Franz Blei Der Knabe Ganymed Moralische Erzählungen   1923 Im Ernst Rowohlt Verlag / Berlin     Von diesem bei Jakob Hegner in Hellerau bei Dresden gedruckten Buch wurden einhundertfünfzig numerierte Exemplare mit einem radierten Titel von Karl M. Schultheiss auf Büttenpapier abgezogen und vom Verfasser signiert. Des Odysseus letzte Ausfahrt Die alten Schriftsteller haben sich mit dem homerischen Berichte über Schicksal und Ende jener griechischen Helden und Fürsten nicht zufrieden und von deren weiterem Leben und Tun manche Kunde gegeben. Zumal den Erdenspuren des Odysseus, des Menelaos und der Helena sind sie nachgegangen, nichts versäumend, folgende Geschlechter zu Lust und Gewinn zu unterrichten davon, was sich alsdann begab, da ein jeder dieser Helden wieder an seiner Stätte sitzend das ihm zugeteilte Tagewerk aufnahm. Daß Penelope in der langen Zeit des kummervollen Wartens wohl für viele Freier des ithazensischen Thrones willen begehrenswert, doch nicht jünger und schöner geworden war, solches wird niemand dem guten Wesen zum Vorwurf machen, und auch Odysseus wäre mit diesem Umstande zurecht gekommen, wenn anders Penelope nicht selber ohne es zu wissen darauf aufmerksam gemacht hätte, daß sie, was sie an jugendlicher Schönheit verloren, durch andere Verdienste um Odysseus wettzumachen glaubte. Kaum war die Walstatt von den toten Freiern gesäubert und Sturm ersten Wiedersehens und Umarmens verrauscht, hub sie an, ein großes Wesen aus ihrer Treue zu machen, um, also von sich redend, zu erfahren, wie es Odysseus mit dieser Tugend gehalten habe, und ob sie nicht ein Opfer gebracht, das der nicht verdiente, dem sie es brachte. Und es war ja in der Tat dieses Opfer, dieser Aufwand einer Tugend so ungeheuer, daß Odysseus es nicht über sich gewinnen konnte, einzugestehn, daß er mit nichten treu gewesen, zumal immer häufiger das Bild der Kalypso vor seinen Sinnen stand und er es nicht verraten wollte mit dem falschen Geständnis seiner Untreue, die er aber nur mit leichtfertigen Geschöpfen und so obenhin begangen, – wie es in solchen kritischen Fällen Ehegatten zumeist tun. Er gewann die Kraft über sich, die bei der geliebten Nymphe verbrachten Jahre der Gattin zu verschweigen, die es wunderte, was er nun all die lange Zeit nach dem Falle Ilions getrieben hätte. Und damit begann eine arge Leidenszeit für den Dulder Odysseus. Denn es oblag ihm nun, diese Zeit mit Abenteuern zu füllen, die er völlig erfinden mußte. »Als welch ein Lügenbeutel werde ich auf die Nachwelt kommen, verdunkelnd all so all mein Heldentum!« – so dachte er aufseufzend oft, wenn er vom wiederkehrenden »Und dann?« Penelopens zu neuen Erfindungen angespornt den vom flackernden Kaminfeuer beleuchteten Sauhirten und die herbeigeeilten Nachbarn lauschend mit offnem Maule an der Tür erblickte, wissend um die Schwatzhaftigkeit seiner Landsleute, die alle die Lügengeschichten weitererzählen und über ganz Griechenland verbreiten würden. Er hieß ja nicht umsonst der listenreiche Odysseus und verstand sich aufs Geschichtenerfinden, aber er mußte sich doch erschreckt auf Wiederholungen und Doubletten ertappen, worauf ihn zudem Telemachos aufmerksam machte. Mit einem trüben Lächeln blickte da Odysseus auf den Jüngling, der unter der Obhut seiner Gattin und des andern Weibervolkes im Hause sich zu einem abscheulichen Musterknaben entwickelt hatte, der keine Geschichte des Vaters passieren ließ, ohne eine moralische Nutzanwendung daraus abzuleiten und mit Wichtigkeit vorzutragen. Was ich zu viel habe, der hat's zu wenig, dachte Odysseus und erhob sich, denn es ward ihm übel, und trat vor das Haus unter den Himmel voller Sterne. Herd und Lager waren ihm verleidet. Er mied beides, so oft er nur konnte, trieb sich in Wald und Feld herum oder an den Klippen des Strandes, saß da auf einer Höhe und blickte übers Meer in die Ferne. An einem solchen Abend war es, daß er ein Segel erspähte und den Bug eines Fahrzeuges, das seiner Insel zustrebte. Sein Lenker war Menelaos, der, von Delphi kommend, ihn bat, ihm Gefährte zu sein auf der Suche nach Helena. Memphis hätte das Orakel ihm angegeben als den Ort, wo die angebetete Frau weile, ohne die er nicht leben könne. Übrigens werde man in Delphi teurer von Tag zu Tag. Tausend Talente Goldes hätte er lassen müssen, aber fände er Helena wieder und zur Heimkehr bereit, so sei ihm dies ein Pappenstiel. Man weiß, daß Helena es vorzog, als Hohepriesterin des Anubis lieber in Memphis zu bleiben, als sich von den tugendhaften spartanischen Gattinnen schief ansehen zu lassen. Und es ist auch nicht diese traurige Geschichte, welche hier erzählt werden soll, sondern die andere, die sich mit Odysseus begab. Er zauderte keinen Augenblick, die Einladung des guten Sparterfürsten anzunehmen, deutete den landwärts umschlagenden Wind als gutes, ihm von Pallas Athene gesandtes Zeichen, stellte das Segel und trat ans Steuer. Keinen Blick warf er zurück auf die heimatliche Küste, bot ihr vielmehr luftgeschüttelt seinen breiten Rücken. Es war frohe Fahrt. Wäre der von Verliebtheit ganz erweichte Menelaos nicht gewesen, dem, schlief er nicht, die Zunge nicht stillstand zum Lobpreise Helenas, deren Reize so viele und so große seien, daß einer genügte, ihr alle Abenteuer und Liebhaber zu verzeihen. »Wie zaubervoll«, sagte Menelaos, »ist nicht die Geste ihrer Hand, wenn sie sie auf das allzu heftig schlagende Herz drückt ...« Das nicht da ist, dachte Odysseus. »Und wie versteht sie es, das Augenlid halb zu senken und den erhitzenden Blick über einen gleiten zu lassen ...« Kurzsichtig verträgt sie das Licht nicht, dachte Odysseus. »Dann wieder, wie entzückend, wenn sie ihren kleinen Finger hebt und ansieht wie eine Kostbarkeit ...« Wenn ihr nichts sonst einfällt, dachte Odysseus. »Und wie träge und beunruhigend ist ihr Gang einer Frau, die zu viel geliebt wird ...« Oder zu enge Schuhe trägt, dachte Odysseus. »Und wenn sie bloß sagt: es regnet, sagt sie es, als ob es Liebesgötter regnete ...« Der arme Menelaos! dachte Odysseus, und deutete mit einem Gähnen dem Sparter an, daß es Zeit zu schlafen sei. Doch allein nun bedachte er dieses alles und fand, daß also übelwollend sich seine Wünsche gegen Helena nur um dessentwillen richteten, weil ihm Penelope Galle ins Blut gegossen hatte mit ihrer Treue, die sie ihm Tag um Tag als ihre Schönheit gewiesen hatte, weil andere Schönheit nicht mehr an ihr war. Und diese andere, diese Helena, hatte sicher ihre Untreue schön belassen wie eh. Weit schöner, als es der in Liebe verwirrte Narr Menelaos aufzähle nach dem springenden Diktat seiner Sinne. Aber was galt ihm dieses fremde Weib eines anderen? Ihm, dem Geliebten der unsterblichen Nymphe! Und Düfte wie aus einem Zaubergarten trug der östliche Wind herüber zu ihm, der die Arme streckte und die Nüstern blähte und aufstöhnte aus der bedrängten Brust. Stärker wehten Gerüche, wie duftendes Frauenhaar strich es um ihn ... Und er stieß den Mann am Steuer beiseit, griff selber den Balken, warf ihn herum. Immer noch kämen sie nach Ägypten, und Menelaos wäre morgen zu sagen, widriger Wind hätte sie abgetrieben zu dieser Insel, die seine selige Insel war und wieder sein sollte für eines kurzen Tages Stunden. Als die rosenfingrige Eos erwachte, sichtete Odysseus das grüne Eiland und mit dem heraufrollenden Sonnenwagen sprang er an den Strand. An dieser Stelle hatte er sein Floß gebaut. Da war Kalypso gestanden, gab weinend den Mägden Befehl, die Fracht zu häufen. Dort durch das Wäldchen, aus dem sich dampfend der Frühnebel in die Sonne hob, ging der Pfad zum zierlichen Lusthäuschen, dem rosenumrankten. Dem Schlafe wird sie noch in den Armen liegen. Sie zu wecken wird köstlich sein. Odysseus schritt durch das Gehölz, langsam, weilend, denn er mußte es hinzögern im kurzen Stück Weg, das Wiedersehen, das brausend gespannte Blut genießen, das ihm durchs Eingeweide bebte. Und voller Gesichte aus seinem Blute war der Weg: bog sich ein schlanker Rücken hinter der Buche, sprang weißer Knie ein Paar über das rieselnde Wasser, lag ein heller Leib im Moos, leuchtend wie ein silberner Schild. Aber da stand gekrümmt ein braunes im Wege, ein altes Weiblein, ganz gering und huzelig, und mühte sich vergeblich, ein Bündel Reisig über den verbogenen Rücken zu bekommen. Trat Odysseus zu der Alten und half. Die blickte sich um, sah auf zu ihm, ein Paar strahlende junge, blaue Augen blickten auf zu ihm, daß er wankte. »Ja, Geliebter, ich bin es. Da du bei mir warst, hielt deine Liebe die Jahre auf, und ich war in deiner Liebe die ewig junge Kalypso. Aber an dem Tage, da du gingst, da kamen die verdrängten, an der Türe wartenden Jahre alle auf einmal über mich, und in einem Lidschlag wurde ich alt, nun uralt, an die neunzig wohl. Aber ich danke dir, daß du kamst. Und nun – dort liegt wartend dein Boot. Leb' wohl, Odysseus! Ich danke dir, daß du kamst.« Das große Leuchten dieser jungen Augen umfaßte ihn noch einmal. Dann stürzte Odysseus zum Strand. Blickte zurück. Kalypso winkte mit einer armen, kleinen, schwachen Geste der Hand Abschied. Die alten Schriftsteller erzählen, unter welchen Umständen die beiden Helden in Memphis Helena trafen, wie Menelaos mit Worten und Tränen und Füßeumklammern die geliebte Frau gebeten habe, mit ihm heimzukehren, wie sie sich mit klugen Worten dessen geweigert und Menelaos weggeschickt habe. Und wie dann eine schweigsame Heimfahrt der beiden Helden gewesen sei. Die Autoren sind hier hinsichtlich des Odysseus sehr zurückhaltend, und man muß es aus ihrer Versicherung, daß er glücklich mit Penelope bis zu seinem späten Tode lebte, zu lesen verstehen, daß er bei der alten Kalypso das Geheimnis der Liebe erfahren hatte. Nicht mehr mit dem beschauenden Auge sah nun er die alternde Penelope und lockte damit ihre hilflose Wehr hervor. Sondern überströmte sie mit dem großen Gefühle, verzauberte sie damit also, daß nichts sonst in ihr blieb als Schönheit, Jugend und liebende Magd des guten und starken Herrn. Denn was, nicht wahr? was denn soll bleiben, was denn leben an dem armen, eh geliebten Weibe, nimmt ihr der Mann den guten Mantel seiner Liebe von den Schultern, sie in ihrer alleinigen Blöße kühlen Auges zu sehen? Er muß die Arme in seine mächtigste Flamme hüllen, damit sie erglühe. Das ist die große Frage, sagte Candide Mit gelösten Gliedern nach getaner Arbeit saß Candide an einem linden Maiabend in der windenumsponnenen kleinen Laube seines frisch entraupten Kohlgartens und besah sich eine neue Sendung, die dreiundvierzigste, seiner illustrierten Lebensgeschichte. Machte sich der hinzuhinkende Doktor Pangloß auch wie sonst mit seinem Spruch bemerkbar: »Da seht Ihr wieder, Candide, wie alles zum besten eingerichtet ist auf dieser Welt; denn es mußte Euch ergehen, wie es Euch erging, damit alle diese Künstler daraus den Anlaß gewinnen, das Auge mit so allerliebsten Zeichnungen zu erfreuen,« so klang Panglossens übliches Amen längst nicht mehr so sicher und überzeugend wie ehedem. Und Candide freute es auch nur, des Alten Stimme zu hören, aber dem Spruch mit zweifelnder Widerrede zu begegnen, hatte er aufgegeben, damals, als er sagte: »Wir müssen unsern Garten bestellen.« Mit einem nassen Auge sah er auf die Bebilderung seines ehemaligen Selbst, mit einem heitern, doch nicht allzu heitern Auge auf den bestellten kleinen Garten, und die darob auf seiner Stirn entstandene Falte bildete wie eh und je die Figur eines Fragezeichens der großen Frage, der Antwort zu geben auch dem Kohlacker bislang noch nicht gelungen war. Da fiel ein Schatten und kam von dem Fremden, der vor Candide ins Licht getreten war: ein hochgewachsener Mann mit einem rötlichen Gesicht guter Gesundheit, breit und behaglich in der Bewegung der Glieder und um die Augen und auf den Lippen ein Lächeln wie ein guter Spaß. Nichts besonders Auffallendes oder Seltsames war an ihm und wie er redete. Und nicht zu merken oder festzustellen war, woher das seltsam Wirkende kam, das von ihm ausging. Zum dritten Male war er heute unangemeldeter plötzlicher Gast, also Fremder nicht mehr, wenn auch fremd und fremdartiger bei jedem Besuch. Kunigunde meinte von ihm, er müsse einmal ein flotter junger Kerl gewesen sein. Paquette glaubte, man könne auch heute noch allerlei von ihm erwarten; die Alte log in ihre Bartstoppeln, er hätte sie das erste Mal gleich in den Popo gezwickt, leider in die fehlende Backe. Der Bruder Giroflé erklärte ihn kurz und bündig für so einen Schieber. Martin wollte ihm nicht wohl, indem er ihn einen Metaphysiker nannte. Und Candide hatte gar nichts gesagt. Aber in diesem Augenblicke, da der Fremde zum dritten Mal vor ihm stand, spürte er, als er aufsah, wie weggewischt von einer magischen Hand das Fragezeichen seiner gefalteten Stirn. Das spürte er so deutlich, daß er aufsprang, dem Fremden ganz nahe ins Gesicht schaute und langsam die Worte sprach, als ob ein anderer sie aus ihm redete: »Ihr seid die Antwort.