher sagte er zu ihm: »Da es einmal so ist, Sancho, daß Rosinante sich nicht rühren kann, so bin ich es zufrieden, abzuwarten, bis die Morgenröte lacht, wiewohl ich weinen möchte über die Frist, die sie zu kommen zögert.« »Es ist kein Grund zu weinen«, antwortete Sancho, »ich will Euer Gnaden mit Erzählen von allerhand Geschichten von jetzt bis zu Tagesanbruch unterhalten, wenn Ihr nicht etwa absteigen und Euch nach Brauch der fahrenden Ritter ein wenig aufs Gras werfen wollt, um zu schlafen, damit Ihr desto besser ausgeruht seid, wenn der Tag und mit ihm der Augenblick kommt, Euch an das Abenteuer ohnegleichen zu wagen, das Euer harret.« »Was heißest du absteigen; was heißest du schlafen?« sprach Don Quijote. »Gehöre ich etwa zu den Rittern, die in Gefahren der Ruhe pflegen? Schlafe du, der du zum Schlafen geboren bist, oder tue, was du sonst willst; ich aber werde tun, was meinem Vorhaben am besten ziemt.« »Erzürnt Euch nicht, werter Herre mein«, entgegnete Sancho, »ich habe es nicht in solchem Sinne gesagt.« Und sich dicht an ihn drängend, legte er die eine Hand auf den vordem, die andre auf den hintern Sattelbogen, so daß er den linken Schenkel seines Herrn umfaßt hielt, ohne daß er es wagte, sich um eines Fingers Breite von ihm zu entfernen; solche Angst empfand er ob der gewaltigen Stöße, die noch immer, einer nach dem andern, im Takt erschollen. Jetzt sagte ihm Don Quijote, er solle irgendeine Geschichte erzählen, um ihn zu unterhalten, wie er es ihm versprochen habe; worauf Sancho erwiderte, er wolle es allerdings tun, das heißt, wenn es ihm die Angst vor dem, was er höre, gestatten würde. »Aber trotz alledem«, so sprach er, »will ich mir Mühe geben, eine Geschichte vorzutragen, und wenn ich es fertigbringe, sie zu erzählen, und wenn ich nicht gestört werde, so ist es die beste unter allen Geschichten, und Ihr müßt gehörig aufmerken, denn ich fange jetzt an. Es war einmal, das ist schon lange her, und wenn was Gutes kommt, so soll's für jedermann kommen, und alles Böse soll für den sein, der nach Bösem trachtet. Und hierbei merket wohl, lieber gnädiger Herr: die Alten setzten bei ihren Märlein nicht so mir nichts, dir nichts einen beliebigen Anfang, sondern das war immer ein Spruch von Cato, dem römischen Zänkerinus, und der lautet: Alles Böse für den, der nach Bösem trachtet. Und das paßt hier, wie ein Ring an den Finger paßt, das bedeutet, daß Ihr Euch in Ruhe faßt und nirgends hingeht, nach Bösem zu trachten, sondern daß wir auf einem andern Weg zurückkehren, sintemal uns keiner zwingt, diesen Weg zu verfolgen, wo tausend Ängste über uns hereinbrechen.« »Verfolge du deine Geschichte«, sprach Don Quijote, »und für den Weg, den wir zu verfolgen haben, überlaß mir die Sorge.« »Ich sage also«, fuhr Sancho fort, »in einem Ort in Estremadura war ein Zieger, ich meine einen, der die Ziegen hütete, welcher Zieger oder Ziegenhirt, wie ich in meiner Geschichte finde, Lope Ruiz hieß; und dieser Lope Ruiz war in eine Hirtin verliebt, die Torralba hieß, welche Hirtin, die da Torralba hieß, die Tochter eines reichen Herdenbesitzers war, welcher reiche Herdenbesitzer ...« »Wenn du auf diese Weise deine Erzählung erzählst, Sancho«, sprach Don Quijote, »und zweimal wiederholst, was du sagst, wirst du nicht in zwei Tagen fertig. Sag alles ordentlich, eins nach dem andern, und erzähl es wie ein vernünftiger Mensch. Wo nicht, sag lieber nichts.« »Auf die Art, wie ich's erzähle«, antwortete Sancho, »werden bei mir zu Lande alle Märlein erzählt, und auf andre Art kann ich nicht erzählen, und Euer Gnaden tut nicht wohl daran, zu verlangen, daß ich einen neuen Brauch aufbringe.« »Sprich denn, wie du willst«, entgegnete Don Quijote, »und da ich nach des Schicksals Willen nicht vermeiden kann, dich anzuhören, so fahre fort.« »Also, herzliebster Herre mein«, fuhr Sancho fort, »wie ich schon gesagt, der Hirt war in Torralba, die Hirtin, verliebt, die war eine kugelrunde Dirne und spröde und hatte schier etwas vom Mannsbild an sich; denn sie hatte ein dünnes Schnurrbärtchen, ich meine, ich sehe sie noch vor mir.« »Also hast du sie gekannt?« fragte Don Quijote. »Ich hab sie nicht gekannt«, antwortete Sancho, »aber der mir diese Geschichte erzählt hat, der sagte mir, sie sei so gewißlich wahr, daß ich, wenn ich sie einem andern wiedererzählte, ganz wohl behaupten und beschwören könnte, ich hätte alles selber gesehen. Also wie ein Tag nach dem andern so kam und ging, so hat der Teufel, der niemals schläft und alles gern untereinanderbringt, es fertiggebracht, daß die Liebe, die der Hirt zur Hirtin trug, sich in Haß und feindseligen Sinn verwandelt hat, und die Ursache waren, wie böse Zungen sagen, eine schwere Menge Eifersüchteleien, zu denen sie ihm Anlaß gab, Dinge, die über die rechten Schranken hinausgingen und ans Verbotene grenzten; und der Hirte hatte von der Zeit an einen so großen Widerwillen gegen sie, daß er, um sie nicht mehr zu sehen, aus der Gegend wegziehen wollte, um wohin zu gehen, wo er sie nimmer vor die Augen bekäme. Die Torralba, als sie sich von Lope verschmäht sah, bekam sie ihn gleich sehr lieb, weit lieber als je zuvor.« »Das ist die eigentümliche Natur der Weiber«, sagte Don Quijote, »den zu verschmähen, der liebend um sie wirbt, und den zu lieben, der sie haßt. Fahre fort, Sancho.« »Es geschah nun«, sprach Sancho, »daß der Hirt seinen Entschluß ins Werk setzte, und seine Herde vor sich hertreibend, wanderte er durch das Gefilde von Estremadura, um nach den portugiesischen Landen hinüberzuziehen. Das hat die Torralba erfahren, ist hinter ihm hergewandert und ihm von weitem gefolgt, zu Fuß, ohne Strümpfe und Schuhe, mit einem Schäferstab in der Hand und einem Zwerchsack am Hals, worin sie, wie erzählt wird, ein Stückchen von einem Spiegel und einen halben Kamm trug und ein Töpfchen mit ich weiß nicht was für Schminke fürs Gesicht. Aber laßt sie bei sich tragen, was sie tragen mag, ich will mich jetzt nicht damit aufhalten, es näher zu ermitteln. Ich will nur sagen, daß man sagt, der Hirt kam mit seiner Herde hin, um über den Fluß Guadiana zu setzen, und der war um selbige Jahreszeit hoch angeschwollen und schier über seine Ufer getreten; und am Orte, wo er hinkam, war kein Boot und keine Fähre und kein Ferge, der ihn und seine Herde aufs andre Ufer hinüberbrächte, worüber er sich sehr betrübte; denn er sah, daß die Torralba schon ganz nahe war und ihm gewiß mit ihren Bitten und Tränen sehr beschwerlich fallen würde. Jedennoch, er tat sich lange umschauen, bis er zuletzt einen Fischer erblickte, der ein Boot bei sich hatte, und das war so klein, daß nur eine Person mit einer Ziege hineinging; aber trotzdem sprach er ihn an und wurde handelseinig mit ihm, er solle ihn übersetzen und die dreihundert Ziegen, die er bei sich hatte. Der Fischer stieg ins Boot und setzte eine Ziege über, fuhr zurück und setzte wieder eine über, fuhr abermals zurück und setzte abermals eine über; nun wolle Euer Gnaden genaue Rechnung über die Ziegen führen, die der Fischer nach und nach übersetzt; denn wenn sich Euch eine aus dem Gedächtnis verliert, so ist die Geschichte gleich aus, und es wird unmöglich, nur noch ein Wörtlein davon zu erzählen. Ich gehe also weiter und sage, der Landungsplatz auf dem andern Ufer war voller Kot und schlüpfrig, und der Fischer brachte lange zu mit dem Hinüber- und Herüberfahren; aber dessenungeachtet fuhr er zurück, um wieder eine Ziege zu holen, und wieder eine und nochmals eine.« »Nimm an, er habe sie alle übergesetzt«, sagte Don Quijote, »und fahre nicht ewig so hinüber und wieder herüber, sonst wirst du in einem ganzen Jahr nicht fertig mit dem Übersetzen deiner Ziegen.« »Wieviel Ziegen sind nun jetzt hinüber?« fragte Sancho. »Wie, zum Teufel, soll ich das wissen?« antwortete Don Quijote. »Das eben habe ich ja gesagt, Ihr solltet genaue Rechnung führen; denn, bei Gott, die Erzählung ist aus, es läßt sich unmöglich fortfahren.« »Wie kann das sein?« entgegnete Don Quijote; »ist es denn so wesentlich bei der Geschichte, die übergesetzten Ziegen Stück für Stück zu wissen, daß du, wenn man sich um eine in der Zahl irrt, mit der Erzählung nicht fortfahren kannst?« »Nein, Señor, ich kann's durchaus nicht«, erwiderte Sancho; »denn als ich Euer Gnaden fragte, wieviel Ziegen hinüber seien, und Ihr mir antwortetet, Ihr wüßtet es nicht, im selben Augenblick ging mir alles aus dem Gedächtnis weg, was noch übrig zu sagen war, und wahrhaftig, es war höchst wertvoll und ergötzlich.« »Demnach«, sagte Don Quijote, »ist's mit der Geschichte jetzt aus?« »So aus ist's wie mit meiner Mutter selig«, sprach Sancho. »In Wahrheit sage ich dir«, entgegnete Don Quijote, »du hast da eine ganz neue Mär oder Erzählung oder Geschichte vorgebracht, eine der merkwürdigsten in der Welt, die jemand zu erdenken vermöchte, und eine solche Art, sie zu erzählen und sie abzubrechen, wird man all seine Lebtage nicht so leicht wiederfinden und hat sie noch niemals gefunden. Ich habe in der Tat von deinem Scharfsinn nichts andres erwartet. Aber ich wundre mich nicht darüber; denn wohl mag dir das unaufhörliche Stampfen den Geist wirr gemacht haben.« »Das kann alles sein«, antwortete Sancho, »aber ich weiß ganz sicher, in meiner Erzählung läßt sich nichts weiter sagen; denn wo der Irrtum im Zählen der Ziegen anfängt, da hört die Geschichte auf.« »Mag sie in Gottes Namen aufhören, wo sie will«, sagte Don Quijote, »wir aber wollen zusehen, ob Rosinante sich jetzt von der Stelle rühren kann.« Er gab dem Gaul nun wiederum die Sporen, und der sprang wieder in kurzen Sätzen in die Höhe und blieb dann stehen, so festgebunden war er. Jetzt aber – ob nun die Kühle des bereits nahenden Morgens daran schuld war oder ob Sancho am Abend allerlei Abführendes verspeist hatte oder ob es nur der naturgemäße Verlauf der Dinge war, was am ehesten glaublich ist –, jetzt kam ihn der Wunsch und Drang an, zu verrichten, was kein andrer für ihn verrichten konnte. Indessen war die Furcht, die in sein Herz eingezogen, so groß, daß er sich nicht getraute, von seines Herrn Seite nur um die Breite des Schwarzen am Nagel zu weichen. Daß er aber daran dächte, von seinem Gelüste abzustehen, das war ebenso unmöglich. Was er nun tat, um aus der Klemme zu kommen, war dies: er nahm die rechte Hand vom hintern Sattelbogen weg und zog dann mit ihr behutsam und in aller Stille die laufende Schleife auf, die allein und ohne weiteres Hilfsmittel seine Hosen in die Höhe hielt, und sowie er sie gelöst, fielen die Hosen sofort herab und hingen um ihn her wie Beinschellen. Hierauf zog er, so gut es ging, das Hemd in die Höhe und streckte in die Lüfte zwei Sitzteile hinaus, die nicht allzu klein waren. Dieses vollbracht – und er glaubte, es sei damit das meiste bereits geschehen, was er zur Rettung aus diesen schrecklichen Bedrängnissen und Ängsten zu tun hatte –, überkam ihn eine andre, noch größere Besorgnis; es bedünkte ihn nämlich, er werde nicht ohne Geräusch und Lärm sein Geschäft verrichten können. Da begann er die Zähne zusammenzubeißen und die Schultern hochzuziehen und den Atem soweit nur möglich anzuhalten; aber unerachtet all dieser Vorsichtsmaßregeln war er so unglücklich, daß er zuletzt ein kleines Geräusch hören ließ, sehr verschieden von dem, das ihn so sehr in Besorgnis setzte. Don Quijote hörte es und fragte: »Was für ein Getöne ist dieses, Sancho?« »Ich weiß nicht, Señor«, antwortete er, »das muß ein neues Begebnis sein; denn bei jedem Abenteuer ist es nicht geheuer, und Glück und Unglück fängt nimmer mit Kleinem an.« Jetzt begann er wieder sein Glück zu versuchen, und es gelang ihm so wohl, daß er ohne ein weiteres Geräusch und Getöse sich endlich von der Last befreit sah, die ihm so viele Not gemacht hatte. Aber da bei Don Quijote der Sinn des Geruchs so entwickelt war wie der des Gehörs und Sancho sich so dicht an ihn geheftet hielt, daß die Düfte beinahe in gerader Linie aufstiegen, so konnte es nicht fehlen, daß etwelche in des Ritters Nase drangen, und kaum war das geschehen, da kam er ihr schon zu Hilfe und klemmte sie zwischen die Finger und sprach mit näselndem Ton: »Mich bedünkt es, Sancho, du hast große Furcht.« »Freilich hab ich die; aber woran merkt das Euer Gnaden jetzt mehr als sonst?« »Daran, daß du jetzt mehr als sonst riechst, und nicht nach Ambra«, antwortete Don Quijote. »Das kann wohl sein«, sagte Sancho, »aber ich habe keine Schuld daran, sondern Ihr, der Ihr mich bei nachtschlafender Zeit umherschleppt, ein Leben zu führen, wie ich platterdings nicht gewohnt bin.« »Ziehe dich drei, vier Schritte seitwärts, Freund«, sprach Don Quijote – alles das, ohne die Finger von der Nase wegzunehmen –, »und hinfüro berücksichtige besser, wer du bist und was du mir schuldig bist; die häufigen Gespräche, die ich mit dir führe, haben diese Mißachtung erzeugt.« »Ich will wetten«, entgegnete Sancho, »Euer Gnaden meint, ich hätte etwas mit mir vorgenommen, was ich nicht sollte.« »Es wird schlimmer, wenn man dran rührt«, versetzte Don Quijote. Mit diesen Gesprächen und andern ähnlicher Art verbrachten Herr und Diener die Nacht. Als aber Sancho bemerkte, daß der Morgen mit starken Schritten herankomme, schnürte er Rosinante mit größter Behutsamkeit los und band sich die Hosen fest. Wie Rosinante sich frei sah, schien er, wenn er auch von Hause aus keineswegs feurig war, sich doch einmal zu fühlen und stampfte etlichemal mit den Vorderfüßen, denn aufs Kurbettieren – er möge es nicht übelnehmen –, darauf verstand er sich nicht. Wie nun Don Quijote sah, daß Rosinante sich wieder rührte, hielt er es für ein gutes Zeichen, und zwar für das Zeichen, daß er sich an jenes erschreckliche Abenteuer wagen solle. Inzwischen hatte die Morgenröte ihr Antlitz völlig entschleiert, die Gegenstände wurden deutlicher, und Don Quijote sah, daß er sich unter hohen Kastanienbäumen befand, die einen sehr dunkeln Schatten warfen. Er hörte auch, daß das Stampfen nicht nachließ, aber er sah nicht, wer es veranlassen mochte, und so, ohne längeres Zögern, ließ er Rosinante die Sporen fühlen, und indem er nochmals von Sancho Abschied nahm, gebot er ihm, drei Tage höchstens seiner hier zu warten, wie er es ihm schon früher gesagt; und wenn er mit Schluß dieser Frist nicht zurückgekehrt sei, so möge er es als gewiß annehmen, es habe Gott beliebt, daß bei diesem gefahrvollen Abenteuer seine Tage zu Ende kommen sollten. Er wiederholte ihm die Meldung und Botschaft, die er von ihm seiner Herrin Dulcinea überbringen sollte; und bezüglich des Lohns für seine Dienste möge er keine Sorge haben, denn er habe, bevor er aus seinem Dorfe geschieden, sein Testament fertig hinterlassen, in dem Sancho sich für alles, was seinen Lohn betreffe, im Verhältnis zu seiner Dienstzeit befriedigt finden werde. Wenn aber Gott ihn aus dieser Gefahr heil und gesund und ohne Schädigung hervorgehen lasse, so könne er auf die versprochene Insul sicherer als sicher rechnen. Aufs neue fing Sancho zu weinen an, als er aufs neue die betrübsamen Worte seines guten Gebieters vernahm, und entschloß sich, ihn bis zum letzten Ausgang und Ende dieses Handels nicht zu verlassen. (Aus Sanchos Tränen und so ehrenhaftem Entschluß folgert der Verfasser dieser Geschichte, er müsse von guter Art und altchristlichem Geblüt gewesen sein.) Diese Gesinnungen rührten seinen Herrn einigermaßen, doch nicht so sehr, daß er irgend Schwäche gezeigt hätte; vielmehr sein Gefühl, so gut er konnte, verhehlend, schlug er den Weg nach der Gegend ein, woher das Getöse des Wassers und des Stampfens zu kommen schien. Sancho folgte ihm zu Fuß und führte, wie er zur Gewohnheit hatte, an der Halfter seinen Esel, den ewigen Genossen seiner glücklichen und unglücklichen Schicksale. Als sie ein gut Stück Weges unter diesen Kastanienbäumen und schattigen Wipfeln zurückgelegt, gelangten sie auf einen kleinen Wiesenrain am Fuße hoher Felsen, von denen ein mächtiger Schwall Wassers herniederstürzte. Am Fuße der Felsen standen etliche schlecht aussehende Hütten, die eher Trümmer von Gebäuden als Häuser schienen, und sie hörten nun, daß aus deren Mitte das Gelärm und Getöse jenes Stampfens hervorscholl, das noch immer nicht aufhörte. Vor dem Tosen des Wassers und des Stampfens scheute Rosinante, und indem Don Quijote ihn beruhigte, ritt er Schritt vor Schritt zu den Häusern hin, wobei er sich seiner Gebieterin von ganzem Herzen empfahl und sie anflehte, ihm bei dieser erschrecklichen Kriegsfahrt und Rittertat beizustehen, und dabei sich auch Gott empfahl, daß er sein nicht vergesse. Sancho wich ihm nicht von der Seite und streckte zwischen Rosinantes Beinen den Hals und das Gesicht vor, soviel wie möglich, um zu sehen, ob er endlich entdecken könne, was ihn so in Spannung und Ängsten hielt. Noch weitere hundert Schritte mochten sie zurückgelegt haben, da zeigte sich ihnen beim Umbiegen um eine Ecke unverdeckt und offenbar die eigentliche Ursache – eine andre konnte es nicht sein – jenes grausig schallenden und ihnen so entsetzlichen Getöses, das sie die ganze Nacht so in Spannung und Furcht gehalten; und es waren – wenn es dir, o Leser, nicht zum Verdruß und Ärgernis gereicht –, es waren sechs Stämpfel einer Walkmühle, die mit ihrem abwechselnden Auf- und Niederstoßen den Lärm verursachten. Als Don Quijote sah, was es war, verstummte er und ward starr von oben bis unten. Sancho schaute ihn an und sah, daß er den Kopf auf die Brust hängen ließ, was deutlich verriet, daß er sich beschämt fühlte. Auch Don Quijote schaute seinen Knappen an und sah, daß er die Backen aufgeblasen und den Mund zum Lachen verzogen hatte, mit unverkennbarem Anzeichen, daß er herausplatzen wolle; und sein Trübsinn vermochte doch nicht so viel über ihn, daß er beim Anblick Sanchos das Lachen hätte unterdrücken können. Wie aber Sancho bemerkte, daß sein Herr den Anfang gemacht hatte, ließ er sich freien Lauf, so unaufhaltsam, daß er sich mit beiden Fäusten die Seiten halten mußte, um nicht vor Lachen zu bersten. Vielmal hielt er inne, und ebenso vielmal brach er wieder so gewaltsam wie zu Anfang in Lachen aus. Schon hierüber war Don Quijote des Teufels; aber es kam noch ärger, als er Sancho wie zum Hohn sagen hörte: »Du mußt wissen, Freund Sancho, daß ich durch des Himmels Fügung in diesem eisernen Zeitalter zur Welt kam, um in demselben das Goldne zur Auferstehung zu wecken; ich bin der, dem die Gefahren, die Großtaten, die Werke des Heldentums vorbehalten sind.« Und so wiederholte er nacheinander die sämtlichen oder doch die meisten Worte, die Don Quijote das erstemal, als sie das erschreckliche Stampfen hörten, gesprochen hatte. Als nun Don Quijote sah, daß Sancho sich über ihn lustig machte, verdroß und erzürnte es ihn dermaßen, daß er seinen Spieß erhub und seinem Knappen zwei solche Schläge versetzte, daß, wenn dieser sie so, wie er sie auf den Rücken bekam, auf den Kopf bekommen hätte, der Ritter von der Verpflichtung, den Lohn zu zahlen, befreit gewesen wäre, es müßte denn an dessen Erben sein. Als Sancho merkte, daß er für seinen Scherz so bösen Ernst einheimste, bekam er Angst, sein Herr möchte darin noch weitergehen, und sprach mit großer Demut: »So beruhigt Euch doch, gnädiger Herre, ich machte bei Gott nur Spaß.« »So?« antwortete Don Quijote, »wenn Er Spaß macht, ich spaße nicht. Komm Er mal her, Bruder Lustig; meint Er etwa, wenn dies nicht Stampfel einer Walkmühle gewesen wären, sondern sonst ein gefahrvolles Abenteuer, ich hätte nicht den Mut bewiesen, der zur Unternehmung und Vollführung eines solchen gehört? Bin ich als Ritter etwa verpflichtet, die Töne zu kennen und zu unterscheiden und zu wissen, welche von einer Walkmühle herrühren und welche nicht? Zumal es auch sein könnte, und es ist so in der Tat, daß ich in meinem Leben keine gesehen habe, während Er sie wohl gesehen haben muß als ein schlechter Bauer, der Er ist, inmitten derselben geboren und erzogen. Andernfalls mache Er doch einmal, daß diese sechs Stämpfel sich in sechs Riesen verwandeln, und stelle sie mir vors Gesicht, einen nach dem andern oder alle zusammen, und wenn ich sie nicht alle niederwerfe, daß sie die Pfoten in die Luft hinaufstrecken, dann mache Er sich lustig über mich nach Belieben.« »Laßt genug sein, Herre mein«, versetzte Sancho, »ich bekenne ja, daß ich im Scherze zu weit gegangen bin. Aber sagt mir doch jetzt, wo wir wieder gut miteinander sind, so wahr soll Euch Gott aus allen Abenteuern, die Euch aufstoßen, so heil und gesund heraushelfen, wie er Euch aus diesem geholfen: war's nicht zum Lachen und ist's nicht zum Lachen, wenn man es erzählt, wie große Angst wir hatten? Wenigstens wie ich meinesteils hatte; denn von Euer Gnaden weiß ich ja, Ihr kennt keine, Ihr wißt nicht, was Furcht und Schrecken ist.« »Ich stelle nicht in Abrede«, entgegnete Don Quijote, »was uns begegnete, ist lachenswert; aber es ist nicht des Erzählens wert; denn nicht jedermann hat so viel Verstand, um eine Sache am richtigen Ende anzufassen.« »Wenigstens«, versetzte Sancho, »verstanden Euer Gnaden Dero Spieß am richtigen Ende anzufassen und ihn mir richtig nach dem Kopf zu richten und mich freilich nur auf den Rücken zu treffen, Dank sei Gott und der hurtigen Vorsorge, mit der ich seitwärts auswich. Na ja, Ende gut, alles gut; und ich hab sagen hören, wen Gott lieb hat, den züchtigt er. Zudem heißt es, wenn vornehme Herren einem Diener ein böses Wort gesagt haben, pflegen sie ihm gleich darauf ein Paar Hosen zu schenken; aber ich weiß nicht, was sie ihm zu schenken pflegen, wenn sie ihn mit Prügeln beschenkt haben, falls nicht etwa die fahrenden Ritter Insuln schenken oder auch Königreiche auf dem festen Lande.« »Wohl könnten die Würfel so fallen«, sprach Don Quijote, »daß alles, was du sagst, am Ende zur Wirklichkeit würde. Jetzt entschuldige, was geschehen, da du verständig bist und weißt, daß der Mensch die ersten Regungen nicht in der Gewalt hat. Und habe du hinfüro acht auf eines, daß du dich im Zaume haltest und unterlassest, in dreister Weise mit mir zu sprechen; denn in den Ritterbüchern allen, die ich gelesen – und die sind zahllos –, habe ich nie gefunden, daß irgendwelcher Schildknappe so viel mit seinem Herrn gesprochen wie du mit dem deinigen; und in Wahrheit, ich rechne dies dir und mir für einen großen Fehler an: dir, insofern du mir geringe Ehrerbietung erweisest, mir, insofern ich mir nicht höhere Ehrerbietung erweisen lasse. War doch Gandalin, der Schildknappe des Amadís von Gallien, Graf von der Festland-Insel, und man liest von ihm, wenn er mit seinem Herrn sprach, hatte er immer die Mütze in der Hand und more turquesco den Kopf geneigt und den Körper gebückt. Und dann, was sollen wir von Gasabál, dem Schildknappen Don Galaors, sagen, der so schweigsam war, daß, um uns den hohen Grad seines wundersamen Stillschweigens klarzumachen, sein Name in jener so großartigen wie wahrhaften Geschichte nur ein einziges Mal genannt wird! Aus all dem, was ich gesagt, wirst du schließen, Sancho, daß es unerläßlich ist, zwischen Herrn und Knecht, Gebieter und Diener, Ritter und Knappen einen Unterschied zu machen. Sonach wollen wir von heut an einander fürderhin mit mehr Achtung behandeln und uns nicht foppen; denn in welcher Weise auch immer ich mich über Ihn erzürnen mag, so wird es für den irdenen Topf immer schlimm ausgehen. Die Gnadenerweise und Vergabungen, die ich Ihm versprochen, werden schon zu ihrer Zeit kommen, und wenn sie nicht kommen sollten, so wird wenigstens der Dienstlohn nicht verlorengehen, wie ich Ihm schon gesagt habe.« »Alles das ist ganz gut, was Euer Gnaden sagt«, sprach Sancho, »aber ich möchte wissen – falls etwa die Zeit für die Gnadenbeweise nicht kommen sollte und es nötig würde, die Zeit des Dienstlohns in Betracht zu ziehen –, wieviel der Schildknappe eines fahrenden Ritters in jenen Zeiten verdiente und ob sie auf den Monat eins wurden oder auf den Tag, wie ein Handlanger beim Maurer.« »Ich glaube nicht«, sagte Don Quijote, »daß die besagten Schildknappen jemals um Lohn dienten, sondern nur auf das Belieben ihrer Herren; und wenn ich dir nun in dem verschlossenen Testament, das ich in meinem Hause zurückließ, einen Lohn ausgesetzt habe, so geschah es in Voraussicht kommender Möglichkeiten, weil ich noch nicht weiß, wie in diesen unsern unglückseligen Zeiten das Rittertum sich bewährt, und ich nicht möchte, daß um Kleinigkeiten meine Seele in jener Welt Pein erlitte; denn in dieser, mußt du wissen, Sancho, gibt es ohnehin keinen gefahrvolleren Beruf als den der abenteuernden Ritter.« »Allerdings ist dies wahr«, sprach Sancho, »sintemal schon das bloße Gelärm der Stämpfel einer Walkmühle das Herz eines fahrenden Abenteurers von solcher Tapferkeit wie Euer Gnaden in Unruhe und Bestürzung bringen konnte. Aber Ihr könnt vollständig sicher sein, daß ich von jetzt an meine Lippen nicht mehr auftun will, um über irgend etwas, das Euer Gnaden betrifft, mir einen Scherz zu erlauben, nein, sondern nur um Euch als meinen Gebieter und angebornen Herrn zu ehren.« »Tue so«, erwiderte Don Quijote, »auf daß du lange lebest auf Erden; denn nach Vater und Mutter muß man die Dienstherren ehren, als ob sie die Eltern selbst wären.« 21. Kapitel Welches von dem großartigen Abenteuer mit dem Helme Mambrins handelt und wie derselbige zur reichen Beute gewonnen ward, benebst anderem, was unserm unbesieglichen Ritter zustieß Indem begann es ein wenig zu regnen, und Sancho hätte es gern gesehen, sie wären in die Walkmühle eingekehrt; aber gegen diese hatte Don Quijote wegen des Schimpfes und Spottes von vorher einen solchen Widerwillen, daß er sie durchaus nicht betreten wollte. Sie bogen daher nach rechts ab und gerieten auf einen andern Weg, als den sie tags zuvor eingeschlagen hatten. Bald darauf bekam Don Quijote einen Reiter zu Gesicht, der auf dem Kopfe ein Ding trug, das wie Gold glänzte, und kaum hatte er ihn erblickt, da wandte er sich zu Sancho und sprach: »Es will mich bedünken, Sancho, es gibt kein Sprichwort, das nicht die Wahrheit sagt; denn alle sind sie Sprüche, die aus der Erfahrung selbst, der Mutter aller Wissenschaften, entnommen sind, namentlich jenes, das da lautet: ›Wo eine Tür sich schließt, tut sich eine andre auf.‹ Ich sage dies deshalb: wenn das Glück diese Nacht uns seine Tür zuschloß, als wir es suchten und es uns mit den Mühlstämpfeln täuschte, so schließt es uns anjetzo eine andre weit auf zu einem andern, besseren, einem zweifelloseren Abenteuer, und wenn es mir nicht gelingt, durch diese Tür einzugehen, so wird die Schuld die meine sein, ohne daß ich sie auf meine geringe Kenntnis von Mühlstämpfeln oder auf die Dunkelheit der Nacht schieben darf. Und dies sag ich, weil, wenn ich mich nicht täusche, jemand auf uns zukommt, der den Helm des Mambrin auf dem Kopfe trägt, ob dessen ich den Schwur getan, den du kennst.« »Bedenke Euer Gnaden ernstlich, was Ihr sagt, und noch ernstlicher, was Ihr tut«, sprach Sancho; »denn ich wünschte nicht, daß es wieder Mühlstämpfel wären, die uns den Verstand vollends zerstampften und zerschlügen.« »Hol dich der Teufel, Mensch!« versetzte Don Quijote; »was hat der Helm mit Mühlstämpfeln zu tun?« »Ich weiß nicht«, antwortete Sancho, »aber, meiner Treu, dürfte ich so viel reden, wie ich sonst pflegte, vielleicht gab ich solche Gründe an, daß Euer Gnaden einsähen, wie Ihr in dem, was Ihr sagt, Euch geirrt habt.« »Wie kann ich darin irren, du Treuloser voller Bedenklichkeiten?« sprach Don Quijote. »Siehst du nicht jenen Ritter, der auf einem Apfelschimmel uns entgegenkommt und einen goldenen Helm auf dem Haupte trägt?« »Was ich sehe und erspähe«, entgegnete Sancho, »ist nichts andres als ein Mann auf einem Esel, dunkelgrau wie der meinige, der auf dem Kopfe etwas Glänzendes trägt.« »Das ist eben der Helm des Mambrin«, sagte Don Quijote, »mach dich auf die Seite und laß mich allein mit ihm, da wirst du sehen, wie ich, ohne ein Wort zu reden, um Zeit zu ersparen, mit diesem Abenteuer zu Ende komme und der Helm mein wird, den ich so sehr ersehnt habe.« »Mich auf die Seite machen, das will ich schon besorgen«, erwiderte Sancho, »aber Gott gebe, sag ich noch einmal, daß wir auf einen grünen Zweig kommen und nicht in die Walkmühle.« »Ich habe Ihm schon gesagt, guter Freund, Er soll mir nicht mehr, nicht einmal in Gedanken, die Geschichte mit der Walkmühle erwähnen«, sprach Don Quijote, »sonst gelobe ich ... Ich will jetzt nichts weiter sagen, aber ich walke Ihm die Seele aus dem Leibe.« Sancho schwieg aus Furcht, sein Herr möchte das Gelöbnis in Ausführung bringen, das er ihm so mitten ins Gesicht geschleudert. Es hatte aber mit dem von Don Quijote gesehenen Helm, Roß und Reiter folgende Bewandtnis: In dieser Gegend befanden sich zwei Ortschaften, die eine so klein, daß sie weder Apotheke noch Barbier hatte, die andre, dicht dabeiliegende hingegen hatte beides, und so bediente der Barbier der größeren auch die kleinere. In der letzteren sollte ein Kranker zur Ader gelassen und einem andern der Bart geschoren werden, und deshalb kam der Barbier und hatte eine Bartschüssel von Messing bei sich. Das Schicksal wollte, daß es gerade zu regnen anfing, und damit sein Hut, der wohl neu sein mochte, keine Wasserflecken bekomme, stülpte er die Bartschüssel auf den Kopf, welche, weil sie sauber poliert war, eine halbe Meile weit glitzerte. Er ritt auf einem grauen Esel, wie Sancho gesagt hatte, und dies war der Anlaß, daß ein Apfelschimmel und ein Ritter und ein goldner Helm sich vor Don Quijotes Augen zeigten. Denn alles, was er sah, wußte er seinem wahnwitzigen Ritterwesen und seinen Phantasien von fahrenden Abenteurern, womit er so übel fuhr, mit großer Leichtigkeit anzupassen. Und als er sah, daß der arme Reiter näher kam, legte er den gesenkten Spieß ein, ohne sich in Worte mit ihm einzulassen, und sprengte im vollsten Lauf Rosinantes auf ihn zu in der Absicht, ihn durch und durch zu stoßen; und wie er ihn erreichte, rief er, ohne seinen rasenden Galopp zu mäßigen: »Verteidige dich, elendes Geschöpf, oder überantworte mir aus freien Stücken, was mir mit so großem Rechte gebührt.« Der Barbier, der, ohne dergleichen irgendwie geahnt oder befürchtet zu haben, sah, wie diese Spukgestalt über ihn herstürzte, hatte kein andres Mittel, sich vor dem Lanzenstoß zu wahren, als von seinem Esel herabzugleiten, und kaum hatte er den Boden berührt, da sprang er flüchtiger als ein Hirsch wieder auf und begann über das Blachfeld zu rennen, daß ihn der Wind nicht eingeholt hätte. Er ließ die Bartschüssel am Boden liegen; mit dieser begnügte sich Don Quijote und sagte, der Heide habe klug gehandelt und den Biber nachgeahmt, der, wenn er sich von den Jägern heftig bedrängt sieht, sich mit den Zähnen dasjenige abbeißt und wegreißt, wegen dessen, wie sein angeborner Instinkt ihn belehrt, er verfolgt wird. Er befahl Sancho, den Helm aufzuheben; dieser nahm ihn in die Hand und sprach: »Bei Gott, die Barbierschüssel ist nicht übel und ist ihre acht Realen so gut wie einen Pfennig wert.« Damit gab er sie seinem Herrn; der setzte sie gleich auf den Kopf, drehte sie von einer Seite auf die andre, suchte den unteren Verschluß und sprach, als er keinen daran fand: »Ohne Zweifel muß der Heide, nach dessen Maß dieser herrliche Turnierhelm ursprünglich geschmiedet worden, einen sehr großen Kopf gehabt haben, und das schlimmste ist, daß die untere Hälfte daran fehlt.« Als Sancho die Barbierschüssel einen Turnierhelm nennen hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken; aber es kam ihm die Zornmütigkeit seines Herrn in den Sinn, und er hielt mitten in seiner Heiterkeit inne. »Worüber lachst du, Sancho?« fragte Don Quijote. »Ich lache«, antwortete Sancho, »weil ich an den großen Kopf des Heiden denke, der diesen Helm besaß, welcher nichts anderm als einer Barbierschüssel aufs Haar gleichsieht.« »Weißt du, Sancho, wie ich es mir vorstelle? Daß dies herrliche Stück von dem gefeiten Helm durch irgendeinen merkwürdigen Zufall jemandem in die Hände gefallen ist, der seinen Wert nicht zu erkennen und nicht zu schätzen wußte. Jedoch in der Gewißheit, daß er vom feinsten Golde war, muß er, ohne zu ahnen, was er tat, die eine Hälfte eingeschmolzen haben, um sie zu Geld zu machen, und aus der andern Hälfte machte er, was den Anschein einer Barbierschüssel hat, wie du sagst. Doch sei dem, wie ihm wolle; mir, der ich den Helm kenne, macht seine Veränderung gar nichts aus; am ersten besten Ort, wo sich ein Schmied findet, will ich ihn so zurechtmachen lassen, daß ihm jener Helm nicht voranstehen, ja nicht gleichkommen soll, den der Gott der Schmiedekunst für den Gott der Schlachten gefertigt und geschmiedet hat. Mittlerweile werde ich ihn tragen, so gut es geht; denn etwas ist besser als nichts, zumal er jedenfalls hinreichen wird, mich vor einem Steinwurf zu schirmen.« »Das«, sprach Sancho, »kann der Fall sein, wenn man nicht aus Schleudern wirft, wie es in der Schlacht zwischen den zwei Kriegsheeren geschah, wo sie Euer Gnaden auf die Backenzähne regneten und Euch das Krüglein zerbrachen, darin jener hochgebenedeite Trank war, der mich schier nötigte, die Eingeweide herauszubrechen.« »Es tut mir nicht besonders leid, daß er mir abhanden gekommen«, sagte Don Quijote, »denn du weißt ja, Sancho, daß ich das Rezept dazu im Gedächtnis habe.« »Auch ich hab's im Gedächtnis«, erwiderte Sancho, »aber wenn ich ihn jemals im Leben bereite oder versuche, das soll meine letzte Stunde sein; besonders da ich nicht gedenke, mich in Gelegenheiten einzulassen, wo ich ihn nötig haben könnte, vielmehr mit all meinen fünf Sinnen darauf achthaben und mich hüten will, daß ich Wunden weder schlage noch geschlagen bekomme. Ob ich etwa noch einmal gewippt werde, davon will ich nicht reden; denn vor dergleichen Unfällen kann man sich nicht gut wahren; und wenn sie eintreffen, läßt sich nichts tun, als die Schultern an den Kopf zu ziehen, den Atem an sich zu halten, die Augen zu schließen und sich gehn zu lassen, wohin das Schicksal und die Bettdecke uns schleudern will.« »Du bist ein schlechter Christ, Sancho«, sprach Don Quijote, als er das hörte, »denn du vergissest nimmer die Kränkung, die man dir einmal angetan. Aber wisse, daß es die Art edler, großmütiger Herzen ist, Kindereien unbeachtet zu lassen. Welchen Fuß hat man dir gelähmt, welche Rippe dir zerbrochen, wo den Kopf dir zerschlagen, daß du den Possen, den man dir gespielt, nicht vergessen kannst? Denn alles wohl erwogen, war es doch nur Scherz und Zeitvertreib; und wenn ich es nicht dafür ansähe, wäre ich längst dorthin zurückgekehrt und hätte zur Rache für dich mehr Unheil angerichtet als die Griechen um der geraubten Helena willen, welche, wenn sie in der jetzigen Zeit oder meine Dulcinea in jener gelebt hätte, sicher gewesen wäre, keinen so großen Ruf der Schönheit zu erlangen, als sie besitzt.« Und hierbei stieß er Seufzer bis hoch in die Wolken aus. Und Sancho sprach: »So mag's denn für Scherz hingehn, da aus der Rache doch kein Ernst werden kann. Aber ich weiß, wie der Ernst und wie der Scherz beschaffen war, und ich weiß auch, daß er niemals meinem Gedächtnis entschwinden wird, geradeso, wie man ihn niemals meinem Rücken wieder abnehmen kann. Indes, lassen wir das beiseite und sagt mir, was wir mit diesem Apfelschimmel anfangen sollen, der wie ein grauer Esel aussieht, den jener Martin, den Euer Gnaden niedergeworfen, hier herrenlos im Stich gelassen. Denn nach der Eile zu schließen, mit der jener sich aus dem Staube machte und das Hasenpanier ergriff, hat er keine Lust, ihn jemals wiederzuholen, und bei meinem Bart, der Graue ist ein tüchtiges Tier.« »Nimmer bin ich dessen gewohnt«, entgegnete Don Quijote, »die ich besiege zu plündern, noch ist es Ritterbrauch, ihnen das Roß zu nehmen und sie zu Fuße ziehen zu lassen, wenn nicht etwa der Sieger das seine im Kampf eingebüßt hat; denn in solchem Fall ist es verstattet, das des Besiegten zu nehmen als in ehrlicher Fehde gewonnen. Sonach, Sancho, laß diesen Gaul oder Esel oder für was du ihn sonst ausgeben willst; denn sobald sein Herr uns von hier entfernt sieht, wird er zurückkehren, ihn zu holen.« »Gott weiß«, entgegnete Sancho, »wie gern ich ihn mitnehmen oder wenigstens gegen den meinigen vertauschen möchte, der mir lange nicht so gut scheint. Wahrlich, streng sind die Gesetze des Rittertums, da sie nicht einmal so weit zu gehen verstatten, daß man einen Esel gegen einen andern vertausche. Ich möchte aber wissen, ob ich nicht wenigstens das Geschirr vertauschen darf.« »Darin bin ich nicht ganz sicher«, antwortete Don Quijote, »und im Zweifelsfall, bis ich einmal eines Bessern belehrt bin, sage ich, daß du es vertauschen magst, sofern du dessen dringend benötigt bist.« »So dringend bin ich dessen benötigt«, erwiderte Sancho, »daß, wenn das Eselsgeschirr meiner eignen Person dienen sollte, ich es nicht nötiger haben könnte.« Und da er nun mit Berechtigung und Bestallung versehen war, nahm er alsogleich die mutatio capparum vor und putzte sein Tier aufs allerfeinste heraus, indem er es mit allen verfügbaren Vermögensteilen aus der Hinterlassenschaft des andern Esels bereicherte. Dies vollbracht, frühstückten sie von den Überbleibseln, die sie aus dem Feldlager des Packesels erbeutet hatten. Sie tranken Wasser vom Bach der Walkmühle, ohne ihr das Gesicht zuzuwenden, so großen Widerwillen hatten sie gegen selbige wegen der Angst, in die sie die Stämpfel versetzt hatten. Nachdem dergestalt der Zorn und auch die Schwermut gänzlich abgetan waren, stiegen sie auf, und ohne einen bestimmten Weg einzuschlagen – weil es die Art der fahrenden Ritter ist, niemals eine bestimmte Richtung zu verfolgen –, ritten sie, wohin Rosinantes Belieben ging; denn dessen Willen zog stets den seines Herrn und auch den des Esels nach sich, welcher unverbrüchlich, wohin auch immer der Gaul voranschritt, ihm in redlicher Liebe und Brüderlichkeit folgte. Bei alledem gerieten sie wieder auf die Landstraße und zogen dieselbe entlang, aufs Geratewohl und ohne irgendeinen Plan. Während sie so des Weges ritten, sprach Sancho zu seinem Herrn: »Señor, will mir Euer Gnaden die Vergünstigung zukommen lassen, daß ich eine kleine Zwiesprache mit Euch halte? Denn seit Ihr mir das harte Gebot des Stillschweigens auferlegtet, sind mir schon vier Gedanken und mehr im Magen verfault; und einen, den ich jetzt auf der Zungenspitze habe, den möchte ich nicht umkommen lassen.« »Sag ihn her«, sprach Don Quijote, »und sei kurz in deinen Reden; denn keine ist angenehm, wenn sie weitschweifig ist.« »Ich sage also, Señor«, versetzte Sancho, »seit einigen Tagen bis zum heutigen habe ich mir's überlegt, wie wenig man dabei Gewinn und Nutzen hat, auf die Suche nach diesen Abenteuern zu gehn, die Euer Gnaden diese Einöden und Kreuzwege entlang sucht. Denn hier, wenn Ihr auch die allergefährlichsten siegreich besteht und zu Ende führt, ist niemand da, sie zu sehen und zu erfahren; und so müssen sie in ewigem Stillschweigen verbleiben, zum Nachteil Eurer Absicht und all dessen, was sie verdienen. Demnach wäre es meines Erachtens weit eher geraten, unvorgreiflich Eurer bessern Beurteilung, wir sollten hinziehn, irgendeinem Kaiser oder sonst einem großen Fürsten zu dienen, der da einen Krieg auf dem Hals hätte und in dessen Diensten Euer Gnaden die Mannhaftigkeit Eurer Person, Eure große Kraft und Euren Verstand, der noch größer ist, an den Tag legen kann; und sobald der Herr, dem wir alsdann dienen würden, dies alles ersehen hat, so muß er uns notwendig belohnen, jeglichen nach seinen Verdiensten. Und dort wird's auch nicht an jemandem fehlen, der Eure Taten zum ewigen Gedächtnis schriftlich aufzeichnet. Von den meinigen sag ich nichts; denn die werden doch nicht über die Grenzen des Knappentums hinausgehn; obwohl ich sagen kann, wenn es in der Ritterschaft bräuchlich ist, Taten der Knappen zu beschreiben, so werden die meinigen auch nicht zwischen den Zeilen steckenbleiben.« »Du sprichst nicht übel«, sagte Don Quijote. »Aber bevor man zu diesem Punkte kommt, ist es unerläßlich, durch die Welt zu streichen und gleichsam zur Beglaubigung seiner selbst auf Abenteuer zu ziehn, damit man, wenn etliche siegreich zu Ende geführt sind, einen solchen Namen und Ruf erlange, daß der Ritter, wenn er sich an den Hof irgendeines großen Monarchen begibt, schon durch seine Werke bekannt ist. Und kaum haben ihn dann die jungen Burschen durchs Stadttor einreiten gesehen, so laufen sie hinter ihm und um ihn her und schreien überall: Das ist der Ritter von der Sonne oder von der Schlange oder von sonst einem Abzeichen, unter dem er große Taten vollbracht hat. Das ist er, werden sie sagen, der im Kampfe Mann gegen Mann den Riesen Brocabruno, den Helden von großer Kraft, besiegt hat, der den Groß-Mamelucken von Persien aus der langen Verzauberung entzaubert hat, in der er schier neunhundert Jahre lag. So wird man vom einen zum andern seine Taten auszurufen gehn, und bei dem Lärm der Jungen und des andern Volkes wird sich der König jenes Reichs an den Fenstern seines königlichen Palastes zeigen, und sobald er den Ritter erblickt, wird er ihn an seiner Rüstung oder an dem Abzeichen auf seinem Schilde erkennen und notwendig rufen müssen: Auf, auf, hinaus, ihr meine Ritter, alle, die an meinem Hofe weilen, um die Blume der Ritterschaft, die da herannaht, zu begrüßen! Auf dieses Gebot werden alle hinauseilen, und der König wird bis zur Mitte der Treppe hinabschreiten und wird ihn innigst umarmen und wird ihn willkommen heißen mit einem Kuß aufs Angesicht. Dann führt er ihn sogleich an der Hand ins Gemach der Frau Königin, allwo der Ritter sie mit ihrer Prinzessin Tochter findet, welche notwendig eine der allerschönsten und vollendetsten Jungfrauen ist, die man weit und breit in den bis jetzt entdeckten Landen des Erdenrundes nur irgend mit harter Mühe aufzufinden vermöchte. Hierauf geschieht es unverzüglich, daß sie die Augen auf ihn wendet und er die seinigen auf sie, und jedes von beiden deucht dem andern eher etwas Göttliches als Irdisches, und ohne zu wissen, wie oder wieso, finden sie sich gefangen und verstrickt in das unlösliche Liebesnetz und in großen Herzensnöten, weil sie keine Mittel wissen, einander zu sprechen, um ihre Qualen und Gefühle zu offenbaren. Von da wird man ihn ohne Zweifel in ein andres reich ausgeschmücktes Gemach des Palastes führen, wo man ihm die Waffen abnimmt und einen kostbaren Scharlachmantel zum Umlegen bringt, und wenn er in Waffen stattlich aussah, so erscheint er ebenso, ja noch stattlicher im ritterlichen Wams. Der Abend kommt, er speist mit König, Königin und Prinzessin; er wendet seine Augen nicht von ihr ab, er blickt sie verstohlen an, den Umstehenden unbemerkt, und sie tut dasselbe mit derselben Vorsicht, denn, wie gesagt, sie ist ein äußerst kluges Fräulein. Die Tafel wird aufgehoben, und plötzlich tritt zur Tür des Saales ein häßlicher, winziger Zwerg herein und hinter ihm zwischen zwei Riesen eine holdselige Dame, welche den Anwesenden ein gewisses Abenteuer mitteilt, das ein Zauberer in uralter Zeit angelegt hat, und wer es glücklich besteht, wird für den besten Ritter auf Erden erachtet werden. Sogleich gebeut der König allen, die zugegen, sich an dem Abenteuer zu versuchen. Aber keiner bringt es zum Ende und Abschluß außer dem fremden Ritter zu seines Ruhmes sonderlichem Frommen. Darob ist die Prinzessin hochvergnügt und erachtet sich beglückt und über alles Maß dafür belohnt, daß sie ihre Gedanken einem so hohen Ziele zugewendet und hingegeben hat. Das beste dabei ist, daß dieser König oder Fürst, oder was er sonst ist, einen äußerst hartnäckigen Krieg mit einem andern, ebenso mächtigen Herrn wie er zu führen hat, und der fremde Ritter, nachdem er ein paar Tage am Hof gewesen, bittet ihn um die Vergünstigung, ihm in dem besagten Krieg seine Dienste zu widmen. Der König gewährt sie ihm mit bereitwilliger Freundlichkeit, und der Ritter küßt ihm die Hand für die Gnade, so er ihm erweist. In derselbigen Nacht verabschiedet er sich von seiner Gebieterin, der Prinzessin, im Garten, auf den ihr Schlafgemach geht, am Fenstergitter, wo er schon gar manchmal mit ihr gesprochen, wobei stets eine Zofe, die der Prinzessin großes Vertrauen besitzt, die Vermittlerin und Mitwisserin war. Er seufzt, sie fällt in Ohnmacht, die Zofe bringt Wasser, ist auch sehr bekümmert, weil der Morgen kommt und sie nicht möchte, daß sie entdeckt würden, um der Ehre ihrer Herrin willen. Zuletzt kommt die Prinzessin wieder zu sich und reicht durchs Gitter hindurch ihre weißen Hände dem Ritter. Der küßt sie tausend- und aber tausendmal und badet sie in seinen Tränen. Es wird unter beiden verabredet, auf welche Art sie sich ihre guten oder schlimmen Schicksale zu wissen tun wollen, und die Prinzessin bittet ihn, ja nur so kurz wie möglich auszubleiben. Er verheißt es ihr mit vielen Eidschwüren; er küßt ihr abermals die Hände und entfernt sich mit so vielem Schmerzgefühl, daß es ihn fast das Leben kostet. Von hier aus geht er in sein Gemach, wirft sich aufs Bett, kann vor Schmerz ob seines Scheidens nicht schlafen, steht sehr früh am Morgen auf, geht, sich von König und Königin und Prinzessin zu verabschieden; er hört, nachdem er den beiden ersten Lebewohl gesagt, die Tochter Prinzessin sei unwohl und könne keinen Besuch empfangen. Der Ritter vermutet, der Schmerz ob seines Scheidens sei die Ursache. Das durchbohrt ihm das Herz, und wenig fehlt, daß er deutliche Zeichen seines Kummers gäbe. Die Zofe, die Vermittlerin, ist zugegen, sie merkt sich alles, geht und sagt es ihrer Herrin, die sie mit Tränen empfängt und ihr sagt: eine ihrer größten Kümmernisse sei, daß sie nicht wisse, wer ihr Ritter ist und ob er von königlichem Geschlecht ist oder nicht. Die Zofe versichert, solche Feinheit des Benehmens, solcher Adel der Sitte und solche Tapferkeit wie die ihres Ritters fänden sich nur bei einem Mann von ehrenreicher und königlicher Art. Die bekümmerte Prinzessin findet darin Trost und ist auch bestrebt, getröstet zu erscheinen, um sich bei ihren Eltern nicht in Verdacht zu bringen; und zwei Tage darauf zeigt sie sich wieder öffentlich. Schon ist der Ritter von dannen gezogen, er kämpft im Kriege, besiegt den Feind des Königs, gewinnt viele Städte, triumphiert in vielen Schlachten. Er kehrt an den Hof zurück, sieht seine Gebieterin am gewohnten Fenstergitter, es wird verabredet, daß er sie zum Lohne seiner Dienste von ihrem Vater zur Gattin begehre. Der König will sie ihm nicht geben, weil er nicht weiß, wer der Ritter ist. Aber trotz alledem, ob sie nun entführt wird oder ob es auf irgendeine andre Weise geschieht, wird die Prinzessin am Ende seine Gattin, und am Ende muß ihr Vater es noch für ein großes Glück erachten. Denn am Ende kommt es an den Tag, selbiger Ritter ist der Sohn eines gewaltigen Königs, von welchem Reiche, weiß ich nicht; denn ich glaube, es wird wohl auf der Karte nicht zu finden sein. Der Vater der Prinzessin stirbt, sie erbt alles, kurz und gut, der Ritter wird König. Hier kommt es nun gleich zu den Gnadenerweisen für den Knappen und für alle, die ihm geholfen, zu einem so hohen Stand emporzugelangen; er verheiratet seinen Schildknappen mit einem Fräulein der Prinzessin, und ohne Zweifel wird dies die Zofe sein, die bei seinem Liebeshandel die Vermittlerin abgab, und sie ist die Tochter eines sehr hochgestellten Herzogs.« »So will ich's haben, und ehrlich Spiel!« sagte Sancho, »daran halte ich mich; denn alles muß bei Euer Gnaden, der Ihr Euch den Ritter von der traurigen Gestalt nennet, buchstäblich so eintreffen.« »Zweifle nicht daran«, erwiderte Don Quijote; »denn auf dieselbe Weise und ganz mit demselben Verlauf der Dinge, wie ich dir dieses erzählt habe, stiegen und steigen noch die fahrenden Ritter empor zum Range von Königen und Kaisern. Jetzt fehlt nur noch, uns umzuschauen, welcher König unter Christen oder Heiden Krieg und eine schöne Tochter hat; aber wir haben Zeit, das zu bedenken, weil, wie ich dir gesagt, man erst Ruhm anderwärts erlangen muß, bevor man an den Hof geht. Auch mangelt mir noch etwas andres; denn gesetzt den Fall, es fände sich ein König mit Krieg und einer schönen Tochter und ich hätte unglaublichen Ruhm im ganzen Weltall erworben, so weiß ich doch nicht, wie es sich finden könnte, daß ich von königlichem Geschlecht oder zum wenigsten eines Kaisers Vetter im zweiten Grad wäre. Denn der König wird mir seine Tochter nicht zum Weibe geben wollen, wenn er dies nicht erst vollständig in Erfahrung gebracht hat, wie sehr auch immer meine Taten es verdienen, so daß ich um dieses Mangels willen fürchte zu verlieren, was mein Arm wohl verdient hat. Freilich bin ich ein Edelmann von anerkanntem Freigeschlecht, ein Mann von Vermögen und Grundeigentum, ein Mann, gegen den jeder Frevel gesetzlich mit fünfhundert Dukaten gebüßt wird; und es könnte sein, daß der Zauberer, der meine Geschichte schreibt, meine Verwandtschaft und Abstammung so gut ermittelte, daß ich mich zuletzt als eines Königs Urenkel oder Ururenkel herausstellte. Denn ich muß dir zu wissen tun, Sancho, es gibt zweierlei Art von Familien und Geschlechtern auf der Welt; die eine Art entnimmt und leitet ihre Abstammung von Fürsten und Monarchen, und die Zeit hat sie nach und nach zunichte gemacht, und sie endigen in einer Spitze gleich einer Pyramide; die andre hat ihren Ursprung von geringen Leuten gehabt und steigt von Stufe zu Stufe, bis ihre Abkömmlinge zuletzt zu großen Herren werden. Sonach ist der Unterschied, daß die einen waren, was sie nicht mehr sind, und die andern sind, was sie vorher nicht waren; und ich könnte ja zu den letzteren gehören, so daß nach gründlicher Erforschung mein Ursprung vornehm und ruhmreich gewesen wäre, womit sich der König, der mein Schwiegervater werden soll, zufriedengeben müßte. Und wenn nicht, muß mich die Prinzessin so heiß lieben; daß sie trotz ihrem Vater, wenn sie auch klärlich wissen sollte, ich sei eines Wasserträgers Sohn, mich zu ihrem Herrn und Gemahl annehmen wird; und wo nicht, so tritt hier der Fall ein, daß ich sie entführe und sie hinbringe, wohin es mich gerade gelüstet, und die Zeit oder der Tod wird dem Zürnen ihrer Eltern ein Ende machen.« »Hier tritt dann wohl auch der Fall ein«, sagte Sancho, »wovon etliche Gottlose so reden: Erbitte nicht gütlich, was du mit Gewalt nehmen kannst. Zwar noch besser paßt es, zu sagen: Besser frei streifen durch Wald und Auen, als auf edle Fürbitten bauen. Ich meine nämlich, wenn der Herr König, Euer Gnaden Schwiegervater, sich nicht erweichen lassen will, Euch unsre erlauchte Prinzessin hinzugeben, so ist nichts andres zu tun, als, wie Euer Gnaden sagt, sie zu entführen und sie anderswohin zu bringen. Aber das Schlimme dabei ist, mittlerweile, bis Friede gemacht wird und das Königreich in Frieden genossen werden kann, so lange mag der arme Schildknappe in betreff der Gnadenerweise vor Jammer und Not vergehen, falls nicht etwa die Jungfrau Vermittlerin, die seine Frau werden soll, mit der Prinzessin von dannen zieht und er die Zeit seines Unglücks mit ihr zubringt, bis der Himmel andres über ihn verhängt; denn ich denke, sein Herr kann sie ihm auch auf der Stelle zur rechtmäßigen Gattin geben.« »Das kann keiner verwehren«, sprach Don Quijote. »Demnach, wenn es so geschehen kann«, erwiderte Sancho, »so bleibt nichts übrig, als uns Gott zu befehlen und dem Schicksal seinen Lauf zu lassen und abzuwarten, wohin es die Dinge leiten mag.« »Gott füge das so«, versetzte Don Quijote, »wie ich es wünsche und du es nötig hast, Sancho; und wer sich für einen Lumpen hält, der mag eben ein Lump bleiben.« »So soll es sein, bei Gott«, sprach Sancho. »Ich aber bin ein Christ von altem Blut, und um ein Graf zu werden, ist mir das genug.« »Genug und mehr als genug«, sprach Don Quijote; »und wärest du es sogar nicht, so tät es auch nichts zur Sache; denn wenn ich König bin, kann ich dir den Adel verleihen, ohne daß du ihn kaufst oder mir irgend Dienste dafür leistest. Und habe ich dich zum Grafen gemacht, sieh, da bist du von selbst ein Ritter, und die Leute mögen reden, was sie wollen, sie müssen dennoch, so hart es ihnen ankommt, dich mit dem Titel Euer Gnaden anreden.« »Und soll mich der und jener«, sprach Sancho, »wie will ich meinen Kittel zu Ansehen bringen!« »Titel mußt du sagen, nicht Kittel«, bemerkte Don Quijote. »Mag sein«, entgegnete Sancho, »ich sage, ich will es schon recht machen. Denn so wahr ich lebe, ich bin eine Zeitlang Pedell bei einer Brüderschaft gewesen, und der Pedellenrock stand mir so gut, daß alle Leute sagten, ich sähe ganz danach aus, um der Obere selbiger Brüderschaft werden zu können. Wie erst dann, wenn ich mir einen langen Herzogsrock um die Schultern hänge oder mich nach fremder Grafen Brauch in Gold und Perlen kleide? Gewiß kommen die Leute hundert Meilen weit her, mich zu sehen.« »Gut aussehen wirst du jedenfalls«, sprach Don Quijote, »aber du wirst dir den Bart öfter scheren lassen müssen; denn wie du ihn jetzt trägst, dicht, struppig und unordentlich, wenn du ihn nicht alle zwei Tage mindestens mit dem Schermesser kürzest, sieht man auf einen Büchsenschuß weit, was du bist.« »Was ist denn da weiter«, entgegnete Sancho, »als daß ich einen Barbier nehme und ihn mit Wochenlohn im Haus halte? Und sollte es nötig sein, so lasse ich ihn hinter mir hertraben wie den Stallmeister eines Großen.« »Ei, woher weißt du«, fragte Don Quijote, »daß die Großen ihre Stallmeister hinter sich hertraben lassen?« »Ich will's Euch sagen«, antwortete Sancho. »In früheren Jahren war ich einmal einen Monat lang in der Residenz, und da sah ich einen Herrn, der war sehr klein, und die Leute sagten, er sei sehr groß; und sah, wie hinter ihm ein Mann zu Pferde kam, ihm immer dicht nachfolgte, mochte er sich hierhin oder dorthin wenden, so daß es gerade aussah, als wäre er sein Schwanz. Ich fragte, warum der Mann nicht neben ihm reite, sondern immer hinter ihm her; da hieß es, das sei sein Stallmeister, und es sei bei den Großen der Brauch, solche hinterherreiten zu lassen. Seit der Zeit weiß ich es so gründlich, daß ich's nie mehr vergessen habe.« »Ich muß sagen, daß du recht hast«, sprach Don Quijote, »und daß du deinen Barbier ebenso mit dir nehmen kannst; denn die Bräuche sind nicht alle mit einemmal aufgekommen noch zugleich und zusammen erfunden worden, und du kannst der erste Graf sein, der seinen Barbier im Gefolge führt; und außerdem ist es eine Sache größeren Vertrauens, den Bart zu scheren, als ein Pferd zu satteln.« »Die Sache mit dem Barbier mag mir anheimgestellt bleiben«, sagte Sancho, »und Euch, Herr Ritter, dafür zu sorgen, daß Ihr König werdet und mich zum Grafen macht.« »So sei es«, antwortete Don Quijote; und wie er seine Augen aufhob, sah er, was im folgenden Kapitel gesagt werden soll. 22. Kapitel Von der Befreiung, die Don Quijote vielen Unglücklichen zuteil werden ließ, welche man wider ihren Willen dahin führte, wohin sie lieber nicht wollten Es erzählt Sidi Hamét Benengelí, der arabische Autor aus der Mancha, in dieser sehr bedeutsamen, hochtönenden und höchst bescheidenen, lieblichen und wundersamen Geschichte, daß, nachdem zwischen dem ruhmreichen Don Quijote von der Mancha und seinem Schildknappen Sancho Pansa die Unterhaltung stattgefunden, die am Schlusse des einundzwanzigsten Kapitels berichtet worden, Don Quijote seine Augen erhob und auf der Straße, die er zog, etwa zwölf Leute zu Fuß sich entgegenkommen sah, alle, wie die Kügelchen am Rosenkranz, an einer langen Kette mit den Hälsen aneinandergereiht und alle mit Handschellen gefesselt. Auch zogen mit ihnen daher zwei Männer zu Pferde und zwei zu Fuß; die Reiter trugen Musketen mit Radschlössern, die zu Fuß hatten Wurfspieße und Schwerter. Sobald Sancho sie erblickte, sprach er: »Das ist eine Kette von Galeerensklaven, Zwangsarbeiter für den König, die auf die Galeeren kommen.« »Wie? Zwangsarbeiter?« fragte Don Quijote, »ist es möglich, daß der König irgendeinem Zwang antut?« »Das sag ich nicht«, antwortete Sancho, »sondern es sind Leute, die um ihrer Vergehungen willen gezwungen werden, dem König auf den Galeeren zu dienen.« »In einem Wort also«, versetzte Don Quijote, »wie dem auch sei, diese Leute gehen nur gezwungen, wohin man sie führt, und nicht aus eignem Willen.« »So ist's«, antwortete Sancho. »Wohlan«, sprach sein Herr, »so fällt dies in den Bereich meiner Aufgabe, Gewalttätigkeiten zu verhindern und den Bedrängten Hilfe und Beistand zu leisten.« »Beachte Euer Gnaden«, sagte Sancho, »daß die Gerechtigkeit, das heißt der König selbst, solchen Leuten weder Zwang noch Gewalt antut, sondern sie züchtigt zum Entgelt für ihre Vergehungen.« Indem kam die Kette der Galeerensklaven heran, und Don Quijote bat die begleitenden Wächter mit äußerst höflichen Worten, sie möchten so gütig sein, ihn zu belehren und ihm die Ursache oder die Ursachen mitzuteilen, weshalb sie die Leute auf solche Weise dahinführten. Einer der berittenen Wächter antwortete, es seien Galeerensklaven, Leute, zu des Königs Diensten bestimmt, die auf die Galeeren kämen, und mehr sei nicht nötig zu sagen und mehr brauche er nicht zu wissen. »Dessenungeachtet«, entgegnete Don Quijote, »wünsche ich von jedem derselben die besondere Ursache seines Unglücks zu erfahren.« Diesen Worten fügte er noch andre und so höfliche bei, um sie zu der gewünschten Auskunft zu bewegen, daß der zweite von den berittenen Wächtern ihm sagte: »Obschon wir das Protokoll und die beglaubigte Urteilsabschrift für jeden dieser Elenden bei uns haben, so ist doch keine Zeit dazu, die Schriften hervorzuholen und zu lesen. Euer Gnaden möge näher herankommen und sie selber befragen. Sie werden schon alles sagen, wenn sie wollen, und sie werden wollen; denn es sind Leute, die Vergnügen daran haben, Schurkenstreiche zu begehen und zu erzählen.« Mit dieser Erlaubnis, die Don Quijote sich genommen hätte, wenn man sie ihm nicht gegeben, näherte er sich der Kette und fragte den ersten, um welcher Sünden willen es ihm so schlecht ergehe. Der Mann antwortete: weil er verliebt gewesen sei, ergehe es ihm jetzt so übel. »Um nichts mehr?« versetzte Don Quijote. »Wenn man die Leute wegen Verliebtseins auf die Galeeren schickte, dann könnte ich schon seit manchem lieben Tag dort sitzen und rudern.« »Die Liebe ist nicht der Art, wie Euer Gnaden meint«, sagte der Sträfling, »die meinige ging auf einen Waschkorb voll Weißzeug, den ich mit allen Kräften umfing, und hätte die Justiz mir ihn nicht mit Gewalt abgenommen, so hätte ich ihn mit meinem Willen bis zum heutigen Tage nicht fahrenlassen. Ich wurde auf frischer Tat ergriffen, es war also kein Grund zur Folter, der Prozeß war bald zu Ende geführt, man salbte mir den Rücken mit einem Hundert und gab mir als Zugabe drei Jahre Wasserkur, und damit war die Sache fertig.« »Was heißt Wasserkur?« fragte Don Quijote. »Wasserkur heißt Galeerenstrafe«, antwortete der Züchtling, ein Junge von etwa vierundzwanzig Jahren und gebürtig aus Piedrahita, wie er angab. Dieselbe Frage richtete Don Quijote an den zweiten, der kein Wort erwiderte, so traurig und schwermütig schritt er einher. Aber der erste antwortete für ihn und sprach: »Dieser, Señor, befindet sich hier, weil er ein Kanarienvogel ist, ich meine, weil er ein Musiker und Sänger war.« »Wie das?« erwiderte Don Quijote, »kommt man auch wegen Musik und Gesang auf die Galeeren?« »Allerdings, Señor«, versetzte der Sträfling, »denn es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man in der Not singt.« »Weit eher«, erwiderte Don Quijote, »habe ich noch sagen hören: Lied versüßt Leid.« »Hier ist's umgekehrt«, sagte der Sträfling, »wer einmal singt, hat sein Leben lang zu weinen.« »Das verstehe ich nicht«, sprach Don Quijote. Aber einer der Wächter sagte ihm: »Herr Ritter, in der Not singen heißt bei diesem unheiligen Volk: unter der Folter eingestehen. Dieser Sünder wurde auf die Folter gelegt, und er hat sein Verbrechen bekannt; er hat Fleisch geklaut, das heißt Vieh gestohlen, und da er eingestand, wurde er zu sechs Jahren Galeere verurteilt, ungerechnet zweihundert Streiche, die er bereits auf dem Rücken mitbringt. Er geht immer in sich gekehrt und trübsinnig einher, weil die andern Spitzbuben, sowohl die dort geblieben als auch die hier an der Kette gehen, ihn mißhandeln, ihn schlechtmachen, verhöhnen und verachten, weil er eingestanden hat und nicht den Mut besaß, nein zu sagen; denn sie sagen, das Nein habe auch nicht mehr Silben als das Ja, und ein Verbrecher habe schon Glücks genug, wenn über Leben und Tod seine eigne Zunge und nicht die von Zeugen und Beweisen zu entscheiden hat, und ich meinesteils bin der Meinung, daß sie hierin nicht gerade auf dem Holzweg sind.« »Auch ich bin dieser Meinung«, entgegnete Don Quijote und ging weiter zum dritten und fragte ihn das nämliche wie die andern. Der Gefragte antwortete ihm sofort und mit großer Dreistigkeit: »Ich gehe auf zehn Jahre in die edle Wasserkur, weil mir zehn Dukaten fehlten.« »Ich würde Euch sehr gern zwanzig geben«, sagte Don Quijote, »um Euch aus diesem bösen Handel herauszuhelfen.« »Das kommt mir vor«, entgegnete der Sträfling, »wie wenn einer mitten auf hoher See Geld hat und doch Hungers stirbt, weil er keine Möglichkeit hat, sich das Nötige einzukaufen; ich meine nämlich, wenn ich die zwanzig Dukaten, die mir Euer Gnaden jetzt anbieten, zur rechten Zeit gehabt hätte, so hätte ich dem Aktuar die Feder damit geschmiert und dem Anwalt ein solches Licht im Kopf angesteckt, daß ich jetzt auf dem Marktplatz in Toledo und nicht auf dieser Landstraße wie ein Hund angekoppelt einherstiege. Aber Gott ist groß; Geduld, und damit gut.« Don Quijote ging weiter zum vierten, der ein Mann von ehrwürdigem Angesicht war, mit einem weißen Barte, der ihm bis über die Brust herabfiel. Als er sich nach der Ursache fragen hörte, weshalb er sich hier befinde, fing er zu weinen an und erwiderte kein Wort; aber der fünfte Züchtling diente ihm als Zunge und sprach: »Dieser Ehrenmann geht für vier Jahre auf die Galeeren, nachdem er durch die üblichen Straßen in Galatracht spazierengeritten.« »Das heißt«, sagte Sancho Pansa, »wie mich bedünkt, er ist auf dem Schandesel durch die Straßen gestäupt worden.« »So ist es«, sagte der Sträfling, »und das Verbrechen, für das man ihn mit dieser Strafe belegt hat, ist, daß er für manche Bank und manches gute Haus den Leibmakler machte; ich meine, daß er auf die Galeere muß, weil er ein Kuppler war und weil er auch vom Schwarzkünstler einen Anstrich hatte.« »Hättet Ihr diesen Anstrich nicht hinzugetan«, sagte Don Quijote, »für die bloße Kuppelei hättet Ihr nicht verdient, auf den Galeeren zu rudern, viel eher, sie als General zu befehligen. Denn das Geschäft eines Kupplers ist nicht derart, wie man wohl glauben mag; es ist ein Geschäft für Leute von Verstand und in einem wohlgeordneten Gemeinwesen ganz unentbehrlich. Es sollten nur Leute von gutem Hause es betreiben dürfen, und es sollte auch einen Aufseher und Examinator für sie geben, wie es deren für andre Berufsarten gibt; ihre Anzahl sollte festgesetzt und bekanntgemacht werden wie bei den Börsenmaklern. Dadurch würde viel Unglück vermieden, das daraus entspringt, daß dies Geschäft und Amt sich in den Händen einfältiger Leute ohne Einsicht befindet, wie zum Beispiel armseliger Weiber, Weiber ohne Sitte, Gelbschnäbeln von Lakaien und Possenreißern von geringem Alter und noch geringerer Erfahrung, die gerade in den dringendsten Fällen, und wenn es gilt, einen Anschlag auszuführen, an dem viel gelegen ist, die Brocken von der Hand zum Mund kalt werden lassen und nicht wissen, was rechts und was links ist. Ich würde mich gern noch weiter hierüber auslassen und die Gründe angeben, weshalb es angemessen wäre, diejenigen, welche einem so unentbehrlichen Beruf im Gemeinwesen obliegen sollen, einer strengen Auswahl zu unterwerfen, aber Ort und Zeit sind nicht dazu geeignet, indessen, ich will es schon einmal jemandem sagen, der dafür zu sorgen und Abhilfe zu schaffen imstande ist. Jetzt sage ich nur, daß das Mitleid, das ich darüber empfand, dieses weiße Haar und ehrwürdige Angesicht wegen Kuppelei in solcher Drangsal zu sehen, mir durch den Zusatz, daß der Mann sich mit Hexerei abgegeben, gänzlich benommen ist. Zwar weiß ich wohl, es gibt keine Hexenkünste auf Erden, die den Willen zu lenken und ihm Gewalt anzutun vermögend wären, wie etliche einfältige Leute glauben; ich weiß, daß unser Wille frei ist und daß es weder Kräuter noch Zaubereien gibt, die ihn zu irgend etwas zwingen könnten. Was ein paar alberne Weibsbilder und ein paar verschmitzte Betrüger indessen zu tun pflegen, ist, daß sie gewisse Tränke und Gifte bereiten, womit sie die Leute verrückt machen, unter dem Vorgeben, es wohne ihnen die Macht bei, zur Liebe zu zwingen; während es, wie gesagt, unmöglich ist, dem Willen Gewalt anzutun.« »So ist es«, sagte der biedere Alte, »und in Wahrheit, Señor, in betreff der Hexerei war ich schuldlos, und die Kuppelei kann ich nicht leugnen. Aber es kam mir nie in den Sinn, daß ich damit ein Unrecht beginge; denn meine ganze Absicht war nur, daß die Welt in Freuden, Ruhe und Frieden leben sollte, ohne Hader und Verdruß. Aber dieser gute Zweck hat mich nicht davor bewahrt, daß ich jetzt dahin muß, von wo ich keine Rückkehr hoffen kann, so schwer lastet auf mir das Alter und ein Blasenleiden, das mir keinen Augenblick Ruhe läßt.« Und hier begann er wieder wie vorher zu weinen, und Sancho hatte so großes Mitleid mit ihm, daß er einen halben Silberreal aus dem Busen zog und ihm als Almosen gab. Don Quijote ging weiter und fragte einen andern nach seiner Vergehung, und dieser antwortete nicht mit geringerer, sondern vielmehr mit weit größerer Dreistigkeit als der vorige: »Ich gehe an dieser Kette, weil ich mit ein paar Bäschen, leiblichen Verwandten von mir, zuviel Kurzweil getrieben und dazu auch mit zwei Schwestern, die aber nicht leibliche Verwandte von mir waren. Kurz, ich kurzweilte so viel mit ihnen allen, daß zuletzt durch die Kurzweil die Verwandtschaft zu solcher Verwicklung anwuchs, daß kein Lehrmeister im Kirchenrecht sich darin zurechtfinden könnte. Es wurde mir alles bewiesen, Gönner fehlten mir, Geld hatte ich keins, es war drauf und dran, daß es mir an den Hals ging, sie verurteilten mich zu sechs Jahren Galeere, ich war's zufrieden, es ist die Strafe meiner Sünden. Ich bin jung, so möge mir nur das Leben erhalten bleiben, mit dem Leben ist alles noch fertigzubringen. Wenn Euer Gnaden etwas bei sich hat, um diesen armen Teufeln beizuspringen, so wird Gott es Euch, Herr Ritter, im Himmel wiederzahlen, und wir hienieden werden nicht unterlassen, Gott in unsern Gebeten für Euer Gnaden Leben und Gesundheit anzuflehen, daß das eine so lange und die andre so gut sei, wie Ihr nach Eurem edlen Aussehen es verdient.« Der Mann war in Studententracht, und einer der Wächter sagte, er sei ein großer Schwätzer und trefflicher Lateiner. Zuletzt nach allen diesen kam ein Mensch im Alter von dreißig Jahren, von sehr hübschem Äußern, nur daß er, wenn er die Augen aufschlug, mit dem einen in das andre hineinsah. Dieser war in etwas andrer Weise gefesselt als die übrigen. Denn er hatte am Fuß eine so lange Kette, daß sie sich ihm um den ganzen Körper herumwand, und zwei eiserne Ringe um den Hals; der eine war an der Kette angeschmiedet, der andre war ein sogenannter Haltefest, ein Klemm-Eisen, von welchem bis zum Gürtel zwei Eisenstäbe herabhingen; in diese griffen zwei Handschellen ein, in welche seine Hände mit einem großen Vorlegeschloß eingeklemmt waren, so daß er weder mit den Händen zum Munde reichen noch den Kopf so weit bücken konnte, um bis zu den Händen zu gelangen. Don Quijote fragte, warum dieser Mensch soviel Fesseln mehr trüge als die andern. Der Anführer der Wache antwortete, weil der Kerl allein mehr Verbrechen begangen habe als alle andern zusammen und weil er so verwegen und ein so abgefeimter Schelm sei, daß sie, obgleich sie ihn so gefesselt hielten, dennoch seiner nicht sicher seien, sondern immer befürchten müßten, er werde ihnen entspringen. »Was für Verbrechen können auf ihm lasten«, sagte Don Quijote, »wenn er doch keine größere Strafe verdient hat, als daß er auf die Galeere kommt?« »Er kommt auf zehn Jahre hin«, sagte der Führer, »und das ist soviel wie bürgerlicher Tod. Verlanget nichts weiter zu wissen, als daß dieser Biedermann der berüchtigte Ginés de Pasamonte ist, den man auch Gineselchen von Parapilla nennt.« »Herr Kommissär«, sagte hierauf der Galeerensträfling, »sachte, sachte – wir wollen uns jetzt nicht damit abgeben, Namen und Zunamen auseinanderzusetzen. Ginés heiße ich und nicht Gineselchen, und Pasamonte ist mein Geschlecht und nicht Parapilla, wie Ihr sagt, und kümmere sich jeder um den Balken in seinem eigenen Auge, und da wird er nicht wenig zu tun haben.« »Schlag Er keinen so hohen Ton an«, entgegnete der Kommissär, »Er Spitzbube über alle Spitzbuben hinaus, wo nicht, so werde ich Ihn schon zum Schweigen bringen, Er mag wollen oder nicht.« »Man sieht wohl«, antwortete der Sträfling, »der Mensch denkt und Gott lenkt; aber es kommt mal ein gewisser Tag, da soll ein Gewisser schon erfahren, ob ich Gineselchen von Parapilla heiße oder nicht.« »Nennen sie dich denn nicht so, du Gauner?« sagte der Führer. »Freilich tun sie's«, antwortete Gines, »aber ich will's schon fertigbringen, daß sie mich nicht mehr so nennen, oder ich will mir das Haar ausreißen, wo und wie, sag ich nur zu mir selber. Herr Ritter, wenn Ihr uns was zu schenken habt, so schenkt es uns gleich und geht mit Gott; denn Ihr werdet schon langweilig mit Eurem ewigen Fragen nach fremder Leute Schicksalen. Und wollt Ihr die meinigen erfahren, so wisset, ich bin Ginés von Pasamonte, dessen Leben beschrieben ist von diesen seinen eigenen Fingern.« »Der Kerl redet wahr«, sagte der Kommissär, »er selbst hat seine Geschichte so beschrieben, daß sie nichts zu wünschen übrigläßt, und er hat das Buch als Pfand für zweihundert Realen im Gefängnis gelassen.« »Und ich gedenke es auszulösen«, sagte Gines, »wenn es auch für zweihundert Dukaten verpfändet wäre!« »So vortrefflich ist es?« sagte Don Quijote. »Es ist so vortrefflich«, antwortete Gines, »daß Lazarillo de Tormes nur gleich einpacken kann und mit ihm alle die Bücher, die sonst noch in dieser Art geschrieben sind oder noch geschrieben werden. Was ich Euch darüber sagen kann, ist, daß es nur Wahrheit berichtet und so hübsche und ergötzliche Wahrheit, daß es keine Lügen geben kann, die ihr gleichkämen.« »Und wie betitelt sich dies Buch?« fragte Don Quijote. » Das Leben des Ginés de Pasamonte «, antwortete Ginés. »Und ist es ganz beendet?« fragte Don Quijote. »Wie kann es beendet sein«, antwortete er, »da mein Leben noch nicht zu Ende ist? Geschrieben sind meine Erlebnisse nur von meiner Geburt an bis zu dem Augenblick, wo sie mich dies letzte Mal auf die Galeeren geschickt haben.« »Also seid Ihr schon einmal dort gewesen?« fragte Don Quijote. »In Gottes und des Königs Diensten bin ich schon einmal vier Jahre lang dort gewesen«, antwortete Gines, »und ich weiß schon, wie das Kommißbrot und der Farrenschwanz schmecken, und es ist mir nicht allzu leid, wieder hinzukommen; dort hab ich Gelegenheit, mein Buch zu Ende zu bringen; denn ich habe noch gar vieles zu sagen, und auf den spanischen Galeeren hat man mehr Ruhe, als nötig ist, obwohl deren nicht viel zu dem nötig ist, was ich noch zu schreiben habe, da ich es all auswendig weiß.« »Du scheinst ein geschickter Mensch zu sein«, sagte Don Quijote. »Und ein unglücklicher«, versetzte Gines, »denn einen guten Kopf verfolgt immer das Unglück.« »Es verfolgt die Schurken«, sagte der Kommissär. »Ich hab's Euch schon einmal gesagt, Herr Kommissär«, fiel Pasamonte hier ein, »sachte, sachte! Denn die bewußten Herren haben Euch diesen Stab nicht dazu anvertraut, um uns arme Teufel, die wir hier an der Kette gehen, zu mißhandeln, sondern uns zu führen und dahin zu bringen, wohin Seine Majestät befiehlt; wenn nicht, beim Leben des ... Genug! Denn es könnte geschehen, daß die Flecken, die sich jemand in der Schenke gemacht, eines Tages bei der Wäsche herauskämen; drum schweige ein jeder und sehe sich vor in seinen Handlungen und noch mehr in seinen Worten. Jetzt aber vorwärts, denn es ist nun Spaßes genug.« Der Kommissär hob seinen Stock, um Pasamonte zur Antwort auf seine Drohungen eins zu versetzen, aber Don Quijote legte sich ins Mittel und bat ihn, den Menschen nicht zu mißhandeln; denn es sei doch nicht zuviel verlangt, daß einer, dem die Hände so gebunden seien, wenigstens die Zunge frei habe. Und sich zu sämtlichen Leuten an der Kette wendend, sprach er: »Aus allem, was ihr mir gesagt, teuerste Freunde, habe ich klar entnommen, daß, obschon um eurer Schuld willen euch die Züchtigung zuteil wird, ihr doch an der Pein, die ihr erleiden sollt, kein sonderlich Behagen habt, daß ihr vielmehr höchst ungern und sehr wider eure Neigung derselben entgegengeht und es wohl möglich ist, daß nur die wenige Standhaftigkeit, die jener eine unter der Folter zeigte, der Mangel an Mut bei diesem andern, der Mangel an Gönnern bei jenem dritten und überhaupt die verkehrte Beurteilung von Seiten des Richters die Ursache eures Verderbens und der Grund war, weshalb ihr nicht zu eurem Rechte gekommen, das ihr doch auf eurer Seite hattet. Alles das stellt sich mir jetzt im Geiste vor und sagt mir, rät mir, zwingt mich, an euch den Zweck zu zeigen, um dessentwillen der Himmel mich auf die Erde geschleudert und mir geboten hat, mich hienieden zu weihen dem Orden der Ritterschaft, welchem ich in der Tat geweiht bin, und dem Gelübde, das ich in diesem Orden abgelegt, jedem Hilfsbedürftigen und jedem, den die Höheren unterdrücken, beizustehen. Jedoch da ich weiß, daß es zu den Eigenschaften der Klugheit gehört, was sich im Guten erreichen läßt, nicht im Bösen zu tun, so will ich diese Herren Wächter nebst Kommissär gebeten haben, sie möchten belieben, euch loszubinden und in Frieden ziehen zu lassen, da es an andern Personen nicht mangeln wird, um dem König bei bessern Anlässen zu dienen; denn es scheint mir ein hartes Ding, die zu Sklaven zu machen, die Gott und die Natur frei erschufen. Überdies, ihr Herren von der Wache«, fügte Don Quijote bei, »haben diese armen Leute nichts Böses gegen euch selber verübt. Mag denn jeglicher von ihnen zusehen, wie er mit seinen Sünden zurechtkommt; es ist ein Gott im Himmel, der es nimmer versäumt, den Bösen zu strafen, und es ist nicht recht, daß Männer von Ehre sich zu Henkern ihrer Nebenmenschen hergeben, wenn für sie selbst gar nichts dabei auf dem Spiel steht. Ich begehre dessen mit der Ruhe und Sanftmut, die ihr an mir sehet, damit ich, wenn ihr demgemäß handelt, euch etwas zu verdanken habe; wenn ihr es aber nicht gutwillig tut, so werden dieser Speer und dies Schwert mit der Stärke meines Arms bewirken, daß ihr es gezwungen tut.« »Ein reizender Unsinn!« versetzte darauf der Kommissär, »allerliebst, in welche Spitze der lange Rattenschwanz Eurer Rede ausläuft! Die Sträflinge in des Königs Haft, verlangt Ihr, sollen wir Euch freigeben, als ob wir die obrigkeitliche Befugnis hätten, sie der Fesseln zu entledigen, oder Ihr sie hättet, uns dergleichen zu befehlen! Geht in Gottes Namen Eurer Wege, Señor; setzt Euch den Nachttopf zurecht, den Ihr auf dem Kopfe tragt, und laßt Euch nicht ohne Not in Händel ein wie die Ratze, die die Katze fangen will.« »Ihr selbst seid die Ratze und die Katze und der Schurke dazu«, entgegnete Don Quijote. Und wie gesagt, so getan: er stürmte so blitzschnell auf ihn an, daß er ihm nicht Zeit ließ, sich zur Wehr zu setzen, und ihn mit einem Speeresstoß schwer verwundet zu Boden warf. Und es traf sich glücklich für den Ritter, denn es war gerade der mit der Muskete. Die übrigen Wächter standen in Staunen und Bestürzung ob des unerwarteten Ereignisses; aber sie faßten sich wieder, und die zu Pferde nahmen ihre Schwerter zur Hand, die zu Fuß ihre Wurfspieße und stürzten zum Angriff auf Don Quijote, der sie in vollster Ruhe erwartete. Und ohne Zweifel wäre es ihm übel ergangen, hätten nicht die Galeerensklaven die ihnen gebotene Gelegenheit benutzt, ihre Freiheit zu erlangen, und es fertiggebracht, die Kette, an die sie angeschmiedet waren, zu sprengen. Der Aufruhr wurde so allgemein, daß die Wächter bald gegen die Sträflinge, die sich losmachten, bald gegen Don Quijote, der sie angriff, sich wenden mußten und daher nirgends etwas ausrichten konnten. Sancho seinerseits half dem Ginés de Pasamonte aus seinen Fesseln, und dieser war der erste von allen, der, frei und aller Bande ledig, über das Feld hinsprang, den zu Boden gestürzten Kommissär anfiel, ihm das Schwert und die Muskete entriß, und indem er mit der letzteren bald auf den einen zielte, bald auf den andern anlegte, ohne je abzudrücken, so blieb bald keiner von der Wache mehr auf dem ganzen Plan; alle flohen davon, teils vor Pasamontes Muskete, teils vor dem gewaltigen Steinregen, den die bereits frei gewordenen Sträflinge auf sie fallen ließen. Jetzt wurde es doch Sancho ob dieses Vorfalles sehr betrübt zumute; denn es kam ihm der Gedanke, die geflüchteten Wächter würden der Heiligen Brüderschaft Kenntnis von dem Fall geben und diese würde unter Sturmgeläute ausziehen, um die Verbrecher aufzuspüren. Das sagte er auch seinem Herrn mit der Bitte, sie möchten beide sich auf der Stelle davonmachen und sich auf dem nahen Gebirge versteckt halten. »Das ist alles ganz gut«, sprach Don Quijote, »aber ich weiß, was sich gegenwärtig zu tun gebührt.« Und sofort rief er die sämtlichen Galeerensklaven herzu, die in großer Aufregung umherliefen und bereits den Kommissär bis auf die Haut ausgezogen hatten; sie stellten sich um ihn in die Runde, um zu hören, was er ihnen anbefehle, und er sprach so zu ihnen: »Männern von guter Art geziemt es, empfangene Wohltaten mit Dank zu vergelten, und eine der ärgsten Sünden gegen Gott ist die Undankbarkeit. Ich erwähne das, werte Herren, weil ihr durch den Augenschein in Erfahrung gebracht habt, welche Wohltat ihr von mir empfangen; zu deren Entgelt, so wünsche ich, so ist mein Wille, sollt ihr, mit der Kette beladen, von der ich euren Nacken befreit habe, euch unverzüglich auf den Weg machen und nach der großen Stadt Toboso ziehen und euch dort dem Fräulein Dulcinea von Toboso stellen und ihr sagen, daß ihr Ritter, Der von der traurigen Gestalt, hiermit Meldung sende, sich ihr zu befehlen, und ihr sollt ihr Punkt für Punkt jeden Punkt dieses herrlichen Abenteuers berichten bis zur Erlangung eurer ersehnten Freiheit durch meine Hand; und dieses vollbracht, möget ihr auf gut Glück hingehen, wohin ihr wollet.« Ginés de Pasamonte gab Antwort für die andern alle und sprach: »Was Euer Gnaden uns befiehlt, edler Herr und unser Befreier, das zu erfüllen ist die unmöglichste aller Unmöglichkeiten; denn wir können nicht auf den Straßen zusammen wandern, sondern jeder muß allein und jeder für sich bleiben und muß suchen, sich tief im Innern der Erde zu bergen, um nicht von der Heiligen Brüderschaft aufgefunden zu werden, die ohne Zweifel ausziehen wird, uns nachzuspüren. Was Euer Gnaden tun kann und was zu tun die Billigkeit von Euch verlangt, ist, daß Ihr diese Prinzessinnensteuer nebst Wegezoll, so wir dem Fräulein Dulcinea leisten sollen, in eine gewisse Zahl Ave-Marias und Credos verwandelt, um sie von Euretwegen zu beten, und das ist etwas, das sich jederzeit vollführen läßt, bei Tag und bei Nacht, auf der Flucht oder im Ausruhn, im Frieden oder Krieg. Aber wer da glaubt, daß wir jetzt wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückkehrten, ich meine, unsre Kette wieder auf uns nähmen und uns auf den Weg nach Toboso begäben, der glaubt, daß wir jetzt Nacht haben, obwohl es kaum um die zehnte Tagesstunde ist, und verlangt von uns gerade dasselbe, als wollte man Birnen vom Ulmenbaum verlangen.« »So schwör ich denn bei dem und jenem«, rief Don Quijote, der bereits in Harnisch geraten war, »du Junker Hurensohn, Gineselchen von Parapilla oder wie du sonst heißen magst, du sollst ganz allein dahin, den Schwanz zwischen den Beinen wie ein Hund, mit der ganzen Kette auf dem Rücken!« Pasamonte war der Mann nicht dazu, sich viel gefallen zu lassen, und es war ihm auch schon klargeworden, daß Don Quijote nicht richtig im Kopfe war, da er den Unsinn begangen, sie in Freiheit zu setzen. Als er sich nun so beschimpfen hörte, gab er seinen Kameraden einen Wink, diese traten etwas zurück und begannen so viele, viele Steine auf Don Quijote regnen zu lassen, daß er nicht Hände genug hatte, sich mit der Tartsche zu decken, und der arme Teufel von Rosinante achtete des Sporns so wenig, als wäre er aus Erz gegossen. Sancho kauerte sich hinter seinen Esel und benutzte ihn als Schutzwehr gegen den Ansturm des Ungewitters und Steinhagels, der auf beide herniederregnete. Don Quijote konnte sich mit seinem Schilde nicht so völlig decken, daß ihn nicht Kieselsteine, ich weiß nicht wie viele, mit voller Gewalt auf den ganzen Körper trafen und ihn zu Boden streckten; und kaum lag er da, so fiel der Student über ihn her, riß ihm die Barbierschüssel vom Kopf und schlug sie drei-, viermal über seinen Rücken und ebenso viele Male auf den Erdboden, so daß sie fast in Stücke ging. Die Gauner zogen ihm das Röcklein ab, das er über der Rüstung trug, und hätten ihm auch gern die Strümpfe genommen, wenn die Beinschienen es nicht verhindert hätten. Dem Sancho nahmen sie seinen Mantel und ließen ihm kaum die Unterkleider; und nachdem sie die sonstige Beute des Kampfes unter sich verteilt, zogen sie von dannen, jeder seines Weges für sich und weit mehr darauf bedacht, der gefürchteten Brüderschaft zu entgehen, als sich die Kette aufzuladen und sich dem Fräulein Dulcinea von Toboso zu stellen. Eselein und Rosinante, Sancho und Don Quijote, sie blieben allein zurück; der Esel gesenkten Hauptes und nachdenklich, hier und da die Ohren schüttelnd, weil er meinte, noch habe das steinerne Ungewitter, das seine Ohren heimsuchte, nicht ausgetobt; Rosinante neben seinen Herrn hingestreckt, denn ein Steinwurf hatte auch ihn zu Boden gestürzt; Sancho bis aufs Unterwams ausgeraubt und voller Angst vor der Heiligen Brüderschaft; Don Quijote höchst ingrimmig, sich von den nämlichen Leuten so übel zugerichtet zu sehen, denen er soviel Gutes erwiesen hatte. 23. Kapitel Von dem, was dem ruhmreichen Ritter Don Quijote in der Sierra Morena zustieß; was eines der rarsten Abenteuer gewesen, so in dieser wahrheitsgetreuen Geschichte erzählt werden Als Don Quijote sich so übel zugerichtet sah, sprach er zu seinem Schildknappen: »Immerdar, Sancho, habe ich sagen hören, gemeinem Volke Gutes tun heißt Wasser ins Meer tragen. Hätte ich deinen Worten gefolgt, so hätte ich mir dieses Ungemach erspart, aber es ist einmal geschehen; Geduld, und wir wollen künftighin durch den Schaden gewitzigt sein.« »Geradeso wird Euer Gnaden gewitzigt werden«, entgegnete Sancho, »wie ich ein Türke bin. Aber da Ihr sagt, wenn Ihr mir gefolgt hättet, wäre Euch dieses Unglück erspart geblieben, so folgt mir jetzt, und es wird Euch ein andres, weit größeres erspart bleiben; denn ich tue Euch zu wissen, daß bei der Heiligen Brüderschaft mit dem Rittertum nichts zu machen ist, und sie gibt keine zwei Pfennige auf alle fahrenden Ritter der Welt. Und wißt nur, schon meine ich, ihre Pfeile mir um die Ohren sausen zu hören.« »Du bist ein geborener Feigling, Sancho«, sprach Don Quijote, »aber damit du nicht sagst, ich sei halsstarrig und tue nie, was du mir rätst, so will ich für diesmal deinem Rate nachgeben und dem Ansturm ausweichen, den du so sehr fürchtest; aber es geschieht nur unter einer Bedingung, nämlich daß du nie im Leben oder Tod jemandem sagst, ich sei vor dieser Gefahr aus Furcht zurückgegangen und gewichen, sondern lediglich um mich deinen Bitten gefällig zu erweisen. Und wenn du je was anderes sagen würdest, so lügst du das, und in der Gegenwart bis in alle Zukunft und in der Zukunft bis in alle Gegenwart strafe ich dich Lügen und sage, daß du lügst und lügen wirst, sooft du es denken oder sagen magst. Und erwidre mir nichts weiter; denn schon bei dem bloßen Gedanken, daß ich vor einer Gefahr zurückgehe und weiche, sonderlich aus dieser jetzigen, die etwas wie einen Schatten von Furcht im Geleite hat, gelüstet es mich, auszuharren und ganz allein die Heilige Brüderschaft, die du erwähnst und fürchtest, zu erwarten, und nicht nur diese, sondern auch alle Brüder der zwölf Stämme Israel und die sieben Makkabäer und Kastor und Pollux und dazu alle Brüder und Brüderschaften, die es in der ganzen Welt gibt.« »Señor«, erwiderte Sancho, »zurückgehen ist nicht fliehen, und das Warten ist nicht Klugheit, wenn die Gefahr größer ist als der Nutzen vom Warten. Es ist die Art weiser Männer, sich heute für morgen aufzubewahren und nicht alles auf einen Tag aufs Spiel zu setzen; und wisset, wenn ich auch nur ein roher Kerl und Bauer bin, so verstehe ich doch etwas davon, wie man sich im Leben zu benehmen hat. Sonach laßt Euch nicht gereuen, daß Ihr meinen Rat angenommen, sondern besteigt den Rosinante, wenn Ihr könnt, oder wenn nicht, will ich Euch helfen, und folgt mir nach; denn mein bißchen Verstand sagt mir, wir haben anjetzt die Füße nötiger als die Hände.« Don Quijote stieg zu Pferd, ohne ihm ein Wort zu entgegnen, Sancho auf seinem Esel zog voran, und so gelangten sie zu den nahen Vorbergen der Sierra Morena. Sancho beabsichtigte, das ganze Gebirge zu durchziehen und auf der andern Seite, bei Viso oder Almodóvar del Campo, wieder herauszukommen und sich ein paar Tage lang in jener Wildnis zu verbergen, damit die Heilige Brüderschaft sie nicht finde, wenn sie ihnen nachspüre. Was ihn in dieser Absicht besonders bestärkte, war, daß er den Mundvorrat, den der Esel trug, aus dem Treffen mit den Galeerensklaven unversehrt davongekommen fand, und nach der Sorgfalt, mit der sie alles durchsucht und mitgenommen hatten, hielt er dies für ein wahres Wunder. Wie der Ritter nun so mitten ins Gebirge kam, da frohlockte sein Herz; denn es bedünkte ihn, diese Gegenden seien ganz die geeigneten für die Abenteuer, denen er nachging. Es kamen ihm die wundersamen Vorfälle wieder ins Gedächtnis, die sich in ähnlichen Einöden und Wildnissen mit so manchem fahrenden Ritter zugetragen hatten; er war in diese Dinge so versunken und war so verzückt, daß er an nichts andres mehr dachte. Auch Sancho hatte, sobald er überzeugt war, daß er jetzt eine sichere Gegend durchziehe, keine andre Sorge, als seinen Magen mit den noch übrigen Resten von der geistlichen Beute zu befriedigen, und so schritt er hinter seinem Gebieter her, beladen mit allem, was der Graue hätte tragen sollen, holte aus dem Sack hervor, lud in seinen Wanst ein und hätte nicht einen Pfennig darum gegeben, ein neues Abenteuer zu finden, solange er ein so vergnügliches Dasein führte. Indem schlug er die Augen auf und sah, daß sein Herr hielt und sich mühte, ich weiß nicht was für einen Packen, der auf dem Boden lag, mit der Spitze seines Spießes aufzuheben; daher beeilte er sich, ihm dabei zu helfen, falls es nötig sein sollte. Er kam gerade im Augenblick herzu, als der Ritter mit dem Eisen seines Spießes ein Sattelkissen und einen daran befestigten Mantelsack emporhob, beide halb, wenn nicht ganz vermodert und zerschlissen; aber sie waren so schwer, daß Sancho ihm beistehen mußte, um sie heraufzuheben. Sein Herr befahl ihm nachzusehen, was in dem Mantelsack sei; er tat es in größter Eile; und wiewohl der Mantelsack mit Kette und Vorlegeschloß verwahrt war, sah Sancho durch die vermoderten Stellen und Risse hindurch, was er enthielt, nämlich vier Hemden von feinem Batist nebst noch andern Sachen von Leinwand, alles sauber und schön, und in einem Tüchlein fand er ein artiges Häuflein Goldtaler. Und als er die sah, sprach er: »Gepriesen sei der Himmel nebst allen Heiligen, daß er uns endlich ein Abenteuer zugeschickt hat, das etwas einträgt!« Und als er weitersuchte, fand er ein kleines, reichverziertes Notizbuch; das verlangte Don Quijote von ihm und gebot ihm, das Geld zu nehmen und für sich zu behalten. Sancho küßte ihm die Hände für diese Gnade; alles Leinenzeug aus dem Mantelsack sackte er ein und packte es in seinen eigenen Sack zu dem Mundvorrat. Als Don Quijote das sah, sprach er: »Es bedünkt mich, Sancho, es kann gar nicht anders sein, irgendein in dieser Gegend unbewanderter Wanderer muß über das Gebirge gekommen sein, und Wegelagerer müssen ihn angefallen und umgebracht und ihn zu diesem versteckten Orte geschleppt haben, um ihn zu begraben.« »Das kann nicht sein«, entgegnete Sancho, »denn wären es Räuber gewesen, so hätten sie dies Geld nicht hier gelassen.« »Du sprichst wahr«, sprach Don Quijote, »und sonach kann ich nicht erraten und darauf kommen, wie es zugegangen sein mag. Doch warte einmal, wir wollen sehen, ob in diesem Notizbüchlein sich etwas geschrieben findet, mit dessen Hilfe wir das Gewünschte entdecken und erfahren könnten.« Er öffnete es; und das erste, was er darin, wie einen ersten Entwurf, doch mit sehr guter Handschrift, eingetragen fand, war ein Sonett, das er laut las, damit auch Sancho es hören könne, und das auf diese Weise lautete: Entweder, Lieb, hast Kenntnis du der Seelen Zuwenig, oder zuviel Grausamkeit, Oder ich bin verurteilt, daß mein Leid Weit über alles Maß mich darf zerquälen. Doch ist die Lieb ein Gott, so kann's nicht fehlen, Daß sie die Seelen kennt; auch ist kein Streit, Daß Götter nimmer grausam. Wer denn weiht Mich Qualen, die so süß und mich entseelen? Sag ich, du tust es, Phyllis, das war sündlich; So Gutem kann sich Böses nicht verbinden, Noch kommt mein tödlich Weh aus Himmels Händen. Bald werd ich sterben, das erhoff ich stündlich; Denn für ein Leid, des Grund nicht aufzufinden, Vermocht ein Wunder Heilung nur zu spenden. »Aus diesen Reimen«, sprach Sancho, »kann man nichts entnehmen. Freilich steht darin: ›Du tust vieles‹, und damit kann man vielleicht herausbringen, wer es denn tut.« »Was heißt das: ›Du tust vieles‹?« sprach Don Quijote. »Ich meine«, sagte Sancho, »Euer Gnaden hätten gelesen: ›Du tust vieles‹.« »Nicht ›vieles‹, sondern ›Phyllis‹ sagte ich«, erwiderte Don Quijote, »und dies ist ohne Zweifel der Name des Fräuleins, über welches sich der Verfasser dieses Sonetts beklagt; und aufs Wort, es muß ein richtiger Poet sein, oder ich verstehe nichts von der Kunst.« »Also versteht sich Euer Gnaden auch auf Reime?« fragte Sancho. »Mehr, als du glaubst«, entgegnete Don Quijote; »und das sollst du sehen, wenn du einmal einen Brief, von oben bis unten in Versen geschrieben, an meine Gebieterin Dulcinea von Toboso zu bringen hast. Denn du sollst wissen, Sancho, daß sämtliche oder doch die meisten fahrenden Ritter der vergangenen Zeit große Dichter und große Musiker waren; denn diese beiden Talente, oder besser gesagt, Himmelsgaben gehören zum Wesen der fahrenden Helden, wenn sie verliebt sind. Allerdings zeigen die Strophen der früheren Ritter mehr Naturanlage als Formvollendung.« »Lest weiter«, sprach Sancho, »Euer Gnaden wird schon etwas finden, das unsern Wunsch befriedigt.« Don Quijote schlug das Blatt um und sprach: »Das ist Prosa und scheint ein Brief.« »Ein Brief zum Verschicken?« fragte Sancho. »Zu Anfang scheint er nicht das, sondern ein Liebesbrief«, antwortete Don Quijote. »Dann wolle Euer Gnaden ihn laut lesen«, sprach Sancho, »denn ich habe großes Vergnügen an Liebessachen.« »Ganz gern«, versetzte Don Quijote. Er las ihn laut vor, wie Sancho ihn gebeten hatte, und fand ihn dieser Art lautend: Dein falsches Versprechen und mein zweifelloses Mißgeschick führen mich an einen Ort, von wo die Nachricht von meinem Tode früher zu Deinen Ohren gelangen wird als der Laut meiner Klagen. Du hast mich hinweggestoßen, o Undankbare, für einen, der mehr besitzt, aber nicht mehr wert ist als ich; aber wäre die Tugend ein Reichtum, den man zu würdigen wüßte, so würde ich nicht fremdes Glück zu beneiden noch eignes Unglück zu beweinen haben. Was Deine Schönheit auf erbaute, haben Deine Taten niedergestürzt; um jener willen erachtete ich Dich für einen Engel, an diesen erkenne ich Dich für ein Weib. Lebe in Frieden, Du Schöpferin meines Unfriedens, und ewig bleibe Dir die Verräterei Deines Gemahls verborgen, das gebe der Himmel, damit Du nicht bereuen müssest, was Du getan, und ich mich nicht gerächt sehe durch das, was ich nicht wünsche. Als Don Quijote den Brief gelesen, sagte er: »Hieraus läßt sich noch weniger als aus den Versen etwas andres entnehmen, als daß der Schreiber des Briefes ein verschmähter Liebhaber ist.« Und indem er fast das ganze Notizbuch durchblätterte, fand er noch mehr Verse und Briefe, von welchen er einige lesen konnte und andre nicht; aber bei allen war der Inhalt nur Klagen, Jammern, eifersüchtige Vorwürfe, Versöhnung und Verhöhnung, Begünstigung und Verschmähung, jene wonnevoll gefeiert, diese schmerzlich beweint. Während Don Quijote das Buch durchsah, sah Sancho den Mantelsack durch und ließ weder in diesem noch im Sattelkissen einen Winkel undurchsucht, ungeprüft, unergründet, keine Naht, die er nicht aufgetrennt, kein Flocken Wolle, den er nicht auseinandergezupft hätte, damit ja nichts aus Lässigkeit oder Unachtsamkeit zurückbliebe – solche unmäßige Begier hatten die gefundenen Goldstücke in ihm erregt, deren mehr als hundert waren. Obschon er nichts weiter fand als das bisher schon Gefundene, so war er nun doch ganz zufrieden mit dem Wippen auf der Bettdecke, dem Erbrechen nach dem Trank, der Einsegnung mit den Knüppeln, den Faustschlägen des Maultiertreibers, dem Verlust seines Zwerchsacks, dem Raub seines Mantels und mit all dem Hunger, Durst und der Mühsal, so er im Dienste seines Herrn erlitten. Und es bedünkte ihn, er sei schon besser als gut bezahlt mit dem Lohn, der ihm durch die Überlassung des Fundes geworden. Der Ritter von der traurigen Gestalt indessen war über die Maßen begierig zu erfahren, wessen Eigentum der Mantelsack sei, und schloß aus dem Sonett und dem Briefe, aus den Goldstücken und aus den feinen Hemden, er müsse einem Verliebten von Stande angehört haben, den Verschmähung und üble Behandlung von Seiten seiner Dame zu irgendeinem verzweifelten Schritt getrieben. Da jedoch in dieser unwegsamen, unwirtlichen Umgebung sich niemand blicken ließ, bei dem man sich hätte erkundigen können, so dachte er nur noch daran, weiterzukommen, und schlug den Weg ein, den sein Pferd gehen wollte, das heißt, den es gehen konnte, wobei er sich beständig einbildete, es könne in diesen dicht verwachsenen Wildnissen irgendein seltsames Abenteuer nicht ausbleiben. Wie er so in diesen Gedanken hinritt, erblickte er auf einer Höhe, die sich seinen Augen darbot, einen Menschen mit ungemeiner Leichtfüßigkeit von Fels zu Fels, von Strauch zu Strauch dahinspringen. Er glaubte zu bemerken, der Mann sei halbnackt, mit dichtem schwarzem Bart, reichlichem und verworrenem Haar, die Füße unbeschuht, die Beine unbekleidet; die Schenkel trugen Hosen, dem Anscheine nach von fahlem Samt, aber so in Fetzen, daß man an vielen Stellen die Haut durchsah; den Kopf hatte er unbedeckt. Und obschon er mit der geschilderten Behendigkeit vorübersprang, sah und merkte sich der Ritter von der traurigen Gestalt all diese Einzelheiten. Aber wiewohl er es versuchte, konnte er ihm doch nicht nacheilen; denn der schwachen Kraft Rosinantes war es nicht vergönnt, über diese steilen Höhen zu setzen, zumal der Gaul von Hause aus kurzschrittlich und von gar bequemer Natur war. Don Quijote vermutete sogleich, dieses müsse der Eigentümer des Kissens und Mantelsacks sein, und nahm sich vor, ihn aufzusuchen, wüßte er auch, daß er eines ganzen Jahres bedürfte, um ihn in diesen Bergen zu finden. Daher befahl er Sancho, auf der einen Seite den Weg über den Berg abzuschneiden, er werde den über die andre Seite einschlagen, und es wäre das vielleicht das rechte Mittel, um den Mann zu treffen, der so rasch vor ihren Augen vorübergeeilt. »Das kann ich nicht«, antwortete Sancho, »denn sobald ich mich von Euer Gnaden entferne, so kommt auf der Stelle die Furcht heran und überfällt mich mit Schreckbildern und Spuk von tausenderlei Gestalt; und was ich sage, das möge Euch zur Nachricht dienen, daß ich von jetzt an mich nie mehr einen Fingerbreit aus Eurer Gegenwart entfernen werde.« »So sei es«, sprach Der von der traurigen Gestalt, »es gefällt mir sehr wohl, daß du dich auf meinen Mut verlassest; er wird dich nie im Stich lassen, selbst wenn deine Seele deinen Leib im Stich ließe. Jetzt komm hinter mir her, Schritt für Schritt, oder wie du irgend kannst, und mache deine Augen zu Laternen; wir wollen um diesen Hügel herum; vielleicht treffen wir den Mann, den wir gesehen und der ohne Zweifel kein anderer ist als der Eigentümer unseres Fundes.« Worauf Sancho erwiderte: »Viel besser wäre es, ihn nicht zu suchen; denn wenn wir ihn finden und er etwa der Eigentümer des Geldes sein sollte, so ist es klar, ich muß es ihm wiedergeben. Und demnach wäre es besser, ohne dieses nutzlose Bemühen aufzuwenden, ich behielte es mit gutem Gewissen, bis einmal auf eine andere Weise ohne absichtliches Aufsuchen und Bemühen der wahre Eigentümer zum Vorschein kommt; und vielleicht geschähe das zu einer Zeit, wo ich es schon ausgegeben hätte, und dann: wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren.« »Darin irrst du, Sancho«, entgegnete Don Quijote; »denn da wir schon auf die Vermutung gekommen, wer der Eigentümer ist, und wir ihn schier vor Augen haben, so sind wir verpflichtet, ihn aufzusuchen und ihm das Geld zurückzuerstatten; und falls wir ihn nicht aufsuchen, so hat schon unsere gegründete Vermutung, daß er es ist, uns ebenso strafbar gemacht, als wenn er es wirklich wäre. Mithin, Freund Sancho, mache dir keinen Kummer darüber, daß wir ihn aufsuchen, schon um deswillen, daß mir ein wahrer Kummer benommen wird, wenn ich ihn finde.« Und so spornte er seinen Rosinante, und Sancho folgte ihm nach, zu Fuß und beladen dank dem Ginés de Pasamonte. Nachdem sie den Berg zum Teil umkreist hatten, fanden sie ein Maultier mit Sattel und Zaum in einem Bache liegen, tot, von Hunden halb aufgezehrt und von Raben zerfleischt; und das alles bestärkte sie in der Vermutung, jener Flüchtling sei der Eigentümer des Maultiers und des Kissens. Während sie das Tier betrachteten, vernahmen sie ein Pfeifen wie von einem die Herde hütenden Schäfer, und plötzlich zeigten sich ihnen zur linken Hand Ziegen in ansehnlicher Menge, und hinter ihnen erschien auf der Höhe des Berges der Hirt, der sie hütete, ein alter Mann. Don Quijote rief ihn laut an und bat ihn, er möchte zu ihnen herunterkommen. Der Hirt schrie zurück, wer sie an diesen Ort gebracht habe, den selten oder nie ein Fuß betrete, wenn nicht die Füße der Ziegen, der Wölfe oder anderer wilder Tiere, die hier herumstrichen. Sancho entgegnete, er möge nur herabkommen, sie würden ihm über alles volle Auskunft erteilen. Der Ziegenhirt stieg denn herab, und sich Don Quijote nähernd, sprach er: »Ich will wetten, Ihr betrachtet Euch den Mietesel, der hier im Hohlwege liegt; er liegt weiß Gott schon sechs Monate da. Sagt mir, habt Ihr vielleicht seinen Herrn dort herum angetroffen?« »Wir haben niemand angetroffen«, antwortete Don Quijote, »nur ein Sattelkissen und einen Mantelsack haben wir nicht weit von hier gefunden.« »Den hab auch ich gefunden«, entgegnete der Ziegenhirt, »aber ich mochte ihn nicht vom Boden aufheben noch auch nur ihm nahe kommen, aus Furcht, daß mir was Unangenehmes zustoßen und man mich wegen Diebstahls verklagen könnte; denn der Teufel ist schlau und wirft dem Menschen oft etwas unter die Füße, daß er darüber strauchelt und fällt, ohne zu wissen, wann und wie.« »Gerade das sag ich auch«, versetzte Sancho, »ich hab ihn auch gefunden und wollte ihm auf Steinwurfsweite nicht nahe kommen; ich hab ihn dort gelassen, und dort mag er bleiben, wie er da lag, denn ein Hund mit der Schelle ist ein böser Geselle.« »Sagt mir, guter Freund«, sprach Don Quijote, »wißt Ihr, wer der Eigentümer dieser Sachen ist?« »Was ich sagen kann«, antwortete der Ziegenhirt; »ist dies: es wird so was wie sechs Monate her sein, nicht viel mehr oder weniger, da kam zu dem Hirtenpferch, der so was wie drei Meilen von hier ist, ein junger Herr von feiner Gestalt und stattlichem Aussehn und ritt auf diesem selben Maultier, das tot daliegt, und hatte dasselbe Sattelkissen nebst Mantelsack, den ihr, wie ihr sagt; gefunden habt, und habt ihn nicht angerührt. Er fragte uns, welch eine Gegend im Gebirge am wildesten sei und am tiefsten versteckt; wir sagten ihm, es sei gerade der Strich, wo wir uns jetzt befinden. Und es ist so, in der Tat; denn wenn ihr nur eine halbe Stunde tiefer hineindringt, so glückt's euch vielleicht nie, wieder herauszukommen, und ich bin verwundert, wie ihr nur hierhergelangen konntet; denn es gibt weder Weg noch Steg, der zu diesem Orte führt. Ich sage also, wie der junge Mann unsre Antwort vernahm, so wendete er die Zügel und nahm den Weg nach der Gegend, die wir ihm bezeichnet hatten; wir aber standen alle da, erfreut ob seines stattlichen Wesens und verwundert ob seiner Frage und ob der großen Eile, mit der er, dieweil wir zuschauten, davonritt und sich in die Berge schlug. Und seit damalen bekamen wir ihn nicht mehr zu Gesicht, bis er ein paar Tage später einen unsrer Schäfer anpackte und über ihn herfiel, ohne ein Wort zu sagen, und versetzte ihm eine schwere Menge Faustschläge und Fußtritte und machte sich sogleich über den Packesel, der bei der Herde gehalten wird, und nahm dem alles weg, was er an Brot und Käse trug, und wie alles getan war, wandte er sich mit unbegreiflicher Behendigkeit zurück, um sich im Gebirge zu verstecken. Als ich und noch etliche Ziegenhirten das erfuhren, so machten wir uns auf und suchten nach ihm, wo das Gebirge am unwegsamsten ist, schier zwei Tage lang, wo wir ihn dann fanden, wie er in der Höhlung einer dicken, mächtigen Korkeiche stak. Er kam uns ruhig und freundlich entgegen, sein Anzug war bereits zerschlissen, das Gesicht entstellt und von der Sonne verbrannt, so daß wir ihn kaum erkannten, wenn nicht seine Tracht, die uns erinnerlich war, uns überzeugt hätte, er sei der Mann, den wir suchten. Er grüßte uns höflich und sagte uns mit wenigen und recht verständigen Worten, wir sollten uns nicht wundern, daß er in solchem Aufzug umhertreibe; denn so gezieme es ihm, um eine gewisse Buße zu vollbringen, die ihm um seiner vielen Sünden willen auferlegt worden. Wir ersuchten ihn, uns zu sagen, wer er sei, aber wir konnten das durchaus nicht bei ihm fertigbringen. Auch baten wir ihn, wenn er etwas zum Unterhalt nötig habe, ohne den er doch nicht bestehen könne, so solle er uns sagen, wo wir ihn finden könnten; denn wir würden es ihm mit größter Liebe und Fürsorge bringen; und wenn das etwa auch nicht nach seinem Sinn wäre, so möchte er wenigstens kommen und es verlangen, anstatt es den Hirten wegzunehmen. Er dankte für unser Anerbieten, bat um Verzeihung für die bisherigen Gewalttätigkeiten und erbot sich, fürderhin alles um Gottes willen zu erbitten, ohne irgendeinem beschwerlich zu fallen. Was seinen Wohnungsort betreffe, sagte er, er habe keinen andern, als den ihm der Zufall darbiete, wo ihn die Nacht überrasche. Und als er das gesprochen, brach er in so bittere Tränen aus, daß wir, die ihm zugehört, von Stein hätten sein müssen, um nicht mit ihm zu weinen, wenn wir bedachten, wie wir ihn das erstemal gesehen hatten und in welchem Zustand wir ihn jetzt sahen; denn, wie ich gesagt, er war ein gar feiner, angenehmer Junker, und mit seinen höflichen und verständigen Worten bewährte er, wie er aus gutem Hause und von vornehmer Bildung sei. Waren wir, die ihm zuhörten, auch nur einfältige Bauersleute, so war doch sein feiner Anstand derart, daß er genügend war, um von der bäurischen Einfalt selbst begriffen und erkannt zu werden. Und wie er gerade im besten Reden war, hielt er unversehens inne und verstummte und heftete die Augen geraume Zeit auf den Boden, während wir alle schweigend und staunend dastanden, voll Erwartung, was es mit dieser Verzückung werden sollte, und mit nicht geringer Betrübnis, so was ansehen zu müssen; denn aus der Art, wie er die Augen aufriß und dann wieder lange Zeit starr auf den Boden sah, ohne nur die Wimpern zu bewegen, dann die Augen schloß und die Lippen zusammenpreßte und die Brauen in die Höhe zog, erkannten wir alsbald, daß ihn wieder ein Anfall von Verrücktheit plötzlich heimgesucht habe. Er bewies uns sofort, daß unsre Vermutung Wahrheit sei; denn mit gewaltiger Wut sprang er vom Boden empor, auf den er sich geworfen, und fiel über den ersten her, den er in seiner Nähe fand, mit so wahnsinnigem Ingrimm, daß, wenn wir ihn nicht aus seinen Händen gerissen, er ihn mit Faustschlägen und Bissen umgebracht hätte. Und während er das tat, schrie er beständig: ›Ha, du verräterischer Fernando! Hier, hier sollst du mir die Missetat bezahlen, die du an mir begangen! Diese Hände sollen dir das Herz ausreißen, in dem alle Schlechtigkeiten zusammen hausen und ihren Sitz haben, vorab Trug und Tücke!‹ Diesen Worten fügte er noch andre hinzu, und alle liefen darauf hinaus, dem Fernando Böses nachzureden und ihn des Verrats und Treubruchs zu beschuldigen. Mit nicht geringer Beschwer hatten wir endlich den Hirten seiner Wut entrissen, und er, ohne ein Wort weiter zu reden, verließ uns, rannte fort und verbarg sich hinter jenem stachligen Gestrüpp und Dornhecken, so daß er es uns unmöglich machte, ihm zu folgen. Daraus entnahmen wir, daß seine Verrücktheit ihn nur zuzeiten befällt und daß jemand des Namens Fernando ihm etwas sehr Arges angetan haben muß, so arg, wie der Zustand es zeigt, zu dem er ihn heruntergebracht hat. All dieses sahen wir mehr und mehr bestätigt, wenn er vom Wald auf den Weg herauskam, und das geschah gar vielmal; einmal, um die Schäfer zu bitten, ihm etwas Essen zu bringen, ein andermal, um es ihnen mit Gewalt zu nehmen. Wenn er nämlich seinen Anfall von Wahnsinn hat und die Hirten es ihm aus freien Stücken anbieten, so nimmt er es nicht an, sondern raubt es mit Faustschlägen; und wenn er bei Verstande ist, so erbittet er sich's um Gottes willen, höflich und freundlich, und sagt vielen Dank dafür und läßt es dabei nicht an Tränen fehlen. Und wirklich muß ich euch sagen, liebe Herren«, fuhr der Ziegenhirt fort, »gestern beschloß ich mit vier andern Burschen, zwei davon meine Knechte, die zwei andern aber Freunde von mir, ihm so lange nachzuspüren, bis wir ihn finden, und haben wir ihn gefunden, so wollen wir ihn, sei es mit Gewalt, sei es im guten, nach der Stadt Almodóvar bringen, acht Meilen von hier, und dort wollen wir ihn heilen lassen, falls für sein Leiden noch Heilung möglich; oder wir erfahren wenigstens, wenn er einmal bei Verstand ist, wer er ist und ob er Verwandte hat, denen man Nachricht von seinem Unglück geben kann. Das ist es, liebe Herren, was ich auf eure Fragen zu antworten habe; und seid überzeugt, daß der Besitzer der Sachen, die ihr gefunden habt, derselbe ist, den ihr so behende und halbnackt an euch vorüberrennen saht.« Don Quijote hatte ihm nämlich bereits gesagt, wie er den Menschen über die Höhen hinspringen gesehn. Der Ritter war voll Staunens ob der Mitteilungen des Ziegenhirten und wurde um so begieriger, zu erfahren, wer der unglückliche Verrückte sein möchte. Was er vorher schon zu tun im Sinne hatte, das wurde jetzt bei Ihm zum festen Vorsatz: im ganzen Gebirge nach ihm zu spähen und keinen Winkel und keine Höhle dort undurchsucht zu lassen, bis er ihn fände. Aber das Schicksal fügte es besser, als er dachte und hoffte; denn in diesem nämlichen Augenblick erschien in einer Felsenschlucht, die sich auf die Stelle hin öffnete, wo sie sich befanden, der junge Mann, den der Ritter suchte. Er kam daher und murmelte etwas zwischen den Lippen, was man nicht von nahem hätte verstehen können, wieviel weniger aus der Entfernung. Sein Aufzug war, wie bereits geschildert; nur bemerkte Don Quijote, als er näher kam, daß das zerrissene Lederkoller, das er auf dem Leibe trug, nach Ambra roch; was ihn denn vollends überzeugte, daß jemand, der so gekleidet sei, nicht von geringem Stand sein könne. Der Jüngling trat zu ihnen heran und grüßte mit tonloser, heiserer Stimme, doch mit vieler Höflichkeit. Don Quijote erwiderte den Gruß nicht minder artig, stieg von Rosinante ab, ging auf ihn zu und umarmte ihn mit edlem Gebaren und zierlichem Anstand und hielt ihn eine gute Weile so innig umschlungen, als hätte er ihn schon seit langen Zeiten gekannt. Der andre, den wir den »Lumpen von der jämmerlichen Gestalt« nennen könnten wie Don Quijote den Ritter von der traurigen, schob diesen, nachdem er sich die Umarmung hatte gefallen lassen, ein wenig beiseite, legte die Hände auf des Ritters Schultern, stand eine Zeitlang im Anschauen da, als wollte er nachsinnen, ob er ihn erkenne, und war vielleicht nicht weniger verwundert, Don Quijotes Gesicht, Gestalt und Rüstung zu sehen, als Don Quijote verwundert war, ihn zu sehen. Der erste, der endlich nach der Umarmung das Wort nahm, war der »Lump von der jämmerlichen Gestalt«, und er sprach, was nachher erzählt werden soll. 24. Kapitel Worin das Abenteuer in der Sierra Morena fortgesetzt wird Es erzählt unsre Geschichte, daß Don Quijote mit größter Aufmerksamkeit dem elenden Ritter vom Gebirge zuhörte, der folgendermaßen das Gespräch eröffnete: »Gewiß, Señor, wer Ihr auch sein möget – denn ich kenne Euch nicht –, ich danke Euch für Euer freundliches Benehmen und die Höflichkeit, die Ihr mir bezeigt habt, und wünschte mich in der Lage zu finden, daß ich mit etwas mehr als gutem Willen dem Eurigen, den Ihr mir durch Euren herzlichen Empfang bewiesen habt, dienstbereit entgegenkommen könnte. Allein mein Schicksal will mir, um die mir erwiesenen Wohltaten zu erwidern, nichts andres vergönnen als den frommen Wunsch, sie zu vergelten.« »Die Wünsche, die ich meinesteils hege«, entgegnete Don Quijote, »bestehen nur darin, Euch zu dienen, so daß ich bereits entschlossen war, aus diesem Gebirge nicht zu weichen, bis ich Euch gefunden und von Euch erfahren hätte, ob für das Leiden, dessen schweren Druck Ihr durch Eure seltsame Lebensweise erkennen lasset, irgendein Heilmittel zu finden wäre; und wenn ein solches aufzusuchen erforderlich sein sollte, war ich willens, es mit aller erdenklichen Sorgfalt aufzusuchen. Und falls Euer Mißgeschick von jener Art wäre, die jeglicher Tröstung die Tür verschlossen hält, dann wollte ich, so gut ich es vermöchte, es mit Euch beklagen und beweinen; denn auch das ist Trost in den Leiden, eine Seele zu finden, die Mitleid mit ihnen fühlt. Und wenn in der Tat meine gute Absicht es verdient, einen Dank durch Bezeigung irgendeiner Höflichkeit zu empfangen, so bitte ich Euch um der großen Höflichkeit willen, die ich in Eurem ganzen Wesen ersehe, und beschwöre Euch zugleich bei dem, was Ihr in diesem Leben am meisten geliebt habt oder liebt, mir zu sagen, wer Ihr seid, und mir mitzuteilen, was Euch dahin gebracht hat, in dieser öden Wildnis zu leben und zu sterben wie die vernunftlosen Tiere; denn unter diesen weilt Ihr, Euch selbst so entfremdet, wie Eure Kleidung und Euer Aussehen es zeigt. Und ich schwöre«, fuhr Don Quijote fort, »bei dem Ritterorden, den ich, obschon unwürdig und sündhaft, empfangen habe, und bei meinem Beruf als fahrender Ritter, wenn Ihr Euch hierin, Señor, mir gefällig erweist, Euch mit all dem ernsten Bemühen dienstlich zu sein, zu welchem ich mich dadurch verpflichtet fühle, daß ich der Mann bin, der ich bin, indem ich entweder Eurem Leiden Hilfe bringe, wenn ihm Hilfe möglich ist, oder es mit Euch beweine, wie ich verheißen habe.