Fjodr Michailowitsch Dostojewski Ein Werdender – Erster Band Übertragen von Korfiz Holm Erster Teil Erstes Kapitel   1 Ich konnte nicht anders, und so setzte ich mich denn hin, um diese Geschichte meiner ersten Schritte auf dem Felde dieses Lebens zu schreiben. Und doch hätte ich es wohl ebensogut lassen können ... Eins weiß ich ganz genau: in meinem ganzen Leben setze ich mich nicht noch einmal hin und schreibe eine Selbstbiographie, und wenn ich hundert Jahre alt werde. Ein Mensch muß gar zu erbärmlich in sich selbst verliebt sein, um ohne Schamgefühl über sein eigenes Leben zu schreiben. Meine einzige Entschuldigung ist, daß ich beim Schreiben nicht den Zweck verfolge, den sonst alle dabei verfolgen: ich schreibe nicht, um mich von meinen Lesern bewundern zu lassen. Wenn ich mich entschlossen habe, alles Wort für Wort aufzuzeichnen, was mir seit dem verflossenen Jahr begegnet ist, so entspringt das einer inneren Notwendigkeit: so stark und tief haben mich alle diese Ereignisse berührt. Ich werde nur Tatsachen berichten und mir die größte Mühe geben, allen unnützen Ballast zu vermeiden und insbesondere alle literarischen Schönheiten. So ein Schriftsteller schreibt dreißig Jahre lang, und am Ende weiß er gar nicht, warum er alle diese Jahre hindurch geschrieben hat. Ich bin gewiß kein Schriftsteller und möchte gar keiner sein, und ich würde es für eine Geschmacklosigkeit und Erbärmlichkeit halten, das Innerste meiner Seele und eine hübsche Beschreibung meiner Gefühle auf den Literaturmarkt zu werfen. Aber zu meinem Ärger habe ich so ein Vorgefühl, als ob ich kaum ganz um die Schilderung von Gefühlen und um Reflexionen (am Ende sogar recht abgeschmackte Reflexionen) herumkommen werde. So demoralisierend wirkt jede Beschäftigung mit der Literatur auf den Menschen, und mag einer tausendmal nur für sich selbst schreiben. Die Reflexionen können sogar ungeheuer banal ausfallen, denn was einem selbst sehr wertvoll ist, kann gar leicht für jeden Außenstehenden ohne allen Wert sein. Aber genug von alledem. Da hätten wir nun also richtig eine Vorrede; das ist aber auch das erste und letzte von der Sorte. Zur Sache, wenn's auch eine kniffliche Geschichte ist, sich an irgendeine Sache zu machen, – vielleicht, überhaupt etwas zu machen.   2 Ich beginne, das heißt, ich wollte mit dem neunzehnten September des verflossenen Jahres beginnen, eben dem Tage meiner ersten Begegnung mit... Aber es wäre dumm, so ohne weiteres zu erzählen, wem ich begegnet bin, bevor ein Mensch sonst was von mir weiß. Ich glaube sogar, dieser ganze Ton ist dumm: ich habe mir das Wort gegeben, mir alle literarischen Schönheiten vom Leibe zu halten, und von der ersten Zeile an stecke ich bis über die Ohren in diesen Schönheiten. Und dann, glaube ich, kann man noch nicht so ohne weiteres gleich sachlich und vernünftig schreiben, bloß weil man gern möchte. Schließlich sehe ich jetzt, daß kaum eine andere europäische Sprache schriftlich so schwer zu handhaben ist wie das Russische. Ich habe eben überlesen, was ich geschrieben habe, und muß sagen, ich bin viel klüger als das, was da auf dem Papier steht. Woher kommt es nur, daß die Dinge, die ein begabter Mensch sagt, viel dümmer sind als das, was er in sich zurückbehält? Ich habe das öfters bemerkt, an mir selbst und in der Unterhaltung mit anderen Leuten, dies ganze letzte verhängnisvolle Jahr hindurch, und das hat mich oft genug gepeinigt. Wenn ich nun auch mit dem neunzehnten September anfangen will, so muß ich doch wenigstens mit zwei Worten sagen, wer ich bin, woher ich komme und, andeutungsweise wenigstens, wie es am Morgen jenes neunzehnten September in meinem Kopf aussah. Der Leser wird dann alles besser begreifen und vielleicht sich selbst auch.   3 Ich habe das Gymnasium durchgemacht und stehe heute im einundzwanzigsten Lebensjahr. Ich heiße Dolgorukij, und mein Vater vor dem Gesetz ist der ehemalige Hofknecht der adligen Familie Wersilow, Makar Iwanow Dolgorukij. Auf die Art bin ich durchaus legitim geboren, obschon ich ein im höchsten Grade unehelich geborenes Kind bin, da über meinen Erzeuger nicht der geringste Zweifel herrschen kann. Die Sache war so: vor zweiundzwanzig Jahren kam der Gutsbesitzer Wersilow (das ist nämlich mein Vater) als ein Mann von fünfundzwanzig Jahren einmal auf sein Gut im Gouvernement Tula. Ich vermute, daß er zu der Zeit noch etwas vollkommen Unpersönliches war. Interessant! Dieser Mensch, der von Kind auf so ungeheuer auf mich gewirkt hat, der einen so entscheidenden Einfluß auf meine ganze innere Entwicklung hatte, der vielleicht noch auf lange hinaus meine ganze Zukunft mit seinem Wesen angesteckt hat, dieser Mensch ist auch heute noch in sehr vielen Beziehungen für mich ein vollkommenes Rätsel. Aber darauf komme ich besser weiter unten zurück. Das läßt sich nicht so einfach erklären. Von diesem Manne wird ohnehin mein ganzes Manuskript voll sein. Er hatte damals, das heißt mit fünfundzwanzig Jahren, gerade seine Frau verloren. Seine Frau war aus einer sehr vornehmen, aber nicht besonders reichen Familie gewesen, eine geborene Fanariotowa, und hatte ihm einen Sohn und eine Tochter hinterlassen. Was ich von dieser Frau weiß, die ihm so früh entrissen wurde, ist sehr unvollständig und verbirgt sich in meinem Material unter allerlei Unklarheit; überhaupt habe ich vielerlei aus Wersilows Privatverhältnissen nicht ergründen können, so stolz, hochnäsig, zugeknöpft und gleichgültig hat er sich mir gegenüber immer gezeigt, obschon er zuzeiten auch wieder von einer geradezu verblüffenden Herablassung sein konnte. Ich weiß aber, um einmal vorzugreifen, daß er in seinem Leben drei Vermögen durchgebracht hat, und zwar drei sehr große Vermögen, alles in allem vielleicht viermalhunderttausend Rubel, vielleicht auch mehr. Heute hat er selbstverständlich keinen roten Heller. Er kam also damals auf sein Gut, »warum, das mag der liebe Gott wissen«. So hat er sich selbst wenigstens in der Folge gegen mich darüber geäußert. Seine kleinen Kinder brachte er nicht mit. Sie waren bei Verwandten; so hat er's sein Lebtag mit seinen Kindern gehalten, ehelichen wie unehelichen. Das Hofgesinde auf dem Gut war sehr zahlreich; zu ihm gehörte auch der Gärtner Makar Iwanow Dolgorukij. Um es gleich zu sagen und ein für allemal: es hat sich wohl selten ein Mensch so wütend über seinen Namen geärgert, wie ich mein ganzes Leben lang. Selbstverständlich war das dumm von mir, aber es war nun mal nicht anders. So oft ich in eine neue Schule eintrat oder einem Menschen in den Weg kam, dem ich Rede und Antwort stehen mußte, mit einem Wort, jeder Schulmeister, Hauslehrer, Gymnasialinspektor, Pfarrer, – jeder beliebige Mensch, der nach meinem Namen fragte und hörte, ich hieße Dolgorukij, hielt es, weiß der Kuckuck warum, für absolut notwendig, weiterzufragen: » Fürst Dolgorukij?« Und ich war immer gezwungen, allen diesen müßigen Leuten zu erklären: »Nein, einfach Dolgorukij.« Dieses » einfach « fing schließlich an, mich verrückt zu machen. Ich möchte es hier als ein Phänomen konstatieren, daß ich mich an keine einzige Ausnahme erinnern kann: aber auch jeder stellte die Frage. Und die meisten konnten augenscheinlich doch nicht das geringste Interesse daran haben; und ich weiß wahrhaftig nicht, was zum Teufel überhaupt jemand für ein Interesse daran haben kann. Aber alle fragten sie danach, vom ersten bis zum letzten. Und wenn der Frager vernommen hatte, ich hieße einfach Dolgorukij, maß er mich für gewöhnlich mit einem stumpfen, dumm-gleichgültigen Blick, der deutlich zeigte, daß er selbst nicht begriff, warum er gefragt hatte, und entfernte sich. Meine Schulkameraden hatten die beleidigendste Art, mich danach zu fragen. Na, wie sind Schuljungen überhaupt gegen einen Neuling! Der verlegene und schüchterne Neuling ist am ersten Tag in der Schule (mag es sein, was für eine es will) das allgemeine Opfer: er wird kommandiert, er wird gefrozzelt, er wird wie ein Lakai behandelt. Irgend so ein gesunder, gemästeter Bengel pflanzt sich auf einmal, so recht zum Trotz, vor seinem Opfer auf und mustert es eine Zeitlang mit einem langen, strengen, hochmütigen Blick. Der Neuling steht ihm schweigend gegenüber, zieht ihm ein Gesicht, wenn er keine Memme ist, und harrt der Dinge, die da kommen sollen. »Wie heißt du?« »Dolgorukij.« »Fürst Dolgorukij?« »Nein, einfach Dolgorukij.« »So, so, einfach! Schafskopf.« Und er hat ja ganz recht: es kann gar nichts Dümmeres geben als Dolgorukij zu heißen, wenn man nicht Fürst ist. Diese Dummheit hängt mir ohne mein Verschulden an. Späterhin, als ich schon sehr böse darüber wurde, antwortete ich auf die Frage: »Bist du Fürst?« immer: »Nein, mein Vater ist Hofknecht und war früher Leibeigener.« Und später, als meine Wut schon den höchsten Grad erreicht hatte, antwortete ich eines schönen Tages auf die Frage: »Bist du Fürst?« ganz brutal: »Nein, ich heiße einfach Dolgorukij und bin der uneheliche Sohn meines Gutsherrn Wersilow.« Das hatte ich mir schon in der sechsten Gymnasialklasse ausgedacht, und wenn ich auch sehr bald zu der festen Überzeugung gelangte, daß das dumm war, so konnte ich diese Dummheit doch nicht so schnell lassen. Ich weiß noch, daß einer von meinen Lehrern – es war übrigens der einzige – von mir sagte, ich wäre »erfüllt von den Rächerideen des dritten Standes«. Im allgemeinen wurden solche brüsken Äußerungen von mir mit einer gewissen Nachdenklichkeit aufgenommen, in der für mich etwas Beleidigendes lag. Endlich, eines schönen Tages, sagte mir ein Schulkamerad, der ein sehr heller Bursche war und mit dem ich mich höchstens einmal im Jahr unterhielt, sehr ernsthaft, aber doch ohne mich so recht anzusehen: »Dieses Gefühl macht Ihnen natürlich alle Ehre, und es kann gar kein Zweifel bestehen, daß Sie das Recht haben, stolz zu sein; aber an Ihrer Stelle würde ich es doch nicht so kolossal feiern, daß Sie unehelich geboren sind... Sie tun ja gerade, als wäre das ein besonderes Fest!« Seit diesem Gespräch habe ich nicht mehr damit geprahlt, daß ich ein uneheliches Kind bin. Ich muß noch einmal sagen, es ist sehr schwer, russisch zu schreiben: jetzt habe ich drei Seiten gebraucht, um zu erzählen, wie ich mich mein Leben lang über meinen Namen geärgert habe, und der Leser wird daraus sicher schon den Schluß gezogen haben, das ärgere mich deshalb, weil ich kein Fürst bin, sondern ein einfacher Dolgorukij. Aber mich hierüber noch einmal des näheren auszulassen und diesen Verdacht zu entkräften, das wäre unter meiner Würde. Also, unter jenem Hofgesinde, das sehr zahlreich war, befand sich außer Makar Iwanow auch ein Mädchen, und dieses Mädchen war achtzehn, als der fünfzigjährige Makar Dolgorukij auf einmal die Absicht äußerte, es zu heiraten. Wie man weiß, wurden Ehen unter dem Hofgesinde zur Zeit der Leibeigenschaft nur mit Genehmigung, zuweilen auch direkt auf Anordnung der Herrschaft geschlossen. Zu dem Gut gehörte damals eine Tante; das heißt, es war keine Tante von mir, sondern selbst eine Gutsbesitzerin; ich weiß nicht, warum, aber sie wurde nicht nur von mir, sondern von aller Welt ihr Leben lang Tante genannt, auch von der Familie Wersilow, mit der sie wohl auch tatsächlich durch einen Scheffel Erbsen verwandt war. Sie hieß Tatjana Pawlowna Prutkowa. Damals besaß sie noch in demselben Gouvernement und demselben Kreis ein Gut, das fünfunddreißig Seelen zählte. Sie verwaltete nicht gerade Wersilows Gut (fünfhundert Seelen), aber sie sah als Nachbarin ein bißchen nach dem Rechten, und wie man mir gesagt hat, soll das die Tätigkeit eines gelernten Verwalters vollkommen aufgewogen haben. Im übrigen kommt es mir gar nicht darauf an, ob sie was von der Landwirtschaft verstand oder nicht: ich will nur noch sagen, ohne ihr im geringsten schmeicheln zu wollen, daß Tatjana Pawlowna ein edler und, was noch mehr heißen will, ein origineller Mensch war. Also, diese Frau legte den Heiratsplänen des finsteren Makar Dolgorukij (er soll damals finster gewesen sein) nicht nur nichts in den Weg, nein, im Gegenteil, sie förderte sie noch nach Kräften. Sophia Andrejewna (so hieß jenes achtzehnjährige Mädchen), das heißt meine Mutter, war schon seit einigen Jahren Doppelwaise; ihr verstorbener Vater, der gleichfalls Hofknecht gewesen war und vor Makar Dolgorukij eine unbegrenzte Hochachtung gehegt hatte und ihm auch, ich weiß nicht aus welchem Grunde, besonders zu Dank verpflichtet gewesen sein muß, hatte vor sechs Jahren, als er im Sterben lag, auf seinem Totenbette, man behauptet sogar, nur eine Viertelstunde vor seinem letzten Atemzug, so daß man es zur Not auch für einen Akt der Unzurechnungsfähigkeit hätte erklären können, wenn er nicht als Leibeigener überhaupt schon rechtsunfähig gewesen wäre – er hatte also vor versammeltem Hofgesinde und im Beisein des Geistlichen laut und deutlich seinen letzten Willen kundgemacht, indem er, auf seine Tochter deutend, zu Makar Dolgorukij sagte: »Ziehe sie auf und nimm sie dann zur Frau.« Das hatten alle gehört. Was nun Makar Iwanow angeht, so weiß ich nicht, in welchem Sinne er später geheiratet hat, ob mit großer Freude oder nur, um eine Pflicht zu erfüllen. Am wahrscheinlichsten scheint es mir, daß er dabei den Schein des vollkommensten Gleichmutes gewahrt hat. Er war ein Mensch, der es schon damals verstand, »sich ins Licht zu setzen«. Nicht etwa, daß er belesen gewesen wäre oder eine Art Schriftgelehrter (obschon er die ganze kirchliche Liturgie und insbesondere viele Heiligenlegenden auswendig wußte, aber die hatte er mehr vom Hören behalten), nicht etwa, als ob er eine Art von bäuerlichem Räsoneur gewesen wäre, er war ganz einfach ein hartnäckiger Charakter, der darin oft sogar die Grenze des Hasardierers streifte; er redete mit der Absicht, Eindruck zu machen, er war unbarmherzig absprechend und führte infolgedessen selbstverständlich »ein vorbildliches Leben«, – wie er sich selbst merkwürdig genug ausdrückte, – so ein Mensch also war er damals. Natürlich gewann er sich auf diese Weise die allgemeine Achtung, aber leiden konnte ihn keiner, wie ich höre. Anders wurde die Sache später, als er den Hofdienst verließ; da sprach man von ihm nur noch als von einem Heiligen, der viel erduldet hätte. Das weiß ich als Tatsache. Was nun meine Mutter betrifft, so hatte sie Tatjana Pawlowna bis zu ihrem achtzehnten Jahre bei sich behalten, trotzdem der Verwalter darauf drang, sie nach Moskau in die Lehre zu schicken, und hatte ihr eine gewisse Erziehung angedeihen lassen. Das heißt, sie hatte Nähen gelernt und Zuschneiden und sich fräuleinhaft benehmen und sogar ein klein bißchen Lesen. Richtig schreiben konnte meine Mutter nie. In ihren Augen war diese Ehe mit Makar Iwanow eine längst abgemachte Sache, und als es dazu kam, fand sie das alles ausgezeichnet und wünschte sich nichts Besseres; vor den Altar trat sie mit der Miene einer so vollkommenen Ruhe, daß sogar Tatjana Pawlowna damals äußerte, sie hätte Fischblut in den Adern. Alle diese Nachrichten über den Charakter meiner Mutter zu der Zeit habe ich eben von Tatjana Pawlowna. Wersilow kam genau ein halbes Jahr nach dieser Hochzeit auf sein Gut.   5 Ich möchte nur sagen, daß ich nie erfahren oder auch nur mit einiger Sicherheit erraten konnte, wie die Sache zwischen ihm und meiner Mutter eigentlich anfing. Ich will sehr gern glauben, was er selbst mir vor einem Jahr versichert hat, mit einem gewissen Erröten, obschon er von allen diesen Dingen mit großer Ungezwungenheit und sozusagen »als Mann von Geist« sprach, nämlich, daß es da nicht das geringste gegeben hätte, das einem Roman ähnlich sähe, und daß alles »so von selbst« gekommen wäre. Ich glaube ihm das gerne, und dies russische »so von selbst« ist reizend; aber doch habe ich immer den Wunsch gehabt, herauszubringen, wie es eigentlich zwischen ihnen hat anfangen können. Ich für meine Person habe alle solche Unflätigkeiten mein Leben lang gehaßt und werde sie immer hassen. Natürlich treibt mich dabei nicht nur eine lüsterne Neugier. Ich möchte hier bemerken, daß ich meine Mutter bis zum vorigen Jahre überhaupt kaum gekannt habe; von klein auf bin ich immer bei fremden Leuten gewesen, weil das Wersilow so besser paßte – darauf komme ich übrigens später zurück – und deshalb kann ich mir gar keine Vorstellung davon machen, wie meine Mutter damals ausgesehen haben mag. Wenn sie gar nicht so besonders hübsch war, was konnte sie dann Verführerisches für einen Menschen haben wie den Wersilow von damals? Diese Frage ist mir deshalb von Wichtigkeit, weil sie diesen Menschen von einer äußerst interessanten Seite zeichnet. Deswegen stelle ich diese Frage, und nicht aus verwerflicher Neugier. Er selbst, dieser finstere und verschlossene Mensch, hat mir einmal mit der liebenswürdigen Treuherzigkeit, die er manchmal, weiß der Kuckuck woher nimmt (es ist, als zöge er sie plötzlich aus der Tasche) – er hat mir, als er sah, daß er nicht darum herumkam, gesagt, er wäre damals ein ganz »dummer junger Hund« gewesen, nicht gerade sentimental, aber »so«, er hätte damals gerade »Anton Goremyka« und »Polinka, Sachs« gelesen, zwei Literaturerzeugnisse, die einen unbegrenzten zivilisatorischen Einfluß auf die heranwachsende junge Welt in Rußland von damals geübt haben. Er sagte mir noch, unter dem Eindruck von »Anton Goremyka« wäre er wohl damals auch aufs Land gezogen, – und das sagte er außerordentlich ernsthaft. Auf welche Art kann dieser »dumme junge Hund« mit meiner Mutter angebändelt haben? Ich stelle mir natürlich vor, wenn ich auch nur einen einzigen Leser hätte, so würde er wahrscheinlich furchtbar über mich lachen, weil ich so ein komischer Halbwüchsling bin, der sich seine dumme Unschuld bewahrt hat und mit müßigem Eifer über Dinge urteilt und philosophiert, von denen er gar keinen Begriff hat. Ja, das ist ganz richtig, ich habe noch keinen Begriff davon, obschon ich das nicht bekenne, um mich dessen zu rühmen, denn ich weiß, wie dumm es ist, wenn ein langer Latsch von zwanzig Jahren so unerfahren ist; ich will dem betreffenden Herrn nur sagen, daß er selbst keinen Begriff davon hat, und das will ich ihm beweisen. Es ist freilich wahr, ich weiß von den Frauen gar nichts und will nichts von ihnen wissen, denn ich werde mein ganzes Leben auf sie spucken, das habe ich mir versprochen. Aber ich weiß doch eines ganz genau: nämlich, daß manche Frau einen gleich auf den ersten Blick verführt, durch ihre Schönheit, oder was es sonst sein mag; an einer andern muß man ein halbes Jahr herumkauen, bevor man entdeckt, was an ihr ist. Und um eine solche zu durchschauen und sich in sie zu verlieben, genügt es nicht, daß man sie anschaut und zu allem bereit ist, sondern man muß außerdem noch mit irgend etwas begabt sein. Davon bin ich fest überzeugt, und mag ich tausendmal nichts davon verstehen; und wenn das Gegenteil wahr wäre, so müßte man alle Frauen auf einmal auf die Stufe gewöhnlicher Haustiere hinuntersetzen und sie nur als solche halten; vielleicht möchten viele das sehr gern. Ich weiß aus verschiedenen Quellen genau, daß meine Mutter nicht hübsch war, obschon ich ihr Bild aus der Zeit, das irgendwo existieren soll, nie gesehen habe. Sich auf den ersten Blick in sie zu verlieben war also nicht möglich. Einfach so zu einem »kleinen Amüsement« hätte Wersilow sich eine andere aussuchen können, und es war sogar eine da, die nicht einmal verheiratet war, das Stubenmädchen, Anfisa Konstantinowna Saposhkowa. Und er war mit dem »Anton Goremyka« in der Tasche angekommen, da mußte es ihm vor seinem eigenen Gewissen doch höchst verwerflich erscheinen, auf Grund seines Herrenrechtes die Heiligkeit einer Ehe zu zerstören, und mochte es auch nur die Ehe eines seiner Hofknechte sein. Denn ich wiederhole, er hat über diesen »Anton Goremyka« erst vor ein paar Monaten, also zwanzig Jahre nachher, noch mit dem größten Ernst gesprochen. Und diesem Anton hatte man doch nur sein Pferd gestohlen, und hier handelte es sich um eine Frau! Also geschah etwas ganz Besonderes, infolge dessen Fräulein Saposhkowa die Partie verlor (nach meinem Geschmack gewann sie sie allerdings). Ich setzte ihm mit allen diesen Fragen im vergangenen Jahr noch ein paarmal zu, wenn man mal mit ihm reden konnte (immer kann man nämlich nicht mit ihm reden), und bemerkte, daß er trotz all seiner weltmännischen Routine und trotzdem die Sache schon zwanzig Jahre zurücklag, ganz sonderbar in Verlegenheit geriet und mir auswich. Aber ich ließ nicht locker. Ich erinnere mich, wie er eines schönen Tages mit der Miene weltmännischen Ekels, die er sich manchmal mir gegenüber erlaubte, ganz merkwürdige Dinge hervorstotterte: meine Mutter wäre eins von den schutzlosen Wesen gewesen, in die man sich nicht, wie man so sagt, verliebt – ganz im Gegenteil, das durchaus nicht –, aber sie tun einem auf einmal so leid, wohl weil sie so sanft und schüchtern sind, weswegen auch sonst? »Man weiß selbst nicht warum, aber sie tun einem leid, und das gibt einen lange währenden Eindruck; sie tun einem leid und ziehen einen dadurch an ... Kurz und gut, lieber Junge, und da kann es passieren, daß man nie wieder loskommt.« Das hat er mir also gesagt, und wenn die Sache wirklich so war, muß ich annehmen, daß er zu der Zeit durchaus nicht der »dumme junge Hund« gewesen sein kann, wie ihn sein eigenes Zeugnis schildert. Übrigens versicherte er mir dann gleich, meine Mutter hätte sich aus »Untertänigkeit« in ihn verliebt. Warum er wohl nicht gleich die Leibeigenschaft dafür verantwortlich machte? Das ist eine Lüge um des Schicksals willen, eine Lüge gegen Gewissen, Ehre und Anstand. Das alles sage ich natürlich, um gewissermaßen meiner Mutter eine Art von Lob zu singen, aber dabei habe ich schon früher bemerkt, daß ich von ihr, wie sie damals war, nicht das geringste weiß. Und abgesehen davon, ich kenne die Enge des Milieus und die Anschauungen ganz genau, in denen sie von klein auf verknöchert war und auch später ihr ganzes Leben lang geblieben ist. Nichtsdestoweniger fand das Malheur statt. Ich muß mich übrigens korrigieren: ich bin in die Wolken hinaufgeflogen und habe dabei eine Tatsache vergessen, die ich, ganz im Gegenteil, vor allem anderen hätte anführen müssen, nämlich: es hat zwischen ihnen beiden überhaupt mit dem Malheur angefangen. (Ich hoffe, der Leser wird ohne weiteres verstehen, was ich damit sagen will.) Mit einem Wort, die Sache hat richtig junkermäßig angefangen, wenn das Fräulein Saposhkowa dabei auch übergangen wurde. Aber ich muß hier gleich in Parenthese bemerken, daß ich mir damit durchaus nicht widerspreche. Denn, ach du lieber Gott, worüber hätte in damaligen Zeiten ein Mensch, wie Wersilow, mit einer Frau, wie meine Mutter, reden können, und wäre ihre Liebe noch so gewaltig gewesen? Zuchtlose Leute haben mir gesagt, daß viele Männer sehr oft, wenn sie zu einem Weibe kommen, mit ihr anfangen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Natürlich ist das mehr als ungeheuerlich und ekelhaft. Aber trotz alledem, ich glaube, selbst wenn Wersilow gewollt hätte, er konnte auf gar keine andere Weise mit meiner Mutter anfangen. Oder hätte er ihr vielleicht Vorträge über »Polinka Sachs« halten sollen? Und davon ganz abgesehen, es ging ihnen auch wirklich nicht im geringsten um die russische Literatur; ganz im Gegenteil, er selbst hat mir gesagt (als er wieder mal seinen offenherzigen Moment hatte), sie hätten sich in allen Winkeln versteckt, einander auf den Treppen erwartet, wären mit roten Köpfen wie Gummibälle auseinandergeprallt, wenn jemand dazugekommen wäre, und der »Tyrann von einem Junker« hätte also vor dem niedrigsten Dienstboten gezittert, trotz aller Herrenrechte und aller Leibeigenschaft. Aber mag er nun nach Junkerart angefangen haben, es ging so weiter, und auch wieder nicht so; Tatsache ist, daß sich da nichts erklären läßt. Je mehr man es versucht, desto dunkler wird es einem. Schon allein die Dimensionen, zu denen sich ihre Liebe entwickelte, geben einem ein Rätsel auf, denn das erste bei solchen Leuten wie Wersilow ist doch, daß sie die Frau sofort fallen lassen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. Hier kam es indessen ganz anders. Daß er sehr bald seinen Fehltritt mit irgendeiner niedlichen leichten Fliege unter seinem Gesinde haben mußte (aber meine Mutter war keine leichte Fliege) war nichts Unnatürliches bei so einem zuchtlosen »jungen Hund« (und zuchtlos waren diese Junker alle, bis zum letzten – mochten sie nun fortschrittlich oder reaktionär sein). Aber hier war es nicht nur natürlich, sondern direkt unausbleiblich, wenn man seine romantische Situation als junger Witwer und den Umstand in Betracht zieht, daß er sonst nichts zu tun hatte. Aber eine Liebe fürs ganze Leben – das ist etwas viel. Ich möchte mich nicht dafür verbürgen, daß er sie geliebt hat, aber er hat sie sein Leben lang mit sich geschleppt, das ist die Wahrheit. Ich habe eine ganze Menge Fragen gestellt, aber es gibt da eine, und das ist die allerwichtigste, die ich nicht direkt an meine Mutter zu richten wagte, ob ich ihr gleich im letzten Jahre so nahegetreten bin und außerdem wahrhaftig nie sehr viel Umschweife mit ihr gemacht habe, weil ich, als der ungeschliffene und undankbare junge Hund, der ich war, meinte, sie und mein Vater wären mir gegenüber schuldig. Und diese Frage lautet: wie konnte sie, eben sie, die schon seit einem halben Jahr verheiratet war und noch dazu erdrückt von ihren Begriffen über die Heiligkeit der Ehe, erdrückt wie eine schwache Fliege, sie, die vor ihrem Makar Iwanowitsch nicht weniger Respekt hegte als vor irgendeiner Gottheit, wie konnte sie, kaum daß es vierzehn Tage brauchte, in eine solche Sünde geraten? Denn meine Mutter war doch kein verdorbenes Geschöpf. Ganz im Gegenteil, ich will gleich hier vorgreifend sagen, daß man sich die Existenz einer reineren Seele, auch ihr ganzes späteres Leben lang, überhaupt nicht vorstellen kann. Erklären läßt sich das höchstens damit, daß sie es ohne Bewußtsein getan hat, also nicht in dem Sinne, wie es heutzutage die Verteidiger von ihren Mördern und Dieben behaupten, aber unter jenem starken Eindruck, der, wenn sein Opfer einen gewissen Grad von Naivität besitzt, eine fatalistische und tragische Gewalt üben kann. Wer weiß, vielleicht war sie zum Sterben verliebt in ... den Schnitt seiner Kleider, seine Pariser Haartracht, seine Aussprache des Französischen, ja, gerade des Französischen, von dem sie keinen Ton verstand; verliebt in das Lied, das er am Klavier sang, verliebt in ein gewisses, nie gesehenes oder gehörtes Etwas (und er war ein sehr hübscher Mensch). Und so liebte sie ihn denn wohl gleich alles in allem, bis zum Vergehen, ihn ganz und gar, mit seiner eleganten Kleidung und seinen Liedern. Ich habe gehört, so wäre es solchen Hofmädchen zur Zeit der Leibeigenschaft öfters gegangen, und gerade den alleranständigsten. Das kann ich verstehen, und ein schlechter Kerl ist, wer dies einzig und allein mit Herrenrecht, Leibeigenschaft und »Untertänigkeit« erklären will! Und auf diese Art also konnte wohl dieser junge Mensch genug direkte und lockende Gewalt in sich haben, um ein Wesen an sich zu reißen, das bis dahin rein gewesen war, und, was die Hauptsache ist, ein Wesen von so ganz anderer Art als er selbst, aus einer gänzlich anderen Welt und auf anderem Boden erwachsen, so konnte er sie an sich und in das sichere, augenfällige Verderben reißen. Denn daß es das Verderben war – das hat, hoffe ich, meine Mutter ihr Leben lang begriffen; nur als sie sich hineinstürzte, hat sie vielleicht an das Verderben überhaupt nicht gedacht; aber so geht es immer bei diesen »schutzlosen Wesen«: sie wissen, es geht ins Verderben, aber sie stürzen sich doch hinein. Und als der Fehltritt geschehen war, da packte sie beide sogleich die Reue. Er hat mir in geistreicher Weise erzählt, daß er an Makar Iwanowitschs Halse geweint hat, den er extra zu diesem Zweck in sein Kabinett hatte rufen lassen. Und sie – sie lag zur selben Zeit ohnmächtig in ihrem kleinen Dienerschaftszimmer ...   6 Aber genug jetzt von diesen Fragen und allen skandalösen Details. Wersilow kaufte meine Mutter von Makar Iwanow los, reiste bald ab und begann sie von nun ab, wie ich schon früher gesagt habe, fast überall hin mitzunehmen, wohin er ging, ausgenommen einzelne Fälle, wenn er für längere Zeit verreiste; dann überließ er sie meistens der Obhut der Tante, d. h. Tatjana Pawlowna Prutkowa, die dann immer von irgendwoher auftauchte. Sie lebten in Moskau, sie lebten in verschiedenen anderen Städten und Dörfern, teilweise sogar im Auslande, und zuletzt in Petersburg. Auf das alles komme ich später zurück, oder vielleicht lohnt es auch nicht der Mühe. Ich will hier nur das eine sagen: ein Jahr nach der Trennung von Makar Iwanowitsch erblickte ich das Licht der Welt, dann wieder nach einem Jahr meine Schwester, und dann, erst zehn oder elf Jahre später, ein kränklicher Knabe, mein jüngster Bruder, der nach ein paar Monaten starb. Nach der schweren Geburt dieses Kindes war es mit der Schönheit meiner Mutter zu Ende, wenigstens ist mir das erzählt worden: sie begann schnell zu altern und hinfällig zu werden. Aber die Beziehungen zu Makar Iwanowitsch blieben immer bestehen. Wo die Wersilows auch weilen mochten, ob sie ein paar Jahre hindurch an einem Ort lebten oder auf Reisen waren, Makar Iwanowitsch hielt »die Familie« über seine Person auf dem laufenden. Es bildeten sich so ganz merkwürdige Beziehungen, die teilweise etwas Feierliches und fast Ernsthaftes hatten. Unter Leuten aus höherem Stande hätten solche Beziehungen unbedingt einen Stich ins Komische bekommen müssen, das weiß ich wohl; aber hier war nichts Derartiges der Fall. Die Briefe kamen zweimal im Jahr, nicht mehr und nicht weniger, und sie glichen sich untereinander ganz außerordentlich. Ich habe sie zu Gesicht bekommen; etwas Persönliches war in ihnen kaum zu finden; ganz im Gegenteil, sie bewegten sich soviel wie möglich in Berichten über die allgemeinsten Ereignisse und die allgemeinsten Gefühle, wenn man das von Gefühlen sagen kann: Nachrichten über den Stand seiner Gesundheit vor allen Dingen, dann Erkundigungen nach unserem Befinden, schließlich gute Wünsche, feierliche Empfehlungen und Segenssprüche – das war alles. Und eben diese Allgemeinheit und Unpersönlichkeit sind es, glaube ich, in denen diese Kreise den geziemenden Ton und die feineren Umgangsformen begründet glauben. »Unserer liebwerten und ehrengeachteten Ehefrau Sophia Andrejewna sende ich unsere untertänigste Empfehlung ...« »Unseren lieben Kinderchen sende ich unseren Segen, der in Ewigkeit unverbrüchlich sein möge.« Die Kinderchen wurden alle mit Namen aufgezählt, wie sie nacheinander kamen, und darunter auch ich. Hierbei möchte ich bemerken, daß Makar Iwanowitsch gescheit und taktvoll genug war, in seinen Briefen von »Sr. Hochgeboren, dem hochzuverehrenden Herrn Andrej Petrowitsch« nie als von seinem »Wohltäter« zu sprechen, ob er ihm auch in jedem Briefe ohne Ausnahme seine alleruntertänigste Empfehlung schickte und sich seiner Gnade und ihn dem Schutze des Höchsten empfahl. Meine Mutter antwortete Makar Iwanowitsch auf seine Briefe immer bald und genau im selben Stil. Wersilow beteiligte sich an der Korrespondenz natürlich nicht. Makar Iwanowitsch schrieb uns aus den verschiedensten Gegenden Rußlands, aus allerlei Städten, und oft aus Klöstern, in denen er häufig längere Zeit lebte. Er war ein sogenannter Pilger geworden. Niemals bat er um irgend etwas; dafür kam er alle drei Jahre einmal zu Besuch nach Hause und stieg einfach bei meiner Mutter ab, die immer ihre eigene Wohnung hatte, die von Wersilows Wohnung getrennt war. Hiervon werde ich später noch sprechen müssen, jetzt will ich nur bemerken, daß Makar Iwanowitsch sich nicht im Wohnzimmer auf dem Kanapee herumrekelte, sondern bescheiden mit irgendeinem Winkelchen hinter einem Vorhang vorliebnahm. Er blieb nie lange, fünf Tage, höchstens eine Woche. Ich vergaß zu sagen, daß er seinen Familiennamen Dolgorukij ungeheuer liebte und eine große Verehrung für ihn hegte. Natürlich ist das eine ganz lachhafte Albernheit. Am albernsten ist, daß sein Name ihm eben deshalb so gut gefiel, weil es auch fürstliche Dolgorukijs gibt. Eine merkwürdige Auffassung, direkt die verkehrte Welt! Wenn ich gesagt habe, daß die ganze Familie immer beisammen blieb, so muß man mich selbstverständlich dabei ausnehmen. Ich war wie ausgestoßen und fast von meiner Geburt an bei fremden Leuten untergebracht. Aber da war gar keine besondere Absicht irgendeiner Art dabei, sondern das kam so ganz einfach, weiß Gott, warum. Als sie mich geboren hatte, war meine Mutter noch jung und hübsch, und er hatte sie, denk' ich, nötig, und der Schreihals von einem Kind war natürlich eine ewige Störung, besonders auf Reisen. Und so ist es gekommen, daß ich meine Mutter bis zu meinem zwanzigsten Jahre fast überhaupt nicht gesehen habe, höchstens zwei- oder dreimal flüchtig. Das lag aber nicht an den Gefühlen meiner Mutter, sondern an Wersilows hochnasiger Art.   7 Jetzt zu etwas ganz anderem. Einen Monat vorher, das heißt, einen Monat vor dem neunzehnten September – ich war damals noch in Moskau – hatte ich mich entschlossen, mich von ihnen allen loszusagen und mich endgültig und ganz »meiner Idee zu ergeben«. Ich sage das so: »mich meiner Idee zu ergeben«, weil dieser Ausdruck meinen Hauptgedanken fast erschöpfend wiedergibt – die Sache, für die ich auf Erden lebe. Was für eine »Idee« das ist, davon wird weiterhin noch mehr als genug die Rede sein. In der Abgeschiedenheit meines träumerischen, langjährigen Lebens in Moskau wurde diese Idee schon in der sechsten Gymnasialklasse in mir geboren, und seit der Zeit hat sie mich vielleicht nicht einen einzigen Augenblick verlassen. Sie hat mein ganzes Leben verschlungen. Auch bevor sie mir kam, habe ich in Träumen gelebt, gelebt von meiner frühesten Kindheit in einem Königreich von Träumen einer gewissen Färbung, aber mit dem Auftreten dieser Hauptidee, die alles in mir verschlang, wurden meine Träume fest und gossen sich mit einem Ruck in eine bestimmte Form; sie waren töricht gewesen, jetzt wurden sie vernünftig. Das Gymnasium hatte meine Träume nicht gestört; es störte auch meine Idee nicht. Ich muß aber hier noch bemerken, daß ich das letzte Jahr ein schlechter Schüler war und mein Abiturium mit Ach und Krach machte, während ich bis zur siebenten Gymnasialklasse immer unter den ersten gewesen war. Und das war eine Folge der Idee, die Folge eines vielleicht unrichtigen Schlusses, den ich aus ihr zog. Auf diese Weise schadete also nicht das Gymnasium der Idee, sondern die Idee dem Gymnasium; und auch der Universität hat sie geschadet. Als ich das Gymnasium absolviert hatte, beschloß ich nicht nur sogleich mit allem zu brechen, sondern, wenn es sein mußte, sogar mit der ganzen Welt, trotzdem ich damals alles in allem erst zwanzig war. Ich schrieb, was ich zu schreiben hatte, und durch Vermittlung der Person, die es sein mußte, nach Petersburg, man sollte mich endgültig in Ruhe lassen, mir kein Geld mehr für meinen Unterhalt schicken und mich, wenn möglich, ganz und gar vergessen (das heißt, vorausgesetzt, daß man sich meiner überhaupt noch bis zu einem gewissen Grade erinnerte), und schließlich fügte ich hinzu, – daß ich die Universität »um keinen Preis« beziehen würde. Vor meinen Augen stand ein unausweichliches Dilemma: entweder auf Universität und Weiterbildung verzichten oder die schleunigste Umsetzung meiner »Idee« in die Tat noch um vier Jahre verschieben; ich stellte mich, ohne zu wanken, auf die Seite meiner Idee, weil ich mit mathematischer Sicherheit überzeugt von ihr war. Wersilow, mein Vater, den ich in meinem ganzen Leben überhaupt nur ein einziges Mal sehr flüchtig gesehen hatte, als ich erst zehn Jahre alt war (und der es verstanden hatte, mich bei dieser ganz flüchtigen Begegnung gleichsam vor den Kopf zu stoßen), – Wersilow also antwortete mir auf meinen Brief, den ich übrigens nicht einmal direkt an ihn gerichtet hatte, in einem eigenhändigen Schreiben, das mich nach Petersburg berief und mir eine private Anstellung versprach. Diese Aufforderung eines Menschen, der so trocken und stolz war und gegen mich so hochnäsig und nichtachtend, der mich bis dahin, nachdem er mich gezeugt und unter die Menschen hinausgestoßen, nicht nur überhaupt nicht gekannt, sondern darüber auch nie etwas wie Reue empfunden hatte (wer weiß denn, ob er nicht vielleicht überhaupt von meiner Existenz nur einen sehr dunkeln und ungenauen Begriff hatte, denn es stellte sich nachher heraus, daß das Geld für meinen Unterhalt in Moskau nicht von ihm, sondern von anderen Leuten gekommen war), die Aufforderung dieses Menschen, wollte ich sagen, der sich so auf einmal an mich erinnerte und mich eines eigenhändigen Briefes würdigte, – diese Aufforderung schmeichelte mir und entschied mein Schicksal. Sonderbarerweise gefiel mir an seinem Brief (eine dürftige Seite kleinen Formates) besonders das eine, daß er von der Universität mit keinem Worte sprach, mich nicht bat, meinen Entschluß zu ändern, mir keine Vorwürfe machte, weil ich nicht studieren wollte, – mit einem Wort, er machte keinerlei väterliche Fisematenten von der Art, wie sie sonst bei solchen Gelegenheiten in der Mode sind; und doch war das eigentlich schlecht von seiner Seite, in dem Sinne, daß es um so schlagender seine Wurstigkeit mir gegenüber bewies. ich entschloß mich um so leichter, hinzufahren, als das meinem Haupttraume durchaus keine Hindernisse in den Weg legte. Ich kann ja sehen, was daraus wird, überlegte ich, jedenfalls tue ich mich mit ihnen ja nur für eine Zeit zusammen, für ganz kurze Zeit vielleicht. Aber sobald ich sehe, daß dieser Schritt, wenn er auch nur bedingt und klein ist, mich dennoch von der Hauptsache ablenkt, dann breche ich sofort mit ihnen, werfe alles hin und verkrieche mich in meine Schale. Ja, eben in meine Schale! Ich verstecke mich in ihr wie eine Schildkröte. Dieser Vergleich gefiel mir sehr. Ich werde ja nicht allein sein, so überlegte ich weiter, während ich alle diese letzten Tage in Moskau wie benebelt umherging, nie wieder werde ich allein sein, wie die vielen entsetzlichen Jahre hindurch, die hinter mir liegen: mit mir sein wird meine Idee, der ich nie untreu werden kann, selbst dann nicht, wenn mir alle die Menschen dort gefallen, wenn sie mich glücklich machen und ich zehn Jahre mit ihnen zusammen lebe! Dies war also mein Eindruck, und ich will es gleich sagen, hierin eben liegt die Zwiespältigkeit in meinen Plänen und Zielen, die schon in Moskau feststanden und die mich in Petersburg nicht einen Augenblick verlassen hat (denn ich weiß wirklich nicht, ob es für mich einen einzigen Tag in Petersburg gegeben hat, den ich nicht im voraus als meinen endgültigen Termin aufgestellt hätte, um mit ihnen zu brechen und fortzugehen) – diese Zwiespältigkeit, wollte ich sagen, War auch, glaube ich, eine der Hauptursachen, daß ich in dem Jahr so viele Unvorsichtigkeiten beging, so viele häßliche und sogar niedrige Sachen, und selbstverständlich so viele Dummheiten. Natürlich, auf einmal tauchte da vor mir ein Vater auf, den ich früher nie besessen hatte. Dieser Gedanke machte mich trunken, bei den Reisevorbereitungen in Moskau und im Eisenbahnwagen. Daß es mein Vater war, – das bedeutete noch nicht so viel, und von familiären Zärtlichkeiten war ich kein Freund; aber dieser Mensch hatte mich nicht kennen wollen und mich gedemütigt, während ich alle diese Jahre hindurch ohne Unterlaß von ihm geträumt hatte. Jeder meiner Träume, von Kind auf, hatte sich auf ihn bezogen, bei ihm geweilt, war in seinem Endresultat auf ihn hinausgelaufen. Ich weiß nicht, liebte ich ihn, oder haßte ich ihn, aber er hatte meine ganze Zukunft mit sich erfüllt, alle meine Berechnungen für mein Leben, – und das war ganz von selbst gekommen, es war mit dem Wachstum Hand in Hand gegangen. Zu meinem Entschluß, Moskau zu verlassen, trug außerdem noch ein sehr mächtiger Umstand bei, ein verführerischer Gedanke, unter dem schon lange vorher, drei Monate vor meiner Abreise (also als von Petersburg noch gar keine Rede war), mein Herz sich gehoben und lebhafter geschlagen hatte. Es zog mich auch deshalb auf diesen unbekannten Ozean hinaus, weil ich sogleich als Herrscher und Herr sogar über fremde Schicksale auftreten konnte, und wessen Schicksale noch dazu! Aber es waren großmütige und keine despotischen Gefühle, die in mir kochten, – das will ich nur gleich sagen, damit man keine falschen Schlüsse aus meinen Worten zieht. Und zudem konnte Wersilow sich denken (wenn er mich überhaupt eines Gedankens würdigen sollte), hier käme ein kleiner Junge angereist, bloß so ein Gymnasialabiturient, so ein Halbwüchsling, der sich über die ganze Welt wundern würde. Und ich kannte derweil schon alle seine tiefsten Geheimnisse und besaß ein überaus wichtiges Dokument, für das er (heute weiß ich das ganz gewiß), mehrere Jahre seines Lebens gegeben hätte, hätte ich ihm damals dies Geheimnis entdeckt. Übrigens sehe ich jetzt, daß ich hier Rätsel aufgebe. Ohne Tatsachen lassen sich Gefühle nicht beschreiben. Und außerdem wird von dem allen an seinem Platze übergenug die Rede sein, darum habe ich auch zur Feder gegriffen. Aber so zu schreiben, das ist wie ein Fiebertraum oder eine Wolke. Um endlich definitiv zu jenem neunzehnten September zu kommen, will ich jetzt kurz und sozusagen im Fluge erwähnen, daß ich sie alle, also Wersilow, meine Mutter und meine Schwester (letztere erblickte ich zum ersten Male in meinem Leben) in den bedrängtesten Verhältnissen antraf, fast bettelarm, oder doch direkt vor der Bettelarmut. Davon hatte ich schon in Moskau gehört, aber ich hatte doch nicht das vorausgesetzt, was ich hier fand. Ich hatte mich seit meiner frühesten Kindheit gewöhnt, mir diesen Menschen, diesen meinen zukünftigen Vater, beinahe in einem gewissen Glanz gehüllt zu sehen, und hatte ihn mir nie anders als überall auf dem ersten Platze vorstellen können. Wersilow hatte niemals mit meiner Mutter in einer Wohnung gelebt, sondern ihr immer eine eigene gemietet: natürlich hatte er das aus Gründen der schäbigsten Konvention seiner Kreise getan. Aber hier wohnten sie jetzt alle zusammen, in einem hölzernen Hintergebäude in einem kleinen, nicht sehr feinen Gäßchen. Alle ihre Sachen waren schon versetzt, so daß ich meiner Mutter sogar unter der Bedingung, daß Wersilow nichts davon erführe, meine heimlichen sechzig Rubel gab. Heimlich nenne ich sie, weil ich sie aus meinem Taschengeld – ich bekam fünf Rubel im Monat – während zweier Jahre zusammengespart hatte. Dieses Sparsystem hatte mit dem ersten Tage meiner »Idee« begonnen, und deshalb durfte Wersilow kein Wort von diesem Geld erfahren. Davor zitterte ich. Diese Hilfe war nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Meine Mutter arbeitete, meine Schwester nähte, gleichfalls für Geld; Wersilow tat nichts, war verstimmt und launisch und setzte sein früheres Leben fort, das ziemlich reich an recht kostspieligen Gewohnheiten war. Er knurrte und räsonierte fürchterlich, besonders bei Tisch, und sein ganzes Benehmen war vollkommen despotisch. Aber meine Mutter, meine Schwester, Tatjana Pawlowna und die gesamte Familie des seligen Herrn Andronikow (eines Bureauchefs, der drei Monate zuvor gestorben war, und der neben seinen Amtsgeschäften auch Wersilows Angelegenheiten verwaltet hatte), also auch diese Familie, die aus einer Unzahl von Frauenzimmern bestand, sie alle umweihräucherten Wersilow wie einen Fetisch. Ich konnte den Grund dafür nicht einsehen. Ich möchte bemerken, daß er vor neun Jahren viel imponierender gewesen war. Ich sagte schon, daß er in meinen Träumen in einem gewissen Glanz zurückgeblieben war, und deshalb begriff ich nicht, wie dieser Mensch in den lumpigen neun Jahren, die seitdem verflossen waren, so alt und verbraucht hatte werden können: und mir wurde vom ersten Augenblick traurig zumute, es tat mir leid, es genierte mich gleichsam. Sein Anblick war mir einer der schwersten ersten Eindrücke nach meiner Ankunft. Übrigens war er durchaus noch kein alter Mann, erst fünfundvierzig; und als ich ihn näher ansah, fand ich an seiner Schönheit etwas, das noch mehr frappierte, als das, was in meinem Gedächtnis haften geblieben war. Weniger von dem damaligen Glanz, weniger äußerliche Vorzüge, weniger Imposantheit sogar, aber das Leben hatte gewissermaßen etwas in dies Gesicht geschrieben, was viel interessanter war, als alles Frühere. Und dabei bildete die Bettelarmut nur den zehnten oder zwanzigsten Teil von allem Unangenehmen, das ihm widerfahren war, und ich wußte das nur zu gut. Außer der Armut gab es da etwas, was viel ernster war, – gar nicht davon zu reden, daß seine ganze Hoffnung darauf stand, einen Erbschaftsprozeß zu gewinnen, der schon seit einem Jahre zwischen Wersilow und den Fürsten Sokolskij schwebte, und Wersilow konnte also in allernächster Zeit ein Gut zufallen, das sechzigtausend Rubel, vielleicht auch einige tausend Rubel mehr wert war. Ich habe weiter oben schon gesagt, daß Wersilow in seinem Leben drei Erbschaften durchgebracht hatte, und hier riß ihn also wieder eine Erbschaft heraus. Die Sache entschied sich in allernächster Zeit beim Gericht. In der Hoffnung war ich auch nach Petersburg gerufen worden. Aber es blieb nun einmal die Wahrheit, auf die Hoffnung gab kein Mensch Geld her, leihen konnte er sich nirgend etwas, und so ging es ihnen schlecht. Aber Wersilow suchte auch niemanden auf, trotzdem er oft den ganzen Tag fort war. Er war schon seit gut einem Jahr aus der Gesellschaft ausgestoßen . Diese Geschichte war für mich, trotz aller meiner Bemühungen, in der Hauptsache unaufgeklärt geblieben, obgleich ich schon einen Monat in Petersburg lebte. War Wersilow schuldig, oder unschuldig – das war es, was für mich von Wichtigkeit war, das war der Grund, weshalb ich gekommen war! Alle hatten sich von ihm zurückgezogen, unter anderen auch alle einflußreichen, vornehmen Leute, mit denen in Beziehung zu treten und zu bleiben er sein Leben lang besonders gut verstanden hatte. Und das war geschehen infolge eines Gerüchtes von einer ganz niedrigen und – was in den Augen der »Welt« das allerschlimmste ist – skandalösen Sache, die er vor einem Jahr angeblich in Deutschland sich hätte zuschulden kommen lassen. Es wurde sogar von einer Ohrfeige gesprochen, die er damals gar zu öffentlich bekommen hatte, und zwar eben von einem der Fürsten Sokolskij, ohne darauf mit einer Forderung zu antworten. Sogar seine Kinder (die ehelichen), sein Sohn und seine Tochter, hatten sich von ihm losgesagt und lebten für sich. Um die Wahrheit zu sagen, sein Sohn und seine Tochter waren in den höchsten Kreisen zu Hause, durch die Fanariotows und den alten Fürsten Sokolskij (Wersilows ehemaligen Freund). Übrigens, ich habe ihn diesen ganzen Monat beobachtet, und ich sah einen hochmütigen Menschen, den nicht die Gesellschaft aus ihrem Kreise ausgestoßen hatte, sondern der eher selbst die Gesellschaft fortgejagt hatte, – einen so unbeirrten und freien Eindruck machte er. Aber hatte er das Recht, sich so zu benehmen – das war es, was mich beschäftigte und erregte! Ich mußte unbedingt in der kürzesten Frist die ganze Wahrheit erfahren, denn ich war gekommen, – um diesen Menschen zu richten. Meine Kräfte verbarg ich fürs erste noch vor ihm, aber ich mußte ihn entweder anerkennen, oder ihn ganz von mir zurückstoßen. Aber das letztere wäre mir so schwer gewesen, und ich litt darunter. Ich will endlich ein ganzes Bekenntnis ablegen: dieser Mensch war mir teuer! Und unterdessen hauste ich mit ihnen in derselben Wohnung, arbeitete und hielt mich kaum von Grobheiten zurück. Ganz konnte ich sie mir in der Tat nicht verbeißen. Ich lebte schon einen Monat bei ihnen und kam täglich mehr zu der Überzeugung, daß ich es um keinen Preis über mich vermögen würde, mich an ihn zu wenden, um die letzten Aufklärungen zu erhalten. Dieser hochmütige Mensch stand als ein Rätsel vor mir, das mich bis in meine Tiefe beleidigte. Er war sogar freundlich zu mir und spaßte mit mir, aber ich hätte mir lieber noch Zank und Streit gewünscht, als solche Späße. Meine Unterhaltungen mit ihm trugen immer den Stempel einer gewissen Zweideutigkeit, oder, kurz gesprochen, von seiner Seite lag immer eine gewisse Verulkung darin. Er hatte mich gleich zu Anfang, als ich von Moskau angekommen war, nicht ernsthaft empfangen. Ich konnte nicht begreifen, weshalb er das tat. Es ist ja richtig, er erreichte damit, daß er für mich undurchdringlich blieb; aber ich selbst hätte mich nicht soweit erniedrigt, ihn zu bitten, ernsthaft mit mir zu verkehren. Ferner hatte er gewisse merkwürdige und unbesiegbare Manieren, mit denen ich nichts anzufangen wußte. Um es kürzer zu sagen, er behandelte mich wie einen ganz grünen Halbwüchsling, – was ich kaum zu ertragen vermochte, trotzdem ich vorausgewußt hatte, daß es so kommen würde. Infolgedessen hörte ich selbst auf, ernst zu sprechen, und wartete nur; ich hörte sogar fast überhaupt zu sprechen auf. Ich wartete auf einen Menschen, nach dessen Ankunft in Petersburg ich die Wahrheit endgültig erfahren konnte; hierauf ruhte meine letzte Hoffnung. Für jeden Fall bereitete ich mich auf den definitiven Bruch vor und traf schon im voraus alle Maßregeln. Um meine Mutter war es mir leid, aber – »er oder ich« – diese Frage wollte ich ihr und meiner Schwester stellen. Sogar den Tag hatte ich schon bestimmt; und unterdessen versah ich meine Stellung. Zweites Kapitel   1 An diesem neunzehnten sollte ich auch mein erstes Gehalt für den ersten Monat in meiner Petersburger »privaten« Anstellung bekommen. Wegen dieser Anstellung war ich überhaupt nicht gefragt worden, sondern ich wurde einfach hingeschickt, ich glaube, gleich am Tage meiner Ankunft. Das war sehr wenig manierlich, und ich war beinahe verpflichtet, zu protestieren. Es erwies sich, daß es sich um eine Anstellung im Hause des alten Fürsten Sokolskij handelte. Aber wenn ich damals protestiert hätte, – so hätte es den sofortigen Bruch mit ihnen bedeutet; das schreckte mich zwar nicht sonderlich, wäre aber eine Schädigung meiner wesentlichen Ziele gewesen, und deshalb nahm ich die Stelle an, bis auf weiteres, schweigend und hinter diesem Schweigen meine Würde verschanzend. Ich will gleich von Anfang an erklären, daß dieser Fürst Sokolskij, ein reicher Mann und Geheimrat, in gar keinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Moskauer Fürsten Sokolskij stand (kleinen armen Teufeln schon seit mehreren Generationen), gegen die Wersilow seinen Prozeß angestrengt hatte. Sie waren nur Namensvettern. Nichtsdestoweniger interessierte sich der alte Fürst sehr für sie und hatte einen von diesen Fürsten besonders in sein Herz geschlossen, sozusagen, den ältesten ihres Geschlechtes,– einen jungen Offizier. Wersilow hatte vor noch gar nicht langer Zeit einen ungeheuren Einfluß auf die Angelegenheiten dieses alten Herrn gehabt und war sein Freund gewesen, ein sonderbarer Freund, denn ich merkte, daß dieser arme Fürst sich schrecklich vor jenem fürchtete, und nicht nur zu der Zeit, wo ich in seinen Dienst trat, sondern es muß während der ganzen Zeit ihrer Freundschaft so gewesen sein. Übrigens hatten sie sich schon lange nicht mehr gesehen; die ehrlose Handlung, deren Wersilow bezichtigt wurde, ging nämlich gerade die Familie des Fürsten an; aber Tatjana Pawlowna mengte sich in die Sache, und durch ihre Vermittlung wurde ich bei dem alten Herrn untergebracht, der einen »jungen Mann« in seinem Arbeitszimmer um sich zu haben wünschte. Hierbei erwies es sich, daß er auch den dringenden Wunsch hegte, Wersilow gefällig zu sein, sozusagen, ihm gegenüber den ersten Schritt zu tun, und Wersilow gestattete es ihm. Diese Sache arrangierte der alte Fürst in Abwesenheit seiner Tochter, der Witwe eines Generals, die ihm diesen Schritt wahrscheinlich nicht erlaubt hätte. Hiervon später, aber ich bemerke gleich, daß diese Sonderbarkeit in den Beziehungen zu Wersilow mich überraschte, und zwar in einer für diesen günstigen Richtung. Ich kombinierte so: wenn das Haupt der beleidigten Familie immer noch Achtung für Wersilow hegt, so muß all das Gerede von seiner Schlechtigkeit doch wohl absurd oder zum wenigsten zweideutig und übertrieben sein. Teilweise war es auch dieser Umstand, der mich veranlaßte, nicht gegen den Antritt dieser Stellung zu protestieren: durch meinen Antritt hoffte ich eben, mir über dies alles Klarheit zu verschaffen. Jene Tatjana Pawlowna spielte zu der Zeit, als ich sie in Petersburg antraf, eine eigentümliche Rolle. Ich hatte sie fast gänzlich vergessen und natürlich erst gar nicht erwartet, daß sie eine so bedeutende Stellung einnehmen könnte. Sie war mir vorher drei-, viermal während meines Moskauer Aufenthaltes in den Weg gekommen, und dann war sie immer Gott weiß woher aufgetaucht, Gott weiß in wessen Auftrag, sobald es galt, mich irgendwo zu installieren, – als ich in die Pension Touchard kam, und nachher, dritthalb Jahre später, als ich ins Gymnasium eintrat und mein Zimmer in der Wohnung des unvergeßlichen Nikolaj Semionowitsch bezog. Wenn sie kam, verbrachte sie den ganzen Tag mit mir, revidierte meine Wäsche und Kleider, fuhr mit mir in der Stadt herum, kaufte die Sachen, die ich brauchte, kurzum, sie sorgte für meine ganze Habe, bis zum letzten Kästchen und zum Federmesser, dabei keifte sie die ganze Zeit mit mir, schalt mich, machte mir Vorwürfe, examinierte mich, stellte mir gewisse phantastische Knaben als Muster auf, die sie angeblich in ihrer Bekanntschaft und Verwandtschaft hatte und die alle viel braver waren, als ich, und, um die Wahrheit zu gestehen, sie kniff mich dabei in einem fort und puffte mich tüchtig, oft genug sogar, und so kräftig, daß es schon ziemlich weh tat. Wenn sie mich installiert und an einem Platze eingerichtet hatte, dann verschwand sie auf einige Jahre spurlos aus meinem Gesichtskreise. Und jetzt also, als ich gerade angekommen war, erschien sie wieder, um mich zu installieren. Sie war eine dürre, kleine Person mit einem scharfen Vogelnäschen und scharfen Vogeläuglein. Wersilow diente sie wie eine Sklavin und erwies ihm eine Ehrerbietung, als wäre er der Papst, aber aus innerster, vollster Überzeugung. Bald aber bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß sie bei allen Leuten und überall großen Respekt genoß und, was die Hauptsache war – bei allen und überall bekannt war. Der alte Fürst Sokolskij begegnete ihr mit einer ganz ausnehmenden Hochachtung; seine Familie ebenfalls; Wersilows hochmütige Kinder ebenfalls; und die Fanariotows ebenfalls, – und dabei lebte sie von allerhand Näharbeit, von Spitzenwäsche, von Stickereien, die sie für Magazine anfertigte. Ich geriet mit ihr beim ersten Worte in Streit, sie begann sofort wie früher, vor sechs Jahren, gegen mich zu belfern; und von Stund an setzten sich unsere Streitereien fort, Tag für Tag: aber das hinderte nicht, daß wir uns zuweilen miteinander unterhielten, und ich muß gestehen, gegen Ende des Monats fing sie mir zu gefallen an; ich glaube, weil sie ein so unabhängiger Charakter war. Übrigens habe ich ihr das nicht mitgeteilt. Ich begriff sofort, daß ich den Posten bei dem kranken alten Herrn nur deshalb bekommen sollte, um ihn etwas »aufzumuntern«, und daß darin mein ganzer Dienst bestand. Selbstverständlich ging das gegen meine Würde, und ich traf sofort meine Maßregeln in dem Sinne; aber in kurzem übte dieser alte Sonderling einen ganz unerwarteten Eindruck auf mich aus, es war fast wie eine Art Mitleid, und zu Ende des Monats fühlte ich mich in seltsamer Weise zu ihm hingezogen, wenigstens hatte ich die Absicht fahren lassen, ihn vor den Kopf zu stoßen. Er war übrigens noch nicht über sechzig. Es war da eine ganze Geschichte passiert. Anderthalb Jahre vorher hatte er ganz plötzlich einen Anfall bekommen; er war irgendwohin gereist, und unterwegs war eine Geistesstörung bei ihm aufgetreten, so daß eine Art Skandal entstand, über den in Petersburg viel geklatscht wurde. Wie es in solchen Fällen gang und gäbe ist, wurde er sofort ins Ausland gebracht, aber nach etwa fünf Monaten kam er wieder, und zwar vollkommen gesund, wenn er auch seinen Abschied genommen hatte. Wersilow versicherte mir sehr ernstlich (und auffallend erregt), daß von einer Geistesstörung bei ihm absolut keine Rede gewesen wäre, es hätte sich nur um etwas wie einen Nervenzufall gehandelt. Diese Erregtheit Wersilows nahm ich ungesäumt zur Kenntnis. Im übrigen, muß ich sagen, teilte ich selbst seine Ansicht beinahe. Der alte Herr zeigte sich höchstens manchmal ein bißchen gar zu leichtfertig, in einem gewissen Mißverhältnis zu seinen Jahren, was früher nicht der Fall gewesen sein soll, wie ich hörte. Man hat mir erzählt, er wäre früher in irgendeiner Behörde eine Art von Rat gewesen und hätte sich einmal sogar bei einem ihm erteilten Auftrag ganz besonders ausgezeichnet. Ich kannte ihn nun einen ganzen Monat, aber ich kann nicht sagen, daß ich bei ihm irgendeine besondere Eignung zum Rat hätte entdecken können. Man sagte ihm nach (ich habe freilich nichts davon bemerken können), daß sich seit seinem Anfall bei ihm eine ganz besondere Manie entwickelt hätte, sich möglichst bald zu verheiraten, und daß er dieser Idee in den anderthalb Jahren des öfteren näher getreten wäre. Davon wußte man wohl in der Gesellschaft, und die es anging, interessierten sich dafür. Aber da eine solche Absicht den Interessen einiger Personen aus der Umgebung des Fürsten gar zu sehr gegen den Strich ging, wurde der alte Herr von allen Seiten überwacht. Seine eigene Familie war klein; er war schon seit zwanzig Jahren Witwer und hatte nur eine einzige Tochter, eben die Generalswitwe, die jetzt täglich aus Moskau zurückerwartet wurde, eine junge Frau, vor deren Charakter er zweifellos Angst hatte. Aber er hatte einen Haufen der verschiedensten entfernten Verwandten, meist von der Seite seiner verstorbenen Frau her, die alle beinahe Bettler waren, außerdem gab es da eine Menge von Pflegesöhnen und Pflegetöchtern, die alle seine Wohltaten genossen und hofften, in seinem Testament bedacht zu werden, und deshalb alle die Generalin bei der Überwachung des alten Herrn unterstützten. Außerdem hatte er, schon von jung auf, eine Schrulle, von der ich nur nicht weiß, ob ich sie lächerlich finden soll oder nicht: er verheiratete arme Mädchen. Das betrieb er jetzt schon fünfundzwanzig Jahre hintereinander. Er verheiratete arme Verwandte, Stieftöchter von Vettern seiner Frau, seine Patentöchter, ja sogar die Tochter seines Hausmeisters. Zuerst nahm er sie als kleine Mädchen in sein Haus, dann erzog er sie mit Gouvernanten und Französinnen, dann schickte er sie in die besten Lehranstalten, und schließlich verheiratete er sie und gab ihnen eine Mitgift. Und das alles drängte sich beständig um ihn; seine Pflegetöchter bekamen in der Ehe natürlich wieder Töchter; alle diese Mädchen spitzten sich darauf, auch seine Pflegetöchter zu werden: er mußte in einem fort den Taufpaten machen, das alles kam, um ihm zum Namenstag zu gratulieren, und alles das machte ihm das größte Vergnügen. Als ich in seine Dienste trat, merkte ich gleich, daß sich im Kopfe des alten Herrn eine schwere Überzeugung festgenistet hatte – und es war unmöglich, das nicht zu bemerken –, die Überzeugung, daß er in der Gesellschaft von jedermann auf eine ganz besondere Weise angesehen würde, daß alle Welt sich gegen ihn anders benähme, als früher, als er noch gesund war; dieser Eindruck ließ ihn selbst in den lustigsten Gesellschaften nicht los. Der alte Herr wurde argwöhnisch und begann in aller Augen ein besonderes Etwas zu lesen. Der Gedanke, daß er immer noch für gestört gehalten würde, peinigte ihn sichtlich; auch mich beobachtete er oft voll Mißtrauen. Und wenn er von irgend jemand erfahren hätte, der dieses Gerücht verbreite und bestätige, ich glaube, dieser überaus harmlose Mensch wäre der Feind des Betreffenden für ewig geworden. Und diesen Umstand bitte ich wohl anzumerken. Ich füge hinzu, daß dies auch vom ersten Tage an der entscheidende Grund war, der mich veranlaßte, ihn nicht vor den Kopf zu stoßen; ich war im Gegenteil froh, wenn ich hier und da Gelegenheit fand, ihn aufzuheitern oder zu zerstreuen; ich glaube nicht, daß dies Geständnis einen Schatten auf meine Würde werfen kann. Der größte Teil seines Geldes steckte in industriellen Unternehmungen. Er war, und zwar erst nach seiner Krankheit, Teilhaber einer großen Aktiengesellschaft geworden, übrigens eines sehr soliden Unternehmens. Die Geschäfte führten freilich andere Leute, aber er interessierte sich auch sehr für sie, besuchte die Aktionärversammlungen, wurde in den Ausschuß gewählt, saß im Aufsichtsrat, hielt lange Reden, diskutierte, spektakelte, und das alles augenscheinlich mit großer Freude daran, Reden zu halten machte ihm einen großen Spaß: da konnten doch wenigstens alle Leute sehen, wie gescheit er war. Und überhaupt liebte er es, selbst im intimsten Privatleben seine Unterhaltung mit tiefen Bemerkungen und allerlei Bonmots aufzuputzen, und das verstehe ich nur zu gut. In seinem Hause, unten, war eine Art Privatbureau eingerichtet, und ein Beamter saß darin, führte seine Angelegenheiten, Rechnungen und Bücher und verwaltete gleichzeitig das Haus. Dieser Beamte, der nebenbei noch eine staatliche Anstellung hatte, hätte für sich allein vollkommen ausgereicht; aber auf besonderen Wunsch des Fürsten selbst wurde ich dazugenommen, angeblich als Hilfskraft für den Beamten; aber ich kam gleich in das Privatkabinett und hatte häufig nicht einmal zum Schein eine Arbeit vor mir, keine Papiere, keine Bücher. Ich schreibe das jetzt wie einer, der mit dem allen seit langem abgeschlossen hat, und in vielen Beziehungen sogar wie ein ganz objektiver Beobachter; aber wie soll ich meinen damaligen Kummer beschreiben (gerade jetzt steht er wieder so recht lebendig vor mir), den Kummer, der mein ganzes Herz in Beschlag genommen hatte, und was die Hauptsache ist – meine damalige Aufregung, die mich so unruhig und fieberig gemacht hatte, daß ich sogar die Nächte nicht schlief – vor Ungeduld, vor all den Rätseln, die ich mir selbst aufgegeben hatte.   2 Geld zu verlangen, und mag es selbst ein Gehalt sein, ist eine sehr widerwärtige Sache, wenn man irgendwo in den tiefsten Winkeln seines Gewissens das Gefühl hegt, daß man es eigentlich nicht recht verdient hat. Aber ich hatte am Abend vorher meine Mutter mit meiner Schwester flüstern hören, ganz leise, daß Wersilow nichts davon merkte (»Andrej Petrowitsch könnte es peinlich sein«). Sie wollte ein Heiligenbild ins Pfandhaus tragen, von dem sie sich aus irgendeinem Grunde ganz besonders schwer trennte. Ich war mit einem Monatsgehalt von fünfzig Rubel angestellt, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich sie bekommen würde; als man mich hingebracht hatte, war davon überhaupt nicht gesprochen worden. Vor drei Tagen hatte ich unten den Beamten getroffen und mich bei ihm erkundigt, bei wem ich hier mein Gehalt zu erheben hätte. Er hatte mich mit einem verwunderten Lächeln angesehen (er konnte mich nicht leiden). »Ach, Sie bekommen Gehalt?« Ich dachte mir, er würde auf meine Antwort weiter fragen: »Und wofür, wenn man fragen darf?« Aber er entgegnete mir ganz trocken, er »wüßte von nichts«, und beugte sich wieder über sein liniiertes Buch, in das er von verschiedenen Blättern Rechnungen übertrug. Übrigens war es ihm nicht unbekannt, daß ich doch immerhin einiges getan hatte. Vor vierzehn Tagen hatte ich ganze vier Tage über einer Arbeit gesessen, die ich von ihm selbst bekommen hatte: es handelte sich um die Abschrift eines Konzeptes, kam aber beinahe auf eine Umarbeitung heraus. Es war ein ganzer Haufen »Gedanken« des Fürsten, die er demnächst seinem Aktionärkomitee unterbreiten wollte. Das mußte zu einem ganzen zusammengearbeitet und dem Stil mußte nachgeholfen werden. Ich habe nachher einen ganzen Tag mit dem Fürsten über diesem Schriftstück gesessen, und er zankte sich dabei äußerst leidenschaftlich mit mir, war aber schließlich im ganzen doch zufrieden mit meiner Arbeit; nur weiß ich nicht, ob er das Schriftstück eingereicht hat oder nicht. Von zwei, drei Briefen, gleichfalls in Geschäftssachen, die ich in seinem Auftrag geschrieben hatte, will ich gar nicht reden. Um mein Gehalt zu bitten war mir auch deswegen peinlich, weil ich schon die Absicht gefaßt hatte, meine Stellung aufzugeben, denn ich hatte das Vorgefühl, daß ich bald genötigt sein würde, infolge zwingender Umstände von hier fortzugehen. Als ich an diesem Morgen aufwachte und mich zu Hause oben in meinem Kämmerchen anzog, fühlte ich, wie mir das Herz klopfte, und ob ich mich auch sehr zusammennahm, empfand ich doch, als ich das Haus des Fürsten betrat, wieder die gleiche Erregung: heute früh mußte der Mensch hier erscheinen, die Frau, von deren Ankunft ich die Aufklärung über alles erwartete, was mich quälte! Und dieser Mensch war eben die Tochter des Fürsten, die Generalin Achmakowa, jene junge Witwe, von der ich schon gesprochen habe, und die in bitterster Feindschaft mit Wersilow lebte. Endlich habe ich diesen Namen hergeschrieben! Was sie selbst betrifft, so hatte ich sie natürlich nie gesehen, ja, ich konnte mir nicht einmal vorstellen, wie ich mit ihr sprechen und ob ich es überhaupt tun würde; aber ich hatte die Idee (und vielleicht war sie sehr begründet), daß sich mit ihrer Ankunft das Dunkel lichten würde, das in meinen Augen Wersilow umgab. Ich konnte meiner Unruhe nicht Herr werden: es war mir furchtbar ärgerlich, daß ich vom ersten Schritt an so kleinmütig und linkisch war; ich war furchtbar gespannt, und, was die Hauptsache war, furchtbar angewidert – das waren drei ganz verschiedene Gefühle. Ich weiß diesen ganzen Tag auswendig! Mein Fürst ahnte noch nichts von der voraussichtlichen Ankunft seiner Tochter und erwartete ihre Heimkehr aus Moskau frühestens in acht Tagen. Ich hatte es tags vorher ganz zufällig erfahren: Tatjana Pawlowna, der die Generalin einen Brief geschrieben, hatte meiner Mutter gegenüber etwas davon fallen lassen. Wenn sie auch ganz leise flüsterten und sich in sehr allgemeinen Ausdrücken bewegten, ich erriet, um was es sich handelte. Selbstverständlich habe ich nicht etwa gehorcht: ich mußte einfach aufhorchen, als ich sah, wie meine Mutter bei der Nachricht von der Ankunft dieser Frau plötzlich in solche Erregung geriet. Wersilow war nicht zu Hause. Dem alten Herrn wollte ich nichts davon sagen, denn es wäre mir wirklich unmöglich gewesen, während dieser ganzen Zeit nicht zu bemerken, was für eine Angst er vor ihrer Rückkunft hatte. Er hatte sogar vor drei Tagen, freilich in schüchternen und bloß andeutenden Worten, etwas davon fallen lassen, daß er sich in meinem Interesse vor ihrer Ankunft fürchte, das heißt, daß er meinetwegen Scherereien haben würde. Übrigens muß ich hier beifügen, daß er trotz alledem in Familienangelegenheiten seine Unabhängigkeit und Oberherrschaft zu wahren wußte, besonders was die Verfügung über seine Gelder betraf. Mein erstes Urteil über ihn war, er wäre ein vollkommenes – altes Weib; aber ich war bald genötigt, mein Urteil dahin umzumodeln, daß er vielleicht allerdings ein altes Weib wäre, aber daß sich zuweilen bei ihm ein Rest von zähem Eigensinn zeigte, wenn man es nicht wirkliche Männlichkeit nennen wollte. Es gab Augenblicke, wo man mit seinem Charakter – der anscheinend so ängstlich und nachgiebig war – fast überhaupt nichts anfangen konnte. Wersilow hat mir das in der Folge des Ausführlicheren auseinander gesetzt. Ich denke heute mit Interesse daran zurück, daß wir beide, der alte Herr und ich, fast nie von der Generalin gesprochen haben, das heißt, wir vermieden es sozusagen, von ihr zu sprechen, besonders ich ging dem aus dem Wege, und er für sein Teil vermied es, von Wersilow zu sprechen; ich war überzeugt, er würde mir nicht antworten, wenn ich eine von den heiklen Fragen an ihn richten würde, die mich so sehr interessierten. Wenn einer wissen will, wovon wir beide diesen ganzen Monat miteinander geredet haben, so muß ich ihm antworten: von allem möglichen, aber stets von recht sonderbaren Sachen. Mich zog die Geradheit sehr an, mit der er sich mir gegenüber gab. Oft betrachtete ich diesen Menschen mit der höchsten Verwunderung und fragte mich: In welcher Welt hat er eigentlich früher gelebt? Wenn man den ins Gymnasium steckte, meinetwegen sogar in die vierte Lateinklasse, – er würde einen famosen Mitschüler abgeben. Auch über sein Gesicht war ich häufig im höchsten Grade erstaunt: es war scheinbar äußerst ernsthaft (und beinahe hübsch), hager; er hatte dichtes graues Lockenhaar, große Augen; er war überhaupt sehr schlank und hochgewachsen; aber sein Gesicht hatte die unangenehme, fast unschickliche Eigentümlichkeit, seinen Ausdruck manchmal erstaunlich rasch zu verwandeln. Eben war es noch außergewöhnlich ernst gewesen, auf einmal schaute es übertrieben spaßhaft und leichtfertig drein. Wer das zum erstenmal sah, wurde höchst verblüfft, sogar erschreckt davon. Ich habe hierüber mit Wersilow gesprochen, der mit Interesse zuhörte; er hatte wohl nicht erwartet, daß ich imstande wäre, solche Beobachtungen zu machen, nebenbei bemerkte er, diese Erscheinung wäre beim Fürsten erst nach seiner Krankheit aufgetreten, und angeblich erst in allerletzter Zeit. Vorwiegend drehten sich unsere Gespräche um zwei abstrakte Gegenstände, – um Gott und sein Dasein, das heißt um seine Existenz oder Nichtexistenz – und um die Frauen. Der Fürst war sehr religiös und sehr gefühlvoll. In seinem Kabinett hing ein riesiges Heiligenbild mit einem ewigen Lämpchen davor. Aber auf einmal konnte es ihn fassen, – und er fing plötzlich an der Existenz Gottes zu zweifeln an und sagte erstaunliche Dinge und forderte mich sichtlich zu einer Entgegnung auf. Im allgemeinen gesprochen, war mir diese Idee ziemlich gleichgültig, aber doch gerieten wir sehr in Hitze, und zwar höchst aufrichtig. Überhaupt gedenke ich dieser Gespräche noch heute mit großem Vergnügen. Aber das liebste war ihm doch, von den Frauen zu plaudern; da ich keine Liebhaberei für Unterhaltungen über dies Thema habe, konnte ich ihm hier kein guter Partner sein, und das machte ihn zuzeiten geradezu traurig. Und gerade an jenem Morgen fing er wieder sofort von solchen Geschichten an, sobald ich eingetreten war. Ich fand ihn in seiner spaßigen Laune, während ich ihn am Abend vorher in der allertraurigsten Stimmung verlassen hatte. Und derweil mußte ich heute die Sache mit dem Geld unbedingt zu einem Ende bringen – bevor gewisse Leute ankamen. Ich stellte mir vor, daß wir heute sicherlich unterbrochen werden würden (nicht umsonst klopfte mein Herz so) – und dann würde ich mich vielleicht nicht entschließen können, vom Geld anzufangen. Aber da ich das Gespräch nicht gleich auf das Geld zu lenken vermochte, war ich natürlich wütend über meine Dummheit und erwiderte in meinem Ärger auf eine allzu leichtfertige und spaßhafte Frage von ihm damit, daß ich eine ganze Breitseite meiner Anschauungen über die Frauen gegen ihn losließ, und zwar mit der größten Hitze. Aber die Folge davon war, daß ich ihn nur noch mehr für mich einnahm.   3 »... Ich kann die Frauenzimmer erstens nicht leiden, weil sie sich rüpelhaft benehmen, zweitens, weil sie ungeschickt und minderwertig, drittens, weil sie unselbständig sind, viertens, weil sie in unanständigen Kleidern herumlaufen!« schloß ich ziemlich unlogisch meine lange Tirade. »Nicht so streng, teuerster Freund, Schonung!« schrie er äußerst belustigt, was mich noch wütender machte. Ich bin nur in Kleinigkeiten nachgiebig und kleinlich, in Hauptsachen weiche ich keinen Schritt zurück. Aber in Kleinigkeiten, in allem, was gesellschaftliche Manieren sind, kann man mit mir Gott weiß was anfangen, und diesen Zug an mir habe ich schon oft verflucht. Aus einer gewissen faulen Gutmütigkeit heraus bin ich schon oft genug bereit gewesen, irgendeinem feinen Gecken zuzustimmen, einzig und allein, weil ich durch seine Höflichkeit bestochen wurde, oder einen Krakeel mit irgendeinem Hansnarren anzufangen, was das Unverzeihlichste ist. Das kommt alles von einem Mangel an Weitläufigkeit und davon, daß ich im Winkel aufgewachsen bin, ich sehe das ein, aber morgen ist es wieder dieselbe Geschichte. Deshalb hat man mich manchmal schon beinahe für einen Sechzehnjährigen gehalten. Aber statt mir Weltläufigkeit zu erwerben, ziehe ich es auch heute vor, mich noch tiefer in meinem Winkel zu verschanzen, wenn auch in der misanthropischsten Manier: Und mag ich auch linkisch sein, aber – verzeiht mir! Ich sage das sehr ernsthaft und ein für allemal. Übrigens bezieht sich das durchaus nicht auf den Fürsten und nicht einmal auf unser damaliges Gespräch. »Ich sage das absolut nicht, um Sie zu belustigen,« schrie ich ihn beinah an, »ich spreche einfach meine Überzeugung aus.« »Aber wieso sind die Frauen rüpelhaft und unanständig angezogen? Das ist mir neu.« »Rüpelhaft? Gehen Sie einmal ins Theater, auf die Promenade. Jeder Mann weiß, wo rechts ist, man begegnet sich und geht aneinander vorbei, er rechts und ich rechts. So ein Frauenzimmer, das heißt eine Dame – ich spreche von den Damen – prescht geradeswegs auf Sie los, sie bemerkt Sie einfach nicht, als wären Sie sowieso unbedingt verpflichtet, beiseite zu springen und ihr den Weg zu räumen. Ich bin bereit, ihr Platz zu machen, weil es das schwächere Geschlecht ist, aber was hat sie für ein Recht darauf, warum ist sie so fest überzeugt, daß ich dazu verpflichtet bin, – das ist das Beleidigende dabei! Ich spucke immer aus, wenn ich ihnen begegne. Und dabei schreien sie, sie würden unterdrückt und fordern gleiche Rechte; was sind das für gleiche Rechte, wenn so eine mich stößt und mir Sand in den Mund schmeißt!« »Sand?« »Jawohl; weil sie unanständig angezogen sind – das kann nur ein ganz verdorbener Lebemann nicht bemerken. Vor Gericht wird bei verschlossenen Türen verhandelt, wenn es sich um unanständige Sachen dreht; warum erlaubt man so was auf der Straße, wo noch viel mehr Leute dabei sind? Sie legen sich hinterwärts allerlei Falbelkram unter, damit man sieht, daß sie schicke Damen sind; ganz öffentlich! Das muß ich doch sehen, und jeder junge Mann sieht es, und jedes Kind, jeder werdende Knabe sieht es auch; das ist gemein. Mögen sich alte Lebegreise daran aufregen und mit heraushängender Zunge hinterherlaufen, aber es gibt noch eine reine Jugend, und die muß gehütet werden. Da bleibt einem nichts übrig, als auszuspucken. Da geht so eine den Boulevard entlang, und hinter sich her schleift sie eine Schleppe von anderthalb Faden Länge und wirbelt den Staub auf; wie soll man hinter ihr gehen: man muß laufen und sie überholen oder sich seitwärts fort machen, sonst schmeißt sie einem nicht nur in die Nase, sondern auch in den Mund gleich fünf Pfund Sand. Und außerdem, diese Seide, sie schleppt sie drei Werst weit über die Steine, nur weil das einmal Mode ist, und ihr Mann verdient in seinem Bureau fünfhundert Rubel im Jahr; daher kommen die vielen Bestechungen! Ich spucke jedesmal aus, ich spucke aus und schimpfe ganz laut.« Ich schreibe diese Worte zwar etwas ins Spaßhafte übertrieben hin und in der Art, wie ich sie damals gesagt habe, aber diese Anschauungen hege ich heute noch. »Und ist dir das gut bekommen!« fragte der Fürst neugierig. »Ich spucke aus und mache mich fort. So eine merkt das natürlich, sie zeigt es aber mit keiner Miene, sondern prescht majestätisch weiter, ohne den Kopf zu wenden. Ernstlichen Krakeel habe ich im ganzen nur einmal mit zwei solchen Frauenzimmern gehabt, beide mit langen Schwänzen, auf dem Boulevard, – selbstverständlich habe ich kein schlechtes Wort gebraucht, ich hab nur gesagt, daß die Schwänze eine Unverschämtheit wären.« »Mit den Worten hast du das gesagt?« »Natürlich. Erstens sind sie ein Hohn auf die sozialen Verhältnisse, zweitens machen sie Staub, und der Boulevard ist für alle da; ich gehe hier, und der, und jener, Hans, Peter, ganz Wurst. Das habe ich alles gesagt. Und ich kann den weiblichen Gang nicht ausstehen, von hinten gesehen; das habe ich auch gesagt, aber verblümt.« »Lieber Freund, da kannst du aber in eine ganz ernste Geschichte hinein geraten: sie hätten dich einfach vor den Friedensrichter zitieren können.« »Gar nichts konnten sie. Sie hatten gar keinen Grund zur Klage, wenn da ein Mensch hinter ihnen geht und mit sich selbst spricht. Jedermann hat das Recht, seine Meinung in den Wind zu sprechen. Ich sprach ganz allgemein, ich habe mich nicht an sie gewandt. Sie haben selbst angefangen, sie haben viel toller geschimpft als ich: ich wäre ein Gelbschnabel, man müßte mir mal ein paar Tage nichts zu essen geben, ein Nihilist wäre ich, und sie würden einen Schutzmann rufen, und ich hätte deshalb mit ihnen angefangen, weil sie allein wären und schwache Frauen, und wenn ein Mann bei ihnen wäre, würde ich sofort den Schwanz zwischen die Beine kneifen. Ich erwiderte ihnen kaltblütig, sie möchten es unterlassen, mit mir zu krakeelen, und ich würde aufs andere Trottoir hinübergehen. Und um ihnen zu beweisen, daß ich keine Angst vor ihren Männern hätte und eine Forderung annehmen würde, wollte ich ihnen in zwanzig Schritt Abstand bis an ihre Wohnung folgen, und dort würde ich vor dem Hause stehen bleiben und auf ihre Männer warten. Und das habe ich dann auch getan.« »Wahrhaftig?« »Es war ja natürlich eine Dummheit, aber ich war einmal gereizt. Sie schleppten mich zirka drei Werst hinter sich her, durch den Sonnenbrand, bis dort, wo die Institute sind, und dort traten sie in ein hölzernes einstöckiges Haus ein, – ich muß zugeben, daß es ganz anständig aussah, – durch die Fenster sah ich drinnen eine Menge Blumen, zwei Kanarienvögel, drei Hunde und viele eingerahmte Stiche. Ich stand mitten auf der Straße vor dem Hause, vielleicht eine halbe Stunde. Sie schauten ungefähr dreimal verstohlen heraus, und dann ließen sie alle Vorhänge herunter. Schließlich kam aus dem Seitenpförtchen irgendein ältlicher Beamter heraus; anscheinend hatte er geschlafen und war extra geweckt worden, nicht gerade, daß er einen Schlafrock angehabt hätte, aber er war sehr »für zu Hause« angezogen; er blieb an dem Pförtchen stehen, legte die Hände auf den Rücken und begann mich zu fixieren, und ich wieder ihn. Und dann wendet er die Augen ab, dann schaut er wieder her und fängt an mir zuzulächeln. Ich drehte ihm den Rücken und ging.« »Teurer Freund, das könnte von Schiller sein! Ich hab' mich schon immer gewundert: du hast rote Backen, dein Gesicht sprüht vor Gesundheit, und dabei – dieser, kann man doch sagen, Widerwille gegen die Frauen! Wie ist es denn möglich, daß die Frau auf einen Menschen in deinen Jahren nicht einen gewissen Eindruck macht? Was mich betrifft, mon cher, so war ich erst elf, als mein Hofmeister es schon tadelnd anmerkte, daß ich die Statuen im Sommergarten gar zu ausführlich in Augenschein nahm.« »Sie möchten furchtbar gern, daß ich mich hier an irgendeine Josephine heranmache und Ihnen dann Bericht davon erstatte. Sie bemühen sich vergeblich: ich selbst habe schon mit dreizehn Jahren ein nacktes Weib gesehen, splitternackt; seit damals habe ich einen Ekel davor.« »Im Ernst? Aber, cher enfant, von einer hübschen, frischen Frau geht ein Duft aus, wie von einem Apfel, wie kann einen das ekeln!« »In meiner früheren Pension, bei Touchard, bevor ich ins Gymnasium kam, hatte ich einen Kameraden, Lambert. Er prügelte mich in einem fort, weil er um mehr als drei Jahre älter war, und ich machte seinen Diener und zog ihm die Stiefel aus. Als seine Konfirmation war, kam Abbé Rigaud zu ihm, um ihm zur ersten Kommunion zu gratulieren, und sie warfen sich in Tränen einander um den Hals, und der Abbé Rigaud drückte ihn unter allerlei verzücktem Getue krampfhaft an seine Brust. Und ich weinte auch und beneidete ihn sehr. Als sein Vater starb, ging er ab, und ich sah ihn zwei Jahre lang nicht, und nach zwei Jahren traf ich ihn auf der Straße. Er sagte, er würde zu mir kommen. Ich war schon auf dem Gymnasium und wohnte bei Nikolaj Semionowitsch. Er kam eines Morgens, zeigte mir fünfhundert Rubel und sagte, ich sollte mitkommen. Wenn er mich vor zwei Jahren auch geprügelt hatte, er hatte mich doch immer nötig gehabt, nicht nur der Stiefel wegen; er schüttete mir immer sein Herz aus. Heute erzählte er mir, er hätte das Geld aus der Schatulle seiner Mutter genommen, mit Hilfe eines Nachschlüssels, denn das Geld von seinem Vater her gehörte alles ihm, sie sollte es nicht riskieren, es ihm vorzuenthalten, – und gestern abend wäre der Abbé Rigaud gekommen, um ihm Vorhaltungen zu machen – er wäre gekommen und hätte sich vor ihm aufgepflanzt und zu schluchzen angefangen und ihm mit zum Himmel erhobenen Händen die Schrecken der Hölle geschildert, »aber ich habe mein Messer herausgezogen und ihm gesagt, ich würde es ihm hereinrennen« (er sagte: hecheinchennen). Wir fuhren nach dem Kusnezkij-Most. Unterwegs teilte er mir mit, seine Mutter hätte ein Verhältnis mit dem Abbé Rigaud, und er hätte das wohl bemerkt, und er spuckte auf alles, und was sie von der heiligen Kommunion sagten, das wäre alles Blech. Er sagte noch allerlei, und ich fürchtete mich. Auf dem Kusnezkij-Most kaufte er eine doppelläufige Flinte, eine Jagdtasche, fertige Patronen, eine Reitpeitsche und nachher noch ein Pfund Konfekt. Wir fuhren dann vor die Stadt hinaus, um zu schießen, und unterwegs kam uns ein Vogelsteller mit seinen Käfigen entgegen; Lambert kaufte ihm einen Kanarienvogel ab. In einem Wäldchen ließ er ihn frei, weil so ein Vogel direkt aus dem Käfig nicht weit fortfliegen kann und fing auf ihn zu schießen an, traf aber nicht. Er schoß zum erstenmal in seinem Leben, aber die Flinte hatte er sich schon lange kaufen wollen, schon, als er noch bei Touchard war, und wir hatten schon lange von der Flinte geträumt. Er war wie berauscht. Seine Haare waren furchtbar schwarz, sein Gesicht weiß und rot, wie eine Maske, seine Nase lang, mit einem Höcker, richtig französisch, die Zähne weiß, die Augen schwarz. Er band den Kanarienvogel mit einem Faden an einen Zweig und gab jetzt auf nur eine Spanne Entfernung zwei Schüsse gegen ihn ab, und er zerstob zu hundert Federchen. Dann kehrten wir um, fuhren in ein Gasthaus, nahmen uns ein Zimmer und fingen zu essen und Champagner zu trinken an; dann kam eine Dame ... Ich war sehr erstaunt, weiß ich noch, wie elegant sie gekleidet war, sie trug ein grünes Seidenkleid. Da habe ich dann auch alles gesehen, wovon ich Ihnen sprach ... Und dann, als wir wieder zu trinken anfingen, begann er sie aufzuziehen und zu schimpfen; sie saß ohne Kleid da; er hatte ihr das Kleid weggenommen, und als sie anfing wieder zu schimpfen und um das Kleid zu bitten, schlug er sie aus voller Kraft mit der Peitsche über die nackten Schultern. Ich sprang auf, packte ihn bei den Haaren, und so geschickt, daß ich ihn mit einem Ruck zu Boden warf. Er ergriff eine Gabel und stach mich in den Schenkel. Und da stürzten auf meinen Schrei Leute herein, und es glückte mir, zu entkommen. Seit damals ist es mir ekelhaft, an nackte Weiber zu denken; und sie können sich drauf verlassen, sie war hübsch.« Während ich so erzählte, hatte sich der leichtfertige Ausdruck des Fürsten allmählich in einen tief traurigen verwandelt. »Mon pauvre enfant! Ich war schon immer der Überzeugung, daß deine Kindheit sehr viel traurige Tage gekannt hat!« »Machen Sie sich deswegen keine Sorgen, bitte.« »Aber du warst allein, das hast du mir selbst gesagt, und wenn auch dieser Lambert da war; und du hast das so beschrieben: dieser Kanarienvogel, diese Konfirmation mit Tränen und Umarmungen, und dann, ein lumpiges Jahr nachher, diese Geschichte von seiner Mutter und dem Abbé ... Oh, mon cher, diese Frage der Kinder ist zu unserer Zeit einfach fürchterlich: so lange diese Goldköpfchen mit ihren Locken und ihrer Unschuld, in der ersten Kindheit, um dich herflattern und dich mit hellem Lachen und hellen Augen anschauen, – dann ist dir, als wären es Engel Gottes oder reizende Vöglein; aber nachher ... aber nachher ist es manchmal so, daß es besser wäre, sie würden überhaupt nicht groß!« »Wie weichlich Sie sind, Fürst! Und als ob Sie selbst Kinder hätten. Sie haben ja doch keine Kinder und werden nie welche haben.« »Tiens!« Sein Gesicht wechselte plötzlich wieder den Ausdruck. »Da fällt mir gerade Alexandra Petrowna ein, – da war vorgestern, hehehe! – Alexandra Petrowna Sinizkaja, weißt du, – ich glaube, du mußt sie vor vielleicht drei Wochen hier gesehen haben, – also stell' dir vor, vorgestern sag' ich ihr so im Spaß, wenn ich jetzt heiraten würde, könnte ich wenigstens darüber beruhigt sein, daß ich keine Kinder bekäme, – und auf einmal sagte sie zu mir, und noch so recht boshaft: ›Ganz im Gegenteil, Sie bekommen welche: Leute wie Sie bekommen sicher welche, sogar schon im ersten Jahr, das werden Sie sehen.‹ Hehe! Und alle haben sie, weiß der Kuckuck warum, die Idee, daß ich auf einmal heiraten werde, aber wenn das auch recht boshaft gesagt war, du mußt mir zugeben, es war geistreich.« »Witzig, ja, aber beleidigend.« »Nun, cher enfant, man braucht sich wirklich nicht über alles und jedes gleich beleidigt zu fühlen. Ich schätze nichts höher, als den Witz, der sichtlich von Tag zu Tag mehr aus der Welt verschwindet, aber was Alexandra Petrowna so sagt – kann man das irgendwie schwer nehmen?« »Was, was haben Sie gesagt?« fiel ich ein: »nicht der erste beste kann einen ... So ist es! Nicht jeder ist es wert, daß man ihn überhaupt beachtet – das ist eine ausgezeichnete Regel! Das ist gerade, was ich brauche. Das schreib' ich mir auf. Ach, Fürst, oft sagen Sie so famose Sachen!« Er strahlte nur so. »N'est-ce pas? Cher enfant, der wahre Geist verschwindet, je länger, je mehr. Eh, mais ... C'est moi qui connaît les femmes! Glaub' mir, das Leben jeder Frau, mag sie verkünden, was sie will, ist ein ewiges Suchen, wie sie sich einem unterwerfen kann ... sozusagen, ein Durst nach Unterwürfigkeit. Und merk' dir das wohl – da gibt's keine Ausnahme.« »Sehr richtig, ausgezeichnet!« rief ich entzückt. Zu einer anderen Zeit wären wir sofort in stundenlange philosophische Erörterungen über dies Thema geraten, aber auf einmal gab es mir eine Art von Stich, und ich wurde feuerrot im Gesicht. Mir fiel ein, daß ich mich durch Lobsprüche für sein Bonmot bei ihm ja wegen des Geldes einschmeichelte, und daß er das nachher sicher meinen würde, wenn ich ihn darum bäte. Ich erwähne dies nicht ohne Absicht. »Fürst, ich bitte Sie ergebenst, mir sofort die fünfzig Rubel zu bezahlen, die Sie mir für diesen Monat schulden«, fuhr ich heraus, in einem Ton, der so gereizt war, daß man ihn hätte grob nennen können. Ich weiß noch (weil ich diesen ganzen Morgen bis zur kleinsten Kleinigkeit auswendig weiß), daß sich hierauf zwischen uns eine in ihrer realen Wahrheit recht häßliche Szene entspann. Er verstand mich zuerst überhaupt nicht, sah mich lange an und begriff nicht, von was für Geld ich eigentlich spräche. Natürlich hatte er ja nicht gedacht, ich bekäme Gehalt – wofür auch? Es ist allerdings wahr, er begann nachher zu versichern, er hätte es nur vergessen, und als er den Zusammenhang verstanden hatte, holte er schleunigst fünfzig Rubel hervor, aber er überhaspelte sich dabei und wurde sogar rot. Ich sah, wie die Sache stand, ich sprang auf und erklärte schneidend, jetzt könnte ich das Geld nicht mehr nehmen, man hätte mir augenscheinlich etwas von einem Gehalt erzählt, aus Versehen oder in betrügerischer Absicht, um mich zu bewegen, die Stellung anzunehmen, und ich sehe jetzt vollkommen ein, daß gar keine Veranlassung zu einer Bezahlung vorläge, weil ich nicht die geringste Arbeit geleistet hätte. Der Fürst erschrak und begann zu beteuern, ich hätte furchtbar viel geleistet, ich würde ihm noch viel mehr Dienste leisten, und fünfzig Rubel wären so lächerlich wenig, daß er mich im Gegenteil noch aufbessern wollte, denn er wäre dazu verpflichtet, und er selbst hätte das alles mit Tatjana Pawlowna so ausgemacht, aber »die ganze Sache unverzeihlicherweise wieder vergessen«. Ich brauste auf und erklärte endgültig, es würde eine Niedrigkeit von mir sein, ein Gehalt dafür zu nehmen, daß ich allerlei Skandalgeschichten erzählte, wie ich zwei Schleppen bis zu den Instituten nachgelaufen wäre, und ich wäre nicht als Lustigmacher bei ihm engagiert, sondern um etwas zu tun, und wenn er nichts für mich zu tun hätte, müßten wir eben ein Ende machen. Ich hatte mir nicht vorstellen können, daß ein Mensch so erschrecken könnte, wie er, als ich das sagte. Selbstverständlich war das Ende vom Lied, daß ich meinen Widerspruch aufgab und er mir die fünfzig Rubel aufdrängte; bis heute denke ich nur mit Erröten daran, daß ich sie annahm! In der Welt endet alles immer mit einer Gemeinheit, und das Schlimmste ist, daß er es damals fertig brachte, mir beinahe zu beweisen, ich hätte dies Geld unstreitig verdient, und ich besaß die Dummheit, es ihm zu glauben, und zudem war es mir gewissermaßen wirklich unmöglich, es nicht zu nehmen. »Cher, cher enfant!« rief er und umarmte und küßte mich (ich muß gestehen, ich selbst fing, weiß der Teufel warum, zu heulen an, nahm mich aber gleich wieder zusammen, und auch jetzt noch, da ich dies schreibe, steigt mir das Blut in die Wangen). – »Lieber Freund,« rief er »du bist mir wie ein lieber Angehöriger geworden; in diesem einen Monat bist du mir geradezu ans Herz gewachsen! In der ›Gesellschaft‹ ist alles ›Gesellschaft‹ und nichts weiter. Katerina Nikolajewna (seine Tochter) ist eine glänzende Frau, und ich bin stolz auf sie, aber, mein Lieber, oft, sehr, sehr oft, kränkt sie mich auch ... Na, und diese Mädel (elles sont charmantes) und ihre Mütter, die zum Namenstag herkommen, – na, die bringen eben nur ihren Canevas her, selbst wissen sie nichts zu sagen. Ich habe zirka sechzig Kissen mit ihrem Canevas darauf, und ewig Hunde und Hirsche. Ich hab' sie sehr gern, aber mit dir verkehre ich, wie mit einem nahen Angehörigen, – und nicht wie mit einem Sohn, sondern wie mit einem Bruder und besonders gern hab' ich es, wenn du mit mir diskutierst: du bist literarisch gebildet, du hast viel gelesen, du verstehst es, dich zu begeistern ...« »Ich habe nichts gelesen und bin durchaus nicht literarisch gebildet. Ich hab' nur gelesen, was mir gerade vorkam, und die letzten zwei Jahre hab' ich überhaupt nichts gelesen und will auch nichts mehr lesen.« »Warum denn nicht?« »Ich habe andere Ziele.« »Cher ... es wäre schade, wenn du dir am Ende deines Lebens sagen müßtest, wie ich: Je sais tout, mais je ne sais rien de bon. Ich weiß durchaus nicht, wozu ich auf Erden gelebt habe! Aber ... ich bin dir so zu Dank verpflichtet ... ich hab' sogar die Idee gehabt ...« Er brach plötzlich ganz sonderbar ab, sank in sich zusammen und fiel in Nachsinnen. Nach jeder Erregung (und Erregungen konnten ihm ganz momentan kommen, Gott weiß woher) verlor er in der Regel für einige Zeit den gesunden Zusammenhang im Denken und die Herrschaft über sich selbst; übrigens hatte er sich bald wieder in der Hand, so daß es weiter nichts machte. Wir saßen so vielleicht eine Minute. Seine sehr volle Unterlippe hing kraftlos herab ... am meisten hatte es mich gewundert, daß er auf einmal von seiner Tochter gesprochen hatte, und dazu mit einer solchen Offenherzigkeit. Ich schrieb es natürlich seiner Zerstreutheit zu. »Cher enfant, du bist mir doch nicht böse, weil ich ›du‹ zu dir sage, nicht wahr?« riß es sich plötzlich aus ihm los. »Nicht im geringsten. Ich gestehe, anfangs, die ersten Male, war ich etwas gekränkt und wollte zu Ihnen auch ›du‹ sagen, aber ich sah ein, daß das dumm wäre, denn Sie duzen mich ja nicht, um mich zu beleidigen.« Er hörte schon nicht mehr zu und hatte seine Frage vergessen. »Nun, was macht denn dein Vater ?« sagte er auf einmal und erhob seinen sinnenden Blick zu mir. Ich erzitterte nur so. Erstens bezeichnete er Wersilow als meinen Vater , – was er sich mir gegenüber noch nie erlaubt hatte, und zweitens fing er von Wersilow zu sprechen an, was noch nie passiert war. »Er sitzt ohne Geld da und fängt Grillen«, antwortete ich kurz, dabei brannte ich aber selbst vor Neugierde. »Ja, das Geld! Heute wird ihre Sache vor dem Bezirksgericht entschieden, und ich erwarte Fürst Seriosha; was er wohl für eine Nachricht bringen wird? Er hat mir versprochen, direkt vom Gericht zu mir zu kommen. Da hängt nun ihr ganzes Schicksal dran; es sind sechzig- oder achtzigtausend Rubel. Selbstverständlich habe ich auch Andrej Petrowitsch (das heißt, Wersilow) immer alles Gute gewünscht, und er wird ja wohl auch gewinnen, und die Fürsten haben das Nachsehen. Gesetz ist Gesetz.« »Heute auf dem Gericht?« rief ich erstaunt. Der Gedanke, daß Wersilow es selbst hier nicht für nötig gehalten hatte, mir etwas zu sagen, setzte mich äußerst in Erstaunen. »Also hat er es auch wohl der Mutter nicht gesagt, und vielleicht keinem Menschen?« malte ich mir sofort aus. »Was für ein Charakter!« »Aber ist denn Fürst Sokolskij in Petersburg?« Dieser zweite Gedanke durchzuckte mich plötzlich. »Seit gestern. Direkt aus Berlin, extra wegen heute.« Auch das war eine für mich sehr wichtige Nachricht. »Und er kommt heute hierher, dieser Mensch, der ihn geohrfeigt hat!« »Na, sag' mal,« sagte der Fürst mit plötzlich verwandeltem Ausdruck, »spielt er noch immer den Propheten Gottes, wie damals, und, und ... du erlaubst schon, ist er noch immer hinter den Mädeln her, den Mädeln, die noch nicht flügge sind? He, he! da wird auch jetzt wieder eine äußerst lustige Anekdote kolportiert ... Hehe!