Franz Blei Der Persische Dekameron   Copyright by Verlag für Kulturforschung Vienna 1927   Druck von L. Beck \& Sohn, Wien, VII. Einleitung Eine Legende läßt die Geburt der persischen Lyrik – Wort, Rhythmus und Reim – aus dem Echo entstehen, das zum Anlaß die Worte der Liebe hat, welche der König Behram Gor seiner Geliebten Dil Aram und diese ihm auf die Lippen flüstert in der Umarmung. Singt die afghanische Lyrik die tolle Freude des Besitzes der Geliebten, sehnt sich die arabische nach der fernen Geliebten, so ist es der Charakter der persischen Liebeslyrik, zu verweilen, zu kontemplieren, in Ruhe zu genießen, sich zu wiegen. Das »Italienisch des Orients« hat man das süßklingende, sonore Persisch genannt, dessen Gedicht eine anmutig träumende Karesse ist. Es vermeidet, Gegensätzliches aufzurufen, so sehr, daß der Gegensatz sogar dem persischen Theater fehlt: es ist ganz lyrisch und bar jeden dramatischen Interesses. Nur auf solchem kontemplativen Boden konnte die mystische Dichtung der Sufis möglich werden. Die Gefahr aber solchen Verhaltens hat die persische Lyrik nicht vermeiden können: sie wurde konventionell und weist nach dem 14. Jahrhundert keine Namen mehr auf, nachdem sie Firdusi, Omar den Teppichweber, Amic, Ferid-ud-din Attar, Saâdi, Hafis und Djami in den Tempel ihres unvergänglichen Ruhmes gestellt hat. Nach diesen großen Lyrikern begann die Zeit der Geschichtenerzähler – wie auch in den europäischen Literaturen, der provenzalischen, italienischen, deutschen, auf das große Zeitalter der Heldengesänge und Troubadours die noch währende Zeit des Romanes, der Novelle, des Schwankes folgt, des kunstlos Geplauschten für eine hörlustige und anekdotensüchtige Menge. Gelehrte Arbeit hat sich bemüht, jedem Sprachstamme sein ihm eigenes Gut an Erzähltem, Fabuliertem zuzuschreiben: Es ist aber auf jedes Sprachvolk nur wenig Originales gekommen, verglichen mit der Fülle des Gemeinsamen, das aus einem Borne geschöpft ist, den die einen in Indien, die andern wo anders feststellen zu können glauben. Aber es liegt wohl nahe, jedem Sprachvolke die eigene Findung des auf der Straße des Lebens Liegenden so zuzutrauen, wie es den Inhalt dieser Geschichtchen bildet, von denen manche später aus ihrem anonymen Dasein in das benamte einer künstlerischen Fassung und in den Ruhm treten, wie wir es bei zahlreichen deutschen Schwänken, mehr noch bei den italienischen Novellieri erleben. Das auf der Gasse Liegende: es sind die ins Tragische oder lieber noch ins Komische sich pointierenden Wechselfälle des Liebeslebens. Die Figuren sind zu Typen gesteigert: Der schlaue junge Verführer, der oder die übertölpelte Alte, welche sich mehr zutrauen, als ihnen Natur noch erlaubt, das betörte junge Weibchen, das dafür bestrafte oder das lachende Weibchen. Es entspricht nur der außerordentlich hohen Gefühlsspannung, wie sie sich im Lyrischen der persischen Dichtung äußert, daß ihr in der Prosaerzählung die Reversseite drastisch nebengesetzt wird: Das Unzulängliche, das Versagende, das Lächerliche, das Komische. Und wird dort ein Platonismus des Gefühls übersteigert, so hier ein Realismus der Sinne. Doch immer nur zu heiteren, zu komischen Effekten: die Zuhörer sollen lachen, nicht grinsen. Das Obszöne in allen seinen Schattierungen liegt dem Erzähler so fern wie seinen Zuhörern. Der Erzähler zwinkert nicht mit den Augen. Er sagt nichts, was er nicht sagte. Es gibt keine Zweideutigkeit. Dafür ist ihm die Sache selbst, die Liebe, zu seriös, zu heilig – und gerade deshalb erzählt er das, was Toren oder Spitzbuben diesem Heiligen antun und erzählt es als komische Glosse, wie zu einem pathetischen Text. Die Sitten und Bräuche der Liebe, die in diesen Geschichten zum Niederschlag kommen, sind in ihren mann-weiblichen Bestimmungen von denen des Europäers nicht wesentlich verschieden. Bemerkbar ist dazu nur dieses, daß die orientalische Geliebte zwölf Jahre zählt. Und daß sie darum nicht jene sentimentalische Überbelastung besitzen kann, die ihre europäische Schwester im Guten wie im Schlimmen darum auszeichnet, weil sie meist, wenn überhaupt, die Liebe des Mannes um einige Jahre zu spät kennen lernt, oft um viele Jahre zu spät, und dann auch oft nicht die Liebe, sondern irgendwelche Reste davon, welche sich der freier lebende europäische Jüngling dafür gerade noch gerettet hat. Was die Texte selber anlangt, bildeten getreue englische, französische und italienische Übertragungen die Vorlagen. Bis auf die leicht erkennbaren drei kurzen Lehr-Erzählungen Saâdis ist das hier Wiedergegebene ohne eigentliche Verfassernamen. Es ist Weitererzähltes seit Jahrhunderten, zuweilen Niedergeschriebenes, nicht eigentlich Verfaßtes. Franz Blei Die befrage Wahrheit In dem Staate Machriq regierte der weise König Nauroûz, so genannt nach dem Feste der Tagundnachtgleiche. Dieser König hatte unter seinem Gesinde einen Mann, der über seinen Kreis hinaus ob seiner Wahrheitsliebe bekannt und geachtet war. Als der König von dieser seiner Eigenschaft erfuhr, ernannte er ihn zum Oberstallmeister. Gleich hatte er auch seine Neider, die natürlich, gemäß dem höheren Rang, in ihren Mitteln, Fallen zu stellen, viel tückischer sein konnten. So war es besonders ein Höfling des Königs, der es auf ihn abgesehen hatte. Dieser Höfling bekannte auch offen seine Absicht, es darauf anzulegen, den wahrheitsliebenden Oberstallmeister in eine Lüge zu verstricken, und ihn soweit zu bringen, daß er eine Unwahrheit sage. Der Höfling hatte eine hübsche und verwegene Tochter, die ihm bei diesem Werke behilflich sein sollte. Eines Nachts nun stand dieses Mädchen länger als sonst vor dem Spiegel, schmückte und putzte sich, bis sie vollkommen dem Bilde einer Verführerin glich. So gerüstet betrat sie die Stube des Oberstallmeisters. Der war sehr erstaunt, einen so schönen Gast bei sich zu haben, und da er sie nicht kannte, glaubte er an einen Irrtum. Sie aber grüßte ihn, nannte ihn bei seinem Namen, und er bat sie nun, ganz in seine Stube eintreten zu wollen. Sie nahm auch gleich neben ihm Platz und begann ihren Angriff. Zuerst war der junge Mann ganz verdutzt, aber das Mädchen sah darüber hinweg, es wurde immer deutlicher, berührte ihn erst und umschlang ihn dann ganz. Dem jungen Manne schwanden die Sinne, doch das Mädchen machte, knapp vor der letzten Erfüllung, halt. Ihr war es im Augenblick genug zu wissen, daß sie den jungen Mann nun in ihre Gewalt bekomme. »Lache mich nicht aus, aber ich habe Verlangen nach einem köstlich zubereiteten Gericht aus Pferdefleisch. Laß uns doch eines der fetten Pferde des Königs schlachten, wir wollen davon essen.« Der junge Mann bekam Furcht. »Was wird der König dazu sagen?« »Was fürchtest du dich! Falls der König nach dem Pferde fragen sollte, so kannst du sagen, es sei krank geworden und du mußtest es schlachten. Vertraut dir der König nicht vollends?« Das Mädchen bat mit so anmutiger Gebärde, daß der Oberstallmeister nicht widerstehen konnte. Er wollte schon einen Knecht herbeirufen, damit dieser den Auftrag zu schlachten übernehme. Das Mädchen aber kam ihm zuvor und sagte: »Wenn du schon schlachten willst, so schlachte wenigstens den Rappen des Königs!« Bei diesem Ansinnen erschrak der Stallmeister und rief: »Gerade dieses Tier ist dem König ans Herz gewachsen, er liebt es und ich soll es schlachten!« Das Mädchen warf sich ihm an den Hals, bat und beschwor ihn und als alles nichts helfen wollte, verlegte sie sich auf das Mittel zu trotzen. »Wenn du dies Pferd nicht schlachtest, dann will ich niemals mehr etwas von dir wissen!« Diese Drohung nahm dem Stallmeister die letzte Besinnung. Er ließ den Rappen vor den Augen des Mädchens schlachten. Sie briet selber das Herz und aß es. Hernach ging sie wieder in seine Stube und verweilte dort längere Zeit. In der Klarheit des Morgens übersah der Oberstallmeister erst, was er da angerichtet hatte. Seine Achtung vor der Wahrheit war so groß, sein Gewissen so peinlich, daß er die Gewohnheit angenommen hatte, bei schwierigen Fällen laut mit sich zu verhandeln, damit nicht auch nur der Schein einer Lüge hindurchschlüpfen könne. Nach dieser Methode disputierte er auch jetzt. »Wenn nun wirklich heute der König zu mir sprechen wollte: Bring mir den Rappen, ich will auf ihm ausreiten! – was dann? Sage ich ihm eine Lüge, so bringt diese nichts Gutes; sage ich ihm die Wahrheit, so gefällt diese ihm sicherlich nicht. Dann gibt er Befehl, mich zu töten! Freilich ist es besser, ich sterbe, weil ich die Wahrheit gesagt habe, als ich verdanke mein Leben einer Lüge!« Um nun noch besser die Stimme seines Gewissens zu hören, ging er in ein anderes Zimmer, legte seine Mütze auf eine erhöhte Stelle und sagte: »Das soll nun der König sein!« Dann ging er aus dem Zimmer und kam wieder herein. Nach seiner Gewohnheit grüßte er den König und erwiderte selbst diesen Gruß. Dann sprach er, als wäre er der König: »Wohlan, sattle mir meinen Rappen, ich will auf ihm heute zur Jagd ausreiten.« Er selbst erwiderte darauf: »O König, diese Nacht hat der Rappe sein Futter nicht gefressen; als es Mitternacht war, fiel er um und starb. Ich wußte kein Mittel, das ihm noch hätte helfen können.« Weiter sprach er, als wäre er der König: »Heda, was willst du mir da einreden. Gestern war der Rappe noch ganz gesund, und heute soll gerade er gestorben sein! Gestehe lieber, du hast ihn geschlachtet! Du willst es leugnen – erschlagt den frechen Lügner!« Diese Rede behagte dem Oberstallmeister gar nicht. Er sprach zu sich, indem er der Mütze den Rücken kehrte: »Diesmal will ich die Wahrheit sagen!« Wieder ging er hinaus, kam von neuem herein, grüßte und erwiderte selbst den Gruß. Darauf sprach er, als ob er der König wäre: »Geh und sattle mir den Rappen, ich will heute auf ihm spazierenreiten.« Er erwiderte: »O König, heute Nacht ist mir etwas Besonderes begegnet: ich saß in meinem Zimmer, da trat plötzlich ein so hübsches und gutgekleidetes Mädchen zu mir herein, daß der Mond neben ihr verblassen mußte. Sie kam, setzte sich an meine Seite, warf sich an meinen Hals und verlangte schließlich das Herz des königlichen Rappens. Ich sprach: ich will dir ein anderes schlachten. Das Mädchen bestand aber auf dem Rappen. O König, ich kann dir nur die Wahrheit gestehen. Was war mir da der Rappe; hätte das Mädchen mein Leben verlangt, ich hätte es ihr willig gegeben. Wisse denn, ich habe ihr diese Nacht den Rappen geschlachtet. Zögere nicht, hier ist mein Kopf und dort dein Schwert!« Diese Rede tat dem Gewissen des Stallmeisters wohl. Er sprach, als wäre er der König: »Du hast die Wahrheit gesagt; wäre ich an deiner Stelle gewesen, ich würde auch manche Dummheit begangen haben. Dafür aber, daß du die Wahrheit gesprochen hast, bekommst du ein Ehrenkleid!« Bei dieser Rede blieb der Stallmeister und er lernte sie auswendig. Während er nachdachte, kamen auch schon Abgesandte des Königs, um ihn vor diesen zu bringen. Und wirklich sprach ihn der König an: »Bring mir den Rappen, ich will heute auf ihm spazierenreiten.« Der Oberstallmeister murmelte rasch ein Gebet vor sich hin und sprach dann: »O König, diese Nacht hatte ich eine besondere Begegnung: ich saß in meinem Zimmer, plötzlich stand ein so hübsches und wohlgekleidetes Mädchen vor mir, daß der Glanz des Mondes vor dieser Schönheit hätte erblassen müssen. Dieses Mädchen setzte sich an meine Seite, schmiegte sich an mich und verlangte von mir das Herz des königlichen Rappens. Ich sprach: ich will ein anderes Pferd schlachten. Aber sie bestand auf dem Rappen. Wie ich sie auch beschwor und meine Treue zum König anführte – sie bestand darauf. Gerade das Fleisch des Rappens will ich verspeisen. Ihr Bitten und Beschwören war mit so viel Anmut ausgesprochen, daß, hätte sie mein Leben verlangt, ich nicht gezögert hätte, es ihr zu geben. Ich verlor meinen klaren Kopf; das Herz des Mädchens zu betrüben war ich nicht imstande. So ließ ich mich von dem Mädchen berücken, um mir ihre Zuneigung und ihr Wohlwollen zu erhalten. Ich schlachtete den Rappen, das Mädchen briet dessen Herz und aß es. O König, schlage den Kopf des Sünders ab, dort ist dein Schwert.« Diese Rede gefiel dem König und es kam so, wie es sich der Stallmeister vorgespielt hatte: er bekam ein Ehrenkleid. Das Mädchen des Höflings bekam der Oberstallmeister von seinem König zur Frau. Der Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe hatte es der Oberstallmeister zu verdanken, daß er auch weiterhin in der Gunst und Gnade des Königs stand. Aus dieser Zeit rührt das Sprichwort her: Wenn du niemanden findest, der dir raten kann, so lege deine Mütze vor dich hin und frage diese um Rat. Verratenes Vertrauen Unter der Herrschaft des Hadjdjâdj ibn Jussuf erlebte ein junger Mann eine Geschichte, die, von ihm selbst erzählt, den Reiz der Unmittelbarkeit wohl am besten bewahrt. »Meine Wangen zierte noch der erste Flaum meines Bartes, als ich schon die Tätigkeit eines Geldwechslers ausübte. Auch hatte ich zu dieser Zeit bereits hundert Liebschaften, wenn nicht sogar mehr. Hadjdjâdj besaß eine Favoritin, in die er solchermaßen verliebt war, daß er sie stets um sich haben wollte. Es war keine Übertreibung, wenn man von ihr sagte, daß er sie bis zum Irrsinn liebe. Als ich einmal auf dem Weg zum Bade war, traf mich ein verliebter Blick dieser Auserwählten. Gleich am nächsten Tag sandte sie einen Boten nach mir. »Du sollst zur Favoritin des Hadjdjâdj kommen, sie will bei dir Gold einwechseln!« Von ihm wurde ich in den Harem des Hadjdjâdj geleitet. Das junge Mädchen, das mich erwartete, war so schön wie ein Traumbild. Es fehlte nicht viel und ich hätte bei solchem Anblick auch den Verstand verloren. Wir suchten die Einsamkeit des Parkes auf. Hier zog uns das Liebesspiel immer enger aneinander und wir tauschten alles aus, was wir uns an Köstlichem geben konnten. Wir verplauderten gerade eine Pause, als einer der Emire des Hadjdjâdj erschien. Er überreichte dem jungen Mädchen drei Vögel, die ihr hoher Herr für ihre Tafel bestimmt hatte. Aber meine Schöne, die wohl dachte, daß ich eine gute Mahlzeit verdient habe, schenkte sie mir. Mit dieser Gabe kehrte ich in den Bazar zurück und lud meinen Geschäftsfreund ein, mit mir die Vögel zu verspeisen. Als wir die Tiere aufschnitten, fanden wir sie im Innern mit kostbaren Steinen gefüllt. Erstaunt über diese Entdeckung fragte mich mein Geschäftsfreund, wie ich in den Besitz dieser Vögel gekommen war. Ohne Bedenken erzählte ich ihm mein wunderbares Abenteuer, schenkte ihm einen Teil der Steine und behielt den Rest für mich. Der Schurke ging zu Hadjdjâdj und berichtete ihm, was er von mir erfahren hatte. Wir wurden alle vor den Fürsten geladen, das junge Mädchen, mein Geschäftsfreund, der Emir und ich. Zuerst verhörte er den Emir. »Wie kommt es, daß du die Vögel, statt mit gehacktem Fleisch, mit Edelsteinen fülltest?« Darauf der Emir: »Ich tat es, um deinen Auftrag in einer Form zu erledigen, die deiner würdig ist. Ich sagte mir, in der Küche meines Herrn ist an leckeren Speisen kein Mangel. Mein Ehrgeiz aber ging dahin, ein außergewöhnliches Gericht herzustellen. Um den Ruhm deiner Küche zu erhöhen, ließ ich die Vögel nicht, wie üblich, mit gehacktem Fleisch, sondern mit Edelsteinen füllen.« Nun wandte sich der Fürst an das junge Mädchen. »Warum hast du das Gericht, das ich dir zur Mahlzeit bestimmt hatte, nicht selbst gegessen? Warum verschenktest du es an diesen Jüngling?« »Mein Gebieter«, antwortete sie, »in welcher Absicht sandtest du mir die Vögel? Du hättest sie doch selbst essen können?« »Aus Liebe zu dir ließ ich sie unberührt und es war im Sinne dieser Liebe, sie ausschließlich dir anzubieten.« »Nun gut. Mit denselben Gefühlen der Liebe, wie du sie für mich hast, schenkte ich die Vögel diesem Jüngling. Ich wollte sie lieber von ihm allein verspeist wissen, als selbst davon genießen.« Hierauf fragte mich der Fürst: »Wie konntest du so verwegen sein, dir im Harem deines Fürsten alle Freiheiten zu erlauben, die nur mir zustehen?« »O Fürst,« antwortete ich, »warum die Wahrheit entstellen?! Was wäre das wohl für ein Mann, der die Aufmunterung einer schönen Frau, sie zu lieben, unerwidert ließe!« Der Fürst mußte lachen. »Aber du hättest ein so zartes Geheimnis nicht preisgeben sollen, auch deinem besten Freunde nicht. Sind dir die Worte des Dichters unbekannt: »Vertraue dein Geheimnis auch nicht deinem besten Freunde an, denn dieser hat wieder beste Freunde.« »O Fürst! ich hielt ihn nicht für so unwürdig. Ich vertraute ihm wie einem Bruder, und dennoch hat er mich verraten.« Der Fürst wandte sich mit erhobener Stimme an meinen Freund: »Warum hast du so an ihm gehandelt?« Dieser senkte sein Haupt und wußte kein Wort zu sagen. »Der Teufel hat dich geritten. Ich werde dich, wie du es verdienst, bestrafen!« Nach diesen Worten machte mir Hadjdjâdj das schöne Mädchen zum Geschenk und sprach zu uns: »Weil ihr so freimütig die Wahrheit gesprochen habt, will ich euch verzeihen!« Mein Freund wurde zum Tode verurteilt und sein Kopf als abschreckendes Beispiel für Verräter dem Volke gezeigt.   Die Moral dieser Geschichte: Verrate nicht die Geheimnisse desjenigen, der dir voll vertraut, handle nicht unwürdig an ihm, sondern denke daran, daß du selber das Opfer einer solchen schmählichen Handlung werden könntest. Das Geheimnis Eines Abends, da ich beim Brunnen Azmeh saß, belauschte ich die Unterhaltung zweier junger Mädchen. Die eine sagte zur andern: »Ich kann mir wirklich nicht erklären, weshalb mir meine Mutter immer rät, mich von den Männern fernzuhalten, die mich anschauen. Kannst du mir sagen, was ich eigentlich von denen zu fürchten habe?« Ihre Freundin gab zur Antwort: »Meine Mutter rät mir Gleiches. Nur sagt sie, ich soll die Männer vermeiden, die mich nicht anschauen. So wenig wie du weiß ich einen Grund dafür.« Ich erhob mich und sagte zu den jungen Mädchen: »Ich hatte mich entschlossen, euch nicht näher zu kommen ... Nun ist's aber doch nötig, daß ich mich euch nähere, denn der Schmetterling gräbt sich in den Kelch der Rose ein, wenn er ihr von der Liebe sprechen will.« »Wir hören dich«, sagten die beiden und lachten. Die eine hatte kleine, sehr schöne Brüste, und die andere allzuvollendete Beine, und zum ersten Male zauderte mein Wort. Aber da die Nacht herannahte und eines der beiden Mädchen sich anschickte, die heiligen Waschungen vorzunehmen, zog ich die andere auf mein Knie und sagte: »Deine Mutter hat dir nur empfohlen, dich von den Männern fernzuhalten, die dich anschauen ... Dir das Warum zu erklären, wäre eine lange Geschichte. Der weiseste Weise und der am wenigsten Geschwätzige würde damit nicht fertig, bevor deine Freundin aus dem Wasser steigt. Aber du mußt doch zugeben, daß es mir nicht möglich ist, dein Gesicht zu sehen, und daß du daher deiner Mutter gehorchst.