« Der Ritter vom Walde tat, wie er Den von der traurigen Gestalt so reden hörte, nichts weiter, als ihn anzuschauen und wieder anzuschauen und ihn abermals von oben bis unten zu beschauen, und als er ihn lange genug angeschaut hatte, sagte er zu ihm: »Wenn ihr Leute etwas für mich zu essen habt, so gebt es mir um Gottes willen, und sobald ich gegessen habe, werde ich alles tun, was man von mir verlangt, zum Dank für die guten Wünsche, die man mir hier bezeigt hat.« Sogleich holten Sancho aus seinem Sack und der Ziegenhirt aus seiner Umhängetasche so viel hervor, daß der Lumpenritter seinen Hunger damit stillen konnte; er aß wie ein Blödsinniger, so hastig, daß er sich von einem Bissen zum andern keine Zeit ließ, indem er eher alles verschlang als verschluckte; und während er aß, sprachen weder er noch die Zuschauer ein einziges Wort. Als er mit dem Essen fertig war, winkte er ihnen zu, ihm zu folgen. Sie taten es, und er führte sie auf ein grünes Rasenplätzchen, das hinter einem nicht weit entfernten Felsen lag. Dort angekommen, ließ er sich im Gras nieder, und die andern taten dasselbe, ohne daß einer ein Wort sprach, bis der Lumpenritter, nachdem er sich zurechtgesetzt, zu sprechen anhob: »Wenn ihr Herren wünscht, daß ich euch in kurzen Worten die Unermeßlichkeit meines Mißgeschickes berichte, so müßt ihr mir versprechen, daß ihr mit keiner Frage oder sonst etwas den Faden meiner traurigen Geschichte unterbrecht; denn an derselben Stelle, wo ihr meine Erzählung stört, an der nämlichen wird sie auch stehenbleiben.« Diese Worte des Lumpenritters brachten unserm Don Quijote das Märlein seines Schildknappen wieder ins Gedächtnis, als er die Zahl der über den Fluß gesetzten Ziegen nicht wußte und die Geschichte deshalb ins Stocken geriet. Kehren wir indessen zu dem zerlumpten Jüngling zurück. Er fuhr mit folgenden Worten fort: »Diese Warnung erteile ich, weil ich rasch über den Bericht meiner Leiden hinwegkommen möchte; denn sie mir ins Gedächtnis zurückzurufen dient mir zu nichts anderm, als neue Schmerzen den früheren hinzuzufügen, und je weniger ihr mich fragt, desto schneller werde ich mit der Erzählung zu Ende kommen: wiewohl ich, um euren Wunsch vollständig zu erfüllen, nichts von Wichtigkeit unerzählt lassen will.« Don Quijote versprach es ihm im Namen der übrigen, und auf diese Bürgschaft hin begann er folgendermaßen: »Mein Name ist Cardenio, meine Heimat eine der vornehmsten Städte hier in Andalusien, mein Geschlecht edel, meine Eltern reich, mein Unglück so groß, daß es meine Familie betrauern und meine Eltern beweinen mußten, ohne es mit all ihrem Reichtum abwenden zu können; denn Mißgeschick, das vom Himmel kommt, zu heilen, das vermögen gar selten die Güter, die das Glück verliehen. In jener meiner Heimat, auf jenem Fleckchen Erde lebte ein Himmel, ein Mädchen, in das die Liebe alle Herrlichkeit gelegt hatte, die ich mir je erhoffen konnte. So hohe Schönheit schmückte Luscinda, ein Fräulein ebenso edler Geburt und reichen Vermögens wie ich, aber von glücklicherem Geschicke und von minderer Beständigkeit, als meinen redlichen Absichten gebührte. Diese Luscinda liebte ich, hegte ich im Herzen, betete ich an seit meiner zartesten Kindheit, und sie liebte mich mit all der Einfalt und Treue, die sich von ihren jungen Jahren irgend erwarten ließ. Unsre Eltern kannten unsre Neigung, und sie war ihnen nicht unwillkommen; denn sie sahen wohl, daß, wenn sie sich ferner entwickelte, sie kein andres Ziel haben könnte als unsre Vermählung, also etwas, das die Gleichheit unsres Standes und Vermögens gewissermaßen von selbst herbeiführen mußte. Unsere Jahre nahmen zu und mit ihnen unser beider Liebe, so daß es den Vater Luscindas bedünkte, er sei aus Rücksichten der Schicklichkeit verpflichtet, mir den Zugang zu seinem Hause zu versagen, worin er einigermaßen die Eltern jener von dem Dichter soviel besungenen Thisbe nachahmte. Dies Verbot hieß, Flamme zu Flamme zu fügen und Begierde zu Begierde; denn wenn sie auch der Zunge Schweigen geboten, so konnten sie es doch der Feder nicht gebieten, die da größere Freiheit besitzt als die Zunge, dem geliebten Gegenstande zu erkennen zu geben, was in der Seele verborgen liegt; denn gar oft pflegt die Anwesenheit dessen, was wir lieben, die entschiedenste Absicht und die keckste Zunge verlegen und stumm zu machen. O Himmel, wieviel Briefchen schrieb ich ihr, wie köstliche, sittige Antworten empfing ich, wieviel Lieder dichtete ich, wieviel Liebesgesänge, in denen das Herz seine Gefühle offenbarte und schilderte, seine glühenden Wünsche malte, in seinen Erinnerungen schwelgte, seine Neigung lebendig erhielt! Endlich aufs Äußerste gebracht, als ich fühlte, wie meine Seele vor Sehnsucht nach ihrem Anblick fast verschmachtete, entschloß ich mich, das ins Werk zu setzen und mit einem Schlag zu Ende zu führen, was mir als das Angemessenste erschien, um den ersehnten und verdienten Liebeslohn zu erringen; mit andern Worten, ich wollte sie von ihrem Vater mir als rechtmäßige Gattin erbitten, und so tat ich denn auch. Er antwortete mir, er sei mir dankbar für meine Absicht, ihm Ehre zu erweisen und mich selbst durch ein ihm angehörendes Liebespfand zu ehren; aber da mein Vater am Leben sei, so komme es diesem von Rechts wegen zu, einen solchen Antrag zu stellen. Denn falls es nicht mit dessen vollster Zustimmung und freudigem Entgegenkommen geschähe, so sei Luscinda kein Weib, um verstohlenerweise genommen oder gegeben zu werden. Ich dankte ihm für seine Güte, da es mir schien, er habe in dem Gesagten ganz recht, und mein Vater würde einwilligen, sowie ich es ihm mitteilte. In dieser Absicht, gleich im nämlichen Augenblicke, ging ich, meinem Vater meine Wünsche darzulegen. Aber als ich in sein Gemach eintrat, fand ich ihn mit einem offenen Briefe in der Hand; er überreichte mir diesen, ehe ich nur ein Wort vorbrachte, und sprach: ›Aus diesem Briefe wirst du, Cardenio, den Wunsch ersehen, den der Herzog Ricardo hegt, dir Gunst zu erweisen.‹ Dieser Herzog Ricardo, wie ihr Herren wohl wissen werdet, ist ein Grande von Spanien, dessen Erbherrschaft im besten Teil unsres Andalusiens liegt. Ich nahm und las den Brief, der so verbindlich war, daß es mir selbst unrecht erschien, wenn mein Vater es unterließe, die in demselben ausgesprochene Bitte zu erfüllen. Sie bestand darin, daß er mich sogleich an den Wohnort des Herzogs senden sollte, der wünschte, ich möchte der Begleiter, nicht der Diener seines ältesten Sohnes sein, und er nehme es auf sich, mich in eine Stellung zu bringen, wie sie der Achtung entspreche, welche er für mich hege. Ich las den Brief und blieb stumm, zumal als ich meinen Vater sagen hörte: ›In zwei Tagen mußt du reisen, Cardenio, um des Herzogs Verlangen zu entsprechen, und sage Gott Dank dafür, daß er dir einen Weg eröffnet, zu erreichen, was du, ich weiß es, so sehr verdienst.‹ Zu diesen Worten fügte er manchen väterlichen Rat. Es kam die bestimmte Zeit meiner Abreise; ich sprach Luscinda in der Nacht, ich sagte ihr alles, was vorgefallen, und ebenso ihrem Vater und bat ihn, einige Tage hingehen zu lassen und seiner Tochter Vermählung so lange hinauszuschieben, bis ich sähe, was Ricardo mit mir vorhabe; er versprach es mir, und sie bekräftigte es mir mit tausend Eidschwüren und tausend Ohnmächten. Ich langte endlich bei Herzog Ricardo an; ich ward von ihm so wohl aufgenommen und so gut behandelt, daß sogleich der Neid sein Werk begann, den die alten Diener des Hauses gegen mich hegten, weil sie glaubten, daß die Beweise der Gunst, die mir der Herzog gab, ihnen zum Nachteile gereichen würden. Wer sich jedoch über mein Kommen ganz besonders freute, war der zweite Sohn des Herzogs, namens Fernando, ein stattlicher Jüngling von adliger Sitte, freien Sinns und verliebter Natur, welcher sehr bald so warm um meine Freundschaft warb, daß er aller Welt Anlaß gab, darüber zu reden; und wiewohl der ältere mich auch sehr gern hatte und mir Gunst erwies, so verstieg er sich doch lange nicht zu der Überschwenglichkeit, mit der Fernando mich liebte und behandelte. So geschah es denn – da unter Freunden nichts so geheim ist, daß man es nicht einander mitteilte, und die Vertraulichkeit, deren ich mit Fernando pflog, schon nicht mehr Vertraulichkeit, sondern innige Zuneigung war –, so geschah es denn, daß er mir alle seine Gedanken offen darlegte, insbesondere einen Liebesgedanken, der ihn einigermaßen in Unruhe versetzte. Er liebte ein Bauernmädchen aus der Vasallenschaft seines Vaters; sie hatte sehr reiche Eltern und war so schön, züchtig, verständig und sittsam, daß keiner, der sie kannte, sich zu entscheiden wußte, welche von diesen Eigenschaften sie vollkommener oder in höherem Grade besitze. Diese Vorzüge des schönen Bauernmädchens reizten die Wünsche Fernandos so sehr, daß er, um die jungfräuliche Tugend des Mädchens zu besiegen, sich entschloß, ihr die Ehe zu versprechen; denn es auf andre Weise zu versuchen hieß, das Unmögliche zu begehren. Ich, durch meine Freundschaft verpflichtet, suchte mit den besten Gründen, die ich wußte, und mit den sprechendsten Beispielen, die ich beibringen konnte, ihm seinen Vorsatz auszureden und ihn davon abzubringen. Aber da ich sah, daß ich nichts damit erreichte, beschloß ich, seinem Vater, dem Herzog Ricardo, die Sache mitzuteilen. Allein Don Fernando, schlau und verständig genug, hatte dieses geargwöhnt und gefürchtet; denn er sah ein, daß mir als getreuem Diener die Pflicht oblag, etwas, das der Ehre des Herzogs, meines Herrn, so sehr nachteilig sei, nicht verborgen zu halten. Und sonach sagte er mir, um mich irrezuführen und zu täuschen, er finde kein besseres Mittel, die Reize, die ihn so gefesselt hielten, aus seiner Erinnerung zu verbannen, als sich auf einige Monate zu entfernen. Wir beide wollten diese Entfernung dazu benutzen, meinen Vater zu besuchen, und als Anlaß dazu wollte Fernando bei dem Herzog vorgeben, er beabsichtige, schöne Pferde in meiner Vaterstadt, welche die besten der Welt züchtet, auf dem Markte sich anzusehen und zu erhandeln. Kaum hörte ich ihn das Wort sagen, als ich mich von meiner Liebe hingerissen fühlte, und wäre sein Entschluß auch nicht so löblich gewesen, so würde ich ihn als einen der denkbar vernünftigsten gepriesen haben, da ich erkannte, welch herrliche Veranlassung und günstige Gelegenheit sich mir bot, meine Luscinda wiederzusehen. In diesem Gedanken und Wunsche billigte ich sein Vorhaben und bestärkte ihn darin und riet ihm, es in möglichst kurzer Frist ins Werk zu setzen, weil in der Tat trotz der festesten Vorsätze die Abwesenheit stets ihre Wirkung übe. Aber als er mir seinen Plan mitteilte, hatte er bereits – wie später zutage kam – die Liebe seines Bauernmädchens, indem er ihr die Ehe versprach, genossen, und er wartete nur auf eine Gelegenheit, sich ohne Gefahr zu entdecken, da er sehr zu fürchten hatte, wie der Herzog, wenn er seinen törichten Streich erfahre, denselben aufnehmen werde. Es geschah nun – da bei jungen Männern die Liebe meistenteils keine wirkliche ist, sondern Begierde, die, weil sie zum letzten Zweck den Genuß hat, endet, sobald sie ihn errungen; und was Liebe schien, weicht alsdann immer mehr zurück, weil es nicht über das Ziel hinaus kann, das die Natur ihm gesetzt, ein Ziel, das sie der wahren Liebe nicht gesetzt hat –, ich will sagen, daß, sobald Don Fernando die Gunst seines Bauernmädchens genossen hatte, seine Sehnsucht abnahm, seine Leidenschaft erkaltete. Und wenn er anfangs die Absicht, die Liebe durch Entfernung zu heilen, nur vorschützte, so war es jetzt sein ernstlicher Wille zu reisen, um ihr nicht die zugesagte Erfüllung zuteil werden zu lassen. Der Herzog erteilte die Erlaubnis und befahl mir, ihn zu begleiten; wir kamen in meine Vaterstadt, mein Vater empfing ihn seinem Stande gemäß, ich sah Luscinda augenblicklich, und meine Wünsche lebten wieder auf, wiewohl sie auch schon bisher weder erstorben noch erkaltet waren. Zu meinem Unglück sprach ich darüber mit Don Fernando, weil es mich bedünkte, das Gesetz der Freundschaft, die er mir so herzlich bezeigte, gestatte mir nicht, ihm irgend etwas zu verbergen. Ich pries ihm so sehr Luscindas Schönheit, Anmut und Klugheit, daß mein Lob in ihm den Wunsch erweckte, ein mit soviel guten Eigenschaften geschmücktes Fräulein mit eigenen Augen zu sehen. Zu meinem Unheil erfüllte ich ihm diesen Wunsch und zeigte sie ihm eines Nachts beim Licht einer Kerze an dem Fenster, wo wir beide uns zu sprechen pflegten. Er sah sie da im Hausgewande, und bei ihrem Anblick hatte er alle Schönheiten, die er jemals gesehen, im Nu vergessen; er verstummte, verlor das Bewußtsein, war verzückt, in einem Wort: so von Liebe bewältigt, wie ihr im weiteren Verlauf der Geschichte meines Unglücks hören werdet. Und um seine Leidenschaft noch heftiger zu entfachen – die er mir verbarg und nur, wenn er einsam war, dem Himmel offenbarte –, wollte es das Schicksal, daß er eines Tages ein Briefchen von Luscinda fand, worin sie mich bat, sie von ihrem Vater zur Gattin zu verlangen; es war so verständig abgefaßt, so sittig, so liebevoll, daß Don Fernando, als er es gelesen, mir sagte, in Luscinda seien alle Gaben der Schönheit und des Geistes vereint, die bei den andern Weibern auf Erden sich nur verteilt fänden. Wohl ist es wahr, und ich will es jetzt eingestehen: obschon ich erkannte, wie gerechtfertigt seine Lobeserhebungen waren, so war es mir doch höchst unwillkommen, sie aus seinem Munde zu hören, und ich begann, besorgt und wohl mit Recht mißtrauisch gegen ihn zu werden; denn kein Augenblick verging, wo er nicht verlangte, wir sollten von Luscinda reden, und stets brachte er das Gespräch auf sie, wenn er es auch an den Haaren herbeiziehen mußte. Das erweckte in mir eine unbestimmte, unerklärliche Eifersucht, gewiß nicht, weil ich ein Wanken in Luscindas Redlichkeit und Treue besorgte; aber trotzdem ließ mich mein Schicksal gerade dasjenige befürchten, wovor ihre Treue mich sicherte. Don Fernando verlangte stets die Briefe zu sehen, die ich an Luscinda schrieb, und die Antworten, die sie mir sandte. Nun traf es sich einmal, daß Luscinda mich um ein Ritterbuch zum Lesen bat, das sie sehr gern hatte; es war die Geschichte vom Amadís von Gallien ...« Kaum hatte Don Quijote ein Ritterbuch nennen hören, als er einfiel: »Hätte mir Euer Gnaden zu Anfang Eurer Geschichte nur dies eine gesagt, daß das gnädige Fräulein Luscinda Ritterbücher gern habe, so bedurfte es keines andern Rühmens, um mich von der Hoheit ihres Geistes zu überzeugen; denn selbiger könnte unmöglich so ausgezeichnet sein, als Ihr, Señor, ihn geschildert habt, wenn sie des Geschmackes an so köstlichen Büchern ermangelte. Sohin ist es ganz unnötig, noch mehr Worte aufzuwenden, um mir Luscindas Schönheit, innern Wert und Verstand zu schildern; schon um deswillen, daß ich von ihrer Neigung zu Ritterbüchern berichtet worden bin, anerkenne ich sie für das schönste und geistvollste Weib auf Erden; und ich möchte wohl, werter Herr, Euer Gnaden hätte ihr zusammen mit dem Amadís von Gallien den vortrefflichen Rüdiger von Griechenland gesendet; ich weiß, das Fräulein Luscinda hätte viel Vergnügen an Daraida und Garaya gehabt und an den geistvollen Worten des Schäfers Darinel, an jenen bewundernswerten Versen in seinen Hirtengedichten, die er mit soviel Anmut, Verständnis und edler Unbefangenheit zu singen und darzustellen wußte. Aber die Zeit kommt vielleicht einmal, wo diese Unterlassungssünde wiedergutgemacht werden mag, und dies zu tun wird nicht längere Zeit beanspruchen, als daß es Euer Gnaden beliebe, mit mir nach meinem Dorf zu kommen, allwo ich Euch über dreihundert Bücher geben kann, die das Labsal meiner Seele und die Wonne meines Daseins sind. Freilich glaube ich, daß ich keines mehr habe, dank der Bosheit bösartiger und mißgünstiger Zauberer. Nunmehr verzeihe mir Euer Gnaden, daß ich dem Versprechen, Euern Vortrag nicht zu unterbrechen, zuwidergehandelt habe; aber wenn ich von Rittersachen und fahrenden Rittern reden höre, steht es ebensowenig in meiner Gewalt, mich des Sprechens darüber zu enthalten, als die Strahlen der Sonne unterlassen können zu wärmen und die des Mondes, die Erde mit Tau zu feuchten. Sonach wollet verzeihen und fortfahren, daran ist jetzt am meisten gelegen.« Während Don Quijote sprach, was soeben berichtet worden, hatte Cardenio den Kopf auf die Brust sinken lassen; er schien in Gedanken vertieft, und obschon ihn Don Quijote zweimal ersuchte, seine Erzählung fortzusetzen, richtete er den Kopf nicht auf und erwiderte kein Wort. Nach einer geraumen Weile erst erhob er ihn und sprach: »Es läßt sich mir nicht aus den Gedanken bringen, und niemand auf Erden kann mir's daraus wegbringen oder mich zu einer andern Meinung bereden, ja, der wäre ein dummer Lümmel, der das Gegenteil meinte oder glaubte – es ist nicht anders, als daß jener Schurke, der Meister Elísabat, mit der Königin Madásima buhlerischen Umganges pflog.« »Das nimmermehr!« entgegnete Don Quijote mit heftigem Zorn. »Ich schwöre es bei dem und jenem« – und er stieß den Schwur mit seinem vollen Wortlaut aus, wie er zur Gewohnheit hatte – »es ist dies die größte Bosheit oder vielmehr Niederträchtigkeit. Die Königin Madásima war eine sehr vornehme Dame, und man darf nicht annehmen, daß eine so hochgestellte Prinzessin mit einem Hühneraugenschneider hätte buhlen mögen. Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Lügner und Schurke, und dessen will ich ihn belehren zu Fuß oder Roß, bewehrt oder unbewehrt, bei Nacht oder Tag oder wie es ihm am genehmsten ist.« Währenddessen schaute ihm Cardenio sehr aufmerksam ins Gesicht. Ein Anfall seines Wahnsinns war bereits wieder über ihn gekommen, und er war nicht fähig, seine Erzählung weiterzuführen, ebensowenig, als Don Quijote sie angehört hätte; so sehr hatten diesem die Äußerungen, die er über die Königin Madásima hatte hören müssen, alles verleidet. Eine seltsame Geschichte! Er nahm sich ihrer so ernstlich an, als wäre sie wirklich seine wirkliche und angestammte Gebieterin; so umstrickt hielten ihn seine verwünschten Bücher. Wie nun Cardenio, der schon nicht mehr bei Sinnen war, sich mit Lügner und Schurke und andern dergleichen Schimpfnamen betiteln hörte, nahm er den Spaß übel, hob einen daliegenden Kieselstein auf und warf ihn dem Ritter so gewaltig auf die Brust, daß er ihn rücklings zu Boden streckte. Als Sancho Pansa seinen Herrn so behandelt sah, stürzte er mit geballter Faust auf den Rasenden, aber der Lumpenritter empfing ihn so streitbar, daß er ihn mit einem einzigen Faustschlag zu seinen Füßen niederwarf, ihm sofort auf den Leib sprang und ihm nach Herzenslust die Rippen zertrat. Der Ziegenhirt wollte abwehren und mußte derselben Fährlichkeit unterliegen, und nachdem Cardenio sie alle übermannt und zerbleut hatte, ließ er sie liegen und zog sich mit vornehmer Gelassenheit in sein Versteck auf dem Gebirge zurück. Sancho erhob sich vom Boden und wollte in seiner Wut darüber, so unverschuldet Prügel bekommen zu haben, an dem Ziegenhirten Rache dafür nehmen; er trage die Schuld, sagte er, weil er sie nicht gewarnt habe, daß der Mann zuzeiten von seiner Verrücktheit befallen werde; hätten sie das gewußt, so wären sie auf ihrer Hut gewesen und hätten sich in acht nehmen können. Der Ziegenhirt entgegnete, er habe es ja gesagt, und wenn Sancho es überhört habe, so sei es nicht seine Schuld. Sancho widersprach, der Ziegenhirt blieb seinerseits die Antwort nicht schuldig, und das Ende all der Reden und Gegenreden war, daß sie sich an den Bärten packten und einander so kräftige Faustschläge versetzten, daß, hätte Don Quijote nicht Frieden zwischen ihnen gestiftet, sie sich in Stücke zerrissen hätten. Sancho rief, während er und der Ziegenhirt noch einander gefaßt hielten, beständig: »Laßt mich, Herr Ritter von der traurigen Gestalt! Denn an diesem Menschen, der ein Bauer ist wie ich und nicht zum Ritter geschlagen, kann ich ohne alle Gefährde mir Genugtuung nehmen für die Unbill, so er mir angetan, und als ein Mann von Ehre Faust gegen Faust mit ihm kämpfen.« »Das ist richtig«, sprach Don Quijote, »jedoch ich weiß, daß er an dem Vorgefallenen keinerlei Schuld trägt.« Damit stellte er den Frieden zwischen ihnen wieder her, und nun fragte Don Quijote den Ziegenhirten abermals, ob es möglich sei, Cardenio aufzufinden; denn er sei höchst begierig, das Ende seiner Geschichte zu erfahren. Der Ziegenhirt antwortete, was er ihm schon früher gesagt, daß er nämlich nichts Gewisses über seinen Aufenthalt wisse; wenn der Ritter indessen viel in der Umgegend umherziehe, so müsse er ihn jedenfalls finden, entweder bei Verstande oder verrückt. 25. Kapitel Welches von den merkwürdigen Dingen handelt, die dem mannhaften Ritter von der Mancha in der Sierra Morena begegneten, und wie er die Buße des Dunkelschön nachahmte Don Quijote nahm von dem Ziegenhirten Abschied, bestieg wiederum den Rosinante und befahl Sancho, ihm zu folgen; der tat es in sehr übler Laune. Allmählich kamen sie in die wildesten Gegenden des Gebirges, und Sancho verging fast vor Begierde, mit seinem Herrn Zwiesprache zu halten, wünschte jedoch, der Ritter möchte den Anfang machen, damit er nicht dessen Gebot überträte. Da er aber ein so langes Stillschweigen nicht aushalten konnte, so sagte er ihm: »Señor Don Quijote, gebt mir Euren Segen und meinen Abschied, ich will jetzt auf der Stelle wieder heim in mein Haus und zu meinem Weib und zu meinen Kindern; mit denen kann ich wenigstens plaudern und besprechen, was ich will. Denn wenn Euer Gnaden verlangt, daß ich bei Tag und Nacht diese Einöden durchstreife und mit Euch nicht rede, wenn mich die Lust ankommt, so heißt das mich lebendig begraben. Wenn nur das Schicksal wollte, daß die Tiere sprächen, wie sie zu Zeiten des Isopeter gesprochen haben, so wäre es nicht so schlimm, wie es ist; dann könnte ich mit meinem Esel besprechen, was mir in den Sinn käme, und damit würde ich meine Trübsal so leidlich verbringen. Es ist ein hartes Schicksal, und man kann's nicht in Geduld tragen, sein ganzes Leben lang nach Abenteuern suchen zu gehen und nichts zu finden als Fußtritte und Wippen, Steinwürfe und Faustschläge. Und bei all dem soll man sich noch den Mund zunähen und sich nicht zu sagen getrauen, was der Mensch auf dem Herzen hat, gerade als ob man stumm wäre.« »Ich verstehe dich schon, Sancho«, entgegnete Don Quijote, »du vergehst vor Sehnsucht, daß ich den Bann löse, den ich auf deine Zunge gelegt. Gut, nimm ihn für gelöst und rede, was du willst, unter dem Beding, daß diese Lösung nicht länger dauern darf, als während wir durch dies Gebirge ziehen.« »So sei es denn«, sprach Sancho, »wenn ich nur jetzt plaudern darf; denn späterhin, Gott weiß, was uns da beschieden sein mag. Also fange ich gleich an, mir diesen Freipaß zunutze zu machen, und sage: Was hatte Euer Gnaden für Grund, sich dieser Königin Madam-sie-mag, oder wie sie sonst heißt, so anzunehmen? Oder was tat es zur Sache, ob jener Sabbath ihr guter Freund war oder nicht? Wärt Ihr ruhig darüber weggegangen – denn Ihr hattet ja nicht über die beiden zu Gericht zu sitzen –, so glaub ich, wär auch der tolle Kerl mit seiner Geschichte weitergegangen, und man hätte sich den Wurf mit dem Kieselstein erspart und die Fußtritte und ein halb Dutzend oder mehr knöcherne Maulschellen.« »Wahrlich, Sancho«, erwiderte Don Quijote, »hättest du gewußt, wie ich es weiß, welch ehrenhafte und vornehme Dame die Königin Madásima war, ich zweifle nicht, du hättest gesagt, daß ich nur zuviel Geduld bewies, da ich den Mund nicht in Stücke riß, aus dem solche Lästerungen gekommen; denn eine ungeheure Lästerung ist es zu sagen, ja nur zu denken, daß eine Königin mit einem Pflasterschmierer Buhlschaft treibe. Das Wahre an der Geschichte ist, daß jener Meister Elísabat ein sehr kluger Mann war, der stets guten Rat wußte und der Königin Madásima als Hofmeister und Arzt bedienstet war. Aber zu denken, sie sei seine Geliebte gewesen, ist ein Unsinn und der höchsten Strafe wert. Und damit du siehst, daß Cardenio gar nicht wußte, was er sagte, mußt du in Erwägung ziehen, daß er bereits von Sinnen war, als er so sprach.« »Das meine ich eben«, erwiderte Sancho, »und es war kein Grund, die Worte des Verrückten zu beachten; denn hätte das Glück Euch nicht zur Seite gestanden und hätte es den Kieselstein nach dem Kopfe anstatt nach der Brust gelenkt, so wäre es uns schön ergangen, weil wir uns jener Dame annehmen wollten, die Gott in Grund und Boden verdamme! Und sag mir einer, ob Cardenio nicht als ein Verrückter wäre freigesprochen worden?« »Gegen verständige und gegen verrückte Leute ist jeglicher fahrende Ritter verbunden, die Ehre der Frauen zu verfechten, von welchem Stande sie auch sein mögen, wieviel mehr der Königinnen von so hohem Wert und so hoher Würde, wie die Königin Madásima war, der ich um ihrer vortrefflichen Eigenschaften willen ganz besondere Anhänglichkeit widme. Denn außer dem, daß sie schön war, besaß sie auch vorzügliche Klugheit und große Geduld in allen Widerwärtigkeiten, deren sie gar viele zu bestehen hatte, und der Rat Meister Elísabats und der Umgang mit ihm waren ihr von großem Vorteil und Trost, um ihre Leiden mit Klugheit und Standhaftigkeit zu tragen. Und hiervon nahm der unwissende und übelwollende Pöbel Anlaß, zu sagen und zu glauben, sie sei seine Geliebte gewesen; aber es ist gelogen, sage ich nochmals, und tausendmal gelogen ist's von allen, die solcherlei glauben und sagen.« »Ich aber sag es nicht, ich aber glaub es nicht«, versetzte Sancho, »es geht sie allein an, wie sie miteinander fertigwerden; was sie sich eingebrockt haben, mögen sie selber essen; ob sie's miteinander gehabt haben oder nicht, sie hatten's vor Gott zu verantworten. Ich kehre vor meiner Tür und weiß nichts von Nachbars Besen; was schiert mich fremder Leute Handel und Wandel? Wer da kauft mit Lügen, tut den eignen Beutel betrügen; und wahr bleibt's immer: Nackt bin ich, nackt war ich geboren, hab nichts gewonnen noch verloren. War's aber auch so, was geht's mich an? Glaubst du, im Haus gab's Speck in Mengen, gibt's nicht mal Haken, ihn dranzuhängen. Aber wer kann das freie Feld mit Türen abschließen? Wieviel ärger wurde nicht der liebe Gott verlästert!« »Gott steh mir bei«, sprach Don Quijote, »wieviel dummes Zeug reihst du aneinander! Was hat der Gegenstand unsres Gesprächs mit den Sprichwörtern zu tun, die du auf einen Faden ziehst? So lieb dir dein Leben ist, Sancho, schweige still, und künftig kümmere dich darum, deinen Esel anzutreiben, nicht aber um Dinge, die dich nichts angehn; und nimm all deine fünf Sinne zusammen und merke dir: alles, was ich getan habe und tue und tun werde, ist durchaus in Vernunft begründet und entspricht durchaus den Regeln des Rittertums, die ich besser kenne als alle Ritter auf Erden, die sich zu ihnen bekannt haben.« »Señor«, entgegnete ihm Sancho Pansa, »ist denn das eine richtige Regel des Rittertums, daß wir in der Irre, ohne Weg und Steg, in diesen Bergen umherziehen, um einen verrückten Kerl aufzusuchen, den, wenn wir ihn gefunden, vielleicht die Lust anwandelt, mit dem angefangenen Werk ein Ende zu machen, ich meine nicht mit seiner Erzählung, sondern mit Eurer Hirnschale und meinen Rippen, und der sie uns dann vollends zusammenschlägt?« »Schweig, sag ich dir nochmals, Sancho«, entgegnete Don Quijote; »denn ich tue dir zu wissen, daß nicht bloß der Wunsch, den Verrückten zu finden, mich in dieser Gegend umherführt, vielmehr das Verlangen, hier eine Großtat zu verrichten, die mir in allen bis jetzt entdeckten Landen des Erdkreises ewigen Namen und Ruhm gewinnen soll, und sie soll von solcher Art sein, daß ich mit ihr auf alles, was einen fahrenden Ritter vollkommen und hochberühmt machen kann, das Siegel drücken werde.« »Und ist diese große Tat mit großer Gefahr verbunden?« fragte Sancho. »Nein«, antwortete Der von der traurigen Gestalt. »Zwar könnten die Würfel immerhin so fallen, daß wir keinen Pasch, sondern einen Fehler geworfen hätten; aber alles wird von deiner Beflissenheit abhängen.« »Von meiner Beflissenheit?« fragte Sancho. »Ja«, sprach Don Quijote. »Denn wenn du bald zurückkehrst, von wo ich dich hinzusenden gedenke, so wird meine Pein bald enden und meine Glorie bald beginnen. Doch da es nicht recht wäre, dich länger im Ungewissen und in Erwartung dessen zu lassen, worauf meine Worte abzielen, so sollst du wissen, daß Amadís von Gallien einer der vollkommensten unter den fahrenden Rittern war. Nein, ich habe nicht gut gesagt, einer der vollkommensten: er war der Erste, der einzige, der Meister unter allen, die es zu seinen Zeiten auf Erden gab. Da kann sich Don Belianís verkriechen, er und alle, die da sagen, er sei dem Amadís in irgend etwas gleichgekommen! Sie alle sind im Irrtum befangen, das schwör ich; und damit basta. So sag ich ferner, wenn ein Maler in seiner Kunst Auszeichnung erlangen will, so ist er bestrebt, die Originale der allerbesten Künstler, die er kennt, zum Vorbild zu nehmen; und die gleiche Regel gilt für jede bedeutende Berufsart und Tätigkeit, die zur Zierde des Gemeinwesens dient. In ähnlicher Weise verfährt und muß verfahren, wer den Namen eines klugen, herrlichen Dulders erlangen will; er muß nämlich den Ulysses nachahmen, in dessen Person und Drangsalen uns Homer ein lebendiges Bild der Klugheit und des gelassenen Erduldens malte; wie denn auch Vergil uns in der Person des Äneas die Mannhaftigkeit eines frommen Sohnes und den Scharfblick eines tapfern und erfahrenen Feldherrn gezeigt hat. Sie haben uns diese Helden nicht gezeichnet und beschrieben, wie sie waren, sondern wie sie sein mußten, damit den künftigen Geschlechtern ein Beispiel ihrer Tugenden bleibe. In gleicher Weise war Amadís der Polarstern, der Morgenbote, die Sonne der tapfern und treuliebenden Ritter, den wir alle nachahmen müssen, die wir unter dem Banner der Liebe und des Rittertums kämpfen. Da dies nun so und nicht anders ist, so finde ich, Freund Sancho, daß der fahrende Ritter, der ihn am meisten nachahmt, am nächsten dem Ziele ist, die Vollkommenheit des Rittertums zu erreichen. Eine aber in der Reihe seiner Taten, worin selbiger Ritter seine Umsicht, Tapferkeit, Mannhaftigkeit, Gelassenheit im Erdulden, Standhaftigkeit und Liebestreue am meisten bewährte, war, daß er sich, von dem Fräulein Oriana zurückgestoßen, auf den Armutsfelsen zurückzog, um da Buße zu tun, und den Namen Dunkelschön statt des seinigen annahm; gewißlich ein bedeutsamer Name, geeignet für die Lebensweise, die er sich aus freiem Willen erkoren hatte. Nun ist es für mich weit leichter, ihn hierin nachzuahmen, als Riesen entzweizuhauen, Schlangen den Kopf abzuschlagen, Drachen zu töten, Kriegsheere in die Flucht zu jagen, Seegeschwader zu zerschmettern und Verzauberungen zunichte zu machen; und da zu solchen Bußübungen diese Örtlichkeiten so höchst passend sind, so sehe ich nicht ein, warum man die Gelegenheit vorüberlassen sollte, die mir jetzt ihre Haarlocke so bequemlich darbietet.« »Aber was eigentlich«, fragte Sancho, »will Euer Gnaden an so abgelegenem Orte tun?« »Habe ich denn nicht schon gesagt«, antwortete Don Quijote, »daß ich Amadís nachahmen, das heißt die Rolle eines Verzweifelnden, Verrückten, Rasenden durchführen und gleichzeitig den gewaltigen Don Roldán nachahmen will, da er bei einer Quelle die Beweise fand, daß Angelika die Schöne mit Medor Schändliches begangen, und da er aus Schmerz darüber toll wurde und die Bäume ausriß, die Wasser der klaren Quellen trübte, Hirten erschlug, Herden niedermetzelte, Hütten in Brand steckte, Häuser niederriß, Pferde hinwegschleppte und tausend andre unerhörte Streiche vollführte, die ewigen Gedächtnisses und Ruhmes würdig sind? Und wenn ich den Roldán oder Orlando oder Roland – denn alle drei Namen führte er, jenen bei den Spaniern, den andern bei den Italienern, den dritten bei den Deutschen – nicht Punkt für Punkt in all den Tollheiten, die er tat, sagte und dachte, nachahmen will, so will ich doch wenigstens eine Skizze von denjenigen geben, die mir die wesentlichsten scheinen; auch könnte es sein, daß ich mich am Ende entschlösse, mit der alleinigen Nachahmung des Amadís mich zu begnügen, welcher keine Tollheiten schädlicher Art beging, sondern nur tränenreiche und empfindsame, und dadurch so großen Ruhm erwarb wie der, so dessen am allermeisten gewonnen hat.« »Mich indessen will es bedünken«, sprach Sancho, »daß die Ritter, die dergleichen taten, dazu wider Willen angetrieben wurden und Grund hatten, ihre Alfanzereien und Bußübungen zu treiben; aber welchen Grund hat Euer Gnaden, toll zu werden? Welche Dame hat Euch abgewiesen, oder welche Anzeichen habt Ihr gefunden, die Euch annehmen lassen, daß das Fräulein Dulcinea von Toboso irgendwelche Kinderei mit einem Mohren oder Christen verübt hat?« »Dies eben ist der Punkt«, antwortete Don Quijote, »und darin zeigt sich die ausgesuchte Galanterie meines Vorhabens. Daß ein fahrender Ritter mit Grund verrückt wird, darin ist nichts Freiwilliges, dafür gibt's keinen Dank; die rechte Probe ist, ohne Anlaß wahnsinnig zu sein, damit meine Geliebte denken muß: wenn das am grünen Holze geschieht, was soll's erst am dürren werden! Außerdem habe ich dazu Veranlassung genug in der langen Abwesenheit, die ich mir von meiner ewig mir gebietenden Herrin Dulcinea von Toboso auferlegt habe. Hast du ja doch von dem Ambrosio, dem Schäfer von neulich, gehört: wer abwesend ist, erleidet und befürchtet jegliches Übel. Sonach, Freund Sancho, verwende keine Zeit darauf, daß du mir anratest, von einer so ausbündigen, so glücklich erdachten, so unerhörten Nachahmung abzustehen. Toll bin ich und toll bleib ich, bis du mit der Antwort auf einen Brief zurückkommst, den ich meiner Herrin Dulcinea durch dich zu übersenden gedenke; und wenn sie so ausfällt, wie es meine Treue verdient, dann wird es mit meinem Wahnsinn und meiner Buße zu Ende sein; und wenn sie im entgegengesetzten Sinne ausfällt, dann werde ich im Ernste toll werden und als ein solcher alsdann nichts mehr empfinden. Mithin, auf welche Weise sie auch immer antworten mag, entrinne ich den Seelenkämpfen und Nöten, worin du mich zurücklassest, und ich werde entweder bei Verstande das Glück genießen, das du mir bringst, oder in der Verrücktheit das Unheil nicht empfinden, das du mir verkündest. Aber sage mir, Sancho, hast du den Helm des Mambrin in guter Verwahrung bei dir? Denn ich sah wohl, wie du ihn vom Boden aufhobst, als jener undankbare Mensch ihn in Stücke schlagen wollte. Jedoch er vermochte es nicht, woraus sich die Vortrefflichkeit seines Metalls ersehen läßt.« Darauf antwortete Sancho: »Beim lebendigen Gott, Herr Ritter von der traurigen Gestalt, manches, was Euer Gnaden sagt, ist nicht auszuhalten noch in Geduld zu ertragen und bringt mich auf den Gedanken, daß alles, was Ihr mir vom Rittertum sagt und vom Erobern von Königreichen und Kaisertümern und vom Verschenken von Insuln und von der Zuteilung von Gnaden und Herrlichkeiten, was Brauch fahrender Ritter ist – daß all das nur Wind und Lüge sein muß und alles nur Babel oder Fabel oder wie wir's nennen wollen; denn wenn einer Euer Gnaden sagen hört, daß eine Barbierschüssel der Helm des Mambrin ist, und wenn Ihr in ganzen vier Tagen oder länger nicht aus diesem Irrtum kommt, was soll er anders denken, als daß, wer solcherlei sagt und behauptet, schwach am Verstande sein muß? Die Schüssel hab ich in meinem Sack bei mir, ganz voller Beulen, und ich bringe sie mit, weil ich sie zu Hause ausbessern und mir den Bart daraus einseifen will, wenn Gott mir die große Gnade erweist, daß ich mich einstmals wieder bei Frau und Kindern sehe.« »Sieh, Sancho, bei demselben Gott, bei dem du itzo geschworen«, sprach Don Quijote, »schwör ich, du hast den beschränktesten Verstand, den ein Schildknappe auf Erden hat oder jemals hatte. Wie ist es möglich, daß du während der ganzen Zeit, seit du an meiner Seite bist, nicht begriffen hast, daß alles, was mit fahrenden Rittern vorgeht, wie Hirngespinste, Albernheit und Unsinn aussieht und in allem stets verkehrt ist? Und nicht etwa, weil es wirklich so ist, sondern weil mit unsereinem beständig ein Schwarm von Zauberern umherzieht, die alles, was uns betrifft, verwechseln und vertauschen und nach ihrem Belieben umwandeln, je nachdem sie Lust haben, uns zu begünstigen oder uns zugrunde zu richten. So kommt es, daß, was dir wie eine Barbierschüssel aussieht, mir als der Helm Mambrins erscheint, und einem andern wird es wieder was andres scheinen. Und es war eine seltene Vorsicht des Zauberers, der auf meiner Seite ist, daß er allen als eine Schüssel erscheinen läßt, was wahr und wirklich Mambrins Helm ist. Denn sintemal dieser so hohen Wertes ist, würde mich alle Welt verfolgen, um ihn mir wegzunehmen. Da die Leute aber in ihm nur eine Bartschüssel sehen, so liegt ihnen nichts daran, ihn zu erlangen, wie sich dies bei dem Kerl zeigte; der ihn zerschlagen wollte und ihn auf dem Boden liegenließ, ohne ihn mitzunehmen; denn wahrlich, wenn er ihn gekannt hätte, so hätte er ihn niemals liegenlassen. Verwahr ihn gut, Sancho, für jetzt habe ich ihn nicht nötig; vielleicht will ich alle diese meine Rüstungsstücke ablegen und mich nackt ausziehen, wie ich zur Welt kam, wenn mich etwa die Lust anwandelte, bei meiner Bußübung mehr dem Roldán als dem Amadís zu folgen.« Unter diesen Gesprächen gelangten sie an den Fuß eines hohen Berges, der mitten unter vielen andern allein ragte wie ein abgeschnittener Felsblock; an seinem Abhang floß ein sanftes Bächlein, und rings um ihn her dehnte sich ein Wiesenrain, so grün und üppig, daß es die Augen des Beschauers erfreute. Es standen viel Waldbäume und mancherlei Pflanzen und Blumen umher, die dem Orte lieblichen Reiz verliehen. Diesen Platz wählte der Ritter von der traurigen Gestalt, um seine Buße zu verrichten, und sobald er ihn erblickte, hob er an, mit lauter Stimme zu sprechen, als wäre er wirklich von Sinnen: »Das ist der Ort, o ihr Himmel, den ich dazu bestimme und erkiese, das Unglück zu beweinen, in das ihr selbst mich gestürzt habt; das ist der Platz, wo das Naß meiner Augen die Wasser dieses Bächleins vermehren soll und wo meine unaufhörlichen tiefen Seufzer das Laub dieser Waldbäume unaufhörlich in zitternde Bewegung setzen werden zum Zeugnis und Erweis der Pein, die mein in der Irre schweifendes Herz erduldet. O ihr, wer ihr auch seiet, ländliche Gottheiten, die ihr an diesen unwirtlichen Orten euren Aufenthalt habt, hört die Klagen des unglücklich Liebenden, den eine lang dauernde Trennung und eingebildete Eifersucht in diese Wildnis geführt haben, Jammer zu erheben und schmerzlich zu klagen ob des harten Sinnes, den jene Undankbare, jene Schöne zeigt, die die äußerste Grenze und Vollendung aller menschlichen Schönheit ist. Und ihr, Nymphen der Quellen und der Bäume, die ihr im Dickicht der Wälder zu hausen pfleget: so wahr mögen die leichtfüßigen zuchtlosen Satyrn, die euch, wenn auch vergeblich, mit Liebe umwerben, niemals eure süße Ruhe stören, so wahr ihr mir helfen wollet, mein Mißgeschick zu bejammern, oder wenigstens nicht ermüden werdet, es anzuhören. O Dulcinea von Toboso, du Tag meiner Nacht, du Glorie meiner Pein, du Polarstern meiner Pfade, du Leitstern meines Glückes, so wahr der Himmel es dir gut in allem ergehen lasse, was du von ihm erbittest, so wahr erwäge, du Milde, den Ort und Zustand, wohin die Trennung von dir mich gebracht; so wahr möge ein freundliches Benehmen von dir dem Benehmen entsprechen, das meine Treue fordern darf. O ihr einsamen Bäume, die ihr von heut an meiner Verlassenheit fürderhin Gesellschaft leisten sollt, gebt mit sanftem Bewegen eurer Zweige ein Zeichen, daß euch meine Anwesenheit nicht mißfällt. O du mein Schildknappe, erfreulicher Gefährte mir in guten und bösen Tagen, nimm wohl ins Gedächtnis auf, was du mich hier wirst beginnen sehen, damit du es der Ursache alles dessen vortragen und berichten kannst.« Mit diesen Worten stieg er von Rosinante hernieder, nahm ihm in einem Augenblick Zaum und Sattel ab, und indem er ihm mit der flachen Hand einen Schlag auf die Kruppe gab, sprach er: »Dir gibt die Freiheit, der ihrer entbehrt, o mein Roß, du so rühmlich ausgezeichnet durch deine Taten wie unglücklich durch dein Schicksal. Geh, wohin du willst; auf der Stirne trägst du geschrieben, daß dir an Behendigkeit nicht der Hippogryph Astolfos gleichkam noch der gepriesene Frontin, der dem Bradamante so teuer zu stehen kam.« Als Sancho das sah, sagte er: »Gottes Segen mit dem Menschen, der uns der Mühe überhoben hat, jetzt auch meinen Grauen abzusatteln; es würde ihm an Lob und Preis und am Streicheln mit der Hand nicht gefehlt haben. Freilich, wenn er hier wäre, so würde ich keinem erlauben, ihn abzusatteln; dazu wäre auch kein Grund; denn auf die Generalfragen nach Verliebtsein und Verzweifeltsein hätte er doch keine Zeugenaussagen zu geben, da sein Herr weder verliebt noch verzweifelt war. Und sein Herr war ich, als Gott mir noch die Gnade erwies. Und wahrlich, Herr Ritter von der traurigen Gestalt, wenn es mit meiner Abreise und Euer Gnaden Tollheit ernst gemeint ist, so wird's am besten sein, den Rosinante wieder zu satteln, um den Grauen, der uns abgeht, zu ersetzen, was für meine Hin- und Herreise Zeit erspart; denn mache ich beides zu Fuß, so weiß ich nicht, wann ich hinkomme noch wann ich zurückkehre, sintemal ich doch am Ende ein schlechter Fußgänger bin.« »So sage ich dir denn, Sancho«, entgegnete Don Quijote, »es geschehe, wie du begehrst; denn dein Plan dünkt mich nicht übel; und ich sage weiter, von jetzt ab in drei Tagen sollst du fort, denn in der Zwischenzeit sollst du mit ansehen, was ich um ihretwillen tue und rede, damit du es ihr berichten kannst.« Darauf versetzte Sancho: »Was brauche ich denn noch mehr zu sehen, als ich schon gesehen habe?« »Das verstehst du ja gut!« entgegnete Don Quijote. »Es erübrigt mir noch, die Kleider zu zerreißen, die Waffen umherzustreuen und mit dem Kopf wider die Felsen dort zu rennen und noch andres dieser Art, was dich in Erstaunen setzen wird.« »Um Gottes willen«, sprach Sancho, »sehe sich Euer Gnaden vor, wie Ihr mit dem Kopfe anrennen wollet; denn Ihr könntet an einen so scharfen Felsen geraten und so hart anstoßen, daß mit dem ersten Anrennen das ganze Gebäude Eurer Buße zugrunde ginge. Ich freilich wäre der Meinung, wenn es nun einmal Euer Gnaden bedünkt, daß das Anrennen mit dem Kopf hier notwendig ist und dies Werk ohne solches nicht getan werden kann, daß Ihr Euch begnügtet, sintemal doch all dieses nur erdichtetes und nachgemachtes Zeug und im Spaß gemeint ist, daß Ihr Euch begnügtet, sage ich, mit dem Kopf gegen das Wasser zu rennen oder gegen etwas Weiches, wie zum Beispiel Baumwolle, und dann überlaßt mir alle weitere Sorge; denn ich will schon unsrer Gebieterin berichten, Euer Gnaden rannte mit dem Kopfe gegen eine Felsenecke, härter als die Spitze eines Demants.« »Ich danke dir für deine gute Absicht«, antwortete Don Quijote, »aber ich tue dir kund und zu wissen, daß alles, was ich hier vornehme, keineswegs zum Spaß, sondern sehr ernst gemeint ist. Denn sonsten würde ich den Geboten des Rittertums zuwiderhandeln, welche uns vorschreiben, niemalen eine Lüge zu sagen, unter Androhung der Strafe für rückfällige Ketzer; die eine Handlung aber anstatt der andern zu verrichten ist ganz dasselbe wie lügen. Sonach muß bei mir das Anrennen mit dem Kopfe wahr, kräftig und echt sein, ohne daß Spitzfindigkeit oder Selbsttäuschung damit zu tun haben darf. Es wird aber nötig sein, mir etwas Scharpie dazulassen, um mich zu verbinden, da das Schicksal gewollt hat, daß wir des Balsams ermangeln, der uns verlorenging.« »Ein größerer Verlust ist's, des Esels zu ermangeln«, entgegnete Sancho, »da mit ihm die Scharpie und alles andere verlorengegangen. Jedenfalls bitte ich Euer Gnaden, jenes verwünschten Tranks nicht mehr zu gedenken; denn wenn ich ihn nur nennen höre, dreht sich mir die Seele im Leibe herum, wieviel mehr der Magen! Außerdem bitte ich, daß Ihr annehmet, die drei Tage seien schon vorüber, die Ihr mir zur Frist gesetzt habt, um die Tollheiten, die Ihr verübt, mit anzusehen. Ich nehme sie für gesehen und erwiesen an und für eine durch gerichtliches Urteil festgestellte Tatsache, und ich will unserm Fräulein Wunderdinge davon berichten. Schreibt nur den Brief und fertigt mich gleich ab; denn ich hege den lebhaftesten Wunsch, zurückzukehren und Euer Gnaden aus diesem Fegefeuer zu holen, worin ich Euch zurücklasse.« »Fegefeuer nennst du es, Sancho?« entgegnete Don Quijote, »du tätest besser, Hölle zu sagen, ja noch Schlimmeres, wenn es das gäbe.« »Wer die Hölle hat«, erwiderte Sancho, »da ist keine Erlöschung mehr, wie ich sagen hörte.« »Ich verstehe nicht, was du sagen willst mit ›Erlöschung‹«, sprach Don Quijote. »Erlöschung ist«, antwortete Sancho, »wenn einer in der Hölle ist, so kommt er niemals mehr heraus und kann's auch nicht. Aber bei Euer Gnaden wird's umgekehrt gehen, oder es müßte mit meinen Füßen schlecht bestellt sein, wenn ich Sporen dran trage, um Rosinante anzutreiben. Wenn ich nur richtig nach Toboso zu unserm gnädigen Fräulein Dulcinea komme, so erzähle ich ihr solche Dinge von den Dummheiten und Tollheiten – das ist ja all eins –, die Euer Gnaden verübt hat und fortwährend verübt, daß ich sie bald geschmeidiger mache als einen Handschuh, sollte sie auch anfänglich härter sein als eine Korkeiche; und mit ihrer zärtlichen, honigsüßen Antwort komm ich durch die Lüfte zurück wie ein Hexenmeister und hole Euer Gnaden aus diesem Fegefeuer heraus, das eine Hölle scheint und es doch nicht ist, da Ihr Hoffnung habt, herauszukommen, was die nicht haben, die in der Hölle sind, wie ich schon gesagt, und ich glaube auch nicht, daß Euer Gnaden anders sagen wird.« »Es ist allerdings so«, sprach Der von der traurigen Gestalt. »Aber wie sollen wir's anfangen, um den Brief zu schreiben?« »Und die Esels-Anweisung dazu?« fügte Sancho bei. »Alles wird niedergeschrieben werden«, sagte Don Quijote, »und da kein Papier da ist, wäre es gut, wir schrieben ihn, wie die Alten taten, auf Baumblätter oder auf Wachstäfelchen, wiewohl das jetzt ebenso schwer aufzutreiben wäre wie Papier. Doch eben ist mir's in den Sinn gekommen, worauf ich den Brief ganz gut und besser als gut schreiben kann, nämlich in das Notizbuch, das Cardenio angehörte, und du wirst Sorge tragen, es auf Papier abschreiben zu lassen, mit guter Handschrift, am ersten besten Ort, wo sich ein Schulmeister findet; wenn das nicht, so kann jeder Küster dir ihn abschreiben. Gib ihn aber keinem Aktuar zum Abschreiben; denn die bedienen sich einer Aktenschrift, die der Gottseibeiuns nicht lesen kann.« »Wie soll es aber mit der Unterschrift werden?« fragte Sancho. »Niemals waren die Briefe des Amadís unterzeichnet«, antwortete Don Quijote. »Ganz gut«, versetzte Sancho, »aber die Anweisung muß notwendig unterzeichnet sein, und wenn die abgeschrieben wird, so wird man sagen, die Unterschrift ist falsch, und ich bin um die Esel.« »Die Anweisung soll im Notizbuche selbst unterzeichnet werden, so daß meine Nichte, wenn sie dieselbe sieht, keine Schwierigkeiten machen wird, sie zu berichtigen. Soviel aber den Liebesbrief betrifft, wirst du die Unterschrift daruntersetzen: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von der traurigen Gestalt. Und es wird nichts ausmachen, daß sie von fremder Hand ist; denn soviel ich mich entsinne, kann Dulcinea weder schreiben noch lesen und hat in ihrem ganzen Leben meine Handschrift, also auch einen Brief von mir, nicht gesehen. Meine Liebe und die ihrige waren stets eine platonische und erstreckten sich nie weiter als zu einem züchtigen Anblicken, und auch dies nur von Zeit zu Zeit, so daß ich mit Wahrheit schwören darf, in den zwölf Jahren, seit denen ich sie inniger liebe als das Licht meiner Augen, die einst im Schoße der Erde modern werden, habe ich sie höchstens viermal gesehen, und zudem kann es auch sein, daß unter diesen vier Malen sie nicht ein einziges Mal bemerkt hat, daß ich sie anschaute. In solcher Sittsamkeit und Zurückgezogenheit haben sie ihr Vater Lorenzo Corchuelo und ihre Mutter Aldonza Nogales erzogen.« »Ei je, ei je«, sprach Sancho, »die Tochter von Lorenzo Corchuelo ist unsere Gebieterin Dulcinea von Toboso, sonst auch Aldonza Lorenzo geheißen?« »Dieselbe«, antwortete Don Quijote, »und sie ist's, die da verdient, die Gebieterin des ganzen Weltalls zu sein.« »Ich kenne sie ganz gut«, sprach Sancho, »und kann sagen, daß sie im Spiel die Eisenstange so kräftig wirft wie der stärkste Bursche im ganzen Ort. Beim Geber alles Guten, das ist eine tüchtige Dirne, schlecht und recht, hat Haare auf den Zähnen und kann jedem jetzt fahrenden oder in Zukunft fahrenden Ritter, der sie zur Gebieterin erkiest, was zu raten aufgeben. Was Teufel hat sie für eine Kraft im Leibe, was hat sie für eine Stimme! Ich sage Euch, sie ist einmal oben auf den Glockenturm des Dorfes hinauf, um vom Brachfeld ihres Vaters Knechte heimzurufen, und wiewohl selbige mehr als eine halbe Stunde fern vom Orte waren, haben sie sie gehört, als hätten sie unten am Turm gestanden. Und das Beste an ihr ist, daß sie durchaus nicht zimperlich ist, sie hat was von so einer Person aus der Residenz, alle hat sie zum besten und hat über alles ihren Spott und Scherz. Jetzt sage ich, Herr Ritter von der traurigen Gestalt, nicht nur kann und soll Euer Gnaden Tollheiten ihretwegen verüben, sondern kann auch mit großem Recht verzweifeln und gar sich aufhängen; denn keiner, der es erfährt, wird umhinkönnen, zu sagen, daß Ihr ausnehmend wohl daran getan, und wenn Euch auch darum der Teufel holen sollte; und gerne möchte ich schon auf dem Wege sein, nur um sie zu sehen, sintemal es schon viele Tage her ist, daß sie mir nicht vor die Augen gekommen; auch muß sie ganz wie verwechselt aussehen; denn nichts verdirbt den Frauenzimmern so sehr ihr Gesicht, als wenn sie in der Sonne und freier Luft im Felde herumlaufen! Auch muß ich Euer Gnaden wahr und wahrhaftig sagen, daß ich bisher in großer Unkenntnis der Sachen gewesen. Ich war nämlich ernst und treulich des Glaubens, das Fräulein Dulcinea müsse irgendeine Prinzessin sein, in die Euer Gnaden sich verliebt hätte, oder sonst ein Frauenzimmer solcher Art, daß sie die von Euer Gnaden gesendeten reichen Gaben verdiente, wie das Geschenk, das Ihr ihr mit dem Biskayer und mit den Galeerensklaven gemacht habt. Und ohne Zweifel werden es noch viele andere Gaben sein, nach den Siegen zu schließen, die Ihr zur Zeit errungen haben müßt, wo ich noch nicht Euer Schildknappe war. Aber wenn man's bei Licht betrachtet, was kann dem Fräulein Aldonza Lorenzo, will sagen dem Fräulein Dulcinea von Toboso, daran liegen, daß die Besiegten, die Euer Gnaden hinsendet und hinsenden wird, kommen und sich auf die Knie vor ihr werfen? Denn es wäre ja möglich, daß gerade zur Zeit, wo selbige ankämen, sie mit dem Hecheln von Flachs oder Dreschen auf der Tenne beschäftigt wäre, und jene würden sich dann schämen, sie in dem Aufzug zu sehen, und sie würde über das Geschenk lachen und sich ärgern.« »Ich habe dir schon früher oftmals gesagt, Sancho«, sprach Don Quijote, »daß du ein gewaltiger Schwätzer bist und, obwohl am Verstande stumpf, doch häufig spitzig sein und sticheln willst. Damit du jedoch siehst, wie dumm du bist und wie verständig meine Handlungsweise, sollst du von mir ein Geschichtchen hören. Vernimm also: Eine schöne junge Witwe, unabhängig und reich, insbesondere aber lustigen Humors, verliebte sich in einen jungen Laienbruder, einen untersetzten kräftigen Burschen; sein Vorgesetzter brachte es in Erfahrung, und eines Tages sagte er zu der wackeren Witwe diese Worte als brüderliche Zurechtweisung: ›Ich bin erstaunt, Señora, und nicht ohne vielfachen Grund, wie eine so vornehme, so schöne, so reiche Frau wie Euer Gnaden sich in einen so schmutzigen, gemeinen und dämlichen Menschen wie den gewissen Jemand verlieben mochte, da doch in diesem Stift so viele Doktoren, so viele Graduierte und so viele Theologen sind, unter denen Euer Gnaden wie aus einem Korb mit Birnen hätten wählen und sagen können: Den mag ich gern, den mag ich nicht.‹ Aber sie antwortete ihm mit heiterer Laune und größter Unbefangenheit: ›Werter Herr, Euer Gnaden ist in großem Irrtum und urteilt sehr altmodisch, wenn Ihr meinet, ich hätte mit dem gewissen Jemand eine schlechte Wahl getroffen, ob er Euch auch noch so dämlich vorkommt. Denn wozu ich ihn mag, dazu hat er soviel und mehr Kenntnis von der Philosophie wie Aristoteles selber.‹ Sonach, Sancho, wozu ich Dulcinea liebhabe, dazu ist sie mir soviel wert wie die erhabenste Prinzessin auf Erden. So ist's, und nicht alle Poeten, welche eine Geliebte unter einem Namen besitzen, den sie ihr nach Belieben beilegen, haben eine solche in Wirklichkeit. Glaubst du, daß die Amaryllis', die Phyllis', die Sylfias, die Dianas, die Galatheas, die Filidas und andre dergleichen, mit denen die Bücher, die Romanzen, die Barbierstuben, die Komödienbühnen angefüllt sind, wirkliche Damen von Fleisch und Blut und wirklich die Geliebten jener waren, die sie verherrlichen und verherrlicht haben? Gewiß nicht; vielleicht erdichten sie sich die meisten, um für ihre Verse einen Gegenstand zu schaffen und um für liebeglühende Jünglinge und für solche, die der Liebe würdig seien, zu gelten. Und so genügt es mir, daß ich denke und glaube, die treffliche Aldonza Lorenzo sei schön und sittig, und was ihren Stammbaum betrifft, das tut wenig zur Sache; denn man wird nicht hingehen und die Ahnenprobe mit selbigem vornehmen, um ihr einen der militärischen Ritterorden Spaniens zu verleihen, und ich nehme nun einmal an, sie sei die vornehmste Prinzessin in der ganzen Welt. Denn du mußt wissen, Sancho, wenn du es nicht schon weißt: zwei Dinge allein vor allen andern bewegen das Herz zur Liebe, nämlich große Schönheit und guter Ruf, und beides findet sich im höchsten Grade bei Dulcinea; in der Schönheit aber kommt keine ihr gleich, und im guten Ruf kommen wenige ihr nah. Und um alles mit einem Wort abzuschließen, ich denke mir, daß alles sich genauso verhält, wie ich sage, ohne daß es etwas zuviel oder zuwenig ist; und ich male mir sie in meinem Geiste, wie ich sie mir wünsche, ebenso an Schönheit wie an Vornehmheit; und ihr kommt Helena nicht nahe noch reicht Lucrezia an sie heran noch irgendeine andre von den berühmten Frauen der vergangenen Zeiten, sei es eine Griechin, Barbarin oder Lateinerin; und es sage ein jeglicher, was er will; denn werde ich darob von Unverständigen getadelt, so werden mich doch die strengsten Richter darum nicht verurteilen.« »Ich gestehe es ein«, antwortete Sancho, »Euer Gnaden hat in allem recht, und ich bin ein Esel. Doch ich weiß nicht, warum ich den Esel in den Mund nehme; denn man soll im Haus des Gehenkten nicht vom Strick reden. Jetzt her mit dem Brief, und Gott befohlen, denn ich mache mich davon.« Don Quijote holte das Notizbuch hervor, ging beiseite und begann den Brief gemächlich zu schreiben. Als er ihn beendigt, rief er Sancho und sagte ihm, er wolle ihm den Brief vorlesen, damit er ihn auswendig behielte, wenn er ihn etwa unterwegs verlieren sollte; denn von seinem Mißgeschick sei alles zu besorgen. Darauf erwiderte Sancho: »Schreibt ihn lieber zwei- oder dreimal hier ins Buch und gebt mir's, ich will es schon wohlverwahrt mitnehmen. Jedoch daran zu denken, daß ich ihn auswendig lerne, ist ein Unsinn; denn mein Gedächtnis ist so schwach, daß ich oft sogar vergesse, wie ich heiße. Indessen trotz alledem, lest mir ihn vor, es wird mir ein groß Vergnügen machen, ihn anzuhören, denn der Brief ist sicher wunderschön.« »Höre denn, er lautet also«, sprach Don Quijote. Don Quijotes Brief an Dulcinea von Toboso Allherrschende, erhabene Herrin! Der von der Schwertesspitze der Trennung Durchbohrte, der im Innersten des Herzens Wundgeschlagene, wünscht Dir, süßeste Dulcinea von Toboso, das Heil, das er selbst nicht hat. Wenn Deine Huldseligkeit mich mißachtet, wenn Deine Fürtrefflichkeit sich nicht zu meinen Gunsten neiget, wenn Deine Verschmähung mich zu Boden drücket, dann, so ich auch genugsam zu dulden weiß, mag ich nicht wohl mich fürderhin in dieser Pein aufrechterhalten, die, außerdem daß sie eine gar schwere Bürde ist, sich über die Maßen langwierig anläßt. Mein guter Schildknappe Sancho wird Dir völligen Bericht erstatten, o schöne danklose Maid, heißgeliebte Feindin mein, wie es mir aus Ursach Deines Willens ergeht. So Du Gelieben trägst, Dich mir zur Hilfe bereitzustellen, so bin ich Dein; wo nicht, dann tue, was Dir belieben mag, und so ich mein Leben beschließe, hernach hab ich Deinem grausamen Sinne und meinem Wünschen ein voll Genüge getan. Der Deine bis in den Tod, Der Ritter von der traurigen Gestalt. »Bei meines Vaters Seelenheil«, sprach Sancho, als er den Brief angehört, »das ist das Erhabenste, was ich je vernommen. Hol mich der Geier, wie sagt Euer Gnaden ihr hier alles, was Ihr wollt, und wie gut paßt hier in die Unterschrift hinein: Der Ritter von der traurigen Gestalt. Ich sag's im Ernst, Euer Gnaden hat den Teufel im Leib; es gibt nichts, was Ihr nicht wüßtet.« »Alles«, entgegnete Don Quijote, »ist zu dem Berufe erforderlich, den ich übe.« »Wohl denn«, sprach Sancho, »nun setze Euer Gnaden auf die andre Seite die Anweisung auf die drei Esel und unterzeichne sie sehr deutlich, damit man die Unterschrift gleich beim Ansehen erkennt.« »Mir recht«, sagte Don Quijote; und nachdem er sie geschrieben, las er sie ihm vor. Sie lautete also: Beliebe Euer Gnaden, Fräulein Nichte, gegen diese meine Esels-Prima an meinen Schildknappen Sancho Pansa verabreichen zu lassen drei Esel von den fünfen, die ich daheim im Stall habe und die Euer Gnaden anbefohlen sind; welche drei Esel ich ihm zur Ablieferung und Zahlung anweise für drei andre, die ich hier von ihm empfangen habe, demnach sie gegen diesen Wechselbrief und seine Empfangsbescheinigung in Richtigkeit gehen. So geschehen tief inmitten der Sierra Morena, am zweiundzwanzigsten August dieses gegenwärtigen Jahrs. »So ist's gut«, sprach Sancho. »Nun wolle ihn Euer Gnaden unterschreiben.« »Es ist nicht nötig, ihn zu unterschreiben«, entgegnete Don Quijote, »sondern nur meinen Schnörkel darunterzusetzen, was das nämliche wie die Unterschrift und für die drei Esel hinreichend ist, ja für dreihundert.« »Ich verlasse mich auf Euer Gnaden«, erwiderte Sancho, »laßt mich nun, ich gehe den Rosinante zu satteln, und bereitet Euch, mir Euren Segen zu geben; denn ich will auf der Stelle fort, ohne die Narreteien zu sehen, die Euer Gnaden jetzt vornehmen will; ich werde aber sagen, ich sah Euch so viele verüben, daß ich deren nicht mehr begehrte.« »Zum wenigsten verlange ich, Sancho, und dieweil es solchergestalt nötig ist, verlange ich, sage ich nochmals, daß du zusiehst, wie ich mich splitternackt ausziehe und ein oder zwei Dutzend tolle Streiche begehe; ich will sie in weniger als einer halben Stunde fertigbringen, damit du, nachdem du sie mit eigenen Augen gesehen, mit gutem Gewissen die andern beschwören kannst, die du noch etwa hinzufügen willst; und ich versichere dir, du kannst deren nicht so viele erzählen, als ich auszuführen gedenke.« »Um Gottes willen, Herr Ritter, laßt mich Euer Gnaden nicht nackend sehn; das würde mich allzusehr betrüben, und ich könnte nicht umhin, Tränen zu vergießen. Ich habe den Kopf noch so voll von dem Gejammer, das ich gestern über das Grautier vollführte, daß ich nicht imstande bin, mich abermals in Flennen einzulassen. Wenn es Euch jedoch sehr darum zu tun ist, daß ich ein paar Tollheiten mit ansehe, so verübt sie in den Kleidern, und zwar solche, die nur kurze Zeit brauchen und Euch am ersten zur Hand sind; besonders da für mich nichts dergleichen vonnöten ist und ich, wie schon gesagt, Zeit für meine Rückkehr ersparen würde, die da stattfinden soll mit all den guten Nachrichten, die Euer Gnaden wünscht und verdient. Wo aber nicht, so soll sich das Fräulein Dulcinea nur auf was gefaßt machen. Denn wenn sie nicht antwortet, wie sich's gebührt, so tu ich ein feierliches Gelübde zu allem möglichen, ich will ihr die richtige Antwort mit Fußtritten und Ohrfeigen aus dem Leibe reißen. Denn wo in aller Welt möchte man es auch leiden, daß ein so berühmter fahrender Ritter wie Euer Gnaden mir nichts, dir nichts verrückt wird für eine ... Das Fräulein soll mich nur nicht zwingen, das Wort zu sagen; denn bei Gott, ich fahre heraus damit und will ihr ihr Fett geben; ich geb's im Dutzend billiger, wenn's auch keiner sein Lebtage kaufen will. Ja, dazu wär ich der rechte Kerl! Sie kennt mich nicht recht; denn wenn sie mich kennte, sie täte mich fasten, denn ich schmecke gar nicht gut.« »Auf mein Wort, Sancho«, sprach Don Quijote, »du kommst mir vor, als wärest du ebensowenig bei Verstand wie ich.« »Ich bin nicht so verrückt wie Ihr«, entgegnete Sancho, »aber ich bin hitziger. Doch lassen wir das beiseite; was will Euer Gnaden denn essen, bis ich zurückkomme? Wollt Ihr die Straße unsicher machen wie Cardenio und es den Hirten abjagen?« »Diese Sorge darf dir keine Schmerzen machen«, antwortete Don Quijote; »denn wenn ich es auch hätte, äße ich doch nichts andres als die Kräuter und Früchte, die mir das Feld und die Bäume hier darbieten, weil die Hauptsache bei meinem Vorhaben darin besteht, nicht zu essen und noch andre Kasteiungen auf mich zu nehmen.« Darauf sagte Sancho: »Wißt Ihr, was ich besorge? Ich möchte den Rückweg zu diesem Orte, wo ich Euch verlasse, nicht finden, so heimlich ist das Versteck.« »Du mußt dir gehörige Kennzeichen machen«, sprach Don Quijote. »Ich werde darauf bedacht sein, mich aus der Umgegend nicht zu entfernen, ja ich habe vor, auf die höchsten Felsen hier zu steigen, um zu sehen, ob ich dich aufspüre, wenn du zurückkehrst. Jedoch wird es am sichersten sein, daß du von dem Ginster, der sich hier in Menge findet, etliche Zweige abschneidest und sie von Strecke zu Strecke hinstreust, bis du ins Blachfeld kommst; die werden dir zu Marksteinen und Merkzeichen dienen, gleichsam wie der Faden im Labyrinthe des Theseus, auf daß du mich bei deiner Rückkehr findest.« »So will ich's tun«, erwiderte Sancho Pansa. Er schnitt eine Anzahl Zweige ab, bat seinen Herrn um seinen Segen und verabschiedete sich von ihm, nicht ohne reichliche Tränen von beiden Seiten. Dann stieg er auf den Rosinante, den Don Quijote ihm dringendst anempfahl mit dem Auftrag, auf den Gaul achtzuhaben, als ob er es selber wäre, und begab sich auf den Weg nach der Ebene, wobei er von Zeit zu Zeit die Ginsterzweige ausstreute, wie es sein Herr ihm angeraten. Und da zog er von dannen, während ihn Don Quijote noch fortwährend damit behelligte, er solle ihm wenigstens bei zwei tollen Streichen erst zusehen. Aber er war noch keine hundert Schritte geritten, da kehrte er um und sprach: »Ich muß sagen, Señor, Euer Gnaden hat sehr recht gehabt; denn damit ich ohne Gewissensbeschwer beeidigen kann, daß ich Euch Narreteien verüben gesehen, ist es recht und billig, daß ich wenigstens eine mit ansehe, wiewohl Ihr mir eine absonderlich große bereits in Eurem Hierbleiben gezeigt habt.« »Hab ich es dir nicht gesagt?« versetzte Don Quijote. »Warte nur, Sancho, so geschwind wie ein Vaterunser wird's getan sein.« Und er zog sich in aller Eile die Hosen aus, so daß er im bloßen Hemde dastand, machte dann im Nu etliche Luftsprünge und patschte sich dabei mit der Hand auf die Fußsohlen, schlug dann ein paar Purzelbäume, den Kopf unten, die Füße in die Höhe, und enthüllte dabei solche Dinge, daß Sancho, um sie nicht noch einmal zu sehen, den Rosinante am Zügel umlenkte und sich für hinreichend zufriedengestellt erachtete, daß er nunmehr schwören konnte, sein Herr sei wirklich verrückt. Und so wollen wir ihn seines Weges ziehen lassen bis zur Rückkehr, die nicht lange anstand. 26. Kapitel Worin die auserlesenen Absonderlichkeiten, die Don Quijote aus purer Verliebtheit in der Sierra Morena verrichtete, fortgesetzt werden Indem die Geschichte sich nun wiederum zur Erzählung dessen wendet, was Der von der traurigen Gestalt begann, als er sich allein sah, berichtet sie, daß Don Quijote, sobald er in seinem erwähnten Aufzug, vom Gürtel abwärts nackend, vom Gürtel aufwärts bekleidet, sich in Purzelbäumen und im Radschlagen versucht hatte und sah, daß Sancho fortgeritten war, ohne noch mehr von seinen Torheiten abwarten zu wollen, sofort auf eine Felsenspitze stieg und hier wiederholt über einen Punkt nachdachte, den er sich schon sehr oft überlegt hatte, ohne jemals zu einem Entschlusse zu kommen. Es war dies die Frage, was wohl besser sei und sich eher für ihn schicke, den Roldán in dessen gewalttätigen oder den Amadís in dessen schwermütigen Verrücktheiten nachzuahmen; und er redete so zu sich selber: Wenn Roldán ein so tapferer Ritter und so streitbar war, wie jeder sagt, was Wunder? Er war am Ende ja gefeit, und niemand konnte ihn umbringen, außer wenn man ihm eine von den großen Stecknadeln für einen Groschen durch die Fußsohle stach, und deshalb trug er immer Schuhe mit sieben eisernen Sohlen. Indessen nützten ihm seine Kniffe nichts gegen Bernardo del Carpio, der dahinterkam und ihn im Tale Roncesvalles in seinen Armen erstickte. Aber lassen wir einmal beiseite, was seine Tapferkeit betrifft, und kommen wir auf den Punkt mit dem Verlieren des Verstandes, so ist es gewiß, er verlor ihn wegen der Merkzeichen, die er an der Quelle fand, und wegen der Mitteilung jenes Hirten, daß Angélika zweimal oder öfter ihr Mittagsschläfchen mit Medor gehalten, einem kraushaarigen Mohrenjungen, dem Edelknaben Agramants. Und wenn er sich überzeugt hielt, es sei dies wahr und seine Geliebte habe ihm eine Ungebühr angetan, so tat er nicht zuviel, daß er verrückt wurde. Aber ich, wie kann ich ihn in seinen Tollheiten nachahmen, wenn ich ihn nicht in dem Anlaß zu selbigen nachahme? Denn meine Dulcinea von Tobosa, das wage ich zu beschwören, hat all ihre Lebtage keinen Mohren, wie er es ist, gesehen, in seiner eignen Volkstracht und ist heute noch so rein, wie ihre Mutter sie geboren. Und ich würde ihr ein offenbares Unrecht antun, wenn ich was andres von ihr dächte und in die Art von Verrücktheit verfiele wie der rasende Roldán. Anderseits finde ich, daß Amadís von Gallien, ohne den Verstand zu verlieren und Narreteien zu verüben, solchen Ruhm eines liebestreuen Ritters erwarb, daß ihn keiner darin übertrifft. Und was er tat, wie seine Geschichte bezeugt, war nichts andres, als daß er, zurückgewiesen von seiner Gebieterin Oriana, die ihm geboten, vor ihrem Antlitz nicht wieder zu erscheinen, bis sie ihm es verstatte, sich in Gesellschaft eines Einsiedlers auf dem Armutsfelsen verbarg und sich Weinens ersättigte, bis der Himmel ihm mitten in seiner größten Not und Bedrängnis endlich zu Hilfe kam. Und wenn dies wahr ist, und es ist wahr, warum will ich die Mühsal auf mich nehmen, mich gänzlich auszukleiden oder diesen Bäumen ein Leids zu tun, die mir keinerlei Böses zugefügt? Was hab ich für Grund, das klare Wasser dieser Bächlein zu trüben, die mir zu trinken geben sollen, wenn es mich gelüstet? Nein, hoch lebe das Angedenken des Amadís! Er werde von Don Quijote von der Mancha nachgeahmt in allem, was er vermag. Von Don Quijote wird man sagen, was von jenem gesagt worden: Wenn er nicht Großes vollbracht hat, so strebte er sehnsüchtig danach, Großes zu vollbringen; und wenn ich von meiner Dulcinea nicht verstoßen noch verschmäht wurde, so genügt mir schon, wie ich bereits gesagt, daß ich von ihr abwesend bin. Auf denn, Hand ans Werk, kommt mir ins Gedächtnis, Taten des Amadís, und lehrt mich, womit ich beginnen soll, euch nachzuahmen! Doch ich weiß schon, das allermeiste, was er tat, war beten und sich Gott befehlen, und so will ich auch tun. Hierbei dienten ihm zum Rosenkranz die großen Galläpfel eines Korkbaums, die er zu zehn aneinanderreihte und zu denen er dann einen größeren fügte. Was ihn aber sehr bekümmerte, war, daß er weit und breit keinen Einsiedler fand, um ihm zu beichten und Trost bei ihm zu suchen. So vertrieb er sich denn die Zeit damit, auf dem schmalen Wiesenrain sich zu ergehen und auf die Rinden der Bäume und in den feinkörnigen Sand zahlreiche Verse zu schreiben und einzugraben, alle seinem Trübsinn entsprechend, doch einige zum Preise Dulcineas. Aber nur folgende waren, nachdem man den Ritter dort aufgefunden, vollständig erhalten und noch lesbar: O ihr Bäum in diesem Hage, Gras und Blumen, grün und rot, Die ihr hier entsprießt, ich frage: Freut euch meines Herzens Not? Wohl, wenn nicht, hört meine Klage. Wenn ich trüb den Hain durchtrotte, Bebet nicht, mir ist zu weh ja! Euch zum Trotz, ob man auch spotte, Hat geweint hier Don Quijote, Weil ihm fern war Dulcinea Von Toboso. Hier in Waldes Finsternissen Muß der treuste aller Ritter Seiner Herrin Anblick missen; Hat ein Dasein gar so bitter, Ohne wann und wie zu wissen. Lieb' war seines Hirns Marotte, Liebe bracht ihm großes Weh ja! Fässer voll, beim höchsten Gotte! Hat geweint hier Don Quijote, Weil ihm fern war Dulcinea Von Toboso. Alles Unrecht auszumerzen, Will zum Kampf den Gaul er spornen; Fluchend ihrem harten Herzen, Unter Felsen, unter Dornen, Find't der Arme stets nur Schmerzen. Wie am Licht versengt die Motte, Fühlt er Glut und gräßlich Weh ja! Da er Amorn ward zum Spotte, Hat geweint hier Don Quijote, Weil ihm fern war Dulcinea Von Toboso. Nicht weniges Gelächter erhob sich bei denen, die diese Verse fanden, als sie den Zusatz »von Toboso« bei dem Namen Dulcinea lasen; sie vermuteten, Don Quijote habe notwendig glauben müssen, man werde die Strophen nicht verstehn, wenn er Dulcinea ohne Toboso nenne. Und in der Tat glaubte er das, wie er später selbst eingestand. Noch viel andre schrieb er, aber, wie gesagt, außer diesen drei Strophen konnte man nichts ins reine bringen oder vollständig lesen. So brachte er seine Zeit damit hin, zu reimen, zu seufzen und die Faune und Waldgötter dieses Haines, die Nymphen der Bäche, die schmerzen- und tränenreichen Echos anzurufen, daß sie ihm Gehör, Antwort und Tröstung geben möchten; auch suchte er etwelche Kräuter, um sich davon zu nähren, bis Sancho wiederkäme. Wäre dieser, wie er drei Tage ausblieb, drei Wochen ausgeblieben, so wäre der Ritter von der traurigen Gestalt so verunstaltet worden, daß ihn seine eigene Mutter nicht erkannt hätte. Jetzt wird es sich empfehlen, daß wir unsern Ritter in seinen Seufzern und Versen vergraben sein lassen und erzählen, wie es Sancho auf seiner Gesandtschaftsreise erging. Als er auf die Landstraße gelangt war, suchte er den Weg nach Toboso, und am nächsten Tage gelangte er zu der Schenke, wo ihm das Unglück mit dem Wippen begegnet war. Kaum hatte er sie erblickt, da kam es ihm schon vor, als flöge er wiederum in den Lüften auf und nieder, und er begehrte nicht ins Haus, wiewohl er gerade zu einer Stunde angekommen war, wo er wohl hinein gedurft und gesollt hätte. Denn es war Essenszeit, und er hatte die größte Lust, etwas Warmes zu genießen, nachdem es lange Tage nur kalte Küche gegeben hatte. Dies Bedürfnis drängte ihn, sich dicht an die Schenke heranzuwagen, noch immer im Zweifel befangen, ob er hinein solle oder nicht. Und während er noch so dastand, kamen aus der Schenke zwei Männer heraus, die ihn sogleich erkannten. »Sagt mir, Herr Lizentiat«, sprach der eine zum andern, »ist der auf dem Gaule nicht Sancho Pansa, von dem die Haushälterin unsers abenteuernden Ritters erzählt hat, er sei mit ihrem Herrn als Schildknappe von dannen gezogen?« »Freilich ist er es«, antwortete der Lizentiat, »und dies ist das Pferd unsers Don Quijote.« Sie mußten ihn wohl kennen; denn die beiden waren der Pfarrer und der Barbier seines eigenen Dorfs, die nämlichen, welche die Untersuchung und das große Ketzergericht über die Bücher gehalten hatten. Sobald sie nun nicht mehr zweifeln konnten, Sancho Pansa und Rosinante vor Augen zu haben, traten sie näher hinzu, voller Begierde, etwas über Don Quijote zu erfahren, und der Pfarrer rief ihn bei seinem Namen an und sprach: »Freund Sancho Pansa, wo ist denn Euer Herr?« Sancho Pansa erkannte sie ebenfalls auf der Stelle und nahm sich vor, den Ort, wo, und den Zustand, wie sein Herr sich befand, geheimzuhalten; und so antwortete er ihnen, sein Herr sei an einem gewissen Ort mit einer gewissen Sache beschäftigt, die ihm von großer Wichtigkeit sei, die er aber nicht verraten dürfe, wenn es auch sein Leben und das Licht seiner Augen gelten sollte. »Nein, nein«, entgegnete der Barbier, »Sancho Pansa, wenn Ihr uns nicht sagt, wo er sich befindet, so müssen wir glauben, ja wir glauben schon wirklich, daß Ihr ihn umgebracht und beraubt habt, da Ihr auf seinem Pferde geritten kommt. In vollem Ernst, Ihr müßt uns entweder den Herrn des Pferdes zur Stelle schaffen, oder aber...« »Bei mir sind Drohungen durchaus nicht angebracht, ich bin kein Mann, der jemanden beraubt oder umbringt; mag einen jeden sein Schicksal umbringen oder der liebe Gott, der ihn geschaffen hat. Mein Herr verweilt dort in dem Gebirge mitten drin und tut da Buße nach Herzenslust.« Und nun, in aller Geschwindigkeit und ohne einmal anzuhalten, erzählte er ihnen, in welchem Zustand der Ritter sich dort umhertreibe, welche Abenteuer ihm begegnet seien und wie er selbst den Brief an das Fräulein Dulcinea von Toboso überbringe, welches die Tochter von Lorenzo Corchuelo sei, in die Don Quijote bis über die Ohren verliebt sei. Die beiden verwunderten sich höchlich über Sancho Pansas Mitteilungen; und wiewohl sie Don Quijotes Verrücktheit und deren besondere Art schon kannten, so waren sie jedesmal, wenn sie davon erzählen hörten, aufs neue verwundert. Sie baten Sancho, ihnen den Brief vorzuweisen, den er an das Fräulein Dulcinea von Toboso bringe. Er antwortete ihnen, der Brief sei in einem Notizbuch niedergeschrieben und es sei seines Herrn Befehl, ihn am nächsten Ort, wohin er komme, auf Briefpapier abschreiben zu lassen; worauf der Pfarrer bemerkte, er solle ihm den Brief nur zeigen, er würde ihn mit bester Handschrift ins reine übertragen. Sancho griff mit der Hand in den Busen, um das Büchlein hervorzuholen; aber er fand es nicht und hätte es nicht finden können, wenn er bis zum heutigen Tag gesucht hätte; denn es war in Don Quijotes Händen geblieben, und dieser hatte es ihm nicht übergeben noch hatte Sancho daran gedacht, es ihm abzufordern. Als Sancho sah, daß er das Büchlein nicht fand, ward sein Gesicht totenblaß, er befühlte sich abermals den ganzen Körper in größter Hast, sah abermals, daß es nicht zu finden war, fuhr sich ohne weiteres mit beiden Fäusten in den Bart und riß ihn sich zur Hälfte aus und versetzte sich in aller Geschwindigkeit und ohne Unterbrechung ein halb Dutzend Faustschläge ins Gesicht und auf die Nase, daß sie ganz in Blut schwamm. Als der Pfarrer und der Barbier das sahen, fragten sie, was ihm denn begegnet sei, daß er sich so übel zurichte. »Was soll mir begegnet sein«, antwortete Sancho, »als daß ich im Handumdrehen drei Esel verloren habe, jeder groß und stark wie eine Burg.« »Wie das?« fragte der Barbier. »Ich habe das Notizbuch verloren«, erwiderte Sancho, »worin der Brief für Dulcinea war und eine Anweisung mit der Unterschrift meines Herrn, worin er seine Nichte beauftragte, mir drei Esel von den vieren oder fünfen zu geben, die im Stalle sind.« Und hierbei erzählte er ihnen den Verlust seines Grauen. Der Pfarrer tröstete ihn: wenn sein Herr aufgefunden würde, so wolle er diesen veranlassen, die Anweisung zu erneuern und auf Papier auszufertigen, wie es Brauch und Gewohnheit sei; denn die in ein Notizbuch eingeschriebenen würden nie angenommen noch berichtigt. Damit gab sich Sancho getröstet und sagte, wenn dieses so sei, mache ihm der Verlust des Briefes an Dulcinea weiter nicht viel Kummer; denn er wisse ihn beinahe auswendig, und so könne man ihn aus dem Gedächtnis niederschreiben, wo und wann man wolle. »Nun, dann sagt ihn her«, sprach der Barbier, »so wollen wir ihn denn aufschreiben.« Sancho Pansa hielt eine Weile still, kratzte sich den Kopf, um den Brief in sein Gedächtnis zurückzurufen, stellte sich bald auf den einen Fuß, bald auf den andern, schaute ein paarmal zu Boden, ein paarmal gen Himmel, und nachdem er sich schier einen halben Finger abgenagt, während die andern in Spannung dastanden und abwarteten, daß er ihnen den Brief vorsage, sprach er nach Verfluß geraumer Zeit: »Bei Gott, Herr Lizentiat, der Teufel soll holen, was ich von dem Briefe noch weiß, ausgenommen, daß er zu Anfang lautete: Hohe, berstende oder fürchterliche Herrin.« »Es wird nicht«, meinte der Barbier, »berstende oder fürchterliche, sondern herrschende oder fürstliche geheißen haben.« »Ganz gewiß«, versetzte Sancho; »denn wenn ich mich recht entsinne, hieß es weiter: Der Wundgeschlagene, der am Schlafe keinen Teil selbst nicht mehr hat, der Durchbohrte küßt Euer Gnaden die Hand, undankbare und unbekannte und höchst geringgeschätzte Huldseligkeit. Und dann sagte er was vom Heil und Unheil, das er ihr zuschicke, und so lief es da aus, bis es unten hieß: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von der traurigen Gestalt.« Die beiden hatten nicht geringes Vergnügen an dem guten Gedächtnis Sancho Pansas und lobten es gar sehr und verlangten, er solle ihnen den Brief noch zweimal vorsagen, damit sie ihn ebenfalls auswendig lernten, um ihn seinerzeit niederzuschreiben. Er sagte den Brief noch dreimal her, und jedesmal brachte er wiederum dreitausend Verkehrtheiten zutage. Hierauf erzählte er auch die Erlebnisse seines Herrn; aber er sprach kein Wort von dem Wippen, das er in dieser Schenke ausgestanden, in die er durchaus nicht hinein wollte. Auch erzählte er, daß sein Herr, wenn er ihm die gute Botschaft von dem Fräulein Dulcinea bringe, die er ihm bringen solle, sich auf den Weg begeben müsse, um Kaiser oder wenigstens Monarch zu werden; denn so hätten sie es unter sich ausgemacht, und das zu werden sei bei seiner persönlichen Tapferkeit und der Stärke seines Arms was sehr Leichtes; und wenn er es geworden, wolle sein Herr ihn verheiraten; denn alsdann werde er schon Witwer sein, und das könne gar nicht anders kommen, und werde ihm eine Hofdame der Kaiserin zum Weibe geben, die habe zum Erbe ein reiches, großes Stammgut auf dem Festland, und da seien keine Insuln oder Insulinen dabei, denn die möge er gar nicht mehr. Sancho sagte all dieses mit solcher Gelassenheit, wobei er sich hier und da die Nase schneuzte, und mit so großer Einfalt, daß die beiden aufs neue in Staunen gerieten, indem sie erwogen, wie gewaltig Don Quijotes Tollheit sein müsse, da sie auch den Verstand dieses armen Teufels nachgezogen habe. Sie wollten sich nicht damit abmüden, ihn aus seinem Irrtum zu reißen; denn da dieser Sanchos Gewissen nirgends beschwerte, hielten sie es für besser, ihn darin zu lassen, und ihnen selbst würde es zu größerer Ergötzlichkeit gereichen, seine Torheiten anzuhören. Somit sagten sie ihm, er möge zu Gott um seines Herrn Erhaltung beten; denn es sei allerdings denkbar und sehr möglich, daß er es im Laufe der Zeit zum Kaiser bringe oder doch wenigstens zum Erzbischof oder einer andern Würde von gleichem Rang. Darauf antwortete Sancho: »Werte Herren, wenn das Glück das Rad der Dinge so drehte, daß es meinem Herrn in den Sinn käme, nicht Kaiser, sondern Erzbischof zu werden, so möchte ich wissen, was die fahrenden Erzbischöfe ihren Schildknappen zuzuwenden pflegen.« Der Pfarrer sagte darauf: »Sie pflegen ihnen eine Pfründe ohne oder mit Seelsorge zu verleihen oder einen Küsterdienst, der ihnen viel an festem Einkommen trägt, außer den Nebeneinkünften, die man ebenso hoch anzuschlagen pflegt.« »Dazu ist erforderlich«, entgegnete Sancho, »daß der Schildknappe unverheiratet ist und mindestens versteht, bei der Messe zu dienen, und wenn es so kommt, ach, ich Unglücklicher, bin verheiratet und weiß nicht einmal den ersten Buchstaben vom Abc! Was soll's mit mir werden, wenn meinen Herrn die Lust anwandelt, Erzbischof zu werden und nicht Kaiser, wie es Brauch und Sitte der fahrenden Ritter ist?« »Habt darum keine Sorge, Freund Sancho«, sprach der Barbier. »Wir wollen gleich Euren Herrn bitten und ihm den Rat erteilen, ja es ihm zur Gewissenspflicht machen, daß er Kaiser und nicht Erzbischof wird; denn das wird ihm viel leichter fallen, da er mehr ein streitbarer als ein studierter Mann ist.« »Das kommt mir auch so vor«, versetzte Sancho, »wiewohl ich sagen kann, daß er zu allem Geschick hat. Was ich meinerseits zu tun gedenke, ist, unsern Herrgott zu bitten, er möge ihn dahin lenken, wo er dem Himmel am besten dienen und mir die meisten Gnaden erweisen kann.« »Ihr redet wie ein gescheiter Mann«, sprach der Pfarrer, »und werdet wie ein guter Christ handeln! Was aber für jetzt geschehen muß, ist, Anstalt zu treffen, wie man Euren Herrn von dieser unnützen Buße frei machen kann, der er, wie Ihr erzählt, jetzt obliegt. Und um zu überlegen, welch ein Verfahren wir dabei einzuhalten haben, und auch um das Mittagsmahl einzunehmen, wozu es nun Zeit ist, wird es am besten sein, hier in die Schenke einzutreten.« Sancho sagte, sie ihresteils möchten nur hineingehen, er aber würde sie hier außen erwarten und später ihnen den Grund sagen, weshalb er nicht hineingehe und es ihm nicht angemessen scheine, hineinzugehen; aber er bitte sie, ihm etwas zu essen herauszubringen, und zwar etwas Warmes, und etwas Gerste für Rosinante. Sie gingen hinein und ließen ihn draußen, und bald darauf brachte ihm der Barbier etwas zum Mahl. Hierauf überlegten sich die beiden gründlich, welch ein Mittel sie anwenden wollten, um ihren Zweck zu erreichen. Da geriet der Pfarrer auf einen Gedanken, der ganz nach dem Geschmacke Don Quijotes und zugleich ihren Absichten höchst dienlich erschien. Es sei ihm nämlich der Einfall gekommen, sagte er zum Barbier, er wolle sich die Tracht eines fahrenden Fräuleins anlegen, jener aber solle Sorge tragen, sich so gut wie möglich als Knappe zu verkleiden; und so wollten sie sich zu Don Quijote begeben. Der Pfarrer wolle vorgeben, er sei ein in Trübsal befangenes hilfesuchendes Fräulein und wolle eine Vergünstigung von ihm heischen, welche er als ein mannhafter fahrender Ritter nicht umhinkönne ihr zu gewähren; und die Vergünstigung, die sie von ihm zu heischen gedenke, bestehe darin, mit ihr zu ziehen, wohin sie ihn führen werde, um einer Ungebühr abzuhelfen, die ihr ein böser Ritter angetan; und zugleich wolle sie ihn anflehen, nicht zu verlangen, daß sie ihren Schleier hebe, und sie nimmer um ihre Verhältnisse zu befragen, bis er ihr von jenem bösen Ritter ihr Recht verschafft habe. Er sei fest überzeugt, fügte der Pfarrer bei, Don Quijote werde auf alles eingehen, was sie unter solchen Vorwänden von ihm begehren werde, und auf diese Weise würden sie ihn von dort fortbringen und nach seinem Dorfe führen, wo sie suchen würden, ob es für seine sonderbare Verrücktheit ein Heilmittel gebe. 27. Kapitel Wie der Pfarrer und der Barbier ihr Vorhaben ins Werk setzten, nebst andern Ereignissen, würdig, in dieser großen Geschichte erzählt zu werden Dem Barbier gefiel der Einfall des Pfarrers nicht übel; er fand ihn vielmehr so vortrefflich, daß sie ihn gleich zur Ausführung brachten. Sie erbaten sich von der Schenkwirtin einen langen Weiberrock und Kopftücher, wofür sie ihr den neuen Chorrock des Pfarrers zum Pfande ließen. Der Barbier machte sich einen Bart zurecht aus einem grauen und rötlichen Farrenschwanz, an welchem der Wirt seinen Kamm stecken hatte. Die Wirtin fragte sie, wozu sie die Sachen haben wollten. Der Pfarrer erzählte ihr in kurzen Worten von Don Quijotes Verrücktheit; diese Verkleidung sei das Mittel, ihn aus dem Gebirge fortzubringen, wo er sich gegenwärtig aufhalte. Wirt und Wirtin errieten sogleich, daß der Verrückte derselbe sein müsse wie der Gast mit dem Balsamtrank, der Herr des gewippten Schildknappen. Sie erzählten dem Pfarrer alles, was sich in ihrem Hause zugetragen, ohne das zu verschweigen, was Sancho so sorgfältig verschwieg. Sodann kleidete die Wirtin den Pfarrer dergestalt um, daß man nichts Schöneres auf der Welt sehen konnte; sie zog ihm einen wollenen Rock an, ganz mit handbreiten, ausgezackten Streifen von schwarzem Samt umzogen, nebst einem Leibchen von grünem Samt, mit Säumen von weißem Atlas besetzt, welches, wie der Rock, ohne Zweifel zu König Wambas Zeiten gemacht war. Der Pfarrer litt nicht, daß man ihm eine Haube aufsetzte, sondern er tat ein Mützchen von gestepptem Linnen auf den Kopf, das er für die Nacht zum Schlafen bei sich trug; um die Stirn legte er eine Binde von schwarzem Taft, und aus einer andern Binde machte er einen Schleier, mit dem er sich Gesicht und Bart dicht bedeckte. Er stülpte seinen Hut auf, der so breit war, daß er ihm als Sonnenschirm dienen konnte, zog seinen Mantel über und setzte sich nach Frauenart auf sein Maultier, der Barbier auf das seinige, mit seinem Bart, der bis zum Gürtel herabhing, halb rot, halb weiß, da er, wie gesagt, aus dem Schwanz eines scheckigen Ochsen gemacht war. Sie nahmen Abschied von allen, auch von dem guten Ding Maritornes. Die versprach ihnen, sie wolle, wiewohl eine Sünderin, einen Rosenkranz dafür beten, daß Gott ihnen gute Erfolge verleihe bei einer so schwierigen und so christlichen Sache, wie sie unternommen hätten. Aber kaum waren sie aus der Schenke fort, da kam dem Pfarrer das Bedenken, daß er übel daran getan, sich so zu verkleiden, weil ein solcher Aufzug für einen Geistlichen unschicklich sei, selbst wenn für ihn auch noch soviel davon abhinge. Er sagte dies dem Barbier und bat ihn, sie möchten ihre Anzüge miteinander vertauschen; denn es sei weit richtiger, daß er das hilfesuchende Fräulein vorstelle; er seinerseits wolle den Knappen spielen, und dergestalt werde er seiner Würde weniger vergeben. Wenn der Barbier aber das nicht wolle, so sei er entschlossen, nicht weiterzugehen, wenn auch den Don Quijote der Teufel holen sollte. Mittlerweile kam Sancho herzu, und als er die beiden in solchem Aufzug erblickte, konnte er das Lachen nicht an sich halten. Der Barbier aber ging auf alles ein, was der Pfarrer verlangte, und indem sie die Verkleidung miteinander vertauschten, belehrte der Pfarrer den Barbier, welch Benehmen er einzuhalten und welche Worte er bei Don Quijote anzubringen habe, um ihn zu bewegen oder vielmehr ihn zu zwingen, mit ihm zu kommen und den Lieblingsplatz zu verlassen, den er sich für seine eitle Bußübung erlesen hatte. Der Barbier entgegnete, er werde, auch ohne daß er ihm Unterricht gebe, die Sache aufs beste besorgen. Für jetzt aber wollte er seine Tracht noch nicht anlegen, bis sie in Don Quijotes Nähe wären, und so faltete er die Frauenkleider zusammen, der Pfarrer legte seinen Bart an, und sie verfolgten ihren Weg unter Sancho Pansas Führung. Dieser erzählte ihnen derweilen, was ihnen mit dem Irrsinnigen begegnet war, den sie im Gebirge angetroffen, verschwieg jedoch den Fund des Mantelsacks und seines Inhalts; denn wiewohl einfältig, war der Bursche ziemlich habgierig. Des andern Tags kamen sie an den Ort, wo Sancho die Zweige als Merkzeichen ausgestreut, um die Stelle zu finden, wo er seinen Herrn gelassen hatte; er erkannte den Ort sogleich und sagte ihnen, hier sei der Zugang und hier könnten sie sich denn auch anziehen, wenn das wirklich für die Erlösung seines Herrn nötig wäre. Sie hatten ihm nämlich vorher schon gesagt, auf diesen ihren Anzug und diese Verkleidung komme alles an, wenn man seinen Herrn von der argen Lebensweise abbringen wolle, die er sich erwählt habe. Auch hatten sie ihm dringend ans Herz gelegt, seinem Herrn nicht zu verraten, wer sie seien; und wenn er ihn danach fragte – wie er ihn denn jedenfalls fragen würde –, ob er Dulcineen den Brief übergeben habe, so sollte er ja sagen, und da sie nicht lesen und schreiben könne; so habe sie ihm mündlich geantwortet, daß sie ihm bei Strafe ihrer Ungnade befehle, zu einer Zusammenkunft mit ihr gleich auf der Stelle aufzubrechen, weil dies von höchster Wichtigkeit für ihn sei. Denn hierdurch und durch das, was sie ihm zu sagen gedächten, hielten sie es für sicher, ihn einer besseren Lebensweise wieder zuzuführen und ihn zu vermögen, daß er sich sogleich auf den Weg begebe, um Kaiser oder Monarch zu werden. Daß er aber Erzbischof werden sollte, das sei nicht zu befürchten. Alles dies hörte Sancho aufmerksam an und prägte es sich fest ins Gedächtnis, dankte ihnen auch gar sehr für ihre Absicht, seinem Herrn anzuraten, Kaiser und nicht Erzbischof zu werden; denn er sei der Überzeugung, daß die Kaiser weit mehr als die fahrenden Erzbischöfe imstande seien, ihren Schildknappen Gnaden zu erweisen. Auch sagte er ihnen, es würde gut sein, wenn er vorausginge, Don Quijote aufzusuchen und ihm die Antwort seiner Gebieterin mitzuteilen, und diese würde schon hinreichend sein, ihn zum Verlassen seines jetzigen Aufenthalts zu bewegen, ohne daß sie sich in soviel Mühsal einließen. Sanchos Vorschlag gefiel ihnen wohl, und so entschlossen sie sich abzuwarten, bis er mit der Nachricht vom Auffinden seines Herrn zu ihnen zurückkomme. Sancho ritt in jene Schluchten des Gebirgs hinein und ließ die beiden in einer derselben zurück, die ein sanftes Bächlein durchfloß, über welches niedere Felsen und etliche umherstehende Bäume einen angenehmen und frischen Schatten verbreiteten. Die Hitze und der Tag, an dem sie dort anlangten, war eben wie im Monat August, wo in jenen Gegenden der Sonnenbrand äußerst heftig zu sein pflegt; die Stunde war die dritte des Nachmittags; alles das machte das Plätzchen um so angenehmer, so daß es sie einlud, dort die Rückkunft Sanchos zu erwarten. So taten sie denn auch. Während sie nun dort geruhsam und im Schatten verweilten, drang an ihr Ohr eine Stimme, die, ohne daß der Ton eines Instruments sie begleitete, süß und köstlich klang. Darüber erstaunten sie nicht wenig, da es sie bedünkte, dies sei kein Ort, wo sich jemand finden könnte, der so trefflich sänge; denn wenn man auch zu rühmen pflegt, es seien in den Wäldern und Feldern Schäfer mit vorzüglicher Stimme anzutreffen, so sind dies eher Übertreibungen von Dichtern als wahre Tatsachen. Ihr Erstaunen wuchs, als sie bemerkten, was sie singen hörten, seien Verse, nicht wie von bäurischen Hirten, sondern wie von geistvollen Personen hochgebildeten Standes. In dieser Überzeugung bestärkte sie der Inhalt der Verse, als sie folgendes hörten: Was läßt mich in Gram vergehen? Verschmähen. Was mehrt meiner Sorgen Wucht? Eifersucht. Was erschwert mein herbes Leiden? Scheiden. Und so will mich Hoffnung meiden, Und kein Rettungsport steht offen, Da mir morden all mein Hoffen Eifersucht, Verschmähen, Scheiden. Was macht mir das Dasein trübe? Liebe. Was drängt jedes Heil zurück? Das Glück. Wer hat mir dies Leid gebracht? Himmels Macht. Und so wird des Todes Nacht, Fürcht ich wohl, mich bald erfassen, Da vereint sind, mich zu hassen, Liebe, Glück und Himmels Macht. Wer gewinnt der Liebe Gut? Wankelmut. Wer heilt einstens meine Not? Der Tod. Wer macht bald von Schmerz mich frei? Raserei. Und so kömmt's nur Toren bei, Heilung könne je gelingen, Wo allein kann Rettung bringen Wankelmut, Tod, Raserei. Die Stunde und Jahreszeit, die Einsamkeit des Ortes, die Stimme und Geschicklichkeit des Sängers, alles erweckte in den beiden Hörern Staunen und Vergnügen. Sie verhielten sich ruhig, in Erwartung, noch mehr zu hören; da jedoch das Stillschweigen noch eine Weile dauerte, beschlossen sie, den Ort zu verlassen, um den Künstler aufzusuchen, der mit so trefflicher Stimme sang. Aber gerade als sie dies ausführen wollten, veranlaßte sie die nämliche Stimme, sich nicht zu rühren; denn sie drang aufs neue zu ihren Ohren und sang dieses Sonett: O heilige Freundschaft, die auf leichten Schwingen, Die weil dein Scheinbild nur uns blieb hienieden, Zum selgen Chor, dem Himmelsheil beschieden, Emporgeeilt, dem Staub dich zu entringen! Von dorten läßt du Kunde zu uns dringen Von dem, was uns verhüllt ist, Recht und Frieden, Von wahrer Tugend, die uns längst gemieden, Von Heucheltaten, die Verderben bringen. Verlaß den Himmel oder untersage, O Freundschaft, daß sich Trug in dich verkleide, Vor dem kein redlich Streben kann bestehen. Erlaubst du's, daß er deine Maske trage, So wird die Welt, von Zwietracht, Haß und Neide Erfüllt, im alten Chaos bald vergehen. Der Gesang schloß mit einem tiefen Seufzer, und die beiden blieben abermals in aufmerksamer Erwartung, ob etwa noch mehr gesungen würde; aber als sie bemerkten, daß die Liedertöne sich in Schluchzen und schmerzliches Ächzen verwandelten, beschlossen sie nachzuforschen, wer der Unglückliche sei, dessen Stimme so schön wie sein Jammern schmerzvoll war. Sie waren nicht weit gegangen, da erblickten sie beim Umbiegen um eine Felsenecke einen Jüngling von Gestalt und Aussehen, ganz wie Sancho Pansa es geschildert hatte, als er ihnen die Geschichte Cardenios erzählte; aber als dieser ihrer ansichtig wurde, blieb er, anstatt wie sonst zusammenzuschrecken, ruhig sitzen, den Kopf auf die Brust gebogen wie einer, der in Nachdenken versunken ist, ohne daß er die Augen aufschlug, um sich umzusehen, außer das erstemal, als sie so unvermutet auf ihn zukamen. Der Pfarrer, der ein beredter Mann war, näherte sich ihm, als bereits mit seinem Unglück vertraut – da er ihn an den Merkmalen erkannt hatte –, und mit kurzen, aber höchst verständigen Worten bat er ihn und redete ihm zu, er möge dieses elende Leben aufgeben, damit er es hier nicht gar einbüße, was doch von allem Unglück das größte wäre. Cardenio war jetzt gerade bei vollem Verstand, frei von jenem Wutanfall, der ihn so oft außer Besinnung brachte; und als er sie daher in einer bei den Leuten, die in seiner Einöde verkehrten, so ungebräuchlichen Tracht erblickte, geriet er natürlich einigermaßen in Verwunderung, zumal sie über seine Verhältnisse wie über eine allbekannte Sache sprachen, was er aus den Worten des Pfarrers deutlich entnehmen konnte. Sonach antwortete er folgendermaßen: »Wohl sehe ich, geehrte Herren, wer ihr auch sein möget, daß der Himmel, der stets Sorge trägt, den Guten und oftmals auch den Bösen zu helfen, mir, ohne daß ich es verdiene, an diese vom gewöhnlichen Verkehr der Menschen so entfernten, so abgelegenen Stätten edle Männer sendet, die mir mit eindringlichen und mannigfachen Vernunftgründen vor Augen stellen, wie unvernünftig es von mir ist, ein solches Leben zu führen, und die sich bemühen, mich aus demselben zu erlösen und auf einen bessern Weg zu bringen. Aber da sie nicht wissen, was ich nur zu gut weiß, daß ich, von diesem Leide befreit, sofort in ein andres, größeres fallen muß, so werden sie mich vielleicht für einen Mann von schwachen Geisteskräften oder, was noch schlimmer, für ein ganz vernunftloses Wesen halten müssen. Und es wäre kein Wunder, wenn es so wäre; denn mir schimmert es im Bewußtsein durch, daß die Gewalt, welche die Vorstellung meiner unglücklichen Schicksale auf mich übt, so mein ganzes Innere erfaßt und so viel zu meinem Verderben vermag, daß ich manchmal widerstandslos zu Stein erstarre und alle menschliche Empfindung, alle Kenntnis meiner selbst verliere. Daß dem so ist, das sehe ich erst ein, wenn die Leute mir erzählen und mir Kennzeichen davon geben, was ich getan habe, solange der schreckliche Wutanfall mich beherrschte. Dann bleibt mir weiter nichts übrig, als vergeblich zu jammern und zwecklos mein Schicksal zu verfluchen und zur Entschuldigung meines Wahnsinns jedem, der mich hören will, dessen Ursache zu erzählen. Denn wenn die Verständigen die Ursache hören, werden sie über die Wirkung nicht erstaunt sein, und wenn sie kein Heilmittel wissen, werden sie mir wenigstens nicht die Schuld geben, und ihr Zorn über meine Ausschreitungen wird sich in Betrübnis ob meines Unglücks verwandeln. Und ist es nun der Fall, daß ihr Herren mit derselben Absicht kommt, wie andere schon gekommen, so bitte ich euch, eh ihr mit euren verständigen Vorstellungen fortfahrt, laßt euch die Geschichte meiner Leiden erzählen, die nicht zu zählen sind; vielleicht, wenn ihr sie gehört, werdet ihr euch die Mühe sparen, für ein Unglück Trost spenden zu wollen, das jedem Troste unzugänglich ist.« Die beiden, die gar nichts andres wünschten, als aus seinem eignen Munde die Ursache seines unglücklichen Zustands zu erfahren, baten ihn um Mitteilung derselben, wobei sie sich erboten, zu seiner Heilung oder Tröstung nichts anderes zu tun, als was er selbst verlangen würde. Und daraufhin begann der arme Mann seine jammervolle Geschichte fast mit denselben Worten und Umständen, wie er sie Don Quijote und dem Ziegenhirten wenige Tage vorher erzählt hatte, als aus Anlaß des Meisters Elísabat und der Gewissenhaftigkeit Don Quijotes in Aufrechterhaltung der Würde des Rittertums die Erzählung unbeendet blieb, wie unsre Geschichte es schon berichtet hat. Jetzt aber wollte es das gute Glück, daß sein Wutanfall länger ausblieb und ihm vergönnte, die Erzählung zu Ende zu führen. Und als er so bis zu dem Umstand mit dem Briefe kam, den Don Fernando im Buche vom Amadís von Gallien gefunden hatte, erwähnte er, daß er denselben vollständig im Gedächtnis habe und daß er folgendermaßen lautete: Luscinda an Cardenio Jeden Tag entdecke ich in Euch Vorzüge, die mich verpflichten und zwingen, Euch höher zu achten. Wollt Ihr also von dieser Schuld, in der ich gegen Euch stehe, mich befreien, ohne Euch mit meiner Ehre bezahlt zu machen, so könnt Ihr dies sehr leicht bewerkstelligen. Ich habe einen Vater, der Euch kennt und mich von Herzen liebt; er wird, ohne meinen Wünschen Zwang anzutun, jene Wünsche erfüllen, die Ihr von Rechts wegen hegen müßt, wenn Ihr mich wirklich so hochschätzt, wie Ihr es sagt und wie ich es glaube. »Durch dies Briefchen ward ich bewogen, um Luscindas Hand anzuhalten; dies Briefchen war es, das Luscinda in Don Fernandos Augen als eine der geistvollsten und klügsten Damen ihrer Zeit erscheinen ließ; dies Briefchen erweckte in seinem Herzen den Wunsch, mich zugrunde zu richten, bevor der Wunsch meines Herzens zur Erfüllung kommen könnte. Ich erzählte Don Fernando, woran Luscindas Vater Anstand nehme: er erwarte nämlich, daß mein Vater selbst bei ihm um Luscinda anhalte, was ich ihm nicht mitzuteilen wagte, weil ich fürchtete, er werde darauf nicht eingehen, und zwar nicht etwa deshalb, weil ihm Luscindas Stand, Vortrefflichkeit, Tugend und Schönheit nicht genügend bekannt wären und er nicht wüßte, daß sie hinreichende Eigenschaften besitze, um jedes andre Geschlecht Spaniens zu adeln; sondern weil ich seinen Wunsch kannte, ich möchte mich nicht so rasch vermählen, damit man erst erfahre, was Ricardo mit mir vorhabe. Kurz, ich sagte ihm, ich könne es nicht auf mich nehmen, meinem Vater die Mitteilung zu machen, sowohl um dieser Schwierigkeit willen als auch gar mancher andern noch, die mich mutlos machten, ohne daß ich sie zu bezeichnen wußte; nur war ich überzeugt, es werde, was ich wünsche, niemals in Erfüllung gehen. Auf all dieses entgegnete mir Don Fernando, er selbst übernehme es, mit meinem Vater zu sprechen und ihn zu vermögen, daß er mit dem Vater Luscindas rede. Ha, du Marius, du nach jeder Art von Erfolg begierig! Du grausamer Catilina! Ruchloser Sulla! Tückischer Ganelon! Verräterischer Bellido! Rachsüchtiger Graf Julian! Habsüchtiger Judas! Verräterischer, grausamer, rachsüchtiger, betrügerischer Mensch, welch schlimmen Dienst hatte er dir erwiesen, der Arme, der mit solcher Unbefangenheit dir die Geheimnisse und Freuden seines Herzens anvertraute? Welche Beleidigung habe ich dir zugefügt? Welche Worte habe ich dir gesagt oder welche Ratschläge dir gegeben, die nicht stets darauf abgezielt hätten, deine Ehre, deinen Vorteil zu wahren? Aber worüber klage ich, ich Unseliger! Da es doch gewiß ist: Wenn die Mißgeschicke ihre Strömung von den Sternen aus entquellen lassen, so ist keine andere Kraft, da sie aus der Höhe nach unten kommen und mit Wut und Gewalt herniederstürzen, so ist keine andre Kraft auf Erden, die ihnen widerstreben, kein menschliches Bemühen, das ihnen vorbeugen könnte. Wer konnte denken, daß Fernando, ein Edelmann von solchem Rang, verständig, mir durch meine Dienste verpflichtet, mächtig genug, um alles zu erreichen, was seine Liebeswünsche erstreben mochten, wo auch immer sie ihr Ziel suchten, daß dieser Mann danach brannte, mir – wie man zu sagen pflegt – mein einziges Schäflein zu rauben, das ich noch nicht einmal mein eigen nannte! Doch es mögen diese Betrachtungen als zwecklos und unnütz beiseite bleiben, und lasset uns den abgerissenen Faden meiner unseligen Geschichte wieder anknüpfen. Ich sage also, daß Don Fernando, weil ihm meine Gegenwart zur Ausführung seines falschen, schlechten Vorhabens hinderlich schien, mich zu seinem älteren Bruder zu schicken beschloß unter dem Vorwand, von ihm Geld zur Bezahlung von sechs Pferden zu verlangen. Diese hatte er absichtlich und lediglich zu dem Zwecke, mich zu entfernen, um seinen tückischen Plan besser ausführen zu können, an dem nämlichen Tage gekauft, wo er sich erbot, mit meinem Vater zu sprechen, und deshalb wollte er, ich solle fort, das Geld zu holen. Konnte ich einen solchen Verrat voraussehen? War es etwa möglich, ihn nur zu ahnen? Gewiß nicht; vielmehr erbot ich mich sehr gern, auf der Stelle abzureisen, so vergnügt war ich über den guten Kauf. Dieselbe Nacht sprach ich Luscinda, erzählte ihr, was ich mit Don Fernando verabredet hatte, und sagte ihr, sie möge fest darauf bauen, daß unsere redlichen, gerechten Wünsche in Erfüllung gehen würden. Sie bat mich, ob Fernandos Verräterei so ahnungslos wie ich, ich möchte auf baldige Rückkehr bedacht sein; denn sie glaubte, die Krönung unsrer Wünsche würde sich nur so lange verzögern, als mein Vater zögere, mit dem ihrigen zu reden. Ich weiß nicht, wie es geschah, ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie diese Worte gesprochen, die Kehle war ihr wie zugeschnürt, so daß sie von dem vielen, was sie, wie mich bedünkte, mir noch sagen wollte, nicht das geringste herausbringen konnte. Ich war ganz betroffen über diesen mir ganz neuen, noch nie bei ihr erlebten Anfall; denn bisher hatten wir stets, wenn uns das gute Glück und mein eifriges Bemühen die Gelegenheit verschafften, uns heiter und wohlgemut unterhalten, ohne jemals Tränen, Seufzer, Eifersucht, Argwohn oder Besorgnis in unser Gespräch zu mischen. Nie tat ich etwas andres, als daß ich mein Glück pries, das sie mir zur Geliebten gegeben. Ich hob ihre Schönheit in den Himmel, ich bewunderte ihre hohen Vorzüge und ihren Geist; sie gab mir alles mit Zinseszinsen zurück und lobte, was ihrer Liebe an mir des Lobes würdig schien. Dabei erzählten wir uns hunderttausend Kindereien und Geschichten von unsern Nachbarn und Bekannten, und das Höchste, wozu meine Kühnheit sich verstieg, war, daß ich fast mit Gewalt eine ihrer schönen weißen Hände ergriff und sie an meine Lippen drückte, soviel die Enge des niedrigen Fenstergitters, das uns trennte, es zuließ. Aber in der Nacht, die dem trüben Tag meiner Abreise vorherging, weinte sie, ächzte, seufzte und entfernte sich dann und ließ mich in Verwirrung und Bestürzung zurück, ganz entsetzt über die nie erlebten, so traurigen Zeichen von Angst und Schmerz, die ich an Luscinda bemerkt hatte. Um jedoch meine Hoffnungen nicht selbst zu zerstören, schrieb ich alles der Gewalt ihrer Liebe zu und dem Schmerze, den die Trennung in allen wahrhaft liebenden Herzen erregt. Niedergeschlagen und in tiefen Gedanken reiste ich endlich ab. Mein Herz war voller Ahnungen und argwöhnischer Besorgnisse, ohne zu wissen, was es argwöhnte und was es ahnte. Das waren klare Zeichen, die mir das traurige Schicksal und Unheil vordeuteten, das meiner harrte. Ich langte an dem Orte an, wohin ich gesandt war, ich übergab dem Bruder Don Fernandos die Briefe, wurde bestens aufgenommen, aber keineswegs bestens abgefertigt; denn er befahl mir zu meinem großen Leidwesen, acht Tage lang zu warten, und zwar an einem Ort, wo ich seinem Vater nicht zu Gesicht käme, da sein Bruder ihm geschrieben, eine gewisse Summe Geldes ihm ohne dessen Vorwissen zu schicken. All dieses war eine Erfindung des falschen Don Fernando; denn es fehlte seinem Bruder keineswegs an Geld, um mich auf der Stelle abzufertigen. Es war das ein Auftrag und Befehl der Art, daß es mich drängte, ihm nicht zu gehorchen. Denn es schien mir unmöglich, so viele Tage fern von Luscinda das Leben zu ertragen, zumal ich sie in dem trüben Gemütszustande verlassen, von dem ich euch berichtet habe. Aber trotzdem gehorchte ich als ein treuer Diener, obschon ich wohl einsah, es geschehe auf Kosten meiner Wohlfahrt. Aber am vierten Tage meines Aufenthaltes kam ein Mann, mich aufzusuchen, und brachte mir einen Brief, an dessen Aufschrift ich erkannte, er sei von Luscinda, da sie deren Handschrift zeigte. Ich öffnete ihn mit Angst und Schrecken, da ich mir wohl dachte, nur eine hochwichtige Sache könne sie veranlaßt haben, mir zu schreiben, was sie so selten tat, wenn ich am nämlichen Orte mit ihr war. Ehe ich den Brief las, fragte ich den Mann, wer ihm denselben übergeben habe und wie lange er unterwegs gewesen; er antwortete mir, als er zufällig um die Mittagsstunde durch eine Straße der Stadt gegangen, habe ihn eine sehr schöne Dame aus dem Fenster angerufen, die Augen voller Tränen, und habe ihm in großer Hast gesagt: ›Guter Freund, wenn Ihr, was Euer Ansehen zeigt, ein Christ seid, so bitte ich Euch um Gottes willen, gleich, ja gleich diesen Brief nach dem Ort und zu dem Mann zu bringen, wie in der Aufschrift angegeben. Beides ist genugsam bekannt, und Ihr werdet damit unserm Herrgott ein wohlgefälliges Werk verrichten. Und damit es Euch nicht an den nötigen Mitteln fehle, es verrichten zu können, nehmt, was in diesem Tüchlein ist.‹ – ›Und mit diesen Worten warf sie mir ein Taschentuch durchs Fenster zu, worin hundert Realen und der goldene Ring, den ich hier trage, eingebunden waren, nebst dem Briefe, den ich Euch gegeben. Und auf der Stelle, ohne meine Antwort abzuwarten, entfernte sie sich vom Fenster, sah aber noch vorher, wie ich den Brief und das Tuch nahm und ihr mit Zeichen bemerklich machte, daß ich ihren Auftrag ausrichten würde. Und da ich mich sonach für die Mühe des Überbringens an Euch so reichlich bezahlt fand und aus der Aufschrift ersah, daß der Brief für Euch bestimmt war – denn, Señor, ich kenne Euch ganz gut –, und da ich durch die Tränen der schönen Dame mich dazu verpflichtet fühlte, so beschloß ich, mich auf keinen Dritten zu verlassen, sondern selbst zu reisen, um Euch den Brief zu überbringen, und in sechzehn Stunden, so lang ist es her, daß sie mir ihn anvertraute, habe ich den Weg zurückgelegt, der, wie Ihr wißt, achtzehn Meilen beträgt.‹ Während dieser dienstfertige und unerwartete Briefbote mit mir sprach, hing ich an seinen Worten, und die Beine zitterten mir so sehr, daß ich mich kaum aufrecht halten konnte. Dann öffnete ich den Brief und sah, daß er folgenden Inhalts war: Das Wort, das Euch Don Fernando gab, mit Eurem Vater zu reden, damit er mit dem meinigen rede, hat er mehr zu seiner eignen Befriedigung als zu Eurem Frommen erfüllt. Wisset, Señor, daß er mich zur Gemahlin begehrt hat, und mein Vater, verleitet durch so vieles, was nach seiner Meinung Don Fernando vor Euch voraushat, ist auf dessen Wünsche so bereitwillig eingegangen, daß von jetzt in zwei Tagen die Vermählung stattfinden soll, und zwar ganz im geheimen und unter uns, so daß nur der Himmel und einige Leute vom Hause Zeugen sein sollen. In welcher Lage ich mich befinde, mögt Ihr Euch denken. Ob es Euch erforderlich erscheint zu kommen, das möget Ihr erwägen, und ob ich Euch wahrhaft liebe oder nicht, wird der Verfolg der Sache Euch zu erkennen geben. Wolle Gott, daß dieser Brief in Eure Hände gelange, bevor meine Hand gezwungen wird, sich in die des Mannes zu legen, der die Treue, die er gelobt, so schlecht zu halten weiß. Das war im wesentlichen, was der Brief enthielt und was mich bestimmte, mich sogleich auf den Weg zu begeben, ohne eine weitere Antwort oder Geld abzuwarten; denn klar erkannte ich jetzt, daß nicht um Pferde, sondern um das Ziel seiner Wünsche zu erkaufen, Don Fernando sich bewogen fand, mich zu seinem Bruder zu schicken. Der grimmige Haß, den ich nun gegen Don Fernando faßte, und zugleich die Furcht, das geliebte Pfand zu verlieren, das ich mir mit so vielen Jahren der Sehnsucht und Huldigung gewonnen, verlieh mir Vogelschwingen; wie im Fluge gelangte ich des andern Tages in meine Heimat, gerade zur rechten Zeit, um Luscinda sprechen zu können. Ich kam im geheimen in den Ort und ließ mein Maultier im Hause des braven Mannes, der mir den Brief gebracht; und das Glück ließ es mich jetzt so gut treffen, daß ich Luscinda an jenem Fenstergitter fand, dem Zeugen unsrer Liebe. Auf der Stelle erkannte mich Luscinda, und ich erkannte sie; aber nicht so, wie sie mich hätte erkennen sollen, nicht so, wie ich sie hätte erkennen sollen. Aber wer auf Erden könnte sich rühmen, die verworrenen Gedanken und den wankelmütigen Sinn eines Weibes ergründet und verstanden zu haben? Gewiß niemand. Also weiter. Sobald Luscinda mich erblickte, sprach sie: ›Cardenio, ich bin zur Hochzeit angezogen, schon erwarten mich im Saale Don Fernando, der Verräter, und mein Vater, der Habsüchtige, nebst andern Zeugen, die eher Zeugen meines Todes als meiner Vermählung sein sollen. Fasse dich, mein Freund, und suche bei dieser Opferung zugegen zu sein, und kann ich sie nicht durch meine Worte abwenden, so trage ich einen Dolch verborgen bei mir, der die entschlossenste Gewalt von mir fernzuhalten vermag, und so wird denn das Ende meines Lebens zugleich der Anfang deiner wahren Kenntnis von meiner Liebe sein.‹ Ich antwortete ihr in Bestürzung und Hast, voller Besorgnis, es werde mir zur Antwort nicht Zeit genug bleiben: ›Mögen deine Taten, o Geliebte, deine Worte wahr machen; und trägst du einen Dolch bei dir, auf daß man dich achten lerne, so trage ich hier ein Schwert, um dich damit zu verteidigen oder mich zu töten, wenn uns das Schicksal feindlich bleibt.