« Und nun sprach der Fremde. Von seinem kleinen Kohlgarten hatte sich Candide ja nicht düpieren lassen. Die Schnecken fraßen daran, und er mußte sie töten. Denn wovon sollten die Schnecken leben, wenn er ihnen seinen Kohl nicht erlaubte? Hasen, die auch daran Gefallen fanden, fing er in der Falle. Nein, er hatte sich von dieser kohlgrünen Lösung nicht düpieren lassen. Er hatte im Übel der Welt nur gewählt zwischen zwei Übeln. Aber es war ihm keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens geworden, so sehr sich auch Martin, der Philosoph, bemüht hatte, ihm zu beweisen, daß er diese Frage ja längst damit beantwortet habe, daß er lebe, und daß er sie mit einigem logischen Grunde nur als Embryo in seiner Mutter Leib hätte stellen können, aber im Augenblick, da er diesen verließ, bereits beantwortet habe: indem er lebe, erfülle er den Sinn des Lebens, und seine Frage sei eine ebenso leb- wie sinnlose Nachgeburt. Es könne, meinte Martin, ganz gut angenommen werden, daß ein und der andere Embryo die Frage sich negativ beantworte und sich hartnäckig weigere, auf diese Welt zu kommen. Aber da es süß sei, Genossen im Leiden zu haben, zögen die Menschen solche obstinate Geburten, die lieber inter faeces et urinam verfaulen möchten als leben, mit der Zange in diese Welt. Nun sei aber Candide, so viel er wisse, ganz freiwillig dem mütterlichen Schoße entschlüpft und sei jedenfalls da, und damit sei die Frage beantwortet vom Tage der Geburt an. Der geschichtslose Wilde lebe recht und richtig wie der Geschichte machende und darauf erpichte Europäer: man könne da das eine dem andern vorziehen, aus natürlichem Geschmack, aus trüben Erfahrungen, aus vermeinter Erkenntnis des Bessern, aber das ändere weiter gar nichts und sei, so oder so, sicher nicht Antwort auf die große Frage, die weder groß noch Frage wäre. Aber Martin hatte gut reden. Denn Candide wußte das alles längst. Er baute seinen Kohl, aber niemand merkte, daß ihn dabei fieberte. Er war aus der schlechtesten aller möglichen Welten nur in einen ihrer konfliktärmsten Winkel gelaufen. Lebte er hier geschichtslos? War er hier nicht Dschengis-Khan alles Getiers, das in seinen Kohl ging? Ja, wenn er zu Kohl hätte werden können! So aber machte er Geschichte in der Welt des Kohles, er, der kleine Candide in der ihm entsprechenden kleinen Welt. Und nun sprach der Fremde. Candide hatte ja in seinem Kohlgarten hinreichend Zeit gehabt, nachdenklich, man könnte fast sagen philosophisch zu werden. Etwa sich zu sagen: das Leben ist ein etwas lang dauernder Prozeß der Ermüdung. Das Leben ist die Kunst, zureichende Schlüsse aus unzureichenden Prämissen zu ziehen. Das Leben ist kein Rätsel, sondern ein gordischer Knoten, der früher oder später durchhauen wird. Das Leben ist ein zumeist wertvoller Aberglaube. Der Beginn des Lebens ist der Anfang einer Illusion, als ob wir einen freien Willen hätten und so was wie die Notwendigkeit, also Anerkennung des Faktums, daß man sagen kann »ich kann« und »ich kann nicht« oder »ich möchte« und »ich muß«. Solche Worte kamen Candide mit dem Spatenstechen, begleiteten es mit dem einförmigen Rhythmus eines Arbeitsliedes. Oder es kamen ihm beim Jäten so Gedanken über den lieben Gott, den er vom Teufel nicht trennen konnte, ohne zu wissen, daß, bringt er den Teufel um, er auch dem lieben Gott den Garaus macht. Denn ohne den Teufel ist Gott allein, also tot. Wenn die Tugend allein regierte, das wäre, wie jede Alleinherrschaft, unerträglich. Es ist die Funktion des Lasters, die Tugend in vernünftigen Grenzen zu halten. Gott hat, zumal transzendent, seine großen Verdienste. Aber er hat natürlich auch seine Fehler. Sehen wir auf seine Fehler und bedenken wir dabei seine Tugenden, so sind wir über die ersten so erschüttert, daß wir davor zurückschrecken, die Fehler ihm überhaupt zuzuschreiben, und darum haben wir den Teufel erfunden, ohne zu bemerken, daß es entschuldbarer wäre, wenn Gott den Teufel umbrächte und so mit dem Bösen fertig würde, entschuldbarer als es entschuldbar ist, daß Gott nie alles allein sein kann, was er sein möchte. Denn Gott ist nicht so weiß, wie man ihn malt, und steht sich mit dem Teufel besser, als die Leute denken. Der Teufel ist Gott zu sehr nutz, als daß er ihm Böses wünschte und umgekehrt. Sie reden ja wohl recht schlecht aufeinander, aber sie spielen sich doch in die Hand als Partner seit Ewigkeit. Daß Gott nur gut, der Teufel nichts als schlecht sei, das ist bloß der wissenschaftliche Eigensinn nach reinen Ideen, von dem der Mensch besessen ist. Gott hat in seinen Karten mehr Atouts als der Teufel, es ist daher besser auf ihn zu setzen, aber der Unterschied ist nicht so groß, wie die Leute mit dem Tip behaupten. Wer Weintrauben ißt, der fängt von oben mit den besten Beeren an. Trifft ihn dabei der Tod, wie absurd wäre es gewesen, hätte der Esser die schlechten von unten zuerst gegessen: Es ist also schon richtiger, auf den lieben Gott zu setzen und nicht auf den Teufel. Und das, dachte Candide, hätten die mehreren Menschen ja auch begriffen. Nur die Propheten gingen ihm ganz gegen den Geschmack. Er fand sie erzürnt darüber, daß die Welt sie nicht so hoch einschätze, wie sie selber es täten. Gehen also herum und donnerten, daß die Welt nicht wisse, was sie für ihren Frieden zu tun habe, und daß es bald zu spät sein würde und der große Untergang käme und die Menschen es dann bereuen würden, nicht auf sie, die Propheten, gehört zu haben. Denn, so dachte Candide, mit dem allen wolle doch der Prophet nur sagen: gib mir mehr Macht, als ich besitze, zur Belohnung dafür, daß ich das große Glück habe, in den Himmel zu kommen. Und das, meinte Candide, sei zu viel verlangt, denn beides könne man nicht haben, Ehre und Macht auf Erden, und Sitz und Stimme im Himmel; man müsse wählen, das eine oder das andere, aber nicht auf die Welt schimpfen, weil sie nicht wisse, was ihrem Glück not tue, womit der Prophet ja immer nur meine, daß die Welt sich nicht genug darum kümmere, was zu des Propheten Glück not tue. Der Prophet habe sich mit seinem schönen Wissen zu begnügen und das Maul zu halten, also kein Prophet zu sein. Die Leiber seiner Mitmenschen als Treppe in das Himmelreich zu benützen, sei eine recht höllische Art, in die oberste Etage zu kommen. Und die Heiligkeit eines Heiligen vermindere sich in dem Maße, als sie in den Mund der Leute gelange. Das heilige Leben sei ein so außerordentliches Risiko, daß, wer es auf sich nehme, es mit größter Sorgfalt verbergen müsse, um nicht andere zu einem solchen Risiko zu verlocken, das man nur für sich allein verantworten könne. Mit solcherlei Gedanken und Meinungen entraupte Candide seinen Kohl. Es standen aber alle Sterne am Himmel, als der Fremde, nun vom Dunkel verhüllten Gesichtes, den Arm weisend gegen den östlichen Himmel streckte und sprach: »Aldebaran nennt ihr das rötliche Leuchten dort. Von ihm aus sieht das freiblickende Auge eure Erde nicht und eure Sonne nur als ein schwachblinkendes, allerkleinstes Sternchen. Welten wie die eure, o Candide, deren gibt es tausende,– die einen alt wie die eure, andere sind eben geworden, und andere wieder sind um Jahrmillionen älter als eure Sonne mit ihren Trabanten. Ich kann dir, o Candide, nicht erzählen und frage mich danach mit keinem Worte, was in der Zeit geschah vom Heute eurer Erde ab bis zu dem um viele Millionen älteren Heute auf unserm Sterne, den ihr Aldebaran nennt. Denn solches Wissen der Zukunft würde die Ähnlichkeit beider Welten aufheben und fatal für eure Welt sein; es wäre solches Wissen ganz gleichwirkend, als ob ihr in diesem Augenblick in die Sonne stürztet, denn der zeitliche Abstand zwischen eurer und unserer Welt ist zu groß. Und wir auf dem Aldebaran verlören im Verluste eurer Erde eines der hübschesten Mittel, uns über unsere alte Geschichte zu informieren. Denn dieses, unserer Geschichte nachzuspüren, ist ein bei uns sehr beliebtes Gesellschaftsspiel. Ist man bei uns etwa im Zweifel oder im Unklaren über ein Detail aus unserer alten Geschichte, so präparieren wir die Vorbedingungen dieses Details. So wie ihr auf der Erde etwa die Ekliptik der Venus vorausberechnet. Und so wie die Bedingungen eurer Rechnung oft ungünstig sind, so kann es auch uns passieren, daß wir den rechten Zeitpunkt aus äußern Gründen verpassen und warten müssen, bis sich auf einer andern Welt als der euren eine günstige Kombination ergibt. Denn es sind viele Welten jünger als die unsere. So sagen etwa unsere Historiker: »Die nächste Abdankung einer Dynastie wird sich im Orion vollziehen« oder wie immer der Stern heißt. Oder wir können in unserer alten Geschichte das Detail eines großen Krieges nicht aus den Dokumenten mehr feststellen. Dann schaffen wir, zum Beispiel auf der Erde, die Bedingungen für solchen Krieg und beleben mit dessen beobachtetem Ablauf unser schlechtes Gedächtnis. Wir betreiben das, o Candide, mit allem Ernste, den Gesellschaftsspiele verlangen, und ich bitte dich, mir zu glauben, daß wir dabei durchaus nicht mit der Frivolität eurer gelehrten Geschichtsverfasser vorgehen, die auf Dokumenten bauen, welche zufällig die Mäuse nicht gefressen haben. Ich muß dir auch gestehen, daß wir unsere Spielverderber haben, leichtsinnige junge Leute, die unsere hübschen Nachschlagewerke, wie eines eure Erde ist, boshaft in Unordnung zu bringen suchen, indem sie zum Beispiel eine giftige Mikrobe in die Zellen einer Welt setzen, die mit dieser Denkmikrobe nicht zurecht zu kommen vermag, per exemplum, daß zwei mal zwei sieben gibt, oder daß alles, was geschieht, vernünftig ist. Aber das wird immer seltener, denn unsere jungen Leute sind nicht mehr so jung wie ehemals. Im ganzen arbeiten die Versuchsanstalten unserer rekonstruierten Geschichte sehr zur Zufriedenheit unserer Damen.« Candide hatte in seinem Menschengefühle, das ihm erlaubte, auf die Sterne herunterzuschauen, wenn er zu ihnen hinaufschaute, eine Kränkung erfahren. Er fand es in seinem erdlichen Patriotismus und Imperialismus beschämend, nichts weiter als ein spaßiges Laboratorium einer großen Spielzeugfabrik auf dem Aldebaran zu sein, und hätte, um am Maße seinen nicht unterzukriegenden Menschenstolz aufzurichten, gar zu gern etwas über die Aldebaranesen gewußt. Also fragte er dies und das. Der Fremde aber sagte: »Es gibt Dinge, die nicht wissen zu wollen, Irrsinn wäre. Und es gibt Dinge, die wissen zu wollen, Irrsinn wäre. Zu den letztern Dingen gehört deine Frage, o Candide. Ich will dir nur sagen« – und es schien, als ob er lachte – »daß bei uns jene Leute eingesperrt werden, welche andern Leuten Dinge sagen, die zu wissen diesen nicht gut ist. Und daß wir ganz alt auf die Welt kommen und als kleine Babys sterben, aber ebenso wenig von unserer Vergangenheit wissen wie eure Babys von ihrer Zukunft.« »Das ist ja genau so auch in Berlin«, erlaubte sich Candide zu bemerken. Aber der Fremde konnte darauf nicht mehr antworten, denn er war in der Nacht verschwunden. Da rief Kunigunde aus dem Bette nach Candide. Und wissend, daß ein Hauswesen nicht in Ordnung sei, wo der Hahn schweige, die Henne aber singe, begab sich Candide ins Haus. Doktor Pangloß blickte zweifelnd nach dem rotglühenden Stern. Dann legte er die neuen Schildereien von Candides Leben zusammen und sprach sein gewohntes Amen. »Es war da ein Herr aus Berlin ...«, begann Candide Kunigunden zu erzählen, als er sich zu ihr ins Bett legte. Der treue Diener seines Herrn oder Die Wanze Hingebung und Opfer seines treuesten Dieners Wunibald Bausbacke bis zum Harakiri zu steigern, war dem Schriftsteller Petit Gendelett während des Abendessens mit ihm und dessen junger Frau wachsender Wunsch und überlegender Gedanke gewesen. Nun, als die kleine, rundliche Hand der Frau nach der Orange des Desserts nach vielen Gängen griff und mit einem Hundeblick der Diener den Herrn zu gestatten bat, daß die Frau ihm die Frucht schäle, da waren Wille und Gedanke in Gendelett reif geworden zum Plan. Rücksprache mit dem Direktor des Hotels, in dessen Grillroom man speiste, nahm kaum Minute. Das Wetter, nach dem er eben Blick geworfen, sei nicht derart und zudem es spät geworden, um der jungen Frau die kalte Wagenfahrt nach Hause zuzumuten, solches mit gleich gut machendem Bedauern sagend, trat er zurück an den Tisch, und er hätte also Zimmer im Hotel bestellt; nicht drei leider auf der ersten Etage hätte es gegeben, sondern nur zwei, das dritte im vierten Stockwerk: »Aber das wird Ihnen für die eine Nacht ja nichts ausmachen, mein lieber Bausbacke.