« »Prophet? Wer? Wer ist hinter den Mädeln her?« »Andrej Petrowitsch! Wirst du's mir glauben? Damals hat er uns allen zugesetzt: was wir essen, woran wir denken! – Das heißt, beinahe so. Er machte uns Vorwürfe und predigte uns Buße: ›Wenn du religiös bist, warum gehst du nicht ins Kloster?‹ Er verlangte das beinah von einem. Mais quelle idée! Und mag es auch richtig sein, es ist doch wohl etwas gar zu streng? Und gerade mir drohte er mit Vorliebe mit dem Jüngsten Gericht, mir am allermeisten.« »Ich habe nichts dergleichen bemerkt, und ich bin doch schon einen Monat mit ihm zusammen«, erwiderte ich, während ich voll Ungeduld horchte. – Ich ärgerte mich fürchterlich, daß er sich nicht zusammennahm und so ohne Faden daherredete. »Jetzt sagt er das bloß nicht, aber du kannst mir glauben, so war es. Er ist unstreitig ein sehr gescheiter Mensch, und sehr unterrichtet; aber ist dieser Verstand so recht in Ordnung? Das kam alles, nachdem er die drei Jahre im Ausland gewesen war. Ich muß gestehen, er hat mich sehr erschüttert ... und alle Welt hat er erschüttert ... Cher enfant, j'aime le bon Dieu ... Ich bin gläubig, gläubig, so gut ich kann, – aber damals kam ich tatsächlich ganz aus dem Häuschen. Es mag ja sein, daß meine Art etwas leichtfertig war, aber das hab' ich absichtlich getan, im Ärger, – und zudem war das Wesen meiner Entgegnung ebenso ernsthaft, wie es vom Beginn der Welt gewesen ist: ›Wenn es ein höheres Wesen gibt,‹ sag' ich zu ihm, ›wenn es eins gibt, und es existiert persönlich, und nicht in Gestalt eines Geistes, der über die ganze Schöpfung gegossen ist, wie eine Flüssigkeit etwa (weil dies noch schwerer zu begreifen ist), – wo wohnt Er denn?‹ Lieber Freund, c'était bête, zweifellos, aber schließlich laufen doch alle Entgegnungen in der Sache hierauf heraus. Un domicile –das ist eine wichtige Sache. Er wurde furchtbar böse. Er ist da unten auch zum Katholizismus übergetreten.« »Von dieser Geschichte habe ich auch schon gehört. Ich bin überzeugt, das ist alles Blödsinn.« »Ich versichere es dir bei allem, was mir heilig ist. Schau ihn nur richtig an ... Übrigens sagst du ja, er hätte sich geändert. Na, damals hat er uns alle gepeinigt! Glaube mir, er benahm sich, als ob er ein Heiliger wäre und seine Knochen Reliquien. Er verlangte von uns Rechenschaft über unsern Lebenswandel, ich schwör' es dir! Reliquien! En voila une autre! Ja, wenn's ein Mönch oder ein Einsiedler gewesen wäre, – aber da läuft einer im Frack herum ... und auf einmal will er aus Reliquien zusammengesetzt sein! Eine sonderbare Idee für einen Mann von Welt, und, ich muß gestehen, ein sonderbarer Geschmack. Ich will gar nichts dagegen sagen, das sind alles heilige Sachen, und schließlich kann alles vorkommen ... Außerdem ist das: alles de l'inconnu, aber für einen Mann von Welt ist es geradezu unpassend. Wenn mir so etwas passierte, oder wenn man mir das vorschlüge, ich würde mich einfach weigern. Also, ich speise heute im Klub, und auf einmal bin ich – eine Reliquie ? Ich mach' mich ja lächerlich! Das hab' ich ihm damals alles auseinandergesetzt ... Er trug sogar Büßerketten auf dem Leibe.« Ich wurde vor Zorn feuerrot im Gesicht. »Haben Sie die selbst gesehen?« »Ich selbst nicht, aber ...« »So kann ich Ihnen nur sagen, daß das alles Lügen sind, ein Gewebe von widerwärtigen Ränken und Verleumdungen seiner Feinde, das heißt, eines Feindes, des unmenschlichen Hauptfeindes, denn er hat nur einen Feind: und das ist Ihre Tochter.« Jetzt war die Reihe, aufzubrausen, am Fürsten. »Mon cher, ich bitte dich, und zwar aufs dringlichste, in Zukunft mir gegenüber nie wieder den Namen meiner Tochter in Verbindung mit dieser ekelhaften Geschichte in den Mund zu nehmen.« Ich sprang auf. Er war außer sich; sein Kinn zitterte. »Cette histoire infâme! ...« fing er wieder an, »ich habe sie nicht geglaubt, ich hab' sie nicht glauben wollen, aber ... man sagt mir: glaub' es, glaub' es, ich ...« Da kam auf einmal der Diener und meldete Besuch; ich setzte mich wieder.   4 Zwei Damen traten ein, beides junge Mädchen, die eine war eine Stieftochter eines Vetters der verstorbenen Frau des Fürsten, oder so was Ähnliches, eine seiner Pflegetöchter, der er ihre Mitgift schon herausbezahlt hatte und die (ich bemerke das für späterhin) auch selbst nicht mittellos war; die zweite war Anna Andrejewna Wersilowa, Wersilows Tochter, drei Jahre älter als ich; sie lebte mit ihrem Bruder bei der Fanariotowa, und ich hatte sie bisher in meinem Leben nur ein einziges Mal gesehen, ganz flüchtig auf der Straße, obschon ich mit ihrem Bruder, allerdings auch ganz flüchtig, schon in Moskau eine Affäre gehabt hatte (es ist sehr möglich, daß ich späterhin etwas von dieser Affäre erwähne, wenn ich Raum dafür habe, denn eigentlich ist es der Mühe nicht wert). Diese Anna Andrejewna war in ihren Kinderjahren eine besondere Favoritin des Fürsten gewesen (Wersilows Bekanntschaft mit dem Fürsten datierte schon ungeheuer weit zurück). Ich war noch so verwirrt von dem, was soeben geschehen war, daß ich bei ihrem Eintritt nicht einmal aufstand, obgleich der Fürst sich erhob und ihnen entgegenging; nachher dachte ich mir, jetzt wäre es schon genierlich, aufzustehen, und blieb sitzen. Der Hauptgrund war, daß ich mich so vor den Kopf gestoßen fühlte, weil der Fürst mich vor drei Minuten so angeschrien hatte, und noch nicht wußte, ob ich fortgehen sollte oder nicht. Aber der alte Herr hatte schon alles absolut vergessen, wie es so seine Mode war, und hatte sich ganz freudig belebt, als er die beiden jungen Mädchen sah. Er hatte sogar, mit schnell verwandeltem Ausdruck und einem gewissen geheimen Blinzeln, Zeit gefunden, mir direkt vor ihrem Eintritt hastig zuzuwispern: »Schau dir die Olympia an, schau sie dir ganz genau an, ganz genau ... ich erzähl' dir nachher, warum ...« Ich sah sie mir recht genau an und fand nichts Besonderes: es war ein junges Mädchen von mittlerer Größe, dicklich und mit außerordentlich roten Backen. Ihr Gesicht war übrigens ziemlich angenehm, von der Sorte, wie sie den Materialisten gefällt. Es lag vielleicht ein Zug von Güte darin, aber dies mit einer gewissen Einschränkung. Durch besondere Intelligenz glänzte es nicht, aber nur, wenn man das Wort im höheren Sinn anwendet, denn die Schlauheit las man ihr in den Augen. Sie war höchstens neunzehn. Mit einem Wort, nichts irgendwie Bemerkenswertes. Bei uns im Gymnasium hätte man sein Urteil dahin zusammengefaßt: ein gutes Kissen, (Wenn ich so sehr in die Details eingehe, so geschieht das nur, weil ich das für später nötig habe.) Übrigens möchte ich bemerken: alles, was ich bis jetzt mit scheinbar überflüssiger Ausführlichkeit erzählt habe, – das alles führt aufs Zukünftige und wird sich dort als notwendig erweisen. An seiner Stelle komme ich auf alles zurück; vermeiden konnte ich es nicht; wem es langweilig erscheint, den bitte ich, es nicht zu lesen. Ein ganz anderes Wesen war Wersilows Tochter. Sie war groß, sogar ein bißchen hager; das Gesicht länglich und auffallend blaß, ihr Haar schwarz und üppig; große, dunkle Augen, ein tiefer Blick; schmale purpurrote Lippen, ein frischer Mund. Sie war die erste Frau, die mir durch ihren Gang keinen Ekel eingeflößt; übrigens war sie schlank und mager. Ihr Gesichtsausdruck war nicht besonders gutmütig, dafür aber selbstbewußt; sie war zweiundzwanzig. Fast keine Spur von äußerer Ähnlichkeit in den Zügen mit Wersilow, dabei aber, ganz wunderlich, eine außerordentliche Ähnlichkeit im Ausdruck ihres Gesichtes. Ich weiß nicht, ob sie hübsch ist; das ist Geschmackssache. Sie waren beide sehr bescheiden gekleidet, so daß es sich nicht verlohnt, näheres darüber zu sagen. Ich erwartete sofort durch irgendeinen Blick oder eine Geste von Fräulein Wersilowa beleidigt zu werden und bereitete mich darauf vor; hatte mich doch ihr Bruder in Moskau gleich bei unserer ersten Berührung in diesem Leben beleidigt. Von Angesicht konnte sie mich nicht kennen, aber sie hatte natürlich gehört, daß ich täglich zum Fürsten käme. Alles, was der Fürst unternahm und tat, erweckte in diesem ganzen Haufen von Verwandten und »Aspirantinnen« Interesse und wurde als ein Ereignis angesehen, – um so mehr natürlich die plötzliche große Zuneigung des Fürsten zu mir. Ich wußte zuverlässig, daß der Fürst sich sehr für Anna Andrejewnas Zukunft interessierte und einen Bräutigam für sie suchte. Aber es war schwerer für das Fräulein Wersilowa einen Bräutigam zu finden, als für die Damen, die auf Canevas stickten. Und siehe da, es kam ganz anders, als ich erwartet hatte. Fräulein Wersilowa schüttelte dem Fürsten die Hand und wechselte ein paar lustige weltläufige Phrasen mit ihm, dann schaute sie äußerst neugierig auf mich, und als sie sah, daß ich sie auch anschaute, grüßte sie mich plötzlich mit einem Lächeln. Es ist ja richtig, sie war gerade gekommen und begrüßte mich als neuer Ankömmling, aber ihr Lächeln war so liebenswürdig, daß man merken konnte, sie hatte sich das schon vorher vorgenommen. Und ich weiß noch, ich hatte ein sehr angenehmes Gefühl dabei. »Und das ... und das ist mein lieber junger Freund Arkadij Andrejewitsch Dol...« stammelte der Fürst, der bemerkt hatte, daß sie mich begrüßte, daß ich aber noch immer saß, – aber auf einmal brach er ab: vielleicht machte ihn der Gedanke verwirrt, daß er mich mit ihr bekannt machen sollte (denn in Wirklichkeit waren wir ja Bruder und Schwester). Das »Kissen« begrüßte mich gleichfalls; ich aber brauste plötzlich höchst albernerweise auf und fuhr von meinem Stuhl empor: ein Anfall von künstlich gesteigertem, gänzlich sinnlosem Stolz; alles nur aus Eitelkeit. »Entschuldigen Sie, Fürst, ich ... ich heiße nicht Arkadij Andrejewitsch, sondern Arkadij Makarowitsch«, fiel ich ihm schneidend ins Wort, ohne daran zu denken, daß ich doch die Begrüßung der Damen erwidern mußte. Wenn doch der Teufel diese peinliche Minute geholt hätte! »Mais ... tiens!« rief der Fürst und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Wo haben Sie Ihre Ausbildung genossen?« erscholl vor mir die dümmliche und gedehnte Frage des Kissens, das direkt auf mich zugetreten war. »In Moskau, auf dem Gymnasium.« »Ach ja! Ich hab' schon davon gehört. Und ist es da nett?« »Sehr nett.« Ich stand noch immer und sprach wie ein Soldat, der eine Meldung macht. Die Fragen dieses jungen Mädchens waren zweifellos nicht sehr geistvoll, aber immerhin mühte sie sich doch, meinen dummen Ausbruch zu vertuschen, und dem Fürsten in seiner Verlegenheit zu helfen, der übrigens derweil schon mit lustigem Lächeln zuhörte, wie ihm Fräulein Wersilowa irgend etwas Lustiges ins Ohr wisperte, – es bezog sich augenscheinlich nicht auf mich. Aber es war die Frage: warum wirft sich dieses junge Mädchen, das ich gar nicht kenne, dazu auf, meinen dummen Ausbruch zu vertuschen? Und zugleich konnte ich mir gar nicht vorstellen, daß sie sich so ganz ohne Grund an mich gewandt hätte: da steckte irgendeine Absicht dahinter. Sie schaute mich gar zu neugierig an, ganz, als wünschte sie, ich möchte sie auch möglichst viel bemerken. Das alles habe ich mir dann später kombiniert und – mich nicht getäuscht. »Was, also heute?« rief der Fürst plötzlich und sprang auf. »Haben Sie denn das nicht gewußt?« sagte Fräulein Wersilowa erstaunt. »Olympia, der Fürst wußte gar nicht, daß Katerina Nikolajewna heute ankommen wollte. Wir wollten sie ja besuchen, wir dachten, sie wäre schon mit dem Frühzug gekommen und längst zu Hause. Gerade eben haben wir sie unten an der Treppe getroffen: sie kam direkt von der Bahn und sagte, wir sollten nur zu Ihnen hinaufgehen, sie käme auch gleich ... Da ist sie ja schon!« Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und – jene Frau trat ein . Ich kannte ihr Gesicht schon, von dem wundervollen Porträt, das im Kabinett des Fürsten hing. Jetzt war ich nur drei Minuten mit ihr im Kabinett zusammen und wandte auch nicht eine Sekunde die Augen von ihrem Gesicht. Aber wenn ich das Porträt nicht gekannt hätte, und man hätte mich nach diesen drei Minuten gefragt: »Wie sieht sie aus?« – ich wäre nickt imstande gewesen, eine Antwort zu geben, so umwölkt hatte sich alles in mir. Ich erinnere mich nach diesen drei Minuten nur einer wirklich schönen Frau, die der Fürst küßte, während er ein Kreuz über sie schlug, und die mich auf einmal mit einem schnellen Blick zu fixieren begann, – fast im gleichen Moment als sie eingetreten war. Ich hörte deutlich, wie der Fürst, indem er ganz offen mit der Hand auf mich deutete, irgend etwas von dem neuen Sekretär murmelte und meinen Namen nannte, dabei schlug er eine Art von kleiner Lache auf. Sie rümpfte in ganz besonderer Art die Nase, musterte mich mit einem bösen Blick und lächelte so dreist, daß ich unwillkürlich einen plötzlichen Schritt machte, auf den Fürsten zutrat und zu stammeln anfing, ohne ein Wort zu Ende zu bringen; dabei zitterte ich schrecklich und klapperte, glaub' ich, mit den Zähnen. »Jetzt will ich ... ich habe zu tun ... Ich gehe.« Und ich drehte mich um und ging. Keiner sagte ein Wort zu mir, nicht einmal der Fürst; alle schauten mich nur an. Später hat mir der Fürst gesagt, ich wäre so bleich geworden, daß er einfach »Angst gekriegt« hätte. Das war nun allerdings ganz überflüssig! Drittes Kapitel   1 Es war wirklich ganz überflüssig: denn eine höhere Erwägung verschlang alle Kleinigkeiten, und ein mächtiges Gefühl entschädigte mich für alles andere. Ich verließ das Zimmer in einer Art von Verzückung. Als ich auf die Straße trat, hätte ich am liebsten laut zu singen angefangen. Und der Morgen war herrlich, recht wie zu meiner Stimmung gemacht, Sonne, viele Menschen, Lärm, Bewegung, Fröhlichkeit, Gedränge. – Ja, hatte mich denn diese Frau nicht beleidigt? Von wem hätte ich mir solch einen Blick und so ein dreistes Lächeln gefallen lassen, ohne sofort zu protestieren, und wäre es auch auf die dümmste Weise gewesen, – das ist ja ganz egal? Ich bitte zu beachten, daß sie schon mit der Absicht gekommen war, mich, den sie noch nie gesehen hatte, möglichst schnell zu beleidigen: in ihren Augen war ich nur der »heimliche Abgesandte Wersilows«, und sie war damals wie noch lange nachher überzeugt davon, daß Wersilow ihr ganzes Schicksal in Händen hielte und ein Mittel hätte, sie sofort zu ruinieren, sobald er nur wollte, durch ein Dokument; wenigstens vermutete sie das. Hier galt es einen Zweikampf auf Leben und Tod. Und siehe da – ich war nicht beleidigt! Die Beleidigung war geschehen, ich hatte sie aber nicht empfunden! Im Gegenteil! Ich war sogar froh; ich war hergekommen, um sie zu hassen, jetzt fühlte ich sogar, daß ich sie zu lieben anfing. »Ich weiß nicht, ob eine Spinne die Fliege hassen kann, auf die sie zielt, und die sie zu fangen sucht? Liebe kleine Fliege! Ich glaube, man liebt sein Opfer: wenigstens kann man es lieben. Ich wenigstens liebe meinen Feind: ich freue mich zum Beispiel sehr, daß sie so schön ist. Ich freue mich riesig, daß Sie so hochnäsig und majestätisch sind, gnädige Frau: wenn Sie friedfertiger wären, hätte ich nicht solchen Genuß davon. Sie haben mich angespuckt, aber ich triumphiere; und wenn Sie mir tatsächlich, mit wirklichem Speichel, ins Gesicht gespuckt hätten, so wäre ich sicherlich auch nicht wütend geworden; denn Sie sind – mein Opfer, meins , und nicht seins . Wie wohlig ist dieser Gedanke! Nein, geheimes Machtbewußtsein ist unendlich viel reizvoller, als offene Herrschaft! Wenn ich ein Krösus mit hundert Millionen wäre, ich glaube, ich würde meinen höchsten Genuß darin finden, in recht schäbigen Kleidern herumzulaufen und mich für einen ganz armen und elenden Menschen halten zu lassen, dem man beinahe ein Almosen geben möchte, mich puffen und verachten zu lassen: ich hätte an dem Bewußtsein ganz allein genug.« So ungefähr könnte ich meine damaligen Gedanken in Worte kleiden, und meine Freude, und viel von dem, was ich fühlte. Ich möchte nur noch erwähnen, daß das hier, in den Worten, die ich soeben geschrieben habe, leichtfertiger herausgekommen ist: in Wahrheit war ich tiefer und keuscher. Mag sein, daß ich auch jetzt vor mir selber keuscher bin, als es in meinen Worten und Taten an den Tag tritt; Gott gebe es! Vielleicht war es gar nicht gut, daß ich mich zum Schreiben hingesetzt habe: in mir bleibt unermeßlich viel mehr zurück, als in meinen Worten herauskommt. Dein Gedanke, und mag er auch töricht sein, ist immer tiefer, solange er in deinem Innern bleibt, und wird lächerlicher und ehrloser, sobald du ihn in Worte faßt. Wersilow hat mir gesagt, daß das genaue Gegenteil nur bei schlechten Menschen stattfindet. Die lügen nur, sie haben es leicht; ich aber mühe mich, die ganze Wahrheit niederzuschreiben – das ist furchtbar schwer!   2 An diesem neunzehnten September unternahm ich noch einen »Schritt«. Zum erstenmal, seit ich hier war, hatte ich Geld in der Tasche, denn meine während zweier Jahre zusammengesparten sechzig Rubel hatte ich meiner Mutter gegeben, wie ich früher schon erwähnt; aber schon vor einigen Tagen hatte ich beschlossen, an dem Tage, da ich mein Gehalt empfinge, eine »Probe« zu machen, von der ich schon lange träumte. Tags zuvor hatte ich mir schon eine Adresse aus der Zeitung ausgeschnitten – die »Bekanntmachung des Gerichtsvollziehers beim St. Petersburger Bezirksgericht« usw. usw., daß, am 19. September a. c. mittags zwölf Uhr, im Kasaner Viertel, in dem und dem Bezirk usw. usw., im Hause Nummer so und so, die Versteigerung der beweglichen Habe der Frau Lebrecht stattfinde, und daß »das Verzeichnis und die Schätzungsziffern der unter den Hammer kommenden Gegenstände, sowie diese selbst am Versteigerungstage eingesehen werden könnten« usw. usw. Es war kurz nach zwei. Ich eilte zu Fuß nach der bezeichneten Gegend. Seit drei Jahren schon benutze ich nie eine Droschke, – ich habe mir das Wort darauf gegeben (sonst hätte ich mir jene sechzig Rubel nicht ersparen können). Ich war noch nie zu einer Auktion gegangen, ich hatte mir das noch nicht erlaubt ; und wenn der »Schritt«, den ich heute tun wollte, auch nur ein Versuch sein sollte, so hatte ich mich doch seit langem entschlossen, ihn erst dann zu machen, wenn ich mit dem Gymnasium fertig wäre, wenn ich mit allem gebrochen und mich in meiner Schale verschanzt hätte und vollkommen frei wäre. Es ist ja richtig, ich war noch nicht im entferntesten in meiner »Schale«, und ich war bei weitem noch nicht frei, aber ich hatte ja beschlossen, den Schritt nur zu tun, um einmal eine Probe zu machen, – nur so, um einmal zu sehen, wie es war, fast nur, um gleichsam davon zu träumen, und nachher wollte ich, vielleicht auf lange, nichts dergleichen mehr unternehmen, bis die Zeit gekommen wäre, wo es ernsthaft anfinge. Für jedermann war dies nur eine kleine dumme Auktion, für mich aber der erste Balken von dem Schiffe, auf dem Kolumbus ausfuhr, um Amerika zu entdecken. Das etwa waren die Gefühle, die ich damals hatte. Als ich angelangt war, ging ich in die Tiefe des Hofes vor dem Hause, das in der Bekanntmachung bezeichnet war, und betrat die Wohnung der Frau Lebrecht. Die Wohnung bestand aus einem Entree und vier kleinen und niedrigen Zimmern. Im ersten Zimmer standen viele Leute, es können leicht dreißig gewesen sein; davon bot etwa die Hälfte mit, die andern waren, soviel ich nach ihrem Aussehen beurteilen konnte, nur neugierige Zuschauer, oder Liebhaber, oder Beauftragte der Lebrecht; es waren da Trödler und Juden, die sich auf die Goldsachen spitzten, und auch einige Leute aus der »saubergekleideten« Bevölkerungsklasse. Sogar die Gesichter einiger von diesen Herrschaften haben sich meinem Gedächtnis eingeprägt. In dem Zimmer zur Rechten, dessen Flügeltür offenstand, war direkt an die Tür ein Tisch geschoben, so daß man in dies Zimmer nicht hineinkonnte: dort befanden sich die vorher näher beschriebenen, »zum Verkauf gestellten« Sachen. Links lag ein anderes Zimmer, aber die Tür war geschlossen, öffnete sich aber jeden Augenblick ein klein wenig, und man sah, daß jemand herausschaute – wahrscheinlich eins von den zahlreichen Familienmitgliedern der Frau Lebrecht, der die ganze Geschichte natürlich äußerst peinlich war. Hinter dem Tisch an der Tür, das Gesicht zum Publikum gewandt, saß der Herr Gerichtsvollzieher und versteigerte die Sachen. Als ich kam, war die Versteigerung schon zur Hälfte vorbei – ich drängte mich gleich bis an den Tisch durch. Es waren gerade ein paar Bronzeleuchter an der Reihe. Ich schaute mich um. Ich schaute mich um und fing gleich an zu überlegen, was ich hier kaufen könnte? Und was ich wohl jetzt mit ein paar Bronzeleuchtern anfangen würde, und ob ich mein Ziel erreichen würde, und ob man es wohl so machen müßte, und ob meine Spekulation wohl glücken würde? Und ob meine Spekulation nicht kindisch wäre? Das alles überlegte ich mir und wartete. Es war das Gefühl, wie's einer vor dem Spieltisch in dem Augenblick hat, wo er seine Karte noch nicht gesetzt hat; aber er ist gekommen, um zusetzen: »Wenn ich mag, setz' ich, wenn ich mag, geh' ich, – es ist mein freier Wille.« Das Herz pocht einem dann noch nicht, aber sein Schlag stockt ein klein wenig, und es zittert, – ein Gefühl, das schon seinen Reiz hat. Aber sehr bald fängt die Unentschlossenheit an, einem unbehaglich zu werden, man wird gleichsam blind: man streckt die Hand aus, ergreift eine Karte, aber ganz mechanisch, als führte einem ein anderer die Hand; endlich hat man sich entschlossen und setzt, – dann ist das Gefühl auf einmal ganz verändert, ein ungeheures Gefühl. Ich spreche hier nicht von Auktionen im allgemeinen, ich spreche nur von mir selber: wer sonst könnte denn auf einer Auktion Herzklopfen bekommen? Es waren da Leute, die sich erhitzten, Leute, die schwiegen und warteten, Leute, die etwas erstanden und es nachher bereuten. Ich muß sogar sagen, ich hatte nicht das geringste Mitgefühl mit einem Herrn, der aus Versehen, weil er sich verhört hatte, eine Sahnenkanne aus Alfenide für eine silberne kaufte und statt zwei Rubel fünf bezahlen mußte, es machte mir im Gegenteil Spaß. Der Gerichtsvollzieher wechselte mit den Sachen ab: nach den Leuchtern kamen ein Paar Ohrringe an die Reihe, nach den Ohrringen ein gesticktes Saffiankissen, danach eine Schatulle, – wahrscheinlich, um etwas Abwechslung hineinzubringen, oder auf Wünsche hin, die von einzelnen Bietern geäußert worden waren. Ich stand so etwa zehn Minuten da, dachte erst an das Kissen, dann an die Schatulle, aber im entscheidenden Moment schnappte ich jedesmal ab: diese Gegenstände schienen mir gänzlich unmöglich. Endlich hatte der Gerichtsvollzieher ein Album in der Hand. »Ein Stammbuch, Einband aus rotem Saffian, gebraucht, mit Aquarell- und Tuschzeichnungen, in einem geschnitzten Elfenbeinfutteral mit silbernen Beschlägen – zwei Rubel!« Ich trat näher heran: das Ding sah ja fein aus, aber die Elfenbeinschnitzerei war an einer Stelle beschädigt. Ich war der einzige, der es besah, alles schwieg; ich hatte keine Konkurrenten. Ich hätte die Schließen öffnen und das Stammbuch aus dem Futteral nehmen können, um den Gegenstand genau zu besichtigen, aber ich übte dieses Recht nicht aus, ich machte nur eine gleichgültige Handbewegung, aber meine Hand zitterte dabei: »das ist ja ganz gleich.« »Zwei Rubel fünf Kopeken«, sagte ich, ich glaube, mit klappernden Zähnen. Es wurde mir zugeschlagen. Ich holte sofort mein Geld heraus, zahlte, nahm das Album und zog mich in eine Ecke des Zimmers zurück; dort nahm ich es aus dem Futteral und begann es fieberhaft und flüchtig zu durchblättern: wenn man vom Futteral absah, war es der größte Schund von der Welt, – ein Büchlein im Format eines kleinen Bogens Briefpapier, nur dünn, mit verschlissenem Goldschnitt, – genau der Typus, wie er in früheren Zeiten bei den jungen Mädchen üblich war, die gerade das Institut verlassen hatten. Bildchen in Tusche und bunten Farben, ein Tempel auf einem kleinen Berg, Amoretten, ein Teich, auf dem Schwäne schwammen, und Vers: »Lebt wohl auf lange, meine Lieben, Ich muß nun in die Ferne gehn, Ein einziger Trost ist mir geblieben, Das kleine Wort: auf Wiedersehn!« (Ich weiß nicht, warum das so in meinem Gedächtnis haften geblieben ist.) Ich kam zu dem Schlusse, daß ich »hereingefallen« wäre; wenn es etwas gab, das kein Mensch brauchen konnte, war es dies Ding. »Macht nichts,« dachte ich kurz entschlossen, »auf die erste Karte muß man unbedingt verlieren; das ist sogar eine gute Vorbedeutung.« Ich war entschieden vergnügt. »Ach, ich bin zu spät gekommen; Sie haben es? Sie haben es gekauft?« klang plötzlich neben mir die Stimme eines Herrn in blauem Paletot, der stattlich aussah und gut gekleidet war. Er war zu spät gekommen. »Ich bin zu spät gekommen. Ach, wie schade! Für wieviel?« »Zwei Rubel fünf Kopeken.« »Ach, wie schade! Würden Sie es mir nicht abtreten?« »Kommen Sie mit«, flüsterte ich ihm zu, und mein Herzschlag stockte. Wir gingen auf die Treppe hinaus. »Ich gebe es Ihnen für zehn Rubel«, sagte ich und fühlte, wie es mir kalt im Rücken wurde. »Zehn Rubel! Lieber Gott, was denken Sie!« »Wenn Sie nicht wollen –« Er verschlang mich förmlich mit den Augen: ich war gut gekleidet: ich sah nicht entfernt einem Juden oder einem Trödler ähnlich. »Um Gottes willen, das ist aber doch nur ein schäbiges altes Album, wer kann das brauchen? Das Futteral ist doch, bei Licht besehen, nichts wert, Sie glauben doch nicht, daß Sie einen Käufer dafür finden?« »Sie wollen es ja kaufen.« »Ja, aber doch aus einem ganz besonderen Grund, ich habe erst gestern davon erfahren: es gibt doch sonst niemanden, der es kaufen würde! Was denken Sie denn?« »Ich hätte eigentlich fünfundzwanzig Rubel verlangen sollen, aber da ich dabei immerhin riskierte, Sie könnten von dem Handel zurücktreten, so habe ich der Sicherheit halber nur zehn verlangt. Ich lasse keine Kopeke herunter.« Ich drehte mich um und ging. »Ich geb' Ihnen vier Rubel,« mit diesen Worten holte er mich schon auf dem Hofe ein, »also, fünf.« Ich sagte nichts und ging weiter. »Na, dann also!« Er zog zehn Rubel aus der Tasche, ich gab ihm das Album. »Aber Sie werden mir zugeben, daß das nicht ehrlich ist! Zwei Rubel und zehn – nicht wahr?« »Wieso nicht ehrlich? Das ist eben der Markt!« »Was heißt Markt?« (Er wurde wütend.) »Wo eine Nachfrage ist, da ist auch ein Markt; – wenn Sie nicht gekommen wären, ich hätte nicht einmal vierzig Kopeken dafür gekriegt. Ich hätte beinah laut herausgelacht und war doch ganz ernst, aber innerlich lachte ich, – nicht, daß ich vor Entzücken gelacht hätte, ich weiß selbst nicht weshalb, ich kam dabei etwas außer Atem. »Hören Sie,« fuhr es mir unaufhaltsam heraus, aber ich sprach in freundschaftlichem Ton und hatte ihn dabei furchtbar lieb: »hören Sie mal: der verstorbene James Rothschild, der Pariser, wissen Sie, der tausendsiebenhundert Millionen Franken hinterlassen hat (er nickte mit dem Kopf), also dieser Rothschild erfuhr, er war damals noch jung, zufällig ein paar Stunden früher als alle anderen von der Ermordung des Herzogs von Berry; er machte gewissen Leuten Mitteilung davon und verdiente durch diesen einen Schlag in einem Augenblick ein paar Millionen – so machen es solche Leute!« »Sie sind wohl der Rothschild, was?« schrie er mich unwillig an, als hielte er mich für einen Narren. Ich entfernte mich schnell. Der eine Schritt – und ich hatte sieben Rubel fünfundneunzig verdient! Dieser Schritt war ganz sinnlos gewesen, das reinste Kinderspiel, das geb' ich gern zu, aber ganz einerlei, er war doch mit meinem Gedanken zusammengefallen und mußte mich ungeheuer tief erregen ... Es hat übrigens keinen Zweck, Gefühle schildern zu wollen. Der Zehnrubelschein steckte in meiner Westentasche, ich steckte zwei Finger hinein, um ihn zu fühlen – und so ging ich weiter, ohne die Hand herauszuziehen. Als ich etwa hundert Schritte auf der Straße gegangen war, zog ich den Schein heraus, um ihn anzusehen, ich sah ihn an und wollte ihn küssen. Vor die Tür eines Hauses rasselte auf einmal eine Equipage: der Portier öffnete die Tür, und aus dem Hause trat eine Dame, um in den Wagen zu steigen, sie war hochgewachsen, jung, hübsch, reich, in Seide und Samt, mit einer zwei Ellen langen Schleppe. Plötzlich glitt ihr ein hübsches, kleines Portefeuille aus der Hand und fiel auf die Erde; sie stieg ein; der Diener bückte sich, um das kleine Ding aufzuheben, aber ich sprang schnell hinzu, hob es auf und überreichte es der Dame, dabei zog ich meinen Hut. (Einen Zylinderhut, ich war gut gekleidet, wie ein feiner junger Mann!) Die Dame sagte gehalten, aber mit dem freundlichsten Lächeln: »Merci, m'sieu.« Die Equipage rasselte davon. Ich küßte meinen Zehnrubelschein.   3 Ich mußte an jenem Tage auch noch Jefim Sweriow aufsuchen, einen früheren Schulkameraden von mir, der seinerzeit das Gymnasium verlassen und nach Petersburg gegangen war, um dort eine höhere Fachschule zu besuchen. Ihn persönlich näher zu beschreiben, ist der Mühe nicht wert, und eigentlich freundschaftlich hatte ich mich nie mit ihm gestanden; aber in Petersburg hatte ich ihn aufgesucht; er konnte mir (infolge verschiedener Umstände, die auch nicht erwähnenswert sind) die Adresse eines gewissen Herrn Kraft mitteilen, sobald dieser aus Wilna zurückgekehrt sein würde, und dies war ein Mensch, den ich sehr nötig hatte. Und jetzt erwartete Sweriow ihn heute oder morgen zurück, das hatte er mich vor zwei Tagen wissen lassen. Mein Weg führte mich nach der Petersburger Seite, aber ich fühlte keine Müdigkeit. Sweriow (er zählte auch neunzehn Jahre) traf ich im Hofe des Hauses seiner Tante, bei der er zur Zeit wohnte. Er hatte gerade Mittag gegessen und ging auf Stelzen im Hof herum. Er sagte mir gleich, daß Kraft schon gestern angekommen und in seiner früheren Wohnung abgestiegen sei, ganz in der Nähe, auch auf der Petersburger Seite, und daß er auch den Wunsch hegte, mich möglichst bald zu sehen, da er mir eine dringliche und wichtige Mitteilung zu machen hätte. »Er muß wieder irgendwohin reisen«, fügte Jefim hinzu. Da es, wie die Umstände lagen, für mich von der allerhöchsten Wichtigkeit war, Kraft zu treffen, so bat ich Jefim, mich sofort in seine Wohnung zu führen, die übrigens nur zwei Schritte von dort in irgendeiner Seitenstraße lag. Aber Sweriow erklärte mir, er hätte Kraft schon vor einer Stunde getroffen und dieser wäre zu Dergatschow gegangen. »Gehen wir also zu Dergatschow, was sträubst du dich immer; hast du Angst?« Es war richtig, Kraft konnte am Ende lange bei Dergatschow sitzen bleiben und wo sollte ich dann auf ihn warten? Ich hatte keine Angst zu Dergatschow zu gehen, aber ich hatte keine Lust, obgleich es schon das dritte Mal war, daß mich Jefim hinschleppen wollte. Und dies »hast du Angst?« brachte er noch dazu immer mit einem Lächeln vor, das wenig Schmeichelhaftes für mich hatte. Von Feigheit war da gar keine Rede, das möchte ich gleich sagen, und wenn ich mich fürchtete, war es aus einem ganz anderen Grunde. Diesmal entschloß ich mich, hinzugehen; es war auch nur ein Weg von zwei Schritten. Unterwegs fragte ich Jefim, ob er noch immer die Absicht hätte, nach Amerika auszuwandern. »Vielleicht warte ich auch noch«, erwiderte er mit einem leichten Auflachen. Ich liebte ihn nicht besonders, ich liebte ihn sogar überhaupt nicht. Er war sehr weißblond und hatte ein volles, gar zu weißes Gesicht, unästhetisch weiß sogar, bis zur Kindlichkeit; von Wuchs war er sogar größer als ich, aber man konnte ihn kaum für älter als siebzehn halten. Mit ihm ein Gespräch zu führen war unmöglich. »Was ist denn da los? Am Ende immer ein Haufen Leute?« erkundigte ich mich genau. »Warum hast du denn immer Angst?« grinste er wieder. »Scher dich zum Teufel«, sagte ich wütend. »Absolut kein Haufen Leute. Es kommen nur Bekannte hin, lauter Gesinnungsgenossen, sei ganz ruhig.« »Das kümmert mich den Teufel, ob es Gesinnungsgenossen sind oder nicht! Ich komme doch nicht als Gesinnungsgenosse hin? Woher wissen diese Leute, daß sie mir vertrauen können?« »Ich bringe dich mit, und das genügt. Sie haben auch schon von dir gehört. Kraft kann ja auch Auskunft über dich geben.« »Sag mal, wird Wasin da sein?« »Ich weiß nicht.« »Wenn er da ist, so stoß mich beim Eintreten an, und zeig' mir Wasin; verstehst du, gleich beim Eintreten.« Von Wasin hatte ich schon ziemlich viel gehört und ich interessierte mich schon lange für ihn. Dergatschow wohnte in einem kleinen Hintergebäude, auf dem Hofe hinter einem Holzhause, das einer Kaufmannsfrau gehörte, aber dafür hatte er das Häuschen für sich allein. Es enthielt im ganzen drei reinliche Zimmer. An sämtlichen vier Fenstern waren die Vorhänge heruntergelassen. Er war Techniker und hatte eine Anstellung in Petersburg; ich hatte beiläufig gehört, ihm wäre eine sehr günstige Privatstellung in der Provinz angeboten, er wolle demnächst dahin übersiedeln. Kaum waren wir in das winzige Vorzimmer getreten, da hörten wir schon Stimmen: es schien heftig gestritten zu werden, und jemand schrie: »Quae medicamenta non sanant – ferrum sanat, quae ferrum non sanat, ignis sanat!« Ich war tatsächlich etwas unruhig. Es ist ja klar, ich war an Gesellschaft nicht gewöhnt, nicht einmal an irgendeine beliebige. Auf dem Gymnasium hatte ich mit den Kameraden auf du und du gestanden, aber so eigentlich ein Kamerad war mir keiner gewesen; ich hatte mir meinen Winkel geschaffen und lebte in diesem Winkel. Aber das war es nicht, was mich verwirrt machte. Für jeden Fall hatte ich mir das Wort gegeben, mich auf keine Diskussionen einzulassen und nur das Allernotwendigste zu sprechen, so daß niemand daraus Schlüsse auf mich ziehen konnte; die Hauptsache war – keine Diskussionen! In dem Zimmer, das wirklich gar zu klein war, waren sieben Leute und wenn man die Damen mitrechnet, zehn. Dergatschow war fünfundzwanzig Jahre alt und er war verheiratet. Seine Frau hatte eine Schwester und noch eine Verwandte; die beiden lebten auch bei Dergatschow. Das Zimmer war ziemlich gleichgültig möbliert, übrigens ausreichend, und es war sogar alles recht sauber. An der Wand hing ein Porträt in Lithographie, es sah aber recht billig aus, und in der Ecke ein Heiligenbild ohne Fassung, aber eine ewige Lampe brannte davor. Dergatschow kam mir entgegen, drückte mir die Hand und bat mich, Platz zu nehmen. »Setzen Sie sich, hier sind wir ganz unter uns.« »Ja, bitte schön, –« fügte sogleich eine recht nett aussehende junge Frau hinzu, die sehr bescheiden gekleidet war, dann verbeugte sie sich flüchtig vor mir und ging hinaus. Das war seine Frau. Sie sah so aus, als ob sie mit diskutiert hätte, jetzt ging sie, ihr Kind zu stillen. Aber es blieben noch zwei Damen im Zimmer: – die eine war sehr klein von Wuchs, etwa zwanzig Jahre alt, trug ein schwarzes Kleid und gehörte auch durchaus nicht zu den Häßlichen, und die andere zählte wohl dreißig, sie war dürr und hatte stechende Augen. Beide saßen sie da und spitzten die Ohren, beteiligten sich aber nicht am Gespräch. Die Herren standen alle, es saßen, außer mir, nur Kraft und Wasin; Jefim zeigte sie mir gleich, denn auch Kraft sah ich zum erstenmal im Leben. Ich stand auf und ging, mich ihnen vorzustellen. Krafts Gesicht werde ich niemals vergessen: es war durchaus nicht von besonderer Schönheit, aber es lag so ungeheuer viel Arglosigkeit und Feinfühligkeit darin, obgleich das Bewußtsein des eigenen Wertes sich auch deutlich genug abspiegelte. Er war sechsundzwanzig, ziemlich mager, übermittelgroß, blond, das Gesicht ernst, aber weich; etwas Stilles war über den ganzen Menschen ausgegossen. Aber trotzdem, wenn man mich gefragt hätte, ob ich mein, ich kann wohl sagen, ziemlich triviales Gesicht gegen seins vertauschen wollte, das mir so anziehend erschien, ich hätte nein gesagt. Es lag etwas in seinem Gesicht, was ich mir in meins nicht hineingewünscht hätte, etwas schon gar zu ruhiges im moralischen Sinne, eine gewisse Art von heimlichem, unbewußtem Hochmut. Übrigens, genau genommen, konnte ich damals wahrscheinlich noch nicht so urteilen; es kommt mir nur jetzt so vor, als ob ich damals so geurteilt hätte, jetzt, da ich weiß, was ich weiß. »Ich freue mich sehr, daß Sie gekommen sind,« sagte Kraft, »ich habe einen Brief, der Sie angeht. Wir bleiben noch ein bißchen hier, dann kommen Sie mit in meine Wohnung.« Dergatschow war von mittlerer Größe, breitschulterig, kräftig und trug einen großen dunkeln Bart; aus seinem Blick sprach eine spähende Behutsamkeit, und aus seinem ganzen Wesen eine starke Zurückhaltung, eine gewisse unverbrüchliche Vorsicht; wenn er auch wenig mitredete, so leitete er die Unterhaltung doch sichtlich. Wasins Gesicht machte keinen so sehr großen Eindruck auf mich, obgleich ich schon viel von seiner kolossalen Klugheit gehört hatte: er war blond, hatte große hellgraue Augen, sein Gesicht war sehr offen, aber zugleich lag eine gewisse übertriebene Festigkeit darin; man konnte gleich darauf schließen, daß man hier einem wenig mitteilsamen Menschen gegenüber stände, aber seine Augen schauten klug, klüger, als die Dergatschows, tiefer, – die klügsten Augen im Zimmer; übrigens ist es wohl möglich, daß ich jetzt alles übertreibe. Was die übrigen betrifft, so erinnere ich mich überhaupt nur noch an zwei Gesichter unter allen diesen jungen Leuten: es war ein hochgewachsener, brünetter Mensch da mit schwarzem Backenbart, der viel sprach, er konnte siebenundzwanzig sein und war wohl Lehrer oder so was, und dann ein junger Bursche in meinem Alter, in russischer Tracht, – mit faltigem Gesicht, schweigsam, mehr zuhörend. Ich erfuhr nachher, daß er von bäuerlicher Abkunft war. »Nein, so darf man das nicht formulieren«, begann der Lehrer mit dem schwarzen Backenbart, der sich mehr als alle anderen ereiferte, und offenbar knüpfte er damit dort an, wo unser Eintritt die Debatte unterbrochen hatte: »Von mathematischen Beweisen will ich gar nichts sagen, das ist doch eine Idee, die ich gerne auch ohne mathematische Beweise glauben will, aber ...« »Wart' mal, Tichomirow,« unterbrach ihn Dergatschow mit lauter Stimme, »die neuen Gäste verstehen ja kein Wort davon. Sehn Sie,« wandte er sich auf einmal direkt an mich ganz allein (und ich muß bekennen, wenn er mich als Neuling examinieren und mich zum Sprechen bringen wollte, so war das sehr geschickt von ihm angefangen; ich empfand das sogleich und war auf meiner Hut): »sehn Sie also, das hier ist also Herr Kraft, den wir alle sehr gut kennen, was seinen Charakter und die Solidität seiner Überzeugungen betrifft. Er ist infolge einer ganz gewöhnlichen Tatsache zu einem höchst ungewöhnlichen Schluß gelangt, durch den er unser aller größtes Erstaunen erregt hat. Sein Schluß lautete, das russische Volk wäre ein Volk zweiten Ranges ...« »Dritten Ranges«, schrie jemand dazwischen. » ... zweiten Ranges, und seine ihm von der Vorsehung zugewiesene Aufgabe sei es, als Material für einen edleren Volksstamm zu dienen, nicht aber, eine selbständige Rolle in den Geschicken der Menschheit zu spielen. Aus der Voraussetzung dieses, vielleicht auch richtigen, Schlusses hat Herr Kraft die weitere Folgerung gezogen, daß diese Idee jeden ferneren Tatendrang von uns Russen paralysieren müsse, es müßten, sozusagen, alle die Hände in den Schoß legen und ...« »Erlaub' mal, Dergatschow, das darf man nicht so formulieren«, fiel ihm Tichomirow wieder ungeduldig ins Wort (und Dergatschow schwieg und ließ ihn reden). »Wenn man betrachtet, daß Kraft ernsthafte Studien gemacht und seine Schlüsse, die er als mathematisch anerkennt, auf physiologischer Grundlage erreicht hat, und daß er mit seiner Theorie (die ich mit der größten Ruhe a priori als bewiesen angenommen hätte) vielleicht zwei Jahre totgeschlagen hat, wenn man das betrachtet, was für einen Eindruck diese Sache auf Kraft macht und wie ernst er sie nimmt, so muß man sie als ein Phänomen ansehen. Aus allem diesen ergibt sich eine Frage, die Kraft nicht verstehen kann, und das ist ja eben, worauf es ankommt, nämlich, daß Kraft das nicht versteht, weil dies eben das Phänomen ist. Man muß entscheiden, ob dieses Phänomen, als einzig in seiner Art, vor das Forum des Psychiaters gehört, oder ob das eine Eigenschaft ist, die normalerweise auch bei anderen vorkommen kann; das ist eben das Interessante daran im Hinblick auf die allgemeine Sache. Was Kraft über Rußland sagt, glaub' ich ihm gern, ich möchte meinetwegen sogar sagen, ich freue mich darüber; wenn sich alle diese Idee zu eigen machten, so würde sie vielen die Fesseln von den Händen nehmen und sie von den patriotischen Vorurteilen befreien ...« »Ich habe nicht aus Patriotismus gesprochen«, sagte Kraft mit einer gewissen Anstrengung. Alle diese Debatten schienen ihm unangenehm zu sein. »Patriotismus oder nicht, das kann man ruhig beiseite lassen«, sagte Wasin, der bisher das strikteste Schweigen gewahrt hatte. »Aber inwiefern kann denn Krafts Schluß den Eifer für die Sache der Menschheit lähmen?« schrie der Lehrer (er war der einzige, der schrie, alle andern sprachen leise). »Mag also Rußland zur Zweitklassigkeit verurteilt sein; kann man denn nur arbeiten, wenn es für Rußland ganz allein geschieht? Und außerdem, wie kann Kraft ein Patriot sein, wenn er nicht einmal mehr an Rußland glaubt?« »Dafür ist er eben ein Deutscher«, ertönte wieder die Stimme von vorhin. »Ich bin Russe«, sagte Kraft. »Das ist eine Frage, die durchaus in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Sache steht«, bemerkte Dergatschow, gegen den Zwischenrufer gewandt. »Treten Sie aus der Enge Ihrer Idee heraus«, eiferte Tichomirow, der für alle Unterbrechungen taub war. »Wenn Rußland nur das Material für edlere Volksstämme ist, ja, warum soll es eigentlich nicht als solches Material dienen? Das ist immerhin noch eine recht ansehnliche Aufgabe. Warum soll man sich nicht bei dieser Idee beruhigen, da sie einem seine Grenzen weiter zieht. Die Menschheit steht am Vorabend ihrer Wiedergeburt, und diese hat schon begonnen. Die Aufgabe leugnen, die vor uns liegt, kann nur ein Blinder. Laßt Rußland fahren, wenn ihr den Glauben daran verloren habt, und arbeitet für das zukünftige Volk, – das zukünftige, das heute noch keiner kennt, das sich aber aus der ganzen Menschheit bilden wird, ohne Unterschied der Stämme. So oder so wäre Rußland doch einmal gestorben; kein Volk, und wäre es das begabteste, lebt länger als anderthalb, wenn's hoch kommt zwei Jahrtausende; ist es da nicht ganz gleich, ob's zweitausend Jahre sind, oder zweihundert? Die Römer haben nicht einmal fünfzehnhundert Jahre gelebt, richtig gelebt, und haben sich auch in Material verwandelt. Sie sind schon lange dahin, aber sie haben eine Idee hinterlassen, und die ist als Element des Künftigen in die Geschicke der Menschheit übergegangen. Wie kann ein Mensch nur sagen, es hätte keinen Zweck, etwas zu tun? Ich kann mir überhaupt keine Situation vorstellen, in der es keinen Zweck hätte, etwas zu tun! Handelt für die Menschheit, und über alles andere macht euch keine Sorgen. Zu tun gibt es so viel, daß unsere Lebensdauer nicht ausreicht, wenn man sich nur ordentlich umschaut.« »Man muß nach dem Gesetz der Natur und der Wahrheit leben«, sagte hinter der Tür Frau Dergatschowa. Die Tür war ein ganz klein bißchen geöffnet, und man konnte sie draußen stehen sehen, das Kind an der Brust, die Brust zugedeckt und mit leidenschaftlichem Interesse lauschend. Kraft hörte das mit einem leichten Lächeln an und sagte endlich mit einem etwas gequälten Ausdruck, übrigens aber im Ton starker Aufrichtigkeit: »Ich begreife nicht, wie einer, der unter dem Einfluß irgendeines herrschenden Gedankens steht, dem sein Verstand und sein Gefühl sich völlig unterwerfen, wie so einer noch für irgend etwas leben könnte, was außerhalb dieses Gedankens liegt.« »Aber wenn man Ihnen logisch, mathematisch nachweist, daß Ihr Schluß falsch ist, daß dieser Gedanke falsch ist, daß Sie nicht das geringste Recht haben, sich von der nützlichen Arbeit der Allgemeinheit auszuschließen, aus keinem anderen Grund, als weil Rußland von der Vorsehung bestimmt ist, zweitklassig zu bleiben, wenn man Ihnen nachweist, daß sich da vor Ihnen an Stelle des engen Horizontes die Unendlichkeit auftut, daß an Stelle der engen Idee des Patriotismus ...« »Ach!« sagte Kraft und wehrte leise mit der Hand ab, »ich habe Ihnen doch gesagt, daß der Patriotismus hiermit gar nichts zu schaffen hat.« »Hier liegt augenscheinlich ein Mißverständnis vor«, mischte sich auf einmal Wasin ein. »Der Fehler liegt darin, daß Krafts Schluß nicht nur ein logischer ist, sondern sozusagen ein Schluß, der sich in ein Gefühl verwandelt hat. Nicht alle Naturen sind gleichgeartet; bei vielen Menschen verwandelt sich manchmal ein logischer Schluß in das allerstärkste Gefühl, das den ganzen Menschen ergreift und sehr schwer auszutreiben oder zu verwandeln ist. Um einen solchen Menschen zu heilen, muß man in solchen Fällen dieses Gefühl ändern, und das kann man nur, indem man es durch ein anderes gleich starkes ersetzt. Das ist stets schwer und in vielen Fällen unmöglich.« »Falsch!« schrie der Streithammel wieder los, »der logische Schluß zerstreut die Vorurteile schon ganz von selbst. Eine vernünftige Überzeugung gebiert auch ein Gefühl. Der Gedanke geht aus dem Gefühl hervor und formuliert für sein Teil wieder ein neues Gefühl, wenn er im Menschen herrschend wird!« »Die Menschen sind sehr verschieden: einer ändert seine Gefühle leicht, der andere schwer«, entgegnete Wasin. Es sah so aus, als hätte er genug von dem Streit; ich aber war begeistert von seiner Idee. »So ist das, wie Sie gesagt haben!« wendete ich mich plötzlich an ihn. Das Eis war gebrochen, und ich fing auf einmal an zu sprechen. »Ganz richtig, man muß an die Stelle des einen Gefühls ein anderes setzen, um es zu überwinden. In Moskau lebte, das ist jetzt vier Jahre her, ein General ... Sehn Sie, meine Herrschaften, ich hab' ihn nicht gekannt, aber ... Vielleicht konnte er einem im Grunde persönlich auch keinen besonderen Respekt einflößen ... Und außerdem könnte einem die Tatsache an sich unverständig scheinen, aber ... Übrigens, sehn Sie, ihm starb ein Kind, das heißt, eigentlich zwei kleine Mädchen, beide kurz nacheinander, am Scharlach ... Na, und er war mit einem Schlage so zerschmettert, er grämte sich so, daß man ihn nicht ansehen konnte, wenn er so daherkam – und das Ende war, daß er starb, kaum ein halbes Jahr darauf. Er starb daran, das ist eine Tatsache! Wodurch also, nehmen wir mal an, hätte man ihn aufrichten können? Antwort: Durch ein ebenso starkes Gefühl! Man hätte die zwei kleinen Mädchen aus dem Grabe holen und ihm wiedergeben müssen – das ist die Sache, das heißt, so was Ähnliches. Er ist also daran gestorben. Und da hätte man ihm viele wunderschöne Schlüsse vorlegen können; man hätte ihm erzählen können: alles Leben ist gebrechlich, wir alle sind sterblich, man hätte ihm im Kalender eine Statistik darüber zeigen können, wieviel Kinder am Scharlach sterben ... Es war ein General außer Diensten ...« Ich stockte, außer Atem, und schaute mich um. »Das hat doch gar nichts damit zu tun«, sagte jemand. »Die Tatsache, die Sie angeführt haben, deckt sich zwar nicht mit dem vorliegenden Fall, aber sie hat doch Ähnlichkeit mit ihm und kann ihn erläutern«, wendete sich Wasin zu mir.   4 Hier muß ich bekennen, warum mich Wasins Argument von der »zum Gefühl gewordenen Idee« so begeisterte, aber zugleich muß ich etwas gestehen, dessen ich mich höllisch zu schämen habe. Jawohl, ich hatte Angst gehabt, zu Dergatschow zu gehen, aber nicht aus der Ursache, die Jefim voraussetzte. Ich hatte Angst, weil ich mich schon in Moskau vor solchen Leuten gefürchtet hatte. Ich wußte, daß sie (das heißt, alle Leute von dieser Art, mögen sie auch sonst noch so verschieden untereinander sein, – das ist ganz egal) – daß sie alle Dialektiker sind und daß sie also am Ende »meine Idee« würden zertrümmern können. Ich hegte das festeste Zutrauen zu mir selbst, daß ich ihnen meine Idee nicht ausliefern und mitteilen würde; aber sie (das heißt wieder, alle Leute von dieser Art) könnten mir am Ende aus sich selbst heraus irgend etwas sagen, was mir meine Idee verleiden könnte, selbst wenn ich auch nicht ein Wort von ihr fallen ließe. Ich kannte im Hinblick auf »meine Idee« noch viele ungelöste Fragen, aber ich wollte nicht, daß sie irgend jemand anders löste als ich selbst. In den zwei letzten Jahren hatte ich sogar aufgehört, Bücher zu lesen, aus Furcht, auf irgendeine Stelle zu stoßen, die der »Idee« schaden und mich wankend machen könnte. Und auf einmal kommt Wasin und löst das Exempel und beruhigt mich im höchsten Sinne. In der Tat, wovor hatte ich mich gefürchtet, und was konnten sie mir tun, soviel Dialektik sie auch auftischten? Ich war vielleicht auch der einzige von allen Anwesenden, der verstand, was Wasin da von der »zum Gefühl gewordenen Idee« gesagt hatte. Es ist nicht genug, daß man eine schöne Idee widerlegt, man muß einen Ersatz für sie schaffen durch eine gleich starke schöne Idee; bietet man mir das nicht, so will ich, da ich mich um keinen Preis von meinem Gefühl trennen möchte, jede Widerlegung in meinem Herzen widerlegen, und mag es mit Gewalt sein, und mögen sie sagen, was sie wollen. Und was könnten sie mir denn als Ersatz geben? Und deshalb hätte ich tapferer sein sollen, ich wäre verpflichtet gewesen, mannhafter zusein. Und während ich von Wasins Worten begeistert war, fühlte ich zugleich Scham und fühlte mich wie ein unwürdiges kleines Kind. Es kam noch die Scham über was anderes dazu. Der an sich nicht tadelnswerte Wunsch, wegen meines Verstandes gelobt zu werden, hatte mich veranlaßt, das Eis zwischen mir und ihnen zu brechen und mich in die Diskussion zu mischen, aber zugleich erwachte der Wunsch in mir, mich ihnen »an den Hals zu werfen«. Diesen Wunsch, mich den Leuten an den Hals zu werfen, damit sie mich für einen famosen Menschen hielten und mich umarmten oder so was (kurz und gut, diese Schweinerei), halte ich für die scheußlichste unter allen meinen Eigenschaften, deren ich mich zu schämen habe, und ich hatte schon seit langem den Verdacht gehabt, daß so was in mir lebte. Und das kam wohl von dem Winkel, in dem ich mich so viele Jahre gehalten habe, obgleich mir das nicht leid tut. Ich wußte, daß ich den Leuten gegenüber finsterer sein müßte. Mich tröstete nach jeder solchen Blamage nur das eine, daß meine »Idee« trotz allem noch bei mir war, tief geheim wie zuvor, und daß ich sie den andern nicht ausgeliefert hatte. Mit stockendem Herzschlag malte ich mir manchmal aus, wie es sein würde, wenn ich meine Idee irgend jemand gegenüber ausgesprochen hätte, daß ich dann nichts mehr für mich haben, daß ich ebenso sein würde wie alle anderen, und daß ich dann vielleicht überhaupt die Idee fahren lassen müßte; und deshalb hütete und bewachte ich sie und zitterte davor, ins Schwatzen zu kommen. Und nun, bei Dergatschow, beinahe im Augenblick der ersten Berührung mit diesen Menschen, konnte ich mich nicht halten: ich habe natürlich nichts verraten, aber ich habe ganz unerlaubt geschwatzt; ich mußte mich vor mir selbst schämen. Eine häßliche Erinnerung. Nein, ich kann nicht mit den Menschen leben; das denke ich noch heute; ich sage das für vierzig Jahre im voraus. Meine Idee ist mein Winkel.   5 Kaum hatte Wasin mich gelobt, da überfiel mich auf einmal ein unwiderstehlicher Drang, zu sprechen. »Nach meiner Ansicht hat jeder Mensch das Recht, seine Gefühle zu haben ... wenn sie seiner Überzeugung entsprechen ... ohne daß jemand ihm Vorwürfe deswegen machen dürfte«, wendete ich mich an Wasin. Wenn ich auch fließend sprach, es war doch, als ob ich nicht selbst spräche, sondern ganz, als ob sich in meinem Munde eine fremde Zunge bewegte. »Wirklich?« unterbrach mich in ironisch gedehntem Tonfall dieselbe Stimme, die Dergatschow ins Wort gefallen war und Kraft zugerufen hatte, er wäre ein Deutscher. Ich betrachtete diesen Menschen als eine Null und wandte mich an den Lehrer, als ob der Zwischenruf von dem gekommen wäre: »Meine Überzeugung ist, daß ich nicht wagen darf, irgend jemand zu richten«, sagte ich zitternd und wußte schon, daß jetzt kein Halten mehr war. »Warum denn so geheimnisvoll?« erklang wieder die Stimme der Null. »Jeder hat seine Idee.« Ich sah so recht zum Trotz den Lehrer an, der für sein Teil schwieg und mich lächelnd musterte. »Und Ihre?« schrie die Null. »Daran hätte ich zu lange zu erzählen ... Aber ein Teil meiner Idee ist, daß man mich in Ruhe lassen soll. Solange ich zwei Rubel habe, will ich mein freier Herr und von niemand abhängig sein (regen Sie sich nicht auf, ich weiß, was man darauf entgegnen kann) und will nichts tun, – nicht einmal für jene große künftige Menschheit, für die zu arbeiten Sie Herrn Kraft aufgefordert haben. Die persönliche Freiheit, das heißt, meine eigene steht für mich in erster Reihe und weiter will ich von gar nichts wissen.« Mein Fehler war, daß ich in Hitze geriet. »Also Sie predigen die Ruhe einer satten Kuh?« »Meinetwegen. Der Vergleich hat nichts Beleidigendes, ich bin niemand was schuldig, ich zahle der Allgemeinheit Geld in der Form von Steuern dafür, daß sie mich vor Beraubung, Überfällen, Mordanfällen beschützt, aber weiter soll kein Mensch etwas von mir fordern. Mag ja sein, daß ich persönlich auch andere Ideen habe und der Menschheit dienen möchte und das auch wirklich tun werde und vielleicht zehnmal soviel, als alle Propheten zusammengenommen; aber ich verbitte mir ganz energisch, daß jemand das von mir fordert, mich dazu zwingen will, so wie Sie Herrn Kraft: ich habe die vollkommene Freiheit, auch nicht einen Finger zu rühren, wenn ich nicht will. Aber herumzulaufen und sich allen vor lauter allgemeiner Menschenliebe an den Hals zu werfen und heiße Rührungstränen zu vergießen, – das ist nur eine dumme Mode. Ja, warum muß ich denn unbedingt meinen Nächsten lieben oder Ihre künftige Menschheit, die ich nie sehen werde, die von mir nicht das geringste wissen wird, und die an ihrem Teil verfaulen wird, ohne eine Spur und eine Erinnerung zu hinterlassen (die Zeit spielt dabei gar keine Rolle)? Denn wird die Erde für ihr Teil sich nicht einst in einen gefrorenen Stein verwandeln und im luftleeren Raum unter der unendlichen Menge der anderen gefrorenen Steine dahinfliegen? Und kann man sich etwas Sinnloseres überhaupt vorstellen? Da haben Sie ihre Gelehrsamkeit! Sagen Sie mir doch: weshalb muß ich um jeden Preis edel sein, zumal nichts länger dauert als eine Minute?« »Bumm – bumm!« schrie die bekannte Stimme. Ich hatte das alles nervös und zornig hervorgestoßen, alle Bande hatte ich zerrissen. Ich wußte, daß ich in einen Graben fallen würde, aber ich hastete vorwärts, weil ich mich vor Entgegnungen fürchtete. Ich fühlte nur zu gut, daß ich das alles wie durch ein Sieb ausschüttete, ohne Zusammenhang und aus dem Hundertsten ins Tausendste kommend, aber ich hastete vorwärts, um sie zu überzeugen und von vornherein zu besiegen. Das war so ungeheuer wichtig für mich! Drei Jahre hatte ich mich darauf vorbereitet! Aber es war bemerkenswert, sie waren auf einmal alle verstummt, sie sagten kein Wort, und alle hörten mir zu. Ich fuhr fort, mich an den Lehrer zu wenden. »Jawohl. Ein ungeheuer kluger Mensch hat unter anderem gesagt, es gäbe nichts Schwierigeres, als die Frage zu beantworten: ›Warum soll man unbedingt edel sein?‹ Sehn Sie, es gibt drei Sorten von Schuften in der Welt: die naiven Schufte, das heißt die, die überzeugt sind, ihre Schuftigkeit wäre der höchste Edelmut, die schamhaften Schufte, das heißt die, die sich ihrer Schuftigkeit schämen, aber doch unwandelbar entschlossen sind, ihr treu zu bleiben, und schließlich die Schufte an sich, die Schufte von echtem Schrot und Korn. Erlauben Sie, bitte: ich hatte einen Schulkameraden, namens Lambert, der sagte mir schon mit sechzehn Jahren, wenn er mal reich sein würde, so würde es sein höchster Genuß sein, Hunde mit Brot und Fleisch zu füttern, während die Kinder der Armen Hungers stürben, und wenn sie nichts hätten, um ihre Zimmer zu heizen, würde er einen ganzen Holzhof kaufen, ihn auf freiem Felde aufstapeln und das Feld heizen, den Armen aber würde er kein Scheit geben. Das waren seine Gefühle. Sagen Sie mal, was sollte ich diesem echten Schuft auf die Frage antworten, weshalb er durchaus edel sein müßte? Und besonders in unserer heutigen Zeit, die Sie so schön hergerichtet haben, – denn schlimmer, als es heute ist, ist es nie gewesen. In unserer heutigen Gesellschaft ist durchaus nicht alles klar, meine Herrschaften. Sehn Sie, Sie leugnen Gott, Sie leugnen den schönen Tatendrang. Kann mich eine taube, blinde, stumpfe Kraft der Trägheit zwingen, so zu handeln, wenn eine andere Handlungsweise vorteilhafter für mich ist? Sie sagen, ein vernünftiges Verhalten, das der Menschheit Nutzen bringe, sei auch mein eigener Vorteil; aber was, wenn ich nun alle diese Vernünftigkeit Unvernunft nenne, alle diese Kasernenideale, diese Gemeinsamkeitsträume? Den Teufel scheren sie mich, den Teufel schert mich die Zukunft, wenn ich nur einmal auf dieser Welt lebe! Gestatten Sie mir, selbst am besten zu wissen, was mein Vorteil ist: das ist vergnüglicher. Was kümmert es mich, was nach tausend Jahren mit dieser Ihrer Menschheit los sein wird, wenn ich für meine Taten, nach Ihrem Kodex, weder Liebe ernte noch ein künftiges Leben noch auch Anerkennung? O nein, wenn das so ist, so werde ich in aller Ruhe so unbescheiden sein, für mich selbst zu leben, und mögen drüber alle zum Teufel gehen!« »Ein entzückender Wunsch!« »Übrigens bin ich durchaus bereit, mit dabei zu sein.« »Noch besser!« (Immer wieder dieselbe Stimme.) Die andern blieben immer noch stumm, alle schauten mich an und musterten mich genau; jedoch es begann von verschiedenen Seiten des Zimmers her ein Kichern zu mir zu dringen, leise noch, aber sie kicherten mir alle direkt ins Gesicht. Nur Wasin und Kraft kicherten nicht. Der Mensch mit dem schwarzen Backenbart lächelte auch; er sah mich so recht frech an und horchte. »Meine Herren,« sagte ich, am ganzen Körper zitternd, »meine Idee sage ich ihnen um keinen Preis, sondern ich frage Sie, ganz im Gegenteil, von Ihrem Gesichtspunkte aus, – glauben Sie nur nicht, ich fragte von meinem eigenen aus, denn ich liebe die Menschheit vielleicht tausendmal mehr, als Sie alle zusammengenommen! Sagen Sie doch – und Sie sind jetzt unbedingt verpflichtet, mir zu antworten, Sie sind dazu verpflichtet, weil Sie lachen –, sagen Sie doch: wodurch wollen Sie mich verlocken, mich Ihnen anzuschließen? Sagen Sie doch, wodurch Sie mir beweisen wollen, daß es in Ihrer Idealwelt besser sein wird? Was wird in Ihrer Kaserne mit dem Protest meiner Persönlichkeit geschehen. Meine Herren, ich hatte schon lange gewünscht, mal mit Ihnen zusammen zu kommen! Sie werden die Kaserne haben, gemeinsame Wohnungen, stricte nécessaire, Atheismus und gemeinsame Frauen ohne Kinder, das ist Ihr Finale, ich weiß es ja doch. Und für dies alles, für dies Quentchen mittelmäßigen Vorteils, das mir Ihre Vernünftigkeit garantieren will, dafür daß Sie mir satt zu essen und ein geheiztes Zimmer geben, soll ich Sie mit dem Preis meiner Persönlichkeit bezahlen! Erlauben Sie mal ein Beispiel: man nimmt mir meine Frau weg; wollen Sie mir dann auch meine Persönlichkeit nehmen, damit ich meinem Gegner nicht den Schädel einschlage? Sie werden sagen, unter solchen Bedingungen würde ich schon von selbst klüger werden; aber was wird die Frau zu einem so vernünftigen Manne sagen, wenn sie nur ein klein wenig Selbstachtung hat? Das ist ja doch unnatürlich; Sie sollten sich schämen!« »Was die Frauen betrifft, sind Sie wohl Spezialist?« erklang schadenfroh die Stimme der Null. Einen Augenblick hatte ich Lust, mich auf den Kerl zu stürzen und ihn mit meinen Fäusten durchzuwalken. Er war klein, rothaarig und sommersprossig ... ach, übrigens der Teufel hole sein Äußeres! »Sie können sich beruhigen, ich habe noch kein Weib gekannt«, sagte ich abschneidend und wendete mich zum erstenmal an ihn selbst. »Ein kostbares Bekenntnis, nur hätte es der Damen wegen etwas verblümter sein dürfen!« Aber alles geriet auf einmal in Bewegung, alle suchten sie ihre Hüte und begannen aufzubrechen, – selbstverständlich nicht meinetwegen, sondern weil ihre Zeit gekommen war; aber dies schweigsame Verhalten mir gegenüber fiel mir sehr schwer und beschämend auf die Seele. Ich erhob mich auch. »Gestatten Sie mir, Sie nach Ihrem Namen zu fragen: Sie haben mich die ganze Zeit so angeschaut?« Mit diesen Worten trat plötzlich der Lehrer zu mir. Er lächelte dabei ganz infam. »Dolgorukij.« »Fürst Dolgorukij?« »Nein, einfach Dolgorukij, ich bin der Sohn des ehemaligen Leibeigenen Makar Dolgorukij und das uneheliche Kind meines früheren Herrn, des Herrn Wersilow. – Haben Sie keine Angst, meine Herren: ich sage das absolut nicht, um Sie zu veranlassen, mir dafür um den Hals zu fallen und mit mir vor lauter Rührung zu heulen wie junge Kälber!« Eine laute und sehr wenig förmliche Lachsalve knatterte los, so daß das schlafende Kind im Nebenzimmer erwachte und zu quäken anfing. Ich zitterte vor Wut. Dann drückten sie alle Dergatschow die Hand und gingen, ohne mir die geringste Beachtung zu schenken. »Kommen Sie«, sagte Kraft und stieß mich an. Ich trat auf Dergatschow zu und drückte ihm aus allen Kräften die Hand und schüttelte sie ein paarmal, gleichfalls aus aller Kraft. »Entschuldigen Sie bitte, daß Kudriumow (so hieß der Rote) Sie in einem fort beleidigt hat«, sagte Dergatschow zu mir. Ich folgte Kraft hinaus. Ich fühlte mich nicht im geringsten beschämt.   6 Selbstverständlich, zwischen dem Menschen, der ich damals war und dem, der ich heute bin, ist ein gewaltiger Unterschied. Wie ich also, »ohne mich im geringsten beschämt zu fühlen«, hinausging, holte ich noch auf der Treppe Wasin ein – Kraft ließ ich ruhig vorausgehen, wie einen Menschen, der für mich nur in zweiter Linie Interesse hat –, ich holte also Wasin ein und fragte ihn mit der unbefangensten Miene, als ob gar nichts passiert wäre: »Ich glaube, Sie kennen meinen Vater, das heißt, ich meine Wersilow?« »Eigentlich bekannt bin ich nicht mit ihm,« antwortete mir Wasin ohne Zögern (und ohne eine Spur von jener beleidigenden, besonders verfeinerten Höflichkeit, die taktvolle Leute anzunehmen pflegen, wenn sie mit jemand sprechen, der sich grade blamiert hat), »aber ich kenne ihn flüchtig: ich habe ihn gelegentlich getroffen und habe ihn sprechen hören.« »Wenn Sie ihn sprechen gehört haben, dann kennen Sie ihn natürlich, weil Sie eben Sie sind! Was denken Sie von ihm? Entschuldigen Sie die plötzliche Frage, aber ich muß es wissen. Gerade, wie Sie darüber denken, gerade Ihre Meinung ist mir unentbehrlich.« »Sie fragen viel auf einmal. Ich bin der Ansicht, daß er ein Mensch ist, der fähig ist, ungeheure Forderungen an sich zu stellen und sie vielleicht auch zu erfüllen, – nur mag er keinem Rechenschaft geben.« »Das ist wahr, das ist sehr wahr, er ist ein sehr stolzer Mensch. Aber ist er ein reiner Mensch? Sagen Sie doch, wie denken Sie über seinen Katholizismus? Übrigens, ich habe gar nicht daran gedacht, Sie wissen am Ende überhaupt nicht, daß er ...« Wenn ich nicht so erregt gewesen wäre, hätte ich ihn wohl nicht mit solchen Fragen bombardiert, es war doch schließlich ein Mensch, mit dem ich noch nie gesprochen hatte, nur gehört hatte ich von ihm. Ich wunderte mich, daß Wasin die Verrücktheit meines Gebahrens überhaupt nicht zu bemerken schien. »Ich habe davon gehört, aber ich weiß nicht, wieviel Wahres daran ist«, antwortete er ruhig und in demselben Ton wie zuvor. »Kein Wort! Das dichtet man ihm an! Denken Sie denn wirklich, daß er an Gott glauben könnte?« »Er ist ein sehr stolzer Mensch, wie Sie eben selbst bemerkt haben, und viele von diesen sehr stolzen Menschen lieben es, an Gott zu glauben, besonders die, die eine gewisse Verachtung für die Menschen besitzen. Viele starke Menschen haben, glaube ich, ein gewisses natürliches Bedürfnis, jemand oder etwas zu finden, vor dem sie sich beugen können. Für einen starken Menschen ist es oft schwer, seine Stärke zu ertragen.« »Hören Sie, das ist sicher höchst wahr!« rief ich wieder, »aber ich verstehe nur nicht ...« »Die Ursache ist ganz klar: sie suchen sich Gott aus, weil Sie sich nicht vor Menschen beugen wollen; – natürlich haben sie selbst keine Ahnung davon, wie sich das alles in ihnen bildet; sich vor Gott zu beugen, das ist nicht so demütigend. Aus ihrem Kreise rekrutieren sich die feurigsten Gläubigen, – richtiger gesagt, die, die den feurigsten Wunsch hegen, zu glauben; aber ihren Wunsch halten sie schön für den richtigen Glauben. Und zu guter Letzt werden sie gar oft zu Enttäuschten. Was ich von Herrn Wersilow denke? Ich glaube, er besitzt ungewöhnlich aufrichtige Züge in seinem Charakter. Und überhaupt, er hat mich interessiert.« »Herr Wasin!« rief ich, »Sie machen mir so eine Freude! Ich staune nicht über Ihren Geist, sondern ich staune, daß Sie, ein Mensch, der so rein ist und so hoch über mir steht, – daß Sie hier mit mir gehen und so einfach und freundlich mit mir sprechen, als ob gar nichts geschehen wäre!« Wasin lächelte. »Ihr Lob ist doch wohl etwas übertrieben; geschehen ist dort doch weiter nichts, als daß Sie eine etwas zu große Vorliebe für abstrakte Gespräche haben. Sie haben wahrscheinlich vor dem heutigen Tage sehr lange geschwiegen.« »Ich habe drei Jahre geschwiegen, ich habe mich drei Jahre auf den Moment vorbereitet, wo ich sprechen wollte... Als Dummkopf konnte ich Ihnen natürlich nicht erscheinen, weil Sie selbst ungeheuer klug sind, mag ich mich auch so dumm aufgeführt haben wie nur möglich. Aber vielleicht haben Sie mich für einen Schuft gehalten!« »Schuft?« »Ja, natürlich! Sagen Sie, verachten Sie mich nicht im stillen, weil ich gesagt habe, daß ich ein unehelicher Sohn von Wersilow bin ... und weil ich mich gerühmt habe, ich wäre der Sohn eines Leibeigenen?« »Sie quälen sich selber zu viel. Wenn Sie finden, daß das nicht richtig war, so sagen Sie sich eben: ich tu es das nächste Mal nicht wieder: Sie haben noch fünfzig Jahre vor sich.« »Oh, ich weiß, daß ich den Leuten gegenüber sehr schweigsam sein muß. Das niedrigste von allen Lastern ist: sich den Leuten an den Hals zu werfen; das habe ich denen da drinnen vorhin erst gesagt, und jetzt werfe ich mich Ihnen an den Hals! Aber da ist doch ein Unterschied, nicht wahr? Und wenn Sie diesen Unterschied verständen, wenn Sie imstande wären, ihn zu verstehen, ich würde diese Minute segnen.« Wasin lächelte wieder. »Kommen Sie zu mir, wenn Sie Lust haben«, sagte er. »Ich habe jetzt eine Arbeit vor und bin sehr beschäftigt, aber Sie würden mir eine Freude damit machen.« »Ich hatte bisher geglaubt, nach Ihrem Gesicht, Sie wären härter als nötig und wenig umgänglich.« »Das stimmt vielleicht. Ich habe voriges Jahr in Luga Ihre Schwester Lisaweta Makarowna kennengelernt ... Kraft ist stehengeblieben und scheint auf Sie zu warten; er muß hier abbiegen.« Ich drückte Wasin kräftig die Hand und lief Kraft nach, der die ganze Zeit, wo ich mich mit Wasin unterhalten hatte, vor uns hergegangen war. Schweigend gingen wir bis zu seiner Wohnung; ich konnte und wollte noch nicht mit ihm sprechen. Und in Krafts Charakter bildete einen der ausgeprägtesten Züge die Feinfühligkeit. Viertes Kapitel   1 Kraft hatte früher irgendwo eine Anstellung gehabt und war gleichzeitig dem verstorbenen Herrn Andronikow (gegen Gehalt) bei der Führung einiger Privatgeschäfte behilflich gewesen, womit dieser sich immer neben seiner Amtstätigkeit noch befaßt hatte. Wichtig für mich war besonders, daß Kraft, infolge seiner nahen Beziehungen zu Andronikow, vermutlich viel von den Dingen wissen mußte, die mich so interessierten. Und Maria Iwanowna, die Frau von Nikolaj Semionowitsch, bei dem ich so lange gelebt hatte, als ich noch aufs Gymnasium ging – und die leibliche Nichte, die Andronikows Pflegetochter und Liebling war –, diese Maria Iwanowna also hatte mir gesagt, Kraft hätte sogar »den Auftrag«, mir etwas zu übergeben. Er lebte in einer kleinen Wohnung von zwei Zimmern, vollkommen für sich allein, und jetzt, wo er eben von der Reise zurückgekehrt war, sogar ohne jede Bedienung. Der Koffer war wohl ausgepackt aber nicht weggeräumt; die Sachen trieben sich auf den Stühlen, dem Tisch, vor dem Diwan herum; da lag ein Reisesack, ein Necessaire, ein Revolver und alles mögliche. Als wir eintraten, war Kraft tief in Gedanken versunken, als hätte er mich ganz vergessen; er hatte es vielleicht nicht einmal bemerkt, daß ich mit ihm unterwegs gar nicht gesprochen hatte. Er fing gleich nach irgend etwas zu suchen an, aber als er zufällig am Spiegel vorbeikam, blieb er davor stehen und betrachtete eine gute Minute lang aufmerksam sein Gesicht. Ich bemerkte diese Sonderbarkeit wohl (und später habe ich mich ihrer nur zu gut erinnert), aber ich war verstimmt und sehr verwirrt. Ich hatte nicht die Kraft, mich zu konzentrieren. Einen Augenblick lang hatte ich auf einmal Lust, kurz entschlossen fortzugehen und mich damit von dieser ganzen Geschichte ein für allemal los zu sagen. Ja, und was war diese ganze Geschichte im Grunde? War das nicht nur eine Sorge, die ich ganz überflüssigerweise auf mich genommen hatte? Und ich war verzweifelt, daß ich hier eine Menge Energie verschwendete und wofür? Vielleicht für Kleinigkeiten, die das nicht wert waren, aus lauter Sentimentalität, während ich doch eine eigene Aufgabe vor mir sah, die meine ganze Energie erforderte. Und zu alledem war mir meine Unfähigkeit zu einer ernsten Tat deutlich in die Augen gesprungen, durch das, was bei Dergatschow geschehen war. »Sagen Sie mal, Kraft, werden Sie künftig noch zu diesen Leuten hingehen?« fragte ich ihn plötzlich. Er wendete sich langsam zu mir, als verstünde er mich nicht recht. Ich setzte mich auf einen Stuhl. »Verzeihen Sie ihnen!« sagte Kraft auf einmal. Ich hielt das natürlich für Spott; aber als ich ihn jetzt gründlich musterte, entdeckte ich in seinem Gesicht eine so seltsame und sogar erstaunliche Treuherzigkeit, daß ich selbst ganz erstaunt darüber war, wie er mich so ernsthaft hatte bitten können, ihnen zu »verzeihen«. Er schob einen Stuhl heran und setzte sich neben mich. »Ich weiß selbst sehr gut, daß ich vielleicht nur ein Ragout aus allen Eitelkeiten bin und weiter nichts,« begann ich, »aber um Verzeihung bitte ich nicht.« »Dazu liegt für Sie auch gar kein Grund vor«, sagte er leise und ernsthaft. Er sprach die ganze Zeit leise und sehr langsam. »Und mag ich vor mir selber schuldig sein ... Ich liebe es, vor mir selber schuldig zu sein ... Verzeihen Sie, Kraft, daß ich bei Ihnen Redensarten mache. Sagen Sie, gehören Sie denn wirklich auch zu diesem Kreise? Das war es, was ich Sie fragen wollte.« »Die sind nicht dümmer als andere und nicht klüger; sie sind geistesgestörte Menschen, wie alle.« »Sind denn alle gestört?« wendete ich mich mit unwillkürlicher Neugier zu ihm. »Die etwas höherstehenden Menschen heutzutage sind alle gestört. Lustig und stark lebt nur die Mittelmäßigkeit und die Unbegabtheit dahin ... Übrigens, was verlohnt es, davon zu sprechen!« Beim Reden schaute er so sonderbar in die leere Luft hinaus, er begann einzelne Sätze und brach wieder ab. Besonders überraschte mich die Mutlosigkeit in seiner Stimme. »Rechnen Sie denn auch Wasin dazu? Wasin hat Geist, Wasin hat ... eine moralische Idee!« rief ich. »Moralische Ideen gibt es heutzutage überhaupt nicht; auf einmal zeigte es sich, das es keine mehr gab und, was die Hauptsache ist, es sieht so aus, als ob es niemals welche gegeben hätte.« »Auch früher nicht?« »Lassen wir das lieber«, sagte er, sichtlich ermüdet. Mich ergriff sein bitterer Ernst. Ich schämte mich meines Egoismus, ich begann, auf seinen Ton einzugehen. »Die Gegenwart,« fing er selbst wieder an, nachdem er zwei Minuten schweigsam auf einen Punkt in der Luft gestarrt hatte, »die Gegenwart ist die Zeit der goldenen Mittelmäßigkeit und der Ohnmacht, sie gefällt sich in Unbildung, Faulheit, Unfähigkeit zur wahren Tat, sie verlangt gleich alles fertig vor sich zu sehen. Kein Mensch mag gründlich nachdenken; wie selten findet man einen, der sich in ernstem Streben eine Idee aufgerichtet hat.« Er brach wieder ab und schwieg eine kurze Weile; ich lauschte, was er weiter sagen würde. »Heutzutage roden sie die Wälder in Rußland aus, erschöpfen den Boden, verwandeln das Land in eine Steppe und bereiten es für die Kalmücken vor. Und da soll einmal ein Mensch mit einer Hoffnung kommen und einen Baum pflanzen – dann lachen ihn alle aus: ›Glaubst du denn, du erlebst die Zeit, wenn er groß ist?‹ Und auf der anderen Seite reden die Leute, die Sehnsucht nach dem Guten haben, davon, was nach tausend Jahren sein wird. Eine mutige Idee gibt es überhaupt nicht mehr. Alle leben sie wie auf der Poststation und als müßten sie morgen hinaus aus Rußland, alle denken sie: wenn's nur noch für mich reicht...« »Entschuldigen Sie, Kraft, Sie sagten doch: ›diese Leute machen sich Sorgen darüber, was in tausend Jahren sein wird‹. Schön, aber Ihre Verzweiflung ... an Rußlands Schicksal ... ist das – ist das nicht eine Sorge von ähnlicher Art?« »Das ... das ist die aktuellste Frage, die es überhaupt gibt!« stieß er gereizt hervor und sprang auf. »Ach ja! Ich habe ja ganz vergessen!« sagte er plötzlich mit einer ganz anderen Stimme und sah mich zweifelnd an, »ich habe Sie ja wegen einer ganz besonderen Angelegenheit hergebeten, und derweil... entschuldigen Sie, bitte.« Es war, als wäre er plötzlich aus einer Art von Traum erwacht, und er war ziemlich verwirrt; er holte einen Brief aus einer Mappe, die auf dem Tisch lag und gab ihn mir. »Das sollte ich Ihnen übergeben. Es ist ein Dokument, das von einer gewissen Wichtigkeit ist«, begann er äußerst geschäftsmäßig und ganz bei der Sache. Noch lange nachher hat es mich in der Erinnerung in Erstaunen versetzt, was er für eine Fähigkeit besaß, sich (und in Stunden, die für ihn so schwer waren!) so voll teilnehmenden Eifers mit einer fremden Sache zu befassen, sie so ruhig und energisch auseinanderzusetzen. »Es ist ein Brief von eben jenem Herrn Stolbejew, nach dessen Tode, infolge seines Testamentes, der Prozeß zwischen Wersilow und den Fürsten Sokolskij entstanden ist. Die Sache schwebt jetzt beim Gericht und wird wahrscheinlich zu Wersilows Gunsten entschieden werden; das Gesetz ist auf seiner Seite. In diesem Briefe, einem Privatbrief, der vor etwa zwei Jahren geschrieben ist, interpretiert der Erblasser aber seinen wirklichen Willen, oder richtiger gesagt, seinen Wunsch, und zwar eher zugunsten der Fürsten als im Sinne Wersilows. Wenigstens erfahren die Punkte, auf die die Fürsten Sokolskij sich bei der Anfechtung des Testamentes stützen, durch diesen Brief eine starke Bekräftigung. Wersilows Gegner würden viel darum geben, wenn sie dies Dokument hätten, das übrigens eine entscheidende juristische Bedeutung nicht besitzt. Alexej Nikanorowitsch (Andronikow), der sich mit Wersilows Angelegenheiten befaßte, hatte diesen Brief in Aufbewahrung und übergab ihn mir kurz vor seinem Tode; ich sollte ihn ›an mich nehmen‹, – vielleicht ahnte er seinen Tod voraus und fürchtete für seine Papiere. Ich möchte mir über Alexej Nikanorowitschs Absichten in bezug auf diese Angelegenheit kein Urteil erlauben, und ich muß gestehen, ich befand mich nach seinem Tode in einer gewissen drückenden Unentschlossenheit, was ich mit diesem Dokument anfangen sollte, besonders da die Entscheidung der betreffenden Sache vor Gericht so nahe bevorstand. Aber Maria Iwanowna, der Alexej Nikanorowitsch, glaube ich, bei seinen Lebzeiten sehr viel Vertrauen geschenkt hat, hat mich aus diesem schwierigen Dilemma befreit: sie hat mir vor drei Wochen geschrieben, ich sollte das Dokument eben Ihnen übergeben und das würde auch, wahrscheinlich (das ist ihr Ausdruck), Andronikows Absichten entsprechen. Und da haben Sie also das Dokument, und ich bin sehr froh, daß ich es Ihnen endlich übergeben kann.« »Hören Sie mal,« sagte ich bestürzt durch diese unerwartete Neuigkeit, »was soll ich jetzt mit diesem Briefe machen? Wie soll ich handeln?« »Das hängt doch ganz von Ihrem freien Willen ab.« »Das ist nicht möglich, ich bin entsetzlich unfrei, das müssen Sie zugeben! Wersilow hat so auf diese Erbschaft gewartet ... Sie wissen ja doch, er ist ohne diese Hilfe ruiniert, – und auf einmal existiert da so ein Dokument!« »Es existiert doch nur hier, in diesem Zimmer.« »Ist das wirklich so?« fragte ich und musterte ihn aufmerksam. »Wenn Sie in diesem Falle nicht selbst finden, was Sie zu tun haben, wie sollte ich Ihnen denn raten können?« »Aber dem Fürsten Sokolskij kann ich den Brief auch nicht übergeben: ich vernichte alle Hoffnungen Wersilows damit, und außerdem stehe ich ihm gegenüber als Verräter da. Auf der anderen Seite, wenn ich ihn Wersilow gebe, bringe ich unschuldige Menschen an den Bettelstab und Wersilow bringe ich trotz alledem in eine Lage, aus der es keinen Ausweg gibt: er muß auf die Erbschaft verzichten, oder er muß zum Dieb werden.« »Sie übertreiben die Bedeutung der Sache ein wenig.« »Sagen Sie mir nur eins: hat dieses Dokument einen entscheidenden, endgültigen Charakter?« »Nein, den hat es nicht. Ich bin kein sehr großer Jurist. Der Anwalt der Gegenpartei würde selbstverständlich wissen, auf welche Weise er sich dieses Dokumentes zu bedienen hätte und würde alle Vorteile aus ihm ziehen, die möglich wären; aber Alexej Nikanorowitsch war offenbar der Ansicht, daß die Produzierung dieses Briefes keine große juristische Bedeutung haben würde, und daß Wersilow seinen Prozeß trotzdem würde gewinnen können. Eher stellt also dieses Dokument wohl, sozusagen, eine Gewissenssache dar ...« »Ja, und das ist eben das allerwichtigste daran,« fiel ich ihm ins Wort, »und gerade deshalb kommt Wersilow in eine Lage, aus der es keinen Ausweg gibt.« »Aber er kann das Dokument ja vernichten und dann ist er doch, ganz im Gegenteil, vor jeder Gefahr gesichert.« »Haben Sie besondere Gründe, das von ihm zu erwarten, Kraft? Das ist es eben, was ich wissen will: gerade deshalb bin ich ja hier bei Ihnen!« »Ich glaube, an seiner Stelle würde jeder so handeln.« »Und würden Sie selbst so handeln?« »Ich habe keine Erbschaft zu erwarten und deshalb weiß ich nicht, was ich täte.« »Also, gut«, sagte ich und steckte den Brief in die Tasche. »Für den Augenblick mag diese Sache erledigt sein. Und jetzt hören Sie noch eins, Kraft. Maria Iwanowna, die mir im übrigen vieles mitgeteilt hat, das können Sie mir glauben, hat mir gesagt, von Ihnen und nur von Ihnen, könnte ich die Wahrheit darüber erfahren, was damals, vor anderthalb Jahren, in Ems passiert ist, zwischen Wersilow und den Achmakows. Ich habe auf Sie gewartet, wie auf die Sonne, die mir alles erhellen würde. Sie kennen meine Lage nicht, Kraft. Ich beschwöre Sie, sagen Sie mir die ganze Wahrheit. Es handelt sich für mich darum, was er für ein Mensch ist, und jetzt – jetzt habe ich es nötiger, das zu wissen, als je!« »Ich wundere mich, daß Maria Iwanowna es Ihnen nicht selbst erzählt hat; sie konnte doch alles von dem verstorbenen Andronikow erfahren, und hat es natürlich auch gehört und weiß vielleicht mehr als ich.« »Andronikow hat sich selbst in dieser Sache nicht zurechtgefunden, das sagte mir eben Maria Iwanowna. Es ist, als ob kein Mensch diese Sache entwirren könnte. Da kann sich der Teufel die Zähne dran ausbeißen! Und ich weiß ja, daß Sie damals in Ems waren ...« »Ich bin nicht bei allem dabei gewesen, aber was ich weiß, will ich Ihnen meinetwegen gern erzählen; nur weiß ich nicht, ob Sie das zufriedenstellen wird.«   2 Ich will nicht wörtlich wiederholen, was er mir erzählt hat, ich will nur in kurzen Worten das Wesentliche geben. Vor anderthalb Jahren stand Wersilow, der die Familie Achmakow durch den alten Fürsten Sokolskij kennengelernt hatte, in sehr engen Freundschaftsbeziehungen zu dieser Familie (sie waren damals im Ausland, in Ems). Besonders hatte er einen starken Eindruck auf Herrn Achmakow gemacht, der General und noch kein alter Mann war, der aber die ganze große Mitgift seiner Frau, Katerina Nikolajewna, in den drei Jahren ihrer Ehe am Kartentisch verspielt hatte und schon einmal durch einen Schlaganfall für sein zügelloses Leben hatte büßen müssen. Davon hatte er sich im Ausland erholt und kuriert, und in Ems lebte er wegen seiner Tochter aus erster Ehe. Das war ein kränkliches junges Mädchen von siebzehn Jahren, brustleidend, wie man sagt, außerordentlich schön und dabei von äußerst phantastischer Gemütsart. Eine Mitgift besaß sie nicht; man hoffte in der Hinsicht, wie das so üblich war, auf den alten Fürsten. Katerina Nikolajewna soll eine gute Stiefmutter gewesen sein. Aber das junge Mädchen fühlte sich ganz besonders zu Wersilow hingezogen. Er predigte damals »irgend so einen verzückten Kram«, wie Kraft sich ausdrückte, eine Art von neuem Leben, und »war im höchsten Grade religiös aufgelegt«, wie das Andronikow sonderbar genug und vielleicht etwas spöttisch bezeichnet haben soll. Merkwürdig aber war, daß sie alle ihn bald nicht mehr leiden konnten. Der General hatte sogar Angst vor ihm; Kraft bezweifelte durchaus nicht die Wahrheit des Gerüchtes, daß Wersilow es verstanden hätte, dem kranken Manne die Idee beizubringen, Katerina Nikolajewna sehe den jungen Fürsten Sokolskij (der damals gerade Ems verlassen hatte und nach Paris gegangen war) durchaus nicht mit gleichgültigen Augen an. Er hätte das nicht direkt getan, sondern »nach seiner Mode«, mit allerlei Andeutungen, Anspielungen und Winkelzügen, »und darin ist er ja ein Meister«, sagte Kraft. Überhaupt muß ich sagen, daß Kraft ihn mehr für einen Schuft und einen geborenen Intriganten hielt und halten wollte, als für einen Menschen, der von etwas Höherem durchdrungen oder überhaupt auch nur originell wäre. Ich hatte auch schon vorher von anderer Seite gehört, daß Wersilow anfangs einen großen Einfluß auf Katerina Nikolajewna gehabt hat, daß es aber mit der Zeit bis zum gänzlichen Bruch zwischen ihnen gekommen ist. Eine Entwirrung aller Fäden dieses verwickelten Spieles konnte Kraft mir nicht geben, aber daß sie zuerst miteinander befreundet waren und sich nachher gegenseitig direkt gehaßt haben, das haben mir meine sämtlichen Zeugen einstimmig bestätigt. Und dann geschah etwas Merkwürdiges: Katerina Nikolajewnas kränkliche Stieftochter hatte sich augenscheinlich in Wersilow verliebt, oder sie war gleichsam von irgend etwas an ihm hypnotisiert, oder sie war von seinen schönen Worten so begeistert, oder – wer kann das schließlich wissen; jedenfalls ist es allgemein bekannt, daß Wersilow eine Zeitlang fast seine ganzen Tage in der Gesellschaft dieses jungen Mädchens verbrachte. Das Ende vom Liede war, daß das Mädchen eines schönen Tages ihrem Vater erklärte, sie wollte Wersilow heiraten. Daß dieses tatsächlich geschehen ist, haben mir alle bekräftigt, Kraft und Andronikow und Maria Iwanowna und sogar Tatjana Pawlowna hat sich mir gegenüber einmal in diesem Sinne verplappert. Und ebenso waren sich alle darin einig, daß Wersilow nicht nur den Wunsch gehabt hätte, das Mädchen zu heiraten, sondern auch sehr energisch an dieser Absicht festgehalten hatte, und daß das Einverständnis dieser beiden so ungleichartigen Menschen, des alten Mannes und des jungen Mädchens, gegenseitig gewesen sei. Aber ihren Vater erschreckte dieser Gedanke; er hatte im selben Maße, in dem er Katerina Pawlowna, die er früher sehr geliebt hatte, ferner getreten war, angefangen, seine Tochter förmlich zu vergöttern, besonders seit seinem Schlaganfall. Aber als die erbittertste Gegnerin der Möglichkeit einer solchen Ehe zeigte sich Katerina Nikolajewna. Es gab eine Menge heimlicher, äußerst unangenehmer Familienkonflikte, Zank, Verdrießlichkeit, mit einem Wort, allerlei widrige Geschichten. Der Vater begann schließlich nachzugeben, als er die Hartnäckigkeit seiner verliebten und von Wersilow »fanatisierten« Tochter erkannte, wie Kraft das bezeichnete. Aber Katerina Nikolajewna blieb mit unerbittlichem Haß bei ihrem Widerstand. Und an diesem Punkte beginnt der Wirrwarr, in dem kein Mensch sich zurechtfindet. Ich will übrigens hersetzen, was Kraft sich auf Grund der ihm bekannten Tatsachen zusammenkombiniert hat, es bleibt aber immer nur eine Kombination. Wersilow soll es verstanden haben, der jungen Dame auf seine Art , fein und ohne direkte, widerlegbare Behauptungen, die Meinung beizubringen, daß Katerina Nikolajewna deshalb gegen diese Heirat wäre, weil sie sich selbst in ihn verliebt hätte, sie quälte ihn schon seit langem mit ihrer Eifersucht, verfolgte ihn und intrigierte gegen ihn, sie hätte sich ihm auch erklärt, und jetzt hätte sie Lust, ihn in Stücke zu reißen, weil er eine andere liebte; mit einem Wort, so was Ähnliches. Das Häßlichste dabei ist, daß er auch dem Vater des Mädchens, dem Manne der »ungetreuen« Frau, gegenüber derartige »Anspielungen« gemacht und ihm erklärt haben soll, die Sache mit dem jungen Fürsten Sokolskij hätte nur die Ablenkung seines Verdachtes zum Ziel gehabt. Natürlich ging jetzt in der Familie die ganze Hölle los. Nach einer Variante hätte Katerina Nikolajewna ihre Stieftochter über die Maßen geliebt und wäre jetzt verzweifelt gewesen, weil sie bei ihr so verleumdet worden sei, von ihren Beziehungen zu ihrem kranken Manne schon ganz zu schweigen. Daneben besteht noch eine andere Variante, die Kraft zu meinem Leidwesen für die richtige hielt und – die ich selbst für richtig hielt (von allen diesen Sachen hatte ich schon früher gehört). Es wurde behauptet (Andronikow soll es von Katerina Nikolajewna selbst gehört haben), Wersilow hätte vielmehr zuerst, das heißt, bevor sich das junge Mädchen in ihn verliebt hatte, Katerina Nikolajewna eine Liebeserklärung gemacht; und sie, die früher seine Freundin gewesen wäre, eine Zeitlang sogar eine exaltierte Freundin, aber ihm nie geglaubt und ihm immer widersprochen hätte, sie hätte auf Wersilows Antrag mit großer Gehässigkeit und giftigem Hohn geantwortet. Sie hätte ihm in aller Form die Tür gewiesen, weil er ihr den direkten Vorschlag gemacht hätte, seine Frau zu werden, im Hinblick auf den vermutlich bald zu erwartenden zweiten Schlaganfall ihres Mannes. So mußte denn Katerina Nikolajewna einen ganz besonderen Haß gegen Wersilow empfinden, als sie nachher sah, daß er sich so offen um die Hand ihrer Stieftochter bewarb. Maria Iwanowna, die mir das alles in Moskau mitgeteilt hat, glaubte sowohl an die eine als auch an die andere Variante, das heißt, sie glaubte alles zusammen: sie versicherte mir, daß das alles sich ganz gut miteinander in Einklang bringen ließe, sie sprach von la haine dans l'amour, vom Stolz gekränkter Liebe bei beiden Teilen usw. usw., kurz und gut, sie machte daraus eine Art von spitzfindiger Romanverwicklung, eine Sache, die jeder ernsthafte und gesund denkende Mensch von sich weisen muß. Aber Maria Iwanowna hat sich eben den Kopf von Kind auf mit Romanen vollgepfropft und liest das Zeug Tag und Nacht, trotzdem sie ein Mensch von so herrlichem Charakter ist. Wenn man die Summe aus dem allen zog, so ergab sich, daß Wersilow ganz augenscheinlich gemein gehandelt hatte, Lügen und Intrigen, etwas Schwarzes und Häßliches, um so mehr, als die Sache tatsächlich ein tragisches Ende nahm: das arme, verliebte junge Mädchen vergiftete sich, hieß es, mit Phosphorstreichhölzern; übrigens weiß ich auch heute noch nicht, ob dieses letzte Gerücht auf Wahrheit beruht; jedenfalls hat man sich alle Mühe gegeben, die Sache zu vertuschen. Das Mädchen war etwa zwei Wochen lang krank und starb dann. Die Sache mit den Streichhölzern ist auf diese Weise zweifelhaft geblieben, aber Kraft war auch davon überzeugt. Nachher starb, nicht lange darauf, auch der Vater des jungen Mädchens, wie man behauptet, aus Kummer, das soll auch die Ursache seines zweiten Schlaganfalls gewesen sein. Dies geschah übrigens erst drei Monate nachher. Aber nach der Beerdigung des jungen Mädchens gab der junge Fürst Sokolskij, der wieder von Paris nach Ems zurückgekehrt war, Wersilow ganz öffentlich im Kurgarten eine Ohrfeige, und dieser forderte ihn daraufhin nicht; er erschien vielmehr am nächsten Tage wieder auf der Promenade, als ob nicht das geringste geschehen wäre. Und da sagten sich alle von ihm los, auch in Petersburg. Wersilow hatte wohl noch einigen Verkehr, aber in einem ganz anderen Kreise. Alle seine Bekannten aus der Gesellschaft verurteilten ihn, obwohl eigentlich die wenigsten eine Ahnung von allen Einzelheiten hatten; man hatte nur von dem romanhaften Tode des jungen Mädchens und von der Ohrfeige gehört. Eine soweit als möglich vollständige Kunde von den Dingen besaßen nur zwei, drei Menschen; am meisten wußte der verstorbene Andronikow, der schon lange in geschäftlichen Beziehungen zu den Achmakows gestanden hatte und insbesondere zu Katerina Nikolajewna, in einer ganz bestimmten Angelegenheit. Aber er hütete diese Geheimnisse sogar gegenüber seiner Familie, nur Kraft und Maria Iwanowna hat er einiges davon mitgeteilt; und das auch nur, weil es nicht gut anders ging. »Die Hauptsache«, sagte Kraft endlich, »ist nun ein gewisses Dokument, vor dem Frau Achmakowa eine ungeheure Angst hat.« Darüber teilte er mir dann weiter folgendes mit: Als der alte Fürst, ihr Vater, sich im Auslande schon von seinem Anfall wieder erholte, hatte Katerina Nikolajewna die Unvorsichtigkeit begangen, unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit einen äußerst kompromittierenden Brief an Andronikow zu schreiben, zu dem sie das vollste Vertrauen hatte. Damals, während seiner Genesung, soll sich beim Fürsten tatsächlich eine starke Sucht gezeigt haben, zu verschwenden und sein Geld beinahe zum Fenster hinauszuwerfen: im Auslande begann er ganz überflüssige, aber sehr teuere Sachen zu kaufen, Bilder, Vasen, – Schenkungen und Stiftungen zu Gott weiß was für Zwecken zu machen, haufenweise, zum Teil sogar zum Besten dortiger Anstalten; irgendeinem russischen Verschwender aus den ersten Gesellschaftskreisen hätte er beinahe für eine ungeheure Summe ein gänzlich heruntergewirtschaftetes Gut abgekauft; und schließlich hatte er auch wohl wirklich angefangen, an eine neue Heirat zu denken. Und im Hinblick auf diese Dinge hatte also Katerina Nikolajewna, die ihrem Vater während seiner Krankheit nicht von der Seite gewichen war, Andronikow, als Juristen und »alten Freund«, brieflich gefragt, ob es nach den Gesetzen nicht möglich sein würde, den Fürsten unter Kuratel zu stellen oder ihm die Rechtsfähigkeit zu entziehen; und wenn das ginge, wie man das am besten machte, ohne daß ein Skandal daraus entstünde; es sollte ihr doch keiner einen Vorwurf machen können, auch sollten die Gefühle ihres Vaters dabei geschont werden. Andronikow soll ihr damals zur Vernunft geredet und ihr sehr abgeraten haben; und nachher, als der Fürst wieder gänzlich hergestellt war, war es natürlich unmöglich geworden, auf diese Idee zurückzukommen; aber den Brief hatte Andronikow behalten. Und nun stirbt Andronikow; Katerina Nikolajewna fiel sofort wieder dieser Brief ein: wenn er unter den Papieren des Verstorbenen zum Vorschein käme und dem alten Fürsten in die Hände fiele, so würde dieser sich sicher für ewig von ihr lossagen, sie enterben und ihr bei Lebzeiten nicht einen Heller geben. Der Gedanke, daß seine leibliche Tochter an seinem Verstand zweifelte und ihn sogar für irrsinnig erklären lassen wollte, mußte dieses Lamm in ein reißendes Tier verwandeln. Und sie war Witwe und durch die Spielleidenschaft ihres Mannes gänzlich mittellos zurückgeblieben und konnte auf niemand als auf ihren Vater rechnen: sie hoffte fest, von ihm eine neue Mitgift zu erhalten, die ebenso hoch wäre wie die erste. Kraft wußte über das Schicksal dieses Briefes sehr wenig, aber er sagte mir, Andronikow hätte »wichtige Papiere niemals vernichtet« und wäre außerdem ein Mann mit einem weiten Horizont, aber auch »mit einem weiten Gewissen« gewesen. (Ich muß sogar sagen, ich wunderte mich über die Selbständigkeit und Objektivität dieses Urteils bei Kraft, der für Andronikow soviel Liebe und Achtung gehegt hatte.) Aber Kraft war innerlich davon überzeugt, daß das kompromittierende Dokument, infolge von Wersilows nahen Beziehungen zu Andronikows Witwe und seinen Töchtern, wahrscheinlich in Wersilows Hände gekommen sein müßte; es war bekannt, daß sie ihm auf Anordnung des Verstorbenen sofort alle Papiere übergeben hatten, die dieser hinterlassen hatte. Kraft wußte auch, daß Katerina Nikolajewna davon unterrichtet wäre, daß der Brief sich in Wersilows Händen befinde und deshalb große Angst hätte, weil sie meinte, Wersilow würde mit dem Briefe sehr bald zum alten Fürsten gehen. Sie hätte nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande auch schon Nachforschungen nach dem Briefe in Petersburg angestellt, sie wäre bei Frau Andronikowa und ihren Töchtern gewesen und suchte noch immer weiter, da ihr trotz allem noch eine Hoffnung geblieben wäre, daß Wersilow den Brief vielleicht doch nicht hätte, und schließlich wäre sie auch nur dieser Sache wegen nach Moskau gefahren und hätte dort Maria Iwanowna flehentlich gebeten, in den Papieren nachzuforschen, die sie in Verwahrung hatte. Von Maria Iwanownas Existenz und ihren Beziehungen zu dem verstorbenen Andronikow hätte sie erst kürzlich erfahren, als sie schon wieder in Petersburg gewesen sei. »Sie glauben also, sie hat bei Maria Iwanowna nichts gefunden?« fragte ich und hatte meine Gedanken dabei. »Wenn Maria Iwanowna nicht mal Ihnen was davon gesagt hat, dann hat sie vielleicht überhaupt nichts.« »Sie nehmen also an, das Dokument befinde sich bei Wersilow?