‹ Ich glaube nicht, daß sie meine Worte alle vernehmen konnte; denn ich merkte, daß sie eilig abgerufen wurde, weil der Bräutigam wartete. Jetzt brach die Nacht meines Elends an, die Sonne meiner Freuden ging unter, meine Augen blieben ohne Licht, mein Geist ohne Besinnung. Ich gewann es zunächst nicht über mich, ihr Haus zu betreten, ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen; aber da ich erwog, wie wichtig meine Gegenwart um dessentwillen sei, was sich unter diesen Umständen zutragen könne, so ermannte ich mich, soviel ich vermochte, und trat in ihr Haus ein. Da ich alle Ein- und Ausgänge schon längst aufs genaueste kannte, so wurde ich – zumal bei der allgemeinen Unruhe, die, obzwar insgeheim, das ganze Haus durcheinanderbrachte – von niemandem bemerkt. So fand ich, ohne daß man meiner ansichtig wurde, Gelegenheit, mich in einer Fensternische des Hochzeitssaales selbst zu verbergen, die von den Spitzen und Säumen zweier Vorhangteppiche verdeckt war, zwischen denen hindurch ich alles, was im Saale vorging, sehen konnte, ohne gesehen zu werden. Wer vermöchte jetzt zu sagen, wie mein Herz gewaltsam pochte, während ich dort stand, wer die Gedanken zu sagen, die mich überfielen, die Betrachtungen, denen ich mich hingab! Es waren ihrer so viele und solchen Inhalts, daß sie nicht auszusprechen sind, ja, daß es nicht gut wäre, sie auszusprechen. Es genüge Euch, zu hören, daß der Bräutigam in den Saal trat, ohne einen andern Festschmuck als die Alltagskleider, die er zu tragen pflegte. Als Zeugen brachte er einen Vetter Luscindas mit, und im ganzen Saale war niemand Fremdes zugegen, sondern nur die Diener vom Hause. Kurz darauf trat Luscinda aus ihrem Ankleidezimmer, in Begleitung ihrer Mutter und zweier Zofen, so herrlich gekleidet und geschmückt, wie es ihres Standes und ihrer Reize würdig war, als die wahre Vollendung vornehmer Pracht und buhlerischen Glanzes. Ich war so erregt und außer mir, daß es mir nicht möglich war, ihre Kleidung in ihren Einzelheiten zu beobachten und mir zu merken; ich konnte nur auf die Farbe ihrer Gewänder achten – sie waren rot und weiß – und auf das Funkeln der Edelsteine und Kleinode in ihrem Kopfputz und an ihrem ganzen Anzug. All dies wurde noch überstrahlt von dem wunderbaren Reiz ihrer schönen blonden Haare, die, im Wettstreit mit den köstlichen Steinen und dem Lichte der vier Fackeln, die den Saal erhellten, Luscindas Schönheitslicht den Augen in höherem Glanze zeigten. O Erinnerung, Todfeindin meiner Ruhe! Was frommt es, die unvergleichliche Schönheit meiner angebeteten Feindin mir jetzt vorzustellen? Ist es nicht besser, o grausame Erinnerung, daß du mich nur daran mahnest und mir vorstellst, was Luscinda damals getan, damit ich, von so offenbarer Kränkung getrieben, nur darauf sinne, wenn nicht Rache zu erlangen, so doch wenigstens dies Leben zu enden? Möge es euch nicht ermüden, werte Herren, diese Abschweifungen von meinem Gegenstand zu hören; mein Leiden ist nicht von jener Art, daß man es kurz und oberflächlich erzählen kann oder darf; denn jeder Umstand dabei scheint mir einer ausführlichen Darlegung wert.« Hierauf entgegnete der Pfarrer, es ermüde sie keineswegs, ihm zuzuhören, vielmehr hörten sie die Einzelheiten, die er ihnen erzähle, sehr gerne an; denn sie seien derart, daß sie verdienten, nicht mit Stillschweigen übergangen zu werden, sondern dieselbe Aufmerksamkeit zu erhalten wie der Hauptinhalt der Erzählung. »Wohl denn«, fuhr Cardenio fort; »als sie alle im Saal waren, trat der Pfarrer des Kirchspiels herein, ergriff beider Hände, um das bei solcher feierlichen Handlung Übliche vorzunehmen; und als er die Worte sprach: ›Wollt Ihr, Jungfrau Luscinda, den hier anwesenden Herrn Don Fernando zu Eurem rechtmäßigen Ehegatten nehmen, wie es die heilige Mutter Kirche vorschreibt?‹ da streckte ich Kopf und Hals ganz aus dem Vorhang hervor und horchte mit gespanntem Ohr und bangem Herzen auf Luscindas Antwort, von der ich mein Todesurteil oder die Verheißung meines Lebens erwartete. Oh, wer in jenem Augenblick sich erkühnt hätte, hervorzustürzen und ihr zuzurufen: Ha, Luscinda, Luscinda, bedenke, was du tust, überlege, was du mir schuldest! Bedenke, daß du die Meinige bist und einem andern nicht angehören kannst! Erwäge wohl, daß das Ja aus deinem Munde hören und mein Leben verlieren beides in einem und demselben Augenblick folgen wird. Oh, Verräter Don Fernando, Räuber all meines Heils, Tod meines Lebens! Was begehrst du? Bedenke, daß du das Ziel deiner Wünsche nie im christlichen Sinne erreichen kannst, denn Luscinda ist meine Gattin, ich bin ihr Gemahl. Oh, ich Wahnsinniger! Jetzt, wo ich von ihr abwesend und fern von der Gefahr bin, jetzt sage ich, daß ich hätte tun sollen, was ich nicht tat; jetzt, wo ich mein höchstes Gut mir rauben ließ, fluche ich dem Räuber, an dem ich mich rächen konnte, wenn ich den Mut dazu gehabt hätte, wie ich ihn jetzt habe, um Klagen auszustoßen. Ja, weil ich damals feige und verstandlos war, so geschieht mir nicht zuviel, wenn ich jetzt beschämt, reuevoll und irrsinnig sterbe. Der Geistliche erwartete Luscindas Antwort; sie zögerte damit eine längere Weile, und als ich schon dachte, sie wolle den Dolch ziehen, um eine Heldentat zu tun, oder wolle die Zunge entfesseln, um ein Bekenntnis abzulegen oder falschen Voraussetzungen die Wahrheit entgegenzustellen, die mir zum besten gereichen würde, da hörte ich sie mit kraftloser, matter Stimme sagen: ›Ja, ich will.‹ Das nämliche sagte Don Fernando; er gab ihr den Ring, und sie waren mit unauflöslichem Bande aneinander gebunden. Der Bräutigam näherte sich, seine Gattin zu umarmen; sie drückte die Hand ans Herz und fiel ohnmächtig ihrer Mutter in die Arme. Nun bleibt mir noch zu sagen, in welchem Zustande ich mich befand, als ich durch das Ja, das ich vernommen, meine Hoffnungen für betrogen, Luscindas Worte und Verheißungen für falsch erkannte und mich der Möglichkeit beraubt sah, jemals das Glück wiederzugewinnen, das ich in diesem Augenblick verloren hatte. Ich stand ratlos da, vom Himmel, wie mich dünkte, verlassen, feind der Erde, die mich bisher genährt, während die Luft mir den Atem für meine Seufzer und das Wasser mir das spärliche Naß für meine Augen versagte; nur das Feuer mehrte seine Glut so sehr, daß ich vor Ingrimm und Eifersucht durch und durch entbrannte. Alles war in Bestürzung über Luscindas Ohnmacht; und als ihre Mutter sie aufschnürte, damit die Luft Zugang zu ihrer Brust habe, fand man an ihrem Busen ein verschlossenes Papier, welches Don Fernando sogleich an sich nahm und beim Licht einer Fackel durchlas. Kaum hatte er es gelesen, so setzte er sich nieder auf einen Stuhl und stützte das Kinn auf die Hand mit allen Zeichen tiefen Nachsinnens, ohne sich um die Mittel zu kümmern, die man bei seiner Gattin versuchte, um sie aus der Ohnmacht zu wecken. Da ich so das ganze Haus in Aufruhr sah, wagte ich es, mich zu entfernen, gleichviel, ob ich dabei gesehen würde oder nicht, mit dem festen Entschlusse, wenn man mich bemerkte, eine solche Handlung der Verzweiflung zu begehen, daß alle Welt den gerechten Groll meines Herzens erkennen sollte an der Züchtigung des falschen Don Fernando, ja auch der ohnmächtig daliegenden Verräterin. Aber mein Schicksal, das mich wohl für noch größere Leiden – wenn es größere gibt – aufbewahrt haben muß, fügte es, daß mir in jenem Augenblick nur zuviel der Vernunft zu Gebote stand, die mich seitdem verlassen hat. Und sonach wollte ich, ohne Rache an meinen schlimmsten Feinden zu nehmen – was leicht gewesen wäre, da keiner an mich dachte –, die Rache an mir selbst nehmen und die Strafe, die jene verdienten, an mir vollstrecken, und das vielleicht mit größerer Härte, als gegen sie wäre angewendet worden, wenn ich sie damals getötet hätte. Denn der Tod, den man plötzlich erleidet, beendet die Qual im Augenblick; aber den Tod unter Martern lange verzögern heißt unaufhörlich töten, ohne dem Leben ein Ende zu machen. Kurz, ich verließ ihr Haus und eilte zum Hause des Mannes, bei dem ich das Maultier gelassen. Ich hieß ihn mir das Tier satteln, und ohne ihm Lebewohl zu sagen, stieg ich auf und ritt zur Stadt hinaus und mochte, als ein anderer Lot, nicht wagen, das Antlitz zu wenden und mich nach ihr umzuschauen. Und als ich mich im freien Feld allein sah, die Dunkelheit der Nacht mich umhüllte und ihre tiefe Stille mich einlud, meine Klagen zu ergießen, da erhob ich meine Stimme, ohne Scheu oder Besorgnis, daß ich gehört werden könnte, und entfesselte meine Zunge zu so vielen Verwünschungen gegen Luscinda und Don Fernando, als hätte ich mir damit Genugtuung verschafft für die Schmach, die sie mir angetan. Ich nannte Luscinda grausam, gefühllos, falsch, undankbar, vor allem aber habgierig, da der Reichtum meines Feindes ihrer Liebe die Augen verschlossen habe, um sie mir zu entziehen und sie dem hinzugeben, gegen welchen das Glück sich wohlwollender und freigebiger erwiesen hatte. Und doch, mitten im Sturm dieser Verwünschungen und Schmähungen suchte ich nach Entschuldigungen für sie und sagte, es sei nicht zu verwundern, wenn ein zurückgezogen lebendes Mädchen, im Hause der Eltern zum Gehorsam gegen sie erzogen und daran gewöhnt, ihren Wünschen nachgegeben habe, da sie ihr einen solchen Edelmann zum Gemahl gaben, so vornehm, so reich, so stattlich, daß die Abweisung dieses Bewerbers der Vermutung Raum gegeben hätte, sie ermangele entweder des Verstandes oder habe ihre Neigung anderwärts vergeben, was ihrem guten Namen und Ruf so sehr zum Nachteil gereicht hätte. Dann sagte ich mir wieder: Wenn sie vorgegeben hätte, ich sei ihr Gatte, würden die Eltern erkannt haben, daß sie an mir keine so schlechte Wahl getroffen hätte, um nicht Entschuldigung bei ihnen zu finden; denn ehe sich Don Fernando ihnen anbot, konnten sie selber, wenn sie ihre Wünsche mit dem Maßstabe der Vernunft maßen, keinen Bessern zum Gemahl ihrer Tochter wünschen. Mithin hätte sie wohl, bevor sie das Äußerste über sich ergehen ließ – ihre Hand hinzugeben –, sagen können, ich hätte ihr bereits die meinige gegeben; und sicher würde ich allem zugestimmt und alles genehmigt haben, was sie in einem solchen Falle zu ersinnen vermocht hätte. Am Ende kam ich zu dem Schlusse, daß zuwenig Liebe, zuwenig Urteilskraft, zuviel Ehrsucht und Streben nach Größe die Schuld trugen, daß sie die Worte vergaß, mit denen sie meine feste Hoffnung und redliche Neigung getäuscht, hingezogen und aufrechterhalten hatte. Unter solchen lauten Klagen, in solchen Seelenqualen ritt ich den Rest der Nacht dahin, und beim Morgengrauen stieß ich auf einen Zugang zu diesen Gebirgszügen, welche ich drei Tage lang ohne Weg und Steg durchirrte, bis ich zuletzt an Weideplätzen haltmachte, die ich weiß nicht mehr auf welcher Seite dieser Berge liegen, und dort befragte ich mich bei Herdenbesitzern, nach welcher Richtung hin die wildeste Gegend des Gebirges liege. Sie sagten mir, hierherum sei sie zu finden; und sogleich ritt ich her mit der Absicht, hier mein Leben zu beschließen. Kaum hatte ich diese Wildnis betreten, so fiel mein Maultier tot nieder, weil es ausgehungert und abgemattet war oder weil es, was mir glaublicher scheint, der unnützen Bürde ledig sein wollte, die es an mir trug. So mußte ich zu Fuß wandern; die Natur hielt es nicht mehr aus, ich war von Hunger zerquält und hatte niemanden und mochte niemanden suchen, der mir beistände. Und so lag ich, wie lange weiß ich nicht, auf dem Erdboden hingestreckt; dann erhob ich mich, ohne Hunger zu spüren, und fand ein paar Ziegenhirten mir zur Seite. Diese waren es ohne Zweifel, die meiner Not abgeholfen; denn sie erzählten mir, in welchem Zustand sie mich gefunden und wie ich so viel Unsinn und tolles Zeug gesprochen, daß ich offenbar den Verstand verloren haben müßte. Seitdem habe ich es auch in mir empfunden, daß ich wirklich nicht immer meinen Verstand völlig habe, sondern bisweilen so schwach und matt, daß ich tausend Tollheiten begehe, mir die Kleider vom Leibe reiße und in diese öden Wildnisse laut hinausschreie, mein Schicksal verwünsche und zwecklos den geliebten Namen meiner Feindin wiederhole. Alsdann habe ich keinen andern Gedanken oder Willen, als daß ich in wildem Aufschrei mein Leben enden möchte; und wenn ich dann wieder zur Besinnung komme, so finde ich mich so abgemattet und zerschlagen, daß ich mich kaum regen kann. Meine Wohnung ist meist in der Höhlung eines Korkbaums, die gerade den Raum bietet, diesen elenden Körper darin zu bergen. Die Ziegen- und Rinderhirten, die in diesem Gebirge umherziehen, fühlen Erbarmen mit mir und fristen mein Leben, indem sie mir Nahrungsmittel auf die Wege und Felsensteige hinlegen, wo sie vermuten, daß ich vorüberkomme und das mir Bestimmte finden werde. Und wenn ich dann auch nicht bei Sinnen bin, so läßt das natürliche Bedürfnis mich erkennen, was mich nähren soll, und erweckt in mir den Drang, es zu begehren, und den Willen, es zu nehmen. Zu andern Malen, wenn ich bei Verstande bin, sagen sie mir, daß ich die Schäfer, die mit Speise vom Dorf zu den Hürden kommen, öfters auf den Wegen überfalle und ihnen die Speise mit Gewalt abnehme, wenn sie mir auch alles gern aus freien Stücken geben wollten. In solcher Weise verbringe ich den elenden Rest meiner Tage, bis es dem Himmel dereinst gefällt, entweder meinem Leben oder meinem Gedächtnis ein Ende zu machen, auf daß ich mich der Schönheit und Verräterei Luscindas und der Freveltat Don Fernandos nicht mehr erinnere. Tut der Himmel dieses, ohne mir zugleich das Leben zu rauben, so will ich meine Gedanken auf einen besseren Weg lenken; wo nicht, so bleibt nichts übrig, als zum Himmel zu beten, daß er meiner Seele gnädig sei; denn ich fühle in mir weder Mut noch Kraft, um meinen Körper aus diesem Elend zu befreien, in das ich ihn aus freier Wahl gebracht habe. Dies ist, liebe Herren, die bittere Geschichte meines Unglücks; sagt mir, ob es derart ist, daß es mit anderm Schmerzgefühl, als ihr an mir bemerkt habt, sich hätte schildern lassen. Müht euch nicht damit ab, mich zu bereden oder mir anzuraten, was die Vernunft euch als ersprießlich zu meiner Heilung erscheinen läßt; denn es würde mir nicht mehr helfen als das Rezept eines vortrefflichen Arztes dem Kranken, der die Arznei nicht einnehmen will. Ich will nicht gesunden ohne Luscinda; und da es ihr gefällt, einem andern zu gehören, während sie mein eigen ist oder sein sollte, so soll es mir gefallen, dem Unglück zu eigen zu sein, da ich doch dem Glück angehören könnte. Sie wollte mit ihrer Wandlung mein Verderben unwandelbar machen; so will ich denn selbst auf mein Verderben bedacht sein, um ihren Willen zu erfüllen. Den nach mir Kommenden aber wird es ein warnendes Beispiel sein, daß ich allein unter allen dessen ermangelt habe, was die Unglücklichen sonst im Übermaß haben, denn ihnen allen pflegt gerade die Unmöglichkeit, Trost zu finden, zum Troste zu werden, während sie mir noch größere Schmerzen und Leiden verursacht, da ich denken muß, daß sie selbst mit dem Tode nicht enden werden.« Hiermit beschloß Cardenio seine lange Erzählung, seine so unglückliche als liebeglühende Geschichte. Und gerade als der Pfarrer sich anschickte, ihm einige Worte des Trostes zu sagen, ward er darin durch eine Stimme gestört, die ihm zu Ohren drang, und sie hörten in klagenden Tönen sprechen, was im folgenden Kapitel erzählt werden soll; denn hier schließt für jetzt der weise und sorgfältige Geschichtsschreiber Sidi Hamét Benengelí. 28. Kapitel Welches von dem neuen und lieblichen Abenteuer handelt, das dem Pfarrer und dem Barbier in dem nämlichen Gebirge begegnete Beseligt und hochbeglückt waren die Zeiten, wo der kühnste aller Ritter, Don Quijote von der Mancha, auf die Erde gesendet ward. Denn weil er den so ehrenhaften Entschluß hegte, den bereits verlorengegangenen und schier erstorbenen Orden der fahrenden Ritterschaft neu zum Leben zu erwecken und der Welt wiederzugeben, so genießen wir jetzt in unserm Zeitalter, das ergötzlicher Unterhaltung so sehr ermangelt, nicht nur die Lieblichkeit seiner wahrhaften Geschichte, sondern zugleich auch die in diese eingestreuten Erzählungen und Nebengeschichten, die zum Teil nicht minder anmutig und wahrhaftig sind wie die Geschichte selbst. Diese nun, indem sie ihren wohlgehechelten, wohlgezwirnten und wohlgehaspelten Faden wiederaufnimmt, erzählt, daß, sobald der Pfarrer sich anschickte, Cardenio zu trösten, eine zu seinen Ohren dringende Stimme ihn darin störte, welche sich in klagendem Ton also vernehmen ließ: »O Gott! Sollte es denn möglich sein, daß ich schon den Ort gefunden habe, der der kummervollen Last dieses Körpers, die ich so sehr wider meinen Willen trage, zur verborgenen Grabstätte dienen könnte? Ja, es muß so sein, wenn die Einsamkeit, die diese Berge verheißen, nicht lügt. Ich Unglückselige! Welche weit erwünschtere Gesellschaft werden diese Felsen und Gebüsche, da sie mir es vergönnen, mein Leid dem Himmel zu klagen, mir zu meinem Vorhaben bieten als jedes menschliche Wesen, da es keines gibt, von dem jemals Rat in den Zweifeln, Linderung im Schmerze, Hilfe in Nöten zu erhoffen ist!« Der Pfarrer, und die mit ihm waren, hörten und vernahmen deutlich all diese Worte, und da sie in der Nähe gesprochen schienen – wie es auch wirklich der Fall war –, erhoben sie sich, den Klagenden aufzusuchen. Sie waren nicht zwanzig Schritte weit gegangen, als sie hinter einem Felsen am Fuß einer Esche einen Jüngling in Bauerntracht sitzen sahen, dessen Antlitz sie anfangs noch nicht erblicken konnten, da er es herabgeneigt hielt, weil er sich in dem vorüberfließenden Bach die Füße wusch. Sie näherten sich dem Jüngling so leise, daß er sie nicht bemerkte; auch war er auf nichts achtsam als auf das Waschen seiner Füße, die nicht anders aussahen als zwei Stücke blanken Kristalls, erzeugt zwischen den übrigen Steinen des Baches. Sie staunten ob der Weiße und Zierlichkeit der Füße, die, wie es die Zuschauer bedünkte, sicher nicht dazu bestimmt waren, auf Erdschollen zu treten oder hinter dem Pflug und Ochsengespann herzugehen, worauf doch die Tracht des Jünglings hindeutete. Da sie nun sahen, daß sie nicht wahrgenommen worden, so gab der Pfarrer, der voranging, den andern beiden einen Wink, sich hinter Felsblöcken, die dort umherlagen, versteckt und still zu halten. Sie taten es und beobachteten dann mit großer Aufmerksamkeit, was der Jüngling vornahm. Er trug einen kurzen braunen Frauenmantel mit zwei Schößen, den ein weißes Tuch eng um den Leib gürtete; so trug er auch Beinkleider mit Gamaschen von graubraunem Tuch und auf dem Kopf eine graue Jagdmütze; die Gamaschen waren bis zur Mitte des Beines hochgestreift, das in der Tat aus weißem Alabaster gebildet schien. Nun war er zu Ende mit dem Waschen der schönen Füße, zog unter der Mütze ein Handtuch hervor und trocknete sie. Und wie er es hervornahm, hob er das Gesicht in die Höhe, und die Zuschauer hatten nun Gelegenheit, eine unvergleichliche Schönheit zu erblicken, so daß Cardenio mit leiser Stimme zu dem Pfarrer sagte: »Da dies nicht Luscinda ist, so ist es kein menschliches, sondern ein göttliches Wesen.« Der Jüngling nahm die Mütze ab, und als er den Kopf nach allen Seiten hin schüttelte, sah man Haare sich lösen und herabwallen, die den Strahlen der Sonne Neid einflößen konnten. Daran erkannten sie, daß, was ein Bauernknabe schien, ein Weib war, ein zartes Weib, ja das schönste, das die Augen der beiden je erschaut hatten, ja selbst Cardenios Augen, wenn sie nicht Luscinda gesehen und gekannt hätten; denn später versicherte er, daß nur Luscindas Reize mit denen dieses Mädchens wetteifern könnten. Die reichen blonden Haare bedeckten ihr nicht bloß die Schultern, sondern hüllten sie rings ein und ließen mit Ausnahme der Füße nichts von ihrem Körper sehen, so lang und üppig waren sie; und dabei diente ihnen zum Kamm ein Händepaar, so schön, daß, wenn die Füße im Wasser Stücke Kristalles schienen, die Hände in den Locken jetzt Stücken gepreßten Schnees glichen. Alles das erhöhte in den drei Zuschauern die Bewunderung und das Verlangen zu erfahren, wer sie sei. Sie beschlossen daher, sich zu zeigen; aber als sie eine Bewegung machten, um aufzustehen, erhob das schöne Mädchen den Kopf, strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht und sah nach den Leuten hin, die das Geräusch verursacht hatten. Kaum hatte sie sie erblickt, so sprang sie auf die Füße, und ohne daß sie sich die Zeit nahm, die Schuhe anzuziehen oder die Haare aufzubinden, ergriff sie mit größter Hast ein neben ihr liegendes Bündel mit Kleidern, wie es den Anschein hatte, und wollte voll Verwirrung und Schrecken die Flucht ergreifen. Aber sie war nicht sechs Schritte weit gelaufen, als sie zu Boden sank, da ihre zarten Füße die scharfen Spitzen der Steine nicht ertrugen. Als die drei das sahen, eilten sie zu ihr hin, und der Pfarrer war der erste, der sie anredete: »Haltet inne, Señora, wer Ihr auch sein möget; denn die Ihr hier erblicket, haben nur die Absicht, Euch Dienste zu leisten; es ist wahrlich kein Grund zu einer so zwecklosen Flucht, die Eure Füße weder aushalten noch wir gestatten könnten.« Auf all dieses entgegnete sie kein Wort, voll Staunen und Verwirrung. Jene traten nun zu ihr heran, der Pfarrer faßte sie an der Hand und fuhr fort: »Was Eure Tracht, Señora, uns leugnet, das entdecken uns Eure Locken. Klar erkennen wir, daß die Ursache von nicht geringer Bedeutung sein kann, die Eure Schönheit in so unwürdige Tracht verhüllt und in eine so öde Wildnis wie diese geführt hat, in der es nur ein Glücksfall war, daß wir Euch fanden, um Euren Leiden, wenn nicht Heilung, so doch wenigstens freundlichen Rat zu bieten. Denn kein Leid kann so drangvoll sein oder so zum Äußersten steigen, daß es ablehnen dürfte, solange das Leben nicht zu Ende geht, mindestens den Rat anzuhören, den man dem Leidenden aus guter Absicht erteilt. Sonach, wertes Fräulein oder werter Herr, oder was Ihr sein wollt, erholt Euch von dem Schrecken, in den unser Anblick Euch versetzt hat, und erzählt uns Eure guten oder schlimmen Schicksale; denn in uns allen zusammen und in jedem von uns werdet Ihr ein Herz finden, das gerne mit Euch Eure Mißgeschicke mitfühlt.« Während der Pfarrer diese Worte sprach, stand das verkleidete Mädchen wie betäubt und schaute sie alle an, ohne die Lippen zu bewegen oder ein Wort zu sagen, wie ein Bauer vom Dorf, dem man unversehens seltene, von ihm noch nie erblickte Dinge zeigt. Da aber der Pfarrer ihr abermals mancherlei in ähnlichem Sinne sagte, so brach sie endlich ihr Schweigen, und einen tiefen Seufzer ausstoßend, begann sie: »Da die Einsamkeit dieser Felsen mich nicht zu verbergen vermochte und das freie Herabwallen meines aufgelösten Haares meiner Zunge nicht zu lügen verstattet, so wäre es umsonst, jetzt noch vorzugeben, was man mir höchstens aus Höflichkeit und kaum aus einem andern Grunde glauben würde. Da dies nun so ist, sage ich, meine Herren, daß ich euch für euer Anerbieten Dank schulde und daß dasselbe mir die Verpflichtung auferlegt, euch in allem, was ihr von mir verlangt, Genüge zu leisten, obschon ich fürchte, die Erzählung meines Unglücks werde bei euch in ebenso hohem Grade wie das Mitleid das Schmerzgefühl hervorrufen; denn ihr werdet kein Heilmittel finden, ihm abzuhelfen, noch Trost, um es zu ertragen. Aber trotzdem, damit in eurer Meinung meine Ehre nicht zweifelhaft erscheine, nachdem ihr nun in mir ein Weib erkannt und mich jung, allein und in dieser Tracht hier gesehen habt – Umstände, die zusammengenommen, wie jeder schon für sich allein, jeglichen guten Ruf zugrunde richten können –, so muß ich euch erzählen, was ich verschweigen möchte, wenn ich es dürfte.« Dies alles sagte sie, die sich nun als ein so reizendes Mädchen darstellte, ohne zu stocken mit fließender Sprache und süß tönender Stimme, so daß ihre verständige Art nicht minder als ihre Schönheit die Zuhörer mit Bewunderung erfüllte. Aufs neue wiederholten sie ihre Anerbietungen, drangen aufs neue in sie, ihr Versprechen zu erfüllen, und ohne sich länger bitten zu lassen, nachdem sie erst in aller Bescheidenheit ihre Fußbekleidung angelegt und ihr Haar zusammengebunden, setzte sie sich auf einem Stein zurecht. Und indem die drei um sie herstanden und sie sich Gewalt antun mußte, um die Tränen zurückzuhalten, die ihr unwillkürlich ins Auge traten, begann sie mit ruhiger, klarer Stimme die Geschichte ihres Lebens: »Hier in Andalusien ist ein Städtchen, von dem ein Herzog den Titel führt, der ihn zu einem Granden von Spanien macht. Dieser hat zwei Söhne, von denen der ältere der Erbe seines Stammsitzes und dem Anscheine nach auch seiner guten Eigenschaften ist. Was aber das Erbteil des jüngeren sein mag, weiß ich nicht, wenn nicht etwa die Verräterei des Bellido und die Heimtücke Ganelons. Zu den Vasallen dieses Granden gehören meine Eltern, gering von Geschlecht, aber so reich, daß, wenn die Gaben der Geburt denen ihres Glückes gleichkämen, sie mehr nicht zu wünschen und ich niemals zu fürchten gehabt hätte, mich in dem unglücklichen Zustande zu sehen, in dem ich mich jetzt befinde; denn vielleicht entspringt mein Mißgeschick aus dem ihrigen, das ihnen nicht vergönnte, von erlauchter Geburt zu sein. Allerdings sind sie nicht von so niederem Stande, daß sie sich dessen zu schämen hätten; aber auch nicht von so hohem, um mir den Glauben zu benehmen, daß gerade ihr geringer Stand mein Unglück verschuldet habe. Mit einem Wort, sie sind Landleute, schlichte Menschen, deren Geschlecht sich nie mit einem übelberufenen Stamme vermischt hat, alte Christen, so uralt, daß sie, wie man zu sagen pflegt, moderig geworden, so uralte, daß ihr Reichtum und ihre vornehme Lebensweise ihnen allmählich den Rang von Junkern, ja von Rittern erwirbt. Was sie indessen als ihren höchsten Reichtum und Adel schätzten, war, mich zur Tochter zu haben; und da sie keinen anderen Erben besaßen und Eltern voll zärtlicher Liebe waren, so wurde ich von ihnen so verwöhnt, wie nur jemals Eltern ein Kind verwöhnen konnten. Ich war der Spiegel, in dem sie sich schauten, der Stab ihres Alters, das Ziel all ihrer Wünsche, die sie nur zwischen mir und dem Himmel teilten und von welchen, da sie stets nur das Beste wollten, die meinigen nie im geringsten abwichen. So wie ich die Herrin ihres Herzens war, ebenso war ich die ihres Vermögens. Durch mich wurden die Diener angenommen und entlassen, die Aufstellungen und Rechnungen über Aussaat und Ernte gingen durch meine Hand; ich führte Buch über die Ölmühlen, die Weinkeltern, die Zahl des großen und kleinen Viehs und der Bienenstöcke, kurz, über alles, was ein so reicher Landmann wie mein Vater besitzen kann und besitzt. Ich war die Oberverwalterin und Gebieterin und war es mit solchem Eifer meinerseits und zu solcher Zufriedenheit ihrerseits, daß ich in der Tat nicht leicht zuviel davon sagen kann. Die Zeit, die mir vom Tage übrigblieb, nachdem ich den Oberknechten, Aufsehern und Tagelöhnern das Erforderliche angewiesen, verwendete ich zu Beschäftigungen, wie sie den Mädchen so ziemlich wie unentbehrlich sind, wie die, welche die Nadel, das Klöppelkissen und besonders häufig das Spinnrad darbieten. Und wenn ich manchmal; um den Geist zu erfrischen, diese Arbeiten ließ, so nahm ich meine Zuflucht zum Lesen irgendeines erbaulichen Buches oder auch zum Harfenspiel, weil die Erfahrung mich lehrte, daß die Musik das beunruhigte Gemüt wieder beruhigt und die Sorgen erleichtert, die im Gemüte entstehen. Dies also war meine Lebensweise im elterlichen Hause, und wenn ich sie in allen Einzelheiten erzählt habe, so geschah es nicht etwa, um großzutun oder um meinen Reichtum zu zeigen, sondern um verständlich zu machen, wie ganz schuldlos ich aus dem Zustande, den ich geschildert, in den unglücklichen geraten bin, in welchem ich mich gegenwärtig befinde. Nun fügte es sich; während ich mit so vielerlei Beschäftigungen und in einer Zurückgezogenheit, die man mit der eines Klosters vergleichen konnte, mein Leben zubrachte, ohne, wie mich bedünkte, von jemand anderem als von Dienern des Hauses gesehen zu werden – denn an den Tagen, wo ich zur Messe ging, geschah es so früh am Morgen, und ich war so verschleiert und so schüchtern, daß meine Augen kaum mehr vom Boden sahen als die Stelle, auf die ich den Fuß setzte –, da fügte es sich trotz alledem, daß mich die Augen der Liebe erblickten, oder besser gesagt, die des Müßiggangs, scharfsichtiger als die des Luchses, mit welchen die Liebeswerbung Don Fernandos umherschaute – denn dies ist der Name jenes Sohnes des Herzogs, von dem ich euch erzählt habe.« Die Erzählerin hatte kaum Don Fernando genannt, als Cardenios Gesicht die Farbe wechselte; der Schweiß brach ihm aus unter solcher Aufregung, daß der Pfarrer und der Barbier, die es bemerkten, in Furcht gerieten, es möchte der Anfall von Raserei über ihn kommen, der, wie man ihnen erzählt hatte, von Zeit zu Zeit ihn übermannte. Allein Cardenio tat nichts weiter, als daß er in Angstschweiß ruhig dastand und das Bauernmädchen unverwandt anschaute, indem er schon ahnte, wer sie sei. Ohne Cardenios Aufregung zu bemerken, fuhr das Mädchen so mit seiner Geschichte fort: »Noch hatten seine Augen mich kaum gesehen, als er, wie er mir später sagte, sich von Liebe zu mir so gefangen fühlte, wie sein Benehmen mir es vollständig kundgab. Aber damit ich rasch zu Ende komme, meine Leiden zu erzählen, die nicht zu zählen sind, übergehe ich mit Schweigen all die Schritte, die Don Fernando unternahm, um mir seine Neigung zu offenbaren: er bestach alle Leute meines Hauses, gab und anerbot meinen Verwandten Geschenke und Gunstbezeigungen; jeden Tag war in meiner Straße ein Fest und eine Lustbarkeit, in den Nächten ließen die Ständchen niemanden zum Schlafe kommen; die Briefchen, die, ich weiß nicht wie, in meine Hände gelangten, waren zahllos, voll liebeglühender Worte und Anerbietungen, mit mehr Verheißungen und Schwüren als Buchstaben darin. Doch alles dies stimmte mich nicht zu freundlicher Gesinnung, verhärtete mir vielmehr das Herz, als wäre er mein Todfeind und als hätte er alles, was er vornahm, um mich ihm geneigt zu machen, zu dem entgegengesetzten Zwecke getan. Nicht als ob mir Don Fernandos liebenswürdiges Benehmen mißfallen oder ich seine Bewerbung für Zudringlichkeit erachtet hätte; nein, ich empfand, ich weiß nicht was für ein Behagen, mich von einem so vornehmen Herrn so geliebt und gefeiert zu sehen, und es tat mir nicht leid, in seinen Briefen mein Lob zu lesen. Denn in diesem Punkte bedünkt es mich, so häßlich wir Frauen auch sein mögen, so gefällt es uns immer, wenn man uns schön nennt. Aber all diesen Bemühungen traten meine Sittsamkeit und die redlichen Warnungen meiner Eltern entgegen, die bereits Don Fernandos Neigung vollständig in Erfahrung gebracht hatten, da ihm gar nichts daran lag, daß die ganze Welt davon erfahre. Meine Eltern sagten mir, meiner Tugend und Rechtschaffenheit allein überließen und vertrauten sie ihre Ehre und ihren guten Ruf; ich möchte die Ungleichheit zwischen meinem und Don Fernandos Stand erwägen; daraus würde ich sehen, daß er bei all seinem Dichten und Trachten, wenn seine Worte auch anders lauteten, nur sein Vergnügen und nicht mein Bestes im Auge habe. Und wenn ich wünschte, ihm irgendein Hindernis entgegenzustellen, damit er von seiner unziemlichen Bewerbung ablasse, so würden sie mich unverzüglich verheiraten, mit wem ich es am liebsten unter den Angesehensten unseres Ortes und der ganzen Nachbarschaft wolle, da ihr großes Vermögen und mein guter Ruf mir jeden Anspruch erlaubten. Mit diesen bestimmten Versprechungen und der Wahrheit, die ihren Vorstellungen zugrunde lag, bestärkte ich mich in meinem festen Sinn, und niemals gestattete ich mir, Don Fernando das geringste Wort zu erwidern, das ihm, wenn auch nur von ferne, Hoffnung auf Erfüllung seiner Wünsche hätte bieten können. Jedoch all diese Vorsicht meinerseits, die er wohl nur für Sprödigkeit hielt, hatte offenbar nur die Wirkung, seine lüsterne Begierde noch mehr zu entflammen; denn nur so kann ich die Neigung nennen, die er mir bezeigte. Wäre sie das gewesen, was sie sein sollte, so würdet ihr nie von ihr gehört haben; denn ich hätte alsdann nie einen Anlaß gehabt, euch von ihr zu erzählen. Zuletzt erfuhr Don Fernando, daß meine Eltern damit umgingen, mich zu verheiraten, um ihm jede Hoffnung auf meinen Besitz zu benehmen, oder mindestens damit ich mehr Hüter hätte, mich zu hüten. Diese Nachricht, oder war es nur seine Vermutung, bewog ihn zu einer Tat, die ihr jetzt hören sollt. Als ich nämlich eines Nachts mit einem Mädchen, das mich bediente, in meinem Zimmer allein war, dessen Türen ich wohlverschlossen hatte aus Besorgnis, daß etwa durch Nachlässigkeit meine Ehre gefährdet würde, da – ohne zu wissen oder nur vermuten zu können wie, trotz all dieser Vorsicht und Sorgfalt, in der Einsamkeit und Stille meiner Klause – sah ich ihn plötzlich vor mir stehen; – ein Anblick, der mich so betäubte, daß er meinen Augen die Sehkraft benahm und meine Zunge stumm machte. So war ich nicht einmal vermögend, um Hilfe zu rufen; auch glaub ich, er würde mir nicht Zeit dazu gelassen haben; denn er stürzte sogleich auf mich zu, umfaßte mich mit seinen Armen – da, ich sagte es schon, betäubt wie ich war, ich keine Kraft zur Verteidigung hatte – und begann so mit mir zu sprechen, daß ich noch heute nicht begreife, wie die Lüge so geschickt sein kann, ihren Worten so völlig den Anschein der Wahrheit zu geben. Der Verräter wußte sich so anzustellen, daß Tränen seinen Worten, Seufzer seinen Gesinnungen den Stempel der Aufrichtigkeit aufdrückten. Ich armes Kind, so ganz allein im eignen Hause, ohne alle Erfahrung in solchen Dingen, begann, ich weiß nicht, wie es kam, diesem Gewebe von Falschheit Glauben zu schenken, jedoch nicht so weit, daß ich mich zu einem Mitgefühl von nicht geziemender Art hätte hinreißen lassen. Und so, nachdem die erste Bestürzung bei mir vorübergegangen war und ich einigermaßen die verlornen Lebensgeister wieder gesammelt, sagte ich ihm mit mehr Entschlossenheit, als ich mir selbst zugetraut hätte: ›Wenn jetzt, so wie ich in deinen Armen bin, Señor, ich in den Pranken eines grimmigen Löwen wäre, und ich könnte mir Rettung aus ihnen dadurch sichern, daß ich etwas zum Nachteil meiner Ehre sagte oder täte, so wäre es mir geradeso möglich, es zu tun oder zu sagen, wie es möglich ist, daß nicht gewesen wäre, was gewesen ist. Wenn du also meinen Körper mit deinen Armen umschlungen hältst, so halte ich meine Seele fest im Bande meiner guten Vorsätze, die so verschieden von den deinigen sind, wie du es erkennen würdest, wenn du sie durch Gewalttätigkeit gegen mich zur Ausführung bringen wolltest. Ich bin deine Untertanin, nicht aber deine Sklavin; der Adel deines Blutes hat keine Macht und darf sie nicht haben, die geringere Würde des meinen zu entehren oder auch nur geringzuschätzen, und ich achte mich so hoch als Mädchen vom Land und Bäuerin wie du dich als vornehmer Herr und Edelmann. Bei mir würden Gewalttaten erfolglos bleiben, deine Reichtümer keinen Wert haben; deine Worte vermögen mich nicht zu berücken, deine Seufzer und Tränen mich nicht zu rühren. Ja, wenn ich die Handlungsweise, die ich dir vorwerfen muß, allenfalls bei dem Mann fände, den mir meine Eltern zum Gemahl erwählt hätten, dann würde allerdings seinem Willen der meinige sich fügen und mein Wille von dem seinigen nicht abweichen; dann würde ich, wenn mir nur die Ehre bliebe, ob auch die innere Freude fehlte, dir aus freien Stücken hingeben, was du, Señor, jetzt mit solcher Gewaltsamkeit erstrebst. Das alles habe ich dir gesagt, weil nicht daran zu denken ist, daß jemand von mir etwas erlangte, der nicht mein rechtmäßiger Gemahl ist.‹ ›Wenn du‹, sagte der treulose Edelmann, ›nur hierüber Bedenken trägst, schönste Dorotea‹ – denn so heiße ich Unglückliche – ›so gebe ich dir die Hand darauf, ich bin dein Gemahl, und daß dies Wahrheit ist, dessen Zeugen seien die Himmel, denen nichts verborgen ist, und dies Bild Unsrer Lieben Frau, das du hier hast.‹« Als Cardenio hörte, daß sie Dorotea heiße, geriet er abermals in heftige Aufregung, und er fand die Richtigkeit seiner anfänglichen Vermutung vollends bestätigt; aber er wollte die Erzählung nicht unterbrechen, um zu hören, was der Ausgang einer Geschichte sein werde, die er schon so ziemlich kannte. Er sagte nur: »Also Dorotea ist dein Name, Señora? Eine andre desselben Namens habe ich wohl schon erwähnen hören, deren Unglück vielleicht dem deinigen ähnlich ist. Aber fahre fort; es wird die Zeit kommen, wo ich dir Dinge sage, die dich in ebenso hohem Grade erstaunen als betrüben mögen.« Dorotea wurde jetzt auf Cardenios Worte und auf seine seltsame, zerlumpte Kleidung aufmerksam und bat ihn, wenn er etwas von ihren Verhältnissen wisse, möge er es ihr doch sogleich mitteilen. Denn wenn das Schicksal ihr noch etwas Gutes übriggelassen, so sei es ihr Mut, jedes Unheil, das sie überfalle, zu ertragen in der Gewißheit, daß keines kommen könne, das ihres Bedünkens ihre jetzigen Leiden nur im geringsten zu mehren, nur um einen Augenblick zu verlängern vermöchte. »Und ich würde nicht einen Augenblick verlieren, Señora«, erwiderte Cardenio, »dir meine Gedanken mitzuteilen, wenn, was ich vermute, sicher wäre; bis jetzt aber geht uns der rechte Augenblick dazu noch nicht verloren; auch ist es von keiner Bedeutung für dich, es zu erfahren.« »Dem sei, wie ihm wolle«, versetzte Dorotea, »was in meiner Geschichte jetzt vorgeht, war, daß Don Fernando das Muttergottesbild nahm, das in meinem Zimmer hing, und es zum Zeugen unsrer Vermählung anrief. Mit den stärksten Worten und mit unerhörten Eidschwüren gab er mir das bindende Wort als mein Ehegatte, obwohl ich ihn, bevor er es noch völlig ausgesprochen, ermahnte, wohl zu überlegen, was er tue, und zu erwägen, wie sein Vater darob zürnen werde, ihn mit einer Bäuerin, seiner Untertanin, vermählt zu sehen. Er solle, sagte ich, sich von meiner Schönheit, wie sie nun einmal sein möge, nicht verblenden lassen, da sie nicht hinreichend sei, um in ihr Entschuldigungen für seinen Fehler zu finden. Wenn er mir aber um seiner Liebe willen etwas Gutes erweisen wolle, so wäre es dieses, daß er mein Geschick meinem Stande völlig gleichbleiben lasse; denn so ungleiche Ehen bringen niemals rechten Genuß und verharren nicht lange in der freudigen Stimmung, mit der sie beginnen. Alles dieses, was ich euch hier sage, sagte ich ihm damals und noch viel anderes, dessen ich mich nicht mehr entsinne; aber all meine Vorstellungen vermochten ihn nicht von der Verfolgung seines Planes abzubringen, ganz so wie ein Käufer, der nicht beabsichtigt zu zahlen, beim Abschluß des bezüglichen Handels sich nicht erst lange mit Feilschen aufhält. Ich ging inzwischen wenige Augenblicke mit mir zu Rate und sagte zu mir selbst: Wahrlich, ich wäre nicht die erste, die auf dem Wege der Heirat von geringem zu hohem Stand emporgestiegen, und Don Fernando wäre nicht der erste, den Schönheit oder blinde Leidenschaft – was eher anzunehmen – bewogen hätte, eine Lebensgefährtin zu wählen, die seinem hohen Range nicht gleichsteht. Wenn ich also keine neue Welt und keinen neuen Brauch schaffe, so ist es wohlgetan, diese Ehre zu erfassen, die mir das Schicksal bietet, selbst wenn auch bei ihm die Liebe, die er mir zeigt, nicht länger währen sollte, als die Erreichung seiner Wünsche währt; denn vor Gott werde ich ja doch seine Gemahlin sein. Wenn ich ihn aber geringschätzig abweisen wollte, so sehe ich ihn in einer Verfassung, daß er, anstatt das Mittel pflichtgemäßer Handlungsweise, das der Gewalttätigkeit anwenden wird. Und dann wird es mir geschehen, daß ich Entehrung erleide und keine Entschuldigung habe für die Schuld, die mir jeder beimessen würde, der nicht wüßte, wie unverschuldet ich in diese Lage geraten bin. Denn welche Gründe würden ausreichen, meine Eltern und Dritte zu überzeugen, daß dieser Edelmann ohne meine Zustimmung in mein Gemach gekommen? All diese Fragen und Antworten wälzten sich in einem Augenblick hin und her in meinem Geiste; und was mehr als alles mich überwältigte und mich zu einer Nachgiebigkeit bewog, die, ohne daß ich es ahnte, mein Verderben werden sollte, das waren Don Fernandos Schwüre, die Zeugen, die er anrief, die Tränen, die er vergoß, und endlich seine edle Gestalt und Liebenswürdigkeit, was alles, begleitet von so vielen Beteuerungen wahrer Liebe, wohl jedes andre Herz, so frei und sittig wie das meine, zu besiegen vermocht hätte. Ich rief meine Dienerin, damit ihr Zeugnis sich auf Erden dem Zeugnis des Himmels beigeselle. Don Fernando wiederholte und bestätigte seine eidlichen Verheißungen aufs neue, rief neue Heilige zu den vorherigen als Zeugen an und schleuderte tausend Verwünschungen für alle kommende Zeit auf sein Haupt, wenn er sein Gelöbnis nicht erfüllen sollte. Abermals zwang er Tränen in seine Augen, verdoppelte seine Seufzer und preßte mich fester in seine Arme, aus denen er mich nie gelassen hatte. Und hiermit, als mein Mädchen das Zimmer wieder verlassen hatte, büßte ich den Namen eines Mädchens ein und erwarb er den eines vollendeten Verräters und wortbrüchigen Schurken. Der Tag, der auf die Nacht meines Unheils folgte, kam nicht so rasch, als Don Fernando, wie ich überzeugt bin, es wünschte; denn wenn einmal erlangt ist, was die Lüsternheit begehrt, so kann kein größerer Genuß nachfolgen, als den Ort zu verlassen, wo sie befriedigt worden. Ich schließe das aus dem Umstande, daß Don Fernando große Eile hatte, sich von mir zu entfernen. Mit Hilfe meiner listigen Dienerin – es war dieselbe, die ihn herein zu mir gebracht hatte – sah er sich vor Tagesanbruch auf der Straße, und beim Abschied sagte er mir, doch nicht mit so viel Leidenschaftlichkeit und Ungestüm, als da er kam, ich solle sicher sein, daß seine Treue stetig und seine Eide unverbrüchlich und wahrhaft seien; und zu größerer Bekräftigung seines Wortes zog er einen kostbaren Ring vom Finger und steckte ihn mir an. So ging er, und ich blieb in einem Zustande zurück, ich weiß nicht, ob betrübt oder heiter; in Verwirrung jedenfalls und in tiefen Gedanken, das kann ich sagen, und beinahe ohne Besinnung ob des ungeahnten Ereignisses. Ich hatte nicht den Mut oder ich dachte nicht daran, mein Mädchen zu schelten ob des begangenen Verrats, daß sie Don Fernando in mein eignes Gemach eingelassen; denn noch war ich nicht einig mit mir, ob es Glück oder Unglück sei, was mir begegnet war. Beim Abschied sagte ich ihm, da ich jetzt die Seinige sei, könne er, wie diese Nacht, durch Vermittlung der nämlichen Dienerin mich auch andre Nächte besuchen, bis er es wolle, daß das Geschehene veröffentlicht werde. Allein er kam keine Nacht mehr, ausgenommen die folgende, und ich bekam ihn auf der Straße und in der Kirche über einen Monat nicht zu sehen, währenddessen ich mich bemühte, nach ihm zu forschen, obgleich ich wußte, daß er im Städtchen war und fast jeden Tag auf die Jagd ging, was seine Lieblingsbeschäftigung war. Jene Tage und jene Stunden, wohl weiß ich noch, wie sie mir bitter und schmerzlich waren, und wohl weiß ich, wie ich damals an Don Fernandos Treue zu zweifeln, ja den Glauben daran zu verlieren begann; und das auch weiß ich noch wohl, wie meine Dienerin jetzt die Worte zu hören bekam, die sie, zur herben Mißbilligung ihres Erdreistens, früher nicht von mir gehört hatte. Ich weiß, wie ich mir Gewalt antun mußte, um über meine Tränen und die Mienen meines Gesichts zu wachen, damit ich meinen Eltern keine Veranlassung gäbe, mich über die Gründe meiner Mißstimmung zu befragen und mich zum Ersinnen von Lügen zu nötigen. Aber alles dies endete in einem Augenblick, als nämlich der Augenblick kam, wo jede Rücksicht beiseite gesetzt, jeder Gedanke an Ruf und Ehre vergessen wurde, wo die Geduld zu Ende ging und meine geheimsten Gedanken zutage traten; und das geschah darum, weil man wenige Tage später im Ort erzählte, in einer nahegelegenen Stadt habe sich Don Fernando mit einer Dame vermählt, die über alle Maßen schön sei, die Tochter sehr vornehmer Eltern, wiewohl nicht so reich, daß sie um ihrer Mitgift willen Anspruch auf eine so hohe Verbindung hätte erheben können. Man sagte, sie heiße Luscinda; man erzählte auch anderes, was bei ihrer Vermählung vorgegangen und was staunenswert ist.« Cardenio hörte den Namen Luscinda – indessen tat er nichts weiter, als daß er die Schultern hochzog, sich auf die Lippen biß, die Brauen runzelte und gleich darauf zwei Tränenbäche aus den Augen herniederstürzen ließ. Doch Dorotea hörte darum mit der Fortsetzung ihrer Erzählung nicht auf und sprach: »Die schmerzliche Nachricht kam mir zu Gehör; aber statt daß mein Herz darob zu Eis erstarren sollte, entbrannte es so gewaltig von Ingrimm und Raserei, daß wenig daran fehlte, ich wäre laut schreiend auf die Gassen hinausgestürzt und hätte die schmähliche Tücke und Verräterei offen verkündet, die gegen mich verübt worden. Aber diesen Wutanfall dämpfte für den Augenblick der Gedanke, ich müßte noch in derselben Nacht das ins Werk setzen, was ich zu tun vorhatte: nämlich diese Tracht anzulegen, die mir einer von den Hirtenbuben meines Vaters dazu geliehen, und nachdem ich diesem mein ganzes Unglück anvertraut hatte, bat ich ihn, mich nach der Stadt zu begleiten, wo sich, wie ich gehört, mein Feind aufhielt. Er mißbilligte mein Unterfangen und tadelte meinen Entschluß; aber da er mich auf meinem Willen fest beharren sah, erbot er sich, mir bis ans Ende der Welt, wie er sich ausdrückte, treue Gefolgschaft zu leisten. Sogleich packte ich in einen leinenen Kissenüberzug ein Frauengewand, ein paar Kleinodien und etwas Geld für den Notfall, und in der Stille jener Nacht, ohne meine verräterische Zofe zu benachrichtigen, begleitet von meinem Diener und von tausenderlei Gedanken, verließ ich mein Haus und begab mich auf den Weg nach der Stadt, zwar zu Fuß, aber wie beflügelt von dem Wunsche, rechtzeitig hinzukommen, wenn auch nicht, um zu hindern, was ich für geschehen hielt, so doch wenigstens Don Fernando aufzufordern, er solle mir sagen, wie er das Herz gehabt habe, so etwas zu tun. In dritthalb Tagen gelangte ich, wohin ich begehrte. Als ich die Stadt betrat, fragte ich nach dem Hause von Luscindas Eltern, und der erste, an den ich diese Frage richtete, antwortete mir mehr, als ich hätte wissen mögen. Er sagte mir das Haus und alles, was sich bei der Vermählung der Tochter des Hauses zugetragen: alles so stadtbekannt, daß überall im Orte die Leute zusammenstehen, um davon zu erzählen. Er berichtete mir, an dem Abend, wo Don Fernando sich mit Luscinda vermählte, sei sie, nachdem sie das Jawort gegeben, in eine tiefe Ohnmacht gesunken, und als ihr Gatte sich ihr genähert, um sie aufzuschnüren, damit sie Luft schöpfe, habe er bei ihr einen von ihrer eigenen Hand geschriebenen Brief gefunden, worin sie sagte und beteuerte, sie könne nicht Don Fernandos Gemahlin werden, weil sie die Cardenios sei, welcher, wie der Mann mir sagte, ein sehr vornehmer Edelmann aus derselben Stadt ist, und wenn sie Don Fernando das Jawort gegeben, so sei der Grund, daß sie nicht von der Pflicht des Gehorsams gegen ihre Eltern habe abweichen wollen. Kurz, solche Äußerungen habe der Brief enthalten, daß er ersehen ließ, sie habe die Absicht gehabt, sich nach geschehener Trauung umzubringen; der Brief gab die Gründe an, weshalb sie sich das Leben genommen habe. Alles dies, sagt man, wurde durch einen Dolch bestätigt, den man, ich weiß nicht in welchem Stück ihrer Kleidung fand. Wie nun Don Fernando das ersah, bedünkte es ihn, daß Luscinda ihn zum besten gehabt, verhöhnt und verachtet habe. Er stürzte sich auf sie, ehe sie noch wieder zu sich gekommen, und wollte sie mit dem nämlichen Dolche, den man bei ihr gefunden, erstechen; und er hätte das auch vollführt, wenn ihre Eltern und die andern Anwesenden ihn nicht daran gehindert hätten. Ferner heißt es, daß Don Fernando sogleich die Stadt verließ und Luscinda sich nicht vor dem folgenden Tage von ihrer Ohnmacht erholte, wo sie dann ihren Eltern erzählte, daß sie in Wahrheit die Gattin jenes Cardenio sei, dessen ich erwähnte. Auch erfuhr ich, jener Cardenio sei, soviel die Leute sagten, bei der Trauung zugegen gewesen, und als er sie vermählt sah, was er nie geglaubt hätte, sei er in Verzweiflung aus der Stadt enteilt und habe Luscinda einen Brief zurückgelassen, worin er die Kränkung, die sie ihm angetan, zu aller Kenntnis brachte und sagte, er werde hingehen, wo ihn Menschen nimmer zu sehen bekämen. Dies alles war in der ganzen Stadt bekannt und verbreitet, alle Leute redeten davon. Aber sie redeten noch mehr, als sie erfuhren, Luscinda sei aus dem Hause ihrer Eltern und aus der Stadt verschwunden. Man konnte sie nirgends finden; ihre Eltern verloren schier den Verstand darüber und wußten nicht, welches Mittel sie ergreifen sollten, um sie wieder zu erlangen. Diese Nachrichten ließen meine Hoffnungen wieder aufdämmern, und ich hielt es nun für besser, Don Fernando nicht, als ihn vermählt gefunden zu haben. Es deuchte mich, die Pforte zu meiner Rettung sei noch nicht völlig verschlossen, und ich bildete mir ein, möglicherweise habe der Himmel dies Hindernis der zweiten Ehe entgegengestellt, um ihn zur Erkenntnis seiner Verpflichtungen gegen die erste und zur Einsicht zu bringen, daß er ein Christ und seinem Seelenheil mehr schuldig sei als menschlichen Rücksichten. All diese Gedanken wälzte ich in meinem Geiste hin und her und sprach mir Trost zu, ohne Trost zu finden, und spiegelte mir ferne, schwache Hoffnungen vor, um die Last dieses Lebens weitertragen zu können, das ich jetzt verabscheue. Während ich nun noch in der Stadt weilte und, weil ich Don Fernando nicht fand, ungewiß war, was ich tun sollte, kam ein öffentlicher Ausruf mir zu Ohren, in welchem ein großer Finderlohn jedem versprochen wurde, der meinen Aufenthalt nachwiese, wobei mein Alter und die Kleidung, die ich trug, genau angegeben waren; und zugleich hörte ich sagen, man erzähle, daß der Junge, der mich begleitete, mich aus dem Hause meiner Eltern entführt habe. Das traf mich ins Herz, weil ich erkannte, wie tief mein Ruf gesunken war, indem man es nicht hinreichend fand, daß ich ihn durch meine Flucht eingebüßt, sondern noch hinzufügte, mit wem ich geflohen, während der Genannte doch so tief unter mir und meiner redlichen Gedanken so unwert war. Im Augenblick, wo ich den öffentlichen Ausruf hörte, eilte ich zur Stadt hinaus mit meinem Diener, der bereits verriet, daß er in der Treue, die er mir verheißen, zu wanken begann. Noch in der nämlichen Nacht, da wir fürchten mußten, entdeckt zu werden, gelangten wir mitten in die dichten Waldungen dieses Gebirges. Aber wie man zu sagen pflegt, ein Unglück reicht dem andern die Hand, und das Ende eines Leidens ist der Anfang zu einem neuen und schweren Leiden, so erging es mir. Denn sobald mein redlicher Diener, bisher treu und zuverlässig, mich in dieser Einöde sah, wollte er, von seiner eignen Schurkerei mehr als von meiner Schönheit angereizt, die Gelegenheit benutzen, die ihm seines Bedünkens diese Wüstenei darbot, und alle Scham und noch mehr die Furcht Gottes wie die Achtung vor mir außer Augen setzend, verfolgte er mich mit Liebesanträgen. Und da er sah, daß ich mit gebührenden, streng verweisenden Worten der Schamlosigkeit seiner Zumutungen begegnete, ließ er die Bitten beiseite, mit denen er es zuerst versucht hatte, und begann Gewalt zu brauchen. Allein der gerechte Himmel, der selten oder nie seine Obhut und Gunst redlichem Wollen versagt, stand dem meinigen bei, so daß ich mit meinen geringen Kräften und mit geringer Anstrengung ihn in einen steilen Abgrund hinabstürzte, wo ich ihn liegenließ, ich weiß nicht, ob tot oder lebend; und ohne Zögern, mit größerer Behendigkeit, als mein Schrecken und meine Ermüdung zu gestatten schienen, flüchtete ich tiefer ins Gebirge, ohne andern Gedanken und Plan, als mich da versteckt zu halten, um meinem Vater und denen, die in seinem Auftrage nach mir suchten, zu entgehen. Ich weiß nicht, wieviel Monate es her ist, seit ich zu diesem Zwecke diese Gegend betrat; ich fand hier einen Herdenbesitzer, der mich als seinen Diener in ein Dorf im Innersten des Gebirges mitnahm. Ich diente ihm während dieser ganzen Zeit als Hirtenjunge und suchte mich immer auf dem Felde aufzuhalten, damit ich dieses Haar vor ihm verbergen könnte, das mich heute so unvermutet euch verraten hat. Aber all mein Mühen und all meine Vorsicht waren und blieben erfolglos, da mein Herr zuletzt doch in Erfahrung brachte, daß ich kein Mann sei, und in ihm der nämliche böse Gedanke aufstieg wie bei meinem Diener. Da jedoch das Glück nicht immer mit den Nöten, die es uns sendet, auch die Rettungsmittel gewährt, so fand ich keine Abgründe und Schluchten, um dem Herrn vom Leben und Lieben zu helfen, wie ich sie früher für den Diener gefunden; und darum hielt ich es für das geringere Übel, ihn im Stiche zu lassen und mich abermals in diesen Wildnissen zu verbergen, als meine Kraft oder meine Vorstellungen ihm gegenüber zu versuchen. So nahm ich aufs neue zu meinem Versteck meine Zuflucht, um einen Ort zu suchen, wo ich ungestört mit Seufzern und Tränen zum Himmel beten könnte, daß er sich meines Unglücks erbarme und mir Geisteskraft verleihe und seine Hilfe, um aus diesem Elend zu kommen oder das Leben in dieser Einöde zu lassen, ohne daß ein Angedenken bleibe an diese Unglückliche, deren Erlebnisse so ganz unverschuldet den Stoff dazu gegeben, daß in ihrer Heimat und in fremden Landen sie in den Mund der Leute und in üble Nachrede gekommen ist.« 29. Kapitel Welches von dem anmutigen Kunstgriff und schlauen Mittel handelt, so angewendet ward, um unsern verliebten Ritter aus der gar harten Buße zu erlösen, die er sich auferlegt hatte »Dies ist, meine Herren, der wahrhafte Verlauf meines Trauerspiels. Bedenkt und urteilt jetzt, ob für die Seufzer, die ihr gehört, die Worte, die ihr vernommen, und die Tränen, die aus meinen Augen geflossen, nicht genügsame Veranlassung war, in reichlichster Fülle zutage zu treten. Und wenn ihr die Art meines Unglücks erwägt, werdet ihr erkennen, daß Tröstung vergeblich ist, da es kein Mittel gegen mein Leiden gibt. Ich bitte euch um nichts weiter, als daß ihr, was ihr mit Leichtigkeit tun könnt und müßt, mir Rat erteilet, wo ich mein Leben verbringen kann, ohne daß mich Furcht und Entsetzen ob der Möglichkeit tötet, von den Leuten, die mich suchen, entdeckt zu werden. Denn wiewohl ich weiß, daß die große Liebe meiner Eltern zu mir jedenfalls mir eine gute Aufnahme bei ihnen verbürgt, so fühle ich mich doch schon bei dem bloßen Gedanken, vor ihren Augen nicht so, wie sie es hofften, erscheinen zu müssen, von so großer Scham ergriffen, daß ich es für besser erachte, mich für immer aus ihrer Gegenwart zu verbannen, als mit der Besorgnis in ihr Angesicht zu schauen, daß sie das meinige jener Sittsamkeit entfremdet sehen, die sie sich von mir ehemals versprechen durften.« Hier schwieg sie, und ihr Antlitz bedeckte sich mit einer Blässe, die ihrer Seele Schmerz und Scham wohl klar zeigte; und in ihren Seelen empfanden die, so ihr zugehört, soviel Betrübnis wie Staunen ob ihres harten Geschicks. Und wiewohl der Pfarrer ihr sofort seinen Trost und Rat erteilen wollte, nahm Cardenio zuerst das Wort und sprach: »Also du, Señora, bist die schöne Dorotea, die einzige Tochter des reichen Clenardo?« Dorotea war hoch erstaunt, als sie den Namen ihres Vaters hörte und die ärmliche Erscheinung des Mannes sah, der ihn genannt hatte; denn es ist schon bemerkt worden, in wie jämmerlichem Aufzug Cardenio einherging. Daher sagte sie zu ihm: »Und wer seid Ihr, guter Freund, daß Ihr so den Namen meines Vaters wißt? Denn bis jetzt, wenn ich mich recht entsinne, habe ich ihn in der ganzen Erzählung meines Unglücks noch nicht genannt.« »Ich bin«, antwortete Cardenio, »jener vom Glück Verlassene, den Luscinda, wie Ihr erzählt habt, Señora, für ihren Gatten erklärte; ich bin der unselige Cardenio, den jener Elende, der auch Euch in dies Elend verlockte, dahin gebracht hat, daß Ihr mich in diesem Zustande seht, abgerissen, nackt, jeder menschlichen Tröstung und, was schlimmer ist, des Verstandes entbehrend, da ich ihn nur besitze, wenn es dem Himmel manchmal beliebt, mir ihn auf kurze Zeit zu vergönnen. Ich bin es, Dorotea, der bei den Missetaten Don Fernandos zugegen war und der dort harrend stand, um aus Luscindas Munde das Ja zu hören, mit dem sie sich zu seinem Eheweib erklärte. Ich bin es, der den Mut nicht hatte, den Verlauf ihrer Ohnmacht und das Ergebnis des Briefes, den man in ihrem Busen fand, abzuwarten, weil meine Seele nicht die Kraft besaß, soviel herbe Schicksale auf einmal zu ertragen. So schied ich vom Hause und von der Geduld, ließ einem Gastfreunde einen Brief zurück mit der Bitte, ihn in Luscindas Hände zu legen, und begab mich hierher, um in dieser Einöde mein Leben zu beschließen, das ich von dem Augenblicke an wie meinen Todfeind haßte. Allein das Verhängnis hat es mir nicht rauben wollen; es begnügte sich, mir den Verstand zu rauben, vielleicht weil es mich für das Glück aufbewahren wollte, Euch zu finden. Denn wenn wahr ist, was Ihr eben erzähltet – und ich glaube, es ist wahr –, so wäre es noch immer möglich, daß der Himmel uns einen bessern Ausgang unserer Mißgeschicke vorbehalten hätte, als wir gedacht; denn da, wie nun feststeht, Luscinda sich mit Don Fernando nicht vermählen kann, weil sie die Meine ist, und Don Fernando nicht mit ihr, weil er der Eure ist, und Luscinda sich so offen und unumwunden ausgesprochen hat, so dürfen wir wohl hoffen, der Himmel werde uns zurückerstatten, was unser ist, weil es ja noch immer sein Dasein behauptet und weder uns entfremdet noch zunichte geworden. Und da wir also diesen Trost besitzen, der nicht etwa aus sehr ferner Hoffnung erzeugt noch auf törichten Einbildungen gegründet ist, so bitte ich Euch, Señora, in Eurem ehrenhaften Sinn einen andern Entschluß zu fassen, wie auch ich tun will, und Euer Gemüt auf das Erhoffen besseren Glücks zu bereiten. Ich schwöre Euch bei Ritterwort und Christentreue, ich werde Euch nicht verlassen, bis ich Euch im Besitz Don Fernandos sehe, und wenn ich ihn nicht mit vernünftigen Gründen dazu bewegen kann, daß er anerkenne, was er Euch schuldig ist, dann werde ich von der freien Befugnis Gebrauch machen, die mir dadurch vergönnt ist, daß ich ein Edelmann bin und also mit voller Berechtigung ihn herausfordern kann, um ihm nach Gebühr für die Ungebühr zu lohnen, die er Euch zufügt; meiner eignen Kränkungen will ich nicht eingedenk sein und deren Bestrafung dem Himmel überlassen, um auf Erden den Eurigen abzuhelfen.« Bei Cardenios Worten stieg Doroteas Erstaunen auf den höchsten Grad, und da sie nicht wußte, wie sie ihm für so große Anerbietungen danken sollte, wollte sie seine Füße umfassen und küssen; aber Cardenio ließ es nicht zu. Der Lizentiat antwortete für beide und sprach seine Billigung aus ob der edlen Worte Cardenios; insbesondere aber drang er in sie beide mit Bitten, gutem Rat und freundlichem Zureden, sie möchten mit ihm in sein Dorf gehen, wo sie sich mit allem, was ihnen fehlte, versorgen könnten, und dort werde man dann Anstalt treffen, wie Don Fernando aufzusuchen, wie Dorotea zu ihren Eltern zu bringen oder wie sonst alles vorzunehmen sei, was ihnen zweckmäßig erscheine. Cardenio und Dorotea dankten ihm und nahmen die angebotene Freundlichkeit an. Der Barbier, der allem gespannt und schweigend beigewohnt hatte, brachte nun auch seine wohlgemeinten Worte an und erbot sich mit nicht geringerer Bereitwilligkeit als der Pfarrer zu allem, was ihnen dienlich sein könne. Auch berichtete er in Kürze den Beweggrund, der sie hierhergeführt, und die seltsame Verrücktheit Don Quijotes, sowie daß sie seinen Schildknappen erwarteten, der weggegangen sei, um den Ritter aufzusuchen. Wie im Traume erinnerte sich jetzt Cardenio des Streites, den er mit Don Quijote gehabt, und er erzählte ihn den andern, aber er wußte nicht zu sagen, um was es sich dabei gehandelt habe. Indem hörten sie lautes Rufen und erkannten Sancho Pansas Stimme, der, weil er sie an der Stelle, wo er sie verlassen, nicht mehr fand, mit schallendem Geschrei nach ihnen rief. Sie gingen ihm entgegen und fragten ihn nach Don Quijote; er erzählte ihnen, wie er ihn halbnackt gefunden, im bloßen Hemde, ganz schwach, blaßgelb im Gesicht, sterbend vor Hunger und nach seiner Herrin Dulcinea seufzend. Und wiewohl er ihm gesagt, sie selbst befehle ihm, diesen Ort zu verlassen und nach Toboso zu ziehen, wo sie ihn erwarte, so habe er doch entgegnet, er sei festiglich entschlossen, vor ihrer Huldseligkeit sich nicht erschauen zu lassen, bis denn er solcherlei Taten getan, daß man tätlich befinde, wie er würdig sei ihrer liebwerten Gunst. Und wenn das so weiterginge, so liefe er Gefahr, weder ein Kaiser zu werden, wie es seine Pflicht und Schuldigkeit sei, noch auch nur ein Erzbischof, was doch das geringste sei, was er werden könne. Daher möchten sie sich überlegen, was zu tun sei, um ihn von dort wegzubringen. Der Lizentiat erwiderte ihm, er solle unbesorgt sein, sie würden ihn, so widerwillig er sich auch bezeige, schon fortbringen; und er erzählte alsbald Dorotea und Cardenio, was sie sich ausgedacht, um Don Quijote zu heilen oder wenigstens nach seinem Hause zurückzuführen, worauf Dorotea sagte, sie würde das hilfsbedürftige Fräulein besser darstellen als der Barbier; zudem habe sie Kleider hier, um die Rolle ganz nach der Natur zu spielen. Sie möchten ihr nur die Sorge überlassen, alles vorzustellen, was zur Ausführung ihres Plans erforderlich sei; denn sie habe viele Ritterbücher gelesen und verstünde sich gut auf den Stil, in dem die bedrängten Fräulein sprächen, wenn sie sich Vergünstigungen von fahrenden Rittern erbäten. »Dann ist weiter nichts erforderlich«, sprach der Pfarrer, »als daß man es sogleich ins Werk setze; denn gewiß, das Glück zeigt sich uns günstig, da so ganz unvermutet, meine Herrschaften, die Tür zu eurem Heil sich zu erschließen beginnt und das, dessen wir bedurften, sich uns gleichzeitig darbietet.« Dorotea holte alsbald aus ihrem Kissenüberzug ein reiches Schleppkleid von einem gewissen feinen Wollstoff hervor nebst einer Mantilla von prächtigem grünem Zeug und aus einem Kästchen ein Halsband mit andern Kostbarkeiten, womit sie sich in einem Augenblick so ausstaffierte, daß sie wie eine vornehme reiche Dame aussah. Alles dies und noch andres, sagte sie, habe sie aus dem Elternhause für alle Fälle mitgenommen, und bis jetzt habe sich noch keine Gelegenheit geboten, wo sie es hätte brauchen können. Alle waren entzückt von ihrer Anmut, ihrem lieblichen Wesen, ihren Reizen, und aller Urteil stand nun fest, daß Don Fernando sich auf Frauen wenig verstehe, da er eine so ungewöhnliche Schönheit verschmähe. Wer aber am meisten staunte, war Sancho Pansa; denn es bedünkte ihn – wie es auch wirklich der Fall war –, er habe alle seine Lebtage ein so schönes Geschöpf nicht mit Augen gesehen. Er bat daher den Pfarrer sehr angelegentlich, er möchte ihm doch sagen, wer dieses holdselige Ritterfräulein sei und was selbige in dieser unwirtlichen Gegend zu suchen habe. »Diese schöne Dame«, antwortete der Pfarrer, »Freund Sancho, ist nichts mehr und nichts weniger als die hohe Prinzessin, die Erbin im rechten Mannesstamme vom großen Königreich Mikomikón, und selbige hat sich auf die Suche nach Eurem Herrn begeben, um eine Vergabung und Vergünstigung von ihm zu erflehen, die darin besteht, daß er einer Ungebühr oder Unbill abhelfen soll, so ein böser Riese ihr angetan. Und ob des Ruhmes echten rechten Rittertums, welchen Euer Herr in allen bis jetzt entdeckten Landen hat, kommt besagte Königstochter von Guinea, um ihn aufzusuchen.« »Glückliches Suchen und glückliches Finden!« sprach hier Sancho Pansa, »und zumal, wenn mein Herr soviel Glück hat und die Unbill wiedergutmacht und das Unrecht wieder zurechtbringt und jenen Bankert von Riesen totschlägt, von dem Euer Gnaden erzählt; und totschlagen wird er ihn allerdings, wenn er ihn nur findet, vorausgesetzt, daß es keine Spukgestalt ist; denn gegen Spukereien hat mein Herr keinerlei Gewalt. Aber um eins will ich Euer Gnaden vor anderm bitten, Herr Lizentiat; nämlich, damit nicht etwa meinen Herrn die Lust anwandelt, Erzbischof zu werden, was ich gar sehr fürchte, so soll Euer Gnaden ihm den Rat geben, sich gleich mit der Prinzessin da zu verheiraten, und so wird's ihm unmöglich gemacht, die erzbischöflichen Weihen zu empfangen, und er gelangt mit aller Leichtigkeit zu seinem Kaisertum und ich ans Ziel meiner Wünsche. Denn ich habe mir's wohl überlegt, und ich finde, soviel mich angeht, es ist nicht gut für mich, wenn mein Herr ein Erzbischof wird, weil ich für die Kirche nicht zu brauchen bin, sintemalen ich verheiratet bin. Und soll ich dann herumlaufen und Dispens einholen, daß ich trotz Frau und Kindern von einer Kirchenpfründe Einkommen haben darf – nein, da würde man niemals fertig damit. Sonach dreht sich alles darum, daß mein Herr sich mit dem Fräulein da verheiratet; ich weiß aber noch nicht, wie Ihro Gnaden heißt, und darum nenne ich sie nicht mit ihrem Namen.« »Sie heißt Prinzessin Míkomikona«, antwortete der Pfarrer, »denn da ihr Königreich Mikomikón heißt, so ist es klar, daß sie so heißen muß.« »Daran ist kein Zweifel«, versetzte Sancho. »Ich habe auch schon viele ihre Familien- und Stammesnamen von dem Ort entlehnen sehen, wo sie geboren waren; so nannten sie sich Pedro von Alcalá, Juan de Ubeda oder Diego von Valladolid; und dasselbe muß auch in Guinea der Brauch sein, daß die Königinnen den Namen ihres Königreichs annehmen.« »So wird es wohl sein«, sprach der Pfarrer, »und was Eures Herrn Verheiratung betrifft, so will ich dabei tun, was nur in meinen Kräften steht.« Hierüber war Sancho ebenso vergnügt wie der Pfarrer erstaunt über seine Einfalt und über die Leichtgläubigkeit, mit der er sich die nämlichen Torheiten wie sein Herr in den Kopf gesetzt, da er es für zweifellos hielt, daß dieser es zum Kaiser bringen würde. Inzwischen hatte sich Dorotea bereits auf das Maultier des Pfarrers gesetzt, und der Barbier hatte seinen Farrenschwanz hart vor dem Gesicht befestigt. Sie forderten Sancho auf, sie zu Don Quijote zu führen, und wiesen ihn an, sich nicht merken zu lassen, daß er den Lizentiaten oder den Barbier kenne; denn wenn sein Herr es zum Kaiser bringen solle, so käme es hauptsächlich darauf an, daß er sie nicht kenne. Zwar wollten weder der Pfarrer noch Cardenio mit den andern gehen; Cardenio nicht, damit Don Quijote nicht an seinen Streit mit ihm erinnert werde, und der Pfarrer, weil seine Gegenwart für den Augenblick noch nicht nötig war. So ließen sie denn jene voranziehen und folgten ihnen langsam zu Fuße nach. Der Pfarrer hatte es inzwischen nicht versäumt, Dorotea zu unterweisen, was sie zu tun habe, worauf sie erwiderte, sie möchten nur ohne Sorge sein; alles werde, ohne daß nur ein Titelchen daran fehle, so geschehen, wie es die Ritterbücher erheischen und schildern. Dreiviertel Meilen etwa mochten sie gewandert sein, als sie Don Quijote inmitten unwegsamer Felsen entdeckten, bereits wieder angekleidet, jedoch ohne Rüstung. Und sobald Dorotea seiner ansichtig ward und von Sancho hörte, es sei Don Quijote, gab sie ihrem Zelter einen Schlag mit der Geißel. Der Barbier folgte ihr nach, und als sie in seine Nähe kamen, sprang der wohlbebartete Bartscherer vom Maultier herab und nahm Dorotea in die Arme; sie stieg munter und mit großer Leichtigkeit ab und warf sich vor dem Ritter auf die Knie. Obschon dieser sich aufs äußerste bemühte, sie aufzuheben, so stand sie doch nimmer vom Boden auf und tat zu ihm folgende Ansprache: »Von dieser Scholle werde ich nimmer emporstehen, Ritter sonder Furcht und Tadel, bis Dero Fürtrefflichkeit und Edelmut mir eine Vergünstigung zusagt, welche Euch zu Ehren ausschlagen wird und Eurer Person zum Preise und zu Nutz und Frommen der trostlosesten, der bedrängtesten Jungfrau, welche Gottes Sonne je erschaut hat; und wenn in Wahrheit die Mannhaftigkeit Eures starken Armes dem Ruf Eurer unsterblichen Gloria entspricht, dann seid Ihr verpflichtet, großgünstigen Beistand der Glückverlassenen zu leihen, die dem Heldengeruch Eures Namens von so fernen Landen nachzieht und Euch aufsucht zur Errettung aus ihrer Trübsal.« »Ich werde Euch kein Wörtlein antworten, allerschönste Herrin mein«, erwiderte Don Quijote, »und ein mehreres in Euren Sachen nicht anhören, bis daß Ihr Euch vom Boden erhebet.« »Ich werde mich nicht erheben«, antwortete das schmerzensreiche Fräulein, »so nicht zuvor von Eurer Huld die Gunst, die ich erbitte, mir zugesagt worden.« »Ich sage sie Euch zu und gewähre sie«, versetzte Don Quijote, »mit dem Beding jedoch, daß sie nimmer vollbracht werden dürfe zur Schädigung und Beschwer meines Königs, meines Vaterlands und derer, die da den Schlüssel hat zu meinem Herzen und meiner Freiheit.« »Sie wird nicht zur Schädigung und Beschwer gereichen allen selbigen, die Ihr benamset habt, mein edler Herr«, entgegnete das schmerzensreiche Fräulein. Mittlerweilen näherte sich Sancho Pansa dem Ohr seines Herrn und flüsterte ihm leise zu: »Señor, ganz wohl kann Euer Gnaden ihr Begehr gewähren; denn es ist ein wahres Nichts. Es besteht bloß darin, daß Ihr einen gewaltigen Riesen totschlagen sollt, und die da, welche es begehrt, ist die hohe Prinzessin Míkomikona, die Königin im großen Reich Mikomikón in Äthiopien.« »Möge sie sein, was sie wolle«, entgegnete Don Quijote, »ich werde tun, wozu ich verpflichtet bin und was mir mein Gewissen vorschreibt, gemäß dem Beruf, zu dem ich geschworen.« Und sich zu dem Fräulein wendend, sprach er: »Möge Eure erhabene Huldseligkeit sich erheben, denn ich gewähre Euch Beistand und Vergünstigung, so Ihr begehrt.« »Wohl denn«, sprach das Fräulein, »mein Begehr ist, daß Eure großherzige Person sofort mit mir dahin eile, wo ich Euch zu führen gedenke, und daß Ihr mir verheißet, Euch keines andern Abenteuers noch Verlangens anzunehmen, bevor Ihr mir zur Rache helfet an einem Bösewicht, der wider alles göttliche und menschliche Recht sich meines Reiches angemaßt hat.« »Hiermit tu ich kund, daß ich selbiges gewähre«, erwiderte Don Quijote, »und sonach könnt Ihr, edle Herrin, itzund wie hinfüro Euch des Trübsinns abtun, der Euch drückt, und Euer darniedergelegenes Hoffen neuen Mut und Kraft gewinnen lassen. Denn mit Hilfe Gottes und meines starken Armes werdet Ihr Euch alsbald wieder eingesetzt sehen in Euer Reich und sitzend auf dem Stuhle Eurer alten weitreichenden Herrschaft, zu Trutz und Ärgernis allen Schurken, die dem zuwider sein möchten. Und nun Hand ans Werk, denn im Zaudern, sagen die Leute, sitzt die Gefahr.« Das hilfsbedürftige Fräulein gab sich beharrlichst alle Mühe, ihm die Hände zu küssen; aber Don Quijote, der in all und jedem sich als ein feingesitteter und höflicher Ritter zeigte, gab das nie und nimmer zu, hob sie vielmehr vom Boden auf und umarmte sie mit feinster Sitte und Höflichkeit und befahl sodann Sancho, Rosinantes Sattel und Gurt gehörig zu besorgen und ihn gleich auf der Stelle zu waffnen. Sancho nahm die Rüstung herunter, die wie ein Siegesmal an einem Baum hing, zog Rosinantes Gurt nach und waffnete seinen Herrn in einem Augenblick. Und als dieser sich wohlgerüstet sah, sprach er: »Auf nun, ziehen wir in Gottes Namen hin, dieser hohen Herrin Beistand zu leisten.« Der Barbier lag noch immer auf den Knien und gab sich die größte Mühe, das Lachen zu verbeißen und seinen Bart festzuhalten, dessen Abfallen vielleicht ihnen allen ihren wohlgemeinten Plan vereitelt hätte. Da er aber sah, wie die Gunst schon gewährt war und wie eilfertig Don Quijote sich bereitmachte, die Zusage zu erfüllen, so stand er auf und faßte seine Herrin an der Hand, und beide gemeinsam hoben sie auf das Maultier. Sofort bestieg Don Quijote den Rosinante, der Barbier setzte sich auf seinem Tiere zurecht, Sancho aber wanderte zu Fuß, wobei er an den Verlust seines Grauen dadurch, daß er ihn jetzt entbehren mußte, aufs neue gemahnt wurde. Aber all dieses ertrug er mit Freuden, weil es ihn bedünkte, sein Herr sei jetzt auf dem Wege, ja ganz nahe daran, ein Kaiser zu werden. Denn er glaubte, Don Quijote werde sich ohne Zweifel mit dieser Prinzessin verheiraten und aufs mindeste König von Mikomikón werden. Nur das machte ihm Kummer, daß dies Königreich im Negerland läge und die Leute, die man ihm zu Untertanen gäbe, sämtlich Neger sein würden. Hierfür aber fand er alsbald in seiner Vorstellung ein gutes Mittel, und er sprach zu sich selber: Was liegt mir dran, ob meine Untertanen Schwarze sind? Was braucht's weiter, als sie aufs Schiff zu laden und nach Spanien zu bringen, wo ich sie verkaufen kann und man mir sie bar bezahlen wird? Und mit dem Gelde kann ich alsdann ein Gut, das den Adel verleiht, oder ein Amt kaufen, um davon all meine Lebenstage geruhsam zu leben. Ja, leg dich nur schlafen! Und hab nicht so viel Verstand und Geschick, um eine Sache ordentlich anzufangen und dreißig- oder meinetwegen zehntausend Untertanen im Handumdrehen zu verschachern! Nein, bei Gott, ich will sie mir aufjagen, groß und klein, im Ramsch, oder wie ich's sonst fertigbringe; und sind sie auch schwarz, so will ich ihre Farbe in Silberweiß oder Goldgelb verwandeln! Kommt nur, glaubt nur, ich tät wie ein Blödsinniger an den Fingern kauen! Mit diesen Gedanken war er so beschäftigt und so vergnügt, daß er den Kummer vergaß, zu Fuße gehen zu müssen. All dieses beobachteten Cardenio und der Pfarrer hinter Dornbüschen hervor und wußten nicht, wie sie es anfangen sollten, sich der Gesellschaft anzuschließen. Jedoch der Pfarrer, der ein gar erfinderischer Kopf war, kam gleich darauf, wie ihr Zweck zu erreichen sei; er nahm nämlich eine Schere, die er in einem Futteral bei sich trug, schnitt Cardenio mit großer Behendigkeit den Bart ab, zog ihm seinen eigenen grauen Rock an, gab ihm den schwarzen Mantel darüber, und er selbst blieb nur in Hosen und Wams. Cardenio aber war ein so ganz anderer als vorher geworden, daß er sich selbst im Spiegel nicht erkannt hätte. Als dies vollbracht, gelangten sie, obschon während ihrer Umkleidung die andern weitergegangen waren, ohne Mühe früher als diese auf die Landstraße, weil das viele Gestrüpp und die schlimmen Wege in der Gegend die Leute zu Pferd nicht so schnell fortkommen ließen als die zu Fuß. Wirklich gelangten sie sogleich beim Abstieg vom Fußweg auf die ebne Straße, und als Don Quijote mit den Seinigen herunterkam, stellte sich der Pfarrer hin und betrachtete ihn ernst und bedächtig, gab durch Gebärden kund, daß er ihn wiedererkenne, und nachdem er ihm geraume Zeit ins Gesicht geschaut, eilte er ihm mit offnen Armen entgegen und rief laut: »Gesegnet sei die Stunde, da ich ihn wiedersehe, ihn, den Spiegel des Rittertums, meinen trefflichen Landsmann Don Quijote von der Mancha, des Edelsinns Blume und Perle, Schutz und Rettung der Bedrängten, Quintessenz der fahrenden Ritter!« Und dieses sagend, umfaßte er am Knie das linke Bein Don Quijotes. Der aber war höchst betroffen über alles, was er den Mann sagen hörte und tun sah. Er betrachtete ihn mit höchster Aufmerksamkeit und erkannte ihn endlich; er war schier entsetzt, den Pfarrer hier zu sehen, und tat sein möglichstes, um vom Pferde zu steigen. Allein der Pfarrer ließ es nicht zu; weshalb Don Quijote sprach: »Laßt mich, Herr Lizentiat; es ist nicht recht, daß ich zu Pferde sitze, während Euer Hochwürden zu Fuße ist.« »Das werde ich nie und unter keiner Bedingung zugeben«, entgegnete der Pfarrer. »Wolle Eure erhabene Person nur zu Pferde bleiben, denn zu Pferde vollbringt Ihr die größten Heldentaten und Abenteuer, die zu unsern Zeiten erlebt worden. Für mich aber, einen – obschon unwürdigen – Priester, ist es schon genug, mich auf die Kruppe eines Maultiers dieser Herrschaften zu setzen, die mit Euer Gnaden des Weges ziehn, falls es ihnen nicht zuwider ist. Und auch auf solchem Sitze schon wird es mir sein, als ritte ich auf dem Pferde Pegasus, ja auf dem Zebra oder Schlachtroß, das jenen berühmten Mohren Muzaraque trug, der noch heutigen Tages in dem breiten Hügel Zulema verzaubert liegt, nicht fern von der berühmten Stadt Complutum.« »Daran hatte ich wirklich nicht gedacht, mein geehrter Herr Lizentiat«, erwiderte Don Quijote, »und ich bin überzeugt, meine gnädige Prinzessin wird geruhen, aus Gefälligkeit gegen mich, ihrem Knappen zu befehlen, daß er Euer Hochwürden den Sitz auf dem Sattel seines Maultiers einräume; er aber kann sich auf die Kruppe setzen, falls das Tier es verträgt.« »Gewiß verträgt es das, soviel ich glaube«, versetzte die Prinzessin, »und ich weiß auch, daß es nicht nötig ist, solches meinem Herrn Knappen anzubefehlen; denn er ist so höflich und von feiner Sitte, daß er nicht zugeben wird, daß ein geistlicher Herr zu Fuße geht, wenn die Möglichkeit vorhanden ist, daß er reite.« »So ist es«, sagte der Barbier, stieg im Nu ab und bot dem Pfarrer den Sattel an; und dieser nahm ihn ein, ohne sich lange bitten zu lassen. Aber das Schlimme dabei war, daß, als der Barbier auf die Kruppe steigen wollte, das Maultier, das ein Mietgaul war – was zur Genüge besagt, daß es bösartig war –, die Hinterfüße in die Höhe warf und ein paarmal so mächtig ausschlug, daß, wenn es den Meister Nikolas auf Brust oder Kopf getroffen hätte, er sich seine Reise zur Auffindung Don Quijotes zum Teufel gewünscht hätte. Aber auch so schon erschrak er darob so heftig, daß er zu Boden stürzte und dabei so wenig acht auf den Bart hatte, daß er ihm abfiel. Als er sich nun ohne Bart sah, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß er sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckte und jammerte, es seien ihm die Backenzähne ausgeschlagen. Als Don Quijote diesen ganzen Knäuel Bart ohne Kinnbacken und ohne Blut weit von dem Gesicht des hingestürzten Knappen liegen sah, sprach er: »So mir Gott helfe, das ist ein großes Wunder! Das Tier hat ihm den Bart abgeschlagen und aus dem Gesichte gerissen, grade als hätte man ihn vorsätzlich abgeschnitten.« Der Pfarrer sah, wie sein Anschlag Gefahr lief, aufgedeckt zu werden, holte den Bart in aller Eile und brachte ihn zu der Stelle, wo Meister Nikolas noch schreiend lag, drückte dessen Kopf an seine Brust und setzte ihm den Bart mit einem Ruck wieder an, wobei er etliches murmelte, was, wie er sagte, ein Zaubersegen sei, der die Kraft habe, Bärte festzumachen, wie sie gleich sehen würden. Als er ihm nun den Bart wieder angelegt hatte, trat er zur Seite, und da zeigte sich der Barbier so heil und so wohlbebartet als vorher. Darob verwunderte sich Don Quijote über die Maßen und bat den Pfarrer, wenn er Gelegenheit dazu finde, möge er ihn den Zauberspruch lehren; denn er meine, dessen Kraft müsse sich noch auf viel mehr als auf das Ansetzen von Bärten erstrecken. Es sei doch klar, daß da, wo der Bart ausgerissen worden, Haut und Fleisch wund und zerrissen sein müßten; da aber der Spruch all dieses heile, so sei er für noch andres als den Bart mit Nutzen zu gebrauchen. »Allerdings ist das der Fall«, entgegnete der Pfarrer und versprach, ihn den Spruch bei erster Gelegenheit zu lehren. Sie kamen nun überein, für jetzt solle der Pfarrer aufsteigen, und die andern drei sollten streckenweise mit ihm abwechseln, bis sie zu der Schenke kämen, die noch etwa zwei Meilen entfernt sein müsse. Während so drei ritten, nämlich Don Quijote, die Prinzessin und der Pfarrer, und drei zu Fuß gingen, Cardenio, der Barbier und Sancho Pansa, sprach Don Quijote zu dem Fräulein: »Herrin mein, Eure Hoheit wolle die Führung übernehmen, wohin Euch zumeist Begehr ist.« Bevor sie antworten konnte, sprach der Lizentiat: »Zu welchem Reiche will Eure Herrlichkeit uns führen? Vielleicht zum Königreich Mikomikón? Ja, so muß es sein, oder ich verstehe mich schlecht auf Königreiche.« Dorotea verstand, sie merkte, daß sie ja antworten müsse, und sagte demgemäß: »Ja, Herr Lizentiat, zu diesem Königreiche geht mein Weg.« »Wenn dem so ist«, sprach darauf der Pfarrer, »so müssen wir mitten durch mein Dorf reisen, und von da wird Euer Gnaden den Weg nach Cartagena einschlagen, wo Ihr Euch, so das Glück will, einschiffen könnt; und ist der Wind günstig, die See ruhig und ohne Stürme, so seid Ihr wohl in weniger als neun Jahren in Sicht des großen Sees Mäona, ich meine Mäotis, der wenig mehr als hundert Tagereisen diesseits von Euer Hoheit Königreich liegt.« »Euer Gnaden ist im Irrtum, werter Herr«, sprach sie, »denn es ist noch nicht zwei Jahre her, seit ich von dort abgereist bin, und wahrlich hatte ich dabei niemals gut Wetter. Und dessenungeachtet bin ich jetzt hierhergelangt, um hier zu erblicken, was ich so sehr ersehnte, nämlich den Herrn Don Quijote von der Mancha, von welchem, sobald ich den Fuß auf Spaniens Boden setzte, Kunde zu meinen Ohren drang; und diese Kunde ist's, die mich antrieb, ihn aufzusuchen, um mich seinem Edelmut zu befehlen und mein Recht dem Heldentum seines unbesieglichen Arms anzuvertrauen.« »Nicht weiter! Laßt ab von solchem Lobpreis«, sprach hier Don Quijote, »denn aller Art von Schmeichelei bin ich feind; und selbst wenn dies keine Schmeichelei wäre, so verletzen solche Reden doch immer meine keuschen Ohren. Was ich sagen kann, Herrin mein, ob ich nun Heldensinn besitze oder nicht – was ich davon besitze oder nicht besitze, soll Eurem Dienste gewidmet sein, bis ich des Lebens verlustig gehe. Und indem wir dies bis zu seiner Zeit beruhen lassen, bitte ich den Herrn Lizentiaten, mir zu sagen, welche Ursach ihn hierhergeführt hat, so ganz allein, ohne Diener und so leicht gekleidet, daß ich darob wahrhaft erschrocken bin.« »Darauf werde ich kurz antworten«, erwiderte der Pfarrer. »Euer Gnaden wisse, daß ich mit Meister Nikolas, unserm Freund und Barbier, nach Sevilla ging, um gewisse Gelder zu erheben, die ein Verwandter von mir, der vor vielen Jahren nach Indien gegangen, mir geschickt hatte. Es war nicht wenig: es überstieg sechzigtausend vollgewichtige Pesos, was keine Kleinigkeit ist. Als wir aber gestern durch diese Gegend kamen, überfielen uns vier Räuber und nahmen uns alles ab, ja selbst den Bart, und dergestalt haben sie uns ihn abgenommen, daß der Barbier sich einen falschen ansetzen mußte; und auch diesen jungen Mann« – hier zeigte er auf Cardenio – »haben sie übel zugerichtet und aller Habe beraubt. Und das Schönste bei der Sache ist, daß man in der ganzen Umgegend sich erzählt, unsre Räuber gehören zu einer Kette Galeerensklaven, die gerade hier in der Nähe ein tapferer Mann befreit hat, ein Mann von solcher Heldenkraft, daß er sie trotz dem Kommissär und den Wächtern von den Fesseln losmachte. Der Mann muß gewiß nicht bei Verstande sein oder ein ebenso arger Schurke wie sie selber oder ein Mensch ohne Herz und ohne Gewissen, da er den Wolf unter die Schafe losließ, den Fuchs unter die Hühner, die Mücke unter die Honigtöpfe. Er wollte die Gerechtigkeit betrügen, wider seinen König und angestammten Herrn sich auflehnen, da er gegen dessen gerechte Gebote handelte; er wollte, sag ich, die Galeeren ihrer Arme berauben, die Heilige Brüderschaft in Aufruhr bringen, sie, die schon seit vielen Jahren ruhte; kurz, er wollte eine Tat ausführen, die seiner Seele Verderben und seinem Leibe keinen Gewinn bringen wird.« Sancho hatte dem Pfarrer und dem Barbier das Abenteuer mit den Galeerensklaven erzählt, das sein Herr so ruhmvoll zu Ende gebracht, und deshalb drückte sich der Pfarrer bei seiner Erzählung so stark aus, um zu sehen, was Don Quijote sagen oder tun werde. Der aber wechselte die Farbe bei jedem Wort und wagte nicht zu sagen, daß er der Befreier dieser Biedermänner gewesen. »Diese also«, sagte der Pfarrer, »waren es, die uns beraubten, und Gott in seiner Barmherzigkeit verzeihe es jenem, der nicht zuließ, sie ihrer wohlverdienten Strafe zuzuführen.« 30. Kapitel Welches von der Klugheit der schönen Dorotea handelt, nebst andern sehr ergötzlichen und unterhaltenden Dingen Kaum hatte der Pfarrer geendet, so rief Sancho: »Nun, meiner Treu, Herr Lizentiat, der diese Heldentat getan, das war mein Herr, und nicht, als ob ich es ihm nicht vorher schon gesagt und ihn gewarnt hätte, er solle wohl bedenken, was er tue, und es sei eine Sünde, sie zu befreien, denn sie kämen auf die Galeeren, weil sie ausgemachte Schurken seien.« »Dummkopf«, fiel hier Don Quijote ein, »den fahrenden Ritter geht es nichts an, und es ist nicht seine Sache zu untersuchen, ob die Bekümmerten, mit Ketten Beladenen, Bedrückten, die er auf den Wegen antrifft, um ihrer Schuld willen oder um ihres Unglücks willen in solchem Aufzug umhergehen und sich in solchem Elend befinden; es ist seine Aufgabe, lediglich ihnen als Hilfsbedürftigen beizustehen, er hat auf ihre Leiden zu sehen und nicht auf ihre Schelmenstreiche. Ich traf einen wahren Rosenkranz, eine aufgereihte Schnur jammervoller unglückseliger Leute, und mit denen tat ich, was meine Ordenspflicht mir gebeut, und mit allem übrigen mag es werden, wie es will. Und wem das mißbehagt, mit Respekt vor der heiligen Würde des Herrn Lizentiaten und vor seiner hochgeehrten Person, dem sag ich, er versteht gar wenig in Sachen des Rittertums und lügt wie ein Hurensohn und schlechter Kerl, und das will ich ihm mit meinem Schwerte so beweisen, wie es anderswo ausführlicher geschrieben steht.« So sprach er, setzte sich in den Bügeln fest und drückte die Sturmhaube in die Stirn, denn die Barbierschüssel, die nach seiner Meinung der Helm des Mambrin war, hatte er so lang am vorderen Sattelknopf hängen, bis er sie von den Mißhandlungen, die sie von den Galeerensklaven erlitten, wieder heilen lassen könnte. Dorotea, die verständig und voll witziger Einfälle war, wollte, da sie Don Quijotes verschrobene Eigenheiten bereits wohl kannte und sah, daß alle, mit Ausnahme Sancho Pansas, ihn zum besten hielten, nicht zurückbleiben und sprach, als sie ihn so aufgebracht sah: »Herr Ritter, es möge Euer Gnaden im Angedenken bleiben, daß Ihr mir eine Vergünstigung zugesprochen habt und daß Ihr Euch in Gemäßheit derselben keines andern Abenteuers annehmen dürft, so dringlich auch selbiges sein möge. Beruhige Euer Gnaden Euer Herze; denn hätte der Herr Lizentiat gewußt, daß durch diesen nie besiegten Arm die Galeerensklaven ihre Befreiung erlangten, so hätte er sich lieber mit drei Stichen den Mund vernäht, ja, er hätte sich dreimal auf die Zunge gebissen, ehe er ein Wort gesagt hätte, so Euer Gnaden zum Ärgernis gereichte.« »Gewiß, darauf schwör ich«, versetzte der Pfarrer, »ja, ich hätte mir lieber den halben Schnurrbart abgeschnitten.« »So werd ich denn schweigen, Herrin mein«, sprach Don Quijote, »und werde den gerechten Zorn niederkämpfen, der bereits in meinem Busen emporgestiegen, und werde geruhig und friedsam einherziehen, bis daß ich Euch die zugesagte Vergünstigung ins Werk gesetzt. Aber zum Entgelt dieses redlichen Fürhabens bitte ich Euch, mir zu sagen, sofern es Euch nicht zur Unannehmlichkeit gereicht: von was für Art ist Eure Bedrängnis? Imgleichen, wie viele, wer und welcher Art sind die Feinde, an denen ich die Euch gebührende, zufriedenstellende und vollständige Rache zuwege bringen soll?« »Mit Freuden will ich dies tun«, antwortete Dorotea, »so es Euch nicht etwa beschwerlich fällt, großem Leid und Bedrängnissen Euer Ohr zu leihen.« »Solches wird mir nicht beschwerlich fallen«, entgegnete Don Quijote. Worauf Dorotea erwiderte: »Sintemalen dem so ist, so merket auf meine Rede, liebwerte Herren.« Kaum hatte sie dies gesagt, so stellten sich Cardenio und der Barbier ihr zur Seite, begierig, zu vernehmen, wie sich die kluge Dorotea ihre Geschichte ersinnen werde. Das nämliche tat Sancho, der aber ebenso in Täuschung über sie befangen war wie sein Herr. Sie aber, nachdem sie sich im Sattel zurechtgesetzt und sich mit Husten und allerhand Bewegungen zum Sprechen vorbereitet, begann folgendermaßen: »Zuvörderst will ich Euch wissen lassen, meine hochpreislichen Herren, ich heiße ...« Hier stockte sie; denn ihr war der Name entfallen, den der Pfarrer ihr beigelegt hatte. Er aber kam ihr zu Hilfe, denn er merkte wohl, wo sie der Schuh drückte, und sprach: »Es ist kein Wunder, gnädiges Fräulein, daß Euer Hoheit in Verwirrung gerät und außer Fassung kommt beim Erzählen so trüber Schicksale, die es ja in der Regel an sich haben, daß sie dem von ihnen Gequälten oftmalen das Gedächtnis rauben, dergestalt, daß er sich nicht einmal seines eigenen Namens erinnert; und so haben Eure Schicksale mit Eurer Herrlichkeit getan, da es Euch entfallen ist, daß Ihr Euch die Prinzessin Míkomikona nennt, die Erbin des großen Königreichs Mikomikón. Mit diesem Fingerzeig wird Eure Hoheit alles, was Euch zu berichten beliebt, leichtlich wieder in Hochdero vom Schmerz angegriffenes Gedächtnis zurückbringen.« »So ist es in der Tat«, entgegnete das Fräulein, »und nun glaub ich, wird es hinfüro nicht mehr erforderlich sein, mir einen Fingerzeig zu geben; ich denke, ich werde mit meiner wahrhaften Geschichte glücklich in den Hafen einlaufen. Die aber ist, daß der König, mein Vater, welcher Tinakrio der Weise hieß, hochgelahrt war in der Kunst, so man Magie benennt. Durch seine Wissenschaft brachte er es heraus, daß meine Mutter, welche Königin Jaramilla hieß, früher als er sterben, er aber bald darauf ebenfalls aus diesem Leben scheiden müßte und ich als vater- und mutterlose Waise zurückbleiben würde. Dies jedoch bekümmerte ihn, wie er sagte, nicht so sehr, als ihn die klar von ihm erkannte Gewißheit beängstigte, daß ein ungeschlachter Riese, der Beherrscher einer großen Insel, die fast an unser Reich grenzt, namens Pandafílando mit dem finstern Blick – also genannt, weil es eine ausgemachte Sache ist, daß er, wiewohl seine Augen an ihrer richtigen Stelle stehen und gradaus sehen, dennoch immer scheel blickt, als ob er wirklich schielte; das tut er aber aus Bosheit und um jeden, den er ansieht, in Furcht und Schrecken zu setzen –, also, sag ich, mein Vater sah voraus, daß selbiger Riese, sobald er meine Verwaisung erführe, mit großer Macht mein Reich überziehen und es vollständig raube und mir nicht ein einzig Dorf als Zufluchtstätte übriglassen würde. Zwar wußte er auch, daß ich all diesem Verderben, all diesem Unheil entgehen könne, wenn ich mich mit ihm vermählen wollte; allein seines Erachtens durfte er nicht glauben, es werde mir je in den Sinn kommen, eine so ungleiche Ehe einzugehen. Und darin sagte er die reine Wahrheit; denn es fiel mir nicht im entferntesten ein, mich mit selbigem Riesen zu verehelichen; aber ebensowenig mit einem andern, und wenn er auch noch so groß und ungeheuerlich wäre. Mein Vater sagte mir ferner, sobald er tot sei und ich den Pandafílando in mein Reich einbrechen sähe, solle ich mich nicht etwa damit aufhalten, mich zur Wehr zu setzen, weil ich mich dadurch zugrunde richten würde; sondern ich solle ihm das Königreich frei und ohne Hindernis überlassen, wenn ich vermeiden wolle, mich dem Tod und meine guten, getreuen Untertanen dem völligen Verderben preiszugeben; denn es werde unmöglich sein, mich vor der teuflischen Kraft des Riesen zu schirmen. Vielmehr solle ich sofort mit etlichen meiner Leute mich auf den Weg nach den hispanischen Landen begeben, wo ich Rettung aus meinen Nöten finden, nämlich einen fahrenden Ritter treffen würde, dessen Ruhm zu diesen Zeiten über dieses ganze Reich verbreitet sei, und selbiger Ritter solle, wenn ich mich recht erinnere, Don Gesotten oder Dunkelschote heißen.« »›Don Quijote‹ wird er gesagt haben«, fiel hier Sancho Pansa ein, »oder mit andern Worten: Der Ritter von der traurigen Gestalt.« »So ist's in Wirklichkeit«, sprach Dorotea. »Ferner sagte mein Vater, der Ritter werde hoch von Wuchs und hager von Gesicht sein und werde auf der rechten Seite unter der linken Schulter oder nahe dabei ein braunes Muttermal mit Haaren wie Borsten haben.« Als Don Quijote das hörte, sprach er zu seinem Schildknappen: »Komm her, mein Sohn Sancho, hilf mir die Kleider ablegen; ich will nachsehen, ob ich der Ritter bin, von dem jener gelahrte König geweissagt hat.« »Warum will denn Euer Gnaden die Kleider ablegen?« fragte Dorotea. »Um zu sehen, ob ich das Muttermal habe, von welchem Euer Vater gesprochen hat«, antwortete Don Quijote. »Dazu ist kein Auskleiden vonnöten«, sprach Sancho, »weiß ich ja doch, daß Euer Gnaden ein Muttermal mit den besagten Merkmalen mitten auf dem Rückgrat hat, ein Zeichen, daß Ihr ein Mann von großen Kräften seid.« »Das genügt«, sprach Dorotea, »denn unter guten Freunden muß man nicht auf Kleinigkeiten sehen, und ob es an der Schulter oder am Rückgrat ist, tut wenig zur Sache; genug, daß ein Muttermal vorhanden ist, und da mag es denn sein, wo es wolle, sintemal alles doch ein Fleisch ist. Und ohne Zweifel hat mein Vater in allem das Richtige getroffen, und auch ich hab's getroffen, indem ich meine Sache dem Herrn Don Quijote anbefahl. Er ist's offenbar, von dem mein Vater gesprochen, da die Merkzeichen des Gesichts zu denen des hohen Rufes stimmen, dessen dieser Ritter nicht nur in Spanien, sondern in der ganzen Mancha genießt. Denn kaum war ich in Osuna gelandet, da hörte ich von ihm so viel Heldentaten erzählen, daß mir gleich mein Herz sagte, er müsse der nämliche sein, den ich aufzusuchen gekommen.« »Aber Herrin mein, wie kann Euer Gnaden in Osuna gelandet sein«, fragte Don Quijote, »wenn es doch kein Seehafen ist?« Ehe jedoch Dorotea noch antworten konnte, kam der Pfarrer zuvor und sagte: »Gewiß hat die gnädige Prinzessin sagen wollen, daß nach ihrer Landung zu Malaga der erste Ort, wo sie Kunde von Euer Gnaden erhielt, Osuna war.« »So habe ich sagen wollen«, sprach Dorotea. »Und so ist's in Richtigkeit«, versetzte der Pfarrer. »Euer Majestät wolle nur weitersprechen.« »Es ist da nichts weiterzusprechen«, entgegnete Dorotea, »als daß letztlich mein Schicksal, indem es mich den Herrn Don Quijote auffinden ließ, sich so günstig gestaltet hat, daß ich mich schon für die Königin und Herrin meines gesamten Reiches ansehe und erachte, sintemalen er nach seiner edlen Sitte und Großherzigkeit mir die Vergünstigung zugesagt hat, mit mir hinzuziehen, wohin ich ihn führen werde; und führen will ich ihn nirgends anderswohin, als wo ich ihn dem Pandafílando mit dem finstern Gesicht gegenüberstelle, damit er ihn töte und mir das wiedererstatte, was der Riese sich widerrechtlich angemaßt hat. Und all dies wird nach Herzenswunsch geschehen; denn so hat es geweissagt Tinakrio der Weise, mein edler Vater. Selbiger hinterließ auch mündlich und schriftlich in chaldäischer Schrift oder in griechischer – denn lesen kann ich sie nicht –: Wenn dieser Ritter, von welchem er geweissagt, den Riesen geköpft hat und sich dann mit mir vermählen will, so solle ich auf der Stelle und ohne Widerrede mich ihm zu seiner rechtmäßigen Ehegattin überantworten und ihm den Besitz meines Königreiches zugleich mit dem meiner Person gewähren.« »Wie bedünkt dich das, Freund Sancho?« fiel hier Don Quijote ein, »hörst du, was vorgeht? Sagte ich dir es nicht? Sieh nun, ob wir nicht alsbald ein Königreich zu beherrschen und eine Königin zu heiraten bekommen!« »Darauf will ich einen Eid leisten«, sprach Sancho, »ein lumpiger Bankert, der sich nicht gleich verheiratet, sowie er dem Herrn Pantoffelhand die Kehle abgeschnitten hat! Denn, potz! wie ist die Königin so häßlich! Ich wollte, es täte jeder Floh in meinem Bett sich in so was verwandeln!« Und mit diesen Worten machte er ein paar Luftsprünge und schlug sich dabei auf die Fußsohlen mit Freudenbezeigungen über alles Maß, faßte sofort die Zügel von Doroteas Maulesel und hielt ihn an, warf sich auf die Knie vor ihr und bat sie, ihm die Hände zu reichen, damit er zum Zeichen, daß er sie zu seiner Königin und Gebieterin annehme, einen Kuß daraufdrücken dürfe. Wer von den Umstehenden hätte beim Anblick der Verrücktheit des Herrn und der Einfalt des Dieners nicht lachen müssen? Dorotea reichte ihm wirklich die Hände und verhieß, ihn zu einem großen Herrn in ihrem Reiche zu machen, falls der Himmel ihr das Glück verleihe, daß sie es wiedererlange und besitze. Sancho dankte ihr dafür mit solchen Ausdrücken, daß er bei allen lautes Gelächter hervorrief. »Dieses also, meine Herren«, fuhr Dorotea jetzt fort, »ist meine Geschichte; es erübrigt mir nur noch, euch zu sagen, daß von all dem Geleite, das ich aus meinem Reiche mitnahm, mir allein dieser biedre bärtige Knappe übriggeblieben; die andern alle sind in einem heftigen Sturm angesichts des Hafens ertrunken. Er und ich sind wie durch ein Wunder auf zwei Brettern ans Land entkommen; und so ist der Verlauf meines Lebens durchaus Wunder und verborgenes Rätsel, wie ihr bemerkt haben werdet. Wenn ich aber in irgendeinem Punkte zu weitläufig gewesen bin oder nicht so ganz das Richtige gesagt, wie ich sollte, so werft die Schuld auf den Umstand, welchen der Herr Lizentiat zu Anfang meiner Erzählung hervorhob, daß langdauernde und ungewöhnliche Nöte dem das Gedächtnis rauben, der sie erleidet.« »Mir, erhabene und hochgemute Prinzessin«, sprach Don Quijote, »sollen es all die Nöte nicht rauben, die ich zu Eurem Dienst ertragen werde, so groß und unerhört sie auch sein mögen. Und so bestätige ich aufs neue die Vergünstigung, so ich Euch zugesagt habe, und schwöre, mit Euch bis ans Ende der Welt zu ziehen, bis ich mich Eurem ingrimmigen Feinde gegenübersehe, welchem ich gedenke durch die Hilfe Gottes und meines Armes Stärke den Kopf abzuschlagen mit der Schneide dieses, ich will nicht sagen guten Schwertes, dank dem Ginés von Pasamonte, der mir das meinige geraubt hat.« Die letzten Worte murmelte er zwischen den Zähnen und fuhr dann fort: »Und habe ich ihm den Kopf abgehauen und Euch in friedlichen Besitz Eures Landes gesetzt, dann soll es Eurem Willen anheimgestellt sein, über Eure Person so zu verfügen, wie es hinfüro Euch belieben mag. Denn solang mein Gedächtnis anderwärts in Beschlag genommen, mein Wille gefangen, meine Denkfähigkeit verloren ist um jener Holden willen, die ... ich sage nicht mehr! ... so lange ist es mir nicht vergönnt, auch nur in Gedanken der Möglichkeit einer Vermählung ins Auge zu schauen, und wäre es mit dem Vogel Phönix selber.« So großes Mißfallen hatte Sancho an den letzten Worten, die sein Herr über das Ablehnen der Verheiratung sprach, daß er mit gewaltigem Ärger die Stimme erhob und sprach: »Verdammt sei ich! Bei Gott, ich schwör's, daß Euer Gnaden, Herr Don Quijote, nicht bei vollem Verstand ist. Denn wie ist's möglich, daß Euer Gnaden nur im Zweifel sein kann, ob Ihr eine so hohe Prinzessin wie diese heiraten wollt? Glaubt Ihr etwa, das Schicksal wird Euch hinter jedem Chausseestein ein solches Glück bieten, wie es Euch jetzt geboten wird? Ist vielleicht unser Fräulein Dulcinea schöner? Wahrhaftig nicht, nicht einmal halb so schön; ja, ich darf sagen, daß sie dem Fräulein hier nicht das Wasser reicht. Wenn es so geht, zum Henker! wie soll ich die Grafschaft kriegen, auf die ich warte, wenn Euer Gnaden Artischocken auf hoher See suchen will? Heiratet, heiratet auf der Stelle, und mag Euch der Satanas behilflich sein, und nehmt mir dies Königreich, das Euch mit Kußhänden zugeworfen wird, und wenn Ihr König seid, macht mich zum Markgrafen oder zum Statthalter, und hernach mag meinetwegen der Teufel die ganze Welt holen.« Don Quijote, der solche Lästerungen gegen seine Herrin Dulcinea ausstoßen hörte, konnte das nicht aushalten; er erhob seinen Spieß, und ohne den Mund nur einmal aufzutun, versetzte er ihm zwei so mächtige Streiche, daß er ihn zu Boden warf, und hätte nicht Dorotea laut aufgeschrien, er solle doch mit Schlägen einhalten, so hätte er ihm sicher auf der Stelle das Leben genommen. »Denkt Er«, sagte er zu ihm nach einer kleinen Weile, »Er Bauernflegel, es soll immer so gehen, daß ich die Hände in die Hosen stecke, und es soll stets alles damit abgetan sein, daß Er sündigt und ich Ihm verzeihe? Oh, das bilde Er sich nicht ein, verfluchter Schurke; denn das bist du jedenfalls, sintemal deine Zunge die unvergleichliche Dulcinea anzutasten gewagt hat. Weißt du nicht, du Lump, du Bettler, du Taugenichts, wenn nicht die Kraft wäre, die sie meinem Arm eingießt, daß ich deren nicht so viel hätte, um nur einen Floh umzubringen? Sage Er doch, Er Schelm mit der Vipernzunge, wer hat das Königreich erobert und dem Riesen den Kopf abgeschlagen und Ihn zum Markgrafen gemacht – denn all dieses ist meines Erachtens schon so gut wie geschehen und ein für allemal abgemacht –, wer, wenn nicht Dulcineas Tapferkeit, die meinen Arm zum Werkzeug ihrer Heldentaten genommen hat? Sie kämpft in mir und siegt in mir, und in ihr lebe ich und atme und habe Leben und Dasein in ihr. Er Bankert, Er Schuft, wie undankbar ist Er! Sieht sich aus dem Staub der Erde erhoben zu einem Edelmann mit Rittergut, und eine so große Wohltat vergilt Er der Wohltäterin mit Lästerungen!« Sancho war nicht so übel zugerichtet, daß er nicht all die Worte seines Herrn deutlich vernommen hätte. Er erhob sich ganz hurtig vom Boden, nahm Deckung hinter Doroteas Zelter, und von dieser Schutzwehr aus sprach er zu seinem Herrn: »Sagt mir, Señor, wenn Euer Gnaden entschlossen ist, diese große Prinzessin nicht zu heiraten, so ist's klar, daß Ihr das große Königreich nicht bekommt, und wenn Ihr's nicht bekommt, welche Gnaden könnt Ihr mir erweisen? Das ist's eben, was mir weh tut. Heiratet, gnädiger Herr, heiratet unter allen Umständen diese Königin, wir haben sie ja zur Hand wie vom Himmel herabgeschneit, und nachher könnt Ihr immerhin wieder zu unserm Fräulein Dulcinea zurückkehren. Denn sicher hat es schon manchen König in der Welt gegeben, der sich eine Nebenfrau hielt. Den Punkt aber von wegen der Schönheit, da laß ich mich nicht drauf ein; denn in aller Wahrheit, wenn sie doch gesagt werden muß, beide gefallen mir, wiewohl ich das Fräulein Dulcinea niemals mit Augen gesehen.« »Wie kannst du sie nicht gesehen haben, gotteslästerlicher Verräter?« entgegnete Don Quijote. »Hast du mir nicht eben erst eine Botschaft von ihr gebracht?« »Ich meine«, antwortete Sancho, »ich habe sie nicht mit genügsamer Muße angesehen, um mir ihre Schönheit im einzelnen und ihre Vorzüge Punkt für Punkt zu merken; aber so im ganzen gefällt sie mir.« »Nun, hiernach will ich dir deine Schuld nachsehen«, sprach Don Quijote, »vergib auch du mir die Kränkung, die ich dir zugefügt, die ersten Regungen hat der Mensch nicht in seiner Gewalt.« »Das seh ich wohl«, erwiderte Sancho, »und so ist bei mir die Lust zu plaudern immer die erste Regung, und ich kann's nicht lassen, wenigstens einmal herauszusagen, was mir auf die Zunge kommt.« »Trotzdem«, sprach Don Quijote, »bedenke, Sancho, was du sprichst; denn der Krug geht so lange zum Brunnen ... Weiter sag ich nichts.« »Schon gut«, entgegnete Sancho, »es lebt ein Gott im Himmel, der sieht die Fallstricke, die dem Menschen gelegt werden, und wird Richter sein, wer von uns beiden sich ärger versündigt, ich, wenn ich unrecht rede, oder Ihr, wenn Ihr unrecht handelt.« »Laßt nun genug sein«, sprach Dorotea, »eilet hin, Sancho, und küßt Eurem Herrn die Hand, bittet ihn um Verzeihung und nehmt Euch fürderhin besser in Obacht bei Eurem Loben und Tadeln und sagt jener Dame Toboso nichts mehr Böses nach, von der ich nichts weiter weiß, als daß ich ihr zu Diensten bereit bin. Vertraut auf den lieben Gott, und es wird Euch nicht an einem Erbgut fehlen, wo Ihr wie ein Prinz leben könnt.« Sancho ging gesenkten Hauptes hin und bat seinen Herrn um die Hand; dieser reichte sie ihm mit ernster Haltung zum Kusse und gab ihm dann seinen Segen. Hierauf sagte der Ritter zu Sancho, sie wollten ein wenig vorangehen; er habe wichtige Dinge ihn zu fragen und mit ihm zu besprechen. Sancho tat also. Die beiden gingen den andern eine kleine Strecke voraus, und Don Quijote sprach: »Seit du gekommen bist, habe ich weder Gelegenheit noch Muße gefunden, um dich nach mancherlei Umständen betreffs der Botschaft, die du hingetragen, und der Antwort, die du gebracht hast, zu fragen; jetzt aber, da der Zufall uns Zeit und Gelegenheit vergönnt hat, so versage du mir nicht die Glückseligkeit, die du mir durch so erfreuliche Kunde verschaffen kannst.« »Fragt, edler Herr«, entgegnete Sancho, »soviel Ihr nur wollt, und ich will mit allem ebensogut zu Ende kommen, wie ich den Anfang gemacht habe. – Aber, Herre mein, eins bitt ich Euer Gnaden, tragt mir doch fürderhin nicht alles so lange nach.« »Weshalb sagst du dieses, Sancho?« fragte Don Quijote. »Deshalb«, antwortete Sancho, »weil die Prügel von soeben doch mehr für den Streit ausgeteilt wurden, den neulich des Nachts der Teufel zwischen uns beiden angezettelt, als für meine heutigen Äußerungen wider Fräulein Dulcinea, welche wie eines heiligen Märtyrers Gebresten – wiewohl sie keines an sich hat – von mir geschätzt und verehrt wird, bloß weil sie Euer Gnaden angehört.« »Fang nicht wieder davon an, Sancho, so dir dein Leben lieb ist«, entgegnete Don Quijote, »denn das macht mir Verdruß; damals habe ich dir verziehen, aber du weißt, neue Sünde fordert neue Buße.« Während die beiden sich in diesem Gespräch ergingen, sagte der Pfarrer zu Dorotea, sie habe sich sehr klug gezeigt sowohl in der Erzählung und deren Kürze als auch in der Ähnlichkeit, die diese mit den Ritterbüchern hatte. Sie erwiderte, gar oft habe sie sich mit dem Lesen solcher Bücher unterhalten, aber freilich wisse sie nichts von der Lage der Provinzen und Seehäfen, und so habe sie auf gut Glück gesagt, sie sei in Osuna gelandet. »So habe ich es mir gedacht«, sprach der Pfarrer, »und deshalb kam ich gleich mit meiner Bemerkung zu Hilfe, durch die alles wieder ins rechte Geleise gebracht wurde. Aber ist es nicht erstaunlich, wie leichtgläubig der unselige Junker all diese Erfindungen und Lügen für wahr hinnimmt, bloß weil sie den Stil der Albernheiten aus seinen Büchern an sich tragen?« »Freilich«, sprach Cardenio, »und so merkwürdig und unerhört ist diese Leichtgläubigkeit, daß, wenn man sie lügnerisch erfinden und mit Kunst ersinnen wollte, ich nicht glaube, daß es einen so geistreichen Schriftsteller gäbe, um auf so etwas zu kommen.« »Es ist aber noch etwas andres dabei«, sagte der Pfarrer. »Sieht man von den Albernheiten ab, die dieser wackre Junker vorbringt, wenn es sich um seine närrischen Einbildungen handelt, so sind alle seine Äußerungen höchst vernünftig, sobald man mit ihm über andre Dinge redet, und bewähren in ihm einen hellen heiteren Geist, so daß ein jeder ihn, vorausgesetzt, daß man nicht an sein Ritterwesen rührt, für einen Mann von durchaus gesundem Verstande halten muß.« Während sich diese in solcher Unterhaltung ergingen, setzte Don Quijote die seinige fort und sprach zu Sancho: »Laß uns, Freund Sancho, unsere Zänkereien ins Meer versenken, und sage mir jetzt, ohne daß du dem Ärger und Groll Raum gibst, wo, wie und wann hast du Dulcinea gefunden? Womit beschäftigte sie sich? Was für ein Gesicht machte sie, als sie meinen Brief las? Wer hat ihn dir abgeschrieben? Kurz, sage alles, was in diesem Falle du des Wissens, Erfragens, Beantwortens wert erachtest, ohne daß du etwas hinzusetzest oder erlügest, um mir Angenehmes zu erweisen, oder etwas abkürzest, um mich etwas Unangenehmes nicht hören zu lassen.« »Señor«, antwortete Sancho, »wenn ich doch die Wahrheit sagen soll, so hat mir niemand den Brief abgeschrieben; denn ich habe den Brief gar nicht mitgenommen.« »Es ist so, wie du sagst«, sprach Don Quijote, »denn das Notizbüchlein, in das ich ihn schrieb, habe ich zwei Tage nach deinem Weggang in meinem Besitz gefunden. Es war mir das höchst unangenehm, weil ich mir nicht vorstellen konnte, was du anfangen solltest, wenn du das Fehlen des Briefes bemerken würdest, und ich dachte beständig, du würdest umkehren, sobald du ihn vermißtest.« »Das wäre auch geschehen«, entgegnete Sancho, »hätte ich mir ihn nicht ins Gedächtnis eingeprägt, als Euer Gnaden ihn mir vorlas. Da konnte ich ihn denn einem Küster vorsagen, der ihn mir aus dem Kopfe niederschrieb, Punkt für Punkt, so daß er mir sagte, er habe zwar schon viele geistliche Bannbriefe gelesen, doch nie einen so hübschen Brief wie diesen.« »Hast du ihn noch im Gedächtnis, Sancho?« fragte Don Quijote. »Nein, Señor«, antwortete Sancho. »Sobald ich ihn hergegeben hatte und sah, daß er mir zu nichts mehr nütze war, verlegte ich mich drauf, ihn zu vergessen. Wenn mir doch noch was in der Erinnerung ist, so ist es der Satz von der fürchterlichen, ich will sagen fürstlichen Gebieterin und der Schluß: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von der traurigen Gestalt . Und inmitten zwischen diese zwei Stellen setzte ich mehr als dreihundert ›Herzliebchen‹ und ›mein Leben‹ und ›Licht meiner Augen‹.« 31. Kapitel Von der ergötzlichen Zwiesprache, die Don Quijote und sein Schildknappe Sancho Pansa miteinander hielten, nebst andern Begebnissen »All dieses mißbehagt mir keineswegs«, sprach Don Quijote, »fahre fort. Du kamst also hin, und womit beschäftigte sich die Königin der Schönheit? Sicher fandest du sie, wie sie Perlen aufreihte oder mit Goldfaden eine neue Devise für mich, den in ihren Fesseln liegenden Ritter, stickte.« »So hab ich sie nicht gefunden«, entgegnete Sancho, »sondern wie sie auf ihrem Hof zwei Scheffel Weizen siebte.« »Dann sei gewiß«, sagte Don Quijote, »die Körner dieses Weizens waren, von ihrer Hand berührt, eitel Perlenkörner. Und wenn du genau hingesehen hast, Freund, war der Weizen von der guten oder rötlichen Art?« »Es war nichts andres als gemeiner gelber Weizen«, antwortete Sancho. »Nun, dann versichere ich dir«, sprach Don Quijote, »von ihren Händen gesiebt, gab er ohne Zweifel das feinste Semmelbrot. Doch weiter: als du ihr meinen Brief überreichtest, hat sie ihn geküßt? Hat sie mit ihm die Stirn berührt? Hat sie ihn mit jener Feierlichkeit empfangen, wie sie eines solchen Briefes würdig war? Oder was hat sie überhaupt getan?« »Als ich ihn ihr reichen wollte«, antwortete Sancho, »hatte sie gerade eine tüchtige Menge Weizen im Sieb und war mitten im heftigsten Schütteln, da sagte sie zu mir: ›Lieber Freund, legt mir den Brief auf den Sack dort; ich kann ihn nicht lesen, bis ich den ganzen Vorrat hier fertig gesiebt habe.‹« »Wie verständig!« sprach Don Quijote, »sie tat dies jedenfalls, um ihn mit Muße zu lesen und sich an ihm zu ergötzen. Weiter, Sancho: Während sie bei ihrer Beschäftigung war, welche Zwiesprache hielt sie mit dir? Was fragte sie dich über mich? Und du, was hast du ihr geantwortet? Komm einmal zu Ende, erzähle mir alles, nicht eine Achtelnote darfst du auslassen.« »Sie hat mich gar nichts gefragt«, sprach Sancho, »ich aber erzählte ihr, wie es Euch aus Liebe zu ihr erginge, indem Ihr Euch kasteiet, vom Gürtel aufwärts entblößt, in diesem Gebirge steckend, als ob Ihr ein Wilder wäret, auf dem Erdboden schlafend, ohne je auf einem Tischtuch zu essen, ohne Euch den Bart zu kämmen, Euer Schicksal beweinend und verwünschend.