« Dieser gab entzückt Versicherungen und Dankworte halb unter den Tisch gesprochen vor Verehrung und die umsichtige Größe des Mannes bewundernd, der eben noch tiefste Probleme deutscher und europäischer Existenz mit ihm lösend nun auch schon solches Geringes bedachte, wie kalte Füße seiner kleinen Frau, die, wie er ärgerlich merkte, wieder einmal ihr dümmstes Gesicht machte und das leichte weibliche Wort zu dem großen Petit Gendelett nicht fände, das doch ihr Departement sei wie das seine, den tiefen Äußerungen des Mannes zu lauschen und sie zustimmend zu kommentieren. Solches nun in Ordnung gebracht und an Uhr nicht mehr gebunden, könnte man – »Kellner, die Weinkarte«, befahl Gendelett, klemmte das Einglas ein, zeigte in manchen fachlichen Bemerkungen weniger dem wartenden Kellner als dem Ehepaar treffliche Kennerschaft in Marken, Gebinden, Jahrgängen und bestellte. Kellner flitzte ab, und Gendelett griff, ganz Weltmann und behaglich tuend nun, die auf dem Tisch ruhende Hand der Frau und äußerte Zufriedenheit mit der getroffenen Anordnung, da man noch ein Weilchen beisammen bleiben könne. Wunibald Bausbacke, Verfasser des Buches »Die Pferde sind gesattelt – im deutschen Lustspiel von Christian Felix Weiße bis Petit Gendelett«, hatte bereits mehr getrunken, als er vertrug, hastig, da er es nicht gewohnt war, und aufgeregt von der Tatsache, daß er, Bausbacke samt Frau, hier in diesem ersten und teuersten Lokale der Stadt, gesehen von der besten Welt, mit ihm, dem derzeit und bekannt größten deutschen Dramatiker, an einem Tisch sitze, speise, rede. Gewiß sei er, Bausbacke, ja der eminente Kritiker und Literarhistoriker, und man würde von ihm ja schon noch was erleben. Trotzdem ein Ereignis. Und nun auch noch dieses Übernachten unter dem gleichen Dache mit ihm, von ihm eingeladen – das gab Perspektiven einer geistigen Untrennbarkeit, einer Intimität auf Höhen der Menschheit, ungeahnt. Und Bausbacke leerte ein Glas Burgunder, als wäre es die rasch hinuntergespülte Tasse Tee des Morgens, bevor er auf die Bibliothek ging. Über dem etwas fahlen Gesichte, auf dem nur die Nase wie ein Knöpfchen aus Perlmutt glänzte, stand Haar strohgelb in verschieden starken, etwas verklebten Büscheln lächerlich. Doch versuchte, wenn auch erfolglos, solches Outsidertum des jungen Gelehrten korrektest im neuesten Schnitt und Schmiß gebauter modefarbiger Anzug wieder ins Gleis und den ganzen Mann in die Welt, die sich nicht langweilt, zu bringen. Verbeult stand linke Manschette zu weit ab als allzu enger Behälter eines Nastuches, mehr vom Format für eine geräumige Tasche. Mißglückter Versuch mit einem Monokel, nachmittags angestellt, hatte für das Tuch im Ärmel entschieden als de rigueur im Grillroom und in Gesellschaft Gendeletts. Frau Hanna, wie sie hieß, oder Anais, wie sie von ihrem seit vier Monaten geehelichten Manne Wunibald genannt wurde in den gehobeneren Momenten des Daseins – das Gemeine des Alltags wurde von ihm kurzweg mit Hanna besprochen – Frau Anais war wie immer in Gesellschaft bedeutender und bestaunter Männer vollauf damit beschäftigt, nicht zu vergessen, ihr Mündchen zu beachten, daß dessen Lippen sich schlossen. Diese zwei winzigen Rosenblättchen hatten die Neigung ihrer Abneigung von einander, so daß das pfennigrunde Mäulchen immer leicht offen stand, was zusammen mit den kugelrunden blauen Augen geeignet war, Anais als eine rechte Hanne zu denunzieren mit ihrem allerliebsten zierlichen Schafsgesichtchen. Aus einem einfachen Jungmädchen-Dasein kleinbürgerlicher und provinzieller Färbung durch ihre Heirat in den ständigen Wind schöngeistiger Betriebsamkeit gekommen, tat sie ihr möglichstes, das Hütchen auf dem zierlichen Kopfe zu behalten, strengte sich über ihre Kraft an zu kapieren, worum man da redete; aber es blieb meist dabei, daß sie verkrampft dachte, sie müsse sich was denken. Von welcher Anstrengung sie immer wieder in ihr Vertrautes glitt, indem ihr etwa einfiel, ein gesehenes Möbelstück würde gut ins Eßzimmer passen, oder ob Frieda der, mit dem sie jetzt ginge, heiraten würde, oder daß Wunibald doch furchtbar gescheut sei, und was derlei mehr. Fiel ihr auch solches nicht ein, sah sie wie jetzt aufmerksam einer Fliege zu, die sich auf dem Streuzucker zu schaffen machte, während sie ihrem Gesichte den Zug größter Aufmerksamkeit gab, um damit Beteiligung an der geistigen Turnerei der beiden Männer auszudrücken. Glücklich war sie, ergab sich aus Tonfall und Lachen der Männer Meinung zu einer Sache deutlicher, wie dann zuweilen, wenn der Name irgend eines von ihnen nicht geachteten Kollegen, etwa Goethens, fiel. Denn da konnte sie ja schnell ein wenig ihr Näschen verziehen und wegwerfend den verfemten Namen wiederholen: das brachte sie mühelos au pair und rechtfertigte sie als Schriftstellersgattin. Lieber war ihr statt bloßen Zusammensitzens, daß man lange und ausführlich aß. Einmal, weil sie das gern tat, und dann war es eine Beschäftigung, die Aufmerksamkeit verlangte, von der an geistvolle Gespräche was abzugeben nicht nötig war, um gefällige Anwesenheit bemerklich zu machen. Da paßte es dazu ebenso gut, entzückt von der Kalbskotelette und der Bechamelsauce zu sprechen, zumal Petit Gendelett als ein Schlecker, der er war, in solches Entzücken, wenn auch kritischer, einstimmte. Nun gab die Eröffnung, daß man im Hotel übernachten würde, dem Denken der Frau Anais Inhalt und Richtung. Sie sagte, daß sie es reizend finde. Das Arrangement mit den zwei Zimmern unten, dem einen Zimmer vier Stockwerke höher in einigen der Möglichkeiten auszudenken, dazu brauchte sie eine kleine Weile, um, als sie es begriffen hatte, das Mündchen offen zu lassen, wie es wollte. Denn sie bekam eine vage Vorstellung ins Gefühl der Haut, die ihr etwas zu prickeln begann, aber zu einem Gedanken diese Vorstellung zu bringen, versagte die Kraft. Oder es war der Wein und Wohlbehagen nach dem vielen guten Essen, das im Wege stand. Das Mäulchen ging dann in ein kleines Lächeln etwas auseinander und behielt es. Daß sie seit einer Minute Gendeletts Knie an ihrem spürte, wurde ihr nun bewußt, und sie empfand das Bedürfnis, ein zärtliches Gefühl, das in ihr für Wunibald aufkam, diesem zu zeigen. Wozu sie ihr Glas griff und an das seine stieß, der ihren verschwimmenden Blick mit einem Auge beantwortete, das, auf Entfernungen nicht mehr ganz richtig einzustellen fähig, um einige Linien an ihr vorbeisah. Er schluckte kennerhaft tuend den Wein, um hier auf der Höhe des Gastgebers zu sein, der, Rothschild und dessen Weinagent in einer Person, ihm zuschnalzte: »Ein Tropfen das, was, Freundchen?« Worauf Wunibald, als ob er damit bestätigen müßte, sein Glas leer trank in einem Zuge. Inzwischen wurde das Knie an ihrem schäkernd intimer, und sie drückte leise wieder, wie sie meinte, hielt aber nur fest stand, wich nicht aus. Es war Mitternacht, als man sich als die längst letzten Gäste erhob und durch den Korridor in die Halle schritt. Anais in Wunibald gehängt und Gendelett knapp hinterdrein. Der Aufzug sei der späten Stunde wegen bereits außer Betrieb gesetzt, sagte der Portier, als er Petit die drei Schlüssel überreichte, je zwei und einen. Nummer 17 und 18 und Nummer 112. Die Nummer 112 drückte der berühmte Schriftsteller seinem Panegyriker zusamt dem Gutenachtwunsch in die Hand, während Anais »meinem Wuni« einen Kuß auf die Backe gab, mit den kleinen Zähnen nachhelfend, denn wieder spürte sie Welle zärtlichster Liebe zu ihm über sie wegspülen und das Bedürfnis, ihn solches merken zu lassen. Petit Gendelett fühlte die Notwendigkeit einer Umschaltung in den Fingerspitzen, sollte nicht im letzten Augenblick zu lächerlicher Szene werden, was er als das Schauspiel höchsten Triumphes arrangiert hatte. Er sagte daher, den Ton übersteigernd und mit der Wichtigkeit eines Mannes, der erklärt, es sei nun genug gescherzt und der Ernst des Lebens trete in seine Rechte: »Überdenken Sie Gesprochenes, Lieber! Zeit steht fordernd, und wir haben der Antwort Definitives. Kampf der Metonymie! Pardon wird nicht gegeben!« Es hatte das keinerlei Sinn in Verbindung zu Gesprochenem, das einerseits aus Klatsch, anderseits aus Versicherungen Gendeletts über seine einzige Bedeutung bestanden hatte, aber Gendelett war längst überzeugt, daß diese ihm selber etwas unklaren napoleonisch geschmetterten Dikta Inspirationen seines Daimon seien und nichts, als eben von sich zu geben. »Wird nicht gegeben«, echote Wunibald Bausbacke, von Gefühlen großartiger Ungewöhnlichkeit ergriffen und unterstützt darin von einem ganz simpeln kleinen Rausche, und war der festen Gewißheit, in diesem Satze die Lösung des Welträtsels zu besitzen und auszusprechen. Im Schwung solchen Zustands nahm er drei Treppenstufen und noch drei, um aber darauf Stufe um Stufe, auf das Geländer sich stützend, in das vierte Stockwerk hinaufzuklimmen, wodurch er unserm Blick und aus dieser Geschichte entschwindet. Er soll, so geht ein Gerücht, im Halbschlaf erbrochen und darauf bis in den nächsten Nachmittag fest geschlafen haben. Gendelett hatte Frau Anais nah bei der Achsel unter den Arm genommen und führte sie ins erste Stockwerk. Hier ärgerte sie sich ein wenig über die gar geringe Beleuchtung der Gänge, denn es konnte deshalb Gendelett nicht sehen, daß sie die Augen geschlossen hätte, sich führen ließe wie eine vor dem Schicksal ergebene Blinde. Sie hatte das Gefühl, das Gesicht, das sie gerade mache, stünde ihr einerseits reizend, andererseits drücke es ohne große Mühe etwas aus, wofür ihr das Wort romantisch einfiel, sie wußte nicht warum. Aber da stand man schon im Zimmer Nummer 17. Und hier bekam sie etwas Ohrensausen, so daß sie nur undeutlich, was Gendelett sagte, hörte, der sie nun durch die Verbindungstüre nach dem Zimmer Nummer 18 führte und entschied, das sei als das größere das ihre. Ob es ihr nicht zu heiß sei und er die Heizung abstellen solle? Da platzte das Sausen, und sie hatte sich wieder bei sich, sagte, es sei sehr behaglich warm, ging in raschem Schritt hierhin, dorthin, warf die Handschuhe auf den Tisch, den Beutel in ein Fauteuil, knipste mehr Licht auf, nun ganz, da das Romantische im Korridor mangels Lichtes durchgefallen war, mondäne Sicherheit und ein Zuhause betonend. Irgend in einem Winkel in ihr krabbelte ein kleines Unbehagen wie ein Käfer in der geschlossenen Hand. Sie lachte auf, wie um es wegzuscheuchen, ganz laut, ohne äußern Anlaß lachte sie und brach plötzlich ab, weil ihr einfiel, Gendelett könnte es dem Weine zuschreiben. Nun stand sie an den ovalen Tisch gelehnt und streckte ihm die Hand hin: »Gute Nacht!« Er nahm die Hand, zog sie daran näher, tat, als schaute er ihr den Rücken hinunter. Dann, ob er ihr als Zofe dienen könne, es sei rückwärts geknöpft. Nein, das träfe sie ganz alleine. »Dann also ...« sagte Petit Gendelett, machte die Augen, die das Weitere sagen sollten, und beugte sich zum Kusse über die Hand, küßte sie lang und auf der Innenfläche. Und ging. Gendelett schritt durch die Verbindungstür in sein Zimmer, drückte sie zu und blieb lauschend davor stehen. Er wartete und wartete darauf, daß sie den Riegel vorschöbe. Den Schlüssel hatte er zu sich genommen. Mit dem Fuß zog er nahstehenden Stuhl an sich, setzte sich vorsichtig, beide Ohren im Nebenzimmer, wo er, Schritte dämpfte der dicke Teppich völlig, leises Geräusch vernahm: Kleider lösen sich, Wasser rauscht in die Schüssel, ein Plätschern. Gendelett begann sich die Schuhe aufzuknöpfen. Kam dem Schlüsselloch nah, schaute, sah nichts als gleichgültige Gegenstände des Zimmers in rötlichem Halbdunkel der unsichtbaren Lampe vom Bette her: Anais hatte die Deckenbeleuchtung gelöscht. Gendelett steckte seine Augen in seine Ohren. Da war Geräusch wie von einem, der sich auf den Bettrand setzt. Sie wird ihr Haar aufstecken, dachte Gendelett. Nun hörte er Geräusch des Bettes. Sie hatte sich gelegt. Das Licht brannte weiter auf dem Nachttisch, wie er sich nach einer Weile durch das Schlüsselloch überzeugte. Geärgert ließ er den Stiefel fallen. Wäre es Vergeßlichkeit, daß sie den Riegel nicht vorgeschoben hatte? Dummheit? Oder, und dies war Gendelett das Unangenehme, allzu großes Entgegenkommen der dummen Pute? Sein Appetit nach dieser kleinen Person war nicht stark genug, als daß er, ihn zu reizen, auf Widerstände hätte verzichten können. Der Kampf um die Türe wäre ihm, das fühlte er geärgert, nötig gewesen. Und nun legte sich diese kindische Person einfach auf den Rücken, wartend ... Die kindische Person aber war vor Müdigkeit eingeschlafen, und das war so rasch über sie gekommen, daß sie nicht einmal die kleine Lampe ausgeknipst hatte, die auf dem Bettisch stand. Kaum daß sie sich mit gestreckten Gliedern zurechtgelegt hatte, um die Situation, ja bloß die angenehme Kühle des Linnens zu genießen, zog man ihr das Brett weg, daß sie mit einem Ruck in das schwarze Loch des Schlafes fiel. Petit Gendelett setzte seine Stiefel vor die Tür. Legte dann, was er in den Taschen trug, auf den Tisch und zog den Rock aus. Wusch sich, spülte den Mund. Er dachte, schlafen wäre eigentlich das beste. Sorgfältig legte er die Hose in ihre Falten und über einen Stuhl. Gestern hatte er dem Reisenden Simpson and Simpson, London, New Bondstreet, der nur ihn und den Fürsten Thurn und Taxis in Deutschland belieferte, neben andern Dingen ein weichselrotes mit Schwarz ausgeputztes Pyjama abgekauft. Jetzt vermißte er dieses Kleidungsstück außerordentlich, denn mehr als ein solches wäre es unzweifelhaft für die Nachbarin gewesen. Er streckte ein Bein, um seidenes hellrosafarbnes Unterbeinkleid, stramm über Schenkel prallend, zu begutachten, und die Halbstrümpfe in etwas mehr fleischiger Farbe. Er entfernte, als zu entkleidet wirkend, die Halter von den Socken. Pumps sollte man hier haben. Vor dem Spiegel band er besser den schwarzen Schlips, glättete das Frackhemd, zog es straff in das Trikot, daß nichts bauschte. Dann machte er »Tja!