« »Das gebe ich zu«, sagte das Kind. Darauf war ein süßes Schweigen. Bloß des Mädchens leises Seufzen war hörbar in der stillen Nacht der Liebe ... Als sie sich meinen Armen entwand, rief sie ihrer Freundin zu: »Du kannst bedauern, daß deine Mutter dir befohlen hat, die Männer zu meiden, die dich nicht anschauen! Die Nacht ist dunkel heute abend, und morgen früh wird Saadi nicht mehr hier am Brunnen sein ...« Die unerbittliche Kurtisane In einer afghanischen Stadt herrschte ein junger Fürst so gerecht, daß keiner seiner Untertanen die geringste Unbill erfuhr und sein Staat der blühendste war wegen der Freigebigkeit seines Beherrschers. Eines Tages bekam er Lust, ein anderes Reich zu besuchen, eine Zeit auf Reisen zu verbringen, um das Vergnügen des Wechsels zu haben und Erfahrungen zu gewinnen. Er ließ also seinen ersten Vezier kommen und sagte ihm seine Absicht. »Ich übergebe dir mein Reich, sieh, daß du gut und rechtlich herrschest. In einem Jahre kehre ich zurück, aber sollte ich zu dieser Zeit noch nicht da sein, so übergibst du die Regierung meinem zweiten Vezier und gehst mich suchen.« So ward es abgemacht zwischen dem König und seinem ersten Vezier. Beim Morgenrot des nächsten Tages erhob sich der König, schritt in den Thronsaal, rief seinen Vezier und übergab ihm feierlich die Regierung. Er nahm nur einige edle Steine mit und machte sich auf die Reise. Nachdem er an sieben Orten gewesen war, kam er in einen Wald, in dem ein viereckiger Teich war. Am Ufer traf er vier Diebe, die sich darüber stritten, wem jedes der vier Dinge, die sie gerade gestohlen hatten, gehören solle. Das erste war ein Schwert, das zweite eine Schale aus chinesischem Porzellan, das dritte ein Teppich und das vierte ein edelsteinbesetzter Thronsessel. Kaum hatten die Diebe den König bemerkt, als sie, ohne seine Würde zu erkennen und bloß von seinem Aussehen bestimmt, ihn baten, er möge zwischen ihnen den Richter machen, indem sie ihm auch sagten, was sie seien. Sie sagten ihm ferner, worin der Wert der Gegenstände bestünde, die sie sich streitig machten. »Das Schwert vermag einen oder auch mehrere Feinde zu erreichen und ihnen den Kopf zu spalten, seien sie auch viele Meilen weit entfernt. Die Schale füllt sich mit Früchten und erlesenen Speisen, so oft man nur den Wunsch danach ausspricht. Aus dem Teppich kann man Geld ausschütteln, soviel man will. Und der Thronsessel bringt einen überallhin, wohin man mag.« Der verwunderte König beschloß sofort, diese vier Gegenstände sich anzueignen und selber zu gebrauchen. So sagte er also den vier Dieben, sie möchten sich in den Weiher stürzen, und das Kostbarste der vier Dinge stünde dem zur Wahl, der am längsten unter Wasser bliebe, die weniger kostbaren denen, die weniger lang blieben. Die Diebe nahmen den Vorschlag an, hatten aber noch kaum die Köpfe unterm Wasser, als der König Schwert, Schale und Teppich nahm und sich auf den Thronsessel setzte. Er sprach gleichzeitig den Wunsch aus, in einer ferngelegenen Stadt zu sein, und schon war er dort. Er sah zuerst einen Kiosk und stieg da ab. Er ließ den Thronsessel, der ihm als fliegender Wagen gedient hatte, da und ebenso die anderen Gegenstände, und ging, um ein Haus zu mieten, durch die Stadt. Wie die Herrlichkeiten dieser Stadt beschreiben, und wie die Schönheit ihrer Frauen, die nie vergißt, wer sie einmal gesehen hat! Die Stadt schien von Engeln gebaut und glich wohl deshalb dem Paradiese. Der König kam vor einen prächtigen Palast, dessen halbmondförmige Zinnen den Augenbrauen der Frauen glichen und dessen Bemalung an ihr gemaltes Antlitz erinnerte. Der König war entzückt und fragte einen, der vorüberging, wem dieses Haus gehöre. Er erfuhr, daß darin eine berühmte Kurtisane wohne. An der Pforte war eine eherne Trommel, und die mußte der schlagen, der Einlaß begehrte, und darauf hunderttausend Goldstücke legen. Dem König gelüstete es nach dem Abenteuer; er schlug die Trommel und legte die Summe Geldes darauf. Kaum daß der Schall verklungen war, gab die Kurtisane ihren Mädchen Auftrag, den vornehmen Herrn hereinzuführen. Der König fand die Herrin des Hauses auf einem herrlichen Lager liegend, das war mit Perlen auf ägyptischem Seidenstoff reich geziert. Ihr Antlitz war wie der Mond um Mitternacht; die schwarzen Locken ihres Haares glichen einem Pelz aus Ebenholz. So groß war ihre Schönheit, daß, wer sie sah, in Ohnmacht fiel. So ging es auch dem jungen Fürsten. Sogleich erhob sie sich, schritt auf ihn zu und ließ ihn Rosenöl riechen. Nachdem er wieder zu sich gekommen war, nahm sie ihn bei der Hand, ließ ihn neben sich setzen und ihm einen Becher Wein bringen, der seinen Liebesrausch noch erhöhte. Hierauf entkleidete sie ihn halb und entkleidete sich selbst. Endlich ließ sie ihn an dem Honig ihrer Reize kosten und zog ihn zu sich, in zärtlich kosender Umarmung. Nun weihte sie ihn in alle Geheimnisse der Liebe ein. Zum Schlusse führte sie ihn in ein Bad aus Jaspis und Onyx, rieb ihn ein und drückte ihn da zum Klang der Musik und ließ ihn in solcher Erregung, daß er alle seine Absichten vergaß und drei Monate bei dieser außerordentlichen Frau blieb. Aus seinem Wunderteppich beschenkte er sie reichlich. Die schlaue Kurtisane merkte schließlich, daß die Freigebigkeit des Fürsten eine übernatürliche Ursache haben müsse. Sie ließ ihn durch ihre Kammerzofe ausspionieren. Die ging ihm nach, bis dorthin, wo er die vier Wunderlinge verwahrte, und sah, wie er aus dem Teppich die hunderttausend Goldstücke schüttelte, welche ihre Herrin jeden Tag verlangte und bekam. Dies meldete sie. Die Kurtisane ergriff sofort das Verlangen, sich dieser kostbaren Gegenstände zu bemächtigen. Am nächsten Morgen fragte sie den Fürsten, wie es komme, daß er den König dieses Reiches nicht besuche und ihn nicht zu sich einlade. Er antwortete, er wolle es tun. Da sagte die durchtriebene Kurtisane, sie fürchte, sein Reichtum würde sich erschöpfen, und daß sie ihm dann nicht mehr zu Diensten sein könne. Er beruhigte sie darüber, indem er ihr versicherte, sie brauche nur einen Wunsch auszusprechen, um ihn sofort erfüllt zu bekommen. Diese Mitteilung machte die Kurtisane kühn, und sie bat den Fürsten inständig, er möge ihr dieses Geheimnis mitteilen. Und am nächsten Morgen war er schwach genug, die Wunderdinge mitzubringen und ihr zu erklären. Hierauf nahm der Fürst eine Menge Trabanten und Reiter und Schützen in Dienst; er versah sich mit einem eines Königs würdigen Palankin und allem, was zu einem fürstlichen Gefolge nötig ist, und verständigte die Schöne, daß er den König besuchen und eine Jagd abhalten wolle, um alle seine Herrlichkeiten zu zeigen. Kaum war er fort, als die schöne Ungetreue die Wunderdinge nahm, an einen sicheren Ort brachte und hierauf Feuer an ihr eigenes Haus legte; um an einen zufälligen Brand glauben zu machen, heuchelte sie die heftigste Verzweiflung. Der Fürst eilte herbei und fand die, die er liebte, mit aufgelöstem Haar. Gerührt hob er sie auf und sagte: »Was liegt daran, daß die Flammen alles verzehrt haben, wenn nur du gerettet bist.« Und er suchte sein Unglück neben seiner unwürdigen Geliebten zu vergessen. Zwanzig Tage vergingen so, als die Kurtisane durch ihre Kammerfrau vom Prinzen zwanzigmal hunderttausend Goldstücke verlangte. Es waren ihm an Geschmeiden noch fünfzigmal hunderttausend Goldstücke geblieben. Er ließ sie durch seinen Diener bei einem Juwelier verkaufen und schickte den ganzen Erlös der Kammerfrau für ihre Herrin. Aber nach wenigen Tagen verlangte sie wieder Geld, und der liebesblinde Fürst verkaufte seine Waffen, Elefanten, Pferde und Kamele, um seine habgierige Geliebte zufriedenzustellen. Das reichte für ein paar Tage und dann besaß er nichts mehr. Als ihn die herzlose Schöne arm sah, gab sie ihren Leuten den Auftrag, den Fürsten nicht mehr vorzulassen. Er bat und flehte, aber sie blieb unerbittlich. Zwei Monate verlebte der Fürst in größtem Elend, ohne andere Zuflucht, als die äußere Torhalle derjenigen, die ihn zugrunde gerichtet hatte. Er ward schwach und zum Sterben krank, aber hielt seine Augen dorthin gerichtet, wo er die unerbittliche Kurtisane wußte. Als das zwischen dem Fürsten und seinem Vezier beschlossene Jahr herum war, machte sich dieser auf den Weg, seinen Herrn zu suchen. Durch manche Länder war er schon gewandert, als er in einen Bambuswald kam. Inmitten dieses Waldes waren zwei Quellen; das Wasser der einen war schwarz und brausend, das der anderen aber weiß und dieses sprang hoch in die Höhe. Zu der schwarzen Quelle kam ein Schakal um zu trinken. Aber kaum hatte er seine Zunge ins Wasser gesteckt, als es ihm mit aller Anstrengung nicht möglich war, sie wieder herauszuziehen, bis der Wind von dem weißen Wasser einige Tropfen auf ihn hinübertrug – da wurde er wieder frei und lief davon. Der erstaunte Vezier verstand die Eigenschaft dieser zwei wunderbaren Quellen und füllte je eine Flasche mit ihren Wassern. Endlich kam er, zehn Monate nachdem er sein Land verlassen hatte, in die Stadt, wo die Kurtisane wohnte. Auf seine Frage nach dem Fürsten erfuhr er, daß er aus Liebe und Elend an der Tür einer Kurtisane liege. Kaum hatte der Vezier das vernommen, als er dahin eilte und den Fürsten fand. Der umarmte gerührt seinen Vezier, der sich beeilte, seinen Herrn zu geschickten Ärzten zu bringen, die ihm seine frühere Gesundheit und Schönheit bald wiedergaben. Er erzählte dem Vezier, was ihm begegnet war, und der bewunderte die Treue seiner Liebe und versprach ihm, die übermütige Schöne zu seiner Sklavin zu machen. »Hier sind,« sagte er, »dreihunderttausend Goldstücke; geht noch einmal in das Haus dieser Habsüchtigen und verlangt bloß von ihr, daß ich mit Euch gehen und bei Euch bleiben darf; sagt, ich sei Euer Diener.« Also geschah es. Die Kurtisane empfing aus Neugierde ihren alten Geliebten, als sie erstaunt hörte, daß er Geld habe. Der König begegnete ihr ohne Zorn, glücklich, sie wiederzusehen. So ließen sie sich auf einem Lager nieder und unterhielten sich. Als der Fürst ganz eng mit ihr umschlungen war, fragte er, ob sie nicht seinen Diener rufen wolle, daß er Waschwasser bringe. Sie tat es, und sofort besprengte der Vezier das Paar mit einigen Tropfen des schwarzen Wassers, und die Kurtisane konnte sich nicht mehr rühren, sie mochte sich drehen und wenden, wie sie wollte. Ihre Dienerinnen waren erstaunt und erschrocken, als sie das sahen, warfen sich vor dem Vezier nieder, den sie als den Urheber dieses Wunders vermuteten, und baten ihn, er möge ihre Herrin befreien. »Ich kann es nicht eher,« sagte er ihnen, »bevor ihr mir nicht eine chinesische Schale, ein Schwert, einen Teppich und einen Thronsessel verschafft habt. Ich will in die Schale ein Medikament geben, eure Herrin und den Jüngling mit dem Teppich bedecken und so auf den Thron setzen; ich will das Schwert über sie halten und lasse sie die Medizin trinken, die ihnen wieder die Freiheit gibt.« Die Dienerinnen beeilten sich, das Verlangte herbeizuschaffen und, nachdem er dann das unlösliche Paar auf den Thron gesetzt hatte, stellte er sich rasch selber darauf und in einer Stunde waren sie alle drei im Reiche des Fürsten. Auf dem Wege dahin besprengte er seinen Herrn mit ein paar Tropfen aus der weißen Quelle, die ihm erlaubten, sich aus den Umschlingungen seiner Schönen zu lösen. Hierauf ergriff der Fürst wieder die Regierung und erfreute sich neuerdings seiner Wunderdinge, der beiden kostbaren Wasser und seiner Geliebten, die nun eine ergebene Sklavin war. Die Frau des Krämers Eines Tages, da die Frau eines Krämers auf dem Dache ihres Hauses saß, erblickte sie ein junger Mann und verliebte sich in sie. Da die Frau dies alsbald bemerkte, rief sie ihn an und sagte: »Komm nach Mitternacht zu mir und setze dich unter einen Baum, der in meinem Hofe steht.« Nach Mitternacht begab sich der junge Mann nach ihrem Hause; die Frau erhob sich vom Bette, ging zu dem Jüngling und legte sich neben ihn unter den Baum. Es begab sich, daß der Vater des Krämers um die nämliche Zeit, eines Geschäftes wegen, aufstand und auf den Hof ging. Da sah er die Frau seines Sohnes sich mit einem fremden Manne erfreuen. Unbemerkt nahm er der Frau die Ringe von den Füßen, steckte sie zu sich und dachte: am Morgen will ich das Weib bestrafen. Nach einer Weile schickte die Frau den Jüngling wieder fort, ging zu ihrem Manne, weckte ihn und sagte: »Im Hause ist es sehr schwül, komm, laß uns unter dem Baume im Hofe schlafen.« Also lagerte sich die Frau mit ihrem Manne auf demselben Platze, wo vordem sie und der junge Mann in inniger Umschlingung gelegen waren. Als der Mann fest schlief, weckte ihn die Frau plötzlich und sprach: »Dein Vater kam soeben vorbei, nahm mir die Ringe von den Fußgelenken und trug sie weg. Dieser alte Mann, den ich als meinen Vater ansehe, wie konnte er sich doch mir nähern, als ich neben meinem Manne schlief, die Ringe von meinen Knöcheln nehmen und sie wegtragen?« Am Morgen war der Gatte auf seinen Vater böse, der ihm nun den Umstand entdeckte, wie er seine Schwiegertochter in der Nacht mit einem fremden Manne getroffen hätte. Der Sohn sprach barsch zu seinem Vater: »In der Nacht, als meine Frau und ich, der Hitze wegen, unter dem Baume schliefen, kamst du her, nahmst meiner Frau die Ringe fort und trugst sie weg. Um dieselbe Zeit weckte mich meine Frau und zeigte mir den Umstand an.« Darauf war der Vater sehr beschämt und die Frau kam durch ihre Schlauheit ungestraft davon. Der Berg der Freuden Alfuran hatte durch die Heiligkeit seines Lebens und durch seine Enthaltsamkeit die Herzen der ganzen Provinz Irak gewonnen. Aber keiner war mehr von diesem heiligen Derwisch bezaubert als Sanballat, der Sohn des Samis, eines Kaufmannes in Balsora, der ihn für den Stand, worin er lebte, bestimmt hatte. Alfurans Einsiedelei lag im Walde, nahe bei den Vorwerken der Stadt. Sie war aus einem ungeheuren Felsen in der Seite eines Berges gebildet und enthielt zwei Zellen, wovon die äußere für die gewöhnlichen Verrichtungen des Lebens diente, die innere für die Andacht und die religiösen Übungen des Derwisches. Zu der Einsiedelei Alfurans strömten beim Aufgang der Sonne Tausende, um die Lehren aus seinem Munde zu hören. Selbst die ärmsten Untertanen von Balsora versäumten nicht, dem weisen Alfuran zu lauschen, obgleich das Werk ihrer Hände dadurch vernachlässigt ward und ungetan blieb. Der fromme Sanballad lieh diesen bezaubernden Lehren beständig ein aufmerksames Ohr und schlürfte tief die weisen Worte des Derwisches von Balsora. Eines Tages, als der Derwisch seine Zuhörer ermahnt hatte, sich nicht länger mit den irdischen Angelegenheiten oder mit den gewöhnlichen Sterblichen zu befassen, trat Sanballad vor ihn hin und bat Alfuran, ihn in die Mysterien seines glücklichen Lebens einzuführen. »Kannst du, o Jüngling,« sprach der Derwisch, »die Eitelkeiten dieses Lebens verlassen, um in der Einsamkeit und Enthaltsamkeit deine Jugend zu vergessen? Kannst du alle irdischen Verbindungen, deine Freunde, deine Geliebte und ihre Vergnügungen der beständigen Gesellschaft eines alten Derwirsches aufopfern? Wenn du zu allem diesen entschlossen bist, so laß mich zuvor deinen Glauben und deine Unterwürfigkeit auf die Probe stellen. Steige diesen schroffen Felsen auf den Stufen hinan, welche ich in seinen Seitenwänden ausgehauen habe, und setze dich auf den Stein, der mit seiner Fläche dem stärksten Sonnenfeuer ausgesetzt ist. Dort bleibe, während die Sonne dich bei Tage zerschmilzt und der feuchte ungesunde Tau dich des Nachts überfällt. Nach drei Tagen will ich dir von den auserlesensten Speisen bringen, die mir die reichen Einwohner von Balsora täglich schicken, um meinen Appetit zu reizen. Wenn du von ihnen kostest oder nur Lust nach ihnen bezeugst, so wird sich der Fluch des Feuergottes auf dich herablassen.« Sanballad bestieg, wie ihm befohlen ward, den heiligen Berg. Den ersten Tag brachte er in einer feierlichen Stimmung zu: er vereinigte sich mit der Stille. Er wagte nicht aufzublicken oder seine Stellung zu verändern; hielt seine Augen beständig auf den Boden geheftet. Am zweiten Tage setzte Alfuran eine mit köstlichen Speisen reich besetzte Tafel vor seinen Schüler hin. Sanballad blickte nicht eher nach den verlockenden Speisen, als bis Alfuran es ihm befohlen hatte, und beharrte standhaft und gewissenhaft bei seinem Entschluß. Als dieses der Derwisch sah, lobte er seinen Glauben und ermahnte ihn, sich auch fernerhin den Lehren folgsam zu beweisen. Am dritten Tage war der arme Jüngling vom Wachen und von der Strenge der Einsamkeit ganz erschöpft. Alfuran jedoch bemühte sich, den Jüngling mit Versuchungen von seinem Vorhaben abzubringen. Der fromme Sanballad aber blieb standhaft und erfüllte zuletzt alle Befehle seines Meisters. So eingeweiht, führte ihn der Derwisch von dem Berg in die Zelle herab und überließ ihn hier eine Zeitlang der Ruhe und der Erquickung. Dann kehrte Alfuran auf den Berg zurück, um hier seine täglichen Opfer auf dem Altar des Feuers zu verrichten. Mit dieser Handlung brachte er den übrigen Teil des Tages zu, während welcher Zeit Sanballad die entzückendste Musik hörte, die durch die Wand des Berges zu dringen schien und die Zelle mit ihren Harmonien erfüllte. Alfuran und sein Zögling widmeten ihre Zeit den unüberwindlichen Mächten des Feuers. Die ganze Stadt Balsora ließ sich zu der Religion des Derwisches bekehren, und alle, ihr Gewerbe vernachlässigend, strömten sie herbei, um die Lehren von seinen Lippen einzusaugen. Aber was mitten in seiner Heiligkeit einen ganz seltsamen Eindruck auf Sanballad machte, war, daß sein Meister ihm niemals gestattete, auf den Berg zu steigen. Wenn er den Derwisch nach dem Grunde fragte, warum er diesen heiligen Dienst nicht auch verrichten dürfe, wurde er mit ausweichenden Antworten abgefertigt. Einmal, um die Stunde der Mitternacht, als Sanballad seinen Lieblingswünschen nachträumte, erschien an der Tür seiner Zelle die Gestalt eines kleinen alten Mannes. Sanballad wollte bei diesem Anblick laut um Hilfe rufen, aber er vermochte es nicht, denn seine Zunge klebte ihm fest am Gaumen. Die kleine Figur näherte sich und stand vor dem erstaunten und versteinerten Schüler. »Ich bin,« sprach das Phantom, »der gute Genius, der über dein seltsames Schicksal wacht. Alfuran hat in dieser Nacht deinen Tod beschlossen und ist gesonnen, dich seinem barbarischen Gotte zu opfern. Ich kann dir nicht weiter beistehen, denn Alfuran besitzt das Siegel Nadocs, welches er seinem Brahminen entwendet hat. Aber wenn du beherzt bist, so gehe mutig in seine Zelle, taste mit deiner Hand an seinen Busen, wo es verborgen liegt. In dem Augenblick, wo du es in der Hand hältst, bist du auch außerhalb aller Gefahr. Wenn du es hast, so werden seine Kräfte dir, seinem neuen Besitzer, untertan sein. Sei daher ohne Furcht und vergiß nicht, sobald du das Siegel in der Hand hältst, einen zweckmäßigen Gebrauch davon zu machen.