« »Wenn du gesagt hast, ich verwünsche mein Schicksal, so muß ich deine Worte verwünschen«, sagte Don Quijote. »Denn ich segne es vielmehr und werde es zeit meines Lebens segnen, daß es mich der Gunst würdig gemacht hat, eine so hohe Gebieterin wie Dulcinea von Toboso zu lieben.« »Ja, so hoch ist sie«, versetzte Sancho, »daß sie mir wahrhaftig um mehr als eine Faust über ist.« »Wie, Sancho«, fragte Don Quijote, »hast du dich mit ihr gemessen?« »Wir haben uns auf die Weise gemessen«, antwortete Sancho, »daß wir, als ich herzuging, um ihr einen Sack Weizen auf einen Esel laden zu helfen, so nahe zusammenkamen, daß ich sehen konnte, sie sei um eine gute Handbreit größer als ich.« »Aber bekleidet und schmückt sie diese Körpergröße nicht mit tausend Millionen Reizen der Seele?« rief Don Quijote. »Und eines wirst du mir nicht in Abrede stellen, Sancho: als du ihr so nahe kamst, Sancho, spürtest du da nicht einen sabäischen Wohlgeruch, einen balsamischen Hauch, ein ich weiß nicht was Fürtreffliches, das ich nicht zu nennen imstande bin, ich meine einen Duft oder Dunst, als ob du im Laden eines feinen Handschuhmachers wärest?« »Ich kann weiter nichts sagen«, entgegnete Sancho, »als daß ich so ein gewisses männliches Gerüchlein verspürte, und das kam wohl daher, daß sie von der vielen Arbeit schwitzte und schier triefte.« »Das kann's nicht gewesen sein«, sprach Don Quijote, »sondern du hast sicher den Schnupfen gehabt oder mußt dich selbst gerochen haben; denn ich weiß gar wohl, wonach sie duftet, diese Rose unter Dornen, diese Lilie im Tal, diese flüssige Ambra.« »Das kann alles sein«, erwiderte Sancho, »denn häufig geht von mir der Geruch aus, der mir damals von des Fräuleins Dulcinea Gnaden auszugehen schien. Allein darüber darf man sich nicht verwundern; denn ein Teufel ist geradeso wie der andre.« »Nun gut«, fuhr Don Quijote fort, »sie hat also ihren Weizen jetzt fertig gesiebt und in die Mühle geschickt – wie benahm sie sich, als sie meinen Brief las?« »Den Brief«, sprach Sancho, »den hat sie gar nicht gelesen; denn sie sagte, sie könne nicht lesen noch schreiben; vielmehr zerriß sie ihn und zerstückte ihn in kleine Fetzen und sagte, sie wolle ihn niemandem zu lesen geben, damit man im Dorf nicht ihre Geheimnisse erfahre; und es sei schon hinreichend, was ich ihr mündlich über Euer Gnaden Liebe zu ihr gesagt und über die absonderliche Kasteiung, die Ihr von ihretwegen fortwährend übt. Und schließlich sagte sie mir, ich solle Euer Gnaden sagen, sie küsse Euch die Hände und trage mehr Lust, Euch zu sehen als Euch zu schreiben. Und sonach bitte und befehle sie Euch, nach Sicht des Gegenwärtigen sollt Ihr Euch aus diesen Wildnissen entfernen und sollt mit dem Verüben von Narreteien aufhören und sollt Euch gleich auf den Weg nach Toboso begeben, wenn Euch eben nichts Wichtigeres aufstoße; denn sie habe große Begier, Euer Gnaden zu sehen. Sie lachte mächtiglich, als ich ihr sagte, Euer Gnaden nenne sich den Ritter von der traurigen Gestalt. Ich fragte sie, ob der Biskayer von neulich gekommen sei; sie sagte mir, ja, und es sei ein sehr wackerer Mann. Auch fragte ich sie nach den Galeerensklaven; allein sie erwiderte mir, sie habe bisher keinen zu Gesicht bekommen.« »Soweit geht alles gut«, sprach Don Quijote. »Aber sage mir, welch ein Kleinod hat sie dir, da sie dich verabschiedete, für die Nachricht geschenkt, die du ihr von mir brachtest? Denn unter Rittern und Damen von der fahrenden Zunft ist es bräuchliche, alte Sitte, den Knappen, Zofen oder Zwergen, die den Rittern Nachricht von den Damen und diesen von ihren fahrenden Helden bringen, irgendein köstlich Kleinod zum Lohn zu verehren als Dank für ihre Botschaft.« »Das mag wohl so sein, und ich halte es für einen löblichen Brauch, allein das kann nur in vergangenen Zeiten so gewesen sein. Jetzt muß es nur Sitte sein, ein Stück Brot und Käse zu verehren; denn das war es, was mir das Fräulein Dulcinea über die Hofmauer hinüberreichte, als ich mich von ihr verabschiedete; ja, zum genaueren Wahrzeichen war es geringer Schafkäse.« »Sie ist freigebig über die Maßen«, entgegnete Don Quijote, »und wenn sie dir kein Kleinod von Gold gab, so war der Grund ohne Zweifel, daß sie im Augenblick keines zur Hand hatte. Doch ein warmer Rock ist auch nach Ostern noch zu brauchen: ich werde sie sehen, und es soll alles gutgemacht werden. Weißt du, was mich wundert, Sancho? Daß es mich bedünkt, du seiest durch die Lüfte hingeeilt und zurückgekommen; denn du bist von hier bis Toboso hin und zurück kaum mehr als drei Tage geblieben, während es von hier bis dort über dreißig Meilen sind. Deshalb meine ich, jener gelahrte Schwarzkünstler, der sich meiner Angelegenheiten annimmt und mein Freund ist – denn notwendig ist ein solcher vorhanden und muß vorhanden sein, sonst wäre ich kein echter, rechter fahrender Ritter –, ich sage also, selbiger hat dir sicherlich zu reisen geholfen, ohne daß du es gemerkt hast. Denn es gibt Zauberer, die einen fahrenden Ritter entführen, derweil er in seinem Bette schläft, und ohne zu wissen, wie und wieso, erwacht er des andern Morgens mehr als tausend Meilen von dem Ort entfernt, wo er sich am Abend zuvor befunden. Und wenn es nicht in dieser Weise vor sich, ginge, so könnten die fahrenden Ritter nicht in ihren Fährlichkeiten einander zu Hilfe kommen, wie sie dies bei jeder Gelegenheit tun. So trifft es sich einmal, daß einer in den armenischen Gebirgen mit einem Drachen im Kampfe steht oder mit sonst einem grimmigen Ungetüm oder mit irgendeinem Ritter und im Gefechte den kürzeren zieht und schon auf dem Punkte steht, das Leben zu verlieren – und ehe ich mich's versehe, läßt sich hoch oben auf einer Wolke oder einem feurigen Wagen ein andrer Ritter sehen, sein Freund, der sich kurz vorher in England befand; der bringt ihm Hilfe und errettet ihn vom Tode, und am Abend sitzt er in seinem Wohngelaß und hält sein Nachtmahl nach Herzenslust. Und doch sind es gewöhnlich von einem Ort zum andern zwei-, dreitausend Meilen, und alles das geschieht durch Kunst und Wissen jener gelahrten Zauberer, so diese mannhaften Ritter in ihre Obhut nehmen. Sonach, Freund Sancho, fällt es mir nicht schwer zu glauben, daß du in so kurzer Zeit von diesem Ort nach Toboso hin- und zurückgekommen bist, da, wie gesagt, irgendein befreundeter Zauberkünstler dich sicherlich im Flug durch die Lüfte entführt hat, ohne daß du es merktest.« »So wird's gewesen sein«, sprach Sancho, »denn meiner Treu, Rosinante lief, als wäre er ein Zigeuneresel mit Quecksilber in den Ohren.« »Freilich muß er Quecksilber in den Ohren gehabt haben«, versetzte Don Quijote, »oder gar eine Legion Teufel; denn die sind Wesen, die ohne Ermüdung, und so weit es sie nur immer gelüstet, reisen und andern zu reisen helfen. Aber lassen wir das beiseite und sage mir: Was, meinst du, soll ich jetzt tun in Ansehung des Gebotes meiner Herrin, daß ich sofort vor ihr Angesicht treten soll? Denn wiewohl ich weiß, daß ich verpflichtet bin, ihrem Gebote zu gehorsamen, so sehe ich mich doch durch die Vergünstigung, die ich dieser Prinzessin, die sich bei uns befindet, zugesagt habe, in die Unmöglichkeit versetzt, es zu tun, und es nötigt mich das Gesetz des Rittertums, meinem Wort eher als meiner Neigung zu genügen. Einerseits peinigt und drängt mich das Verlangen, meine Herrin zu sehen, andererseits treibt und ruft mich meine feste Zusage wie auch der Ruhm, den ich bei diesem Unternehmen erlangen werde. Indessen, was ich zu tun gedenke, soll dieses sein: Ich will mich eiligst auf den Weg zu dem Riesen machen und, gleich wenn ich hinkomme, ihm den Kopf abhauen und die Prinzessin friedlich in ihr Reich einsetzen, und dann will ich unverweilt zurückkehren, um das Licht zu schauen, das all meine Sinne erleuchtet, und ich will ihr dann so bedeutsame Entschuldigungsgründe vorbringen, daß sie schließlich mein Zögern gutheißt, sintemal sie einsehen wird, daß alles zur Erhöhung ihrer Glorie und ihres Ruhmes gereicht. Denn alles, was ich durch die Waffen in diesem Leben mir gewonnen habe, gewinne und gewinnen werde, alles das wird mir nur dadurch zuteil, daß sie mir großgünstigen Beistand verleiht und daß ich der Ihrige bin.« »Oh, oh«, sprach Sancho, »wie arg geschädigt seid Ihr doch an Eurem Hirn! Sagt mir einmal, Señor, ist Euer Gnaden gesonnen, diese Kriegsfahrt vergeblich zu fahren und eine so reiche Heirat vorüber- und verlorengehen zu lassen wie diese, wo man Euch ein Königreich zur Mitgift reicht, welches, so hab ich's allen Ernstes sagen hören, mehr als zwanzigtausend Meilen im Umkreis hält und Überfluß an allem hat, was der Mensch zum Leben braucht, und größer ist als Portugal und Kastilien zusammen? Schweige mir um Gottes willen und schämt Euch dessen, was Ihr gesagt, und folgt meinem Rat und nehmt mir's nicht übel und heiratet gleich im ersten besten Dorf, wo sich ein Pfarrer findet, und wo nicht, so ist ja unser Lizentiat hier, der wird es aufs beste verrichten. Und merkt Euch, daß ich zum Ratgeben alt genug bin und daß der Rat, den ich Euch jetzt gebe, für Euch durchaus paßt: Besser ein Spatz in der Hand als zehn Tauben auf dem Dach; denn wer Gutes kann haben und Böses will, wird ihm Gutes erteilt, so schweige er still.« »Erwäge, Sancho«, entgegnete Don Quijote, »wenn du den Rat, mich zu verheiraten, deshalb gibst, damit ich nach Tötung des Riesen gleich König werde und die Macht habe, dir Gnaden zu erweisen und dir das Versprochene zu gewähren, so tu ich dir zu wissen, daß ich, auch ohne mich zu vermählen, deinen Wunsch sehr leicht erfüllen kann. Denn bevor ich in den Kampf ziehe, werde ich mir als Zugabe zu meiner Belohnung ausbedingen, daß, wenn ich ihn siegreich bestehe, auch falls ich nicht heirate, mir ein Teil des Königreichs übereignet werden muß, auf daß ich ihn jedem nach meiner Wahl schenken kann; und sobald man ihn mir übergibt, wem soll ich ihn schenken als dir?« »Das ist klar«, erwiderte Sancho, »jedoch beachte Euer Gnaden, daß Ihr mir ihn an der Seeküste aussucht, damit ich, wenn mir der Aufenthalt nicht behagt, meine schwarzen Untertanen einschiffen und mit ihnen anfangen kann, was ich schon gesagt habe. Auch dürft Ihr für jetzt nicht daran denken, Euch unserm Fräulein Dulcinea vorzustellen, sondern zieht hin und schlagt den Riesen tot, und da wollen wir die Sache zum Schluß bringen; denn bei Gott, ich bin überzeugt, es wird viel Ehre und viel Vorteil dabei herauskommen.« »Ich sage dir, Sancho«, sprach Don Quijote, »du hast ganz recht, ich werde deinen Rat annehmen, insofern er darauf hinausgeht, daß ich erst mit der Prinzessin hinziehe, bevor ich Dulcinea aufsuche. Und ich warne dich, daß du keinem, auch nicht denen, die jetzt unsre Begleiter sind, etwas von alledem erzählst, was wir hier gesprochen und verhandelt haben. Denn sintemal Dulcinea so zurückhaltend ist und nicht will, daß man ihre Gesinnungen kenne, so wäre es nicht wohlgetan, wenn ich oder ein andrer durch mich sie offenbaren würde.« »Aber wenn dem so ist«, sprach Sancho, »wie kann Euer Gnaden dann diejenigen, die Ihr durch Eures Armes Kraft besiegt, verpflichten wollen, daß sie hingehen und sich unserm Fräulein Dulcinea stellen, da dies geradesoviel heißt, wie mit Eurem Namen zu unterschreiben, daß Ihr sie von Herzen gerne habt und ihr Liebhaber seid? Und da es unerläßlich ist, daß alle, die hinkommen, sich vor ihr auf die Knie werfen und sagen müssen, daß sie von Euer Gnaden wegen kommen, um ihr Huldigung zu leisten, wie können da Euer beider Gefühle im verborgenen bleiben?« »O wie dumm, wie einfältig bist du!« versetzte Don Quijote. »Siehst du nicht, Sancho, daß all dieses zu ihrer größeren Verherrlichung gereicht? Denn du mußt wissen, Sancho, nach diesem unserm Ritterbrauch ist es eine große Ehre, wenn eine Dame viele fahrende Ritter hat, die ihr dienen, ohne daß deren Gedanken auf ein weiteres Ziel gehen, als ihr zu dienen und ihr einzig und allein deshalb zu dienen, weil sie die hohe Dame ist, die sie ist, und ohne einen andern Lohn für ihr vielfaches und tugendsames Streben zu erhoffen, als daß die Dame dareinwillige, sie zu ihren Rittern anzunehmen.« »Mit dieser Art Liebe«, sprach Sancho, »habe ich predigen hören, soll Gott lediglich um seiner selbst willen geliebt werden, ohne daß uns Hoffnung auf Himmelslohn oder Furcht vor Höllenstrafe treibt. Ich zwar möchte eher von dessentwegen, was er vermag, ihm meine Liebe und Dienste weihen.« »Ei, daß dich der Teufel, was für ein Bauernkerl!« sprach Don Quijote. »Was für gescheite Sachen gibst du auf einmal von dir! Es sieht geradeso aus, als hättest du studiert.« »Nein, aufs Wort, ich kann nicht einmal lesen«, entgegnete Sancho. Indem rief ihnen Meister Nikolas zu, ein wenig zu warten, sie wollten haltmachen, um an einem Brünnlein zu trinken, das sich dort fand. Don Quijote hielt an, zu Sanchos nicht geringem Vergnügen, der schon müde war, soviel lügen zu müssen, und besorgte, sein Herr möchte ihn mit seinen eignen Worten fangen; denn obgleich er wußte, daß Dulcinea eine Bäuerin aus Toboso war, so hatte er sie doch in seinem ganzen Leben nicht gesehen. Inzwischen hatte sich Cardenio die Kleider angezogen, die Dorotea trug, als sie sie fanden, und wiewohl nicht besonders gut, waren sie doch weit besser als die, welche er ablegte. Sie stiegen an der Quelle ab, und mit dem, was der Pfarrer sich in der Schenke hatte geben lassen, befriedigten sie, wenn auch nur ungenügend, den großen Hunger, den sie alle verspürten. Während sie damit beschäftigt waren, kam ein des Weges wandernder Bursche zufällig vorüber. Er betrachtete die an der Quelle sitzenden Leute mit großer Aufmerksamkeit, stürzte auf Don Quijote zu, schlang die Arme um dessen Beine, hob bitterlich zu weinen an und sprach: »O lieber Herr! Kennt mich Euer Gnaden nicht mehr? So seht mich genau an, ich bin jener Bursche Andrés, den Euer Gnaden von dem Eichbaum, an den ich gebunden war, losgemacht hat.« Don Quijote erkannte ihn, ergriff ihn bei der Hand und wendete sich zu den Anwesenden, indem er sprach: »Auf daß die Herrschaften sehen, wie wichtig es ist, daß es fahrende Ritter auf Erden gebe, welche den Ungebührlichkeiten und Unbilden steuern, die verübt werden von den frechen und schlechten Menschen, so auf selbiger leben, so sollt ihr erfahren: Vor einigen Tagen kam ich vorübergezogen an einem Walde und hörte Geschrei und Schmerzenslaute von einem schwer leidenden, hilfsbedürftigen Menschen. Sofort eilte ich, von meiner Berufspflicht angetrieben, nach der Gegend, woher meines Bedünkens die kläglichen Töne erschollen, und fand, an eine Eiche gebunden, diesen Jüngling, welcher vor euch stehet, worüber ich mich in tiefstem Herzen freue; denn er wird mir ein Zeuge sein, der alle meine Worte bekräftigen wird. Ich sage also, er war an die Eiche gebunden, entkleidet von der Mitte des Körpers bis hinauf, und da stand und zerfleischte ihm die Haut mit den Zügeln seiner Stute ein Bauer, der, wie ich alsbald in Erfahrung brachte, sein Dienstherr war. Und sobald ich ihn erblickte, befragte ich ihn um die Ursache so gräßlicher Geißelung. Der Grobian antwortete; er prügle ihn, weil selbiger sein Diener sei und weil gewisse Nachlässigkeiten, die er verschuldet, mehr in Spitzbüberei als in Dummheit ihren Grund hätten. Worauf dieser Knabe sprach: ›Señor, er peitscht mich nur deshalb, weil ich meinen Dienstlohn von ihm verlange.‹ Der Herr antwortete mit, ich weiß nicht was für schönen Worten und Ausreden, die ich zwar anhörte, aber nicht gelten ließ; kurz, auf mein Gebot ward er losgebunden, und ich nahm dem Bauer einen Eid ab, ihn mit nach Hause zu nehmen und ihn zu bezahlen, Real für Real, und sogar in Münzen vom schönsten Schlag. Ist dies nicht alles wahr, mein Sohn Andrés? Hast du nicht bemerkt, mit welcher gebietenden Würde ich es ihm befahl und mit welcher Demut er alles zu tun verhieß, was ich ihm auferlegte, ihm zu wissen tat, ihm anbefahl? Antworte, sei nicht verlegen, sprich ohn alles Bedenken; sag diesen Herrschaften, was vorgegangen, auf daß man sehe und wohl beachte, wie es in Wirklichkeit den großen Nutzen hat, den ich dargelegt, daß es auf den Wegen weitum fahrende Ritter gibt.« »Alles, was Euer Gnaden gesagt hat, ist sehr wahr; aber der Ausgang der Sache war ganz das Gegenteil dessen, was Euer Gnaden sich vorstellte.« »Wieso das Gegenteil?« fragte Don Quijote, »also hat dich der gemeine Bauer nicht bezahlt?« »Nicht nur nicht bezahlt«, antwortete der Junge, »sondern sobald Euer Gnaden aus dem Busch hinaus und wir zwei allein waren, band er mich wieder an denselben Eichbaum und versetzte mir aufs neue so viel Hiebe, daß ich geschunden war wie ein heiliger Bartholomäus; und bei jedem Hieb, den er mir aufmaß, gab er einen Witz und Spott zum besten, um sich über Euer Gnaden lustig zu machen, und hätte ich nicht so arge Schmerzen gelitten, so hätte ich über seine Späße lachen müssen. Kurz, er hat mich so zugerichtet, daß ich bis jetzt in einem Spital war, um mich von dem Leid und Weh heilen zu lassen, das ich dem heillosen Bauer zu verdanken hatte. An alldem trägt Euer Gnaden die Schuld; denn wäret Ihr Eures Weges fürbaß gezogen und wäret nicht hingekommen, wohin Euch niemand gerufen, und hättet Ihr Euch nicht in fremde Händel gemischt, so hätte sich mein Herr damit begnügt, mir ein, zwei Dutzend Hiebe aufzuzählen, und dann hätte er mich alsbald losgebunden und mir bezahlt, was er mir schuldig war. Aber da Euer Gnaden ihn so ohne Not an der Ehre angegriffen und ihm soviel Niederträchtigkeiten angehängt, da entbrannte in ihm der Zorn, und da er ihn nicht an Euch auslassen konnte, so ließ er, als er sich allein sah, das Unwetter über mich so gewaltig losbrechen, daß ich meine, ich werde all meine Lebtage kein rechter Mann mehr werden.« »Mein Fehler war«, sagte Don Quijote, »daß ich mich von dort entfernte. Ich hätte mich nicht entfernen sollen, bis ich dich bezahlt gesehen hätte. Wohl hätte ich durch lange Erfahrung belehrt sein müssen, daß kein Bauernlümmel sein gegebenes Wort hält, wenn er sieht, daß es ihm nicht dienlich ist, es zu halten. Aber du erinnerst dich auch, Andrés, daß ich geschworen habe, wenn er dich nicht bezahle, würde ich auf die Suche nach ihm ziehen und ihn auffinden, wenn er sich auch in einem Walfischbauche verbergen sollte.« »So ist es in Wahrheit«, versetzte Andres, »aber es hat nichts geholfen.« »Sogleich sollst du sehen, ob es helfen wird«, entgegnete Don Quijote; und mit diesen Worten stand er schleunigst auf und befahl Sancho, den Rosinante zu zäumen, der umherweidete, während sie speisten. Dorotea fragte ihn, was er vorhabe. Er antwortete, er wolle den Bauern aufsuchen und für ein so schändliches Benehmen züchtigen und ihn zwingen, den Andrés bis auf den letzten Maravedí zu bezahlen, allen Bauern in der ganzen Welt zu Trotz und Ärger. Worauf sie antwortete, er möge bedenken, daß er sich in kein andres Unternehmen einlassen dürfe, bis er das ihrige zu Ende geführt; und da er dies besser als irgend jemand wisse, so möge er sein Gemüt beruhigen bis nach der Rückkehr aus ihrem Königreich. »So ist es in der Tat«, entgegnete Don Quijote, »und es ist unvermeidlich, daß Andrés bis zur Rückkehr, wie Ihr, Señora, bemerkt, sich in Geduld fasse; aber ich schwör ihm abermals und verheiße aufs neue, nicht zu ruhen, bis ich ihm Rache und Bezahlung verschafft habe.« »Ich hab keinen Glauben an diese Schwüre«, sprach Andrés, »lieber hätt ich jetzt etwas, um nach Sevilla zu kommen, als alle Rache auf der ganzen Welt. Wenn Ihr hier etwas für mich zu essen und mit auf den Weg zu nehmen habt, so gebt mir's, und Gott befohlen Euer Gnaden und alle fahrenden Ritter zusammen, und möchten sie alle zu ihrer Strafe so wohl fahren, wie ich mit ihnen gefahren bin!« Sancho nahm aus seinem Vorrat ein Stück Brot und ein Stück Käse, gab es dem Burschen und sagte: »Nehmt, Freund Andrés, denn auf jeden von uns trifft ein Teil von Eurem Unglück.« »So? Welch ein Teil trifft auf Euch?« fragte Andrés. »Dieser Teil von meinem Käse und Brot, den ich Euch gebe«, antwortete Sancho, »denn Gott mag wissen, ob er mir demnächst einmal fehlen wird oder nicht. Ihr müßt nämlich wissen, guter Freund, wir Schildknappen der fahrenden Ritter sind gar vielem Hunger und widrigem Geschick ausgesetzt und auch noch andrem, was sich besser fühlen als sagen läßt.« Andrés griff nach seinem Brot und Käse, und da er sah, daß keiner sonst ihm etwas gab, ließ er den Kopf hängen und nahm den Weg zwischen die Beine, wie man zu sagen pflegt. Jedoch sagte er noch im Scheiden zu Don Quijote: »Ich bitt Euch um Gottes willen, fahrender Herr Ritter, wenn Ihr mich wieder einmal irgendwo antrefft, und solltet Ihr auch sehen, daß man mich in Stücke haut, so kommt mir nicht zu Hilfe und steht mir nicht bei, sondern laßt mich in meinem Unglück. Denn dieses kann doch nie so groß sein, daß das Pech nicht noch größer wäre, das mir von Eurem Beistande kommen würde, Herr Ritter, den Gott verdammen wolle samt allen fahrenden Rittern, soviel ihrer je zur Welt gekommen!« Don Quijote wollte sich erheben, um ihn zu züchtigen; jedoch der Bursche machte sich so eilig davon, daß keiner sich getraute, ihm folgen zu können. Don Quijote aber stand aufs tiefste beschämt ob der Erzählung des Andrés, und die andern mußten sich große Mühe geben, das Lachen zu verbeißen, um seine Beschämung nicht aufs Äußerste zu treiben. 32. Kapitel Welches berichtet, wie es der gesamten Gefolgschaft Don Quijotes in der Schenke erging Das vortreffliche Mahl war beendet, sie sattelten ihre Tiere, und ohne daß ihnen etwas Erzählenswertes begegnete, gelangten sie des folgenden Tages zu der Schenke, dem Schrecken und Entsetzen Sancho Pansas; und wiewohl er sie am liebsten nicht betreten hätte, so konnte er es doch nicht vermeiden. Die Wirtin, der Wirt und Maritornes, die Don Quijote und Sancho kommen sahen, gingen ihnen entgegen und begrüßten sie mit großen Freudenbezeigungen; er empfing sie mit würdiger Haltung und Billigung ihres Gebarens und sagte ihnen, sie möchten ihm ein besseres Nachtlager als das letztemal bereiten; worauf ihm die Wirtin antwortete, falls er sie besser als neulich bezahle, würden sie ihm ein fürstliches Bett geben. Don Quijote erwiderte, das wolle er tun, und so bereiteten sie ihm ein erträgliches Bett auf demselben Dachboden wie damals. Er legte sich sogleich nieder, denn er war wie zerschlagen und seiner Sinne nicht mächtig. Kaum hatte er sich eingeschlossen, so fiel die Wirtin über den Barbier her, packte ihn am Barte und sprach: »Bei meiner Seelen Seligkeit, Ihr sollt mir nicht länger meinen Farrenschwanz zu Eurem Bart gebrauchen. Ihr müßt mir meinen Schweif wiedergeben; denn meinem Manne fährt seine Sache hier auf dem Boden herum, daß es eine Schande ist; ich meine sein Kamm, den ich sonst immer an meinen schönen Schwanz angesteckt habe.« Der Barbier wollte ihn nicht lassen, so stark sie auch zog, bis der Lizentiat ihm zuredete, er solle ihn doch hergeben, es sei nicht länger nötig, sich dieses Kunstgriffs zu bedienen; vielmehr solle er sich offen in seiner eigenen Gestalt zeigen und Don Quijote sagen, nachdem ihn die spitzbübischen Galeerenzüchtlinge ausgeraubt, habe er sich in diese Schenke geflüchtet. Und wenn etwa der Ritter nach dem Knappen der Prinzessin fragen sollte, so würden sie ihm sagen, sie habe ihn vorausgeschickt, um den Leuten in ihrem Königreich Nachricht zu geben, daß sie komme und den Befreier aller mitbringe. Darauf gab der Barbier der Wirtin den Farrenschwanz gern zurück, und man erstattete ihr auch alle übrigen Gegenstände wieder, die sie zur Befreiung Don Quijotes hergeliehen hatte. Höchlich verwunderten sich alle in der Schenke über Doroteas Schönheit und nicht minder über das stattliche Aussehen des als Hirtenjunge gekleideten Cardenio. Der Pfarrer ordnete an, man solle ihnen zum Essen bereiten, was in der Schenke vorrätig sei, und der Wirt, in Hoffnung besserer Bezahlung, bereitete ihnen ein leidliches Mittagsmahl. Währenddessen schlief Don Quijote noch immer, und sie waren der Meinung, man solle ihn nicht wecken, weil es ihm für jetzt zuträglicher sei, zu schlafen, als zu essen. Während der Mahlzeit sprachen sie in Gegenwart des Wirts, seiner Frau, seiner Tochter, der Maritornes und aller Reisenden über die seltsame Narrheit Don Quijotes und über den Zustand, in dem sie ihn gefunden hatten. Die Wirtin erzählte, was ihnen mit dem Ritter und dem Maultiertreiber begegnet war; dann sah sie sich um, ob Sancho etwa zugegen wäre, und als sie ihn nicht erblickte, erzählte sie die ganze Geschichte, wie er gewippt worden, was ihnen nicht wenig Spaß machte. Als aber der Pfarrer sagte, die Ritterbücher, welche Don Quijote gelesen, hätten ihn verrückt gemacht, sprach der Wirt: »Ich weiß nicht, wie das sein kann, denn in Wahrheit, wie ich die Sache verstehe, gibt es nichts Besseres auf der Welt zu lesen. Ich habe hier ihrer zwei oder drei mit noch andern Papieren, die haben mir wahrhaftig frische Lebenslust geschenkt, und nicht nur mir, sondern vielen andern. Denn zur Erntezeit kommen an den Festtagen viele Schnitter, hier zu herbergen, und immer ist einer dabei, der lesen kann. Der nimmt eins von den Büchern zur Hand, wir sind zu mehr als dreißig um ihn herum, und wir sitzen und stehen da und hören ihm mit so viel Vergnügen zu, daß es uns ordentlich jünger macht. Wenigstens was mich betrifft, muß ich sagen, wenn ich die schrecklichen Hiebe beschreiben höre, welche die Ritter austeilen, packt mich die Lust, es ebenso zu machen, und ich möchte Tag und Nacht davon hören.« »Ich ganz ebenso«, sprach die Wirtin, »denn ich habe nie einen so ruhigen Augenblick in meinem Hause als in der Zeit, wo Ihr vorlesen hört; da seid Ihr so in die Narretei versunken, daß Ihr nicht ans Zanken denkt.« »Ja, so ist's«, sagte Maritornes. »Und weiß Gott, auch ich höre all die Sachen gern, sie sind gar hübsch, und besonders wenn da erzählt wird, wie die Dame unter Orangenbäumen sitzt und sie und ihr Ritter sich in den Armen halten und wie ihre Hofmeisterin derweilen Wache steht, halbtot vor Neid und in großer Bangigkeit. Das alles ist süß wie Honig.« »Und was dünkt Euch davon, junges Mägdlein?« sagte der Pfarrer zur Haustochter. »Ich weiß es meiner Seelen nicht«, antwortete sie. »Ich höre auch mit zu, und wirklich, wenn ich es auch nicht verstehe, so hab ich doch mein Vergnügen am Zuhören. Indessen die Hiebe, an denen mein Vater Gefallen findet, die mag ich nicht, wohl aber das Wehklagen, das die Ritter vollführen, wenn sie von ihren Geliebten fern sind, und wahrlich, sie bringen mich manchmal zum Weinen vor lauter Mitleid, das ich mit ihnen habe.« »Also würdet Ihr Euch wohl ihrem Wehe hilfreich erweisen, junges Mägdlein«, sprach Dorotea, »wenn ihre Tränen um Euch flössen?« »Ich weiß nicht, was ich da tun würde«, antwortete das Mädchen. »Ich weiß nur, es sind etliche solcher Damen so grausam, daß ihre Ritter sie Tigerinnen heißen und Löwinnen und tausend andre Scheußlichkeiten. O Jesus! Ich weiß nicht, was das für herzlose, gewissenlose Frauenzimmer sind, die, um nur einem Ehrenmann keinen Blick zu schenken, ihn sterben oder verrückt werden lassen; ich weiß nicht, was all diese Ziererei soll. Wenn sie so auf ihre Ehre halten, so brauchen sie ja nur ihre Ritter zu heiraten, die wünschen gar nichts andres.« »Schweig, Kind«, sprach die Wirtin, »es scheint, du weißt zuviel von diesen Dingen. Es schickt sich nicht für Mädchen, so viel zu wissen und zu reden.« »Da der Herr hier mich gefragt hat«, entgegnete sie, »so mußte ich ihm doch antworten.« »Nun gut«, sprach der Pfarrer, »bringt mir, Herr Wirt, jene Bücher her, ich will sie ansehen.« »Sehr gern«, antwortete dieser, ging in sein Zimmer und brachte aus diesem einen alten, mit einem Kettchen verschlossenen Mantelsack. Der Pfarrer öffnete ihn und holte daraus drei große Bücher hervor nebst einigen Papieren in sehr guter Handschrift. Das erste Buch, das; er aufschlug, war Don Cirongilio von Thrazien , das zweite Felixmarte von Hyrkanien , das dritte die Geschichte des großen Feldhauptmanns Don Gonzalo Hernández de Córdoba nebst dem Leben des Diego García de Paredes . Als der Pfarrer die beiden ersten Titel las, wendete er sich zu dem Barbier um und sagte: »Hier fehlen uns jetzt die Haushälterin meines Freundes und seine Nichte.« »Sie fehlen uns keineswegs«, erwiderte der Barbier, »denn auch ich bin imstande, sie in den Hof oder in den Kamin zu werfen, und wahrhaftig, in dem ist ein tüchtiges Feuer.« »Also will Euer Gnaden meine Bücher verbrennen?« rief der Wirt. »Nur diese zwei«, antwortete der Pfarrer, »das Buch von Don Cirongilio und das von Felixmarte.« »Sind denn etwa«, fragte der Wirt, »meine Bücher Ketzer oder Phlegmatiker, daß Ihr sie verbrennen wollt?« »Schismatiker wollt Ihr sagen, Freund«, bemerkte der Barbier, »nicht Phlegmatiker.« »Meinetwegen«, erwiderte der Wirt. »Wenn Ihr aber durchaus eins verbrennen wollt, so nehmt das Buch vom großen Feldhauptmann und von jenem Diego García, denn eher laß ich meinen Sohn verbrennen als eins von diesen andern.« »Lieber Freund«, versetzte der Pfarrer, »diese beiden Bücher enthalten nur Erdichtungen und sind voll von Narreteien und Unsinn. Das vom großen Feldhauptmann ist eine wahrhafte, wirkliche Geschichte und enthält die Erlebnisse des Gonzalo Hernández de Córdoba, der durch seine zahlreichen Großtaten sich würdig machte, in aller Welt der große Feldhauptmann genannt zu werden, ein ruhmvoller, strahlender Name, dessen kein andrer außer ihm sich würdig gemacht hat. Und dieser Diego García de Paredes war ein hochangesehener Ritter, gebürtig aus der Stadt Trujillo in Estremadura, einer der tapfersten Krieger und von solcher Körperkraft, daß er ein Mühlrad mitten im vollen Umschwung mit einem Finger aufhielt. Am Aufgang einer Brücke stellte er sich hin mit seinem zweihändigen Schwert und hielt ein ganzes unzählbares Heer vom Übergang ab. Er vollbrachte noch viel andre Taten, und wenn – statt daß er sie selbst mit der Bescheidenheit eines Ritters und eines Mannes, der sein eigener Chronist ist, erzählt und beschreibt – ein andrer frei von Rücksicht und leidenschaftslos sie beschrieben hätte, so würden sie die Taten des Hektor, Achilles und Roldán in Vergessenheit gebracht haben.« »Das ist mir was Rechtes!« sprach der Wirt dagegen. »Das soll schon was sein, worüber Ihr Euch verwundert! Ein Mühlrad anzuhalten! Hilf Himmel, da sollte Euer Gnaden lesen, was ich vom Felixmarte von Hyrkanien gehört habe. Der hat mit einem einzigen Hieb fünf Riesen am Gürtel auseinandergehauen, als ob sie Männchen aus Bohnen wären, wie die Kinder sie ausschneiden. Ein andermal griff er ein ungeheures, gewaltiges Heer an, darin mehr als eine Million sechsmalhunderttausend Soldaten waren, alle von Kopf bis zu Fuß gerüstet, und er schlug sie alle in die Flucht, als wären's Schafherden gewesen. Und was wollt Ihr mir erst von dem wackeren Don Cirongilio von Thrazien sagen! Der war so mannhaft und mutvoll, wie man es in dem Buch lesen kann, das berichtet, wie er auf einem Fluß hinschiffte, da erhob sich gegen ihn aus dem Wasser hervor eine feurige Schlange, und sobald er sie sah, sprang er auf sie los und setzte sich rittlings auf ihren schuppigen Rücken und drückte ihr mit beiden Händen die Kehle mit solcher Gewalt zusammen, daß die Schlange, da sie merkte, er sei im Begriff, sie zu erdrosseln, sich nicht anders zu helfen wußte, als in die Tiefe des Flusses zu tauchen, wobei sie den Ritter nach sich zog, da er sie durchaus nicht loslassen wollte. Und wie sie nun dort hinabkamen, sah er sich in einem Palast und in Gärten, alles so schön, daß es ein Wunder war. Und alsbald verwandelte sich die Schlange in einen greisen Alten, und der sagte ihm so vielerlei, daß nichts Herrlicheres zu erhören ist. Sagt nur nichts mehr, werter Herr; denn wenn Ihr das anhörtet, so würdet Ihr vor Entzücken von Sinnen kommen. Da pfeife ich auf den großen Feldhauptmann und jenen Diego García, wovon Ihr sprecht!« Als Dorotea dies hörte, sprach sie leise zu Cardenio: »Wenig fehlt unserm Wirte daran, den zweiten Teil zum Don Quijote zu liefern.« »So kommt es mir auch vor«, antwortete Cardenio. »Denn offenbar hält er es für sicher, daß alles, was seine Bücher erzählen, geradeso vor sich gegangen, wie sie es beschreiben, nicht um einen Punkt mehr noch minder, und kein Barfüßermönch würde ihn zu einem andern Glauben bringen.« »Bedenket, guter Freund«, hub der Pfarrer wieder an, »daß es auf der Welt weder einen Felixmarte von Hyrkanien gegeben hat noch einen Don Cirongilio von Thrazien noch andre Ritter der Art, von denen die Ritterbücher erzählen. Denn all dieses ist Dichtung und Erfindung müßiger Geister, welche derlei Geschichten zu dem von Euch selbst erwähnten Zwecke schrieben, die Zeit zu verkürzen, gerade wie Eure Schnitter sie zum Zeitvertreib anhören. Ich schwör Euch in allem Ernste, nie hat es auf der Welt dergleichen Ritter gegeben, nie sind auf der Welt dergleichen Heldentaten und Ungereimtheiten vorgekommen.« »Den Knochen einem andern Hund!« entgegnete der Wirt. »Als ob ich nicht bis fünf zählen könnte! Als ob ich nicht wüßte, wo mich der Schuh drückt! Ich bitt Euer Gnaden, haltet mich nicht für ein Wickelkind; denn bei Gott, ich bin nicht so dumm, wie ich aussehe. Nicht übel! Da wollen mir Euer Gnaden weismachen, alles, was diese herrlichen Bücher enthalten, sei Unsinn und Lüge, da doch alles mit Erlaubnis der Herren vom Königlichen Rate gedruckt ist. Als ob das die Leute dazu wären, so viel Lug und Trug allzusammen drucken zu lassen und so viel Schlachten und so viel Verzauberungen, daß es einem schier den Verstand benimmt.« »Ich habe Euch schon gesagt, guter Freund«, erwiderte der Pfarrer, »daß dieses geschieht, um unsere müßigen Gedanken zu ergötzen. Und so, wie man in einem wohlgeordneten Gemeinwesen gestattet, Schach, Ball und Billard zu spielen, um Leute zu ergötzen, die nicht arbeiten wollen oder dürfen oder können, so erlaubt man den Druck solcher Bücher, weil man glaubt, wie es auch wirklich der Fall ist, daß niemand so unwissend sein wird, um irgendeine der Geschichten in diesen Büchern für Wahrheit zu halten. Und wenn es mir jetzo vergönnt wäre und die Zuhörer es begehren sollten, so würde ich über das, was die Ritterbücher enthalten müßten, um gute Bücher zu sein, manches sagen, was vielleicht einem und dem andern zum Nutzen, ja, auch zum Vergnügen gereichen möchte. Allein ich hoffe, es wird die Zeit kommen, wo ich es jemandem mitteilen kann, der die Macht hat, dem Übel zu steuern. Inzwischen aber glaubt nur, Herr Wirt, was ich Euch gesagt habe. Nehmt Eure Bücher und seht, wie Ihr Euch mit ihren Wahrheiten oder Lügen abfindet. Mögen sie Euch wohl bekommen, und Gott gebe, daß Ihr nicht einstens an demselben Karren zu ziehen habt wie Euer Gast Don Quijote.« »Das nicht«, erwiderte der Wirt. »Ich werde kein solcher Narr sein, ein fahrender Ritter zu werden. Denn das seh ich wohl, jetzt ist nicht mehr Brauch, was es in jener Zeit war, als noch, wie erzählt wird, jene ruhmvollen Ritter durch die Welt zogen.« Bei der zweiten Hälfte dieser Unterhaltung war Sancho zugegen, und er wurde bestürzt und sehr bedenklich, als er sagen hörte, die fahrenden Ritter seien jetzt nicht mehr bräuchlich und alle Ritterbücher seien Ungereimtheiten und Lügen. Er nahm sich in seinem Geiste vor abzuwarten, wie diese Fahrt seines Herrn ablaufen würde, und beschloß, wenn sie nicht mit dem glücklichen Erfolg ausginge, den er sich erhoffte, ihn zu verlassen und zu Frau und Kindern und zu seiner gewohnten Arbeit zurückzukehren. Der Wirt war im Begriff, den Mantelsack und die Bücher fortzunehmen; da sagte ihm jedoch der Pfarrer: »Wartet noch, ich will sehen, was das für Papiere sind, die eine so gute Handschrift zeigen.« Der Wirt holte sie hervor und gab sie dem Pfarrer zu lesen. Dieser sah, daß es ungefähr acht Bogen in Handschrift waren, welche obenan in großen Buchstaben einen Titel trugen, der da lautete: Novelle vom törichten Vorwitz . Der Pfarrer las drei oder vier Zeilen still für sich und sprach: »In der Tat, der Titel dieser Novelle gefällt mir nicht übel, und ich habe Lust, sie ganz zu lesen.« Darauf antwortete der Wirt: »Gewiß darf Euer Ehrwürden sie lesen; denn ich sage Euch, sie hat etliche Gäste, die sie hier gelesen haben, sehr befriedigt, und sie haben mich sehr darum gebeten; aber ich wollte sie ihnen nicht geben, da ich sie dem Herrn wiederzuerstatten gedenke, der den Mantelsack mit diesen Büchern und Papieren hier vergessen hat. Es kann ja sein, daß er einmal wiederkommt. Und obschon ich weiß, daß die Bücher mir sehr fehlen werden, so will ich, auf mein Wort, sie ihm doch wiedergeben. Denn wiewohl ein Wirt, bin ich doch ein guter Christ.« »Ihr habt sehr recht, guter Freund«, versetzte der Pfarrer. »Aber trotzdem, wenn die Novelle mir gefällt, müßt Ihr mich sie abschreiben lassen.« »Sehr gern«, erwiderte der Wirt. Während die beiden so miteinander redeten, hatte Cardenio die Novelle genommen und darin zu lesen angefangen; und da er ebenso über sie urteilte wie der Pfarrer, bat er diesen, sie laut vorzulesen, damit alle sie hören könnten. »Gewiß würde ich sie vorlesen«, sagte der Pfarrer, »wenn es nicht besser wäre, die Zeit jetzt aufs Schlafen statt aufs Lesen zu verwenden.« »Für mich«, sprach Dorotea, »wäre eine Erzählung schon genügsame Erholung. Denn noch ist mein Geist nicht so weit beruhigt, daß er mir zu schlafen gestattete, wenn es vernünftig wäre, es zu tun.« »Demnach also«, sprach der Pfarrer, »will ich sie vorlesen, sei es auch nur, um etwas Neues zu hören; vielleicht wird sie bei dem Neuen auch einiges Ergötzliche bieten.« Meister Nikolas seinerseits bat ihn ebenfalls darum, und nicht minder Sancho. Als der Pfarrer dies sah, und da er voraussetzen durfte, ihnen allen ein Vergnügen zu bereiten und es selbst mitzugenießen, so sagte er: »Da dem so ist, so hört mir alle aufmerksam zu. Die Novelle beginnt folgendermaßen.« 33. Kapitel Worin die Novelle vom törichten Vorwitz erzählt wird In Florenz, einer reichen und berühmten Stadt Italiens, im Großherzogtum Toskana, lebten Anselmo und Lotario, zwei reiche, vornehme Edelleute, die so miteinander befreundet waren, daß sie von allen ihren Bekannten statt mit ihren Eigennamen vorzugsweise »die beiden Freunde« genannt wurden. Sie waren unverheiratet, jung, von gleichem Alter und gleichen Lebensgewohnheiten, und dies alles war Grund genug, sie in gegenseitiger Freundschaft zu verbinden. Freilich war Anselmo mehr als Lotario geneigt, sich mit Liebschaften die Zeit zu vertreiben, während den letzteren die Freuden der Jagd anzogen; doch wenn die Gelegenheit sich bot, ließ Anselmo seine Neigungen beiseite, um denen Lotarios zu folgen, und ließ Lotario die seinigen beruhen, um denjenigen Anselmos nachzugehen. Und in dieser Weise stimmte beider Wille stets so überein, daß es keine wohlgeregelte Uhr geben konnte, die so regelmäßig ging. Anselmo war sterblich verliebt in ein vornehmes, schönes Fräulein aus derselben Stadt. Sie war die Tochter tugendsamer Eltern und selbst so tugendsam, daß er mit Zustimmung seines Freundes Lotario – ohne den er nie etwas tat – sich entschloß, bei ihren Eltern um ihre Hand anzuhalten. Er machte sein Vorhaben zur Tat, und Lotario war sein Brautwerber; der führte den Auftrag so zur Zufriedenheit seines Freundes aus, daß dieser sich in kurzer Zeit im Besitze der Geliebten sah, während auch Camila sich so glücklich fühlte, Anselmo zum Gemahl gewonnen zu haben, daß sie nicht müde ward, dem Himmel und Lotario zu danken, durch dessen Vermittlung ihr ein so hohes Gut geworden. Die ersten Tage nach der Hochzeit, die ja immer freudevoll sind, fuhr Lotario fort, das Haus seines Freundes Anselmo zu besuchen, wobei er alles mögliche aufbot, ihn mit Ehren, Festlichkeiten und heitern Genüssen zu erfreuen. Als aber die hochzeitlichen Tage vorüber waren und der Andrang der Besuche und der Glückwünsche abnahm, begann Lotario seine Gänge ins Haus Anselmos absichtlich einzuschränken; denn er fand, wie dies jeder Einsichtsvolle tun muß, daß man in dem Hause eines verheirateten Freundes nicht in der nämlichen Weise aus und ein gehen und ständig verkehren dürfe wie zur Zeit, da er Junggeselle war. Wenn auch allerdings die echte und wahre Freundschaft in keiner Beziehung verdächtig sein kann und darf, so ist trotzdem die Ehre des Ehemanns so empfindlich, daß man fast behaupten muß, sie könne an den eignen Brüdern Anstoß nehmen, wieviel mehr an Freunden. Anselmo bemerkte, daß Lotario in seinen Besuchen nachließ, und beklagte sich sehr darüber. Wenn er gewußt hätte, sagte er zu Lotario, daß seine Heirat dem Freunde Anlaß geben würde, nicht mehr wie gewohnt mit ihm umzugehen, so würde er diesen Schritt nie getan haben; und wenn sie durch das innige Verhältnis, das zwischen ihnen bestand, solange er unverehelicht war, einen so lieben Namen erworben hätten wie den der »beiden Freunde«, so möchte er nicht zugeben, daß ohne eine andere Veranlassung, als weil Lotario den Vorsichtigen spielen wolle, ein so rühmlicher und erfreulicher Name verlorengehe. Und so bitte er ihn flehentlich, wenn es sich überhaupt zieme, einen solchen Ausdruck unter ihnen beiden zu gebrauchen, der Freund möge doch wieder in seinem Hause der Herr sein und darin wie vormals aus und ein gehen. Dabei versicherte er ihm, seine Gemahlin Camila habe kein andres Begehren noch andern Willen, als den er bei ihr wünsche, und da sie wisse, wie ernst und wahr sie beide einander liebten, so sei es ihr unerklärlich, daß Lotario ihr Haus so meide. Auf all dieses und auf viel andres, das Anselmo beifügte, um seinen Freund zu überreden, daß er wieder wie gewohnt sein Haus besuche, antwortete Lotario so einsichtig, verständig und überlegt, daß Anselmo sich von der guten Absicht seines Freundes überzeugte, und so kamen sie überein, daß Lotario zweimal in der Woche und an den Festtagen kommen und mit ihnen speisen solle. Aber obschon dies nun zwischen ihnen ausgemacht war, nahm sich Lotario dennoch vor, hierin nicht mehr zu tun, als nach seinem Urteil für die Ehre seines Freundes sich am besten ziemen würde, da er dessen guten Ruf höher schätzte als seinen eignen. Er sagte, und sagte mit Recht, der Ehemann, dem der Himmel ein schönes Weib gewährt habe, müsse ebenso sorgsam darauf achten, welche Freunde er in sein Haus führe, als darauf, mit welchen Freundinnen seine Frau umgehe. Denn was nicht auf den Plätzen der Stadt oder in den Kirchen oder bei öffentlichen Feierlichkeiten oder Betfahrten besprochen und verabredet wird – und die Teilnahme an all diesem kann doch der Mann seiner Frau nicht immer versagen –, das wird im Hause der Freundin oder der Verwandten verabredet und gefördert, der man gerade am meisten traut. Lotario fügte bei, es sei eine Notwendigkeit für jeden Ehemann, einen Freund zu haben, der ihn auf jede etwaige Unvorsichtigkeit in ihrem Benehmen aufmerksam mache. Denn es komme häufig vor, daß bei der großen Liebe, die der Mann zu seinem Weibe hat, er sie nicht warnen will oder ihr, nur um sie nicht zu kränken, nicht sagt, daß sie dies und jenes tun oder unterlassen solle, weil solches Tun oder Unterlassen ihm zur Ehre oder zum Vorwurf gereichen müsse. Würde er aber vom Freunde darauf aufmerksam gemacht, so könne er allem leicht abhelfen. Aber wo findet sich ein so verständiger, ein so treuer, ein so wahrer Freund, wie ihn Lotario hier verlangt? Ich weiß es wahrlich nicht. Nur Lotario war ein solcher. Mit äußerster Aufmerksamkeit und Umsicht hatte er die Ehre seines Freundes stets im Auge und mühte sich, die Zahl der verabredeten Tage, wo er Anselmos Haus besuchen sollte, zu vermindern, zu kürzen, davon abzumarkten, damit nicht der müßige Pöbel und die boshaften Augen umherlungernder Gaffer Mißfallen daran finden könnten, daß ein reicher Jüngling, ein Edelmann von guter Familie und von so trefflichen Eigenschaften, wie er sie bei sich selbst voraussetzte, im Hause einer so schönen Frau wie Camila verkehre. Denn wenn auch ihre Trefflichkeit und Tugend jeder verleumderischen Zunge einen Zügel anzulegen vermochte, so wollte er doch nicht, daß man in ihren und in seines Freundes guten Namen auch nur den geringsten Zweifel setze, und deshalb beschäftigte und verbrachte er die verabredeten Tage meistens mit andren Dingen, die er, wie er sagte, nicht umgehen oder unterlassen könne. So vergingen mit Beschuldigungen auf der einen Seite, mit Entschuldigungen auf der andern gar manche Augenblicke und Stunden des Tages. Es geschah nun, daß eines Tages, wo die beiden sich auf einem Felde außerhalb der Stadt ergingen, Anselmo etwa folgendes zu Lotario sagte: »Du glaubtest wohl, Freund Lotario, daß ich die Gnaden, die mir Gott erwiesen, indem er mich den Sohn solcher Eltern werden ließ, wie es die meinigen waren, und mir mit nicht karger Hand die Güter der Natur und des Glückes verlieh, nicht mit einer Dankbarkeit zu erkennen vermag, die dem Werte der empfangenen Wohltaten gleichkommt? – vorab der Wohltat, daß er dich mir zum Freunde und Camila zum angetrauten Weibe gab, zwei Pfänder des Glücks, die ich, wenn nicht in so hohem Grade, wie ich muß, so doch in so hohem Grade, wie ich kann, wertschätze. Nun denn, mit diesen vielen Vorzügen, welche doch alles in sich begreifen, womit die Menschen in der Regel glücklich leben und leben können, fühle ich mich als der mißmutigste und grämlichste Mensch auf der ganzen weiten Welt. Denn seit, ich weiß nicht wieviel Tagen quält und drückt mich ein Wunsch, der so seltsam und ungewöhnlich ist, daß ich mich über mich selbst wundre und mich anklage und schelte, wenn ich allein mit mir bin, und mich bemühe, ihn vor meinen eignen Gedanken zu verschweigen und zu verbergen. Und es schien mir so unmöglich, dieses Geheimnis bei mir zu behalten, als ob mir obläge, es mit Vorbedacht der ganzen Welt zu offenbaren. Aber da es endlich doch einmal heraus muß, so will ich es in das Archiv deiner Verschwiegenheit legen, und unter deren Schutz und mit der Hilfe, die du als mein wahrer Freund in treuem Eifer mir leisten wirst, hoffe ich, daß ich mich bald von der Bedrängnis frei sehe, in die mein Geheimnis mich gebracht hat, und daß durch dein Bemühen meine Heiterkeit bald den Grad erreichen wird, welchen meine Mißstimmung jetzt durch meine Torheit erreicht hat.« Lotario geriet durch die Worte Anselmos in gespannte Erwartung, und er wußte nicht, worauf eine so weitläufige Vorbereitung oder Einleitung hinaus wollte; und wiewohl er im Geiste die Frage hin und her erwog, welch ein Wunsch es sein könne, der seinen Freund so sehr quäle, traf er immer sehr weit vom rechten Ziel. Um sich nun rasch der Pein zu entledigen, in welche seine gespannte Erwartung ihn versetzte, sprach er zu ihm: »Du begehst gegen meine vielerprobte Freundschaft eine offenbare Beleidigung, wenn du Umschweife suchst, um mir deine verborgensten Gedanken zu sagen; denn du weißt ganz sicher, daß du dir von mir entweder guten Rat für unser Verhalten gegeneinander oder die Mittel, um deine Gedanken zur Ausführung zu bringen, versprechen kannst.« »So ist's in der Tat«, erwiderte Anselmo, »und in diesem Vertrauen will ich dir bekennen, Freund Lotario: der Wunsch, der mich quält, besteht darin, zu erfahren, ob meine Gattin Camila so tugendhaft und so vollkommen ist, wie ich glaube. Ich kann mich von dieser Tatsache nicht überzeugt halten, wenn ich sie nicht dergestalt erprobe, daß die Probe den Feingehalt ihrer Tugend so offenbare wie das Feuer den des Goldes. Denn ich bin der Meinung, o mein Freund, daß das Weib nur in solchem Verhältnis mehr oder weniger Tugend besitzt, als sie mehr oder weniger von Liebeswerbungen versucht wird, und daß nur diejenige stark ist, die sich nicht beugt vor den Versprechungen, Geschenken, Tränen und unaufhörlichen Aufdringlichkeiten der nachstellenden Liebhaber. Denn welchen Dank verdient das Weib für ihre Tugend, wenn sie nie zum Bösen versucht wird? Was Wunder, daß die zurückhaltend und schüchtern ist, der man keine Gelegenheit gewährt, sich einem freien Lebenswandel hinzugeben? Oder diejenige, der es wohl bewußt ist, sie besitze einen Mann, der bei der ersten leichtfertigen Handlung, bei der er sie überrascht, ihr sicher das Leben nehmen wird? Die also, welche aus Furcht oder aus Mangel an Gelegenheit tugendhaft ist, die werde ich nie so hochhalten wie die, welche aus Umwerbungen und Nachstellungen mit der Krone des Sieges hervorgeht. Wohlan denn, aus diesen Gründen und aus vielen anderen, die ich dir darlegen könnte, um meine Meinung zu bekräftigen und als die richtige zu erweisen, wünsche ich, daß meine Gemahlin Camila durch diese Fährlichkeiten hindurchgehe und im Feuer der Liebeswerbungen und Nachstellungen auf ihren echten Gehalt untersucht und erprobt werde, und zwar von einem Manne, der Wert genug in sich hat, um seine Wünsche auf sie richten zu dürfen. Und wenn sie aus diesem Kampfe mit der Siegespalme hervorgeht – und ich glaube, sie wird es –, dann erst werde ich mein Glück für ohnegleichen erachten; dann kann ich sagen, daß die Lücke meiner Wünsche gänzlich ausgefüllt ist; dann kann ich sagen, daß ich das starke Weib besitze, von welcher der Weise spricht: Wer kann sie finden? Und wenn der Erfolg gegen meine Erwartung ausfällt, so wird die Genugtuung, daß ich mit meiner Meinung das Richtige getroffen, mir helfen, ohne Kümmernis den Kummer zu ertragen, den mir eine so teuer erkaufte Erfahrung von Rechts wegen verursachen sollte. Und da nichts von allem, was du gegen mein Vorhaben einwenden magst, die allergeringste Wirkung haben könnte, um mich von dessen Ausführung abzuhalten, so wünsche ich, mein Freund Lotario, daß du selbst dich zum Werkzeug herleihest, um dies Werk meiner Laune auszuführen. Ich werde dir Gelegenheit verschaffen, es zu tun, ohne daß es dir an irgend etwas gebrechen soll, was ich für notwendig halte, um ein sittsames, ehrenhaftes, zurückgezogen lebendes, von Eigennutz freies Weib mit Liebeswerbungen zu versuchen. Und gerade dir ein so bedenkliches Unternehmen anzuvertrauen, dazu veranlaßt mich unter anderm die Erwägung, daß, wenn von dir Camila besiegt wird, der Sieg nicht bis zum Äußersten und Schlimmsten gehen wird, sondern daß nur das als geschehen gilt, was ehrenhafterweise geschehen mag. Sonach würde ich nur durch Wunsch und Absicht beleidigt werden, und meine Kränkung bleibt verborgen in deiner tugendsamen Verschwiegenheit, welche, wie ich wohl weiß, in allem, was mich betrifft, ewig sein wird wie das Schweigen des Todes. Willst du also, daß mir ein solches Leben werde, das ich Leben nennen kann, so mußt du auf der Stelle in diesen Liebeskampf eintreten, und nicht auf lässige und träge Weise, sondern mit all dem Eifer und ernsten Bemühen, wie es mein Wunsch erheischt, und mit der Zuversicht und dem Vertrauen, das unsre Freundschaft mir einflößt und verbürgt.« Dies war es, was Anselmo zu Lotario sprach, und dieser hing so aufmerksam an des Freundes Rede, daß er mit Ausnahme der paar Worte, die schon vorher erwähnt sind, die Lippen nicht öffnete, bis Anselmo geendet hatte. Wie er nun jenen erwartend stehen sah, schaute er ihn erst lange an, als betrachte er etwas noch nie Gesehenes, das ihn in Verwunderung und Bestürzung setze, und sprach dann zu ihm: »Ich kann mir nicht vorstellen, o mein Freund Anselmo, daß, was du mir alles gesagt, etwas andres als Scherz war. Denn hätte ich geglaubt, daß du im Ernste sprächest, so hätte ich nicht zugegeben, daß du so weit gegangen wärst; ich hätte dir nicht zugehört und hätte damit deine lange Rede von vornherein abgeschnitten. Ich bin der festen Meinung, daß entweder du mich nicht kennst oder ich dich nicht kenne – doch nein, ich weiß, du bist Anselmo, und du weißt, ich bin Lotario. Das Schlimme ist, daß ich denke, du seist nicht der Anselmo, der du sonst immer warst, und du mußt dir gedacht haben, auch ich sei nicht der Lotario, der ich sein sollte. Denn die Worte, die du mir gesagt hast, sind unmöglich von jenem Anselmo, meinem Freunde, und die Dinge, die du von mir verlangst, können nicht von jenem Lotario verlangt werden, den du kennst. Denn wahre Freunde sollen usque ad aras, wie ein Dichter sagt, ihre Freunde erproben und in Anspruch nehmen; das heißt, sie sollen ihre Freundschaft nicht in solchen Dingen in Anspruch nehmen, die gegen Gott sind. Wenn nun ein Heide so von der Freundschaft dachte, wieviel geziemender ist's, daß ein Christ so denke, der da weiß, daß man um keiner menschlichen Liebe willen die göttliche verlieren darf! Und wenn der Freund so weit übers Ziel schießen sollte, daß er die Rücksicht auf den Himmel beiseite setzte, um nur Rücksicht auf seinen Freund zu nehmen, so darf es wenigstens nicht um geringer und bedeutungsloser Dinge willen sein, sondern höchstens ob solcher, bei denen es Ehre und Leben seines Freundes gilt. Aber sage du mir nun, Anselmo: Welches von diesen beiden steht jetzt bei dir in Gefahr, damit ich das Wagnis auf mich nehme, dir zu willfahren und etwas so Abscheuliches zu tun, wie du von mir verlangst? Keines von beiden, ohne Zweifel. Vielmehr verlangst du von mir, wie ich es verstehe, daß ich es mir zur Aufgabe machen und danach trachten soll, dir Ehre und Leben zu rauben und gleichzeitig auch mir beides zu rauben. Denn wenn ich trachten soll, dir die Ehre zu rauben, so ist's klar, daß ich dir das Leben raube, da der Mann ohne Ehre schlimmer daran ist als ein des Lebens beraubter. Und werde ich, wie du es verlangst, das Werkzeug so großen Unheils für dich, kommt es mit mir alsdann nicht dahin, daß ich keine Ehre mehr habe und folglich auch kein Leben? Höre, Freund Anselmo, und habe so viel Geduld, mir nicht eher zu antworten, bis ich dir vollständig dargelegt habe, was dein Wunsch von dir selbst verlangt; es wird Zeit genug bleiben, daß du mir antwortest und ich dir zuhöre.« »Mir recht«, sprach Anselmo, »sage, was dir beliebt.« Und Lotario fuhr fort: »Es kommt mir vor, Anselmo, du zeigest jetzt dieselbe Denkweise wie stets die Mauren, denen man den Irrweg ihrer Sekte weder mit Stellen aus der Heiligen Schrift begreiflich machen kann noch mit Gründen, die auf Vernunftschlüssen beruhen oder sich auf Glaubensartikel stützen; vielmehr muß man ihnen handgreifliche, verständliche, bündige, unzweifelhafte Beispiele beibringen nebst mathematischen Beweisen, die nicht zu leugnen sind, wie wenn man den Satz aufstellt: ›Wenn wir von zwei gleichen Größen gleiche Größen abziehen, so sind die übriggebliebenen ebenfalls gleich.‹ Und wenn sie dies in Worten nicht verstehen – und sie verstehen es wirklich nicht –, muß man sie es mit den Händen greifen lassen und es ihnen vor Augen stellen; und mit all diesem kann dennoch niemand sie von den Wahrheiten unsres heiligen Glaubens überzeugen. Dieselbe Art und Weise werde ich bei dir anwenden müssen; denn das Verlangen, das in dir entstanden, ist eine solche Verirrung und liegt so abseits von allem, was nur eine Spur vom Vernünftigen an sich hat, daß es meiner Meinung nach Zeitverschwendung wäre, dir deine Einfalt – denn ich will ihr für jetzt keinen andern Namen geben – begreiflich zu machen. Ich hätte beinah Lust, dich in deinem Wahnsinn zu lassen, zur Strafe für dein übles Vorhaben. Aber so hart zu verfahren, das läßt die Freundschaft nicht zu, die ich zu dir trage. Sie gestattet nicht, daß ich dich in so offenbarer Gefahr schweben lasse, dich zugrunde zu richten. Und damit du dies deutlich erkennst, sage mir, Anselmo: hast du mir nicht gesagt, ich soll eine in Zurückgezogenheit lebende Frau umwerben? eine sittsame überreden? einer uneigennützigen Anerbietungen machen? einer verständigen meine Liebesdienste widmen? Ja, du hast es mir gesagt. Wenn du also weißt, daß du ein zurückgezogen lebendes, sittsames, uneigennütziges, verständiges Weib hast, was suchst du mehr? Und wenn du glaubst, daß sie aus all meinen Bestürmungen als Siegerin hervorgehen wird, wie sie dies ohne Zweifel tun wird, welch bessere Benennungen willst du ihr nachher beilegen, als sie jetzt schon trägt? Oder was wird sie nachher mehr sein, als sie jetzt ist? Entweder hältst du sie nicht für das, was du sagst, oder du weißt nicht, was du begehrst. Wenn du sie nicht für das hältst, was du sagst, warum willst du sie auf die Probe stellen, wenn nicht deshalb, um alsdann mit ihr als einem schlechten Weibe so zu verfahren, wie es dir etwa in den Sinn kommen wird? Wenn sie aber so tugendhaft ist, wie du glaubst, so ist es ungereimt, mit der Wahrheit selbst eine Probe anstellen zu wollen. Denn dadurch wird sie doch nur in der gleichen Wertschätzung verbleiben wie vorher. So ist denn hieraus die notwendige Folgerung, daß Dinge zu unternehmen, aus denen eher Schaden als Nutzen entstehen kann, die Weise unverständiger und tollkühner Geister ist, zumal wenn sie an solche Dinge gehen, zu denen sie nicht gezwungen oder von außen her genötigt sind und die schon von weitem deutlich erkennen lassen, daß es offenbar Verrücktheit ist, sie sich vorzunehmen. An schwierige Dinge wagt man sich Gott zu Ehren oder der Welt wegen oder beider zusammen. Die, welche man Gott zu Ehren unternimmt, sind jene, welche die Heiligen unternahmen, indem sie strebten, ein Leben der Engel in menschlichen Leibern zu führen; die, welche um der Welt willen unternommen werden, sind die Handlungen jener Männer, welche durch die Unendlichkeit der Meere hinziehen, durch so große Mannigfaltigkeit der Himmelsstriche, soviel Fremdartigkeit der Völker, um zu erwerben, was man Güter des Glücks nennt; und die, welche man zugleich um Gottes und der Welt willen unternimmt, sind die Taten der tapferen Kriegsleute, die, kaum daß sie in der ihnen entgegenragenden Festungsmauer eine Lücke von so viel Umfang erblicken, als die Rundung einer Geschützkugel brechen kann, sofort alle Furcht beiseite setzend, ohne zu überlegen noch die offenbare Gefahr zu beachten, die ihrer harrt, im Fluge getragen auf den Schwingen des Verlangens, für ihren Glauben, für ihr Vaterland und für ihren König zu kämpfen, sich unverzagt mitten in den tausendfach entgegendräuenden Tod stürzen. Das sind die Dinge, die man zu unternehmen pflegt, und Ehre, Ruhm und Vorteil ist es, sie zu unternehmen, wiewohl sie voller Widerwärtigkeiten und Gefahren sind. Aber was du, wie du sagst, unternehmen und ins Werk setzen willst, wird dir weder Gottes Glorie noch Güter des Glücks noch Ruhm bei den Menschen erwerben. Denn wenn es dir auch ganz nach deinem Wunsche gelingen sollte, so wirst du dich weder vergnügter noch reicher noch höher geehrt finden, als du jetzt schon bist; und wenn es dir nicht gelingt, wirst du dich in dem größten Elend sehen, das sich erdenken läßt, da dir alsdann der Gedanke nichts helfen wird, daß niemand von dem Unglücke weiß, das dir zugekommen, indem es, um dich zu quälen und zugrunde zu richten, genügt, daß du selbst es wissest. Und zur Bekräftigung dieser meiner Darlegung will ich dir eine Stanze anführen, die der berühmte Dichter Ludwig Tansillo am Ende des ersten Teils seiner Tränen des heiligen Petrus geschrieben. Sie lautet so: Es wächst der Schmerz, es wächst das Schambewußtsein In Petrus, da der Hahn den Tag verkündigt; Und stürmisch zieht die Scham in seine Brust ein, Obwohl es niemand sah, als er gesündigt. Ein edles Herz muß sich der Schmach bewußt sein, Weiß auch kein andrer, daß es sich versündigt; Es schämt sich vor sich selbst ob dem Vergehen, Wenn auch nur Himmel es und Erde sehen. Mithin wirst du nicht durch Geheimhalten deinem Schmerz entgehen; vielmehr wirst du unaufhörlich zu weinen haben, wenn nicht Tränen aus den Augen, so doch blutige Tränen aus dem Herzen, wie sie jener einfältige Doktor weinte, von dem unser Dichter uns erzählt, der jene Probe mit dem Becher anstellte, welche mit besserer Überlegung der verständige Rinaldo vorzunehmen ablehnte. Denn wenn dies auch nur poetische Erdichtung ist, so sind darin doch Geheimnisse von tiefem Sinn verschlossen, die wohl wert sind, beachtet und verstanden und zur Richtschnur genommen zu werden. Und dies um so mehr, als das, was ich dir nunmehr zu sagen habe, dich völlig überführen wird, welch große Torheit du zu begehen vorhast. Sage mir, Anselmo: Wenn der Himmel oder ein glücklicher Zufall dich zum Herrn und rechtmäßigen Besitzer eines köstlichen Diamanten gemacht hätte, von dessen Güte und Reinheit alle Juwelenhändler, die ihn sähen, entzückt wären, und alle würden einstimmig und einmütig erklären, daß er an Gewicht, Güte und reinstem Wasser alles erreiche, was die Natur eines solchen Steines vermag, und du selbst glaubtest es auch so, ohne etwas zu wissen, das dagegen spräche; wäre es alsdann recht, daß dich die Lust ankäme, diesen Diamanten zu nehmen und ihn zwischen Amboß und Hammer zu legen und lediglich mit der Kraft des Armes und Draufschlagens zu erproben, ob er so hart und so rein ist, wie die Leute sagen? Und gar erst, wenn du es endlich ausführtest! Denn gesetzt den Fall, der Stein bestünde eine so törichte Probe, so würde er darum nicht höheren Wert noch höheren Ruf gewinnen; und wenn er bräche, was doch immerhin möglich ist, wäre dann nicht alles verloren? Ja, gewiß, und zudem würde der Besitzer in der öffentlichen Schätzung so tief sinken, daß alle ihn für einen einfältigen Toren hielten. Nun denke dir, Freund Anselmo, daß Camila nach deiner wie nach fremder Schätzung ein Diamant von größter Reinheit ist und daß es unvernünftig ist, das Juwel der Möglichkeit des Zerbrechens auszusetzen; denn wenn es auch in seiner Unversehrtheit bleibt, kann es zu keinem höheren Werte aufsteigen, als den es gegenwärtig besitzt; und wenn es zu schwach wäre und nicht Widerstand leistete, so erwäge jetzt schon, in welchem Zustand du ohne sie verbliebest und wie du mit vollstem Grunde dich nur über dich selbst beschweren müßtest, weil du allein verschuldet hättest, daß sie zugrunde ginge und du mit. Bedenke nun, daß es kein Juwel auf Erden gibt, das so kostbar ist wie ein keusches, züchtiges Weib, und daß die ganze Ehre der Frauen in dem Ruf ihrer Tugend besteht, dessen sie bei der Welt genießen. Und da der Ruf deiner Gattin ein derartiger ist, daß er das Höchste an Trefflichkeit erreicht, wie du weißt, wozu willst du diese feststehende Tatsache in Zweifel ziehen? Bedenke, Freund, daß das Weib ein unvollkommenes Geschöpf ist und daß man ihr keine Steine in den Weg legen, über die sie straucheln und fallen kann, vielmehr sie ihr wegräumen und ihr den Anstoß aus dem Weg schaffen soll, damit sie ohne Beschwer und leichten Fußes hinschreiten könne, um die ihr noch fehlende Vollkommenheit zu erreichen, die darin besteht, tugendhaft zu sein. Es berichten die Naturforscher, das Hermelin sei ein Tierchen mit schneeweißem Fell, und wenn die Jäger es jagen wollen, brauchen sie diesen Kunstgriff: da sie die Stellen kennen, wo es vorüberzukommen und wohin es zu laufen pflegt, so sperren sie diese mit Kot ab, scheuchen es dann auf und treiben es zu der Stelle hin; und sobald das Hermelin an den kotigen Ort kommt, steht es still und läßt sich greifen und gefangennehmen, damit es nur nicht durch den Schmutz laufen und seine Weiße verderben und besudeln muß, da es diese höher schätzt als Freiheit und Leben. Das sittsame und keusche Weib ist ein Hermelin, und weißer und reiner als Schnee ist die Tugend der Sittsamkeit, und wer nicht will, daß diese ihr verlorengehe, vielmehr ihr bewahrt und erhalten bleibe, der muß ein anderes Verfahren einhalten, als man bei dem Hermelin anwendet. Denn man darf nicht den Kot der Geschenke und Liebesdienste zudringlicher Bewerber vor sie hinlegen, weil vielleicht, ja sogar darf es nicht einmal vielleicht heißen, sie von Natur nicht so viel Tugend und Stärke besitzt, um mit eigner Kraft das ihr in den Weg Gelegte zu beseitigen und darüber hinwegzuschreiten. Daher muß man ihr jeden Anstoß aus dem Wege räumen und ihr die Reinheit der Tugend und die Schönheit, welche im guten Rufe liegt, vor Augen stellen. So ist auch das brave Weib wie ein Spiegel von glänzendem Kristall, der aber der Gefahr ausgesetzt ist, den Glanz zu verlieren und durch jeden Hauch, der ihn berührt, getrübt und verdunkelt zu werden. Das sittsame Weib muß man behandeln wie eine Reliquie, die man verehrt, aber nicht berührt. Man muß ein tugendhaftes Weib so hüten und schätzen, wie man einen schönen Garten hütet und schätzt, der voller Blüten und Rosen steht und dessen Besitzer nicht gestattet, daß man darin lustwandle und die Blumen betaste. Es genügt, daß man von weitem und zwischen den Eisenstäben hindurch ihren Duft und ihre Schönheit genieße. Schließlich will ich dir Verse sagen, die mir eben ins Gedächtnis gekommen – ich habe sie in einer neuen Komödie gehört – und die mir gerade auf den Gegenstand, der uns beschäftigt, zu passen scheinen. In der Komödie rät ein verständiger Alter einem andern, der eine Tochter hat, er solle sie zurückgezogen halten, sie bewachen und einschließen, und unter andern Gründen führt er ihm die folgenden an: Merkt, es ist das Weib von Glas, Drum versucht beileibe nicht, Ob es ganz bleibt oder bricht; Möglich ist ja dies wie das. Leichter bricht es doch; drum wißt: Klug ist's nicht, es drauf zu wagen, Daß in Splitter geh' zerschlagen, Was nicht mehr zu löten ist. Drum will ich's ans Herz euch legen, Und bald könnt es klar euch werden: Gibt es Danaen auf Erden, Fehlt's auch nicht am goldnen Regen. Alles, was ich dir bis hierher gesagt habe, Anselmo, bezog sich nur auf das, was dich selbst berührt. Jetzt gebührt es sich, auch einiges von dem zu hören, was für mich einen Wert hat, und sollte ich weitläufig sein, so vergib mir. Denn dies Labyrinth, in das du geraten und aus dem ich, so willst du es, dich befreien soll, erheischt alles, was ich vorbringe. Du hältst mich für deinen Freund und willst mir die Ehre rauben; was gegen alle Freundschaft ist; und sogar begehrst du nicht nur dies, sondern du gehst darauf aus, daß ich auch dir sie raube. Daß du mir sie rauben willst, ist klar; denn sobald Camila sieht, daß ich mich um sie bewerbe, wie du von mir verlangst, so hält sie mich zweifellos für einen Mann ohne Ehre und von schlechten Absichten, da ich etwas will und unternehme, was allem so ganz fremd ist, zu dem mich das Bewußtsein meines eigenen Wertes und deine Freundschaft verpflichten. Daß du willst, daß ich dir sie raube, daran ist auch kein Zweifel; denn wenn Camila sieht, daß ich mich um sie bewerbe, muß sie glauben, ich habe bei ihr irgendeinen leichtsinnigen Charakterzug gefunden, der mir die Dreistigkeit einflößte, ihr meine frevelhaften Wünsche zu offenbaren; und da sie sich hierdurch entehrt fühlen muß, so trifft dich, weil du ein Teil von ihr selbst bist, ihre Unehre mit. Und hiervon kommt auch, was allgemein gesagt wird, nämlich daß der Mann eines ehebrecherischen Weibes – wenn er selbst es auch nicht weiß und keinen Anlaß dazu gegeben hat, daß sein Weib anders ist, als sie sein sollte, und wenn es nicht in seiner Macht stand noch an seiner Unachtsamkeit noch an mangelnder Vorsicht lag, sein Mißgeschick abzuwenden –, daß der Mann trotz alledem mit einem schmählichen und gemeinen Namen belegt wird. Und gewissermaßen betrachten ihn die, welche um die Schlechtigkeit seines Weibes wissen, mit Blicken der Geringschätzung statt mit denen des Bedauerns, wie sie sollten, da ihnen doch bekannt ist, daß er nicht durch seine Schuld, sondern durch die Gelüste seiner sündigen Lebensgefährtin in dies Unglück geraten ist. Aber ich will dir den Grund sagen, weshalb der Mann eines verbrecherischen Weibes mit Recht entehrt ist, selbst wenn er nicht weiß, daß sie schlecht ist, und daran weder Schuld trägt noch dazu geholfen noch Anlaß dazu gegeben hat. Und laß dir's nicht zuviel werden, mich anzuhören; denn alles soll ja zu deinem Besten dienen. Als Gott unsern ersten Vater im irdischen Paradies erschuf, da ließ er, wie die Heilige Schrift sagt, einen tiefen Schlaf auf ihn fallen, und er entschlief. Und Gott nahm seiner Rippen eine aus der linken Seite und bauete aus der Rippe unsere Mutter Eva. Und als Adam erwachte und sie sah, sprach er: Das ist Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein. Und Gott sprach: Um ihretwillen wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und sie werden ein Fleisch sein. Und damals wurde das göttliche Sakrament der Ehe eingesetzt mit solchen Banden, daß nur der Tod sie lösen kann. Und es hat dies wunderbare Sakrament so große Kraft und Wirksamkeit, daß es zwei verschiedene Personen zu einem und demselben Fleische macht; und es bewirkt selbst noch mehr bei tugendhaften Eheleuten; denn wiewohl sie zwei Seelen haben, so haben sie doch nur einen Willen. Und daher kommt es, weil das Fleisch der Gattin eines ist mit dem des Gatten, daß die Flecken, die auf die Frau fallen, oder die Fehler, die sie sich zuschulden kommen läßt, das Fleisch des Mannes mit treffen, auch wenn er, wie gesagt, keinen Anlaß zu diesem Unglück gegeben hat. Denn so, wie einen Schmerz am Fuße oder an irgendwelchem Glied des menschlichen Leibes der ganze Leib empfindet, weil er in seiner Gesamtheit aus einem Fleische besteht, und wie der Kopf eine Verletzung an den Fußknöcheln empfindet, ohne daß er sie veranlaßt hätte, so nimmt der Mann teil an der Unehre des Weibes, weil er eins und dasselbe mit ihr ist. Und da alle Ehre und Unehre auf Erden mit Fleisch und Blut zusammenhängt und daraus entsteht und die eines schlechten Weibes von dieser Art ist, so muß notwendig den Ehemann ein Teil derselben treffen und er als entehrt gelten, wenn er auch nichts davon weiß. Erwäge also, Anselmo, die Gefahr, in die du dich begibst, wenn du die Gemütsruhe stören willst, in der deine tugendsame Gattin lebt; erwäge, um welches eitlen, törichten Vorwitzes willen du die Gefühle in Aufregung bringen willst, die bis jetzt im Busen deiner keuschen Gattin friedlich ruhen; merke wohl, daß, was du bei solchem Glücksspiel gewinnen kannst, wenig ist, und was du verlieren würdest, so viel, daß ich es auf sich beruhen lassen will, weil mir Worte fehlen, um es in seinem vollen Umfang zu schildern. Aber wenn alles, was ich gesagt, nicht genügt, um dich von deinem schlimmen Vorhaben abzubringen, so magst du ein anderes Werkzeug deiner Unehre und Vernichtung suchen. Denn ich gedenke nicht als solches zu dienen, wenn ich auch darob deine Freundschaft verlieren sollte, der größte Verlust, den ich mir vorstellen kann.« Mit diesen Worten schwieg der tugendhafte und einsichtsvolle Lotario, und Anselmo stand so verstört und in Gedanken verloren, daß er ihm längere Zeit kein Wort zu erwidern vermochte. Endlich aber sprach er zu Lotario: »Mit einer Aufmerksamkeit, die dir nicht entgangen ist, habe ich alles angehört, Freund Lotario, was du mir sagen wolltest, und an deinen Worten, Beispielen und Gleichnissen erkannte ich, welch große Einsicht du besitzest und auf welch äußerstem Punkte wahrer Freundschaft du stehst. Und ebenso sehe ich auch ein und bekenne, daß, wenn ich deiner Warnung nicht folge und bei der meinigen beharre, ich vor dem Guten fliehe und dem Bösen nacheile. Dies zugegeben, mußt du erwägen, daß ich jetzt an jener Krankheit leide, von der manche Frauen öfter befallen sind, die da Gelüste haben, Erde, Gips, Kohlen zu essen, ja andre, noch ärgere Dinge, die zu ekelhaft sind, um sie nur anzusehen, geschweige sie zu essen. So ist's denn notwendig, irgendeinen Kunstgriff anzuwenden, damit ich genese, und dies könnte mit Leichtigkeit so geschehen, daß du wenigstens anfingst, wenn auch nur lau und zum Schein, dich um Camilas Liebe zu bewerben. Sie wird ja doch nicht so schwach sein, daß ihre Tugend gleich den ersten Angriffen erliegt. Und mit diesem bloßen Anfang werde ich mich befriedigt fühlen, und du wirst erfüllt haben, was du unserer Freundschaft schuldig bist, indem du mir dadurch nicht allein das Leben, sondern auch die Sicherheit gibst, daß meine Ehre ungeschmälert bleibt. Und dies zu tun, bist du schon allein aus einem Grund verpflichtet: da ich nämlich entschlossen bin – und in der Tat bin ich es –, diese Probe vorzunehmen, so darfst du nicht zulassen, daß ich meine Torheit einem Dritten offenbare, wobei ich ja die Ehre aufs Spiel setzen würde, während dein Bestreben darauf geht, daß ich sie nicht verlieren soll. Und wenn auch deine Ehre in Camilas Meinung während der Zeit, wo du um ihre Gunst wirbst, nicht so hoch steht, als sich gebührt, so liegt wenig oder nichts daran, da du ja in kurzem, nachdem du bei ihr die standhafte Lauterkeit erkannt hast, die wir erhoffen, ihr die reine Wahrheit über unsern Anschlag sagen kannst. Und damit wird dein guter Ruf bei ihr wieder gänzlich hergestellt sein. Und da du so wenig dabei wagst und durch ein solches Wagen mir so große Befriedigung verschaffen kannst, so lehne es nicht ab, selbst wenn sich noch weit mehr Unzuträglichkeiten dir vor Augen stellten. Denn, wie ich bereits gesagt, schon damit, daß du der Sache nur einen Anfang gibst, werde ich sie für endgültig erledigt erachten.« Da Lotario den entschiedenen Willen Anselmos sah und nicht wußte, welche Beispiele er noch sonst ihm vorführen noch welche neuen Gründe er ihm angeben könnte, um ihn davon abzubringen, und da er dessen Drohung hörte, einem andern sein frevles Begehren zu offenbaren, so entschloß er sich, um ein größeres Übel zu verhüten, ihn zufriedenzustellen und zu tun, was er verlangte; jedoch mit dem Vorsatz und in der Absicht, den Handel auf einen solchen Weg zu leiten, daß, ohne Camilas Gedanken zu beunruhigen, Anselmo zufriedengestellt würde. Er antwortete ihm daher, er solle sein Vorhaben keinem andern mitteilen; er, Lotario, nehme die ganze Geschichte auf sich und würde sie beginnen, sobald es Anselmo beliebe. Dieser umarmte seinen Freund mit liebevoller Zärtlichkeit und dankte ihm für seine Bereitwilligkeit, als hätte er ihm die größte Wohltat erwiesen. Sie kamen miteinander überein, gleich am folgenden Tage solle das Werk begonnen werden; Anselmo solle ihm Gelegenheit und Muße verschaffen, mit Camila unter vier Augen zu sprechen, und ihm Geld und Kleinodien geben, um sie ihr anzubieten und zu schenken. Anselmo riet Lotario, ihr Ständchen zu bringen und Verse zu ihrem Preise zu schreiben, die er selbst dichten würde, wenn Lotario sich nicht die Mühe geben wolle, sie zu schreiben. Zu all diesem erklärte sich Lotario bereit, wiewohl in einer ganz andern Absicht, als Anselmo dachte. Mit dieser Verabredung kehrten sie nach Anselmos Hause zurück, wo sie Camila ihren Mann erwartend fanden, voll Angst und Besorgnis, weil er diesen Tag länger als gewöhnlich ausblieb. Lotario begab sich hierauf in sein Haus, und Anselmo blieb in dem seinigen, ebenso vergnügt, wie Lotario nachdenklich war, da er nicht wußte, welchen Anschlag er erdenken solle, um sich glücklich aus dem argen Handel zu ziehen. Aber noch an demselben Abend kam er darauf, welch ein Benehmen er einhalten könne, um Anselmo zu täuschen, ohne Camila zu nahe zu treten. Des andern Tages kam er zu seinem Freunde zum Essen und ward von Camila wohl aufgenommen; sie empfing und behandelte ihn stets mit der größten Freundschaft, weil sie sich der innigen Liebe ihres Mannes zu Lotario wohl bewußt war. Nachdem sie gespeist hatten und abgedeckt war, bat Anselmo seinen Freund, er möchte bei Camila bleiben, während er selbst sich zu einem unumgänglichen Geschäft fortbegeben müsse; in anderthalb Stunden werde er zurückkehren. Camila bat ihn, sich doch nicht zu entfernen, und Lotario erbot sich, ihn zu begleiten, aber nichts konnte bei Anselmo verfangen. Vielmehr drang er angelegentlichst in Lotario, zu bleiben und ihn hier zu erwarten, da er mit ihm eine Sache von großer Wichtigkeit zu verhandeln habe. Er bat auch Camila, seinen Freund nicht allein zu lassen, bis er wiederkomme. Kurz, er wußte die Wichtigkeit – oder Nichtigkeit – seines Ausgangs so erfinderisch zu schildern, daß niemand die Verstellung hätte merken können. Anselmo ging, und Camila und Lotario blieben allein am Tische sitzen; denn die übrigen Leute vom Hause waren alle zum Essen gegangen. Jetzt sah sich Lotario auf dem Turnierplatz, den sein Freund ihm ausgesucht hatte, vor sich den Feind, der schon allein mit seiner Schönheit ein ganzes Heer von wohlgerüsteten Rittern hätte besiegen können. Nun bedenkt, ob Lotario Ursache hatte, solchen Feind zu fürchten! Er tat indessen weiter nichts, als daß er den Ellenbogen auf den Arm des Sessels stützte, die flache Hand an die Wange legte und Camila um Verzeihung ob der Unhöflichkeit bat, weil er ein wenig ausruhen möchte, bis Anselmo heimkehre. Camila antwortete ihm, er werde besser auf dem Sofa im Besuchszimmer ausruhen als auf dem Sessel, und bat ihn hineinzugehen, um da zu schlafen; doch Lotario wollte nicht; er blieb dort schlummernd, bis Anselmo zurückkam. Als dieser Camila in ihrem Gemach und Lotario schlafend fand, glaubte er, weil er so lang ausgeblieben, hätten die beiden bereits hinreichend Zeit gehabt, sich zu besprechen, ja sogar zu schlafen, und konnte kaum den Augenblick erwarten, wo Lotario erwachte, um mit ihm wieder auszugehen und ihn über seinen Erfolg zu befragen. Alles geschah nach seinem Wunsch: Lotario erwachte, und sogleich verließen beide das Haus, und nun fragte ihn Anselmo nach dem Gewünschten. Lotario antwortete ihm, es habe ihm nicht gut geschienen, sich gleich das erstemal ihr vollständig zu entdecken, und so habe er nichts weiter getan, als Camila ob ihrer Schönheit zu preisen und ihr zu sagen, daß in der ganzen Stadt von nichts anderem die Rede sei als von ihren Reizen und ihrem verständigen Wesen. Dies sei ihm als der beste Anfang erschienen, um allmählich ihr Wohlwollen zu gewinnen und sie geneigt zu machen, ihn auch ein andermal gern anzuhören. So habe er sich des Kunstgriffs bedient, den der Böse anwendet, wenn er jemand verführen will, der auf der Wache steht, um sich zu behüten. Der Teufel verwandle sich alsdann in einen Engel des Lichts, da er doch der Engel der Finsternis ist, und während er dem Armen einen guten Anschein vorspiegelt, offenbart er zuletzt, wer er ist, und führt sein Vorhaben aus, falls seine Tücke nicht gleich von vornherein entdeckt wird. Anselmo war mit all diesem höchst zufrieden und sagte, er würde ihm jeden Tag dieselbe Gelegenheit verschaffen, selbst ohne aus dem Hause zu gehen; denn er würde sich daheim mit solchen Dingen beschäftigen, daß Camila nicht hinter seine Schliche kommen könne. Es vergingen nun viele Tage, während Lotario, ohne mit Camila ein Wort zu reden, stets auf seines Freundes Fragen antwortete, er spreche mit ihr, könne ihr aber nie das geringste Anzeichen entlocken, daß sie sich zu irgend etwas Unrechtem herbeilassen würde noch auch nur die entfernteste Andeutung eines Schattens von Hoffnung gebe. Im Gegenteil, sagte er, drohe sie ihm, es ihrem Gatten mitzuteilen, wenn er nicht von seinen bösen Gedanken abstehe. »Sehr gut«, sprach Anselmo. »Bis jetzt hat Camila den Worten widerstanden; wie sie den Werken widersteht, das müssen wir jetzt notwendig erforschen. Morgen gebe ich dir zweitausend Goldtaler, um sie ihr anzubieten, ja sie ihr zu schenken, und eine gleiche Summe zum Ankauf von Juwelen, um sie damit zu ködern. Denn die Frauen, ob sie auch noch so keusch sind, haben ihre große Liebhaberei daran, besonders wenn sie schön sind, schön gekleidet und in stattlichem Putz einherzugehen. Wenn sie aber dieser Versuchung widersteht, so will ich mich zufriedengeben und dich nicht weiter bemühen.« Lotario erwiderte, da er nun einmal den Anfang gemacht habe, so wolle er das Unternehmen zu Ende führen, obgleich er einsehe, daß er aus demselben erschöpft und besiegt hervorgehen werde. Am nächsten Tag erhielt er die viertausend Goldtaler und mit ihnen viertausend Verlegenheiten; denn er wußte nicht, was für neue Lügen er vorbringen solle. Aber endlich entschloß er sich, Anselmo zu sagen, Camila sei gegen Geschenke und Versprechungen ebenso probefest wie gegen Worte und es sei zwecklos, sich noch weiter abzumühen, weil die ganze Zeit vergeblich aufgewendet sei. Allein das Schicksal, das die Dinge anders lenken wollte, fügte es so, daß Anselmo, nachdem er eines Tages Lotario und Camila allein gelassen, wie er bisher zu tun pflegte, sich in ein Seitengemach einschloß und durchs Schlüsselloch sehen und hören wollte, was die beiden tun würden; und er entdeckte, daß Lotario während einer halben Stunde kein Wort mit Camila sprach und sicher auch keines mit ihr gesprochen hätte, wenn Anselmo ein Jahrhundert lang dort gehorcht hätte. Nun ward ihm klar, daß, was sein Freund ihm von Camilas Antworten gesagt, alles Dichtung und Lüge war. Und um sich zu überzeugen, ob dem wirklich so sei, verließ er das Gemach, rief Lotario beiseite und fragte, was Neues vorgekommen und in welcher Stimmung Camila sei. Lotario entgegnete ihm, er gedenke in der Sache nichts weiter bei ihr zu tun; denn sie antworte so schroff und ärgerlich, daß er nicht das Herz habe, ihr nochmals etwas zu sagen. »Ha, Lotario, Lotario«, sprach Anselmo, »wie wenig entspricht dein Verhalten deiner Pflicht gegen mich und meinem großen Vertrauen zu dir! Jetzt habe ich dagestanden und durch die Öffnung dieses Schlüsselloches dich belauscht, habe bemerkt, daß du zu Camila nicht ein Wort gesagt hast, und bin dadurch zu der Erkenntnis gelangt, daß du ihr noch das erste Wort zu sagen hast. Und wenn es so ist – und ohne Zweifel ist es so –, zu welchem Zweck hintergehst du mich, oder warum willst du mir mit deiner List die Mittel entziehen, die ich finden könnte, um meine Absicht zu erreichen?« Mehr sprach Anselmo nicht. Aber was er gesagt, genügte, um Lotario in Beschämung und Bestürzung zu versetzen. Jetzt, als ob er seine Ehre für verpfändet hielte, weil er über einer Lüge betroffen worden, jetzt schwur er Anselmo zu, von diesem Augenblick an nehme er es auf sich, ihn zufriedenzustellen und ihm nichts vorzulügen, und der Freund würde dies ersehen, wenn er sein Tun sorgfältig ausspähen wolle. Doch sei es hierzu nicht einmal nötig, sich irgend Mühe zu geben; denn die Mühe, die er aufwenden wolle, um seinen Wünschen nachzukommen, werde ihm jeden Argwohn benehmen. Anselmo schenkte ihm Glauben, und um es ihm bequemer zu machen, so daß er mehr Sicherheit und weniger Störung hätte, beschloß er, sich auf acht Tage aus seinem Hause zu entfernen und einen Freund in einem Dorfe nicht weit von der Stadt zu besuchen. Er verabredete mit diesem Freunde, er solle ihn ernstlich und dringend zu sich berufen, um bei Camila einen Vorwand zu seiner Abreise zu haben. Du unglücklicher, übelberatener Anselmo! Was tust du? Was planst du? Auf was gehst du aus? Bedenke, daß du gegen dich selbst handelst, indem du deine Entehrung planst und auf dein Verderben ausgehst. Tugendhaft ist deine Gemahlin Camila; in Ruhe und Frieden besitzest du sie; niemand stört deine Freuden; ihre Gedanken schweifen nicht über die Wände deines Hauses hinaus; du bist ihr Himmel auf Erden, der Zielpunkt ihrer Wünsche, der Gipfel ihrer Freuden, das Maß, an dem sie ihren Willen mißt, indem sie ihn in allem nach dem deinigen und dem des Himmels richtet. Wenn nun die Erzgrube ihrer Ehre, ihrer Schönheit, Sittsamkeit und Schüchternheit dir ohne irgendwelche Mühsal allen Reichtum hingibt, den sie enthält und den du nur wünschen kannst, warum willst du die Erde noch tiefer aufgraben und neue Adern neuen und nie erschauten Reichtums aufsuchen und dich hierbei in die Gefahr bringen, daß sie ganz zusammenstürze? Denn am Ende hält sie sich doch nur auf den gebrechlichen Stützen ihrer schwachen Natur aufrecht. Bedenke: Wer das Unmögliche sucht, dem geschieht nur recht, wenn das Mögliche ihm versagt wird, wie es besser ein Dichter ausdrückt, der da sagt: Leben such ich in dem Tod, Heilung in des Siechtums Grause, Ausgang in verschloßner Klause, Freiheit in des Kerkers Not, Treue, wo Verrat zu Hause. Doch mein Glück, stets karg an Gaben, Läßt selbst Hoffnung nie mich laben; Und des Himmels Satzung lehrt: Wer Unmögliches begehrt, Soll das Mögliche nicht haben. Am andern Tag begab sich Anselmo auf das Dorf, nachdem er Camila gesagt, während der Zeit seiner Abwesenheit werde Lotario kommen, um nach dem Hause zu sehen und mit ihr zu speisen; sie möge wohl darauf bedacht sein, den Freund wie ihn selbst zu behandeln. Camila war als eine verständige, sittsame Frau über den Befehl bekümmert, den ihr Gemahl ihr zurückließ, und entgegnete ihm, er möge bedenken, daß es nicht schicklich sei, wenn in seiner Abwesenheit ein anderer den Platz an seinem Tisch einnehme; und wenn er es etwa deshalb tue, weil er ihr nicht zutraue, sein Haus regieren zu können, so möge er doch diesmal die Probe machen, und die Erfahrung würde ihn dann belehren, daß sie auch größeren Aufgaben gewachsen sei. Anselmo erwiderte ihr, es sei einmal sein Wunsch so, und sie habe weiter nichts zu tun, als gesenkten Hauptes ihm zu gehorchen. Camila erklärte, sie werde es tun, wenn auch gegen ihren Willen. Anselmo reiste ab, und des andern Tags kam Lotario ins Haus und fand bei Camila eine liebevolle und sittsame Aufnahme. Doch betrat sie nie einen Ort, wo Lotario sie unter vier Augen hätte antreffen können; sie zeigte sich immer von ihren Dienern und Dienerinnen umgeben, namentlich einer Zofe, die Leonela hieß und die sie sehr liebte, weil sie beide von Kind auf im Hause von Camilas Eltern zusammen erzogen worden waren, und als sie sich mit Anselmo verheiratete, nahm sie die Zofe mit. Im Lauf der ersten drei Tage sprach Lotario gar nichts mit ihr, obschon er es gekonnt hätte, während man den Tisch abdeckte und die Leute weggingen, um rasch zu essen, wie es Camila angeordnet hatte. Sogar hatte Leonela den Befehl, früher als Camila zu essen und sich nie von ihrer Seite zu entfernen. Allein das Mädchen, das ihre Gedanken auf andre Gegenstände ihrer Wünsche gerichtet hatte und dieser Stunden und Gelegenheiten bedurfte, um sie auf die Befriedigung ihrer eignen Neigungen zu verwenden, befolgte nicht immer das Gebot ihrer Herrin, ließ vielmehr die beiden häufig allein, gerade als wäre dieses ihr befohlen worden. Indessen, das sittsame Aussehen Camilas, der Ernst ihrer Züge, der würdige Anstand ihrer ganzen Persönlichkeit, das alles war mächtig genug, um Lotarios Zunge einen Zügel anzulegen. Jedoch das Gute, das die vielen trefflichen Eigenschaften Camilas bewirkten, indem sie Lotario zu schweigen nötigten, schlug beiden zu desto größerem Schaden aus. Denn wenn die Zunge auch still blieb, so redeten die Gedanken und hatten Muße, die vollendete Schönheit und Liebenswürdigkeit, welche Camila zu eigen waren, Zug um Zug mit Verehrung zu betrachten, mehr als genügend, um eine Bildsäule von Marmor in Liebe zu entflammen, geschweige denn ein Herz von Fleisch und Blut. Sooft Lotario Zeit und Gelegenheit fand, sie zu sprechen, schaute er sie unverwandt an und dachte bei sich, wie liebenswert sie sei. Diese Gedanken begannen allmählich einen Sturmlauf gegen die freundschaftliche Rücksicht, die er Anselmo schuldete, und tausendmal wollte er die Stadt verlassen und hingehen, wo Anselmo niemals ihn und er niemals Camila mehr zu Gesicht bekäme. Allein schon konnte er es nicht mehr. Der Genuß, den er an ihrem Anblick fand, verwehrte es ihm und hielt ihn zurück. Er tat sich Gewalt an und kämpfte mit sich, um die Wonne nicht zu empfinden und aus seinem Herzen zu reißen, die ihn antrieb, Camila stets anzuschauen. Wenn er mit sich allein war, klagte er sich an ob seines Wahnsinns, er nannte sich einen schlechten Freund, ja einen schlechten Christen; er stellte Betrachtungen an und Vergleichungen zwischen sich und Anselmo, und alle liefen darauf hinaus, daß er sich sagte, seine Treulosigkeit sei noch lange nicht so groß wie Anselmos Verkehrtheit und blinde Zuversicht, und wenn er für das, was er zu tun gedenke, ebenso vor Gott Entschuldigung fände wie vor den Menschen, so würde er keine Strafe für seine Schuld fürchten. Zuletzt kam es dahin, daß Camilas Schönheit und vortreffliche Eigenschaften, verbunden mit der Gelegenheit, die der törichte Ehemann ihm in die Hand gegeben, Lotarios Redlichkeit gänzlich zu Fall brachten. Er beachtete nichts anderes mehr, als wozu seine Neigung ihn trieb, und nach drei Tagen der Abwesenheit Anselmos, während deren er in beständigem Kampfe war, um seinen eigenen Wünschen zu widerstehen, begann er, wie verstört und außer sich, um Camila mit solchen Liebesworten zu werben, daß sie ganz in Bestürzung geriet und nichts weiter tat, als daß sie sich von ihrem Sitz erhob und in ihr Gemach ging, ohne ihm ein Wort zu erwidern. Aber durch diese Kälte ward in Lotario die Hoffnung nicht entmutigt, die immer zugleich mit der Liebe entsteht; vielmehr ward ihm Camila um so teurer. Diese aber, nachdem sie in Lotario gefunden, was sie nie erwartet hätte, wußte nicht, was sie anfangen sollte; und da es ihr weder sicher noch wohlgetan schien, ihm Gelegenheit und Raum zu einer zweiten Besprechung zu geben, so beschloß sie, noch an demselben Abend – wie sie es denn auch ausführte – einen ihrer Diener mit einem Briefe an Anselmo zu senden, worin sie ihm folgende vernünftige Worte schrieb. 34. Kapitel Worin die Novelle vom törichten Vorwitz fortgesetzt wird Wie man zu sagen pflegt, daß ein Heer ohne seinen Feldherrn und eine Burg ohne ihren Burgvogt einen schlechten Eindruck machen, so sage ich: ohne ihren Gatten macht eine jugendliche Ehefrau noch einen viel schlimmern Eindruck, wenn nicht die zwingendsten Gründe dies verhindern. Ich finde mich in so übler Lage ohne Euch und so außerstande, diese Abwesenheit zu ertragen, daß, wenn Ihr nicht schleunig kommt, ich gehen muß, um im Hause meiner Eltern zu leben, ob ich auch das Eure ohne Hüter lasse. Denn der Hüter, den Ihr mir zurückgelassen, falls er nämlich in dieser Eigenschaft bei uns geblieben, der, glaube ich, hat mehr sein eigenes Gelüsten im Auge, als was Euch angeht. Und da Ihr ein verständiger Mann seid, habe ich Euch nicht mehr zu sagen, und es wäre auch nicht einmal gut, wenn ich Euch mehr sagte. Diesen Brief empfing Anselmo, und er ersah daraus, daß Lotario bereits das Unternehmen begonnen und daß Camila geantwortet haben mußte, wie er es wünschte, und über die Maßen vergnügt ob solcher Nachrichten, sandte er an Camila mündliche Antwort, sie möge wegen ihrer Wohnung durchaus keine Änderung treffen; denn er werde in aller Kürze zurückkehren. Camila war erstaunt über Anselmos Antwort, die sie in noch größere Verlegenheit als zuvor setzte. Sie getraute sich nicht, in ihrem Hause zu bleiben, und noch weniger, in das ihrer Eltern zu ziehen; denn beim Dableiben lief ihre Ehre Gefahr, und beim Wegziehen handelte sie gegen das Gebot ihres Gatten. Endlich entschloß sie sich zu dem, was gerade zum Schlimmsten für sie ausschlug, nämlich zu bleiben, mit dem Vorsatz, Lotarios Gegenwart nicht zu meiden, weil sie ihren Dienern keinen Anlaß zum Gerede geben wollte. Und schon tat es ihr leid, ihrem Gatten den erwähnten Brief geschrieben zu haben, da sie befürchtete, er möchte etwa denken, Lotario habe irgendeine Leichtfertigkeit in ihrem Benehmen bemerkt, die ihn veranlaßt hätte, ihr gegenüber nicht die Achtung zu bewahren, die er ihr schuldete. Aber ihrer Tugend sich bewußt, verließ sie sich auf Gott und ihren redlichen Sinn und hielt sich damit für stark genug, um allem, was Lotario ihr sagen möchte, schweigend zu widerstehen, ohne ihrem Gatten weitere Mitteilung zu machen, um ihn nicht in Händel und Widerwärtigkeiten zu verwickeln. Ja, bereits sann sie auf ein Mittel, wie sie Lotario bei Anselmo entschuldigen könne, wenn dieser sie fragen sollte, warum sie ihm jenen Brief geschrieben habe. In diesen Gedanken, die freilich mehr ehrenhaft als verständig und zu ihrem Besten waren, saß sie des folgenden Tages da und hörte Lotario an, welcher diesmal so in sie drang, daß Camilas Festigkeit zu wanken begann, und Ihre Sittsamkeit hatte genug zu tun, um die Augen zu hüten, daß sie das zärtliche Mitleid nicht verrieten, welches Lotarios Worte und Tränen in ihrem Busen geweckt hatten. All dies bemerkte Lotario wohl, und alles versetzte ihn in noch heißere Glut. Nun aber bedünkte es ihn unerläßlich, solange noch Anselmos Abwesenheit ihm Zeit und Gelegenheit vergönne, die Belagerung dieser Feste mit größerem Nachdruck zu betreiben, und so eröffnete er mit Lobreden auf ihre Schönheit seinen Angriff auf ihre Eigenliebe. Denn es gibt nichts auf Erden, was die umschanzten Türme weiblicher Eitelkeit rascher überwältigt und beseitigt als diese Eitelkeit selbst, wenn sie sich auf die Sprache der Schmeichelei stützt. Kurz, Lotario untergrub mit aller Kunst und Unermüdlichkeit den Fels ihrer keuschen Tugend mittels solcher Minierarbeiten, daß Camila, wäre sie auch ganz von Erz gewesen, hätte fallen müssen. Er weinte, flehte, verhieß, schmeichelte, drängte beharrlich und log mit so heißem Gefühl, mit so viel Zeichen der Aufrichtigkeit, daß er Camilas Sittsamkeit zum Scheitern brachte und endlich einen Triumph errang, den er am wenigsten erhofft und am meisten ersehnt hatte. Camila ergab sich, Camila fiel: aber was Wunder, da ja auch Lotarios Freundschaft nicht standhielt? Ein deutliches Beispiel, das uns zeigt, daß man die Leidenschaft der Liebe nur besiegen kann, wenn man vor ihr die Flucht ergreift, und daß niemand gegen einen so machtvollen Feind den Kampf wagen kann, dessen wenn auch nur menschliche Kräfte zu besiegen man göttlicher Kräfte bedarf. Leonela allein erfuhr von der Schwäche ihrer Herrin; denn sie ihr zu verbergen war den Verrätern an der Freundschaft, dem neuen Liebespaar, nicht möglich. Lotario mochte Camila den Plan Anselmos nicht anvertrauen; und daß jener selbst ihm die Gelegenheit verschafft habe, so weit zu gelangen, mochte er ihr ebensowenig sagen, damit sie seine Liebe nicht geringer schätze und damit sie glaube, daß er nur aus zufälligem Anlaß und ohne überlegte Absicht, nicht aber mit Vorbedacht sich um ihre Gunst beworben habe. Nach wenig Tagen kehrte Anselmo nach Hause zurück und ward nicht inne, was jetzt in demselben fehle, nämlich worauf er am wenigsten gehalten und was er doch am höchsten geschätzt hatte. Er suchte sogleich Lotario auf und fand ihn in dessen Wohnung; sie umarmten einander, und Anselmo verlangte von ihm Kunde, ob ihm Leben oder Tod beschieden sei. »Die Kunde, die ich dir geben kann, mein Freund Anselmo«, sprach Lotario, »ist die, daß du ein Weib hast, das verdient, Beispiel und Krone aller tugendhaften Frauen genannt zu werden. Die Worte, die ich an sie gerichtet, waren in den Wind gesprochen; meine Anerbietungen wurden verschmäht; die Geschenke wurden nicht angenommen; ein paar erheuchelte Tränen, die ich vergoß, wurden ganz gehörig verspottet. Kurz, so wie Camila der Inbegriff aller Schönheit ist, so ist sie auch der Juwelenschrein, worin die Sittsamkeit verwahrt ist, worin die Liebenswürdigkeit und Keuschheit ruhen wie auch alle anderen Tugenden, die ein ehrenhaftes Weib preisenswert und glücklich machen können. Nimm dein Geld wieder, Freund, ich hatte nicht nötig, es anzurühren; denn Camilas unnahbare Tugend läßt sich nicht von niedrigen Dingen wie Geschenken und Versprechungen besiegen. Sei zufrieden, Anselmo, und begehre nicht noch mehr Proben als die bisherigen; und da du trockenen Fußes durch das Meer der schweren Quälereien und argwöhnischen Zweifel gegangen, die man um der Frauen willen so oft erleidet, so wage dich nicht abermals in die tiefe See neuer Widerwärtigkeiten, erprobe nicht mit einem anderen Lotsen die Güte und Festigkeit des Schiffes, das dir der Himmel zugeteilt hat, um an dessen Bord das Meer dieses Lebens zu befahren. Sei vielmehr überzeugt, daß du schon im sicheren Hafen bist, lege dich fest vor dem Anker besonnener Erwägung und bleibe ungestört da liegen, bis man dir dereinst den Zoll abfordert, von dem uns kein Adel der Welt jemals befreien kann.« Anselmo war höchst glücklich über Lotarios Worte und glaubte ihnen wie einem Orakelspruch. Allein trotzdem bat er ihn, das Unternehmen nicht aufzugeben, wäre es auch nur aus Neugier und um der Unterhaltung willen; wiewohl er inskünftig nicht mehr so nachdrückliche Bemühungen aufzuwenden brauche. Er wünsche nur noch, daß er ihr unter dem Namen Chloris einige Verse zu ihrem Lobe schreibe; er selbst werde ihr mitteilen, Lotario sei in eine Dame verliebt, der er den Namen Chloris beigelegt habe, um mit dem Anstand, den man ihrer Tugend schuldig sei, sie besingen zu können. Und wenn Lotario sich nicht die Mühe geben wolle, die Verse zu schreiben, so würde er selbst sie dichten. »Das wird nicht erforderlich sein«, sprach Lotario, »denn so feindlich sind mir die Musen nicht, daß sie mich nicht etliche Stunden des Jahres besuchen sollten. Erzähle du nur Camila, was du mir soeben von meiner angeblichen Liebschaft gesagt hast; die Verse werde ich schon schreiben, und wenn nicht so vortrefflich, wie es der Gegenstand verdient, doch wenigstens so gut es mir möglich ist.« Bei dieser Verabredung blieb es zwischen dem vorwitzigen und dem verräterischen Freunde; und als Anselmo nach Hause zurückgekommen, richtete er an Camila eine Frage, die sie längst erwartet und über deren Ausbleiben sie sich sehr gewundert hatte: nämlich aus welcher Veranlassung sie ihm jenen Brief geschrieben habe. Camila antwortete, sie habe den Eindruck gehabt, daß Lotario sie etwas freier ansehe als während Anselmos Anwesenheit im Hause; sie sei aber schon ihres Irrtums gewahr geworden und glaube, es sei lediglich eine Einbildung von ihr gewesen, weil Lotario bereits vermeide, sie zu besuchen und mit ihr allein zu sein. Anselmo entgegnete ihr, sie könne ganz sicher sein, daß ihr Verdacht unbegründet sei; denn Lotario liebe ein vornehmes Fräulein in der Stadt, die er unter dem Namen Chloris besinge; wenn es aber auch nicht so wäre, so sei bei der Redlichkeit Lotarios und der innigen Freundschaft zwischen ihnen beiden nichts zu befürchten. Indessen, wenn Camila nicht von Lotario erfahren hätte, daß jenes Liebesverhältnis zu Chloris bloß erfunden sei und daß er es seinem Freunde Anselmo nur erzählt habe, um ein paar Augenblicke dem Lobe Camilas selbst widmen zu können, so wäre diese ohne Zweifel in das verzweiflungsvolle Netz der Eifersucht geraten. Sie war jedoch schon vorbereitet, und so kam sie ohne Kummer über den Schreck hinaus. Am folgenden Tage, als alle drei bei Tische saßen, bat Anselmo seinen Freund, ihnen einiges von dem vorzutragen, was er für seine geliebte Chloris gedichtet habe, zu deren Lob er, da Camila sie nicht kenne, gewiß alles vorbringen dürfe, was ihm beliebe. »Wenn Camila sie auch kennte«, erwiderte Lotario, »würde ich nichts verschweigen; denn wenn ein Verliebter seine Dame als schön preist und sie als grausam tadelt, so tut er damit ihrem guten Rufe keinen Eintrag. Indessen, es sei dem, wie ihm wolle; was ich sagen darf, ist, daß ich gestern auf Chloris' Undankbarkeit ein Sonett geschrieben habe, das also lautet: In stiller Ruh der Nacht, wenn mit Behagen Am holden Schlaf die Sterblichen sich weiden, Die arme Summe meiner reichen Leiden Will ich dem Himmel dann und Chloris sagen. Und wenn die Sonn, das Weltall zu durchjagen, Eilt, aus des Ostens Rosentor zu scheiden, Mit Qualen dann, die sich in Seufzer kleiden, Erneu ich meiner Sehnsucht alte Klagen. Wenn dann die Sonne senkrecht ihre Strahlen Zur Erde schickt von ihrem Sternenthrone, So kommen Tränen schmerzlicher geflossen. Und kehrt die Nacht, so kehren meine Qualen, Und immer find ich, meiner Treu zum Lohne, Den Himmel taub und Chloris' Ohr verschlossen.« Das Sonett gefiel Camila, aber noch mehr gefiel es Anselmo; er lobte es und behauptete, die Dame sei allzu grausam, die für so wahre Empfindungen kein Mitgefühl zeige. Darauf bemerkte Camila: »So soll also alles, was verliebte Dichter sagen, wahr sein?« »Insofern sie Dichter sind, reden sie nicht wahr«, entgegnete Lotario; »aber insofern sie Verliebte sind, bleiben sie doch noch immer hinter der Wahrheit zurück.« »Daran ist nicht zu zweifeln«, versetzte Anselmo – alles nur, um die Wünsche Lotarios bei Camila zu unterstützen und ihnen mehr Geltung zu verschaffen. Camila aber hatte um so weniger acht auf Anselmos Kunstgriff, je mehr ihre Liebe bereits Lotario gehörte; und da sie an allem ihre Freude hatte, was von Lotario herrührte, und da sie überzeugt war, daß seine Wünsche und Verse nur sie zum Ziele hatten und daß sie die wahre Chloris sei, bat sie ihn, wenn er noch ein Sonett oder andere Verse auswendig wisse, möchte er sie vortragen. »Allerdings weiß ich noch ein Sonett«, entgegnete Lotario, »aber ich glaube nicht, daß es so gut, oder richtiger gesagt, nicht weniger schlecht als das erste ist; und ihr werdet das sofort beurteilen können, denn es lautet so; Ich sterb – und glaubst du nicht, daß es geschehe, Wird um so sichrer Todes Band mich binden; Und dir zu Füßen soll mein Leben schwinden, Eh ich bereu der Liebe göttlich Wehe. Wenn ich in des Vergessens Reich mich sehe, Um sterbend noch im Elend mich zu winden, Reißt mir die Brust auf! Leicht wird es sich finden, Ob drin dein Antlitz als Altarbild stehe. Dies Heiltum, ich verwahr es für die Stunde Der letzten Not, mit der dein streng Gebaren Und dein Verschmähen meine Treue strafen. Weh dem, der unter düstrem Himmelsrunde Durch fremde Meere, durch des Wegs Gefahren Hinschifft, wo kein Polarstern winkt, kein Hafen!« Auch dies zweite Sonett lobte Anselmo wie schon vorher das erste, und so fügte er Glied auf Glied zu der Kette, die seine Ehre umstrickte und in Bande schlug. Denn während Lotario ihm die Ehre am tiefsten verwundete, schmeichelte er ihm, daß sie am höchsten glänze, und jede Stufe, die Camila tiefer zum Abgrund der Unwürdigkeit hinabstieg, erschien ihrem Gatten als eine Staffel hinauf zum Gipfel der Tugend und des guten Rufs. Unterdessen geschah es, daß Camila, als sie sich einmal, wie dies öfter vorkam, mit ihrer Zofe allein befand, zu ihr sprach: »Ich bin beschämt, liebe Leonela, wenn ich bedenke, wie wenig ich es verstanden habe, mich in Achtung zu setzen, da ich mich Lotario aus freiem Willen so rasch hingegeben und ihn meinen Besitz nicht wenigstens durch langes Warten erkaufen ließ. Ich fürchte, er wird meine Übereilung oder vielmehr meinen Leichtsinn mißachten und nicht daran denken, mit welcher Gewalt er mich bedrängte, um mir den Widerstand unmöglich zu machen.« »Das darf meiner Gebieterin keinen Kummer machen«, entgegnete Leonela, »denn es hat nichts zu bedeuten und ist kein Grund, die Hochachtung zu mindern, wenn man rasch gibt, was man geben will, falls die Gabe nur wirklich vortrefflich und an sich schätzbar ist. Auch pflegt man zu sagen, wer gleich gibt, gibt doppelt.« »Aber«, versetzte Camila, »man sagt auch: was wenig kostet, wird um so weniger geschätzt.« »Dies Wort paßt aber hier nicht«, erwiderte Leonela, »denn die Liebe, wie ich sagen hörte, fliegt das eine Mal, das andere Mal geht sie zu Fuß; bei dem einen läuft sie, bei dem andern schleicht sie langsam; den einen macht sie kühl, den anderen setzt sie in Glut; dem einen schlägt sie Wunden, den anderen trifft sie zu Tode. In einem Augenblick beginnt sie die Laufbahn ihrer Wünsche, und im nämlichen Augenblick hat sie sie schon durcheilt und beendet. Am Morgen eröffnet sie die Belagerung einer Feste, am Abend hat sie sie überwältigt; denn es gibt keine Gewalt, die der Liebe widersteht. Und da das nun einmal so ist, worüber beunruhigt Ihr Euch, was befürchtet Ihr, da es doch Eurem Lotario ganz ebenso ergangen sein muß, als die Liebe die Abwesenheit unseres Herrn zum Werkzeug Eurer Besiegung erkor? Und es war unumgänglich, daß während dieser Abwesenheit zu Ende geführt wurde, was die Liebe beschlossen hatte, und daß Ihr nicht so lange die Zeit verlort, bis Anselmo sie gewann, um zurückkehren zu können, und alsdann infolge seiner Anwesenheit das Werk unvollendet geblieben wäre. Denn die Liebe hat keinen bessern Helfer, um ihre Anschläge auszuführen, als die Gelegenheit. Der Gelegenheit bedient sie sich bei all ihrem Tun, besonders zu Anfang. All dieses weiß ich gründlich, mehr aus eigner Erfahrung als vom Hörensagen, und das werde ich Euch schon einmal erzählen, Señora; denn auch ich bin von jugendlichem Fleisch und Blut. Überdies, Señora Camila, habt Ihr Euch ihm nicht so unverzüglich ergeben und übereignet, daß Ihr nicht vorher in Lotarios Augen, Seufzern, Worten und Verheißungen und Geschenken seine ganze Seele erkannt und in ihr und in seinen Tugenden ersehen hättet, wie würdig Lotario war, geliebt zu werden. Da dem nun so ist, so laßt Euer Herz nicht durch solche zimperlichen und ängstlichen Gedanken beunruhigen, sondern seid versichert, daß Lotario Euch hochschätzt, wie Ihr ihn hochschätzet, und lebet froh und zufrieden damit, daß, wenn Ihr auch ins Liebesgarn gefallen seid, der Mann, der Euch gefangenhält, von hohem Wert und achtungswürdig ist und daß er nicht nur die vier S hat, die, wie es heißt, jeder richtige Liebhaber zu eigen haben muß, sondern auch das ganze Abc. Wißt Ihr das nicht, so hört mir zu. Ihr sollt sehen, wie ich dies auswendig hersage. Lotario ist also, soviel ich ersehe und wie ich glaube: aufrichtig, bieder, chevaleresk, dienstwillig, edel von Geburt, freigebig, großmütig, hochherzig, inbrünstig, jung, klug, liebevoll, mutig, nachsichtig, offenherzig, pflichtgetreu; das Q fehlt, weil es quer ist; reich; dann, was die vier S besagen, nämlich scharfsinnig, standhaft, sorgfältig, schweigsam, und das X paßt nicht auf ihn, es ist ein harter, altmodischer Buchstabe; das Y haben wir nicht, und das Z heißt zornmütig, wenn es Eure Ehre gilt.« Camila lachte über das Abc ihrer Zofe und hielt sie für noch erfahrener in Liebessachen, als sie sagte; und das gestand Leonela selber ein, indem sie Camila entdeckte, sie habe eine Liebschaft mit einem jungen Mann von gutem Hause aus derselben Stadt. Camila geriet darob in Bestürzung; sie fürchtete, dies werde der Weg sein, auf dem ihre eigene Ehre Gefahr laufen könne. Sie drang in sie mit Fragen, ob ihr Verhältnis weiter gehe als auf bloße Worte. Leonela antwortete ihr, ohne sich sonderlich zu schämen, vielmehr mit um so größerer Dreistigkeit, es gehe allerdings weiter. Denn es ist feststehende Tatsache, daß die Verirrungen der Gebieterin den Dienerinnen das Schamgefühl benehmen und daß diese, sobald sie die Frau straucheln sehen, sich nichts daraus machen, wenn sie selber hinken und die Frau es weiß. Camila konnte nichts andres tun als das Mädchen bitten, von ihrem Liebesverhältnis dem Manne nichts zu sagen, den es als seinen Geliebten angab, und seine eignen Angelegenheiten geheim zu betreiben, damit sie weder zu Anselmos noch Lotarios Kenntnis kämen. Leonela versprach ihr dies, hielt jedoch ihr Versprechen auf solche Weise, daß sie Camilas Besorgnis, ihren guten Ruf durch die Zofe einzubüßen, zur Gewißheit machte. Sobald nämlich die sittenlose und dreiste Leonela sah, daß das Betragen ihrer Herrin ein andres war, als bisher gewohnt, erfrechte sie sich, ihren Geliebten ins Haus zu bringen und darin zu hegen, indem sie sich darauf verließ, daß Camila, wenn sie ihn auch zu Gesicht bekäme, nicht wagen würde, ihn zu verraten. Denn diesen argen Nachteil unter andern ziehen die Sünden der Gebieterin nach sich, daß sie sich zur Sklavin ihrer eignen Dienerinnen macht und gezwungen ist, deren zuchtloses Betragen und Schändlichkeiten ihnen verbergen zu helfen. So geschah es mit Camila, welche, wiewohl sie einmal und vielmal sah, daß Leonela sich mit ihrem Geliebten in einem Zimmer ihres Hauses aufhielt, nicht nur nicht wagte, sie zu schelten, sondern ihr Gelegenheit verschaffte, ihn zu verstecken, und ihr alle Störungen aus dem Weg räumte, damit er nicht von ihrem Manne erblickt würde. Aber sie konnte doch nicht verhindern, daß Lotario ihn einmal bei Tagesanbruch herauskommen sah. Lotario erkannte den Mann nicht; er glaubte zuerst, es müsse ein Gespenst sein. Aber als er sah, wie der Mann einherging, den Mantel um sich zog und sich sorgfältig und vorsichtig verhüllte, ließ er den kindischen Gedanken und verfiel auf einen andern, der ihnen allen zum Verderben gereicht hatte, wenn Camila nicht Rat geschafft hätte. Lotario fiel es nicht ein, daß dieser Mann, den er zu so ungewöhnlicher Stunde aus Anselmos Haus kommen gesehen, dieses um Leonelas willen betreten haben könnte; ja, es kam ihm nicht in den Sinn, daß Leonela auf der Welt war; er glaubte lediglich, daß Camila, geradeso, wie sie ihm gegenüber nachgiebig und leichtsinnig gewesen, es auch für einen andern sei. Denn derartige Folgen zieht die Sünde des sündhaften Weibes nach sich, daß sie das Vertrauen auf ihr Ehrgefühl bei dem nämlichen Mann nicht mehr findet, dem sie sich, von Bitten gedrängt und überredet, hingegeben hat, und daß er nicht zweifelt, sie gebe sich noch bereitwilliger andern hin, und daß er jedem Verdachte, der ihn darob befällt, unfehlbar Glauben schenkt. Und es mußte Lotario wirklich in diesem Augenblick allen gesunden Menschenverstand eingebüßt haben; es mußte aus seinem Geiste jeder vernünftige Gedanke gewichen sein; denn ohne daß er einen solchen zu fassen vermochte, der zweckmäßig oder auch nur vernünftig gewesen wäre – ohne sich zu besinnen, ja ehe noch Anselmo aufgestanden war, unfähig, sich zu zügeln, und blind vor eifersüchtiger Wut, die ihm das Herz zernagte, sterbend vor Begierde, sich an Camila zu rächen, die ihn doch mit nichts beleidigt hatte, eilte er zu seinem Freunde und sprach zu ihm: »Wisse, Anselmo, daß ich seit vielen Tagen schon mit mir gekämpft und mir Gewalt angetan habe, um dir nicht mitzuteilen, was ich nicht vermag noch recht finde, dir länger zu verbergen. Wisse, daß Camilas Standhaftigkeit bereits besiegt ist und sie sich allem hingibt, was ich mit ihr anfangen will; und wenn ich gezögert habe, dir diese Tatsache zu offenbaren, so geschah es, um zu erforschen, ob es wirklich eine leichtfertige Begierde bei ihr war oder ob sie es tat, um mich auf die Probe zu stellen und zu erfahren, ob der Liebeshandel mit ernstlicher Absicht unternommen sei, den ich auf deinen Wunsch hin mit ihr begonnen. So glaubte ich auch, wenn sie die tugendhafte Frau wäre, die sie sein sollte und für welche wir beide sie hielten, sie würde dir bereits Kunde von meiner Liebeswerbung gegeben haben. Allein, da ich gesehen, daß sie zögert, erkenne ich, daß die Zusagen, die sie mir gegeben, ernst gemeint sind, nämlich sie wolle, wenn du wieder einmal von Hause entfernt bist, mich in der Kammer sprechen, wo deine Sachen aufbewahrt sind« – und es verhielt sich wirklich so, daß Camila ihn dort zu treffen pflegte. »Ich will aber nicht, daß du übereilt auf Rache ausgehst, denn die Sünde ist noch nicht begangen außer in Gedanken, und es könnte ja sein, daß von diesem Augenblick bis zu dem, wo der Gedanke zur Tat würde, er sich bei Camila änderte und an seiner Stelle die Reue wach würde. Und sonach, da du bisher stets in allem oder doch in vielem meinen Rat befolgt hast, so befolge auch den, den ich dir jetzt eröffnen will, damit du ohne Täuschung und mit peinlicher Überlegung mit dir einig wirst, was das Zuträglichste in der Sache ist. Gib vor, du entferntest dich auf zwei oder drei Tage, wie du sonst manchmal zu tun pflegst, und richte es so ein, daß du in deiner Gerätekammer versteckt bleibst. Die Teppiche, die dort hängen, und noch andre Sachen, hinter denen du dich verbergen kannst, bieten dir alle Bequemlichkeit dazu. Dann wirst du mit deinen eignen Augen und ich mit den meinigen sehen, was Camila will. Und wenn es das Schlechte ist, was man eher fürchten als erwarten muß, dann kannst du in der Stille, mit Umsicht und Klugheit, der Strafrichter deiner Schmach sein.