« »Das ist wohl das Wahrscheinlichste. Übrigens, ich weiß es ja nicht, unmöglich ist gar nichts«, sagte er, sichtlich abgespannt. Ich fragte ihn nicht weiter aus. Wozu auch? Alles Wichtige war für mich aufgehellt, trotz dieses unwürdigen Wirrwarrs; alles, was ich befürchtet hatte, war mir bestätigt worden. »Das ist alles wie Traum und Fieberwahn«, sagte ich voll tiefer Traurigkeit und griff nach meinem Hute. »Dieser Mensch ist Ihnen sehr teuer?« fragte mich Kraft, mit einer sichtlichen und großen Teilnahme, die ich in jener Minute von seinem Gesicht las. »Ich habe schon so ein Vorgefühl gehabt,« sagte ich, »daß ich selbst von Ihnen nicht das Ganze erfahren würde. Meine letzte Hoffnung ruht auf der Achmakowa. Auf sie habe ich auch gehofft. Vielleicht gehe ich zu ihr, vielleicht auch nicht.« Kraft musterte mich mit einigem Zweifel im Blick. »Leben Sie wohl, Kraft! Weshalb laufen Sie Leuten nach, die nichts von Ihnen wissen wollen? Wäre es nicht, besser, mit allem zu brechen – was?« »Und nachher wohin?« fragte er mit einer gewissen Rauheit und schaute zu Boden. »Zu sich selber, zu sich selber! Mit allem brechen und zu sich selber kommen!« »Nach Amerika?« »Nach Amerika! Zu sich selber, zu sich selber ganz allein! Sehn Sie, darin besteht meine ›Idee‹, Kraft!« sagte ich begeistert. Er sah mich mit einer Art von Neugier an. »Und kennen Sie diesen Ort: ›zu sich selber‹?« »Ja. Auf Wiedersehn, Kraft; ich danke Ihnen und bedaure, daß ich Sie belästigt habe! Ich an Ihrer Stelle würde, wenn ich selber so ein Rußland im Kopfe hätte – ich würde alle zum Teufel schicken: packt euch, intrigiert nur weiter, beißt euch miteinander herum – was schert das mich.« »Bleiben Sie noch etwas«, sagte er auf einmal, als wir schon an der Tür waren. Ich war ein bißchen verwundert, ich kehrte um und setzte mich wieder. Kraft setzte sich mir gegenüber. Wir tauschten eine Art von Lächeln – ich sehe das alles noch, als wäre es heute gewesen. Ich weiß noch sehr genau, daß ich ihn in gewisser Weise bewunderte. »Es gefällt mir so gut an Ihnen, Kraft, daß Sie so ein liebenswürdiger Mensch sind«, sagte ich auf einmal. »So?« »Namentlich, weil ich selbst es so selten verstehe liebenswürdig zu sein, wenn ich es auch verstehen möchte ... Ach was, vielleicht ist es auch besser, wenn die Menschen einen vor den Kopf stoßen: wenigstens befreien sie einen damit von dem Unglück, sie lieben zu müssen.« »Welche Stunde des Tages lieben Sie am meisten?« fragte er, er hatte sichtlich gar nicht gehört, was ich gesagt hatte. »Welche Stunde? Ich weiß nicht. Den Sonnenuntergang liebe ich nicht.« »So?« sagte er mit einem ganz besonderen Interesse und verfiel gleich wieder in Gedanken. »Sie wollen wieder verreisen?« »Ja ... ich verreise.« »Bald?« »Ja.« »Brauchen Sie denn wirklich zu einer Reise nach Wilna einen Revolver?« fragte ich, ganz ohne den geringsten Hintergedanken und sogar überhaupt, ohne irgend etwas dabei zu denken. Ich fragte nur so, weil der Revolver blitzte, und ich nicht recht wußte, wovon ich reden sollte. Er wendete sich um und sah den Revolver mit einem langen, festen Blick an. »Nein, das tu ich nur so, aus Gewohnheit.« »Wenn ich einen Revolver besäße, ich würde ihn irgendwo unter Schloß und Riegel bringen. Wissen Sie, so ein Ding hat, bei Gott, etwas Verführerisches! Ich glaube vielleicht gar nicht an Selbstmordepidemien, aber wenn man so ein Ding immer vor Augen hat – wahrhaftig, es gibt Minuten, wo es einen verführen könnte.« »Sprechen Sie nicht davon«, sagte er und stand plötzlich auf. »Ich spreche nicht von mir,« sagte ich, mich gleichfalls erhebend, »ich würde so etwas nie tun. Geben Sie mir meinetwegen drei Menschenleben, – auch das würde mir noch nicht genug sein.« »Leben Sie lange«, riß es sich gleichsam aus ihm los. Er lächelte zerstreut und ging, seltsam, einfach ins Vorzimmer, mich damit gewissermaßen hinauskomplimentierend, natürlich ohne Bewußtsein von dem, was er tat. »Ich wünsche Ihnen Gelingen in jeder Hinsicht, Kraft«, sagte ich, als ich schon auf der Treppe war. »Hoffentlich«, erwiderte er mit Festigkeit. »Auf Wiedersehen!« »Hoffentlich auch das.« Ich denke noch an den letzten Blick, mit dem er mich ansah.   3 So, das war also der Mensch, um den so viele Jahre mein Herz geklopft hatte! Und was hatte ich denn eigentlich von Kraft erwartet, welche neuen Aufklärungen? Als ich von Kraft kam, verspürte ich ein starkes Hungergefühl; es wurde schon Abend und ich hatte noch nicht zu Mittag gegessen. Ich ging, gleich dort auf der Petersburger Seite, auf dem großen Prospekt, in ein kleines Wirtshaus, mit der Absicht, zwanzig oder höchstens fünfundzwanzig Kopeken auszugeben – mehr hätte ich mir damals um keinen Preis erlaubt. Ich bestellte mir eine Suppe, und dann, weiß ich noch, als ich sie gegessen hatte, setzte ich mich ans Fenster und sah hinaus; in der Stube waren viel Leute, es roch nach verbranntem Fett, Wirtshausservietten und Tabakrauch. Es war eklig. Zu meinen Häupten klopfte eine stimmlose Nachtigall mit dem Schnabel auf den Boden ihres Käfigs, verdrossen und traurig. Im benachbarten Billardzimmer wurde gelärmt, aber ich saß und dachte tief nach. Die Stunde des Sonnenunterganges (weshalb hatte Kraft sich nur gewundert, daß ich diese Tageszeit nicht liebe?) rief in mir gewisse neue und unerwartete Empfindungen hervor, die durchaus nicht hergehörten. Vor mir schimmerte die ganze Zeit der stille Blick meiner Mutter, ihre lieben Augen, die mich jetzt schon einen ganzen Monat so schüchtern ansahen. In der letzten Zeit war ich zu Hause sehr grob und unliebenswürdig gewesen, besonders gegen sie; ich wollte eigentlich gegen Wersilow grob sein, traute mich aber nach meiner elenden Manier nicht, und so quälte ich denn sie. Ich hatte sie sogar ganz verängstigt; sie sah mich oft mit einem so furchtsam flehenden Blick an, wenn Wersilow ins Zimmer trat, weil sie irgendeinen Ausbruch von mir befürchtete... Sehr wunderlich war es, daß es mir hier, im Wirtshaus, zum erstenmal zum Bewußtsein kam, daß Wersilow »du« zu mir sagte, während sie mich »Sie« nannte. Gewundert hatte ich mich schon früher darüber und nicht in einer Art, die für sie schmeichelhaft gewesen wäre, aber jetzt kam es mir so ganz besonders zu Bewußtsein – und allerhand seltsame Gedanken flossen, einer nach dem andern, durch meinen Kopf. Ich blieb lange auf dem Platze sitzen, bis die Dämmerung tief hereingebrochen war. Auch an meine Schwester dachte ich ... Eine schicksalschwangere Minute für mich. Mochte kommen, was da wollte, ich mußte einen Entschluß fassen! Ich war doch nicht unfähig, einen Entschluß zu fassen? Was war denn so Schweres daran, mit allem zu brechen, wenn man hier noch dazu selber nichts von mir wissen wollte? Meine Mutter und meine Schwester? Aber sie wollte ich ja doch auf keinen Fall verlassen, – wie sich die Sache auch wenden mochte. Die Wahrheit ist: das Auftreten dieses Menschen in meinem Leben, das heißt, sein damaliges Auftreten für einen Augenblick nur, in meiner ersten Kindheit, war der fatale Punkt, an dem mein Bewußtsein anfing. Wäre er mir damals nicht in den Weg getreten, – mein Verstand, mein Gedankenvorrat, mein Schicksal wären heute anders, abgesehen nur von meinem mir vom Geschick vorausbestimmten Charakter, dem ich wohl auch dann nicht entronnen wäre. Und nun zeigte es sich, daß dieser Mensch nur ein Traum von mir war, ein Traum aus meinen Kinderjahren. Also ich hatte ihn mir nur so ausgedacht, in Wirklichkeit aber fand ich einen ganz anderen Menschen, der von der Höhe meines Phantasiebildes so tief hinabgestürzt war. Einen reinen Menschen hatte ich gesucht, nicht diesen Menschen. Und weshalb hatte ich mich so in ihn verliebt, einmal für ewig, in jener kurzen Minute, als ich ihn damals sah, da ich noch ein kleines Kind war? Dies »für ewig« mußte weggewischt werden, Ich werde vielleicht einmal, wenn ich Platz dafür finde, jene erste Begegnung mit ihm erzählen: es ist nichts als eine alberne kleine Anekdote, die nicht das geringste beweist. Aber ich baute eine ganze Pyramide darauf auf. Ich begann an dieser Pyramide schon unter der kleinen Decke meines Kinderbettchens zu bauen, wenn ich vor dem Einschlafen dalag und weinen konnte und träumen – wovon? – ich weiß es selbst nicht. Davon, daß ich verlassen war? Davon, daß ich gequält wurde? Aber gequält worden bin ich nur wenig, im ganzen nur zwei Jahre lang, in der Pension Touchard, in die er mich damals brachte, um dann für immer abzureisen. Späterhin hat mich niemand mehr gequält; im Gegenteil, ich selber sah stolz auf meine Mitschüler hinunter. Und ich kann solche sich selbst bejammernden Waisenkinder nicht ausstehen! Ich weiß mir kein ekelhafteres Schauspiel, als wenn solche Waisen, solche unehelichen Kinder, alle diese Verstoßenen und überhaupt dieser ganze Dreck, mit dem ich auch nicht das geringste Mitgefühl habe – wenn die auf einmal feierlich vor dem Publikum aufmarschieren und kläglich, aber erbaulich losheulen: »Seht her, wie man an uns gehandelt hat!« Prügeln könnte ich diese Waisen! Und keiner von diesem trüben Gesindel begreift, daß es zehnmal anständiger ist, zu schweigen, nicht zu heulen und die Sache einer Klage überhaupt nicht für wert zu halten. Das sind meine Gedanken hierüber! Aber nicht das war das Lächerliche, daß ich früher »unter der Bettdecke« so von ihm geträumt hatte, sondern meine Reise hierher um seinetwillen, wieder um dieses erdachten Menschen willen; und über dieser Reise hatte ich beinahe mein Hauptziel vergessen. Ich war hergekommen, um ihm zu helfen die Verleumdung zu vernichten, seine Feinde zu zerschmettern. Jenes Dokument, von dem Kraft gesprochen hatte, der Brief dieser Frau an Andronikow, vor dem sie solche Angst hatte, der ihr Glück zerstören und sie an den Bettelstab bringen konnte und den sie in Wersilows Händen vermutete, – dieser Brief war nicht in Wersilows Händen, sondern steckte eingenäht in meiner Brusttasche. Ich hatte ihn selbst eingenäht, und bis jetzt wußte noch kein Mensch auf der Welt davon. Daß die romanhaft veranlagte Maria Iwanowna, die das Dokument »in Aufbewahrung« hatte, es für nötig gehalten hatte, den Brief gerade mir, und keinem ändern, zu übergeben, das ist Sache ihrer Ansieht und ihres freien Willens, und ich bin nicht verpflichtet, es zu erklären; vielleicht erzähle ich es übrigens noch einmal, wenn sich gerade eine Gelegenheit bietet. Aber wie ich nun auf einmal diese ganz unerwartete Waffe in der Hand hielt, wie hätte mich der Wunsch nicht verlocken sollen, so in Petersburg aufzutreten? Natürlich hatte ich beschlossen, diesem Menschen nicht anders zu helfen, als ganz im geheimen, ohne hervorzutreten oder mich zu ereifern, ohne von ihm Lobsprüche oder Umarmungen zu erwarten. Und niemals, niemals würde ich es mit meiner Würde für vereinbar halten, ihm irgendeinen Vorwurf zu machen! War er denn auch nur im geringsten schuld daran, daß ich mich in ihn verliebt und mir aus ihm ein phantastisches Idealbild geschaffen hatte? Und vielleicht liebte ich ihn überhaupt gar nicht einmal! Sein origineller Verstand, sein interessanter Charakter, alle seine Intrigen und Abenteuer und der Umstand, daß meine Mutter bei ihm wohnte – das alles, schien mir, hätte mich jetzt nicht mehr aufhalten können; es war auch damit schön genug, daß meine phantastische Puppe zerbrochen war und ich ihn vielleicht nicht mehr würde lieben können. Also, was hielt mich denn auf, woran hing ich fest? Das war die Frage. Und als Endergebnis kam heraus, daß nur ich hier der Dumme war und niemand anders. Aber wie ich von den anderen Ehrlichkeit verlange, will ich selbst auch ehrlich sein: ich muß bekennen, daß das Dokument, das ich in der Tasche eingenäht trug, in mir nicht nur den brennenden Wunsch erregt hatte, Wersilow zu Hilfe zu eilen. Heute ist mir das nur zu klar, und auch damals errötete ich vor dem Gedanken. Ich sah eine Frau vor Augen, ein stolzes Geschöpf aus der höchsten Gesellschaft, dem ich Aug' in Auge gegenübertreten würde; sie würde mich verachten, mich verlachen wie eine kleine Maus, ohne den Schimmer eines Verdachtes zu haben, ich könnte der Herr über ihr Schicksal sein. Dieser Gedanke hatte mich schon in Moskau trunken gemacht, besonders aber im Eisenbahnwagen, als ich nach Petersburg fuhr; ich habe das schon weiter oben gestanden. Ja, ich haßte diese Frau, aber ich liebte sie auch schon als mein Opfer, und dies war die reine Wahrheit, dies alles war wirklich. Aber war dies denn nicht schon so kindisch, wie ich es selbst von einem Menschen wie ich bin nicht hätte erwarten sollen? Ich beschreibe meine damaligen Gefühle, das heißt, was mir damals durch den Kopf ging, als ich in jenem Wirtshaus unter der Nachtigall saß, und als ich den Entschluß faßte, noch am gleichen Abend für immer mit ihnen zu brechen. Der Gedanke an meine heutige Begegnung mit dieser Frau übergoß auf einmal mein Gesicht mit der Farbe der Scham. Eine schmähliche Begegnung! Ein schmählicher und dummer Eindruck, und – was die Hauptsache war – er bewies mir stärker als sonst etwas meine Unfähigkeit zu einer ernsten Aufgabe! Es bewies nur das eine – so dachte ich damals – daß ich nicht die Kraft hätte, den dümmsten Verlockungen zu widerstehen, während ich doch eben erst selber zu Kraft gesagt hatte, ich kenne »meine Stelle« im Leben, ich hätte meine Aufgabe und würde, wenn man mir drei Menschenleben gäbe, auch daran noch nicht genug haben. Voll Stolz hatte ich das gesagt. Daß ich meine Idee hatte fahren und mich in Wersilows Angelegenheiten hineinziehen lassen, dafür konnte man schließlich vielleicht noch eine Entschuldigung finden; aber daß ich wie ein erstaunter Hase im Zickzack hin und her sprang und mich in jeden Schund hineinziehen ließ, daran war natürlich nichts schuld als meine Dummheit. Welcher Satan hatte mich geritten, zu Dergatschow zu gehen und dort mit meinen Dummheiten herauszuplatzen, während ich doch bei mir längst wußte, daß ich nichts Kluges und Vernünftiges zutage bringen würde und daß es das vorteilhafteste für mich wäre, zu schweigen? Und irgend so ein Wasin redet mir zur Vernunft und sagt mir, »ich hätte noch fünfzig Jahre vor mir, es läge durchaus kein Grund vor, mir graue Haare darüber wachsen zu lassen.« Gewiß ist diese Antwort vorzüglich, das gebe ich zu, und sie macht seiner unbestreitbaren Klugheit Ehre; sie ist schon deshalb vorzüglich, weil sie höchst einfach ist und das Einfachste begreift man immer erst zuletzt, wenn man schon alles durchprobiert hat, was komplizierter oder dümmer ist; aber ich wußte diese Antwort schon selber, bevor Wasin sie mir gesagt hatte; ich hatte diesen Gedanken seit reichlich drei Jahren vorausgefühlt; ganz abgesehen davon, daß in ihm teilweise »meine Idee« begründet ist. – Das waren so meine Gedanken damals im Wirtshaus. Ich fühlte mich angeekelt, als ich, müde vom Gehen und von meinen Gedanken, so gegen acht Uhr abends nach Hause aufbrach. Es war schon ganz dunkel, und das Wetter war umgeschlagen; es war trocken, aber ein unangenehmer Petersburger Wind hatte sich erhoben, blies mir schneidend und scharf in den Rücken und wirbelte ringsum Staub und Sand auf. Wie viele verdrossene Gesichter unter den geringen Leuten, die von der Arbeit und den Geschäften in ihre Winkel heimeilten! Jeder trug seine eigene verdrossene Sorge im Gesicht, und es war vielleicht nicht ein einziger allgemeiner, alleinender Gedanke in dieser Menge. Kraft hatte recht: jeder war und dachte nur für sich. Ein kleiner Knabe begegnete mir, so klein, daß es sonderbar anmutete, ihn um diese Stunde allein auf der Straße zu sehen; er hatte sich wahrscheinlich verlaufen; eine Frau blieb eine Minute lang stehen und horte zu, was er sagte, aber sie verstand nichts, zuckte die Achseln und ließ ihn allein in der Dunkelheit stehen. Ich wollte zu ihm treten, aber ich weiß nicht warum, er bekam auf einmal Angst vor mir und lief weiter. Als ich vor unserem Hause stand, war ich entschlossen, Wasin niemals zu besuchen. Als ich die Treppe hinaufstieg, fühlte ich den brennenden Wunsch, die Meinen allein zu Hause zu treffen, ohne Wersilow, damit ich, bevor er käme, Zeit fände, meiner Mutter ein gutes Wort zu sagen, oder auch meiner Schwester, der ich den ganzen Monat lang kaum ein einziges besonderes Wort gesagt hatte. Und so traf es sich auch, er war nicht zu Hause...   4 Übrigens, bevor ich in meinen »Memoiren« diese »neue Person« auf die Bühne bringe (das heißt, ich spreche von Wersilow), will ich in Kürze seine »Dienstliste« hersetzen, die übrigens nichts zu bedeuten hat. Ich tue das, damit dem Leser alles verständlicher wird, und weil ich nicht absehe, wo ich diese »Liste« im weiteren Fluß meiner Erzählung würde anbringen können. Er hatte studiert, war dann aber in ein Garde-Kavallerieregiment eingetreten. Er hatte die Fanariotowa geheiratet und seinen Abschied genommen. Er war ins Ausland gegangen und wieder zurückgekommen und lebte in Moskau allerlei geselligen Vergnügungen. Nach dem Tode seiner Frau ging er aufs Land; in die Zeit fällt die Episode mit meiner Mutter. Nachher lebte er lange irgendwo in Südrußland. Während des Krimkrieges trat er wieder in das Heer ein, kam aber überhaupt nicht in die Krim und nahm am ganzen Krieg keinen tätigen Anteil. Als der Krieg zu Ende war, nahm er wieder seinen Abschied, ging ins Ausland und nahm meine Mutter mit, die er übrigens in Königsberg sitzenließ. Die Ärmste hat mir manchmal mit einem gewissen Grausen; und kopfschüttelnd davon erzählt, wie sie dort ein; volles, halbes Jahr gelebt hat, mutterseelenallein mit ihrer kleinen Tochter, ohne die Sprache zu kennen, wie im Urwalde, und; zu guter Letzt auch ohne Geld. Dann war Tatjana Pawlowna gekommen und hatte sie nach Rußland zurückgeholt, irgendwohin ins Gouvernement Nishnij-Nowgorod. Späterhin wurde Wersilow dann Oberfriedensrichter und soll sein Amt ausgezeichnet ausgefüllt haben; aber bald gab er es wieder auf und begann sich in Petersburg mit dem Eintreiben von allerlei privaten Forderungen zu beschäftigen. Andronikow hat seine Fähigkeiten immer hoch eingeschätzt und großen Respekt vor ihm gehabt und nur gesagt, er verstünde seinen Charakter nicht. Nachher gab Wersilow auch das auf und reiste wieder ins Ausland, und diesmal für längere Zeit, gleich auf ein paar Jahre. Und dann begannen seine ganz besonders intimen Beziehungen zum alten Fürsten Sokolskij. Während dieser ganzen Zeit änderten sich seine Geldverhältnisse zwei-, dreimal: bald kam er beinah an den Bettelstab, bald wurde er auf einmal wieder reich und war wieder oben. Übrigens habe ich mich entschlossen, jetzt, wo ich in, meinen Aufzeichnungen eben bis zu diesem Punkte gekommen bin, »meine Idee« auseinanderzusetzen. Ich will sie in Worte fassen, zum erstenmal seit ihrer Entstehung. Ich entschließe mich sozusagen, sie dem Leser mitzuteilen, und wieder nur deshalb, damit meine weiteren Darlegungen klar werden. Und nicht nur der Leser, nein, auch ich selbst, der Verfasser, beginne mich in der Schwierigkeit zu verheddern, die es macht, meine Schritte zu erklären, ohne vorher erklärt zu haben, was mich zu ihnen gebracht hat. Mit diesem »Trick des Verschweigens« bin ich, infolge meiner Unerfahrenheit, schon wieder einer jener literarischen »Schönheiten« der Romanciers verfallen, über die ich weiter oben selbst gespottet habe. Jetzt, wo ich die Tür zu meinem Petersburger Roman mit allen seinen schimpflichen Abenteuern öffnen will, erscheint mir diese Vorrede unumgänglich nötig. Aber nicht die »literarischen Schönheiten« allein haben mich verführt, hierüber bisher zu schweigen, sondern auch das Wesen der Sache, das heißt, die Schwierigkeit der Sache; sogar heute noch, wo schon alles Vergangene vergangen ist, fühle ich, wie unendlich schwer es ist, diesen »Gedanken« zu erklären. Außerdem kann es wohl nicht zweifelhaft sein, daß ich ihn unbedingt in seiner damaligen Gestalt erklären muß, das heißt, wie er sich damals geformt hatte und von mir gedacht wurde, und nicht, wie er heute besteht, und das ist eine neue Schwierigkeit. Manche Dinge zu erklären, ist fast unmöglich. Gerade die allereinfachsten, allerklarsten Ideen, gerade die versteht man am schwersten. Wenn Kolumbus vor der Entdeckung von Amerika seine Idee anderen Leuten mitgeteilt hätte, ich bin überzeugt, sie hätten ihn furchtbar lange gar nicht verstanden. Und sie haben ihn ja auch nicht verstanden. Wenn ich das sage, denke ich nicht entfernt daran, mich mit Kolumbus zu vergleichen, und wenn jemand das aus meinen Worten schließen sollte, so kann ich ihm nur sagen, er solle sich lieber schämen und weiter gar nichts. Fünftes Kapitel   1 Meine Idee ist – ein Rothschild zu werden! Ich fordere den Leser auf, ruhig und ernst zu bleiben. Ich wiederhole es, meine Idee ist, ein Rothschild zu werden, ebenso reich zu werden wie Rothschild; nicht einfach reich, sondern gerade wie Rothschild. Weswegen, wozu, was ich damit eigentlich für Ziele verfolge – davon wird später die Rede sein. Zunächst will ich beweisen, daß die Erreichung meines Zieles mit mathematischer Sicherheit garantiert ist. Es ist eine sehr einfache Sache, ihr ganzes Geheimnis liegt in diesen zwei Worten: Hartnäckigkeit und Ausdauer . »Da erfahren wir nichts Neues,« wird man mir sagen, »jeder Familienvater in Deutschland predigt das seinen Kindern, aber dabei ist Ihr Rothschild (das heißt, der verstorbene James Rothschild, der Pariser, von dem ich spreche) der einzige in seiner Art geblieben, und die Familienväter zählen nach Millionen.« Auf so einen Einwurf würde ich antworten: »Sie behaupten, das wäre nichts Neues, das wüßten Sie schon lange, aber dabei wissen Sie gar nichts. Es ist ja richtig, in einem Punkt haben Sie recht; wenn ich gesagt habe, diese Sache wäre ›sehr einfach‹, so habe ich vergessen, hinzuzufügen, daß sie zu gleicher Zeit furchtbar schwer ist. Alle Religionen und Sittenlehren in der Welt laufen auf den einen Satz hinaus: ›Du sollst die Tugend lieben und das Laster meiden.‹ Was könnte anscheinend einfacher sein? Aber tun Sie doch eine tugendhafte Tat oder meiden Sie doch auch nur ein einziges von Ihren Lastern, versuchen Sie es mal – nun, und –? Und genau so ist es hiermit.« Das ist der Grund, warum die unzähligen Familienväter im Laufe unzähliger Jahrhunderte diese beiden wunderbaren Wörter immer wiederholen konnten, in denen das ganze Geheimnis beschlossen liegt, und daß Rothschild dennoch der einzige in seiner Art blieb; Also: das ist durchaus nicht dasselbe, und die Familienväter predigen durchaus nicht meinen Gedanken. Von Hartnäckigkeit und Ausdauer haben auch sie zweifellos gehört; aber zur Erreichung meines Zieles können Hartnäckigkeit und Ausdauer im Sinne der Familienväter nicht dienen. Schon der eine Ausdruck »Familienväter« – ich spreche nicht von den deutschen allein – der Umstand, daß so ein Mensch Familie hat, daß er lebt, wie alle leben, daß er Ausgaben hat wie alle, Pflichten wie alle andern – schon das bedeutet für ihn, daß er kein Rothschild werden kann, sondern immer ein begrenzter, mittelmäßiger Mensch bleiben muß. Ich verstehe es nur zu gut, daß einer, der ein Rothschild wird oder auch nur einer werden will, aber nicht im Sinne der Familienväter, sondern ernsthaft – daß so einer schon mit diesem Entschluß ganz von selbst aus der Gesellschaft austritt. Vor ein paar Jahren stand in den Zeitungen, auf einem Wolgadampfer wäre ein Bettler gestorben, der in Lumpen einhergegangen war und um Almosen gebeten hatte; jedermann dort kannte ihn. Nach seinem Tode fand man gegen dreitausend Rubel in Banknoten in seinen Bettelrock eingenäht. Und kürzlich habe ich wieder von einem Bettler gelesen, der von adliger Abkunft war, in den Wirtshäusern herumlief und um Almosen bat. Er wurde verhaftet, und es fanden sich bei ihm gegen fünftausend Rubel. Daraus ergeben sich ganz von selbst zwei Schlüsse: erstens, daß die Hartnäckigkeit im Sparen, wenn man auch nur Kopeke auf Kopeke legt, ganz kolossale Resultate erzielt (die Zeit hat hierbei gar nichts zu bedeuten), und zweitens, daß die primitivste, ungeklügeltste Form des Geldsammelns, wenn man sie nur mit Ausdauer und ohne jede Unterbrechung betreibt, mit mathematischer Sicherheit zum Erfolg führen muß. Und dabei gibt es vielleicht reichlich viele achtbare, kluge und sparsame Leute, die (soviel sie sich darum plagen mögen) weder drei noch fünf Tausende haben, und die sie doch überaus gern haben möchten. Woher kommt das? Die Antwort ist klar: weil nicht ein einziger von ihnen, so gern er es auch wollte, so viel Willen besitzt, um zum Beispiel, wenn er es sich auf keine andere Weise verdienen kann, selbst zum Bettler zu werden, weil keiner von ihnen, selbst wenn er Bettler geworden ist, hartnäckig genug ist, um die ersten Kopeken, die er bekommt, nicht gleich für ein überflüssiges Stück Brot für sich oder seine Familie auszugeben. Und bei dieser Methode, Geld zu verdienen, das heißt, beim Betteln, darf man, wenn man soviel Geld zusammenhäufen will, nur von Brot und Salz leben und nach weiter gar nichts Verlangen tragen; wenigstens fasse ich das so auf. So haben es auch sicherlich die oben erwähnten Bettler gemacht, das heißt, sie haben nur trockenes Brot gegessen und fast ausschließlich unter freiem Himmel gelebt. Zweifellos haben sie nicht die Absicht gehabt, Rothschilds zu werden; es waren bloß Harpagons oder Pliuschkins in ihrer reinsten Erscheinungsform, weiter nichts; aber auch beim bewußten Geldzusammenraffen in einer ganz anderen Form, mit dem Ziele, ein Rothschild zu werden, braucht man nicht weniger Energie und Willenskraft als diese beiden Bettler. Ein Familienvater bringt diese Kraft nicht auf. Die Kräfte auf der Welt sind verschieden geartet, besonders die Kraft des Wollens und Strebens hat sehr mannigfache Abstufungen. Es gibt eine Temperatur, bei der das Wasser zu sieden anfängt, es gibt auch eine Temperatur, bei der das Eisen in Rotglut gerät. Das ist ebenso schwer, wie ins Kloster zu gehen, so schwer wie die Selbstüberwindung asketischer Mönchsorden. Hier geht es ums Gefühl, nicht um die Idee. Und warum? Wozu? Ist das denn moralisch, und ist es nicht ganz ungeheuerlich, sein Leben lang in groben Gewändern zu gehen und nichts als Schwarzbrot zu essen, wenn man so einen Haufen Geld bei sich trägt? Von diesen Fragen später, jetzt will ich nur klarmachen, daß es möglich ist, mein Ziel zu erreichen. Als ich mir »meine Idee« ausgedacht hatte (und in der Rotglut besteht sie eben), begann ich mich zu prüfen, ob ich fähig wäre zu Kloster und Askese. Zu diesem Zwecke genoß ich den ganzen ersten Monat hindurch nur Brot und Wasser. Ich brauchte nicht mehr als zweieinhalb Pfund Schwarzbrot für den Tag. Um das durchführen zu können, mußte ich Nikolaj Semionowitsch betrügen, der sehr klug war, und Maria Iwanowna, die mir wohlwollte. Ich bestand darauf, daß mir das Essen in mein Zimmer gebracht wurde, zu ihrer Betrübnis und zur zweifelnden Verwunderung des sehr korrekten Nikolaj Semionowitsch; dort schaffte ich das Essen einfach beiseite: die Suppe goß ich zum Fenster hinaus, in die Nesseln oder sonstwohin, das Fleisch warf ich entweder durchs Fenster dem Hunde zu, oder ich wickelte es in ein Stück Papier, steckte es in die Tasche und brachte es nachher fort, und so mit allem übrigen. Da mir zum Mittagessen natürlich viel weniger als zweieinhalb Pfund Brot heraufgeschickt wurde, so kaufte ich mir heimlich für mein eigenes Geld welches dazu. Das hielt ich einen Monat aus und verdarb mir nur vielleicht ein bißchen meinen Magen dabei; im nächsten Monat fügte ich die Suppe zum Brot, und morgens und abends je ein Glas Tee – und ich kann versichern, so habe ich ein ganzes Jahr gelebt, vollkommen gesund und zufrieden und moralisch in einem Taumel und einer fortwährenden heimlichen Ekstase. Nicht nur, daß es mir um die Speisen nicht leid tat, nein, ich war geradezu in einer Verzückung. Als das Jahr zu Ende war und ich mich überzeugt hatte, daß ich jedes beliebige Fasten ertragen konnte, begann ich wieder zu essen wie sie und ging zu Mittag zu ihnen hinunter. Aber mit dieser Probe war ich noch nicht zufrieden und machte noch eine zweite. Als Taschengeld, für meine kleinen Ausgaben, bekam ich außer dem Geld für meinen Unterhalt, das direkt an Nikolaj Semionowitsch gezahlt wurde, monatlich fünf Rubel. Ich beschloß, nur die Hälfte dieses Geldes auszugeben. Das war eine sehr schwere Prüfung, aber nach zwei Jahren, als ich in Petersburg ankam, befanden sich in meiner Tasche, außer anderem Geld, siebzig Rubel, die ich mir nur auf diese Art erspart hatte. Das Resultat dieser beiden Versuche war für mich einfach gewaltig: ich hatte jetzt die sichere Gewißheit, daß ich genug Willenskraft besaß, um mein Ziel zu erreichen, und darin, ich wiederhole, liegt meine ganze Idee begründet – alles andere sind jämmerliche Kleinigkeiten.   2 Aber betrachten wir auch die Kleinigkeiten. Ich habe meine beiden Versuche beschrieben; in Petersburg machte ich, wie schon bekannt, einen dritten – ich ging auf eine Auktion und verdiente mit einem Schlage sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken. Natürlich, das war kein wirklicher Versuch, sondern nur eine Spielerei, ein kleines Amüsement; ich hatte Lust, eine Minute aus der Zukunft vorwegzunehmen und zu erproben, wie ich dann umhergehen und handeln würde. Überhaupt hatte ich den wirklichen Beginn meines Werkes von allem Anfang an, schon in Moskau, bis dahin verschoben, wo ich gänzlich frei sein würde; ich wußte gut genug, daß ich wenigstens zum Beispiel erst mit dem Gymnasium fertig sein müßte. (Die Universität hatte ich, wie schon bekannt, geopfert.) Unstreitig, ich reiste in einem geheimen Zorn nach Petersburg; ich hatte eben das Gymnasium absolviert und war zum erstenmal frei geworden, und da auf einmal sah ich, daß Wersilows Angelegenheiten mich für unbestimmte Zeit vom Beginn meines Werkes abzogen! Aber wenn ich auch zornig war, so kam ich doch ohne die geringste Unruhe meines Zieles wegen hin. Es ist ja richtig, die praktische Kenntnis fehlte mir; aber ich hatte alles drei Jahre lang ununterbrochen überdacht und konnte keinen Zweifel haben. Ich hatte es mir tausendmal vorgestellt, wie ich anfangen würde: ich würde auf einmal, wie vom Himmel gefallen, in einer von unsern beiden Hauptstädten auftreten (ich hatte mir für den Anfang unsere Hauptstädte ausgesucht und in erster Linie Petersburg, dem ich nach einiger Überlegung den Vorzug gegeben hatte), und so würde ich denn dastehen, wie vom Himmel gefallen, aber vollkommen frei, von niemand abhängig, gesund und mit einem heimlichen Schatz von hundert Rubel in der Tasche als erstes Anlagekapital. Ohne diese hundert Rubel wollte ich nicht anfangen, weil ich sonst auch schon die erste Periode des Erfolges gar zu weit hinausschieben müßte. Außer den hundert Rubeln brachte ich, wie schon bekannt, Mut, Hartnäckigkeit, Ausdauer, die vollste Einsamkeit und das tiefste Geheimnis mit. Die Einsamkeit war die Hauptsache; ich habe bis zur letzten Minute keinerlei Beziehungen zu anderen Menschen oder Verbindungen mit ihnen leiden können; im allgemeinen gesprochen, ich hatte beschlossen, mit der Ausführung meiner Idee unbedingt ganz allein anzufangen, das ist mein sine qua. Die Menschen bedrücken mich, und wenn ich innerlich unruhig wäre, müßte diese Unruhe meinem Ziele schädlich sein. Und es ist mir bis heute, mein Leben lang, immer so gegangen; wenn ich davon träumte, wie ich mit den Leuten umgehen würde, so dachte ich mir immer sehr kluge Dinge aus; aber sobald es in Wirklichkeit dazu kam, benahm ich mich in der dümmsten Weise. Ich bekenne das mit Unwillen und aufrichtig; ich habe mich mit Worten immer selbst ausgegeben, und darum beschloß ich, dem Umgang mit Menschen zu entsagen. Ich gewinne dadurch Unabhängigkeit, Seelenruhe, Klarheit in der Verfolgung meines Zieles. Ungeachtet der entsetzlichen Petersburger Preise hatte ich ein für allemal beschlossen, nicht mehr als fünfzehn Kopeken täglich für Essen auszugeben und wußte, daß ich mein Wort halten würde. Diese Frage wegen des Essens hatte ich mir lange und umständlich überlegt; so hatte ich zum Beispiel beschlossen, hier und da einmal zwei Tage nacheinander nichts als Brot und Salz zu essen, aber mit dem Vorbehalt, am dritten Tage wieder ausgeben zu dürfen, was ich mir in den beiden anderen erspart hatte; ich meinte, das würde besser für meine Gesundheit sein als die ewig gleiche Fastenkost auf Grundlage des Minimums von fünfzehn Kopeken. Außerdem brauchte ich, um leben zu können, einen Winkel, buchstäblich einen Winkel, nur damit ich mich nachts ausschlafen konnte und hier und da einmal bei ganz entsetzlichem Wetter auch tags eine Unterkunft hätte. Leben wollte ich auf der Straße und war im Notfall auch bereit, in den Asylen für Obdachlose zu übernachten, wo man außer seinem Lager ein Stück Brot und ein Glas Tee bekommt. Oh, ich würde es nur zu gut verstehen, mein Geld zu verstecken, damit es mir in meinem Winkel oder in den Asylen nicht gestohlen würde, ja, nicht einmal eine Ahnung sollte man davon haben, dafür verbürge ich mich! Auf der Straße habe ich einmal gehört, wie einer lustig sagte: »Mir soll man was stehlen? Ich hab' nur Angst, daß ich nicht am Ende einem andern was stehle.« Natürlich eigne ich mir für mich aus diesem Satze nur die Vorsichtigkeit und Listigkeit an; zu stehlen beabsichtige ich nicht. Mehr noch, ich hatte noch in Moskau, vielleicht am ersten Tage meiner »Idee«, fest beschlossen, nicht einmal Geld auf Pfänder und gegen Prozente zu verleihen; dazu sind die Juden da und solche Russen, die weder Verstand noch Charakter haben. Pfänder und Prozente – das ist nur was für ordinäre Menschen. Was die Kleidung betraf, so hatte ich beschlossen, immer zwei Anzüge zu haben: einen für alle Tage und einen guten. Wenn ich sie mir einmal angeschafft hätte, so würde ich sie lange tragen, davon war ich überzeugt; ich habe mich zweieinhalb Jahre extra im Hinblick hierauf geübt, meine Kleider lange zu tragen, und ich habe sogar das Geheimnis entdeckt: damit Kleider immer neu bleiben und sich nicht abtragen, muß man sie so oft wie möglich bürsten, fünf, sechsmal am Tage. Vor der Bürste fürchtet das Tuch sich nicht, ich spreche aus Erfahrung, sondern es fürchtet sich vor Staub und Schmutz. Staub besteht eben ganz einfach aus Steinen, wenn man ihn unter dem Mikroskop ansieht, und eine Bürste mag noch so hart sein, sie besteht doch im Grunde beinah aus einer Art Wolle. In gleicher Weise hatte ich mich geübt, meine Stiefel sehr zu schonen: das Geheimnis besteht darin, daß man den Fuß behutsam mit der ganzen Sohle auf einmal auf den Boden setzt und sein Körpergewicht dabei so schnell wie möglich auf die betreffende Seite legt. Lernen kann man das in vierzehn Tagen, nachher tut man es schon ganz unwillkürlich. Auf diese Weise halten die Stiefel, durchschnittlich gerechnet, um ein Drittel der Zeit länger. Das ist eine Erfahrung zweier Jahre. Und dann mußte also meine eigene Tätigkeit beginnen. Ich ging von der Vorstellung aus: ich habe hundert Rubel. In Petersburg gibt es so viel Auktionen, Ausverkäufe, Trödelläden und bedürftige Menschen, daß es ganz unmöglich ist, eine Sache, die man für soundso viel gekauft hat, nicht etwas teuerer verkaufen zu können. Für das Album habe ich einen Gewinn von sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken auf ein Anlagekapital von zwei Rubel und fünf Kopeken erzielt. Diesen ungeheuren Gewinn habe ich ohne das geringste Risiko erzielt: ich sah es dem Käufer an den Augen an, daß er nicht zurücktreten würde. Selbstverständlich verstehe ich nur zu gut, daß das nur ein Zufall war; aber solche Zufälle suche ich ja eben, deswegen habe ich ja beschlossen, auf der Straße zu leben. Nun, und mögen solche Zufälle auch sehr selten sein; ganz gleich, meine erste Regel wird sein: niemals etwas zu riskieren, und meine zweite: unbedingt jeden Tag wenigstens ein bißchen mehr als das Minimum zu verdienen, das ich für meinen Unterhalt ausgeben muß, so daß mein Kapital ununterbrochen wächst. Man wird mir sagen: »das sind alles nur Träume, du kennst die Straße nicht und wirst beim ersten Schritt schon übervorteilt werden.« Aber ich besitze Willen und Charakter, und die Wissenschaft der Straße ist eine Wissenschaft wie jede andere, sie muß sich einem ergeben, wenn man sie mit Ausdauer und Aufmerksamkeit betreibt und Fähigkeiten mitbringt. Im Gymnasium war ich bis zur obersten Klasse immer unter den ersten, ich war ein ausgezeichneter Mathematiker. Wie kann man denn die Erfahrung und die Wissenschaft der Straße so götzendienerisch überschätzen, daß man mir den sicheren Mißerfolg prophezeit? So was sagen immer nur die Leute, die noch nie einen Versuch in irgendeiner Richtung gemacht haben, die keine Art von Leben angefangen , sondern immer nur im Fertigen vegetiert haben. » Einer hat sich die Nase gebrochen, also muß sie sich jeder andere unbedingt auch brechen!« Nein, ich breche mir meine nicht. Ich habe Charakter, und wenn ich gut aufpasse, lerne ich schon noch alles. Kann man sich denn überhaupt vorstellen, daß einer mit der ausdauerndsten Hartnäckigkeit, mit dem ausdauerndsten Scharfblick, mit der ausdauerndsten Überlegung und Berechnung, mit der größten ununterbrochenen Tätigkeit und Lauferei – daß es einer durch das alles nicht herausbringen sollte, wie man es machen muß, um täglich zwanzig Kopeken zu verdienen? Die Hauptsache ist, ich bin entschlossen, meinen Gewinn nie gewaltsam auf ein Maximum treiben zu wollen, nein, ich will immer ruhig bleiben. Nachher, später, wenn ich erst das erste Tausend habe und das zweite, dann werde ich natürlich ganz von selbst aufhören, den Vermittler und den Käufer und Wiederverkäufer auf der Straße zu spielen. Natürlich weiß ich noch zu wenig von Börse, Aktien, Bankiergeschäften und alledem. Aber dafür weiß ich so gut, wie ich fünf Finger an der Hand habe, daß ich alle diese Börsen-  und Bankiergeschäfte zu ihrer Zeit so gut verstehen werde, wie kein anderer, und daß diese Wissenschaft mir sehr leicht fallen wird, einfach weil mich meine Sache dahin führen wird. Ist denn dazu wirklich so viel Verstand nötig? Was kann einem da alle salomonische Weisheit nützen: Charakter muß einer haben; Kenntnisse, Gewandtheit, Wissen kommen ganz von selbst. Man darf nur nicht aufhören, zu »wollen«. Die Hauptsache ist: nichts riskieren. Und das versteht nur einer, der Charakter hat. Erst kürzlich kam mir hier, in Petersburg, eine Subskriptionsliste auf Eisenbahnaktien in die Hand; die Leute, die damals subskribieren konnten, haben viel daran verdient. Eine Zeitlang stiegen die Aktien rapid! Und jetzt setzen wir einmal den Fall, irgend jemand, dem es nicht gelungen ist, zu subskribieren, und der sehr gern welche haben möchte, sieht solche Aktien in meinen Händen und schlägt mir vor, er will sie mir abkaufen und mir dafür eine Prämie von soundso viel Prozenten zahlen. Ich würde sie ihm unbedingt sofort verkaufen. Selbstverständlich würde man über mich lachen: »wenn du noch gewartet hättest, so hättest du vielleicht den zehnfachen Betrag verdient.« – Sehr richtig, aber meine Prämie ist schon deshalb sicherer, weil ich sie in der Tasche habe, während die Ihre noch in der Luft herumfliegt. – Man wird mir sagen, auf diese Weise verdiente man nicht viel; – pardon, das ist ja gerade der Fehler, der Fehler aller unserer großen Spekulanten. Die Wahrheit lautet: Ausdauer und Hartnäckigkeit im Verdienen und vor allem im Behalten bedeutet unendlich viel mehr als momentane Coups, mögen sie auch hundert und aberhundert Prozente einbringen. Kurz vor der französischen Revolution trat in Paris ein gewisser Law auf und heckte ein im Prinzip geniales Projekt aus (das nachher bei der Ausführung jämmerlich verkrachte). Ganz Paris war in Aufregung; Laws Aktien gingen wie warme Semmeln ab, man riß sich um sie. In dem Hause, wo die Subskriptionsliste aufgelegt war, strömte das Geld von ganz Paris zusammen, wie aus einem Sack; aber endlich reichte auch das Haus nicht mehr: das Publikum drängte sich auf der Straße – alle Berufe, Stände, Lebensalter: Bourgeois, Edelleute und ihre Kinder, Gräfinnen, Marquisen, öffentliche Frauenzimmer – alles keilte sich zu einem erregten, halbverrückten Klumpen zusammen, es war, als wären sie alle von tollen Hunden gebissen; Rang, Vorurteile, Rassenunterschiede, Stolz, sogar die Ehre und der gute Name – alles wurde in einen Dreck gestampft; alles wurde geopfert (sogar von Frauen), um nur ein paar Aktien zu bekommen. Die Subskription wurde schließlich auf der Straße fortgesetzt, aber man hatte keine Unterlage zum schreiben. Da schlug man einem Buckligen vor, seinen Buckel für eine Zeitlang als Tisch herzuleihen. Der Bucklige willigte ein – man kann sich vorstellen, wie viel er sich dafür zahlen ließ. Kurze Zeit darauf (sehr kurze Zeit sogar) machten alle Bankerott, alles verkrachte, die ganze Idee ging zum Teufel und die Aktien hatten nicht mehr den geringsten Wert. Wer hatte dabei gewonnen? Nur der Bucklige, eben weil er keine Aktien genommen hatte, sondern bare Louisdors. Nun, ich bin eben jener Bucklige! Ich habe genug Kraft gehabt, zu fasten und mir Kopeke für Kopeke zweiundsiebzig Rubel zu ersparen; es wird auch dazu reichen, daß ich im Wirbelwind des Erwerbsfiebers, der alle ergriffen hat, auf meinen Füßen stehen bleibe und den sicheren Verdienst dem großen vorziehe. Ich bin nur in Kleinigkeiten kleinlich, in großen Sachen – nie. Zur Geduld in kleinen Dingen hat es mir oft an Charakter gemangelt; selbst nachdem meine »Idee« schon geboren war, aber für große Dinge werde ich immer genug Charakter haben. Wenn meine Mutter mir damals morgens, bevor ich zum alten Fürsten ging, kaltgewordenen Kaffee vorsetzte, wurde ich wütend und sagte ihr Grobheiten, und dabei war ich derselbe Mensch, der einen ganzen Monat nur von Brot und Wasser gelebt hatte. Mit einem Wort, es wäre unnatürlich, wenn ich nicht Geld verdienen sollte, wenn ich nicht lernen sollte, wie man das macht. Und unnatürlich wäre es auch, ich wiederhole es, unnatürlich, wenn einer nicht Millionär werden sollte, der ununterbrochen und gleichmäßig Geld aufhäuft, der ununterbrochen Acht gibt und die Nüchternheit seines Denkens bewahrt, der ewig enthaltsam, ökonomisch und von einer Energie ist, die alles überflügelt. Wodurch hat sich jener Bettler sein Geld erworben, als durch den Fanatismus seines Charakters und seiner Hartnäckigkeit? Bin ich vielleicht schlechter, als dieser Bettler? »Und schließlich, mag ich auch gar nichts erreichen, mag meine Berechnung falsch sein, mag ich verspielen und zugrunde gehen, ganz einerlei – ich gehe meinen Weg. Ich gehe ihn, weil ich nun einmal will.« Das habe ich schon gesagt, als ich noch in Moskau war. Man wird einwenden, hier wäre überhaupt gar keine Idee vorhanden, und ebenso nichts Neues. Ich aber sage, und jetzt zum letztenmal: es liegt eine sehr große Idee und unendlich viel Neues darin. Oh, ich habe schon so ein Vorgefühl gehabt, wie trivial alle Einwände sein würden, und wie trivial ich selbst, wenn ich meine »Idee« erläuterte. Ja, und was habe ich ausgesprochen? Nicht den hundertsten Teil habe ich ausgesprochen, ich fühle, daß es kleinlich, plump, oberflächlich und sogar jugendlicher herausgekommen ist, als es für meine Jahre paßt.   3 Es bleiben noch die Antworten auf die Fragen »Warum?« und »Weshalb?« und »Ist das moralisch oder nicht?« übrig, – ich habe eine Antwort darauf versprochen. Es tut mir leid, daß ich den Leser mit einem Streich enttäuschen muß, es tut mir leid und freut mich. Möge man doch wissen, daß wirklich keine Spur von einem Gefühl der »Rache« mit meiner Idee etwas zu tun hat, nichts Byronisches, – keine Flüche, keine Waisenklagen, keine Bankerttränen, nichts, gar nichts. Kurz und gut, die romantisch veranlagte Dame, der meine Memoiren in die Hände fallen könnten, würde sogleich die Nase hängen lassen. Das ganze Ziel meiner »Idee« ist – die Einsamkeit. »Aber Einsamkeit kann man auch erlangen, ohne sich darum zu reißen, ein Rothschild zu werden. Was hat Rothschild damit zu tun?« »Das hat er damit zu tun, daß ich außer der Einsamkeit auch Macht haben will.« Ich will ein kurzes Vorwort machen: der Leser wird sich vielleicht über die Aufrichtigkeit meines Bekenntnisses entsetzen und sich naiv fragen: warum errötet der Verfasser hierbei nicht? Meine Antwort ist: ich schreibe nicht, um gedruckt zu werden; und einen Leser werde ich vielleicht erst in zehn Jahren haben, wenn alles bis zu einem Grade klar geworden, vorübergegangen und erwiesen ist, daß zu einem Erröten nicht mehr die geringste Veranlassung sein wird. Und wenn ich mich daher manchmal in meinen Memoiren an einen Leser wende, so ist das nur eine Manier. Mein Leser ist nur eine gedachte Person. Nein, nicht meine uneheliche Geburt, mit der ich bei Touchard so viel aufgezogen wurde; nicht meine traurigen Kinderjahre, kein Rächersinn und kein berechtigtes Protestgefühl haben den Keim zu meiner »Idee« gelegt; schuld daran ist ganz allein mein Charakter. – Mit zwölf Jahren, glaube ich, das heißt also, fast mit demselben Moment, wo das richtige Bewußtsein in mir erwachte, fing ich an, die Menschen nicht mehr leiden zu können. Es war eigentlich nicht, daß ich sie nicht hätte leiden können, aber sie fielen mir gewissermaßen schwer. Es ist mir selbst manchmal furchtbar traurig gewesen, in meinen reinsten Minuten, daß ich mich auch gegenüber den mir am nächsten stehenden Leuten nie habe ganz aussprechen können; das heißt, ich könnte es wohl, aber ich will nicht, ich halte mich zurück und weiß selbst nicht, warum; es hat mich oft betrübt, daß ich so mißtrauisch, verdrießlich und unumgänglich bin. Und so habe ich auch seit lange noch einen Zug an mir entdeckt: ich klage zu häufig an, ich bin zu sehr geneigt, andere Leute zu beschuldigen; aber wenn ich dieser Neigung nachgebe, folgt gleich darauf sehr oft ein anderer Gedanke, der für mich etwas erdrückend Schweres hat, und der lautet: »Bin ich nicht am Ende selber der Schuldige, und nicht sie?« Und wie oft habe ich mich grundlos beschuldigt! Um nicht genötigt zu sein, solche Fragen zu entscheiden, habe ich natürlich die Einsamkeit gesucht. Und zu alledem habe ich nichts in der Gesellschaft der Menschen gefunden, so sehr ich mich gemüht habe, und ich habe mich bemüht; wenigstens alle meine Altersgenossen, alle meine Kameraden haben sich, vom ersten bis zum letzten, niedriger erwiesen, als meine Gedanken waren; ich weiß keine einzige Ausnahme. Jawohl, ich bin finster, ich verstecke mich ununterbrochen. Ich fühle oft den Wunsch, aus der Gesellschaft auszutreten. Ich werde den Menschen vielleicht Gutes tun, aber häufig erblicke ich nicht die geringste Ursache, ihnen Gutes zu tun. Und überhaupt sind die Menschen nicht so wundervoll, daß es sich verlohnte, sich um sie Sorgen zu machen. Warum treten sie nicht gerade und offen an mich heran, und warum bin ich unbedingt verpflichtet, selbst und als erster zu ihnen zu kommen. Das war es, wonach ich mich gefragt habe. Ich bin ein dankbares Geschöpf und habe das schon durch ein ganzes Hundert Dummheiten bewiesen. Ich möchte dem Offenen momentan mit Offenheit erwidern und gleich anfangen, ihn zu lieben. Und das habe ich auch getan; aber alle haben sie mich sofort übers Ohr gehauen und sich mit spöttischem Lächeln vor mir versteckt. Der offenste von allen war Lambert, der mich in meinen Kinderjahren so viel geprügelt hat: aber auch der war nur ein offener Schuft und Bandit; und auch diese Offenheit entsprang nur aus seiner Dummheit. Das waren so meine Gedanken, als ich nach Petersburg kam. Als ich damals von Dergatschow kam (wohin es mich weiß Gott warum gezogen hatte), ging ich auf Wasin los und sang dem, in einem Anfall von Begeisterung, sein Lob. Und was folgte dann? Noch am selben Abend fühlte ich schon, daß ich ihn jetzt viel weniger gern hatte. Warum? Eben darum, weil ich sein Lob gesungen und mich selbst dadurch vor ihm heruntergesetzt hatte. Und dabei schien mir doch, es müßte gerade das Umgekehrte der Fall sein: ein Mensch, der so gerecht und so großdenkend ist, daß er einem andern gibt, was ihm gebührt, auch wenn er sich selbst dabei etwas vergibt, so ein Mensch steht doch an wirklicher Würde beinahe höher, als sonst irgend jemand. Und doch – ich begriff das sehr wohl; aber trotzdem hatte ich Wasin jetzt weniger gern, sogar sehr viel weniger. Ich habe absichtlich ein Beispiel gewählt, das dem Leser schon bekannt war. Sogar an Kraft dachte ich mit einem bitteren und säuerlichen Gefühl zurück, weil er mich so einfach selbst hinausgeleitet hatte, und das dauerte bis zum nächsten Tage an, bis mir alles, was Kraft anging, ganz klar geworden war und ich ihm nicht mehr zürnen konnte. Wenn mich, auch noch in den untersten Gymnasialklassen, irgendein Mitschüler in einem Unterrichtsgegenstand überflügelte oder mich in witzigen Antworten übertraf, so hörte ich sofort auf, mich mit ihm abzugeben und mit ihm zu sprechen. Nicht, daß ich ihn gehaßt oder ihm Mißerfolge gewünscht hätte; ich wandte mich nur einfach von ihm ab, weil das eben in meinem Charakter lag. Ja, ich habe mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, nach Macht und Einsamkeit. Meine Träume waren davon sogar schon in einem Alter erfüllt, wo mir ganz bestimmt jedermann ins Gesicht gelacht hätte, der erfahren hätte, was in meinem Kopfe vorging. Deswegen habe ich die Heimlichkeit so lieb gewonnen. Ja, ich träumte mit meiner ganzen Kraft und so viel, daß mir keine Zeit blieb, mich mit anderen Menschen zu unterhalten; daraus schloß man, ich wäre menschenscheu, und aus meiner Zerstreutheit wurden viel häßlichere Schlüsse gezogen, aber meine roten Backen bewiesen das Gegenteil. Besonders glücklich war ich, wenn ich im Bette lag, die Decke über mich gezogen hatte und ganz allein, in vollster Einsamkeit, ohne Menschen um mich zu sehen und ohne einen menschlichen Laut zu hören, das Leben nach meinen Träumen umzuschaffen begann. Glühendste Träumerei geleitete mich, bis zur Entdeckung meiner »Idee«, wo alle Träume, die dumm gewesen waren, auf einmal verständig wurden und aus der träumerischen Form des Romans in die kritisch denkende Form der Wirklichkeit übergingen. Alles ergoß sich dem einen Ziel entgegen. Meine Gedanken waren übrigens auch früher nicht gar so dumm gewesen, trotz ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit und Zahl. Aber ich hatte immer Lieblingsgedanken unter ihnen gehabt... Übrigens ist hier nicht der Ort sie aufzuzählen. Macht! Ich bin fest davon überzeugt, daß es sehr vielen Menschen sehr lächerlich erscheinen würde, wenn sie erführen, daß so ein »Dreck« wie ich, nach Macht ringt. Aber ich kann ihnen etwas sagen, was sie noch mehr wundern wird: vielleicht schon in meinen allerersten Träumen, das heißt, fast von meiner frühesten Kindheit an, habe ich mir mich selbst nicht anders vorstellen können, als auf dem ersten Platze, überall und in allen Lebenslagen. Hier will ich ein seltsames Bekenntnis anschließen: vielleicht ist das auch noch heute der Fall. Ich bemerke dazu, daß ich nicht um Verzeihung zu bitten gedenke. Und darin liegt auch meine »Idee«, darin liegt ihre Stärke, daß das Geld der einzige Weg ist, der sogar eine Null auf den ersten Platz führen kann. Ich bin ja vielleicht keine Null, aber ich weiß zum Beispiel aus dem Spiegel, daß mein Äußeres mir hinderlich ist, weil ich ein ordinäres Gesicht habe. Aber bin ich erst mal so reich, wie Rothschild, – wer wird dann mit meinem Gesichte rechten, und werden dann nicht Tausende von Frauen, wenn ich nur pfeife, mir mit aller ihrer Schönheit an den Hals fliegen? Ich bin sogar überzeugt, daß sie mich selbst, und ganz aufrichtig, schließlich für einen schönen Mann halten würden. Ich bin vielleicht auch klug. Aber mag ich auch eine Stirn von sieben Spannen haben, sicherlich findet sich ein anderer, der eine Stirn von acht Spannen hat – und dann bin ich geliefert. Aber wenn ich ein Rothschild bin, – kann dieser kluge Kopf von acht Spannen irgend etwas neben mir bedeuten? Gar nicht zu Worte kommen lassen wird man ihn neben mir! Ich bin vielleicht geistreich; aber nehmen wir an, es stellt sich ein Talleyrand, ein Piron neben mich – und ich bin verdunkelt; aber sobald ich ein Rothschild bin – wo bleibt da ein Piron, und vielleicht auch ein Talleyrand? Das Geld ist natürlich eine despotische Macht, aber zu gleicher Zeit ist es der größte Gleichmacher, und darin liegt seine hauptsächlichste Kraft. Das Geld macht alle Ungleichheiten gleich. Zu diesen Schlüssen bin ich noch in Moskau gekommen. Man wird in diesem Gedanken natürlich nichts als Unverschämtheit, Sucht nach Gewalt, Sucht der Nichtigkeit sehen, über die Talente zu triumphieren. Zugegeben, dieser Gedanke sei frech (und eben darum süß). Meinethalben! Man denkt, ich hätte mir damals Macht gewünscht, um andere zu erdrücken, um mich zu rächen? Das ist es eben, daß so unbedingt die ordinäre Gewöhnlichkeit handeln würde. Nein, mehr noch! Ich bin überzeugt, daß tausende von Talenten und klugen Köpfen, die sich so erhaben dünken, es nicht ertragen würden, wenn ihnen auf einmal die Rothschildschen Millionen in den Schoß fielen, und handeln würden wie die niedrigste ordinärste Gewöhnlichkeit und die anderen mehr als irgend jemand erdrücken. Meine Idee ist eine ganz andere. Ich habe keine Angst vor dem Geld; es wird mich nicht erdrücken, und mich auch nicht zwingen, andere zu erdrücken. Ich habe das Geld nicht nötig, oder, besser gesagt, ich habe nicht das Geld nötig, auch nicht einmal die Macht; ich habe nur nötig, was man durch die Macht erlangt und was man ohne Macht auf keine Art erlangen kann: und das ist das einsame und ruhige Kraftbewußtsein! Das ist die erschöpfendste Umschreibung der Freiheit, um die die ganze Welt sich plagt! Freiheit! Endlich steht es hier auf dem Papier, das große Wort... Ja, das einsame Kraftbewußtsein – das ist verlockend und herrlich. Habe ich Kraft, so bin ich ruhig. Jupiter hat den Donnerkeil in seiner Hand, und er ist ruhig! Hört man ihn etwa oft donnern? Ein Narr könnte meinen, er schliefe. Aber man setze einmal irgendeinen Literaten an Jupiters Stelle, oder ein dummes Bauernweib – es wird donnern und donnern ohne Ende. Wenn ich erst die Macht hätte – so überlegte ich – würde ich ihrer gar nicht mehr bedürfen; ich kann versichern, daß ich selbst, aus eigenem freien Willen, überall den letzten Platz einnehmen würde. Wenn ich ein Rothschild wäre, ich ginge in einem schäbigen Paletot und mit einem Regenschirme herum. Was machte es mir, wenn ich auf der Straße angerannt würde, wenn ich eilig durch den Straßenschmutz springen müßte, um nicht von Droschken überfahren zu werden? Das Bewußtsein, daß ich das wäre, ich, der Rothschild, würde mir in solchen Momenten sogar großes Vergnügen machen. Ich weiß, daß ich das beste Essen haben kann und den ersten Koch in der ganzen Welt, und ich habe genug daran, daß ich es weiß. Ich würde ein Stück Brot mit Schinken essen und mich an meinem Bewußtsein sättigen. Ich bin sogar heute noch derselben Ansicht. Ich werde mich nicht an die Aristokratie herandrängen, sondern sie wird sich zu mir drängen, ich werde den Weibern nicht nachlaufen, sondern sie werden zu mir strömen, wie Wasser, und mir alles anbieten, was eine Frau anzubieten hat. Die »schlechten« werden des Geldes wegen kommen und die klugen wird die Neugier herführen, einen so sonderbaren, stolzen, verschlossenen Menschen zu ergründen, der alles mit solcher Gleichgültigkeit betrachtet. Ich werde zu den einen freundlich sein und zu den andern auch, und vielleicht werde ich ihnen Geld geben, ich selbst aber werde nichts von ihnen annehmen. Neugier gebiert Leidenschaft, vielleicht werde ich auch Leidenschaft entzünden. Aber ich kann versichern, sie werden nichts von mir mitnehmen, höchstens Geschenke. Und ich werde dadurch nur doppelt interessant für sie werden ... Denn am Bewußtsein Find' ich Genügen. Sonderbar ist es, daß ich mir dies Bild (das übrigens richtig ist), schon mit siebzehn Jahren wollüstig verlockend ausgemalt habe. Bedrücken und quälen will ich niemand und werde ich niemand; aber ich würde wissen, daß keiner mich hindern könnte, wenn ich den und den Menschen, irgendeinen Feind von mir, ruinieren wollte, im Gegenteil, alle würden mir Beihilfe leisten, und an dem Bewußtsein hätte ich wieder genug. Ich würde mich sogar an niemand rächen. Ich habe mich immer darüber gewundert, daß James Rothschild darauf eingegangen ist, Baron zu werden! Warum, wozu, wenn er auch soviel größer war, als sonst irgend jemand auf Erden? Mag mich doch irgend so ein großschnauziger General auf einer Poststation beleidigen, wo wir beide auf frische Pferde warten; wenn er wüßte, wer ich bin, liefe er hinaus und spannte mir meine Pferde eigenhändig ein und spränge herzu, um mir in meinen bescheidenen Lastwagen zu helfen! Ich habe einmal gelesen, ein ausländischer Baron oder Graf hätte in einer Wiener Eisenbahn einem dortigen Bankier vor allen Leuten seine Pantoffeln angezogen; und der Mann war so ordinär, sich das gefallen zu lassen. – Oh, mag doch, mag diese schreckliche Schönheit (jawohl: schrecklich, es gibt solche Schönheiten!) – diese Tochter einer üppigen und vornehmen Aristokratin, wenn sie zufällig mit mir auf einem Dampfschiff zusammentrifft, mag sie mich nur scheel ansehen und die Nase rümpfen und sich von oben herab verwundern, wie dieser bescheidene, häßliche Mensch mit dem Buch oder der Zeitung in der Hand es wagen konnte, hierher auf den ersten Platz zu geraten, direkt neben sie. Wenn sie nur wüßte, wer neben ihr sitzt! Und sie wird es erfahren – sie wird es erfahren und sich selbst neben mich setzen, demütig, schüchtern, freundlich, sie wird meinen Blick suchen, sie wird froh sein über ein Lächeln von mir ... Ich setze diese jugendlichen Phantasiebildchen absichtlich hierher, um meinen Gedanken klarer auszudrücken; aber diese Bilder sind blaß und vielleicht auch trivial. Nur die Wirklichkeit kann alles rechtfertigen. Man wird mir einwenden, eine solche Lebensweise wäre dumm; warum soll man sich kein Palais bauen, kein Haus machen, keine Gesellschaften geben, keinen Einfluß ausüben, nicht heiraten? Aber was würde dann aus dem Rothschild werden? Er würde werden wie alle. Der ganze Reiz der »Idee« würde schwinden, ihre ganze moralische Kraft. Ich habe, als Kind noch, den Monolog aus dem »Geizigen Ritter« von Puschkin auswendig gelernt; etwas höheres, was die Idee angeht, als das, hat Puschkin weder vorher noch nachher hervorgebracht! Und dieselben Gedanken sind heute noch die meinen. »Aber Ihr Ideal ist doch gar zu niedrig«, wird man verachtungsvoll zu mir sagen. »Geld, Reichtum! Kommt es nicht auf den Nutzen für die Allgemeinheit an, auf humane Taten?« Ja, woher weiß denn jemand, wie ich meinen Reichtum anwenden würde? Was ist daran unmoralisch und niedrig, daß diese Millionen aus einer Menge von jüdischen, schädlichen und schmutzigen Händen in die Hände eines nüchternen und energischen Asketen zusammenströmen, der sich scharf die Welt ansieht? Überhaupt, alle diese Zukunftsträume, alle diese Prophezeiungen – das alles klingt heute wie ein Roman, und es kann wohl sein, daß ich sie für nichts und wieder nichts niederschreibe; mag sein, daß es besser unter meinem Schädeldach geblieben wäre; ich weiß auch, daß vielleicht niemand diese Zeilen lesen wird; aber wenn sie jemand läse, würde er mir dann wohl glauben, daß ich die Rothschildschen Millionen am Ende wirklich nicht ertragen könnte? Nicht etwa weil sie mich erdrücken würden, sondern in einem ganz anderer! Sinne, im entgegengesetzten Sinne. In meinen Zukunftsträumen habe ich schon mehr als einmal jenen Moment vorweggenommen, wo mein »Bewußtsein« gar zu befriedigt sein wird, und wo mir die Macht als etwas gar zu Kleines erscheinen wird. Dann werde ich – nicht aus Langerweile oder aus zielloser Blasiertheit, sondern weil ich ohne Unterlaß nach dem Großen streben werde – dann werde ich alle meine Millionen den Leuten geben; mag dann die Allgemeinheit über meinen ganzen Reichtum verfügen, und ich – ich will wieder in der großen Nichtigkeit verschwinden! Mag sein, daß ich mich sogar in jenen Bettler verwandle, der auf dem Dampfschiffe gestorben ist, nur mit dem Unterschied, daß man in meinem Kittel nichts eingenäht finden wird. Das Bewußtsein ganz allein, daß ich Millionen in diesen Händen gehalten habe und sie in den Dreck geworfen habe, würde mich in meiner Einöde nähren. Ich bin auch heute noch bereit, genau so zu denken. Jawohl, meine »Idee« – ist meine Festung, in der ich mich immer und in jedem Fall vor jedermann bergen kann, und mag ich der Bettler werden, der auf dem Dampfschiff gestorben ist. Das ist mein Gedicht! Und so sage ich denn, daß ich eben meinen lasterhaften Willen ganz brauchen – nur, um mir selbst zu beweisen, daß ich Kraft genug habe, um ihm zu entsagen. Man wird mir ohne Zweifel einwerfen, das wäre dann schon weiter nichts als poetische Träumerei, und ich würde die Millionen nie aus den Händen lassen, wenn ich sie einmal hätte und würde mich nicht in jenen Bettler aus Saratow verwandeln. Mag sein, daß ich sie nicht aus den Händen lassen würde; ich habe nur das Ideal meines Gedankens aufgezeichnet. Aber ich will, und jetzt im vollsten Ernste, nur noch das eine sagen: wenn ich in der Aufhäufung von Reichtümern bis zu der Ziffer gelangte, die Rothschild erreicht hat, so könnte es in Wirklichkeit damit enden, daß ich mein Geld der Allgemeinheit hingäbe. (Übrigens vor Erreichung der Rothschildschen Ziffer wäre es schwer, das zu tun.) Und ich würde nicht etwa die Hälfte hergeben, weil dabei nichts als eine Niedrigkeit herauskäme: ich würde nur um die Hälfte ärmer werden und weiter nichts; nein, eben alles müßte ich fortgeben, alles bis zur letzten Kopeke, denn wenn ich dann ein Bettler wäre, würde ich mit einem Schlage doppelt so reich sein, wie Rothschild! Wenn man das nicht begreift, ist es nicht meine Schuld; auf Erklärungen lasse ich mich nicht ein. »Das ist ja Fakirtum, das ist die Poesie der Nichtigkeit und Kraftlosigkeit!« werden die Leute sagen, »das ist der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit.« Jawohl, ich gebe zu, es mag zum Teil der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit sein, aber schwerlich die Kraftlosigkeit. Mir machte es eine furchtbare Freude, mir eben ein talentloses und mittelmäßiges Wesen vorzustellen, das der Welt gegenüberstände und lächelnd zu ihr sagte: ihr seid Galilei und Copernicus, Karl der Große und Napoleon, Puschkin und Shakespeare, ihr seid Feldmarschälle und Hofmarschälle, und hier stehe ich – die Unbegabtheit und der Vertreter der unehelichen Geburt – und dennoch bin ich höher als ihr, weil ihr euch dem selbst unterworfen habt. Ich muß bekennen, ich habe diese Phantasie so weit ausgedehnt, daß ich sogar die Bildung verwarf. Mich dünkte, es müßte noch schöner sein, wenn der betreffende Mensch von direkt schmutziger Unbildung wäre. Dieser schon etwas übertriebene Gedanke hatte damals sogar Einfluß auf meine Leistungen in der siebenten Gymnasialklasse; ich hörte eben aus Fanatismus auf zu lernen: der Mangel an Bildung wäre als eine neue Schönheit zu meinem Ideal hinzugekommen. Heute habe ich meine Meinung über diesen Punkt geändert: die Bildung ist kein Hindernis. Ja, meine Herrschaften, ist denn ein unabhängiger Gedanke, und sei er noch so klein, etwas so Schwieriges für Sie? Gesegnet ist, wer ein Schönheitsideal besitzt, selbst wenn es irrtümlich ist! Aber ich glaube an mein Ideal. Ich habe es nur nicht richtig dargelegt, zu unverständlich, zu buchstäblich. Nach zehn Jahren würde ich es natürlich besser darlegen. Aber dies will ich mir zur Erinnerung aufbewahren.   4 Ich habe nun alles über meine »Idee« gesagt. Wenn ich sie schlecht und oberflächlich geschildert habe, so ist das meine Schuld, nicht die Schuld der »Idee«. Ich habe es schon im voraus gesagt, daß die einfachsten Ideen am allerschwersten zu verstehen sind; jetzt füge ich noch hinzu, daß sie auch am schwersten zu, erläutern sind, um so mehr, als ich meine »Idee« noch in ihrer vormaligen Gestalt erläutert habe. Es gibt auch ein umgekehrtes Gesetz für die Ideen: die niederen, schnellen Ideen werden ungewöhnlich schnell verstanden und sicherlich gleich vom großen Haufen, sicherlich gleich von der ganzen Gasse; nicht genug damit: sie werden für die höchsten und genialsten gehalten, – aber nur für den Tag ihres ersten Auftretens. Was billig ist, hält nicht lange. Wenn man etwas schnell versteht, so ist das ein Zeichen, daß das Verstandene nichts taugt. Bismarcks Idee war für den Augenblick genial,– und Bismarck selbst war ein Genie; aber eben diese Schnelligkeit ist verdächtig: ich möchte Bismarck in zehn Jahren wiedersehen, dann wird sich zeigen, was von seiner Idee übrig ist und vielleicht von dem Herrn Kanzler selbst. Diese durchaus nicht zur Sache gehörige Bemerkung setze ich natürlich nicht hierher, um einen Vergleich zu machen, sondern ebenfalls nur zur Erinnerung für mich. (Anmerkung für den gar zu naiven Leser). Und jetzt will ich zwei Anekdoten erzählen, um damit endgültig das letzte über meine »Idee« zu sagen, so daß sie in Zukunft den Fluß der Erzählung auf keine Weise mehr stören kann. Einmal im Sommer, im Juli, zwei Monate vor meiner Abreise nach Petersburg, als ich schon ganz frei war, hatte mich Maria Iwanowna gebeten, nach dem Vorort Troizkij-Posad zu fahren, zu einer alten Jungfer, die da wohnte, um ihr einen Auftrag auszurichten, – übrigens eine ganz uninteressante Sache, die eine eingehende Erwähnung nicht wert ist. Auf der Rückfahrt, die am gleichen Tage erfolgte, bemerkte ich im Waggon einen ziemlich häßlichen jungen Menschen, der nicht schlecht, aber sehr unsauber gekleidet war; er sah finnig aus und war gewissermaßen schmutzigbrünett. Er zeichnete sich dadurch aus, daß er ohne Ausnahme auf jeder einzelnen Station ausstieg und einen Schnaps trank. Als die Reise sich ihrem Ende näherte, hatte sich um ihn ein fideler Kreis gebildet, so eine recht minderwertige Gesellschaft. Besonders entzückt war ein gleichfalls angetrunkener Kaufmann von der Fähigkeit dieses jungen Menschen, ununterbrochen zu trinken und doch nüchtern zu bleiben. Sehr befriedigt war außerdem ein junger Bursche, der scheußlich dumm war und scheußlich viel redete, deutsche Kleidung trug und einen äußerst übeln Geruch an sich hatte, – ein Lakai, wie ich später erfuhr; dieser Mensch hatte sich mit dem trinkfesten jungen Mann sogar angefreundet und zog ihn, sobald der Zug wieder einmal hielt, von seinem Sitze und sagte: »Wieder ein Grund, einen Schnaps zu trinken«, – und dann gingen sie zärtlich umschlungen hinaus. Der trinkfeste junge Mann sprach fast kein Wort, aber es sammelten sich immer mehr Leute um ihn, die sich mit ihm unterhielten; er horchte nur auf alles, was gesagt wurde, lächelte ununterbrochen mit einem speicheligen Kichern und brachte von Zeit zu Zeit, aber immer ganz überraschend, einen merkwürdigen Laut hervor, der etwa wie »Tür–lür–lü!« klang, und dabei legte er einen Finger mit einer äußerst karikaturenhaft wirkenden Geste an seine Nase. Dies machte dem Kaufmann und dem Lakaien und allen anderen ungeheures Vergnügen, und sie lachten ungeheuer laut und ausgelassen darüber. Unbegreiflich, worüber die Leute manchmal lachen! Auch ich trat zu der Gruppe und ich weiß nicht, warum auch mir der junge Mann gewissermaßen gefiel; vielleicht weil er die allgemein angenommenen und offiziell gewordenen Anstandsformen gar so grell verletzte, kurz und gut, ich durchschaute es nicht, daß er ein Narr war; jedenfalls kam ich mit ihm gleich auf, du und du, und als wir aus dem Waggon stiegen, sagte er mir, er würde am Abend, um neun Uhr, auf den Twerskoj-Boulevard kommen. Er entpuppte sich als ein ehemaliger Student. Ich kam hin, und man höre, was für einen netten Scherz er mich lehrte: wir gingen zu zweit über alle Boulevards, und wenn wir zu späterer Stunde irgendeine anständige Frauensperson gehen sahen, und es waren sonst keine Leute in der Nähe, so machten wir uns sofort an sie heran. Ohne ein Wort mit ihr zu sprechen, gingen wir neben ihr her, er auf der einen, ich auf der anderen Seite, und begannen mit der gelassensten Miene, als bemerkten wir sie gar nichts eine möglichst unanständige Unterhaltung. Wir nannten die Dinge mit ihren deutlichsten Namen, mit ruhiger Miene, als gehörte es sich so und brachten bei der Erklärung von allerlei Ekelhaftigkeiten und Schweinereien solche Finessen an, wie sie die schmutzigste Phantasie des schmutzigsten Lüstlings sich nicht besser hätte ausdenken können. (Ich hatte mir alle diese Kenntnisse natürlich in der Schule erworben, sogar noch vor meiner Gymnasialzeit, doch kannte ich nur die Worte, nicht die Sache.) Die betreffende Frau erschrak dann immer sehr und hastete eilig vorwärts, aber wir verdoppelten die Zahl unserer Schritte gleichfalls und machten ruhig weiter. Unser Opfer konnte natürlich nichts tun, schreien konnte sie nicht: es waren keine Zeugen da, und es war doch auch einigermaßen genierlich, sich über so was zu beschweren. Mit diesen Amüsements verbrachten wir etwa acht Tage; ich begreife nicht, wie mir das Spaß machen konnte, es machte mir auch keinen Spaß, ich tat nur so. Mir erschien das anfangs originell, weil es gewissermaßen aus dem üblichen, offiziellen Einerlei herausfiel; und außerdem konnte ich die Frauenzimmer nicht ausstehen. Ich erzählte einmal meinem Studenten, daß Jean-Jacques Rousseau in seinen Bekenntnissen erzählt, er habe als junger Mann gerne Körperteile, die man für gewöhnlich bedeckt läßt, entblößt und sie aus einer Ecke vorübergehenden Frauen gezeigt. Der Student antwortete mir mit seinem: »Tür-lür-lü«. Ich merkte, daß er schrecklich unwissend war und sich für erstaunlich wenig in der Welt interessierte. Keinerlei latente Idee, wie ich sie in ihm zu finden gehofft hatte. Statt Originalität fand ich nur die erdrückendste Eintönigkeit. Ich konnte ihn immer weniger leiden. Schließlich nahm das alles ein ganz unerwartetes Ende: wir machten uns eines Abends, als es schon völlig dunkel war, an ein junges Mädchen heran, das schnell und ängstlich den Boulevard entlang ging; sie war noch sehr jung, vielleicht erst sechzehn oder noch jünger, sehr sauber und bescheiden gekleidet, lebte vielleicht von ihrer Arbeit und ging jetzt aus dem Geschäft nach Hause, zu ihrer alten Mutter, einer Witwe mit vielen Kindern; übrigens hat es gar keinen Sinn, sentimental zu werden. Das Mädchen hörte uns eine Weile an und hastete vorwärts, den Kopf gebeugt und in den Schleier gehüllt, furchtsam und zitternd, aber auf einmal blieb sie stehen, schlug den Schleier von ihrem, soviel ich mich erinnere, sehr hübschen, aber mageren Gesicht zurück und schrie uns mit blitzenden Augen an: »Oh, ihr gemeinen Schufte!« Es kann sein, daß sie im Begriff war, im selben Augenblick in Tränen auszubrechen, aber es geschah etwas anderes: sie holte aus und versetzte dem Studenten mit ihrer kleinen, mageren Hand eine Ohrfeige, so kräftig, wie vielleicht noch keine gesessen hat. Es klatschte nur so! Er schimpfte los und stürzte sich auf sie, aber ich hielt ihn zurück, und das Mädchen gewann Zeit, zu entkommen. Wir blieben zurück und gerieten sofort in Streit: ich sprach mir alles vom Herzen herunter, was sich die ganze Zeit in mir gegen ihn angesammelt hatte: ich sagte ihm, er wäre nur eine ganz traurige Unbegabtheit und Gewöhnlichkeit und hätte nie den leisesten Schimmer von einer Idee besessen. Er schimpfte mich ... (ich hatte ihm einmal Erklärungen über meine illegitime Geburt gegeben), dann spuckten wir voreinander aus, und seit der Zeit habe ich ihn nicht wiedergesehen. An dem Abend war ich sehr ärgerlich, am nächsten Tage nicht mehr so sehr, am dritten hatte ich die Sache gänzlich vergessen. Und – wird man's glauben? – wenn mir dieses junge Mädchen nachher auch manchmal wieder ins Gedächtnis kam, so geschah es doch nur ganz zufällig und flüchtig. Erst als ich schon in Petersburg war, zwei Wochen nach meiner Ankunft, fiel mir plötzlich wieder jene Szene ein, – sie fiel mir ein, und ich schämte mich ihrer auf einmal so, daß mir buchstäblich Tränen der Scham die Wangen hinunterliefen. Ich quälte mich den ganzen Abend damit, die ganze Nacht, manchmal quält es mich noch heute. Ich konnte anfangs nicht begreifen, wie es mir möglich gewesen war, so tief und so erbärmlich zu sinken und, was die Hauptsache war, diese Begebenheit so ganz zu vergessen, mich ihrer nicht einmal zu schämen oder Reue darüber zu empfinden. Erst jetzt bin ich darauf gekommen, woran das lag: die »Idee« war schuld gewesen. Um es kürzer zu sagen, ich ziehe geradezu den Schluß: ein Mensch, der etwas Unbewegliches, Immerwährendes, Starkes im Kopf hat, das ihn ausschließlich beschäftigt, – ein solcher Mensch entfernt sich eben dadurch gleichsam von der ganzen Welt und geht in die Einöde, und alles, was geschieht, huscht nur flüchtig an ihm vorbei, schattenhaft, hinter der Hauptsache. Sogar die Aufnahme der Eindrücke ist anormal. Und außerdem, die Hauptsache ist, daß man immer eine Ausrede hat. Wie hatte ich meine Mutter in der Zeit gequält, wie häßlich hatte ich meine Schwester links liegenlassen: »Ho, ich habe eine ›Idee‹, und das ist ja alles nur Quark«, – so ungefähr sprach ich zu mir selber. Ich selbst wurde beleidigt und das tief genug, – und ich ging beleidigt davon und sagte dann auf einmal zu mir: »Ho, ich bin niedrig, aber ich habe immerhin meine ›Idee‹, und sie wissen nichts davon.« Die »Idee« tröstete mich in meiner Schande und Nichtigkeit; aber auch alle meine Schlechtigkeiten versteckten sich gleichsam hinter der Idee; sie erleichterte mir sozusagen alles, umnebelte aber auch alles vor meinen Augen; aber eine unklare Auffassung von Ereignissen und Dingen kann natürlich auch der Idee selbst Schaden tun, von allem anderen ganz zu schweigen. Nun die andere Geschichte. Maria Iwanowna feierte am ersten April des vorigen Jahres ihren Namenstag. Am Abend waren einige Gäste da, sehr wenige übrigens. Auf einmal kommt Agrafena, die Magd, außer Atem hereingestürzt und erzählt, auf dem Treppenabsatz vor der Küchentür läge ein ausgesetztes Kind und winsele, und sie wisse nicht, was sie machen solle. Diese Nachricht ließ alle auffahren, alle gingen hinaus und erblickten da einen Spankorb, und in dem Korbe ein drei oder vier Wochen altes, winselndes kleines Mädchen. Ich hob den Korb auf, trug ihn in die Küche und entdeckte gleich einen zusammengefalteten Zettel: »Liebe Wohltäter, erweist eure wohlwollende Hilfe dem rechtgläubig getauften Mädchen Arina, und wir werden mit ihr immerdar unsere Tränen zum Throne des Höchsten emporsenden, und wir wünschen euch Glück zum Namenstage. Leute, die ihr nicht kennt.« Und da betrübte mich Nikolaj Semionowitsch, vor dem ich so eine Hochachtung hege, sehr: er setzte eine äußerst ernsthafte Miene auf und erklärte, das kleine Mädchen müßte sofort in das Findelhaus geschickt werden. Ich wurde sehr traurig. Sie lebten sehr ökonomisch, hatten aber keine Kinder, und Nikolaj Semionowitsch war immer sehr froh darüber. Ich nahm die kleine Arina behutsam aus dem Korbe und hob sie an ihren Schulterchen hoch; aus dem Korbe kam der gewisse säuerliche und scharfe Geruch, wie ihn lange nicht gebadete Säuglinge ausströmen. Ich stritt mich erst eine Zeitlang mit Nikolaj Semionowitsch herum, dann erklärte ich ihm auf einmal, ich würde das Kind auf meine Kosten aufziehen lassen. Er begann eine Entgegnung, trotz aller seiner Weichheit, mit einer gewissen Strenge, und wenn er auch mit einem Scherze schloß, ließ er doch die erzieherische Absicht seiner Worte in voller Kraft bestehen. Jedoch es geschah, wie ich wollte: auf demselben Hofe, aber in einem anderen Hause, lebte ein sehr armer Tischler, ein Mann bei Jahren, der dem Trunke ergeben war; und seine Frau, ein noch ziemlich junges, sehr gesundes Weib, hatte gerade einen Säugling verloren, der, was die Hauptsache war, ihr einziges Kind gewesen, das sie erst nach achtjähriger unfruchtbarer Ehe bekommen hatte, das gleichfalls ein Mädchen gewesen war und, ein seltsames und glückliches Zusammentreffen, auch Arina geheißen hatte. Ich sage, ein glückliches Zusammentreffen, denn als wir noch so in der Küche stritten, kam dies Weib, das von der Sache gehört hatte, angelaufen, um das Kind zu sehen, und als sie hörte, daß es Arina hieße, – wurde sie weich. Die Milch war ihr noch nicht vergangen, sie knöpfte ihre Jacke auf und legte das Kind an die Brust. Ich redete zu und bat sie, sie möchte es zu sich nehmen, ich würde monatlich dafür zahlen. Sie hatte Angst, daß ihr Mann es am Ende nicht erlauben würde, nahm es aber für die Nacht mit. Am nächsten Morgen gab ihr Mann für acht Rubel monatlich seine Zustimmung, und ich zahlte ihm den Betrag für den ersten Monat gleich im voraus; er vertrank das Geld sofort. Nikolaj Semionowitsch, der immer noch sonderbar dazu lächelte, willigte ein, sich für mich dem Tischler gegenüber zu verbürgen, daß ich das Geld, acht Rubel monatlich, regelmäßig zahlen würde. Ich wollte Nikolaj Semionowitsch als Sicherheit meine sechzig Rubel geben, aber er nahm sie nicht; übrigens wußte er, daß ich Geld hatte und vertraute mir. Durch diese taktvolle Handlungsweise seinerseits wurde unser momentaner Zwist beigelegt. Maria Iwanowna sagte nichts, wunderte sich aber, daß ich solche Sorge auf mich nahm. Ich mußte den großen Takt dieser Menschen ganz besonders hochschätzen lernen, denn sie erlaubten sich beide auch nicht den kleinsten Scherz über mich, sondern begannen die Sache genau so ernst zu behandeln, wie es sich auch gehörte. Ich lief täglich dreimal zu Darja Rodiwonowna hinüber, und nach drei Tagen schenkte ich ihr persönlich, heimlich, so daß es ihr Mann nicht erfuhr, noch drei Rubel. Für weitere drei Rubel kaufte ich eine kleine Bettdecke und Windeln. Aber nach zehn Tagen erkrankte Rinotschka plötzlich. Ich holte sofort den Doktor, er verschrieb etwas, wir plagten uns die ganze Nacht und quälten das kleine Ding mit seiner greulichen Medizin, und am nächsten Tage erklärte er, es wäre schon zu spät, und auf meine Bitten – es waren übrigens, glaube ich, Vorwürfe – antwortete er mit edler Ergebenheit: »Ich bin nicht der liebe Gott.« Die Zunge, die Lippen und die ganze Mundhöhle des kleinen Mädchens überzogen sich mit einer Art von dünnem, weißem Ausschlag, und gegen Abend starb es, die großen, schwarzen Augen auf mich geheftet, als verstünde es schon alles. Ich begreife nicht, warum ich nicht auf die Idee gekommen bin, sie, die kleine Leiche, photographieren zu lassen. Aber – wird man's glauben? – ich weinte an jenem Abend nicht nur, sondern heulte einfach, was ich mir früher niemals gestattet hatte, und Maria Iwanowna mußte mich trösten, – und wieder geschah alles ohne jeden Spott, weder von ihrer noch von seiner Seite. Der Tischler machte dann einen kleinen Sarg; Maria Iwanowna schmückte ihn mit einer Rüsche und legte ein nettes kleines Kissen hinein, und ich kaufte Blumen und streute sie über das Kindchen: so trug man denn meine arme kleine Verblichene davon, die ich – wird man's glauben? – bis zum heutigen Tage nicht vergessen kann. Kurze Zeit nachher aber gab mir dieses fast plötzliche Ereignis sogar sehr ernstlich zu denken. Freilich, Rinotschka war mir nicht sehr teuer gekommen, – alles in allem, mit dem Sarg, mit der Beerdigung, mit dem Doktor, mit den Blumen und mit der Zahlung an Darja Rodiwonowna – dreißig Rubel. Diese Summe holte ich bei der Abreise nach Petersburg durch Ersparungen von den vierzig Rubeln, die mir Wersilow für die Reise geschickt hatte, und durch den Verkauf einiger Kleinigkeiten aus meinem Besitze wieder ein, so daß mein ganzes »Kapital« unangetastet blieb. Aber, so dachte ich mir, wenn ich solche Seitensprünge mache, so werde ich nicht weit kommen. Aus der Geschichte mit dem Studenten ging hervor, daß so eine »Idee« einen so weit bringen konnte, daß man sich über seine Eindrücke nicht mehr klar wurde, und daß sie einen von der fortlaufenden Tätigkeit abziehen konnte. Aus der Geschichte mit Rinotschka ging das Gegenteil hervor: daß keine »Idee« Kraft genug hat, einen (wenigstens mich) so ganz gefangenzunehmen, daß man nicht plötzlich gezwungen sein könnte, vor irgendeiner erdrückenden Tatsache haltzumachen und ihr auf einmal alles zu opfern, was man in jahrelangen Mühen schon für die Idee getan und erreicht hat. Und diese Schlüsse waren nichtsdestoweniger beide richtig. Sechstes Kapitel   1 Meine Hoffnungen erfüllten sich nicht ganz: ich traf sie nicht allein; Wersilow war freilich nicht da, aber bei meiner Mutter saß Tatjana Pawlowna – immerhin ein fremder Mensch. Die Hälfte meiner edelmütigen Stimmung verflog mit einem Ruck. Merkwürdig, wie schnell es bei mir in solchen Fällen geht und wie wetterwendisch ich bin; ein Sandkorn oder ein Haar genügt, und das Gute ist fort, und das Böse ist an seine Stelle getreten. Meine schlechten Eindrücke weichen, zu meinem Bedauern, nicht so schnell, obschon ich durchaus nicht nachtragend bin. Als ich eintrat, hatte ich den blitzartigen Eindruck, daß meine Mutter im selben Moment ihre Unterhaltung mit Tatjana Pawlowna, die augenscheinlich recht lebhaft gewesen war, abgebrochen hatte. Meine Schwester war erst eine Minute vor mir von ihrer Arbeit heimgekommen und war noch in ihrem Kämmerchen. Unsere Wohnung bestand aus drei Zimmern. Das Zimmer, in dem wir gewöhnlich alle saßen, das Wohnzimmer, lag in der Mitte und war ziemlich groß und sah beinahe anständig aus. Es befanden sich darin immerhin ein paar weiche rote Diwans, die übrigens sehr verschlissen aussahen (Wersilow duldete keine Überzüge), einige Teppiche, ein paar Tische und überflüssige Tischchen. Dann lag zur Rechten Wersilows Zimmer, ein enges, schmales, einfenstriges Gelaß; darin stand ein elender Schreibtisch, auf dem sich einige unbenutzte Bücher und in Vergessenheit geratene Schriftstücke herumtrieben, und vor dem Tisch ein nicht minder elender Polstersessel, an dem eine Feder zerbrochen war, die in einem spitzen Winkel herausstand, und über die Wersilow oftmals ächzte und schimpfte. In demselben Kabinett wurde ihm auch auf einem weichen und ebenfalls abgenützten Diwan sein Nachtlager hergerichtet; er haßte sein Kabinett und tat, glaube ich, nichts darin, sondern zog es vor, ganze Stunden lang müßig im Wohnzimmer zu sitzen. Linker Hand von dem Wohnzimmer lag wieder ein Zimmer: dort schliefen meine Mutter und meine Schwester. Das Wohnzimmer betrat man von einem Korridor aus, an dessen Ende eine Tür in die Küche führte; dort hauste die Köchin Lukeria, und wenn sie kochte, erfüllte sie die ganze Wohnung unbarmherzig mit einem Qualm von verbranntem Fett. Es gab Minuten, wo Wersilow sein Leben und sein Schicksal mit lauter Stimme verfluchte, und in dieser einen Beziehung fühlte ich durchaus mit ihm; ich hasse diese Gerüche gleichfalls, obwohl sie zu mir gar nicht hinaufdrangen, denn ich wohnte oben unter dem Dache, in einem Stübchen, zu dem ich auf einer riesig steilen, schmalen, knarrenden Treppe hinaufstieg. Zu erwähnen war da nur ein halbrundes Fenster, die schrecklich niedrige Decke, ein mit Wachstuch überzogener Diwan, auf den mir Lukeria für die Nacht ein Laken breitete und ein Kissen legte, an sonstigen Möbeln waren nur noch zwei Stück da: ein höchst primitiver Tisch aus rohen Brettern und ein durchgesessener Rohrstuhl. Übrigens hatten wir trotz alledem noch einige Überbleibsel ehemaligen Komforts; so stand zum Beispiel im Wohnzimmer eine sehr hübsche Porzellanlampe, an der Wand hing ein vorzüglicher Stich nach der Dresdener Madonna, und ihr gegenüber, an der anderen Wand, eine teure Photographie der Bronzetüren des Doms von Florenz in riesigem Format. In demselben Zimmer hing in der Ecke ein großer Heiligenschrein mit alten Familienheiligenbildern, unter denen eins (das Bild »Allerheiligen«) eine große silbervergoldete Einfassung hatte – es war das, das sie versetzen wollten – und ein anderes (das Bild der Mutter Gottes) zeigte eine Samteinfassung mit Perlen bestickt. Vor den Heiligenbildern hing ein Lämpchen, das an jedem Feiertag angezündet wurde. Wersilow waren die Heiligenbilder, bezüglich ihrer inneren Bedeutung, offenbar sehr gleichgültig, nur manchmal kniff er die Augen, sichtlich an sich haltend, vor dem Lichte des Lämpchens zusammen, das von der vergoldeten Einfassung reflektiert wurde und klagte leichthin darr über, daß das schlecht für seine Augen wäre, verwehrte es aber meiner Mutter dennoch nicht, es anzuzünden. Ich trat für gewöhnlich schweigend und verdrossen ein, wenn ich nach Hause kam, schaute in eine Ecke und grüßte manchmal beim Eintreten überhaupt nicht. Ich war sonst immer früher heimgekommen als heute, und das Mittagessen wurde mir dann nach oben gebracht. Als ich heute eintrat, sagte ich auf einmal: »Guten Abend, Mama«, was ich früher niemals getan hatte; aber dennoch konnte ich mich aus Verlegenheit auch heute nicht überwinden, sie dabei anzusehen, und setzte mich auf einen Stuhl am entgegengesetzten Ende des Zimmers. Ich war sehr ermüdet, aber daran dachte ich nicht. »Kommt dieser Flegel noch immer so lümmelhaft zu Ihnen herein wie früher?« zeterte Tatjana Pawlowna gegen mich los; Schimpfworte hatte sie sich auch früher schon erlaubt: das war zwischen ihr und mir gewissermaßen zur Gewohnheit geworden. »Guten Abend«, antwortete meine Mutter in einem Tone, als wäre sie ganz fassungslos darüber, daß ich sie begrüßt hatte. »Das Essen ist längst fertig,« fuhr sie fort und war ganz verwirrt, »die Suppe wird wohl kalt geworden sein, aber ich will gleich die Koteletts ...« Sie wollte hastig aufstehen und in die Küche gehen, und vielleicht zum erstenmal in diesem ganzen Monat überkam es mich plötzlich wie Scham, daß sie gar so hurtig aufsprang, um mich zu bedienen; bis dahin hatte ich das doch selbst von ihr verlangt. »Danke schön, Mama, ich hab' schon gegessen. Wenn ich nicht störe, möchte ich mich hier ein bißchen verschnaufen.« »Oh ... Natürlich! ... Warum denn nicht ...? Bleiben Sie nur sitzen ...« »Machen Sie sich keine Sorgen, Mama, ich werde keinen Krakeel mehr mit Andrej Petrowitsch anfangen«, fiel ich ihr plötzlich ins Wort ... »Ach, du lieber Herrgott, wie edel von ihm!« schrie Tatjana Pawlowna. »Aber liebste Sonja – sagst du denn wirklich noch immer Sie zu ihm? Was ist er denn für ein großer Herr, daß man ihm solche Ehrungen erweisen muß, und noch dazu seine leibliche Mutter! Es ist doch lächerlich, du bist ja ganz verlegen vor lauter Respekt vor ihm; das ist ja ein Spott und eine Schande!« »Mama, es wäre mir selbst sehr angenehm, wenn Sie mich duzen wollten.« »Oh ... Ja, schön, ja, das will ich auch,« verhaspelte sich meine Mutter: »ich – ich hab' es ja vorher nicht ... aber jetzt werde ich es mir schon merken.« Sie war über und über rot geworden. Ihr Gesicht hatte entschieden etwas außergewöhnlich Anziehendes ... Ihr Gesicht hatte einen treuherzig-naiven, aber durchaus nicht einfältigen Ausdruck, es war etwas blaß und blutleer. Ihre Wangen waren sehr mager, sogar eingefallen, und über ihre Stirne begannen sich schon zahlreiche Runzeln zu ziehen, aber um die Augen hatte sie noch keine, und die ziemlich großen Augen leuchteten immer in einem stillen, ruhigen Licht, das mich vom ersten Tage an zu ihr hingezogen hatte. Ich hatte es auch gern, daß in ihrem Gesicht nichts Betrübtes und Gedrücktes lag; ganz im Gegenteil, ihr Ausdruck wäre sogar heiter gewesen, wenn sie sich nicht so oft aufgeregt hätte, manchmal ohne jede Veranlassung; sie erschrak oft und fuhr wegen nichts und wieder nichts von ihrem Sitz auf, oder sie horchte ängstlich, wenn ein neues Gesprächsthema aufgenommen wurde, bis sie sich überzeugt hatte, daß alles gut blieb wie zuvor. Es ist alles gut – hieß bei ihr eben, daß alles »beim Alten« blieb. Wenn nur keine Veränderung eintrat, wenn nur nichts Neues geschah, und mochte es auch ein glückliches Ereignis sein! ... Man hätte denken können, sie wäre als Kind einmal eingeschreckt worden. Außer ihren Augen gefiel mir auch noch das Oval ihres länglichen Gesichtes, und ich glaube, wenn ihre Backenknochen nur um eine Idee schmäler gewesen wären, hätte man sie, nicht etwa nur in ihrer Jugend, sondern auch heute noch hübsch finden können. Sie war jetzt erst neununddreißig, aber in ihren dunkelblonden Haaren schimmerten schon viele weiße Fäden. Tatjana Pawlowna sah sie mit ausgesprochenem Unwillen an. »So ein Grünling! Und so vor ihm zu zittern! Du bist einfach lächerlich, Sophia; direkt ärgern kann mich so was, weißt du!« »Ach, Tatjana Pawlowna, warum sind Sie denn jetzt so zu ihm! Ach so, Sie machen am Ende nur Spaß, wie?« fügte meine Mutter hinzu, als sie auf Tatjana Pawlownas Gesicht etwas wie Lächeln bemerkte. Tatjana Pawlownas Geschimpfe konnte man allerdings manchmal nicht gut ernst nehmen, aber sie lächelte jetzt (wenn sie überhaupt lächelte) natürlich nur über meine Mutter, denn sie liebte ihre Güte sehr und hatte zweifellos schon bemerkt, wie glücklich sie in diesem Augenblick über meine Nachgiebigkeit war. »Man kann natürlich nicht umhin zu bemerken, daß Sie über einen herfallen, Tatjana Pawlowna, und noch dazu heute, wo ich beim Hereinkommen ›Guten Abend, Mama‹, gesagt habe, was ich sonst nie getan habe«, hielt ich endlich für nötig, ihr zu entgegnen. »Man stelle sich das vor,« sprudelte sie sofort los, »er hält das für wunder was für eine Tat! Man soll wohl vor dir auf die Knie fallen, weil du einmal in deinem Leben höflich gewesen bist? Und das ist mir auch so eine Höflichkeit! Warum stierst du in die Ecke, wenn du hereinkommst? Als ob ich nicht wüßte, wie du sie anbrummst und anknurrst! Und mir hättest du ruhig auch Guten Tag sagen können, ich habe deine Windeln getrocknet und bin deine Patin.« Ich würdigte sie natürlich keiner Antwort. Im selben Augenblick kam gerade meine Schwester herein und ich wandte mich schleunigst an sie: »Lisa, ich habe heute Wasin gesehen, und er hat mich nach dir gefragt. Kennt ihr euch?« »Ja, von Luga her, im vorigen Jahr«, erwiderte sie ganz schlicht, setzte sich neben mich und sah mich freundlich an. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte geglaubt, sie würde nur so auffahren, wenn ich von Wasin spräche. Meine Schwester war blond, hellblond, in der Haarfarbe weder nach dem Vater noch nach der Mutter; aber die Augen und das Oval des Gesichtes hatte sie fast ganz von der Mutter. Eine sehr gerade, kleine regelmäßige Nase; übrigens noch eine Besonderheit – viele kleine Sommersprossen im Gesicht, was bei meiner Mutter durchaus nicht der Fall war. Von Wersilow hatte sie sehr wenig, höchstens die Feinheit des Knochenbaues, den kleinen Wuchs und ein pompöses Etwas im Gang. Mit mir nicht die geringste Ähnlichkeit, wir waren zwei entgegengesetzte Pole. »Ich hab' den drei Monate lang gekannt«, fügte Lisa hinzu. »Den hast du gekannt, Lisa? Es heißt ›ihn‹, und nicht ›den‹. Verzeih, liebe Schwester, daß ich dich verbessere, aber ich bin sehr betrübt, daß deine Erziehung gänzlich vernachlässigt zu sein scheint.« »Diese Bemerkung in Gegenwart deiner Mutter ist eine Gemeinheit von dir«, fuhr Tatjana Pawlowna los, »und du lügst, sie ist gar nicht vernachlässigt worden.« »Ich sage gar nichts gegen Mama«, fiel ich ihr scharf ins Wort. »Sie müssen wissen, Mama, daß ich Lisa anschaue wie Ihr zweites Ich; Sie haben aus ihr denselben Schatz an Güte und Charakter gemacht, der Sie wahrscheinlich selbst waren, und heute noch sind, und ewig sein werden ... Ich spreche nur von der äußeren Politur, von allen den gesellschaftlichen Dummheiten, die übrigens unentbehrlich sind. Ich bin nur darüber unwillig, daß Wersilow dich wahrscheinlich überhaupt nicht verbessern würde, wenn er hörte, daß du ›den‹ statt ›ihn‹ sagtest, – so hochnäsig und gleichgültig ist er gegen uns. Das ist's, was mich in Wut bringt.« »Er selbst ist wie ein junger Bär, aber andern Leuten will er Politur beibringen. Erlauben Sie sich nicht noch einmal, hoher Herr, in Gegenwart Ihrer Mutter ›Wersilow‹ zu sagen, und ebensowenig in meiner Gegenwart, – ich dulde es nicht!« rief Tatjana Pawlowna mit funkelnden Augen. »Mama, ich habe heute mein Gehalt bekommen, fünfzig Rubel, nehmen Sie es bitte! Hier!« Ich ging zu ihr und gab ihr das Geld; sie war gleich wieder in größter Aufregung. »Ach, ich weiß nicht, wie ich das annehmen soll!« stieß sie hervor und hatte förmlich Angst, das Geld zu berühren. Ich verstand sie nicht. »Aber um Himmels willen, Mama, wenn ihr beide mich in der Familie als Sohn und Bruder anseht, so ...!« »Ach, ich habe dir gegenüber ein so schlechtes Gewissen, ich möchte dir etwas gestehen, aber ich hab' wirklich so eine Angst vor dir ...« Sie sagte das mit einem schüchternen, stammelnden Lächeln; ich verstand sie wieder nicht und fiel ihr ins Wort: »Übrigens, Mama, wissen Sie, daß heute der Prozeß zwischen Andrej Petrowitsch und den Sokolskijs vor Gericht entschieden worden ist?« »Ach ja, ich weiß!« schrie sie auf und schlug vor Schreck beide Handflächen vor ihrer Brust zusammen (ihre gewöhnliche Geste). »Heute?« rief Tatjana Pawlowna und zitterte nur so, »aber das ist doch ganz unmöglich, das hätte er doch gesagt. Dir hat er's doch gesagt?« wandte sie sich zu meiner Mutter. »Ach, nein, daß es heute wäre, hat er nicht gesagt. Ja, und ich habe schon die ganze Woche so eine Angst. Wenn wir nur verlieren würden, ich wollte dem Himmel danken; wenn es nur vorbei wäre, und alles wieder beim Alten!« »So hat er's also nicht mal Ihnen gesagt, Mama!« rief ich. »Was ist das für ein Mensch! Da sieht man es gleich wieder, wie gleichgültig und hochnäsig er ist. Was habe ich eben erst gesagt?« »Es ist entschieden? Und wie? Wie hat das Gericht entschieden? Und wer hat, es denn dir gesagt?« fiel Tatjana Pawlowna über mich her, »so rede doch!