Tausend und Ein Tag im Orient Von Friedrich Bodenstedt.   But if this branch of literature has met with so many obstructions from the ignorant, it has, certainly, been checked in its progress by the learned themselves, most of whom have confined their study to the minute researches of verbal criticism; like men who discover a precious mine, but instead of searching for the rich ore, or for gems, amuse themselves with collecting smooth pebbles and pieces of crystal. Sir William Jones.     Berlin, 1850. Verlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei.     Seinen anmuthigen Freundinnen im Hessenlande widmet dieses Buch                                         der Verfasser.     Inhaltsverzeichniß. Erster Band              Prolog. 1. Kapitel. Von Moskau bis zu den Steppen des Don. 2. Kapitel. Die Donische Steppe. 3. Kapitel. Ueber den Kaukasus nach Tiflis. 4. Kapitel. Mirza-Schaffy, der Weise von Gjändsha. 5. Kapitel. Des Weisen von Gjändsha erste Liebe. 6. Kapitel. Die Schule der Weisheit. 7. Kapitel. Die Zungengeschichte und die Pest. (Ein Zwischenspiel.) 8. Kapitel. Die Schule der Weisheit. (Fortsetzung.) 9. Kapitel. Die Schule der Weisheit. (Fortsetzung.) 10. Kapitel. Wanderungen, Fernsichten und Wunder. 11. Kapitel. Die Schule der Weisheit. (Fortsetzung.) 12. Kapitel. Ein Ausflug nach Armenien. 13. Kapitel. Armenisches Allerlei. 14. Kapitel. Die Schule der Weisheit. (Schluß.) 15. Kapitel. Wanderung durch das Paschalik Achalzich 16. Kapitel. Der Weise von Adigion. Das Dach der Wittwe und der Wettkampf der Weisheit. 17. Kapitel. Georgisches Allerlei. 18. Kapitel. Adel-Chan, der letzte Utzméy von Kaitach. 19. Kapitel. Adel-Chan, der letzte Utzméy von Kaitach. (Fortsetzung.) 20. Kapitel. Adel-Chan, der letzte Utzméy von Kaitach. (Schluß.) 21. Kapitel. Letzte Eindrücke von Tiflis. Wanderung zu den Ländern am Schwarzen Meere. 22. Kapitel. Pitzunda und seine Ruinen. 23. Kapitel. Gagra und der Fels des Prometheus. 24. Kapitel. Tagebuchblätter von der Ostküste des Schwarzen Meeres. 25. Kapitel. Meerfahrt und Schluß.   Zweiter Band Prolog. 1. Kapitel. Guria. 2. Kapitel. Eine linguistische Abschweifung. 3. Kapitel. Ein Pferd und zwei Jungfrauen. 4. Kapitel. Giorgi, und das Christenthum in Rußland. 5. Kapitel. Unter den Tscherkessen I. 6. Kapitel. Die Verbannten. 7. Kapitel. Unter den Tscherkessen II. 8. Kapitel. Uebergänge. Keschisch-Oglu. Allahwerdy. Volkslieder der Kurden. 9. Kapitel. Abowian. 10. Kapitel. Rückkehr in die Schule der Weisheit. Die Lieder des Mirza-Schaffy. 11. Kapitel. Eine neue Seite der Weisheit des Mirza-Jussuf, und seine Polemik mit Mirza-Schaffy. 12. Kapitel. Hafis. 13. Kapitel. Mirza-Schaffy als Kritiker. 14. Kapitel. Lieder aus dem »Buche der Weisheit und der Quelle der Erkenntniß« des Mirza-Schaffy. 15. Kapitel. Häuser und Straßenbilder. Eine tatarische Wohnung und eine armenische Hochzeit in Tiflis. 16. Kapitel. Sitzungen im Divan der Weisheit. Ein arabisches Gebet und ein tatarischer Lobgesang zur Verherrlichung des Hauses des »Padischah's der Russen, des Herrn der Welt, des Königs der Könige«. 17. Kapitel. Des Weisen von Gjändsha zweite und letzte Liebe. Schluß der Lieder des Mirza-Schaffy. Askoldowa Mogila.   Verzeichniß der in diesem Buche vorkommenden Lieder. Erster Band                                  1. Zar Iwan Wassiljewitsch, der Schreckliche 2. Grüß Dich, Väterchen, herrlicher, stiller Don 3. Seht die Dirnen, zum Stromesrand gingen sie 4. Der Kasbék 5. Der Terek 6. Mullah, rein ist der Wein 7. Mich hat der Schmerz der Liebe gebeugt 8. Betrittst Du den Pfad der Liebe 9. O, sanfter Wind! zum Ort hinwehe 10. Der Dorn ist Zeichen der Verneinung 11. Was ist der Wuchs der Pinie 12. Um zu Dir, mein Leben, zu kommen 13. Nicht mit Engeln im blauen Himmelszelt 14. Und steigen auch in der Jahre Lauf 15. Sing' ich ein Lied, hüpft freudereich 16. Mein Herz schmückt sich mit Dir, wie sich 17. Du bist der Erzeuger des Liedes 18. Zum Divan der Veziere mußt' ich kommen 19. Soll ich lachen, soll ich klagen 20. Mein Lehrer ist Hafis, mein Bethaus ist die Schenke 21. Ein Schriftgelehrter kam zu mir und sprach 22. Seh' ich Deine kleinen Füßchen an 23. Jenem Tage zum Gedächtniß 24. Kind, was thust Du so erschrocken 25. Ich Glücklichster der Glücklichen 26. Euch mißfällt mein Dichten, weil ich 27. Deine Finger rühren die Saiten 28. Aus dem Feuerquell des Weines 29. Wahrlich, würd' ich an den Schönen 30. Seh' ich Dich an, trag' ich die Spur von 31. Mirza-Schaffy, leichtsinnig Flatterherz 32. Im Baumesschatten fließt die Fontäne 33. Mit Geschenken beladen kehr' ich von Gjirdshistan 34. Habt ihr mein Mädchen geseh'n 35. Füllt mir das Trinkhorn 36. Welche Sterne sind wohl schöner 37. Allah Werdy! Gott gab den Wein 38. Wie die Nachtigallen an den Rosen nippen 39. Armenisches Grablied 40. Labe Dich der freudenreiche 41. Auf dem stürmischen Meer 42. Nach einem hohen Ziele streben wir 43. So singt Mirza-Schaffy: wir wollen sorglos 44. Den jungen Fremdling aus dem Abendland 45. Nie wirst Du den Juwel Deiner Wünsche erlangen 46. Ein Jeder hat sein Schicksal hier im Leben 47. Welchen Werth, sprich, kann die Rose haben 48. War ein Aufruf geschehen gen Daghestan 49. Zu der Schneegebirge Füßen 50. Was hängst Du das Köpfchen so traurig und schwer 50. Wie der Nebel herabsank auf's blaue Meer   Zweiter Band 1. Man erzählt sich von der Stadt Kaswin 2. O schweigendes Meer! Du voll himmlischer Bläue 3. Das Lied von Murad 4. Das Lied von Asslan-Bey 5. Das Lied von Asamat 6. Lied der Klageweiber 7. Ismaïl und Daredshan 8. Fragment aus dem Sängerkampfe zwischen Keschisch-Oglu und Allahwerdy 9. Ein Weib, das voller Treue ist 10. Du wunderschöne, süße Maid 11. Schön ist das Mädchen das ich meine 12. Eine Taube such' ich die mir entflogen ist 13. Sieh mich lieb, Du schwarzäugige Dirne an 14. Es ist Dein Wuchs dem Alef gleich 15. Ueber Alles hoch und über Alles schön 16. Mir gegenüber steht des Reiters Grab 17. Es schwang sich der Reiter auf sein schwarzes Roß 18. Ich war auf's Feld hinausgegangen 19. Stieg der Frühling in die Lande nieder 20. Wodurch ist Schiras wohl, die Stadt 21. Komm, Jünger, her! ich will dich Weisheit lehren 22. Höre was der Volksmund spricht 23. Mag bei dem Reden der Wahrheit auch große Gefahr sein 24. Wo man fröhlich versammelt in traulicher Runde ist 25. Es sucht der ächte Weise 26. O selig, wem von Urbeginn 27. Es hat die Rose sich beklagt 28. Woran erkennest Du die schönsten Blumen 29. Verbittre Dir das junge Leben nicht 30. Ich liebe die mich lieben 31. Im Garten klagt die Nachtigall 32. Im Winter trink' ich und singe Lieder 33. Hochauf fliegt mein Herz 34. Sie hielt mich auf der Straße an 35. Des Zornes Ende ist der Reue Anfang 36. Wer Alles aufs Spiel gesetzt 37. Ein graues Auge, ein schlaues Auge 38. Ein Jegliches hat seine Zeit 39. Sänger giebt es, die ewig flennen 40. Ich hasse das süßliche Reimgebimmel 41. Willst Du den Geist im Gesang erspüren 42. Meide das süßliche Reimgeklingel 43. Wo sich der Dichter versteigt in's Unendliche 44. Wenn die Lieder gar zu moscheenduftig 45. Wer nicht vermag seine Lieder zu schöpfen 46. Wer in Bildern und Worten in Liebestönen 47. Der kluge Mann schweift nicht nach dem Fernen 48. Es ist leicht, eine kluge Grimasse zu schneiden 49. Zu des Verstandes und Witzes Umgehung 50. Es ist ein Wahn zu glauben, daß 51. Wie auf dem Felde nur die Frucht gedeiht 52. Wohl mag es im Leben 53. Nicht immer am besten erfahren ist 54. Mirza-Schaffy! Du müßtest blind sein 55. Es hat einmal ein Thor gesagt 56. Laß, Mirza-Jussuf, dein Schmollen jetzt 57. Seht Mirza-Jussuf an, wie er gespreizt einhergeht 58. Was Mirza-Jussuf doch 59. Du weißt, daß Deine Blicke tödten 60. O Hafis! ein wundersam Vermächtniß 61. Auf ihrer seidnen Ottomane 62. Was ist doch Mirza-Jussuf ein vielbeles'ner Mann 63. Lieber Sterne ohne Strahlen 64. Wenn, schöne Maid von Schiras, Du 65. Der Rose Duft will mir nicht süß 66. Willst Du stets im Leben frei von 67. So geht es mit dem Glücke 68. Dies soll Euch jetzt als neuestes Gebot 69. Daß Du am Abend zu mir kommst 70. Trinkt Wein! das ist mein alter Spruch 71. Schlag die Tschadra zurück 72. Wenn zum Tanz die jungen Schönen 73. Die Distel sprach zur Rose 74. Mirza-Schaffy! nun werde vernünftig 75. Wieder ist der Frühling in's Land gekommen 76. Ein schlimm'res Unglück als der Tod 77. Es hat der Schach mit eig'ner Hand 78. Mirza-Schaffy! liebliche Biene 79. Schon lang ist mein letztes Buch versetzt 80. Der Fromme liebt das Schaurige 81. Wenn Mirza-Schaffy den Becher erhebt 82. Ist ein Witz Dir zur rechten Stunde gekommen 83. Tatarisches Loblied auf den Einzug der Russen in Eriwan 84. O, wie mir schweren Dranges 85. Wenn die Winde, Mädchen! Deiner Locken Duft 86. Um zu Dir, mein Leben, zu kommen 87. Neig', schöne Knospe! Dich zu mir 88. Ei Du närrisches Herz 89. Wenn dermaleinst des Paradieses Pforten 90. Ein Blick des Augs hat mich erfreut 91. Grüß' Dich, Dnjepr 92. In der alten Zeit die Väter 93. Dort im Thale eine weiße 94. Roth säumte sich der Himmelsbogen 95. Ußlad, dem Gotte, der Freude, zur Ehr 96. All mein Leben ich hier 97. Stolz auf steilen Bergeshöhen     Erster Band Prolog. Ich versetze den Leser einen Augenblick nach Wien zurück in den Kriegslärm der letzten Oktobertage des Jahres 1848. Der Himmel war roth gefärbt von den hochauflodernden Flammen der brennenden Vorstädte, und auf allen Thürmen und Dächern lag des Feuermeers purpurner Wiederschein. Auch die breite Donau leckte mit blutrother Zunge an den schützenden Mauern der Stadt. In den Straßen erscholl es von Waffengeklirr und Trommelgewirbel; fast ohne Aufhören wurde der X Generalmarsch geschlagen. Hinter den fahnenüberflatterten Barrikaden brannten Wachtfeuer, und um das Feuer her kauerten waffentragende Männer mit dampfgeschwärzten Gesichtern, und halbwilde Weiber in abenteuerlicher Tracht. Preßgänge durchzogen die Stadt und rafften auf, was ihnen von kampffähigen Männern entgegenkam; hier schwenkte singend ein Trupp wunderlich bewaffneter Arbeiter vorüber, geführt von Offizieren der akademischen Legion; dort trieben wenige Studenten eine ganze Schaar aus Kellern und Gewölben aufgescheuchter Bürger dem Kampfe zu. Und der Kampf, der in der Leopoldstadt um die Riesenbarrikaden der Jägerzeil geführt wurde, war ein furchtbarer und verzweifelter. Jedes Haus eine Festung, jedes Fenster eine Schießscharte. Wie es prasselte von dem sich kreuzenden Kleingewehrfeuer, wie es zischte von den zündenden XI Brandraketen, wie es donnerte aus den gewaltigen Feuerschlünden, und wie es weithindröhnend krachte, wenn die Kanonenkugeln einschlugen in die Barrikaden, oder wenn unter ihrer ungethümen Wucht eine Mauer der umstehenden Häuser zusammenbrach. Die Erde zitterte, das Wehklagen der Verwundeten, das Todesröcheln der Sterbenden wurde überhallt von dem chaotischen Getöse der Zerstörungswerkzeuge, welche die ganze Franzensallee in einen Schutthaufen, und die nach dem Prater zulaufenden Häuser der Jägerzeil in Ruinen verwandelten . . . Man wußte den Ausgang des ungleichen Kampfes vorher, und dennoch kämpften sie draußen mit der Wuth der Verzweiflung. Schon begann es in der, durch die Flüchtlinge der Vorstädte übervölkerten inneren Stadt, an Lebensmitteln zu mangeln. Ganze Familien, deren Häuser in Flammen XII aufgegangen, kamen bepackt mit dem Wenigen, das sie gerettet, und flehten um Obdach und Unterkommen. Die Verwirrung war unbeschreiblich, und ein tiefer Mißmuth, eine ängstliche Spannung und Unruhe zeichnete sich in allen Gesichtern. Jeder Verkehr mit der Außenwelt war abgebrochen, denn ein Gürtel von Bajonetten umschlang das unglückliche Wien, und so Mancher, der sein Liebstes draußen hatte, seufzte seit Wochen vergebens nach Kunde und Mittheilung . . . An einem dieser Schreckenstage, die zu durchleben entsetzlich war, und die ganz zu schildern unmöglich ist, hatte sich mit anbrechendem Abend eine Anzahl von Freunden und Bekannten in meiner Wohnung versammelt, um in traulicher Unterhaltung ein Stündchen Ruhe zu schöpfen nach den erschütternden Eindrücken des Tages. XIII Doch bei dem wilden Getümmel draußen, und der Unruhe in der eigenen Brust, wollte es mit der Unterhaltung nicht recht gehen; alle Augenblick wurden wir durch den Lärm der Geschütze oder durch Trommelgewirbel unterbrochen. » Bodenstedt! – sagte Auerbach , der Gevattersmann – Du bist weniger aufgeregt, als wir; erzähl' uns von Deinen Abenteuern im Morgenlande! Thu' einen lustigen Griff in Deine Vergangenheit; das wird uns in eine neue Welt versetzen und den Unmuth der Gegenwart verscheuchen!« Der Gedanke fand Anklang bei der Gesellschaft. »Ja, bitte! Erzählen Sie!« riefen Alle, und rückten näher mit ihren Stühlen. »Erzählen Sie vom Kaukasus – sagte Kaufmann – und von Ihrem berühmten Lehrer Mirza-Schaffy! Das ist mein Liebling.« XIV »Und vom Schwarzen Meer – sagte Karl Beck – und von den Kosaken und von den Türken!« »Und von den schönen Georgierinnen – rief Max Schlesinger – und vom Ararat und Armenien!« Jeder wollte etwas Besonderes hören. Ein Geist der Heiterkeit war über Alle gekommen, noch ehe ich meine Erzählung begann, denn die, welche die obigen Bitten an mich richteten, kannten schon Einzelnes aus meinen Wanderungen. Und gern kam ich ihrem Verlangen entgegen und erzählte ihnen von Mirza-Schaffy , von seiner Weisheit und seinen wonnevollen Liedern; vom Ararat und Armenien; vom Kaukasus und den schönen Georgierinnen, und vom Schwarzen Meer und von den Kosaken und Türken. So saßen wir bis tief in die Nacht hinein; XV gespannt lauschten Alle meinen Erzählungen. Und Keiner dachte mehr an das Getümmel draußen, noch an die brennenden Vorstädte und das Trommeln und Schießen . . . Heute, wo ich diese Erinnerungen niederschreibe, ist gerade ein Jahr verflossen seit jenem Tage. Meine Freunde haben mich inzwischen oft aufgefordert, den Erzählungen, welche einen so heitern Einfluß auf sie geübt, durch den Druck eine größere Verbreitung zu geben. Vieles hat sich seitdem verändert in der Welt, aber die Menschen sind so ziemlich dieselben geblieben, und wohl Mancher ist noch, der das Verlangen fühlt, nach den Wirren des Tages in erfreulicheren Dingen, als die Politik der Gegenwart uns bietet, Ruhe und Labung zu suchen. Für solche Leser sind diese Blätter geschrieben, und XVI wenn meine Erzählungen, hübsch gedruckt und gebunden, denselben Eindruck zu erzeugen vermögen, wie einst durch das gesprochene Wort, so ist der Zweck dieses Buches erfüllt.   Erstes Kapitel. Von Moskau bis zu den Steppen des Don. Nachklänge aus Rußland. Aus der alten Hauptstadt Rußlands führt unsere Wanderung in die traubenreichen Gärten von Tiflis, der bergumschlossenen Hauptstadt Georgiens. Nur in wenigen Umrissen schildere ich Euch die Bewohner und Zustände jener einförmigen Landstriche und unabsehbaren Steppen, welche wir zu durchwandern haben, bevor wir hinaufsteigen zu der majestätischen Gebirgswelt des Kaukasus. Noch ist der September nicht zu Ende, und schon trägt die Landschaft um uns her ein winterliches Gepräge. Der Himmel ist grau umwölkt und mitten am Tage durchdunkelt's die Luft wie beim Hereinbrechen der abendlichen Dämmerung; auf den kahlen Zweigen der Bäume wiegen sich Schwärme von Krähen und Raben; schaurig pfeift der Herbstwind über die schneebedeckten Felder hin, durch welche der Fahrweg sich windet wie ein riesiger schwarzer Streifen; denn noch liegt das Eis zu dünn und der Schnee zu locker, um den Hufen der Pferde und den einschneidenden Wagenrädern zu widerstehen, und jedes Mal beim Durchbrechen der leichten 2 Winterdecke quilt's aus dem schlammigen Boden hervor schwarz wie Theerquellen. Trotz des fetten, fruchtbaren Bodens, welcher die Gouvernements von Tula und Woronesch so vortheilhaft auszeichnet, finden wir hier in den elenden Dörfern eine arme, verkümmerte Bevölkerung. Diese betrübende Erscheinung hat namentlich darin ihren Grund, daß diese beiden Gouvernements größtentheils in kleine Gutsherrschaften zerfallen; je kleiner aber die Anzahl Leibeigener eines Edelmanns ist, desto größer sind die Opfer die er von ihnen fordert. Es giebt Familien, die in Petersburg und Moskau ein Haus machen, ohne andere Einkünfte zu haben als die Abgaben, welche sie von vier- bis sechshundert Leibeigenen ziehen. Was Wunder, daß die armen Bauern keinen höhern Lebenszweck kennen, als sich abzumühen für ihren Gutsherrn, ohne an Verschönerung ihres eigenen kummervollen Daseins zu denken. Trotzdem findet man unter diesem zähen, fügsamen Geschlechte nicht selten wohlgebildete, kräftige Männergestalten, während eine schöne Frau hier, wie überall in Rußland, zu den größten Seltenheiten gehört. Die schweren Arbeiten, denen sie hier mehr als in allen andern Ländern, von Jugend auf unterworfen sind, die ungesunde Luft in den dumpfen, unreinlichen Wohnungen, die geringe Pflege, welche sie auf sich verwenden und so manche andere drückende Umstände, treten der freien Körperentwickelung hemmend entgegen. In den Städten, durch welche der Weg uns führt, von Moskau bis hinaus über Woronesch , wo die kräuterreiche Steppe der Kosacken beginnt, fällt uns vor Allem die Einförmigkeit in der Bauart der Häuser auf. 3 Wer Moskau gesehen, kennt alle anderen russischen Städte. Sehen wir ab von dem völlig modernen Petersburg, so offenbart sich eigentlich nur in Moskau eine große, wenn auch rohe Mannigfaltigkeit architektonischer Gestaltungen; fast nur hier hat man den Eindruck einer wirklichen Stadt, einer dauernden Ansiedlung gewerbfleißiger Menschen. Die meisten übrigen Städte dieses Landes, mit ihren schnurgeraden Straßen, ihren kasernenartig gebauten, gelb oder weiß übertünchten Häusern, erscheinen wie großartige Karawanserei's, und die Menschen darin wie unstäte Pilger. Denn der Russe kennt keine Heimat in unserem Sinne des Wortes. Er kann die ihm angeerbte Nomadennatur des großen Wandervolks, dem er entsprossen, nicht verläugnen. Auch machen noch heute die Verhältnisse des Landes ein gesichertes Stillleben unmöglich. Der lebhafte Binnenhandel, der Krieg im Kaukasus, die weitverzweigte Verwaltung, der häufige Beamtenwechsel, und hundert andere Umstände bedingen ein stetes Hin- und Herziehen in dem sich über drei Welttheile ausdehnenden Riesenreiche. Der Arzt, welcher heute in Moskau sein Examen gemacht, kurirt vielleicht in wenigen Wochen schon die Gallenfieber an den Küsten des schwarzen Meeres; – der neuvermählte Beamte, welcher sich eben in Petersburg häuslich niedergelassen, erhält plötzlich Beschäftigung in einer Kanzlei an der Grenze von China; – der Gardeoffizier, welcher am Abend seine Geliebte besuchen will, wird unverhofft Nachmittags als Kourier nach dem Kaukasus entsendet. In ähnlicher Weise geht's durch alle Klassen der Gesellschaft. Und weil der Russe sich nirgends dauernd heimisch fühlt, fühlt man sich auch nirgends dauernd heimisch mit ihm. 4 Ihn beherrscht nicht die süße Macht der Gewohnheit und der Zauber der Erinnerung. Er wurzelt nicht in der Vergangenheit und denkt nicht an die Zukunft. Dieser ächt orientalische Charakterzug des Russen, nur für den Augenblick zu leben und nur die Gegenwart zu genießen, spricht sich auch in seiner Wohnung aus. Er baut sein Haus nur für sich und seine eigenen Bedürfnisse, ohne seiner Nachkommen dabei zu gedenken. Und weil er weder Erfindungsgeist hat, noch Geschmack an schönen Bauwerken, noch Geduld lange zu warten, läßt er sein Haus bauen nach dem Muster der umstehenden Häuser, und gewöhnlich mit einer Eile, daß die Gebäude oft nach wenigen Jahren schon aussehen wie übertünchte Ruinen. Daher die kalte Einförmigkeit der russischen Städte und die eigenthümliche Erscheinung, daß man es keinem Hause ansieht, ob es vor einem , vor zehn , oder vor hundert Jahren gebaut wurde – im Gegensatz zu den alten Städten Deutschlands, Italiens und anderer Länder, wo die Gebäude gleichsam lebendige Blätter der Geschichte sind, belehrende Vermittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das einzig Bemerkenswerthe der russischen Städte sind ihre schmuckreichen Kirchen und großartigen Bazars. Wie in der Architektur, sind die Russen auch in der Bildhauerkunst und Malerei weit hinter allen Völkern Europa's zurückgeblieben. Der Einwand, daß der Druck der Leibeigenschaft, welcher auf der großen Masse des Volkes lastet, jede freie Geistesthätigkeit, jeden höheren Aufschwung unmöglich gemacht, – wird entkräftet durch das Beispiel der Völker des Alterthums, wo unter ähnlichen Zuständen die Kunst ihre höchste Ausbildung erreichte, und der Genius des Volks ebenfalls auf 5 Kosten der gedrückten Massen sich seine ewigen Denkmäler schuf. Zudem datirt die Einführung der Leibeigenschaft in Rußland bekanntlich erst aus den letzten Jahrhunderten, wo die Russen schon in lebhafterem Verkehr mit dem Auslande standen. Aber weder der fremde Einfluß, noch der Schutz und die Begünstigung welche die Zaren den Künsten angedeihen ließen, vermochte die Neigung dafür unter den Russen zu fördern, eben weil ihr unstäter Sinn, ihr Hang zum Nomadenleben sie den an die Scholle fesselnden Beschäftigungen entfremdete. In den wenigen Ueberresten bildlicher Darstellungen der Russen (wie der Slaven überhaupt), die aus früherer Zeit auf uns gekommen, offenbaren sich nur die rohesten Anfänge der Kunst. Die Chroniken erzählen von Bildsäulen der alten Slavengottheiten: Perun's , des Donnergottes; Ußlad's , des Gottes der Freude; Polelja's , der slavischen Ceres; Lado's , der Göttin der Liebe und Schönheit; – doch ist leider davon nichts bis auf die Gegenwart gekommen. Man kann annehmen, daß sie auf gleicher Stufe standen mit jenen ungeschlachten Steinbildern, welche man noch hin und wieder in den weiten, vom Don und vom Kuban durchströmten Kosakensteppen findet. Im Gegensatz zu der Vernachlässigung, welche die bildenden Künste in Rußland fanden, und zwar aus denselben Ursachen, welche diese Vernachlässigung bewirkten, erreichte die Sprache hier schon sehr früh einen hohen Grad der Ausbildung. Sie wurde die alleinige Trägerin alles geistigen und sittlichen Inhalts des Volkes; in ihr konnte der Russe Monumente 6 schaffen, die ihn auf seinen Wanderungen begleiteten; ihr hauchte er all sein Denken und Sinnen, all sein Leid und Wehe ein, und ihre biegsamen, klangreichen Formen schmiegten sich leicht allen Bedürfnissen an. Daher die erstaunliche Ausbildung, der überraschende Formen- und Wortreichthum, welche wir in der russischen Sprache finden, und daher auch die hohe Bedeutung, welche das Volkslied hier für den denkenden Geschichtsfreund hat. Die Geschichte, das innere und äußere Leben, alle Weisheit und Thorheit, alle Tugenden und Gebrechen des Volks spiegeln sich mit wunderbarer Treue in diesen Liedern ab. Und es liegt darin eine Kraft des Ausdrucks, ein Reichthum von Bildern und Anschauungen, daß der Forscher nicht bloß historische Belehrung, sondern auch hohen poetischen Genuß in diesen alten Denkmälern findet, denen kein Erzeugniß der neuern Kunstpoeten Rußlands an Bedeutung gleichkommt. Seltsamer Weise haben diese Dichter den wohlverdienten Ruhm, welchen sie in und außerhalb Rußland gefunden, mehr ihren poetischen Verirrungen als ihren wesentlichen Vorzügen zu verdanken. Nur da, wo sie aus dem alten Sagen- und Liederquell ihres Landes schöpften, erscheinen sie wahrhaft groß, während ihre übrigen Werke bloß mehr oder weniger gelungene Nachahmungen ausländischer Vorbilder sind. Die Aufklärung und Ueberfeinerung der höheren Stände, denen die bedeutendsten der modernen russischen Dichter angehören, und das Elend und die traurige Unwissenheit der großen Masse des Volks bilden schwer zu vermittelnde Gegensätze. Der unnatürliche Genuß, die Blasirtheit, der Ekel der Gegenwart, die Weltmüdigkeit, bieten keinen Stoff für die Poesie, und der Dichter der seine Helden unter den Trägern 7 dieser Gebrechen sucht, kann nur Zerrbilder daraus erzeugen. Es ist zu bedauern, daß diese Poesie der Unnatur in den begabtesten Geistern Rußlands, Puschkin und Lermontow , ihre Vertreter gefunden. Dagegen bietet das russische Volksleben, trotz seiner unsittlichen Grundlage, eine reiche Fülle poetischer Momente, und wo jene Dichter mit dem Volke gingen, haben sie Großes und Dauerndes geschaffen. Am schärfsten finden wir die hier kurz angedeuteten Gegensätze bei Lermontow ausgeprägt, der durch sein wechselvolles Schicksal oft zu poetischen Verirrungen verleitet, doch immer wieder zur Wahrheit und Natur zurückkehrte. Während er in seinem – durch Uebersetzungen auch in Deutschland bekannt gewordenen Romane: »der Held unserer Zeit« ein höchst unerquickliches Bild von dem Leben und den Zuständen der vornehmen russischen Welt giebt, und in mehreren kleinen Gedichten Byron schen Lebensüberdruß und Heine sche Weltmüdigkeit nachsingt, hat er sich ein unvergängliches Denkmal des Ruhmes gesetzt durch seine in der Geschichte und dem Volksleben wurzelnden Dichtungen. Hieher gehört vor Allem ein in altrussischer Weise geschriebenes Gedicht, worin er uns Bilder aus der Zeit Iwan's des Grausamen vorführt. Der Stoff dazu ist alten Volksliedern entnommen, aber mit meisterhafter Hand zu einem poetischen Ganzen gestaltet, welches den besten Erzeugnissen der Neuzeit würdig zur Seite steht. Ich glaube dem intelligenten Leser einen Dienst zu erweisen, indem ich mich zum Dolmetsch dieser großartigen Dichtung mache, eines Volksliedes im edelsten Sinne des Wortes, worin sich der ganze Charakter des Volkes in seinen guten und 8 schlimmen Abschattungen, und die Zustände des Landes, wie sie im Wesentlichen heute noch fortbestehen, abspiegeln. In der Uebersetzung sind mit möglichster Sorgfalt und Treue Ton, Wortstellung und Versmaß des Originals wiedergegeben. Einer weiteren Einleitung bedarf es nicht; das Gedicht wird, als ein ächtes Kunstwerk, sich durch sich selbst erklären. Lied von dem Zaren Iwan Wassiljewitsch, von seinem jungen Leibwächter und dem kühnen Kaufmann Kalaschnikow.         O Du grauser Zar, Iwan Wassiljewitsch! Von Dir schufen wir unser helltönend Lied, Von Deinem Lieblingswächter Kiribéjewitsch, Und von dem kühnen Kaufherrn Kalaschnikow; – Wir schufen es im Tone der alten Zeit, Wir sangen es zur Gußli, der hellklingenden. Wohl oft sangen wir es, oft wiederholten wir's, Zur Lust, zum Ergötzen des rechtgläubigen Volks. Und der Bojar Matwéï Romodanowsky Bot uns eine Schale voll schäumendem Meth; Die antlitzweiße Bojarin aber Bot uns auf einer Schüssel von Silber dar Ein neues Handtuch, ein mit Seide genähetes. Sie bewirtheten uns drei Tage und Nächte lang, Und sie hörten unser Lied immer von Neuem an.   1.                   Nicht leuchtet am Himmel die rothe Sonne mehr, Nicht mehr liebelt mit ihr das dunkle Gewölk: Sieh', beim Gastmahl mit goldener Krone sitzt, 9 Sitzt der grause Zar Iwan Wassiljewitsch! Stumm hinter ihm stehen die Stolniki , Ihm gegenüber die Bojaren und Fürsten all, Ihm zur Seite steht der Leibwächter Schaar; Und es schwelgt der Zar zum Ruhme Gottes viel, Und zu eigener Lust und Ergötzlichkeit. Gnädig lächelnd befahl der Zar allda Süßen Wein zu bringen, überseeischen, Damit zu füllen seinen goldenen Humpen, Und er reicht den Wein seinen Wächtern dar: Und Alle tranken davon, und sie rühmten den Zar.   Nur Einer von Allen, von der Wächter Schaar, Ein stürmischer Kämpe, ein kühner Gesell, Netzte die Lippen im goldenen Humpen nicht; Schweigend senkt er zu Boden den finstern Blick, Schweigend senkt er den Kopf auf die breite Brust – Aber grimme Gedanken schwellen die breite Brust. Allda runzelt der Zar seine schwarzen Brauen Und richtet auf ihn seinen scharfen Blick; Wie der Habicht herab aus der Wolkenhöh' Auf die junge, blauflügliche Taube schaut. – Doch der junge Kämpe erhob sein Auge nicht. Und es murmelt der Zar ein drohend Wort, Und finster hält er den Blick auf dem kühnen Gesell.   »Du unser treuer Diener Kiribéjewitsch, Birgst Du schlimme Gedanken in Deiner Brust? Oder beneidest Du unsern Fürstenruhm? Oder erfüllt Dich mit Mißmuth der Ehrendienst? 10 Wenn der Mond aufgeht, freuen die Sterne sich In seinem Glanz zu wandeln am Himmelszelt; Aber welcher Stern sich in den Wolken verbirgt Der fällt schnell verlöschend zur Erde herab. Dir mißfällt, wie es scheint, Kiribéjewitsch, Deines Zaren Gelag und Ergötzlichkeit; Und bist doch vom Geschlechte der Skuratow, Und erzogen im Hause der Maljutin!«   Also antwortet darauf Kiribéjewitsch Dem grausen Zaren mit tiefem Gruß: – »Du unser Herrscher, Iwan Wassiljewitsch! Zürne ob Deines unwürdigen Sklaven nicht. Dem heißen Herz taugt nicht der süße Wein, Er verscheucht meine finstern Gedanken nicht! Aber hab' ich Dich erzürnt – so geschehe Dein Wille: So befiehl mich zu strafen, mir den Kopf abzuhau'n; Er liegt mir auf den Schultern wie eine schwere Last, Vor Dir bis zur feuchten Erde beugt er sich. –«   Und es sprach zu ihm Zar Iwan Wassiljewitsch: »Aber was macht Dich so trübe, Du kühner Gesell? Ist Dir nicht fein genug mehr Dein sammt'ner Kaftan? Deine schmucke Mütze aus Zobelfell? Fehlt's an Geld Dir, ist die Tasche leer? Oder hat Scharten bekommen Dein stählern Schwert? Oder Schaden genommen Dein gutes Roß? Oder trugst Du eine Wunde davon Im Faustkampfe auf dem Mosquastrom?« 11 Darauf antwortet Kiribéjewitsch, Verneinend schüttelnd sein lockiges Haupt: »Nicht der Faustkampf hat meinen Kummer erzeugt, Keine Schuldennoth und kein Mangel an Geld; Wohlauf ist mein muthiges Steppenpferd, Und wie helles Glas schimmert mein scharfes Schwert, Und am Festtage durch Deine Gnade, Zar, Bin ich nicht schlechter gekleidet als Andere. Aber höre, vernimm, was mich traurig macht:   Muthig saß ich zu Rosse, auf schnellem Roß, Ritt zum Mosquastrom zum Eiseslauf, Einen seidenen Gürtel um den schmucken Kaftan, Auf dem Kopfe die Mütze, die sammetne, Die mit schwarzem Zobel gefütterte. Vor den Häusern zuneben den Pforten steh'n Viel hübsche Mädchen, junge, rothwangige, Flüstern und schäkern und kichern froh – Nur Eine von ihnen flüstert und schäkert nicht, In die buntstreifige Fata verhüllt sie sich . . .   Im heiligen Rußland, unserm Mütterchen, Sucht umsonst solche Schöne der spähende Blick: Wie von Wellen getragen geht sie – einem Schwane gleich, Und ihr Blick ist so süß – wie ein Taubenblick, Ihre Stimme so rein – wie Nachtigallsang; Es glühen ihre Wangen, roth angehaucht Wie die Morgenröthe am Gotteshimmel; In gold'nen Flechten wallt das lange Haar Mit hellen Bändern schmuck zusammengeknüpft, Um den Nacken schlängelt's, um die Schultern her, 12 Küßt die weiße Brust, die hochschwellende . . . Sie stammt vom Geschlecht eines Handelsherrn, Heißt mit Namen Alona Dmitrewna.   – Und seh ich das Weib, bin ich selbst nicht mein, Taumelnd hängen die Arme, die kräftigen, Düster werden die Augen, die blitzenden; Drückend, grausig ist mir's, o rechtgläubiger Zar! So versiechen zu seh'n meine Kraft, meinen Muth. Mein schnellfüßiges Steppenroß ekelt mich an, Dazu die Gewänder, die sammet'nen; Und gleichgiltig ist mir jetzt Silber und Gold. Mit wem soll ich theilen mein Silber und Gold? Vor wem soll ich zeigen meinen jungen Muth? Vor wem mich brüsten mit meinem schmucken Gewand!   Laß mich fortzieh'n zur Ferne, in's Steppenland, Dort in Freiheit zu leben nach Kosakenart. Dort wird bald mein Kopf, der stürmische, Einer Lanze der Bußurmannen zum Schmuck, Und den bösen Tataren zur Beute wird Mein muthiges Roß, mein scharfes Schwert, Dazu das Geschirr, das tscherkessische. Meine weinenden Augen hacken die Geier aus, Meine feuchten Knochen wäscht der Regen ab, Und unbegraben fliegt mein verkümmerter Staub Von den Winden getragen nach allen Seiten hin . . .«   Lächelnd sprach darauf Iwan Wassiljewitsch: »Nun Du mein treuer Diener! Deinem Ungemach, Deinem Kummer und Gram schafft sich Hilfe leicht. Da, nimm meinen Ring mit Rubin geschmückt, 13 Und diese bernsteingeschlungene Halsschnur, nimm. Erst such' eine kluge, schlaue Freiwerberin, Und dann schicke das kostbare Hochzeitsgeschenk Deiner geliebten Alona Dmitrewna zu: Gefällt es ihr, feierst Du Hochzeit bald, Gefällt es ihr nicht, sei nicht böse darum.«   »»– O rechtgläubiger Zar, Iwan Wassiljewitsch! Es hat Dich getäuscht Dein verschmitzter Sklav, Hat Dir Falsches geredet, nicht die Wahrheit gesagt! Er hat Dir verschwiegen, daß das schöne Weib In der Kirche Gottes einem Andern getraut, Getraut mit einem jungen Kaufmann ist sie Nach unserm Gesetze, dem christlichen – . . .«« * * *     Kinder fallt mit ein – stimmt die Gußli rein! Laßt der Gußli Saiten singend uns begleiten! Dem guten Bojaren zur Ergötzlichkeit Und der antlitzweißen Bojarin zum Dank!   2.                 Vor seiner Bude ein junger Kaufmann sitzt, Der stattliche Bursch Stephan Paramonowitsch Stephan Paramonowitsch, d. h. Stephan der Sohn des Paramon. Die eigentlichen Familiennamen werden in Rußland nur selten genannt, obgleich großes Gewicht darauf gelegt wird. Bemerkt muß hier werden, daß zu der Zeit, wo dieses Gedicht spielt, der Kaufmannsstand die eigentliche Aristokratie in Rußland bildete. , Mit Familiennamen Kalaschnikow; Seidene Waaren breitet er sorgsam aus, Mit süßer Rede lockt er die Käufer herbei, 14 Das gewonnene Geld überzählt er schlau. Aber kein guter Tag fiel dem Kaufmann zu Theil, Viele reiche Bojaren gingen vorbei, Und zu seiner Bude kam keiner heran.   Schon verhallt ist das Geläut, das zur Vesper rief, Dunkel flammt hinterm Kremlin das Abendroth, Eilig fliehen die Wolken am Himmel hin, – Schneegestöber peitschen die Winde herbei; Nach und nach wird der Kaufhof von Menschen leer. Und auch Stephan Paramonowitsch schließt Seine Bude zu mit der eichenen Thür, Mit einem deutschen Schlosse, einem ächten daran; Und sinnend geht er nach Hause und denkt An seine junge Frau hinterm Mosquastrom.   Und gelangt er zuletzt in sein hohes Haus, Und es wundert sich Stephan Paramonowitsch: Nicht begegnet sein Blick seiner jungen Frau, Ungedeckt noch steht dort der eichene Tisch, Kaum noch flackert das Licht vor dem Heiligenbild. Und er ruft seine alte Haushälterin: »Du, sag' an, sag' an, Jereméjewna, Wohin ist verschwunden, wo hat sich versteckt In so später Stunde Alona Dmitrewna? Und haben meine lieben Kinderchen Schon Thee getrunken, sich müde gespielt, Und hat man sie schon zu Bette gebracht?«   »»– O Du, mein Herr, Stephan Paramonowitsch! Gar seltsame Dinge sind heute gescheh'n: Ging zur Vesper zu beten Alona Dmitrewna; Schon ist der Pope zurück mit seiner jungen Frau, Haben Licht angezündet und essen zur Nacht – 15 Aber Deine junge Frau bis zu dieser Zeit Ist aus der Kirche noch nicht zurückgekehrt. Und die Kinderchen sind noch nicht schlafen gelegt, Sind nicht spielen gegangen, weinen immerfort, Die armen Würmchen wollen ihre Mutter seh'n. –««   Und grimme Gedanken umzogen die Stirn Des jungen Kaufmanns Kalaschnikow; Und er stellt sich an's Fenster, sieht zur Straße hinaus – Doch in dunkle Nacht war die Straße gehüllt; Weißer Schnee flockt herab, wächst zu dicker Schicht, Und der Fußtritt des Menschen verliert sich darin.   Horch, da schallt's von der Flur als öffne die Thüre sich, Und er vernimmt leise flüchtiger Tritte Schall; Er lauscht, sieht sich um – und beim heiligen Gott! Sieh da, vor ihm stehet zitternd sein junges Weib, Zitternd und bleich, mit bloßem Haar, Die goldenen Flechten wild aufgelöst, Weiße Schneeflocken hängen statt des Schmucks darin: Die Augen rollen wie im Wahnsinn umher. Unverständlich fällt von den Lippen das Wort.   »Nun, was treibst Du Dich, Weib, noch so spät umher? Von welchem Hofe, welchem Marktplatz kommst Du, Daß Dein Haar so zerzaust und aufgelöst, Daß Deine Kleider zerknickt, zerrissen ganz? Bist Du zu Gaste gewesen, hast Liebschaft gesucht Bei einem hübschen reichen Bojarensohn? . . . Bist Du deshalb vor dem heil'gen Muttergottesbild Mir zur Lebensgefährtin angetraut, Haben wir deshalb die goldenen Ringe gewechselt? . . . Wart' Du, in ein finst'res Gemach sperr ich Dich, Mit eisenbeschlagener Eichenthür, 16 Daß Dir Gottes heller Tag verschlossen bleibt, Und Du ferner nicht meinen guten Namen entehrst . . .   Wie Alona Dmitrewna die Worte hört, Erbangt schier und zittert das liebe Weib, Gleich einem Herbstblatt am Baum vom Sturm bewegt, Bittre, bittre Thränen entrollen ihr, Und zu den Füßen ihres Mannes wirft sie sich.   »O Du mein Herr, meine rothe Sonne Du! Hör' mich ruhig an, oder tödte mich! Deine Worte sind mir wie ein scharfes Schwert; Du reißt mir damit das Herz blutig auf. Ich fürchte die Marter des Todes nicht, Auch nicht der Leute böses Geschwätz, Den Verlust Deiner Liebe nur fürchte ich!   Als ich heim von der Vesper nach Hause ging, Die krumme, einsame Straße entlang, Da erscholl es plötzlich wie Geklirr hinter mir; Ich sehe mich um – läuft ein Mann auf mich zu, Meine zitternden Füße knickten unter mir, Mit meiner seidenen Fata verhüllt' ich mich. Und kräftig greift er meine bebende Hand, Und mit leisem Geflüster sagt er mir: – Was erschrickst Du denn so, Du mein schönes Kind? Ich bin kein Mörder, kein nächtlicher Dieb, Ich bin ein Diener des Zaren, des grausen Zar. Und ich heiße mit Namen Kiribéjewitsch, Aus dem berühmten Geschlechte Maljutin . . .   Da erschrack ich noch ärger als vorhin schon, Und mein armer Kopf ging wirr im Kreise mir. Und er fing mich zu küssen, zu kosen an, Und liebkosend sprach er in Einem fort: 17 – Sag an, schönes Kind, was Du haben willst, Holdes Täubchen Du, mein geliebtes Kind! Willst Du Gold, verlangt Dir's nach Perlenschmuck? Willst Du Edelgestein oder blumigen Sammt? Wie eine Zarin sollst Du gekleidet gehn, Zum Neide, zum Aerger aller anderen Frau'n, Nur laß mich nicht sündigen Todes sterben: Lieb mich, mein Kind, liebe und küsse mich, Wenn auch Einmal nur, zum ersten und letzten Mal! –   Und dann küßt er mich wieder und kosete mich, Noch jetzt fühl ich brennend die Wangen glühn, Wie ein Rasender fester umschlang er mich, Mit seinen ruchlosen Küssen bedeckte er mich . . . Und aus den Fenstern rings lugten die Nachbarinnen, Und zeigten verhöhnend mit den Fingern auf uns.   Wie ich mich sträubend seinen starken Armen entwand, Und in stürmischer Hast dem Hause zulief, Blieb in den Händen des Räubers zurück Mein gesticktes Tuch, das Du mir geschenkt, Und meine bucharische Fata dazu. So ward ich beschimpft, von dem Buben entehrt, Ich, Deine ehrliche treue Frau! – Und die schlimmen Nachbarinnen, die mich gesehn! – O Gott! ewig bin ich beschimpft und entehrt.   O gib mich nicht, mich, Dein treues Weib, Dem bösen Gespött, der Verachtung Preis! Wer außer Dir ist, der mir helfen kann? Auf der weiten Welt steh ich als Waise allein: Mein alter Vater liegt längst im feuchten Grab, Ihm zur Seite ist meiner Mutter Grab, Mein ältester Bruder, wie Du selber weißt, 18 Ist seit lange verschollen in fremdem Land, Und mein jüngster Bruder ist noch ein kleines Kind, Bedarf selbst meiner Hilfe und Pflege noch . . .«   Also jammerte Alona Dmitrewna, Und sie weinte bittere Thränen dabei.   Und es schickt darauf Stephan Paramonowitsch Zu seinen beiden jüngern Brüdern hin:   Und die beiden Brüder kamen und grüßten ihn; Und also redeten ihn die Beiden an: »Sprich, was ist mit Dir, ist Dir ein Unglück geschehn? Daß Du zu uns geschickt in so später Stund, So spät in der stürmischen Winternacht?«   »»– Wohl, lieben Brüder, ist mir ein Unglück geschehn, Mir und meiner ganzen Familie: Geschändet ist unser ehrliches Haus Durch einen Diener des Zaren, Kiribéjewitsch; Ein Unglück, das meine Seele nicht trägt, Das zu schwer auf dem duldenden Herzen liegt. Wenn man morgen den festlichen Faustkampf hält Auf der Mosqua, in des Zaren Gegenwart, Werd' ich kämpfen mit dem Leibwächter Kiribéjewitsch Einen furchtbaren Kampf auf Leben und Tod. Und tödtet er mich – so verzagt nicht darob, Betet zur Jungfrau, der allerheiligsten! Ihr seid jünger als ich, seid noch frischer an Kraft, Und weniger Sünden lasten auf Euch, Der Herr wird Euer Hort, Euer Helfer sein!««   Solches sprachen die Brüder zur Antwort darauf: »Wohin der Wind weht vom Himmelsgewölb, Dahin eilen die Wolken, die willigen. Wenn der blaue Adler zu Gaste ruft 19 Nach der Wahlstatt zu fliegen, der blutigen, Zum Festesmahle, zum Leichenfraß, So folgen alle Jungen des Alten Flug. Du bist der ältere Bruder, unser zweiter Vater, Thu' was Dir gut dünkt, nach eigener Wahl – Wir gehorchen Dir willig, verlassen Dich nicht.«   3.                   Ueber der Mosquastadt, der goldköpfigen, Ueber den Kremlinsmauern, den weißsteinigen, Hinter fernem Gehölz, blauen Bergen her Flammt, die weißen Dächer der Häuser vergoldend, Und die feuchten, verdüsternden Wolken zertheilend, Die leuchtende Morgenröthe auf; Und sie reinigt lächelnd das goldene Haar, Wäscht ihr Antlitz im weißen Schnee, Einer Schönen gleich, die sich im Spiegel beschaut, Schaut sie wohlgefällig lächelnd vom Himmel herab. Warum, schönes Frühroth, sprich, bist du erwacht? Welche Freude, sprich, bist du gekommen zu sehn?   Schon zur Stadt hinaus wandern, schon versammeln Die kühnen Kämpfer der Faust, die moskowischen, Auf dem Mosquastrom, auf der Eisesbahn. Schon nahet der grause, rechtgläubige Zar Mit seinen Bojaren und seiner Wächterschaar; Und er befiehlt eine silberne Kette zu ziehn, Eine silberne Kette mit Gold geziert. Und sie umzogen mit der Kette einen freien Platz Von fünfundzwanzig Sashén zum Kampfesspiel. 20 Und hieß darauf Zar Iwan Wassiljewitsch Mit lauter Stimme zu rufen das Aufgebot: »Herbei, eilt zum Kampfe, Ihr kühnen Gesell'n! Unsern Vater zu ergötzen, den grausen Zar, Eilt herbei, tretet ein in den breiten Kreis. Wer Sieger von Euch wird, den belohnt der Zar, Dem Besiegten aber wird unser Herrgott verzeih'n!«   Und hervortritt der kühne Kiribéjewitsch, Und er neigt sich vor dem Zar bis zum Gürtel tief, Wirft von den starken Schultern seinen sammtnen Pelz, Stützt fest in die Seite die rechte Hand, Rückt mit der andern die schmucke Mütze zurecht, Und so erwartet er einen Gegner zum Kampf. Dreimal ergeht zum Kampfe das Aufgebot – Aber Keiner von den Kämpen rührt sich rings, Alle stehen stumm, Einer stößt den Andern an.   Im Kreise geht der Leibwächter auf und ab, Und verhöhnt die umstehenden Kämpen laut: »Nun, was steht Ihr so still da, als fürchtet Ihr Euch! Wagt sich Keiner heran unter meine Faust, Zum Ergötzen des Zars, des rechtgläubigen?«   Plötzlich theilt sich der Haufen nach beiden Seiten hin, Und hervortritt Stephan Paramonowitsch, Der junge Kaufmann, der kühne Gesell, Mit Familiennamen Kalaschnikow; Tief verbeugt er sich erst vor dem grausen Zar, Und dann vor dem weißen Kremlin mit den heiligen Kirchen, Und zuletzt vor dem versammelten Russenvolk. Wildes Feuer durchflammt sein Adleraug, Mit starrem Blick schaut er den Leibwächter an. Darauf ihm gegenüber kühn stellt er sich, 21 Zieht die schützenden, dicken Fausthandschuh an, Zieht die breiten, gewaltigen Schultern auf, Und glättet schmuck seinen lockigen Bart. Darauf redet zu ihm Kiribéjewitsch: »Aber sag mir zuvor, Du kühner Gesell, Aus welchem Geschlechte und Stamme bist Du, Und wie mit Namen nennst Du Dich? Daß man weiß, wem zu bestellen das Todtenamt, Und daß ich bei Namen kenne, den ich besiegt.«   Und es antwortet Stephan Paramonowitsch: »Ich heiße mit Namen Stephan Kalaschnikow, Ich bin geboren von ehrlichem Elternpaar, Und habe immer nach Gottes Geboten gelebt: Nie geschändet hab' ich meines Nachbars Weib, Bin nie auf Raub geschlichen im Dunkel der Nacht, Habe nie mich versteckt vor dem Tageslicht . . . Wohl gesprochen hast Du ein wahres Wort: Ueber Einen von uns hält man Todtenamt, Und nicht später als morgen zur Mittagszeit; Und Einer von uns wird sich rühmen des Siegs Mit den kühnen Freunden, beim Festesmahl . . . Nicht ist's Zeit jetzt zu Scherzen, zu Spott und Hohn, Ich bin zu Dir gekommen, Du Heidensohn, Zu furchtbarem Kampfe auf Leben und Tod!«   Und als Kiribéjewitsch die Worte gehört, Erblaßte sein Antlitz, wurde bleich wie der Schnee, Seine blitzenden Augen verfinsterten sich, Es durchrieselt ihn kalt wie ein Eiseshauch, Auf den offenen Lippen erstarb das Wort.   Schweigend nahen die beiden Kämpfer sich, Und der furchtbare, ritterliche Kampf hebt an. 22   Kiribéjewitsch erhebt zuerst seine Hand, Und führt einen Schlag auf Kalaschnikow, Und trifft ihn tief in der Mitte der Brust – Die muthige Brust erbebte von dem Schlag, Und zurückschwankte Stephan Paramonowitsch; Er trug auf der Brust ein metallenes Kreuz, Mit heiligen Reliquien aus Kiew geschmückt, Und es bog sich das Kreuz, ward tief in's Fleisch gepreßt, Und in dickem Strom quoll das Blut dabei.   Und es spricht für sich Stephan Paramonowitsch: Wen das Unglück trifft auf den komme es; Ich werde kämpfen so lange im Arme noch Kraft! Und er sammelt sich wieder und bereitet sich, Nimmt zusammen seine ganze Kraft, Und führt mit gewaltiger Wucht einen Schlag Ueber die linke Schläfe die Schulter hinab.   Und der junge Leibwächter stöhnte leis, Strauchelte, fiel todt zu Boden hin; Getroffen stürzt er hin auf den weißen Schnee, Wie im Walde ein junger Fichtenbaum Bei der Wurzel abgehauen zu Boden kracht, Derweil aus dem Stamme das Harz entquillt. Wie der Zar das sah, Iwan Wassiljewitsch, Ergrimmte er, stampft auf den Boden voll Zorn, Und grimmig zieht er die finsteren Brau'n, Befiehlt zu ergreifen den kühnen Gesell'n, Den jungen Kaufmann Kalaschnikow, Ihn zu führen in seine Gegenwart.   Und also sprach zu ihm der rechtgläubige Zar: »Steh mir Rede, antworte wahrhaft mir, 23 Erschlug mit Vorsatz oder durch Zufall Dein Arm Meinen tapfern Kämpen Kiribéjewitsch?«   »»Ich will dir ehrlich gestehen, rechtgläubiger Zar: Aus freiem Vorsatz erschlug ich ihn, Aber warum und wofür – das sag ich Dir nicht, Das gesteh ich nur Gott, dem Einigen. Befiehl mich zu tödten – auf dem Richtplatz mir Den unschuldigen Kopf vom Rumpfe zu hau'n; Nur verlaß meine armen Kinderchen nicht, Verlaß nicht mein junges, unschuldiges Weib, Und entzieh meinen Brüdern Deine Gnade nicht . . .«   »Du hast wohl gethan, Du kühner Gesell, Du Kämpfer der Faust, junger Kaufmannssohn, Da Du Antwort gegeben nach Wahrheit und Pflicht. Deinem jungen Weibe und Deinen Kindern zahl ich Aus eigener Kasse ein Jahrgeld aus, Deinen Brüdern erlaub ich von diesem Tag Freien Handel im weiten Russenland, Ohne Abgaben zu zahlen noch Zollgebühr; Du selbst aber, junger Kaufmannssohn Sollst zum Richtplatz gehn auf das hohe Schaffot, Dort zur Ruhe legen Deinen stürmischen Kopf. Ich werde wetzen lassen ein starkes Beil, Und dem Henker befehlen sein Kleid anzuthun; Ich werde befehlen die große Glocke zu läuten, Um allen Mosquabewohnern kund zu thun, Daß ich auch an Dir meine Gnade geübt . . .«   Aus dem Platze wogt es vom Volksgedräng, Die große Glocke läutet in klagendem Schall, Tönt weithin die traurige Botschaft umher. 24 Auf dem Richtplatze, auf dem hohen Schaffot, Im rothen Hemde, mit heller Schürze davor, Mit dem großen, dem scharfgewetzten Beil Geht der Henkersknecht fröhlich auf und ab, Und harrt seines Opfers, des Kaufmannssohns; Und der junge Kämpe, der Kaufmannssohn Nimmt Abschied von seinem Brüderpaar:   »Nun, Brüder, meine lieben Freunde, Laßt mich Euch küssen, umarmen zum Letztenmal, Zur letzten Trennung auf dieser Welt. Grüßt von mir Alona Dmitrewna, Helft ihr ihren Kummer zu mäßigen, Und daß sie meinen Kindern nicht erzähle von mir!   Grüßt von mir unser theures Elternhaus, Und alle meine braven Bekannten grüßt, Und betet in der Kirche Gottes für mich, Für das Heil meiner Seele, der sündigen!«   Und sie tödteten Stephan Paramonowitsch Eines martervollen, schimpflichen Tod's; Hoch auf dem Schaffote wälzte sich Sein blutiges, sein gefallenes Haupt.   Und sie begruben ihn hinterm Mosquastrom Auf freiem Feld, wo drei Wege gehn: Nach Tula, nach Rjäsan und Wladimir, Und aus der feuchten Erde machten sie einen Grabhügel hoch, Und pflanzten drauf ein Kreuz aus Ahornholz. Und es heulen, es brausen die Winde jetzt Ueber das öde Grab, das kein Name ziert; Und viele gute Leute gehen vorbei, Geht ein Greis vorüber – schlägt er fromm ein Kreuz, Geht ein Bursch vorüber – blickt er stolz drauf hin, 25 Geht ein Mädchen vorüber – wird das Auge feucht, Geht ein Sänger vorüber – singt er ein traurig Lied. * * *           Heida, Sänger, junges Blut! Singt noch Eins mit frohem Muth, War der Anfang gut, sei das Ende auch gut! Und eh' wir das Lied zu Ende geführt, Geben wir Ehre wem Ehre gebührt.   Unserm freigebigen Bojar sei Ruhm! Und der antlitzschönen Bojarin Ruhm! Und allem christlichen Volke Ruhm! 26   Zweites Kapitel. Die Donische Steppe. Ich schwamm hinaus auf die Fläche des trockenen Oceans. Der Wagen versinkt in Grün und schwankt wie ein Nachen durch die Wogen der rauschenden Wiesen hin. Ueberschwemmt von Blumen umschiffe ich die korallenen Eilande des Steppengrases. Schon sinkt die Dämmerung herab; kein Weg noch Hügel zeigt sich dem spähenden Blicke. Ich schaue zum Himmel empor und suche die Sterne, die Leiter des Nachens . . .« So begrüßte einst Mickiewicz das Steppenland, das er wahrscheinlich zu einer günstigeren Jahreszeit besuchte, als ich. Wohl glich jetzt die Steppe mit ihrem leicht aufsteigenden, weit verschwimmenden Hügelland einem trockenen Ocean, aber verdorrt lag das Gras und geknickt von den kalten Herbststürmen oder zerstampft von Kosakenrossen, und von der reichen Vegetation des Sommers zeigten sich nur noch kümmerliche Reste. Die Winterlandschaft, welche uns von Moskau aus begleitet hatte, war schon bei Jeletz , in der Mitte des Weges zwischen Tula und Woronesch , verschwunden. 27 Von Jeletz , bis zu dem hart am Don gelegenen und danach benannten Sadonsk , bildete ein unergründlicher Schmutz den Uebergang zu erfreulicheren Bildern. Die Wege wurden besser, die Luft milder, der Himmel klärte sich wieder auf und einige prachtvoll gebaute, inmitten großer Gärten anmuthig gelegene Landhäuser verschönerten die Gegend. In Woronesch machte sich schon eine bedeutende Veränderung des Klima's fühlbar. Das Thermometer zeigte 16° Wärme R., während es bei meiner Abreise aus Moskau um dieselbe Tageszeit auf dem Gefrierpunkt stand. Nirgends in der Welt habe ich eine so große Menge Windmühlen gesehen, wie in dieser getreidereichen Provinz. Aus allen Dörfern ragen sie hervor, alle Hügel sind damit überdeckt. Und die seltsame Bauart dieser Windmühlen überrascht fast noch mehr als ihre große Anzahl. Ihre Flügel bilden ein vollständiges Viereck, zusammengehalten und getragen von vier kolossalen Speichen. Auch die vielen Kreidehügel, welche das Land durchziehen und von Weitem, im Glanz der Sonne, wie kleine Gletscher schimmern, gewähren einen eigenthümlichen Anblick. Bei Kasanskaja überschreiten wir auf einer Fährte den Don und gelangen in das Land der nach dem Strome benannten Kosaken. Die Einförmigkeit dieses dünnbevölkerten Landes spiegelt sich wieder in den ärmlichen Wohnungen, die alle nach Einem Muster gebaut sind, und deren Jede nur knappen Raum für eine kleine Familie und die nothwendigsten Geräthschaften bietet. Die meisten dieser vereinzelt in den Stanitzen (Kosakendörfern) stehenden Häuser sind mit kleinen Gärten umgeben, wo außer den gewöhnlichen Küchengewächsen besonders Wein und Melonen trefflich gedeihen. 28 Jede Stanitza , und sei sie noch so unbedeutend, hat ihren kleinen Bazar, wo alle Erzeugnisse des Landes bescheiden vertreten sind. Die Donischen Kosaken haben von ihren ritterlichen Vorfahren nichts geerbt, als einen großen Hang zum Trinken und zum Müßiggange; alle Haus- und Feldarbeit bleibt den Frauen überlassen, die durchgehends von derbem, kräftigem Schlage sind und Axt, Spaten und Kochlöffel mit gleicher Geschicklichkeit handhaben. Hübsche Gesichter sind hier häufiger als im eigentlichen Rußland; doch habe ich nur in Nowo-Tscherkask , der Hauptstanitza, wirkliche Schönheiten getroffen. Die Lebensweise der Kosaken ist so rauh und einfach, daß ein verwöhnter Reisender es nicht lange bei ihnen aushält. Fische aus dem Don gehören zu den Leckerbissen; Krautsuppen, Grütze mit Oel zubereitet, Melonen und grobes Brot bilden die gewöhnliche Nahrung. Man muß mit Sitte und Sprache des Landes vertraut sein, um die Innerlichkeit des Volkslebens kennen zu lernen und poetischere Anschauungen davon zu gewinnen, als jener Korrespondent der Allgemeinen Zeitung, der bei den Kosakenweibern keine andern Erfahrungen gemacht hatte, als daß sie »die Mistgabel schwingen und irrende Ritter aus dem Dreck ziehen.« Wenngleich das Leben der Kosaken durch die russische Herrschaft ein ganz anderes geworden, und weniger poetische Momente bietet, als das ihrer freien Vorfahren, so fortbesteht unter ihnen jedoch eine gewisse traditionelle Poesie, welche dem Forscher reiche Ausbeute gewährt. Ich führe hier als Beispiel ein älteres Lied an, welches mir in Inhalt und Gestalt am besten geeignet scheint, die 29 Eigenthümlichkeiten der donischen Volkspoesie zu veranschaulichen.         »Grüß' Dich, Väterchen! herrlicher, stiller Don! Unser Ernährer Du, Don Iwanowitsch! Gehen zu Deinem Ruhm bei uns Sagen viel', Gehen Sagen viel', Dich zu verherrlichen. Wie vor Zeiten sich wild Deine Flut ergoß, Wie sie wild sich ergoß, und doch klar und rein; – Aber jetzt, mein Ernährer! so trüb fließest Du, Hast getrübt Dich von oben bis unten hin! – Sprach zur Antwort der herrliche, stille Don: Aber wie soll ich nicht trübe, nicht finster sein! Hab' ich zieh'n lassen meine hellen Falken all', Meine hellen Falken, die Kosacken vom Don! Spült sich ab ohne sie mein Uferland, Streut hinab ohne sie viel gelben Sand . . .« Angeregt durch solche Erzeugnisse der alten Zeit, so wie durch sein wechselvolles Leben, fühlt der Kosak auch noch heute das Bedürfniß, seinen Gefühlen in Versen Luft zu machen, bei der Trennung von der Geliebten, beim Abschiede von der Heimath und ähnlichen trübstimmenden Gelegenheiten. Der Eine singt ein Lied, der Andere verbessert es, der Dritte fügt ein paar Verse hinzu, und so gestaltet sich zuletzt ein abgerundetes Ganze daraus. Welcher Reisende wäre wohl im Stande, eine getreuere, anschaulichere Beschreibung des Rundtanzes zu geben, welchen die frischen Kosakenmädchen Abends nach vollbrachter Arbeit an den Ufern des »heimathlichen« Don aufführen, als sich im folgenden Volksliede findet, dessen Verse zugleich die ganze Musik des Tanzes wiedergeben! 30         »Seht die Mädchen, zum Stromesrand gingen sie, Dort im Tanzreih'n, im bunten, sich schlingen sie, Eine Jungfrau dreht trippelnd im Kreise sich, Rührt nach des Tanzes, des heimischen, Weise sich: Jetzt die Arme gestemmt, jetzt die Kniee gebeugt, Mit den Füßchen gestampft, und das Köpfchen geneigt; – Und das zertretene Gras, neu belebt es sich, Und wie neugierig lüstern, bang' hebt es sich; Und die Blüm'lein im Grase, mit klugem Aug', Heben neidisch die Köpfchen, und lugen auch . . . Immerfort tanzt die Schöne, drehend und schwingend sich, Um die Eine dreh'n die Andern alle singend sich.« Ehe ich Nowo-Tscherkask erreichte, hatte ich ein friedliches Abenteuer zu bestehen, welches sich nimmer aus meiner Erinnerung verwischen wird. Ich war die ganze Nacht durchgefahren, hatte den folgenden Tag nichts gegessen als ein Stück Schwarzbrot, und müde und hungrig kam ich mit anbrechendem Abend in einer Stanitza an, deren Aeußeres nichts weniger als einladend war. Inmitten schöner Gegenden kann der Reisende oft Tage lang Essen und Trinken vergessen bei der steten Abwechselung der Bilder, die sich vor seinem Auge entrollen. Es ist, als ob die frische Bergluft und der Duft von Wiesen und Waldesgrün etwas Sättigendes habe, oder als ob der Magen durch das Auge mitgenösse. In öden, flachen Gegenden aber, wie in den endlosen Steppen am Don, machen sich die Bedürfnisse unseres sterblichen Theiles doppelt fühlbar. Man hört nichts, als das Rasseln des Wagens und Pferdegestampf, man sieht nichts, 31 als weite, wüste Flächen. Kommt dazu noch schlechtes Wetter und schlechte Wege, wie ich's den ganzen Tag hindurch gefunden hatte, so möchte man umkommen vor Ekel und Unmuth. In einem solchen Gemüthszustande kam ich in der Stanitza an. Der Wagen hielt in der Mitte des Dorfes still, und ich schickte meinen Diener auf Kundschaft aus, um ein Obdach und warmes Essen aufzutreiben. »Hier im Dorfe ist kein Wirthshaus, und Sie werden schwerlich etwas zu essen finden,« rief mir eine freundliche Frau von mittleren Jahren durch das offen stehende Fenster ihrer Hütte zu, »wenn Sie aber mit unserer schlechten Kost vorlieb nehmen wollen, so sollen Sie uns willkommen sein; wir sind gerade beim Abendessen.« Sie sagte mir dies in so einladend freundlichem Ton, und ihr Gesicht hatte einen so frommen, gemüthlichen Ausdruck, daß ich unwillkürlich bei mir dachte: das kann unmöglich eine gewöhnliche Kosakin sein! Es fehlt ihr ganz jener trotzige, determinirte Ausdruck, welcher den Weibern der Kosaken vom Don eigen ist. Und ihrer Einladung folgend, trat ich in's Haus. Da saßen an einem weißen tannenen Tische drei Mädchen, von denen das älteste etwa zwölf Jahre zählen mochte, und ein Knabe von ungefähr vierzehn Jahren. Sie standen alle auf, als ich in die Stube trat, grüßten mich freundlich bescheiden, und wollten sich nicht wieder setzen, bis ich selbst unter ihnen Platz genommen hatte. Auf dem Tische dampfte einladend das Abendessen, bestehend aus einer Krautsuppe mit Grütze. Die Wohnstube, das Haus- und Tischgeräth, alles zeugte von großer Armuth, war aber so rein und sauber gehalten, 32 daß das Auge gern darauf weilte. Decke und Wände waren blendend weiß angestrichen, Thür und Fenster sauber gewaschen. Auf einem kleinen, alten Schränkchen stand das ärmliche, blankgescheuerte Küchengeräth, und in der Ecke hing ein Heiligenbild mit einem brennenden Lämpchen davor. Die Art und Weise, wie die gute Frau mir ihr frugales Abendessen anbot, und meinen Teller füllte, hatte etwas so Gefälliges, Ungezwungenes, wie man es sonst nicht bei Frauen dieses Standes zu sehen gewohnt ist. Man sah es ihren Augen an, daß sie gern gab, was sie hatte, und sie schien mit Wohlgefallen zu bemerken, daß ich mir die Suppe nach Herzenslust schmecken ließ. Während des Essens und nach Tische unterhielt ich mich, so gut ich konnte, mit meiner freundlichen Wirthin, und wußte bald ihre ganze Lebensgeschichte. Sie war aus dem Gouvernement Pultawa gebürtig, hatte aber schon in früher Kindheit mit ihrem Vater, einem Offizier von bekannter Familie, nach Sibirien wandern müssen. Ihr Vater starb in der Verbannung, und eine wohlthätige Frau nahm sich des verwaisten Mädchens an. Sie blieb eine Reihe von Jahren im Hause dieser guten Frau, erhielt hier eine Art Erziehung und Unterricht, und heirathete später einen Chorundschi , dem sie in ihrem zwanzigsten Jahre in sein donisches Heimathland folgte. Eine geraume Zeit lebte sie hier glücklich und zufrieden, bis auch der Gatte ihr durch den Tod entrissen wurde. Seitdem hatte sie immer mit Noth und Unglück zu kämpfen gehabt, und ihren einzigen Trost in ihren Kindern gefunden, deren Unterhalt und Erziehung all' ihre Kräfte gewidmet waren. 33 »Die Kinder lesen schon recht hübsch, – sagte sie, – ich habe nur immer so wenig Zeit, mich mit ihnen zu beschäftigen. Sascha, hol einmal Dein Buch her und lies dem fremden Herrn etwas vor.« Ich besah das Buch, und war nicht wenig erstaunt, eine russische Uebersetzung des zweiten Bandes der Campeschen Jugendschriften vor Augen zu haben. Die Kinder lasen mir Alle nach der Reihe etwas vor, und es ging wirklich recht hübsch, wie ihre Mutter gesagt hatte. Doch die Pferde waren schon seit einer Stunde angespannt, die Zeit drängte, ich mußte davon. Ich küßte freundlich die Kinder und nahm Abschied von der Mutter mit einem herzlichen Händedruck, bei welcher Gelegenheit ich ihr ein Geldstück in die Hand schlüpfen ließ. Aber ohne zu sehen, was es war, reichte sie mir das Geld zurück mit den Worten: »Ihr Geld mag ich nicht!« und dabei sah sie mich an mit einem Blicke, der mir durch die Seele ging. Ich begriff im Nu, welchen Mißgriff ich gethan, wie sehr ich durch mein Geldanbieten die gute Frau beleidigt hatte, und wandte all' meine Beredsamkeit auf, den Fehler wieder gut zu machen; aber Fehler dieser Art lassen sich leider nicht wieder gut machen. Das ist der Fluch der Armuth, daß all' ihre Handlungen, mögen sie noch so uneigennützig sein, niedrigem Interesse zugeschrieben werden. »O Gott,« sagte die gute Frau, »kann ich denn nicht einmal mein Stück Brot mit einem Fremden theilen, ohne Glauben zu machen, ich thue es für Geld? Ich hatte mich so gefreut, sie bei mir zu sehen, und nun muß es so kommen!« 34 Nowo-Tscherkask , die Hauptstanitza des Landes der Kosaken vom Don, breitet sich malerisch über die grünen Abhänge eines hochaufgeschwellten Hügelzuges aus. Ich nenne den Ort, trotz seines bedeutenden Umfanges, eine Stanitza, weil das Ganze ein zu dorfähnliches Ansehen hat, um den Namen einer Stadt zu verdienen. Die krummen, ungepflasterten Straßen, die kleinen, bunt zusammengewürfelten Häuser, die malerischen Trachten der Einwohner, geben dem Orte ein ganz orientalisches Gepräge, welches nur hin und wieder durch einige, in europäischem Geschmack erbaute Kronsgebäude und Paläste unterbrochen wird. Die Hauptvorzüge von Nowo-Tscherkask sind der gute, billige Wein und die hübschen Frauen, die man hier findet. So viele schlankgebaute Mädchen, mit leichtem Gange und feinem Gesichte, wie hier, habe ich in keiner russischen Stadt gesehen. Doch, wir dürfen nicht lange weilen in der hügelgetragenen Stanitza, und müssen wieder hinabsteigen in die Ebene, denn noch weit ist der Weg, den wir zu pilgern haben, bis zu Georgiens blühenden Fluren . . . Der Himmel drohte aufs Neue mit Regen, und ich gab den Jämschtschicks doppelte Trinkgelder, um so schnell als möglich Stawropol , die ciskaukasische Hauptstadt zu erreichen. Die im Sommer hier zwischen dem Don und dem Bolschoi Osero nomadisirenden Kalmüken hatten schon ihre Zelte niedergeschlagen, und ihre Winterbehausungen in Ciskaukasien bezogen. 35 Ich ließ in einem Kalmükendorfe anhalten, um zu frühstücken, verlor aber allen Appetit, noch ehe ich eine dieser dumpfen, roh aufgeworfenen Hütten betrat, wo die Menschen mit ihrem Vieh zusammenwohnen und sich von letzterm nur durch größeren Schmutz unterscheiden. Trotzdem konnte ich nicht umhin, nachdem ich die Schwelle der Hütte einmal überschritten hatte, meine Selbstbeherrschung an dem Genusse eines mir dargebotenen Kruges Milch zu üben. Ich gab dem Kalmüken, welcher mir den Krug gereicht hatte, einen Tschetwertak , den er augenscheinlich mit größerer Befriedigung betrachtete, als ich seine schmutzigen Hände. Er gab mir durch Zeichen und gebrochene russische Worte zu verstehen, ich möchte noch einen Augenblick in der Hütte verweilen; er werde gleich zurückkommen und mir etwas Besonderes mitbringen. Darauf ging er hastigen Schrittes davon. »Was das schwarze Bilsenkraut, welches die Ufer des Don entlang wuchert, unter den Kräutern, das sind die Kalmüken unter den Bewohnern der Steppe.« Solche und ähnliche Gedanken fuhren mir durch den Kopf, als nach kurzer Abwesenheit mein Wirth wieder eintrat, gefolgt von einem ältlichen, etwas sauberer aussehenden Manne, der ein sorgfältig zusammengeschlagenes Tuch vor mir ausbreitete, welches verschiedene kleine Bilder und Schnitzarbeiten enthielt. Es waren Thier- und Menschenfiguren, deren Anlage keinen besonderen Kunstsinn verrieth, deren Ausführung aber von einer Kunstfertigkeit zeugte, welche ich bei diesen Nomadenstämmen nimmer erwartet hätte. Die mit großer Sicherheit aus Holz geschnitzten Kühe hatte der alte Mann selbst 36 verfertigt; die Bilder aber waren von seinem Bruder, der, wie ich belehrt wurde, die Farben dazu aus Nowo-Tscherkask holte. Ich freute mich, unter dieser rohen Wanderhorde wenigstens eine Spur schaffender Geistesthätigkeit zu entdecken, kaufte für ein Billiges einige der Bilder, und begab mich dann wieder auf die Reise, um noch vor anbrechendem Abend die Stanitza Donskaja zu erreichen. Hier blieb ich zur Nacht, da der Posthalter sich weigerte, mir Pferde zur Weiterreise zu geben, weil, wie er sagte, die Wege durch die nächtlich in der Gegend umherstreifenden, räuberischen Nagaizen unsicher gemacht werden. Die Gleichförmigkeit in Kleidung und Bewaffnung der kaukasischen Kosaken und der feindlichen Bergvölker macht, daß nur ein geübter Blick die Einen von den Andern zu unterscheiden vermag, und der Reisende, welcher zum Erstenmale dieses Weges zieht, glaubt schon mitten unter den Tscherkessen zu sein, wenn er die stattlichen Linienkosaken in ihrer Pelzmütze und dem kaukasischen Waffenrock an sich vorübersprengen sieht. – Ich verließ Donskaja mit anbrechendem Morgen und gelangte schon um Mittag nach Stawropol, der Hauptstadt der ciskaukasischen Länder. Kleine, unansehnliche Häuser, krumme, schmutzige, ungepflasterte Straßen, belebt von russischen Grauröcken, friedlichen Tscherkessen, Kosaken, Persern und Tataren – dies ist Alles was mir von diesem Orte im Gedächtniß geblieben, der, früher ein elendes Dorf, im Jahre 1785 zu dem Range einer Stadt erhoben wurde, aber noch heute nichts davon hat als den Namen. Hinter Stawropol nimmt das Land schon ein kriegerisches Gepräge an. Auf den Hügeln, welche sich zu beiden Seiten 37 des Weges hinziehen, brennen Wachtfeuer, umlagert von Linienkosaken, welche sich in ihren blauen Waffenröcken mit der zottigen Burka darüber, gar stattlich ausnehmen; Patrouillen durchziehen die Straßen, und hin und wieder erblickt man eine Wuischka , d. h. ein hohes, Taubenschlagähnliches Gerüst, in welchem oben zwei Kosaken stehen, die mit Fernröhren bewaffnet, nach allen Seiten umherspähen, um bei feindlichen Ueberfällen gleich das Allarmzeichen zu geben. Da man aber, trotz der schärfsten Augen und der besten Fernröhre, bei trübem Wetter selbst in geringer Entfernung keinen Linienkosaken von einem Tscherkessen unterscheiden kann, so wird den Reisenden, wenn sie nicht eine starke Eskorte mit sich haben, nur bei ganz heiterm Himmel das Weiterreisen gestattet. Aus diesem Grunde mußte ich zwei Tage in Stawropol bleiben, ehe ich die Erlaubniß zur Fortsetzung meiner Reise erhielt. Es war ein heller, aber feuchtkalter Morgen, als ich der ciskaukasischen Hauptstadt Lebewohl sagte. In den ersten Stunden begegneten wir einer Menge, theils einzeln, theils in kleinen Abtheilungen reitenden Kosaken; aber je mehr der Tag hereinbrach, desto stiller wurde es auf der Straße. Unfern Staro-Marjéwska, etwa dreißig Werst hinter Stawropol , lagen vier Kosaken neben dem halb erloschenen Wachtfeuer auf ihren Burka's ausgestreckt, in tiefem Schlafe. Eine Patrouille ritt vorüber; die Reiter lachten beim Anblick ihrer schlafenden Kameraden, aber trabten weiter ohne sie zu wecken. Hierauf verging über eine Stunde, ehe mir wieder eine Patrouille zu Gesicht kam. 38 Kaum ein Paar Minuten waren verflossen seit die Reiter hinter uns verschwanden, als fernes Glockengetön uns das Nahen einer Kuriertroika verkündete. Das russischen Kutscherohren so lieblich klingende Gebimmel der Glöckchen von Waldai trieb auch meinen Jämschtschik zu größerer Eile an. Er brummte einen lustigen Fluch durch die Zähne und schnalzte den Pferden ermunternd zu. Schon konnten wir das fern herbrausende Dreigespann deutlich sehen, und immer heller klang uns das Glockengetön entgegen. Plötzlich trifft ein langgezogenes, lautgellendes Pfeifen unser Ohr; wir spähen umher: in der Mitte des Weges zwischen uns und der Troika taucht eine lange Gestalt auf, und wiederum erschallt, dieses Mal in drei kurzen Stößen, ein weithin gellendes Pfeifen. Der Jämschtschik hält mit aller Kraft seine Pferde zurück und richtet sich auf, um die Blicke umherschweifen zu lassen. Doch schnell setzt er sich wieder und treibt seine Pferde zur Umkehr an, denn wie aus der Erde gestampft erscheinen drei Reiter auf der Heerstraße und sprengen in gestrecktem Galopp der kaum noch funfzig Schritt entfernten Troika entgegen. – Ein Schuß fällt – der Kutscher stürzt vom Bocke; in demselben Augenblicke erscheinen noch zwei andere Reiter, Jeder ein gesatteltes Pferd neben sich am Zügel führend. Mit Blitzesschnelle sind die beiden in der Telega Sitzenden gebunden, auf's Pferd geworfen, und schnell wie der Sturm der die Steppe fegt, jagen die Reiter mit ihren Gefangenen davon, nach der Richtung des Kuban zu, woher sie gekommen waren. 39   Drittes Kapitel. Ueber den Kaukasus nach Tiflis. Ataschikow , ein durch seine Tollkühnheit bekannter Kosakenoffizier, hatte, von einer hohen Person beleidigt, geschworen an den Russen Rache zu nehmen. Das Jahr 1844 war zu einem Vernichtungsfeldzuge gegen die Bergvölker bestimmt. Ungeheure Streitkräfte wurden aus Rußland herbeigezogen, neue Befehlshaber ernannt, neue Verfügungen getroffen. Ataschikow wußte, daß Glebow , einer der Adjutanten des Obergenerals von Neidhart , ausersehen war, den neuen Operationsplan von Tiflis nach Petersburg zu bringen. Hieran knüpfte er sein Vorhaben, den Kurier mit seinen Depeschen aufzufangen und den Händen der Tscherkessen zu überliefern, wo er einer glänzenden Belohnung gewiß sein durfte. Er reitet in's feindliche Lager, und es gelingt ihm bald, sich mit den Tscherkessenhäuptlingen zu verständigen. Sechs Reiter werden ihm mitgegeben, um seine Schritte zu überwachen, ihm bei seinem Unternehmen behülflich zu sein, oder im Fall eines Verraths ihn selbst niederzuschießen. 40 Wir haben gesehen wie sein Handstreich ihm glückte, dessen Ausführung absichtlich in eine Gegend verlegt war, welche sonst für eine der gefahrlosesten im Kaukasus gilt. Erst nach mehreren Monaten schwerer Gefangenschaft wurde Glebow sammt seinem Diener gegen ein Lösegeld von etwa zwei Tausend Thaler wieder auf freien Fuß gesetzt. Ich lernte ihn später in Tiflis kennen und aus seinem eigenen Munde erfuhr ich die hier mitgetheilten Einzelheiten. Es ist dies derselbe Glebow , der bei dem unglücklichen Duell im Kaukasus, in welchem Lermontow erschossen wurde, sekundirte. Er selbst fand, kaum einige zwanzig Jahre alt, seinen Tod bei der Erstürmung von Dargo , unter Fürst Woronzow . * * * Hinter uns liegt die Steppe und vor uns aufsteigt der Kaukasus. Wie das Herz sich erhebt mit den Bergen, und wie das Auge klarer wird beim Anschauen ihrer leuchtenden Gipfel! Von dort, wo der vielgespaltene Kuban seine schlammigen Wogen in den tückischen Pontus wälzt, bis zu den Feuertempeln am kaspischen Meere, läuft wild gezackt und zerklüftet die hohe Gebirgsmauer, welche Asien von Europa trennt. Aus der frischen, kräftigen Pflanzenwelt zu ihren Füßen, aus dem dunkeln Grün, das hier als breiter Gürtel ihre Flanken umkleidet, dort in launenhaft zerrissenen Grasmatten hoch hinaufkriecht an den ungethümen Felsmassen, steigen die Berge empor in nackter Schöne, bis wo der demantene Winterschleier in blendender Weiße von den himmelanstrebenden Kuppen auf ihre gewaltigen Schultern herabfällt. 41 Hoch hinaus über diesen, in wunderbarem Farbenspiel schimmernden Massen, zeichnen zur Linken der Kasbék, zur Rechten der Elborus, und in gleicher Entfernung von beiden der pyramidenförmige Paßmymtha ihre weißen Häupter am blauen Himmel ab. Kein europäisches Gebirge gewährt in seiner Gesammtheit einen so überwältigend schönen Anblick, als der Kaukasus, wie er sich dem aus der Steppe kommenden Wanderer zeigt. Hier ist kein vermittelnder Uebergang, kein störendes Vorgebirge, das den Anblick des großen Ganzen erschwert. Entweder erscheint der Himmel grau umwölkt, dichte Nebel beschränken den spähenden Blick und man wähnt noch mitten in der Steppe zu sein – oder der Wolkenschleier zerreißt, der Nebel fällt, und das Gebirge steht da in seiner ganzen Glorie. So sah ich es zum Erstenmale bei Jekaterinograd , der unter Katarina II. gegründeten, hart an der Kabardah gelegenen Kosakenstadt, wo der Weg, der uns aus Rußland hiehergeführt, sich in zwei Arme spaltet, davon der eine dem kaspischen Meere zuläuft, während der andere sich erst in schwindelnder Höhe mitten durch den Kaukasus windet und dann in's Herz von Georgien niedersteigt. Wir folgen dem letzteren Wege, wie er dem Laufe des Terek entgegen, der hier die große von der kleinen Kabardah trennt, uns über Wladikawkas in mühsamen Krümmungen auf den Rücken der Gebirge führt. Zwischen hochaufgethürmten Kalksteinmauern, wild zerrissenen Schieferfelsen, über schauerliche Abgründe hinweg, wo ungethüme Protogynmassen aus dem schwarzen Schieferagglomerat hervorbrechen, gelangen wir durch den altberühmten Engpaß von Darjel zum Dorfe Kasbék , nachdem wir in 42 Lars zum letzten Male frische Pferde genommen. Bald wird uns der Weg versperrt durch gewaltige Schneemassen, bald durch losgebrochene Granitblöcke und Steingerölle, bald durch ein ungeschlachtes ossetisches Fuhrwerk, oder durch eine Karawane bedächtig einherschreitender Kamele, deren zähe Wüstennatur auch vor den eisigen Gebirgspfaden des Kaukasus nicht zurückbebt. Das Dorf Kasbék (bei den Georgiern auch Stepan Tzminda genannt) liegt am Fuße des Bergesriesen, dessen Namen es trägt, und dessen Kuppe den höchsten Punkt der vulkanischen Kette bildet, welche den Kaukasus von Nordost nach Südwest durchzieht. Steif und zerschlagen von der mühsamen Reise, welche ich, der Schwierigkeit des Weges halber, von Lars bis Stepan Tzminde fast ganz zu Fuß gemacht hatte, kam ich Abends im Dorfe an. Aber es duldete mich nicht lange in den dumpfen Zimmern. Nach kurzer Erholung eilte ich wieder hinaus in die frische Luft, und trotz der heftigen Kälte brachte ich die halbe Nacht unter freiem Himmel zu, verloren im Anschauen der großartigen Bilder, welche sich im klarsten Mondschein vor meinen Blicken entrollten. Der plötzliche Uebergang von der Steppe zum Gebirge, die gewaltigen Eindrücke des Tages, die unwillkürlich auftauchenden historischen Erinnerungen; der Gedanke, jetzt mitten in dem altberühmten Kaukasus zu weilen, den die Einen die Wiege des Menschengeschlechts, Andere die Mauer nennen, daran die Völkerwogen sich brachen, welche aus Mittelasien einst über Europa herabstürzten – all' dieses hatte mich so mächtig aufgeregt, daß ich die neue Welt um mich her mit doppelter Lebendigkeit erfaßte. 43 Vor mir auf stieg in schauerlicher Schöne der gigantische Kasbék, der vielbesungene, sagengeheiligte Berg, von dessen Gipfeln periodisch alle sechs oder sieben Jahre die dort angehäuften Schnee- und Eismassen in furchtbaren Lawinen herabstürzen, Menschen und Dörfer in ihrem Falle begrabend. Nach zwei Meeren streckt er seine Arme aus; auf zwei Welttheile schauen seine weithinleuchtenden Augen; derweilen die Länder der Osseten, der Kisti, der Galgai, zu seinen Füßen sich winden. Ich finde die Eindrücke, die jene herrliche Nacht auf mich machte, in meinem Tagebuche in Reim und Vers verzeichnet, und glaube wenigstens Einiges davon hier wiedergeben zu müssen, als unmittelbaren Ausdruck der Empfindungen, welche die Gebirgswelt in mir erzeugte.   Der Kasbék.           Am Kasbék, dem mächt'gen, stand ich Spät in mondenheller Nacht, Und empor die Blicke wandt' ich Zu des Berges hoher Pracht.   Sah den Wind die Wolken jagen Von den Höh'n, den eisig nackten, Sah die steilen Felsen ragen Die des Berges Leib umzackten.   Sah des Terek's Fluten brausen Unter wildem Schaumgeleck – Und verwundert und voll Grausen Sprach ich also zum Kasbék: 44   »Bergesgreis! hoch wie die Sterne Schaut dein leuchtend Haupt gen Morgen, Dem Geräusch der Erde ferne, Ferne auch von ihren Sorgen.   Sieh, dich trifft der Sonne letzter Und der Sonne erster Gruß, Und auf deine Höhen setzt der Adler nur den kühnen Fuß.   Schätze füllen deine Speicher, Geister dienen deiner Macht; Und so stehst du da in reicher Angestaunter Wunderpracht!   Prangst in schimmerndem Geschmeide, Von Demant ist deine Kron'; Schaust mit stolzer Vaterfreude Terek , deinen wilden Sohn,   Der in's Thal fliegt, wellbefiedert, Dir stets fern und doch stets nah – Mit dem Meere dich verbrüdert, Das du nie, das dich nie sah!   Deines Haupts ein leises Schütteln Dröhnt tief bis zur Erde Schoß, Macht die starren Felsen rütteln, Reißt die Schneelawine los;   Daß sie unter Sturmesrollen Selbst ein Berg, vom Berge springt, Und auf ihrem schreckensvollen Laufe Tod und Wehe bringt.« 45   Und ich schwieg. Ein schaurig Bangen Faßte mich im nächt'gen Graus; Der Kasbék streckt seine langen Schattenarme nach mir aus.   Geisterhaft im Schneegeglimme Sich der Schein des Mondes brach . . . Sieh', da klang's wie eine Stimme, Die herab vom Berge sprach:   »Kleiner Mensch! mit deinen kleinen Sorgen und der großen Angst! Der du staunst ob meinen Steinen Und vor meinem Schnee erbangst.   Wende ruhig heimwärts deine Schritte in des Thales Schoß; Glücklicher als du das meine , Preise ich dein Erdenloos!   Unten freut Ihr Euch gemeinsam, Tragt gemeinsam Leid und Weh – Während ich hier kalt und einsam Zwischen Erd' und Himmel steh.   Kalt und einsam muß ich stehen, Mir und Andern zum Verderben; Muß die Menschen sterben sehen, Und ich selber kann nicht sterben!   Wohl zuerst, zuletzt mir kehret Sich die Sonne zu, die heiße – Doch nur mich nie wärmt und nähret Ihre Strahlenmilch, die weiße! 46   Sehe gern das bunte Treiben In der schönen Menschenwelt – Aber fern muß ich ihr bleiben, Denn mich flieht was mir gefällt!   Selbst der Strom, den ich gezeugt: Sieh', wie er die Wellenschwingen Rauschend hebt und mir entfleucht, Um in's Thal hinabzuspringen!   Und zuweilen, unaufhaltsam Faßt mich Zorn ob dem Geschicke, Das mich festgebannt, gewaltsam Einzwängt in die Eisesdicke.   Und dann rüttl' ich meine Glieder, Reiße meinen Panzer los, Schleud're Schnee und Felsen nieder In des Thales grünen Schoß.   Krachend rollen die Lawinen Ihren Schreckenspfad hinab, Machen Häuser zu Ruinen, Werden Tausenden zum Grab.   Aber ich, in froher Blöße, Freue mich voll grimmer Lust, Labe gierig meine Größe An der heißen Himmelsbrust . . .«   Also sprach Kasbék, der mächt'ge, Und ich stand in tiefem Sinnen; Durch das öde Grau'n, das nächt'ge, Hört' ich's, einem Strom' gleich, rinnen. 47   Immer dunkler von den Gletschern Von den hohen, rauscht' und schwoll es, Und in immer lauterm Plätschern Schäumend mir zu Füßen quoll es . . .   Seltsam wilde Regung fühlt' ich, Als ich stumm von dannen schlich – Schöner Terek! nimmer hielt ich Für ein Kind des Schmerzes dich! Der Terek.           Wie ein großer Gedanke sich losreißt aus Dem Haupte eines Genius, Also springt aus des Kasbék steinernem Haus Der brausende Terekfluß; Reißt sich in sprudelnder Lust Von der nährenden Bergesbrust; Rauscht mit hellem Geplätscher Ueber die eisigen Gletscher – Und die Steine und Felsen die seinen Wellen Sich, trotzig hemmend, entgegenstellen, Und das Krüppelgewächs und die Klötze zumal: Lachend überspringt er sie, Oder stark zwingt er sie Mit sich hinunter in's blühende Thal. Was ihm widersteht wird zerstoben, Denn seine Gewalt kommt von Oben! 48   Die Geis, die wie er vom Felsen springt, Sich labend, aus seiner Welle trinkt; Der Wandrer, der lechzend am Berghang ruht, Erquickt sich an seiner kühlen Flut.   Es freu'n sich die duftigen Blumen, die bunten, Ob der frischen, der tanzenden Wellen tiefunten, Und die Bäume, die seine Wellen benetzen Nicken ihm zu in stillem Ergötzen.   Und nach Unten gewandt Durchzieht er das Land – Ein König im blitzenden Wellengeschmeide – Den Fluren zum Segen, den Menschen zur Freude. Und nichts hält seinen Lauf Den stürmischen, auf. Ohne Rast, ohne Ruh Eilt er dem Meere zu – Und das Meer, unter wildem Jubelgebraus Nimmt ihn auf in seinem weiten Haus.   Doch wie er im Meer Seine Wohnung genommen, Weiß man nicht mehr Von wo er gekommen; Man erkennt ihn nicht wieder Aus der Zahl seiner Brüder, Die, wie er, aus der Ferne herbeigeschwommen. Sein Name entschwebt – Ein leerer Schall – Er selbst aber lebt, Ein Theil im All. 49 – Nach diesem poetischen Ergusse darf ich's meinen freundlichen Lesern nicht zumuthen, mich durch das Schneegestöber, den Schmutz, die Kälte, die Wärme und alle die Drangsal und Gefahren zu begleiten, welche ich bei der Weiterreise durch den Kaukasus zu überstehen hatte. Darum nur wenige Worte hier zum Schluß der Wanderung! Wir verfolgen unsern mühsamen Weg nach Kobi ; winden uns, hart an die steilen Felsenwände gedrückt, langsam über die furchtbaren Abgründe hinweg, die am Guda und Kreuzberg sich vor uns aufthun in schauerlicher Tiefe; steigen über Kaschaour nach Quischett in das lachende Thal der Aragua hinab, und noch vor Abend erreichen wir Duschett , die erste georgische Stadt am Fuße des Kaukasus . . . Hinter uns liegt das Gebirge, in seiner eisigen Pracht, mit seinen Gletschern, Abgründen, Felswänden und Schluchten – und vor uns liegt ein blühendes Land, durchzogen von sanftgeschwellten, grünen Hügelreihen, und durchrauscht von der Aragua lautplätschernden Wellen. Noch klebt der Schnee an den Stiefeln, womit wir die Blumen zertreten, die zu unsern Füßen blüh'n. Leise säuselt der Wind durch das Laub der Akazien; in riesiger Dicke und Höhe schlingt sich der Weinstock empor; auf den Zweigen der Mandelbäume wiegen sich die Sänger des Waldes; – aus der starren Winterlandschaft sind wir in einen Garten getreten, wo es duftet und glüht von Blumen und Sonnenschein. In Mtzchethi , wo die Aragua ihre Wellen mit denen des Kyros mischt, machen wir zum letzten Male Halt, und wenige Stunden darauf erreichen wir Tiflis, die Hauptstadt Georgiens. 50   Viertes Kapitel. Mirza-Schaffy, der Weise von Gjändsha. Einige Moskauer Freunde, welche dem neuen Statthalter nach Georgien gefolgt waren, hatten die Aufmerksamkeit, meine Ankunft in der alten Kyrosstadt durch ein heiteres Festmahl zu feiern. Und um mir gleich einen Vorgeschmack des georgischen Lebens zu geben, war bei der Tafel Alles nach asiatischem Brauche geordnet. Junge Georgier in malerischen Gewändern trugen die Speisen auf; ein schlanker Armenier kredenzte in gigantischen, silbergezierten Büffelhörnern die feurigen, blutrothen Weine von Kachetos; ein persischer Sänger in blauem Talar und hochaufstrebender, pyramidenförmiger Mütze, mit einem feingeschnittenen, verschmitzten Gesichte und blaubemalten Fingerspitzen, spielte die Tschengjir und sang dazu die lieblichsten Oden von Hafis. Wohin ich mein staunendes Auge schweifen ließ, entdeckte ich Ueberraschendes und Neues. Ich lebte in Wirklichkeit eines der Mährchen der Tausend und Einen Nacht, wovon ich als 51 Kind so oft gelesen und geträumt. In erquicklicher Abwechslung wurde gegessen, gelacht, erzählt, gespielt und gesungen, aber noch mehr – getrunken. In wunderbaren Weisen erschollen die liebestollen Töne der Lieder des Sängers von Schiras; immer heller strahlte der von Innen erzeugte Wiederschein des blutrothen kachetischen Weines in den Gesichtern der Gäste; auch bei mir blieb sein Feuer nicht ohne Wirkung, aber mein reisemüder Körper verlangte nach Ruhe. Seit vierzehn Tagen hatte ich kein Bett gesehen und die feuchten Nächte theils im Sattel, theils auf ärmlichem Teppich, in noch ärmlicheren Berghütten, zugebracht. Ermüdet schlossen sich hin und wieder die Augen, und als ich dem Andrange des Schlafes nicht länger wiederstehen konnte, verließ ich die Gesellschaft, um meine Wohnung aufzusuchen. Erst als ich mich erhoben hatte, spürte ich die ganze gewaltige Wirkung des Weines, und in den Beinen noch viel mehr als im Kopfe, denn der kachetische Wein hat die Eigenschaft, daß er nie Kopfschmerz erzeugt, hingegen den untern Körper mit seltsamer Schwere belastet. Ich wäre sicherlich nicht nach Hause gelangt, hätten sich nicht einige der Herren meiner freundlich angenommen und mich durch die ungepflasterten, hundedurchheulten Straßen von Tiflis in meine schützende Wohnung geleitet. Es war eine mondhelle, duftige Nacht – eine jener zauberischen Nächte, wie man sie nur unter Georgiens Himmel sieht, wo der Mond so hell leuchtet, als sei sein Glanz nur ein, durch einen geheimnißvollen, zartgewebten Schleier gemildertes Sonnenlicht. Die lange Wanderung durch die nächtliche Kühle hatte mich wieder etwas aufgefrischt; gar zu lockend blinzelten die Sterne vom reinen Himmel her; in der Ferne ragten 52 geisterhaft die halbmondförmigen Gipfel des Kasbék empor, tief unter mir lag die Stadt in mährchenhafter Schöne und dazwischen rollte der Kyros seine glänzenden Wogen. Es faßte mich ein starkes Gelüsten, mich der lieblichen Landschaft vor meinen Fenstern noch einen Augenblick zu erfreuen; eine Thür führte aus meinem Zimmer auf eine hohe, rings um das Haus laufende Gallerie. Ich hatte unbemerkt gelassen, daß die Gallerie, ein ganz neues Machwerk, erst theilweise vollendet war, während auf verschiedenen Seiten die Bretter ungefügt und unbefestigt, auf den das Gerüst bildenden Balken lagen. Unter großer Anstrengung öffnete ich die zur Gallerie führende Thüre – es summten mir eben die Verse von Puschkin im Kopfe:         Auf Grusiens Hügeln nächt'ges Dunkel liegt, Vor mir des Kyros Wogen schäumen \&c. Ich trat hinaus; das Brett, worauf ich getreten, wankte zu meinen Füßen – ein Schlag – ein Schrei, – und blutend und wimmernd lag ich unten im Hofe . . . Ueber die nächsten Folgen dieses Falles, der mir nahezu das Leben gekostet hätte, schweige ich, denn ein Tagebuch seiner Leiden führen, heißt doppelt leiden. Genüge es Euch zu wissen, daß ich an mehreren Stellen des Körpers gefährlich verletzt war, und daß es einer schmerzlichen Kur und sorgsamen Pflege bedurfte, ehe ich wieder so weit hergestellt wurde, daß ich mich mit Lectüre und Studium zerstreuen konnte. Vor Allem ließ ich es mir angelegen sein, einen Lehrer für das Tatarische zu nehmen, um diese in den Ländern des 53 Kaukasus unumgänglich nothwendige Sprache in möglichster Eile zu erlernen. Der Zufall begünstigte meine Wahl, denn mein schriftkundiger Lehrer Mirza-Schaffy , der Weise von Gjändsha , wie er sich nennt, ist, nach seiner eigenen Meinung, zugleich der Weiseste aller Menschen. Eigentlich nennt er sich in seiner landesthümlichen Bescheidenheit nur den ersten Weisen des Morgenlandes; da aber nach seinem Dafürhalten die Kinder des Abendlandes noch in Finsterniß und Unglauben leben, so versteht es sich für ihn gleichsam von selbst, daß er in seiner Weisheit und Erkenntniß uns Alle überflügelt. Er nährt übrigens die Hoffnung, daß, Dank seinen Bestrebungen, die Aufklärung und Weisheit des Morgenlandes auch bei uns im Laufe der Jahre wirksam um sich greifen werde. Ich sei nun schon sein fünfter Schüler – sagte er mir – der zu ihm gepilgert, um seines Unterrichts theilhaftig zu werden. Er folgert daraus, daß das Bedürfniß nach Tiflis zu wandern und Mirza-Schaffy's Sprüche der Weisheit zu hören, sich bei uns immer fühlbarer herausstelle. Meine vier Vorgänger – meint er ferner – würden bei ihrer Rückkehr ins Abendland doch auch nach Kräften dahin gewirkt haben, morgenländische Bildung unter ihren Stämmen zu verbreiten. Auf mich aber setzte er ganz besondere Hoffnungen, wahrscheinlich weil ich ihm einen Silberrubel für jede Lection zahlte, was – wie ich erfahren habe – für den Weisen von Gjändsha ein ungewöhnlich hoher Preis ist. Am unbegreiflichsten war es ihm immer, wie auch wir uns Weise oder Gelehrte nennen können und mit diesen Titeln 54 durch die Welt wandern, bevor wir noch die heiligen Sprachen verstehen. Uebrigens entschuldigte er bereitwillig diese Anmaßungen bei mir, da ich doch wenigstens eifrig bemüht war, die heiligen Sprachen zu erlernen, besonders aber, da ich den glücklichen Griff gethan, ihn zum Lehrer zu wählen. Die Vortheile dieses glücklichen Griffes wußte er mir sehr anschaulich zu machen. »Ich, Mirza-Schaffy – sagte er – bin der erste Weise des Morgenlandes! folglich bist Du, als mein Jünger, der zweite Weise. Du mußt mich aber nicht mißverstehen; ich habe einen Freund, Omar-Effendi , einen sehr weisen Mann, der wahrhaftig nicht der Dritte ist unter den Schriftgelehrten des Landes. Wenn ich nicht lebte, und Omar-Effendi Dein Lehrer wäre, so wäre er der erste, und Du, als sein Jünger, der zweite Weise!« Nach solchem Ergusse pflegte dann Mirza-Schaffy immer schlauen Blickes mit dem Zeigefinger nach der Stirne zu deuten, worauf ich ihm regelmäßig im stummen Einverständniß mitwissend klug zunickte. Daß der Weise von Gjändsha seine hohe Ueberlegenheit Jedem, der daran zweifeln sollte, auf das Handgreiflichste zu veranschaulichen weiß, bewies er mir einstmals durch ein schlagendes Beispiel. Unter den vielen schriftgelehrten Nebenbuhlern, welche Mirza-Schaffy um seine Lektionen beneideten, war der hervorragendste Mirza-Jussuf , der Weise von Bagdad . Er nannte sich nach dieser Stadt, weil er dort seine Studien im Arabischen gemacht hatte, woraus er folgerte, daß er viel gründlichere Kenntnisse besitzen müsse, als Mirza-Schaffy , den er mir als einen Ischekj , einen Esel unter den Trägern der Wissenschaft, bezeichnete. »Nicht einmal schreiben kann der Kerl ordentlich,« belehrte mich Jussuf über meinen ehrwürdigen 55 Mirza , »und singen kann er gar nicht! Nun frag' ich Dich: was ist Wissen ohne Schrift? Was ist Weisheit ohne Gesang? Was ist Mirza-Schaffy gegen mich?