« Betäubt, voll Staunen und Verwunderung, stand Anselmo da bei Lotarios Worten; denn sie überraschten ihn zu einer Zeit, wo er sie am wenigsten erwartete, weil er Camila bereits für die Siegerin über Lotarios Scheinangriffe hielt und bereits die Glorie des Sieges zu genießen begann. Er blieb geraume Zeit in Schweigen versunken, starrte auf den Boden, ohne mit den Wimpern zu zucken, und endlich sagte er: »Du hast gehandelt, Lotario, wie ich es von deiner Freundschaft erwartete; tue, was du willst, und beobachte hierbei eine solche Verschwiegenheit, wie sie, du siehst es wohl ein, in einem so unvermuteten Falle sich gebührt.« Lotario versprach es ihm, und als er Anselmo verließ, reute ihn bereits alles, was er ihm gesagt hatte; er sah ein, wie albern er gehandelt, da er sich ja an Camila hätte rächen können, ohne einen so grausamen und schimpflichen Weg zu wählen. Er verwünschte seine Unvernunft, schalt seinen leichtsinnigen Entschluß und wußte nicht, wie er es anfangen sollte, das Geschehene ungeschehen zu machen oder der Sache einen erträglichen Ausgang zu verschaffen. Endlich ward er mit sich eins, Camila alles mitzuteilen, und da die Gelegenheit hierzu nicht fehlte, so traf er Camila noch desselben Tages allein. Sobald sie sah, daß sie ungestört mit ihm sprechen konnte, sagte sie zu ihm: »Wisset, Freund Lotario, daß ich einen Kummer im Herzen habe, der mir es so schwer drückt, daß es mich bedünkt, es wolle in der Brust zerspringen, und es wäre ein Wunder, wenn es das nicht tut, da Leonelas Unverschämtheit so weit gekommen ist, daß sie jede Nacht einen Liebhaber in unser Haus einläßt und bis zum Tage mit ihm zusammenbleibt. Und dies geschieht auf Kosten meines guten Rufes, da jeder, der den Mann etwa zu ganz ungewöhnlicher Stunde aus meinem Hause kommen sieht, volle Freiheit hat, davon zu halten, was er will. Und was mich besonders quält, ist, daß ich sie weder bestrafen noch ausschelten kann; denn der Umstand, daß sie die Vertraute unsres Verhältnisses ist, hat meinem Munde einen Zaum angelegt, daß ich das ihrige verschweigen muß, und ich fürchte, daß daraus ein Unheil für uns entstehen kann.« Bei den ersten Worten Camilas glaubte Lotario, es sei eine List, um ihm einzureden, daß der Mann, den er weggehen sah, nicht ihr, sondern Leonela angehöre; aber als er sah, wie sie weinte und tief bekümmert war und ihn um Hilfe bat, mußte er endlich der Wahrheit Glauben schenken, und mit dieser Überzeugung erreichte seine Beschämung und Reue über das Geschehene den äußersten Grad. Trotzdem erwiderte er Camila, sie solle unbekümmert sein, er werde Vorkehrung treffen, der Frechheit Leonelas Einhalt zu tun. Dann erzählte er ihr, was er, hingerissen von der wahnsinnigen Wut der Eifersucht, Anselmo gesagt habe und wie sie verabredet hätten, daß dieser sich in der Gerätekammer verbergen solle, um dort Zeuge ihrer Untreue zu sein. Er flehte Camila um Verzeihung an ob dieses verrückten Streichs und erbat sich ihren Rat, um ihn wiedergutzumachen und aus einem so verwickelten Labyrinth, in welches seine Unbesonnenheit ihn verlockt hatte, einen guten Ausgang zu gewinnen. Camila war höchlich erschrocken, als sie Lotarios Erzählung vernahm, und mit großer Entrüstung und vielen und verständigen Worten schalt sie ihn und tadelte seinen argen Verdacht und den törichten, verwerflichen Entschluß, den er gefaßt habe. Wie jedoch das Weib von Natur weit mehr als der Mann die Anlage hat, für das Gute wie das Böse schleunigst den Weg zu finden, während dieser Vorzug ihr gebricht, wenn sie mit bewußter Absicht überlegen will, so fand Camila im Augenblick den Weg, um aus einer scheinbar so rettungslosen Lage Rettung zu schaffen. Sie sagte zu Lotario, er möge nur Anselmo veranlassen, sich am nächsten Tage an dem erwähnten Ort zu verstecken; denn gerade aus diesem Umstand, daß er sich verstecke, gedenke sie für sie beide das bequemste Mittel zu gewinnen, um künftighin sonder Angst und Schrecken sich miteinander vergnügen zu können. Und ohne ihm ihren Plan gänzlich zu offenbaren, bemerkte sie ihm nur, er solle wohl achthaben, wenn Anselmo versteckt sei, zu kommen, sobald Leonela ihn rufe, und auf alles, was sie ihm sagen würde, genauso antworten, wie wenn er nicht wüßte, daß Anselmo ihn höre. Lotario drang in sie, ihm ihr Vorhaben vollständig mitzuteilen, damit er mit um so größerer Sicherheit und Vorsicht alles beobachte, was ihm notwendig erscheinen würde. »Ich sage Euch«, entgegnete Camila, »es ist weiter nichts nötig als dies eine, mir zu antworten, wie ich Euch fragen werde.« Camila wollte ihm nämlich ihren Plan nicht vorher auseinandersetzen; weil sie besorgte, er möchte dem Entschlusse, der ihr so zweckmäßig erschien, nicht folgen wollen und lieber einen andern erwählen, der unmöglich so gut sein könnte. So entfernte sich denn Lotario. Anselmo reiste am nächsten Tage ab unter dem Verwand, seinen Freund in dem bewußten Dorfe zu besuchen, und kehrte zurück, um sich zu verstecken, was er mit größter Bequemlichkeit tun konnte, da sie ihm absichtlich von Camila und Leonela verschafft wurde. In seinem Versteck also, mit jener entsetzlichen Angst, die etwa derjenige empfinden mag, der da erwartet, mit seinen eigenen Augen zuzuschauen, wie man das Innerste seiner Ehre zerschneiden und zerlegen wird, sah er sich jetzt auf dem Punkte, das höchste Gut zu verlieren, das er in seiner geliebten Camila zu besitzen glaubte. Sobald Camila und Leonela sicher waren, daß Anselmo versteckt sei, traten sie in die Gerätekammer, und kaum hatte Camila den Fuß über die Schwelle gesetzt, als sie tief aufseufzte und sprach: »Ach, Leonela, meine Liebe, wäre es nicht besser, ehe ich mein Vorhaben ausführe, das ich vor dir geheimhalte, damit du es nicht zu hindern versuchst – wäre es nicht besser, du nähmest Anselmos Dolch, den ich von dir verlangt habe, und durchbohrtest mit ihm dieses entehrte Herz? Aber nein, du sollst es nicht: denn es wäre eine Ungerechtigkeit, daß ich die Strafe für fremde Schuld zahlen soll. Erst will ich wissen, was Lotarios freche und schamlose Augen an mir gesehen haben, daß er sich erdreisten durfte, mir einen so lasterhaften Wunsch offen darzulegen, wie er ihn zur Verunehrung seines Freundes und zu meiner Entwürdigung mir offenbart hat. Stelle dich ans Fenster dort, Leonela, und rufe ihn; denn ohne Zweifel steht er schon auf der Straße, um seine böse Absicht auszuführen; aber vorher soll meine eigene Absicht zur Ausführung kommen, die so grausam wie ehrenhaft ist.« »Weh mir, teure Herrin«, rief die schlaue, schon eingeschulte Leonela, »was wollt Ihr mit diesem Dolche? Wollt Ihr Euch vielleicht das Leben nehmen oder es Lotario rauben? Beides würde Eurem Ruf und Namen zum Verderben gereichen. Besser ist es, Ihr verheimlichet die Kränkung und gewähret dem schlechten Menschen keinen Anlaß, jetzt ins Haus zu kommen und uns allein zu finden. Bedenket, Señora, wir sind schwache Weiber, und er ist ein Mann und entschlossenen Sinnes, und da er mit seinem bösen, blinden, leidenschaftlichen Vorsatz kommt, so wird vielleicht, eh Ihr den Eurigen ausführet, er etwas vollbringen, das schlimmer für Euch wäre als der Verlust des Lebens. Schmach auf unsern gnädigen Herrn Anselmo, daß es ihm beliebte, diesem frechen Gesicht soviel Gewalt in seinem Hause einzuräumen! Und wenn Ihr ihn wirklich umbringt, Señora, was Ihr, wie ich fürchte, tun wollt, was sollen wir mit ihm anfangen, wenn er umgebracht ist?« »Was, meine Liebe?« antwortete Camila, »wir lassen ihn liegen, damit Anselmo ihn begraben möge; denn es ist nur gerecht, daß er die Mühe hat, seine eigne Schande unter die Erde zu bringen. Ruf ihn, so tu es denn endlich; denn solang ich zögere, für die Kränkung meiner Ehre die gebührende Rache an ihm zu nehmen, bedünkt es mich, ich verletze die Treue, die ich meinem Gatten schulde.« All dieses hörte Anselmo, und bei jedem Worte, das Camila sprach, nahmen seine Gedanken eine neue Richtung; als er aber hörte, sie sei entschlossen, Lotario zu töten, wollte er hervorstürzen und sich ihr zeigen, damit nichts der Art geschehe. Allein es hielt ihn der Wunsch zurück, zu sehen, was das Endziel solch tapferen Benehmens und ehrenhaften Entschlusses sein würde, wobei er sich vornahm, zur rechten Zeit hervorzutreten, um ihre Absichten zu hindern. Da fiel Camila in eine tiefe Ohnmacht und warf sich auf ein Bett, das in der Kammer stand. Leonela begann bitterlich zu weinen und sprach: »Weh mir Elenden, wenn ich so glückverlassen wäre, daß sie mir hier stürbe in meinen Armen, sie, die Blume aller Sittsamkeit auf Erden, die Krone der tugendsamen Frauen, das Vorbild aller Keuschheit!« Und noch andres von ähnlichem Inhalt, so daß niemand sie gehört hätte, der sie nicht für die betrübteste, treueste Dienerin auf Erden und ihre Herrin für eine neue und arg bedrängte Penelope gehalten hätte. Es dauerte nicht lang, bis Camila aus ihrer Ohnmacht erwachte, und als sie wieder zu sich kam, sprach sie: »Warum gehst du nicht, Leonela, und rufst den treuen Freund seines Freundes, den treusten, den jemals die Sonne gesehen oder die Nacht verborgen hat? Mach ein Ende, lauf, spute dich, geh hin, auf daß bei deinem Zögern die Glut meines Ingrimms sich nicht Luft mache und die gerechte Rache, die ich erhoffe, in Drohungen und Verwünschungen vorübergehe.« »Ich gehe schon und rufe ihn, teure Herrin«, versetzte Leonela, »aber Ihr müßt mir zuerst diesen Dolch geben, damit Ihr nicht, während ich fort bin, etwas tut, das alle, die Euch von Herzen lieben, ihr Leben lang beweinen müßten.« »Geh unbesorgt, Leonela, meine Gute, ich werde nichts der Art tun; denn mag ich auch nach deiner Meinung verwegen und einfältig sein, wenn ich meine Ehre schütze, so werde ich es doch nie in solchem Maße sein wie jene Lukretia, von der man erzählt, sie habe sich das Leben genommen, ohne ein Unrecht begangen zu haben und ohne vorher den umzubringen, der die Schuld an ihrem Mißgeschick trug. Ich will sterben, wenn ich sterben soll; aber es soll nicht geschehen, ohne mir Rache und Genugtuung an dem verschafft zu haben, der mich veranlaßt hat, hierherzukommen und über sein Erdreisten zu weinen, das sich so ganz ohne meine Schuld hervorgewagt hat.« Leonela ließ sich lange bitten, ehe sie wegging, um Lotario zu rufen. Aber endlich ging sie, und in der Zwischenzeit bis zu ihrer Rückkehr ging Camila auf und ab und sagte, als ob sie mit sich selber spräche: »So helfe mir Gott; wäre es nicht vernünftiger gewesen, ich hätte Lotario abgewiesen, wie ich es schon oft getan habe, als ihm den Anlaß zu geben, wie ich ihn ihm jetzt wirklich gebe, mich für schlecht und sittenlos zu halten, wenn auch nur für so lange Zeit, wie ich brauche, ihn seines Irrtums zu überführen? Ja, es wäre besser gewesen, ohne Zweifel. Allein ich würde keine Rache und die Ehre meines Mannes keine Genugtuung erhalten, wenn er so unverdient straflos und so ungehemmten Schrittes von dem Orte zurückkehrte, wohin sein böses Vorhaben ihn geführt. Zahlen soll der Verräter mit seinem Leben, was er mit so unzüchtiger Begier geplant hat; erfahren soll die Welt, wenn es je zu ihrer Kunde dringt, daß Camila nicht nur ihrem Gatten Treue gehalten hat, sondern ihn an dem Manne gerächt hat, der sich erkühnte, ihn zu kränken. Aber bei alledem glaube ich, es wäre besser gewesen, Anselmo hiervon in Kenntnis zu setzen. Indessen habe ich es ihm bereits in dem Briefe angedeutet, den ich ihm nach dem Dorfe schrieb, und ich vermute, wenn er nichts tut, um das Schlimme abzuwenden, auf das ich ihn damals aufmerksam machte, so nur deswegen, weil er aus lauter Redlichkeit und Zutrauen nicht glauben wollte noch konnte, daß in der Brust eines so erprobten Freundes irgendein Gedanke Raum haben könnte, der gegen seine Ehre gerichtet wäre. Ja, auch ich habe es lange Zeit nicht geglaubt und würde es nimmer geglaubt haben, wenn seine Frechheit nicht so weit gegangen wäre, daß endlich all die Geschenke, die er ohne Umschweife darbot, und seine weitgehenden Versprechungen und seine unaufhörlichen Tränen mir es klar erwiesen. Aber wozu jetzt diese Betrachtungen? Bedarf es vielleicht zu einem beherzten Entschlusse dessen, daß man erst darüber zu Rate gehe? Wahrlich nein. Fort dem mit dem Verräter! Zu mir her die Rache! Hereintreten soll der falsche Mann, er komme, er nahe sich, er sterbe, er sei vernichtet, und geschehe dann, was geschehen mag. Rein und keusch kam ich in dessen Gewalt, den der Himmel mir zu meinem andern Ich gab, und rein will ich von ihm scheiden, und im äußersten Fall scheide ich gebadet in meinem keuschen Blute und im unreinen Blute des falschesten Freundes, den je die Freundschaft auf der Welt gesehen.« Während sie dies sprach, lief sie im Zimmer auf und ab mit gezücktem Dolch, mit unsicheren großen Schritten und gebärdete sich so, daß es aussah, als hätte sie den Verstand verloren und als wäre sie kein zartes Weib, sondern ein rasender Meuchelmörder. Anselmo, von den Teppichen verhüllt, hinter denen er sich versteckt hatte, war über alles das hoch erstaunt; und schon bedünkte es ihn, was er gesehen und gehört, sei selbst einem noch größeren Verdacht gegenüber genügende Rechtfertigung, und schon wünschte er, es möchte die Probe, die hier bei Lotarios Erscheinen angestellt werden sollte, ganz ausfallen, da er fürchtete, es könne unversehens ein Unglück geschehen. Und schon war er im Begriffe, sich zu zeigen und hervorzutreten, um seine Gattin zu umarmen und aus allem Irrtum zu reißen, da hielt er sich noch zurück; denn er sah, daß Leonela mit Lotario an der Hand zurückkam. Kaum erblickte ihn Camila, so zog sie mit dem Dolche einen langen Strich vor sich auf dem Fußboden und sprach zu ihm: »Lotario, habe acht auf meine Worte; wenn du dich erkühnen solltest, diesen Strich hier zu überschreiten oder nur ihm nahe zu kommen, werde ich im Augenblick, wo du dies wagst, mir die Brust mit diesem Dolche durchbohren, den ich in Händen trage. Aber ehe du mir hierauf mit einem Wort entgegnest, sollst du erst noch andre Worte von mir vernehmen; nachher magst du antworten, was dich gut dünkt. Zuerst verlange ich von dir, Lotario, mir zu sagen, ob du Anselmo, meinen Gatten, kennst und was du von ihm hältst; und zweitens verlange ich auch zu wissen, ob du mich kennst. Antworte mir darauf und sei nicht etwa verlegen und denke nicht lange nach, was du mir antworten sollst; denn es sind keine schwierigen Dinge, die ich frage.« Lotario war nicht so kurzsichtig, daß er nicht von dem ersten Augenblicke an, wo Camila ihm den Auftrag gab, er solle Anselmo veranlassen, sich zu verstecken, begriffen hätte, was sie zu tun gedenke; und so ging er auf ihre Absichten so geschickt und so im rechten Augenblick ein, daß beide es fertigbrachten, ihre Lügen für mehr als zweifellose Wahrheit gelten zu lassen. Daher antwortete er ihr folgendermaßen: »Ich glaube nicht, schöne Camila, daß du mich hierherberiefst, um mich nach Dingen zu fragen, die so ganz außerhalb der Absichten liegen, mit denen ich hierherkomme. Wenn du es tust, um meine Hoffnung auf die verheißene Gunst weiter hinauszuschieben, so hättest du sie hinhalten können, als ich dir noch ferner stand; denn das ersehnte Glück wird uns um so mehr zur Pein, als die Hoffnung, es zu besitzen, uns näher gewesen. Doch damit du nicht sagst, daß ich auf deine Fragen nicht antworte, erkläre ich, daß ich deinen Gemahl Anselmo kenne, daß wir uns beide seit unsren frühsten Jahren kennen; und was du ja ohnehin von unsrer Freundschaft weißt, das will ich dir nicht sagen, damit ich mich nicht selber zum Zeugen der Kränkung mache, die mich die Liebe ihm anzutun heißt, die Liebe, diese allgewaltige Entschuldigung für noch weit größere Verirrungen. Dich kenne ich und hege für dich dieselbe Achtung wie er. Denn wäre dem nicht so, ich würde wahrlich für mindere Schätze der Seele und des Leibes, als du besitzest, nicht dem zuwiderhandeln, was ich meinem eignen Werte schuldig bin, nicht den heiligen Gesetzen wahrer Freundschaft zuwiderhandeln, die ich jetzt um eines so mächtigen Feindes willen, wie die Liebe ist, breche und gewaltsam verletze.« »Wenn du das eingestehst«, entgegnete Camila, »du Todfeind alles dessen, was mit Recht geliebt zu werden verdient, wie wagst du vor der Frau zu erscheinen, die, du weißt es, doch der Spiegel ist, aus dem das Bild des Mannes herausblickt, an dem du dich spiegeln solltest, damit du sähest, wie wenig er dir Veranlassung gibt, ihn zu kränken! Aber weh mir Unglücklichen! Schon seh ich ein, was dich dazu gebracht hat, so wenig auf das zu achten, was du dir selber schuldest. Es muß wohl ein allzu freies Benehmen meinerseits gewesen sein, denn Mangel an Sittsamkeit mag ich es nicht nennen, da es nicht aus Überlegung und Vorsatz hervorgegangen, sondern aus irgendwelcher Unbedachtsamkeit, wie sie die Frauen ahnungslos begehen, wenn sie meinen, sie hätten keine schüchterne Zurückhaltung nötig. Oder ist dem anders, so sage mir: Wann, du falscher Mensch, habe ich auf all dein Flehen je mit einem Wort oder Zeichen geantwortet, das in dir auch nur einen Schatten der Hoffnung erwecken konnte, daß ich deine ruchlosen Wünsche erfüllen würde? Wann wurden deine liebeglühenden Worte nicht von mir mit Ernst und Strenge in ihr Nichts zurückgewiesen und verurteilt? Wann fanden deine großen Verheißungen, wann deine noch größeren Geschenke bei mir Glauben und Annahme? Aber da es mich bedünkt, es könne niemand lange Zeit in seinen Liebesbestrebungen verharren, wenn sie nicht durch eine Hoffnung aufrechtgehalten werden, will ich mir selbst die Schuld an deiner Zudringlichkeit beimessen, da ohne Zweifel irgendwelche Unbedachtsamkeit meinerseits deine Bewerbungen so lange Zeit genährt hat, und so will ich es denn mich büßen lassen und mir die Strafe auferlegen, die deine Schuld verdient hat. Und damit du siehst, daß, wenn ich gegen mich so grausam bin, ich unmöglich anders gegen dich sein kann, habe ich dich kommen lassen zum Zeugen des Opfers, das ich der gekränkten Ehre meines so ehrenwerten Gemahls zu bringen gedenke, den du mit vollstem Bedacht und jedem dir möglichen Bemühen schwer beleidigt hast und den auch ich durch meinen Mangel an Zurückhaltung beleidigt habe, da ich die Gelegenheit nicht vermied – wenn ich sie vielleicht manchmal dir wirklich gegeben –, wo deine bösen Absichten begünstigt und gebilligt scheinen konnten. Nochmals sage ich dir: meine Befürchtung, eine Unbedachtsamkeit von mir habe so wahnwitzige Gedanken in dir hervorgerufen, ist es, was mich am meisten quält und mich drängt, Hand an mich selbst zu legen und mich zu bestrafen. Denn würde mich ein andrer Blutrichter strafen, so würde vielleicht meine Schuld mehr als jetzt ruchbar werden. Doch bevor ich dies vollbringe, will ich im Sterben den töten und mit mir hinübernehmen, der meinen Durst nach Rache befriedigen soll; und im Jenseits, sei es, wo es sei, werde ich dann die Strafe erschauen, welche die unparteiische und nie sich beugende Gerechtigkeit dem Manne zuteilt, der mich in eine so verzweiflungsvolle Lage gebracht hat.« Indem sie dieses sprach, stürzte sie mit unglaublicher Gewalt und Schnelligkeit auf Lotario zu, mit entblößtem Dolch, mit so glaubhaftem Anscheine der Absicht, ihm die Klinge in die Brust zu stoßen, daß er selbst beinahe im Zweifel war, ob dies Verstellung oder Ernst sei. Denn er sah sich wirklich genötigt, Geschick und Stärke anzuwenden, um Camila an einem Dolchstoß gegen ihn zu hindern. So lebenstreu wußte sie diese schmachvolle Erfindung darzustellen, diesen seltsamen Betrug zu spielen, daß sie, um ihm die Farbe der Wahrheit zu geben, ihn mit ihrem eignen Blute röten wollte; denn da sie sah, sie könnte mit ihrem Dolche Lotario nicht treffen, oder sich anstellte, als könnte sie es nicht, rief sie aus: »Wenn mir das Schicksal mein so gerechtes Vorhaben nicht völlig zu Ende zu führen gestattet, so soll es dennoch nicht die Macht haben, mir zu wehren, daß ich es wenigstens teilweise zur Ausführung bringe.« Und hiermit rang sie aus aller Macht ihre mit dem Dolch bewehrte Hand frei, die Lotario festhielt; sie entwand ihm die Waffe, richtete die Spitze auf eine Stelle, wo es leicht war, sie nicht tief eindringen zu lassen, stieß sich den Dolch oberhalb der Rippen in die linke Seite nahe an der Schulter, ließ ihn in der Wunde stecken und brach dann wie ohnmächtig zusammen. Leonela und Lotario standen bestürzt und außer sich ob solchen Vorgangs und zweifelten auch dann noch an der Wirklichkeit des Geschehenen, als sie Camila auf den Boden hingestreckt und in ihrem Blute gebadet sahen. Lotario eilte in größter Hast, voller Angst und atemlos herzu, um den Dolch herauszuziehen. Als er aber die unbedeutende Wunde sah, erholte er sich von seiner Angst und geriet aufs neue in Verwunderung über die Klugheit und Verschlagenheit und das außerordentliche Geschick der schönen Camila. Um nun auch seinerseits zur Sache das beizutragen, was ihm vorzugsweise oblag, begann er eine lange, schmerzliche Wehklage über dem daliegenden Körper Camilas, als ob sie wirklich hingeschieden wäre, und stieß zahlreiche Verwünschungen aus, nicht nur gegen sich selbst, sondern auch gegen denjenigen, der ihn in diese Lage gebracht habe; und da er wußte, daß sein Freund Anselmo ihn hörte, sagte er Dinge von der Art, daß jeder Zuhörer weit mehr Mitleid mit ihm als mit Camila fühlen mußte, selbst wenn er sie für tot gehalten hätte. Leonela nahm sie in ihre Arme und legte sie aufs Bett, wobei sie ihn bat, jemanden herbeizuholen, der sie insgeheim verbinden sollte; sie bat ihn zugleich um seinen Rat und seine Meinung darüber, was man Anselmo über diese Wunde ihrer Herrin sagen solle, falls er etwa zurückkäme, ehe sie geheilt sei. Er antwortete, man möchte sagen, was man für gut finde, er wisse keinen Rat, der da helfen könne; nur das eine empfahl er ihr, sie möchte suchen, die Blutung zu stillen. Er aber wolle hingehen, wo kein Mensch ihn mehr zu Gesicht bekomme. Und mit Äußerungen tiefen Leides und Schmerzgefühls entfernte er sich aus dem Hause. Sobald er sich aber allein und an einem Orte fand, wo niemand ihn sehen konnte, hörte er nicht auf, sich zu bekreuzigen und zu segnen vor Verwunderung über Camilas Verschlagenheit und Leonelas so gänzlich sachgemäße Streiche. Er erwog, wie überzeugt Anselmo nun sein müsse, daß er eine zweite Portia zur Gemahlin habe, und sehnte sich danach, mit ihm zusammenzutreffen, um die Lüge und ärgste Verstellung, die man sich je erdenken konnte, im gemeinsamen Gespräch hoch zu preisen. Leonela stillte derweilen ihrer Herrin das Blut, dessen aber nicht mehr floß, als hinreichend war, um den listigen Trug glaubwürdig zu machen. Sie wusch die Wunde mit etwas Wein aus, legte ihr einen Verband an, so gut es ging, und während des Verbindens tat sie Äußerungen, die, wenn auch nicht bereits andere vorhergegangen wären, genügt hätten, in Anselmo den Glauben zu befestigen, daß er in Camila ein hohes Vorbild aller Frauentugend besitze. Zu den Worten Leonelas kamen jetzt auch die Äußerungen Camilas, welche sich der Feigheit bezichtigte und des Mangels an Mut, der ihr gerade in dem Augenblicke gefehlt habe, wo sie seiner am meisten bedurfte, um sich das Leben zu nehmen, das ihr so sehr verhaßt sei. Sie bat das Mädchen um Rat, ob sie diesen ganzen Vorfall ihrem geliebten Manne sagen solle oder nicht. Die Zofe meinte, sie solle es verschweigen; denn sonst würde sie ihn in die Notwendigkeit versetzen, sich an Lotario zu rächen, was er doch nicht ohne eigne große Gefahr tun könne, und eine brave Frau sei verpflichtet, ihrem Manne keine Veranlassung zu Streithändeln zu geben, vielmehr ihm solche aus dem Wege zu räumen, soweit ihr nur möglich. Camila erwiderte, sie sei mit ihrer Meinung ganz einverstanden und werde sie befolgen; aber auf jeden Fall sei es zweckmäßig, zu überlegen, was man Anselmo über die Ursache der Wunde sagen solle, da es nicht fehlen könne, daß er sie sehe. Leonela antwortete, sie bringe keine Lüge über die Lippen, nicht einmal im Scherz. »Und ich, meine Liebe«, entgegnete Camila, »wie soll ich mich darauf verstehen, die ich mich nicht getraue, eine Unwahrheit zu erfinden oder auch nur zu bezeugen, wenn selbst mein Leben davon abhinge? Wenn wir also nicht wissen, wie wir aus der Sache herauskommen, so wird es am besten sein, wir gestehen ihm die nackte Wahrheit, damit er uns nicht bei einer Unwahrheit ertappt.« »Seid ohne Sorge, Señora«, versetzte Leonela. »Von heute bis morgen werde ich darüber nachdenken, was wir ihm sagen sollen, und vielleicht, da die Wunde sich gerade an dieser Stelle befindet, könnt Ihr sie verbergen, daß er sie nicht zu sehen bekommt, und vielleicht ist der Himmel so gnädig, unsre Absichten zu begünstigen, die so gerecht und so tugendsam sind. Beruhigt Euch, teure Frau, und bemühet Euch, Eure Aufregung zu beschwichtigen, damit unser Herr Euch nicht in so heftiger Gemütsbewegung findet; und alles andre stellt meiner und Gottes Fürsorge anheim, der immer gutem Vorhaben seinen Beistand schenkt.« Mit höchster Aufmerksamkeit hatte Anselmo dagestanden und das Trauerspiel vom Untergang seiner Ehre angehört und aufführen sehen, ein Trauerspiel, dessen Personen es mit so ungewöhnlichem und wirkungsvollem Gefühlsausdruck darzustellen wußten, daß es schien, sie hätten sich in die volle Wirklichkeit der Rollen verwandelt, die sie doch nur spielten. Er sehnte den Abend herbei und die Möglichkeit, sein Haus zu verlassen und seinen treuen Freund Lotario zu sprechen, um sich mit ihm Glück zu wünschen ob der köstlichen Perle, die er in der neugewonnenen Überzeugung von der Tugend seiner Gattin gefunden hatte. Frau und Zofe sorgten dafür, daß ihm bequeme Gelegenheit wurde, aus dem Hause zu kommen; er ließ sie nicht ungenutzt und ging auf der Stelle, seinen Freund Lotario aufzusuchen; und als er ihn gefunden, da läßt sich wahrlich nicht beschreiben, wievielmal er ihn umarmte, was alles er ihm über sein Glück sagte und wieviel Lob und Preis er auf Camila häufte. Alles das hörte Lotario an, ohne daß es ihm möglich war, das geringste Anzeichen von Freude von sich zu geben; denn in seiner Erinnerung stellte sich ihm sogleich vor, wie gräßlich er seinen Freund betrogen und wie unverantwortlich er ihn beleidigt habe. Und wiewohl Anselmo bemerkte, daß Lotario keine Freude bezeugte, glaubte er, der Grund sei nur, weil der Freund Camila verwundet zurückgelassen habe und die Schuld daran trage; und daher sagte er ihm unter andrem, er möge sich über den Vorfall mit Camila keine Sorge machen; denn die Wunde müsse ohne Zweifel unbedeutend sein, da die Frauenzimmer verabredet hätten, sie vor ihm geheimzuhalten, und demnach nichts zu fürchten sei. Sonach möge Lotario von nun an lediglich in freudigem Genuß und heiterem Sinne mit ihm leben, da er durch Lotarios Bemühen und Beistand sich zum höchsten Glück erhoben sehe, das er sich jemals wünschen konnte; und er verlange, sie sollten sich künftig mit nichts andrem unterhalten, als zum Preise Camilas Verse zu dichten, die seine Gattin im Gedächtnis der kommenden Jahrhunderte verewigen sollten. Lotario pries seinen schönen Vorsatz und versprach, zur Aufführung eines so herrlichen Baues das Seinige beizutragen. Hiermit blieb denn Anselmo der am besten betrogene Ehemann, der auf Erden zu finden war. An seiner eignen Hand brachte er nun den Ruin seines guten Namens in sein Haus zurück, im Glauben, er bringe das Werkzeug seiner Verherrlichung; Camila empfing ihn dem Anscheine nach mit finstrem Gesicht, aber mit frohem Herzen. Diese Betrügerei hielt eine Zeitlang vor, bis nach Verfluß weniger Monate das Glück sein Rad drehte, das bis dahin mit so vieler Kunst verhehlte Verbrechen an den Tag kam und Anselmos törichter Vorwitz ihn das Leben kostete. 35. Kapitel Welches von dem erschrecklichen und ungeheuerlichen Kampf handelt, den Don Quijote gegen Schläuche roten Weines bestand, und wo ferner die Novelle vom törichten Vorwitz beendet wird Es blieb wenig mehr von der Novelle zu lesen übrig, als aus der Kammer, wo Don Quijote ruhte, Sancho Pansa in heller Aufregung herausstürzte und laut schrie: »Kommt, ihr Herren, eilig herbei und helft meinem Herrn, der in den hitzigsten und hartnäckigsten Kampf verstrickt ist, den meine Augen je gesehen. So wahr Gott lebt, er hat dem Riesen, dem Feinde der Prinzessin Míkomikona, einen Schwerthieb versetzt, der ihm den Kopf dicht am Rumpf abgehauen hat, als war's eine Rübe!« »Was sagst du, guter Freund?« sprach der Pfarrer, hörte auf und ließ den Rest der Novelle ungelesen; »bist du bei Sinnen, Sancho? Wie zum Teufel ist möglich, was du sagst, da der Riese zweitausend Meilen von hier entfernt ist?« Indem vernahmen sie einen gewaltigen Lärm in der Kammer und hörten Don Quijote schreien: »Halt, Räuber, Wegelagerer, Schurke, hier halt ich dich fest, und dein krummer Säbel soll dir nicht helfen!« Dabei klang es, als führte er mächtige Schwerthiebe gegen die Wände, und Sancho sprach: »Steht doch nicht da und horcht, das ist nicht nötig; geht lieber hinein und bringt sie auseinander oder steht meinem Herrn bei, obwohl das nicht mehr nötig sein wird; denn ohne Zweifel ist der Riese schon tot und gibt jetzt Gott Rechenschaft für sein bisheriges Lasterleben. Ich sah ja das Blut auf dem Boden fließen und den Kopf abgesäbelt seitwärts liegen, der ist so lang und breit wie ein großer Weinschlauch.« »Ich will des Todes sein«, sprach jetzo der Schenkwirt, »wenn der Herr Quijote oder der Herr Gottseibeiuns nicht mit seinem Schwert auf einen der Schläuche roten Weines eingehauen, hat, die am Kopfende seines Lagers hängen, und der ausgelaufene Wein war es gewiß, der dem guten Kerl da wie Blut vorkam.« Mit diesen Worten ging er in die Kammer und alle ihm nach, und sie fanden Don Quijote im seltsamsten Aufzug von der Welt. Er stand im Hemde da, und dieses war nicht so lang, daß es ihm von vorn die Schenkel gänzlich bedeckt hätte, während es hinten noch sechs Fingerbreit kürzer war; die Beine waren sehr lang und hager und mit Haaren bedeckt und keineswegs sauber; auf dem Kopfe hatte er ein schmieriges rotes Käppchen, das dem Wirt gehörte; um den linken Arm hatte er jene Bettdecke gewickelt, gegen welche Sancho besonderen Groll trug – und er wußte warum –, und in der Rechten hielt er das entblößte Schwert, hieb damit nach allen Seiten hin und führte Reden, als wäre er wirklich im Kampf mit einem Riesen begriffen. Und das Beste dabei war, daß seine Augen nicht offen waren, denn er war noch im Schlafe und träumte nur, er sei im Gefecht mit dem Riesen. Seine Einbildung von dem Abenteuer, das er zu bestehen im Begriff war, war so mächtig angespannt, daß sie ihn träumen ließ, er sei im Königreich Mikomikón angekommen und stehe bereits im Kampf mit seinem Feinde. Er hatte so viele Schwerthiebe auf die Schläuche geführt, im Glauben, er führe sie auf den Riesen, daß das ganze Gemach voll Weines stand. Als der Wirt das sah, geriet er in solche Wut, daß er sich auf Don Quijote stürzte und ihm mit geballter Faust zahllose Püffe versetzte, die, wenn Cardenio und der Pfarrer den Ritter nicht von ihm weggerissen, alsbald dem Kampf mit dem Riesen ein Ende gemacht hätten. Und trotz alledem wurde der arme Ritter nicht wach, bis der Barbier einen großen Kessel mit kaltem Wasser aus dem Brunnen herbeibrachte und ihn dem Ritter mit einem Guß über den ganzen Körper schüttete. Davon endlich erwachte Don Quijote, doch nicht zu so vollem Bewußtsein, daß er innegeworden wäre, in welchem Aufzuge er dastand. Dorotea, die sah, wie kurz und leicht bekleidet er war, wollte nicht eintreten, um dem Gefecht ihres Kämpen mit ihrem Widersacher zuzuschauen. Sancho suchte auf dem ganzen Boden herum nach dem Kopfe des Riesen, und da er ihn nicht fand, sagte er: »Ich sehe schon, was nur immer an dies Haus anrührt, sind lauter Zaubergeschichten. Neulich, an der nämlichen Stelle, wo ich jetzo stehe, haben sie mir eine Menge Maulschellen und Faustschläge versetzt, ohne daß ich wußte wer, und ich konnte mein Lebtag keinen Täter erblicken; und jetzt ist der Kopf hier nirgends zu finden, den ich doch mit meinen allereigensten Augen habe abhauen sehen, und das Blut lief aus dem Körper heraus wie aus einem Springbrunnen.« »Von was für Blut, was für Springbrunnen redest du, du Feind Gottes und seiner Heiligen?« rief der Wirt. »Siehst du nicht, Spitzbube, daß das Blut und der Brunnen nichts andres sind als diese Schläuche, die da durchlöchert liegen, und der rote Wein, der hier in der Kammer schwimmt? Wofür ich dessen Seele in der Hölle schwimmen sehen möchte, der sie zerlöchert hat!« »Ich weiß von nichts«, entgegnete Sancho, »ich weiß nur, daß ich am Ende so ins Pech gerate, daß mir, wenn ich den Kopf nicht finde, meine Grafschaft wie Salz im Wasser vergehen wird.« So war es mit Sancho im Wachen ärger als mit seinem Herrn im Schlafe; in solcher Geistesverwirrung hielten ihn die Versprechungen seines Herrn befangen. Der Wirt war ganz in Verzweiflung ob der Gelassenheit des Dieners und der Übeltaten des Herrn und schwur hoch und heilig, diesmal solle es nicht gehen wie das letztemal, wo sie ihm ohne Zahlung davongelaufen, und jetzo sollten dem Don Quijote die Vorrechte seiner Ritterschaft nicht darüber hinweghelfen, die alte und die neue Rechnung zu bezahlen, ja, alles bis auf die etwaigen Kosten für die Flicken, die man in die zerlöcherten Schläuche einsetzen müsse. Der Pfarrer hielt Don Quijote mit beiden Händen fest, und dieser, in der Überzeugung, er habe das Abenteuer bereits zu Ende geführt und befinde sich vor der Prinzessin Míkomikona, beugte die Knie vor dem Pfarrer und sprach: »Wohl mag Eure Hoheit, erhabene und weitberufene Herrin, von heute an inskünftig in Sicherheit davor leben, daß dies bösartige Geschöpf Hochderoselben Böses zufüge; und auch ich bin hinfüro des Wortes quitt, so ich Euch gegeben, sintemal ich selbiges mit Gottes Hilfe und durch die Gunst jener Herrin, durch die ich lebe und atme, so völlig erfüllt habe.« »Hab ich's nicht gesagt?« sprach Sancho, als er das hörte, »ja freilich; denn ich war nicht betrunken. Seht mir nun, ob mein Herr den Riesen nicht schon eingesalzen hat! Ich hab nun mein Schäfchen im trocknen, mit meiner Grafschaft ist's in der Ordnung!« Wer hätte nicht lachen müssen über die Narretei von Herr und Diener! Und sie lachten alle, nur nicht der Wirt, der des Teufels werden wollte. Indessen gaben sich der Barbier, Cardenio und der Pfarrer so viel Mühe, daß sie zuletzt, freilich mit nicht geringer Anstrengung, Don Quijote ins Bett brachten, und dieser schlief sogleich wieder ein, unter Zeichen übergroßer Erschöpfung. Sie ließen ihn denn schlafen und gingen hinaus ans Tor der Schenke, um Sancho Pansa zu trösten, daß er den Kopf des Riesen nicht gefunden; jedoch hatten sie noch weit mehr zu tun, um den Wirt zu besänftigen, der über das plötzliche Hinscheiden seiner Schläuche in Verzweiflung war. Die Wirtin aber schrie und jammerte: »Ja, zur Unglückszeit und zur unseligsten Stunde ist dieser fahrende Ritter in mein Haus gekommen! Hätte ich ihn doch nie mit Augen gesehen, ihn, der mich so teuer zu stehen kommt! Das letztemal machte er sich auf und davon mit den Kosten für einen Tag Essen, Bett, Stroh und Futter für ihn und für seinen Schildknappen und einen Gaul und einen Esel und sagte, er sei ein abenteuernder Ritter – und möge Gott ihn in lauter abenteuerlichem Pech sieden lassen, ihn und alle Abenteurer, die es auf Erden gibt –, und deshalb sei er nicht verbunden, etwas zu zahlen; denn so stehe es im Zolltarif der fahrenden Ritter. Und seinetwegen ist kürzlich der andre Herr gekommen und hat mir meinen Schwanz mit fortgenommen und hat ihn mir um mehr als zwei Pfennige Minderwert zurückgebracht, die Haare ganz ausgerauft, daß er nicht mehr dazu zu gebrauchen ist, wozu ihn mein Mann haben will; und zum Schluß und Ende von allem werden mir meine Schläuche zerrissen und mein Wein mir ausgegossen. Oh, wenn es doch sein Blut wäre! Aber bei den Gebeinen meines Vaters und meiner Mutter Seligkeit, er soll es mir auf Heller und Pfennig bezahlen, oder ich müßte nicht heißen, wie ich heiße, und wäre nicht meines Vaters Tochter!« Diese Äußerungen und andre solcher Art tat die Wirtin in großer Wut, und ihre wackere Magd Maritornes half ihr dabei. Die Tochter schwieg und lächelte zuweilen. Der Pfarrer wußte alles zu beschwichtigen, indem er versprach, ihren Verlust ihr so gut, wie ihm nur möglich, zu ersetzen, sowohl den sie an den Schläuchen als am Wein und insbesondere durch die Beschädigung des Schwanzes erlitten hatten, von dem sie soviel Aufhebens machten. Dorotea tröstete Sancho Pansa mit der Erklärung, sobald es sich offenkundig zeige, daß sein Herr in Wahrheit den Riesen geköpft habe, so verheiße sie, sobald sie sich im friedlichen Besitz ihres Königreichs sehe, ihm die beste Grafschaft zu geben, die darin zu finden sei. Damit tröstete sich Sancho und versicherte der Prinzessin, sie dürfte sicher sein, daß er den Kopf des Riesen gesehen, und zum weiteren Merkzeichen hätte selbiger einen Bart, der ihm bis zum Gürtel ging. Und wenn er nicht zum Vorschein komme, so sei es darum, weil alles, was sich in diesem Hause ereigne, mit Zauberei zugehe, wie er selbst es neulich erfahren habe, als er hier übernachtete. Dorotea erwiderte, sie glaube, daß dem so sei, und er solle nur unbesorgt sein. Alles werde gut gehen, alles werde nach Wunsch geschehen. Nachdem alle sich beruhigt, wollte der Pfarrer die Novelle zu Ende lesen, da er sah, daß nur noch wenig übriggeblieben. Cardenio, Dorotea und alle andern baten ihn, sie zu beenden; und er, sowohl um den anderen gefällig zu sein als auch zum eigenen Vergnügen, fuhr mit der Erzählung fort: Zunächst ging es so, daß Anselmo in seiner frohen Überzeugung von Camilas Tugend ein zufriedenes und sorgenfreies Leben führte und Camila mit berechneter Absicht Lotario ein finsteres Gesicht zeigte, damit Anselmo an das Gegenteil der Gesinnung glauben solle, die sie für den Freund empfand. Damit ihr Benehmen noch glaubwürdiger erschiene, bat Lotario ihn um Erlaubnis, sein Haus nicht mehr zu besuchen, da sich doch deutlich zeige, daß Camila von seinem Anblick peinlich berührt werde. Aber der betrogene Anselmo wollte davon nichts wissen. Und auf solche Weise wurde in tausendfacher Art Anselmo der Werkmeister seiner Schande, im Glauben, er sei der Schmied seines Glückes. Mittlerweile war auch Leonelas Behagen, eine Vollmacht zu ihrem Liebeshandel zu besitzen, so weit gediehen, daß sie ohne alle Rücksicht ihrem Vergnügen zügellos nachjagte, darauf bauend, daß ihre Herrin sie schirmte, ja sogar ihr Rat gab, wie sie ohne Besorgnis ihre Gelüste befriedigen könnte. Endlich aber hörte Anselmo eines Nachts Schritte in Leonelas Gemach, und als er hinein wollte, um zu sehen, von wem sie herrührten, ward er gewahr, daß die Tür vor ihm zugehalten wurde, was ihn um so begieriger machte, sie zu öffnen. Er wandte so viele Kraft an, daß er sie aufstieß, und kam gerade zur rechten Zeit hinein, um zu sehen, daß ein Mann durchs Fenster auf die Straße sprang. Er eilte rasch hinaus, um ihn noch zu erreichen oder ihn zu erkennen, aber er vermochte weder das eine noch das andre auszuführen; denn Leonela umfaßte ihn mit den Armen und sprach zu ihm: »Beruhigt Euch, mein Gebieter, reget Euch nicht auf, eilet dem Mann nicht nach, der von hier hinausgesprungen, die Sache geht mich allein an, ja, so sehr, daß es mein eigner Bräutigam ist.« Anselmo wollte es ihr nicht glauben, sondern zog den Dolch und drohte, Leonela zu erstechen, wenn sie ihm nicht die Wahrheit sage. Sie, in ihrer Angst, ohne zu wissen, was sie sagte, sprach zu ihm: »Tötet mich nicht, Señor, ich werde Euch Dinge von größerer Wichtigkeit sagen, als Ihr Euch vorstellen könnt!« »Sag sie auf der Stelle«, entgegnete Anselmo, »oder du bist des Todes!« »Im Augenblick ist es unmöglich«, antwortete Leonela, »so verstört bin ich; laßt mich bis morgen, dann sollt Ihr Dinge hören, daß Ihr staunen werdet. Und seid dessen gewiß, jener, der aus dem Fenster gesprungen, ist ein Jüngling aus dieser Stadt, der mir die Hand darauf gegeben, mein Gemahl zu werden.« Damit beruhigte sich Anselmo, und er war bereit, die Frist abzuwarten, um die sie ihn gebeten; denn er dachte nicht daran, daß er etwas hören würde, das Camila zum Nachteil gereichte, weil er von ihrer Tugend überzeugt war. So verließ er denn das Gemach und ließ Leonela darin eingeschlossen zurück, indem er ihr sagte, sie werde nicht herauskommen, bis sie ihm bekenne, was sie ihm zu sagen habe. Sogleich suchte er Camila auf und erzählte ihr, was ihm alles mit ihrer Zofe begegnet sei, und daß sie ihm versprochen habe, ihm große und wichtige Dinge zu sagen. Ob Camila in Bestürzung geriet oder nicht, das braucht wohl nicht gesagt zu werden. Die Angst, die sie empfand, war so überwältigend – denn sie glaubte wirklich, und es war wohl zu glauben, das Mädchen werde Anselmo alles sagen, was es von ihrer Untreue wußte –, daß sie nicht den Mut hatte, abzuwarten, ob sich ihr Verdacht als unbegründet zeigen werde oder nicht; und noch in der nämlichen Nacht, als sie glaubte, Anselmo liege jetzt im Schlafe, suchte sie ihre besten Kleinodien und einiges Geld zusammen, und ohne von jemandem bemerkt zu werden, verließ sie ihr Haus und eilte zu dem Lotarios, erzählte ihm alles Vorgefallene und bat ihn, sie in Sicherheit zu bringen oder sich mit ihr zusammen an einen Ort zu begeben, wo sie vor Anselmo geschützt wären. Die Bestürzung, in welche Camila ihren Lotario versetzte, war so groß, daß er ihr kein Wort zu erwidern und noch weniger einen Entschluß zu fassen vermochte. Zuletzt kam er auf den Gedanken, Camila in ein Kloster zu bringen, in welchem eine Schwester von ihm Priorin war. Camila willigte ein, und mit der Eile, wie sie der Fall erheischte, brachte Lotario sie ins Kloster und ließ sie dort, während auch er sich augenblicklich aus der Stadt entfernte, ohne jemanden davon in Kenntnis zu setzen. Als es tagte, stand Anselmo auf, ohne zu bemerken, daß Camila von seiner Seite verschwunden war, und begierig zu erfahren, was Leonela ihm mitteilen wollte, ging er nach dem Zimmer, wo er sie eingeschlossen hatte. Er öffnete es und trat ein, fand aber Leonela nicht darin; er fand nur ein Bettlaken ans Fenster geknüpft, ein Zeichen und Beweis, daß sie sich hier hinuntergelassen und geflüchtet hatte. Voll Ärger kehrte er sogleich zurück, um es Camila zu sagen, und da er sie weder im Bette noch im ganzen Hause fand, war er starr vor Entsetzen. Er fragte die Diener des Hauses nach ihr, aber niemand konnte ihm Auskunft geben. Als er, nach Camila suchend, umherging, sah er zufällig ihr Schmuckkästchen offenstehen und entdeckte, daß ihre meisten Kleinodien daraus fehlten. Und damit wurde ihm sein Unglück erst vollends klar, und er begriff, daß Leonela nicht die Schuld an seinem Unglück trug. Und so, wie er ging und stand, ohne sich erst vollständig anzukleiden, in Trübsinn und tiefem Nachdenken, eilte er, seinem Freunde Lotario Bericht von seinem Unglück zu geben. Aber als er ihn nicht fand und dessen Diener ihm sagten, er sei diese Nacht aus dem Hause verschwunden und habe all sein vorrätiges Geld mitgenommen, da meinte er den Verstand zu verlieren. Und um das Maß vollzumachen, traf er bei der Rückkehr in seiner Wohnung niemanden von all seinen Dienern und Dienerinnen an, sondern fand das Haus öde und verlassen. Er wußte nicht, was er denken, sagen oder tun sollte, und nach und nach wurde es ihm ganz wirr im Kopfe. Er betrachtete sich gleichsam und erblickte sich in einem Augenblick ohne Weib, ohne Freund, ohne Diener; er erachtete sich verlassen vom Himmel über ihm und – ärger als alles – der Ehre beraubt, da er deren Verlust in Camilas Flucht erkennen mußte. Endlich, nach einer geraumen Weile, beschloß er, sich auf das Dorf hinaus zu jenem Freunde zu begeben, wo er sich damals aufgehalten hatte, als er selbst den Anlaß dazu gab, daß dies ganze Unheil geplant und verwirklicht wurde. Er verschloß die Türen seines Hauses, stieg zu Pferd und begab sich beklommenen Herzens auf den Weg. Kaum aber hatte er die Hälfte davon zurückgelegt, als er, von seinen eigenen Gedanken übermannt, sich genötigt sah, abzusteigen und sein Pferd mit dem Zügel an einen Baum zu binden, an dessen Stamm er unter wehmütigen, schmerzvollen Seufzern niedersank. Hier verweilte er, bis beinahe die Nacht hereinbrach. Um diese Stunde sah er einen Mann zu Pferd aus der Stadt kommen. Er grüßte ihn und fragte ihn, welche Neuigkeiten es in Florenz gebe. Der Städter antwortete ihm: »Die seltsamste, die man seit langer Zeit dort vernommen. Denn man erzählt öffentlich, daß Lotario, jener vertraute Freund Anselmos des Reichen, der bei San Giovanni wohnte, diese Nacht Camila entführt hat, die Frau Anselmos, der ebenfalls nirgends zu finden ist. All dieses hat eine Dienerin Camilas ausgesagt, welche der Stadtvorsteher heute nacht dabei getroffen hat, wie sie sich an einem Bettlaken aus dem Fenster von Anselmos Hause herabließ. Ich weiß in der Tat nicht genau, wie sich der Handel zutrug; ich weiß nur, daß die ganze Stadt sich über diese Geschichte wundert, weil man eine derartige Handlungsweise bei der innigen und vertrauten Freundschaft zwischen den beiden nicht erwarten konnte, die so groß gewesen sein soll, daß man sie nur ›die beiden Freunde‹ nannte.« »Weiß man vielleicht, welchen Weg Lotario und Camila eingeschlagen haben?« fragte Anselmo. »Nicht im geringsten«, antwortete der Mann, »wiewohl der Stadtvorsteher alle Sorgfalt aufgewendet hat, um ihnen nachzuspüren.« »Geht mit Gott«, sprach Anselmo. »Er geleite Euch«, erwiderte der Städter und ritt davon. Bei so schmerzlichen Nachrichten fehlte wenig, daß Anselmo auf den Punkt gekommen wäre, wo es nicht nur mit seinem Verstand, sondern auch mit seinem Leben zu Ende gehen mußte. Er erhob sich, so gut er es vermochte, und gelangte zum Hause seines Freundes, der von seinem Unglück noch nichts wußte; aber als er ihn bleich, abgehärmt und mit eingefallenen Wangen ankommen sah, merkte er wohl, daß Anselmo von schwerem Leide niedergedrückt sei. Anselmo bat, man möge ihn zu Bett bringen und ihm Schreibzeug geben. Es geschah also, man ließ ihn im Bette und allein; denn so verlangte er es, und er bat auch, die Tür zu schließen. Als er sich nun allein sah, begann die Vorstellung seines Unglücks ihn so zu bestürmen und zu überwältigen, daß er klar erkannte, es gehe mit seinem Leben zu Ende; und so traf er Anstalt, eine Nachricht von der Ursache seines so eigentümlichen Todes zu hinterlassen. Er fing zu schreiben an; aber bevor er mit der Aufzeichnung alles dessen, was er im Sinne hatte, zu Ende gekommen, verließen ihn die Kräfte, und er ließ sein Leben unter der Wucht des Schmerzes, den ihm sein törichter Vorwitz bereitet hatte. Als der Herr des Hauses bemerkte, daß es schon spät war und Anselmo nicht rief, entschloß er sich einzutreten, um zu sehen, ob sein Unwohlsein schlimmer geworden, und er fand ihn ausgestreckt liegen, mit dem Gesicht nach unten gekehrt, die Hälfte des Körpers im Bette und die andre Hälfte auf dem Schreibtische, auf einem halb beschriebenen Papier; er hielt die Feder noch in der Hand. Der Hausherr näherte sich ihm, nachdem er ihm erst zugerufen, und als er, da er ihn an der Hand faßte, keine Antwort erhielt und ihn erstarrt fand, ward er inne, daß Anselmo tot war. Er erschrak und betrübte sich ungemein, rief die Leute vom Haus herbei, damit sie das Unglück sähen, das Anselmo betroffen, und las dann das Papier, auf dem er Anselmos Handschrift erkannte und welches folgende Worte enthielt: Ein törichtes und vorwitziges Begehren hat mir das Leben geraubt. Wenn die Nachricht von meinem Tode zu Camilas Ohren gelangen sollte, so möge sie erfahren, daß ich ihr verzeihe; denn sie war nicht verpflichtet, Wunder zu tun, und ich hatte nicht nötig, von ihr zu verlangen, daß sie solche tue. Und da ich selbst der Werkmeister meiner Schande war, so ist kein Grund ... Bis hierher hatte Anselmo geschrieben, woraus sich erkennen ließ, daß an dieser Stelle sein Leben endete, ehe er den Satz enden konnte. Den nächsten Tag gab sein Freund den Verwandten Anselmos Kunde von seinem Tode; sie wußten schon sein Unglück und kannten auch das Kloster, wo Camila bereits nahe daran war, ihren Gemahl auf jener Reise, die keinem erlassen wird, zu begleiten, nicht aus Schmerz über die Nachricht vom Tode ihres Gatten, sondern über diejenige, die ihr über ihren abwesenden Freund zukam. Man erzählt, daß sie, obschon sie nun Witwe war, das Kloster nicht verlassen, aber noch weniger das Gelübde als Nonne ablegen wollte, bis ihr, nicht viele Tage nachher, die Nachricht wurde, daß Lotario in einer Schlacht gefallen, welche Monsieur de Lautrec dem »Großen Feldhauptmann« Gonzalo Fernández de Córdoba im Königreich Neapel geliefert; dorthin hatte sich der zu spät bereuende Freund gewendet. Als Camila dies erfuhr, legte sie das Gelübde ab und hauchte kurz darauf unter der Last des Kummers und des Trübsinnes ihr Leben aus. Dies war das Ende, das allen wurde, ein Ende, wie es aus einem so wahnwitzigen Anfang kommen mußte. »Die Novelle gefällt mir wohl«, sprach der Pfarrer, »aber ich kann nicht glauben, daß es eine wahre Geschichte ist; und wenn sie erdichtet ist, so hat der Verfasser schlecht gedichtet; denn man kann sich nicht vorstellen, daß ein Ehemann so töricht sein kann, eine so kostspielige Probe wie Anselmo anstellen zu wollen. Wenn der Fall zwischen einem Liebhaber und seiner Geliebten vorgekommen wäre, so könnte man ihn zugeben; aber zwischen Mann und Frau hat er etwas Unmögliches in sich. Was aber die Art und Weise betrifft, wie er erzählt wird, so bin ich damit gar nicht unzufrieden.« 36. Kapitel Welches von andern merkwürdigen Begebnissen handelt, so sich in der Schenke begaben Während man hierbei war, rief der Wirt, der an der Tür der Schenke stand: »Da kommen Leute, es ist ein prächtiger Trupp Gäste; wenn die hier einkehren, dann wird's hoch hergehen!« »Was für Leute sind es?« fragte Cardenio. »Vier Herren«, antwortete der Wirt; »sie sitzen zu Pferde mit kurzgeschnalltem Bügel, mit Speeren und Tartschen und alle mit schwarzen Schleiern vor dem Gesicht, und mit ihnen kommt eine weißgekleidete Dame daher auf einem Saumsattel, ihr Gesicht ebenfalls verdeckt, und noch zwei Diener zu Fuß.« »Sind sie noch weit?« fragte der Pfarrer. »Sie werden gleich dasein«, antwortete der Wirt. Als Dorotea das hörte, verschleierte sie ihr Gesicht, und Cardenio begab sich in Don Quijotes Gemach. Und beinahe hätten sie dazu keine Zeit mehr gehabt, als die vom Wirt genannten Personen schon allesamt in die Schenke einzogen. Die vier Reiter, vornehm an Aussehen und Haltung, stiegen ab und hoben die Dame vom Sattel; einer nahm sie in die Arme und setzte sie auf einen Stuhl, der am Eingang des Zimmers stand, wo sich Cardenio verborgen hatte. Während dieser ganzen Zeit hatten weder die Dame noch die Herren die Gesichtshüllen abgelegt noch ein Wort gesprochen. Nur stieß die Dame beim Niederlassen auf den Stuhl einen tiefen Seufzer aus und ließ wie krank und erschöpft die Arme sinken. Die Diener, die zu Fuß gekommen waren, führten die Pferde in den Stall. Der Pfarrer, der dies alles bemerkte, war begierig, zu erfahren, wer die Leute in solchem Aufzug seien, die sich so schweigend verhielten, ging den Dienern nach und befragte einen von ihnen um die Auskunft, die ihm am Herzen lag. Der aber antwortete ihm: »So wahr mir Gott helfe, Señor, ich bin nicht imstande, Euch zu sagen, was für Leute es sind; ich weiß nur, daß sie wie sehr vornehme Leute auftreten, insonderheit jener, der zu der Dame, die Ihr gesehen habt, hinging und sie in die Arme nahm. Und das kommt mir deshalb so vor, weil die übrigen alle ihm mit Ehrerbietung begegnen und weil nichts andres geschieht, als was er anordnet und befiehlt.« »Und wer ist die Dame?« fragte der Pfarrer. »Das kann ich ebensowenig sagen«, antwortete der Diener, »denn auf dem ganzen Wege habe ich ihr Gesicht nicht erblickt; ächzen allerdings habe ich sie öfters hören und so tiefe Seufzer ausstoßen, als ob sie mit jedem die Seele aushauchen wollte. Es ist aber nicht zu verwundern, daß wir nicht mehr wissen; denn mein Kamerad und ich begleiten sie erst zwei Tage; wir trafen sie nämlich unterwegs, und da ersuchten und beredeten sie uns, mit ihnen bis nach Andalusien zu gehen, und boten uns sehr gute Bezahlung an.« »Und habt Ihr einen von ihnen mit Namen nennen hören?« fragte der Pfarrer. »Gewiß nicht«, antwortete der Diener, »sie gehen alle so schweigsam ihres Weges, daß es ein Wunder ist; man hört bei ihnen nichts als das Seufzen und Schluchzen der armen Dame, daß es uns zum Mitleid bewegt; und wir sind überzeugt, daß sie nur gezwungen mitreist, und soviel man aus ihrer Kleidung schließen kann, ist sie eine Nonne oder im Begriff, es zu werden, was das Wahrscheinlichere ist. Und vielleicht, weil sie das Klosterleben nicht aus eigner Neigung führt, ist sie so traurig, wie der Augenschein zeigt.« »Das kann alles sein«, sagte der Pfarrer, ließ sie stehen und kehrte zu Dorotea zurück. Diese hatte die Verhüllte seufzen hören, und von angeborenem Mitgefühl bewegt, näherte sie sich ihr und sprach: »Was für ein Leiden fühlt Ihr, mein Fräulein? Bedenkt, ob es eins von denen ist, in deren Heilung wir Frauen Übung und Erfahrung besitzen; denn ich meinerseits biete Euch aufrichtig meine Dienste an.« Auf all dieses blieb die betrübte Dame stumm, und wiewohl Dorotea ihr Erbieten dringender wiederholte, verharrte sie fortwährend in ihrem Stillschweigen, bis der verlarvte Herr, von dem der Diener gesagt, daß die andern ihm gehorchten, herzutrat und zu Dorotea sprach: »Quält Euch nicht damit, Señora, diesem Weibe irgend etwas anzubieten; denn sie hat die Gewohnheit, nichts, was man für sie tut, dankbar aufzunehmen. Bemühet Euch auch nicht, eine Antwort von ihr zu erlangen, wenn Ihr nicht eine Lüge aus ihrem Munde hören wollet.« »Niemals habe ich eine solche gesagt«, sprach jetzt die Dame, die bis dahin im Schweigen verharrt hatte, »im Gegenteil, weil ich so wahrheitsliebend und allen lügenhaften Anschlägen fremd bin, sehe ich mich jetzt in so großem Unglück; und zu dessen Zeugen will ich Euch selbst nehmen, da gerade meine reine Wahrheitsliebe Euch zum falschen Lügner gemacht hat.« Diese Worte vernahm Cardenio deutlich und genau, da er sich so nahe bei der Dame befand, daß nur die Türe von Don Quijotes Kammer zwischen beiden war; und sobald er sie hörte, schrie er laut und rief: »So helfe mir Gott! Was hör ich? Welche Stimme dringt mir ins Ohr?« Bei diesem Ausruf wandte die Dame den Kopf in jähem Schrecken, und da sie nicht sah, wer da gerufen, stand sie auf und wollte in die Kammer hinein; doch als der fremde Herr dies sah, hielt er sie zurück und ließ sie keinen Schritt von der Stelle tun. In der Verwirrung und Aufregung fiel der Schleier von Taft, mit dem sie das Gesicht verdeckt hatte, und es zeigte sich eine unvergleichliche Schönheit, ein Antlitz von wunderbarem Reiz, obschon bleich und angstvoll, da sie ihre Augen überall, wohin ihr Blick reichte, mit solcher Hast umherrollen ließ, daß sie wie von Sinnen schien. Diese schmerzlichen Gebärden, deren Veranlassung niemand wußte, erregten tiefes Mitleid in Dorotea wie in allen, die den Blick auf sie gerichtet hatten. Der fremde Herr hatte sie fest an den Schultern gefaßt, und da er vollauf damit zu tun hatte, sie zu halten, so konnte er seine herabgleitende Larve nicht wieder hinaufschieben; sie fiel ihm ganz und gar vom Gesicht. Als nun Dorotea, welche die Dame mit den Armen umschlungen hatte, die Augen erhob, sah sie, daß der Mann, der die Dame gleichfalls umschlossen hielt; ihr Gemahl Don Fernando war; und kaum hatte sie ihn erkannt, als sie aus dem innersten Herzen ein langes, schmerzliches »Ach!« ausstieß und in Ohnmacht rückwärts niedersank. Und hätte nicht der Barbier nahe dabeigestanden und sie in seinen Armen aufgefangen, so wäre sie zu Boden gestürzt. Der Pfarrer eilte sogleich herbei und nahm ihr den Schleier ab, um ihr Wasser ins Gesicht zu spritzen; und sobald er sie entschleierte, wurde sie von Don Fernando erkannt; denn er war es wirklich, der die andre Dame umfaßt hielt. Er blieb wie leblos bei dem Anblick, doch ohne deshalb Luscinda loszulassen; ja, Luscinda war es, die sich mühte, sich seinen Armen zu entwinden. Sie hatte Cardenio an seinem Aufschrei erkannt und er nicht minder sie. So hatte auch Cardenio Doroteas »Ach!« gehört; er glaubte, es sei seine Luscinda, stürzte angstvoll aus der Kammer, und das erste, was er sah, war Don Fernando, der Luscinda in den Armen hielt. Don Fernando erkannte ebenfalls Cardenio auf der Stelle, und alle drei, Luscinda, Cardenio und Dorotea, blieben stumm und starr, fast ohne zu wissen, was ihnen begegnet war. Alle schwiegen, und alle blickten staunend aufeinander, Dorotea auf Don Fernando, Don Fernando auf Cardenio, Cardenio auf Luscinda und Luscinda auf Cardenio. Aber wer zuerst das Stillschweigen brach, war Luscinda, die zu Don Fernando folgendermaßen sprach: »Lasset mich, Señor Don Fernando, um der Rücksicht willen, die Ihr Eurem eignen Selbstgefühl schuldig seid, wenn Ihr es um keiner andern Rücksicht willen tun wollt, laßt mich an die Mauer mich lehnen, deren Efeu ich bin; laßt mich hin zu der Stütze, von der mich Eure Zudringlichkeiten, Eure Drohungen, Eure Versprechungen, Eure Geschenke nicht wegzureißen vermochten! Seht und merkt Euch, wie der Himmel auf ungewöhnlichen und unserm Blicke verborgenen Pfaden mir meinen wahren Gemahl vor die Augen geführt hat. Auch wißt Ihr aus tausendfachen kostspieligen Erfahrungen, daß der Tod allein imstande wäre, ihn aus meinem Gedächtnis auszumerzen. So mögen denn diese Enttäuschungen, die Euch geworden, bewirken, daß Ihr – wenn Ihr Euch zu nichts anderem aufraffen könnt – die Neigung in Groll und die Liebe in Haß verwandelt, und in diesem Groll nehmt mir das Leben, und wenn ich es vor den Augen meines lieben Gatten ende, so halte ich es für gut angewendet. Vielleicht wird ihn mein Tod von der Treue überzeugen, die ich ihm bis zum letzten Augenblick meines Daseins bewahrt habe.« Inzwischen war Dorotea wieder zu sich gekommen, hatte Luscindas Äußerungen alle angehört und aus denselben ersehen, wer die Dame war. Als sie nun bemerkte, daß Don Fernando noch immer Luscinda nicht aus seinen Armen ließ und auf deren Worte nichts erwiderte, nahm sie alle Kraft zusammen, erhob sich, eilte zu ihm hin und warf sich auf die Knie vor ihm nieder und begann, einen Strom so reizender wie schmerzvoller Tränen vergießend, so zu ihm zu sprechen; »Wenn nicht etwa, o mein Gebieter, die Strahlen dieser Sonne, die du jetzt verfinstert in deinen Armen hältst, die Strahlen deiner Augen verdunkeln und löschen, wirst du bereits bemerkt haben, daß das Weib, das zu deinen Füßen kniend liegt, die unselige Dorotea ist, sie, die vom Glück verlassen ist, solange du es nicht anders willst. Ich bin jenes demütige Landmädchen, das du aus Güte oder Neigung zu der Höhe erheben wolltest, daß sie sich die Deinige nennen durfte; ich bin jene, die, von den Schranken der Sittsamkeit umhegt, ein zufriedenes Leben lebte, bis sie auf die Stimme deiner ungestümen Bewerbung und deiner dem Anscheine nach redlichen und liebevollen Gesinnung hin die Pforten ihrer mädchenhaften Scheu auf tat und dir die Schlüssel ihrer Freiheit übergab: eine Gabe, für die du so schlechten Dank erwiesen, daß ich gezwungen bin, mich hier zu befinden und dich unter solchen Umständen wiederzusehen, wie ich dich hier sehe. Aber bei alledem möchte ich nicht, daß dir in den Sinn käme, ich sei etwa in ehrlosem Lebenswandel hierhergeraten, da mich doch nichts hergeführt hat als ein Lebenswandel voll Qualen, voll Schmerz darüber, daß ich mich von dir vergessen sah. Du, du hast gewollt, daß ich die Deine wurde, und du hast es mit solchem Ernste gewollt, daß du, wenn du auch nunmehr wolltest, ich wäre es nicht, unmöglich aufhören kannst, der Meinige zu sein. Bedenke, mein Gebieter, für den hohen Reiz und Adel, um dessentwillen du mich verlassen hast, kann dir die Liebe sondergleichen, die ich dir widme, einen Ersatz bieten. Du kannst der schönen Luscinda nicht angehören, weil du mir angehörst, und sie kann nicht die Deine sein, weil sie Cardenios Gattin ist. Und es wird dir leichter fallen, wenn du es wohl erwägst, daß du deinem Willen gebietest, die zu lieben, die dich anbetet, als daß du jene, die dich verabscheut, vermögen kannst, dich wahrhaft zu lieben. Du, du hast meine Unerfahrenheit umgarnt, du hast mein reines Gemüt mit Bitten bedrängt; mein Stand war dir nicht unbekannt; du weißt wohl, unter welchen Bedingungen ich mich deinem Willen ergab; es bleibt dir weder Grund noch Vorwand, dich für hintergangen zu erklären. Und wenn dem so ist – und es ist so! – und wenn du ein ebenso guter Christ als Edelmann bist, warum gehst du so krumme Wege und zögerst, mich auch am Ende glücklich zu machen, wie du mich am Anfang glücklich gemacht hast? Und liebst du mich nicht als das, was ich bin, als deine wirkliche und rechtmäßige Gemahlin, dann darfst du mich wenigstens als deine Sklavin lieben und bei dir aufnehmen. Wenn ich in deiner Gewalt bin, will ich mich selig und beglückt schätzen. Gib nicht zu, wenn du mich verstößt und schutzlos lassest, daß alsdann die Leute auf der Straße zusammenstehen und meine Ehre mit böser Nachrede verfolgen; bereite nicht meinen greisen Eltern ein so trauriges Alter; denn die redlichen Dienste, die sie den Deinigen als treue Untertanen geleistet, verdienen nicht solchen Lohn. Und wenn du glaubst, du würdest dein Blut durch Vermischung mit dem meinigen verunehren, so bedenke, daß es selten oder nie einen Adel gibt, dem nicht das nämliche geschehen wäre, und daß ein Adel, der sich von den Frauen herleiten ließe, bei erlauchten Geschlechtern nicht in Betracht gezogen wird; zumal der wahre Adel nur in der Tugend besteht. Und wenn diese dir fehlt, weil du mir verweigerst, was du mir nach allem Rechte schuldest, dann habe ich die Vorzüge des Adels in weit höherem Maße als du. Endlich, Señor, und das ist das letzte, was ich dir sage: ob du nun willst oder nicht willst, ich bin deine Gemahlin; dessen Zeugen sind deine Worte, die nicht lügen werden und nicht lügen dürfen, wenn du wirklich das an dir hochachtest, um dessentwillen du mich mißachtest; Zeuge ist die Unterschrift, die du mir gegeben, und Zeuge der Himmel, den du selbst zum Zeugen deiner Versprechungen aufgerufen. Und wenn alle diese Zeugnisse fehlen sollten, so wird doch dein Gewissen nicht verfehlen, inmitten deiner Freuden schweigend zu reden; es wird für diese Wahrheiten, die ich dir gesagt, in die Schranken treten und deine besten Genüsse und Wonnen dir zerstören.« Diese und ähnliche Worte mehr sprach die betrübte Dorotea in so tiefem Schmerz und mit so viel Tränen, daß alle Anwesenden, selbst die Begleiter Don Fernandos, mit ihr weinen mußten. Don Fernando hörte sie an, ohne ihr ein Wort zu erwidern, bis sie zu reden aufhörte und so zu seufzen und zu schluchzen begann, daß das Herz wohl von Erz sein mußte, das nicht von den Äußerungen so tiefen Schmerzes gerührt worden wäre. Luscinda stand da und schaute sie an, ob ihres Kummers so voll Mitleid wie voll Verwunderung ob ihres Verstandes und ihrer Schönheit. Und wiewohl sie gern auf sie zugegangen wäre, um ihr einige tröstende Worte zu sagen, so ließen Don Fernandos Arme sie nicht los, die sie noch immer festhielten, Aber endlich öffnete er in Verwirrung und Aufregung, nachdem er geraume Zeit und mit gespannter Aufmerksamkeit Doroteen ins Gesicht gesehen, die Arme, ließ Luscinda frei und sprach: »Du hast gesiegt, schöne Dorotea, du hast gesiegt; niemand kann das Herz haben, so viele zusammenwirkende Wahrheiten abzuleugnen.« Luscinda, noch schwach von der Ohnmacht, die sie befallen hatte, war im Begriff, zu Boden zu sinken, als Don Fernando sie freiließ; allein Cardenio, der in der Nähe geblieben und sich hinter Don Fernando gestellt hatte, damit dieser ihn nicht erkenne, setzte nun alle Besorgnis beiseite, wagte es auf alle Gefahr hin, ihr zu Hilfe zu kommen, um sie aufrechtzuerhalten, faßte sie in seine Arme und sprach: »Wenn der barmherzige Himmel es will, daß du endlich Erholung und Ruhe findest, du meine getreue, beständige, schöne Gebieterin, so wirst du sie nirgends, glaube ich, sicherer finden als in diesen Armen, die dich jetzt umfangen und dich schon in früheren Tagen umschlossen haben, als das Schicksal es mir noch gewährte, dich die Meine nennen zu dürfen.« Bei diesen Worten richtete Luscinda ihre Augen auf Cardenio. Zuerst hatte sie ihn an der Stimme zu erkennen geglaubt, jetzt überzeugte sie sich durch den Anblick, daß er es sei, und fast ganz von Sinnen, und ohne irgendwelche Rücksicht des Anstands zu beachten, schlang sie ihm die Arme um den Hals, lehnte ihr Gesicht an das seine und sprach zu ihm: »Ja, Ihr, Señor, Ihr seid der wahre Herr dieses Herzens, das in Euren Banden liegt, ob auch das feindliche Schicksal es noch so sehr verwehren will und ob man auch noch so sehr dies Leben bedrohe, das nur aus Eurem seine Kraft erhält.« Ein überraschendes Schauspiel war dies für Don Fernando und für alle Umstehenden, die ob eines so unerhörten Ereignisses voller Verwunderung dastanden. Dorotea kam es vor, als sei alle Farbe aus Don Fernandos Antlitz gewichen und als mache er Miene, an Cardenio Rache zu nehmen; denn sie sah, wie er die Hand bewegte, um sie ans Schwert zu legen; doch kaum war ihr dieser Gedanke gekommen, so schlang sie mit unglaublicher Schnelligkeit die Arme um seine Knie, küßte sie und drückte ihn so fest an sich, daß sie ihm keine Bewegung gestattete, und mit Tränen in den Augen sprach sie zu ihm: »Was nun gedenkst du zu tun, du meine einzige Zuflucht, im Drange dieses so unerwarteten Zusammentreffens? Du hast zu deinen Füßen deine Gattin; die aber, die du zur Gattin begehrst, sie ist in den Armen ihres Gemahls. Bedenke, ob es dir wohl ansteht oder ob es dir überhaupt möglich ist, ungeschehen zu machen, was durch des Himmels Fügung geschehen ist, oder ob es dir nicht geziemt, diejenige zu gleicher Höhe mit dir zu erheben, die, alle Hindernisse beiseite setzend, bewährt in ihrer Treue und Beständigkeit, vor deinen Augen die ihrigen in liebevollen Tränen badet und damit Gesicht und Brust ihres Gemahls benetzt. So wahr Gott unser Gott ist, bitte ich dich, und so wahr du ein Edelmann bist, flehe ich dich an, laß diese offenkundige Enttäuschung deinen Groll nicht stärker entfachen, sondern ihn so völlig beschwichtigen, daß du in Ruhe und Frieden diesem Liebespaar gestattest, Ruhe und Frieden zu genießen, solange der Himmel sie ihnen vergönnen will. Dadurch wirst du zeigen, wie hochherzig dein erlauchtes edles Gemüt ist; daran wird die Welt ersehen, daß die Vernunft über dich mehr Gewalt hat als die Leidenschaft.« Während Dorotea so sprach, hielt Cardenio noch immer Luscinda in den Armen, ohne jedoch Don Fernando aus den Augen zu lassen, fest entschlossen, bei der geringsten gefährlichen Bewegung mit Verteidigung und Angriff so nachdrücklich als möglich gegen jeden vorzugehen, der sich ihm feindlich erweise, und sollte es ihn selbst auch das Leben kosten. Aber in diesem Augenblick schlugen sich Don Fernandos Freunde ins Mittel, ebenso der Pfarrer und der Barbier, die bei allem zugegen gewesen, und selbst der gute Kerl von Sancho fehlte nicht dabei, und alle umringten Don Fernando und baten ihn, er möge doch endlich auf Doroteas Tränen Rücksicht nehmen; und da doch alles wahr sei, was sie vorgebracht habe, so möge er nicht zugeben, daß sie sich um ihre so ganz gerechten Hoffnungen betrogen sähe; er möchte erwägen, daß sie sich alle nicht zufällig, wie es den Anschein habe, sondern durch besondere Fügung des Himmels an einem Ort zusammengefunden, wo es gewiß keiner erwartet hätte. Auch möge er wohl bedenken, sagte der Pfarrer, daß der Tod allein Luscinda von Cardenio scheiden könne und daß sie, wenn selbst die Schneide eines Schwertes sie trennen sollte, ihren Tod für höchstes Glück erachten würden; in Fällen, wo nichts zu andern stehe, sei es die höchste Weisheit, mit Bezähmung des eignen Willens und Selbstüberwindung ein edles Herz zu zeigen. Er möge den beiden freiwillig ein Glück zugestehen, das ihnen der Himmel vergönnt habe. Auch möge er die Blicke auf Doroteas Schönheit richten, und da werde er sehen, daß es wenige oder keine Reize gebe, die den ihrigen gleichzukommen, viel weniger sie zu übertreffen vermöchten; zudem verbinde sie mit ihrer Schönheit demütigen Sinn und unbegrenzte Liebe zu ihm. Vor allem aber möge er wohl beachten, daß er als Edelmann und Christ nicht anders könne, als ihr das gegebene Wort zu erfüllen, und wenn er es erfülle, so werde er damit seine Pflicht gegen Gott erfüllen und den Beifall aller Verständigen erlangen, die da wohl wissen und erkennen, daß die Schönheit, auch wenn sie sich bei einem Mädchen von geringem Stande findet, das Vorrecht besitzt, falls sie nur mit Sittsamkeit gepaart ist, sich zu jeder Höhe zu erheben, ohne daß die Ehre dessen darunter leide, der sie emporhebe und auf gleiche Stufe mit sich selbst stelle. Und wenn den allmächtigen Geboten der Neigung gehorcht wird, so kann, wofern nur nichts Sündliches hinzukommt, der keinen Tadel verdienen, der ihnen Folge leistet. Nun fügten sie alle zu diesen Gründen noch andere und so überzeugende hinzu, daß Don Fernandos starkes Herz, da es in der Tat edlen Blutes war, weich wurde und sich von der Wahrheit überwinden ließ, die er nicht leugnen konnte, selbst wenn er es gewollt hätte. Und zum Beweis, daß er dem erteilten guten Rate sich gefügt und völlig ergeben habe, beugte er sich nieder, umarmte Dorotea und sprach zu ihr: »Erhebet Euch, meine Gebieterin, denn es gebührt sich nicht, daß die zu meinen Füßen kniet, die ich im Herzen trage. Und wenn ich das, was ich sage, bis jetzt nicht durch die Tat bewiesen habe, so geschah es vielleicht nach dem Gebote des Himmels, damit ich recht ersehen sollte, mit welcher Treue Ihr mich liebt, und darum Euch so hoch schätzen lernte, wie Ihr es verdient. Was ich von Euch erbitte, ist, daß Ihr meine Härte und meine Vernachlässigung mir nicht zum Vorwurfe macht; denn die nämliche Ursache, die nämliche Gewalt, die mich jetzo vermochte, Euch als die Meinige anzuerkennen, die nämliche hatte mich vorhin dahin gebracht, daß ich der Eurige nicht mehr sein wollte. Und um zu erkennen, wie wahr dies ist: wendet Euch dorthin und schaut der jetzt glücklichen Luscinda in die Augen, und in ihnen werdet Ihr die Entschuldigung finden für all meine Verirrungen. Und da Luscinda gefunden und erlangt hat, was sie ersehnte, und ich in Euch gefunden habe, was mich beglückt, so möge sie gesichert und zufrieden lange beseligte Jahre mit ihrem Cardenio leben, und ich will den Himmel bitten, daß er sie mich mit meiner Dorotea verleben lasse.« Und mit diesen Worten umarmte er sie aufs neue und preßte sein Antlitz an das ihrige, so bewegt von inniger Herzensempfindung, daß er sich große Gewalt antun mußte, um nicht mit hervorbrechenden Tränen zweifellose Beweise seiner Liebe und Reue zu geben. Doch Luscindas und Cardenios Tränen wollten sich nicht in solcher Weise zurückhalten lassen und ebenso die fast aller andern Anwesenden, die nun begannen, ihrer so viele zu vergießen, die einen über ihr eignes, die andern über fremdes Glück, daß es nicht anders aussah, als hätte sie alle ein schweres und trauriges Ereignis betroffen. Sancho weinte, wiewohl er nachher sagte, er weine nur, weil er gesehen, daß Dorotea nicht, wie er geglaubt, die Königin Míkomikona sei, von der er so viele Gnaden erhofft habe. Zu der Rührung gesellte sich bei allen das Staunen und hielt eine Zeitlang an. Dann warfen sich Cardenio und Luscinda vor Don Fernando auf die Knie und dankten ihm für die Güte, die er ihnen erwiesen, mit so wohlbemessenen Worten, daß Don Fernando nicht wußte, was er ihnen antworten sollte. Und so hob er sie vom Boden auf und umarmte sie mit Zeichen größter Freundschaft und höchstem Anstand. Dann bat er Dorotea, ihm zu sagen, wie sie an diesen Ort gekommen, der so fern von dem ihrigen sei. Mit kurzen und verständigen Worten berichtete sie alles, was sie vorher Cardenio erzählt hatte, und Don Fernando und seine Begleiter fanden so viel Gefallen daran, daß sie der Erzählung eine weit längere Dauer gewünscht hätten, mit so großer Anmut wußte Dorotea ihre Erlebnisse zu schildern. Sobald sie geendet hatte, erzählte Don Fernando, was ihm in der Stadt seit der Zeit begegnet war, als er in Luscindas Busen den Brief fand, in dem sie erklärte, Cardenios Gattin zu sein und die seinige nicht werden zu können. Er sagte, er habe sie töten wollen und hätte es auch sicher getan, wenn ihn ihre Eltern nicht zurückgehalten hätten. So sei er denn aus ihrem Hause voll Grimm und Erbitterung fortgeeilt, entschlossen, bei besserer Gelegenheit Rache zu nehmen. Am folgenden Tage habe er erfahren, daß Luscinda aus dem Haus ihrer Eltern verschwunden sei, ohne daß jemand wußte, wohin sie gegangen; zuletzt jedoch habe er nach einigen Monaten erfahren, sie befinde sich in einem Kloster und sei willens, ihr ganzes Leben, wenn sie es nicht an Cardenios Seite verbringen könne, darin zu bleiben. Sobald er dies vernommen, habe er diese drei Edelleute zu seiner Begleitung erlesen und sich an Luscindas Aufenthaltsort begeben; jedoch habe er nicht versucht, sie zu sprechen, weil er besorgte, man werde im Kloster strengere Wachsamkeit üben, sobald man wisse, daß er sich dort befinde. So habe er gewartet, bis eines Tags die Klosterpforte offenstand, habe zwei von seinen Begleitern zur Bewachung der Tür zurückgelassen und sei mit dem dritten ins Kloster gedrungen, um Luscinda zu suchen; sie hätten sie im Kreuzgang im Gespräch mit einer Nonne gefunden und sie im Nu fortgeschleppt, ohne ihr einen Augenblick Besinnung zu lassen, und seien mit ihr zu einer Ortschaft gelangt, wo sie sich mit allem versorgten, was erforderlich war, um sie weiter mitzunehmen. Dies alles hätten sie mit vollster Sicherheit ausführen können, weil das Kloster im freien Felde, eine gute Strecke von der Stadt entfernt, lag. Er erzählte dann, sobald Luscinda sich in seiner Gewalt gesehen, habe sie alle Besinnung verloren, und als sie wieder zu sich gekommen, habe sie nichts als geweint und geseufzt und kein Wort gesprochen. So seien sie im Geleite des Stillschweigens und Weinens zu dieser Schenke gekommen, die für ihn geradeso sei, als wäre er in den Himmel gekommen, wo alles Mißgeschick der Erde schwinde und sein Ende finde. 37. Kapitel Worin die Geschichte der weitberufenen Prinzessin Míkomikona fortgesetzt wird, nebst andern ergötzlichen Abenteuern Alledem hörte Sancho zu mit nicht geringem Schmerz seiner Seele, da er sah, daß ihm die Hoffnungen auf seine herrschaftliche Würde verschwanden und in Rauch aufgingen und daß die holde Prinzessin Míkomikona sich vor seinen Augen in Dorotea und der Riese in Don Fernando verwandelt hatte, während sein Herr in tiefem Schlafe lag, unbekümmert um alles, was vorgegangen. Dorotea hielt sich immer noch nicht für sicher, ob das Glück, das ihr geworden, nicht nur ein erträumtes sei; Cardenio war in ähnlichen Gedanken verloren, und diejenigen Luscindas bewegten sich in derselben Richtung. Don Fernando dankte dem Himmel, daß er ihm solche Gnade verliehen und ihn aus dem Wirrsal gerissen, wo er so nahe daran war, Ehre und Seligkeit einzubüßen. Kurz, alle in der Schenke Anwesenden waren ob des guten Ausgangs vergnügt und erfreut, den so verwickelte und verzweifelte Angelegenheiten genommen hatten. Der Pfarrer wußte als ein verständiger Mann alles ins rechte Geleise zu bringen und erfreute jeden einzelnen mit seinem Glückwunsch zu dem nun erlangten Glücke. Wer aber am meisten frohlockte und das größte Vergnügen empfand, das war die Wirtin, der Cardenio und der Pfarrer versprochen hatten, ihr allen Schaden mit Zinsen zu ersetzen, den sie durch Don Quijote erlitten. Sancho allein war, wie gesagt, niedergeschlagen, unglücklich, betrübt, und so trat er mit schwermütiger Miene zu seinem Herrn hinein, der soeben erwacht war, und sprach zu ihm: »Wohl könnt Ihr, Herr Trauergestalt, so lange schlafen, als Ihr wollt, ohne daß Ihr Euch darum zu kümmern braucht, irgendwelchen Riesen totzuschlagen oder der Prinzessin ihr Reich wiederzugeben; denn alles ist schon fertig und abgetan.« »Das glaub ich wohl«, erwiderte Don Quijote, »denn ich habe mit dem Riesen den ungeheuerlichsten und gewaltigsten Kampf bestanden, den ich all meine Lebtage je mehr zu bestehen gedenke; und mit einem Hieb in der Terz, ratsch! schlug ich ihm den Kopf herab zu Boden, und das Blut schoß aus ihm heraus, als wären es Bäche Wassers.« »Als wären es Bäche Rotweins, könntet Ihr viel richtiger sagen«, entgegnete Sancho. »Ich will Euer Gnaden nämlich zu wissen tun, falls Ihr es noch nicht wißt, der erschlagene Riese ist ein durchlöcherter Schlauch und das Blut hundert Maß Rotwein, die er in seinem Bauch enthielt; und mit dem abgehauenen Kopf ist es so wahr als mit meiner Mutter, der Hure, und der Gottseibeiuns soll die ganze Geschichte holen!« »Was sagst du Narr?« versetzte Don Quijote. »Bist du bei Sinnen?« »Euer Gnaden braucht nur aufzustehen«, sprach Sancho, »und da werdet Ihr sehen, was für einen schönen Handel Ihr angerichtet habt und was wir zu zahlen bekommen und wie die Königin sich in ein ganz bürgerliches Frauenzimmer verwandelt hat und Dorotea heißt, nebst andern Begebnissen, die Euch, wenn sie Euch klarwerden, gewiß in Verwunderung setzen werden.« »Über nichts von alledem würde ich mich wundern«, entgegnete Don Quijote, »denn wenn du dich recht entsinnst, habe ich, als wir das vorigemal hier waren, dir schon gesagt, daß alles, was hier vorging, lauter Spiegelfechterei von Zauberern war, und es wäre nichts Besonderes, wenn jetzt ganz das nämliche sich zugetragen hätte.« »Das würde ich alles glauben«, erwiderte Sancho, »wenn auch das Wippen, das ich auszustehen hatte, nur eine Spiegelfechterei solcher Art gewesen wäre; aber das war's nicht, sondern ich wurde wirklich und wahrhaft gewippt, und ich sah, wie der Wirt, der noch heute hier vorhanden ist, die Bettdecke an einem Ende hielt und mich gen Himmel schleuderte und dabei ungeheure Heiterkeit und Ausgelassenheit und ebensoviel Kraft im Lachen als im Wippen zeigte. Und wo die Personen einander wiedererkennen, da meine ich, obschon ich nur ein einfältiger Kerl und armer Sünder bin, daß da keine Zauberei dabei ist, hingegen viel Prügel und viel Pech.« »Nun wohl, Gott wird es schon bessern«, sagte Don Quijote. »Gib mir meine Kleider und laß mich dort hinaus; denn ich will mir die Begebnisse und Verwandlungen ansehen, von denen du sagst.« Sancho reichte ihm die Kleider; und während er sich anzog, erzählte der Pfarrer Don Fernando und den übrigen Don Quijotes Torheiten, und welche List sie angewendet, um ihn von dem Armutsfelsen fortzubringen, auf dem er deshalb zu weilen sich einbildete, weil ihn seine Herrin verschmäht habe. Auch erzählte er ihnen fast alle die Abenteuer, die ihm Sancho berichtet hatte, worüber sie nicht wenig staunten und lachten; denn sie meinten, wie auch alle andern Leute meinten, dies sei die seltsamste Art von Verrücktheit, die in einem zerrütteten Gehirn Platz finden könne. Der Pfarrer sagte dann weiter: da jetzt die glückliche Wendung in Frau Doroteas Schicksalen seinen früheren Plan weiterzuführen hindere, sei es nötig, einen andern auszudenken und zu erfinden, um den Ritter nach seiner Heimat zu bringen. Cardenio erbot sich, das Begonnene fortzusetzen; Luscinda könne die Rolle Doroteas übernehmen und darstellen. »Nein«, sprach Don Fernando, »so soll es nicht sein, ich wünsche, daß Dorotea ihre Erfindung durchführt; falls das Dorf dieses trefflichen Ritters nicht zu weit von hier ist, so soll es mich freuen, wenn für seine Heilung gesorgt wird.« »Es ist nicht weiter als zwei Tagereisen von hier«, erklärte der Pfarrer. »Wohl, wenn es deren auch noch mehr wären«, versetzte Don Fernando, »so würde ich den Weg gerne daran wagen, ein so gutes Werk zu vollbringen.« In diesem Augenblick trat Don Quijote heraus, mit all seinen Rüstungsstücken bewehrt, auf dem Haupte den Helm des Mambrin – wiewohl er voller Beulen war –, seinen Rundschild am Arme, gestützt auf seinen Schaft oder Spieß. Don Fernando und die andern verwunderten sich höchlich über das seltsame Aussehen Don Quijotes, wie sie sein Angesicht, eine halbe Meile lang, dürr und blaßgelb, das Ungehörige seiner zusammengewürfelten Waffen und seine gemessene Haltung erschauten, und sie standen schweigend da in Erwartung dessen, was er reden würde. Und er sprach mit großer Würde und Gelassenheit, seine Augen auf Dorotea geheftet: »Mir ist, huldselige Dame, von diesem meinem Schildknappen berichtet worden, daß Eure Hoheit zunichte geworden und Euer erhabenes Wesen zerronnen ist, sintemal Ihr aus einer Königin und hohen Herrin, die Ihr sonst zu sein pflegtet, Euch verwandelt habt in ein bürgerlich Mägdlein. Ist solches etwa geschehen auf Gebot Eures Herrn Vaters, des Königs und Schwarzkünstlers, so er sich dessen besorgt haben mag, ich würde Euch den erforderlichen und schuldigen Beistand nicht leisten, darauf vermelde ich Euch, daß er seine Messe nicht zur Hälfte zu lesen verstand noch versteht, auch in den Rittergeschichten nicht recht zu Hause war. Denn so er selbige ebenso achtsam und anhaltend gelesen und durchgegangen hätte, wie ich sie durchgegangen und gelesen habe, so hätte er auf jedem Blatt gefunden, wie andre Ritter, von minderem Ruhm als dem meinigen, weit schwierigere Aufgaben gelöset, nachdem es nicht gar schwierig ist, solch ein Riesenkerlchen totzuschlagen, so vermessen es sich gebärden mag. Wahrlich, es ist nicht viele Stunden her, daß ich mich ihm gegenüber sah und ... Ich will schweigen, auf daß man mir nicht sage, daß ich gelogen; jedoch die Zeit, die Offenbarerin aller Dinge auf Erden, wird es statt meiner sagen, wann wir uns dessen am allerwenigsten versehen mögen.« »Mit zwei Schläuchen habt Ihr gefochten, nicht mit einem Riesen!« schrie hier der Wirt. Don Fernando befahl ihm, zu schweigen und Don Quijotes Rede unter keiner Bedingung zu unterbrechen; und dieser fuhr folgendermaßen fort: »In einem Wort, ich sage, erhabene und nunmehr Eures Erbes entäußerte Fürstin, wenn aus dem Grunde, den ich bezeichnet habe, Euer Vater diese Wandlung an Eurer Person vorgenommen hat, so sollt Ihr ihm keinerlei Glauben schenken; denn es gibt keine Fährlichkeit auf Erden, durch welche sich einen Weg zu bahnen dies mein Schwert nicht vermöchte, mit welchem ich das Haupt Eures Feindes in den Staub dieses Landes zu legen gedenke, auf daß ich in wenigen Tagen die Krone Eures Landes um Euer Haupt lege.« Don Quijote sprach nicht weiter und erwartete die Antwort der Prinzessin. Da diese bereits die Absicht Don Fernandos kannte, den Ritter in seiner Täuschung zu erhalten, bis man ihn in seine Heimat zurückbringe, so antwortete sie ihm mit auserlesener Anmut und Würde: »Wer immer Euch gesagt, mannhafter Ritter von der traurigen Gestalt, daß ich mich meiner früheren Wesenheit entäußert und selbige verwandelt habe, der hat Euch nicht das Richtige gesagt; denn dieselbe, die ich gestern war, bin ich noch heute. Wahr ist, daß etwelche Änderungen bei mir durch gewisse Glücksfälle veranlaßt wurden, die mir das höchste Heil zuwege brachten, das ich nur wünschen konnte; aber ich habe deshalb nicht aufgehört, die zu sein, die ich vorher war, und dieselbe Absicht zu hegen, die ich immer gehegt, kraft der unbesiegbaren Kraft Eures kraftvollen Armes mein Recht zu erlangen. So möge denn, Herre mein, Euer Edelsinn dem Vater, der mich erzeugt hat, wieder die entzogene Ehre zurückerstatten und ihn für einen verständigen und einsichtigen Mann erachten, sintemal er vermittels seines Wissens einen so leichten und richtigen Weg gefunden, meinem Mißgeschick abzuhelfen; denn ich glaube, wenn es nicht auf Eure Veranlassung geschehen wäre, so hätte ich nie das Glück erlangt, das ich nun besitze. Und hierin sage ich die volle Wahrheit, wie dessen die meisten der hier anwesenden Herren Zeugen sind. Nun liegt nur noch ob, daß wir uns morgen auf den Weg machen, da heute doch nur eine kurze Ausfahrt möglich wäre; und was den noch übrigen guten Ausgang der Sache betrifft, den ich erhoffe, so werde ich das Gott und der Tapferkeit Eures Herzens anheimstellen.« So sprach die kluge Dorotea, und als Don Quijote solches vernahm, wandte er sich zu Sancho und sprach zu ihm mit Gebärden mächtigen Ingrimms: »Jetzt sage ich dir aber, du Hund von einem Sancho, daß du der größte Schurke in ganz Spanien bist. Sag mir, du Spitzbube, du Gaudieb, hast du mir nicht eben erst gesagt, diese Prinzessin habe sich in ein Mägdlein namens Dorotea verwandelt, und mit dem Kopfe, den ich mir bewußt bin einem Riesen abgeschlagen zu haben, sei es geradeso wahr wie mit deiner Mutter, der Hure, nebst anderm Unsinn, der mich in die größte Bestürzung versetzt hat, in der ich all meine Lebtage gewesen? Ich schwor's bei...« – und hierbei schaute er gen Himmel und biß die Zähne zusammen –, »ich habe Lust, dich so zusammenzudreschen, daß alle lügenhaften Schildknappen, die es inskünftig auf Erden geben mag, für immer gewitzigt sein sollen!« »Sänftigt Euer Gemüte, Herre mein«, erwiderte Sancho. »Es könnte ja sein, daß ich, was die Verwandlung der gnädigen Prinzessin Míkomikona angeht, mich geirrt hätte; aber was den Kopf des Riesen oder die zerstochenen Schläuche angeht und daß das Blut Rotwein gewesen, darin irre ich mich nicht; so wahr ein Gott lebt! Denn die Schläuche liegen dort zerstochen am Kopfende Eures Bettes, und der Rotwein hat die Kammer zu einem See gemacht. Und glaubt Ihr's nicht, so werdet Ihr es schon sehen, wann es ans Eiersieden geht, ich meine, wann seine Wohlgeboren der Herr Wirt hier für allen angerichteten Schaden seinen Ersatz verlangen wird. Über das andre all, daß die Frau Königin wieder so ist, wie sie war, da freue ich mich aus Herzensgrund; denn von dem Kuchen krieg ich meinen Anteil wie jeder Bürgersohn.« »Jetzt sag ich dir, Sancho«, sprach Don Quijote, »du bist ein Schafskopf, vergib mir, und damit gut.« »Damit gut«, sagte Don Fernando, »es soll nicht mehr davon die Rede sein. Und da die gnädige Prinzessin befiehlt, morgen zu reisen, weil es heute schon spät ist, so soll es also geschehen. Diese Nacht können wir in freundschaftlicher Unterhaltung zubringen bis zum anbrechenden Tage, wo wir alle den Herrn Don Quijote begleiten werden, weil wir Zeugen der mannhaften unerhörten Großtaten sein wollen, die er verrichten wird im Verlauf dieses großen Unternehmens, zu dem er sich verpflichtet hat.« »Ich bin's, dem es obliegt, Euch zu Diensten zu sein und Euch zu begleiten«, entgegnete Don Quijote, »und ich erkenne mit lebhaftem Dank die Gunst, die man mir erweist, und die gute Meinung, die man von mir hat; und ich werde trachten, diese zu bestätigen, und sollte es mich das Leben kosten, ja noch mehr, wenn es mich mehr kosten kann.« Mancherlei Höflichkeiten, manche freundliche Anerbietungen wurden zwischen Don Quijote und Don Fernando ausgetauscht; aber ein Fremder, der in die Schenke trat, brachte plötzlich alles zum Schweigen. Man sah an seiner Tracht, daß er ein Christ war, der eben erst aus maurischen Landen freigekommen; denn er ging in einer Jacke von blauem Tuch mit kurzen Schößen, halben Ärmeln und ohne Kragen; die Beinkleider waren ebenfalls blau, doch aus Linnen, und die Mütze von derselben Farbe; er trug dattelfarbige Halbstiefel und einen maurischen Krummsäbel an einem Wehrgehänge, das ihm quer über die Brust ging. Gleich hinter ihm kam auf einem Reitesel ein maurisch gekleidetes Weib, das Gesicht verdeckt, ein Tuch hing ihr am Kopf herab. Sie trug ein Häubchen von Goldstoff und war in einen Mantel gekleidet, der sie von den Schultern bis zu den Füßen umhüllte. Der Mann war von kräftiger und gefälliger Gestalt, im Alter von etwas über die Vierzig, ziemlich gebräunten Gesichts mit langem Knebelbart, den Kinnbart sorgfältig zurechtgestutzt; kurz, er zeigte eine solche Haltung, daß man ihn, wäre er besser gekleidet gewesen, für einen Mann von Stand und gutem Hause gehalten hätte. Beim Eintreten verlangte er ein Zimmer und zeigte sich verdrießlich, als man ihm sagte, es gebe keines in der Schenke; er trat zu der Dame, die nach der Tracht eine Maurin schien, und hob sie in seinen Armen herunter. Luscinda, Dorotea, die Wirtin, ihre Tochter und Maritornes, angezogen von der ungewöhnlichen und ihren Augen gänzlich fremden Tracht, umringten die Maurin, und da Dorotea, stets gefällig, höflich und besonnen, bemerkte, daß sie wie ihr Führer über das Fehlen eines Zimmers mißgestimmt war, sprach sie zu ihr: »Nehmt Euch, Señora, diesen Mangel an der erforderlichen Bequemlichkeit nicht allzusehr zu Herzen; denn das ist in solchen Schenken das Übliche. Aber wenn Ihr Lust habt, mit uns beiden zusammen zu bleiben« – wobei sie auf Luscinda wies –, »so mögt Ihr vielleicht im Verlauf Eurer Reise schon manchmal eine nicht so freundliche Aufnahme gefunden haben.« Die Verschleierte gab darauf keine Antwort, sondern stand nur von ihrem Sitze auf, legte beide Hände kreuzweise über die Brust, neigte das Haupt und verbeugte sich, zum Zeichen, daß sie es mit Dank annehme. Aus ihrem Stillschweigen schlossen sie, daß die Fremde eine Maurin sei und sich nicht in der Christensprache auszudrücken wisse. Indem trat der befreite Maurensklave herzu, der sich bis dahin mit anderm beschäftigt hatte, und als er sah, daß alle die in seiner Begleitung gekommene Dame umringten und daß diese zu allem, was sie ihr sagten, stillschwieg, sprach er: »Meine Damen, dies Fräulein versteht unsere Sprache kaum, sie kennt auch keine andre als die ihres Landes, und darum wird sie auf alle Fragen nicht geantwortet haben und wird auch nicht antworten.« »Sie ist nichts andres gefragt worden«, erwiderte Luscinda, »als daß wir ihr für diese Nacht unsre Gesellschaft und einen Teil des Raumes angeboten haben, wo wir uns einrichten werden; und da wollen wir ihr so viel Bequemlichkeit zuteil werden lassen, als der Ort erlaubt, und es geschieht dies aus gutem Herzen, das es zur Pflicht macht, Fremden hilfreich zu sein, die dessen bedürfen, insbesondre, wenn es gilt, einer Frau Dienste zu leisten.« »Für sie und für mich«, versetzte der Freigelassene, »küsse ich Euch die Hände, Señora, und ich weiß die angebotene Gunst ganz besonders und in so hohem Grade, wie sich gebührt, zu würdigen, zumal sie von so vornehmen Personen ausgeht und daher besonders hoch anzuschlagen ist.« »Sagt mir, Señor«, versetzte Dorotea, »ist diese Dame eine Christin oder Maurin? Denn ihre Tracht und ihr Stillschweigen lassen uns vermuten, sie sei, was wir nicht wünschen möchten.« »Sie ist eine Maurin von Tracht und Person, aber im Herzen eine höchst eifrige Christin; denn sie hat den innigsten Wunsch, es zu werden.« »Also ist sie nicht getauft?« versetzte Luscinda. »Es hat sich keine Gelegenheit dazu ergeben«, antwortete der Freigelassene, »seit sie Algier, ihre Vaterstadt und Heimat, verließ; und bis jetzt hat sie sich noch nicht in einer nahen Todesgefahr befunden, daß eine Nottaufe nötig gewesen wäre, ohne daß sie erst alle Bräuche kennengelernt hätte, die unsre Mutter, die heilige Kirche, vorschreibt. Aber so Gott will, wird sie bald getauft werden, und zwar mit den standesgemäßen Formen, wie es ihr Rang erheischt, der viel höher ist, als ihre Kleidung und die meinige vermuten lassen.« Diese Worte erweckten in allen Hörern den Wunsch, zu erfahren, wer die Maurin sei und wer der befreite Sklave, aber keiner wollte sie jetzt danach fragen, da man einsah, daß der Augenblick geeigneter sei, ihnen Erholung zu bieten, als sie nach ihren Erlebnissen auszuforschen. Dorotea nahm die Fremde bei der Hand, führte sie zu einem Sitze neben sich und bat sie, das verhüllende Tuch abzunehmen. Sie blickte den Maurensklaven an, als wenn sie ihn fragte, was man mit ihr spreche und was sie tun solle. Er sagte ihr in arabischer Sprache, man bitte sie, ihre Verhüllung zu beseitigen, und sie solle es tun; sie nahm das Tuch ab und enthüllte ein so reizendes Gesicht, daß Dorotea sie für schöner als Luscinda und Luscinda sie für schöner als Dorotea hielt, und alle Umstehenden urteilten, wenn irgendein Antlitz sich mit dem der beiden vergleichen lasse, so sei es das der Maurin; ja, mehr als einer erkannte ihr in mancher Hinsicht den Vorrang zu. Und wie denn die Schönheit das Vorrecht und den Zauber genießt, die Gemüter freundlich zu stimmen und die Neigungen anzuziehen, so waren alle sogleich von dem Wunsche ergriffen, der schönen Maurin Dienste und Gefälligkeiten zu erweisen. Don Fernando fragte den Freigelassenen, wie die Maurin heiße; er antwortete: »Lela Zoraida.« Aber als sie dies hörte, begriff sie sofort, was man ihn gefragt habe, und rief in großer Hast, ärgerlich und dabei voller Anmut: »Nicht, nicht Zoraida; Maria, Maria!« womit sie zu verstehen geben wollte, daß sie Maria und nicht Zoraida heiße. Diese Worte und das tiefe Gefühl, mit dem die Maurin sie sprach, entlockten einigen unter den Zuhörern mehr als eine Träne, besonders unter den Frauen, die von Natur weich und voll Mitgefühl sind. Luscinda umarmte sie mit herzlicher Liebe und sagte zu ihr: »Ja, ja, Maria, Maria«, worauf die Maurin erwiderte: »Ja, ja, Maria; Zoraida macange«, was nicht bedeutet. Unterdessen kam die Nacht heran, und auf Anordnung von Don Fernandos Begleitern hatte der Wirt allen Fleiß und Eifer aufgeboten, um ihnen ein Nachtessen zu bereiten, so gut er es vermochte. Als nun die Stunde gekommen, setzten sich alle an eine lange Tafel, wie sie im Speisezimmer fürs Gesinde zu stehen pflegt; denn in der Schenke gab es weder einen runden Tisch noch einen mit vier gleichen Seiten. Den Ehrenplatz obenan erhielt, obwohl er es zuerst ablehnte, Don Quijote, welcher sodann verlangte, ihm zur Seite solle die Prinzessin Míkomikona sitzen, da er ihr Beschützer sei; neben diese setzten sich Luscinda und Zoraida, ihnen gegenüber Don Fernando und Cardenio, hierauf der Freigelassene und die andern Edelleute, und den Damen zur Seite der Pfarrer und der Barbier. Und so speisten sie in fröhlicher Stimmung, die noch erhöht wurde, als sie bemerkten, daß Don Quijote sein Essen unterbrach und, aufs neue von jenem Geiste angeregt, der ihn damals, als er mit den Ziegenhirten speiste, zu so großer Redseligkeit antrieb, zu sprechen anhob: »In Wahrheit, wenn man es recht erwägt, meine Herren und Damen, große und unerhörte Dinge erschauen die, so sich zum Orden der fahrenden Ritterschaft bekennen. Und sollte hieran ein Zweifel sein, so sage man: wen von allen Lebenden gab es auf Erden, der, wenn er jetzt zur Pforte dieser Burg einträte und uns so bei Tisch hier sitzen sähe, uns für das halten und erkennen würde, was wir sind? Wer vermöchte zu sagen, daß dieses Fräulein, das mir zur Seite sitzt, die große Königin ist, wie wir alle wissen, und daß ich jener Ritter von der traurigen Gestalt bin, dessen Ruf von Mund zu Munde geht? Jetzt kann kein Zweifel mehr sein, daß diese Waffenkunst und dieser Beruf jede Kunst und jeden Beruf übertrifft, die von den Menschen erfunden worden, und er muß in der Achtung der Welt um so höher stehen, je größeren Fährlichkeiten er ausgesetzt ist. Fort aus meinen Augen mit denen, so da behaupten möchten, daß die Wissenschaften den Vorrang vor den Waffen haben! Denen werde ich sagen, und mögen sie sein, wer sie wollen, daß sie nicht wissen, was sie reden. Denn der Grund, den solche angeben, und überhaupt, worauf sie am meisten Gewicht legen, ist, daß die Arbeiten des Geistes höher stehen als die des Körpers und daß das Waffenhandwerk nur mit dem Körper betrieben wird, als ob dessen Ausübung ein Geschäft von Taglöhnern wäre, für welches nichts weiter nötig ist als tüchtige Kraft; oder als ob in dem, was wir, die wir uns diesem Berufe widmen, das Waffenhandwerk nennen, nicht die Taten des Heldenmutes inbegriffen wären, die zu ihrer Vollbringung nicht wenig geistiges Verständnis erheischen, oder als ob die Aufgabe des Kriegers, dessen Amt es ist, ein Heer zu führen oder eine belagerte Stadt zu verteidigen, nicht erheischte, ebensowohl mit dem Geist zu arbeiten als auch mit dem Körper. Oder denkt einer anders, so sehe er zu, ob es mit den körperlichen Kräften zu erreichen ist, daß man die Absichten des Feindes, die Pläne, die Kriegslisten, die Schwierigkeiten erfahre oder auch nur errate und jede Gefahr, die drohen mag, im voraus abwende; nein, alles dies sind Handlungen des Verstandes, an denen der Körper keinerlei Teil hat. Da es also feststeht, daß das Waffenhandwerk Geist erfordert wie die Wissenschaft, so wollen wir nun untersuchen, wessen Geist, der des Gelehrten oder der des Kriegers, mehr zu arbeiten hat, und dies wird sich aus dem Zweck und Ziel erkennen lassen, worauf jeder der beiden ausgeht; denn diejenige Absicht ist höher zu schätzen, die sich das edlere Ziel gesteckt hat. Es ist Zweck und Ziel der Wissenschaften – und ich rede hier nicht von der Religionswissenschaft, die zum Zielpunkte hat, die Seelen den Weg des Himmels zu führen, denn mit einem Endzweck, der so unendlich ist wie dieser, kann sich kein anderer vergleichen –, ich rede von den menschlichen Wissenschaften, deren Zweck es ist, die austeilende Gerechtigkeit überall obenan zu stellen, jedem das Seinige zu geben, darum bemüht zu sein und zu bewirken, daß die guten Gesetze beobachtet werden: gewiß ist dies ein Zweck, der edel und erhaben und hohen Lobes wert ist, aber nicht eines so hohen, wie es der Zweck verdient, den die Waffen verfolgen, die zu ihrem Gegenstand und letzten Ziel den Frieden haben, das größte Gut, so die Menschen in diesem Leben sich wünschen können. Und die erste gute Botschaft, welche die Welt empfing und die Menschen empfingen, war daher jene, so die Engel in der Nacht verkündigten, die unser Tag wurde, da sie sangen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Und der Gruß, den der beste Meister im Himmel und auf Erden die von ihm Berufenen und Begnadeten lehrte, war, daß er ihnen befahl, wenn sie in ein Haus einträten, zu sagen: Friede sei mit diesem Hause. Und zu andern Malen sprach er öfters zu ihnen: Meinen Frieden gebe ich euch, meinen Frieden lasse ich euch, Friede sei mit euch! – und fürwahr, als Kleinod und Kostbarkeit von solcher Hand ist dies uns gegeben und hinterlassen, ein Kleinod, ohne das es weder im Himmel noch auf Erden ein wahres Glück geben kann. Dieser Friede ist der wahre Endzweck des Krieges; denn es ist dasselbe, ob man Krieg oder Waffenwerk sagt. Nachdem wir nun festgestellt, daß das Endziel des Krieges der Friede ist und daß er damit einem erhabeneren Ziele dient als die Wissenschaften, so kommen wir jetzt zu den körperlichen Anstrengungen des Gelehrten und dessen, der sich dem Waffenhandwerk ergibt, und untersuchen, welche größer sind.« In so vernünftiger Art und mit so angemessenen Ausdrücken verfolgte Don Quijote den Gegenstand seiner Rede, daß gewißlich keiner von all seinen Zuhörern ihn jetzt für einen Narren halten durfte; vielmehr, da die meisten von ihnen Edelleute waren, die dem Waffenhandwerk verwandt sind, hörten sie ihm gerne zu, und er fuhr mit folgenden Worten fort: – »Ich sage nunmehr, daß die Mühsale des Studierenden diese sind: zunächst Armut; nicht als ob sie alle arm wären, sondern weil ich hier gleich den allerschlimmsten Fall setzen will, der denkbar ist, und wenn ich gesagt habe, daß er Armut erleidet, so dünkt es mich, ich brauche von seinem Unglück nicht ein mehreres zu sagen; denn wer arm ist, besitzt eben gar nichts Gutes. Diese Armut fühlt er nach all ihren Seiten, bald in Hunger, bald in Kälte, bald in Blöße der Glieder, bald in all diesem zugleich; aber trotz alledem ist sie nicht so arg, daß er gar nichts zu essen bekäme, wenn es auch etwas später geschieht als zur gewöhnlichen Stunde, wenn es auch nur von dem Abhub der Reichen geschieht; es ist eben das größte Elend der Studierenden, was sie unter sich ›zur Suppe gehn‹ heißen. Auch fehlt es ihnen nicht an einem, wenn auch ihnen nicht zugehörigen Kohlenbecken oder Kamin, das, falls es ihre kalten Glieder nicht wärmt, doch wenigstens ihnen das Frieren erträglicher macht; und endlich schlafen sie nachts ganz vortrefflich unter einer Decke. Ich will mich nicht auf noch andre Kleinigkeiten einlassen, als zum Beispiel, daß sie Mangel an Hemden, auch keinen Überfluß an Schuhen haben und einen Rock, dünn bis zur Durchsichtigkeit, an dem die Wolle schier abgeschabt ist, und daß sie sich mit besonderer Gier den Magen vollpfropfen, wenn ihnen ein günstiges Geschick einmal einen Schmaus beschert. Auf diesem rauhen und holperigen Wege, den ich geschildert, hier strauchelnd, dort fallend, da sich aufraffend, hier aufs neue hinfallend, erreichen sie die Stufe, die sie ersehnen; und ist sie erreicht, so haben wir dann viele gesehen, die, nachdem sie durch diese Syrien und durch diese Szyllen und Charybden hindurchgeschifft, wie im Fluge eines günstigen Geschickes hingetragen, ich sage, wir haben sie gesehen von einem hohen Sitze herab die Welt befehligen und regieren, ihren Hunger in Sättigung umgewandelt, ihren Frost in behagliche Kühlung, ihre Blöße in Prachtgewänder, ihren Schlaf auf der Binsenmatte in süßes Ruhen auf Batist und Damast: – der wohlverdiente Lohn ihrer Tugend. Aber wenn wir ihre Mühsale denen des Kriegers im Felde gegenüberstellen und vergleichen, so bleiben sie in jedem Punkte weit hinter diesen zurück, wie ich jetzt darlegen werde.« 38. Kapitel Welches von der merkwürdigen Rede handelt, die Don Quijote über die Waffen und die Wissenschaften hält Don Quijote fuhr folgendermaßen fort: »Da wir bei dem Studenten mit der Armut und der Art und Weise, wie sie sich fühlbar macht, angefangen haben, so wollen wir jetzt untersuchen, ob der Soldat reicher ist, und wir werden sehen, daß es im Reiche der Armut selbst keinen Ärmeren gibt. Denn er muß sich lediglich an seinen elenden Sold halten, der spät oder niemals eintrifft, oder an das, was er unter beträchtlicher Gefährdung seines Lebens und seines Gewissens mit eignen Händen erbeutet. Und zuweilen ist er von allem so entblößt, daß ein zerhauener Lederkoller ihm als Paraderock und als Hemd dienen muß, und mitten im Winter, auf freiem Felde, kann er sich meistens vom Ungemach der Witterung nur durch den Hauch seines Mundes erholen, der aber, da er aus leerem Inneren kommt, gegen alle Gesetze der Natur, ich halte das für erwiesen, kalt aus dem Gaumen kommen muß. Nun wartet einmal ab, wie er die Nacht abwartet, um sich von all diesen Unbequemlichkeiten in dem Bette zu erholen, das für ihn bereitsteht und das, wenn nicht etwa durch seine eigne Schuld, niemals an dem Fehler leiden wird, zu eng zu sein. Denn er kann sich ungehindert auf dem Erdboden so viel Fuß abmessen, als er will, und sich darauf nach Herzenslust herumwälzen, ohne zu fürchten, daß ihm die Bettlaken in Wirrwarr geraten. Nun komme nach alldem der Tag und die Stunde, die Ehren seines Standes zu gewinnen, es komme der Tag der Schlacht; und da setzt man ihm alsbald einen Doktorhut aus Scharpie auf, um eine Schußwunde zu verbinden, die ihm etwa durch die Schläfen gegangen ist oder ihm Arm oder Bein verstümmelt hat. Und falls dies nicht eintrifft, sondern des Himmels Erbarmen ihn bei Gesundheit und Leben erhält, so kann es doch immer geschehen, daß er in der nämlichen Armut verbleibt, in der er sich vorher stets befunden, und daß notwendig noch ein und das andre Treffen, eine und die andre Schlacht folgen und er aus allen als Sieger hervorgehen muß, um einigermaßen in seinen Verhältnissen voranzukommen; allein solche Wunder sieht man gar selten. Indessen sagt mir, meine Herren, wenn ihr darüber nachgedacht habt: wieviel geringer ist die Zahl derer, die durch den Krieg Belohnung und Beförderung erhalten haben, als derer, die im Krieg umgekommen sind? Sicherlich werdet ihr mir antworten, daß zwischen ihnen ein Vergleich nicht möglich ist und daß man die Zahl der Toten nicht zum voraus berechnen kann, während diejenigen, welche am Leben bleiben und ihren Lohn erhalten, an den Fingern herzuzählen sind. Umgekehrt ist es bei den Gelehrten; denn mit ihrem Gehalt, ich möchte nicht beifügen: mit ihren geheimen Sporteln, haben sie alle genug zum Leben. Wenngleich also die Mühsal des Soldaten größer ist, so ist der Lohn weit geringer. Allerdings kann man hierauf entgegnen, daß es leichter ist, zweitausend Gelehrte zu belohnen als dreißigtausend Soldaten; denn jene belohnt man durch Verleihung von Ämtern, die notwendig Leuten ihres Berufes zuteil werden müssen, und diese können ihren Lohn nur aus dem Vermögen ihres Dienstherrn empfangen. Aber gerade dies bestätigt meine Feststellung noch mehr. Lassen wir jedoch dieses beiseite; denn es ist ein Labyrinth, aus dem der Ausgang sehr schwer zu finden ist; kommen wir vielmehr auf den Vorrang der Waffen vor den Wissenschaften zurück, ein Gegenstand, der noch zu untersuchen bleibt, derart sind die Gründe, die von jeder der beiden Seiten angeführt werden. Und außer denen, die ich schon vorgebracht, sagen die Wissenschaften, ohne sie könne das Waffenhandwerk nicht bestehen; denn auch der Krieg hat seine Gesetze und ist denselben unterworfen, die Gesetze aber fallen unter die Herrschaft der Wissenschaften und der Gelehrten. Darauf antworten die Waffen, ohne sie können die Gesetze nicht bestehen, weil mit den Waffen die Republiken sich verteidigen und die Königreiche sich erhalten, die Städte geschützt, die Straßen gesichert und die Meere von Seeräubern gesäubert werden; und kurz, wenn die Waffen es nicht verhinderten, so wären die Republiken, die Königreiche, die Monarchien, die Städte, die Straßen zur See und zu Lande der Grausamkeit und Zerrüttung preisgegeben, die der Krieg mit sich bringt, solange er dauert und volle Freiheit hat, seine Vorrechte und seine Gewalt zu gebrauchen. Ferner ist es eine anerkannte Wahrheit; daß, was mehr kostet, auch höher geschätzt wird und werden muß. Daß jemand es dahin bringt, in den Wissenschaften eine hervorragende Stellung einzunehmen, kostet ihn Zeit, Nachtwachen, Hunger, Blöße, Schwindel im Kopf, Verdauungsbeschwerden und noch andres, was damit zusammenhängt und was ich zum Teil schon erwähnt habe; daß jemand durch seine Führung es dahin bringt, ein guter Soldat zu werden, das kostet ihn ganz dasselbe wie den Studierenden, aber in einem so viel höheren Grade, daß gar kein Vergleich möglich ist; denn er steht jeden Augenblick in Gefahr, sein Leben einzubüßen. Und welche Besorgnis vor Not und Armut kann den Studierenden befallen und bedrängen, die der des Soldaten gleichkäme, wenn er in einer Festung eingeschlossen ist und, auf einer Schanze oder einem Bollwerk Wache stehend, merkt; daß die Feinde nach der Stelle hin, wo er sich befindet, einen Minengang legen, während er sich unter keinerlei Umständen von dort entfernen oder vor der Gefahr fliehen darf, die ihn so nahe bedroht! Das einzige, was er tun kann, ist, seinem Hauptmann den Vorgang zu melden, damit er durch eine Gegenmine das Unheil abwende, und selber in Furcht und Hoffnung stillzuhalten, bis er unversehens ohne Flügel zu den Wolken emporfliegt und dann willenlos in die Tiefe hinunterstürzt. Und falls dieses eine geringe Gefahr scheint, so wollen wir sehen, ob jene ihr gleichkommt oder sie überbietet, wenn zwei Galeeren inmitten der weiten See mit dem Bug aufeinanderstoßen; wenn da die Schiffe aneinanderhängen und ineinander verstrickt sind, bleibt dem Soldaten nicht mehr Raum, als ihm eine zwei Fuß breite Planke am Schiffsschnabel gewährt. Und trotz alledem, obschon er sieht, daß er so viele dräuende Werkzeuge des Todes vor sich hat, als Geschützrohre von feindlicher Seite her auf ihn gerichtet sind, die von seinem Leibe nicht um eines Speeres Länge abstehn; und obschon er sieht, daß er beim ersten Fehltritt in den tiefen Schoß Neptuns hinabstürzen würde: trotz alledem stellt er sich, mit unverzagtem Herzen, angetrieben von dem Ehrgefühl, das ihn beseelt, als Ziel diesen gewaltigen Feuerschlünden und setzt alles daran, über diese enge Steige auf das feindliche Schiff hinüberzusteigen. Und was am meisten in Staunen setzen muß: kaum ist einer dort gefallen, wo er bis zum Ende aller Tage nicht mehr aufzustehen vermag, so nimmt ein andrer genau seinen Platz ein, und stürzt auch dieser ins Meer, das auf ihn als sein Feind lauert, so folgt ihm ein andrer und noch ein andrer, ohne nur dem Sterbenden zum Sterben Zeit zu lassen: der größte Heldenmut fürwahr, die größte Verwegenheit, die nur denkbar ist in den entscheidenden Augenblicken des Kriegsgeschicks. Heil jenem gesegneten Zeitalter, das die gräßliche Wut jener satanischen Werkzeuge der Geschützkunst noch nicht kannte! Ihrem Erfinder, dessen bin ich überzeugt, wird jetzt in der Hölle der Lohn seiner teuflischen Erfindung, mittels deren ein ehrloser feiger Arm einem mannhaften Ritter das Leben rauben kann und inmitten der Tapferkeit und Tatenlust, die den Busen der Helden entzündet und beseelt, eine verirrte Kugel daherkommt, die da – abgeschossen von einem, der vielleicht, als er die verfluchte Maschine abfeuerte, vor dem Aufblitzen sich selber entsetzte und entfloh – in einem Augenblick das Denken und Leben eines Mannes abschneidet und vernichtet, der dessen noch lange Jahrzehnte hindurch zu genießen verdient hätte. Und wenn ich also dieses bedenke, so möchte ich beinahe sagen, es tut mir in der Seele weh, diesen Beruf eines fahrenden Ritters ergriffen zu haben in einem so greulichen Zeitalter wie diesem, in dem wir jetzo leben. Denn obschon bei mir keine Gefahr Furcht erweckt, so erweckt es mir immerhin ein Grausen, zu denken, daß vielleicht Pulver und Blei mir die Möglichkeit rauben sollen, durch die Tapferkeit meines Arms und meines Schwertes Schärfe mich in sämtlichen bis jetzt entdeckten Teilen des Erdenrunds berühmt und allbekannt zu machen. Aber möge es der Himmel fügen, wie es ihm gefällt; jedenfalls werde ich mir, wenn ich mein Vorhaben siegreich zu Ende führe, um so mehr Achtung erringen, je mehr ich mich größeren Gefahren aussetze als die fahrenden Ritter vergangner Zeiten.