Wilhelm Busch Der Lohn einer guten Tat (eine wahre Geschichte) Wenn man von dem Lohn der Tugend Hin und wieder was erfährt, So ist das im allgemeinen Jedenfalls nur wünschenswert. Aber so was kann mich ärgern, Wenn man in der Zeitung sieht, Was dem Johann Luenicka Für sein gutes Werk geschieht. Von Geburt aus Leitomischl, Handwerksbursche von Metier, Kam er auch auf seiner Reise Einst an einen großen See. Plötzlich sieht er einen Knaben, Welcher etwa dreizehn Jahr, Und, nachdem er sich gebadet, Eben beim Ertrinken war. Dieses kann Johann nicht leiden, Stürzt sich mutig in die Flut, Faßt das Kind beim linken Beine, Aber ach! verliert den Hut. Erst jedoch, nachdem er alle Rettungsmittel angewandt, Fühlt er mittelst seiner Hände, Daß er seinen Hut nicht fand. Unbemittelt und vertrauend Auf das Werk, das er getan, Hält er bei der Ortsgemeinde Höflich um Belohnung an. Hier nimmt man das Anersuchen Auch sogleich zu Protokoll Und berichtet an das Kreisamt, Wie man sich verhalten soll. Von dem Kreisamt schreibt man wieder, Und der Brave ist schon froh; Aber groß war sein Erstaunen, Denn die Antwort lautet so: »Erstens, da der Luenicka Schwimmen kann, so ist es klar, Daß sein Leben bei der Sache Nicht besonders in Gefahr; Drum, nach reiflichem Bedenken, Lautet unser Amtsbeschluß, Daß die fragliche Belohnung Jedenfalls von Überfluß. Zweitens hat der Luenicka Sein Ersuchen eingeschickt, Ohne daß, wie es gesetzlich, Ihm ein Stempel aufgedrückt; Drum, nach reiflichem Bedenken, Lautet unser Amtsbeschluß, Daß er 72 Kreuzer Stempeltaxe zahlen muß.« Ja, so lautet das Erkenntnis. – Zahlen muß der junge Mann, Ob ihm gleich von jedem Auge Eine stille Träne rann. Und wir fragen uns im stillen: Wozu nützt die gute Tat, Wenn ein tugendsamer Jüngling Obendrein noch Kosten hat!