« In dieser Weise perorirte er mit betäubender Redegewandtheit unaufhörlich fort, wobei er besonders die Schönheit seines Namens Jussuf hervorhob, den schon Moses gerühmt und den Hafis so lieblich besungen; er wandte all' seinen Scharfsinn auf, um mir zu beweisen, daß ein Name nicht ein leerer Schall sei, sondern daß die Bedeutung, welche sich an einen schönen oder großen Namen knüpft, sich auch mehr oder minder auf die spätern Träger dieses Namens forterbe. So sei er, Jussuf , z. B. ganz das Ebenbild von dem Jussuf im Egyptenland, der in Keuschheit gewandelt vor Potiphar, und in Weisheit vor dem Herrn. Er war im Begriff mir noch neue Beweise für seine Vortrefflichkeit anzuführen, als ein gemessenes Pantoffelgeklapper im Vorzimmer mir meines ehrwürdigen Lehrers Ankunft verkündete. Er ließ die hohen Pantoffeln nach Landessitte an der Thüre zurück, und trat mit saubern, buntgewirkten Strümpfen in's Zimmer. Er schien die Gründe der Anwesenheit meines Gastes zu errathen, denn er maß den plötzlich ganz schüchtern gewordenen Jussuf von Kopf bis zu Fuß mit verächtlichem Blicke, und wollte eben seinen Gefühlen Ausdruck geben, als ich ihn mit den Worten unterbrach: » Mirza-Schaffy , Weiser von Gjändsha! was haben meine Ohren vernommen! Du willst mich belehren und kannst weder schreiben noch singen; Du bist ein Ischekj unter den Trägern der Wissenschaft, – so spricht Mirza-Jussuf , der Weise von Bagdad!« Der Unmuth in Mirza-Schaffy's Gesichte nahm nach und nach den Ausdruck eines vollkommenen Hohnes an; er 56 klatschte in die Hände, auf welches Zeichen ihm mein Diener gewöhnlich eine frische Pfeife brachte; aber dieses Mal verlangte Mirza-Schaffy nach seinen dickbesohlten Pantoffeln. Er nahm einen und schlug damit so unbarmherzig auf den Weisen von Bagdad los, daß dieser sich umsonst durch die flehentlichsten Bewegungen und Worte der Strafe zu entwinden suchte. Mirza-Schaffy war unerbittlich. »Was, – Du willst weiser sein als ich? Ich kann nicht singen, meinst Du? Wart', ich will Dir Musik machen! Und schreiben kann ich auch nicht? Auf Dein Haupt komme es!« Und dem Worte folgte ein Schlag auf den Kopf. Winselnd und jammernd stolperte der Weise von Bagdad unter den Schlägen des Weisen von Gjändsha durch's Vorzimmer und die Treppe hinab . . . Ruhiger als ich erwartet hatte, kehrte Mirza-Schaffy aus dem Kampfe der Weisheit zurück, den er so siegreich bestanden hatte. Er ermahnte mich, solchen falschen Lehrern wie Jussuf und Genossen kein Ohr zu leihen, sondern treu auszuharren unter seiner Leitung. »Es werden ihrer noch viele kommen,« fuhr er fort, »aber Du mußt Dein Angesicht von ihnen wenden, denn Du bist weiser denn sie Alle. Was sagt der Dichter: Wer nicht lesen kann, will Großvezier werden! So geht's diesen Leuten, die nicht lesen noch singen können. Ihre Habsucht ist größer als ihre Weisheit; sie kommen nicht um Dich zu belehren, sondern um Dich zu berauben. Der Appetit steckt hinter den Zähnen!« Dabei zeigte er mir seine weißen Zähne und rückte seine hohe phrygische Mütze auf die Seite, was er gewöhnlich thut, wenn sein Kopf frisch rasirt ist, denn alsdann hält er sich für unwiderstehlich und glaubt bei allen Weibern Liebe zu erwecken und bei den Männern ein Wohlgefallen. 57 Ich kannte seine Schwäche, und jedesmal, wenn er mir sein frischgesäubertes Haupt zeigte, rief ich ihm entgegen: Wie Du schön bist, Mirza-Schaffy ! An diesem Abend schien er, trotz des heftigen Pantoffelausfalls, besonders weich gestimmt zu sein, denn zum ersten Male seit unserer Bekanntschaft ließ er sich bewegen, Wein mit mir zu trinken, was er bis dahin immer sorgfältig vermieden hatte, nicht etwa aus übergroßer Gewissenhaftigkeit, sondern weil er fürchtete, ich würde es einst im Abendlande den Leuten erzählen, wodurch sein Ruf als Lehrer der Weisheit leicht gefährdet werden könnte. Aber im Drang der Gefühle konnte er der Versuchung nicht widerstehen; er trank ein Glas, und dann ein zweites und darauf ein drittes, und der Wein löste seine Zunge und er wurde so gesprächig und zutraulich wie ich ihn nie vorher gesehen. »Was sagt Hafis? « rief er mit schmunzelndem Blicke, »Der Wein ist der Trank der Weisen, Und aller Frömmigkeit Meister – Denn um ihn wandeln und kreisen Viele selige Geister!« »Im Grunde« – fuhr er fort –»ist der Genuß des Weines nur für das dumme Volk ein Stein des Anstoßes. Wir, als Philosophen, was haben wir uns um den Koran zu scheren? Alle Weisen und Sänger unseres Volkes haben den Wein gepriesen – sollen wir ihre Worte zu Schanden machen?« Und um mir zu beweisen, daß seine Philosophie nicht von gestern datire, sang er mir ein Lied vor, welches er nach seiner Behauptung schon vor zehn Jahren einem frommthuenden Mullah in's Haus geschickt, der ihn wegen seiner Liebe zum Weine verhöhnt hatte: 58   »Mullah, rein ist der Wein, Und Sünd' ist's, ihn zu schmäh'n – Mögst Du tadeln mein Wort, Mögst Du Wahrheit drin seh'n!   Nicht das Beten hat mich Zur Moschee hingeführt: Betrunken hab' ich Mich vom Wege verirrt!« Ein Glas folgte dem andern und ein Lied dem andern; aber plötzlich umdüsterten sich zu meinem Erstaunen die Blicke des Mirza , er wurde nachdenkend und starrte trüb vor sich hin. So saß er eine gute Weile und ich wagte nicht ihn zu stören in seiner stummen Betrachtung. Erst als er wieder den Mund öffnete und in klagendem Tone die Worte sang: »Mich hat der Schmerz der Liebe gebeugt,         Fragt nicht: für wen? Mir ward das Gift der Trennung gereicht,         Fragt nicht: durch wen?« unterbrach ich ihn, theilnehmend fragend: »Bist Du verliebt, Mirza-Schaffy? « Er sah mich, wehmüthig den Kopf schüttelnd, an, und dann begann er ein anderes Lied zu singen, ich glaube von Hafis: »Betrittst Du den Pfad der Liebe, den trüb unendlichen, Findest Du Trost nur im Tode, dem unabwendlichen! \&c. Er brummte das Lied zu Ende, dann wandte er sich zu mir und sprach: »Nein, ich bin nicht verliebt, aber ich war einmal verliebt, wie es nie ein Mensch gewesen!« 59 Ihr könnt Euch denken, daß ich mir alle Mühe gab, das Geheimniß der Liebe meines ehrwürdigen Mirza zu erforschen. Wir saßen zusammen bis tief in die Nacht hinein, und mit immer steigender Neugier hing mein Ohr an seinen Lippen. 60   Fünftes Kapitel. Des Weisen von Gjändsha erste Liebe. Es sind jetzt eilf Jahre,« begann Mirza-Schaffy seine Erzählung, »als ich zum ersten Male Zuléikha erblickte, die Tochter Ibrahims , des Chans von Gjändsha. Was soll ich Dir sagen von ihrer Schönheit? Soll ich erzählen von ihren Augen, die, dunkler als die Nacht, dennoch heller leuchteten als alle Sterne des Himmels? Soll ich Dir sagen von der Anmuth ihrer Gestalt, von der Lieblichkeit ihrer Hände und Füße, von ihrem weichen Haar, das sich herabschlängelte lang wie die Ewigkeit, und von ihrem Munde, dessen Hauch süßer war als der Duft der Rosen von Schiras! Was nutzt alles Reden, Du würdest mich doch nicht verstehen, denn der Mensch vermag nicht Uebermenschliches zu begreifen. Ueber sechs Monate hatte ich sie täglich beobachtet, wenn sie um Mittag mit ihren Gespielinnen auf dem Dache des Hauses saß, oder Abends, wenn sie ihre Sklavinnen vor sich tanzen ließ im Scheine des Mondes. Noch hatte ich kein Wort mit ihr gesprochen, noch wußte ich nicht, ob sie mich je eines Blickes gewürdigt. Wie konnte ich es wagen, mich 61 ihr zu nähern? Vermag auch der Mensch sich der Sonne zu nahen? Was kann er thun, als sich laben im Glanz ihres Angesichts? Am Tage mußte ich mich immer mit großer Vorsicht bewegen, denn hätte Ibrahim-Chan bemerkt, daß ich liebende Blicke auf seine Tochter geworfen, es wäre mein Leben gefährdet gewesen. Aber Abends war ich sicherer in meinem Verstecke, denn nach acht Uhr betrat Ibrahim-Chan nie mehr die Schwelle oder das Dach seines Hauses. Dann schlugen die Flammen meines Herzens in Liedern aus; bald sang ich ein Ghasel von Hafis und bald von Firdusi: O, sanfter Wind! zum Ort hinwehe         Der Dir bekannt – Und jenes süße Wort gestehe         Das Dir bekannt! Die Antwort bleibe, bringt sie Wehe,         Mir ungenannt – Doch, bringt sie Heil: komm und gestehe         Was Dir bekannt! Am öftesten aber sang ich meine eigenen Lieder. Was braucht Mirza-Schaffy sich zu schmücken mit erborgtem Schmuck? Wessen Stimme klingt heller als meine Stimme, und wessen Lieder sind schöner als meine Lieder? Auch gelang es mir endlich nach langem Harren, das Auge der Herrin auf mich zu lenken. Ibrahim-Chan war nach Tiflis gereist, um mit dem Heere des Sardaar's gegen die Feinde der Moskow zu kämpfen. Ich durfte mich jetzt freier hören und sehen lassen, meine Stimme und meine Gestalt konnten Zuléikha nicht länger unbemerkt bleiben. 62 Eines dunklen Abends, als ich vergeblich zwei lange Stunden hindurch harrend und singend in meinem Versteck gestanden hatte, ohne auf Ibrahim's Dache ein weibliches Wesen zu erblicken, wollte ich eben mißmuthig in meine Behausung zurückschleichen, als leisen Schrittes eine weißverhüllte Gestalt an mir vorüberwandelte und die Worte sprach: Folge mir, Mirza-Schaffy und merke wohin ich gehe. Mein Herz schlug hoch auf in zitternder Erwartung. Baschem üsta! Auf mein Haupt komme es! dacht' ich und folgte bedächtigen Schrittes der in einiger Entfernung mir vorschwebenden weißen Gestalt. Rechts ab von der einsamen Gasse, durch welche wir schritten, führt ein Pfad ins Gebirge, umwachsen von Mispelsträuchen und Oleandergebüsch, und wegen seiner Enge unzugänglich für Lastthiere und Karawanen. Dorthin wandten wir uns. Ein bald aufgefundenes heimliches Plätzchen sicherte uns vor der Neugier der Menschen. Mein Herz ließ mich richtig errathen, von wem die Botin, die mich führte, gesandt war.« »Ich glaubte schon,« unterbrach ich den Mirza , während er beschäftigt war, die Zunge wieder durch ein Glas Wein anzufrischen, »ich glaubte, es sei Zuléikha selber gewesen.« Er schien diese Bemerkung mit Unwillen zu hören. »Kann die Sonne,« entgegnete er, »niedersteigen zur Erde? Konnte Zuléikha allein sein mit mir, bevor sie mich zu sich heraufgezogen? Kann das Ende kommen vor dem Anfang, oder der Tag vor Sonnenaufgang?« Er schlürfte, sich beruhigend, wieder ein Glas hinunter, und dann fuhr er fort in seiner Erzählung: »Meine geheimnißvolle Gefährtin brach zuerst das Schweigen. – »Ich bin Fatima ,« sprach sie, »die Vertraute 63 Zuléikha's . Meine Herrin blickt auf Dich mit dem Auge des Wohlgefallens. Der Klang Deiner Stimme hat ihr Ohr ergötzt und der Sinn Deiner Lieder ihr Herz gerührt. Ich bin zu Dir gekommen aus eigenem Antriebe, ohne Geheiß meiner Herrin, um Dich aufzurichten und Dich Hoffnung schöpfen zu lassen aus dem Quell meines Wortes, weil ich Dir gut bin und es mir weh thut, Dich leiden zu sehen aus Liebe zu ihr.« »So hat Zuléikha ihr Ohr dem Flehen des ärmsten ihrer Sklaven nicht verschlossen?« rief ich freudeberauscht, taumelnd von Glückseligkeit, »und mein Herz wird nicht zerrissen werden vom Dorn des Mißfallens? Allah min! Allah bir! Der Gott der Tausende ist ein einiger Gott! Groß ist seine Güte, und wunderbar sind seine Wege! Was habe ich gethan, daß er den Strom seiner Gnade über mich ergießt durch die Hand Zuléikha's , daß er den Quell meiner Lieder geleitet hat zum Meere der Schönheit!« . . . »Du thust wohl,« sprach Fatima , »die Gnade Allah's zu preisen und die Anmuth meiner Gebieterin. Sie ist der Edelstein im Ringe der Schönheit, sie ist die Perle in der Muschel des Glückes. Schon längst hätte sie Dir ein Zeichen ihrer Gunst gegeben, wenn ihre Schamhaftigkeit und Unschuld nicht noch größer wäre als ihre Schönheit. Und sie fürchtet ihren Vater, der seine Tochter zärtlich liebt, aber nimmer zugeben würde, daß ein armer Mirza nach ihrer Minne trachte. Achmed-Chan von Awarien, der jetzt mit Ibrahim-Chan zum Heere der Moskow gezogen, wirbt um Zuléikha's Hand, und der Vater wird sie ihm geben, wenn er glücklich aus dem Feldzuge heimkehrt. Darum müssen wir trachten, daß Euere Liebe vor der Heimkehr Achmed-Chans zu erwünschtem Ziele komme. Wenn morgen Abend der Muezzim 64 vom Minarete zum Gebete ruft, so zeige Dich an der Gartenseite des Hauses; ich werde die Blicke Zuléikha's auf Dich zu lenken suchen, und wenn Du ein Lied singst, das ihr wohlgefällt, so darfst Du der Knospe gewiß sein.« »So sprach Fatima , und noch viel mehr; ich habe Dir nun das Wichtigste davon wieder erzählt. Ich schenkte ihr Alles, was ich Kostbares bei mir hatte, meine Uhr und meine Börse, und versprach ihr, einen Talisman zu schreiben zur Vertreibung eines schwarzen Fleckes auf ihrer linken Wange. Wir schieden mit dem Versprechen, uns wieder zu sehen zu weiterem Verständniß.« Mirza-Schaffy unterbrach seine Erzählung durch einen langen Seufzer und griff wieder nach dem frisch gefüllten Glase. Ich benutzte die kurze Pause, um mir Aufklärung über einige dunkle Stellen seiner Geschichte zu verschaffen. »Was war der Sinn Deiner Worte,« fragte ich ihn, »als Du sprachest vom Dorn des Mißfallens, und welche Bedeutung knüpft sich an die Knospe, davon Dir Fatima sagte, Du dürftest ihrer gewiß sein?« »Bist Du so unerfahren,« entgegnete er mitleidig, »daß Du nicht weißt, welchen Ausdruck die Liebe hat? Wie soll eine Jungfrau ihre Gefühle offenbaren, einem Manne gegenüber, mit dem sie nie ein Wort spricht, bevor er mit ihr vereint ist?« Und nach seiner gewöhnlichen Weise, mir alle seine Lehren in Reimen zu geben, in deren Zusammenstellung mein Mirza eine fabelhafte Gewandtheit besitzt, hub er folgendermaßen zu singen an: »Der Dorn ist Zeichen der Verneinung, Des Mißgefallens und des Zornes, Drum, widerstrebt sie der Vereinung, Reicht sie das Zeichen mir des Dornes. 65 Doch wirft die Knospe einer Rose Die Jungfrau mir als Zeichen hin, So heißt das: günstig steh'n die Loose, Nur harre noch mit treuem Sinn! Doch beut den Kelch der Rose offen Die Jungfrau mir als Zeichen dar, So ist erfüllt mein kühnstes Hoffen, So ist die Liebe offenbar!« »Ich verstehe,« sprach ich, »nun fahre fort in Deiner Geschichte.« »Am folgenden Abend,« hub Mirza-Schaffy wieder an, »fand ich mich ein zur bezeichneten Stunde. Ich hatte den Tag über ein Minnelied geschrieben, dem kein weibliches Wesen widerstehen konnte. Wohl zwanzig Mal sang ich das Lied für mich allein, um meines Erfolges gewiß zu sein. Dann war ich ins Bad gegangen und hatte mir den Kopf so rein scheeren lassen, daß er an Weiße wetteifern konnte mit den Lilien im Thale der Senghi. Der Abend war ruhig und heiter. Von der Gartenseite aus, wo ich stand, konnte ich deutlich meine Zuléikha sehen; sie war mit Fatima auf dem Dache allein und hatte ihren Schleier etwas zurückgeschlagen, als ein Zeichen ihrer Gunst. Ich faßte Muth und schob die Mütze in den Nacken, um der spähenden Jungfrau meinen weißen, ganz frisch geschorenen Kopf zu zeigen. Du begreifst, welchen Eindruck das auf ein Weiberherz machen muß! Ach, damals war mein Kopf noch viel weißer als jetzt; das ist aber auch schon über zehn Jahre her!« sprach er wehmüthig und wollte in dieser Abschweifung fortfahren, als ich ihn mit den Worten unterbrach: »Dein Kopf ist immer noch weiß genug, um das jungfräulichste Herz zu bezaubern; doch Du hast mir noch nicht erzählt, wie Du Dein Minnelied gesungen und welchen Eindruck es auf Zuléikha gemacht.« »Ich hatte das Lied,« sprach der Mirza , »um einen doppelten Mandelkern gewickelt und es auf's Dach geworfen, der Schönen zum Gedächtniß, noch ehe ich anhub es zu singen. Dann aber begann ich mit heller Stimme: Was ist der Wuchs der Pinie, das Auge der Gazelle, Wohl gegen Deinen schlanken Wuchs und Deines Auges Helle? Was ist der Duft, den Schiras Flur uns herhaucht mit den Winden, Verglichen mit der Düfte Hauch, die Deinem Mund entschwinden? Was ist Ghasel und Rubajat, wie Hafis uns gesungen, Wohl gegen Eines Wortes Ton, aus Deinem Mund entklungen? Was ist der Rosen Blüthenkelch, d'ran Nachtigallen nippen, Wohl gegen Deinen Rosenmund und Deine Rosenlippen? Was ist die Sonne, was der Mond, was alle Himmels-Sterne? Sie glühen, zittern nur für Dich , liebäugeln aus der Ferne! Was bin ich selbst, was ist mein Herz, was meines Liedes Töne? Als Sklaven Deiner Herrlichkeit, Lobsinger Deiner Schöne! »Allah! wie schön!« rief ich. » Mirza-Schaffy , Deine Worte klingen süß wie die Lieder der Peris im Geisterlande? Was ist Hafis gegen Dich? Was ist ein Tropfen gegen den Ocean? 67 »Das war blos der Anfang, die Vorbereitung,« sprach der Weise von Gjändsha, »die eigentlichen Minneverse kommen nachher: »Mit züchtigem, mit treuem Sinn, Nah' ich der Liebe Heiligthume, Und werfe dieses Lied Dir hin, Dies duft'ge Lied, als Frageblume! Nimm es in Freude oder Zorn hin, Gieb Tod dem Herzen oder Nahrung – Wirf Knospe, Rose oder Dorn hin, Ich harre Deiner Offenbarung!« »Und was that Zuléikha? « »Sie warf mir lächelnd eine Knospe herunter, und zum Erstenmal schaute ich ihr Antlitz in seiner ganzen, seligen Schöne!« . . . »Was sagt Fisuli: »Um zu Dir, mein Leben, zu kommen, hab' ich Leben gegeben; Sei barmherzig, denn durch Dich erst kam ich zum Leben!« »So war's auch mit mir. Seit ich wußte, daß Zuléikha mich liebte, hatte mein altes Scheinleben aufgehört, und ein neues, wirkliches Leben hub für mich an. Wer zählt die Stunden, die ich durchlebt im Vollgenuß des Bewußtseins ihrer Liebe; wer die Lieder, die ich gesungen zu ihrem Ruhme, wer die Schritte, die ich gethan um sie zu sehen! Die Sonne des Glücks schien für mich aufgegangen; alle frühern Hindernisse waren weggeräumt durch die Gunst des Schicksals. Zwar blieb meine Liebe in Gjändsha kein Geheimniß; aber 68 alle meine Bekannten schienen sich verbunden zu haben, um mir zu dienen; die Einen aus Freundschaft für mich, die Andern aus Haß gegen Ibrahim-Chan . Etwa sechs Wochen mochten seit dem seligen Tage verflossen sein, an welchem Zuléikha mir die Knospe geschenkt, als plötzlich eine drohende Wolke den Himmel meines Glückes umdüsterte. Ibrahim-Chan kehrte zurück aus dem Feldlager, und mit ihm kam Achmed-Chan , der Freier seiner Tochter. Die Nachricht erschreckte mich zugleich und belebte mich. Aus dem Abgrunde des Entsetzens wurde ich wie auf Adlerflügeln getragen auf den Berg der Hoffnung. Ich fühlte, daß mein Schicksal seiner Entscheidung nahe war, und das gab mir Muth. Ich hatte ja nur Eines, was mich fesselte an's Leben; ging dies Eine mir verloren, so hatte die Welt dem armen Mirza nichts mehr zu bieten; darum mußte ich Alles daran setzen, um das Eine, mein Alles, zu gewinnen. Schon hatte Achmed-Chan einen Reitertrupp nach Chunsag, der Hauptstadt von Awarien, entsendet, um den Käbin – das Brautgeschenk – zu holen und dann die Auserwählte mit sich fort zu führen in seine Heimath. In Gjändsha wurden Kampfspiele und Festlichkeiten begangen zur Feier der Rückkehr der beiden ruhmbedeckten Chane. Auch ein Sängerfest sollte stattfinden auf Zuléikha's Wunsch. Alle Sänger des Landes wurden dazu eingeladen und jeder mußte sich vorbereiten auf ein schönes Lied zum Ruhme der Herrin. Du weißt, daß der Sieger bei solchem Feste hochgepriesen wird und das Recht hat, das Saitenspiel aller übrigen Sänger zu zerschlagen. Ich wußte im Voraus, daß ich sie Alle besiegen würde, denn wer von ihnen hatte die Quelle der Begeisterung, die 69 ich hatte! Wie kann die Nachtigall singen, wo keine Rose blüht? Wie kann ein Lied gelingen, wo keine Liebe ist? Im sicheren Vorgefühl meiner Ueberlegenheit machte ich den Tag des Sängerfestes zum Gipfel und Wendepunkt meines Geschickes. Ich hatte einen Armenier in mein Geheimniß gezogen; Du kennst die Schlauheit der Söhne von Haighk! Er hatte eine Karawane nach Schemacha zu führen im Lande Schirwan, und versprach ein Kameel zu bereiten für mich und meine Zuléikha , um uns mit sich zu führen heimlich und verkleidet, falls meine Pläne sich glücklich verwirklichten. Mit Fatima war Alles verabredet; sie hatte die kostbarsten Sachen zusammengepackt und Sorge getragen, daß der Armenier zufrieden gestellt wurde, denn der Tag des Sängerfestes sollte auch der Tag unserer Flucht sein. Um Mitternacht sollte ich mich einfinden auf dem einsamen Plätzchen, wohin ich zuerst mit Fatima geschlichen; von dort gedachten wir uns auf abgelegenen Fußpfaden der großen Straße zu nähern, um in sicherem Versteck das Vorüberziehen der Karawane zu erwarten. Der verhängnißvolle Tag brach an. Schon seit einiger Zeit war ich mir vorgekommen wie ein Fremdling in meiner eigenen Wohnung. Bald starrte ich die weißen Wände an, mit den Nischen darin, zur Aufbewahren der Kleidungsstücke, – bald konnte ich stundenlang mit dem Blicke der Verwunderung auf den lehmgestampften, mattenbedeckten Fußboden schauen, oder auf die geringelten Drahtgitter, die man bei uns statt der Fenster hat, als ob ich alles das niemals gesehen. Die Minuten kamen mir vor wie Tage und die Stunden wie Jahre. Ich wälzte mich auf dem Polster der Ungeduld 70 und konnte die Zeit nicht erwarten der Entscheidung meines Schicksals. Um Mittag langte eine freudige Botschaft an. Akim , der Armenier, kam, um mir zu melden, daß Ibrahim-Chan mit seinem Gaste hinausgeritten sei in's Freie, und daß die waffentragenden Männer des Orts sich rüsteten, ihnen zu folgen, um sich im Kampfspiel zu ergötzen, während die Weiber daheim sich die Zeit vertreiben ließen mit den Liedern der Sänger. Hättest Du gesehen, wie die Dächer sich füllten mit Frauen und Mädchen, wie Alles schimmerte von dunklen Augen und bunten Gewändern, rund um den Platz her, wo das Sängerfest begangen wurde vor dem Hause Zuléikha's . Ein großer Teppich war ausgebreitet, darauf zu beiden Seiten ein Spieler der Saß und Tschengjir saß, zwischen welchen immer der Sänger, an dem die Reihe war, Platz nahm, um sein Lied zu singen zum Klange der Saiten. Der schönste Knabe von Gjändsha war aufgestellt, um den silbernen Teller zu halten und ihn den Sängern zu reichen, wie sie der Reihe nach sich setzten und aufstanden.« »Wozu brauchte er den Teller, o Mirza? « »Was für Fragen Du thust! Wozu braucht der Sänger einen Teller, als um den Ausdruck seiner Gefühle zu verbergen? Oder kann er sein Antlitz zeigen vor dem Auge der Schönheit, wenn er singt, wie die Schmerzen der Liebe ihm das Herz zernagen und die Wangen bleichen? . . . Zwanzig Sänger standen im Kreise umher, und einer nach dem andern trat auf vor mir, denn ich mußte der Letzte sein, weil ich der Jüngste war. Und wenn Du mich fragst, was sie gesungen, ich könnt' es Dir nicht mehr erzählen. Ich weiß blos, daß Alles, was sie von sich sprühten aus Auge und Mund, nur matte Funken 71 waren im Vergleich mit dem Feuer meines Liedes und meiner Augen. Mir selber schwoll das Herz vor Entzücken beim Klange meiner Worte. Vernimm was ich sang: Nicht mit Engeln im blauen Himmelszelt, Nicht mit Rosen auf duftigem Blumenfeld, Selbst mit der ewigen Sonne Licht Vergleich' ich Zuléikha, mein Mädchen, nicht! Denn der Engel Busen ist liebeleer, Unter Rosen drohen die Dornen her, Und die Sonne verhüllt des Nachts ihr Licht: Sie alle gleichen Zuléikha nicht! Nichts finden, so weit das Weltall reicht, Die Blicke, was meiner Zuléikha gleicht – Schön, dornlos, voll ewigem Liebesschein, Kann sie mit sich selbst nur verglichen sein! Das Lied war zu Ende gesungen, und – zu meinen Füßen lag eine schwellende Rose! Ich war der Sieger des Festes! . . . In der Freude meines Herzens dacht' ich an Nichts als an Zuléikha und mich. Ich lief nach Hause, um die Anstalten zur Abreise zu treffen, und vergaß darüber ganz, das Saitenspiel der besiegten Sänger zu zerschlagen – ich war ja so glücklich!« Hier machte Mirza-Schaffy eine lange Pause, ließ sich eine frische Pfeife bringen und sah starr vor sich hin, sichtbar überwältigt von den unaufhaltsam sich ihm aufdrängenden Erinnerungen. So saß er wohl eine halbe Stunde trüb und schweigsam, den Dampf des Tschibuqs in langen, vollen Zügen 72 einschlürfend und ihn dann minutenlang wieder aus dem Munde hauchend, so daß sein ganzer Kopf von einer Rauchwolke umschwebt war, aus welcher die hohe phrygische Mütze hervorragte wie die Spitze eines Kirchthurms. Endlich stand er auf, brummte einige unverständliche Verse vor sich hin und machte Anstalt zu gehen. Ich hatte große Mühe, ihn zurückzuhalten, um ihn weiter erzählen zu hören, aber nur durch Bitten und Fragen aller Art konnte ich ihm bruchstückweise das Ende der Geschichte entlocken. Ich setze seine eigenen Worte her, soweit ich mich derselben entsinne. »Um Mitternacht sollte die Abreise vor sich gehen. Die zur Flucht nöthigen Sachen befanden sich schon in der Obhut des Armeniers. Zuléikha theilte mit Fatima ihr Schlafgemach, welches durch ein zum Baden bestimmtes Zwischen-Zimmer von den Gemächern der übrigen Frauen getrennt war. Fatima hatte es über sich genommen, mich zur bestimmten Stunde heimlich in das Gemach der Geliebten zu führen. Welch wundersame Furcht überkam mich, wie schlug mir das Herz, wie zitterten alle Glieder an mir, als ich mich rüstete zu dem verhängnißvollen Gange! » Mirza-Schaffy ,« sprach ich zu mir selbst, »wie konntest Du solch' kühnes Beginnen wagen? Wie konntest Du sündigen Schrittes die schneidende Brücke El-Sirat betreten, die Dich einführen soll in's Paradies? Was ist alle Weisheit der Erde gegen die Schönheit Zuléikha's! « So und noch mehr sprach ich für mich hin, bis ich an den Ort kam, wohin mich Fatima bestellt hatte. »Auf, beeile Dich, Mirza ,« sprach sie, »und folge mir; schon sitzt meine Herrin bräutlich angethan im Schlafgemache.« 73 Ich folgte der behenden Fatima schlotternden Schrittes. Unbemerkt gelangten wir in die Muschel der Perle der Schönheit: in Zuléikha's Gemach. Da saß sie, züchtig verschleiert und die jungen Glieder mit einer blendend weißen Tschadra umhüllt, anmuthig wie eine Peri aus dem Dshinnistan . Das Wort stockte mir auf der Zunge, als ich anbetend stand vor der holdseligen Jungfrau. »Jetzt ist's nicht Zeit zu staunen,« sprach die sinnige Fatima , »wir müssen eilen zu entkommen, um nicht überrascht zu werden von den Dienern des Hauses. Nimm die Hand der Gebieterin und bitte sie, Dir zu folgen, wohin Allah Deine Schritte lenkt.« »Ich that, wie mir geheißen, aber mit einem lauten Schrei fuhr Zuléikha zurück, als ich ihre Hand erfaßte. Und wiederum fiel die kluge Fatima vermittelnd ein: »Wer zweifelt am Glanz der Sonne? Wer zweifelt am Duft der Rosen? Wer zweifelt an Deiner Jungfräulichkeit? Darum laß den Kampf der Liebe jetzt, süße Herrin, und folge ohne Wehklagen dem, den Dir Allah gesendet!« – Hier muß ich, bevor ich Mirza-Schaffy fortfahren lasse in seiner Erzählung, zum richtigen Verständniß des Obigen ein paar erläuternde Worte einschalten. Unter den Moslem des Kaukasus ist es Sitte, daß die Braut, selbst wenn die Verbindung von den Eltern ausgeht, vom Bräutigam gewaltsam entführt wird. Je mehr sie sich dabei sträubt, ringt, schreit und wehklagt, für desto jungfräulicher und 74 züchtiger gilt sie. Gewöhnlich finden sogar – nicht immer ungefährliche – Scheingefechte zwischen den Verwandten der Braut und den Freunden des Bräutigams bei der Entführung Statt. Nach dieser nöthigen Abschweifung lassen wir Mirza-Schaffy die Geschichte seiner Flucht vollenden. »Erst nach langem Flehen gelang es der klugen Fatima , meine Zuléikha zu beruhigen. Zitternd und zagend folgte sie mir, als ich sie auf dieselbe heimliche Weise, wie ich gekommen war, hinausführte in's Freie. Dort vertraute ich sie der Leitung Fatima's an und folgte in einiger Entfernung. Glücklich erreichten wir den Ort zunächst dem engen Fußpfad im Gebirge, wo ich meine erste Zusammenkunft mit Fatima gehabt hatte. Der Schmerz, den der Abschied von der Schwelle des Vaterhauses erzeugt, machte bald in der Brust der Geliebten andern Gefühlen Platz. . . . Wir waren sicher, wir waren selig! Und nie hat mir die Sonne im Leben so hell geschienen, als der erst spät aufgehende Mond in jener Nacht!« * * * Mit Tagesanbruch schlossen wir uns der vorüberziehenden Karawane an, nachdem uns auf dem Hinwege Fatima durch ein Geständniß ganz eigener Art überrascht hatte. Sie warf sich ihrer Herrin zu Füßen und gestand, daß sie Akim liebe! den Armenier, unsern Beschützer. Obgleich Zuléikha Anfangs in heftigen Zorn gerieth, daß eine Tochter Ali's einem Ungläubigen ihre Neigung zugewendet, so beruhigte sie sich doch bald, denn die Liebe verzeiht der Liebe gern, und dann war uns das Verhältniß Akim's mit Fatima auch ein Unterpfand für unsere eigene Sicherheit. Unsere Gefahr 75 war nun seine Gefahr, darum mußte er Sorge tragen, uns zu schützen. Die beiden Frauen hatten sich so verhüllt in ihre Tschadras, daß sie Niemand erkennen konnte. Auch ich hatte mich in Gesicht und Kleidung unkenntlich gemacht und galt als ein Teppichhändler von Baku. So zogen wir langsam die Straße entlang nach Kuraktschaïskaja zu. Für den ersten Tag hatte Akim die Vorsichtsmaßregel getroffen, getrennt von der Karawane mit den beiden Frauen auf einem waldversteckten Seitenpfade zu ziehen; Zuléikha ritt auf einem Esel voran, und der Armenier mit Fatima folgten zu Fuß. Ohne diese Vorsichtsmaßregel wären wir gleich Anfangs verloren gewesen, denn schon nach wenigen Stunden kam ein Reitertrupp hinter uns hergesprengt, als dessen Anführer ich den tollkühnen Achmed-Chan erkannte. Zum Glück hatte er mich niemals in Gjändsha beachtet, und deshalb durfte ich in meiner Verkleidung um so weniger fürchten, sein Mißtrauen rege zu machen. Er musterte die Karawane mit scharfspähendem Auge, da aber nirgends eine Weibergestalt zu entdecken war, so sprengte er nach kurzem Aufenthalt unter gräßlichen Flüchen mit seinem Gefolge weiter. . . . Drückend ist die Armuth, – aber unerträglich wird sie, wenn wir an einem gefundenen und wieder verlorenen Schatze ihre ganze Tiefe ermessen lernen. Was nützt es, durch die Gärten des Paradieses zu wandeln, wenn es blos ein Durchgang zur Hölle ist!« »Du sprichst weise, o Mirza ,« unterbrach ich ihn, »aber was sollen die Sprüche der Weisheit in der Erzählung der Liebe? Singt nicht Hafis : Der Verstand muß schweigen, wo die Liebe spricht!« 76 Doch meine Worte klangen ohne Erwiederung in seine Ohren, und durch nichts konnte ich den sonst so redseligen Mirza zum Schluß der Erzählung bewegen. »Laß mich,« sprach er, »was helfen alle Worte! Wen das Unglück treffen soll, auf dessen Haupt kommt es.« »Mich hat der Schmerz der Liebe gebeugt,             Frag' nicht für wen? Mir ward das Gift der Trennung gereicht,             Frag' nicht durch wen?« So sang er in klagendem Tone, und ohne mir eine gute Nacht zu wünschen, verließ er das Zimmer. Ich aber darf mich, da ich einmal Euere Neugier rege gemacht habe, nicht so davonschleichen, wie mein ehrwürdiger Lehrer, sondern muß Euch den Schluß der Geschichte erzählen, so viel mir aus spätern Mittheilungen darüber bekannt geworden ist. Mit wenigen Worten ist das Ganze vollendet. Am dritten Tage überfiel die Reisenden ein entsetzliches Gewitter, gefolgt von starken, langanhaltenden Regengüssen. Zum Glück oder Unglück befand sich ein Dorf in der Nähe, und während die Lastthiere der Obhut der Kameeltreiber überlassen blieben, suchten Mirza-Schaffy und Akim Schutz für ihre Geliebten in einer Tatarenhütte. Als die beiden eselberittenen Frauen in Begleitung ihrer Männer in's Dorf einzogen, fand in einem nah am Wege liegenden Hause folgendes Zwiegespräch Statt. »Schau Selim , ist das nicht Akim , der Kaufmann von Baku? W'Allah! – Bei Gott – er ist es! Seit wann hat der angefangen, mit Weibern zu handeln, statt mit Teppichen? Schau, wie er da ein paar schlank gebaute Houris neben sich hertraben läßt.« 77 »Man sollte darauf schwören, es wäre Akim ,« erwiederte der Gefragte, »aber er war doch nicht bei der Karawane, als wir vorbeiritten, und auch von den beiden Frauen war nichts zu sehen.« »Du redest wie ein Kaswiner . Kann er der Karawane nicht auf Nebenwegen vorausgeritten oder gefolgt sein? Was sagt der Volksmund: Zwei Russen auf einen Perser, zwei Perser auf einen Armenier, so bleibt sich der Handel gleich. Allah hat mir Licht in den Kopf geblitzt, daß meine Augen sehen; ich errathe den ganzen Hergang. Jetzt laß uns eilen und zu Achmed-Chan gehen, und sein Zorn wird sich in Freude verwandeln.« Die Redenden waren zwei Nuker Achmed-Chan's , der auf der Heimkehr der bis dahin erfolglosen Entdeckungsreise begriffen, ebenfalls mit seinem Gefolge Schutz vor dem Regen gesucht hatte. Eine halbe Stunde später waren Zuléikha und Fatima schon in der Gewalt ihrer Verfolger. Ich übergehe die traurigen Scenen, welche sich an diesen Vorgang knüpfen. Nur Eines muß ich erwähnen, so weh es mir auch thut, es nicht verschweigen zu können. Die beiden Frauen wurden mit aller möglichen Zartheit behandelt, sie trugen ihr Weh blos im Herzen, während Mirza-Schaffy , der Weise von Gjändsha, der Sänger der Liebe, des Weines und der Rosen, außer dem nimmerheilenden Wehe im Herzen, auf Befehl des 78 rohen Achmed-Chan noch ein anderes schimpfliches Wehe zu ertragen hatte. Auf denselben Fußsohlen, die ihn emporgetragen in die Kammer Zuléikha's , zum Gipfel des Glücks, erhielt er – die Bastonade. . . . 79   Sechstes Kapitel. Die Schule der Weisheit. Seit Mirza-Schaffy mir das Geheimniß seiner Liebe erschlossen, lag sein Herz vor mir offen da, wie die Gärten von Tiflis. Er hatte fortan kein Geheimniß mehr vor seinem Jünger, und alles Angenommene, Uebertünchte seines Wesens streifte er ab im Umgange mit mir. So gewiß ist es, daß eine einzige Stunde vertraulicher Mittheilung zwei fremde Menschen einander näher bringt, als ganze Jahre gewöhnlichen Beisammenlebens. Ich ersparte dem Mirza jede demüthigende Erinnerung an das tiefschmerzliche Ende seiner Geschichte, und er wußte mir Dank für meine Zurückhaltung. Wohl schien er anfänglich in Zweifel zu sein, ob die Schattenseite der Erzählung, seiner Würde mir gegenüber nicht geschadet habe; aber bald überzeugte er sich, daß er durch den Gesammteindruck seiner Geschichte eher in meiner Achtung gewonnen als verloren hatte. Die Sonne seines Lebens war untergegangen und nichts war ihm geblieben, als der Mondschein der Erinnerung. Sein ganzes Schicksal sprach sich in der Schlußstrophe eines seiner wehmüthigen Liedes aus: 80 Und steigen auch in der Jahre Lauf, Wenn der Tag des Lebens vollbracht ist, Erinnerungen gleich Sternen auf: Sie zeigen nur, daß es Nacht ist! . . . Ich wußte, daß es ihm wohl that, mir in traulichen Stunden von der Verlornen zu erzählen, besonders in den unheimlichen Winterabenden, wenn es draußen stürmte und tobte und der Wind so schaurig vom Gebirge herheulte, als ob die ganze Menschheit ihren Schmerz auspreßte in einem einzigen, langathmigen Klagelaut. So suchte ich dann häufig das Gespräch auf Zuléikha zu lenken; hatte ihr Name doch auch für mich eine höhere Bedeutung gewonnen, denn die ihr geweihten Gesänge waren die Rosen im Liederkranze Mirza-Schaffy's . Daß sie des Weisen von Gjändsha erste Liebe war, habe ich schon durch die Ueberschrift seiner Erzählung angedeutet. Auch war er, so viel man wußte, nie wieder mit einer Frau in ein näheres Verhältniß getreten, ohne übrigens einen Augenblick zu bezweifeln, daß alle weiblichen Wesen bei seinem bloßen Anblicke in ihn verliebt sein müßten. War doch Zuléikha , nach seinem Dafürhalten, der verkörperte Inbegriff aller weiblichen Schönheit, der jungfräuliche Mittelpunkt aller Anmuth und Hoheit auf Erden; und da ihn Diese geliebt, wie konnten die Anderen ihn hassen! Nach dieser bescheidenen Voraussetzung regelte er bisher sein Verhältniß zum weiblichen Geschlechte. Alle Tugenden, alle Zauber des Weibes kamen auf Rechnung Zuléikha's – alle Schattenseiten hingegen auf Rechnung der übrigen Frauen der Welt. Lieben konnte er nicht mehr, gleichgiltig sein konnte er auch nicht – so entschloß er 81 sich denn, alle andern Frauen büßen zu lassen für den Schmerz, den er durch den Verlust der Einen erlitten. In seinen eleganten Gewohnheiten wurde nichts geändert; sein Kopf war immer so weiß wie frisch gefallener Schnee, sein Bart duftend und gekräuselt wie der Bart Salomo's, den er häufig citirte, und seine Nägel und Fingerspitzen waren so blau gefärbt, wie der Himmel Georgiens. Seine pyramidenförmige Mütze war – so glaubte er wenigstens – ein wahres Fangnetz für verliebte Herzen geworden. Wo immer er auf dem Balkon oder der Terrasse eines Hauses ein weibliches Wesen erblickte, benutzte er jedes Mal die Gelegenheit, einen Theil seines weißen Kopfes zu zeigen und sieggewisse Blicke nach oben zu senden. Dann schob er die Mütze wieder keck zurecht und ging rachegesättigt weiter, in der stolzen Ueberzeugung, eine neue Eroberung gemacht zu haben. Es kam ihm nicht darauf an, Nutzen aus solchen Eroberungen zu ziehen; er wollte nur Opfer machen, und zwar so viel wie möglich. Was kümmerte er sich darum, ob die Jungfrauen errötheten beim Anblicke seines Kopfes, oder ob die Herzen versengten vom Feuer seines Auges! * * * Im Laufe des Winters wurde Mirza-Schaffy um einen Jünger reicher. Zwei Reisende, K. und R. waren von Deutschland angekommen, der Erste, um naturhistorische, der Zweite, um linguistische und antiquarische Studien zu machen. Gleiche Neigungen und Reisezwecke befreundeten mich bald mit R., der schon bedeutende Kenntnisse in den orientalischen Sprachen hatte. Wir studirten und durchwanderten Stadt und Umgegend gemeinschaftlich in den Morgenstunden, und Abends 82 theilte er meine dreimal wöchentlich stattfindenden Lektionen oder »die Stunden der Weisheit,« wie Mirza-Schaffy seinen Unterricht nannte. Hin und wieder kamen auch noch einige andere, der tatarischen und persischen Sprache mehr oder minder kundige Freunde zum Besuch, während der Stunden der Weisheit. Dann wurde unter Mirza-Schaffy's Leitung ein förmlicher Divan gebildet. Der Weise von Gjändsha nahm zuerst das Wort, und sang und erklärte uns ein Lied, welches, wenn es sein eigenes Erzeugniß war, auch immer mit seiner eigenen Verherrlichung begann oder endete. Z. B.:           Sing' ich ein Lied, hüpft freudereich Das Herz der jungen Mädchen; Denn Perlen sind die Worte gleich, Gereiht auf seid'nen Fädchen!   Und Düfte steigen auf daraus, Von Houris' Hauch getränkte – Gleichwie aus jenem Blumenstrauß Den mir Zuléikha schenkte.   Erstaunt nicht, daß des Sängers Mund So Herrliches vollbringe, Und daß die Weisheit hier den Bund Mit Jugendtollheit schlinge!   Wißt Ihr, wer mir die Weisheit gab? Sie kam vom rechten Orte, Ich las sie ihren Augen ab Und hüllte sie in Worte! 83   Was Wunder, wenn so anmuthvoll Euch meine Lieder tönen, Ist doch, was meinem Mund entquoll, Ein Abglanz nur der Schönen!   Sie ist dem Becher Dshemschid gleich, Ein Quell der Offenbarung, Der mir erschließt ein Zauberreich Der Weisheit und Erfahrung.   Und sagt: erklingt nicht mein Gesang Von wunderbaren Tönen? Und ist nicht meines Liedes Gang Leicht wie der Gang der Schönen? Seine Lieder waren immer mit arabischen Wörtern gespickt, und kam uns, was häufig geschah, ein unverständlicher Ausdruck vor, so überließ er es unserem eigenen Scharfsinn, die Bedeutung zu errathen. »Ein feines Wort!« pflegte er dann ausweichend zu sagen; zu einer Erklärung aber ließ er sich nur selten herab. War das Lied zu Ende gesungen, so mußte Jeder von uns, der Reihe nach, einen Spruch der Weisheit sagen, oder, wenn es an Gedanken fehlte, eine Geschichte erzählen. Daß dabei in Bezug auf Originalität des Gedankens und Ausdrucks nicht mit übergroßer Gewissenhaftigkeit verfahren wurde, darf ich Euch im Vertrauen schon gestehen. Originell waren gemeiniglich nur die Fehler, welche wir machten. 84 Mirza-Schaffy sagte bei jedem Spruche, ob er weise oder unweise sei. Entfuhr uns hin und wieder ein guter Gedankenblitz, so verfehlte er nicht, ihn in Reime zu bringen, was immer in wenigen Minuten geschehen war. So bemerkte einst ein Verliebter in unserem Kreise: es sei doch sonderbar, wie das Menschenherz so lange in Nacht gehüllt bleibe und unbewußt die köstlichsten Schätze verberge, bis ein weibliches Auge als Fackel hineinleuchte, das Dunkel verscheuchend und das Verborgene an's Licht ziehend. Alsobald hub Mirza-Schaffy zu singen an:   »Mein Herz schmückt sich mit Dir, wie sich Der Himmel mit der Sonne schmückt – Du giebst ihm Glanz, und ohne Dich Bleibt es in dunkle Nacht entrückt.   Gleichwie die Welt all' ihre Pracht Verhüllt, wenn Dunkel sie umfließt, Und nur, wenn ihr die Sonne lacht, Zeigt, was sie Schönes in sich schließt!« »Aber Mirza-Schaffy ,« sprach der Verliebte, »was Du singst ist Dein Lied! Ich habe keinen Theil daran als die Freude es zu hören.« »Nein,« erwiederte der Weise von Gjändsha, der Tonkunstmächtige: »Du bist der Erzeuger des Liedes,     Ich thue ihm bloß das Gewand an – Du lieferst den Marmor, den reinen,     Ich lege die bildende Hand an – 85 Du giebst den Geist, den Gedanken,     Bei mir kommt's bloß auf Verstand an – Selbst der mangelt oft, und mit Tollheit     Füll' ich das Maß bis zum Rand an!« Der Verliebte, ein aus Persien heimkehrender junger Tourist, dessen Herz sich verloren hatte auf den dunklen Lockenpfaden einer schlanken Georgierin, war ganz entzückt über die Versgewandtheit des Weisen von Gjändsha. » Mirza-Schaffy! « rief er, »was sind alle Sänger des Abendlandes gegen Dich! Was ist eine Nachtlampe gegen die Sonne, was ein Staubkorn gegen die Wüste!« »Von ihnen gilt,« entgegnete der Weise, einverstanden mit dem Kopfe nickend, »von ihnen gilt was ich einstmals auf einer Reise durch Persien von den Vezieren des Schach gesungen.« – Und was sangst Du, o Mirza? – »Zum Divan der Veziere mußt' ich kommen,     So war des Schah's Befehl – »Mirza! jetzt sag', ob dem, was Du vernommen,     Dein Urtheil ohne Hehl!« Ich sprach: ich will Dir sagen, was ich fühle,     Ich mach' es Dir kein Hehl – Ich höre das Geklapper einer Mühle,     Doch sehe ich kein Mehl! Ich war begierig zu erfahren, wie weit es der hart urtheilende Weise in der Kenntniß des Abendlandes gebracht hatte, und durch Fragen aller Art suchte ich ihm sein Wissen darüber zu entlocken. Ich gebe hier kurz das Resultat meiner Forschungen: 86 Um in's Abendland zu gelangen, muß man über das schwarze Gewässer segeln, oder das Land der Moskow durchpilgern. Ob die Kinder des Abendlandes in Zelten oder Felshütten hausen, ferner, ob sie auf Kameelen, Elephanten, Pferden oder Eseln reiten, wußte der Mirza nicht genau zu bestimmen. Ganz genau aber wußte er, daß sie in drei große Stämme zerfallen: in den Stamm der Nemsche , Deutsche, – den Stamm der Inglis , Engländer – und den Stamm der Farsch , Franzosen. Auf meine Frage, wodurch sich diese drei Stämme von einander unterscheiden, erhielt ich die Auskunft, daß die Nemsche aus lauter Mullahs und Dilbilirs – Sprachenkundigen – bestehen, während die Inglis vortreffliches Tuch bereiten – der Mirza zeigte dabei auf seinen blauen Kaftan – und die besten Rasirmesser der Welt verfertigen. Von den Farsch wußte er nur, daß sie viel lachen und schwatzen und besonders gut riechen. Die abendländische Völkerkunde des Weisen von Gjändsha war rein empirisch. Alle Deutschen seiner Bekanntschaft hatten bei ihm die heiligen Sprachen studirt; von den Franzosen war ihm kein anderes Specimen zu Augen gekommen, als ein Hofmeister und ein paar Perückenmacher, die ganz seiner Schilderung entsprachen; die Engländer hingegen kannte er nur aus ihren, über ganz Asien berühmten Fabrikaten, und er pries die Gnade Allah's, der auch solche Käuze geschaffen, damit es den Weisen des Morgenlandes nicht an feinen Gewändern fehle, ihre Glieder zu umhüllen, und nicht an scharfen Rasirmessern, ihre Köpfe zu säubern. Von den englischen Rasirmessern besonders sprach der Mirza mit rührender Anerkennung; denn er selbst hatte einmal in schöneren Jahren ein Paar besessen, und die waren 87 ihm durch die Vermittelung eines Kosaken – Schmutz auf sein Haupt! – abhanden gekommen. Während der Weise von Gjändsha uns die Geschichte seiner Rasirmesser erzählte, schlich der verliebte Tourist, der Lockengefangene, der mit mir unter Einem Dache wohnte, in sein Zimmer, um dem Mirza eine Ueberraschung zu machen. Er kam zurück, ein Paar funkelneue, schön eingefaßte Rasirmesser in der Hand. Er hielt sie dem Weisen vor die Augen und fragte: »Wie gefallen Dir diese?« » Tschok! – sehr – W'Allah! « – bei Gott. – »So nimm sie, mir zum Gedächtniß. Und möge Dein Verstand immer scharf bleiben, wie die Schneide, und Dein Haupt immer glänzen, wie die Klingen dieser Messer!« Mirza-Schaffy nahm das Geschenk mit einer Gemüthsruhe, welche errathen ließ, daß er in Freude wie in Leid immer das richtige Maß einzuhalten wisse. Der Weise steckte die Messer zu sich, und machte Anstalt zu gehen; zum Abschied warf er noch einen Blick des Wohlgefallens auf eine vor mir liegende englische Scheere. »Die Scheere gefällt mir auch!« bemerkte er. »Das freut mich,« erwiederte ich und wünschte ihm gute Nacht. » Achschamminis chéir olssun! Möge Dein Abend schön sein!« 88   Siebentes Kapitel. Die Zungengeschichte und die Pest. ( Ein Zwischenspiel .) Am folgenden Morgen saß ich mit einem befreundeten Arzte, demselben, der mich von meinen Wunden geheilt, gemüthlich in meinem Zimmer auf dem Sopha, den duftigen Tabak von Mingrelien rauchend und von Deutschland und heimathlichen Erinnerungen plaudernd. Dr. X. war, obgleich als Oberstabsarzt in russischen Diensten stehend, ein ehrlicher Deutscher, den das Schicksal vor fünfzehn Jahren aus der Heimat vertrieben hatte, in Folge einer freisinnigen Schrift, die heute vielleicht selbst in Wien gedruckt werden dürfte, ohne dem Verfasser große Verlegenheiten zu bereiten. Unser Gespräch wurde unterbrochen durch ein Klopfen vor der Thüre. Ich öffnete und herein schlich ein schmächtiger, elastisch angelegter Tatarenjüngling. Nachdem er den üblichen Landesgruß, mit der rechten Hand flüchtig Brust und Stirn zu berühren – was sagen soll: hier ist mein Herz, hier mein Verstand, beides leg' ich Dir zu Füßen! – wohl dreimal wiederholt hatte, verbeugte er sich fast bis zur Erde vor mir, und dann fragte er, mich schüchtern anblickend, ob ich der Alim von Fränkjistan, der 89 junge Weise vom Abendlande sei? Er habe mir eine Botschaft zu bringen von Mirza-Schaffy , dem Weisen von Gjändsha. »Möge Deinen Schritten Glück folgen,« erwiederte ich, »was ist des Weisen von Gjändsha Begehren?« Er sah sich spähend im Zimmer um und dann zog er geheimnißvoll einen an mich adressirten Brief aus der Tasche. Ich eröffnete das seltsam gefaltete Schreiben und las, wie hier in wortgetreuer Uebersetzung folgt: »Licht des Abendlandes! Säule der Weisheit!« »Dein Freund, der liebende, lockengefangene, mir ein Paar englische Rasirmesser geschenkt habend, weil sie mir wohlgefielen: den Blick des Verlangens werfe ich auf Deine Scheere, weil sie englisch ist und mir wohlgefällt. Blumen vor Deine Füße! Mirza-Schaffy .«     Ich übergab dem Burschen die Scheere, mit einem Gruße an Mirza-Schaffy , und dem Wunsche, daß Lilien aufsprießen möchten aus den Barthaaren und Mandelbäume aus den Nägeln, die er damit abschnitte. Der Bursche verschwand, wie er gekommen war, biegsam wie eine aufgerichtete Schlange. »Das ist noch ein Ueberbleibsel einer Landessitte der alten Zeit,« sagte der Doktor, »wo die bloße Aeußerung: das gefällt mir! immer gleich den Besitz des Gefallen erregenden Gegenstandes nach sich zog. Du wirst hier zu Lande,« fuhr er fort, »noch oft Augen und Ohren aufsperren müssen, über das, was um Dich vorgeht, unter den Russen sowohl, wie unter den Eingebornen. Bist Du schon einmal in dem großen Militärhospitale von Tiflis gewesen?« 90 »Nein.« »Nun so komm mit mir, ich habe ohnehin jetzt einige Krankenbesuche zu machen.« Gern folgte ich der Einladung meines ärztlichen Freundes. Unterwegs erklärte er mir vorbereitend, welch' eine eigenthümliche Behandlung die russischen Soldaten erforderten; wie schwer es sei, sie über den Sitz und die Ursache ihrer Krankheiten auszufragen und wie es fast ganz dem Scharfsinn des Arztes überlassen bleibe, dem Uebel auf den Grund zu kommen. »Ist einem solchen Kerl etwas im obern Theile des Körpers zugestoßen, gleichviel ob im Magen, im Rücken oder im Kopfe, so antwortet der Soldat regelmäßig auf die Frage, was ihm fehle: »Das Herz thut mir weh.« – sserze bolit. – Sitzt das Uebel im untern Körper, so lautet die Antwort: »Der Fuß thut mir weh.« – nog bolit. Nach wenigen Minuten erreichten wir das ganz im europäischen Style erbaute und eingerichtete Hospital. Als wir in den ersten Saal traten, erhoben sich alle Kranken, welche aufrecht stehen konnten und stellten sich vor die Betten hin, so prall und ernstdumm, wie auf der Parade, wenn irgend eine »hohe Person« zugegen ist. »Wie geht Dir's Alter?« fragte der Doktor den Ersten. »Das Herz thut mir weh!« lautete die schüchterne Antwort. »Zeige mir Deine Zunge!« Der Soldat that, wie ihm geheißen und brachte ein Stück Zungenfleisch zum Vorschein, das unmenschlich lang und breit aussah. »Was fehlt Dir?« erging die Frage an den Zweiten. »Das Herz thut mir weh!« »Streck die Zunge heraus!« 91 Die Zunge verfehlte nicht zu erscheinen. Dem Dritten that der Fuß weh, d. h. er hatte eine Wunde in der Lende; aber das half nichts, er mußte ebenfalls mit der Zunge herausrücken. Als wir solchergestalt etwa ein Dutzend Zungen besichtigt hatten, klopfte mir plötzlich der Doktor auf die Schulter und rief: »Jetzt schau Dich um!« Da standen die armen Bursche der Reihe nach mit offenem Maule und ausgestreckter Zunge, als ob sie dem jüngsten Tage entgegenleckten. »Die Zunge zurück!« erscholl jetzt der Kommandoruf des Doktors, und die Zungen verschwanden. »Aber wie kannst Du Dich so über die armen Leute lustig machen!« bemerkte ich meinem Begleiter. »Du mußt die Regel nicht nach der Ausnahme beurtheilen,« entgegnete er, »ich wollte Dir bloß durch ein Beispiel veranschaulichen, wie weit der »gute Geist des Heeres,« die Disciplin der Soldaten geht. Den Kranken hat der Scherz nichts geschadet. In diesem Saale sind lauter Rekonvaleszenten, welche ohnehin in wenigen Tagen entlassen werden, und durch das Zungenausstrecken in Gegenwart des Oberarztes glauben sie sicherlich ihre Heilung um ein Bedeutendes gefördert zu haben.« * * * Als wir das Hospital verließen, begegnete uns Oberst Y. ein alter Bekannter aus den Ostseeprovinzen. Mein ärztlicher Freund empfahl sich, um noch einige Besuche zu machen. »Ein prächtiger Kerl, – sagte der Oberst, dem Doktor nachsehend – ein prächtiger Kerl, aber zu ehrlich für unsere 92 Verhältnisse! Der wird es nie zu was Rechtem bringen in Rußland. Ueberhaupt ist die goldene Zeit der Aerzte am Kaukasus vorüber, seit es mit dem Pestmachen nicht mehr geht.« – Pestmachen? – Was wollen Sie damit sagen?–– »Sie leben schon seit Monaten am Kaukasus, und wissen nicht was Pestmachen ist?« fragte der Oberst, zweifelhaft lächelnd. Der Ausdruck war mir allerdings bekannt, aber ich wollte mich gern etwas genauer darüber unterrichten, und verneinte deshalb die Frage. »Pestmachen – fuhr der Oberst fort – ist eine Spekulation wie jede andere. Irgend ein im Innern des Landes wohnender Arzt sprengt bei dem ersten besten gefährlichen Krankheitsfall aus, es sei die Pest im Dorfe. Nun kennen aber die Einwohner aus Erfahrung sehr wohl alle Uebel, welche die Pest in ihrem Gefolge hat; da wird abgesperrt, versengt, verbrannt, geräuchert und der Himmel weiß was noch alles. Um sich diesen unvermeidlichen Uebeln nicht aussetzen zu müssen, quälen die armen Leute den Arzt, doch die Pest bald wieder zu vertreiben, und versprechen ihm dafür Geld und Geschenke so viel sie auftreiben können. Findet er die Bedingungen annehmbar, so verschwindet die Pest wie sie gekommen; im entgegengesetzten Fall wird offizielle Anzeige davon gemacht, alle Vorsichtsmaßregeln werden in Ausführung gebracht, bis der Bericht einläuft, es sei keine Gefahr mehr vorhanden. Der Arzt erhält dann für die Geschicklichkeit, mit welcher er dem Uebel abgeholfen, einen Orden, Rangerhöhung oder eine Belohnung anderer Art. In jedem Fall läuft die Spekulation zu seinem Vortheil aus. Ich habe mehrere Pestärzte gekannt, die auf diese Weise ihr Glück gemacht haben, und dabei zu Rang und Orden 93 gekommen sind. Doch die Zeiten sind jetzt vorüber; auch waren die Deutschen in der Regel zu ehrlich und zu plump für diese Künste, wie überhaupt für alle Posten, wo man ein Auge zu und eine Hand auf thun muß, um sein Schäflein zu scheeren. Machen Sie einen Polen oder Russen zum Oberarzt eines Hospitals, er wird Alles in der schönsten Ordnung halten, und in wenigen Jahren ein reicher Mann sein: nehmen Sie einen Deutschen zu solcher Stelle, Alles wird in Unordnung gerathen, und er wird noch obendrein Schulden machen.« Das versteh' ich nicht recht. »Und ist doch nichts leichter zu verstehen. Die ganze Kunst besteht darin, sich gut zu stellen mit dem Verwalter des Hospitals, d. h. man muß leben und leben lassen. Das kann aber ein Deutscher bei seinen wunderlichen Begriffen von Ehrlichkeit nicht. Z. B. der Verwalter kommt und sagt: Herr Doktor, es sind Hemden nöthig für die Kranken. – »Wie viele?« – Zweihundert Stück. – Das Geld wird ausbezahlt und die Hemden werden gemacht. Nach vierzehn Tagen erscheint der Verwalter wieder und sagt: Herr Doktor es sind Hemden nöthig für die Kranken. – »Wie viele?« – Zweihundert Stück. – »Wie ist das möglich? Wir haben ja erst vor vierzehn Tagen zweihundert neue Hemden gekauft.« – Die sind alle wieder verdorben. Ist's Ihnen gefällig selbst nachzusehen? – Der Arzt ist gewissenhaft, sieht selbst nach und findet richtig zweihundert verdorbene Hemden. So geht es fort von Monat zu Monat. Der Verwalter wird reich dabei, der Arzt merkt den Betrug wohl, kann jedoch nichts dagegen machen, hat auch nicht immer Zeit und Lust in die ekelhaften Details einzugehen. Ist er hingegen klug genug, sich mit dem Verwalter zu verständigen, so geht Alles im besten 94 Einklang, der Gewinn wird redlich getheilt, die Hemden sind immer ganz, die Kleidung der Kranken reinlich und ordentlich; kurz alle Unannehmlichkeiten sind beseitigt. So läßt sich, trotz des geringen Gehaltes, Alles bei uns vortheilhaft einrichten, man muß sich nur ein bischen in die Verhältnisse zu schicken wissen. In Moskau auf dem Polizeibüreau kannte ich einen Herrn, der bei achthundert Rubel jährlicher Einnahme zwanzigtausend Rubel jährlicher Ausgaben hatte, und der Segen Gottes ruhte sichtbarlich auf ihm, denn er hatte niemals Schulden und wurde rund und dick dabei.« Aber erfährt die Regierung so etwas nicht? »Die Regierung weiß das sehr gut, aber es liegt in ihrem Vortheil, die Sache scheinbar zu ignoriren. Denken Sie nur welche ungeheure Summen dem Staate jährlich auf diese Weise erspart werden.« 95   Achtes Kapitel. Die Schule der Weisheit. ( Fortsetzung .) Mirza-Schaffy! – hub ich an, als wir wieder versammelt saßen im Divan der Weisheit – was wirst Du sagen, wenn ich Dir erzähle, daß die Weisen des Abendlandes Euch für eben so dumm halten, als Ihr sie!« »Was kann ich thun, als staunen ob ihrer Thorheit! – entgegnete er – Was kann ich Neues lernen aus ihrem Urtheil, wenn sie mein eigenes wiederholen?« Er ließ sich einen frischen Tschibuq bringen, dampfte eine Weile nachdenkend vor sich hin, bat uns, das Kalemdan (das Schreibzeug) zu bereiten, und dann begann er zu singen: Soll ich lachen, soll ich klagen, Daß die Menschen meist so dumm sind, Stets nur Fremdes wiedersagen Und in Selbstgedachtem stumm sind! Nein, den Schöpfer will ich preisen, Daß die Welt so voll von Thoren! Denn sonst ginge ja der Weisen Klugheit unbemerkt verloren! 96 » Mirza-Schaffy! – unterbrach ich ihn wieder – wäre es nicht ein kluges Beginnen, Deine Sprüche der Weisheit in das Gewand des Abendlandes zu kleiden, auf daß sie uns werden ein Spiegel für die Thoren, eine Richtschnur für die Irrenden, und eine Quelle hohen Genusses für unsere Weiber und Jungfrauen, deren Anmuth groß ist wie ihr Hang zur Weisheit!« »Die Frauen sind überall klug, – entgegnete mein ehrwürdiger Lehrer – und ihre Macht ist größer als die Thoren wähnen. Ihre Augen sind der Ursitz aller wahren Andacht und Weisheit, und wer aus ihnen schöpft, der braucht nicht auf den Tod zu warten, um einzugehen in die Freuden des Paradieses. Der kleinste Weiberfinger stößt das größte Gebäude des Glaubens um, und das jüngste Mädchen macht die ältesten Satzungen der Kirche zu Schanden!« »Aber Du hast mir noch nicht Antwort gegeben auf meine Frage, o Mirza! « »Du sprachest weise. Die Saat meiner Worte hat Keime gewonnen in Deinem Geiste. Schreib', ich werde singen!« Und nun sang er mir eine Menge wundersamer Lieder vor, von welchen ich einen Theil hier in deutschem Gewande folgen lasse. Das Glaubensbekenntniß des Mirza-Schaffy.         Mein Lehrer ist Hafis , mein Bethaus ist die Schenke, Ich liebe gute Menschen und stärkende Getränke, Drum bin ich wohlgelitten in den Kreisen Der Zecher, und sie nennen mich den Weisen. Komm' ich – da kommt der Weise! sagen sie; Geh' ich – schon geht der Weise! klagen sie; 97 Fehl' ich – wo steckt der Weise? fragen sie; Bleib' ich – in lust'ger Weise schlagen sie Laut Glas an Glas. Drum bitt' ich Gott den Herrn, Daß er stets Herz und Fuß die rechten Pfade lenke, Weitab von der Moschee und allen Bonzen fern Mein Herz zur Liebe führe und meinen Fuß zur Schenke; Daß ich dem Wahn der Menschen und ihrer Dummheit ferne Das Räthsel meines Daseins im Becher Weins ergründe, Am Wuchse der Geliebten das All umfassen lerne, An ihrer Augen Glut zur Andacht mich entzünde. O, wonniges Empfinden! o, Andacht ohne Namen! Wenn Kolchis Feuerwein mir Mark und Blut durchdrungen, Ich die Geliebte halte und sie hält mich umschlungen, Beseligt und beseligend – so möcht' ich sterben! Amen. * * * Mirza-Schaffy giebt sein Urtheil über den Schach von Persien.         Ein Schriftgelehrter kam zu mir und sprach: »Mirza-Schaffy, was denkst Du von dem Schach? Ist ihm die Weisheit wirklich angeboren, Und ist sein Blick so groß wie seine Ohren?« – Er ist so weise, wie sie Alle sind, Die Träger des Talars und der Kaputze; Er weiß, wie ehrfurchtsdumm das Volk und blind, Und diese Dummheit macht er sich zu Nutze! – 98 * * * Mirza-Schaffy rühmt die Anmuth Zuléikha's.         Seh' ich Deine zarten Füßchen an, So begreif' ich nicht, Du süßes Mädchen, Wie sie so viel Schönheit tragen können! Seh' ich Deine kleinen Händchen an, So begreif' ich nicht, Du süßes Mädchen, Wie sie solche Wunden schlagen können! Seh' ich Deine ros'gen Lippen an, So begreif' ich nicht, Du süßes Mädchen, Wie sie einen Kuß versagen können! Seh' ich Deine klugen Augen an, So begreif' ich nicht, Du süßes Mädchen, Wie sie nach mehr Liebe fragen können Als ich fühle. – Sieh mich gnädig an! Wärmer als mein Herz, Du süßes Mädchen, Wird kein Menschenherz Dir schlagen können! Hör' dies wonnevolle Liedchen an! Schöner als mein Mund, Du süßes Mädchen, Wird kein Mund Dir Liebe klagen können! * * * Mirza-Schaffy feiert einen Gedächtnißtag.         Jenem Tage zum Gedächtniß Sei ein langer Trunk gemacht, Wo vom Bethaus in die Schenke Ich den Ersten Sprung gemacht! 99 War verdummt in blinder Demuth, War gealtert wie ein Greis – Aber Wein, Gesang und Liebe Hat mich wieder jung gemacht! Trink, Mirza-Schaffy! berausche Dich in Liebe, Sang und Wein! Nur im Rausch sind Deine Lieder So voll Glut und Schwung gemacht. * * * Mirza-Schaffy wird gläubig aus Liebe.         Kind, was thust Du so erschrocken, Was hebt schüchtern sich Dein Fuß? Faß' ich tändelnd Deine Locken, Naht mein Mund sich Dir zum Kuß –     Was ich biete, was ich suche,     Laß Dich's, Mädchen, nicht betrüben:     Denn so steht's im Schicksalsbuche     Mir urzeitlich vorgeschrieben! Ja, voll hohem Glauben bin ich, Glaub' an Allah und Koran! Glaube, daß ich Dich herzinnig Lieben muß und lieben kann!     Andern ward ihr Loos zum Fluche –     Mir zum Segen und zum Lieben:     Denn so steht's im Schicksalsbuche     Mir urzeitlich vorgeschrieben! 100 Beut die Liebe Dir Bedrängniß? Scheuche lächelnd Angst und Pein! Denn erfüllt muß das Verhängniß Meines stolzen Herzens sein!     Ob ich sinne, ob ich suche,     Keine Andre kann ich lieben:     Denn so steht's im Schicksalsbuche     Mir urzeitlich vorgeschrieben. Hoffst Du einst dort auf Belohnung Nach vollbrachter Erdenbahn, Nimm Dich selbst auch hier voll Schonung Meines armen Herzens an!     Keines Andern Minne suche!     Füge, zwing Dich, mich zu lieben:     Denn so steht's im Schicksalsbuche     Dir urzeitlich vorgeschrieben! Nimm dies duft'ge Lied und lies es, Lausche seinem Zauberton – Es verheißt des Paradieses Seligkeit auf Erden schon!     Andres Glück dort oben suche,     Doch hienieden laß uns lieben:     Denn so steht's im Schicksalsbuche     Uns urzeitlich vorgeschrieben! Wie vom Hauch des Morgenwindes Sich der Kelch der Rose regt, Sei das Herz des lieben Kindes Von des Liedes Hauch bewegt! 101     Sie gewähre, was ich suche,     Was mich toll zu ihr getrieben:     Denn so steht's im Schicksalsbuche     Ihr urzeitlich vorgeschrieben! * * * Mirza-Schaffy rühmt sein eigenes Glück.         Ich Glücklichster der Glücklichen! Derweil Die Welt sich um sich selbst in Dummheit dreht, Und Jeglicher auf seine Art dem Heil, Das offenbar liegt, aus dem Wege geht; Derweil der Mönch den eig'nen Leib kasteit, Und wähnt, daß ihn der Himmel einst entschädigt Für die auf Erden wundgerieb'nen Knie – Derweil der Pfaff vom Jenseits prophezeit, In frommer Wuth den Leuten Dinge predigt, Von denen er so wenig weiß wie sie: Knie' ich zu meines Mädchens Füßen nieder, Und schreibe meine wonnevollen Lieder Aus ihren Augen ab. Es perlt der Wein Zuneben mir im funkelnden Pokale; Ich schlürfe ihn in vollen Zügen ein, Und denk': es ist in diesem Erdenthale Bei Lieb' und Wein ein paradiesisch Sein! * * * » Mirza-Schaffy! – sagte ich, als der Weise einen Augenblick innehielt, um ein Glas Wein zu trinken und einen frischen Tschibuq anzurauchen, – die Herzen der Jungfrauen werden hochaufschlagen durch die süße Gewalt Deiner Lieder, aber die Weisen unseres Volks werden sprechen in ihrer 102 Eifersucht: es fehle Dir an Mannigfaltigkeit der Anschauungen und Gedanken. Hast Du nicht auch Lieder über andere Dinge geschrieben, als über Wein, Liebe und Rosen?« Ohne mich gleich einer Antwort zu würdigen, oder auch nur aufzublicken, blies der Mirza eine Weile dicke Dampfwolken vor sich hin, schlürfte ruhig noch ein paar Gläser Wein herunter, und dann hub er folgendes Lied an zu singen:         Euch mißfällt mein Dichten, weil ich     Immer nur das Eine singe? Nur von Rosen, Lenz und Liebe,     Nachtigall und Weine singe? Was ist schöner: daß der Sänger     Irrlicht, Nacht und Lampe preist – Oder daß er von der Einen     Sonne ew'gem Scheine singe? Und wie eine Sonne gieß' ich     Meine Liederstrahlen aus, Weil ich immer nur das Schöne,     Niemals das Gemeine singe. Mögen andere Lieder rühmen     Kampf, Moschee und Fürstenglanz – Nur von Rosen, Wein und Liebe     Sollen immer meine singen! O, Mirza-Schaffy! wie lieblich     Duftet's aus den Versen her! Denn so schön wie Deine Lieder     Kann ein Andrer keine singen! 103   Neuntes Kapitel. Die Schule der Weisheit. ( Fortsetzung .) Unter den vielen Schriftgelehrten des Landes, deren Bekanntschaft ich machte während der Zeit, daß Mirza-Schaffy mich in der Weisheit unterrichtete, war der Hervorragendste durch Rang und Wissen: Abbas-Kuli-Chan , ein Sprößling des alten Herrscherhauses von Baku. Er unterschied sich wesentlich von den Ulémas seines Stammes durch eine größere Kenntniß der Sitten, Gebräuche und Zustände des Abendlandes, sowie durch eine gewisse Hinneigung zum Russenthume. Er hatte sich durch längern Aufenthalt in Petersburg und Moskau die russische Sprache vollkommen angeeignet, war bei Hofe wohlgelitten und bekleidete sogar Obersten-Rang in der russischen Armee. Bei den Ulémas stand er in großem Ansehen durch seine tiefe Kenntniß morgenländischer Sprachen, seine kunstvollen Gedichte und eine lange, mit viel Sachkenntniß, aber ohne Kritik geschriebene Geschichte der Völker des Daghestan , 104 während das gemeine Volk ihn aus »angestammter Treue« für das hohe Herrscherhaus von Baku verehrte. Abbas-Kuli-Chan war eine jener begabten Zwitternaturen, welche, ohne Vertrauen einzuflößen, doch überall zu imponiren wissen, weil sie als erste Klugheitsregel den Satz festhalten: es mit Niemandem zu verderben. So geschah es denn, daß selbst Mirza-Schaffy , bestochen durch die großen Lobeserhebungen, welche der Chan von Baku ihm machte, als er uns einmal im Divan der Weisheit überraschte, ihn für einen großen Weisen erklärte. Das in überschwenglicher Fülle gegenseitig gespendete Lob versetzte Beide in sehr heitere Laune. Der Eine wies dem Andern aus dem Koran, aus Saadi , Hafis und Fisuli nach, daß er der wandelnde Inbegriff aller Weisheit auf Erden sei. Es fand zwischen Beiden ein förmlicher Wettgesang von fremden und eigenen Liedern Statt, denn jede Schmeichelei wurde mit einem gesungenen Citat belegt. Leider floß aber die Unterhaltung zu schnell, als daß ich etwas Zusammenhängendes daraus hätte nachschreiben können. Um jedoch die lange Sitzung nicht ganz ohne Gewinn für mich vorübergehen zu lassen, ersuchte ich den Chan, mir eines seiner kunstvollen Lieder aufzuschreiben zur Erinnerung. Er nickte mir zu mit dem Blick der Gewährung und versprach mir, das schönste Lied zu schreiben, das je eines Menschen Mund gesungen: ein Lied zum Preise seiner Fatima beim Saitenspiel. Während Mirza-Schaffy den Blick des Zweifels erhob beim Anhören des Selbstlobes, welches der Chan sich spendete, nahm dieser den Kalem (die Rohrfeder) und schrieb, was folgt: 105 Fatima beim Saitenspiel.         Deine Finger rühren die Saiten Und die Saiten mein Herz; Dich gerührt zu begleiten Erdenab, himmelwärts.     Auf dringt es,     Dich umschwingt es, Sich um Dein Herz zu ranken –     Dich preist es,     Dich umkreist es In lusttrunkenem Schwanken,     Du Gedanke meines Geistes! Geist meiner Gedanken! Wirr, geblendet da steh' ich     Vor Dir, Deinem Glanze – Und es ist mir, als seh' ich Das Weltall, das ganze, Als ob's uns umtanze     In trunkener Weise,     Rund um uns im Kreise; Ich taumle um Dich her, Und das Weltall um mich her –     So Erde und Himmel     In buntem Gewimmel     Durch den Klang Deiner Kehle         Umtaumeln uns beide –     Du Freude meiner Seele,     Du Seele meiner Freude! 106 Mirza-Schaffy pries laut die Schönheit des Liedes und sagte, es müsse dem Dichter eine Pauke erhabenen Ruhmes dafür geschlagen werden. Abbas-Kuli-Chan aber stand auf, um sich zu entfernen, mit dem Versprechen, mich am folgenden Tage wieder zu besuchen und mir eine von ihm verfaßte persische Grammatik mitzubringen. Der gelehrte Chan war nur auf wenige Wochen nach Tiflis gekommen, um eine russische Uebersetzung seiner in persischer Sprache geschriebenen Geschichte des Daghestan zu veranstalten. Das Werk ist vor drei Jahren (1846) gedruckt erschienen und liefert ein reiches, aber ungesichtetes Material zur Kenntniß der Länder am Kaspischen Meere. * * * Kaum hatte Abbas-Kuli-Chan das Zimmer verlassen, als Mirza-Schaffy nach der auf dem Tische stehenden Flasche griff und hastig einen Becher Wein herunterstürzte. »Warum trankest Du nicht in Gegenwart des Chanes, o  Mirza? « fragte ich. – Weil er zu den Frommen gehört und keinen Wein trinkt; wenigstens nicht vor den Leuten. – »Wie kann Dich's vom Trinken abhalten, daß er zu den Frommen gehört?« – Er ist älter und mächtiger als ich; durch mein Trinken hätte ich ihn beleidigt, und ich mußte ihn ehren, da er Dein Gast war. Wie sprach Saal zum Helden Rustam , seinem Sohne? »Schätze keinen Feind, er sei, wer er wolle, zu geringe oder ohnmächtig; man hat wohl eher gesehen, daß ein Strom, der aus einer kleinen Quelle entsprungen, sich 107 weiter ergossen und ein mit Lasten beladenes Kameel davon geführt.« Saadi: Gjülistan.  – »Hattest Du weiter keinen Grund der Enthaltsamkeit, o  Mirza? « – Wozu die Frage? – sagte er, sich wieder einschenkend – komm' und trink' mit mir!         Der beste Grund ist Der goldne Grund des Bechers!         Der beste Mund ist Der kluge Mund des Zechers! – »Du redest weise, – entgegnete ich – und ich werde mit Dir trinken und singen, wie immer; aber noch eine Frage mußt Du mir zuvor beantworten. Du rühmst täglich in Deinen Liedern die Tugenden des Weines, und ich glaube daran (es ist mein Schicksal!); aber wie geht es zu, daß die Georgier und die Russen, welche hier zu Lande mehr Wein trinken, als die Kameele Wasser, doch nicht weiser werden davon?« – Die Russen sind nicht so ganz dumm, sonst würd' es ihnen nicht gelungen sein, alle anderen Völker zu peinigen mit den Fäusten der Gewalt; und die Georgier . . . doch schreib', ich werde Dir singen! –         Aus dem Feuerquell des Weines,       Aus dem Zaubergrund des Bechers,             Sprudelt Gift und – süße Labung, Sprudelt Schönes und – Gemeines:       Nach dem eig'nen Werth des Zechers,             Nach des Trinkenden Begabung! 108 In Gemeinheit tief versunken       Liegt der Thor vom Rausch bemeistert; Wenn er trinkt – wird er betrunken,       Trinken wir – sind wir begeistert!       Sprühen hohe Witzesfunken,       Reden wie mit Engelzungen,       Und von Glut sind wir durchdrungen,       Und von Schönheit sind wir trunken! Denn es gleicht der Wein dem Regen,       Der im Schmutze selbst zu Schmutz wird Doch auf gutem Acker Segen       Bringt und Jedermann zu Nutz' wird! Hat nicht schon Saadi gesungen: »Der Regen, ob er sich auch in seiner Natur niemals ändert, wird im Garten Anemonen und allerhand schöne Blumen, in salzigen und unfruchtbaren Orten aber nur Disteln hervorbringen!« 109   Zehntes Kapitel. Wanderungen, Fernsichten und Wunder. Meine Wohnung lag am Fuße des heiligen Davidsberges, der auf einem steilen Vorsprunge in der Mitte seiner Höhe eine uralte Kirche trägt, deren Schutzheiliger dem Berge seinen Namen gegeben. Seit Alters ist die Kirche des heiligen David berühmt durch ihre wunderthätigen Kräfte. Welcher Frau oder Jungfrau es gelingt, bei dreimaligem Umwandeln der Kirche jedesmal einen Stein an die äußere Mauer zu kleben, solchergestalt, daß der Stein hängen bleibt, ohne befestigt zu sein durch Kitt oder Mörtel: der wird jeglicher Wunsch erfüllt, den sie auf dem Herzen trägt, wenn ihre Gedanken nicht befleckt sind durch sündliches Begehren. So aber eine Jungfrau ist, die für einen Mann glüht in reiner Minne, oder eine Frau, so da trachtet nach Leibesfrucht, deren Gebete werden erhört, wenn der heilige David nicht besondere Ursache hat, sie den Ohren des Allmächtigen vorzuenthalten. So erzählt die Legende von vielen Jungfrauen, die geglaubt an die wunderthätigen Kräfte der Kirche und wirklich 110 einen Mann gefunden haben, und von Frauen, die gesegnet wurden mit Leibesfrucht. Besonders am Donnerstage, dem Geburts- oder Sterbetage des großen Heiligen, äußert sich sein wunderbares Walten am wunderbarsten. Denn an diesem Tage finden sich im Umkreise des Tempels eine Menge Steine, die alle kleben bleiben an den äußern Mauern, ohne befestigt zu werden durch Kitt oder Mörtel. Damit aber diese Steine nicht in ungeweihte Hände fallen, werden sie sorgfältig aufgesammelt von den Dienern der Kirche und den Gläubigen verabreicht gegen ein Entgeld, welches klein erscheint im Verhältniß zu dem großen Segen des heiligen David. Darum wallfahrten alldonnerstäglich die Frauen und Jungfrauen von Tiflis im festlichen Gewande zum heiligen Davidsberg; und wer die schlanken Töchter Georgia's , die Blüthe der Schönheit, hier in solcher Fülle versammelt sieht, und nicht an Wunder glaubt auf Erden, dem wäre besser, daß eine alte Negerin gehängt werde an seinen Hals, und er hinunterrolle in das Thal Didubeh, wo es am tiefsten ist! Selbst Mirza-Schaffy , der unchristliche Weise von Gjändsha, pries die Wunderkraft des heiligen David, der noch im Tode so viele anmuthige Weiber in Bewegung setzt zu lebendigstem Streben! »Wo in aller Welt – rief der Mirza oft begeistert aus, wenn wir, die Pfeife der Betrachtung rauchend, auf dem Balkon oder dem Dache des Hauses saßen und die frommen Pilgerinnen an uns vorüberziehen sahen mit dem Blick des Wohlgefallens – wo in aller Welt erspäht das Auge solche Fülle der lieblichsten Waden? und wo wandelt die Schönheit nackten Fußes wie hier?« 111 Es ist nämlich ein alter, frommer Brauch, – welcher besonders von den Inhaberinnen schöner Füße mit großer Gewissenhaftigkeit aufrecht erhalten wird – daß die Beterinnen vor Beginn der Wallfahrt Schuhe und Strümpfe abthun, und barfuß hinaufklimmen zur Kirche des heiligen David. Gar lieblich kontrastiren die kleinen Füßchen – gleichviel ob nackt oder strumpfbekleidet – mit den weiten, faltenreichen, roth- oder blauseidenen Pantalons, welche unter einem elegant geformten, am Busen rund ausgeschnittenen Sarafan , von meist schwerem Stoffe, hervorquillen. Den Kopf ziert ein kronenähnlicher Schmuck, von welchem nach hinten ein weißer Schleier über das lange, flechtengeschlungene Haar herabflattert. Die meisten Georgierinnen aus dem Volke tragen noch die Tschadra, einen schneeweißen, den ganzen Körper verhüllenden Ueberwurf, welchen die Schönen aber so geschickt zu halten wissen, daß sich die ganze Gestalt darin abzeichnet. Während der Wallfahrtszeit schlingt sich der Weg, welcher zur Kapelle führt, wirklich wie ein Gürtel der Schönheit um den Leib des Berges. Und wenn das Auge, noch trunken vom Anblick des üppigen Gliederbaues der schlanken Töchter von Tiflis, herabschweift in das wellenförmige Thal, so eröffnet sich wieder eine Aussicht, die den lieblichsten auf Erden vergleichbar. Uns zu Füßen liegt die Stadt mit ihren Palästen, Kuppeln, Thürmen und halb unterirdischen Sakli's (Erdhütten), durchschlungen von schattenreichen Gärten, wo alle bei uns heimischen Obstarten, sowie der Pfirsich, die Feige, die Granate, der Lotus, die Maulbeere, Rebe, Quitte und Mispel in üppiger Fülle gedeihen. In weiter Ferne verliert sich der die Stadt durchströmende Kyros (Kur) auf seinem Schlangenlaufe 112 hinter grün bekleidetem Hügelland, und hoch über uns wölbt sich der tiefblaue Himmel Georgiens. . . . Wir steigen hinab vom Davidsberge, betrachten aufmerksam die zu seinen Füßen terrassenförmig übereinander gebauten Sakli's , kleine, unansehnliche, aus rohen Steinen aufgeworfene Häuser ohne Fenster und jegliche äußere noch innere Verzierung, und verwundert fragen wir: sind dieses die Muscheln, worin Georgia seine Perlen der Schönheit birgt? Das Licht fällt in diese Sakli's von oben durch eine Oeffnung des platten Daches, welche zugleich als Schornstein dient, und bei schlechtem Wetter, wenn die Oeffnung geschlossen werden muß, herrscht im Innern nächtliche Dämmerung. Nachdem wir mühsam einige Sakli's überstiegen, angebellt von ungethümen Hunden, und unter steter Gefahr, bei einem Fehltritte, irgend einer georgischen Familie uneingeladen von oben in's Haus zu fallen, gelangen wir in eine, nichts weniger als reinliche Gasse, die uns wiederum auf einen freien Platz führt, wo das Gymnasium von Tiflis vor uns aufsteigt und uns daran erinnert, daß unter den Troglodyten des Landes auch Europäer hausen. Wir gehen an dem Gymnasium, einem kolossalen, ganz in europäischem Geschmack errichteten Gebäude, wo die Söhne des Gebirges zu treuen Unterthanen des russischen Chaliphen herangebildet werden, vorüber, und uns zur Rechten liegt der sich nach hinten terrassenförmig abstufende, prachtvolle Palast der Statthalter vom Kaukasus, mit seinem herrlichen, von asiatischer Ueppigkeit strotzenden, aber von europäischer Hand geregelten Garten. Dieser Palast wurde erbaut auf den Trümmern der alten, von Rostom gegründeten Burg der georgischen Könige. 113 Wir gehen ein paar Schritte weiter und gelangen auf den Eriwan'schen Platz, den eigentlichen Mittelpunkt der vornehmen Welt von Tiflis. Hier reichen sich Europa und Asien die Hand. Gegenüber den großen, ganz modernen Kronsgebäuden der Russen ziehen sich die wohnlichen, plattabgedachten, gallerieumwundenen Häuser der Armenier hin, welche gleichsam den Uebergang zu den rohen, halb unterirdischen Sakli's der Georgier, Perser und Tataren bilden. Neben der Tschadraverhüllten Georgierin wandelt die russische Beamtenfrau; neben dem wilden Kurden vom Ararat reitet der donische Kosak; zur Seite der moskowitischen Grauröcke drängen sich die zerlumpten Muschat (Lastträger) aus Imerethi , Ossethi und Lesghistan . Wir überschreiten den Markt und winden uns durch die langen, krummen Straßen, wo die Schwertfeger, die Gewehrmacher, die Schmiede, die Schneider – kurz, die Vertreter aller Gewerbe ihre Thätigkeit in offenen Werkstätten entfalten. Hier kauft man um ein Billiges die berühmten kaukasischen Dolche (Kinshal's), Degen (Schaschka's), Pulverhörner, Gürtel, Tuche, Tscherkesken und Schabracken. Diese immer belebten Straßen führen uns zu dem armenischen Bazar , und von dort über den geräuschvollsten Markt von Tiflis zu dem hohen, umfangreichen Karawanserai , welches mit seinen vielen Zellen, Magazinen, Gallerien und Gewölben eine kleine Stadt für sich bildet, und zu den prachtvollsten Gebäuden dieser Art im Orient gehört. Hier liegen die kostbarsten Erzeugnisse des Morgenlandes: Shawls, Seidenstoffe, Teppiche u. s. w. aufgehäuft, und es herrscht in diesen weiten Räumen vom Morgen bis zum Abend ein Menschengewühl, ein Sprachengewirr, eine Mannichfaltigkeit der 114 Physiognomien und Trachten, wie man selbst zur Meßzeit in den lebhaftesten Städten Deutschlands nichts Aehnliches steht. Unter den Männern finden wir eine Menge hochgewachsene, kräftige, schöne Gestalten; während die georgischen und armenischen Frauen, denen wir im Bazar und dem Karawanserai begegnen, ihrer Mehrzahl nach einen häßlichen Gegensatz bilden zu den schönen Pilgerinnen, welche wir auf der Wallfahrt zum heiligen Davidsberge kennen gelernt haben. Denn auf den Märkten und Bazars lassen sich meistens nur alte Frauen sehen (in Tiflis gilt eine Frau schon für alt, wenn sie das dreißigste Lebensjahr überschritten), und so sehr die Georgierinnen in ihrer Jugend anmuthig erscheinen und hohen Preises werth, so abschreckend ist ihre Häßlichkeit im Alter. Und diese schnelle Umwandlung wird hier nicht ausgeglichen durch jene aus höherer Bildung entspringenden Eigenschaften, welche bei uns auch häßliche und alte Frauen oft so liebenswürdig und angenehm im Umgange machen. Ueberhaupt gehört eine solche Häßlichkeit, wie man sie gewöhnlich bei den älteren Georgierinnen findet, bei uns zu den seltensten Ausnahmen. . . . Wir verlassen das große Karawanserai, wenden, behutsam einer Karawane waarenbepackter Kameele ausweichend, unsere Schritte der Brücke zu, welche die beiden, durch den Kyros getrennten Stadthälften verbindet, und indem wir auf » den Sand « gelangen (so heißt ein Viertel der Neustadt Awlabar), befinden wir uns mitten unter einer – deutschen Bevölkerung! Hier wohnen die eingewanderten Schwaben, hier ist die deutsche Kolonie von Tiflis, durch den Kyros getrennt von der übrigen Stadt. 115 Aus dem Gewühl des armenischen Bazars und des persischen Karawanserai, aus den Speichern der Schätze des Orients, belebt von Menschen mit feinen, sonnverbrannten Gesichtern und langen, faltenreichen Gewändern, und umlagert von lasttragenden Kameelen und Dromedaren, – sind wir urplötzlich in eine neue Welt versetzt und sehen vor uns ein rechtschaffen Stück Schwabenleben, mit allem Zubehör von Sprache, Behausung, Stummelpfeife und bloßen Hemdsärmeln. Bei diesen breitschultrigen, faustkräftigen Argonauten des Neckars, die durch den Hellespont geschwommen, durch den Bosporus und das Schwarze Meer, die am Phasis gelandet und die Wälder von Kolchis durchzogen, um hier an den fruchtreichen Ufern des Kyros zu leben in Weingärten und Gottesfurcht, lassen wir uns nieder auf ein Stündchen, zu kurzer Erholung nach der langen Wanderung des Tages. Hier zur Rechten in dem kleinen, wunderlich aufgestülpten Hause, dessen Dach eine etwas stärkere Hinneigung zur Erde verräth, als der Baumeister ursprünglich beabsichtigte, wohnt der ehrliche Salzmann , der Sandwirth von Tiflis . Tretet ein, aber bückt Euch ein wenig, um den Kopf nicht an der niedrigen Thüröffnung zu zerschlagen. Rechts ist das Billardzimmer; dort wird gespielt und gelärmt von russischen Offizieren; aber hier zur Linken ist ein kleines, ruhiges, blauangestrichenes Gemach, das Herr Salzmann allezeit für seine deutschen Landsleute bereitet hält, und das allen russischen und asiatischen Fußtritten unzugänglich bleibt. Dorthin wenden wir uns. Ein kleiner, steifer Bursche, der allem Andern eher ähnlich sieht, als einem » garçon d'hôtel «, tritt uns entgegen. 116 »Grüß Gott, alter Bursche! Was macht Herr Salzmann? « – Ischt nich zu Hause! – »So ruf' die Frau Salzmann her, und bring' uns Wein, Kachetiner Abendröthe! « Das war der Name, den wir dem blutrothen Weine von Kachetos in feierlicher Taufe gegeben, weil uns bei seinem Anblick immer ein heiliger Schauer überkam, wie beim Anblick der untergehenden Sonne . . . Frau Salzmann , die kindergesegnete Gattin des Sandwirthes, erscheint, wischt sich nach wirthschaftlichem Brauch erst in der weißen Schürze die küchenbeschäftigte Hand ab, und reicht sie uns darauf zu freundlichem Willkommen. Frau Salzmann besitzt unter andern trefflichen Eigenschaften auch die: den besten deutschen Eierkuchen in Tiflis zu backen. Sie hat dadurch nicht blos in der Nachbarschaft, sondern bei allen deutschen Kaukasus-Reisenden eine gewisse Berühmtheit erlangt. In jedem Reisewerk wird ihrer Erwähnung gethan. Sie weiß das und hält darauf, daß die Eierkuchen immer hübsch locker gerathen, damit ihr guter Leumund nicht zu Schanden werde vor den Augen der Welt. In dem blauen Zimmer steht ein blaugedeckter Tisch; dort halten wir unsere Tafelrunde. Dem billigen Kachetiner folgt der theure Champagner; denn es gehört einmal zur europäischen Sitte in Tiflis, das Mahl durch Champagner zu beschließen, und dieser Sitte muß sich hier Jedermann fügen, der für anständig gelten will, wie bei uns der Sitte des Fracktragens und der weißen und gelben Glacéhandschuhe. Welcher deutsche Reisende, der in Tiflis gewesen, hätte nicht bei Salzmann auf dem Sande an der Tafelrunde gesessen, und sich so begeistert am Kachetiner und Champagner, 117 daß ihm beim Nachhausegehen in der mondhellen Nacht der ganze Himmel vorgekommen wie ein riesiges Tischlaken, und der Mond wie ein leuchtender Eierkuchen, und die Sterne wie funkelnde Gläser! So erging es auch uns an jenem Abend, als wir, nach begeisternder Erholung von unserer Wallfahrt zum Davidsberge, den » Sand « verließen, um in's Innere der Stadt zurückzukehren. Kein Wölkchen trübte den lichtblauen Himmel, aber es lag in der Luft eine Wärme, als ob der fast sonnenhelle Mond Georgiens auch das Feuer der Sonne hätte. Die Straßen waren beinahe ganz menschenleer, der Bazar und alle Werkstätten geschlossen. Nur hin und wieder taumelte ein betrunkener Soldat, schwebte eine tief in die blendendweiße Tschadra verhüllte Georgierin an uns vorüber. Wir ließen die Straße links liegen, welche zu den kuppelbedeckten, heißen Schwefelbädern führt, denen Tiflis sein Entstehen und seinen Namen verdankt, und wandten uns in kürzester Richtung dem Eriwan'schen Platze zu. Hier und da waren die Dächer von luftigen, weiblichen Gestalten belebt, die vom Mondschein umflossen, in ihren malerischen Gewändern einen feenhaften Anblick gewährten. Balalaikatöne erschollen durch die Nacht, abwechselnd mit dem Rundgesange georgischer Schönen. Doch wir durften nicht lange weilen bei den lieblichen Bildern, denn wo immer wir stehen blieben und die Mädchen uns bemerkten, da verschwanden sie schnell vor unsern spähenden Blicken. Aber einmal mußte ich stehen bleiben und lauschen, ich konnte nicht fort, es fesselte meine Füße gewaltsam. Der Klang 118 einer Männerstimme traf mein Ohr, und die Töne schienen mir so vertraut . . . ich erkannte die Stimme – ich erkannte das Lied – ich erkannte Dich, Mirza-Schaffy , o Weiser von Gjändsha! Noch sehe ich die gelben Koschi (Pantoffeln), die rothen Nepkawi (Pantalons), den sammtenen Kaftan und den durchsichtigen Schleier Deiner Schönen, als sie schüchtern auf dem Dache des grauen Häuschens stand und Deinen flehenden Tönen lauschte. Du glaubtest Dich versteckt und unbemerkt im Schatten des Hauses in der einsamen Gasse. Aber nimmer vergesse ich Dein Bild, o Weiser! wie Du die Hände bald an's Herz preßtest, und bald halbmondförmig an die Ohren hieltest, gleichwie zum Gebete vor dem holdseligen Wesen über Dir! Wo blieb Zuléikha , und wo Deine Treue für sie? Es waren der Wunder noch nicht genug für den schönen Abend. Als ich mich auf dem Eriwan'schen Platze trennen wollte von meinen Begleitern, bat mich einer davon, ihn noch auf ein Stündchen in seine neue Wohnung zu begleiten. »Ich habe die Wohnung genommen – sagte er vertraulich – weil gerade gegenüber die Fürstin O . . . ., ein wunderliebliches Wesen wohnt, ein Meisterstückchen der Schöpfung! Schon seit drei Monaten folge ich ihr regelmäßig auf all' ihren Wallfahrten zum heiligen Davidsberge. Die landesungewöhnliche Beständigkeit meiner Neigung scheint ihr Herz gerührt zu haben, denn sie hat vor mir schon einen großen Theil ihrer georgischen Schüchternheit abgestreift. Sie zeigt sich mir unverschleiert auf dem Dache, empfängt Blumensträuße, die ich ihr Abends heimlich zuwerfe, und scheint zwei 119 ihrer Freundinnen in ihr Geheimniß eingeweiht zu haben, denn alle drei sitzen oft Stundenlang oben im traulichen Gespräche, ohne sich durch meine bei offenem Fenster angestellten Betrachtungen verscheuchen zu lassen.« Das Glück folgte unsern Schritten, denn die junge Fürstin saß wirklich noch auf dem Dache mit ihren beiden Freundinnen, als wir eintraten in die Wohnung meines Bekannten. Wir zündeten kein Licht an im Zimmer, um desto besser sehen zu können, ohne gesehen zu werden. Wie ein Heiligenschimmer umfloß das Mondlicht die drei lieblichen Gestalten, wie sie da saßen mit gekreuzten Beinen. Die zwei Fremden waren in die weiße Tschadra gehüllt, unter welchen die faltenreichen Nepkawi feuerroth hervorquollen. Die junge Fürstin aber trug blauseidene Hosen, hell wie der Abendhimmel im Mondschein, und ein dunkler Sarafan umschlang ihre jugendlichen Glieder. Ueber eine Stunde hatten wir gesessen, verloren im Anschauen des schönen Bildes vor uns, als plötzlich alle drei Frauen aufsprangen und schäkernd auf dem Dache umherwandelten. Da – Eine bleibt stehen! sie scheint uns zu bemerken, denn nachdem sie eine Weile spähende Blicke herübergeworfen, wendet sie sich um, wahrscheinlich um ihren Begleiterinnen einen Wink zu geben; aber siehe! fast in demselben Augenblicke ist die junge Fürstin ebenfalls stehen geblieben, nicht um nach uns zu suchen, nein, sie bückt sich, und lüftet . . . und tastet . . . Trotz des kleinen Gegenstandes, um den es sich handelt, bin ich in großer Verlegenheit, wie ich die Zeichnung vollenden soll, ohne einerseits den poetischen Anstand, und 120 andererseits die prosaische Wahrheit zu verletzen. Ich bemerke nur, daß mir beim Nachhausegehen unwillkürlich die Worte Göthe's in den Ohren summten: Es war einmal ein König, Der u. s. w. 121   Eilftes Kapitel. Die Schule der Weisheit. ( Fortsetzung .) Mirza-Schaffy! – sprach ich, als wir wieder versammelt saßen im Divan der Weisheit – was sagt Hafis , wo er von der Untreue der Frauen spricht?« Der Mirza stellte seinen ausgerauchten Tschibuq bei Seite, schlürfte ein Glas Wein herunter und hub an zu singen:         »Wahrlich würd' ich an den Schönen Gar Nichts auszusetzen wissen, Als daß insgemein die Schönen Nichts von Treu' und Liebe wissen.« Wenn der Weise einmal in's Singen kam, so war kein Aufhören; kaum hatte er die oben angeführten Verse beendet, als er gleich wieder ein anderes Lied von Hafis anstimmte:         »Seh' ich Dich an, trag' ich die Spur von Deiner Wangen Wiederschein! Sieh': die Sonne zittert nur von Deiner Wangen Wiederschein!« 122 »Laß das jetzt! – unterbrach ich ihn – ich wünsche, daß Du mich heute über andere Dinge belehrst. Sag' mir, o Mirza! hat Hafis nicht auch von der Untreue der Männer gesungen?« – Deine Frage ist unweise! Wie sollte Hafis auf den Gedanken kommen, von der Untreue der Männer zu singen? Darüber zu klagen, konnt' er den Frauen überlassen; wer wird sich selber ein Feind sein? – Er klatschte in die Hände, ließ sich eine frische Pfeife bringen, warf mir einen forschenden Blick zu, den ich mit großer Seelenruhe erwiederte, und also fuhr er fort in seiner Belehrung: – Wie läßt sich die Untreue des Mannes mit der einer Frau vergleichen? Eine Blume kann man nur Einmal brechen; sie welkt, und ihr Duft ist dahin! Aber der Wind, der die zarte Rose zerknickt, braust an dem starken Baume fast spurlos vorüber. – »Wehen nicht auch Winde durch's Blumenbeet, bei deren Hauch die Rosen nur frischer blühen, statt zu welken?