« Sanballad schlich sogleich in die Zelle des verräterischen Alfuran. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß der Derwisch schlief, führte er seine Hand ganz leise an die Brust des Schlafenden, griff unter die Kleidung und zog kühn das Siegel des Nadoc hervor. Da wachte durch die Kraft des Geistes der Derwisch auf. Als dies Sanballad bemerkte, wünschte er seinen Vorsatz ausgeführt – und Alfuran sank wieder in einen tiefen Schlaf. Der junge Mann, der nun die Macht des Siegels erprobt hatte, pries Mohammed und eilte aus der Zelle. Vor der Tür erwartete den Jüngling der Genius Mamluk. »Nach diesem Sieg wollen wir den Berg ersteigen und du sollst dich von der Nichtigkeit deines Gottesdienstes überzeugen!« Als sie den Altar auf der Fläche des Berges erstiegen hatten, rückten sie den Stein von seiner Stelle. Da entdeckten sie eine schwarze Treppe, die in das Innere des Berges führte. Der Jüngling stieg nun mit seinem Führer immer tiefer in das Innere des Berges, durchschritt mehrere dunkle Gänge, bis sie an einen gelangten, aus dem melancholische Klänge vieler Instrumente ihnen entgegenrauschten. An dem niederen Ende des Ganges gewahrten sie eine Menge dicht verhüllter Matronen, die mit feierlichen Schritten längs der Öffnung des hohlen Ganges auf- und niederschritten. »Ich wünsche, o Mamluk,« sprach Sanballad, »daß diese mich aufnehmen, wie sie Alfuran aufzunehmen pflegten.« Als er so sprach, versammelten sich alle Matronen um ihn, einige küßten seine Hände, andere seine Füße und wieder andere warfen sich auf ihre Knie und berührten unter der Bezeugung ihrer tiefsten Ehrfurcht den Saum seines Gewandes. Von dieser Schar umgeben, ging der erdichtete Derwisch zu dem entlegeneren Ende des Ganges, wo ein geräumiges Tor einen dunklen Tempel aufschloß. In der Mitte dieses Tempels befand sich ein Altar, hoch über den Boden emporragend, auf dem ein starkes Feuer, mit Ölen und aromatischen Hölzern genährt, ununterbrochen Tag und Nacht brannte und von den Spezereien Nahrung erhielt, die Alfuran von den betörten Einwohnern Balsoras gespendet bekam. In dem Augenblick, als Sanballad an das Feuer herangetreten war, setzten die Orgien ein. Die weiblichen Adepten gebärdeten sich, von den Anfällen einer wilden Raserei ergriffen, wie Unsinnige, seufzten, weinten, peitschten sich, fielen in Ekstase und sanken zuletzt, von ihren ausschweifenden Bräuchen entkräftet, rings um das Feuer, welches sie verehrten, in einen matten Schlummer. »Nun mußt du, Sanballad, mutig und beherzt sein: kannst du der Versuchung widerstehen?« »Ach,« antwortete Sanballad, »ich glaubte es, aber es war eine törichte Einbildung, die aus dem Stolz einer falschen Religion entsprang.« »Dein Mißtrauen ist klug und verrät ein demütiges Herz; aber da für deinen jungen Glauben an den Propheten die Versuchung zu stark sein könnte, so hat er mir erlaubt, die Stelle Alfurans zu vertreten und dich unsichtbar durch diese Labyrinthe eines betörenden Irrtums zu führen.« Mamluk nahm nun die Gestalt Alfurans an und Sanballad stand, nachdem er sich unsichtbar gemacht hatte, neben dem verwandelten Genius. Mamluk hob seine Hände in die Höhe und schlug sie in der Luft zusammen. Durch dieses Klatschen wachten die Matronen auf und er befahl, den Becher der Liebe zu bringen. Vier alte Matronen brachten alsbald einen großen Trinkbecher, aus dem der Genius und alle Frauen tranken. Kaum hatten sie von dem Trank genommen, fingen sie an, obszöne Lieder zu singen. Mit unzweideutigen Bewegungen begleiteten sie die Worte und blieben im Rhythmus des Liebesspiels. Bald aber steigerten sie das Tempo zur Raserei, warfen ihre Kleider ab, und in dieser völligen Nacktheit wurde ihr Tanz im höchsten Grade schamlos und unzüchtig. Nach dem Anblick dieses seltsamen Tanzes verließen beide den Berg, gingen den Hügel hinab und standen vor der Zelle des Derwisches. Die Menge drängte sich um den Genius, weil er noch immer die Person des Alfuran vorstellte, einige segneten ihn mit Tränen in den Augen, andere beteten ihn an. Da erhob Mamluk plötzlich seine Stimme und sprach zu den Einwohnern von Balsora: »O ihr verblendeten Götzendiener, warum habt ihr die Verehrung eures Propheten verlassen und seid den Lügen und Fabeln des Zauberers Alfuran gefolgt?« Als er diese Worte sprach, legte der Genius die Hülle des Derwisches ab und erschien ihnen in der Schönheit seines himmlischen Ursprungs. »Ich bin Mamluk, der Schutzgeist eurer Stadt. Und nun sollt ihr die Eingeweide dieses Berges sehen.« Als er diese Worte sprach, schaute das Volk nach dem Berge hin, der zu bersten begann und bald seine inneren Höhlen sehen ließ. Aus diesem geheimen Aufenthalt der Lust und der Unmäßigkeit traten nun die Frauen hervor. Wie groß war das Erstaunen der Männer von Balsora, als sie unter der geheimen Rotte des wollüstigen Derwisches ihre eigenen Frauen und Töchter erkannten, die es verstanden hatten, zur Zeit der Mitternacht ihren Wächtern zu entschlüpfen! Denn alle Ausreden waren glaubhaft, sobald sie nur irgendwie mit dem Derwisch zusammenhingen. Nach dieser Erkenntnis fielen die Betrogenen über den Derwisch her und der war am glücklichsten, der die meisten Merkmale seiner Rache an dem Unzüchtigen aufweisen konnte. Diebserlebnis Eines Nachts brachen Diebe, in der Hoffnung Beute zu machen, geräuschlos in ein Haus ein und durchwühlten es von oben bis unten, fanden aber nur ein Weib, ihren Gatten und eine Kuh. Weiter enthielt es auch gar nichts und alle Zimmer gähnten sie in Leere an. So waren sie denn in ihren Hoffnungen getäuscht, darum sehr mißvergnügt über ihr Unternehmen und berieten sich untereinander. »Wenn ihr nur auf mich hören wollt,« sagte einer von ihnen, »können wir es leichtlich bewirken, daß unser Einbruch hier nicht vergeblich vonstatten geht; beginnen wir damit, den Mann totzuschlagen, dann wollen wir die Kuh schlachten und am Spieß braten, aus ihrer Haut aber einen Schlauch machen, der unsere Getränke in sich fassen soll. Und hier wollen wir bleiben bis zum Morgen und essen und trinken und uns umschichtig mit dem Weibe vergnügen. Und so werden wir auf einmal uns aller Freuden erfreuen. Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Die beiden Eheleute, die, ohne sich irgend etwas gewärtig zu sein, friedlich schlummerten, waren während der Unterhaltung wach geworden. »Hast du gehört?« fragte der Mann sein Weib. »Wahrlich,« entgegnete die Lüsterne, »aber wir können zu nichts anderem unsere Zuflucht nehmen, als in Geduld der Dinge harren.« »Saubere Geduld das,« begehrte der Mann auf, »ich soll ruhig zusehen, daß sie die Kuh schlachten und mich umbringen, um dir Freude zu machen?« Die Diebe, die alles mit angehört hatten, huben an zu lachen, gaben ihren Vorsatz auf und machten sich davon.   Des Weibes Aufführung in diesem Fall zeigt deutlich, daß, wie viele Ehejahre man auch hinter sich hat, wenn die Nacht der Fährde naht, das Weib, um sich zu retten, in des Mannes Tod einwilligt. Also darf man kein Vertrauen zu ihrem Geschlecht haben. Daher das Sprichwort: Baue nimmer auf ein Weib, Stütz' auf Wasser nie den Leib. Legende Ein junges Mädchen war damit beschäftigt, von der Höhe des wunderbaren Baumes, auf dem sie wohnte, nach allen Richtungen hin zu schauen. Als sie ihre Blicke nach unten lenkte, bemerkte sie einen jungen Mann, der schlief. Das war für sie ein völlig überraschender Anblick, denn sie hatte noch nie einen Menschen gesehen. Auch glaubte sie, daß es keinen anderen Ort auf der Welt gäbe, als diesen Baum mit seinem Ausblick auf das Gebirge und das Meer, kein anderes Wesen als Sîmurg, der allein für sie sorgte. Als ihr Blick das Bild eines so schönen Prinzen zu schauen lernte, da fehlte nicht viel und sie wäre in ihrem Eifer gleich zu ihm hinuntergestürzt. Zum Glück öffnete der junge Mann gerade die Augen, sah, aus dem Schlaf erwachend, um sich, ohne jede Vermutung, daß in seiner Nähe noch ein anderes Wesen atmete. Da warf das junge Mädchen einen Apfel nach ihm, er blickte auf und sah, von dem Geäst des Baumes umrahmt, ein Wesen, schön wie der Mond. Gleich verliebte er sich in sie auf eine überirdische Weise. »O holdes Wesen, wer bist du? Wie kommt es, daß du auf diesem hohen Baum nistest?« »Ich bin die Tochter Sîmurgs.« »Du?! Aber du bist doch das Kind eines Menschen, und Sîmurg ist doch ein Tier. Ein Wunder, wie du es bist, hat freilich eine geheimnisvolle Herkunft!« »Aber du, wer kannst du sein?« »Ich bin ein Mensch.« »Was ist ein Mensch?!« »Ein Wesen, das dir und mir gleicht. Sîmurg hingegen ist ein Tier: er hat Federn und Flügel. Worin solltest du ihm ähnlich sein und welche Verwandtschaft wäre da zwischen euch möglich?« Die Prinzessin erschrak, als sie diese, sie so befremdende Auskunft bekam. »Welch sonderbare Meinung von dir! Ich weiß, daß ich die Tochter Sîmurgs bin. Ich habe ja noch nie einen Menschen sehen können!« Aber der Prinz beharrte bei seiner Meinung. »Wenn du haben willst, daß es dir sichtbar werde, ohne daß du dann je zweifeln könntest, wessen Tochter du bist, so verlange von deinem vermeintlichen Vater einen Spiegel. Das Spiegelbild wird dir dann sagen, daß niemals er es sein kann, dem du dein Leben verdankst. Könnte ich zu dir hinauf, so würde dein Bild in meinen Augen dir sagen, daß auch du ein menschliches Wesen bist wie ich!« »Auch ich wünsche nichts sehnlicher. Aber wir müssen uns jetzt bescheiden, denn nun ist die Zeit, wo Sîmurg bald kommen muß. Versteck dich in einem Winkel. Gib acht, daß er dich nicht sieht, sonst würde er dich vernichten wollen.« Das junge Mädchen warf dem Prinzen ihr ganzes Naschwerk zu. Er sammelte es und suchte als Versteck die Haut eines getöteten Pferdes auf. Als Sîmurg kam, fand er seinen Schützling in sehr verdrießlicher Laune. »Warum bist du so niedergeschlagen?« »Ach, ich langweile mich in dieser Abgeschiedenheit. Willst du mir eine Freude bereiten, so verschaff mir einen Spiegel. Wenn ich mich erst darin betrachten kann, so weiß ich mir die Langeweile zu vertreiben.« Sîmurg flog davon, einen Spiegel zu beschaffen. Er kam bald zurück und überreichte ihr einen kostbaren Spiegel. Als sie ihr Bild darin erblickte, sah sie, wie recht ihr junger Freund hatte. Denn kein Teil ihres Körpers wies eine Ähnlichkeit mit Sîmurg auf. Als sie lachte, freute sich ihr Nährvater. »Wie schön, nun bist du wieder so heiter wie vorher!« Nach diesem Tag, der ihr ihr eigenes und das Bild des Prinzen sehen ließ, fand die Prinzessin nicht mehr den ruhigen Schlaf von ehedem. Als die ersten Strahlen der Morgensonne kamen, verabschiedete sich der Vogel und flog dem Aufgang des Lichtes entgegen. Das junge Mädchen blickte ihm ungeduldig nach. Endlich durfte der Prinz sein Versteck verlassen. Gleich rief sie ihn an. »Sieh, ich habe einen Spiegel!« »Nun, und was hast du darin gesehen?« »Ich konnte mich von der Wahrheit deiner Worte überzeugen. Mein Körper ist nicht anders als der deine. Wenn wir uns nur mehr aus der Nähe unterhalten könnten! Sinn' dir doch ein Mittel aus, um solches bewirken zu können!« »Wenn Sîmurg kommt, so bitte ihn, daß er dich tagsüber am Fuße des Baumes verweilen lasse und dich erst wieder bei Anbruch der Nacht in das Geäst bringe. Wünsche dies unter dem Vorwand, daß du dich in dieser Höhe sehr langweilst, daß du unten das Meer mit Muße betrachten könntest, und daß dies zur Erholung deines Herzens notwendig sei!« Als der Vogel zurückkam, fand er das Mädchen in düsterer und ganz niedergeschlagener Stimmung. Er ließ sich auf einen Zweig neben ihr nieder und fragte sie: »Warum so kummervoll, mein Schützling?« »Ich bin verzweifelt, daß ich den ganzen Tag über, an dem du dich ergehen darfst, so allein bleiben muß.« »Sag mir nur, was du wünschest, und ich werde es dir erfüllen!« »Setz' mich jeden Tag am Fuße des Baumes ab, damit ich unten bleiben kann, bis du wiederkommst.« Als der Tag aufging, setzte Sîmurg das Mädchen am Fuße des Baumes ab und flog wie gewöhnlich davon. Der Prinz hatte von seinem Versteck aus den Vorgang beobachtet, und kaum war Sîmurg verschwunden, als er auch gleich zum Baum eilte, um dort seine Herzensfreundin endlich aus der Nähe begrüßen zu können. Sie verbrachten die Zeit wie sorglose Götter, einer an des anderen Hals, dem Kusse hingegeben. Die Lippen des jungen Mädchens begannen das Studium über die Ähnlichkeit unter Menschen und nichts blieb übrig, – das nicht Verständnis gefunden hätte ... Manchmal aßen sie Früchte, die aus dem Vorrat der Prinzessin stammten. Als Sîmurg zurückkam, war der Prinz schon in seinem sicheren Versteck. Der Vogel freute sich über die zufriedene Miene seiner Pflegetochter; er umarmte sie väterlich und trug sie zurück auf den Gipfel des Baumes. Am Morgen des nächsten Tages setzte der Vogel die Prinzessin wieder getreulich am Fuße des Baumes ab. »Oh, könnte ich nicht stets unten wohnen, es war so schön, als ich gestern lustwandeln durfte. Könntest du mir nicht eine Wohnstätte bauen, die hier unten liegt? Denn nun fehlt mir hier alle Bequemlichkeit.« »Gedulde dich, bis ich einen Ort in der Nähe des Meeres gefunden habe, von dem ich annehmen kann, daß er dir gefallen wird. Ich werde dich dann sogleich hintragen.« Sîmurg kreiste über der Gegend, blickte nach allen Richtungen, konnte aber keinen besseren Platz finden als den, wo sich der junge Prinz versteckt hielt. Dort baute er eine bequeme Unterkunft, vor Wind und Wetter geschützt und auch so dicht im Gefüge, daß die heißen Sonnenstrahlen nicht durchdringen konnten. Der Vogel, der bei dieser Gelegenheit ein Pferd treiben sah, fing es ein und brachte es dem jungen Mädchen als Spielkameraden. »Mein Kind, das Tier, das ich dir da bringe, heißt Tier des Meeres , unterhalte dich mit ihm, es ist gutmütig und wird dir nichts tun.« Die Prinzessin, die noch nie ein Pferd gesehen hatte, betrachtete es mit großer Neugierde. Wie immer verabschiedete sich Sîmurg und flog davon. Die beiden Liebenden waren nun ganz ungestört. Um die Freuden der Liebe auszukosten, lag ein ganzer Tag vor ihnen. Erst als Sîmurg zurückkam, mußte sich der Prinz in die Haut seines toten Pferdes passen. Der besorgte Vogel fand das Mädchen eingeschlafen und es schien ihm auch gar nicht verwunderlich, sie so ermüdet vorzufinden. Er nahm sie auf und legte sie wieder an ihre alte Stelle im Gipfel des Baumes. Als sie erwachte, fragte er sie: »Nun mein Kind, hast du heute genug Zerstreuung gefunden?« »O mein Behüter, dieser Tag war der schönste, den ich erleben durfte. An keinem Tage empfing ich so viel Freude und wußte mich selbst so zu vergnügen. Ach, es war sehr unterhaltend, dem Pferdchen zuzusehen!« »Nun gut,« antwortete Sîmurg, »auch morgen werde ich dich in die Behausung bringen, damit du nicht wieder in die Betrübnis der Einsamkeit verfällst!« Vom Morgen bis zum Abend blieben die beiden Liebenden in der kleinen Behausung, in der es still war und nur hie und da ein geflüstertes Wort aufflatterte. Eines Tages hatte der Prinz wieder einen neuen Wunsch, den die Prinzessin ihrem Schutzherrn vorbringen sollte. »Oben, im Gipfel des Baumes, bist du stets allein. Überrede ihn doch, die Behausung nach oben zu bringen, damit wir auch die ganze Nacht beisammen sein können.« Um diesen Wunsch verständlich zu machen, jagte der Prinz das Pferd in das Meer. Als Sîmurg wieder zurückkam, brachte sie ihren neuen Wunsch vor. »O Herr der Vögel, bring doch meine Behausung auf den Gipfel dieses Baumes.« Und weinend fuhr sie fort: »Ein wildes Tier hat mir das Pferd zerrissen, das ich so liebgewonnen hatte. Bring mir doch seine Haut, damit ich ein Andenken von ihm habe.« Der Vogel, beflissen, keinen der unschuldigen Wünsche unerfüllt zu lassen, packte das Fell auf und brachte es mit der Behausung auf den Gipfel des Baumes. Als der Vogel wieder ausgeflogen war, gingen die beiden an die Einrichtung. Die Schlafstätte der Prinzessin wurde in die Behausung gebracht und die Ausstattung, die bis nun nicht beachtet worden war, wurde ausgebreitet. Da gab es Polster und Decken in bunten Farben und reich mit Gold bestickt. Man versuchte und fand bald die Einteilung, wie das Vorgefundene am besten zu verwenden sei. Die Enge des Raumes, der doch nur von einem Wesen bewohnt gelten sollte, konnte tagsüber die Liegestatt der beiden bequem bergen, und nachtsüber mußte diese sogar als Versteck für beide genügen. Auf diese Weise hatte die Liebe der beiden jedenfalls eine Tagundnachtgleiche erreicht. Als Sîmurg wie gewöhnlich erschien, hatte die Prinzessin ihren Gast unter Decken gut verborgen. »Nun, mein Augapfel, wie ist dir der Tag vergangen?« »Ich bin so glücklich, den Gipfel meines Baumes zu sehen, daß ich nicht mehr herabsteigen will.« Der Pflegevater hatte viele süße Früchte mitgebracht, von denen die Prinzessin einen guten Rest aufbewahrte. Als die Nacht genügend dunkel wurde, hob die Prinzessin die Decken und schlüpfte zu ihrem Geliebten. Am nächsten Tage fragte Sîmurg die Prinzessin mit einigem Erstaunen: »Warum bleibst du jetzt Tag und Nacht in dem Nestchen? Früher schliefst du doch immer unter dem Schutz meines Flügels?« »O Sîmurg, du hast mich bis nun so verwöhnt, daß ich dich nicht mit dieser Unbequemlichkeit belästigen will. Und weißt du, dadurch, daß ich tagsüber immer in meiner kleinen Behausung bin, ist es so warm, daß es bis in die Nacht vorhält!« Ein Jahr lang dauerte nun schon das sorglose Leben dieses liebenden Paares. Bald kam aber doch die Sorge und das Überlegen: wie dem Vogel die Geburt und das Dasein eines Kindes verbergen? Der Prinz sagte sich: das Geschrei des neugebornen Kindes wird seine Gegenwart verraten. Nach dieser Entdeckung wird der Vogel nicht zögern, Mutter und Kind zu töten. Er wandte sich an seine junge Frau: »Wenn Sîmurg zurückkommt, so bitte ihn um ein Betäubungsmittel, nur so können wir ein Unglück verhüten.« Als Sîmurg zurückkam, sprach sie ihn gleich an: »O Herr der Vögel, bitte, gib mir ein Schlafmittel. Du bist erstaunt? Alle meine Bemühungen versagen. Ich kann kein Auge schließen, um einzuschlafen.« Sîmurg willfahrte ihrem Wunsch und brachte ihr ein Schlafmittel. Alsbald gebar die Prinzessin einen sehr schönen Knaben. Sie hüllte ihn sorgfältig in abgetrennte Teile einer Decke und stillte ihn selbst. In dieser völligen Einsamkeit lebten nun drei Menschen. Nur die Prinzessin allein war für den Vogel sichtbar, von den beiden anderen Wesen, und wie alles zusammenhing, das sollte erst auf eine besondere Weise Aufklärung finden. Als wieder ein Jahr vergangen war, sandte Gott zu Gabriel, um von Salomon Rechenschaft zu fordern. »Salomon, frage doch Sîmurg, ob er das Quazà o quador durchkreuzen konnte, das göttliche Gesetz der Bestimmung.« Am selben Tage glaubte auch Sîmurg seiner Sache sicher zu sein und mit triumphierender Haltung warf er sich in die Brust. »Ja, ich habe die Bestimmung des göttlichen Gesetzes durchkreuzt. Vernimm, o Prophet Salomon, daß die Quazà o quador nur ein eitles Wort ist, und daß mein Gedanke siegte!