« »Da kommt er ja selbst! Vielleicht erzählt er es Ihnen«, verkündete ich, als ich gerade seinen Schritt auf dem Gange vernahm, und setzte mich schleunigst neben Lisa. »Lieber Bruder, schone die Mutter um Gottes willen, sei geduldig gegen Andrej Petrowitsch«, flüsterte mir meine Schwester ins Ohr. »Gewiß, gewiß, ich bin schon mit dem festen Entschluß nach Hause gekommen«, entgegnete ich und drückte ihr die Hand. Lisa warf mir einen höchst mißtrauischen Blick zu, und sie sollte damit recht behalten.   2 Er trat ein, sehr zufrieden mit sich, so zufrieden, daß er es nicht einmal nötig fand, seine Stimmung irgendwie zu verhehlen. Er hatte es sich in der letzten Zeit überhaupt angewöhnt, sich uns gegenüber sehr offen und ohne jede Umstände zu geben, und nicht nur in bezug auf seine schlechten, sondern auch in bezug auf seine lächerlichen Eigenschaften, was doch sonst wirklich jedermann ängstlich vermeidet; und dabei war er sich ganz klar bewußt, daß wir das alles bis zum kleinsten Zuge verstehen mußten. Im Laufe des letzten Jahres war er, wie Tatjana Pawlowna mir einmal sagte, hinsichtlich seiner Kleidung sehr zurückgekommen: er war zwar anständig angezogen, aber seine Anzüge waren alt und durchaus nicht elegant. Ich weiß, daß er es fertig brachte, seine Wäsche zwei Tage lang zu tragen, worüber meine Mutter geradezu traurig war; sie hielten das für ein Opfer, und die ganze Schar der ihm ergebenen Frauenzimmer sah eine große Tat darin. Er trug immer weiche, breitkrämpige schwarze Hüte; als er in der Tür seinen Hut abnahm, sprang ein ganzer Busch dichten, aber stark angegrauten Haares auf seinem Kopf nur so empor. Ich liebte es, sein Haar zu beobachten, wenn er den Hut abnahm. »Guten Abend; alle da; sogar er ist dabei? Ich habe seine Stimme schon vom Flur gehört; gewiß auf mich geschimpft, denk' ich mir?« Es war bei ihm immer ein Zeichen von guter Laune, wenn er mit mir seine Witzchen machte. Ich antwortete selbstverständlich nicht, Lukerja trat ein, brachte ein großes Paket mit allerlei Einkäufen und legte es auf den Tisch. »Sieg, Tatjana Pawlowna! Der Prozeß ist gewonnen, und Revision einlegen werden die Fürsten wohl kaum. Ich habe gewonnen! Ich hab' auch gleich jemand gefunden, der mir tausend Rubel geliehen hat. Sophia, leg' die Arbeit weg, verdirb dir die Augen nicht. Lisa, du kommst wohl von der Arbeit?« »Ja, Papa«, erwiderte Lisa mit freundlicher Miene; sie nannte ihn Vater; ich tat das um keinen Preis der Welt. »Müde?« »Oja.« »Laß doch die Arbeit, geh morgen nicht wieder hin, und gib es ganz auf.« »Ach Papa, es ist mir aber lieber.« »Wenn ich dich bitte ...! Ich kann es absolut nicht leiden, wenn Frauen arbeiten, Tatjana Pawlowna.« »Wie soll man denn ohne Arbeit leben? Und gerade die Frauen sollen nicht arbeiten? ...« »Ich weiß schon, ich weiß schon, das ist ja alles sehr schön und richtig, und ich bin im voraus ganz einverstanden; aber – ich spreche in erster Linie von Handarbeiten. Denken Sie sich, das ist bei mir wohl einer von meinen krankhaften, richtiger gesagt, anormalen Kindheitseindrücken. In meinen dunkeln Erinnerungen aus meinem fünften und sechsten Jahr sehe ich am häufigsten – natürlich mit Widerwillen – eine Versammlung von klugen, strengen, unfreundlichen Frauen um einen runden Tisch herum, auf dem Scheren, Stoffe, Schnitte und Modenbilder liegen. Und alle reden sie und machen sie, und schütteln gewichtig und langsam die Köpfe, und messen, und überlegen, und schneiden zu. Alle diese freundlichen Gesichter, die mich so gern sehen, sind auf einmal unnahbar; wenn ich nur ein bißchen lustig bin, werde ich sofort vor die Türe gesetzt. Sogar meine arme alte Wärterin, die mich an der Hand hält, antwortet nicht auf mein Schreien und Zupfen, sie schaut und horcht, als sänge da ein Paradiesvogel. So ist mir diese Strenge und Gewichtigkeit kluger Frauen, bevor sie mit dem Zuschneiden anfangen, bis heute eine förmlich qualvolle Vorstellung geblieben. Tatjana Pawlowna, Sie schneiden furchtbar gerne zu, – so aristokratisch das aber auch sein mag, ich habe die Frauen am liebsten, die überhaupt nicht arbeiten. Fühl' du dich nur nicht getroffen dadurch, Sophia!... Ach, wozu auch! Die Frau ist auch ohne das eine große Macht. Das weißt du übrigens auch selbst, Sonja. Wie denken Sie darüber, Arkadij Makarowitsch, Sie wollen mir wahrscheinlich widersprechen?« »Nein, durchaus nicht,« erwiderte ich, »besonders gut finde ich Ihre Behauptung, daß die Frau eine große Macht sei. Freilich verstehe ich nicht ganz, warum Sie das mit der Arbeit in Verbindung bringen? Daß man aber nicht umhin kann, zu arbeiten, wenn man kein Geld hat – das wissen Sie ja selbst.« »Aber jetzt genug davon,« wendete er sich an meine Mutter, die nur so strahlte (als er sich zu mir wendete, hatte sie geradezu gebebt), »mach es wenigstens so, daß ich keine Handarbeiten zu sehen kriege, die erste Zeit wenigstens, tu's mir zuliebe. Arkadij, du bist ja ein moderner junger Mann, und als solcher vermutlich ein bißchen sozialistisch angehaucht; na also, lieber Freund, willst du mir glauben, daß die Leute aus dem ewig schuftenden einfachen Volk es sind, die den Müßiggang am allermeisten lieben?« »Die Erholung vielleicht, aber nicht den Müßiggang.« »Nein, eben den Müßiggang, das absolute Nichtstun; darin liegt ihr Ideal! Ich habe einen Menschen gekannt, der sich ewig placken mußte, freilich gehörte er nicht zum einfachen Volk; er war ein ziemlich hochentwickelter Mensch und verstand es, vom Einzelnen auf das Allgemeine zu schließen. Er träumte sein Leben lang, vielleicht jeden Tag, schmatzend und gerührt vom vollkommendsten Müßiggang, er führte sozusagen sein Ideal bis zum Absoluten fort – unendliche Unabhängigkeit, ewige Freiheit, zu träumen und müßig die Welt zu betrachten. So ging es fort, bis er unter der Arbeit gänzlich zusammenbrach; gutzumachen war da nichts mehr; er starb im Krankenhaus. Ich bin manchmal ganz ernsthaft zu dem Schluß gekommen, daß das Gerede von dem Genuß der Arbeit von den Leuten aufgebracht worden sein muß, die selber nichts tun, natürlich von den tugendhaften unter ihnen. Das ist so eine von den ›Genfer Ideen‹ aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts. Tatjana Pawlowna, vorgestern habe ich eine Anzeige aus der Zeitung ausgeschnitten, da ist sie (er zog ein Stückchen Papier aus der Westentasche), – das ist auch so etwas zum Kapitel der unzähligen Studenten, die in den klassischen Sprachen und der Mathematik bewandert und bereit sind, nach auswärts zu gehen, oder in einer Dachstube zu unterrichten, und überhaupt zu allem. Also hören Sie: ›Lehrerin bereitet für alle Lehranstalten vor (merken Sie auf, für alle) und gibt Unterricht in Arithmetik‹, – bloß eine Zeile, aber die ist auch klassisch! Sie bereitet für alle Unterrichtsanstalten vor – also ist die Arithmetik doch wohl selbstverständlich einbegriffen? Nein, die Arithmetik erwähnt sie besonders. Das ... das ist schon der nackte Hunger, das ist schon die letzte Stufe der Not. Das Rührende daran ist eben diese Unkenntnis: es ist ja ganz klar, sie hat sich niemals zur Lehrerin ausgebildet, und sie ist wohl kaum imstande, einem auch nur das geringste beizubringen. Aber sie denkt sich: immer zu, und schleppt ihren letzten Rubel in die Expedition und läßt drucken, sie bereite für alle Lehranstalten vor und gebe außer dem allen noch Unterricht in der Arithmetik. Per tutto mundo e in altri siti.« »Ach, Andrej Petrowitsch, könnte man ihr denn nicht helfen! Wo wohnt sie?« rief Tatjana Pawlowna. »Ach, von der Sorte gibt's so viele!« Er steckte die Adresse wieder in die Tasche. »Ich hab' euch was mitgebracht, in dem Paket, – für dich, Lisa, und für Sie, Tatjana Pawlowna; Sophia und ich lieben keine Süßigkeiten. Vielleicht aber du, junger Mann. Ich hab' es selbst alles eingekauft, bei Jelisejew und bei Balle. Wir haben lange genug ›am Hungertuche genagt‹, wie Lukeria sagt. (NB. Keiner von uns allen hatte je am Hungertuch genagt.) Hier sind Trauben, Konfekt, Duchessebirnen und Erdbeerkuchen, und einen famosen Likör hab' ich auch mitgebracht, und Nüsse auch. Merkwürdig, wie gern ich heute noch Nüsse esse, Tatjana Pawlowna, ganz wie als Kind, und gerade die ganz ordinären. Lisa ist darin meine Tochter; sie knackt auch gern Nüsse wie ein Eichhörnchen. Es gibt aber wirklich nichts Famoseres, Tatjana Pawlowna, als die Erinnerungen, die manchmal in mir auftauchen, wie ich im Wald im Busch saß und mir selber Nüsse pflückte ... Die Tage sind schon beinahe herbstlich, aber klar, manchmal ist es schon recht frisch, man versteckt sich im Dickicht, schweift durch den Wald, es riecht nach Blättern ... Ich sehe einen mitfühlenden Zug in Ihrem Gesicht, Arkadij Makarowitsch?« »Meine ersten Kinderjahre habe ich auch auf dem Lande verlebt.« »So? Ich denke doch, du warst in Moskau ... wenn ich mich nicht irre.« »Er lebte bei den Andronikows in Moskau, als Sie damals hinkamen; aber vorher war er bei Ihrer seligen Tante, Warwara Stepanowna, auf dem Lande«, fiel Tatjana Pawlowna ein. »Sophia, da ist das Geld, schließ es ein. In den nächsten Tagen bekomm' ich fünftausend. Es ist mir schon versprochen.« »Also haben die Fürsten gar keine Aussichten mehr?« fragte Tatjana Pawlowna. »Nicht die geringste, Tatjana Pawlowna.« »Ich habe immer mit Ihnen gefühlt, Andrej Petrowitsch, und mit allen Ihren Angehörigen und bin eine Freundin Ihres Hauses, aber wenn mir die Fürsten auch ganz fremd sind, lieber Gott, sie tun mir doch leid. Seien Sie mir darum nicht böse, Andrej Petrowitsch.« »Ich beabsichtige nicht, mit ihnen zu teilen, Tatjana Pawlowna.« »Natürlich, Sie kennen meine Gedanken, Andrej Petrowitsch, sie hätten sich verglichen, wenn Sie ihnen das bei Beginn des Prozesses vorgeschlagen hätten, mit ihnen zu teilen; jetzt ist es natürlich zu spät. Im übrigen erlaube ich mir kein Urteil ... Ich meinte nur, weil der Verstorbene sie doch wahrscheinlich nicht in seinem Testament übergangen hätte.« »Er hätte sie nicht nur nicht übergangen, sondern ihnen wahrscheinlich alles vermacht; übergangen hätte er wahrscheinlich mich ganz allein, wenn er die Sache noch hätte machen und ein Testament in aller Form hätte aufsetzen können; aber so wie es ist, ist das Gesetz auf meiner Seite – und fertig! Teilen kann ich nicht und will ich nicht, Tatjana Pawlowna, und Schluß damit.« Er stieß dies sogar mit einer gewissen Wut hervor, was er sich selten erlaubte. Tatjana Pawlowna verstummte. Meine Mutter schlug betrübt die Augen nieder; Wersilow wußte, daß sie Tatjana Pawlownas Ansicht billigte. »Das ist die Emser Ohrfeige!« dachte ich so bei mir. Das Dokument, das ich von Kraft erhalten hatte und in der Tasche trug, würde ein trauriges Schicksal haben, wenn es ihm in die Hände fiele. Ich empfand auf einmal wieder, daß ich das alles auf dem Halse hatte; dieser Gedanke, in Verbindung mit allem andern, wirkte natürlich erregend auf mich. »Arkadij, es wäre mir lieb, wenn du dich besser kleidetest, lieber Freund; du bist ja nicht schlecht angezogen, aber für die Zukunft könnte ich dir einen sehr guten Schneider empfehlen. Ein Franzose, sehr reell, der auch Geschmack hat.« »Ich möchte Sie ersuchen, mir nie wieder derartige Vorschläge zu machen«, knurrte ich, auf einmal böse. »Wieso?« »Ich finde selbstverständlich nichts Demütigendes dabei, aber wir sind durchaus nicht in einem solchen Einvernehmen, sondern ganz im Gegenteil, wir sind sehr verschiedener Ansicht. So zum Beispiel werde ich schon von morgen ab nicht mehr zum alten Fürsten gehen, weil der nicht die geringste Arbeit für mich hat!« »Ja, darin, daß du hingehst und bei ihm bist – darin liegt doch deine Arbeit.« »Diese Auffassung hat für mich etwas Demütigendes.« »Das begreife ich nicht: und übrigens, wenn du gar so heikel bist, brauchst du ja kein Gehalt von ihm anzunehmen, du kannst ja so hingehen. Ich sag' dir, du kränkst ihn furchtbar; er hat schon eine starke Neigung zu dir gefaßt, glaub' es mir ... Übrigens, wie du willst...« Die Sache war ihm sichtlich unangenehm. »Sie sagen: nimm kein Geld an, und dabei habe ich dank Ihrer Freundlichkeit heute schon einen schlechten Streich gemacht. Sie haben mir vorher nichts gesagt, und ich habe heute von ihm das Gehalt für den verflossenen Monat verlangt.« »So hast du also schon darüber verfügt; und ich muß gestehen, ich habe nicht gedacht, daß du es tun würdest; was seid ihr jungen Leute heutzutage doch geschäftsklug! Es gibt keine Jugend mehr, Tatjana Pawlowna.« Er giftete sich furchtbar; und ich war auch sehr böse. »Ich mußte mich ja eben auch mit Ihnen auseinandersetzen ... dazu haben Sie mich gezwungen, – ich weiß jetzt nicht, wovon ich existieren soll.« »Hör' mal, Sophia, gib Arkadij doch gleich seine sechzig Rubel wieder; und du, lieber Freund, nimm mir diese schnelle Abrechnung nicht übel. Ich seh' es dir am Gesicht an, du hast irgendeinen Plan im Kopf, und brauchst ... ein Anlagekapital ... oder so was ...« »Ich weiß nicht, was auf meinem Gesicht zu lesen ist, aber ich hätte es von Mama wahrhaftig nicht erwartet, daß sie Ihnen von diesem Geld erzählen würde, wo ich sie doch so gebeten habe«, sagte ich und sah meine Mutter mit funkelnden Augen an. Ich kann gar nicht beschreiben, wie verletzt ich mich fühlte. »Arkascha, lieber Junge, verzeih mir um Gottes willen, ich konnte gar nicht anders, ich mußte ...« »Lieber Freund, bilde dir nur nicht ein, sie hätte mir deine Geheimnisse erzählt,« wendete er sich an mich, »und dann ist es auch nur in der besten Absicht geschehen – einfach die Freude der Mutter, mit dem guten Herzen ihres Sohnes renommieren zu können. Aber glaub' es mir ruhig, ich hätte auch so erraten, daß du ein Kapitalist bist. Alle deine Geheimnisse stehen auf deinem ehrlichen Gesicht geschrieben. Er hat ›seine Idee‹, Tatjana Pawlowna, ich hab's Ihnen ja gesagt.« »Lassen wir mein ehrliches Gesicht aus dem Spiel;« knurrte ich weiter, »ich weiß, daß Sie einen häufig durch und durch schauen können, obwohl Sie manchmal nicht weiter sehen, als ein Hühnerschnabel reicht, – und ich habe mich schon öfters gewundert über Ihren durchdringenden Blick. Also ja, ich habe ›meine Idee‹. Daß Sie diesen Ausdruck gebraucht haben, ist natürlich nur eine Zufälligkeit, aber ich habe durchaus keine Angst, es einzugestehen: ich habe eine ›Idee‹. Ich habe durchaus keine Angst und schäme mich dessen nicht.« »Nein, nur nicht schämen, das ist das Wichtigste.« »Aber trotz alledem werde ich sie Ihnen nie mitteilen.« »Das heißt, mich der Ehre einer Mitteilung nicht würdig halten. Ist auch ganz überflüssig, ich kenne das Wesentliche deiner Idee auch so; auf jeden Fall ist es so ein: ›Ich will in Wüsten, fliehn ...‹ Tatjana Pawlowna! Ich denke mir – er will ... ein Rothschild werden, oder so was, und sich in seine einsame Größe zurückziehen. Selbstverständlich wird er uns und Ihnen großmütig eine Pension aussetzen, mir wird er übrigens vielleicht auch keine aussetzen, – aber mag dem sein, wie es will, wir haben ihn eben nur so gesehen. Er ist uns aufgegangen wie der junge Mond – kaum ist er da; so geht er schon wieder unter.« Ich bebte innerlich. Selbstverständlich war das alles Zufall: er wußte gar nichts und hatte von ganz etwas anderem geredet, wenn er auch Rothschild erwähnt hatte; aber wie konnte er meine Gefühle so genau definieren: meinen Plan, mit ihnen zu brechen und fortzugehen? Er erriet alles im voraus und wollte die Tragik der Tatsache von vornherein mit seinem Zynismus beschmutzen. Daß er sich schrecklich giftete, daran war kein Zweifel möglich. »Mama! verzeihen Sie, daß ich so aufgefahren bin, zumal man vor Andrej Petrowitsch ja sowieso nichts verbergen kann«, lachte ich heuchlerisch auf und bemühte mich wenigstens für den Augenblick, alles in einen Scherz zu verkehren. »Das beste, lieber Freund, ist, daß du eben gelacht hast. Es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr dadurch jeder Mensch gewinnt, schon rein äußerlich. Ich spreche im vollsten Ernst. Tatjana Pawlowna, er sieht doch immer so aus, als hätte er etwas so Wichtiges im Kopf, daß er selbst dadurch förmlich geniert ist.« »Ich möchte sie ernstlich bitten, etwas taktvoller zu sein, Andrej Petrowitsch.« »Du hast sehr recht, lieber Freund; aber es muß einmal ausgesprochen werden, ein für allemal, damit es erledigt und abgetan ist. Du bist aus Moskau zu uns gekommen, um dich sofort auf die Hinterbeine zu setzen, – das ist es, was wir bis jetzt von dem Zwecke deines Hierseins wissen. Daß du gekommen bist, um uns durch irgend etwas in Staunen zu versetzen, – das erwähnte ich selbstverständlich gar nicht erst. Ferner sitzest du einen ganzen Monat bei uns und knurrst uns an, und dabei bist du doch sichtlich ein gescheiter Mensch und könntest als solcher wissen, daß man sich durch solch ein Geknurre an den Leuten nicht für ihre Nichtigkeit rächen kann. Du versteckst dich immer, während dein ehrliches Gesicht und deine roten Wangen klar dafür zeugen, daß du jedermann mit der vollkommensten Unschuld in die Augen sehen könntest. Er ist ein Hypochonder, Tatjana Pawlowna; wenn ich nur verstehen könnte, warum sie heutzutage alle Hypochonder sind!« »Sie haben ja nicht einmal gewußt, wo ich meine ersten Jahre verbracht habe, – wie sollten Sie wissen, wodurch ein Mensch zum Hypochonder wird?« »Aha, so läuft der Hase: du bist gekränkt, weil ich vergessen konnte, wo du damals gewohnt hast!« »Nicht im geringsten, schieben Sie mir keine Dummheiten unter. Mama, Andrej Petrowitsch hat mich eben belobt, weil ich gelacht habe; also, lachen wir doch – was soll man so dasitzen! Wenn Sie Lust haben, erzähle ich ein paar Anekdoten aus meinem Leben? Um so mehr, als Andrej Petrowitsch nicht das geringste von meinen Erlebnissen weiß.« Es kochte in mir. Ich wußte, daß wir nie wieder so wie heute zusammensitzen würden, und daß ich dies Haus nie wieder betreten würde, wenn ich es das nächste Mal verlassen hätte, – und so konnte ich mich denn, am Vorabend aller dieser Ereignisse, nicht halten. Er selbst hatte mich herausgefordert, mit solch einem Finale zu schließen. »Das ist natürlich sehr nett, wenn es nur wirklich lustig wird,« bemerkte er und musterte mich mit einem durchdringenden Blick, »du bist dort, wo du deine Kindheit verbracht hast, ein bißchen klobig geworden, teurer Freund, übrigens bist du aber immerhin doch noch recht manierlich. Er ist sehr nett heute, Tatjana Pawlowna, und es ist schön von Ihnen, daß Sie dies Paket endlich aufgemacht haben.« Aber Tatjana Pawlowna runzelte ihre Brauen, sie wendete sich nicht einmal nach ihm um, packte weiter aus und verteilte die Süßigkeiten auf herbeigeholte Teller. Auch meine Mutter saß in bangen Zweifeln da, denn sie verstand und ahnte, daß die Sache zwischen uns kein gutes Ende nehmen würde. Meine Schwester stieß mich noch einmal an.   3 »Ich will euch allen nur erzählen,« begann ich, scheinbar höchst ungezwungen, »wie ein Vater seinem lieben Sohn zum erstenmal begegnete; passiert ist das eben da, ›wo du deine Kindheit verbracht hast‹...« »Lieber Freund, wird das aber ... nicht langweilig? Du weißt ja: tous les genres ...« »Machen Sie kein so finsteres Gesicht, Andrej Petrowitsch, ich will gar nicht auf das hinaus, was Sie glauben. Ich will nur, daß alle lachen.« »Möge Gott dich hören, lieber Freund. Ich weiß ja, du liebst uns alle und ... und du wirst uns den Abend nicht verderben wollen«, brachte er in einem gemachten, nachlässigen Ton hervor. »Das haben Sie wohl auch in meinem Gesicht gelesen, daß ich Sie liebe?« »Ja, zum Teil hab' ich's auch in deinem Gesicht gelesen.« »Na ja, und ich habe es längst in Tatjana Pawlownas Gesicht gelesen, daß sie in mich verliebt ist. Schaun Sie mich doch nicht an, wie 'n wildes Tier, Tatjana Pawlowna, lachen Sie lieber! Lachen Sie lieber!« Sie wendete sich auf einmal schnell nach mir um und sah mich eindringlich an, vielleicht eine halbe Minute lang: »Sieh dich vor!« drohte sie mir mit dem Finger, aber so ernst, daß sich das gar nicht mehr auf meinen dummen Spaß beziehen konnte, sondern eine Warnung vor etwas anderem sein mußte: »Willst du wirklich schon anfangen?« »Andrej Petrowitsch, so wissen Sie es wirklich nicht mehr, wie wir uns zum erstenmal im Leben begegnet sind?« »Ich hab' es, weiß Gott, vergessen, lieber Freund, und bitte dich von Herzen, es mir zu verzeihen. Ich weiß nur, daß das schon sehr lange her sein muß, und daß, daß ... ja, wo war's doch gleich?« »Mama, und erinnern Sie sich nicht, wie Sie einmal auf dem Lande bei mir waren, ich kann damals sechs oder sieben Jahre gewesen sein, und was mir das wichtigste ist, sind Sie dort auf dem Lande wirklich einmal bei mir gewesen, oder schwebt mir das nur so wie in einem Traum vor, daß ich Sie dort das erstemal gesehen hätte? Das hab' ich Sie schon längst fragen wollen, aber ich hab's immer wieder verschoben: jetzt ist die Zeit gekommen.« »Gewiß, Arkaschenka, gewiß! Jawohl, ich bin dreimal dort bei Warwara Stepanowna zu Besuch gewesen; als ich das erstemal da war, warst du höchstens ein Jahr alt, beim zweitenmal vier, und beim letztenmal warst du schon sechs.« »Na also, und danach wollte ich Sie schon den ganzen Monat fragen.« Meine Mutter wurde ordentlich rot, so schnell strömten die Erinnerungen auf sie ein, und sie fragte mich warm: »Arkaschenka, kannst du dich denn wirklich noch auf mich in der Zeit besinnen?« »Ich besinne mich auf nichts und weiß nichts, mir ist nur ein Etwas aus Ihrem Gesicht mein Lebtag in meinem Herzen zurückgeblieben, und dann ist mir das Bewußtsein geblieben, daß Sie meine Mutter waren. Ich sehe jenes ganze Gut jetzt wie im Traume vor mir, ich hatte sogar meine Pflegemutter vergessen. Von jener Warwara Stepanowna war mir nur deswegen ein Schimmer von Erinnerung geblieben, weil sie immer an Zahnschmerzen litt und die Wangen verbunden hatte. Ich weiß noch, daß ums Haus herum riesige Bäume standen, Linden glaub' ich, und dann schien manchmal die Sonne so stark durch die offenen Fenster, und dann war da ein Lattenzaun, an dem Blumen blühten, ein schmaler Weg ... und Sie, Mama, seh' ich, nur in einem Moment klar vor mir, als ich dort in der Kirche das Abendmahl bekam, und Sie hoben mich auf, damit ich das Sakrament empfangen und den Kelch küssen konnte, – das war im Sommer, und eine Taube flog oben quer durch die Kuppel, zu einem Fenster herein, zum andern hinaus ...« »Herrgott! Ja, so war das auch alles,« rief meine Mutter und schlug die Hände zusammen, »auch die Taube seh' ich noch wie heute. Direkt vor dem Kelch fuhrst du auf und schriest: ›eine Taube, eine Taube!‹« »Ihr Gesicht, oder irgend etwas in ihm, der Ausdruck, ist in meinem Gedächtnis so fest haftengeblieben, daß ich Sie fünf Jahre später in Moskau sofort erkannte, obgleich mir damals kein Mensch sagte, daß Sie meine Mutter wären. Aber als ich Andrej Petrowitsch zum erstenmal sah, das war damals, als ich von den Andronikows fortgenommen wurde; bei denen hatte ich bis dahin still und vergnügt fünf Jahre hintereinander dahingelebt. Ich erinnere mich noch bis in die kleinsten Einzelheiten an ihre Dienstwohnung und alle diese Damen und Fräulein, die jetzt hier alle so alt geworden sind, und an das volle Haus, und an Andronikow selbst, wie er allen Proviant fürs Haus, Geflügel, Zander und Spanferkel, selbst in allerlei Paketchen aus der Stadt mitbrachte, und bei Tische tat er, statt seiner Frau, die sich immer sehr vornehm hatte, die Suppe auf, und der ganze Tisch lachte immer darüber, und er war der erste dabei. Und die Damen dort lehrten mich Französisch, aber das liebste waren mir Krylows Fabeln, ich konnte eine Menge von ihnen auswendig und deklamierte Andronikow jeden Tag eine Fabel vor. Ich ging einfach in sein kleines Kabinett, ob er nun zu tun hatte oder nicht. Na, und so einer Fabel verdanke ich auch meine Bekanntschaft mit Ihnen, Andrej Petrowitsch. Ich sehe, es dämmert Ihnen was.« »Ja, mir schwant so was, lieber Freund, da hast mir damals irgendwas aufgesagt ... eine Fabel, oder etwas aus Gribojedows Komödie ›Verstand bringt Leiden‹, glaub' ich? Was du übrigens für ein Gedächtnis hast!« »Gedächtnis! Das fehlte noch! An dies eine habe ich ja mein Leben lang ganz allein gedacht.« »Schön, schön, lieber Freund, du machst mich ja ordentlich munter.« Er lächelte sogar, und sogleich lächelten auch meine Mutter und meine Schwester. Das Vertrauen kehrte zurück; aber Tatjana Pawlowna, die die Teller mit Süßigkeiten auf den Tisch gestellt und sich in eine Ecke gesetzt hatte, sah mich weiterhin mit bösem Blick scharf an. »Das war so«, fuhr ich fort. »Eines schönen Morgens erschien auf einmal bei uns die Freundin meiner Kindheit, Tatjana Pawlowna, die in meinem Leben immer plötzlich, wie im Theater, aufgetaucht ist, ich wurde in einen Wagen gesetzt und in ein herrschaftliches Haus gebracht, in eine luxuriöse Wohnung. Sie waren damals bei Frau Fanariotowa abgestiegen, Andrej Petrowitsch, in ihrem leerstehenden Hause, das sie früher einmal von Ihnen gekauft hatte; sie selbst war damals im Auslande. Ich hatte bisher immer Blusen getragen; jetzt wurde mir auf einmal ein hübsches blaues Jackett und sehr feine Wäsche angezogen. Tatjana Pawlowna pusselte den ganzen Tag an mir herum und kaufte eine Menge Sachen für mich; ich ging unermüdlich durch alle die leeren Zimmer und bewunderte mich in allen Spiegeln. Und auf die Art geriet ich am nächsten Morgen, so um neun, auf meiner Wanderung durch die Wohnung ganz unvermutet auch in Ihr Kabinett. Ich hatte Sie schon am Tage vorher gesehen, als ich grade angekommen war, aber nur ganz flüchtig auf der Treppe. Sie kamen die Treppe herunter, um sich in den Wagen zu setzen und auszufahren; Sie waren damals ganz allein nach Moskau gekommen, nach einer langen Abwesenheit, und nur für kurze Zeit, so daß sich alles um Sie riß und Sie fast überhaupt nicht zu Hause waren. Als Sie Tatjana Pawlowna und mich erblickten, ließen Sie nur ein gedehntes: ›Ah!‹ hören und blieben nicht einmal stehen.« »Er erzählt das mit viel Liebe«, bemerkte Wersilow, zu Tatjana Pawlowna gewendet; die aber drehte den Kopf zur Seite und antwortete nicht. »Ich sehe Sie noch, blühend und hübsch, wie Sie damals waren, als wäre es heute gewesen. Sie sind in diesen neun Jahren erstaunlich alt und verbraucht geworden; entschuldigen Sie, bitte, daß ich so aufrichtig bin; übrigens waren Sie auch damals schon siebenunddreißig, aber ich konnte mich gar nicht satt sehen an Ihnen, was hatten Sie für wundervolle Haare, fast kohlschwarz, mit einem blanken Glanz darauf, ohne eine Spur des Ergrauens; ein Schnurrbart und ein Backenbart, die reine Juwelierarbeit, – ich weiß es nicht anders auszudrücken: das Gesicht von einer matten Blässe, nicht kränklich-blaß wie jetzt, sondern wie es jetzt Ihre Tochter Anna Andrejewna hat, die ich neulich kennenzulernen die Ehre hatte; feurige und dunkle Augen und blitzende Zähne, besonders wenn Sie lachten. Sie lachten eben grade, wie Sie mich so musterten, als ich zu Ihnen hereinkam; ich konnte damals noch nicht so viel Unterschiede machen, und Ihr Lächeln heiterte mir das Herz auf. Sie trugen an dem Morgen einen dunkelblauen Samtkittel mit einer gestickten solferinofarbenen Schärpe über einem kostbaren Hemd mit Alençonspitzen; Sie standen vor dem Spiegel und studierten den letzten Monolog Tschazkijs und insbesondere seinen letzten Ruf: Den Wagen, meinen Wagen!« »Ach Gott ja,« rief Wersilow, »er hat wahrhaftig recht. Ich hatte es damals, obschon ich nur für kurze Zeit in Moskau war, übernommen, den Tschazkij in einer Liebhabervorstellung bei Alexandra Petrowna Witowtowa zu spielen, weil Shilejko krank geworden war!« »Hatten Sie das wirklich vergessen?« lachte Tatjana Pawlowna. »Er hat mich wieder daran erinnert! Offengestanden, die paar Tage damals in Moskau sind vielleicht die schönste Zeit in meinem Leben gewesen! Wir alle waren damals noch so jung ... und warteten alle mit solch einer Glut ... Ganz unerwartet traf ich damals in Moskau soviel ... Aber erzähl' nur weiter, lieber Freund. Diesmal hast du sehr wohl daran getan, daß du so ausführlich warst ...« »Ich stand da, schaute Ihnen zu und rief auf einmal: ›Ausgezeichnet, der richtige Tschazkij!‹ – Sie drehten sich mit einem Ruck nach mir um und fragten: ›Ja, was weißt du denn schon von Tschazkij?‹ – und dann setzten Sie sich auf den Diwan und machten sich in vorzüglichster Stimmung an Ihren Kaffee, – Sie sahen einfach zum Küssen aus. Und dann erzählte ich Ihnen, daß bei den Andronikows alle sehr viel lasen, daß die Damen viele Verse auswendig wüßten, daß sie ganze Szenen aus ›Verstand bringt Leiden‹ zusammen aufführten, daß wir in der verflossenen Woche alle zusammen abends laut die ›Memoiren eines Jägers‹ gelesen hätten, daß ich Krylows Fabeln am meisten liebte und sie auswendig wisse. Und Sie sagten, ich sollte Ihnen etwas aus dem Kopf hersagen, und ich deklamierte ›Die wählerische Braut‹: Ein junges Mädchen träumt sich einmal einen Mann.« »Ja, ja, ja, jetzt weiß ich wieder alles,« rief Wersilow, »aber, lieber Freund, ich sehe auch dich noch ganz deutlich vor mir: du warst damals so ein netter Junge, ein sehr manierlicher flotter Junge sogar, und ich kann dir mein heiliges Ehrenwort geben, du hast dich in diesen neun Jahren auch nicht grade zum Vorteil verändert.« Jetzt fingen aber alle, selbst Tatjana Pawlowna, an zu lachen. Es war ja klar, daß Andrej Petrowitsch sich einen kleinen Scherz erlaubte und mir mit gleicher Münze für meine boshafte Bemerkung zurückzahlte, daß er so alt geworden sei. Alle wurden ganz lustig; und es war ja auch sehr hübsch gesagt. »Je weiter ich deklamierte, desto freundlicher lächelten Sie, aber ich war noch nicht bis zur Mitte gekommen, da sagten Sie, ich sollte ein bißchen warten, klingelten und befahlen dem eintretenden Diener, Tatjana Pawlowna herzubitten. Die kam auch sofort angelaufen und sah so vergnügt aus, daß ich, der sie am Tage vorher gesehen hatte, sie fast nicht wiedererkannte. In Tatjana Pawlownas Gegenwart fing ich ›Die wählerische Braut‹ noch einmal an und führte meinen Vortrag glänzend zu Ende. Selbst Tatjana Pawlowna lächelte, und Sie, Andrej Petrowitsch, riefen sogar: bravo! und bemerkten begeistert, es wäre ja weiter nichts Erstaunliches gewesen, wenn ein gescheiter Junge in meinen Jahren die Fabel von der Grille und der Ameise gut vorgetragen hätte. Aber mit dieser Fabel wäre es doch ganz was anderes: ›Ein junges Mädchen träumt sich einmal einen Mann, Da ist nichts Böses dran.‹ ›Hören Sie nur, wie er das sagt: Da ist nichts Böses dran!‹ – Kurz und gut, Sie waren entzückt. Und dann fingen Sie auf einmal mit Tatjana Pawlowna an französisch zu sprechen, sie wurde mit einem Ruck verdrießlich und widersprach Ihnen, ja, sie erhitzte sich sogar sehr dabei. Aber da es ganz unmöglich ist, Andrej Petrowitsch zu widersprechen, wenn er sich einmal was in den Kopf gesetzt hat, so führte mich Tatjana Pawlowna schleunigst in ihr Zimmer hinüber: Gesicht und Hände wurden mir frisch gewaschen, ich bekam frische Wäsche an, wurde pomadisiert, und sogar Locken wurden mir eingelegt. Und dann gegen Abend zog sich Tatjana Pawlowna selbst ziemlich elegant an, so elegant, wie ich's bei ihr nie erwartet hätte, und nahm mich in einem Wagen mit. Ich kam zum erstenmal in meinem Leben in ein Theater, es war das Liebhabertheater bei Frau Witowtowa; Lichter, Kronleuchter, Damen, Militärs, Generale, junge Mädchen, der Vorhang, die Stuhlreihen, – nichts der Art hatte ich bisher gesehen. Tatjana Pawlowna suchte sich ein äußerst bescheidenes Plätzchen in einer der hintersten Reihen und setzte mich neben sich. Es waren natürlich auch Kinder da und Kinder wie ich, aber ich achtete überhaupt auf gar nichts, sondern wartete nur mit angehaltenem Atem auf den Beginn der Vorstellung. Als Sie auftraten, Andrej Petrowitsch, war ich begeistert, begeistert bis zu Tränen, – warum, weshalb, weiß ich selber nicht. Warum diese Tränen der Begeisterung? – Das war es, was mir so fremdartig erschien, wenn ich in diesen neun Jahren daran zurückdachte! Mit angehaltenem Atem folgte ich dem Gang der Handlung; ich verstand davon natürlich nur, daß sie ihn betrogen hatte, daß dumme und unwürdige Leute sich über ihn lustig machten, die nicht wert waren, ihm die Schuhriemen zu lösen. Als er auf dem Balle deklamierte, begriff ich, daß er erniedrigt und beleidigt war, daß er allen diesen traurigen Leuten Vorwürfe machte, daß er groß war – groß! Natürlich förderte auch die Vorbereitung bei den Andronikows mein Verständnis, aber – auch Ihr Spiel, Andrej Petrowitsch! Ich sah zum erstenmal ein Theater! Bei der Schlußszene aber, als Tschazkij rief: ›Den Wagen, meinen Wagen!‹ (und Sie brachten das erstaunlich heraus), da sprang ich von meinem Stuhl auf und klatschte, zugleich mit dem ganzen Saal, der vom Applaus widerhallte, und schrie aus aller Kraft meiner Lungen: bravo! Und ich weiß noch, wie heute, daß ich im selben Moment etwas wie einen Stecknadelstich in ›der Fortsetzung meines Rückens‹ verspürte, es war Tatjana Pawlowna, die mich wütend kniff, aber ich achtete nicht darauf! Selbstverständlich brachte mich Tatjana Pawlowna, als das Stück aus war, sofort nach Hause: ›Zum Tanz kannst du ja doch nicht dableiben, und ich hab' weiter nichts davon, als daß ich nun auch nach Hause muß!‹zischten Sie mich während der Heimfahrt die ganze Zeit an, Tatjana Pawlowna. Ich lag die ganze Nacht wie im Fieber, und am nächsten Tage, um zehn Uhr, stand ich schon vor Ihrem Kabinett, aber die Türe war verschlossen; es waren Leute bei Ihnen, und Sie verhandelten mit ihnen über Geschäfte; dann fuhren Sie gleich für den ganzen Tag aus, bis in die tiefe Nacht – so bekam ich Sie denn nicht zu Gesicht! Was ich Ihnen sagen wollte – hab' ich jetzt natürlich vergessen und wußte es wohl auch damals nicht, aber ich hatte den glühenden Wunsch, Sie möglichst bald zu sehen. Aber den Tag darauf geruhten Sie schon um acht Uhr nach Serpuchow hinauszufahren. Sie hatten damals gerade Ihr Gut im Gouvernement Tula verkauft, um sich mit Ihren Gläubigern auseinanderzusetzen, aber immerhin hatten sie noch ein ganz appetitliches Sümmchen in der Hand, deswegen beehrten Sie damals auch Moskau mit Ihrem Besuch, das Sie vorher hatten meiden müssen, aus Furcht vor Ihren Gläubigern; und nur dieser Grobian in Serpuchow wollte sich als einziger von Ihren Gläubigern nicht mit der Hälfte der Summe, die Sie ihm schuldeten, abfinden lassen. Tatjana Pawlowna antwortete nicht einmal auf meine Fragen, ›das geht dich gar nichts an, übermorgen bringe ich dich in die Pension; mach' dich bereit, nimm deine Hefte, bring' deine Bücher in Ordnung, du könntest jetzt auch wirklich bald lernen deinen Koffer selber zu packen, bild' du dir nur nicht ein, daß du den Kavalier mit den gepflegten Händen spielen mußt, hoher Herr‹, und so und so, und dies und das, Sie haben mich in diesen drei Tagen schon recht freundlich auf den Trab gebracht, Tatjana Pawlowna! Und das Ende war, daß ich in die Pension zu Touchard kam, Andrej Petrowitsch, verliebt in Sie und unschuldig wie ich war. Und mag das alles auch als ganz dummer Zufall erscheinen, das heißt, meine Begegnung damals mit Ihnen, aber glauben Sie mir, ich wollte nachher, ein halbes Jahr später, von Touchard aus zu Ihnen entfliehen!« »Das hast du sehr schön erzählt und mir alles so lebendig ins Gedächtnis zurückgerufen,« sagte Wersilow langsam, jede Silbe betonend, »aber was mir an deiner Erzählung besonders auffällt ist der Reichtum an allerlei merkwürdigen Einzelheiten, über meine Schulden zum Beispiel. Ich will gar nicht davon reden, daß das Eingehen auf diese Einzelheiten ein wenig taktlos ist, aber ich begreife nicht, woher du sie eigentlich hast?« »Die Einzelheiten? Woher ich die habe? Ich wiederhole Ihnen, ich habe diese ganzen neun Jahre nichts weiter getan als Einzelheiten über Sie gesammelt.« »Ein seltsames Geständnis und ein seltsamer Zeitvertreib!« Er wendete sich um, nahm in seinem Sessel eine halb liegende Stellung an und gähnte sogar flüchtig, – ob mit Absicht oder nicht, das weiß ich nicht. »Soll ich weiter erzählen, wie ich von Touchard zu Ihnen fliehen wollte?« »Verbieten Sie's ihm, Andrej Petrowitsch, nehmen Sie ihn am Kragen und werfen Sie ihn hinaus«, grollte Tatjana Pawlowna. »Es geht nicht, Tatjana Pawlowna,« antwortete Wersilow eindringlich, »Arkadij hat sich offenbar etwas vorgenommen! und so muß man ihn also unbedingt aussprechen lassen. Mag er doch! Er wird es erzählen, und dann ist er's los, Und für ihn ist es eben die Hauptsache, daß er's los wird! Fang deine neue Geschichte nur an, lieber Freund; das heißt, neu, das ist nur so ein Ausdruck von mir; sei unbesorgt, ich kenne ihr Ende.«   4 »Die Geschichte von meiner Flucht, das heißt, meinem Fluchtversuch, ist sehr einfach. Tatjana Pawlowna, wissen Sie noch, zwei Wochen nach meinem Eintritt schrieb Touchard einen Brief an Sie, – nicht? Aber mir hat Maria Iwanowna diesen Brief nachher gezeigt, er hatte sich auch in den Papieren des verstorbenen Andronikow gefunden. Touchard war es plötzlich aufgestoßen, daß er zu wenig Geld verlangt hätte, und er erklärte Ihnen in einem Briefe mit ›Würde‹, in seinem Institut würden Fürsten- und Senatorensöhne erzogen, und er fände, es ließe sich mit dem Rufe seines Instituts nicht vereinigen, einen Zögling von derartiger Abkunft darin zu haben, wenn man ihm dafür keine Zulage gäbe.« »Mon cher, du dürftest ...« »Oh, unbesorgt, unbesorgt,« fiel ich Wersilow ins Wort, »ich will nur etwas von Touchard erzählen. Sie antworteten ihm schon von auswärts, Tatjana Pawlowna, nach vierzehn Tagen, und schlugen sein Ansuchen rundweg ab. Ich weiß noch, wie er mit ganz rotem Kopf in unser Klassenzimmer kam. Es war ein kleiner und sehr untersetzter Franzose, etwa fünfundvierzig Jahre alt, und tatsächlich aus Paris, wo er wohl Schuster gewesen war, aber er lebte schon seit unvordenklichen Zeiten in Moskau, wo er eine Staatsanstellung als französischer Lehrer hatte, er hatte sogar Titel und Würden, worauf er sehr stolz war, – ein ungeheuer ungebildeter Mensch. Wir waren sechs Zöglinge; wirklich war ein Neffe eines Moskauer Senators darunter, und wir lebten bei ihm alle wie in der Familie, mehr unter der Aufsicht seiner Frau, einer sehr manierlichen Dame, der Tochter eines russischen Beamten. Ich hatte mich in diesen zwei Wochen vor meinen Kameraden sehr wichtig gemacht, mit meinem blauen Jackett und meinem Papa Andrej Petrowitsch renommiert, und ihre Fragen, warum ich Dolgorukij hieße und nicht Wersilow, hatten mich durchaus nicht beunruhigt, eben weil ich selbst nicht wußte, warum.« »Andrej Petrowitsch!« schrie Tatjana Pawlowna fast drohend. Meine Mutter dagegen hing an meinem Munde und wünschte sichtlich, daß ich weitererzählte. »Ce Touchard ... richtig, ich erinnere mich jetzt, er war so ein kleiner, zappeliger Kerl,« – sagte Wersilow gedehnt, »aber er wurde mir damals von bester Seite empfohlen ...« »Ce Touchard trat mit einem Briefe in der Hand ein, kam an unseren großen Eichentisch, an dem wir alle irgend etwas ochsten, packte mich kräftig an der Schulter, riß mich von meinem Stuhl in die Höhe und befahl mir, meine Hefte zu nehmen. ›Dein Platz ist nicht hier, sondern dort!‹ Mit diesen Worten deutete er nach einem winzigen Zimmerchen links vom Vorzimmer, in dem sich nur ein einfacher Tisch, ein Rohrstuhl und ein Wachstuchdiwan befanden, – genau so, wie jetzt da oben in meinem Kämmerchen. Ich ging erstaunt und ganz eingeschüchtert hinüber: ich war noch nie so grob angefaßt worden. Nach einer halben Stunde, als Touchard das Klassenzimmer verlassen hatte, begann ich zu meinen Kameraden hinüberzuschauen und mit ihnen zu lachen, sie lachten natürlich über mich, aber ich hatte keine Ahnung davon und dachte, wir lachten alle, weil wir lustig seien. Da kam auf einmal Touchard hereingestürzt, faßte mich beim Wickel und schleppte mich fort. ›Erlaub' dir nicht, zu anständigen Kindern hineinzugehen, du bist von schlechter Abkunft und nicht besser, als ein Bedienter.‹ Und er schlug mich auf meine volle, rote Backe, daß es ordentlich wehtat. Das gefiel ihm gleich sehr und er schlug mich zum zweiten- und zum drittenmal. Ich heulte los, ich war furchtbar verwundert. Eine ganze Stunde lang saß ich, die Hände vor dem Gesicht, und weinte und weinte. Es war etwas geschehen, was ich absolut nicht verstehen konnte. Ich begreife nicht, wie ein durchaus nicht bösartiger Mensch, wie Touchard, ein Ausländer, der sich noch dazu so über die Befreiung der russischen Bauern gefreut hatte, – wie so ein Mensch einen dummen kleinen Jungen wie mich schlagen könnte. Übrigens war ich nur erstaunt und nicht beleidigt; ich verstand noch nicht beleidigt zu sein. Ich dachte, ich müßte irgendeinen dummen Streich gemacht haben, wenn ich wieder brav sein würde, so würde mir schon verziehen werden und wir würden wieder alle zusammen lustig sein und auf den Hof gehen, um zu spielen und ein Leben führen, so nett wie möglich.« »Lieber Freund, wenn ich davon nur etwas geahnt hätte ...« sagte Wersilow gedehnt, mit dem lässigen Lächeln eines ermüdeten Menschen, »dieser Halunke von Touchard! Übrigens gebe ich die Hoffnung immer noch nicht auf, daß du alle deine Kraft zusammennimmst und uns das alles endlich verzeihst, und daß wir dann wieder ein Leben führen, so nett wie möglich.« Er gähnte unverhohlen. »Ich mache Ihnen ja gar keine Vorwürfe, durchaus nicht, und Sie können mir's glauben, ich klage auch Touchard nicht an!« schrie ich, ein wenig aus der Fassung gebracht. »Also, so geprügelt hat er mich etwa zwei Monate lang. Ich weiß noch, ich wollte ihn immer durch irgend etwas entwaffnen, ich stürzte mich auf ihn, um ihm die Hände zu küssen, und küßte sie auch, und weinte und weinte immer. Meine Mitschüler lachten mich aus und verachteten mich, weil Touchard mich zuweilen wie einen Dienstboten behandelte, so befahl er mir, ihm seine Kleider zu bringen, wenn er sich anzog. Dabei kam mir meine Bedientennatur instinktiv zugute: ich bemühte mich aus allen Kräften, mich dienstfertig zu erweisen, und war nicht im geringsten beleidigt, weil ich noch nichts von alledem verstand, und ich wundere mich bis zum heutigen Tage darüber, daß ich damals noch so dumm war und nicht begriff, daß ich etwas ganz anderes war, als alle anderen. Allerdings, meine Mitschüler haben mir auch damals schon vieles klargemacht, es war eine gute Schule. Schließlich kam es dahin, daß Touchard mich lieber von hinten mit dem Knie stieß, statt mir ins Gesicht zu schlagen, und als ein halbes Jahr herum war, war er sogar wieder manchmal sehr freundlich zu mir; nur nicht immer, einmal im Monat schlug er mich sicher, um mich daran zu erinnern, damit ich's nur nicht vergäße. Mit den anderen Kindern wurde ich auch bald wieder zusammengesetzt und durfte mit ihnen spielen, aber nicht ein einziges Mal in diesen dritthalb Jahren hat Touchard den Unterschied unserer sozialen Stellung vergessen, und er hat mich die ganze Zeit, nicht in übertriebenem Maße, aber doch immer zu allerhand Dienstleistungen gebraucht, ich glaube eben, damit ich's nicht vergäße. Meine Flucht, das heißt mein Fluchtversuch, fand etwa fünf Monate nach diesen ersten zwei Monaten statt. Und ich bin überhaupt immer sehr schwer von Entschlüssen gewesen. Wenn ich mich in mein Bett legte und die Decke über mich zog, fing ich gleich von Ihnen zu träumen an, Andrej Petrowitsch, nur von Ihnen ganz allein; ich weiß wahrhaftig nicht, warum das so war. Selbst im Traum erschienen Sie mir. Hauptsächlich träumte mir voll Leidenschaft, Sie würden auf einmal eintreten, ich würde mich an Ihre Brust stürzen, und Sie würden mich mit fortnehmen, in jenes Kabinett, und wir würden wieder ins Theater fahren. Die Hauptsache war, daß wir uns nie trennen würden, das war die Hauptsache! Und wenn ich dann in der Frühe aufwachte, waren auf einmal wieder der Spott und die Verachtung der Mitschüler da; einer von ihnen gewöhnte sich einfach daran, mich zu prügeln und sich von mir die Stiefel anziehen zu lassen; er legte mir ganz häßliche Schimpfnamen bei, in denen er besonders bemüht war, mir das Geheimnis meiner Geburt zu erklären, zur Belustigung aller Zuhörer. Und wenn dann endlich Touchard selbst auf der Bildfläche erschien, dann krampfte ein unerträgliches Gefühl mein Herz zusammen. Ich fühlte, daß mir hier nie verziehen werden würde, – oh, ich begann allmählich zu verstehen, was mir nicht verziehen werden würde und was eigentlich mein Verschulden war! Und so kam ich endlich auf die Idee, zu fliehen. Ich träumte zwei ganze Monate hindurch glühend davon, endlich faßte ich meinen Entschluß; es war im September. Ich wartete an einem Samstag, bis alle meine Mitschüler über Sonntag fortgefahren waren; unterdessen packte ich heimlich sorgsam die nötigsten Sachen in ein Bündelchen; an barem Geld besaß ich zwei Rubel. Ich wollte warten, bis es dunkel würde, dann schleiche ich mich die Treppe hinunter, dachte ich, stehle mich hinaus und gehe auf und davon. Wohin? Ich wußte, daß Andronikow schon nach Petersburg versetzt war, und beschloß, das Haus der Frau Fanariotowa auf dem Arbat aufzusuchen; die Nacht laufe ich herum und sitze irgendwo, und am Morgen frage ich jemand dort auf dem Hofe: wo ist Andrej Petrowitsch jetzt, und wenn er nicht in Moskau ist, in welcher Stadt oder in welchem Lande wohnt er jetzt? Man wird es mir doch wohl sagen. Und dann gehe ich fort, und dann frage ich irgendwo anders jemand: bei welchem Tor muß ich hinausgehen, wenn ich in die und die Stadt will, und dann geh' ich hinaus und gehe immer weiter. Ich werde immer weitergehen, übernachten werde ich irgendwo im Busch, essen will ich nur trockenes Brot, und Brot kann ich für zwei Rubel auf sehr lange Zeit genug bekommen. Am Samstag gelang es mir aber absolut nicht zu entkommen; ich mußte bis zum nächsten Tage warten, bis zum Sonntag, und, wie absichtlich, fuhren auch Touchard und seine Frau am Sonntag für den ganzen Tag fort; im ganzen Hause blieben nur ich und die Köchin Agafja zurück. Ich wartete mit furchtbarer Sehnsucht auf die Nacht; ich weiß noch: ich saß am Fenster unseres großen Zimmers und schaute auf die staubige Straße hinaus, mit ihren hölzernen Häuschen und den wenigen Menschen, die vorübergingen. Touchard wohnte weit draußen in einer abgelegenen, öden Gegend, aus dem Fenster konnte ich einen Schlagbaum sehen: Ob es wohl da richtig ist? dämmerte es in mir. Die Sonne ging so rot unter, der Himmel war so kalt, und ein scharfer Wind wirbelte den Staub auf, geradeso wie heute. Es wurde endlich ganz dunkel; ich trat vor das Heiligenbild und fing an zu beten, aber schnell – schnell, ich hatte Eile; ich nahm mein Bündelchen und schlich auf Zehenspitzen unsere knarrende Treppe hinunter, in einer schrecklichen Angst, daß mich am Ende Agafja aus ihrer Küche hören könnte. Der Schlüssel steckte, ich schloß auf, und auf einmal dehnte sich die dunkle, dunkle Nacht schwarz vor mir, wie eine unendliche, gefahrvolle Fremde, und der Wind riß mir sofort die Mütze vom Kopfe. Ich trat hinaus; auf dem anderen Trottoir erklang das heisere, betrunkene Gegröl eines Menschen, der fluchend seines Weges ging; ich stand eine Weile, schaute hinaus und drehte mich leise um, leise schlich ich nach oben, leise zog ich mich aus, versteckte mein Bündelchen und warf mich, mit dem Gesicht nach unten, hin, ohne Tränen und ohne Gedanken, und sehen Sie, von dieser Minute an hab' ich zu denken angefangen, Andrej Petrowitsch! Eben von dieser Minute an, als ich zum Bewußtsein kam, daß ich nicht nur ein Bedienter, sondern dazu noch ein Feigling war,– eben da begann meine wirkliche, regelrechte Entwicklung!« »Und ich habe dich jetzt von dieser Minute an durch und durch erkannt, und für alle Zeit!« Damit sprang Tatjana Pawlowna plötzlich von ihrem Stuhle auf, so unerwartet, daß es mir ganz überraschend kam. »Du warst nicht nur damals ein Bedienter, du bist noch heute ein Bedienter; eine Bedientenseele bist du! Was hätte es damals Andrej Petrowitsch wohl gemacht, wenn er dich zu einem Schuster in die Lehre gegeben hätte? Es wäre sogar eine Wohltat von ihm gewesen, wenn er dich ein Handwerk hätte lernen lassen! Wer hätte von ihm mehr für dich verlangt oder gefordert? Dein Vater, Makar Iwanowitsch, hat ihn nicht etwa gebeten, sondern es beinahe von ihm gefordert, daß ihr, seine Kinder, in seinem Stande erzogen würdet. Aber nein, das ist nichts für dich, daß er dich hat das Gymnasium durchmachen lassen, und daß du, dank ihm, den privilegierten Ständen angehörst. Ei sieh mal, die Jungchen haben ihn ein bißchen aufgezogen, und da hat er geschworen, sich an der Menschheit zu rächen ... Du Jammerlappen, du trauriger!« Ich muß gestehen, ich war verblüfft über ihren Ausbruch. Ich stand eine Zeitlang, sah vor mich hin, und wußte nicht, was ich sagen sollte. »Ja, wahrhaftig, Tatjana Pawlowna hat mir was Neues gesagt,« wendete ich mich schließlich mit fester Stimme an Wersilow, »ich bin wahrhaftig so sehr eine Bedientennatur, daß ich mich keinesfalls allein damit zufrieden geben kann, daß Herr Wersilow mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben hat; nicht einmal mein privilegierter Stand macht Eindruck auf mich, nein, gib mir den ganzen Wersilow, gib mir einen Vater ... das hab' ich verlangt – also bin ich doch ein Bedienter, nicht wahr? Mama, es liegt mir schon seit acht Jahren schwer auf dem Gewissen, wie Sie damals allein zu Touchard gekommen sind, um mich zu besuchen, und wie ich Sie damals aufgenommen habe, aber hier ist nicht der Ort dazu, Tatjana Pawlowna wird mich nicht weitererzählen lassen. Morgen, Mama, sehen wir uns vielleicht noch einmal. Tatjana Pawlowna! Nun, und was wäre, wenn ich wieder solche Bedientennatur wäre, daß ich nicht einmal das zugeben könnte, daß einer bei Lebzeiten seiner Frau noch eine zweite Frau zu heiraten das Recht hätte? Und das wäre Andrej Petrowitsch doch beinahe in Ems passiert! Mama, wenn Sie nicht bei einem Manne bleiben wollen, der morgen eine andere heiraten wird, so denken Sie daran, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen gelobt, ewig ein ehrerbietiger Sohn zu sein, denken Sie daran und kommen Sie zu mir, ich habe nur eine Bedingung: ›Er oder ich‹, – wollen Sie? Ich verlange die Antwort nicht gleich; ich weiß, daß man auf solche Fragen nicht im Augenblick antworten kann ...« Aber ich kam nicht zu Ende, hauptsächlich weil ich so furchtbar erregt war und den Faden verlor. Meine Mutter war ganz weiß geworden, und es hatte ihr gleichsam die Stimme verschlagen; sie konnte kein Wort hervorbringen. Tatjana Pawlowna sprach sehr laut und sehr viel, ich konnte nicht verstehen, was sie sagte. Ein paarmal stieß sie mich auch mit der Faust an die Schulter. Ich weiß nur noch, daß sie schrie, meine Worte wären »aufgeblasen und hohl, in einer kleinen Seele aufgepäppelt und mit dem Finger herausgeknabbert«. Wersilow saß unbeweglich und sehr ernst, er lächelte nicht. Ich ging nach oben in mein Zimmer. Der letzte Blick, der mich aus dem Zimmer begleitete, war der vorwurfsvolle Blick meiner Schwester; sie sah mir nach und schüttelte streng den Kopf. Siebentes Kapitel   1 Ich schildere alle diese Szenen, ohne mich selbst zu schonen, um mich an alles zu erinnern und meine Eindrücke wiederherzustellen. Als ich oben in meine Kammer kam, hatte ich keine Ahnung, ob ich mich nun schämen müßte oder triumphieren wie einer, der seine Pflicht erfüllt hat. Wäre ich nur ein bißchen erfahrener gewesen, so hätte ich mir wohl sagen müssen, daß jeder Zweifel in solchen Dingen nach der schlechteren Seite hinüberschlägt. Aber mich brachte ein anderer Umstand aus der Fassung: ich begreife nicht, warum ich froh war, aber ich war furchtbar froh, obgleich ich zweifelte und mir offen eingestand, daß ich da unten entgleist war. Sogar der Umstand, daß mich Tatjana Pawlowna so wütend beschimpft hatte – erschien mir nur lächerlich und amüsant, und machte mich durchaus nicht böse. Wahrscheinlich kam das alles daher, weil ich trotz alledem die Kette zerrissen hatte und mich zum erstenmal ganz in Freiheit fühlte. Ich fühlte auch, daß ich meine Stellung verschlechtert hatte: es erschien mir jetzt noch viel dunkler, wie ich mich mit jenem Briefe wegen der Erbschaft zu verhalten hätte. Jetzt würde man ganz bestimmt annehmen, ich wollte mich an Wersilow rächen. Aber ich hatte schon unten den Entschluß gefaßt, die Sache mit dem Briefe der Entscheidung eines ganz unbeteiligten Dritten zu überlassen und mich, wie an einen Richter, an Wasin zu wenden, und wenn es mir mit Wasin nicht glückte, an jemand anders, ich wußte schon an wen. Einmal, nur dies einzige Mal, will ich zu Wasin gehen, dachte ich bei mir, und dann – dann werde ich für alle auf lange verschwinden, auf mehrere Monate, und für Wasin werde ich sogar ganz besonders spurlos verschwinden: nur meine Mutter und meine Schwester werde ich vielleicht manchmal sehen. Dies alles war nicht in der richtigen Ordnung; ich fühlte, daß ich irgend etwas getan hatte, aber nicht so, wie es hätte sein sollen, und – und ich war zufrieden; ich wiederhole es noch einmal, ich war trotz allem froh über irgend etwas. Ich hatte mir vorgenommen, möglichst früh zu Bett zu gehen, denn ich wußte, daß ich am nächsten Tage viel herumzulaufen haben würde. Abgesehen davon, daß ich mir ein Zimmer mieten und umziehen mußte, hatte ich noch verschiedene Entschlüsse gefaßt, die ich, so oder so, gleich zur Ausführung bringen wollte. Aber dieser Abend sollte nicht ohne sonderbare Ereignisse zu Ende gehen, und Wersilow gelang es noch, mich in höchste Verwunderung zu versetzen. In meine Kammer war er tatsächlich noch niemals gekommen, und jetzt auf einmal, ich war noch keine Stunde oben, hörte ich seinen Schritt auf der Treppe: er rief mich, ich sollte ihm leuchten. Ich ging mit der Kerze hinaus und streckte ihm die Hand entgegen, die er ergriff, und half ihm herauf. »Merci, teurer Freund, hier herauf bin ich noch nie geklettert, nicht einmal, als ich die Wohnung mietete. Ich hab' schon so eine Ahnung gehabt, daß das so was Ähnliches wäre, aber von einem solchen Hundeloch hab' ich mir doch nichts träumen lassen.« Er trat in die Mitte meines Kämmerchens und schaute sich neugierig um: »Das ist ja ein Sarg, ein richtiger Sarg!« Wirklich hatte es was von dem Innern eines Sarges, mir fiel es sogar auf, wie richtig er das mit einem Worte auszudrücken wußte. Das Kämmerchen war lang und schmal; etwa in der Höhe meiner Schultern, nicht höher, bildeten die Wand und das Dach einen Winkel. Die Decke konnte ich mit der Hand erreichen. Wersilow hielt sich im ersten Augenblick unwillkürlich gebückt, als ob er Angst hätte, mit dem Kopf an die Decke zu stoßen, aber er stieß sich nicht und setzte sich endlich recht ruhig auf meinen Diwan, auf dem schon mein Nachtlager bereitet war. Ich blieb stehen und betrachtete ihn mit größter Verwunderung. »Deine Mutter sagte mir, sie hätte nicht gewußt, ob sie das Geld von dir annehmen sollte, das du ihr vorhin als Bezahlung für Wohnung und Beköstigung angeboten hast. Wenn man diesen Sarg ansieht, finde ich, kann man's nicht nur nicht annehmen, sondern es käme bei einer Abrechnung noch etwas zu deinen Gunsten heraus! Ich bin nie hier heraufgekommen und ... ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie ein Mensch hier wohnen kann.« »Ich hab' mich dran gewöhnt. Aber woran ich mich noch gar nicht gewöhnen kann, ist, daß ich Sie hier bei mir sehe, nach allem, was unten passiert ist.« »O ja, du warst da unten reichlich grob, aber ... ich habe auch meine besonderen Zwecke, die ich dir noch erklären werde; übrigens finde ich gar nichts so Überraschendes darin, daß ich zu dir gekommen bin; selbst, was da unten passiert ist – das liegt auch durchaus in der Ordnung der Dinge; aber erkläre mir um Christi willen eins: was du uns da unten erzählt hast und worauf du uns so feierlich vorbereitet und wozu du so einen Anlauf genommen hast, ist das denn wirklich alles, was du uns eröffnen oder mitteilen wolltest, und hattest du weiter nichts auf der Pfanne?« »Es ist alles. Das heißt, nehmen wir an, es wäre alles.« »Das ist ein bißchen wenig, lieber Freund; aufrichtig gestanden, wenn ich an deinen Anlauf denke, und wie du uns aufgefordert hast zu lachen, und wenn ich daran denke, was für einen brennenden Drang du hattest, zu erzählen, – ich habe was Größeres erwartet.« »Ja, kann Ihnen das nicht ganz egal sein?« »Ja, ich spreche eigentlich aus meinem Gefühl für das Maß heraus: das war den großen Lärm nicht wert, und das Maß war gewissermaßen zersprengt. Einen ganzen Monat schweigst du, sammelst du dich zum Schlage, und auf einmal – ist gar nichts.« »Ich wollte noch viel erzählen, aber ich schäme mich schon, daß ich das erzählt habe. Es läßt sich nicht alles mit Worten erzählen, manches wird am besten nie erzählt. Ich habe ja auch genug gesagt, aber Sie haben mich ja doch nicht verstanden.« »Ach, auch du leidest manchmal daran, daß dein Gedanke sich nicht in Worte fügen will! Das ist ein edles Leiden, lieber Freund, und wird nur Auserwählten zuteil: ein Schafskopf ist immer mit dem, zufrieden, was er gesagt hat, und außerdem sagt er immer mehr als nötig; solche Leute geben gern mehr, als sie haben.« »Wie zum Beispiel ich vorhin da unten; ich habe auch mehr gesagt als nötig: ich habe ›den ganzen Wersilow‹ verlangt, das ist sehr viel mehr als nötig ist, ich brauche überhaupt keinen Wersilow.« »Lieber Freund, ich sehe, du möchtest wieder einbringen, was du da unten verspielt hast. Du bereust augenscheinlich manches, denn bereuen heißt bei unsereins, sofort wieder über irgend jemand herfallen, und du willst doch auch nicht zum zweitenmal einen Fehlschuß nach mir tun. Ich bin zu früh gekommen, du hast dich noch nicht abgekühlt, und außerdem verträgst du keine Kritik. Aber setz' dich, bitte, ich bin gekommen, um dir etwas mitzuteilen; so, danke schön. Nach dem, was du unten, als du das Zimmer verließest, zu deiner Mutter gesagt hast, ist es nur zu klar, daß wir uns, in jedem Fall sogar, am besten trennen. Ich bin zu dir gekommen, um dich zu bitten, das möglichst sanft und ohne Skandal zu bewerkstelligen und deine Mutter nicht noch mehr zu betrüben und zu erschrecken. Schon, daß ich selbst zu dir hinaufging, hat sie sehr ermutigt; sie hat so eine Art von Glauben, daß wir uns vielleicht noch aussöhnen könnten, und daß dann vielleicht noch alles beim alten bliebe. Ich glaube, wenn wir beide, jetzt hier oben, ein paarmal recht laut lachen würden, wir könnten ihre schüchternen Herzen direkt in Entzücken versetzen. Mögen das auch nur schlichte Herzen sein, es sind doch liebende, wahrhaft und einfältig liebende Herzen, warum soll man ihnen nicht eine Freude machen, wenn man es kann? Das war also das eine. Und dann: müssen wir denn voll Rachedurst, mit knirschenden Zähnen und wilden Schwüren auseinandergehen? Darüber kann ja gar kein Zweifel bestehen, daß es nicht den geringsten Sinn hätte, wenn wir uns um den Hals fallen wollten, aber man kann sich doch trennen und sich dabei gegenseitig achten, nicht wahr?« »Das ist alles Unsinn! Ich verspreche Ihnen, ich will ohne Skandal ausziehen – und damit genug. Also Sie sind als Anwalt meiner Mutter hier? Mir scheint es beinahe, als ob die Ruhe meiner Mutter hier gar keine Rolle spielte, und als ob Sie nur so redeten.« »Du glaubst mir nicht?« »Sie sprechen mit mir gerade so, als hätten Sie ein kleines Kind vor sich!« »Lieber Freund, ich bin gern bereit, dich dafür tausendmal um Verzeihung zu bitten, weißt du, für alles, was du mir da aufrechnest, für alle deine Kindheitsjahre und so fort, aber, cher enfant, was kommt denn dabei heraus? Du bist klug genug, um dich nicht selbst in so eine dumme Situation hineinzuwünschen. Ich will gar nicht mal davon reden, daß ich bis zu diesem Moment den Charakter deiner Vorwürfe nicht recht verstehe: sag' mir doch wirklich, was du mir eigentlich vorwirfst? Daß du nicht als ein Wersilow geboren bist? Oder nicht? Bah! du lachst verächtlich und wehrst mit beiden Händen ab. Also doch wohl nicht?« »O nein, das können Sie mir ruhig glauben. Sie können's mir ruhig glauben, ich würde es durchaus nicht für eine Ehre halten, Wersilow zu heißen.« »Lassen wir die Ehre beiseite; außerdem mußte deine Antwort ja unbedingt demokratisch sein; aber wenn du der Ansicht bist, was machst du mir denn da zum Vorwurf?« »Tatjana Pawlowna hat mir vorhin ja alles gesagt, was mir gesagt werden mußte und was ich nie begreifen konnte, bevor sie mir's gesagt hatte: Sie haben mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben, folglich muß ich Ihnen dankbar sein. Ich verstehe nicht, warum ich so undankbar bin, selbst jetzt noch, nachdem mir mein Standpunkt klargemacht ist. Ob nicht da am Ende Ihr stolzes Blut aus mir spricht, Andrej Petrowitsch!« »Ich glaube kaum. Und außerdem wirst du zugeben müssen, daß alle deine Ausfälle da unten, statt auf mich zu fallen, wie du beabsichtigst hattest, nur sie tyrannisiert und gepeinigt haben. Und doch kommt es mir so vor, als wäre es nicht an dir, sie zu richten. Ja, und was für eine Schuld gegen dich trägt sie denn auch? Erkläre mir doch gleich noch eins, lieber Freund: warum und zu welchem Zweck hast du es eigentlich überall verbreitet, daß du unehelich gezeugt bist? Du hast es in der Schule erzählt und auf dem Gymnasium, dein ganzes Leben lang, ja sogar jedem beliebigen Menschen, der dir über den Weg lief, wie ich höre. Und das hast du mit einer ganz besonderen Liebhaberei getan, sagt man. Und dabei ist das alles Unsinn und eine häßliche Verleumdung; du bist ein legitimes Kind, ein Dolgorukij, der Sohn von Makar Iwanowitsch Dolgorukij, einem durchaus achtungswerten und an Verstand und Charakter ungewöhnlichen Menschen. Wenn du eine höhere Bildung empfangen hast, verdankst du das in der Tat deinem ehemaligen Herrn und Besitzer, Wersilow, aber was folgt denn daraus? Und was die Hauptsache ist: dadurch, daß du überall von deiner unehelichen Geburt erzählst, was an sich schon eine Verleumdung ist, verbreitest du das Geheimnis deiner Mutter und machst, aus einer Art von falschem Stolz, den ersten besten Dreckkerl, den du grade triffst, zum Richter über sie. Lieber Freund, ich finde das sehr wenig edel, um so mehr, als deine Mutter persönlich nicht der geringste Vorwurf trifft; sie ist der reinste Charakter, den es gibt, und wenn sie nicht Wersilowa heißt, liegt es nur daran, daß sie bis zum heutigen Tage noch mit ihrem ersten Mann verheiratet ist.« »Schon gut, ich bin vollkommen einverstanden mit Ihnen, und ich traue Ihnen genug Klugheit zu, daß Sie mir keine gar zu langen Moralpredigten halten werden. Sie lieben das Maß so sehr; und da möchte ich Ihnen denn sagen, daß es ein Maß für alles gibt, selbst für Ihre plötzliche Liebe zu meiner Mutter. Wissen Sie, was gescheiter wäre: Sie haben sich nun einmal entschlossen, zu mir heraufzukommen und eine viertel oder halbe Stunde hier zu sitzen (weshalb, weiß ich eigentlich immer noch nicht, aber nehmen wir einmal an, es wäre, um meine Mutter zu beruhigen) – und außerdem unterhalten Sie sich, trotz allem, was unten geschehen ist, mit einem solchen Behagen mit mir, – nun, dann erzählen Sie mir lieber von meinem Vater – eben von diesem Makar Iwanow, dem Pilger. Eben aus Ihrem Munde möchte ich gern von ihm hören; ich wollte Sie schon lange danach fragen. Da wir uns nun trennen werden, und vielleicht für lange, so hätte ich auch noch auf eine andere Frage gern eine Antwort von Ihnen: haben Sie in diesen ganzen zwanzig Jahren denn nicht so weit auf die Vorurteile meiner Mutter und jetzt auch die meiner Schwester einwirken können, daß es Ihnen gelungen wäre, durch Ihren veredelnden Einfluß die ursprüngliche Finsternis des Standes zu zerstreuen, aus dem sie hervorgegangen ist? Oh, ich spreche nicht von ihrer Reinheit! Sie hat so schon moralisch immer unendlich viel höher gestanden als Sie, entschuldigen Sie bitte, aber ... sie ist eben nur eine unendlich viel höher stehende Leiche. Leben tut nur der Herr Wersilow, und alles andere rund um ihn herum vegetiert nur so unter der zwingenden Bedingung, daß es die Ehre hat, ihn mit seinen Kräften, mit seinen lebendigen Säften zu ernähren. Aber auch sie war doch einmal lebendig? In irgend etwas an ihr haben Sie sich doch verliebt? Auch sie ist doch einmal ein Weib gewesen?« »Lieber Freund, wenn du willst, war sie das nie«, antwortete er mir und fiel im selben Augenblick wieder in seinen früheren Ton mit mir, an den ich mich noch so gut erinnerte und der mich so in Wut bringen konnte; das heißt, er war scheinbar aufrichtigste Herzenseinfalt, aber wenn man näher zusah, sah man nur kältesten Spott, so daß es manchmal unmöglich war, aus seinem Gesicht klug zu werden. Er fuhr fort: »Vielleicht war sie das nie! Die russische Frau – ist überhaupt nie ein richtiges Weib.« »Aber die Polin, die Französin oder die Italienerin? Die feurige Italienerin, die ist imstande, einen gebildeten Russen aus den höheren Ständen, einen Wersilow zum Beispiel, zu fesseln?« »Nun, hätte ich ahnen können, hier einen Slawophilen zu treffen?« lachte Wersilow. Ich habe seine Erzählung Wort für Wort behalten; er begann sogar mit großem Behagen und sichtlicher Freude am Sprechen. Mir war es sehr wohl klar, daß er nicht nur so auf ein Plauderstündchen zu mir gekommen wäre, und erst recht nicht, um nur meine Mutter zu beruhigen, sondern daß er wahrscheinlich ganz andere Zwecke dabei im Auge hatte.   2 »Wir, deine Mutter und ich, haben diese ganzen zwanzig Jahre schweigend nebeneinander hergelebt,« begann er sein Geschwätz (im höchsten Grade gemacht und unnatürlich), »und alles, was zwischen uns geschehen ist, ist ebenso schweigend geschehen. Der Grundcharakter unseres ganzen zwanzigjährigen Zusammenlebens war die Schweigsamkeit. Ich glaube, wir haben uns sogar nicht ein einziges Mal gestritten. Es ist wohl wahr, ich bin oft fortgegangen und habe sie allein gelassen, aber das Ende war, daß ich immer wieder zu ihr zurückkehrte. Nous revenons toujours ... und das ist überhaupt eine fundamentale Eigenschaft von uns Männern; das ist eine Art Großmut von uns. Wenn die ehelichen Angelegenheiten von den Frauen allein abhingen – nicht eine einzige Ehe würde Bestand haben. Demut, Furcht vor eigener Verantwortung, Ergebenheit und zu gleicher Zeit Festigkeit, Kraft, wirkliche Kraft, da hast du den Charakter deiner Mutter. Ich kann dir sagen, sie ist die beste von allen Frauen, die mir auf Erden begegnet sind. Und daß sie Kraft besitzt, kann ich dir bezeugen: ich habe gesehen, wie diese Kraft sie genährt hat. Wo es sich um... ich will nicht sagen, Überzeugungen handelt – denn von eigentlichen Überzeugungen kann da ja keine Rede sein – wo es sich darum handelt, was Frauen für ihre Überzeugung halten und, sagen wir, was in ihren Augen geheiligt erscheint, da kannst du sie nicht beugen, und wenn du sie auf die Folter spannst. Nun, und das kannst du dir ja selbst sagen; seh' ich aus wie ein Folterknecht? Deswegen hab' ich es vorgezogen, fast zu allem zu schweigen, nicht etwa nur, weil das das bequemste war; und ich muß gestehen, ich bereue mein Verhalten nicht. Auf diese Weise regelte sich alles ganz von selber in einer breiten und humanen Art, so daß ich mir selbst gar nichts darauf einbilden kann. Übrigens möchte ich hier gleich in Parenthese bemerken, daß ich so eine Ahnung habe, sie könnte am Ende nie an meine Humanität geglaubt und deshalb immer vor mir gezittert haben; aber trotz dieses Zitterns hat sie sich doch nie irgendeiner Art von Kultur unterworfen. Sie verstehen das eben, und wir begreifen da irgend etwas nicht, und überhaupt verstehen sie es besser als wir, mit ihren Sachen fertig zu werden. Sie können in den Lagen, die ihnen am wenigsten naturgemäß sind, ganz auf ihre Art weiterleben, und in den fremdesten Verhältnissen ganz sie selbst bleiben. Wir verstehen das nicht so.« »Wer: sie? Ich verstehe Sie nicht ganz.« »Das Volk, lieber Freund, ich spreche vom Volke. Es hat diese große, lebendige Kraft und seine historische Dauerbarkeit auf moralischem wie auf politischem Gebiete erwiesen. Aber, um wieder zu unserem speziellen Fall zu kommen, möchte ich dir von deiner Mutter noch sagen, daß sie auch nicht immer schweigt; deine Mutter sagt zuweilen auch ihre Meinung, aber sie sagt sie so, daß du auf den ersten Blick siehst, du hast mit allem deinem Reden nur Zeit verloren, und magst du sie fünf Jahre lang ganz allmählich vorbereitet haben. Und dann hatte sie die überraschendsten Widerreden. Ich sage dir noch einmal, ich nenne sie durchaus nicht dumm, sie ist in ihrer Art klug, und sogar auffallend klug; übrigens, das mit der Klugheit wirst du mir vielleicht nicht glauben wollen ...« »Warum denn nicht? Ich glaube nur nicht, daß Sie selber an ihre Klugheit glauben, aufrichtig und ohne Verstellung.« »So? Du hältst mich also für so ein Chamäleon? Lieber Freund, ich erlaube dir ein bißchen sehr viel ... wie einem verwöhnten Sohne ... aber mag es für dies eine Mal denn so bleiben.« »Sagen Sie mir, wenn Sie können, die Wahrheit über meinen Vater.« »Über Makar Iwanowitsch? Makar Iwanowitsch ist, wie du schon weißt, ein ehemaliger Leibeigener, der sozusagen von einer gewissen Ruhmbegier beseelt ist ...« »Ich möchte wetten, daß Sie ihn in diesem Augenblick um irgend etwas beneiden!« »Ganz im Gegenteil, lieber Freund, wirklich ganz im Gegenteil; und wenn du willst, bin ich sehr froh, daß ich dich jetzt hier in einer so spitzfindig grüblerischen Geistesverfassung vor mir sehe; mein heiliges Ehrenwort, ich bin gerade jetzt in einer höchst reuigen Stimmung, und stehe gerade in diesem Augenblick, vielleicht zum tausendsten Mal in meinem Leben, in machtlosem Bedauern vor dem, was vor zwanzig Jahren geschehen ist. Übrigens ist das alles damals, Gott sei mein Zeuge, höchst unverhofft gekommen ... nun, und dann nachher ... habe ich die Sache so human angefaßt, wie ich konnte; wenigstens nach meinen damaligen Begriffen von Humanität. Oh, wir kochten damals alle vor Eifer, Gutes zu tun, dem Gemeinwohl zu dienen, einer höheren Idee; wir verachteten Ämter und Würden, die Vorrechte unserer Geburt, unseren Besitz und sogar die Kreditanstalten, wenigstens einige unter uns ... Mein Ehrenwort darauf. Es waren unser nicht viele, aber wir sprachen gut, und, du kannst es mir glauben, handelten manchmal sogar gut.« »Das war damals, als Sie an seinem Halse weinten?« »Lieber Freund, ich bin im voraus mit allem einverstanden, was du sagen willst; übrigens das mit dem Weinen hast du von mir selber gehört, und mißbrauchst also in diesem Moment meine Aufrichtigkeit und mein Zutrauen; aber du wirst wohl selbst zugeben, daß diese Sache mit dem Weinen nicht ganz so dumm war, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag, besonders wenn man die damalige Zeit in Anrechnung bringt; wir fingen damals ja eben erst an. Natürlich war das Pose von mir, aber ich wußte doch damals nicht, daß es Pose war. Kommt es zum Beispiel bei dir nie vor, daß du in praktischen Fällen posierst?« »Ich habe mich jetzt eben unten etwas gar zu sehr von meinem Gefühl hinreißen lassen, und es war mir, als ich wieder hier oben war, ein äußerst peinlicher Gedanke, daß Sie glauben könnten, es wäre Pose von mir gewesen. Es ist ja richtig, manchmal kann man noch so aufrichtig empfinden, man verstellt sich doch; aber das vorhin war alles natürlich, das kann ich beschwören.« »Das ist es ja eben; du hast es sehr glücklich mit einem Worte definiert: ›man kann noch so aufrichtig empfinden, man verstellt sich doch‹; nun, und ganz dieselbe Geschichte war es damals mit mir: wenn ich mich auch verstellte, ich heulte doch vollkommen aufrichtig. Ich bestreite gar nicht, daß Makar Iwanowitsch diese Tränen als einen noch blutigeren Hohn hätte auffassen können, wenn er scharfsichtiger gewesen wäre, aber seine Biederkeit stand seinem Scharfblick damals im Lichte. Ich weiß nur nicht, ob ich ihm damals leid tat oder nicht; ich weiß nur noch, daß ich ihm sehr gern leid getan hätte.« »Wissen Sie was,« unterbrach ich ihn, »auch jetzt noch, wo Sie mir dies erzählen, spotten Sie heimlich darüber. Und überhaupt haben Sie die ganze Zeit über, wenn Sie mit mir gesprochen haben, diesen ganzen Monat hindurch, immer heimlich gespottet. Warum haben Sie das immer getan, wenn Sie mit mir sprachen?« »Glaubst du?« erwiderte er sanft. »Du bist sehr mißtrauisch; übrigens, wenn ich spotte, so bist du nicht der Gegenstand meines Spottes, oder wenigstens nicht du allein, sei ganz ruhig. Aber ich spotte jetzt gar nicht, und damals – kurz und gut, ich hab' damals alles getan, was ich konnte, und durchaus nicht zu meinem Vorteil gehandelt, das kannst du mir glauben. Wir, die höher gebildeten Menschen, im Gegensatz zum Volke, verstanden es damals überhaupt nicht, zu unserem Vorteil zu handeln; ganz im Gegenteil, wir schadeten uns selber soviel wie möglich, und ich habe so eine Ahnung, daß wir das damals für eine Art von ›höherem Vorteil für uns‹ hielten, selbstverständlich im höheren Sinne. Die gebildeten jungen Leute aus der heutigen Generation sind viel mehr auf ihren Nutzen bedacht. Ich habe damals, noch bevor die Sünde begangen war, Makar Iwanowitsch alles mit der größten Offenheit erklärt. Heute bin ich ja auch der Ansicht, daß ich vieles davon durchaus nicht hätte zu sagen brauchen, namentlich nicht so offen und grade heraus: wir wollen gar nicht von der Humanität reden, es wäre sogar taktvoller gewesen; aber probier's mal und halte an dich, wenn du so recht im Tanzen bist und grade einen recht schönen Pas machen willst! Ach, vielleicht sind die Forderungen, die das Schöne und Gute an uns stellt, wirklich so beschaffen, ich hab' mein Leben lang zu keinem Schluß darüber kommen können. Übrigens, das ist ein zu tiefes Thema für unsere oberflächliche Unterhaltung, aber ich kann dir schwören, daß ich mich jetzt noch manchmal zum Sterben schäme, wenn ich daran zurückdenke. Ich bot ihm damals dreitausend Rubel an und weiß noch, daß er die ganze Zeit schwieg und ich ganz allein redete. Stell' dir vor, ich hatte den Eindruck, daß er sich vor mir fürchtete, das heißt, vor meinem Herrenrecht, und ich weiß noch, daß ich mir alle Mühe gab, ihm Mut zu machen; ich redete ihm zu, er sollte ohne Furcht vor irgend etwas alle seine Wünsche aussprechen und auch mit seiner Kritik durchaus nicht zurückhalten. Als Garantie gab ich ihm mein Wort, für den Fall, daß er nicht auf meine Bedingungen eingehen wollte, das heißt: dreitausend Rubel, Entlassung aus der Leibeigenschaft (für ihn und seine Frau selbstverständlich), und die Freiheit, zu ziehen, wohin er wollte (ohne Frau selbstverständlich) – falls er also darauf nicht einginge, würde ich ihm dennoch sofort den Freibrief geben, seine Frau zu ihm zurückschicken, ihnen beiden eine Entschädigung zahlen, auch wieder dreitausend Rubel, glaub' ich, und dann brauchten sie auch nicht fortzugehen, sondern ich würde auf drei Jahre nach Italien reisen, mutterseelenallein. Mon ami, ich hätte wahrhaftig kein Fräulein Saposhkowa nach Italien mitgenommen: ich war sehr rein in jenen Augenblicken. Und was geschah? Diesem Makar war es vollkommen klar, daß ich erfüllen würde, was ich ihm versprochen hatte; aber er sagte noch immer nichts, und erst als ich schon zum drittenmal anfing, in ihn zu dringen, wich er zurück, machte eine abwehrende Handbewegung und verließ dann das Zimmer, ich muß sogar sagen mit einer Formlosigkeit, die mich damals direkt in Verwunderung setzte. Ich sah mich gleich darauf im Vorbeigehen flüchtig im Spiegel und kann das nicht vergessen. Überhaupt, wenn solche Leute nichts sagen – das ist das schlimmste, und dies war ein finsterer Charakter, und ich gestehe ganz offen, als ich ihn in mein Kabinett rufen ließ, traute ich ihm nicht nur nicht, sondern hatte sogar furchtbare Angst: in diesem Milieu gibt es Charaktere und sehr viele, die sozusagen Personifikationen der Unanständigkeit darstellen, und vor so was fürchtet man sich natürlich mehr als vor Schlägen. Sic! Und was für Ungelegenheiten ich mich aussetzte, was alles passieren konnte! Wenn er das nun über den ganzen Hof geschrien, gebrüllt hätte, dieser ländliche Uria – ja, was hätte ich dann gemacht, so ein kleiner David wie ich war, und was hätte ich dann machen können? Deshalb hatte ich auch zuerst das von den dreitausend Rubeln gesagt, ganz instinktiv, aber ich hatte mich zum Glück getäuscht: dieser Makar Iwanowitsch war ganz etwas anderes ...« »Sagen Sie, war die Sünde schon geschehen? Sie sagten eben, Sie hätten ihn rufen lassen, bevor die Sünde begangen war?« »Das heißt, siehst du, das ist so zu verstehen ...« »Also, es war geschehen! Sie sagten eben, Sie hätten sich in ihm getäuscht gehabt, er wäre etwas ganz anderes gewesen; was anderes, was heißt das?«- »Ja, was er eigentlich war, weiß ich bis zum heutigen Tage noch nicht. Aber er war etwas anderes, und weißt du, er war sogar höchst anständig; ich schließe das daraus, daß mein Gewissen sich nachher dreimal so belastet fühlte als vorher. Am nächsten Tage willigte er ein; fortzugehen, ohne viel Worte, und selbstverständlich ohne eine einzige der von mir versprochenen Entschädigungen zu vergessen.« »Er nahm das Geld?« »Ob er's nahm! Und weißt du, lieber Freund, in dem Punkte hat er mich sogar äußerst verblüfft. Dreitausend Rubel hatte ich damals natürlich nicht in der Tasche, aber ich brachte siebenhundert zusammen und gab sie ihm fürs erste; und was tat er? Er verlangte von mir einen Schuldschein über den Rest von zweitausenddreihundert Rubeln, der Sicherheit halber, mit der Bürgschaft eines Kaufmanns. Und dann nach zwei Jahren trieb er diese Summe auf Grund des Schuldscheins mit Zinsen gerichtlich ein, was mich wiederum höchlichst wunderte, zumal er damals buchstäblich herumzog und Geld für Kirchenbauten sammelte, und diese ganzen zwanzig Jahre seit der Zeit ist er doch Pilger geblieben. Ich begreife nicht, wozu ein Pilger so viel eigenes Geld braucht. Geld, das ist doch so eine weltliche Sache ... Ich hatte ihm die Summe damals natürlich ganz aufrichtig angeboten, sozusagen in der ersten Hitze, aber nachher, als so viel Zeit vergangen war, hatte ich natürlich ruhiger darüber nachgedacht ... und ich hatte darauf gerechnet, er würde wenigstens Nachsicht mit mir haben ... oder, sozusagen, Nachsicht mit uns , mit mir und ihr, er würde doch wenigstens Geduld haben und warten können. Aber nicht einmal warten wollte er ...« (Ich muß hier ein notwendiges Notabene einschalten: wenn der Fall eingetreten wäre, daß meine Mutter Herrn Wersilow überlebt hätte, so wäre sie in ihrem Alter buchstäblich ohne einen Groschen zurückgeblieben, wenn nicht diese dreitausend Rubel von Makar Iwanowitsch gewesen wären, die sich durch die Zinsen längst verdoppelt hatten, und die er ihr vollkommen unberührt, bis zum letzten Rubel, im vorigen Jahre, testamentarisch vermacht hat. So früh schon hatte er meinen Wersilow erkannt und seine Zukunft vorausgeahnt.) »Sie sagten mir einmal, Makar Iwanowitsch wäre öfters zu Ihnen zu Besuch gekommen und dann immer in Mamas Wohnung abgestiegen?« »Jawohl, lieber Freund, und ich muß dir offen gestehen, anfangs hatte ich große Angst vor diesen Besuchen. In dieser ganzen Zeit, den zwanzig Jahren, ist er im ganzen sechs- oder siebenmal dagewesen, und die ersten Male ging ich ihm aus dem Wege, wenn ich gerade zu Hause war. Ich konnte anfangs überhaupt nicht verstehen, was das bedeuten sollte und weshalb er eigentlich kam. Aber nachher, als ich mir die Sache nach verschiedenen Seiten überlegt hatte, schien es mir durchaus nicht mehr so dumm von ihm zu sein. Und später einmal erfaßte mich eine gewisse Neugier, und ich kam heraus, um ihn mir mal anzusehen und bekam einen sehr originellen Eindruck von ihm, kannst du mir glauben. Das war erst bei seinem dritten oder vierten Besuch, in jener Epoche, als ich Friedensrichter geworden war und deshalb selbstverständlich aus allen Kräften bemüht war, Rußland und die Russen recht gründlich kennenzulernen. Ich habe von ihm tatsächlich außerordentlich viel Neues gehört. Außerdem fand ich in ihm einen Menschen, wie ich ihn nicht im entferntesten zu finden erwartet hatte: einen Menschen von großer Herzensgüte, von gleichmäßigem Charakter und, was mich am meisten in Erstaunen setzte, ein beinahe fröhliches Gemüt. Nicht die kleinste Anspielung auf die Geschichte (tu comprends?) und im höchsten Grade die Gabe, vernünftig und sachlich zu sprechen, und dabei sprach er ausgezeichnet, das heißt, ohne jenen üblichen bäuerischen Tiefsinn, den ich, das muß ich trotz aller meiner demokratischen Gesinnung bekennen, in den Tod nicht leiden kann, und ohne jene gewaltsamen Russizismen, deren in unseren Romanen und auf dem Theater sich die ›richtigen Russen‹ zu bedienen pflegen. Und dabei sprach er sehr wenig von der Religion, wenn man nicht selbst davon anfing, und wußte in ihrer Art wirklich sehr nette Geschichten aus den Klöstern und dem Klosterleben zu erzählen, wenn man etwas davon wissen wollte, Und was die Hauptsache war – seine Ehrerbietigkeit, diese bescheidene Ehrerbietigkeit, eben jene Ehrerbietigkeit, ohne die es eine Gleichheit im höheren Sinne gar nicht geben kann, ja mehr noch, ohne die nach meiner Meinung ein Mensch auch gar keine Überlegenheit über andere erlangen kann. Eben wo jede Spur von Eigendünkel fehlt, erscheint die höchste Vornehmheit, und man sieht einen Menschen vor sich, der sich selbst ohne jeden Zweifel achtet und eben in seiner Stellung, mag sie sein, welche sie will, und mag das Schicksal ihn gestellt haben, wohin es will. Diese Fähigkeit, sich selbst eben in seiner Stellung zu achten, ist außerordentlich selten auf Erden zu finden, wenigstens ebenso selten, wie die aufrichtige Selbstachtung... Das wirst du selber auch noch sehen, wenn du länger lebst. Aber mehr als alles ist mir aufgefallen, und zwar auch erst später, anfangs nicht,« fügte Wersilow hinzu, »wie auffallend wohlgestaltet dieser Makar war und wie auffallend hübsch, kann ich dir versichern. Er war ja alt, aber ›... dunkelhäutig, groß und stolz...‹, schlicht und würdig; ich wunderte mich sogar, daß meine arme Sophia mich damals ihm hatte vorziehen können; damals war er fünfzig, aber immer noch ein fester, schneidiger Bursche, und ich war, an ihm gemessen, doch nur ein leichter Grünspecht. Übrigens erinnere ich mich, daß er schon auffallend grau war, wahrscheinlich war er schon, als sie ihn heiratete, so grau gewesen ... Vielleicht, daß das dabei mitgesprochen hat.« Wersilow hatte eine äußerst unangenehme Manier aus der Gesprächsweise der höheren Gesellschaftsklassen an sich: er sagte manchmal (wenn es nicht anders ging) sehr kluge und schöne Sachen und schloß dann plötzlich absichtlich mit irgendeiner Albernheit, wie zum Beispiel dieser Geschichte von Makar Iwanowitschs grauen Haaren und ihrem möglichen Einfluß auf meine Mutter. Er tat das absichtlich, und wahrscheinlich, ohne selbst zu wissen warum, aus einer ganz dummen gesellschaftlichen Manier heraus. Wenn man ihm so zuhörte, konnte man meinen, er spräche ganz ernsthaft, aber dabei schnitt er heimlich für sich Grimassen oder grinste.   3 Ich begreife nicht, warum mich da auf einmal so ein furchtbarer Zorn packte. Überhaupt denke ich mit großem Mißbehagen an einige von meinen Ausbrüchen in jenen Minuten zurück; ich sprang auf einmal von meinem Stuhl auf: »Wissen Sie was,« sagte ich, »Sie sagten ja, Sie wären hauptsächlich gekommen, um meine Mutter glauben zu machen, wir hätten uns versöhnt. Die Zeit ist jetzt lang genug, daß sie das glauben kann; wollen Sie nicht so gut sein und mich allein lassen.« Er wurde etwas rot und erhob sich. »Lieber Freund, du bist äußerst unhöflich gegen mich. Übrigens auf Wiedersehen; mit Gewalt kann ich dich nicht liebenswürdig machen. Ich erlaube mir nur noch eine Frage: willst du wirklich nicht mehr zum Fürsten gehen?« »Aha! Ich hab's doch gewußt, daß Sie Ihren ganz besonderen Zweck hatten ...« »Das heißt also, du hast mich in Verdacht, ich wäre gekommen, um dich zu überreden, beim Fürsten zu bleiben, weil ich darin Vorteile für mich sehe. Aber lieber Freund, warum denkst du nicht gleich, ich hätte dich aus Moskau kommen lassen, weil ich dabei irgendeinen Vorteil für mich im Auge gehabt hätte? Ach, wie mißtrauisch du bist! Ich wünsche dir im Gegenteil Glück und Gelingen in allem. Ich würde es jetzt, wo sich meine Verhältnisse so sehr gebessert haben, sogar sehr gern sehen, wenn du es deiner Mutter und mir, manchmal wenigstens, erlauben würdest, dir zu helfen.« »Ich liebe Sie nicht, Wersilow.« »Jetzt auch noch ›Wersilow‹? Übrigens, ich bedaure es sehr, daß ich nicht in der Lage war, dir diesen Namen zu vererben, weil in Wirklichkeit eben hierin meine ganze Schuld besteht, wenn überhaupt von einer Schuld die Rede sein kann, nicht wahr? Aber ich wiederhole es, ich konnte doch keine verheiratete Frau heiraten, das mußt du selbst zugeben.« »Das war wahrscheinlich auch der Grund, weshalb Sie eine Unverheiratete heiraten wollten?« Ein leichtes Zittern lief über sein Gesicht. »Du sprichst von Ems. Hör' mal, Arkadij, du hast dir schon unten, in Gegenwart deiner Mutter, denselben Ausfall erlaubt und dabei mit dem Finger auf mich gewiesen. Ich kann dir nur sagen, daß du damit am weitesten vorbeigeschossen hast. Von der Geschichte mit der verstorbenen Lydia Achmakowa weißt du nicht das geringste. Du weißt auch nicht, wieweit deine Mutter selbst an dieser Geschichte beteiligt war, jawohl, trotzdem sie damals nicht bei mir war; und wenn ich jemals eine durch und durch gute Frau gesehen habe, so war es damals, wenn ich deine Mutter ansah. Aber genug davon; das alles ist fürs erste noch ein Geheimnis, und du – du redest von Dingen, die du nicht verstehst, und ein Fremder spricht aus dir.« »Aber gerade der Fürst hat mir heute gesagt, Sie wären ein Liebhaber von noch nicht flügge gewordenen Mädchen.« »Das hat der Fürst gesagt?« »Ja. Noch eins: wenn Sie wollen, sag' ich Ihnen ganz genau, weswegen Sie jetzt zu mir gekommen sind? Ich hab' die ganze Zeit gesessen und mich gefragt, wo wohl das Geheimnis dieser Visite liegt, jetzt endlich hab' ich es, glaub' ich, erraten.« Er war schon im Begriff zu gehen, hielt aber inne und wendete mir erwartungsvoll sein Gesicht zu. »Vorhin habe ich flüchtig etwas davon fallen lassen, daß Touchards Brief an Tatjana Pawlowna, der unter Andronikows Papiere gekommen war, sich nach dessen Tode in Moskau in Maria Iwanownas Händen befunden hätte. Ich bemerkte, daß dabei plötzlich etwas in Ihrem Gesicht aufblitzte und bin erst jetzt eben darauf gekommen, als noch einmal dasselbe Aufblitzen über Ihr Gesicht ging. Sie sind vorhin dort unten auf die Idee gekommen, wenn sich schon ein Brief aus Andronikows Besitz bei Maria Iwanowna vorgefunden hätte, warum sich dann nicht auch noch ein anderer bei ihr befinden könnte. Und in Andronikows Nachlaß haben sich doch recht wichtige Briefe befinden können, was? Nicht wahr?« »Und ich bin zu dir gekommen, um dich dazu zu bringen, daß du dich über irgend etwas verplapperst?« »Das wissen Sie selbst am besten.« Er wurde sehr bleich. »Das hast du dir nicht selbst ausgedacht; da seh' ich den Einfluß einer Frau; und wieviel Haß schon in deinen Worten liegt – in deiner plumpen Unterstellung.« »Eine Frau? Und ich habe diese Frau gerade heute gesehen! Deshalb wollen Sie wahrscheinlich auch gerade, daß ich beim Fürsten bleibe, um ihr nachzuspionieren?« »Ich sehe jedenfalls das eine, daß du auf deinem neuen Wege recht weit kommst. Ist das am Ende gar ›deine Idee‹? Fahr nur so fort, lieber Freund, du hast unbestreitbare Anlagen zum Untersuchungsrichter. Wenn man ein Talent hat, muß man es auch pflegen.« Er hielt inne, um Atem zu schöpfen. »Nehmen Sie sich in acht, Wersilow, machen Sie mich nicht zu Ihrem Feind!« »Lieber Freund, seine letzten Gedanken spricht in solchen Fällen kein Mensch aus, sondern behält sie lieber für sich. Und nun leuchte mir, bitte. Wenn du auch mein Feind bist, so geht es, hoff' ich, doch nicht so weit, daß du mir wünschst, ich soll mir das Genick brechen. Tiens, mon ami,« fuhr er fort, während er die Treppe hinunterstieg, »stell' dir vor, ich hatte dich diesen ganzen Monat über für einen guten Kerl gehalten. Du möchtest so gern leben und hast so einen Durst zu leben, ich glaube, wenn man dir drei Menschenleben gäbe, du hättest auch daran noch nicht genug: das steht auf deinem Gesicht geschrieben; nun, und solche Leute sind meistens gute Kerle. Und so sehr habe ich mich getäuscht!«   4 Ich kann nicht beschreiben, wie sich mir mein Herz zusammenkrampfte, als ich wieder allein war: mir war, als hätte ich mir bei lebendigem Leibe ein Stück von meinem eigenen Fleische ausgeschnitten! Weswegen war ich nur auf einmal so wütend geworden, und weshalb hatte ich ihn so beleidigt – so gewaltsam und so absichtlich – ich könnte das jetzt nicht sagen, und damals natürlich auch nicht. Und wie bleich er geworden war! Und dann: dieses Erbleichen war vielleicht der Ausdruck des aufrichtigsten und reinsten Gefühls und des tiefsten Kummers und nicht des Zorns und des Gekränktseins. Mir ist es immer so vorgekommen, als ob es Minuten gäbe, in denen er mich sehr liebte. Warum, ach warum kann ich heute nicht daran glauben, zumal mir heute schon so vieles klar geworden ist? Und auf einmal wütend geworden war ich, und geradezu die Tür gewiesen hatte ich ihm vielleicht deshalb, weil mir plötzlich eingefallen war, er könnte zu mir gekommen sein, um herauszubringen, ob Maria Iwanowna nicht noch andere Briefe aus Andronikows Nachlaß in Verwahrung hätte. Daß er diese Briefe suchen mußte und sie suchte – das wußte ich. Aber wer konnte wissen, ob ich mich damals, eben in jener Minute, am Ende nicht sehr getäuscht hatte. Und wer konnte wissen, ob ich ihn nicht vielleicht, eben durch diesen Irrtum, erst auf den Gedanken an Maria Iwanowna gebracht hatte und auf die Möglichkeit, daß sie Briefe in Verwahrung haben könnte. Und schließlich noch ein sonderbarer Umstand: wieder hatte er Wort für Wort meinen Gedanken (von den drei Menschenleben) wiederholt, den ich kurz vorher Kraft gegenüber ausgesprochen hatte, und was die Hauptsache war, mit meinen eigenen Worten. Das Zusammentreffen der Worte war ja wieder ein Zufall, aber trotz alledem, wie konnte er das Wesen meiner Natur so gut kennen: welch ein Blick, was für ein Ahnungsvermögen! Aber wenn er eines so gut verstand, warum verstand er das andere so gar nicht? Und sollte er denn nicht nur posiert haben, sondern wirklich nicht imstande sein, zu erraten, daß es sich für mich nicht um den Wersilowschen Adel handelte, daß es nicht meine Geburt war, was ich ihm nicht verzeihen konnte, sondern daß es sich für mich mein Leben lang um ihn selbst, Wersilow, gehandelt hatte, den ganzen Menschen, um den Vater, und daß mir dieser Gedanke schon ganz in Fleisch und Blut übergegangen war? Konnte ein so feiner Mensch denn wirklich so stumpf und schwer von Verständnis sein? Und war das nicht der Fall, wozu reizte er mich dann so, warum verstellte er sich so?... Achtes Kapitel   1 Am nächsten Morgen wollte ich so früh wie möglich aufstehen. Gewöhnlich standen wir so gegen acht auf, das heißt ich, meine Mutter und meine Schwester; Wersilow ließ sich es bis halb zehn im Bette wohl sein. Genau um halb neun pflegte meine Mutter mir den Kaffee zu bringen. Aber diesmal wartete ich den Kaffee nicht ab und drückte mich Schlag acht Uhr aus dem Hause. Ich hatte mir schon am Abend einen allgemeinen Operationsplan für diesen ganzen Tag zurechtgelegt. Trotzdem ich leidenschaftlich entschlossen war, diesen Plan ohne Zaudern zur Tat werden zu lassen, empfand ich schon im voraus, daß er in den allerwichtigsten Punkten viel Unsicheres und Unbestimmtes enthielt, und deshalb war ich die ganze Nacht beinah im Halbschlaf, lag förmlich in Fieberphantasien, hatte sehr viele Träume und schlief fast kein einziges Mal richtig ein. Trotzdem stand ich am Morgen frischer und munterer auf als je. Meine Mutter zu treffen wollte ich in allererster Linie vermeiden. Ich konnte mit ihr über nichts anderes reden als über das bekannte Thema und hatte Furcht, mich am Ende durch irgendeinen neuen und unerwarteten Eindruck von dem Ziel ablenken zu lassen, das ich mir gesetzt hatte. Der Morgen war kalt, und ein feuchter, milchiger Nebel, lag über allem. Ich weiß nicht warum, aber der frühe, geschäftige Petersburger Morgen gefällt mir immer, so häßlich er aussieht, und diese ganze an ihre Geschäfte eilende egoistische und immer nachdenkliche Menschheit hat für mich, um acht Uhr früh, etwas besonders Anziehendes. Besonders liebe ich es unterwegs, eilend, entweder selbst eine sachliche Frage an irgend jemand zu richten oder selbst von einem andern nach irgend etwas gefragt zu werden: Frage und Antwort sind immer so kurz, klar, logisch und werden gewechselt, ohne daß man stehenbleibt und fast immer in freundschaftlicher Form, und man ist so gern bereit, zu antworten, wie zu keiner anderen Tageszeit. Der Petersburger wird mitten am Tage und gegen Abend weniger mitteilsam, und mehr noch, er wird geneigter, einen anzuschnauzen und auszulachen; ganz anders ist es früh am Morgen, noch vor der Arbeit, zu der nüchternsten und ernsthaftesten Tageszeit. Ich habe das beobachtet. Ich ging wieder nach der Petersburger Seite hinüber. Da ich um zwölf Uhr unbedingt wieder auf der Fontanka bei Wasin sein mußte (den man am sichersten um zwölf Uhr traf), so eilte ich sehr und hielt mich nicht einen Moment auf, obgleich ich die größte Lust hatte, irgendwo Kaffee zu trinken. Außerdem mußte ich auch Jefim Sweriow unbedingt treffen; ich ging wieder zu ihm und wäre wirklich um ein Haar zu spät gekommen: er war schon mit seinem Kaffee fertig und im Begriff auszugehen. »Welcher Wind treibt dich so oft zu mir?« empfing er mich, ohne aufzustehen. »Das werde ich dir gleich erklären.