« – Du redest weise, o Jünger! Du näherst Dich meinen Gedanken. Sieh', wie der Epheu, das Sinnbild des Weibes, sich lieblich emporrankt an dem starken Loorbeerbaume, ihm und sich selber zum Schmucke! Nimm der Epheuranke den stützenden Baum, – und sie sinkt zur Erde und wird zertreten von den Füßen der Menschen; wenn sich nicht eine andere Stütze ihr bietet, daran sie sich aufrichtet und weiter grünt. – »Rede ohne Bilder, o Mirza! und laß die Umschweife, damit der Sinn Deiner Worte mir deutlicher werde.« – Was ist eine Rede ohne gute Bilder? Was ist die Tugend ohne gute Werke? – »Du hast Recht; fahre fort in Deiner Belehrung!« 123 – Ich will Dir eine Frage vorlegen, um Dich zu prüfen in der Erkenntniß der Wahrheit. Was ist seltener: Dummheit bei den Frauen oder Weisheit bei den Männern? – »Ich glaube, das Letztere.« Der Mirza nickte bejahend, und nachdem er ein frisches Glas getrunken, fragte er weiter: – Was ist besser: es mit den Klugen zu halten, oder mit den Thoren? – »Ich glaube, das Erstere.« – Unsere Wege führen zusammen. Du wirst nunmehr im Stande sein, den Blick der Aufklärung zu werfen in die Geheimnisse der Untreue, wie bei Männern so bei Frauen! Wenn das Herz ganz voll ist von Einer Liebe, wo bleibt der Platz für eine andere? – »Ich würde Dich bitten, o Mirza , mir ein Beispiel aus Deinem eigenen Leben zu geben, wenn Du nicht eine Ausnahme bildetest von der Regel, in Deiner Weisheit.« Wiederum warf der Weise mir einen forschenden Blick zu, den ich eben so ruhig ertrug wie das Erstemal. – Wohl bin ich eine Ausnahme! – entgegnete er nach kurzer Pause – denn so wie ich , hat nie ein Mann geliebt! Meine Sonne ist untergegangen, aber die Glut, welche sie in mir zurückgelassen, ist immer noch mehr werth, als das Strohfeuer der gewöhnlichen Menschen. Was sagt Hafis: »Kauf' mein zerschlagenes Herz, in tausend Stücke zerbrochen Ist es so viel als tausend der anderen werth!« Die Frauen wissen das und lieben mich. Einst mußte Eine mir Alle ersetzen – jetzt ersetzen Alle mir die Eine nicht! Aber soll ich, weil der Tag entschwunden, mich der Sterne nicht freuen, welche die Nacht meines Lebens durchschimmern? 124 Soll ich die Frauen hassen, weil sie mich lieben? Ist es meine Schuld, daß die Sprache nur Ein Wort hat für Gefühle so verschiedener Art, wie die Frauen verschieden sind, die sie einflößen! Lange war ich ein Thor und lebte ohne allen Verkehr mit den Weibern; aber Zuléikha hat nichts dabei gewonnen und ich habe viel dadurch verloren! – »Jetzt bist Du weiser, o Mirza? « Er nickte bejahend und bedeutete mich, das Kalemdan (Schreibzeug) zu bereiten. Er sang, und ich schrieb:         »Mirza-Schaffy, leichtsinnig Flatterherz! Du wechselst Deine Liebe wie die Lieder.« – Es lieben mich die Frauen allerwärts, Und da, wo ich geliebt bin, lieb' ich wieder! – * * * Ich konnte dem Drange nicht widerstehen, zu erforschen, wie der Weise von Gjändsha mit seiner allzeit fertigen Dialektik die Fragen beantworten würde: »Worüber so manche Häupter gegrübelt, Häupter in Hieroglyphenmützen, Häupter in Turban und schwarzem Barett, Perrückenhäupter und tausend andere Arme schwitzende Menschenhäupter.« ( Heine .) Aber er fertigte mich kürzer ab, als ich erwartet hatte. – Es ist eine Thorheit – sagte er – über solche Dinge die Zeit zu verlieren! Zu groß ist der Sprung vom Nichts 125 zum Etwas. Hier liegt eine Kluft, welche alle Weisheit der Weisen nimmer ausfüllen wird. Solche Grübeleien haben noch keinen Thoren weiser, wohl aber viele Weisen zu Thoren gemacht. Was sagt Saadi: »Wenn auch die Wolken Wasser des Lebens regneten und das Land am fruchtbarsten machten, würdest Du doch keine Frucht von Weidenbäumen sammeln!« Scheint uns die Sonne weniger schön, weil wir ihr Wesen nicht zu ergründen vermögen? Duftet die Rose minder lieblich, weil sie in der schmutzigsten Erde am besten gedeiht? Wahrlich, jenes spielende Kind mit den frischen Wangen ist weiser in seiner Einfalt, als der hohlwangige Hadshi, der augenverdrehende Frömmler. Das Leben ist ein Kampf zwischen Licht und Finsterniß, zwischen Gutem und Schlechtem, zwischen Schönem und Gemeinem; und der Weiseste ist, wer am meisten Schönes herausfindet aus dem Schlamme der Welt. Es ist eine und dieselbe Glut, welche durch unsern Geist, durch die Sonne, durch die Wange der Schönheit, durch das Blatt der Rose leuchtet. Vor dieser Glut bete an! – 126   Zwölftes Kapitel. Ein Ausflug nach Armenien. Nun folgt mir in jene gesegneten Lande, wohin die Sage das Paradies versetzt, und wohin auch ich es versetzte, bis ich erfuhr, daß es in Deinen Augen liegt, Du meine Edlitam! Folgt mir an die blumenreichen, sagengeheiligten Ufer der Senghi und des Araxes, wo ich Ruhe suchte nach langem Irrsal sorgenvollen Wanderlebens in fremdem Land, bis ich erfuhr, daß Ruhe nirgends zu finden als in der eigenen Brust; folgt mir in die Gärten, wo Noah zuerst den Weinstock gepflanzt, zu seiner eigenen Lust und Ergötzlichkeit und zur Freude aller nachwachsenden durstigen Menschengeschlechter; folgt mir durch die steilen, gletscherüberhangenen Gebirgspfade zu den dürren Hochebenen des Ararat, wo der wilde, blutroth gekleidete Kurde auf leichtschenkeligem Rosse einhersprengt, mit blitzendem Auge und sonngebräuntem Gesichte, im breiten Gürtel den scharfen Dolch und die langen Pistolen von Damaskus, und in der kampfgeübten Hand die schwanke, todtschleudernde Lanze von Bagdad – wo der Nomade sein schwarzes Zelt aufschlägt und mit Weib und Kind an dem die Thiere der Wildniß verscheuchenden Feuer kauert – wo Karawanen von 127 Kameelen und Dromedaren ziehen, beladen mit den Stoffen des Morgenlandes und geleitet von wachsamen Führern in weiten, buntfarbigen Gewändern – wo der raublüsterne Tatar in versteckten Felshütten, oder in halb unterirdischen, roh ausgehöhlten Wohnungen haust; folgt mir in die fruchtbaren Thäler, wo die Söhne von Haïghk , wie die Kinder von Israel fern vom Verderben der Städte, noch in urväterlicher Einfalt leben, ihre Aecker pflügen und ihre Heerden weiden, und die Gastfreundschaft in biblischer Reinheit üben; folgt mir zum Ararat, der auf seinem königlichen Greisenhaupte noch die sündfluthgerettete Arche trägt – folgt mir in's Hochland von Armenien! Im Paradiese wollen wir selig sein und unsere Blicke laben an den schönen Töchtern des Landes; und am Grabe Noah's wollen wir niedersitzen, das Trinkhorn in der Hand, ein Lied auf den Lippen und freudige Zuversicht im Herzen; denn der Gott, welcher einst, als die ganze Welt den Strang verdient hatte, die Menschheit zum Wassertode begnadigte, und bloß Noah am Leben ließ, weil dieser den Wein kultivirt und Freude hatte am Lieben und Trinken, wird auch uns, die wir gleiche Gelüste hegen, so gnädig sein wie dem Vater der nachsündfluthlichen Menschen. * * * Die Troika, das russische Dreigespann, welches uns davonführen soll bis zum Gebirge, wo die Wege aufhören fahrbar zu sein, wartet schon vor der Thüre. Hinter dem Wagen halten zwei donische Kosaken als Eskorte, und während Luka , 128 unser dienender Begleiter, beschäftigt ist, das Gepäck in dem unbequemen Fuhrwerk so zurecht zu legen, daß wir ohne zu große Anstrengung darauf sitzen können, haben wir – R. und ich – mit unserm ehrwürdigen Lehrer Mirza-Schaffy eine rührende Abschiedsscene. Im Orient ist es Sitte, daß man dem scheidenden Freunde einen durch den Zufall bestimmten Geleitspruch mit auf den Weg giebt. Man bedient sich zu diesem Zwecke gewöhnlich des Koran , des Saadi oder Hafis . Das Buch wird auf's Gerathewohl aufgeschlagen, und der erste Vers, den das Auge trifft, wird als Geleitspruch erkoren. Der Weise von Gjändsha nahm den Gjülistan von Saadi , eröffnete das Buch und seine Augen fielen auf die Stelle, wo geschrieben steht: »Ein Wort ohne That, ist wie eine Wolke ohne Regen, oder ein Bogen ohne Sehnen.« Nachdem er uns eine doppelte Abschrift des Spruches gegeben hatte, begleitete er uns hinunter zum Wagen. Der Weise war sichtbar bewegt, von seinen Jüngern – wenn auch nur auf ein paar Monate – scheiden zu müssen. Doch suchte er seine Wehmuth durch erkünstelten Scherz zu verhüllen. »Was sagt Togrul Ben Arslan! Gestern entzückte mich die Gegenwart meiner Freunde, und heute verlassen sie mich!« Allah ssisin illah! – Gott mit Euch! – rief er uns scheidend zu; Pascholl! – Vorwärts! – scholl der Kommandoruf Luka's ; der bärtige Kutscher schnalzte mit der Zunge, die klugen Pferde spitzten verständnißflink die Ohren, und mit fabelhafter Schnelligkeit rollte das holprige Fuhrwerk davon, während die lanzenschwingenden Kosaken in kurzem Galopp hinterher ritten. 129 Bald hatten wir hinter uns den weiten Bergkessel, in welchem Tiflis liegt mit seinen Bädern und Gärten, mit seinem Wirrwarr von Häusern und Menschen, Sitten, Trachten und Sprachen. Die Berge, welche diese Stadt umschließen, sind dürr, wie zusammengewehte Sandhaufen, kahl wie das Haupt eines Muselmanns. Einst sollen sie gestrotzt haben von den üppigsten Gestaltungen der Pflanzenwelt; in schattigen Lorbeerhainen standen die Tempel der schönen Anahid , der befruchtenden Göttin – unter anmuthig gewölbten Piniendächern brannte das Feuer auf den Altären des Tleps , des gewaltigen Donnergottes. Aber frevelnde Hände – so geht die Sage – entweihten die heiligen Stätten und erweckten den Zorn der rächenden Götter. Anahid entzog den Höhen ihren belebenden Odem und waltete fortan nur in ihrem Lieblingslande Armenien, wo ihr noch Opfer gebracht und Blumenfeste gefeiert werden bis auf den heutigen Tag – der grimmige Tleps aber brach durch seine Donner die Stämme der Bäume und ließ Feuer springen aus den Eingeweiden der Berge, daß alle Wurzeln verbrannten, alle Pflanzen verdorrten, und vernichtet wurde was blühend war. Dann floh er zu seinen Lieblingssöhnen, den kriegerischen Stämmen der Adighé , die am Ostgestade des Pontus hausen. Seit jener Zeit wächst kein Baum, gedeiht keine Pflanze, blüht keine Blume mehr auf den dürren Bergen von Tiflis. Aber je weiter wir uns von der Kyrosstadt entfernen und dem armenischen Hochlande zueilen, desto reicher und mannigfaltiger in ihren Erzeugnissen begrüßt uns traulich eine bekannte, heimathliche Pflanzenwelt. Wir finden hier fast ganz dieselbe Vegetation, wie in den Gebirgen von Steiermark, so daß ich Euch mit der Beschreibung 130 der Einzelheiten nicht lange aufzuhalten brauche, sondern Euch – nachdem wir das naphtareiche Dorf Soganlug passirt haben, gleich zu der berühmten »rothen Brücke« (bei den Georgiern Gathe-chili-chidi genannt) führen kann, welche die beiden Ufer des Chram, oder der Debeda, miteinander verbindet. Diese uralte Brücke ist eines der großartigsten Denkmäler georgischer Baukunst. Sie hatte ursprünglich vier Bogen, getragen von gigantischen Pfeilern, in deren Höhlungen Zimmer mit Kaminen, Vorplätzen und allen landesüblichen Bequemlichkeiten eingerichtet waren. In den Gemächern des Mittelpfeilers, welche zwei hohe Balkons über den Fluß ausstreckten, befand sich sogar ein Duchan (eine Schenkwirthschaft). Die Balkons sind eingestürzt, die Zimmer unwohnbar geworden, aber die stark aus rothen Backsteinen gebaute Brücke selbst trotzt den Verwüstungen der Zeit. Schon in Muhanly, einige Stunden bevor wir die »rothe Brücke« erreichten, haben wir den unbequemen Wagen zurückgelassen und Tatarenpferde bestiegen, auf welchen wir, trotz der Gebirge, elf deutsche Meilen, oder siebenundsiebenzig Werst in einem Tage zurücklegen. Wenige Werste diesseits Pipis, der nächsten Station hinter Arslanbeglu, machen wir wieder Halt im Becken der Dshogas, wo die Natur einen ihrer bizarrsten Gedanken in Stein ausgeprägt und zu einem merkwürdigen, pyramidenförmigen Felsenthurme gestaltet hat. Aus einer weiten Einfassung zersetzter Porphyrhügel steigt hier in einer Höhe von fünfzehnhundert Fuß der Gewardzin-Dasch empor, über welchen eine Menge gelehrter und ungelehrter Abhandlungen geschrieben sind, und an welchen sich die schauerlichsten Sagen- und Räubergeschichten des Landes knüpfen. 131 Wie wir weiter reiten, erzählt uns unser Führer, ein redseliger Bursche, von einem Mordanfalle, der vor wenigen Wochen (im Frühjahr 1844) hier an dem russischen General Röhrberg und seinem Gefolge verübt wurde. Der General, auf der Rückkehr von einer Inspektionsreise durch Armenien begriffen, gedachte nach einer mühsamen Tagereise in einem tatarischen Dorfe zu übernachten. Er schickte zu diesem Ende einen Diener voraus, um ein erträgliches Quartier ausfindig zu machen, während er selbst mit einem Gefolge von etwa vierzehn Kosaken noch eine benachbarte Ortschaft besuchte. Wie alle dienenden Geister sich gern mit der hohen Stellung ihrer Herren brüsten, so that auch unser quartiersuchende Abgesandte, bei dessen Ankunft im Dorfe sich gleich eine Menge pudelmütziger Tataren versammelt hatten. »Also Dein Herr ist ein großer Mann im Staate?« fragte ein hoher, breitschultriger Tatar mit narbenverunstaltetem Gesichte. »»Nach dem Sardaar – Statthalter – ist er der Erste!«« »Da reist er auch wohl mit einem großen Gefolge?« »»Er hat vierzehn Kosaken bei sich und zwei Diener.«« »Und wann wird er hier eintreffen?« »»In etwa einer Stunde muß er hier sein.«« »Nun, da werden wir schon Zeit haben, ihm ein passendes Quartier zu bereiten.« Der Tatar hatte nach jeder Frage und Antwort bedeutungsvolle Blicke mit den Umstehenden gewechselt, und während er den Diener der Obhut zweier Kerle übergab, angeblich um ihn die zu räumende Wohnung selbst in Augenschein nehmen zu lassen, bereiteten sich die russenfeindlichen Tataren schon zu einem Ausfalle vor. Sie hätten's freilich leichter gehabt, den General mit seinem Gefolge ruhig zu erwarten und den Mordplan im eigenen Dorfe auszuführen, aber das wäre gegen Sitte und Brauch der Moslem gewesen. Wer den Fuß über die Schwelle des Hauses gesetzt, ist heilig und unverletzlich an Leben und Eigenthum; die Gesetze der Gastfreundschaft wird selbst der blutdürstigste Räuber nicht übertreten. So lange der Feind im Schutze des Hauses weilt, wird ihm kein Haar gekrümmt; erst wenn der Hausherr ihn auf Schußweite vom Orte weiß, wird er ihn verfolgen und im offenen Felde angreifen. Zwanzig wohlbewaffnete Tataren, den narbenverunstalteten Kundschafter an der Spitze, ritten auf sichern Pferden dem General und seinem Gefolge entgegen. Unter wildem Geschrei stürzten sie aus einem Hinterhalt auf den Zug los. Der Kampf war kurz aber blutig. Von den Kosaken und Dienern kam keiner lebendig davon. Nur der General blieb wie durch ein Wunder am Leben. Er hatte sich bis auf's Aeußerste vertheidigt, bis er, zu gleicher Zeit von einem Säbelhieb auf den Kopf und von einer Kugel in den Unterleib getroffen, bewußtlos zu Boden sank. Die Tataren waren noch beschäftigt, ihre Opfer zu plündern und bis aufs Hemde auszuziehen, als in der Ferne eine Karawane mit starker Bedeckung sichtbar wurde. Die Räuber begnügten sich mit der im Fluge gemachten Beute, und sprengten vereinzelt auf Umwegen davon. Ich war erstaunt, später aus dem Munde eines andern russischen Generals eine Apologie der mörderischen Raubgesellen zu hören. »Diese Kerle, – sagte er, – erinnern sich wohl noch aus ihrer Jugend, daß man ihre Väter russischerseits wie das liebe Vieh hinschlachten ließ, um die Kinder durch Blut an 133 »gesetzlichen Gehorsam« zu gewöhnen; wie kann man's ihnen da verdenken, daß sie jede Gelegenheit benützen, um Vergeltungsrecht zu üben. Wenn in früherer Zeit hier ein Diebstahl vorkam – der immer von einem Morde begleitet ist, denn es steht geschrieben: »Du sollst keinen Lebendigen berauben!« – so mußten die dem Schauplatz der Unthat zunächst liegenden Dörfer den Schuldigen ausliefern, oder die Einwohner wurden decimirt, d. h. jeder zehnte Mann von ihnen wurde aufgehängt. Bei diesem summarischen Verfahren konnte es natürlich nicht ausbleiben, daß hin und wieder ein paar Dutzend Tataren ganz unschuldig zum Strange kamen; der Sterbende aber wälzt die Blutrache auf die Seele seiner Verwandten und Freunde, und die Blutrache ist den Männern der Gebirge heilig.« Dies zur nöthigen Ergänzung der oben erzählten Geschichte. Wir sind inzwischen bis zu der zwischen Pipis und Istibulach gelegenen schönen Fontaine gekommen, wo die Karawanen, die hier vorüber nach Eriwan ziehen, Halt machen, um ihre Thiere zu tränken. Auch wir gönnen uns hier eine Stunde der Rast, und suchen die Inschrift des weißen, einfach gemeißelten Steines zu entziffern, welcher Namen, Geburtsort und Geschlechtsregister des wohlthätigen Gründers enthält. Irgend ein Sänger des Landes hat folgende Verse darunter geschrieben:         Im Baumesschatten fließt die Fontäne, Des Berges ewige Freudenthräne . . .           Plätschernd hell           Springt der Quell, Unter duftender Blüthe – Aus dem Berge, dem steinigen – 134 Wie ein Strom der Güte Allah's des Einigen . . . Wanderer, den er erquickt, Danke dem, der ihn geschickt! In einiger Entfernung hat ein anderer Reitertrupp Halt gemacht, und ich sehe unsern Luka in eifrigem Gespräch mit dem Herrn des Zuges begriffen. »Da ist der Fürst T . . . von Eriwan, – berichtete uns Luka , als er zurückkehrte, – der auch von Tiflis kommt mit seinem Gefolge. Er wünscht sehr Ihre Bekanntschaft zu machen und bietet Ihnen Gastfreundschaft und Geleit an. Darf ich ihn zu Ihnen führen?« Ich besann mich eine Minute ehe ich Ja sagte, denn ich bemerkte unter dem blauen Talar des Fürsten einen russischen Uniformrock, und ich hatte schon lange genug im Kaukasus gelebt, um ein gegründetes Mißtrauen gegen alle die Georgier und Armenier zu hegen, welche sich unter das schimmernde Joch russischer Epauletten geschmiegt haben. Ich empfahl R. große Vorsicht im Verkehr mit unserm neuen Gastfreunde, und dann sagte ich zu Luka: Es werde uns angenehm sein, des Fürsten Bekanntschaft zu machen. Wir standen auf und gingen ihm ein paar Schritte entgegen. Auf uns zu kam ein hochgewachsener, kräftig gebauter Mann, im Anfange der Vierziger. Er trug die bekannte armenische Pelzmütze; seinem vollen, frischen Gesichte, dessen Regelmäßigkeit nur durch die starke, weingeröthete Nase etwas gestört wurde, stand der dichte, pechschwarze Schnurrbart sehr gut. Dem ebenfalls etwas zur Stärke neigenden Leibe wurde durch die breite, hochgewölbte Brust das Gleichgewicht gehalten. Ehe ich Euch nun mit unserm neuen Reisegefährten bekannt mache, muß ich einleitend bemerken, daß Ihr Euch unter 135 einem armenischen Fürsten gewöhnlichen Gelichters nicht eine so durchlauchtige, reiche, tadellos behandschuhte und gestriegelte Person denken müßt, wie man sich hier zu Lande die Fürsten wohl vorzustellen pflegt. Doch bei der höhern Aristokratie kommt es ja bekanntlich weniger auf Geld und Gut, als auf einen recht weit zurückreichenden Stammbaum an; es handelt sich nicht darum, ob der Mann Etwas ist, sondern ob seine ältesten Vorfahren Etwas gewesen, und in dieser Beziehung konnte es Fürst T . . . mit den durchlauchtigsten Fürstenhäusern Europa's aufnehmen; denn er leitet seinen Stamm vom König Aram ab, der bekanntlich schon zu Abrahams Zeiten lebte, und der, wie die Sage erzählt, auch dem heiligen Berge Ararat seinen Namen gegeben hat. Und nach Allem, was ich über das berühmte Geschlecht der T . . . erfahren, haben die Vorfahren des Fürsten bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts eben so saubere Heldenthaten vollbracht, wie die berühmtesten deutschen Buschklepper des Mittelalters. Ob der Fürst von wirklichem Vollblut war, weiß ich nicht; daß er vollblütig war, weiß ich. Doch Ihr werdet ihn im Verlauf unserer Reise schon näher kennen lernen, und müßt Euch einstweilen mit den obigen Andeutungen begnügen. Nachdem wir den üblichen Friedensgruß: Szalem Aléchem – Aléchem Szalem! gewechselt, der von allen Kindern des Morgenlandes verstanden wird, gleichviel, ob sie im deutschen Ghetto, im tscherkessischen Aoule oder im persischen Schahpalaste hausen – fragte der Fürst: ob wir die beiden Fremdlinge aus dem Abendlande wären, welche die Gebirge durchpilgerten, um die Tugenden der Kräuter und die Sprachen der Völker zu erforschen? 136 Eine bejahende Antwort auf diese Frage veranlaßte ihn zu einem endlosen Ergusse schmeichelhafter Phrasen ob unserer forschenden Bestrebungen und unserer fabelhaften Weisheit, die er uns an den Augen abzusehen behauptete. Besonders machte das jugendliche Aussehen R.'s, der damals kaum zweiundzwanzig Jahre zählte, des Fürsten Erstaunen rege. »Noch so jung, und schon so weise!« rief er nach jeder Bemerkung meines Freundes, und dann winkte er immer seinen Begleitern zu, welche, ohne von dem Gesagten etwas zu verstehen, doch ihrem Herrn zu Gefallen thun mußten, als ob sie hinschmelzen wollten vor Staunen und Bewunderung. Im Grunde schien dem Fürsten an unserer Weisheit und Beredtsamkeit wenig gelegen, denn er haschte sichtbar nach jedem Anlaß, um seiner eigenen Zunge freien Spielraum gewähren zu können. Und rühmend muß ich's ihm nachsagen, er bewegte seine Zunge mit einer Geläufigkeit, daß mir noch heute die Ohren gellen, wenn ich daran denke. Vor Allem hatte er es darauf abgesehen, uns eine möglichst hohe Idee von seinem Einflusse im Lande, seiner Stellung und seiner Bildung zu geben. Kam er sich selber im Fluß seiner Rede etwas zu ausschweifend vor, oder glaubte er, daß wir Zweifel bei seinen Worten hegen könnten, so packte er einen seiner Begleiter am Arm und fragte gebieterisch: »Nicht wahr, Du?« worauf dann regelmäßig ein » W'Allah éiladirr! « Bei Gott, so ist es! erfolgte. »Da leben, – sagte er, – die meisten meiner Landsleute in den Tag hinein, ohne sich um Bildung und Fortschritt zu kümmern. Sie rauchen ihren Tschibuq, treiben ihre Geschäfte, gehen in's Bad, essen und trinken, heirathen, zeugen Kinder und sterben. Was thu' ich? Ich reite nach Tiflis; – schon 137 zum dritten Male bin ich jetzt dort gewesen! – betrachte die Häuser und Menschen, beachte wie man lebt in der großen Welt, mache dem Sardaar meine Aufwartung, sehe mir die Stühle und Tische an in den großen Sälen, merke auf Alles, verkehre mit den Russen . . . Glorioses Volk das, die Russen!« – unterbrach er sich hier in der Aufzählung der Elemente seiner Bildungsstudien, mit einem Blicke, der mehr als zweideutig war, und mit einer Wortbetonung, die man nach Belieben für ironisch, fragend, oder bewundernd halten konnte. Diese auf Alles gefaßte Schlauheit des Ausdrucks in Blick und Wort habe ich nirgends in solcher Vollendung gefunden, als bei den Armeniern, welche durch Handel oder russischen Bildungsfirniß ihrer landesthümlichen Sitteneinfalt entfremdet wurden. Wir ließen den, diesem geschmeidigen Zwittergeschlechte angehörenden Fürsten T . . ., bezüglich unserer Ansicht über die gloriosen Russen in Zweifel, und ohne lange Unterbrechung fuhr er fort in seinen Kulturschilderungen: »Es ist unglaublich, wie schwer die Bildung unter dem Volke Wurzeln schlägt! Und doch haben wir täglich das Beispiel der Russen vor uns! Wohnen nicht russische Offiziere in Eriwan? Giebt's nicht auch verheirathete darunter? Da geht der Mann mit der Frau spazieren, und die Frau, so schön sie auch sein mag, zeigt ihr Gesicht Jedem der es sehen will, oder wenn sie den Schleier über die Augen schlägt, so thut sie das nur um sich vor der Sonne zu schützen, oder vor Wind und Wetter. Glaubt Ihr, daß es unsern Weibern – möge sie Gott erleuchten! – einfällt, es den russischen Frauen nachzumachen? Lieber würden sie in's Wasser springen, als mit unverhülltem Gesichte über die Straße gehen. Nicht einmal meine eigene Frau kann ich dazu bringen! Die müßt Ihr 138 kennen lernen; wenn sie auch Schwierigkeiten macht, wir wollen sie schon locken. Ein liebes Geschöpf! Ueberhaupt ein schmuckes Völkchen, die Weiber, wenn sie hübsch sind und jung – was meint Ihr?« Wir nickten beifällig mit dem Kopfe, und er war sichtbar erfreut, daß in diesem Punkte unsere Neigungen zusammentrafen. » Kaitmas! Komm her, Bursche! sing' uns ein Liebeslied« – rief der Fürst einem seiner Begleiter zu. Kaitmas , ein junger Mann von hübschem Aeußern, war, wie ich erfuhr, seines Handwerks ein Schuster, der aber durch seine schöne Stimme und Liederfertigkeit des Fürsten Gunst in hohem Grade auf sich gezogen hatte, und ihn überall auf seinen Fahrten begleiten mußte. Er war sein Grillenvertreiber und Minnesänger. Während ich im Stillen Betrachtungen anstellte über die wundersamen Launen des Schicksals, das fast in allen Ländern Pech und Poesie so nahe zusammengeworfen, trat Kaitmas vor in etwas affektirter Weise, verbeugte sich tief, schlug sein weites blaues Gewand zurück, und dann hub er mit heller Stimme zu singen an:         »Mit Geschenken beladen kehr ich von Gjirdshistan, Kehre heim zur Geliebten nach Eriwan! Lange harrt sie mein, doch fern ist's ihrem Sinn, Daß ich längst auf dem Wege der Heimkehr bin – Wie die Aehren des Feldes im Hauche des Windes Wogt hoffend der Busen des lieblichen Kindes! Heller Edelstein im Ringe meines Lebens, 139 Anfang Du und Ende meines Strebens Warte treu – Du wartest nicht vergebens!« Er hielt einen Augenblick inne und sah uns beifallforschend an. Wir zollten ihm lautes Lob für die schönen Verse, und neu belebt fuhr er fort:         »Habt Ihr mein Mädchen geseh'n, wie es voll Schönheit blüht? Doch Keiner hat's geseh'n – Wehe dem, der es sieht! Nur für mich hebt sich der hüllende Schleier, Funkelt der Augen zündendes Feuer! Nur für mich lächelt der Mund meiner jungen Maid, Schlingt sich ihr Haar lang wie die Ewigkeit!« Nach diesem kühnen Gleichnisse hielt ich es für gut abzubrechen, um mit der Zeit nicht zu kurz zu kommen. Doch ehe wir aufbrachen, ließ der Fürst noch einen Weinschlauch, womit sein Saumthier belastet war, öffnen. Das gefüllte Trinkhorn ging im Kreise rund, und nachdem wir die Gastfreundschaft durch die Taufe des Weines geheiligt hatten, kam die Reihe an das Gefolge und die Kosaken. Dann schwangen wir uns auf unsere Rosse und trabten in stattlichem Zuge davon. Voraus ritten die wegkundigen Kosaken, dann kamen wir mit dem Fürsten zwischen uns, und Kaitmas ritt an der Spitze des Gefolges. Das Bergland mit seinen mannigfachen Reizen bietet dem Auge erquickliche Abwechslung; die Sonne scheint frühlingswarm, in den Bäumen zwitschern die Vögel; uns zur Linken rauscht die schmale aber reißende Axtafa , die dem vor uns aufsteigenden, schneebedeckten Gebirgskamme entrinnt, der 140 die Ufer der Sewanga , bekannter unter dem Namen des Gjoktschai-Sees , zackig umsäumt. Wir reiten durch das höchst anmuthig gelegene, armenische Dorf Delishan , und erreichen noch vor Anbruch der Dunkelheit den schwer zu überklimmenden Gebirgskamm, wo wir von schwindelnder Höhe herab den mehr als fünftausend Fuß über der Meeresfläche liegenden Gjoktschai-See sich in seiner ganzen Schöne tief unter uns ausbreiten sehen. Fünf und dreißig, von den hohen Porphyrgipfeln herabstürzender Flüsse und Bäche, nimmt der, neun Meilen lange und vier und eine halbe Meile breite Sewanga in seinem Schooße auf. Am nordwestlichen Ende des Sees liegt eine kleine, wunderliebliche Insel, und darauf steht ein uraltes Kloster, von armenischen Mönchen bewohnt, die neben ihren Kasteiungen zur Abwechslung Hafis ische Philosophie treiben, und rund und roth dabei werden. Doch davon ein anderes Mal. Wir müssen uns beeilen nach Eriwan zu kommen, und darum übergehe ich blindlings alle die kleinen und großen Abenteuer des Weges, und führe Euch gleich über Tshubugli und Nishe-Achti nach Ailar , der letzten Station vor der Hauptstadt Armeniens. Dort wird noch einmal Halt gemacht. Der Fürst entsendet zwei Reiter, um in Eriwan unsere Ankunft zu verkünden und Vorbereitungen zu unserem Empfange treffen zu lassen. Dann wendet er sich zu uns und sagt in ernsterm Tone als ihm gewöhnlich ist: »Wenn Ihr nun Euren Einzug haltet in die Stadt, so wird der Kommandant gleich zu Euch schicken und Euch bitten lassen, bei ihm im Schlosse zu wohnen. Aber ich hoffe, Ihr werdet meiner Thür nicht den Rücken zeigen, und mir nicht vorüber gehen! Mein Haus ist Euer Haus; Euer Wille ist mein Wille! Was würde das Volk sagen, wenn es hörte, daß Ihr verschmähtet meine Gäste zu sein, 141 Nachdem ich Euch bis hieher geleitet! Was ich Euch bieten kann an Bequemlichkeiten, sollt Ihr haben. Ich habe ein Zimmer in meiner Wohnung, ganz nach europäischer Weise eingerichtet, wie beim Kommandanten, mit Stühlen. mit Tischen und hölzernem Fußboden!« So schwatzte er in Einem fort mit der Aufzählung der Herrlichkeiten seines Hauses, bis wir ihn vollkommen darüber beruhigt hatten, daß wir auf jeden Fall seine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen würden, und daß uns weniger daran gelegen sei, in Eriwan europäische Tische und Stühle zu sehen, als armenische Sitte und Lebensweise kennen zu lernen. Nach kurzem Aufenthalt in Ailar stiegen wir wieder zu Pferde, und ritten langsam der Hauptstadt Armeniens entgegen. Vor dem Thore hatte sich eine Menge Volks versammelt, um die beiden jungen Pilger aus dem Abendlande zu sehen. Wir mußten neuerdings absteigen, um die uns erzeugten Höflichkeiten zu erwiedern, und von dem Weine und den Südfrüchten zu kosten, welche man uns entgegenbrachte, denn nichts ist im Orient beleidigender, als Angebotenes auszuschlagen . . . Der erste Eindruck, welchen Eriwan auf den Europäer macht, ist kein sehr günstiger. Die Straßen sind ungepflastert und schmutzig, die Häuser sind klein und niedrig, und noch obendrein hinter zaunartigen, lehmfarbigen Mauern versteckt, so, daß die größte Straße in der armenischen Hauptstadt mit der kleinsten Gasse in irgend einem deutschen Krähwinkel den Vergleich nicht aushalten kann. Ueberhaupt herrschen bei uns über orientalische Pracht und Herrlichkeit die fabelhaftesten Vorstellungen; vielleicht weil es selten ein Reisender der Mühe werth hält, das Gewöhnliche zu schildern, und die Meisten sich damit begnügen, das ausnahmsweise Pomphafte hervorzuheben. 142 Wir hatten eine gute Strecke zu reiten, ehe wir das Haus unseres Gastfreundes erreichten, und fanden wir die Häuser, auf welche unsere Augen fielen, häßlich, so kam uns Wuchs, Gang und Kleidung der jungen Armenierinnen, welche hin und wieder dicht verschleiert vorüberschlüpften, desto anmuthiger vor. Fürst T . . . bemerkte mit stolzer Freude, daß wir Wohlgefallen fanden an den Töchtern des Landes. »Meine Frau müßt Ihr kennen lernen, und heute noch – sagte er – ich werde schon sehen, was sich thun läßt.« Es war kurz vor Sonnenuntergang, als wir das einfache, mit einigen kleinen Nebengebäuden umgebene Haus unseres Gastfreundes erreichten. Wir wurden in ein geräumiges, teppichbelegtes Zimmer geführt, und waren ganz glücklich, in Ruhe den Staub von unsern Füßen zu schütteln, und einmal eine Stunde ungestört über die seltsamen Erlebnisse der Reise lachen und plaudern zu können. * * * »Wissen Sie – sagte Luka , der in's Zimmer trat, um uns anzuzeigen, daß man uns in einer Viertelstunde zum Abendessen erwarte – wissen Sie, warum dem Fürsten so sehr darum zu thun war, Sie in seinem Hause zu haben? Er bekleidet eine Stelle in der Landesregierung, und steht im Rufe ein großer Wsjatschnik zu sein, weswegen der Kommandant und der Landeschef, beide ausnahmsweise ehrliche Männer, nicht mit ihm umgehen; wodurch sein Ansehen beim Volke sehr leidet. Nun denkt er ganz richtig: wenn Sie den 143 Kommandanten und die andern Herrschaften besuchen, so werden Ihnen diese einen Gegenbesuch machen, wobei er dann Gelegenheit hat, durch Ihre Vermittelung ein engeres Verhältniß anzuknüpfen.« »»Und woher weißt Du Alles so genau?«« »Daß er mehr Geld ausgiebt als er sollte, und die Hand nur zudrückt, wenn was darin ist, weiß man im ganzen Lande. Nur kann man ihm nicht recht auf die Spur kommen, weil er zu schlau ist, und dann darf man auch nicht zu strenge mit ihm verfahren, weil er großen Einfluß im Lande hat. Uebrigens soll er der beste Mensch von der Welt sein, und wenn er nicht Alles rechtschaffen erwirbt, was er braucht, so theilt er es wenigstens rechtschaffen wieder aus. In seinem Hause wird Jahraus, Jahrein ein lustiges Leben geführt, und an seinem Tische ist Jeder willkommen, wer Witz hat und einen guten Magen.« Luka wurde in seinem Berichte unterbrochen durch den Eintritt des Fürsten, der sein Staunen nicht verbergen konnte, uns vom Kopf bis zu Fuß umgekleidet zu finden. »»Warum habt Ihr Euch am späten Abend noch so schmuck gemacht, Aga's?«« fragte er lächelnd. »Weil Du uns bedeutet hast, uns heute noch der Herrin des Hauses vorzustellen,« antwortete ich. »»Mit der ist heute nichts anzufangen,«« sagte er entschuldigend, »»sie ist gar zu furchtsam. Doch sehen sollt Ihr sie. Wir müssen sie einmal abfangen, wenn sie frisch geputzt aus dem Bade kommt. Es wird sich schon eine Gelegenheit finden. Jetzt kommt zu Tische und laßt uns lustig sein. Kaitmas ist auch da, um uns etwas vorzusingen, und noch ein paar Musikanten hab' ich bestellt, flotte Bursche, die Euch gefallen werden!«« 144 An Appetit fehlte es uns nicht nach den Anstrengungen der langen Tagereise, und willig folgten wir der Einladung unsers lustigen Wirthes. Wir traten in den Speisesaal, ein weißes Gemach ohne alle Möbel, außer einem niedrigen, tischähnlichen Gestelle, mit so viel Schemeln umpflanzt, als für die Mitessenden zum Sitzen nöthig war. Die Stelle des Tischtuches vertrat ein großes Stück dünnes, elastisches Gebäck, nach Art der jüdischen Matzen zubereitet, und bei den Tataren und Armeniern Tschoräkj genannt. Der süße Landeswein wurde aus einem silberbeschlagenen Büffelhorn getrunken. Schmackhafte Fische aus dem Gjoktschai-See bildeten den Hauptbestandtheil des Essens, denn es war Fastenzeit, kurz vor Ostern, und die armenischen Christen halten streng ihre kirchlichen Satzungen. Eine Menge Leute waren beschäftigt, uns zu bedienen; der Eine füllte das alle Augenblick geleerte Trinkhorn an, der Andere wechselte die Teller, ein Dritter hielt den Verkehr mit der Küche aufrecht \&c., und dabei wurde so geschrien, gelacht und gescherzt, daß von einer ordentlichen Unterhaltung nicht die Rede sein konnte. Diejenigen Diener, welche gerade nichts zu thun hatten, ließen sich's mit uns wohlschmecken. Alle aßen mit uns aus derselben Schüssel, Alle tranken mit uns aus demselben Trinkhorn, denn die strenge Absonderung zwischen Herr und Diener, wie sie in Europa herrscht, ist in Armenien, wie in den Ländern des Kaukasus, vollkommen unbekannt. Die Speisen wurden sämmtlich ohne Hülfe von Gabel und Messer zum Munde befördert. Man riß ein Stück von dem tischtuchersetzenden Brote ab, griff damit in die Schüssel und verschlang das solchergestalt Erhaschte ohne viel Federlesen. 145 Mit wahrhaftem Staunen bemerkten wir die Virtuosität, welche unser Wirth im Weintrinken entwickelte, wie er sich denn überhaupt eine unverwüstliche Heiterkeit zum Grundsatze gemacht zu haben schien. » Kaitmas! « rief er dem Schuster-Minnesänger zu, als die Speisen weggeräumt, und nur die Weinkrüge zurückgeblieben waren – » Kaitmas! alter Bursche, sing' uns ein Lied zum Preise des Trinkens!« Ehe Kaitmas der Weisung des Fürsten folgte, versuchte er erst, die beiden Musikanten zur Ruhe zu bringen, die in einer Ecke des Zimmers kauerten und einen furchtbaren Lärm unterhielten, indem der Eine eine Art Dudelsack, und der Andere ein jammervolles Saiteninstrument handhabte, was dem Fürsten – der übrigens den fruchtlosen Bestrebungen des Sängers, die Kerle zur Ruhe zu bringen, fördernd zu Hülfe kam – besondern Appetit zu machen schien. Darauf hub Kaitmas zu singen an:         »Füllt mir das Trinkhorn!     Reicht es herum! Trinken macht weise,     Fasten macht dumm! Was ist das Athmen?     Ein Trinken von Luft – Was ist das Riechen?     Ein Trinken von Duft! Was ist ein Kuß, als     Ein doppelter Trank! Trinken macht selig,     Fasten macht krank! 146 Was ist das Sehen?     Ein Trinken des Scheins – Klingt's auch verschieden,     Bleibt es doch Eins! Füllt mir das Trinkhorn!     Reicht es herum! Trinken macht weise,     Fasten macht dumm!« Und das Trinkhorn ging im Kreise herum, bis wir uns selbst nicht mehr im Kreise umdrehen konnten und unbewußt der kreisenden Welt ihr Geschäft allein überließen. Der Wein stieg uns zu Kopfe und wir stiegen zu Bette, so gut es gehen wollte. * * * »Weißt Du« – sagte ich zu R., als wir am folgenden Morgen beim Kaffee saßen und unseren Tschibuq rauchten – »ich hatte diese Nacht einen seltsamen Traum.« »»Ist Dir vielleicht im Traume die Fürstin erschienen?«« »Nein, mir erschien mein alter Nachbar, ein ehrwürdiger Kauz, der, als ich noch ein kleiner, wilder Junge war und in die Schule ging, jedesmal, wann er mich sah, mir eine alte weise Lehre wiederholte. »Fritz!« – pflegte er zu sagen – »Du mußt Dich vor Allem in der Welt hüten, wovor das Wörtchen »zu« steht: zu viel, zu reich, zu groß, zu dumm \&c. Der gute Alte! Ich habe niemals Gelegenheit gehabt, seine Lehre zu befolgen, da das Schicksal immer meine Gouvernante gespielt, und mich vor dem zu viel, zu reich, zu groß u. s. w. in Gnaden bewahrt hat; aber vorige Nacht, als mir der Alte 147 erschien, war mir ganz wunderlich zu Muthe: er trug in der Hand ein Trinkhorn, und . . .« »»Werde nur nicht sentimental,«« unterbrach mich R., »»sonst komme ich nicht zu Worte, und ich muß Dir auch einen Traum erzählen. Mir träumte, ich wäre wieder in Stambul und säße mit meinem alten türkischen Lehrer am Ufer des Bosporus. Hoch über uns wölbte sich ein wunderbarer Regenbogen, und mein alter Lehrer benutzte den Anlaß, mir zu erklären, warum die Türken den Regenbogen »Gürtel Allah's« nennen. »Die Sonne,« sagte er, »ist das Auge Gottes, und der Himmel ist sein Leib. Da schaut nun Allah den ganzen Tag herab auf das tolle Treiben der Menschen auf Erden; er sieht, wie die Frommen sich des Weines enthalten, in dem Wahne Ihm zu gefallen, wie die Heiligen sich kasteien, in dem Wahne Ihm zu dienen, Ihm, der Alles so schön gemacht hienieden zu unserer Freude – aber Allah ist zu klug, als sich sein ewiges Leben zu verleiden durch Verdruß und Aerger; er lacht über Alles, und zuweilen, wenn er es nicht mehr aushalten kann, schnallt er den siebenfarbigen Gürtel um seinen Leib, um nicht zu bersten vor Lachen über die Dummheiten der Menschen.«« Wir lachten Beide so herzlich, daß wir fast auch eines siebenfarbigen Gürtels bedurft hätten, um nicht zu bersten vor Lachen. Fürst T., welcher bald darauf in's Zimmer trat, war hocherfreut, uns schon am frühen Morgen in so rosiger Laune zu finden. Er begann ebenfalls eine lustige Geschichte zu erzählen, aber plötzlich unterbrach er sich selbst mit den Worten: »Halt! da kommt meine Frau über den Hof gegangen, ans's Haus zu, jetzt werd' ich Euch vorstellen – macht schnell und folgt mir!« 148 »»Aber wir sind ja noch im Schlafrocke,«« erwiederte ich entschuldigend, »»wie können wir uns so vor der Fürstin sehen lassen?«« »Was schadet das! macht nur schnell und folgt mir, sonst wird es zu spät!« Er stellte uns hinter der Hausthüre auf, wo die Fürstin hereinkommen mußte, und gab uns die Weisung, schnell vorzuspringen und die durchlauchtige Dame aufzuhalten, sobald sie ihre Erscheinung machte. Er selbst hatte sich's zur Aufgabe gemacht, ihr den Rückweg abzuschneiden. Ein paar Sekunden verflossen, und das galante Manöver war glücklich ausgeführt. Die junge Fürstin stand mitten zwischen uns, zitternd, mit niedergeschlagenen Augen. Eine schlanke, zarte Gestalt mit üppigem schwarzen Haar, aber sonst unbedeutend. Sie trug gelbe Pantöffelchen, weite himmelblaue Pantalons, einen elegant geschnittenen, bis an die Knie reichenden Sarafan und ein persisches Morgenkäppchen. Der Fürst versuchte, die Vorstellungs-Ceremonie auf europäische Weise durchzumachen. »Meine Frau!« sagte er auf sie hindeutend, »die jungen Weisen aus dem Abendlande!« auf uns hindeutend. Es that mir leid, das zarte Geschöpf in dieser peinlichen Lage zu sehen – ich trat einen Schritt zurück, und sie warf mir dafür einen dankenden Blick zu, der uns besser miteinander verständigte, als die längste Vorstellung, und leichtfüßig wie ein aufgescheuchtes Reh sprang die durchlauchtige Dame davon. * * * 149 »Nun kommt!« sagte der Fürst, »ich will Euch etwas herumführen, Ihr habt mein Hauswesen noch gar nicht gesehen. Nachher steigen wir auf's Dach, von wo wir den Ararat sehen können und die schönste Aussicht auf Eriwan haben.« Nachdem er uns durch einige Zimmer geführt hatte, wovon eines dem andern glich, und worin nichts zu sehen war als weiße Wände und bunte Teppiche, gelangten wir in den von ihm so benannten »europäischen Saal,« wovon er uns schon während der Reise so viel erzählt hatte. Ein großes, längliches Gemach mit weißer Decke, weißen Wänden und einfachem hölzernen Fußboden. Das europäische Element darin war angedeutet durch einen mit schreienden Farben bemalten Tisch und sechs Stühle, die sämmtlich in einer Ecke zusammengedrängt standen, gleich als ob sie sich schämten, einzeln vertheilt im Saale zu erscheinen. »Ist das nicht ganz europäisch?« fragte der Fürst mit selbstzufriedenem Blicke. Wir nickten bejahend. »Seht diese Fenster,« fuhr er fort, »in ganz Eriwan findet Ihr solche Fenster nicht! Selbst nicht beim Kommandanten auf dem Schlosse, denn dort sind sie buntgefärbt und rund, nach persischer Weise zugeschnitten.« Dann machte er uns aufmerksam auf den hölzernen Fußboden. Mit besonderem Nachdruck aber hob er die messingenen Thürklinken hervor, die in armenischen Häusern etwas Unerhörtes sind. An diese Thürklinken und Schlösser knüpft sich eine komische Geschichte. Der Fürst hatte die Anwendung derselben in Tiflis kennen gelernt, ein Dutzend davon gekauft und einen Theil an den Thüren des »europäischen Saales« befestigen lassen. 150 Die Diener des Hauses, welche nicht wußten, was es mit den seltsamen Maschinen auf sich hatte, glaubten, der Fürst habe dieselben zu musikalischen Zwecken anbringen lassen; denn jedesmal, wenn daran gedreht wurde, erfolgte in dem weiten, leeren Gemache ein dröhnender Klang. So geschah es denn, daß in Abwesenheit des Hausherrn von dem dienenden Personal verschiedene Concerte mit Hülfe der messingenen Thürklinken veranstaltet wurden. Ein alter blinder Tatar mußte dabei singen, und der Koch, der in solchen Dingen als Autorität galt, spielte die Thürklinke . . . Der Fürst merkte die musikalischen Bestrebungen seiner Leute erst dann, als schon drei Schlösser und Klinken zerbrochen waren. »So schwer ist es,« schloß er die mit großer Ausführlichkeit erzählte Geschichte, »so schwer ist es, hier zu Lande europäische Bildung einzuführen. Aber ich lasse mich dadurch nicht irre machen, und habe schon wieder ein halbes Dutzend neue Thürschlösser aus Tiflis mitgebracht. Ich will es noch dahin bringen, daß mein ganzes Haus nach russischer Weise eingerichtet werde. Aber jetzt ist es Zeit, daß wir uns anziehen. Heute ist Charfreitag, und ich muß in die Kirche gehen, um meinen Landsleuten kein Aergerniß zu geben. Wollt Ihr mit mir kommen, so macht Euch bereit.« Wir hatten schon in Tiflis den armenischen Kultus hinlänglich kennen gelernt, und schlugen daher das Anerbieten des Fürsten entschuldigend aus, um die berühmte tatarische Moschee von Eriwan zu besuchen, was in den unter russischer Herrschaft stehenden Provinzen keine Schwierigkeiten hat, während man in freien islamitischen Ländern nur selten und schwer dazu kommt. Wir waren außerdem mit einem Empfehlungsschreiben von Mirza-Schaffy an den ehrwürdigen Mullah versehen, und 151 wurden von diesem als schriftgelehrte Pilgrimme sehr freundlich empfangen. Seine Amtspflichten zwangen ihn, die Unterhaltung mit uns schon nach einer Viertelstunde abzubrechen, da mahnend vom nahen Minaret herab der Ruf des Muezzim zum Gebete erscholl. Es war der Gedächtnißtag des Todes Ali's, und der Mullah hatte eine Predigt darüber zu halten. Er bat uns, ihm in die Moschee zu folgen, und befahl einem Diener, uns Pfeifen und ein Kohlenbecken nachzutragen. »Aber ist's denn erlaubt, in der Moschee zu rauchen?« fragte ich erstaunt unsern ehrwürdigen Begleiter. »Warum nicht? Was kümmert sich Allah um solche Kleinigkeiten; der Glaube ist ohnehin schon genug im Wanken, und wenn man's den Gläubigen gar zu sauer macht, kommen sie gar nicht mehr in die Moschee. Macht's Euch bequem, setzt Euch nieder auf den Teppich der Andacht und hört meine Predigt!« Wir traten in eine hohe, schöngewölbte Halle. Die weißen Wände waren bemalt mit Sprüchen aus dem Koran; besonders fiel das künstlich geschlungene »Gott ist Gott und Muhammed ist sein Prophet,« uns überall in die Augen. Wir ließen uns ganz im Hintergrunde nieder. Vor uns saßen zahlreich versammelt die gläubigen Schiiten, Perser und Tataren, in ihren blauen Talaren und schwarzen pyramidenförmigen Mützen. Ganz im Vordergrunde kauerten in abgesonderten Reihen eine Menge alte Weiber, von Kopf bis zu Fuß in weiße Tücher gehüllt. Junge Frauen können die Moschee nicht betreten, denn im Alkoran der Schönheit und Jugend dürfen die Gläubigen nur zu Hause studiren. Rechts von uns wurde die Halle der Länge nach durch ein sich an die Wand lehnendes, offenes Gerüst getheilt, wo 152 der Mullah seinen Sitz hatte. Von unseren Kanzeln unterschied sich dieses Gerüst dadurch, daß es die Gestalt des Predigers in keiner Weise verhüllte. Eine feierliche Stille lag über der ganzen Versammlung, es war, als ob man das Perlen des Wassers in den Kalljan's hören könnte, welche einige alte Tataren in ruhiger Andacht rauchten. Der Mullah, ein schöner, kräftiger Mann, begann seine Predigt mit weithintönender Stimme und der Ruhe eines Redners, der seines Erfolges gewiß ist. Er erzählte das Schicksal der Kinder Ali's, eine Geschichte, die ich als bekannt voraussetzen darf und deshalb nicht zu wiederholen brauche. Erst schilderte er den qualvollen Tod Ali's, des Feindes Moavie's, des Hauptes der Ommejaden, wie er fiel durch erkauften Meuchelmord. »Schmutz,« rief er, »Fluch und Verderben auf die Häupter der Sunniten, die ihn verfolgt und getödtet! Muhammed, der Prophet, sprach: Ali ist für mich, und ich bin für Ali! Ali ist gleich mir, gleichwie Aaron gleich dem Mose war. Ich bin die Stadt, in welcher alle Wissenschaft ihren Sitz hat, und Ali ist das Thor dazu! So sprach der Prophet; aber sie hörten auf seine Worte nicht und haben Ali, seinen Liebling, getödtet! Weinet, Ihr Gläubigen! heult und wehklagt, daß es alle sieben Himmel erschüttert . . .« Und der Ermahnung des Mullah folgte ein Geheul, wie mir seitdem nie wieder zu Ohren gekommen. »Hei! hei! hei!« erscholl es in jammervollen Tönen von allen Seiten her, und wir brüllten mit nach Herzenskräften »Lauter!« schrie der Mullah, der in Feuer gerieth und 153 seine Worte mit den lebendigsten Bewegungen begleitete, »lauter! daß die Seligen im Paradiese es hören, wo sie wandeln in wasserreichen Gärten, angelächelt von sonnenäugigen Houris!« Und immer lauter und klagender erscholl das schauervolle hei! hei! hei! durch der Moschee geheiligte Räume. Aber dem Mullah schien das entsetzliche Geheul noch immer nicht zu genügen. Sein ganzer Körper war in so großer Aufregung, daß der ihn verhüllende Talar förmlich flatterte, wie die Gewänder an den Statuen des barocken, aber grandiosen Bernini. »Hier drang der mordende Stahl ein!« rief er, mit der rechten Hand auf die Brust weisend, »und da kam er blutig wieder zum Vorschein!« fügte er gedehnt hinzu, mit der linken Hand auf den Rücken deutend. »Jammert und fleht, daß Allah gnädig auf uns, und zürnend auf unsere Feinde herabsehe! daß er sie vertilge mit dem Blick seines Auges!« Und wiederum brach ein Jammersturm aus, so klagend und ohrenzerreißend, als ob alle Schakale, Wölfe und Winde des Kaukasus um die Wette heulten. Die Weiber schlugen sich knirschend in's Gesicht, die alten Tataren schoben gröhlend ihre Kalljan's bei Seite und das hei! hei! hei! scholl in Einem fort. Der Mullah schien befriedigt, und in etwas ruhigerem Tone setzte er seine Geschichte fort und schloß mit der Schilderung des Todes Hussein's, des Sohnes Ali's, wie er mit seinem ganzen Anhange und all' seinen Kindern fiel durch die List des grausen Obéïdallah, des Freundes Jessid's, aus dem Geschlechte der Ommejaden . . . . Nach geendetem Vortrage kam er auf uns zu und fragte, wie uns die Predigt gefallen habe. 154 »Nie,« sagte R., »hab' ich Aehnliches gehört! Ich habe geschrieen wie ein Kind vor Staunen und Wehmuth!« »Was sollen wir sagen zu Deinem Lobe?« fügte ich hinzu. »Lobt auch der Schüler den Meister, oder das Kind den Vater? Was ist aller Ausdruck gegen den Eindruck, den Du auf uns gemacht!« Der Mullah hörte die Aeußerungen unseres Lobes mit großem Wohlgefallen, und ehe er schied, mußten wir versprechen, ihn bald wieder zu besuchen. Wir besahen noch im Fluge die umfangreichen Gebäude der herrlichen Moschee, welche zugleich die Schulen der Schriftgelehrten sammt den Zellen der Schüler in sich schließt. Gegenüber der großen, am Eingange offenen Halle, in welcher der Gottesdienst gehalten wurde, erhebt sich eine andere von gleicher Ausdehnung. Von diesen hochgewölbten Räumen aus läuft zu beiden Seiten arkadenartig eine Reihe von Zellen. In der Mitte des davon umschlossenen großen Platzes erhebt sich ein dicker, uralter Nußbaum, darunter eine Fontaine springt, in dessen Schatten über hundert Menschen Schutz finden können. Unbeschreiblich ist die prachtvolle Bauart dieser großen Moschee sowohl, als auch derjenigen, welche sich innerhalb der Festungsmauern befinden, und wovon die eine jetzt in eine russische Kirche, und die andere in ein Arsenal umgewandelt ist. Die großen Kuppeln sind ganz emaillirt und mit den geschmackvollsten Arabesken verziert; ebenso ist die Façade mosaïkartig aus emaillirten Backsteinen zusammengesetzt, durchschlungen von schöngezeichneten Blumengewinden und Versen aus dem Koran. Wir besuchten die nach dem Hofraume zu offenstehenden Schulen und Zellen der Schriftgelehrten und ihrer Jünger, und hatten uns überall einer zuvorkommenden Aufnahme zu erfreuen, wobei es an komischen Scenen nicht fehlte. 155 Seid Ihr neugierig, das Innere einer morgenländischen Schule kennen zu lernen, so versetzt Euch in den oben beschriebenen Hofraum der Moschee, und denkt, ihr sähet vor Euch ein kleines Theater ohne Koulissen und Vorhang. In der Mitte kauert mit gekreuzten Beinen ein in ein weites Gewand gehüllter, langbärtiger Schriftgelehrter. Neben ihm steht der hohe, perlende Kalljan, welchem er in langen Pausen geläuterte Dampfwolken entlockt, und rundum sitzen, ebenfalls mit untergeschlagenen Beinen, die gelehrigen Schüler, Burschen von vierzehn bis zwanzig Jahren, die sich in derselben Weise die liebevollen, wonnigen Gesänge Hafisens kommentiren lassen, wie unsere Frömmlinge die mystische Auslegung des Hohenliedes Salomonis nachbeten. * * * Nachdem wir uns zu Hause durch ein mäßiges Frühstück gestärkt hatten, suchten wir Obowian auf, den bekannten Begleiter Parrot's bei der Ersteigung des Ararat. Obowian ist ein talentvoller Armenier, der in Dorpat eine Art gelehrter Erziehung erhalten, und eine gründliche Kenntniß der deutschen und französischen Sprache mit in die Heimath gebracht hat, wo er mit erstaunlichem Eifer zur Bildung seiner Landsleute wirkt. Er hält fortwährend zwanzig bis dreißig Kinder bei sich versammelt, mit welchen er größtentheils deutsch spricht, und seine Schüler hatten in der That so gute Fortschritte gemacht, daß wir uns ganz geläufig in unserer Muttersprache mit ihnen unterhalten konnten. In Obowian fanden wir einen freundlichen Führer zur schnellen Beseitigung der vielen Pflichtbesuche, welche wir in der Stadt zu machen hatten. 156 Herzliche Aufnahme wurde uns beim Oberst von Kiel , Kommandanten von Eriwan, einem Deutschen aus den baltischen Provinzen. Er machte uns Vorwürfe, daß wir nicht bei ihm im Schlosse unsere Wohnung aufgeschlagen. »Ich komme hier so selten dazu – sagte er – die heimathlichen Laute aus deutschem Munde zu vernehmen!« Wir erzählten ihm kurz, wie wir Gastfreundschaft beim Fürsten T . . . gefunden, und hörten durch ihn so ziemlich bestätigt, was uns Luka über unsern Hausherrn berichtet. »Aber heute müßt Ihr bei mir bleiben, Kinder! – sagte der Oberst – ich lasse Euch nicht wieder fort. Auch könnt Ihr wirklich bei dem herrlichen Wetter keinen bessern Ort finden, um den Tag zu genießen. Wir sind hier im Palaste der alten Sardaare von Armenien, dem höchstgelegenen Punkte der Stadt. In diesen selben Räumen hauste vor nicht langer Zeit der mächtige Hussein-Sardaar von Eriwan, der durch Feth-Ali-Schah zum Bettler geworden, in Persien in einem Pferdestalle sein wechselvolles Leben endete. Erst laufen wir uns müde, um Alles zu sehen, und dann wollen wir im Speisesaale des grimmigen Hussein eine deutsche Suppe essen.« Kriegskundige Reisende haben oft und mit Recht ihr Staunen ausgedrückt, daß gerade die Eroberung von Eriwan den Kaiser veranlaßte, den Eroberer Paskjéwitsch Eriwansky zu nennen. Ein leichteres Heldenstück, als die Einnahme dieser Stadt, ist wohl selten vollbracht worden. Die Lage Eriwan's im Allgemeinen, und die der elenden Festung insbesondere, bietet so wenig strategische Schwierigkeiten, daß, bei der sprüchwörtlichen Feigheit der Einwohner, die Eroberung der Stadt zu den leichtesten militärischen Aufgaben gehört. Wir besahen das baumumpflanzte, einst fontänenumsprudelte Harem der alten Sardaare; die Russen haben's in ein 157 Lazareth umgewandelt. Wo früher die schönsten Odalisken Georgiens und Persiens sich auf üppigen Polstern wälzten, und Hafis ens Lieder sangen, da ließen jetzt sieche Kranke auf hartem Lager ihre Klagetöne erschallen. Die vielen Zimmer im Palaste fanden wir unbedeutend und klein für fürstliche Bewohner, die freilich in unserer Zeit auch lernen müssen, sich nach der Decke zu strecken, so lange sie noch Decken haben. Nur ein großer, gewölbter Saal, dessen Wände, Decke, Gesimse u. s. w. ganz mit Spiegelglas belegt sind, fesselte länger unsere Aufmerksamkeit. Wir fanden hier, außer vielen persischen Gemälden, welche berühmte Schah's und Heerführer, sowie Bilder aus der persischen Mythologie und Geschichte darstellen, auch ein Porträt von Katharina II. und ihrem untergeschobenen Sohne, Kaiser Paul . Die persischen Gemälde blenden bloß durch ihre wundervollen Farben. In der Malerei selbst offenbaren sich nur die rohen Anfänge der Kunst. Bemerkenswerth im Saale sind noch die schön mit Bildern nach orientalischer Weise bemalten Wände. In der Mitte des luftigen Gemachs, das nach dem Hofe zu theatralisch nur durch einen rothseidenen Vorhang verhüllt ist, springt eine Fontäne; runde, farbige Glasscheiben gewähren eine herrliche Aussicht nach der andern Seite. Der schöne Schloßhof ist mit Alleen durchzogen, zwischen welchen Fontänen ihren Silberstaub aufwerfen . . . Doch genug von diesen Monumenten unreifer Menschenkunst! Folgt mir auf den Balkon des Palastes, ich werde Euch von dort aus ein Monument zeigen, eines der schönsten, die Gott sich selber auf Erden gesetzt. In der Ferne steigt vor uns auf die Gebirgskette des Ararat. Zwei Berge, die alle andern überragen, heben sich gewaltig daraus empor. Der zur Linken, rein konisch geformte, 158 ist der zwölf Tausend Fuß hohe kleine Ararat – der zur Rechten, dreifach gezackte, ist der majestätische Noahberg, der sechzehn Tausend Fuß hohe, große Ararat. Ein in wunderbaren Farben schimmernder Eispanzer umzwängt seine breiten Schultern, und er hebt sein Haupt so hoch empor, daß man nicht weiß, ob er mehr dem Himmel oder der Erde angehört. Von den Vorgebirgen her schlängeln sich sanftgeschwellte Hügelreihen, auslaufend in weiten, üppig überwachsenen Gefilden; eben zieht eine lange Karawane von Dromedaren darüber hin; in weiter Ferne fließt, dem spähenden Auge kaum sichtbar, der Araxes; in den Lüften wiegen sich raubspähende Geier und Adler; dicht vor uns liegt der herrliche Park, durchduftet von den ersten Blumen des Frühlings, und zwischen dem Park und den Mauern des Palastes rauschen die klaren Wellen der Senghi. Es überkam uns eine wundersame Andacht beim Anschauen dieses erhabenen Bildes. Worte vermögen solch ein Bild nicht wiederzugeben, und überhaupt vermögen nur diejenigen Leser, welche Aehnliches gesehen haben, die obigen Andeutungen ganz zu verstehen. * * * »Nun, Ihr habt mir einen schönen Streich gespielt! – rief der Fürst T . . . uns entgegen, als wir am späten Abend nach Hause zurückkehrten – die halbe Stadt ist hier gewesen, um Euch zu sehen; der Landeshauptmann, russische Offiziere und alle Mullah's und Schriftgelehrten von Eriwan. Nicht wahr, Du?« » W'Allah éiladirr! « Bei Gott, so ist es! – rief der unvermeidliche Diener, dessen sich der Leser noch von der Fontäne her entsinnen wird. 159 Wir erzählten unserm Hausherrn, daß wir nicht umhin gekonnt hätten, den Tag beim Kommandanten zuzubringen. »Wißt Ihr was! – entgegnete er – Ihr seid heute beim Kommandanten gewesen, ladet morgen den Kommandanten zu Euch ein! An Essen und Trinken soll es nicht fehlen; mein ganzes Haus steht Euch zu Gebote. Euer Wille ist mein Wille, was Ihr befehlt, soll geschehen! Und am besten wär' es, wenn Ihr dem Landeshauptmanne auch gleich eine Einladung schicktet; da wir doch einmal ein Festessen veranstalten, macht's nicht viel Unterschied, ob ein Gast mehr oder weniger.« Wir merkten, wo er hinaus wollte, aber versprachen seinem Wunsche Folge zu leisten. Das Trinkhorn ging wieder fröhlich im Kreise herum und wir blieben noch bis spät in die Nacht hinein beisammen. Ich müßte ein ganzes Buch schreiben, wollte ich Euch all' unsere Erlebnisse in Eriwan auch nur skizzenweise vor die Augen führen. Doch der beschränkte Raum gebietet mir Kürze und ich werde deshalb, ehe wir unsere Wanderung nach Etschmiadsin , dem Sitze des Patriarchen von Armenien, antreten, Euch nur noch von einem Besuche erzählen, welchen wir bei Suleiman-Chan , dem vornehmsten islamitischen Fürsten des Landes, machten. Suleiman-Chan , der Herrscher eines großen Tatarenstammes, hatte sich, die Unmöglichkeit einsehend, dem russischen Koloß auf die Dauer widerstehen zu können, vor Kurzem freiwillig dem weißen Zar unterworfen und seit der Zeit seinen Wohnsitz in Eriwan aufgeschlagen. Er stand hier in dem Rufe eines streng auf die Gebräuche seiner Religion haltenden, sonst aber sehr freisinnigen und gebildeten Mannes, und die Art und Weise, wie er uns empfing und die Unterhaltung führte, entsprach ganz unserer vorgefaßten günstigen Meinung. 160 Der große, das alterthümliche Gebäude der Länge nach durchschneidende Empfangsaal war durch einen seidenen Vorhang von dem Vorzimmer getrennt, wo die Umgebung des Fürsten – bestehend aus etwa zwanzig schmuck gekleideten Persern und Tataren – sich aufhielt. Das lange Gemach hatte keine andere Verzierung, als die buntfarbigen Ringelfenster, welche nach zwei Seiten hin eine heitere Aussicht gewährten, und die kostbaren persischen Teppiche, womit der ganze Fußboden überlegt war. Rund um die Wand her lief ein prachtvoller Divan, auf welchem wir uns niederließen, während der Fürst selbst auf einem thronartigen Sessel saß, natürlich mit unterschlagenen Beinen. Suleiman-Chan , ein bildschöner Mann, damals etwa fünfundzwanzig Jahre alt, bewegte sich mit einer fast weiblichen Anmuth und Leichtigkeit. Ich übergehe die Einzelnheiten unserer Unterhaltung, und bemerke nur, daß wir ihm vor dem Abschiede einige Verse zum Andenken aufschreiben mußten. Er schenkte dafür Jedem von uns ein von seiner Hand geschriebenes Gedicht an seine Geliebte, welches mir hübsch genug scheint, um hier eine Stelle in der Uebersetzung zu verdienen.   An Zarema.           Welche Sterne sind wohl schöner: Die zur Nacht am Himmel funkeln? Oder die wie Deine Augen Selbst des Tages Glanz verdunkeln?   Sprich, was brachte mehr Gefahren: Dieses Grübchen auf den Wangen? Oder jenes Netz von Haaren, D'rin Du Schlaue mich gefangen? 161   Bülbül wußte nicht von welchem Duft Begeisterung zu nippen: Ob aus Schiras' Rosenkelchen, Ob von Deinen Rosenlippen!   Ich – ich weiß es; aber nimmer Hab' ich Bülbül's Glück genossen! Doch mein Sang wird bald und immer Mir eröffnen, was verschlossen!   Staunst Du, daß so wunderbare Töne meiner Brust entklungen? Sieh, ich habe Deine Haare, Mädchen, um mein Herz geschlungen!   Wo zu solchem Saitenspiele Sich des Sängers Finger rühren, Muß der Sang zu hohem Ziele, Muß zur Gunst der Schönen führen!   Sieh, Zarema! Dir zum Ruhme, Und zum Lobe Deiner Schöne, Duftet diese Liedesblume, Schallen meiner Saiten Töne!   Keiner wagt es wohl, die Töne Dieses duft'gen Lieds zu tadeln – Lesen wird es meine Schöne, Und ihr Auge wird es adeln! 162   Also wird Dein Blick ein Siegel, Das des Liedes Werth besiegelt, Und das Lied ist selbst ein Spiegel, Der Dein Bild schön wiederspiegelt! * * * Als wir zurückkehrten von unserm Besuche bei Suleiman-Chan , fanden wir unsere Behausung von einem zahllosen Volkshaufen umdrängt. Perser, Tataren, Armenier, Zigeuner, Alles wogte durcheinander und lärmte unter einem ohrenbetäubenden Wirrwarr der seltsamsten Kehl- und Zischlaute, woran die semitischen Sprachen so reich sind. Wir hatten Mühe, in das Innere des Hofes zu gelangen. »Macht Platz!« rief plötzlich mit lauter Stimme ein hochgewachsener Kisilbaschi – »macht Platz! Da kommen die Hadshi's, die Pilgrimme von Fränkjistan!« Alsogleich bildete sich vor uns ein breites Spalier. »Nimm Dich zusammen – flüsterte ich R. zu – hier müssen wir prinzliche Gesichter schneiden, um die Würde des Abendlandes gehörig zu vertreten.« Gemessenen Schrittes und ernsten Antlitzes gingen wir auf das Haus zu, hin und wieder sehr gnädig zur Linken und zur Rechten nach morgenländischer Weise grüßend. In unserm Zimmer fanden wir Luka , der uns lächelnd die erwünschten Aufschlüsse über das seltsame Schauspiel draußen gab. 163 »Der Fürst – sagte er – hat in ganz Eriwan bekannt machen lassen, daß heute der Kommandant und der Landeschef in seinem Hause speisen werden. Da dieses nun ein bisher unerhörter Fall ist, so hat sich das Volk versammelt, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen. Viele benutzen auch solche Gelegenheiten, um Bittschriften, Beschwerden und dergleichen zu überreichen, die, auf gewöhnlichem Wege befördert, selten an den rechten Mann kommen, wenn der Weg nicht mit Gold gepflastert ist.« Bald darauf langten unsere Gäste an, wurden aber nicht, wie das bei uns üblich, vom Volke mit lauten Zurufen, Lebehochs und dergleichen, sondern mit tiefem Stillschweigen empfangen. Bei dem Gastmahle ging es ziemlich europäisch zu, weshalb ich Euch nicht viel davon zu erzählen brauche. Der Kommandant,. ein gesetzter Mann, der vor Allem eine gute Suppe liebte, hatte zur Vorsicht seinen Koch geschickt, da er wußte, daß eine Suppe nach europäischem Geschmack zu den Unmöglichkeiten der asiatischen Küche gehört. Der Landeschef hatte, angeblich aus Rücksicht für uns, gleiche Vorsichtsmaßregeln beobachtet, wie sein tapferer Freund, und da die beiden entsendeten Speisekünstler bei der Revision des Tafelgeschirrs verschiedene Kleinigkeiten, wie Tischtücher, Servietten, Gabeln und dergleichen vermißten, so trugen sie Sorge, alles Fehlende aus dem Service ihrer Herren zu ersetzen. Auch Gläser zum Trinken der feinern Weine waren vom Schlosse herbeigeschafft, doch wurde die Unzulänglichkeit von Weingläsern bei einem armenischen Diner bald eingesehen, und das Trinkhorn brach sich siegreich wieder Bahn. Da fällt mir ein, daß ich bei meinen früheren Tafelschilderungen vergessen habe, eines eigenthümlichen Brauches 164 Erwähnung zu thun, der nicht allein in Armenien, sondern auch in Georgien jedes Trinkgelag charakterisirt. » Allah werdy! « – Gott hat's gegeben! – ruft der Trinkende, bevor er das Horn an den Mund setzt; » Jachschi Jol! « – Einen guten Weg gehe es! – entgegnet der Nachbar. Im gewöhnlichen Leben bilden diese Worte den stehenden Trinkspruch; will man aber bei festlichen Gelegenheiten noch etwas Besonderes sagen, so muß das Alla werdy! wenigstens als Einleitung dienen. Z. B.: Alla werdy! Gott gab den Wein Zur Labung unsrer Seele, Zur Stärkung unserm Magen! Und: Jachschi Jol! Gut fließ' er ein In Deine durst'ge Kehle, Mög' er Dir wohl behagen! Oder: Alla werdy!         Wie die Nachtigallen an den Rosen nippen, – Sie sind klug und wissen, daß es gut ist! – Netzen wir am Weine unsere losen Lippen, – Wir sind klug und wissen, daß es gut ist! – Wie die Meereswellen an den Felsenklippen – Wenn das sturmbewegte Meer in Wuth ist – Breche schäumend sich der Wein an unsern Lippen; – Wir sind klug und wissen, daß es gut ist! – Wie ein Geisterkönig, ohne Fleisch und Rippen, – Weil sein Wesen eitel Duft und Glut ist, – Zieh' er siegreich ein durch's Rosenthor der Lippen, – Wir sind klug und wissen, daß es gut ist! – * * * 165 Doch, ich eile zum Schlusse und führe Euch weg von dem heitern Mahle nach dem nur wenige Meilen von der Stadt entfernten Kloster Etschmiadsin, auf der Hochebene des Ararat. Dort hat der Katholikos, der Patriarch von Armenien, seinen Sitz mit seiner ganzen Synode, bestehend aus vier Erzbischöfen und acht Bischöfen. Von hier aus wird die ganze armenische Christenheit regiert; hier ist der armenische Vatikan, und viele wunderbare Sagen knüpfen sich an die heiligen Gemäuer, deren Gründung bis zum Jahre 300 nach Christi zurückreicht. Noch ist der Ararat wegen des eingetretenen Thauwetters unzugänglich, und wir müssen, ehe wir unsere Weiterreise antreten, Schutz suchen im Kloster Etschmiadsin. Doch um weilen zu dürfen in den heiligen Hallen, wo wir uns in der weltberühmten Sammlung von Büchern und Manuskripten reiche Ausbeute versprachen, ist es nöthig, zuvor Gastfreundschaft vom Erzbischof-Stellvertreter des Katholikos zu erflehen. Den Katholikos selbst, den fast achtzigjährigen Narses , hatte ich schon früher in Moskau kennen gelernt, wo er sich seit längerer Zeit aufhielt. Mit einem glänzenden Reitergefolge, bestehend aus Kosaken, Kurden, Tataren und Armeniern, treffen wir ein vor den Mauern von Etschmiadsin. Unser freundlicher Führer Obowian hat die Güte, unsere Ankunft zu verkünden. Der ehrwürdige Erzbischof empfängt uns, umgeben von einigen Bischöfen und Mönchen. R. überläßt mir die Anrede. Ich trete auf den stattlichen Greis zu, küsse seine Hand und sage: »Heiliger Vater! Der Vogel hat sein Nest und das Thier hat seine Höhle – aber der hilflose Mensch hat nicht wohin er sein Haupt lege!« 166 Der Erzbischof antwortete: »Fremdling! was sagt der Dichter: wenn ein Gast bei Dir einkehrt, so wasche seine Füße und breite Teppiche aus, daß er niedersitze und ausruhe an Deinem Herde. – Mein Haus ist Dein Haus!« Ich nehme wieder das Wort und sage: »Ja, ehrwürdiger Vater! Gastfreundschaft macht die Wüste zum Rosengarten, aber Feindseligkeit macht den Rosengarten zur Wüste!« Der Erzbischof drückt warm meine Hand und entgegnet: »Fremdling! Du sprichst schon sehr weise für Deine jungen Jahre!« »Heiliger Vater! Meine Weisheit ist nur ein Abglanz von der Deinigen, denn Deine Worte fallen auf mich nieder süß wie auf die Kinder Israel das Mannah in der Wüste!« Der Alte wendet sich lächelnd zu den Umstehenden, flüstert einem Bischof etwas in's Ohr, ergreift abermals meine Hand und spricht: »Junger Pilgrim! Du streuest Blumen aus Deinem Munde!« »Heiliger Vater! Was kann ich thun, als wandeln auf den Blumen, die Du vor mir herstreuest? Was bin ich gegen Dich! Was ist ein Tropfen gegen das Meer, was ein Staubkorn gegen die Wüste, was eine Nachtlampe gegen die Sonne! Dein Wille ist mein Wille!« * * * Und ein fürstliches Gemach wurde uns bereitet im Kloster zu Etschmiadsin, dem Sitze des Patriarchen von Armenien, auf der Hochebene des Ararat. 167   Dreizehntes Kapitel. Armenisches Allerlei. Mein Aufenthalt in dem, beinahe 2900 Fuß über der Meeresfläche gelegenen Kloster Etschmiadsin, dessen Gründung in die ersten Jahre des vierten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung zurückreicht, gehört zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens. Ich kann nicht einstimmen in den Tadel, welchen frühere Reisende ausgesprochen haben über die Art und Weise, wie hier die Gastfreundschaft gegen Fremde geübt wird. Nur liebe und freundliche Bilder schweben an mir vorüber, wenn ich zurückdenke an jene Tage, die ich in den Ringmauern dieser uralten, gegen Persien und das Osmanenreich vorgeschobenen Veste des Christenthums verlebte. Vielleicht hatten wir es wesentlich den zuvorkommenden Empfehlungen des Landeschefs und der freundschaftlichen Vermittlung Obowian's zu danken, daß uns eine Aufnahme und Bewirthung zu Theil wurde, welche alle unsere Erwartungen weit übertraf. Seit einzelne Mitglieder des Kaiserhauses, und der in Rußland allmächtige Kriegsminister, Fürst Tschernitschew , 168 Etschmiadsin besucht, hat ein Theil der früher klösterlich einfachen Räume einen halb europäischen Anstrich gewonnen. Irre ich mich nicht, war unser Schlafgemach sogar mit Tapeten ausgeschlagen. Man kennt bereits in Etschmiadsin den Gebrauch von Tischen und Stühlen, von Messer und Gabel, von weißen Tischtüchern und Servietten, und die sonst landesüblichen Trinkhörner und Krüge werden durch Flaschen und Gläser ersetzt. Die Tafel, an welcher wir mit einigen Erzbischöfen und Bischöfen speisten, war so geschmackvoll eingerichtet, wie ich's in den elegantesten Restaurants von Paris nicht besser gefunden, weshalb jede Schilderung der Einzelheiten hier überflüssig erscheinen dürfte. Nur dies Eine sei bemerkt, daß die häufig gehörte Begrüßung: »Blumen vor Eure Füße!« keine leere Phrase blieb, indem wir jeden Morgen auf unserm Zimmer, und jeden Mittag auf unserm Teller ein duftendes Blumensträußchen fanden. Unsere täglichen Besuche der berühmten Bibliothek des Klosters, waren in Folge verschiedener Umstände leider immer nur von kurzer Dauer. Brosset der Jüngere, in der Gelehrtenwelt bekannt durch seine Werke über georgische Literatur, hat in französischer Sprache einen Katalog dieser Bibliothek herausgegeben, und der Umstand, daß die sehr unvollständige Arbeit noch keine Ergänzung gefunden, scheint ein Beweis zu sein, daß die Benutzung der literarischen Schätze von Etschmiadsin mit steten Schwierigkeiten verbunden ist. Schon in einer früheren Arbeit habe ich mich ausführlicher über die räthselhafte Erscheinung ausgesprochen, daß die 169 armenische Literatur, so reich an philosophischen, theologischen und historischen Werken, kein einziges poetisches Erzeugniß von Bedeutung aufzuweisen hat, obgleich die Lage und die Geschichte des Landes, sowie die früh durch Uebersetzungen vermittelte Bekanntschaft des Volks mit den griechischen und römischen Dichtern, der Anregungsmittel so viele boten. Dagegen war mir von landeskundigen Freunden Hoffnung gemacht, für meine Sammlungen von Volksliedern, sowohl unter den Armeniern, wie unter den Kurden und Tataren, reiche Ausbeute zu finden. Ich habe es hauptsächlich den eifrigen Bemühungen des trefflichen Obowian zu verdanken, daß diese Hoffnung nicht ganz unerfüllt geblieben, denn bei meiner Unbekanntschaft mit der vulgärarmenischen Sprache hätte ich mich auf das Niederschreiben der wenigen kurdischen und tatarischen Lieder beschränken müssen, welche der Zufall mir entgegen warf, wenn Obowian es nicht auf sich genommen hätte, mir eine Sammlung aller im Sardariat von Eriwan aufzutreibenden Volkslieder zu liefern. Das erste, von seiner eigenen Hand geschriebene, und mit einem vollständigen deutschen Kommentar versehene Heft dieser Sammlung erhielt ich noch vor meiner Rückkehr nach Europa, mit dem Versprechen, daß bald mehrere ähnliche Hefte nachfolgen würden. Meinem gelehrten Freunde, Herrn Professor Petermann in Berlin, ist es gelungen, die in korrumpirtem Vulgärarmenisch geschriebenen Lieder bis auf Ein Wort zu entziffern. Noch ist die Sammlung zu klein, um eine besondere Herausgabe zu rechtfertigen, und wiederum zu groß, um hier ganz Platz finden zu können. Ich beschränke mich daher auf die Mittheilung desjenigen Liedes, welches mir unter den in meinem Besitz befindlichen am werthvollsten scheint. 170   Armenisches Grablied.                   Zu Deinem Grabe bin ich gegangen, Mein Auge wandt' ich dem Grabsteine zu – O, daß es sich aufthue, mich zu empfangen An Deiner Seite zur ewigen Ruh'!   Daß ich mein welkendes Haupt der Erde Hingebe, und meine Seele Dir! Daß ich verwese, zu Asche werde, Um Ruhe zu finden, Ruhe bei Dir!   Geh' ich in's Haus, da seh' ich die Wände, Tret' ich hinaus – die Berge steh'n – Glühend zittert's durch Kopf und Hände, Kalt aber fühl' ich's mein Herz durchweh'n.   Erloschen ist meiner Augen Feuer, Der Tag meines Lebens verdunkelt mir – Was glaubtest Du mir auf Erden noch theuer, Daß Du mich hierließest – nicht mitnahmst zu Dir?   Ein Schatten, schwank' ich umher – zerschlagen Ist meine Kraft und der männliche Muth; Mir blieb nur die Stimme, mein Unglück zu klagen, Und das Auge zu bitterer Thränenflut.   Laß mich, o laß mich der Erde entfliehen! Es schlottert mein Knie, meine Wange ist bleich; Wohin auch die dunklen Gewalten mich ziehen, Ich finde Dich wieder im Schattenreich! 171   Dir Weihrauch und Licht hab' ich angezündet, – Sieh betend auf Deinem Grabe mich knie'n – O, könnte dem Dampf gleich, der wirbelnd entschwindet, Auch meine Seele nach oben zieh'n!   Was hab' ich noch Augen, mein Unglück zu sehen, Was eine Stimme, die jammernd Dich ruft – Kannst Du doch nimmer mein Klagen verstehen, Hörst nicht den Laut in der schaurigen Gruft! * * * Man erkennt gleich, daß diese Mimosa sensitiva unter den Blumen morgenländischer Dichtung, auf christlichem Boden gewachsen . . . Ich übergehe die Schilderung der Ausflüge, welche wir von Etschmiadsin aus in's Innere des Landes machten, sowie der Reliquien und Wunderdinge, welche das Kloster in seinen vielbeschriebenen Räumen birgt. Mit Ausnahme eines Stückes von der Arche Noah, hatte ich alle übrigen hier gezeigten Heiligthümer, als da sind: Nägel und Holzstücke vom Kreuze Christi, Arme und Kleidungsstücke von Aposteln u. s. w., schon früher in solcher Menge gesehen, daß man eine neue Arche Noah daraus hätte bauen können. Bei der Fülle des zu bewältigenden Stoffes durfte ich nur das Wichtigste hervorheben; wo scheinbar Unbedeutendes in die Darstellung aufgenommen wurde, geschah dies lediglich zur nothwendigen Vervollständigung der vorgeführten Bilder. Vor Allem mußte mein Streben darauf gerichtet sein, Wiederholungen zu vermeiden; über Manches, was hier nur kurz angedeutet wurde, wird der wißbegierige Leser in meinen 172 früheren Schriften über die Völker Südrußlands und des Kaukasus ausführlichere Mittheilungen finden. Es liegt in dem Plane dieses Buches, für sich ein abgerundetes Ganzes zu bilden, und doch eine poetische und belebende Ergänzung jener Schriften zu sein, deren Inhalt wesentlich die ethnographischen, statistischen, kultur- und kriegsgeschichtlichen Verhältnisse der Länder zwischen dem Kaspischen und Schwarzen Meere umfaßt. Wie dort, so hier, habe ich mich einer möglichst objektiven Darstellung befleißigt, und persönliche Bemerkungen und Erlebnisse nur da eingeflochten, wo es zur Vermittelung oder Ergänzung nothwendig erschien. Eben so sind die Naturschilderungen nur als Hintergrund und Rahmen der vorgeführten lebenden Bilder zu betrachten. * * * Bei heiterm Himmel und dem wärmsten Sonnenschein, unter Blumenduft und dem Gezwitscher der Sänger des Frühlings hatten wir unsern Einzug gehalten in Etschmiadsin, und als wir zu Ende März über Eriwan unsere Rückreise nach Tiflis antraten, herrschte auf der Hälfte des Weges eine Kälte, daß wir am zweiten Tage buchstäblich dem Tode des Erfrierens nahe waren. Die Senghi war so stark zugefroren, daß man Schlittschuhe darauf hätte laufen können; eine über zwei Fuß hohe Schneeschicht bedeckte die ganze Araxas-Ebene, und die Obstbäume in den Gärten, welche schon bei unserer Ankunft in voller Blüthe standen, hatten ihren Frühlingsschmuck wieder von sich geschüttelt und ließen traurig ihre Häupter hängen in tiefwinterlicher Umhüllung. 173 Obgleich plötzliche Wetterveränderungen im armenischen Hochlande nichts Seltenes sind, so konnten sich doch die ältesten Väter des Klosters nicht entsinnen, eine so entsetzliche Kälte um diese Jahreszeit erlebt zu haben. Nach einer rührenden Abschiedsscene im gastlichen Kloster von Etschmiadsin, wobei durch liebliche Redeblumen die verschneiten Blumen des Feldes ersetzt wurden, kamen wir halb erfroren nach Eriwan zurück und stiegen wieder ab im Hause unseres armenischen Gastfreundes. Die immer steigende Kälte und das entsetzliche Schneegestöber zwangen uns, ein paar Tage länger in der Hauptstadt Armeniens zu verweilen, als unsere Absicht war. Wir empfingen Besuche von der ganzen christlichen und islamitischen Geistlichkeit der Stadt, und unsere Mappe wurde durch manches werthvolle Andenken bereichert. Dem Mangel an Oefen in seinem Hause suchte Fürst T. durch feurige Weine abzuhelfen, und Obowian erfreute uns, soweit es seine Verhältnisse erlaubten, nach wie vor durch seine für uns so lehrreiche Gegenwart. Es war den Armeniern eine große Genugthuung, aus unserm Munde das Lob des Lehrers ihrer Kinder zu vernehmen, und noch mehr freute es sie, zu hören, wie die jungen Leute selbst sich ganz geläufig deutsch mit uns unterhielten. Unsere Bekanntschaften mehrten sich von Stunde zu Stunde, und fast jedes Gespräch gab uns neue Aufschlüsse über die Zustände und Sitten des Landes. »Wie gefällt Euch unser Kreishauptmann?« fragte mich ein alter armenischer Kaufmann mit schlauem Blicke. »Sehr gut,« erwiederte ich, »ich höre ihn überall nur loben.« »O, das ist ein prächtiger Herr! – fing der Alte wieder an – wollte Gott, daß überall solche Menschen wären! 174 Strenge, sage ich Ihnen, wie der Teufel, aber ehrlich dabei, wie ich nie Aehnliches im Leben gesehen; er nimmt Nichts, Sie mögen's ihm aufdrängen, wie sie wollen; er nimmt Nichts! « Der Alte strömte völlig über vom Lobe des Eriwan'schen Kreishauptmanns, und alle Augenblick unterbrach er sich selbst durch die ausdrucksvollen Worte: » er nimmt Nichts! « Ich war begierig, mir einen Kommentar zu dieser seltsamen Lobeserhebung zu verschaffen, und der Alte erzählte mir mit großer Ausführlichkeit, wie er einen langen Prozeß um eine bedeutende Summe mit einem andern Kaufmann geführt, und wie er schon nahe daran gewesen, den Prozeß zu verlieren; aber da habe er sich, im Gefühl der Gerechtigkeit seiner Sache, geradezu an den Kreishauptmann gewendet, und der habe die Sache streng untersuchen lassen und ihm Recht gegeben. »Ich wußte nicht, – fuhr der geschwätzige Alte fort – wie ich dem braven Herrn meinen Dank zu erkennen geben sollte. Ich nahm eine Rolle von zwanzig Dukaten und wollte ihm die als ein kleines Andenken in die Hand drücken; es ist nicht viel, sagte ich, aber Euer Hochwohlgeboren können immer auf mich rechnen!« »Nun, – fragte ich neugierig – und was sagte der Kreishauptmann?« »Was er sagte? »»Hundesohn!«« sagte er, »»hältst Du mich für einen Wsjätschnik? (bestechlichen Menschen). Ich werde Dich einstecken lassen, wenn Du Dich nicht gleich zur Thür' hinauspackst!«« Und dabei gab er mir einen Stoß in den Rücken, daß ich mit dem Kopfe gegen die Wand schlug, und dann faßt' er mich beim Arm und warf mich zur Thür hinaus mit den Worten: »»Wart', du Rasboinik (Räuber), 175 ich werde Dich lehren Dein Geld an den Mann zu bringen!«« Prächtiger Herr!« rief der Alte in Eins fort – »so etwas haben wir sonst nie gesehen hier zu Lande!« Alle Nachbaren fielen bestätigend ein, und des Lobes über dieses russische Beamtenwunder war kein Ende. Bei Tisch mußte uns ein Mährchenerzähler durch Lieder und Geschichten ergötzen. Er drückte sich, um Allen verständlich zu sein, in tatarischer Sprache aus, die den Armeniern eben so geläufig ist wie ihre Muttersprache. Ja, die meisten Volkslieder dieses Landes sind in tatarischer Sprache gedichtet. Von den vorgetragenen Mährchen ließ ich mir dasjenige, welches den meisten Beifall hervorrief, noch einmal erzählen, und brachte es dann kurz zu Papier, wie folgt: Armenisches Mährchen. Vor Zeiten lebte in Artaxata ein alter armenischer König. der eine wunderschöne junge Frau hatte. Zwölf große Truhen voll der kostbarsten Gewänder und Sachen hatte sie ihrem Ehgemahl als Mitgift gebracht; die Zahl ihrer Sklavinnen aber war hundert und zwölf. Und die Königin hatte eine Nichte, die noch viel jünger als sie selber, und unmaßen schön war, also daß die Königin sie beneidete. Die Nichte hieß Horoschan ; die Königin aber hieß Ripsime . Und dieselbe Horoschan war Schlüsselbewahrerin im Königspalaste zu Artaxata. Eilf Schlüssel hatte sie in ihrer Obhut von den Truhen der Königin, den zwölften Schlüssel aber, und den größten von allen, bewahrte die Königin selber, und verbarg ihn vor den Augen der Menschen. 176 Und es faßte Horoschan ein starkes Verlangen, zu wissen, was Ripsime in der zwölften Truhe verborgen hielt; denn alle übrigen Truhen standen frei umher in den Gemächern des Palastes, die zwölfte Truhe aber stand in einem heimlichen Gemache, und Wächter waren ausgestellt, und Niemand durfte hinzu bei Todesstrafe, wenn die Königin darinnen war, wohl zu dreien Malen des Tages. Und es begab sich eines Tages, als die Königin mit ihren Sklavinnen im Bade war, um ihren Leib salben zu lassen und zu schmücken für das heilige Blumenfest Anahid's, der befruchtenden Göttin, daß Horoschan dem Drange nicht widerstehen konnte, die Gemächer der Königin zu durchsuchen, um den zwölften Schlüssel aufzufinden und zu sehen, was in der geheimnißvollen Truhe verborgen war. Und siehe, es gelang ihr, den großen Schlüssel zu finden nach langem Suchen; im Schlafgemache des alten Königs Ardaschir fand sie ihn, also versteckt, daß der König selbst nicht darum wußte. Der alte König aber war in starker Liebe entbrannt für die schöne Ripsime , und verschmähete alle anderen Frauen. Und Horoschan eilte, mit dem Schlüssel die Truhe zu öffnen; aber wie groß war ihr Schrecken, als plötzlich ein hübscher junger Neger daraus hervorstieg, mit Gliedern, glatt wie Elfenbein, und schwarz wie die Zelte der Wanderstämme am Ararat. An den Ohren aber trug er goldene Ringe, und sein Haar war kraus wie die Wolle der Schaafheerden ihres Vaters, und seine Zähne weiß wie die Lilien am Araxes. Und es duftete sein Leib von Narden und Wohlgerüchen. Horoschan wollte entfliehen, aber der junge Neger hielt sie fest mit seinen starken Armen; sie wollte schreien – aber 177 sie fürchtete, daß der König und die Weiber im Palaste es hörten. Und sie schwieg still dazu. . . . Der junge Neger aber entbrannte für sie in starker Minne, denn sie war unmaßen schön und ihre Gestalt gar lieblich anzusehen, und sie war noch jünger als die Königin. Es geschah aber zu derselbigen Zeit, daß durch ein Versehen der Sklavinnen die Schalwari (Beinkleider) der Königin in's Wasser gefallen waren, und Ripsime erzürnte darob, und entsandte der Sklavinnen zwei, ein paar frische Schalwari zu holen. Und die Sklavinnen suchten umher in den Gemächern des Palastes, um Horoschan aufzufinden, die Hüterin der Schlüssel; denn es befanden sich die Gewänder der Königin in den Truhen, die Schlüssel zu den Truhen aber befanden sich bei Horoschan ; Horoschan aber befand sich mit dem jungen Neger in dem heimlichen Gemache der Königin. Und die Sklavinnen suchten, und fanden sie nicht. Und es faßte Ripsime der Zorn der Ungeduld, und sie begann die abwesenden Sklavinnen zu schmähen mit bitterer Rede, und entsandte zween andere, um die ersten zu suchen und sie zu führen vor der Königin Angesicht. Aber Horoschan war nirgends zu finden, obgleich die Sklavinnen zuletzt alle ausgeschickt waren, sie zu suchen. Da entglomm in der Königin schlimmer Argwohn, und sie that selbst ihre Gewänder an, und ohne Schalwari eilte sie in das Schlafgemach ihres Ehgemahls, um nach dem zwölften Schlüssel zu suchen, – aber sie fand ihn nicht. Und der Zorn färbte ihre Wangen mit dunkler Röthe, und sie eilte in das heimliche Gemach, wo die große Truhe stand . . . eben war Horoschan beschäftigt, die Truhe mit dem großen Schlüssel wieder sorgsam zu schließen. 178 Horoschan erschrak, aber schnell faßte sie sich wieder, und mit dem Blicke jungfräulicher Entrüstung trat sie keck ihrer zürnenden Tante entgegen, stemmte die Arme in die Seite, und, o! wer schildert die bitteren Worte, die ihrem süßen Munde entströmten. »Ist das die hohe Tugend meiner königlichen Tante, davon die Menschen singen und rühmen in den Landen am Massis-Sar (Ararat), und die Ufer des Araxes und Euphrat entlang! O, ich Unglückliche! daß ich Obdach suchen mußte in diesem Hause, wo Scham und Sitte mit Füßen getreten, und der Schnee der Keuschheit verdunkelt wird von der Gestalt eines schwarzen Negers! Armer Ardaschir , treuer Gatte Deiner unwürdigen Gattin! Die schönsten Jungfrauen des Landes warben um Deine Minne, aber ihre Blicke rührten Dich nicht, und kalt wandtest Du Dich hinweg von den Töchtern des Gebirges, um solchen Lohn zu empfangen für Deine Liebe! O, daß ich's erleben mußte, das Haus Ardaschir's entweiht zu sehen von meiner Königin, die ich bis jetzt wie die Tugend selbst verehrt!« Also klagte sie in Einem fort, daß die Königin gar nicht zu Worte kommen konnte. Die Rache des Königs fürchtend, falls er von ihrer Untreue in Kenntniß gesetzt würde, bot Ripsime Alles auf, ihre Nichte zum Schweigen zu bewegen; insgeheim aber traf sie Anstalt, Horoschan aus dem Wege zu schaffen. Der Mordplan mißlang, und eine unschuldige Sklavin fiel als Opfer für die Nichte der Königin. Horoschan , für ihr Leben fürchtend, entfloh in einen fernen Gebirgswald, nachdem sie aus Rache zuvor den König von der Untreue seiner Gattin unterrichtet hatte. Ardaschir , von hoher Liebe für die junge Königin beseelt, glaubte nicht eher an ihre Untreue, bis er sich mit 179 eigenen Augen davon überzeugt hatte. Aber eines Tages überraschte er sie in dem heimlichen Gemache, wie sie eben ihre Arme um den Hals des Negers schlang und zärtlich ausrief: Möge Dein Haupt nimmer von meinem Haupte getrennt werden! Der König zog racheglühend sein Schwert, und das Haupt des Negers rollte blutend vor seine Füße. In der ersten Aufwallung wollte er auch Ripsime umbringen, aber so groß war seine Liebe zu ihr, daß er das Schwert nicht gegen sie zu führen vermochte. »Dein Wunsch sei Dir gewährt, Du Treulose! – rief er – das Haupt des Negers soll nimmer von dem Deinen getrennt werden!« Und er ließ den Schädel des Erschlagenen in Gold fassen, und einen Kopfschmuck daraus bereiten für seine Königin. Das sollte die Strafe sein für ihre Missethat. Inzwischen irrte Horoschan einsam in den Wäldern umher, jammernd ob ihres unglücklichen Schicksals. Es war mitten im Winter, und Schnee und Eis bedeckten das Land. Aber, o Wunder! wo Horoschan hintrat, da sprangen Blumen aus der Erde hervor, und wo sie hinblickte, da schmolz die Winterdecke hinweg wie vor den Strahlen der Frühlingssonne, und wo ihr Odem wehte, da schüttelten die Bäume den Schnee von sich, und Blüthen und Blätter sproßten aus den Zweigen hervor. So groß war die belebende Macht ihrer Schönheit! Selbst die wilden Thiere des Waldes stutzten und sprangen hoch auf vor Freude bei ihrem Anblick. Aber ihr eigenes Herz war der Freude fremd geworden; sie fühlte bittere Reue ob ihrer Vergangenheit und flehte die Götter an, ihr den Tod zu geben. So verlebte sie lange Zeit unter Jammer und Wehklagen, ohne andere Gesellschaft, als 180 die Bäume und Thiere des Waldes; ihr Lager war die feuchte Erde, und ihre Decke das blaue Himmelszelt. Und sie genas eines Knaben, unter wildem Schmerz; Schakale und Geier sangen sein Wiegenlied. Es war aber der Knabe eine Mißgestalt und eine stete Quelle des Kummers für seine Mutter. Dennoch pflegte sie ihn mit der zärtlichsten Sorgfalt und Liebe; denn das Unglück hatte alles Schlimme aus ihr hinweggeschmolzen, und sie war gütig und liebevoll geworden wie ein Engel. Sie wünschte den Tod nicht mehr, denn ihr Kind fesselte sie an's Leben. Jahre verflossen, und das Kind wuchs heran, und mit ihm wuchs der Schmerz seiner Mutter. Noch aber hatte das Schicksal nicht alle seine Schreckenspfeile gegen Horoschan abgeschnellt; das Schlimmste stand ihr bevor: sie sollte auch ihr Kind, das Einzige, was sie fesselte an's Leben, verlieren. Nach langem Krankenlager starb der Knabe, und der Schmerz der Mutter drohete zur Verzweiflung zu werden. Sie wollte gewaltsam ihrem Leben ein Ende machen, und war eben im Begriff, sich von einem hohen Felsen herabzustürzen, als sie erschreckt zurückbebte beim Anblick einer plötzlich vor ihr auftauchenden Lichtgestalt. Und die Lichtgestalt sprach zu ihr: »Fürchte Dich nicht, o  Horoschan ! ich bin Anahid, die Göttin der Liebe. Du hast meinen Tempel entweiht und hast gebüßt dafür, aber die Stunde der Erlösung ist nahe. Nicht länger soll die Erde Dir eine Hölle sein. Die Schuld der Vergangenheit nehme ich von Dir, wie ich sie genommen habe von Ripsime , der Königin. Steig' hinab in's Thal, und Du wirst hinfort in einem neuen Leben wandeln.