« »Nun gut,« sagte Salomon, »bringe das junge Mädchen in seinem Nest hierher.« Sîmurg erhob sich siegesgewiß in die Lüfte und flog an die Stelle, wo er das Mädchen aufbewahrt hatte. Salomon versammelte indessen um sich seine ihm untergebenen Geister, außerdem die Vögel und Vierfüßler. Als Sîmurg erschien, fragte er ihn: »Nun, hast du – ja oder nein – dem Sinn einer göttlichen Bestimmung trotzen können? Du weißt, sie besagte die Vereinigung des Königssohnes des Occidents mit der Königstochter des Orients. Sprich und weise vor, denn der Zeitraum, der dir zugebilligt wurde, ist verflossen!« »Du weißt von dem Raub der Königstochter des Orients, weißt, daß ich es getan habe, um das Mädchen, auf dem Gipfel des hohen Berges, abgeschlossen von aller Welt aufzuziehen. Nie hat sie ein menschliches Wesen gesehen!« Als man aber die Decke von dem Nest aufhob,, da sah man, zum großen Erstaunen aller Anwesenden, zwei junge schöne Menschen, eine Frau und einen Mann, und auf dem Schoße der Frau ihr Kind, welches sich nun erhob, um den König Salomon zu begrüßen. »O seht! Auf diese Weise glaubtest du den Sinn des göttlichen Gesetzes vernichtet, daß nun dieser junge Prinz zwei Jahre mit der Prinzessin leben konnte, ja, daß sie ein Kind bekamen, ohne daß du je etwas von diesem Abenteuer erfahren hast! Ich sehe in diesem Vorfall das Walten der göttlichen Weisheit, welche dein Unterfangen auf diese Weise bestrafte und uns ein Beispiel ihrer Größe gab.« Die Vergeltung In Persien gab es einen Vornehmen, der viel Geld und ein großes Gut besaß. Bei ihm übernachtete einmal ein Kaufmann, der aus der Fremde kam. Für den Abend ließ der Vornehme ein prächtiges Essen auftragen. Sie setzten sich beide an den Tisch und aßen. Als der Kaufmann nach einem dunklen Winkel des Raumes blickte, bemerkte er dort eine wunderschöne Frau, die mit einem Hund aus einer Schüssel aß. Als der Kaufmann dies sah, war er sehr erstaunt und befragte seinen Gastgeber: »Was hat das zu bedeuten?« Da wurde der Vornehme sehr traurig und meinte, er werde kaum die Worte finden, die ihn darüber aufklären könnten. Aber der Kaufmann bat, und so entschloß sich denn der Vornehme und erzählte: »Die du so erniedrigt hier siehst, war meine Frau. Ich liebte sie mehr als mein Leben; all mein Geld und Gut stand ihr zur Verfügung. Ich besaß einen Negersklaven, mit dem sie mich betrog. Um nun ganz nach ihrem Wunsch leben zu können, ungehindert, beschlossen sie, mich beiseitezuschaffen. Eines Tages sprach sie mich an: »Du bist so traurig und ich möchte mit dir allein sein. Nur mit dir!« Sie führte mich an einen einsamen Ort, wo sie ein Zelt hatte aufschlagen lassen. Plötzlich sprang aus dem Busch der Neger und dies war auch für meine Frau das Zeichen, nun mit ihm gemeinsam über mich herzufallen. Sie versuchten, mich zu ermorden. Da sprang dieses mein Hündchen, das mir wohl nachgefolgt war, von hinten auf den Schwarzen und verbiß sich in seine Waden. Dadurch bekam ich freie Hand und griff nach meiner Frau. Da sie mir entschlüpfte, erschlug ich den Sklaven. Als ich über sie Gericht halten wollte, fiel sie mir zu Füßen und erfaßte flehend meine Hand. Ich wollte nicht Vollzieher einer Tat sein, die zu tun nur Gott allein zustand. Zur Vergeltung ihrer Treulosigkeit muß sie nun mit diesem Hündchen essen, das mir damals zu Hilfe kam.« Der Traum des Pagen Ein König hatte eine Tochter von ganz seltener Schönheit. Die Langweile des Dahinlebens war so unerträglich, daß sich das arme Kind in einen Pagen ihres Vaters verliebte. Diese Liebe in ihr wurde nun so eigensinnig, daß sie stets seufzen mußte, daß sie weder aß, noch trank, noch schlief. Das nahm sie so her, daß sie für eine Prinzessin zu blaß wurde. Die Amme wurde bei diesem Verhalten ihres Zöglings ungeduldig und fragte sie endlich geradezu: »Was ist mit dir geschehen? Bist du krank oder hast du einen Kummer? Sei offen zu mir, denn ich bin die einzige, die dir helfen kann.« Da gestand sie ihre Liebe zu dem Pagen. Die Amme mußte lachen, sie streichelte zärtlich das kleine eingeschüchterte Mädchen, das es nicht gewagt hatte, ihre Liebe zu gestehen. »Mein Gott, wenn es nichts weiter ist! Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Du hättest dir viel Schmerz erspart und wärst früher zu manchen Freuden gekommen!« Im Nu hatte die Amme ein Zimmer der Prinzessin in ein Liebesnest verwandelt. Zur Mittagszeit ging die Amme in das Haus des Pagen. Als sie kam, lag er gerade auf einem Sofa und schlief. Diesen Augenblick benützte nun die Amme und hielt ihm ein betäubendes Mittel unter die Nase. Dann trug sie den Bewußtlosen über geheime Gänge zu dem Gemach der Prinzessin. Dort legte sie ihn auf ein Polster nieder, brachte etwas scharfen Essig herbei und hielt ihm das unter die Nase. Der Page mußte nießen, und als er sich dabei aufrecht setzte, bemerkte er sich auf seidenen Polstern und Tüchern gelagert, war aber noch mehr erstaunt, als er neben sich ein Wesen sah, das seiner Prinzessin aufs Haar glich. Um nun ganz an ein wunderbares Ereignis glauben zu können, verliebte er sich in das junge Mädchen. Noch völlig benommen, sprach er: »Bin ich vielleicht gestorben und inmitten des Paradieses?« »Genieße die Frucht und frage nicht nach dem Garten!« Er zögerte noch, aber die Liebkosungen waren so zärtlich und nahmen bald so zu, daß er in ihnen wie in einem Meer versank. So ging es die Nacht bis zum Morgen. Erst der Schlaf, so friedlich eines neben dem anderen, gab das Bild völliger Unschuld. Die tatkräftige Amme ließ sich aber von dem Bild nicht rühren, sie hielt das betäubende Mittel neuerlich unter die Nase des Pagen und trug ihn über geheime Gänge wieder dorthin, wo sie ihn gefunden hatte. Alsbald erwachte der Page und sah, daß er auf seinem eigenen Kissen lag und weder in der Kemenate war, noch die Prinzessin vor sich hatte. Er rieb sich die Augen und sprach: »Ach, ich habe wohl geträumt!« Nur die Prinzessin war sicher, daß sie – nicht geträumt hatte, denn ihr Unbehagen war einem süßen Kräftegefühl ihres Körpers gewichen. Die unbesiegbare Prinzessin Es lebte einmal, so erzählt man, eine Prinzessin von wundervoller Schönheit und solcher Geschicklichkeit zu Pferde und in der Führung der Waffen, daß kein Mann ihrer Zeit mit ihr darin verglichen werden konnte. Viele Fürsten hatten schon um sie geworben und bekamen immer zur Antwort, daß sie sich im Felde ihr zum Kampfe stellen müßten. Denn solches war ihr Wille: »Der wird mein Gemahl sein, der mich im Zweikampf besiegt. Besiege aber ich ihn, so nehme ich ihm Waffen, Pferde und Rüstung und lasse ihm meinen Namen mit einem glühenden Eisen in die Stirne brennen.« Diese harten Bedingungen hielten manche doch nicht zurück, die von weither kamen, aber die Prinzessin besiegte sie alle, nahm ihnen die Waffen und zeichnete sie selber mit dem Eisen auf die rauchende Stirne. Da hörte der Sohn des persischen Königs von ihr und schickte sich an, die weite Reise zu machen und nahm große Reichtümer mit. Er kam in die Stadt, in der der Vater der Prinzessin regierte, brachte seine Schätze an einen sicheren Ort und stellte sich am nächsten Tage dem Könige mit kostbaren Geschenken vor. Der empfing ihn sehr gütig und versicherte ihm, wie glücklich er wäre, wenn er siegte. Daraufhin bereitete sich der Prinz zum Kampfe gegen die schöne Prinzessin und bat um die Angabe der Stunde. Die Prinzessin war einverstanden und bestimmte die Zeit. Sofort verbreitete sich die Kunde durch die ganze Stadt und zur festgesetzten Zeit war eine große Menge dort versammelt, wo der Kampf vor sich gehen sollte. Die Prinzessin erschien vom Kopf bis zu den Füßen gewappnet und trug einen Gürtel und eine Maske. Gleich darauf erschien der Prinz in einer schönen Rüstung. Sie grüßten einander auf kriegerische Weise und begannen den Kampf. Er dauerte lange und war heftig. Kraft und Geschick taten ihr Werk, und die Prinzessin erkannte bald, daß sie den Vorsichtigsten der Vorsichtigen zum Gegner hatte, denn noch nie hatte sie eine solche Ausdauer gefunden. Der Prinz war ihr wirklich überlegen und sie befürchtete ihre Niederlage. Da nahm sie ihre Zuflucht zur Schlauheit und tat ihre Maske vom Gesicht. Sobald der Prinz ihr wundervolles Antlitz sah, war er von dessen Reizen so geblendet, daß er seiner Kraft vergaß und nicht mehr an den Kampf dachte. Die Prinzessin bemerkte den Eindruck, den sie auf den Prinzen machte, nutzte den Augenblick, rannte ihn mit dem Speer an und hob ihn aus dem Sattel. Und wie der Blitz stellte sie ihm ihren Fuß auf die Brust. Der Prinz aber hörte nicht auf, sie zu bewundern und achtete gar nicht auf das, was ihm geschah. Die Prinzessin nahm ihm Pferd und Waffen und Rüstung, aber ihm das Zeichen auf die Stirn zu brennen, dazu konnte sie sich nicht entschließen. Sie hieß ihn einfach das Kampffeld verlassen. Da erst kamen ihm seine Sinne wieder und er erkannte, was er verloren hatte. Vor Kummer konnte er weder essen noch trinken, so sehr war ihm die Liebe zur Prinzessin ins Herz gedrungen. Er verabschiedete sein Gefolge und schrieb seinem Vater, daß er nicht eher heimkehren wolle, er hätte denn sein Ziel erreicht. Und wenn er es nicht erreichen sollte, so sei er entschlossen zu sterben. Dieser Brief machte den Vater ganz verzweifelt und er nahm sich vor, seinem Sohn zu Hilfe zu kommen, ein Heer auszurüsten, um die Prinzessin zu entführen. Seine Berater rieten ihm davon ab, und so übergab er Gott das Schicksal seines Sohnes. Der Prinz aber dachte sich einen Plan aus. Er legte Bauernkleider an, stellte sich dann dem Obergärtner der Königin vor und sagte, er wäre ein vorzüglicher Gärtner, der sich besonders auf Rosen und Tulpen verstünde. Der Obergärtner nahm ihn in Dienst und bald hatte der Prinz erfahren, daß die Prinzessin oft des Abends mit den Frauen ihres Gefolges die Kühle ihrer Gärten aufsuchte. Der Prinz verstand wirklich viel von der Gartenkunst, und da er so geschickt war, gewann er das Vertrauen seines Vorgesetzten, der ihm hundert Sklaven unterstellte, die dem neuen Gärtner vollen Gehorsam zu leisten hatten. Ein paar Tage darauf kam eine Menge Sklavinnen in den Garten, die Teppiche und kostbare Gefäße trugen. Als der Prinz sie nach der Ursache aller ihrer Vorbereitungen fragte, erfuhr er, daß am Abend die Prinzessin in den Garten kommen würde, um sich zu zerstreuen. Sofort eilte der Prinz an den Ort, wo er seine Schätze und Kostbarkeiten vergraben hatte, brachte einige Kassetten mit herrlichen Steinen und befahl seinen Sklaven, sich zurückzuziehen. Er selber versteckte sich in einer Laube. Bald darauf erschien die Prinzessin inmitten ihres Gefolges wie der Mond unter den Sternen. Erst liefen die Frauen lachend und scherzend durch den Garten und kamen so an die Stelle, wo sich der Prinz versteckt hielt. Er hatte alle seine edlen Steine ausgebreitet und saß bescheiden daneben. Die Frauen fragten ihn erstaunt, was er da täte. Er antwortete, daß er ein Gärtner des Palastes wäre und daß er beim Graben diesen Schatz entdeckt habe. Darauf trat die Prinzessin, die ihn in der gewöhnlichen Kleidung nicht erkannte, näher und bewunderte verständnisvoll die Steine. Sie fragte ihn, was er denn könne, und er erwiderte, daß er stark und geschickt im Zweikampf wäre, und wenn eine der Damen mit ihm kämpfen wolle, so gebe er den Schatz um einen Kuß. Die Prinzessin, die gerne scherzte, lachte laut und bezeichnete eine der weniger schönen unter ihren Begleiterinnen und sagte: »Ich gebe dir diese da als Gegnerin.« Die Prinzessin hatte alle ihre Frauen zum Zweikampf abgerichtet. Nachdem nun die beiden Gegner die hinderlichsten Kleidungsstücke abgelegt hatten, kämpften sie miteinander und der Prinz bezwang die Dame und gab ihr sofort einen Kuß auf die Wange. Die Besiegte stand beschämt und seufzend auf und sagte ihren Freundinnen Dinge ins Ohr, daß diese erröteten und lachen mußten. Darauf bezeichnete die Prinzessin eine andere Schöne und sagte zu dem falschen Gärtner: »Kämpfe nun mit dieser.« »Gerne, gnädige Frau,« entgegnete er, »aber diesmal muß der Einsatz ein Kuß auf den Mund sein.« Die Dame willigte ein, wurde besiegt und bekam den Kuß, der so lange dauerte, daß die Prinzessin ihm Einhalt befehlen mußte. Mit zitternden Lippen und bebendem Busen trat die Besiegte zu ihren Gefährtinnen, und der Gärtner war nicht minder erregt als sie. Da befahl die Prinzessin einer dritten, noch schöneren Dame, sich zum Kampf zu bereiten. Diesmal war die Bedingung ein Kuß auf den Busen. Wiederum siegte der Prinz. Und er konnte sich vor Erregung nicht mehr beherrschen und riß sich alle Kleider vom Leibe, die ihn hinderten, als sich nun die Prinzessin selber zum Kampfe stellte. »Und was ist der Einsatz?« fragte der Prinz. »Mein Leben gegen das deine!« schrie die Prinzessin auf. Nach einem harten Kampf ließ der Prinz die Prinzessin nach rückwärts gleiten und fiel auf sie nieder und drückte seinen Mund auf den ihren. Nun hatte die Prinzessin ihren Gegner aus dem Turnier erkannt und, ohne sich auch nur leise zu wehren, empfing sie die brennende Liebe ihres Besiegers, in derselben Stellung, in die sie hingestürzt waren. Als sie sich zitternd vor Scham, Liebe und Freude erhoben hatte, sprach sie zum Prinzen: »Ich will meine Niederlage nicht öffentlich bekennen. Du hast gesiegt und ich gehöre dir. Entführe mich noch heute Nacht zu dir, denn ich liebe dich.« Der Prinz warf sich vor ihr nieder und küßte ihre Füße. In derselben Nacht bestiegen sie schnelle Pferde und eilten nach Persien, wo sie glücklich ankamen. Dem Vater der Prinzessin sandten sie sofort Nachricht und luden ihn zur Hochzeit, welche die beiden zu einem glücklichen Paar vereinte. Das Weib auf dem Elefanten Einstmals sah ein Mann von ungefähr in der Einöde einen Elefanten mit einer Sänfte auf dem Rücken. Voller Angst kletterte er auf einen Baum. Der Zufall wollte es aber, daß der Elefant unter denselben Baum kam, die Sänfte von seinem Rücken schüttelte und dann weitertrabte, um zu grasen. Plötzlich entdeckte der Mann ein schönes Weib in der Sänfte, stieg eilends vom Baum herunter und war festen Sinnes, sie in Liebe zu umarmen. Da er aber auch ihr wohlgefällig war, fing sie solche Worte mit ihm zu reden an, die auf dies Ziel hindeuteten. Und beide überließen sich alsbald süßen Tändeleien. Als sie zu Ende gekommen waren, zog die Frau einen Strick aus ihrem Gewande, der war voller Knoten, denen sie nun noch einen hinzufügte. Der Mann begehrte zu wissen, was das für ein Strick sei und wie es zugehe, daß er so viele Knoten habe und um welches Zweckes willen sie all diesen noch einen neuen Knoten hinzufüge? Sprach das Weib aber: »Mein Gatte ist ein Zauberer, der sich in einen Elefanten verwandelt hat, und läuft mit mir auf dem Rücken durch Einöden und Wüsten, um sich vor meinen Listen zu behüten. Und trotzdem er mich also scharf bewacht, hatte ich bislang doch schon hundert Männer in Liebe umfangen, deren Andenken ich mir dadurch bewahre, daß ich Knoten in diesen Strick knüpfe. Und heute ist um dieser Liebkosung willen die Zahl der Knoten bis auf hundertundeinen angewachsen!« Der Papagei In Persien hatte ein Kaufmann eine sehr schöne Frau, die ihren Gatten mit einem jungen Manne betrog. Der Kaufmann besaß einen Papagei, den er sehr liebte, weil er die menschliche Sprache verstand und er oft mit ihm die Zeit lustig verplaudern konnte. Eines Tages hielt ihn sein Geschäft die ganze Nacht vom Hause fern. Diese Gelegenheit benutzte die Kaufmannsfrau, um ihren Geliebten zu sich zu bestellen. Dieser ließ es sich im ehelichen Bette gar wohl sein, und die Zärtlichkeiten der Liebenden hatten sich noch nicht erschöpft, als die ersten Vogelstimmen den Anbruch des Morgens verkündeten. Zur rechten Zeit verabschiedete sich der junge Mann. Der Kaufmann kehrte mit heiterem Gemüt zurück, denn er hatte sein Geschäft gut erledigt. Da sprach ihn der Papagei an: »Die vergangene Nacht war in deinem Ehebette ein anderer Mann, der aber dasselbe tat, was du sonst mit deiner Frau zu tun pflegst!« Als der Kaufmann dies von dem Papagei hörte, wurde er sehr aufgebracht und schalt mit seiner Frau. Sie aber erhob ein Klage- und Wehgeschrei und beteuerte: »Gott bewahre! Der Papagei ist ein Verleumder, er lügt!« Mit tausend Ränken und Kniffen verstand sie es, den Kaufmann von ihrer Unschuld zu überzeugen. Der Papagei wurde von ihr als grober Lügner hingestellt, sich selbst aber pries sie als wahrhaft und treu. Nun hielt wieder einmal ein Geschäft den Gatten vom Hause ab. Die Frau ließ sogleich ihren Geliebten kommen und sie wiederholten die Liebesspiele, die ihnen schon einmal soviel Vergnügen bereitet hatten. Die Ehebrecherin fand Gelegenheit, ihrem Geliebten von dem Verrat des Papageis zu berichten. Dieser entsetzte sich bei dem Gedanken, daß sie nun beide der öffentlichen Schande preisgegeben werden könnten. Sie aber beruhigte ihn: »Meine List wird doch mit einem Papagei fertig werden, wenn er auch noch so gut zu reden versteht.« Alsdann ließ sie ihre Sklavinnen ein Haarsieb, einen irdenen Topf, ein wenig Wasser und eine Ochsenhaut herbeibringen. Die Haut legte sie über den Bauer des Papageis, auf welche die eine Sklavin von Zeit zu Zeit mit einem Stock einschlug, während eine andere in dem irdenen Topfe eine Flamme anfachte, den Bauer öffnete, die Flamme leuchten und aufflackern ließ und bald darauf den Bauer wieder schloß. Eine Dritte endlich mußte durch das Haarsieb den Papagei mit Wasser besprengen. Nachdem der arme Vogel auf diese Weise bearbeitet worden war, ließ sich die Frau weiter nicht mehr abhalten, die Zeit bis zum Morgen noch redlich auszunützen. Zur rechten Zeit ging der junge Mann fort, und der Gatte kehrte wieder nach Hause zurück. Der Papagei erstattete abermals Bericht und sagte: »Auch diese vergangene Nacht hat deine Gattin bis zum Morgen den jungen Mann bei sich liegen gehabt. Aber ich konnte die beiden nicht beobachten, weil es geregnet, geblitzt und gedonnert hatte und ich meinen Kopf bei diesem Unwetter unter meinen Flügeln stecken lassen mußte.« Triumphierend wandte sich die Gattin an ihren Mann: »Nun glaubst du mir doch, daß der Papagei lügt. Heute Nacht haben die Sterne geleuchtet, es hat weder geregnet, noch geblitzt, noch gedonnert.« Der Kaufmann mußte ihr Recht geben. »Siehst du nun ein, daß dein Papagei sich Lügen erfindet?« Durch diese List gelang es der verschmitzten Kaufmannsfrau, ihren Gatten von ihrer gänzlichen Unschuld zu überzeugen. Der Vogel kränkte sich sehr, daß er das Vertrauen seines Herrn verloren hatte. Er mußte fortan sehen und hören, wie der Kaufmann betrogen wurde, und schwieg dazu, weil er einsehen mußte, daß gegen die List einer Frau nicht aufzukommen ist. Die Feuerprobe Sudabeh saß tief verschleiert auf der Höhe ihres Thrones. Um sie standen an die hundert Mädchen verschiedenen Alters, angefangen vom Kind bis zur reifen Jungfrau. Der Duft der Jugend, Anmut und Lieblichkeit erfüllte den weiten Saal mit dem Atem des Paradieses. Gleich an der Pforte verneigte sich Sijawusch vor seiner Königin. Auf einen Wink Sudabehs stiegen die Töne eines Lautenspieles auf, und ein Reigen führte die Schönen an Sijawusch vorüber. Mit Segenswünschen wurde er begrüßt und hundert Herzen schlugen rascher bei dem Anblick des schönen Fürsten. Als sich hinter dem letzten Mädchen der Vorhang schloß, sprang Sudabeh jäh vom Throne auf und warf sich Sijawusch in die Arme. »Oh, keiner von diesen galt deine Lust!