« Jeder frühe Morgen, darunter auch der in Petersburg, übt auf die menschliche Natur eine ernüchternde Wirkung. Mancher flammende nächtliche Traumgedanke verdampft im Licht und in der Kälte des Morgens sogar vollkommen, und ich selbst habe es manchmal erlebt, daß ich am Morgen meiner nächtlichen Phantasien, die ich noch eben gehegt, und manchmal auch meiner nächtlichen Taten, mit Selbstvorwürfen und Scham gedachte. Aber beiläufig möchte ich hierbei erwähnen, daß ich den Petersburger Morgen, mag er auch als der prosaischste auf der ganzen Erdkugel erscheinen, – beinahe für den phantastischsten der Welt halte. Das ist meine persönliche Anschauung, oder sagen wir besser, mein persönlicher Eindruck, aber ich stehe dafür ein. An einem solchen Petersburger Morgen, mit seiner Fäulnis, seiner Feuchtigkeit, seinem Nebel, muß sich der wilde Traumgedanke eines Puschkinschen Hermann aus der »Pique-Dame«, glaub' ich, noch festigen und bestärken. (Dieser Hermann ist übrigens eine kolossale Persönlichkeit, ein ungewöhnlicher, echt Petersburger Typus, – ein Typus aus der Petersburger Periode!) Mir ist in diesem Nebel hundertmal die sonderbare aber unabweisliche Phantasie aufgestiegen: »Was aber, wenn dieser Nebel sich teilt und aufwärts steigt? Wird nicht mit ihm auch diese verfaulte, schleimige Stadt aufwärts steigen, wird sie sich nicht erheben mit dem Nebel und schwinden wie Rauch? Und wird nicht nur der ehemalige finnische Sumpf übrigbleiben, und mitten darin vielleicht zur Zier der Eherne Reiter auf dem heiß schnaufenden abgejagten Rosse?« Kurz und gut, ich kann meine Eindrücke nicht in Worte fassen, weil das alles Phantasie ist, – eine Art von Poesie, und also wohl Unsinn; nichtsdestoweniger stieß und stößt mir oft noch eine schon gänzlich sinnlose Frage auf: »Da hasten und jagen sie nun alle, aber wer weiß, vielleicht ist das alles nur ein Traum von irgend jemand, und hier ist nicht ein einziger wirklicher, richtiger Mensch, nicht eine einzige wirkliche Tat? Es wird auf einmal einer aufwachen, der dies alles träumt – und alles wird plötzlich verschwinden.« Aber ich bin abgeschweift. Eins will ich gleich sagen: es gibt Ideen und Träume in jedem Leben, die scheinbar so exzentrisch sind, daß man sie auf den ersten Blick für hellen Wahnsinn halten muß. Mit einer solchen Phantasie kam ich an diesem Morgen zu Sweriow – zu Sweriow, weil ich sonst niemand in Petersburg hatte, an dem ich mich in diesem Fall hätte wenden können. Und dabei war Jefim gerade der Mensch, an den ich mit solch einem Vorschlag zu allerletzt herangetreten wäre, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Als ich ihm gegenüber Platz genommen hatte, kam es mir selber so vor, als ob ich, der personifizierte Fiebertraum, der personifizierten goldenen Mittelmäßigkeit und Prosa gegenübersäße. Aber auf meiner Seite war die Idee und das richtige Gefühl, auf seiner Seite bloß das praktische Argument: so was tut man doch nicht. Kurz und gut, ich erklärte ihm klipp und klar, ich hätte außer ihm in Petersburg niemand, den ich in einer ungewöhnlichen Ehrenangelegenheit als Sekundanten schicken könnte; er wäre mein alter Freund und hätte daher kein Recht, sich zu weigern, und fordern wollte ich den Gardeleutnant Fürst Sokolskij, weil er vor reichlich einem Jahre meinen Vater, Wersilow, in Ems geohrfeigt habe. Ich bemerke hierbei, daß Jefim ganz genau über alle meine Familienverhältnisse Bescheid wußte und über meine Beziehungen zu Wersilow und fast über alles, was ich selbst von Wersilow wußte; ich hatte es ihm bei verschiedenen Gelegenheiten mitgeteilt, natürlich mit Ausnahme einiger Geheimnisse. Er saß da und hörte zu, struppig wie gewöhnlich, wie ein Rabe im Käfig, schweigsam und ernsthaft, aufgeplustert, mit seinen gesträubten weißblonden Haaren. Ein unbewegliches, spöttisches Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Dieses Lächeln war um so ekliger, als es durchaus unbeabsichtigt, unwillkürlich war; man sah, daß er sich in diesem Augenblick mir an Verstand und Charakter bedeutend überlegen fühlte. Ich hatte ihn auch in Verdacht, daß er mich außerdem noch wegen der gestrigen Szene bei Dergatschow verachtete; das mußte auch so sein: Jefim ist der Haufe, Jefim ist die Gasse, und das beugt sich immer nur vor dem Erfolge. »Und Wersilow weiß gar nichts davon?« fragte er. »Selbstverständlich nicht.« »Was für ein Recht hast du denn eigentlich, dich in seine Angelegenheiten zu mischen. Das erstens. Und zweitens: was willst du damit beweisen?« Ich hatte diesen Einwand vorausgesehen und erklärte ihm gleich, es wäre durchaus nicht so dumm, wie er meine. Erstens würde diesem frechen Kerl von einem Fürsten damit bewiesen, daß es auch in unserem Stande Leute gebe, die einen Begriff von Ehre hätten, und zweitens würde Wersilow beschämt und erhielte eine Lektion. Und drittens und hauptsächlich: gesetzt selbst den Fall, daß Wersilow recht gehabt haben sollte, als er auf Grund irgendwelcher Überzeugungen den Fürsten nicht gefordert und sich entschlossen hätte, die Ohrfeige einzustecken, so würde er wenigstens sehen, daß es ein Wesen gäbe, das in so hohem Grade fähig wäre, die ihm zugefügte Beleidigung zu empfinden, als wäre sie ihm selbst zugefügt, und daß dieses Wesen bereit wäre, selbst sein Leben für seine Interessen zu opfern ... trotzdem es sich jetzt für ewig von ihm trennen wollte ... »Halt, schrei nicht so, meine Tante kann das nicht leiden. Sag' mir doch, mit diesem selben Fürsten Sokolskij hat Wersilow ja einen Erbschaftsprozeß, nicht wahr? Das wäre eine ganz neue und originelle Art, Prozesse zu gewinnen: man knallt den Gegner einfach im Duell nieder.« Ich erkläre ihm en toutes lettres, er sei einfach dumm und ein frecher Kerl, und es bewiese nur seine Selbstgefälligkeit und Gewöhnlichkeit, wenn sein spöttisches Lächeln immer mehr und mehr wüchse, und er könne doch wohl nicht annehmen, die Erwägung wegen des Prozesses wäre nicht auch in meinem Kopfe aufgegangen, und zwar schon von Anfang an, sondern hätte nur seinen gedankenreichen Kopf eines Besuches für würdig erachtet. Und dann teilte ich ihm mit, daß der Prozeß schon gewonnen, außerdem würde er nicht mit dem Fürsten Sokolskij geführt, sondern mit den Fürsten Sokolskij. Wenn also der eine Fürst fallen sollte, würden immer noch die anderen übrigbleiben, aber trotzdem würde es zweifellos gut sein, die Forderung um die Frist für die Einlegung der Revision zu verschieben (obgleich die Fürsten wohl gar nicht Revision einlegen würden), aber um den äußeren Anstand zu wahren. Nach Ablauf dieser Frist würde dann das Duell stattfinden; ich wäre jetzt auch mit dem Gedanken hergekommen, daß das Duell nicht gleich stattfinden könne, aber ich hätte mich doch eines Sekundanten versichern müssen, weil ich keinen hätte und mit niemand bekannt wäre, damit ich dann später wenigstens einen hätte, und mir Zeit genug bliebe, mir einen zu suchen, falls er, Jefim, es nicht tun wollte. Das wäre der Grund, weswegen ich gekommen. »Na, dann komm doch dann und frag' mich, aber so läuft er zehn Werst wegen nichts und wieder nichts.« Er stand auf und nahm seine Mütze. »Und dann willst du's tun?« »Nein, ich tu's nicht, selbstverständlich nicht.« »Warum?« »Ich tu's schon allein deshalb nicht, weil du mir diese ganze Zwischenzeit tagtäglich auf die Bude laufen wirst, wenn ich jetzt ja sage. Und vor allen Dingen ist das alles Blech, weiter nichts. Und glaubst du, ich will mir deinetwegen meine Karriere verderben? Und wenn der Fürst mich auf einmal fragt: ›Wer schickt Sie her?‹ – ›Herr Dolgorukij‹ – ›Und was geht diesen Herrn Dolgorukij Wersilow an?‹ – Dann muß ich ihm deinen Stammbaum erklären, was? Er wird mir ja ins Gesicht lachen!« »Dann schlag ihm in die Fresse!« »Geschwätz!« »Hast du Angst? Du bist so groß; du warst auf dem Gymnasium der stärkste.« »Ich hab' Angst, natürlich, ich hab' Angst. Und der Fürst wird sich schon deshalb nicht mit dir schlagen, weil man sich nur mit seinesgleichen schlägt.« »Ich bin ebenso wie er ein Gentleman nach meinem Bildungsgrad, ich gehöre zu den privilegierten Klassen, ich bin seinesgleichen ... im Gegenteil, er ist nicht meinesgleichen.« »Nein, du bist noch klein.« »Wieso klein?« »Na, klein; wir beide sind noch klein, und er ist groß.« »Du Schafskopf! Ich darf nach dem Gesetz schon seit einem Jahr heiraten.« »Na, dann heirate, aber du bist doch noch nicht trocken hinter den Ohren: du bist ja noch im Wachsen!« Ich begriff natürlich, daß er sich über mich lustig machen wollte. Zweifellos könnte ich diese dumme Anekdote auch unerzählt lassen, und es wäre sogar besser, wenn sie im Dunkel der Unbekanntheit stürbe, auch ist sie widerlich in ihrer Kleinlichkeit und Überflüssigkeit, wenn sie auch ziemlich ernsthafte Folgen hatte. Aber um mich noch mehr zu bestrafen, will ich sie ganz erzählen. Als ich durchschaut hatte, daß Jefim sich über mich lustig machte, erlaubte ich mir, ihn mit der rechten Hand, oder richtiger gesagt, mit der rechten Faust gegen die Schulter zu stoßen. Da packte er mich an meinen Schultern, drehte mich mit dem Gesicht nach unten und – bewies mir durch die Tat, daß er wirklich der stärkste bei uns auf dem Gymnasium gewesen war.   2 Der Leser wird sich natürlich denken, daß ich in der schrecklichsten Stimmung gewesen wäre, als ich Jefim verließ, aber er irrt sich. Ich begriff zu gut, daß hier eine Schuljungen-, eine Gymnasiastenaffäre passiert war, daß aber der Ernst der Sache unangetastet weiterbestand. Meinen Morgenkaffee trank ich schon auf Wasilij-Ostrow, ich vermied absichtlich das gestrige Wirtshaus auf der Petersburger Seite; dieses Wirtshaus und die Nachtigall darin waren mir doppelt verhaßt geworden. Eine sonderbare Eigenheit: ich bin fähig, Orte und Sachen zu hassen, als ob es Menschen wären. Dafür habe ich in Petersburg auch einige glückliche Orte, das heißt Orte, an denen ich einmal aus irgendeinem Grunde glücklich war, – und was tu' ich? Ich hüte diese Orte und vermeide sie absichtlich möglichst lange, um sie später, wenn ich einmal ganz einsam und unglücklich sein werde, aufsuchen und dort trauern und zurückdenken zu können. Als ich meinen Kaffee getrunken, ließ ich Jefim und seinem gesunden Menschenverstand vollauf Gerechtigkeit widerfahren. Jawohl, er war praktischer als ich, aber schwerlich realer veranlagt. Ein Realismus, dessen Horizont nur bis zur eigenen Nasenspitze geht, ist gefährlicher als die unklugste Phantasterei, weil er blind ist. Aber wenn ich auch Jefim Gerechtigkeit widerfahren ließ (und er dachte sich in derselben Minute wahrscheinlich, ich ginge die Straßen entlang und schimpfte) – ich wich deswegen doch nicht einen Finger breit von meiner Überzeugung, und das tu' ich auch heute noch nicht. Ich habe Leute gesehen, die beim ersten kalten Wasserstrahl nicht nur von ihren Taten zurücktraten, sondern sogar von ihrer Idee, und dann fangen sie selber an zu verlachen, was sie vor kaum einer Stunde für heilig gehalten; oh, wie leicht geht ihnen das von der Hand! Mochte Jefim, selbst dem Wesen der Sache nach, mehr Recht haben als ich, und mochte ich dümmer sein als alles, was dumm ist, und mochte ich vielleicht nur posiert haben, trotz alledem gab es aber in der tiefsten Tiefe der Sache einen Punkt, auf den ich mich nur zu stellen brauchte, um gleichfalls im Rechte zu sein: etwas Richtiges lag auch in meinem Standpunkte, und was die Hauptsache war, etwas, was sie nie verstehen konnten. In Wasins Wohnung auf der Fontanka, bei der Semionowbrücke, langte ich fast Punkt zwölf Uhr an, traf ihn aber nicht zu Hause. Das Bureau, in dem er arbeitete, lag auf Wasilij-Ostrow, aber er pflegte zu ganz bestimmten Stunden nach Hause zu kommen, unter anderem auch fast regelmäßig um zwölf Uhr. Weil außerdem gerade Feiertag war, hatte ich angenommen, ich würde ihn ganz bestimmt treffen; da ich ihn nicht traf, beschloß ich zu warten, trotzdem ich ihn zum erstenmal besuchte. Mein Gedankengang war der: die Sache mit dem Briefe wegen der Erbschaft ist eine Gewissenssache, und wenn ich Wasin zum Richter drüber mache, beweise ich damit ohne weiteres, wie hoch ich ihn schätze; und das muß ihm natürlich schmeicheln. Selbstverständlich lag mir dieser Brief in Wirklichkeit schwer auf der Seele, und ich war in der Tat überzeugt, daß ich die Entscheidung eines unbeteiligten Dritten nötig hätte; aber ich habe trotzdem so eine Art Verdacht, daß ich auch damals schon ohne eine Hilfe von außen mich aus dieser Schwierigkeit hätte herausfinden können. Und was die Hauptsache ist, ich wußte das selbst; nämlich, ich hatte weiter nichts zu tun, als den Brief Wersilow selbst einfach in die Hand zu geben; und er mochte dann tun was er wollte, – das war die Lösung. Sich selbst zum höchsten Richter und zum entscheidenden Faktor in einer Sache von der Art zu machen, war sogar im höchsten Grade inkorrekt. Wenn ich mir die Sache dadurch vom Halse schaffte, daß ich den Brief, und zwar schweigend, einfach in Wersilows Hand legte, so hätte ich schon dadurch ganz allein gewonnenes Spiel, weil ich mich damit auf einen Standpunkt stellte, der mich Wersilow überlegen machte; denn ich würde, soweit es mich anginge, auf alle Vorteile aus dieser Erbschaft verzichten (denn mir, als dem Sohne Wersilows, mußte natürlich irgend etwas von diesem Geld zufallen, wenn auch nicht gleich, so doch später einmal), und ich würde mir auf diese Weise für immer einen moralisch überlegenen Blick auf Wersilows künftige Handlungsweise sichern. Es würde mir auch niemand Vorwürfe darüber machen können, daß ich die Fürsten ruiniert hätte, weil ja das Dokument keine entscheidende Bedeutung hätte. Das alles überlegte ich und machte es mir ganz klar, während ich so in Wasins leerem Zimmer saß, und auf einmal kam mir sogar die Idee in den Kopf, ich wäre bei allem meinem Drange, Wasin um Rat zu fragen, wie ich handeln sollte, am Ende nur zu dem Zweck zu ihm gekommen, um ihn sehen zu lassen, was für ein kolossal edler und uneigennütziger Mensch ich wäre, und also wohl, um mich eben dadurch an ihm für meine gestrige Selbsterniedrigung ihm gegenüber zu rächen. Als mir das alles zu Bewußtsein kam, ärgerte ich mich sehr; nichtsdestoweniger ging ich nicht fort, sondern blieb, obgleich ich genau wußte, daß mein Ärger mit jeden fünf Minuten nur wachsen würde. Zunächst mißfiel mir Wasins Zimmer plötzlich ganz furchtbar. »Zeig' mir dein Zimmer, und ich will dir sagen, was für einen Charakter du hast«, es ist ja richtig, das könnte man sagen. Wasin bewohnte ein möbliertes Zimmer bei augenscheinlich armen Leuten, die daraus ein Geschäft machten und außer ihm wohl noch andere Abmieter hatten. Ich kenne diese engen, notdürftig möblierten Zimmerchen, die doch den Anspruch machen, komfortabel auszusehen; da fehlt nie der gepolsterte Diwan vom Trödelmarkt, den man lieber nicht von der Stelle rückt, weil er sonst umfallen könnte; das Waschtischchen und das eiserne Bett hinter einem Schirm. Wasin war sichtlich der beste und zuverlässigste Zimmerherr; so einen allerbesten Zimmerherrn hat jede Wirtin, und er genießt immer eine Vorzugsbehandlung; bei ihm wird sorgfältiger aufgeräumt und rein gemacht, über seinem Diwan hängt irgendeine billige Lithographie, unter seinem Tisch breitet sich ein schwindsüchtiger kleiner Teppich. Menschen, die diese schäbige Reinlichkeit und, was die Hauptsache ist, die gefällige Hochachtung solcher Wirtinnen gern haben, – sind an sich verdächtig. Ich war überzeugt, daß der Ruf, der beste Zimmerherr zu sein, Wasin selbst schmeichelte. Ich weiß nicht, warum, aber der Anblick dieser beiden mit Büchern vollgestapelten Tische begann mich langsam wütend zu machen. Die Bücher, die Papiere, das Tintenfaß – alles befand sich in der widerwärtigsten Ordnung, deren Ideal mit der Weltanschauung der wackeren Wirtin und ihrer Dienstmagd zusammenfallen mußte. Bücher waren genug da, und nicht etwa Zeitungen und Zeitschriften, sondern wirkliche Bücher, – und er las sie sichtlich und setzte sich wahrscheinlich zum Lesen und Schreiben mit einer äußerst wichtigen und sorgfältigen Miene hin. Ich weiß nicht, ich habe es lieber, wenn die Bücher unordentlich herumliegen; da wird wenigstens aus der Beschäftigung mit ihnen keine heilige Handlung gemacht. Wahrscheinlich war dieser Wasin sehr höflich gegen jeden Besuch, aber sicherlich sagte jede Geste von ihm zu dem Besuch: »Also jetzt will ich dir ein Stündchen opfern, aber nachher, wenn du fort bist, gehe ich wieder an meine Arbeit.« Wahrscheinlich konnte man sich mit ihm sehr interessant unterhalten und manches Neue von ihm hören, aber – »ich unterhalte mich jetzt mit dir, und ich will dich schon interessieren, aber wenn du fort bist, dann kommt für mich erst wirklich das Interessante an die Reihe...« Und trotzdem ging und ging ich nicht, sondern saß und saß. Zu der Überzeugung, daß ich seinen Rat überhaupt nicht nötig hätte, war ich schon endgültig gekommen. Ich saß vielleicht schon eine Stunde und länger und saß am Fenster auf einem von den zwei Rohrstühlen, die da am Fenster standen. Mich machte auch der Umstand wütend, daß die Zeit verstrich, und ich mußte noch vor Abend eine Wohnung für mich finden. Ich wollte ein paarmal aus Langerweile irgendein Buch vornehmen, tat es aber nicht; der Gedanke allein, mich zu zerstreuen, verdoppelte das widrige Gefühl, das ich empfand. Über eine Stunde hatte die außerordentliche Stille gedauert, da begann ich auf einmal, irgendwo ganz in der Nähe, hinter der Tür, die durch den Diwan verstellt war, unwillkürlich und immer deutlicher ein Flüstern zu vernehmen, das allmählich lauter wurde. Es sprachen zwei Stimmen, allem Anschein nach Frauenstimmen, das hörte man, aber Worte zu unterscheiden war ganz unmöglich; und dennoch begann ich aus Langerweile gewissermaßen zuzuhören. Klar war, daß die Unterhaltung lebhaft und leidenschaftlich geführt wurde, und daß es sich nicht um Schnittmuster handelte: sie suchten sich über irgend etwas zu einigen, oder sie stritten, oder die eine Stimme redete zu und bat, und die andere hörte nicht darauf und widersprach. Es mußten andere Zimmermieter sein. Bald wurde mir die Sache langweilig, und mein Ohr gewöhnte sich daran, so daß ich wohl weiter zuhörte, aber nur ganz mechanisch, und zeitweise ganz vergaß, daß ich zuhörte; da geschah plötzlich etwas ganz Außergewöhnliches. Es war, als wäre jemand mit beiden Füßen zugleich von einem Stuhl hinuntergesprungen oder plötzlich vom Stuhle aufgesprungen und hätte mit den Füßen gestampft: dann ertönte ein Stöhnen, und auf einmal ein Schrei, oder eigentlich nicht mal ein Schrei, sondern mehr ein Kreischen, das tierisch und wütend war und dem es schon vollkommen gleichgültig zu sein schien, ob es gehört wurde oder nicht. Ich stürzte zur Tür und machte sie auf; im selben Augenblick öffnete sich noch eine Tür am Ende des Ganges, die Türe der Wirtin, wie ich später erfuhr, und aus ihr schauten zwei neugierige Köpfe heraus. Allein der Schrei verstummte sofort, und dann ging die Tür neben mir, die Tür meiner Nachbarinnen auf einmal auf, und eine, wie mir schien, junge Frau stürzte schnell heraus und lief die Treppe hinunter. Und die andere, eine bejahrte Frau, wollte sie zurückhalten, konnte es aber nicht und stöhnte nur hinter ihr her: »Olla, Olla, wohin? Ach Gott!« Aber als sie unsere beiden Türen offen sah, schloß sie die ihre hastig bis auf eine Ritze, durch die sie nach der Treppe hin horchte, bis Ollas enteilende Schritte ganz verstummt waren. Ich kehrte zu meinem Fenster zurück. Alles war wieder still. Ein müßiger Zufall und vielleicht eine ganz lächerliche Sache, und ich dächte weiter nicht daran. Etwa eine Viertelstunde darauf erscholl auf dem Gange, direkt vor Wasins Tür, eine fidele laute Männerstimme. Jemand ergriff die Klinke der Tür und öffnete sie so weit, daß ich auf dem Gange einen hochgewachsenen Mann erkennen konnte, der mich augenscheinlich auch schon erblickt hatte und mich sogar musterte, sich aber dabei über den ganzen Gang hin, die Klinke in der Hand, weiter mit der Wirtin unterhielt. Die Wirtin rief ihre Antworten mit einem dünnen und lustigen Stimmchen herüber, und schon an ihrer Stimme merkte man, daß sie den Besucher bereits lange kannte, daß sie ihn verehrte und schätzte, als soliden Gast wie als lustigen Herrn. Der lustige Herr schrie und scherzte, aber es drehte sich nur darum, daß Wasin nicht zu Hause war, daß er ihn absolut nicht treffen konnte, daß ihm das schon von Geburt an vorherbestimmt wäre, und daß er wieder, wie neulich, warten wollte. Und das alles erschien der Wirtin zweifellos kolossal geistreich. Endlich trat der Gast ein und machte die Türe dabei sperrangelweit auf. Es war ein gut angezogener Herr, der augenscheinlich beim ersten Schneider arbeiten ließ, »herrschaftlich«, wie man sagt, aber dabei sah er doch nichts weniger als herrschaftlich aus, trotz seines sehr sichtbaren Wunsches, so auszusehen. Er war nicht so sehr ungezwungen, als von einer gewissen natürlichen Dreistigkeit, was immerhin noch weniger herausfordernd wirkt als eine Dreistigkeit, die einer sich vor dem Spiegel einstudiert hat. Seine dunkelblonden, leicht ergrauten Haare, seine schwarzen Brauen, sein großer Bart und seine großen Augen gaben ihm nicht nur nichts Charakteristisches, sondern verliehen ihm vielmehr geradezu etwas Allgemeines, jedermann Ähnliches. Solch ein Mensch lacht und ist leicht bereit zu lachen, aber man wird, weiß Gott warum, niemals froh in seiner Gesellschaft. So ein Mensch lacht einen Moment, dann schneidet er eine sehr wichtige Miene, die er dann wieder plötzlich mit einer spaßhaften oder listig zwinkernden vertauscht, aber das alles geschieht ganz unvermittelt und grundlos... Übrigens hat es gar keinen Sinn, ihn so im voraus zu beschreiben. Ich habe diesen Herrn nachher viel besser und näher kennengelernt, und deshalb schildere ich ihn jetzt ganz unwillkürlich viel genauer und mit besserer Erkenntnis, als ich sie damals hatte, als er die Tür aufmachte und ins Zimmer trat. Aber auch jetzt noch würde es mir schwerfallen, irgend etwas Genaues und Bestimmtes von ihm zu sagen, denn bei dieser Art Leute ist eben die Hauptsache das Undefinierbare, Unvermittelte und Unbestimmte, das sie haben. Noch hatte er sich nicht gesetzt, als mir auf einmal die Idee kam, das müßte Wasins Stiefvater oder so jemand sein, ein gewisser Herr Stebelkow, von dem ich schon etwas gehört hatte, aber so flüchtig, daß ich nicht hätte sagen können, was es gewesen: ich erinnerte mich nur noch, daß es nicht gerade zu seinen Gunsten gesprochen hatte. Ich wußte, daß Wasin früh Waise geworden war und lange unter seiner Vormundschaft gestanden hatte, daß er sich aber schon längst von seinem Einfluß frei gemacht hatte, daß ihre Ziele und ihre Interessen ganz verschieden geartet waren, und daß sie in jeder Beziehung ganz getrennt lebten. Ich wußte auch noch, daß dieser Herr Stebelkow einiges Kapital besaß, und sogar, daß er eine Art Spekulant und Geldmann war – kurz und gut, ich hatte vielleicht schon Genaueres von ihm gehört, es aber wieder vergessen. Er maß mich mit seinem Blick, ohne mich übrigens zu begrüßen, stellte seinen Zylinderhut auf den Tisch vor dem Diwan, stieß den Tisch kräftig mit dem Fuß zur Seite und setzte sich nicht etwa, sondern fläzte sich einfach auf den Diwan, auf den ich mich nicht zu setzen getraut hatte, daß er nur so zitterte, streckte seine Beine aus, hob die Spitze seines rechten Lackstiefels in die Luft und betrachtete ihn wohlgefällig. Natürlich drehte er sich dann gleich zu mir um und maß mich mit seinen großen etwas starren Augen. »Ich kann ihn nicht treffen!« nickte er mir leichthin zu. Ich schwieg. »Er ist nicht ganz zuverlässig! Er hat seine eigene Ansicht von der Sache. Von der Petersburger Seite?« »Das heißt, Sie kommen von der Petersburger Seite?« fragte ich ihn. »Nein, danach frage ich Sie.« »Ich ... ich komme grade von der Petersburger Seite, aber woher wissen Sie das denn?« »Woher? Hm.« Er zwinkerte mir zu, hielt es aber nicht der Mühe wert, sich näher zu erklären. »Das heißt, ich wohne nicht auf der Petersburger Seite, aber ich war jetzt auf der Petersburger Seite und komme daher.« Er fuhr fort schweigend zu lächeln, mit einem gewissen bedeutsamen Lächeln, das mir furchtbar mißfiel. In diesem Zublinzeln lag etwas Dummes. »Bei Herrn Dergatschow?« fragte er. »Was ist bei Dergatschow?« Ich machte große Augen. Er sah mich sieghaft an. »Ich kenne ihn nicht.« »Hm.« »Wie es Ihnen beliebt«, erwiderte ich. Er wurde mir mit der Zeit direkt eklig. »Hm, ja-wohl. Nein, gestatten Sie mal; Sie kaufen in einem Laden eine Sache, in einem anderen Laden, nebenan, kauft ein anderer Käufer eine andere Sache, was glauben Sie wohl, was er kauft? Geld, – bei einem Kaufmann, den man Wucherer nennt ... denn Geld ist auch eine Sache, und der Wucherer ist auch ein Kaufmann... Folgen Sie mir?« »Also meinetwegen, ich folge.« »Ein dritter Käufer geht vorbei, zeigt auf den einen Laden und sagt: ›Das ist gediegen‹, zeigt auf den anderen Laden und sagt: ›Das ist nicht gediegen,‹ Was kann ich daraus für einen Schluß über diesen Käufer ziehen?« »Woher soll ich das wissen?« »Nein, gestatten Sie. Ich sage das beispielsweise; ein gutes Beispiel ist das halbe Leben. Ich gehe auf dem Newskij-Prospekt und bemerke, daß drüben auf dem anderen Trottoir ein Herr geht, dessen Charakter ich gern definieren möchte. Wir gehen so, jeder auf seiner Straßenseite, bis dahin, wo die Morskaja abzweigt, und gerade an der Stelle, wo das Englische Magazin ist, sehen wir einen dritten Herrn, der gerade von einem Wagen überfahren worden ist. Jetzt passen Sie gut auf: ein vierter Herr geht vorüber und möchte den Charakter von uns allen dreien definieren, auch von dem Überfahrenen, in bezug auf praktische Begabung und Gediegenheit ... Folgen Sie mir noch?« »Entschuldigen Sie schon, nur mit großer Mühe.« »Gut! das hatte ich mir auch gedacht. Ich gehe jetzt zu einem anderen Thema über. Ich bin öfter in meinem Leben in deutschen Badeorten gewesen, in Mineralbädern, – in welchen, das tut nichts zur Sache. Ich gehe also in so einem Badeort herum und sehe da Engländer. Mit einem Engländer, das wissen Sie, ist es schwer Bekanntschaft anzuknüpfen; aber nach zwei Monaten, als die Kur beendet ist, sind wir einmal alle in den Bergen, wir steigen in größerer Gesellschaft, mit Bergstöcken, auf einen Berg – wie er heißt, tut nichts weiter zur Sache. An einem Kreuzweg, das heißt, an einer Etappe, und zwar da, wo die Mönche den Chartreuselikör fabrizieren, – merken Sie sich das wohl, – sehe ich einen Eingeborenen stehen, allein, schweigsam vor sich hinschauend. Ich möchte zu einem Schluß über seine Gediegenheit kommen; was glauben Sie nun, werde ich mich deswegen an die Engländerhorde wenden, mit der ich zusammen bin, einzig und allein deswegen, weil ich es in dem Badeorte nicht zustande gebracht habe, mich mit ihnen zu unterhalten?« »Wie soll ich das wissen. Entschuldigen Sie, aber es fällt mir sehr schwer, Ihnen zu folgen.« »Schwer?« »Ja, Sie ermüden mich.« »Hm.« Er blinzelte mir zu und machte eine Handbewegung, die sichtlich etwas Triumphierendes und Sieghaftes haben sollte; dann zog er ganz solid und ruhig eine Zeitung aus der Tasche, die er augenscheinlich gerade erst gekauft hatte, entfaltete sie, begann auf der letzten Seite zu lesen und schien mich vollständig in Ruhe lassen zu wollen. Fünf Minuten lang sah er mich überhaupt nicht an. »Brestograjew-Aktien sind doch nicht gefallen, was? Nein, sie sind gestiegen, nein, sie steigen! Da weiß ich viele, die dadurch hereingefallen sind.« Er sah mich interessiert und offen an. »Ich verstehe noch nicht viel von diesen Börsensachen«, erwiderte ich. »Sie leugnen es?« »Was?« »Das Geld.« »Ich leugne das Geld nicht, aber ... aber mir scheint, zuerst kommt die Idee, dann das Geld.« »Das heißt, erlauben Sie mal... Also, ein Mensch hat eigenes Kapital...« »Zuerst die höhere Idee, dann das Geld; ohne eine höhere Idee würde die Gesellschaft mit ihrem Geld zugrunde gehen.« Ich weiß nicht, weshalb ich anfing mich zu erhitzen. Er schaute mich etwas stumpf, wie verwirrt an, aber auf einmal zog sich sein Gesicht, zu einem äußerst vergnügten und schlauen Lachen in die Breite. »Wersilow, was? Er hat es doch erwischt, er hat's erwischt! Gestern hat das Gericht gesprochen, was?« Ich merkte auf einmal und ganz unerwarteterweise, daß er schon lange wußte, wer ich war, und daß er vielleicht noch so manches andere wußte. Ich verstehe nur nicht, warum ich auf einmal rot wurde und ihn ganz dumm anstarrte, ohne die Augen von ihm zu wenden. Er triumphierte sichtlich, als ob er mich höchst listig auf irgend etwas ertappt und erwischt hätte. »Nein,« sagte er und zog beide Augenbrauen hoch, »fragen Sie mich nur nach Herrn Wersilow! Was habe ich eben von der Gediegenheit gesagt! Vor anderthalb Jahren hätte er durch die Geschichte mit dem Kind einen großartigen Schnitt machen können, – jawohl, aber er verpaßte die Sache, jawohl!« »Was für ein Kind?« »Der Säugling, den er jetzt irgendwo heimlich aufziehen läßt, nun bekommt er gar nichts dafür ... und darum ...« »Was für ein Säugling? Was soll das heißen?« »Natürlich sein Kind, sein eigenes, von Mademoiselle Lydia Achmakowa ... ›Ein reizendes Mädchen, das liebte mich heiß‹ ... Phosphorzündhölzer – was?« »Was für ein Unsinn, was für ein Blech! Er hat nie ein Kind von der Achmakowa gehabt!« »Holla! Und wo war ich denn? Ich bin doch auch Doktor und Geburtshelfer. Mein Name ist Stebelkow, haben Sie noch nicht von mir gehört? Es ist ja richtig, ich hatte damals allerdings schon lange nicht mehr praktiziert, aber einen praktischen Rat in einer praktischen Sache konnte ich schon geben.« »Sie sind Geburtshelfer ... Sie haben die Achmakowa entbunden?« »Nein, ich habe die Achmakowa durchaus nicht entbunden! Da in der Vorstadt lebte ein Doktor Grantz, ein armer Teufel mit großer Familie, einen halben Taler bekam er bezahlt, das ist so die Taxe dort bei den Ärzten, und er war außerdem noch ganz unbekannt, so tat er es denn an meiner Stelle ... Ich hatte ihn auch empfohlen, damit die Sache im Dunkel der Unbekanntheit bliebe. Folgen Sie? Und ich habe Andrej Petrowitsch nur auf eine Frage von ihm einen praktischen Rat gegeben, auf eine höchst diskrete Frage, unter vier Augen. Aber Andrej Petrowitsch wollte lieber zwei Hasen fangen.« Ich lauschte ihm mit größter Verwunderung. »›Wer zwei Hasen nachjagt, fängt keinen‹, sagt ein populäres, oder besser gesagt, bäuerisches Sprichwort. Ich möchte sagen: Ausnahmen, die sich ununterbrochen wiederholen, werden zur allgemeingültigen Regel. Er jagte einem anderen Hasen nach, oder, um es in gutes Russisch zu übersetzen: einer anderen Dame – und das Resultat war Null. Hat man mal etwas fest, so soll man's auch halten. Wo alles auf eine Beschleunigung der Sache ankam, druckste er lange herum. Wersilow ist so ein ›Weiberprophet‹ – so bezeichnete das damals der junge Fürst Sokolskij mir gegenüber sehr hübsch. Nein, kommen Sie nur zu mir! Wenn Sie viel über Wersilow erfahren wollen, kommen Sie nur zu mir.« Er ergötzte sich sichtlich daran, wie ich so dasaß, den Mund offen vor Staunen. Niemals hatte ich auch nur das geringste von diesem kleinen Kinde gehört. Und eben in diesem Augenblick schlug die Tür bei unseren Nachbarinnen zu, jemand trat eilig in ihr Zimmer. »Wersilow wohnt Semionowskij-Polk, Moshajsker Straße, Haus Litwinow, Nummer 17, ich war selbst im Adreßbureau!« schrie eine laute, erregte Frauenstimme; wir konnten jedes Wort verstehen. Stebelkow zog die Augenbrauen hoch und hob einen Finger über seinem Kopf empor. »Wir sprechen hier von ihm, und da ist er schon am Werk... Da haben wir die Ausnahmen, die sich ununterbrochen wiederholen! Quand on parle d'une corde ...« Er lief schnell, hüpfend zum Diwan, setzte sich und begann an der Tür zu horchen, vor der der Diwan stand. Ich war auch ungeheuer überrascht. Ich sagte mir, daß diese lauten Worte wohl von derselben jungen Frau gekommen waren, die vorhin in solcher Aufregung fortgelaufen war. Aber wie kam Wersilow auch in diese Geschichte hinein? Auf einmal erscholl wieder das Kreischen von vorhin, das Gekreisch eines wie vor Zorn tierischen Menschen, dem man irgend etwas nicht geben, oder den man von irgend etwas zurückhalten wollte. Der einzige Unterschied gegen vorhin war, daß das Geschrei und Gekreisch länger anhielten. Man hörte einen Kampf, einzelne hastige, schnelle Worte: »Ich will nicht, gib es mir wieder, gleich gibst du's mir wieder!« – oder so was Ähnliches – ich weiß es nicht mehr genau. Und dann stürzte sich, wieder wie vorhin, jemand hastig zur Tür und öffnete sie. Beide Nachbarinnen liefen auf den Gang hinaus, wobei sichtlich, wie vorhin, eine die andere zurückzuhalten versuchte. Stebelkow, der schon lange vom Diwan aufgesprungen war und mit Genuß gehorcht hatte, sprang zur Tür und lief höchst ungeniert auf den Gang hinaus, direkt auf die Nachbarinnen los. Selbstverständlich eilte ich auch an die Tür. Aber sein Erscheinen auf dem Gang hatte wie ein kalter Wasserstrahl gewirkt: die Nachbarinnen waren schleunigst verschwunden und hatten die Tür hinter sich mit lautem Knall zugeschlagen. Stebelkow wollte ihnen nachstürzen, blieb aber stehen, hob einen Finger, lächelte und überlegte; diesmal bemerkte ich in seinem Lächeln etwas sehr Häßliches, Dunkles und Bösartiges. Er erblickte die Wirtin, die wieder in ihrer Tür stand, und lief schnell auf Zehenspitzen zu ihr hinüber. Als er vielleicht zwei Minuten mit ihr getuschelt und natürlich Auskunft erhalten hatte, kehrte er, jetzt würdevoll und entschlossen, in das Zimmer zurück, nahm seinen Zylinderhut vom Tische, warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel, strich sich durch die Haare und begab sich voll selbstbewußter Würde, ohne mir auch nur einen Blick zu schenken, zu den Nachbarinnen. Einen Moment horchte er, indem er das Ohr an die Tür lehnte und gleichzeitig der Wirtin sieghaft zublinzelte, die ihm mit dem Finger drohte und den Kopf schüttelte, als wollte sie sagen: »Oh, Sie Schelm, Sie!« Endlich nahm er eine entschieden zartfühlende Miene an, ja er krümmte sich direkt vor Zartgefühl, und klopfte mit den Fingerknöcheln bei den Nachbarinnen an. Man hörte eine Stimme: »Wer ist da?« »Könnte ich Sie vielleicht in einer äußerst wichtigen Angelegenheit sprechen?« sagte Stebelkow laut und würdevoll. Sie zauderten, öffneten aber doch, anfangs nur ein bißchen, vielleicht zu einem Viertel; aber Stebelkow ergriff sofort energisch die Klinke und ließ sie nicht wieder zumachen. Es entspann sich eine Unterhaltung, Stebelkow sprach laut und drängte dabei weiter ins Zimmer hinein; ich erinnere mich seiner Worte nicht, aber er sprach von Wersilow, sagte, er könnte ihnen Mitteilungen machen, ihnen alles erklären – »nein, fragen Sie mich nur«, »nein, wenden Sie sich nur an mich« – und dergleichen. Er wurde sehr bald eingelassen. Ich kehrte zu dem Diwan zurück und fing an zu horchen, konnte aber nicht alles verstehen, ich hörte nur, daß viel von Wersilow die Rede war. Am Tonfall seiner Stimme hörte ich, daß Stebelkow das Gespräch schon beherrschte, daß er nicht mehr einschmeichelnd, sondern überlegen und breitspurig sprach, etwa wie vorhin mit mir: »Folgen Sie auch?« – »merken Sie sich das wohl!« Übrigens mußte er außerordentlich freundlich gegen die Frauen sein. Schon zweimal war sein lautes Gelächter erdröhnt, und wahrscheinlich durchaus am unrechten Platze, denn zugleich mit seiner Stimme und sie zuweilen übertönend erklangen die Stimmen der beiden Frauen, die durchaus keinen lustigen Klang hatten, insbesondere die Stimme der jüngeren, die vorhin gekreischt hatte: sie sprach viel, nervös, schnell, klagte sichtlich jemand an und beschwerte sich über ihn, gleichsam Gericht und Richter suchend. Aber Stebelkow ließ nicht nach, er erhob seine Stimme mehr und mehr und lachte öfter und öfter; solche Leute verstehen es nicht, andere anzuhören. Ich verließ den Diwan bald, weil ich mich schämte, zu horchen, und begab mich auf meinen alten Platz am Fenster, auf den Rohrstuhl, zurück. Ich war überzeugt, daß Wasin gar nichts von diesem Herrn hielt, daß er aber, sowie ich eine Meinung über ihn äußern würde, mit ernster Würde für ihn eintreten und erbaulich bemerken würde, »das wäre ein Mann der Praxis, einer von den heutigen Geschäftsleuten, und man dürfte ihn nicht von unserem allgemeinen und abstrakten Gesichtspunkt aus verurteilen«. In diesem Augenblick war ich übrigens, weiß ich noch, moralisch ganz wie zerschlagen, mein Herz klopfte, und ich wartete zweifellos auf etwas. Es vergingen vielleicht zehn Minuten, und auf einmal, es war mitten in einem schmetternden Lachausbruch, sprang jemand, ganz wie vorhin, vom Stuhle auf, dann ertönten Schreie von beiden Frauen, ich hörte auch Stebelkow aufspringen, etwas sagen, in einem ganz veränderten Tonfall, als wollte er sich rechtfertigen, als bäte er, ihn ausreden zu lassen ... Aber man ließ ihn nicht ausreden: es erschollen zornige Rufe: »Hinaus! Sie Nichtsnutz, Sie gemeiner Mensch!« Kurz, es war klar, daß er hinausgeworfen wurde. Ich öffnete die Tür gerade in dem Augenblick, als er aus dem Zimmer der Nachbarinnen auf den Gang heraussprang, und es sah aus, als würde er buchstäblich, das heißt von ihren Händen, hinausgestoßen. Als er mich erblickte, zeigte er auf mich und schrie: »Da ist Wersilows Sohn! Wenn Sie mir nicht glauben wollen, hier steht sein Sohn, sein eigener Sohn! Bitte schön!« Und er faßte mich, ohne lange zu fragen, am Arm. »Da ist sein Sohn, sein leiblicher Sohn!« wiederholte er, ohne im übrigen eine nähere Erklärung hinzuzufügen. Die junge Person stand auf dem Gange, die ältliche einen Schritt hinter ihr, in der Tür. Ich habe nur behalten, daß dies arme Mädchen ganz hübsch war, sie zählte etwa zwanzig Jahre, sah aber elend und kränklich aus, ihre Haare waren rötlich, und ihr Gesicht wies eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Schwester auf; dieser Zug fuhr mir sogleich durch den Kopf und ist in meinem Gedächtnis haftengeblieben; nur ist Lisa nie so unsinnig wütend gewesen, hätte es wohl nie sein können, wie dieses Mädchen, als ich ihr jetzt gegenüberstand: ihre Lippen waren weiß, die hellgrauen Augen funkelten, sie zitterte vor Empörung am ganzen Leibe. Ich erinnere mich, daß ich selbst mich in meiner ungeheuer dummen und unwürdigen Situation äußerst unbehaglich fühlte, ich wußte absolut nicht, was ich sagen sollte, und das verdanke ich diesem Frechling. »Was geht mich das an, ob es sein Sohn ist! Wenn er mit Ihnen zusammen ist, ist er ein Halunke. Wenn Sie der Sohn dieses Herrn Wersilow sind, so richten Sie Ihrem Vater von mir aus, daß er ein Halunke ist, ein niedriger, gemeiner Mensch, daß ich sein Geld nicht brauche ... Da, und da, und da, bringen Sie ihm sofort dies Geld!« Sie zog eilig ein paar Banknoten aus der Tasche, aber die ältere (das heißt ihre Mutter, wie sich nachher herausstellte) ergriff ihre Hand: »Olla, aber vielleicht ist es gar nicht wahr, vielleicht ist er gar nicht sein Sohn!« Olla warf einen schnellen Blick nach mir, überlegte einen Moment, musterte mich voll Verachtung und ging wieder in ihr Zimmer zurück, aber bevor sie die Türe zuschlug, auf der Schwelle, schrie sie Stebelkow noch einmal wütend an: »Hinaus!« Und stampfte sogar mit dem Fuße auf. Dann knallte die Tür zu und wurde diesmal verschlossen. Stebelkow, der mich noch immer an der Schulter hielt, hob den Finger, zog den Mund zu einem langen, nachdenklichen Lächeln breit und durchbohrte mich mit einem fragenden Blick. »Ich finde Ihr Benehmen gegen mich lächerlich und unanständig«, knurrte ich unwillig. Aber er hörte nicht auf mich, trotzdem er kein Auge von mir verwandte. »Das müßte man ge-nau aus-kund-schaften!« murmelte er nachdenklich. »Aber wie konnten Sie sich erlauben, mich da hineinzuziehen? Was soll das alles? Was ist das für ein Frauenzimmer? Sie haben mich einfach an der Schulter gepackt und hingeschleppt, – was soll das eigentlich heißen?« »Ach, Teufel! So eine, der man ihre Unschuld geraubt hat ... ›eine sich oft wiederholende Ausnahme‹ – folgen Sie auch?« Und er spießte mich mit seinem Finger gegen die Brust. »Ach, Teufel!« sagte ich und stieß seinen Finger weg. Er aber begann, und zwar ganz überraschend, zu lachen, leise, unhörbar, lange, lustig. Endlich setzte er seinen Hut auf und bemerkte mit plötzlich ganz verändertem, schon wieder finsterem Ausdruck und gerunzelten Brauen: »Man müßte es der Wirtin sagen ... man müßte sie aus der Wohnung hinauswerfen – das ist's, und zwar möglichst schnell, sonst machen sie hier noch ... Na, Sie werden's ja sehen! Denken Sie dran, was ich sage, Sie werden's schon sehen! Teufel!« sagte er, auf einmal wieder ganz lustig, »wollen Sie denn noch auf Grischa warten?« »Nein, ich warte nicht länger«, erwiderte ich entschlossen. »Na, es ist auch egal ...« Und ohne auch nur noch einen Laut von sich zu geben, ging er hinaus und die Treppe hinunter. Er würdigte die Wirtin, die augenscheinlich Erklärungen und Mitteilungen von ihm erwartete, nicht eines einzigen Blickes. Ich nahm gleichfalls meinen Hut, bat die Wirtin, auszurichten, daß ich, Dolgorukij, dagewesen, und lief die Treppe hinunter.   3 Ich hatte nur Zeit verloren. Als ich draußen war, machte ich mich sofort auf die Wohnungssuche; aber ich war zerstreut, streifte mehrere Stunden lang durch allerlei Straßen und besah mir wohl fünf, sechs möblierte Zimmer, bin aber überzeugt, daß ich an zwanzig vorbeigegangen bin, ohne sie zu bemerken. Was mich noch mehr ärgerte, war, daß ich mir nie vorgestellt hatte, daß es so schwer wäre, eine Wohnung zu suchen. Lauter Zimmer, wie das von Wasin, sogar noch bedeutend schlechter, dabei ungeheure Preise, das heißt, im Verhältnis zu meinen Mitteln. Ich verlangte direkt nach irgendeinem Winkel, um nur etwas Billiges zu bekommen, aber man gab mir voll Verachtung zu verstehen, dann müßte ich schon in »die Winkel« gehen. Außerdem waren überall eine Menge höchst sonderbarer Zimmerherren, die ich nur anzusehen brauchte, um mir zu sagen, daß ich mich neben ihnen nicht einleben könnte – ich hätte sogar noch zugezahlt, um nicht neben ihnen wohnen zu müssen. Da waren ausgelassene und neugierige Herren ohne Röcke, in bloßen Westen, mit struppigen Bärten. In einem winzigen Zimmer saßen ihrer zehn Stück bei Karten und Bier, und daneben sollte ich ein Zimmer mieten! An anderen Stellen antwortete ich selbst auf die Fragen der Wirte so ungeschickt, daß sie mich erstaunt ansahen, und in einer Wohnung bekam ich sogar geradezu Krakeel. Übrigens hat es keinen Zweck, alle diese Nichtigkeiten zu beschreiben; ich will nur sagen, daß ich furchtbar abgespannt wurde und schließlich in irgendeiner Garküche etwas zu mir nahm, als es schon fast dämmerig geworden war. Es stand jetzt endgültig bei mir fest, hinzugehen und Wersilow den Brief wegen der Erbschaft zu übergeben (ohne alle Erklärungen), dann wollte ich oben meine Sachen in meinen Handkoffer und ein Bündel packen und für die Nacht, wenn's nicht anders ging, in ein Gasthaus gehen. Ich wußte, daß es am Ende des Obuchowprospektes, in der Gegend des Triumphtores, Einkehrhäuser gab, wo man schon für dreißig Kopeken ein Zimmerchen allein bekommen konnte; für die eine Nacht beschloß ich das auszugeben, um nur nicht mehr bei Wersilow übernachten zu müssen. Als ich schon am Technischen Institut war, fiel es mir auf einmal, Gott weiß warum, ein, zu Tatjana Pawlowna hinaufzugehen, die da gegenüber wohnte. Der eigentliche Vorwand für mich, sie aufzusuchen, war wiederum jener Brief wegen der Erbschaft, aber der unbezwingliche Drang, sie zu besuchen, den ich empfand, hatte natürlich andere Gründe, die ich übrigens auch heute noch nicht recht zu erklären wüßte: in meinem Kopfe war ein Wirrwarr von »einem kleinen Kinde«, »von Ausnahmen, die zur ständigen Regel werden«. Wollte ich mich aussprechen, oder mich zanken, oder einfach losweinen – ich weiß es nicht, jedenfalls stieg ich zu Tatjana Pawlowna hinauf. Ich war bisher nur ein einziges Mal bei ihr gewesen, gleich nach meiner Ankunft aus Moskau, um etwas von meiner Mutter auszurichten, und weiß noch, daß ich damals nur meinen Auftrag bestellt hatte und sogleich wieder gegangen war, ohne mich nur für einen Augenblick zu setzen, wozu sie mich auch gar nicht aufgefordert hatte. Ich klingelte; ihre Köchin öffnete mir sogleich und ließ mich schweigend eintreten. Alle diese Einzelheiten sind notwendig zum Verständnis dessen, wie es zu dieser verrückten Sache kommen konnte, die auf alles Künftige einen so ungeheuren Einfluß haben sollte. Zunächst muß ich also von der Köchin sprechen. Das war eine bösartige stupsnasige Finnin; sie haßte, glaub' ich, ihre Herrin, Tatjana Pawlowna; diese dagegen konnte sich von ihr nicht trennen; es war so eine Leidenschaft, wie alte Jungfern sie für alte triefnasige Möpse oder ewig schlafende Katzen empfinden. Die Finnin krakeelte und war grob gegen ihre Herrin, oder sie sprach nach irgendeinem Streit wochenlang überhaupt kein Wort, um Tatjana Pawlowna zu strafen. Vermutlich hatte ich gerade so einen schweigsamen Tag getroffen, denn sie antwortete nicht mal auf meine Frage: »Ist das gnädige Fräulein zu Hause?«, die ich, das weiß ich noch ganz genau, an sie richtete, und ging schweigend in ihre Küche. Daraufhin war ich überzeugt, daß ihr Fräulein zu Hause wäre, ging in das Zimmer, und als ich dort niemand fand, schickte ich mich an zu warten, überzeugt, daß Tatjana Pawlowna gleich aus ihrem Zimmer eintreten würde; weswegen hätte die Köchin mich sonst wohl eingelassen? Ich setzte mich nicht und wartete zwei, drei Minuten; es war schon stark dämmerig, und Tatjana Pawlownas dunkle, kleine Wohnung erschien noch unbehaglicher durch die Menge von Kattun, der überall herumhing. Zwei Worte über diese jammervolle kleine Wohnung, damit man die Örtlichkeit versteht, wo die Sache geschah. Tatjana Pawlowna konnte sich infolge ihres eigensinnigen, befehlshaberischen Charakters und ihrer alten Gutsbesitzergewohnheiten nicht darein finden, in möblierten Zimmern bei anderen Leuten zu wohnen, und hatte diese Parodie einer Wohnung gemietet, um für sich allein und ihr eigener Herr zu sein. Diese zwei Zimmer glichen ganz zwei aneinandergeschobenen Kanarienvogelbauern, eins war kleiner als das andere, sie lagen im dritten Stock und gingen auf den Hof hinaus. Wenn man die Wohnung betrat, kam man zunächst auf einen engen Gang, von etwa anderthalb Faden Breite; links davon lagen die erwähnten Vogelbauer, und geradeaus, am Ende des Ganges, war die Tür zur Küche. Die anderthalb Kubikfaden Luft, die ein Mensch für zwölf Stunden braucht, hielten diese zwei Zimmer vielleicht, mehr aber schwerlich. Sie waren geradezu monströs niedrig, aber was das Dümmste war – die Fenster, die Türen, die Möbel, alles, alles war mit Kattun behängt oder verziert, mit sehr schönem französischen Kattun, der zierlich zu Festons arrangiert war, aber dadurch erschien das Zimmer doppelt so dunkel und sah aus wie das Innere eines Reisewagens. In dem Zimmer, wo ich wartete, konnte man sich noch umdrehen, obschon alles mit Möbeln verbarrikadiert war, und, wie ich sagen muß, ganz guten Möbeln; da waren eingelegte Tischchen mit Bronzebeschlägen, Kästchen, eine elegante und sehr reiche Toilette. Das andere Zimmer aber, aus dem ich sie jeden Augenblick eintreten zu sehen erwartete, das Schlafzimmer, das von diesem Zimmer durch einen Vorhang abgeschlossen war, bestand, wie sich nachher erwies, buchstäblich nur aus einem Bett. Alle diese Einzelheiten sind notwendig, damit man die Dummheit begreift, die ich machte. Ich wartete also und machte mir keine Gedanken weiter, als auf einmal geklingelt wurde. Ich hörte, wie die Köchin mit schleppenden Schritten den Gang entlang ging und schweigend, wie vorhin mich, die Ankömmlinge einließ. Es waren zwei Damen, die beide laut sprachen, aber wie groß war mein Erstaunen, als ich an der Stimme in der einen Tatjana Pawlowna erkannte, und in der andern eben jene Frau, der zu begegnen ich in diesem Augenblick am allerwenigsten vorbereitet war, und noch dazu hier, in dieser Umgebung! Täuschen konnte ich mich nicht: ich hatte diese tönende, starke metallische Stimme gestern freilich im ganzen nur drei Minuten lang gehört, aber sie hatte sich meiner Seele eingeprägt. Ja, das war die »Frau von gestern«. Was sollte ich jetzt tun? Diese Frage richte ich nicht etwa an den Leser, ich stelle mir nur jene Minute von damals wieder vor Augen, und ich bin auch heute noch völlig außerstande, zu erklären, wie es kam, daß ich mich auf einmal hinter den Vorhang stürzte und mich in Tatjana Pawlownas Schlafzimmer befand. Kurz und gut, ich versteckte mich und war kaum verschwunden, als sie auch schon eintraten. Warum ich ihnen nicht entgegenging, sondern mich versteckte – das weiß ich nicht; alles geschah ganz unverhofft, ohne daß ich mir im entferntesten Rechenschaft darüber abgelegt hätte. Als ich ins Schlafzimmer gesprungen war und mich über das Bett gebeugt hatte, bemerkte ich sogleich, daß eine Tür aus dem Schlafzimmer in die Küche führte, es gab also wohl einen Ausweg aus dem Malheur, und ich konnte ihnen entwischen, aber – o Schrecken! – die Tür war verschlossen, und der Schlüssel stak nicht. In meiner Verzweiflung setzte ich mich auf das Bett; mir stand es klar vor Augen, daß ich jetzt natürlich würde horchen müssen, und schon aus den ersten Sätzen, aus den ersten Lauten der Unterhaltung erriet ich, daß die Unterredung diskreter und heikler Natur war. Oh, natürlich, ein ehrenhafter und vornehmer Mensch hätte auch jetzt noch aufstehen, vortreten und mit lauter Stimme sagen müssen: »Halt, hier bin ich!« und hätte, ohne das Lächerliche seiner Situation zu beachten, an ihnen vorbei hinausgehen müssen; aber ich stand nicht auf und ging nicht hinaus; ich traute mich nicht, ich zeigte mich als erbärmlicher Feigling. »Aber teuerste Katerina Nikolajewna, Sie machen mich wirklich ganz traurig,« flehte Tatjana Pawlowna, »beruhigen Sie sich hierüber doch ein für allemal, das paßt ja auch so gar nicht zu Ihrem Naturell. Wo Sie sind, ist überall Freude, und jetzt auf einmal ... Aber mir, denk' ich, werden Sie doch auch jetzt noch trauen; Sie wissen ja doch, wie sehr ich Ihnen ergeben bin. Ihnen nicht weniger als Andrej Petrowitsch, dem ich, das verhehle ich vor niemand, ewig ergeben sein werde... Also glauben Sie mir doch, ich schwöre es Ihnen auf Ehre und Gewissen, jenes Dokument befindet sich nicht in seinen Händen und vielleicht überhaupt in keines Menschen Händen; er ist solcher Ränke überhaupt nicht fähig, es ist einfach sündhaft, daß Sie ihn in dem Verdacht haben. Sie haben sich beide diese Feindschaft nur selbst zusammenphantasiert...« »Das Dokument existiert, und er ist zu allem fähig. Ja, und ... gestern komm' ich hinein, und das erste, was mir begegnet, ist – ce petit espion, den er dem Fürsten aufgehängt hat.« »Ach, ce petit espion. Erstens ist er überhaupt kein espion, weil ich es war, ich, die darauf bestand, ihn zum Fürsten zu bringen, denn sonst wäre er in Moskau übergeschnappt oder Hungers gestorben, – sehen Sie, solche Auskunft bekommen wir über ihn von dort; und vor allen Dingen ist dieses ungehobelte Jungchen ein vollkommener kleiner Narr, wie sollte der sich zum Spion eignen?« »Jawohl, ein Narr ist er, was übrigens kein Hindernis zu sein braucht, daß er auch ein Schurke sein könnte. Ich war nur zu wütend, sonst hätte ich mich gestern totgelacht: er wurde bleich, kam herangelaufen, machte Kratzfüße, fing an französisch zu sprechen. Aber Maria Iwanowna hat mir in Moskau versichert, er wäre eine Art Genie. Und daß jener unselige Brief wohlbehalten existiert und sich irgendwo in den allergefährlichsten Händen befindet – das habe ich in Maria Iwanownas Augen gelesen.« »Aber Liebste, Beste, Sie sagen ja doch selbst, daß sie nichts in Händen hat!« »Das ist's ja eben, daß sie etwas hat; sie lügt bloß, und wie sie das versteht, kann ich Ihnen sagen! Vor dieser Moskauer Reise hatte ich immer noch die Hoffnung, daß überhaupt keine Papiere zurückgeblieben sein könnten, aber dort, dort ...« »Ach, Liebste, man behauptet ja doch das gerade Gegenteil: sie soll eine gute und vernünftige Person sein, und der Verstorbene hat sie von allen seinen Nichten am meisten geschätzt. Es ist ja wahr, ich kenne sie nicht so genau, aber – Sie hätten sie eben herumkriegen sollen, Liebste, Beste! Jemand zu besiegen, kostet Ihnen ja doch nicht das geringste; ich bin doch eine alte Schachtel – und sehen Sie, ich bin verliebt in Sie und möchte Sie gleich abküssen... Nun also, was konnte es Ihnen kosten, sie herumzukriegen!« »Ich hab' sie herumgekriegt, Tatjana Pawlowna, ich hab' es versucht, ich hab' sie sogar in das hellste Entzücken versetzt, aber sie ist so ungeheuer schlau... Nein, das ist ja ein ganz komplizierter Charakter, so ein besonderer Moskauer Charakter. Und denken Sie mal, sie riet mir, mich an einen hier lebenden Herrn Kraft zu wenden, der früher einmal Gehilfe bei Andronikow war, vielleicht wüßte der etwas. Von diesem Herrn Kraft hatte ich schon eine Vorstellung; ich erinnere mich sogar, ihm einmal flüchtig begegnet zu sein; aber eben als sie mir von diesem Herrn Kraft sprach, eben da kam ich zu der Überzeugung, daß sie nicht einfach nichts weiß, sondern daß sie lügt und alles weiß.« »Aber wieso denn, wieso denn? Und man könnte sich ja wirklich bei ihm erkundigen! Dieser Deutsche, dieser Kraft, ist kein Schwätzer und, soviel ich weiß, ein sehr anständiger Mensch – es ist wirklich wahr, man sollte ihn fragen! Nur, glaube ich, ist er im Augenblick nicht in Petersburg...« »Oh, gestern erst bin ich zurückgekommen, und jetzt eben war ich bei ihm... Ich bin ja in einer solchen Aufregung zu Ihnen gekommen, alle Glieder zittern mir; liebste, beste Tatjana Pawlowna, Sie kennen ja alle Welt, ich wollte Sie bitten, ob man nicht, vielleicht aus seinen Papieren, erfahren könnte – denn Papiere wird er doch jedenfalls hinterlassen haben, in wessen Hände die jetzt wohl übergehen werden? Sie könnten am Ende wieder in irgendwelche gefährliche Hände geraten? Ich komme hergelaufen, um Sie um Rat zu fragen.« »Ja, von was für Papieren sprechen Sie denn?« fragte Tatjana Pawlowna verständnislos. »Sie sagen ja doch, Sie kämen gerade von Kraft?« »Ja, ja, ich war dort, eben war ich dort, aber er hat sich erschossen! Gestern abend.« Ich sprang vom Bett auf. Ich hatte ruhig sitzenbleiben können, als ich Spion und Idiot genannt wurde, und je weiter das Gespräch fortschritt, desto unmöglicher war es mir erschienen, mich ihnen zu zeigen. Das erschien mir ganz undenkbar! Ich hatte beschlossen, mäuschenstill sitzenzubleiben, bis Tatjana Pawlowna ihren Gast hinausbegleitet hätte – wenn es mein Unglück nicht wollte, daß sie vorher selber aus irgendeinem Grunde ins Schlafzimmer kam –, und dann, wenn die Achmakowa fort wäre, dann konnte ja meinetwegen der Krakeel mit Tatjana Pawlowna losgehen!... Aber jetzt, als ich das von Kraft gehört hatte und vom Bett aufgesprungen war, packte es mich auf einmal am ganzen Leibe wie ein Krampf. Ich dachte an nichts, ich überlegte nichts und stellte mir nicht vor, was daraus entstehen könnte, ich trat vor, hob die Portiere auf und stand den beiden gegenüber. Es war noch hell genug, daß sie mich sehen konnten, wie ich dastand, bleich und zitternd... Beide schrien sie auf. Und wie hätten sie nicht aufschreien sollen? »Kraft?« murmelte ich, zur Achmakowa gewendet. »Erschossen hat er sich? Gestern? Bei Sonnenuntergang?« »Wo warst du? Woher kommst du?« kreischte Tatjana Pawlowna und krallte sich buchstäblich in meine Schulter. »Du hast spioniert? Du hast gehorcht?« »Was hab' ich Ihnen eben erst gesagt?« sagte Katerina Nikolajewna, vom Diwan aufstehend und auf mich weisend. Ich war außer mir. »Lauter Lügen, lauter Unsinn!« unterbrach ich sie wütend. »Sie haben mich vorhin einen Spion genannt, ach, du lieber Gott! Ob's wohl der Mühe wert ist zu spionieren, ja mehr noch, überhaupt auf dieser Welt zu leben neben Leuten wie Sie! Ein edler Mensch endet durch Selbstmord, Kraft hat sich erschossen – um der Idee willen, um Hekuba... Übrigens, was wissen Sie von Hekuba!... Und hier – leben soll man zwischen Ihren Intrigen, Lügen, Betrügereien, Fußangeln... Genug davon!« »Geben Sie ihm eins hinter die Ohren! Geben Sie ihm eins hinter die Ohren!« schrie Tatjana Pawlowna, und da Katerina Nikolajewna mich zwar ansah, ohne ein Auge von mir zu wenden (ich habe das alles bis zum kleinsten im Gedächtnis), aber sich nicht von der Stelle rührte, so hätte es wohl nur noch einen Moment gedauert, und Tatjana Pawlowna hätte ihren Vorschlag selbst zur Tat werden lassen. Darum erhob ich unwillkürlich meinen Arm, um mein Gesicht zu schützen; und infolge dieser Bewegung glaubte sie, ich hole selber aus. »Also, schlag zu, schlag zu! Beweise doch, daß du ein geborener Knecht bist; du bist ja stärker als wir Frauen, was genierst du dich noch!« »Jetzt hören Sie auf mit Ihren Verleumdungen!« schrie ich. »Ich habe meine Hand noch nie gegen ein Weib aufgehoben! Sie sollten sich schämen, Tatjana Pawlowna, Sie haben mich immer verachtet. Oh, man muß die Menschen verachten, um mit ihnen umgehen zu können. Katerina Nikolajewna, Sie lachen wohl über meine traurige Gestalt; jawohl, Gott hat mir keine Gestalt gegeben, wie Ihren Adjutanten. Und dennoch fühle ich mich nicht erniedrigt vor Ihnen, sondern im Gegenteil hoch über Ihnen... Na, ganz gleich, wie man sich auch ausdrücken mag, ich bin nicht schuld! Ich bin ganz unverhofft hierhergeraten, Tatjana Pawlowna; schuld ist einzig und allein Ihre Finnin, oder richtiger gesagt, Ihre Leidenschaft für sie. Weswegen hat sie mir auf meine Frage nicht geantwortet und mich einfach hier hereingeführt? Und nachher, das müssen Sie wohl selber einsehen, erschien es mir so monströs, auf einmal aus dem Schlafzimmer einer Dame hervorzubrechen, daß ich mich entschloß, Ihr giftiges Gerede lieber schweigend anzuhören und mich nicht zu zeigen... Sie lachen schon wieder, Katerina Nikolajewna?« »Scher' dich hinaus, scher' dich hinaus, mach' daß du 'rauskommst!« schrie Tatjana Pawlowna und stieß mich förmlich zur Tür. »Achten Sie nicht auf sein Geschwätz, Katerina Nikolajewna; ich hab' Ihnen ja gesagt, schon in Moskau hat man ihn für überschnappt erklärt!« »Für übergeschnappt? In Moskau? Wer denn in Moskau? – Ganz egal, genug davon. Katerina Nikolajewna! Ich schwöre Ihnen bei allem, was mir heilig ist, dieses Gespräch und alles, was ich gehört habe, bleibt unter uns... Was kann ich dafür, daß ich Ihre Geheimnisse erfahren habe? Um so mehr, als ich meine Stellung bei Ihrem Vater morgen aufgebe, so daß Sie wegen des Dokumentes, das Sie suchen, beruhigt sein können!« »Was heißt das? Von welchem Dokument sprechen Sie?« fragte Katerina Nikolajewna verwirrt, ja, sie wurde ganz blaß, oder vielleicht kam es mir nur so vor. Ich begriff, daß ich schon zuviel gesagt hatte. Ich ging schnell hinaus; sie verfolgten mich schweigend mit den Augen, und höchstes Erstaunen war in ihrem Blick. Kurz und gut, ich hatte ihnen ein Rätsel aufgegeben... Neuntes Kapitel   I Ich eilte nach Hause und war sonderbarerweise sehr zufrieden mit mir. So spricht man natürlich nicht mit Damen, und noch dazu mit solchen Damen, – richtiger gesagt, mit solch einer Dame, weil ich Tatjana Pawlowna nicht mitrechnete. Es mag ja sein, daß man einer Frau von dieser Art unter keinen Umständen ins Gesicht sagen darf: »Ich spei' auf Ihre Intrigen«, aber ich hatte es ihr gesagt und war eben damit zufrieden. Um von allem anderen zu schweigen, – ich war wenigstens überzeugt, daß ich durch diesen Ton alles Lächerliche beseitigt hatte, das in meiner Situation lag. Aber ich hatte keine Zeit, sehr lange darüber nachzudenken; in meinem Kopf saß der Gedanke an Kraft. Nicht daß er mich gerade sehr quälte, aber immerhin war ich bis ins tiefste erschüttert, sogar so stark, daß das allgemein menschliche Gefühl einer gewissen Befriedigung über fremdes Unglück – das heißt, wenn sich einer das Bein bricht, oder seine Ehre verliert, oder eines geliebten Wesens beraubt wird – daß selbst dieses übliche Gefühl einer häßlichen Befriedigung in mir einem anderen außerordentlich ungeteilten Gefühl Platz gemacht hatte, nämlich dem Kummer: dem Mitleid mit Kraft; das heißt, ich weiß nicht, ob es Mitleid war, aber jedenfalls war es ein sehr starkes und gutes Gefühl. Und damit war ich gleichfalls zufrieden. Erstaunlich, wieviel ganz verschiedenartige Gedanken einem gerade dann in den Sinn kommen können, wenn man ganz erschüttert ist von einer furchtbaren Nachricht, die, sollte man eigentlich glauben, doch alle anderen Gefühle ersticken, alle abseits liegenden Gedanken verjagen müßte, besonders Gedanken an Kleinigkeiten; aber gerade das Gegenteil ist der Fall, eben die Kleinigkeiten drängen sich vor. Ich weiß noch, daß allmählich ein ziemlich heftiges nervöses Zittern meinen ganzen Körper erfaßte, das einige Minuten anhielt, ja sogar die ganze Zeit, solange ich zu Hause war und bis ich mich mit Wersilow auseinandergesetzt hatte. Diese Auseinandersetzung fand unter sonderbaren und außergewöhnlichen Umständen statt. Ich habe schon erwähnt, daß wir in einem besonderen Häuschen auf dem Hofe wohnten; die Wohnung war Wohnung Nummer dreizehn. Noch bevor ich in das Tor getreten war, hörte ich schon eine weibliche Stimme, die sich laut, ungeduldig und erregt bei jemand erkundigte: »Wo ist hier Wohnung Nummer dreizehn?« Eine Dame war es, die gleich an der Pforte fragte, sie hatte die Tür eines kleinen Ladens geöffnet; sie schien aber doch keine Antwort zu bekommen oder sogar hinausgewiesen zu werden und ging die Ladentreppe hinunter, hastig und böse. »Wo ist denn hier der Hausmeister?« schrie sie, mit dem Fuß aufstampfend. Ich hatte die Stimme längst erkannt. »Ich muß auch in die Wohnung Nummer dreizehn,« mit diesen Worten trat ich auf sie zu, »wen suchen Sie?« »Ich suche schon seit einer Stunde den Hausmeister, überall hab' ich gefragt, alle Treppen bin ich hinaufgelaufen.« »Er ist auf dem Hofe. Kennen Sie mich nicht wieder?« Aber sie hatte mich schon erkannt. »Sie suchen Wersilow; Sie haben etwas mit ihm abzumachen, und ich auch,« fuhr ich fort, »ich bin gekommen, um von ihm für ewig Abschied zu nehmen. Kommen Sie.« »Sie sind sein Sohn?« »Das hat nichts zu sagen. Übrigens, nehmen wir an, ich wäre sein Sohn, wenn ich auch Dolgorukij heiße, ich bin ein uneheliches Kind. Dieser Herr hat eine Unzahl von unehelichen Kindern. Und wenn Gewissen und Ehre es verlangen, geht auch ein leiblicher Sohn aus dem Hause. Das steht schon in der Bibel. Und außerdem hat er jetzt eine Erbschaft gemacht, und ich will keinen Teil an ihr haben, ich gehe, um von meiner Hände Arbeit zu leben. Wenn es nötig ist, opfert ein edler Mensch sogar sein Leben; Kraft hat sich erschossen, Kraft, um der Idee willen, stellen Sie sich das vor, ein junger Mensch, der zu großen Hoffnungen berechtigte... Dort, bitte, dort! Wir bewohnen ein besonderes Häuschen. Das steht schon in der Bibel, daß die Kinder die Eltern verlassen und ihr eigenes Nest bauen... Wenn einen die Idee ruft ... wenn man eine Idee hat! Die Idee ist die Hauptsache, in der Idee liegt alles...« In der Art schwatzte ich die ganze Zeit auf sie ein, während wir uns nach unserer Wohnung begaben. Der Leser wird wahrscheinlich merken, daß ich mich nicht gerade schone und mir ein gerechtes Zeugnis gebe, wo es not tut: ich will es lernen, die Wahrheit zu sagen. Wersilow war zu Hause. Ich trat ein, ohne den Mantel abzulegen, sie gleichfalls. Gekleidet war sie äußerst dürftig; über ihrem Kleidchen baumelte oben irgendein Lappen, der einen Mantel oder eine Mantille vorstellen sollte, auf dem Kopf hatte sie ein altes ruppiges Matrosenhütchen, das sie durchaus nicht kleidete. Als wir in das Zimmer kamen, saß meine Mutter mit ihrer Arbeit auf dem gewohnten Platz; meine Schwester war aus ihrem Zimmer getreten, um zu sehen, was los wäre, und in der Tür stehengeblieben. Wersilow tat wie gewöhnlich gar nichts und erhob sich, als wir eintraten; er heftete einen strengen, fragenden Blick auf mich. »Ich habe mit der Sache nichts zu tun,« beeilte ich mich ihm zu sagen und trat dann beiseite, »ich habe die Dame hier an der Pforte getroffen; sie suchte Sie, und niemand konnte ihr Auskunft geben. Ich komme in einer eigenen Angelegenheit, die ich Ihnen zu erklären das Vergnügen haben werde, wenn die Dame fertig ist...« Wersilow fuhr dennoch fort, mich neugierig zu mustern. »Erlauben Sie mal«, begann das junge Mädchen ungeduldig. Wersilow wendete sich an sie. »Ich habe lange darüber nachgedacht, wie Sie wohl darauf gekommen sein mögen, mir gestern das Geld da zu lassen ... Ich ... kurz und gut ... da haben Sie Ihr Geld!« kreischte sie beinahe, wie vorher in ihrem Zimmer, und warf ein Päckchen Rubelscheine auf den Tisch. »Ich mußte Ihre Adresse erst auf dem Adreßbureau erfragen, sonst hätte ich es schon früher gebracht. Hören Sie, Sie!« wendete sie sich auf einmal an meine Mutter, die ganz bleich wurde, »ich will Sie nicht kränken, Sie sehen ehrenhaft aus, und das da ist am Ende sogar Ihre Tochter. Ich weiß nicht, ob Sie seine Frau sind, aber Sie sollen wissen, daß dieser Herr Inserate aus den Zeitungen ausschneidet, die Gouvernanten und Lehrerinnen für ihr letztes Geld einrücken, und dann zu diesen Unglücklichen hinläuft, um dort ehrlose Beute zu machen und sie mit seinem Geld ins Unglück zu ziehen. Ich begreife nicht, wie ich gestern das Geld von ihm annehmen konnte: er sah so ehrlich aus!... Fort, kein Wort! Sie sind ein Taugenichts, geehrter Herr! Und selbst wenn Sie mit ehrlichen Absichten gekommen wären, ich will Ihre Almosen nicht. Kein Wort, kein Wort. Oh, wie ich mich freue, daß ich Sie jetzt einmal vor Ihren weiblichen Angehörigen entlarvt habe! Verflucht sollen Sie sein!« Sie lief schnell hinaus, aber auf der Schwelle wendete sie sich noch einmal für einen Moment um, nur um zu schreien: »Sie sollen ja eine Erbschaft gemacht haben!« Und dann verschwand sie wie ein Schatten. Ich mache noch einmal darauf aufmerksam: das Weib war ganz außer sich. Wersilow war tief bestürzt: er stand wie in Gedanken und überlegte etwas; endlich wendete er sich mit einem Ruck zu mir: »Du kennst sie überhaupt nicht?« »Ich hab' sie heute früh ganz zufällig gesehen, wie sie auf dem Gange bei Wasin tobte und kreischte und Sie verfluchte; aber auf ein Gespräch hab' ich mich mit ihr nicht eingelassen und weiß von nichts; jetzt hab' ich sie hier an der Pforte getroffen. Es ist wohl jene selbe Lehrerin von gestern, die ›Unterricht in der Arithmetik‹ erteilt?« »Ja, das ist die. Einmal im Leben tut man ein gutes Werk, und ... Übrigens, was wolltest du denn?« »Hier ist ein Brief«, erwiderte ich. »Nähere Erklärungen erscheinen mir überflüssig; er kommt von Kraft, der hatte ihn von dem verstorbenen Andronikow. Aus dem, was drinsteht, werden Sie alles ersehen. Ich möchte nur noch hinzufügen, daß in diesem Moment kein Mensch auf Erden, außer mir, etwas von diesem Briefe weiß, weil Kraft, der mir diesen Brief gestern übergab, sich gleich, nachdem ich ihn verlassen hatte, erschossen hat...« Während ich atemlos und hastig sprach, entfaltete er den Brief und hörte mir dabei aufmerksam zu. Als ich von Krafts Selbstmord erzählte, heftete ich meinen Blick mit besonderer Aufmerksamkeit auf sein Gesicht, um die Wirkung zu beobachten. Und wird man's glauben? – diese Mitteilung machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn; er zuckte nicht einmal mit einer Wimper! Im Gegenteil, als er merkte, daß ich verstummt war, zog er seine Lorgnette hervor, die ihn nie verließ und an einem schwarzen Bande hing, hielt den Brief ans Licht, sah nach der Unterschrift und begann ihn aufmerksam zu lesen. Ich kann es nicht beschreiben, wie mich diese hochmütige Gefühllosigkeit beleidigte. Er mußte Kraft doch sehr gut kennen; außerdem war das doch immerhin eine nicht ganz alltägliche Nachricht! Schließlich hatte ich mir natürlich auch gewünscht, daß sie Eindruck machen sollte. Ich stand noch vielleicht eine halbe Minute da, aber ich wußte, daß der Brief lang war; so drehte ich mich denn um und ging hinaus. Mein Handkoffer war längst gepackt, ich brauchte nur noch ein paar Sachen in ein Bündel zu schnüren. Ich dachte an meine Mutter, und daß ich auf diese Weise nicht mehr dazu gekommen war, mich ihr noch einmal zu nähern. Nach zehn Minuten, als ich schon fertig war und mir gerade eine Droschke holen wollte, kam meine Schwester in meine Kammer herauf. »Da schickt dir Mama deine sechzig Rubel und bittet dich nochmals um Entschuldigung, weil sie Andrej Petrowitsch davon erzählt hat, und dann noch zwanzig Rubel. Du hast ihr gestern für Kost und Logis fünfzig gegeben; Mama sagt, mehr als dreißig könnte sie von dir keinesfalls annehmen, weil sie für dich keine fünfzig Rubel ausgegeben hat: zwanzig schickt sie dir zurück.« »Na, dann dank' ich auch schön. Wenn es nur wahr ist, was sie sagt! Leb' wohl, Lisa, ich gehe jetzt fort!« »Wohin willst du denn jetzt?« »Fürs erste in ein Gasthaus, um nur nicht in diesem Hause übernachten zu müssen. Sag' Mama, daß ich sie liebhabe.« »Das weiß sie. Sie weiß, daß du auch Andrej Petrowitsch liebhast. Schämst du dich denn nicht, daß du dies unglückliche Wesen hergebracht hast!« »Ich schwöre dir, ich war's nicht; ich habe sie an der Pforte getroffen.« »Nein, du hast sie hergebracht.« »Ich versichere dir ...« »Denk' mal nach, frage dich, und du wirst sehen, daß du die Veranlassung warst.« »Ich habe mich nur sehr gefreut, daß sie Wersilow beschämt hat. Stell' dir vor, er hat ein kleines Kind von Lydia Achmakowa ... Übrigens, was soll das alles, ich sag' dir ...« »Er? Ein kleines Kind? Aber das ist ja nicht sein Kind! Wo hast du diesen Schwindel gehört?« »Ja, woher solltest du es wissen?« »Ich soll's nicht wissen? Ja, ich hab' dieses Kind doch in Luga gewartet. Hör' mal, mein lieber Bruder: ich seh' es schon lange, daß du überhaupt nicht die geringste Ahnung hast, und dabei beleidigst du Andrej Petrowitsch – na, und Mama auch.« »Wenn er im Recht ist, will ich meine Schuld bekennen, das ist das Ganze, und euch liebe ich drum nicht weniger. Warum bist du so rot geworden, Schwester? Na, und jetzt noch mehr! Na, schön, aber nichtsdestoweniger werd' ich diesen kleinen Fürsten zum Duell fordern für die Ohrfeige, die er Wersilow in Ems gegeben hat. Wenn Wersilow in der Sache mit der Achmakowa im Rechte war, um so schlimmer.« »Bruder, sei doch vernünftig, was hast du!« »Die Sache vor dem Gericht ist jetzt glücklich erledigt... Na, jetzt wirst du auf einmal bleich.« »Ach, der Fürst schlägt sich ja doch nicht mit dir«, lächelte Lisa durch ihren Schrecken hindurch mit einem bleichen Lächeln. »Dann beschimpfe ich ihn öffentlich. Was hast du, Lisa?« Sie war so bleich geworden, daß sie sich nicht mehr auf den Füßen hielt und auf den Diwan sank. »Lisa!« hörten wir unten meine Mutter rufen. Sie sammelte sich und stand auf; sie lächelte mir freundlich zu. »Bruder, laß diese Dummheiten oder warte so lange, bis du alles erfährst! Schrecklich, wie wenig du weißt.« »Ich werde daran denken, Lisa, daß du bleich geworden bist, als du hörtest, ich wollte mich duellieren.« »Ja, ja, denk' auch daran!« lächelte sie noch einmal zum Abschied, und ging. Ich holte eine Droschke und trug mit Hilfe des Kutschers meine Sachen hinunter. Keiner von den Hausgenossen widersprach mir oder hielt mich auf. Ich ging nicht hinein um meiner Mutter Lebewohl zu sagen, weil ich Wersilow nicht begegnen wollte. Als ich schon in der Droschke saß, kam mir auf einmal ein Gedanke: »Fontanka, bei der Semionowbrücke«, befahl ich plötzlich und fuhr wieder zu Wasin.   2 Mir war auf einmal in den Sinn gekommen, Wasin müsse schon das von Kraft wissen, und vielleicht hundertmal mehr als ich; und so war es denn auch. Wasin erzählte mir gleich und bereitwillig alle Einzelheiten, übrigens ohne große Hitze; ich schloß daraus, daß er sehr ermüdet war, und das war auch sicherlich der Fall. Er war am Morgen selbst bei Kraft gewesen. Kraft hatte sich mit dem Revolver (mit demselben) erschossen, gestern, als es schon tief dämmerte, was aus seinem Tagebuch hervorging. Die letzte Notiz im Tagebuch war direkt vor dem Schuß gemacht und er hatte darin bemerkt, daß er schon in fast vollkommener Finsternis schriebe und kaum noch die Buchstaben unterscheiden könnte; eine Kerze wollte er nicht anzünden, damit nach seinem Tode kein Feuer entstände. »Und sie anzünden, um sie vor dem Schusse wieder auszulöschen, wie ich mein Leben auslösche, das will ich nicht«, hatte er – wie seltsam! – in der letzten Zeile hinzugefügt. Dieses Tagebuch vor dem Tode hatte er vorgestern angefangen, gleich nach seiner Rückkehr nach Petersburg, noch vor dem Besuche bei Dergatschow. Nachdem ich ihn verlassen hatte, hatte er jede Viertelstunde Eintragungen gemacht; die letzten drei, vier Notizen hatte er mit Pausen von je fünf Minuten niedergeschrieben. Ich brach in ein lautes Staunen darüber aus, daß Wasin, der dieses Tagebuch solange vor Augen gehabt hatte (man hatte es ihm zu lesen gegeben), keine Abschrift genommen hatte, um so mehr, als es nur einen Bogen Umfang hatte und alle Notizen ganz kurz waren, – »wenigstens doch die letzte Zeile!« Wasin bemerkte mir lächelnd, er würde es auch so behalten, außerdem wären die Notizen ohne jedes System und handelten von allem, was ihm gerade in den Kopf gekommen war. Ich begann ihm klarzumachen, daß auch das im gegebenen Falle sehr wertvoll sei, ließ das dann aber und begann in ihn zu dringen, er möchte sich doch auf einiges besinnen, und er besann sich auf ein paar Zeilen, so zum Beispiel hatte er eine Stunde vor dem Schusse geschrieben, »ihn fröre,« er hätte schon daran gedacht, einen Schnaps zu trinken, um sich zu erwärmen, aber der Gedanke, daß das den Bluterguß vergrößern könnte, hätte ihn davon abgehalten«. Und in der Art wäre alles gewesen, schloß Wasin. »Und das nennen Sie kleinliches Zeug!« rief ich. »Wann hätte ich es so genannt? Ich habe nur keine Abschrift genommen. Aber mag es auch kein kleinliches Zeug sein, immerhin ist dieses Tagebuch ziemlich gewöhnlich, oder besser, natürlich, das heißt, eben geradeso, wie ein Tagebuch in solchem Fall sein muß ...« »Aber es sind doch seine letzten Gedanken, die letzten Gedanken!« »Solche letzten Gedanken sind manchmal höchst unbedeutend. Ein Selbstmörder, von dem ich hörte, beklagt sich eben in so einem Tagebuch darüber, wie traurig es wäre, daß in einer so wichtigen Stunde auch nicht ein einziger ›höherer Gedanke‹ ihn besuchte, sondern im Gegenteil lauter kleinliche, leere.« »Und daß ihn friert, ist das auch ein leerer Gedanke?« »Das heißt, meinen Sie eigentlich das Frösteln oder den Bluterguß? Es ist doch eine bekannte Tatsache, daß viele Leute, die die Kraft haben, über ihren bevorstehenden Tod nachzudenken, mag er nun freiwillig sein oder nicht, sehr oft geneigt sind, sich Sorgen darüber zu machen, in welch häßlichem Zustand ihr Leichnam zurückbleiben wird. In eben diesem Sinne hat sich auch Kraft davor gefürchtet, einen gar zu starken Bluterguß zu veranlassen.« »Ich weiß nicht, ob das eine bekannte Tatsache ist ... und ob das hier der Fall war,« murmelte ich, »aber ich wundere mich, daß Sie das alles für so natürlich halten. Und ist es denn schon so lange her, daß Kraft sprach, sich erregte, unter uns saß? Ist es Ihnen denn gar nicht leid um ihn?« »Aber natürlich, und das steht auf einem ganz anderen Plan; aber jedenfalls hat sich Kraft selbst seinen Tod in Gestalt eines logischen Schlusses vorgestellt. Es zeigt sich, daß alles richtig war, was gestern bei Dergatschow von ihm gesagt wurde: er hat ein Heft voll gelehrter Schlüsse darüber hinterlassen, daß die Russen eine Menschenrasse zweiter Klasse sind, Schlüsse auf Grund der Phrenologie, der Kraniologie und sogar der Mathematik, und daß es sich folglich für einen Russen gar nicht lohnt zu leben. Wenn Sie wollen, ist das Charakteristischste daran, daß man jeden logischen Schluß ziehen kann, den man will; aber hingehen und sich in Konsequenz solch eines Schlusses erschießen – das kommt natürlich nicht jeden Tag vor.« »Wenigstens muß man doch seinem Charakter Ehre widerfahren lassen.« »Vielleicht nicht einmal dem allein,« bemerkte Wasin nachgiebig, »aber klar ist, daß damit eine gewisse Dummheit oder Schwachheit verbunden ist. Mich hat das alles erbost.« »Sie haben gestern selbst von Gefühlen gesprochen, Wasin.« »Ich leugne sie auch jetzt nicht: aber angesichts der vollendeten Tatsache erscheint mir etwas in ihr so grob fehlerhaft, daß ein fester und harter Blick auf die Sache selbst das Mitleid ganz unwillkürlich, sagen wir, verdrängt.« »Wissen Sie was: ich hatte es Ihnen schon gleich an den Augen angesehen, daß Sie Kraft tadeln würden, und um Ihre tadelnden Bemerkungen nicht hören zu müssen, beschloß ich, Sie nicht nach Ihrer Meinung zu fragen; aber Sie haben sie von selbst gesagt, und ich bin gezwungen, Ihnen recht zu geben; aber dabei bin ich gleichzeitig unzufrieden mit Ihnen! Mir ist es leid um Kraft.« »Wissen Sie, wir sind weit abgekommen ...« »Ja, ja,« fiel ich ihm ins Wort, »aber tröstlich ist wenigstens das eine, daß in solchen Fällen immer die Überlebenden, die Richter über den Toten, so für sich sagen können: wenn sich da auch ein Mensch erschossen hat, der jedes Mitleids und aller Anerkennung wert war, aber immerhin sind wir übriggeblieben, und also hat's keinen Zweck, groß zu trauern.« »Ja, natürlich, wenn man's von dem Gesichtspunkt ... Ach, aber Sie haben, glaub' ich, nur einen Scherz gemacht! Sehr fein sogar. Ich pflege um diese Zeit Tee zu trinken und werde ihn gleich bestellen; Sie leisten mir wohl Gesellschaft?« Und er ging hinaus und maß dabei meinen Koffer und mein Bündel mit einem Blick. Ich hatte in der Tat etwas recht Boshaftes sagen wollen, um Kraft zu rächen, und hatte es gesagt, so gut ich's verstand; interessant nur, daß er anfangs meinen Gedanken: »es sind Leute wie wir übrig geblieben«, für Ernst nahm. Aber mochte das nun so sein oder nicht, jedenfalls hatte er in allen Punkten mehr recht als ich, sogar in seinen Gefühlen. Ich gestand mir das ohne jegliches Mißvergnügen ein, hatte aber das bestimmte Gefühl, daß ich ihn nicht mochte. Als der Tee kam, erklärte ich ihm, ich bäte ihn um seine Gastfreundschaft, nur für diese eine Nacht; wenn es nicht ginge, sollte er es ruhig sagen, ich würde dann in ein Gasthaus gehen. Dann legte ich ihm in Kürze meine Gründe dar: ich sagte ihm gerade und einfach heraus, daß ich mich mit Wersilow endgültig entzweit hatte, ohne dabei auf Einzelheiten einzugehen. Wasin hörte mir aufmerksam zu, aber ohne sich im geringsten darüber zu erregen. Überhaupt antwortete er nur auf meine Fragen, obgleich er gern und hinreichend ausführlich antwortete. Den Brief übrigens, wegen dessen ich ihn vorher hatte um Rat fragen wollen, verschwieg ich gänzlich, und meinen ersten Besuch erklärte ich als eine einfache Visite. Da ich einmal Wersilow mein Wort gegeben hatte, daß niemand außer mir von diesem Brief erfahren sollte, fühlte ich mich jetzt nicht mehr berechtigt, mit jemand davon zu sprechen. Und mir war es, weiß Gott warum, besonders zuwider, Wasin von manchen Dingen Mitteilung zu machen. Von manchen, – von anderen wieder nicht; so gelang es mir, ihn durch meine Wiedergabe der vorhin stattgefundenen Szenen auf dem Gange und im Zimmer seiner Nachbarinnen, die in Wersilows Wohnung ihren Abschluß gefunden hatten, lebhaft zu interessieren. Er hörte mit großer Aufmerksamkeit zu, besonders dem, was ich von Stebelkow erzählte. Wie Stebelkow mich über den Besuch bei Dergatschow ausgefragt hatte, mußte ich ihm zweimal erzählen, er wurde sogar ganz nachdenklich darüber. Übrigens, trotz alledem brach er schließlich in Lachen aus. Mich dünkte in diesem Moment plötzlich, nichts und niemand könnte Wasin in Verlegenheit bringen; übrigens tauchte der erste Gedanke hierüber, weiß ich noch, in einer für Wasin durchaus schmeichelhaften Form bei mir auf. »Überhaupt, ich konnte nicht viel aus dem entnehmen, was Herr Stebelkow sagte,« schloß ich meinen Bericht über Stebelkow, »er spricht doch recht unklar, möchte ich sagen ... es ist, als ob in ihm etwas Leichtfertiges wäre ...« Wasin machte sogleich ein ernsthaftes Gesicht. »Er beherrscht die Gabe des Wortes tatsächlich nicht, aber es ist ihm doch oft gelungen, gleich auf den ersten Blick sehr treffende Bemerkungen zu machen, und überhaupt – das sind alles mehr Männer der Tat, des Geschäftes, als des Gedankenaustausches; von diesem Standpunkt muß man sie beurteilen ...« Punkt für Punkt, wie ich mir es vorher gedacht hatte. »Aber er hat bei Ihren Nachbarinnen einen schrecklichen Aufstand gemacht, und Gott weiß, was dabei hätte herauskommen können.« Von den Nachbarinnen erzählte mir Wasin, sie lebten seit etwa drei Wochen hier und wären von irgendwo aus der Provinz gekommen; ihr Zimmerchen wäre sehr klein, sie wären allem Anschein nach sehr arm und säßen und warteten auf irgend etwas. Er wußte nicht, daß die jüngere sich in der Zeitung als Lehrerin angeboten hatte, hatte aber gehört, daß Wersilow bei ihnen gewesen war; das war in seiner Abwesenheit geschehen, aber die Wirtin hatte es ihm mitgeteilt. Ganz im Gegenteil hielten sich die Nachbarinnen ängstlich vor jedermann zurück, selbst vor der Wirtin. In den letzten Tagen hätte auch er angefangen zu bemerken, daß bei ihnen wirklich etwas nicht recht in Ordnung sein müßte, aber solche Szenen wie heute hätte es sonst noch nicht gegeben. Das ganze Gespräch zwischen uns über die Nachbarinnen ist mir infolge der späteren Ereignisse im Gedächtnis geblieben; bei den Nachbarinnen selbst, im Nebenzimmer, herrschte derweil eine Totenstille. Mit besonderem Interesse vernahm Wasin, daß Stebelkow es für notwendig erklärt hatte, mit der Wirtin über die Nachbarinnen zu sprechen, daß er zweimal wiederholt hatte: »Sie werden's ja sehen, Sie werden's ja sehen!« »Und Sie werden auch sehen,« fügte Wasin hinzu, »daß ihm das nicht so um nichts und wieder nichts in den Kopf gekommen ist; er hat in der Hinsicht einen sehr scharfen Blick.« »Also meinen Sie, man solle der Wirtin raten, sie hinauszusetzen.« »Nein, ich meine nicht, man sollte sie hinaussetzen, aber irgendeine Geschichte wird dabei herauskommen ... Übrigens, alle solche Geschichten enden immer, so oder so ... Lassen wir das.« Was nun Wersilows Besuch bei den Nachbarinnen anging, so weigerte er sich entschieden, irgendeine Ansicht darüber zu äußern. »Alles ist möglich; ein Mensch fühlt Geld in seiner Tasche ... Es ist übrigens ebenso wahrscheinlich, daß er einfach ein Almosen gegeben hat; das liegt in seinen Gewohnheiten und entspricht vielleicht auch seinen Neigungen.« Ich erzählte, daß Stebelkow vorhin von einem »Säugling« geschwatzt hatte. »Stebelkow irrt sich in diesem Falle gründlich«, sagte Wasin mit besonderem Ernst und besonderer Betonung (und ich sollte das nur zu gut im Gedächtnis behalten). »Stebelkow«, fuhr er fort, »verläßt sich gar zu sehr auf seinen praktischen Menschenverstand und ist deshalb schnell geneigt, Schlüsse zu ziehen, die seiner Logik entsprechen, die häufig sehr durchdringend ist; dabei kann aber der Vorgang in Wahrheit ein viel phantastischeres und unerwarteteres Kolorit haben, wenn man die handelnden Personen in Rechnung zieht. So war es auch hierbei; Stebelkow kannte die Sache teilweise und zog den Schluß, das Kind gehöre Wersilow; aber das Kind ist nicht von Wersilow.« Ich drang weiter in ihn und erfuhr zu meinem größten Erstaunen: das Kind stamme von Fürst Sergej Sokolskij. Lydia Achmakowa hatte, infolge ihrer Krankheit, oder auch einfach ihrer phantastischen Charakteranlage, manchmal wie eine Geistesgestörte gehandelt. Sie war, noch bevor Wersilow an die Reihe kam, in den Fürsten verliebt gewesen, und der Fürst »hatte kein Bedenken getragen, ihre Liebe anzunehmen«, wie Wasin sich ausdrückte. Das Verhältnis dauerte nur ganz kurze Zeit: sie entzweiten sich, wie schon bekannt, und Lydia gab dem Fürsten den Laufpaß, »worüber dieser anscheinend ganz froh war«. – »Sie war ein sehr sonderbares Mädchen,« fügte Wasin hinzu, »es ist sogar sehr leicht möglich, daß sie nicht immer ganz bei Vernunft war.« – Aber als er nach Paris abreiste, hatte der Fürst keine Ahnung davon, in welchem Zustande er sein Opfer zurückließ, er wußte es bis ganz zum Schluß nicht, bis er wieder zurückkam. Wersilow, der der Freund der jungen Dame geworden war, bot ihr die Ehe mit ihm an, eben im Hinblick auf den erwähnten Zustand (von dem vermutlich auch ihre Eltern fast bis zum Schluß keine Ahnung hatten). Das verliebte junge Ding war begeistert und sah in Wersilows Antrag »nicht nur seine Selbstaufopferung allein«, die sie übrigens auch zu würdigen wußte. – »Übrigens, natürlich, er verstand die Sache schon anzufassen«, fügte Wasin hinzu. Das Kind (ein Mädchen) wurde einen Monat oder sechs Wochen vor der Zeit geboren, es wurde zuerst irgendwo in Deutschland untergebracht, dann aber hätte es Wersilow wiedergeholt, und jetzt wäre es irgendwo in Rußland, vielleicht auch in Petersburg. »Und die Phosphorzündhölzer?« »Darüber weiß ich nichts,« schloß Wasin, »Lydia Achmakowa starb vierzehn Tage nach ihrer Niederkunft: was da eigentlich geschehen ist, das weiß ich nicht. Der Fürst, der gerade aus Paris zurückgekommen war, erfuhr, daß sie ein Kind gehabt hatte und glaubte scheinbar zuerst nicht, daß es von ihm sei ... Überhaupt wird diese Geschichte allerseits geheimgehalten, auch heute noch.« »Aber was ist der Fürst für ein Mensch!« rief ich unwillig, »was für ein Benehmen gegen ein krankes Mädchen!« »Sie war damals noch nicht so krank ... Außerdem hatte sie ihm selbst den Laufpaß gegeben. Es ist ja richtig, er hat vielleicht ein bißchen gar zu eilig von seiner Verabschiedung Gebrauch gemacht.« »Sie wollen einen solchen Schurken noch rechtfertigen?« »Nein, ich nenne ihn nur nicht einen Schurken. Dahinter steckt noch vieles andere, außer der einfachen Schurkenhaftigkeit. Überhaupt ist das eine ziemlich außergewöhnliche Sache.« »Sagen Sie, Wasin, Sie haben ihn näher gekannt? Ich hätte eine ganz besonders große Lust, Ihre Meinung über ihn zu erfahren im Hinblick auf einen Umstand, der mich sehr nahe angeht.« Aber hierauf antwortete Wasin schon in gewissem Sinne gar zu zurückhaltend. Den Fürsten kannte er, aber unter welchen Umständen er seine Bekanntschaft gemacht hatte – das verschwieg er mit offenbarer Absichtlichkeit. Weiterhin teilte er mir mit, jener verdiente im Hinblick auf seinen Charakter eine gewisse Nachsicht. »Er ist von anständigem Streben erfüllt und eindrucksfähig, besitzt aber nicht eben viel Urteil und Willenskraft und kann daher seine Begierden nicht ausreichend zügeln. Er ist ein ungebildeter Mensch; eine ganze Menge von Ideen und Erscheinungen gehen über seine Kraft, aber dabei stürzt er sich auf sie. Er wird Ihnen zum Beispiel aufdringlich etwa so etwas vorerzählen: ›Ich bin Fürst und stamme von Riurik ab; aber warum soll ich nicht Schustergeselle werden, wenn ich mir mein Brot verdienen muß und zu nichts anderem fähig bin? Auf meinem Schild wird stehen; Fürst Soundso, Schuster – das ist sogar vornehm.‹ Er wird das sagen und wird es auch tun, – und das ist die Hauptsache,« fügte Wasin hinzu, »aber dabei steckt nicht die geringste starke Überzeugung dahinter, sondern nur die leichtsinnigste Eindrucksfähigkeit, ein Hingeben an die augenblickliche Stimmung. Deshalb tut es ihm nachher sicherlich sehr bald wieder leid, und dann ist er immer bereit, in irgendein ganz entgegengesetztes Extrem zu verfallen; darin ist sein ganzes Leben beschlossen. In unserer Zeit sind schon viele Leute auf die Art in die Klemme geraten,« schloß Wasin, »eben, weil sie in unserer Zeit geboren sind.« Ich verfiel unwillkürlich in Gedanken. »Ist es wahr, daß er aus seinem Regiment mit schlichtem Abschied entlassen wurde?« erkundigte ich mich. »Ich weiß nicht, ob er entlassen wurde, aber er verließ das Regiment tatsächlich wegen Unannehmlichkeiten. Ist es Ihnen bekannt, daß er im vorigen Herbst, eben als er schon verabschiedet war, zwei oder drei Monate in Luga verbracht hat?« »Ich ... ich weiß, daß Sie damals in Luga lebten.« »Ja, eine Zeitlang auch ich. Der Fürst war auch mit Lisaweta Makarowna bekannt.« »So? Das hab' ich nicht gewußt. Ich muß gestehen, ich habe mich noch so wenig mit meiner Schwester unterhalten ... Aber er ist doch wohl nicht, bei meiner Mutter im Hause empfangen worden?« rief ich. »O nein, dazu war er ein zu entfernter Bekannter, vom dritten Ort her.« »Ja, mir ist, als hätte meine Schwester mir auch von diesem Kinde gesprochen? War dies Kind am Ende auch in Luga?« »Eine Zeitlang.« »Und wo ist es jetzt?« »Sicherlich in Petersburg.« »Nie im Leben glaub' ich das,« rief ich außerordentlich erregt, »daß meine Mutter irgendeinen Teil an der Geschichte gehabt haben sollte, mit dieser Lydia!« »In dieser Geschichte hat, abgesehen von allen diesen Intrigen, die zu entwirren ich nicht unternehmen möchte, Wersilows Rolle eigentlich an sich nichts besonderes Anstößiges«, bemerkte Wasin, nachsichtig lächelnd. Ich glaube, es wurde ihm schwer, mit mir zu sprechen, aber er wollte sich nichts davon merken lassen. »Nie, nie werd' ich's glauben,« schrie ich wieder, »daß eine Frau ihren Mann einer anderen Frau abtreten könnte, das glaub' ich einfach nicht! ... Ich kann schwören, daß meine Mutter daran keinen Teil gehabt hat!« »Es scheint aber doch, daß sie keinen Einspruch erhoben hat.« »Ich hätte an ihrer Stelle schon aus Stolz allein keinen Einspruch erhoben!« »Ich für mein Teil enthalte mich völlig jedes Urteils in einer solchen Sache«, schloß Wasin. Wirklich hatte Wasin vielleicht, bei allem seinem Verstand, gar keinen Begriff von den Frauen, so daß ein ganzer Kreis von Ideen und Erscheinungen ihm unbekannt geblieben war. Ich verstummte. Wasin war zu der Zeit bei einer Aktiengesellschaft angestellt, und ich wußte, daß er Arbeit nach Hause mitzunehmen pflegte. Auf meine dringliche Frage gestand er, daß er auch heute eine Arbeit vorhätte – irgendwelche Berechnungen, und ich bat ihn aufs dringendste, meinetwegen keine Umstände zu machen. Das freute ihn, glaub' ich, sehr; aber bevor er sich an seine Papiere setzte, machte er sich dran, mir ein Bett auf dem Diwan zu richten. Erst bot er mir sein Bett an, als ich das aber nicht annahm, schien ihn das auch recht zu freuen. Die Wirtin mußte ein Kissen und eine Decke hergeben; Wasin war überaus liebenswürdig und freundlich, aber mir war es, möcht' ich sagen, schwer, zuzusehen, wie er sich so um mich bemühte. Ich hatte es viel netter gefunden, als ich einmal, drei Wochen vorher, ganz unerwartet bei Jefim auf der Petersburger Seite übernachtete. Ich dachte daran, wie er mir damals ein Bett gemacht hatte, auch auf dem Diwan, ganz leise und heimlich, damit es seine Tante nicht hörte; denn er glaubte, ich weiß nicht warum, sie könnte böse werden, wenn sie erführe, daß Freunde bei ihm übernachteten. Wir hatten sehr viel gelacht, statt eines Lakens hatte ein Hemd gedient, statt des Kopfkissens ein zusammengelegter Paletot. Sweriow hatte, als wir mit dieser Arbeit fertig waren, liebevoll auf den Diwan geklopft und zu mir gesagt: »Vous dormirez comme un petit roi.« Und seine alberne Lustigkeit und die französische Phrase, die zu ihm paßte wie der Sattel auf die Kuh, hatten bewirkt, daß ich mich damals mit dem größten Genuß bei diesem Hanswurst ausgeschlafen hatte. Was Wasin betrifft, so war ich außerordentlich froh, als er sich endlich mit dem Rücken zu mir an seine Arbeit gesetzt hatte. Ich streckte mich auf dem Diwan aus, betrachtete seinen Rücken und dachte lange und über so mancherlei nach.   3 Und ich hatte wahrhaftig Stoff zum Nachdenken. In meinem Innern war eine große Unruhe, doch war es nichts Ganzes; aber einige Empfindungen traten sehr bestimmt hervor, obschon mich nicht eine ganz mit sich fortriß, weil sie so zahlreich waren. Alles tauchte wie ohne Zusammenhang und Reihenfolge auf, und ich selber, weiß ich noch, hatte durchaus keine Lust, bei irgend etwas haltzumachen oder die Sachen in eine Reihenfolge zu bringen. Sogar die Idee von Kraft trat unmerklich in die zweite Reihe zurück. Mehr als alles andere erregte mich meine eigene Situation, daß ich jetzt ja schon »mit allem gebrochen« hatte, daß ich meinen Koffer bei mir hatte, daß ich nicht zu Hause war, daß etwas ganz Neues anfing. Ganz als wären meine Absichten und Vorbereitungen bisher nur Spaß gewesen, und, »erst jetzt auf einmal, und, was die Hauptsache war, ganz plötzlich , hätte alles erst in Wirklichkeit begonnen«. Diese Idee ermunterte mich, und so unruhig es auch aus vielerlei Gründen in meiner Seele aussah, sie machte mich sogar fröhlich. Aber ... aber ich hatte auch noch andere Empfindungen; eine von ihnen wollte sich ganz besonders unter den anderen hervordrängen und sich meiner Seele bemächtigen, und sonderbar, auch diese Idee ermunterte mich, rief mich wie zu einer schrecklichen Fröhlichkeit auf. Und doch ging sie von einer Angst aus: ich fürchtete schon längst, von vorhin schon, ich könnte in meiner Hitze und Unbesonnenheit gegen die Achmakowa wegen des Dokumentes etwas zu deutlich geworden sein. Ja, ich habe zuviel gesagt, dachte ich, und sie werden vielleicht irgend etwas vermuten ... Schlimm! Sie werden mir natürlich keine Ruhe lassen, wenn sie erst Verdacht schöpfen, aber ... meinetwegen! Vielleicht werden sie mich auch gar nicht finden – ich werde mich verbergen! Und was macht's, wenn sie auch wirklich hinter mir herzu jagen beginnen ... Und da erinnerte ich mich bis zum kleinsten Zuge und mit wachsendem Vergnügen daran, wie ich vorhin vor Katerina Nikolajewna gestanden hatte und wie ihre dreisten, aber schrecklich erstaunten Augen mich so recht trotzig gemustert hatten. Und als ich hinausgegangen war, hatte ich sie in diesem Erstaunen zurückgelassen, auch daran dachte ich; ihre Augen sind übrigens nicht ganz schwarz ... nur die Wimpern sind sehr schwarz, deshalb erscheinen auch die Augen so dunkel ... Und dann auf einmal, weiß ich noch, empfand ich einen Ekel bei dieser Erinnerung ... ich spürte Übelkeit und Zorn, gegen sie und gegen mich. Ich warf mir etwas vor und gab mir Mühe, an etwas anderes zu denken. Warum fühle ich nicht den geringsten Unwillen gegen Wersilow wegen der Geschichte mit der Nachbarin? ging's mir auf einmal durch den Kopf. Ich für meinen Teil war fest überzeugt, daß er dort eine Liebhaberrolle gespielt hatte und hingekommen war, um sich zu amüsieren, aber eigentlich erregte mich das nicht. Mir schien sogar, anders könnte man ihn sich überhaupt nicht vorstellen, und ich war ja in der Tat froh, daß er blamiert worden war, aber ich klagte ihn nicht an. Nicht das war mir das Wichtige dabei, das Wichtige war mir, daß er mich so böse angesehen hatte, als ich mit der Nachbarin eingetreten war, mich so angesehen hatte, wie noch nie. Endlich einmal hat auch er mich ernst angesehen! dachte ich mit stockendem Pulsschlag. Oh, wenn ich ihn nicht geliebt hätte, ich hätte mich wohl nicht so über seinen Haß gefreut! Endlich entschlummerte ich und schlief schließlich fest ein. Ich erinnere mich nur noch, halb im Schlafe gesehen zu haben, wie Wasin nach Beendung seiner Arbeit alles ordentlich zusammenräumte und, nachdem er scharf nach meinem Diwan herübergeschaut, sich auszog und das Licht löschte. Das war um ein Uhr nachts.   