« Und also sprechend, verschwand die Lichtgestalt, wie sie gekommen war. 181 Horoschan aber stieg hinab in's Thal, festen Schrittes. Und siehe, ein fürstlicher Jägersmann, der auf der Hand einen Falken trug, sprengte ihr entgegen, und sein Auge wurde geblendet von der Anmuth des holdseligen Weibes. . . . Was soll ich Euch lange erzählen, wie es kam, genug – die Beiden wurden Mann und Frau, und lebten kindergesegnet und glücklich bis in ihr spätestes Alter. Und auch Ripsime , die Königin, sah noch viele glückliche Tage. Sieben Jahre hatte sie gebüßt für ihre Sünden,. da erschloß sich das Herz des Königs Ardaschir wieder in alter Liebe, und er nahm von dem Haupte Ripsime's den goldeingefaßten Schädel des Negers, und begrub ihn tief in die Erde und sprach: So soll auch aller Haß zwischen uns begraben werden! Und als die zwei Frauen nach langer Trennung sich wiedersahen, wußten sie beide ihr Glück nicht genug zu rühmen. Das Schicksal hatte den Garten ihres Herzens gesäubert von jeglichem Unkraut, und nur die Blumen des Glückes darin zurückgelassen. * * * Nun sagen wir der Hauptstadt und den hohen Bergen Armeniens, den beiden Ararat und dem Allagés Lebewohl, und kehren nach Tiflis zurück, in die Schule der Weisheit. Kaum eine Stunde vor unserer Abreise von Eriwan kamen noch zwei Mullah's angeritten, – Jeder von einem Kalljan- und Kohlenbeckentragenden Adam (Menschen, Diener) gefolgt, um uns Briefe an Mirza-Schaffy mitzugeben, der bei den Schriftgelehrten dieses Landes in hohem Ansehen zu stehen schien. 182 Der Geleitspruch, den wir dieses Mal mit auf den Weg bekamen, war wiederum dem Gjülistan von Saadi entnommen, und lautete: »Es wird sich Niemand in der Eulen Schutz begeben, Ob auch schon in der Welt kein Adler sollte leben.« So schieden wir. Aber war unsere Herreise beschwerlich gewesen, so wurde unsere Rückreise noch unendlich beschwerlicher. Besonders waren wir beim Uebergange der Gebirge des inzwischen stark zugefrorenen Gjoktschoi-Sees mehr als einmal daran, vor Kälte umzukommen oder in den unergründlichen, von den Gebirgen herabgerollten Schneemassen stecken zu bleiben, wie kurz vor uns eine ganze Karawane Kameele, die sammt ihren Führern unter dem Schnee begraben wurde. Entsetzten Auges sahen wir noch die Spuren dieser grausenvollen Begebenheit. Doch wenden wir unsere Blicke hinweg von solchen Bildern des Schreckens; statt Euch theilnehmen zu lassen an den Beschwerlichkeiten der Wanderfahrt, will ich lieber noch etwas von den Eigenthümlichkeiten des Landes erzählen, dem wir von den Höhen des Ischekj-Meidan (Eselsplatz; hier: Eselsrücken) unser letztes Lebewohl zurufen. Folgt mir in ein armenisches Dorf. Wir sehen hier dieselben schmutzigen, roh aufgeworfenen, halb unterirdischen Häuser, die wir in Georgien kennen gelernt haben. Vor jedem Hause steht ein sorgfältig aufgeschichteter, kegelförmiger Thurm von zwölf bis zwanzig Fuß Höhe. Dieser Thurm, zusammengebacken aus verdorbenem Stroh und allem Unrath des Hauses und Stalles, bildet das gewöhnliche Brennmaterial der Familie. Wo dieser Kisljak (die tatarische Benennung dafür) vom Winde und von der Sonne getrocknet und zu einer 183 torfähnlichen Masse gediehen ist, wird der tägliche Hausbedarf geschöpft, und die dadurch entstandene Lücke gleich wieder aufgefüllt. Ist es schon ein wenig appetitlicher Anblick, solch unreinliches Brennmaterial zur Bereitung des Brotes und zum Kochen verwendet zu sehen, so machte es mir doch einen viel unangenehmeren Eindruck, zu erfahren, daß hauptsächlich den Frauen der Armenier das Aufbauen und die Unterhaltung der Kisljak-Pyramiden obliegt. Man denke sich diese, im Vergleich zu ihrer dürftigen Behausung, sehr schmuck gekleideten Landbewohnerinnen, mit gelben Schuhen, rothen Pantalons, kurzem Rocke und langem Schleier, wie sie an den Kisljak-Pyramiden beschäftigt sind! Und dieses Schauspiel wurde uns jedes Mal, wenn wir ein armenisches Dorf passirten. Ein Glück, daß das Handküssen hier zu Lande nicht Sitte ist. Kriechen wir nun in das Innere einer armenischen Dorfwohnung, so glauben wir uns ganz in die Zeiten Abrahams zurückversetzt. Bei wohlhabenden Leuten findet man ein besonderes Gemach für den weiblichen Theil der Familie; bei den Aermeren, welche die große Mehrzahl bilden, besteht die Hütte nur aus Einem großen Raume, wo die Menschen von ihrem Hausvieh blos durch Querbalken getrennt sind. Von Fenstern, Tischen, Stühlen u. s. w. ist natürlich keine Spur zu finden. Das Licht fällt durch eine Oeffnung des Daches; der lehmgestampfte Fußboden ist mit Stroh bedeckt, und die darüber ausgebreiteten Matten (bei den Wohlhabenden Teppiche) ersetzen zugleich Stühle, Betten und Sophas. In der Mitte des Frauengemaches befindet sich gewöhnlich eine mit Steinen ausgemauerte Oeffnung, wo das Brot ( Tschoräkj , Lawasche ) gebacken wird. 184 Mögen die kurzen Andeutungen zur Schilderung eines armenischen Dorfhausstandes genügen. Der Leser würde wenig Vergnügen finden, mir durch alle übrigen unerquicklichen Einzelheiten zu folgen. Ich schließe dieses Kapitel mit Anführung einiger an Ort und Stelle geschöpften Beispiele des unter der christlichen und islamitischen Bevölkerung Armeniens herrschenden Aberglaubens.   1. Aberglaube der Armenier. Hält Dir Jemand die Hand in die Tasche, so wird Deine Frau Dir untreu.   Setzt eine Frau, und sei es auch nur zum Scherze, die Kopfbedeckung eines fremden Mannes auf, so gehen ihr alle Haare aus.   Das Zimmer eines Kranken ist immer von Engeln bewohnt. Deshalb muß jeder Eintretende, bevor er sich niederläßt, der am Krankenlager stehenden Tschengjir (oder dreisaitigen Balalaika) einige Töne entlocken, um die Engel zu ergötzen. Ferner muß das Zimmer mit Shawls und kostbaren Stoffen geschmückt sein, darauf die Engel sich niederlassen können. Auch ist es eine Gott wohlgefällige Sitte, den Engeln von Zeit zu Zeit Erfrischungen zu bieten, sei es auch nur, um den guten Willen zu zeigen; denn da die unsichtbaren Engel irdischer Genüsse nicht bedürfen, so genügt es, einen Teller mit Zucker, süßem Backwerk und Früchten herumzureichen, sich in jeder Ecke des Zimmers tief zu verbeugen und dann selbst etwas von den Früchten zu kosten. 185 2. Aberglaube der Perser und Tataren. Findest Du ein Pferd mit zwei weißen Füßen, so schone selbst Deines Feindes, und gieb es ihm nicht! Findest Du aber ein Pferd mit vier weißen Füßen, so schenke es Deinem Freunde; eines mit drei weißen Füßen gieb Deinem Sohne; findest Du aber ein Pferd mit einem weißen Fuße, oder ganz ohne Abzeichen an den Füßen, so behalte es für Dich selbst! 186   Vierzehntes Kapitel. Die Schule der Weisheit. ( Schluß .) Wir sind wieder in Tiflis, und sitzen versammelt um Mirza-Schaffy , im Divan der Weisheit. Wie hatte der Weise geseufzt nach unserer Rückkehr aus dem Lande der Häïghk! (Armenier) und wie erfreut war er, uns wieder zu sehen nach langer Trennung! Mehrere Wochen vergingen, ehe der Unterricht wieder seinen gewöhnlichen Gang nahm; so viel gab es zu fragen, zu erzählen und zu erklären. Wir entzifferten gemeinschaftlich die auf der Reise gesammelten Inschriften, sowie die tatarischen Lieder des blinden Barden Keschi-Oglu , wovon mir Obowian eine kleine Sammlung verschafft hatte. Einige kleine Geschenke, welche wir dem Mirza vom Bazar zu Eriwan mitgebracht hatten, wurden erwiedert durch ein von seiner eigenen Hand geschriebenes Heft, betitelt: »Der Schlüssel der Weisheit,« und unsers Lehrers ganze Weltanschauung, theils in kurzen Kernsprüchen, theils in längern Abhandlungen, enthaltend. 187 Bevor wir begannen, dieses Heft unter seiner Anleitung zu lesen, mußten wir ihm eine kurze Beschreibung unserer Reise liefern. Außerordentlich ergötzten ihn die Stellen, wo wir der lustigen Trinkgelage in Eriwan und der Tugenden des armenischen Weines (der etwa dem Monte Pulciano, wie man ihn in Rom trinkt, vergleichbar) rühmend gedachten. »Was sagt Hafis? « rief er – »Labe Dich der freudenreiche Wein, der Kuß der jungen Maid – Manche wunderliche Streiche Ziemen wohl der Jugendzeit!« Bei der Stelle, wo wir von den unreinlichen Beschäftigungen der armenischen Dorfbewohnerinnen, vom Bau der Kisljak-Pyramiden, sprachen, verfinsterte sich sein Gesicht, und er meinte, diese Pyramiden seien Denkmäler der Schande für die Männer, die ihre Frauen zu solcher Arbeit herabwürdigten. »Schmutz auf ihr Haupt!« schloß er seine lange Randglosse, worin er nachwies, daß man die Frauen niemals hoch genug stellen könne, und daß die Männer immer und überall an den Schwächen und Auswüchsen des schönen Geschlechts selbst Schuld seien. »Wie kann die Rose gedeihen – rief er – ohne Sonnenschein! Wie kann das Veilchen blühen auf salzigem Boden! Siehe, wie Blumen sind die Frauen, die immer schöner und duftiger werden, je mehr man sie pflegt und hütet. Die Männer aber sollen Wärter sein im Garten der Schönheit; sie mögen sich erfreuen am Duft der Blumen, aber sie sollen sie nicht zerdrücken mit den Händen der Rohheit. Gleichwie man das Unkraut ausjätet vom Blumenbeet, also 188 soll alles Schlechte und Gemeine entfernt werden aus der Nähe der Frauen! »Tritt die Rose mit Füßen – und ihre Stacheln verwunden Dich; pflege sie mit Liebe und Sorgfalt – und sie wird blühen und duften, Dir und sich selbst eine Zierde! »Mach' Dich freiwillig zum Sklaven einer Frau – und sie wird es nicht dulden, sondern sich selbst vor Dir beugen und in dankbarer Liebe zu Dir emporblicken als zu ihrem Herrn; mache die Frau gewaltsam zu Deiner Sklavin – und sie wird es noch weniger dulden, sondern durch List und Schlauheit die Herrschaft über Dich zu erringen suchen. Denn das Reich der Liebe ist das Reich der Widersprüche; der Weise aber merkt sich das und handelt danach!« Er schlürfte ein Glas Wein herunter, ließ sich eine frische Pfeife bringen, und begann von andern Dingen zu sprechen. Ich aber unterbrach ihn und sprach: Deine Worte klingen lieblich, o  Mirza-Schaffy! auch ich lese gern im Koran der Schönheit; darum fahre fort in Deiner Belehrung über die Frauen! »Deine Bitte athmet Weisheit – erwiederte der Mirza – darum leih' ich Dir gern das Ohr der Gewährung. Denn je mehr man sich mit den Frauen beschäftigt, desto mehr lernt man sie kennen; und je mehr man sie kennen lernt, desto mehr lernt man sie lieben; und je mehr man sie liebt, desto mehr wird man wieder geliebt – denn jegliche wahre Liebe findet ihre Erwiederung, und die höchste Liebe ist die höchste Weisheit. »Was giebt es Höheres in der Welt, als die Frauen? Was sind alle lustigen Träume von den Houris im Paradiese gegen diese schönen Wirklichkeiten auf Erden? »Frage die Völker von Rumeli: was ist das Höchste in der Welt? und sie antworten: der Sultan! Richte 189 dieselbe Frage an die Völker von Farsistan , und sie antworten: der Schach! Denn die Sunniten halten den Sultan, und die Schiiten halten den Schach für den Schatten Allah's auf Erden. Aber was ist der Schein gegen die Wirklichkeit? Was ist der Schatten gegen das Wesen? Und wahrlich, ich sage Dir: die Frauen sind das Wesen Allah's auf Erden! Sie sind die Trägerinnen des Lebens, die Säulen der Anmuth, die Edelsteine in der Krone des Glücks. Wer es mit ihnen hält, der ist wohlberathen. Ein Kuß auf die Hand einer Schönen ist besseres Labsal als der Genuß der köstlichsten Speisen. . . .« »Aber die Hand muß reinlicher sein als die Hände der schönen Dorfbewohnerinnen Armeniens, o  Mirza! « »Du redest unweise, o Jünger! denn das ist eben das Wunderbare in der Natur der Frauen, daß der kluge Mann Alles aus ihnen machen kann. Darum fließen alle Untugenden der Frauen nur aus der falschen Behandlung der Männer. Gewöhne eine Frau daran, ihr die Hand zu küssen, und ihre Hand wird immer sauber und rein sein; küß ihr den Fuß – und sie wird ihre Füße pflegen mit der weiblichsten Sorgfalt!« So begeistert hatte ich den Weisen niemals gesehen, wie diesen Abend. Es war des Rühmens der Frauen kein Ende. Schon seit einiger Zeit war mir sein gänzlich verändertes Wesen aufgefallen. Der alte Trübsinn aus seinem Antlitz hatte einem wohlthuenden Ausdruck der Freude und Zufriedenheit Platz gemacht. Meine Vermuthung, daß sein Herz sich auf's Neue der Liebe erschlossen, und daß hinter jener nächtlichen Mondscheinscene, wobei ich ihn überraschte, etwas mehr stecke als eine flüchtige Leidenschaft, bestätigte sich vollkommen. 190 Er war zerstreut, aber blieb immer bei guter Laune, wenn ich ihn aus seinen Träumereien weckte und zur Tagesordnung zurückrief. Jede Pause im Unterricht wurde durch Singen ausgefüllt; jeder Wunsch, jede Erklärung durch ein paar Verse ausgeschmückt. Er griff nach der Flasche; die Flasche war leer. »Laß Wein kommen! – rief er – was sagt Hafis:               Mädchen, bring' Wein       Denn es bricht herein Uns die Zeit jetzt der Rosen!       Umgehn wir auf's Neue       Den Pfad der Reue In der Mitte der Rosen. . . .« » Mirza-Schaffy! – unterbrach ich ihn – Du bist verliebt von Kopf bis zu Fuß; gesteh' es nur, ich merke es an Deinem ganzen Wesen!« »Du hast Recht – entgegnete er lächelnd – Die Welt erscheint mir wieder im rosigen Lichte! Was sagt Hafis:               Auf dem stürmischen Meer       Lange schifft' ich umher, Trotzte Gefahr und Tod –       Doch die Gefahr ist verschwunden;       Seit ich die Perle gefunden Hab' ich des Meeres nicht Noth!« Und wieder unterbrach ich ihn: »Warum singst Du nicht Deine eigenen Lieder, o  Mirza? Hafisens wonnige Gesänge kann ich immer lesen, aber Deine Stimme kann ich nur hören, so lange ich bei Dir bin!« 191 Er nickte einverstanden, bat mich, das Kalemdan zu bereiten, und alsobald hub er zu singen an:         Nach einem hohen Ziele streben wir,                         So ich wie Du! Uns in Gefangenschaft begeben wir,                         So ich wie Du! In mein Herz sperr' ich Dich – Du mich in Deines ; Getrennt und doch vereint so leben wir,                         So ich wie Du! Dich fing mein Witz – und mich Dein schönes Auge, Und wie zwei Fisch' am Angel schweben wir,                         So ich wie Du! Und doch den Fischen ungleich – durch die Lüfte Uns wie ein Adlerpaar erheben wir,                         So ich wie Du! »Du schreibst doch nicht?« unterbrach er sich plötzlich. »Allerdings schreib ich; Du hast mir's ja gesagt!« »Aber nicht solchen Unsinn sollst Du schreiben! Ich wollte mich nur erst ein Wenig austoben; denn nichts ist schwieriger als vernünftige Verse zu machen, wenn man verliebt ist!« »Aber wenn es gelingt, so wird es auch etwas Besonderes!« »Nach der Natur des Bodens darauf es wächst! jetzt schreib', ich werde singen:«         So singt Mirza-Schaffy: wir wollen sorglos               In der Gefahr sein – Im Bund mit Wein, mit Rosen und mit Frauen               Des Kummers baar sein! 192 Mag Heuchelei mit Hochmuth sich verbünden,               Bosheit mit Dummheit – Wir aber wollen eine geisterles'ne               Geweihte Schaar sein! Vorläufer der Erlösung, Tempelstürmer               Des Aberglaubens – Verkündiger der Wahrheit, die einst Allen               Wird offenbar sein! Ein Schwert ist unser, schärfer als das schärfste               Schwert von Damaskus – Und wo es trifft, da wird geheilt den Blinden               Der schwarze Staar sein! Wir reißen Sonne, Mond und Sterne nieder,               Es soll ihr Feuer Im Liede glüh'n und Opferflamme auf der               Schönheit Altar sein! So wandeln wir einher mit froher Botschaft,               Und Nichts hinfort Soll uns Verfängliches, als schöne Augen               Und schönes Haar sein! * * * Hier müssen wir den Vorhang fallen lassen über Mirza-Schaffy , und die Schule der Weisheit schließen, um den vorgezeichneten Raum nicht zu überschreiten, und auch den übrigen Begegnungen unserer Wanderfahrt gerecht zu werden. Wo eine Rundschau gehalten wird über so mannigfaltige und fremdartige Erscheinungen, wie dieses Buch dem Leser sie 193 bieten soll, da kann jedes Bild nur auf einen kleinen Rahmen Anspruch machen. Sollte aber mein ehrwürdiger Lehrer, nach der leichten Skizze die ich hier von ihm entworfen habe, viele Freunde finden im Abendlande, so wäre ich gar nicht abgeneigt, ihn der Welt einmal in seiner ganzen Größe vorzuführen, und dem Weisen von Gjändsha ein besonderes Buch zu widmen. Stoff dazu würden seine vielen, noch unübersetzten Gedichte, sein »Schlüssel zur Weisheit,« seine lange Korrespondenz mit mir und seine letzte Liebesgeschichte in Fülle bieten. Auch im Verlauf dieser Blätter werden wir noch oft Gelegenheit haben, Mirza-Schaffy's zu gedenken, da seine Beziehungen zu mir auf alle meine späteren Erlebnisse im Orient von Einfluß waren. Er vermittelte meine Bekanntschaft mit den berühmtesten Schriftgelehrten in den Ländern des Kaukasus, und besonders mit dem Weisen Omar-Effendi , dessen schon in den frühern Kapiteln dieses Buchs rühmend gedacht wurde, und mit dem ich auf meiner Wanderung durch's Paschalick Achalzich einen poetischen Wettkampf der Weisheit zu bestehen hatte, wovon der Leser eine kurze Schilderung in den nachfolgenden Aufzeichnungen finden wird. Hier mögen zuvörderst noch ein paar kleine Lieder Platz finden, als Nachklänge aus der Schule der Weisheit, und als Uebergänge zu neuen Wanderungen.   1.         Gelb rollt mir zu Füßen der brausende Kur Im tanzenden Wellengetriebe; 194 Hell lächelt die Sonne, mein Herz und die Flur –         O, wenn es doch immer so bliebe! Roth funkelt im Glas der kachetische Wein, Es füllt mir das Glas meine Liebe – Und ich saug' mit dem Wein ihre Blicke ein –         O, wenn es doch immer so bliebe! Die Sonne geht unter, schon dunkelt die Nacht, Doch mein Herz, gleich dem Sterne der Liebe, Flammt im tiefsten Dunkel in hellster Pracht –         O, wenn es doch immer so bliebe! In das schwarze Meer Deiner Augen rauscht Der reißende Strom meiner Liebe; Komm, Mädchen! es dunkelt und Niemand lauscht –         O, wenn es doch immer so bliebe!   2.         Die helle Sonne leuchtet     Auf's weite Meer hernieder, Und alle Wellen zittern     Von ihrem Glanze wieder. Du spiegelst Dich, wie die Sonne,     Im Meere meiner Lieder; Sie alle glüh'n und zittern     Von Deinem Glanze wieder!   3.         Ich fühle Deinen Odem     Mich überall umweh'n – 195 Wohin die Augen schweifen,     Wähn' ich, Dein Bild zu seh'n! Im Meere meiner Gedanken     Kannst Du nur untergeh'n, Um, wie die Sonne, Morgens     Schön wieder aufzusteh'n! 196   Funfzehntes Kapitel. Wanderung durch das Paschalick Achalzich. Ein heftiges Gallenfieber, welches mich im Frühsommer aufs Krankenlager warf, und welches die Aerzte in dem trockenheißen Tiflis für unheilbar erklärten, zwang mich, die Hauptstadt wieder auf längere Zeit zu verlassen, um in der stärkenden Gebirgsluft Heilung zu suchen. Mirza-Schaffy , der die Verschlimmerung meiner Krankheit lediglich den gebrauchten Arzneimitteln zuschrieb, rieth mir, in seiner Gesellschaft den Kronsgarten am Berge Solalaki zu besuchen, und mir dort den Magen mit der Frucht des Maulbeerbaums zu füllen, deren Genuß mein Uebel alsobald verscheuchen würde. Der Berg Solalaki, einer der schönsten Punkte der Stadt, trägt auf seinem breiten Rücken die Ruinen der alten Veste Narikalé, welche durch eine lange Mauer mit dem ebenfalls in Trümmern liegenden Schlosse Schahi-tacht (Thron des Schah's) in Verbindung steht, und an die schlimmen Zeiten erinnert, wo Georgien noch unter der grausamen Herrschaft der Perserkönige zitterte. Von den Höhen des Berges Solalaki erfreut man sich einer Aussicht, welche die vom Davidsberge noch an Großartigkeit übertrifft. Von hier übersieht man die große Ebene 197 Didubeh, unten, zwischen dem Kyros und dem Bergrücken von Soganlug breiten sich die schönsten Gärten von Tiflis aus. Vor allem aber macht der von hohen Mauern beherrschte, terrassenförmig sich abstufende Kronsgarten selbst, mit seiner üppigen Vegetation einen zauberhaften Eindruck. Ich hatte mich schon ganz eingelebt in Tiflis, und dennoch erschien mir Alles, was ich sah, so vollständig fremdartig und ungewohnt, als ich zum Erstenmale nach langer Zeit meine Klause wieder verließ, um mit Mirza-Schaffy die Wallfahrt anzutreten zu den Maulbeerbäumen im Garten des Solalaki. Es war zwischen sechs und sieben Uhr Morgens. Die Straßen fingen an sich zu beleben, die Werkstätten und Magazine öffneten sich; hier schrieen uns ein paar Droschkenführer, welche mit tief verhüllten Frauen zu den Bädern fuhren, ihr lautes Kabadah! (Platz gemacht!) zu, dort wurde uns der Weg versperrt durch lange, hagere Imerether , welche Lastthiere, beladen mit großen, wassergefüllten Doppelschläuchen vor sich hertrieben – endlich sahen wir die alte Veste Narikalé vor uns aufsteigen, und als wir, um den Weg abzukürzen, eine Reihe stufenförmig aneinanderhängender Häuser überkletterten, fanden wir auf einigen Dächern noch die Bewohnerinnen im tiefen Schlafe unter freiem Himmel, während von andern Dächern eben das Bettzeug weggeräumt wurde. Im Kronsgarten angekommen, ruhten wir ein wenig aus im Schatten der hohen Nußbäume, denn schon waren die Sonnenstrahlen von gewaltiger Kraft, – und darauf bestieg ich unter Mirza-Schaffy's Hülfe und Anleitung einen Maulbeerbaum, um Heilung zu suchen im Genuß seiner Früchte. Das Klettern, wie das Hangen und Bangen in den schwankenden Zweigen wurde meinem geschwächten Körper sehr 198 sauer, aber der Weise von Gjändsha bestand darauf, daß ich die Früchte mit eigener Hand pflücken müsse, wenn sie Genesung bringen sollten, und ich mußte mich seinem Willen fügen. Aber trotz dieser Kur der Weisheit nahm meine Krankheit einen immer schlimmeren Charakter an, und erst einige Wochen später wurde ich vollständig hergestellt in der lieblichen Bergwildniß von Priutina, dem Sommeraufenthalte der kaukasischen Statthalter. Den freundlichen Einladungen der Statthalterin, Frau von Neidhart , folgend, brachte ich die heißen Monate in Priutina zu, unter anmuthigen Damen, Blumenduft, Bergluft und Waldesgrün, und neu gestärkt an Leib und Seele trat ich von hier aus über Manglis meine Wanderung in's Paschalick Achalzich an. Die Reise wurde, wie die Natur des Weges dies bedingte, zu Pferde gemacht, und meine Begleitung bestand dieses Mal aus Giorgi , meinem Diener, einem schlauen, mit Sprachen und Sitten der transkaukasischen Länder genau bekannten Armenier, und zwei donischen Kosaken als Eskorte. Der Gebirgspfad, welcher von Priutina nach dem nur wenige Meilen entfernten Manglis führt, ist aller Reize voll. Burgentragende Felswände wechseln ab mit waldumschlungenen Bergen, grünen Schluchten und lieblichen Fernsichten. Es war schon spät am Tage, als ich mit meinem lanzentragenden Gefolge in Manglis , dem Standquartiere des Tifliser Jägerregiments, ankam. In Abwesenheit des Kommandanten, Oberst Belgard , wurde ich von dem in russischen Diensten stehenden georgischen Fürsten Schalikow aufs freundlichste empfangen. Von dem langen Ritte ermüdet, verschob ich alle weitern Ausflüge bis auf den folgenden 199 Tag, und brachte den Abend in traulicher Unterhaltung mit dem Fürsten und verschiedenen anderen Offizieren zu, welche sich unserer Gesellschaft angeschlossen hatten. Mein erster Ausflug am folgenden Morgen war ein Ritt durch die sich ziemlich weit ausdehnende Militärkolonie von Manglis. Ich glaubte mich in ein Dorf der reichen Wolgaprovinzen versetzt, so schmuck und sauber sah Alles aus, was meinen Augen begegnete. Die ganz im russischen Geschmack erbauten, blendend weiß angestrichenen Häuser machten inmitten der dunkelbelaubten Berge, die sie von allen Seiten umragten, einen äußerst heitern Eindruck. Jedes Haus war von einem kleinen, zierlich eingezäunten Garten umgeben, auf deren Beeten, wie überall, wo Russenhand die Erde pflegt, der Kohl die erste Rolle spielt. Sehr gut wissend, wie äußerst wenig die russische Regierung im Allgemeinen zur Verpflegung ihrer Heere thut, konnte ich nicht umhin, meine Verwunderung über den Wohlstand, der sich ringsum zeigte, auszudrücken. »Wenn die Soldaten nichts hätten, als ihren Sold, – antwortete ein mich begleitender Offizier auf meine in obigem Sinne gemachte Aeußerung, – so würden die armen Teufel schwerlich so leben können, wie es hier und in den meisten andern Militärkolonien wirklich der Fall ist. Aber die Kolonisten sind sämmtlich verheirathet, und unter den Frauen giebt es, wie Sie sehen, viele frische, rüstige Wesen; da verdient sich dann Manches nebenbei. Eine lobenswerthe Eigenschaft dieser Weiber ist es, daß sie das also erworbene Geld nicht auf unnützen Flitterstaat, sondern zur Verbesserung ihrer Haushaltung anwenden.« Wir fanden nach Besichtigung der Militärkolonie, der großen Kaserne und der übrigen Krongebäude noch Zeit, eine 200 Excursion nach den Ruinen des wenige Werst von dem neuen Manglis gelegenen alten Manglis zu machen. Wir ritten vom großen Wege ab, durch einen hohen, schattigen Tannenwald, und gelangten bald auf eine von wildem, üppigem Gesträuch umwachsene, und von hohen, trotzigen Felsen überragte, enge Bergstraße, deren Passage so schwierig war, daß wir sammt unsern am Zügel nachgeführten Pferden, zu verschiedenen Malen beim Ueberklimmen der rauhen Felsblöcke, welche überall den Weg versperrten, stürzten, und leichte Verletzungen davon trugen. Doch wurden wir durch die großartigen Naturschauspiele, die auf jedem Schritte das Auge entzückten, überreichlich für das Ungemach des Weges entschädigt. Uns zur Rechten rollte der reißende Alghet seine schäumenden Wogen, hier die Wurzeln schwankender Gebüsche, dort die moosüberwachsenen Steinmassen wellentrotzender Felsblöcke umrauschend. Bunt schimmerten und leuchteten die Wogen, zitternd das Bild der Mittagssonne und der blumigen Uferrahmen wiederspiegelnd. Zu unserer Linken hochaufragten, so weit das Auge spähte, gigantische, wunderlich gezackte Felsenmauern, und wo diese von der Natur aufgethürmten Riesenvesten Lücken gelassen, waren sie durch Menschenhand ausgefüllt. Denn nicht immer standen diese fruchtbaren, wasserreichen Thäler, diese schützenden Schluchten so verlassen da, wie heute. Ein mächtiges Geschlecht haus'te einst hier, dessen Thaten noch fortleben in den Sagen Georgiens. Noch stehen die Trümmer der felsaufgethürmten Mauern da, welche das untenwohnende Volk einst gegen die Einfälle der räuberischen Lesghier errichtete; noch hängen, wie riesige Adlernester, die Ruinen alter Burgen und Schlösser an den laubholzgekrönten Bergen. Den Felswänden selbst haben hier die Menschen mit staunenswerthem 201 Fleiße Schutz und Wohnung abgetrotzt. Ganz kleine, hinter dichtem Gebüsch versteckte, unten unerspähbare Oeffnungen führen zu geräumigen, künstlich gemeißelten Höhlen und Gemächern, wovon einige sechs bis acht Fuß Höhe haben und dreißig bis vierzig Fuß tief in die Brust der Berge hineingehauen sind. Wir kletterten unter unsäglicher Anstrengung die steile Bergwand hinauf, um einige von den wunderbar gezimmerten Wohnungen in der Nähe zu betrachten, bestiegen, als wir in die Schlucht des Alghet zurückgekehrt waren, unsere unten harrenden Rosse, setzten quer durch den reißenden Fluß, und gelangten ein halbes Stündchen später auf dem andern Ufer nach den Ruinen von Manglis, dem Ziele unserer Wanderung. Von den vielen Gebäuden, welche einst hier gestanden haben sollen, wo zu Wachtang-Gurgasslan's Zeit der Sitz eines georgischen Bischofs war, fand ich nur noch Trümmer zerfallener Mauern, und eine ziemlich wohlerhaltene, ihres hohen Alters wegen merkwürdige Kirche, welche schon in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts n. Chr. unter der Regierung des Königs Miriam II. erbaut sein soll. Die Kirche ist, wie die meisten alten Kirchen Georgiens, klein von Umfang, und innen und außen mit einer Menge Arabesken und Inschriften verziert. Bei meinem Eintritt in die geheiligten Räume blöckte mir eine wohlgenährte Heerde Kühe ein dröhnendes Willkommen entgegen. Auf solchen Empfang war ich nicht vorbereitet, und so tolerant ich sonst in Bezug auf kirchliche Angelegenheiten bin, so empörte es mich doch, das Haus des Herrn in einen Kuhstall umgewandelt zu sehen. Später wurde freilich mein Blick daran gewöhnt, öfter Ochsen und Schafe in Tempeln und Palästen zu finden. Die Russen, 202 welche selbst nur bauen, um Ruinen zu machen, haben wenig Verehrung für die Denkmäler des Alterthums. Die Inschriften und Heiligenbilder waren rund umher von den gehörnten Vierfüßlern zernagt und abgerieben; nur eine Inschrift gelang es mir mit Hülfe des Fürsten Schalikow abzuzeichnen und zu entziffern. Sie befindet sich über dem Portal in Stein gehauen, ist in der alten georgischen Kirchensprache abgefaßt und lautet in der Uebersetzung wie folgt: »Herr, erbarme Dich des Gründers dieser Kirche, des Erzbischofs Arseni von Manglis: den 2. Februar des Jahres 360.« Diese Jahreszahl stimmt nicht überein mit der gewöhnlichen Angabe, daß die Kirche bereits zu König Miriams Zeit erbaut sein soll, da dieser Fürst bekanntlich schon in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts starb. Nachdem ich eine genaue Zeichnung der malerischen Ruinen von Manglis entworfen hatte, wurde auf dem schwellenden Rasenteppich ein nach georgischer Weise zubereitetes Mittagsmahl eingenommen, wobei der im ganzen Orient so beliebte Pillau (hier Plow genannt) und das Schaschelik (ein in kleinen Stücken in seinem eigenen Fette gerösteter Hammelbraten), so wie verschiedene Süßigkeiten, worunter ich besonders »eingemachte Rosenblätter« hervorhebe, die Hauptrolle spielten; der Wein wurde dabei aus den altherkömmlichen kaukasischen Trinkgefäßen, d. h. aus großen, silberbeschlagenen Büffelhörnern getrunken. Die Virtuosität der Georgier im Weintrinken habe ich schon früher zu rühmen Gelegenheit genommen. Ein ächt georgisches Diner wird immer mit Gesang beschlossen, weshalb auch der freundliche Fürst zu meiner Ueberraschung Sorge getragen hatte, einen alten, blinden Sänger zu bestellen, welcher unser ländliches Mahl durch tatarische Liebeslieder würzte. 203 Auf einem kürzern und bequemern Wege als der, welchen wir gekommen waren, nach den gastlichen Kasernen des neuen Manglis zurückgekehrt, traf ich Anstalt, meine Reise am folgenden Morgen fortzusetzen. Wenn man die hohe, Laub- und Nadelholz-gekrönte Bergkette (von den dortigen Einwohnern die gelben Berge genannt) überstiegen hat, über welche der Weg aus dem Thalkessel von Manglis nach Zalka führt, so nimmt die Vegetation einen dürftigen und kälteren Charakter an, und das Land wird immer öder und wüster, je weiter man sich von Manglis entfernt. Die Sonne war schon ihrem Untergange nahe, als wir das von Armeniern und einigen Griechen bewohnte Dorf Zalka , wo wir ein halbes Stündchen Rast gehalten hatten, verließen, um die noch etwa zehn Werst entfernte, nach dem Dorfe benannte Festung, von den Russen Nazalsky-Redut geheißen, zu erreichen. »Ist das eine Armenierin?« fragte ich meinen Diener, die Blicke bewundernd auf eine allerliebste junge Frau werfend, welche des Weges kam. »Ich glaube, ja!« erwiederte Giorgi , »ihr Anzug spricht dafür, ihr Gesicht dagegen. Solche Schönheiten sind selten unter den Armeniern hier zu Lande . . . Welch ein reizendes Wesen!« fuhr er schmunzelnd fort – »was für Augen! Solch ein Blick geht einem durch die Seele – Bemerken Sie sie, sie sieht sich noch einmal um. Beim heiligen David! das Weib sieht aus, wie ein Mädchen von Gurien .« »Sind denn die Mädchen von Gurien so schön?« fragte ich lächelnd. »Und das wissen Sie nicht, Effendim?« – rief mir der Kerl zu mit einem Blicke, welcher halb Erstaunen, halb 204 Verachtung ob meiner Unwissenheit ausdrückte. – »Dann kennen Sie auch wohl nicht die Sage, welche die Ursache dieser Schönheit erklärt?« »Nein,« erwiederte ich, »und wenn Du die Sage kennst, so kannst Du sie mir, während wir dann weiter reiten, erzählen.« »Ob ich sie kenne? Aber wer kennt denn die nicht? Verzeihung, Effendim! ich werde gleich anfangen.« Ich befahl den Kosaken voranzureiten, um uns in der Festung anzumelden und ein Lager für die Nacht zu bereiten, hielt mein unruhiges Pferd zurück, um mit dem sanften Thiere Giorgi's in gleichem Schritte zu bleiben, und Letzterer begann mit wichtigem Tone   Die Sage von den vierzig Jungfrauen. Einst wollte Allah zur Freude seiner Seligen das Paradies mit neuen Houris bevölkern, und befahl zu dem Ende einem Imam, sich umzuschauen unter den Töchtern der Menschen, und die vierzig schönsten Jungfrauen, die auf Erden zu finden, in den Himmel zu führen. Der heilige Vater verstand sich auf Schönheit und erfüllte gewissenhaft seines Gottes Befehle. Er ging nach Fränkistan in das Land der Inglis (England) und raubte die blühende Königstochter. Der König wollte den kühnen Entführer erschlagen, aber Allah blitzte ihm Dreck in den Kopf, daß seine Augen verfinstert wurden. Der Imam schiffte übers große Wasser und kam nach dem Lande der Nemtsche , wo viele Mädchen sich durch seine 205 bunten Gewänder und süßen Worte verlocken ließen, ihm zu folgen. Nach einem Jahre war die heilige Zahl voll, und er kehrte über das schwarze und weiße Gewässer zurück nach Osten. Er kam glücklich mit seiner jungfräulichen Schaar bis nach Gurien , aber dort trieb ihn der böse Feind, sich in eine der angehenden Houris zu verlieben, und sie durch die sündigen Folgen seiner Liebe für das Paradies untauglich zu machen. Umsonst suchte er umher unter den Schönen des Landes, er fand keine, welche die entweihte Jungfrau ersetzen konnte, und es fehlte Eine an der heiligen Zahl. Voll Reue und Verzweiflung durchbohrte sich der Osmanli mit dem Dolche, um dem Zorne Allah's zu entgehen; die schönen Mädchen aber blieben in Gurien, vermischten sich mit den Kindern des Landes, und erzeugten ein Geschlecht, schöner denn das alte. * * * Es war inzwischen stockfinster geworden, denn im Orient folgt die Nacht dem Tage ohne die süße Zwischenzeit der Dämmerung; ein schneidend kalter Wind wehte vom Gebirge her, wir zogen unser Baschalik tiefer über die Ohren, setzten unsern Pferden die Fersen in die Weichen und jagten in gestrecktem Galopp durch die stürmische Nacht dahin. 206 Nach einer halben Stunde knarrte schon das Thor der Festung vor uns auf, ein Kosak leuchtete mit einer Fackel voran und führte mich in ein altes zerfallenes Gemach, das beste, welches in der Festung zu finden war. * * * Die Sonne drückte ihren Morgenkuß auf die weißen Wangen der Gletscher, daß sie errötheten in jungfräulicher Scham, als wir, diesmal von zwei Ural' schen Kosaken begleitet, der unheimlichen Festung Lebewohl sagten. Schon vor vier Uhr war Giorgi in's Zimmer getreten, um mich zu wecken und mir meinen Kaffee zu bringen. Er brauchte mich nicht zu wecken, ich hatte die ganze Nacht vor Kälte und Ungeziefer kein Auge zuthun können. Er klagte mir ebenfalls seine Noth und meinte, die Prussaki der Festung schienen den kriegerischen Geist der Kosaken eingeathmet zu haben; sie hätten, um seinen Schlummer zu stören, während der Nacht legionenweise förmlich regelmäßige Angriffe auf ihn gemacht. Die Kosaken, fuhr er fort, könnten sich ruhig in ihr Heimathland begeben, und die Prussaki als Besatzung in der Festung zurücklassen; kein Feind würde es sicherlich länger als einen Tag mit ihnen aushalten. Wohl – dachte ich – wenn in diesem Lande, wo Ungeziefer aller Art so etwas Gewöhnliches ist, ein Mann von Giorgi's Gelichter sich hier besonders davon geplagt fühlt, so muß es wahrhaftig schlimm damit aussehen! – 207 In Folge eines mehrmaligen Aufenthalts, veranlaßt durch Zeichnen von Ruinen, welche ich unterwegs antraf, erreichten wir erst gegen Mittag das Kosakenlager von Tabiszachur , dicht neben dem schönen See Toporowan (auch kurzweg Toprana genannt) gelegen. Die hier lagernden Kosaken hatten ihre Pferde ein paar Stunden weit auf die Weide getrieben, und es bot sich mir die unerfreuliche Aussicht dar, hier den Rest des Tages und die Nacht zuzubringen, denn vor Abend waren keine Pferde herbeizuschaffen, und in der Dunkelheit war es unmöglich, den Gebirgskamm bis Achalkalaki zu übersteigen. In Erwartung eines entsprechenden Trinkgeldes, in diesen öden, wenig bereisten Gegenden etwas sehr Seltenes für die armen Teufel, schlugen mir meine Begleiter vor, weiter zu reiten ohne die Pferde zu wechseln. Ich nahm bereitwillig ihren Vorschlag an, ließ unsere ermüdeten Thiere ein paar Stunden verschnaufen, und nahm während der Zeit ein stärkendes Bad in dem kalten Wasser des Sees Toporowan . Dieser, das Sandshak von Achalkalaki begränzende See, nimmt an Umfang etwa dreißig Werst ein, hat süßes, gesundes Wasser und ist reich an Fischen und historischen Erinnerungen. Unter letztern erwähne ich als guter Christ insonderheit die auf die Einführung des Christenthums in Georgien Bezug habende, in Wachtang 's Chronik mitgetheilte Sage von der heiligen Nino . Diese gesegnete Jungfrau war, um den gräulichen Christenverfolgungen im römischen Reiche zu entgehen, zusammt der heiligen Ripsime und deren Wärterin Gajan nach Armenien geflohen, und rettete sich, nachdem ihr die beiden Freundinnen durch den Märtyrertod entrissen waren, an die Ufer des Sees Toporowan. Später kam sie nach Mtzchetha, 208 der alten Hauptstadt Georgiens, wo sie eine Menge Wunder übte, Todte in's Leben zurückrief u. s. w. und die Einwohner zum Christenthum bekehrte . . . Unter den Fischen des Sees verdienen besonders die schmackhaften Lachsforellen rühmende Erwähnung. Nachdem ich eine Schale Kaffee geschlürft und einen Tschibuq geraucht hatte, ging die Reise wieder rüstig von dannen. Wir waren etwa eine halbe Stunde geritten, als uns ein auf einem Esel langsam daher trabender, georgischer Priester aufstieß. Ein junger, hochgewachsener Bursche lief zu Fuß neben her und hatte noch obendrein das ziemlich beträchtliche Reisebündel seines ehrwürdigen Gebieters zu tragen. Ich rief dem geistlichen Herrn, einem stattlichen Manne von mittlern Jahren, mit regelmäßigen Gesichtszügen und dichtem, schwarzen Barte, einige freundliche Willkommsphrasen in georgischer Sprache zu, welche er eben so freundlich erwiederte, und zugleich höflich neugierige Fragen über meine Herkunft und den Zweck meiner Reise hinterhergleiten ließ. Ich gab ihm Auskunft so gut ich konnte, merkte jedoch bald, daß mein in Tiflis begonnenes Studium der georgischen Sprache noch bedeutender Ergänzungen bedürfe. Eben wollte sich Giorgi dolmetschend in's Mittel legen und fing an, mir den Redeschwall des Priesters in's Russische zu übersetzen, als ihn der geistliche Herr mit den an mich gerichteten Worten unterbrach: »Ah, wenn Sie russisch verstehen, so können wir uns ohne Dolmetsch unterhalten, ich habe auf einem russischen Seminar studirt und bin der Sprache so kundig wie ein Eingeborner.« In allen dem Kaiser unterworfenen Ländern des Kaukasus gilt russische Sprache und Sitte, aus leicht erklärlichen Gründen, für das Höchste der Civilisation. »Meine Töchter haben alle eine russische Erziehung erhalten,« sagt, rühmend 209 auf seine Kinder deutend, der georgische Fürst zum europäischen Reisenden, vor dessen Auge freilich die gepriesene moskowitische Bildung eben nicht als der größte Reiz der schlanken Georgierinnen erscheint. Wer jedoch den Preis dieser hohen Errungenschaft schmälern wollte, würde bei den gastfreien Landeskindern entweder für hochmüthig, oder selbst gar für ungebildet und urtheilsunfähig gelten, weshalb der Fremde wohl thut, in den allgemeinen Ton mit einzustimmen und davon abweichende Ansichten höchstens seinem Tagebuche anzuvertrauen. Der Leser wird sich demnach nicht wundern, daß ich meinem Eselberittenen Reisegefährten rühmend meine Anerkennung ob seiner Kenntniß der russischen Sprache ausdrückte, und daß mir das Kompliment mit orientalischem Schwulst umwickelt, zurückgegeben wurde. Theils um seine Neugier weiter zu befriedigen, theils auch wohl um seine Kenntniß der verschiedenen konfessionellen Parteien an den Tag zu legen, fragte er mich mit pfiffiger Miene: ob ich zur römisch-katholischen Kirche gehöre, oder zu derjenigen Sekte, welche Luther als einzigen Heiligen anerkenne? Als ich, ohne weitere Erläuterungen in Bezug auf die Heiligkeit Luther's , den zweiten Theil der Frage bejaht hatte, konnte der geistliche Herr, nachdem er einige kräftige Flüche gegen die jetzt in Rußland in schlechtem Kredit stehende römisch-katholische Kirche geschleudert, nicht umhin, seine Verwunderung darüber zu äußern, daß ein anscheinend so verständiger Mann wie ich, mehrere Jahre in Rußland habe leben können, ohne in den Schooß der allein seligmachenden griechischen Kirche überzutreten. Er setzte mir die großen Vortheile eines solchen Uebertritts – wobei er vorzüglich die überwiegende, sich noch jährlich vermehrende Anzahl der Heiligen in Rußland, und der 210 Wunder, welche hier täglich geschehen, während bei uns dergleichen niemals vorkommen, hervorhob – so weitschweifig auseinander, daß ich den Strom seiner Bekehrungsrede nur durch das Versprechen hemmen konnte, die Sache nächstens in ernste Erwägung zu ziehen. Als ich darauf, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, preisend der großartigen Naturschönheiten des Kaukasus gedachte, hatte ich nochmals Gelegenheit die Früchte der moskowitischen Studien meines geistlichen Freundes zu bewundern. »Ja,« sagte er mit kundigem Blicke, »außer dem Chimborazo in der Schweiz, findet man doch gewiß in der ganzen Welt keine so hohen Berge wie hier am Kaukasus!« Ich winkte einverständlich mit dem Kopfe, wohl wissend, daß ich durch eine Berichtigung seines Irrthums meinem gelehrten Begleiter durchaus keinen Gefallen erzeigt haben würde. Es wird meine freundlichen Leser vielleicht Wunder nehmen zu erfahren, daß mir in der bergeversetzenden Erklärung des geistlichen Herrn der Irrthum selbst weniger auffiel, als der Umstand, daß ein georgischer Priester vom Dasein einer Schweiz und eines Chimborazo überhaupt etwas wußte. Um noch vor Anbruch der Dunkelheit nach Achalkalaki zu gelangen, machte ich gewaltsam unserm lehrreichen Gespräch ein Ende, und nahm freundlich Abschied von dem ehrwürdigen Verkünder des Wortes, von dem erfüllt wurde wie geschrieben steht: daß der Glaube sogar Berge versetzen kann. Achalkalaki ist der Hauptort des Sandshaks gleiches Namens, dessen Gesammtzahl der Einwohner männlichen Geschlechts sich nach den russischen Statistiken auf 3200 beläuft, wovon 720 zum Islam, 200 zur griechisch-georgischen Kirche 211 und die übrigen theils zur unirten, theils zur altarmenischen Kirche gehören. Die einförmigen Häuser des obengenannten Städtchens sind nach asiatischer Weise niedrig, mit platten Dächern gebaut; die hier fehlenden Glasfenster sind durch Drathgitter ersetzt. Achalkalaki besitzt einen ziemlich umfangreichen Markt und Bazar, und wird von einer, auf dem linken Ufer des Toparawan-Tschai gelegenen, den Rücken eines steilen Felsen krönenden Festung beherrscht, welche kurze Zeit nach der Eroberung des Landes durch die Türken erbaut sein soll, und deren Entfernung von Tiflis 110 und von Achalzich 68 Wersten beträgt. Inmitten der starken Ringmauern haben die Russen den Bau einer zweiten Festung begonnen, ein nach der Behauptung des mich begleitenden Ingenieur-Offiziers eben so thörichtes wie nutzloses Unternehmen, dessen Ausführung zu nichts weiter führen kann, als die Taschen der den Bau dirigirenden Beamten zu füllen. Die größere Zahl der Einwohner besteht aus handeltreibenden Armeniern, welche noch von der Herrschaft der Osmanlis her ihre türkische Tracht beibehalten haben. Die Wohnungen sind, nach denjenigen zu schließen, welche ich in Gesellschaft meines Giorgi – der hier eine Menge von Verwandten und Bekannten hat – besuchte, auffallend reinlich und sauber gehalten. Die Frauen scheinen hier kein so zurückgezogenes Leben zu führen wie man das sonst im Orient zu finden gewohnt ist; im Verlauf einer Stunde begegneten wir über zwanzig unverschleierten, jungen Frauenzimmern, meistens von sehr angenehmer Gesichtsbildung und schlankem Körperbau. Auffallend war es mir, während meines freilich nur kurzen Aufenthalts in Achalkalaki, kein einziges Pferd zu sehen; Alles scheint hier auf Eseln zu reiten. Auf meiner Wanderung 212 durch die Straßen und den Bazar wurde ich alle Augenblicke von naseweisen Militairs angehalten, welche mich um Rang, Namen und Reisezweck befragten. Die Erscheinung eines Reisenden muß hier etwas sehr Seltenes sein, da mich auch die rührigen Handelsleute auf dem Bazar mit abschreckender Neugier angafften. Das Klima des Sandshaks, so wie überhaupt der ganzen Gegend von den Gebirgszügen bei Manglis an gerechnet, bis zu dem blühenden Thalkessel von Chertwis , unserm nächsten Aufenthaltspunkte, ist rauh, aber gesund. Die in den tiefer gelegenen Theilen Georgiens so gefährlichen und häufigen Fieber sind hier ganz unbekannt, und sonstige Krankheiten selten . . . Wenn man, dem Laufe des reißenden und fischreichen Toparawan-Tschai folgend, noch einige zwanzig Werst weit die kahle Hochebene überschreitet, welche sich in nordwestlicher Richtung hinter Achalkalaki ausdehnt, gelangt man an eine tiefgelegene weite Schlucht, von halb nackten, halb gesträuchbewachsenen Felsen umschlossen. Hier muß der Reiter sein Roß am Zügel führen und zu Fuß den steinigen, sich zwischen rauhen Felsblöcken hinschlängelnden Bergpfad hinabklimmen, welcher in's Thal zu dem tief unten liegenden Chertwis führt. Selten habe ich einen so halsbrechenden Bergweg wie diesen gefunden, aber selten auch wurde der Blick durch eine so lockende Aussicht belohnt, wie die blühenden Gärten des Thals, durchflossen vom Toparawan-Tschai, der seine Fluten hier mit denen des Kyros mischt, uns darboten. Die Füße jammerten, aber das Auge frohlockte, als wir, unsere guten Rosse am Zügel führend, über das rollende Gestein, die steilen Felswände entlang, behutsam zu dem tief unter uns liegenden Thale hinabstiegen. 213 Hochaufstrebende Epheuranken schlängelten sich jungfräulich schmiegsam um die schattigen Fruchtbäume, welche uns gastlich mit grünen Zweigarmen zu winken schienen, freudeschwankende Blumen nickten uns vertraulich zu, hell durch das dunkle Grün klang das Zwitschern der Sänger der Lüfte und dazwischen brausten die weißen Wellen der sich unten einenden Ströme wie lautschallendes Gelächter. Man glaubt sich hier in die wasserreichen Gärten versetzt, die der Prophet seinen Gläubigen verheißen. Chertwis , welches unter der Türkenherrschaft die Residenz eines Pascha's war, zählt heutigen Tags nur noch etwa 800 Einwohner, ein Gemisch von Armeniern und Türken. Die hochgelegene Festung der Stadt stammt nach dem allgemeinen Dafürhalten noch aus der Blüthezeit des georgischen Königreichs, d. h. aus der Regierungsperiode der vielgepriesenen Königin Tamar . Aus einer alten Inschrift jedoch, welche Dubois hier aufgefunden und Brosset der Jüngere in Petersburg theilweise entziffert hat, ergiebt sich, daß die Festung erst um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, unter der Regierung des Attabeg Kanarkaré , Sohn des Sargis , eines Vasallen König David's VIII. erbaut wurde. Man findet hier eine kleine griechische Kirche mit alten georgischen Inschriften; außerdem umschließen die Mauern des Forts sechs Häuser, die in ihrem Innern noch deutliche Spuren des orientalischen Luxus tragen, mit welchem sie einst geschmückt waren. Besonders ist das merkwürdige, gut erhaltene Harem der Beachtung werth. Das Städtchen erfreut sich eines herrlichen Klima's. Die Gärten der Umgegend, der einzige Reichthum des Orts, sind in ganz Georgien berühmt wegen der köstlichen Früchte, welche hier im Ueberfluß wachsen. Die Wohnungen bestehen, wie in allen ursprünglich georgischen 214 Städten, aus Saklis, d. h. aus kleinen, von Steinen roh aufgeworfenen Häusern ohne Fenster und mit platten Dächern. Das Licht fällt durch ein im Dache angebrachtes Loch, welches zugleich als Rauchfang dient und bei schlechtem Wetter geschlossen wird. Mein Giorgi hat mich wieder bei einem alten, ihm verwandten Armenier einquartirt; der Kerl muß eine Unzahl von Verwandten in diesem Lande besitzen: bis jetzt haben wir noch kein Dorf passirt, wo er mich nicht mit einem halben Dutzend Cousinen, Schwestern, Schwägerinnen und Frau Basen bekannt gemacht hätte. Ich werde hier mit wenigen Worten des Innern meines Absteigquartiers Erwähnung thun, da dasselbe gleichsam als Typus aller übrigen armenischen Häuser von Chertwis gelten kann. Das Haus meines Gastfreundes besteht aus zwei luftigen, geräumigen Gemächern, deren jedes ein Viereck von etwa fünfzehn Schritt im Durchmesser bildet, das letztere, oder Schlafgemach habe ich leider nicht genauer untersuchen können; das erstere ist zugleich Küche, Wohnstube und Gesellschaftszimmer. Zur rechten Hand von der Thüre befindet sich ein großer, gut gebauter Kamin, den die Engländer für eine Nachahmung der ihrigen ansehen würden, und welcher zugleich die Stelle des Herdes vertritt. An den beiden Seitenwänden hängen die Küchengeräthschaften in so schöner Ordnung und so blank gescheuert, als ob die Kessel, Kasserollen und Töpfe nicht zum täglichen Gebrauch, sondern zum Verkauf da wären. Außer diesen Geräthschaften gewahrt man keinen andern Schmuck als einen einfachen Teppich und einige kleine, niedrige Schemel; aber Alles ist so hübsch vertheilt und schmuck gehalten, daß meine Augen angenehm davon überrascht wurden. Ich wollte meiner Wirthin ein Kompliment darüber machen, aber die gute Frau schien sich ungemein vor mir zu 215 fürchten, denn sie wich immer zehn Schritt zurück, wenn ich einen Schritt gegen sie anrückte. Ich wandte alle mir zu Gebote stehende Beredsamkeit an, um ihr zu beweisen, daß gar kein Grund vorhanden sei, sich vor mir zu fürchten; ich sagte ihr, daß Frauen mir gar nichts Neues wären, daß ich sie sehr liebte, daß ich schon mit vielen Frauen in Berührung gekommen, daß meine eigene Mutter eine Frau wäre, daß . . . doch ich hatte nicht nöthig weiter fortzufahren, denn der letzte Punkt schien ihr alle Schüchternheit zu nehmen. Bald darauf wurde das sehr reinliche Mittagessen aufgetragen, dessen Hauptbestandtheile wieder Pillau, Schaschelik und Süßigkeiten bildeten. Nach Tische machte ich in Gesellschaft meines Wirthes eine Wanderung durch die blühende Umgebung von Chertwis, bei welcher Gelegenheit ich Bekanntschaft mit mehrern Türken anknüpfte, welche mich einluden, auch ihre Gärten in Augenschein zu nehmen, und nachdem sie eine Stunde neben mir hergewatschelt und mir Alles gezeigt und erklärt hatten, mich freundlich mit Kaffee und der perlenden Wasserpfeife bewirtheten. Nach der Schätzung Dubois , welcher im Jahre 1833 von Achalzich aus Chertwis besuchte, liegt das Fort etwa 4000 Fuß über dem Meeresspiegel. Die Häuser des Städtchens dehnen sich am Fuße des Forts links vor dem nach Süden zulaufenden Felsen aus. Die den Ort rings umragenden Berge haben nur zwei großen Schluchten Raum gelassen, wovon sich die eine in östlicher und die andere in südlicher Richtung öffnet; durch die erstere stürzt sich brausend der reißende Toporowan-Tschai dem nicht minder reißenden Kur zu, dessen Wellen die letztgenannte Schlucht durchrollen. Chertwis ist nach Verhältniß der Größe das am meisten bevölkerte Sandshak des Paschaliks; die Zahl der Einwohner 216 männlichen Geschlechts wird auf 4800 angeschlagen, worunter 2940 Armenier von der alten Kirche, 416 zu der unirten Kirche gehörige, 540 griechisch-katholische Georgier, 340 Muhammedaner und 58 Juden sind. Das Klima ist sehr gesund und das Land eben so wie Achalkalaki reich an Getreide. Der Weg, welcher von Chertwis über Aspinsa nach Achalzich führt, ist weniger malerisch als beschwerlich. Um die etwa fünfundvierzig Werst betragende Strecke zurückzulegen, brauchten wir trotz unserer trefflichen, wohlgenährten Pferde fast neun Stunden; man begegnet auf dem Wege einer Menge wenig bedeutender Ruinen. Aspinsa, dessen Entfernung von Achalzich etwa dreißig Werst beträgt, ist der Hauptort des Sandshaks gleichen Namens; dieses Sandshak ist das kleinste und unbedeutendste des ganzen Paschaliks. Die Zahl der in zwölf kleinen Dörfern zerstreuten Bevölkerung wird auf 500 angeschlagen; die Einwohner sind fast durchgehend's Muhammedaner. Von dem Klima und den Produkten des Landes gilt dasselbe, was über Chertwis gesagt wurde. Man findet in Aspinsa, welches früher die Residenz des aus den letzten Türkenkriegen bekannt gewordenen Mustapha-Achmed-Béy-Oglu war, ein in unregelmäßigem Viereck gebautes, altes türkisches Schloß von 140 Fuß Länge und 56 Fuß Breite, welches zu beiden Seiten von bewohnbaren Thürmen überragt wird. Ich enthalte mich als Laie aller Bemerkungen über die äußerst interessanten, auf rein vulkanischen Ursprung deutenden Formationen, welche besonders von Chertwis an bis zu dem von Trappfelsen und Traßschichten eingeschlossenen Thale von Aspinsa das Auge in Erstaunen setzen, da wir in aller Wahrscheinlichkeit von dem gelehrten Naturforscher, Professor Abich, welcher wenige Monate nach mir diese Gegend 217 besuchte, bald eine gründliche Abhandlung darüber erwarten dürfen. Ganz ermüdet und zerschlagen von dem langen Ritte kam ich Nachmittags um sechs Uhr in Achalzich , der Hauptstadt des gleichbenannten Paschaliks, an, und machte gleich dem freundlichen Kommandanten der Festung, Oberst von Brevern , den ich schon früher in Armenien kennen gelernt hatte, meine Aufwartung. Die gastliche Einladung des Obersten, ein Appartement in den Festungsgebäuden zu beziehen, lehnte ich höflich ab, da mir Giorgi schon unterwegs eine Wohnung bei einem ihm verwandten armenischen Kaufmann in Aussicht gestellt hatte. Den Abend brachte ich in Gesellschaft der liebenswürdigen Familie des Herrn von Brevern zu, wo ich noch einen jungen deutschen Offizier aus den Ostseeprovinzen, den Ingenieur-Kapitän von Dahl kennen lernte, in dessen Gesellschaft ich am folgenden Morgen meine Wanderungen durch die Stadt begann. Die Eroberung von Achalzich durch Paskjéwitsch ist ein noch zu neues Ereigniß, und seiner Zeit in den öffentlichen Blättern zu oft besprochen worden, als daß es nöthig wäre, durch eine weitläuftige Schilderung der Belagerung und Einnahme der Stadt die Kriegsbegebenheiten der Jahre 1828 und 1829 in dem Gedächtnisse des Lesers wieder aufzufrischen. Denjenigen, welche sich darüber genauer unterrichten wollen, empfehle ich das den Gegenstand ausführlich behandelnde, obwohl vom russischen Gesichtspunkte aus geschriebene Werk von Felix Fonton: La Russie dans l'Asie Mineure, ou Campagnes du Maréchal Paskévitsch en 1828 et 1829 . Achalzich liegt an einem von dem Potzchoflusse , dem Kaja-Dagh und den Ausläufern der Gebirgszüge von Persaat gebildeten Winkel, wo sich die unansehnlichen, eng 218 zusammengebauten Häuser in einem Umfange von etwa drei Werst ausdehnen. Die Stadt zerfällt in drei Theile: die Festung, die Alt- und Neustadt, welche letztere zwei durch den Potzcho von einander geschieden sind. Fangen wir, um eine leichtere Uebersicht zu gewinnen, unsere Betrachtungen bei der Festung, als dem am höchsten gelegenen Punkte der Stadt an. Die Gründung dieser Festung wird, wie alle großartigen Bauten des Landes, von dem Volke der Königin Tamar , der georgischen Semiramis, zugeschrieben. Die Türken nennen die Veste Achiszcha-Kalessi ; die Georgier haben dafür den alten Namen Achale-Ziche (d. i. die neue Festung) beibehalten. Die Befestigungswerke, welche aus drei Theilen bestehen, genannt die obere und untere Festung und die Citadelle, bilden ein seltsames Gemisch von georgischer und türkischer Bauart. Der obere Theil nämlich und die Citadelle wurden von den Georgiern erbaut, und der untere Theil später von den Türken hinzugefügt. Die Mauern dehnen sich auf einem hohen, schwer zugänglichen Felsen aus, dessen Fuß der reißende Potzcho bespült. Unter den im Innern der Festung befindlichen Gebäuden ist nur die schöne, leider jetzt auch halb in Trümmern dastehende Moschee näherer Beachtung werth. Die Gründung derselben wird dem türkischen Pascha Achmed , welcher zu Anfange des achtzehnten Jahrhunderts über Achalzich herrschte, zugeschrieben. Wie Fluge (in No.  4. der Zeitung von Tiflis des Jahres 1832) erzählt, verschrieb dieser Pascha zur Erbauung der Moschee einen europäischen Architekten aus Konstantinopel, ließ eine Menge christlicher Kirchen niederreißen und das so erbeutete Material zum Bau des prachtvollen, 219 in großartigem Style ausgeführten Tempels verwenden, welcher jetzt bestimmt ist, wiederum in ein christliches Bethaus umgewandelt zu werden. Die äußern Mauern der Moschee sind einfach und schmucklos, aber von dauerhafter, geschmackvoller Arbeit. Vier hohe, steinerne Säulen von bläulicher Farbe, mit kupfernem Piedestal und durch schön geformte Bogen mit einander verbunden, bilden die Hauptfaçade des herrlichen Gebäudes. Der Raum zwischen diesen Säulen und der Moschee wurde von drei kleinen, mit vergoldeten Halbmonden geschmückten Kuppeln überragt. Die Hauptkuppel der Moschee, welche über sechzig Fuß im Durchmesser hat, ist aus Ziegelsteinen aufgeführt und mit gepreßtem Blei überkleidet. Das hoch durch die Lüfte ragende, schlanke Minaret gewährt zuneben dem umfangreichen Tempel einen besonders schönen Anblick. Beide sich der Moschee anschließende Vorhöfe sind mit glatten Quadern von bläulicher Farbe gepflastert, welche in einem etwa zwei Stunden von Achalzich gelegenen Steinbruche gewonnen werden. In der Mitte des ersten Hofes sprang eine große, schön eingefaßte Fontaine, von einer mit dem goldenen Halbmond geschmückten Kuppel überragt, welche von acht zierlichen Säulen getragen wird. Dies ist ein Bild der Moschee, wie sie gewesen; die Fontaine springt jetzt nicht mehr, der goldene Halbmond ist verschwunden, die das Innere des Gebäudes zierenden Arabesken und Inschriften sind abgerieben oder übertüncht, und überhaupt sieht man heutzutage nur noch die Spuren der einstigen Pracht . . . Die Sage erzählt, daß der grausame Achmed-Pascha dem Architekten, als er das große Werk vollendet hatte, zum Dank den Kopf abhauen ließ, um ihn zu verhindern, anderswo ein ähnliches Gebäude zu errichten. Doch wurde der Pascha selbst 220 vom Sultan mit dem Tode für seine Grausamkeit bestraft; sein Grabmal findet sich an der Ecke des Vorhofes der Moschee. Steigen wir jetzt von der Festung hinab, um eine flüchtige Wanderung durch die Stadt zu machen, welche mit ihrer öden, aller Vegetation entbehrenden Umgebung, und ihren kleinen, eng zusammengeworfenen Häusern einen ziemlich traurigen Anblick gewährt. Unter den durchgängig unansehnlichen Gebäuden thun wir nur der unfern der Festung gelegenen türkischen Bäder, so wie der Kirchen Erwähnung, deren man sechs in Achalzich findet: eine georgische, eine katholische, drei armenische und einen israelitischen Kahal nebst Synagoge. Der früher so berühmte Bazar von Achalzich trägt jetzt ein höchst ärmliches Gepräge. Von der ehemaligen Bevölkerung dieser einst so volkreichen Stadt ist seit der Besitznahme durch die Russen kaum eine Spur übrig geblieben; von den türkischen Einwohnern haben ich alle wohlhabenden nach der Türkei zurückgezogen, und die übrigen leben zerstreut in den Dörfern der angrenzenden Sandshaks. Unfern Achalzich, am rechten Ufer des Potzcho, inmitten einer engen, wilden Schlucht, stehen die zerfallenen Mauern einer alten armenischen Kirche. Die Ruinen, welche von dem Geschmacke und der Kunst des Baumeisters eben keine hohe Idee geben, verdienen nur in sofern Beachtung, als sie ihres Alterthums wegen von Armeniern und Georgiern in hohen Ehren gehalten werden, und ihnen als Zeugniß gelten, wie früh das Christenthum in diesem Lande schon einheimisch gewesen. Zudem knüpft sich eine noch heute unter dem Volke fortlebende Sage daran, welche erzählt, daß der heilige Magnessi nach seiner 221 Vertreibung aus Persien sich in Trapezunt niedergelassen habe, jedoch auch von dort wieder schimpflich verjagt und mit dem Tode bedroht worden sei, weil er mehrere Muhammedaner zur armenischen Kirche bekehrt habe. Des Lebens in den großen Städten müde, und um den steten Verfolgungen der Türken zu entgehen, habe er sich in der Nähe von Achalzich angesiedelt, und dort eine christliche Gemeine gebildet, von welcher die oben erwähnte Kirche herstammt. Nicht lange jedoch sollte er in seinem neuen Wohnorte sich der Ruhe erfreuen. Bei einem Verheerungszuge der Feinde durch Achalzich kam er um's Leben, und sein Leichnam wurde von Wunden entstellt am Eingange des Gotteshauses gefunden. Er war gestorben als ein Streiter Gottes, das Heiligthum des Herrn mit tapferer Hand vertheidigend. Seit jener Zeit hat die Kirche immer leer und unbenutzt gestanden, und wird nur im Sommer, an hohen Festtagen, von den frommen Einwohnern der Umgegend besucht. * * * Mit dem gesellschaftlichen Leben sieht es in Achalzich traurig aus, da es hier an dem belebenden und veredelnden Element der Gesellschaft – an Damen, fehlt. Von den hier dienenden Offizieren und Beamten sind die meisten ohne Vermögen, und folglich auch unverheirathet, da ihre spärliche Besoldung zum Unterhalt einer Familie nicht ausreicht. Frau von Brevern , die einzige gebildete Dame, die ich in Achalzich gefunden, hat sich vielfach aber vergebens bemüht, unter den vornehmeren Armenierinnen Geselligkeit, im europäischen Sinne des Worts, einzuführen. Die Verschiedenheit der Sprachen, Sitten und Kleidung, so wie die Eifersucht der 222 armenischen Ehemänner, welche über die Sittlichkeit der russischen Offiziere ihre eigenen Ansichten haben, machten jedwede dauernde Annäherung unmöglich. Man begreift demnach leicht, daß eine Anstellung in Achalzich eben kein beneidenswerthes Loos ist, und gewöhnlich als eine Verbannung betrachtet wird. Die unverheiratheten Offiziere und Beamten, von denen die wenigsten Sinn für wissenschaftliche Bestrebungen haben, suchen sich für die vielen geistigen Entbehrungen, denen sie hier ausgesetzt sind, durch materielles Wohlleben zu entschädigen, und die peinigende Langeweile durch häufige und lustige Gelage zu verscheuchen. Ich wohnte zu verschiedenen Malen solchen Ergötzlichkeiten bei, glaube mir jedoch eine Schilderung derselben füglich ersparen zu können, da meine Leser wenig Neues daraus lernen würden. * * * Die Wohnungen der Armenier in Achalzich sind eben so anziehend und reinlich, wie die der Georgier und Juden abstoßend und schmutzig sind. Ich war wieder bei einem Verwandten meines Giorgi , einem ziemlich wohlhabenden Kaufmanne, einquartirt, in dessen Behausung es mir um so besser gefiel, als der Sohn des Hauses, der schwarzgelockte Jussuf , in der ganzen Stadt als liederreicher Sänger bekannt und gepriesen war. Wenn ich Abends von meinen Streifzügen nach Hause kam und ermüdet auf den Teppich niedersank, so wußte mir Jussuf immer noch mit seinem frischen Gesange ein Stündchen angenehm zu vertreiben, wobei er sich mit großer Fingerfertigkeit abwechselnd zur Saß und zur Tschengjir begleitete. Ich suchte von dem reichhaltigen Liederschatze des Sohnes meines Wirthes so viel auszubeuten, wie meine kurze Zeit mir 223 erlaubte, und verließ Achalzich nach achttägigem Aufenthalte, um weitere Ausflüge in das Innere des Landes zu unternehmen. Der erste Ort, wo ich wieder Halt machte, war das seiner vielen merkwürdigen Ruinen, seiner Mineralquellen und geschichtlichen Erinnerungen wegen berühmte Thal von Bordshom, die alte Verbindungsstraße zwischen dem untern Karthli und Achalzich. Dubois de Montpéreur giebt uns in seinem trefflichen, nur etwas zu weitschweifigen Reisewerke, eine so ausführliche Schilderung des Thales von Bordshom, daß ich nichts Neues von Belang hinzuzufügen wüßte. Aus der Rückreise gab mir ein mehrtägiger Aufenthalt in den Bädern von Abbas-Tuman Gelegenheit, mich über die Zustände der dort angesiedelten deutschen Einwanderer etwas genauer zu unterrichten. Sie bestehen nur aus zehn Familien, die ich sämmtlich in höchst armseligen Umständen fand; sie klagten mir jammernd ihre Noth, und wünschten nichts sehnlicher, als Mittel zu finden, auf ihre alten Wohnplätze in Taurien zurückzukehren. Was ihre Lage noch verschlimmert, und das Mitleid ein wenig verstummen macht, ist die beklagenswerthe Uneinigkeit, in welcher sie selbst unter einander leben . . . Die von üppig bekleideten, ruinentragenden Bergen und wunderlich gezackten Felsen eingeschlossene Schlucht von Abbas-Tuman, gehört zu den schönsten Plätzen des Paschalicks. Die hier befindlichen Mineralquellen, welche erst seit wenigen Jahren unter ärztlicher Aufsicht benutzt werden, haben in verschiedenen Abstufungen von 28 bis 40° R. Man findet hier ein Hospital, wohin die kranken Soldaten aus der Umgegend geschickt werden. Außer diesen Soldaten, und einigen armenischen und georgischen Offizieren, war die Zahl der 224 Badegäste so gering, daß ich buchstäblich mehr Häuser als Bewohner fand. Wenn der schöne Badeort nicht gar zu fern von der civilisirten Welt läge, so würde derselbe zweifelsohne bald eben so besucht wie berühmt werden. Mit Ausnahme meiner Wanderung nach Adigion, welcher ein besonderes Kapitel gewidmet werden soll, weil sie einen Besuch bei dem berühmten Weisen Omar-Effendi in sich schließt, übergehe ich die Schilderung meiner weiteren Ausflüge durch das Paschalick Achalzich, und fasse die daraus gewonnenen Notizen in Folgendem übersichtlich zusammen. * * * Der Ackerbau steht im Paschalick Achalzich noch auf einer sehr niedrigen Stufe, woran einerseits der nicht überall ergiebige Boden, besonders aber die einem Europäer unbegreifliche Trägheit der Einwohner Schuld ist. Am ungünstigsten ist das Land in den Sandshaks Atzchwér und Aspinsa , doch könnte, nach der Behauptung erfahrener Agronomen, bei gehöriger Kultur, Bewässerung und Düngen des Bodens, auch hier der bisherige Ertrag um das Zehnfache gesteigert werden. In den Sandshaks Chertwis und Achalkalaki ist der Boden im Allgemeinen sehr fruchtbar, und wasserreich genug, um künstliche Bewässerung entbehren zu können; das Düngen ist hier jedoch mit großen Schwierigkeiten verknüpft, da wegen des gänzlichen Mangels an Holz aller Mist getrocknet und als Brennmaterial verbraucht wird, in derselben Weise, wie es früher bei unserer Wanderung nach Eriwan beschrieben wurde. 225 Die Hauptprodukte, welche in den oben genannten Sandshaks gewonnen werden, sind: Waizen, Gerste, türkische Bohnen und verschiedene Obstarten; in den höher gelegenen Gegenden baut man besonders Jusluk, das hiesige Winterkorn, d. i. eine Mischung von Roggen und Waizen. Der Merkwürdigkeit wegen muß ich der sonderbaren Art und Weise, wie man hier den Ackerbau betreibt, etwas umständlicher Erwähnung thun. Zum Pflügen des harten Bodens bedient man sich eines auf Rädern ruhenden, äußerst schwerfälligen Pfluges, zu dessen Fortschaffung nach Umständen fünf bis zehn Paar Ochsen erfordert werden. Der Pflug enthält zwei kolossale Eisen; das erstere, vorn befestigte, ist ganz schmal und scharf, und dient gleichsam als Vorläufer des letzteren, indem es die Erde nur ein wenig aufreißt, während das breite, dreieckige, hinten befestigte Eisen tief einschneidend hinterher gleitet. Das Eggen geschieht hier auf dieselbe drollige Weise, wie in Grusien (Georgien): man befestigt eine Menge Reiser auf einem etwa sieben Fuß langen, dünnen Balken; zwei oder drei Bursche setzen sich darauf, ein Zug Ochsen wird davor gespannt, und so geht es schreiend und knarrend vorwärts. Es bedarf kaum der Erwähnung, wie wenig zweckfördernd dieses Verfahren ist. Noch möchte die eigenthümliche Weise des Dreschens hier zu Lande einer kurzen Schilderung werth sein. Statt der Dreschflegel, deren Handhabung den Leuten zu mühsam sein würde, bedient man sich hier eines etwa fünf Fuß langen und anderthalb Fuß breiten, vorn spitz zulaufenden und nach oben gebogenen Brettes, an dessen Untertheile glatte Steine in der Ordnung eines Schachbrettes befestigt sind. Ein paar Menschen setzen sich darauf, theils um das Gewicht zu vermehren, theils um die angespannten Ochsen zu lenken, und so wird der 226 sonderbare Dreschflegel auf dem im Kreise ausgestreuten Getreide herumgefahren. Die früher sehr bedeutende Viehzucht ist seit dem letzten Kriege ebenfalls außerordentlich gesunken. Die hiesigen Büffel, Schafe und besonders die zahlreichen Esel sind von ungewöhnlicher Größe. Die Schafe, deren Wolle sehr dicht und lang ist, werden jährlich zweimal geschoren, zu Anfange des Frühjahrs und zu Ende des Herbstes. Die Pferde des Landes sind kräftig, behende und ausdauernd, aber durchgehends klein. Der Gartenbau ist außer dem Thale von Chertwis nur in den Sandshaks Atzchwér und Aspinsa von einiger Bedeutung. Die Früchte, welche hier besonders in großer Menge gewonnen werden, sind: Aepfel, Birnen, verschiedene Arten von Kirschen, Pflaumen und Nüsse. Der Maulbeerbaum, welcher hier vortrefflich gedeiht, wird nicht des Seidenbaues, sondern lediglich seiner Frucht wegen gezogen. In den Gärten sowohl, wie in den Wäldern, welche die Berge von Atzchwér und Aspinsa überkleiden, findet man im Ueberfluß: die Berbisbeere ( berberis dumetorum ), Haselnüsse, Stachelbeeren, Himbeeren, Erdbeeren, Preißelbeeren, Hagebutten u. s. f. Der Weinbau ist durchgehends noch außerordentlich vernachlässigt, obgleich in den tiefer gelegenen Thälern, bei besserer Kultur, die Rebe sehr wohl gedeihen würde. Der wenige Wein, welcher hier gewonnen wird, ist in Folge der schlechten Zubereitung fast ungenießbar. Ich schließe dieses Kapitel mit der Bemerkung, daß, wenn ich mich hier mehr in Einzelnheiten eingelassen habe, als bei der Schilderung der übrigen Länder, dieses hauptsächlich deshalb geschah, weil das Paschalick Achalzich verhältnißmäßig weniger bekannt und besucht ist. 227   Sechzehntes Kapitel. Der Weise von Adigion, das Dach der Wittwe, und der Wettkampf der Weisheit. Nach der Eroberung des Paschaliks Achalzich durch Paskjéwitsch verließen fast alle türkischen Einwohner die Hauptstadt, und siedelten nach Anatolien über, um nicht unter russischer Botmäßigkeit zu stehen. Die türkischen Auswanderer wurden zu einem großen Theile ersetzt durch armenische Einwanderer, welche als Christen die Herrschaft des weißen Zaren der des Statthalters Muhammeds vorzogen. Unter den wenigen, in Achalzich zurückgebliebenen Türken, war der hervorragendste Omar-Effendi , ein Schriftgelehrter, den ein kleiner Grundbesitz in dem unweit der Hauptstadt gelegenen Dorfe Adigion, sowie besondere Gunstbezeugungen der russischen Regierung, an die Scholle fesselten. Der aufmerksame Leser wird sich erinnern, daß Mirza-Schaffy , gleich im Beginn unserer Bekanntschaft, der Weisheit Omar-Effendi's rühmend gedachte, wie denn überhaupt die gute Meinung des ehrwürdigen Mirza über die andern Weisen des Morgenlandes sich bemessen ließ nach der 228 Entfernung, in welcher sie von ihm wohnten, oder der Anerkennung, welche sie ihm zollten. Es that seiner Schule der Weisheit keinen Eintrag, Abbas-Kuli-Chan zu rühmen, der in Baku , am Kaspischen Meere hauste, oder Omar-Effendi , der in der Wildniß von Adigion Nachtigallen und Rosen besang. Die Schriftgelehrten von Tiflis aber mußten gedemüthigt werden, weil sie sich für weiser hielten als Mirza-Schaffy , und weil hier der Gedanke der Konkurrenz zu nahe lag. Als ich den Weisen von Gjändsha einmal fragte, wie er es vereinbaren könne mit seinen Grundsätzen, in freundschaftlichen Beziehungen zu so vielen gläubigen Priestern und Schriftgelehrten zu stehen, wie von der Sekte der Sunniten, so von der Sekte der Schiiten, antwortete er: »Wie Du unweise redest, o Jünger! was gehen mich die Sekten und Spaltungen der Kirche an? Jede Schafheerde will ihren Hirten haben, und jede Gemeinde ihren Prediger; ein Jeglicher treibt sein Geschäft auf seine Weise, denn der Mensch will leben. Die Weisen müssen sich mehr nach den Thoren richten, als die Thoren nach den Weisen, denn der Thoren sind viele, und der Weisen sind wenige. Der Kaufmann rühmt seine Waaren, und die Menschen kaufen davon nach ihrem Bedürfniß; der Mullah rühmt die wasserreichen Gärten des Paradieses, und die Menschen glauben daran nach ihrem Bedürfniß. »Wenn aber der Kaufmann sagen wollte: meine Waare ist schlecht – so würde er zum Bettler werden und seine Kunden verlieren. Die Kunden aber würden nicht nackt gehen deshalb, sondern ihre Waaren von andern Kaufleuten nehmen. »Und wenn der Mullah sagen wollte: meine Lehre ist falsch – so würden die Thoren ihn steinigen, und einen andern 229 an seine Stelle setzen. Aber jemehr er sich ihrer Thorheit anbequemt, für desto weiser werden sie ihn halten. Nur nach und nach findet die Wahrheit Eingang bei den Menschen; nur nach und nach keimt das Saatkorn und treibt Frucht. »Aber soll man kein Licht anzünden, weil die Sonne nicht scheint in der Nacht? Soll man den Verstand schelten, weil er auf Kosten des Unverstandes leben muß? Was sagt Saadi: – »Soll man das schöne Himmelslicht anklagen, weil die Fledermäuse der Sonne Strahlen nicht ertragen können? Eher mögen tausend Fledermausaugen geblendet werden, als daß die Sonne sich deshalb verfinstere!« – * * * Mirza-Schaffy hatte schon in den ersten Monaten unsers Beisammenseins an Omar-Effendi geschrieben: es hause jetzt in Tiflis ein junger Alim aus dem Abendlande, der bei ihm die Weisheit lerne, und der später auch eine Wallfahrt zu Omar-Effendi unternehmen werde, um seine Sprüche der Weisheit zu erforschen. Mein bescheidenes Dasein war also nicht nur dem Weisen von Adigion längst bekannt, sondern durch diesen auch zur Kenntniß der ganzen Nachbarschaft gekommen, wo Omar-Effendi nicht wenig an Ansehen gewonnen hatte bei der Nachricht, daß sein Mund der Born sei, dazu die Weisen des Abendlandes gepilgert kämen, um daraus zu schöpfen. Es blieb nur übrig, das Verheißene in Erfüllung zu bringen. Bei meiner Ankunft in Achalzich erfuhr ich, daß Omar-Effendi bereits vor einigen Wochen die Stadt verlassen,. und seine Sommerwohnung in Adigion bezogen habe. 230 Ehe ich meine Ausflüge in's Innere des Paschaliks antrat, entsandte ich Botschaft an den Weisen, daß ich den Stab der Pilgerfahrt ergreifen und demnächst bei ihm eintreffen werde. Nach meiner Rückkehr von Abbas-Tuman fand ich eine Antwort von Omar-Effendi vor, worin er mir sein Herz und seinen Verstand zu Füßen legte und sagte, daß die Schwelle seines Hauses nach dem Glücke seufze, von meinen Füßen berührt zu werden. Ein russischer Offizier, der eine Dienstreise in das Innere des Landes zu machen hatte, bot mir seine Begleitung bis Adigion an; Giorgi bat mich um die Erlaubniß, Jussuf , unsern Wirth, und noch einige Verwandte mitnehmen zu dürfen, so daß die Gesellschaft, mit der Kosaken-Eskorte, einen ganz stattlichen Reiterzug bildete. Von den vielen Dörfern, welche wir auf der Reise passirten, verdient nur das seiner Größe und seiner schönen Moschee wegen bemerkenswerthe Suchilis besonderer Erwähnung. Wir machten hier eine Stunde Halt, um die Pferde etwas verschnaufen zu lassen. Vorüberreitende Türken mußten inzwischen die Nachricht nach Adigion gebracht haben, daß eine Karawane im Anzuge sei, denn noch ehe wir einritten in das Dorf, kamen uns Botschafter von Omar-Effendi entgegen, welche Teppiche vor uns ausbreiteten, und uns mit Milch und süßen Früchten bewirtheten. Trotz der Untiefen der schmutzigen Gassen von Adigion, und trotz der von furchtbarem Bellen begleiteten Angriffe der schaarenweis auf uns losstürzenden Hunde des Ortes, kamen wir mit einbrechender Dämmerung glücklich vor dem Hause Omar-Effendi's an. 231 Das ganze Dach, sowie der Balkon, waren mit Menschen angefüllt, und Sänger waren aufgestellt, uns mit Saitenspiel und Gesang zu begrüßen. Nach dem für Alle geltenden, landesüblichen Gruße, die Hand an Herz und Stirn zu legen, wandte sich Omar-Effendi zu mir und sprach: »Möge Deinen Fußstapfen Glück folgen! Mein Haus ist Dein Haus! Deine Wünsche sind mir Befehle!« Darauf wurden noch eine Menge der schmeichelhaftesten Phrasen gewechselt. »Was sagt Togrul-Ben-Arslan! – rief der Weise, – »Das Angesicht meines Gastes entzückte mich, also, daß mein Herz überquoll vor Freude!« »Was sagt Fisuli! – entgegnete ich – »So bin ich armer Wanderer zu Dir gekommen, wie ein Tropfen Wasser, der zum Ozean geschwommen!« Inzwischen dauerte der Gesang und das Saitenspiel ohne Unterbrechung fort. Ich lasse hier beispielshalber einige Verse von einem mir zu Ehren gedichteten Liede folgen, welches ich wenigstens zwanzig Mal unter dem furchtbarsten Akkompagnement hören mußte:         »Den jungen Fremdling aus dem Abendland                   Besingen wir; Ihn, der den Pfad zum Born der Weisheit fand,                   Besingen wir. Wir preisen seinen Muth, sein kühnes Wagen – Sein gutes Roß, sein faltenreich Gewand                   Besingen wir. 232 Wir streuen Blumen vor des Pilgrims Füße, Und seines Hauptes Weisheit und Verstand                   Besingen wir. Willkommen sei der Fremdling unserm Hause! Ihn, der des Weges Mühsal überwand,                   Besingen wir. Trotz der dunkel hereinbrechenden Nacht blieben wir auf dem Balkon, der durch ein halb Dutzend riesig langer, aus geöltem Papier bestehender Laternen erleuchtet wurde. Fortwährend wurden Früchte, Milchspeisen verschiedener Art und süßes Backwerk herumgereicht. Meinem russischen Freunde, dem die ganze Scene so komisch erschien, daß er nur mit Mühe durch fortwährenden Genuß der dicken Milch das Lachen unterdrücken konnte, war etwas unwohl geworden. Er klagte mir seine Noth, denn es war kein Ausweg zu finden, ohne eine allgemeine Störung herbeizuführen. Der Balkon führte in das Selamlik (Begrüßungszimmer), welches wiederum mit den andern Gemächern des Hauses in Verbindung stand. Allein dort hinzugehen, wäre gegen alle Sitte des Landes gewesen; es blieb sonach nichts übrig, als vom Balkon herab auf die Dächer der angrenzenden Häuser zu steigen, was aber wegen der vielen Hunde sehr gefährlich war. Ich wendete mich an Omar-Effendi und sagte: O Weiser! löse mir dies Räthsel: es steht geschrieben, der Geist sei gewaltiger als der Körper, – und doch hat dieser mehr Gewalt über jenen, als jener über diesen. Wenn der Geist sich zum Himmel emporschwingt, so kann er den Körper 233 nicht mitnehmen – wenn aber der Körper seine gewöhnlichsten Bedürfnisse hat, so muß die unsterbliche Seele ihm folgen! Omar-Effendi lächelte, winkte einigen Leuten und befahl ihnen, Laternen zu bereiten, um zu leuchten, und Knittel, zur Abwehr der Hunde. In wenigen Minuten erschienen acht dickbeturbante Türken, und stiegen mit meinem russischen Freunde den Balkon hinab, auf die angrenzenden, terrassenförmig gebauten Häuser. Ein riesiger Türke, in blutrothem Gewande, führte den Zug, in der Hand eine lange Laterne tragend; der zweite Laternenträger ging hinterher, während die übrigen Begleiter, mit furchtbaren Knitteln bewaffnet, den Russen in die Mitte nahmen, um ihn vor den wolfähnlichen, von allen Seiten heranstürzenden Hunden zu schützen. Von Zeit zu Zeit blieben sie stehen, um zu erforschen, ob der richtige Anhaltpunkt gefunden sei. »Wessen Dach ist dieses?« fragte der erste Laternenträger. » Abdullah's , des Kaufmanns!« erwiederte der zweite. »Das ist gefährlich; hier können wir nicht bleiben.« Und sie stiegen weiter hinab auf ein ganz niedriges Haus. »Wessen Dach ist dieses?« »Das Dach der Wittwe Ibrahim's , des Schneiders!« Und sie ließen sich nieder auf dem Dache der Wittwe . Am folgenden Tage reiste der Offizier weiter, Jussuf und seine Verwandten kehrten nach Achalzich zurück, und ich blieb mit Giorgi allein bei Omar-Effendi . Wir besuchten gemeinschaftlich die in der Nachbarschaft von Adigion, hart an der türkischen Grenze belegenen, ziemlich wohlerhaltenen, aber ebenfalls in einen Kuhstall umgewandelten Ruinen einer alten georgischen Kirche, welche, nach Bauart 234 und Inschriften zu schließen, aus der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung datirt. Nachdem ich eine Zeichnung von der Kirche entworfen und die Inschriften kopirt hatte, kehrten wir nach Adigion zurück, wo ich mit Omar-Effendi noch einige fröhliche Tage verlebte. Unsere Mahlzeiten hielten wir gewöhnlich in den obstreichen Gärten des Dorfes, welche, wie das ganze Land, künstlich durch Kanäle bewässert waren. Auf den dunklen Rasen wurde ein Teppich gelegt, darüber eine kaum sechs Zoll hohe Tischscheibe gestellt, und rund umher saßen wir mit untergeschlagenen Beinen. Ein paar der angeseheneren Einwohner des Dorfes befanden sich gewöhnlich in unserer Gesellschaft, während andere in großer Zahl sich freiwillig zu unserer Bedienung anboten. Wein wurde an der sonst reichlich besetzten Tafel nicht getrunken; schlechte Musik, mittelmäßiger Gesang und gute Laune mußten Ersatz dafür bieten. Ich konnte nicht genau ermitteln, ob Omar-Effendi aus Rücksicht für seine strenggläubige Umgebung, oder aus eigenem Festhalten an den Satzungen des Koran sich den Genuß des Weines versagte. Ich glaube, daß das Erstere der Fall war, da die Lieder, welche er mir vorsang, sämmtlich überflossen vom Ruhme des Weines. Gewohnt, mich überall streng der Sitte des Hauses meiner Gastfreunde anzubequemen, wagte ich nicht, Omar-Effendi um Aufklärung des kitzlichen Punktes zu bitten. Ich mußte meinem Wirthe alle Lieder und Sprüche der Weisheit sagen, die ich von Mirza-Schaffy gelernt hatte, und der Weise von Adigion sang mir dafür die seinigen vor. Ich fand darin eben so viel Anmaßung und Selbstgefühl, aber 235 bei Weitem nicht die Frische und Originalität, wie in den Gesängen Mirza-Schaffy's . Wir schrieben gemeinschaftlich Briefe an Mirza-Schaffy ; mein Wirth, um seine Freude über meinen Besuch auszudrücken, und ich, um ihm nach langer Trennung wieder einen Bericht von meinen Erlebnissen zu geben. Wir rühmten gegenseitig unsere Handschrift, denn auf das Schönschreiben wird im Orient ein ungemein großer Werth gelegt; ja, es wird als ein wesentlicher Bestandtheil der Weisheit betrachtet. Darum kommt es hier nicht selten vor, daß ein Schriftgelehrter den andern auffordert, ihm einen Beweis seiner Schreibekunst zu geben, und ihn verhöhnt, wenn die Probe schlecht ausfällt. Die Artigkeiten, welche Omar-Effendi mir über meinen Brief sagte, – den ich ihm zeigte, wie er mir den seinigen, – schrieb ich alle auf Rechnung Mirza-Schaffy's . »Du thust wohl – entgegnete er – Deinen Lehrer zu preisen; aber die Weisheit läßt sich nicht ganz so verschenken, wie ein anderes Ding; nur halb kann sie gegeben, halb muß sie gewonnen werden. Es läßt sich kein Baum pflanzen auf Steinen, und keine Weisheit im Kopfe eines Thoren. Was sagt Hafis:         »Nie wirst Du den Juwel Deiner Wünsche erlangen                     Durch eigene Mühe – Und doch nie, o Hafis! wird er zu Dir gelangen                     Ohne eigene Mühe!« Ich zitirte ihm zur Entgegnung die Stelle aus der Bibel, wo es heißt: »Wer da hat, dem wird gegeben, wer aber nicht hat, dem wird noch genommen was er hat.« 236 Er nickte einverständlich mit dem Kopfe, und ich fuhr fort: »Es geht mit den Sprüchen der Weisheit im Kopfe eines Thoren, wie mit dem Gelde in der Hand eines Bettlers, davon Saadi geredet: »In der Hand eines Bettlers bleibt das Geld so beständig, wie die Geduld im Kopfe eines Verliebten, und das Wasser im Siebe!« »Aber eben so schwer – rief Omar-Effendi – wie es ist, die Weisheit in die Köpfe der Thoren zu bringen, eben so schwer ist es auch, die Thorheit ganz zu vertreiben aus den Köpfen der Weisen!« »Weil auf dem fruchtbarsten Acker – entgegnete ich – auch das Unkraut am besten gedeiht. Es genügt, wenn der guten Früchte mehr sind als des Unkrauts, und dazu bedarf es schon großer Pflege und großen Kampfes. Ein Gleiches gilt von den Anlagen und Eigenschaften der Menschen. Was ist die Reinlichkeit? Ein Kampf gegen den Schmutz; – was ist die Tugend? ein Kampf gegen das Laster; – denn jedes gute Ding hat seinen schlimmen Gegensatz, und je beständiger der Kampf, desto größer der Werth des Menschen, weil seine Kräfte nicht ermatten, sondern gestärkt werden in solchem Kampfe.« Omar-Effendi sah eine Zeitlang schweigend vor sich hin, klopfte seine Tschibuq aus, rückte an seinem Turban, und dann wandte er sich zu mir und sagte mit ernstem Gesichte: »Ich möchte wissen, wer von uns Beiden der Weiseste ist!« Ich hatte Mühe, bei dieser seltsamen Frage das Lachen zu unterdrücken, aber ich bezwang mich und erwiederte: »Wie kannst Du solche Frage thun? Was ist ein Wassertropfen im Vergleich zur Perle? Was ist ein Staubkorn im Vergleich zum Diamanten? Was bin ich im Vergleich zu Dir? « 237 Er lächelte zufrieden über meine Antwort, aber bestand nichts destoweniger darauf, zu erforschen, wer von uns Beiden der Weiseste wäre. Ich war neugierig, wie er seine Forschungen anstellen würde. Er ging in's Haus, holte ein paar gleiche Stücke Papier, gab mir eines davon, legte das andere vor sich auf's Knie zum Schreiben, und sagte: »Nun schreib', ich werde zu gleicher Zeit mit Dir anfangen!« Da ich noch immer nicht fassen konnte, wo er hinaus wollte, fragte ich ihn: »Sag' mir, o Omar-Effendi! was ist Dein Rath und Begehren?« Er bedeutete mich, ich solle ihn in Versen besingen, und er werde mich besingen, und wer von uns am ehesten das Blatt Papier ausfüllte, der sollte der Weiseste sein. Ich hatte Mühe, ihm klar zu machen, daß es ein großer Unterschied sei, sich nothdürftig in einer fremden Sprache ausdrücken zu können, oder Gasels darin zu schmieden. »Und wenn ich noch zwanzig Jahre Türkisch lernte – schloß ich – so würde ich doch nimmer so schöne Verse drin schreiben können wie Du!« »So schreib' Du in Deiner Sprache – entgegnete er – und ich werde in meiner schreiben. Nachher aber sagst Du mir, so gut Du kannst, was Du geschrieben.« Ich mußte mich fügen; wir setzten uns nieder, und der Wettkampf der Weisheit begann. Es war mir natürlich leichter, eine Seite deutscher Knüppelverse zu schreiben, als es ihm sein konnte, eine Seite mit seinen türkischen Hieroglyphen anzufüllen. Ich schrieb was mir eben durch den Kopf fuhr, und als er bemerkte, wie ich meine Feder rührig handhabte, während er kaum ein Dutzend Buchstaben gemalt hatte, rief er mir zu, 238 ja aufmerksam zu schreiben, denn er werde das Blatt bewahren, und zeigen, wenn einmal wieder ein Weiser aus dem Abendlande zu ihm gepilgert käme. Ich schrieb langsam weiter; da ich aber ein schlechter Gelegenheitsdichter bin, so konnt' ich nichts Besseres thun, als die Knüppelverse zu vollenden in der Weise wie ich sie begonnen hatte. Ich war fertig, ehe er noch die Hälfte seines Blattes beschrieben hatte, aber ich schwieg, und zog unbemerkt mein Notizbuch aus der Tasche, um die Verse abzuschreiben, zum Andenken an den seltsamen Kampf der Weisheit in Adigion. Doch selbst nachdem ich die Abschrift genommen hatte, war Omar-Effendi noch immer nicht fertig. »Hast Du Dein Gedicht vollendet?« fragte er nach einer Weile. Ich antwortete »Ja.« »Zeige was Du geschrieben!« Ich suchte ihm die Knüppelverse zu verdolmetschen, so gut es gehen wollte. Und da vielleicht auch mancher Leser neugierig ist, den Inhalt jenes Blattes zu kennen, so lasse ich den Urtext hier folgen, ungefeilt und unverfälscht, in treuer Abschrift aus meinem Tagebuche, um der Wahrheit getreu zu bleiben, so sehr auch die Verse darunter leiden mögen.   An Omar-Effendi.         Ein Jeder hat sein Schicksal hier im Leben, Wie's Allah ihm, der Einige, gegeben. Erfüllt der Mensch, was ihm das Herz bewegt, Thut er, was Allah ihm in's Herz gelegt. 239 Mir ward der Hang, durch alle Welt zu wandern, Daß ich der Menschen Thun und Treiben lerne – So zog' ich fort, von einem Land zum andern, Und ließ die Heimath und die Meinen ferne. Wohl oft fand ich, was Aug' und Herz ergötzte, Doch nie, was meine Heimath mir ersetzte! Ob trüb, ob heiter meines Schicksals Sterne, Die Blicke schweiften heimwärts in die Ferne. Bei Dir, o Omar! nur, sah ich und hört' ich Das Ferne nicht, und nur was gegenwärtig Erfüllte mich: so freudebringend ward In Deinem Hause mir die Gegenwart! Ich wiegte mich auf Deiner Gärten Matten, Ich ward gekühlt von Deiner Bäume Schatten, Zum Klang der Tschengjir schollen Lustgesänge, Es harrte meines Winks der Diener Menge; Ich labte mich an Deiner Weisheit Wort, Du scheuchtest Sorgen, Gram und Zweifel fort; Ich ward gesonnt von Deiner Freundschaft Blick, Omar, bei Dir Nichts fehlte meinem Glück! Gelobt sei Allah, daß er mir im Leben Durch Dich solch' schönen Augenblick gegeben! Lob, Preis ihm, daß er Dir mich ließ begegnen, Und mög' er Dich und alles Deine segnen! Der Weise schien sehr erfreut zu sein über das Bild, welches ich von dem Genuß seiner Gastfreundschaft gezeichnet; aber er weigerte sich, mir das von ihm beschriebene Blatt zu geben. Er sagte, es sei ihm nicht gelungen wie er es wünschte, und er wolle mir etwas Besseres dafür aufschreiben. Da ich aber zuerst fertig geworden war, so entschied er 240 den Kampf der Weisheit folgendermaßen: »In Deinem Stamme bist Du der Weiseste – in meinem Stamme bin ich der Weiseste!