« Diese ganze lange Rede hielt Don Quijote, während die andern speisten, und vergaß dabei das Mahl so völlig, daß er sich keinen Bissen gönnte, wiewohl ihn Sancho Pansa ein paarmal zum Essen ermahnt hatte, da sich nachher schon Zeit finden werde, um alles Beliebige vorzubringen. In seinen Zuhörern regte sich aufs neue lebhaftes Bedauern, daß ein Mann, der offensichtlich soviel Geistesschärfe und soviel Verstand in allen Dingen zeigte, ihn so gänzlich eingebüßt haben sollte, sooft man mit ihm von seinem unseligen verwünschten Rittertum sprach. Der Pfarrer sagte ihm, er habe sehr recht in allem, was er zugunsten der Waffen gesagt, und er selbst sei, obschon ein studierter Mann, der den Grad eines Lizentiaten besitze, gänzlich seiner Meinung. Die Mahlzeit war vorüber, es wurde abgedeckt, und während die Wirtin, ihre Tochter und Maritornes die Kammer zurechtmachten, worin Don Quijote von der Mancha geschlafen und wo man den Damen allein eine Ruhestätte für diese Nacht zu bereiten beschlossen hatte, bat Don Fernando den Maurensklaven, ihnen seinen Lebenslauf zu erzählen, da derselbe unmöglich anders als merkwürdig und unterhaltend sein könne, wie sich dies schon von vornherein aus dem Umstand schließen lasse, daß er in Zoraidas Gesellschaft reise. Darauf antwortete der Freigelassene, er werde sehr gern diesem Verlangen entsprechen; er fürchte nur, daß die Erzählung ihnen nicht soviel Unterhaltung gewähren werde, als er wünsche. Dessenungeachtet wolle er sie vortragen, um nicht dem ausgesprochenen Wunsche die Erfüllung zu verweigern. Der Pfarrer und alle andern sprachen ihm dafür ihren Dank aus und ersuchten ihn aufs neue darum. Als er sich nun von so vielen gebeten sah, sagte er, es bedürfe der Bitten nicht, wo man ihm zu befehlen habe. »So möge denn Euer Gnaden mir Aufmerksamkeit schenken, und Ihr werdet einen wahrhaften Bericht vernehmen, mit dem vielleicht jene lügenhaften sich nicht messen können, die man mit sorgfältiger und wohlüberdachter Kunst zusammenzustellen pflegt.« Diese Äußerung bewog sofort alle, sich niederzusetzen und ihm in tiefer Stille ihr Ohr zu leihen. Und da er sah, daß sie bereits schweigend dasaßen und seiner Mitteilungen harrten, begann er mit gelassener und angenehmer Stimme folgendermaßen: 39. Kapitel Worin der Sklave aus Algier sein Leben und seine Schicksale erzählt An einem Ort in den Gebirgen von León hat mein Geschlecht seinen Ursprung. Die Natur hatte sich ihm wohlwollender und freigebiger erwiesen als das Glück; aber in den dürftigen Verhältnissen, die in jenen Ortschaften herrschen, galt mein Vater trotzdem als reicher Mann, und er wäre es auch wirklich gewesen, wenn er sich ebensoviel Mühe gegeben hätte, sein Vermögen zu erhalten, wie er es sich angelegen sein ließ, es zu verbrauchen. Sein Hang, sich stets freigebig zu zeigen und sein Geld unter die Leute zu bringen, rührte davon her, daß er in seinen Jugendjahren Soldat gewesen war; denn das Soldatenleben ist die Schule, wo der Knauser freigebig und der Freigebige zum Verschwender wird, und ist ausnahmsweise ein und der andre Soldat ein Geizhals, so ist er wie ein naturwidriges Wundertier, das man selten zu sehen bekommt. Mein Vater überschritt beständig die Grenzen der Freigebigkeit und streifte oft nahe an Verschwendung, was einem verheirateten Manne nie zum Frommen gereicht, zumal wenn er Kinder hat, die ihm im Namen und Stande nachfolgen sollen. Die Söhne, die mein Vater hatte, waren, drei an der Zahl, alle schon in dem Alter, einen Lebensberuf wählen zu können. Da nun mein Vater sah, daß er, wie er selber sagte, nicht gegen seinen angebornen Hang aufkommen konnte, so faßte er den Plan, sich des Werkzeugs seiner Verschwendung zu entschlagen und die Ursache zu beseitigen, die ihn gebsüchtig machte, das heißt, er wollte sich seines Geldes entledigen – des Geldes, ohne welches selbst ein Alexander sich engherzig zeigen müßte. So rief er denn eines Tages uns alle drei ganz allein in sein Gemach und sprach ungefähr so, wie ich es euch wiederholen will: »Meine Kinder, um euch zu sagen, daß ich euch liebe, genügt es, zu wissen und zu sagen, daß ihr meine Kinder seid; und um einzusehen, daß ich euch nicht so liebe, wie es sich gebührt, genügt es zu wissen, daß ich da, wo ich euer Vermögen zusammenhalten sollte, mich dennoch nie zu bezwingen weiß. Damit ihr indessen fürderhin einsehen sollt, daß ich euch als Vater liebe und nicht als ein Stiefvater euch zugrunde richten will, so will ich etwas mit euch vornehmen, was ich schon seit vielen Tagen überlegt und mit reiflichem Nachdenken vorbereitet habe. Ihr seid bereits in dem Alter, einen Lebensberuf zu ergreifen oder wenigstens euch eine Beschäftigung zu suchen, die euch, wenn ihr älter werdet, Ehre und Vorteil gewähren kann. Ich plane nun, mein Vermögen in vier Teile zu zerlegen; drei will ich euch geben, jedem, was ihm zukommt, ohne daß ein Teil den andern irgendwie überschreitet; den vierten will ich behalten, um davon zu zehren und mich die Zeit über zu erhalten, die mir der Himmel noch zu leben vergönnt. Indessen wünschte ich, daß jeder von euch, wenn er seinen Anteil in Händen hat, einen von den Lebenswegen einschlage, die ich ihm bezeichnen will. Es gibt ein Sprichwort in unserm Spanien, das nach meiner Meinung eine tiefe Wahrheit enthält, wie eben alle, weil sie kurze, der langen Erfahrung verständiger Leute entnommene Denksprüche sind; und dasjenige, das ich meine, lautet: Kirche oder See oder Königsdienst. Das ist soviel, als wollte es, deutlicher ausgedrückt, den Rat geben: Wer Ansehen oder Reichtum gewinnen will, der ergreife entweder die geistliche Laufbahn oder fahre zur See, um Handel zu treiben, oder gehe an den Hof in des Königs Dienst; denn es heißt ja: Besser Brosamen vom König als reiche Gunst vom Edelmann. Ich sage dies, weil es mir lieb wäre, wenn einer von euch sich dem Studium, der andere dem Handel widmen, der dritte aber dem König im Kriege dienen wollte. Es ist nämlich schwierig, gleich von vornherein zum Hofdienst zugelassen zu werden; der Krieg aber, wenn er auch nicht großen Reichtum gewährt, pflegt großes Ansehen und großen Ruf zu verschaffen. Binnen der nächsten acht Tage werde ich euch euern ganzen Anteil in barem Gelde geben, ohne euch nur einen Pfennig zu verkürzen, wie ihr es durch die Tat erkennen werdet. Jetzt sagt mir, ob ihr meinen Vorschlägen folgen wollt.« Da er hierauf mich, weil ich der älteste war, zu antworten aufforderte, so sagte ich ihm, er möchte sich doch seines Besitztums nicht entäußern, sondern alles, was ihm beliebe, ausgeben; wir seien jung genug, um noch zu lernen, wie man Vermögen erwerbe. Ich schloß damit, daß ich seinen Wunsch erfüllen würde, und der meinige sei es, dem Berufe des Waffenhandwerks zu folgen und in demselben Gott und meinem Könige zu dienen. Der zweite Bruder machte dem Vater dasselbe Anerbieten wie ich und erklärte, er wolle nach Indien gehen und das Vermögen, das ihm zukomme, mitnehmen und im Geschäft anlegen. Der jüngste und, wie ich glaube, gescheiteste von uns sagte, er wolle die geistliche Laufbahn verfolgen oder nach Salamanca gehen, um seine begonnenen Studien fortzusetzen. Als wir nun mit uns eins geworden und unsere Berufsarten erwählt hatten, umarmte mein Vater uns alle, und in der kurzen von ihm festgelegten Frist führte er alles aus, was er uns versprochen. Und nachdem er jedem seinen Teil behändigte, der, soviel ich mich entsinne, dreitausend Goldtaler in barem Gelde betrug – ein Oheim von uns hatte nämlich das ganze Grundeigentum gekauft und bar bezahlt, damit es nicht aus der Familie komme –, so nahmen wir alle drei an ein und demselben Tage Abschied von unserem guten Vater; und am nämlichen Tage, da es mir unbarmherzig schien, meinen Vater in seinem Alter mit so geringem Vermögen zu verlassen, bewog ich ihn, von meinen dreitausend Goldtalern zweitausend zu nehmen, da mir der Rest genügte, um mich mit allem zu versorgen, was ein Soldat nötig hatte. Meine beiden Brüder ließen sich durch mein Beispiel bestimmen, ihm tausend Goldtaler ein jeder zu geben, so daß meinem Vater viertausend Goldtaler in barem Geld blieben und außerdem noch dreitausend in Form von Grundbesitz; denn so viel schien sein eigener Anteil wert zu sein, den er nicht verkaufen, sondern behalten wollte. Endlich schieden wir von ihm und von jenem unserem Oheim, den ich erwähnt habe, nicht ohne tiefes Leid, nicht ohne Tränen in aller Augen; wir verpflichteten uns, sie beide, sooft sich Gelegenheit dazu biete, unsere glücklichen oder unglücklichen Erlebnisse wissen zu lassen. Wir versprachen es ihnen, sie umarmten uns und gaben uns ihren Segen, und der eine von uns nahm den Weg nach Salamanca, der andere nach Sevilla und ich nach Alicante, wo ich erfuhr, daß ein genuesisches Schiff vor Anker liege und eine Ladung Wolle nach Genua einnehme. Dies Jahr werden es zweiundzwanzig Jahre sein, seit ich aus meines Vaters Hause zog, und alle diese Jahre hindurch habe ich, obwohl ich mehrere Briefe schrieb, weder von ihm noch von meinen Brüdern irgendeine Nachricht erhalten. Was ich aber im Verlaufe dieser Zeit erlebt habe, das will ich in Kürze berichten. Ich schiffte mich in Alicante ein, gelangte auf glücklicher Fahrt nach Genua, reiste von da nach Mailand, wo ich mir Waffen besorgte, so auch etlichen Staat, wie ein Soldat ihn brauchen kann. Von dort wollte ich nach Piemont, um mich anwerben zu lassen, und als ich schon auf dem Wege nach Alessandria de la Palla war, kam mir die Nachricht, der große Herzog von Alba sei eben unterwegs nach Flandern. Ich änderte meinen Vorsatz, wandte mich zu ihm und diente unter ihm in den Schlachten, die er schlug. Ich war zugegen bei der Hinrichtung der Grafen Egmont und Hoorn und brachte es zum Fähnrich bei einem berühmten Hauptmann aus Guadalajara namens Diego de Urbina. Einige Zeit nach meiner Ankunft in Flandern erhielt man Nachricht von dem Bündnis, welches seine Heiligkeit der Papst Pius der Fünfte seligen Gedächtnisses mit Venedig und Spanien gegen den gemeinschaftlichen Feind, die Türken, geschlossen hatte, der zur nämlichen Zeit mit seiner Kriegsflotte die unter der Herrschaft der Venezianer stehende berühmte Insel Zypern erobert hatte, ein beklagenswerter und schmerzlicher Verlust! Man erfuhr mit Gewißheit, daß dieser Bund den erlauchten Don Juan de Austria, den natürlichen Bruder unseres trefflichen Königs Don Felipe, zum Oberfeldherrn hatte, und allgemein verbreitete sich die Kunde von den gewaltigen Kriegsrüstungen. All dieses erregte und entzündete in mir die Tatenlust und den Wunsch, den erwarteten Feldzug mitzumachen, und obschon ich Aussichten, ja beinahe feste Zusagen hatte, bei der ersten Gelegenheit zum Hauptmann befördert zu werden, drängte es mich, alles im Stiche zu lassen und nach Italien zu gehen, was ich auch wirklich tat. Mein Glück wollte, daß Señor Don Juan de Austria eben in Genua angekommen war, auf der Reise nach Neapel begriffen, um seine Kriegsflotte mit der venezianischen zu vereinigen, wie er dies denn auch späterhin bei Messina tat. Kurz, ich nahm teil an jenem ruhmvollen Feldzug, nachdem ich schon Hauptmann beim Fußvolk geworden, zu welchem Ehrenposten mehr mein Glück als mein Verdienst mich erhob. Und an jenem Tage, der für die Christenheit ein so glücklicher war, weil an ihm die Welt und alle Nationen aus dem irrigen Glauben gerissen wurden, die Türken seien zur See unbesiegbar, an jenem Tage, sag ich, wo der ottomanische Stolz und Hochmut gebrochen wurde, da war unter all den Glücklichen dort – denn glücklich waren auch die Christen, die dort fielen, ja noch glücklicher, als die den Sieg und das Leben davontrugen – ich der einzige Unglückliche; denn statt eine Schiffskrone zu empfangen, die mir gewiß zuteil geworden wäre, hätte ich zur Zeit der Römer gelebt, sah ich mich in der Nacht, die auf einen so ruhmreichen Tag folgte, mit Ketten an den Füßen und mit Handschellen gefesselt. Und dies trug sich folgendermaßen zu: Uludsch-Alí, König von Algier, ein verwegener und glücklicher Seeräuber, hatte die Admiralsgaleere von Malta angegriffen und überwältigt, und es waren in derselben nur drei Ritter am Leben geblieben, alle drei schwer verwundet. Da kam ihr Juan Andreas Admiralsschiff zu Hilfe, auf dem ich mich mit meinem Fähnlein befand. Ich tat, was in solchem Falle meine Pflicht war, und sprang an Bord der feindlichen Galeere; aber diese kam von dem angreifenden Schiffe los und hinderte so meine Soldaten, mir zu folgen. So fand ich mich allein unter meinen Feinden, gegen die ich nichts vermochte, da ihrer zu viele waren. Sie überwältigten mich, und mit Wunden bedeckt blieb ich als Gefangener in der Gewalt von Uludsch-Alí, der ja, wie ihr wohl wißt, mit seinem ganzen Geschwader entkam. So war ich der einzige Traurige unter soviel Fröhlichen und der einzige Gefangene unter soviel Befreiten; denn es waren fünfzehntausend Christen, die an diesem Tage die ersehnte Freiheit erlangten; alle waren auf den Ruderbänken der türkischen Flotte Sklaven gewesen. Ich wurde nach Konstantinopel gebracht, wo der Großtürke Selim meinen Herrn zum Admiral ernannte, weil er seine Schuldigkeit in der Schlacht getan und als Denkzeichen seiner Tapferkeit die Standarte des Malteserordens mitgebracht hatte. Im folgenden Jahre, 1572, befand ich mich vor Navarino, wo ich an Bord der »Drei Laternen«, des Admiralsschiffes, rudern mußte. Ich sah und merkte mir, wie man damals die Gelegenheit versäumte, die ganze türkische Kriegsflotte im Hafen wegzunehmen, da alle Seesoldaten und Janitscharen, die an Bord waren, es für gewiß hielten, daß man sie im Hafen selbst angreifen werde, und ihr Gepäck und ihre Pasamakis, das heißt ihre Schuhe, schon bereit hielten, um sofort zu Lande zu entfliehen, ohne sich in einen Kampf einzulassen: so groß war ihre Furcht vor unserer Flotte. Allein der Himmel fügte es anders, nicht aus Verschulden oder Lässigkeit unseres Feldherrn, sondern um der Sünden der Christenheit willen, und weil Gott will und zuläßt, daß wir stets Peiniger haben, uns zu züchtigen. So kam es, daß Uludsch-Alí sich nach Modón zurückziehen konnte, einer Seestadt nahe bei Navarino; er setzte seine Leute ans Land, befestigte den Eingang zum Hafen und hielt sich ruhig, bis Don Juan wieder absegelte. Bei dieser Fahrt ward eine Galeere erobert, welche den Namen »Die Prise« bekam und deren Schiffshauptmann ein Enkel jenes berühmten Korsaren Barbarossa war. Die »Wölfin« nahm sie weg, das neapolitanische Admiralsschiff, welches jener Donnerstrahl des Krieges befehligte, jener Vater der Soldaten, der glückliche und nie besiegte Feldherr Don Alvaro de Bazán, Marquis de Santa Cruz. Und ich will hier nicht zu erzählen unterlassen, was dabei vorging, als die »Prise« zur Prise gemacht wurde. Der Enkel Barbarossas war so grausam und mißhandelte seine Gefangenen so arg, daß die Ruderknechte, sobald sie sahen, daß die »Wölfin« auf das Schiff lossteuerte und es schon erreichte, alle gleichzeitig die Ruder fallen ließen, ihren Schiffshauptmann ergriffen, der auf der Kommandobrücke stand und ihnen zurief, sie sollten schneller rudern; sie warfen ihn von Bank zu Bank, vom Heck des Schiffs bis zum Bug und versetzten ihm solche Bisse, daß seine Seele zur Hölle fuhr, kaum daß er am Hauptmast vorüber war. So groß war, wie ich schon gesagt, die Grausamkeit, mit der er sie behandelt hatte, und ihr Haß gegen ihn. Wir segelten nach Konstantinopel zurück, und dort erfuhr man im folgenden Jahre, daß Don Juan Tunis erobert, das Königreich den Türken entrissen und dort Mulei Hamet eingesetzt hatte, wodurch er dem Mulei Hamida, dem grausamsten und tapfersten Mauren, den die Welt je gesehen, die Hoffnung abschnitt, wieder auf den Thron dieses Landes zurückzukehren. Dieser Verlust ging dem Großtürken sehr nahe, und mit jener Schlauheit, die allen Gliedern seiner Familie angeboren ist, schloß er jetzt Frieden mit den Venezianern, welche ihn noch weit mehr wünschten als er selbst, und griff im folgenden Jahre vierundsiebenzig Goleta an und die große Feste, die Don Juan bei Tunis mitten im Bau unvollendet gelassen hatte. All diese Fährlichkeiten machte ich auf der Ruderbank mit, ohne Hoffnung auf eine mögliche Befreiung; wenigstens konnte ich nicht hoffen, diese durch Loskauf zu erlangen, da ich entschlossen war, meinem Vater nichts von meinem Mißgeschick zu schreiben. Endlich ging Goleta verloren, die neue Feste ging verloren, gegen welche Plätze fünfundsiebenzigtausend Mann türkischer Soldtruppen im Feld standen, nebst mehr als viermalhunderttausend Mauren und Arabern aus ganz Afrika, welche große Anzahl Volks mit so viel Kriegsvorrat und Geschütz versehen war und so viel Schanzarbeiter zählte, daß sie schon mit den Händen allein genug Erdklumpen hätten werfen können, um Goleta und die neue Feste völlig zu überschütten. Zuerst fiel Goleta, das bis dahin für unbezwinglich gegolten, und es fiel nicht durch Schuld seiner Verteidiger, die alles zur Verteidigung taten, was ihre Schuldigkeit und in ihrer Macht war, sondern weil die Erfahrung zeigte, wie leicht Laufgräben in diesem wüsten Sandboden anzulegen waren; denn während die Unsern glaubten, man stoße schon zwei Fuß tief auf Wasser, so fanden die Türken in einer Tiefe von zwei Ellen noch keins, und so errichteten sie mit Sandsäcken längs der Laufgräben so hohe Schanzwerke, daß sie die Festungsmauern überragten, und da sie diese von oben herab beschossen, so konnten die Verteidiger auf die Dauer nicht standhalten. Es war die allgemeine Ansicht, die Unsern hätten sich nicht in Goleta einschließen, sondern im offenen Felde die Landung abwarten sollen; allein die dieses sagen, urteilen aus der Ferne und mit geringer Erfahrung in solchen Dingen. Denn da in Goleta und in der großen Feste kaum siebentausend Soldaten waren, wie hätte eine so kleine Anzahl, wäre sie auch noch so heldenmütig gewesen, sich gegen die so große des Feindes ins offene Feld wagen und zugleich die beiden festen Plätze besetzt halten können? Und wie kann es anders sein, als daß eine Festung verlorengeht, wenn sie keinen Entsatz erhält, und vor allem, wenn die Feinde sie so zahlreich und beharrlich umlagern, zumal in ihrem eigenen Lande? Indessen waren viele der Meinung und so auch ich, daß der Himmel den Spaniern eigentlich eine besondere Gunst und Gnade dadurch erzeigte, daß er die Zerstörung dieser Brutstätte der Übeltaten zuließ, die der nagende Wurm, der saugende Schwamm, die zerfressende Motte war, durch welche eine unendliche Menge Geldes nutzlos aufgezehrt wurde ohne andern Zweck, als das Angedenken daran zu bewahren, daß der unbesiegbare Karl der Fünfte glorreichen Angedenkens den Platz erobert hatte, gerade als wenn es dieses Steinhaufens bedurft hätte, um diesem Angedenken ewige Dauer zu verleihen, die es ohnedies hat und haben wird. Auch die neue Feste fiel, aber die Türken konnten sie nur Schritt für Schritt erobern; denn die Soldaten, die sie verteidigten, kämpften so tapfer und heldenmütig, daß sie in zweiundzwanzig Hauptstürmen, die man gegen sie unternahm, mehr als fünfundzwanzigtausend Feinde erschlugen. Von den dreihundert der Unsrigen, die am Leben blieben, fiel keiner unverwundet in ihre Hände, ein untrüglicher Beweis, wie mutig und mannhaft sie sich gehalten und wie gut sie die ihnen anvertrauten Plätze verteidigt und behauptet hatten. Dann ergab sich ein kleines Festungswerk, ein Turm, der mitten im See lag und unter dem Befehl des Don Juan Zanoguera stand, eines Edelmanns und berühmten Kriegshelden aus Valencia. Die Türken nahmen Don Juan Puertocarrero gefangen, den Befehlshaber von Goleta, der alles mögliche getan hatte, um seine Festung zu verteidigen, und dem ihr Verlust so zu Herzen ging, daß er aus Kummer auf dem Wege nach Konstantinopel starb, wohin man ihn gefangen führte. Auch der Befehlshaber der neuen Feste fiel in ihre Hand, namens Gabrio Serbelloni, ein Mailänder Edelmann, ein ausgezeichneter Ingenieur und überaus tapferer Kriegsmann. In beiden Festungen verloren viele Männer von Bedeutung das Leben, unter ihnen Pagán Doria, Ritter des Johanniterordens, von hochherziger Gesinnung, wie es die großartige Freigebigkeit bewies, die er gegen seinen Bruder übte, den berühmten Juan Andrea Doria; und was seinen Tod besonders beklagenswert machte, war, daß er durch ein paar Araber umgebracht wurde, denen er sein Vertrauen geschenkt hatte, als er die Feste schon verloren sah. Sie hatten sich erboten, ihn in maurischer Tracht nach Tabarca zu bringen, einem kleinen Hafen oder einer Niederlassung, welche die Genuesen zur Betreibung der Korallenfischerei an jenen Gestaden besitzen. Die Araber schnitten ihm den Kopf ab und brachten ihn zum Befehlshaber der türkischen Flotte; dieser aber machte an ihnen unser kastilianisches Sprichwort wahr, daß man den Verrat liebt und den Verräter haßt, und demgemäß, so wird erzählt, ließ der Befehlshaber die Leute aufknüpfen, die ihm das Geschenk brachten, weil sie ihm den Mann nicht lebend gebracht hätten. Unter den Christen, die in der Feste in Gefangenschaft gerieten, war einer namens Pedro de Aguilar, gebürtig aus, ich weiß nicht welchem Ort in Andalusien, welcher Unterbefehlshaber in der Feste gewesen, ein Kriegsmann von großer Bedeutung und seltenem Geiste; namentlich leistete er Vorzügliches in jener Kunst des Schreibens, die die poetische genannt wird. Ich hebe dies hervor, weil sein Schicksal ihn auf meine Galeere und auf meine Ruderbank führte und in den Sklavendienst unter demselben Herrn. Noch ehe wir aus jenem Hafen absegelten, dichtete dieser Edelmann zwei Sonette in der Art eines Nachrufs, das eine auf Goleta und das andre auf die neue Feste; und ich muß sie euch wirklich vortragen, denn ich weiß sie auswendig und glaube, sie werden euch eher Vergnügen als Langeweile verursachen.« Im Augenblick, wo der Maurensklave Don Pedro de Aguilars Namen aussprach, blickte Don Fernando seine Begleiter an, und alle drei lächelten; und als er an die Erwähnung der Sonette kam, sagte der eine: »Bevor Ihr fortfahrt, bitte Ich Euch, mir zu sagen, was aus dem Don Pedro de Aguilar, den Ihr genannt habt, geworden ist.« »Was ich weiß«, sagte der Sklave, »ist nur, daß er nach Verfluß von zwei Jahren, die er in Konstantinopel zubrachte, in der Tracht eines Arnauten mit einem griechischen Spion entfloh; ich habe nicht in Erfahrung gebracht, ob er seine Freiheit erlangt hat, wiewohl ich es allerdings glaube; denn ein Jahr später sah ich den Griechen in Konstantinopel, konnte ihn aber nicht nach dem Ausgang ihres Unternehmens fragen.« »Der ist so gewesen«, versetzte der Edelmann: »Dieser Don Pedro ist mein Bruder und wohnt jetzt in unserer Heimat in Wohlbefinden und Reichtum, ist verheiratet und hat drei Kinder.« »Gott sei gedankt«, sprach der Sklave, »für all die Gnade, die er ihm erwiesen; denn nach meiner Meinung gibt es auf Erden kein Glück, das dem Wiedergewinn der verlorenen Freiheit sich vergleichen ließe.« »Übrigens«, sprach der Edelmann, »kenne ich auch die beiden Sonette, die mein Bruder verfaßt hat.« »So mögt Ihr denn selbst sie mitteilen«, sprach der Sklave, »Ihr werdet sie jedenfalls besser als ich vortragen.« »Mit Vergnügen«, erwiderte der Edelmann. Das Sonett auf Goleta lautete folgendermaßen: 40. Kapitel Worin die Geschichte des Sklaven fortgesetzt wird Sonett »Ihr selgen Geister, ihr vom Staubgewande Befreit, weil ihr gewirkt fürs Rechte, Gute, Schwangt euch vom Erdenweh, das auf euch ruhte, Zum besten höchsten Heil der Himmelslande. Ihr habt des Körpers Kraft gesetzt zum Pfande Für wahre Ehr, ihr habt in hohem Mute Gefärbt mit eignem und mit fremdem Blute Das tiefe Meer, den Sand am Dünenstrande. Denn eher als der Mut schwand euch das Leben, Ihr müden Kämpfer, und die Welt verleiht euch, Ob ihr besiegt auch seid, des Sieges Krone. Und dieser Tod, dem ihr euch preisgegeben Hier zwischen Wall und Feindesschwert, er weiht euch dem Ruhm hienieden, dort dem ewgen Lohne.« »Geradeso weiß ich es auswendig«, sagte der Sklave. »Und das Sonett auf die neue Feste, wenn ich mich recht entsinne«, sprach der Edelmann, »lautet so: Sonett Von diesem Strand, den Feinde ganz zertraten, Aus diesen Türmen, die zertrümmert liegen, Da sind zum ewgen Leben aufgestiegen Die frommen Seelen spanischer Soldaten. Dreitausend waren's, die zu Heldentaten Den Arm geübt, die nimmer laß in Kriegen, Bis daß die kleine Schar, erschöpft vom Siegen, Erlag, von eigner Schwäche jetzt verraten. Dies ist der Boden, dem es ward zum Lose, Zu bergen tausend Schmerzerinnerungen, So in der Vorzeit wie in neusten Jahren. Doch haben nie aus seinem harten Schoße Sich frömmre Seelen himmelwärts geschwungen, Nie trug er Leiber, die so tapfer waren.« Die Sonette mißfielen nicht. Der Sklave freute sich über die guten Nachrichten, die man ihm von seinem Leidensgefährten mitteilte, und fuhr folgendermaßen in seiner Erzählung fort: Nachdem also Goleta und die Feste eingenommen waren, machten die Türken Anstalt, Goleta zu schleifen; denn die Feste war so zugerichtet, daß nichts mehr niederzureißen übrig war. Und um es mit mehr Beschleunigung und weniger Bemühen zu bewerkstelligen, unterminierten sie den Platz von drei Seiten. Allein mit keinem ihrer Minengänge vermochten sie in die Luft zu sprengen, was als der am wenigsten starke Teil gegolten hatte, nämlich die alten Mauern; und alles, was von den neuen Festungswerken übrig war, die das »Klosterpfäfflein« erbaut hatte, stürzte mit größter Leichtigkeit zu Boden. Endlich kehrte die Flotte triumphierend und siegreich nach Konstantinopel zurück, und wenige Monate darauf starb Uludsch-Alí, mein Herr, den man Uludsch-Alí Fartach nannte, was im Türkischen den grindigen Renegaten bedeutet; denn das war er, und es ist Sitte bei den Türken, daß sie Beinamen nach irgendeinem Körperfehler bekommen, den sie an sich tragen, oder nach einer guten Eigenschaft, die sie besitzen. Und das geschieht darum, weil es unter ihnen nur vier Familiennamen gibt, welche Geschlechtern eigen sind, die von dem Hause Osman abstammen. Die übrigen erhalten ihren Namen und Beinamen bald von den Gebrechen des Körpers, bald von den Vorzügen des Geistes. Dieser Grindkopf diente auf der Ruderbank vierzehn Jahre lang als Sklave des Großherrn, und im Alter von mehr als vierunddreißig Jahren trat er zum Islam über aus Ärger darüber, daß ein Türke ihm, während er am Ruder saß, einen Backenstreich versetzte, und um sich rächen zu können, fiel er von seinem Glauben ab. Er war ein so tapferer Held, daß er ohne die schimpflichen Mittel und Wege, durch welche die meisten Günstlinge des Großtürken emporsteigen, König von Algier wurde und dann Oberbefehlshaber zur See, was die dritthöchste Würde in jenem Reich ist. Er war Kalabrese von Geburt, und vom moralischen Standpunkt aus war er ein braver Mann und behandelte seine Sklaven, deren er zuletzt dreitausend hatte, sehr menschlich. Diese wurden, wie er es in seinem Testamente hinterließ, nach seinem Tode zwischen seinen Renegaten und dem Großherrn verteilt, welcher bei allen Sterbefällen als Sohn und Erbe angesehen wird, und zwar zu gleichen Teilen mit den übrigen Söhnen des Verstorbenen. Ich fiel einem venezianischen Renegaten zu, der schon als Schiffsjunge in die Gefangenschaft Uludsch-Alís geraten war, und dieser hatte ihn so gern, daß er ihm unter seinen jungen Leuten am meisten Gunst erwies; aus ihm aber wurde der grausamste Renegat, den man jemals gesehen. Er hieß Hassan Agá, gelangte zu großem Reichtum und wurde König von Algier. Dorthin fuhr ich mit ihm von Konstantinopel, und da ich mich nun so nahe bei Spanien befand, war ich ganz vergnügt; nicht als ob ich daran gedacht hätte, jemandem über mein Unglück Nachricht zu geben, sondern weil ich erproben wollte, ob mir das Schicksal in Algier günstiger wäre als in Konstantinopel, wo ich schon die verschiedensten Fluchtversuche gemacht hatte, doch ohne Glück und Erfolg. In Algier dachte ich andere Mittel zu finden, um das so sehr ersehnte Ziel zu erreichen; denn nie verließ mich die Hoffnung, meine Freiheit zu erlangen; und wenn bei den Plänen, die ich ausdachte, anlegte und ins Werk setzte, der Erfolg den Absichten nicht entsprach, so verzagte ich darum nicht, sondern ersann und suchte mir eine andre Hoffnung, um mich aufrechtzuerhalten, wenn sie auch nur schwach und dürftig war. Hiermit brachte ich meine Tage hin, eingesperrt in ein Gefängnis oder Haus, welches die Türken Bagno nennen, wo sie die christlichen Sklaven einsperren, sowohl die des Königs und einiger Privatpersonen als auch die des »Lagerhauses«, was soviel bedeutet als die Sklaven des Gemeinderats, welche von der Stadt zur Ausführung der öffentlichen Arbeiten und zu andern Verrichtungen gebraucht werden. Diesen letzteren Sklaven wird es sehr schwer, ihre Freiheit zu erlangen. Denn da sie der Gemeinde gehören und keinen eignen Herrn haben, so ist niemand vorhanden, mit dem man über ihren Loskauf unterhandeln könnte, selbst wenn sie das Geld dazu hätten. In diese Bagnos, wie gesagt, pflegen einige Privatleute aus der Stadt ihre Sklaven zu bringen, besonders solche, die freigekauft werden sollen; denn an diesem Ort sind sie bequem und sicher aufgehoben, bis das Lösegeld eintrifft. Auch die Sklaven des Königs, die freigekauft werden sollen, gehen nicht mit der übrigen Mannschaft zur öffentlichen Arbeit, außer wenn ihr Lösegeld zu lange ausbleibt; denn dann läßt man sie arbeiten und mit den andern nach Holz gehen und so schwer arbeiten, daß sie um so dringender um Geld schreiben. Ich nun war einer von denen, deren Loskauf für sicher galt. Da man nämlich wußte, daß ich Hauptmann war, so half es mir nichts, daß ich mein Unvermögen und meine Armut schilderte, und es hinderte nicht, daß ich unter die Zahl derer gesetzt wurde, deren Loskauf in Aussicht stand. Man legte mir eine Kette an, mehr zum Zeichen, daß ich zum Loskauf bestimmt sei, als um mich damit sicherer festzuhalten; und so lebte ich in diesem Bagno mit vielen anderen Edelleuten und vornehmen Herren, die zur Auslösung bestimmt waren oder für vermögend dazu gehalten wurden. Und obschon wir häufig, ja fast beständig unter Hunger und Blöße zu leiden hatten, so litten wir doch am meisten darunter, daß wir jeden Augenblick die nie erhörten und nie gesehenen Grausamkeiten hören und sehen mußten, die mein Herr gegen die Christen verübte. Er ließ jeden Tag seinen Mann aufknüpfen, ließ den einen pfählen, dem andern die Ohren abschneiden, und dies aus so geringfügigem Grunde oder so gänzlich ohne Grund, daß sogar die Türken einsahen, er tue es nur um des Tötens willen und weil er von Natur darauf angelegt war, der Schlächter des ganzen Menschengeschlechtes zu sein. Nur ein einziger Soldat kam gut mit ihm aus, ein gewisser de Saavedra. Obschon dieser vieles gewagt hatte, was lange Jahre im Angedenken der Leute dort leben wird, und alles nur, um seine Freiheit zu erringen, so gab der Herr ihm nie einen Schlag und ließ ihm nie einen geben, noch sagte er ihm je ein böses Wort; und doch fürchteten wir, schon für den geringsten all der Streiche, die er verübte, er werde gepfählt werden, und er selbst fürchtete es mehr als einmal. Wenn ich es nicht unterlassen müßte, weil die Zeit es nicht vergönnt, würde ich sofort einiges davon erzählen, was jener Soldat getan, und dies würde euch vermutlich besser unterhalten und in größere Verwunderung setzen als meine eigene Geschichte. Ich berichte also weiter: Auf unsern Gefängnishof gingen von oben her die Fenster des Hauses eines reichen und vornehmen Mauren, welche, wie bei diesem Volke bräuchlich, eher Gucklöcher als Fenster waren, und selbst diese waren mit engen, dichten Gittern versehen. Eines Tages geschah es nun, daß ich und drei Gefährten auf einer Böschung im Hofe unseres Gefängnisses uns zum Zeitvertreib darin versuchten, mit den Ketten zu springen; wir waren allein, denn die andern Christen waren alle draußen bei der Arbeit. Da erhob ich zufällig die Augen und sah, daß aus jenen vergitterten Fensterchen, die ich erwähnte, ein Rohrstab zum Vorschein kam, an dessen Ende ein Linnentuch geknüpft war; der Stab schwankte und bewegte sich hin und her, als wolle er ein Zeichen geben, wir sollten uns nähern und ihn in Empfang nehmen. Wir überlegten uns die Sache, und einer meiner Genossen ging hin und stellte sich unter den Rohrstab, um zu sehen, ob man ihn fallen lasse, oder was sonst damit geschehen möchte; aber sobald er hinzutrat, wurde der Stab aufwärtsgezogen und hin und her bewegt, gerade als ob man mit dem Kopf nein geschüttelt hätte. Der Christ ging zurück, und der Stab wurde wieder heruntergelassen und machte dieselben Bewegungen wie vorher. Ein anderer von meinen Gefährten ging hin, und es geschah ihm dasselbe wie dem ersten. Endlich ging der dritte hin, und es ging ihm wie dem ersten und zweiten. Als ich dies sah, wollte ich nicht unterlassen, ebenfalls mein Glück zu versuchen, und sowie ich mich näherte und mich unter den Rohrstock stellte, ließ man ihn fallen, und er fiel zu meinen Füßen mitten in das Bagno. Ich eilte sogleich, das Tuch loszubinden, und sah einen Knoten daran, und in demselben befanden sich zehn Cianís; es sind dies Münzen von geringhaltigem Golde, die bei den Mauren in Umlauf sind, jeder im Wert von zehn Realen unseres Geldes. Ob ich mich über den Fund freute, brauche ich wohl nicht zu sagen. Jedenfalls war meine Freude so groß wie meine Verwunderung, wenn ich nachdachte, woher dies Glück uns kommen konnte, oder vielmehr mir; denn der Umstand, daß man den Rohrstab keinem als mir herunterwerfen wollte, war ein Zeichen, das deutlich erwies, daß mir allein die Wohltat zugedacht war. Ich nahm mein schönes Geld, zerbrach den Stab in Stücke, kehrte auf die Böschung zurück, blickte nach dem Fenster und sah daraus eine weiße Hand zum Vorschein kommen, die das Fenster öffnete und rasch wieder schloß. Hieraus folgerten wir oder vermuteten wenigstens, die Wohltat müsse von einem Weibe kommen, das in diesem Haus wohne; und zum Zeichen unsrer Dankbarkeit machten wir Salemas nach maurischem Brauch, indem wir das Haupt neigten, den Körper vorwärts bogen und die Arme über die Brust kreuzten. Kurz darauf wurde ein kleines, aus Stäbchen verfertigtes Kreuz zum Fenster herausgehalten und gleich wieder zurückgezogen. Dieses Zeichen bestärkte uns in der Meinung, in diesem Hause müsse sich eine Christin als Sklavin befinden und sie sei es, die uns die Wohltat erwiesen habe. Aber das schneeige Weiß ihrer Hand und die Spangen, die wir an dieser sahen, ließen alsbald diese Vermutung als nichtig erscheinen, wiewohl wir uns nunmehr dem Gedanken hingaben, es müsse eine von ihrem Glauben abgefallene Christin sein; solche werden von ihren eigenen Herren häufig zu rechtmäßigen Ehefrauen genommen und halten dies sogar für ein Glück, weil geborne Christinnen bei ihnen in höherer Achtung stehen als die Weiber aus ihrem eigenen Volk. Indessen bei all unsern Mutmaßungen trafen wir weitab von der Wirklichkeit. Von da an bestand unsre ganze Unterhaltung darin, nach dem Fenster zu blicken und es als unsern Glückspol zu betrachten, dies Fenster, wo uns der Stern des Rohrstabes erschienen war; allein es vergingen volle vierzehn Tage, daß wir ihn nicht zu Gesicht bekamen, und ebensowenig die Hand noch sonst ein Zeichen. Und obwohl wir während dieser Zeit uns mit allem Eifer bemühten zu erfahren, wer in jenem Hause wohne und ob etwa in demselben eine zum Islam übergetretene Christin weile, fanden wir niemand, der uns etwas anderes sagte, als daß in dem Haus ein reicher und vornehmer Maure lebte, namens Hadschí Murad, welcher Befehlshaber der Festung Pata gewesen war, was bei ihnen ein hochangesehenes Amt ist. Aber als wir uns dessen am wenigsten versahen, daß es dort wieder Cianís regnen würde, sahen wir unvermutet den Rohrstab zum Vorschein kommen und ein andres Linnentuch daran mit einem dickeren Knoten; und dies geschah zur Zeit, wo das Bagno gerade wie das letztemal einsam und menschenleer war. Wir wiederholten den früheren Versuch, indem von uns jeder vor mir hinzutrat; aber erst mir ward der Stab zuteil; denn erst als ich mich näherte, ließ man ihn fallen. Ich löste den Knoten und fand darin vierzig spanische Goldtaler, einen Brief in arabischer Sprache geschrieben und mit einem großen Kreuz unter der Schrift. Ich küßte das Kreuz, nahm die Taler und kehrte auf die Böschung zurück. Wir machten alle unsre Salemas, die Hand zeigte sich abermals, ich deutete durch Zeichen an, daß ich den Brief lesen würde; das Fenster schloß sich. Wir standen alle da in Staunen und Freude ob des Vorfalls, und da keiner von uns Arabisch verstand, so war zwar unser Verlangen groß, den Inhalt des Briefes zu erfahren, aber noch größer die Schwierigkeit, jemanden zu finden, der ihn uns vorlesen konnte. Endlich kam ich zu dem Entschluß, mich einem Renegaten aus Murcia anzuvertrauen, der sich stets für einen treuen Freund von mir erklärt und mir im stillen hinreichende Unterpfänder gegeben hatte, die ihn nötigten, jedes Geheimnis treu zu wahren, was ich ihm anvertrauen würde. Manche Renegaten pflegen, wenn sie die Absicht haben, in ein christliches Land zurückzukehren, Bescheinigungen vornehmer Gefangener bei sich zu tragen, worin die letztern in bestmöglicher Form bezeugen, daß der fragliche Renegat ein rechtschaffener Mann sei, der Christen immer Gutes erwiesen habe und den Wunsch hege, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zu entweichen. Einige unter ihnen lassen sich diese Bescheinigungen in redlicher Absicht geben, andre aber nur aus Berechnung; denn wenn sie gekommen sind, um ein Christenland zu plündern, und etwa Schiffbruch erleiden oder in Gefangenschaft geraten, so ziehen sie ihre Bescheinigungen hervor und sagen, man werde aus diesen Papieren ersehen, in welcher Absicht sie gekommen seien, nämlich im Christenlande zu bleiben, und deshalb seien sie mit den türkischen Kreuzern auf die Fahrt gegangen. Damit retten sie sich vor dem ersten Ungestüm der Gegner. Dann versöhnen sie sich mit der Kirche, ohne daß ihnen etwas Unangenehmes geschieht, und wenn sie ihre Gelegenheit ersehen, kehren sie nach der Berberei zurück und werden wieder, was sie vorher waren. Andre gibt es, die solche Papiere in redlicher Absicht sich verschaffen und benutzen und im Christenlande bleiben. Nun war mein Freund einer dieser letzteren Renegaten; er besaß Bescheinigungen von allen unsern Gefährten, worin wir ihn aufs beste empfahlen; und hätten die Mauren diese Papiere bei ihm gefunden, so hätten sie ihn lebendig verbrannt. Ich hatte in Erfahrung gebracht, daß er sehr gut Arabisch verstand und es nicht nur sprechen, sondern auch schreiben konnte. Aber ehe ich mich ihm ganz entdeckte, bat ich ihn, mir dies Papier vorzulesen, das ich zufällig in einem Mauerloch meiner Schlafstelle gefunden hätte. Er öffnete es und war eine Zeitlang damit beschäftigt, es durchzusehen und den Sinn herauszubringen, wobei er unverständlich vor sich hinmurmelte. Ich fragte ihn, ob er es verstehe; er antwortete mir: »Sehr gut«, und wenn er es mir Wort für Wort übersetzen solle, so möchte ich ihm Tinte und Feder geben, damit er die Arbeit besser machen könne. Wir gaben ihm das Gewünschte auf der Stelle, er ging langsam und bedächtig ans Übersetzen, und als er fertig war, sprach er: »Was hier auf spanisch zu lesen ist, das alles steht in diesem maurischen Briefe, ohne daß ein Buchstabe daran fehlt, und überall, wo steht, ›Lela Marién‹, heißt dies soviel wie ›Unsere Liebe Frau, die Jungfrau Maria‹.« Wir lasen den Brief, und er lautete so: Als ich noch ein Kind war, hatte mein Vater eine Sklavin, welche mich das christliche Gebet in meiner Muttersprache lehrte und mir vieles von Lela Marién sagte. Die Christin ist gestorben und ist nicht ins Ewige Feuer gekommen, sondern zu Allah, denn sie ist mir seitdem zweimal erschienen, und sie sagte mir, ich möchte in ein Christenland gehen, um Lela Mariéns Anblick zu genießen, die mich sehr liebhabe. Ich weiß nicht, wie ich hinkommen soll. Ich habe aus diesem Fenster viele Christen gesehen, aber keiner schien mir ein Edelmann als du allein. Ich bin sehr schön und jung und habe vieles Geld zum Mitnehmen. Sieh zu, ob du ein Mittel findest, wie wir fort können, und dorten sollst du mein Ehemann werden, wenn du willst; willst du aber nicht, so macht es mir nichts aus; denn Lela Marién wird mir schon einen Gemahl verschaffen. Ich habe dies geschrieben, erwäge sorgsam, wem du es zu lesen gibst. Verlaß dich auf keinen Mauren, denn sie sind alle Schurken. Darob habe ich große Bekümmernis, weil ich wünschte, du möchtest dich keinem entdecken; denn wenn mein Vater es erfährt, wird er mich gleich in einen Brunnen werfen und mich mit Steinen verschütten. An den Rohrstab werde ich einen Faden knüpfen, daran binde deine Antwort; und wenn du keinen hast, der sie dir auf arabisch niederschreibt, so sage mir alles durch Zeichen; Lela Marién wird schaffen, daß ich dich verstehe. Sie und Allah mögen dich behüten, so auch dieses Kreuz, welches ich vielmals küsse, denn so lehrte mich's die Sklavin. Nun erwägt, meine Herren und Damen, ob wir Gründe hatten, uns gründlich zu freuen und uns höchlich zu verwundern ob der Mitteilung dieses Briefes. Und in der Tat, beides geschah in so lebhafter Weise, daß der Renegat klar ersah, nicht zufällig sei der Brief gefunden, sondern in Wirklichkeit einem von uns geschrieben worden. Er bat uns demnach, wenn seine Vermutung zutreffe, möchten wir uns ihm anvertrauen und ihm alles mitteilen; denn er werde sein Leben an unsre Befreiung setzen. Und dies sagend, zog er aus dem Busen ein metallenes Kruzifix und schwur mit reichlichen Tränen bei dem Gott, den dieses Bildnis vorstelle und an den er, obschon ein Sünder und Missetäter, aufrichtig und fest glaube, uns in allem, was wir ihm nur immer entdecken wollten, Treue und Verschwiegenheit zu bewahren. Denn es bedünke ihn, ja er ahne, daß die Schreiberin dieses Briefes das Werkzeug sein werde, ihm und uns allen die Freiheit zu verschaffen, ihn aber insbesondere an das Ziel zu bringen, das er zumeist ersehne, nämlich in den Schoß der heiligen Mutter Kirche zurückzukehren, von welcher er durch seine Unwissenheit und Sündhaftigkeit wie ein faules Glied abgetrennt und geschieden sei. Unter so viel Tränen und Zeichen so tiefer Reue sagte dies der Renegat, daß wir alle einmütigen Sinnes beschlossen, ihm die volle Wahrheit zu offenbaren, und so gaben wir ihm ausführlichen Bericht, ohne ihm das geringste zu verschweigen. Wir zeigten ihm das Fensterchen, aus welchem der Stab zum Vorschein kam; er merkte sich von hier aus das Haus und nahm sich vor, mit größter Beflissenheit Erkundigung einzuziehen, wer darin wohne. Auch kamen wir überein, daß es angemessen sei, den Brief der Maurin zu beantworten, und da wir in ihm den Mann hatten, der dazu imstande war, so schrieb der Renegat auf der Stelle nieder, was ich ihm angab; es waren genau die Worte, die ich euch sagen werde, denn von allem Wesentlichen, was mir im Verlauf dieser Geschichte begegnete, ist nichts meinem Gedächtnis entschwunden und wird ihm nicht entschwinden, solange ich des Lebens genieße. Was also der Maurin zur Antwort wurde, war das Folgende: Der wahre Allah behüte dich und jene gebenedeite Lela Marién, welche die wahre Mutter Gottes und die nämliche ist, die es dir ins Herz gelegt, nach christlichen Landen zu ziehen, weil sie dich innig liebt. Bitte du sie, sie wolle dir gnädigst eingeben, wie du ins Werk setzen mögest, was sie dir gebeut; sie ist so voller Güte, daß sie es gewiß tun wird. Meinerseits, wie von seiten all der Christen, die sich mit mir hier befinden, biete ich dir an, alles, was in unsern Kräften steht, für dich zu tun, und sollte es uns das Leben kosten. Unterlaß nicht, zu schreiben und mir Nachricht zu geben, was du zu tun gedenkst. Ich werde dir stets antworten; denn der große Allah hat uns einen Christensklaven zur Seite gegeben, der deine Sprache so gut spricht und schreibt, wie du aus diesem Briefe ersehen wirst. So kannst du uns denn ohne Besorgnis von allem, was du willst, Kunde geben. Auf deine Äußerung: wenn du in Christenlande gelangtest, wollest du mein Weib werden – das verspreche ich dir als ein guter Christ, und wisse, daß die Christen ihre Versprechungen besser halten als die Mauren. Allah und seine Mutter Marién mögen dich in ihre Hut nehmen, meine Herrin. Als dieser Brief geschrieben und verschlossen war, wartete ich zwei Tage, bis das Bagno menschenleer war wie so häufig, und dann begab ich mich sogleich zum gewohnten Gang auf die Böschung, um zu sehen, ob der Stab zum Vorschein komme; und wirklich zögerte er nicht lange, sich zu zeigen. Sobald ich ihn erblickte, obschon ich nicht sehen konnte, wer ihn heraushielt, zeigte ich den Brief, womit ich zu verstehen geben wollte, man solle den Faden daran befestigen; aber er hing bereits am Stabe herab, und ich band den Brief an den Faden. Bald darauf erschien aufs neue unser Stern mit dem weißen Friedensbanner des Bündelchens. Man ließ es herunterfallen, ich hob es auf und fand in dem Tuche mehr als fünfzig Taler an silberner und goldener Münze von aller Art, welche mehr als fünfzigmal unsre Freude verdoppelten und unsre Freiheitshoffnung kräftigten. Am nämlichen Abend kam der Renegat wieder und sagte uns, er habe erfahren, daß in diesem Haus der nämliche Maure wohne, von dem man uns schon gesagt hatte, daß er Hadschí Murad heiße, ein außerordentlich reicher Mann; dieser besitze eine einzige Tochter, die Erbin seines ganzen Vermögens, und sie gelte in der ganzen Stadt als das schönste Weib in der ganzen Berberei; viele von den hieherkommenden Unterkönigen hätten sie zur Ehefrau begehrt, sie hätte sich aber niemals verheiraten wollen. Auch habe er gehört, daß sie eine Christensklavin gehabt, diese sei jedoch schon gestorben. Dies alles stimmte mit dem Inhalt des Briefes überein. Wir traten sogleich mit dem Renegaten in Beratung darüber, welches Verfahren einzuschlagen sei, damit wir die Maurin entführen und selber alle auf christliches Gebiet entkommen könnten, und endlich einigten wir uns für jetzt dahin, eine zweite Nachricht von Zoraida abzuwarten, so nämlich hieß sie, die sich jetzt Maria nennen will. Denn wir sahen ein, daß sie allein und niemand sonst imstande sei, uns die Besiegung all dieser Schwierigkeiten zu ermöglichen. Nachdem wir alle so übereingekommen, sagte der Renegat, wir möchten unbesorgt sein, er wolle sein Leben daransetzen, uns die Freiheit zu verschaffen. Vier Tage hindurch war das Bagno voller Leute, was der Grund war, daß vier Tage lang der Stab sich nicht sehen ließ. Nach Verfluß derselben kam er während der gewohnten Einsamkeit des Bagnos wieder zum Vorschein mit einem Bündel, das so schwangeren Leibes war, daß es uns eine höchst glückliche Geburt verhieß. Wie früher neigten sich der Stab und das Bündel zu mir hernieder; ich fand darin wieder einen Brief und hundert Goldtaler ohne irgendeine andre Münze. Der Renegat war in der Nähe, wir begaben uns in unser Gefängnis, da ließen wir ihn den Brief lesen, und nach Angaben des Renegaten lautete er folgendermaßen: Ich weiß nicht, mein Gebieter, wie ich es anfangen soll, daß wir nach Spanien gelangen; auch hat Lela Marién mir es nicht gesagt, obschon ich sie darum befragt habe. Ich kann Euch nur aus diesem Fenster möglichst viel Goldstücke zuwerfen, damit könnt Ihr Euch und Eure Freunde loskaufen; und einer soll nach einem Christenlande gehen und dort eine Barke kaufen und zurückkehren, um die andern abzuholen. Mich wird man im Garten meines Vaters finden, der vor dem Tore Babazón nahe an der See liegt, wo ich diesen ganzen Sommer mit meinem Vater und meinen Dienern zubringen werde; von dort könnt Ihr mich nachts ohne Gefahr entführen und nach der Barke bringen. Und vergiß nicht, daß du mein Gemahl werden sollst, wo nicht, werde ich Marién bitten, daß sie dich bestraft. Wenn du zu keinem das Vertrauen hast, daß er den Ankauf der Barke besorge, so kaufe dich los und besorge es selbst; denn ich weiß, du wirst sicherer als jeder andre zurückkehren, da du ein Edelmann und Christ bist. Sorge dafür, daß du den Garten erfährst, und sobald du wieder hier auf und ab wandelst, werde ich daraus ersehen, daß das Bagno leer ist, und werde dir viel Geld geben. Allah behüte dich, mein Gebieter. Dieses stand im zweiten Briefe, dieses war sein Inhalt, und kaum hatten alle es vernommen, als ein jeder sich zum Loskauf drängte und versprach, hinzuziehen und mit aller Pünktlichkeit wiederzukehren. Auch ich erbot mich dazu. Allein der Renegat widersetzte sich allen derartigen Vorschlägen, indem er bemerkte, unter keiner Bedingung würde er dareinwilligen, daß einer frei werde, bis alle zusammen von dannen ziehen könnten; denn die Erfahrung habe ihn belehrt, wie schlecht die Freigewordenen ihr in der Gefangenschaft gegebenes Wort hielten. Oft hätten vornehme Personen unter den Gefangenen dieses Mittel angewendet, indem sie einen loskauften, damit er nach Valencia oder Mallorca gehe, mit hinreichendem Gelde versehen, um eine Barke auszurüsten und seine Befreier abzuholen; und nie seien sie zurückgekehrt, denn die erlangte Freiheit und die Furcht, sie wieder zu verlieren, löschten ihnen jede dankbare Verpflichtung aus dem Gedächtnis. Und zur Bekräftigung seiner Behauptung erzählte er uns in aller Kürze einen Fall, der sich gerade um diese Zeit mit christlichen Edelleuten zugetragen, den seltsamsten Fall, der je in diesen Landen vorgekommen, wo doch jeden Augenblick die staunenswertesten und wundersamsten Dinge sich ereignen. Endlich rückte er mit dem Rate heraus: was man tun könne, sei, ihm das Geld, das zum Loskauf eines Christen nötig sei, zu geben, um hier in Algier eine Barke anzuschaffen unter dem Vorwand, daß er Kaufmann werden und zu Tetuan und an der ganzen Küste Handel treiben wolle, und wenn er einmal Eigentümer der Barke sei, so falle es leicht, einen Plan zu entwerfen, wie man sie aus dem Bagno entführen und alle zu Schiff bringen könne, zumal wenn die Maurin, wie sie sage, Geld gebe, um sie alle loszukaufen. Denn sobald sie frei seien, würde es das leichteste Ding von der Welt sein, sich sogar mitten am Tage einzuschiffen. Die größte Schwierigkeit indessen bestehe darin, daß die Mauren einem Renegaten nicht gestatten, ein Schiff zu kaufen oder zu besitzen, außer einem großen Kaperkreuzer. Denn sie fürchten, daß, wer eine Barke kauft, besonders wenn es ein Spanier ist, sie nur zu dem Zweck haben will, um auf christliches Gebiet zu entkommen. Er aber werde diesem Übelstand dadurch abhelfen, daß er zusammen mit einem tagarinischen Mauren eine Barke kaufe und ihn am Gewinn des Handels beteilige, und unter diesem Deckmantel würde er doch zuletzt allein der Herr des Schiffes sein, womit sich alles übrige von selbst ausführen lasse. Obwohl es nun mir und meinen Gefährten besser schien, jemanden nach Mallorca zu senden, um dort, wie es die Maurin gewünscht; eine Barke zu holen, so wagten wir ihm doch nicht zu widersprechen, da wir fürchteten, wenn wir seinen Vorschlag ablehnten, könne er unser Geheimnis verraten und uns gar in Lebensgefahr bringen, falls er den Verkehr mit Zoraida offenbarte, für deren Leben wir alle das unsre gegeben hätten. So beschlossen wir denn, uns der Hand Gottes und des Renegaten anheimzugeben, und im nämlichen Augenblick antworteten wir auch Zoraida, wir würden alles tun, was sie anrate, denn sie habe so gute Vorschläge gemacht, als hätte Lela Marién es ihr eingegeben, und von ihr allein hänge es jetzt ab, die Sache zu verschieben oder sie sogleich ins Werk zu setzen. Ich erbot mich aufs neue, ihr Gemahl zu werden, und hierauf gab sie uns am folgenden Tage, wo das Bagno zufällig menschenleer war, in verschiedenen Sendungen mit Hilfe des Stabes und des Tüchleins zweitausend Goldtaler und dabei einen Brief, in dem sie sagte, am nächsten Dschuma, das heißt Freitag, werde sie in den Garten ihres Vaters hinausziehen, und bevor sie dahin gehe, werde sie uns noch mehr Geld geben. Wenn das nicht hinreichend sei, so möchten wir es ihr mitteilen, und sie würde uns geben, soviel wir von ihr verlangten; ihr Vater sei so reich, daß er es nicht vermissen werde, um so mehr, da sie die Schlüssel zu allem habe. Wir gaben dem Renegaten sogleich fünfhundert Goldtaler, um die Barke zu kaufen; mit achthundert verschaffte ich mir selbst meine Freiheit, indem ich das Geld einem valencianischen Kaufmanne gab, der sich um diese Zeit in Algier befand und mich vom Könige loskaufte. Er sagte gut für mich und setzte sein Wort zum Pfande, daß er bei der Ankunft des nächsten Schiffes aus Valencia mein Lösegeld bezahlen werde. Denn hätte er das Geld auf der Stelle gegeben, so hätte dies beim Könige den Verdacht erweckt, daß mein Lösegeld sich schon seit langer Zeit in Algier befinde und der Kaufmann es geheimgehalten habe, um Geschäfte zu machen. Kurz, mein Herr war so voller Ränke und Kniffe, daß ich unter keiner Bedingung es wagen mochte, ihn das Geld sofort einstecken zu lassen. Am Donnerstag, ehe die schöne Zoraida den Garten beziehen sollte, gab sie uns wiederum tausend Goldtaler, benachrichtigte uns von ihrer Übersiedlung und bat mich, sobald ich mich loskaufe, solle ich den Garten ihres Vaters erkunden und jedenfalls Gelegenheit suchen, hinzukommen und sie zu sprechen. Ich antwortete ihr mit wenigen Worten, ich würde es tun, und sie möchte nicht unterlassen, uns mit all jenen Gebeten, welche die Sklavin sie gelehrt, in Lela Mariéns Schutz zu befehlen. Hierauf wurde Anstalt getroffen, daß meine drei Gefährten sich ebenfalls loskauften, sowohl um ihnen das Verlassen des Bagnos zu ermöglichen als auch um zu verhüten, daß, wenn sie mich frei sähen und sich selber nicht, obwohl Geld dazu vorhanden war, sie nicht etwa in Aufregung geraten und der Teufel sie verleiten möchte, etwas zu Zoraidas Nachteil zu tun. Denn obschon der Umstand, daß sie Leute von gutem Hause waren, mich vor dieser Besorgnis sicherzustellen schien, so wollte ich trotzdem die ganze Sache nicht aufs Ungefähr hin wagen, und so ließ ich sie auf die nämliche Weise loskaufen wie mich selbst, indem ich das ganze Geld dem Kaufmann übergab, damit er mit um so größerer Sicherheit und Beruhigung die Bürgschaft übernehmen könne; jedoch vertrauten wir ihm wegen der damit verbundenen Gefahr nie unser Einverständnis und Geheimnis an. 41. Kapitel Worin der Sklave seine Geschichte fortsetzt Keine vierzehn Tage waren vorübergegangen, als bereits unser Renegat eine recht gute Barke gekauft hatte, die mehr als dreißig Personen fassen konnte. Und um die Ausführung seines Unternehmens zu sichern und es zu tarnen, beschloß er eine Fahrt und führte sie auch aus, indem er nach einem Orte namens Sargel segelte, der dreißig Stunden von Algier in der Richtung gegen Orán liegt, wo viel Handel mit trockenen Feigen betrieben wird. Zwei- oder dreimal machte er diese Fahrt in Gesellschaft mit dem erwähnten Tagarinen. Tagarinos nennt man in der Berberei die Mauren aus Aragon, die aus Granada nennt man Mudéjares, und im Königreich Fez tragen die Mudéjares den Namen Elches; sie sind die Leute, deren sich vorzugsweise der König jenes Landes im Kriege bedient. Jedesmal, wenn nun der Renegat mit seiner Barke eine Fahrt machte, warf er den Anker in einer kleinen Bucht aus, die nicht zwei Bogenschuß weit von dem Garten war, wo Zoraida meiner wartete; und dort pflegte er absichtlich mit den maurischen Burschen, die am Ruder saßen, entweder das Salá, das Gebet nach muselmännischem Brauch, zu verrichten oder auch sich wie zum Scherze in dem zu versuchen, was er bald im Ernste tun wollte. Deshalb ging er öfters nach dem Garten Zoraidas, um Obst von ihr zu erbitten, und ihr Vater gab es ihm, ohne ihn zu kennen. Dabei hatte er die Absicht, Zoraida zu sprechen, wie er mir nachher erzählte, und ihr zu sagen, er sei es, der sie auf mein Geheiß in Christenlande führen solle, so daß sie vergnügt und sicher sein könne; allein es war ihm niemals möglich, weil die Maurinnen sich vor keinem Mauren oder Türken sehen lassen, wenn nicht ihr Gemahl oder ihr Vater es ihnen ausdrücklich befiehlt. Von Christensklaven lassen sie sich Verkehr und Umgang gefallen, manchmal sogar mehr, als sich geziemt. Mir wäre es leid gewesen, wenn er mit ihr gesprochen hätte; denn vielleicht hätte es sie aufgeregt und beunruhigt, wenn sie gesehen hätte, daß ihre Angelegenheit im Munde von Renegaten umging. Allein Gott, der es anders fügte, gewährte der guten Absicht unsres Renegaten keine Erfüllung. Als dieser nun sah, wie sicher er von und nach Sargel fuhr, und daß er, wann und wie und wo er wollte, die Anker auswarf und daß sein Genöose, der Tagarine, keinen andern Willen hatte als den seinen und ich bereits losgekauft war und nichts weiter mehr zu tun blieb, als etliche Christen zu finden, die das Ruder führten, sagte er mir, ich möchte mir überlegen, welche Leute ich außer den losgekauften noch mitnehmen wollte. Ich solle mich mit ihnen auf den nächsten Freitag verabreden, auf welchen Tag er unsre Abfahrt bestimmt habe. Daraufhin besprach ich mich mit zwölf Spaniern, alles tüchtige Ruderer, und zwar solchen, denen es am leichtesten fiel, unbemerkt aus der Stadt zu kommen. Es war nicht einfach, unter den obwaltenden Verhältnissen so viele zu finden; denn es waren zwanzig Schiffe zum Kreuzen ausgelaufen und hatten alle Ruderknechte mit fortgenommen; und auch diese zwölf hätten sich nicht gefunden, wenn nicht zufällig ihr Herr diesen Sommer zu Hause geblieben wäre, ohne eine Raubfahrt zu unternehmen, weil er einen Zweimaster, den er auf der Werft hatte, erst ausbauen wollte. Diesen Leuten sagte ich nichts weiter, als daß sie nächsten Freitag nachmittags einer nach dem andern sich im stillen aus der Stadt schleichen, die Richtung nach Hadschí Murads Garten einschlagen und dort warten sollten, bis ich käme. Diesen Auftrag erteilte ich jedem für sich allein mit dem Befehle, falls sie etwa noch andre Christen dort sähen, ihnen nichts weiter zu sagen, als daß ich sie dort hinbestellt habe. Nachdem ich diese Vorkehrung getroffen, blieb mir noch eine andre übrig, und zwar die wichtigste, nämlich Zoraida zu benachrichtigen, auf welchem Punkte die Angelegenheiten stünden, damit sie vorbereitet und auf der Hut sei, um nicht zu erschrecken, wenn wir sie vor der Zeit, wo sie die Rückkehr des Christenschiffes erwarten konnte, unversehens überfielen. Daher beschloß ich, nach dem Garten zu gehen und zu versuchen, ob ich sie sprechen könnte. Unter dem Vorwand, verschiedene Kräuter zu pflücken, ging ich einen Tag vor meiner Abreise hin, und die erste Person, die mir begegnete, war ihr Vater, der mich in der Sprache fragte, die in der ganzen Berberei, ja bis nach Konstantinopel zwischen Sklaven und Mauren gesprochen wird und die weder Maurisch noch Kastilianisch noch sonst eine Nationalsprache ist, sondern eine Mischung aus allen Sprachen, in der wir uns alle verständigen; ich sage also, in dieser Art von Sprache fragte er mich, was ich in diesem seinem Garten suche und wessen Sklave ich sei. Ich antwortete ihm, ich gehörte dem Arnauten Mamí, und zwar sagte ich das deshalb, weil ich bestimmt wußte, daß dieser ein vertrauter Freund von ihm war; ich fügte bei, ich suchte überall nach allerhand Kräutern für Salat. Er fragte mich, ob ich den Loskauf erwartete und wieviel mein Herr für mich verlange. Mitten in all diesen Fragen und Antworten trat die schöne Zoraida, die mich schon längst bemerkt hatte, aus dem Gartenhause, und da die Maurinnen durchaus nicht spröde sind, sich vor Christen sehen zu lassen, und, wie ich schon gesagt, keineswegs vor ihnen Scheu haben, so trug sie kein Bedenken, sich ihrem Vater und mir zu nähern. Ja, als ihr Vater sah, daß sie mit langsamen Schritten herbeikam, rief er ihr zu und gebot ihr näher zu treten. Es würde mich zu weit führen, wollte ich hier die große Schönheit, die Anmut, den herrlichen und reichen Schmuck schildern, womit meine geliebte Zoraida vor meinen Augen erschien; ich kann nur sagen, daß an ihrem wunderschönen Hals, ihren Ohren und Haaren mehr Perlen hingen, als sie Haare auf dem Haupte hatte. An ihren Fußknöcheln, die sie nach dortigem Brauch unverhüllt zeigte, trug sie Carcaches – so nennt man auf maurisch die Spangen oder Ringe an den Füßen – von feinstem Gold mit so viel eingelegten Diamanten, daß ihr Vater, wie sie mir später sagte, sie auf zehntausend Dublonen schätzte, und die Armbänder, die sie am Handgelenk trug, waren ebensoviel wert. Die Perlen waren sehr zahlreich und äußerst kostbar, denn bei den Maurinnen ist der größte Prunk und Stolz, sich mit reichen Perlen und Perlsamen zu schmücken, und daher gibt es mehr Perlen und Perlsamen bei den Mauren als bei allen übrigen Völkern. Und Zoraidas Vater stand im Rufe, deren sehr viele zu besitzen, und zwar die teuersten, die es in Algier gab, und außerdem noch mehr als zweimalhunderttausend spanische Taler; und von alledem war sie die Herrin, die jetzt meine Herrin ist. Ob sie mit all diesem Schmucke damals reizend erschien oder ob nicht – aus den Resten, die ihr unter so vieler Mühsal geblieben sind, läßt es sich abnehmen. Wie mußte erst in glücklicheren Verhältnissen ihre Erscheinung sein! Denn man weiß ja, daß bei manchen Frauen die Schönheit ihre Tage und Zeiten hat und daß es äußerer Umstände bedarf, um sie zu mindern oder zu mehren, und es ist natürlich, daß Gemütsbewegungen sie erhöhen oder herabdrücken, ja sie sogar in den meisten Fällen ganz zerstören. Doch kurz gesagt, damals trat sie herzu, über alle Maßen geschmückt, schön über alle Maßen, oder mindestens schien sie mir die Reichstgeschmückte und Schönste, die ich bis dahin gesehen; und da ich dazu noch empfand, wie innig sie mich ihr verpflichtet hatte, so meinte ich eine Gottheit vom Himmel vor mir zu sehen, die zur Erde herabgestiegen zu meiner Wonne und zu meiner Rettung. Als sie näher kam, sagte ihr Vater zu ihr in der Landessprache, ich sei ein Sklave seines Freundes, des Arnauten Mamí, und komme hierher, um Salat zu holen. Sie nahm nun zuerst das Wort und fragte mich in jenem Sprachengemisch, das ich erwähnt habe, ob ich ein Edelmann sei und aus welchem Grunde ich mich nicht loskaufte. Ich antwortete ihr, ich sei schon losgekauft, und am Kaufpreis könne sie sehen, wie hoch mein Herr mich schätze, da man für mich fünfzehnhundert Soltanís gegeben habe. Sie entgegnete darauf: »In Wahrheit, wenn du meinem Vater gehörtest, ich hätte ihn veranlaßt, dich nicht für zweimal soviel Soltanís herzugeben; denn ihr Christen lügt immer in allen euren Angaben und stellt euch arm, um die Mauren zu hintergehen.« »Das könnte wohl sein, Fräulein«, antwortete ich ihr, »aber in Wahrheit, meinem Herrn gegenüber bin ich bei der Wahrheit geblieben und bleibe stets bei ihr und werde bei ihr bleiben gegenüber jedermann auf Erden.« »Und wann gehst du?« fragte Zoraida. »Morgen, glaube ich«, erwiderte ich, »denn es liegt hier ein Schiff aus Frankreich, das morgen unter Segel geht, und ich denke mit diesem zu reisen.« »Ist es nicht besser«, erwiderte Zoraida., »zu warten, bis Schiffe aus Spanien kommen, und lieber mit diesen zu fahren als mit den Franzosen, die nicht eure Freunde sind?« »Nein«, antwortete ich, »wiewohl ich, wenn man Nachricht hätte, daß ein spanisches Schiff in Bälde kommt, es abwarten würde. Indessen ist es sichrer, morgen abzureisen; denn meine Sehnsucht nach der Heimat und nach den Personen, die mir teuer sind, ist so heftig, daß sie mir nicht gestattet, eine andre, spätere Gelegenheit abzuwarten, wenn sie auch viel bequemer wäre.« »Du bist gewiß in deiner Heimat verheiratet«, sagte Zoraida, »und sehnst dich daher nach deinem Weibe zurück.« »Ich bin nicht verheiratet«, entgegnete ich, »aber ich habe mein Wort gegeben, mich zu verheiraten, sobald ich hinkomme.« »Und ist die Dame schön, der du dein Wort gegeben?« fragte Zoraida. »So schön ist sie«, antwortete ich, »daß sie, wenn ich sie nach Gebühr preisen und dir die Wahrheit sagen soll, dir sehr ähnlich sieht.« Darüber lachte ihr Vater herzlich und sprach: »Bei Allah, Christ, da muß sie sehr schön sein, wenn sie meiner Tochter ähnlich sieht; denn diese ist die Schönste in diesem ganzen Lande. Meinst du nicht, so sieh sie dir genau an, und du wirst finden, daß ich dir die Wahrheit sage.« Bei dem größten Teil dieser Unterredung diente uns Zoraidas Vater als Dolmetsch, da er in Sprachen erfahrener war; denn obwohl sie die Mischsprache redete, die, wie gesagt, dort üblich ist, so machte sie sich doch mehr durch Zeichen als durch Worte verständlich. Während wir nun bei diesen und sonst allerhand Gesprächen waren, kam ein Maure in vollem Lauf herbei und schrie laut, es seien über die Ummaurung oder Mauer des Gartens vier Türken herübergestiegen und pflückten das Obst ab, obschon es noch nicht reif sei. Der Alte erschrak heftig und ebenso Zoraida; denn die Furcht der Mauren vor den Türken ist allgemein und beinahe angeboren, besonders vor den Soldaten, die so unverschämt sind und über die Mauren, die ihnen Untertan sind, so große Gewalt haben, daß sie sie schlechter behandeln, als wenn es ihre Sklaven wären. Sogleich sprach nun Zoraidas Vater zu ihr: »Tochter, ziehe dich ins Haus zurück und schließe dich ein, während ich hingehe, mit diesen Hunden zu reden; und du, Christ, suche deine Kräuter und geh in Frieden, und Allah bringe dich glücklich zu deinem Lande heim.« Ich verneigte mich, und er ging hin, die Türken zu verjagen, und ließ mich mit Zoraida allein, welche zuerst tat, als wollte sie ins Haus, wie ihr Vater befohlen hatte; allein kaum war er hinter den Bäumen des Gartens verschwunden, als sie sich zu mir wendete und mit tränenvollen Augen zu mir sagte: »Tamechí, Christ, tamechí?« was bedeutet: »Gehst du, Christ, gehst du?« Ich antwortete ihr: »Allerdings, Fräulein, aber unter keiner Bedingung ohne dich; am nächsten Freitag erwartest du mich, und erschrick nicht, wenn du uns erblickst; denn ganz sicher reisen wir nach dem Christenlande.« Ich sagte ihr dies auf eine solche Art, daß sie mich nach all den Briefen, die zwischen uns gewechselt worden, sehr gut verstehen mußte; sie legte ihren Arm um meinen Hals und begann mit wankenden Schritten nach dem Hause zu gehen. Der Zufall aber – der ein sehr schlimmer hätte werden können, wenn der Himmel es nicht anders beschlossen hätte – fügte es, als wir auf die Art und in der Stellung dahingingen, wie ich euch berichtet, ihren Arm um meinen Hals geschlungen, daß da ihr Vater, der die Türken fortgewiesen hatte, zurückkam und uns auf solche Art und Weise zusammen gehen sah; wie wir denn auch bemerkten, daß er uns gesehen hatte. Zoraida, klug und besonnen, wollte ihren Arm nicht von meinem Halse wegziehen, schmiegte sich vielmehr dichter an mich und legte ihren Kopf an meine Brust, wobei sie die Knie ein wenig einsinken ließ und deutlich zu erkennen gab, daß eine Ohnmacht sie anwandle; und so ließ auch ich merken, daß ich sie wider Willen stützte. Ihr Vater lief eilends zu uns her, und als er seine Tochter in solchem Zustand sah, fragte er, was ihr fehle; aber da sie ihm nicht antwortete, sprach er: »Ganz gewiß ist sie vor Schrecken über das Eindringen dieser Hunde ohnmächtig geworden.« Er riß sie von meiner Brust weg und drückte sie an die seinige, und sie, einen Seufzer ausstoßend, die Augen noch nicht trocken von Tränen, sprach wiederum: »Amechí, Christ, amechí! Gehe, Christ, geh.« Darauf sagte ihr Vater: »Der Christ braucht ja nicht zu gehen, er hat dir nichts zuleide getan, und die Türken sind bereits fort. Es ist kein Grund, bange zu sein, es ist kein Grund, dich zu betrüben; denn, wie gesagt, die Türken sind auf meine Bitte desselben Weges zurückgekehrt, den sie hereingekommen waren.« »Die Türken, Señor«, sprach ich hier zu ihm, »haben sie erschreckt, wie Ihr gesagt habt; aber da sie sagt, ich soll gehen, will ich ihr nicht lästig fallen. Bleibet in Frieden, und mit Eurer Erlaubnis werde ich, wenn es nötig ist, wieder nach Kräutern in diesen Garten gehen; denn wie mein Herr sagt, gibt es in keinem bessere für Salat als in diesem.« »Sooft du willst, kannst du wiederkehren«, antwortete Hadschí Murad, »denn meine Tochter hat dies nicht gesagt, weil du oder ein andrer von den Christen ihr unangenehm gewesen. Vielmehr hat sie, während sie eigentlich sagen wollte, die Türken sollten gehen, nur irrtümlich gesagt, du solltest gehen, oder auch weil es bereits Zeit für dich war, deine Kräuter zu suchen.« Hiermit verabschiedete ich mich sogleich von beiden, und sie entfernte sich mit einem Gesichtsausdruck, als ob sie sich das Herz aus dem Leibe reißen wollte, mit ihrem Vater. Ich durchstreifte indessen unter dem Vorwand, Kräuter zu suchen, den ganzen Garten weit und breit, soviel ich nur Lust hatte; ich beobachtete, wo die Ein- und Ausgänge waren, wie das Haus verwahrt sei und welche Gelegenheiten sich darböten, um unser Vorhaben am besten auszuführen. Darauf ging ich von dannen und berichtete alles, was geschehen, dem Renegaten und meinen Gefährten und konnte kaum die Stunde erwarten, wo ich angstbefreit das Glück genießen würde, welches das Schicksal mir in der schönen reizenden Zoraida darbot. Endlich verging die Zeit, der Tag brach an, und der bestimmte Zeitpunkt näherte sich, den wir alle so heiß ersehnten, und da die Befehle und Anweisungen, die wir mit kluger Erwägung und langer Beratung zu öftern Malen erteilt hatten, von allen genau befolgt wurden, so gelang uns denn auch alles nach Wunsch. Denn am Freitag nach dem Tage, wo ich mit Zoraida im Garten gesprochen, ging der Renegat bei Anbruch der Nacht mit der Barke an einer Stelle vor Anker, wo fast gegenüber die reizende Zoraida weilte. Bereits waren die Christen, die die Ruderbank besetzen sollten, in Bereitschaft und an verschiedenen Stellen der Umgegend versteckt. Alle waren in Spannung und freudiger Aufregung und erwarteten mich voll Begier, sich des vor ihnen liegenden Schiffes alsbald zu bemächtigen; denn sie wußten nichts von der Verabredung mit dem Renegaten, sondern sie glaubten, sie sollten mit Gewalt ihre Freiheit gewinnen und zu diesem Zwecke den Mauren in der Barke das Leben rauben. Sobald ich mich nun nebst meinen Gefährten erblicken ließ, kamen all die andern versteckten Helfer auf uns zu. Das geschah zu der Zeit, wo bereits die Stadttore verschlossen waren, und es war in dem ganzen Gefilde umher niemand zu sehen. Als wir uns zusammengefunden, waren wir ungewiß, ob es besser sei, erst Zoraida zu holen oder zuerst die maurischen Bagarinos, die die Ruderbänke in der Barke besetzt hielten, zu überwältigen; und während wir noch in diesem Zweifel befangen waren, traf unser Renegat bei uns ein und fragte uns, womit wir uns noch aufhielten; es sei jetzt die Stunde, alle seine Mauren säßen sorglos da und die meisten in tiefem Schlummer. Wir sagten ihm unsere Bedenken, und er entgegnete, das Wichtigste sei, sich zuerst des Schiffes zu bemächtigen, was sich mit größter Leichtigkeit und ohne Gefahr tun lasse, und dann könnten wir gleich Zoraida abholen. Uns allen schien seine Ansicht die richtige, und ohne länger zu zögern, begaben wir uns unter seiner Führung zu dem Schiff; er sprang zuerst hinein, zog seinen Krummsäbel und rief auf maurisch: »Keiner von euch rühre sich von der Stelle, oder ihr seid des Todes.« Bereits waren fast alle Christen an Bord gestiegen. Als die Mauren, die ohnehin nicht sehr beherzt waren, ihren Schiffsherrn so reden hörten, schraken sie zusammen, und ohne daß einer von ihnen allen zu den Waffen griff – deren sie ohnehin wenige oder fast gar keine hatten –, ließen sie sich ohne die geringste Widerrede von den Christen die Hände binden. Diese taten das mit größter Geschwindigkeit, wobei sie den Mauren drohten, wenn sie irgendeinen Laut von sich gäben, so würde man sie auf der Stelle über die Klinge springen lassen. Als dieses vollbracht war, blieb die Hälfte der Unsern zur Bewachung der Ruderer zurück, und wir übrigen gingen, wiederum unter Führung des Renegaten, nach dem Garten Hadschí Murads, und das günstige Geschick fügte es, daß, als wir das Tor öffnen wollten, es mit solcher Leichtigkeit aufging, als wäre es gar nicht verschlossen gewesen; und so gelangten wir in großer Ruhe und Stille zu dem Hause, ohne daß jemand uns bemerkte. Schon stand die reizende Zoraida uns erwartend am Fenster, und sobald sie Laute hörte, fragte sie mit leiser Stimme, ob wir Nisaranís wären, das heißt soviel: ob wir Christen wären. Ich antwortete ihr mit Ja und bat sie herunterzukommen. Als sie mich erkannte, zögerte sie keinen Augenblick, eilte, ohne mir ein Wort zu erwidern, unverzüglich herunter, öffnete die Tür und zeigte sich aller Augen so schön und in so reicher Tracht, daß ich nicht imstande bin, es genügend zu preisen. Sobald ich sie erblickte, ergriff ich ihre Hand und küßte sie, und dasselbe tat auch der Renegat nebst meinen beiden Gefährten, und die andern, die von der Sache nichts wußten, taten, was sie uns tun sahen, und es schien nicht anders, als wollten wir ihr unsern ehrerbietigen Dank bezeigen und sie als unsre Herrin und Geberin unsrer Freiheit anerkennen. Der Renegat fragte sie auf maurisch, ob ihr Vater im Garten sei; sie antwortete, ja, er schlafe jedoch. »Dann wird es nötig sein, ihn aufzuwecken«, erwiderte der Renegat, »und ihn mit uns zu nehmen, sowie alles, was er in diesem schönen Garten Wertvolles hat.« »Nein«, entgegnete sie, »an meinen Vater dürft ihr unter keiner Bedingung rühren; auch befindet sich in diesem Hause nichts, als was ich mitnehme, und dies ist so viel, daß es hinreichen wird, um euch alle reich und zufrieden zu machen. Wartet nur einen Augenblick, und ihr werdet schon sehen.« Mit diesen Worten ging sie ins Haus zurück und sagte, sie werde gleich wiederkommen; wir möchten nur ruhig sein und kein Geräusch machen. Ich fragte den Renegaten, was er mit ihr verhandelt habe; er erzählte es mir, und ich erklärte ihm, es dürfe in keiner Beziehung irgend etwas andres geschehen, als was Zoraida wolle. Bereits erschien diese wieder, beladen mit einem Kästchen voller Goldtaler, so schwer, daß sie es kaum tragen konnte. Inzwischen wollte das Mißgeschick, daß ihr Vater aufwachte und das Geräusch vernahm, das sich hin und wieder im Garten bemerken ließ. Er trat ans Fenster, erkannte sogleich, daß alle Leute im Garten Christen waren, und mit gewaltigem unaufhörlichem Geschrei rief er auf arabisch: »Christen, Christen! Räuber, Räuber!« Dies Geschrei versetzte uns alle in unbeschreibliche Angst und Bestürzung. Aber der Renegat, der sah, in welcher Gefahr wir uns befanden und wieviel für ihn darauf ankam, mit diesem Unternehmen zu einem glücklichen Ende zu kommen, ehe man uns entdeckte, eilte mit größter Schnelligkeit hinauf zu Hadschí Murad und mit ihm ein paar der Unsrigen, während ich nicht wagte, Zoraida zu verlassen, die wie ohnmächtig mir in die Arme gesunken war. Kurzum, die, welche hinaufgeeilt waren, besorgten ihre Angelegenheit so schleunig, daß sie in einem Augenblick mit Hadschí Murad wieder herabkamen; sie brachten ihn mit gebundenen Händen, im Munde einen Knebel, der ihm kein Wort zu reden erlaubte; sie drohten ihm, wenn er zu sprechen versuche, würde es ihn das Leben kosten. Als seine Tochter ihn erblickte, verhüllte sie sich die Augen, um ihn nicht zu sehen, und ihr Vater stand voll Entsetzens, da er nicht wußte, wie sehr freiwillig sie sich in unsre Hände gegeben hatte. Da aber jetzt die Füße nötiger als alles andere waren, so begaben wir uns eiligst und ohne weiteres Überlegen zu der Barke, wo die Zurückgebliebenen uns bereits in Besorgnis erwarteten, es möchte uns etwas Übles zugestoßen sein. Es mochten kaum die zwei ersten Stunden der Nacht vorüber sein, als wir uns schon sämtlich in der Barke befanden, und hier nahm man dem Vater Zoraidas die Bande von den Händen und den Knebel aus dem Munde; allein der Renegat wiederholte seine Warnung, kein Wort zu sprechen, sonst würde man ihm das Leben rauben. Er aber, als er seine Tochter im Schiffe sah, begann schmerzlich zu seufzen, zumal da er bemerkte, daß ich sie innig umarmt hielt und daß sie, ohne abzuwehren oder zu klagen oder sich zu sträuben, ruhig dasaß; aber trotzdem schwieg er aus Furcht, der Renegat möchte seine Drohungen wahrmachen. Als nun Zoraida sah, daß sie sich an Bord befand und daß wir die Ruder hoben, um in See zu stechen, und daß ihr Vater dort saß nebst den andern gefesselten Mauren, sagte sie zu dem Renegaten, er möge mich um die Gunst für sie bitten, die Mauren von den Banden zu lösen und ihrem Vater die Freiheit zu geben; denn sie würde sich lieber ins Meer stürzen, als daß sie vor ihren Augen und um ihretwillen einen Vater, der sie so sehr geliebt, gefangen fortgeschleppt sähe. Der Renegat sagte es mir, und ich erwiderte, ich sei damit ganz einverstanden. Er aber entgegnete, es sei nicht tunlich, weil sie, wenn man sie hier am Ufer zurücklasse, sogleich das ganze Land zusammenschreien und die Stadt in Aufruhr bringen und Anstalten treffen würden, uns mit ein paar leichten Fregatten zu verfolgen und uns den Weg zu Lande und zur See zu verlegen, so daß wir nicht zu entkommen vermöchten. Was sich tun lasse, sei, an der ersten christlichen Küste, wo man anlegen werde, sie in Freiheit zu setzen. Dieser Meinung stimmten wir alle bei, und Zoraida, der man dieses nebst den Gründen mitteilte, die uns bewegen, ihrem Wunsche nicht sogleich zu entsprechen, gab sich ebenfalls zufrieden; und mit freudigem Stillschweigen und heiterem Bemühen erfaßte ein jeder von unsern kräftigen Rudersleuten seine Ruderstange, und uns von ganzem Herzen Gott befehlend, begannen wir, die Richtung auf die Balearen zu nehmen, welche das nächstgelegene Christenland sind. Allein da der Wind sachte von Norden zu wehen begann und die See ziemlich hoch ging, war es nicht möglich, den Kurs auf Mallorca einzuhalten, und wir sahen uns genötigt, uns am Ufer hin in der Richtung nach Orán treiben zu lassen, nicht ohne große Besorgnis, daß wir von Sargel aus entdeckt werden möchten, welcher Ort an dieser Küste etwa sechzig Meilen von Algier entfernt liegt. Auch fürchteten wir, in diesem Strich einem der Zweimaster zu begegnen, die gewöhnlich mit Handelsfracht von Tetuán kommen. Allerdings waren wir alle der Meinung, wenn uns ein Kauffahrteischiff begegnete, das nicht gerade zur Kaperei ausgerüstet wäre, würden wir nicht nur nicht ins Verderben geraten, sondern sogar ein Fahrzeug erbeuten, auf dem wir unsre Fahrt mit größerer Sicherheit vollenden könnten. Während wir so weiterruderten, hielt Zoraida ihren Kopf in meine Hände gedrückt, um ihren Vater nicht zu sehen, und ich hörte, wie sie beständig Lela Marién anrief, uns zu helfen. Wir mochten an die dreißig Meilen weit gerudert sein, als der Morgen uns zu leuchten begann und wir uns etwa drei Büchsenschüsse weit von der Küste fanden, die wir ganz menschenleer sahen, ohne jemand, der uns bemerken konnte. Aber dessenungeachtet suchten wir mit Aufgebot aller Kräfte einigermaßen die hohe See zu gewinnen, die jetzt etwas ruhiger war, und nachdem wir etwa zwei Meilen weit hinausgeschifft waren, wurde Befehl erteilt, abteilungsweise zu rudern, während wir etwas frühstücken wollten; denn die Barke war mit Mundvorrat wohlversehen. Allein die Ruderleute sagten, es sei jetzt keine Zeit, irgendwie der Ruhe zu pflegen; man möge denen, die nicht das Ruder führten, zu essen geben, sie aber würden unter keiner Bedingung die Ruder aus den Händen lassen. Es geschah also, aber währenddessen erhob sich ein kräftiger Wind, der uns zwang, die Segel beizusetzen und die Ruder einzuziehen und den Kurs nach Orán einzuhalten, weil eine andre Fahrt nicht möglich war. Alles wurde mit größter Schnelligkeit ausgeführt, und so fuhren wir unter Segel mehr als acht Seemeilen in der Stunde, ohne eine andre Besorgnis, als einem Schiff zu begegnen, das auf Kaperei ausgerüstet wäre. Wir gaben den maurischen Bagarinos zu essen, und der Renegat sprach ihnen Trost zu und sagte ihnen, sie seien hier nicht als Gefangene, man werde sie bei erster Gelegenheit in Freiheit setzen. Das nämliche sagte er dem Vater Zoraidas; der aber entgegnete: »Von eurer Großmut und Freundlichkeit könnte ich eher alles andre erwarten und glauben, ihr Christen; aber haltet mich nicht für so einfältig, daß ich glaube, ihr werdet mich in Freiheit setzen. Denn wahrlich, ihr habt euch ja nicht in die Gefahr begeben, mir die Freiheit zu rauben, um sie mir dann so freigebig wieder zu schenken, namentlich da ihr wißt, wes Standes ich bin und welcher Vorteil euch daraus entstehen kann, daß ihr mir sie wiedergebt. Und wollt ihr mir den Preis dafür angeben, so biete ich euch auf der Stelle alles an, was ihr für mich und für diese meine unglückliche Tochter verlangen wollt, oder aber für sie allein, die ja der größte und beste Teil meines Herzens ist.« Bei diesen Worten begann er so bitterlich zu weinen, daß er uns alle zum Mitleid bewegte und Zoraida nötigte, ihre Blicke auf ihn zu richten; und als sie ihn weinen sah, ward sie so gerührt, daß sie sich von ihrem Sitze zu meinen Füßen erhob und hineilte, ihren Vater zu umarmen. Sie preßte ihr Gesicht an das seinige, und beide brachen in so schmerzliches Jammern aus, daß viele von uns mit ihnen weinen mußten. Aber als ihr Vater sie in festlichem Schmucke und mit soviel Kostbarkeiten prangend sah, sagte er in seiner Sprache zu ihr: »Was ist das, Tochter? Gestern abend, ehe uns das schreckliche Unglück traf, in dem wir uns jetzt befinden, sah ich dich in deiner gewöhnlichen Haustracht:, und jetzt, ohne daß du Zeit hattest, dich umzukleiden, und ohne daß ich dir eine freudige Nachricht mitgeteilt hätte, die geeignet wäre, mit Schmuck und Kleidertracht gefeiert zu werden, sehe ich dich mit den herrlichsten Gewändern bekleidet, die ich dir, als uns das Glück am günstigsten war, zu geben imstande war? Gib mir Antwort hierauf, denn dies setzt mich in größeres Staunen und größere Verwunderung als all das Mißgeschick selbst, in dem ich mich befinde.« Alles, was der Maure seiner Tochter sagte, übersetzte uns der Renegat, und sie erwiderte ihm nicht ein Wort. Aber als er seitwärts in der Barke das Kästchen erblickte, worin sie gewöhnlich ihre Kostbarkeiten hatte und das er, wie er sich wohl erinnerte, in Algier gelassen und nicht in das Gartenhaus mitgenommen hatte, geriet er in noch größere Bestürzung und fragte, wie dies Kästchen in unsre Hände gelangt sei und was sich darin befinde. Darauf sagte der Renegat, ohne abzuwarten, daß ihm Zoraida eine Antwort erteilte: »Gebt Euch, Señor, nicht die Mühe, so viele Fragen an Zoraida zu richten; denn durch Beantwortung einer einzigen werde ich Euch über alles aufklären. So will ich Euch denn wissen lassen, daß sie Christin ist; sie allein war die Feile unsrer Ketten und die Befreiung aus unsrer Sklaverei. Sie befindet sich hier aus eignem, freiem Willen und ist, wie ich glaube, so froh darüber wie einer, der aus der Finsternis in das Licht heraustritt, aus dem Tode ins Leben, aus der Höllenpein in die Glorie des Himmels.« »Ist es Wahrheit, was der sagt, meine Tochter?« sprach der Maure. »Es ist so«, antwortete Zoraida. »Wie! Du bist wirklich«, erwiderte der Alte, »eine Christin? Du bist es, die ihren Vater in die Hände seiner Feinde überliefert hat?« Darauf antwortete Zoraida: »Eine Christin, das bin ich; ich bin es aber nicht, die dich in diese Lage versetzt hat; denn nie ging mein Wunsch dahin, dich im Leid zu verlassen oder dir ein Leid zuzufügen, nein, mir vielmehr Glück zu erwerben.« »Und welch ein Glück hast du dir erworben, meine Tochter?« »Das«, antwortete sie, »frage du Lela Marién, sie wird es dir besser sagen können als ich.« Kaum hatte der Maure dies gehört, als er mit unglaublicher Behendigkeit sich kopfüber ins Meer stürzte, wo er ohne Zweifel ertrunken wäre, wenn sein langes, faltiges Gewand ihn nicht eine kurze Zeit über Wasser gehalten hätte. Zoraida schrie, man möge ihn aus den Fluten retten; wir eilten ihm alle zu Hilfe, faßten ihn am Oberkleid und zogen ihn halb erstickt und besinnungslos heraus. Zoraida war so von Schmerz überwältigt, daß sie, als wenn er schon tot wäre, jammernd und schmerzvoll Klage über ihn erhob. Wir legten ihn mit dem Gesichte nach unten, er gab viel Wasser von sich, und nach zwei Stunden kam er wieder zu sich. Inzwischen war der Wind umgeschlagen; wir mußten wieder landwärts drehen und alle Kraft der Ruder aufbieten, um nicht an der Küste aufzufahren. Aber unser gutes Glück fügte es, daß wir eine Bucht erreichten, die längs eines kleinen Vorgebirgs oder einer Landzunge sich erstreckt und von den Mauren die Bucht der Caba rumia, das heißt des bösen Christenweibes, genannt wird. Nach einer Sage der Mauren liegt an diesem Orte die Caba begraben, um derentwillen Spanien zugrunde ging; denn Caba heißt in ihrer Sprache ein böses Weib und rumia eine Christin. Ja sie halten es sogar für eine üble Vorbedeutung, dort Anker zu werfen, wenn einmal die Notwendigkeit sie dazu zwingt; denn ohne eine solche gehen sie dort nie vor Anker. Indessen für uns war es nicht die Ruhestatt eines bösen Weibes, sondern der sichere Hafen unserer Rettung, so hoch ging die See. Wir stellten unsere Schildwachen am Lande aus und ließen die Ruder keinen Augenblick aus den Händen; wir aßen von den Vorräten, die der Renegat besorgt hatte, und beteten von ganzem Herzen zu Gott und Unserer Lieben Frau, uns hilfreich und gnädig zu sein, auf daß wir einen so günstigen Anfang mit glücklichem Ende krönen möchten. Auf Zoraidas Bitte wurde Anstalt getroffen, ihren Vater und die andern Mauren, die gebunden im Schiff lagen, ans Land zu setzen; denn sie hatte nicht das Herz, und ihr weiches Gemüt konnte es nicht ertragen, vor ihren Augen ihren Vater gefesselt und ihre Landsleute gefangen zu sehen. Wir versprachen ihr, es bei unserer Abfahrt zu tun, da keine Gefahr davon drohte, sie in dieser wüsten Gegend zurückzulassen. Unsere Gebete waren nicht so vergeblich, daß der Himmel sie nicht gehört hätte; er ließ alsbald den Wind zu unseren Gunsten umschlagen und die See ruhig werden und lud uns ein, die begonnene Fahrt jetzt wieder fröhlich fortzusetzen. Als wir das gewahrten, banden wir die Mauren los und setzten sie einen nach dem andern an Land, worüber sie sich höchlich wunderten. Als wir aber im Begriff waren, Zoraidas Vater, der wieder bei voller Besinnung war, auszuschiffen, sagte er: »Warum, glaubt ihr Christen, freut sich dies böse Weib, daß ihr mir die Freiheit schenkt? Glaubt ihr, es geschehe etwa aus Mitleid mit mir? Wahrlich nein, sie tut es nur, weil meine Anwesenheit sie stören würde, wenn sie ihre bösen Gelüste befriedigen will; auch dürft ihr nicht denken, daß sie zur Änderung ihres Glaubens deshalb bewogen worden, weil sie meint, dem eurigen gebühre der Vorzug vor dem unsrigen, sondern vielmehr, weil sie weiß, daß man in eurem Lande sich der Sittenlosigkeit freier hingeben kann als in dem unseren.« Hierauf wendete er sich zu Zoraida, wobei ich und ein anderer Christ ihn mit beiden Armen umfaßt hielten, damit er sich nicht zu etwas Wahnwitzigem hinreißen ließe, und sprach zu ihr: »O du schändliches Mädchen, du übelberatenes Kind! Wo willst du hin, blind und unsinnig, in der Gewalt dieser Hunde, unserer gebornen Feinde? Verflucht sei die Stunde, in der ich dich erzeugte, verflucht sei das Wohlleben und die Üppigkeit, worin ich dich auf erzog!« Da ich indessen gewahrte, daß er in einer Verfassung war, um nicht so bald zu Ende zu kommen, so beeilte ich mich, ihn ans Land zu setzen, aber auch von da aus fuhr er mit wilden Schreien fort in seinen Verwünschungen und Jammerklagen und rief Mohammed an, er möge Allah bitten, uns zu vernichten, zu verderben und auszutilgen. Und als wir, da wir unter Segel gegangen, seine Worte nicht mehr hören konnten, sahen wir noch sein leidenschaftliches Gebaren, wie er sich den Bart ausriß, die Haare raufte und sich auf den Boden niederwarf. Einmal aber erhob er seine Stimme so gewaltig, daß wir vernahmen, wie er rief: »Kehre zurück, geliebte Tochter, kehre ans Land zurück, ich verzeihe dir alles; überlaß diesen Leuten all das Geld dort, es gehört ja schon ihnen, kehre zurück, um deinem kummervollen Vater Trost zu spenden! Er wird in dieser Sandwüste das Leben lassen, wenn du ihn verlassest.« All dieses hörte Zoraida, und alles bewegte sie zu innigem Schmerz und heißen Tränen, und sie vermochte ihm nichts anderes zu sagen und kein anderes Wort zu erwidern als dies eine: »Es gebe Allah, mein Vater, daß Lela Marién, welche die Ursache ist, daß ich Christin geworden, dich in deiner Traurigkeit tröste! Allah weiß, daß ich nichts anderes tun konnte, als was ich getan, und daß diese Christen meinem guten Willen nichts zu danken haben, denn hätte ich auch den Willen gehabt, nicht mit ihnen zu gehen und in unserem Hause zu bleiben, es wäre mir unmöglich gewesen, so eilig drängte es mich in meiner Seele, dies Werk ins Werk zu setzen, das mich ein ebenso gutes dünkt, wie du, geliebter Vater, es für ein schlechtes erachtest.« Als Zoraida dieses sprach, konnte ihr Vater sie schon nicht mehr hören und wir ihn nicht mehr sehen. Ich sprach ihr Trost zu, und wir alle waren nur noch auf unsere Fahrt bedacht, die jetzt der Wind begünstigte, so daß wir es wirklich für sicher hielten, bei Anbruch des nächsten Morgens die spanische Küste zu erreichen. Aber da selten oder nie das Glück uns rein und ungetrübt zuteil wird, ohne daß ein verwirrender oder plötzlich heranstürmender Unfall es begleitet oder ihm nachfolgt, so fügte es unser Geschick oder veranlaßten es vielleicht die Verwünschungen, die der Maure auf seine Tochter geschleudert – denn stets sind solche Flüche zu fürchten, von welchem Vater sie auch kommen mögen –, es fügte das Schicksal, sage ich, als wir uns bereits auf hoher See befanden und schon etwa drei Stunden der Nacht vorüber waren und wir unter vollgeschwelltem Segel hinfuhren und mit festgebundenen Ruderstangen, da der günstige Wind uns der Mühe überhob, sie zu gebrauchen, daß wir da plötzlich beim hellen Scheine des Mondes dicht bei uns ein Rundschiff sahen, das alle Segel gesetzt hatte und das Steuer etwas nach links hielt und quer vor uns vorüberfuhr, und zwar so nahe, daß wir die Segel reffen mußten, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Und die anderen ihrerseits legten sich mit aller Macht in das Steuer, um uns Raum zum Vorbeifahren zu lassen. Jene hatten sich an Bord des Schiffes aufgestellt, um uns zu fragen, wer wir seien, wohin wir segelten und woher wir kämen; aber da sie uns dies auf französisch fragten, so sagte unser Renegat: »Keiner gebe Antwort, denn dies sind ohne Zweifel französische Seeräuber, denen alles recht zum Plündern ist.« Auf diese Warnung hin antwortete keiner ein Wort. Aber kaum waren wir an ihnen vorbei, und das Schiff segelte bereits unter dem Wind, als jenes unversehens zwei Geschütze löste, und wie es schien, waren beide mit Kettenkugeln geladen; denn der eine Schuß riß unsern Mast mitten durch und warf ihn samt dem Segel ins Meer, und da im nämlichen Augenblick das andere Geschütz feuerte, schlug die Kugel mitten in unser Schiff ein, so daß sie es ganz auseinanderriß, ohne jedoch anderen Schaden zu tun. Wie wir nun unsere Barke sinken sahen, begannen wir alle um Hilfe zu schreien und die im Schiffe zu bitten, sie möchten uns aufnehmen, weil wir am Ertrinken wären. Jetzt drehten sie bei, ließen ihr Boot oder ihre Schaluppe in See, und es stiegen gegen zwölf Franzosen darein, wohlbewaffnet mit Musketen und brennenden Lunten, und fuhren dicht an unser Schiff heran. Als sie aber sahen, daß unsere Anzahl so gering und das Schiff im Sinken war, nahmen sie uns an Bord, wobei sie sagten, wir hätten dies alles nur unserer Unhöflichkeit zuzuschreiben. Unser Renegat nahm das Kästchen mit Zoraidas Reichtümern und warf es unbemerkt ins Meer. Nun begaben wir uns insgesamt zu den Franzosen hinüber, und diese, nachdem sie uns über alles ausgefragt hatten, was sie von uns zu wissen wünschten, nahmen uns alles weg, was wir besaßen, als wären wir ihre Todfeinde, und Zoraida beraubten sie sogar der Spangen, die sie an den Fußgelenken trug. Doch die Bekümmernis, in welche sie Zoraida hiermit versetzten, war bei mir lange nicht so groß als diejenige, die mir aus der Angst entstand, sie möchten vielleicht vom Raub der reichen und kostbaren Kleinodien weitergehn zum Raub jenes einen Kleinods, das den höchsten Wert hatte und von ihr am höchsten geschätzt wurde. Indessen geht die Gier dieser Leute auf nichts weiteres als auf das Geld, dessen sich ihre Habsucht nie ersättigen kann, und sie trieben es so arg, daß sie uns selbst die Sklavenkleider weggenommen hätten, wenn diese vom geringsten Nutzen für sie gewesen wären. Es war sogar unter ihnen die Rede davon, man solle uns alle in ein Segel wickeln und ins Meer werfen, denn sie hatten die Absicht, etliche spanische Häfen anzulaufen und sich dabei für Bretonen auszugeben, und wenn sie uns lebend mitnähmen, so würden sie der Strafe nicht entgehen, weil der verübte Raub nicht unentdeckt bliebe. Allein der Hauptmann, der nämliche, der meine geliebte Zoraida ausgeplündert hatte, sagte, er für seinen Teil begnüge sich mit der Beute, die er schon habe, und er wolle keinen spanischen Hafen anlaufen, sondern bei Nacht, oder wie es ihm sonst möglich wäre, durch die Meerenge von Gibraltar nach La Rochelle gehen, von wo er ausgelaufen sei. So kamen sie denn überein, uns das Beiboot ihres Schiffes zu überlassen nebst allem für die kurze Fahrt Erforderlichen, die wir noch vor uns hatten, was sie auch am nächsten Tage ausführten, als wir bereits im Angesicht der spanischen Küste waren. Bei diesem Anblick war all unser Kummer und all unsere Armut gänzlich vergessen, als wären es nicht wir, die das alles erlebt hätten; so groß ist die Freude, die verlorene Freiheit wiederzugewinnen. Es mochte gegen Mittag sein, als sie uns in das Boot aussetzten, wobei sie uns zwei Fässer mit Wasser und etwas Zwieback mitgaben; und der Schiffshauptmann gab, ich weiß nicht in welcher Anwandlung von Barmherzigkeit, der lieblichen Zoraida beim Einschiffen etwa vierzig Goldtaler und erlaubte seinen Soldaten nicht, ihr ihre Kleider wegzunehmen, dieselben, die sie noch jetzt trägt. Wir stiegen in das Boot und dankten ihnen für das Gute, was sie an uns getan; wir wollten lieber unsere Erkenntlichkeit als unsern Groll zeigen. Sie suchten nun die hohe See zu gewinnen, um die Richtung nach der Meerenge einzuschlagen; wir aber, ohne nach einem andern Leitstern zu blicken als nach der Küste vor uns, ruderten so tapfer voran, daß wir bis Sonnenuntergang nahe genug waren, um nach unserer Meinung noch vor Einbruch der vollen Nacht das Gestade erreichen zu können. Aber da in jener Nacht der Mond nicht schien und der Himmel, finster war und da wir die Küste nicht kannten, wo wir hingeraten, hielten wir es nicht für sicher, ans Land zu stoßen, während viele von uns gerade dies vorzogen und meinten, wir sollten aufs Land zusteuern, selbst wenn wir auf Felsen und fern von bewohnten Gegenden landen sollten, denn nur so könnten wir der Gefahr entgehen, die wir mit Recht fürchteten, daß dortherum Korsarenschiffe aus Tetuán streifen möchten, welche bei Anbruch der Nacht noch in der Berberei und beim Frührot schon an den spanischen Küsten sind, hier gewöhnlich Beute machen und dann heimkehren, um nachts wieder zu Hause zu schlafen. Endlich einigten wir uns dahin, daß wir uns allmählich dem Lande nähern und, wenn die ruhige See es gestatte, uns ausschiffen sollten, wo es eben möglich wäre. So geschah es denn auch, und es mochte kurz vor Mitternacht sein, als wir an den Fuß eines hohen, unförmigen Berges gelangten, der jedoch nicht so schroff aus der See aufstieg, daß er uns nicht ein wenig Raum zur bequemen Landung verstattet hätte. Wir stießen an das sandige Ufer, sprangen alle ans Land, küßten den Boden und dankten mit innigsten Freudentränen Gott unserm Herrn für die unvergleichliche Wohltat, die er uns erwiesen. Wir nahmen aus dem Boote die darin befindlichen Vorräte, zogen es an Land und stiegen eine große Strecke den Berg hinauf. Denn waren wir nun auch angelangt, so konnten wir doch unser Gemüt noch nicht beruhigen und nicht völlig glauben, daß es christlicher Boden sei, der unsere Füße trage. Der Morgen schien mir später anzubrechen, als wir gewünscht hätten; wir stiegen den ganzen Berg vollends hinauf, um zu sehen, ob sich von da aus ein bewohnter Ort entdecken lasse oder wenigstens ein paar Schäferhüttchen; aber so weit wir auch die Blicke aussandten, sahen wir weder einen Wohnort noch einen Menschen, weder Weg noch Steg. Trotzdem beschlossen wir, weiter ins Land hineinzugehn, da es doch nicht anders sein konnte, als daß wir bald jemanden auffinden würden, der uns Nachricht über das Land gäbe. Was mich indessen am meisten quälte, war, daß ich sehen mußte, wie Zoraida zu Fuß diese unwegsame Gegend durchwanderte. Denn wiewohl ich sie manchmal auf meinen Armen trug, so ermüdete meine Ermüdung sie weit mehr, als das Ausruhen ihr zur Ruhe ward, und daher wollte sie mir diese Mühe durchaus nicht nochmals zumuten. Ich führte sie daher immer an der Hand, wobei sie große Geduld bewies und stets den Schein der Heiterkeit bewahrte, und so mochten wir weniger als eine Viertelmeile gegangen sein, als plötzlich der Klang einer Schelle an unsere Ohren drang, ein deutliches Zeichen, daß dort in der Nähe sich eine Herde befinden müßte, und als wir alle aufmerksam umherspähten, ob eine solche sich sehen lasse, bemerkten wir am Fuß einer Korkeiche einen jungen Schäfer, der ruhig und sorglos sich mit seinem Messer einen Stab schnitzte. Wir riefen ihm laut zu, er hob den Kopf und sprang in die Höhe, und die ersten, die ihm vors Auge kamen, waren, wie wir nachher erfuhren, der Renegat und Zoraida. Und da er sie in Maurentracht sah, meinte er gleich, alle Mauren aus der ganzen Berberei seien ihm schon auf dem Hals; er lief mit wunderbarer Geschwindigkeit in den Wald und weiter und schrie aus vollem Hals: »Mauren, Mauren sind im Land! Mauren, Mauren! Zu den Waffen, zu den Waffen!« Bei diesem Geschrei gerieten wir alle in Bestürzung und wußten nicht, was wir anfangen sollten. Da wir indessen bedachten, das Geschrei des Schäfers müsse das Land in Aufruhr bringen und die Strandreiter würden bald herbeieilen, um zu sehen, was vorgehe, so beschlossen wir, der Renegat solle seine Türkenkleider ausziehen und ein maurisches Gileco, das heißt eine Sklavenjacke anlegen, welche einer von uns ihm auf der Stelle gab, obschon er deshalb im bloßen Hemde einhergehen mußte. Und so befahlen wir uns Gott dem Herrn und zogen desselben Weges, den wir den Schäfer hatten einschlagen sehen, stets den Augenblick erwartend, wo die Strandreiter über uns herfallen würden. Und unsere Vermutung trog uns nicht; denn es mochten noch nicht zwei Stunden vergangen sein, als wir, aus dem Dickicht bereits auf ebenes Land herausgekommen, gegen sechzig Reiter erblickten, die in rasender Eile mit verhängten Zügeln auf uns zukamen; sobald wir ihrer ansichtig wurden, standen wir still und erwarteten sie. Als sie nun in die Nähe kamen und statt der Mauren, die sie suchten, so viele arme Christen erblickten, wußten sie sich gar nicht dareinzufinden. Einer von ihnen aber fragte uns, ob wir vielleicht der Anlaß gewesen seien, daß ein Schäfer Lärm geschlagen und zu den Waffen gerufen habe. Ja, sagte ich; und als ich gerade anfangen wollte, ihm meine Erlebnisse zu erzählen, und woher wir kämen und woher wir seien, erkannte einer der Christen, die unsre Rudersleute gewesen, den Reiter, der die Frage an uns gerichtet, und sprach, ohne mich ein Wort reden zu lassen: »Preis und Dank sei Gott, ihr Herren, der uns zu so gutem Ziel geführt hat; denn wenn ich mich nicht irre, ist der Boden, den wir betreten, die Gemarkung von Vélez Málaga; und falls nicht etwa nach den langen Jahren der Sklaverei mein Gedächtnis mich täuscht, seid Ihr, Señor, der Ihr uns fragt, wer wir seien, Pedro de Bustamante, mein Oheim.« Kaum hatte der Christensklave das gesagt, als der Reiter vom Pferde herabsprang, auf den Jüngling zustürzte und ihn in die Arme schloß mit den Worten: »Du mein Herzensneffe, mein geliebter Neffe, wohl erkenne ich dich, und längst haben wir dich als tot beweint, ich und meine Schwester, deine Mutter, und alle die Deinigen, die noch am Leben sind, und Gott war so gnädig, ihr Leben zu verlängern, damit sie das Vergnügen genießen, dich wiederzusehen. Wir hatten gehört, daß du dich in Algier befandest, und nach deiner Kleidung und dem Aufzug deiner ganzen Gesellschaft zu schließen, muß es bei eurer Befreiung wunderbar zugegangen sein.« »So ist's«, antwortete der Jüngling, »und wir werden Zeit finden, Euch alles zu berichten.« Sobald die Reiter wahrnahmen, daß wir befreite Christensklaven waren, stiegen sie von ihren Pferden, und jeder bot uns das seinige an, um uns nach der Stadt Vélez Málaga zu bringen, die anderthalb Meilen von da entfernt lag. Einige von ihnen gingen zurück, um das Boot nach der Stadt zu bringen, da wir ihnen sagten, wo wir es gelassen; die andern nahmen uns hinter sich auf ihre Pferde, und Zoraida ritt auf dem Pferde des Oheims des erwähnten Sklaven. Das ganze Volk kam uns aus der Stadt entgegen, da man von einem, der vorausgelaufen war, schon die Nachricht von unsrer Ankunft erfahren hatte. Sie wunderten sich nicht darüber, befreite Christensklaven oder in Sklaverei geratene Mauren zu erblicken; denn alle Leute an dieser Küste sind jene wie diese zu sehen gewohnt. Was sie bewunderten, war Zoraidas Schönheit, die zu dieser Zeit und in diesem Augenblicke auf ihrem Höhepunkt stand, infolge der Bewegung beim Reiten sowohl als auch der Freude, sich endlich auf christlichem Boden zu befinden. Das frohe Gefühl der überstandenen Gefahr hatte ihre Wangen mit so lieblicher Röte überzogen; daß ich wagen möchte zu behaupten, wenn nicht die Neigung mich damals täuschte: es hat nie ein schöneres Geschöpf auf Erden gegeben, wenigstens habe ich keines je gesehen. Wir begaben uns geradeswegs in die Kirche, um Gott für die gewährte Gnade Dank zu sagen, und sowie Zoraida hineintrat, sagte sie gleich, es seien hier Gesichter, die demjenigen Lela Mariéns ähnlich sähen. Wir sagten ihr, es seien Bildnisse von ihr, und der Renegat erklärte ihr, so gut er konnte, was die Bilder bedeuteten, damit sie dieselben verehre, als ob deren jedes in Wirklichkeit die nämliche Lela Maria wäre, die mit ihr gesprochen habe. Da sie einen guten Verstand und eine leichte Fassungskraft besitzt, begriff sie sofort alles, was man ihr über die Bilder sagte. Von der Kirche aus führte und verteilte man uns in verschiedene Häuser des Ortes; allein den Renegaten, Zoraida und mich führte jener Christ, der mit uns hierhergekommen, in das Haus seiner Eltern, die mit den Gaben des Glücks mäßig bedacht waren und uns mit soviel Liebe aufnahmen und pflegten wie ihren eignen Sohn. Sechs Tage blieben wir zu Vélez, und hierauf ging der Renegat, nachdem er sich zunächst der kirchlichen Untersuchung unterworfen hatte, nach der Stadt Granada, um durch Vermittlung der heiligen Inquisition wieder in den Schoß der Allerheiligsten Kirche aufgenommen zu werden. Die übrigen befreiten Christen wendeten sich ein jeder dahin, wohin es ihn am besten bedünkte. Zoraida und ich blieben allein zurück, nur mit den wenigen Talern, die die Höflichkeit des Franzosen Zoraida geschenkt hatte, und von diesem Gelde kaufte ich das Tier, auf dem sie reitet. Bis jetzt weihe ich ihr meine Dienste als Vater und Reisebegleiter, nicht als Gatte, und so ziehen wir hin mit der Absicht, zu erfahren, ob mein Vater noch am Leben ist oder ob einem meiner Brüder ein günstigeres Schicksal als mir geworden. Zwar da der Himmel mich zu Zoraidas Lebensgefährten bestimmt hat, so bedünkt es mich, daß mir kein andres Los zufallen könnte, so günstig es auch wäre, das ich höher schätzen würde. Die Geduld, mit der Zoraida die Beschwerden erträgt, welche die Armut mit sich bringt, und ihre Sehnsucht, bald Christin zu sein, ist so groß und von solcher Art, daß sie mir Bewunderung abnötigt und mich dazu verpflichtet, ihr alle Zeit meines Lebens meine Dienste zu weihen; wiewohl die Wonne, der Ihrige zu sein und sie die Meine zu nennen, mir dadurch getrübt und zerstört wird, daß ich nicht weiß, ob ich in meinem Vaterland einen Winkel finden werde, um ihr ein Heim zu bereiten, und ob nicht die Zeit und der Tod eine solche Änderung in den Verhältnissen und der Lebensweise meines Vaters und meiner Brüder bewirkt haben, daß ich, wenn sie nicht mehr da sind, kaum jemanden finden würde, der mich kennen wollte. Mehr weiß ich euch nicht, meine Herren, von meiner Geschichte zu sagen. Ob sie unterhaltend und merkwürdig ist, mag eure erprobte Einsicht beurteilen. Was mich betrifft, so muß ich sagen, ich hätte sie euch gern in gedrängterer Kürze erzählt, wiewohl ohnehin schon die Besorgnis, euch zu langweilen, meiner Zunge geboten hat, mehr als einen Umstand beiseite zu lassen. 42. Kapitel Welches berichtet, was noch weiter in der Schenke vorging, und auch von viel andern wissenswürdigen Dingen handelt Nach diesen Worten schwieg der Maurensklave, und Don Fernando sprach zu ihm: »Gewiß, Herr Hauptmann, der Stil und Ton, in dem Ihr uns diese merkwürdige Geschichte erzählt habt, verdient das Lob, daß er der Neuheit und Merkwürdigkeit der Sache selbst ganz ebenbürtig war. Alles war ungewöhnlich und eigentümlich und voll von Begebnissen, die den Hörer spannen und in Staunen setzen. Und wir haben Euch mit so viel Vergnügen zugehört, daß, wenn uns auch noch der morgende Tag bei der Unterhaltung mit dieser Geschichte träfe, wir uns freuen würden, wenn sie aufs neue begänne.« Nun erboten sich ihm auch der Pfarrer und die andern zu allen Dienstleistungen, die in ihren Kräften stünden, und dies in so freundschaftlichen und aufrichtigen Ausdrücken, daß der Hauptmann über ihre wohlwollenden Gesinnungen hoch erfreut war. Insbesondere bot ihm Don Fernando an, wenn er mit ihm heimkehren wolle, so würde er seinen Bruder, den Marquis, veranlassen, bei Zoraidas Taufe die Patenstelle zu übernehmen, und er für seinen Teil würde so für ihn sorgen, daß er in seiner Heimat mit aller Würde und Bequemlichkeit eintreffen könne, die seiner Person gebühre. Der Sklave dankte für dies alles mit feinster Höflichkeit, wollte jedoch keine seiner großmütigen Anerbietungen annehmen. Indessen nahte bereits die Nacht, und bei deren Einbruch kam eine Kutsche in Begleitung einiger Leute zu Pferd in der Schenke an. Sie verlangten Herberge, worauf die Wirtin antwortete, es sei in der ganzen Schenke nicht eine Handbreit mehr unbesetzt. »Wenn das auch der Fall ist«, sprach einer der Leute zu Pferd, die in den Hof hereingeritten waren, »wird es doch an Raum für den Herrn Oberrichter nicht fehlen, der hier ankommt.« Bei diesem Namen geriet die Wirtin in Verlegenheit und sagte: »Die Schwierigkeit ist nur die, daß ich keine Betten habe; wenn Seine Gnaden der Herr Oberrichter ein solches mit sich führt, und ganz gewiß wird das der Fall sein, so möge er in Gottes Namen einkehren, und mein Mann und ich werden unser Gemach räumen, um es Seiner Gnaden bequem zu machen.« »In Gottes Namen denn«, erwiderte der Reisediener. Inzwischen war aber schon ein Herr aus der Kutsche gestiegen, an dessen Tracht man sofort seinen Stand und Amtsberuf erkannte; denn das lange Gewand und die weiten Ärmel mit Handkrausen zeigten, daß er ein Oberrichter war, wie sein Diener gesagt hatte. Er führte an seiner Hand ein Fräulein, das etwa sechzehn Jahre alt schien; sie war im Reiseanzug und so zierlich, schön und fein anzuschauen, daß ihr Anblick allen Bewunderung abnötigte; ja, sie alle, hätten sie nicht Dorotea, Luscinda und Zoraida gesehen, die in der Schenke waren, hätten glauben müssen, daß eine ähnliche Schönheit wie die dieses Fräuleins nicht so leicht zu finden sei. Beim Eintreten des Oberrichters und des Fräuleins war Don Quijote zugegen, und als dieser den fremden Herrn sah, sprach er sogleich: »Euer Gnaden kann getrost Einkehr halten und sich ergehen in dieser Burg. Denn wiewohl sie eng und ohne Bequemlichkeit ist, gibt es weder eine Enge noch Unbequemlichkeit, so nicht für das Waffenwerk und die Gelehrsamkeit Raum hätten, zumal wenn Waffenwerk und Gelehrsamkeit die Schönheit als Führerin und Wegweiserin bei sich haben, wie Euer Gnaden Gelahrtheit sie in diesem schönen Fräulein bei sich hat, einer Dame, vor welcher nicht nur die Burgen sich erschließen und ihr Inneres offenbaren, sondern auch die Felsen sich auseinandertun und die Berge sich spalten und herabneigen müssen, um ihr Einlaß zu gewähren. Es trete also, sag ich, Euer Gnaden in dies Paradies ein; denn hier werdet Ihr Sterne und Sonnen finden, würdig, dem Himmel sich zu gesellen, den Euer Gnaden mitbringt; hier werdet Ihr das Waffenwerk auf seiner höchsten Stufe und die Schönheit auf dem Gipfel der Vollkommenheit finden.« Der Oberrichter geriet in Verwunderung über Don Quijotes Reden und begann ihn mit großer Aufmerksamkeit zu betrachten; er wunderte sich nicht weniger über sein Aussehen als über seine Äußerungen, und ehe er seinerseits Worte der Entgegnung fand, geriet er aufs neue in Staunen, als er Luscinda, Dorotea und Zoraida erscheinen sah; diese nämlich waren bei der Neuigkeit von den neuen Gästen und bei der Kunde von der Schönheit des Fräuleins, von der ihnen die Wirtin gesagt, herzugeeilt, um sie zu sehen und zu empfangen. Don Fernando indessen und Cardenio und der Pfarrer begrüßten ihn auf eine verständigere und weltmännischere Weise, als Don Quijote es getan. Endlich trat der Herr Oberrichter ins Haus, höchst befremdet über alles, was er sah und was er hörte, und die Schönen aus der Schenke hießen das schöne Fräulein willkommen. Der Oberrichter bemerkte alsbald, daß all die Anwesenden vornehme Leute waren; allein Don Quijotes Gestalt, Aussehen und Haltung machten ihn gänzlich irre. Und nachdem man gegenseitig viele Höflichkeiten ausgetauscht und die Räumlichkeiten der Schenke besichtigt, traf man die Anordnung, daß alle Frauen sich der Abrede gemäß in die schon erwähnte Kammer begeben, die Männer aber vor dieser gleichsam als Schutzwache bleiben sollten. So war der Oberrichter damit einverstanden, daß seine Tochter – dies war das Fräulein – mit den übrigen Damen ginge, was sie gerne tat; und mit einem Teil vom schmalen Bette des Schenkwirts und mit der Hälfte des vom Oberrichter mitgebrachten machten die Damen es sich diese Nacht bequemer, als sie es erwartet hatten. Der befreite Maurensklave, dem vom ersten Augenblick an, wo er den Oberrichter erblickte, das Herz heftig pochte und Ahnungen erweckte, daß dies sein Bruder sein könne, fragte einen der Diener, die den letzteren begleiteten, wie der Herr heiße und aus welcher Gegend er sei. Der Diener antwortete, jener sei der Lizentiat Juan Pérez de Viedma und stamme seines Wissens aus einem Ort im Gebirge von León. Diese Mitteilung, und was er mit eignen Augen gesehen, überzeugte ihn vollends, jener sei sein Bruder, der nach dem Rat seines Vaters sich den Studien gewidmet hatte; und in höchster Aufregung und Freude rief er Don Fernando, Cardenio und den Pfarrer beiseite, erzählte ihnen, was vorgehe, und gab ihnen die Gewißheit, der Oberrichter sei sein Bruder. Der Diener hatte ihm auch noch erzählt, derselbe gehe nach Indien, da er als Oberrichter beim Appellationshof von Mexiko angestellt sei. Er erfuhr auch, jenes Fräulein sei dessen Tochter, ihre Mutter sei an der Geburt des Mädchens gestorben und der Vater sei durch die Mitgift, die ihm samt der Tochter im Hause verblieben, ein sehr reicher Mann geworden. Er bat sie um Rat, welchen Weg er einschlagen solle, um sich ihm zu entdecken oder um sich vorher zu vergewissern, ob etwa, wenn er sich dem Richter entdeckt habe, dieser sich der Armut des Bruders schämen oder ihn mit liebevollem Herzen aufnehmen werde. »Es möge mir überlassen bleiben, diese Probe anzustellen«, sagte der Pfarrer, »zumal sich gar nichts andres denken läßt, als daß Ihr, Herr Hauptmann, die allerbeste Aufnahme finden werdet. Denn die geistige Bedeutung und der verständige Sinn, die Euer Bruder in seinem edlen Äußeren erkennen läßt, deuten nicht darauf, daß er hochmütig oder vergeßlich ist oder daß er nicht die Zufälligkeiten des Schicksals richtig zu würdigen weiß.