«und klemmte das Glas. Aber es hielt nicht. Er war zu müde. Und warf sich aufs Bett. Genuß, den er von Anais als deren zweites Mannserlebnis erwartete, war das geringste, das ihn wachhielt. Das wäre nur ein unterweges Mitgenommenes im Sturm auf das Ziel. Wahrscheinlich kaum der Rede wert. Widerstandslos in ein vom Zufall, wie sie es nennen würde, Gefügtes sich faltend, könnte es darin ohne Rest aufgehen und wäre also ergebnislos und so gut wie nicht geschehen. Und Gendeletts Lust zur Frau war immer gewesen, Ereignis zu bedeuten, nicht galant bedienender Liebhaber im Spenden und Nehmen sinnlicher Freuden, naiv glücklich und beglückend. Viele Jahre zurück lag festigendes Erlebnis solcher Haltung, und mannigfach waren seitdem deren Variationen gewesen. Das bleichsüchtige Mädchen drängte sich im Schrecken zur Tür, als er ihm olympisch befahl, vor ihn hinzuknien und ihn anzubeten als den Gott, und stürzte, als es die Tür verschlossen fand, ans Fenster und sprang auf die Straße, wo sie mit gebrochenen Beinen liegen blieb. Gendelett mußte sich damals für vier Monate in ein Sanatorium flüchten, um gerichtlichen Unannehmlichkeiten zu entgehen, und mußte da, um seine Anwesenheit zu rechtfertigen, seiner Praxis mit jenem Mädchen so was wie System und Theorie geben, was wieder dem Anstaltsarzt den besonderen Fall gab, in welchem Karussell Patient und Arzt vier Monate lang herumfuhren, – als sie ausstiegen, glaubte der Arzt an seinen Heilerfolg, Gendelett an seine Theorie. Aber er verzichtete doch in seinem weiteren Liebesleben auf so gewaltige Probe seiner Personswirkung und begnügte sich, jenen Sprung aus dem Fenster nur als Beispiel seiner intensiven Gefühle zu erzählen. Zumal es mit wachsender Bekanntheit des Theaterschriftstellers genügte, solche in allen ihren Weiten und Tiefen dem jeweiligen Mädchen gehörig zu explizieren, um ganz willenlosen Respekt zu erreichen. Als sich auch dies müde lief, indem die Bekanntheit dem Ruhme Platz machte, und zu viele andere Leute über ihn redeten, als daß er selber es noch nötig gehabt hätte, versuchte es Gendelett wieder damit, durch Erzählung erfundener erotischer Erfolge als bloßes Ergebnis seines Ruhmes gewünschte Wirkung zu erreichen: Erschütterung, wie er es nannte. So bedeutete er einer jungen Frau, in dem Hotelzimmer, in dem er sie empfange, habe er die Nacht vor acht Tagen mit der Fürstin L. verbracht. Die Frau war aber zu dumm gewesen, die ihr erteilte Bedeutung, unmittelbare Zimmer- und Bettnachfolgerin einer Fürstin zu sein, zu begreifen, und hatte gelacht. Gendelett hatte solche Mißerfolge seines Systems in der letzten Zeit öfter und zunehmend erfahren, was ihm so peinlicher war, als ihn mit den zunehmenden Jahren – er ging an die Fünfzig – auch die natürlichen Wirkungsmittel des Mannes allmählich zu verlassen begannen. Scheitel lichtete sich bedenklich, vier falsche Zähne hielt eine Goldplatte, und dem wortreichen Elan, den er seinem Vorher gab, war im Nachher nur mit größter Anstrengung so etwas wie eine Balance zu geben. Das alles war deutlich genug, selbst für ihn, der zur Maske erstarrt war, die nun da und dort abzubröckeln begann. Und die fahle Haut trüber Gedanken kam ans Licht und juckte ihn. Er suchte Ausweg aus bedrängendem Gewissen, Standpunkt in irgend Sittlichem, das ihn rechtfertigte nicht nur, sondern billige und zu scheinbar unsittlichem Mittel das mache, was er tue, um höchsten sittlichen Zweck zu erreichen. Solcher schien ihm ganz in seiner Literatur gegeben: sie und ihre ganz einzigartige Bedeutung verlange jedes Opfer von ihm, auch das seiner Moral, ja das seiner ewigen Seele, wenn es sein müsse. Als Diener meines Werkes bin ich nicht Herr meines Tuns: so war sein ihn betäubender Schluß. Er lag auf dem Bette, verfiebert in hitzenden Schemen dessen, was er Gedanken nannte, und bohrte in der Nase. Frau Anais erwachte traumbedrängt an ganz ausgetrocknetem Halse und brennendem Durst. Sie glaubte, nur gerade ein Auge zugemacht zu haben. Leise erhob sie sich und ging an den Waschtisch. Da trank sie aus der Flasche, das Geräusch ins Glas gegossenen Wassers zu vermeiden. Schlaf war ganz weg von ihr, nur von einem Traume mochte etwas geblieben sein, daß sie so ihren Körper spürte, der ihr eben noch im Traum nicht gehört hatte und der nun wie zu ihr zurückgekehrt war; und wie in vertrauter Fremdheit dazu fuhren ihre Hände über Brust und Hüften. Ein angenehmes Erschrecken schauerte sie, als ihr, aus Weibtum, Wärme, Lektüre der Einfall kam, zur Tür zu gehen, sie zu öffnen, in Gendeletts Schlafzimmer zu treten. Wunibald wird es, erzähl ich es ihm, großartig finden, auf der Höhe. Er wird vor ihr auf die Knie stürzen. Nie hätte er solche Größe der Leidenschaft von seiner Anais erwartet. Und sie machte eine Bewegung, als ob sie mit beiden Armen Wunibald aus der Knielage höbe. Ja, da stünde sie in Gendeletts Zimmer. Weiter konnte sie ihre Rolle nicht denken. Aber es würde eben Gendelett auf sie zueilen und »Geliebte!« ausrufen oder so etwas, und sie würde in der stummen Größe ihrer Leidenschaft, ihrer Tat Worte nicht nötig haben. Die Männer sprächen doch immer von der Geste. Ja, das sei es, sie habe eben die Geste. Frau Anais würde nie in ihrem Leben und unter keinen Umständen zugegeben haben, daß sie sich im Genuß ihres Einfalls schon völlig verausgabt hatte und jetzt, wo sie leise an die Türe schlich, gar nicht daran dachte, diese zu öffnen und einzutreten. Sie kauerte hin und guckte durchs Schlüsselloch. Im günstiger arrangierten Zimmer erblickte sie das Bett und darauf liegend im vollen Lichte aller Lampen des Raumes Petit Gendelett, wie er in seiner Nase bohrte. Wie selber bei solcher Beschäftigung ertappt, nahm sie ihren Blick gleich weg davon, ließ ihn über den übrigen Mann gleiten und konstatierte, daß er jedenfalls ausgezogen sei. Da platzte ihr das Strumpfband und, erschreckt davon, glaubend, es müsse das auch für Gendelett ein deutlich vernommenes Geräusch hervorgerufen haben, ließ sich Anais nach rückwärts auf den Teppich sinken und kroch, so rasch sie, ohne sich gehört zu glauben, konnte, auf allen Vieren zum Bett, stieg hinein und spürte ihr Herz klopfen. Vorsichtig zog sie sich die Strümpfe ab. Er warte also, dachte sie. Erwarte er sie? dachte sie. Nicht ausgeführt zu haben, was sie gerade gewollt hatte, dessen gab sie Grund, daß sie Petit Gendelett in einer Weise beschäftigt gesehen habe, die nicht erwarten ließ, daß er a tempo in ihre große Geste einstimmen würde. Er hat sich um etwas Schönes gebracht, bedauerte sie ihn, er hat sich um etwas großes Erlebtes gebracht. Es sind die Männer, die uns im Stich lassen. Aber als sie etwa eine Stunde später Gendelett erzählte, daß er ihr zuvorgekommen sei und sie es sich so herrlich gedacht habe, zu ihm zu kommen, was sie gerade hätte tun wollen, als er eintrat, da glaubte sie solches durchaus und hatte vergessen, wie sie den Geliebten durch das Schlüsselloch gesehen hatte. Doch ich eile der Geschichte voraus und will nur, um diese Episode zu schließen, sagen, daß Anais mit ihrem Geständnis weiter keinen Eindruck auf Gendelett machte, er ihr aber versicherte, sie sei eine grande amoureuse, womit sie mehr als zufrieden war. Petit Gendeletts Gedanken wurden bestimmter, als sie sich nun mit dem eigentlichen Gegenstand dieses ganzen Abenteuers beschäftigten, mit diesem flachen Hirn Bausbacke, wie er ihn bei sich nannte. Da kröche dieser Literat um ihn herum, beeckermanne ihn und bringe dann nichts weiter zu stande als dieses Werk von den gesattelten Pferden, das eine schlechte Presse gehabt habe. Und was gebe er sich Mühe, diesem leeren Kopfe Genius einzublasen und höheres Begreifen von Gendeletts Weltmission! Aber eben da hapere es. Dem Burschen fehle der Blick für die großen Zusammenhänge. Das liege beim Weibchen und mache dann am Schreibtisch erlebnisstumpfe Bureauarbeit. Dem Kerle müsse eben noch ganz anders eingetrichtert werden. Leben, Erschütterung, Konflikt, Aufwühlendes: das sei es, was der blonde Junge brauche, um Mann zu werden. Das habe eben nichts hinter sich als Lektüre und kapiere seine eigene Trine nicht. Gings um Dinge, die Gendeletts Fortkommen und Bedeutung betrafen, verstand er sich auf die Realitäten dieses Daseins wie ein Geldverleiher, sah ihnen kalt ins Auge, zog seine harten Schlüsse und machte sich nicht das mindeste vor. Da war er von einer Präzision wie in seinen Geldgeschäften: die Dinge mußten klappen wie eine Bankabrechnung. Er wußte: Bausbacke würde, spräche Anais nicht von selber, sie fragen. Sagt sie, sie hätte die Nacht geschlafen, wird er es ihr nicht glauben und nicht glauben wollen, als durch das von Gendelett nicht beachtete Weib in seiner Ehre getroffen. Zudem würde sich die Sache mit dem Übernachten herumsprechen, und der glatte Anschein sei für Ehebruch, was auch die Beteiligten andres sagen mögen. Und Gendelett schloß weiter. Bliebe er hier liegen, schliefe hier in den Morgen, früher oder später würde Bausbacke erkennen, daß seine Frau die Wahrheit gesprochen habe, als sie den Ehebruch leugnete. Dann verlöre er den darob geärgerten Eckermann, denn alle Welt hielte ihn für einen Hahnrei und er seine Frau für eine dürftige weiblich unbemittelte Person: davon trage die Kosten ich, sagte sich Gendelett, unbekümmert darum, was die Frau dabei trüge. Ginge er aber hinüber zu Anais, wird einzige Wichtigkeit, daß es bei dieser Nacht sein Bewenden habe, die zum großen Erlebnis verpflichtet Erschütterung nur dann zur Folge habe, wenn es als scharlachner Rausch Einzigkeit des Fatums behandelt und sich nicht in triviale Wochen und Monate eines lächerlichen Liebesverhältnisses verbreite. Hierin traute Gendelett seiner erprobten Geschicklichkeit, daß in gelegentlichen notwendigen oder auch gerade angenehmen Vertraulichkeiten gröberer Art die geschraubte Ekstase der einen Nacht ohne Gefühligkeiten und sonstige größere Auslagen verkümmere. Und ganz aus seiner Natur heraus, auf die der armseligste Teufel bei der Schöpfung seinen Schwanz gelegt hatte, fand es Gendelett nicht ohne Witz, daß vielleicht nach dieser Nacht dieser gute Bausbacke Anlaß haben könnte, sich nicht nur um Petits geistige Kinder zu sorgen. Dieser Spaß schnellte ihn aus dem Bette. Als ob er nur gerade rasch wohin müßte, ging er zur Tür, öffnete sie, stand in Anais' Zimmer. Da löschte sie das Licht und hörte nur seine Worte: »Mein blonder Traum, daß ich dich halte.« Und dann ganz nah an ihrem Bette: »Die Nacht rauscht, Anais. Das Blut rauscht.« Die Kriegswirren und deren Folgen auf allen Gebieten, also auch auf denen des Hotelwesens, erklären es, daß selbst in diesem ersten Hotel der Stadt, dem »Hohenzollernhof«, eine Wanze sich befand. In dem haardünnen Spalt zwischen Tür und Schwelle, welche Zimmer Nummer 17 und Nummer 18 gemeinsam hatten, war das flache braune Scheibchen auf der Lauer gelegen all die Zeit, wartend, in welchem der beiden Zimmer ihr mit dem Signal des gelöschten Lichtes der Tisch gedeckt wäre. Wie ein Hündchen seinem Herrn, so lief das kluge Tierchen Herrn Petit Gendelett in Anais' Zimmer nach, – besäße es durch Gottes Wille ein solches, es hätte mit dem Schweifchen gewedelt. Tantalos Mit ihrem Zunamen heißt, wie man seit Schiller weiß, die Amme des Menschengeschlechtes die Gewohnheit. Nur beim Vornamen wird sie verschieden gerufen. Seit Jahrtausenden wohnen die Menschen an den Abhängen des Vesuv. Und noch viel länger bewohnen sie die Erde. Es dürfte sich kaum eine leidlich vernünftige Person, die an die Hölle glaubt, vor der Hölle fürchten. Deshalb wird immer wieder auf der Kanzel versucht, den Menschen diesen abgründigen Ort in schreckliche Präsenz zu bringen, unmittelbar bevorstehend für alle Sünder. Aber auch an diese Erinnerung an den Ort der größten weil ewigen Peinen hat sich der Mensch gewöhnt. Nun ist mir aber noch viel erstaunlichere Kunde durch einen Bekannten geworden, der, es ist noch nicht lange her, den Tartaros besucht hat. Sie wissen, daß ihn die Cook-Gesellschaft in das Programm ihrer Gesellschaftsreisen aufgenommen hat, aber die Tour erfreute sich nicht der geringsten Beliebtheit. Den meisten Reisenden erscheinen die Qualen der Tartarosbewohner etwas veraltet, gemessen an neueren Ausdenkungen dieser Art, und dann kam ihnen die Aufmachung allzu kindisch vor und die Mühe des Abstechers nicht lohnend. Ich aber glaube, Hauptgrund des Desinteressements an der antiken Hölle bei den Cookreisenden war und ist ihre mangelnde klassische Bildung: sie kennen nicht einmal dem Namen nach die Herrschaften, deren Qualen sie sich anschauen sollen. Von einem nur geht das Gerücht, daß er in nicht zu stillendem Wissensdurst den düstern Ort aufsuchte, um, ganz begeistert davon, überhaupt nicht mehr zurückzukehren: ein deutscher Gymnasiallehrer des Griechischen. Seine Frau soll allein imstande sein, diese skurrile Ausnahme zu erklären. Aber ich will erzählen, was mir mein Freund berichtete. Er hatte mit Tantalos und andern Verdammten kleine Unterhaltungen gehabt und von allen das einmütige Geständnis bekommen, die Strafen seien die ersten zehn zwölf Monate recht unangenehm gewesen, aber nachher hätten sie die Entdeckung gemacht, daß sie gar nicht mehr an das dachten, was sie machten, sondern zumeist an ganz was anderes. Jedenfalls nie mehr daran, daß es furchtbar sei, was sie da tun müßten. Es hatte ein völliger Automatismus eingesetzt, der den Gedanken, daß sie, was sie täten, als Strafe täten und sich selber zur Qual, vollkommen verdrängte. Ja, es trieben die Danaiden ihre vergebliche Wasserschöpferei mit einer Ausgelassenheit wie Kinder, die am Strande Burgen bauen, welche die Flut immer wieder wegschwemmt, oder wie junge Damen, welche Foxtrott tanzen, wobei man auch nicht ans Tanzen denke. Diese an so krassem Exempel erfahrene Tatsache beweist, wenn es noch nötig ist, wie recht Rathenau auch in diesem Sinne mit der Automatisierung hat: sind wir einmal so weit, daß wir nicht merken, was wir machen, so danken wir das dem Umstand, daß wir an etwas anderes denken. Man kann den Satz auch so fassen: daß wir überhaupt denken, verdanken wir dem Umstand, daß wir nicht merken, was wir tun. Und eine dritte Fassung wäre noch formulierbar: sie aber konfrontierte uns mit einer zu grauenvollen Erkenntnis. Zudem dürfte mehr interessieren, was mein Freund sonst noch aus dem Tartaros berichtete. Tantalos, der dürstend im immer zurückweichenden Wasser steht, und vor dessen hungerndem Munde immer der apfelbehangene Zweig zurückfliegt, er bekam von Zeit zu Zeit doch eine Handvoll Wasser, das ihm an den Brusthaaren hängen geblieben war; auch einen Apfel schmiß ihm der Wind zuweilen zu. Er hatte sich mit der kargen Diät abgefunden. Seine Leiden waren weit erträglicher als die eines Verwandten, der einen reichen Onkel beerben will, welcher Onkel jeden Winter eine schwere Bronchitis übersteht und achtundneunzig Jahre alt wird. Sisyphus hatte Mordsspaß mit seinem Felsblock, wenn er den Berg hinunterrollte, wobei er immer versuchte, ihn gegen einen unten wandelnden Schatten zu dirigieren, gegen den Archimedes zumal, auf den er wütend war, und der da immer Experimente anstellte, den rollenden Block als motorische Kraft zu benutzen, um im Hades elektrisches Licht einzuführen. Tantalos war ein gewichtiger Herr und immer in Angst, daß sich die andern über ihn lustig machen. Was den zwanzig Quadratmeter großen Tityus betrifft, so fand er die Vögel, die ihm jeden Tag die Leber etwas heraushackten, sehr bekömmlich für seine Verdauung. Bei den Danaiden war oft der alte, sonst Damen nicht geneigte Newton zu sehen, der da hygrometrische Studien anstellte. Eine der Frauen sagte zu meinem Freunde: »Bitte erzählen Sie nicht weiter, daß wir uns amüsieren. Wir müßten dann was anderes tun, was neues lernen, und wir haben uns an den Scherz schon so gewöhnt. Denn schließlich, ich bitt' Sie, was liegt schon daran, ob das blöde Faß voll wird oder nicht, he?