4 Fast auf die Minute zwei Stunden später fuhr ich wie ein Halbverwirrter aus dem Schlaf und setzte mich auf meinem Diwan auf. Hinter der Tür zu den Nachbarinnen erscholl schreckliches Schreien, Weinen und Heulen. Unsere Tür stand angelweit offen, und auf dem Gange, der schon erleuchtet war, schrien und liefen Leute. Ich wollte Wasin anrufen, erriet aber, daß er nicht mehr im Bette sein würde. Ich wußte nicht, wo ich Zündhölzer finden sollte, ich tastete mich also zu meinen Kleidern hin und begann mich hastig im Dunkeln anzuziehen. Augenscheinlich eilte alles zu den Nachbarinnen, die Wirtin und wohl auch die anderen Mitbewohner. Übrigens heulte nur eine Stimme, eben die der bejahrten Nachbarin, – die junge Stimme von gestern, die ich nur zu gut im Gedächtnis hatte, blieb gänzlich stumm; ich weiß noch, daß dies der erste Gedanke war, der mir damals durch den Kopf ging. Ich hatte noch nicht Zeit gehabt, mich anzuziehen, als Wasin eilig eintrat; in einem Moment hatte er mit seiner gewohnten Hand die Zündhölzer gefunden und machte Licht im Zimmer. Er war in Unterwäsche und Schlafrock mit Pantoffeln und begann sich sogleich anzuziehen. »Was ist passiert?« schrie ich. »Eine sehr unangenehme Sache, die auch ungeheure Weitläufigkeiten mit sich bringt!« erwiderte er fast wütend. »Meine junge Nachbarin, von der Sie mir erzählten, hat sich in ihrem Zimmer erhenkt.« Ich schrie nur so auf. Ich kann nicht beschreiben, wie mein Inneres aufschluchzte! Wir liefen auf den Gang hinaus. Ich muß gestehen, ich traute mich nicht, zu den Nachbarinnen hineinzugehen und sah die Unglückliche erst nachher, als sie schon heruntergenommen war, und auch da, aufrichtig gestanden, nur aus einiger Entfernung. Sie war mit einem Laken bedeckt, aus dem die zwei Schmalen Sohlen ihrer Schuhe hervorsahen. So habe ich ihr auch, ich weiß nicht warum, nicht ins Gesicht gesehen. Ihre Mutter war in schrecklicher Verfassung, bei ihr war unsere Wirtin, die übrigens sehr wenig erschrocken war. Alle Zimmermieter drängten sich gleichfalls um sie herum. Es waren ihrer nicht viele, nur ein alter Seemann, der immer sehr brummig und anspruchsvoll war, jetzt aber doch ganz still geworden war, und ein paar Fremde aus dem Gouvernement Twer, ein altes Ehepaar, sehr achtbare Leute, er war Beamter oder so was. Ich will den Rest dieser Nacht nicht beschreiben, die Laufereien und nachher die offiziellen Besuche; bis es hell wurde zitterte ich buchstäblich wie im kalten Fieber und hielt es für meine Pflicht, mich nicht wieder hinzulegen, obgleich ich im übrigen gar nichts tat. Und alle Leute sahen so besonders munter und mutig aus, ja sogar, als fühlten sie sich förmlich angeregt. Wasin fuhr sogar irgendwohin. Die Wirtin erwies sich als eine recht achtungswerte Frau, viel besser als ich erwartet hätte. Ich machte ihr klar (und das rechne ich mir zur Ehre), daß man die Mutter nicht so dalassen könnte, allein mit der Leiche der Tochter, und daß sie sie wenigstens bis morgen in ihr Zimmer hinübernehmen müßte. Sie war sofort einverstanden, und soviel sich die Mutter auch wehrte und weinte und sich weigerte, die Leiche zu verlassen, endlich ging sie doch zur Wirtin hinüber, die sogleich den Samowar aufstellen ließ. Dann gingen auch die Mitbewohner in ihre Zimmer hinein, aber ich wollte mich trotzdem um keinen Preis hinlegen und saß lange bei der Wirtin, die sogar froh war, daß noch ein Dritter da war, der von seiner Seite sogar manches auf die Sache Bezügliche mitteilen konnte. Der Samowar kam uns sehr zustatten, und überhaupt ist der Samowar für einen Russen das unentbehrlichste Ding auf der Welt, eben gerade bei allen Katastrophen und Unglücksfällen, besonders bei schrecklichen, plötzlichen und exzentrischen; selbst die Mutter trank zwei Täßchen, natürlich erst, nachdem wir sie lange gebeten und fast mit Gewalt dazu gezwungen hatten. Und dabei habe ich, ganz aufrichtig gesprochen, niemals einen härteren und direkteren Kummer gesehen, als da ich diese Unglückliche ansah. Nach den ersten Ausbrüchen von Schluchzen und hysterischen Weinkrämpfen begann sie geradezu mit einer Art von Lust davon zu erzählen, und ich hörte ihre Erzählung gierig an. Es gibt Unglückliche, besonders unter den Frauen, die man in solchen Fällen sogar möglichst viel reden lassen muß. Außerdem gibt es Charaktere, die vom Kummer sozusagen schon ganz zertreten sind, die lange, ihr ganzes Leben gelitten haben, die ungeheuer viel und großen Kummer erlitten haben, und immer um kleinliche Dinge; Charaktere, die man schon durch nichts mehr in Erstaunen setzen kann, durch keinerlei plötzliche Katastrophen, und was die Hauptsache ist, Charaktere, die selbst am Sarge des geliebtesten Wesens nicht eine der so teuer erworbenen Regeln für den überdienstfertigen Umgang mit Menschen vergessen. Und ich verurteile sie nicht; das ist nicht häßlicher Egoismus, nicht Mangel an innerem Feingefühl; in solchen Herzen kann man vielleicht mehr Gold finden als bei den scheinbar edelsten Heroinen, aber die Gewohnheit der jahrelangen Erniedrigung, der Selbsterhaltungstrieb, die jahrelange Einschüchterung und Niedergedrücktheit fordern schließlich ihr Recht. Die arme Selbstmörderin hatte darin ihrer Mutter nicht geglichen. Von Angesicht sahen sich, glaub' ich übrigens, beide ähnlich, obschon die Verstorbene entschieden ganz hübsch war. Ihre Mutter war eine durchaus noch nicht alte Frau, höchstens etwa fünfzig, ebenso hellblond, aber mit eingesunkenen Augen und Wangen und gelben, großen, unregelmäßigen Zähnen. Überhaupt hatte alles an ihr einen gelben Schein, die Haut ihres Gesichts und ihrer Hände sah aus wie Pergament; ihr dunkles Kleid war vor Alter auch schon ganz vergilbt, und der Nagel am Zeigefinger der rechten Hand war, ich weiß nicht warum, sorgfältig und akkurat mit gelbem Wachs beklebt. Die Erzählung der armen Frau war stellenweise zusammenhanglos. Ich will sie wiedergeben, wie ich sie selbst verstanden habe, und was mir davon im Gedächtnis geblieben ist.   5 Sie waren aus Moskau gekommen. Sie war schon lange verwitwet, »aber doch immerhin Hofrätin«, ihr Mann war Beamter gewesen und hatte fast nichts hinterlassen, »außer, allerdings, einer Pension von zweihundert Rubeln«. Na, was sind zweihundert Rubel? Sie hatte aber Olla doch gut erzogen und sie aufs Gymnasium geschickt ... »Und was sie für eine gute Schülerin war, was für eine gute Schülerin; die silberne Medaille hat sie bei der Entlassung bekommen ...« (Hier gab es natürlich viele Tränen.) »Mein seliger Mann hatte an einen hiesigen Petersburger Kaufmann ein Kapital von beinahe viertausend Rubel verloren. Auf einmal wurde dieser Kaufmann wieder reich; ich habe Dokumente, ich erkundigte mich, man sagte mir, ich sollte ihn nur belangen, ich würde sicherlich alles bekommen ... Ich wandte mich auch an ihn, und er schien einverstanden zu sein; ich sollte selber hinfahren, riet man mir. Ich machte mich also mit Olla auf die Reise, seit einem Monat schon sind wir hier. Was haben wir groß für Mittel? Wir nahmen dies Zimmerchen, weil es das kleinste von allen war, und dann war es in einem anständigen Hause, das sahen wir ja selber, und das war uns ja die Hauptsache: wir sind ja unerfahrene Frauen, uns kann jeder beleidigen. Na, wir bezahlten Ihnen für einen Monat voraus, na und anderes, Petersburg ist ja so furchtbar teuer. Aber unser Kaufmann sagte einfach, es fiele ihm nicht ein. ›Kennen kenn' ich Sie nicht, wissen weiß ich von nichts‹, und mein Dokument ist nicht richtig in Ordnung, das sehe ich ja selber ein. Na, und da gibt man mir den Rat, ich soll zu einem bekannten Anwalt gehen; er war ein Professor, nicht so ein einfacher Anwalt, sondern ein Jurist, damit er mir ganz sicher sagen könnte, was ich tun sollte. Ich trug also meine letzten fünfzehn Rubel zu ihm hin. Der Anwalt kam heraus, ließ mich drei Minuten reden und hörte nicht zu: ›Ich seh' schon,‹ sagte er, ›ich weiß schon,‹ sagt er, ›wenn Ihr Kaufmann will, zahlt er, wenn er nicht will, zahlt er nicht, und wenn Sie prozessieren, müssen Sie am Ende auch noch die Kosten zahlen; das gescheiteste ist, Sie vergleichen sich.‹ Und damit komplimentiert er mich hinaus und lacht noch. Meine fünfzehn Rubel waren hin! Ich komme zu Olla, wir sitzen zusammen, ich fing zu weinen an. Sie weint nicht; sie sitzt so ... so stolz da, unwillig. Und immer ist sie so zu mir gewesen, ihr Leben lang, auch als sie noch klein war, nie hat sie gejammert, nie hat sie geweint, sie sitzt nur da und schaut so streng; es tat mir direkt weh, sie anzusehen. Und werden Sie's mir glauben: ich hatte Angst vor ihr, richtige Angst, schon lange hatte ich Angst vor ihr, und manchmal hätte ich schon losweinen mögen, aber ich traute mich nicht in ihrer Gegenwart. Ich ging zum letztenmal zu dem Kaufmann und weinte herzbrechend bei ihm. ›Schön‹, sagt er und hört mir nicht einmal zu. Und dabei, muß ich Ihnen gestehen, hatten wir nicht gerechnet, lange hierbleiben zumüssen, und so saßen wir schon lange ohne Geld. Ich fing allmählich an, von unseren Kleidern fortzutragen: was wir versetzten, davon lebten wir. Alle unsere Sachen hatten wir versetzt; schließlich gab sie mir ihre letzte Wäsche, und da fing ich bitterlich zu weinen an. Sie stampfte mit dem Fuß, sprang auf und lief selber zu dem Kaufmann. Er ist Witwer und sagte zu ihr: ›Kommen Sie übermorgen um fünf, vielleicht kann ich Ihnen dann was sagen.‹ Sie kam wieder, ganz froh: ›Na,‹ sagt sie, ›vielleicht sagt er mir was Gutes.‹ Na, ich bin denn auch froh, nur ein bißchen Herzklopfen hatte ich dabei: irgend etwas dacht' ich, wird doch geschehen; aber sie auszufragen traute ich mich nicht. Und den zweiten Tag darauf kommt sie von dem Kaufmann zurück, bleich, am ganzen Leibe zitternd, sie wirft sich auf das Bett – ich verstand alles und traute mich nicht zu fragen. Was glauben Sie wohl? Er hatte ihr fünfzehn Rubel angeboten, der Räuber, und ihr gesagt: ›Wenn ich merke,‹ sagte er, ›daß Sie ganz ehrliche Absichten haben, dann kriegen Sie noch vierzig Rubel.‹ Das sagte er ihr gerade ins Gesicht, er schämte sieh nicht. Sie stürzte sich gleich auf ihn, hat sie mir erzählt, aber er stieß sie zurück und schloß sich im Nebenzimmer sogar vor ihr ein. Und dabei hatten wir, ich schwör's Ihnen auf Ehre und Gewissen, beinah nichts zu essen. Wir trugen eine Jacke fort, sie war mit Hasenfell gefüttert, und verkauften sie, dann ging sie zur Zeitung und inserierte: sie gäbe Unterricht in allen Wissenschaften und der Arithmetik. ›Wenigstens dreißig Kopeken‹, sagte sie, ›wird man doch für die Stunde bekommen.‹ Und zuletzt, Liebste, hatte ich schon ordentlich ein Grausen vor ihr: sie redet kein Wort mit mir, sie sitzt stundenlang am Fenster, schaut das Dach des Hauses drüben an und schreit auf einmal: ›Wenn ich doch Wäsche waschen könnte, wenn ich doch Sand karren könnte!‹ Und nur so ein paar Worte schreit sie und stampft mit dem Fuße. Und keinen einzigen Bekannten haben wir hier, niemand, an den wir uns wenden könnten. Was sollen wir anfangen? denk' ich. Aber mit ihr zu reden hab' ich immer Angst. Einmal am Tage schläft sie, erwacht, macht die Augen auf und schaut mich an; ich sitze auf dem Koffer und schaue sie an; sie stand schweigend auf, kam zu mir hin, umarmte mich fest, fest, und da konnten wir uns beide nicht mehr halten und fingen an zu weinen, wir sitzen und weinen und lassen uns nicht aus den Armen. Zum erstenmal war sie so in ihrem ganzen Leben. Und so sitzen wir miteinander, und Ihre Nastasia kommt herein und sagt: ›Eine Dame fragt da nach Ihnen und erkundigt sich nach Ihnen.‹ Das ist jetzt vier Tage her. Die Dame kommt herein: wir sehen, sie ist sehr fein angezogen, sie spricht ja Russisch, hat aber so eine deutsche Aussprache: ›Sie‹, sagt sie, ›haben in der Zeitung inseriert, daß Sie Stunden geben?‹ – Ach hatten wir da eine Freude, wir nötigten sie zum Sitzen, und sie lacht so freundlich: ›Nicht zu mir,‹ sagt sie, ›aber meine Nichte hat kleine Kinder, wenn Sie wollen, bemühen Sie sich zu mir, dort können wir das Nähere besprechen.‹ Sie gab uns ihre Adresse, bei der Wosnesenskij-Brücke, Nummer soundso, Wohnung Nummer soundso. Dann ging sie. Oletschka machte sich auf, am selben Tag noch lief sie hin, und was denken Sie – sie kommt nach zwei Stunden wieder und hat einen Weinkrampf, es schüttelte sie nur so. Nachher erzählte sie mir's: ›Ich frage‹, sagt sie, ›beim Hausmeister: wo ist die Wohnung Nummer soundso?‹ Der Hausmeister, sagt sie, schaute mich so an: ›Und was‹, sagt er, ›haben Sie denn in der Wohnung verloren?‹ So sonderbar sagte er das, daß man eigentlich schon hätte stutzig werden müssen. Und sie war schon bei mir zu Hause immer so stolz, so ungeduldig, solches Ausfragen und solche Grobheit waren ihr unerträglich. ›Da, marsch‹, sagt er und stößt sie mit dem Finger nach der Treppe zu und dreht sich um und geht in sein Zimmer. Und was denken Sie wohl? Sie kommt hinein, erkundigt sich, und auf einmal kommen von allen Seiten Frauenspersonen gelaufen: ›Bitt' schön, bitt' schön!‹ – Lauter Frauenspersonen, sie lachen, sie stürzen auf sie zu, angemalte schlechte Frauenzimmer, sie spielen Klavier, schleppen sie hinein. ›Ich‹, sagt sie, ›will hinaus, aber sie lassen mich nicht.‹ Da bekam sie furchtbare Angst, die Knie knickten ihr ein, sie ließen sie einfach nicht fort, sie reden freundlich auf sie ein, machen Porter auf, geben ihr, nötigen sie zu trinken. Da springt sie auf und schreit in äußerster Angst, zitternd: ›Lassen Sie mich, lassen Sie mich!‹ Sie stürzt sich zur Tür, die Tür gibt nicht nach, sie schreit; da kommt die, die bei uns gewesen, schlägt meine Olla zweimal ins Gesicht und stößt sie zur Tür hinaus: ›Du verdienst nicht, in einem feinen Hause zu sein, du altes Bockfell!‹ Und eine andere schreit ihr auf die Treppe hinaus nach: ›Du bist selber zu uns gekommen und hast uns gebeten, weil du nichts zu fressen hast, wir hätten uns wohl um so eine grausliche Fratze nicht gerissen!‹ – Die ganze Nacht darauf lag sie im Fieber, sie phantasierte, und am Morgen funkeln ihre Augen, sie steht auf, geht umher: ›Ich bring sie vor Gericht,‹ sagt sie, ›vor Gericht!‹ Ich sage nichts: na, denk' ich, was willst du auf dem Gericht erreichen, was kannst du da beweisen? Sie geht hin und her, ringt die Hände, ihre Tränen fließen, aber die Lippen hat sie zusammengepreßt, unbeweglich. Und ihr Gesicht war von der Minute an finster und blieb es bis zum Ende. Am dritten Tag wurde ihr leichter, sie schweigt, als hätte sie sich beruhigt. Und eben an dem Tag, um vier Uhr nachmittags, suchte uns auch Herr Wersilow auf.« »Und ich sag' es ganz grade heraus: ich verstehe bis heute nicht, daß Olla, die doch so mißtrauisch war, damals fast vom ersten Worte an auf ihn hörte. Mehr als alles andere machte es damals einen guten Eindruck auf uns, daß er so ernst aussah, streng sogar: er spricht ruhig, geht ausführlich auf alles ein und ist die ganze Zeit so höflich, – was sag' ich, höflich, direkt ehrerbietig, und dabei sieht man gleich, daß er nicht das mindeste sucht: man sieht auf den ersten Blick, dieser Mensch ist aus reinem und gutem Herzen gekommen. ›Ich habe‹, sagt er, ›Ihr Inserat in der Zeitung gelesen, Sie‹, sagt er, ›haben es nicht ganz richtig abgefaßt, mein Fräulein, so daß Sie sich direkt dadurch schaden können.‹ Und dann fing er ihr das zu erklären an; aufrichtig gestanden, ich hab' es nicht so recht begriffen, er sagte irgend was von Arithmetik oder so, ich sah nur, Olla wurde rot und belebte sich förmlich, sie hörte ihm zu und fing so lebhaft mit ihm zu sprechen an (und er muß ja auch wohl ein kluger Mensch sein!), und ich hörte sogar, wie sie sein Erscheinen segnete. Er fragte sie so umständlich nach allem aus, es erwies sich, daß er lange in Moskau gelebt haben mußte, und auch die Direktorin von dem Gymnasium kannte er persönlich. ›Stunden‹, sagte er, ›kann ich Ihnen sicherlich verschaffen, denn ich habe hier sehr viele Bekannte, und kann sogar sehr viele einflußreiche Persönlichkeiten darum bitten; wenn Sie also eine Stellung wünschen, würde sich selbst dafür etwas tun lassen ... aber fürs erste,‹ sagte er, ›entschuldigen Sie, wenn ich eine ganz offene Frage an Sie richte: kann ich Ihnen in diesem Augenblick nicht mit irgend etwas dienen? Nicht ich erweise Ihnen,‹ sagte er, ›sondern Sie erweisen mir einen Gefallen, wenn Sie mir erlauben, Ihnen in irgendeiner Beziehung nützlich zu sein. Sehen Sie das‹, sagt er, ›meinetwegen als eine Schuld an, und sobald sie eine Stelle haben, können wir ja in kürzester Frist miteinander abrechnen. Wenn ich selber, glauben Sie das meiner Ehre, jemals in so eine Notlage geriete, und Sie wären, im Gegenteil, in guten Verhältnissen, – so würde ich einfach um so eine kleine Hilfe zu Ihnen kommen, und auch meine Frau und meine Tochter würde ich zu Ihnen schicken‹ ... Das heißt, ich weiß nicht mehr alle seine Worte, ich weiß nur, mir kamen die Tränen in die Augen, und dann sah ich, auch Olla zittern die Lippen vor Dankbarkeit: ›Wenn ich es annehme,‹ antwortete sie ihm, ›so tu' ich es, weil ich Vertrauen zu einem ehrlichen und humanen Menschen habe, der mein Vater sein könnte‹ ... Sehr schön sagte sie es ihm da, kurz und edel: ›einem humanen Menschen‹, sagte sie. Er stand dann gleich auf: ›unbedingt,‹ sagte er, ›unbedingt verschaffe ich Ihnen Stunden und eine Stelle; heute am Tage noch tu' ich Schritte, denn Sie haben ja ein vollkommen ausreichendes Befähigungszeugnis dafür‹ ... Ach, ich habe zu erzählen vergessen, daß er gleich ganz im Anfang, als er eben gekommen war, alle ihre Zeugnisse vom Gymnasium angesehen hatte, sie hatte sie ihm gezeigt, und er selbst hatte sie in verschiedenen Fächern examiniert... ›Siehst du, Mamachen,‹ sagte Olla nachher zu mir, ›er hat mich in allen Fächern examiniert, und was für ein kluger Mensch er ist,‹ sagte sie, ›man trifft nicht oft so einen hochgebildeten Menschen.‹ Und dabei strahlte sie nur so. Die sechzig Rubel liegen auf dem Tische: ›nimm sie, Mamachen,‹ sagte sie, ›ich krieg' eine Stelle, das soll das erste sein, was wir so schnell wie möglich zurückzahlen, wir wollen beweisen, daß wir ehrliche Menschen sind, und daß wir Zartgefühl besitzen, das hat er schon gesehen.‹ Dann schwieg sie eine Zeitlang, ich sehe, sie denkt nach und atmet so tief: ›Weißt du, Mamachen,‹ sagt sie auf einmal zu mir, ›wenn wir plump und unfein wären, – dann hätten wir es vielleicht, stolz wie wir sind, von ihm nicht angenommen, und eben dadurch, daß wir es jetzt angenommen haben, eben dadurch haben wir ihm unser Feingefühl bewiesen, daß wir ihm in allen Stücken vertrauen als einem ehrenhaften Manne in höheren Jahren, nicht wahr?‹ Ich verstand sie zuerst nicht so recht: ›Warum,‹ sag' ich, ›Olla, sollte man von einem edeln und reichen Manne keine Wohltat annehmen, wenn er außerdem ein gutherziger Mensch ist?‹ – Sie machte mir ein finsteres Gesicht: ›Nein, Mamachen,‹ sagt sie, ›das ist es nicht, daß wir eine Wohltat nötig haben, aber seine Humanität‹, sagt sie, ›ist das Wertvolle daran. Und das Geld hätten wir lieber gar nicht annehmen sollen, Mamachen: wenn er versprochen hat, mir eine Stelle zu verschaffen, so ist das auch schon genug ... mögen wir auch in Not sein.‹ – ›Na,‹ sag' ich, ›Olla, unsere Not ist wirklich so groß, daß wir gar nicht nein sagen konnten‹, ich lachte sogar, als ich das sagte. Na, ich freute mich so still für mich, aber nach einer Stunde machte sie mir ein bißchen Angst: ›Mamachen,‹ sagt sie, ›warte noch, bevor du was von dem Geld ausgibst.‹ Ganz bestimmt sagte sie das. ›Wieso?‹ sag' ich. ›So,‹ sagt sie, – bricht ab und verstummt. Den ganzen Abend war sie stumm; erst in der Nacht, um zwei Uhr, wie ich aufwache, hör' ich, Olla wälzt sich in ihrem Bett: ›Bist du wach, Mamachen?‹ – ›Ja,‹ sag' ich, ›ich bin wach.‹ – ›Weißt du was,‹ sagt sie, ›er wollte mich doch nur beleidigen.‹ – ›Was hast du nur, was hast du nur?‹ sag' ich. – ›Selbstverständlich ist es so,‹ sagt sie, ›das ist ein schlechter Mensch,‹ sagt sie, ›daß du mir keine Kopeke von seinem Geld ausgibst.‹ Ich wollte ihr zureden, ich fing sogar da im Bett zu weinen an, – sie drehte sich zur Wand: ›Schweig,‹ sagt sie, ›laß mich schlafen!‹ Am Morgen seh' ich sie an, sie geht umher und sieht sich selbst nicht gleich; und mögen Sie's glauben oder nicht, vor Gottes Gericht will ich's bezeugen: da war sie nicht mehr ganz bei Verstand! Seit man sie in jenem schlechten Hause beleidigt hatte, hatte sich ihr Herz verdunkelt ... und ihr Verstand. Ich schaute sie an dem Morgen an und wußte nicht, was ich aus ihr machen sollte; mir war ganz grauslich zumute; ich will ihr mit keinem Wort widersprechen, dacht' ich. ›Mamachen‹, sagt sie, ›seine Adresse hat er also richtig nicht dagelassen.‹ – ›Das ist wirklich sündhaft, Olla,‹ sag' ich, ›du hast ihn doch selber gestern angehört, du hast selbst so gut von ihm gesprochen, du bist selbst bereit gewesen, in Tränen der Dankbarkeit auszubrechen.‹ Und kaum hatte ich das gesagt, da kreischte sie auf und stampfte mit dem Fuße: ›Du bist eine Frau von schlechten Gefühlen,‹ sagt sie, ›du bist noch in der alten Zeit erzogen,‹ sagt sie, ›in der Zeit der Leibeigenschaft!‹ ... und was ich da auch sagen mochte, sie nahm ihren Hut und lief hinaus, und ich schrie hinter ihr her. Was hat sie nur, dacht' ich, wo will sie hin? Aber sie war ins Adreßbureau gelaufen, dort erfuhr sie, wo Herr Wersilow wohnt, und kam zurück: ›Heute,‹ sagt sie, ›gleich bring' ich ihm sein Geld wieder und schleudere es ihm ins Gesicht; er‹, sagt sie, ›wollte mich beleidigen, wie Safronow (so heißt unser Kaufmann); nur hat mich Safronow beleidigt wie ein grober Bauer, und dieser da wie ein listiger Jesuit.‹ Und da wollte es das Unglück, daß gerade dieser Herr von gestern an die Tür klopfte: ›Ich höre, es ist von Wersilow die Rede, da kann ich Auskunft geben.‹ Als sie Wersilows Namen hörte, da stürzt sie sich auch schon auf ihn, ganz außer sich, und sie redet – redet, ich schau' sie nur an und wundere mich: sie ist ja so schweigsam und redet mit niemand so, und jetzt auf einmal gar mit einem ganz unbekannten Menschen? Ihre Wangen brennen, die Augen funkeln ... Und er sagt nur noch: ›Sie sind vollkommen im Recht, mein Fräulein. Wersilow‹, sagt er, ›ist genau so wie die hiesigen Generale, von denen man in den Zeitungen liest; so ein General legt alle seine Orden an und läuft bei allen Gouvernanten herum, die durch die Zeitung Stellen suchen, läuft herum und findet, was er braucht; und wenn er nicht findet, was er braucht, sitzt er eine Zeitlang, redet, verspricht das Blaue vom Himmel herunter und geht wieder, – wenigstens sein Amüsement hat er doch dabei gehabt.‹ Und Olla fing sogar an zu lachen, nur sehr böse klang es, und dieser Herr, seh' ich, faßt sie an der Hand und zieht ihre Hand an sein Herz: ›Liebes Fräulein,‹ sagt er, ›ich bin selber auch ein vermögender Mann und könnte jederzeit so einem schönen Mädchen einen Antrag machen,‹ sagt er, ›aber ich will zunächst nur ihr niedliches Händchen küssen ...‹ und ich sehe, er zieht ihre Hand an die Lippen, um sie zu küssen. Wie sie da aufsprang, und ich natürlich auch, und wir wiesen ihn beide hinaus. Und dann gegen Abend nahm Olla mir das Geld fort, lief weg und kam wieder: ›Mamachen,‹ sagt sie, ›ich habe mich an dem unanständigen Menschen gerächt!‹ – ›Ach, Olla, Olla,‹ sag' ich, ›am Ende haben wir unser Glück vernichtet, und du hast einen edeln, wohltätigen Menschen beleidigt!‹ Ich mußte aus Ärger über sie weinen, ich konnte mich nicht halten. Und sie schreit mich an: ›Ich will nicht,‹ schreit sie, ›ich will nicht! Und möge er der anständigste Mensch sein, auch dann will ich kein Almosen von ihm! Mich soll kein Mensch bemitleiden, nicht einmal das will ich!‹ Ich legte mich schlafen, und mir kam nicht der geringste Gedanke. Wie oft hab' ich diesen Nagel da in der Wand angeschaut, an dem früher der Spiegel hing, – und ich bin nicht im entferntesten darauf verfallen, nicht gestern, nicht früher, nie hab' ich das gedacht oder auch nur geahnt, und auch von Olla hatte ich das wahrhaftig nicht erwartet. Ich schlafe für gewöhnlich sehr fest, ich schnarche, ich habe so einen Blutandrang zum Kopf, manchmal auch zum Herzen, dann schrei' ich im Schlafe auf, so daß Olla mich schon oft in der Nacht geweckt hat: ›Mamachen,‹ sagt sie, ›Sie schlafen aber wirklich so fest, daß man Sie kaum aufwecken kann, wenn es nötig ist.‹ – ›Ach ja,‹ sag' ich, ›Olla, sehr fest, ach ja, sehr fest.‹ Und so muß ich also wohl gestern geschnarcht haben, und das hat sie wohl abgewartet und ist dann unbesorgt aufgestanden. Und dieser Riemen vom Handkoffer, der lange Riemen hing schon den ganzen Monat immer so herum, noch gestern früh hab' ich gedacht: man müßte ihn endlich mal wegtun, daß er sich nicht so herumtreibt. Und den Stuhl hat sie nachher wohl mit dem Fuße weggestoßen, und damit er keinen Spektakel machte, hat sie ihre Jacke seitwärts druntergelegt. Und ich bin wahrscheinlich erst lange, lange nachher, eine ganze Stunde oder länger nachher, aufgewacht, ›Olla!‹ ruf ich, ›Olla!‹ – Gleich im ersten Augenblick dämmerte mir irgend was, ich rufe sie. War's, daß ich kein Atmen von ihrem Bett her hörte, oder hatte ich vielleicht in der Dunkelheit doch gesehen, daß ihr Bett anscheinend leer war, – jedenfalls stand ich plötzlich auf und tastete mit der Hand: im Bette war niemand, das Kissen ist kalt. Da krampfte sich mein Herz zusammen, ich steh' auf einem Fleck, wie ohnmächtig, mein Kopf ist mir ganz wirr: sie ist wohl hinaus, denk' ich, – und so machte ich ein paar Schritte, aber immer noch beim Bette, da seh' ich, in der Ecke, bei der Tür, es ist, als stände sie selber dort. Ich stehe, sage nichts, schau' sie an, und es ist mir, als ob sie mich aus der Dunkelheit auch anschaute, ohne sich zu rühren ... Wozu ist sie aber nur auf den Stuhl gestiegen? denk' ich. – ›Olla,‹ flüsterte ich ganz ängstlich, ›Olla, hörst du?‹ – Und da auf einmal war's, als würde alles in mir hell, ich ging auf sie zu, streckte beide Arme vor nach ihr, ich umfasse sie, sie schaukelt sich in meinen Armen, ich greife nach ihr, aber sie schaukelt, ich begreife alles und will es nicht begreifen. Ich will schreien, aber die Stimme versagt mir ... Ach, denk' ich! dann fiel ich längelang zu Boden, und da fing ich an zu schreien.« – – – – – – – – – »Wasin,« sagte ich am Morgen, es war schon sechs, »wenn Ihr Stebelkow nicht wäre, vielleicht wäre das dann nicht passiert.« »Wer kann's wissen, wahrscheinlich wäre es doch passiert. Das läßt sich nicht so sagen, hier war die Sache auch ohnedies fertig ... Allerdings kann dieser Stebelkow manchmal ...« Er beendete den Satz nicht und zog die Stirn in wenig sympathischer Weise in Falten. Um sieben fuhr er wieder fort; er hatte die ganze Zeit allerlei zu besorgen. Ich blieb endlich mutterseelenallein. Es war schon hell. Mein Kopf drehte sich mir ein bißchen. Wersilow stand mir vor Augen: die Erzählung dieser Dame hatte ihn mir in ein ganz anderes Licht gerückt. Um bequemer darüber nachzudenken, legte ich mich ein bißchen auf Wasins Bett, so wie ich war, angekleidet und in Stiefeln, nur für eine Minute, ganz ohne die Absicht, zu schlafen – und auf einmal war ich eingeschlafen, ich weiß mich nicht einmal zu erinnern, wie das gekommen ist. Ich schlief fast vier Stunden; niemand weckte mich. Zehntes Kapitel   1 Ich wachte gegen halb elf auf und wollte lange meinen Augen nicht trauen: auf dem Diwan, auf dem ich gestern geschlafen hatte, saß meine Mutter, und rieben ihr – die unglückliche Nachbarin, die Mutter der Selbstmörderin. Sie saßen beide Hand in Hand, unterhielten sich flüsternd, wahrscheinlich, um mich nicht zu wecken, und weinten beide. Ich stand vom Bette auf und ging geradeswegs auf meine Mutter zu, um sie zu küssen. Sie strahlte nur so über das ganze Gesicht, küßte mich und schlug mit der rechten Hand dreimal das Kreuz über mich. Wir hatten nicht Zeit, uns auch nur ein Wort zu sagen: die Tür ging auf, und herein traten Wersilow und Wasin. Mama stand sogleich auf und ging mit der Nachbarin hinaus. Wasin gab mir die Hand, Wersilow aber sagte kein Wort zu mir und ließ sich in einen Sessel fallen. Er und Mama waren augenscheinlich schon eine Zeitlang hier. Sein Gesicht war finster und bekümmert. »Am meisten leid tut es mir,« begann er langsam zu Wasin zu sprechen, anscheinend ein angefangenes Gespräch fortsetzend, »daß ich nicht dazu gekommen bin, das alles noch gestern abend zu ordnen, – wahrscheinlich wäre dann diese schreckliche Sache nicht passiert! Ja, und es wäre auch Zeit genug gewesen: es war noch nicht acht. Sie war gestern kaum aus meinem Zimmer heraus, da hatte ich sofort den Gedanken, ihr auf dem Fuße hierher zu folgen, aber diese unvorhergesehene und unaufschiebbare Sache, die ich übrigens auch auf heute ... um eine Woche sogar, hätte verschieben können – diese ärgerliche Sache hat alles gehindert und alles zerstört. Wie so etwas manchmal zusammentrifft!« »Vielleicht wäre es Ihnen auch nicht gelungen, sie umzustimmen; da war auch ohne Ihr Eingreifen schon zuviel ins Brennen und Kochen geraten«, bemerkte Wasin obenhin. »Nein, es wäre mir gelungen, es wäre mir sicher gelungen. Und ich hatte ja auch den Gedanken, an meiner Statt Sophia Andrejewna zu schicken. Das fuhr mir durch den Kopf, aber nur ganz flüchtig. Sophia Andrejewna ganz allein wäre die Rechte gewesen, ihre Wahnideen zu überwinden, und die Unglückliche wäre am Leben geblieben. Nein, ich dränge mich nie wieder ... mit ›guten Taten‹ vor... Ein einziges Mal im Leben habe ich das getan! Und ich hatte geglaubt, ich gehörte noch nicht der vergangenen Generation an und verstände die Jugend von heute. Ja, ja, kaum ist man reif, so ist man auch alt. Nicht wahr, es gibt ja heutzutage doch endlich viel Leute, die sich gewohnheitsmäßig immer noch zur jungen Generation rechnen, weil sie gestern noch dazugehörten, und dabei bemerken sie nicht, daß sie schon abgetakelt sind.« »Diese Sache beruht ja doch auf einem Mißverständnis, auf einem nur zu begreiflichen Mißverständnis,« bemerkte Wasin verständig, »ihre Mutter sagt, nach jener schweren Beleidigung in dem öffentlichen Hause hätte sie gleichsam das gesunde Urteil verloren. Nehmen Sie die anderen Umstände hinzu, die erste Kränkung durch den Kaufmann ... Dies alles konnte in früherer Zeit genau so vorkommen und bietet meines Erachtens durchaus kein besonders charakteristisches Merkmal für die Jugend von heute.« »Ein bißchen ungeduldig ist sie schon, die Jugend von heute, abgesehen natürlich von ihrem geringen Blick für die Wirklichkeit, der ja freilich der Jugend aller Zeiten eigentümlich ist, aber der heutigen doch wohl in besonders hohem Grade ... Sagen Sie doch, was hat Herr Stebelkow hier eigentlich angestellt?« »Herr Stebelkow«, fiel ich auf einmal ein, »ist an allem schuld. Wär' er nicht gewesen, nichts wäre geschehen. Er hat Öl ins Feuer gegossen.« Wersilow horchte, sah mich aber nicht an. Wasin runzelte die Brauen. »Ich mache mir auch Vorwürfe wegen eines lächerlichen Umstandes,« fuhr Wersilow fort, immer noch langsam sprechend und jedes Wort deutlich betonend, »ich glaube, ich habe mir damals nach meiner üblen Angewohnheit ihr gegenüber eine gewisse Lustigkeit erlaubt, dies gewisse leichtsinnige Lachen – kurz und gut, ich war nicht scharf, trocken und finster genug, drei Eigenschaften, die, glaub' ich, bei der Jugend von heute sehr hoch im Werte stehen ... Mit einem Wort, ich habe ihr Grund gegeben, mich für einen vagierenden Seladon zu halten.« »Ganz im Gegenteil,« fiel ich wieder scharf ins Gespräch, »ihre Mutter versichert besonders eifrig, daß Sie eben durch Ihren Ernst, Ihre Strenge sogar, Ihre Aufrichtigkeit, einen großartigen Eindruck gemacht haben, – das sind ihre eigenen Worte. Die Verstorbene selbst hat sich, nachdem Sie gegangen waren, eben in diesem. Sinne lobend über Sie geäußert.« »S–so?« murmelte Wersilow und warf endlich einen flüchtigen Blick auf mich. – »Nehmen Sie diesen Zettel, er gehört zur Sache«, sagte er dann und reichte Wasin ein winziges Stückchen Papier hin. Der nahm es, und als er sah, daß ich neugierig hinschaute, ließ er mich lesen. Es war eine kleine Notiz, zwei ungleichmäßige Zeilen, mit Bleistift hingekritzelt, und vielleicht im Dunkeln: »Mama, Liebste, verzeih mir, daß ich mein Debüt auf Erden abgebrochen habe. Deine dich betrübende Olla.« »Das wurde erst heute früh gefunden«, erklärte Wasin. »Was für eine sonderbare Notiz!« rief ich erstaunt. »Wieso sonderbar?« fragte Wasin. »Kann man denn in so einer Minute in humoristischen Ausdrücken schreiben?« Wasin sah mich fragend an. »Ja, und der Humor ist auch sonderbar,« fuhr ich fort, »die Sprache, die unter Gymnasiasten, unter Kameraden üblich ist ... Na, welcher Mensch kann in einer solchen Minute und in einem Schreiben an seine unglückliche Mutter – und ihre Mutter hat sie doch offenbar geliebt – sagen: mein Debüt auf Erden abbrechen.« »Warum soll man das nicht sagen können?« fragte Wasin und verstand noch immer nicht. »Da ist von Humor überhaupt keine Rede,« bemerkte Wersilow endlich, »der Ausdruck ist natürlich nicht recht passend, er hat durchaus nicht den richtigen Ton und könnte wirklich unter Gymnasiasten oder sonst Kameraden gewissermaßen als Klischeeausdruck geprägt sein, wie du sagtest, oder aus irgendeinem Feuilleton stammen; aber die Verstorbene hat ihn auf diesem schrecklichen Zettel ganz ohne Hintergedanken und ganz ernsthaft gebraucht.« »Das kann nicht sein, sie hat das Gymnasium absolviert und beim Abgang die silberne Medaille bekommen.« »Die silberne Medaille bedeutet da gar nichts. So absolvieren heutzutage viele das Gymnasium.« »Geht's schon wieder gegen die Jugend?« lächelte Wasin. »Durchaus nicht«, erwiderte Wersilow, während er aufstand und seinen Hut nahm. »Wenn die jetzige Generation nicht so literarisch ist, so ist sie dafür reich ... an anderen Vorzügen«, fügte er mit ungewöhnlichem Ernst hinzu. »Außerdem sind ›viele‹ nicht ›alle‹, und Ihnen, zum Beispiel, werfe ich keine mangelhafte literarische Bildung vor, und Sie sind doch auch noch ein junger Mensch.« »Ja, und Wasin hat ja auch weiter nichts Schlimmes an dem ›Debüt‹ gefunden«, konnte ich mich nicht enthalten zu bemerken. Wersilow reichte Wasin schweigend die Hand; der griff auch nach seiner Mütze, um mit ihm zusammen fortzugehen und rief mir zu: »Auf Wiedersehen.« Wersilow ging hinaus, ohne mich zu bemerken. Ich hatte auch keine Zeit zu verlieren: ich mußte um jeden Preis laufen und mir eine Wohnung suchen, – jetzt war das nötiger als je zuvor. Mama war nicht mehr bei der Wirtin, sie war fortgegangen und hatte die Nachbarin auch mitgenommen. Ich trat mit einer Art besonderer Munterkeit auf die Straße ... Irgendein neues und großes Gefühl war in meiner Seele geboren. Und zudem glückte mir alles wie absichtlich. Ich kam ungewöhnlich schnell an die richtige Stelle und mietete mir eine Wohnung, die mir vollkommen paßte. Von dieser Wohnung später, jetzt will ich mit der Hauptsache zu Ende kommen. Es war höchstens etwas nach eins, als ich wieder zu Wasin kam, um meinen Koffer zu holen, und ihn zufällig gerade wieder zu Hause traf. Als er mich sah, rief er mit fröhlichem und offenem Ausdruck: »Wie froh bin ich, daß Sie mich getroffen haben, ich war gerade im Begriff, wieder auszugehen. Ich kann Ihnen etwas mitteilen, was Sie, glaub' ich, sehr interessieren wird.« »Ich bin im voraus überzeugt davon!« rief ich. »Wie munter Sie aussehen! Sagen Sie, wußten Sie nichts von einem gewissen Briefe, den Kraft in Verwahrung hatte und den Wersilow gestern bekommen hat, eben etwas, was sich auf die Erbschaft bezieht, die ihm zugefallen ist? In diesem Brief erklärt der Erblasser seinen Willen in einem Sinne, der dem der gestrigen Gerichtsentscheidung entgegengesetzt ist. Dieser Brief ist schon vor langer Zeit geschrieben. Kurz und gut, ich weiß nicht genau, worum es sich handelt – aber wissen Sie nicht etwas?« »Wie sollte ich das nicht wissen? Eben darum hat mich Kraft ja vorgestern mit in seine Wohnung genommen ... von jenen Herrschaften aus, um mir diesen Brief zu übergeben, und ich hab' ihn gestern Wersilow gebracht.« »So? Das hatte ich mir auch so gedacht. Stellen Sie sich vor, die Sache, von der Wersilow vorhin hier sprach – daß sie ihn gestern verhindert hätte, herzukommen, um das junge Mädchen umzustimmen, – diese Sache hing eben mit jenem Brief zusammen. Wersilow ist direkt, gleich gestern abend, zum Rechtsanwalt des Fürsten Sokolskij gegangen, hat ihm diesen Brief übergeben und auf die ganze ihm zugefallene Erbschaft verzichtet. Im Augenblick ist dieser Verzicht schon nach den gesetzlichen Formalitäten rechtsgültig gemacht. Und zwar schenkt Wersilow nicht etwas, sondern er erkennt in diesem Akt das vollkommene Recht der Fürsten an.« Ich stand wie versteinert, aber ich war entzückt. In Wahrheit war ich vollkommen überzeugt gewesen, daß Wersilow den Brief vernichten würde, trotz allem, was ich zu Kraft davon gesagt hatte, daß das unedel wäre, und obgleich ich mir das damals selbst in dem Wirtshause wiederholt hatte und mir gesagt hatte, »ich wäre zu einem reinen Menschen gekommen, und nicht zu diesem«, – aber noch mehr bei mir selbst, das heißt, im tiefsten Innern meiner Seele war ich der Ansicht gewesen, daß man überhaupt nichts anderes tun könnte, als das Dokument einfach vernichten. Das heißt, ich hatte das für eine ganz gewöhnliche Sache gehalten. Und wenn ich nachher auch Wersilow anklagte, so hatte ich ihn gleichsam absichtlich angeklagt, zum Schein, das heißt, um meinen höheren Standpunkt ihm gegenüber zu wahren. Als ich aber jetzt von Wersilows Tat hörte, geriet ich in aufrichtiges, volles Entzücken und verurteilte in Reue und Scham meinen Zynismus und meine Gleichgültigkeit gegen die Tugend und im Augenblick stellte ich Wersilow unendlich hoch über mich und hätte Wasin beinahe umarmt. »Was ist das für ein Mensch! Was für ein Mensch! Wer hätte das getan?« rief ich trunken vor Freude. »Ich bin einverstanden mit Ihnen, sehr viele hätten das nicht getan ... und seine Handlungsweise ist unstreitig hervorragend uneigennützig ...« »Aber? ... Sprechen Sie zu Ende, Wasin, Sie haben ein Aber?« »Ja, natürlich ist auch ein Aber dabei; Wersilows Handlungsweise ist nach meiner Ansicht ein wenig vorschnell und nicht so ganz frei von Berechnung«, lächelte Wasin. »Berechnung?« »Jawohl. Ich sehe da ein gewisses ›Piedestal‹. Denn er hätte in jedem Falle dasselbe tun können, ohne sich selbst so schwer zu schädigen. Wenn nicht die Hälfte, ein Teil der Erbschaft könnte doch zweifellos auch jetzt Wersilow zufallen, mag man die Sache auch noch so peinlich ansehen, um so mehr, als das Dokument keine entscheidende Kraft besaß und er den Prozeß schon gewonnen hatte. Derselben Ansicht ist auch der Anwalt der Gegenpartei selbst; ich habe eben erst mit ihm gesprochen. Seine Handlungsweise wäre deswegen nicht weniger schön gewesen, und einzig aus einem Anfall von Stolz ist es anders gemacht worden. Was die Hauptsache ist, Herr Wersilow ist in Hitze geraten und hat sich ganz unnütz überhastet, er hat ja selber vorhin gesagt, daß er es um eine ganze Woche hätte verschieben können.« »Wissen Sie was, Wasin? Ich kann ja nicht umhin, Ihnen beizustimmen, aber ... so ist es mir schon lieber, mir gefällt es so besser!« »Nun, das ist Geschmacksache. Sie selbst haben meine Ansicht gefordert, ich hätte sonst nichts gesagt.« »Na, und selbst wenn da ein ›Piedestal‹ ist, auch dann ist es so besser,« fuhr ich fort, »ein Piedestal mag ja ein Piedestal sein, aber an sich ist es eine sehr kostbare Sache. Dieses ›Piedestal‹ ist doch immerhin jenes gewisse ›Ideal‹, und es dürfte schwerlich besser sein, wenn das heute überhaupt in keiner Seele mehr lebte: mag es sogar einen kleinen Schönheitsfehler haben, wenn es nur da ist! Und wahrscheinlich denken Sie doch selber so, Wasin, mein lieber Wasin, mein liebster Wasin! Kurz und gut, ich schwatze natürlich furchtbar daher, aber Sie verstehen mich ja. Dafür sind Sie Wasin, und für jeden Fall, ich umarme und küsse Sie, Wasin!« »Vor Freude?« »Vor großer Freude! Denn dieser Mensch ›war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden‹. Wasin, ich bin ein dummer, kleiner Junge und Ihrer nicht wert. Und eben deshalb gestehe ich, daß ich in manchen Augenblicken ein ganz anderer bin, höher und tiefer. Weil ich Sie vorgestern ins Gesicht hinein gelobt hatte (und gelobt hatte ich Sie nur, weil ich erniedrigt und bedrückt wurde), darum hab' ich Sie zwei ganze Tage lang gehaßt! Ich gab mir mein Wort, noch in derselben Nacht, Sie niemals aufzusuchen, und gestern früh kam ich nur im bösen zu Ihnen, verstehen Sie wohl, im bösen. Ich saß hier allein auf meinem Stuhle und kritisierte Ihr Zimmer und Sie, und jedes Buch, das Sie besitzen, und Ihre Wirtin, ich gab mir Mühe, Sie zu erniedrigen und über Sie zu lachen.« »Das brauchte doch nicht gesagt zu werden ...« »Gestern abend schloß ich aus irgendeinem Satz, den Sie aussprachen, Sie verständen die Frauen nicht, und ich war froh, daß ich Sie darauf ertappen konnte. Vorhin, als ich Sie auf dem ›Debüt‹ ertappte – war ich wieder ungeheuer froh, und das alles nur, weil ich Ihnen damals Ihr Lob gesungen hatte.« »Ja, warum auch nicht!« rief endlich Wasin (er hatte die ganze Zeit weiter gelächelt, ohne sich im geringsten über mich zu wundern), »das passiert doch alle Tage und fast jedem Menschen, und das ist das erste, was einem passiert; nur gesteht das kein Mensch ein, ja, und es ist auch gar nicht nötig, das einzugestehen, weil das in jedem Fall vorübergeht und gar keine Folgen daraus entstehen.« »Ist es wirklich bei allen Menschen so? Sind alle so? Und Sie sagen das und sind ganz ruhig dabei? Ja, aber mit einer solchen Anschauung kann man doch nicht leben!« »Ach Sie meinen: Die niedre Wahrheit ist mir lieber ls Trug, der mich zu Wolken hebt!« »Aber das ist doch wahr,« rief ich, »in diesen zwei Versen liegt ein geheiligtes Axiom!« »Ich weiß nicht; ich möchte nicht entscheiden, ob diese zwei Verse recht haben oder nicht. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit wie immer irgendwo in der Mitte: das heißt, in einem Falle ist es heilige Wahrheit, im andern Lüge. Gewiß weiß ich nur eines: daß dieser Gedanke noch auf lange hinaus einer der Hauptstreitpunkte unter den Menschen sein wird. Jedenfalls bemerke ich, daß Sie jetzt tanzen möchten. Also, tanzen Sie doch: das ist eine gesunde Bewegung und ich habe gerade heute früh entsetzlich viel Arbeit auf dem Halse ... ja, ich habe mit Ihnen schon zuviel Zeit versäumt!« »Ich gehe schon, ich gehe schon, ich schere mich fort! Nur ein Wort,« rief ich, den Koffer schon in der Hand, »wenn ich mich Ihnen jetzt eben wieder ›an den Hals geworfen ‹ habe, so ist es nur deshalb geschehen, weil Sie mir, als ich kam, diese Sache mit so aufrichtiger Freude mitgeteilt haben und ›froh waren‹, daß ich Sie noch antraf, und das nach dem ›Debüt‹ vorhin; durch diese aufrichtige Freude haben Sie mit einem Ruck mein ›Junges Herz‹ wieder auf Ihre Seite gebracht. Na also, leben Sie wohl, leben Sie wohl, ich will mich bemühen, jetzt möglichst lange nicht wieder zu kommen, und weiß, daß Ihnen das äußerst angenehm sein wird, das sehe ich Ihnen ja schon an den Augen an, und für uns beide wird das sogar von Vorteil sein ...« So schwatzte ich und verschluckte mich beinahe an meinem fröhlichen Geschwätz, und trug meinen Koffer hinunter und begab mich damit in meine Wohnung. Mir gefiel es vor allen Dingen ungeheuer, daß Wersilow vorhin so unbezweifelbar böse auf mich gewesen war und mit mir nicht hatte sprechen, mich nicht hatte ansehen wollen. Als ich meinen Handkoffer fortgestellt hatte, eilte ich sofort zu meinem alten Fürsten. Ich muß bekennen, diese zwei Tage war es mir direkt ein bißchen schwer geworden, ihn nicht zu sehen. Ja, und auch von Wersilow mußte er aller Voraussicht nach schon gehört haben.   2 Ich wußte ja auch so, daß er sich sehr freuen würde, wenn ich käme und kann beschwören, ich wäre auch ohne die Sache mit Wersilow heute zu ihm gegangen. Mich hatte gestern und heute früh nur der Gedanke abgeschreckt, ich könnte dort vielleicht Jekaterina Nikolajewna begegnen; jetzt aber fürchtete ich mich schon vor gar nichts mehr. Er begann mich vor Freude zu umarmen. »Na, der Wersilow! Haben Sie's gehört?« fing ich direkt mit der Hauptsache an. »Cher enfant, du mein lieber Freund, das ist so erhaben, das ist so edel, – kurz und gut, selbst auf Kilian (das war der Beamte unten im Bureau) hat es einen erschütternden Eindruck gemacht! Das ist nicht sehr vernünftig von ihm, aber es ist glänzend, es ist eine Tat! Das Ideal muß man bewundern!« »Nicht wahr? Nicht wahr? In dem Punkt sind wir zwei einander immer begegnet.« »Mein Lieber, wir begegnen uns immer. Wo warst du denn? Ich wollte dich durchaus selber aufsuchen, aber ich wußte nicht, wo ich dich finden könnte ... Denn ich konnte ja doch nicht zu Wersilow ... Allerdings jetzt, nach alledem ... Weißt du lieber Freund: ich glaube, auf die Weise hat er auch immer die Frauen besiegt, durch solche Züge, da ist kein Zweifel ...« »Beiläufig, daß ich's nicht vergesse, ich hab's mir eigens für Sie aufgehoben. Gestern hat ein ganz gewöhnlicher, trauriger Hanswurst, der mir ins Gesicht auf Wersilow schimpfte, von ihm den Ausdruck gebraucht, er wäre ein ›Weiberprophet‹. Was denken Sie von diesem Ausdruck, was denken Sie davon? Ich hab' ihn für Sie aufgehoben ...« »Weiberprophet! Mais ... c'est charmant! Haha! Aber das paßt so zu ihm, das heißt, es paßt absolut nicht – pfui!... Aber das ist so treffend ... das heißt, treffend ist es eigentlich nicht, aber ...« »Macht nichts, macht nichts, regen Sie sich nicht auf, sehen Sie es nur als ein Bonmot an!« »Ein großartiges Bonmot, und weißt du, es hat einen sehr tiefen Sinn ... Eine ganz richtige Idee! Das heißt, wirst du glauben ... Kurz und gut, ich will dir ein ganz kleines Geheimnis mitteilen. Hast du dir damals Olympia gut angesehen, weißt du? Wirst du mir glauben, daß sie ein bißchen Herzweh nach Andrej Petrowitsch hat, und in einem Grade, daß sie sich sogar, glaub' ich, einige Hoffnung macht ...« »Hoffnung macht! Will sie vielleicht einmal das sehen?« schrie ich und zeigte unwillig meine Faust. »Mon cher, schrei nicht, das ist nun einmal so, und du hast ja vielleicht recht, von deinem Standpunkt aus. Beiläufig, lieber Freund, was hattest du eigentlich neulich, als Katerina Nikolajewna kam? Du schwanktest ... ich dachte, du würdest umfallen und wollte schon zuspringen, um dich zu halten?« »Davon ein andermal. Also, mit einem Wort, ich war einfach verwirrt, aus einem gewissen Grunde ...« »Du bist jetzt auch rot geworden.« »Na, und Sie müssen gleich eine lange Brühe herummachen. Sie wissen, daß sie mit Wersilow verfeindet ist ... und das ist auch alles; na, deswegen war ich auch so erregt: ach, lassen wir das, ein andermal!« »Also, lassen wir's, ich bin selber froh, wenn ich das alles ruhen lassen kann ... Kurz und gut, ich habe ihr gegenüber ein sehr schlechtes Gewissen, ich hab' ja sogar, weißt du noch, damals vor dir über sie gemurrt ... Vergiß das, lieber Freund; sie wird ihre Meinung über dich auch ändern, das fühle ich ganz sicher voraus ... Und da hätten wir ja auch Fürst Seriosha!« Ein junger hübscher Offizier trat ein. Ich sah ihn begierig an, ich hatte ihn noch nie gesehen. Das heißt, ich sage hübsch, wie jedermann ihn nannte, aber es war ein Etwas in diesem jungen, hübschen Gesicht, das nicht durchaus anziehend war. Ich bemerke das hier als einen Eindruck des ersten Augenblickes, meines ersten Blickes auf ihn, der mir die ganze Zeit gegenwärtig geblieben ist. Er war mager, sehr schön gewachsen, dunkelblond, hatte ein frisches Gesicht, das übrigens doch etwas gelblich angehaucht war, und einen entschlossenen Blick. Seine schönen, dunkeln Augen sahen etwas finster drein, selbst wenn er vollkommen ruhig war. Aber sein entschlossener Blick stieß eben darum ab, weil man, warum weiß ich nicht, das Gefühl hatte, diese Entschlossenheit wäre ihm etwas wohlfeil zu stehen gekommen. Übrigens, ich verstehe das nicht auszudrücken ... Selbstverständlich, sein Gesicht hatte die Fähigkeit, wenn es eben noch finster gewesen war, gleich darauf einen überraschend freundlichen, sanften und zärtlichen Ausdruck anzunehmen, und, was die Hauptsache war, diese Verwandlung ging ganz naiv, ohne jeden Hintergedanken vor sich. Und diese Naivität hatte eben etwas Anziehendes. Ich will noch einen Zug anführen: trotz aller Freundlichkeit und Naivität war dies Gesicht niemals fröhlich, selbst wenn der Fürst aus vollem Herzen lachte; man fühlte immer, daß eine wirkliche, helle, leichte Fröhlichkeit niemals in seinem Herzen zu Hause war ... Es ist übrigens außerordentlich schwer, einen Menschen so zu beschreiben. Ich verstehe das ganz und gar nicht. Der alte Fürst machte sich sofort daran, uns miteinander bekannt zu machen, nach seiner dummen Gewohnheit. »Dies ist mein junger Freund, Arkadij Andrejewitsch« (schon wieder Andrejewitsch!) – »Dolgorukij.« Der junge Fürst wendete sich sofort zu mir mit verdoppelt liebenswürdigem Gesichtsausdruck; aber man sah deutlich, daß ihm mein Name gänzlich unbekannt war. »Das ist ... ein Verwandter von Andrej Petrowitsch«, brummelte mein greulicher Fürst. (Wie greulich können manchmal die alten Herren mit ihren Angewohnheiten sein!) Jetzt wußte der junge Fürst sogleich Bescheid. »Ach! Es ist so lange her, seit ich den Namen ...,« sagte er hastig, »ich hatte das außerordentliche Vergnügen, im vorigen Jahr in Luga Ihr Fräulein Schwester, Lisaweta Makarowna, kennenzulernen ... Sie hat mir auch von Ihnen erzählt ...« Ich wunderte mich direkt: auf seinem Gesicht strahlte eine entschiedene, aufrichtige Freude. »Erlauben Sie, Fürst,« stotterte ich heraus, während ich beide Hände auf den Rücken legte, »ich muß Ihnen aufrichtig sagen – und ich freue mich, daß ich das in Gegenwart unseres lieben Fürsten sagen kann – daß ich sogar den Wunsch hatte, Sie zu treffen, und daß ich diesen Wunsch erst ganz vor kurzem hatte; gestern erst, aber mit ganz anderen Absichten. Ich sage das gradeheraus, so sehr Sie sich auch darüber wundern mögen. Kürzer gesagt, ich wollte Sie fordern wegen der Beleidigung, die Sie vor anderthalb Jahren in Ems Herrn Wersilow zugefügt haben. Und obwohl ich natürlich wußte, daß Sie meine Forderung vielleicht nicht annehmen würden, weil ich nur ein Gymnasiast und unmündiger Halbwüchsling bin, ich hätte Sie dennoch gefordert, ganz gleich, wie Sie das aufgenommen, was Sie auch getan hätten ... und ich bekenne offen, ich habe auch jetzt noch dieselbe Absicht.« Der alte Fürst hat mir nachher gesagt, ich hätte es verstanden, dies alles sehr edel herauszubringen. Aufrichtige Bekümmernis erschien auf dem Gesichte des jungen Fürsten. »Sie haben mich nur nicht aussprechen lassen,« sagte er eindringlich, »wenn ich Ihnen mit Worten aus vollem Herzen begegnet bin, so waren eben meine jetzigen aufrichtigen Gefühle gegenüber Andrej Petrowitsch der Grund dazu. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht gleich alle Tatsachen mitteilen kann; aber ich versichere Ihnen bei meiner Ehre, daß ich schon lange, lange mein unglückliches Benehmen in Ems tiefstens bereue. Als ich jetzt nach Petersburg reiste, war ich entschlossen, Andrej Petrowitsch jede nur mögliche Genugtuung zu geben, das heißt, ihn offiziell um Verzeihung zu bitten, in einer Form, die er selbst bestimmen sollte. Höhere und mächtige Einflüsse waren die Ursache dieser Änderung in meiner Anschauung von der Sache. Der Umstand, daß wir miteinander im Prozesse lagen, hätte nicht den geringsten Einfluß auf meinen Entschluß gehabt. Sein gestriges Verfahren mir gegenüber hat sozusagen meine Seele erschüttert, und in diesem Augenblick, glauben Sie mir, bin ich noch nicht ganz zu mir gekommen. Ich muß Ihnen also mitteilen – und deshalb komme ich auch jetzt zu dem Fürsten, nämlich, um ihm einen ganz außerordentlichen Umstand mitzuteilen: vor drei Stunden, das heißt genau um die Zeit, als er mit dem Rechtsanwalt diesen Akt rechtsgültig machte, erschien bei mir ein Beauftragter von Andrej Petrowitsch und überbrachte mir eine Forderung von ihm ... eine regelrechte Forderung wegen der Sache in Ems...« »Er hat Sie gefordert?« rief ich und fühlte, daß meine Augen entbrannten und mein Gesicht sich mit Blut übergoß. »Ja, er forderte mich; ich nahm die Forderung sofort an, beschloß aber, noch vor dem Austrag ihm brieflich meine Ansicht über mein Benehmen darzulegen und meine Reue wegen dieses schrecklichen Irrtums ... denn das war nur ein Irrtum, – ein unglückseliger, verhängnisvoller Irrtum! Ich möchte bemerken, daß meine Stellung im Regiment diesem Schritte etwas sehr Riskiertes gab: durch einen solchen Brief vor dem Austrag der Forderung setzte ich mich der Verurteilung durch die öffentliche Meinung aus ... das begreifen Sie wohl? Aber ungeachtet dessen entschloß ich mich und kam nur nicht dazu, den Brief abzuschicken, denn eine Stunde nach der Forderung bekam ich wieder ein Schreiben von ihm, in dem er mich bittet, ich möchte entschuldigen, daß er mich belästigt habe und möchte die Forderung vergessen, und er fügt hinzu, er bereute diesen ›momentanen Ausbruch von Kleinmut und Egoismus‹, – das sind seine eigenen Worte. Auf die Art macht er mir jetzt den Brief schon ganz leicht. Ich habe ihn noch nicht abgeschickt, sondern bin eben gekommen, um mit dem Fürsten noch ein paar Worte darüber zu sprechen ... Und glauben Sie mir, ich selbst habe unter den Vorwürfen meines Gewissens in der Sache wohl mehr gelitten als irgend jemand anders ... Genügen Ihnen diese Erklärungen, Arkadij Makarowitsch, wenigstens für jetzt, fürs erste? Wollen Sie mir die Ehre erweisen, von meiner vollkommenen Aufrichtigkeit überzeugt zu sein?« Ich war vollständig besiegt; ich sah hier eine unbezweifelbare Offenherzigkeit und Geradheit, die ich nicht im geringsten erwartet hatte. Ich murmelte eine Antwort und streckte ihm einfach meine beiden Hände entgegen; er schüttelte sie erfreut. Dann führte er den Fürsten in sein Schlafzimmer und hatte eine Unterredung von vielleicht fünf Minuten mit ihm. »Wenn Sie mir ein besonderes Vergnügen machen wollen,« wandte er sich mit lauter Stimme und offenem Ausdruck an mich, als er wieder herauskam, »dann begleiten Sie mich jetzt nach Hause, ich zeige Ihnen dann den Brief, den ich nachher gleich an Andrej Petrowitsch abschicken werde, und auch seinen Brief an mich.« Ich willigte mit großer Freude ein. Mein Fürst war auf einmal sehr geschäftig, als er uns hinausbegleitete und rief mich auch auf einen Augenblick in sein Schlafzimmer hinein. »Mon ami, wie ich mich freue, wie ich mich freue... Von alledem sprechen wir noch. Beiläufig, hier habe ich zwei Briefe in meiner Mappe: den einen mußt du selbst abliefern und persönlich erläutern, der andere ist an die Bank – und dort mußt du auch ...« Und so gab er mir zwei angeblich unaufschiebbare Aufträge, die, wie er sagte, ganz besonders viel Mühe und Aufmerksamkeit erforderten. Ich sollte herumfahren und die Briefe abgeben, in Registern nachschlagen lassen ... »Ach, Sie Schlaukopf!« rief ich und nahm die Briefe, »ich möchte schwören, das ist alles dummes Zeug, es handelt sich überhaupt um keine wichtige Sache, und diese beiden Aufträge haben Sie sich einfach nur ausgedacht, um mich zu überzeugen, daß ich zu tun habe und mein Geld von Ihnen nicht umsonst bekomme!« »Mon enfant, ich schwöre dir, daß du dich hierin täuschest: das sind zwei sehr dringliche Angelegenheiten ... Cher enfant!« rief er auf einmal, ungeheuer ergriffen: »du mein lieber, junger Mensch!« (Er legte mir beide Hände aufs Haupt.) »Ich segne dich und dein Los... Mögest du immer reinen Herzens bleiben wie heute ... so gut und trefflich wie möglich ... mögest du alles Schöne lieben ... in allen seinen verschiedenartigen Formen... Na, enfin ... enfin rendons grâce ... et je te bénis!« Er sprach nicht zu Ende und fing über meinem Haupte zu schluchzen an. Ich muß bekennen, fast hätte auch ich geweint; wenigstens umarmte ich meinen Sonderling aufrichtig und mit Freuden. Wir küßten uns kräftig.   3 Fürst Seriosha (das heißt, Fürst Sergej Petrowitsch, und ich will ihn auch so nennen) brachte mich in einem stutzerhaften Fiaker nach seiner Wohnung, und mein erstes war, mich über die Großartigkeit dieser Wohnung zu wundern. Das heißt; nicht eigentlich Großartigkeit, aber diese Wohnung war wie »bei besseren Leuten erster Klasse«: hohe, große, helle Zimmer (ich sah zwei, die anderen waren verschlossen), und die Möbel, – wiederum nicht wer weiß was für ein Versailles oder Renaissance, aber doch weiche, bequem luxuriöse Möbel, auf größtem Fuße; Teppiche, geschnitztes Holzwerk, Statuetten. Dabei erzählten alle Leute von ihnen, sie wären Bettler, sie hätten einfach gar nichts. Ich hatte schon gehört, dieser Fürst hätte den Leuten überall Sand in die Augen gestreut, – hier und in Moskau, und früher im Regiment, und in Paris, er wäre sogar ein Spieler und hätte Schulden. Ich hatte einen abgeschabten Rock an, der außerdem noch staubig war, weil ich ja in den Kleidern geschlafen hatte, und mein Hemd trug ich schon den vierten Tag. Übrigens war mein Rock noch nicht ganz schlecht, aber als ich beim Fürsten war, fiel mir wieder Wersilows Vorschlag ein, ich sollte mir doch Kleider machen lassen. »Denken Sie sich, infolge eines Selbstmordes, den eine Dame begangen hat, habe ich die ganze Nacht in den Kleidern geschlafen«, bemerkte ich mit zerstreuter Miene, und da er sofort sein Interesse für den Fall bezeigte, erzählte ich ihn ihm auch in Kürze. Aber ihn beschäftigte augenscheinlich mehr als alles andere sein Brief. In der Hauptsache erschien es mir sonderbar, daß er nicht nur nicht gelächelt, sondern auch nicht einmal den kleinsten Ansatz dazu gezeigt hatte, als ich ihm vorhin so ganz einfach erklärt hatte, ich wolle ihn fordern. Wenn ich es auch verstanden hätte, ihn zu zwingen, nicht zu lachen, aber es war doch immerhin sonderbar bei einem Menschen von dieser Art. Wir setzten uns mitten im Zimmer einander gegenüber, an seinen großen Schreibtisch, und er gab mir seinen schon fertig ins reine geschriebenen Brief an Wersilow zu lesen. Das Dokument sah allem sehr ähnlich, was er mir vorhin bei dem Fürsten gesagt hatte, und war sogar mit einer gewissen Leidenschaft geschrieben. Aufrichtig gestanden, wußte ich noch nicht recht, wie ich diese seine sichtliche Offenherzigkeit und Lust zu allem Guten im Grunde aufnehmen sollte, aber ich begann mich schon zu ergeben. Denn in der Tat, warum sollte ich nicht daran glauben? Was für ein Mensch er auch war, was man sich von ihm auch erzählen mochte, er konnte deswegen doch durchaus gute Neigungen haben. Ich las auch Wersilows letzten Brief, sieben Zeilen – die Zurücknahme der Forderung. Wenn er in ihm auch von seinem »Kleinmut« und »Egoismus« sprach, im ganzen war dieser Brief doch auffallend »von oben herab«, oder besser gesagt, seine ganze Handlungsweise in dieser Affäre zeigte eine gewisse Verachtung. Ich sprach das aber nicht aus. »Wie sehen Sie übrigens diese Zurücknahme der Forderung eigentlich an?« fragte ich. »Sie glauben doch nicht, daß das aus Feigheit geschah?« »Selbstverständlich nicht,« lächelte der Fürst, aber mit einem gewissen sehr ernsten Lächeln, wie er denn überhaupt ein immer gedrückteres Wesen annahm, »ich weiß zu gut, daß der Mann Mut besitzt. Es handelt sich hier natürlich um eine besondere Anschauungsweise ... um sein eigenes Ideensystem ...« »Zweifellos«, unterbrach ich ihn mit Feuer. »Ein gewisser Wasin sagt, in seiner ganzen Handlungsweise, wie sie sich in jenem Briefe und dem Verzicht auf die Erbschaft ausspricht, liege eine gewisse Sucht nach einem ›Piedestal‹... Ich glaube, daß man solche Sachen nicht tut, um gesehen zu werden, sondern daß sie in der Tiefe der Natur, im Innersten des Menschen begründet sein müssen.« »Ich kenne Herrn Wasin sehr gut«, bemerkte der Fürst. »Ach ja, Sie müssen ihn ja in Luga gesehen haben.« Wir sahen uns plötzlich an, und ich weiß noch, ich errötete, glaub' ich, ein bißchen. Wenigstens brach er das Gespräch ab. Ich hätte es übrigens sehr gern weitergesponnen. Der Gedanke an eine Begegnung, die ich gestern gehabt, lockte mich, einige Fragen an ihn zu richten; ich wußte nur nicht, wie ich es anfangen sollte. Und überhaupt, ich fühlte mich gewissermaßen gar nicht in meinem Element. Mich verblüffte auch seine erstaunliche Wohlerzogenheit, seine Höflichkeit, die Ungezwungenheit seiner Manieren, – kurz und gut, der ganze Schliff seines Tones, den diese Leute fast von der Wiege an besitzen. In seinem Briefe hatte ich zwei sehr grobe grammatikalische Schnitzer gefunden. Und überhaupt, ich demütige mich bei solchen Begegnungen nie, sondern werde gewaltsam scharf, was vielleicht manchmal auch töricht sein mag. Aber in diesem Falle trug dazu ganz besonders der Gedanke bei, daß ich Federchen auf meinem Rock hatte, so daß ich sogar etwas familiär wurde ... Ich bemerkte im stillen, wie der Fürst mich hier und da anhaltend und fest musterte. »Sagen Sie, Fürst,« platzte ich auf einmal mit einer Frage heraus, »finden Sie es in Ihrem Innern nicht lächerlich, daß ich, so ein ›Milchbart‹, Sie zum Duell fordern wollte, und noch dazu wegen der Beleidigung eines andern?« »Die Beleidigung seines Vaters kann man wohl als sich selbst zugefügt betrachten. Nein, ich finde nichts Lächerliches daran.« »Aber mir scheint doch, als ob das furchtbar lächerlich wäre ... in den Augen eines andern ... das heißt, selbstverständlich in meinen eigenen nicht. Um so mehr, weil ich Dolgorukij heiße und nicht Wersilow. Und wenn Sie mir nicht die Wahrheit sagen oder sie irgendwie zu mildern suchen aus Rücksichten der gesellschaftlichen Höflichkeit, dann werden Sie mich doch wohl auch in allem anderen betrügen?« »Nein, ich finde es nicht lächerlich,« wiederholte er furchte bar ernst, »wie sollten Sie denn nicht das Blut Ihres Vaters in sich empfinden? ... Es ist ja richtig, Sie sind noch sehr jung ... und ... ich weiß nicht ... ich glaube, einer, der noch nicht volljährig ist, darf sich nicht duellieren, und man darf keine Forderung von ihm annehmen ... nach den Regeln ... Aber wenn Sie wollen, gilt es da nur einen ernsthaften Einwand: wenn Sie ohne Wissen des Beleidigten fordern, wegen dessen Beleidigung Sie fordern, so drücken Sie damit doch eine gewisse persönliche Mißachtung gegen den Betreffenden aus, nicht wahr?« Unsere Unterhaltung unterbrach plötzlich ein Diener, der eintrat, um irgend etwas zu melden. Der Fürst hatte ihn augenscheinlich erwartet; er stand, ohne zu Ende zu sprechen, auf und ging schnell auf ihn zu, so daß dieser seine Meldung schon halblaut machte und ich natürlich kein Wort davon vernahm. »Entschuldigen Sie mich,« wandte sich der Fürst an mich, »ich komme in einer Minute wieder.« Und damit ging er. Ich blieb allein, ging im Zimmer herum und sann. Sonderbar, er gefiel mir und mißfiel mir doch wieder ungeheuer. Er hatte irgend etwas, was, hätte ich selber nicht sagen können, aber es war etwas Abstoßendes. »Wenn er auch nicht ein bißchen über mich lacht, so ist er zweifellos sehr gradsinnig und ohne Hintergedanken; aber wenn er über mich gelacht hätte, dann ... wäre er mir vielleicht klüger erschienen ...«, dachte ich etwas seltsam. Ich trat an den Tisch und las noch einmal seinen Brief an Wersilow. Ich vertiefte mich so hinein, daß ich die Zeit ganz vergaß; als ich gleichsam wieder erwachte, bemerkte ich auf einmal, daß die Minute des Fürsten sich unstreitig schon auf eine Viertelstunde ausgedehnt hatte. Das erregte mich ein bißchen; ich ging noch einmal auf und ab, endlich nahm ich meinen Hut und beschloß, weiß ich noch, hinauszugehen, und wenn ich jemand träfe, den Fürsten holen zu lassen, und wenn er käme, mich einfach von ihm zu verabschieden und ihm zu versichern, ich hätte zu tun und könnte nicht länger warten. Mir schien das das passendste zu sein, denn mich quälte ein klein wenig der Gedanke, daß es doch wohl ein wenig nichtachtend von ihm wäre, mich so lange allein zu lassen. Beide Türen zu diesem Zimmer waren geschlossen und befanden sich an den beiden Enden einer und derselben Wand. Ich hatte vergessen, durch welche Türe wir hereingekommen waren, oder war vielleicht eher zerstreut; so öffnete ich denn die eine und sah auf einmal in einem langen, schmalen Zimmer – meine Schwester Lisa auf einem Diwan sitzen. Außer ihr war niemand da, und sie wartete natürlich auf irgend jemand. Aber ich hatte nicht Zeit, mich auch nur zu wundern, als ich plötzlich die Stimme des Fürsten hörte, der laut mit jemand sprach und in sein Arbeitszimmer zurückkam. Ich schloß eilig die Türe, und der durch die andere Tür eintretende Fürst merkte nichts. Ich weiß noch, er fing an sich zu entschuldigen und brachte irgend etwas von einer gewissen Anna Feodorowna vor ... Aber ich war so verwirrt und verblüfft, daß ich fast kein Wort verstand, ich stotterte nur hervor, ich müßte unbedingt nach Hause, und dann ging ich, ohne mich halten zu lassen, schnell hinaus. Der wohlerzogene Fürst mußte meine Manieren wohl mit neugierigem Staunen beobachten. Er geleitete mich bis in das Vorzimmer und redete die ganze Zeit, ich aber antwortete nicht und sah ihn nicht an.   4 Auf der Straße wandte ich mich nach links und ging auf gut Glück weiter. Mein Kopf war wie leer. Ich ging langsam und war, glaub' ich, ein gutes Stück gegangen, fünfhundert Schritt vielleicht, als ich auf einmal einen leichten Schlag auf meiner Schulter fühlte. Ich drehte mich um und erblickte Lisa: sie hatte mich eingeholt und mich leicht mit dem Sonnenschirm auf die Schulter geschlagen. Etwas riesig Vergnügtes, aber zu einem Quentchen auch Verschlagenes, lag in ihrem strahlenden Blick. »Na, wie bin ich froh, daß du nach, dieser Seite gegangen bist, sonst wäre ich dir wohl heute nicht mehr begegnet!« Sie war ein wenig außer Atem vom schnellen Gehen. »Wie du außer Atem bist.« »Ich bin schrecklich gelaufen, um dich noch zu erwischen.« »Lisa, das warst du doch, die ich eben dort getroffen habe?« »Wo dort?« »Beim Fürsten ... bei Fürst Sokolskij ...« »Nein, ich war das nicht, nein, mich hast du nicht getroffen ...« Ich verstummte, und so gingen wir vielleicht zehn Schritte. Lisa fing furchtbar zu lachen an. »Ich war's, natürlich war ich's! Hör' mal, du hast mich doch selber gesehen, du hast mir in die Augen gesehen, und ich hab' dir in die Augen gesehen, also was fragst du denn, ob du mich getroffen hast? Na, das nenn' ich mir einen Charakter! Weißt du, ich hatte große Lust, laut herauszulachen, als du mir da in die Augen schautest. Du hast mich furchtbar komisch angeschaut!« Sie lachte furchtbar. Ich fühlte, wie aller Kummer auf einmal mein Herz verließ. »Ja, aber sag' doch, wie bist du da hingekommen?« »Bei Anna Feodorowna war ich.« »Was für eine Anna Feodorowna?« »Stolbejewa. Als wir in Luga wohnten, saß ich ganze Tage bei ihr, sie empfing auch Mama bei sich und kam auch zu uns. Und sie ging sonst dort fast zu niemand hin. Sie ist eine entfernte Verwandte von Andrej Petrowitsch, und auch mit Fürst Sokolskij ist sie verwandt: sie ist eine Großmutter oder so was vom Fürsten.« »So wohnt sie beim Fürsten?« »Nein, der Fürst wohnt bei ihr.« »Wem gehört also die Wohnung?« »Es ist ihre Wohnung, die ganze Wohnung gehört ihr, schon seit einem ganzen Jahre. Der Fürst ist eben erst angekommen und bei ihr abgestiegen. Und sie selber ist auch erst seit vier Tagen in Petersburg.« »Na, weißt du was, Lisa, der Kuckuck hole ihre Wohnung und sie selbst ...« »Nein, sie ist sehr nett ...« »Meinetwegen, und Gottes Segen über sie. Wir sind selber nett! Sieh, was das für ein Tag ist, sieh, wie schön es ist! Wie hübsch du heute bist, Lisa. Übrigens aber bist du ein schreckliches Kind.« »Arkadij, sag' nur, das junge Mädchen, von gestern!« »Ach, so was Trauriges, Lisa, so was Trauriges!« »Ja, wie traurig! So ein Schicksal! Weißt du, es ist direkt sündhaft, daß wir so lustig spazierengehen, und ihre Seele fliegt irgendwo in der Finsternis dahin, in irgendeiner bodenlosen Finsternis, weil sie sich versündigt hat, und mit ihrem Leid ... Arkadij, wer ist schuld an ihrer Sünde? Ach, wie schrecklich das ist! Denkst du manchmal über diese Finsternis nach? Ach, wie ich mich vor dem Tode fürchte, und wie sündhaft das ist! Ich liebe die Finsternis nicht, was ist doch die Sonne für ein schönes Ding! Mama sagt, es ist sündhaft, sich zu fürchten ... Arkadij, kennst du Mama gut?« »Erst wenig, Lisa, wenig kenn' ich sie.« »Ach, was bist du für ein Mensch; du mußt sie, mußt sie kennenlernen! Sie muß man ganz besonders verstehen ...« »Ja, siehst du, ich hatte dich ja auch nicht gekannt, aber jetzt kenne ich dich doch ganz. Ganz habe ich dich in einer Minute erkannt. Magst du dich auch vor dem Tode fürchten, Lisa, aber du bist doch wohl stolz, kühn, mutvoll. Besser als ich, viel besser als ich! Ich hab' dich schrecklich gern, Lisa. Ach, Lisa! Mag der Tod kommen, wenn es sein muß, aber bis dahin leben, leben! Weihen wir jener Unglücklichen unsere Trauer, aber das Leben wollen wir dennoch segnen, nicht? Nicht? Ich habe eine ›Idee‹, Lisa. Lisa, du weißt doch, daß Wersilow auf die Erbschaft verzichtet hat? Du kennst meine Seele nicht, Lisa, du weißt wohl nicht, was dieser Mensch für mich bedeutet hat?« ... »Na, das sollt' ich nicht wissen! Alles weiß ich.« »Alles weißt du? Na ja, dafür bist du es ja! Du bist klug; du bist klüger als Wasin. Du und Mama – ihr habt durchdringende Augen, humane, das heißt, ich meine den Blick, nicht die Augen, das ist Unsinn ... Ich bin schlecht in vielen Beziehungen, Lisa.« »Dich muß man richtig in die Hand nehmen, das ist das Ganze!« »Nimm mich in die Hand, Lisa. Wie gut ist's, dich heute anzusehen. Ja, weißt du denn auch, daß du sehr hübsch bist? Ich hatte noch niemals deine Augen gesehen ... Jetzt erst hab' ich sie zum erstenmal gesehen ... Wo hast du sie heute hergenommen, Lisa? Wo hast du sie gekauft? Wieviel hast du dafür gezahlt? Lisa, ich habe keinen Freund gehabt, ja und ich sehe diese Idee als einen Unsinn an; aber mit dir ist es kein Unsinn ... Willst du, wollen wir Freunde werden? Du verstehst, was ich sagen will? ...« »Sehr gut versteh' ich's.« »Und weißt du, ohne Abmachung, ohne Kontrakt, – wir wollen einfach Freunde sein!« »Ja, einfach, einfach, nur eine Abmachung: wenn wir uns jemals gegenseitig anklagen, wenn wir aus irgendeinem Grunde unzufrieden miteinander sind, wenn wir sogar böse und häßlich gegeneinander werden; wenn wir sogar dies alles vergessen, – so wollen wir doch niemals diesen Tag und diese jetzige Stunde vergessen! Wollen wir uns das Wort darauf geben, uns immer dieses Tages zu erinnern, als ich und du so Hand in Hand gingen, und als wir so lachten und fröhlich waren ... Ja? Also ja?« »Ja, Lisa, ja, ich schwör' es dir; aber, Lisa, mir ist, als hörte ich dich zum erstenmal ... Lisa, du hast viel gelesen?« »Bis jetzt hast du mich noch nicht gefragt. Erst gestern zum erstenmal, als ich mich mal versprach, würdigten Sie mich Ihrer Aufmerksamkeit, hochgeehrter Herr, Herr Klugkopf.« »Aber warum hast du denn nicht selber mit mir zu sprechen angefangen, wenn ich so ein Narr war?« »Ich habe ja immer darauf gewartet, daß du gescheiter werden würdest. Ich habe Sie von Anfang an durchschaut, Arkadij Makarowitsch, und als ich Sie durchschaut hatte, dachte ich so bei mir: Er wird ja doch kommen, es wird ja doch wahrscheinlich damit enden, daß er kommt, – na, und da beschloß ich, diese Ehre lieber Ihnen selbst zu überlassen und Sie den ersten Schritt tun zu lassen: Nein, dachte ich, komm du jetzt nur lieber zu mir!« »Ach, du Kokette! Na, Lisa, gesteh' mal offen: hast du diesen Monat lang über mich gelacht oder nicht?« »Ach, du bist sehr komisch, du bist furchtbar komisch, Arkadij! Und weißt du, vielleicht hab' ich dich deswegen in diesem Monat am liebsten gehabt, weil du so ein Sonderling bist. Aber du bist in vielen Stücken auch ein häßlicher Sonderling – so, das sage ich, damit du nicht zu stolz wirst. Ja, und weißt du, wer noch über dich gelacht hat? Mama hat gelacht, Mama mit mir zusammen: ›Ist das ein Sonderling,‹ wisperten wir uns zu, ›nein, ist das ein Sonderling!‹ Und du sitzst derweil und denkst, wir sitzen und zittern vor dir.« »Lisa, was denkst du von Wersilow?« »Ich denke sehr viel über ihn nach; aber weißt du, wir wollen jetzt nicht von ihm sprechen. Heute wollen wir nicht von ihm sprechen, nicht wahr?« »Ganz wie du willst! Nein, du bist furchtbar klug, Lisa! du bist sicherlich klüger als ich. Warte nur, Lisa, ich mache mit dem allen ein Ende, und dann sag' ich dir vielleicht auch was ...« »Warum machst du auf einmal ein finsteres Gesicht?« »Nein, ich mache kein finsteres Gesicht, Lisa, ich dachte nur ... Siehst du, Lisa, lieber geradeheraus: ich habe so einen Zug, daß ich es nicht liebe, wenn ein gewisser heikler Punkt in meiner Seele angefaßt wird ... oder besser gesagt: wenn man gewisse Gefühle oft hinausläßt, so daß sich jedermann daran ergötzen kann, so verletzt das das Schamgefühl, nicht wahr? Darum ist es mir manchmal lieber, ein finsteres Gesicht zu machen und zu schweigen; du bist klug, du mußt das verstehen.« »Ja, mehr noch, ich bin selber so; ich habe dich durchaus verstanden. Weißt du, daß auch Mama so ist?« »Ach, Lisa! Wenn man nur möglichst lange in dieser Welt leben könnte! Was? Was hast du gesagt?« »Nein, ich habe nichts gesagt.« »Du schaust mich so an?« »Du schaust ja auch. Ich schau' dich an und hab' dich lieb.« Ich begleitete sie fast bis nach Hause und gab ihr meine Adresse. Beim Abschied küßte ich sie zum erstenmal im Leben ...   5 Und so wäre alles gut gewesen, aber eins war doch nicht gut: ein schwerer Gedanke arbeitete in mir schon seit der Nacht und wollte mir nicht aus dem Sinn. Es war der Gedanke, daß ich gestern abend, als ich der Unglücklichen an unserer Pforte begegnet war, – daß ich ihr da gesagt hatte, ich selbst ginge aus dem Hause, man müsse die Bösen verlassen und sein eigenes Nest bauen, und Wersilow hätte viele uneheliche Kinder. Solche Worte des Sohnes über den Vater mußten ihren Verdacht gegen Wersilow natürlich endgültig bestätigen, und die Idee, daß er sie beleidigt hätte. Ich hatte Stebelkow beschuldigt, aber vielleicht hatte ich selber auch Öl ins Feuer gegossen. Dieser Gedanke war schrecklich, ist noch heute schrecklich ... Aber damals, an jenem Morgen, hatte er mich zwar schon zu quälen angefangen, aber mir schien es trotzdem immer noch, es wäre ein Unsinn: »Ach, das war auch ohne mich schon genug ins Brennen und Kochen geraten,« wiederholte ich mir von Zeit zu Zeit, »ach, es ist nichts, es geht schon vorüber! Ich werd' es verwinden! Ich will das durch irgend etwas aufwägen ... durch irgendeine gute Tat ... Ich habe noch fünfzig Jahre vor mir!« Aber der Gedanke arbeitete weiter. Zweiter Teil Erstes Kapitel   1 Ich überspringe einen Zeitraum von zwei Monaten; aber der Leser braucht sich nicht zu beunruhigen: aus dem folgenden wird alles klar werden. Scharf hervorheben möchte ich einen Tag, den fünfzehnten November – einen Tag, der mir aus vielen Ursachen nur zu gut im Gedächtnis geblieben ist. Das erste ist: niemand hätte mich wiedererkannt, der mich vor zwei Monaten gesehen hatte, wenigstens, was mein Äußeres betrifft; das heißt, vielleicht hätte er mich auch erkannt, aber er hätte sich durchaus keinen Vers darauf machen können. Ich war gekleidet wie ein Geck – das ist das erste. Jener »reelle Franzose, der auch Geschmack hat«, den mir Wersilow damals empfehlen wollte, hat mir nicht nur einen Anzug gemacht, sondern ist auch schon wieder zum alten Eisen geworfen; für mich arbeiten jetzt schon andere Schneider, feinere, die allerersten, und ich habe sogar eine laufende Rechnung bei ihnen. Ich habe auch in einem vornehmen Restaurant laufende Rechnung, aber dort habe ich noch Angst, und so oft ich Geld habe, bezahle ich, obgleich ich weiß, daß das »mauvais ton« ist, und daß ich mich dadurch kompromittiere. Auf dem Newskij-Prospekt habe ich einen französischen Friseur, mit dem ich auf sehr vertrautem Fuße stehe, und wenn er mich frisiert, erzählt er mir Anekdoten. Und, offengestanden, ich übe mich mit ihm im Französischen. Wenn ich die Sprache auch kenne, und sogar recht gut, in der großen Welt hab' ich doch so eine gewisse Angst, damit anzufangen; ja, und dann ist meine Aussprache wahrscheinlich durchaus nicht pariserisch. Ich habe Matwej, meinen Fiaker, mit einem Traber, und er steht mir zu Diensten, sobald ich's befehle. Er hat einen hellbraunen Hengst (ich liebe die Schimmel nicht). Übrigens ist auch mancherlei nicht recht in Ordnung: wir schreiben den fünfzehnten November, seit drei Tagen haben wir Winter, und mein Pelz ist alt, ein abgetragener Schuppenpelz, der von Wersilow stammt; wenn man ihn verkauft, bekommt man fünfundzwanzig Rubel dafür. Ich muß mir einen neuen anschaffen, aber meine Taschen sind leer, außerdem muß ich für heute abend Geld herbeischaffen, und das um jeden Preis, – »sonst bin ich unglücklich und ruiniert«; das sind meine eigenen Worte von damals. O Niedrigkeit! Was, woher kommen auf einmal diese Tausende, dieser Traber, diese feinen Restaurants! Wie konnte ich auf einmal alles so ganz vergessen und mich so verwandeln? O Schmach! Lieber Leser, ich beginne jetzt mit der Geschichte meiner Schande und Schmach, und nichts im Leben kann beschämender für mich sein als diese Erinnerungen! Ich spreche wie ein Richter und weiß, daß ich schuldig bin. In dem Wirbel, in dem ich mich damals drehte, war ich wohl allein, ohne Führer und ohne Ratgeber, aber ich kann schwören, auch damals schon war ich mir selber meines Falles: bewußt, und darum bin ich nicht zu entschuldigen. Und dabei war ich diese zwei Monate lang beinah glücklich, – was säg' ich: beinah? Ich war zu glücklich] Und das ging einfach so weit, daß das Bewußtsein meiner Schande, das zuzeiten (und oft genug!) in mir aufblitzte, und vor dem meine Seele erzitterte, – daß dies Bewußtsein – wird man's glauben? – mich noch mehr berauschte: »Ach was, fall' ich, so fall' ich; ganz fall' ich nicht, ich komme schon wieder heraus! Ich hab' meinen Stern!« .– Ich ging auf einem Schmalen Stege aus dünnen Spänen, ohne Geländer, über einem Abgrund, und ich fand es lustig, daß ich so ging; ich schaute sogar in den Abgrund hinunter. Es war gefährlich, und das war lustig. Und meine »Idee«? – Die »Idee« für später, die Idee wartete; alles, was geschah, – war »nur ein Abweichen vom Wege«: »warum soll ich mich nicht amüsieren?« Das ist ja eben das Schlechte an »meiner Idee«, wiederhole ich noch einmal, daß sie einfach alle Abweichungen gestattet; wäre sie nicht so fest und radikal, so hätte ich vielleicht Angst gehabt, abzuweichen. Und derweil hatte ich meine kleine Wohnung noch immer, ich hatte sie, wohnte aber nicht darin; da lag mein Handkoffer, meine Reisetasche und sonst noch Sachen; meine Hauptresidenz aber war bei Fürst Sergej Sokolskij. Bei ihm saß ich, bei ihm übernachtete ich auch, und zwar gleich wochenlang ... Wie das gekommen war, will ich gleich erzählen, zunächst will ich ein Wort über meine kleine Wohnung sagen. Ich hatte sie schon liebgewonnen: hier hatte mich Wersilow, als erster, zum erstenmal nach unserm damaligen Streit, aufgesucht, und seitdem war er viele Male gekommen. Ich sage noch einmal, diese Zeit war eine schreckliche Schmach, aber auch ein ungeheures Glück... »Und es glückte mir auch alles so und lächelte mir so! Und wozu auch alle die frühere Finsterkeit?« dachte ich in manchen berauschenden Minuten, »wozu diese alten schmerzlichen Risse, meine einsame und trübselige Kindheit, meine dummen Träume unter der Bettdecke, meine Schwüre, meine Berechnung und selbst die ›Idee‹? Ich habe das alles vorausgesetzt und mir ausgedacht, und jetzt zeigt sich's, daß es in der Welt durchaus nicht so ist; mir ist ja doch so froh und leicht: ich habe einen Vater – Wersilow, ich habe einen Freund – den Fürsten Seriosha, und dann habe ich noch ...« Aber dieses »noch« lassen wir jetzt beiseite. O weh, alles geschah im Namen der Liebe, der Großmut, der Ehre, und nachher erwies es sich als unanständig, frech, ehrlos. Genug davon.   2 Das erstemal war er am dritten Tage nach unserem damaligen Bruche zu mir gekommen. Ich war nicht zu Hause, und er blieb da und wartete auf mich. Als ich in meine winzige Kammer trat; umwölkten sich mir gleichsam die Augen, und mein Herz klopfte so, daß ich sogar in der Tür stehenblieb, obgleich ich diese ganzen drei Tage auf ihn gewartet hatte. Zum Glück saß er mit meinem Wirt da, der es, um dem Gast die Langeweile zu vertreiben, nötig gefunden hatte, sich ihm ungesäumt vorzustellen und ihm mit großem Eifer etwas zu erzählen begonnen hatte. Er war ein kleiner Subalternbeamter, ein Vierziger schon, sehr blatternarbig, sehr arm, bepackt mit einer schwindsüchtigen Frau und einem kranken Kinde; von Charakter war er außerordentlich mitteilsam und gutmütig, übrigens auch recht taktvoll. Ich freute mich über seine Anwesenheit, und er überhob mich sogar einer Verlegenheit, denn was hätte ich wohl zu Wersilow sagen sollen?. Ich wußte, wußte ganz ernsthaft, diese ganzen drei Tage, daß Wersilow selbst kommen würde als der erste, – genau so, wie ich es mir wünschte, weil ich um nichts in der Welt als der erste zu ihm gegangen wäre, und nicht aus Störrigkeit, sondern eben aus Liebe zu ihm, aus einer gewissen Eifersucht der Liebe, – ich weiß das nicht auszudrücken. Ja, und Talent für schöne Redensarten wird der Leser bei mir überhaupt nicht finden. Aber wenn ich ihn auch diese ganzen drei Tage erwartet und mir ununterbrochen vorgestellt hatte, wie er zu mir hereinkommen würde, dennoch hab' ich mir nie im voraus vorstellen können, obgleich ich mir die größte Mühe gab, wovon wir beide auf einmal sprechen würden, nach allem, was geschehen war. »Ah, da bist du ja auch!« mit diesen Worten streckte er mir freundschaftlich die Hand entgegen, ohne sich von seinem Platz zu erheben. »Setz' dich zu uns; Piotr Ippolitowitsch erzählt gerade eine sehr interessante Geschichte von dem großen Stein bei der Pawlowschen Kaserne ... oder da in der Gegend ...« »Ja, ich kenne den Stein«, sagte ich so schnell wie möglich und setzte mich zu ihnen auf einen Stuhl. Sie saßen am Tische. Das ganze Zimmer maß genau zwei Quadratfaden. Ich atmete schwer. Ein Funken der Befriedigung blitzte in Wersilows Augen auf: ich glaube, er hatte eine gewisse Befürchtung gehegt und gedacht, ich würde große Gesten brauchen. Jetzt war er beruhigt. »Fangen Sie lieber noch einmal von Anfang an, Piotr Ippolitowitsch.« – Sie zeichneten sich schon durch die Anrede mit Vor- und Vatersnamen aus. »Also, das ist noch zu Zeiten des seligen Kaisers passiert,« wandte sich Piotr Ippolitowitsch zu mir, nervös und ein bißchen gequält, als hätte er schon im voraus Angst um die Wirkung seiner Pointe, »Sie kennen diesen Stein ja doch, – so ein dummer Stein mitten auf der Straße. Wozu? Warum? Er steht nur im Wege, nicht wahr? Der Kaiser fuhr oft vorüber, und jedesmal war dieser Stein da. Endlich paßte das dem Kaiser nicht mehr, und es ist ja wahr, ein ganzer Berg! Ein Berg steht auf der Straße und verpfuscht die Straße. ›Der Stein soll fort!‹ Na ja, er sagt, er soll fort, verstehen Sie, – was heißt: ›er soll fort‹? Sie wissen ja, wie der Selige war? Was sollte man mit dem Stein machen? Alle verloren dein Kopf, da waren die Stadtverordneten, und da war hauptsächlich, ich weiß nicht mehr wer eigentlich, aber jedenfalls einer von den allerersten damaligen Magnaten, der den Auftrag hatte. Also, dieser Magnat hört nun: es heißt, fünfzehntausend wird es kosten, weniger unter gar keinen Umständen, und in Silber (denn die Banknoten wurden damals, zur Zeit des seligen Kaisers, nur in Silber eingelöst). ›Wieso fünfzehntausend, was für ein Wahnsinn!‹ Zuerst wollten die Engländer Schienen darunter legen und ihn mit Dampfkraft fortschaffen: aber was das gekostet hätte! Eisenbahnen gab es damals noch nicht, nur die nach Zarskoje-Selo ging schon ...« »Na, dann hätte man ihn ja zersägen können«, sagte ich und begann die Stirne in Falten zu ziehen; mir wurde die Sache schrecklich ärgerlich und genierlich Wersilow gegenüber; aber er hörte mit sichtlichem Vergnügen zu. Ich begriff, daß auch er über die Anwesenheit des Wirtes froh war, weil er auch eine gewisse Verlegenheit mir gegenüber empfand, das sah ich; ich weiß noch, das erschien mir direkt beinah rührend von ihm. »Ja, eben, zersägen, eben auf diese Idee kamen sie auch, und zwar Montferrand; er baute ja damals grade die Isaakskirche, ›Zersägen‹, sagt er, ›und dann fortschaffen.‹ Jawohl, ja, aber was wird das kosten?« »Nichts kostet das, man zersägt ihn einfach und schafft ihn fort.« »Nein, erlauben Sie, da muß man ja doch eine Maschine aufstellen, eine Dampfmaschine, und wohin soll man ihn dann schaffen? Und dabei so ein Berg? Zehntausend, hieß es, billiger würde es nicht gehen, zehn- bis zwölftausend.« »Hören Sie mal, Piotr Ippolitowitsch, das ist aber doch Unsinn, das kann doch nicht so gewesen sein...« Aber in diesem Augenblick blinzelte mir Wersilow unmerklich zu, und in diesem Blinzeln sah ich ein so taktvolles Mitgefühl mit meinem Wirte, ja, er litt sogar mit ihm, daß mir das außerordentlich gut gefiel und ich zu lachen anfing. »Na ja, na ja,« freute sich mein Wirt, der nichts bemerkt hatte und eine schreckliche Angst gefühlt hatte, wie alle diese Geschichtenerzähler, daß man ihn durch Fragen aus dem Zusammenhang bringen könnte, »und da kommt nun gerade ein Kleinbürger heran, jung noch, na wissen Sie, so ein richtiger Russe, keilförmiger Bart, langschößiger Kaftan, und beinah ein bißchen angesäuselt... übrigens, nein, angesäuselt nicht. Also, so steht dieser Kleinbürger da, wo sie miteinander disputierten, die Engländer und Montferrand, und jener hohe Herr, der den Auftrag hatte, war auch in seinem Wagen gekommen, hört zu und ärgert sich: wie sie da so schwatzen und zu keinem Entschluß kommen können. Auf einmal sieht er, von ferne steht dieser Kleinbürger und lacht so falsch, das heißt, nicht falsch, das meine ich nicht, aber so, so ...« »Spöttisch«, half ihm Wersilow vorsichtig ein. »Spöttisch, jawohl, das ist's, ein bißchen spöttisch; so ein gutes russisches Lächeln, wissen Sie; na, der Herr nahm das natürlich krumm, wissen Sie: ›Du Knasterbart, worauf wartest du? Wer bist du?‹ ›Ja,‹ sagt er, ›ich seh‹ mir das Steinchen an, Durchlaucht.‹ Ja, ich glaub', Durchlaucht war er; ja, ob das nicht am Ende Fürst Suworow-Italijskij war, ein Nachkomme des Feldmarschalls... Übrigens nein, doch nicht Suworow, wie schade, daß ich vergessen hab', wer es eigentlich war, nur wissen Sie, er war wohl eine Durchlaucht, aber dabei doch so ein echter Russe, so ein russischer Typus, ein Patriot, ein aufgeklärtes russisches Herz; na, also er fragte: ›Was?‹ fragt er, ›willst du vielleicht den Stein fortschaffen: was feixt du?‹ ›Hauptsächlich über die Engländer, Durchlaucht, sie verlangen schon einen gar zu unverhältnismäßigen Preis, weil der russische Beutel dick ist und sie zu Hause nichts zu fressen haben. Setzen Sie hundert Rubel aus, Durchlaucht – morgen abend bringen wir das Steinchen fort.‹ Na, stellen Sie sich einmal so einen Vorschlag vor. Die Engländer möchten ihn natürlich am liebsten fressen; Montferrand lacht; nur diese Durchlaucht, dieses russische Herz, sagt: ›Man gebe ihm hundert Rubel!‹ sagt er. ›Ja,‹ Sagt er, ›wirst du ihn auch wirklich fortschaffen?‹ ›Morgen gegen Abend kriegen wir ihn ran, Durchlaucht.‹ ›Ja, wie willst du das machen?‹ ›Das ist schon, wenn Durchlaucht es nicht übelnehmen, unser Geheimnis‹, sagt er, und wissen Sie, so richtig russisch sagte er das. Dem gefiel das: ›Also man gebe ihm alles, was er verlangt!‹ Na, und dann ließen sie ihn gehen; was glauben Sie, was er gemacht hat?« Mein Wirt machte eine Pause und begann uns mit einem gerührten Blick zu mustern. »Ich weiß nicht«, lächelte Wersilow. Ich machte ein sehr finsteres Gesicht. »Ja, das hat er gemacht,« sagte mein Wirt mit einem Triumphe, als hätte er es selber gemacht, »er mietete Bauern mit Spaten, einfache russische Bauern, und fing neben dem Steine, ganz dicht am Rande, ein Loch zu graben an; die ganze Nacht gruben sie, ein riesiges Loch gruben sie aus, genau von der Größe des Steines, und nur so vielleicht noch eine gute Spanne tiefer; und als das Loch fertig war, befahl er, ganz langsam und vorsichtig auch die Erde unter dem Stein wegzugraben. Na, natürlich, wie sie so drunter weggruben, hatte der Stein keine Unterlage mehr, worauf er stehen konnte, das Gleichgewicht kam ins Wanken; und als das Gleichgewicht im Wanken war, na, da stemmten sie sich denn von der anderen Seite gegen den Stein, so mit Hurra, auf russische Art: und der Stein fiel denn auch, plumps, in das Loch! Und dann schaufelten sie es zu und stampften alles gut fest, pflasterten Steinchen darüber, – alles glatt, der Stein war verschwunden!« »Denken Sie mal!« sagte Wersilow. »Na, also, ein Haufen Menschen, ein Haufen lief da zusammen, hast du nicht gesehen; und diese Engländer hatten ja alles längst erraten und hatten eine Wut. Montferrand kam an: ›Das,‹ sagt er, ›ist doch gar zu bäurisch, gar zu einfach ist das‹, sagt er. Ja, das ist es ja eben, daß das einfach ist, aber ihr seid nicht darauf gekommen, ihr Hansnarren ihr! Und ich kann Ihnen sagen, dieser hohe Herr von der Regierung umarmte ihn einfach und küßte ihn: ›Ja, woher bist du denn?‹ sagt er. – ›Von Jaroslawl, Durchlaucht, mein Handwerk ist eigentlich Schneider, aber im Sommer komm' ich in die Hauptstadt mit Obst handeln.‹ Na, die Sache kam der Obrigkeit zu Ohren; die Obrigkeit befahl, ihm eine Medaille umzuhängen; und so ging er mit der Medaille am Halse herum, ja, und nachher soll er sich kaputt gesoffen haben; wissen Sie, ein Russe kann sich eben nicht zügeln! Daher kommt es, daß noch heute soviel Ausländer uns überschwemmen, jawohl ja, das ist's!« »Ja natürlich, der russische Geist ...«, wollte Wersilow schon beginnen. Aber in diesem Augenblick rief, zu seinem guten Glück, die kranke Wirtin nach dem Erzähler, und er lief hinaus, sonst hätte ich mich nicht mehr halten können. Wersilow lachte. »Ach, lieber Freund, bevor du kamst, hat er mich schon eine ganze Stunde amüsiert. Dieser Stein ... das ist alles was es in ähnlichen Erzählungen vom falschesten Patriotismus gibt, aber wie soll man ihn unterbrechen? Du hast's ja gesehen, er schmilzt vor Wonne. Und außerdem glaub' ich, dieser Stein liegt noch heute da, wenn ich mich nur nicht täusche, und ist durchaus nicht in ein Loch vergraben ...« »Ach ja, lieber Gott!« rief ich, »das ist ja auch wahr. Wie kann er sich erlauben ...!« »Was hast du? Ja, ich glaube, du bist ganz entrüstet. Warum denn? Da hat er natürlich Konfusion gemacht; ich hab' eine ähnliche Geschichte von einem Stein schon in meiner Kindheit gehört, nur war sie natürlich anders und handelte nicht von diesem Stein. Du lieber Gott; ›es kam der Obrigkeit zu Ohren.‹ Sein ganzes Herz jubelte ja in dem Augenblick, als er das von der ›Obrigkeit‹ sagte. In diesem traurigen Milieu geht es eben nicht ohne solche Anekdoten, Sie haben eine Menge davon, hauptsächlich handeln sie von ihrem Saufen. Sie haben nichts gelernt, sie kennen nichts richtig, na, eben außer den Karten und ihrem Handwerk; so einer mag auch mal von etwas allgemein Menschlichem, Poetischem sprechen ... Was ist er, was ist dieser Piotr Ippolitowitsch für ein Mensch?« »Ein armes Subjekt, ein ganz unglücklicher Mensch.« »Na, siehst du, er spielt vielleicht nicht einmal Karten? Ich wiederhol' dir noch einmal, mit der Erzählung dieses Unsinns tut er seiner Nächstenliebe Genüge: er wollte uns doch damit beglücken. Seinem patriotischen Gefühl ist gleichfalls Genüge getan; sie haben zum Beispiel noch so eine Anekdote: die Engländer hätten Sawjalow eine Million gezahlt, unter der einzigen Bedingung, daß er seine Fabrikmarke auf seinen Fabrikaten wegließe.« »Ach Gott ja, diese Anekdote kenne ich.