« »Trotz alledem«, sagte der Hauptmann, »möchte ich mich ihm nicht mit einemmal, sondern nur allmählich, wie auf Umwegen, zu erkennen geben.« »Ich sage Euch ja«, entgegnete der Pfarrer, »ich werde meinen Plan so anlegen, daß wir alle zufrieden sein werden.« Inzwischen war das Abendessen schon aufgetragen, und alle setzten sich an den Tisch außer dem Hauptmann sowie den Damen, welche in ihrem Zimmer für sich speisten. Während man nun bei der Tafel war, sprach der Pfarrer: »Herr Oberrichter, desselben Namens wie Euer Gnaden hatte ich einen Kameraden in Konstantinopel, wo ich ein paar Jahre in der Sklaverei war, und dieser Kamerad war einer der tüchtigsten Soldaten und Hauptleute im ganzen spanischen Fußvolk; aber so mutig und tapfer er war, so unglücklich war er auch.« »Und wie hieß dieser Hauptmann, mein werter Herr?« fragte der Oberrichter. »Er hieß«, antwortete der Pfarrer, »Rui Pérez de Viedma und war gebürtig aus einem Ort im Gebirge von Léon. Er erzählte mir eines Tages einen Vorfall, der sich zwischen seinem Vater und seinen Brüdern zugetragen, und hätte mir ihn nicht ein so wahrheitsliebender Mann wie er erzählt, so hätte ich es für eines jener Märchen gehalten, wie sie die alten Weiber des Winters beim Herdfeuer erzählen. Denn er sagte mir, sein Vater habe sein Vermögen unter seine drei Söhne verteilt und ihnen dabei besseren Rat gegeben, als man in den Gedichten des Dionysius Cato findet. Und ich muß sagen, der Rat, dem er folgte, in den Krieg zu gehen, schlug ihm so gut aus, daß er es in wenigen Jahren durch seine Tapferkeit und seine Tüchtigkeit bis zum Hauptmann beim Fußvolk brachte und in solcher Achtung stand, daß er sich schon auf dem Wege sah, demnächst Oberst zu werden. Allein das Glück ward ihm feindlich, denn gerade als er berechtigt schien, dessen Gunst zu erwarten, da büßte er sie vollständig ein, indem er seine Freiheit an jenem ruhmreichen Schlachttage verlor, wo so viele sie wiedererlangten, nämlich bei Lepanto. Ich meinesteils verlor die Freiheit in Goleta, und später fanden wir uns infolge verschiedener Schicksale als Kameraden in Konstantinopel. Von dort kam er nach Algier, wo ihm, wie mir bekannt, eines der seltsamsten Abenteuer von der Welt begegnet ist.« Nun fuhr der Pfarrer fort, in gedrängter Kürze alles zu erzählen, was dem Bruder mit Zoraida begegnet war, und der Oberrichter hörte dem Zeugen so merkwürdiger Erlebnisse mit höherer Spannung zu, als er jemals bei Gericht einen Zeugen verhört hatte. Der Pfarrer ging nur bis zu dem Punkte, wo die Franzosen die in der Barke segelnden Christen ausplünderten, so daß seine Gefährten und die schöne Maurin in Armut und Not gerieten; er habe nicht erfahren, wohin sie weiter gelangt seien, ob sie nach Spanien gekommen oder ob die Franzosen sie nach Frankreich gebracht hätten. Alles, was der Pfarrer erzählte, hörte der Hauptmann mit an, der nicht weit davon stand und jede Bewegung seines Bruders beobachtete; dieser aber seufzte tief auf, als der Pfarrer seine Erzählung geendet, seine Augen füllten sich mit Tränen, und er sprach: »O Señor! Wenn Ihr wüßtet, was für Nachrichten Ihr mir mitgeteilt habt und wie nahe sie mich berühren! So nahe, daß ich es mit meinen Tränen bezeugen muß, die gegen alle Schicklichkeit und meiner Zurückhaltung zum Trotz mir aus den Augen strömen! Dieser tapfere Hauptmann, den Ihr nennt, ist mein ältester Bruder, der, weil er tüchtiger und von höherem Streben als ich und mein jüngster Bruder, den ehrenvollen und würdigen Beruf des Kriegers erwählte, als die eine Laufbahn von den dreien, die unser Vater uns vorschlug, wie Euer Kamerad Euch in der Erzählung, die Euch so märchenhaft erschien, mitgeteilt hat. Ich schlug die gelehrte Laufbahn ein, in welcher Gott und mein beharrlicher Fleiß mich zu der Stellung befördert haben, in welcher Ihr mich seht. Mein jüngerer Bruder befindet sich in Peru und ist so reich, daß er mit dem Gelde, das er meinem Vater und mir gesendet, seinen einst mitgenommenen Anteil reichlich ersetzt, ja meinem Vater hinreichende Mittel in die Hände gegeben hat, um seiner angeborenen Freigebigkeit Genüge zu tun. Und so war auch mir die Möglichkeit geworden, mich während meiner Studien anständiger und standesgemäßer zu halten und zu dem Posten zu gelangen, welchen ich jetzt bekleide. Noch lebt mein Vater und stirbt schier vor Sehnsucht, von seinem ältesten Sohne zu hören, und fleht zu Gott mit unaufhörlichem Gebete, daß der Tod ihm nicht eher die Augen schließe, bis er die seines Sohnes noch im Lebensglanze wiedergesehen. Von diesem aber, der doch ein so verständiger Mann ist, wundert es mich, daß er in seinen großen Drangsalen und Widerwärtigkeiten oder wenigstens, als er in glücklicheren Verhältnissen war, seinem Vater nie die geringste Nachricht von sich gesandt hat; denn wenn dieser oder einer von uns es erfahren hätte, so wäre er nicht genötigt gewesen, auf das Wunder mit dem Rohrstab zu warten, um sein Lösegeld zu erlangen. Indessen jetzt quält mich der Zweifel, ob jene Franzosen ihm die Freiheit geschenkt oder ihn umgebracht haben, um den verübten Raub zu verheimlichen. Dies alles wird nun zur Folge haben, daß ich meine Reise nicht mit jenem frohen Mute, mit dem ich sie begonnen, sondern mit Trauer und Schwermut fortsetzen muß. O mein guter Bruder! Wer doch wüßte, wo du weilest! Dann würde ich hineilen, dich aufzusuchen und dich von deinen Drangsalen zu erlösen, wenn ich auch selbst für dich leiden müßte. Oh, wer doch unserm alten Vater die Nachricht brächte, daß du noch lebst! Und lägst du auch in den tiefstverborgenen Sklavenzellen der Berberei, aus ihnen würden seine Reichtümer und die meines Bruders und die meinigen dich frei machen. Und du, o schöne großherzige Zoraida, wer dich würdig belohnen könnte für alles, was du Gutes an meinem Bruder getan! Wer doch zugegen sein könnte bei der Wiedergeburt deiner Seele und bei der Vermählung, die uns alle mit so hoher Freude erfüllen würde!« Diese Worte und andre ähnlichen Inhalts sprach der Oberrichter, und er war von den Nachrichten über seinen Bruder so tief ergriffen, daß die Zuhörer alle es sich nicht versagen konnten, ihrer Rührung gleich ihm Ausdruck zu verleihen. Wie nun der Pfarrer sah, daß ihm so wohl gelungen, was er beabsichtigt hatte und was der Hauptmann wünschte, wollte er sie alle nicht länger in ihrer Betrübnis lassen; und so stand er vom Tische auf, ging in das Zimmer, wo sich Zoraida befand, nahm sie bei der Hand, und es folgten ihr Luscinda, Dorotea und die Tochter des Oberrichters. Der Hauptmann stand voll Erwartung da, was der Pfarrer beginnen wolle; dieser aber faßte ihn mit seiner andern Hand, führte so das Paar zu dem Oberrichter und den andern Edelleuten hin und sprach: »Laßt Eure Tränen nicht länger fließen, Herr Oberrichter, Euer Sehnen werde nun mit allem Glücke gekrönt, das nur zu wünschen ist, denn vor Euch stehen Euer lieber Bruder und Eure liebe Schwägerin. Der Mann, den Ihr hier seht, ist der Hauptmann Viedma, und dies ist die schöne Maurin, die soviel Gutes an ihm getan hat; die Franzosen, von denen ich Euch sagte, haben sie in die bedrängte Lage versetzt, die Ihr seht, damit Ihr die Großmut Eures edlen Herzens bewähren könnet.« Der Hauptmann eilte herzu, um seinen Bruder zu umarmen, und dieser legte ihm beide Hände auf die Schultern, um ihn erst aus einiger Entfernung zu betrachten; aber nachdem er ihn endlich wiedererkannt hatte, preßte er ihn so fest in die Arme und vergoß so liebevolle Freudentränen, daß die meisten der Anwesenden sich nicht enthalten konnten, mit ihm zu weinen. Die Worte, welche die Brüder miteinander wechselten, die innigen Gefühle, denen sie Ausdruck verliehen, lassen sich kaum vorstellen, geschweige denn mit der Feder beschreiben. Da gaben sie einander in kurzer Darstellung Bericht über ihre Erlebnisse; da zeigten sie die treue Freundschaft zweier Brüder in vollkommenster Wahrheit; da umarmte der Oberrichter die liebliche Zoraida, da bot er ihr sein ganzes Vermögen an; da hieß er seine Tochter sie umarmen, und die schöne Christin und die wunderschöne Maurin lockten aufs neue Tränen aus aller Augen. Da stand Don Quijote in höchster Aufmerksamkeit, ohne ein Wort zu reden, und beschaute sich diese wundersamen Vorgänge, die er alle den Hirngespinsten der fahrenden Ritterschaft zuschrieb. Da trafen sie die Abrede, der Hauptmann und Zoraida sollten mit dem Bruder nach Sevilla zurückkehren und ihren Vater benachrichtigen, daß er gefunden worden und sich in Freiheit sehe, damit der alte Herr, wenn er es könnte, sich zur Hochzeit und Taufe Zoraidas einfände; denn der Oberrichter konnte seinen Reiseplan nicht ändern, da er Nachricht empfangen, daß binnen eines Monats eine Flotte von Sevilla nach Neuspanien absegeln werde, und es für ihn großen Nachteil mit sich gebracht hätte, diese Reisegelegenheit zu versäumen. Alle waren nun glücklich und froh über die günstige Wendung im Schicksal des ehemaligen Sklaven, und da die Nacht beinahe schon zwei Drittel ihrer Bahn zurückgelegt hatte, beschlossen sie, wenigstens während des Restes derselben ihr Lager aufzusuchen und zu ruhen. Don Quijote erbot sich, die Bewachung der Burg zu übernehmen, damit sie nicht von irgendwelchem Riesen überfallen würden oder von andern abenteuernden Schurken, die da nach dem reichen Schatz an Schönheit gierig sein möchten, den die Burg verwahre. Alle, die ihn kannten, sagten ihm Dank dafür und setzten zugleich den Oberrichter in Kenntnis von Don Quijotes seltsamer Geistesrichtung, worüber er sich nicht wenig ergötzte. Sancho Pansa allein verzweifelte fast darüber, daß es mit dem Schlafengehen so lang dauerte, aber er allein auch wußte sich bequemer zu betten als alle andern, indem er sich auf Sattel und Decken seines Esels legte – die ihn später so teuer zu stehen kamen, wie man bald erfahren wird. Nachdem sich also die Damen in ihr Gemach zurückgezogen und die andern sich so gut oder so wenig schlecht als möglich gelagert hatten, begab sich Don Quijote zur Schenke hinaus, um vor der Burg Wache zu halten, wie er es versprochen. Als nun der Morgen herannahte, da drang zu den Ohren der Damen eine so wohltönende, so liebliche Stimme, daß alle ihr unwillkürlich aufmerksames Gehör schenken mußten, besonders Dorotea, die wach war und an deren Seite Doña Clara de Viedma schlief – so hieß nämlich die Tochter des Oberrichters. Niemand vermochte zu erraten, wer der Mann sei, der so schön singe; es war eine Stimme für sich allein, ohne Begleitung eines Instruments. Einmal kam es ihnen vor, als töne der Gesang aus dem Hofe, ein andermal, als ob aus dem Pferdestall, und während sie in dieser Ungewißheit höchst aufmerksam zuhörten, kam Cardenio an die Türe des Gemachs und sprach: »Wer nicht schläft, der horche auf; ihr werdet die Stimme eines jungen Maultiertreibers vernehmen, der so herrlich singt, daß es zum Herzen dringt.« »Wir haben ihn schon gehört, Señor«, antwortete Dorotea. Hiermit entfernte sich Cardenio; und Dorotea horchte mit gespannter Aufmerksamkeit und vernahm folgendes Lied: 43. Kapitel Wo die anmutige Geschichte des jungen Maultiertreibers erzählt wird, nebst andern merkwürdigen Vorfällen, so sich in der Schenke zutrugen Ich bin Amors Fährmann, segle, Wo die Hoffnung schier entschwunden, Wo auf Amors tiefen Meeren Nimmer wird ein Port gefunden. Einem Sterne folgt mein Schifflein, Fernher strahlt er mir im Dunkeln; Nie sah jener Palinurus Schönre Sterne droben funkeln. Und er lenkt mich fern auf Meere, Die nie Menschen noch befuhren; Sorgenvoll und unbesorgt doch Späht mein Herz nach seinen Spuren. Sprödigkeit, ganz unerhört jetzt, Tugend, die mir wird zum Fluche, Sind die Wolken, die ihn bergen, Wenn ich sehnsuchtsvoll ihn suche. Klarer, lichter Stern, an dessen Süßem Glanz ich neu gesunde, Bleib! Die Stunde deines Scheidens Wird auch meines Todes Stunde. Als der Sänger so weit gekommen war, wollte Dorotea auch Clara das Vergnügen an einer so schönen Stimme gönnen; sie weckte sie daher mit den Worten: »Verzeih mir, Kind, daß ich dich wecke, denn ich tue es, damit dir der Genuß wird, die schönste Stimme zu hören, die du vielleicht in deinem Leben vernommen hast.« Clara erwachte, noch ganz schlaftrunken, und verstand anfangs nicht, was Dorotea ihr sagte; sie fragte daher erst noch einmal, Dorotea wiederholte ihre Worte, und nun ward Clara aufmerksam. Kaum aber hatte sie zwei Verse vernommen, mit denen der Sänger sein Lied fortsetzte, da befiel sie ein seltsames Zittern, als läge sie an einem heftigen Anfall von Viertagefieber darnieder; sie preßte Dorotea innig in ihre Arme und sprach: »O mein Herzensfräulein, warum habt Ihr mich geweckt? Die größte Wohltat, die mir in diesem Augenblick das Schicksal erweisen konnte, war, daß es mir Augen und Ohren verschlossen hielt, um diesen unglücklichen Sänger nicht zu sehen und nicht zu hören.« »Was sagst du, Kind?« erwiderte Dorotea, »bedenke, daß der Sänger ja nur ein Maultiertreiber ist.« »Das ist er nicht«, sagte Clara, »er ist Eigentümer großer Güter, und die Herrschaft, die er über mein Herz besitzt, wird ihm, wenn er sie nicht selbst aufgeben will, in alle Ewigkeit nie genommen werden.« Dorotea staunte ob der Worte des jungen Mädchens, die so voll tiefen Gefühls waren, daß sie weit über der Reife ihres jugendlichen Alters zu liegen schienen; und daher sprach sie zu ihr: »Ihr redet so eigen, Fräulein Clara, daß ich Euch nicht verstehen kann; erklärt Euch ausführlicher und sagt mir: was ist's mit dem Herzen und der Herrschaft, die Ihr erwähnt, und mit diesem Sänger, dessen Stimme Euch in solche Aufregung versetzt? Aber sagt mir für jetzt gar nichts; denn ich möchte nicht, um Euch Eure Unruhe zu nehmen, das Vergnügen einbüßen, den Sänger zu hören; es will mich bedünken, daß er mit andern Versen und anderer Melodie seinen Gesang aufs neue beginnt.« »Nun, in Gottes Namen«, entgegnete Clara und hielt sich beide Ohren mit den Händen zu, um nichts zu hören. Darüber wunderte sich Dorotea abermals; sie horchte nun auf den Gesang, der in folgenden Weisen ertönte: O du mein süßes Hoffen, Das kühn sich Bahn bricht durch Unmöglichkeiten, Da du die Wahl getroffen, Zum fernen Ziel den Dornenweg zu schreiten, Laß dein Vertraun nicht sinken, Siehst du bei jedem Schritt den Tod dir winken. Wer schwelgt in trägem Frieden, Wird nie des Sieges Ruhm und Preis erjagen; Vom Glück sind stets gemieden, Die feig mit dem Geschick den Kampf nicht wagen, Auf Mannesehr verzichten, Und nur auf süße Ruh die Sinne richten. Wohl darf's gebilligt werden, Verkauft den Siegespreis die Liebe teuer: Kein höh'res Gut auf Erden, Als das die Lieb erprobt in ihrem Feuer; Und wahr sprach, der da lehrte: Was wenig kostet, steht gering im Werte. Beharrlichkeit im Lieben Erringt gar manches Mal Unmöglichkeiten; Und bin ich fest geblieben, Dem unerreichbarn Ziele nachzuschreiten, So soll mir's auch gelingen, Den Himmel von der Erd aus zu erringen. Hier hörte die Stimme auf, und Clara begann aufs neue zu seufzen und zu schluchzen. All dieses entzündete um so mehr Doroteas Neugier, den Anlaß so süßen Gesanges und so schmerzlichen Weinens zu erfahren, und so fragte sie Clara wiederum, was sie vorher habe sagen wollen. Jetzt drückte Clara sie fester ans Herz, und in der Besorgnis, Luscinda möchte sie hören, hielt sie ihren Mund so dicht an Doroteas Ohr, daß sie sicher war, von niemandem belauscht zu werden, und sprach zu ihr: »Jener Sänger, mein Fräulein, ist der Sohn eines Edelmanns aus dem Königreich Aragón, der zwei Herrschaften besitzt und in der Residenz dem Hause meines Vaters gegenüber wohnte. Und obschon mein Vater die Fenster seiner Wohnung im Winter mit Vorhängen und im Sommer mit Holzgittern wohl verwahrt hielt, so weiß ich nicht, wie es zuging und wie es nicht zuging: der junge Herr, der noch ins Kolleg ging, erblickte mich, ich weiß nicht ob in der Kirche oder anderswo; endlich verliebte er sich in mich und gab es mir von den Fenstern seines Hauses aus durch so viel Zeichen und so viele Tränen zu verstehen, daß ich ihm Glauben, ja Liebe schenken mußte, ohne noch zu wissen, wie ernstlich seine Liebe sei. Unter den Zeichen, die er mir machte, war eines, daß er seine Hände ineinanderlegte, womit er mir zu verstehen gab, daß er sich gern mit mir vermählen möchte; und wiewohl ich mich höchlich freuen würde, wenn dem so wäre, wußte ich doch, so ganz allein und mutterlos, nicht, mit wem ich es besprechen sollte, und ließ die Sache gehen, wie sie ging, ohne ihm je eine andre Gunst zu erweisen, als daß ich, wenn mein Vater und auch der seinige das Haus verlassen hatten, den Vorhang – oder das Gitter – ein wenig in die Höhe hob und mich in ganzer Gestalt sehen ließ, worüber er sich so glücklich und selig gebärdete, daß er schier verrückt zu werden schien. Inzwischen kam die Zeit heran, wo mein Vater abreisen sollte, und er erfuhr es, wenn auch nicht durch mich, da es mir nie möglich war, ihn zu sprechen. Er wurde krank, wie ich vermute, aus Gram, und so konnte ich ihn am Tag unserer Abreise nicht sehen, um von ihm, wenn auch nur mit Blicken, Abschied zu nehmen. Aber nachdem wir zwei Tage lang gereist waren und eben eine Tagereise von hier entfernt in ein Gasthaus einkehrten, da erblickte ich ihn plötzlich an der Tür des Gasthauses, angezogen wie der Bursche eines Maultiertreibers, und die Tracht schien ihm so natürlich, daß es mir unmöglich gewesen wäre, ihn zu erkennen, wenn ich sein Bild nicht so treu im Herzen trüge. Ich erkannte ihn und ward von Staunen und Freude ergriffen. Er sah mich verstohlen an, hinter dem Rücken meines Vaters, da er sich immer vor ihm verbirgt, wenn er auf den Wegen und in den Herbergen, wo wir einkehren, an mir vorübergeht. Und da ich weiß, wer er ist, und bedenke, daß er nur aus Liebe zu mir unter soviel Mühsalen zu Fuße reist, vergehe ich vor Gram, und wo sich seine Füße hinwenden, da wenden sich meine Augen hin. Ich weiß nicht, welche Absicht ihn hierherführt, noch wie es ihm möglich war, von seinem Vater fortzukommen, der ihn außerordentlich liebt, weil er keinen andern Erben hat und weil der junge Mann es verdient, wie Ihr sofort erkennen werdet, wenn Ihr ihn seht. Außerdem kann ich Euch sagen, daß alles, was er singt, aus seinem eignen Kopfe kommt, denn, wie ich gehört habe, hat er viel gelernt und dichtet vortrefflich. Aber es kommt noch etwas dazu: jedesmal, wenn ich ihn sehe oder singen höre, zittre ich am ganzen Leibe und werde von Angst überfallen, mein Vater möchte ihn erkennen und unsere gegenseitige Neigung entdecken. Nie in meinem Leben habe ich ein Wort mit ihm gesprochen, und dessenungeachtet liebe ich ihn so innig, daß ich ohne ihn nicht leben kann. Das, mein Fräulein, ist alles, was ich Euch über diesen Sänger sagen kann, dessen Stimme Euch so sehr gefallen hat, daß Ihr an ihr allein schon erkennen könnt, daß er kein Maultiertreiber ist, wie Ihr meintet, sondern daß er Gebieter über Seelen und Herrschaften ist.« »Redet nicht weiter, Señora Doña Clara«, sprach Dorotea jetzt und küßte sie dabei vieltausendmal, »redet nicht weiter, sag ich, und geduldet Euch, bis der Morgen kommt. Mit Gottes Hilfe hoffe ich Eure Angelegenheiten zu dem glücklichen Ende zu bringen, das ein so züchtiger Anfang verdient.« »O mein Fräulein!« versetzte Clara, »welch ein Ende läßt sich hoffen, wenn doch sein Vater so vornehm und so reich ist, daß er mich kaum wert achten wird, seines Sohnes Dienerin, geschweige denn seine Gemahlin zu sein? Und dann, mich heimlich hinter dem Rücken meines Vaters verheiraten, das würde ich um alles in der Welt nicht tun. Ich wünschte nur, der junge Mann kehrte nach Hause und ließe von mir ab; vielleicht, wenn ich ihn nicht sähe und wenn die große Strecke des Weges, den wir reisen, uns trennte, würde sich die Pein, die ich jetzt empfinde, beschwichtigen lassen. Zwar muß ich wohl sagen, dies Mittel, das mir eben eingefallen, würde mir gar wenig helfen. Ich weiß nicht, welcher Teufel es so gefügt oder durch welches Pförtchen sich die Liebe zu ihm mir ins Herz eingeschlichen hat, da ich doch ein so junges Mädchen bin und er ein so junges Herrchen ist; in der Tat glaube ich, wir sind vom selben Alter, und ich zähle noch nicht volle sechzehn Jahre; denn mein Vater sagt, daß ich dies Alter erst auf nächsten Michaelistag vollenden werde.« Dorotea konnte das Lachen nicht unterdrücken, als sie Clara so kindlich plaudern hörte, und sprach zu ihr: »Jetzt, Fräulein, wollen wir das wenige, was von der Nacht wohl noch übrig ist, in Ruhe verschlafen; Gott wird Tag werden lassen, und es wird uns schon gelingen, oder ich müßte mich schlecht auf dergleichen verstehen.« Hiermit sanken sie in Schlummer, und in der ganzen Schenke herrschte tiefe Stille. Nur die Tochter der Wirtin und Maritornes schliefen nicht; sie wußten, welchen Sparren Don Quijote im Kopf hatte, sie hatten gesehen, wie er vor der Schenke in voller Rüstung zu Pferd Wache hielt, und nahmen sich vor, sich einen Spaß mit ihm zu machen oder sich mindestens mit dem Anhören seiner Narreteien die Zeit zu vertreiben. Nun gab es in der ganzen Schenke kein Fenster, das aufs Feld hinausging; nur auf dem Heuboden war eine Luke, durch welche man das Stroh hinauswarf. An diese Luke stellten sich die beiden vermeintlichen Burgfräulein und sahen, wie Don Quijote zu Pferde saß, auf seinen Spieß gelehnt, und von Zeit zu Zeit so schmerzlich tiefe Seufzer ausstieß, daß es schien, als würde ihm mit jedem die Seele schier aus dem Leibe gerissen. Und zugleich hörten sie ihn mit weicher, zärtlicher, liebebeseelter Stimme sagen: »O meine Herrin Dulcinea von Toboso, du höchster Inbegriff aller Schönheit, Gipfel und Vollendung aller Klugheit und Bescheidenheit, Rüstkammer der anmutigsten Holdseligkeit, Vorratshaus aller Sittsamkeit, Vorbild alles dessen, was es Ersprießliches, Sittenreines und Erquickliches auf Erden gibt! O sage, woran mag anitzo deine Herrlichkeit sich erlusten? Hältst du vielleicht deinen fürtrefflichen Sinn gerichtet auf diesen in deinen Ketten schmachtenden Ritter, den es verlangt hat, sich aus eignem freiem Willen in soviel Gefahren zu stürzen, nur um sich deinem Dienst ergeben zu zeigen? Gib mir Nachricht von ihr, o ewige Lampe mit dem dreifach verschiedenen Antlitz! Das ihrige beneidest du vielleicht jetzt im Anschauen ihrer Schönheit und siehst zu, wie sie eine Galerie ihres prunkenden Palastes durchwandelt oder wie sie sich mit der Brust über einen Balkon lehnt und bei sich erwägt, wie sie unbeschadet ihrer Tugend und erhabenen Stellung den Sturm beruhigen könne, den dies mein zagendes Herz um ihretwillen erleidet; welche Glorie sie meinen Qualen, welche Linderung sie meinen Kümmernissen, kurz, welches Leben sie meinem Tode und welchen Lohn sie meinen Diensten gewähren soll! Und du, Sonne, die du dich gewiß schon jetzt beeilst, deine Rosse zu satteln, um früh zur Hand zu sein und nach meiner Herrin dich umzuschauen! Sobald du sie erblickest, bitte ich dich, sie von mir zu grüßen. Aber hüte dich, daß du nicht, wenn du sie siehst und grüßest, sie auf das Antlitz küssest; denn ich würde eifersüchtiger auf dich sein, als du es auf jene behende grausame Schönheit warst, die dich so schwitzen ließ und durch die Ebenen Thessaliens jagte, oder war es längs der Ufer des Peneus, denn ich erinnere mich nicht genau, wo du damals in deiner Eifersucht und Verliebtheit umherliefst.« So weit war Don Quijote in seinen betrübsamen Herzensergießungen gekommen, als die Wirtstochter begann, ihm »Pst! pst!« zuzuflüstern, und zu ihm sprach: »Verehrter Herr, geruhe doch Euer Gnaden hierherzukommen, wenn Ihr so gut sein wollt.« Auf diese Winke und Worte drehte Don Quijote den Kopf und bemerkte bei dem Lichte des Mondes, der gerade in seiner vollen Helle schien, daß man ihm von der Dachluke aus zurief, welche ihm ein Fenster schien und obendrein eins mit vergoldetem Gitter, wie es sich für so reiche Burgen geziemt; denn eine solche war in seiner Einbildung die Schenke. Und gleich im Augenblick stellte sich ihm in seiner verrückten Phantasie vor, daß gerade wie das vorige Mal das huldselige Fräulein, die Tochter der Burgherrin, von Liebe zu ihm überwältigt, aufs neue um seine Neigung werben wolle. Und in diesem Gedanken wendete er, um sich nicht unritterlich und undankbar zu zeigen, Rosinante am Zügel, ritt an die Dachluke heran, und als er die beiden Mädchen erblickte, sprach er: »Bedauern hege ich um Euretwillen, huldseliges Fräulein, daß Ihr Eure liebenden Sinne auf ein Ziel gerichtet habet, wo es nicht möglich, Euch die entsprechende Erwiderung finden zu lassen, wie sie Eure hohe Fürtrefflichkeit und Lieblichkeit verdient. Dessen aber dürft Ihr die Schuld nicht diesem jammervollen fahrenden Ritter beimessen, welchen Liebe in die Unmöglichkeit versetzt hat, seine Neigung einer andern hinzugeben, sondern nur der, die er in derselben Minute, wo seine Augen sie erschauten, zur unumschränkten Gebieterin seines Herzens machte. Verzeihet mir, fürtreffliches Fräulein; ziehet Euch in Euer Gemach zurück und begehret nicht, mich durch entschiedenere Kundgebung Eurer Wünsche zu noch größerem Undank zu nötigen. Wenn Ihr aber in mir etwas anderes finden könnt, womit ich Eurer Liebe zu mir ein Genüge zu tun vermöchte, etwas anderes, das nicht wieder selbst Liebe ist, so fordert es von mir, und ich schwör Euch bei jener süßen Feindin mein, die nun fern ist, es Euch augenblicks zu gewähren, und fordertet Ihr von mir sogar eine Locke von Medusas Haaren, die allesamt Schlangen waren, oder auch die Sonnenstrahlen selbst in eine Flasche eingesiegelt.« »Von all diesem hat mein Fräulein nichts nötig«, fiel hier Maritornes ein. »Und was denn, kluge Zofe, hat Euer Fräulein nötig?« entgegnete Don Quijote. »Nur eine von Euren schönen Händen«, sprach Maritornes, »um an ihr das heiße Begehren zu kühlen, das sie zu dieser Dachluke getrieben hat, wobei ihre Ehre so große Gefahr läuft, daß, wenn ihr Vater dahintergekommen wäre, wahrlich, ihr Ohr das kleinste Stück gewesen wäre, das er ihr abgeschnitten hätte.« »Das hätte ich wohl sehen mögen!« versetzte Don Quijote. »Aber er wird sich wohl davor hüten, wenn er nicht das unglückseligste Ende nehmen will, das je auf Erden einem Vater zum Lohne dafür geworden, daß er seine Hände an die zarten Glieder seiner liebeerfüllten Tochter gelegt.« Maritornes hielt es für sicher, daß Don Quijote die verlangte Hand darreichen werde, und da sie in Gedanken schon mit sich einig war, was sie tun wollte, ging sie von der Dachluke hinunter nach dem Pferdestall, nahm dort das Halfter von Sancho Pansas Esel und kehrte eilig zu ihrer Luke zurück. Hier hatte sich Don Quijote bereits mit den Füßen auf Rosinantes Sattel gestellt, um das Gitterfenster zu erreichen, wo seine Einbildung das liebeswunde Fräulein stehen sah, und indem er ihr die Hand reichte, sprach er: »Nehmt, Fräulein, diese Hand, oder richtiger gesagt, diese Zuchtrute aller Missetäter auf Erden, nehmt diese Hand, sag ich, die noch nie von eines Weibes Hand berührt worden, nicht einmal von der Hand jener Erkorenen, der mein ganzer Leib völlig zu eigen gehört. Ich reiche sie Euch nicht, damit Ihr sie küsset, sondern damit Ihr das Gewebe ihrer Sehnen, das Gefüge ihrer Muskeln, die Breite und Mächtigkeit ihrer Adern betrachtet, woraus Ihr entnehmen werdet, wie groß die Stärke dieses Armes ist, dem solch eine Hand zugehört.« »Das wollen wir gleich sehen«, sprach Maritornes, machte eine Schlinge in das Halfter, warf sie ihm um das Handgelenk, ging dann gebückt von der Dachluke weg und band das andere Ende des Halfters so fest wie möglich an den Riegel der Bodentüre. Don Quijote, der die Reibung des rauhen Stricks an seinem Handgelenk spürte, sprach: »Euer Gnaden scheint meine Hand mehr zu striegeln als zu streicheln; behandelt sie nicht so übel, denn sie ist schuldlos daran, wenn mein Herz übel an Euch handelt, und es ist nicht recht, daß Ihr an einem so kleinen Teile für das Ganze Eures Ingrimms Eure Rache übt; bedenket, daß, wer edel liebt, sich nicht so unedel rächt.« Aber alle diese Reden Don Quijotes hörte schon niemand mehr; denn sobald Maritornes ihm die Hand in der Schlinge gefangen hatte, liefen die beiden Mädchen weg und wollten sich fast totlachen und ließen ihn dort so festgebunden, daß es ihm unmöglich war, sich zu befreien. Er stand denn nun, wie gesagt, mit den Füßen auf Rosinante, den ganzen Arm durch die Dachluke gestreckt und am Handgelenk und am Türriegel festgehalten, mit der größten Angst und Besorgnis, wenn Rosinante nach der einen oder andern Seite einen Schritt täte, so würde er am Arm aufgehängt bleiben. Er wagte daher nicht die geringste Bewegung, da von Rosinantes Geduld und Gemütsruhe sich ganz wohl erwarten ließ, er würde ein ganzes Jahrhundert stehen bleiben, ohne sich zu rühren. Als Don Quijote sich nun so gebunden sah und gewahrte, daß die Damen sich bereits entfernt hatten, verfiel er schließlich auf den Gedanken, all dies geschehe durch Zauberei wie das letztemal, als in dieser nämlichen Burg jener verzauberte Mohr oder eigentlich Eseltreiber ihn fürchterlich durchbleute; und er verwünschte im tiefsten Innern seinen Mangel an Verstand und Überlegung, daß er, nachdem er das erstemal aus dieser Burg so schlecht weggekommen, sich dennoch darauf eingelassen habe, sie ein zweitesmal zu betreten, da es doch bei den fahrenden Rittern als Regel gilt, daß jedesmal, wenn sie sich an ein Abenteuer gewagt und damit kein Glück gehabt haben, es ein Zeichen ist, daß selbiges Abenteuer nicht ihnen, sondern einem andern vorbestimmt ist und daß sie also nicht nötig haben, sich ein zweitesmal daranzuwagen. Dessenungeachtet zog er an seinem Arm, um zu versuchen, ob er sich frei machen könne. Aber er war so festgebunden, daß all seine Versuche vergeblich waren. Freilich zog er mit Behutsamkeit, damit Rosinante sich nicht rühre. Wiewohl er sich gerne gesetzt und in den Sattel gebracht hätte, konnte er nichts andres tun, als auf den Füßen stehen bleiben, wenn er sich nicht die Hand ausrenken wollte. Jetzt kam der Augenblick, wo er sich das Schwert des Amadís wünschte, gegen welches keine Zauberkunst etwas vermochte; jetzt kam die Stunde, wo er sein Schicksal verwünschte; jetzt begann er sich in grellen Farben auszumalen, wie sehr man ihn in der Welt vermissen werde, solange er hier verzaubert bliebe; denn das zu sein, glaubte er mit vollster Gewißheit. Jetzt auch gedachte er aufs neue seiner geliebten Dulcinea von Toboso; jetzt rief er seinen wackern Schildknappen Sancho Pansa herbei, der aber in Schlaf begraben und, auf den Sattel seines Esels hingestreckt, in diesem Augenblick nicht einmal an die eigne Mutter, die ihn geboren, gedacht hätte; jetzt rief er die Zauberer Lirgandeo und Alquife zu Hilfe; jetzt flehte er um Beistand zu dessen treuer Freundin Urganda; und endlich fand ihn der Morgen in solcher Verzweiflung und Beklemmung, daß er brüllte wie ein Stier; denn er hatte nicht die geringste Hoffnung, daß seinen Qualen mit dem anbrechenden Tag Abhilfe kommen werde, da er sie für ewig hielt, weil er sich verzaubert glaubte. Und was ihn in diesem Glauben bestärkte, war, daß Rosinante sich nicht bewegte, weder wenig noch viel, und er dachte sich, er und sein Roß würden ohne Essen noch Trinken noch Schlafen so stehen bleiben, bis dieser böse Einfluß der Sterne vorüber wäre oder bis ein andrer, noch gelahrterer Zauberkünstler ihn entzaubern würde. Indessen fand er sich in seinem Glauben arg betrogen. Kaum fing der Morgen an zu grauen, als vier Männer zu Pferde, sehr wohlgekleidet und trefflich ausgerüstet, ihre Büchsen über den Sattelbogen gelegt, zur Schenke herantrabten. Sie pochten mit mächtigen Schlägen an die Tür der Schenke, die noch verschlossen war. Don Quijote sah dies von seinem hohen Standpunkt aus und wollte auch von da aus die Pflicht einer Schildwache nicht versäumen; er rief mit lauter, stolzer Stimme: »Ritter oder Knappen, oder wer ihr immer sein möget, es kommt euch nicht zu, an die Pforte dieser Burg zu pochen. Denn es ist zur Genüge offenbar, daß zu solcher Stunde entweder die darin Weilenden im Schlafe liegen oder aber nicht gewohnt sind, ihre Festen zu erschließen, bis denn der Sonne Licht sich über die ganze Erde hin verbreitet hat. Macht euch von dannen und wartet, bis der Tag leuchtet, und dann werden wir sehen, ob es sich gebührt oder nicht, daß man euch die Pforte erschließe.« »Was Teufel für Feste oder Burg ist dies?« sprach einer von den Reitern, »daß man uns nötigen will, solche Umstände zu machen? Wenn Ihr der Wirt seid, so laßt uns aufmachen; wir sind Reisende und verlangen weiter nichts als für unsere Pferde Futter; dann wollen wir weiter, denn wir haben Eile.« »Meint ihr Ritter, daß ich nach einem Wirt aussehe?« entgegnete Don Quijote. »Ich weiß nicht, nach was Ihr ausseht«, versetzte der andre, »aber ich weiß, daß Ihr Unsinn redet, wenn Ihr diese Schenke eine Burg nennt.« »Eine Burg ist es«, sprach Don Quijote darauf, »und eine der besten in diesem ganzen Gau, und es sind Personen darin, die schon ein Zepter in der Hand und eine Krone auf dem Haupte tragen.« »Besser wäre es umgekehrt«, sagte der Reisende, »das Zepter auf dem Kopf und die Krone in der Hand. Und es wird wohl so sein, wenn wir es recht betrachten, daß eine Gesellschaft Schauspieler sich drin befindet, die wohl gewohnt sind, gar oft die Kronen und Zepter zu tragen, von denen Ihr sprecht. Denn in einer so kleinen Schenke, und wo solche Stille herrscht wie in dieser, da, dünkt es mich, kehren nicht wohl Personen ein, denen Krone und Zepter gebühren.« »Ihr wißt wenig von der Welt«, entgegnete Don Quijote, »da Euch unbekannt ist, welche Wunder der fahrenden Ritterschaft zustoßen.« Die Gefährten des Mannes wurden der Unterhaltung überdrüssig, die er mit Don Quijote führte, und daher begannen sie aufs neue mit größtem Ungestüm zu pochen, so daß der Wirt aufwachte und nicht minder alles, was in der Schenke war. Er stand daher auf und fragte, wer da poche. Es geschah nun, daß eine von den Stuten, auf welchen die vier Männer saßen, sich dem Rosinante näherte, um ihn zu beriechen, der bisher schwermütig und trübselig, mit gesenkten Ohren, ohne sich zu rühren, seinen ausgestreckten Herrn trug. Da der Gaul aber schließlich doch von Fleisch und Bein war, wiewohl er von Holz schien, konnte er nicht umhin, sich zu fühlen und das Tier, das ihn mit Liebkosungen begrüßt hatte, wieder seinerseits zu beriechen. Kaum aber hatte er sich nur ein klein wenig bewegt, da rutschten Don Quijote beide Füße von ihrer Stelle, glitten vom Sattel herab, und er wäre auf den Boden gestürzt, wäre er nicht am Arme hängengeblieben. Dies verursachte dem Ritter so gewaltigen Schmerz, daß ihm war, als wenn man ihm das Handgelenk abschnitte oder den Arm ausrenkte. Denn er blieb so nah über dem Boden schweben, daß er mit den äußersten Fußspitzen die Erde berührte. Aber dies war für ihn um so schlimmer, denn da er merkte, wie wenig ihm daran fehlte, um mit den Fußsohlen auftreten zu können, mühte er sich ab und streckte sich, soviel er konnte, um den Boden zu erreichen, gerade wie diejenigen, welche bei der Folterung am Flaschenzug so hängen, daß sie den Boden berühren und doch nicht berühren; sie selber mehren ihre Schmerzen durch ihre Bemühung, sich auszustrecken, getäuscht durch die Hoffnung, die ihnen vorspiegelt, wenn sie sich nur ein wenig mehr strecken könnten, würden sie den Boden erreichen. 44. Kapitel Worin von den unerhörten Ereignissen in der Schenke des weiteren berichtet wird Nun begann Don Quijote so furchtbar zu brüllen, daß der Wirt eilig das Tor der Schenke auftat und in vollem Schrecken hinauslief, um zu sehen, wer ein solches Geschrei erhob, und die Fremden, die sich draußen befanden, taten desgleichen. Maritornes, die ebenfalls von dem Lärmen aufgewacht war, dachte sich gleich, was es sein möchte, lief auf den Heuboden und band unbemerkt das Halfter los, an dem der Ritter hing, und er fiel sofort zu Boden angesichts des Wirtes und der Reisenden, welche auf ihn zueilten und ihn fragten, was er habe, daß er solches Geschrei ausstoße. Ohne ein Wort zu erwidern, riß er sich den Strick vom Handgelenk, stellte sich auf die Füße, stieg auf Rosinante, nahm seine Tartsche in den Arm, legte seinen Spieß ein, ließ den Gaul einen tüchtigen Anlauf nehmen, wandte sich in kurzem Galopp zurück und sprach: »Wer auch immer behaupten wollte, ich sei mit Fug und Recht verzaubert worden, den, soferne meine Gebieterin, die Prinzessin Míkomikona, es mir großzügig verstattet, den heiß ich einen Lügenbold, biete ihm Trotz und fordre ihn zum Zweikampf heraus.« Die neuen Ankömmlinge gerieten in großes Staunen über Don Quijotes Äußerungen, aber der Wirt riß sie bald aus ihrer Verwunderung, indem er ihnen sagte, wer Don Quijote sei und wie man sich nicht um ihn zu kümmern brauche, da er nicht bei Verstand sei. Hierauf fragten sie den Wirt, ob vielleicht ein Jüngling von ungefähr fünfzehn Jahren in diese Schenke gekommen sei, gekleidet wie ein Bursche bei den Maultiertreibern, welcher die und die Merkmale an sich habe; und hierbei bezeichneten sie genau, woran Doña Claras Liebhaber zu erkennen war. Der Wirt antwortete, es seien so viele Leute in der Schenke, daß er den Jüngling, nach dem sie fragten, nicht besonders bemerkt habe. Indem aber sah einer von ihnen die Kutsche, in welcher der Oberrichter gekommen war, und rief: »Hier muß er sein, ganz gewiß; denn dies ist die Kutsche, der er immer nachziehen soll. Bleibe einer von uns am Tor, die andern sollen hinein, ihn zu suchen. Am besten macht einer von uns die Runde um die ganze Schenke, damit er nicht über die Hofmauer entspringt.« »So soll's geschehen«, erwiderte einer von ihnen. Zwei gingen hinein, einer blieb am Tor, der vierte ging um die Schenke herum. Der Wirt sah alledem zu und konnte nicht verstehen, zu welchem Zweck diese Vorkehrungen getroffen wurden, wiewohl er vermutete, sie suchten jenen Jüngling, den sie ihm beschrieben hatten. Jetzt war es heller Tag geworden, und sowohl deshalb als auch infolge des Lärms, den Don Quijote verursacht hatte, waren alle wachgeworden und standen auf, zuerst Doña Clara und Dorotea; denn beide hatten diese Nacht sehr schlecht geschlafen, die eine vor Unruhe, ihren Geliebten so nahe zu wissen, die andre vor neugierigem Drang, ihn zu sehen. Don Quijote seinerseits, als er sah, daß keiner der vier Reisenden ihn beachtete oder ihm auf seine Herausforderung Antwort gab, war ganz außer sich und raste vor Ärger und Wut. Und hätte er in den Satzungen seines Rittertums gefunden, daß der fahrende Ritter erlaubtermaßen ein neues Abenteuer in die Hand nehmen und ausrichten dürfe, nachdem er sein Wort gegeben, sich auf keines einzulassen, bis er das früher bereits von ihm begonnene Unternehmen zu Ende geführt habe, so würde er sie alle angefallen und gezwungen haben, ihm wider ihren Willen Rede zu stehn. Aber da es ihm schien, daß es für ihn weder geziemend noch wohlgetan sei, ein neues Unternehmen zu beginnen, bevor er Míkomikona in ihr Reich eingesetzt, mußte er schweigen und in aller Ruhe abwarten, auf was die Vorkehrungen jener Reisenden abzielten. Einer dieser letzteren fand endlich den Jüngling, den sie suchten, wie er neben einem Maultiertreiber schlief, nicht im entferntesten besorgend, daß jemand ihn suchte, und noch weniger, daß man ihn fände. Der Mann ergriff ihn am Arm und sagte zu ihm: »Gewiß, Señor Don Luis, Eure Tracht ist der Würde Eures Standes sehr angemessen, und das Bett, in dem ich Euch finde, paßt ausgezeichnet zu der sorgsamen Pflege, mit der Euch Eure Mutter erzogen hat.« Der Jüngling rieb sich die schlaftrunkenen Augen und sah den Mann, der ihn am Arme hielt, eine geraume Weile an; und als er in ihm einen Diener seines Vaters erkannte, erschrak er so heftig, daß er lange Zeit nicht die Kraft fand, ihm ein Wort zu erwidern. Der Diener aber fuhr fort: »Hier ist nichts andres zu tun, Señor Don Luis, als Euch in Geduld zu fassen und nach Hause zurückzukehren, falls Ihr nicht etwa wollt, daß mein Herr, Euer Vater, den Weg in jene andere Welt wandre, denn andre Folgen kann der Gram nicht haben, den Eure Entfernung ihm verursacht hat.« »Wie hat denn mein Vater erfahren«, sprach Don Luis, »daß ich diesen Weg eingeschlagen habe und in dieser Tracht?« »Ein Student«, antwortete der Diener, »dem Ihr Euer Vorhaben anvertraut habt, hat es uns entdeckt, selber von Schmerz ergriffen bei dem Ausbruch des Schmerzes, der Euren Vater augenblicklich befiel, als er Euch vermißte; da schickte er vier seiner Diener aus auf die Suche nach Euch, und wir alle sind hier zu Euern Diensten, glücklicher, als sich nur erdenken läßt, ob der guten Erledigung unseres Auftrags, womit wir zurückkehren und Euch vor die Augen führen werden, die Euch so innig lieben.« »Damit wird es gehen, wie ich will oder wie der Himmel gebeut«, entgegnete Don Luis. »Was könnt Ihr wollen, oder was kann der Himmel anders gebieten, als daß Ihr mit Eurer Heimkehr einverstanden seid?« versetzte der Diener, »denn etwas andres ist nicht möglich.« Dem ganzen Gespräch zwischen den beiden hörte der Maultiertreiber zu, neben welchem Don Luis sein Lager hatte; er stand auf, ging hinaus und erzählte die Vorgänge Don Fernando und Cardenio und den andern, die sich bereits angekleidet hatten. Er sagte ihnen, der fremde Mann rede diesen Jüngling mit Don an, habe lange mit ihm gesprochen und wolle ihn nach dem Hause seines Vaters zurückbringen, der junge Mann aber wolle nicht. Da sie dies hörten und zu gleicher Zeit sich erinnerten, welche schöne Stimme der Himmel ihm verliehen, wurde in ihnen allen der Wunsch rege, genauer zu erfahren, wer er sei, ja sogar ihm Beistand zu leihen, wenn man etwa mit Gewalt gegen ihn vorgehen wolle. Und so begaben sie sich alle zu der Stelle, wo sie ihn noch mit seinem Diener sprechen und streiten hörten. Unterdessen kam Dorotea aus ihrem Gemach und hinter ihr Doña Clara in voller Bestürzung. Dorotea rief Cardenio beiseite und erzählte ihm in kurzen Worten die Geschichte des Sängers und Doña Claras; er dagegen berichtete ihr, was seitdem mit Don Luis vorgegangen, nämlich daß die Diener seines Vaters gekommen seien, ihn zu suchen. Er sprach aber nicht so leise; daß es Doña Claras Ohren entgangen wäre, und sie geriet darüber so außer sich, daß sie zu Boden gestürzt wäre, wenn Dorotea sie nicht rasch gehalten hätte. Cardenio ermahnte Dorotea, in das Gemach zurückzugehen; er würde sich bemühen, alles in Ordnung zu bringen. Sie taten also. Schon waren die vier, welche Don Luis suchen sollten, alle zusammen in der Schenke und standen um ihn her und suchten ihn zu bereden, er möge sogleich, ohne einen Augenblick zu zögern, heimkehren und seinem Vater Trost bringen. Er antwortete, er könne dies unter keiner Bedingung tun, ehe er nicht eine Angelegenheit durchgeführt habe, bei der ihm Leben und Ehre und Seele auf dem Spiel stehe. Die Diener drangen nun stärker in ihn und versicherten ihm, sie würden auf keinen Fall ohne ihn zurückkehren, und ob er nun wolle oder nicht, sie würden ihn mitnehmen. »Das werdet ihr nicht tun«, entgegnete Don Luis, »oder ihr müßtet mich tot fortschleppen; auf welche Weise immer ihr mich fortbringen möget, ihr werdet mich nur ohne Leben von hinnen schleppen.« Inzwischen waren die übrigen in der Schenke Anwesenden zu dem heftigen Wortgefecht hinzugekommen, nämlich Cardenio, Don Fernando und seine Gefährten, der Oberrichter, der Pfarrer, der Barbier und Don Quijote; den es bedünkte, es sei nicht länger nötig, vor der Burg Wache zu halten. Cardenio, schon bekannt mit der Geschichte des Jünglings, fragte die Diener, was sie veranlasse, den jungen Mann gegen seinen Willen fortzuführen. »Was uns dazu veranlaßt«, antwortete einer von den vieren, »ist, daß wir seinem Vater das Leben erhalten wollen, der durch die Flucht dieses jungen Edelmannes in die Gefahr geraten ist, es einzubüßen.« Darauf versetzte Don Luis: »Ich sehe keinen Grund, hier über meine Angelegenheiten Auskunft zu geben. Ich bin ein freier Mann und werde zurückkehren, wann es mir behagt; und wenn nicht, so soll keiner von euch mich dazu zwingen.« »Die Vernunft wird Euer Gnaden zwingen«, entgegnete der Diener, »und wenn sie über Euch nicht genug vermag, so wird sie über uns genug vermögen, damit wir ausführen, wozu wir gekommen und wozu wir verpflichtet sind.« »Wir wollen doch einmal gründlich untersuchen, was dies bedeutet«, fiel hier der Oberrichter ein. Der Diener jedoch, der ihn als Hausnachbarn erkannte, entgegnete: »Kennt Euer Gnaden, Herr Oberrichter, diesen Edelmann nicht? Es ist der Sohn Eures Nachbars und hat sich aus seines Vaters Haus in einer seinem Range so unangemessenen Tracht entfernt, wie Euer Gnaden sehen kann.« Der Oberrichter betrachtete ihn aufmerksamer und erkannte ihn; er umarmte ihn und sprach: »Was sind das für Kindereien, Señor Don Luis? Oder welcher gewichtige Grund konnte Euch bewegen, auf solche Weise zu reisen und in solcher Tracht, die sich so wenig für Euren Stand schickt?« Dem Jüngling traten die Tränen in die Augen, und er konnte dem Oberrichter kein Wort erwidern. Dieser sagte zu den vier Dienern, sie möchten sich beruhigen, alles werde gut gehen; und Don Luis an der Hand fassend, führte er ihn beiseite und fragte ihn, warum er hierhergekommen sei. Während er diese Frage nebst mancher andern an ihn richtete, hörte man großes Geschrei am Tor der Schenke. Zwei Gäste, die hier übernachtet hatten und jetzt alle Welt nur mit Erkundigungen über das Vorhaben der vier Diener beschäftigt sahen, hatten nämlich den Versuch gemacht, von dannen zu gehen, ohne ihre Zeche zu bezahlen. Allein der Wirt, der auf seine eigenen Angelegenheiten besser als auf fremde achtgab, packte sie, als sie zum Tor hinauswollten, verlangte seine Zahlung und schalt sie ob ihres bösen Vorhabens mit so starken Ausdrücken, daß er sie reizte, ihm mit den Fäusten die Antwort zu geben. Und nun begannen sie ihn so mächtig zu dreschen, daß der arme Wirt mit lautem Geschrei um Hilfe rufen mußte. Die Wirtin und ihre Tochter sahen sich rings um und fanden keinen andern so unbeschäftigt wie Don Quijote, um dem Wirt beispringen zu können, und zu dem Ritter sprach die Wirtstochter: »Herr Ritter, um der Tapferkeit willen, die Gott Euch verliehen, steht meinem armen Vater bei, den zwei Bösewichter zu Brei schlagen.« Hierauf antwortete Don Quijote ganz gelassen und in größter Gemütsruhe: »Huldseliges Fräulein, Eure Bitte kann für itzo keine Erfüllung finden, sintemal mir verwehrt ist, mich in ein anderweitig Abenteuer einzulassen, bevor ich nicht ein solches zu Ende geführt, als an welches mein Wort mich gebunden hält. Aber was ich dennoch tun kann, um Euch dienstbar zu sein, das will ich Euch sofort sagen: Eilet hin und saget Eurem Vater, er möge sich in diesem Kampfe so gut halten und so lange, wie er es vermag, und sich in keinem Falle besiegen lassen, dieweil ich mir von der Prinzessin Míkomikona die Vergünstigung erbitte, ihm in seiner Bedrängnis beistehen zu dürfen; und so sie eine solche gewährt, dann haltet es für sicher, daß ich ihn aus selbiger Not erlösen werde.« »Gott verzeih mir meine Sünden!« rief hierauf Maritornes, die dabeistand, »bevor Euer Gnaden die Vergünstigung einholt, von der Ihr redet, wird unser Herr sich in der andern Welt befinden.« »Gestattet immerhin, Ihr Fräulein, daß ich die besagte Vergünstigung einhole«, entgegnete Don Quijote, »und hab ich sie einmal erlangt, dann liegt wenig daran, ob er sich bereits in der andern Welt befinde; denn selbst von dort werd ich ihn zurückholen, wie sehr selbige Welt sich dawidersetzen möge, oder mindestens werde ich Euch solche Rache an denen verschaffen, die ihn ins Jenseits befördert haben, daß Euch mehr als nur mittelmäßige Genugtuung werden soll.« Ohne ein Wort weiter zu sprechen, wandte er sich zu Dorotea, kniete vor ihr nieder und bat mit rittermäßigen und bei fahrenden Kämpen bräuchlichen Worten, Ihre Hoheit möge ihm großgünstigst die Vergünstigung gewähren, dem Burgvogt dieser Burg beizuspringen und beizustehen, welcher sich von harter Unbill bedrängt finde. Die Prinzessin gewährte sie ihm mit willigem Mute, und er schritt, seine Tartsche in den Arm nehmend und Hand an sein Schwert legend, zum Tor der Schenke hin, wo die beiden Gäste noch mit dem Wirte balgten und ihm den Balg zerklopften. Aber sobald er näher kam, hielt er jählings inne und blieb stille stehen, obwohl Maritornes und die Wirtin ihm zuriefen, weshalb er stehenbleibe, er solle ihrem Herrn und Ehemann zu Hilfe kommen! »Ich bleibe stehen«, sprach Don Quijote, »dieweil es mir nicht ziemt, gegen schildknappliches Gesindel das Schwert zu ziehen; rufet mir aber meinen Knappen Sancho her, ihm kommt es zu und gebührt es, sotane Verteidigung und Rache auf sich zu nehmen.« Dies trug sich am Tor der Schenke zu, und an diesem Tor gingen die Faustschläge und Backpfeifen aufs allerbeste hin und wider, und das alles auf Kosten des Wirts und zum wütenden Ärger der Maritornes, der Wirtin und ihrer Tochter, die schier in Verzweiflung gerieten, daß sie mit ansehen mußten, wie Don Quijote feige dastand und ihr Gemahl, Vater und Dienstherr so mißhandelt wurde. Doch verlassen wir ihn – es wird ihm schon an einem Helfer nicht fehlen, oder wenn doch, so dulde und schweige, wer sich an mehr wagt, als seine Kräfte ihm verheißen – und wenden wir uns fünfzig Schritte zurück, um zu hören, was Don Luis dem Oberrichter antwortete, den wir verließen, als er den jungen Mann beiseite nahm und ihn befragte, weshalb er zu Fuße und in so unwürdiger Tracht hierhergekommen. Der Jüngling faßte des Oberrichters Hände mit aller Macht, wie um anzudeuten, daß ihm ein großer Schmerz das Herz zusammendrücke, und reichliche Tränen vergießend, sprach er: »Verehrter Herr, ich kann Euch nichts andres sagen als dies: von dem Augenblick an, wo der Himmel es fügte und unsere Nachbarschaft es vermittelte, daß ich das Fräulein Doña Clara, Eure Tochter und meine Gebieterin, erblickte, von jenem Augenblick an machte ich sie zur Herrin meines Willens; und wenn der Eure, Ihr, mein wahrer Vater und Herr, es nicht verwehrt, so soll sie noch heut am Tage meine Gattin werden. Um ihretwillen hab ich meines Vaters Haus verlassen, ihr zuliebe hab ich diese Tracht angelegt, um ihr überallhin zu folgen, wie der Pfeil sich nach dem Ziele wendet oder der Schiffer nach dem Polarstern. Sie weiß von meinen Wünschen nicht mehr, als was sie daraus erraten konnte, daß sie einigemal von weitem meine Augen Tränen vergießen sah. Ihr kennt ja, Señor, den Reichtum und Adel meiner Eltern und wißt, daß ich ihr einziger Erbe bin; falls Eurer Meinung nach diese glücklichen Umstände Euch genügende Gründe bieten, um es auf gut Glück zu wagen, mich vollkommen glücklich zu machen, so nehmt mich alsogleich zu Eurem Sohne an. Wenn aber mein Vater, von eignen Plänen andrer Art angetrieben, an dem hohen Glück, das ich selbst gefunden, keinen Gefallen hegen sollte, so hat doch die Zeit mehr Gewalt, die Dinge umzuwandeln und zu ändern, als der Wille des Menschen.« Hierauf schwieg der verliebte Jüngling, und der Oberrichter stand verlegen da, in Ungewißheit über die eigentümliche und verständige Art, wie Don Luis ihm sein Denken und Fühlen offenbart hatte, und unschlüssig, welche Entscheidung in einem so unversehens und unerwartet eingetretenen Fall zu fassen sei. Und so gab er Don Luis nur die Antwort, er möge sich einstweilen beruhigen und seine Diener hinhalten, daß sie diesen Tag noch nicht zurückkehrten, damit man Zeit gewänne, zu überlegen, was für sie alle am ersprießlichsten sei. Don Luis küßte ihm stürmisch die Hände, ja er badete sie in seinen Tränen, was ein steinern Herz hätte erweichen können, geschweige das des Oberrichters, der als ein verständiger Mann bereits eingesehen hatte, wie angemessen diese Ehe für seine Tochter sei; und sofern es möglich wäre, wollte er sie mit Zustimmung von Don Luis' Vater abschließen, von dem er wußte, daß er beabsichtigte, seinem Sohne einen kastilischen Adelstitel zu verschaffen. In der Zwischenzeit hatten die Gäste mit dem Wirte Frieden geschlossen, denn durch Überredung und gütliches Zusprechen von Seiten Don Quijotes, mehr als infolge von dessen Drohungen, hatten sie dem Wirt seine Rechnung bezahlt. Die Diener von Don Luis warteten auf das Ende der Unterredung mit dem Oberrichter und den Entschluß ihres Herrn. Da ließ der Teufel, der nimmer schläft, im nämlichen Augenblick jenen Barbier zur Schenke kommen, welchem Don Quijote den Helm Mambrins und Sancho Pansa das ganze Geschirr seines Esels weggenommen und mit dem des seinigen vertauscht hatte. Als besagter Barbier sein Tier in den Stall führte, erblickte er Sancho Pansa, der gerade an dem Sattel irgend etwas zurechtmachte; und als er diesen Sattel sah, erkannte er ihn gleich, ging unverweilt auf Sancho Pansa los und schrie dabei: »Aha, Herr Spitzbube, hab ich Euch hier! Her mit meiner Schüssel und meinem Sattel, mit meinem ganzen Geschirr, das Ihr mir gestohlen habt!« Als Sancho sich so unversehens angegriffen sah und hörte, mit welchen Schimpfworten man ihn belegte, packte er mit der einen Hand den Eselssattel, und mit der andern versetzte er dem Barbier eine Maulschelle, daß ihm Lippen und Zähne in Blut schwammen. Allein der Barbier ließ darum den Sattel nicht los, vielmehr erhob er ein so mächtiges Geschrei, daß alle Leute aus der Schenke zu dem Lärm und Kampf herzuliefen. Und er rief: »Zu Hilfe im Namen des Königs und der Gerechtigkeit! Weil ich mein Eigentum wiederhaben will, da will mich dieser Dieb, dieser Straßenräuber umbringen!« »Du lügst!« entgegnete Sancho, »ich bin kein Straßenräuber; in ehrlichem Krieg hat mein Herr Don Quijote diese Beute gewonnen.« Bereits war Don Quijote herbeigekommen und sah mit großem Vergnügen, wie trefflich sein Schildknappe zu Schutz und Trutz zu kämpfen wußte, und von da an hielt er ihn für einen echten, rechten Mann und nahm sich in seinem Innern vor, ihn bei der ersten Gelegenheit, die sich böte, zum Ritter zu schlagen, weil es ihn bedünkte, bei Sancho würde der Orden der Ritterschaft gut angebracht sein. Unter anderem hörte man während des Kampfes den Barbier auch sagen: »Ihr Herren, dieser Eselssattel ist so sicher mein, wie mir der Tod sicher ist, den ich Gott dem Herrn schulde. Ich kenne den Sattel so gut, als hätte ich ihn geboren, und dort steht mein Esel im Stall, der wird nicht leiden, daß ich lüge; oder leugnet mir's einer, so probiert ihn meinem Esel an, und wenn er ihm nicht wie angegossen sitzt, so will ich zeitlebens ein Schuft sein. Ja noch mehr, am nämlichen Tag, wo man mir ihn weggenommen hat, da hat man mir auch eine messingene Barbierschüssel gestohlen, ganz neu, sie war einen Goldtaler wert.« Hier konnte sich Don Quijote nicht enthalten, ihm Antwort zu geben. Er stellte sich zwischen die beiden, trieb sie auseinander, legte den Sattel auf den Boden nieder, damit er ihn vor Augen habe, bis die Wahrheit ans Licht gebracht werde, und sprach: »Auf daß Euer Gnaden alle klar und offenbar ersehen, in welchem Irrtum dieser wackere Knappe befangen ist: er nennt eine Schüssel, was der Helm des Mambrin ist, war und sein wird, den ich ihm im ehrlichen Krieg abgenommen und dessen Herr mit redlichem und rechtmäßigem Besitz ich geworden bin. Was den Sattel betrifft, da mische ich mich nicht hinein; ich kann darüber nichts sagen, als daß mein Schildknappe Sancho mich um die Erlaubnis gebeten hat, dem Roß dieses besiegten Feiglings Sattel und Zaumzeug abzunehmen und das seinige damit auszurüsten, und er nahm es. Daß sich das Pferdegeschirr in einen Eselssattel verwandelt hat, dafür kann ich keinen andern Grund angeben als den gewöhnlichen, daß nämlich derlei Verwandlungen bei den Begebnissen im Rittertume des öftern vorkommen. Um nun das, was ich vorher gesprochen, zu bekräftigen, lauf, Sancho, mein Sohn, und hole den Helm her, welchen dieser gute Mensch für eine Bartschüssel erklärt.« »Meiner Six, Señor«, sprach Sancho, »wenn wir für unsre Behauptung keinen andern Beweis haben, als den Euer Gnaden vorbringt, dann ist der Helm des Mambrin ebensogut eine Barbierschüssel wie das Pferdegeschirr dieses guten Kerls ein Eselssattel.« »Tu, was ich dir gebiete«, entgegnete Don Quijote, »es wird in dieser Burg doch nicht alles mit Zauberei zugehen.« Sancho ging nach der Schüssel und holte sie herbei, und sobald Don Quijote sie erblickte, nahm er sie in die Hand und sprach: »Möge doch Euer Gnaden zusehen, mit welcher Stirn dieser Knappe sagen kann, es sei dies eine Bartschüssel und nicht der Helm, von dem ich gesprochen habe! Und ich schwöre bei dem Ritterorden, der mein erkorener Beruf ist, dieser Helm ist derselbe, den ich ihm abgenommen, ohne daß am selbigen das geringste hinzu- oder hinweggetan worden.« »Das unterliegt keinem Zweifel«, sprach hier Sancho, »denn seit dem Tage, wo mein Herr ihn erobert hat, bis zum heutigen Tage hat er mit selbigem nicht mehr als einen einzigen Kampf bestanden, als er jene Unglücklichen aus ihren Ketten befreite, und hätte ihm dieser Schüsselhelm nicht geholfen, so wäre es ihm damals nicht sehr gut ergangen, denn es gab genugsam Steinwürfe bei jenem argen Strauß.« 45. Kapitel Worin der Zweifel über Mambrins Helm und den Eselssattel gründlich und in voller Wahrheit aufgehellt wird, nebst andern Abenteuern, so sich zugetragen »Was halten Euer Gnaden, meine Herren«, sagte der Barbier, »von den Behauptungen dieser edlen Herren, da sie beharrlich dabei bleiben, es sei dies keine Bartschüssel, sondern ein Helm?« »Und wer das Gegenteil sagt«, sprach Don Quijote, »dem werde ich zu Gemüte führen, daß er lügt, falls es ein Ritter ist; und wenn ein Knappe, daß er nochmals lügt und tausendmal lügt.« Unser Barbier Nikolas, der bei allem zugegen war, wollte, da er Don Quijotes Sparren so gut kannte, noch Öl ins Feuer gießen und den Spaß weitertreiben, damit sie alle was zu lachen hätten, und so sagte er zu dem andern Barbier: »Herr Barbier, oder was Ihr sonst seid, wißt, daß auch ich von Eurem Handwerk bin und seit länger als zwanzig Jahren mein Meisterzeugnis habe und mich auf alle Werkzeuge des Bartscherertums, nicht eines ausgenommen, sehr wohl verstehe. Ebenso war ich in meiner Jugend eine Zeitlang Soldat: und weiß auch, was ein Helm ist und was eine Eisenhaube und was ein Helm mit Visier, und weiß noch anderes in betreff des Kriegswesens, ich meine der verschiedenen Waffen. Und ich sage mit aller schuldigen Achtung vor besserem Ermessen und vorbehaltlich besserer Einsicht: dies Ding, das sich hier vor unseren Augen befindet und das dieser wackere Herr in Händen hält, ist nicht nur nicht eine Barbierschüssel, sondern ist so fern davon, eine solche Schüssel zu sein, wie das Weiße fern ist vom Schwarzen und die Wahrheit von der Lüge. Sodann sage ich, daß es zwar ein Helm ist, aber kein vollständiger Helm.« »Gewiß nicht«, sprach Don Quijote hierauf, »denn es fehlt ihm die Hälfte, nämlich die Halsberge.« »So ist es«, fiel der Pfarrer ein, der die Absicht seines Freundes, des Barbiers, bereits wohl verstanden hatte, und das nämliche bestätigten Cardenio sowie Don Fernando und seine Gefährten. Selbst der Oberrichter würde seinen Teil zu dem Spaß beigetragen haben, wenn nicht die Angelegenheit mit Don Luis seine Gedanken in Anspruch genommen hätte; aber der Ernst der Gegenstände, die er zu bedenken hatte, hielt ihn in so beständiger Spannung, daß er wenig oder gar nicht auf diese Possen achten konnte. »Gott steh mir bei!« sagte jetzt der gefoppte Bartscherer, »ist es möglich, daß so viel vornehme Herren behaupten, dies sei nicht eine Bartschüssel, sondern ein Helm! Das ist offenbar eine Geschichte, die eine ganze Universität mit ihrer Weisheit in Verwunderung setzen könnte. Gut denn; wenn diese Schüssel also tatsächlich ein Helm ist, muß dieser Eselssattel wohl auch ein Pferdegeschirr sein, wie dieser Herr gesagt hat.« »Mir allerdings scheint es ein Eselssattel«, sprach Don Quijote, »aber ich habe bereits gesagt, daß ich mich hierein nicht mische.« »Ob es ein Eselssattel oder Pferdezeug ist«, sagte der Pfarrer, »das hängt ganz von der Entscheidung des Herrn Don Quijote ab, denn in Dingen des Rittertums ordnen wir uns ihm ganz unter.« »Bei Gott, meine Herren«, entgegnete Don Quijote, »so vieles und so Seltsames ist mir in dieser Burg die beiden Male begegnet, die ich darin geherbergt, daß ich nicht wagen kann, irgend etwas mit Bestimmtheit über die Dinge zu sagen, die in selbiger geschehen; denn ich meine, alles, was hier vorgeht, geschieht mittels Zauberkunst. Das erstemal quälte mich gewaltig ein verzauberter Mohr, der in der Burg weilt, und auch Sancho ging es mit dessen Helfershelfern gar nicht gut; und heute nacht habe ich schier zwei Stunden an diesem meinem Arm schwebend gehangen, ohne zu wissen, wie oder warum ich in dieses Mißgeschick geraten bin. Wenn ich daher in einer Sache von solcher Unklarheit meine Meinung ausspräche, das hieße, in eine dreiste Übereilung beim Urteilen verfallen. Was die Behauptung betrifft, dieses sei eine Barbierschüssel und kein Helm, darauf habe ich schon geantwortet; aber bezüglich der Entscheidung, ob dieses ein Esels- oder ein Pferdesattel ist, da erkühne ich mich nicht, einen endgültigen Spruch zu fällen, das überlasse ich ausschließlich dem besseren Ermessen Euer Gnaden. Vielleicht weil ihr nicht zu Rittern geschlagen seid, wie ich es bin, berühren euch die Verzauberungen dieses Ortes nicht und ist euere Urteilskraft frei und könnt ihr von den Dingen in dieser Burg so urteilen, wie sie wahr und wirklich sind, und nicht, wie sie mir erscheinen.«- »Es ist kein Zweifel daran«, entgegnete Don Fernando hierauf, »daß der Herr Don Quijote diesmal sehr richtig gesagt hat, nur uns komme die Entscheidung dieses Falles zu; und damit alles ordentlich zugeht, will ich die Stimmen dieser Herren im geheimen sammeln und von dem Ergebnis vollständige und deutliche Kunde geben.« Für diejenigen, die über Don Quijotes Sparren schon Bescheid wußten, war das alles ein Stoff zu unendlichem Lachen; aber denen, die nichts davon wußten, schien es der größte Unsinn der Welt, besonders den vier Dienern des Don Luis, und ebenso dem letzteren und so auch drei andern Reisenden, die soeben zufällig in die Schenke gekommen waren und wie Landreiter aussahen, was sie auch wirklich waren. Wer aber am meisten außer sich geriet, das war der Barbier, dessen Bartschüssel sich ihm vor seinen Augen in den Helm Mambrins verwandelt hatte und der gar nicht daran zweifelte, daß auch sein Eselssattel sich ihm in ein reiches Pferdegeschirr verwandeln würde. Alle aber, die einen wie die andern, brachen in Gelächter aus, als sie sahen, wie Don Fernando die Stimmen sammelte und sich um der geheimen Abstimmung willen ins Ohr flüstern ließ, ob dies Kleinod, über das soviel gekämpft worden, ein Eselssattel oder ein Pferdezeug sei. Und nachdem er die Stimmen derer, die Don Quijote kannten, gesammelt hatte, sprach er laut zu dem Barbier: »Der Kasus ist, guter Freund, daß ich bereits müde bin, so viele Stimmen zu sammeln; denn ich sehe, daß keiner, den ich nach dem Verlangten frage, mir nicht antwortet, es sei ein Unsinn, dies für einen Eselssattel auszugeben, sondern es sei das Sattelzeug eines Pferdes, und obendrein eines Pferdes von reiner Rasse. So müßt Ihr Euch denn in Geduld fassen, denn zu Eurem und Eures Esels Leidwesen ist dies ein Pferdegeschirr und nicht ein Eselssattel; Ihr habt Euernteils falsch geklagt und nichts bewiesen und habt verloren.« »So will ich im Jenseits verloren sein«, versetzte der arme Barbier, »wenn Ihr, gnädige Herren, Euch nicht alle täuscht, und möge meine Seele so sicher vor Gott erscheinen, wie dies mir ein Eselssattel scheint und nicht ein Pferdezeug. Allein, Gewalt geht vor ... mehr will ich nicht sagen. Und wahrlich, ich bin nicht betrunken, ich habe mir heute noch nichts vergönnt, ausgenommen etwa, Sünden zu begehen.« Nicht weniger Lachen erregten die albernen Reden des Barbiers als die verrückten Don Quijotes, der jetzt sprach: »Hier ist nichts weiter zu tun, als daß jeder nehme, was ihm gehört, und wem es Gott gegeben hat, dem mag Sankt Petrus es gesegnen.« Einer aber von den vier Dienern des Don Luis sagte: »Wenn dies nicht etwa eine verabredete Fopperei ist, kann ich unmöglich verstehen, daß Leute von gesundem Verstand, wie alle hier Anwesenden sind oder scheinen, sich erlauben können zu sagen, dies sei keine Bartschüssel und jenes kein Eselssattel; aber da sie es sagen und behaupten, so muß ich annehmen, es steckt ein absonderlich Geheimnis dahinter, so hartnäckig bei einer Behauptung zu bleiben, wovon uns das Gegenteil durch die Wirklichkeit und durch die Erfahrung selbst dargetan wird. Denn ich schwör's bei dem und jenem« – und er stieß den Schwur rundheraus –, »mich soll nichts auf der Welt überreden, daß dies sich umgekehrt verhalte und daß dies nicht eine Barbierschüssel und jenes nicht der Sattel eines Esels sei.« »Es könnte der Sattel einer Eselin sein«, sagte der Pfarrer. »Das ist ganz einerlei«, entgegnete der Diener, »denn es handelt sich nicht hierum, sondern darum, ob es ein Eselssattel ist oder nicht, wie die gnädigen Herren sagen.« Dies vernahm einer der eben angekommenen Landreiter, der dem Streit und der ganzen Verhandlung zugehört hatte, und sprach voller Zorn und Ärger: »Das ist ebenso sicher ein Eselssattel, wie mein Vater einer ist, und wer was anderes gesagt hat oder sagt, muß toll und voll sein!« »Ihr lüget als ein niederträchtiger Schelm!« rief Don Quijote, erhob seinen Spieß, den er nie aus den Händen ließ, und holte zu einem so gewaltigen Schlag auf den Kopf des Landreiters aus, daß er ihn, wenn er nicht ausgewichen wäre, ohne weiteres niedergestreckt hätte. Der Spieß zersprang auf dem Boden in Stücke, und als die anderen Landreiter ihren Kameraden mißhandelt sahen, erhoben sie die Stimme und riefen nach Beistand für die Heilige Brüderschaft. Der Wirt, welcher auch zur Genossenschaft der Landreiter gehörte, lief eilig hinein nach seinem Amtsstab und seinem Schwert und stellte sich dann seinen Kameraden zur Seite. Die Diener des Don Luis umringten diesen, damit er ihnen in dem Getümmel nicht entkomme. Als der Barbier das ganze Haus in Aufruhr sah, griff er wieder nach seinem Sattel, und das nämliche tat Sancho. Don Quijote zog sein Schwert und griff die Landreiter an. Don Luis schrie seinen Dienern zu, sie sollten ihn lassen und Don Quijote zu Hilfe eilen, ebenso dem Cardenio und Don Fernando, die beide sich Don Quijotes annahmen. Der Pfarrer schrie laut auf; die Wirtin kreischte, ihre Tochter jammerte, Maritornes weinte; Dorotea stand in Bestürzung, Luscinda war erschrocken, Doña Clara ohnmächtig. Der Barbier prügelte Sancho, Sancho zerdrosch den Barbier; Don Luis, den einer seiner Diener am Arm zu fassen gewagt, damit er nicht entfliehe, gab ihm einen Faustschlag, daß ihm Mund und Zähne in Blut schwammen; der Oberrichter nahm sich des Jünglings an; Don Fernando hatte einen Landreiter unter sich gebracht und nahm ihm mit den Füßen das Maß seines ganzen Körpers nach Herzenslust; der Wirt schrie wiederum und mit stärkerer Stimme als zuvor: »Zu Hilfe der Heiligen Brüderschaft!« So war die ganze Schenke voll Klagen und Schreien und Kreischen, Wirrsal, Ängsten, Schrecken, Unheil, Schwerthieben, Maulschellen, Prügel, Fußtritten und Blutvergießen. Und in diesem Chaos, in diesem ganzen Gewirre und Labyrinth der verschiedensten Dinge tauchte plötzlich in Don Quijotes Geiste die Vorstellung auf, er habe sich gewaltsam mitten in die Zwietracht von Agramants Lager eingedrängt, und so rief er mit einer Stimme, welche die ganze Schenke durchdröhnte: »Haltet alle ein, steckt alle die Schwerter ein, kommt alle zur Ruh, hört mich alle an, wenn ihr am Leben bleiben wollt!« Beim Ton dieser mächtigen Stimme hielten alle inne, und er fuhr fort: »Habe ich euch nicht gesagt, ihr Herren, daß diese Burg verzaubert ist und daß eine Landsmannschaft von Teufeln in ihr hausen muß? Zu dessen Bewahrheitung sollt ihr nun mit euren eigenen Augen sehen, wie die Zwietracht in Agramants Lager jetzt hierher übergegangen und mitten unter uns hereingetragen ist. Schauet, wie dort gekämpft wird um das Schwert, hier um das Roß, an jener Stelle um den Adler, dort um den Helm, und wir alle kämpfen, wir alle verstehen uns nicht. So komme denn Euer Gnaden, Herr Oberrichter, und Euer Gnaden, Herr Pfarrer, und der eine trete auf als König Agramant, der andere als König Sobrino, und stiftet Frieden unter uns; denn bei dem allmächtigen Gott, es ist eine Schande, daß soviel hochgestellte Leute, wie wir hier sind, einander aus so leichtfertigen Ursachen totschlagen!« Die Landreiter, die Don Quijotes Redensarten nicht verstanden und sich von Don Fernando, Cardenio und deren Gefährten übel zugerichtet sahen, wollten sich nicht zur Ruhe fügen. Der Barbier dagegen wollte es gern, weil ihm bei dem Kampfe der Bart und der Sattel arg mitgenommen worden waren. Sancho gehorchte bei der leisesten Mahnung seines Herrn als ein pflichtgetreuer Diener; auch die vier Diener des Don Luis gaben sich zum Frieden, da sie sahen, wie wenig sie vom Gegenteil gehabt hätten. Nur der Wirt blieb hartnäckig dabei, man müsse die Unverschämtheiten dieses Narren züchtigen, der ihm bei jedem Anlaß die Schenke in Aufruhr bringe. Zuletzt wurde der Lärm, wenigstens für den Augenblick, gestillt, und in Don Quijotes Einbildung blieb der Eselssattel ein Pferdegeschirr bis zum Tag des Jüngsten Gerichts, die Barbierschüssel ein Helm und die Schenke eine Burg. Als nun auf Zureden des Oberrichters und des Pfarrers alle sich beruhigt und miteinander Frieden geschlossen hatten, drangen die Diener des Don Luis aufs neue in ihn, augenblicks mit ihnen heimzukehren; und während er sich mit ihnen auseinandersetzte, besprach sich der Oberrichter mit Don Fernando, Cardenio und dem Pfarrer, was er tun solle unter diesen Umständen, die er ihnen darlegte, und teilte ihnen auch alles mit, was Don Luis ihm gesagt hatte. Endlich kamen sie überein, Don Fernando solle den Dienern eröffnen, wer er sei und wie er den Wunsch hege, daß Don Luis ihn nach Andalusien begleite, wo er bei seinem Bruder, dem Marquis, eine ehrenvolle Aufnahme finden werde, wie sie seine Persönlichkeit verdiene; denn man kenne Don Luis' Vorsatz, auf solche Weise nicht zu seinem Vater für diesmal zurückzukehren, und wenn man ihn in Stücke risse. Als nun die vier den Stand Don Fernandos und den bestimmten Vorsatz ihres jungen Herrn erfuhren, faßten sie unter sich den Beschluß, drei von ihnen sollten heimkehren, um dessen Vater Bericht zu erstatten, der vierte aber sollte bei Don Luis zurückbleiben, um ihn zu bedienen, und nicht von ihm weichen, bis sie wiederkommen würden, ihn zu holen, oder bis er vernähme, was sein Vater ihnen befehle. So wurde durch das hohe Ansehen Agramants und die Klugheit des Königs Sobrino diese ganze Maschinerie des Haders in den Stand der Ruhe gebracht. Als aber der Feind der Eintracht und Widersacher des Friedens sich verhöhnt und seinen Zweck vereitelt sah und inneward, wie wenig Nutzen er daraus gezogen, daß er sie alle in einen solchen Irrgarten geführt hatte, da gedachte er, nochmals einen Versuch zu machen und neuen Streit und Unfrieden zu stiften. Es war nämlich allerdings so, daß die Landreiter sich beruhigt hatten, weil sie etwas vom Stande der Herren erhorcht, mit denen sie im Kampf gewesen; sie hatten sich aus dem Streite zurückgezogen, weil es sie bedünkte, auf welche Weise auch die Sache ausginge, sie würden in diesem Kampfe jedenfalls den kürzeren ziehen. Allein, einer von ihnen, und zwar gerade der, welchen Don Fernando durchgewalkt und mit Fußtritten bearbeitet hatte, erinnerte sich jetzt, daß er unter verschiedenen Haftbefehlen gegen etliche Verbrecher auch einen gegen Don Quijote bei sich trug, den die Heilige Brüderschaft festzunehmen befohlen hatte, weil er die Galeerensklaven in Freiheit gesetzt, wie dies Sancho mit gutem Grund befürchtet hatte. Da ihm dieses gerade wieder einfiel, wollte er sich vergewissern, ob die Kennzeichen zuträfen, die man ihm von Don Quijote angegeben; er holte etliche Pergamente aus dem Busen und fand das gesuchte. Er begann nun langsam zu lesen, denn er war kein großer Leser, und bei jedem Worte heftete er die Augen auf Don Quijote, verglich die Kennzeichen im Haftbefehl mit den Gesichtszügen des Ritters und fand, daß ohne allen Zweifel er der Mann sei, auf den sich der Steckbrief beziehe. Und kaum hatte er sich dessen versichert, als er seine Pergamente wieder einsteckte, mit der Linken den Haftbefehl vorzeigte, mit der Rechten Don Quijote so fest am Hals packte, daß diesem der Atem ausging, und mächtig schrie: »Zu Hilfe der Heiligen Brüderschaft! Und damit alle ersehen, daß ich dies mit Recht verlange, so lese man diesen Befehl, wo es geschrieben steht, daß dieser Straßenräuber festzunehmen ist!« Der Pfarrer nahm den Haftbefehl und sah, daß alles sich in Wahrheit so verhalte, wie der Landreiter gesagt, und daß die Kennzeichen stimmten. Bei Don Quijote aber stieg, als er sah, wie übel ihm von einem schurkischen Bauernlümmel mitgespielt wurde, die Wut auf den höchsten Gipfel. Es knirschten ihm die Knochen im Leibe, er packte mit aller Gewalt den Landreiter an der Kehle, und wären diesem nicht seine Kameraden zu Hilfe gekommen, so hätte er eher das Leben als Don Quijote seine Beute gelassen. Der Wirt, der seinen Amtsgenossen zu Hilfe kommen mußte, eilte sogleich herzu, ihnen Beistand zu leisten. Die Wirtin, die ihren Mann aufs neue in Streit befangen sah, erhob aufs neue ihre Stimme, in deren Ton sogleich ihre Tochter und Maritornes zur Begleitung einfielen, indem sie den Himmel und alle Anwesenden um Beistand anriefen. Als Sancho aber die Vorgänge sah, sprach er: »So wahr Gott lebt, was mein Herr über die Verzauberungen in dieser Burg gesagt hat, ist alles wahr, denn in ihr kann man auch nicht eine Stunde ruhig leben.« Don Fernando trennte den Landreiter und Don Quijote, und beide waren froh, als er ihnen die Hände auseinanderriß, mit denen sie sich fest gepackt hatten, der eine den andern am Rockkragen, der andere den einen an der Kehle. Aber die Landreiter ließen darum nicht ab, ihren Gefangenen zu fordern; sie verlangten, man solle ihnen beistehen und den Ritter gebunden ausliefern und ihn in ihre Gewalt geben, denn solches sei man dem Dienste des Königs und der Heiligen Brüderschaft schuldig, in deren Namen sie nochmals Hilfe und Beistand verlangten, um die Verhaftung dieses Räubers, dieses Strauchdiebs und Wegelagerers zustande zu bringen. Don Quijote lachte laut auf, als er diese Äußerungen hörte, und sprach mit vollster Gelassenheit: »Kommt mal her, schmutziges, gemeines Volk; also den Gefesselten die Freiheit wiedergeben, die Gefangenen von den Banden lösen, den Bedrängten Beistand leisten, die Gefallenen aufrichten, die Hilfeflehenden aus der Not erretten, das heißt ihr Straßenraub? Ha, nichtswürdiges Gesindel! Um eures niedrigen, pöbelhaften Sinnes willen verdient ihr, daß der Himmel euch niemals offenbare, welch hohe Bedeutung die fahrende Ritterschaft in sich trägt, und euch niemals erkennen lasse, in welcher Sündhaftigkeit und Verstocktheit ihr wandelt, wenn ihr nicht den bloßen Schatten, geschweige denn die wirkliche Anwesenheit eines jeglichen fahrenden Ritters in hohen Ehren haltet. Kommt mal her, ihr Landräuber und nicht Landreiter, ihr Wegelagerer unter dem Freibrief der Heiligen Brüderschaft, sagt mir: Wer war der Verblendete, der einen Haftbefehl gegen einen Ritter wie mich unterzeichnet hat? Wer war's, der nicht wußte, daß die fahrenden Ritter von aller gerichtlichen Obergewalt befreit und ausgenommen sind, daß ihr Schwert ihr Recht, ihr Mut ihre Regel, ihr Wille ihr Gesetz ist? Wer war der Tollhäusler, sag ich wieder und wieder, der nicht weiß, daß es keinen Adelsbrief mit soviel Vorrechten und soviel Ausnahmevergünstigungen gibt, als wie ihn ein fahrender Ritter an dem Tage erwirbt, wo er den Ritterschlag empfängt und sich dem harten Beruf des Rittertums hingibt? Welcher fahrende Ritter hat jemals Kopfsteuer bezahlt oder den Kauf- und Tauschpfennig, der Königin Nadelgeld, die siebenjährige Königssteuer, Wegezoll oder Fährgeld? Welcher Schneider bekam je von ihm Macherlohn für Kleider? Welcher Burgvogt nahm ihn in seine Burg auf, daß er ihm die Zeche abgefordert hätte? Welcher König zog ihn nicht an seine Tafel? Welches Fräulein neigte sich ihm nicht zu und ergab sich ihm nicht in Unterwürfigkeit nach all seinem Begehr und Belieben? Und endlich, welchen fahrenden Ritter auf Erden gibt es, hat es gegeben, wird es geben, der nicht Mut und Kraft besäße, um für sich ganz allein vierhundert Landreitern, die ihm vor die Augen treten, vierhundert Stockprügel aufzuzählen?« 46. Kapitel Von dem denkwürdigen Abenteuer mit den Landreitern, auch von dem unbändigen Ingrimm unseres wackern Ritters Don Quijote Während Don Quijote also sprach, mühte sich der Pfarrer, die Landreiter zu überzeugen, daß Don Quijote nicht bei Verstand sei, wie sie aus seinen Taten und aus seinen Worten ersehen könnten, und daß es zwecklos sei, die Sache weiterzutreiben, weil sie, wenn sie ihn auch in Haft nähmen und fortführten, ihn doch gleich wieder als einen Verrückten freilassen müßten. Darauf entgegnete der Mann mit dem Haftbefehl, seine Sache sei es nicht, über Don Quijotes Verrücktheit zu urteilen, sondern lediglich auszuführen, was ihm von seinem Vorgesetzten befohlen worden, und wenn er erst einmal verhaftet sei, möchten sie ihn seinetwegen dreihundertmal wieder freilassen. »Trotz alledem«, entgegnete der Pfarrer, »werdet Ihr ihn für diesmal doch nicht mitnehmen, noch würde er sich mitnehmen lassen, soviel ich ersehen kann.« In der Tat wußte der Pfarrer ihnen so vielerlei vorzureden, und Don Quijote wußte so viel Narrheiten zu begehen, daß die Landreiter noch verrückter als er gewesen wären, wenn sie nicht eingesehen hätten, wo es ihm fehlte. So hielten sie es denn für geraten, ruhig zu bleiben, ja sogar die Friedensstifter zwischen dem Barbier und Sancho Pansa abzugeben, die einander noch immer in den Haaren lagen. Endlich, da sie doch Leute von der Justiz waren, vermittelten sie den Rechtshandel und wußten ihn als Schiedsrichter dergestalt zu schlichten, daß beide Teile, wenn auch nicht gänzlich einverstanden, doch in einigen Punkten zufriedengestellt waren. Sie tauschten nämlich mit den Eselssätteln, nicht aber mit den Gurten und Halftern; und was die Sache mit Mambrins Helm anging, so zahlte der Pfarrer unterderhand, und ohne daß Don Quijote es merkte, acht Realen für die Schüssel, und der Barbier stellte ihm einen Empfangsschein aus, worin er auch erklärte, er werde den Verkauf niemals wegen etwaiger Übervorteilung anfechten, weder jetzt noch in Ewigkeit, amen. Nachdem nun also diese beiden Streithändel, die bedeutendsten und wichtigsten unter allen, geschlichtet waren, blieb nur noch übrig, die Diener zu überreden, daß drei von ihnen heimkehrten und einer zurückbliebe, um Don Luis dahin zu begleiten, wo Don Fernando ihn hinbringen wollte. Und so wie das freundliche Schicksal und das noch freundlichere Glück bereits begonnen hatte, für das Liebespaar und die Tapfern in der Schenke eine Lanze zu brechen und Schwierigkeiten zu ebnen, so wollte es auch die Sache zu Ende führen und alles zu einem heitern Ausgang bringen. Denn die Diener waren mit allem einverstanden, was nur immer Don Luis verlangte, und Doña Clara war darob so freudig erregt, daß ihr jetzt niemand ins Gesicht blicken konnte, ohne ihre Herzenswonne in ihren Zügen zu lesen. Zoraida, obschon sie all die Ereignisse, die sie mit angesehen, nicht recht begriff, betrübte sich und freute sich aufs Geratewohl, je nachdem sie bei jedem einzelnen den wechselnden Gesichtsausdruck sah und merkte, insbesondere bei ihrem Spanier, auf den sie stets die Augen gerichtet hielt und an dem ihre Seele hing. Der Wirt, dem die Entschädigung nicht entgangen war, womit der Pfarrer den Barbier bedacht hatte, verlangte nun die Zeche für Don Quijote nebst dem Ersatz für den Schaden an seinen Schläuchen und für den Verlust am Wein und schwur, weder Rosinante noch Sanchos Esel dürften aus der Schenke heraus, bis ihm alles auf den letzten Heller bezahlt sei. Indessen brachte der Pfarrer alles ins Geleise, und Don Fernando zahlte, wiewohl auch der Oberrichter mit größter Bereitwilligkeit sich zur Zahlung erboten hatte. Nun war jedermann so völlig beruhigt und zufrieden, daß die Schenke längst nicht mehr wie die Zwietracht in Agramants Lager aussah – wie vorher Don Quijote gesagt hatte –, sondern gänzlich so wie die Ruhe und der allgemeine Friede zu Octavians Zeiten. Und für dies alles, war das allgemeine Urteil, müsse man den guten Absichten und der großen Beredsamkeit des Herrn Pfarrers Dank sagen sowie der unvergleichlichen Freigebigkeit Don Fernandos. Als Don Quijote sich nunmehr von so vielen Streithändeln, sowohl denen seines Schildknappen als auch seinen eignen, frei und ledig sah, deuchte es ihn am besten, alsbald seine angefangene Kriegsfahrt fortzusetzen und jenes große Abenteuer zu Ende zu führen, für das er berufen und auserwählt worden. So ging er denn mit raschem Entschlusse hin und warf sich vor Dorotea auf die Knie. Diese aber gestattete ihm nicht, auch nur ein Wort zu sprechen, bevor er aufstünde. Um ihr zu gehorchen, richtete er sich empor und sprach: »Es geht die gemeine Rede, liebreizendes Fräulein, daß Beharrlichkeit die Mutter des glücklichen Erfolges ist, und bei vielen und schwierigen Dingen hat die Erfahrung gezeigt, daß unablässige Bemühungen eines tüchtigen Sachwalters einen zweifelhaften Prozeß zu glücklichem Ende bringen. Aber nirgends zeigt sich die Wahrheit dieses Satzes deutlicher als in allem, was den Krieg betrifft, wo Schnelligkeit und stete Bereitschaft den Absichten des Feindes zuvorkommen und den Sieg erlangen, eh der Gegner sich nur in Verteidigungsstand gesetzt hat. All dieses sag ich, erhabene und hochpreisliche Herrin, weil es mich bedünkt, daß das Verweilen unserer Personen in dieser Burg jetzt bereits eines nützlichen Zweckes lediggeht, ja uns zu großem Schaden gereichen könnte, was wir eines Tages wohl erfahren möchten. Denn wer weiß, ob nicht durch geheime und beflissene Kundschafter Euer Feind, der Riese, bereits vernommen hat, daß ich ausziehe, um ihn zu vernichten, und ob er nicht, nachdem ihm diese Verzögerung die Möglichkeit dazu gewährt, sich in irgendeiner unüberwindlichen Burg oder Feste verschanzt, gegen welche all mein Mühen und die unermüdliche Kraft meines Armes wenig vermögen würden? Demnach, Herrin mein, wollen wir, wie ich gesagt, mit unseren schleunigen Maßregeln seinen Anschlägen zuvorkommen und unverzüglich und auf gut Glück von dannen ziehen; und will Euer Hoheit sotanes Glück ganz nach Dero Wunsch gewinnen, so ist sie von diesem Gewinn nur soviel entfernt, als ich jetzt noch zögere, Eurem Feind gegenüberzutreten.« Hier schwieg Don Quijote und sprach kein Wort weiter und erwartete ruhig und gelassen die Antwort der schönen Prinzessin, die mit vornehmem und ganz in Don Quijotes Manier gehaltenem Gebaren ihm folgendes antwortete: »Gar sehr, Herr Ritter, danke ich Euch das Befleißen, das Ihr an den Tag leget, mir in meinen großen Nöten hilfreich zu sein, recht als ein richtiger Ritter, dem es eigen und geziemlich ist, den Waisen und Bedrängten Beistand zu leisten; und wollte der Himmel, daß Euer und mein Begehr in Erfüllung ginge, auf daß Ihr sehet, daß es dankbare Frauen auf Erden gibt! Und was meinen Aufbruch betrifft, der werde alsogleich ins Werk gesetzt, sintemal ich keinen anderen Willen hege als den Euern. Verfüget über mich ganz nach Euerem Erachten und Belieben. Denn diejenige, so Euch einmal den Schutz ihrer Person anvertraut und die Wiederaufrichtung ihrer Herrschaft in Eure Hände gelegt hat, selbige darf nimmer sich gegen die Anordnungen setzen, so Eure weise Einsicht treffen mag.« »Mit Gottes Hilfe denn!« sprach Don Quijote. »Sintemalen es also geschieht, daß eine Dame sich vor mir demütigt, will ich die Gelegenheit nicht aus den Händen lassen, sie aufzurichten und sie auf ihren anererbten Thron zu setzen. Der Aufbruch geschehe sonach auf der Stelle, denn das alte, viel angeführte Wort: Nur im Zaudern steckt die Gefahr! beflügelt mir schon den Wunsch und die Reise. Und da der Himmel keinen je erschaffen und die Hölle keinen je gesehen hat, der mich in Schrecken setzen oder mutlos machen könnte, so sattle du, Sancho, den Rosinante und zäume deinen Esel auf und den Zelter der Königin, und nehmen wir Urlaub vom Burgvogt und von diesen Herrschaften, und sogleich auf der Stelle lasset uns von dannen ziehen.« Sancho, der bei all diesem zugegen war, schüttelte den Kopf hin und her und sprach: »Ach, gnädiger Herr, gnädiger Herr, es stinkt in der Fechtschule, und man will's nicht Wort haben, so sag ich, jedoch mit Verlaub all jener Frauenzimmer, die sauber unter der Haube sind.« »Was kann in der Fechtschule oder meinetwegen in allen Schulen der Welt für ein übler Geruch sein, der mir etwa zum Unglimpf gereichen könnte, du gemeiner Mensch?« brauste Don Quijote auf. »Wenn Euer Gnaden böse wird«, entgegnete Sancho, »dann schweig ich und werde nichts von allem offenbaren, wozu ich als getreuer Schildknappe verpflichtet bin und was ein getreuer Diener schuldig ist seinem Herrn zu sagen.« »Sage, was dir beliebt«, antwortete Don Quijote, »vorausgesetzt, daß du nicht darauf ausgehen willst, mir Furcht einzuflößen. Wenn aber du Furcht hast, so handelst du eben deiner Natur gemäß, und wenn ich keine solche habe, so handle ich gemäß der meinigen.« »Darum, Gott verzeih mir meine Sünden, darum handelt sich's nicht«, erwiderte Sancho, »sondern darum, daß ich für sicher und für erwiesen halte, daß dies Fräulein, welches sich für die Königin des großen Reiches Mikomikón ausgibt, das geradesowenig ist, wie meine Mutter es war; denn wäre sie das, wofür sie sich ausgibt, so würde sie nicht mit einem von jenen, die hier herumstehen, den Schnabel zusammenstecken, sooft man den Kopf umdreht und sooft man nicht darauf achtgibt.« Bei Sanchos Worten errötete Dorotea; denn es war ganz richtig, daß ihr Gemahl Don Fernando hie und da verstohlenerweise mit seinen Lippen einen Teil des Minnelohns eingeheimst hatte, der seiner Sehnsucht gebührte. Sancho hatte das gesehen, und es dünkte ihm, ein so freies Benehmen passe sich eher für ein buhlerisches Weib als für die Königin eines so großen Reiches. Sie konnte und wollte Sancho kein Wort erwidern, sondern ließ ihn in seinem Geschwätze fortfahren, und er sprach denn: »Dies sag ich Euch, Señor, damit Ihr's bedenket: wenn, nachdem wir soviel Wege und Landstraßen durchwandert, soviel schlimme Nächte und noch schlimmere Tage verbracht, wenn dann einer, der hier in der Schenke sich's wohl sein läßt, uns die Frucht unsrer Arbeit vor der Nase abpflücken soll, da brauch ich mich wahrhaftig nicht zu eilen, daß ich den Rosinante aufzäume, dem Esel seinen Sattel auflege und den Zelter in Bereitschaft setze; denn da ist es viel besser, wir bleiben ruhig zu Hause, und was eine Hure ist, soll lieber am Spinnrocken sitzen, wir aber wollen uns ans Essen und Trinken halten.« Hilf Himmel, welch ungeheurer Zorn erhob sich in Don Quijote, als er die frechen Worte seines Schildknappen vernahm! Ja, sag ich, der Zorn war so übermäßig, daß der Ritter mit bebender Stimme und stotternder Zunge, blitzendes Feuer aus den Augen sprühend, rief: »Ha, gemeiner Schuft, vernunftloser, frecher, dummer Kerl! Albernes, doppelzüngiges, schamloses, verleumderisches Lästermaul! Solcherlei Worte erdreistest du dich in meiner Gegenwart und angesichts dieser erlauchten Dame auszusprechen, und solchen Schändlichkeiten und Unverschämtheiten erfrechst du dich Raum zu geben in deiner verrückten Einbildung? Entferne dich aus meiner Gegenwart, du Ungeheuer der Natur, du Vorratskammer der Lügen, du Zeughaus der Tücke, Senkgrube der Schelmenstreiche, Erfinder der Bosheiten, Verbreiter sinnloser Dummheiten, Feind der Ehrerbietung, die man königlichen Personen schuldet! Hebe dich von hinnen, laß dich nicht mehr vor mir sehen, bei Strafe meines Zornes!« Und bei diesen Worten zog er die Brauen im Bogen empor, blies die Wangen auf, schaute wild um sich und stampfte mit dem rechten Fuß mächtiglich auf den Boden, was alles den Ingrimm verriet, den er in seinem Innern hegte. Und Sancho wurde bei diesen Worten und diesem wütenden Gebaren so kleinlaut und verzagt, daß es ihm eine Freude gewesen wäre, wenn sich gleich im Augenblicke die Erde unter seinen Füßen geöffnet und ihn verschlungen hätte. Er wußte nichts Besseres, als den Rücken zu wenden und vor dem zürnenden Angesicht seines Herrn zu entweichen. Allein die kluge Dorotea, die sich auf Don Quijotes Art schon so trefflich verstand, sprach, um seinen Groll zu besänftigen: »Entrüstet Euch nicht, Herr Ritter von der traurigen Gestalt, ob der sinnlosen Dinge, so Euer wackerer Schildknappe gesagt, denn es läßt sich denken, daß er sie ganz gewiß nicht ohne Anlaß sagt. Auch ist von seinem gesunden Verstand und seinem christlichen Gewissen nimmer argwöhnisch anzunehmen, daß er falsches Zeugnis gegen irgendwen vorbringt. Diesem nach darf man keinen Zweifel darein setzen, daß, sintemal in dieser Burg, wie Ihr, Herr Ritter, saget, alles mit Zauberei zugeht und geschieht, daß es also sein möchte, sag ich, daß Sancho unter solcher teuflischen Einwirkung gesehen hätte, was er gesehen zu haben behauptet und was meiner Tugend zu so großer Beeinträchtigung gereichen würde.« »Bei dem allmächtigen Gotte schwöre ich«, sprach Don Quijote, »Euer Hoheit hat den Nagel auf den Kopf getroffen, und diesem Sünder von Sancho sind böse Gesichte erschienen, was auf andre Weise als mittels Zauberei nie erschaut werden konnte. Auch ist mir bei der Ehrlichkeit und Unschuld dieses unglücklichen Menschen wohl bewußt, daß er gegen niemand falsches Zeugnis reden wird.« »So ist's und so wird es sein«, sprach Don Fernando, »und deshalb, Señor Don Quijote, müßt Ihr ihm vergeben und ihn in den Schoß von Dero Gnade wieder aufnehmen sicut erat in principio, bevor die besagten Gesichte ihm den Verstand benahmen.« Don Quijote erwiderte, er vergebe ihm, und der Pfarrer ging, Sancho zu holen. Der kam in großer Demut heran, warf sich auf die Knie und bat seinen Herrn um die Hand; der Ritter gab sie ihm, und nachdem er ihm vergönnt hatte, sie zu küssen, erteilte er ihm seinen Segen und sprach: »Jetzt endlich wirst du vollends erkannt haben, wie wahr ist, was ich dir schon oftmals gesagt, daß alles in dieser Burg mit Zauberei zugeht.« »Das glaub ich auch«, sagte Sancho, »mit Ausnahme des Wippens, denn das ist wirklich auf ganz natürliche Weise geschehen.« »Glaube das nicht«, erwiderte Don Quijote, »denn wäre dem so, dann hätt ich dich damals gerächt, ja, würde dich jetzt noch rächen; aber weder damals noch jetzt vermochte ich es, noch erblickte ich jemanden, an dem ich für die von dir erlittene Schmach hätte Rache nehmen können.« Die Anwesenden alle wünschten zu wissen, was es mit dem Wippen für eine Bewandtnis habe, und der Wirt erzählte ihnen Punkt für Punkt Sancho Pansas Luftfahrt, worüber sie alle nicht wenig lachten und worüber Sancho sich nicht weniger würde geärgert haben, wenn ihm sein Herr nicht aufs neue versichert hätte, es sei eitel Zauberei gewesen. Indessen ging Sanchos Einfalt nie so weit, es nicht für reine und unwiderlegliche Wahrheit ohne Beimischung irgendwelcher Täuschung zu halten, daß ihn Leute von Fleisch und Blut gewippt hatten und keineswegs Traumgebilde und Geschöpfe der Phantasie, wie sein Herr es glaubte und wiederholt versicherte. Zwei Tage waren nun schon vorüber, seit die ganze hochansehnliche Gesellschaft in der Schenke verweilte. Und da es ihnen endlich Zeit zur Abreise schien und die schöne Dorotea und Don Fernando sich die Mühe ersparen wollten, mit Don Quijote in sein Dorf zurückzukehren und zu diesem Zwecke die Erfindung von der Befreiung der Prinzessin Míkomikona weiterzuführen, so traf man Anstalt, daß der Pfarrer und der Barbier ihn, wie sie wünschten, mitnehmen und in seiner Heimat für die Heilung seines Irrsinns Sorge tragen könnten. Und was man veranstaltete, war, daß man mit einem Ochsenkärrner, der gerade vorüberkam, vereinbarte, er solle ihn auf folgende Weise fortbringen: man verfertigte aus gitterförmig gelegten Holzstäben eine Art von Käfig, geräumig genug, daß Don Quijote bequem Platz darin hatte; und Don Fernando und seine Gefährten nebst den Dienern des Don Luis und den Landreitern gemeinschaftlich mit dem Wirt, kurz, alle verhüllten sich auf Anweisung und nach Gutheißung des Pfarrers alsbald die Gesichter und verkleideten sich, der auf diese Weise und jener auf eine andre, damit Don Quijote sie für ganz andre Leute halten müsse, als die er in dieser Burg gesehen. Hierauf schlichen sie in tiefster Stille zu der Stätte, wo er im Schlummer lag und von den bestandenen Kämpfen ausruhte. Sie näherten sich ihm, der da frei von Besorgnis und sich sicher wähnend vor solchen Begebenheiten schlief, und indem sie ihn mit aller Macht packten, banden sie ihm Hände und Füße so fest, daß er, als er jählings aus dem Schlummer auffuhr, sich nicht rühren und nichts andres tun konnte als staunen und atemlos die seltsamen Gesichter anstarren, die vor ihm erschienen. Und gleich verfiel er auf eine jener Vorstellungen, die ihm seine nimmer ruhende, wahnwitzige Phantasie malte: er hielt es für gewiß, all diese Gestalten seien Gespenster dieser verzauberten Burg, und ohne allen Zweifel sei auch er bereits verzaubert, da er kein Glied rühren und sich nicht verteidigen konnte –: alles genauso, wie der Pfarrer, der Urheber dieses Anschlags, es vorausgesehen hatte. Sancho hatte allein von allen Anwesenden seinen richtigen Verstand und sein richtiges Aussehen behalten, und obschon ihm gar wenig daran fehlte, um ebenso krank am Geiste zu sein wie sein Herr, so entging es ihm doch nicht, wer all diese verlarvten Gestalten seien. Allein er wagte den Mund nicht aufzutun, bis er sähe, worauf diese Überrumpelung und Gefangennahme seines Herrn hinauswolle; und dieser sprach ebensowenig ein Wort, sondern erwartete mit Spannung den Ausgang des unglücklichen Begebnisses. Dieser Ausgang aber bestand darin, daß man den Käfig herbeibrachte, ihn darin einsperrte und die Balken so fest vernagelte, daß sie nicht so leicht zu brechen waren. Dann nahmen sie ihn auf die Schultern, und beim Verlassen des Gemaches hörte man eine furchtbare Stimme, so furchtbar sie der Barbier – nicht der mit dem Eselssattel, sondern der andre – hervorzubringen vermochte, die da rief: »O Ritter von der traurigen Gestalt! Nicht schaffe dir Trübsal die Gefangenschaft, in welcher du verweilest; denn so muß es sein, um desto schneller das Abenteuer zu Ende zu führen, zu welchem dein hoher Mut dich bewogen hat. Selbiges wird aber zu Ende geführt werden, wenn der grimmige Manchaner Löwe mit der weißen Toboser Taube das Lager teilen wird, nachdem sie beide den stolzen Nacken unter das milde ehestandliche Joch werden gebeugt haben; aus welcher nie erhörten Verbindung ans Licht der Welt hervortreten soll die ungestüme Leuenbrut, die es den kralligen Tatzen des heldenhaften Vaters nachtun wird. Und dies soll geschehen, bevor noch der Verfolger der flüchtigen Nymphe auf seiner schnellen natürlichen Bahn zu zweien Malen die leuchtenden Sternbilder besucht hat. Und du, o edelster, gehorsamster aller Schildknappen, so jemals ein Schwert am Gurt, einen Bart im Angesicht und Geruch in der Nase besessen, es mache dich nicht mutlos noch ärgerlich, daß du so vor deinen eignen Augen die Blume des fahrenden Rittertums hinführen siehst. Denn bald, wenn es dem Baumeister des Weltalls gefällt, wirst du dich so emporgehoben und zum Gipfel erhöht sehen, daß du dich selber nicht kennest, und es werden sich nicht als Täuschung erzeigen die Verheißungen, so dir dein redlicher Herre getan hat. Und ich bürge dir im Namen der Zauberin Lughilde, daß dein Dienstlohn dir ausbezahlt werden soll; wie du es durch die Tat ersehen wirst. Folge du nur immer den Fußstapfen des mannhaften, anitzo verzauberten Ritters; denn es gebührt sich, daß du mit ihm zu dem Orte ziehest, wo ihr beide euer Reiseziel finden sollt. Und da es mir nicht vergönnt ist, ein mehreres zu sagen, so fahret wohl in Gottes Namen; denn ich kehre zurück, ich weiß wohl, wohin.« Und als er an den Schluß dieser Weissagung kam, erhob er die Stimme zu solcher Kraft und ließ sie dann zu so sanftem Tone sinken, daß sogar die Mitwisser des losen Streiches beinahe an die Wahrheit der Worte geglaubt hätten. Don Quijote fühlte sich durch die vernommene Weissagung recht getröstet, denn er begriff ihren Sinn auf der Stelle und erkannte, daß er sich durch das heilige Band der Ehe verbunden sehen solle mit seiner geliebten Dulcinea von Toboso, aus deren gesegnetem Schoße die Leuenbrut hervorgehen werde, nämlich seine Söhne, zum unvergänglichen Ruhme der Mancha. Und im ernstlichen und festen Glauben hieran erhob er die Stimme, stieß einen mächtigen Seufzer aus und sprach: »O du, wer immer du sein mögest, der du mir soviel hohe Güter vorhergesagt, ich bitte dich, den weisen Zauberer, der über meinen Angelegenheiten waltet, in meinem Namen zu ersuchen, daß er mich nicht in diesen Banden, worin ich itzo fortgeschleppt werde, zugrunde gehen lasse, ehe ich so freudige, so unvergleichliche Verheißungen erfüllt sehe, wie sie mir hier geworden. Sofern aber dies geschehen sollte, so werde ich die Qualen meines Kerkers für Wonne halten, für Erquickung die Ketten, die mich umgürten, und das Lager, auf das man mich hingestreckt, nicht für ein hartes Schlachtfeld, sondern für eine weiche Schlafstätte und ein glückseliges Brautbett. Und was die Tröstung für meinen Knappen Sancho Pansa anbetrifft, so vertraue ich auf sein redliches Herz und seine redliche Handlungsweise, daß er mich weder in guten noch in bösen Tagen verlassen wird. Denn wenn es so kommen sollte, daß ich ihm um seines oder meines Unsterns willen die Insul, die ich ihm versprochen, oder etwas andres von gleichem Werte nicht geben könnte, so wird ihm wenigstens sein Dienstlohn nicht verlorengehen; sintemal in meinem Testament, das bereits errichtet ist, genau bestimmt stehet, was er erhalten soll, wenn es auch nicht seinen vielen redlichen Diensten entspricht, sondern nur dem wenigen, was in meiner Möglichkeit liegt.« Sancho Pansa verbeugte sich vor ihm mit großer Höflichkeit und küßte ihm beide Hände; eine allein hätte er nicht küssen können, weil beide zusammengebunden waren. Alsbald nahmen die Gespenster den Käfig auf die Schulter und setzten ihn auf dem Ochsenkarren zurecht. 47. Kapitel Von der seltsamen Art, wie Don Quijote verzaubert wurde, nebst andern denkwürdigen Begebnissen Als sich Don Quijote solchergestalt eingekäfigt und auf dem Karren sah, sprach er: »Viele und sehr bedeutsame Historien hab ich von fahrenden Rittern gelesen; aber niemals hab ich gelesen noch gesehen noch gehört, daß man die verzauberten Ritter auf solche Weise von dannen führt und mit solcher Langsamkeit, wie diese trägen, schwerfälligen Tiere es erwarten lassen. Denn stets pflegt man sie mit wunderbarer Schnelligkeit durch die Lüfte davonzuführen, von einer dunkelgrauen Wolke umschlossen oder in einem feurigen Wagen oder etwa auf einem Hippogryphen oder einem andern Untier ähnlicher Art. Aber daß man mich jetzt, mich , auf einem Ochsenkarren hinschleppt, bei Gott, da steht mir der Verstand still. Indessen haben das Rittertum und die Zauberkunst dieser unsrer Zeiten vielleicht eine andre Manier angenommen, als die Alten pflagen; und da ich im Rittertum ein Neuling auf der Welt bin und der erste, der den bereits vergessenen Beruf der abenteuernden Ritterschaft wieder auferweckt hat, so könnte es wohl auch der Fall sein, daß neuerlich andre Arten von Verzauberungen erfunden wurden und andre Arten, verzauberte Ritter von dannen zu führen. Was bedünkt dich hievon, Sancho, mein Sohn?« »Ich weiß wahrlich nicht, was mich bedünkt«, antwortete Sancho, »denn ich bin nicht so belesen in den fahrenden Büchern wie Euer Gnaden; aber bei alledem möchte ich behaupten und beschwören, die Gespenster, die hier umgehen, sind keine rechten, es kann kein Mensch recht an sie glauben.« »An sie glauben?« rief Don Quijote, »o du Gerechter! Wie kann man an sie glauben, da sie doch sämtlich Teufelsgeister sind, die nur scheinbar Körper angenommen haben, um uns diese Geschichten aufzuspielen und mich in diesen Zustand zu versetzen? Und wenn du sehen willst, wie sehr wahr dies ist, berühre sie, befühle sie, und du wirst finden, daß sie nur Luftgebilde und leere Scheinwesen sind.« »Bei Gott, Señor«, entgegnete Sancho, »ich habe sie schon befühlt; und dieser Teufel, der sich hier so geschäftig benimmt, hat festes derbes Fleisch und besitzt außerdem noch eine Eigenschaft, die ganz anders ist als die, welche ich den teuflischen Geistern habe nachsagen hören. Denn wie man sagt, riechen sie alle nach Schwefel und andern übeln Düften, dieser hingegen riecht auf eine halbe Meile weit nach Ambra.« Sancho meinte damit Don Fernando, der als ein so vornehmer Herr allerdings den von Sancho erwähnten Wohlgeruch um sich verbreiten mochte. »Wundere dich nicht darüber, Freund Sancho«, versetzte Don Quijote, »denn ich tue dir zu wissen, daß die Teufel sich auf gar vieles verstehen, und selbst wenn sie Gerüche mit sich führen, so riechen sie selbst doch nach nichts, weil sie Geister sind; und wenn sie nach etwas duften, können sie nicht nach etwas Gutem duften, sondern nur nach etwas Schlechtem und Stinkendem. Und warum? Da sie allerwärts die Hölle in ihrem Innern tragen und keine Erleichterung irgendwelcher Art in ihren Martern finden können; und da guter Geruch etwas Ergötzliches und Erfreuendes ist, so ist es nicht möglich, daß sie nach etwas Gutem riechen. Und wenn es dir so vorkommt, als rieche dieser teuflische Geist, von dem du sprichst, nach Ambra, so irrst du dich entweder, oder er will dich irreführen und dich verleiten, ihn nicht für einen Teufel zu halten.« Solcherlei Zwiesprach geschah zwischen Herrn und Diener, und Don Fernando und Cardenio waren in Besorgnis, es möchte Sancho vollständig hinter ihren Anschlag kommen, da er schon ganz nahe daran war. Sie beschlossen daher, die Abreise zu beschleunigen, riefen den Wirt beiseite und befahlen ihm, Rosinante aufzuzäumen und dem Esel Sanchos seinen Sattel aufzulegen. Er tat es denn in aller Eile. Inzwischen hatte der Pfarrer mit den Landreitern die Abrede getroffen, daß sie ihn nach seinem Orte begleiten sollten, wofür er ihnen ein gewisses Tagesgeld zusagte. Cardenio hängte an Rosinantes Sattelbogen einerseits die Tartsche, andererseits die Barbierschüssel und gebot Sancho durch Zeichen, sich auf seinen Esel zu setzen und Rosinante am Zügel zu nehmen; zu beiden Seiten des Karrens stellte er je zwei von den Landreitern mit ihren Musketen auf. Bevor jedoch der Karren sich in Bewegung setzte, kam die Wirtin mit ihrer Tochter und Maritornes heraus; sie stellten sich, als weinten sie vor Schmerz über sein Mißgeschick. Don Quijote sprach zu ihnen: »Weinet nicht, meine lieben Damen; allen derartigen Mißgeschicken sind diejenigen ausgesetzt, die sich zu dem Berufe bekennen wie ich, und wenn solche Trübsale mir nicht zustießen, würde ich mich nicht für einen fahrenden Ritter von Ruf erachten. Denn den Rittern von geringem Ruf und Namen widerfahren nimmer solcherlei Geschichten, sintemal niemand auf Erden sich um sie bekümmert; wohl aber den heldenhaften, die in zahlreichen Fürsten und viel andern Rittern Neider ihrer Tugend und Mannhaftigkeit haben, welche alle mit schlechten Mitteln die Guten zu verderben trachten. Aber bei alledem ist die Tugend so mächtig, daß sie durch sich selbst trotz all der Schwarzkunst, auf die sich deren erster Erfinder, Zoroaster, verstand, als Siegerin aus allen Nöten hervorgehen und das ihr eigene Licht über die Welt verbreiten wird, wie die Sonne es über den Himmel verbreitet. Verzeihet mir, huldselige Damen, wenn ich aus Unbedacht euch etwa eine Ungebühr angetan; denn mit Willen und Wissen habe ich solche nie jemandem zugefügt; und bittet zu Gott, daß er mich aus diesen Banden löse, in die irgendein übelwollender Zauberer mich geschlagen hat. Wenn ich mich aber von selbigen wieder frei sehe, werden mir die Gnaden, so ihr mir in dieser Burg erwiesen habt, nie aus dem Gedächtnis entfallen, auf daß ich sie verdanken, mit Diensten vergelten und belohnen kann, wie sie es verdienen.« Während die Edelfrauen der Burg sich dergestalt mit Don Quijote im Gespräch ergingen, nahmen der Pfarrer und der Barbier Abschied von Don Fernando und seinen Gefährten, dem Hauptmann und seinem Bruder und von all den vergnügten Damen, insbesondere von Dorotea und Luscinda. Sie umarmten einander und verabredeten, sich gegenseitig Nachricht von ihren Schicksalen zu geben. Don Fernando sagte dem Pfarrer, wohin er ihm schreiben solle, um ihm mitzuteilen, was aus Don Quijote werden würde, und versicherte ihm, nichts könne ihm mehr Vergnügen machen als Nachricht hierüber; ebenso wolle er auch ihn von allem benachrichtigen, was nach seiner Meinung der Pfarrer gern vernehmen werde sowohl von seiner Trauung als auch von Zoraidas Taufe und von Don Luis' Schicksal und von Luscindas Rückkehr zu ihrer Familie. Der Pfarrer versprach, all ihre Aufträge pünktlichst auszuführen. Sie umarmten einander nochmals und wiederholten nochmals ihre Freundschaftsversicherungen. Der Wirt trat jetzt zu dem Pfarrer heran und gab ihm ein Heft Papiere, die er im Unterfutter des nämlichen Mantelsacks entdeckt habe, in welchem er die Erzählung von dem Törichten Vorwitz gefunden, und da dessen Eigentümer nie wieder hierher zurückgekehrt sei, so möge er sie alle mitnehmen; denn da er selbst nicht lesen könne, so wolle er sie nicht behalten. Der Pfarrer dankte ihm dafür, schlug die Papiere auf und fand gleich zu Anfang der Handschrift den Titel: Novelle von Rinconete und Cortadillo . Er sah also, daß es eine Novelle war, und da die vom Törichten Vorwitz gefallen hatte, so folgerte er, das werde auch mit dieser der Fall sein, weil ja beide möglicherweise vom nämlichen Verfasser herrühren könnten; und so nahm er sie in Verwahrung, mit der Absicht, sie zu lesen, sobald er Muße dazu fände. Dann stieg er zu Pferde, und so auch sein Freund, der Barbier, beide mit ihren Larven vor dem Gesicht, damit sie nicht gleich von Don Quijote erkannt würden, und sie begannen hinter dem Wagen herzutraben, und zwar in folgender Ordnung: zuerst kam der Karren, der von dem Eigentümer gefahren wurde; zu beiden Seiten hielten sich, wie gesagt, die Landreiter mit ihren Musketen; gleich danach folgte Sancho Pansa auf seinem Esel mit Rosinante am Zügel; hinter dem Ganzen her zogen der Pfarrer und der Barbier auf ihren mächtigen Maultieren, die Gesichter verhüllt, wie schon bemerkt, mit ernster und gelassener Haltung, nicht schneller reitend, als es der träge Schritt der Ochsen gestattete. Don Quijote saß in seinem Käfig, die Hände gebunden, die Füße ausgestreckt, an die Latten des Verschlags gelehnt, so schweigsam und so geduldig, als wäre er kein Mensch von Fleisch und Bein, sondern eine steinerne Bildsäule. Und so zogen sie stets in gleicher Gemächlichkeit und Stille etwa zwei Meilen hin, bis sie zu einem Tale gelangten, das der Ochsenkärrner für einen passenden Ort hielt, um auszuruhen und seine Ochsen grasen zu lassen; doch als er dies dem Pfarrer sagte, war der Barbier der Meinung, man solle noch ein wenig weiterziehen, weil er wußte, daß hinter einer Anhöhe, die man von dort aus erblickte, sich ein Tal mit viel mehr und weit besserem Gras befinde. Der Vorschlag des Barbiers wurde angenommen und demnach die Reise wieder fortgesetzt. Indem wendete der Pfarrer die Augen zurück und sah sechs oder sieben Berittene hinter ihnen herkommen, stattliche, wohlgekleidete Leute, von denen sie sehr bald eingeholt wurden; denn jene zogen nicht mit der Bedächtigkeit und Trägheit der Ochsen einher, sondern als Leute, die auf Maultieren von Domherrn ritten und vom Verlangen getrieben waren, möglichst bald in der Schenke, die sich auf eine Entfernung von weniger als einer Meile dort zeigte, Mittagsrast zu halten. Die Eilfertigen holten die Säumigen bald ein, sie begrüßten einander höflichst, und als der eine von den Ankömmlingen, ein Domherr zu Toledo, den wohlgeordneten Zug sah mit dem Karren, den Landreitern, Sancho, Rosinante, Pfarrer und Barbier und gar Don Quijote eingekäfigt und in Banden, konnte er nicht umhin, zu fragen, was es zu bedeuten habe, daß man diesen Mann auf solche Weise fortbringe; obzwar er schon, wegen der Landreiter, vermutet hatte, es müsse ein ruchloser Straßenräuber oder ein Verbrecher andrer Art sein, den die Heilige Brüderschaft verhaftet habe. Einer der Landreiter, derjenige, an den die Frage gerichtet war, antwortete also: »Señor, was es zu bedeuten hat, daß dieser Herr auf solche Weise fortgebracht wird, das mag er selber Euch sagen, denn wir wissen es nicht.« Don Quijote hörte diese Worte und sprach: »Sind Eure Gnaden, ihr Herren Ritter, vielleicht in betreff der fahrenden Ritterschaft belesen und erfahren? Denn wenn ihr es seid, so will ich euch meine traurigen Schicksale mitteilen; und wenn nicht, so seh ich keinen Grund, mich mit der Erzählung zu bemühen.« Inzwischen waren der Pfarrer und der Barbier, welche bemerkt hatten, daß die Reisenden sich in ein Gespräch mit Don Quijote eingelassen, schon herzugekommen, um ihnen so zu antworten, daß ihr listiger Anschlag nicht entdeckt werde. Der Domherr gab Don Quijote zur Antwort: »In der Tat, lieber Freund, weiß ich mehr von Ritterbüchern als von den Summulae des Villalpando; wenn es also nur hierauf ankommt, so könnt Ihr mir in voller Seelenruhe alles mitteilen, was Ihr wollt.