« rief sie zitternd vor Erregung und ließ die Schleier von ihrem Antlitz fallen. »Was sollen dir die Sterne, wenn dir der goldene Mond lacht! Schwöre mir zu, daß ich, sobald dein Vater gestorben ist, die erste im Frauenhaus bleiben soll, dann will ich dir den Himmel erschließen.« Sijawusch glühte unter den begehrenden Küssen dieser schönen Frau. »O schweige, schweige – du sollst geliebt und geehrt werden, aber als meine Mutter! Gib mir deine junge Tochter zur Braut. Ich will ihr die Treue halten, bis sie zum Weibe herangereift ist!« »Sijawusch!« – wie die Androhung eines Fluches rief diesen Namen Sudabeh. Zitternd wandte sich der Angerufene ab und verließ, fast flüchtend, das Frauenhaus. Sudabeh sank in die Knie und eine Ohnmacht ließ sie niederfallen. Als Kawus ins Frauenhaus kam, empfing Sudabeh ihren Gatten mit stolzer Würde. »Dein edler Sohn ließ alle an sich vorbeigehen. Nur meinem Töchterlein hat sich sein Herz erschlossen und er will warten, bis sie zum Weibe herangereift ist.« Diese Nachricht erfreute den Schah, er ließ reiche Schätze im Frauenhaus abladen, damit seine Gattin Sudabeh die Tochter würdig beschenken könne, wenn diese Sijawusch heirate. Kaum hatte sich Kawus von der Königin verabschiedet, so ward auch gleich von dieser Hirbad zu Sijawusch gesandt. Sie ließ den Prinzen im Namen des Herrschers nach dem Frauenhaus rufen. Sijawusch kam und wurde von dem Kämmerer in ein hell erleuchtetes Gemach geführt. Bis an die Decke lagen da Kostbarkeiten gehäuft, Gold, Edelgestein, Perlen, Geschmeide. Wie geblendet stand Sijawusch vor dem Schatz. Da öffnete sich lautlos ein Vorhang, und als Sijawusch aufblickte, stand Sudabeh in Atemnähe neben ihm. »Sijawusch,« sprach sie ihm ganz leise ins Ohr, »der Schatz gehört dir, aber noch mehr, oh, vieles, vieles mehr – wenn du dich mir gibst, wie ich mich dir geben will!« Schaudernd beugte sich Sijawusch zurück. Sie aber folgte dieser Bewegung nach. »Sprich doch, sprich doch, weiche mir nicht aus.« Und nun flehte sie, ganz ihrer Glut verfallen. »Erbarme dich meiner jungen Liebe zu dir. Oh, ich kann es dir nicht verbergen. Nimm mich, hilf mir!« Sijawusch bedeckte sein Antlitz mit den Händen und floh aus dem Gemach. Totenbleich sank Sudabeh neben dem Schatz zu Boden. Und als sie erwachte, gab sie sich der Wollust des Schmerzes hin, zerfetzte ihre Kleider, und in die nun aufschimmernden Blößen schlug sie besinnungslos mit ihren Nägeln. Da huschte Hirbad herein. »Der König kommt!« flüsterte er und verschwand, dem Schatz ausweichend, hinter einem anderen Vorhang. Sudabeh richtete sich auf. »Rache!« sprach sie, und, ganz ihre Haltung gewinnend, rief sie: »Wohin du auch fliehst, du fliehst in dein Verderben, Sijawusch!« Als Kai Kawus das Gemach betrat, wankte die Königin ihm entgegen und klagte an: »Sieh mich an, dies, dies hat dein stolzer Sohn an mir getan. Die blutige Spur, die über meine Brüste läuft, die riß dein Sohn, als er gierig nach mir griff. Dies Kleid riß er in Fetzen, um meinen nackten Körper fühlen zu können. Mein Diadem fiel zu Boden. Er tat dies, er, der alle Mädchen an sich vorbeigehen ließ, weil er in seinem Wahnwitz die Mutter begehrt, mich! Oh, ich bin entehrt – räche mich, du, mein Gemahl und Herr!« Gefaßt stand Kawus, er konnte, trotz dieser anklagenden Worte, den Mut seines adeligen Sohnes nicht vergessen, und er gebot sich Vorsicht. Die Listen der Frauen sind tückisch. Er ließ Sijawusch rufen. »Gestehe!« sprach er ernst den Eintretenden an, »du hast Sudabeh überfallen, doch liegt die Schuld an mir – ich sandte dich ins Frauenhaus.« »Du irrst! Ich ließ die Königin unberührt.« »Er lügt! Als ich ihm den Brautschatz zeigte, da riß er mich in seine starken Arme, immer kräftiger schlang er sie um mich, ich meinte zu ersticken. So, in meiner hilflosen Haltung, überfiel er mich mit Küssen. Und je mehr ich mich wehrte, desto heftiger wurde er, zerrte an meinem Kleide und wühlte mit bösen Fingern in meinem Haar.« »Genug!« rief der König. »Reich mir deine Hand, Sijawusch! Sie duftet nicht nach Amber und nach Rosen. Du hast gelogen, Sudabeh!« Der König schritt mit seinem Sohne an der Hand bis an die Pforte. »Bleib!« schrie die Königin auf, »wisse, sein Überfall gelang ihm, er hat mich geschändet. Nun wird er mich töten, wie er das Kind getötet hat, das ich von dir, o König, am Herzen trage.« Der König blieb gebannt an der Schwelle stehen. »Räche mich, vernichte den Frevler!« Rasch verließ der König das Frauenhaus und zog den Sohn mit sich. »Verloren! Um Liebe und Rache gebracht von einem kalten Jüngling und einem liebenden Greis. Ich werde sie beide zu betrügen wissen. Der Zauber soll mir seifen. Nicht die guten, nur die bösen Geister.« Vor kurzem war eine Landfahrerin von Sudabeh als Dienerin in den Palast aufgenommen worden. Gerührt von der Geschichte ihres Elends, hatte die Königin die Bettelnde beschenkt. Sie sei aus vornehmem Geschlecht und der Verführung eines Treulosen erlegen. Nun schleppe sie die Schande mit sich, und es seien nur noch Wochen, dann werde diese auch offenbar werden. Sudabeh ging zu der Landfahrerin, nahm sie in ihr Schlafzimmer und verschloß hinter ihr den Eingang. »Schwöre mir zu, daß du ein Geheimnis bewahrst, was immer auch kommen mag. Tust du es, so will ich deinen Ruf behüten und dich auch reich beschenken.« »Oh, wenn du dies imstande bist! Keine Gewalt ist so groß, als daß sie mir das Geheimnis entreißen könnte.« »Du mußt es beschwören! Schwöre!« Als die Klagende dies tat, raffte die Königin Gold und Geschmeide zusammen und ließ es in deren Schürze fallen. Keinen Augenblick zögerte die Königin nun, ihren Plan auszuführen. Die Dienerin bekam von Sudabeh ein giftiges Tränklein und durfte nicht aus dem Schlafgemach. Als der Morgen kam, gebar die Dienerin in dem Bett der Königin zwei tote Wechselbälge. Als die erschöpfte Mutter in ein Nebengemach geführt war, begann die Königin ihr Wehgeschrei. Auf einer silbernen Schüssel lagen schon vorbereitet die beiden Leichen. Die Bewohner des Frauenhauses liefen auf das Geschrei zusammen. »Seht her, das hab' ich zur Welt gebracht!« Das Geschrei der Frauen erscholl im ganzen Umkreis des Palastes. Auch der König vernahm es und eilte in den Frauenpalast. »Blick' her und versuche noch zu zweifeln!« schrie ihm die Königin entgegen. »Sieh', was der Schrecken des Überfalls aus deinen Kindern gemacht hat. Die Teufelsbrut mit den Zeichen der Hölle – hier liegen sie, verendet!« Bei diesen Worten hielt sie die Schüssel, wie vom Ekel geschüttelt, weit von sich, schrie und weinte dabei. Entsetzt wich der König zurück. Sollte er an seinem Sohne zweifeln! Der König eilte in den Palast zurück und gebot die Weisen seines Reiches zu sich. Ihnen bekannte er die Ratlosigkeit seines Herzens, das beiden, seinem edlen Sohne und seiner Gattin, ergeben sei. Wen von beiden müsse er verdammen? Die Priester sammelten sich, ihr Opfer zu besehen; die Magier suchten in den ältesten Büchern; die Sterndeuter forschten am nächtlichen Himmel: alle waren so redlich bemüht, dem König mit göttlichem Rat beizustehen. Nach zwei Wochen kamen die Weisen, um ihr Ergebnis zu künden. Die Sterndeuter sagten aus, daß die toten Kinder weder vom König, noch von seiner Gattin stammen konnten, denn die Gestirne sagten nichts aus von einer Vermehrung des Kajanidengeschlechtes. Die Magier wieder fanden Spuren, die auf einen Gifttrank hinwiesen, die Priester Zeichen, die auf eine Fremde deuteten, welche die Mutter dieser zwei Ausgeburten wäre. Der König handelte nach diesen Weisungen. Das Frauenhaus wurde durchsucht und die Landstreicherin vor den Thron gebracht. Doch, wie man es auch anstellte, ein Geständnis war aus dem Weibe nicht herauszuholen. Auch der glühenden Zange des Henkers widerstand sie. Sudabeh nannte die Weisen Feiglinge, die Sijawusch und seinen unüberwindlichen Beschützer Rustan fürchten. Täglich weinte sie ihrem Gatten vor, die Entehrung und den Schmerz einer geschändeten Mutter, welche zwei tote Kinder gebar. Sie bestand auf strengem Gericht oder – Gottesurteil. Die tückische Schöne wußte, daß die schwere Probe nicht der Kläger, sondern der Angeklagte zu bestehen hat. Das Leiden seines geliebten Weibes machte den König wieder unsicher. Neuerlich wurden die Weisen zum Rat versammelt und um die endgültige Probe befragt. Die Alten nannten die Feuerprobe als einzigen Weg. Sijawusch willigte ein, diesen Weg zu gehen. Vor dem Stadttore wurden zwei mächtige Holzstöße aufgerichtet. Zwischen ihnen wurde nur so viel Platz gelassen, daß ein Reiter hindurch konnte. Am Tage des Gerichts sammelten sich um die Opferstätte die Großen des Reiches und das Volk stand im weiten Bogen um die beider Scheiterhaufen. Bei dem Stand der Sonne im Mittag wurden die Stöße von dem Oberpriester mit einem Span aus dem heiligen Feuer entzündet. Rasch gossen zweihundert Knechte Öl auf das Holz und fachten die Glut zu loderndem Feuer an. Es qualmten dunkle Wolken gegen den Himmel und bald stiegen auch haushohe Flammen empor. Die schwarzen Locken von einem goldenen Helm bedeckt, in einem wehenden schneeweißen Mantel kam Sijawusch auf seinem Streitroß. Feierlich und mit offenem Blick begrüßte er den König und die um ihn versammelten Weisen. Kawus bangte um das Leben seines edlen Sohnes. »Ach,« rief er vom Schmerz gepeinigt, »das schlimmste Getier bringt nicht so viel Leid in die Welt, als es ein schönes Weib vermag!« »Bange nicht, Vater!« rief Sijawusch, »der Herr ist gerecht!« Dann riß er sein Pferd um und hielt knapp vor dem Eingang der brennenden Gasse. Dort hob er die Hände gegen die Flamme und sprach das Gebet vor der Feuerprobe. Als er dieses beendet hatte, gab er seinem Pferde die Sporen und verschwand in den lodernden Flammen. Sudabeh beobachtete vom Dach ihres Hauses aus das Schauspiel des Feuers. »Er reitet in den Tod und ich bin gerächt!« schrie sie triumphierend. Als die Menge noch kreischte und wehklagte, durchschnitten einzelne helle Jubelrufe die dunkle Wolke des Geschreis und versanken endlich in einem allgemeinen Jubel. Sijawusch hatte das Feuer durchritten. Das Element des Feuers war gerechter als eine Frau. Hätte er durch blühende Blumen reiten müssen, so hätte Tau ihn benetzt, aber das läuternde Feuer ließ den Reinen unberührt. Der Prinz sprang aus dem Sattel und küßte vor seinem Vater die Erde. Beglückt hieß ihn der König aufstehen und schloß ihn in seine Arme. Festliche Scharen wallfahrten zum Palast, wo Mahl, Gelage und Scherz den Tag beendeten, der die Unschuld des Prinzen vor Gott und der Welt erwiesen hatte. Nachdem das Fest verklungen war, ließ der König seine Gattin vor sein Angesicht rufen. »Du konntest nur lügen, erkenne deine schamlose Verwegenheit! Bereust du es nicht, den Reinen bis an die Pforte des Todes gelockt zu haben?« »Wie konnte er sterben?!« höhnte grell lachend Sudabeh. »Der Schützling Rustans ist zauberkundig genug, um vor dem Feuer nicht zu bangen! Der Böse ist schützend über den Seinen!« »Elende!« schrie der König voll Zorn, »soll dich der Henker ergreifen, dich, deren Haß auch die göttliche Flamme nicht anerkennt?« »Tod, Tod, ihr, die den Reinen noch zu beflecken wagt!« Die aufgebrachte Menge schrie es und drängte den Henker zum Throne hin. Der König winkte jetzt dem Henker und befahl ihm: »Wende ihr Antlitz im Genick und hänge sie am Ende der Gasse auf. Sie sei so eine Warnung für alle Frevler, die lügen!« Ehe noch der Henker nach der Königin griff, gebot Sijawusch halt. »Vater, schenke mir das Leben der Verblendeten!« »Alles, so du es wünschest!« antwortete der König erfreut. Sudabeh war vor der Hand des Henkers zurückgebebt, nun stützte sie sich zitternd auf den Arm des Prinzen, der sie bis zum Tore des Frauenhauses geleitete. Kai Kawus' Herz schlug freudig, denn dieser Tag schenkte ihm wieder Sohn und Gattin. Liebestod Der edle König Giaffar bevorzugte unter seinen Frauen die schlanke Thîr, das heißt Pfeil, und die dunkeläugige Aph, das heißt Nacht. Er hatte viele Siege erfochten und fruchtbare Gegenden seinem Reiche einverleibt. Er wurde das Vorbild eines reichen und glücklichen Königs. Wie alle aus seinem Geschlecht, war auch er der Jagd leidenschaftlich ergeben. Als er wieder einmal im Walde jagte, zielte er in seinem Übermut auf ein Gazellenpaar, das sich eben der Liebe erfreute. Der Pfeil, den er von der gestrafften Sehne abfliegen ließ, traf auch wirklich den Gazellenleib, der nun im Todeskrampf zuckte. Giaffar aber hatte einen Pari getroffen, einen Geist, der sich in dieser Gestalt vergnügte. Röchelnd fluchte er dem erschrockenen König: »Weil du es wagtest zu töten, indes ich ganz der Lust hingegeben war, so sollst du, Übermütiger, in der Umarmung deiner Gattin sterben!« Der Fluch bedrückte den König und er wagte nicht, eine Frau zu berühren. Seine beiden Lieblingsfrauen waren darüber sehr betrübt und sie wußten nicht, wie sie sich die Zurückhaltung ihres Freundes erklären sollten. Als er wieder in das Frauenhaus kam, um mit seinen Freundinnen zu plaudern, führte ihn Thîr in eines der Nebengemächer, dessen Behaglichkeit und Einrichtung der König früher oft gerühmt hatte. Hier wollte sie ihm das Geheimnis seiner Zurückhaltung abschmeicheln. Berauscht von der Anmut des Mädchens und den Erinnerungen, die ihn befielen, schwand sein Glauben an den Fluch und er eilte, mit ganzer Kraft das Glück der Umarmungen zu genießen. Als Thîr diese Umkehr im Gemüte ihres Freundes sah, jubelte ihr Herz, sie öffnete sich ihm und küßte seine Lippen mit der Glut der aufgesparten Küsse. Eine Weile noch herzte sie – einen Toten, dessen hinsinkende Schwere sie für eine Ohnmacht hielt, welche den lang Entwöhnten bei diesem ersten Ansturm wohl ergreifen mußte. Es war aber der Fluch, der den König erreicht hatte, eben als er sich anschickte, ihn zu vergessen. Der Sieg Ein Mann hatte ein junges, außerordentlich schönes Mädchen geheiratet. Am Abend der Hochzeit und in dem Augenblicke, da der Mann sich anschickte, die Ehe zu vollziehen, packte das Weib ein toller Schrecken, so daß es in den benachbarten Garten flüchtete. Ein Weiser, der ihr Schreien gehört hatte, trat zu ihr und fragte: »Was geschieht dir?« Alsbald erzählte das Mädchen in einem Atem, wie ihr Mann sie mit schrecklicher Hitze angegangen habe, um sie unterzukriegen. »Wie bin ich doch unglücklich!« stöhnte sie. »Nie hat man meiner so gering geachtet ... In seinem verliebten Eifer hat mein Mann ganz vergessen, daß ich einer berühmten Familie angehöre, in welcher sich tapfere Krieger befinden.« Ich muß erwähnen, daß unser Weiser schon seit langem sein Auge auf das Mädchen geworfen hatte. Er versäumte nicht, die Gelegenheit zu packen, um über seinen Rivalen zu siegen, und er sagte: »Dein Mann hat sich in der Tat abscheulich benommen. Du tatest gut, ihm zu entfliehen, denn die Flucht war der Schande vorzuziehen, daß du in dem Kampfe unterliegest. Wenn deine Familie niederer Art wäre, würde ich dir raten, auf das Schlachtfeld zurückzukehren und deine Niederlage hinzunehmen. Aber deine Familie ist berühmt und du kannst nicht unterliegen, ohne daß solche Schande auch über die großen Krieger komme, von denen du sprachst.« Währenddem war der Gatte, der seine Ruhe wiedergefunden hatte, herbeigeeilt in höchstem Zorn. Der Weise schlich davon. Andern Tages, zu der süßen Stunde, wo diejenigen, die einen Garten ihr eigen nennen, sich unter ihrem Lieblingsbaum niederlassen, legte sich die junge Frau auf den Rasen ihres Gartens hin. Die Abwesenheit des Gatten nützend, streckte der Weise den Kopf durch ein Gebüsch und sprach zu der lässig ruhenden Schönen: »Was ist den Kriegern deiner Familie zu melden? Deine Niederlage?« »Mein Sieg!« rief die junge Frau. »Aber warum hast du mich nicht darauf aufmerksam gemacht, daß mein Gatte nichts dabei finden würde, mich über ihm zu lassen?« »Gerade das dir zu sagen, bin ich hergekommen, und dir zu zeigen, wie du dich dabei anstellen mußt ...« »Großen Dank!« sagte die junge Frau, »und möge der Herr dich beschützen.« Da kam der Gatte, der heimlich aufgepaßt hatte, hinzu und versetzte dem Weisen eine gute Tracht Prügel. Tod und Leben Der persische König Feridun sah seine zärtliche und tugendhafte Gemahlin, die schöne Irandate, in seinen Armen verscheiden. Es schien ihm unmöglich, ihren Tod überleben zu können. Drei Tage und drei Nächte hatte er schon, ohne Speise und Schlaf, ohne andere Gesellschaft als seine Verzweiflung, verlebt. Da drang ein indischer Philosoph, der sein Vertrauen besaß, plötzlich in seinen einsamen Aufenthalt und sagte: »König aller Könige, verschmähe nicht, mir einen Augenblick Gehör zu schenken. Meine Absicht ist nicht, deinen Schmerz mit leidigen Trostgründen noch mehr zu reizen, ich komme vielmehr, dir die baldige Rückkehr des Gutes, welches du für verloren achtest, anzukündigen. Ja, in kurzem wird die Königin selbst die Tränen dir abtrocknen, welche du ihr nachweinst: sie wird aufs neue leben zu deinem und unserm Glück ... Du erstaunst, aber wisse, ich habe in den Schriften unserer alten Weisen ein Mittel entdeckt, die liebenswürdige Irandate wieder ins Leben zurückzurufen. Es ist ein zuverlässiges Mittel und es scheint ebenso einfach als leicht zu sein. Wir brauchen nur drei wahrhaft glückliche Menschen zu finden und ihre Namen auf Irandates Grabstein zu schreiben. Die Kraft dieser drei Worte wird dir deine erlauchte Gemahlin und den Untertanen ihre Königin und Mutter zurückgeben!« »Oh,« rief Feridun, »ich will leben, um diese wunderbare Probe abzuwarten. Suche dir selbst die drei Glücklichen, weiser Kulai, deren du bedarfst. Wenn sie mir Irandate wiedergeben, dann bin ich glücklicher, als sie alle zusammen sein können.« Sogleich ließ Feridun verkünden, wer wahrhaft glücklich sei, hätte sich bei dem Propheten Kulai zu melden, diesem auf seine Fragen Rede und Antwort zu geben, auch ihm den richtiggeschriebenen Namen einzuhändigen; von der schleunigsten Befolgung dieses Befehles hänge nach der Fügung des Himmels Feriduns Leben und Irandates Wiedererweckung ab. Der Befehl war kaum auf dem großen Platze von Esteckar kundgemacht, so erschien ein junger Mensch, fast atemlos, bei dem indischen Philosophen und sagte trotzig: »Ich heiße Kobad – hier ist mein Name richtig geschrieben – wecke die Königin auf!« Nachdem er wieder etwas mehr zu Odem gekommen war, setzte er hinzu: »Aber tue es womöglich heute noch, denn ich sage dir wohlmeinend, es ist keine Zeit zu verlieren!