« »Wer kennt sie nicht, und wenn er sie erzählt, weiß er ganz genau, daß man sie wahrscheinlich schon kennt, aber er erzählt sie doch und redet sich absichtlich ein, daß man sie nicht kennt. Die Vision des Königs von Schweden – das scheint mir bei ihnen schon veraltet zu sein; aber in meiner Jugend erzählte man sie noch schmatzend und geheimnisvoll flüsternd, genau wie die Geschichte, daß zu Anfang des Jahrhunderts ein gewisser Jemand im Senate vor den Senatoren auf den Knien gelegen hätte. Über den Kommandanten Baschuzkij gab es auch eine Menge Anekdoten, wie das Denkmal entführt worden wäre. Sie schwärmen für Dienerschaftsanekdoten; zum Beispiel die Geschichten von dem Minister Tschernyschow unter der vorigen Regierung, wie er sich als alter Mann von siebzig Jahren äußerlich so herzurichten verstanden hätte, daß ihm keiner mehr als dreißig geben konnte, und so gut, daß der selige Kaiser sich bei den Empfängen darüber gewundert hätte...« »Das kenn' ich auch.« »Wer kennt das nicht? Alle diese Anekdoten sind der Gipfel der Inkorrektheit; aber du mußt wissen, daß dieser Typus des Inkorrekten viel tiefer und weiter verbreitet ist, als wir glauben. Die Lust zu lügen, um seinen Nächsten dadurch zu beglücken, triffst du sogar in unserer besten, korrektesten Gesellschaft, weil wir eben alle unter der Unenthaltsamkeit unserer Herzen leiden. Nur sind unsere Geschichten von anderer Art; was wird bei uns nicht alles von Amerika erzählt, es ist einfach fabelhaft, und sogar von Staatsmännern! Ich selbst muß bekennen, daß ich diesem inkorrekten Typus angehöre, und mein Leben lang darunter gelitten habe...« »Die Geschichte von Tschernyschow hab' ich schon selber ein paarmal erzählt.« »Du selber hast sie erzählt?« »Hier ist außer mir noch ein Zimmerherr, ein Beamter, gleichfalls pockennarbig und schon ziemlich alt, aber er ist die leibhaftige Prosa, und kaum beginnt Piotr Ippolitowitsch zu erzählen, so fängt er sofort an, ihn aus dem Konzept zu bringen und ihm zu widersprechen. Und er hat es so weit gebracht, daß jener ihn wie einen Sklaven bedient und ihm alles zu Gefallen tut, damit er nur zuhört.« »Das ist schon ein anderer Typus des Inkorrekten und vielleicht der abstoßendere von beiden. Der erste ist ganz Begeisterung! ›Laß mich doch nur lügen, – du wirst sehen, wie gut alles ausgeht.‹ Der, zweite ist nichts als Grämlichkeit und Prosa: ›Ich lasse mir nichts vorlügen. Wo, wann, in welchem Jahre?‹ – Kurz und gut, ein Mensch ohne Herz. Lieber Freund, laß deinen Mitmenschen immer ein bißchen lügen – das ist eine unschuldige Freude. Laß ihn sogar viel lügen. Erstlich zeugt das für deinen Takt, und zweitens erlaubt man dir dafür wieder zu lügen – zwei riesige Fliegen mit einer Klappe. Que diable! Man muß seinen Nächsten lieben. Aber für mich wird's Zeit. Du hast dich sehr nett eingerichtet«, fügte er hinzu und erhob sich von seinem Stuhl. »Ich werde Sophia Andrejewna und deiner Schwester erzählen, daß ich bei dir war und dich bei guter Gesundheit getroffen habe. Auf Wiedersehen, mein Lieber.« Was, war das wirklich alles? Das war es ja gar nicht, was ich gebraucht hatte; ich hätte etwas anderes erwartet, die Hauptsache , obschon ich vollkommen begriff, daß es anders ja gar nicht hätte sein können. Ich nahm das Licht und begleitete ihn auf die Treppe hinaus; auch mein Wirt kam angelaufen, aber ich ergriff ihn, so daß Wersilow nichts bemerkte, am Arm und stieß ihn heftig zurück. Er sah mich erstaunt an, drückte sich aber gleich. »Diese Treppen ...«, maulte Wersilow, die Worte dehnend, augenscheinlich nur, um etwas zu sagen und sichtlich in Angst, ich könnte etwas sagen: »Diese Treppen, – ich bin's nicht mehr gewöhnt, und du wohnst im dritten Stock, – übrigens, jetzt finde ich den Weg schon ... Bemüh' dich nicht unnütz, lieber Freund, du wirst dich noch erkälten.« Aber ich wich nicht. Wir waren schon auf der zweiten Treppe. »Ich habe Sie diese ganzen drei Tage erwartet«, entfuhr es mir plötzlich, wie von selbst; mein Atem stockte. »Ich danke dir, mein Lieber.« »Ich wußte, daß Sie sicherlich kommen würden.« »Und ich wußte, daß du wußtest, daß ich sicherlich kommen würde. Habe Dank, mein Lieber.« Er verstummte. Wir waren schon an der Haustür, und ich ging immer hinter ihm her. Er öffnete die Tür; der plötzlich eindringende Wind löschte mein Licht. Da ergriff ich auf einmal seine Hand; es war ganz dunkel. Er zitterte, blieb aber stumm. Ich stürzte mich über seine Hand Und fing sie auf einmal gierig zu küssen an, mehrere Male, viele Male. »Mein lieber Junge, ja, wofür liebst du mich so?« sagte er mit einer ganz neuen Stimme. Seine Stimme zitterte, etwas ganz Neues tönte in ihr, als wäre nicht er es, der da spräche. Ich wollte eine Antwort geben, vermochte es aber nicht und lief nach oben. Er wartete so lange, immer noch an derselben Stelle, und erst als ich wieder an meiner Wohnungstüre war, hörte ich, wie die Haustüre aufging und lärmend zufiel. An meinem Wirt vorbei, der sich dort wieder, weiß Gott warum, zu schaffen machte, schlüpfte ich in mein Zimmer, riegelte mich ein und warf mich, ohne Licht zu machen, auf mein Bett, das Gesicht ins Kissen, und – weinte und weinte. Zum erstenmal weinte ich wieder seit den Touchardschen Zeiten! Das Schluchzen kam mit solcher Kraft aus mir, und ich war so glücklich ..., aber wozu das beschreiben! Ich habe das jetzt niedergeschrieben, ohne mich dessen zu schämen, denn das alles war vielleicht gut, wenn es auch noch so abgeschmackt war.   3 Aber er bekam nachher schon sein Teil dafür von mir! Ich wurde ein schrecklicher Despot. Selbstverständlich geschah zwischen uns dieser Szene nie wieder auch nur Erwähnung. Im Gegenteil, wir begegneten uns zwei Tage darauf, als ob nicht das geringste geschehen wäre – mehr noch: ich war an diesem zweiten Abend beinahe grob, und er war auch von einer gewissen Trockenheit. Das war wieder in meiner Wohnung; ich selber war, ich weiß nicht warum, noch nicht zu ihm gekommen, trotzdem ich meine Mutter sehr gern wiedergesehen hätte. Gesprochen haben wir diese ganze Zeit, das heißt, diese ganzen zwei Monate über, nur von ganz abstrakten Dingen, – natürlich den allgemein menschlichen und den wichtigsten, aber sie bezogen sich nicht im geringsten auf die aktuelle Wirklichkeit. Und dabei hätte viel, sehr viel Aktuelles festgelegt und aufgeklärt werden müssen; es wäre sogar dringend nötig gewesen, aber darüber schwiegen wir. Ich sprach auch kein Wort von meiner Mutter und von Lisa und ... na, und, natürlich, von mir selber, über meine ganze Geschichte. War das Schämgefühl oder eine gewisse jugendliche Dummheit – ich weiß es nicht. Ich nehme an, es war Dummheit, denn über das Schamgefühl hätte man sieh immerhin noch hinwegsetzen können. Ich spielte ihm gegenüber den schrecklichen Despoten und wurde mehr als einmal sogar direkt unverschämt, selbst wenn's mir gar nicht so ums Herz war: dies alles geschah gleichsam von selbst, es ließ sich nicht halten, ich konnte mich selber nicht halten. Sein Ton wiederum hatte wie früher einen leicht spöttischen Einschlag, wenn er auch immer außerordentlich freundlich war, was auch geschehen mochte. Es setzte mich auch in Erstaunen, daß er lieber selbst zu mir kam, so daß ich Mama schließlich furchtbar selten besuchte, vielleicht einmal in der Woche, häufiger nicht, namentlich in der allerletzten Zeit, als ich schon ganz in den Wirbel geraten war. Er kam immer abends und saß bei mir und schwatzte; er schwatzte auch sehr gerne mit meinem Wirt; dieses erboste mich bei einem Menschen wie ihm. Es kam mir auch der Gedanke: hat er denn außer mir niemand, den er aufsuchen könnte? Aber ich wußte mit Sicherheit, daß er Bekannte hatte; in letzter Zeit hatte er sogar verschiedene Beziehungen im Kreise der höheren Gesellschaft erneuert, die er im vorigen Jahr abgebrochen hatte; aber es schien, als hätte er nicht viel Freude daran und hätte vieles bloß offiziell erneuert, käme aber lieber zu mir. Mich rührte es manchmal sehr, daß er, wenn er abends kam, fast jedesmal beim Eintritt eine gewisse Schüchternheit zu überwinden hatte und mir im ersten Augenblick immer mit einer sonderbaren Unruhe in die Augen sah, als wollte er sagen: »Störe ich nicht am Ende? Sag's nur ruhig, dann geh' ich wieder.« Er sprach es sogar manchmal aus. Einmal zum Beispiel, eben in der letzten Zeit, kam er gerade herein, als ich schon fertig angezogen war, in einem Anzug, der gerade erst vom Schneider gekommen war, als ich eben zu Fürst Seriosha fahren wollte, um mich mit ihm »an den bekannten Ort« zu begeben (wohin – das werde ich nachher erklären). Er kam herein, setzte sich, wahrscheinlich ohne zu bemerken, daß ich im Begriffe war, aufzubrechen; zeitweise konnte ihn eine äußerst sonderbare Zerstreutheit befallen. Und wie absichtlich fing er an von meinem Wirt zu sprechen; ich brauste auf: »Hol' ihn der Teufel, den Kerl!« »Ach so, lieber Freund,« sagte er plötzlich und stand auf, »du willst wohl fort und ich störe dich ... Entschuldige, bitte.« Und er beeilte sich bescheiden fortzugehen. Diese Bescheidenheit eines solchen Menschen mir gegenüber, eines unabhängigen Mannes von Welt, der so viel Persönliches hatte, ließ mit einem Ruck wieder meine Liebe zu ihm in mir auferstehen und allen meinen Glauben an ihn. Aber wenn er mich so liebte, warum gebot er mir nicht Halt, damals in der Zeit meiner Schande? Hätte er damals nur ein Wort gesagt – ich hätte mich vielleicht gezügelt. Übrigens vielleicht auch nicht. Aber er sah meinen Aufwand doch, meine unsinnige renommistische Verschwendung, meinen Fiaker (ich wollte ihn sogar einmal in meinem Schlitten mitnehmen, er stieg aber nicht ein; es ist sogar mehrere Male vorgekommen, daß er nicht mitfahren wollte), er sah doch, daß ich das Geld zum Fenster hinauswarf – und kein Wort, nicht ein Wort, nicht einmal eine neugierige Frage! Das wundert mich bis jetzt, auch heute noch. Und ich genierte mich damals selbstverständlich nicht im geringsten vor ihm und tat alles ganz ruhig und offen vor ihm, wenn ich ihm natürlich auch kein Wort der Erklärung sagte. Er fragte nicht, und ich sprach nicht. Übrigens, ein paarmal haben wir auch von aktuellen Angelegenheiten gesprochen. Ich fragte ihn einmal, im Anfang war's, gleich nach seinem Verzicht auf die Erbschaft, wovon er jetzt leben würde. »Ach, irgendwie, lieber Freund«, sagte er außerordentlich ruhig. Heute weiß ich, daß sogar Tatjana Pawlownas winziges Kapital, fünftausend Rubel vielleicht, in diesen letzten zwei Jahren zur Hälfte für Wersilow verausgabt worden war. Ein anderes Mal kamen wir, ich weiß nicht wie, auf Mama zu sprechen: »Lieber Freund,« sagte er auf einmal traurig, »ich hab' so oft zu Sophia Andrejewna gesagt, im Anfang unserer Verbindung, – übrigens zu Anfang und in der Mitte und am Ende: Liebste, ich plage dich und plage mich ab, und mir ist es nicht leid, solange du vor mir stehst; aber wenn du einmal stirbst, so weiß ich auch, daß ich mich totmartern werde mit Vorwürfen.« Übrigens, ich weiß noch, er war an jenem Abend überhaupt besonders offenherzig: »Wenn ich eine charakterschwache Null wäre und unter diesem Bewußtsein litte! Aber das ist es eben nicht, ich weiß ja, daß ich unendlich stark bin, und wodurch, was glaubst du f Eben durch jene unmittelbare Kraft, sich mit allem, was es auch sei, einzuleben, die allen klugen Russen aus unserer Generation so eigentümlich ist. Mich kann man durch nichts vernichten, durch nichts vertilgen und durch nichts in Erstaunen setzen. Ich hab' ein zähes Leben wie ein Hofhund. Ich kann ganz bequem zwei entgegengesetzte Gefühle zu gleicher Zeit empfinden – und selbstverständlich, ohne daß ich das wollte. Ich habe bis nah an die fünfzig gelebt, und ich hab' bis zu dieser Stunde keine Ahnung: war das gut, daß ich so lange lebte, oder schlecht. Natürlich, ich liebe das Leben, und das versteht sich aus der Sache ganz von selbst; aber für einen Menschen wie mich ist es gemein, das Leben zu lieben. In der letzten Zeit hat etwas Neues begonnen, und Leute wie Kraft setzen sich nicht durch, sondern schießen sich tot. Es ist ja aber klar, daß die Krafts dumm sind; na, und wir sind klug – also kann man da gar keine Parallele ziehen und die Frage bleibt nach wie vor offen. Und existiert die Erde wirklich nur für Leute wie wir? Das wahrscheinlichste ist: ja; aber diese Idee ist doch schon gar zu trostlos. Übrigens ... übrigens bleibt die Frage nach wie vor offen.« Er sagte das voller Trauer, und dennoch wußte ich nicht, war das aufrichtig oder nicht. Es blieb in ihm immer eine geheime Falte, die er um keinen Preis lassen wollte.   4 Ich überschüttete ihn damals mit Fragen, ich stürzte mich auf ihn wie ein Hungriger auf Brot. Er antwortete mir immer bereitwillig und geradeheraus, aber schließlich und zu guter Letzt ließ er alles wieder auf ganz allgemeine Aphorismen hinauslaufen, so daß ich in Wirklichkeit nichts aus ihm herausbringen konnte. Und dabei hatten mich alle diese Fragen mein Leben lang beunruhigt, und ich gestehe offen, ich hatte ihre Entscheidung noch in Moskau aufgeschoben, eben bis zu unserm Wiedersehen in Petersburg. Ich teilte ihm das sogar geradeheraus mit, und er lachte mich nicht aus deshalb – im Gegenteil, ich weiß noch, er drückte mir die Hand. Über die internationale Politik und die sozialen Fragen konnte ich fast nichts aus ihm herausbringen, und gerade diese Fragen beunruhigten mich im Hinblick auf meine »Idee« am meisten. Über Leute wie Dergatschow entriß ich ihm einmal die Bemerkung, »sie ständen unter aller Kritik«, aber gleichzeitig fügte er, sonderbar genug, hinzu, »er behielte sich das Recht vor, seiner Meinung nicht die geringste Bedeutung beizulegen«. Darüber, wie die heutigen Staaten und die heutige Welt ein Ende nehmen würden, und in welcher Art eine neue sozialistische Welt erstehen würde, schwieg er sich lange aus, aber endlich quälte ich ihm doch ein paar Worte darüber heraus: »Ich glaube, daß das alles ganz außerordentlich gewöhnlich vor sich gehen wird«, sagte er einmal. »Alle Staaten werden einfach, trotzdem ihre Budgets balancieren und ›keine Defizits vorhanden sind‹, un beau matin vollkommen in der Bredouille sitzen, und alle bis zum letzten werden nicht zahlen wollen, um sich in dem allgemeinen Bankerott vom ersten bis zum letzten erneuern zu können. Und dabei wird sich das ganze konservative Element in der ganzen Welt dem widersetzen, weil es eben der Aktionär und der Gläubiger sein wird, und wird den Bankerott nicht zulassen wollen. Dann wird selbstverständlich sozusagen der allgemeine Oxydationsprozeß anfangen; viele Juden werden dazukommen, und das jüdische Reich wird beginnen; aber dann werden alle, die nie Aktien besessen haben, ja, überhaupt nichts besessen haben, das heißt alle Bettler, natürlich nicht an dem Oxydationsprozeß teilnehmen wollen ... Der Kampf wird beginnen und nach siebenundsiebzig Niederlagen werden die Bettler die Aktionäre vernichten, sie werden ihnen ihre Aktien wegnehmen und sich auf ihre Plätze setzen, als Aktionäre natürlich. Vielleicht werden sie auch irgend was Neues sagen, vielleicht aber auch nicht. Wahrscheinlicher ist, daß sie auch Bankerott machen. Weiter, lieber Freund, kann ich mir keine Vorstellung mehr von den Geschicken machen, die das Antlitz dieser Welt verwandeln werden. Übrigens, lies in der Apokalypse nach ...« »Ja, muß denn das wirklich alles so materialistisch sein; soll die heutige Welt denn wirklich nur an den Finanzen allein zugrunde gehen?« »Oh, natürlich, ich hab' nur ein Eckchen des Bildes hergenommen, aber auch dieses Eckchen ist doch sozusagen durch unzerreißbare Bande mit dem Ganzen verbunden.« »Was soll man also tun?« »Ach, lieber Gott, laß dir nur Zeit; das alles kommt nicht so schnell. Und überhaupt, nichts zu tun ist das allerbeste, wenigstens hat man ein ruhiges Gewissen und weiß, daß man an nichts teilgenommen hat.« »Ach, genug davon, sprechen Sie doch zur Sache. Ich möchte wissen, was ich tun soll und wie ich leben soll?« »Was du tun sollst, lieber Freund? Sei ehrlich, lüge niemals, wünsch' deinem Nächsten nichts Böses, mit einem Wort: lies die zehn Gebote – da ist es für ewige Zeiten aufgeschrieben.« »Genug davon, genug davon, das ist alles so alt, und dann – nur Worte; und es braucht eine Tat.« »Na, dann, wenn dich die Langeweile gar zu sehr packt, sieh zu, daß du irgend jemand lieben kannst oder irgend etwas, oder hänge dich einfach an irgend etwas.« »Sie machen sich nur lustig über mich! Und dann, was soll ich ganz allein mit Ihren zehn Geboten tun?« »Halte sie, ohne auf alle deine Fragen und Zweifel zu achten, und du wirst ein großer Mensch sein.« »Und keiner wird von mir wissen.« »Es gibt nichts Geheimes, was nicht offenkundig würde.« »Ach, Sie machen sich wahrhaftig nur lustig über mich!« »Na, wenn du es dir schon so sehr zu Herzen nimmst, so ist es das beste, du trachtest dich so schnell wie möglich zu spezialisieren, bau' den Leuten Häuser oder führ' ihre Prozesse, dann hast du eine wirkliche und ernste Arbeit und wirst ruhig werden und allen Unsinn vergessen.« Ich schwieg eine Weile; was konnte man daraus entnehmen? Und dennoch, nach jedem derartigen Gespräche war ich noch unruhiger als vorher. Außerdem sah ich ganz deutlich, daß in ihm immer gleichsam eine Art von Geheimnis zurückblieb, und eben das zog mich immer mehr und mehr zu ihm hin. »Hören Sie mal,« unterbrach ich ihn einst, »ich habe immer den Verdacht, Sie sagen das alles nur aus Verbitterung und Leiden heraus, aber insgeheim, für sich, sind Sie gerade ein Fanatiker irgendeiner höheren Idee und verstecken das nur oder genieren sich, es einzugestehen.« »Ich danke dir, lieber Freund.« »Hören Sie mal, nichts steht höher, als nützlich zu sein. Sagen Sie mir, wodurch ich im gegebenen Moment am allernützlichsten sein kann? Ich weiß, daß es nicht Ihre Sache ist, das zu entscheiden; aber ich will nur Ihre Meinung wissen: Sie sagen sie mir, und wenn Sie sie mir sagen, folg' ich ihr, das schwöre ich Ihnen! Also, worin liegt ein großer Gedanke?« »Na, Steine in Brot verwandeln, – das ist ein großer Gedanke.« »Der größte? Nein, wirklich, Sie haben mir einen ganzen Weg gezeigt; sagen Sie mir: der größte?« »Ein sehr großer, lieber Freund, ein sehr großer, aber nicht der größte; groß, aber zweiten Ranges, aber nur im gegebenen Momente groß: der Mensch ißt sich satt und denkt nicht mehr daran; im Gegenteil, er wird sogleich sagen: ›Na, jetzt hab' ich mich satt gegessen, und was soll ich jetzt tun?‹ Die Frage wird in alle Ewigkeit offen bleiben.« »Sie sprachen einmal von ›Genfer Ideen‹; ich hab' nicht verstanden, was das ist: ›Genfer Ideen‹?« »Genfer Ideen – das ist die Tugend ohne Christus, lieber Freund, die heutigen Ideen, oder besser gesagt, die Idee der ganzen heutigen Zivilisation. Kurz und gut, das ist eine von den langen Geschichten, von denen anzufangen sehr langweilig ist, und es wird viel besser sein, wenn wir beide von etwas anderem sprechen, oder noch besser, wenn wir von etwas anderem schweigen!« »Sie möchten am liebsten immer schweigen!« »Lieber Freund, denke daran, daß schweigen gut, ungefährlich und schön ist.« »Schön?« »Selbstverständlich. Das Schweigen ist immer schön, und wer schweigt, ist immer schöner als einer, der spricht.« »Ja, wenn man so miteinander spricht, wie wir zwei, da ist schweigen natürlich ebensogut. Der Teufel hole diese Schönheit, und vor allem hole der Teufel den Nutzen davon!« »Mein Lieber,« sagte er auf einmal zu mir, in etwas verändertem Ton, mit einem gewissen Gefühl sogar und besonders eindringlich, »mein Lieber, ich will dich durchaus nicht zu irgendeiner bourgeoisen Tugendhaftigkeit an Stelle deiner Ideale verführen, ich will dir nicht einreden, ›Glück sei besser als Heldentum‹; im Gegenteil, das Heldentum steht höher als jedes Glück, und allein schon die Fähigkeit dazu bildet ein Glück. Also, dies steht nun einmal zwischen uns fest. Eben darum schätze ich dich auch, weil du es in unserer Oxydationszeit vermocht hast, in deiner Seele irgendeine ›eigene Idee‹ großzuziehen (sei nur ruhig, ich hab' es sehr gut behalten). Aber bei alledem kann man nicht umhin, auch an das Maß zu denken, weil du jetzt nach einem weithin sichtbaren Leben begehrst, etwas anzünden, etwas zerschmettern willst, höher werden als ganz Rußland, dich erheben wie eine Donnerwolke und alle in Schrecken und Begeisterung zurücklassen und selbst in den Vereinigten Staaten von Nordamerika verschwinden. Etwas von der Art lebt doch wahrscheinlich in deiner Seele, und deshalb halte ich es auch für nötig, dich zu warnen, weil ich dich aufrichtig liebgewonnen habe, mein Lieber.« Was konnte ich hieraus entnehmen? Das war nur Unruhe um mich, um mein materielles Schicksal; hier sprach sich ein Vater über seine prosaischen, wenn auch guten Gefühle aus; aber war's das, was ich im Hinblick auf die Idee brauchte, für die jeder ehrliebende Vater seinen Sohn selbst in den Tod schicken mußte, wie der alte Horatius seine Söhne für die Idee Roms? Ich befragte ihn auch oft wegen der Religion, aber hier war der Nebel am allerdichtesten. Auf meine Frage: »Was soll ich in der Hinsicht tun?« antwortete er höchst dumm, als sei ich ein kleiner Knabe: »Man muß an Gott glauben, mein Lieber.« »Nun, und wenn ich an alles das nicht glaube?« rief ich einmal erregt. »Sehr schön, mein Lieber.« »Was heißt: sehr schön?« »Es ist das allerbeste Zeichen, lieber Freund; das zuverlässigste sogar, weil unser russischer Atheist, wenn er nur wahrhaft Atheist ist und ein klein wenig Verstand besitzt, der beste Mensch auf der ganzen Welt ist und immer geneigt, Gott wohlgefällig zu sein, weil er unbedingt gut ist, und gut ist er, weil er unendlich zufrieden damit ist, daß er Atheist ist. Unsere Atheisten sind achtbare Leute und, sozusagen, höchst zuverlässige Schutzwälle des Vaterlandes ...« Das war natürlich etwas, aber nicht das, was ich wollte; nur einmal ging er aus sich heraus, nur war das so sonderbar, und es setzte mich am meisten in Erstaunen, wenn ich an die Gerüchte über seinen Katholizismus und jene Büßerketten dachte, die ich über ihn vernommen hatte. »Mein Lieber«, sagte er einmal zu mir – nicht zu Hause, wir waren auf der Straße, – nach einem langen Gespräche, ich begleitete ihn. – »Lieber Freund, die Menschen so zu Heben, wie sie sind, ist unmöglich. Und dennoch soll man es. Und darum, wenn du ihnen Gutes tust, stärke deine Gefühle, halt dir die Nase zu und schließe die Augen (letzteres ist unumgänglich notwendig). Erdulde Böses von ihnen und gib dir Mühe, ihnen nicht zu zürnen, soweit das möglich ist; ›gedenke, daß auch du ein Mensch bist‹. Selbstverständlich bist du eingesetzt, streng gegen sie zu sein, wenn du ein klein wenig klüger bist als der Durchschnitt. Die Menschen sind von Natur aus niedrig und lieben gern aus Furcht; unterwirf dich einer solchen Liebe nicht und höre nicht auf zu verachten. Irgendwo im Koran gebietet Allah dem Propheten, er solle die, ›Widerspenstigen‹ als Mäuse ansehen und an ihnen vorübergehen – ein wenig hochmütig, aber wahr. Lern' es, sie auch dann zu verachten, wenn sie gut sein wollen, weil sie gerade dann am allerhäufigsten schlecht sind. Oh, mein Lieber, ich schließe von mir selber, wenn ich das sage! Wer nicht ganz dumm ist, kann nicht leben, ohne sich selber zu verachten, mag er nun ehrenhaft sein oder nicht – das ist ganz einerlei. Seinen Nächsten lieben und ihn nicht verachten – ist unmöglich. Meiner Ansicht nach ist der Mensch mit der physischen Unmöglichkeit geschaffen, seinen Nächsten zu lieben. Da muß von allem Anfang an ein Fehler im Worte liegen, und die ›Liebe zur Menschheit‹ kann man nur als die Liebe zu der Menschheit auffassen, die man sich selber in seiner Seele geschaffen hat – (mit anderen Worten, mich selbst hab' ich geschaffen, und mich selbst liebe ich daher) – und die es folglich in Wirklichkeit niemals geben wird.« »Niemals geben wird?« »Lieber Freund, ich gebe zu, daß das ein bißchen dumm wäre, aber das ist nicht meine Schuld; man hat mich bei der Weltschöpfung nicht um meine Meinung gefragt, so behalte ich mir das Recht vor, in dieser Hinsicht meine eigene Meinung zu haben.« »Aber wie kann man Sie bei diesen Anschauungen einen Christen nennen,« rief ich, »einen Mönch mit Büßerketten auf dem Leibe, einen Prediger? Ich versteh' das nicht!« »Wer nennt mich denn so?« Ich erzählte es ihm; er hörte sehr aufmerksam zu, brach aber das Gespräch ab. Ich kann mich durchaus nicht erinnern, wie wir damals auf dieses für mich denkwürdige Gespräch gekommen sind; aber ich weiß, daß er dabei sogar in Hitze geriet, was bei ihm fast niemals vorkam. Er sprach voll Leidenschaft und ohne Spott, als ob er überhaupt nicht mit mir spräche. Aber ich glaubte ihm dennoch wieder nicht: er konnte doch nicht mit einem Menschen wie mir ernsthaft von solchen Dingen sprechen. Zweites Kapitel   1 An diesem Morgen, am fünfzehnten November traf ich ihn eben bei »Fürst Seriosha.« Ich war's auch gewesen, der ihn mit dem Fürsten zusammengebracht hatte, aber sie hatten auch ohne mich genug Berührungspunkte (ich spreche von diesen früheren Geschichten im Ausland). Außerdem hatte der Fürst ihm sein Wort gegeben, ihm aus der Erbschaft wenigstens ein Drittel auszuzahlen, was sicherlich zwanzigtausend Rubel ausmachen mußte. Ich weiß noch, mir erschien es damals sonderbar, daß er ihm nur ein Drittel und nicht die ganze Hälfte geben wollte; aber ich behielt es für mich. Dieses Versprechen hatte der Fürst ganz von sich aus gegeben; Wersilow hatte nicht mit einem halben Wörtchen Anteil daran, hatte nicht die geringste Anspielung gemacht; der Fürst war selber damit herausgekommen, und Wersilow hatte es nur schweigend geduldet und es später nicht einmal wieder erwähnt, ja, auch nicht eine Miene gemacht, als ob er sich des Versprechens überhaupt noch erinnerte. Ich möchte hier gleich erwähnen, daß der Fürst anfangs entschieden bezaubert von ihm war, besonders von seinen Reden, er geriet direkt in Entzücken und sprach sich mehrere Male gegen mich darüber aus. Er sprach manchmal auch allein mit mir fast verzweifelt über sich selbst, »er wäre ja so ungebildet, er wäre auf so einem falschen Wege! ...« Oh, wir waren damals noch so befreundet! ... Auch Wersilow gegenüber gab ich mir immer Mühe, ihm über den Fürsten eine gute Meinung beizubringen, ich verteidigte seine Fehler, wenn ich sie auch selber sah; aber Wersilow schwieg sich aus und lächelte. »Wenn er Fehler hat, so hat er wenigstens ebensoviel Vorzüge wie Fehler!« rief ich einmal, als ich mit Wersilow allein war. »Mein Gott, wie du ihm schmeichelst«, lachte er auf. »Wieso schmeicheln?« fragte ich, ohne ihn recht verstehen zu wollen. »Ebenso viele Vorzüge! Ja, dann wird man ja einst seine Gebeine als Reliquien verehren, wenn er ebenso viele Vorzüge wie Fehler hat!« Na, natürlich, das war nicht seine Meinung. Überhaupt vermied er es damals gern, von dem Fürsten zu sprechen, wie von allem Aktuellen, aber vom Fürsten ganz besonders. Ich hatte auch damals schon den Verdacht, daß er den Fürsten auch ohne mich aufsuchte, und daß sie noch besondere Beziehungen hätten, aber ich ließ das auf sich beruhen. Ich fühlte auch keine Eifersucht deswegen, weil er mit ihm in einer gewissen Art ernster sprach als mit mir, gründlicher sozusagen, und ohne soviel Spott einfließen zu lassen; aber ich war damals so glücklich, daß mir sogar das gefiel. Ich entschuldigte es außerdem noch damit, daß der Fürst ein bißchen beschränkt war und deshalb Genauigkeit im Ausdruck liebte und manche Finessen überhaupt nicht verstand. Und jetzt, in der letzten Zeit, hatte er angefangen, sich gewissermaßen zu emanzipieren. Seine Gefühle Wersilow gegenüber begannen sich sogar zu verwandeln. Der feinfühlige Wersilow hatte das gemerkt. Ich will gleich sagen, daß der Fürst sich auch mir gegenüber verwandelt hatte, ein bißchen zu auffällig sogar; es waren nur gleichsam die toten Formen unserer anfangs beinahe glühenden Freundschaft übriggeblieben. Aber dabei besuchte ich ihn dennoch immer weiter; übrigens, wie hätte ich ihn nicht besuchen sollen, nachdem ich nun einmal in dies alles hineingeraten war? Oh, wie ungeschickt war ich damals, und kann denn wirklich nichts als eine einzige Dummheit des Herzens einen Menschen zu solcher Unvernunft und einer solchen Erniedrigung führen! Ich nahm Geld von ihm und glaubte, das hätte nichts zu sagen, so gehörte es sich auch. Übrigens, so war es doch nicht: ich wußte auch damals, daß es sich nicht so gehörte, aber – ich dachte einfach sehr wenig darüber nach. Nicht des Geldes wegen ging ich zu ihm, wenn ich das Geld auch schrecklich nötig hatte. Ich wußte, daß ich nicht wegen des Geldes hinging, aber ich begriff, daß ich jeden Tag hinkam und Geld holte. Aber ich war im Wirbel, und außer dem allen war meine Seele damals von etwas ganz anderem erfüllt – sang etwas ganz anderes in meiner Seele. Als ich eintrat, etwa um elf Uhr früh, traf ich Wersilow schon am Ende einer langen Tirade; der Fürst ging im Zimmer auf und ab und hörte zu, Wersilow aber saß. Der Fürst schien etwas erregt zu sein. Wersilow konnte ihn fast immer in Erregung bringen. Der Fürst war ein äußerst empfängliches Menschenkind, und das bis zu einer Naivität, die mich in vielen Fällen veranlaßte, ihn von oben herab anzusehen. Aber ich wiederhole noch einmal, in den letzten Tagen hatte sich bei ihm etwas gleichsam bösartig Zähnefletschendes gezeigt. Er blieb stehen, als er mich sah, und es verzog sich etwas in seinem Gesicht. Ich wußte bei mir, wie ich mir diesen Schatten an diesem Morgen zu erklären hatte, aber ich hatte nicht erwartet, daß sich sein Gesicht in diesem Grade verziehen würde. Ich wußte, daß er eine Menge Unannehmlichkeiten hatte, das Häßliche dabei war aber, daß ich nur den zehnten Teil davon kannte – das übrige war damals noch ein tiefes Geheimnis für mich. Das war deshalb häßlich und dumm, weil ich mich oft zu seinem Tröster aufwarf, ihm Ratschläge gab und mich sogar lustig machte, daß er »wegen solchem Struntzeug« außer sich geriete. Er hüllte sich dann in Schweigen; aber es ist ganz unmöglich, daß er mich in solchen Minuten nicht schrecklich gehaßt haben sollte: ich war in einer gar zu falschen Situation und hatte nicht einmal eine Ahnung davon. Oh, Gott sei mein Zeuge, daß ich von der Hauptsache keine Ahnung hatte! Er streckte mir aber doch höflich die Hand entgegen. Wersilow nickte mir zu, ohne seine Rede zu unterbrechen. Ich flegelte mich auf den Diwan. Was für einen Ton ich damals an mir hatte, was für Manieren! Ich brachte noch ganz andere Sachen fertig, ich behandelte seine Bekannten, als wären's meine... Ach Gott, wenn ich die Möglichkeit hätte, das alles noch nachträglich zu ändern, wie gut würde ich's verstehen, mich anders zu benehmen! Zwei Worte noch, damit ich's nicht vergesse. Der Fürst bewohnte damals immer noch dieselbe Wohnung, hatte sie jetzt aber schon fast ganz für sich eingenommen; die eigentliche Mieterin der Wohnung, Frau Stolbejewa, war nur etwa einen Monat dageblieben und wieder fortgereist.   2 Sie sprachen über den Adel. Ich will hier gleich bemerken, daß diese Idee den Fürsten manchmal sehr lebhaft erregte, trotz seiner äußerlichen Fortschrittlichkeit, und ich vermute sogar, daß viele Torheiten seines Lebens aus dieser Idee stammten und darin ihren Ursprung hatten: er hielt viel auf seinen Fürstentitel und war dabei ein Bettler; so warf er sein Leben lang das Geld zum Fenster hinaus und stürzte sich in Schulden. Wersilow hatte ihn schon manchmal darauf hingewiesen, daß das Wesen des Adels nicht hierin liege, und versucht, ihm einen höheren Begriff davon einzupflanzen; aber der Fürst wurde schließlich immer etwas empfindlich, daß man ihm gute Lehren geben wollte. Scheinbar war auch an diesem Morgen etwas Ähnliches im Gange, ich hatte den Anfang aber nicht gehört. Wersilows Worte schienen mir anfangs stark reaktionär, nachher aber korrigierte er sich in dieser Beziehung. »Das Wort Ehre – bedeutet Pflicht«, sagte er (ich gebe nur den Sinn seiner Rede wieder und was ich davon behalten habe). »Wenn in einem Staate ein bevorzugter Stand herrscht, so ist dieses Land stark. Ein bevorzugter Stand hat immer seine eigne Ehre und seine eigne Ausdrucksform für diese Ehre, und mag diese auch falsch sein, sie dient fast immer als Bindemittel und macht das betreffende Land stark; der Nutzen davon liegt auf moralischem, in noch höherem Grade aber auf politischem Gebiet. Zu leiden haben darunter aber die Sklaven, das heißt die Leute, die nicht zu jenem bevorzugten Stande gehören. Und damit sie nicht zu leiden brauchen – wird ein Ausgleich der Rechte vorgenommen. So ist es auch bei uns zulande geschehen, und das ist ja sehr schön. Aber nach allen Erfahrungen und bisher noch überall (ich spreche natürlich nur von Europa) ist mit der Ausgleichung der Rechte eine Herabminderung des Ehrgefühls Hand in Hand gegangen, das heißt also auch: des Pflichtgefühls. Der Egoismus ist an die Stelle der früher herrschenden zusammenhaltenden Idee getreten, und alles ist zu persönlicher Freiheit auseinandergefallen. Die Befreiten, die keinen zusammenhaltenden Gedanken mehr hatten, haben schließlich in dem Grade jedes höhere Band verloren, daß sie nicht einmal mehr für die erworbene Freiheit einzustehen wußten. Aber der russische Adelstypus hat dem europäischen niemals geglichen. Unser Adel könnte auch heute noch, nach Verlust seiner Rechte, der höchste Stand bleiben: als Schirmer der Ehre, des Lichts, der Wissenschaft, der höheren Idee und, was die Hauptsache ist, ohne sich als eine besondere Kaste zu verbarrikadieren; denn das wäre der Tod der Idee. Im Gegenteil, die Türen zu diesem Stande stehen bei uns nur zu lange schon offen; jetzt ist die Zeit gekommen, sie endgültig und ganz zu öffnen. Möge jede Tat der Ehre, der Wissenschaft, des Mutes jedermann bei uns das Recht geben, sich zur höchsten Menschenklasse zu rechnen. Auf diese Weise wird sich dieser Stand ganz von selber zu einer Gemeinschaft der Besten entwickeln, der Besten im buchstäblichen und wahrhaften Sinne; und nicht im früher üblichen Sinne der privilegierten Kaste. In dieser neuen oder, besser gesagt, erneuerten Gestalt könnte sich dieser Stand halten.« Der Fürst zeigte die Zähne. »Was wird das dann aber für ein Adel sein! Was Sie da vorhaben, ist eine Art Freimaurerloge, aber kein Adel.« Ich muß es wiederholen: der Fürst war schrecklich ungebildet. Ich drehte ihm vor Ärger auf meinem Diwan den Rücken, obgleich ich mit Wersilows Ansichten durchaus nicht ganz übereinstimmte. Wersilow verstand nur zu gut, daß der Fürst ihm die Zähne zeigen wollte. »Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie das meinen, was Sie da von Freimaurerei sagen«, erwiderte er. »Wenn übrigens sogar ein russischer Fürst diese Idee von sich weist, dann ist es ja ganz klar, daß ihre Zeit noch nicht gekommen ist. Die Idee der Ehre und der Aufklärung als Evangelium eines jeden, der in diesen Stand eintreten will, der nicht verbarrikadiert sein dürfte und sich ewig erneuern müßte – das ist natürlich eine Utopie, aber warum müßte es ewig eine bleiben? Wenn dieser Gedanke auch nur in ein paar Köpfen lebt, so ist er noch nicht verloren, sondern er leuchtet wie ein Lichtpünktchen in tiefer Finsternis.« »Sie lieben Worte, wie: ›höherer Gedanke‹, ›großer Gedanke‹, ›zusammenhaltende Idee‹; ich wüßte gern, was Sie eigentlich unter dem Worte ›ein großer Gedanke‹ verstehen?« »Ich weiß wirklich nicht, lieber Fürst, wie man Ihnen darauf antworten soll«, lächelte Wersilow fein. »Oder, um ganz aufrichtig zu sein: ich gestehe Ihnen, daß ich selber keine Antwort darauf weiß. Der große Gedanke, das ist meistens ein Gefühl, das nur zu lange in unbestimmtem Nebel bleibt. Ich weiß nur, daß aus ihm immer das lebendige Leben geströmt ist, das heißt, nicht das verstandesmäßige und erklügelte, sondern, im Gegenteil, das gar nicht langweilige und fröhliche Leben; also ist die höhere Idee, aus der es entströmt, ohne Zweifel etwas Notwendiges, zum allgemeinen Ärger natürlich.« »Zum Ärger? Warum?« »Weil ein Leben mit Ideen unbehaglich ist und Leute ohne Ideen immer vergnügt sind.« Der Fürst schluckte die Pille hinunter. »Aber was ist denn dieses ›lebendige Leben‹, von dem Sie da sprechen?« (Er war sichtlich wütend.) »Das weiß ich auch nicht, Fürst; ich weiß nur, daß es etwas furchtbar Einfaches sein muß, das Gewöhnlichste und am meisten in die Augen Springende, das Alleralltäglichste und das, was so einfach ist, daß wir durchaus nicht glauben können, daß es so einfach ist, und natürlich schon viele tausend Jahre daran vorbeigehen, ohne es zu bemerken und zu erkennen.« »Ich wollte nur sagen, daß Ihre Idee vom Adel zu gleicher Zeit eine Verneinung des Adels ist«, sagte der Fürst. »Nun, wenn Sie es denn durchaus so wollen, hat ein Adel bei uns vielleicht niemals existiert.« »Das alles ist furchtbar dunkel und unklar. Wenn man schon etwas sagt, sollte man meiner Ansicht nach seine Behauptungen auch begründen …« Der Fürst runzelte die Stirn und warf einen flüchtigen Blick auf die Wanduhr. Wersilow stand auf und griff nach seinem Hute: »Begründen?« sagte er. »Nein, es ist schon besser, man tut es nicht; und außerdem ist es eine Leidenschaft von mir, zu sprechen, ohne zu begründen, was ich sage. Und dann habe ich außerdem eine Eigentümlichkeit: wenn ich mal einen Gedanken zu begründen versuche, an den ich glaube, kommt es fast immer so heraus, daß ich am Ende meiner Beweisführung selber nicht mehr an das glaube, was ich bewiesen habe; und ich fürchte, daß es mir jetzt ebenso gehen könnte. Auf Wiedersehen, teurer Fürst: wenn ich bei Ihnen bin, schwatze ich mich immer ganz unverantwortlich fest.« Er ging hinaus; der Fürst geleitete ihn höflich, aber für mich hatte seine Art doch etwas Beleidigendes. »Warum haben Sie denn ein so böses Gesicht gemacht?« stieß er auf einmal hervor und ging, ohne mich anzusehen, an seinen Schreibsekretär. »Ich habe ein böses Gesicht gemacht,« sagte ich, mit einem Zittern in der Stimme, »weil ich finde, daß sich Ihr Ton mir und sogar Wersilow gegenüber so sonderbar verändert hat, und da … Zugegeben, daß Wersilow anfangs vielleicht etwas reaktionäre Ansichten geäußert hat, er hat sich nachher aber verbessert und ...Hinter seinen Worten lag vielleicht ein sehr tiefer Gedanke, und Sie haben ihn einfach nicht verstanden und ...« »Es paßt mir einfach nicht, daß man sich zu meinem Schulmeister aufwirft und mich für einen dummen Jungen hält!« fiel er mir beinahe wütend ins Wort. »Fürst, diese Ausdrücke ...« »Bitte, keine theatralischen Gebärden – sein Sie so freundlich! Ich weiß, daß das, was ich tue, schlecht ist, daß ich ein Verschwender bin, ein Spieler, vielleicht ein Dieb … jawohl, ein Dieb, weil ich das Geld verspiele, das meiner Familie gehört. Aber ich wünsche nicht, daß jemand mir sein Urteil über mich mitteilt. Ich wünsche es nicht und dulde es nicht. Ich bin mir selber Richter genug. Und was sollen die zweideutigen Anspielungen? Wenn er mir die Meinung sagen will, soll er geradeheraus sprechen, und nicht allerlei unklaren Quatsch predigen. Aber wenn einer mir das sagen will, muß er zuerst ein Recht dazu haben, muß er zuerst selber ein anständiger Mensch sein ...« »Erstens habe ich den Anfang nicht gehört und weiß nicht, wovon zwischen Ihnen eigentlich die Rede war; und zweitens: wieso ist Wersilow kein anständiger Mensch? Sie gestatten mir schon die Frage!« »Hören Sie auf, ich bitte Sie darum, hören Sie auf! Sie haben mich gestern um dreihundert Rubel gebeten; da sind sie ...« Er legte das Geld vor mir auf den Tisch; dann warf er sich in den Lehnstuhl, lehnte sich nervös zurück und schlug die Beine übereinander. Ich stand verwirrt da. »Ich weiß nicht ...« murmelte ich, »ich habe Sie zwar gebeten ... Und ich habe das Geld momentan allerdings sehr nötig, aber angesichts dieses Tones ...« »Lassen Sie doch den Ton beiseite. Wenn ich etwas scharf geworden bin, so bitte ich um Entschuldigung. Sie können mir glauben, meine Stimmung ist gar nicht danach. Jetzt hören Sie mal was andres: ich habe einen Brief aus Moskau bekommen; mein Bruder Sascha, der kleine, Sie wissen ja, ist vor vier Tagen gestorben. Mein Vater, das wissen Sie ja auch, ist schon seit zwei Jahren gelähmt, und man schreibt mir, daß es ihm jetzt schlechter geht; er kann kein Wort sprechen und erkennt niemand. Sie haben sich daheim so über die Erbschaft gefreut und wollen ihn mit dem Geld ins Ausland bringen; aber der Doktor schreibt mir, daß er schwerlich noch länger als vierzehn Tage zu leben hat. Also, dann bleiben meine Mutter, meine Schwester und ich zurück; und ich bin dann fast allein ... Na, kurz und gut, ich bin allein … Diese Erbschaft ... diese Erbschaft – oh, es wäre vielleicht besser, ich hätte nie etwas davon gehört! Aber, was ich Ihnen eigentlich sagen wollte: ich habe Andrej Petrowitsch von dieser Erbschaft wenigstens zwanzigtausend Rubel versprochen. Und dabei alle diese Formalitäten! Stellen Sie sich vor, ich habe bis jetzt nichts in der Sache ausrichten können. Ich habe sogar ... das heißt, wir … das heißt, mein Vater hat offiziell noch nicht einmal die Verfügung über dies Vermögen. Und dabei hab' ich in den letzten drei Wochen so einen Haufen Geld verloren, und dieser Schüft von einem Stebelkow nimmt solche Prozente ... Ich hab' Ihnen grade fast mein letztes Geld gegeben ...« »Oh, Fürst, wenn es so ist ...« »Ach, deswegen sag' ich es doch nicht, ich sag' es nicht deshalb. Stebelkow wird heute sicher was bringen, und so für den Augenblick wird's ja reichen; aber der Teufel kennt sich mit diesem Stebelkow aus! Ich habe ihn angefleht, mir zehntausend Rubel zu verschaffen, damit ich Andrej Petrowitsch wenigstens zehntausend geben kann. Mein Versprechen, ihm ein Drittel der Erbschaft abzutreten, quält mich, es macht mich ganz krank. Ich habe einmal mein Wort gegeben und muß es auch halten. Und ich schwöre Ihnen, ich habe den leidenschaftlichen Wunsch, mich wenigstens von dieser einen Verpflichtung zu befreien. Sie ist drückend für mich, unerträglich drückend! Diese Verbindung lastet auf mir ... Ich kann Andrej Petrowitsch nicht sehen, weil ich ihm nicht gerade in die Augen schauen kann ... warum mißbraucht er das?« »Wieso mißbraucht er das, Fürst?« Ich blieb vor Erstaunen vor ihm stehen. »Hat er Ihnen gegenüber irgendeine Anspielung darauf gemacht?« »O nein, und ich schätze das sehr, aber ich selbst mache mir Anspielungen. Und schließlich, ich gerate immer weiter hinein ... Dieser Stebelkow ...« »Hören Sie, Fürst, sehen Sie die Sache doch ruhig an, ich bitte Sie; ich sehe: je länger Sie reden, desto aufgeregter werden Sie, und dabei ist das alles vielleicht bloß eine Fata morgana. Oh, ich selber bin auch hineingeraten, in unverzeihlicher, häßlicher Weise; aber ich weiß doch, daß das nur für kurze Zeit ist ... Und sobald ich eine gewisse Summe gewonnen habe, dann ... Sagen Sie: mit diesen dreihundert schulde ich Ihnen jetzt doch zweitausendfünfhundert, nicht wahr?« »Ich dächte, ich habe sie noch nicht von Ihnen zurückverlangt.« Der Fürst zeigte auf einmal die Zähne. »Sie sagen: zehntausend für Wersilow. Wenn ich jetzt von Ihnen borge, so wird dies Geld natürlich auf die zwanzigtausend von Wersilow verrechnet; ich dulde es nicht anders. Aber ... aber voraussichtlich werd' ich es Ihnen selbst wiedergeben ... Und Sie denken doch nicht am Ende, Wersilow käme wegen des Geldes zu Ihnen?« »Mir wäre es leichter, wenn er wegen des Geldes zu mir käme«, sagte der Fürst rätselhaft. »Sie sprechen von irgendeiner Verbindung, die auf Ihnen lastet ... Wenn Sie damit die Beziehungen zu Wersilow und mir meinen, so ist das, weiß Gott, eine Beleidigung. Und, schließlich, Sie sagen: warum ist er selber nicht so, wie er sagt, daß man sein muß? – Das ist nun Ihre Logik! Nämlich, erstens ist das keine Logik, Sie müssen mir schon erlauben, daß ich Ihnen das sage; denn wenn es auch nicht so wäre, deswegen müßte er doch seine Wahrheit predigen ... Und dann, was ist das für ein Wort ›predigen‹? Sie sagen: er ist ein ›Prophet‹. Sagen Sie: Sie haben ihm doch auch in Deutschland den Beinamen ›Weiberprophet‹ gegeben?« »Nein, ich war das nicht.« »Stebelkow hat mir gesagt, Sie wären es gewesen.« »Dann hat er gelogen. Ich versteh mich nicht auf das Erfinden von boshaften Spitznamen. Aber wenn jemand von Ehre predigt, so muß er selber ein Mann von Ehre sein, – das ist meine Logik, und wenn sie falsch ist, ist es mir ganz einerlei. Ich wünsche, daß es so sein soll, und so wird es auch sein. Und kein Kuckuck, kein Kuckuck soll's versuchen, in mein Haus zu kommen und über mich zu Gericht zu sitzen und mich für einen dummen Jungen zu halten! – Nichts mehr!« schrie er und winkte mir heftig mit der Hand, ich solle schweigen … »Ah, endlich!« Die Tür öffnete sich und herein trat Stebelkow.   3 Er war noch immer der Alte und ebenso stutzerhaft angezogen, er wölbte die Brust noch ebenso vor, sah einem ebenso dumm in die Augen, hielt sich noch ebenso für sehr schlau, und war sehr zufrieden mit sich. Dieses Mal schaute er sich beim Eintreten ganz sonderbar um; es war etwas ganz besonders Vorsichtiges und Durchdringendes in seinem Blick, als wolle er irgend etwas aus unsern Mienen erraten. In demselben Augenblick übrigens beruhigte er sich auch schon wieder, und sein selbstbewußtes Lächeln strahlte von seinen Lippen, jenes »verzeihlich dummdreiste« Lächeln, das mir dennoch so unausstehlich widerlich war. Ich wußte längst, daß er den Fürsten sehr plagte. Er hatte ihn schon ein- oder zweimal besucht, während ich dagewesen war. Ich ... ich hatte in diesem letzten Monat auch mit ihm zu tun gehabt, aber diesmal wunderte ich mich aus einem besondern Grunde ein wenig über sein Erscheinen. »Gleich!« sagte der Fürst zu ihm, ohne ihn weiter zu begrüßen, wendete uns den Rücken und begann aus seinem Sekretär allerhand Papiere und Rechnungen herauszusuchen, die er brauchte. Mich hatten die letzten Worte des Fürsten geradezu beleidigt; seine Anspielung darauf, daß Wersilow kein Mann von Ehre sei, war so deutlich gewesen (und so erstaunlich!), daß ich ihn nicht verlassen konnte, bevor eine radikale Erklärung zwischen uns stattgefunden hatte. Aber in Stebelkows Gegenwart war das unmöglich. Ich flegelte mich wieder auf den Diwan und drehte ein Buch um, das vor mir lag. »Belinskij, zweiter Teil! Das ist ja ganz was Neues; Sie wollen sich wohl bilden?« rief ich dem Fürsten zu, und ich glaube, es klang sehr unnatürlich. Er war sehr beschäftigt und schien es eilig zu haben, aber auf meine Worte hin drehte er sich hastig um: »Ich bitte Sie, lassen Sie das Buch in Ruhe«, stieß er heftig hervor. Das ging nun wirklich schon über alle Grenzen, und noch dazu – in Stebelkows Gegenwart! Und Stebelkow mußte dazu natürlich so recht schlau und widerlich schmunzeln und machte mir mit dem Kopfe ein verstohlenes Zeichen zum Fürsten hinüber. Ich drehte diesem Dummkopf den Rücken. »Regen Sie sich nur nicht auf, Fürst; ich überlasse Sie ganz der Hauptperson und tue so lange, als ob ich gar nicht da wäre ...« Ich hatte mich entschlossen, den Unbefangenen zu spielen. »Das bin ich wohl, – die Hauptperson?« fiel Stebelkow ein und zeigte vergnügt mit dem Finger auf sich selber. »Ja, Sie; Sie sind die wichtigste Hauptperson und Sie wissen das selbst sehr gut.« »O nein, wenn ich bitten darf. Es gibt immer im Leben einen zweiten Mann. Ich bin so ein zweiter Mann. Es gibt einen ersten Mann, und es gibt einen zweiten Mann. Der erste Mann handelt, und der zweite Mann steckt den Gewinn ein. Also, auf die Weise wird der zweite Mann zum ersten Mann, und der erste Mann zum zweiten Mann. Ist es so, oder nicht?« »Es mag schon so sein, nur verstehe ich Sie wie gewöhnlich nicht ganz.« »Gestatten Sie. Da war doch in Frankreich die Revolution, und alles wurde geköpft. Und dann kam Napoleon und nahm alles für sich. Die Revolution, das war der erste Mann, und Napoleon, das war der zweite Mann. Und es kam so, daß Napoleon der erste Mann wurde, und die Revolution wurde der zweite Mann. Ist es so, oder nicht?« Ich möchte hier bemerken, daß ich darin, daß er mit mir von der französischen Revolution zu reden begann, eine von seinen üblichen kleinen Pfiffigkeiten erblickte, die mich sehr amüsierte: er hielt mich immer noch für irgendeine Art von Revolutionär, und jedesmal, wenn er mich traf, hielt er es für notwendig, die Rede auf etwas Derartiges zu bringen. »Kommen Sie«, sagte der Fürst, und sie gingen beide ins Nebenzimmer. Als ich allein geblieben war, beschloß ich endgültig, ihm seine dreihundert Rubel zurückzugeben, sobald Stebelkow gegangen wäre. Ich brauchte dieses Geld furchtbar notwendig, aber ich entschloß mich doch dazu. Zehn Minuten lang war nichts von den beiden da drüben zu hören; da auf einmal fingen sie an laut zu sprechen. Sie sprachen beide zugleich, aber dann begann der Fürst plötzlich zu schreien, in einer heftigen Erregung, die bis zur Wut ging. Er war manchmal sehr aufbrausend, was sogar ich ihm hier und da nachsehen mußte. Aber in demselben Augenblick trat der Diener ein und wollte jemand melden; ich wies ihn ins Nebenzimmer, und dort wurde es augenblicklich totenstill. Der Fürst kam schnell herein, mit sorgenvollem Gesicht, aber ein Lächeln um die Lippen; der Diener lief hinaus, und eine halbe Minute darauf trat der Besuch des Fürsten ein. Es war ein sehr wichtiger Besuch, ein Herr mit einem Namenszug auf den Achselstücken, etwa dreißig Jahre alt und von weltmännischem und ein wenig steifem Äußeren. Ich möchte dem Leser hier gleich sagen, daß Fürst Sergej Petrowitsch in der höchsten Petersburger Gesellschaft in Wirklichkeit nicht eingeführt war, so leidenschaftlich er auch danach begehrte (und ich wußte, daß er danach begehrte); und deshalb mußte ihm an diesem Besuche sehr viel liegen. Diese Bekanntschaft hatte sich, das wußte ich, eben erst angebahnt, der Fürst hatte sich sehr darum bemühen müssen, und dieser Herr machte ihm nun seine Visite, kam ihm aber zum Unglück fürchterlich ungelegen. Ich sah, mit was für einem gequälten und gleichsam verlornen Blick sich der Fürst für einen Moment nach Stebelkow umsah; Stebelkow aber machte eine Miene, als ob nicht das geringste passiert wäre. Er dachte gar nicht daran, sich bescheiden im Hintergrund zu halten, sondern setzte sich unbefangen auf den Diwan und begann mit der Hand in den Haaren zu wühlen; wahrscheinlich, um zu zeigen, daß er tun könne, was er wolle. Er setzte dazu noch eine höchst selbstbewußte Miene auf und war mit einem Worte vollkommen unmöglich. Was mich betrifft, so hätte ich selbstverständlich auch damals schon verstanden, mich zu benehmen und hätte natürlich niemand in Verlegenheit gebracht; aber wie groß war mein Erstaunen, als ich sah, daß der Fürst auch mich mit demselben verlornen, traurigen und erbosten Blick streifte: er schämte sich also unser beider und setzte mich auf eine Stufe mit Stebelkow. Dieser Gedanke brachte mich zur Wut; ich flegelte mich noch bequemer hin und begann mit einem Gesicht in dem Buche zu blättern, als ginge mich die ganze Welt nichts an. Im Gegensatz hierzu riß Stebelkow die Augen auf, beugte sich vor und horchte auf das Gespräch der beiden; er glaubte wahrscheinlich, das wäre manierlich und liebenswürdig. Der Besucher warf ein paarmal einen Seitenblick auf Stebelkow; auf mich übrigens auch. Sie sprachen von den letzten Ereignissen in der Familie des Fürsten; der Herr hatte einmal dessen Mutter, die aus einer sehr angesehenen Familie stammte, gekannt. So viel ich sehen konnte, war dieser Besucher trotz seiner Liebenswürdigkeit und der ostentativen Schlichtheit seines Tones sehr geziert und hatte natürlich eine so hohe Meinung von sich, daß er seine Visite als eine große Ehre für jedermann angesehen hätte, sei es, wer es wolle. Wäre der Fürst allein gewesen, das heißt ohne unsere Gesellschaft, dann hätte er sich würdiger und gewandter benommen, davon bin ich überzeugt; jetzt konnte er ein eignes Zittern in seinem Lächeln nicht verbergen, das zudem gar zu freundlich war, und außerdem zeigte er eine sonderbare Zerstreutheit. Sie saßen noch keine fünf Minuten, als wieder ein Besuch gemeldet wurde; das Unglück hatte es aber darauf angelegt, daß auch dies ein etwas kompromittierender Bekannter sein mußte. Ich kannte diesen Herrn gut und hatte schon viel von ihm gehört, obgleich er mich gar nicht kannte. Es war ein noch sehr junger Mensch – das heißt, er zählte doch schon dreiundzwanzig Jahre – wundervoll angezogen, aus guter Familie und ein hübscher Kerl; aber – er gehörte doch zweifellos zur schlechten Gesellschaft. Vor einem Jahre war er noch Offizier in einem der angesehendsten Gardekavallerie-Regimenter gewesen, war aber genötigt gewesen, selber seinen Abschied zu nehmen; und alle Welt wußte, aus welchen Gründen. Seine Verwandten hatten sogar Inserate in den Zeitungen erlassen, daß sie für seine Schulden nicht aufkämen; aber er führte sein ungebundenes Leben weiter, verschaffte sich Geld zu zehn Prozent monatlich, spielte wie ein Verrückter in den Spielzirkeln und ruinierte sich für eine stadtbekannte kleine Französin. Nun hatte er vor acht Tagen glücklich an einem Abend zwölftausend Rubel gewonnen und hatte jetzt Oberwasser. Mit dem Fürsten stand er auf freundschaftlichem Fuße; sie spielten oft zusammen und für gemeinsame Rechnung; aber als er jetzt eintrat, fing der Fürst direkt zu zittern an, – ich bemerkte das von meinem Platze aus. Dieser junge Mann tat überall, als wäre er zu Hause, er sprach laut und lustig, ohne sich vor irgend jemand zu genieren oder irgend etwas zu unterdrücken, was ihm gerade in den Kopf kam. Natürlich konnte er nicht darauf verfallen, daß unserm Wirt sein Besuch in Gegenwart des wichtigen Herrn so peinlich wäre, daß er deshalb zitterte. Er kam herein, unterbrach ihre Unterhaltung und begann sofort von den Spielerlebnissen des gestrigen Abends zu erzählen, bevor er sich noch gesetzt hatte. »Wenn ich nicht irre, waren Sie auch da?« wendete er sich mit seinem dritten Satze an den wichtigen Besuch, den er für jemand aus seinem Kreise zu halten schien; er erkannte aber gleich seinen Irrtum und rief: »Ach, entschuldigen Sie, ich hielt Sie für einen von den Herren von gestern!« »Alexej Wladimirowitsch Darsan, Ippolit Alexandrowitsch Nastschokin«, so machte der Fürst die beiden hastig miteinander bekannt. Diesen jungen Mann konnte man doch noch jemand vorstellen: er war aus guter und angesehener Familie; uns aber hatte er vorhin nicht vorgestellt, und wir saßen noch immer in unsern Winkeln. Ich wollte einfach gar nicht den Kopf nach ihnen umdrehen; Stebelkow aber fing, als er den jungen Mann erblickte, erfreut an zu grinsen und drohte sichtlich, sich in einer Ansprache ergehen zu lassen. Die ganze Geschichte fing schon an mich zu amüsieren. »Ich habe Sie im vergangenen Jahre öfters bei der Gräfin Werigina getroffen«, sagte Darsan. »Jawohl, jawohl; aber waren Sie damals nicht Offizier?« erwiderte Nastschokin liebenswürdig. »Ja, ich war Offizier, aber dank ... Ah, da ist ja auch Stebelkow! Wie kommt der denn hierher? Ja also, dank dieser Sorte von Herren bin ich nicht mehr Offizier.« Er zeigte direkt mit dem Finger auf Stebelkow und fing an zu lachen. Auch Stebelkow lachte vergnügt und hielt das offenbar für eine Schmeichelei. Der Fürst wurde rot und wendete sich so schnell wie möglich mit einer Frage an Nastschokin; Darsan ging zu Stebelkow hinüber und begann sehr eifrig mit ihm über irgend etwas zu sprechen, diesmal aber im Flüsterton. »Wenn ich nicht irre, waren Sie im Ausland sehr gut mit Katerina Nikolajewna Achmakowa bekannt?« fragte der Besucher den Fürsten. »Oh ja, ich hab' sie gekannt ...« »Ich glaube, da erfahren wir bald eine Neuigkeit. Ich höre, sie heiratet den Baron Bjoring.« »Das stimmt!« rief Darsan. »Wissen ... wissen Sie das genau?« wendete sich der Fürst an Nastschokin; er war sichtlich erregt und brachte seine Frage mit einer ganz besondern Betonung hervor. »Ich hab' es gehört; und soviel ich weiß, wird allgemein schon davon gesprochen; genau weiß ich es übrigens nicht.« »Oh, das ist ganz sicher!« sagte Darsan und trat wieder zu ihnen, »mir hat es gestern Dubasow erzählt; der weiß solche Neuigkeiten immer zuerst. Ja, und Sie, Fürst, sollten es eigentlich auch wissen.« Nastschokin ließ Darsan aussprechen und wendete sich wieder an den Fürsten: »Man sieht sie in letzter Zeit selten in Gesellschaft.« »Den letzten Monat war ihr Vater krank«, bemerkte der Fürst mit einer eignen Trockenheit im Ton. »Ist das nicht eine Dame, die schon viel Abenteuer erlebt hat?« krächzte Darsan auf einmal. Ich hob den Kopf und richtete mich hoch auf: »Ich habe das Vergnügen, Katerina Nikolajewna persönlich zu kennen, und halte es für meine Pflicht, zu erklären, daß alle diese skandalösen Gerüchte nichts sind als Lüge und Verleumdung ... Und Erfindungen von Leuten ... die um sie herumscherwenzelt haben, ohne ihr Ziel zu erreichen.« Nachdem ich so töricht losgefahren war, verstummte ich und sah noch immer die ganze Gesellschaft mit glühendem Gesicht und hochaufgerichtet an. Alle hatten sich nach mir umgewendet, da auf einmal fing Stebelkow an zu kichern; auch Darsan fletschte die Zähne und war sehr überrascht. »Arkadij Makarowitsch Dolgorukij«, stellte mich der Fürst Herrn Darsan vor. »Ach, Sie können mir wirklich glauben, Fürst ,« wendete sich Darsan an mich, »ich sage das ja gar nicht; wenn solche Gerüchte kolportiert werden, ich habe sie nicht in die Welt gesetzt.« »Oh, ich meine Sie gar nicht!« antwortete ich schnell, aber in diesem Augenblick grinste Stebelkow auch schon in ganz unmöglicher Weise los, und zwar, wie sich später erwies, weil mich Darsan mit »Fürst« angeredet hatte. Mein verfluchter Familienname spielte mir auch hier einen Streich. Auch heute noch erröte ich bei dem Gedanken, daß ich mich – natürlich nur aus Schamgefühl – nicht getraute, diese Dummheit in derselben Minute aufzuheben, und daß ich nicht laut und deutlich erklärte, ich hieße einfach Dolgorukij. Das ist mir damals zum erstenmal in meinem Leben passiert. Darsan sah unschlüssig bald mich, bald den lachenden Stebelkow an. »Ach ja! Was war das eigentlich für ein hübsches Mädchen, dem ich eben hier auf Ihrer Treppe begegnet bin; so eine schnippische Blondine?« wendete er sich plötzlich an den Fürsten. »Ich weiß wirklich nicht«, erwiderte der hastig und wurde rot. »Wer soll es denn sonst wissen?« lachte Darsan. »Übrigens ... Vielleicht war es ...« stotterte der Fürst. »Das ... das war die Schwester dieses Herrn, Lisaweta Makarowna!« sagte Stebelkow auf einmal und deutete auf mich. »Ich bin ihr nämlich vorhin auch begegnet ...« »Ach natürlich!« fiel ihm der Fürst ins Wort; sein Gesicht zeigte jetzt aber einen außerordentlich soliden und ernsten Ausdruck: »Es wird wahrscheinlich Lisaweta Makarowna gewesen sein. Sie ist eine gute Bekannte von Anna Feodorowna Stolbejewa, bei der ich hier wohne. Sie wird heute Darja Onisimowna besucht haben, auch eine gute Bekannte von Anna Feodorowna, der sie bei ihrer Abreise die Sorge für ihr Hauswesen übertragen hat ...« Das alles war in der Tat wahr. Diese Darja Onisimowna war die Mutter der armen Olla, von der ich schon erzählt habe, der Tatjana Pawlowna schließlich eine Unterkunft bei der Stolbejewa verschafft hatte. Ich wußte sehr genau, daß Lisa bei der Stolbejewa verkehrte und auch später manchmal die arme Darja Onisimowna besucht hatte, die die Meinen sehr liebgewonnen hatten; aber in diesem Augenblick, auf diese, doch wirklich außerordentlich sachliche Erklärung des Fürsten, und insbesondere auf Stebelkows dummen Ausbruch hin, wurde ich plötzlich über und über rot. Zum Glück erhob sieh in derselben Minute Nastschokin, um aufzubrechen; er reichte auch Darsan die Hand. In dem Moment, als ich mit Stebelkow allein war, wies der mit einer Kopfbewegung auf Darsan, der, mit dem Rücken zu uns, in der Tür stand; ich zeigte Stebelkow die Faust. Eine Minute darauf empfahl sich auch Darsan, nachdem er dem Fürsten auf die Seele gebunden hatte, er solle morgen nur ja an einen Ort kommen, den sie schon vorher verabredet haben mußten, – es handelte sich natürlich um einen Spielzirkel. Beim Hinausgehen rief er Stebelkow irgend etwas zu und verbeugte sich flüchtig vor mir. Kaum war er draußen, da sprang Stebelkow auf, trat mitten ins Zimmer und sagte, einen Finger zur Decke erhoben: »Dieses Herrchen hat sich vorige Woche folgendes Stückchen geleistet: er hat einen Wechsel gegeben, einen Blankowechsel mit der gefälschten Unterschrift eines Herrn Awerjanow. Der Wechsel existiert auch in dieser Form, nur ist er nicht respektiert worden! Ein Kriminalfall. Achttausend Rubel.« »Und der Wechsel ist wahrscheinlich in Ihrem Besitz?« sagte ich und sah ihn wütend an. »Ich hab' eine Bank, ich hab' ›einen mont-de-piété‹, aber keinen Wechsel. Haben Sie mal gehört, was das ist: der mont-de-piété in Paris? Brot und Almosen für die Armen; ich hab' einen mont-de-piété ...« Der Fürst unterbrach ihn grob und ärgerlich: »Was suchen Sie hier? Was haben Sie hier herumzusitzen?« »Na?« zwinkerte Stebelkow hastig mit den Augen: »Und das ...? Wollen Sie nicht?« »Nein, nein, nein, ich will nicht«, schrie der Fürst und stampfte mit dem Fuße. »Ich hab' es schon einmal gesagt!« »Na ja, wenn Sie nicht wollen ... Dann ist's, wie es ist. Bloß ist das ... doch nicht so ...« Er drehte sich schnell um, neigte den Kopf und machte einen Buckel, dann verließ er plötzlich das Zimmer. Der Fürst rief ihm, als er schon in der Tür war, nach: »Damit Sie's wissen, geehrter Herr, ich hab' gar keine Angst vor Ihnen!« Er war sehr erregt und wollte sich setzen, warf aber einen Blick auf mich und setzte sich nicht. Sein Blick sagte gleichsam auch zu mir: »Und warum drückst du dich hier herum?« »Fürst, ich ...« wollte ich anfangen. »Ich hab' wirklich keine Zeit, Arkadij Makarowitsch, ich muß gleich fortfahren.« »Nur eine Minute, Fürst, es ist von großer Wichtigkeit für mich; und vor allen Dingen: nehmen Sie Ihre dreihundert Rubel zurück.« »Was soll denn das wieder heißen?« Er ging auf und ab, blieb jetzt aber stehen. »Das soll heißen, daß ich nach allem, was vorgefallen ist ... Und was Sie von Wersilow gesagt haben: daß er kein Mann von Ehre wäre ... Und überhaupt Ihr ganzer Ton in der letzten Zeit ... Kurz und gut, ich kann es um keinen Preis annehmen.« »Sie haben es ja aber trotzdem einen ganzen Monat lang angenommen.« Er setzte sich plötzlich auf einen Stuhl. Ich stand am Tische und malträtierte mit der einen Hand den Band Belinskij, in der andern hielt ich meinen Hut. »Da hatte ich noch andre Gefühle, Fürst ... Und schließlich, ich hätte es nie bis zu dieser Summe kommen lassen ... Dies verdammte Spiel ... Kurz und gut, ich kann nicht!« »Sie haben sich einfach nicht gerade besonders mit Ruhm bedeckt, und deswegen sind Sie wütend; ich möchte Sie bitten, das Buch in Ruhe zu lassen.« »Was heißt das: ›Sie haben sich nicht mit Ruhm bedeckt‹? Und schließlich haben Sie mich Ihren Gästen gegenüber auf eine Stufe mit Stebelkow gestellt.« »Ah, da haben wir die Lösung des Rätsels!« lachte er giftig. »Und außerdem sind Sie konfus geworden, weil Darsan Sie mit ›Fürst‹ angeredet hat.« Er lachte boshaft. Ich fuhr auf. »Ich begreife überhaupt nicht ... Ich möchte Ihren Fürstentitel nicht geschenkt haben.« »Ich kenne Ihren Charakter. Was für ein komisches Geschrei Sie gemacht haben, um die Achmakowa in Schutz zu nehmen ... Lassen Sie das Buch liegen!« »Was soll das heißen?« Ich schrie jetzt auch. »Las–sen Sie das Buch liegen!« brüllte er auf einmal los und richtete sich wild in seinem Sessel auf, als wäre er im Begriff, sich auf mich zu stürzen. »Das überschreitet doch alle Grenzen«, stieß ich hervor und verließ schnell das Zimmer. Aber ich war noch nicht an das andre Ende des Saales gekommen, als er mir aus der Tür des Kabinetts nachrief: »Arkadij Makarowitsch, kommen Sie zurück! Kom-men Sie zurück! Kom–men Sie sofort zurück!« Ich hörte nicht darauf und ging weiter. Er holte mich mit hastigen Schritten ein, faßte mich am Arm und zog mich in das Kabinett. Ich widersetzte mich nicht. »Nehmen Sie!« sagte er, bleich vor Erregung, und gab mir die dreihundert Rubel, die ich ihm hingeworfen hatte. »Sie müssen es nehmen ... Sonst sind wir ... Sie müssen!« »Fürst, wie kann ich das annehmen?« »Na also, ich bitte Sie um Verzeihung, wenn Sie wollen? Also, verzeihen Sie mir! ...« »Fürst, ich habe Sie immer gern gehabt und wenn Sie mich auch ...« »Ja, ja, ich auch: nehmen Sie also ...« Ich nahm das Geld. Seine Lippen zitterten. »Ich kann es verstehen, Fürst, daß dieser Halunke Sie in Wut gebracht hat ... Aber ich nehme es nur, wenn wir uns jetzt küssen, wie nach früheren Aussprachen ...« Und als ich das sagte, zitterte ich auch. »Na, die Zärtlichkeiten!« murmelte der Fürst und lächelte betroffen, bückte sich aber und küßte mich. Ich erzitterte: in seinem Gesicht las ich während des Kusses geradezu den Ekel. »Hat er Ihnen wenigstens Geld gebracht? ...« »Ach, ganz egal!« »Ich will Ihnen ...« »Ja, ja, er hat welches gebracht.« »Fürst, wir sind Freunde gewesen ... Und schließlich, Wersilow ...« »Na ja, ja; schon gut!« »Und schließlich, ich weiß wahrhaftig noch immer nicht ... Diese dreihundert Rubel ...« Ich hielt sie in der Hand. »Nehmen Sie sie, neh–men Sie sie!« lächelte er wieder, aber in seinem Lächeln lag etwas sehr Bösartiges. Ich nahm das Geld. Drittes Kapitel   1 Ich habe das Geld genommen, weil ich ihn gern habe. Wer das nicht glaubt, dem kann ich sagen, daß ich wenigstens in dem Augenblick, als ich dieses Geld von ihm nahm, fest davon überzeugt war, wenn ich nur wollte, könnte ich übergenug aus einer andern Quelle bekommen. Und folglich habe ich es nicht aus Not genommen, sondern aus Taktgefühl, nur um ihn nicht zu beleidigen. – Ach Gott, so beurteilte ich die Sache damals! Aber trotzdem war mir sehr schwer ums Herz, als ich aus seinem Hause trat: ich hatte an diesem Morgen gesehen, daß er sich mir gegenüber ganz außerordentlich verändert hatte; solch einen Ton hatte er noch nie angeschlagen; und gegen Wersilow war das schon die reine Empörung. Stebelkow hatte ihn vorhin ja natürlich durch irgend etwas fürchterlich aufgebracht, aber das hatte schon vor der Sache mit Stebelkow angefangen. Ich wiederhole noch einmal: eine Veränderung gegen früher war schon die ganzen letzten Tage zu bemerken gewesen, aber doch nicht so, nicht in diesem Grade – das war die Hauptsache. Möglicherweise hatte auch die dumme Nachricht von diesem Flügeladjutanten Baron Bjoring ihren Einfluß geübt ... Ich war in meiner Erregung auch ausfallend geworden, aber ... Das ist es ja eben, daß mir damals ganz etwas andres leuchtete, und so ließ ich vieles leichtsinnig außer Augen: ich gab mir Mühe, es nicht zu sehen, ich hielt mir alles Dunkle vom Leibe und wendete mich zu jenem Leuchtenden ... Es war noch nicht ein Uhr. Vom Fürsten fuhr ich mit meinem Matwej geradeswegs – wird man's glauben, zu wem? – zu Stebelkow! Das war's ja eben, daß er mich vorhin nicht so sehr dadurch in Erstaunen versetzt hatte, daß er zum Fürsten gekommen war (denn das hatte er jenem ja auch versprochen), als vielmehr dadurch, daß er mir zwar nach seiner dummen Gewohnheit zugeblinzelt hatte, aber mit nichts auf das Thema angespielt hatte, das ich erwartet hätte. Am Abend vorher hatte ich einen Stadtpostbrief von ihm bekommen, der für mich ziemlich rätselhaft war, und in dem er mich aufforderte, eben heute zu ihm zu kommen, um zwei Uhr: er könne mir »Dinge mitteilen, die ich gewiß nicht erwarte«. Und eben jetzt beim Fürsten hatte er mit keiner Miene gezeigt, daß er von diesem Briefe etwas wußte. Was konnte es zwischen Stebelkow und mir für Geheimnisse geben? Dieser Gedanke war ja direkt lächerlich; aber nach allem, was vorgegangen war, fühlte ich mich jetzt auf der Fahrt zu ihm sogar ein bißchen aufgeregt. Ich hatte mich ja freilich einmal, vor vierzehn Tagen, wegen Geld an ihn gewendet, und er war bereit gewesen, mir welches zu geben, aber wir waren aus gewissen Gründen nicht einig geworden, und ich hatte das Geld selbst abgelehnt; er hatte damals nach seiner Manier etwas Undeutliches gemurmelt, und mir hatte es geschienen, daß er mir irgend etwas von allerlei besondern Bedingungen vorschlagen wolle; und da ich ihn immer, wenn ich ihn beim Fürsten traf, sehr von oben herab behandelt hatte, schnitt ich jeden Gedanken an besondere Bedingungen hochmütig ab und ging, obgleich er mir bis zur Haustür nachlief. Ich hatte mir das Geld dann vom Fürsten geliehen. Stebelkow lebte ganz allein für sich und lebte auf bequemem Fuße: er hatte eine Wohnung von vier schönen Zimmern, gute Möbel, einen Diener und eine Magd, und dann noch eine Wirtschafterin, die übrigens schon ältlich war. Ich trat im Zorn bei ihm ein. »Hören Sie mal, teuerer Freund,« begann ich schon in der Tür, »was bedeutet, erstens einmal, dieser Brief? Ich will keine Korrespondenz zwischen uns. Und warum haben Sie mir nicht einfach vorhin beim Fürsten erklärt, was Sie wünschen? Ich war ja da!« »Und warum haben Sie vorhin gleichfalls geschwiegen und mich nicht gefragt?« Er zog den Mund zu einem selbstzufriedenen Lächeln in die Breite. »Weil ich nichts von Ihnen will, sondern Sie etwas von mir wollen«, schrie ich, plötzlich aufbrausend. »Wenn das so ist, warum sind Sie dann zu mir gekommen?« Er hätte bald gehüpft vor Vergnügen. Ich drehte mich kurz um und wollte gehen, aber er hielt mich an der Schulter fest. »Nein, nein, ich habe bloß Spaß gemacht. Es ist eine wichtige Angelegenheit; Sie werden ja selbst sehen.« Ich setzte mich. Ich muß bekennen: ich war neugierig. Wir saßen an der Längsseite des großen Schreibtisches, einander gegenüber. Er lächelte listig und wollte schon wieder den Finger erheben. »Bitte schön, ohne Ihre Pfiffigkeiten und ohne Fingersprache und – was die Hauptsache ist – ohne jede Allegorie, sondern einfach und sachlich; sonst gehe ich sofort!« schrie ich, schon wieder wütend. »Sie ... sind stolz!« brachte er im Tone eines dummen Vorwurfs hervor, beugte sich mit seinem Stuhle zu mir und zog alle Falten auf seiner Stirn in die Höhe. »Das gehört sich Ihnen gegenüber!« »Sie ... haben sich heute vom Fürsten Geld geliehen, dreihundert Rubel; ich habe Geld, mein Geld ist besser.« »Woher wissen Sie, daß ich mir Geld von ihm geliehen habe?« Ich war ungeheuer erstaunt. »Er hat es Ihnen doch nicht am Ende gar selber gesagt?« »Er hat es mir gesagt; regen Sie sich nicht auf, es ist nur so zwischendurch berührt worden, mit einem Wort, so von ungefähr, nur mit einem Wort, ganz ohne Hintergedanken. Er hat es mir gesagt. Aber Sie hätten es ebensogut nicht von ihm nehmen können. Hab' ich recht oder nicht?« »Aber ich höre, Sie schinden immer unerträgliche Prozente heraus.« »Ich habe einen mont-de-piété, aber ich schinde nicht. Ich leihe nur Freunden, andre bekommen nichts. Für die andern ist der mont-de-piété da ...« Dieser mont-de-piété war ein ganz gewöhnliches Versatzgeschäft; es ging auf irgendeinen fremden Namen, befand sich in einer andern Wohnung und florierte. »Aber Freunden gebe ich große Summen.« »Was, ist der Fürst denn auch ein Freund von Ihnen?« »Jawohl; aber ... Er führt so dumme Reden. Er soll sich nur vorsehen mit seinen dummen Reden!« »Ist er denn so in Ihrer Hand? Schuldet er Ihnen viel?« »Ja, er ... schuldet mir viel.« »Er bezahlt es schon wieder; er hat die Erbschaft ...« »Das ist ja nicht seine Erbschaft; er ist mir Geld schuldig und ist mir noch was andres schuldig. Da reicht die Erbschaft nicht. Ich leih' Ihnen Geld ohne Prozente.« »Auch als Ihrem ›Freunde‹? Womit hab' ich mir das verdient?« lachte ich auf. »Sie werden sich's schon verdienen.« Er legte sich wieder mit dem ganzen Leibe zu mir herüber und wollte den Finger erheben. »Stebelkow! Ohne Fingersprache, sonst geh' ich!« »Hören Sie mal ... Er sollte Anna Andrejewna heiraten!« Und er kniff sein linkes Auge ganz diabolisch zusammen. »Hören Sie mal, Stebelkow, diese Unterhaltung nimmt einen so skandalösen Charakter an ... Wie dürfen Sie sich erlauben, Anna Andrejewnas Namen in den Mund zu nehmen!« »Ärgern Sie sich doch nicht!« »Ich muß alles in mir zusammennehmen, um Sie anzuhören; aber ich sehe, daß dahinter irgendein Gaunerstreich steckt, und will wissen, was da ... Aber Stebelkow, ich weiß doch nicht, ob es mir nicht zu bunt wird!« »Ärgern Sie sich nicht, und seien Sie nicht so stolz. Seien Sie nur einen Augenblick nicht so stolz und hören Sie mich an. Das mit Anna Andrejewna wissen Sie doch? Daß der Fürst sie vielleicht heiratet ... Das wissen Sie doch?« »Von diesem Plan habe ich natürlich gehört, und ich weiß alles; aber ich habe mit dem Fürsten noch nie über diesen Plan gesprochen. Ich weiß nur, daß dieser Plan aus dem Kopfe des alten Fürsten Sokolskij stammt, der immer noch krank ist; aber ich habe nie ein Wort darüber gesprochen und habe keinen Teil daran. Das teile ich Ihnen nur mit, damit Sie Bescheid wissen; und nun gestatte ich mir, Sie erstens zu fragen: warum haben Sie mit mir davon angefangen? Und zweitens: ist es wirklich denkbar, daß der Fürst mit Ihnen über solche Sachen spricht?« »Er spricht nicht mit mir; er will nicht mit mir darüber sprechen. Ich spreche mit ihm darüber, und er will nichts davon hören. Er hat mich ja vorhin erst so angeschrien.« »Kunststück! Da bin ich ganz seiner Meinung.« »Der alte Herr, Fürst Sokolskij, gibt Anna Andrejewna einen Haufen Geld mit; sie hat sich bei ihm lieb Kind gemacht. Und dann als Bräutigam gibt mir der junge Fürst Sokolskij mein ganzes Geld wieder. Auch die Schuld bezahlt er, die nicht in Geld besteht. Er bezahlt sie ganz sicher! Jetzt aber hat er doch nichts, wovon er mir's zurückzahlen könnte.« »Aber ich, was wollen Sie denn von mir?« »Die Hauptsache: Sie sind da bekannt; Sie sind mit allen Beteiligten bekannt. Sie können alles erfahren.« »Ach, zum Teufel ... Was soll ich denn erfahren?« »Ob der Fürst will, ob Anna Andrejewna will, ob der alte Fürst will. Das können Sie ganz genau erfahren.« »Und Sie unterstehn sich, mir vorzuschlagen, ich soll für Sie den Spion machen, und das – für Geld!« Ich sprang unwillig auf. »Seien Sie nicht so stolz, seien Sie nicht so stolz. Seien Sie jetzt nur noch einen Augenblick nicht stolz, nicht länger als fünf Minuten.« Er nötigte mich wieder auf den Stuhl. Er hatte sichtlich nicht den geringsten Respekt vor meinen Gebärden und Ausrufen; aber ich beschloß, ihn zu Ende anzuhören. »Ich muß es bald wissen, bald muß ich's wissen, weil ... Weil es vielleicht bald überhaupt zu spät sein, könnte. Haben Sie vorhin gesehen, wie er an der Pille würgte, als der Offizier von der Verlobung des Barons mit der Achmatowa erzählte?« Ich erniedrigte mich natürlich dadurch, daß ich ihm noch länger zuhörte, aber meine Neugier war erregt, und ich konnte sie nicht bezwingen. »Hören Sie mal ... Sie sind ein Taugenichts!« sagte ich energisch. »Wenn ich hier sitze und Ihnen zuhöre und dulde, daß Sie von solchen Leuten sprechen ... und Ihnen sogar antworte, so geschieht es durchaus nicht etwa, weil ich Ihnen ein Recht dazu einräume. Ich sehe nur, daß irgendeine Schlechtigkeit dahintersteckt ... Und, vor allen Dingen, was für Hoffnungen kann sich der Fürst auf Katerina Nikolajewna machen?« »Eben keine, aber er ist wütend darüber.« »Das ist nicht wahr!« »Er ist wütend. Also die Sache ist jetzt die: bei der Achmakowa hat er Paß sagen müssen. Da hat er Bête gemacht. Jetzt bleibt ihm eben nur Anna Andrejewna übrig. Ich gebe Ihnen zweitausend Rubel ... unverzinslich und ohne Wechsel.« Als er das gesagt hatte, lehnte er sich energisch und wichtig in seinem Stuhl zurück und glotzte mich mit großen Augen an. Ich sah ihm gleichfalls voll in die Augen. »Sie tragen Kleider aus der Großen Millionnaja, da braucht man Geld, Geld braucht man da; ich hab' besseres Geld als er. Ich gebe Ihnen mehr als zweitausend ...« »Ja, aber wofür? Wofür, hol' mich der Teufel?« Ich stampfte mit dem Fuße. Er beugte sich vor zu mir und sagte eindringlich: »Dafür, daß Sie mir nichts in den Weg legen.« »Ich befasse mich ja sowieso nicht mit der Sache«, schrie ich. »Ich weiß, daß Sie nichts sagen; und das ist gut.« »Ich hab' kein Bedürfnis nach Ihrer Billigung. Ich für mein Teil wünsche das selber sehr, aber ich finde, daß das gar nicht meine Sache ist, und daß das für mich sogar unpassend wäre.« »Na, sehen Sie, sehen Sie, es wäre unpassend!« Er hob seinen Finger wieder. »Was soll ich da sehen?« »Es wäre unpassend ... He, he!« Und er lachte plötzlich auf. »Ich begreife ja, daß es für Sie unpassend wäre, aber ... Sie werden der Sache also nichts in den Weg legen?« blinzelte er mich an; und in diesem Blinzeln lag etwas so Freches, ja Höhnisches, Niedriges! Er setzte eben bei mir irgendeine Niedrigkeit voraus, und mit dieser Niedrigkeit rechnete er ... Soviel war klar, aber ich konnte durchaus nicht begreifen, um was es sich handle. »Anna Andrejewna ist doch schließlich auch eine Schwester von Ihnen«, brachte er eindringlich hervor. »Darüber unterstehen Sie sich gefälligst nicht zu sprechen. Und unterstehen Sie sich überhaupt nicht von Anna Andrejewna zu sprechen.« »Seien Sie doch nicht so stolz, nur noch eine kleine Minute! Hören Sie mal zu: er bekommt dann Geld und stellt alle sicher,« sagte Stebelkow gewichtig, »alle, alle ; hören Sie auch gut zu?« »Sie glauben also, ich würde von ihm Geld nehmen?« »Sie nehmen's doch jetzt?« »Ich nehme nur mein Geld!« »Wieso Ihr Geld?« »Dies Geld gehört Wersilow: er schuldet Wersilow zwanzigtausend Rubel.« »Also Wersilow, und nicht Ihnen.« »Wersilow ist mein Vater.« »Nein, Sie heißen Dolgorukij, und nicht Wersilow.« »Das ist ganz egal!« So konnte ich damals wirklich argumentieren! Ich wußte, daß das gar nicht egal war, ich war nicht so dumm, aber ich argumentierte doch so, wieder aus so einer Art von »Taktgefühl« heraus. »Genug jetzt davon!« schrie ich. »Ich verstehe ganz einfach kein Wort davon. Wie konnten Sie sich denn eigentlich unterstehen, mich wegen solcher Kindereien herzubitten?« »Aber verstehen Sie mich denn wirklich nicht? Tun Sie nur so, oder ...«, brachte Stebelkow langsam hervor und sah mich durchdringend und mit einem eignen mißtrauischen Lächeln an. »Ich schwöre Ihnen, ich verstehe kein Wort!« »Ich sage Ihnen: er kann alle sicherstellen, alle, Sie dürfen sich der Sache nur nicht in den Weg stellen und ihm abraten.« »Sie sind wohl ganz übergeschnappt! Was grölen Sie denn in einem fort von diesen ›allen‹? Meinen Sie Wersilow? Daß er den sicherstellen soll ...?« »Sie sind doch nicht nur allein da, und auch Wersilow nicht ... Es sind doch auch noch andre Leute da. Und Anna Andrejewna ist doch ebensogut Ihre Schwester, wie Lisaweta Makarowna .« Ich sah ihn an, mit aufgerissenen Augen. Auf einmal ging so etwas wie direktes Mitleid mit mir in seinem ekligen Blick auf: »Sie verstehen mich nicht, also um so besser! Das ist gut, sehr gut ist das, daß Sie mich nicht verstehen. Das gereicht Ihnen zur Ehre ... Das heißt, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen.« Ich wurde jetzt fürchterlich wütend. »Scheren Sie sich mit Ihren Kindereien zum Teufel, Sie verdrehter Narr!« schrie ich und griff nach meinem Hute. »Das sind keine Kindereien! Also abgemacht? Ich weiß ja, Sie kommen wieder.« »Nein«, sagte ich schneidend; ich war schon auf der Schwelle. »Sie kommen schon, und dann ... Dann findet eine andre Unterredung statt. Dann kommt erst die eigentliche, wichtige Unterredung. Zweitausend Rubel, vergessen Sie das nicht!«   2 Er hatte einen so schmutzigen und ekligen Eindruck auf mich gemacht, daß ich, als ich auf die Straße trat, mir direkt Mühe gab, überhaupt nicht zu denken und nur ausspuckte. Der Gedanke daran, daß der Fürst mit ihm von mir und von jenem Gelde hatte sprechen können, stach mich wie eine Nadel. Ich will gewinnen und ihm noch heute alles zurückzahlen, dachte ich, fest entschlossen. So dumm und von so schwerer Zunge Stebelkow auch war, ich hatte in ihm doch den aufgelegten Halunken in seinem vollen Glanze erkannt; und die Hauptsache war: irgendeine Intrige mußte da unbedingt im Gange sein. Ich hatte damals nur gar keine Zeit, irgendwelchen Intrigen nachzugehen, und das war der Hauptgrund für meine Hühnerblindheit! Ich sah unruhig auf meine Uhr, aber es war noch nicht einmal zwei; also konnte ich noch eine Visite machen, sonst wäre ich auch bis drei Uhr vor Aufregung umgekommen. Ich fuhr zu Anna Andrejewna Wersilowa, meiner Schwester. Ich hatte mich ihr schon seit einiger Zeit genähert, und zwar im Hause meines alten Fürsten, während seiner Krankheit. Der Gedanke, daß ich ihn schon seit drei, vier Tagen nicht gesehen hatte, lag mir auf dem Gewissen; aber eben Anna Andrejewna hatte meine Stelle vertreten: der Fürst hatte eine große Zuneigung zu ihr gefaßt und sie mir gegenüber sogar seinen Schutzengel genannt. Übrigens war der Gedanke, sie mit Fürst Sergej Petrowitsch zu verheiraten, tatsächlich dem Kopfe meines alten Herrn entsprungen, und er hatte ihn mir sogar schon des öftern mitgeteilt, natürlich als Geheimnis. Ich hatte über diesen Plan mit Wersilow gesprochen, weil ich auch früher schon bemerkt hatte, daß er, der sich sonst gegen alle aktuellen Dinge so gleichgültig zeigte, immer ein ganz besonderes Interesse dafür bewies, wenn ich ihm irgend etwas von meinen Begegnungen mit Anna Andrejewna erzählte. Wersilow hatte damals irgend etwas davon gemurmelt, Anna Andrejewna wäre ja so klug und würde in einer so delikaten Sache auch ohne den Rat dritter Personen fertig werden. Natürlich hatte Stebelkow darin recht, daß der alte Herr ihr eine Mitgift geben würde, aber wie konnte er sich erlauben, da auf irgend etwas zu rechnen? Vorhin hatte der Fürst ihm nachgerufen, daß er sich durchaus nicht vor ihm fürchte: ob Stebelkow dort im Kabinett nicht wirklich mit ihm von Anna Andrejewna gesprochen hatte? Ich konnte mir vorstellen, wie wütend ich an seiner Stelle geworden wäre. Ich hatte Anna Andrejewna in der letzten Zeit sogar ziemlich häufig besucht. Aber dabei war mir immer etwas Eigentümliches aufgefallen: sie bestimmte immer selbst, daß ich kommen sollte, und mußte mich also sicher erwarten; aber wenn ich dann kam, tat sie jedesmal so, als käme ich unerwartet und unverhofft; diese Eigentümlichkeit war mir an ihr aufgefallen, aber ich hatte mich trotzdem ihr angeschlossen. Sie wohnte bei Frau Fanariotowa, ihrer Großmutter, und natürlich als deren Pflegetochter (Wersilow zahlte nichts für ihren Unterhalt), – aber sie spielte durchaus nicht die Rolle, in der man in Büchern die Pflegetöchter vornehmer Damen zu finden pflegt, wie zum Beispiel in der »Pique-Dame« von Puschkin die Pflegetochter der alten Gräfin. Anna Andrejewna war selber so etwas wie die Gräfin. Sie lebte in diesem Hause ganz für sich, das heißt: allerdings in demselben Stockwerk und derselben Wohnung, aber in zwei abgeteilten Zimmern, so daß ich zum Beispiel beim Kommen und Gehen auch nicht ein einziges Mal einem von den Fanariotows begegnet bin. Sie durfte nach Belieben jeden Besuch empfangen und ihre ganze Zeit verbringen wie sie wollte. Freilich war sie auch schon dreiundzwanzig Jahre alt. In Gesellschaft war sie im letzten Jahre fast gar nicht mehr gegangen, obgleich Frau Fanariotowa mit Ausgaben für ihre Enkelin durchaus nicht geizte; denn sie liebte sie, wie ich gehört hatte, sehr. Mir hatte gerade das an Anna Andrejewna so besonders gefallen, daß ich sie immer bescheiden gekleidet traf und immer mit etwas beschäftigt, einem Buche oder einer Handarbeit. Wenn ich ihr sagte, daß sie mich, obgleich sie ja keinen einzigen gemeinsamen Zug hätten, trotzdem ungeheuer an Wersilow erinnre, wurde sie immer ein ganz klein wenig rot. Sie errötete oft und immer plötzlich, aber stets nur ein ganz klein wenig; und ich hatte die Eigentümlichkeit ihres Gesichtes sehr liebgewonnen. In ihrer Gegenwart nannte ich Wersilow nie beim Familiennamen, sondern ich sagte immer: Andrej Petrowitsch, das hatte sich ganz von selbst ergeben. Ich hatte nur zu gut bemerkt, daß man sich bei den Fanariotows anscheinend Wersilows schämte; ich hatte das übrigens nur aus Anna Andrejewnas Art geschlossen und muß sagen, daß ich auch nicht recht weiß, ob man dafür das Wort »schämen« anwenden kann; aber so etwas Ähnliches war es in jedem Fall. Ich hatte auch manchmal mit ihr von Fürst Sergej Petrowitsch gesprochen, und sie hatte sehr aufmerksam zugehört und sich, wie mir schien, für diese Mitteilungen sehr interessiert; aber es war immer so gewesen, daß ich selbst davon angefangen hatte, sie hatte mich niemals ausgefragt. Von der Möglichkeit einer Ehe zwischen ihnen hatte ich nie zu sprechen gewagt, obgleich ich häufig Lust dazu verspürt hatte, weil mir selber der Plan in mancher Hinsicht sympathisch war. Aber wenn ich in ihrem Zimmer saß, gab es furchtbar viele Dinge, von denen ich nicht zu sprechen wagte; und doch fühlte ich mich sehr wohl in ihrem Zimmer. Was mir an ihr auch gefiel, war, daß sie gebildet war und viel gelesen hatte, sogar wissenschaftliche Werke; sie hatte viel mehr gelesen als ich. Sie selbst hatte mich das erstemal zu sich eingeladen. Ich begriff auch damals schon, daß sie vielleicht darauf rechnete, mich manchmal über dies oder jenes auszuhorchen. Ach, damals verstanden es verschiedene Leute, mich über allerlei Dinge auszuhorchen. Aber ich dachte mir: Was tut das, sie ladet mich ja doch nicht deswegen allein zu sich ein. Kurz und gut, ich freute mich sogar, ihr nützlich sein zu können, und ... Und wenn ich bei ihr saß, hatte ich heimlich immer das Gefühl, hier sitze eine Schwester von mir an meiner Seite, obschon ich mit ihr noch nie über unsre Verwandtschaft gesprochen hatte. Es war mit keinem Wort, nicht mit der leisesten Anspielung die Rede davon gewesen; es war, als gäbe es so etwas überhaupt nicht. Wenn ich bei ihr war, erschien es mir auch einfach undenkbar, davon anzufangen, und wenn ich sie so ansah, ging mir manchmal sogar der absurde Gedanke durch den Kopf: sie weiß am Ende überhaupt nicht eine Silbe von dieser Verwandtschaft, – so sehr hielt sie sich in der Beziehung vor mir zurück.   3 Als ich heute in ihr Zimmer trat, fand ich unerwarteterweise meine Schwester Lisa bei ihr. Das versetzte mich geradezu in Staunen. Ich wußte sehr wohl, daß sie sich auch schon früher getroffen hatten; diese Begegnung hatte bei dem »Säugling« stattgefunden. Von dieser Laune der stolzen und schamhaften Anna Andrejewna, dieses Kind sehen zu wollen, und wie sie dort mit Lisa zusammengetroffen war, werde ich vielleicht später erzählen, wenn sich Gelegenheit dazu bietet; ich hatte aber immerhin durchaus nicht erwartet, daß Anna Andrejewna jemals Lisa zu sich einladen würde. Das überraschte mich angenehm. Ich ließ mir das aber selbstverständlich nicht anmerken. Ich begrüßte Anna Andrejewna, drückte Lisa herzlich die Hand und setzte mich neben sie. Sie waren bei einer wichtigen Besprechung: auf dem Tische und über ihren Knien lag ein kostbares Gesellschaftskleid von Anna Andrejewna, das aber alt war, das heißt, sie hatte es dreimal angehabt und wollte es jetzt irgendwie geändert haben. Lisa war eine große Meisterin in solchen Dingen und hatte viel Geschmack; deswegen war dieser feierliche Rat der »weisen Frauen« zusammengetreten. Ich mußte an Wersilow denken und lachte herzlich; übrigens war ich auch sonst in strahlender Stimmung. »Sie sind heute sehr lustig, und das ist sehr nett«, sagte Anna Andrejewna und sprach jedes Wort korrekt und deutlich aus. Ihre Stimme war ein tiefer, tönender Kontrealt, aber sie sprach immer ruhig und leise; dabei senkte sie stets ihre langen Wimpern, und ein kaum sichtbares Lächeln geisterte über ihr bleiches Gesicht. »Lisa weiß, was für ein Ekel ich bin, wenn ich nicht lustig bin«, erwiderte ich vergnügt. »Vielleicht hat Anna Andrejewna auch eine Ahnung davon«, stichelte Lisa neckisch. Das liebe Ding! Wenn ich geahnt hätte, was damals in ihrem Innern vorging! »Was tun Sie jetzt?« fragte mich Anna Andrejewna. (Hier muß ich bemerken, daß eben sie selbst mich gebeten hatte, heute zu ihr zu kommen.) »Augenblicklich sitze ich hier und frage mich, warum ich es immer netter finde, wenn ich Sie bei einem Buche antreffe und nicht bei einer Handarbeit! Nein, wirklich, ich weiß nicht, Handarbeiten passen nicht so recht zu Ihnen. In der Beziehung bin ich Andrej Petrowitschs Sohn.« »Haben Sie sich noch immer nicht entschlossen, zu studieren?« »Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie unsre Gespräche so gut behalten: das beweist mir, daß Sie zuweilen an mich denken, aber ... Was die Universität betrifft, so habe ich noch keinen bestimmten Plan darüber gefaßt; und außerdem habe ich so meine besondern Zwecke.« »Das heißt: er hat sein Geheimnis«, bemerkte Lisa. »Laß die Späße, Lisa. Ein kluger Mann hat dieser Tage zu mir gesagt, daß wir mit unsrer ganzen fortschrittlichen Bewegung der letzten zwanzig Jahre vor allem das eine bewiesen hätten, von welch einer schmutzigen Unbildung wir wären. Das war natürlich auch von unsern Universitätsleuten gesagt.« »Na, das wird wohl Papa gesagt haben; du liebst es sehr, seine Gedanken nachzusprechen«, bemerkte Lisa. »Lisa, das klingt ja ganz, als trautest du mir selber keinen Verstand zu.« »Heutzutage kann es nur nützlich sein, wenn man auf die Worte kluger Männer hört und sie sich merkt.« Mit diesen leicht hingesagten Worten stellte sich Anna Andrejewna auf meine Seite. »Ganz richtig, Anna Andrejewna«, fiel ich eifrig ein. »Wer sich über die heutige Epoche Rußlands keine Gedanken macht, verdient nicht, ein Bürger zu heißen! Ich sehe Rußland vielleicht von einem sonderbaren Standpunkte aus an: wir haben den Einfall der Tataren ertragen und nachher die zweihundertjährige Knechtschaft, und ertragen haben wir das eine wie das andre, weil es uns eben so gefiel. Jetzt ist uns die Freiheit gegeben, und wir müssen die Freiheit ertragen. Werden wir das verstehen? Wird es uns auch gefallen, die Freiheit zu ertragen? Das ist die Frage.« Lisa warf einen schnellen Blick zu Anna Andrejewna hinüber, die aber neigte hastig den Kopf und begann etwas neben sich zu suchen; ich sah, daß Lisa sich aus aller Kraft zusammennahm, aber auf einmal begegneten sich unverhofft unsre Blicke, und sie platzte mit einem lauten Gelächter heraus. Ich brauste auf: »Lisa, ich versteh' dich einfach nicht!« »Verzeih mir!« sagte sie plötzlich, hörte auf zu lachen und wurde beinah traurig. »Weiß der liebe Gott, was ich heute im Kopfe habe ...« Und es zitterten gleichsam Tränen in ihrer Stimme. Da schämte ich mich sehr: ich nahm ihre Hand und küßte sie herzlich. »Sie sind ein guter Mensch«, sagte Anna Andrejewna weich, als sie sah, daß ich Lisa die Hand küßte. »Ich freue mich vor allen Dingen, daß du, Lisa, mich heute mit Lachen begrüßt hast«, sagte ich. »Wollen Sie es mir glauben, Anna Andrejewna: in den letzten Tagen hat sie mich immer so sonderbar angesehen; in ihrem Blick lag so etwas wie eine Frage: ›Hast du nicht irgend etwas erfahren? Steht alles gut?‹ Es ist wirklich wahr, irgend so etwas hatte sie.« Anna Andrejewna sah sie lange und scharf an, Lisa senkte den Kopf. Ich bemerkte übrigens deutlich, daß die beiden viel besser und intimer miteinander bekannt waren, als ich vorhin bei meinem Kommen hätte vermuten können; dieser Gedanke berührte mich angenehm. »Sie sagten vorhin, ich wäre ein guter Mensch; Sie glauben nicht, wie sehr ich mich zum Bessern verändre, wenn ich bei Ihnen bin, und wie gerne ich bei Ihnen bin«, sagte ich gefühlvoll. »Und ich freue mich sehr, daß Sie gerade jetzt so sprechen«, erwiderte sie bedeutungsvoll. Ich muß hier erwähnen, daß sie mit mir noch nie von meinem liederlichen Leben und dem Strudel, in den ich geraten war, gesprochen hatte, obgleich sie – das wußte ich – davon unterrichtet war und sogar bei Dritten Erkundigungen darüber eingezogen hatte. So war das jetzt so etwas wie eine erste Anspielung darauf, und – mein Herz flog ihr infolgedessen noch mehr zu. »Was macht denn unser Patient?« fragte ich. »Oh, es geht ihm viel besser: er ist aufgestanden und gestern und heute schon ausgefahren. Aber sind Sie denn heute auch nicht bei ihm gewesen? Er erwartet Sie sehnlichst.« »Ja, ich habe ihn vernachlässigt, aber jetzt besuchen Sie ihn ja und sind ganz an meine Stelle getreten; er ist eine ungetreue Seele und hat Ihnen meinen Platz eingeräumt.« Sie machte ein sehr ernstes Gesicht; mein Scherz war ja wohl auch ziemlich trivial. »Ich war vorhin bei Fürst Sergej Petrowitsch,« murmelte ich, »und da ... Übrigens, Lisa, du warst ja vorhin bei Darja Onisimowna?« »Jawohl«, erwiderte sie sonderbar kurz, ohne den Kopf zu heben. »Ich dachte, du gingst jeden Tag zu dem kranken Fürsten?« fragte sie dann eigentümlich plötzlich, vielleicht nur, um überhaupt etwas zu sagen. »Ja, hingehen tue ich schon, aber ich komme nie an«, lächelte ich. »Ich trete ins Haus und wende mich nach links.« »Ja, der Fürst hat auch bemerkt, daß Sie Katerina Nikolajewna so oft besuchen. Er sagte es mir gestern und lachte dazu«, sagte Anna Andrejewna. »Ja warum aber ...? Warum hat er denn gelacht?« »Er spaßte, Sie kennen ihn ja. Er sagte, daß sonst eine junge und schöne Frau bei jungen Leuten Ihres Alters nur Gefühle des Unwillens und des Zornes auslöse...« Anna Andrejewna fing plötzlich an zu lachen. »Hören Sie mal... Wissen Sie auch, daß das eine sehr treffende Bemerkung war?« rief ich. »Sicherlich hat er das nicht gesagt, sondern Sie haben es ihm gesagt?« »Warum denn? Nein, er hat es gesagt.« »Aber wenn diese schöne Frau jemand beachtet, trotzdem er so ein Nichts ist und in der Ecke steht und sich bost, weil er noch nicht erwachsen ist; und wenn sie ihn auf einmal dem ganzen Haufen derer vorzieht, die sie vergöttern, was dann?« fragte ich auf einmal mit einem sehr kecken und herausforderndem Gesicht. Mein Herz klopfte dabei. »Dann bist du ihr gegenüber auch geliefert«, lachte Lisa auf. »Geliefert?« rief ich. »Nein, ich bin nicht geliefert. Ich glaube nicht, daß das richtig ist. Wenn eine Frau sich mir in den Weg stellt; muß sie mir auch folgen. Mir verstellt man nicht ungestraft den Weg ...