« Nur ein Wissen, das sie zu ihrem Glücke nicht besitzen, wäre imstande, die Gepeinigten des Tartarus wieder vom Automatismus ihres Tuns zu befreien und dieses in gefühlte Strafe zurückzuverwandeln. Das Wissen, daß die Götter, die sie einst verurteilt haben, längst gestorben sind. Wie das kam? Herakles war der erste, der fand, daß die Hebe eine schrecklich dumme Gans sei, und daß er sie nie von seinen Knien herunterbekomme, wo sie immer Hutschi-Hutschi machen wolle, dieses Kalb. Und wie er sich nach dem Stall eines andern Augias sehne, erzählte er gähnend jedem, der es hören wollte. Und Ganymed, des Allvaters Lustknabe – aber dies ist nicht wiedererzählbar wegen des bekannten sittlichen Anstoßes. Wie dem Herakles und dem Ganymed erging es allen andern Göttern des Olymp. Und Jupiter wurde nachdenklich. »Es kommt mir vor,« sagte er, »als ob sowohl der Hades wie der Olymp ein Mißgriff waren.« Er berief einen großen Rat, die Sache wurde diskutiert und endete mit der Auflösung des olympischen Etablissements. Die Bewohner des Tartarus in Freiheit zu setzen, davon sah man ab; die Göttlichen wußten ja längst, daß diese grausam Bestraften ihre Strafarbeit nicht mehr als solche wahrnahmen, und auf die Erde gelassen, hätten diese Verbrecher nur den ohnedies auf ihr vorhandenen Unfug vermehrt. Die Götter selber aber kamen auf die Erde herunter und erwarben hier das Bürgerrecht der Sterblichkeit. Sie führten einige Jahre eine lustige Bohemeexistenz als wandernde Schauspielergesellschaft mit Musik von Offenbach. Danach starben sie auf ganz gewöhnliche Weise und mit der Erkenntnis, daß Glück und Unglück, Lust und Schmerz keine absoluten Werte sind, sondern nur in einer Tendenz zu besser und schlechter bestehen, und daß Lust wie Leid, und alles, was wächst, seine höchste Vollendung nur für einen ganz kurzen Augenblick behauptet. Die Leser dieser Mitteilung dringen in zwei Gruppen geteilt auf mich ein, – die eine Gruppe will durchaus über Ganymeds Ermüdung etwas erfahren, die andere, ernster gerichtet, will den dritten Satz wissen, der einen so grauenvollen Aspekt eröffne. Was nun den Lustknaben betrifft, möchte ich den Drängenden versichern, daß sie ihre Phantasie schrankenlos ausschweifen lassen mögen, um das simple Faktum zu variieren, daß selbst für einen Lustknaben und seinen Freund die Zeit kommt, wo dieser den Knaben, jener die Lust satt hat. Was aber die Frage der zweiten Gruppe betrifft: Das Denken ist, was immer es auch zum Inhalte habe, nach vorne, nach vorwärts gerichtet. Wir denken von uns weg in der Richtung auf einen mehr oder weniger weit vor uns liegenden Punkt. Den nahen Raum rund um uns brauchen wir zum Leben, zum Tun. Wir können nicht denken, wenn wir handeln, wir können nicht handeln, wenn wir denken: eins hebt das andere auf, schließt es aus. Undenkend zu sein: das allein gelingt nicht. Was stellt sich ein, daß wir tuend doch denken? Wir denken was anderes als was wir tun. Das um so leichter, je automatisierter das Tun wird. Wir beeilen uns, diesen Moment des automatischen Tuns zu erreichen, um frei zu werden, was andres zu denken. Das endliche Resultat ist: daß der Mensch nicht nur nicht mehr das und dazu denkt, was er tut, sondern ohne Bindung an sein Tun irgendwas denkt, aus dem Denken und dessen Gebilden, den Ideologien heraus denkt. Davon findet er keinen Weg zu dem, was er tut. Denn er denkt immer anders und anderes als er tut. Er tut immer anders und anderes als er denkt. Es tritt in der Geschichte des Menschen der Moment völliger Unvereinbarkeit dieser Diskrepanzen ein. Nicht einmal in einem witzigen Mißverständnis kann er mehr zu seinem Tun denken. Er steht vor einer entscheidenden Gabelung seines Weges und sinkt schaudernd zurück in die erbarmenden, erlösenden Arme des Gottes. Parma Zodiacci Mirabilis Es hat mich schon des öfteren erstaunt, daß man ein kleines Werk des Erasmus von Rotterdam kaum erwähnt, das den Titel führt: Parma Zodiacci Mirabilis. Die meisten, die es gelesen haben könnten, kennen es nicht. Andere wieder finden, es sei nichts Besonderes daran. Nenne ich ihnen dieses oder jenes daraus, vermögen sie sich nicht zu erinnern. Sodaß mich Zweifel beschleichen, ob sie die Parma auch wirklich gelesen haben. Einige zur Lektüre zu ermuntern, will ich nach der Ausgabe Paris 1690 einiges hersetzen, wobei ich bemerke, daß ich mich in der Übertragung an den Modus eines Freundes halte, der bei einem entsprechenden Anlaß aus dem Canticus Canticorum den Satz zitierte: Quae est ista, quae progreditur ut luna? und gleich also übertrug: Wer ist diese junge Person, die auf uns zukommt und deren Gesichtszüge keine besondere Intelligenz verraten? Also in der Parma Zodiacci Mirabilis steht zum Exempel dieses: Auf dem westlichen Himmel gondelt eine helle Wolke, fliegt, ein Flügel, gegen Süden hin, und die Sonne winkt Adieu mit ihrer Hand. An der Spitze jedes Zweiges ein goldnes Blatt, ein einziges, ein Dukaten. Und alle diese toten Vögel, Flammen aus Blut, leuchtend entzündet auf den roten Kandelabern der Bäume. Die Wiese breitet eine smaragdene Schale unter dem Himmel, den bald niedersinkenden Abend darin aufzufangen. Drüben, wo das Grummet liegt, spannen die Kinder Bogen, und die gleiche Lust strafft Sehne und Bogen, und die horngespitzten Pfeile zerschmelzen im Licht. Der weiße Hund ihnen nach, hin und her, hin und zurück, immer im Lauf. Seine schwarzen Negeraugen fragen, sein halboffnes Maul will was reden, und die Trompete seines Schweifes tönt heroischen Vers. Unter dem starken Himmel und auf dem grünen Grummet ist blau der weiße Hund, ganz blau. Da tritt aus seinem Turm der alte Gelehrte. Man führt ihn zu seinem Wagen. Es sieht sein Gesicht aus wie eine Pomeranze aus Wolle. Und er hat Angst vor dem guten blauen Hund. Er sagt zu seinen Begleitern: »Der schwarze Hund ist tollwütig. Man sollte ihn erschießen.« Acht schwarze, schweigende Klosterschüler mit ihrem Präfekten treten durch das Tor in den Park. Der gute Hund jagt hinter zwei Mädchen her, und eines fällt lachend ins Gras, und die weiße Wolke der Wäsche hebt sich für eine ganz kurze Weile, daß blaues Rosa leuchtet. Da sagt der Präfekt: »Der rote Hund da ...«, und er biegt mit seinen achten in eine Seitenallee. Ein dicker Mann wischt sich den Schweiß von der Stirn und grinst: »Der braune Hund versteht es, mit Frauen umzugehen.« Nun breitet sich auf der Wiese der Schatten aus zu einem See, und es ist Zeit, daß wir ins Haus gehen, wir beide, ich und mein Hund. Ich pfeife. »Da herein, guter Hund! Komm' herein, Wahrheit!« An einer anderen Stelle macht Erasmus Betrachtungen über den Satz in Martin Luthers Colloquia: »Sathan proprior nobis est quam ullus credere possit. Haec non sunt vana et insania terriculamenta.« Und erzählt die Geschichte eines Bischofs, der in Zweifel und Unglauben verfiel, gar schrecklich darunter litt und keinen anderen Ausweg mehr wußte, als sich dem Teufel zu verschreiben. Er zitierte den Bösen und schloß mit ihm einen Pakt, wonach er ihm nach seinem Tode seine Seele überlasse dafür, daß er ihm gewähre, in diesem Leben ein ordentlicher, gläubiger Christenmensch und Seelsorger zu sein. Und der Pakt kam zustande. Hinfort war der Bischof frei von allen Zweifeln, verrichtete seine Pflichten frohen Gemütes und wurde als ein heiliger Mann verehrt, so fromm und gottergeben war sein Lebenswandel und so reich an Güte und werktätiger Liebe. Als er aber ins Alter kam, und die Zeit seines Sterbens näher rückte, da faßte ihn große Angst, daß nun der Teufel warte und seine Seele zur Hölle führe. Und so lag er auf seinem Sterbebette, und vergeblich suchten die Umstehenden den Greis zu beruhigen, die nicht wissen konnten, worum seine große Not ging. Sie sagten ihm, wie er doch so ein gottgefälliges Leben geführt habe, daß er vor dem Gericht nicht Angst zu haben brauche. Und wie es mitten in der Nacht und der Sterbende für eine Weile allein war, da ergab er sich in Demut dem Willen Gottes, und alle Angst war von ihm gewichen, als der Teufel vor ihm stand. Aber er sah ihn in einem hellen Glanze, und als er die Augen auftat, siehe, da war es nicht Satan, der vor ihm stand, sondern Christus der Herr selber, der zu ihm sprach: »Ich war es, der die Gestalt des Bösen damals annahm, als du ihn in deiner großen Verzweiflung beschworest.« Und der Herr zog den Bischof an seine Brust und nahm ihn auf in sein ewiges Reich. Erasmus unterbricht öfters den Ablauf dieser Erzählung mit theologischen Untersuchungen und Kontroversen, weshalb ich auf eine wörtliche Übertragung verzichtete und bloß den Inhalt der Legende gab, die mir tief genug zu sein scheint, als daß sie noch gelehrte Gewichte brauchte, sie in die Tiefe zu ziehen. Aber es steht da noch ein sehr erstaunlicher Schluß, der das Ganze der kleinen Geschichte ins Große weitert. Dieses nämlich. Es war aber dieses geschehen, damals in jener dunkeln Stunde der Verzweiflung, daß dem Bischof der Christus in der Gestalt des Teufels erschienen war und den Vertrag mit ihm geschlossen hatte. O Lazarus, Lazarus, wer war es, der dich aus der gütigen Nacht erweckte zum grausamen Tag? Wer war es, der dir das weiße Linnen nahm und dir wieder den Flickenrock, den armseligen des Lebens, um die gereinigten Glieder legte? O Lazarus, wer war es, der dir wieder das einerlei Werkzeug in die reine Hand drückte, um sie schwielig zu machen aufs neue mit der Beschwernis dieses irdischen Lebens? O Auferstandener zum Wiederleben, war es Christus, der dich rief? War es Satan in der Gestalt des Herrn? Morgenfrühe, grüne Schwester du des Lazarus, du goldenes Ei im Neste des braunen Landes, welchen bösen Geistes Opfer bist du, ewig Wiederkehrende an jedem Tage? Morgenfrühe, grünliche Verwesung des schwarzen Hauptes, zitterndes Herz im Schatten, Schwester des Lazarus, die du aus dem Abgrund immer wiederkehren mußt, schwanger von ihm und mich schwängernd mit deiner Traurigkeit – welcher Dämon ruft dich? O Morgenfrühe, blasse Mutter des Tages, kleine Knospe des Lichtes! Des Mannes, der im Lobe der Narrheit das Gesetz von der Notwendigkeit der Illusion entdeckt hat, ist dieses kleine Buch Parma Mirabilis nicht unwürdig. Die Unfehlbarkeit Die nachfolgende Geschichte hat mir vor vielen Jahren mein Freund Apollinaire erzählt, eines Nachts, als wir nach langen theologischen Disputen beschlossen, gemeinsam ein katholisches Lesebuch zu verfallen. Apollinaire hatte die Geschichte von seinem natürlichen Vater, der Kardinal war – eben der Kardinal, der sich mit dem böhmischen Pfarrer unterhält. Nur Pedanten werden fragen, ob die Geschichte auch wirklich wahr sei. Daß sie wahrscheinlich ist, wird niemand bezweifeln, der einerseits die Kurie, anderseits die tschechischen Geistlichen kennt, aber ich will die Geschichte erzählen. Es kam ein Tag, da Vaclav Hrubin, der Pfarrer einer kleinen tschechischen Gemeinde, das Grauenvolle seiner seelischen und geistigen Not nicht länger in der Verlassenheit seines Herzens ertragen zu können fürchtete. Es war an diesem Tage, daß er bei der Frühmesse alle Kraft brauchte, um dem zu widerstehn, das ihn wie mit Fäusten anpackte und zur Gemeinde hinwenden wollte zu schrecklichem Bekenntnis. Er hatte gezittert, als er den Kelch hob. Er hatte einen Moment, der ihm Ewigkeit schien, geschwankt, den Wein zu trinken. Nun riß er, den helfenden Ministranten abweisend, sich in der Sakristei die Meßkleider herunter, als ob sie brannten, und stürzte hinüber in den Pfarrhof. Er mußte nach Rom. Und auf der Stelle. Nach Rom. Form und Farbe seines Schädels zeigten das Bauernblut, stärker noch jetzt, da er fünfzig war, als in den ersten Jahren nach dem Noviziat, das gleichmachend nicht nur über die Seelen, sondern auch über die Leiber fährt, beide ins Blasse dämpft. Nichts