« »Warum bist du denn so eilig?« fragte der Philosoph. »Ich bete die reizende, göttliche Menulen an. Sie ist das vollkommenste Geschöpf, so der Himmel für die Erde schuf, aber darf ich eine Art von Gotteslästerung begehen und bekennen, daß eben diese göttliche Menulen nicht ganz frei von den Launen ist, die man ihrem Geschlecht vorwirft? Gestern verbannte sie mich auf die grausamste Art; heute hat sie mich wieder rufen lassen und ich bin der Glücklichste aller Sterblichen. Wer weiß, ob ich es morgen ...« »Ich verstehe dich,« unterbrach ihn Kulai, »du bist der Glücklichste aller Sterblichen, so lange dich die göttliche Menulen liebt, und sie liebt dich und gibt dich auf, nach den Launen des Wetters. Eine sonderbare Glückseligkeit! Ich für meine Person wollte lieber ein Wechselfieber haben; da sind doch die Anfälle regelmäßig und man weiß, woran man sich zu halten hat. Freimütig gestanden, lieber Kobad, nimm deinen Namen zurück, er taugt nicht zur Wiederbelebung der Königin.« Einige Tage nachher kam ein Paar Liebender. Sie wurden besser aufgenommen. Zalzer und Balkis hegten seit länger als vier Jahren die gegründetste Hochachtung und die vernünftigste und zärtlichste Liebe für einander. Diese Liebe, der sich beständig neue Hindernisse in den Weg stellten, hatte endlich alle Schwierigkeiten besiegt. Sie kamen soeben vom Altar, wo sie sich für immer miteinander verbunden hatten. Die Schilderung ihres Glückes war so lebhaft und so rührend, daß der Philosoph davon bezaubert zu sein schien. Inzwischen machte er ihnen doch bemerklich, es sei ratsam, ihre noch so frische Glückseligkeit etwas auf die Probe zu stellen. »Die Probe soll weder lang noch kurz sein. Genießt acht Tage hindurch das Vergnügen euch zu sehen und zu besitzen, wohl verstanden: ununterbrochen ohne Zerstreuung, ganz von Menschen und ihrer Gesellschaft abgesondert. Ihr seid euch ja einander genug: zwei recht verliebten Herzen ist die ganze Welt gleichgültig.« Dieser Rat bezauberte die beiden. Sie eilten, alle die Süßigkeiten eines achttägigen Zusammenseins zu genießen. Wie entzückend verfloß der erste Tag! Der zweite war es minder, am dritten langweilten, am vierten zankten und schon am fünften trennten sie sich. Nach dem jungen Ehepaare ließen zwei Männer, die nach ihrem ziemlich traurigen Aussehen nicht viel versprachen, den Philosophen um einen Augenblick Gehör bitten. Es waren Brüder, der ältere von ihnen nahm das Wort. »Wir sind,« sagte er, »ohne Geburt, ohne Freunde und in der kleinen Stadt, in der wir leben, kaum unseren Nachbarn bekannt, mit einem Wort, wir sind gar nicht glücklich, aber, sofern es dem König beliebt, würden wir es bald und noch mehr sein, als man zur Wiederbelebung der Königin braucht. Es kommt nur darauf an, meinen Bruder zum Vogt in einer nur kleinen Stadt zu ernennen und mir, dessen Neigungen minder hochfliegend und vernünftiger sind, ein kleines Geschenk von zwanzigtausend Goldstücken auszahlen zu lassen.« »Euer beiderseitiges Verlangen,« antwortete Kulai, »ist sehr tauglich, ich will herzlich gerne mit dem König darüber sprechen. Er wird euch solche Kleinigkeiten nicht abschlagen, nur erlaubt mir eine einzige Bedingung hinzuzusetzen. Es ist vor allem notwendig, daß du mir einen Mann, der zwanzigtausend Goldstücke, meinetwegen auch hunderttausend im Vermögen besitzt – und daß du wieder mir einen Vogt einer kleinen oder auch großen Stadt aufführst, welche beide mit ihrem Schicksal vollkommen zufrieden sind; alsdann soll euch willfahrt werden, denn anstatt dreier Glücklicher, die wir suchten, haben wir hernach vier.« Die beiden Brüder übernahmen freudig den Auftrag und versprachen, jeder mit einem Kameraden bald wieder zu erscheinen. Aber sie kamen nicht wieder. Sie fanden, wie man sagt, lauter Reiche, die noch reicher, und Stadtvögte, die Vögte über Provinzen werden wollten. Auf solche Art schaffte sich Kulai eine Menge Träumer vom Halse, die sich durchaus versprachen, recht glücklich zu werden, im Falle sie ein Landgut oder eine Stelle oder einen Titel erhalten könnten. Nach so vielen eitlen und eigennützigen Seelen kam endlich von den Grenzen Persiens ein Mann, der nichts verlangte und auch nichts wünschte. »Ich,« sagte der glückliche Sterbliche, »liebe nichts als das Vergnügen, aber ich liebe es weislich. Um es desto mehr zu genießen, gebe ich ihm Mannigfaltigkeit; ich mäßige es, ja, ich beraube mich desselben sogar bisweilen. Ich bin noch jung, meine Gesundheit ist trefflich, mein Vermögen ansehnlich, hiezu kommt noch, daß ich von einem sanften und fröhlichen Humor bin, daß ich Freunde besitze, die mir nicht zur Last fallen, daß ich eine reizende Geliebte habe, die ich weder zu viel noch zu wenig liebe. Urteile nun selbst, ob ich bei dem allen mich nicht für glücklich zu schätzen Ursache habe?« »Du hast allerdings Ursache. Ich gestehe dir aufrichtig, an deiner Stelle würde ich den Tod sehr fürchten.« »Er ist mir sicherlich auch nicht ganz gleichgültig, doch die Güter des Lebens wären zu gering geachtet, fürchtete man nicht, sie zu verlieren.« »Sehr richtig – aber sind sie denn wahrhafte Güter? Gewähren sie ganz reichen Genuß, sobald diese Furcht ihren Besitz vergällt?!« »Ich denke an den Tod so wenig wie möglich.« »In diesem Falle tust du noch besser, gar nicht daran zu denken oder, was nicht schwer sein dürfte, ein Mittel gegen den Tod ausfindig zu machen, alsdann kann ich deinen Namen auf das Grab der Königin schreiben.« Der Mann der Vergnügungen drehte sich um und versuchte, nicht mehr an den Tod zu denken. Aber selbst dieser Versuch enthielt den Gedanken an den Tod. Er gab sich den Orgien der Liebe hin, um diesen zu verscheuchen, doch die Melancholie des Todes überfiel ihn, so oft er neben sich ein Weib liegen hatte. Kulai sann nun mit Ernst darauf, seinem tragischen Lustspiele, bei dem er ein Vierteljahr eine ziemlich ermüdende Rolle gespielt hatte, ein Ende zu machen. Er suchte den König auf, dessen Schmerz ihn unterdessen viel umgänglicher machte, so daß sich der Philosoph nicht scheute, ihm den geringen Erfolg seiner Nachforschungen zu entdecken. »Aber,« sagte der Monarch, »was mühen wir uns nach all dem noch mit weiterem Suchen und Fragen! Setze auf das Grab der Königin die Namen deiner zwei Kollegen und den deinigen voraus. Wie stünde es sonst mit dem so reinen Glück, zu welchem der Philosoph durch seine Weisheit zu gelangen trachtet?« »Ach Monarch! Die Philosophen sind Menschen, sie täuschen sich oft und lügen bisweilen. Was mich anbelangt, so gebe ich mir nun schon seit dreißig Jahren alle Mühe, weise und glücklich zu werden, und doch bin ich leider weder das eine noch das andere.« »Also, lieber Kulai, wäre niemand glücklich?« »Weil ich es denn einmal gestehen muß: es ist so. Kein Sterblicher kann es auf dieser Erde werden. Die Heldin, die du beweinst, lernte frühzeitig diese traurige und heilsame Wahrheit einsehen. Sie unterwarf sich mutig den Ratschlüssen des Himmels und verdient sich unstreitig ein besonderes Leben. O König aller Könige, ahme deine erhabene Königin nach und höre endlich einmal auf, über ihr glücklicheres Los zu trauern!« Feridun wußte, als er alles wohl überlegt hatte, dem Philosophen für seine List und ihren Zweck Dank. Er gab den Plan auf, die Königin wieder aufzuwecken, und tröstete sich, wie man sich gewöhnlich zu trösten pflegt. Zeit, Zerstreuung und neues Ungemach ließen ihn das vorige vergessen. Die Ungetreue In der Stadt Danavardan lebte ein Kaufmann, der eine sehr schöne Tochter hatte. Eines Tages kam ein Kaufmann aus einer Stadt, die in der Nachbarschaft lag, nach Danavardan. Er sah das schöne Mädchen, verliebte sich allsogleich in sie, und als er um sie warb, bekam er sie zur Ehefrau. Nach der Hochzeit nahm er sie in seine Heimatstadt mit und er ließ sie, weil er gleich verreisen mußte, in der Obhut seines Vaters zurück. Als die junge Frau die Freuden der Liebe gekostet hatte, wollte sie nicht gerne darauf verzichten und benutzte die erste Gelegenheit während der Abwesenheit ihres Gatten, sich mit einem Brahmanen in ein zärtliches Verhältnis einzulassen. Nachdem der Gatte seine Geschäfte erledigt hatte, kehrte er heim. Mit den kostbaren Geschenken, die er mitgebracht hat, hoffte er, seine Frau darüber zu trösten, daß er sie nach den kaum begriffenen Genüssen der Liebe in der ersten Nacht der Ehe verlassen mußte. Die junge Frau nahm die Geschenke scheinbar mit großer Freude an, und der Gatte zögerte nun nicht, alles nachzuholen, was nach der ersten Nacht der Ehe versäumt worden war. Als er ermüdet eingeschlafen war, stieg die junge Frau mit ganz leisen Füßen aus dem Bett. Sie rief ihre Amme – ihre Vertraute – und sandte sie zu dem Brahmanen, ihrem heimlichen Geliebten, mit der Botschaft, daß er sie hinter ihrem Hause erwarten möge. Die Amme führte diesen Auftrag aus, holte den Brahmanen und postierte ihn, wie verabredet war, an der Mauer hinter ihrem Hause. Hernach verständigte sie ihre Herrin, daß der Geliebte nun auf sie warte. Als die Stadtwache vorbeikam, bemerkte sie an der Mauer den ausspähenden Mann. Aus seinem Benehmen, und weil es schon tiefe Nacht war, glaubten sie an nichts anderes als an einen Räuber und schossen einen Pfeil auf ihn ab. Der Pfeil traf gerade in dem Augenblick, als die Kaufmannsfrau um die Ecke bog und den Geliebten anrief. Da er bewegungslos und aufrecht an die Mauer gelehnt stand, ohne auch nur eines ihres Liebesworte zu beantworten, so glaubte sie, daß der Groll seine Lippen schloß. Um ihn zu versöhnen, überschüttete sie sein Antlitz mit Küssen, bestürmte seine Lippen und glitt bei ihrem heftigen Bemühen mit ihrer Nase gerade in dem Augenblick zwischen seine Zähne, als er diese im unerbittlichen Todeskampf aneinanderpreßte. Das Röcheln eines Sterbenden wurde von den Schmerzensschreien der Frau übertönt. Der Brahmane war von dem Pfeil tödlich getroffen worden und hatte in seinem Todeskampf seiner Geliebten die Nase abgebissen. Als die Kaufmannsfrau an ihrem blutenden Antlitz die schreckliche Verstümmelung gewahr wurde, wußte sie im ersten Augenblick nicht, wie sie ihrem Gatten die Tatsache dieses Unglückes, ohne selbst in irgend einen Verdacht zu kommen, erklären sollte. Alsbald kehrte sie in das Schlafgemach zurück und entnahm der Tasche ihres Gatten den Beutelschneider und beschmierte ihn mit dem Blute, das aus ihrem Antlitz floß. Der Vater der Kaufmannsfrau führte Klage vor dem Richter und verlangte Bestrafung für dieses Verbrechen. Als dem König dieser sonderbare Vorfall zu Ohren kam, ließ er den beschuldigten Gatten zu sich rufen. Er fragte ihn, welche Gründe er wohl angeben könne, die ein so scheußliches Verbrechen erklären. Der Gatte antwortete dem König: »Während ich an der Seite meiner Gattin schlief, schrie diese plötzlich laut auf. Das ist alles, was ich von diesem Vorfall weiß.« Nun ließ der König die Frau des Kaufmanns kommen und stellte mit ihr ein Verhör an. »Ich weiß um kein Vergehen gegen meinen Gatten, das ein solches Betragen rechtfertigen könnte.« Der König, empört über die Tat des Kaufmanns, sprach zu der Versammlung: »Was immer auch ihre Schuld gewesen sein möge, nichts rechtfertigt die rohe Verstümmelung eines so schönen Weibes.« Der König überwies den Kaufmann den Händen der Henker. Ehe diese aber den Befehl ihres Herrn ausführen konnten, bat die Stadtwache um die Gnade, vor den König gebracht werden zu dürfen. Der Anführer der Wache warf sich vor den Thron nieder und erstattete folgenden Bericht: »O weiser König! Als wir heute Nacht wie gewöhnlich unseren Gang durch die Stadt machten, beobachteten wir einen Mann, welcher, an der Mauer hinter dem Hause des Kaufmanns postiert, spähend um sich blickte. Die späte Stunde und das sonderbare Benehmen bestärkte in uns den Verdacht, daß wir einen Räuber entdeckt hätten. Wir sandten rasch entschlossen einen Pfeil nach ihm, der ihn auch tödlich traf. In diesem Augenblick kam des Kaufmanns Weib und rief ihn an. Als sie bemerkte, daß er unbeweglich blieb, sprach sie ihn folgendermaßen an: Seid ihr mir böse, weil ich so spät komme? Und sie umarmte und küßte ihn leidenschaftlich, als ob sie ihn versöhnen wollte. Plötzlich hörten wir einen gellenden Aufschrei und die Frau lief wimmernd in ihr Haus zurück. Nicht lange danach hörten wir aus dem Fenster des Kaufmannshauses, wie die Frau über ihren Gatten mit Schelten und Schimpfen herfiel. Wir gingen nun an die Stelle zurück, wo das Unglück geschehen war, um den Leichnam zu untersuchen. Zum Beweise, daß ich die Wahrheit gesprochen, bringe ich dir die abgebissene Nase der Kaufmannsfrau, welche wir in des Räubers Mund gefunden haben.« Dem König kam diese Lösung ganz unerwartet. Er gab Auftrag, den unschuldigen Kaufmann freizulassen, das junge Weib aber gebunden den Flammen zu übergeben. Die Schelmin Es lebte einmal ein vornehmer Mann, der hielt sein Weib streng eingeschlossen und ließ sie keinen Mann sehen. Doch die Frau hatte einem Diener den Auftrag gegeben, in ihrem Gemach einen unterirdischen Gang zu graben, und so kam sie zu ihrem Liebhaber, der ein Silberschmied war. In der Folge hatte nun der Gatte Verdacht geschöpft und machte seiner Frau Vorwürfe. Doch seine Frau sagte: »Bei meinem Leben! Nie habe ich solches getan. Sprecht nicht so unüberlegte Dinge!« Aber heimlich sprach sie bei ihrer nächsten Zusammenkunft zu dem Silberschmied: »Stell' dich wie ein Wahnsinniger. Zerrauf' dir das Haar und rede Unsinniges! Und die Leute, die du im Bazar triffst, nimm in die Arme und tu so, als ob du sie forttragen wolltest!« Sagte andern Tages die Frau zu ihrem Gatten: »Mein Leben lang hab ich noch nicht den Marktplatz gesehen. Komm, laß uns dahingehen!« Und so gingen sie auf den Markt. Hier aber rannte der Silberschmied wie toll auf die Frau zu, nahm sie in seine Arme und legte sie dann auf die Erde. Das Weib schrie nach ihrem Manne: »Wie, duldest du, daß mich ein Mann in seine Arme nimmt?« Der Gatte erwiderte: »Es ist ein Narr.« Als des Abends vor dem Gebet der Gatte wieder seinen Verdacht äußerte, kniete die Frau hin, berührte mit dem Kopfe den Boden und sagte: »Bei meinein Leben, ich habe nichts Böses getan! Bloß dieser Narr hat mich in den Armen gehalten.« So rettete die Schlaue ihr Leben. Der verwirrte Mann schwieg, als er den Schwur gehört hatte. Solche Schelminnen sind die Frauen. Die Prinzessin Die in Schönheit strahlende Prinzessin öffnete ihren Mund und begann zu erzählen: O ihr Jünglinge, meine Freunde, wisset, daß ich die Tochter eines Königs bin! Als einziges Kind meines Vaters verschwendete er an mich all seine Zärtlichkeit, die aber für mein Gefolge harte Strenge hieß. Auf meinen Wunsch ließ er im Park einen Palast bauen. In meinen Diensten standen Eunuchen und eine Leibwache. Meine Jugend war ungetrübt, ich wurde verwöhnt, jeder meiner kindlichen Wünsche fand Erfüllung. So führte ich ein heiteres, ungetrübtes Dasein bis zu dem Augenblicke, wo mir der Einfall kam, das öffentliche Bad aufzusuchen. In einer vergoldeten Sänfte, von vier Maultieren getragen und umgeben von meinem Gefolge, machte ich mich auf den Weg dahin. Als wir unterwegs an dem Bazar vorbei mußten, betrachtete ich mit Vergnügen das allgemeine Treiben. An einer Kreuzung gewahrte ich plötzlich in der Gasse der Tuchmacher einen Jüngling, dessen Schönheit die Umgebung erhellte. Kaum traf ihn mein Blick, als ich auch schon der Liebe verfiel. Meine heitere Ruhe war verjagt; schon als man mich, beim Bade angelangt, aus der Sänfte hob, war mein Gesicht von Tränen entstellt. Ich erfand für meine erstaunte Begleitung tausend Vorwände, die meinen Zustand verständlich machen sollten. Endlich drang ich darauf, daß man umkehrte, aber nun ließ ich meine Sänfte nicht mehr von Maultieren tragen, sondern von Sklaven. Diese bekamen noch von mir den Befehl, recht vorsichtig und langsam zu gehen. Für die anderen sollte das Schaukeln der Sänfte der Grund meiner Verstörung sein. Nun konnte ich ganz aus der Nähe mich an ihm satt sehen. Er war ein noch recht junger Bursche mit flaumigem Bart, schwarzen Locken, die metallisch glänzten. »Niemand, niemand,« so sagte ich mir, »weiß, wie mir zu Mute ist!« Zu Hause angelangt, übermannte mich die Verwirrung, ich war unfähig, meinen Zustand zu verbergen. Meine schweren Seufzer weckten die Besorgnisse meiner Amme. Als wir wieder einmal allein waren, faßte meine Amme Mut und fragte: »O, mein Liebling, vertraue dich mir an! Seit dem Tage, wo wir nach dem Bade gingen, ist dein Sinn so düster. Du öffnest mir nicht dein Herz, sagst mir nichts über die Ursache deiner Tränen. Beichte mir doch, ich werde in meiner Liebe zu dir sicher ein Mittel finden, das deinen Kummer heilt. Bemühe dich nicht, mir ein Geheimnis vorzuenthalten. Was du mir verschweigst, errate ich doch!« Ich erschrak: sie weiß alles. »O, Amme, an jenem Tage sah ich an einer Straßenkreuzung des Bazars einen jungen Tuchweber, dessen Schönheit mein Herz verwandelt hat. Alle meine Anstrengungen, die Heiterkeit meiner Mädchenzeit wieder zu gewinnen, versagen.« Meine Worte brachten die Amme aus der Fassung, sie kreischte förmlich: »Welche Reden führst du da! Gib acht, daß du nicht mit deinem Geständnis uns alle ins Verderben stürzest! Sobald dein Vater von diesem Vorfall Wind bekommt, wird er uns alle hart bestrafen! Der erste Blick bei so unerfahrenen Menschen, wie ihr es seid, hat gar nichts zu bedeuten. Vergiß nie, daß er nur ein Tuchweber ist, du hingegen aber eine Prinzessin. Gib dich nicht solchen Gefühlen hin, du entheiligst damit nur deine Scham. Wenn tausend Liebhaber dir nahen, welcher unter ihnen wäre würdig, von dir geliebt zu werden!« Auch nach diesem Tadel, der voll ehrlicher Erregung war, mußte ich unter Schluchzen bekennen: daß meinem aufgeregten Herzen nicht zu helfen sei; daß sie nur ein Mittel zu ersinnen habe, das mich beruhigen könne; fände sie es nicht, so werde der Schmerz mich töten. Stürbe ich nicht daran, daß er nicht in meiner Nähe sei, so gäbe es nichts, meine Ungeduld zu beenden, als mich selbst zu töten. Einer plötzlichen Regung folgend, gab ich ihr mein kostbares Armband. Besser als alle Beweise, die ich hätte vorbringen können, wirkte dies Geschenk. »Gut, gut, beruhige dich nur, fasse dich, ich werde gleich einen geeigneten Boten finden!« Sie sprang auf und begab sich nun selbst zu dem jungen Tuchweber, weihte ihn ein und gab ihm noch Weisungen auf den Weg. Der junge Mann befolgte die ihm gegebenen Instruktionen, erhaschte den richtigen Augenblick, in dem er unbemerkt die Parkmauer erklettern konnte und versteckte sich sodann bis zum Anbruch der Nacht. Meine Amme, die mit mir alles anordnete, schickte die Diener schlafen und erst als sie sich an den Türen horchend von der Tiefe der Ruhe überzeugt hatte, holte sie den Jüngling aus seinem Versteck hervor. Als dieser mein Zimmer betrat, glaubte ich den Mond mit seinen silbernen Strahlen aufgehen zu sehen. Beglückt von seinem Anblick zog ich ihn an mich und bedeckte, aller Scham ledig, sein Antlitz mit Küssen. Ich war allein mit ihm. Es schien mir unwürdig, jede Haltung zu verlieren. Um mich nicht ganz zu vergessen, bot ich ihm Speisen an. Ich nahm einen Apfel, schälte ihn, brach ein Stück ab und spießte es am Ende eines Messers auf. Entzückt von meiner Schönheit und der Anmut meiner Gebärde, überschüttete er mich mit den Versicherungen seiner Ergebenheit: »Wir lieben einander, niemand kann uns je etwas anhaben. Wir wollen niemals voneinander scheiden!