« Darauf drückte er kräftig meine Hand, und ging in sein Harem, mit dem Versprechen, bald zurückzukommen. Nach einer Viertelstunde erschien er wieder und sagte, er habe seiner Fatima erzählt von den Redeblumen, womit ich sein Haus überschüttet, und sie habe mir dafür ein Geschenk zugedacht, einen prächtig gestickten Tabaksbeutel. »Es ist eigentlich nicht schicklich für den Mann – fuhr er fort – von seinen Frauen zu sprechen, aber ich mache eine Ausnahme, um Dich zu ehren. Und hier – sagte er, indem er ein altes Buch aus seinem Gewande zog – hast Du ein Andenken von mir . Es ist das Beste, was ich Dir anbieten kann, denn es sind meine, meines Vaters und meines Großvaters Gedichte darin! Nimm es und behalte es als Preis für den Sieg im Kampfe der Weisheit!« Noch nicht zufrieden mit diesen reichen Gunstbezeugungen, setzte er sich nieder und schrieb mir das Gedicht auf, wodurch er das Herz seiner Fatima gewonnen. Es lautet in der Uebersetzung wie folgt:         »Welchen Werth, sprich, kann die Rose haben, Wenn im Garten keine Nachtigallen? Welchen Werth, sprich, kann Dein Haupthaar haben, Wenn die Locken nicht vom Nacken wallen? Mögst Du noch so schönen Wuchses prangen, Mög' auch Rosenröthe Deine Wangen, Nachtigallensang den Mund durchzieh'n: Welchen Werth, sprich, hat Dein Leib, wenn ihn 241 Des Geliebten Arme nicht umfangen? O, Fatima! stille mein Verlangen! * * * Der schöne Tabaksbeutel wurde mir später in Konstantinopel gestohlen; das kostbare Buch aber besitze ich noch unversehrt; dasselbe befindet sich in diesem Augenblicke in den Händen des Herrn Professor Petermann , dem ich es geliehen habe mit dem Wunsche es herauszugeben, wozu mir selbst leider Zeit und Gelehrsamkeit mangelt. 242   Siebzehntes Kapitel. Georgisches Allerlei. Ueber Chertwis, Zalka und Manglis kehrte ich nach Tiflis zurück, um den Winter dort zuzubringen. Der Geleitspruch, welchen mir Omar-Effendi mit auf den Weg gab, war wieder aus dem Gjülistan des Saadi, und lautete: »Ein neugepflanzter Baum kann durch einen starken Mann leicht wieder aus der Erde gezogen werden; so der Baum aber eine Zeitlang gestanden, und tiefe Wurzeln geschlagen, wird man ihn selbst mit einem Gespann Pferde nicht herausreißen können.« * * * Ich habe Euch bis jetzt Tiflis und seine Bewohner immer nur an schönen Frühlingstagen und aus verklärender Ferne gezeigt – laßt uns nun die Bilder einmal zu einer andern Jahreszeit, und in der Nähe betrachten. Es ist Winter. Wir haben zur Nacht ein paar Grad Kälte gehabt; dem schon zu dicker Schicht angewachsenen Schnee droht noch anderer zu folgen; der Himmel ist grau 243 umwölkt und benimmt alle Aussicht auf die Gebirge; kaum noch bemerkt man aus der Ferne die hohe Bergveste von Tiflis, die so unheimlich aussieht, als wolle sie mit ihrem Schneemantel alle die blutigen Erinnerungen verhüllen, welche vergangene Jahrhunderte in ihr zurückgelassen. Der Winterschmuck steht ihr schlecht, wie ihrer ganzen Umgebung. Die Kälte ist hier für einen Nordländer doppelt empfindlich und unangenehm, weil er fast gar keine schützenden Vorkehrungen dagegen findet. Dennoch wünschte ich immer bei der steigenden Wärme des vorrückenden Tages die Kälte des Morgens zurück, denn wenn die Sonne auf ein paar Stunden den Wolkenschleier zerreißt, so wird die ganze Stadt in ein Schmutzmeer verwandelt. Der Morgens von den Dächern der Häuser heruntergeschaufelte Schnee häuft sich in den engen, krummen Gassen zu förmlichen Hügeln an, und bildet, durchknetet von Sonnenblicken und Kameeltritten, eine so unergründliche Masse, daß ein Fußgänger bei jedem Schritte tief einsinkt, und selbst der bestbespannte Wagen Mühe hat, durchzukommen. Aber dies ist noch die schönste Seite des Winters, die höchstens ein paar Wochen dauert, während welcher man doch wenigstens Morgens und Abends ausgehen kann, wenn durch die Kälte der Schmutz eine gewisse Festigkeit gewinnt. Die eigentliche Dreck-Saison beginnt erst, wenn die Nachtfröste und Schneegestöber ganz aufgehört haben. Die Luft ist warm, wo die Stadt von den sie umschließenden Bergen geschützt wird; aber dort, wo die Berge sich spalten, weht vom Kaukasus her, in selten unterbrochener Furchtbarkeit, ein schneidend kalter Wind, der die Hauptstraße von Tiflis durchheult, und auch auf dem Taurischen und Eriwan'schen Platze oft das Gehen unmöglich macht. 244 Durch den geschmolzenen Schnee und die häufigen Regengüsse sind die ungepflasterten Straßen oft zwei bis drei Fuß tief schmutzunterwühlt, und an tieferen Stellen ganz unter Wasser gesetzt. Während dieser Zeit – und man kann auf das Jahr immer ein paar Monate rechnen – wird jede Wanderung durch die Stadt zu einem gefährlichen Wagestück, denn selbst wer sich eines Pferdes, eines Esels, oder einer Droschke als Transportmittel bedient, kommt in Gefahr, ein unfreiwilliges Kothbad zu nehmen. Daß unter solchen Umständen an Reinlichkeit in Kleidung und Wohnung bei der ärmeren Volksklasse, woraus doch die große Mehrzahl der Einwohner besteht, nicht zu denken ist, bedarf kaum der Erwähnung. Ueberhaupt kennt man hier, selbst bei den höheren Ständen, mit Ausnahme derjenigen Georgier, welche sich schon ganz den europäischen Sitten anbequemt haben, keine Reinlichkeit in unserm Sinne des Wortes. Die warmen, von Zeit zu Zeit genommenen Bäder müssen die in's Einzelne gehende Sauberkeit, wie häufigen Wechsel der Wäsche u. s. w. ersetzen. Ich lasse es bei diesen allgemeinen Andeutungen genügen, denn so reizend es ist, eine feine und duftige Frauentoilette bis in ihre Innerlichkeiten zu verfolgen, so unerquicklich dürfte es sein, desgleichen zu thun, wo das Saubere und Feine sich blos nach Außen kehrt, wie bei der Mehrzahl der georgischen und armenischen Damen. Die der Zahl nach schwer zu bestimmende, im Durchschnitt der verschiedenen Angaben etwa 35000 Menschen starke Bevölkerung von Tiflis, besteht in ihren Hauptelementen aus Georgiern, Armeniern, Russen, Deutschen und Persern. In geringerer Anzahl findet man Tataren, Juden, Zigeuner, 245 Kurden, Lesghier, Osseten, Mingrelier, Imerier, Gurier, Tuschen, und viele andere Gebirgsvölker vertreten. Einzelne Franzosen und Schweizer haben sich am Eriwan'schen Platze und in den angrenzenden Straßen als Perückenmacher und Zuckerbäcker für die vornehme Welt, niedergelassen. Diese vornehme Welt von Tiflis besteht wesentlich aus den russischen Beamten und Offizieren von höherem Range, um welche sich die reicheren georgischen und armenischen Fürstenfamilien, wie die Eristaff, Tumanow, Tschawtschewadsé, Karganow, Andronikow, Orbélian u. s. f, so wie die vielen nachgebliebenen Prinzen und Prinzessinnen des alten georgischen Königshauses schaaren. (Wundere sich der sprachenkundige Leser nicht über die häufig vorkommende russische Endung ow bei den georgischen und armenischen Namen: die Russen treiben ihr Eroberungssystem gründlich, und unterwerfen selbst die Namen ihrer Vasallen gewaltsamen Veränderungen. Jene Endsylbe ow ist bei allen armenischen und georgischen Namen ein rein russisches Anhängsel, wo es ausgelassen ist, haben sich die betreffenden Familien der Russificirung ihres Namens widersetzt. So heißen z. B. einige Mitglieder des alten georgischen Fürstenhauses Orbélian: Orbelianow . Sogar der Fürstentitel der Herrscher von Mingrelien, Dadian , ist für einen in Rußland lebenden Zweig der Familie in Dadianow umgewandelt. Dasselbe gilt von einem Zweige der Familie v. Rosen: Rosenow u. s. w.) Das Leben in den Salons von Tiflis unterscheidet sich in nichts Wesentlichem von dem Salonleben der größeren Städte Europa's. Nur bei feierlichen Gelegenheiten, an Gratulationstagen, auf großen Bällen im Palaste des Statthalters u. dergl. entfaltet sich eine Pracht und Mannigfaltigkeit der 246 Kleidung, wie ich selbst in Konstantinopel und Paris nichts Aehnliches gesehen habe. Zu den großen Bällen im Sardaarpalaste werden gewöhnlich ein paar tausend Personen geladen. Die georgischen Damen erscheinen dabei so reich geschmückt, daß sie buchstäblich ihr ganzes Vermögen in Perlen, Edelsteinen und kostbaren Stoffen zur Schau tragen. Ja, ich habe Damen gekannt, welche aus der ganzen Nachbarschaft Schmucksachen zusammenborgten, um recht glänzen zu können auf den großen Bällen von Tiflis. Während die tanzende Welt sich in der Mitte des großen Saales bewegt, sitzen rund umher an den Wänden die stolzen nicht tanzenden asiatischen Gäste, im silbernen Gürtel die blitzenden Dolche, als ob es zum Kampfe ginge. Hier, neben dem hochgewachsenen Tscherkessenhäuptling, der sich eine Zeitlang den Russen unterworfen, um bei günstiger Gelegenheit wieder loszuschlagen gegen seine Erbfeinde, sitzt, bedeckt mit der schwarzen, phrygischen Mütze, im blauen Talar der persische Muschtahid (Oberpriester), so feierlichen Antlitzes, als ob er die Gläubigen ermahnen wolle zum Gebet. Jener langgewachsene Mann dort, mit den welken, gebräunten Wangen, und dem scharlachrothen Gewande, ist der Fürst der Truchmenen, der sich vor Kurzem ebenfalls mit seinem Stamme dem großen Padischah der Moskow unterworfen hat, und jetzt geblendet von dem ihm umgebenden Glanze nicht weiß, wohin er sein staunendes Auge wenden soll, inmitten der lustigen, von Juwelen schimmernden Peris, die so lieblich umherspringen und die Männer umfassen im Tanze, als wäre das ganze Haus ihr Harem und jeder Gast ihr Geliebter. 247 Der breitschultrige Mann dort, mit den geschlitzten Augen, dem rothgefärbten Barte, und dem silberumbrämten Waffenrocke, ist ein Tatarenchan aus dem Daghestan . Er hält seine, an den Fingerspitzen mit Chenna blaugefärbte Hand an den langen Kinshal (Dolch) und denkt, Allah ist groß, und seine Wege sind wunderbar, daß er meine Schritte geleitet in die Gemächer der Schönheit, wo die Frauen in den Gewändern der Pracht, auf den Füßen des Leichtsinns umherspringen, vor den Blicken der fremden Männer, ohne Schleier und Scham, als ob ihre eigenen Männer sie nichts kümmerten! Jener schlanke, junge Mann dort, mit dem stolzen Gesichte und den dunklen Augen, der, sich über die Sitten seines Landes hinwegsetzend, mit der jungen Fürstin Orbelian den anmuthigen Nationaltanz, die Lesginka, tanzt, ist Daniel , der Sultan von Jelissui. Die ganze Damenwelt betrachtet seine schöne Gestalt, seine leichten Bewegungen mit Freude und Wohlgefallen; die gläubigen Moslem aber sehen zornigen Blickes auf ihn und – dieser Eine Tanz hat ihm Land und Thron gekostet! Ich hatte versprochen, ihn in Jelissui zu besuchen, und unterweges erfuhr ich, daß sein Volk ein furchtbares Blutbad angerichtet, die Russen aus dem Lande gejagt, und daß Sultan Daniel seine Zuflucht zu Schamyl genommen habe, dessen Erster Naïb er noch jetzt ist. In meiner Geschichte der kaukasischen Kriege findet der Leser ausführlichere Notizen über diese Vorgänge. Wir steigen jetzt herab aus den prachtvollen Sälen des Sardaarpalastes, um zu sehen, wie sich das Volk auf der Straße belustigt. Denn in Tiflis giebt es keine geschlossenen Lokale zur Belustigung der arbeitenden Klassen. 248 Nicht einmal Kaffeehäuser findet man hier, wie in Konstantinopel und Smyrna. Die Duchans (Schenken) sind ganz kleine Winkelkneipen, welche nur von ärmeren Leuten besucht werden, und gerade Platz genug bieten für den Duchantschik (Schenkwirth), seine Weinkrüge und einige Kunden. ( Weinkrüge sage ich, weil der Wein in Georgien nicht in Fässern, sondern in Krügen aufbewahrt und in Burduks [Schläuchen], inwendig mit Naphtha bestrichen, transportirt wird. Diese Krüge ähneln in Gestalt den etruskischen und kommen an Größe unsern Weinfässern gleich. Besonders in Kacheti , dem eigentlichen Weinlande, findet man solche, in die Erde gemauerte Krüge, von ungeheurer Weite und Höhe. Die deutschen Einwanderer sind hierin, wie in Allem, dem Brauche der Heimath treu geblieben und bewahren ihren Wein in Fässern auf.) Die eigentlichen Volksvergnügungen sind: der Dsherrid (das bekannte Scheinturnier), der Faustkampf, das Strickspiel, der Tanz und die Jagd. Der Dsherrid und der Faustkampf, wobei die meist breitschultrigen und hochgewachsenen Georgier eine staunenswerthe Kraft und Gewandtheit des Körpers entwickeln, wurde während meines Aufenthalts in Tiflis von der russischen Regierung verboten, angeblich, weil zu häufig Verwundungen dabei vorfielen, in der That aber aus demselben Grunde, welcher früher bei uns das Turnen zu einem strafbaren Vergnügen machte. Die beiden erstgenannten kriegerischen Ergötzlichkeiten wurden immer auf freiem Felde, vor den Thoren der Stadt, unter Zudrang der ganzen kampffähigen Männerwelt, mit Einschluß der Fürsten und Vornehmen des Volkes, abgehalten. 249 Das Strick - oder Prügelspiel hingegen ist ein bloßes Straßenvergnügen der ärmeren Volksklasse. Die Spielenden theilen sich in Vertheidiger und Angreifende. Von den Vertheidigern hat Jeder zwischen den weit ausgestreckten Beinen ein dickes, etwa drei Ellen langes Strick liegen, welches die Andern ihm durch List oder Gewalt zu entreißen suchen. Die über den Stricken Stehenden wissen jedoch ihren Schatz so hartnäckig und ausdauernd zu vertheidigen, daß die Angreifenden eine Menge Rippenstöße und Fußtritte davon tragen, ehe sie, nach langem Ringen, zum Ziele kommen. Haben sie sich jedoch endlich der Stricke bemächtigt, so steht ihnen das Recht zu, denen, welchen sie dieselben entrissen, den Rücken damit zu gerben, was denn auch auf die unbarmherzigste Weise, obschon unter lautem Gelächter von beiden Seiten, geschieht. Sind alle Stricke geraubt, so geht das Spiel von Neuem an, indem die vertheidigende Partei sich alsdann in die angreifende verwandelt. Es wird einem Europäer ganz seltsam zu Muthe, beim Anschauen dieses wilden Gezerrs und Geprügels. Die Georgier vergessen dabei, wie beim Dsherrid und Faustkampfe, ganz die ihnen scheinbar angeborne Trägheit. Alles ist Leben und Feuer. Die Füße in den hochhackigen, enganschließenden Schnabelstiefeln, drehen und heben sich mit unnachahmbarer Schnelligkeit; die großen, meist dunklen Augen rollen spähend nach allen Seiten hin; der schlanke Körper biegt und hebt sich mit wunderbarer Elastizität, und die prügelaustheilenden, unter weitaufgeschlitzten Aermeln hervorragenden Arme ergehen sich in den anmuthigsten Bewegungen. 250 Bei abendlichen Spaziergängen auf dem Awlabar, oder nach der, vor der Stadt gelegenen, deutschen Kolonie Neu-Tiflis , hat man auch häufig Gelegenheit, den ganz dem griechischen Choros ähnlichen Lieblingstanz der Georgier zu sehen. Eine Anzahl Männer bilden einen großen Kreis; Jeder legt die Hände auf die Schultern seiner Nachbaren, und so drehen sie sich singend in der Runde umher, unter lautem, taktmäßigem Händegeklatsch und Zurufen der Umstehenden. Die Lieder, welche man bei solchen Gelegenheiten hört, stammen meist aus der alten Zeit und sind gewöhnlich weit werthvoller, als die Erzeugnisse der georgischen Kunstpoesie. Z. B. der schmucke Bursch erzählt seinen Freunden, wie er heimkehren wollte Abends vom Trinkgelag, wo sie gesessen und sich ergötzt haben an Wein und Gesang, neun volle Stunden. Warum tranken sie so lange? Dumme Frage! Sie bezahlten nichts dafür, weil die Frau des Wirths einen Sohn bekommen; und es war große Freude im Hause über den Segen, der der Frau wiederfahren, denn sie hatte nur Töchter bis dahin. Und es wurde den Gästen Wein gespendet in Fülle; zehn Tunga's rother Kachetiner! Und als der schmucke Bursch geschwankt kam vor das Haus der Liebsten, fiel er nieder. Und sie stand auf dem Dache und zürnte und schmähte ihn, denn es war Niemand in der Nähe. Und er antwortete: »Trunken bin ich, Kind! aber trunken von Liebe!« »Nein, der Wein hat Dich niedergeworfen, Du Trunkenbold!« »So richte mich wieder auf durch die Liebe! Siehe, es war große Freude im Hause des Wirths, weil die Frau einen 251 Sohn bekommen; denn sie hatte nur Töchter! Und wenn Du zürnst über solchen Segen, so wird der Himmel Dir wieder zürnen, und Dir solchen Segen versagen!« Und sie lächelte und warf ein Kissen vom Dache, und verschwand. Wozu braucht man ein Kissen? Um darauf zu schlafen. Wozu warf sie es herunter? Weil das Kissen für ihr Köpfchen zu groß war; es verlangte ihr nach einem andern Kopfe dazu; zwei Köpfe aber auf Einem Kissen bedeuten Mann und Frau! – Es muß hier ergänzend bemerkt werden, daß es bei den Georgiern, wie bei den Armeniern, als böse Vorbedeutung gilt, wenn das erste Kind in der Ehe ein Mädchen ist; ganz unglücklich aber fühlt sich das Ehepaar, wenn mehre Mädchen auf einander folgen. Eine Georgierin wagt sich kaum zu zeigen vor den Menschen, wenn sie nur Mutter von Töchtern ist. Wird aber ein Knabe geboren, so ist der Jubel groß, und Festgelage und Schmausereien werden gegeben zur Ehre des Kindes und der Mutter. * * * Die georgische Literatur, obgleich ebenfalls reich an theologischen, historischen und geographischen Werken, und besonders an Uebersetzungen aus alten und neuen Sprachen, unterscheidet sich wesentlich von der armenischen durch ihre vielen poetischen Denkmäler. Sie erreichte ihren höchsten Glanzpunkt, wie alles Große im Lande, unter der Regierung der berühmten Königin Thamar ; die Zeit ihrer Blüthe beginnt im eilften, und endigt mit dem dreizehnten Jahrhundert. Wir besitzen aus jener Zeit eine Menge, von den wenigen Kennern der georgischen Literatur vielgerühmter Dichtungen, 252 wie z. B. den achttausend Verse langen Roman Tariel, von dem Dichter Rusthwel ; den Roman von Omaïn , dem Großsohne Tariel's; den Roman Daredshaniani, von Moses von Choni ; die Romane Dilariani und Wisramiani, von Sargis ; ein langes, sehr kunstvoll von sechszehn Mal wiederkehrenden Reimen durchschlungenes Lobgedicht aus die Königin Thamar u. s. f. Meine Kenntnisse der georgischen Literatur sind zu lückenhaft, als daß ich es wagen dürfte, ein selbständiges Urtheil darüber zu fällen. Dringendere Beschäftigungen zwangen mich, mein in Tiflis begonnenes Studium des Georgischen wieder aufzugeben, als ich kaum das zum Hausgebrauch Nothwendigste erlernt hatte. Deshalb war ich auch darauf angewiesen, bei der Benutzung der geographischen und historischen Werke des Landes mich der Brosset schen französischen Uebersetzungen zu bedienen. Der Roman Tariel und das Lobgedicht auf die Königin Thamar , habe ich in russischer Uebersetzung, theilweise mit Vergleichung des Textes, gelesen, und wenn ich hiernach ein Urtheil fällen sollte, so würde dies nicht besonders günstig lauten. Besser haben mir die kleinen georgischen Volkslieder gefallen, worunter sich manche Perle findet. Doch kann, wie gesagt, mein Urtheil über die größeren georgischen Dichtungen nicht maßgebend sein, denn bei dem Mangel an Gedanken und Gestalten in diesen Werken, müssen ihre Hauptvorzüge wohl in der Schönheit der Sprache und Form bestehen, sonst wäre es unmöglich, daß die Georgier sich so daran begeistern könnten, wie wirklich der Fall ist. Wollte man z. B. die Erzeugnisse mancher unserer gepriesenen Dichter ihrer schönen Form und Sprache entkleiden, so würde ebenfalls nicht viel übrig bleiben. 253 Die neuere Literatur der Georgier besteht größtentheils aus wundersamen Legenden, Heiligengeschichten u. dergl. Zur näheren Veranschaulichung von Gehalt und Gestalt solcher Schriften lasse ich hier die Geschichte des Märtyrerthums des heiligen Dawith und Constantiné folgen, welche eins der besten Erzeugnisse dieser Art sein muß, da der Akademiker Brosset , der Hauptkenner des Georgischen, sie als Musterstück aufgenommen hat.   Leidensgeschichte der georgischen Heiligen Dawith und Constantiné. Diese unbesiegbaren Märtyrer waren georgischer Herkunft, von den Grenzen Abchasiens , aus der Gegend von Argweth. Sie stammten aus einer Familie von Asnaours , waren verwandt mit einander, tapfere und glänzende Krieger, und berühmt durch ihre Heldenthaten auf dem Schlachtfelde. Nun vernehmt, wie das Aeußere des heiligen und unbesiegbaren Märtyrers Dawith war: stark und wohlgeformt, war sein Körper weder sonderlich groß, noch lächerlich klein; angenehm und vollendet in jedem Punkte, war er unmaßen sanft. Die Züge seines Gesichts waren gleichmäßig schön, seine Augen grau, sein Bart kastanienbraun, seine Haut weiß, seine Nase leicht gebogen. Mit großer Willenskraft begabt, gläubig, von hoher Sittenreinheit, war er ungefähr acht und dreißig Jahre alt. 254 Auch der heilige Constantiné war schön von Körper, hatte röthlich graue Augen, kastanienbraunes, glänzendes und gekräuseltes Haar. Er besaß große Beredtsamkeit, und beantwortete ohne Zögern die ihm vorgelegten Fragen; sein Betragen war rein und rechtschaffen; seine Hüften waren umgürtet mit Sitte. Ungefähr siebzehn Jahr alt, beobachtete er strenge die Fasten, und ließ sich anschauen, ohne zu erzürnen Dieses bezieht sich auf eine orientalische Sitte (oder besser: Unsitte), worüber weitere Aufklärung für belesene Männer unnöthig, und für Damen ganz überflüssig ist. Leider bildet diese Unsitte auch noch heute eine Schattenseite georgischen Lebens. . Weder Lügen noch Schwüre kennend, wandelten sie beide einher, wahre Muster der Frommen, gaben den Hungrigen zu essen, vertheilten Almosen unter die Waisen; kurz: sie hatten die Vollkommenheit aller Tugenden. Nun vernehmt, wie ihre Leidensgeschichte sich zutrug. Es war in der Zeit, wo der Herr, um unser Volk zu prüfen, gegen uns den Degen der Perser sandte, und wo, um unsere Sünden zu strafen, Murwan Abu'l-Cassim der Taube, Sohn der Schwester des abscheulichen Betrügers Muhammed , welcher das ganze Land der Sarazenen verführte, und sein trügerisches Wort triumphiren machte, uns heimsuchte. Es geschah solches aber im Jahre 6223 nach Erschaffung der Weit, oder 777 nach der Kreuzigung unseres Heilandes. Da dieser Gottlose (Murwan Abu'l-Cassim) die Sendung erhalten hatte, unser Land und noch andere Länder ganz zu verwüsten, so versammelte sich das Volk in der Zahl von 1330 Mann, unter Anführung der Heiligen Dawith und Constantiné , welche Alle ermahnten, Jesum Christum nicht zu verläugnen. 255 Die persischen Heerschaaren, zahlreich und kriegerisch, begannen mit einem Vortrab von 9000 Mann Abends den Angriff. Die Schlacht dauerte bis zum Hahnenschrei; 1250 Mann fielen unter den Streichen der Perser; diejenigen aber, welche die Schlacht überlebt und sich zurückgezogen hatten, wurden unversehens überfallen und Alle hingeschlachtet als Opfer Christi. Nur Wenige blieben in den Wäldern versteckt. Die Heiligen aber, Dawith und Constantiné , wurden gefangen und vor den Tyrannen geführt; und da sie Jesum hartnäckig bekenneten, wurden sie stark mißhandelt von diesen ungläubigen Menschen, darum daß sie laut die Mysterien der Gewalt des Heilandes verkündet hatten. Sie wurden verdammt, umzukommen in den Wassern des Rion, weil sie die ihnen gewordenen Befehle und Verheißungen verachtet hatten. Aber die Heiligen hörten ihr Urtheil mit Freude an, und baten Gott, daß er ihre Leiber bewahren möge vor der Verwesung des Grabes, und daß Alle, welche daran rührten und ihren Namen anriefen, frei würden von allen Schmerzen. Und einige Gläubige bemerkten hiernach einen Heiligenschein ihre Häupter umschweben, und sie trugen die Leichen davon und bestatteten sie unter den Steinplatten der Kirche, und unter dem Altar. Es ist aber dieser Ort Uthmini geheißen, und es geschehen daselbst zahllose Wunder zum Ruhme Gottes und Seiner Heiligen. Amen. * * * 256 Wie dieses Buch in keiner Weise Anspruch darauf macht, erschöpfend zu sein, so liegt es auch nicht im Plane desselben, lange Schilderungen all der Ausflüge und Reisen zu geben, welche ich von Tiflis aus, theils in's Gebirge, theils zu den deutschen Ansiedlungen in den transkaukasischen Ländern machte. Die schwäbischen Kolonien Marienfeld und Petersdorf in Kacheti ; Katharinenfeld und Elisabeththal in Georgisch-Armenien , Helenendorf und Annenfeld im Kreise von Elisabethpol – sind schon so oft und ausführlich beschrieben worden, daß sie den meisten Lesern der Allgemeinen Zeitung fast eben so bekannt sein müssen, wie unsere heimathlichen Dörfer. Ich bin nicht nach dem Kaukasus gepilgert, um deutsches – sondern um kaukasisches Leben und Treiben kennen zu lernen, und, irre ich nicht, werden die freundlichen Leser welche mir bis jetzt auf meinen Wanderungen gefolgt sind, einen gleichen Zweck vor Augen haben. Es sollen deshalb die nächstfolgenden Kapitel einer Geschichte aus dem Dhagestan gewidmet werden, dem blutgetränkten Schauplatze der kaukasischen Kriege, wo außer dem offenen Kampfe des Volkes gegen die Russen, noch ein anderer, heimlicher Kampf ganze Geschlechter aufreibt, und seinen blutigen Arm durch die Jahrhunderte streckt. Bunte und schreckliche Bilder werden an Euren Augen vorübergleiten; eines jedoch wird nach dem andern verschwinden, und sich auflösen im Mittelpunkte des Ganzen; diesen Mittelpunkt aber bildet die Blutrache , das mordlustige Ungeheuer. 257 Ich werde mich im Laufe meiner Erzählung alles Urtheils zu Gunsten der einen oder der andern Partei enthalten, und mich sorgfältig alles poetischen Schmucks in Bild und Wort entäußern, um der Wahrheit der Erzählung keinen Eintrag zu thun; was ich gebe, soll nichts sein, als ein klarer, zusammenhängender Bericht erwiesener Thatsachen. 258   Achtzehntes Kapitel. Adel-Chan , der letzte Utzméy von Kaitach . Bis zum Jahre 1820 bildete Kaitach , nordwestlich von Derbent und nördlich von Tabassaran gelegen, eine für sich bestehende, unabhängige Herrschaft unter dem Namen Utzméilik , welche Benennung von dem Worte Utzméy , dem Titel der regierenden Fürsten des Landes, abgeleitet wird. Im Anfang des Jahres 1820 wurde russischerseits durch den damals in Derbent stehenden General Madatow die erste Verbindung mit dem derzeit regierenden Herrscher von Kaitach, Adel-Chan , angeknüpft. Dieser Fürst hatte drei Söhne: Mohammed-Chan , Dshamow-Beg und Ußmar-Chan . Murtosali , ein Vetter von Adel-Chan , und zugleich dessen Schwager, da er mit einer Schwester des letztgenannten 259 Fürsten verheirathet war, hatte vier Söhne: Bala-Chan , Emir-Hamsa , Bey-Bala und Elder-Beg . General Madatow hatte den Auftrag erhalten, den Utzméy von Kaitach zu bewegen, sich und sein Volk dem russischen Scepter zu unterwerfen. Trotz der großen und mannichfaltigen Schwierigkeiten, welche sich der Ausführung dieses Unternehmens entgegenstellten, wußte sich Madatow seines Auftrags so geschickt zu entledigen, daß er nicht allein Adel-Chan zur Anerkennung der russischen Oberherrschaft überredete, sondern den Fürsten noch bewog, seinen erstgebornen Sohn Mohammed-Chan als Unterpfand seiner Treue den Russen auszuliefern. Dieser junge Prinz, welcher mit einer Tochter des als General-Lieutenant in russischen Diensten stehenden Schamchal-Mechti verheirathet war, erhielt die Weisung, in Derbent im Hause und unter der Aufsicht des Generals zu bleiben. Aus der Befreundung des Utzméy von Kaitach mit Rußland entsprang eine Quelle des Unglücks für Bala-Chan , da Adel-Chan schon seit lange ein Todfeind seines Neffen war und mit Eifer eine Gelegenheit suchte, ihn zu verderben. Er klagte insgeheim Bala-Chan als einen Verräther an, und gebrauchte alle Mittel des Trugs und der Verleumdung, ihn bei der russischen Regierung in ein schlechtes Licht zu setzen; er bezeichnete ihn als einen Aufwiegler des Volks, der all' seinen Einfluß anwende, die Befestigung und Ausdehnung der russischen Macht im Daghestan zu vereiteln; er wußte es durch solche und ähnliche Beschuldigungen endlich dahin zu bringen, daß Bala-Chan vor Gericht gezogen und wie ein gemeiner Verbrecher nach Sibirien verbannt wurde. Ob diese Beschuldigungen gerecht oder grundlos waren, konnte damals nicht ermittelt werden; genug, die russische 260 Behörde hatte dem verschmitzten Asiaten ihr Zutrauen geschenkt, und Bala-Chan wurde gestürzt, zu spät sehen die Russen ein, daß dieses unglücklichen Prinzen mehrfach bewiesene Treue und Anhänglichkeit zu ihnen eben die Ursache von des Utzméy unauslöschlichem Hasse war, und daß alle Beschuldigungen, mit welchen Adel-Chan seinen Neffen überschüttet hatte, als eine treue Schilderung seiner eigenen Gesinnungen angesehen werden konnten. Kurze Zeit, nachdem Adel-Chan sich den Russen unterworfen, suchte er alle Verbindungen mit ihnen wieder aufzulösen; er zeigte sich niemals in Derbent, und wenn seine Gegenwart dort erfordert wurde, so schlug er sein Lager vor den Thoren der Stadt auf, wo er der sich zu ihm verfügenden Behörde Rechenschaft über seine Verwaltung ablegte und neue Befehle entgegennahm. Bald auch Reue darüber empfindend, daß er sich hatte überreden lassen, seinen Sohn Mohammed-Chan als Geißel in die Hände der Russen zu liefern, befahl er dem jungen Prinzen, sich heimlich durch die Flucht wieder zu befreien. Dieser, dem Willen seines Vaters Folge leistend, sinnt alsobald auf Mittel zur Flucht. Er faßt den Entschluß, eine Mauer des Hauses zu durchbrechen, zieht zu dem Ende einen treuen Diener in sein Geheimniß, welcher die nöthigen Instrumente herbeischafft und seinem Herrn bei der Arbeit treulich zur Hand geht. Schon ist das Werk seinem Ende nahe, und alle Vorbereitungen zur Flucht sind getroffen, als ein Zufall die Sache verräth, in dem Augenblick, wo die Gefangenen zur Nachtzeit ihre Entweichung bewerkstelligen wollen. Der Kommandant, welcher durch seine Spione von dem Vorhaben des jungen Prinzen Kunde erhalten, läßt Mohammed-Chan sogleich in strengern Gewahrsam nehmen und ihn durch 25 Soldaten unter Anführung eines Offiziers bewachen. 261 Bis zu dieser Zeit hatte der Utzméy, wie schon gesagt, allen freundschaftlichen Annäherungen mit den Russen auszuweichen gesucht, und war selbst den wiederholten Aufforderungen des Generals Madatow , sich diesem in Derbent persönlich vorzustellen, nicht nachgekommen. Als er aber Kunde von der Entdeckung der beabsichtigten Flucht seines Sohnes erhielt, und von den strengen Maßregeln, welche man getroffen, um die Wiederholung eines ähnlichen Versuchs unmöglich zu machen, entschloß er sich endlich zu einer persönlichen Unterredung mit Madatow , machte jedoch die Bedingung dabei, daß die Zusammenkunft außerhalb der Stadt vor sich gehen solle, und daß es ihm (dem Utzméy) erlaubt sei, unter beliebiger Bedeckung zu erscheinen. Diese Bedingung wurde angenommen, und die Zusammenkunft fand im Frühlinge des Jahres 1820 statt. Der General hatte eine zahlreiche Truppen-Abtheilung vor der Stadt aufgestellt, und begab sich selbst mit einem glänzenden Gefolge zur anberaumten Zeit nach dem zur Zusammenkunft bezeichneten Platze, wo auch bald darauf der Utzméy erschien, gefolgt von tausend trefflich bewaffneten Reitern. Madatow , der die hier zu spielende Rolle vorher wohl durchdacht hatte, empfing den Herrscher von Kaitach, wie ein Satrap seinen Gebieter. Er überschüttete Adel-Chan mit Ehrenbezeugungen aller Art, ließ, nachdem die ersten Bewillkommnungen vorüber waren, durch das beorderte Detachement kunstvolle Manöver ausführen, und beobachtete dabei auf's genaueste das unter den asiatischen Fürsten bestehende altherkömmliche Ceremoniell. Diesen die Zusammenkunft eröffnenden Festlichkeiten folgte ein vom russischen General veranstaltetes großartiges Mahl, an welchem der Utzméy mit den Vornehmsten seines Gefolges 262 Theil nahm. Unter dem Donner der Kanonen wurde Adel-Chan's Gesundheit ausgebracht; darauf trug man auf einen Wink des Generals die für den Utzméy und sein Gefolge bestimmten prachtvollen Geschenke herbei; wiederum wurde auf Adel-Chan's Gesundheit getrunken, und von neuem begann der üppige Schmaus: kurz, Madatow hatte nichts versäumt gelassen, der Eigenliebe seines fürstlichen Gastes zu schmeicheln, seine Augen zu blenden und seinen Magen zu überfüllen. Doch die größte Ueberraschung war dem Utzméy bis zum Ende des Mahles aufgespart. Kaum hatten sich die Gäste von der Tafel erhoben, so wurde Mohammed-Chan , der bis dahin in so strengem Gewahrsam gehalten war, frei in die Arme seines Vaters zurückgeführt. Aber alle diese Freundlichkeiten und Ehrenbezeugungen konnten den tief in der Brust wohnenden Russenhaß des Asiaten nicht verscheuchen, obgleich Adel-Chan bei der zu Ende des Festgelages mit Madatow gepflogenen Unterredung sein Ehrenwort gab: hinfort jedesmal, wenn die Behörde es für gut erachte, in Derbent zu erscheinen, allen zwischen ihm und Madatow festgestellten Bedingungen getreu nachzukommen, und bis zum Tode ein treuer Vasall des Kaisers, seines Herrn, zu bleiben. Kaum war er jedoch mit seinem Sohn zu Hause wieder angekommen, so befahl er seiner ganzen Familie, sich schleunigst reisefertig zu machen, ließ alles, was an Geldern, Schmucksachen und sonstigen Kostbarkeiten aufzutreiben war, zusammenraffen, und traf die Anstalten zur Abreise mit solcher Eilfertigkeit, als ob er stündlich das Hereinbrechen irgend eines drohenden Ungewitters fürchte. Er flüchtete in das Land des Sultans von Awarien, und schickte unterwegs einen Boten an Madatow ab, mit einem Brief dieses Inhalts: »Ich bin 263 bei Euch erschienen, meinen Sohn zu befreien; mein Sohn ist frei. Kommt jetzt und herrscht in meinem Lande: Adel-Chan kann keines andern Fürsten Unterthan sein!« Diese Worte bezeichnen ganz den Charakter eines asiatischen Despoten, dem jede Beschränkung seiner Macht unerträglich ist. Es regierte zu jener Zeit in Awarien der Sultan Achmet-Chan , welcher den Utzméy gastfreundlich aufnahm und ihm den volkreichen Aul Balakany, in einem gleichbenannten Thalkessel gelegen, zum Asyl anwies, alle weitere Hülfe aber seinem Gaste versagte. Da die Einkünfte, welche Adel-Chan von diesem Aul bezog, nicht ausreichten, seine Familie zu unterhalten, so sah er sich genöthigt, nach und nach alle von Kaitach mitgenommenen Gelder und Kostbarkeiten zuzusetzen. Inzwischen hatten sich die Russen seines Landes bemächtigt und die Verwaltung desselben dem ihnen treu ergebenen Emir-Hamsa , dem nächsten Verwandten Adel-Chan's , anvertraut, welcher unter russischem Schutze fast unumschränkt über Kaitach herrschte, ohne jedoch den Titel Utzméy führen zu dürfen. Dem edlen Emir-Hamsa war das bittere Loos seines unschuldig nach Sibirien verbannten Bruders, von dem er nicht wußte, ob er todt oder lebendig war, tief zu Herzen gegangen. Seit dem Tage seiner Trennung von Bala-Chan war ihm keine Nachricht von dem Schicksal des Unglücklichen zu Ohren gekommen. Er hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, jemals wieder von seinem geliebten Bruder zu hören, als ihm seine Diener eines Tags die Ankunft eines fremden Tataren melden, welcher zum Fürsten geführt zu werden verlange unter dem Vorwand: er habe ihm Sachen von der größten Wichtigkeit mitzutheilen. Der Tatar wird vorgelassen und überreicht dem erstaunten Emir-Hamsa einen Brief und zwei Feuersteine als Botschaft 264 von seinem todtgeglaubten Bruder Bala-Chan . Wie der Tatar zu dieser Botschaft gekommen, habe ich nicht ermitteln können – wahrscheinlich ist es, daß er eine Zeitlang – wie dies hier häufig der Fall ist – in Sibirien in der Verbannung gelebt, dort Bala-Chan's Bekanntschaft gemacht und späterhin die Erlaubniß erhalten hat, in sein Vaterland zurückzukehren. Der Brief enthält eine kurze Schilderung der Leiden, welche der Unglückliche im wüsten Sibirien, zusammengeworfen mit den rohesten Verbrechern, auszustehen hat. Der vor Rachsucht glühende Prinz ruft seinen Bruder, als den nächsten Verwandten, zur Erfüllung der heiligen Pflicht der Blutrache an Adel-Chan , dem Urheber seines Unglücks, auf, und übersendet ihm zu dem Behuf, der Sitte gemäß, als Symbol die beiden Feuersteine. Der Emir verstand den Willen seines Bruders, doch wie sollte er gleich eine Gelegenheit zu der selbst auszuführenden Strafe finden? Denn Adel-Chan , das ersehene Opfer, wohnte im Innern von Awarien, und war weit aus dem Bereiche seines Arms. Die Gelegenheit, die auf ihn gewälzte Racheschuld abzutragen, fand sich schneller als der Emir glaubte, wie denn überhaupt das Geschick dem Menschen bei der Ausführung einer bösen That immer fördernd unter die Arme zu greifen scheint und die That dem Gedanken folgen läßt. Der an einen üppigen Lebenswandel gewöhnte Adel-Chan hatte, wie wir schon oben bemerkt, sich genöthigt gesehen, bei seinen geringen, ihm aus dem Aul Balakany zufließenden Einkünften zur Unterhaltung seiner Familie den größten Theil der mitgenommenen Habseligkeiten zuzusetzen. Jetzt war es damit ganz zu Ende gegangen, und da ihm der Sultan von Awarien jede weitere Unterstützung versagte, so ergriff er das letzte ihm übrigbleibende Mittel: die Hülfe seines 265 Neffen Emir-Hamsa zu erflehen. Er schildert ihm in den grellsten Farben seine unglückliche Lage, bittet ihn, zu seinen Gunsten dem Throne zu entsagen, und seinen Einfluß bei der russischen Regierung anzuwenden, daß ihm sein väterliches Erbe zurückerstattet werde. Er verspricht dafür den Russen Gehorsam, Treue und Förderung ihrer Interessen, so viel in seinen Kräften stehe. Für die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen will er mit seinem Leben bürgen. Der Emir empfand bei dieser Botschaft eine Freude, der eines Tigers gleich, der in der Ferne sichern Raub erspäht. Er hoffte in den mit Adel-Chan anzuknüpfenden Unterhandlungen einen günstigen Augenblick zu finden, das Gericht der auf seine Seele gewälzten Blutrache zu vollstrecken. Unverzüglich eilt Emir-Hamsa nach Derbent zum dermaligen Kommandanten, Oberst-Lieutenant von Ascheberg , macht diesem die Anzeige, daß der Utzméy durch eine eben angelangte Botschaft den Wunsch geäußert, eine geheime nächtliche Zusammenkunft zu haben; der Grund dieser beabsichtigten Zusammenkunft sei ihm unbekannt, doch glaube er aus seinen persönlichen Erfahrungen, so wie aus dem bisher gezeigten treulosen Benehmen des Utzméy schließen zu dürfen, daß derselbe wieder etwas Schlimmes gegen die Russen im Schilde führe; er erbitte sich daher im Interesse der russischen Verwaltung die Erlaubniß, ganz nach eigenem Gutachten bei der bevorstehenden Unterredung zu verfahren, selbst wenn es die Umstände erheischen sollten, daß der Utzméy der Gefangenschaft oder dem Tode anheimfalle. Der Kommandant nimmt keinen Anstand, die erbetene Erlaubniß zu ertheilen. Sogleich sendet Emir-Hamsa dem Utzméy seine Einwilligung zu der vorgeschlagenen Unterredung, und bestimmt ihm als Ort ihrer Zusammenkunft das 266 hochgelegene Dorf Mendshalissa, macht jedoch zur Bedingung, daß jeder von ihnen nicht mehr als zwei Begleiter mit sich führen dürfe. Die Unterredung sollte mit dem Dunkel der Nacht beginnen. Emir-Hamsa hatte, seinen eigenen Bedingungen ungetreu, funfzig trefflich bewaffnete Reiter im Hinterhalt versteckt, und erwartete, glühend vor Rachsucht, seinen Oheim Adel-Chan , welcher auch nicht verfehlte, sich zur bestimmten Zeit einzustellen, begleitet von seinem Sohn Mohammed-Chan und einem Kuli aus seinem Gefolge. Nach Beendigung der gegenseitig mit erheuchelter Herzlichkeit ausgedrückten weitschweifigen Freundschafts- und Ehrenbezeugungen setzten sich die beiden Fürsten auf zu dem Ende ausgebreiteten Burken einander gegenüber. Jeder der beiden gebrauchte jedoch nach daghestanischer Sitte die Vorsicht, sein Gewehr mit gespanntem Hahn vor sich auf den Knieen zu halten, um im Fall einer Verrätherei augenblicklich zur Gegenwehr bereit zu sein; das Feuergewehr des Emir aber war mit zwei Kugeln geladen, und am Schloß desselben war einer der Flintensteine von Bala-Chan . Die Unterhandlung dauerte sehr lange. Der Utzméy schilderte in gesuchten Ausdrücken all' sein ausgestandenes Ungemach, die Mißhandlungen, welche sein Sohn während seiner Haft in Derbent von Seite der Russen erfahren, die Entbehrungen, welchen er und seine ganze Familie während ihres freiwilligen Exils ausgesetzt gewesen seien u. s. f. Er beschloß seine Rede mit der Versicherung, daß er das Thörichte seines Schritts, dem Thron zu entsagen und sein Land zu fliehen, 267 jetzt eingesehen habe, und sich reumüthig den weitern Verfügungen der russischen Behörde unterwerfen werde, wenn er dadurch Wiedereinsetzung in seine frühern Rechte erlangen könnte. Emir-Hamsa hörte ihm ruhig zu, und unterbrach nur hin und wieder den Strom seiner Rede durch Worte des Beifalls und der Ergebenheit. Er versicherte ihm, daß er all' seinen Einfluß bei den Russen anwenden werde, um Begnadigung für ihn zu erwirken. Er habe auch, fügte er hinzu, bereits alles mögliche gethan, um der Sache eine günstige Wendung zu geben, und sei vom Kommandanten von Derbent beauftragt, einige vorläufige Verfügungen in Betreff dieser Angelegenheit mitzutheilen, jedoch könne dies nur unter vier Augen geschehen, weshalb er ihn bitten müsse, seine beiden Begleiter auf einige Augenblicke zu entfernen. Adel-Chan befahl seinem Sohn Mohammed und dem Kuli, sich zurückzuziehen, bis er sie rufen werde. Der Kuli gehorchte stillschweigend dem Befehl seines Herrn; Mohammed aber, der Besorgniß zu hegen schien, blieb unbeweglich auf seinem Platze. »Nun – fragte neugierig Adel-Chan , welcher das Zurückbleiben seines Sohnes nicht zu bemerken schien – worin besteht Dein Auftrag?« »Ich habe Dir gesagt – erwiederte unwillig Emir-Hamsa – daß die Nachrichten, welche ich Dir mitzutheilen habe, für Dich allein bestimmt sind; warum schickst Du Deinen Sohn nicht fort? Fürchtet er etwa für seines Vaters Sicherheit?« »Fort, Bursch!« rief der Alte ärgerlich Mohammed-Chan zu, »glaubst Du, Dein Vater wird sich vor einem bartlosen Knaben fürchten?« Diesesmal gehorcht Mohammed dem strengen Befehl des Utzméy, bleibt jedoch mit immer steigender Besorgniß in einiger Entfernung stehen, und sucht, soweit dies in der Dunkelheit möglich, mit 268 scharfem Auge den Bewegungen der beiden Fürsten zu folgen. Die Unterhaltung dauert noch eine gute Weile fort; endlich sieht er, wie die beiden sich erheben, unter vielen Zärtlichkeits-Bezeugungen Abschied von einander nehmen und auseinander gehen. Er eilt freudig seinem ihn rufenden Vater entgegen; da flammt es plötzlich hell durch die Nacht, ein lautkrachender Schuß fällt – und der Utzméy sinkt, von zwei Kugeln getroffen, leblos zu Boden nieder. Der Schuß kam aus der Flinte mit dem Feuersteine von Bala-Chan . Der Mörder flieht nach vollbrachter That mit seinen beiden Begleitern dem Orte zu, wo die funfzig bewaffneten Reiter verborgen lagen. Der vor Rachsucht tobende Mohammed folgt den drei Flüchtigen, erreicht sie und will sich auf seinen Feind werfen, kann aber im Dunkel der Nacht den Emir von seinen Begleitern nicht unterscheiden; alle drei sind von gleicher Größe, in gleicher Kleidung und übereins bewaffnet. Der Emir hatte seinen Plan gut ersonnen und war in der Wahl seiner Beute vortrefflich zu Werke gegangen. Mohammed-Chan hatte an Feuerwaffen nur eine Pistole und eine Flinte bei sich, und mußte daher erst seines Zieles ganz sicher sein, ehe er wagen konnte zu schießen; endlich glaubt er den Verräther entdeckt zu haben: er drückt ab, und es fällt einer von den dreien – er hatte falsch gesehen, der Getödtete war nicht Emir-Hamsa . Er feuert sein Pistol ab, wieder fällt ein Opfer; er wirft sich wüthend auf die Leiche, sicher, seinen Feind getroffen zu haben; aber auch diesmal hat er sich geirrt; der Getödtete war der zweite Begleiter Emir-Hamsa's , welcher selbst wie durch ein Wunder gerettet zu sein schien. Knirschend vor Beutewuth wie ein Tiger der Wüste springt Mohammed auf und stürzt mit gezücktem Dolche seinem 269 fliehenden Vetter nach; dieser hat aber inzwischen einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und Zeit gehabt, seinen Reitern das verabredete Zeichen zu geben; er befiehlt ihnen, nach der Richtung hin zu feuern, wo er seinen Verfolger zu entdecken glaubte; wie ein Wetterleuchten flammt es plötzlich durch die Nacht, und der Donner von funfzig Flintenschüssen rollt wie lautschallendes Hohngelächter hinterher. Mohammed ist noch zu weit entfernt, um getroffen zu werden, aber das Unerwartete des verrätherischen Angriffs macht ihn stutzen; er sieht, daß hier seiner Feinde zu viele sind, eilt zurück und kommt athemlos wieder bei der noch blutigen Leiche seines Vaters an. Er wirft sich auf ihn und bedeckt das schon kalte Gesicht mit Küssen und mit Thränen der Wuth und des Schmerzes; dann reißt er zum furchtbaren Andenken eine lange Pistole aus seines Vaters Gürtel, als Zeichen der blutigen Rache an Emir-Hamsa . Herr, hört Ihr nicht den Roßhufhall unserer nachsetzenden Feinde? – ruft herbeieilend der Kuli – wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Sie eilten im Fluge der Stelle zu, wo ihre Pferde standen, schwangen sich in den Sattel und jagten davon, schnell wie der Wind, der die Steppe fegt . . . Ein drittes Pferd stand gesattelt, aber kein Reiter war da. Der Leichnam des Utzméy wird gefunden, und am folgenden Tage läßt ihn sein Neffe Emir-Hamsa zur Erde bestatten mit so viel Pracht und Aufwand, daß die Kosten sich über tausend Silberrubel beliefen. Die Leichen-Festlichkeiten dauerten sieben Tage lang, während welcher Zeit auf Befehl des Emir alle Bewohner von Kaitach ihren Fürsten beweinen und die Zeichen der Trauer anlegen mußten. Nach der Beerdigung seines Oheims schickte Emir-Hamsa einen 270 Boten an den Kommandanten von Derbent, mit der Nachricht: er habe Rußland von einem heimtückischen und mächtigen Feinde befreit. Die russische Regierung, um sich erkenntlich für diesen Schritt zu zeigen, ernannte den jungen Emir zum Capitain. 271   Neunzehntes Kapitel Adel-Chan, der letzte Utzméy in Kaitach. ( Fortsetzung .) Nach dem Tode des Utzméy war Mohammed-Chan der Aelteste seiner Familie. Die Schwierigkeiten der Unterhaltung derselben waren inzwischen immer größer geworden, und da Mohammed nicht wußte, wie er der Noth abhelfen sollte, so entschlossen sich seine Mutter und seine Gemahlin Hülfe bei dem mit den Russen befreundeten Schamchal von Tarki zu suchen, um durch Vermittelung dieses Fürsten von dem damaligen Oberbefehlshaber des Kaukasus, Yermolow , Begnadigung und die Erlaubniß nach Kaitach zurückzukehren, zu erwirken. Dem Einfluß des alten Schamchals Mechti gelang es in der That den General Yermolow zu bewegen, die Erlaubniß zur Rückkehr der verarmten Familie des Utzméy zu geben, und derselben zur Bestreitung ihrer nothwendigsten Ausgaben die Einkünfte eines Auls anzuweisen. Uebrigens blieb das ganze Land nach wie vor unter der Verwaltung des Emir-Hamsa . Durch die unbedeutenden Einkünfte eines einzigen Auls war der unglücklichen Fürstenfamilie leider wenig geholfen; ihre Noth nahm von Tag zu Tag zu; der unternehmende 272 Mohammed faßte daher den Entschluß, durch Erzeigung irgend eines wichtigen Dienstes die Freundschaft und das Vertrauen der Russen wieder zu gewinnen, und sie wo möglich zur Abtretung seines väterlichen Erbes zu bewegen. Eine Gelegenheit zur Ausführung dieses Planes fand sich bald. Es hauste zu jener Zeit in den Schluchten von Kaitach ein mächtiger und furchtbarer Räuber, Namens Abdullah-Beg , Sohn des Kadi von Tabassaran . Er hatte der Räubereien und Morde so viele begangen, daß man weit und breit seinen Namen mit Grausen nannte, und daß von der russischen Regierung ein hoher Preis auf seinen Kopf gesetzt war. In den letzten zwei Jahren hatten, in Folge der zu Kaitach herrschenden Unruhen, die Räubereien so überhand genommen und der Anhang Abdullahs hatte sich so vermehrt, daß die Russen zu wiederholten Malen Jagd auf ihn machten, ohne daß es ihnen jedoch gelungen wäre, den kühnen Räuberfürsten aus seinem Schlupfwinkel zu verscheuchen. Der beherzte Mohammed-Chan , auf seine List und Gewandtheit bauend, theilt dem Herrn von Ascheberg seinen Plan mit, und verspricht, über kurz oder lang den Räuber auszuliefern, wenn ihm dafür von der russischen Regierung Rückerstattung seines väterlichen Erbtheils zugesichert werde. Die Bedingungen werden angenommen. Der junge Fürst gesellt sich alsobald persönlich der Bande des Abdullah-Beg bei, um in der Nähe des gefürchteten Räubers seine Schlupfwinkel und Lebensweise besser kennen zu lernen, und wo möglich eine Gelegenheit zu erspähen, ihn lebendig in die Hände der Russen zu liefern. Durch einige kühn ausgeführte Streiche sucht er sich das Vertrauen Abdullah-Begs zu erwerben, lernt aber bald einsehen, daß er auf diese Weise niemals sein Ziel erreichen werde, da alle noch so fein 273 angelegten Plane und Entwürfe an der Vorsicht und Wachsamkeit des daghestanischen Räuberfürsten scheiterten. Mohammed-Chan kehrt zurück zum Kommandanten von Derbent, theilt ihm mit, daß es unmöglich sei, den Räuber lebendig zu fangen; er habe jetzt aber einen neuen und sicherern Plan, ihn in seine Gewalt zu bekommen, ersonnen, und bitte sich zur Ausführung desselben vier Pud Pulver aus. Das Pulver wird ausgeliefert, und Mohammed macht sich von neuem auf den Weg, nimmt dießmal jedoch zur Sicherheit einige zuverlässige Gefährten: Dshänka-Albury , Gjül-Machmet , Urutsch-Machmet und mehrere Kulis mit zu Hülfe. Die Reiter machen gegen Abend im Dickicht eines unabsehbaren Waldes Halt – in der Nähe eines kleinen daghestanischen Auls gelegen, wo sich die Wohnung Abdullah-Begs befand. Dort werden die klugen Pferde im Gebüsch verborgen gehalten, und die wachsamen Reiter verstecken sich im dichten Laubwerk der hohen Bäume. Erst um Mitternacht führt Mohammed seine Gefährten auf wohlbekannten Pfaden zu einem, inmitten des Waldes gelegenen, freien Platz, wo sich etwa zwanzig Schritte von ihnen die zerstreuten, kleinen Festungen gleich gebauten, Häuser des Auls ausbreiten. Schon lagen, nach der ringsum herrschenden Stille und Dunkelheit zu schließen, alle Einwohner in tiefem Schlafe; nur im Hause des Abdullah-Beg schien man noch nicht an Ruhe zu denken. Durch die Spalten der geschlossenen Fensterläden schimmerte hell der Schein eines Lichtes; mehrere Personen schienen dort noch in eifrigem Gespräche begriffen; hin und wieder drang der Schall von unverständlichen Worten zu den lauschenden Spähern hinüber. Ruhte Abdallah-Beg aus beim heitern Mahle in der Mitte 274 der Seinen nach mühsam vollbrachtem Tagwerk? Oder war er beschäftigt, neue Plane für den kommenden Tag zu schmieden? Oder vertheilte er eben die zuletzt gemachte Beute unter seine gierigen Raubgenossen? Genug, er war beschäftigt; weiter brauchte Mohammed nichts zu wissen; welcher sich beeilte, die nöthigen Vorbereitungen zur Ausführung seines Plans zu treffen. Er nimmt Albury und Urutsch-Machmet , welche das Pulver tragen, mit sich ins Dorf, schleicht in das erste Stockwerk des Hauses Abdullah-Begs Die Häuser im Daghestan sind gewöhnlich so eingerichtet, daß sich Stallung, Geräthkammer und Küche im ersten Stock, die Wohnungen aber im zweiten Stock befinden. ; angelangt in der Mitte des Stalles, schüttet er das mitgenommene Pulver aus und bedeckt es mit einem aus der Küche herbeigeschafften, großen Kessel, welchen er am Boden zu befestigen sucht, indem er zwischen die äußere Wölbung desselben und die niedrige Stalldecke eine dicke hölzerne Stange klemmt. Dann führt er, vermittelst einer kleinen, unter dem Kessel gelassenen Oeffnung, dem Pulver eine präparirte Lunte zu, zündet die Lunte an und flieht eiligen Schrittes mit seinen Gefährten wieder dem Dickicht des Waldes zu. Dort sehen alle mit unaussprechlicher Spannung der zu erwartenden Explosion entgegen. Eine halbe Stunde war so bereits vergangen und noch hatte man nicht das leiseste Geräusch vernommen, das Licht flimmerte immer noch oben durch die Spalten der Fensterläden, und das Gespräch dauerte lebhaft fort wie früher. Mohammed kann sich nicht mehr halten vor Ungeduld; er vermuthet, die Lunte müsse verglommen sein, und will selbst nach dem Hause gehen, um andere Anstalten zur Beschleunigung der 275 Explosion zu treffen. Von diesem tollkühnen Schritt hält ihn jedoch sein treuer Urutsch zurück, der lieber selbst sein Leben daran wagen, als seinen Herrn solcher Gefahr aussetzen will. Er nimmt ein Feuerzeug zu sich, geht auf das Haus los, und hat beinahe schon die Stallthüre erreicht, als plötzlich unter furchtbarem Gekrach die Explosion erfolgt. Erst schlug es wie ein hochauf gescheuchtes Feuermeer zischend nach allen Seiten hin, dann erfolgte ein Getöse, einer seltsamen Mischung von Kanonendonner, Regengeprassel und Sturm gleich. Der obere Theil des Hauses wurde hoch in die Luft geschleudert, und begrub alle, die es in sich geschlossen, unter seinen Trümmern. Abdullah-Beg mit seiner ganzen Familie, mit seinen Dienern und Gästen – zusammen siebenzehn Menschen – kamen dabei um's Leben, nur ein kleines Kind, der jüngste von Abdullahs Söhnen, ward wie durch ein Wunder gerettet . . . Voll Entsetzen sahen selbst die Urheber der Unthat den Folgen ihres frevelhaften Beginnens zu. Die durch den nächtlichen Lärm von ihren Lagern aufgescheuchten Bewohner des Auls waren bei dem Anblick des ebenso grauenhaften, wie ihnen unerklärbaren Schauspiels so von Furcht ergriffen, daß keiner wagte seine Hütte zu verlassen. Mohammed-Chan allein war unerschüttert geblieben; seine einzige Sorge war, den treuen Urutsch wieder zu finden, der für ihn sein Leben gewagt hatte. Er befürchtet, daß der tollkühne Urutsch bei der Explosion zu Tode gekommen, aber ob er todt oder lebendig, Mohammed will ihn nicht zurücklassen und wenigstens seine Leiche mitnehmen. Nach langem sorgfältigem Suchen findet er endlich den Unglücklichen, halb verbrannt, zwischen den rauchenden Trümmern des Hauses liegen. Er rafft ihn unter freundlichem Zusprechen auf, verbindet seine Wunden so 276 gut es die Umstände erlauben, vertraut ihn dann der Sorgfalt seiner Leute an, und führt die Genossen seiner Gräuelthat auf demselben Wege durch das Dickicht des Waldes zurück, woher sie gekommen waren. Angelangt in Derbent macht er dem Kommandanten einen getreuen Bericht von der Ausführung seines gefahrvollen Unternehmens. Herr von Ascheberg berichtet seinerseits der Oberbehörde über das Vorgegangene, und stellt, seinem Wort gemäß, Mohammed-Chan die verheißene Belohnung zu. Nach der darauf erfolgenden Verfügung wurden Mohammed-Chan im Jahr 1825 drei Aule: Kola, Welikent und Sselich, zusammen 250 Häuser enthaltend, aus dem Besitzthum seines verstorbenen Vaters zuerkannt. Dshänka-Albury , Gjül-Machmet und der glücklich wieder hergestellte Urutsch-Machmet erhielten jeder eine goldene Medaille mit der Schleife des St. Annenordens. Die Kulis jedoch blieben unbelohnt, weshalb sie im Jahre 1832, als der General-Adjutant Baron von Rosen , der Daghestan besuchte, demselben ein Belohnungsgesuch einreichten, als Theilnehmer an der Ausrottung der Familie Abdullah-Begs . Die Bittschrift wurde dem Kaiser eingesandt, welcher jedem der Kulis 75 Rubel Silber auszahlen ließ, für ähnliche etwa wiederkehrende Fälle jedoch eine strenge Verordnung erließ, in welcher er seine höchste Unzufriedenheit über die Zerstörung des Hauses Abdullahs äußert, wo, um einen Schuldigen zu bestrafen, sechzehn Unschuldige mit in's Verderben gestürzt wurden. Er befiehlt in Zukunft bei ähnlichen Fällen vorsichtiger zu Werke zu gehen und niemals wieder so grausame Maßregeln zu ergreifen, welche künftig statt Gnadenbezeugungen und Belohnungen nur seinen Unwillen und Strafe nach sich ziehen würden . . . 277 Ich bin, um Mohammed-Chans Mordanschlag mit allen seinen Folgen ohne Unterbrechung darzustellen, in unserer Erzählung ein paar Jahre zu weit vorausgeeilt, und muß hier ergänzend bemerken, daß bei einer im Jahr 1826 vom Oberst Düsterloh befehligten Expedition gegen Tabassaran, Emir-Hamsa in der blutigen Schlacht bei Bent-Mescha um's Leben kam. Das Gerücht ging, er sei heimlich während des Gefechts durch die Hand Dshamow-Begs , des jüngern Bruders Mohammed-Chans , als ein Opfer der Blutrache gefallen; doch fehlt diesem Gerüchte alle weitere Bestätigung. Nach dem Tode des Emirs kam das Utzméilik Kaitach an seine beiden jüngern Brüder Bey-Bala und Elder-Beg . Nicht lange sollte Mohammed-Chan seinen Vetter Emir-Hamsa überleben. Bei der Belagerung der Festung Burnaja im Jahr 1832, zu welcher Zeit er im Detachement des General-Majors Kachanow General Kachanow , den ich deßhalb befragte, konnte mir selbst nichts Bestimmtes darüber mittheilen. diente, kam der junge Prinz plötzlich in Folge einer kurzen aber heftigen Krankheit um's Leben. Es verlautete, er sei auf Anstiften der Brüder Emir-Hamsa's vergiftet; doch auch diesem Gerüchte fehlen alle Beweise. Bey-Bala und Elder-Beg hatten, dem Beispiele ihres verstorbenen Bruders folgend, immer die bewährteste Treue und Ergebenheit den Russen gegenüber gezeigt; auch gelang es dem Einflusse dieser beiden Fürsten, die Freiheit des unglücklichen Bala-Chan zu erwirken, welcher, wie wir zu Anfang dieser Erzählung gesehen haben, in Folge der Verleumdungen Adel-Chans , unschuldig in Sibirien in der Verbannung schmachtete. 278 Im Jahr 1831 kehrte Bala-Chan nach langjähriger Trennung in seine Heimat Kaitach zurück. Hier erwartete seiner ein neuer Schmerz. Er entbrannte in heftiger Liebe zu der schönen Bela , der verwittweten Tochter seines als Opfer der Blutrache gefallenen Feindes und Oheims Adel-Chan . Sie hatte ihren jungen Gemahl, den Sohn des Schamchal-Mechti , durch den Tod verloren, und Bala-Chan hielt, als die Zeit der Trauer vorüber war, um ihre Hand an. Ihr gegen den Bewerber feindlich gesinnter Bruder aber wollte die Einwilligung dazu nicht geben, und verheirathete seine Schwester an Schach-Abbaß , den jüngern Bruder ihres frühern Gemahls. Das glückliche Ehepaar lebt heute noch im Aul Buynach, im Schamchalischen Gebiete. Hier in den wilden Ländern des Kaukasus, wo man den Werther noch nicht gelesen hat, ist die Liebe auch nicht so sentimentaler Art wie bei uns zu Lande. Der Asiat schießt sich nicht aus Liebe todt, sondern tödtet lieber die, welche ihn hindern, den Gegenstand seiner Neigung zu besitzen. Bala-Chan wußte sich bald Ersatz für seinen Verlust zu verschaffen, indem er das Herz einer schönen Fürstentochter aus dem Aul Kjüsteck gewann. Mit größtmöglicher Eile wurden die Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen. Schon war der zur Festlichkeit bestimmte Tag gekommen, und der Käbin Käbin heißt der Kaufpreis, welchen der Bräutigam dem Brautvater nach der altherkömmlichen Sitte des Daghestan entrichten muß, und welcher entweder in Geld oder in Vieh besteht. Außerdem will es die Sitte, daß der Bräutigam noch eine Summe für Hochzeitgeschenke bezahlt. Stirbt die Frau, ohne Kinder geboren zu haben, so fallen diese Geschenke ihrem Vater anheim. entrichtet. Die reichen Geschenke des Bräutigams waren der Sitte gemäß bereits auf Lastthieren in die Wohnung der Braut geschickt, während im Hause 279 Bala-Chans die in großer Anzahl geladenen Gäste lustig zechten und jubelten. Wer im Daghestan gewesen, weiß, wie leicht die Fürsten und Edlen dieses Landes, dem Beispiel ihrer Priester folgend, sich an den Genuß des Weins gewöhnen, trotz des großen Propheten und seiner heiligen Gebote. Das Unglück schien Bala-Chan noch nicht genug verfolgt zu haben: während er fröhlich und guter Dinge dasitzt in der Mitte seiner Gäste, sinkt er plötzlich, zum Schrecken aller Anwesenden, wie vom Schlage getroffen, todt zu Boden nieder. Wir überlassen die Gäste ihrem Schreck und die Braut ihrer Verzweiflung, um, ehe wir den Lauf unserer Erzählung weiter verfolgen, zuvor die Ursache des plötzlichen Todes Bala-Chans zu erforschen. Es wurden Gerüchte laut, daß seine Brüder, welche fürchteten, von ihm, dem älteren Bruder, verdrängt zu werden, ihn vergiftet hätten. Bei den sorgfältigen Erkundigungen, welche ich darüber eingezogen habe, glaube ich jedoch diesen Gerüchten mit einiger Sicherheit widersprechen zu können, und nehme an, daß der unzeitige Tod Bala-Chans eine natürliche Folge seines unmäßigen Genusses geistiger Getränke war. Schon im kalten Sibirien hatte er sich, aus leicht erklärlichen Gründen, dem Laster des Trinkens ergeben, und bei seiner Rückkehr nur allzugern den feurigen Rebensaft seines Heimatlandes gegen den Branntwein von Tobolsk vertauscht. 280   Zwanzigstes Kapitel. Adel-Chan, der letzte Utzméy von Kaitach. ( Schluß .) Ich bin, aufrichtig gesagt, in diesem Augenblick ein wenig in Verlegenheit, wie ich den Faden meiner Erzählung weiter spinnen soll. An Stoff fehlt es freilich nicht, es ist vielmehr Ueberfluß daran vorhanden; das Unangenehme besteht nur darin, daß sich unter der Menge der hier vorkommenden Bilder viele gar zu sehr unter einander ähnlich sehen. Mord folgt auf Mord, Verrath auf Verrath, und Hochzeit auf Hochzeit. Wenn ich einen Roman schriebe, könnte ich mir die Sache sehr erleichtern, alles Störende sondernd ausscheiden, die Lücken durch interessante Episoden ergänzen, jedem Räuber einen sentimentalen Tugendhelden zur Seite stellen, den handelnden Personen schöne Phrasen in den Mund legen, durch eine absichtliche Verwickelung eine spannende Entwickelung herbeiführen, und was dergleichen Hülfsmittel mehr sind. So aber bin ich genöthigt, festen Schrittes auf dem nackten Boden der Wirklichkeit fortzuwandeln und jedem lockenden Rufe der Phantasie ein taubes Ohr zu leihen, wenn ich meiner Aufgabe, eine ungeschmückte wahrhafte Schilderung merkwürdiger Thatsachen in möglichst engem Rahmen vor die Augen des Lesers 281 zu führen, nicht untreu werden will. Ich nehme daher keinen Anstand, hier wieder mit einer Liebesgeschichte zu beginnen, obgleich ich erst das vorhergehende Kapitel mit einer solchen beschlossen habe. Elder-Beg liebte Fatima , die jüngere Tochter Ibul-Begs , deren Anmuth und Schönheit so groß war, daß noch heute in den Aulen des Daghestan Lieder zu ihrem Preise gesungen werden. Fatima's Eltern machten Schwierigkeiten, ihre Einwilligung zu der Heirath zu geben, da nach den Adelsgesetzen des Daghestan die in der Ehe mit einer jüngern Tochter des Hauses gezeugten Kinder nicht als Begs angesehen werden; sie schlugen daher dem Bewerber die Hand ihrer ältesten Tochter Bikä vor. Elder-Beg aber, von Leidenschaft hingerissen, schwur auf den Koran, kein anderes Weib, als Fatima , heimzuführen und blutige Rache zu nehmen, wenn man sie ihm verweigerte. Er gelobte beim Propheten, trotz allen Adelsgesetzen, die Kinder, welche ihm Fatima gebären werde, falls es Knaben sein sollten, als Begs anzuerkennen. Die besorgten Eltern ließen sich durch Elder-Begs Schwüre beschwichtigen und gaben ihm ihre Tochter zur Frau. Die Hochzeitsfeierlichkeiten wurden mit ungewöhnlichem Glanze und Aufwande, unter Beobachtung der im Daghestan herkömmlichen Förmlichkeiten, vollzogen. Da jedoch nur Wenigen in Europa die bei einer Hochzeit im Daghestan üblichen Förmlichkeiten bekannt sein werden, so dürfte eine kurze Schilderung derselben hier vielleicht an ihrem Platze sein. Wir werden dabei einen Augenblick von unserer Erzählung ausruhen und die angedeutete Schilderung hier als Episode einschalten, unter dem Titel: 282   Hochzeitsgebräuche im Dhagestan. Nach altherkömmlicher Sitte des Landes soll der Bräutigam vor der Hochzeit seine Auserkorene nicht sehen. Von dieser alten Regel finden jedoch im Daghestan unter hundert Beispielen neun und neunzig Ausnahmen statt. Zwar würde kein Muselmann den Frevel begehen, unerlaubt die wohlverwahrten und heilig gehaltenen Gemächer der Frauen zu betreten, aber die Frauen sind auch nicht immer so eingekerkert und bewacht, wie man irrthümlich glaubt. Bei schönem Wetter spielen und tanzen die Mädchen gewöhnlich Stunden lang, wie am Tage so Abends beim Mondenschein, zum Schalle der Tamburine auf den Dächern der Häuser. Da schleichen denn die jungen Bewerber liebäugelnd umher, um von irgend einer Schönen einen freundlichen Wink oder einen gunstverheißenden Blick zu erspähen. Zwar sind die Gesichter der Tatarinnen immer mit Tüchern verhüllt, doch wissen die hübschen ihre Tücher stets so zu binden oder nach Umständen so zu verschieben, daß ein aufmerksamer Beobachter vom Gesicht genug sehen kann, um das Uebrige zu errathen. Zudem gehen die Mädchen bis zum zwölften Jahre unverschleiert, und so läßt sich denn leicht von der Knospe ein ziemlich richtiger Schluß auf die entfaltete Blume machen. Ist erst einmal ein gegenseitiges Wohlgefallen sichtbar, so wird mittelst der hier durch die Nothwendigkeit in hohem Grade ausgebildeten Blumen- und Zeichensprachen leicht ein näheres Verständniß herbeigeführt. Will der Bewerber nun heirathen, so schickt er als Vermittler einen achtbaren Freund oder Verwandten zum Vater der Braut, zur Mutter derselben aber einige alte Matronen seiner 283 Verwandtschaft. So werden denn mit vieler Wichtigkeit die Unterhandlungen eröffnet. Der Vater giebt sein Jawort nicht sogleich, sondern verlangt erst Bedenkzeit; bestimmt jedoch genau den Tag, an welchem die Antwort erfolgen soll. Dann wird die Sache weitläufig zwischen der Mutter und den Verwandten berathen, Erkundigungen über die Vermögensumstände, über die Sitten und die Verwandtschaft des Bewerbers eingezogen u. s. f. Erfolgt endlich am bestimmten Tage die Zusage, so beginnen neue Unterhandlungen um den Käbin oder die Kaufsumme, welche dem Vater der Braut ausbezahlt werden muß. Am Vorabend der Hochzeit begiebt sich der Bräutigam mit seinen Freunden ins Bad. Nach Beendigung der vorgeschriebenen Waschungen wendet sich der Zug unter dem Schalle der Tamburine und des Dudelsacks wieder der Wohnung des Bräutigams zu, der von zwei Knaben begleitet wird, wovon einer zur Linken und der andere zur Rechten geht. Im Hause beginnen alsdann die inzwischen schon vorbereiteten Schmausereien und Festlichkeiten. Die Braut befolgt dasselbe Ceremoniell. Auch ihr gehen zwei kleine Mädchen zur Seite, und sie bewirthet ebenfalls ihre Freundinnen, und wird von diesen zur Hochzeit geschmückt. Am folgenden Morgen erscheinen die Verwandten und Freunde des Bräutigams auf festlich geschmückten Pferden und gefolgt von ohrenzerreißender Musik, um die harrende Braut abzuholen, welche gehörig aufgeputzt und verschleiert, auf einen Esel gesetzt wird, während, je nach dem Bedürfniß, eine oder mehrere Arba's ihre Kleider, Geräthschaften, kurz ihre ganze Aussteuer zur Schau nachführen. 284 Die Sitte erheischt, daß die Braut dem Bräutigam von seinen Verwandten entgegengeführt werde, doch haben diese keine geringe Mühe, die Neuvermählte den Armen ihrer Freunde und Angehörigen zu entreißen, welche zum Schein alles Mögliche aufbieten, die zu Entführende mit Gewalt zurückzuhalten. Es entspinnen sich nun zwischen den beiden Parteien scherzhafte Kämpfe und Gefechte um den Besitz der Braut, wobei geschossen, geschrien, getrommelt und gelärmt wird, daß einem die Ohren gellen. Feuert irgend einer der Gäste sein Gewehr auf den Boden ab, statt in die Luft zu schießen, so wird dies als ein großer Schimpf für die Braut betrachtet, welcher gewöhnlich mit dem Tode bestraft wird. Ueberhaupt ist es hier nichts Seltenes, daß sich bei diesen Scherzkämpfen ein paar Gäste die Hälse brechen. Der indessen voll Verlangen der Ankunft seiner Braut harrende Bräutigam eilt derselben, sobald er den Zug sich nähern sieht, entgegen, um sie in Begleitung der beiden Schutzengel zu empfangen. Der ihm zur Rechten gehende Knabe nimmt ihm seine Leibbinde ab, und umschlingt mit derselben die Braut, worauf sich der junge Gatte, so wie alle Anwesenden; die Hand aufs Herz legend, tief vor ihr verbeugen, und die Neuvermählte sammt ihrem Gefolge in die hochzeitlich geschmückten Frauengemächer des Hauses führen. * * * Nicht lange sollte Elder-Beg der lieblichen Fatima Gemahl sein. Im Jahre 1835 starb sein Bruder Beg-Bala , ob durch Gift oder eines natürlichen Todes, hat nicht ermittelt werden können, und die Herrschaft von ganz Kaitach ging nun in Elder-Begs Hände über. Pachu-Bikä , die Wittwe Beg-Bala's , war ein Weib von ungewöhnlichem Verstande und bezaubernder 285 Persönlichkeit, dabei etwas leichter Sinnesart, und, obwohl sie schon ihr dreißigstes Jahr zurückgelegt hatte, noch immer so kokett und verführerisch, daß selten ein Mann, auf den sie es abgesehen, ihren Netzen entging. Sie war früher schon mit ihrem Vetter Dshamow-Beg verheirathet gewesen, hatte sich jedoch nach kaum dreimonatlichem Zusammenleben mit diesem Prinzen in die Arme Beg-Bala's geworfen, dessen unumschränkte Gebieterin sie bis zu seinem Tode blieb. Kaum war ihr zweiter Gatte beerdigt, als sie sich schon wieder nach einem dritten umsah, und wenn sie diesmal Elder-Beg zum Gegenstand ihrer Wahl machte, so geschah dieses vielleicht weniger aus Liebe als aus Ehrgeiz: die herrschsüchtige Pachu-Bikä wollte Gattin des Fürsten von Kaitach sein. Auch wußte sie durch ihre Ränke und buhlerischen Künste bald eine solche Gewalt über Elder-Beg zu gewinnen, daß dieser seine junge und schöne Gattin verstieß und die stolze Pachu-Bikä an ihren Platz setzte. Die unschuldig verstoßene Fatima floh in ihr elterliches Haus, um Schutz bei ihren Brüdern, den Söhnen Ibul-Begs , zu suchen, welche, obwohl sie Unterthanen des Elder-Beg waren, dem Treulosen blutige Rache für die Beschimpfung ihrer Schwester schworen. Die beiden Familien, deren unheilvolles, durch den Dämon der Blutrache herbeigeführtes Schicksal ich in diesen Blättern theilweise zu schildern versucht habe, waren, wie sich der freundliche Leser erinnern wird, die des Utzméi Adel-Chan und die des Schwagers dieses Fürsten, Murtosali . Von Murtosali's vier Söhnen: Bula-Chan , Emir-Hamsa , Beg-Bala und Elder-Beg , war, wie wir gesehen haben, nur noch der letztere am Leben geblieben. 286 Von Adel-Chans Nachkommen leben noch Mohammeds jüngere Brüder Dshamow-Beg und Ußmar-Chan . Der letztgenannte, zu der Zeit, wo er handelnd in unserer Erzählung auftritt, etwa siebzehn Jahre alt, zeichnete sich von früher Kindheit an durch ein kühnes, dabei aber hochfahrendes und prahlerisches Wesen aus. Er behandelte seinen älteren Bruder Dshamow-Beg , den er der Feigheit beschuldigte, mit Spott und Verachtung, und pflegte zu sagen, wenn er, (Ußmar-Chan) zur Zeit der Ermordung seines Vaters nur funfzehn Jahre alt gewesen wäre, so hätte er Adel-Chans Tod nicht eine Stunde ungerächt gelassen. Dshamow-Beg , seines jüngern Bruders höhnische Worte für kindisches Geschwätz haltend, achtete weiter nicht darauf; dieser aber sollte bald Gelegenheit finden, seine Worte zu Thaten zu machen. Mirsa-Beg und Abdu-Dshamal , die Brüder der von Elder-Beg verstoßenen Fatima , sannen auf Rache gegen den treulosen Verführer ihrer Schwester, und waren daher hocherfreut, in dem mordsüchtigen Ußmar-Chan einen eifersüchtigen Theilnehmer ihrer blutigen Plane zu finden.   Inzwischen nahte das Osterfest des Jahres 1836. Die Verschwornen hatten den ersten Ostertag zur Ausführung ihres Vorhabens festgesetzt, da sie wußten, daß Elder-Beg an diesem Tage unfehlbar nach Welikent reisen werde, um dem dort residirenden russischen Pristaff, Capitän von Sommer , seine Glückwünsche abzustatten. Sie begaben sich daher am genannten Tage nach Welikent, begleitet von vier Nukers von erprobter Treue und Tapferkeit. Der Morgen vergeht, und Elder-Beg kommt nicht. Mit immer steigender Ungeduld harren die Verschwornen der Ankunft ihres Opfers; schon bricht der Abend an, und ihr Feind ist noch nicht da. 287 Ußmar-Chan und seine Gefährten bringen die Nacht in peinigender Unruhe zu. Endlich am andern Morgen erscheint Elder-Beg , und begiebt sich, begleitet von Dschänka , Nuker-Beg , Ali-Iskjander-Beg (Sohn des Kadi von Tabassaran) und drei auserlesenen Nukers, in die Wohnung des Pristaffs , während zwanzig andere Nukers, welche den Beschluß des Gefolges bilden, Wache vor der Thüre halten. Ußmar-Chan hatte nicht sobald die Ankunft des Fürsten erfahren, als er auch mit seinen Gefährten ungesäumt in das Haus des Pristaffs eilte. Er tritt in den Saal. Elder-Beg , welcher auf dem Divan sitzt, erhebt sich bei dem Eintritt seines Vetters und bietet diesem, nach dem Vorrecht des Alters, einen Platz zu seiner Seite an. Die beiden Verwandten bewillkommnen sich anscheinend mit der größten Herzlichkeit, und trinken während des Frühstücks, welches bald darauf aufgetragen wird, einer auf des andern Wohl. Capitän Sommer , welcher die gegenseitigen Freundschaftsbezeugungen und die lebhafte Unterhaltung der beiden Fürsten sieht, entfernt sich auf ein Viertelstündchen, um weitere Verfügung hinsichtlich der Bewirthung seiner Gäste zu treffen. Kaum hat der Capitän das Zimmer verlassen, als einer von Ußmars Nukers an's Fenster tritt, den Blick umherschweifen läßt, und sich dann wieder zu seinem Herrn wendet mit den Worten: Atler haserler – die Pferde sind bereit. Dies war das verabredete Zeichen. Noch saßen die beiden Fürsten in freundlichem Zwiegespräch auf dem Divan; ihren Herren zur Seite standen die Begleiter und Diener. Bei den Worten seines Nukers aber 288 erhebt sich ruhig Ußmar und tritt ans Fenster. Indem er so hinaus sieht, spannt er unbemerkt den Hahn seines mit zwei Kugeln geladenen Pistols, wendet sich mit Blitzesschnelle und feuert es ab auf Elder-Beg , welcher tödtlich getroffen zu Boden sinkt. Ein tiefes Schweigen folgte dieser That. Ußmar selbst, solcher Scenen noch ungewohnt, stand wie versteinert da. Die Stille wurde nur durch das Stöhnen und die letzten krampfhaften Anstrengungen des Sterbenden unterbrochen, welcher sich vergebens bemühte, den Kinshal aus der Scheide zu ziehen, zur Rache gegen den Mörder. Da rief einer von Fatima's Brüdern, sich mit einem Fluche zu Ußmar wendend: »Erschrickst Du ob Deiner eigenen That, Feigling? Was schonst Du Elders? Warum durchbohrst Du den Verräther nicht mit Deinem Kinshal?« Ußmar erwachte aus seiner kurzen Betäubung, riß den Kinshal aus der Scheide, und führte damit einige wüthende Stiche auf Elders Haupt. Jetzt erst schwindet wie durch einen Zauber die Unentschlossenheit, welche bis dahin die Begs und Nukers des Ermordeten zu stummen und unthätigen Zeugen der Schreckensthat gemacht hatte. Sie ergreifen Pistolen und Kinshals und werfen sich wüthend auf ihre Gegner. Der erste Schuß gilt Ußmar , der sofort blutend zu Boden stürzt. Sein treuer Nuker Bochan stellt sich jedoch, den Kinshal in der Rechten, vor den Gefallenen, um ihn zu schützen; er bemüht sich, seinen Herrn unter den Divan zu schieben, um ihn vor weiteren Verletzungen sicher zu stellen und ihn bis aufs Aeußerste zu vertheidigen. Vor der Leiche Elder-Begs stand dessen Gastfreund Iskjander-Beg , den starken Dolch in der Hand, seine drohenden Blicke auf Bochan gerichtet. Inzwischen dauert zwischen dem Gefolge der beiden gefallenen Fürsten der Kampf 289 ununterbrochen fort. Ein dicker Rauch füllt in Kurzem das nur etwa fünf Faden große Gemach, so daß kaum noch der Feind den Feind zu unterscheiden vermag. Mitten unter den Todten und Sterbenden standen trotzig einander gegenüber Bochan und Iskjander vor den Leichen ihrer Gebieter. Indessen war es Ußmars auf den Lärm herbeigeeilten Pferdeknechte gelungen, von außen die inwendig verriegelte Thür zu erbrechen und in den Saal zu kommen. Obgleich anfangs betäubt von dem furchtbaren Anblick, der sich ihm darbot, erspähte er doch bald den Gegenstand seiner Rache. Wie ein Tiger auf seine Beute wirft er sich wild auf Iskjander ; ein Kampf auf Leben und Tod entspinnt sich unter ihnen, bis Beide, durch den Blutverlust geschwächt, winselnd zu Boden stürzen. Da sprach Bochan , der rings um sich her nur Todte und Verscheidende sah: »Lebe wohl, Ußmar , ich habe das Meine gethan!« Der im Kampf mit Iskjander gefallene Stallknecht erhebt sich mit letzter Anstrengung vom Boden und entgegnet: »Was? Schurke! Du, des Chans erster Nucker, der Du den Plow mit ihm aus einer Schüssel aßest, verlässest Deinen Herrn in diesem Augenblick, während ich, der in seinem Stalle schlief und mich von den Brosamen nährte, die von Eurem Tische fielen, für ihn sterbe?« Also sprechend, schleuderte er seinen Dolch auf Bochan , aber der mit unsicherer Hand geworfene Stahl verfehlte sein Ziel. Bochan blieb am Leben und verließ das Gemach eben, als der treue Kuli , von der Anstrengung erschöpft, seinen letzten Seufzer aushauchte. Jetzt drang der Pristaff, gefolgt von Soldaten, in den Saal, und schaute mit Entsetzen die grauenvolle Scene an. 290 Dicke Blutwellen flossen im Zimmer; zwölf todte Menschen lagen auf dem Boden. Iskjander allein gab noch Zeichen des Lebens von sich, aber das Blut troff ihm aus Kopf und Brust. Mühsam richtete der Sterbende sich auf und sagte mit gebrochener Stimme: »Ich habe in Elders Vertheidigung Muth gezeigt und meinen Freund gerächt; ich scheide vom Leben, zufrieden mit mir selber.« Mit diesen Worten schleuderte er, gewaltsam seine letzten Kräfte sammelnd, den Dolch gegen die Decke des Zimmers, daß er tief in das Holz eindrang. Kurz darauf verschied Ali-Iskjander-Beg . Und so fanden in diesem kurzen aber blutigen Kampfe dreizehn Menschen ihren Tod: drei Begs, drei Dschänkas, sechs Nukers und ein Stallknecht. Bochan allein blieb am Leben, und entkam glücklich nach seinem Geburtsort Akuscha. Wer von Derbent nach Kislar reist, und auf der ersten Station Welikent nach dem Hause des Pristaffs fragt, dem zeigt man noch jetzt das Gemach, wo diese schreckliche Begebenheit sich zugetragen; noch sieht man an der Decke die Spuren von dem Kinshal Ali-Iskjander-Begs , und die Einwohner erzählen dem Fragenden gern das tragische Ereigniß des zweiten Ostertages des Jahres 1836, jedoch mit Zusätzen und Uebertreibungen aller Art, denn wenigen nur sind die näheren Umstände und der wahre Zusammenhang dieser Geschichte bekannt. Dshamow-Beg ist der einzige noch lebende Sprößling der Geschlechter Adel-Chans und Murtosalis . Er bekleidet das Amt eines Oberstlieutenants in russischen Diensten, und verwaltet noch heute das den russisch-kaukasischen Besitzungen jetzt ganz einverleibte Utzméilik von Kaitach. 291   Einundzwanzigstes Kapitel. Letzte Eindrücke von Tiflis. Wanderung zu den Ländern am Schwarzen Meere.         W ar ein Aufruf geschehen gen Daghestan, Zogen die Krieger von Thal und Gebirg' heran, Des Kaisers Armee vom Russenland, Die Armenier in flatterndem Kriegsgewand, Der Tataren rothbärtiger Räubertroß, Die gepanzerten Reiter von Kachethos; Die Stämme von Kolchis, vom Ararat, Kamen alle gezogen zur Kyrosstadt. Und die Horden halten – der greise Sardaar Reitet auf und ab und mustert die Schaar. Es ertönen die Hörner, die Trommel schallt, Daß es laut von den Bergen rings wiederhallt. Und auf den Dächern der Häuser stehen Die Frauen und Kinder – im Morgenwind wehen Die bunten Gewänder, und manch' Auge wird feucht, Wie's hinab auf die Schaaren der Krieger steigt – Weint die Mutter den Sohn, und das Weib den Mann, Die zu Felde ziehen gen Daghestan . . . 292 Es war die letzte Musterung, welche der greise Sardaar (General von Neidhart ) in Tiflis hielt. Er wurde abberufen, und nach ihm bezog Graf (jetzt Fürst) Woronzow den Palast der Statthalter vom Kaukasus. Bald darauf sagte auch ich der alten Kyrosstadt Lebewohl, um durch die Wälder von Kolchis zu pilgern, die Küsten des Schwarzen und Asow'schen Meeres zu besuchen, die Krim zu durchwandern und mich dann von Odessa nach Konstantinopel einzuschiffen. Selten, vielleicht nie mehr, hat Tiflis solch zauberischen Glanz, solchen Zudrang von Menschen, solch wunderbare Pracht in seinen Mauern gesehen, als während der Festlichkeiten, welche zu Ehren der Ankunft des neuen Statthalters und seiner Familie begangen wurden. Das herrlichste Wetter begünstigte die Festlichkeiten. Die Straßen waren trocken und der Himmel heiter. Alle Häuser der wohlhabendern Einwohner waren behangen mit kostbaren Stoffen, alle Bazars mit reichen Teppichen ausgelegt, alle Straßen mit Blumen bestreut. Einige Fontainen waren mit blutrothem Wein gefüllt, was besonders bei abendlicher Beleuchtung ein zauberhaftes Farbenspiel erzeugte. Am blendendsten aber war das Schauspiel in der Hauptstraße der Stadt, wo der Sardaar seinen Einzug hielt. Nur in Rom, während des Karnevals, habe ich Aehnliches gesehen. Auf den Dächern, auf den Balkons und Gallerien leuchtete Kopf an Kopf aus den schönen Gewändern hervor. Jedes Haus war zu einem Piedestal lebender Bilder, jedes Fenster zum Rahmen der Schönheit geworden. Strahlender als alle übrigen aber war Dein Antlitz, Julia , Du wonniges Wesen! Du warst ein Fremdling in diesem Lande, aber die Töchter des Gebirges beneideten Dich um Deine Schöne, und sie nannten Dich »die Rose vom 293 Kaukasus.« Und nie haben zwei so kleine Füße so viel Schönheit, Tugend, Hoheit und Anmuth getragen, als Deine Füßchen! Wir werfen einen flüchtigen Blick auf die festliche Abendbeleuchtung der Stadt und nehmen dann Abschied auf immer. Ganz Tiflis schien in ein Feuermeer verwandelt; alle Berge in der Runde schienen zu flammenden Vulkanen geworden; die Erde athmete warm; auf allen Plätzen brannten bengalische Feuer; auf allen Dächern loderten Fackeln; schimmernde Lampenreihen durchzogen die Stadt in allen Richtungen, gleich blitzenden Perlenschnüren, und dazwischen wandelten die leichtfüßigen Töchter von Tiflis in lustigen Gewändern, und die stattlichen Männer des Gebirges im silbernen Waffengeschmeide. Das schönste Mährchen der Tausend und Einen Nacht kam dieser Wirklichkeit nicht gleich . . . Jetzt scheiden wir von Tiflis, und in wenigen Tagebuchblättern erzähle ich Euch meine Erlebnisse auf der Reise zum Schwarzen Meere.   I. April 1845.     Von Tiflis bis Mtzchetha Mtzchetha , alte Hauptstadt von Georgien, so benannt nach ihrem Gründer Mtzchethos , Sohn des Karthlos . Bis zur Mitte des fünften Jahrhunderts nach Christi soll Mtzchetha die blühendste Stadt des Landes und Residenz der Herrscher gewesen sein. Um diese Zeit entdeckte der König Gurgarslan auf einem Jagdzug die warmen Quellen des heutigen Tiflis und ließ daselbst eine Stadt bauen, welche er später zur Hauptstadt des Landes und zu seiner Residenz erhob. bieten die Hügelketten, welche den Weg begränzen, einen ziemlich einförmigen und kahlen 294 Anblick. Von dort bis Gori zeigt sich schon eine reichere, mannigfaltigere Vegetation, und man fährt zwischen frühlingsbunten Hügelreihen und üppig bewachsenen Fluren, welche nur hin und wieder durch kahle, wüste Flächen unterbrochen werden. Von der Herrlichkeit der alten Hauptstadt ist jetzt nichts mehr zu sehen; nur einige zeitverwüstete Ruinen, eine schöne, gut erhaltene Kirche und etwa hundert von armen Georgiern und Armeniern bewohnte Häuser zeigen die Stelle, wo sie gestanden. Wie in der Geschichte, so auch in den Sagen und Liedern des Volks, spielt Mtzchetha eine große Rolle. Interessant war es mir, in Bezug auf die alten Trümmer des Schlosses von Mtzchetha unter dem Volke eine Sage zu finden, wovon die meisten Völker Europa's Analoges aufzuweisen haben. Sie erzählt von einer schönen, buhlerischen Königin, welche vor Zeiten das Schloß bewohnte, und durch List oder Gewalt die jungen Wanderer, die des Weges zogen, zu sich lockte, und, wenn sie ihrer frechen Lust gefröhnt, die Betrogenen von den Zinnen der Veste hinabstürzen ließ in der Aragua Fluth. Ein grusischer Dichter hat die Sage poetisch bearbeitet; das Gedicht ist zu lang und weitschweifig, als daß ich es hier ganz wiedergeben könnte; ich werde nur einige Strophen davon anführen:         »Zu der Schneegebirge Füßen, Grusiens alter Hauptstadt nah', Wo die gelben Ströme fließen, Kyros und Aragua, 295 Steht ein Schloß – zerstört, zerfallen Längst, im Sturmesschritt der Zeit; Doch noch zeugen seine Hallen Von vergang'ner Herrlichkeit; Und noch blüht im blum'gen Duft es, Um der Mauern grauen Kreis, Aus den schatt'gen Bäumen ruft es, Ruft es laut und flüstert's leis. Nur zur mitternächt'gen Stunde All' der bunte Zauber weicht, Athmet's schaurig in der Runde; Der Gesang der Vögel schweigt . . . Dann beschreibt der Sänger die böse Bewohnerin des Schlosses, und wie sie fortlebte im Fluche des Volks:         »Schön war sie – doch ihre Schöne Nie ein liebend Herz gewann; Jung war sie – doch Grusiens Söhne Sahen sie mit Schaudern an u. s. w. Nachdem er darauf lebhaft ihren frevelhaften Lebenswandel geschildert, läßt er ihr die Strafe auf dem Fuß folgen. Sie verliebt sich nämlich in einen Mann, welcher trotz allen Versprechungen und Drohungen ihre Liebe unerwiedert läßt. Der Dichter malt ihn also:         »Groß und schön sind Grusiens Söhne, Aber nie betrat ihr Schloß Je ein Mann, den solche Schöne, Solcher stolze Muth umfloß.« 296 Und bei seinem Anblick steigen Gefühle in ihrem Herzen auf, die sie nie gekannt; reuezerknirscht sieht sie zurück auf ihr fluchbeladenes Leben und verspricht an der Hand ihres neuen Geliebten auch in einem neuen Leben zu wandeln. Aber der weist sie kalt zurück, und erwiedert ihre Anträge mit stolzer Verachtung. Sie kämpft einen langen Kampf; endlich trägt ihr Stolz den Sieg davon, und sie weiht den jungen, unerbittlichen Grusier einem furchtbaren Tode. Der Dichter fährt fort:         »Wird sich nie ein Rächer finden Der dem Frevel Halt gebeut, Und sie straft für ihre Sünden? Doch der Rächer ist nicht weit, Kennt nicht Gnade noch Verzeihung: Selber rächt die Liebe sich, Nimmer duldet sie Entweihung, Ihr Gericht ist fürchterlich!« Die Königin findet nach dem Tode ihres Geliebten nicht Ruhe mehr; die alte Liebe taucht wieder auf mit all' ihrer Macht, und verfolgt sie wie ein drohender Schatten. Und die Gewissensbisse, der Sünde peinigende Kinder, foltern sie Tag und Nacht, bis die Lebensmüde endlich durch ihren Tod die strafenden Mächte versöhnt. 297   II. April 1845.     Gori , unser erster Anhaltpunkt, ist eine Stadt von nur ein paar Tausend Einwohnern (die Garnison ausgenommen, welche sich auf 5000  Mann beläuft), aber für Jemanden, der grusisches (georgisches) Leben und Treiben kennen lernen will, der wichtigste Punkt des Königreichs. In Tiflis ist das russische Element schon seit zu langen Jahren vorherrschend gewesen, als daß die armenische und grusische Bevölkerung dieser Stadt von seinem Einfluß hätte frei bleiben können. In Gori ist dies weniger der Fall, weßhalb sich auch hier die Eigenthümlichkeiten und Sitten des Volks in größerer Reinheit erhalten haben. Wir waren gezwungen, hier bis zur Durchreise der Gräfin Woronzow , welche in diesen Tagen erwartet wird, zu verweilen, da auf den Stationen alle Pferde für die Gräfin und ihr Gefolge in Bereitschaft gehalten werden mußten. Die Reisenden in den russischen Landen befinden sich immer in einer mißlichen Lage, wenn auf dem Wege, welchen sie zu machen haben, zufällig irgend eine hohe Person erwartet wird. Man muß in einem solchen Falle zuweilen ganze Wochen lang vergeblich auf Pferde warten. In dem europäischen Rußland ist dem Uebel leichter abzuhelfen, da man dort fast überall bei den Bauern Miethpferde findet, welche man freilich oft mit dem Dreifachen des gewöhnlichen Preises bezahlt, dafür aber auch der Unannehmlichkeit überhoben wird, die Zeit nutzlos auf den ungastlichen Stationen zu vergeuden. Von dem Oberst Kapiow , Chef des hier stehenden Regiments, wurden wir mit großer Freundlichkeit aufgenommen, 298 wie sich überhaupt Gastfreundschaft noch in hohem Grad bei den Russen findet. Da das Haus des Obersten der Vereinigungspunkt der vornehmern Gesellschaft von Gori ist, so haben wir Gelegenheit, einige der vielgepriesenen Schönen der Stadt etwas genauer kennen zu lernen. Zudem hatte der Oberst die Güte, heute Morgen mit uns ein paar Fürstinnen in ihren Wohnungen zu besuchen; wir wurden jedoch nur von der jungen Fürstin Martha Eristaff empfangen, deren anmuthiger Wuchs und üppiges Haar in ganz Georgien berühmt sind. Der Oberst gebrauchte die Vorsicht, ehe er mit uns zur Fürstin fuhr, sich eine Stunde vorher bei ihr anmelden zu lassen, »denn,« sagte er kundig lächelnd, »eine schöne Georgierin zeigt sich nie den Augen eines Fremden, wenn ihr nicht Zeit gelassen wird, erst gehörig Toilette zu machen, und besonders Schminke aufzulegen.« Es ist hier, däucht mir, der Platz, noch einige ergänzende Worte über die weltberühmte Schönheit der Georgierinnen zu sagen. In Europa denkt man sich gewöhnlich unter einer Georgierin ein hohes, schlankes Wesen, von üppiger Leibesgestalt, in weite, reiche Gewänder gehüllt, mit dichtem, schwarzem Haar, lang genug, um alle Männerherzen damit fesselnd zu umschlingen, mit freier, edler Stirn, und ein paar Augen, welche alle Geheimnisse von Sinnen- und Seelenlust in ihren dunkeln, räthselhaften Zauberkreis festbannen. Ihr Gang ist Wollust. Freude geht vor ihr her und Bewunderung folgt ihr. Die Blumen, die sie zertritt, blicken noch sterbend, lustzitternd empor, und senden der Schönen opfernd ihren Duft nach. Mit solchen Ideen kommen die Fremden gewöhnlich nach Georgien und – finden sich seltsam enttäuscht. Die Reisenden, 299 welche mit so hochgespannten Erwartungen das durch Geschichte und Sage mit einem Nimbus umgebene Wunderland betreten, bleiben entweder hartnäckig bei ihrer vorgefaßten Meinung. oder sie gehen flugs zum andern Extrem über, und finden Alles schmutzig, häßlich, ekelhaft, zum Entsetzen. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Das Volk der Georgier ist im Ganzen genommen unleugbar eines der schönsten Völker der Erde. Aber obgleich ich ein großer Verehrer von Frauen bin, muß ich doch hier den Männern unbedingt den Preis vor dem andern Geschlecht zuerkennen. Hierin stimmen alle diejenigen gebildeten Bewohner Georgiens mit mir überein, welche Auge, Geschmack und unparteiisches Urtheil haben. Noch muß ich hinzufügen, daß von jener höhern Schönheit, wo Herz, Geist und Gemüth sich im Auge wiederspiegeln, am ganzen Kaukasus, unter Frauen wie Männern, wenig Spuren zu finden. Ich habe so ziemlich Alles gesehen, was Georgien von Weibern Schönes in sich schließt, aber kein Gesicht ist mir vorgekommen, das mich ganz befriedigt hätte, obgleich die anmuthige Tracht der Bewohnerinnen dieses Landes sehr zur Erhöhung ihrer Reize beiträgt Den Kopfputz ausgenommen, welcher die schon von Natur sehr kleine und unbedeutende Stirn der Georgierinnen noch bis zur Hälfte verhüllt. . Es fehlt dem Gesicht ganz jener edlere geistige Ausdruck, welcher schönen Europäerinnen einen so eigenthümlichen Zauber verleiht. Diese können noch Liebe erwecken und Herzen gewinnen, selbst wenn die Zeit ihrer Blüthe längst vorüber ist; bei einer Georgierin hingegen welkt mit der Jugendfrische Alles dahin. Das Auge, welches von jeher, trotz seines scheinbaren Feuers, nichts als Ruhe und träge Wollust geathmet, nimmt 300 einen matten Ausdruck an; die an und für sich schon die Schönheitsgränze etwas überschreitende Nase erscheint in Folge der früheinfallenden Wangen in so unnatürlicher Größe, daß viele Leute glauben, sie nehme mit den Jahren wirklich an Umfang zu, und der Busen, welcher hier zu Land eben keine versteckte Rolle spielt, nimmt gar zu früh einen schlottrigen Charakter an – lauter Erscheinungen, welche bei Europäerinnen seltener, unmerklicher und in weit geringerem Maß stattfinden. Rechnet man dazu noch die in Georgien bei Jung und Alt verbreitete Sitte des Auflegens weißer und rother Schminke, so begreift man, daß solche und ähnliche zu sehr in die Augen springende Toilettenkünste nur schmälernd auf die gute Meinung des Beobachters einwirken können. Die Wohnungen der Fürsten dieses Landes bieten einem, durch europäische Pracht verwöhnten Auge wenig Anziehendes dar. Ueberhaupt habe ich einen, sich in vielen Dichtungen und Reisebeschreibungen oft wiederholenden Ausdruck nie verstehen können; ich meine den Ausdruck: orientalischer Luxus . Wo dieser weitgerühmte Luxus zu finden ist, weiß ich so wenig, wie einer von den vielen mir bekannten Reisenden, welche das Morgenland in allen Richtungen durchzogen haben. Die Perser, Tataren und Georgier leben in ihren Wohnungen wie das liebe Vieh; selbst die Häuser der Großen und Reichen unter ihnen können sich mit denen unseres wohlhabenderen Mittelstandes nicht messen. Die einzigen werthvollen Gegenstände, welche man in den Wohnungen der Reicheren dieser Länder findet, sind schöne Teppiche, Waffen und Kleidungsstücke. Vorzüglich auf letztere wird eine große Sorgfalt verwendet. Die Pracht der Kleider steht in gar keinem Verhältniß mit den engen, schmutzigen, oft ekelhaften Wohnungen. 301 Wir machten in Begleitung einiger Kosaken einen Ausflug nach dem nur etwa sechzehn Werst von hier gelegenen, berühmten Felsenschloß Uphlis-Ziche Ich folge hier der Schreibweise, welche Brosset der Jüngere in seiner französischen Uebersetzung der geographischen und historischen Werke des Zaréwitsch Wachuscht eingeführt. Unter dem Volk hörte ich das Wort immer Uplos-Ziche aussprechen. , wovon Dubois in seinem trefflichen Reisewerk eine genaue Zeichnung und Beschreibung gegeben hat. Eine kürzere, aber nicht minder richtige Schilderung findet man in der alten georgischen Geographie des Zaréwitsch (Königssohn) Wachuscht , wo es also heißt: »Ueber der Ebene von Achurian, aus einem Berge, welcher unten mit dem Felsen von Cwernak zusammenhängt, am Ufer des Mtcwar , liegt Uphlis-Ziche, eine Burg, erbaut von Uphlos , dem Sohn des Karthlos . Bis zu den Zeiten des Tschingis-Chan stand hier eine Stadt; heutzutage sieht man nur noch die Ruinen davon. Die Bauart und Einrichtung des Ganzen war bewunderungswürdig. Es waren große, in den Felsen gehauene Gemächer und Säle; man sah daselbst gleichfalls eine in Stein gehöhlte, ungeheure Grotte, welche sich bis Mtcwar hin erstreckte. Oestlich davon dehnt sich ein steiler Abgrund aus, wo sich eine Menge in den Felsen gehauene, jetzt unzugängliche Höhlen befinden \&c.« Von den Gemächern, Höhlen und Grotten sieht man heutiges Tages immer noch genug, um zur Bewunderung des unbeugsamen Willens und der eisernen Kraft hingerissen zu werden, welche dem starren, unwirthlichen Felsen hier Wohnung und Schutz abtrotzte. Die Gemächer sind mit einer Regelmäßigkeit und Kunstfertigkeit gearbeitet, welche in Erstaunen setzen. Die Decken sind mit Bildhauerarbeit, die Wände mit Inschriften verziert. Von der Höhe des Felsens hinab genießt 302 man einer entzückenden Aussicht. Doch dies ist eine abgedroschene Bemerkung, welche ebenso gut hätte wegbleiben können, da in allen Reisebeschreibungen regelmäßig eine entzückende Aussicht jeder Berg- oder Felserklimmung folgt. In dem Saale, wo einst die große Königin Thamar gewohnt haben soll, meckerte bei unserm Eintritt vergnügt eine Heerde junger Ziegenböcklein. Aehnliches findet der Reisende häufig, wenn er in Georgien oder Armenien die Ruinen der Tempel und Paläste der Vorzeit besucht. Der Weg von Gori nach Uphlis-Ziche bietet die großartigsten Bilder und die mannigfaltigste Abwechselung dar. Die grusischen Landschaften haben einen besondern Reiz für mich. Ich sage für mich, da ich eine Menge Leute gefunden habe, welche hier nichts Schönes entdecken können, und die grellen, stark ausgeprägten Frühlingsfarben des Nordens, dem sanft verschmolzenen Farbenspiel eines grusischen Frühlings vorziehen. Nirgends gewahrt hier das Auge scharfe Umrisse: alles ist so weich, so hingehaucht, farbenunbestimmt. Das Eine verliert sich in dem Andern, gleich den umrißlosen Farben des Regenbogens, und das Ganze erzeugt mehr eine große, feierliche, als heitere Stimmung. Eine stille Wehmuth scheint aus Wald und Gebirg herüberzuwehen; die Natur scheint hier für den Menschen zu denken, bald stumm, im ruhigen Glanze des Himmels und der Gletscher, bald laut im Gesange der Vögel, im Murmeln der Wasser, im Rauschen der Wälder. 303   III. April 1845.     Kutaïs , an beiden Ufern des Rion gelegen, zeichnet sich durch ihre herrliche Temperatur, ihr gutes Wasser und ihre anmuthige Lage aus. Die Einwohner, deren Zahl sich ohne die Garnison auf 2–3000 beläuft, sind ein Gemisch von Imariern, Armeniern, Juden und Russen; hin und wieder sieht man auch einige Türken und Griechen. Die Haupterwerbsquelle der Stadt ist Handel. Eine genaue Schilderung aller hier befindlichen Merkwürdigkeiten, Ruinen \&c. findet man in Dubois de Montpereux trefflichem Reisewerke. Die imerischen Häuser unterscheiden sich durchaus von denen der Grusier, und nähern sich in ihrer Bauart mehr unserm Geschmack. Sie sind klein, von Holz, mit breiten, oben spitzzulaufenden Dächern. Obgleich die Lage der Stadt reizend ist, bietet Kutaïs doch keinen so großartigen Anblick dar, wie Gori, wo Alles jenen grauen, alterthümlichen Anstrich trägt, der gefällt, ohne zu blenden, der zum Nachdenken anregt und unwillkürlich Auge und Geist zurückruft in das Dunkel vergangener Jahrhunderte. Nach der Angabe des Kreishauptmanns zählt Imerethi heute 200,000 Einwohner, worunter sich 5000 Fürsten und ungefähr 11,000 Edelleute befinden! Diese Zahlen mögen genügen, eine Idee von der heutigen imerischen Aristokratie zu geben, und besonders die Bedeutung des Titels »Fürst« etwas anschaulicher zu machen. Die Adeligen dieses Landes sind, mit wenigen Ausnahmen, nicht reich, sondern nur etwas weniger arm als die übrigen. Wie ich mehrfach auf der Herreise von Beamten und Offizieren gehört habe, soll die Volksarmuth in den 304 letzten Jahren noch bedeutend zugenommen haben, besonders in Folge von Ueberschwemmungen und daraus entspringenden Mißernten. Im Dezember vorigen Jahres trat die Quirila aus ihren Ufern und überströmte das ganze umliegende Land, wodurch eine förmliche Hungersnoth erzeugt wurde. Man zeigte mir noch auf den letzten Stationen vor Kutaïs die Spuren der Verwüstung, welche sich nicht allein in verödeten Aeckern und Gärten, in umgerissenen Zäunen und Häusern, sondern auch in schrecklichen Zügen auf dem Angesicht der Menschen kundthat. Die Folgen so unglücklicher Ereignisse müssen um so dauernder und furchtbarer sein in einem Lande, wo der Ackerbau noch auf einer so niedrigen Stufe steht wie hier. Die Einwohner Imerethi's wissen so wenig Vortheil aus dem reichen und fruchtbaren Boden ihres Landes zu ziehen, daß selbst in günstigen Jahren der Ertrag ihrer Aecker kaum zur Befriedigung ihrer dringendsten Bedürfnisse ausreicht. Schon seit langen Jahren halten sich eine Menge Imerier in Tiflis auf, wo sie als Lastträger ihren Unterhalt verdienen. Der Imerier lebt, wie die meisten Völker des Orients, nur für den Augenblick, ohne sich um die Zukunft zu kümmern. Bei alledem ist er gut, ehrlich und gastfrei. Diebstahl und Räubereien sind etwas Unerhörtes in diesem Lande, wo man mit der vollkommensten Sicherheit reist. Friedlich zu Hause, ist der Imerier furchtbar im Kriege, und die Miliz dieses Volkes hat sich immer durch ihre Tapferkeit in den Feldzügen der Russen gegen die Bergvölker ausgezeichnet. Bei allen Sitten- und Charakterschilderungen übrigens muß man immer eine Ausnahme mit den Leuten machen, welche in großen Städten, oder an der großen Heerstraße wohnen, denn dort findet man überall Spitzbuben und gewissenloses Gesindel. 305 Die Haupt- und Lieblingsspeise der Imerier wie auch der Mingrelier und Abchasen ist das Gomi , eine Art Hirsebrod, für europäische Zungen fast ungenießbar. Sonstige Lieblingsgenüsse des Volks sind Wein und Tabak, welche das Land im Ueberfluß hervorbringt. Den Tabak finde ich gut, aber der Wein ist schlecht; wahrscheinlich weil ihn die Leute nicht zu behandeln wissen. Uebrigens wird hier, wie in allen christlichen Ländern des Kaukasus, allgemein so viel Wein und so wenig Wasser getrunken, daß ich mehr als einmal den Ausdruck der Verwunderung gehört habe: »Er trinkt Wasser wie Wein!« Gerade wie man bei uns umgekehrt sagt: »Er trinkt Wein wie Wasser!« Nichts ist schwieriger, unsicherer und undankbarer, als die Würdigung eines solchen in der Uebergangsperiode stehenden Volkes. Alles ist hier unstät, flüchtig, stets wechselnd; nirgends findet man allgemeine, farbenbestimmte Umrisse, auf welche man bei Darstellung des Einzelnen fußen könnte, und das Urtheil des Reisenden, welcher bei seinen Betrachtungen den ersten Eindrücken folgt, ohne die Geschichte zur Basis zu nehmen, muß ein sehr ungünstiges und schwankendes werden. Am schwierigsten wird die Betrachtung bei allen fremden, dem russischen Scepter unterworfenen Völkern, deren Civilisation Rußland unternommen hat, denn hier drängt sich dem unbefangenen Beobachter unwillkürlich die Frage auf: »Sind die Russen, welche selbst noch auf einer so wenig Anerkennung findenden Stufe der Bildung stehen, auch schon befugt und berufen, andere Völker zu civilisiren?« Bis jetzt haben die Georgier durch ihre Berührung mit den Russen nichts gelernt, als eine für ihr Land unzweckmäßige Kleidung zu tragen, statt der bloßen Finger Messer und Gabeln beim Essen zu gebrauchen, auf Stühlen und Bänken zu 306 sitzen, ohne die Beine unterzuschlagen \&c. Trotz allen von der Regierung angelegten Schulen und Anstalten, wird noch ein ganzes Jahrhundert vergehen, ehe wahre Bildung in diesem Lande Wurzel schlagen und dem Volke eine höhere Richtung geben kann. Alle auf einer niedern Culturstufe stehenden Völker sind wie Kinder, und nehmen von den sich ihnen zu Lehrern aufdringenden Völkern erst alles Sonderbare, Auffallende an, ehe wahrhaft Nützliches bei ihnen Eingang findet; sie müssen gleichsam erst alles Schlechte durchmachen, um zum Guten zu gelangen. Und eine solche Culturschule kann erst nach Jahrhunderten zu erfreulichen Resultaten führen; in der ersten Zeit werden die Lernenden immer scheinbar verlieren, da ihnen anfänglich unmöglich Ersatz für die Opfer, welche sie bringen, geboten werden kann, denn die größte Einfachheit kann nur durch die größte Feinheit der Sitten aufgewogen werden: alles Dazwischenliegende, einen Uebergang Bildende, steht weder dem einen noch dem andern gleich.   IV. Redut-Kalé , seit 1820 von den Russen gegründet, ist der elendeste aller Hafenplätze, die ich im Leben gesehen. Die Stadt – wenn anders der armselige Ort diese Benennung verdient – besteht aus drei Häuserreihen, welche durch die Chopi und eine lange, beinahe fußdick mit kleinen Kieselsteinen überworfene Straße von einander getrennt werden. 307 Die Häuser sind alle von Holz gebaut und größtentheils in schlechtem Zustande, unansehnlich von Außen und Innen. Die Einwohner, ungefähr 1500 an der Zahl, bilden ein Gemisch von Griechen, Türken, wenigen Russen und Armeniern. Bis zur Aufhebung der früher hier herrschenden Handelsfreiheit (1832) war Redut-Kalé der belebteste aller Häfen an der Ostküste des Pontus; jetzt aber sieht hier Alles wie abgestorben aus. Zwischen den Wundern der Tiefe des Schwarzen Meeres und den immergrünen Wäldern von Kolchis, liegt die einförmige, aschgraue Häusermasse mit ihrer kahlen Umgebung, wie der Gegensatz zu einer Oasis in der Wüste. Nach den örtlichen Verhältnissen zu urtheilen, muß dem Beobachter nichts natürlicher erscheinen, als der gegenwärtige, traurige Zustand der Stadt. Die Lage ist unfreundlich, die Gegend ungesund und der Hafen im höchsten Grade gefährlich und unbequem. Und doch war Redut-Kalé lange Jahre hindurch der Mittelpunkt der Handelsoperationen zwischen Persien und Europa! Die Einwohner – nicht allein von Redut-Kalé, sondern von ganz Transkaukasien – bauen mit Recht freudige Hoffnungen auf das Versprechen des Fürsten Woronzow , all' seinen Einfluß beim Kaiser anzuwenden, um die alte Handelsfreiheit wieder herzustellen. Daß die Wohlfahrt und das Gedeihen des Landes unendlich dadurch befördert werden würden, darin stimmen die Ansichten aller Reisenden und Sachverständigen überein . . . Kaum hatte ich acht Tage in Redut-Kalé zugebracht, als das ungesunde Klima schon anfing, verderblich auf meinen Körper zu wirken, so daß ich mit freudigem Eifer eine sich mir darbietende Gelegenheit ergriff, der ungastlichen Stadt, der ich auch nicht eine angenehme Erinnerung zu 308 verdanken habe, den Rücken zuzukehren, und auf den weißen Wellen des Schwarzen Meeres – statt auf einem langwierigen Krankenlager – Erholung von meinem Unwohlsein zu suchen. Der Kommandant von Redut-Kalé hatte nämlich einen Barkaß , bemannt mit vierzehn Asowschen Kosaken unter Anführung eines Chorundschi , nach der Festung Ardiller, an der Küste des Landes der Dschighethen, auszurüsten, und ertheilte mir und meinen beiden Leidensgefährten, bestehend aus einem jungen russischen Gardekapitän und dem tapfern Tatarenhauptmann Gjül-Bassar , gern die Erlaubniß, die im Monat April etwas gefährliche Fahrt mitzumachen. Die Zwecke, welche das Reisekleeblatt verfolgte, waren eben so verschieden wie die Persönlichkeiten, aus welchen es zusammengesetzt war. Der Gardekapitän – ein parfümirter Salonheld – hatte dem die Militärlinie an der Ostküste des Schwarzen Meeres kommandirenden General von Budberg Depeschen vom Oberbefehlshaber zu überbringen. Gjül-Bassar – jedenfalls die interessanteste Persönlichkeit von uns dreien – ein auf dem Wege der russischen Civilisation begriffener Tatar, hatte sich, gelockt durch Titel und Orden, dem in Warschau stehenden, muselmännischen Reiterregiment zukommandiren lassen, um im fremden Lande, im Glanze friedlicher Straßenparaden, Auszeichnungen zu finden, deren Erringung ihm im Schooße der kriegbedrohten Heimat zu schwer geschienen. Gjül-Bassar (zu deutsch: Rosenhaupt), stand mit seinem blumigen Namen in auffallend wunderbarem Einklange. 309 Sein mit ebenso starken wie zahlreichen Pockennarben übersäetes Antlitz, sah aus wie eine Sammlung verwetterter Rosenknospen, und seine etwas lang gerathene, schwammige Nase glänzte darüber hin, wie ein durchsichtiger Behälter, dem alles Blut der abgestorbenen Rosenknospen zugeflossen. Als einzige Waffe trug der Rosenköpfige einen daghestanschen Dolch im Gürtel, die übrigen Mordwerkzeuge: ein Gewehr mit doppeltem Lauf, ein paar gewichtige, persische Pistolen und einen langen Tscherkessensäbel hatte er seinem kleinen Diener Jussuff aufgebürdet, dessen winziger, schmaler Körper die Waffenlast mit Mühe zu tragen schien. Das Ergötzlichste an Gjül-Bassar war seine fixe Idee: Warschau liege irgendwo am Schwarzen Meer; wir ließen ihn ruhig gewähren, nachdem wir vergeblich auf alle Weise versucht hatten, ihn von seinem Irrthume abzubringen, zu welchem ein ihm befreundeter Mullah aus dem Karabagh Veranlassung gegeben hatte. Es war 8 Uhr Morgens am 19. April, als wir bei immer noch umwölktem Himmel Redut-Kalé verließen. Der Barkaß war flott gemacht, unsere Sachen waren bereits aufgepackt, und die Kosaken standen am Ufer und harrten ihres Führers, sich nach ihrer Gewohnheit die Zeit mit Singen heimatlicher Lieder vertreibend. Zwölf Kosaken hatten einen Kreis gebildet, der dreizehnte stand in der Mitte und sang mit lauter, gewandter Stimme ein lustiges Lied, dessen letzte Verse jeder Strophe die Umstehenden immer halb schreiend, halb singend wiederholten. Lied der Kosaken vom Schwarzen Meere:               »Was hängst Du das Köpfchen so traurig und schwer?« – »Was ziehst, mein Kosak, fort zum Schwarzen Meer?« – 310 So sprach ich zum Mädel, so sprach sie zu mir – Just war ich beim Mädel, und jetzt bin ich hier!     Chor: So sprach ich zum Mädel \&c. Und weine nicht, Mädchen, hell' auf Deinen Blick! Wohl muß ich davon, doch bald kehr' ich zurück – Der Kosak liebt das Meer und er liebt die Gefahr, Doch er liebt auch, was Süßes beim Mädel ihm war!     Chor: Der Kosak liebt das Meer \&c. Der Priester der spricht: Das ist Sünde, mein Sohn! . . . Doch beicht' ich die Sünd', da verzeiht er sie schon. Ein Griff in die Tasch', ein geschmeidiger Mund, Das macht uns beim Priester von Sünden gesund!     Chor: Ein Griff in die Tasch' \&c. Es donnert zum Kampfe – da zagen wir nicht, Ob zu Meer, ob zu Lande, das fragen wir nicht; Ob nah oder ferne, das messen wir nicht, Und das Liebchen, das treue, vergessen wir nicht!     Chor: Ob nah oder ferne \&c. Drum frisch, ihr Kosaken, das Segel gespannt! Die Schaschka zur Seite, den Kinshal zur Hand! Und weine nicht, Mädchen, hell' auf Deinen Blick: Der Kosak muß davon, doch bald kehrt er zurück!     Chor: Und weine nicht, Mädchen \&c. Wer hat das hübsche Lied gedichtet? fragte ich, auf die Sänger zugehend. Die Kosaken blieben mir die Antwort schuldig, 311 denn in diesem Augenblicke kam ihr Führer eiligen Schrittes herbeigegangen, und im Nu saßen Alle bei ihren Rudern im Fahrzeuge. Eine halbe Stunde später hatten wir schon die heftige Strömung passirt, welche die Chopi bei ihrer Mündung im Schwarzen Meere bildet. Wir saßen mit dem Offizier und einem alten Urjädnik (Unteroffizier), welcher als Steuermann fungirte, im Hintertheile des Barkaß, der gerade groß genug war, die Mannschaft, welche, uns und unsere Leute mitgerechnet, aus zweiundzwanzig Personen bestand, zu fassen. »Wo habt Ihr Türkisch gelernt?« – fragte ich einen Kosaken, welcher sich eifrig in dieser Sprache mit Gjül-Bassar's Diener unterhielt. »Was sollten wir nicht Türkisch sprechen können?« entgegnete der Gefragte, »wir sind ja in der Türkei groß geworden.« Durch weiteres Fragen gelangte ich zu der Gewißheit, daß unsere Kosaken zu den Resten der tapferen Saparoschzen gehörten, welche, vermehrt durch eine Menge Ueberläufer und Vagabunden, unter der Regierung Peters I. zu den Türken übergingen, und seit der Zeit hartnäckige Feinde der Russen wurden. Nach der Einnahme von Varna (1828) unterwarf sich ein Theil dieser Krieger, welche im fremden Lande ihre Sprache, Religion und Sitten treu bewahrt hatten, aufs Neue dem russischen Scepter, unter Anführung ihres Atamans Gladkoi In meinen früheren Schriften: »Die poetische Ukraine« und »Die Völker des Kaukasus« findet der Leser Ausführlicheres über die Kosakenstämme. . Die Kosaken, von welchen die meisten mit bei Varna gewesen waren, erzählten mir in Bezug auf die oben angedeutete Begebenheit eine Menge Geschichten zur Verherrlichung ihres 312 neuen Herrschers, unter anderm, wie er sich, nur von seinem Adjutanten Orlow begleitet, auf einem Kriegsboote den ihm bis dahin feindlichen Kriegern anvertraute, ohne, trotz aller Warnungen seiner Umgebung, die mindeste Besorgniß noch Furcht zu äußern; sechsundzwanzig Saparoschzen saßen am Ruder, und der Ataman selbst fungirte als Steuermann. Persönlicher Muth wird dem Kaiser von Niemand abgesprochen; aber als Feldherr hat er sowohl, wie sein verstorbener Bruder, der Großfürst Michael , während des Türkenkrieges sehr geringe Beweise von höherer Befähigung gegeben. So erzählten mir wenigstens hochgestellte Offiziere, welche den Türkenkrieg mitgemacht und Gelegenheit hatten, den Kaiser in der Nähe zu beobachten . . . Die geschwätzigen Kosaken vertrieben uns durch ihre Lieder und Sagen die Zeit ganz angenehm; wir ergötzten unsere Blicke an den das Fahrzeug oft schaarenweise umspielenden Delphinen, und langten gegen zwei Uhr Nachmittags glücklich in der alten Festung Anaklea an. Dieser, jetzt nur von wenigen Türken, Juden und Kosaken bewohnte Ort (muthmaßlich das alte Heraklea der Griechen) am linken Ufer des Ingur , welcher sich hier in's Schwarze Meer ergießt, gelegen, bezeichnet an der Küste den Gränzpunkt zwischen Mingrelien und dem Gebiete von Samursachan . Wir waren gezwungen, hier einige Stunden Rast zu halten, damit die ermüdeten Kosaken, welche bei den ungünstigen, unser Segel unnütz machenden Winden den ganzen Tag hatten das Ruder schwingen müssen, neue Kräfte sammeln konnten. 313 Um sechs Uhr begaben wir uns wieder auf unser Fahrzeug, und liefen bei einbrechender Nacht, die hier immer ohne die süße Zwischenzeit der Dämmerung dem Tage folgt, in eine kleine Bucht an der Küste von Samursachan ein. Ein paar kleine, hinter Bäumen hervorlugende Bretterhäuschen hatten uns zu der Meinung verleitet, es befinde sich hier ein Dorf, wo wir Obdach für die Nacht finden könnten; allein wir sahen uns bei näherem Recognosciren nicht nur in unserer Erwartung getäuscht, sondern hatten noch obendrein ein kleines Zusammentreffen mit türkischen Kontrebandisten, welche sich mit ihren in oben erwähnten Häuschen versteckten Waaren im Dunkel der Nacht wieder auf den Weg machten, wahrscheinlich um einem andern Schlupfwinkel an der Küste von Abchasien oder Dshighethistan zuzusteuern. Wir brachten die Nacht unter freiem Himmel zu, zündeten Wachtfeuer an, stellten Wachen aus und ließen uns von nahem Wellengemurmel und fernem Schakalgeheul in Schlaf singen. Trotz unsers unbequemen Lagers schliefen wir vortrefflich, ausgenommen Gjül-Bassar , welcher, die Pistole in der Hand, mit gekreuzten Beinen auf seinem Teppich kauernd, die ganze Nacht vor Unruhe und Besorgniß kein Auge schließen konnte. Diese sich bei der kleinsten Gefahr äußernde Besorgniß hatte keineswegs in angeborner Feigherzigkeit ihren Grund. Ein gläubiger Muselmann, wie unser Tatar, fürchtet den Tod nicht, auch bin ich überzeugt, daß sich Gjül-Bassar zu jeder andern Zeit, ohne zu zittern, jeglicher Gefahr ausgesetzt haben würde; für den Augenblick jedoch war ihm sein Leben lieb, denn er hatte gehört, der Kaiser werde am 15. Mai in Warschau eine Musterung der muselmännischen Regimenter halten, bei welcher Gelegenheit jeder anwesende Offizier einen Orden zu erwarten hätte. 314 Dieser zu erwartende Orden nun war der Anfang und das Ende aller Wünsche Gjül-Bassars . Seit unserer Abreise von Redut-Kalé hatte er von nichts weiter gesprochen; das Meer mit seinen tausend Wundern, die stets wechselnden, großartigen Naturschönheiten, welche uns umgaben, Alles ließ ihn ungerührt; er dachte nur an seinen Orden. Von einem mehrstündigen Regen durchnäßt, verließen wir bei Tagesanbruch unser romantisches Lager und langten nach etwa siebenstündiger Fahrt im Hafen von Utschamtschuri an. Ich unterlasse es, mich in nichtssagenden Schilderungen der herrlichen Naturschauspiele zu ergehen, welche die Küste, vom Meere aus gesehen, in üppiger Fülle darbietet: die schäumende Brandung, das steinige Ufer, die sich in endlose Ferne verlierenden, undurchdringlichen Wälder, die baumgekrönten, bunten Hügelreihen und dahinter die große Gebirgskette mit ihrem nimmer beständigen Farbenspiel. Hier ist Alles in stetem Wechsel begriffen, wenn nicht ein vollkommen heiterer Tag, wie der April ihrer nur wenige bietet, einen sichern, klaren Anblick gewährt. Oft zieht sich eine Alles verhüllende, dichte Nebelmauer vor den spähenden Blicken hin, und vergebens sucht dann das Auge einen erquickenden Anhaltspunkt, bis plötzlich ein Sonnenblick den aschgrauen Schleier zerreißt, und ein leuchtender Strahl, wie ein goldener Zauberstab, Wald, Hügel und Gletscher in neuem Glanze erschimmern läßt. 315   V. April 1845.     Utschamtschuri ist ein aus einer Straße und mehreren dahinter zerstreut liegenden Häusern bestehender abchasischer Hafenplatz mit etwa fünfhundert Einwohnern, deren Hauptnahrungsquelle der Handel mit eingeschmuggelten Waaren ist. Ich fand auf dem, den größten Theil des Ortes einnehmenden Bazar eine mannichfaltige, obschon weder reiche noch gesuchte Auswahl von Stoffen und Fabrikaten aus dem Abend- und Morgenlande. Viele, hier wohl selten oder nie gekaufte Waaren liegen da aufgespeichert, denen man es gleichsam ansehen kann, daß sie nicht Spekulationsgeist, sondern bloßer Zufall an Abchasiens ungastliche Küste geschleudert. Diese Muthmaßung wird zur Gewißheit, wenn man sich bei den Kaufleuten nach den Preisen der betreffenden Waaren erkundigt, welcher selten oder nie im Verhältniß mit ihrem Werthe steht. So wurde mir z. B. ein Stück feines englisches Scharlachtuch zu einem Preise angeboten, für welchen ich dasselbe in England nicht hätte kaufen können. Die Kaufleute sind ein Gemisch von Türken aus Trapezunt, Griechen, Armeniern und Abchasen; der Handel der letztern erstreckt sich lediglich auf Waffen und einheimische Produkte, worunter besonders das treffliche, dem lesghischen an Stärke fast gleichkommende Tuch und das äußerst zierlich und fein gearbeitete Schuhwerk bemerkenswerth ist. Der Bazar von Utschamtschuri trägt ein ganz eigenthümliches, kriegerisches Gepräge. In jeder Bude, welche sich alle offen vor den Augen des Zuschauers ausdehnen, steht ein geladenes Gewehr; häufig findet man auch noch sonstige Waffen, 316 wie Dolche, Pistolen \&c. Die Käufer, welche theils zu Fuß, theils zu Pferde den Bazar durchziehen (größtentheils Abchasen aus den umliegenden Dörfern), sind alle vollständig bewaffnet, die Flinte auf dem Rücken, Dolch und Pistolen im Gürtel. Unter den Männern erregten viele durch ihre schlanke und regelmäßige Körperform und ihr ausdrucksvolles Gesicht unsere Bewunderung. Was uns vom schönen Geschlechte zu Augen kam, war Alles alt und häßlich. Um keine von den Merkwürdigkeiten Utschamtschuri's ungesehen zu lassen, besuchten wir, nachdem wir auf dem Bazar verschiedene Einkäufe gemacht, das hier befindliche kleine Kaffeehaus, ein luftiges, zeltartig aufgeschlagenes Gebäude, dessen einziger Schmuck aus einer Art Kochofen zur Bereitung des Kaffee's und einigen zur Bequemlichkeit der Gäste auf dem Boden ausgebreiteten Matten besteht. Wir ergötzten uns eine Weile an der herrlichen Aussicht, welche man vom Balkon des Kaffeehauses nach dem Hafen zu hat, sahen dem Treiben der Gäste zu, wovon die einen Schach spielten und die andern Keef machten Der Ausdruck Keef machen ( keef élimäkj ) ist bei den Türken und Tataren dem italienischen dolce far niente gleichbedeutend. , und kehrten darauf nach unserm Barkaß zurück, in der Hoffnung, noch vor der Nacht die nächste russische Festung zu erreichen. Dem sollte jedoch nicht so sein. Nachdem wir ein paar Stunden lang auf die unbarmherzigste Weise in unserm zerbrechlichen Fahrzeug von den tobenden Winden umhergeschleudert waren, mußten wir uns bei der heftigen Brandung noch glücklich schätzen, vor Anbruch der Dunkelheit einen einigermaßen günstigen Landungsplatz zu erreichen. Wir schlugen unser Lager am Eingange eines dichten, 317 die Küste begränzenden Waldes auf, dasselbe Verfahren, wie das erstemal, dabei beobachtend. Ueber die üppige Vegetation der Küste von Abchasien habe ich schon oben andeutend gesprochen; man findet hier wildes Stein- und Kernobst aller Art, Zwerglorbeer, Buchsbaum, Nußbäume, Weinstöcke sieht man in großer Menge, besonders letztere von bedeutender Dicke und Höhe. Anmuthig schlingt sich der Weinstock um die hohen Bäume, deren Gipfel seine hochaufstrebenden Ranken nicht erreichen. Welch ein Nutzen, welche Schätze könnten bei gehöriger Kultur diesem gesegneten Boden entlockt werden! Aber die Natur arbeitet hier für sich allein, ohne daß der Mensch fördernd dabei mitwirkte. Kein Auge ergötzt sich an den Blumen, die hier wachsen, keine Hand pflückt die Früchte, die hier reifen, und kein Ohr hört hier freudig dem Gemurmel der Quellen, dem Rauschen des Gießbachs und dem walddurchjubelnden Gesange der Vögel zu. Das von den Türken erbaute Suchum-Kalé , am Ausflusse der Gumista gelegen, gehört zu den bedeutendern Festungen der Russen an der Ostküste des Schwarzen Meeres. Die Garnison besteht aus einer kleinen Abtheilung asowischer Kosaken und einem Bataillon Infanterie unter den Befehlen eines russischen Obersten. Der Hafen von Suchum-Kalé ist seiner günstigen Lage und seines großen Umfanges wegen ausgezeichnet. Gerade dem Landungsplatze gegenüber liegt das Haus des die Aufsicht über den Hafen führenden Capitäns; daneben breiten sich die Häuser der verheiratheten Soldaten aus, welche eine ziemlich bedeutende Militärkolonie bilden. Bei jedem Hause befindet sich ein kleiner Garten, wodurch das Ganze einen recht hübschen Anblick gewährt. Hat man die Kolonie passirt, so gelangt man auf den ziemlich großen aber wenig belebten 318 Bazar, hinter welchem sich die Mauern der Festung ausdehnen, wo der Kommandant seine Wohnung hat. Interessant war es uns, auf dem Bazar unter den größtentheils in Tscherkessenröcke und graue Soldatenkittel gehüllten Käufern auch einige elegant gekleidete, schleiergeschmückte Damen, Frauen der hiesigen Offiziere, zu sehen. Wir schlugen das Anerbieten des Kommandanten, in der Festung zu wohnen, aus und suchten ein Obdach in der Militärkolonie, um das Leben und Treiben der Soldaten, ihre häusliche Einrichtung \&c. besser beobachten zu können. Die Häuser der Soldaten sind, Dank der Sorgfalt der handfesten Weiber, reinlich von außen und innen, das schwer zu vertilgende Ungeziefer abgerechnet, welches den Reisenden in Rußland überall plagend verfolgt, ob er an den Ufern der Newa, der Moskwa oder der Wolga weile. Der russische Soldat trägt, möge er auch noch so weit dem Schooße seiner Heimath entrissen und in fremde Welttheile geschleudert werden, gleichsam immer sein Vaterland mit sich, bewahrt treu seinen Glauben, seine Lebensweise, seine Sitten, und überall, wo er sich ansiedelt, glaubt man ein Stück von Altrußland zu sehen. * * * Durch Ausflüge, welche ich in das Innere der Gebirgsländer unternahm, durch Bekanntschaft mit einigen der hervorragendsten Häuptlinge der Ubychen und Dschigethen, durch heftige Anfälle des Wechselfiebers und Umstände anderer Art, wurde mein Aufenthalt an der Ostküste des Schwarzen Meeres um einige Monate verlängert. Zu jener Zeit bestand noch kein regelmäßiger Verkehr zwischen Kolchis , der Krimm und den Festungen der 319 östlichen Pontuslinie, und die Reisenden mußten oft Wochen lang auf irgend eine zufällige Gelegenheit zum Weiterkommen warten, wenn sie nicht so glücklich waren, das Inspectionsschiff – welches unter General von Budberg , dem Befehlshaber der Festungslinie am Schwarzen Meere, monatlich Einmal die Runde machte – anzutreffen und – was immer noch in Frage stand – davon aufgenommen zu werden. Wer das Schiff nur um Einen Tag verpaßte, mußte einen ganzen Monat warten, bis es wiederkam. So erging es mir an der Küste von Kolchis zum Erstenmale, und ich trug Sorge, für das zweitemal einem ähnlichen Unfalle vorzubeugen. Das Wichtigste der Erfahrungen, welche ich während meines halb unfreiwilligen Aufenthalts an der Ostküste des Pontus sammelte, ist in meinem Werke » über die Völker des Kaukasus « niedergelegt, und da ich einerseits alle Wiederholungen vermeiden, und andrerseits auch bei Mittheilung des Neuen mich möglichst kurz fassen möchte, so werde ich hier nur einzelne Tagebuchblätter in gedrängter Zusammenstellung folgen lassen. Denn das Leben in jenen entlegenen Festungen ist so einförmiger Natur, daß die Schilderung einer einzigen im Wesentlichen auf alle übrigen paßt. Es war mein Schicksal, sie alle, der Reihe nach, und die meisten zu wiederholten Malen zu besuchen, und meine Tagebücher aus jener Zeit wären allein genügend, mehrere Bände zu füllen. Ob aber der Leser viel dabei gewinnen würde, unter den Beschränkungen, welche das Erscheinen vor der Oeffentlichkeit mir auferlegt, – ist eine andere Frage. Wenn ich z. B. die Schicksale eines einzigen Mannes, wie ihrer Viele hier in der Verbannung leben, erzählen wollte, 320 so würde das für den Leser allerdings von großem Interesse, für den Helden der Erzählung aber von unglücklichen Folgen sein, denn selbst des Kaisers größte Anhänger sagen: L'empereur sait tout, mais il ne sait pas pardonner! Enthüllungen aus Rußland, welche sich an hervorragende Personen knüpfen, kann ein Reisender, der die Gastfreundschaft heilig hält, nur nach dem Tode der betreffenden Personen machen. Von diesem Standpunkte aus wünsche ich die folgenden Aufzeichnungen, welche in treuen Auszügen aus meinen Tagebüchern ein buntes Allerlei über das Leben und Treiben in den russischen Festungen an der Ostküste des Pontus enthalten, beurtheilt zu sehen. 321   Zweiundzwanzigstes Kapitel. Pitzunda und seine Ruinen. In großen Städten, auf den Tummelplätzen des Lebens, wo Tempel und Paläste zu Hunderten stehen, wo sich Straßen auf Straßen, Häuser auf Häuser und Menschen auf Menschen drängen, als ob Eines dem Andern keinen Platz gönne, gehen wir oft mit übersättigtem Blicke an den großartigsten Gebäuden, an den herrlichsten Denkmälern der Kunst gleichgültig vorüber, denn wo die Eindrücke so schnell auf einander folgen, verwischt oder vermindert einer den andern, und es ist unmöglich, alle klar in uns aufzunehmen und ordnend festzuhalten. Begegnen wir aber einem solchen Palaste, einem solchen Tempel oder Denkmale in der Wildniß, oder in einer Umgebung, welche nicht verkleinernd noch störend darauf einwirkt, vielmehr das Große noch größer, das Schöne noch schöner erscheinen läßt, so ist die Freude, welche wir fühlen, unbeschreiblich, und der Genuß ein doppelt hoher. Wir lassen alsdann dem Kunstwerke nicht nur gerechte Anerkennung widerfahren, sondern sind in der günstigen Stimmung des Augenblicks noch geneigt, den Gegenstand unserer Betrachtung zu überschätzen. 322 Nichts von dem Prosaischen des Lebens, das ähnliche Genüsse in den Hauptstädten Europa's oft verleidet, stört uns hier in unserm Anschauen. Kein Wagengerassel und Zurufen der Kutscher zwingt uns hier, auf die Seite zu springen, um nicht überfahren zu werden; kein Schwarm vorübereilender Fußgänger erinnert uns durch unsanftes Stoßen und Drängen, daß wir nicht allein sind; kein zudringlicher Führer langweilt uns durch seine Tausende von Malen abgeleierten Geschichten – wir können uns ruhig und ungestört dem Genusse hingeben, der uns erwartet, und während das Auge sich weidet an dem Anblick der Hallen und Säulen, die sich vor uns aufthürmen, steigt der forschende Geist zurück in das Dunkel vergangener Jahrhunderte und findet Stoff zu großen und lehrreichen Betrachtungen, und wo die Blätter der Geschichte unausgefüllt geblieben, ergänzt die Phantasie das Fehlende, erfüllt das Leere und ruft das Todte in's Leben zurück, daß wir die Menschen, die einst hier gehaust, wieder von Geschlecht zu Geschlecht den Blicken vorüberwandeln sehen. Alle unsere Aufmerksamkeit, all' unsere Gedanken werden so dem einen Gegenstande zugewandt; daher kommt es denn wohl, daß solche vereinzelte Bilder meist lebendiger im Gedächtniß bleiben und angenehmere Erinnerungen zurücklassen, als wenn sie sich in Masse und in gemischter Umgebung dem Auge darbieten. Mir wenigstens ist es immer so ergangen; aber unter allen Denkmälern der Vergangenheit, die ich auf meinen asiatischen Wanderungen besucht, hat mir keines einen so dauernden und großartigen Eindruck zurückgelassen, als die alte Kirche von Pitzunda. Nachdem wir unter unsäglichen Anstrengungen unsere Landung bewerkstelligt und den in den letztverflossenen Jahren sehr licht gewordenen Hain durchschritten hatten, welcher sich 323 zwischen dem Meeresgestade und Pitzunda hinzieht (frühere Reisende sprechen von einem dichten Walde, wovon seitdem wohl ein großer Theil der Axt des Zimmermanns hat weichen müssen), und wo riesige Fichten, herrliche Nußbäume, wahrhaft kolossale Ulmen und Buchen mit einander abwechseln, gelangten wir zu den Baracken der Militairkolonie, welche den früher beschriebenen in jeder Beziehung gleicht. Nach Beseitigung der Pflichtbesuche und kleinen Plackereien, welche die jedesmalige Ankunft und Abfahrt von einer Festung bedingt, machten wir uns unverzüglich auf den Weg zur Kirche, deren etwas beschädigte Kuppel wir schon von ferne durch das dunkle Laubwerk hervorragen sahen. Die Kirche liegt nur ein paar hundert Schritte von den Häusern der Militairkolonie, und der Weg dahin führt über einen großen, üppig bewachsenen, von alten, ehrwürdigen Bäumen überschatteten Rasenplatz, welcher einem Garten gleich von reingehaltenen Fußpfaden durchschnitten und an der einen Seite mit Bänken und Lauben geschmückt ist. An der andern Seite befinden sich Schaukeln und Anstalten anderer Art zur Belustigung und Leibesübung der Soldaten der Garnison. Hinter diesem Platze dehnen sich die halbzerfallenen Mauern aus, in deren Mitte die herrliche Kirche liegt, ein Edelstein in kolossalem Ringe. Eine genaue Abbildung des Tempels und seiner Umgebung findet der Leser in meinem Werke: »Die Völker des Kaukasus« \&c. Ebenfalls im Bereiche der Mauern und gerade der Kirche gegenüber, ziehen sich die unansehnlichen hölzernen Gebäude der Kasernen hin. Lange stand ich in stummer Bewunderung verloren, als ich die am Eingange stehenden Wachen passirt, das Thor 324 durchschritten hatte und plötzlich den herrlichen, in einfachem aber edlem Style erbauten Tempel, diese Perle im Schlamme der Wildniß, vor mir aufsteigen sah. Die Sonne war bereits ihrem Untergange nahe, als ich des ersten Anblicks dieses Prachtgebäudes theilhaftig wurde, und ich mußte daher meine Zeichnungen und nähern Untersuchungen des Innern bis auf den folgenden Tag verschieben, aber auch der erste Anblick schon war ein wahrhaft erhebender. Fernher, durch einige lichte Stellen der Feigenbäume, Ulmen, Granatbäume und Hainbuchen erschimmerte im Glanze der untergehenden Sonne die große Kette des Kaukasus, und der ehrwürdige Tempel selbst, mit seinem alle Mauern und Dächer umrankenden und übersteigenden Laubwerke und Blüthenschmucke, kam mir vor wie ein riesiges Grabmal, auf welches liebevolle Hände in andächtiger Erinnerung Blumen und Epheu gepflanzt. Auf der großen, etwas beschädigten Kuppel und dem zerrissenen Dache der Façade haben sich mit der Zeit förmlich hängende Gärten gebildet, deren dunkles Grün mit den alten aus grauen Kalksteinen und rothen Backsteinen seltsam gemischten Mauern wunderlieblich kontrastirt. Sogar unser sonst nicht leicht zu rührender Gjül-Bassar war von den großartigen Formen der schönen Ruine ergriffen, und meinte, das müsse eine herrliche Moschee abgeben. Bei dem immer noch streitigen und unsichern Besitze dieses Küstenstriches ist es schwer, die Zukunft des herrlichen Gebäudes, das dreizehn Jahrhunderte den Verwüstungen der Zeit und der Menschen getrotzt hat, zu entscheiden. 325 Schon seit vielen Jahren gehen die Russen mit dem Plane um, die Kirche neu herzustellen und Gottesdienst darin halten zu lassen, was nach meinem Dafürhalten sehr leicht thunlich wäre. Bis jetzt sind noch keine ernsten Anstalten getroffen; der General von Wrangel sagte mir jedoch, daß der Kaiser, welcher sich aus guten Gründen immer großartig bei dergleichen Unternehmungen zeigt, bereits 200,000 Rubel zur Restauration des Gebäudes bewilligt habe. Zu interessanten Betrachtungen über die Stabilität der griechischen Kirche giebt der Gedanke Anlaß, daß, bei Wiederbelebung des Tempels von Pitzunda durch die Russen, der Gottesdienst hier heute genau auf dieselbe Weise, unter denselben Formen gehalten werden würde, wie vor 1300 Jahren geschehen; ja ich glaube, die Priester, welche heute die Messe hier lesen, würden mit ihren weiten, patriarchalischen Gewändern, mit ihrem langen ehrwürdigen, nie von einer Scheere berührten Barte und Haupthaar, den Priestern, welche zur Zeit der Einweihung des Tempels die Messe an diesen Altären gelesen, zum Verwechseln ähnlich sehen; und wie viel Geschlechter sind nicht seit jener Zeit Angesichts dieser Mauern in's Grab gesunken! Im Innern der Kirche findet man, außer dem zertrümmerten, marmorüberkleideten Altare und vielen sehr mittelmäßigen, aber meist gut erhaltenen Freskomalereien, keinen andern Schmuck, als die Schönheit und das Großartige der Verhältnisse des Baues. Die majestätische, von buntverzierten Fenstern mit runden Scheiben durchleuchtete Kuppel wird von vier riesigen, über sechzig Fuß hohen Säulen getragen. Hiermit stehen die vier Haupttheile des Gebäudes in Verbindung, solchergestalt, daß der von kolossalen Fenstern erleuchtete Chor gegen Morgen, 326 und das große Schiff gegen Abend liegt. Mit vieler Mühe erstieg ich die von den engen Seitenwänden getragene Gallerie, von wo ich mich nach allen Seiten hin einer herrlichen Aussicht erfreute. In der Mitte der Kirche fanden wir eine Menge Rüstungen, Metallstücke, Flintenläufe, Panzerhemden und Waffen aller Art sorgfältig aufgeschichtet; es sind dieses – wie der uns begleitende Offizier mich belehrte – Weihgeschenke aus frühern Zeiten, welche die kriegerischen Abchasen, wenn sie von ihren Streifzügen glücklich heimkehrten und reiche Beute mitbrachten, der Gottheit opferten. Hart an die Halle stößt eine mit merkwürdigen griechischen Schriften gezierte kleine Kapelle, deren Bau augenscheinlich einer späteren Zeit angehört. * * * Wenn man an einem schönen Frühlingsmorgen die blühenden Umgebungen von Pitzunda (oder Bitschwinda , wie es die Eingebornen nennen) durchwandelt, und das Auge an den mannichfaltigen Naturschönheiten weidet, die uns hier in üppigster Fülle entgegenlachen, so fällt es schwer, zu glauben, daß diese scheinbar so gesegnete Küste ein Aufenthalt des Elends und des Jammers sein soll. Aber leider ist dem so; die krankhafte Gesichtsfarbe der Soldaten, ihre falben, eingefallenen Wangen tragen schreckliches Zeugniß davon. Die Kugeln der Feinde sind hier weniger zu fürchten, als die Wechsel- und gelben Fieber, Leber- und sonstigen Krankheiten, welche in Pitzunda wie fast an der ganzen Ostküste des Pontus ihre Wohnung aufgeschlagen haben, und Verheerungen anstiften, denen wenige der hier Wohnenden entgehen. Wohl ist das 327 Loos derer zu bemitleiden, welche ein feindseliges Verhängniß auf längere Zeit in diese Wildniß geschleudert. Man darf im Allgemeinen annehmen, daß von den hieher geschickten Soldaten keiner den Boden seiner Heimath wiedersieht. Wenn ich alle Nachrichten vergleiche, welche mir aus verschiedenen Quellen über diesen Gegenstand zugegangen sind, so stellt sich als Resultat heraus, daß die Besatzung der Festungen dieser Küste durchschnittlich alle drei Jahre erneuert werden muß. Zu den hier dienenden untergeordneten Offizieren nimmt man gewöhnlich solche, welche sich irgend eines Vergehens schuldig oder verdächtig gemacht haben; unruhige Köpfe, die das Herz auf der Zunge tragen, liberal gesinnte Leute, welche nicht leise denken gelernt haben, und mit der bestehenden Ordnung – oder besser gesagt Unordnung – der Dinge in Rußland nicht zufrieden sind; junge und alte Polen der verschiedensten Stände und Ansichten finden hier ein zweites Vaterland. Es leuchtet ein, daß man unter diesen Verbannten oft die interessantesten Persönlichkeiten findet, und keineswegs das Herz der armen Leute nach ihrem unglücklichen Schicksale beurtheilen darf. Hier hat schon mancher hoffnungsvolle Jüngling, der in den Palästen der Hauptstadt aufgewachsen, einsam seinen fernbeweinten Tod gefunden; wohl mancher Jammerlaut hoffnungstodter Herzen mischte sich im Grauen der Nacht mit dem Geheul der unaufhörlich die Küste peitschenden Winde, und schon mancher lebensmüde Verbannte suchte und fand seinen Tod in den weißen Wellen des Schwarzen Meeres. Hinsichtlich der höhern, gewalthabenden Offiziere muß, da so viel von ihnen abhängt, die Regierung äußerst vorsichtig zu Werke gehen; auch habe ich unter diesen Herren sehr humane und tüchtige Leute gefunden. 328 Bei dem gastfreien Kommandanten von Pitzunda, einem Imerier von Geburt, fanden wir eine äußerst freundliche Aufnahme und verfehlten nicht, unsern in letzter Zeit sehr vernachlässigten Magen an seiner Tafel zu restauriren. Wir besuchten in Gesellschaft des Kommandanten die in Berücksichtigung der ungünstigen Verhältnisse trefflich eingerichtete Kaserne, so wie mehrere Häuser der schon erwähnten Militairkolonie, welche hier eben so wie in Suchum-Kalé nach Möglichkeit sauber gehalten sind. Eine interessante Bekanntschaft machten wir in der Person der Madame Pépin , oder Frau Hauptmännin Pépin , wie man in dem titelgesegneten Deutschland sagen muß. Diese Dame verdiente ihren militairischen Titel eher, als die meisten ihrer Schwestern; sie ist eine moderne russische Jeanne d'Arc , deren Name an der ganzen Ostküste des Schwarzen Meeres mit Respect genannt wird. Schon zu verschiedenen Malen hat sie sich durch ihre Geistesgegenwart und Unerschrockenheit in Augenblicken großer Gefahr so rühmlich hervorgethan, daß der Ruhm ihrer Thaten bis zu den Ohren des Kaisers gedrungen ist, welcher auch nicht unterlassen hat, ihr durch Uebersendung eines ehrenvollen Schreibens und kostbarer Geschenke seine Zufriedenheit und Anerkennung auszudrücken. Madame Pépin war früher an den Kommandanten der Festung Sotscha verheirathet, welcher bei einem nächtlichen Ueberfalle der Tscherkessen das Leben verlor; eben bei Gelegenheit dieses Ueberfalls soll die Dame die unläugbarsten Beweise ihres Heldenmuthes gegeben haben und die Retterin der Festung gewesen sein, indem sie durch Wort und That die schon wankenden Soldaten zur Ausdauer anfeuerte, ihren erkalteten Muth wieder belebte, dem Einen beschämend drohend, dem Andern freundlich zuredend, und sich selbst inmitten des Donners der Geschütze unerschrocken 329 den Kugeln der Feinde aussetzend. Eine derselben war ungalant genug, der Heldenfrau eine Wunde im Arme beizubringen; Madame ließ sich jedoch dadurch nicht abschrecken, sondern beharrte ausdauernd im Kampfe, bis der Sieg für die Belagerten entschieden war. Ich muß hier noch ergänzend bemerken, daß ich obige Details nicht der Madame Pépin selbst, sondern verschiedenen Offizieren zu verdanken habe, welche bei der Belagerung zugegen gewesen sind. Obgleich ich das Vergnügen hatte, mich längere Zeit mit Madame Pépin zu unterhalten, so konnte ich doch nur wenig von ihr in Bezug auf oben erwähnte Begebenheit erfahren. Sie sprach davon, als ob es etwas ganz Gewöhnliches wäre, und lenkte sofort das Gespräch auf andere Gegenstände. Ich hatte geglaubt, eine stämmige, handfeste Frau zu sehen, ein Mannweib, wie man sie häufig in Rußland, besonders unter den Steppenbewohnern findet, und war daher nicht wenig erstaunt, eine geschmackvoll gekleidete, sehr präsentable Person vor mir zu sehen, schlank von Wuchs, mit sehr feiner Taille, augenscheinlich von etwas delikater Gesundheit, den Ausdruck ächter Weiblichkeit in dem blassen Gesichte, gefällig von Manieren und mit einem Paar durchaus aristokratischer Händchen. 330   Dreiundzwanzigstes Kapitel. Gagra und der Fels des Prometheus. Wir benützten einen frischen Südostwind, um dem blühenden und doch so gefährlichen Pitzunda – einem herrlichen Blumenbeete mit verborgenen Giftschlangen vergleichbar – Lebewohl zu sagen, und liefen nach vierstündiger, glücklicher Fahrt in die große, schöne Bucht von Gagra ein. Unsere Reise war um so angenehmer, da uns ein zweiter Barkaß, bestimmt, einige in besondern Aufträgen abgesandte Offiziere nach der Festung Ardiller zu führen, begleitete. Unter diesen Offizieren befand sich auch Kapitän Pépin , der Gemahl der oben erwähnten Dame. Um uns leichter unterhalten zu können, vertheilten wir unsere Mannschaft dergestalt, daß wir mit den Offizieren in einem Barkaß zu sitzen kamen. Die gewöhnlich mit asow'schen Kosaken bemannten Barkasse sind nicht allein bestimmt, die Kommunikation zwischen den russischen Festungen zu unterhalten, sondern müssen auch Jagd auf die sich häufig zeigenden, türkischen und griechischen Schiffe machen, welche den Sklaven- und sonstigen Handel zwischen Cirkasien und der Türkei unterhalten Seit dem im Herbst 1847 abgeschlossenen Traktat zwischen Tscherkessen und Russen wird bekanntlich der Sklavenhandel eifriger als je getrieben, und von den Russen nicht allein geduldet, sondern auch begünstigt – weil es ihr Vortheil erheischt. Die Menschenliebe des Kaisers übt ihren Einfluß nur zu Gunsten der schwarzen Sklaven, weil diese dem russischen Interesse zu fern liegen. . 331 Auf den Karten des russischen Generalstabs ist Pitzunda als der Grenzpunkt zwischen Abchasien und dem Lande der Dschigethen angegeben, obgleich eigentlich Gagra die von der Natur bezeichnete Gränze der beiden Länder bildet, da hier das bis dahin ziemlich flache Gestade plötzlich von mächtigen Bergmauern, gebildet durch Ausläufer der großen Kette, unterbrochen wird. Die Sage setzt des Dulders Prometheus Leidensstätte an Gagras meerbeherrschendes Felsengestade. Uebrigens streiten sich, die Ostküste des Pontus entlang, vier Felsen um die Ehre, an ihrer Brust die Qualen des Lichtbringers gesäugt zu haben. Kaiser Nikolaus , praktisch wie er ist, hat sich die klassischen Studien, welche jetzt so eifrig in seinem Lande getrieben werden, zu Nutze gemacht, und auf den Baum der Dichtung das Reis der Wirklichkeit gepropft: die Felsengestade dieser Küste dienen heute noch als Verbannungsstätte aller Lichtbringer und Menschenbeglücker des Zarenreichs. Gagra ist durch seine Lage und großartige Umgebung einer der schönsten Orte der Küste. Schade nur, daß alles oben zum Nachtheil von Pitzunda Gesagte hier in doppeltem Maße seine Anwendung findet. In den Thälern wächst der Weinstock, die riesige Silberpappel, der Mispelstrauch, die Brombeerstaude, gedeihen Feigen und Buchsbäume; aber durch das dichte Gebüsch her drohen verderbenbringende Feuerschlünde – malerische Felsen, hohe, von der üppigsten Vegetation überwucherte Berge drängen sich bis dicht an's Meer, aber Keiner 332 darf es wagen, auf den Bergen Hütten zu bauen, denn die Bäume, die sie tragen und die Höhlen, die sie bergen, dienen lauernden Feinden zum Verstecke, und was die Kugeln der Dschigethen verschonen, rafft der Sommer mit seiner die Thäler verpestenden Glut, mit seinen Fiebern und bösartigen Krankheiten dahin. Mit der von Seiten der Tscherkessen drohenden Gefahr sieht es freilich heutzutage so schlimm nicht mehr aus wie früher, wo die Offiziere, trotz der sie schützen sollenden Festung, in ihren eigenen Wohnungen nicht sicher waren, und sich's oft gefallen lassen mußten, bei Tische die vor ihnen stehenden Speisen von Tscherkessenkugeln gespickt zu sehen. Wie zweifelhaft übrigens auch jetzt noch die Sicherheit selbst in der nächsten Umgebung der Festung sein muß, geht aus dem Umstand hervor, daß der sonst so freundliche und zuvorkommende Kommandant mir Anfangs durchaus nicht erlauben wollte, einen steilen, die große Schlucht von Gagra nordwestlich begrenzenden Berg zu erklimmen, welcher, wie die Sage geht, große, einst von der berühmten Heiligen Hypata Gagrenikaja bewohnte Gemächer und Reliquien kostbarer Art in sich schließt. Da der Kommandant sah, daß ich von meinem Vorhaben nicht gern abstehen wollte, so ließ er alle möglichen Sicherheitsmaßregeln treffen, und hatte die Güte, mich selbst mit noch mehrern andern Offizieren bis zu dem am Fuße des Berges stehenden, die Schlucht vertheidigenden Blockhause, welches etwa zwölf Kanonen in sich schließt, zu begleiten. Schon von unten kann man die oben ziemlich regelmäßig in den Fels gehauenen Eingänge zu den heiligen Gemächern sehen. Der Tag war bereits zu weit vorgerückt, als ich meine mühsame Wanderung antrat, so daß ich kaum die Hälfte der steilen Bergwand erklommen hatte, als mich die plötzlich 333 einbrechende Nacht zwang, wieder umzukehren. Der Rückzug ging schneller von statten, als ich wünschte; ein mir unter den Füßen wegrollender Stein brachte mich in's Fallen, und ich kam, eine lebendige Lawine, unten an, so zerrissen an Kleidern und Körper, daß mir alle Lust verging, am folgenden Tage meine Wanderung von Neuem zu beginnen. Der Kommandant und die Offiziere von Gagra hatten, trotz der schwierigen Verhältnisse, unter welchen sie leben, alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel zur Verschönerung ihres Aufenthalts auf eine Weise benützt, die ihrem Geschmacke alle Ehre macht. Nicht allein fand ich die Wohnungen dieser Herren sehr sauber und nett eingerichtet, und mit allen kleinen Bequemlichkeiten des Lebens versehen – sogar zierliche Stickereien fehlten nicht – sondern es erregte besonders ein im Gebiete der Festung liegender Garten meine Freude und Bewunderung. Das Nützliche ist hier auf die anmuthigste Weise mit dem Schönen gepaart; schwellende Rasenplätze, von laubdichten Fruchtbäumen überschattet, duftende Blumenbeete und große, von Küchengewächsen strotzende Felder wechseln mit einander ab. In der Mitte des Gartens steht ein allerliebst gebauter Pavillon, dessen hölzernes Fachwerk dicht von dunklen Reben und Epheuranken umschlungen ist, in deren Schatten die Offiziere ihre Siesta zu halten pflegen, so lange die im Sommer hier unausstehliche Hitze ihnen erlaubt, ihre Wohnungen zur Mittagszeit zu verlassen. Es wurde damals thätig an der Verstärkung der Festungswerke und Verbesserung der Wohnungen gearbeitet; das hier befindliche Hospital ist, die Umstände in Betracht gezogen, trefflich eingerichtet. Es muß wohl, seit Dubois de Montpéreur diese Gegenden bereiste, hier eine bedeutende Umwandlung 334 stattgefunden haben, da seine damals gewiß richtige Beschreibung von Gagra diesem Orte heutzutage wenig mehr entspricht. Die ehemals dichten Waldungen sind bedeutend gelichtet, der Boden bestmöglichst angebaut, die engen, dumpfen Hütten, deren böse Luft früher Krankheiten aller Art erzeugte, sind niedergerissen und über ihren Trümmern luftige, geräumige Wohnungen emporgewachsen, weshalb sich auch die Sterblichkeit der Soldaten in den letzten Jahren bedeutend vermindert hat. Es leuchtet ein, daß trotz meines gerechten Lobes der heutigen Zustände in Gagra, der Aufenthalt an diesem Orte keineswegs beneidenswerth ist. »Wenn mir keine andere Wahl bliebe, so würde ich es vorziehen, nach Sibirien zu wandern, als lebenslänglich in eine Festung an der Ostküste des Pontus verbannt zu werden,« sagte ein alter Offizier zu mir. »In Sibirien wissen die Verbannten wenigstens, wie sie daran sind, und können ohne große Mühe ihr Stück Brod verdienen, ohne einen andern als den natürlichen Tod fürchten zu müssen; hier am Gestade des Pontus lacht den Verbannten Sonne und Ruhm an, aber die heiße Sonne haucht hier Tod und Verderben, und der Ruhm, wenn er am Leben läßt, macht gewöhnlich um einen Arm oder ein Bein kürzer.« 335   Vierundzwanzigstes Kapitel. Tagebuchblätter von der Ostküste des Schwarzen Meeres. Ardiller, im Frühsommer 1845.     Wir liegen nun schon seit einer Woche wie Kriegsgefangene in der Festung Ardiller, mit größerer Ungeduld als je die so lange ersehnte Ankunft eines uns erlösenden Schiffes erwartend. Obgleich uns der freundliche Kommandant sorgsam von einem Tage zum andern vertröstet, so wird doch vielleicht noch eine geraume Zeit verfließen, ehe unsere Wünsche in Erfüllung gehen. Der Barkaß, auf welchem wir unsere abenteuerliche Fahrt begonnen, ist, nachdem er den Ort seiner Bestimmung erreicht, die nöthigen Papiere gewechselt und Proviant eingenommen, vor einigen Tagen mit günstigem Winde sammt unsern Kosaken wieder nach Redut-Kalé abgesegelt. Der Kommandant glaubt es nicht verantworten zu können, uns wieder einem Fahrzeug mit Mannschaft anzuvertrauen, da bei der hier größeren Gefahr Barkasse wie Kosaken fast täglich zu Rekognoscirungen und Angriffen gebraucht werden müssen. So können wir denn weder vor- noch rückwärts, und es bleibt uns nichts übrig, als uns unsern einstweiligen Aufenthalt so 336 angenehm als möglich zu machen. In diesem Bestreben werden wir kräftig von unserm braven Kommandanten, so wie von dem würdigen General X. unterstützt, den seine Geschäfte auf eine Zeitlang in unsere Nähe bannen, um Unterhandlungen mit einigen hierhergesandten Tscherkessenhäuptlingen zu pflegen. Außer den mir sehr interessanten Unterhaltungen mit General X. und Swan-Béy , dem Kommandanten, vertreibe ich mir die Zeit mit Zeichnen, Lesen, Schießen \&c., wie es der Augenblick eben mit sich bringt. In der Festung wohnen einige friedliche Tscherkessen aus vornehmen Familien, Stammverwandte von Swan-Béy , mit welchen wir uns auf gastfreundschaftlichen Fuß gestellt, und in deren Begleitung wir kleine Ausflüge in die Umgegend unternehmen, wobei wir vielfach Gelegenheit haben, die Geschicklichkeit dieser Leute im Schießen und im Tummeln der Rosse zu bewundern. Größere Ausflüge in's Innere dürfen wir nicht wagen, aus Furcht, das täglich erwartete Schiff, welches im Hafen von Ardiller gewöhnlich nur ein paar Stunden anlegt, zu verpassen. Abends bei Mondenschein wohnen wir dem Tanz, Spiel und Gesang der Soldaten bei, und stärken unsere oft erschlaffende Geduld durch den Anblick dieser armen Leute, welche, ihrer Heimath auf immer entrissen, nach mühsam vollbrachtem Tagewerk, das harte Arbeit und Entbehrungen aller Art in sich schließt, noch Lust und Geschmack an solch heitern Unterhaltungen finden. Es giebt in der Welt kein drolligeres Geschöpf, als einen russischen Soldaten. Man kann sich, wenn ein Bauerbursch zum erstenmal den Graumantel überwirft und das Gewehr auf die Schulter nimmt, nichts Plumperes und Linkischeres denken, als ein solches Wesen. Aber dies scheinbar so ungefüge Geschöpf zeigt sich in erstaunlich kurzer Zeit nach jeder Richtung hin der größten Ausbildung fähig. Der Keim zu 337 allem Edlen und Gemeinen, zu allem Guten und Schlechten liegt in diesem Volke versteckt. Er liegt freilich in allen Menschen, entwickelt sich aber nach den verschiedenartigsten Richtungen bei keinem Volke so leicht und so schnell, wie bei dem russischen. Der russische Soldat ist tapfer, feige; ehrlich, diebisch; menschlich, grausam; fleißig, faul – Alles nach dem Vorbilde seines Chefs. Wer ihn gehörig zu leiten versteht, kann Alles aus ihm machen. Er selbst aber macht aus sich Nichts und würde ohne fremde Einwirkung alle seine Anlagen unausgebildet zu Grabe tragen, außer einer gewissen natürlichen Gutmüthigkeit und einer unverwüstlichen Heiterkeit. Es liegt einige Wahrheit in dem, was mir einst halb scherz- halb ernsthaft ein im kaukasischen Korps dienender deutscher Offizier sagte: »Wenn ich einem meiner Soldaten befehle, auf der Stelle ein Lied zu dichten, wird er keinen Augenblick zögern zu gehorchen, und das Lied kommt zu Stande; – wie gut oder schlecht, wollen wir dahingestellt sein lassen. Jedenfalls bildet dieser blinde Gehorsam – ein Kind der Furcht und des festen Glaubens an die Unfehlbarkeit des Führers – einen hervorstechenden, eigenthümlichen Zug im Charakter des russischen Soldaten, wie überhaupt des ganzen russischen Volkes. Diese unbedingte Zuversicht, welche bei freiern Völkern nicht durch Rang und Stand, sondern durch das Uebergewicht des Geistes errungen werden kann, ist in Rußland schon häufig die Mutter großer Thaten gewesen. Wer erinnert sich hiebei nicht jener charakteristischen Anekdote aus dem letzten Türkenkriege, welche uns die bei Gelegenheit der Belagerung einer Festung zwischen einem Russen und einem Deutschen gewechselten Worte aufbewahrt? Der Deutsche betrachtet sich die Festung mit sachkundigem Blick, und giebt seine Meinung dahin ab: es sei unmöglich die Festung zu nehmen. »Wie 338 so, unmöglich?« ruft verwundert der Russe, »der Kaiser hat's ja befohlen.« Ein Beweis, daß die Herzen, welche unter diesen russischen Grauröcken schlagen, doch wenigstens eben so viele gute als schlechte Eigenschaften bergen, glaube ich in der großen Zuneigung zu finden, welche die meisten hier dienenden deutschen Offiziere zu ihren Soldaten hegen. Was meine persönliche Erfahrung anbelangt, so waren mir die Soldaten im europäischen Rußland in eben dem Grade peinlich, wie sie mir während meines Aufenthalts am Kaukasus lieb geworden sind. Der Krieg, dieses große Urübel der Menschheit, muß doch etwas Veredelndes haben. Dieser alte Gedanke hat sich oft in mir erneut bei meinen Zügen in den Ländern des Kaukasus, wo Blut die Aecker düngt und Menschenknochen aus der Erde wachsen. Daß aber die Lichtseite des Krieges nicht in Anschlag zu bringen ist gegen die unberechenbaren Uebel, welche er immer in seinem Gefolge hat, wird kein ehrlicher Mensch läugnen. Doch genug der allgemeinen Betrachtungen; kehren wir in unsere Festung Ardiller zurück! Der Kommandant, ein äußerst humaner Mann, sucht die Vergnügungen seiner Soldaten auf alle Weise zu befördern und den Reiz durch größere Mannichfaltigkeit zu erhöhen, so daß es mir wirklich Genuß gewährt, allabendlich den Nationaltänzen, den Spielen und dem Gesange der muntern Burschen beizuwohnen. Die Lieder, welche sie singen, sind, außer einigen Kriegsliedern von dem berühmten Marlinsky , größtentheils von ihrer eigenen Komposition, und es findet sich unter diesem Liederschlamm da und dort eine Perle, welche ich mich bemühe, sammelnd herauszusuchen, wobei ich, nebenbei gesagt, zuweilen auf Schwierigkeiten sonderbarer Art stoße. So ließ ich z. B. 339 heute Morgen ein paar Hauptsänger zu mir kommen, um mir einige von den Liedern, welche mich am meisten angesprochen hatten, diktiren zu lassen; es war jedoch unmöglich, die Kerle dahin zu bringen, mir ein Lied Wort für Wort herzusagen. Sie brummten und jodelten in Einem fort, und hatten gewöhnlich schon das ganze Lied zu Ende gesummt, ehe ich noch mit dem Niederschreiben der ersten Strophe fertig war. Ich gab ihnen zu verstehen, daß mir für den Augenblick am Gesange nichts gelegen sei, sie sollten die Lieder Wort für Wort hersagen. Sie versuchten nach Kräften, meinem Wunsche Folge zu leisten, aber es war ihnen unmöglich, auf diese Weise einen Vers herauszubringen. »Herr, hub endlich der Eine an, die Hand an die Mütze legend und sich zu mir wendend, Herr, solche Sachen kann man nicht hersagen, die müssen gesungen werden.« So war ich denn genöthigt, mir jedes Lied erst achtmal vorsummen zu lassen, ehe es mir gelang, den Inhalt desselben zu Papier zu bringen. Möge wenigstens Eins von den vielen Liedern, welche ich an der Ostküste des Pontus gesammelt, hier in der Uebersetzung Platz finden:         Wie der Nebel herabsank auf's blaue Meer, Sank drückende Wehmuth auf's reuige Herz – Wie das Meer nicht den Nebel zu scheuchen vermag, Scheucht das Herz auch die drückeude Wehmuth nicht. Wohl in fernem Lande, auf wüstem Feld Brennt ein Feuer, schon bald dem Verlöschen nah – Und zuneben dem Feuer eine Matte liegt, Auf der Matte liegt sterbend ein Reitersmann – In der rechten Hand hält er den straffen Bogen, In der linken Hand einen gestählten Pfeil, 340 Zu den schnellen Füßen steht ihm sein gutes Roß, Wühlt die Erde, die feuchte, mit scharrendem Huf, Und es wühlt und spricht zu dem Reitersmann: Du steh auf, steh auf, braver Reitersmann! Und setz' Dich auf mich, auf Dein gutes Roß, Will Dich tragen zu Vater und Mutter hin, Zu Deinem jungen Weib, zu Deinen Kinderchen! – Allda spricht zur Antwort der Reitersmann: Du, mein gutes Roß, treuer Diener Du, Kehre allein heim zum heiligen Russenland, Kehre heim, grüße Vater und Mutter von mir, Bring' dem jungen Weibe meinen Abschiedskuß, Den lieben Kindern aber meinen Segen bring'! Und sprich, gieb zu wissen meinem jungen Weib, Daß ich gefreit in der Fremde ein anderes Weib, Habe zur Mitgift bekommen das wüste Feld, Dazu noch die Wiese, die grünende; Unser Freier war gut – war ein breites Schwert, Und es freite einen gestählten Pfeil, Eine Bleikugel führte zum Hochzeitsbett. Rausche, Eichwald! Eichwald, Du grünender! Liege still, liege stille, Du breites Thal! Wie Du, breites Thal, blühend und lächelnd daliegst! Nur Eins trägst Du auf Dir, was traurig macht, In Deiner Mitte wölbt sich ein Grabhügel hoch – Auf dem Grabhügel liegt eine Matte von Stroh – Auf der Matte aber liegt ein Reitersmann, Ganz zerschlagen, zerschossen, von Wunden entstellt! – * * * 341 Die Wohnungen der Dshighethen gleichen ganz denen der Abchasen . Es sind kleine, einstöckige, von Schilf oder Holz aufgeführte Häuser, mit gelöschtem Kalk überstrichen, wodurch ihr Aeußeres inmitten der dunkelbelaubten Bäume, von denen sie immer umgeben sind, einen recht hübschen Anblick gewährt. Die Dörfer bestehen hier nicht wie bei uns aus Straßen oder Häuserreihen, sondern aus einer Menge einzelner, weit von einander abstehender Wohnungen, deren jede mit einem Hofraume, einer Umzäunung u. s. w. den Anblick einer kleinen Festung gewährt. Die innere Einrichtung ist ebenso mangelhaft, und die wenigen Geräthschaften sind ebenso ärmlich, wie ich's bei den Georgiern und Armeniern beschrieben habe. Der Ackerbau steht in diesem Lande auf einer so niedrigen Stufe, daß durch den Fleiß der Menschen fast nichts als Hirse und Mais gewonnen wird. Aus der Hirse bereiten sie ihr Brod, der Mais wird theils roh gegessen, theils zuvor in Wasser gekocht. Die ganze Industrie dieser Leute beschränkt sich auf die Verfertigung ihrer Kleidungsstücke und Waffen, in welcher Beziehung sie, durch die Noth getrieben und durch natürliche Fähigkeiten unterstützt, es zu einiger Vollkommenheit gebracht haben. Der Genuß des Weins ist ihnen versagt; statt dessen trinken sie bei Spielen, Hochzeiten und sonstigen festlichen Gelegenheiten ein süßes, angenehm berauschendes Getränk, genannt die Busa , aus einer Mischung von in siedendem Wasser aufgelöstem Honig und Hirsemehl bereitet. Außer dem hier Angeführten beschränkt sich alles Wissen dieses Volkes auf das Tummeln der Rosse und die Führung der Waffen. In diesem Punkt aber bringen sie es gewöhnlich zu einer ausgezeichneten Fertigkeit, welche ich selbst oft bei Knaben von acht bis zehn Jahren zu bewundern Gelegenheit gehabt habe. 342 Der Werth des Mannes wird hier blos geschätzt nach seiner Tapferkeit, nach der Stärke und Gewandheit seines Arms, nach der Anzahl von Russen, die er um's Leben gebracht. Ein Knabe, der sich schon in zarten Jahren solcher Thaten rühmen kann, ist die Freude und der Stolz seiner Eltern. Die Blutrache herrscht hier noch in ihrer ganzen Furchtbarkeit und fordert fast täglich ihre Opfer. Der Plan des Herzogs von Richelieu , des bekannten ehemaligen Gouverneurs von Südrußland, die Tscherkessen mit den Russen durch Handelsverbindungen zu befreunden, und auf diese Weise besonders die Küstenvölker nach und nach ihrer Unterwerfung entgegenzuführen, ist, obwohl durch Herrn von Crassi (eines früher in russischen Diensten eine bedeutende Rolle spielenden Italieners) eine geraume Zeit hindurch vereitelt, in den letzten Jahren wieder mit Eifer aufgenommen, und es herrscht in der That gegenwärtig ein lebhafter Verkehr zwischen Russen und Tscherkessen. Schauplätze dieses Verkehrs sind die bei den Festungen befindlichen Bazars, welche immer im Bereich der russischen Kanonen liegen. Hier darf jeder Tscherkesse, von Kopf bis zu Fuß bewaffnet, ungehindert aus- und eingehen. Der Verkehr jedoch mit den Leuten innerhalb der Festungsmauern ist nur bei vorheriger Ablieferung der Waffen an die den Eingang hütenden Wachen erlaubt. Eine Ausnahme von dieser Regel machen die Kunaks (Gastfreunde) der Russen, so wie die bekannten Häuptlinge und Fürsten, von welchen man keinen Mißbrauch der ihnen gestatteten Freiheit erwartet. Der oben angeführte Verkehr besteht hauptsächlich im Tauschhandel; Geld spielt dabei eine unbedeutende Rolle. Die Tscherkessen bringen die Erzeugnisse ihrer Hände, und je nach den Umständen ihrer Aecker, zu Markte und tauschen 343 dafür ihnen nöthige Sachen ein. In diesem Jahr, wo in Folge der Mißernte des vorigen, eine Hungersnoth über die Aule der Tscherkessen zu kommen droht und bei einigen Stämmen wirklich schon ausgebrochen ist, sind Mehl und Salz diejenigen Artikel, welche in den Bazars am besten im Preise stehen, und wofür man, nach Geldwerth berechnet, um einen Spottpreis die kostbarsten Waffen und Gewänder eintauscht. Man kann sich denken, welch' einen merkwürdigen Eindruck es macht, die tapfern Söhne des Gebirges, deren kleine Häuflein so lange Jahre hindurch der Macht des gewaltigen Czaren trotzten und die jetzt noch unbezwungen dastehen, hier das Geschäft von Krämern und Höckern treiben zu sehen. Der Eine zieht einen Hammel neben sich her, der Andere trägt Knoblauch und Zwiebeln unterm Arme, der Dritte bringt ein Stück Zeug zu Markte u. s. f. All' diese Sachen aber können nicht immer für Geld eingehandelt werden; der Preis dafür richtet sich nach den jedesmaligen Bedürfnissen der Verkäufer. So sah ich z. B. einen jungen Dshighethen, welcher einen Hammel zu Markte trieb, so lange mit seinem feisten Thiere halten, bis er ein altes Hemd dafür erzielt hatte. Kaum war aber das Hemd in Sicherheit gebracht, so peitschte er sein kleines, knöcheriges Pferd zur Eile an und jagte wie der Sturmwind davon. Ein Anderer tauschte ein Gefäß voll Milch gegen einen Laib Schwarzbrod aus: er brach zum sofortigen Genuß einen Bissen davon ab, packte das Uebrige sorgfältig in das zur Seite des Pferdes hängende Säckchen und begab sich ohne Verzug wieder auf den Rückweg, vielleicht um zu Hause angekommen sein Brod mit einer ganzen Familie zu theilen. Wie unbeugsam muß dieses Volk sein, daß es sich bei dem bittersten Mangel, bei Entbehrungen aller Art, nicht 344 entschließen kann, seine Unabhängigkeit für ein sichereres, bequemeres Leben zu opfern . . . Ich wollte solchergestalt in meinen Betrachtungen fortfahren, als mich plötzlich ein vom Wachthause aus gefeuerter und von den Mauern rings wiederhallender Kanonenschuß aus dem Konzepte brachte und meine Neugier erregte. Ein paar vorübereilende Offiziere klopften an's Fenster und riefen mir zu, schnell nach dem Hafen zu kommen. Ich hing meinen Säbel um, und machte mich ohne Verzug auf den Weg, hatte aber Mühe, als ich mich außerhalb der Festung befand, den von allen Seiten schreiend und lärmend heransprengenden Tscherkessen auszuweichen, welche gleich mir dem Hafen zueilten. Im Hafen war ein großer Volksauflauf. Man hatte in der Ferne ein anscheinend feindliches Schiff entdeckt, vom Wachthause den üblichen Signalschuß gefeuert, und da derselbe unerwiedert geblieben, so wurde auf Befehl des Kommandanten sogleich ein Fahrzeug ausgerüstet, um Jagd auf das mit vollen Segeln dahingleitende Schiff zu machen. Die in großer Anzahl auf dem Bazar befindlichen Tscherkessen hatten sich, als sie den Schuß gehört, sogleich Beute witternd auf ihre Rosse geschwungen und kamen in buntem Wirrwarr dem Hafen zugesprengt, um Theil an der Expedition zu nehmen. Ein zu einem türkischen Küstenfahrer gehöriges Boot war in einem Augenblick so mit Leuten überfüllt, daß es umschlug und die ganze Mannschaft in's Wasser stürzte. Dadurch ließen sie sich aber nicht abschrecken; das Boot wurde flugs wieder flott gemacht, und es entspann sich nun ein Streit unter den Leuten über die Wahl und Anzahl derer, die mitfahren sollten. Es wurden tüchtige Stöße und Hiebe gewechselt, und es herrschte dabei ein Geschrei und ein Lärm, 345 daß mir die Ohren gellten. Aehnliche Scenen wiederholten sich überall, wohin das Auge blickte. Die russischen Offiziere versuchten vergebens, durch ihre Soldaten und Dolmetscher die wilden Krieger zur Ordnung zu bringen. Selbst dem unerschrockenen Kommandanten, ihrem civilisirten Landsmann, der sonst bei ihnen in großer Achtung steht, wollte es nicht gleich gelingen, die Ruhe herzustellen. Ein Kosak, welcher das Pferd eines die Menge anfeuernden hochgewachsenen Tscherkessen zur Seite treiben wollte, versetzte aus Versehen dem Tscherkessen mit der Knute einen Schlag auf's Bein; zornig schwang dieser den Säbel aus der Scheide und führte einen wüthenden Hieb auf den Kosaken, der um einen Kopf kürzer geworden wäre, wenn er sich nicht durch schleuniges Niederwerfen zur Erde gerettet hätte. Einer unserer Gastfreunde aus der Festung fiel dem Pferde in die Zügel, und während er sich mit dem Reiter herumschimpfte, hatte der unbewaffnete Kosak Zeit, sich aus dem Staube zu machen. Es wäre gewiß zu heftigern Auftritten gekommen, wenn die Feuerschlünde der Festung, deren Wirkung sie früher schon oft erfahren haben, den Tscherkessen nicht zu sehr imponirt hätten. Zudem gehören die Dshighethen zu den sogenannten friedlichen Tscherkessen, und dürfen es bei der gegenwärtig unter ihnen herrschenden Theuerung nicht verderben mit den Russen, auf welche sie für den Augenblick zur Erlangung ihrer nothwendigsten Lebensmittel angewiesen sind. Umgekehrt müssen aber auch die Russen dahin streben, mit den Dshighethen wenigstens scheinbar auf gutem Fuße zu stehen, theils des günstigen Beispiels wegen für die andern Stämme, theils auch weil es wirklich schon ein bedeutender Fortschritt für sie ist, daß die Häuptlinge der wilden Bergsöhne wenigstens Ruhe – 346 wenn auch noch nicht Unterwerfung gelobt haben. Möge der Himmel übrigens Jeden vor solcher Ruhe und solchen friedlichen Gesinnungen, wie die Dshighethen den Russen gegenüber zeigen, bewahren! Von vielen Beispielen, welche geeignet wären, den Zustand der Dinge anschaulich zu machen, hier nur Eines: vor einigen Tagen hörte man auf dem Bazar – welcher außerhalb der Festung, aber dicht neben der Militärkolonie liegt – um Mitternacht mehrere Schüsse fallen. Eine kleine Anzahl Dshighethen waren, um zu plündern, in das Haus eines Kaufmanns eingebrochen, hatten bei dem Eigenthümer jedoch unerwarteten Widerstand gefunden und sich eiligst auf den Rückweg begeben, um nicht von den bei dem Geräusch herbeieilenden Soldaten gefangen zu werden. Bei Tagesanbruch ist der Kaufmann nicht wenig erstaunt, vor seiner Thür den Leichnam eines ihm sehr wohlbekannten Mannes zu finden; aber sein Erstaunen wird noch vermehrt, als kurze Zeit darauf der Bruder des Getödteten herbeigeritten kommt, um den Leichnam zu holen und denselben nach herkömmlicher Sitte bei seinem Dorfe zu bestatten. Sein Bruder – fügte er entschuldigend hinzu – hätte sich den Räubern nur beigesellt, um ein Stück Tuch zu erlangen, welches er zu einem neuen Rock brauchte. »Aber so hätte er zu mir kommen und mich darum bitten können, ich würde ihm gerne das Stück Tuch gegeben haben, ohne ihn todt zu schießen,« erwiederte der Kaufmann. – Ja, aber das ist nun zu spät – wandte der Andere ein – so gieb mir nun lieber das Zeug, ich habe auch einen neuen Rock nöthig, und gieb mir noch ein Leichentuch dazu, damit ich meinen Bruder begraben kann. – Solche und ähnliche Begebnisse sind nichts Seltenes hier, und würden noch viel häufiger 347 vorkommen, wenn Swan-Béy , der Kommandant von Ardiller, nicht in so großem Ansehen bei den Dshighethen stände. Swan-Béy ist selbst ein Dshigheth von Geburt. Sein Vater war einer der angesehensten Häuptlinge des Landes und einer der erbittertsten Russenfeinde. In dem Hause, wo der jüngere Swan-Béy erzogen wurde, befand sich ein gefangener Georgier von guter Herkunft und einigen Kenntnissen, welcher den hübschen Knaben lieb gewann und ihm Unterricht in der georgischen und mingrelischen Sprache ertheilte. Eben durch diesen Georgier wurde Swan-Béy in den Grundlehren des Christenthums unterrichtet und insgeheim getauft. Der wißbegierige Schüler, der in seinem Lande so wenig Gelegenheit und Mittel fand zu weiterer Ausbildung, hörte immer mit Begier den Erzählungen der russischen Gefangenen zu, von der Pracht und den schönen Einrichtungen der großen Städte des Reichs, von den herrlichen Tempeln und Palästen der neuen und der alten Czarenstadt, von den vielen großartigen Schulen, wo man sich alle Kenntnisse der Welt aneignen könne \&c. Durch Schilderungen der Art angeregt, entwickelte sich in dem lebhaften Knaben immer mehr der Vorsatz, das von den Gefangenen so gepriesene Land mit eigenen Augen zu sehen. Der junge Swan-Béy war etwa sechzehn Jahre alt, als sich ihm, bei Gelegenheit eines längern Kriegszuges der Mannen seines Auls, ein günstiger Augenblick darbot, in das russische Lager zu entfliehen. Auf seinen Wunsch wurde er unter sicherer Obhut nach Petersburg geschickt, in einem dortigen Kadettenhause erzogen und nach abgelegter Prüfung der kaukasischen Armee eingereiht. Hier zeichnete er sich durch Muth und Geschicklichkeit so vortheilhaft aus, daß er in wenigen Jahren zum Range eines 348 Majors vorrückte und eine Menge Ehrenzeichen erhielt. Niemals war er zu bewegen, die Waffen gegen seine Landsleute zu ergreifen. Er wußte jedoch das Vertrauen der Russen in einem solchen Grade zu verdienen, daß er zum Kommandanten der Festung Ardiller ernannt wurde, in welcher Eigenschaft er gewissermaßen den Vermittler zwischen Russen und Dshighethen spielt. Es ist hier die Gewandheit zu bewundern, mit welcher Swan-Béy seine schwierige Stellung den beiden Völkern gegenüber behauptet. Wie bei den Russen, so bei den Dshighethen hat er sich des unbedingtesten Vertrauens zu erfreuen, das bei den letzteren so weit geht, daß sie ihm erlaubt haben, eine Fürstin ihres Landes zu heirathen und sich wieder in den Besitz aller seiner Familie gehörigen Güter zu setzen. Seine junge und schöne Gattin, welche noch ganz der Tracht und den Sitten ihres Heimathlandes treu geblieben ist, lebt mit ihren Kindern in einem etwa dreißig Werst von Ardiller entfernten reizend gelegenen Aul, wo sie ihr Gemahl, so oft es seine Geschäfte erlauben, in Tscherkessentracht besucht. Die Achtung, welche Swan-Béy gegenwärtig bei seinen ihm anfangs feindlich gesinnten Landsleuten genießt, hat er vorzüglich den kräftigen Maßregeln zu verdanken, durch welche er versuchte, der in seinem Lande ausgebrochenen Theuerung Grenzen zu setzen. Durch seinen Einfluß gelang es ihm, mehrere der angesehensten Häuptlinge für das Interesse der Russen zu gewinnen und sie zu bereden, ihre Söhne zur Erziehung nach Petersburg zu schicken. Viele junge Dshighethen sind sogar, nach dem Beispiel des Swan-Béy , ihren Eltern entlaufen und haben sich in die russischen Festungen geflüchtet, von wo sie dem hier schon mehrfach erwähnten General X. ausgeliefert wurden, welcher in Bambor eine förmliche Schule für die 349 kleinen Flüchtlinge angelegt hat, wo dieselben sich mit unglaublichem Eifer die Elementarkenntnisse aneignen. Der General erzählte mir Wunder von dem Fleiß und der Aufmerksamkeit der unter seiner Obhut befindlichen kleinen Tscherkessen, welche übrigens, wie er lächelnd bemerkte, noch immer besser zu Pferde sitzen, als auf der Schulbank, und die Pistole geschickter zu führen wissen als den Gänsekiel. Neulich kommt ein solcher kleiner Räuber, ein bildhübscher Knabe von etwa dreizehn Jahren, angeritten, läßt sich zum General führen und redet ihn ohne die mindeste Befangenheit mit den Worten an: »Kannst Du mich nach Petersburg schicken?« O ja, erwiederte der General freundlich; was willst Du aber da machen, mein Sohn? »Ich habe gesehen, daß die Leute, welche von Euch in unser Land kommen, klüger sind und besser leben als wir; ich will eben so klug werden und eben so leben. Schicke mich nach Petersburg!« – – Ich benutzte gestern eine höchst erfreuliche Gelegenheit, einer längern Unterhaltung des Generals mit verschiedenen Häuptlingen des Landes beizuwohnen, deren hauptsächlichster Wortführer Asslan-Béy , der vornehmste der Dshighethenfürsten, war. Asslan-Béy ist eine der herrlichsten Männergestalten, die mir je zu Gesicht gekommen. Ich konnte sein schönes, durchdringendes Auge, seine scharf ausgeprägten würdevollen Züge, seinen majestätischen Wuchs, seinen edlen Anstand nicht genug bewundern. Ganz hingerissen wurde ich von seinem beredten Mienenspiel, von seinen anmuthigen Bewegungen, wenn er sprach. Er schilderte dem General mit grellen Farben die jetzt im Lande herrschende Noth und Armuth und fügte hinzu: er, wie die meisten andern Fürsten seines Landes, würden unbedingt Ruhe geloben, wenn von russischer Seite schleunige Abhülfe des täglich mehr und 350 mehr um sich greifenden Elends geschähe, welches nicht blos von der Mißernte des vorigen Jahres herrühre, sondern größtentheils eine Folge des Absperrungssystems der Russen sei. »Ihr habt uns so oft mit leeren Worten und Versprechungen hingehalten,« erwiederte der General, »daß wir uns hinfort unmöglich auf Eure Bitten einlassen können, bevor Ihr uns nicht überzeugendere Beweise von der Aufrichtigkeit Eurer Gesinnungen gegeben. Ihr gelobt uns Ruhe, weil der Hunger Euch dazu zwingt; der Magen spricht aus Euch, und nicht das Herz. Versuchten wir's noch einmal, wie wir schon oft gethan, der bei Euch herrschenden Volksnoth zu steuern, Ihr würdet uns wenig Dank dafür wissen und bald auf's Neue unsere Festungen überfallen, aller Verträge und Gelübde vergessend.« »Es ist Wahres in Deinen Worten,« wandte der Fürst ein, »so dachte und handelte mein Volk noch vor wenigen Jahren, aber so denkt und handelt es heute nicht mehr. Einige wohlwollende Züge Deines edlen Vorgängers Murawiew haben uns mehr zu Euren Gunsten gestimmt, als alle Drohungen Eures Herrschers. Ich war einst des tapfern Führers erbittertster Feind; soll ich Dir erzählen, bei welcher Gelegenheit ich Murawiew-Béy's Freund geworden bin? Eine Schlacht war geschlagen zwischen Euren und unsern Truppen; Eure Truppen blieben Sieger. Ich ritt zum Lager des Generals, um wegen des Friedens zu unterhandeln. Wie Viele, fragte er mich, sind von Eurer Seite gefallen? 351 Dreihundert, erwiederte ich. Sind unter den Gefallenen, fragte er weiter, viele Fürsten und Edle des Volks gewesen? Nein, erwiederte ich. Er bezeugte laut seine lebhafte Freude darüber. Wie kannst Du Dich freuen, fragte ich erstaunt, wenn die Fürsten und Edlen meines Volkes, die mächtigsten Deiner Feinde, am Leben geblieben? Ich dachte, solche Botschaft müsse Dir mehr Besorgniß als Freude bereiten. »Du sprichst nicht weise, Asslan-Béy ,« antwortete er, »der Tod eines Helden thut mir wehe, mir gilt's gleich, ob er auf Eurer oder auf unsrer Seite gefallen.« Die Unterhandlung wurde hier abgebrochen und auf einen andern Tag verschoben. Asslan-Béy blieb jedoch bis zum Abend in der Festung und aß mit uns zu Mittag. Obgleich ihm unsere Art und Weise zu essen etwas ganz Ungewöhnliches war, so benahm er sich doch dabei mit viel natürlichem Anstand und bediente sich des Messers und der Gabel, so gut es gehen wollte. Er lud uns ein, ihn auf ein paar Tage in seiner Behausung zu besuchen; er würde uns als Gastfreunde sicher hin und zurück geleiten. »Sehen Sie,« sagte der General lächelnd in deutscher Sprache zu mir, »es sieht heutzutage hier so schlimm nicht mehr aus, da die Fürsten unserer Feinde mit uns zu Tische sitzen.