Ungewöhnliches war in Anlage und Art dieses etwas plumpen, braunroten, festauftretenden Vaclav Hrubin und nichts Besonderes kam in seine Lebensbahn, die sich von dem üblichen Ablauf bäurischer Klerisei in nichts entfernte. Als junger Kooperator war er der Pfarre eines Kohlendistriktes zugeteilt worden und sorgte da für das Seelenheil seiner Gemeinde nach seinen Vorschriften, zu denen er aus Eigenem nichts tat, denn das proletarische Volk war ihm, dem Bauern, fremd und er diesem Volke. Zudem sah ein Mehr über die vorgeschriebene Pflicht der Pfarrer nicht gern, dem ein Eifer seines Helfers nur größere Arbeit gegeben hätte, um die ihm nicht war, da er hoch in den Sechzig Ruhe haben wollte, seinen schon hinfällig werdenden Leib zu pflegen. Danach kamen sechs Jahre, die er als Pfarrer in einer großen Strafanstalt des Landes verbrachte, wozu ihm auch noch das Seelsorgeamt in dem Irrenhaus oblag, das die Regierung in geringer Entfernung von dem Zuchthaus hatte erbauen lassen. Seine Gemeinde zählte, war alles besetzt, über tausend Seelen. Er hörte die Beichte, spendete das Sakrament des Altares und das der Ölung und tat, ob es Zuchthäusler oder Irre waren, sein Amt in äußerm Gleichmut genau wie bei den Weibern des Kohlendistriktes oder bei den wenigen Männern, die ihn dort gebraucht hatten. In den ersten Jahren suchte er öfter die Räume auf, in denen mehrere Gefangene hier oder dort mehrere harmlose Irre sich aufhielten, arbeitend oder müßig hockend. Er hörte ihren Gesprächen zu, aber sprach selber nur selten ein Wort, und geschah es, so war es nichts Geistliches. Vielleicht genügte seine Gegenwart, daß die Zuchthäusler Gespräche mieden, die dem Pfarrer nach ihrer Meinung hätten mißfallen können oder ihnen nur erbauliche Mahnung eingetragen. Daß er als ein Aufsichtsorgan da sitze, diesen ersten Verdacht ließen sie bald, denn sie merkten an Kleinigkeiten, daß er niemanden anzeige, und aus dem wenigen Gesprochenen, dem Ausdruck seines Gesichts und den Gesten, daß er da saß, so wie er war, und sich nicht zu etwas anderem verstellte. Sie nahmen vielleicht einige Rücksicht auf ihn, aber er war ihnen keine sonderliche Respektsperson oder geistige Autorität in irgendwelchen Angelegenheiten, die sie interessierten; er sprach wie ihresgleichen von ihren Dingen, nur begreiflich mit geringerm wirklichen Verständnis darum. Es drückte sich ihre gutmütige Verachtung seiner Bedeutung darin aus, daß ihn die Zuchthäusler den »Kleinen« nannten, welchen Namen ein Gang Insassen dem nächsten vermachte noch in die Zeit hinein, da es Hrubin längst aufgegeben hatte, die Leute an ihren Arbeitsplätzen aufzusuchen und sich zu ihnen zu setzen. Solches brach er etwa im dritten Jahre seines Pfarramts mit einem Male ab. Er fuhr seit der Zeit öfter nach Prag, einige Male auch nach Wien. In der Anstalt bekam man ihn nur amtierend zu sehen. Sonst saß er auf seiner Stube und las. Im siebenten Jahre gelang ihm, worum er die letzten zwei Jahre sich bemüht hatte, er wurde als Pfarrer in das kleine Städtchen versetzt, wo er mit der alten Mutter und der ledig gebliebnen Schwester den Pfarrhof teilte. Manchmal kam der ältere Bruder, ein Gütler, stundenweit aus seinem Orte herein, und man saß um den Tisch zu viert wie daheim vor Jahrzehnten und redete auch nicht viel anderes als damals. Es ist diesem Leben, wie es sich nach außen zeigte, nicht abzusehen, was Anlaß und Ursache waren, die den gewöhnlichen Landgeistlichen Vaclav Hrubin aus dem Gleichgewicht brachten. Die Bücher, die er gelesen hatte, konnten es nicht sein, denn es lag Jahre zurück, daß er sich so eifrig mit Lektüre beschäftigte, und es waren auch durchaus nicht nur theologische oder gar naturwissenschaftliche Werke, die er damals las. Erst waren es Geschichten, dann Lebensläufe, dann Geschichte, was ihn interessiert hatte. Eine aufklärerische Schrift über die Welträtsel hatte er nur in den ersten zehn Seiten aufgeschnitten. Die Bücher und spät aus ihnen aufgegangener Samen dieser mehr zufälligen als bestimmt gewählten Lektüre konnten es nicht sein. Auch ein besonderes Erlebnis war es nicht. Was er aus der Zeit unter den Irren und Zuchthäuslern erzählte, dem Bruder etwa, wenn zufällig die Rede auf so was kam, wo sich eine Erinnerung anbringen ließ, das war ohne Ton auf einen Einzelfall, der auf ein stärkeres Erlebnis hätte schließen lassen. Er sprach von jenen Insassen als von armen Teufeln oder von alten Lumpen, von den Irren als von armen Narren. Hrubin hatte nichts von dem, was man einen für das Dramatische empfänglichen Charakter nennen kann; er war ganz bäuerlich, gleichmütig hinlebend gewesen, ging hinter seinen geistlichen Verrichtungen wie ein Bauer hinter seinem Pflug her, bis dieses über ihn kam wie eine Besessenheit, die, in seinen harten Bauernkopf gesprungen, nicht mehr aus ihm herauswollte und ihn Eines, nur dieses Eine zu tun zwang wie unter höherm Gebot. Der Kardinal Cavalcaselli saß beim Frühstück, als ihm sein Sekretär den Pfarrer Vaclav Hrubin aus der Erzdiezöse Prag meldete. Draußen auf dem Spanischen Platz glühte die weiße Sonne Feuer aus den Steinen, aber in dem hohen Gemach des Kardinals war es kühl und dämmerig. Vaclav Hrubin schritt auf Seine Eminenz zu und küßte, wie es der Brauch verlangt, den Ring. Er dankte ablehnend für die Früchte, die ihm der Kardinal in einem silbernen Körbchen anbot, und kam ohne Einleitung auf sein Anliegen zu sprechen. »Ich bitte um eine Audienz bei unserm Heiligen Vater, aber eine private Audienz.« »Eine geheime Regierungsmission?« fragte der Kardinal und blinzelte lächelnd mit einem Auge. »Ihr Böhmen habt ja immer so besondere Wünsche.« »Es handelt sich,« sagte Hrubin in einem etwas mühsam zusammengesuchten Latein, denn er war außer des Tschechischen und eines bißchen Deutsch keiner andern Sprache mächtig, »es handelt sich nicht nur um die böhmische Kirche, Eminenz, weswegen ich um diese Audienz nachsuche, sondern um die ganze katholische Christenheit.« »So ernst ist es?« meinte der Kardinal. Er biß mit schönen Zähnen in eine mit Mandelkernen farcierte Feige. »Sehr ernst, molto gravissime,« sagte Hrubin und bemühte sich, zwei Kerzenflecke von seiner Sutane zu putzen, die er soeben darauf bemerkt hatte. »Ihr habt da oben bei den Obotriten immer solche Sachen. Man hat euch den Hus nicht ordentlich ausgebrannt damals. Da schreibt so einer eurer Gelehrten gegen die Unfehlbarkeit ...« »Der Ruchlose!« rief Vaclav Hrubin. Der Kardinal Cavalcaselli wurde etwas verlegen. Er hatte in seiner Jugend, als er noch ein mondäner Priester in Florenz war, gegen die Unfehlbarkeit geschrieben, aber sich gleich darauf unterworfen. Das Thema des Gespräches, dem er selber diese Wendung gegeben hatte, war ihm nicht angenehm, und da er keinen raschen Übergang zu etwas anderem fand, sagte er kurz: »Hochwürden werden morgen um neun früh die erbetene Audienz haben. Sie kennen das Zeremoniell? Im andern Falle wird es Ihnen mein Sekretär bekannt geben.« Er streckte die Hand aus, der Pfarrer beugte sich und küßte sie mit einem lauten Geräusch. Rücklings schritt er zur Tür, wo er sich ein zweites Mal verbeugte, während ihm die Eminenz wie abwinkend mit der Rechten den Segen zunickte, die linke Hand verschwand gleichzeitig in den Pfirsichen des Fruchtkorbes. Des andern Tages wurde Vaclav Hrubin vor den Papst geführt. Er warf sich auf die Knie und küßte den Pantoffel des weißen Pontifex. Hierauf erhob er sich rasch und bat, allein gehört zu werden wie in der Confessio. Und der Heilige Vater gewährte diese kühne Bitte ohne Zögern, aber etwas erstaunten Blickes. Als sie allein waren, begann Hrubin langsam zu sprechen. Aus seiner Unterredung mit dem Kardinal wußte er, daß seine Aussprache des Lateinischen auf die Italiener fremdartig wirke, die Eminenz hatte ihn nicht immer gleich verstanden, und er hatte wiederholen müssen. Das, was er dem Papst zu sagen hatte, war ihm geläufig auf der Zunge, fast wie gelernt, denn immer wieder hatte er es sich Satz um Satz vorgesagt. Doch war Erregung in ihm so mächtig, daß er sich nicht auf rasche Rede verlassen wollte. Ganz langsam sprach er, damit es ihn nicht fortreiße und Frage aus Nichtverstehen ihn unterbrechen könnte. »Heiliger Vater,« begann der böhmische Pfarrer, »wäre mir Erkenntnis nur aus den Büchern der Gelehrten gekommen, deren Wissenschaften sich im Gegensatze zu fast allen Dogmen unseres Heiligen Glaubens stellen und diese aufheben für alle Vernunft, wäre mir solche Einsicht nur aus solchen Quellen gekommen, dann hätte ich immer noch, so gewaltig auch der Bau ist, den diese Wissenschaften gegen unsern Glauben errichtet haben, die Zweifel mit Gottes Hilfe allein niedergerungen und stünde nicht vor Eurer Heiligkeit.« »Du hast Glaubenszweifel, mein Sohn,« sagte der Papst hier, denn Vaclav Hrubin machte eine Pause, »ich hoffe, daß du unter solchen Umständen vor allem darauf verzichtet hast, die Heilige Messe zu lesen. Kein Priester des Herrn kann sich rühmen, diese Zweifel nicht gekannt zuhaben. Aber da du nun hier in der Wiege unseres Heiligen Glaubens weilst, wird dir Zurückgezogenheit und Einkehr das verlorene Gut wiedergeben. Was hast du noch zu sagen, mein Sohn?« »Wären es, Heiliger Vater, nur Zweifel, die mir aus dem Verstande kamen, so würde es wohl sicher sein, daß ich ihrer ledig hier würde. Aber es sind Zweifel nicht mehr, sondern es ist Gewißheit, Heiliger Vater. Der christ-katholische Glaube ist nicht mehr! Nicht bei uns, die wir ihn lehren, noch bei jenen, die ihn gelehrt bekommen! Er ist nicht mehr! Wir haben den Glauben in Weltliches zerschlagen und verschachert und sind Knechte der irdischen Welt geworden überall. Wo unser Wort bindet, da bindet es zum Scheine das, was fest ist längst und ohne uns. Und wo es binden sollte, da ist es schwach und brüchig geworden. Wir buhlen um armselige Gläubigkeit mit Bettelhänden bei jenen, die nichts sonst zu geben haben als ihren trüben Aberglauben. Wir betteln bei den andern, den Mächtigen der Erde, daß sie uns Schutz nicht nur, sondern Dasein damit noch geben, daß sie uns in das Dasein ihrer Macht einschließen, damit wir als mächtig wenigstens noch gelten. Wir segnen, und wir wissen, daß wir ins Leere segnen. Wir verfluchen, und wir wissen, daß die Unwirksamkeit unseres Fluches längst durchschaut ist. Statt Stütze zu sein, sind wir selber aller Stützen bedürftig und können ohne sie nicht einen Schritt tun. Wir sind klug wie die Tauben und listig wie die Schlangen, aber auch glaubenslos wie sie. Wir zelebrieren in Trümmern der Kirche eine von uns entseelte Messe vor Mumien und Lügnern. Bekennt es, Heiliger Vater, die Steine Eurer dreifachen Krone sind die echten nicht mehr! Zögernd tritt seit Jahrhunderten schon jeder neugewählte Papst aus seiner Zelle, niedergedrückt vom ungeheuern Gewicht der gewußten Lüge, als welche die wahrhafte Last des obersten Hirtenamtes geworden ist. Antwortet mir, Heiliger Vater! Ihr wißt das alles längst, was ich sagte! Ein römischer Pontifex der Kirche kann nicht weniger wissend sein als ein armer böhmischer Pfarrer!« Der Papst war alle Zeit unbeweglich und ernst auf seinem erhobenen Sitz gesessen. Der heiß redende braunrote Mann vor ihm ließ ihn an jene Barbaren denken, die einst plündernd nach Rom kamen und die gleich Statuen bewegungslos auf ihren kurulischen Stühlen sitzenden Senatoren höhnten. Nun blickte er dem Pfarrer Vaclav Hrubin in die Augen und fragte: »Priester, wo willst du mit all dem hinaus?« »Heiliger Vater, Ihr habt die Gewalt, zu entscheiden, was gut ist und was böse ist. Eure Unfehlbarkeit ist ein unbestreitbares Dogma, denn es ruht in irdischer Realität und gibt Euerm Spruche Geltung gegen jeden Widerspruch. Ihr könnt den Katholiken den Irrtum oder die Wahrheit auferlegen, es steht ganz in Eurer Wahl. Seid gut, Heiliger Vater! Lehrt das Wahre! Befehlet ex cathedra, daß die katholische Kirche aufgelöst sei! Verkündet das Ende der Kirche! Verkündet dies Ende als ein Dogma und Ihr werdet die Menschheit erlöst haben! Steigt würdig so nieder von Euerm Throne, den von nun ab niemand mehr besteige nach Gesetz und Recht. Verkündet das Dogma des Endes der Kirche, Heiliger Vater!« Der Papst hatte sich erhoben und war gegen alles Zeremoniell schweigend aus dem Raum geschritten, ohne Wort und Blick für den böhmischen Pfarrer, dessen Mund ein kleines Lächeln aufwarf. Eine Nobelgarde kam und führte ihn durch die Galerien des Vatikans bis zum Ausgang. Einige Monate später schuf die Kurie einen neuen Bischofsitz in der Slovakei und ernannte den Pfarrer Vaclav Hrubin zu dessen Bischof. Als er bei seiner Reise ad limina ins Kabinett des Kardinals Cavalcaselli trat, empfing ihn dieser lachenden Mundes mit den Worten: »Mühe machen uns Eure böhmischen Dickköpfe, mein lieber Bischof!