« Nach diesen einfachen Worten überfiel mich der Wunsch nach Zärtlichkeiten von neuem. Und wie in einer Liebkosung führte ich ihm selbst an der Spitze des Messers den Apfel zum Mund. Während ich dies tat, wollte es ein tückischer Zufall, daß mein junger Freund gerade in diesem Augenblick nießen mußte. Er stolperte förmlich in mein scharfes Messer, und dies mit solcher Gewalt, daß seine Gurgel bald durchschnitten war. Das kam für mich ganz rasch und unvermittelt. Erst als er mit einem gurgelnden Seufzer seine Seele entließ, begriff ich. Bei diesem Anblick schrie ich vor Angst auf, zerfleischte mein Gesicht. Meine Amme, aufgeschreckt von dem Lärm, eilte herbei, und als sie die Szene überblickte, jammerte sie: »0 Prinzessin, was hast du da getan!« Nur stammelnd konnte ich ihr sagen, wie unvermutet uns da das Mißgeschick ereilt hatte. Der blutende Leichnam war so schauerlich anzusehen, die Furcht meiner Amme vor einer strengen Bestrafung durch meinen Vater so groß, daß sie erbleichend hinsank und starb. Ein Gallengefäß war ihr geplatzt. Oh, nun hatte ich zehnfachen Schmerz zu ertragen! Wo Liebe blühen sollte, herrschte jetzt Verzweiflung. Was tun?! Ich entschloß mich, den Kadaver des Jünglings in ein Zimmer zu zerren, von dem ich wußte, daß es nie betreten wurde. Dort versperrte ich vorsichtig die Tür und nahm den Schlüssel an mich. Die Leiche der Amme, die ich nicht von der Stelle gerückt hatte, bot einen so erschütternden Anblick, daß meine Verzweiflung offen ausbrach. Aus meiner Ohnmacht erwachte ich erst, als der Morgen herankam. Das Gesinde hegte die Meinung, daß der Tod der Amme wie aus heiterem Himmel gekommen war. Man hatte sie hinausgetragen, bestattet, aber der Körper des jungen Mannes, den ich getötet hatte, lag noch immer verborgen. Nach einigen Tagen verbreitete sich der Geruch des verwesenden Kadavers auch in meine Gemächer und ich wußte nicht mehr, wo ich mich aufhalten sollte. Zudem zitterte ich, daß es jemand wagen könnte, nach der Ursache zu fragen. Dann wäre der Zusammenhang aufgerollt worden und ich hätte die ganze Strenge meines Vaters auf mich geladen. In steter Angst lebte ich dahin, in wachsender Ratlosigkeit. Mein Vater hatte einen schwarzen Sklaven gekauft, der als sehr wohlerzogen galt und der auch bald nur zu seinen Diensten stand. Der Neger versäumte nicht, mich seiner demütigen Ehrerbietung zu versichern. Mein Gefolge liebte es, mit ihm zu lachen und zu plaudern. Eines Tages kam der Neger, als niemand bei mir war. Da ich keinen Rat mehr wußte, wie ich mir helfen sollte, wandte ich mich an ihn und erzählte ihm die Geschichte meines Unglücks. »0 Frau der Frauen, wisse, daß man sich in der Stadt zusammenrottete, um diesen jungen Mann zu suchen, und daß man schon hundert Leute, die man verdächtigte, auf die Folter spannte! Nun zeigt es sich, daß du ihn ermordet hast. Wenn du es verstehst, dich mit mir gut zu verhalten, so will ich dir helfen und den Leichnam verscharren. Wenn nicht, so werde ich nicht zögern, deinem Vater alles zu verraten!« Vergeblich warf ich mich ihm zu Füßen, umklammerte flehend seine Knie, bot ihm Geld und Gold. Er nahm alles an, aber am Ende der Rechnung überfiel er mich und raubte mir die Jungfräulichkeit. Noch in der Nacht des gleichen Tages holte er den Leichnam des jungen Mannes und begrub ihn heimlich. Jeden Tag zwang er mich, seinen Wünschen willens zu sein. Den Grimm meines Vaters fürchtend, schloß ich die Lippen, und in dieser Haltung einer Erstarrten, Verstummten beschlief mich dieses Tier. Wo war ein Tod, der mich erlösen konnte? Eines Abends sammelte sich die Leibwache zu einem Gelage. Jeder nahm seine Geliebte mit, und, um in dem Neger ein Opfer zu haben, das man verspotten könne, lud man auch ihn ein. »Du darfst mit uns halten, nur mußt du dir die Dame deines Herzens mitbringen!« »Tut nicht so groß! Ihr alle, die ihr euch versammelt habt, seid nichts als Knechte meiner Geliebten!« Aufgebracht ob dieser Worte, warf man ihm tausend Beleidigungen an den Kopf, er aber soff immer ungebärdiger. Endlich schlich er sich von dem Gelage weg in mein Gemach. Und an meinem Kopfkissen zerrend, zischte es an mein Ohr: »Auf, auf, erhebe dich, sonst werde ich deinen Vater herbeibitten müssen!« Fürchtend, daß er, berauscht wie er war, seine Drohung ausführen könnte, folgte ich ihm gehorsam. Ich hatte mir aber heimlich ein Betäubungsmittel zugesteckt. Nun nahm ich kühn inmitten der Trunkenen Platz. Ich machte ihnen den Mundschenk, und jedesmal, wenn ich von einem zum andern gehen mußte, goß ich zum Wein das Schlafmittel. Ich ermunterte die Trinker. Man hatte vorerst seinen Augen nicht getraut, starrte mich an wie eine Erscheinung und sank erst allmählich wieder, getrieben von meiner frechen Art der Anfeuerung, in den Zustand besinnungslosen Rausches. Einen Augenblick solch allgemeiner Auflösung machte ich mir zu Nutze, warf mich auf den Neger, entriß ihm sein Türkenschwert und hieb ihm seinen Kopf ab, mir wohl überlegend, daß ich hier mit dem Verräter beginnen mußte. Dreißig Personen beförderte ich so ins Jenseits, bevor noch die Morgensonne aufging. Wie gewöhnlich lag ich in meiner Schlafstätte, als man die Kadaver wegtrug. Niemand erriet den Urheber dieses Blutbades. Von dem Neger war ich befreit. Ich trauerte nur dem Verlust meiner Jungfräulichkeit nach. Als einige Zeit vergangen war, kam ein Prinz, hielt um meine Hand an und bekam die väterliche Einwilligung. Damals hatte ich eine Dienerin von so seltener Schönheit, daß ich mich nie von ihr trennen konnte. Als die Nacht kam, in der man mich meinem Gatten anvertrauen wollte, zog ich meiner Dienerin das Brautkleid an. Und als mein Gatte sich mir näherte und die Einleitungen immer deutlicher wurden, entschlüpfte ich, mit der Ausrede, mich reinigen zu müssen. Er möge nur einen Augenblick Geduld haben. Ich löschte die Lampe aus und verständigte meine Dienerin. »Eile in die süße Umarmung meines Gatten. Nachdem er dir deine Jungfernschaft geraubt haben wird, erst dann werde ich kommen und das Licht wieder anzünden. Er ist betrunken und wird nichts merken.« Bevor die Dienerin ging, behelligte sie mich noch mit der Frage, wieso ich eigentlich meine Jungfernschaft verloren hatte. »Durch einen unglücklichen Zufall – Sturz von einer Leiter.« Es schien, als genügte ihr diese Erklärung und sie eilte nun, um das Glück der Umarmung nicht zu verzögern. Ich folgte ihr ganz leise und wartete, aufrecht stehend, am Fußende des Bettes den Augenblick ab ... Es seufzte einer in den Armen des anderen, ich aber blieb ruhig, bis ich meiner Sache gewiß war. Als mein Gatte fest eingeschlafen war, kitzelte ich meine Dienerin am Fuße, zum Zeichen, daß es nun Zeit sei. »Was willst du von mir?« »Erhebe dich, damit ich deinen Platz einnehmen kann!« Aber anstatt zu gehorchen: »Geh, Schamlose, sei still, sonst werde ich meinen Liebsten aufwecken, und er wird dich, statt zu kosen, verprügeln!« Was tun? Nur der rascheste und kühnste Einfall konnte mir helfen. Ich schlich aus meinem Brautgemach, ging ins Freie, blickte um mich und bemerkte, dem Palaste angebaut, eine Hütte, die ich voll mit ausgetrocknetem dicken Rebholz wußte. Ich setzte den Schuppen in Brand und als die Flammen hoch aufschlugen, schrie ich laut und es eilten gleich von allen Seiten Leute herbei. Ich suchte rasch das Zimmer auf, weckte meinen Gatten, der sogleich nach dem Balkon stürzte. Bald waren beide auf der Terrasse und blickten von hier aus auf das nahe Feuer. Ich trat hinter beide, drängte meine Dienerin an die Rampe und warf sie dann mit einem leichten Stoß in die Flammen. Hernach zerriß ich mir meine Kleider und benahm mich, als wäre ich nun durch diesen Unglücksfall in Verzweiflung geraten. Man beeilte sich jetzt, den Brand zu löschen, damit der Palast nicht in Gefahr komme. Es gelang auch, die Gefahr abzuwenden. Mein Gemahl konnte mich bald in das Gemach zurückführen und seine Zärtlichkeiten waren nun viel kühner, jetzt, wo er mich über einen Schaden zu trösten hatte. Um meine Lieblingsdienerin zu ersetzen, brachte man mir am nächsten Morgen eine neue schöne Sklavin. Endlich hatte ich alle Gefahren besiegt und lebe nun seit sieben Jahren in einer glücklichen Ehe, die mir sieben Kinder brachte. »Wie auch immer das Vertrauen sei, das dir jemand einzuflößen versteht, verrate ihm nicht die Geheimnisse deines Herzens. Mache niemanden zum Mitwisser deiner Taten, wenn du wirklich den Schutz der Götter genießen willst. Befolge diese Mahnung, sonst wirst du dich bald in nutzlosen Klagen erschöpfen!« Die Frau des Kaufmanns In einer gewissen Stadt war ein reicher Kaufmann, der eine hübsche und lüsterne Frau hatte. Einstmals reiste dieser Kaufmann nach einem andern Land, um da einen Handel zu besorgen. Während seiner Abwesenheit besuchte die Frau fremde Gesellschaften und Männer und sang da und tanzte und trieb die Liebe mit vielen, denn in ihr brannte das Feuer mächtig. Nachdem der Kaufmann einige Zeit in der Fremde gewesen, kam er wieder heim in seine Stadt, und da es Nacht war, konnte er nicht in sein Heim kommen. Also nahm er eine Wohnung an einem andern Ort und nachdem er eine Kupplerin hatte rufen lassen, sprach er zu ihr: »Bring' mir doch für diese Nacht ein hübsches gefälliges Weib, mit dem ich mir die Zeit vertreiben kann!« Es fügte sich, daß die Kupplerin zu der Frau des Kaufmannes ging und sagte: »Ein reicher Mann ist aus Balsora gekommen und möchte ein Frauenzimmer für die Nacht; steht auf und geht zu ihm.« Die Frau putzte sich mit Juwelen und schönen Stoffen, ging zu ihm und erkannte ihren Mann. Sogleich fing sie an zu schreien: »0 ihr Nachbarn, hört meine Beschwerde! Sechs Jahre sind verflossen, seitdem dieser mein Gatte in die Fremde ging; ich habe jeden Tag und jede Nacht auf ihn gewartet; nun ist er zurückgekommen und hat an diesem Ort Wohnung genommen, ohne an mich zu denken. Und hat nach einem Weibe verlangt für seine Lust. Man hat mich aber davon benachrichtigt, und ich bin gekommen. Wollt ihr in dieser Sache mir Recht verschaffen, so ist es gut, sonst will ich zum Kadi gehen und mich von meinem Manne scheiden lassen.« Die Nachbarn liefen zusammen und stifteten Frieden zwischen dem Kaufmann und seiner Frau. Der befreite Jüngling Ein Teuerungsjahr machte die Stadt Koûfa neuerdings zu einer Unglücksstätte. Die Bevölkerung der Stadt hungerte; wer Getreide besaß, konnte für ein Weniges davon alles eintauschen. In Koûfa lebte nun eine Frau, die sich seit jeher mit dem Getreidehandel beschäftigte. Eines Tages kam ein junger Mann zu ihr, um Getreide einzukaufen. Schon als er an der Schwelle ihres Hauses stand und sie ihn vom Fenster aus beobachten konnte, überfiel sie ein Verlangen nach ihm. Als er eintrat, zögerte sie auch nicht lange mit ihrem Antrag und sagte: »Komm', junger Mann, mit mir ins Bett, du sollst dafür eine Kamellast Getreide bekommen!« »Nein, lieber lasse ich mich vom Henker schlagen, als daß ich mit dir unter eine Decke krieche!« Aber die reiche Frau war mächtig genug, auf ihren Wünschen zu bestehen. »Komm nur in mein Bett, es ist noch immer warm darin. Tust du aber zimperlich und sträubst dich, so werde ich laut schreien, daß die Leute sich hier sammeln: dieser Jüngling hat mich verführen wollen! Man wird es mir glauben, denn meine Nachbarn schätzen meinen Reichtum.« Der Jüngling, der nun nicht ein und aus wußte, sagte hierauf zu der Frau: »Was soll ich nun tun? Wenn ich dir willfahre, so schlägt mich der Henker – tue ich es nicht, so schlagen mich die Leute und ich komme in einen üblen Ruf!« Er war völlig ratlos und wußte nicht, was er in dieser Situation unternehmen sollte. Da ging er in eines der Nebenzimmer, wohin ihm auch die Frau folgte. Und laut vor sich herdenkend, sagte er: »Ich werde mir meine Mannbarkeit abschneiden, dann habe ich sie mir vom Halse geschafft.« »Fange doch gleich an!« »Ja, aber nicht vor dir, ich gehe in das nächste Zimmer!« Als der Jüngling ansetzte, um sich seiner Männlichkeit zu berauben, spaltete sich plötzlich die Mauer vor ihm und gab ihm einen freien Ausweg. Draußen standen auch schon zehn Kamele, deren jedes eine Last Getreide trug. An dieser Gabe erkannte er die Macht seines Gottes und den Sinn seines Ausspruches: Wer Gott fürchtet, dem verschafft er einen Ausweg. Die Tränen der Kerze Eines Nachts, da der Schlaf mein Rufen nicht hörte, vernahm ich, wie ein Schmetterling zu meiner Kerze sagte: »Ich liebe es zu lieben. Es ist also ganz in der Ordnung, daß ich mich ohne Rast verzehre. Aber du, weshalb vergießt du diese brennenden Tränen?« »Mein Bruder,« sagte die Kerze, »ein schlechter Mensch hat mich vom Honig, meinem süßen Geliebten, getrennt, und ich weine. Aber ich bemerke, daß du nicht würdig bist zu lieben. Du hast keinerlei Mut und keine Resignation ... Meine Flamme hat dir nur einen leichten Kuß gegeben, und schon fliehst du! Das Feuer der Liebe hat nur leicht deinen Flügel berührt ... Sieh', wie es mich durchdringt und zerstört! Statt meine leidenschaftliche Resignation und meine heißen Tränen zu bewundern, beschäftigt dich nur das Licht, das ich verbreite. Und doch gleiche ich Saadi! Er lächelt, aber das Feuer der Liebe verzehrt ihn ...« Einige Augenblicke später kam ein herrlich schönes Mädchen und löschte meine Kerze aus, indem sie sagte: »So endet die Liebe. Nur der Tod hat Gewalt über ihre Flamme ... Verweile nicht weinend über den Gräbern der von der Liebe Besiegten! Erhebe dich und rufe: Ruhm sei Gott! Seine Opfer waren Erwählte. Wirf dich nicht hin über den Ozean der Liebe. Sondern, versuchst du das Abenteuer, so sei kühn und springe bis zum Grunde in seine Tiefe.« Scherben bedeuten Glück Seida liebte ihren Mann nicht, sie hatte ihr Herz ganz ihrem Freunde geschenkt. Doch dieser blieb schon allzulange von ihr fern und dies nur, weil ihre Liebe im ganzen Umkreis bekannt war und das Gerede darüber zu deutlich wurde. Auch ihr Freund litt unter dieser Trennung und wurde fast krank vor Sehnsucht. Eines Tages hielt es ihn nicht mehr zu Hause und in der Verborgenheit. Er eilte zu seinem Freunde und sprach ihn an: »O Freund, das Bild Seidas schwebt immer vor mir, ich bin nicht mehr Herr meiner Sinne! Komm, laß dein Studium und begleite mich zu Seida, zur Heißgeliebten meines Herzens!« Der Freund sagte ihm die Begleitung zu und versicherte ihn seiner Treue, seiner Bereitschaft für jeden Dienst in dieser Sache. Am frühen Morgen saßen sie schon auf ihren Pferden und nach zwei Tagreisen kamen sie zu dem Orte, wo Seida wohnte. Der junge Liebhaber sprang aus dem Sattel und sprach zu seinem Freunde: »Suche in der Umgebung gastfreundliche Leute, bei denen ich übernachten könnte. Verrate ihnen aber nicht mein Vorhaben. Trachte, nachdem du dies erledigt hast, der Dienerin Seidas zu begegnen und sage ihr, sie möchte ihre Herrin um eine Zusammenkunft mit mir bitten.« Die Dienerin wurde noch genau beschrieben, so daß der diensteifrige Freund sie nicht verkennen konnte. Der Freund machte sich auf die Suche, fand auch wirklich die Dienerin und erklärte ihr nun den ganzen Sachverhalt. Die Dienerin prägte sich alles gut ein und berichtete ihrer Herrin. Seida war über diese Botschaft sehr glücklich, sie küßte ihre Dienerin und trug ihr folgende Antwort auf: »Eile zu dem, der dich geschickt hat, und sage ihm, das Stelldichein soll schon heute Nacht sein, bei dem und dem Baume und zu der bestimmten Stunde.« Der Freund wieder eilte zu dem Verliebten und überbrachte ihm die Botschaft. Zur festgesetzten Stunde waren die beiden Freunde bei dem Baum. Es dauerte nicht lange und Seida stand verschleiert neben ihnen. Kaum hatte der Liebende sie an ihrer Stimme erkannt, die ihm einen süßen Gruß zuflüsterte, so nahm er sie auch gleich in seine Arme und küßte sie mit der ersten Glut des Wiedersehens. »Geliebte, ich ertrug die Zeit nicht ohne dich! Nun mußt du mir auch die ganze Nacht gehören. Aber wie es anstellen, ohne daß dein Gatte etwas merkt?« »Oh, bei Allah, wenn es dir Freude macht, wird's nicht an Mitteln fehlen.« »Sage es, damit wir nicht zögern, es auszuführen!« »Wenn dein Freund dir treu ergeben ist und es ihm nicht an Geistesgegenwart mangelt, so weiß ich ein Mittel.« »Du kannst ihm vertrauen, wie ich es tue, und er wird auch so leicht nicht den Kopf verlieren.« Seida ging nun voraus zu einer abgelegenen Stelle. Hier streifte sie mit flinken Händen ihr Kleid ab und reichte es dem Freunde ihres Liebsten. Ehe alle begriffen, hatten die beiden ihr Kleid gewechselt. Dem so verkleideten Freund gab sie folgende Weisungen: »Geh' nun in mein Haus und schlafe dort an meinem Platze. Wenn das erste Drittel der Nacht vorüber ist, wird mein Mann zu dir kommen und von dir den Topf verlangen, in den man die Kamele melkt. Daraufhin überreiche ihm nicht das Gefäß, sondern halte es in deiner Hand, bis er es dir abnimmt. Dann entfernt er sich und kommt bald mit dem gefüllten Topf zurück. Wenn er dir sagt: nimm den Topf, so nimm ihn nicht eher, als bis er dies ein zweites Mal gesagt hat. Er wird dir dann auch helfen, den Topf auf die Erde zu stellen. Steht er auf der Erde und hat mein Mann die Stube verlassen, so trinke ein Drittel davon und stelle ihn wieder auf seinen Platz.« Der Freund ging fort und prägte sich die Reihenfolge des zu Geschehenden ein. Es schien, als sollte alles schön nach dieser Reihenfolge gehen. Als aber der Mann zum zweiten Male sagte, da ist der Topf, griff der Verkleidete wohl nach ihm, ließ ihn aber gleich wieder los. Dem Manne aber, der sich auf die zugreifende Hilfe verlassen hatte, entglitt der Topf und der lag nun in tausend Scherben zerbrochen auf dem Boden. Der Mann, der nun glaubte, mit seinem Weib zu sprechen, zeterte laut: »Wo hast du denn deinen Verstand gelassen?« Die Reihenfolge war nun empfindlich gestört. Der erboste Mann nahm einen Stock und schlug damit so lange auf sein vermeintliches Weib, bis er zerbrach. Mit einem anderen Stock bekam er noch fünfzig auf den Rücken, bis ihm sein Fleisch dort ganz mürbe vorkam. Es wäre so weitergegangen, aber auf das Geschrei des Mannes kamen die Mutter und die Schwester Seidas herbeigeeilt und entrissen dem Wütenden das besinnungslose Opfer. Sie hatten ihn in einem anderen Gemach in ein bequemes Bett gelegt. Die Mutter saß nun lange an seinem Bettrand und sprach so eindringlich auf ihn ein, daß er meinte, er könne nun nicht länger schweigen und müsse laut aufweinen. Sie tröstete ihn und sprach: »Habe Vertrauen zu Allah und gehorche in allen Stücken deinem Gatten. Er kann jetzt freilich nicht zu dir kommen, denn er ist zu erbost über dein Betragen. Doch will ich dir deine Schwester als Trösterin schicken.