« Nach Tisch unterhielt ich mich ein Stündchen mit dem stattlichen Tscherkessenfürsten. Er erzählte mir ein Langes und Breites von dem bekannten Engländer Bell, der zwei Jahre in den Aulen der Ubychen und Dshighethen zugebracht, und auch im Hause Asslan-Béy's eine geraume Zeit gewohnt hat. 352 Herr Bell hatte unter den Völkern der Küste das Gerücht verbreitet: die Engländer und Franzosen würden eine große Flotte schicken, mit Ueberfluß an Mannschaft, Lebensmitteln und Kriegsbedarf. Diese fabelhafte Flotte hat die armen Leute Jahre lang hingehalten und getäuscht; sie warten darauf wie die Juden auf den Messias; aber endlich ist ihnen das Warten ein bißchen langweilig geworden, und sie fangen nachgerade an zu glauben, daß die Hülfe der Engländer ganz ausbleiben könnte. – – Ich hatte heute wieder Gelegenheit, zu bewundern, wie heilig die Tscherkessen das Andenken der Männer halten, welche sich einmal durch Edelmuth oder Tapferkeit ihre Achtung erworben haben, mögen es Freunde oder Feinde sein. Heute Morgen kommt Jérynbük-Bersek-Béy , der vornehmste der Ubychenfürsten, in größter Hast auf die Festung zugeritten, um sich bei Swan-Béy zu erkundigen, ob es wahr sei, daß General Murawiew um's Leben gekommen? Er habe die Nachricht von seinem Tode in Sotscha gehört. Swan-Béy erwiederte: die Kunde von seinem Tode müsse falsch sein; er habe erst vor wenigen Tagen Briefe von Murawiew erhalten, aus welchen hervorgehe, daß derselbe noch ebenso munter und rüstig sei, wie früher; auch habe er Jerynbük-Bersek's in seinem Briefe mehrfache Erwähnung gethan, versichere ihn seiner Freundschaft und lasse ihn herzlich grüßen. Bei diesen Worten wirft sich der alte Ubychenfürst vor Freude Swan-Béy an den Hals, und herzt und drückt ihn, als ob er ihn zermalmen wollte. Es sind jetzt erst drei Jahre her, als sich Jérynbük-Bersek und Murawiew noch als Todfeinde kämpfend gegenüber standen. In der Nähe der Festung von Ardiller sollte eine Zusammenkunft der beiden Helden stattfinden; es 353 war zur Bedingung gemacht, daß beide nur von ihren Dolmetschern begleitet, ohne sonstiges Gefolge, und unbewaffnet erschienen. Murawiew war den Bedingungen getreu nachgekommen; der Ubychenfürst aber, den Russen wenig Zutrauen schenkend, erschien bewaffnet von Kopf bis zu Fuß, und hatte noch obendrein einen Haufen Tscherkessen im Hinterhalte versteckt. Murawiew , ohne sich im Mindesten dadurch einschüchtern zu lassen, wußte durch sein kühnes Auftreten dem Jérynbük-Bersek so zu imponiren, daß er seine ganze Achtung gewann, welche, wie wir aus dem oben angeführten Beispiel ersehen haben, noch jetzt ungeschwächt fortdauert. In General X. hat Murawiew einen würdigen Nachfolger gefunden, welcher während der kurzen Zeit seines Aufenthalts hier sich schon in hohem Grade das Ansehen und Zutrauen der Dshighethen erworben hat. Das Streben des Generals geht vorzüglich dahin, die Dshighethen an regelmäßige Beschäftigung zu gewöhnen, wozu er ihnen, so viel es in seinen Kräften steht, Gelegenheit darbietet. Kommen hin und wieder Haufen von Hungerleidenden und bitten um Abhülfe ihrer Noth, so weist ihnen der General Festungs- oder Feldarbeiten an, wo sie bei Fleiß und gutem Willen leicht ihr tägliches Brod und noch etwas Geld dazu erschwingen können. Hiezu verstehen sich jedoch die Tscherkessen, selbst die ärmsten unter ihnen, nicht so leicht wie man denken sollte, denn Arbeit ist ihnen eben so zuwider wie Schweinefleisch. Sogar der sonst so gewichtige Einfluß ihrer Fürsten, welche endlich selbst die Nothwendigkeit solcher Maßregeln zur Erhaltung ihrer Unterthanen einsahen, hat diese nicht bewegen können, sich den Russen zur Arbeit zu verdingen. Mehrere Dshighethen, welche durch Noth getrieben, eine Zeitlang Theil an den 354 Festungsarbeiten der Soldaten genommen, und sich sehr wohl dabei befunden hatten, wurden bei ihrer Rückkehr mit Schimpf und Hohn von ihren Landsleuten empfangen. Wie schwer ist es, ein solches Volk an regelmäßige Beschäftigung zu gewöhnen, das keine andere Arbeit kennt, als den Säbel zu schwingen und das Roß zu tummeln; und wie schwer ist es, ein solches Volk zur Ruhe zu gewöhnen, das keine andere Ruhe kennt, als die Rast nach blutigem Tagewerk! * * * Heute ist der General mit Swan-Béy unter Bedeckung nach Sotscha abgereist, wo einer der unbeugsamsten Ubychenfürsten, Hadshi-Béy , sie erwartet. Wir geleiteten die beiden Herren bis zum Hafen, wo sich unsern Blicken ein trauriges Schauspiel darbot. Ein Trupp Soldaten hatte sich um zwei, mehr thier- als menschenähnlich aussehende Wesen versammelt, welche einige von den Umstehenden mit bedenklichem Kopfschütteln und Lächeln, die meisten aber mit dem Ausdruck des tiefsten Mitleids betrachteten. Es waren ein paar Unglückliche, welche nach langen Jahren harter Sklaverei bei den Tscherkessen endlich ihre Freiheit wieder erlangt hatten. Aber beide waren schon so vorgerückt im Alter und so abgestumpft an Geist und Körper, daß es schien, als könne weder das Leben noch die Freiheit ihnen Ersatz für die ausgestandenen Qualen bieten. Beiden war der Bart so struppig und lang gewachsen, daß man sehen konnte, es habe seit dem ersten Tag ihrer Gefangenschaft kein Messer das Kinn berührt. Die rauhen Tscherkessenmützen auf den haarigen, zusammengeschrumpften Gesichtern gaben ihnen 355 ein grausenhaftes, wildes Ansehen. Die Unglücklichen gingen barfuß, und schienen überhaupt halb nackt den Händen ihrer Peiniger entronnen zu sein, denn die zerfetzten Filzmäntel, mit welchen sie beide das Obertheil ihres Körpers umhüllten, hatten sie erst von den russischen Soldaten erhalten. Ich war neugierig, etwas Näheres über die Geschichte ihrer Gefangennehmung und Sklaverei zu erfahren, hatte indessen unsägliche Mühe, mich mit ihnen zu verständigen, da ihnen ihre Muttersprache fast ganz fremd geworden war, und ich nur nach oft wiederholten Fragen hin und wieder Sinn in ihr Gemisch von russischen, tscherkessischen und tatarischen Wörtern bringen konnte. Ihnen selbst wurde es schwer, sich mit einander zu verständigen, da sie sich erst seit ihrer Befreiung kennen gelernt, und bis dahin getrennt unter verschiedenen Stämmen gelebt hatten. Der Jüngere, etwa ein Funfziger, hatte bei schmaler Kost und harter Arbeit drei und zwanzig Jahre im Lande der Ubychen zugebracht, und es war ihm abwechselnd schlechter und besser ergangen, nach Maßgabe des Erfolges der Unternehmungen der Ubychen gegen die Russen. Kehrte Asamat-Béy , der Häuptling, dessen Sklave er war, von einem Siege heim, so gab es daheim Schmausereien und Feste, und es wurde dann auch das Loos des armen Sklaven merklich besser. Kehrten die Männer des Aules aber geschlagen zurück, so bekam auch der arme Alexéi statt der berauschenden Busa gewöhnlich Prügel zu schmecken. Vor einiger Zeit kam Asamat-Béy bei einem Angriff auf Sotscha um's Leben. Seine Verwandten fanden es für gut, Alexéi an einen türkischen Sklavenhändler zu verhandeln, welcher jedoch, auf der Heimkehr nach Stambul begriffen, das Unglück hatte, den Russen in die Hände zu fallen, bei 356 welcher Gelegenheit Alexéi nebst mehreren andern Gefangenen seine Freiheit wieder erhielt. Pattap , der ältere von den beiden Unglücklichen, der schon hoch in den Sechzigern sein muß, war so lange in der Sklaverei beim Volke der Adighé , dem stolzesten aller Tscherkessenstämme, gewesen, daß er die Zahl der Jahre, die er daselbst zugebracht, nicht mehr im Stande war anzugeben. Ich konnte von ihm weiter nichts erfahren, als daß er in seiner Jugend auf einem Schiffe gedient habe, das Schiff sei bei einem Angriff in Brand gesteckt, viele von der Mannschaft seien dabei um's Leben gekommen und die Uebrigen in die Gefangenschaft geschleppt. Er habe nach und nach wohl fünf verschiedene Herren gehabt. Der erste, ein alter ehrwürdiger Mann, bei welchem er eine Reihe von Jahren gedient, habe ihn immer sehr gelinde behandelt, bei den übrigen aber habe er viel auszustehen gehabt. Da er jetzt aus Altersschwäche zur Arbeit untauglich geworden und die Lebensmittel im Lande theuer seien, so habe man ihn vor kurzem für einen großen Beutel voll Mehl in Sotscha an die Russen verkauft. Erst heute Morgen sind die beiden Unglücklichen auf einem russischen Fahrzeuge von Sotscha hier angetroffen, um dem General zu weiterer Verfügung vorgestellt zu werden. . . . . »Die können Gott danken, daß sie noch so mit heiler Haut davon gekommen sind,« sagte ein bejahrter Unteroffizier, der sich den Zuschauern beigesellt hatte, »da sollten Sie mal den alten Kosaken Iwan sehen, der bei den Schapssuch in Gefangenschaft gewesen; dem haben sie die Fußsohlen aufgeschlitzt und Pferdehaare durchgezogen, um ihm so das Entlaufen unmöglich zu machen. Der arme Teufel wird in seinem 357 Leben nie wieder auf heilen Füßen stehen!« – Aber wie hat er denn unter solchen Umständen aus seiner Gefangenschaft entweichen können? fragte ich den Unteroffizier. – »Ein uns befreundeter Schapssuch hat ihn selbst auf seinem Pferde heimlich wieder zu uns gebracht. Sie wissen ja wohl, daß wir unter den wildesten Stämmen unsere Gastfreunde und Spione haben.« – Und auf welche Weise war Iwan in Gefangenschaft gerathen? – »Das will ich Ihnen erzählen. Wir lagen damals zusammen in der Festung Nowo-Troitzko , unweit des Flusses Pilao . Seit langer Zeit war zwischen uns und den Schapssuch Nichts vorgefallen, und wir hatten uns nach und nach daran gewöhnt, uns etwas weiter, als wir eigentlich durften, aus der Festung hinaus zu wagen. Iwan , der das Meerwasser nicht gut vertragen konnte, pflegte sich immer gegen Abend im Flusse zu baden. Er trieb das eine gute Weile, ohne daß ihm etwas Besonderes dabei aufgestoßen wäre; eines Tages aber, als er eben aus dem Wasser gestiegen kommt, wird er von ein paar im Gebüsch versteckten Schapssuch überfallen, nackt wie er war auf's Pferd gebunden und im Galopp davon geführt. Niemand in der Festung wußte, was aus dem armen Teufel geworden war, bis ihn unser Kunak wieder zu uns brachte.« 358   Fünfundzwanzigstes Kapitel. Meerfahrt und Schluß. Gjül-Bassar war uns eine nie versiegende Quelle der Heiterkeit, besonders wenn er sich mit meinem schlauen Giorgi unterhielt, der aus den Schwächen der Menschen Vortheil zu ziehen wußte wie Wenige – oder mit H. v. N. , einem in der Verbannung lebenden Polen, der dem Rosenköpfigen immer von den schönen Frauen in Warschau erzählen mußte und von ihrer Vorliebe zu den weißen Köpfen der Moslem. Hin und wieder ging Giorgi etwas zu weit in seinen Scherzen; dann griff Gjül-Bassar zornig nach dem Kinshal, aber der gewandte Armenier wußte immer gleich wieder einzulenken und den Tataren durch Schmeichelphrasen aller Art zu beruhigen: »Wie könnte ich es wagen, Dich beleidigen zu wollen? Ich der Knecht, Dich den Herrn! Was ist ein Staubkorn gegen die Wüste? Was bin ich gegen Dich?« H. v. N. hatte nach zwölfjähriger Verbannung im Kaukasus vor Kurzem einen Posten in der Krim erhalten, und wartete gleich uns auf die Ankunft eines Schiffes, das ihn erlösen sollte aus der langen Haft. 359 Gjül-Bassar theilte seine Zeit ein in Rauchen und Schlafen. Den größten Theil des Tages hindurch schlief er; sobald er aber die Augen öffnete, that er auch den Mund auf, um seinen kleinen Diener zu rufen, der dann sofort mit einer Pfeife herbeigestürzt kam, dieselbe seinem Herrn zu überreichen. Endlich kam das so lange erwartete Schiff. H. v. N. hatte es zuerst erspäht und war gleich nach Hause geeilt, um für das Einpacken seiner Sachen Sorge zu tragen. Auf einem längern Spaziergange außerhalb der Festung und im ernsten Gespräch mit dem polnischen Kapitain begriffen, hatte ich gänzlich die drei Schüsse überhört, welche mein sonst etwas pulverscheuer Giorgi , angeregt durch die freudige Botschaft, abzufeuern den Muth gehabt hatte. Wir waren weiter als gewöhnlich die Meeresküste entlang geschlendert. »Ich glaube, wir müssen umkehren,« sagte der Pole; »es geht schon stark auf den Abend zu, eine Menge vom Bazar heimkehrender Dshighethen haben uns gesehen, und wenn wir nicht vor Anbruch der Dunkelheit wieder in der Festung sind, so könnte es uns leicht begegnen, heute noch gewaltsam von den überall lauernden Räubern zu Gaste gebeten zu werden.« »Was ist das?« fragte ich statt aller Antwort, als ich, den Blick auf's Meer gerichtet, in der Ferne eine gewaltige Rauchsäule weiß aufwirbeln sah. Der Pole ließ seine Augen nach der bezeichneten Stelle hinschweifen. »Das scheint unser Dampfschiff zu sein, ja gewiß, so ist es,« rief er; »da haben wir keinen Augenblick zu verlieren.« Wie beflügelt eilten wir der Festung zu und wurden bald durch Giorgi , welcher uns auf halbem Wege 360 entgegen kam, in unserer Vermuthung bestätigt. Halb athemlos kam ich im Zimmer an. Zu meiner Verwunderung sah ich unsern tapfern Gjül-Bassar noch auf seinem Teppiche liegen und schnarchen, als ob er einen neuen Orden dafür zu erwarten hätte. »Ich habe mir alle erdenkliche Mühe gegeben, ihn auf die Beine zu bringen,« sagte H. v. N. , »aber Nichts will fruchten bei diesem kahlköpfigen Siebenschläfer. Ihr Spitzbube von Giorgi hat ihn schon so oft mit der falschen Nachricht von der Ankunft des Dampfschiffes getäuscht, daß er auch heute die wahre Nachricht für eine Erdichtung hält und beim Barte des Propheten schwört, sich in seiner Ruhe nicht stören zu lassen. Vergebens versicherte ich ihm, ich habe das Schiff mit eigenen Augen gesehen; er schwur, man solle ihn nicht wieder anführen, und wälzte sich schlaftrunken auf die andere Seite. Ich versuchte ihn mit Gewalt aufzurütteln, aber da griff er drohend nach seinem Dolche. Was ist mit dem Kerl zu machen? Ich werde ihn nicht wieder anrühren; wenn er nicht mitfahren will, kann er hierbleiben und bis zur Rückkehr des Schiffes Fortifikationskunst studiren.« Inzwischen kam des schläfrigen Tatarenhauptmanns kleiner Schwertträger zurück, welchen H. v. N. abgeschickt hatte, sich selbst und seinen Herrn zu überzeugen, daß das Dampfschiff kein Hirngespinnst, sondern eine große, sichtbare Arche mit Schornstein und Rädern sei. Kaum war der Bursche in's Zimmer getreten, so erschien auch ein halb Dutzend Soldaten, um unsere Sachen abzuholen. Es war die höchste Zeit, aufzubrechen. Aus Mitleid für Gjül-Bassar , dessen Gesellschaft auf unserer neuen Meerfahrt ich nicht gern entbehren wollte, wandte ich das letzte Mittel an, ihn aus dem Schlafe 361 aufzuscheuchen, indem ich dicht über seinem Kopfe eine Pistole abfeuerte. Er sprang auf, rieb sich schlaftrunken die Augen und sah entsetzlich dumm und grimmig aus, wie die meisten Menschen aussehen bei plötzlichem Erwachen, ehe sie die trunkene Dämmerung, welche jedem langen Schlafe folgt, ganz durchbrochen haben. Er schien sich sehr zu wundern, das Zimmer mit Pulverdampf und Soldaten angefüllt zu sehen. Die aufgesperrte Thüre, durch welche unsere Bagage hinaus und frische Luft herein kam, brachte ihn bald zur Besinnung. Eine halbe Stunde später befanden wir uns sämmtlich mit Sack und Pack auf dem Schiffe. Für Gjül-Bassar , welcher nie im Leben ein Dampfschiff gesehen hatte, ging eine neue Welt auf; er war jetzt eben so trunken im Wachen, wie er früher im Schlafen gewesen. Er sah jetzt, daß es keine Fabel war, wenn wir ihm einst erzählten, daß das erwartete Schiff, wie zu ebener Erde, auf Rädern über's Wasser laufe; er sah überhaupt jetzt so Manches, wovon ihm nie geträumt hatte, obgleich er über drei Viertheile seines Lebens unter Träumen und Schlafen zugebracht. Ich wich ihm aus so gut ich konnte, da er mich überall verfolgte und mich nach seiner alten Gewohnheit unablässig durch freudige Rippenstöße auf Alles, was ihn Wunder nahm, aufmerksam zu machen suchte. Die Sonne ging unter in so unbeschreiblicher Pracht, wie sie sich nur dem Schiffer auf dem Meere und dem Wanderer in der Wüste zeigt, als wollte sie beide für die Mühen und Irrsale, die ihre ungebahnten Pfade bergen, belohnen. Der Anker war gelichtet; der Abschiedsgruß, der nach gemeinem Brauche vom Schiffe gefeuert wurde, hallte donnernd wieder in den Bergen von Ardiller; die muntern Delphine, welche bis dahin in tollen Sprüngen das Schiff umspielt hatten, tauchten 362 verscheucht zurück in die Tiefe; durch den Knall waren auch die vielen Vögel, welche sich auf Mast und Takelwerk niedergelassen hatten, vertrieben; nur einige jener wunderbaren Insekten umkreis'ten uns, die jede Minute erzeugt und jede Minute tödtet, die unsichtbar leben und leuchtend sterben. In froher Stimmung über den Wechsel der Dinge und neu gekräftigt von dem frisch wehenden Abendwinde, steuerten wir heitern Muthes der Küste von Kolchis zu. Wir mußten nun auf dem prächtigen Kriegsschiffe Magutschy (der Mächtige) den ganzen Weg wieder zurückfahren, welchen wir vor wenigen Wochen auf unserem bescheidenen Barkaß unter Sturm und Drangsal hergekommen waren. So leid es uns that, auf diese Weise nochmals ein gutes Theil Zeit zu verlieren, so angenehm war es uns auf der andern Seite, Gelegenheit zu haben, unsere Gastfreunde an der Küste noch einmal zu sehen. Da der kommandirende General, Baron von Budberg , mit seinem Stabe selbst an Bord war und keine Festung unbesichtigt ließ, so liefen wir erst am dritten Tage wieder in den Hafen von Redut-Kalé ein. Von herrlichem Wetter begünstigt hatten wir uns in den ersten zwei Tagen nochmals all der bezaubernden Ansichten und großartigen Naturschauspiele zu erfreuen, welche die Küste von Abchasien in reicher Fülle bietet. Am dritten Tage aber erhob sich gleich nach Mitternacht ein bedenklicher Sturm, welcher gegen Morgen immer stärker wurde und drohte unsern »Mächtigen« ganz ohnmächtig zu machen. Zum Glück habe ich einen sehr gesegneten Schlaf, und werde nur selten und unbedeutend von der Seekrankheit heimgesucht. Bis 4 Uhr Morgens hielt ich es aus auf meinem Lager, obgleich ich fortwährend hin- und herrollte, wie ein Kind in der Wiege. 363 Da wurde es mir aber doch endlich in der Kajüte zu schwül und im Kopfe zu schwer; ich stand auf und versuchte in die Kleider zu fahren, bei welchem Versuche ich jedoch, trotz allem Widerstreben, dreimal wie ein gläubiger Türk zu Boden sinken mußte. Bei dem immer mehr überhand nehmenden Schaukeln und Stoßen hatte ich unendliche Mühe, die Treppe hinaufzuklettern, um auf dem Verdecke frische Luft zu schöpfen. Oben angelangt, kam mir die ganze Welt wie betrunken vor. Himmel, Erde, Meer und Menschen, Alles schien von allgemeinem Taumel ergriffen. Ein ernster Oberst, welcher sonst immer gemessenen gravitätischen Schrittes einherging, schlotterte an mir vorüber, als ob er zwei Drittheile seiner Knochen verloren hätte. Jeder schien seinen eigenthümlichen Gang zum Besten des allgemeinen Schwankens geopfert zu haben. Der ganze Körperinhalt sammt seiner Kraft und Schwere schien den Leuten in den übersprudelnden Kopf gefahren zu sein. Ein allgemeiner Thatendrang von Oben entwickelte sich; jeder Mund verhieß Großes. Meine Augen suchten den unglücklichen Gjül-Bassar , dem solch ein Schauspiel etwas ganz Neues sein mußte. Endlich entdeckte ich ihn; er stand am Rande des Schiffes mit zitternden, stark eingeknickten Knieen, mit beiden Händen sich gewaltsam festklammernd, den Kopf über Bord gebeugt, mit den Augen nach Oben, mit dem Munde nach Unten starrend – so stand mein gläubiger Freund da, seine Seele den Göttern der Höhe und seinen Magen den Göttern der Tiefe empfehlend. Endlich, gegen zehn Uhr Morgens, ließ der Sturm nach, wodurch der Wirrwarr und das Schaukeln jedoch keinesweges vermindert wurden; die in der Nacht aufgescheuchten Riesenwellen wollten sich immer noch nicht zur Ruhe begeben und 364 die mächtige Wallung des Meeres dauerte unausgesetzt fort, so daß der Kapitain eine Landung für unmöglich erklärte. Der Hafen von Redut-Kalé ist, wie schon früher bemerkt, der schlechteste, unsicherste und unbequemste, den ich je gesehen. Große Schiffe müssen mehrere Werste von der Stadt liegen bleiben und für kleinere Fahrzeuge ist bei etwas unruhigem Wetter die Passage sehr gefährlich, besonders an der Stelle, wo man die heftige Strömung der Chopi zu passiren hat. Wir waren daher nicht wenig erstaunt, ein paar griechische Fahrzeuge, trotz des empörten Meeres, unter unglaublicher Anstrengung auf uns zurudern zu sehen. Ueber eine halbe Stunde hatten sie gegen den Andrang der Wellen zu kämpfen, ehe es ihnen gelang, die Strömung der Chopi zu durchbrechen. Die schwankenden Fahrzeuge wurden von den ungestümen Wellen wie Nußschalen hin- und hergeschleudert, aber die kühnen Griechen ließen sich dadurch nicht abschrecken, sondern arbeiteten unermüdlich vorwärts und kamen auch endlich glücklich durch. Die griechischen Schiffer sind die thätigsten und unternehmendsten aller Seefahrer, vorausgesetzt, daß ihnen ihre Mühe mit Gold aufgewogen wird. Auch diesesmal hatten sich, wie ich später erfuhr, die Führer der Fahrzeuge nur durch eine bedeutende Summe bewegen lassen, die mühsame Ueberfahrt zu wagen. Die Passagiere, welche sie uns zuführten, bestanden aus den Familien des Generals von R., des Staatsraths S. und des Barons von T., größtentheils alte Bekannte aus Tiflis, wovon Einige nach der Krim, Andere nach Deutschland zu reisen beabsichtigten. Wir freuten uns sehr über die unverhoffte Ankunft der neuen Gäste, deren feine Bildung und gesellschaftliche Annehmlichkeiten wir schon früher kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hatten. 365 Bevor wir nun unsere Rückreise von Redut-Kalé antreten, halte ich es für nöthig, euch mit unserer Schiffsgesellschaft, welche aus den verschiedenartigsten Elementen zusammengewürfelt ist, etwas genauer bekannt zu machen. Wir sehen hier Russen, Deutsche, Engländer, Polen, Juden, Armenier, Türken, Griechen, Abchasen, Mingrelier, Imerier und Tscherkessen, worunter einige Gefangene und andere aus Hungersnoth zu den Russen Geflüchtete. Die Russen machen natürlich den größten Theil aus, da die eigentliche Mannschaft, mit Ausnahme weniger Officiere, aus Russen besteht. Ein Officier vom Generalstabe ist ein Deutscher, und der Kapitain des Schiffes, Mr. Martin, ist ein Engländer. Die Zahl der ganzen Schiffsgesellschaft, welche bei den verschiedenen Festungen, wo wir täglich anlegen, bald ab-, bald zunimmt, beläuft sich im Durchschnitt aus 1500 Köpfe. Bald sind es Soldaten, bald Officiere mit ihren Familien, bald Kranke oder Verwundete, bald Marketender und Handelsleute, welche aus einer Festung in die andere geführt werden, so daß ein großer Theil der Passagiere täglich wechselt, wodurch wir an Ruhe verlieren, was wir an Mannigfaltigkeit gewinnen. Da außer den Officieren, wegen Mangel an Raum, nur wenige Passagiere in den Kajüten ein Unterkommen gefunden haben, so sind die meisten gezwungen, unter freiem Himmel zu kampiren, wodurch das Verdeck in eine wahre Musterkarte von Völkern umgewandelt ist, wo man vom pyramidenförmigen Hute des hochmüthigen Persers herab bis zur platten Mütze des genügsamen Imeriers die seltsamsten und malerischsten Trachten bunt unter einander sieht, und zugleich Gelegenheit hat, die Sitten und Gebräuche der verschiedenen Völker vom Morgen bis zum Abend zu studiren. 366 Unternehmen wir, um die Leute etwas genauer kennen zu lernen, einen kleinen Spaziergang über das Verdeck. Hier gleich zur Linken, hart am Borde des Schiffes, bemerken wir ein Kleeblatt wohlbeleibter, dickbeturbanter Türken. Sie sitzen da, in ihre hellfarbigen Mäntel gehüllt, ernst, schweigsam, mit untergeschlagenen Beinen, unaufmerksam auf Alles, was um sie her vorgeht; sie sprechen nicht, sie sehen nicht, sie denken nicht, sie hören nicht; zum einzigen ihrer würdigen Zeitvertreib rauchen sie langsam und feierlich ihren Tschibuq mit so hochwichtiger Miene, als ob von jedem Puff, den sie ausblasen, das Schicksal eines Reiches abhinge. Ich habe nie die Reisenden begreifen können, welche in diesem gleichgültigen, Alles verachtenden Stolze der Türken etwas Großes, Beachtungswerthes finden. Beachtungswerth ist dieser Stolz allerdings, aber nicht in dem Sinne, wie man es gewöhnlich nimmt. Worauf hat denn wohl ein Türke Ursache stolz zu sein? Etwa auf seine Trägheit, Unwissenheit, auf seine unnatürlichen Gelüste? Seit Sultan Mahmud's Reformen hat man in Konstantinopel ein lebendiges Beispiel vor Augen, wie wenig uns an dem entnervten, kraft- und marklosen Volke zu bewundern übrig bleibt, wenn man ihm seine Waffen, seine bunten Gewänder und seinen Turban nimmt. Etwas weiter finden wir ein kleines Häuflein Griechen gelagert. Sie tragen hohe rothe Mützen, elegant geschnittene, mit Stickerei verzierte blaue Jacken und weite kurze Schalvari von gleicher Farbe. Man sieht's ihren lebhaften, aber unzuverlässigen Augen, ihren verschmitzten, berechnenden Gesichtern gleich an, daß es Handelsleute sind. Dicht neben den Griechen kauern einige Armenier, mit den Fingern, ohne Beihülfe von Messern und Gabeln, ihr Mittagsmahl dem Munde zuführend. Sie haben ihr blaues Obergewand mit den aufgeschlitzten 367 fliegenden Aermeln, um sich's bequem zu machen, bei Seite gelegt und sitzen da mit ihren hohen, stumpf zulaufenden Mützen aus schwarzem Schaffell, in engem, mit dem Gürtel umwundenen Archeluck und weiten, hellfarbigen Beinkleidern. Auch ihnen sieht man's auf der Stelle an, daß sie Kaufleute sind, und man weiß nicht, ob man bei Beobachtung ihres Gesichts ihnen oder den Griechen den Preis der Schlauheit zuerkennen soll. Man hat in Rußland, um die Schlauheit und Kniffe der handeltreibenden Völker des Orients in ihren verschiedenen Graden zu bezeichnen, ein Sprüchwort, welches also lautet: »Zwei Juden gegen Einen Russen – zwei Russen gegen Einen Perser – zwei Perser gegen Einen Armenier – zwei Armenier gegen Einen Griechen: so bleibt sich der Handel gleich.« Nach dem zu urtheilen, was mir darüber zu Augen und Ohren gekommen, wird dieses Sprüchwort durch die Erfahrung vollkommen bestätigt. Wenden wir uns weg von diesen Repräsentanten der Schlauheit und gehen wir einige Schritte weiter auf unserer völkermusternden Wanderung. Wir finden da vor uns, die Einen sitzend, die Andern stehend, sechs bis acht Imerier, vom Knaben- bis zum Mannesalter. Es sind einfache, harmlose, wohlgebaute, aber ärmlich gekleidete Leute. Man sieht, daß sie gekleidet sind, wie es der Zufall eben gewollt hat. Der Eine trägt einen abgeschabten Tscherkessenrock, welchen der Schneider gewiß nicht für ihn bestimmt hat, der Andere eine Jacke, deren Aermel einen halben Fuß zu lang sind; Einige gehen mit, Andere ohne Schuh. Von ihrer hübschen Nationaltracht ist ihnen nichts übrig geblieben, als ihre seltsam geformte platte Mütze, ein kaum das Obertheil des Kopfes bedeckendes, steifes, 368 dunkelgefärbtes, filzartiges Stück Zeug, von unter dem Kinn zugeknüpften Bändern gehalten. Die Imerier führen als Grund der Entstehung ihrer sonderbaren Kopfbedeckung an, es seien früher die Wälder ihres Landes so dicht und undurchdringlich gewesen, daß Niemand darin hätte gehen können, ohne seine Mütze zu verlieren; man wäre deshalb, um dem Kopfe Schutz und den Zweigen und Dornen Trutz zu bieten, auf die Erfindung der eben beschriebenen festen Plattmütze gekommen. Die Sache hat etwas für sich. Während die Türken unseres Schiffes starr und unbeweglich dasitzen, die Griechen, Perser, Juden und Armenier hingegen über gemachte oder noch zu machende Handelsspekulationen sprechen und sinnen, singen die Imerier heiter und sorglos ein Lied vor sich hin. Haben sie das eine Lied zu Ende gesungen, so fangen sie ein anderes wieder an und unterbrechen ihre tönende Beschäftigung nur zuweilen und ziehen sich scheu zurück, wenn einige von den Damen oder den Officieren des Schiffs in ihre Nähe kommen. Uebrigens muß der Liederschatz dieser guten Leute eben nicht groß sein, da man sie überall und immer dieselben Gesänge wiederholen hört, welche noch dazu sämmtlich einer früheren Zeit ihre Entstehung zu verdanken haben. Man findet unter diesen imerischen Volksliedern einige ganz allerliebste; das hübscheste und unter dem Volke selbst beliebteste davon, welches ich auch hier jeden Tag singen höre, hat Dubois in seinem trefflichen Reisewerke in der Uebersetzung mitgetheilt, weshalb eine nochmalige Wiederholung überflüssig erscheinen dürfte. Nach Tische, wenn es ruhiges Wetter ist, tanzen die Matrosen einen Nationaltanz. Alles nimmt Theil an der Unterhaltung, von allen Seiten ertönt lautes Händegeklatsch im Takt mit den Bewegungen der Tänzer; Griechen, Armenier und 369 Juden vergessen ihre Schachergedanken, um dem muntern Treiben auf dem Verdeck zuzusehen, die Türken allein bleiben ernst und unbeweglich auf ihrem Platze sitzen, ohne sich einmal nach der bunten, rührigen Menge hinter ihnen umzusehen. Ein Türk wird eher fünfmal den Arm zum Kopfabschlagen, als fünfmal den Fuß zum Tanzen aufheben. Die Winde, des Meeres stürmische Buhlen, haben ihre Geliebte verlassen, die jetzt heitern Antlitzes mit der Sonne liebäugelt und uns geduldig weiter schaukelt auf ihrem wogenden, farbenbunten Schooße. Wir haben unsern Rückweg nach Kertsch angetreten und landen bei der Veste Ssuchum-Kalé . Ein ehrwürdiger Greis, in silberverziertem, blauen Gewande, und gefolgt von stattlicher Reiter-Eskorte, kommt auf uns zugeritten. Das ist Kazi-Morgana , der alte Abchasenfeldherr, früher der Prophet der Freiheit in den Gebirgen von Abchasien und einer der furchtbarsten Feinde der Russen; jetzt General in russischen Diensten. Während der General von Budberg mit seinem Gefolge nach Ssojuk-Ssu , der Residenz des Herrschers von Abchasien, reitet, um mit dem Fürsten Michail Scherwaschidsé Unterhandlungen zu pflegen, besuche ich in Gesellschaft der Damen die herrlichen Gartenanlagen von Ssuchum-Kalé, und finde, nachdem wir Alles besehen haben, noch Zeit, mit B. einen Ritt in die Umgegend zu machen, wo malerische Fels- und Bergpartien, eine üppige Vegetation, kurz Naturschönheiten jeder Art, das Auge entzücken. Unsere unermüdlichen Reitthiere tragen uns die steile Anhöhe hinauf, wo die Russen, der gesunden Lage wegen, eine Militairkolonie angelegt haben. In der Mitte der Kolonie steht ein alter, ehrwürdiger Nußbaum, der seiner Größe und seines riesigen Umfanges wegen an der ganzen Ostküste des Pontus berühmt ist. Unter den 370 Zweigen dieses Riesenbaumes kann ein ganzes Bataillon Soldaten kampiren. Wir kehren auf unser Schiff zurück; bald kommt auch der General mit seinem Gefolge nach, und wir steuern weiter nach der Festung von Bambor, der Residenz des trefflichen General X. Wir verweilen an jedem Orte nur gerade so lange, als nöthig ist, um das Geschütz, die Festungswerke, das Hospital, die Militairkolonie, die neuen Anlagen und Bauten zu besichtigen und die erforderlichen Anordnungen zu treffen. Während wir so Alles in Augenschein nehmen, hat der Kapitain unseres Schiffs schon wieder eine Anzahl Passagiere entlassen und andere dagegen aufgenommen. So bietet sich uns täglich die größte Abwechslung und Mannigfaltigkeit der Bilder dar. Bald wird das Auge erfreut durch den Anblick der großartigen Naturschönheiten, die uns umgeben, und bald wird es getrübt durch den Anblick eines Trupps unglücklicher, kranker Soldaten, die ihren dumpfen Hütten entrissen, aus einer ungesunden Gegend in eine gesundere geführt werden, um ihr freudenloses Dasein noch auf ein paar Jahr zu verlängern. Sie schwanken umher wie Schatten, und man weiß nicht was grauer und kahler aussieht, ob ihr bleifarbenes Gesicht oder der grobe Mantel, der ihre welken Glieder umhüllt. In allen Festungen, welche wir berühren – und es sind ihrer über zwanzig an der Ostküste des schwarzen Meeres – sehen wir uns vergebens unter den Soldaten nach einem frischen, muntern Gesichte um; die Gesichter der armen Menschen sind alle so faltig, so aschgrau wie die Säcke, in welchen ihr Kommißbrod steckt. – Doch was sage ich? Hier wird vor uns eine Kompagnie gemustert, lauter frische, lebenskräftige Burschen; auch nicht Einer darunter, auf welchen die obige Beschreibung paßte. 371 Ganz richtig! Das sind Soldaten, welche erst vor acht Tagen aus Rußland angekommen sind und noch einexerzirt werden müssen. Diese wackern Burschen haben noch keinen Sommer hier mitgemacht; nur ein halbes Jahr Geduld, und ihre Augen werden so matt und ihre Wangen so blaß sein, wie die ihrer Brüder. Aber ist denn dem Uebel gar nicht abzuhelfen? » Nebo wüssoko, Czar daloko! « (der Himmel ist hoch, der Kaiser ist weit). – Das ist die gewöhnliche Antwort des im Unglück lebenden Russen. Dem Uebel wäre nur abzuhelfen, könnte man mit einem Zauberworte Berge versetzen, Sümpfe austrocknen, böse Dünste verscheuchen und Segen und Gedeihen pflanzen, wo bisher nur Siechthum und Elend gewachsen. Und noch ein sichereres Mittel, als solches Zauberwort, wäre es: den ganzen Krieg aufzugeben! In einem Buche, das, wie dieses, keinen Anspruch auf politische Weisheit macht, kann man solche Aeußerung schon wagen, welche in einer Zeitung als unstaatsmännisch verurtheilt werden würde von den Königen der politischen Tagesfliegen. Weiß der Himmel, ich habe genug mit Staatsmännern zu thun gehabt im Leben, aber in Allen zusammen nicht soviel Weisheit gefunden, als in Einem Blick Deines Auges, Du meine Edlitam! Wie blühend, reich und belebt waren die Küsten des Pontus noch, als die Genueser hier ihre Ansiedlungen hatten! Aber von den Russen irgend Heil und Fortschritt in Kultur, Handel und Sitte für diese Länder zu erwarten, ist mehr als ein unstaatsmännischer Verstand, wie der meine, zu fassen vermag. 372 Doch hinweg mit diesen Betrachtungen, die unwillkürlich aus der Seele in die Feder springen! Suchen wir den Schatten, welchen wir dadurch aus unsere Erzählung geworfen, durch Anführung einiger der vielen heiteren Bilder, die uns auf unserer Fahrt ergötzten, zu verscheuchen. Wir landen in Sotscha, derselben Festung, in welcher Madame Pépin , tapfern Andenkens, ihre Sporen verdiente. Die Nachricht der Ankunft des kommandirenden Generals verbreitet sich immer gleich wie ein Lauffeuer unter den Bewohnern der Küste. Von allen Seiten kommen Häuptlinge und Gemeine zu Fuß und zu Pferde herangezogen; die Häuptlinge, um mit dem General zu unterhandeln, die Gemeinen, um das wunderbare Atesch-Gjemmi (wörtlich: Feuerschiff), welches ohne Segel und Ruder fährt, zu begaffen. Auch diesesmal hat sich eine staunende Menge am Ufer versammelt, und viele von ihnen bezeigen Lust, auf das Schiff zu steigen, werden jedoch von den Soldaten und Matrosen kurz zurückgewiesen. »Sollte der Anblick eines solchen Kriegsfahrzeuges,« fragte ich einen neben mir stehenden Offizier, »den Tscherkessen nicht die Ueberzeugung von der überlegenen Macht der Russen einflößen?« – »Nicht im Mindesten,« erwiederte der Gefragte. »Diese Leute haben, ihre Verhältnisse mit uns anbetreffend, weder Willen noch Gedanken; sie folgen ganz der Leitung und den Eingebungen ihrer Häuptlinge, von denen die meisten zu wiederholtenmalen in Konstantinopel gewesen, wo sie in dem schönsten Hafen der Welt Hunderte von Schiffen aller Nationen gesehen haben, welche sie natürlich sämmtlich als im Dienste des Sultans stehend betrachten, und im Vergleich mit welchen ihnen die wenigen von unsern Schiffen, die an ihrer Küste kreuzen, höchst unbedeutend erscheinen. So lange bei den Tscherkessen der Glaube an die Allmacht 373 des Sultans und an die von ihm zu erwartende Hülfe noch so fest wurzelt, wie bisher, wird an ihre vollkommene Unterwerfung nicht zu denken sein.« Kaum waren wir an's Land gestiegen, so drängten sich eine Menge Tscherkessen auf den General zu, ihn mit Bitten und Anliegen bestürmend. Der Eine suchte dabei dem Andern das Wort abzuschneiden, und es entwickelte sich wieder ein ohrenverwirrendes Schreien und Lärmen, welches durch unter den am Ufer stehenden Zuschauern ausgebrochene Zänkereien noch vermehrt wurde. – »Das giebt fast denselben Auftritt hier, wie neulich beim Scheibenschießen in Ardiller,« bemerkte, sich zu mir wendend, der oben erwähnte Offizier. – »Was gab es denn da?« fragte ich neugierig. »Bekanntlich sind die meisten unserer Soldaten sehr schlechte Schützen und dienen in dieser Beziehung den Tscherkessen zum Gespötte. Es wurden deshalb in letzterer Zeit in Ardiller, so wie in anderen Festungen, Schießübungen angeordnet. Vor einem kleinen Erdaufwurf auf dem großen Weideplatze, welcher sich westlich von genannter Festung hinzieht, war eine große Scheibe befestigt, auf welche die Soldaten aus angemessener Ferne feuerten. Die nahewohnenden Dschighethen, durch das fortwährende Geknall aufmerksam gemacht, kamen in großer Anzahl herbeigelaufen, um zu sehen, was das Schießen zu bedeuten habe. Lange konnten sie gar nicht darüber in's Reine kommen; sie sahen das Feuern, hörten die Kugeln pfeifen, aber ihre spähenden Blicke suchten vergebens nach dem Feinde, dem das tödtende Blei gelten konnte. Anfangs glaubten sie, hinter dem Erdaufwurfe säßen Leute versteckt, welche die Russen mit ihren Kugeln herauslocken wollten. Als aber das Schießen immer fortdauerte und sich doch Niemand rührte, kamen sie endlich auf die richtige 374 Vermuthung, die Kugeln seien lediglich auf die fernstehende Scheibe gemünzt. Nun erhob sich unter ihnen ein Kichern und Schreien, wie es nur das rauhe Organ der Tscherkessen hervorzubringen im Stande ist. Es wollte ihnen gar nicht einleuchten, was unsere Soldaten für eine tolle Wuth auf die große Scheibe Holz hätten, daß sie dieselbe von oben bis unten mit Kugeln durchbohrten. – Uebrigens hatte dieses räthselhafte Scheibenschießen wenigstens den günstigen Erfolg, die Tscherkessen glauben zu machen, wir müßten einen ungeheuren Vorrath von Pulver und Blei besitzen, da wir diesen kostbaren Kriegsbedarf so verschwenderisch an einem unschuldigen Stücke Holz vergeudeten.« Die vornehmsten der anwesenden Häuptlinge, Asslan-Béy , der Dschigheth, und Bersek-Béy , der Ubych, folgten dem General in die Gemächer der Festung, wo die Unterhandlungen sich über drei Stunden lang hinzogen. Das Langweiligste dabei für die russischen Unterhändler ist immer die weitschweifige Anrede der Tscherkessen, welche sich, ohne den zu verhandelnden Gegenstand zu berühren, erst eine oder ein paar Stunden lang um die gleichgültigsten Dinge dreht. Dann können auch die Tscherkessen die vorgeblich uneigennützigen und edlen Absichten durchaus nicht begreifen, welche die Russen bei ihrer Besitznahme der Länder des Kaukasus leiten. »Wenn es wahr ist,« folgern sie, »daß, wie Ihr sagt, Euer Land so groß ist und so reich an Korn, Früchten und edlen Metallen, wenn es wahr ist, daß Ihr in so prachtvollen Städten wohnt, die aus lauter Tempeln und Palästen bestehen, warum bleibt Ihr denn nicht in Eurem schönen, großen Lande, wo Ihr in Ueberfluß und Frieden leben könnt? warum kommt Ihr, um mit Gefahr Eures Lebens in unsern unwirthbaren Wäldern und Schluchten zu wohnen, wo Krankheit und Krieg jährlich Tausende von Euch hinraffen, und wo Ihr Nichts 375 von dem findet, was Eure prachtvollen Städte Euch bieten? Ihr sagt, daß Ihr gekommen seid, um uns glücklicher und weiser zu machen; wir können aber nicht glauben, Euer großer Padischah lasse jährlich so viele Tausende von Euch, seinen Freunden , hinschlachten, blos um uns, seine Feinde, glücklicher und weiser zu machen. Wahrlich, wir waren glücklicher, ehe wir Euch kennen lernten, und weiser sind wir durch Euch auch nicht geworden.« Das ist der Hauptgegenstand aller Unterhandlungen zwischen Rußland und den Bergvölkern. Nebengegenstände sind Klagen über die Unterdrückung des Handels, das Absperrungssystem und die dadurch erzeugte Hungersnoth \&c. Die Häuptlinge der Tscherkessen ergehen sich in ihren Reden gewöhnlich in blumigen und bilderreichen Ausdrücken, und ihre Antworten sind oft voll Schärfe und Witz. – »Ergebt Euch!« lautete einst General Rosen's Aufruf an Hamsad-Béy , den Vorgänger von Schamyl , »ergebt Euch! aller Widerstand ist vergeblich; die Heere, welche ich gegen Euch führe, sind zahllos wie der Sand am Meer!« – »Meine Heere aber,« entgegnete Hamsad-Béy , »sind wie die Wellen des Meeres, die den Sand hinwegspülen werden.« Eine ähnliche Antwort giebt Schamyl , der Prophet von Himri, als ihn der russische Oberbefehlshaber zur Unterwerfung auffordern läßt und ihm droht, im Fall der Weigerung seinen Sohn zu tödten, welcher sich in den Händen der Russen befindet. – »Tödtet meinen Sohn,« erwiedert Schamyl , »ich habe Weiber genug, einen andern zu zeugen.« – »Liegt Dir,« fragten die Russen, »das Schicksal Deines Sohnes so wenig am Herzen?« – »Weniger,« antwortete Schamyl , »als das Schicksal meines Volkes.« Während der General sich im Innern der Festung mit seinen kriegerischen Gästen unterhielt, gingen die übrigen 376 Häuptlinge, welche sich weniger durch Schmuck und Kleidung, als durch stolzere Haltung und Körpervorzüge von den Gemeinen unterschieden, in eifrigem Gespräch begriffen, unruhig auf und nieder. Es gewährt ein unbeschreibliches Vergnügen, diese kräftigen hohen Gestalten mit ihren blitzenden Augen, ihrem ausdrucksvollen Gesichte, ihrem stolzen Gange und ihren lebhaften und ungezwungenen Bewegungen zu sehen. Welch ein herrliches Volk müßte dies sein, wenn hier die Bildung des Geistes der des Körpers entspräche! In körperlicher Beziehung sind wir civilisirten Abendländer im Vergleich mit den Tscherkessen ein verkrüppeltes Geschlecht. Warum hat die Gegenwart kein einziges Volk aufzuweisen, bei dem Körper und Geist auf gleich hoher Stufe der Bildung stehen? * * * Als ich Abschied nahm von Gjül-Bassar , wollte mir der Rosenköpfige einen Geleitspruch mit auf den Weg geben. Wir hatten gerade kein Buch bei der Hand, und trieben bei dem Schiffsvolk eine alte russische Bibel auf. Gjül-Bassar nahm die Bibel, öffnete sie, und seine Hand fiel auf die Stelle, wo geschrieben steht: »Wie ein Knecht sich sehnet nach dem Schatten, und ein Tagelöhner, daß seine Arbeit aus sei, also hab' ich wohl ganze Monate vergeblich gearbeitet, und elender Nächte sind mir viele geworden.« Und es ward aus Abend und Morgen der tausend und erste Tag. Aber hat Euch der erste Theil meiner Pilgerfahrt gefallen, so erzähle ich Euch ein andermal den zweiten Theil und die Heimkehr.     Zweiter Band Fortsetzung und Schluß     Baron Karl Otto von der Malsburg zu Escheberg, Kurfürstlich Hessischer Kammerherr, Oberstlieutenant außer Dienst \&c. \&c. \&c.,   empfange diese Blätter als ein Zeichen dankbarer Erinnerung des ihm in unwandelbarer Freundschaft und Verehrung                   ergebenen                                           Verfassers.     Vorwort. Der Prolog des ersten Bandes von »Tausend und Ein Tag« gilt auch für den zweiten Band, welcher, obwohl ebenfalls für sich ein abgeschlossenes Ganze bildend, doch zugleich eine ergänzende Fortsetzung des ersten Bandes ist, und deshalb keiner besonderen Einleitung bedarf. Aber ich kann dieses neue Buch nicht in die Welt schicken, ohne meine dankbare Genugthuung auszudrücken über den freundlichen Empfang, welcher seinem anspruchslosen Vorgänger in der Presse wie im VI Publikum bereitet wurde. Daß selbst Männer wie Alexander von Humboldt, und die ersten jetzt lebenden Autoritäten in orientalischer Wissenschaft, wie Fleischer von Leipzig, Weil von Heidelberg, Petermann von Berlin, u. A., meinen Schilderungen aus dem Morgenlande ein lebhaftes Interesse schenkten und sich, theils in der Presse, theils im Privatverkehr, lobend darüber aussprachen, überstieg meine kühnsten Erwartungen und ermuthigte mich, mit Eifer auf dem eingeschlagenen Wege fortzuwandeln . . . Meine Intentionen bei der künstlerischen Gestaltung des Werkchens finde ich am treffendsten ausgedrückt in einer Recension des Preußischen Staatsanzeigers (No. 34. Februar 1850) wo es heißt: »Dasselbe ist weder ein Touristenbuch, noch ein streng wissenschaftliches Elaborat, noch eine Gedichtsammlung, sondern nur etwas von alledem, im Wesentlichen aber ein wirkliches Stück Morgenland .« VII Fortwährend durch ernstere Arbeiten in Anspruch genommen, konnte ich nur meine Feierstunden dem Niederschreiben dieser Erzählungen widmen, deren Entstehungsgeschichte sich an zwei der verhängnisvollsten Ereignisse der Neuzeit knüpft. Der erste Band entstand mitten unter den Wirren der Wiener Oktober-Revolution und der Blüthezeit des Fürsten Windischgrätz und ähnlicher Helden. Die Anfänge des zweiten Bandes datiren aus der Zeit und aus dem Lande, wo Hassenpflug mit seinen Genossen das Gewebe des Unglücks zu spinnen begann, welches jetzt das biedere Hessenvolk umfangen hält und in aller Wahrscheinlichkeit ganz Deutschland in einen verhängnißvollen Bürgerkrieg verstricken wird. Obgleich dieses Buch grundsätzlich mit Politik nichts zu thun hat, eben weil es zur Erholung von meinen politischen Arbeiten geschrieben wurde, so kann ich doch dem inneren Drange nicht widerstehen, den Gefühlen hier Worte zu leihen, VIII welche jetzt jedes deutsche Herz durchflammen – den Gefühlen der hohen Verehrung für das brave Hessenvolk, und des tiefen Abscheus gegen Hassenpflug und alle hohen und niedrigen Helfershelfer dieses Elenden. Geschrieben zu Berlin , den 15. November 1850.     Erstes Kapitel. Guria. Noch einmal – bevor wir unsere letzte Küstenfahrt antreten zu den kriegerischen Stämmen der Dshigeth und Schapßuch – führe ich Euch zurück in den Schatten der Wälder von Kolchis. Einen passenden Vergleich zur Veranschaulichung dieser majestätischen Pflanzenwelt wüßte ich nicht zu machen, denn weder vor- noch nachher habe ich eine ähnliche Größe, Fülle und Frische vegetabilischer Gestaltungen gesehen. Riesige Eichen, Buchen und Erlen rauschen heimathliche Erinnerungen in uns wach, wie grüne Moscheenkuppeln wölben sich über uns die großblättrigen Kastanienbäume, und wie Kirchthürme steigen die glänzenden Silberpappeln aus dem Waldheiligthume hervor. Der Kirschlorbeer, die Myrthe und förmliche Wände von Buchsbaum und Mispelgesträuch drängen sich bis dicht ans Meer. Bis zu den Gipfeln der höchsten Bäume klettert die wilde Rebe empor und läßt ihre Ranken lang herabhängen, wie losgerissene Maschen des grünen Netzes welches den ganzen Urwald umspannt. Lianen, 2 Hopfen, Epheu – kurz Schling- und Schmarotzerpflanzen aller Art, die Diplomaten des Waldes, kriechen von Baum zu Baum, von Zweig zu Zweig, den Boden seiner besten Kräfte beraubend, blos um Alles zu verwirren und zu umstricken. Weder die starke Eiche noch die mächtige Hagebuche, weder der ernste Lorbeer noch die keusche Myrthe kann sich den Umarmungen dieser üppigen Parasiten entwinden. Es herrscht hier ein wirres Durcheinander, ein gegenseitiges Drängen und Unterdrücken, ein nutzloses Vergeuden der edelsten Kräfte, daß, wie Naturforscher behaupten, viele Bäume schon vor der Zeit hinsterben, getödtet durch ihre schmarotzende Umgebung. Nur selten betritt eines Menschen Fuß das Innere dieser unwegsamen Waldungen, wo man am Tage nichts hört als das Zwitschern und Singen der Vögel, während zur Nachtzeit eine zahllose Menge von Schakalen ihr unheimliches Gewimmer erhebt. Die Natur ist hier zur Verschwenderin geworden, aber Keiner zieht Nutzen davon und nur Wenige haben Freude daran. Nirgends mehr als hier finden die sinnigen Verse Young's ihre Bestätigung, wo er von der Natur sagt: » In distant wilds, by human eye unseen, She rears her flowers and spreads her velvet green; Pure gurgling rills the lonely desert trace And waste their music on the savage race. « In fernen Wildnissen, ungesehen von den Augen der Menschen, zieht sie ihre Blumen und breitet über die Erde ihr sammetnes Grün; klare Bäche rieseln durch die Wüsteinsamkeit – ihr musikalisches Wellengemurmel verhallt unverstanden von den Bewohnern der Wildniß. 3 Lebendig gedachte ich oft inmitten dieser strotzenden Pflanzenwelt des fernen Nordens, wo man in verkrüppelten Exemplaren mühsam zieht, was hier, ungepflegt durch Menschenhand, in so übermüthiger Fülle gedeiht. Und doch preise ich glücklicher jene Länder, wo der Mensch im Schweiße seines Angesichts der Natur mühsam abringt, was ihm Nutzen und Freude bringt, als dieses kolchische Wunderland mit seinen immergrünen Hainen, wo keiner des Segens genießt den die Erde ihm bietet. Denn dieses Land ist, trotz seiner Naturwunder, eine Wüste – und die Menschen die hier hausen, sind, trotz ihrer Körperschöne, ein verkommenes Geschlecht. * * * Dort, wo die kolchische Vegetation sich in wildester Pracht und Fülle entfaltet, zwischen dem Rion und Tscholok , liegt Guria , ein mit allen Reizen der Natur geschmücktes Ländchen, dessen Bewohner seit Alters als der schönste Stamm kartwel'scher Race Zur kartwel'schen Race gehören: die Georgier. die Imerier. die Gurier. die Mingrelier. die Suanen (Suaneten). Alle diese Völker sind Zweige Eines Stammes und bildeten einst, nebst vielen andern, einen großen Staatskörper, dessen Haupt Georgien war. Ebenso sind die Sprachen, die sie reden, Töchter einer Mutter, der georgischen Sprache, deren Herrschaft sich während der kurzen Blüthezeit Georgiens vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meere, vom Terek bis zum Araxes erstreckte. Die Unterschiede, welche sich im Laufe der Jahrhunderte unter den Völkern kartwel'scher Race in Sprache, Physiognomie und Sitte erzeugt haben, sind das natürliche Resultat ihrer geographischen Lage, so wie des Einflusses, welchen sie bei ihrer steten Berührung mit den kriegerischen Nachbarvölkern ausgesetzt waren. S. darüber: Bodenstedt, die Völker des Kaukasus. (Frankfurt a. M.) p. 43 . gelten. Die Geschichte dieses Ländchens knüpft sich nur an die Namen der fremden Eroberer, denen es, soweit unsere Kunde zurückreicht, immer unterworfen gewesen. Daher konnte die Bevölkerung, trotz der glücklichsten Naturanlagen, nie zu einer selbstständigen Kraftentwickelung kommen. Denn wo die politische Selbstständigkeit und die Sicherheit des Eigenthums fehlt, ist Kultur und Wohlstand unmöglich. Die jetzt unter Türken und Russen getheilte Ländermasse, welcher Gurien ursprünglich angehört, war im grauen Alterthume bekannt unter dem Namen Aethiopia, wurde später nach der dort herrschenden Priesterkaste Kolchis und zuletzt nach dem lasischen Volksstamme Lazia oder Lazica genannt. »Das älteste Griechenland und die ältesten griechischen (ich sage nicht hellenischen) Städte sind nicht im Peloponnes, nicht in Attica oder Doris, sondern in den Thälern des Kaukasus zu suchen, so wie man dort auch die Namen Aethiopia, Europa, Libya und die meisten Benennungen der Flüsse und Landstrecken des nachherigen europäischen Griechenlands zuerst entdecken kann. (Kanngießer, Alterthumswissenschaft T. II. p. 161. ff. ). Hier war Trapezus am Meeresufer eine der frühesten Anlagen des alten pelasgischen Griechenvolks, und Eugenicus der Byzantiner und Bessarion der Trapezuntier sagen eine große Wahrheit, wenn sie dieselbe die älteste und berühmteste Stadt des Orients (im Sinne der Griechen) nennen. Den Zeitpunkt ihrer ersten Gründung chronologisch zu bestimmen, ist eine Unmöglichkeit. Er fällt weit über den Kreis der urkundlich bekannten Geschichte in das Gebiet der Sagenwelt hinüber, wo Sumpf und Finsterwald die Oberfläche des öden, von Wilden kümmerlich bewohnten Europa bedeckte, und die Thäler des kaukasischen Isthmus der westlichste Kulturpunkt des menschlichen Geschlechtes, der Occident desselben heißen konnten, dessen kleine Staaten in der Folge den Ueberfluß ihrer Bevölkerung in die leeren und unbekannten Gegenden abendwärts entluden. Daß diese Einwanderer häufig mit ihren Sitten zugleich die Benennung von Stadt, Fluß, Gebirg und Gegend aus der verlassenen Heimath in die neuen Wohnsitze übertrugen, liegt schon in der Natur einer Uebersiedlung in fremde Erdstriche, und wird auch dadurch noch beurkundet, daß man Städte- und Ländernamen, die ursprünglich am Kaukasus erscheinen, längs der ganzen Bergkette vom Schwarzen Meere bis zur Südspitze des Peloponnesus auf der einen, und bis zu den Säulen des Herkules auf der andern Seite wiederfinden kann.« Fallmerayer, Geschichte des Kaiserthums von Trapezunt. (München 1827.) p. 3 . 4 Lange Zeit wahrten die Herrscher des Landes, welche, zu ohnmächtig Guria vor fremden Einfällen zu schützen, nur dazu dienten das Volk mit aussaugen zu helfen, eine gewisse Schein-Souverainität, bis im Jahre 1810 der letzte Guriel , Mamia , nothgedrungen sich den Russen unterwarf. Seine ehrgeizige Gemahlin Sophie machte später einige fruchtlose Versuche, mit Hülfe der Türken wieder in den unabhängigen Besitz ihres Ländchens zu gelangen. Diese Bestrebungen dienten jedoch nur dazu die russische Herrschaft zu befestigen. Durch den für die Türken so unglücklichen Ausgang des Krieges zwischen Rußland und der Pforte wurde Guria dauernd dem Zaren unterworfen. Das ganze Land zählt, auf einem Flächen-Inhalte von 1800 □Werst nur 18,000 männliche Einwohner; die Gesammtzahl seiner Bevölkerung (d. h. Frauen und Kinder eingerechnet, welche bei den russischen Zählungen bekanntlich nicht mitbegriffen werden), würde also die Einwohnerzahl einer Stadt wie Braunschweig nicht übersteigen. Die im Lande zerstreuten Ruinen aus der Perser- und Römerzeit bieten den Archäologen mannichfaltigen Stoff zu interessanten Forschungen, welche jedoch, bei längerm Aufenthalte immer mit Lebensgefahr verbunden sind, da in keinem Theile des Kaukasus tödliche Fieber und Leberkrankheiten in solcher Furchtbarkeit hausen wie hier. Der treffliche Dubois de Montpéreux hat das Verdienst, den ausführlichsten Bericht über die Alterthümer von Guria gegeben zu haben. Dieser, von allen Ausländern den Russen am meisten freundlich gesinnte Reisende, kann sich doch 5 nicht enthalten, der Regierung bittere Vorwürfe darüber zu machen, daß sie hier alljährlich so viele Menschen den klimatischen Zerstörungen zum Opfer bringt. »Nie, sagt Dubois , indem er von der Besatzung von Poti spricht – hatte eine Garnison ein so höllenmäßiges Klima zu bekämpfen. Die Soldaten, in das feuchte Delta zwischen dem Rion und dem stagnirenden See Paleastom eingeschlossen, in der Nähe des verpesteten Kanals Nadorta , und der noch mehr verpesteten Wälder, die sich zwischen dem Meere und dem See ausbreiten, auf allen Seiten von den stehenden Morästen der Nabada und Pitschora-Moltawska , umringt, durch eine fiebererzeugende, verdorbene Luft, von welcher Seite der Wind immer wehete, angesteckt, fielen wie die Blätter, welche der Winterwind mit sich fortweht. Typhische Fieber rissen mit erschreckender Schnelligkeit große Lücken in die Reihen dieser unglücklichen Menschen. Trotzdem hat man den Muth gehabt, eine Kompagnie verheiratheter Soldaten als Kolonie gerade längs des aus dem See Paleastom kommenden Kanals anzusiedeln – längs jenes Kanals, dessen Wasser so faul und stinkend ist, daß Alles, was sich in ihm befindet, Fische wie Krebse, darin sterben und die Ufer bedecken. Ich werde nie den Eindruck vergessen, den jene Militairkolonie auf mich hervorbrachte, als ich um die Mitte Oktober durch dieselbe kam. Ich und mein Diener wendeten die Augen hinweg, um jene Grabgestalten, jene blassen, bleichen Weiber und Kinder nicht zu sehen, so sehr preßte uns dieser Anblick das Herz zusammen« . . . Mein Aufenthalt in Guria war von sehr kurzer Dauer, aber nach Allem was ich von den Zerstörungen des Klima's gesehen und gehört habe, kann ich Dubois' Bericht nur bestätigen, der eben so gut auf die übrigen Ortschaften des Landes paßte. In Osurgethi , dem Hauptorte und Sitz der 6 Verwaltung von Guria, wo der Naturforscher Ssowitsch sich die Keime zu seinem frühen Tode holte, lag ich selbst am Gallenfieber danieder . . . Wenn der Kaiser von Rußland eine gleiche Anzahl von Menschen, wie alljährlich durch den nutzlosen Krieg in den Schluchten des Kaukasus ihren Tod finden, dazu verwenden wollte, diese Sümpfe und Moräste zu entwässern, diese Wälder zu lichten und die überall hier verborgenen Naturschätze auszubeuten, so könnten in wenigen Jahren diese Küstenländer in ein Paradies ungewandelt und die Bewohner dem Moskowiterlande enger und dauernder verbündet werden, als das Schwert und die rohe Gewalt es je zu erzwingen vermögen. Den größten Theil meines Aufenthalts in Osurgethi verbrachte ich im Verkehr mit einem seit 13 Jahren in der Verbannung lebenden Polen, den das Schicksal, in der Gestalt eines russischen Obersten, damals auf kurze Zeit in Dienstangelegenheiten nach Guria geführt hatte. Unsere Unterhaltung drehete sich hauptsächlich um die russischen Zustände, und L. wußte mir aus seiner reichen Erfahrung eine Menge Züge zu erzählen, die mir manche neue Aufschlüsse über das riesige Land gaben, das ich selbst vor Jahren von einem Ende bis zum andern durchstreift hatte. Ich machte bei meinem neuen polnischen Bekannten wiederholt eine Bemerkung, die sich mir schon häufig in früherem Verkehr mit seinen Landsleuten aufgedrungen hatte: daß die Polen, selbst solche, die in Rußland nichts als Unglück und Elend gefunden hatten, immer mit einer gewissen Sympathie und Anerkennung von der Masse des russischen Volkes sprachen, während die Ausdrücke ihres Hasses und ihrer Rache nur dem Kaiser und seinen Rathgebern galten. 7 Und als meine feste Ueberzeugung muß ich es aussprechen – eine Ueberzeugung die sich auf langjährige Beobachtungen gründet – daß, wenn es einmal zum Kampfe zwischen Rußland und Deutschland kommen sollte, die Polen, selbst bei voller Freiheit der Wahl, unbedingt mit Rußland und gegen Deutschland kämpfen würden . . . . 8   Zweites Kapitel. Eine linguistische Abschweifung. Wie die Mitglieder des berüchtigten Prager Slavenkongresses (1848) nach vielen vergeblichen Versuchen, ein slavisches Medium der Verständigung zu finden, zuletzt sich genöthigt sahen, ihre Zuflucht zur deutschen Sprache zu nehmen, der Sprache desselben Volkes, dessen geistiger Ueberlegenheit jenes mittelalterliche Fastnachtsturnier gelten sollte, – so unterhielten wir (der Pole und ich) uns in der russischen Sprache, der Sprache desselben Volkes, dem unsere kritischen Bemerkungen galten. L. hatte während seiner langen Verbannung das Deutsche und Französische so ziemlich vergessen, und die Sprache seiner Erbfeinde war ihm zur geläufigsten Sprache geworden; ich meinerseits benutzte gern die Gelegenheit, das Russische, dessen Erlernung mir so viel Mühe gemacht, einmal wieder zu üben. Je länger ich in fremden Ländern gelebt, desto tiefer habe ich einsehen gelernt, daß die Eigenthümlichkeiten der Sprache überall mit den Eigenthümlichkeiten des Volkscharakters im genauesten Zusammenhange stehen, und daß die Kenntniß des 9 Einen ohne die Kenntniß des Andern immer mangelhaft bleibt. Ein gründlicher Nachweis dieser Behauptung würde ein Buch für sich in Anspruch nehmen; für diese kleinen Erzählungen, welche mehr anregend als erschöpfend sein sollen, mögen wenige Beispiele genügen. Trotz seiner oft übertriebenen Höflichkeit hat der Franzose, und trotz seines aristokratischen Hanges hat der Engländer meist nur eine gemeinsame Bezeichnung für jedes der verschiedenen Bedürfnisse des menschlichen Körpers, während die unterthänige Ausdrucksweise des Deutschen – und noch mehr die des Russen – genau unterscheidet zwischen Herrn und Diener, zwischen vornehm und gering. Es würde z. B. einem russischen Kammerdiener als ein arger Verstoß angerechnet werden, wenn er sagte: »mein Herr schläft «; er bedient sich dafür des Wortes » potschiwatj «, welches ungefähr unserm deutschen »ruhen« entspricht. In ähnlicher Weise wird das Essen , Trinken u. s. w. als zu gemein für vornehme Leute, bildlich umgangen. Für die genaue Bezeichnung dieser russischen Ausdrücke fehlen bei uns die entsprechenden Wörter, doch ist der Kontrast nicht weniger schroff als im Russischen, wenn man bei uns sagt: der Diener ißt – der Herr speisen; der Diener schläft – der Herr schlafen  \&c. – Einer andern sprachlichen Unsitte, welche Russen und Deutschen ausschließlich gemein ist, sei hier tadelnd Erwähnung gethan. Ich meine die nicht genug zu rügende Unsitte des unnützen Gebrauchs von Fremdwörtern. Bekanntlich pflegen gerade diejenigen Leute, welche am wenigsten von fremden Sprachen verstehen, ihre eigene Sprache am meisten durch Fremdwörter zu verunstalten. In Bezug 10 auf Deutschland genügt die kurze Andeutung zu allgemeiner Verständlichkeit; in Bezug auf Rußland hingegen dürfte die Anführung einiger Beispiele eben so neu wie unterhaltend sein. Ich traute oft meinen Ohren nicht, wenn ich an den Ufern des Don oder der Wolga, im Gespräche mit Leuten, welche eine Mittelstellung einnehmen zwischen dem Salon des Bojaren und der Isba (Hütte) der Leibeigenen, bald deutsche, bald französische Wörter hörte, die sich in russischer Vermummung eben so seltsam ausnehmen, wie ein Sandalenbekleideter russischer Bauer im Frack. Früschtikatj : frühstücken; – wojashirowatj : reisen ( voyager ); – marschirowatj : marschiren; – buntowatsse : sich verbünden, u. s. f. Nun denke man sich diese Wörter in russischer Weise konjugirt! wie z. B. Ja budu früschtikatj : ich werde frühstücken; – ja wojashirowall : ich bin gereist . . . . . Diese und ähnliche Ausdrücke klingen für gebildete Ohren im Russischen eben so komisch, als wenn man bei uns von »recherchirten Expressionen, – »malheureusen Evenements,« – » espèce von Dings da« und dergleichen spricht. Ein Anderes ist es mit solchen Wörtern, welche dadurch das Bürgerrecht erlangt haben, daß sie mit den Gegenständen selbst eingewandert sind, – oder mit solchen, für welche sich kein entsprechender Ausdruck im Russischen findet. So hat z. B. gegen Wörter wie: Exercirgaus : Exercirhaus; – Schlachba-um (Schlagbaum); – ssablja : Säbel; – Kruschtall : Krystall; wohl der verstockteste Russe nichts einzuwenden. In der Kosakensprache kann man aus den Volksliedern und Annalen chronologisch nachweisen, wann gewisse Fremdwörter ihren Weg über Polen in die Ukraine gefunden haben. 11 Während die Großrussen, oder Moskowiter, das ihrer Sprache fehlende »h« regelmäßig in ein »g« umwandeln ( gaus : Haus), geht bei den Kleinrussen, oder Ukrainern, unser »w« immer in ein »m« über. So ist z. B. aus dem deutschen Worte »wandern« das ukrainische mandrowati geworden. Andere Wörter finden sich fast ganz unverändert wieder, wie: spiss : Spieß; – papir : Papier; – rjatowati : retten; u. s. f. Veranlassung zu dieser linguistischen Abschweifung gab die erste Frage, welche der Pole an mich richtete: »Wo haben Sie russisch gelernt?« Ich warf damals in mein Tagebuch eine Bemerkung, welche ich schon früher in Rußland häufig gemacht hatte, über die eigenthümliche Weise, in welcher der Russe das »lernen« ausdrückt. Er hat dafür das Wort wuyutschitj – welches buchstäblich übersetzt »auslernen« (vollständig lernen) bedeutet. Der Vater läßt seine Kinder englisch, französisch, deutsch u. s. f. auslernen ; der Gymnasiast, der Seminarist lernt Geschichte, Theologie, Philosophie u. s. w. aus. Dieser eigenthümliche Ausdruck steht weder zufällig noch vereinzelt da, er entspricht einer eben so eigenthümlichen russischen Anschauungsweise von der Wissenschaft. Ein mir früher in Moskau befreundeter russischer Fürst und Senator wußte gar nicht, was er sagen sollte, als er erfuhr, daß ich immer noch Geschichte studirte; auch seine Gemahlin konnte sich nicht darüber zufrieden geben. Wozu lernt man Geschichte, als um sein Examen zu machen? Das hatten die Kinder des Fürsten bis zum sechszehnten Jahre abgemacht, und somit war die Geschichte wie alles Uebrige »ausgelernt«. Was aber denken von einem ernsten Manne, der über das erste Vierteljahrhundert seines Lebens hinaus ist und immer noch Geschichte studirt! 12 Hiernach begreift sich's, warum das russische Wort nakasanije zugleich Strafe und Unterricht bedeutet. Ein hochwohlgeborner junger Russe macht seine Unterrichts - oder Strafzeit ab, nicht um etwas zu lernen, sondern um die erste Sprosse zu erklimmen auf der Leiter staatlicher Ehren. Aus dem Fegfeuer der Schule gelangt er in das Paradies des »Regierens«. – Solche und ähnliche zwischen dem Verbannten und mir gewechselte Bemerkungen hatten dem Gespräche eine heitere Wendung gegeben und uns Beide in gute Laune versetzt. »Weiß der Himmel – sagte der Pole – wie es zugeht, daß ich jetzt lachen kann über einen Vorfall, der zu den unglücklichsten Ereignissen meines Lebens gehört und meinem früher schon hinlänglich schlimmen Geschicke eine noch schlimmere Wendung gab. »Sie wissen, daß ich nach eilfjährigem gemeinen Soldatendienst, durch Vermittelung des Oberst G. als Lehrer an der Kantonnistenschule zu E. angestellt wurde. »Bot diese Thätigkeit mir auch sonst wenig Erfreuliches, so wirkte sie doch vortheilhaft auf meine Gesundheit ein, denn der Umgang mit der Jugend hat immer etwas Erfrischendes. Nach und nach gewann ich meine Stellung ganz lieb. Doch es stand im Buche des Schicksals geschrieben, daß ich nirgend eine bleibende Stätte finden sollte. »Kurz nachdem General S. als Chef des Unterrichtswesens für die transkaukasischen Länder nach Tiflis geschickt wurde, besuchte er, auf seiner ersten Inspektionsreise auch meine Schule, und aus der hochfahrenden Weise, in welcher er mich und meine Jungens anschnauzte, merkte ich bald, daß sein Besuch nichts Angenehmes zur Folge haben werde. »Ich hatte schon zuviel Schlimmes im Leben erfahren, 13 um über das barsche Auftreten des Generals übermäßig betroffen zu sein, selbst die Grimassen, welche er beim Hören meines polnischen Namens schnitt, brachten mich nicht sehr aus der Fassung. »Trotzdem wurde er bei jedem Worte ärgerlicher und barscher, nach der alten Regel, daß Hitzköpfe immer toller aufbrausen, je mehr Ruhe man ihnen entgegenstellt, und daß der tölpelhafte Hochmuth eines Menschen immer auf gleicher Stufe steht mit seiner Unwissenheit. – »»Nun, was lernen denn die Jungens bei Ihnen?«« begann der Stellvertreter des »Ministers der Volksaufklärung« sein Examen, nachdem er mit wahrhaft bissigem Gesichte bemerkt hatte, daß es an der Kleidung der Schüler und der Einrichtung der Schulstube nichts zu tadeln gab. »Ich gab auf diese altherkömmliche Frage die altherkömmliche Antwort; er ließ mich jedoch nicht aussprechen, sondern fiel mit wichtiger Miene ein: – »»Russisch ist die Hauptsache! Darauf muß vor Allem gesehen werden! Bringt mir einem Jungen ordentlich russisch bei, dann lernt sich alles Uebrige von selbst!«« – »Ich durfte dem natürlich nicht widersprechen, und entgegnete, daß ich es an nichts fehlen ließe, um den Jungens ordentlich russisch beizubringen . . . . . – »»Das wollen wir sehen!«« – rief der General – »»zeigen Sie mir einmal Ihren besten Schüler!«« – »Ich that wie mir geheißen; aber leider war mein bester Schüler kein Russe, sondern ein Armenier, Namens Akimijan.« »Dieser zufällige Umstand gab dem General einen erwünschten Anlaß, sich in eine Flut von Schimpfwörtern darüber zu ergießen, daß ich die Russen zurücksetze und die Vertreter der unterworfenen Völkerschaften bevorzuge. 14 »Sie können leicht denken, daß das Benehmen des stellvertretenden »Ministers der Volksaufklärung« eben nicht ermuthigend auf die armen Schüler einwirkte. »Zitternd und schüchtern trat Akimijan vor. – »»Nun, lassen Sie ihn einmal was an die Tafel schreiben!«« – herrschte mich Se. Excellenz an. »Akimijan nahm auf mein Zureden die Kreide und schrieb: »Das Auge ist ein Glied des menschlichen Körpers.« – »Der Satz war richtig geschrieben; es ließ sich nichts dagegen einwenden. – »»Na, nun machen Sie weiter!«« – bedeutete mich Se. Excellenz. »Was ist oko (das Auge) für ein Wort?« fragte ich den Schüler. – »Ein Hauptwort!« – schluchzte der arme Junge. »Richtig, mein Sohn! sei nicht so furchtsam! Se. Excellenz (zu russisch: Jewo Wuyssokoprewosschoditelstwo ) thun Dir nichts zu Leide. Nun sage mir: welchen Geschlechtes ist oko ?« – – »Sächlichen Geschlechtes!»– »Ganz richtig! nun . . . . . – »»Was? ganz richtig? Sächlichen Geschlechtes? Sslawnuij schtuk! Schöne Geschichten!«« unterbrach uns heftig der General. »»Was bringen Sie den Jungen da für Unsinn bei? Das Auge sächlichen Geschlechtes? . . . . Hab' ich nicht so gut Augen wie meine Frau? Ist das Auge nicht so gut männlich wie weiblich? Woher ist das Auge sächlichen Geschlechts?«« – Die Augen des stellvertretenden »Ministers der Volksaufklärung« verfinsterten sich auf die bedenklichste Weise, und es 15 ergoß sich über mich wieder eine Flut von Schimpfwörtern, wie sie nur dem Munde eines Russen dieses Schlages entströmen kann. »Das Ende der Geschichte war, daß ich von der Schulstube aus wieder in Reih' und Glied treten mußte. Es wurde auf das Unumstößlichste nachgewiesen, daß ich die Köpfe der jungen Leute verwirre und zu nichts anderem als zum Felddienst zu gebrauchen sei.« Der deutsche Erzähler muß hier ergänzend hinzufügen, daß russische Generäle und Volksaufklärer dieser Art allerdings noch vorhanden sind, daß ihre Zahl aber sich von Tage zu Tage vermindert. Unter den russischen Linienoffizieren, niederen und mittleren Ranges, ist freilich im Durchschnitt Bildung eben so selten wie Redlichkeit unter den Beamten; die große Mehrzahl der russischen Stabsoffiziere hingegen steht weder in Bildung noch in geselligen Formen den Stabsoffizieren anderer Länder nach. 16   Drittes Kapitel. Ein Pferd und zwei Jungfrauen. Die Zeiten sind vorüber, wo Kolchis alljährlich seinen Tribut von schönen Jungfrauen in das Harem des Padischah der Gläubigen schickte, und so lange der Russenkaiser die Krone von Georgien unter den hundert Kronen seines Reiches wahrt, werden jene Zeiten auch nicht wiederkehren, so sehr die Sunniten auch jammern mögen, daß ihrem Sultan das schönste, altherkömmliche Liebesopfer des Beiram , die Dur Gjirdshistanen (die Perle von Georgia) fehlt. Aber heimlich werden aus den östlichen Küstenländern, und vorzugsweise aus Guria, noch immer eine Menge hübscher Mädchen nach Anatolien hinübergeschafft, wo sie auf dem 17 Markte von Trapezunt entweder gleich Liebhaber und Käufer, oder doch sichere Gelegenheit zum Weiterkommen nach Stambul finden, dem höchsten und letzten Ziel ihrer Wünsche. Von Poti oder St. Nikolaus (den nächstgelegenen Küstenplätzen ) bis Trapezunt ist nur ein kleiner Sprung für ruderkundige Schiffer; eine einzige Nacht genügt, um auf den leichten, schnabelförmig zugespitzten Kajiks der griechischen Küstenfahrer, oder selbst auf kleinen Kosakenbarkassen die kurze Meeresstrecke zu durchschneiden. Und an schmucken Mädchen, welche sich bereit finden zu der abenteuerlichen Fahrt, fehlt es nie. * * * Mein Gastfreund in Osurgethi hatte zwei Töchter, wovon die ältere Nino , und die zweite, wenn ich nicht irre, Thamar hieß. Beide waren, obwohl in Gehalt und Gestalt wesentlich verschieden, ein paar so anmuthig gebaute Wesen, daß sie an Schönheit wetteifern konnten mit den herrlichsten Töchtern der Adighe. Nino , eine hochgewachsene, schlanke Cypressengestalt, fein von Händen und Füßen, klein von Mund und Ohren, und mit einem dunklen Haarwuchs geschmückt, üppig und lang genug um ein Dutzend unerfahrener Männer auf Einmal darin zu verstricken. Es war ein Weib, geboren zum Herrschen. In den großen, schwarzen Augen, den feinen, enganliegenden Lippen und der leise gebogenen, kühn gezeichneten Nase lag ein entschieden männlicher Ausdruck. In Weibern dieser Art spielt die Liebe immer nur eine untergeordnete Rolle. Thamar , die jüngere Schwester, hatte nicht so bestimmt schöne Formen wie Nino ; sie war kleiner, voller von Gestalt 18 und weniger regelmäßig in ihren Zügen, aber unendlich liebreizender und weiblicher in ihrem ganzen Wesen. Für den etwas zu großen Mund entschädigten die rosigen Lippen und die kerngesunden, schneeweißen Zähne mit ihrem weichen Schmelz. Die Farbe des Gesichts, des vollen Halses und Nackens war von durchsichtiger Reinheit. Sie hatte, was man so selten vereint findet, himmelblaue Augen mit langen, dunkelseidenen Wimpern, und ein glänzendes, schwarzes Haar. Ich befand mich, diesen beiden schönen Wesen gegenüber, gerade in der richtigen Lage eines unparteiischen Beurtheilers. Mein Herz war anderweitig in Beschlag genommen, und mein sterbliches Theil dermaßen vom Gallenfieber geplagt, daß ich für nichts weniger Sinn hatte, als für verliebte Abenteuer. Dazu kam noch, daß es mit meiner Baarschaft zu Ende ging, und ich vor Allem daran denken mußte, baldmöglichst nach Odessa zu gelangen, um bei Herrn Konsul Bellino einen Wechsel in Gold zu verwandeln; denn die ganzen Wälder von Kolchis entlang hätte mir kein Mensch für einen Wechsel von zweihundert Dukaten auch nur zweihundert Kopeken gegeben. Und eine Geldverlegenheit in uncivilisirten Ländern eines fremden Welttheils gehört nicht zu den geringsten Verlegenheiten des Lebens. Trotzdem hatte ich große Freude an den Töchtern meines Gastfreundes, denn hübsche Mädchen, wie ein reiner Himmel und duftige Blumen, üben allewege auf Leidende wie Gesunde einen heilsamen Zauber aus. Und hier möge eine Bemerkung eingeschaltet werden, die sich mir oft aufgedrängt hat in den Ländern des Südens, daß man dort selbst bei den Töchtern der ärmsten und niedrigsten Volksklassen niemals jene unbeholfene und eckige 19 Steifheit der Bewegungen findet, wie bei uns. Setzt der geringsten Töchter dieser Länder eine auf einen Königsthron, und sie wird in Haltung und Geberde die Königin nicht verläugnen. Ich hatte Giorgi beauftragt, einen Käufer für mein Reitpferd zu suchen, ein prächtiges Thier, welches mir Fürst Andronikow geschenkt hatte. Es kam mir schwer an, von dem treuen Thiere zu scheiden, das ich lieber als Andenken mit nach Europa genommen hätte, wenn der Transport nicht mit unüberwindlichen Schwierigkeiten verknüpft gewesen wäre. Regelmäßige Kommunikation war damals noch nicht auf dem Schwarzen Meere; im glücklichsten Falle hätte ich das Pferd auf einem russischen Kriegsboote nach der Krimm schaffen können, und von dort über Odessa nach Konstantinopel. Aber so gern ich alle damit verbundenen Unkosten getragen hätte, bei der Gewißheit, daß das Roß wohlbehalten den Ort seiner Bestimmung erreichte, so wenig konnte ich mich unter den vorwaltenden Umständen dazu entschließen. Einerseits war es sehr zweifelhaft, ob sich ein Kriegsboot zum Transport des Pferdes bereit gefunden hätte, und andererseits noch zweifelhafter, ob das Pferd die Reise ohne Gefahr machen konnte. Denn die russischen Kriegsboote kreuzen auf dem Schwarzen Meere nicht zu ihrem Vergnügen, sondern um Jagd auf die türkischen Sklavenschiffe zu machen, welche Tscherkessenmädchen nach Stambul führen. So hielt ich es, Alles in Betracht gezogen, für das Klügste, das Pferd in Guria zu verkaufen, obwohl ich vorher wußte, daß in diesem armen Lande kein hoher Preis dafür zu erzielen sein werde. 20 Gleich am Abend desselben Tages, an welchem ich Giorgi beauftragt hatte, sich nach einem Käufer umzusehen, kam der verschmitzte Armenier zu mir in's Zimmer, wo ich eben in Nachdenken versunken auf meinem Teppich lag, und sagte: »Aga, ich habe meinen Mann gefunden, und Insch Allah! so Gott will! werden Sie mit dem Kaufpreise zufrieden sein.« »Wer ist der Käufer?« fragte ich. – Unser Kunak (Gastfreund) – antwortete Giorgi . » Dolu! « (dummer Kerl!) rief ich und fuhr ärgerlich mit der Hand über die Stirne, denn einen unangenehmern Käufer als unsern Gastfreund hätte Giorgi mir nicht bringen können Nach asiatischem Brauche mußte ich ihm das Pferd entweder ganz schenken, oder es ihm wenigstens für ein Spottgeld überlassen. Giorgi suchte mich zu besänftigen. Er habe ja an nichts weniger gedacht, als gegen meinen Vortheil zu handeln. In diesem Lande, wo die Leute selbst so wenig zu verschenken hätten und Fremde eben so selten wären wie Geld, seien sie auch nicht eben verwöhnt mit Geschenken und man brauche es hier mit dem alten » Bu begjanerem « (dieses gefällt mir) und » Alssen « (so nimm es!) so genau nicht zu nehmen. »Was will der Kunak denn geben für das Pferd?« unterbrach ich Giorgi . »Sein Gesicht verzog sich zu einem triumphirenden Lächeln und mich mit schlauen Blicken fixirend, antwortete er: » Nino! « »Kerl! bist Du des Teufels?« entgegnete ich heftig. Er ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen. Mit immer sieggewisserm Ausdruck im Gesichte fuhr er fort: »Glauben Sie denn, ich hätte gleich zugeschlagen, Aga? 21 Bin ich ein Kaswiner Kaswin spielt in Persien etwa dieselbe Rolle wie Schoppenstedt oder Krähwinkel bei uns. Die obige Anspielung Giorgi's bezieht sich auf folgende Kaswiniade. Man erzählt sich von der Stadt Kaswin, Daß sie voll von lauter Thoren wäre, Daß voll Thorheit schon von Anbeginn Jeder, der daselbst geboren wäre. Ueber den Bazar der Stadt einst lief Ein Kaswiner frohen Angesichts, Pries die Gnade Allah's laut und rief Daß sein Esel ihm verloren wäre, Ohne daß er je das Thier beschritten! – Warum dankst du Gott – fragt ihn ein Andrer – Daß Du auf dem Grauthier nie geritten, Als ob's nicht zum Ritt erkoren wäre? Weil – entgegnete der schlaue Mann – Hätt' ich auf dem Esel mich befunden Als er sich verloren, ich alsdann Sicher selber mit verloren wäre! , der seinen Esel verliert und Gott dankt, daß er nicht selbst mit verloren gegangen. Hamdn lillah! Lob sei Gott! das bin ich nicht! Ich habe gesagt zum Kunak: Freund! hab ich gesagt. für wen hältst Du meinen Herrn, daß Du glaubst, er werde dieses Pferd weggeben für Nino? Wenn mein Herr sein Pferd verkauft, so muß er mindestens beide Mädchen dafür haben, Nino und Thamar! Wohlgemerkt, Aga, mindestens beide Mädchen! Er hat noch nicht zugeschlagen, aber ich will kein Adam (Mensch) bleiben, ich will ein Grauthier werden, wenn Sie nicht beide Mädchen bekommen für dieses Roß. Was sagen Sie nun, Aga? – setzte Giorgi schmunzelnd hinzu. 22 Ich unterlasse es, die Gefühle zu schildern, welche der Antrag des schnurrigen Kauzes in mir hervorrief. Der Versuch zu einer solchen Schilderung würde doch ein sehr buntscheckiger und unvollkommener werden. Ein Reisender, der seine Erstlingsstudien der Menschen- und Völkerkunde in Rußland gemacht, wo das Schicksal vieler Millionen Menschen verschiedenster Race, Sitte und Bildung von dem Willen eines Einzigen abhängt, und der weiße Sklavenhandel nicht zu den schlimmsten Vorkommnissen des Tages gehört, findet es natürlich weniger überraschend, als es der Mehrzahl der freundlichen Leser erscheinen wird, einen Vater seine zwei eigenen Töchter als Kaufpreis für ein Pferd darbieten zu sehen. Statt hier mit schönen Gefühlen zu kokettiren, will ich Euch lieber die Ursachen solch trauriger Erscheinungen zu erklären suchen. Seit Jahrhunderten lebten die Völker kartwel'scher Race – wozu auch die Gurier gehören – in fremder Abhängigkeit; abwechselnd waren sie den Tataren, den Persern, den Türken und den Russen unterthan, so daß alle Spuren der früheren Kultur, des Wohlstandes und der Blüthezeit Georgiens, bis auf die Erinnerung an Thamar und Davith , die glorreichsten Herrscher dieser Länder, ausgerottet wurden. Handel, Gewerbe und Ackerbau kamen in Verfall; die Einwohner, gewohnt sich nur als willenlose Werkzeuge der fremden Unterdrücker des Landes mißbraucht zu sehen, versanken in Trägheit und Stumpfsinn, denn alle Triebfedern der Kraftäußerung waren gelähmt. Niemand strebte nach Reichthum, denn wer viel hatte, mußte viel geben. Niemand strebte nach Auszeichnungen, denn der Uebertritt zum Islam war die erste Bedingung, um zu 23 Ansehen und Macht zu gelangen; und dem Glauben ihrer Väter sind die Stämme von Kartwel durch alle Leiden und Drangsale vieler Jahrhunderte treu geblieben bis auf den heutigen Tag. Wie denn überhaupt die christlichen Völker dieser Gegenden, bis hinauf zu der Hochebene des Ararat, ihren islamitischen Bedrückern gegenüber dieselbe Rolle spielten, wie in Europa die Juden gegenüber ihren christlichen Peinigern. So wurde der Fluch, der bei uns durch die blutdürstigen Apostel der sanften Lehre Jesu die Kinder Israel traf, gerächt an den treuesten und ältesten Bekennern des Christenthums bis ins zehnte und zwölfte Glied. Zieht man die Summe der Drangsalsperioden der Völker von Kartwel und Haighk , so umfaßt die Zeit, welche den Rahmen zu diesem blutigen Gewebe des Unglücks bildet, über ein Jahrtausend. Zerstört sind die Feuertempel der Parsen, zerstört die Denkmäler und Bauten der Römer, zerstört die Kirchen und Paläste der Byzantiner und Georgier, welche einst die immergrünen Wälder von Kolchis schmückten, und mit dem Untergang dieser Kunstdenkmäler ist auch der Sinn des Volks für die Künste des Friedens untergegangen. Am härtesten trafen diese Schicksalsschläge immer diejenigen Landestheile, welche den Mittelpunkten der Macht und des Verkehrs, den Hauptstädten, am fernsten lagen. Guria war einer dieser unglücklichsten Stämme kartwel'scher Race. Daher die Verwilderung des Landes; daher die Trägheit, die Erschlaffung, die Entartung seiner Bewohner. Diese Menschen, welche seit Jahrhunderten daran gewöhnt wurden, die schönsten Jungfrauen aus ihrer Mitte in die 24 Hareme der Türken oder Perser entführt zu sehen, mußten nach und nach abgestumpft werden gegen solche Vorgänge. Wir haben der Schönheit der Mädchen von Guria schon früher rühmend Erwähnung gethan. Viele dieser Mädchen, welche das Schicksal in die Hareme islamitischer Großen geführt hatte, nachdem sie im Vaterhause eine freudenleere und sorgenvolle Jugend verlebt, kehrten nach einer Reihe von Jahren, beladen mit Geschenken und Kostbarkeiten in die Heimath zurück, und genossen hier dann eines Ansehens und Einflusses, welche der Reichthum überall erzwingt. Hiedurch wurde der Neid und das Streben anderer Mädchen rege gemacht, zu ähnlichem Ansehen und Einfluß zu gelangen. Der einzige Weg dazu führte durch's Harem. So geschah es denn, daß bald die Mädchen gar nicht mehr gezwungen zu werden brauchten, ihr Glück in der Fremde zu suchen, daß vielmehr ein förmliches Drängen, ein förmlicher Wetteifer unter ihnen entstand, nach Trapezunt oder Konstantinopel eingeschifft und einem Pascha oder Vesier anverkauft zu werden. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß ein solches Verhältniß nicht den zarten Anforderungen entspricht, welches wir an eheliches Beisammenleben zu stellen gewohnt sind; aber bemerkt muß hier werden, daß man im Orient auch nicht jene ehelichen Rohheiten findet, welche bei uns so mancher armen Frau das Haus zur Hölle machen. Genießt im Orient die Frau nicht jene hohe Achtung und Verehrung, wie solche aus den deutschen Wäldern hervorgegangen und in England ihren höchsten Ausdruck gefunden, so wird sie doch niemals jener rohen Behandlung unterworfen, die bei uns nicht zu den seltensten Vorkömmnissen gehört. 25 Der Moslem ist zu stolz, um ein Weib zu mißhandeln; er kennt nicht jenen feigen Philistermuth der sich nur innerhalb seiner vier Pfähle äußert und ein wehrloses Weib das entgelten läßt, was die Welt in ihm Schlimmes erzeugt. Mißfällt einem türkischen Großen auf die Dauer seine Auserwählte, so nimmt er sich eine Andere, und entläßt die Erste mit Geschenken, oder sorgt anderweitig für ihr Unterkommen. Es ist das ein Gebot des Koran und der Menschlichkeit, welches fast nie übertreten wird . . . Bei dieser Gewißheit, ihre Töchter (nach der landesthümlichen Anschauungsweise) gut versorgt zu sehen, stellen die Eltern ihnen nicht nur keine Schwierigkeiten entgegen, sondern sorgen selbst nach Kräften für ihr Unterkommen in einem Harem. Wenn ein Mädchen im eigenen Lande eine erträgliche Ehe nach christlichem Brauche schließen kann, so wird sie ihren Angehörigen dadurch immer eine größere Freude machen, als wenn sie ein abenteuerliches Glück in der Ferne sucht. Ich habe nie gehört, daß hier zu Lande ein Vater seine Tochter, ein Bruder seine Schwester gezwungen habe, ihr Schicksal der Barke eines Sklavenhändlers anzuvertrauen; wenn aber die Mädchen selbst Gelüste der Art hegen, so wird der Kaufpreis für die schönen Auswanderinnen den Angehörigen zur Verbesserung ihrer eigenen dürftigen Häuslichkeit allezeit willkommen sein. Bekanntlich suchen die Russen, sowohl in den ihnen unterworfenen, wie in den feindlichen kaukasischen Ländern, der Menschenausfuhr alle möglichen Schranken zu setzen; in wieweit dieses aber aus sittlichen oder christlichen Gründen geschieht, dürfte leicht festzustellen sein, wenn man weiß, daß ein gutes karabagh'sches Pferd, nach dem üblichen Geldwerthe 26 berechnet, in Rußland nicht zwei, sondern sechs Mädchen aufwiegt. * * * Die obigen Betrachtungen erschienen mir nöthig, um den Leser auf den richtigen Standpunkt der Beurtheilung zu stellen. Daß Guria, wie das ganze Kaukasus-Land, eines gewaltigen civilisirenden Einflusses zu seiner Hebung und Verbesserung bedarf, wird kein vernünftiger Mensch in Zweifel ziehen; daß aber gerade Rußland berufen und tüchtig sei, einen solchen heilsamen Einfluß auszuüben, wird jeder vernünftige Mensch in Zweifel ziehen, dessen persönliche Interessen nicht allzunahe mit den russischen Interessen verwandt sind. Wir fahren jetzt in unserer Erzählung fort. Ich bedeutete Giorgi mit aller Entschiedenheit, daß aus dem Handel nichts werden könne, und gab ihm dafür die einzigen Gründe an, welche in seinen Augen Gewicht haben konnten, nämlich: daß es mit meiner Baarschaft stark auf die Neige gehe, so, daß meine Reisemittel bis Odessa kaum für uns Beide ausreichen würden, wenn wir sparsam lebten, geschweige denn, wenn wir ein paar Mädchen, die doch vor Allem reich ausgeputzt werden müßten, in unserm Gefolge führten. Ferner stellte ich ihm die Gefahren vor, welche uns von den Russen droheten, wenn wir es versuchten, die Mädchen auf türkisches Gebiet zu schaffen. Es bedurfte für Giorgi keiner weiteren Argumente, denn die Gefahr scheute er so, daß das bloße Wort ihn schon in Schrecken versetzte. 27 Uebrigens schien ihm das Mißlingen des Geschäfts doch wesentlich böse Laune zu machen; »Aman! Aman! (Ach! Ach!)« rief er ein Mal über das andere, so daß sich mir unwillkürlich die Vermuthung aufdrängte, er habe sein Vermittlergeschäft nicht ausschließlich in meinem Interesse betrieben. Aber noch mehr, als über das Mißlingen des Handels, gerieth er außer sich über mein Bekenntniß, daß es mit dem Gelde auf die Neige gehe. Dies wollte ihm gar nicht einleuchten. Meine Börse hatte er für unerschöpflich gehalten wie seinen Witz. »Wo ist nur all das Geld geblieben,« fragte er kopfschüttelnd. »Das mußt Du am besten wissen, – entgegnete ich – denn Dir ist es alle durch die Finger gegangen! Wer dachte daran, daß in diesen armseligen Ländern solche Theuerung sein würde? Hast Du mir nicht bei Deinem Kopf geschworen, als wir zum letzten Male Abrechnung hielten, und ich mich wunderte über die hohen Preise, Du hättest in Redut-Kalé den griechischen Kaufleuten jedes Huhn mit einem Dukaten bezahlen müssen, wegen des Osterfestes? Statt mir das vorher zu sagen, um eine andere Einrichtung möglich zu machen, kommst Du mit Deinen Klageliedern lange nachdem die theuren Hühner alle verzehrt sind! Hast Du mir nicht zwei Abbas auf die Rechnung gesetzt für jedes Hemde zu waschen, und sind nicht alle meine Hemden, nach dieser Rechnung öfter gewaschen, als ich sie getragen habe? Ist es da ein Wunder, wenn das Geld durch die Finger läuft, wie das Wasser durch's Sieb?« Giorgi sah mich verblüfft an, ohne ein Wort zu erwiedern, und verließ dann, rückwärts gehend und die Blicke 28 abwechselnd auf den Boden und auf mich heftend, langsamen Schrittes das Zimmer . . . Es war schon spät am Abend. Ich warf einen leichten Schlafrock über, der mir in den warmen Sommernächten zugleich als Decke diente, behielt meine weiten, rothseidenen Beinkleider an und legte mich schlafen, nachdem ich, wie immer in diesen Gegenden, wo Schloß und Riegel noch zu den seltensten Luxusartikeln gehören, Etwas gegen die Thüre gestellt, um durch das Geräusch des Umfallens beim Oeffnen geweckt zu werden. Es dauerte lange, ehe ich die Ruhe finden konnte, deren ich so sehr bedurfte. Zuerst kamen durch die glas- und gitterlosen Oeffnungen, welche oben in der Wand angebracht, die Stelle der Fenster vertraten, ein Paar Vögel hereingeflogen und schwirrten so lange im Zimmer umher, bis es mir gelang, sie durch Zischen und Werfen zu verscheuchen. Kaum hatte ich die Augen wieder geschlossen, als ich durch etwas mir in's Gesicht Fallendes von Neuem aufgeweckt wurde. Es war ein Stückchen Lehm, oben von der Wand losgebröckelt durch eine junge Katze, welche, wie ich die Augen aufschlug, eben die Wand herabgeklettert kam. Die mondhelle Nacht machte es mir zum Glück möglich, die Gegenstände meiner Beunruhigung ausfindig zu machen und zu beseitigen. Doch sollte ich in dieser Nacht keine dauernde Ruhe finden. Eine Stunde mochte etwa vergangen sein, seit ich die Katze glücklich vertrieben hatte, und in festen Schlaf versunken war, als ich durch ein lautes Gepolter an der Thüre abermals gestört wurde. Ich sprang ärgerlich auf, griff in der Schlaftrunkenheit 29 nach meinem Pistol und – wer beschreibt mein Staunen, als mir eine hohe weibliche Gestalt, gespensterhaft in weißes Gewand gehüllt, entgegentritt, vor mir niedersinkt, meine Hand küßt und mich beschwört, sie nicht zu verlassen. Es war Nino , die Tochter des Gastfreundes. Sie hatte von Giorgi das Mißlingen der Handelspläne vernommen und kam deshalb selbst, um einen letzten Versuch zu machen, mich zu bewegen, sie mit mir zu nehmen. Daß sie dabei einen großen Aufwand rührender Worte und liebevoller Gesinnungen für mich machte, lag in der Natur der Sache. Hinzufügen muß ich, daß sie das Wort mit bewundernswürdiger Gewandtheit handhabte und ihren Artigkeiten in hohem Grade einen Anstrich der Aufrichtigkeit zu geben wußte. Alle meine Einwendungen und Ausflüchte wurden immer schnell durch passende Antworten beseitigt. Ich bewunderte und lobte die natürliche Beredtsamkeit des Mädchens, blieb aber nichts desto weniger hartnäckig bei meiner Weigerung. In sehr feiner Wendung gab Nino mir zuletzt zu verstehen, daß es ihr um den Besitz des Pferdes durchaus nicht zu thun sei; ich möchte das Thier immerhin anderweitig verkaufen, wenn ich nur meine Einwilligung gäbe, heimlich mit ihr zu entfliehen und ihr Herz in meine Hand zu nehmen. Und wenn es ihr nicht gelänge, in mir einen Funken von Zuneigung für sie zu erwecken, so stände es mir ja immer noch frei, sie in Trapezunt oder Constantinopel zu verkaufen. Mit einigem Selbstgefühl gab sie mir dabei zu verstehen, der Preis für eine solche Schöne werde doch in den genannten Städten kein allzu geringer sein. Wie sehr mir auch diese materielle Anschauungsweise 30 mißfiel, und wie sehr überhaupt das Benehmen Nino's meinen Gefühlen widerstrebte, so war ich doch dergestalt bezaubert von der Schönheit dieses formvollendeten Mädchens, daß ich wirklich einen Augenblick schwankend wurde in meinem Entschlusse. Aber der Kampf war nur ein kurzer. Und ich muß der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß wenn ich mich hätte entschließen können, eines der beiden lieblichen Wesen mitzunehmen, ich nicht Nino , sondern Thamar , ihre minderschöne Schwester, gewählt haben würde. So aber blieben sie Beide zurück, und ich verließ Osurgethi zwei Tage später, nachdem ich das Pferd durch Vermittelung des Polen zu einem geringen Preise verkauft hatte. Doch ich darf dem Gange der Dinge nicht vorgreifen; vor meiner Abreise hatte ich noch ein kleines Erlebniß, dessen Nicht-Erwähnung eine Unterlassungs-Sünde sein würde. Davon im nächsten Kapitel. 31   Viertes Kapitel. Giorgi , und das Christenthum in Rußland. Es war am Vorabend meiner Abreise von Osurgethi. Giorgi packte meine Sachen ein, während ich Anstalt traf, mir Thee zu bereiten, ein Geschäft, das ich immer selbst verrichtete, seit es sich einmal ereignet hatte, daß mir Giorgi auf unserer Wanderung durch's Paschalik Achalzich, aus Versehen persisches Insektenpulver statt des Thee's in den Topf geschüttet, und den schönen Thee dafür in's Bett gestreut hatte, um das Ungeziefer des Hauses dadurch fern zu halten. Verfehlte der Thee seine Wirkung auf das Ungeziefer, so wirkte das ursprünglich für dieses bestimmte Pulver auf mich desto stärker, und geplagt von Innen und Außen brachte ich eine schreckliche Nacht zu. Ich hatte natürlich gleich beim Trinken gemerkt, daß etwas Absonderliches mit dem Thee vorgefallen sein mußte, aber schrieb es Anfangs der starken Beimischung von Rum zu, bis ich zufällig der Sache auf den Grund kam. Doch kehren wir von dieser kleinen Abweichung zurück zu unserer Geschichte! 32 Giorgi zeigte sich bei dem Einpacken so zerstreut und schnitt so demuthsvoll-verlegene Mienen, wie ich Aehnliches früher nie an ihm bemerkt. Alle Augenblick machte er sich um meine Person zu schaffen und sah mich dann immer so verlegen an, als ob er etwas Schweres auf dem Herzen habe und doch nicht wage, damit herauszurücken. Ich hatte die Kanne vom Roste genommen, um mir Thee einzuschenken, wobei ich mich statt einer Tasse meines großen Reisebechers bediente, und eben wollte ich den Trank an die Lippen bringen, nachdem ich den überheißen Topf auf den Tisch gestellt, als Giorgi auf den Kohlenbehälter zustürzte und mit ängstlicher Hast die Kanne wieder auf den Rost setzte. »Aga! Aga! was haben Sie gemacht!