« Die große Theodora In diesem Jahre des Absterbens der Theodora, der großen Kaiserin, da sie zählte vierzig Jahre, und man schrieb das Jahr 548 nach des Erlösers Geburt, des Gedächtnisses ihres irdischen Daseins, wie es war und wie es erzählt wird, voll, schreibe ich, Theophoros von Mythilene, das Leben dieser sehr ungewöhnlichen Frau auf, wie ich es selber aus großer Nähe wahrgenommen, wie es mir zu anderen Teilen von verläßlichen Zeugen erzählt und endlich auch, wie es in gemein umlaufenden Erzählungen, Berichten und Gerüchten angesehn wurde. Ich überlasse es dem späteren Leser, daraus Nutzen zu ziehen, wie es ihm gefallen möge. Wahres für falsch, Falsches für wahr zu befinden, nach Neigung und Vorliebe oder hellerer Kenntnis, –: meines geringen Verstandes Aufgabe ist solches Unterscheiden mit nichten. Also beginne ich. Es lebte damals in Byzanz ein gewisser Akakios, beamtet mit der Aufsicht über die wilden Tiere der Arena, und er hatte davon den Titel, wie er eingeführt ist, des Arktotrophos, obwohl er auch anderes zu tun hatte als bloß den Bären das Futter zu geben. Dieser Akakios starb an einer Krankheit unter der Regierung des Autokrator Anastasios und ließ drei noch unmündige Kinder zurück, drei Mädchen des Namens Komito, Theodora und Anastasia, diese älteste zählte noch nicht sieben Jahre. Die Witwe, die aus Cypern stammt, wollte ihrem Liebhaber die Stelle ihres Mannes verschaffen und stellte sich dafür bittend mit ihren drei Kindern vor das Volk des Hippodrom, denn der Direktor wollte einem andern die Stelle geben. Aber das Volk entschied für den Bettgenossen von Akakios' Witwe. Theodora war fünf Jahre alt, als sie derart zuerst im Zirkus auftrat. Als die Anastasia in das mannbare Alter gekommen war, brachte sie ihre Mutter auf das Theater der Pantomimen und gab ihr zur Begleiterin die jüngere Theodora, angezogen wie eine kleine Sklavin in einem Hemde mit Ärmeln. Anastasia wurde alsbald eine gesuchte Kurtisane und hatte immer die Theodora bei sich. Da diese aber noch unreif war, so gab sie sich den Männern nicht hin, wie eine Frau es tut, sondern diente als ein Knabe. Solches trieb sie mit den Sklaven, welche ihre Herren in das Theater begleiteten und auf den Gängen warteten. Eine geraume Zeit verbrachte sie in diesem Mastropeion. Mannbar geworden, betrat sie die Bühne und wurde rasch eine Kurtisane, aber eine von denen, die man damals Läuferinnen nannte. Sie verstand weder die Flöte noch den Psalter zu spielen, auch tanzen konnte sie nicht. Sie gab sich einem jeden und diente jedem mit jedem Teile ihres Leibes. Sie hatte zumal Umgang mit den Mimen und teilte die Art ihres Lebens, half ihnen in ihren Schwänken und Pantomimen, und machte sich auf der Szene, da sie voll Witz und behenden Geistes war, immer bemerklich. Sie hat niemals irgend Scham vor einem Manne empfunden, noch sich irgend geweigert, zu tun, was man von ihr verlangte. Sie ließ sich peitschen und Ohrfeigen geben, brach in Gelächter aus, hob ihre Röcke und zeigte den Anwesenden nackend von hinten und von vorne das, was für die Männer verborgen und unsichtbar bleiben soll. Niemals hatte man bei ihr irgend ein Schamgefühl bemerkt. Theodora erlangte derart eine große Herrschaft über die lasterhaften Männer, die sie zu immer neuen Erfindungen reizte, durch nichts sonst als durch ihr zähnezeigendes Lächeln und die Biegsamkeit ihres geilen Leibes. Aber nicht nur die Lasterhaften erlagen ihren Künsten, sondern alle, die ihr in den Weg kamen bis auf die noch nicht mannbaren Knaben und Kinder. Es hat wohl wahrhaft nie ein Weib gelebt seit Lilith, das mehr dem Dämon der Lust ergeben gewesen wäre als Theodora. Zuweilen kam sie zu einem Freundesgelage mit einer Schar kräftiger junger Leute, wohlerfahren und ausdauernd in der Liebesarbeit. Sie lag mit ihnen die ganze Nacht und gab sich ihnen allen. Und waren dann diese hinweggegangen, so begab sie sich zu deren Sklaven und wären es dreißig gewesen, und paarte sich mit einem jeden von ihnen. Und auch solche Ausschweifung sättigte sie noch nicht. Eines Tages begab sie sich zum Mahle eines hohen Beamten. Während des Festes konnten alle, die anwesend waren, sie nach Belieben beschauen, denn sie hatte sich auf ein Bett geworfen, vor ihnen ihre Kleider hochgezogen und mit dem Finger auf ihre Dinge gezeigt, ohne sich im geringsten zu zieren. Welche all so die drei Orifizien ihres Leibes arbeiten ließ, fluchte der Natur, daß sie den Spitzen ihrer Brüste nicht Öffnungen gegeben habe, damit man hier neuartige Verbindungen erfinden könne. Theodora war zu wiederholten Malen guter Hoffnung, hat sich aber damals immer mit künstlichen Mitteln die Frucht abgetrieben. Oft warf sie im Theater alle Kleider ab und schritt all so auf der Bühne vor alles Volk, mit nichts bekleidet als einer kleinen Hose, welche das Geschlecht bedeckte. Auch diese hätte sie gerne abgelegt und das darunter Verborgene dem Volke gezeigt, aber es ist den Frauen auf dem Theater verboten, sich ganz zu zeigen, es sei denn mit dem kleinen Höschen. So bekleidet warf sie ihren Leib nach rückwärts und reckte sich auf dem Boden. Theaterjungen waren damit betraut, auf ihre hochgereckte Scham Weizenkörner zu streuen und für diesen Dienst dressierte Gänse kamen hinzu und pickten eins ums andere die Körner von ihrem Leibe. Weit davon, sich solcher Schaustellung zu schämen, liebte Theodora sie so sehr, daß sie sie oft wiederholte. Es hatte damals an ihr ein Tyrier des Namens Hekebolos solchen Geschmack gefunden, daß er sie nach Pentapolis mitnahm, als er zum Statthalter der Provinz ernannt wurde. Man sagte, daß sie sich bei ihm den übelsten Diensten hingab, die er von ihr forderte. Aber er schickte sie nach einem Streite weg, und sie ging nach Alexandria, wo sie als eine Gassenhure ihr Leben gewann. Sie wanderte von Stadt zu Stadt und übte überall ihre Talente, die beim Namen zu nennen ein Mensch nicht wagen kann, ohne Gott zu beleidigen. Es gab im ganzen Orient kein Dorf, wo man nicht die Hure Theodora gekannt hätte. Und überall erging es ihr nach kurzer Weile, wie es ihr in Byzanz gegangen war, wo alle frommen Menschen sie mieden und es als ein schlimmes Vorzeichen ansahen, wenn sie ihr auf der Straße begegneten. Sie stand vor dem äußersten Abgrunde, bereit, darin sich völlig zu vernichten, als sich ihr Gottes Gnade offenbarte. Denn nur Einer ist gut, welcher frei sich durch den Sohn offenbart. Durch Ihn allein kann das Herz rein werden. Er allein kann alle bösen Geister aus dem Herzen vertreiben. Es ergeht dem Herzen wie einer Herberge. Denn auch eine solche wird zertreten und zerstoßen und mit Unrat gefüllt durch schlimme Menschen, welche darin weilen und auf den Ort keine Rücksicht nehmen, da sie ihn als einen fremden betrachten. Ebenso geht es dem Herzen, solange niemand für es sorgt. Es ist unrein, aller Dämonen Wohnsitz. Wenn aber der allein gute Vater es heimsucht, wird es geheiligt und glänzt voll Licht, und wer ein solches Herz hat wird heilig gepriesen, weil er Gott schauen wird. Im frechen Übermute ihrer bösen Lüste wollte Theodora einem Heiligen in der Wüste die Falle des Satans legen. Aber sie fing sich selber darin und sah den Bösen nun voll Grauen, daß es ihr das Herz umwandte. Es lebte der Patriarch Severus von Antiochia, der zumal den gefallenen Frauen predigte, und Theodora wurde eine der reumütigsten unter ihnen. Als sie darauf nach Byzanz zurückkehrte, war keiner von ihren früheren Genossen, der sie wieder erkannt hätte aus ihrem Wandel, all so keusch und zurückgezogen lebte sie in einem kleinen Hause, wo sie Linnen wob, wie es zur Zeit der römischen Kaiser die Matronen getan haben. Hier traf sie Justinian. Daß Justinian eine große Zuneigung zu Theodora faßte, hat manche veranlaßt, von zauberischen Künsten zu sprechen, welche sie dem Manne gegenüber angewandt habe, der damals gegen die vierzig alt war. Es dürfte aber wohl die natürliche Magie des Weibes gewesen sein, die sich hier zeigte und große Unterstützung erfuhr durch einen lebhaften Geist, hohe Vernunft und ein Geschick, dieses beides zur Geltung zu bringen. Zu dem kam, daß Justinian bei allen seinen Gaben ein etwas schwacher und lenkbarer Mann gewesen ist, wie sich dieses bis zu seinem Tode in hohem Alter zeigte. Er erlag völlig der Überlegenheit Theodoras, deren keinen Wunsch er ihr versagte. Da sie gierig nach Reichtümern war, überschüttete er sie damit. Da sie nach Titeln und Ehren aus war, machte er seinen Einfluß auf den kaiserlichen Onkel geltend, und Theodora ward die Ehre zuteil, daß sie Patrizierin wurde. Sie wollte Einfluß haben, und er begab sich völlig in ihre Sympathien und Intrigen. Der gute Kaiser Justin machte keine Schwierigkeiten, als Justinian die ehemalige Tänzerin und Kurtisane niedersten Ranges zur Gemahlin begehrte. Nur die Kaiserin Euphemia, wie man weiß bäuerlichen Blutes wie ihr makedonischer Mann, fand es ungehörig, daß Theodora ihre Nachfolgerin werden sollte. Aber sie starb zu guter Stunde, da man zählte das Jahr 523. Justin änderte darauf seinem geliebten Neffen zu Liebe ein Gesetz, und das Hippodrom, das Theodora der Hure Anfänge gesehen hatte, jubelte der Frau des Justinian zu, nachdem sie in Santa Sophia feierlich zur Basilissa gekrönt worden war. Nur um weniges später war es, daß ich in die Dienste der also Gekrönten trat und darin mit kleinen Unterbrechungen verblieb bis an ihr Ende. Habe ich, was ich aus dem früheren Leben der Tänzerin und Hure erzählte, aus dem Munde von guten Zeugen, so bin ich aus dem Folgenden bis zum Ende der großen Frau Zeuge dieses Lebens mit eigenem Sehen und Hören. Die Augusta war dreißig Jahre alt, und ich ihr wohl an Jahren, doch nicht an Alter gleich, denn in früherer Jugend um das Männliche verstümmelt, schien ich dem Aussehen nach eher greisenhaft. Dem Umstande verdanke ich auch das Vertrauen der Augusta, die mich beauftragte, über der Erziehung ihrer damals zehnjährigen Tochter zu wachen, einem Kinde von einem unbekannten Vater. Es war mir in meinem Amte erlaubt, ohne Rücksicht auf das Zeremoniell, das die Augusta bis in das einzelne sehr streng übte, zu jeder irgend passenden Zeit in ihre inneren Gemächer zu treten, und weis ich aus solcher Nähe, daß, was immer man von Liebschaften der Augusta redete, nichts weiter war als Verleumdung. Denn sie hat in der Zeit ihrer Ehe mit Justinian weder mit einem Manne noch mit einem Weibe, noch mit einem Kinde Unzucht gepflogen, und war es, als ob der Teufel der Geilheit überfüttert geplatzt und gänzlich aus ihr ausgefahren wäre. Das Los der Frauen, die als Huren und Tänzerinnen von der Unzucht der Männer leben, zu bessern, tat sie, die solches Leben kannte, vieles in der Folge, und es mochte wie Strafe und Rache scheinen, daß sie hart und grausam gegen die Männer war, wo immer sie in ihre königliche Gewalt kamen, sei es durch Verfehlungen, sei es als Bittsteller, sei es auch nur als Würdenträger. Denn es stand keiner zu hoch, der sich nicht in genauem Befolg des Zeremoniells vor ihr auf die Erde werfen mußte, all so, daß sein Mund den Boden berührte. Es waren welche, die sagten, daß solche Härte zu den Männern ihr reichlich die Lust ersetze, die sie früher von ihnen gehabt habe, da sie ihnen sich anbot. Denn sie tat wie eh, ihren Leib mit größter Sorgfalt zu pflegen auf das kostbarste und bettete ihn zur Ruhe, wann immer sie es danach verlangte, und hatte sie immer silberne, mit heißem Wasser gefüllte Gefäße zu Füßen ihres Lagers, Winter wie Sommer. Und war ihre Tafel bedient von Köchen aus allen Ländern, ihr das Mahl von seltensten Leckereien zu bereiten, wie man solche vor ihr an dem Hofe nicht kannte. Justinian, der als ein einfacher Mann nur Gemüse aß, sich mit jedermann aus dem Volke unterhielt wie mit seinesgleichen, sah den Aufwand seines Weibes mit Erstaunen wohl, doch gab er sich ihm doch wie einer fremden Seltsamkeit ganz gefangen und diente ihr darin mit allem, was er vermochte. Denn stets hatte der über alle Maßen eifrige und gelehrte Kaiser die geistigen Kräfte der Kaiserin zu bewundern Anlaß und ihren mächtigen Willen in großen Dingen, nicht nur in den kleinen. Es konnte so aussehen, als ob Justinian nur im Kreise seiner Frau seine kaiserliche Würde erlebte, die ihm sonst bei all seinen vielen gelehrten, diplomatischen, bauherrlichen Betätigungen nicht gegenwärtig sein konnte, da sie ihn hier vielleicht behindert hätte, das zu tun, wozu ihn sein Herz wie seine Neigung zogen. Also leuchtete die Sonne seiner kaiserlichen Würde dann, wenn die ihn überstrahlende Nebensonne der Augusta Theodora neben ihm stand. Und daß er von ihr nicht nur das Licht, sondern auch die Wärme bekam, dessen ist Zeuge der große Aufstand, der in Byzanz wegen der ungeheuren erpreßten Steuern ausbrach und der die halbe Stadt in Flammen setzte und bereits dazu geführt hatte, daß ein anderer zum Kaiser ausgerufen wurde. Justinian war schon bereit, mit seinen Schätzen auf einem Boote über den Bosporus zu fliehen, schon rief man den Honorios, der ein Neffe des Kaisers Anastasios war, in den Straßen aus, und vergeblich war Justinian mit den aufgeschlagenen Evangelien in den Armen in dem Hippodrom erschienen, mit keinem andern Erfolge, als daß ihn die Menge mit Pferdeäpfeln und anderem Unrat bewarf. Wir waren um ihn als die letzten in den Gärten, die zum Meere führten, versammelt, bereit zur Flucht, als Theodora sprach: »Welche die Krone getragen haben, dürfen nie ihren Verlust überleben. Nie werde ich den Tag erblicken, an dem man aufhören wird, mich mit dem Namen der Basilissa zu grüßen. Willst du fliehen, Cäsar, so tu es. Du hast Gold, die Schiffe sind bereit, das Meer ist offen. Ich bleibe. Ich liebe das alte gute Wort, daß der Pupur ein schönes Leichentuch sei.