« Mit diesen Worten verließ sie das Gemach. Wirklich schickte sie die Schwester, die auch gleich ins Bett schlüpfte und über Trostworte und Weinen nicht gewahr wurde, wer neben ihr lag. Im langsamen und vorsichtigen Näherrücken merkte er, von welcher Schönheit diese Schwester war, und daß sie alle Vollkommenheiten in sich barg, gleich dem Monde in der Nacht seiner Fülle. Zitternd legte er seine Hand auf ihre Lippen, um sie am Sprechen zu hindern, und flüsterte ihr nun ganz leise ins Ohr: »Erschrick nicht, ich bin nicht die, für die du mich hältst. Deine Schwester ist bei ihrem Geliebten. Ich habe die Gefahren auf mich genommen, um ihr diesen Dienst erweisen zu können. Gib du mir nun die Huld deines Schutzes. Wenn du Verrat üben willst, so stößt du deine Schwester in die gemeine Schande. Ich habe meinen Entschluß, doch alles Elend würdest du zu tragen haben.« Das junge Kind fühlte einen Schauer über sich wehen und sie glaubte, sie stünde in einem Traum. In ihrem eingeschüchterten Herzen bedachte sie die Folgen, die aus der Aufführung ihrer Schwester entstehen könnten. Dann aber bekam ihr kindlicher Übermut die Oberhand, sie fing leise an zu kichern und überließ sich langsam diesem Freunde ihres Hauses, der solcher Aufopferung fähig war. Der Rest der Nacht war Küssen, Umarmungen und selige Freude ... Der glückliche Freund ließ seinen von Stockhieben mißhandelten Körper allmählich die Schmerzen vergessen, genoß Umarmungen und süße Liebe bis zum Morgengrauen. Dann eilte er, seine Gefährten zu treffen. Als Seida sich erkundigte, ob auch alles nach ihrer Weisung abgelaufen sei, antwortete ihr der Freund: »Du hast eine kluge und einsichtige Schwester, frage diese. Sie wird nicht mehr wissen als wir alle nach solch einer Nacht. Wir haben sie verbracht wie du und dein Geliebter und auch uns stieg der Morgen zu rasch auf.« Sie tauschten die Kleider wieder aus und standen da, wie sie gekommen waren. Erst in seinem männlichen Kleid fand der Freund all die Worte, mit denen er der erstaunten Seida die süßen Einzelheiten seines Erlebnisses schildern konnte. Der schöne Kadi In Damaskus lebte einst ein junger Kadi, der ebenso schön als gelehrt war. Eines Tages ritt er durch die Stadt. Als er am Palaste des Königs vorbeikam, gewahrte er auf dem Dache ein wunderschönes Mädchen, das ihn wohlgefällig zu betrachten schien. Das Mädchen war die Favoritin des Königs und verdiente diese Bevorzugung vollends. War sie doch selten schön und anmutig. Als sich die Blicke der beiden fanden, waren sie auch schon über alle Maßen ineinander verliebt. Um dem jungen Mann ein Zeichen ihrer Neigung zu geben, warf sie ihm eine goldene Orange in den Schoß, eben in dem Augenblick, als er an dem Dache ihres Hauses vorbeiritt. Der Kadi nahm das Geschenk freudig bewegt in die Hand, hielt sein Pferd für eine kurze Weile an und dankte der Spielerin mit einem empfindsamen Blick. Damit diese Begegnung nicht bemerkt werde, ritt er gleich weiter und verschwand in der Menge. Von diesem Augenblick an hatte den Kadi die Unruhe der Liebe ergriffen. In vielen Wandlungen erschien ihm das Bild des jungen Mädchens, aber jede Wandlung ließ ihm das Mädchen schöner und schöner werden. Er sann nun nach, auf welche Weise er dem bezaubernden Geschöpf noch einmal begegnen könnte. Mastur, so hieß das junge Mädchen, wurde sehr traurig, als der junge Kadi in der Menge verschwunden war. Es quälte sie, immer Träumen nachzuhängen, die ihr den jungen Kadi nur vorzauberten; auch sie sann über Mittel nach, die eine wirkliche Begegnung herbeiführen könnten. Am nächsten Tage begab sie sich wieder auf das Dach ihres Hauses. Der Himmel schien ihren Wunsch erfüllen zu wollen, denn sie bemerkte den Kadi schon von weitem und sah, wie er wieder gegen den Palast hin seinen Weg nahm. Einen Augenblick hielt er wie gestern sein Pferd an der Stelle an und ritt dann weiter. Zehn Tage hintereinander sahen sie sich auf diese Weise, warfen sich nur Blicke zu und litten an einer quälenden Einsamkeit. Eines Tages kam eine von den Sklavinnen des Königs, die in seinem besonderen Vertrauen stand, auf das Dach und sah Mastur hier sitzen. Nachdem sie die Favoritin des Königs eine Weile beobachtet hatte, machte sie ihr Vorwürfe, daß sie sich auf einem Platze zeige, wo sie von allen Männern gesehen werden könne. Gerade als die Sklavin an Mastur näher herantrat, erblickte diese den schönen Kadi, der sich wieder unter dem Dache postiert hatte. Der Sklavin entging es nicht, welche Blicke die beiden Verliebten miteinander wechselten. Sie machte Mastur darob ernste Vorstellungen und sagte: »Glaubst du, daß der König es nicht erfahren wird, welches Spiel du mit dem Kadi der Stadt treibst?« Ob dieser Reden wurde dem jungen Mädchen ganz bange und sie überließ sich dem Weinen. Endlich raffte sie sich doch auf, ergriff ein reich mit Edelsteinen geschmücktes Kästchen, reichte es der Sklavin und sagte: »Du hast gesehen, wie verliebt ich in den jungen Kadi bin. Kein Leugnen würde diese Wahrheit vertuschen können. Nur du kannst mir zu der Erfüllung meiner Wünsche verhelfen.« Die Sklavin war freudig bewegt ob des schönen Geschenkes und sie antwortete: »Sei versichert, daß ich alles tun werde, um dir eine Zusammenkunft mit dem Kadi zu ermöglichen. Dein Herz soll nicht länger trauern. Morgen, wenn der König ausreitet, stell' dich krank und klage laut über deine Schmerzen, verbiete aber jedem den Zutritt in dein Gemach. Sage, daß du der Ruhe bedarfst und daß jede fremde Stimme dich schmerzt. Ob so oder so; der Kadi kommt zu dir.« Am nächsten Tage tat Mastur alles, wie man es besprochen hatte. Sie verschloß sich in ihr Zimmer, um abzuwarten, ob der Sklavin der Plan gelingen werde. Diese ging nach dem Hause des schönen Kadi und, als sie vorgelassen wurde, sagte sie zu ihm: »Ich habe dir eine geheime Nachricht zu bringen!« Auf diese Anrede hin führte sie der Kadi in sein Privatgemach, und hier erst brachte sie ihre Botschaft vor: »Ich bin zu dir gesandt von der Favoritin des Königs. Sie hat sich eingeschlossen und täuscht Krankheit vor. Ich bin unter dem Vorwande unterwegs, eine weise Frau zu bringen, welche sie heilen könnte. Ihr müßt Euch nun als Weib verkleiden, aber nehmt auch einen dichten Schleier, damit ich Euch, ohne weiteres Aufsehen zu machen, zu ihr führen kann.« Der Kadi nahm mit Freuden diesen Vorschlag an. Die Sklavin griff gleich hurtig zu und half als Sachverständige, den Kadi umzukleiden. Sie ordnete sein Haar nach Frauenart und band ihm noch zum Schlüsse einen dichten Schleier vor das Gesicht. So verkleidet, führte sie ihn in den Palast. Dort fragte die Wache, wer das Weib sei, das sie da mitbringe. Und sie antwortete: »Das ist die weise Frau, die gekommen ist, die Krankheit Masturs zu heilen.« So erreichten sie das Gemach der Favoritin ohne Zwischenfall. Bevor die Sklavin die beiden allein ließ, sagte sie noch dem Kadi, daß sie ihn in der Nacht abholen werde. Die beiden Liebenden hatten nun die Stunde gefunden, nach der sie sich so lange gesehnt. Mastur löste lächelnd Stück für Stück der Frauenkleidung von dem männlichen Körper ab und sie liebten einander ... Für die wachsame Umgebung aber machte die Heilung der Favoritin nur langsam Fortschritte. Die weise Frau mußte noch sehr oft kommen und der Kadi überließ sich unermüdlich dem Glück, das ihm diese Verkleidung eintrug. Unter dem Zeichen eines Weibes bewies er sehr männliche Tugenden. Es schien, als wollte die Gunst des Schicksals die beiden unter ihre besondere Hut nehmen. Dennoch schlich sich eines Tages Gefahr ein. Der König erschien plötzlich unangesagt. Es gab keine Möglichkeit mehr, den Kadi unbemerkt aus dem Palast zu entfernen. Die Sklavin, die atemlos die Ankunft des Königs den beiden meldete, fand nur mehr Zeit, den Kadi im nächstgelegenen Raum zu verbergen, welcher die Schätze des Königs enthielt. Hier stand eine Reihe von kostbaren Truhen, manche davon waren bis an den Rand mit Kostbarkeiten gefüllt, andere hingegen standen wieder leer. In einer dieser letzteren versteckte die Sklavin den verkleideten Kadi, und verschloß sodann die Truhe. Wenige Augenblicke später betrat der König das Gemach seiner Favoritin. Diese lag auf ihrem Ruhebette und begrüßte ihren Herrn mit einem müden Lächeln, wozu sie manchen geheimen Grund hatte. Als er sie fragte, wie es um ihr Befinden stünde, antwortete sie: »Ich hatte Kopfschmerzen, aber eine weise Frau verfügte über so ausgezeichnete Arzneien, daß es mir schon besser geht. Sie war hier und hat mich auch etwas zur Ader gelassen.« Der König nahm diese Nachricht mit besonderem Vergnügen auf, denn er hatte schon lange den Wunsch gehabt, sich wieder einmal der Liebe seiner Favoritin zu erfreuen. Er ließ sich neben sie nieder und Mastur war gezwungen, ihn gewähren zu lassen, wie sehr ihr Herz auch bei einem andern weilte. Einige kühne Räuber hatten für diese Nacht beschlossen, vom Schatz des Königs einige Reichtümer zu stehlen. Sie kletterten über eine Mauer auf das Dach des Palastes und gelangten von hier aus ungesehen in die Schatzkammer. Sie nahmen das erstbeste, was ihnen in die Hände fiel – die Truhe, in der der Kadi versteckt war. Sie versuchten, ohne viel Geräusch zu machen, die Truhe etwas vom Platz zu rücken, nur um sich zu überzeugen, ob sie auch schwer genug von Schätzen sei. Ihrer Begierde schien das Gewicht der Truhe genug zu tun. Schwitzend und keuchend brachten sie den Schatz auf das Dach und ließen ihn nun langsam, an ein festes Seil gebunden, auf die Straße hinuntergleiten. Hier nahmen zwei starke Männer die Truhe in Empfang, luden sie auf ihren Rücken und hatten nun vor, ihre Beute in ihren Schlupfwinkel zu bringen. Auf dem Wege dahin bemerkten sie, daß der Nachtwächter ihnen entgegenkam. Um nicht aufgegriffen zu werden, verbargen sie sich rasch in dem nächstliegenden dunklen Torweg. Dieser gehörte zum Hause eines Würdenträgers. Hier verhielten sie sich mäuschenstill, um den Nachtwächter vorübergehen zu lassen. Sie waren gerade dabei, wieder ihre Bürde aufzunehmen und ihren Weg fortzusetzen, als sich hinter ihnen eine Tür öffnete und ein Sklavenmädchen mit einer brennenden Lampe heraustrat. Das Mädchen hatte das Geräusch gehört und kam nun nachsehen, ob das Tor verschlossen sei. Bei ihrem Anblick ergriffen die Räuber die Flucht und ließen die Truhe zurück. Das Mädchen sah erstaunt auf die Truhe. Sie versuchte, den Deckel zu heben, fand aber die Truhe verschlossen. Nun schob sie sie ins Haus und holte ihre Herrin. Erst mit ihr zusammen hoffte sie das schwere Ding aus dem Wege zu bringen. Die beiden Frauen besahen nun die Truhe und wußten sich kaum vor Erstaunen zu fassen. Wo kam sie her und wie kostbar war sie in allen ihren Teilen! Doch ihre Neugierde war noch lange nicht befriedigt, denn sie hofften, in der Truhe selbst noch manchen Reichtum anzutreffen. Die beiden Frauen beschlossen, sie daher aufzubrechen. Vorerst schoben sie das schwere Ding vor die Türe, die zum Gemache der Frau führte. Hier machten sie sich daran, die Truhe zu öffnen. Nach vielen Mühen gelang es ihnen auch, den Deckel zu heben. Brennend vor Neugierde leuchteten sie mit ihrer Lampe in das Innere. Das erste, was sie im Lichtschein zu sehen bekamen, war das Gesicht des Kadi. Erst langsam wand sich dieser aus seinem engen Versteck, und als er in ganzer Figur herauskam, wollten die Weiber über die Frauenkleidung, die er trug, laut auflachen. Er gebot ihnen, leise zu sein, und es wurde ihm auch kichernd gehorcht. Die Frau nahm ihn gleich in ihr Gemach und stellte das Sklavenmädchen auf Posten, damit sie Nachricht habe, wenn ihr Mann zu kommen drohe. Die Frau war über den unvorhergesehenen Besuch gar nicht böse, denn auch sie hatte schon lange ein Auge auf den schönen Kadi geworfen. Nun er in ihrem Nest war, überließ sie sich ihm voll Freude. Dann erst fragte sie ihn, wieso er in diese Lage gekommen war. Er erfand Folgendes: »Als ich friedlich bei mir zu Hause saß, drangen plötzlich drei Männer bei mir ein, erklärten sich als meine Feinde und raubten mir an Kostbarkeiten, was sie nur finden konnten. Mich zwangen sie, diese Frauenkleidung anzuziehen und in die Truhe zu steigen. So raubten sie mit meiner Habe auch mich, denn alles schleppten sie mit sich fort. Irgendein mir unbekannter Zufall aber wollte es, daß sie die Truhe bei Euch abladeten und davongingen. Dem Himmel sei Dank, der mich in deine gnadenvolle Nähe brachte!« Nun kam die Sklavin gelaufen und meldete das Nahen des Gatten. »Versteckt Euch rasch in diesem leeren Weinbehälter! Dort bleibt so lange, bis mein Gatte eingeschlafen ist und dann sollt ihr befreit werden!« Der Kadi, der mittlerweile schon Übung hatte, handelte nach dieser Weisung. Als der Würdenträger das Zimmer betrat, war er voll von Wein und aus diesem Grunde sehr streitsüchtig. Er beschimpfte laut sein Weib und beschuldigte sie der Nachlässigkeit im Haushalt, der Flatterhaftigkeit und noch mancher Dinge, wie es ihm eben im Rausche einfiel. »Ich werde schon ein Mittel finden, um dich empfindlich zu strafen!« Die Frau war nicht verlegen und warf ihm vor: »Du gehst jede Nacht fort und betrinkst dich mit Wein und wenn du heimkommst, fällt dir nichts Besseres ein, als mich sinnlos zu beschimpfen. Es wäre klüger, du würdest dich nüchtern halten, damit du deine Pflichten am Tage besser erfüllen könntest. Wenn der Kadi um deine Nachlässigkeit wüßte, so würdest du bestraft werden und nicht ich.« Als sie ihm dies vorwarf, wurde sein Zorn so heftig, daß er den erstbesten Gegenstand nahm, um ihn seiner Frau an den Kopf zu werfen. Aber in seiner Trunkenheit zielte er schlecht und traf, statt seiner Frau, den tönernen Weinbehälter, der auch gleich in Stücke auseinanderfiel. Die Frau übersah sofort die Situation, die nun sehr kritisch wurde, weil das Versteck des Kadi nicht mehr bestand. Um dem Gatten die Möglichkeit zu nehmen, auf das zerbrochene Gefäß zu blicken, warf sie sich rauflustig auf ihren Mann und kämpfte mit ihm so lange, bis die schlaue Sklavin, diese Gelegenheit benützend, den Kadi mit sich fortzog. Als sie ihn in ihrer Kammer hatte, blieb auch jede Gefahr von dem gehetzten Kadi fern. Er atmete auf, und, weil diese Sklavin sehr schön war ... blieb er auch bei ihr – bis in den Morgen. Zu Hause und in seiner Männerkleidung fand der Kadi erst diejenige amtliche Würde, die an ihm so allgemein geachtet war. Mochte seine Weisheit auch manches lösen, die Aufgaben, die ihm seine Schönheit stellte, waren oft – viel schwieriger. Der listige Dschahis Ein Jüngling mit Namen Dschahis verliebte sich leidenschaftlich in eines der Weiber seines Vaters, die ebenso schön und töricht war, wie er klug und häßlich. Um ihrer aber in Liebe zu genießen, ersann er sich folgende List: Er brachte ihr ein Schreiben von der Hand ihres Vaters, der sie zu sich forderte, weil er auf den Tod darniederliege und sie noch einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen wünsche. Dschahis trug sich ihr nun als Reiseschutz an, und sein Vorschlag wurde gern angenommen. Während sie aber ihr Bündel schnürte, machte sich Dschahis fort, um auf dem Wege, den sie ziehen müßten, an bestimmten Stellen Lebensmittel zu verscharren. Am folgenden Morgen wurde die Reise angetreten. Schon waren sie lange Stunden in der größten Sonne dahingeritten, als das Weib nach Erfrischungen Verlangen trug. Da entschuldigte sich Dschahis, er habe vergessen, solche mitzunehmen, und sie müsse sich bis zum nächsten Dorf in Geduld fassen. In diesem Augenblick jedoch flog krächzend ein Rabe vorüber. »O du großer Lügner!« schrie Dschahis. »Wen schiltst du einen Lügner?« begehrte das Weib zu wissen. »Den verwünschten Raben dort, der mir weismachen will, daß unter jenem Baume Fisch und Brot und Scherbett vergraben wären.« »Wie kannst du ihn denn verstehen?« »Oh, wiewohl ich noch jung an Jahren bin, habe ich schon viel gelernt und habe zufällig eine Grammatik und ein Wörterbuch der Vogelsprache gefunden, darum verstehe ich mich nun auf diese.« Das Weib aber, das des Hungers Pein bitter verspürte, dachte, der Rabe könnte doch die Wahrheit verkündet haben und drang in ihren Weggefährten, haltzumachen und unter dem Baume nachzugraben. Sie fanden nun Brot, Fisch und Scherbett, und das Weib hielt ihren Stiefsohn für einen großen Gelehrten. Und als sie wieder eine Weile des Weges dahingezogen waren, strich ein anderer Rabe krächzend an ihnen vorüber. »Ei, du Erzlügner!« schrie Dschahis wie erbost. »O lieber Sohn meines Gatten,« hob das Weib an, »was krächzt er denn? Ehrlich ist doch das Rabenvolk und man darf es nicht der Lüge zeihen.« Darauf erwiderte Dschahis: »Wenn wir ihm Glauben schenken wollten, so müßten sich unter jener Steineiche dort ein Braten und mit Fleisch gefüllte Kuchen finden lassen.« Das Weib drang darauf, abzusitzen, und sie fand richtig alles so, wie es der Rabe gesagt hatte. Und hielt ihres Mannes Sohn für einen großen Heiligen und küßte ihm voll Ehrerbietung und ganz demütiglich die Hände. Sie hatten wohl zu essen gehabt, aber nichts zu trinken, wo sie doch glaubten, vor Durst vergehen zu müssen. Bald hernach krächzte wieder ein Rabe. »Spitzbube, du!« rief Dschahis. »O du liebes Kind meines Gatten, tue dem ehrlichen Gesichte kein Unrecht; glaube mir nur, Raben sind Wahrheitskünder! Was will er denn?« »Dort, unter jenem Baume, behauptet er, seien Flaschen voll köstlicher Weine und des herrlichsten Scherbetts vergraben.« Das stimmte wiederum genau. Und sie tranken vom besten Weine und ruhten noch dahingelagert im dichten hohen Grase, als ein vierter Rabe über ihren Häuptern krächzte. »O du gotteslästerlicher Lügner, o du schändlicher Betrüger!« schrie Dschahis ganz aufgebracht. »Verleumde den guten Raben nicht so,« sagte das Weib, »wahr und richtig wie der Koran sind seine Worte. Was sagt er denn?« »Scham verspüre ich, es nur zu wiederholen, obgleich ein großes Unglück damit verknüpft ist.« Lange weigerte sich Dschahis und tat gar so, wie wenn er weine aus Scham und Trauer. Auf vieles Bitten hin sprach er endlich unter Stottern: »Wenn Ihr, o liebes Weib meines Vaters, Euch nicht auf der Stelle Liebe pflegend zu mir lagert, sagt der Rabe, werden Euer Vater und Euer Kind allsogleich des Todes sterben.« Was war zu tun? Des Raben Glaubwürdigkeit konnte man unmöglich anzweifeln. Dschahis erklärte zwar, nie und nimmer dürfe solches geschehen, aber je mehr er sich weigerte, desto dringlicher ward das Weib und bat ihn flehentlich, ihres Vaters und ihres Kindes Leben zu retten. Hände und Füße küßte sie ihm und gab nicht nach mit Bitten, bis er sich ihrer – erbarmte.