« Lisa hat mir viel später einmal, als wir hiervon sprachen, gesagt, ich hätte diesen Satz damals ganz sonderbar hervorgebracht, so ernst, und als versänke ich dabei plötzlich tief in Gedanken; aber zugleich »so komisch, daß man sich einfach nicht halten konnte«; und wirklich fing Anna Andrejewna wieder an zu lachen. »Lachen Sie nur, lachen Sie über mich!« rief ich wie berauscht; denn dieses ganze Gespräch und der Weg, den es genommen, gefiel mir ausnehmend: »Wenn Sie mich auslachen, ist es für mich nur ein Vergnügen. Ich liebe Ihr Lachen, Anna Andrejewna! Sie haben etwas ganz Eignes: Sie sind ganz still, und auf einmal fangen Sie an zu lachen, ganz plötzlich, so daß man einen Augenblick vorher Ihrem Gesicht noch gar nichts hat ansehen können. Ich habe in Moskau eine Dame gekannt, nur flüchtig, ich sah sie nur von weitem: sie war beinahe so schön wie Sie, und ihr Gesicht, das sonst ebenso anziehend war wie das Ihre, verlor dadurch an Reiz; das Ihre hat einen großen Reiz ... Eben durch diese Fähigkeit ... Das hab' ich Ihnen schon lange sagen wollen.« Was ich da von dieser Dame gesagt hatte, sie wäre »ebenso schön« gewesen wie Anna Andrejewna, war ein schlauer Kniff von mir gewesen; ich hatte getan, als wäre mir das so ganz von selbst herausgefahren, ohne daß ich es selber bemerkt hätte; ich wußte nur zu gut, daß eine Frau, so eine »herausgefahrene« Schmeichelei höher schätzt als ein noch so gut gedrechseltes Kompliment. Und so sehr auch Anna Andrejewna errötete, ich wußte, daß ihr das angenehm war. Und ich hatte mir ja überhaupt diese ganze Dame ausgedacht: ich hatte gar keine Dame in Moskau gekannt, es war ja alles nur, um Anna Andrejewna zu schmeicheln und ihr ein Vergnügen zu machen. »Man sollte wirklich glauben,« lächelte sie entzückend, »daß Sie sich in den letzten Tagen unter dem Einflusse irgendeiner schönen Frau befunden haben.« Es riß mich fort ... Ich hatte schon Lust, ihnen etwas zu gestehen ... Aber ich hielt mich doch noch zurück. »Übrigens, wie lange ist es her, daß Sie sich noch ausgesprochen feindlich über Katerina Nikolajewna aussprachen?« »Wenn ich mich irgendwie häßlich geäußert habe,« sagte ich mit blitzenden Augen, »so war daran die monströse Verleumdung schuld, daß sie eine Feindin von Andrej Petrowitsch wäre; eine Verleumdung auch gegen ihn, insofern behauptet wurde, er hätte sie geliebt, ihr einen Antrag gemacht und ähnliches ungereimtes Zeug. Diese Idee ist ebenso ungeheuerlich, wie die andre Verleumdung, die von ihr gesagt worden ist: sie hätte noch bei Lebzeiten ihres Mannes dem Fürsten Sergej Petrowitsch versprochen, sie wolle ihn heiraten, wenn sie Witwe wäre und hätte nachher ihr Wort nicht gehalten. Aber ich weiß aus erster Quelle, daß sich das alles nicht so verhalten hat, sondern daß das alles nur Scherz war. Aus erster Quelle weiß ich das. Sie hat wirklich einmal, draußen im Auslande, in einem lustigen Augenblick zum Fürsten gesagt: ›Vielleicht später einmal‹ aber, was war das andres als ein leicht hingeworfenes Wort? Ich weiß ja ganz genau, daß der Fürst seinerseits so einem Versprechen nicht den geringsten Wert beilegen kann; er hat auch gar nicht die Absicht«, fügte ich, mich schnell verbessernd hinzu. »Er hat ganz andre Pläne«, sagte ich schlau. »Vorhin erzählte Nastschokin bei ihm, Katerina Nikolajewna wolle vielleicht Baron Bjoring heiraten: Sie können mir glauben, er hat diese Nachricht so gefaßt wie möglich aufgenommen, davon können Sie überzeugt sein.« »Nastschokin war bei ihm?« fragte Anna Andrejewna plötzlich betont und gleichsam verwundert. »Ja, allerdings; ich glaube, er ist einer von den anständigen Leuten ...« »Und Nastschokin hat ihm von dieser Verheiratung mit Bjoring erzählt?« fragte Anna Andrejewna plötzlich sehr interessiert. »Nicht gerade von einer Verheiratung, sondern nur so, von der Möglichkeit, von dem Gerücht; er sagte, es würde in der Gesellschaft davon gesprochen. Ich für meine Person bin davon überzeugt, daß es ein Unsinn ist.« Anna Andrejewna dachte nach und beugte sich über ihre Näherei. »Ich habe den Fürsten Sergej Petrowitsch gern«, fuhr ich auf einmal voll Wärme fort. »Er hat ja unstreitig seine Fehler; ich habe mit Ihnen ja schon darüber gesprochen, es ist eben diese gewisse Einseitigkeit ... Aber auch seine Fehler sind Zeugnisse seines edlen Herzens; finden Sie nicht auch? So haben wir uns heute über einen Gedanken gestritten: seine Überzeugung ist, daß einer, der von der Anständigkeit spricht, selber anständig sein müsse, sonst wäre alles, was er sage, nur Lüge. Nun, ist das logisch? Aber dabei zeugt das doch von dem hohen Ehrgefühl in seinem Herzen, von seinem Pflichtgefühl, seinem Gerechtigkeitsgefühl, nicht wahr? ... Ach, du lieber Gott, wieviel Uhr ist es denn?« rief ich plötzlich, denn mein Blick war zufällig auf das Zifferblatt der Kaminuhr gefallen. »Zehn Minuten vor drei,« sagte sie ruhig, nachdem sie auf die Uhr gesehen hatte. Die ganze Zeit, während ich vom Fürsten sprach, hatte sie mir mit gesenktem Kopfe zugehört und dabei ein pfiffiges, aber nettes Lächeln gezeigt: sie wußte, warum ich ihn so pries. Lisa hatte, den Kopf über ihre Arbeit gebeugt, gelauscht und sich die ganze Zeit nicht mehr ins Gespräch gemischt. Ich sprang auf, als hätte ich mich verbrüht. »Haben Sie sich verspätet?« »Ja ... Nein ... Übrigens, ja, ich habe mich verspätet, aber ich gehe gleich. Nur noch ein Wort. Anna Andrejewna,« begann ich erregt, »ich kann es heute nicht mehr zurückhalten! Ich muß Ihnen bekennen, daß ich schon öfters Ihre Güte und Ihren feinen Takt gesegnet habe, mit dem Sie mich aufgefordert haben, Sie manchmal zu besuchen ... Auf mich hat die Bekanntschaft mit Ihnen den allerstärksten Eindruck gemacht ... In Ihrem Zimmer wird mein Herz gleichsam reiner, und ich gehe als ein besserer Mensch von Ihnen, als wie ich gekommen bin. Das ist wirklich wahr. Wenn ich bei Ihnen sitze, kann ich weder von etwas Häßlichem sprechen, noch überhaupt häßliche Gedanken haben; sie verschwinden in Ihrer Gegenwart, und wenn ich bei Ihnen flüchtig an irgend etwas Häßliches denke, so schäme ich mich dieses Häßlichen sofort, ich werde verlegen und erröte innerlich. Und, Sie müssen wissen, besonders sympathisch war es mir, daß ich heute bei Ihnen meine Schwester getroffen habe ... das zeugt so sehr für Ihren Edelmut ... Von so schönen Beziehungen ... Kurz und gut, Sie zeigen damit so etwas Geschwisterliches ; wenn Sie mir erlauben wollen, dies Eis zu brechen, das ich ...« Während ich sprach, war sie aufgestanden und rot geworden; aber auf einmal schrak sie gleichsam vor irgend etwas zurück, vor einer Linie, die nicht überschritten werden sollte, und unterbrach mich: »Glauben Sie mir, ich weiß Ihre Gefühle von ganzem Herzen zu schätzen ... Ich habe sie auch ohne Worte verstanden ... Und schon lange ...« Sie verstummte verlegen und drückte mir die Hand. Auf einmal zupfte mich Lisa heimlich am Ärmel. Ich verabschiedete mich und ging; aber im Nebenzimmer holte mich Lisa ein.   4 »Lisa, warum hast du mich am Ärmel gezogen?« fragte ich. »Sie ist schlecht, sie ist so eine Schlaue, sie ist es nicht wert ... Sie gibt sich nur mit dir ab, um dich auszuhorchen«, flüsterte sie hastig und böse. Ich hatte ihr Gesicht noch niemals so gesehen. »Lisa, was fällt dir denn ein? Sie ist so ein wundervolles Mädchen!« »Na, dann bin ich eben schlecht.« »Was hast du denn?« »Ich bin ganz schlecht. Sie ist vielleicht auch ein ganz wundervolles Mädchen, und ich bin schlecht. Genug davon, hör' auf. Hör' einmal: Mama läßt dich um etwas bitten, ›was sie selbst dir nicht zu sagen wagt‹, so drückte sie sich aus. Liebster Arkadij! Spiel' nicht mehr, Lieber, ich flehe dich an... Und Mama auch ...« »Lisa, ich weiß es ja selbst, aber ... Ich weiß, daß das ein trauriger Kleinmut ist, aber ... Aber das sind nur Kindereien und weiter nichts! Siehst du, ich stecke in Schulden wie ein Narr, ich will nur gewinnen, um sie abzuzahlen. Man kann gewinnen; ich habe ja ohne Berechnung gespielt, wie blind und toll drauflos, wie ein Narr, jetzt aber werde ich um jeden Rubel zittern ... Ich müßte nicht ich sein, wenn ich nicht gewönne! Ich bin nicht Spieler aus Leidenschaft; das ist keine Hauptsache in meinem Leben, sondern nur eine flüchtige Erscheinung, das versichre ich dir! Ich bin zu stark, als daß ich nicht aufhören könnte, sobald ich will. Ich zahle nur dies Geld zurück, und dann bin ich untrennbar euer; sag' es auch Mama, daß ich euch nicht verlasse ...« »Und wieviel haben dir vorhin diese dreihundert Rubel gekostet!« »Woher weißt du das?« rief ich zitternd. »Darja Onisimowna hat vorhin alles gehört ...« Aber in diesem Augenblick zog mich Lisa plötzlich hinter einen Vorhang, und wir befanden uns in einem abgeschlossenen Raume, der sogenannten »Laterne«, das heißt einem kleinen, runden Zimmerchen, dessen Wände ganz aus Fenstern bestanden. Ich war noch nicht wieder recht zur Besinnung gekommen, als ich eine bekannte Stimme vernahm und das Klirren von Sporen und einen bekannten Schritt hörte. »Fürst Seriosha«, flüsterte ich. »Ja«, wisperte sie. »Warum bist du denn so erschrocken?« »So; ich möchte um keinen Preis, daß er mir begegnete ...« »Tiens, er läuft dir doch nicht am Ende nach?« lachte ich. »Dann würde ich ihm das Nötige schon beibringen. Wo willst du hin?« »Komm nur; ich gehe mit.« »Hast du dich denn von ihr schon verabschiedet?« »Ja; meine Pelzjacke ist im Vorzimmer.« Wir gingen; auf der Treppe fiel mir plötzlich etwas ein: »Weißt du was, Lisa, er ist vielleicht gekommen, um ihr einen Antrag zu machen!« »N–nein ... Er macht ihr keinen Antrag ...« sagte sie langsam und bestimmt, mit ruhiger Stimme. »Lisa, du weißt nicht ... Wenn ich mich vorhin auch mit ihm gestritten habe – da es dir doch einmal wiedererzählt worden ist – aber, bei Gott, ich liebe ihn aufrichtig und wünsche ihm Erfolg in dieser Angelegenheit. Wir haben uns vorhin wieder vertragen. Wenn man glücklich ist, ist man so gut ... Er hat viele sehr schöne Züge ... Auch so eine Menschlichkeit besitzt er ... Es sind wenigstens Keime vorhanden ... Und in den Händen eines so energischen und klugen Mädchens wie Fräulein Wersilowa könnte er ganz ins Gleichgewicht kommen und glücklich werden. Schade, daß ich keine Zeit habe ... Aber wir können ja ein Stück zusammenfahren, ich möchte dir noch allerlei sagen ...« »Nein, fahr' nur allein, ich hab' einen andern Weg. Kommst du zum Essen?« »Ich komme, jawohl, ich komme, ich hab's ja versprochen. Noch eins, Lisa: ein Halunke – kurz und gut, ein ganz schmieriges Subjekt, na also, Stebelkow, wenn du ihn kennst, – hat auf seine Verhältnisse einen schrecklichen Einfluß... Wechselgeschichten ... Na, kurz und gut, er hat ihn in der Hand und hat die Schlinge schon so zugezogen, und der Fürst hat sich vor ihm so erniedrigen müssen, daß sie beide den einzigen Ausweg in der Verlobung mit Anna Andrejewna sehen. Man sollte sie, wie die Dinge liegen, eigentlich warnen; übrigens ist das dummes Zeug. Sie wird alle diese Geschichten dann schon selbst in Ordnung bringen. Aber was meinst du, gibt sie ihm einen Korb?« »Leb' wohl, ich hab' keine Zeit,« schnitt Lisa das Gespräch ab; und in dem flüchtigen Blick, der mich streifte, sah ich einen Haß, daß ich ganz erschrocken rief: »Lisa, Liebe, was hast du denn?« »Ich meine nicht dich; hör' nur zu spielen auf ...« »Ach so, wegen des Spiels ...! Ich tu's nicht mehr.« »Du sagtest vorhin: ›Wenn man glücklich ist ...‹, also bist du wohl sehr glücklich?« »Ungeheuer, Lisa, ungeheuer! O Gott, es ist ja schon drei, und darüber! ...! Leb' wohl, Lisok! Lisotschka, Liebe, sag' selbst: darf man eine Frau auf sich warten lassen? Ist so etwas erlaubt?« »Du meinst: bei einem Stelldichein, nicht wahr?« lächelte Lisa kaum merklich, mit einem leichenblassen, zitternden Lächeln. »Gib mir deine Hand; das soll mir Glück bringen.« »Glück? Meine Hand? Um keinen Preis gebe ich sie dir!!« Und sie eilte davon. Und was die Hauptsache war: dieser Ausruf hatte so ernsthaft geklungen. Ich sprang in meinen Schlitten. Ach ja, eben dieses »Glück« war die Hauptursache dafür, daß ich, wie ein blinder Maulwurf, nichts begriff und nichts sah, als mich selbst! Viertes Kapitel   1 Heute fürchte ich mich einfach, es zu erzählen. Das alles ist ja schon vor langer Zeit geschehen; aber es ist mir alles noch heute wie ein Fiebertraum. Wie konnte so eine Frau einem so trübseligen dummen Jungen, wie ich es damals war, ein Stelldichein geben? – Das mußte einem doch auf den ersten Blick auffallen! Als ich mich von Lisa getrennt hatte und nun schnell hinfuhr, klopfte mir auch das Herz; ich glaubte einfach, ich wäre verrückt geworden: der Gedanke, daß sie mich zu einem Stelldichein aufgefordert hätte, erschien mir plötzlich als so offenbarer Unsinn, daß daran zu glauben zu den Unmöglichkeiten gehörte. Aber – wird man's für glaublich halten? – ich zweifelte doch nicht im geringsten daran; es war sogar so: je klarer es mir als ein Unsinn erschien, desto stärker glaubte ich es. Daß es schon drei geschlagen hatte, beunruhigte mich. »Wenn ich zu einem Stelldichein aufgefordert bin, so darf ich doch unmöglich zu spät kommen«, dachte ich bei mir. Es gingen mir auch allerhand dumme Fragen durch den Kopf, so zum Beispiel: »Was wird klüger sein: wenn ich jetzt kühn bin, oder wenn ich schüchtern bin?« Aber das zog alles nur flüchtig vorüber, weil in meinem Herzen ein großes, herrschendes Gefühl war, und ein Gefühl, das ich nicht zu definieren vermochte. Am Tage vorher war mir gesagt worden: »Morgen um drei Uhr werde ich bei Tatjana Pawlowna sein« – das war alles. Aber erstens einmal hatte sie mich bei sich zu Hause, in ihrem Zimmer, auch immer allein empfangen, und sie hätte mir also alles, was sie wollte, sagen können, ohne sich zu Tatjana Pawlowna zu begeben; also wozu brauchte sie mich an einen dritten Ort, zu Tatjana Pawlowna, zu bestellen? Und nun eine zweite Frage: wird Tatjana Pawlowna zu Hause sein oder nicht? Wenn dies ein Stelldichein ist, ist es ganz klar, daß Tatjana Pawlowna nicht zu Hause sein wird. Aber wie hätte sie das erreichen können, ohne die Sache vorher mit Tatjana Pawlowna zu besprechen? Also wäre auch Tatjana Pawlowna ins Geheimnis gezogen? Aber dieser Gedanke deuchte mich roh und gleichsam unkeusch, ja, fast gemein. Und schließlich konnte sie ja auch nur auf den Gedanken gekommen sein, Tatjana Pawlowna zu besuchen, und mir das gestern ohne jeden Zweck dabei mitgeteilt haben, und ich hatte sie falsch verstanden. Ja, und sie hatte es auch nur so nebenher gesagt, es ganz ruhig hingeworfen, nach einem sehr langweiligen Beisammensein; denn ich war gestern die ganze Zeit, die ich bei ihr gewesen war, Gott weiß warum, förmlich konfus gewesen: ich hatte gesessen und gestottert und nicht gewußt, was ich sagen sollte, und dabei war ich über mich selbst wütend und verlegen gewesen; und sie hatte, wie sich nachher herausstellte, irgendwohin fahren wollen und war sichtlich froh gewesen, als ich endlich Anstalten zum Aufbruch machte. Alle diese Gedanken drängten sich in meinem Kopfe. Schließlich beschloß ich: »Ich gehe hinauf und klingle, dann macht mir die Köchin auf, und ich frage sie: Ist Tatjana Pawlowna zu Hause?« Und sollte sie nicht zu Hause sein, so wäre es also ein »Stelldichein«. Aber ich zweifelte nicht daran, ich zweifelte gar nicht daran! Ich lief die Treppe hinauf, und auf der Treppe, vor der Tür, war meine ganze Furcht wie weggeblasen: »Geh' es, wie es wolle,« dachte ich, »wenn's nur schnell geht!« Die Köchin öffnete mir und maulte mit ihrem ekligen Phlegma etwas davon, daß Tatjana Pawlowna nicht zu Hause wäre. »Aber ist sonst nicht jemand da, wartet niemand auf Tatjana Pawlowna?« wollte ich schon fragen; ich fragte aber nicht: ich dachte mir, es wäre besser, wenn ich selbst nachsähe. Ich murmelte, ich wolle warten, warf dann meinen Pelz ab und öffnete die Tür ... Katerina Nikolajewna saß am Fenster und wartete auf Tatjana Pawlowna. »Sie ist nicht da?« fragte sie mich schnell, sobald ich eingetreten war, gleichsam besorgt und ärgerlich. Und ihre Stimme und ihre Miene entsprachen meinen Erwartungen so wenig, daß ich förmlich in die Türschwelle versank. »Wer ist nicht da?« murmelte ich. »Tatjana Pawlowna! Ich bat Sie doch gestern, ihr zu sagen, ich würde um drei Uhr herkommen!« »Ich ... Ich hab' sie überhaupt nicht gesehen.« »Sie haben es vergessen?« Ich fiel auf einen Stuhl, als hätte ich einen Schlag auf den Kopf bekommen. So war die Sache also! Und es war dabei alles so klar, wie zweimal zwei vier ist, aber ich... Ich glaubte noch immer hartnäckig daran. »Ich kann mich nicht erinnern, daß Sie mich gebeten haben, ihr das zu sagen. Ja, und Sie haben mich auch gar nicht gebeten: Sie haben ganz einfach gesagt, Sie würden um drei hier sein«, stieß ich ungeduldig hervor. Ich sah sie nicht an. »Ach,« rief sie auf einmal, »wenn Sie also vergessen haben, es ihr zu sagen, aber es selber doch wußten, daß ich hier sein würde, wozu sind Sie dann eigentlich hergekommen?« Ich hob den Kopf: weder Spott noch Zorn sprach aus ihrem Gesicht; ich sah nur ihr helles, lustiges Lächeln, und die Ausgelassenheit ihrer Mienen war gleichsam verstärkt – sie hatte diesen Ausdruck übrigens so gut wie immer – es war eine fast kindliche Ausgelassenheit, die sagte: »Na, siehst du, da hab' ich dich fein erwischt; na, was sagst du nun?« Ich wollte ihr nicht antworten und schlug die Augen wieder nieder. Das Schweigen dauerte vielleicht eine halbe Minute. »Kommen Sie gerade von Papa?« fragte sie plötzlich. »Ich komme von Anna Andrejewna; bei Fürst Nikolaj Iwanowitsch bin ich überhaupt nicht gewesen ... Und Sie wissen das ja ganz genau«, fügte ich auf einmal hinzu. »Ist Ihnen bei Anna Andrejewna irgend etwas passiert?« »Das heißt: ich sehe augenblicklich ziemlich verrückt aus? Nein, ich sah schon verrückt aus, bevor ich bei Anna Andrejewna war.« »Und Sie sind bei ihr nicht vernünftig geworden?« »Nein, ich bin nicht vernünftig geworden. – Ich habe da außerdem gehört, daß Sie Baron Bjoring heiraten.« »Hat sie Ihnen das gesagt?« fragte sie, auf einmal interessiert. »Nein, das hab' ich ihr mitgeteilt; und gehört hab' ich's, als es vorhin Nastschokin dem Fürsten Sergej Petrowitsch bei einem Besuche dort erzählte.« Ich hob noch immer nicht meine Augen; sie ansehen, hätte geheißen: in Licht, Freude, Glück untertauchen, und ich wollte nicht glücklich sein. Der Stachel des Unwillens war in mein Herz gedrungen, und in einem Augenblick faßte ich einen ungeheuerlichen Entschluß. Und dann begann ich auf einmal zu sprechen, ich weiß kaum noch, wovon. Ich war außer Atem und stammelte sonderbar, sah ihr jetzt aber keck ins Gesicht. Mein Herz klopfte. Ich sprach von Dingen, die nicht hergehörten, übrigens sprach ich vielleicht doch ganz zusammenhängend. Sie hörte mir anfangs mit ihrem gleichbleibenden, duldsamen Lächeln zu, das ihr Gesicht nie verließ; aber allmählich blitzte Verwunderung, dann sogar Schrecken in ihrem fest auf mich gerichteten Blicke auf. Das Lächeln verschwand noch nicht, aber auch dieses Lächeln schien zeitweilig zu beben. »Was haben Sie?« fragte ich plötzlich, da ich bemerkte, daß sie am ganzen Leibe zitterte. »Ich fürchte mich vor Ihnen«, antwortete sie mir fast aufgeregt. »Warum gehen Sie dann nicht? Tatjana Pawlowna ist ja nicht da, und Sie wissen, daß sie nicht kommt; also müßten Sie doch eigentlich aufstehen und gehen?« »Ich wollte sie erwarten, aber jetzt ... In der Tat ...« Sie wollte sich erheben. »Nein, nein, bleiben Sie sitzen«, hielt ich sie zurück. »Sehn Sie, jetzt zittern Sie wieder, aber Sie lächeln auch in der Angst... Sie haben immer so ein Lächeln. Sehn Sie, jetzt lächeln Sie ganz deutlich...« »Phantasieren Sie im Fieber?« »Ja.« »Ich fürchte mich...« wisperte sie wieder. »Wovor?« »Daß Sie anfangen, die Wände einzureißen ...« Sie lächelte wieder, fürchtete sich jetzt aber schon ganz ernstlich.« »Ich kann Ihr Lächeln nicht ertragen ...« Und ich begann wieder zu sprechen. Es war, als ob ich flöge, als ob mich gleichsam etwas vorwärtsstieße. Ich hatte noch nie, noch niemals so mit ihr gesprochen, ich war ihr gegenüber immer schüchtern gewesen. Ich war auch jetzt furchtbar verlegen, aber ich sprach; ich weiß noch, ich fing von ihrem Gesicht an: »Ich kann Ihr Lächeln nicht mehr ertragen!« rief ich auf einmal. »Warum habe ich Sie mir, in Moskau noch, hochmütig, großartig und im tückischen Stil einer Weltdame redend vorgestellt? Jawohl, in Moskau; ich habe damals mit Maria Iwanowna viel von Ihnen gesprochen und mir ausgemalt, wie Sie sein müßten ... Erinnern Sie sich noch an Maria Iwanowna? Sie sind ja bei ihr gewesen. Als ich hierherfuhr, habe ich die ganze Nacht in der Bahn von Ihnen geträumt. Ich habe, bevor Sie hierherkamen, einen ganzen Monat lang Ihr Porträt im Zimmer Ihres Vaters angesehen und keine Ahnung gehabt. Ihr Gesicht drückt kindliche Ausgelassenheit und unendliche Treuherzigkeit aus – das ist's! Ich habe mich die ganze Zeit, seit ich zu Ihnen komme, schrecklich darüber gewundert. Oh, und Sie verstehen es auch, stolz dreinzuschauen und einen mit Ihrem Blick in Grund und Boden zu drücken: ich weiß noch, wie Sie mich damals bei Ihrem Vater angesehen haben, als sie aus Moskau zurückkehrten ... Ich sah Sie damals; aber wahrhaftig, hätte mich damals, als ich aus dem Hause trat, jemand gefragt, wie Sie aussähen, – ich hätte es nicht sagen können. Nicht mal Ihre Größe hätte ich angeben können. Als ich Sie erblickt hatte, war ich gleichsam blind geworden. Ihr Porträt ist absolut nicht ähnlich: Sie haben gar keine dunkeln Augen, sie sind hell, und nur die langen Wimpern machen sie dunkel. Sie sind üppig, Sie sind von mittlerer Größe, aber Sie haben eine gesunde leichte Üppigkeit, die Üppigkeit eines gesunden Dorfmädels. Ja, und auch Ihr Gesicht ist ganz ländlich, das Gesicht einer Dorfschönheit, – nehmen Sie das nur nicht übel: das ist ja viel besser – ein rundes, rotbackiges, helles, keckes, lachendes und ... ein schüchternes Gesicht. Katerina Nikolajewna Achmakowa schüchtern? Schüchtern und keusch, das schwöre ich Ihnen! Mehr als keusch – kindlich! So ist Ihr Gesicht! Ich war die ganze Zeit überrascht davon und habe mich die ganze Zeit gefragt: Ist das wirklich diese Frau? Ich weiß jetzt, daß Sie sehr klug sind, aber anfangs hab' ich wahrhaftig gedacht, Sie wären ein bißchen einfältig. Sie haben einen heitern Verstand, aber ohne jede Ziererei. Und dann lieb' ich es noch, daß dies Lächeln Sie nie verläßt: das ist mein Paradies! Und dann liebe ich noch Ihre Ruhe, Ihre Stille, und daß Sie so fließend, so ruhig und beinah träge sprechen, – eben diese Trägheit liebe ich. Ich glaube, es könnte unter Ihnen eine Brücke einstürzen, Sie würden auch dann noch eine fließende und ruhige Bemerkung dazu machen ... Ich hatte Sie mir als den Gipfel des Hochmuts und aller Leidenschaften vorgestellt, und Sie haben diese ganzen zwei Monate mit mir geredet wie ein Student zum andern ... Ich hätte mir nie vorgestellt, daß Sie eine solche Stirn hätten: sie ist ein bißchen niedrig, wie bei Statuen, aber so weiß und zart, wie Marmor unter dem reichen Haar. Sie haben eine hohe Brust, einen leichten Gang, Ihre Schönheit ist außerordentlich, und Sie kennen keinerlei Hochmut. Ich bin erst jetzt zu dem Glauben gekommen, ich hatte es immer nicht glauben wollen!« Sie hörte diese ganze wilde Tirade mit weitgeöffneten Augen an, sie sah, daß ich selber zitterte. Ein paarmal hatte sie mit einer entzückenden, besorgten Gebärde ihre behandschuhte kleine Hand erhoben, um mir Einhalt zu gebieten, aber jedesmal ließ sie sie unentschlossen und ängstlich wieder sinken. Ein paarmal wich sie sogar hastig zurück. Zwei-, dreimal leuchtete wieder das Lächeln in ihrem Gesichte auf; eine Zeitlang war sie sehr rot, aber nachher bekam sie ernstlich Angst und wurde bleich. Kaum war ich verstummt, da streckte sie die Hand vor und sagte mit eigentümlicher bittender Stimme, die aber immer noch fließend klang: »So dürfen Sie nicht sprechen ... So sollen Sie nicht sprechen ...« Und plötzlich erhob sie sich und griff ohne Hast nach ihrem Halstuch und ihrem Zobelmuff. »Sie gehen?« rief ich. »Ich fürchte mich wahrhaftig vor Ihnen... Sie mißbrauchen es, daß ...« sagte sie gedehnt, mit einem gewissen Bedauern und einem Vorwurf in der Stimme. »Hören Sie mich an, ich werde bei Gott die Wände nicht einreißen.« »Sie haben ja schon angefangen.« Sie konnte sich nicht halten und lächelte wieder. »Ich weiß ja nicht einmal, ob Sie mich hinauslassen?« Und ich glaube, sie fürchtete wirklich, ich würde sie nicht hinauslassen. »Ich mache Ihnen selbst die Tür auf, gehen Sie, aber eins sollen Sie wissen: ich habe einen großen Entschluß gefaßt; und wenn Sie meinem Herzen das Licht schenken wollen, so kehren Sie um, setzen Sie sich und hören Sie nur noch zwei Worte. Wenn Sie aber nicht wollen, so gehen Sie, und ich mache Ihnen selber die Tür auf!« Sie sah mich an und setzte sich auf ihren Stuhl. »Wie unwillig wäre jede andre hinausgegangen, aber Sie setzen sich!« rief ich hingerissen. »Sie haben sich früher nie erlaubt, so mit mir zu sprechen.« »Ich war sonst immer zu schüchtern. Auch als ich heute in dies Zimmer trat, wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Sie glauben, ich wäre jetzt nicht schüchtern? Ich bin schüchtern. Aber ich habe plötzlich einen großen Entschluß gefaßt, und ich fühle gleich, daß ich ihn ausführen werde. Und als ich diesen Entschluß gefaßt hatte, wurde ich wie verrückt und habe dies alles gesagt ... Hören Sie mich an; das sind meine zwei Worte: bin ich Ihr Spion, oder nicht? Antworten Sie mir – das ist meine Frage!« Das Blut stieg ihr schnell ins Gesicht. »Antworten Sie noch nicht, Katerina Nikolajewna; hören Sie erst alles, und sagen Sie mir die ganze Wahrheit.« Ich zerbrach mit einem Ruck alle Zäune und stürmte ins freie Feld hinaus.   2 »Vor zwei Monaten habe ich hier hinter der Portiere gestanden ... Sie wissen es ja ... Und Sie sprachen mit Tatjana Pawlowna von dem Briefe. Ich trat hervor, außer mir, und verschwatzte mich. Sie begriffen sogleich, daß ich irgend etwas wußte ... Sie mußten es ja begreifen ... Sie suchten ein wichtiges Dokument und waren deswegen in Sorge ... Warten Sie, Katerina Nikolajewna, halten Sie Ihre Worte noch zurück. Ich erkläre Ihnen, daß Ihr Verdacht begründet war: dieses Dokument existiert ... das heißt, es hat existiert ... Ich habe es gesehen; es war ein Brief von Ihnen an Andronikow, nicht wahr?« »Sie haben diesen Brief gesehen?« fragte sie hastig, verwirrt und aufgeregt. »Wo haben Sie ihn gesehen?« »Ich hab' ihn ... Ich hab' ihn bei Kraft gesehen ... Wissen Sie, bei dem, der sich erschossen hat ...« »Wirklich? Sie haben ihn selbst gesehen? Was ist aus ihm geworden?« »Kraft hat ihn zerrissen.« »In Ihrer Gegenwart? Sie haben es gesehen?« »In meiner Gegenwart. Er hat ihn wahrscheinlich zerrissen, weil er seinen Tod vor Augen sah ... Ich konnte damals ja nicht wissen, daß er sich erschießen würde ...« »Also ist er vernichtet, Gott sei Dank!« sagte sie langsam, mit einem erleichterten Seufzer, und bekreuzte sich. Ich hatte sie nicht angelogen. Das heißt, ich habe sie wohl angelogen, weil das Dokument in meinem Besitz war und Kraft es nie gehabt hatte; aber das war nur eine Nebensache, in der Hauptsache habe ich sie nicht angelogen, denn in dem Augenblick, als ich log, gab ich mir das Wort, diesen Brief noch an demselben Abend zu verbrennen. Ich kann darauf schwören: wenn ich ihn in dem Augenblick in der Tasche gehabt hätte, ich hätte ihn herausgezogen und ihn ihr gegeben; aber ich hatte ihn nicht bei mir, er war in meiner Wohnung. Übrigens kann es auch sein, daß ich ihn ihr nicht gegeben hätte, weil es mir damals sehr genierlich gewesen wäre, ihr zu gestehen, daß ich ihn hatte, und daß ich ihn so lange behalten hatte und immer gewartet und ihn ihr nicht wiedergegeben hatte. Das ist ganz einerlei: ich hätte ihn zu Hause verbrannt, auf jeden Fall, und so habe ich sie nicht angelogen! Ich war rein in jenem Augenblick, darauf kann ich schwören. »Und da es so ist,« fuhr ich, fast außer mir, fort, »so sagen Sie mir jetzt: haben Sie mich nur deshalb zu sich gezogen, sind Sie deshalb freundlich zu mir gewesen, haben Sie mich deshalb bei sich empfangen, weil Sie argwöhnten, ich wüßte etwas von dem Dokument? Warten Sie, Katerina Nikolajewna, sagen Sie nur noch einen Augenblick nichts, lassen Sie mich erst alles sagen: ich habe die ganze Zeit, da ich zu Ihnen kam, den Argwohn gehabt, Sie könnten am Ende nur deswegen freundlich zu mir sein, weil Sie mich wegen dieses Briefes aushorchen wollten, weil Sie mich zu einem Geständnis darüber bringen wollten ... Warten Sie, nur noch eine Minute: ich hatte diesen Argwohn, aber ich litt darunter. Diese Doppelzüngigkeit von Ihnen wäre mir unerträglich gewesen, weil ... weil ich in Ihnen das edelste Wesen, das ich kenne, erkannt hatte! Ich sag' es geradeheraus, geradeheraus sage ich es: ich war Ihr Feind, aber ich habe in Ihnen das edelste Wesen erkannt! Alles in mir war auf einmal besiegt. Aber ihre Doppelzüngigkeit, das heißt, der Verdacht, Sie könnten doppelzüngig sein, peinigte mich ... Jetzt muß sich alles entscheiden, alles muß sich erklären, die Zeit ist da; aber warten Sie noch einen Augenblick, sagen Sie nichts, hören Sie erst, wie ich selber das alles ansehe, eben jetzt, in dieser Minute; ich sag' es Ihnen geradeheraus: wenn es auch so war, ich werde darüber nicht böse sein ... Das heißt, ich wollte sagen: es wird mich nicht kränken, weil das ja so natürlich wäre; ich begreife es ja. Was sollte daran unnatürlich oder häßlich sein? Der Gedanke an dieses Dokument peinigt Sie, Sie argwöhnen, irgend jemand wüßte alles; ja, ist es nicht ganz klar, daß Sie wünschen mußten, der Betreffende möchte sich verplappern ...? Dabei ist nichts Häßliches, wirklich gar nichts. Ich spreche ganz aufrichtig. Aber dennoch wäre es am Platze, daß Sie mir jetzt etwas sagten ... Daß Sie mir ein Geständnis ablegten (verzeihen Sie diesen Ausdruck). Ich muß die Wahrheit wissen. Aus gewissen Gründen muß ich sie wissen! Also, sagen Sie mir das eine: sind Sie deshalb freundlich zu mir gewesen, um mich über das Dokument auszuforschen ... Katerina Nikolajewna?« Ich sprach überstürzt, und meine Stirn brannte. Sie hörte mich ohne die bisherige Aufregung an, im Gegenteil, eine gewisse Wärme lag in ihrem Gesicht; aber sie sah eigentümlich verlegen drein, als schäme sie sich. »Ja, deshalb«, sagte sie langsam und halblaut. »Verzeihen Sie mir, ich habe unrecht getan,« fügte sie plötzlich hinzu und hob ihre Hände ein wenig mir entgegen. – Das hatte ich mir nicht träumen lassen. Ich hätte alles erwartet, nur diese zwei Worte nicht, nicht einmal von ihr, die ich doch schon kannte. »Und Sie sagen mir: ›verzeihen Sie!‹ So ganz geradeheraus: ›verzeihen Sie!‹?« rief ich. »Oh, ich fühle es schon lange, daß ich Sie um Verzeihung zu bitten habe ... Ich bin jetzt sogar froh, daß ich offen darüber sprechen kann ...« »Sie fühlen es schon lange? Ja, warum haben Sie es denn nicht früher gesagt?« »Ja, ich wußte nicht, wie ich das sagen sollte«, lächelte sie. »Das heißt, ich hätte es wohl auch gewußt,« lächelte sie wieder, »aber ich genierte mich immer ... Denn im Anfang hab' ich Sie wirklich nur deshalb zu mir gezogen, wie Sie sich ausdrückten; aber nachher ist mir das bald sehr zuwider geworden ... Und überhaupt diese ganze Verstellung ist mir so zuwider geworden, das dürfen Sie ruhig glauben!« fügte sie mit bitterm Gefühl hinzu. »Ja, und alle diese Plackereien auch!« »Und warum, warum haben Sie mich damals nicht gefragt, ganz geradeheraus? Hätten Sie zu mir gesagt: › Du weißt doch von diesem Briefe, warum verstellst du dich?' Ich hätte Ihnen sofort alles gesagt, sofort ein offnes Geständnis abgelegt!« »Ja, ich ... ich fürchtete mich ein bißchen vor Ihnen. Ich gestehe offen, auch ich habe Ihnen nicht getraut. Und, es ist ja doch wahr: wenn ich schlaue Winkelzüge machte, so haben Sie es ja auch nicht anders gemacht«, fügte sie hinzu und lachte auf. »Ja, ja, ich war dessen nicht würdig!« rief ich, von diesem Worte getroffen. »Oh, Sie kennen noch gar nicht die ganze Tiefe meines Falls.« »Na, das wird schon eine Tiefe sein! Da erkenne ich Ihren Stil wieder«, lächelte sie. »Dieser Brief«, fuhr sie dann traurig fort, »war die trübste und leichtsinnigste Tat meines Lebens. Das Bewußtsein dieser Tat ist mir ewig ein Vorwurf gewesen. Unter dem Einfluß verschiedener Umstände und gewisser Befürchtungen habe ich an meinem lieben, großherzigen Vater gezweifelt. Und da ich wußte, daß dieser Brief ... schlechten Menschen in die Hände fallen könnte ... da ich ganz bestimmte Gründe hatte, das zu glauben« (sie geriet in Hitze, als sie das sagte), »darum zitterte ich davor, diese Leute könnten sich seiner bedienen, könnten ihn Papa zeigen ... Und auf ihn hätte das einen schrecklichen Eindruck machen können ... Bei seinem Zustande ... Bei seiner schwankenden Gesundheit ... Und seine Liebe zu mir wäre zerstört worden ... Ja,« fügte sie hinzu und sah mir voll in die Augen, weil sie wohl im Fluge etwas in meinem Blick gelesen hatte, »ja, ich fürchtete auch für meine Zukunft: ich fürchtete, er könnte ... unter dem Einfluß seiner Krankheit ... Er könnte seine Hand von mir abziehen ... Auch dieses Gefühl sprach mit, aber ich tue ihm wohl auch in der Beziehung unrecht: er ist so gut und großherzig, daß er mir natürlich verziehen hätte. Und nun wissen Sie auch alles, wie es war. Und daß ich mich Ihnen gegenüber so benommen habe, das hätte nicht sein müssen«, schloß sie und machte auf einmal wieder ein beschämtes Gesicht. »Ich schäme mich vor Ihnen.« »Nein, Sie haben gar keinen Grund, sich zu schämen!« rief ich. »Ich habe in der Tat auf ... Ihre leichte Erregbarkeit gerechnet ... Ich gestehe Ihnen das offen«, sagte sie und senkte ihren Blick. »Katerina Nikolajewna! Wer, wer, frage ich, zwingt Sie, mir laut und deutlich solche Geständnisse zu machen?« rief ich, förmlich trunken. »Sie brauchten doch nur aufzustehen und mir in den gewähltesten Ausdrücken, in der feinsten Weise, so klar wie zweimal zwei, zu beweisen, wenn das auch alles geschehen wäre, so wäre doch eigentlich nichts geschehen, – Sie verstehen mich: so wie es die Leute in hohen Kreisen verstehen, mit der Wahrheit umzuspringen. Ich bin ja doch plump und dumm, ich hätte Ihnen aufs erste Wort geglaubt, Ihnen hätte ich alles geglaubt, was Sie auch gesagt hätten! Es hätte Ihnen ja doch nichts gekostet, es so zu machen? Sie fürchten sich ja doch nicht wirklich vor mir? Wie konnten Sie sich freiwillig so erniedrigen, vor so einem vorwitzigen Bengel, so einem traurigen Halbwüchsling?« »Gerade dadurch habe ich mich nun nicht vor Ihnen erniedrigt«, sagte sie mit außerordentlicher Würde; sie hatte meine Worte sichtlich nicht verstanden. »Oh, im Gegenteil, im Gegenteil! Das sage ich ja eben ...!« »Ach, das war so schlecht und leichtsinnig von mir!« rief sie und hob eine Hand zu ihrem Gesicht, als wolle sie es mit der Hand verdecken. »Ich habe mich gestern erst noch so geschämt, daß ich ganz verstimmt war, als Sie bei mir waren ... Das Ganze ist,« fügte sie dann hinzu, »daß meine Verhältnisse auf dem Punkte angelangt sind, daß ich unbedingt die ganze Wahrheit über diesen unglücklichen Brief erfahren mußte; ich war vorher schon drauf und dran gewesen, ihn ganz zu vergessen ... Denn ich habe Sie durchaus nicht nur deshalb bei mir empfangen«, fügte sie plötzlich hinzu. Mein Herz erzitterte. »Natürlich nicht,« lächelte sie mit einem feinen Lächeln, »natürlich nicht! Ich ... Sie, Arkadij Makarowitsch, bemerkten vorhin sehr treffend, wir beide hätten oft miteinander gesprochen wie ein Student mit dem andern. Sie können überzeugt sein, daß ich mich in der Gesellschaft oft sehr langweile; besonders, seit ich aus dem Auslande zurück bin, und nach all dem Unglück in unsrer Familie ... Ich gehe jetzt sogar wenig aus, und der Grund ist nicht mein Phlegma allein. Ich habe oft den Wunsch, aufs Land zu ziehen. Dort würde ich meine Lieblingsbücher lesen, die ich seit lange beiseite gelegt habe, und zu denen ich hier gar nicht komme. Darüber haben wir ja schon gesprochen. Wissen Sie noch, wie Sie darüber gelacht haben, daß ich russische Zeitungen lese und gar täglich zwei?« »Ich habe gar nicht darüber gelacht ...« »Natürlich, weil Sie das ja auch so erregte; und ich hab' es Ihnen ja schon lange gestanden: ich bin eine Russin und liebe Rußland. Wissen Sie noch, wie wir immer zusammen die ›Fakta‹ lasen, wie Sie es nannten?« lächelte sie. »Wenn Sie auch oft ziemlich ... ziemlich sonderbar sind, Sie haben sich doch häufig dabei so begeistert, daß Sie immer ein treffendes Wort zu sagen wußten; und Sie interessierten sich für dasselbe wie ich. Wenn Sie ›der Student‹ sind, dann sind Sie nett und originell. Die andern Rollen, glaub' ich, liegen Ihnen nicht besonders«, fügte sie mit einem reizenden pfiffigen Lächeln hinzu. »Wissen Sie noch, wie wir manchmal ganze Stunden lang nur von Ziffern sprachen, wie wir addierten und kombinierten und uns dafür interessierten, wieviel Schulden es in Rußland gibt, und welchen Weg unsre Aufklärung nimmt. Wir addierten die Morde und die Kriminalfälle und hielten die guten Neuigkeiten dagegen ... Wir wollten ergründen, wohin das alles treibe, und was schließlich aus uns selber werden würde. Ich bin bei Ihnen der ernsthaftesten Aufrichtigkeit begegnet. In der Gesellschaft spricht kein Mensch mit uns Frauen so. Vorige Woche habe ich mit dem Fürsten Dingsda ein Gespräch über Bismarck angefangen, weil ich mich für diese Frage sehr interessierte und sie selbst nicht zu entscheiden wußte; und stellen Sie sich vor, er setzte sich neben mich und begann mir einen Vortrag zu halten, einen sehr detaillierten sogar, aber er sprach so mit einer gewissen Ironie, und mit jener Herablassung, die mir eben so unleidlich ist, mit der Herablassung, die ›die großen Männer‹ uns Frauen gegenüber zu haben pflegen, wenn wir ›unsre Nase in Dinge stecken, die uns nichts angehen‹ ... Und wissen Sie noch, wie wir uns wegen Bismarck fast verzankt hätten? Sie bewiesen mir, Sie hätten auch Ihre Idee, und die wäre ›viel reiner‹ als die Bismarcksche«, lachte sie auf einmal auf. »Ich habe in meinem Leben nur zwei Männer getroffen, die mit mir ganz ernsthaft geredet haben: meinen verstorbenen Mann, der ein sehr kluger und ... vor–neh–mer Mensch war,« sagte sie eindringlich, »und außerdem – Sie wissen ja selbst, wen ...« »Wersilow!« rief ich. Ich getraute mich kaum zu atmen bei dem, was sie sagte. »Ja; ich habe ihm gern zugehört, ich wurde ihm gegenüber zuletzt ganz ... vielleicht zu aufrichtig; aber da glaubte er mir nicht mehr!« »Er glaubte Ihnen nicht?« »Ja, mir hat überhaupt noch nie jemand geglaubt.« »Aber Wersilow, Wersilow!« »Nicht so, daß er mir einfach nicht geglaubt hätte,« sagte sie mit gesenktem Kopfe und lächelte ganz eigen, »aber er meinte, daß ich ›alle Laster‹ habe.« »Und Sie haben doch kein einziges!« »Nein, ich habe schon Laster.« »Wersilow hat Sie nicht geliebt, darum hat er Sie nicht verstanden«, rief ich mit blitzenden Augen. Etwas in ihrem Gesicht verzog sich. »Lassen Sie das und sprechen Sie mir nie von ... diesem Menschen ...« sagte sie heftig und mit großer Energie. »Aber genug davon; für mich ist's Zeit.« Sie erhob sich, um zu gehen. »Nun, verzeihen Sie mir oder nicht?« fragte sie und sah mir hell in die Augen. »Ich ... Ihnen ... verzeihen! Hören Sie noch eins, Katerina Nikolajewna, und werden Sie nicht böse: ist es wahr, daß Sie heiraten?« »Das steht durchaus noch nicht fest«, sagte sie verwirrt, als erschrecke sie vor etwas. »Ist er ein guter Mensch? Verzeihen Sie, verzeihen Sie mir diese Frage!« »Ein sehr guter Mensch ...« »Antworten Sie mir nicht mehr, würdigen Sie mich keiner Antwort! Ich weiß ja, daß solche Fragen von meiner Seite etwas ganz Unmögliches sind! Ich wollte nur wissen, ob er Ihrer würdig ist oder nicht; aber ich werde schon selber Erkundigungen über ihn einziehen.« »Ach, du lieber Gott!« sagte sie erschrocken. »Nein, ich tu's nicht, ich tu's nicht. Ich lasse es sein... Aber nur das eine will ich Ihnen noch sagen: Gott möge Ihnen jedes Glück geben, jedes, das Sie sich selbst wünschen ... Zum Lohn dafür, daß Sie mir jetzt so viel Glück gegeben haben, in dieser einen Stunde! Sie haben Ihr Bild jetzt für ewig in mein Herz geprägt. Ich habe einen Schatz gewonnen: den Gedanken an Ihre Vollkommenheit. Ich argwöhnte Hinterlist, plumpe Koketterie und war unglücklich ... Weil ich diesen Gedanken nicht mit Ihrem Bilde vereinigen konnte ... Die letzten Tage habe ich Tag und Nacht darüber gegrübelt, und auf einmal wird alles klar wie der Tag! Als ich hierherkam, dachte ich, ich würde Jesuitismus, Schlauheit, eine kundschaftende Schlange finden, und ich habe Ehre, Glanz, einen ›Studenten‹ gefunden! Sie lachen! Lachen Sie nur, lachen Sie nur! Sie sind ja eine Heilige, Sie können nicht über das lachen, was heilig ist ...« »O nein, ich lache nur darüber, was Sie für schreckliche Ausdrücke haben ... Nun, was ist das wieder: ›eine kundschaftende Schlange‹?« lachte sie. »Sie haben heute ein kostbares Wort gesagt,« fuhr ich entzückt fort, »wie konnten Sie mir nur ins Gesicht sagen, Sie hätten ›auf meine leichte Erregbarkeit gerechnet‹? Nun, wenn Sie auch eine Heilige sind, und Sie gestehen es ja selbst ein, denn Sie schrieben sich irgendeine Schuld zu und wollten sich selbst mit Martern strafen ... Übrigens kann von einer Schuld gar keine Rede sein, denn wenn auch eine vorhanden war: was Sie tun, ist immer heilig! Aber immerhin hätten Sie's nicht nötig gehabt, gerade dieses Wort, diesen Ausdruck zu gebrauchen ...! Eine solche gerade, unnatürliche Offenherzigkeit bezeugt nur Ihre höchste Keuschheit, Ihre Achtung vor mir, Ihren Glauben an mich«, rief ich zusammenhanglos. »Oh, erröten Sie nicht, werden Sie nicht rot ...! Und wer, wer hat Sie so verleumden und mir sagen können, Sie – wären eine Frau voller Leidenschaften? Oh, verzeihen Sie mir, ich sehe den gequälten Ausdruck in Ihrem Gesicht; verzeihen Sie einem Halbwüchsling, der außer sich ist, seine plumpen Worte! Ja, und kommt es jetzt denn auf die Worte, auf den Ausdruck an? Stehen Sie denn nicht über allen Ausdrücken ...? Wersilow hat mir einmal gesagt, Othello hätte nicht deswegen Desdemona und nachher sich selbst gemordet, weil er eifersüchtig war, sondern weil man ihm sein Ideal geraubt hatte ... Ich habe das verstanden, weil auch mir heute mein Ideal wiedergegeben worden ist!« »Sie übertreiben mein Lob: ich bin dessen nicht wert«, sagte sie mit Gefühl. »Wissen Sie noch, was ich Ihnen über Ihre Augen gesagt habe?« fügte sie neckisch hinzu. »Daß ich nicht Augen hätte, sondern statt der Augen zwei Mikroskope, und daß ich aus jeder Fliege ein Kamel machte! Nein, hier ist von keinem Kamel die Rede ...! Was, Sie gehen schon?« Sie stand mitten im Zimmer, den Muff und ihren Schal in der Hand. »Nein, ich warte, bis Sie draußen sind, ich gehe nachher. Ich muß noch zwei Worte an Tatjana Pawlowna schreiben.« »Ich gehe gleich, sofort, aber noch einmal: werden Sie glücklich, allein oder mit dem Manne, den Sie sich wählen, das gebe der liebe Gott! Und ich – ich brauche nichts als ein Ideal!« »Lieber, guter Arkadij Makarowitsch, glauben Sie mir, daß ich von Ihnen ... Mein Vater sagt immer von Ihnen: ›Der liebe, gute Junge!‹ Glauben Sie mir, ich vergesse nie, was Sie mir von dem armen Jungen erzählt haben, den man allein bei fremden Leuten gelassen hatte, und von seinen einsamen Phantasien ... Ich verstehe ja so gut, wie Ihr Charakter sich so gebildet hat ... Künftig aber,« fügte sie mit einem bittenden, verschämten Lächeln hinzu und drückte mir die Hand, »wenn wir auch zwei Studenten sind, es geht doch nicht mehr, daß wir miteinander verkehren wie früher und, und ... Sie sehen das ja wohl auch selbst ein?« »Geht es nicht?« »Es geht nicht, es geht auf lange hinaus nicht ... In der Beziehung habe ich mir einen Vorwurf zu machen ... Ich sehe, daß das jetzt ganz unmöglich ist ... Wir werden uns ja treffen, manchmal bei Papa ...« »Sie fürchten sich vor der ›leichten Erregbarkeit‹ meiner Gefühle, Sie glauben mir nicht?« wollte ich schon rufen; aber sie sah auf einmal so verlegen aus, daß mir die Worte nicht über die Lippen wollten. »Sagen Sie,« hielt sie mich noch einmal fest, als ich schon fast bei der Tür war, »Sie haben es selber gesehen, wie ... wie der Brief ... zerrissen wurde? Ihr Gedächtnis kann Sie doch nicht am Ende täuschen? Woraus haben Sie ersehen können, daß es eben dieser Brief an Andronikow war?« »Kraft hat mir seinen Inhalt erzählt und hat ihn mir sogar gezeigt ... Leben Sie wohl! Wenn ich in Ihrem Zimmer war, bin ich in Ihrer Gegenwart immer schüchtern gewesen, aber wenn Sie hinausgingen, war ich drauf und dran, mich hinzuwerfen und die Stelle des Fußbodens zu küssen, wo Ihr Fuß gestanden hatte«, stieß ich plötzlich hervor, ohne mir selbst davon Rechenschaft zu geben, ohne selber zu wissen, wie und wozu ich's sagte. Und ohne sie anzusehen, verließ ich schnell das Zimmer. Ich fuhr schleunigst heim; meine Seele war voll Entzücken. In meinem Kopfe drehte sich alles wie im Wirbelwind, und mein Herz war geschwellt. Als ich vor dem Hause meiner Mutter vorfuhr, fiel mir auf einmal Lisas Undankbarkeit gegen Anna Andrejewna ein, ihr hartes, ungeheuerliches Wort von vorhin; und mein Herz wurde mir auf einmal schwer um sie alle! »Wie hart sieht es in ihrer aller Herzen aus! Ja, und Lisa, was die wohl hat?« dachte ich, als ich auf die Treppe trat. Ich entließ Matwej und befahl ihm, mich um neun Uhr in meiner Wohnung abzuholen. Fünftes Kapitel   2 Ich hatte die Stunde des Mittagessens versäumt, aber sie hatten sich noch nicht zu Tische gesetzt und warteten auf mich. Wohl deshalb, weil ich ziemlich selten bei ihnen aß, gab es sogar einige Extragerichte: Sardinen als Vorgericht und anderes. Aber zu meiner Verwunderung und meiner Betrübnis fand ich sie alle über etwas besorgt und verstimmt: Lisa lächelte kaum, als sie mich erblickte, und Mama war sichtlich in Unruhe; Wersilow lächelte, aber mit Anstrengung. »Ob sie sich gezankt haben?« dachte ich. Übrigens ging anfangs alles gut: nur daß Wersilow wegen der Kloßsuppe die Stirn runzelte und ein fürchterliches Gesicht schnitt, als das Hammelragout aufgetragen wurde: »Ich brauche nur zu sagen, daß mein Magen sich vor irgendeiner Speise umdreht, dann steht sie am nächsten Tage auch auf dem Tisch«, fuhr es ihm ärgerlich heraus. »Ja aber, Andrej Petrowitsch, was soll ich mir nur ausdenken? Es fällt einem ja kein neues Gericht mehr ein«, erwiderte meine Mutter zaghaft. »Deine Mutter ist das gerade Gegenteil von manchen russischen Zeitungen, bei denen alles gut ist, was neu ist«, witzelte Wersilow; es sollte möglichst spaßhaft und freundlich klingen, aber das glückte ihm nicht ganz, und er schüchterte Mama nur noch mehr ein. Sie hatte natürlich von dem Vergleich zwischen ihr und den Zeitungen kein Wort verstanden und sah zweifelnd von einem zum andern. In diesem Augenblick trat Tatjana Pawlowna ins Zimmer; sie sagte, sie habe schon gegessen und setzte sich neben Mama auf den Diwan. Ich hatte mir immer noch nicht die Zuneigung dieser Dame zu erwerben vermocht; im Gegenteil, sie hackte heftiger denn je bei jeder Gelegenheit auf mich los. Gerade in der letzten Zeit hatte sich ihr Mißfallen an mir besonders gesteigert: sie konnte meine stutzerhafte Kleidung nicht sehen, und Lisa hatte mir wiedererzählt, sie habe beinah einen Anfall bekommen, als sie erfuhr, ich hielte mir einen Fiaker. Ich hatte schließlich gesucht, Begegnungen mit ihr tunlichst zu vermeiden. Vor zwei Monaten, nach dem Verzicht auf die Erbschaft, war ich zu ihr gegangen, um mit ihr über Wersilows vornehme Tat zu sprechen, aber ich hatte bei ihr nicht das geringste Echo gefunden; sie war im Gegenteil äußerst erbost gewesen: ihr war es gar nicht recht, daß er auf alles verzichtet hatte und nicht nur auf die Hälfte; und mir hatte sie damals gesagt: »Ich möchte doch wetten: du bist überzeugt, er hätte nur deshalb auf das Geld verzichtet und ihn gefordert, um Arkadij Makarowitschs Meinung über sich zu verbessern.« Und sie hatte es wirklich beinah erraten: es war in der Tat so, daß ich damals etwas Ähnliches empfand. Ich begriff in demselben Augenblick, als sie eintrat, daß sie sich sicherlich auf mich stürzen würde; ich war sogar bis zu einem gewissen Grade überzeugt, daß sie eigens deswegen gekommen wäre, und aus diesem Grunde gab ich mich auf einmal ausnehmend flott; das kostete mir nicht die geringste Anstrengung, weil ich mich immer noch, von vorhin her, in einem Zustande strahlender Freude befand. Ich möchte hier ein für allemal bemerken, daß Zwangslosigkeit in meinem ganzen Leben noch nie zu mir gepaßt hat, das heißt, sie steht mir einfach nicht zu Gesicht, sondern ich habe mich noch jedesmal damit blamiert. So ging es auch jetzt: mit dem ersten Wort tappte ich hinein; ich sah, daß Lisa furchtbar trübselig dasaß; und ohne jede häßliche Absicht, einfach aus Leichtsinn, ohne mir auch nur das geringste dabei zu denken, blökte ich los: »Alle hundert Jahre einmal kommt man zum Essen her, und da mußt du, Lisa, gleich so langweilig dasitzen, als ob du's mit Absicht tätest!« »Ich habe Kopfschmerzen«, antwortete Lisa. »Ach du lieber Gott,« hakte sich Tatjana Pawlowna an mir fest, »was bedeutet denn das, daß du krank bist? Arkadij Makarowitsch hat die Gewogenheit, zum Essen zu kommen, da mußt du doch tanzen und jubeln.« »Sie sind wahrhaftig das Unglück meines Lebens, Tatjana Pawlowna: ich komme nie wieder her, wenn Sie da sind!« Ich schlug ernstlich geärgert mit der Hand auf den Tisch; Mama fuhr zusammen, und Wersilow sah mich so sonderbar an. Ich lachte auf einmal laut und bat sie um Entschuldigung. »Tatjana Pawlowna, ich nehme den Ausdruck ›Unglück‹ zurück«, wandte ich mich an sie und tat noch immer sehr zwanglos. »O nein, bitte,« sagte sie kurz, »mir ist es viel schmeichelhafter, dein Unglück zu sein als das Gegenteil, das darfst du ruhig glauben.« »Lieber Freund, man muß es verstehen, die kleinen Unglücksfälle des Lebens zu ertragen,« murmelte Wersilow mit einem Lächeln, »ohne Unglück ist das Leben überhaupt nicht lebenswert.« »Wissen Sie, Sie sind manchmal ein furchtbarer Reaktionär«, rief ich und lachte nervös. »Ach, lieber Freund, spuck' drauf!« »Nein, durchaus nicht! Warum sagen Sie's einem Esel nicht gerade ins Gesicht, wenn er ein Esel ist?« »Sprichst du am Ende gar von dir selber? Erstens will und kann ich mich über niemand zum Richter aufwerfen ...« »Warum können Sie das nicht, warum wollen Sie das nicht?« »Das ist einerseits Trägheit, auf der andern Seite Abneigung dagegen. Eine kluge Frau hat einmal zu mir gesagt, ich hätte deswegen nicht das Recht, über andre zu richten, weil ich ›nicht zu leiden verstünde‹; wenn einer sich zum Richter über andre setzen wolle, müsse er sich das Recht, zu richten, durch Leiden verdienen. Das klingt ein bißchen hochtrabend, ist aber in seiner Anwendung auf mich vielleicht wirklich wahr, so daß ich mich damals diesem Urteil sehr gern unterwarf.« »Hat am Ende Tatjana Pawlowna das zu Ihnen gesagt?« rief ich. »Woher weißt du das?« fragte Wersilow und sah mich einigermaßen erstaunt an. »Ich hab' es an Tatjana Pawlownas Gesicht gesehen; es verzog sich auf einmal so sonderbar.« Ich hatte es ganz zufällig erraten. Tatjana Pawlowna hatte diesen Satz tatsächlich am Abend vorher in einer hitzigen Debatte Wersilow zugerufen. Ich wiederhole: ich sprang ihnen allen mit meiner Freude und meiner Expansivität sehr zur Unzeit ins Gesicht: jeder von ihnen hatte seine eignen Sorgen im Kopfe, und zwar sehr schwere. »Davon verstehe ich kein Wort, weil das alles so abstrakt ist; und das ist überhaupt ein Zug von Ihnen: sie lieben es furchtbar, abstrakt zu sprechen, Andrej Petrowitsch; das ist ein egoistischer Zug: abstrakt zu sprechen lieben nur die Egoisten.« »Das ist gar nicht so dumm, aber reite jetzt auch nicht darauf herum.« »Nein, erlauben Sie,« platzte ich mit meinen Expansivitäten heraus, »was heißt das, ›sich durch Leiden ein Recht zum Richten zu verdienen‹? Wer ehrenhaft ist, der darf auch Richter sein – so denke ich darüber.« »In dem Falle wirst du aber wenig Richter zusammenbringen.« »Einen kenne ich schon.« »Und das wäre?« »Er sitzt hier am Tische und spricht mit mir.« Wersilow lachte sonderbar, beugte sich ganz zu meinem Ohr herüber, faßte mich an der Schulter und flüsterte mir zu: »Der lügt dich immer bloß an.« Ich verstehe heute noch nicht, was er sich damals dabei dachte, aber er war in jenem Augenblick offenbar außerordentlich erregt (wegen einer Nachricht, die er empfangen hatte, wie ich mir später denken konnte). Aber dieses Wort: »Der lügt dich bloß an«, kam so überraschend und wurde so ernst ausgesprochen, in einem so sonderbaren, durchaus nicht scherzhaften Tone, daß ich am ganzen Leibe nervös zitterte, ja fast erschrak und ihn verblüfft ansah; aber Wersilow beeilte sich; aufzulachen. »Ach, Gott sei Dank,« sagte Mama, die es erschreckt hatte, daß er mir etwas ins Ohr sagte, »ich hatte schon gedacht ... Arkascha, du mußt nicht böse auf uns sein; kluge Leute wirst du auch ohne uns immer haben; aber wer wird dich liebhaben, wenn wir nicht bei dir sind?« »Das ist eben das Unmoralische an der verwandtschaftlichen Liebe, Mama, daß man sie sich nicht verdient. Liebe muß man sich verdienen.« »Ja, woanders mußt du sie dir erst verdienen, aber hier liebt man dich auch ohne Grund.« Da fingen alle auf einmal zu lachen an. »Na, Mama,« rief ich, gleichfalls lachend, »Sie wollten wahrscheinlich gar nicht schießen, haben aber den Vogel doch getroffen!« »Ja, hast du denn wirklich geglaubt, du gäbest einem irgendeinen Grund, dich zu lieben?« stürzte sich wieder Tatjana Pawlowna auf mich. »Nicht nur, daß man dich ohne Grund liebt, man muß erst noch seinen Widerwillen überwinden, um dich zu lieben!« »Ach, das doch nicht!« rief ich vergnügt. »Wissen Sie, wer mir heute ziemlich deutlich gesagt hat, daß er mich liebt?« »Der hat das bloß gesagt, um sich über dich lustig zu machen!« fiel Tatjana Pawlowna auf einmal fast unnatürlich giftig ein, als hätte sie eben diese Worte von mir erwartet. »Jawohl, jeder feinfühlige Mensch, besonders aber jede Frau, muß sich ja schon allein vor deiner seelischen Schmutzigkeit ekeln. Du hast 'nen Scheitel auf dem Kopf, trägst feine Wäsche und Kleider von einem französischen Schneider, aber dabei ist das alles Schmutz! Wer kleidet dich, wer füttert dich, wer gibt dir Geld zum Roulettespiel? Weißt du nicht mehr, von wem du dich nicht entblödest Geld anzunehmen?« Mama errötete vor Scham so stark, wie ich es bei ihr noch nie gesehen hatte. In mir drehte sich alles um: »Wenn ich Geld zum Fenster hinauswerfe, so werfe ich mein eignes hinaus und bin niemand Rechenschaft schuldig«, wollte ich dieses Gespräch abbrechen und wurde auch rot. »Dein eignes? Wieso dein eignes?« »Ist es nicht meins, so gehört es Andrej Petrowitsch. Er wird es mir nicht abschlagen ... Ich habe es vom Fürsten auf Rechnung seiner Schuld an Andrej Petrowitsch genommen ...« »Lieber Freund,« sagte Wersilow auf einmal bestimmt, »mir gehört da keine Kopeke.« Dieser Satz wog ja sehr schwer. Ich saß starr da. Oh, natürlich, wenn ich meine damalige aufs Paradoxe gerichtete und nach nichts fragende Art in Betracht ziehe, so muß ich sagen, daß ich mich natürlich durch irgendeinen »edeln« Ausbruch oder durch ein schlagendes Wort aus der Affäre gezogen hätte, oder durch sonst was, aber ich bemerkte in Lisas finsterm Gesicht auf einmal einen bösen, anklagenden Ausdruck, einen mir ungerechtfertigt scheinenden Ausdruck, der fast wie Hohn aussah; und da war's, als ob der Bock mich stieße. »Mein Fräulein,« wendete ich mich plötzlich an sie, »ich glaube, Sie besuchen ja so häufig Darja Onisimowna in der Wohnung des Fürsten? Wollen Sie also nicht die Freundlichkeit haben, ihr hier diese dreihundert Rubel wiederzugeben, wegen deren Sie mich heute schon so angeödet haben?« Ich zog das Geld hervor und hielt es ihr hin. Wird man mir's glauben, daß ich diese häßlichen Worte damals ohne jede Absicht gesagt habe, das heißt, ohne damit im geringsten auf irgend etwas anspielen zu wollen? Ja, und ich hätte überhaupt auf gar nichts anspielen können, weil ich in jenem Augenblick überhaupt noch gar nichts wußte. Ich hatte vielleicht nur den Wunsch, ihr einen verhältnismäßig sehr unschuldigen Hieb zu versetzen, etwa in der Art: »Ach so, das Fräulein mischt sich in Dinge, die es nichts angehen? Ach, wollen Sie, wenn Sie sich schon unbedingt einmischen müssen, nicht gleich selber zu diesem Fürsten gehen, diesem jungen Manne, diesem Petersburger Offizier, und ihm das Geld wiedergeben, wenn Sie sich schon einmal mit den Angelegenheiten junger Leute befassen müssen.« Aber wie groß war mein Erstaunen, als Mama plötzlich aufsprang, drohend den Finger gegen mich erhob und rief: »Untersteh dich! Untersteh dich!« Etwas Derartiges von ihr hätte ich mir nie träumen lassen; ich sprang gleichfalls auf, nicht etwa erschrocken, sondern im Gefühl eines Schmerzes, mit einer Art peinigender Wunde im Herzen, weil ich plötzlich erriet, daß etwas Verhängnisvolles geschehen sein mußte. Aber Mama blieb nicht lange stark: sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer. Lisa folgte ihr, ohne mich anzusehen. Tatjana Pawlowna sah mich wohl eine halbe Minute lang schweigend an: »Ja, sag' mal, hast du hier wirklich irgendetwas einrühren wollen?« rief sie rätselhaft und sah mich höchst verwundert an; aber sie wartete meine Antwort nicht ab und eilte den andern nach. Wersilow erhob sich mit feindseligem, fast wütendem Gesicht vom Tisch und holte seinen Hut aus der Ecke. »Ich glaube, du bist gar nicht so dumm, sondern bloß harmlos«, sagte er spöttisch zu mir. »Wenn sie wiederkommen, sag' ihnen, sie brauchen mit der süßen Speise nicht auf mich zu warten: ich will mir ein bißchen die Beine vertreten.« Ich blieb allein; zuerst kam mir das merkwürdig vor, dann fühlte ich mich beleidigt, aber schließlich sah ich klar ein, daß ich einen Fehler begangen hatte. Übrigens wußte ich nicht, worin ich gefehlt hätte, aber ich hatte doch so ein Gefühl. Ich saß am Fenster und wartete. Als ich so zehn Minuten gewartet hatte, nahm ich gleichfalls meinen Hut und ging hinauf in mein ehemaliges Stübchen. Ich wußte, daß ich sie dort finden würde, das heißt, Mama und Lisa, und daß Tatjana Pawlowna schon gegangen war. Ich fand die beiden auch beisammen auf meinem Diwan; sie flüsterten miteinander. Als sie mich erblickten, verstummten sie beide sogleich. Zu meinem Erstaunen waren sie mir nicht böse; Mama wenigstens lächelte mich an. »Mama, ich muß um Verzeihung bitten«, begann ich ... »Na, na, laß nur,« unterbrach mich meine Mutter, »liebt euch nur untereinander und streitet euch nie, dann wird der liebe Gott schon Glück geben.« »Er wird mich nie mit Absicht kränken, Mama, glauben Sie mir!« sagte Lisa überzeugt und warm. »Wenn diese Tatjana Pawlowna nicht wäre, dann wäre überhaupt nichts passiert,« schrie ich, »sie ist eine schlechte Person!« »Sehen Sie, Mama? Hören Sie?« sagte Lisa und zeigte auf mich. »Wißt ihr, was ich euch sagen will?« verkündete ich. »Wenn's in der Welt häßlich ist, so bin ich allein häßlich und alles andre ist wundervoll!« »Arkascha, ärgere dich doch nicht, lieber Junge; aber wenn du doch wirklich aufhören wolltest ...« »Zu spielen? Zu spielen? Ich höre schon auf, Mama: heute geh' ich zum letztenmal hin, zumal ja Andrej Petrowitsch laut und deutlich gesagt hat, ihm gehörte dort keine Kopeke. Sie können sich nicht vorstellen, wie ich mich schäme ... Ich muß mich übrigens mit ihm aussprechen ... Mama, Liebste, das letztemal, als ich hier war, habe ich etwas ... Unziemliches gesagt ... Mamachen, das war ja nichtwahr: ich habe den aufrichtigen Wunsch, gläubig zu sein, ich habe nur den Mund voll genommen, ich liebe Christus ...« Wir hatten das letztemal in der Tat ein Gespräch über dieses Thema gehabt; Mama war sehr betrübt und erregt gewesen. Und als ich jetzt so sprach, lächelte sie mir zu, wie einem kleinen Kinde: »Arkascha, Christus verzeiht alles, er verzeiht auch deine häßlichen Worte und verzeiht Leuten, die schlechter sind als du. Christus ist unser Vater, Christus bedarf unser nicht und leuchtet selbst in der tiefsten Finsternis ...« Ich verabschiedete mich und ging. Dabei dachte ich über die Aussichten nach, heute noch Wersilow zu treffen; ich hatte sehr dringend mit ihm zu sprechen, und vorhin war es unmöglich gewesen. Ich vermutete stark, daß ich ihn in meiner Wohnung finden würde. Ich ging zu Fuß; es war warm gewesen, jetzt begann es leicht zu frieren; so ging es sich sehr angenehm.   2 Ich wohnte in der Nähe der Wosnesenskij-Brücke, in einer großen Mietskaserne, im Rückgebäude. Kaum war ich durch das Hoftor eingetreten, als ich schon Wersilow traf, der aus meiner Wohnung kam. »Nach meiner alten Gewohnheit bin ich bis zu deiner Wohnung spaziert und habe auch ein bißchen bei Piotr Ippos litowitsch gesessen und auf dich gewartet, aber die Sache ist mir dann zu langweilig geworden. Deine Leute da zanken sich in einem fort, und heute hat sich die Frau sogar ins Bett gelegt und weint. Ich habe nur hineingeschaut und bin wieder gegangen.« Ich weiß nicht, warum mich das verdroß. »Ich bin wohl der einzige Mensch, den Sie besuchen, und außer mir und Piotr Ippolitowitsch haben Sie wohl niemand in ganz Petersburg?« »Lieber Freund ... das ist ja auch ganz egal.« »Und wohin geht's denn jetzt?« »Nein, noch einmal zu dir hinauf mag ich nicht. Wenn du Lust hast, machen wir einen kleinen Spaziergang; es ist ein herrlicher Abend.« »Wenn Sie, statt Ihrer abstrakten Erörterungen, menschlich mit mir gesprochen hätten und mir zum Beispiel nur einen kleinen Wink wegen dieses verfluchten Spiels gegeben hätten, wäre ich vielleicht nicht wie ein Narr in diese Geschichten hineingetappt«, sagte ich plötzlich. »Tut es dir leid? Das ist schön,« erwiderte er und zog die Worte durch die Zähne, »ich habe mir auch schon immer gedacht, daß für dich das Spiel keine wichtige Hauptsache darstellt, sondern nur eine zeit–wei–lige Verirrung ... Du hast ganz recht, lieber Freund, das Spiel ist eine Schweinerei, und außerdem kann man ja auch verlieren.« »Und fremdes Geld verlieren.« »Hast du denn auch fremdes Geld verloren?« »Ich habe Ihr Geld verloren. Ich hab' es vom Fürsten auf Ihre Rechnung geliehen. Das war natürlich eine furchtbare Dummheit und Ungeschicklichkeit von mir ... daß ich Ihr Geld für meins ansah; aber ich wollte es ja. immer wieder zurückgewinnen.« »Ich muß dir noch einmal sagen, lieber Freund, daß mir da gar kein Geld gehört. Ich weiß, daß der junge Herr selber, in der Klemme sitzt, und. ich rechne von seiner Seiten auf nichts, mag er mir auch versprochen haben, was er wolle.« »Wenn die Sache so liegt, so ist meine Situation doppelt heikel ... Meine Situation ist einfach lächerlich! Auf welcher Basis leiht er mir denn Geld, und auf welcher Basis lasse ich mir dann von ihm leihen?« »Ja, das, zu entscheiden muß ich dir schon selber überlassen ... Aber gibt es denn wirklich durchaus keine Basis, auf der du von ihm borgen könntest, was?« »Außer unsrer Freundschaft ...« »Außer der Freundschaft weiter gar nichts? Gibt es denn gar nichts, was dir den Gedanken nahelegen könnte, von ihm zu borgen, was? Na, ich meine, so aus irgendwelchen Erwägungen heraus?« »Aus was für Erwägungen denn? Das versteh' ich nicht.« »Um so besser, wenn du's nicht verstehst, und, lieber Freund, ich bekenne offen: ich war auch überzeugt davon. Brisons là, mon cher, und sieh nur zu, daß du nicht mehr spielst.« »Wenn Sie mir das doch früher gesagt hätten! Und jetzt sagen Sie das auch, als ob Sie die Worte kauten.« »Wenn ich dir das früher gesagt hätte, so hätten wir beide uns deswegen nur verzankt, und du hättest mich nicht so gern abends bei dir gesehen. Und dann, lieber Freund, mußt du wissen, sind all solche im voraus gegebenen guten Ratschläge nichts als ein Sicheindrängen, auf fremde Rechnung, in, ein fremdes Gewissen. Ich hab' mich oft genug in fremde Ger wissen eingedrängt und habe zu guter Letzt nichts als Nasenstüber und Hohn und Spott dabei geerntet. Auf Nasenstüber und Hohn und Spott spuck' ich ja natürlich, aber das wichtigste ist, man erreicht mit dieser Methode nicht das geringste: kein Kuckuck hört auf dich, so sehr du dich auch ins Zeug legst ... und du wirst jedermann zuwider.« »Ich bin froh, daß Sie endlich einmal von etwas anderm als abstrakten Dingen mit mir sprechen. Ich möchte; noch eine Frage an Sie richten; das will ich schon lange, aber wenn ich mit Ihnen zusammen war, ist es nie gegangen. Es ist gut, daß wir auf der Straße sind. Wissen Sie noch, wie wir an jenem Abend, jenem letzten Abend bei Ihnen, vor zwei Monaten –, wie wir da in meinem ›Sarge‹ saßen und ich Sie über Mama und Makar Iwanowitsch ausfragte, – wissen Sie noch, wie ›ungezwungen‹ ich damals mit Ihnen redete? Wie konnten Sie dulden, daß solch ein junger Hund von Sohn in solchen Ausdrücken von seiner Mutter spricht? Aber weit gefehlt! Sie taten gar nicht dergleichen: ganz im Gegenteil, Sie selber ›führten Ihren Mund gleichfalls spazieren‹ und dadurch steigerten Sie meine ›Ungezwungenheit‹ nur noch.« »Mein lieber Freund, es freut mich ungeheuer, daß du mir sagst ... Solche Gefühle ... Ja, ich weiß es noch sehr genau, ich wartete damals in der Tat darauf, eine Röte in dein Gesicht steigen zu lassen, und wenn ich dich selber noch anstachelte, so geschah es wohl eben in der Absicht, dich endlich die Grenze finden zu lassen ...« »Und so haben Sie mich damals nur betrogen und den reinen Quell in meiner Seele nur noch mehr getrübt! Ja, ich bin ein trauriger Halbwüchsling und weiß zuzeiten selber nicht, was gut und was böse ist. Hätten Sie mir damals auch nur in winziges Stückchen Weg gezeigt, dann wäre ich schon auf das Rechte gekommen und hätte sogleich die richtige Bahn eingeschlagen. Aber Sie haben mich damals nur noch aufgehetzt.« »Cher enfant, ich habe schon immer das Gefühl gehabt, daß wir, so oder so, doch noch einmal zusammenkommen würden: diese ›Röte‹ ist dir jetzt ja doch von selbst in die Wangen gestiegen, ohne gute Lehren von meiner Seite; und, du kannst dich darauf verlassen, das ist viel besser für dich ... Und, lieber Freund, ich bemerke überhaupt, daß du in letzter Zeit in mancher Hinsicht sehr gewonnen hast ... Sollte das eine Folge des Umganges mit diesem kleinen Fürsten sein?« »Sagen Sie mir keine Schmeicheleien, ich liebe das nicht. Nähren Sie nicht den schweren Verdacht in meinem Herzen, daß Sie mir aus Jesuitismus angenehme Dinge sagen, der Wahrheit zuwider, um mir sympathisch zu bleiben. Ich ... müssen Sie wissen, habe in letzter Zeit viel mit Damen verkehrt. Anna Andrejewna hat mich zum Beispiel sehr freundlich aufgenommen, müssen Sie wissen!« »Ich weiß es von ihr selber, lieber Freund. Ja, sie ist sehr nett und gescheit. Mais brisons là, mon cher. Ich bin heute ganz blödsinnig schlecht aufgelegt – so eine Art graues Elend. Es muß wohl mit meinen Hämorrhoiden zusammenhängen. Na, und was ist denn zu Hause draus geworden? Wohl gar nichts? Du hast dich natürlich wieder vertragen, und ihr seid euch um den Hals gefallen? Cela va sans dire. Manchmal ist es mir direkt ein trauriger Gedanke, zu ihnen heimzugehen, selbst wenn ich von einem durchaus nicht schönen Spaziergang komme. Du kannst mir glauben, ich mache so manches liebe Mal einen unnötigen Umweg im Regen, um nur möglichst lange aus diesem Heim wegbleiben zu können ... Und langweilig ist's da, so langweilig, daß Gott erbarm!« »Mama ...« »Deine Mutter ist der vollkommenste und herrlichste Mensch, mais ... Kurz und gut, ich bin ihrer wohl nicht würdig. Beiläufig, was haben die eigentlich heute? Sie sind die ganzen letzten Tage schon eine wie die andere so, so ... Weißt du, ich versuche immer so zu tun, als merke ich es nicht, aber heute muß sich da irgend etwas angesponnen haben ... Hast du nichts davon bemerkt?« »Ich weiß gar nichts, und ich hätte überhaupt nichts davon gemerkt, wenn nicht diese verfluchte Tatjana Pawlowna dagewesen wäre, die sich ja immer wie ein bissiger Köter auf mich stürzen muß. Sie haben recht: da ist irgend etwas nicht in Ordnung. Ich habe Lisa vorhin bei Anna Andrejewna getroffen; sie war auch da schon so ... Ich habe mich direkt über sie gewundert. Wissen Sie eigentlich, daß sie bei Anna Andrejewna verkehrt i« »Freilich, lieber Freund. Aber... aber wann warst du heute bei Anna Andrejewna, ich meine, um welche Zeit? Ich möchte das aus einem ganz bestimmten Grunde wissen.« »Von zwei bis drei. Und denken Sie sich: als ich fortging, kam gerade der Fürst ...« Und nun erzählte ich ihm meinen ganzen Besuch mit größter Ausführlichkeit. Er hörte mich schweigend bis zu Ende an; zu der Möglichkeit, daß der Fürst um Anna Andrejewna anhalten könne, sagte er kein Wort; auf meine begeisterten Lobsprüche für Anna Andrejewna warf er noch einmal so nebenbei hin, ja, sie wäre »nett«. »Ich konnte sie heute sehr überraschen, ich erzählte ihr die letzte, frischgebackene Neuigkeit aus der Gesellschaft: daß Katerina Nikolajewna Achmakowa Baron Bjoring heiratet,« sagte ich plötzlich; es war, als wäre auf einmal eine Hemmung in mir zerbrochen. »So? Nun stell' dir vor, sie hat mir genau dieselbe ›Neuigkeit‹ vorhin auch erzählt, vor zwölf Uhr, das heißt: lange, bevor du sie damit überraschen konntest.« »Was sagen Sie?« rief ich und blieb einfach stehen. »Woher konnte sie das wissen? Aber was red' ich! Natürlich konnte sie es vor mir wissen; aber stellen Sie sich vor: sie tat, als ich's ihr erzählte, als wäre es ihr vollkommen neu! Aber ... Aber was red' ich. Es lebe die Duldsamkeit! Man muß jede Art von Charakter gelten lassen, nicht wahr? So habe ich zum Beispiel gleich alles wiedererzählt, sie würde es wie in einer Schnupftabaksdose verschließen. Und wenn schon, und wenn schon, deshalb ist sie doch der herrlichste Mensch und der wundervollste Charakter!« »Oh, zweifellos, jeder nach seiner Art! Und was das originellste ist: diese wundervollen Charaktere verstehen es manchmal, einem ganz merkwürdige Rätsel aufzugeben; stell' dir vor, Anna Andrejewna verblüffte mich heute auf einmal mit der Frage, ob ich Katerina Nikolajewna liebte oder nicht?« »Was für eine sonderbare und unwahrscheinliche Frage!« rief ich, wieder höchst erstaunt. Mir wurde geradezu dunkel vor den Augen. Ich hatte die Rede zwischen uns noch nie auf dieses Thema gebracht, und jetzt fing er selber davon an ... »Womit hat sie das begründet?« »Überhaupt nicht, lieber Freund, nicht im geringsten; die Schnupftabaksdose schnappte gleich nur noch fester zu; und, was die Hauptsache ist, du mußt bedenken, daß weder ich selbst jemals auch nur die Möglichkeit angedeutet habe, daß ich für solche Gespräche zu haben sein könnte, noch hat sie ... Übrigens, du sagtest ja selbst, du kennst sie; du kannst dir also vorstellen, wie solch eine Frage gerade ihr zu Gesicht steht ... Wußtest du denn gar nichts?« »Ich stehe genau so vor einem Rätsel wie Sie. Eine plötzliche Neugier vielleicht, ein Spaß?« »Oh, ganz im Gegenteil, es war eine höchst ernsthafte Frage, oder eigentlich keine Frage mehr, sondern sozusagen ein Verhör, und sichtlich ein Verhör zu ganz wichtigen und kategorischen Zwecken. Kömmst du nicht wieder zu ihr? Könntest du nicht etwas erfahren? Ich würde dich sogar bitten, weißt du ...« »Aber die Möglichkeit, das ist's ja – einfach die Möglichkeit anzunehmen, Sie liebten Katerina Nikolajewna! Verzeihen Sie, ich bin immer noch ganz starr. Ich habe mir doch nie, nie im Leben erlaubt, mit Ihnen hierüber oder über ein ähnliches Thema zu sprechen ...« »Und das war sehr vernünftig von dir, lieber Freund.« »Ihre früheren Intrigen und Beziehungen, – natürlich ist dieses Thema zwischen uns beiden unpassend, und es wäre sogar dumm von mir, es zu berühren; aber ich habe, gerade in letzter Zeit, in den letzten Tagen, so manches liebe Mal zu mir selber gesagt: was wäre, wenn Sie diese Frau auch nur irgendwann einmal geliebt hätten, nur eine Minute lang? – Oh, dann hätten Sie in bezug auf sie nie diesen sonderbaren Fehler gemacht, ich meine: in Ihrer Meinung über sie, den Sie ja doch nachher gemacht haben! Was daraus geworden ist, – darüber weiß ich Bescheid: über Ihre gegenseitige Feindschaft und, wenn ich mich so ausdrücken darf, Ihren gegenseitigen Widerwillen, das weiß ich, davon' hab' ich gehört, hab' ich nur zuviel gehört, hab' ich schon in Moskau gehört; aber da springt einem doch vor allen Dingen die Tatsache der erbitterten Abneigung in die Augen, der erbitterten Feindschaft, des geraden Gegenteils von Liebe ; und Anna Andrejewna stellt Ihnen auf einmal die Frage: ›Lieben Sie sie?‹ Sollte sie denn wirklich so schlecht orientiert sein? Das ist doch ganz sonderbar! Sie hat nur Spaß gemacht, verlassen Sie sich drauf, sie hat Spaß gemacht.« »Aber, lieber Freund, mir scheint,« sagte er, und in seiner Stimme lag etwas Anteilvolles, Herzliches, zu Herzen Gehendes, was bei ihm sehr selten vorkam, »mir scheint, du selber sprichst mit ziemlichem Feuer von dieser Sache. Du sagtest vorhin, du verkehrtest mit Damen ... Dich auszufragen, ist mir natürlich ... Gerade über dies Thema, wie du dich ausdrücktest ... Aber gehört nicht auch ›diese Frau‹ auf die Liste deiner neuen Freundinnen?« »Diese Frau ...« meine Stimme erzitterte plötzlich, »hören Sie mich an, Andrej Petrowitsch: diese Frau verkörpert das, was Sie vorhin beim Fürsten vom ›lebendigen Leben‹ gesagt haben – wissen Sie's noch? Sie sagten, dieses lebendige Leben wäre etwas so Einfaches und Gerades, es sähe einem so gerade ins Gesicht, daß man eben wegen dieser Geradheit und Klarheit nicht glauben könne, daß es eben das ist, was wir unser Leben lang mühsam suchen... Nun, und Sie sind einer Frau mit einem solchen Blick begegnet – einem Ideal von Vollkommenheit; und in diesem Ideal meinten Sie ›alle Laster‹ zu sehen! Da haben Sie's!« Der Leser kann sich danach vorstellen, in was für einer Erregung ich war. »›Alle Laster!‹ Oho! Diese Phrase kenne ich!« rief Wersilow. »Wenn's schon so weit ist, daß man dir das erzählt hat, so möchte ich beinah fragen, ob man dir nicht schon zu etwas gratulieren darf? Das bezeichnet einen Grad von Intimität zwischen euch, daß man dich vielleicht wegen einer Zurückhaltung und Diskretion preisen müßte, der nur wenige junge Leute fähig wären...« In seiner Stimme leuchtete ein herzliches, freundliches, streichelndes Lachen ... etwas Einladendes, Herzliches lag auch in seinen Worten und auf seinem hellen Gesicht, soviel ich in der Dunkelheit sehen konnte. Er war erstaunlich erregt. Ich konnte nicht anders, ich strahlte förmlich. »Zurückhaltung, Diskretion! O nein, nein!« rief ich und wurde rot und drückte gleichzeitig seine Hand, die ich, ich weiß nicht wie, ergriffen und unwillkürlich in meiner behalten hatte. »Nein, um keinen Preis...! Kurz und gut, mir ist da zu gar nichts zu gratulieren und wird nie zu gratulieren sein, da kann niemals etwas passieren«, sagte ich atemlos und wurde gleichsam fortgetragen, und ich ließ mich so gern tragen, mir war dabei so wohl zumute. »Wissen Sie ... Na, mag es denn einmal sein, dieses eine kleine Mal! Sehn Sie, Sie mein geliebter, herrlicher Papa, – Sie erlauben doch, daß ich Papa zu Ihnen sage? – nicht nur nicht mit seinem Vater, sondern überhaupt mit keiner dritten Person kann ein Mann über seine Beziehungen zu einer Frau sprechen, und mögen sie noch so rein sein! Ja, ich möchte sagen: je reiner sie sind, desto verschwiegener muß man sein! Das wäre ja häßlich, das wäre ordinär, kurz und gut – Vertraulichkeit ist da ausgeschlossen! Aber wenn überhaupt nichts vorliegt, nicht das geringste, dann kann man doch davon sprechen, oder nicht?« »Das kommt darauf an, was einem das eigne Herz sagt.« »Nun eine unbescheidne, sehr unbescheidne Frage: Sie haben doch in Ihrem Leben auch Frauen gekannt, haben Liaisons gehabt...? Ich spreche nur im allgemeinen, ganz im allgemeinen, nicht von besondern Fällen!« sagte ich errötend und verschluckte mich beinahe vor Begeisterung. »Ja, setzen wir mal den Fall, ich hätte auch so meine Sünden auf dem Gewissen.« »Also, da ist so ein Fall, und Sie sollen ihn mir als der Erfahrenere erklären: eine Dame sagt Ihnen beim Abschied, ganz überraschend, und ohne Sie selbst dabei anzusehen: ›Morgen um drei Uhr werde ich da und da sein‹ ... na, setzen wir zum Beispiel den Fall, bei Tatjana Pawlowna,« platzte ich heraus und war nun schon wie losgelassen. Mein Herz klopfte und blieb stehen; ich verstummte sogar, ich konnte nicht weitersprechen. Er spitzte nur so die Ohren. »Und nun: am nächsten Tage um drei Uhr bin ich bei Tatjana Pawlowna, ich gehe hinauf und denke mir dabei: die Köchin wird mir aufmachen – Sie kennen ihre Köchin doch? –, und ich werde sie gleich fragen: Ist Tatjana Pawlowna zu Hause? Und wenn die Köchin mir sagt, Tatjana Pawlowna ist nicht zu Hause, aber eine Dame wartet auf sie, – was müßte ich daraus schließen? Sagen Sie, wenn Sie ... Kurz und gut, wenn Sie ...?« »Ganz einfach, daß man dir ein Rendezvous gegeben hätte. Na also, so war es? Und das war heute? Ja?« »O nein, nein, nein, gar nicht, gar nicht! Das war wohl so, aber das war ganz was andres; schon ein Rendezvous, aber durchaus nicht zu dem Zweck; und das sag' ich gleich, sonst wäre ich ja ein Schurke; das war wohl so, aber ...« »Lieber Freund, diese ganze Sache wird mir so interessant, daß ich dir vorschlagen möchte ...« »Ich hab' früher selber Bettlern Zehner und Zwanziger gegeben. Schenken Sie mir was! Nur ein paar Kopeken! Ich bin ein Leutnant, ein armer Leutnant außer Diensten!« Mit diesen Worten vertrat uns plötzlich die hohe Gestalt eines Bettlers den Weg, der vielleicht wirklich ein ehemaliger Leutnant war. Das Interessanteste war, daß er für seinen Beruf sehr gut gekleidet war und doch den Hut hinhielt.   3 Ich erwähne diese ganz unbedeutende Anekdote von diesem gleichgültigen Leutnant mit Absicht, weil ich Wersilow heute noch nicht anders vor mir sehen kann, als mit allen kleinsten Einzelheiten jener für ihn so verhängnisvollen Minute. Ja, sie war verhängnisvoll, und ich wußte nichts davon! »Herr, wenn Sie nicht machen, daß Sie weiterkommen, so wende ich mich sofort an die Polizei«, schrie Wersilow, ich möchte sagen, unnatürlich laut, und stellte sich vor den Leutnant hin. Ich hätte mir nie träumen lassen, daß dieser Philosoph so in Zorn geraten könnte, und das aus so einer lächerlichen Veranlassung. Und dazu ist noch zu bemerken, daß damit unser Gespräch gerade an dem Punkte unterbrochen wurde, der für ihn, wie er ja selber sagte, am interessantesten war. »Also haben Sie nicht mal 'nen Fünfer mehr?« schrie der Leutnant grob und machte eine großartige Handbewegung. »Ein jeder Dreckkerl hat heutzutage doch 'nen Fünfer! Gesindel! Halunken! Das läuft im Biberpelz 'rum und macht aus 'nem Fünfer 'ne Haupt- und Staatsaktion!« »Schutzmann!« schrie Wersilow. Und er hätte gar nicht zu schreien brauchen: der Schutzmann stand dicht dabei an der Straßenecke und konnte die Schimpfworte des Leutnants selber hören. »Ich ersuche Sie, mein Zeuge für diese Anrempelung zu sein, und Sie ersuche ich, sich mit auf die Wache bemühen zu wollen«, sagte Wersilow. »Äh, äh, mir ist's ganz egal, Sie können mir einfach gar nichts beweisen! Und besonders können Sie mir nicht beweisen, daß Sie viel Grütze im Kopf haben!« »Lassen Sie ihn nicht los, Schutzmann, und kommen Sie mit«, sagte Wersilow hartnäckig. »Ja, wollen Sie denn wirklich auf die Wache? Hol' ihn doch der Teufel!« flüsterte ich ihm zu. »Ganz bestimmt, lieber Freund. Diese Frechheit auf der Straße wird einem schließlich denn doch zu dumm, und wenn jeder hierin seine Pflicht tun wollte, so wäre es für alle Teile besser. C'est comique, mais c'est ce que nous ferons.« So etwa hundert Schritte weit war der Leutnant sehr zornig, sehr schneidig und sehr mutig; er behauptete, das »gäbe es nicht«, »wegen eines lumpigen Fünfers« und so. Aber schließlich begann er leise mit dem Schutzmann zu verhandeln. Der Schutzmann, ein vernünftiger Mensch und augenscheinlich kein Freund von aufgeregten Straßenszenen, schien auf seiner Seite zu sein, aber nur bis zu einem gewissen Grade. Er antwortete halblaut brummend auf seine Fragen: »Jetzt ist's zu spät,« und: »Jetzt ist's schon so, wie's ist,« und: »Wenn Sie sich jetzt vielleicht noch entschuldigen würden, und wenn der Herr Ihre Entschuldigung annehmen würde, dann könnte man vielleicht ...« »Na, hö–ören Sie mal, verehrtester Herr, na, wo gehn wir denn hin? Ich frage Sie: wohin begeben wir uns, und was soll daran wohl geistreich sein?« schrie der Leutnant mit lauter Stimme. »Wenn ein unglücklicher, von Schicksalsschlägen gebeugter Mensch sich bereit erklärt, Ihnen seine Entschuldigung zu machen ... Wenn Sie schon verlangen, daß er sich demütigt ... Hol's der Teufel, wir sind hier nicht auf dem Parkett, sondern auf der Straße! Für die Straße wird diese Entschuldigung wohl genügen ...« Wersilow blieb stehen und fing plötzlich an zu lachen; ich dachte beinahe, er hätte diese ganze Geschichte nur Spaßes halber angefangen, es war aber nicht so. »Ich nehme Ihre Entschuldigung sehr gerne an, mein Herr Offizier, und bestätige Ihnen gern, daß Sie ein Mann von reichen Gaben sind. Betätigen Sie die nur in gleicher Weise auf dem Parkett, – bald wird das auch auf dem Parkett vollkommen genügen, und bis dahin nehmen Sie diese zwei Zwanziger von mir, trinken Sie eins und vergessen Sie auch den Imbiß nicht; Herr Schutzmann, entschuldigen Sie die Bemühung, ich würde mich auch Ihnen gern erkenntlich zeigen, aber die Herren Beamten sind neuerdings ja so vornehm geworden ... Lieber Freund,« wendete er sich dann an mich, »hier ist eine Kneipe, es ist eigentlich eine fürchterliche Kloake, aber man kann da Tee trinken, und ich schlage vor ... Gleich da drüben, komm mit.« Ich wiederhole, daß ich ihn noch nie so aufgeregt gesehen hatte, wenn sein Gesicht auch vergnügt war und nur so strahlte; aber als er die beiden Zwanziger aus dem Portemonnaie holen wollte, um sie dem Offizier zu geben, bemerkte ich, wie seine Hände zitterten, seine Finger gehorchten ihm einfach nicht, so daß er schließlich mich bat, ich möchte das Geld herausnehmen und es dem Offizier geben; ich kann das nicht vergessen. Er führte mich in eine kleine Wirtschaft, unten im Erdgeschoß. Leute waren wenig da. Eine verstimmte heisere Drehorgel dudelte, es roch nach fettigen Servietten; wir setzten uns in eine Ecke. »Du weißt es vielleicht nicht? Ich liebe es manchmal aus Langerweile, aus entsetzlicher seelischer Langerweile ... mich in allerlei solche Kloaken zu setzen. Die ganze Einrichtung, diese heruntergehämmerte Arie aus der ›Lucia‹, diese Kellner in ihren einfach unanständig russischen Kostümen, dieser Tabaksqualm, dieses Geschrei aus dem Billardzimmer – das alles ist so häßlich und prosaisch, daß es beinah schon wieder phantastisch wird. Nun, und wie war's denn nun, lieber Freund? Dieser Marsjünger hat uns, glaub' ich, gerade an der interessantesten Stelle unterbrochen ... Ah, da ist ja auch der Tee; ich liebe den Tee in diesem Lokale ... Denk' dir, Piotr Ippolitowitsch fing vorhin auf einmal an, seinem andern Zimmerherrn, dem Kerl mit den Pockennarben, zu versichern, im englischen Parlament wäre im vorigen Jahrhundert eigens eine Kommission von Juristen eingesetzt worden, um den ganzen Prozeß Christi vor dem Hohenpriester und vor Pilatus zu revidieren, einzig zu dem Zwecke, um herauszubringen, wie die Sache nach unsern Gesetzen ausgegangen wäre; und es wäre alles mit der nötigen Feierlichkeit und Advokaten und Staatsanwälten geführt worden ... Na, und die Geschworenen hätten ihn einfach verurteilen müssen ... Eine ganz erstaunliche Geschichte! Und dieser Schafskopf von einem Zimmerherrn fing mit ihm darüber zu streiten an, er wurde wütend, sie zankten sich, und er erklärte, er würde morgen ausziehen ... Und die Wirtin heulte, wegen des Einnahmeausfalls ... Mais passons. In diesen Kneipen gibt's manchmal Nachtigallen. Kennst du die alte Moskauer Anekdote à la Piotr Ippolitowitsch? In einer Moskauer Kneipe singt eine Nachtigall; da kommt ein Kaufmann herein, so der Typus: ›Was kostet die Welt?‹ Der fragt: ›Was kostet die Nachtigall?‹ – ›Hundert Rubel.‹ – ›Braten und servieren!‹ Sie wurde gebraten und serviert. ›So, jetzt schneid' mir für zehn Kopeken herunter!‹ – Ich habe die Geschichte einmal Piotr Ippolitowitsch erzählt, aber er glaubte sie nicht und nahm das sogar übel ...« Er erzählte noch allerlei. Ich führe diese paar Bruchstücke nur als Beispiele an. Er unterbrach mich in einem fort, sobald ich nur den Mund auftat, um mit meiner Erzählung zu beginnen, und begann ganz seltsamen und gar nicht zur Sache gehörigen Unsinn zu schwatzen; er redete lebhaft und lustig, – lachte über weiß Gott was und kicherte sogar, was ich bei ihm noch niemals erlebt hatte. Er trank sein Glas Tee in einem Zuge aus und goß sich ein neues ein. Jetzt verstehe ich das: er glich damals einem Menschen, der einen ihm teueren, interessanten und lange erwarteten Brief bekommt und der ihn vor sich hinlegt und absichtlich nicht öffnet .., nein, im Gegenteil, er dreht ihn lange zwischen den Fingern herum, mustert das Kuvert, das Siegel, geht ins Nebenzimmer, um dort noch etwas anderes zu besorgen, kurz und gut, er schiebt den interessanten Augenblick hinaus, weil er ja doch weiß, daß der ihm sicher nicht davonläuft; und das alles tut er, um den Genuß noch vollkommener zu machen. Ich erzählte ihm natürlich alles, alles von Anfang an, und erzählte vielleicht eine Stunde lang. Und wie hätte es auch anders sein können; ich lechzte ja schon von vorhin her danach zu erzählen. Ich begann mit unsrer allerersten Begegnung, damals beim Fürsten, nach ihrer Rückkehr aus Moskau; dann erzählte ich, wie das alles so allmählich gekommen war. Ich ließ nichts aus, und ich hätte auch gar nichts auslassen können: er selbst führte mich auf alles, er erriet alles, er soufflierte mir. Manchmal war mir, als ereigne sich etwas ganz Phantastisches, als müsse er irgendwo hinter der Tür gesessen oder gestanden haben, jedesmal, diese ganzen zwei Monate hindurch: er kannte jede Gebärde, jedes Gefühl von mir im voraus. Ich empfand einen unbeschreiblichen Genuß bei dieser Beichte vor ihm, weil ich in ihm so eine seelische Weichheit verspürte, eine so tiefe psychologische Feinheit, eine so staunenswerte Fähigkeit, aus einem halben Wort alles zu erraten. Er hörte zart zu, wie eine Frau. Und was die Hauptsache war, er verstand es so einzurichten, daß ich mich nie und keiner Sache schämen mußte; manchmal hielt er mich bei einer Einzelheit fest; er tat es oft und sagte immer wieder nervös: »Vergiß die Kleinigkeiten nicht, die Hauptsache ist – nicht die Kleinigkeiten vergessen: je kleiner ein Zug, desto wichtiger ist er oft.« Und auf die Art unterbrach er mich mehrere Male. Oh, natürlich, ich redete anfangs von oben herab, ihr gegenüber von oben herab, aber bald kam ich aufs Niveau der Wahrheit. Ich erzählte ihm aufrichtig, daß ich im Begriff gewesen war, mich hinzuwerfen und die Stelle des Fußbodens zu küssen, wo ihr Fuß gestanden hatte. Am schönsten und entzückendsten war mir, daß er es ausgezeichnet begriff, daß man »Angst vor einem Dokument haben« und doch gleichzeitig der reine und untadlige Mensch bleiben könne, als den sie sich mir heute gezeigt hatte. Ausgezeichnet begriff er auch die Bezeichnung »Student«. Aber als ich schon ziemlich am Ende war, bemerkte ich, daß hinter seinem guten Lächeln etwas andres zu erscheinen begann, eine verwunderlich große Ungeduld, eine gewisse Zerstreutheit und ein gewisser Unmut. Als ich bis zu dem »Dokument« gekommen war, überlegte ich mir: Soll ich ihm wirklich die Wahrheit sagen oder nicht? – Aber ich sagte sie ihm nicht, trotz aller meiner Begeisterung. Dieses stelle ich hier zur Erinnerung für mein ganzes Leben fest. Ich erklärte ihm die Sache: ebenso wie ihr, das heißt, mit der Geschichte von Kraft. Seine Augen begannen zu funkeln, eine sonderbare Falte erschien auf seine Stirn, eine sehr finstre Falte. »Lieber Freund, erinnerst du dich auch ganz genau daran, daß Kraft diesen Brief an der Kerze verbrannt hat? Täuschest du dich nicht am Ende?« »Nein, ich täusche mich nicht«, versicherte ich. »Die Sache ist nämlich die, daß dieses Schriftstück für sie von der höchsten Wichtigkeit ist; und wenn du es heute im Besitze hättest, dann könntest du ...« Aber was ich »könnte«, sagte er nicht mehr. »Na, sag' mal, hast du ihn jetzt nicht im Besitz?« Ich bebte innerlich, äußerlich aber gar nicht. Äußerlich verriet ich mich durch nichts, ich blinzelte nicht einmal; aber ich wollte immer noch nicht glauben, diese Frage gehört zu haben. »Wieso in meinem Besitz? Jetzt in meinem Besitz? Wenn ihn Kraft doch damals verbrannt hat?« »So?« fragte er und heftete einen brennenden, starren Blick auf mich, einen Blick, an den ich ewig denken werde. Übrigens lächelte er, aber die ganze Gutmütigkeit, die ganze Weiblichkeit des Gesichtsausdrucks, die er bisher gezeigt hatte, war plötzlich verschwunden. An dessen Stelle war etwas eigen Unbestimmtes, Zerfahrenes getreten; er wurde immer zerstreuter. Hätte er sich damals besser im Zügel gehabt, so, wie er sich bis zu dieser Minute im Zügel gehabt hatte, er hätte diese Frage wegen des Dokumentes nicht gestellt; wenn er es doch tat, so geschah es wohl deshalb, weil er selber in höchster Aufregung war. Das sage ich übrigens erst heute, nach langer Zeit; damals ging mir die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, nicht so schnell auf; ich ließ mich noch immer tragen, und in meinem Herzen tönte immer noch dieselbe Musik. Aber meine Geschichte war zu Ende erzählt; ich sah ihn an. »Eins ist verwunderlich,« sagte er plötzlich, als ich alles bis zum letzten Komma erzählt hatte, »eins ist sehr sonderbar, lieber Freund: du sagst, du bist zwischen drei und vier dagewesen, und Tatjana Pawlowna war nicht zu Hause?« »Genau von drei bis halb fünf.« »Na, nun denk' dir mal: ich habe Tatjana Pawlowna genau um halb vier besucht, auf die Minute, und habe sie in ihrer Küche getroffen: ich gehe ja gewöhnlich die Hintertreppe hinauf, wenn ich sie besuche.« »Was? Sie haben sie in der Küche getroffen?« rief ich und fuhr vor Erstaunen zurück. »Ja, und sie sagte mir, sie könne mich nicht empfangen; ich bin vielleicht zwei Minuten geblieben, ich war nur gekommen, um sie zu Mittag einzuladen.« »Dann war sie vielleicht gerade heimgekommen?« »Ich weiß nicht; nein, übrigens – ganz bestimmt nicht Sie war in ihrer losen Jacke. Das war genau um halb vier.« »Aber ... Und Tatjana Pawlowna hat Ihnen nicht gesagt, daß ich da war.« »Nein, sie hat mir nicht gesagt, daß du da warst... Sonst hätte ich es ja gewußt und dich nicht danach gefragt.« »Hören Sie mal, das ist sehr wichtig ...« »Ja ... von welchem Standpunkt man's nun ansieht. Du bist ja ganz bleich geworden, lieber Freund! Übrigens, was ist denn daran so wichtig?« »Sie hat sich über mich lustig gemacht wie über einen kleinen Jungen!« »Sie hat einfach Angst gehabt vor deiner ›leichten Erregbarkeit‹, wie sie es dir gegenüber selbst genannt hat – na, und da hat sie sich Tatjana Pawlowna als Leibgarde hingesetzt.« »Aber, lieber Gott, wie listig das ausgeheckt war! Bedenken Sie doch, sie ließ mich das alles in Gegenwart einer dritten Person aussprechen, in Tatjana Pawlownas Gegenwart; die hat also alles gehört, was ich dort gesagt habe! Das... es ist ja einfach schrecklich, sich das nur vorzustellen!« »C'est selon, mon cher. Und du hast ja vorhin selber gesagt, gegenüber den Frauen im allgemeinen müsse man duldsam sein und hast die Duldsamkeit leben lassen.« »Wenn ich Othello wäre und Sie Jago, Sie könnten nicht besser ... Im übrigen, ich lache! Hier kann von keinem Othello die Rede sein, weil die Beziehungen gar nicht danach waren. Ja, und wie sollte ich auch nicht lachen! Meinetwegen! Ich glaube deswegen doch an das, was mir unendlich viel höher steht, und gebe mein Ideal nicht auf...! Wenn das ein Spaß von ihr war, so verzeihe ich ihr. Ein Spaß, den sie sich mit einem trübseligen Halbwüchsling erlaubt hat – meinetwegen! Ich habe mich ja auch als gar nichts Besondres aufgespielt, aber der Student – der Student war dennoch da und ist dageblieben, trotz allem, er war in ihrer Seele, war in ihrem Herzen, er lebt und wird leben! Genug davon! Sagen Sie, was meinen Sie: soll ich jetzt gleich zu ihr hinfahren, um die ganze Wahrheit zu erfahren oder nicht?« Ich sagte: »Ich lache«, aber mir standen die Tränen in den Augen. »Ja –? Fahr' doch hin, lieber Freund, wenn du Lust hast.« »Ich habe das Gefühl, als hätte ich mich seelisch beschmutzt, weil ich Ihnen das alles wiedererzählt habe. Seien Sie deshalb nicht böse, liebster Papa, aber über eine Frau, ich sage das noch einmal – über eine Frau darf man einem Dritten nie etwas sagen; nie wird ein anderer Vertraulichkeiten der Art verstehen. Und wenn er ein Engel vom Himmel wäre, er kann sie nicht verstehen. Wenn du die Frau achtest – vertraue niemals jemand etwas an, wenn du dich selber achtest – vertraue niemand etwas an! Ich achte mich selber in diesem Augenblick nicht. Auf Wiedersehn; ich werde mir das nie verzeihen...« »Hör' doch auf, lieber Freund, du übertreibst ja. Du sagst ja selbst, es sei ›nichts gewesen‹.« Wir gingen auf die Straße hinaus und nahmen Abschied. »Ja, wirst du mir denn nie einen kindlich herzlichen Kuß geben, wie ein Sohn seinen Vater küßt?« brachte er mit einem sonderbaren Beben in seiner Stimme hervor. Ich küßte ihn herzlich. »Mein lieber Junge ... Bleib' immer so reinen Herzens wie heute.« In meinem ganzen Leben hatte ich ihn noch nicht geküßt, nie hätte ich mir gedacht, daß er selber mich dazu auffordern könnte.