« An diesem 18. Januarius des Jahres 532 stand wahrhaft das Reich am Vorabend seines Falles, und der männliche Mut Theodoras allein hat es gerettet. Dankte sie bis zu dieser Stunde ihren Platz im Staatsrate nur der Schwäche Justinians, von nun ab dankte sie ihn ihrer eigenen Stärke allein, und sie behielt ihn und der Kaiser widerstritt ihn ihr nicht, ja er stellte neben den seinen auch ihren Namen in allen jenen Inschriften sogar, welche die Siege über unsere Feinde verherrlichen. Wie dem Kaiser so schwor man ihr die Treue, und in wichtigsten Entschlüssen holte sich Justinian Rat von der höchst verehrten Gattin, die Gott ihm gegeben, wie er sagte. Und die er auch nannte »seinen allersüßesten Zauber«. Von jenem Tage an gab es in Byzanz in Wahrheit nur einen Augustus, und er hieß Theodora. Sie brachte in die Staatsverwaltung ihr ergebene Leute, ebenso in den Geheimdienst, in die Politik, in die Kirche. Nach ihrer Laune machte sie zu Patriarchen und Päpsten, wen sie wollte, aber auch Minister und Generäle. Es war nicht selten, daß sie eine Anordnung ihres Gatten durch eine gegenteilige aufhob. Es steht mir wohl zu, zu sagen, daß die Kaiserin einen weiteren Blick besaß als Justinian, der zu sehr nach rückwärts in die Zeit gekehrt davon träumte, das alte Reich der Cäsaren wieder zu errichten, was auch der Grund war, daß er das Reichsgesetz aus den Alten sammelte. Mit nichten so Theodora. Ihr Auge sah feiner und schärfer; sie hatte es auf den Osten gerichtet und empfing die syrischen Mönche und die ägyptischen, den Zooras und den Jakobos Baradeos, so abstoßend diese auch in ihren Lumpen waren und so roh in ihren Worten und Sitten. Denn so fromm sie wie jede Frau in dieser Stadt war, begriff sie doch, wie wichtig es für das christliche Staatswesen sei, den religiösen Dingen größte Aufmerksamkeit zu schenken, und daß wer darin nachließe, es auf eigene große Gefahr täte. Die Basilissa wußte, daß die wahrhaften Kräfte dieses Reiches nicht im Westen, sondern in den blühenden Provinzen Asiens und Ägyptens lagen, und daß Gefahr für das Reich in den religiösen Meinungsverschiedenheiten brüteten, die sich in diesen Provinzen und ihren Völkern immer deutlicher zeigten, die Gefahr des Abfalles vom Reiche. Danach richtete die Augusta klug ihre Politik, ganz anders als Justinian, der aus Geschmack an Streit und Widerspruch sich für die religiösen Verschiedenheiten interessierte und wie in seinen Strebungen das Recht betreffend darauf aus war, subtile Formeln zu finden mit den Theologen. Es war dieses wie ein Spiel. Während Theodora entschlossen die Partei der Häretiker gegen Rom und den Papst ergriff. So aber gelang ihr, für das häretische Ägypten lange Jahre der Duldung durchzusetzen. Und es gelang ihr, daß das häretische Syrien seine verfolgte eigentümliche Kirche wieder errichten konnte. Sie erreichte es, daß den Widergläubigen gestattet war, ihre Predigt aufzunehmen, später sogar, daß sie der Exkommunikation Widerstand leisten und sich dem säkularen Gericht entziehen konnten. Ihr haben es die Anhänger der Lehre von der einen göttlichen Personenschaft Christi zu danken, daß sie, was sie lehrten, bis ins schwarze Nubien bringen konnten und zu den braunen Söhnen der arabischen Wüste. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, welche ihren Glauben an die nichts als göttliche Natur des Erlösers davon wollten ableiten, daß sie aus ihrem früheren lasterhaften Hurenleben nicht rechtgeben wollte, es sei der Erlöser auch wahrhaft Mensch und Mann gewesen. Denn solcher Glaube an Christi Menschhaftigkeit hätte ihr sein Göttliches in häßliche Bilder verzerrt, wie sie solche in der Erinnerung trug. Und es kann solche Annahme wohl begründet sein zu einem Teile in Betracht des Umstandes, daß Theodora in all ihrem großen staatsmännischen Wesen niemals aufhörte, ein Weib zu sein, je nach Umständen voll Schlauheit oder Gewalttätigkeit sich freute, diesen Papst einsperren und absetzen zu lassen, jenen aber ganz unter ihren Willen zu beugen, daß er ihr nachlief wie ein Hündchen. Es mag die Kirche immer ihren Namen verfluchen ob ihrer Begünstigung der Irrlehren und der üblen Behandlung, welche Päpste wie Silverius und Vigilius von ihr erfuhren. Es ist nicht meines Amtes, sie als Christ zu richten, denn ich hing ihrem Glauben an die eine Natur Christi an, weil es der ihre war, und begab mich ganz in ihre Gründe dafür, ohne sie für mich zu prüfen, aber es ist mit meiner Einsicht und meiner Stellung an ihrem Hofe verträglich, zu sagen, daß sie als die Augusta dieses großen Reiches so wie sie gehandelt recht gehandelt hat. Wäre sie nichts als fromm gewesen, dann wäre sie nicht die Augusta geblieben, so aber ward ihr die Aufgabe gestellt, ein Reich zu wahren. Ich würde das gleich zu erzählende als von an sich geringer Bedeutung nicht berichten, zeigte es die Augusta nicht ganz auch in diesem kleinen Zuge. Es war ihr von geschäftigen Zwischenträgern eine Erfindung als wahr berichtet worden, die sich auf die eheliche Treue des Kaisers bezog. Er besäße, so sagten sie, eine ehrgeizige Geliebte, deren Sinn höher stünde, als Bettgenoß zu nächtlicher Kurzweil des Gatten zu bleiben. Es war dies ein nordisches Weib, Edita geheißen, sehr von eigentümlicher Schönheit. Denn es zeichneten sie bei tiefschwarzem Haar Augen aus, groß und von bernsteingelber Farbe. Zudem überragte sie um ein kleines Stück die Kaiserin an Leibeslänge und war um zehn Jahre jünger. Die Augusta gab ihr Zutritt in ihr Schlafgemach und brachte sie leicht dahin, daß ihr diese Edita eine Nacht durch diene mit allen Künsten ihres Leibes. Denn sie wollte wissen, was sie könne. Und ob diese so eigentümlich sei, daß es des Kaisers wert wäre. Es war am frühen Morgen nach dieser Nacht, daß mich die Augusta in den Vorraum ihres Schlafgemaches rufen ließ. Sie zeigte mir durch den etwas gehobenen Vorhang das aus Erschöpfung schlafende Mädchen: sie sei eine Magd wie irgend eine, sprach sie, und nicht wert, den Herrn zu vergnügen. Es stünde mir frei, sie mir als Sklavin zu nehmen oder sie in den Bosporus werfen zu lassen. Jene aber, die sie dem Augustus zuführen wollten und ihr geschäftig schon berichtet hätten, sie sei des Kaisers Geliebte, die ließe sie mir nicht zu solcher Wahl. Und darauf gab sie dem Henker, es war Andronikos, das Blatt, auf dem die Namen jener standen. Es waren zwei Männer und eine Frau. Und hatten die drei eine Stunde später keine Hände mehr, um Gnade zu bitten, und keine Augen mehr, ihr schlimmes Los zu beweinen. Die Basilissa hatte in diesem wenig besonderen Falle zwei Urteile gesprochen, die man nicht anders als gerecht nennen konnte, wenn es auch schwer würde, sie auf ein Recht zu gründen, es richtete wahrhaft diese Frau aus einem wohlerwogenen Haße heraus, nicht hingerissen von einem Gefühle bloß. Das bekam Germanos, des Kaisers Neffe zu spüren, ebenso wie der Sekretär Priskos. Und wie sie nie verlegen war, die guten Gründe für ihren Haß und die Mittel zu finden, ihn ins Werk zu setzen, das konnte man daran sehen, wie sie den Präfekten Joannes von Kappadozien erledigte, den zu fürchten sie einmal Grund hatte. Nur gegen einen, welcher der treueste, uneigennützigste und verdienstvollste Diener seines Herrn war, fand sie den Weg nicht, ihn in ihre Abhängigkeit zu bringen, und fand ihn doch auf einem Umwege. Dieser eine war Belisar, des Kaisers großer Feldherr. Über ihn zu herrschen gelang der Basilissa nur durch des Feldherrn Gattin Antonina. Diese machte sich die Kaiserin zur nächsten Freundin, ergetzt und in Grauen gebracht von der Schamlosigkeit dieser Frau, die das Leben der Theodora dort fortzusetzen schien, wie diese es aufgegeben hatte. Und die Basilissa schützte sie in diesem ihrem Leben vor dem Zorne des Gatten nicht nur, sondern auch vor dem manches Liebhabers. Dadurch aber wurde Antonina ihr ganz unterworfen wie eine Freigelassene, und um dieses Schutzes willen verriet sie ihren Gatten Belisar, gab ihn der Basilissa in die Hand, so daß nichts um den Feldherrn geschah, wovon die Augusta nicht genaue Kenntnis hatte. Es gab keinen Mann, dessen Schwäche sie nicht gekannt und genützt hätte, ihn zu beugen. Nur diesen Mann Belisar, dieser unbeugbare, etwas schwerfällige und nicht im geringsten ehrgeizige, doch kluge und tatkräftige Soldat, erlaubte sich, ohne ihre Mittlerschaft seinem Herrn zu dienen und nicht in ihr seinen Herrn zu erkennen. Belisar liebte seine Frau, die klug, geschickt und fähig war, das Unmögliche möglich zu machen. Ihrer bediente sich also die Basilissa und öfters brachte sie es dazu, daß sich Belisar wieder mit seinem Weibe versöhnte und ihr verzieh. Dadurch wurde er von Theodora abhängig als der letzte Mann im Reiche, der sich ihr noch nicht unterworfen hatte. Es war kurz vor seinem Tode, daß ihn für so langen Widerstand Theodora traf. War auch die Zeit seiner Verbannung und Einziehung seiner Güter nur kurz, und erfolgte auch bald seine Rückberufung, – er zog den Dolch nicht aus der Wunde und starb daran. Aber es ward ihr von allen doch kein anderer Name gegeben als »die treue Kaiserin«, und war kein Titel, den sie besser verdiente als diesen. Tut der nun alte einsame Kaiser ein feierliches Versprechen, so beim Namen Theodoras, die, es sind nun vier Lustren her, von uns genommen wurde in noch jungen Jahren, da sie zählte vierzig Jahr. Die immer den Kaiser rühren wollen, erinnern ihn und sprechen von der vortrefflichen, schönen und weisen Herrscherin, die nun für ihn im Paradiese bete. Ich bin hierher in diese kaiserliche Pfalz Ravenna geschickt worden, auf daß ich in der Basilika des Heiligen Apollinaris das Bildnis des Kaisers und der Kaiserin auf die Wand bringe, so gut ich es treffe, und man hat in solchem Werke wie sonst auch meinem schwachem Vermögen mehr vertraut als ich ihm selber. Denn völlig gelingt ein Unternehmen nur jenem, der reinen Herzens ist, und solches bin ich, Gott möge mir verzeihen, mit nichten. Aber ich mußte gehorchen und brach also hierher auf mit diesen meinen dreien Gesellen, welche des Handwerkes kundig sind, zu Farbe zu bringen, was ich mit der roten Erde auf den Plan reiße. Da ich nun in der späten Nachmittagsstunde des zweiten Tages auf dem Gerüste vor der Wand saß und die rechten Maße überdachte, da kam ein Mensch seltsamen Aussehens und Gehabens die Leiter herauf und sah schweigend erst mein Blatt an, auf dem ich das Bildnis in kleinem Verhältnis entworfen hatte. Es war ein hagerer, gelber Mensch mit hohlen Wangen, straffem schwarzem Haar, das ihm auf den Nacken fiel, gar armselig gekleidet nach ägyptischer Art der Mönche, und hatte große gerötete Augen mit einem mächtigen Feuer darinnen brennend. Mein schwaches Bildnis der Theodora im Paradiese, ihre dahin abgeschiedene, vom Irdischen befreite Seele – denn also hatte ich sie vor meinem Auge – hielt der fremde Mann in der Hand und verzog den Mund voll Zorn und schrie: »Solche, meinst du, seien im Paradiese? Wahrlich, ich sage dir, solche brennen in den schwarzen Feuern Gehennas bis zum jüngsten Tage und werden an diesem Gerichtstage in noch tiefere Höllen gestoßen werden.« Mein Mund war wie versiegelt von dem Reden des heftigen Mannes, das nun anhub wie eine Flut sich über die Kaiserin zu stürzen, die er die große babylonische Hure nannte und den Pfuhl aller Laster dieser Welt und der andern, denn sie habe den süßesten Herrn Jesus Christus in ihre Sünden gemenget damit, daß sie ihm zu dienen vorgab mit dem Sündhaften, das sie tat. Es schauderte mich vor diesem Manne bis ins innerste Gebein. Es war ganz dunkel in dem Raume, als mit den Worten: »Verdammt ist sie und dreimal verdammt im Namen des Heiligen Geistes, des Sohnes und des Vaters!« der Fremde verschwunden war und wie weggeschluckt von der Nacht, die mich umgab wie ein schwarzes Tuch. Es kamen dann meine Gesellen mit Lichtern und brachten mich in die Herberge. Ich sprach zu ihnen kein Wort. Aber andern Morgens sah ich mit Staunen und Schrecken das Bildnis der Theodora, unserer Kaiserin, auf die vorher noch kahle Wand gezeichnet, denn meine Hand hatte darauf noch nicht einen Strich getan. Es mußte dieses der Fremde in der Nacht gewerkt haben, zumal das Bildnis auch ganz nach seinen wilden Reden geformt war. Nackt bis auf das kleine Höschen der Tänzerinnen stand sie aufrecht, die Arme, wie sie bei Lebzeiten zu tun liebte, nach rückwärts gelegt, mit leicht geknickten Knien die Scham nach vorne drängend, die wie ein lüsternes Auge sichtbar wurde in dem Spalt des weißen Stoffes. Die kleinen mädchenhaften Brüste starrten steil, und wie ein harter Stachel waren die Warzen rechts und links. Der linke Fuß war leicht auf die Zehenspitzen gehoben, und die unsichtbaren Hände verrieten ein schändliches Tun auf dem Körperteile, auf dem sie lagen. Über die leicht schielenden Augen senkte sich halb das Lid. Höllisches Getier und Geranke war rings um dieses in der heidnischen Weise der Alten mit großer Lebendigkeit gezeichnete schändliche Bildwerk. Ich brauchte Stunden mühevoller Arbeit, es aus der Wand zu kratzen, und bis auf die letzten Spuren gelang es mir nicht. Und immer wieder verirrten sich meine Gesellen, als sie die farbigen Täfelchen legten, in die undeutlichen Umrisse jenes teuflischen Bildnisses, und nun, da es fertig ist, seh ich mit Schaudern, daß aus der Reinheit meines Werkes die Hölle jenes andern brennt. Ich bin nur ein alter armer Mensch und weiß nichts. So weiß ich nicht, war es Gott oder war es der Böse, der mich damals besuchte und der in meinen frommen Wunsch für die Verblichene das Urteil seiner ewigen Verdammnis unauslöschlich hineinschrieb. Es gibt welche, die sagen, es sei das Weib immer und in jeder Gestalt die Gehilfin des Bösen. Möge sich der allmächtige Herr, der Christus, des Weibes erbarmen. Amen .