« »In Gottes Namen denn«, entgegnete Don Quijote. »Da es also ist, so sollt Ihr wissen, Herr Ritter, ich weile in diesem Käfig verzaubert durch Neid und Trug bösartiger Zauberer; denn die Tugend wird von den Bösen weit mehr verfolgt als von den Guten geliebt. Ich bin ein fahrender Ritter, und zwar keiner von jenen, an deren Namen die Göttin Fama niemals gedacht hat, um sie zu verewigen, sondern einer von jenen, welche zu Trotz und Ärger dem Neide selbst und zum Leidwesen all der Magier Persiens, der Brahmanen Indiens und der Gymnosophisten Äthiopiens ihren Namen einschreiben werden im Tempel der Unsterblichkeit, auf daß er in kommenden Jahrhunderten zum Beispiel und Vorbild diene, aus welchem die fahrenden Ritter ersehen mögen, welche Lebenswege sie zu wandeln haben, wenn sie zum Gipfelpunkt und zur erhabensten Höhe des Waffenwerks gelangen wollen.« »Wahr spricht der Herr Don Quijote«, sagte jetzt der Pfarrer, »verzaubert zieht er hin auf diesem Karren, nicht ob seiner Verschuldungen und Sünden, sondern ob der bösen Gesinnung jener, welchen die Tugend zuwider und die Tapferkeit ein Ärgernis ist. Dieser Mann, Señor, ist der Ritter von der traurigen Gestalt, falls Ihr etwa ihn zu irgendwelcher Zeit schon habt nennen hören, dessen mannhafte Taten geschrieben stehen werden auf hartem Erz und ewigem Marmor, sosehr sich auch der Neid abmühen möge, sie zu verdunkeln, und die Bosheit, sie in die Verborgenheit zu drängen.« Als der Domherr den Mann in Gefangenschaft und den Mann in Freiheit beide auf solche Weise reden hörte, wollte er sich schier vor Staunen und Verwunderung bekreuzigen, und er wußte kaum, wie ihm geschah; und in nicht minderes Staunen verfielen seine Begleiter alle. Inzwischen hatte sich Sancho Pansa genähert, um das Gespräch zu hören, und um alles in Richtigkeit zu bringen, fiel er ein: »Jetzt, ihr Herren, ob ihr nun gut oder übel aufnehmt, was ich sagen will, die Sache ist die, daß mein Herr Don Quijote geradeso verzaubert ist wie meine Frau Mutter: er hat seinen völligen Verstand und ißt und trinkt und verrichtet seine Bedürfnisse wie andre Menschen und wie er es noch gestern getan hat, bevor man ihn eingekäfigt hat. Und da dem so ist, wie wollt ihr mir weismachen, er sei verzaubert? Ich habe ja viele Leute sagen hören, daß die Verzauberten weder essen noch schlafen noch reden, und mein Herr hingegen, wenn man ihm nicht Einhalt tut, redet mehr als dreißig Advokaten.« Sodann wandte er sich zu dem Pfarrer, sah ihn an und fuhr so fort: »Ach, Herr Pfarrer, Herr Pfarrer! Hat Euer Gnaden gemeint, ich kenne Euch nicht? Und könnt Ihr meinen, ich verstehe nicht und errate nicht, worauf diese neuen Verzauberungen hinauswollen? Wohl, so vernehmt, daß ich Euch kenne, sosehr Ihr Euch das Gesicht verdeckt, und wisset, daß ich Euch verstehe, sosehr Ihr Euere Ränke verbergen möget. Kurz, wo der Neid regiert, da kann die Tugend nicht bestehen, und wo der Geiz zu Hause ist, da ist keine Freigebigkeit. Daß doch der Teufel den Teufel holte! Wenn Euer Ehrwürden sich nicht dareingemengt hätte, so wäre mein Herr jetzt schon mit der Prinzessin Míkomikona verheiratet und ich zum mindesten ein Graf; denn ein geringerer Ehrensold ließ sich nicht erwarten, einerseits von dem guten Herzen meines Herrn, des Ritters von der traurigen Gestalt, und anderseits von der Größe meiner Verdienste. Aber ich sehe es schon, wahr ist, was man draußen in der Welt sagt: das Rad des Glückes dreht sich hurtiger als ein Mühlrad, und wer gestern obenauf war, liegt heut am Boden. Um Weib und Kinder ist mir's leid; denn gerade als sie hoffen konnten und sollten, sie würden ihren Vater als Statthalter oder Unterkönig einer Insul oder eines Reiches durch ihre Tore einziehen sehen, da werden sie ihn einziehen sehen als einen Pferdeknecht. Mit allem, was ich da sage, Herr Pfarrer, will ich weiter nichts, als Euer Würden dringend bitten, Ihr möchtet Euch ein Gewissen daraus machen, daß mein Herr so schlecht behandelt wird, und möchtet wohl achthaben, daß nicht Gott in jener Welt Rechenschaft von Euch fordert für diese Einkerkerung meines Herrn und es Euch dereinst schwer anrechnet, daß mein Herr all die Zeit, wo er gefangen liegt, so viele Rettungswerke und Guttaten ungetan lassen muß.« »Ei, ei, das Lämpchen flackert und muß geschneuzt werden!« sagte hierauf der Barbier; »auch Ihr, Sancho, gehört zur Kumpanei Eures Herrn? So wahr Gott lebt, ich seh es kommen, daß Ihr ihm bald im Käfig Gesellschaft leisten und ebenso verzaubert werden müßt wie er für den Anteil, den Ihr an seinem Sparren und an seinem Rittertum habt. Zu übler Stunde habt Ihr von seinen Verheißungen Euer Hirn schwängern lassen; im unglücklichsten Augenblick ist Euch die heißerwünschte Insul in den Sinn gekommen.« »Ich bin von niemandem geschwängert worden«, antwortete Sancho, »ich bin nicht der Mann, der sich schwängern ließe, ja nicht einmal vom König selber. Wiewohl ein armer Mann, bin ich ein Christ von altem Blut und bin niemandem nichts schuldig; und wenn ich auch Insuln wünsche, so wünschen andere anderes und Schlimmeres. Und jeder ist der Sohn seiner Taten, und dafern ich nur ein Mann bin, kann ich's doch noch dahin bringen, daß ich Papst werde, wieviel eher also Statthalter einer Insul, zumal deren mein Herr so viele erobern kann, daß es ihm an Leuten fehlen wird, sie ihnen zu verschenken. Also überlege Euer Edlen, was Ihr redet, Herr Barbier, denn Bärtescheren ist nicht alles, und es ist immer ein Unterschied zwischen Peter und Peter. Das sage ich, weil wir einander alle kennen, und mir darf man nicht mit falschen Würfeln kommen; und wie es mit der Verzauberung meines Herrn zugegangen ist, das weiß Gott am besten, und dabei wollen wir's lassen, denn wenn man darin herumrührt, wird's immer schlimmer.« Der Barbier wollte Sancho keine Antwort geben, damit er in seiner Einfalt nicht alles verriete, was er und der Pfarrer so sehr zu verbergen suchten. Aus der nämlichen Besorgnis heraus hatte der Pfarrer den Domherrn gebeten, ein wenig mit ihm vorauszureiten; er wolle ihm alsdann das Geheimnis von dem eingekäfigten Ritter mitteilen, nebst manchem anderen, was ihm Vergnügen machen werde. Der Domherr war es zufrieden, ritt mit seinen Dienern und mit ihm voraus und horchte aufmerksam auf die Mitteilungen über Don Quijotes Denkart, Lebenslauf, Torheit und Gewohnheiten, wobei der Pfarrer in aller Kürze von dem Ursprung und Grund der Verrücktheit des Ritters berichtete, dann vom weiteren Verlauf seiner Geschichte bis dahin, wo er in den Käfig gesperrt wurde, und endlich von ihrer Absicht, ihn nach seiner Heimat zu bringen, um womöglich irgendein Heilmittel für seine Verrücktheit zu finden. Aufs neue verwunderten sich die Diener und der Domherr über Don Quijotes seltsame Geschichte, und der Domherr sprach, als er sie zu Ende gehört: »Wahrhaftig, Herr Pfarrer, ich meinesteils finde, daß die sogenannten Rittergeschichten dem Gemeinwesen schädlich sind; und obgleich ich aus Langerweile und verkehrter Leselust beinah von allen, die gedruckt sind, den Anfang durchgegangen, so habe ich es nie dahin bringen können, auch nur eine bis zu Ende zu lesen. Denn es bedünkt mich, daß sie meiner Meinung nach alle mehr oder weniger einander völlig gleich sind und in der einen nicht mehr und nicht weniger steht als in der anderen. Und wie mir deucht, gehört diese Art von Schriftstellerei oder Dichtung zur Art jener Milesischen Märchen, welche ungereimte Erzählungen sind, die nur ergötzen und nicht belehren wollen; im Gegensatz zu den Äsopischen Fabeln, welche sowohl ergötzen als auch belehren. Und wenn nun auch der hauptsächliche Zweck solcher Bücher ist zu ergötzen, so weiß ich nicht, wie sie ihn erreichen können, da sie voll so vieler ungeheuerlicher Abgeschmacktheiten sind. Denn das Ergötzen, das der Geist sucht, soll er nur empfinden ob der Schönheit und der richtigen Verhältnisse alles einzelnen, die er an den Dingen findet, wie sie ihm der lebendige Anblick oder die Phantasie vorführt; und alles, was Häßlichkeit und Mißverhältnis in sich hat, kann unmöglich Vergnügen in uns erregen. Nun aber, welche Schönheit oder welches Verhältnis der Teile zum Ganzen kann in einem Buch oder Märchen vorhanden sein, wo ein Junge von sechzehn Jahren einem turmhohen Riesen einen Schwerthieb versetzt und ihn mitten auseinanderhaut, als wäre er von Zuckerteig? Und wie erst, wenn man uns eine Schlacht schildern will, nachdem man gesagt, es stünden auf feindlicher Seite mehr als eine Million Streiter? Falls nur der Held des Buches gegen sie ist, so müssen wir notgedrungen, so ungern wir's auch tun, für wahr annehmen, daß der besagte Ritter den Sieg durch die Tapferkeit seines starken Armes allein davongetragen hat. Und dann, was sollen wir von der leichtsinnigen Bereitwilligkeit sagen, mit der eine Königin oder die Erbin eines Kaisertums sich einem ihr unbekannten fahrenden Ritter an den Hals wirft? Welcher Geist, wenn er nicht völlig roh und ungebildet ist, kann sich daran vergnügen, zu lesen, wie ein großer Turm voll Ritter über Meer fährt gleich einem Schiff unter günstigem Winde und heut in der Lombardei Nachtruhe hält und morgen in der Frühe sich in den Landen des Priesters Johannes von Indien befindet oder in anderen, die weder Ptolomäus entdeckt noch Marco Polo gesehen hat? Und wollte man mir hierauf entgegnen, daß die Verfasser von Büchern dieser Art sie nur als erdichtete Geschichten niederschreiben und daß sie daher nicht verpflichtet sind, auf Schicklichkeit und auf Wahrheit der Tatsachen zu sehen, so würde ich ihnen antworten müssen, daß die Lüge um so besser ist, je mehr sie wahr scheint, und um so mehr gefällt, je mehr sie Wahrscheinliches und Mögliches enthält. Die Dichtung muß sich mit dem Geiste des Lesers vermählen; das heißt, man muß das Erdichtete so gestalten, daß es das Unmögliche begreiflich macht, das Allzuhohe ebnet, die Geister in Spannung versetzt und mithin uns in solchem Grade Staunen abnötigt, uns aufregt und unterhält, daß Verwunderung und frohe Stimmung stets gleichen Schritt halten. Und all dieses wird der nicht zustande bringen können, der sich von der Wahrscheinlichkeit und der Nachahmung der Wirklichkeit fernhält, worin die Vollkommenheit eines Buches besteht. Nie hab ich ein Ritterbuch gesehen, dessen Dichtung ein einheitliches Ganzes mit all seinen Gliedern gebildet hätte, so daß die Mitte dem Anfang entspräche und das Ende dem Anfang und der Mitte; vielmehr setzen sie die Erzählung aus so viel Gliedern zusammen, daß es eher den Anschein hat, sie beabsichtigen eine Chimära oder sonst ein widernatürliches Ungetüm zu bilden, als eine Gestalt von richtigen Verhältnissen zu schaffen. Außerdem sind sie im Stile hart, in den erzählten Taten unwahrscheinlich, in den Liebeshändeln unzüchtig, in den Feinheiten des Umgangs unbeholfen, weitschweifig in den Schlachten, albern in den Gesprächen, ungereimt in den Reisen und, kurz, alles Kunstverständnisses bar und darum wert, aus dem christlichen Gemeinwesen als unnütz verbannt zu werden.« Der Pfarrer hörte ihm höchst aufmerksam zu und erkannte in ihm einen Mann von gesundem Verstand, der in allen seinen Behauptungen recht hatte. Daher sagte er ihm, weil er ganz und gar mit ihm gleicher Meinung sei und gegen die Ritterbücher einen Widerwillen hege, habe er die ganze Sammlung Don Quijotes verbrannt, und die sei nicht klein gewesen. Und dann erzählte er ihm, wie er Gericht über sie gehalten und welche er zum Feuer verurteilt und welche er am Leben gelassen habe. Darüber lachte der Domherr nicht wenig und meinte, trotz all dem Bösen, das er über die besagten Bücher gesagt, finde er in ihnen immerhin ein Gutes, nämlich daß ihr Gegenstand stets ein solcher sei, daß in ihnen ein guter Kopf sich zeigen könne; denn sie öffneten ein weites, geräumiges Feld, über das die Feder ohne irgendwelches Hindernis hineilen könne, um Schiffbrüche, Seestürme, Scharmützel und Schlachten zu beschreiben; einen tapfern Feldherrn zu schildern mit all den Eigenschaften, die zu einem solchen erforderlich sind: sich als vorsichtig bewährend, den listigen Anschlägen seiner Feinde zuvorkommend, ein gewandter Redner, der seine Krieger zu allem überreden oder ihnen jegliches ausreden kann, bedächtig im Rat, rasch zur Tat, ebenso mannhaft entschieden im Abwarten wie im Angreifen; bald einen jammervollen, schmerzlichen Vorgang darzustellen, bald ein freudiges und unverhofftes Ereignis, dort eine wunderschöne, tugendsame, verständige und sittige Dame, hier einen Ritter voll christlichen Heldenmutes und feiner Gesittung zu zeichnen, dort hingegen einen ungeschlachten, großsprecherischen Barbaren, an anderem Orte einen freundlichen, tapferen, weitblickenden Fürsten; die Biederkeit und Treue der Untertanen, die Größe und Freigebigkeit der Herrscher. Bald kann er sich als Sterndeuter zeigen, bald als Meister der Erdbeschreibung, bald als Musiker, bald als Kenner der Staatsangelegenheiten; ja, vielleicht kommt ihm einmal die Gelegenheit, sich, wenn er Lust hat, als Schwarzkünstler zu zeigen. Er kann die Verschlagenheit des Odysseus und die Kühnheit des Achilles darstellen, Hektors trauriges Geschick, Sinons Verräterei, die Freundschaft des Euryalus, Alexanders Großmut, den Heldensinn Cäsars, die Milde und Aufrichtigkeit Trajans, die Treue des Zopirus, die Weisheit Catos und, endlich, all jene Tugenden, die einen hochgestellten Mann vollkommen machen können, indem er sie bald in einem einzigen Helden zusammengesellt, bald sie unter viele verteilt. Und wenn dies mit gefälliger Anmut des Stils geschieht und mit sinnreicher Erfindung, die soviel als möglich das Gepräge der Wahrheit trägt, dann wird er ohne Zweifel ein Gewebe weben, aus mannigfachen und reizenden Verschlingungen gebildet, das, wenn es erst zustande gebracht worden, eine solche Vollkommenheit und solchen Reiz der Gestaltung zeigt, daß es das schönste Ziel erreicht, das man in Büchern anstrebt, nämlich zugleich zu belehren und zu ergötzen, wie ich schon bemerkt habe. Denn der zwanglose Stil dieser Bücher gewährt dem Verfasser Freiheit und Raum, sich als epischer, lyrischer, tragischer, komischer Dichter zu zeigen, in der ganzen Vielseitigkeit, die in den holden und heiteren Künsten der Poesie und Beredsamkeit enthalten ist – denn die epische Dichtung läßt sich ebensogut in Prosa als in Versen schreiben. 48. Kapitel Wo der Domherr mit der Besprechung der Ritterbücher fortfährt, nebst andern Dingen, so des geistvollen Herrn würdig sind »Es ist so, wie Euer Gnaden sagen, Herr Domherr«, sprach der Pfarrer, »und aus diesem Grunde verdienen diejenigen um so strengeren Tadel, die bis heute dergleichen Bücher verfaßt haben, ohne jemals vernünftige Überlegung zu Rate zu ziehen oder die Kunst und die Regeln, durch die sie sich leiten lassen und in der Prosa Ruhm erwerben konnten, wie es in Versen die beiden Fürsten der griechischen und der lateinischen Dichtung getan.« »Ich selbst bin einmal in eine gewisse Versuchung geraten, ein Ritterbuch zu schreiben«, versetzte der Domherr, »und habe dabei alle die Regeln beobachtet, die ich soeben erwähnte; und wenn ich die Wahrheit sagen soll, so habe ich mehr als hundert Blätter vollgeschrieben und habe sie, um die Probe zu machen, ob sie meiner Wertschätzung entsprächen, Leuten mitgeteilt, die leidenschaftlich für diese Art Bücher schwärmen, sowohl gelehrten und verständigen als auch ungebildeten und beschränkten, die nur für ungereimtes Zeug Sinn haben, und habe bei allen den erwünschten Beifall gefunden. Aber trotzdem habe ich es nicht fortgesetzt, sowohl weil ich glaubte, mit dieser Arbeit etwas meinem Berufe Fernliegendes zu tun, als auch weil ich einsah, daß die Zahl der Einfältigen größer ist als die der Einsichtigen, und weil ich – obschon das Lob weniger Verständiger besser ist als der Spott vieler Dummköpfe – mich nicht dem unklaren Urteil der sich in Einbildung blähenden Menge unterwerfen will, die doch vor allen andern sich mit dem Lesen solcher Bücher abgibt. Was aber vorzugsweise mir die Arbeit aus den Händen nahm, ja mich von dem Gedanken, sie zu vollenden, gänzlich abbrachte, war eine Betrachtung, die ich für mich anstellte und die durch die heutzutage aufgeführten Lustspiele angeregt wurde. Ich sagte mir nämlich: wenn diese Stücke, die man jetzt gibt, sowohl die rein erfundenen als auch die aus der Geschichte entnommenen, alle oder doch meistenteils anerkanntermaßen ungereimtes Zeug sind und weder Hand noch Fuß haben, und wenn trotzdem die Menge sie mit Vergnügen anhört und für gut hält und mit Beifall belohnt, während sie es nicht im entferntesten sind; und wenn die Verfasser, die sie schreiben, und die Schauspieler, die sie aufführen, sagen, sie müßten so sein, weil die Menge sie so und nicht anders haben will; und wenn die Lustspiele, die einen Plan haben und die Handlung folgerichtig entwickeln, wie die Kunst es verlangt, nur für drei, vier einsichtige Leute vorhanden sind, die Verständnis dafür haben, und alle übrigen Hörer ganz verständnislos sind für deren Kunst, und wenn es mithin für die Verfasser und Darsteller viel besser ist, bei der Menge ihr Brot zu verdienen, als bei den wenigen Ruhm zu erwerben: da wird es am Ende mit meinem Buch ebenso gehen, nachdem ich mir die Finger lahmgeschrieben, um die erwähnten Vorschriften zu beobachten, und ich werde am Ende den Schneider von Campillo spielen, der die Hosen unentgeltlich nähte und noch den Zwirn dazugab. Und wiewohl ich die Schauspieler mehrmals zu überzeugen suchte, daß sie mit ihrer Ansicht im Irrtum sind und daß sie mehr Leute anziehen und größeren Ruf erlangen würden, wenn sie Komödien darstellten, die den Regeln der Kunst folgen, als jene Stücke voller Widersprüche und Ungereimtheiten, so halten sie dennoch so fest an ihren Meinungen und sind damit so verwachsen, daß weder vernünftige Erwägungen noch die augenscheinlichsten Tatsachen imstande wären, sie davon abzubringen. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages zu einem dieser Starrköpfe äußerte: Sagt mir doch, erinnert Ihr Euch nicht, daß vor wenig Jahren in Spanien drei Trauerspiele zur Aufführung kamen, die ein berühmter Dichter dieser Lande verfaßt hatte und die so wirkungsvoll waren, daß sie die Hörer alle, sowohl die einfachen als auch die gebildeten, sowohl die zum großen Haufen gehörenden als auch die auserlesenen, in Bewunderung, freudige Stimmung und hohes Staunen versetzten und daß die drei Stücke für sich allein den Darstellern mehr Geld einbrachten als dreißig der besten, die seitdem und bis jetzt geschrieben wurden? – Ganz gewiß, antwortete der Schauspieler, den ich meine, Euer Gnaden spricht ohne Zweifel von der Isabela , der Phyllis und der Alexandra . – Diese meine ich allerdings, erwiderte ich ihm; und denkt einmal darüber nach, ob sie die Vorschriften der Kunst genau befolgt haben und ob sie etwa deshalb, weil sie sie befolgten, nicht für so wertvoll gegolten, wie sie es sind, und nicht jedermann gefallen haben. So liegt also die Schuld nicht an dem großen Haufen, der etwa Ungereimtes verlangt, sondern an jenen, die nichts andres darzustellen verstehen. So ist es, und das Schauspiel Für Undank Rache war keine Ungereimtheit, und die Numancia enthielt keine, und man fand keine in der Komödie vom Kaufmann als Liebhaber oder gar in der Freundlichen Feindin noch in etlichen anderen, die von verschiedenen einsichtsvollen Dichtern verfaßt wurden, ihnen selbst zu Ruhm und Ehre und denen zum Gewinn, die sie aufführten. Noch andre Gründe fügte ich diesen hinzu, womit ich meines Bedünkens ihn etwas verlegen machte, ihn aber weder zu einem Zugeständnis bewog noch genügend überzeugte, um ihn von seinen irrigen Ansichten abzubringen.« »Euer Gnaden hat einen Gegenstand berührt, Herr Domherr«, sprach hier der Pfarrer, »der in mir einen alten Groll wiedergeweckt hat, den ich gegen die jetzt im Schwange befindlichen Bühnenstücke hege und der nicht minder heftig ist als gegen die Ritterbücher; denn während die Komödie, wie Tullius Cicero meint, ein Spiegel des menschlichen Lebens, ein Lehrbuch der Sitten und ein Bild der Wahrheit sein soll, sind die heutigen Stücke Spiegel der Ungereimtheiten, Lehrbücher der Albernheiten und Bilder der frechen Lüsternheit. Denn welche größere Ungereimtheit ist denkbar auf dem Gebiete, von dem wir sprechen, als daß in der ersten Szene des ersten Aufzugs ein Kind in Windeln erscheint und in der zweiten als ein bereits bärtiger Mann auftritt? Und ist es nicht der ärgste Widersinn, uns einen Greis als tapfern Kämpfer und einen jungen Mann als Feigling darzustellen, einen Lakaien als redegewandt im Wortstreit, einen Edelknaben als Ratgeber, einen König als Taglöhner und eine Prinzessin als Küchenmagd? Was soll ich sodann von der Art sagen, wie die Zeit eingehalten wird, binnen deren die Handlung in diesen Schauspielen vorgehen kann oder konnte, was soll ich anderes sagen, als daß ich manches Drama gesehen habe, wo der erste Aufzug in Europa anfing, der zweite in Asien und der dritte in Afrika zu Ende ging und gewiß, wenn es vier Aufzüge gewesen wären, der vierte in Amerika schließen und also das Stück in allen vier Weltteilen spielen würde? Und wenn tatsächlich die Nachahmung der Wirklichkeit das hauptsächlichste Erfordernis eines Schauspiels ist, wie kann sich ein auch nur mittelmäßiger Kopf befriedigt fühlen, wenn bei einer Handlung, die der Dichter in die Zeiten des Königs Pippin und Karls des Großen verlegt, als Hauptperson der Kaiser Heraklius auftritt, der mit dem Kreuz in Jerusalem einzieht und das Heilige Grab erobert wie Gottfried von Bouillon, während doch zahllose Jahre zwischen diesem und jenem Ereignis liegen; und wenn man demselben Drama, während es sich auf reine Erfindung gründet, hier etliche geschichtliche Tatsachen beigibt und dort Bruchstücke von andern beimischt, die sich bei verschiedenen Personen und zu verschiedenen Zeiten ereignet haben, und dies nicht etwa nach einem die Wahrscheinlichkeit beachtenden Plan, sondern mit offenbaren, in jeder Beziehung unentschuldbaren Irrtümern? Und das Schlimme dabei ist, daß es einfältige ungebildete Menschen gibt, die da sagen, das eben sei das Vollkommene, und mehr wollen heiße ganz besondere Leckerbissen begehren. Und wie erst, wenn wir auf die geistlichen Schauspiele kommen! Wieviel falsche Wunder werden in diesen erdichtet, wieviel unterschobene und mißverstandene Dinge, wo die Wunder des einen Heiligen einem andern zugeschrieben werden! Ja, selbst in den weltlichen Stücken erkühnen sie sich, Wunder tun zu lassen ohne andre Rücksicht und ohne andern Grund, als daß ihrer Meinung nach das betreffende Wunder und die betreffende Maschinerie – wie man es nennt – sich an jener Stelle gut ausnehmen, damit ungebildetes Volk in Staunen gerate und in die Komödie laufe. All dieses verfälscht die Wahrheit, würdigt die Geschichte herab, ja, es macht den spanischen Dichtern Schande; denn die ausländischen, die mit größter Genauigkeit die Gesetze des Dramas beobachten, halten uns für roh und ungebildet, wenn sie die Abgeschmacktheiten und Ungereimtheiten in unsren dramatischen Werken sehen. Und es wäre keine genügende Entschuldigung dafür, zu sagen, der hauptsächliche Zweck eines wohlgeordneten Gemeinwesens bei der Genehmigung öffentlicher Schauspiele sei, der Gesamtheit eine anständige Erholung zu vergönnen und hie und da die schlimmen Gelüste zu verscheuchen, welche der Müßiggang zu erzeugen pflegt; und da dieser Zweck mit jeder Art von Drama, mit einem guten oder schlechten, erreicht werde, so sei kein Grund vorhanden, Gesetze aufzustellen und die Verfasser und Darsteller derselben zu nötigen, sie nur so zu schaffen, wie sie sein sollten, weil, wie gesagt, mit jedem beliebigen Schauspiel erreicht werde, was man damit bezwecken wolle. Hierauf würde ich antworten, daß dieser Zweck unvergleichlich besser mit guten Komödien erreicht würde als mit nicht guten; denn aus der Aufführung eines kunstreichen und gutgebauten Schauspieles komme der Hörer frohgestimmt durch den Witz, belehrt durch die Wahrheit, in Verwunderung gesetzt durch die Handlung, aufgeklärt durch die verständigen Ansichten, gewarnt durch die trügerischen Ränke, gewitzigt durch die Beispiele, entrüstet ob des Lasters, in Liebe entflammt für die Tugend. Alle diese Gemütsbewegungen nämlich muß ein gutes Bühnenstück im Hörer hervorrufen, so ungebildet und unempfänglich er auch sei; und es ist die unmöglichste der Unmöglichkeiten, daß ein Schauspiel, das all diese Eigenschaften besäße, nicht weit mehr ergötzen und unterhalten, gefallen und befriedigen sollte als ein Stück, dem diese fehlen, wie das zum größten Teil bei den heute aufgeführten Schauspielen der Fall ist. Und daran tragen die Dichter, die sie schreiben, keine Schuld; denn es gibt unter ihnen manche, die ganz wohl wissen, worin sie sich verfehlen und was sie eigentlich tun sollten. Aber da die Bühnenstücke zur käuflichen Ware geworden sind, so sagen sie, und zwar mit Recht, die Schauspieler würden die Stücke nicht nehmen, wenn sie nicht von diesem Schlage wären, und darum sucht der Dichter sich dem anzubequemen, was der Schauspieler, der ihm seine Arbeit bezahlen soll, von ihm verlangt. Und daß dieses reine Wahrheit ist, kann man aus den vielen, ja unzähligen Schauspielen ersehen, die einer der reichstbegabten Geister dieser Lande mit solcher Anmut und solchem Witz gedichtet hat, in so schönen Versen, mit so geistvollen Gesprächen, mit so bedeutsamen Lehrsprüchen, kurz, so voller Beredsamkeit und Erhabenheit des Stils, daß er die Welt mit seinem Ruhm erfüllt. Aber weil er sich den Wünschen der Schauspieler anbequemen wollte, haben seine Stücke nicht sämtlich, wie es doch mit einigen geschehen, den Grad der Vollkommenheit erreicht, den sie eigentlich haben müßten. Andre schreiben ihre Stücke, durchaus ohne zu überlegen, was sie tun, so daß nach der Aufführung die Darsteller sich genötigt sehen, zu flüchten und sich in die Ferne zu begeben, um nicht zur Strafe gezogen zu werden, wie das schon oftmals geschehen ist, weil sie manches zum Nachteil gewisser Könige und etlichen Adelsfamilien zur Unehre auf die Bühne brachten. Aber all diese Unzuträglichkeiten und noch viele andre, die ich nicht erwähne, würden aufhören, wenn in der Residenz ein einsichtiger, erfahrener Mann da wäre, der alle Bühnenstücke vor der Aufführung zu prüfen hätte, nicht nur diejenigen, welche in der Hauptstadt, sondern alle, die in ganz Spanien zur Aufführung kommen sollen; und wenn sodann ohne solche Genehmigung mit Siegel und Unterschrift keine Behörde die Aufführung eines Schauspiels in ihrem Amtsbereich erlaubte, dann würden die Schauspieler die Stücke erst nach der Hauptstadt senden und könnten sie alsdann in aller Sicherheit aufführen, und die Verfasser würden mit mehr Sorgfalt und Fleiß ihre Werke gründlich überdenken, da sie stets die strenge Prüfung ihrer Stücke durch einen Sachkenner vor Augen hätten; und auf diese Weise würden gute Schauspiele geschrieben und würde glücklich erreicht werden, was man mit ihnen beabsichtigt: für die Unterhaltung des Volkes, für den guten Ruf der spanischen Dichter, für die Sicherheit der Schauspieler und deren eignes Bestes zu sorgen und den Behörden die Unannehmlichkeit zu ersparen, sie zur Verantwortung zu ziehen. Und wenn man einem andern oder dem nämlichen das Amt übertrüge, die etwa neu erscheinenden Ritterbücher zu prüfen, so würde gewiß eins und das andre in der Vollkommenheit ans Licht treten, die Euer Hochwürden geschildert hat, unsre Sprache mit erfreulichen und köstlichen Schätzen von Beredsamkeit bereichern und veranlassen, daß die alten Bücher verdunkelt würden im edleren Glanz der neuen, die zum anständigen Zeitvertreib erscheinen würden nicht nur für die Müßiggänger, sondern auch für die beschäftigteren Leute. Denn der Bogen kann nicht fortwährend gespannt bleiben, und die Natur und Schwäche des Menschen kann sich ohne eine anständige Erholung nicht aufrecht halten.« So weit waren der Domherr und der Pfarrer in ihrer Unterhaltung gekommen, als der Barbier hinter ihnen hervorkam, sich ihnen näherte und zu dem Pfarrer sprach: »Dies, Herr Lizentiat, ist der Ort, von dem ich vorher gesagt habe, wir könnten dort am besten Mittagsruhe halten und den Ochsen frisches und reichliches Futter geben.« »Auch mir scheint es so«, entgegnete der Pfarrer; und als er dem Domherrn sein Vorhaben mitteilte, wollte auch dieser mit ihnen da rasten, weil die schöne Lage des Tals ihn anzog, das sich ihren Blicken darbot. Sowohl um die Reize der Gegend als auch die fernere Unterhaltung des Pfarrers zu genießen, zu dem er bereits Zuneigung fühlte, und auch Don Quijotes Taten mehr im einzelnen zu erfahren, beorderte er ein paar von seinen Dienern zu der Schenke, die sich nicht weit von dort zeigte, um aus derselben für sie alle zu holen, was zu essen vorrätig wäre; denn er nahm sich vor, hier den ganzen Nachmittag Rast zu halten. Darauf entgegnete einer von den Dienern, das Saumtier mit dem Mundvorrat, das schon in der Schenke angelangt sein müsse, sei mit Lebensmitteln genugsam beladen, so daß man aus der Schenke nichts weiter holen müsse als Futter für die Tiere. »Wenn dem so ist«, versetzte der Domherr, »so führe man alle Maulesel dorthin und lasse das Saumtier hierher zurückkommen.« Indem ersah Sancho die Gelegenheit, jetzt ohne die fortwährende Gegenwart des Pfarrers und des Barbiers, die ihm verdächtig waren, mit seinem Herrn reden zu können; er näherte sich also dem Käfig, in dem sich der Ritter befand, und sprach zu ihm: »Señor, um die Last von meinem Gewissen zu wälzen, muß ich Euch sagen, wie es mit Eurer Verzauberung zugeht. Die zwei nämlich, die da mit verhülltem Gesicht umhergehen, sind der Pfarrer unseres Ortes und der Barbier, und ich glaube, sie haben den Anschlag, Euch auf solche Manier fortzubringen, aus reinem Neid darüber ausgesonnen, daß Euer Gnaden so weit über ihnen steht, weil Ihr weltberühmte Taten tut. Da dies volle Wahrheit ist, so folgt daraus, daß Ihr nicht verzaubert seid, sondern betrogen und zum Narren gehalten. Zum Beweise dafür will ich Euch über etwas befragen, und wenn Ihr mir so antwortet, wie Ihr mir meiner Meinung nach antworten müßt, so werdet Ihr den Betrug mit Händen greifen und werdet einsehen, daß Ihr nicht verzaubert, sondern verrückt seid.« »Frage, was du willst, Sancho, mein Sohn«, erwiderte Don Quijote, »ich werde dich zufriedenstellen und dir ganz nach deinem Herzenswunsch Antwort geben. Und was deine Behauptung angeht, daß diese beiden, die da um uns hin und her gehen, der Pfarrer und Barbier, unsre Landsleute und Bekannten, seien, so kann es ganz gut so scheinen, daß sie es sind; aber daß sie es wahr und wirklich wären, das glaube nur ja nicht. Was du glauben und meinen mußt, ist dieses: wenn sie ihnen in der Tat gleichsehen, wie du sagst, so kann es nur so zugehn, daß jene, die mich verzauberten, ihre äußere Erscheinung angenommen haben. Denn den Zauberern ist es leicht, jegliche Gestalt anzunehmen, die ihnen gerade beliebt, und sie werden die unsrer Freunde angenommen haben, um dich zu dem Wahnglauben zu verleiten und dich in ein Labyrinth von Selbsttäuschungen zu verlocken, aus dem dir kein Faden des Theseus heraushelfen würde; und sie werden es auch deshalb getan haben, damit ich in meinem Urteil von den Dingen schwankend werde und nicht in Erfahrung bringe, von wannen mir dieses Unheil kommt. Denn wenn einerseits du mir sagst, daß der Barbier und der Pfarrer unseres Ortes in meiner Begleitung sind, und anderseits ich mich eingekäfigt sehe und doch von mir weiß, daß keine menschliche Kraft, wenn sie nicht etwa übernatürlich ist, mich einzukäfigen vermöchte, was, sage mir, soll ich andres sagen oder glauben, als daß die besondere Art meiner Verzauberung jede andere Art übertrifft, von der ich jemals gelesen in all den Geschichten von fahrenden Rittern, die verzaubert wurden? Sonach kannst du dich völlig beruhigen und getrösten, soviel deine Vermutung betrifft, daß sie die Personen seien, die du nennst; denn das sind sie geradeso wenig, wie ich ein Türke bin. Was aber den Umstand betrifft, daß du mich über etwas befragen willst, sprich, und ich werde dir Antwort geben, wenn du mich auch von heute bis morgen früh fragen wolltest.« »So helfe mir Unsre Liebe Frau!« schrie Sancho laut. »Ist's denn möglich, und ist Euer Gnaden so hart am Kopfe und so schwach im Hirn, daß Ihr nicht einseht, wie reine Wahrheit ich Euch sage, und daß an Eurem Gefängnis und Mißgeschick die Bosheit mehr schuld ist als die Zauberei? Es ist aber einmal so, und ich will Euch den augenscheinlichen Beweis führen, daß Ihr keineswegs verzaubert seid; wenn anders, so saget mir, so wahr Gott Euch aus dem Sturm dieser Bedrängnis erlösen soll und so wahr Ihr Euch in den Armen unseres Fräuleins Dulcinea sehen möget, wann Ihr es am wenigsten denkt...« »Hör auf, mich zu beschwören«, fiel Don Quijote ein, »und frage, was immer du zu wissen wünschest. Ich habe dir schon gesagt, ich werde dir Punkt für Punkt genau antworten.« »Das will ich eben«, erwiderte Sancho, »und was ich wünsche, ist, daß Ihr mir saget, ohne irgend etwas hinzuzutun oder wegzulassen, sondern mit aller Wahrheit, wie alle jene sie sagen müssen und wirklich sagen, die da zum Beruf des Waffenwerks sich bekennen in der Eigenschaft als fahrende Ritter, wie Euer Gnaden sich dazu bekennt...« »Ich sage dir, ich werde dir in keinem Punkte etwas vorlügen«, entgegnete Don Quijote, »komm nur zu Ende mit deinem Fragen, denn in der Tat langweilst du mich mit all deinen Entschuldigungen, Bitten und Einleitungen, Sancho.« »Ich sage Euch, ich bin von der Redlichkeit und Wahrheitsliebe meines gnädigen Herrn ganz überzeugt; und so, weil es für unsre Geschichte wichtig ist, frag ich Euch und sag es mit aller Ehrerbietung, ob, seit Euer Gnaden eingekäfigt ist und nach Eurer Meinung in diesem Käfig als ein Verzauberter weilt, ob vielleicht Euch Lust und Wunsch gekommen ist, was Großes oder Kleines zu verrichten, wie man zu sagen pflegt?« »Ich verstehe nicht, was das heißen soll, Großes verrichten, Sancho; drücke dich deutlicher aus, wenn du willst, daß ich dir glatt antworten soll.« »Ist's möglich?« rief Sancho, »Großes oder Kleines verrichten, das versteht Euer Gnaden nicht? Ei, schon die erst entwöhnten Kinder werden in der Schule damit auf erzogen! Ich meine, ob Euch Lust gekommen ist, zu tun, was man nicht unterlassen kann?« »Nun, nun versteh ich dich, Sancho. Freilich, oftmals schon, und jetzt eben habe ich sotane Lust; erlöse mich aus dieser Verlegenheit, denn es ist wahrlich nicht alles sauber im Unterstübchen.« 49. Kapitel Worin von der verständigen Zwiesprache berichtet wird, welche Sancho Pansa mit seinem Herrn Don Quijote hielt »Aha!« sagte Sancho, »jetzt hab ich Euch gefangen. Das eben war mir lieb zu hören, so lieb als Seele und Seligkeit. Kommt mal her, gnädiger Herr! Könnt Ihr leugnen, was man gemeiniglich unter uns zu sagen pflegt, wenn es einem übel ist: ›Ich weiß nicht, was dem da fehlt; er ißt nicht, er trinkt nicht, er schläft nicht, und auf alle Fragen antwortet er verkehrt; es sieht geradeso aus, als wäre er verzaubert?‹ Daraus nun wird jeder annehmen, daß Leute, die nicht essen und nicht trinken und nicht schlafen und die bewußten natürlichen Dinge nicht verrichten, daß selbige Leute verzaubert sind, nicht aber die Leute, die den Drang verspüren, den Euer Gnaden verspürt; und Ihr trinket, wenn man's Euch verabreicht, und Ihr esset, wenn Ihr was habt, und antwortet auf jegliches, wenn man Euch fragt.« »Ganz richtig ist, was du sagest, Sancho«, entgegnete Don Quijote. »Allein ich habe dir schon bemerkt, es gibt gar verschiedene Arten von Verzauberungen. Auch ist es möglich, daß mit der Zeit die eine Art sich in die andre verwandelt hat und daß es jetzt bei Verzauberten bräuchlich ist, alles zu tun, was ich tue, wenn sie es auch früherhin nicht getan haben, so daß man also gegen den Brauch der verschiedenen Zeiten keine Gründe geltend machen und auch keine Folgerungen daraus ziehen kann. Ich weiß und bin des festen Glaubens, daß ich verzaubert bin, und das genügt mir zur Beruhigung meines Gewissens; ja, ich würde mir ein großes Gewissen daraus machen, wenn ich glaubte, nicht verzaubert zu sein, und es geschehen ließe, daß ich müßig und feig in diesem Käfig sitze und so viele bedrängte und in Nöten befangene Leute um die Hilfe betröge, so ich selbigen gewähren könnte, welche gerade zu dieser Zeit und Stunde ohne Zweifel meines Beistandes und Schirmes aufs dringendste und aufs äußerste bedürfen.« »Wohl«, versetzte Sancho, »trotz alledem sag ich, zu allem Überfluß und zur bessern Überzeugung wäre es gut, wenn Euer Gnaden versuchte, aus diesem Gefängnis zu kommen, und ich mache mich anheischig, mit allen Kräften dazu behilflich zu sein, ja, Euch herauszuholen; und daß Ihr dann wieder versuchtet, auf Euren wackern Rosinante zu steigen, der seinem Aussehen nach ebenfalls verzaubert ist, so schwermütig und trübselig geht er einher; und daß wir hierauf noch einmal unser Glück versuchten und auf Abenteuer auszögen. Sollte es uns aber damit nicht gut ergehen, so können wir immer noch in den Käfig zurückkehren, und auf mein Wort als eines redlichen und getreuen Schildknappen verspreche ich Euch, mich mit Euch darin einzusperren, falls Euer Gnaden so unglücklich oder ich ein solcher Esel sein sollte, daß es mir nicht gelänge, meinen Vorschlag zu glücklicher Ausführung zu bringen.« »Ich bin's zufrieden, Freund Sancho, alles zu tun, was du willst«, erwiderte Don Quijote; »und sobald du eine Gelegenheit siehst, meine Befreiung ins Werk zu setzen, werde ich in allem und zu allem dir gehorsamen; du jedoch, Sancho, wirst ersehen, wie du dich täuschest in deiner Ansicht von meinem Mißgeschick.« Mit solcherlei Gesprächen unterhielten sich der fahrende Ritter und sein übelfahrender Schildknappe, bis sie an die Stelle kamen, wo der Pfarrer, der Domherr und der Barbier schon abgestiegen auf sie warteten. Der Kärrner spannte seine Ochsen sogleich aus und ließ sie los und ledig auf dem begrünten lieblichen Platze weiden gehen, dessen frische Kühle zum Genusse einlud, freilich nicht so verzauberte Persönlichkeiten wie Don Quijote, sondern nur so gescheite und einsichtige Leute wie seinen Schildknappen. Der letztere bat den Pfarrer um Erlaubnis für seinen Herrn, sich auf eine kleine Weile aus dem Käfig herauszubegeben; denn wenn sie ihn nicht herausließen, würde dies Gefängnis nicht so reinlich bleiben, wie es sich für einen Ritter von so feinem Anstand gezieme. Der Pfarrer merkte seine Absicht und erwiderte, er würde sehr gern diesen Wunsch erfüllen, wenn er nicht fürchten müßte, daß sein Herr, sobald er sich in Freiheit sähe, seine tollen Streiche begehen und sich auf und davon machen würde auf Nimmerwiedersehen. »Ich bürge dafür, daß er nicht entspringt«, sagte Sancho. »Ich auch und wir alle«, sprach der Domherr, »zumal wenn er mir sein Wort als Ritter gibt, sich ohne unsere Einwilligung nicht von uns zu entfernen.« »Ja, ich gebe es«, fiel Don Quijote hier ein, der alles angehört hatte, »um so mehr, als jemand, der verzaubert ist wie ich, ohnehin nicht die Freiheit besitzt, über seine Person nach eignem Belieben zu verfügen. Denn der ihn verzaubert hat, kann bewirken, daß er nicht imstande ist, während dreier Jahrhunderte sich vom Fleck zu rühren; und wäre er auch entflohen, so zwingt ihn der Zauberer, im Fluge zurückzukehren.« Da dem nun so sei, so könnten sie ihn ganz gut von den Banden lösen, besonders da es allen zum Besten gereiche, und wenn sie ihn nicht lösten, dann würde, so beteuerte er ihnen, unfehlbar der Geruch sie belästigen, wenn sie sich nicht aus seiner Nähe weit wegmachten. Der Domherr ergriff seine Hand, obwohl ihm beide noch gebunden waren, und auf sein Gelöbnis und Ehrenwort wurde er entkäfigt. Er freute sich unendlich und über die Maßen, wie er sich außerhalb des Käfigs sah. Das erste, was er tat, war, daß er seinen ganzen Körper reckte und streckte; dann trat er sofort zu Rosinante, schlug ihn zweimal mit flacher Hand auf die Kruppe und sprach: »Noch immer hoff ich zu Gott und seiner gebenedeiten Mutter, o du Blume und Spiegel aller Rosse; daß wir beide baldigst uns wieder so finden werden, wie wir es ersehnen, du dich mit deinem Herrn auf dem Rücken und ich mich auf dir, das Amt übend, für welches Gott mich in die Welt gesandt hat.« Mit diesen Worten entfernte sich Don Quijote, ging nebst Sancho an eine abgelegene Stelle und kehrte von dort sehr erleichtert zurück mit um so lebhafterem Wunsche, alles auszuführen, was sein Schildknappe anordnen würde. Der Domherr betrachtete ihn aufmerksam und staunte ob der Seltsamkeit seiner gewaltigen Narreteien und zugleich darüber, daß er in allem, was er sagte und antwortete, einen so ausgezeichneten Verstand an den Tag legte und nur dann Bügel und Zügel verlor, wie schon früher zum öfteren gesagt, wenn man mit ihm vom Ritterwesen redete. Darob von Mitleid bewegt, sprach er zu Don Quijote, nachdem sie sich alle auf dem grünen Rasen gelagert, um den Mundvorrat des Domherrn zu erwarten: »Ist es möglich, edler Junker, daß das widerwärtige, eitle Lesen von Ritterbüchern die Gewalt über Euch hatte, Euch den Kopf so zu verdrehen, daß Ihr zuletzt gar glauben mögt, Ihr seiet wirklich verzaubert und anderes dergleichen, das von der Wahrheit so weit entfernt ist wie die Lüge von der Wahrheit? Und wie kann nur ein verständiger Mensch an die unendliche Menge von Amadísen glauben? Wie kann er glauben, daß es in der Welt jemals jenen wirren Haufen berühmter Ritter gegeben, so manchen Kaiser von Trapezunt, so manchen Felixmarte von Hyrkanien, so manchen Zelter, so manch fahrendes Fräulein, so viele Schlangen, so viele Drachen, so viele Riesen, so viele unerhörte Abenteuer, so viele Arten von Verzauberungen, so viele Schlachten, so viel ungeheuerliche Kämpfe, so vielen Prunk der Trachten, so viele verliebte Prinzessinnen, so viele Schildknappen, die zu Grafen werden, so viele witzige Zwerge, so manch Liebesbriefchen und so manch Liebesgetändel, so viele heldenhaft kämpfende Weiber, kurz, so zahlreiche und so ungereimte Begebenheiten, wie die Ritterbücher sie enthalten? Von mir muß ich sagen: wenn ich sie lese, machen sie mir einigermaßen Vergnügen, solange mein Geist sich von dem Gedanken fernhält, daß sie sämtlich Lüge und leichtfertige Torheit sind; aber sobald mir bewußt wird, was sie eigentlich sind, schleudere ich das beste von ihnen wider die Wand; ja, ich würde sie alle ins Feuer werfen, wenn ich gerade eines im Zimmer oder in der Nähe hätte, recht als Verbrecher, die eine derartige Strafe verdienen, weil sie Fälscher und Betrüger sind und sich ganz außerhalb der Verhältnisse bewegen, die der Menschennatur gemäß sind; auch als Erfinder neuer Lehren und neuer Lebensweise und als solche, die den unwissenden Pöbel verleiten, all die Albernheiten darin am Ende gar zu glauben und für wahr zu halten. Ja, sie erdreisten sich sogar, den Geist verständiger und edler Männer von gutem Stande in Verwirrung zu bringen, wie man wohl daraus ersehen kann, was sie Euer Gnaden angetan. Denn sie haben Euch in eine Verfassung gebracht, daß es notwendig geworden, Euch in einen Käfig zu sperren und auf einem Ochsenkarren zu fahren, wie wenn man einen Löwen oder Tiger von Ort zu Ort her oder hin führt, um ihn sehen zu lassen und Geld mit ihm zu verdienen. Wohlan denn, Señor Don Quijote, habt Mitleid mit Euch selber und kehrt in den Schoß der Vernunft zurück, versteht sie, die vom gütigen Himmel Euch in reichem Maße verliehen worden, zu gebrauchen und die glücklichen Gaben Eures Geistes auf das Lesen andrer Bücher zu verwenden, auf daß es Eurem Gewissen zum Heil und zur Erhöhung Eurer Ehre gereiche. Und wenn Ihr dennoch, von Eurer angeborenen Neigung hingerissen, Bücher von Großtaten und vom Rittertum lesen wollt, so leset in der Heiligen Schrift das Buch der Richter, denn da werdet Ihr großartige Begebnisse finden und Taten, ebenso wahr wie heldenhaft. Einen Viriatus hatte Lusitanien, einen Cäsar Rom, einen Hannibal Karthago, einen Alexander Griechenland, einen Grafen Fernán González Kastilien, einen Cid Valencia, einen Gonzalo Fernández Andalusien, einen Diego García de Parédes Estremadura, einen Garcí-Pérez de Vargas Jeréz, einen Garcilaso Toledo, einen Don Manuel de Léon Sevilla, und deren Heldentaten zu lesen kann die ausgezeichnetsten Geister unterhalten, belehren, ergötzen und zur Bewunderung hinreißen. Dies würde allerdings eine Beschäftigung sein, würdig des klaren Verstandes Euer Gnaden, mein lieber Herr Don Quijote, und aus ihr würdet Ihr gelehrter in der Geschichte hervorgehen und als ein glühender Verehrer der Tugend, unterwiesen in allem Guten, gebessert in aller edlen Sitte, tapfer ohne Tollkühnheit, vorsichtig ohne Feigheit; und all dies Gott zu Ehren, Euch zum Nutzen und der Mancha zu hohem Ruhm, aus welcher Ihr, wie ich erfuhr, Eure Geburt und Abstammung herleitet.« Mit höchster Aufmerksamkeit lauschte Don Quijote den Worten des Domherrn, und als dieser geendet hatte, blickte er ihm eine gute Weile ins Gesicht und sprach dann: »Mich bedünkt, edler Junker, die Reden Euer Gnaden gehen darauf hinaus, mir die Überzeugung beizubringen, daß es niemals fahrende Ritter in der Welt gegeben hat und daß alle Ritterbücher falsch, lügenhaft, schädlich und für das Gemeinwesen nutzlos sind, daß ich übel getan, sie zu lesen, noch übler, an sie zu glauben, und am allerübelsten, ihnen nachzuahmen, indem ich mich damit abgegeben, dem durch sie vorgezeichneten überharten Beruf des fahrenden Rittertums zu folgen – während Ihr mir in Abrede stellt, daß es jemals in der Welt Amadíse gegeben, weder von Gallien noch von Griechenland, noch irgendeinen der andern Ritter, von denen die Schriften voll sind.« »All dieses ist buchstäblich so, wie Euer Gnaden es eben vorträgt«, sagte hier der Domherr. Worauf Don Quijote erwiderte: »Auch fügte Euer Gnaden noch die Versicherung hinzu, es hätten mir die besagten Bücher großen Schaden zugefügt, da sie mir den Kopf verrückt und mich in einen Käfig gebracht hätten, und ich täte besser daran, mich zu belehren und meine Lesegewohnheiten zu ändern, nämlich andre Bücher zu lesen, die mehr der Wahrheit gemäß sind und bessere Ergötzung und Belehrung bieten.« »So ist es«, sprach der Domherr. »Ich aber«, versetzte Don Quijote, »finde meinesteils, daß der Mann ohne Verstand und der Verzauberte Euer Gnaden selbst ist, da Ihr es für richtig gehalten habt, dergleichen große Lästerungen gegen etwas auszustoßen, das überall in der Welt solche Geltung gefunden und für so wahr erachtet wird, daß, wer es leugnen wollte, wie Euer Gnaden es leugnet, dieselbe Strafe verdiente, die Ihr den Büchern auferlegt, wenn Ihr sie leset und sie Euch langweilen. Denn jemandem einreden zu wollen, daß Amadís nie auf Erden gelebt und ebensowenig auch die andern abenteuernden Ritter, von denen die Geschichtsbücher voll sind, das heißt einem einreden wollen, daß die Sonne nicht leuchtet und das Eis nicht kältet und die Erde uns nicht trägt. Mithin, welch vernünftiges Wesen kann es auf Erden geben, das einem andern einreden könnte, es sei nicht volle Wahrheit, was von der Prinzessin Floripes erzählt wird und von Guido von Burgund und von Fierabrás, nebst der Brücke von Mantible, was alles sich zu Zeiten Karls des Großen zugetragen? Ich schwör's bei allem, was heilig ist, dies ist alles so wahr, wie daß es jetzt Tag ist. Und wenn es Lüge ist, so muß es auch Lüge sein, daß je ein Hektor gewesen ist und ein Achilles und ein Trojanischer Krieg und die zwölf Pairs von Frankreich und König Artus von England, der noch bis heute in einen Raben verwandelt lebt, so daß man ihn von einem Augenblick zum andern in seinem Königreich zurückerwartet. Und dann mag man sich auch erdreisten, zu sagen, erlogen sei die Geschichte von Guarino Mezquino und die von der Aufsuchung des Heiligen Gral, und Fabeln seien die Geschichten von den Liebeshändeln Herrn Tristans und der Königin Isolde, wie von denen der Ginevra und des Lanzelot; während es doch Personen gibt, die sich beinahe noch erinnern, die Hofdame Quintañona gesehen zu haben, welche zu ihrer Zeit die beste Mundschenkin in ganz Großbritannien war. Und das ist so sicher wahr, daß ich mich erinnere, wie meine Großmutter von väterlicher Seite mir öfter sagte, wenn sie eine alte Dame in ehrwürdiger Haube sah: ›Die da, lieber Enkel, sieht aus wie die Hofdame Quintañona.‹ Daraus ziehe ich den Schluß, meine Großmutter muß sie gekannt haben oder sie hat wenigstens ein Bild von ihr gesehen. Sodann, wer kann leugnen, daß die Geschichte von Peter und der schönen Magelona wahr ist, da man noch heutzutage in der Waffensammlung unsrer Könige den Zapfen sieht, mit welchem der Graf Peter das hölzerne Pferd hin und her lenkte, auf dem er durch die Lüfte flog? Und selbiger Zapfen ist etwas größer als eine Karrendeichsel. Und neben dem Zapfen sieht man dort den Sattel des Babieca, und in Roncesvalles befindet sich das Horn Roldáns, so groß wie ein mächtiger Balken. Woraus folgt, daß es einen Ritter Peter gegeben, daß es Männer wie Cid gegeben und andre dergleichen Ritter, die, wie die Leute sagen, hinausziehn auf ihre Abenteuer. Wenn das geleugnet wird, so sage man mir doch auch, es sei unwahr, daß der tapfere Lusitanier Juan de Merlo ein fahrender Ritter war und nach Burgund hinzog und in der Stadt Arras gegen den berühmten Herrn von Charní, genannt der edle Herr Peter, im Zweikampf stritt und später in der Stadt Basel gegen den edlen Herrn Heinrich von Rabenstein und aus beiden Wagnissen als Sieger hervorging, reich an Ruhm und Ehre; und unwahr seien auch die ebenfalls in Burgund bestandenen Abenteuer und Herausforderungen der heldenhaften Spanier Pedro Barba und Gutierre Quijada – von dessen Geschlecht ich mich in geradem Mannesstamme ableite –, welche die Söhne des Grafen von Saint-Paul besiegten. Und so soll man mir auch leugnen, daß Don Fernando de Guevara nach Deutschland auf Abenteuer auszog, wo er mit Herrn Georg, einem Ritter vom Hofe des Herzogs von Österreich, seinen Strauß ausfocht. Man soll mir sagen, die Kämpfe des Suero de Quiñones, des Helden von jenem Waffengang, seien nur Spaß gewesen; Spaß nur die Kämpfe des edlen Herrn Luis de Falces, die er für seine Devise ausfocht gegen den kastilischen Ritter Don Gonzalo de Guzmán, nebst vielen andern Heldentaten, so christliche Ritter der spanischen und auswärtigen Reiche ausgerichtet haben, die so wahr und erwiesen sind, daß ich nochmals sagen muß: wer sie leugnen wollte, dem würde aller Menschenverstand und alle gesunde Vernunft fehlen.« Der Domherr war hocherstaunt über diese Mischung von Wahrheit und Lügen, welche Don Quijote vorbrachte, und zu sehen, welche Kenntnis er von allem hatte, was die Taten seines fahrenden Rittertums betraf und daran rührte, und so antwortete er ihm: »Ich kann nicht leugnen, Señor Don Quijote, daß einiges von dem, was Ihr gesagt, wahr ist, besonders was die fahrenden Ritter Spaniens angeht; und ebenso will ich auch zugeben, daß es zwölf Pairs von Frankreich gegeben hat, aber ich mag nicht glauben, daß sie all jene Taten getan, die der Erzbischof Turpin von ihnen berichtet. Das Wahre daran ist, sie waren von dem König von Frankreich auserlesene Ritter, die man Pairs, das heißt Ebenbürtige, nannte, weil sie an Tüchtigkeit, Adel und Tapferkeit alle einander ebenbürtig waren; und wenn sie es nicht waren, sollten sie es wenigstens sein. Es war also ein Orden wie die jetzt bekannten Orden von Santiago oder Calatrava, bei welchen vorausgesetzt wird, daß jeder darin Aufgenommene ein mannhafter und tapferer Ritter von guter Geburt ist. Und so wie man jetzt sagt ›Ritter vom heiligen Johannes‹ oder, ›von Alcantara‹, so sagte man zu jener Zeit ein ›Ritter aus der Zahl der zwölf Pairs‹, weil es zwölf in jeder Beziehung Ebenbürtige waren, die man für diesen Kriegsorden auserkor. Was den Punkt betrifft, ob es einen Cid gegeben, so ist daran kein Zweifel, ebensowenig daran, daß es einen Bernardo del Carpio gegeben; aber daß sie die großen Taten getan, die man erzählt, das ist meiner Meinung nach sehr zu bezweifeln. Was nun das andere betrifft, den Zapfen, den Ihr dem Grafen Peter zuschreibt und der neben dem Sattel Babiecas in der königlichen Waffensammlung zu sehen ist, so bekenn ich meine Sünde, ich habe zwar den Sattel, aber nicht den Zapfen zu sehen bekommen, so dumm oder so kurzsichtig muß ich wohl sein, wo er doch so groß ist, wie Euer Gnaden sagen.« »Freilich ist er da, ohne allen Zweifel«, entgegnete Don Quijote; »und zum weiteren Wahrzeichen: er steckt in einem Futteral von Rindsleder, damit er nicht vom Schimmel angegriffen wird.« »Das kann ja alles sein«, versetzte der Domherr, »aber bei den Weihen, die ich empfangen habe, ich entsinne mich nicht, daß ich ihn gesehen hätte. Aber auch wenn er sich dort befindet, so verpflichte ich mich darum noch nicht, die Geschichten von so viel Amadísen, von solchem wirren Haufen von Rittern zu glauben, die uns weit und breit erzählt werden. Und es liegt keine Vernunft darin, daß ein Mann wie Euer Gnaden, so ehrenhaft, voll so guter Eigenschaften, mit so klarem Verstande begabt, sich einbilden soll, daß die zahlreichen, jegliches Maß übersteigenden Narreteien Wahrheiten seien, die da in den abgeschmackten Ritterbüchern geschrieben stehen.« 50. Kapitel Von dem scharfsinnigen Meinungsstreit zwischen Don Quijote und dem Domherrn, nebst andern Begebnissen »Das ist nicht übel«, entgegnete Don Quijote, »die Bücher, die mit königlicher Erlaubnis und mit Genehmigung der Zensurbehörden gedruckt sind und mit allgemeinem Beifall gelesen und gefeiert werden von groß und klein, von hoch und niedrig, von den Gelehrten und den Ungelehrten, von den Leuten aus dem Volk und den Edelleuten, kurz, von jeder Art Personen, wes Standes und Berufs sie auch seien, diese Bücher sollten Lüge sein? Zumal da sie doch so sehr das Gepräge der Wahrheit an sich tragen, indem sie uns jedesmal den Vater, die Mutter, das Vaterland, die Verwandten, das Alter, den Ort und die Taten des fraglichen Ritters oder der fraglichen Ritter Punkt für Punkt und Tag für Tag angeben. Nein, würdiger Herr, schweiget, sprecht keine solche Lästerung aus und glaubt mir, ich rate Euch, was Ihr als verständiger Mann in der Sache tun müsset. Oder aber, lest sie doch nur, und Ihr werdet sehen, welchen Genuß Ihr von diesen Büchern empfangt. Oder sagt mir doch einmal: gibt's ein größer Vergnügen, als zum Beispiel zu sehen, wie hier gleich vor unsern Augen ein großer See von siedendem und Blasen auftreibendem Pech erscheint und wie darin zahlreiche Schlangen, Nattern, Eidechsen und viele andre Arten wilder, entsetzlicher Tiere umherschwimmen und sich in die Kreuz und Quer bewegen und wie mitten aus dem See eine jammervolle Stimme empordringt und spricht: ›Du, Ritter, wer du auch seiest, der du diesen fürchterlichen See beschauest, wenn du das Heil erringen willst, das unter diesen schwarzen Wassern verborgen liegt, bewähre die Tapferkeit deines heldenstarken Busens und wirf dich mitten in das schwarze, flammende Naß dieses Sees hinein; denn so du solches nicht tust, bist du nimmer würdig, die erhabenen Wunder zu erschauen, die da enthalten und beschlossen sind in den sieben Burgen der sieben Feen, welche unter dieser Finsternis liegen.‹ Und wie der Ritter, da er die fürchterliche Stimme kaum noch recht vernommen, auf der Stelle, ohne weiter zu überlegen, in welche Gefahr er sich begibt, ja, ohne sich des Gewichtes seiner starken Rüstung zu entledigen, sich Gott und seiner Gebieterin befiehlt und sich mitten in den kochenden See hineinstürzt; und wie er, ehe er sich's versieht und ehe er noch weiß, wohin er geraten mag, sich auf blühenden Gefilden findet, mit denen die des Elysiums sich in keiner Hinsicht vergleichen können. Da, deucht es ihn, ist der Himmel klarer und scheint die Sonne mit höherem, ungekanntem Glanze; da bietet sich seinen Augen ein lieblicher Hain von so frischgrünen, dichtbelaubten Bäumen, daß ihr Grün den Blick ergötzt, während die Ohren sich laben an dem süßen, nicht durch Kunst erlernten Gesang der kleinen, zahllosen bunten Vöglein, die durch das verschlungene Gezweig beständig hin und her fliegen. Dort wieder ersieht er ein Bächlein, dessen frische Wasser flüssige Kristalle scheinen und über feinen Sand und weiße Steinchen hineilen, die wie Goldstaub und reine Perlen anzuschauen sind. Anderwärts erblickt er einen kunstreichen Springbrunnen, dessen Schale aus buntem Jaspis und glattem Marmor besteht; dann einen andern, in phantastischem Stil angelegt, wo die kleinen Muschelschalen mit den gewundenen weißen und gelben Schneckenhäusern wie zufällig und doch geordnet hingelegt sind und daruntergemischte Stücke glänzenden Kristalls und künstlich nachgemachten Smaragds ein Werk von großer Mannigfaltigkeit darstellen, so daß die Kunst, indem sie die Natur nachahmt, diese hier zu übertreffen scheint. Dort alsdann zeigt sich ihm unversehens eine starke Feste oder prächtige Königsburg, deren Mauern von gediegenem Golde, deren Zinnen von Demanten, deren Tore von Hyazinthen sind; und zudem ist sie von so wunderbarem Bau, daß, obschon ihre Bestandteile nichts Geringeres sind als Demanten, Karfunkel, Rubine, Perlen, Gold und Smaragde, die Arbeit an dem ganzen Werke von noch höherem Wert ist. Und hat er dies alles gesehen, was gibt's noch Herrlicheres zu sehen, als zu sehen, wie aus der Pforte der Königsburg eine reichliche Anzahl junger Fräulein hervortritt, alle in so reizenden, prachtvollen Roben, daß ich wahrlich, wenn ich sie nunmehr so schildern wollte wie die Rittergeschichten, nimmer damit zu Ende kommen würde; und zu sehen, wie alsogleich die Dame, die als die fürnehmste unter allen aussah, den verwegenen Ritter, der sich in den kochenden See gestürzt, an der Hand nimmt und ihn, ohne ein Wort zu reden, in die herrliche Königsburg oder Feste hineingeleitet und ihn splitternackt, wie er aus der Mutter Schoß kam, entkleiden und in lauem Wasser baden, ihm sodann mit duftenden Salben den ganzen Körper salben und ihn mit einem Hemd vom feinsten Zindel bekleiden läßt, das ganz und gar voll Wohlgeruches und lieblich durchduftet ist; und wie dann ein anderes Fräulein kommt und ihm über die Schultern einen Mantel wirft, der mindestens, ja zum mindesten, wie die Berichte lauten, eine ganze Stadt wert ist, ja noch mehr. Was ist sodann Schöneres zu sehen, als wenn uns berichtet wird, wie er nach alledem in einen andern Saal geleitet wird, wo er die Tische in so wundervoller Anordnung gedeckt findet, daß er voll Staunens außer sich gerät? Was Schöneres, als zu sehen, wie ihm über die Hände Wasser gegossen wird, das aus lauter Ambra und duftigen Blumen gewonnen ist? Was Herrlicheres, als zu sehen, wie man ihn auf einem Sessel von Elfenbein niedersitzen heißt? Wie ihn alle die Fräulein in wundersamem Schweigen bedienen? Was Prächtigeres als eine solche Mannigfaltigkeit von Gerichten, alle so schmackhaft bereitet, daß die lüsterne Begier nicht weiß, nach welchem sie zuerst die Hand ausstrecken soll? Und wie herrlich, dann den Gesängen zu lauschen, die da ertönen, während er tafelt, ohne daß er weiß, wer sie singt noch wo sie erklingen? Und wenn das Mahl beendet und die Tafel aufgehoben ist, wie da der Ritter sich auf seinen Sessel zurücklehnt und, während er sich die Zähne stochert, wie es jetzt Sitte ist, wie da unversehens zur Tür des Saales eine andre Jungfrau hereintritt, weit schöner als jegliche von den ersten; und wie sie sich dem Ritter zur Seite niederläßt und ihm sofort berichtet, welch eine Burg dieses ist und daß sie in selbiger verzaubert weilen muß, nebst viel anderem, was den Ritter in Staunen versetzt und die Leser seiner Geschichte mit Bewunderung erfüllt. Ich will mich nicht weiter hierüber verbreiten; aber man kann schon aus dem Gesagten schließen, daß jedes beliebige Stück, das man von jeder beliebigen Rittergeschichte liest, bei jedem beliebigen Leser Vergnügen und Verwunderung hervorbringen muß. Und Euer Gnaden möge mir folgen und, wie ich schon vorher bemerkt, diese Bücher lesen; und Ihr werdet sehen, wie sie Euch den Trübsinn, der Euch etwa drückt, verbannen und die Stimmung bessern, wenn Ihr Euch etwa in einer schlechten befinden solltet. Von mir wenigstens muß ich sagen, seit ich ein fahrender Ritter bin, seitdem bin ich tapfer, freigebig, gesittet, großmütig, höflich, kühn, sanft, geduldig, ertrage leicht Mühsale, Gefangenschaft, Verzauberung, und obschon ich erst vor kurzem mich als verrückt in einem Käfig eingesperrt sah, so hoffe ich doch durch die Kraft meines Armes, wenn der Himmel mir beisteht und das Glück mir nicht feindlich ist, mich binnen weniger Tage zum König eines Reiches erhoben zu sehen, wo ich die Dankbarkeit und Freigebigkeit zeigen kann, die meine Brust in sich faßt. Denn wahrlich, Señor, der Arme ist unfähig, die Tugend der Freigebigkeit gegen irgendwen zu zeigen, wenn er sie auch im höchsten Grade besitzt; und die Dankbarkeit, die nur aus frommen Wünschen besteht, ist etwas Totes, gerade wie der Glaube ohne Werke tot ist. Darum wünschte ich, daß das Glück mir baldigst eine Gelegenheit böte, mich zum Kaiser zu machen, um meine Gesinnung durch Wohltaten an meinen Freunden zu bewähren, insbesondere an dem armen Teufel von Sancho, meinem Schildknappen, der der beste Mensch von der Welt ist; ich möchte ihm gern eine Grafschaft schenken, die ich ihm schon seit langen Tagen versprochen habe; nur fürchte ich, er möchte nicht die Fähigkeit besitzen, seine Grafschaft zu regieren.« Diese letzten Worte hörte Sancho, und gleich sprach er zu seinem Herrn: »Señor Don Quijote, sorgt Ihr nur dafür, daß Ihr mir jene Grafschaft verschafft, die von Euch ebenso ernstlich verheißen als von mir erhofft ist; ich hingegen verheiße Euch, mir soll es an Fähigkeiten nicht fehlen, sie zu regieren. Und wenn es mir auch daran fehlen sollte, so hab ich gehört, es gibt Leute in der Welt, welche die Herrschaften der großen Herren in Pacht nehmen und ihnen soundso viel jährlich abgeben, sie hingegen sorgen für die Regierung, und der Herr sitzt und streckt die Beine aus und genießt seine Rente, ohne sich um sonst was zu kümmern. Und so will ich's auch machen, und ich will mich nicht um das geringste weiter kümmern, sondern gleich alles aus den Händen geben, und will mir meine Rente schmecken lassen wie ein Prinz, und den Leuten mag es bekommen, wie es will.« »Dies, Freund Sancho«, sagte der Domherr, »kann gelten, soweit es das Verzehren der Rente betrifft, aber was die Verwaltung der Rechtspflege angeht, die muß der Besitzer der Herrschaft selbst verstehen, und dazu gehören Fähigkeit und tüchtiger Mutterwitz und besonders der redliche Wille, das Richtige zu tun. Denn wo dieser im Anfang fehlt, wird auch Mitte und Ende stets fehlgehen; und Gott pflegt ebenso der redlichen Absicht des Einfältigen hilfreich zu sein, als die böse Absicht des Klugen zu vereiteln.« »Ich verstehe nichts von derlei Gelahrtheiten«, entgegnete Sancho Pansa. »Ich weiß nur, so geschwind ich die Grafschaft bekommen würde, so geschwind würde ich sie zu regieren verstehen; denn ich habe soviel Verstand im Leibe wie jeder andre und soviel Leib wie nur der Allerbeleibteste, und ich würde ebensosehr in meiner Herrschaft der König sein wie jedweder in seiner. Und wenn ich das wäre, so würde ich tun, was ich wollte; und wenn ich täte, was ich wollte, so würde ich tun, wozu ich Lust habe; und wenn ich täte, wozu ich Lust habe, wäre ich zufrieden; und wenn einer zufrieden ist, hat er nichts mehr zu wünschen; und wenn einer nichts mehr zu wünschen hat, so ist die Sache abgemacht. Also nur her mit der Herrschaft; und damit Gott befohlen und auf Wiedersehen, wie ein Blinder zum andern sagte.« »Diese Gelahrtheiten, wie du gesagt, sind nicht so übel, Sancho«, sprach der Domherr; »aber bei alledem bleibt über die Sache mit den Grafschaften noch viel zu sagen.« Darauf versetzte Don Quijote: »Ich wüßte nicht, daß noch etwas zu sagen bliebe. Ich richte mich lediglich nach zahlreichen und mannigfachen Beispielen, die ich in diesem Betreff hier anführen könnte, von Rittern meines Berufs, welche, um den getreuen und ausgezeichneten Dienstleistungen ihrer Schildknappen gerecht zu werden, ihnen ganz besondere Gnaden erwiesen und sie zu unabhängigen Herren von Städten und Insuln machten, und manchen gab es, dessen Verdienste so hohen Grad erreichten, daß er sich überhob und vermaß, den Königsthron zu besteigen. Aber wozu verwende ich hierauf soviel Zeit, da mir ein so glänzendes Beispiel der große und nie genugsam gepriesene Amadís von Gallien bietet, der seinen Schildknappen zum Grafen der Festlandinsul machte? Und so kann auch ich ohne Gewissensbedenken meinen Sancho Pansa zum Grafen machen, der einer der besten Schildknappen ist, die je ein fahrender Ritter gehabt hat.« Der Domherr war höchlich verwundert über diese systematischen Narreteien – wenn in Narreteien ein System sein kann –, welche Don Quijote vorgebracht, und über die Art, wie er das Abenteuer des Ritters vom See geschildert, über den Eindruck, den die vorsätzlichen Lügen der Bücher, die er gelesen, auf ihn hervorgebracht hatten, und endlich erstaunte ihn auch die Einfalt Sanchos, der sich so heiß nach der von seinem Herrn verheißenen Grafschaft sehnte. Unterdessen kehrten die Diener des Domherrn aus der Schenke zurück, von wo sie das Saumtier mit dem Mundvorrat geholt hatten. Ein Teppich und das grüne Gras der Wiese dienten als Tisch; man setzte sich unter schattigen Bäumen nieder und speiste daselbst, damit der Ochsenkärrner nicht um die günstige Gelegenheit käme, die ihm, wie gesagt, dieser Ort darbot. Während sie so tafelten, vernahmen sie plötzlich ein starkes Rauschen von Zweigen und das Klingen einer Schelle, welches aus Dornbüschen und dichtem Gesträuch, das sich ringsher fand, erklang, und im nämlichen Augenblick sahen sie aus dem Dickicht eine schöne Ziege hervorspringen, deren ganzes Fell schwarz, weiß und grau gesprenkelt war; hinter ihr her kam ein Ziegenhirt, rief ihr nach und sprach ihr schmeichelnd zu, wie die Hirten pflegen, damit sie stehenbliebe oder zur Herde zurückliefe. Die flüchtige Ziege lief in ihrer Furcht und Ängstlichkeit zu den Leuten hin, als ob sie Schutz bei ihnen suchte, und blieb da stehen. Der Ziegenhirt kam herbei, faßte sie an den Hörnern und redete mit ihr, gerade als besäße sie Verstand und Einsicht: »Ha, du Landstreicherin, Wildfang, Scheckchen, Scheckchen! Wo hüpfst du denn all die Zeit herum? Was für Wölfe haben dich fortgeschreckt, mein Töchterlein? Willst du mir nicht sagen, was das bedeuten soll, du Allerschönste? Aber was kann es bedeuten, als daß du ein Weibchen bist und keine Ruhe halten kannst? Das ist eben deine Natur, der Kuckuck soll sie holen, und es ist die Natur aller Weiber, und du tust es ihnen nach. Komm mit heim, komm mit heim, Liebchen; bist du auch nicht so vergnügt in deiner Hürde, so bist du doch besser geborgen darin oder bei deinen Gefährtinnen; und wenn du, die du sie hüten und leiten sollst, so ohne Führung bist und auf Abwegen wandelst, wohin soll's dann mit ihnen kommen?« Das Gerede des Ziegenhirten machte allen Zuhörern großes Vergnügen, insbesondere dem Domherrn, der zu ihm sagte: »Ich bitte Euch um alles, guter Freund, beruhigt Euch ein wenig und eilt nicht so arg, die Ziege zu ihrer Herde zurückzubringen; denn da sie, wie Ihr sagt, ein Weibchen ist, so muß sie ihrem angebornen Triebe folgen, ob Ihr Euch auch noch so sehr mühet, es zu verwehren. Nehmt diesen Bissen und trinkt einmal, damit werdet Ihr Euren Zorn kühlen, und derweil kann die Ziege sich ausruhen.« Dies sagen und ihm auf der Spitze des Messers die Lenden von einem kalten gebratenen Kaninchen darreichen war alles das Werk eines Augenblicks. Der Ziegenhirt nahm es und dankte dafür, trank und ward ruhig und sprach alsbald: »Ich möchte nicht, daß Euer Gnaden mich für einen einfältigen Menschen halte, weil ich mit dem Tier so ganz nach der Vernunft gesprochen; denn allerdings sind die Worte, die ich der Ziege sagte, etwas absonderlich. Ich bin ein Bauer, aber nicht so bäurisch, daß ich nicht wüßte, wie man mit dem Menschen und dem Vieh umgehen muß.« »Das glaube ich ganz gern«, sagte der Pfarrer; »denn ich weiß schon aus Erfahrung, daß die Wälder Leute von Bildung auf erziehen und die Schäferhütten manchem Philosophen Wohnung bieten.« »Wenigstens, Señor, beherbergen sie Leute«, entgegnete der Hirt, »die durch Schaden klug geworden sind; und damit Ihr die Wahrheit dieses Satzes glaubet und sie mit den Händen greifet, so werde ich, obwohl ich mich damit ungebeten selber einlade, so werde ich, wenn es Euch nicht langweilt und Ihr mir eine kleine Weile aufmerksames Gehör schenken wollt, Euch eine wahre Geschichte erzählen, die die Behauptung dieses Herrn« – auf den Pfarrer deutend – »und die meinige bestätigen wird.« Hierauf entgegnete Don Quijote: »Sintemal ich ersehe, daß dieser Kasus ich weiß nicht was für einen Anstrich von einem Ritterschafts-Abenteuer hat, so werde ich für mein Teil Euch sehr gerne anhören, guter Freund, und desgleichen werden alle diese Herren tun, da sie so überaus verständig sind und gerne vernehmen von absonderlichen Neuigkeiten, so die Sinne spannen, ergötzen und behaglich unterhalten, wie meines Bedünkens Eure Erzählung ohne Zweifel tun wird. So machet denn einen Beginn, Freund, wir werden Euch alle zuhören.« »Ich tue nicht mit«, sprach Sancho; »mit der Pastete hier gehe ich dort an den Bach und will mich da auf drei Tage anfüllen. Denn ich habe meinen Herrn Don Quijote sagen hören, fahrenden Ritters Schildknappe muß essen, bis er nicht mehr kann, sobald er in den Fall kommt; dieweil er oftmals in den Fall kommt, daß er zufällig in einen dicht verschlungenen Wald hineingerät, aus dem er sechs Tage nicht wieder herauskommt, und wenn da der Mensch nicht sattgegessen oder mit einem wohlgespickten Schnappsack versehen ist, so kann er drin steckenbleiben und, wie ihm oftmalen geschieht, zur Mumie zusammenhutzeln.« »Du hast das beste Teil erwählt, Sancho«, sprach Don Quijote; »geh du, wohin dir's paßt, und iß, was der Magen faßt. Ich habe schon mein Genügen, es erübrigt mir nur noch, dem Geiste seine Erquickung zu gewähren, und die gewähre ich ihm, wenn ich die Erzählung dieses Biedermanns anhöre.« »Wir alle werden unsere Geister daran erquicken«, sprach der Domherr; und sofort bat er den Ziegenhirten, mit der versprochenen Erzählung zu beginnen. Der Hirt gab der Ziege, die er an den Hörnern hielt, zwei Schläge mit der flachen Hand auf den Rücken und sagte zu ihr: »Leg dich neben mich hin, Scheckchen, wir haben noch genug Zeit, zu unserem Pferch heimzukehren.« Die Ziege schien ihn zu verstehn; denn als ihr Herr sich setzte, streckte sie sich ganz ruhig neben ihm nieder und sah ihm ins Gesicht, als ob sie zu verstehen gäbe, daß sie auf die Worte des Hirten ernstlich aufmerken wolle. Und dieser begann seine Geschichte folgendermaßen. 51. Kapitel Welches berichtet, was der Ziegenhirt der ganzen Gesellschaft erzählte, die den Ritter Don Quijote von dannen führte Drei Meilen von diesem Tale liegt ein Dorf, welches zwar klein, aber doch eins der reichsten in der ganzen Gegend ist. In dem Dorfe lebte ein Bauer in großem Ansehen, und wiewohl dem Reichtum allezeit das große Ansehen anhaftet, so genoß er dieses doch weit mehr ob seiner Rechtschaffenheit als ob seines Reichtums. Was ihn aber noch weit glücklicher machte, wie er selbst sagte, war der Umstand, daß er eine Tochter hatte von so außerordentlicher Schönheit, so seltenem Verstand, so voll Anmut und Tugend, daß jeder, der sie kannte und beobachtete, voll Staunens war ob der außerordentlichen Gaben, mit denen der Himmel und die Natur sie überreich ausgestattet hatten. Schon als Kind war sie schön, und seitdem nahm sie stets zu an Reizen, und im Alter von sechzehn Jahren war sie die Schönste von allen. Der Ruf ihrer Reize begann sich in den umliegenden Dörfern zu verbreiten; was sag ich, nur in den umliegenden? Er drang bis zu entfernten Städten, ja zu den Prunksälen der Könige und zum Ohr von Leuten jeden Standes, die von überall herkamen, um sie wie eine Seltenheit oder wie ein wundertätiges Bild anzuschauen. Ihr Vater hütete sie, und sie hütete sich selber; denn es gibt kein Vorhängschloß, keinen Riegel, die eine Jungfrau besser hüten könnten als ihre eigne Sittsamkeit. Der Reichtum des Vaters und die Schönheit der Tochter bewogen viele, sowohl aus dem Ort als auch Auswärtige, um ihre Hand anzuhalten. Der Vater aber, der über ein so köstliches Kleinod zu verfügen hatte, war in großer Verlegenheit, wem von den Unzähligen, die ihn bestürmten, er sie geben solle. Unter den vielen, die einen so ehrenhaften Wunsch hegten, war auch ich, und mir versprach der Umstand große Aussicht auf guten Erfolg, daß ich wußte, der Vater wußte genau, was an mir war; daß ich aus demselben Dorfe gebürtig, von rein christlichem Blute, in blühendem Alter, an Vermögen sehr reich und an Geistesgaben nicht minder vortrefflich war. Mit allen den nämlichen Vorzügen hielt auch ein anderer aus demselben Ort um sie an, und das machte denn den Vater unschlüssig und bedenklich, da es ihn bedünkte, mit jedem von uns beiden wäre seine Tochter gleich gut versorgt. Um aus dieser Verlegenheit zu kommen, beschloß er, Leandra von der Sache in Kenntnis zu setzen; so heißt nämlich das reiche Mädchen, um dessentwillen mein Herz verarmt ist. Er erwog, da wir beide uns in allem ebenbürtig waren, so wäre es am besten, wenn er es seiner geliebten Tochter überließe, nach ihrer Neigung zu wählen; ein Verfahren, das alle Eltern nachahmen sollten, wenn sie für ihre Kinder den Stand der Ehe in Aussicht nehmen. Ich sage nicht, sie sollen ihren Kindern im Schlechten und Verderblichen freie Wahl lassen, sondern sie sollen ihnen Gutes vorschlagen, damit sie unter dem Guten nach ihrem Wunsch auswählen. Ich weiß nicht, welchen Wunsch Leandra hatte; ich weiß nur, daß der Vater uns beide mit dem zu jugendlichen Alter seiner Tochter und mit allgemeinen Redensarten hinhielt, durch die er sich weder zu etwas verbindlich machte noch sich gegen uns unverbindlich zeigte. Mein Mitbewerber heißt Anselmo und ich Eugenio, damit Ihr die Namen der Personen kennt, die in diesem Trauerspiel vorkommen, dessen Ende noch unentschieden ist, wiewohl zu befürchten steht, daß es ein unglückliches sein wird. Um diese Zeit kam ein gewisser Vicente de la Roca in unser Dorf, der Sohn eines armen Bauern aus diesem nämlichen Ort, welcher Vicente aus Italien und verschiedenen anderen Ländern kam und Soldat gewesen war. Als er ein Junge von etwa zwölf Jahren war, hatte ihn aus unserm Dorf ein Hauptmann mitgenommen, der mit seinem Fähnlein durchmarschierte, und wieder nach zwölf Jahren kam der Bursche zurück, soldatisch gekleidet, bunt in tausend Farben, vollbehängt mit tausenderlei Klimperkram von Glas und dünnen Stahlketten. Heute warf er sich in diesen Staat und morgen in jenen, aber alles war hohl und angemalt, leicht von Gewicht und noch leichter an Wert. Die Bauersleute, die an sich boshaft und, wenn gerade Müßiggang ihnen Gelegenheit dazu gibt, die Bosheit selber sind, merkten das wohl, rechneten Stück für Stück seinen Staat und seine Kostbarkeiten nach und fanden, daß seiner Anzüge drei waren, von verschiedenen Farben mit den zugehörigen Kniebändern und Strümpfen. Allein der wußte sie mit so viel Änderungen herzurichten und mit so viel neuen Erfindungen aufzuputzen, daß, wenn die Bauern sie nicht nachgezählt hätten, mancher darauf geschworen hätte, er habe mehr als zehn Anzüge und mehr als zwanzigfachen Federschmuck zur Schau getragen. Und ihr dürft es nicht übelnehmen und für überflüssig halten, was ich da von seinen Anzügen erzähle; denn die spielen eine große Rolle in unserer Geschichte. Er setzte sich öfter auf eine Bank auf unserm Marktplatz unter einer großen Pappel, und da hielt er uns alle fest, daß wir Maul und Nase aufsperrten und an seinen Lippen hingen, wenn er uns seine Heldentaten erzählte. Da war kein Land auf dem ganzen Erdkreis, das er nicht gesehen, keine Schlacht, die er nicht mitgemacht hätte. Er hatte mehr Mauren umgebracht, als in ganz Marokko und Tunis leben, und hatte mehr Zweikämpfe bestanden, wie er sagte, als Gante und Luna, Diego García des Parédes und tausend andere, die er nannte; und aus allen war er siegreich hervorgegangen, ohne daß man ihm einen Tropfen Blutes abgezapft hätte. Andererseits wieder zeigte er Narben, und obschon sie kaum zu sehen waren, wollte er uns vorreden, es seien Wunden von Musketenschüssen, die er bei verschiedenen Scharmützeln und Treffen empfangen habe. Kurz, mit nie erhörter Anmaßung redete er seinesgleichen, ja sogar die Leute, die ihn genau kannten, mit Er an und sagte öfter, sein tapferer Arm sei sein Vater, seine Taten seien sein Stammbaum und in seinem Stande als Soldat stehe er so hoch wie der König selbst. Zu dieser Großtuerei kam bei ihm noch hinzu, daß er ein wenig Musik trieb und auf der Gitarre spielte und über die Saiten nur so hinfuhr, so daß etliche sagten, die Gitarre bekäme Sprache unter seinen Fingern. Aber das war noch nicht alles, denn er hatte auch die Gabe zu dichten, und so machte er über jede Kinderei im Dorfe eine Romanze anderthalb Meilen lang. Diesen Soldaten also, den ich hier geschildert habe, diesen Vicente de la Roca, diesen Helden, diesen Stutzer, diesen Musiker, diesen Dichter sah und beobachtete Leandra oftmals aus einem Fenster ihrer Behausung, das auf den Marktplatz ging. Sie verliebte sich in das Flittergold seiner in die Augen stechenden Trachten; sie war bezaubert von seinen Romanzen, die er in Abschriften, zwanzig von jedem Gedicht, verteilte; die Heldentaten, die er von sich selbst erzählt hatte, kamen ihr zu Gehör, und endlich – der Teufel mußte wohl die Sache eingefädelt haben – kam es so weit, daß sie sich ernstlich in ihn verliebte, bevor auch nur in ihm selbst der vermessene Gedanke entstanden war, sich um ihre Gunst zu bewerben. Da aber in Herzensangelegenheiten die Neigung des Weibes der stärkste Bundesgenosse ist, so verständigten sich Leandra und Vicente sehr leicht, und ehe einer von ihren vielen Bewerbern von ihrer Neigung etwas ahnte, hatte sie dieselbe schon dem Ziele entgegengeführt. Sie verließ das Haus ihres teuren, geliebten Vaters, denn eine Mutter hatte sie nicht mehr, und entfernte sich aus dem Dorfe mit ihrem Soldaten, der einen größeren Triumph aus dieser Unternehmung davontrug als aus den vielen, deren er sich zu rühmen pflegte. Der Vorfall setzte das ganze Dorf in Erstaunen sowie einen jeden, der davon Kenntnis erhielt. Ich war höchlich bestürzt, Anselmo zu Tode erschrocken, der Vater tief betrübt, ihre Verwandten entehrt, das Gericht in voller Tätigkeit, die Landreiter auf der Spähe; man streifte auf den Wegen, man durchsuchte die Wälder und was darum und daran war, und nach drei Tagen fand man diese ihren Launen frönende Leandra in einer Höhle mitten im Walde, entkleidet bis aufs Hemd, ohne das viele Geld und die kostbaren Juwelen, die sie von Hause mitgenommen hatte. Man brachte sie zu ihrem bekümmerten Vater zurück; man befragte sie über ihr Unglück; sie gestand ohne alles Drängen, Vicente de la Roca habe sie hintergangen und mittels eines Eheversprechens überredet, ihres Vaters Haus zu verlassen; er werde sie in die reichste und üppigste Stadt der ganzen Welt bringen, nämlich nach Neapel; und sie, schlimm beraten und noch schlimmer getäuscht, habe ihm Glauben geschenkt und, nachdem sie ihren Vater bestohlen, sich in derselben Nacht, wo sie vermißt wurde, seinen Händen anvertraut, und er habe sie in ein wildes Waldgebirge geführt und sie in die Höhle eingesperrt, wo man sie gefunden habe. Sie erzählte auch, daß ihr der Soldat, ohne ihr jedoch die Ehre zu rauben, alles weggenommen, was sie bei sich hatte, und sie in der Höhle gelassen habe und von dannen gegangen sei, ein Vorgang, der alle aufs neue in Erstaunen setzte. Schwer fiel es, lieber Herr, an die Enthaltsamkeit des Burschen zu glauben; aber sie bekräftigte es mit so zahllosen Beteuerungen, daß sie viel dazu beitrugen, dem untröstlichen Vater Trost zu verleihen, und er achtete der Schätze nicht, die man ihm geraubt hatte, da man seiner Tochter das Kleinod gelassen, das, wenn einmal verloren, keine Hoffnung läßt, jemals wiedererlangt zu werden. Am nämlichen Tage, wo Leandra uns wieder vor Augen kam, schaffte ihr Vater sie uns wieder aus den Augen, indem er sie sogleich von unserm Dorf wegführte und in einer benachbarten Stadt ins Kloster einschloß. Denn er hoffte, die Zeit werde einiges von dem üblen Rufe verwischen, in welchen seine Tochter sich gebracht hatte. Die große Jugend Leandras diente ihr zur Entschuldigung, wenigstens bei denen, die es nicht berührte, ob sie tugendhaft oder schlecht war; aber wer ihre Klugheit und ihren großen Verstand kannte, maß ihren Fehltritt nicht ihrer Unerfahrenheit bei, sondern dem Leichtsinn und dem natürlichen Hang der Weiber, der in den meisten Fällen das sinnlos Törichte und Unüberlegte vorzieht. Sobald Leandra eingesperrt war, wurden Anselmos Augen blind; wenigstens hatten sie keinen Gegenstand mehr, dessen Anblick ihnen Vergnügen machte; die meinigen waren von Finsternis umgeben, ohne einen Lichtstrahl, der sie zu etwas Freudigem geleitet hätte, da Leandra ferne war; unsere Betrübnis wuchs mehr und mehr, unsere Gelassenheit im Erdulden nahm beständig ab, wir verfluchten den Prunk des Soldaten und verwünschten die Unvorsichtigkeit von Leandras Vater. Endlich verabredete Anselmo mit mir, das Dorf zu verlassen und in dieses Tal zu ziehen, wo er eine große Anzahl ihm gehörender Schafe weidet und ich eine ansehnliche Herde von Ziegen, die ebenfalls mein eigen sind, und wo wir unser Leben unter den Bäumen verbringen, unsern Leiden freie Bahn lassen oder gemeinsam der schönen Leandra Preis oder Schmach singen oder auch einsam seufzen und jeder für sich allein seine Klagen dem Himmel anvertraut. Unserem Beispiel folgend, sind viel andere von Leandras Freiern in dies rauhe Waldgebirge gezogen, um sich derselben Lebensart zu widmen wie wir, und es sind ihrer so viele, daß es aussieht, als habe sich dies Gefilde in ein schäferliches Arkadien verwandelt, so angefüllt ist es mit Schäfern und Hürden, und es ist keine Stelle, wo man nicht den Namen der schönen Leandra vernähme. Der eine verwünscht sie und nennt sie launisch und sittenlos; der andere verdammt sie als leicht zu gewinnen und flatterhaft; jener spricht sie frei und vergibt ihr, dieser bricht den Stab über sie und schmäht sie; der eine feiert ihre Schönheit, der andere lästert ihren Charakter; kurz, alle verunglimpfen sie und beten sie an, und bei allen geht die Verrücktheit so weit, daß mancher unter ihnen über Verschmähung klagt, ohne sie je gesprochen zu haben, ja mancher bejammert und fühlt schmerzlich die wütende Krankheit der Eifersucht, zu der sie doch keinem jemals Anlaß gegeben. Denn, wie gesagt, man hat ihren Fehltritt eher erfahren als ihre Neigung. Da ist kein Felsspalt, kein Bachesrand, kein Schattenplatz unter Bäumen, den nicht irgendein Schäfer besetzt hielte, um sein Unglück den Lüften zu verkünden; wo nur ein Echo zu finden ist, wiederholt es Leandras Namen, Leandra widerhallen die Wälder, Leandra murmeln die Bäche, und Leandra hält uns alle fest in banger Erwartung und in Verzauberung, und wir hoffen ohne Hoffnung und fürchten, ohne zu wissen, was wir fürchten. Unter diesen Unsinnigen ist derjenige, der die geringste und die meiste Vernunft an den Tag legt, mein Mitbewerber Anselmo, der, obschon er sich über soviel andres zu beklagen hat, sich nur über Abwesenheit beklagt und zum Klang einer Fiedel, die er wunderbar spielt, klagende Verse singt, in denen er seinen klaren Verstand zeigt. Ich verfolge einen leichtern, doch meines Bedünkens den richtigsten Weg; ich schelte nämlich auf den Leichtsinn der Weiber, auf ihre Unbeständigkeit, auf ihre Doppelzüngigkeit, auf ihre totgebornen Verheißungen, auf die Wortbrüchigkeit und endlich auf den Mangel an Verständnis, den sie zeigen, wenn es gilt, ihren Wünschen und Neigungen ein Ziel zu wählen. Dies, ihr Herren, war der Anlaß zu den Worten und Äußerungen, die ich, als ich in eure Nähe kam, an meine Ziege richtete; denn weil es ein Weibchen ist, schätze ich sie gering, obschon es das beste Stück aus meiner ganzen Hürde ist. Dies ist die Geschichte, die ich euch zu erzählen versprach. Wenn ich etwa bei der Erzählung zu verschwenderisch mit Worten war, werde ich auch nicht karg sein, wenn ich euch Dienste zu leisten haben sollte; ich habe meinen Pferch hier in der Nähe und habe dort frische Milch und sehr wohlschmeckenden Käse nebst verschiedenem reifem Obst, das eure Augen nicht minder als eure Zunge erquicken wird. 52. Kapitel Von dem Kampfe, so Don Quijote mit dem Ziegenhirten bestand, nebst dem ungewöhnlichen Abenteuer mit den Pilgern auf der Bußfahrt, das er im Schweiße seines Angesichts zu Ende führte Die Erzählung des Ziegenhirten machte sämtlichen Zuhörern viel Vergnügen, besonders dem Domherrn, der mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit die eigentümliche Art beobachtete, wie jener erzählte, der, weit entfernt, sich als ein bäurischer Hirte zu zeigen, beinahe für einen feinen Hofmann gelten konnte. Daher sagte der Domherr, der Pfarrer habe recht gehabt mit seiner Behauptung, daß das Waldgebirge Leute von Bildung auferzieht. Alle erboten sich dem Hirten Eugenio zu Dienstleistungen; wer sich aber darin am freigebigsten zeigte, war Don Quijote, der zu ihm sprach: »Gewiß, Freund Ziegenhirt, wenn ich mich in der Möglichkeit fände, irgendwelch Abenteuer zu beginnen, gleich auf der Stelle würde ich mich auf den Weg begeben, auf daß Euer Abenteuer zu glücklichem Ziele käme, und aus dem Kloster, worin sie zweifelsohne wider ihren Willen weilet, würde ich Leandra reißen, trotz der Äbtissin und trotz jeglichem, der es verwehren möchte, und würde sie Euch in die Hände geben, auf daß Ihr mit selbiger ganz nach Eurem Willen und Begehr verfahret – unter Wahrung jedoch der Gesetze des Rittertums, welche vorschreiben, daß keinem Fräulein irgendeine Ungebühr angetan werde. Indessen hoffe ich zu Gott dem Herrn, es werde die Macht eines boshaften Zauberers nicht so viel vermögen, daß nicht die eines andern, günstiger gesinnten Zauberers weit mehr vermöchte, und für alsdann verheiße ich Euch meinen Schutz und Beistand, wie mich mein Beruf zu tun verpflichtet, welcher kein andrer ist, denn den Hilflosen und Bedrängten zu Hilfe zu kommen.« Der Ziegenhirt schaute ihn an, und als er Don Quijotes schlechten Aufzug und jämmerliches Angesicht bemerkte, verwunderte er sich und sprach zu dem Barbier, den er in seiner Nähe sah: »Señor, wer ist der Mann, der so wunderlich aussieht und solcherlei Reden führt?« »Wer wird es anders sein«, antwortete der Barbier, »als der weitberühmte Don Quijote von der Mancha, der Mann, der alle Ungebühr abstellt, alles Unrecht wieder zurechtbringt, der Schirmer aller Jungfrauen, der Schrecken aller Riesen und der Sieger in allen Kämpfen!« »Ei«, sagte der Ziegenhirt, »das klingt mir ganz nach dem, was man in den Büchern von den fahrenden Rittern liest, die all dies taten, was Euer Gnaden von diesem Manne sagt; wiewohl ich der Meinung bin, daß entweder Euer Gnaden einen Spaß macht oder daß es bei diesem Edelmann leer im Oberstübchen aussieht.« »Ihr seid ein ausbündiger Schelm«, rief hier Don Quijote, »Ihr, Ihr seid der dumme Tölpel, bei Euch ist es leer und schwach im Kopf; bei mir ist es voller, als es jemals bei der niederträchtigen Hure war, der schlechten Hure, die Euch auf die Welt gesetzt hat!« Kaum gesagt, riß er ein Brot vom Tische, das gerade neben ihm lag, und schleuderte es dem Ziegenhirten so wild ins Gesicht, daß er ihm schier die Nase plattschlug. Allein als der Ziegenhirt, der keinen Spaß verstand, sah, wie man allen Ernstes ihm übel mitspielte, setzte er alle Rücksicht auf den Teppich, auf das Tischtuch und die ganze tafelnde Gesellschaft beiseite, sprang auf den Ritter los, packte ihn mit beiden Händen am Halse und hätte ihn ohne Zweifel erwürgt, wenn nicht gerade im Augenblick Sancho Pansa gekommen wäre, ihn an den Schultern gepackt und ihn über den Tisch, hingeworfen hätte, wobei Schüsseln zerschlagen, Trinkschalen zerbrochen und alles, was auf dem Tische war, verschüttet und umhergeworfen wurde. Don Quijote, der sich jetzt frei sah, stürzte sofort über den Ziegenhirten her, und dieser, voll Blut im Gesichte, von Sancho mit Fußtritten bearbeitet, zappelte auf allen vieren nach einem Messer vom Tische, um sich blutig zu rächen; allein der Domherr und der Pfarrer hinderten ihn daran. Der Barbier jedoch wußte es anzustellen, daß der Hirt den Ritter unter sich brachte, und nun ließ er auf diesen eine solche Unzahl von Faustschlägen regnen, daß vom Gesichte des armen Don Quijote ebensoviel Blut troff wie von dem seinigen. Der Domherr und der Pfarrer wollten vor Lachen bersten, die Landreiter sprangen in die Höhe vor lauter Lust, und diese wie jene hetzten drauflos, wie man mit Hunden tut, wenn sie heftig aneinandergeraten sind. Nur Sancho Pansa war schier in Verzweiflung, weil er sich nicht von einem Diener des Domherrn losmachen konnte, der ihn festhielt und ihn hinderte, seinem Herrn zu Hilfe zu kommen. Während sie nun alle so in tollem Jubel waren, mit Ausnahme der zwei Faustkämpfer, die miteinander balgten, vernahmen sie den Klang einer Trompete, einer so trübselig tönenden, daß sich alle Blicke nach der Seite hinwendeten, von wo der Klang ihnen herzukommen schien. Wer aber am meisten darüber in Aufregung geriet, war Don Quijote, der zwar noch, freilich sehr gegen seinen Willen und mehr als nur mäßig zerbleut, unter dem Ziegenhirten lag, aber dennoch ihn ansprach: »Lieber guter Teufel, denn was andres kannst du nicht sein, da deine Tapferkeit und Kraft so groß ist, um die meinige zu bewältigen, ich bitte dich, laß uns einen Waffenstillstand schließen, nicht länger als auf eine Stunde; denn der jammervolle Klang jener Drommete, der zu unsern Ohren dringt, scheint mich zu einem neuen Abenteuer zu rufen.« Der Ziegenhirt, bereits müde, zu prügeln und geprügelt zu werden, ließ ihn auf der Stelle los, und Don Quijote erhob sich, wendete nun ebenfalls das Gesicht dahin, wo man den Ton vernahm, und sah plötzlich, wie von einem Hügel eine Menge von Leuten herabkam, alle wie Pilger auf einer Bußfahrt weiß gekleidet. In diesem Jahre hatten nämlich die Wolken der Erde ihr Naß versagt, und in allen Ortschaften dieser Gegend wurden Wallfahrten, Bittgänge und Bußübungen abgehalten, um Gott zu bitten, daß er die Hände seiner Barmherzigkeit auftue und Regen spende, und zu diesem Zwecke kamen die Leute aus einem nahegelegenen Dorfe wallfahrend zu einer heiligen Einsiedelei gezogen, die auf einer Höhe bei diesem Tale lag. Don Quijote erblickte die seltsamen Trachten der Bußfahrer, ohne daß ihm ins Gedächtnis kam, wie oft er sie schon gesehen haben mußte, und bildete sich ein, dies sei so etwas von einem Abenteuer und ihm allein als fahrendem Ritter komme es zu; sich an dasselbe zu wagen. Und was ihn in dieser Einbildung noch mehr bestärkte, war, daß er sich einredete, eine Bildsäule, die sie in Trauerhüllen einhertrugen, sei eigentlich eine vornehme Dame, die von diesen Bösewichtern und schamlosen Wegelagerern mit Gewalt entführt werde. Und sobald ihm dies in den Kopf kam, stürzte er leichtfüßig auf Rosinante los, der dort weiden ging, nahm ihm vom Sattelbogen den Zügel und die Tartsche, zäumte ihn im Nu auf, und sein Schwert von Sancho fordernd, stieg er auf Rosinante, nahm die Tartsche in den Arm und sprach zu den Anwesenden allen mit erhobener Stimme: »Itzo, mannhafte Gesellschaft, sollet Ihr erschauen, wie hochwichtig es ist, daß es auf Erden Ritter gibt, die sich zum Orden der fahrenden Ritterschaft bekennen; itzo, also sag ich, sollet ihr an der Befreiung dieser trefflichen Dame, die sich dort in Banden zeigt, erkennen, ob die fahrenden Ritter hoher Achtung wert sind.« Und also redend gab er dem Rosinante die Schenkel, denn Sporen hatte er nicht an, und rannte in kurzem Galopp – denn daß sich Rosinante jemals zu gestreckter Karriere verstiegen, das liest man nirgends in dieser ganzen wahrhaftigen Geschichte – auf die Bußfahrer los, wiewohl der Pfarrer und der Domherr hinliefen; um ihn zurückzuhalten; aber es war ihnen nicht möglich, und ebensowenig hielt ihn das Geschrei Sanchos zurück, der ihm zurief: »Wo wollt Ihr hin, Señor Don Quijote? Was für Teufel habt Ihr im Leib, die Euch antreiben, gegen unsern katholischen Glauben vorzugehen? Habt doch acht, o weh meiner armen Seele! daß es eine Wallfahrt von Büßern ist, und die Dame, die dort auf dem Gestell getragen wird, ist das gebenedeite Bild der unbefleckten Jungfrau; bedenket, Señor, was Ihr tut, denn diesmal kann man wirklich sagen, daß Ihr nicht tut, was Eures Berufes ist!« Vergeblich mühte sich Sancho ab, denn sein Herr hatte es so fest im Sinn, auf die Leute in den weißen Hüllen heranzustürmen und die Dame in Trauer zu befreien, daß er kein Wort hörte, und hätte er es auch gehört, so wäre er doch nicht umgekehrt, und wenn der König selbst es ihm geboten hätte. Er erreichte also den Zug, hielt Rosinante an, der ohnehin schon große Lust hatte, ein wenig auszuruhen, und rief mit heftig erregter, heiserer Stimme: »Ihr, die ihr, vielleicht weil ihr tugendlose Leute seid, das Angesicht verhüllt traget, harret still und horchet auf die Worte, die ich Euch zu sagen habe.« Die ersten, die anhielten, waren die Träger des Bildes. Und als einer der vier Geistlichen, welche die Litaneien sangen, das seltsame Aussehen Don Quijotes, die Magerkeit Rosinantes und andre Umstände, die zum Lachen waren, an dem Ritter bemerkte, entgegnete er ihm folgende Worte: »Lieber Herr und Freund, wenn Ihr uns etwas zu sagen habt, so sagt es rasch, denn diese frommen Brüder zergeißeln sich den Leib, und wir können und dürfen uns vernünftigerweise nicht aufhalten, irgend etwas anzuhören, wenn es nicht etwa so kurz ist, daß man es in zwei Worten sagen kann.« »In einem Worte werde ich es euch sagen«, erwiderte Don Quijote, »und so lautet es: Ihr sollt gleich auf der Stelle diese schöne Dame freigeben, deren Tränen und betrübtes Antlitz deutlich zeigen, daß ihr sie wider ihren Willen fortschleppt und daß ihr eine offenbare Ungebühr an ihr verübt habt. Und ich, der ich zur Welt geboren bin, um dergleichen Freveltaten abzustellen, ich werde nicht gestatten, daß sie einen einzigen Schritt weiterziehe, ohne ihr die ersehnte Freiheit wiederzugeben, deren sie würdig ist.« An diesen Worten merkten alle Hörer, Don Quijote müsse verrückt sein, und brachen in herzliches Lachen aus; aber hier zu lachen hieß Pulver auf Don Quijotes Zorneswut schütten, und ohne ein Wort weiter zu sagen, zog er das Schwert und sprengte auf die Tragbahre los. Einer der Träger stürzte, die Bürde sofort seinen Gefährten überlassend, Don Quijote entgegen, schwang als Waffe eine jener Gabelstützen, auf welche man beim Ausruhen die Bahre setzt, und nachdem er mit dieser Wehr einen gewaltigen Schwerthieb aufgefangen, der sie in zwei Stücke schlug, versetzte er mit dem letzten Drittel, das ihm in der Hand blieb, dem Ritter einen solchen Schlag über die Schulter auf der Schwertseite, die der Schild gegen die rohe bäurische Kraft nicht schützen konnte, daß der arme Don Quijote gar übel zugerichtet niederstürzte. Als Sancho Pansa, der ihm keuchend nachgeeilt war, ihn am Boden liegen sah, schrie er dem Zerbleuer seines Herrn zu, er solle vom Prügeln ablassen, denn der sei ein armer verzauberter Ritter, der all sein Lebtag keinem ein Leides getan. Aber was den Bauern zurückhielt, war nicht Sanchos Geschrei, sondern ein Blick auf den Ritter, der weder Hand noch Fuß rührte, und da er nun glaubte, er habe diesen totgeschlagen, raffte er in aller Eile seinen Kittel bis zum Gürtel auf und machte sich hurtig wie ein Gemsbock über das Gefilde von dannen. Inzwischen waren alle übrigen aus Don Quijotes Gesellschaft zu der Stelle gekommen, wo er lag. Aber die Leute von der Bußfahrt, die sahen, wie all die Herren dort und dabei die Landreiter mit ihren Armbrüsten herzueilten, gerieten in Furcht vor einem schlimmen Ausgang der Sache, drängten sich insgesamt im Kreis um das Bild her, schlugen ihre Kapuzen über den Kopf und faßten ihre Geißeln fest in die Fäuste. Desgleichen taten auch die Geistlichen mit ihren Altarleuchtern, und so erwarteten sie den Ansturm, mutig entschlossen zu Schutz und womöglich auch zu Trutz gegen die Angreifer. Allein das Glück fügte es besser, als man dachte; denn Sancho tat nichts weiter, als daß er sich über den Körper seines Herrn warf und, im Glauben, er sei wirklich tot, über ihn die schmerzlichste und zugleich lächerlichste Klage erhob, die sich denken läßt. Der Pfarrer ward von einem andern Pfarrer erkannt, der mit bei der Bußfahrt war, und diese Bekanntschaft beschwichtigte die Besorgnis im Gemüte beider Geschwader. Der erste Pfarrer erklärte dem zweiten mit ein paar Worten, wer Don Quijote sei, und der ganze Haufe der Bußfahrer kam herbei, um zu sehen, ob der arme Ritter tot sei. Da hörten sie, wie Sancho Pansa mit Tränen in den Augen sprach: »O du Blume des Rittertums, der du mit einem einzigen Knüppelhieb die Bahn deiner so trefflich verwendeten Jahre abgeschlossen! O du Preis deines Geschlechtes, Ehre und Ruhm der ganzen Mancha, ja der ganzen Welt, welche nun, da du ihr gebrichst, voller Übeltäter bleiben wird, die da nicht mehr fürchten müssen, für ihre Missetaten gezüchtigt zu werden! O du, freigebig über alle Alexanders hinaus, sintemal du mir für nicht mehr als acht Monde Dienstes die beste Insul gegeben hattest, die das Meer umgürtet und umfleußt! O du, demütig gegen die Hochmütigen und stolz gegen die Demütigen, trotzbietend den Gefahren, Erdulder feindlichen Schimpfes, verliebt ohne allen Grund, Nachahmer der Guten, Geißel der Bösen, Feind der Schlechten; in einem Wort, fahrender Ritter! Was alles enthält, was sich sagen läßt!« Von Sanchos Schreien und Ächzen lebte Don Quijote wieder auf, und das erste Wort, das er sprach, war dieses: »Wer ferne von Euch lebt, süßeste Dulcinea, ist noch größerem Elend als diesem preisgegeben. Hilf mir, Freund Sancho, mich auf den verzauberten Karren zu setzen, denn ich bin nicht mehr imstande, Rosinantes Sattel zu belasten, sintemal mir diese ganze Schulter zu Stücken zerschlagen ist.« »Das will ich sehr gerne tun, Herre mein«, antwortete Sancho, »und laßt uns in unser Dorf heimkehren, in Gesellschaft dieser Herren, die Euer Bestes wollen; und dort wollen wir Anstalt zu einer neuen Ausfahrt treffen, die uns zu größerem Vorteil und Ruhm gereichen soll.« »Wohlgesprochen, Sancho«, entgegnete Don Quijote, »und es wird sehr klug sein, den übeln Einfluß der Gestirne, der jetzt waltet, vorübergehen zu lassen.« Der Domherr, der Pfarrer und der Barbier erklärten ihm, er würde sehr gut daran tun, so zu handeln, wie er gesagt; und höchlich belustigt von Sanchos einfältigen Redensarten setzten sie Don Quijote auf den Karren, darauf er vorher gefahren war. Die Bußfahrt wurde wieder in die rechte Ordnung gebracht und setzte ihren Weg fort; der Ziegenhirt verabschiedete sich von allen; die Landreiter wollten nicht weiter mitziehen, und der Pfarrer zahlte ihnen, was man ihnen schuldig war. Der Domherr bat den Pfarrer, ihn zu benachrichtigen, wie es mit Don Quijote erginge, ob er von seiner Narrheit genesen oder ob er auch fernerhin bei ihr beharren werde; und hiermit nahm er Urlaub, um seine Reise weiter zu verfolgen. Kurz, alle trennten sich und schieden voneinander; es blieb niemand als nur der Pfarrer und der Barbier, Don Quijote und Pansa und der gute Kerl von Rosinante, der bei allem, was er erlebt hatte, ebensoviel Geduld bewahrte wie sein Herr. Der Ochsenkärrner spannte seine Ochsen ein, machte Don Quijote auf einer Schicht Heu ein Lager zurecht, und langsam und gelassen, wie gewohnt, verfolgte er den Weg, den der Pfarrer vorschrieb; und nach Verfluß von sechs Tagen kamen sie in Don Quijotes Dorf, wo sie um Mittag einzogen. Es war gerade Sonntag, und die Einwohner standen alle auf dem Marktplatz umher, über den Don Quijotes Karren mitten darüberfuhr. Alle liefen herbei und wollten sehen, was auf dem Karren war, und als sie ihren Landsmann erkannten, waren sie höchlich verwundert; und ein Junge lief eilends hin, um seiner Haushälterin und seiner Nichte anzusagen, daß ihr Oheim und Herr ankomme, abgemagert und bleich und auf einem Heubündel ausgestreckt und auf einem Ochsenkarren. Es war ein Jammer, zu hören, wie die zwei guten Frauenzimmer ein Geschrei erhoben, sich vor den Kopf schlugen und wiederum Verwünschungen gegen die verwünschten Ritterbücher ausstießen. Und das alles fing aufs neue an, als sie Don Quijote ins Tor seines Hauses einfahren sahen. Auf die Nachricht von seiner Ankunft eilte auch Sancho Pansas Frau herbei, die längst erfahren hatte, ihr Mann sei mit dem Ritter als dessen Schildknappe fortgezogen; und als sie Sancho erblickte, war das erste, was sie fragte, ob es dem Esel wohlgehe. Sancho antwortete, es gehe ihm besser als seinem Herrn. »Gott sei Lob und Dank«, sprach sie dagegen, »daß er mir diese Gnade erwiesen hat! Aber erzählet mir nun, mein Lieber, was für einen Gewinn habt Ihr aus Eurer Schildknapperei gezogen? Was für einen neuen Rock bringt Ihr mir mit? Was für Schühchen für Eure Kinder?« »Nichts dergleichen bring ich mit, mein Weib«, versetzte Sancho, »wiewohl ich andere Sachen von größerer Wichtigkeit und Bedeutung mitbringe.« »Das soll mir recht sein«, entgegnete die Frau; »zeigt mir doch diese Sachen von größerer Bedeutung und Wichtigkeit, denn ich brenne darauf, sie zu sehen, damit ich darob mein Herz erheitere, das alle die Jahrhunderte Eurer Abwesenheit hindurch traurig und mißvergnügt war.« »Zu Hause will ich sie Euch zeigen, Frau«, sprach Pansa, »und für jetzt seid vergnügt, denn wenn es Gott beliebt, daß wir noch einmal auf die Suche nach Abenteuern ausziehen, werdet Ihr mich bald als Grafen sehen oder als Statthalter einer Insul, und zwar nicht einer solchen Insul, wie sie da und dort herumliegen, sondern der allerbesten, die zu finden ist.« »Das gebe Gott, lieber Mann, denn wir haben's wahrlich nötig. Aber sagt mir doch, was ist das mit den Insuln? Ich verstehe es nicht.« »Der Honig ist nicht da für Esels Maul«, antwortete Sancho; »seiner Zeit wirst du es schon erleben, Frau; ja du wirst dich wundern, wenn du hörst, wie dich all deine Vasallen mit Euer Herrlichkeit anreden.« »Was sagst du, Sancho, von Herrlichkeiten, Insuln und Vasallen?« entgegnete Hanne Pansa; denn so hieß Sanchos Frau, nicht als ob sie Blutsverwandte gewesen wären, sondern weil es in der Mancha bräuchlich ist, daß die Frau den Familiennamen des Mannes annimmt. »Steife dich doch nicht darauf, Hanne, daß du alles so eilig erfahren mußt; genug, daß ich dir die Wahrheit sage, und jetzt nähe dir den Mund zu. Ich kann dir nur so im Vorübergehen sagen, es gibt nichts Vergnüglicheres auf Erden, als wenn man ein angesehener Mann und Schildknappe eines fahrenden Ritters ist, der auf Abenteuer auszieht. Zwar gehen sie meistens nicht so nach Wunsch aus, wie man eben möchte, denn von hundert, auf die man stößt, pflegen neunundneunzig verkehrt und schief zu gehen. Ich weiß das aus Erfahrung, denn aus etlichen bin ich gewippt und aus anderen zerbleut davongekommen. Aber trotz alledem ist es prächtig, wenn man die Gegebenheiten an sich herankommen läßt und dabei Waldgebirge durchwandert, Forsten durchsucht, Felsen besteigt, Burgen besucht, in Schenken frei nach Belieben herbergt, und der Pfennig, den man da bezahlt, den soll der Teufel holen!« Diese ganze Unterhaltung fand zwischen Sancho Pansa und Hanne Pansa, seiner Frau, statt, während die Haushälterin und Nichte Don Quijotes diesen empfingen und auszogen und ihn auf sein altväterliches Bett streckten. Er betrachtete sie mit verdrehten Augen und konnte es nicht fassen, an welchem Ort er sich befinde. Der Pfarrer trug der Nichte auf, die möglichste Sorge auf die Verpflegung ihres Oheims zu wenden und aufzupassen, daß er ihnen nicht nochmals entkomme; wobei er ihnen erzählte, was alles vonnöten gewesen, um ihn nach Hause zu bringen. Nun erhob sich aufs neue das Jammergeschrei der beiden gen Himmel; nun erklangen die Verwünschungen gegen die Ritterbücher von neuem; nun flehten sie zum Himmel, er wolle die Schreiber so vieler Lügen und Ungereimtheiten zum tiefsten Abgrund der Hölle verdammen. Und zum Ende wurden sie von größter Bestürzung und Angst ergriffen, sich von ihrem Herrn und Oheim wieder verlassen zu sehen, sobald er einige Besserung verspüren werde. Und in der Tat geschah es so, wie sie es sich vorstellten. Allein der Verfasser dieser Geschichte, wiewohl er achtsam und beflissen den Taten nachspürte, die Don Quijote bei seiner dritten Ausfahrt vollbracht, konnte von derselben keine Nachricht auffinden, wenigstens nicht in beglaubigten Aufzeichnungen. Nur das Gerücht hat in den Erinnerungen der Mancha den Umstand aufbewahrt, daß Don Quijote, als er zum drittenmal von daheim auszog, sich nach Zaragoza verfügte und sich dort bei einem großen Turnier einfand, welches in jener Stadt abgehalten wurde, und daß dort sich manches zutrug, was seinem Heldensinn und seinem verständigen Geiste in würdiger Weise entsprach. Auch über sein Ende und Hinscheiden hat der Verfasser keine Nachricht erlangen können und hätte nie eine erlangt noch etwas darüber erfahren, wenn nicht ein glücklicher Zufall ihm einen alten Arzt zugeführt hätte, der eine bleierne Kiste im Besitz hatte, welche nach seiner Angabe sich in den zerfallenen Grundmauern einer alten, in der Wiederherstellung begriffenen Einsiedelei gefunden habe. In dieser Kiste hatte man Pergamentrollen entdeckt, ganz beschrieben mit gotischen Buchstaben. Es waren jedoch kastilianische Verse, und diese schilderten viele von Don Quijotes Heldentaten und gaben Bericht über die Schönheit der Dulcinea von Toboso, über Rosinantes Gestalt und Aussehen, über Sancho Pansas Treue und über das Grab Don Quijotes selbst, mit verschiedenen Grabschriften und Lobgedichten auf sein Leben und Treiben. Diejenigen Verse, die es möglich war zu lesen und ins reine zu schreiben, sind die folgenden, die der glaubwürdige Verfasser dieser ganz neuen und nie erhörten Geschichte hierhersetzt. Besagter Verfasser aber, zum Lohn der unermeßlichen Arbeit, die es ihn gekostet, alle geheimen Urkundengewölbe der Mancha zu untersuchen und zu durchforschen, um sotane Geschichten ans Licht zu ziehen, bittet die Leser um nichts weiter, als daß sie ihm dieselbe Glaubwürdigkeit zuerkennen wie alle verständigen Leute den Ritterbüchern, die in der Welt allgemein so hohe Gunst genießen. Damit wird er sich für wohlbelohnt und zufriedengestellt erachten und sich ermutigt fühlen, noch andere Geschichten aufzusuchen und ans Licht zu ziehen, die, wenn auch nicht so wahr, wenigstens ebenso reich an Erfindungsgabe sein und ebensoviel Zeitvertreib bieten sollen. Die ersten Worte, die auf dem in der bleiernen Kiste gefundenen Pergament geschrieben standen, waren diese: DIE AKADEMIKER VON ARGAMASILLA, EINEM ORTE IN DER MANCHA, AUF LEBEN UND TOD DES MANNHAFTEN DON QUIJOTE VON DER MANCHA HOC SCRIPSERUNT Der Schwarzaffe, Akademiker zu Argamasilla, auf die Grabstätte Don Quijotes Grabschrift Der hohle Fratz, der mehr mit Siegeszeichen, Als Jason Kreta einst, die Mancha schmückte; Der seltne Geist, der kluge, der verrückte, Schier einer Wetterfahne zu vergleichen; Der Arm, der von Gaeta zu den Reichen Katais' den Schild trug und das Schlachtschwert zückte; Der tollste Musenzögling, dem's je glückte, Auf Erze seinen Ruhm herauszustreichen; Der weit ließ hinter sich die Amadíse; Dem, weil er nur für Lieb und Ruhm entbrannte, In Galaor verhaßt war das Gemeine; Vor dem verstummten selbst die Belianise: Der Held, der irrend ritt auf Rosinante, Der liegt hier unter diesem kalten Steine. Vom Tellerlecker, Akademiker zu Argamasilla, in laudem der Dulcinea von Toboso Sonett Seht hier, das Antlitz ganz in Fett verschwommen, Läßt sich hochbrüstig, feurig von Gebaren, Tobosos Königin Dulcinee gewahren, Für die der Held Quijote in Lieb entglommen. Für sie hat er das Schwarzgebirg erklommen Nordwärts und südwärts, trieb den Feind zu Paaren Im Feld von Montiel, zog in Gefahren Bis Aranjuez, zu Fuß und schier verkommen Durch Rosinantes Schuld. O Schicksal, bitter Strafst du die Mancha-Königin und diesen Fahrenden Ritter! Denn in jungen Jahren Starb mit ihr ihre Schönheit, und der Ritter, Obschon auf Marmor ewiglich gepriesen, Nie konnt er sich vor Lieb und Täuschung wahren. Vom Grillenfänger, dem höchst geistvollen Akademiker zu Argamasilla, zum Preise Rosinantes, Schlachtrosses des Helden Don Quijote von der Mancha Sonett Am Thron von Demant, wo auf blutig heißen Fußspuren Mars, der wilde, siegreich waltet, Hat der Manchaner Held tollkühn entfaltet Sein Banner, läßt es stolz im Winde kreisen. Da hängt er auf die Rüstung und das Eisen, Das scharfe, das zerstückt, zerstört, zerspaltet: Großtaten neuer Art! Doch Kunst gestaltet Dem neuen Paladin auch neue Weisen. Ruht Galliens Ruhm auf seinem größten Sohne, Dem Amadís, durch dessen Enkelkinder Der Griechen Lande sich mit Ruhm bedecken – Quijoten reicht Bellonas Hof die Krone Anitzt; die Mancha rühmt sich sein nicht minder Als Griechenland und Gallien ihrer Recken. Des Ruhm wird nie Vergessenheit beflecken, Da Rosinante schon, der wenig wagte, Den Brillador und Bayard überragte. Vom Spötter, Argamasillanischen Akademiker, auf Sancho Pansa Sonett Schaut Sancho Pansa hier, der Knappen Krone, An Körper klein, doch Wunder! groß an Geiste; Ein Knappe frei von Witz, der allermeiste Von jedem Falsch, ich schwör's beim höchsten Throne. Fast war er Graf geworden, 's war nicht ohne, Wenn sich nicht gegen ihn verschwur die feiste Gemeinheit und die Ränkesucht, die dreiste, Zu boshaft, daß sie nur ein Eslein schone! Auf diesem Tier zog, mit Verlaub zu sagen, Der gute Knappe hinter jenem guten Gaul Rosinante her und seinem Reiter. O leere Hoffnungen, die Frucht nie tragen! Ihr flieht vorüber, wo wir gerne ruhten, Und werdet Schatten, Träume, Rauch – nichts weiter! Vom Teufelsfratz, Akademiker zu Argamasilla, auf Don Quijotes Grabstätte Grabschrift Hier tät man zur Ruhe legen Einen Ritter wohlzerschlagen, Übelfahrend, den getragen Rosinant' auf manchen Wegen. Sancho Pansa liegt daneben, Dumm von Geist, grob von Gebärden, Doch der Treuste, den's auf Erden Je im Knappendienst gegeben. Vom Kunterbunt, Akademiker zu Argamasilla, auf das Grab Dulcineas von Toboso Grabschrift Hier ruht Dulcinea; loben Mußte man die drallen Glieder; Und doch warf der Tod sie nieder, Daß zu Asche sie zerstoben. Sie, von christlich reinem Stamme, Tat, als ob sie adlig wäre; Sie war Held Quijotes Flamme Und des Dorfes Stolz und Ehre. Dies waren die Verse, die noch zu lesen waren; die übrigen übergab man, weil die Schrift von Würmern zerfressen war, einem Akademiker, damit er sie mittels seiner gelahrten Konjekturen entziffern möchte. Man hat Kunde davon, daß er es mit Hilfe vieler durchwachter Nächte und großer Mühsal vollbracht hat und daß er beabsichtigt, in Hoffnung einer dritten Ausfahrt Don Quijotes sie ans Licht zu ziehen. Forse altri canterà con miglior plettro.