« – rief er in klagendem Tone – »Wie viele arme Kinderseelen mag der Teufel ( scheitan ) jetzt schon auf dem Roste verbrannt haben!« War mir der Mensch schon den ganzen Tag hindurch räthselhaft vorgekommen, so wußte ich doch in jenem Augenblicke am allerwenigsten, was ich aus ihm machen sollte. » Giorgi , bist Du nicht recht bei Sinnen?« fuhr ich ihn an, »was hast Du mit der Theekanne zu thun? Warum bleibst Du nicht beim Einpacken?« Statt aller Antwort schüttelte er ernst den Kopf und hielt die Kanne mit der Hand auf dem Roste fest. Nach vielen Fragen kam ich endlich der Sache auf den Grund und erfuhr (was nach Giorgi's Voraussetzung jedes Kind wissen müßte), daß nach dem Aberglauben der Armenier niemals ein Eisen über das Feuer gelegt werden dürfe, ohne daß etwas darauf gestellt werde, weil sonst der Teufel das Recht habe, die Seelen der Kinder darauf zu verbrennen! »Woher weißt Du das denn?« fragte ich ihn weiter, 33 begierig, den Ursprung dieses seltsamen Aberglaubens zu erforschen. »Verlassen Sie sich darauf! Verlassen Sie sich darauf!« rief er, in sichtbarer Verlegenheit, wie er den Respekt vor mir mit meiner Unwissenheit in Einklang bringen solle. »Warum erzeugt der Hasenschwanz Schlaf, wenn er unter das Kissen eines Kindes gelegt wird? Warum giebt das Wolfsauge Muth, Jedem der es trägt? Wer kann den Schleier heben vom Buch der Geheimnisse? Reibt eine Frau mit Wolfsfett ein und sie wird unfruchtbar werden und ihr Mann wird nie wieder den Arm des Verlangens nach ihr ausstrecken – reibt sie mit der Galle des Wolfes ein und sie wird gesegnet werden mit Leibesfrucht und ihr Mann wird ihr nie untreu werden. Wir wissen, daß dem so ist, aber wir wissen nicht, warum?« »Ich frage Dich auch nicht, warum dem so ist, ich frage Dich nur, woher Du es weißt?« »Das lernt sich wie essen und trinken! Was man von Vater und Mutter gehört, vergißt sich nicht leicht wieder und wenn man auch noch so weit umher kommt in der Welt, wie es mein Schicksal gewesen. Die alten Frauen sind nicht mundfaul in Armenien, und wenn ich Ihnen Alles erzählen wollte, was mir aus der Kindheit im Gedächtniß geblieben, die Geduld würde Ihnen bald ausgehen, es anzuhören. Ich sollte ja eigentlich auch ein Wartabed (Gottesgelehrter) werden, aber es kam etwas dazwischen und da ging ich auf Reisen, und bin auf Reisen geblieben bis auf den heutigen Tag. Gute Herren habe ich immer gefunden und Essen und Trinken, und auch wohl einen Sparpfennig für meine alten Tage; aber wenn ich das gewußt hätte, Aga! es wäre nicht so 34 gekommen . . . . . nein Aga! ich hätt's wahrhaftig nicht gethan, wenn ich gewußt hätte« – »Wenn Du was gewußt hättest?« fragte ich neugierig. »Daß – seien Sie nicht böse! – daß – Sie kein reicher Mann sind!« . . . . . Das Eis war gebrochen und in viel freierem Tone fuhr er mit gewohnter Geschwätzigkeit fort: »Ich will Ihnen Alles gern wiedergeben! es kommt mir nicht darauf an. Ich weiß auch nicht, wie ich bei Ihnen dazu gekommen bin, aber es war mir so in der Gewohnheit aus früherer Zeit, wo es immer flott herging, wenn ich nach Teheran, Tauris, Moskau, oder zur Messe nach Makariew (Nischny-Nowgorod) kam. Meine Herren waren reiche Kaufleute, die viel draufgehen ließen, und besonders der letzte, der alte Tomamschew von Tauris, nahm es nie sehr genau, wenn er ein gutes Geschäft gemacht hatte. Bei dem alten Herrn habe ich einmal in Einem Winter dreihundert Silberrubel verdient« . . . .. »Dreihundert Silberrubel in Einem Winter?« unterbrach ich ihn, etwas ungläubig. »Ja, Herr! in Einem Winter, und zwar in einer einzigen Woche!« – fuhr er in sehr sicherem Tone fort. »Es war in der Masslenitza in Moskau. Mein Herr hatte in dem großen Traktir auf der Maraseka mit andern 35 Kaufleuten bis spät in die Nacht hinein gezecht und mehr getrunken, als nöthig war. » Skurjätin , ein alter Kaufmann, der die Zeche bezahlen mußte, war so benebelt, daß er kaum auf den Beinen stehen konnte und daß mein Herr sich veranlaßt fühlte, ihm einen Platz in unserm Schlitten anzubieten, um ihn vor den großen Unannehmlichkeiten zu wahren, denen Trunkene in russischen Städten durch die Polizei ausgesetzt sind. »Der Iswoschtschik (Kutscher), der während des langen Wartens unten auch wohl ein Glas zuviel getrunken haben mochte, setzte seine Pferde so in Tritt, daß wir gleich am Anfange unserer Fahrt, beim Einbiegen in die Straße neben der Börse umschlugen und allesammt in den Schnee stürzten, wie das so oft bei den Moskowiter Schlittenfahrten vorkommt. »Dem alten Skurjätin fiel bei der Gelegenheit seine dicke Brieftasche aus dem Kaftan; ich hob sie auf und überreichte sie ihm. Anstatt mir jedoch dafür zu danken, überschüttete er mich mit Schimpfworten und warf mir die Brieftasche an den Kopf. Ich wollte sie nun selbst einstecken, aber mein Herr, der trotz aller Trunkenheit für dergleichen immer ein scharfes Auge hatte, befahl mir, ihm die Brieftasche zu geben, er wolle sie aufbewahren bis morgen. Darauf steckte er sie in seinen Pelz. Kaum waren die beiden Alten unter großen Anstrengungen wieder in den Schlitten gestiegen, als sie einer nach dem andern einschliefen. Der Weg, den wir zu fahren hatten, war weit. Ich konnte dem Drange der Neugier nicht widerstehen, einen Versuch zu machen, die Brieftasche noch einmal in meine Hand zu bekommen, um zu sehen, was darin war. Der Versuch gelang. Und da ich einmal einen Blick hineingeworfen und eine Menge Banknoten darin 36 entdeckte, so nahm ich drei davon heraus, verbarg sie in meinem Kaftan und steckte darauf die Brieftasche wieder in den Pelz meines Herrn. »Ich fühlte wohl, daß ich Unrecht gethan, aber es freute mich, dem alten reichen Skurjätin , der mich immer so derb anfuhr, einen Possen zu spielen, und dann wäre ja auch ohne mich seine Brieftasche ganz verloren gegangen; ich hatte sie ihm gerettet, und glaubte eine Belohnung dafür zu verdienen, die ich mir gleich selbst nahm, um ihrer gewiß zu sein. »Vor Skurjätin's Hause machten wir Halt. Ich weckte den Alten und sorgte dafür, daß er in sichere Obhut kam. Als wir eine Viertelstunde später in unserer Wohnung anlangten, war mein Herr durch den Schlaf, die Kälte und die lange Fahrt wieder ganz frisch geworden. Ich selbst machte ihn aufmerksam, die beigesteckte Brieftasche nicht zu vergessen. Er nahm sie aus dem Pelze und legte sie sammt seiner eigenen Brieftasche in ein vor seinem Bette stehendes Kästchen, worin er sein Geld zu verschließen pflegte. »Kaum waren wir am folgenden Tage aufgestanden, als Skurjätin ganz außer sich zu meinem Herrn ins Zimmer stürzte (wo ich eben mit den Vorbereitungen zum Frühstück beschäftigt war), und sich erkundigte, ob wir seine Brieftasche nicht gefunden hätten, die er bei der nächtlichen Fahrt verloren haben müsse. Es seien eine Menge werthvoller Papiere, Wechsel und Banknoten darin enthalten. – »Ich habe sie selbst zu mir genommen und der Vorsicht wegen verschlossen« – sagte mein Herr, indem er die Brieftasche aus dem Kästchen nahm und sie Skurjätin überreichte. »Unter tausend freudigen Danksagungen nahm dieser den geretteten Schatz entgegen, überzählte schnell den Inhalt, 37 und sein Gesicht umdüsterte sich ein wenig, als er mit dem Durchblicken der Papiere fertig war. Ich hörte, wie er vor sich hinmurmelte: – »Sollte ich das Geld wo anders hingelegt haben?« – Darauf empfahl er sich, ohne weiter etwas zu sagen. »Ich war den ganzen Tag über mit Gängen und Besorgungen in der Stadt beschäftigt und als ich Abends nach Hause kam, fand ich meinen Herrn in sehr übler Stimmung. Ich erfuhr bald die Ursache seiner Gemüthsbewegung: Skurjätin war wieder bei ihm gewesen, um über die fehlenden Banknoten Rücksprache zu nehmen. Tomamschew , der seiner Meinung nach die Brieftasche bis zum letzten Augenblick ungeöffnet in Verwahrung gehabt hatte, fühlte sich durch die Aeußerungen Skurjätin's beleidigt und wies nach einem heftigen Wortwechsel seinem Geschäftsfreunde die Thüre. »So standen die Sachen, als ich nach Hause kam. Mir war sehr angst bei der Geschichte; ich fand jedoch einigen Trost darin, daß kein Verdacht auf mich gefallen war und daß bei einem Bruche zwischen den Beiden der Schaden immer auf Seite Skurjätin's blieb, der von meinem Herrn viel Geld verdiente und deshalb Alles daran setzen mußte, um wieder anzuknüpfen. »Ich begegnete ihm am folgenden Tage auf dem Bazar in der Kitaïsky Gorod . An der ganz besonderen Freundlichkeit, womit er mich begrüßte, merkte ich bald, daß er etwas im Schilde mit mir führte. Er reichte mir die Hand, bat mich, ihn in's Traktir zu begleiten, um einen kleinen Imbiß 38 zu nehmen und war des Lobes voll über meine vortrefflichen Eigenschaften. »Nachdem wir ein gutes Glas Wein zusammen getrunken hatten und ihm die Zunge geläufig geworden war, rückte er mit der Sprache heraus. Erst sagte er, wie leid es ihm thue, daß ein so unglückliches Mißverständniß zwischen ihm und meinem Herrn entstanden sei; das unerklärliche Verschwinden der drei Banknoten (jede 100 Rubel an Werth) habe ihn zwar sehr geschmerzt und augenblicklich in schlechte Laune versetzt, aber am Ende sei doch der Gegenstand nicht so erheblich, um einen Bruch zwischen alten Geschäftsfreunden zu rechtfertigen; er ( Skurjätin ) wollte gern das Doppelte verlieren, wenn er seine alte Verbindung mit Tomamschew wieder herstellen könnte. Und nun machte er mir geradezu den Antrag, ich sollte mich stellen, als hätte ich das Geld heimlich beseitigt; für diesen Freundschaftsdienst bot er mir eine erkleckliche Summe, und für den Fall, daß ich den Dienst darüber verlieren sollte, wollte er mir eine andere, noch einträglichere Stelle verschaffen. »Erst stellte ich mich entrüstet über den Antrag, ging aber bald darauf ein, als ich sah, daß es ihm Ernst damit war. Den scheinbar leichteren Ausweg, zu sagen, er habe das Geld nachträglich gefunden, wollte er um jeden Preis vermeiden, denn er kannte die große Genauigkeit meines Herrn, der eine solche Unordnung schon an und für sich als Grund zum Bruche angesehen haben würde . . . »Ich warf mich dem alten Tomamschew zu Füßen, und machte ihm ein so rührendes Geständniß meiner Sünde, daß der gute Herr mir Alles verzieh. Bald war auch die Freundschaft mit Skurjätin wieder hergestellt und nach Abzug der Unkosten für die Absolution beim Priester blieben 39 mir gerade dreihundert Silberrubel übrig als Gewinn bei dem Geschäfte.« »Du bist mir ein schöner Spitzbube!« – rief ich, als Giorgi seine Geschichte geendet. – »Aber hattest Du denn gar keine Gewissensbisse mehr, nachdem der Priester Dir die Absolution ertheilt?« »Nein,« – entgegnete er sehr gelassen – »wozu hätte ich sonst das schwere Geld ausgegeben?« Ich machte ihm noch einige andere in's Gewissen redende Bemerkungen, aber er antwortete sehr kurz darauf. Der einzige Zweck seiner Erzählung war gewesen, mir zu beweisen, daß er Gelegenheit genug gehabt habe, sich ein Stück Geld zu verdienen, und daß es ihm kein zu großes Opfer sei, mir das zurückzuerstatten, was er, in dem Wahne, ich sei ein reicher Mann, mir zuviel auf die Rechnung geschrieben. Natürlich ließ ich mich nicht darauf ein, so sehr er auch bat und flehete; aber von jenem Tage an reiste ich beispiellos wohlfeil und hatte eben so oft Gelegenheit, mich über die Billigkeit der Lebensmittel u. s. w. zu wundern, wie früher über das Gegentheil. * * * Ich habe diese Geschichte mit einiger Ausführlichkeit wiedergegeben, da sie einen Blick thun läßt in die Gefühls- und Gedankenwelt einer ganzen Menschenklasse, deren Kenntniß mindestens eben so wichtig ist, als die Kenntniß seltener Steine, Vögel und Pflanzen. Man kann Giorgi als Repräsentanten derjenigen Armenier seiner Bildungsstufe betrachten, welche mit den Russen in längeren und näheren Beziehungen gestanden haben. Es ist unglaublich, wie entsittlichend und verderblich der 40 russische Einfluß auf alle dem Scepter des weißen Zaren unterworfenen Völkerschaften einwirkt. Die landesthümlichen Sitten und Gebräuche, welche seit Jahrhunderten die Stelle der Gesetze vertraten, verschwinden vor den fremden Eindringlingen, ohne daß etwas Besseres dafür geboten würde. Die Unterschiede im Guten werden verwischt und das Schlechte wird verallgemeinert, wie das Unkraut überall leicht fortwuchert, während die Blumen und Fruchtbäume sorgfältiger Pflege bedürfen. Diese Pflege können die Russen nicht ausüben, weil sie ihnen selbst nie zu Theil geworden ist. Sie können die ureinwüchsigen Uebel und Laster der Völker nur vermehren, ohne ihnen ein sittliches Gegengewicht zu geben. Das einzige, was sie mitbringen in die eroberten Länder, sind neue Zwangsmittel des alten Zwangsstaates, neue Formen des Betruges, der Lüge und des Mißbrauchs der Kirche zu polizeilichen Zwecken. Veranschaulichen wir kurz das Gesagte an den beiden uns hier zunächst liegenden Ländern: Georgien und Armenien , denen der Kaiser bisher für alle ihnen abgedrungene Opfer nichts Anderes hat bieten können, als einen französischen Frack und die russische Sprache. Was ist diesen Leuten damit gedient, daß sie, um nach dem herrschenden Vorurtheil einen Anstrich von Bildung zu erlangen, in Kleider und Handschuhe von französischem Zuschnitt hineingezwängt werden auf Kosten ihres malerischen National-Kostüms? Was ist ihnen ferner damit gedient, sich ihrer eigenen Sprache und Sitte zu entäußern, um russische Sprache und Sitte dafür anzunehmen? Sowohl die georgische wie die armenische Literatur kann 41 sich der russischen vollkommen gleichstellen. Was die Russen hier Neues zu bieten haben, gehört nicht ihnen selbst an, sondern ist verstümmelt und verfälscht den Deutschen, Engländern und Franzosen entlehnt. Soll russische Gelehrsamkeit etwa die Vermittlerin zwischen diesen Ländern und dem klassischen Alterthum spielen? Ein einziger Blick in den Katalog der alten Bibliothek von Etschmiadsyn genügt, um zu zeigen, daß das unnöthig ist. Wie die Armenier eine vortreffliche Bibelübersetzung hatten, ein halbes Jahrtausend bevor die Russen etwas vom Christenthum wußten, so hatten sie auch Uebersetzungen und Nachbildungen der alten Klassiker, lange bevor das Zarenthum aus den Trümmern der Republik Nowgorod emporwuchs, ein Grab der Kultur der alten, und eine Geißel der neuen Welt. Oder meint Ihr etwa, Rußland habe den Ackerbau, den Handel, die Gewerbe, die Industrie Georgiens und Armeniens gefördert? Nur wenige der Landeskinder finden in Werkstätten ihr Brot, aber viele finden auf dem Schlachtfelde ihren Tod. Der Ackerbau erinnert noch an die Urzustände menschlicher Thätigkeit und wurde nur hin und wieder von solchen Statthaltern gefördert, welche, wie Fürst Woronzow , eine Privatliebhaberei daraus machten. Von den Gewerben blühen nur diejenigen, welche die Werkzeuge des Krieges, Waffen und Rüstungen liefern. Und wie kann dem anders sein in Ländern, wo seit mehr als einem halben Jahrhunderte alle menschliche Thätigkeit im Großen nur auf Kampf, Mord und Zerstörung gerichtet war, 42 und die Verdienste der Menschen nur berechnet werden nach der Zahl ihrer Mitmenschen, die sie getödtet. Die Künste des Friedens lieben den Lärm des Krieges nicht und fliehen verscheucht zurück vor Kanonendonner, Schlachtdrommeten und Roßhufgestampf. Was bleibt; nach dem Gesagten, den Eroberern noch übrig, zum Heil dieser Länder zu thun? Wer aufmerksamen Blickes und Ohres das weite Zarenreich, das drei Welttheile umstrickende, durchwandert, und dann die Summe seiner Betrachtungen zieht, dem schaudert bei dem Gedanken an die Geschicke, welche dieser Länderkoloß noch zu erfüllen hat. Wer an der bevorstehenden Erfüllung dieser Geschicke zweifelt, kennt die Geschichte und kennt Rußland nicht. So unterschieden von Ursprung und Interessen die buntzusammengewürfelten Horden auch sein mögen, welche dieses Riesenreich bilden, es giebt Ein gewaltiges Band, das sie Alle zusammenhält: die byzantinische Kirche! Wer nicht hineingehört, wird hineingezwängt und ehe das kommende Jahrhundert beginnt, werden alle Bewohner Rußlands Eines Glaubens sein. Schon jetzt umschließt jenes große Netz, dessen Maschen die Newa und die Wolga, der Don und der Dnjepr, der Kyros und der Araxes bilden, eine vorwiegend christliche Bevölkerung, in deren Mitte die zerstreuten islamitischen Stämme, die Nachkommen der goldenen Horde, sich wie Tropfen im Ozean verlieren. Welch eine wundersame Fügung des Schicksals, daß Rußland, dessen Regierungsprinzip den diametralen Gegensatz christlicher Satzung bildet, gerade das Christenthum zum Eck- und Schlußstein seiner Macht gestalten muß! Und eine nicht 43 minder wundersame Fügung des Schicksals ist es, daß der Zar überall, wohin er seine weitausgreifenden Arme streckt, christliche Anhaltspunkte findet, an welche er die Schicksalsfäden der von ihm künstlich zerstreuten Bekenner des Islam knüpfen kann: Armenien zu den Füßen des Ararat, und Georgien zu den Füßen des Kaukasus! Welcher Art aber ist dieses Christenthum, das so viele Millionen Menschen zu einem großen Ganzen zusammenschmilzt und ihnen als Triebfeder dient zu Kraftäußerungen, welche über kurz oder lang der alten Welt eine neue Gestaltung geben werden? Folgt mir einen Moment in das russische Mutterland, um einen flüchtigen Blick auf die dort herrschenden religiösen Zustände zu werfen! Seht jenen armen Soldaten, der müde und hungrig vom langen Marsche, erst sein Gebet verrichtet, bevor er Speise zu sich nimmt und die Ruhe sucht. Er zieht ein kleines Heiligenbild aus der Tasche, spuckt darauf und wischt es ab mit dem Aermel seines Rockes; dann setzt er es nieder auf die Erde, kniet hin davor und bekreuzigt sich, und küßt es in frommer Andacht. Oder tretet Sonntags mit mir in eine der düstern, bildergeschmückten russischen Kirchen. Wenn nicht schon die Kleidung der Anwesenden die Standesunterschiede bezeichnete, Ihr würdet diese Unterschiede erkennen an der Art und Weise wie ein Jeder sein Kreuz schlägt. Betrachtet zunächst jenen vornehmen Herrn, der vor dem wunderthätigen Kasan'schen Muttergottesbilde stehen bleibt, sich leise verbeugt und andeutungsweise bekreuzigt. In's Deutsche übersetzt, würde die Mienensprache dieses Herrn etwa folgendermaßen lauten: »Ich weiß, daß dies Alles nur 44 ein frommer Unsinn ist, aber man darf den Leuten kein Aergerniß geben, sonst geht alles Ansehen verloren. Würde das Volk sich länger für uns plagen, wenn es den Anweisungen nicht mehr traute, die wir ihm auf die Freuden des Himmels ausstellen lassen?« Nun sehet jenen kaftanbekleideten, feisten Kaufmann, der verschmitzten Blickes und sichern Schrittes auf den Priester losgeht, um seine Seele von den Schachersünden der vergangenen Woche befreien zu lassen. Er kennt den Priester und weiß, daß ein gutes Stück Geld bei diesem eine gute Stätte findet; darum geht er so sicher, in dem Bewußtsein, die ganze Sündenrechnung in Bausch und Bogen abmachen zu können. Und wie die Absolution vorüber ist, stellt er sich vor das wunderthätigste Heiligenbild hin und schlägt so gewaltige Kreuze, daß vor dieser Arbeit auch die letzten Skrupel seiner Seele verschwinden müssen. Betrachtet jetzt jenen armen Bauern, der demüthig zur Pforte hereinschleicht und sich scheu umsieht in den Weihrauch-durchwölkten Hallen. Es ist des Glanzes, der Pracht zuviel für den armen Schelm. »Gott! – denkt er – was ist der Kaiser doch für ein gnädiger Herr, daß er so schöne Kirchen bauen läßt für uns arme Teufel! Gott segne den Kaiser!« Und dann schleicht er schüchtern auf irgend ein Heiligenbild los, wo der goldene Grund und die braunen Farben am grellsten kontrastiren und wirft sich nieder davor und schlägt mit der Stirn die Erde, daß die langen Haare ihm weit über's Gesicht fallen, und er mühet sich so ab im Körperverbeugen und riesigen Kreuzschlagen, bis er nicht mehr kann vor 45 Erschöpfung. Denn je ärmer der Mensch in Rußland, desto größer das Kreuz das er schlägt und trägt. * * * Wir verlassen Osurgethi bei Sonnenaufgang und werfen einen letzten Rückblick auf das blühende Land und dessen Gebirgsketten, die es durchziehen und umragen. Der Morgen ist ruhig und frisch. Ueber dem dunklen Grün um uns her schweben weiße, weithin verschwimmende Streifen, die immer lichter und durchsichtiger werden, je weiter der Tag heraufsteigt. Im Norden die schneebedeckten Kuppen des wildzerklüfteten Kaukasus! Schon ergießt es sich über die Höhen des Elborus wie ein Feuermeer, und immer weiter steigt's herab und springt in blendendem Farbenspiel von Berg zu Berg, von Fels zu Fels. Wir wenden das staunende Auge nach Süden, den adsharischen Bergen zu, welche Guria von Anatolien scheiden und uns im frischesten Morgenglanze entgegenschimmern. Von dort lassen wir die Blicke nach Westen schweifen, wo sich das Schwarze Meer in unabsehbarer Weite vor uns aufthut, blitzend und leuchtend wie die Sonne selbst. Dahin führt unser Weg. Aus dem reizenden, mit Mais und Hirse und rebenumschlungenen Bäumen bedeckten Thale, wo Osurgethi liegt, wenden wir uns, dem Laufe der Natanebi folgend, nach St. Nikolaus , einem elenden, hart an der türkischen Grenze auf einer Sanddüne gelegenen Küstenfort, durch nichts bemerkenswerth als durch seine schlechte Luft und Lage. Von hier kehren wir über Poti und Redoute-Kalé an die Küste des Tscherkessenlandes zurück. 46   Fünftes Kapitel. Unter den Tscherkessen. I. Von wo der Tscholok die Scheidelinie zwischen Gurien und dem Paschalik Trapezunt zieht, bis hinauf zu dem altberühmten Sklavenmarkte Anapa , wo in früherer Zeit ebenfalls ein Pascha seinen Sitz hatte, laufen drei und zwanzig russische Festungen die Ostküste des Pontus entlang. Die wenigsten dieser Festungen ( kreposti ) verdienen ihren hochklingenden Namen; es sind meist roh ausgebaute, verschanzte Gehöfte mit kanonengespickten Blockhäusern, gerade hinreichend ihrer Besatzung Schutz zu gewähren, so weit die Geschütze reichen und die Wälder umher gelichtet sind – aber unfähig, einem nachdrücklichen Sturme zu widerstehen. Die Tscherkessen erobern hin und wieder einzelne dieser Küstenplätze, wenn es im Lande an Munition fehlt; sie können sich aber ebenfalls nicht auf die Dauer darin behaupten, weil Erstens ihr Pulvervorrath für die großen Kanonen nicht lange 47 ausreichen würde und weil ferner den Russen rings umher zu große Hülfsquellen offen stehen. Von den Kriegsschiffen, welche fortwährend auf dem Schwarzen Meere kreuzen, können immer schnell einige Regimenter an's Land geworfen werden und auch von der Küstenbesatzung selbst lassen sich, bei der geringen Entfernung der Forts von einander, immer in wenigen Tagen ein paar tausend Mann dislociren. Die Gesammtzahl der aus Linientruppen und tschornomorischen Kosaken bestehenden Besatzung ist 12,000 Mann oder 16 Bataillone, welche nach Maßgabe der Wichtigkeit der Festungen solchergestalt vertheilt sind, daß auf größere Plätze, wie Anapa , Noworossiesk , Pitzunda , Bombor u. s. w. ganze Bataillone, – auf andere, wie Gagra , Ilori u. s. w. nur ein paar hundert Mann, – und auf ganz unbedeutende Plätze, wie Anaklia , nur ein paar Dutzend Kosaken zur Aufrechterhaltung der Kommunikation kommen. Doch können, wie das in der Natur der Sache liegt, alle diese Bestimmungen nur als transitorische betrachtet werden, denn die Wichtigkeit eines Platzes hängt hier immer ab von der mehr oder minder feindlichen Stimmung des Landes, dessen Grenzposten gegen das Meer er bildet. Plätze, deren Gründung in das Alterthum zurückreicht, wie Anaklia (das griechische Heraklea ) haben von ihrer früheren Glorie nichts als einen korrumpirten Namen behalten, während andere, die ihre Gründung der neuesten Zeit verdanken, wie Noworossiesk, im Laufe der nächsten Jahrzehnte zu blühenden Städten emporwachsen werden, wenn das Schicksal der russischen Machtausdehnung nicht bald das 48 hemmende Wort entgegenruft: »bis hieher sollst Du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen Deine stolzen Wellen!« * * * Daß von den oben bezeichneten Festungen umsäumte Küstenland des Pontus, welches den Schauplatz der folgenden Erzählungen bildet, unterscheidet sich seiner Natur und Bevölkerung nach wesentlich von denjenigen Ländern, wo Imam Schamyl seinen Verzweiflungskampf gegen die Russen kämpft. Während die Völkerschaften des Daghestan (des eigentlichen Schauplatzes des »heiligen Krieges«), aus ihrer früheren Zersplitterung durch Schamyl's mächtige Hand zu einer staatlichen Gemeinschaft vereinigt wurden, welche mehr und mehr den Charakter einer Theokratie annimmt, – sind die zwischen dem Kuban und dem Schwarzen Meere hausenden Völker des westlichen Kaukasus durch Nichts zu bewegen gewesen, ihr altes freies Stammesleben einem centralisirenden Staatsverbande zu opfern. Nur in Zeiten gemeinschaftlicher Gefahr verbündeten sie sich gegen den gemeinschaftlichen Erbfeind des Landes. War die Gefahr vorüber, so trat die alte Zersplitterung wieder ein. Ich lasse zu besserem Verständniß die Namen der wichtigsten dieser Völkerschaften hier folgen, mit möglichst genauer Bestimmung der Grenzen ihrer Gebiete. Von dem in westlicher Richtung seine schlammigen Wogen dem Schwarzen Meere zuwälzenden Arme des Kuban, der in einer großen, fast ganz von einer schmalen Landzunge umschlossenen Bucht mündet, genannt der Liman oder die Bucht des Kuban, – bis hinab zu der Festung Kabardinskoje zieht sich das Land der Natchokuadsch. 49 Verfolgen wir in südöstlicher Richtung die Küste weiter, so gelangen wir über Gelendshik und Nowotroitzkoje (in dessen Nähe der englische Reisende Longworth seine abenteuerliche Landung bewerkstelligte) nach Tenginskoje , welches wir als Grenzveste des Landes der Schapßuch betrachten können. Einzelne Zweige dieses Volksstammes, untermischt mit Abasechen , dehnen sich bis zum Lande der Ubych über den Küstenstrich aus, welcher von den Festungen Weljaminowskoje, Lasarew und Golowinsky umsäumt wird. Der Fluß Szotscha, an dessen Mündung die gleichbenannte (auf den Karten des russischen Generalstabs auch Nawaginskoje genannte) Festung liegt, trennt das Land der Ubych von dem Gebiete der Dshigeth, an dessen Küste zwei bemerkenswerthe Festungen liegen: die Festung Sswjätowo Ducha , wo der berühmte russische Dichter Marlinski seinen Tod fand, – und Gagra, an dessen romantisches Gestade die Sage den Fels des Prometheus versetzt. Alle diese Völkerschaften zusammengenommen führen den Gemeinnamen Adighe oder Tscherkessen. Der Fluß Bsyb scheidet das Gebiet der Dshigeth von dem Lande der Abchasen, welches als neutrales Gebiet, oder als Uebergangspunkt von den russenfeindlichen Völkerschaften zu den unterworfenen Stämmen betrachtet werden kann, denn schon zu wiederholten Malen leisteten die Abchasen für große Geldbelohnungen den Russen wirksamen Beistand, besonders bei dem geschlechtervertilgenden Zuge gegen den Stamm Pschu, wovon später die Rede sein wird. 50 Die Festungen an der Küste von Abchasien sind: Pitzunda mit seiner berühmten Tempelruine, Bombor mit einem ziemlich ansehnlichen Bazar, Ssuchum-Kalé , Drandy und Ilori. Der unfern des letztgenannten Forts mündende Fluß Galidsga bildet die Scheidelinie zwischen Abchaseth und Samursachan, einem kleinen, bereits unter russischer Botmäßigkeit stehenden Ländchen. Der von den Abhängen des Elborus herabstürzende, das Land der Suanen durchschlängelnde Ingur trennt Samursachan von den russischen Gebietstheilen des alten Kolchis, welche wir bereits unter den Namen Mingrelia und Guria kennen gelernt haben. Der Ingur ergießt sich bei Anaklia, die reißende Chopi bei Redout-Kalé, der Rion (Phasis) bei Toti, die Ssupßa bei Grigorethi, die Natanebi und der zu Anfange dieses Kapitels genannte Tscholok ergießen sich bei St. Nikolaus in das Schwarze Meer. Somit wäre das flüchtige, aber auf eigene Anschauung gestützte Bild des Küstenlandes vollendet, welches mir nothwendig schien, um den Leser für das Verständniß der folgenden Erzählungen vorzubereiten. Mit einer Karte in der Hand wird sich nun Jeder leicht orientiren können, wenn wir, auch ohne vermittelnde Uebergänge, von einer Völkerschaft oder einer Festung zur andern springen. Die freundliche Aufnahme, welche ich auf einem früheren 51 Zuge durch's Gebirge bei den Häuptlingen der Kabardah gefunden, ein kurzer Aufenthalt bei den Abchasen und viele andere Umstände hatten den Wunsch in mir rege gemacht, auch einen Blick in das Innere der Länder der Ubych und Dshigeth zu thun. Schon auf meiner ersten Küstenfahrt war ich, bei den Unterhandlungen welche damals zwischen Russen und Tscherkessen gepflogen wurden, in häufige persönliche Berührung mit den vornehmsten Häuptlingen dieser Völker gekommen, besonders mit Aßlan -Bey, dem stattlichen Dshigethenfürsten und mit dem riesig gewachsenen Jerinbyk Bersek-Bey, dem grimmigsten Russenfeinde im Volke der Ubych. Auf meinem zweiten Zuge erneuerten wir unsere Bekanntschaft; ich sah Aßlan-Bey fast täglich bei Swan-Bey, dem Kommandanten von Ardiler, während meines Aufenthalts in dieser Festung, und den stolzen Jerinbyk Bersek traf ich mit vielen andern Häuptlingen in Szotscha wieder, derselben Festung, deren Besatzung er wenige Monate darauf bis auf den letzten Mann über die Klinge springen ließ. Veranlassung zu den häufigen Zusammenkünften zwischen den Führern der Tscherkessen und der Russen hatte die Abberufung des bisherigen Sardaars vom Kaukasus (General v. Neidhardt ) gegeben, an dessen Stelle der mit fast unumschränkter Vollmacht ausgestattete Fürst (damals noch Graf) Woronzow Wie der jetzige Fürstentitel, so stammt auch der frühere Grafentitel der Familie Woronzow aus der neueren Zeit. Bekanntlich hat es von jeher in der Politik des Hauses Romanow gelegen, die Macht und den Einfluß des alten, russischen Adels zu brechen und eine neue, den dynastischen Interessen dienstwilligere Aristokratie dafür an die Stelle zu setzen. Bis zu Peter I. durfte der Titel Fürst ( Князь ) nur von solchen Familien geführt werden, welche aus wirklichen Herrschergeschlechtern abstammten. Peter I. war der erste russische Zar, welcher Fürsten, Grafen und Barone schuf. Die beiden letztern Titel waren bis dahin vollständig unbekannt in Rußland. Der erste in den Fürstenstand erhobene Russe war der vielgenannte Menschikow, den Kaiser Leopold I. (1705) mit der Würde eines deutschen und Peter I. (1707) mit der Würde eines russischen Fürsten belohnte. Der erste russische Graf war Feldmarschall Scheremétjew (1706) und der erste russische Baron der Vicekanzler Schafirow (1710). – getreten war. Der Ruf dieses mächtigen und reichen Bojaren, der auf seinen, in den fruchtbarsten Theilen Rußlands gelegenen Besitzthümern über hundert tausend leibeigene Männer zählt, war schon seit lange zur Kunde der Gebirgsvölker gekommen. Man 52 wußte, daß Woronzow als Statthalter in der Krimm fast königliche Gewalt übte, und diese Gewalt vorzugsweise zur Hebung des Wohlstandes der islamitischen Bevölkerung jenes Landes entfaltete; man erzählte sich Wunderdinge von der (wirklich großartigen) Pracht seiner Schlösser, von seiner Großmuth, seiner Freigebigkeit und seinen unerschöpflichen Reichthümern. Man hatte alle Ursache, anzunehmen, daß er die besonderen Begünstigungen, welche er den Völkertrümmern des alten Tatarenreichs Sahin-Gerai-Chan's angedeihen ließ, jetzt auch auf die tscherkessischen Bekenner des Islam übertragen werde. Einige alte Häuptlinge erinnerten sich seiner wohl auch noch aus der Jugend, da er im Kaukasus seine kriegerische Laufbahn begann. Und vollends die Botschafter, welche ihn auf seiner Hinreise nach Tiflis gesehen hatten, waren ganz entzückt von seiner imposanten persönlichen Erscheinung, denn die Tscherkessen sind lebhafte Bewunderer schöner Männergestalten, und Fürst Woronzow ist, trotz seiner siebziger Jahre, einer der schönsten Männer die ich im Leben gesehen. So vereinigte sich denn Alles, um die kriegerischen Küstenvölker glauben zu machen, die Zeit sei gekommen wo sie durch friedliche Unterhandlungen mehr ausrichten könnten, als sie bis dahin durch Waffengewalt gegen eine wohldisciplinirte Uebermacht zu thun im Stande gewesen waren. Die Russen ihrerseits waren entzückt, sich auf eine Zeitlang vor feindlichen Ueberfällen gesichert zu wissen und statt des Schwertes die Zunge zu rühren. Aller Orten und Enden begannen die mit orientalischer Weitschweifigkeit geführten Unterhandlungen, und die großartigen Bilder welche sich dabei fast täglich vor meinen Augen entrollten, gehören zu den herrlichsten Erinnerungen meines 53 Lebens. Ich bedauerte nur, nicht einen geschickten Maler zur Seite zu haben, um die kriegerischen Gruppen inmitten der majestätischen Gebirgswelt fixiren zu können, denn meine eigenen Dilettantenkünste im Zeichnen reichten dazu nicht aus. Auf meiner zweiten (im 1. Theil von 1001 Tag beschriebenen) Küstenfahrt befand sich unter der zahlreichen Schiffsgesellschaft ein junger, talentvoller Maler, H. Dorogow , der mit großem Geschick eine Menge Bilder aus dem Kaukasus gezeichnet hat, wovon sich ein Theil jetzt im Besitz des Fürsten Woronzow befindet. Es würde wesentlich zur Verallgemeinerung der Kenntniß des Kaukasus und seiner Bewohner beitragen, wenn H. Dorogow sich entschließen könnte, sein ganzes Album durch die Platte zu vervielfältigen. Ich will versuchen, so weit es sich mit Worten thun läßt, diejenige der im Freien stattgefundenen Unterhandlungen, welche mir am lebendigsten im Gedächtniß geblieben, durch ein leicht hingeworfenes Bild zu veranschaulichen. In der Nähe der Festung Golowinsky So genannt nach dem General Golowin , ehemaligen Ober-Befehlshaber im Kaukasus. Mehrere der oben angeführten Festungen haben ihre Namen von kaukasischen Generälen erhalten, wie z. B. Lasarew , Welsaminowskoje u. s. w. hatten schon einige Tage vor unserer Ankunft tscherkessische Reiter ihr Lager aufgeschlagen, um die Landung des Kriegsdampfers, welcher den kommandirenden General an Bord führte, abzuwarten, und dann ihren Landsleuten sogleich Kunde davon zu geben. Morgens um 8 Uhr liefen wir in den Hafen von Golowinsky ein, und Nachmittags um 2 Uhr war auch schon eine stattliche Versammlung tscherkessischer Häuptlinge und Mullah's mit großem Gefolge angekommen. Ehe die eigentlichen Verhandlungen begannen, wurde Botschaft entsendet, um die Bedingungen festzustellen, unter welchen die Zusammenkunft stattfinden sollte. Man vereinbarte sich über folgende Punkte: Erstens: der 54 Schauplatz der Konferenz sollte sein außerhalb des Schußbereichs der russischen Festungskanonen. Zweitens: Die Zahl der anwesenden Tscherkessen sollte diejenige der anwesenden Russen nicht übertreffen; für den Fall, daß sich außerhalb des zur Versammlung bestimmten Kreises noch irgendwo in der Gegend Tscherkessen blicken ließen, sollte von der Festungs-Besatzung darauf geschossen werden. Drittens: Die Tscherkessen sollten ihre Waffen während der Dauer der Unterhandlung ablegen und der Obhut russischer Soldaten anvertrauen; nur den wortführenden Häuptlingen wurde gestattet, ihre Pistolen im Gürtel zu behalten . . . Hierauf begab sich der General mit seinem glänzenden Gefolge nach dem bezeichneten Platze, wo die Tscherkessen bereits versammelt waren. Ein von schwellendem Rasen überkleideter Thalkessel, umragt von dicht bewaldeten Bergen, welche nach Osten eine entzückende Aussicht in das innere, von der kräftigsten Vegetation strotzende Land offen ließen – war der Schauplatz des kriegerischen Bildes, welches sich vor uns entrollte. Etwa ein Dutzend Stühle wurden halbmondförmig aufgestellt, darauf die vornehmsten Häuptlinge und Mullah's Platz nahmen, während die übrigen Tscherkessen theils nachlässig ausgestreckt auf dem Rasen lagen, theils rechts in einiger Entfernung bei den Pferden standen. Zur Linken standen russische Soldaten, welche bei den malerisch zusammengestellten und übereinandergelegten Waffen Wache hielten. Das war eine reiche Sammlung der prächtigsten Schaschka's (langer Säbel) und Kama's oder Kinshal's (langer Dolche). Ein junger Krieger, welcher in den Kreis der rathpflegenden Männer treten wollte, weigerte sich, den Soldaten sein 55 Pistol abzugeben. Man machte Anstalt ihn zurückzuweisen, er stieß aber den Soldaten, der ihn am Arm berührte, stolzen Blickes mit solcher Gewalt auf die Seite, daß der Soldat in's Gras stürzte. Es entstand eine kleine Bewegung unter seinen Kameraden, auch die Häuptlinge sprangen von ihren Stühlen auf, und es drohete zu einer ernsten Verwirrung zu kommen, da der junge Tscherkeß, der Urheber des Streites, durchaus nicht zu bewegen war, das Pistol abzugeben. Als der Dolmetsch im Auftrage des Generals ihm sagte, wenn er nicht nachgeben wollte, so könnten die Verhandlungen überhaupt nicht beginnen, schoß er sein Pistol in die Luft ab, steckte es wieder in den Gürtel und nahm dann Platz unter den rathpflegenden Männern, ohne sich weiter umzusehen und ohne weiter belästigt zu werden. In einiger Entfernung, den halbmondförmig sitzenden Häuptlingen gegenüber, saß der General mit noch zwei oder drei anderen Offizieren höheren Ranges. Hinter ihm standen ein paar Adjutanten und ihm zur Seite stand sein Dolmetsch, ein in der Jugend gefangen genommener Tscherkeß, jetzt Lieutenant in russischen Diensten. Etwa zehn Schritte davon lagen die übrigen Offiziere mit uns auf dem Rasen, aufmerksamen Blickes das malerische Schauspiel betrachtend. Die Häuptlinge trugen der Mehrzahl nach feine rothe Schuhe, die den leisesten Bewegungen des Fußes schmiegsam nachgaben, – enganliegende, dunkle Reithosen und den bekannten, gürtelumschlungenen kaukasischen Waffenrock von blauer oder bräunlicher Farbe. Bei Einigen sah man das geringelte Panzerhemde unter dem kaftanartigen oben aufgeschlitzten Rocke hervorschimmern. Die schwarzzottigen Pelzmützen gaben den größtentheils ernsten, gebräunten, ausdrucksvollen Gesichtern ein fast grimmes Ansehen. 56 Einige der vornehmeren Häuptlinge trugen gleich den Mullahs blendend weiße Turbane . . . Das Auge weilte mit immer steigendem Wohlgefallen auf diesen breitschultrigen, kräftigen Männergestalten, wie sie da saßen in ernster Berathung über die von den Russen gemachten Vorschläge, das Loos ihrer von einer schrecklichen Hungersnoth heimgesuchten Stämme zu erleichtern. Von Zeit zu Zeit erhob sich einer der Aeltesten von ihnen und ging auf den General zu, der dann ebenfalls aufstand um die Gegenvorschläge anzuhören. Der Gegenstand der Unterhandlung war ein höchst einfacher. Die Küstenvölker verlangten nichts als freie Schiffahrt auf dem Schwarzen Meere und freien Handelsverkehr mit Trapezunt und Konstantinopel. Sie versprachen dagegen feierlich, sich für alle Zeit jeder Feindseligkeit gegen die Russen enthalten zu wollen. Der Kern und Mittelpunkt ihrer Vorschläge war: Belästigt uns nicht, so werden wir Euch nicht belästigen. Ein solches Argument war aber natürlich für russische Diplomatie zu einfach und ungekünstelt. Die vielen Kriegsschiffe auf dem Schwarzen Meere und die vielen Forts an der Küste waren ja, sammt ihrer Besatzung, ganz unnütz gewesen, sobald die Beschränkungen und Hemmnisse zu Land und zu Wasser aufhörten. Wo sollte man hin mit dem vielen Baumaterial, welches überall aufgehäuft lag, um neue Festungen zu bauen und die alten zu erweitern? Wozu hätte man schon so viele Millionen verausgabt und so viele tausend Menschen geopfert? Man könnte doch unmöglich gradezu eingestehen, daß alles das nutzlos gewesen. Und was würde endlich aus den menschenfreundlichen 57 Absichten des Kaisers, der natürlich an nichts weniger denkt, als Eroberungen zu machen, blos um sein Land gewaltsam zu vergrößern, sondern dessen Streben lediglich darauf gerichtet ist, die Völkerschaften, welche er bekriegt, zu veredeln und sie aufzuklären über ihr wahres Interesse. Solche und ähnliche Dinge bildeten den Kernpunkt der russischen Argumente, die den Tscherkessen natürlich nicht einleuchten wollten. Es war vorauszusehen, daß unter solchen Umständen die Unterhandlungen zu keinem Resultate führen konnten. Das Einzige wozu der General sich verstehen durfte, um der (größtentheils durch die Absperrung erzeugten) Hungersnoth im Lande zu steuern, war das bereits bei mehren anderen Stämmen erfolglos angewandte Versprechen, Brod und reichliche Bezahlung allen hülfsbedürftigen Tscherkessen zu geben, welche bereit wären, an den russischen Befestigungswerken und Bauten zu arbeiten. »Das heißt – sagte Jerinbyk Bersek-Bey – hungert und verderbt, oder kommt und helft selbst mit bauen an den Zwingburgen, die Euer Land beherrschen sollen!« Je weniger sich während des Verlaufs der in dem angedeuteten Sinne gepflogenen Unterhandlungen Hoffnung zu einem erfreulichen Ausgange zeigte, desto mehr umdüsterten sich die Blicke der wortführenden Tscherkessen. Ueber zwei Stunden hatte die Konferenz gedauert, und noch war kein Ende abzusehen; denn wenn die Tscherkessen einmal den Weg der Verhandlungen betreten, so lassen sie kein Mittel unversucht um etwas auf diesem Wege zu erreichen. Es war eben eine kleine Pause eingetreten; die Häuptlinge beriethen sich über einen neuen Vorschlag und gingen in lebhaftem Gespräche auf und nieder. Auch der General hatte 58 sich erhoben, um sich etwas Bewegung zu machen. Er kam auf uns zu und sagte: »Nun, sind Sie noch nicht müde? Ich fürchte, wir werden vor dem späten Abend nicht wieder auf's Schiff kommen! Diese Verhandlungen ziehen sich immer sehr in die Länge! Ich möchte wissen, woher die Sittenschilderer des Kaukasus erfahren haben, daß es bei den Tscherkessen für unanständig gilt, sich nach Familienangelegenheiten zu erkundigen; in unserer heutigen Konferenz haben wir wenigstens eine halbe Stunde damit verloren, denn jeder der wortführenden Häuptlinge leitete seine Rede mit blumigen Artigkeiten über die muthmaßliche Anmuth und Schönheit, und mit langen Erkundigungen über das Befinden der weiblichen Angehörigen meines Hauses ein . . .« Der General wurde plötzlich durch einen von der Festung aus abgefeuerten und in den Bergen rings donnernd wiederhallenden Kanonenschuß unterbrochen. »Was ist das?« scholl es von allen Seiten. Die Tscherkessen sprangen auf und wollten sich der Waffen bemächtigen, die Soldaten widersetzten sich. Allgemeine Verwirrung. Der General trat auf den ältesten Häuptling zu und rief in ernstem Tone: »Ich mache Dich verantwortlich für das Betragen Deiner Leute; ich werde nachforschen lassen, was es mit dem Kanonenschuß auf sich hat, und nachher sprechen wir weiter.« Der Dolmetsch wiederholte sofort die Worte des Generals, aber es dauerte doch einige Zeit, bevor die stolzen Bergsöhne sich zur Ruhe bringen ließen, denn militairische Disziplin ist bei den Tscherkessen vollständig unbekannt. Inzwischen kehrten die Offiziere zurück, welche in die Festung entsendet waren um Kunde über die Veranlassung des Feuerns einzuziehen. Der Bericht lautete: es hätte sich ein Trupp 59 tscherkessischer Reiter in der Nähe der Festung gezeigt, und der Kommandant hätte sogleich mit Kartätschen dazwischen schießen lassen, nach der vereinbarten Bestimmung, daß sich während der Verhandlungen keine Tscherkessen in der Gegend blicken lassen sollten. »Sind Verwundungen vorgekommen?« fragte der General. »Soviel man wahrnehmen konnte, sind zwei Reiter gestürzt« – erwiederte der Gefragte. Wiederum entstand eine gewaltige Aufregung unter den Tscherkessen, und die wortführenden Häuptlinge hatten große Mühe den Kriegern auseinanderzusetzen, daß der Kommandant der Festung nur der getroffenen Vereinbarung gemäß gehandelt habe. Dem General selbst war der Vorfall sehr unangenehm. Er kannte die Tscherkessen zu gut, um nicht zu wissen, daß bei ihnen Nichts ungerächt bleibt. Es gelang ihm zwar, die Unterhandlungen noch einmal anzuknüpfen, aber man kam dabei ebenso wenig zu einem Resultate wie vorher. Mit anbrechendem Abend wurde die Zusammenkunft aufgehoben, und der Abschied trug jedenfalls ein minder freundliches Gepräge als die erste Begrüßung. Die Blicke der stolzen Krieger verhießen nichts Gutes, als sie ihre Waffen wieder umgürteten und sich auf ihre Rosse schwangen, um davon zu eilen in die heimathlichen Berge . . . Bevor wir Golowinsky verließen, besahen wir noch das Innere der Festungskirche, welche kurz vorher der Schauplatz eines blutigen Kampfes gewesen war, wovon die durchschossenen Heiligenbilder an den Wänden noch deutliches Zeugniß trugen. Ein Trupp Tscherkessen hatte sich im Dunkel der Nacht so nahe an die Festung herangeschlichen, daß die 60 Kanonen-Kugeln buchstäblich über ihre Köpfe hinwegsausten, als die Besatzung der Andringlinge gewahr wurde und blind darauf losfeuerte. Bevor man Zeit gefunden hatte zum zweitenmale zu laden, waren die Tscherkessen schon in der Festung und richteten hier ein solches Blutbad an, daß die zum großen Theile aus kampfungewöhnten Soldaten bestehende russische Mannschaft in die vollständigste Verwirrung gerieth und sich in regelloser Flucht in die Kirche zu retten suchte. Doch kaum die Hälfte von ihnen konnte hier ein Unterkommen finden; den Uebrigen blieb keine andere Wahl, als sich zu wehren, mit dem Muthe der Verzweiflung, oder widerstandslos zu fallen, denn die wilden Bergsöhne gaben keinen Pardon, sondern hieben Alles nieder was ihre Klinge erreichen konnte. Schon hatten sie sich des groben Geschützes bemächtigt und eine reiche Beute von Waffen, Pulver und Blei (darum es ihnen am meisten zu thun war) in Sicherheit gebracht, und waren eben im Begriff Feuer an die Kirche zu legen, als der Priester von Golowinsky, ein kräftiger, hochgewachsener Mann, auf die Kirche zugeschritten kam in festlichem Gewande, das Kruzifix hoch in der rechten und eine Fackel in der linken Hand schwingend. Die Tscherkessen – geblendet von der ungewöhnlichen Erscheinung, die ihnen um so mehr imponirte, als der Priester durch seinen schönen Bart, seine stolze Haltung und sein blendendes Gewand sich wesentlich unterschied von den stumpfnasigen, kinnglatten, in Tracht und Gestalt roh aussehenden russischen Soldaten – standen einen Augenblick vom Kampfe ab, und unangefochten gelangte der Priester in das Innere der Kirche. Man muß den religiösen Fanatismus der Russen aus 61 eigener Anschauung kennen gelernt haben, um ganz zu begreifen, welchen Eindruck es auf die Soldaten machte, als sie den gefürchteten Popen mit dem Kruzifix in der Hand in ihrer Mitte sahen, sie zum Kampfe anfeuernd im Namen Gottes , ihnen mit Hölle und Teufel drohend ob ihrer Feigheit, und ihnen alle Freuden des Paradieses verheißend wenn sie muthig ausharrten im Kampfe gegen die Heiden. Von Neuem begann ein Würgen und Morden, wie es nur Verzweiflung oder Raserei zu erzeugen vermag. Die Soldaten stürmten aus der Kirche und suchten ihre Gegner wieder im Freien auf. Die Tscherkessen warfen sich den Herausdrängenden entgegen; die Kugeln pfiffen von allen Seiten; in und außerhalb der Kirche thürmten sich Leichen auf Leichen. Angefeuert von ihrem kriegerischen Popen fochten die Russen mit solcher Wuth, daß die Tscherkessen, denen ohnedies am dauernden Besitz der Festung wenig gelegen war, nach kurzem Widerstande abzogen, um nur einen Theil ihrer Beute zu retten. Der Priester wurde nach diesem Vorfalle von den Soldaten wie ein Heiliger verehrt, da ihn wunderbarer Weise keine Kugel getroffen hatte, obgleich er sich immer im dichtesten Handgemenge befunden. Natürlich lieferte diese Wundergeschichte einen reichen Stoff der Unterhaltung und Erbauung für die ganze Besatzung der Festungskette des Pontus und trug nicht wenig dazu bei, das Ansehen der Priester zu heben und die Soldaten zu stärken im Glauben an die Heiligkeit ihrer Sache. Der Kaiser dankte dem Popen von Golowinsky in einem eigenhändigen Briefe für seine Heldenthat und übersandte ihm zur Belohnung die Schleife des heiligen Georg. »Aber ich habe immer gehört – erwiederte ich, als wir 62 auf unser Schiff zurückkehrten, dem Offizier, der mir obige Geschichte erzählte – ich habe immer gehört, daß es gegen Sitte und Brauch der Tscherkessen sei, nächtliche Ueberfälle zu unternehmen.« – Das ist ganz richtig! – entgegnete mein Begleiter – auch steht dieser Fall, soweit meine Erfahrung reicht, ganz vereinzelt da, und eben weil der Kommandant an nichts weniger dachte als an einen nächtlichen Ueberfall, wurde es den Tscherkessen so leicht, die Festung zu überrumpeln. Der Kampf begann nach Mitternacht und endigte erst nach Sonnenaufgang. Uebrigens haben wir sowohl durch Ueberläufer wie auch durch einige Häuptlinge vom Stamme Tschikapu selbst erfahren, daß im Volksrathe (Medshilis) der Schapßuch die größere Zahl der Tamata's (Aeltesten) sich gegen den nächtlichen Ueberfall erklärt hatte, da es gegen die Sitte des Landes und den Brauch tapferer Männer sei, den Feind im Dunkel der Nacht anzugreifen. Aber ihre Stimme drang nicht durch, weil einige von ihnen beschuldigt waren, in gutem Einvernehmen mit den Russen zu stehen; und ein solcher Verdacht reicht hin, die mächtigsten Personen des Landes zeitweilig all ihres Einflusses zu berauben – * * * Die Luft war kühl und der Himmel trübe, als wir Golowinsky verließen, um unsere Reise das Küstenland der Schapßuch entlang fortzusetzen. Den schönsten Theil der Fahrt hatten wir hinter uns, denn wie blühend und reich an Naturschönheiten die Länder der Schapßuch und Natchokuadsch in ihrem Innern auch sein mögen, ihre Küsten tragen bei weitem nicht den großartigen 63 Charakter wie die Küsten der Abchasen, der Ubych und Dshigeth. Die Gebirgszüge werden immer kleiner, die Vegetation wird immer dürftiger, je weiter man sich, in der Richtung nach Taman, von Golowinsky entfernt. Da Nachricht eingelaufen war, daß uns in Gelendshik wieder tscherkessische Unterhändler erwarteten, so verweilten wir in allen dazwischen liegenden Festungen: Lasarew, Weljaminowskoje, Tenginskoje und Nowotroitzkoje nur wenige Stunden, brachten die Nacht auf dem Schiffe zu und gingen am folgenden Morgen bei dem herrlichsten Wetter in Gelendshik ans Land. Einen Theil der Mannschaft hatte der General schon während der Nacht auf Barkassen detaschirt, um unter Anführung des Kosakenoberst Barachowitsch Jagd auf ein türkisches Tschekjdermeh zu machen, welches am Abend die Küste verlassen hatte, wahrscheinlich um die Richtung nach Trapezunt einzuschlagen. Barachowitsch war damals der gefeierte Held des Tages unter den tschornomorischen Kosaken. Besonders durch seinen letzten glücklichen Handstreich war er hoch zu Ehren und Ansehen gekommen. Er hatte nämlich mit zwei Barkassen (welche übrigens durch das Dampfschiff, auf welchem wir uns befanden, gedeckt waren) ein türkisches Sklavenschiff genommen und achtzig Gefangene dabei gemacht, worunter etwa sechszig für türkische Harems bestimmte Jungfrauen, die bis auf weitere Verfügungen von Petersburg, in den Festungsgemächern von Gelendshik und Noworoßiesk untergebracht wurden. 64 Der Kampf mit der männlichen Besatzung des Schiffs war nur ein kurzer gewesen, desto mehr hatten die Kosaken aber Mühe, sich der schönen Tscherkessinnen zu bemächtigen, die sich theils auf das Hartnäckigste vertheidigten, theils in's Meer sprangen, um nicht den Russen in die Hände zu fallen. Die Meisten wurden allerdings von den nachspringenden Kosaken gerettet; aber drei oder vier Mädchen fanden doch ihren Tod in den Wellen. Die übrigen wurden in den schon erwähnten Festungen untergebracht, mit keiner günstigeren Aussicht, als in irgend einer russischen Militairkolonie das moskowitische Geschlecht verschönern zu helfen. Wohl selten bietet sich einem Reisenden so günstige Gelegenheit dar, solch eine Menge junger Mädchen aus den unzugänglichsten Stämmen des Kaukasus beisammen zu sehen. Auch benutzte ich mit der größten Gewissenhaftigkeit die mir vergönnte Zeit, unter den schönen Harems-Rekrutinnen zu verweilen, mich mit ihnen zu unterhalten und mir das Eigenthümliche ihrer Erscheinungen einzuprägen. Ein großes, luftiges, von rohen Säulen getragenes Gemach diente den Gefangenen zur Wohnung. Auf dem Fußboden, welcher, so weit ich mich besinne, aus gestampftem Lehm bestand, lagen Matten und grobe Teppiche ausgebreitet. Möbeln waren, außer einigen alten Tischen und Schemeln, keine zu sehen. Die schönen Gefangenen, welche theils nachlässig ausgestreckt, theils mit gekreuzten Beinen auf den Teppichen ruhten, erhoben sich sämmtlich, als wir das Gemach betraten. Ich schrieb dies damals dem Umstande zu, daß sich einige Generale und sonstige hochgestellte Personen in unserer Gesellschaft befanden, lernte aber später, daß jede Tscherkessin, und sei sie noch so hohen Ranges, nach dem altherkömmlichen 65 Landesbrauche vor jedem Manne aufsteht, der in's Zimmer tritt, selbst wenn es ihr eigener Diener ist. Man merkte es den armen Mädchen an, daß es ihnen peinlich war, von uns begafft zu werden; die Einen wandten die Köpfchen weg, wenn wir vorbeigingen, die Andern senkten den Blick zur Erde – nur Wenige von ihnen sahen uns frei ins Gesicht und antworteten ohne Zögern auf die Fragen, welche wir ihnen durch den Dolmetsch vorlegten. Ich wunderte mich, die Mehrzahl der Mädchen ganz auf türkische Weise vermummt zu sehen, da ich wußte, daß bei den Tscherkessen nur die verheiratheten Frauen das Gesicht verschleiern und eine gewisse Zurückhaltung gegen Männer beobachten, während die Mädchen sich dort mit derselben Freiheit bewegen, wie bei uns. Man sagte mir jedoch, daß die Sklavenhändler streng darauf halten, ihre schönen Gefangenen gleich von vornherein an türkische Sitte zu gewöhnen. Ja, in Stambul ist eine besondere Vorbereitungsschule, wo die jungen Tscherkessinnen erst einen zweijährigen Kursus durchmachen müssen, ehe sie für reif erachtet werden, das Harem eines türkischen Großen zu zieren. Hier werden sie, je nach ihren Anlagen, in weiblichen Handarbeiten, in Musik und Gesang, in der persischen und türkischen Sprache unterrichtet. Die Kosten dieser, im orientalischen Sinne sehr sorgfältigen Erziehung trägt der Sklavenhändler, der den, seinen Haremsperlen durch ihre türkische Bildung verliehenen Glanz beim Verkauf natürlich hoch in Anschlag bringt. Am liebsten ist diesen Leuten, die Tscherkessinnen schon als Kinder in die Hände zu bekommen, da sie sich dann leichter an das türkische Leben gewöhnen und empfänglicher für die Erlernung von Sprachen und Musik sind. 66 Auch unter unseren jugendlichen Gefangenen von Gelendshik befanden sich sechs Kinder von 8 bis 14 Jahren. Ich würde diese Kinder, hätte ich sie in abendländischer Kleidung und in einer anderen Umgebung gesehen, unbedingt für Engländerinnen gehalten haben, so rein und gesund war ihre Hautfarbe, so regelmäßig waren ihre Züge, so schön gezeichnet ihre Augen. Unter den erwachsenen Mädchen fand ich nur vier, die wirkliche Schönheiten in unserem Sinne des Wortes waren. Die übrigen zeichneten sich mehr durch schlanken Wuchs und durch die Kleinheit ihrer Ohren, Hände und Füße aus, worauf die Türken großes Gewicht legen. Außer einer durchgehends schlanken Gestalt wüßte ich überhaupt nichts, was die Tscherkessinnen positiv Eigenthümliches in ihrer Erscheinung hätten, woran man sie auf den ersten Blick als Töchter ihres Landes erkennen könnte, wie z. B. eine Georgierin, eine Armenierin, eine Engländerin. Man könnte sie als Vermittlerinnen der schönen Welt des Orients und Occidents bezeichnen, da sie in Kleidung und Sitte ganz orientalisch sind, während ihr eigentliches Wesen mehr einen europäischen, ich möchte sagen germanischen Anstrich trägt. Schwarzes Haar und dunkle Augen kommen bei ihnen nicht häufiger vor, als bei uns. Unter den Gefangenen von Gelendshik hatten die meisten blondes oder helles Haar; blaue oder hellbraune Augen. Von den Georgierinnen unterscheiden sich die Tscherkessinnen wesentlich zu ihrem Vortheil durch eine größere Lebendigkeit des Geistes und größere Rührigkeit des Körpers. Den Georgierinnen sieht man's gleich an, daß sie schnell verblühende Blumen sind; man kann sie sich nur denken in träger Ruhe auf dem Divan hingestreckt, oder unbeweglich wie 67 Pagoden auf dem Dache sitzend, oder feierlichen Schrittes einherschreitend, – es sei denn, daß sie, angeregt durch Gesang oder Musik, ihre kleinen Füße im lieblichen Tanzesreigen der Lesginka schwingen. Die Tscherkessinnen haben, wenn ich mich des Wortes bedienen darf, mehr Race: sie sind behender, geweckter, elastischer von Geist und Körper. Eine Georgierin kann den ganzen Tag auf einem Flecke sitzen, ohne etwas Anderes zu thun, als mit den Perlen ihrer Tschotka zu spielen; die Tscherkessinnen machen sich fortwährend mit weiblichen Handarbeiten in Haus und Küche zu thun. In diesem Lande kann kaum der tapferste Krieger durch seine Heldenthaten größeren Ruhm erlangen als eine Frau durch besondere Geschicklichkeit im Stricken, Weben und Nähen. Deshalb wissen die Türken die Tscherkessinnen auch vor allen Töchtern des Morgenlandes hoch zu schätzen. Man kann sich nichts Graziöseres denken als den Anzug dieser kernigen Mädchen. – Den Kopf bedeckt ein zierliches, blau- oder silbergestreiftes Scharlachmützchen, unter welchem die meist üppigen Haare in langen Flechten hervorquellen. Ein nicht zu hoch hinaufreichendes, elegant geschnittenes Korset, gewöhnlich von blauer Seide, vorn durch Knöpfe zusammengehalten, von welchen schmale Silberstreifen auslaufen, preßt die Brust etwas mehr zusammen, als nöthig wäre. Dann bildet ein tief und festgeschlungener Gürtel den Uebergang zu dem eigentlichen Kleide ( anteri ), dessen Farbe immer von der des Korsets verschieden ist, und unter dem Kleide rauschen die weitfaltigen, seidenen Hosen ( schalvari ) 68 hervor, welche die meist an und für sich schon kleinen und zierlich beschuhten Füße noch kleiner erscheinen lassen. Ein Theil unserer schönen Gefangenen war, wie schon oben bemerkt, auf türkische Weise vermummt, d. h. die Mädchen hatten den oberen und unteren Theil des Gesichts mit weißen Tüchern umwunden, so daß man nur die Augen und etwas von der Nase sehen konnte. Doch that das unseren Beobachtungen keinen wesentlichen Eintrag, denn wenn man das Wort an eine der schlanken Harems-Rekrutinnen richtete, so schob sie ihr Tuch herunter, ohne bei der Enthüllung des Gesichts große Verlegenheit kundzugeben. Besonders ein Mädchen aus dieser jungfräulichen Schaar bewegte sich mit solcher Freiheit und Sicherheit, als ob es seine Erziehung in den Salons der großen Welt und nicht in den Bergschluchten des Kaukasus erhalten hätte. Es war dies eine der kecksten und anmuthigsten weiblichen Gestalten, die mir im Leben vorgekommen. Der schlanke, tadellose Wuchs ließ sie etwas größer erscheinen, als sie wirklich war; der Hals, der Nacken waren so edel geformt und von solcher Feinheit und Festigkeit, als wären sie für die Ewigkeit geschaffen. Ein feiner, verschlossener Mund, schelmische Grübchen in den Wangen und im Kinn, eine für Kaukasierinnen ungewöhnlich kleine Nase, große schöngezeichnete Augen, mit langen, dunklen Wimpern und ein glänzendes braunes Haar, kleine Hände und Füße – das waren ungefähr die Einzelheiten dieses wunderbaren Wesens, in dessen Zügen männliche Entschlossenheit und Ausdauer mit weiblicher Anmuth um die Herrschaft stritten. Merkwürdig wie die ganze Erscheinung der jungen Tscherkessin, war auch ihre Lebensgeschichte. Schon vor vier Jahren hatte sie sich einmal nach der 69 Türkei einschiffen wollen; das Schiff, auf welchem sie sich befand, fiel jedoch nach hartnäckigem Kampfe in russische Hände, ihre Leidensgefährtinnen wurden an russische Soldaten verheirathet, während sie selbst in das Haus der Gräfin O . . ., der Gemahlin eines russischen Generals in Kertsch kam, um dort als Kammermädchen ihre Haremsträume zu vergessen. Gefesselt durch eine liebevolle Behandlung blieb sie im Hause der Gräfin etwa drei Jahre, verdrehte vielen jungen und alten Leuten den Kopf, ohne jedoch selbst den Kopf dabei zu verlieren, lernte mit fabelhafter Schnelligkeit russisch, französisch und deutsch und – benutzte dann eine sich zufällig darbietende Gelegenheit, wieder in ihre Heimath zu entkommen. Sie mußte, um ihre Flucht durchzusetzen, eine große Strecke schwimmend zurücklegen, überstand jedoch mit seltener Ausdauer alle Mühseligkeiten und Gefahren und kam glücklich in ihrer Heimath wieder an. Hier verliebte sich ein junger Kämpe in sie, der aber bald nachher auf einem Streifzuge gegen die Russen um's Leben kam. Fast zu gleicher Zeit brach die große Hungersnoth in den Ländern der Tscherkessen aus, zunächst veranlaßt durch die Mißernte des Jahres 1844. Die jungen Mädchen suchten schaarenweise nach der Türkei zu entkommen und auch unsere Heldin benutzte die erste Gelegenheit, um sich wieder nach Trapezunt einzuschiffen; das Schiff wurde von Barachowitsch genommen und die schöne Tscherkessin fiel abermals in die Hände der Russen. Was später aus ihr geworden ist, weiß ich nicht; sogar ihren Namen habe ich vergessen, während ihre Gestalt mir – wie sicherlich Jedem, der sie nur einmal gesehen – lebendig im Gedächtniß geblieben. * * * 70 Da uns die Stunden unsers Aufenthalts in Gelendshik knapp zugemessen waren, so verließen wir gegen Mittag die Halle der Schönheit, um vor Tisch noch einen kleinen Rundgang durch die erst seit wenigen Jahren gegründete Stadt zu machen, an deren Befestigung und Vergrößerung eben damals fleißig gearbeitet wurde. Mit welchen Schwierigkeiten und Kosten diese Bauten jedoch verbunden sind, möge der Leser aus der Thatsache entnehmen, daß das Material dazu, bis auf den letzten Stein, erst von Kertsch auf Schiffen hergeschafft werden muß. Der Kommandant von Gelendshik, Generalmajor Graf Oppermann , welcher zugleich den Oberbefehl über eine der vier Sektionen der Küstenbesatzung führte, hatte die Güte, uns persönlich Alles zu zeigen und zu erklären. Er sah aber so angegriffen, kränklich und leidend aus, als ob das Gallenfieber bei ihm ein stehendes Uebel sei; wir kürzten deshalb in stummem Einverständniß unsere Rundschau so viel wie möglich ab, da es außer einer hübschen Kirche, gut eingerichteten Kasernen und Hospitälern und trefflich unterhaltenen Gärten nicht viel zu sehen gab, und die entsetzliche Hitze uns selbst große Anstrengungen unmöglich machte. Gelendshik ist wegen seiner schönen, sicheren Bucht ganz vorzüglich zum Hafenplatze geeignet; aber das ungesunde Klima nicht weniger als die gefährliche Nachbarschaft der Tscherkessen wird noch auf lange hinaus das Aufblühen der Stadt verhindern. Eine Versetzung hierher, und sei es mit kaiserlicher Vollgewalt, ist nicht viel besser als eine Verbannung nach Sibirien. Die Einwohner brauchten uns ihre Leidensgeschichte nicht zu erzählen; sie stand mit furchtbaren Zügen in ihrem Antlitz geschrieben. Am meisten aber von Allen schien Graf Oppermann gelitten zu haben und noch 71 zu leiden, wozu seine früheren unglücklichen Schicksale wohl nicht wenig beigetragen haben mochten. Ich erfuhr einen Theil seiner geheimnißvollen Geschichte aus dem Munde eines Offiziers, gegen den ich mich darüber äußerte, daß der Graf in politischen Dingen viel einsylbiger und zurückhaltender zu sein scheine, als alle übrigen russischen Befehlshaber, mit welchen der Zufall mich zusammenführte. »Das hat seine guten Gründe – erwiederte mein Begleiter, – der Mann ist schon schweren Prüfungen unterworfen gewesen und seine Leidensgeschichte ist noch nicht zu Ende. Nachher, wenn wir auf's Schiff zurückkehren, und ungestört sind, will ich Ihnen davon erzählen, was ich weiß. Haben Sie die Gräfin schon kennen gelernt?« – »Nein; ich habe einen Brief an sie von einer Freundin in Tiflis; aber der Graf sagte mir, sie befinde sich mit den Kindern in Kertsch, um bessere Luft zu athmen und bessere ärztliche Hülfe zu haben, da sie Alle viel vom Fieber ausgestanden.« – »Versäumen Sie ja nicht, sie aufzusuchen! Sie ist ein seltenes Weib; eine von den Frauen, die Keiner wieder vergißt, wer je in ihrer Nähe gewesen!« Der also sprach, war selbst ein Mann, den man nur einmal gesehen zu haben brauchte, um ihn nie wieder zu vergessen. Eine von der Natur großartig angelegte Persönlichkeit, die sich nicht sowohl in einzelnen auffallenden Zügen, als durch ihre Gesammterscheinung kundgab. In der Ukraine geboren, mit der Empfänglichkeit und lebhaften Phantasie eines Südländers ausgestattet, hatte er bis zum sechszehnten Jahre unter der Leitung eines deutschen Philologen eine strenge Schule durchmachen müssen, war dann (in der gewöhnlichen Weise, wie junge Russen von vornehmer Herkunft ihre Karriere 72 zu machen pflegen) nach Petersburg in das Pagenkorps und von dort in die Garde gekommen, wo er im Strudel der großen Welt einige lockere Jahre verlebte. Die müßigen Zerstreuungen seiner Kameraden konnten ihn auf die Dauer nicht befriedigen; er warf sich wieder auf's Studiren und versuchte sich nebenbei in poetischen Ergüssen. Ein Gedicht, welches er einmal in übermüthiger Laune geschrieben und welches durch einen falschen Freund an den unrechten Mann kam, zog ihm den Haß einer in Rußland allmächtigen Person zu. Er wurde degradirt und als gemeiner Soldat nach dem Kaukasus geschickt. Hier machte er eine Reihe von Jahren hindurch alle Feldzüge mit und hatte es, zu der Zeit, als ich ihn kennen lernte, wieder bis zum Lieutenant gebracht. Aber trotz seiner untergeordneten Stellung genoß er in seiner Umgebung eines Ansehens, wie es nur Geistesüberlegenheit, verbunden mit einem festen Charakter, zu erzeugen vermag. Seine Kraft war durch die mannichfachen Schicksale, denen er unterworfen gewesen, nicht gebrochen, sondern gestählt. Er war ein feiner Beobachter geworden; sein wechselvolles Leben hatte eine neue Welt von Bildern und Gedanken vor ihm erschlossen. Abgestorben für den gewöhnlichen Ehrgeiz, welcher glaubt, durch Orden oder Epauletten die Blößen des Geistes und Herzens verdecken zu können, war er desto empfänglicher für die Anerkennung, welche seinen persönlichen Vorzügen gezollt wurde. Eine wunderbare Leichtigkeit des Ausdrucks, ein außerordentliches Gedächtniß und eine für uns schwerfällige Deutsche unbegreifliche Beweglichkeit des Geistes befähigten ihn, nach den Umständen von einem Gegenstande zum andern überzuspringen und immer den Nagel auf den Kopf zu treffen. 73 Ist es dem Reisenden vergönnt, bei einem merkwürdigen Petrefakt oder einer seltenen Pflanze betrachtend zu verweilen, so dürfte ein merkwürdiger Mensch in noch höherem Grade unserer Aufmerksamkeit werth sein. Darum, obgleich unser Held weder ein berühmter Mann ist, noch Aussicht hat, ein solcher zu werden, mögen hier einige Züge aus seiner Unterhaltung Platz finden, um dem Leser einen schwachen Begriff zu geben, welchen Reiz es für mich haben mußte, solchem Exemplar unserer Gattung unter solchen Umständen zu begegnen. Die Unterhaltung mit G. (so wollen wir unsern Verbannten nennen) erschien mir eben dadurch bedeutungsvoll, daß er seine Stoffe nicht gewaltsam an den Haaren herbeizog, sondern seine Bemerkungen immer auf das Natürlichste an die Personen und Gegenstände unserer nächsten Umgebung knüpfte . . . Ein Gewitter zog sich über unsern Häuptern zusammen, eben als wir im Begriff waren, Gelendshik zu verlassen. Der vor einer Stunde noch so durchsichtig blaue Himmel wetteiferte jetzt an Dunkel mit dem Schwarzen Meere. Aus dem Schooße der Wolken sprangen die Blitze in gigantischem Zickzack über Berg und Meer, und in tausendfachem Wiederhall rollte der Donner durch die Schluchten des Gebirges. Alle Russen unserer Gesellschaft bekreuzigten sich. »Welch wundersamer Gegensatz!« – rief G. – »Wir bekreuzigen uns, um nach dem Glauben des Volks uns zu wahren vor dem Unglück, welches ein Gewitter anstiften kann, während unsere Nachbarn, die Tscherkessen, eben dieses Unglück als ein Glück, als eine Wohlthat Gottes betrachten Der Mensch, der bei ihnen vom Blitz getroffen stirbt, wird glücklicher gepriesen, als der gefallene Held in der Schlacht; man beneidet sein Loos und gedenkt seiner wie eines Heiligen. 74 Eben so gilt bei ihnen die Stätte für gesegnet, wo der Blitz in ein Haus oder einen Baum einschlägt. Darum begrüßen sie jedes Gewitter mit Freuden, und nicht wie wir mit Angst und Furcht.« Er wurde unterbrochen durch ein lang anhaltendes Donnergerolle, das Alles ringsum erzittern machte. »Wie meisterhaft – fuhr er fort, als es wieder etwas ruhig geworden war – hat Byron es verstanden, so gewaltige Naturerscheinungen mit gewaltigen Worten zu malen: . . . . . from peak to peak Leaps the wild thunder - not from one lone cloud, No, every mountain now hath found a tongue! liegt nicht in diesen wenigen Worten die ganze Poesie eines Gewitters im Gebirge?« . . . – Ich glaube, – hub ein patriotischer Russe an – unser Shukowsky giebt doch Byron in solchen Schilderungen nichts nach. Nehmen Sie nur einmal das schöne Gedicht, worin er das Meer beschreibt; welche Glut und Farbenpracht liegt darin!« – »Das Gedicht ist sehr hübsch, aber zu überschwenglich und wiegt jedenfalls in seiner Gesammtheit die angeführten wenigen Zeilen von Byron nicht auf.« Der Andere wollte das nicht zugeben und bedauerte das Gedicht nicht auswendig zu wissen, sonst würde er die Gesellschaft eines Besseren überzeugen. »Da kann ich aushelfen!« – rief G. aus, auf einstimmigen Wunsch aller Anwesenden begann er zu deklamiren:         O schweigendes Meer! Du voll himmlischer Bläue, Hoch ob Deinem Schlund sieh' bezaubert mich steh'n 75 Du athmest lebendig – aufwallende Liebe, Bewegte Gedanken durchwogen Dich wild. O schweigendes Meer! Du voll himmlischer Bläue, Erschließ Deiner Tiefe Geheimnisse mir! Sag' an, was bewegt den unendlichen Busen? Was athmet so schwer in der schwellenden Brust? Sprich, zieht Dich vielleicht aus der Knechtschaft der Erde Der ferne, der leuchtende Himmel zu sich? . . . Voll von dem geheimnißvoll Süßen des Lebens Bist Du rein, wenn er Dir in Reinheit sich zeigt; Du wiederstrahlst klar seine glänzende Bläue, Glühst Morgens und Abends in rosigem Licht. Du freust Dich im Glanz seiner blinzenden Sterne, Und liebkosest schmeichelnd sein goldnes Gewölk. Wenn dunkel die Schaaren der Wolken sich sammeln, Die Klarheit des Himmels dem Blick sich verhüllt – Dann schlägst Du und brausest und hebst Deine Wogen, Durchbrichst und zerreißt wild das feindliche Graus . . . Und das Dunkel verschwindet, die Wolken entfliehen, Doch voll noch von Deinem vergangenen Grau'n, Bang athmest Du ein die erschrockenen Wogen Und den wonnigen Glanz des erneuerten Blau's. Nicht ganz kehrt die heitere Ruhe Dir wieder, Betrügerisch, Meer! ist Dein regloser Blick; In dem schweigenden Schlund birgst Du süße Verwirrung, Liebäugelst den Himmel und zitterst für ihn! Das Gedicht fand wohlverdienten Beifall, aber man kam doch überein, daß es sich zu den Byron'schen Versen verhalte wie der Flug einer Taube zu dem Fluge eines Adlers. 76 Inzwischen hatte der Regen draußen nachgelassen und wir wurden erinnert, daß es hohe Zeit sei zurückzukehren aufs Schiff. Die Sonne brach wieder durch die Wolken als wir vom Lande stießen, und das weiße Städtchen mit dem dunklen Hintergrund der Berge gewährte einen gar hübschen Anblick. »Paßt nicht Byron's Schilderung von Marathon – hub G. wieder an – auf alle Städte und Festungen dieser Küste? The mountains look on Marathon, And Marathon looks on the sea . . . Das sind nur zwei Verse, und doch enthalten sie ein großes, vollständiges Bild!« – »Es ist nun einmal Mode bei uns, den Byron immer im Munde zu führen!« – sagte der patriotische Russe mit etwas spöttischem Gesichte. »Das hat seine guten Gründe, – erwiederte G. sehr gelassen, – weil ohne eine genaue Kenntniß dieses englischen Dichters die Russen ihre eigenen modernen Dichter weder recht verstehen noch recht beurtheilen können, so gewaltig war sein Einfluß auf unsere Literatur. Ist auch in manchen Stücken dieser Einfluß zu beklagen, wegen der vielfachen Auswüchse und Verirrungen zu welchen er Anlaß gegeben, so hat er, im großen Ganzen genommen, doch sehr heilsame Folgen gehabt. Unsere neueren Dichter haben von Byron Kürze und Einfachheit des Ausdrucks gelernt, ein Fortschritt, der nicht hoch genug angeschlagen werden kann, denn Weitschweifigkeit und unnütze Wiederholung in Bild und Wort ist ein Hauptfehler unserer alten Volkspoesie, die sonst des Schönen gar Vieles enthält.« . . . Wir waren wieder auf unserm Schiffe angelangt, aber 77 die Unterhaltung wurde in der begonnenen Weise mit großer Lebendigkeit fortgesetzt. Bis zum Abendessen konnte G. seine Zuhörer nicht loswerden. Nur zwei von der Gesellschaft entfernten sich: der alte patriotische Russe und ein noch blutjunger aber schon sehr hoch gestellter und sehr naseweiser Offizier, der es unter seiner Würde hielt, sich von einem Lieutenant belehren zu lassen. Wir Uebrigen bildeten eine Gruppe um G., der uns einen äußerst pikanten Vortrag über die Entwickelung der russischen Poesie hielt, eine zahllose Menge von Gedichten der verschiedenen Perioden aus dem Gedächtnisse anführte, und durch seine Citate und Vergleiche aus alten und neuen Sprachen eine außerordentliche Belesenheit kundgab . . . Der junge, naseweise Offizier war ganz außer sich, daß G. die Gesellschaft so in Anspruch nahm, und ihn bei den Damen vollständig verdunkelte. Bei Tische suchte er durch allerhand abgeschmackte Mittel die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken, ohne Rücksicht auf die Andern dabei zu nehmen. So fing er z. B., während G. seiner Nachbarin eine Frage beantwortete, plötzlich mit wichtiger Miene an zu rufen: »Wir haben eine gefährliche Zahl an der Tafel, dreizehn Personen!« – »Es sind vierzehn!« – berichtigte der Schiffskapitain. »Ach so! – ich hatte mich vergessen,« rief der junge Held, laut auflachend. – »Man muß sich nie vergessen in Gesellschaft!« – warf G. ruhig hin und fuhr fort in seinem Gespräch, während ein zustimmendes Lächeln um die Tafelrunde schlich. Das Lachen des jungen Helden aber verwandelte sich in zorniges Erröthen. Die Militairs saßen bei Tisch nach ihrer Rangordnung, während die Damen es mit der Etiquette so genau nicht nahmen, sondern sich hinsetzten wo sie sich am besten 78 unterhielten. Der junge Held nahm einen der obern Plätze ein, und da er mit geistigen Waffen gegen G. nichts ausrichten konnte, so suchte er ihn seine Rangüberlegenheit auf empfindliche Weise fühlen zu lassen. »Warum haben Sie sich keinen bessern Platz ausgesucht, Anna Petrowna? « fragte er mit erzwungenem Lächeln eine Dame, welche neben G., ziemlich unten am Tische saß. – »Dieser Platz gefällt mir sehr gut!« – entgegnete die Gefragte. »Der beste Platz ist immer wo der beste Mann sitzt,« – sagte G., indem er auf den kommandirenden General sah, den wir Alle sehr liebten; – »und der schlechteste Platz ist wo der schlechteste Mann sitzt,« – fügte er gedehnt hinzu, das Auge fest auf den jungen Störenfried gerichtet, der vor impotenter Verlegenheit die furchtbarsten Grimassen schnitt. * * * Spät am Abend, als sich der größte Theil der Gesellschaft bereits zur Ruhe begeben hatte, erinnerte ich G. an sein Versprechen, mir die Geschichte des Grafen Oppermann zu erzählen. Wir suchten uns ein gemüthliches Plätzchen aus, besorgten uns ein gutes Glas Grog, da nach dem Gewitter die Luft etwas kühl geworden war, und G. begann mit großer Ausführlichkeit seine Erzählung, deren Hauptzüge das nächste Kapitel enthält. 79   Sechstes Kapitel. Die Verbannten. Unter den polnischen Edelleuten, welche schuldig oder verdächtig, Theil genommen zu haben an der Revolution von 1831, mit Verbannung nach Sibirien und Konfiskation ihrer Güter bestraft wurden, war einer der angesehensten und reichsten Graf R. Seine Feinde machen es ihm noch heute zum Vorwurf, und seine Freunde sagen es noch heute zu seiner Entschuldigung, daß er im Genusse des Glücks welches sein trauter Familienkreis ihm bot, sich anfangs gar nicht und später nur soweit an der Revolution betheiligte, als er gewaltsam vom Strome mit fortgerissen wurde. Doch konnte bei den Verurtheilungen auf ein größeres oder geringeres Maß von Schuld nicht Rücksicht genommen werden, da besondere Untersuchungen zu den Ausnahmefällen gehörten, während im Allgemeinen das Strafverfahren ein summarisches war. Graf R. hatte eine, damals etwa funfzehnjährige Tochter, die wegen ihrer seltenen Schönheit, Anmuth und Herzensgüte hochgefeiert in der ganzen Nachbarschaft war. Sie war der 80 Stolz und die Zierde ihres Hauses, und, früh schon durch den Tod der mütterlichen Pflege beraubt, hing sie mit grenzenloser Liebe an ihrem Vater. Dem Alten seinerseits ging der Gedanke, sich von seinem liebsten Kinde trennen zu müssen, tiefer zu Herzen als selbst der Schmerz über den Untergang des Vaterlandes und den Verlust all seines Gutes und seiner Habe. Die Wechselfälle des äußeren Glückes erträgt der Slave, weß Stammes er auch sei, mit fast moslemitischem Gleichmuth – eine Erscheinung, die wohl hauptsächlich in den unsicheren Zuständen in welchen alle Slavenvölker leben, ihre Erklärung findet, – während die Bande der Familie bei ihnen tiefer wurzeln als bei irgend einem anderen Volke. Die junge Gräfin vernahm das Verbannungsurtheil ihres Vaters mit viel größerer Ruhe und Festigkeit als dieser erwartet hatte, denn sie knüpfte daran gleich den unwandelbaren Entschluß, ihren Vater zu begleiten, wohin auch das Schicksal ihn führen möge. Doch war dieser Entschluß leichter gefaßt als ausgeführt. Es bedurfte erst langer Anstrengungen, warmer Verwendungen einflußreicher Männer, um als eine besondere Gnade vom Kaiser die Erlaubniß zu erwirken, daß die Tochter ihrem alten Vater in die Verbannung folge. Und als die Erlaubniß endlich eintraf, war die Freude des zarten Geschöpfes so groß, daß sie all ihr sonstiges Leid darüber vergaß, gleich als ob es sich darum gehandelt hätte, eine Lustreise zu machen, statt einer Wanderung in die sibirische Wildniß, wohl über tausend Meilen weit. Wer nie einen Zug Verbannter gesehen, wie sie auf dem Wege nach ihrem weiten Ziele einherschwanken mit schlotternden Knieen, Dutzendweise an eine eiserne Stange geschmiedet, das Antlitz bleich von Schmerz und Entbehrung, oder verzerrt 81 vom Ausdruck der Verzweiflung, – der begreift nicht was es heißt, in solcher Gesellschaft von einem Ende des riesigen Zarenreichs bis zum andern zu pilgern, mit wunden Füßen und wundem Herzen, hinter sich die verödete Heimath und vor sich eine öde Zukunft. Sechs bis zwölf Monate dauert – nach Maßgabe der Entfernung des Verbannungsortes – gewöhnlich eine solche Pilgerfahrt, wo das Laster neben der Unschuld wandert, das Verbrechen neben der Tugend. Kosaken vom Don oder vom Ural, entartete Nachkommen eines ritterlichen Volks, begleiten als Schergen den traurigen Zug. Wer vermag die einzelnen Züge der Leidensgeschichte zu schildern, die eine solche Wanderung in sich schließt und die von den Launen der Menschen, des Wetters und hundert Zufälligkeiten abhängen! Der roheste Verbrecher flößt Mitleid ein, wenn man ihn, geknebelt wie ein wildes Thier, den Eisgefilden Sibiriens zutreiben sieht . . . nun denke man sich in ähnlicher Lage ein zartes, verwöhntes Wesen, dessen Erinnerungen alle in Eleganz und anmuthiger Häuslichkeit wurzeln! Die junge Gräfin ertrug die Irrsale der Reise mit einem Muthe und einer Ausdauer, die den stärksten Mann beschämt haben würde. Sie, die sonst jedem Luftzuge auswich, aus Furcht sich eine Erkältung zuzuziehen, bot jetzt freudig dem rauhesten Klima und allem Unwetter Trotz, wie denn überhaupt den ächten Slavinnen eine merkwürdige Zähigkeit innewohnt. Die russische Geschichte ist reich an Beispielen, daß Damen aus den vornehmsten Fürstengeschlechtern, welche mit hingebender Aufopferung ihren Gatten in die Verbannung folgten, den Weg nach Sibirien hin- und zurückgemacht haben, 82 ohne wesentlich schädliche Folgen danach zu spüren. Ich erinnere hier nur an die Namen Trubetzkoi und Dolgorucki . . . Die junge Gräfin kam frisch und gesund an ihrem wüsten Verbannungsorte an, während ihr Vater die Mühseligkeiten der Reise mit weniger Glück ertragen hatte. Er wurde gleich nach der Ankunft so bedenklich krank, daß sie für sein Aufkommen fürchtete. Sie pflegte ihn mit der liebevollsten Sorgfalt, aber die Kraft des alten Mannes war gebrochen, und wenn auch die augenblickliche Todesgefahr glücklich beseitigt wurde, so blieb doch wenig Hoffnung zu seiner gänzlichen Wiederherstellung. Seine Tochter wandte sich in ihrer trostlosen Lage an eine alte vornehme Verwandte in Petersburg, welche in dem Rufe stand, großen Einfluß bei Hofe zu haben. Es wurde in dem Briefe besonders hervorgehoben, daß der alte Graf ganz unschuldig verurtheilt worden sei, da er niemals eigenwillig thätigen Antheil an der Revolution genommen, und daß er es daher als eine große Gnade ansehen würde, den Fall nochmals mit strenger Unparteilichkeit untersucht zu sehen. Der Brief war mit aller Beredsamkeit und Wärme zärtlicher Kindesliebe geschrieben und verfehlte seine Wirkung auf die alte Dame in Petersburg nicht, wenn auch die Folgen etwas lange auf sich warten ließen, wie das bei der großen Entfernung des Verbannungsortes von Petersburg nicht anders möglich war. Der Kaiser hatte eben keinen persönlichen Groll gegen den Grafen, und ließ sich daher ohne große Schwierigkeiten bewegen, seine Einwilligung zu geben, daß die Gründe der Verbannung nochmals einer strengen Prüfung unterworfen würden. Von Zeit zu Zeit pflegen sogenannte 83 Inspektions-Kommissionen , gebildet aus jungen, angesehenen Beamten, unter Vorsitz eines Senators oder Generals, aus der Residenz in die entfernteren Provinzen des unermeßlichen Reichs entsendet zu werden, zu dem Zwecke, genaue Kenntniß von den Zuständen zu nehmen, alten Uebelständen abzuhelfen und neue Verbesserungen einzuführen. Das Schicksal wollte, daß kurze Zeit nach dem Eintreffen des obenerwähnten Briefes eine solche Inspektions-Kommission nach Sibirien entsendet wurde. Der Chef dieser Kommission, Generalmajor Graf Oppermann , Adjutant und – wie man behauptet – damals ein besonderer Günstling des Kaisers, was einigermaßen durch den Umstand bestätigt wird, daß der Graf als junger Dreißiger schon einen so hohen Posten bekleidete, erhielt die Weisung, die auf die Verurtheilung des Verbannten bezüglichen Papiere noch einmal gründlich zu prüfen, den Inhalt an Ort und Stelle mit den mündlichen Aussagen des Verbannten zu vergleichen, und seine Entscheidung danach zu treffen. * * * Ein für die Ungeduld des Leidens langer Zeitraum hatte zwischen dem Absenden des Briefes der jungen Gräfin nach Petersburg und dessen Beantwortung gelegen. Aber der günstige Inhalt der Antwort ließ sie schnell alle Drangsal der Vergangenheit vergessen und hoffnungsvollen Blickes in die Zukunft schauen. Es genügte ihr, die Gewißheit zu haben, daß mit Vorwissen des Kaisers eine neue Untersuchung eingeleitet werden solle; sie war so fest überzeugt von der Unschuld ihres Vaters, daß sie in dem Ausgange der Untersuchung auch das Ende der Verbannung erblickte. 84 Die hoffnungsfreudige Stimmung der Tochter verfehlte ihre gute Wirkung auf den Vater nicht. Der Alte, welcher sich längst darauf gefaßt gemacht hatte, in Sibirien sein Grab zu finden, sah neue Bilder einer bessern Zukunft vor sich auftauchen und ertrug die Leiden der Gegenwart mit Ruhe und Ergebung, obgleich die Schicksalsschläge die ihn getroffen, zu erschütternd auf ihn gewirkt, als daß er sich hätte gänzlich davon erholen können . . . Das Reisen einer russischen Inspektions-Kommission geht, trotz der vielen und schnellfüßigen Pferde welche den Herren überall zu Gebote stehen, ziemlich langsam von Statten. Die Gesellschaft bildet eine vollständige Karavane, welche Bett, Küche und Keller, kurz Alles mit sich führt, was zur Nothdurft und Bequemlichkeit des Lebens gehört. Schon das tägliche Aus- und Einpacken auf den Stationen verursacht einen erheblichen Zeitverlust; noch mehr Zeit geht aber durch die vielen herkömmlichen Formalitäten verloren. In jeder Provinzialstadt wird Halt gemacht, werden Besuche gewechselt mit den Civil- und Militairbehörden, werden die Merkwürdigkeiten besehen, Diners mitgemacht und was dergleichen zeitraubende Formalitäten und Vergnügungen mehr sind, welche in der Geschichte solcher Reisen auf Regierungskosten gewöhnlich die hervorragendsten Momente bilden. Verging den Herren der Inspektions-Kommission die Zeit schnell, so dauerte sie den armen Verbannten desto länger. Ich habe einmal von einem Manne, der zehn Jahre im Kerker zugebracht, erzählen hören, daß die drei Tage welche zwischen der Ankündigung seiner Freilassung und der Freilassung selbst lagen, ihm länger vorgekommen, als die zehn Jahre, welche er in der Gefangenschaft verlebte. In ähnlicher Weise wuchsen den armen Verbannten die 85 Minuten zu Tage, die Tage zu Jahren an, bis endlich die langersehnte Stunde schlug, die den Grafen Oppermann in die Hütte des kranken Polen führte. Der Graf hatte schon vorher alle Einzelnheiten der Anklage genau geprüft und bedurfte daher nicht langer Zeit, um durch persönlichen Verkehr mit dem Angeklagten seine schon vorgefaßte günstige Meinung von der Sache bestätigt zu sehen. Das Herz der jungen Gräfin wurde leicht wie es seit lange nicht gewesen, als ihr die Aussicht, ihren Vater wieder in Freiheit zu sehen, so nahe gerückt war, – das Herz des Grafen Oppermann aber wurde schwer, wie es nie gewesen, als der Tag nahe war wo er sich von der schönen Polin trennen sollte. Gleich beim ersten Anblick hatte das holdselige Geschöpf einen unauslöschbaren Eindruck auf ihn gemacht. Seine Zuneigung für die schöne Polin stieg bis zur heftigsten Leidenschaft, als er sie in ihrem häuslichen Treiben und Walten sah. Der weibliche Heldenmuth mit welchem sie ihr hartes Geschick ertragen, die liebevolle Aufopferung für ihren Vater, ihre Anmuth und Körperschöne, alles das hatte den Grafen mit einem Zaubernetz umzogen, dem er nicht mehr entgehen konnte, und je näher die Stunde der Trennung heranrückte, desto klarer empfand er, daß es ihm leichter sein würde, für immer mit der schönen Polin in der Verbannung zu leben, als sich auf ein Kurzes von ihr zu trennen. Er that, was er nicht lassen konnte: er hielt um ihre Hand an, und – sie ward seine Frau. So wollte das Schicksal, daß ihr das verrufene Land, welches sie unter so trüben Aussichten betreten und wo sie so bittere Stunden verlebt, zum Paradiese werden sollte. Das Maß ihres Glückes war voll; sie wußte ihren Vater, an dem sie mit ganzer Seele hing, in Freiheit, und sie hatte das schöne 86 Bewußtsein, den wieder glücklich gemacht zu haben, der sie glücklich gemacht. Sie blieb mit ihrem Vater in T. bis ihr Gatte seine sibirische Rundreise vollendet hatte, um dann in Beider Begleitung die lange Reise nach Petersburg anzutreten. * * * In der russischen Kaiserstadt sind schöne Frauen selten. Eine so liebliche und anmuthige Erscheinung wie die junge Gräfin Oppermann , hatte man seit lange in den Petersburger Salons nicht gesehen. Es war daher nur natürlich, daß sie in hohem Grade die Aufmerksamkeit der eleganten Welt auf sich zog und bis zu den Stufen des Thrones hinauf Anbeter und Bewunderer fand. Es war eben so natürlich, daß sie, trotz ihrer anspruchslosen Bescheidenheit, den Neid und die Mißgunst anderer Damen rege machte, welche minder schön, aber gefallsüchtiger waren als sie. Ja, man flüsterte sich hier und da schon kluge Vermuthungen zu über die eigentlichen Gründe, die den Grafen O. bewogen haben mochten, die Untersuchung zu einem so günstigen Resultat zu führen. »Wo die Tochter so schön ist, da kann man den Vater schon unschuldig finden!« An solchen und ähnlichen Bemerkungen fehlte es nicht; doch wagte man nicht offen damit hervorzutreten, so lange der Kaiser die schöne Polin ganz besonderer Aufmerksamkeit würdigte. Wir wollen hier nicht die Gründe untersuchen, welche Veranlassung gaben, daß die Gunst des Kaisers für die schöne Polin nicht von langer Dauer war. Die Gräfin gehört zu jenen edleren weiblichen Naturen, die ihrer Würde und ihrem Familienglücke alle übrigen 87 Rücksichten zu opfern wissen und deren Ehrgeiz nicht über den engen häuslichen Kreis hinausreicht. Aber je weniger sie sich um die Menschen bekümmerte, desto mehr bekümmerten sich die Menschen um sie, und kaum merkte man, daß ihr Stern im Erbleichen war, als man auch schon begann das mit lauter Stimme zu sagen, was man bis dahin nur zu flüstern gewagt hatte. Niemand kannte eigentlich die wahre Ursache der plötzlichen Sinneswandlung des Kaisers, aber Jedermann fand, daß der Kaiser recht hatte, seine Verehrung für die schöne Polin plötzlich in Ungnade zu verwandeln. Nur sehr Wenige kannten die näheren Umstände der Freilassung des Grafen R. und seiner Tochter aus der Verbannung, aber Jedermann that überzeugt, daß Graf Oppermann die Freiheit des alten Polen nur erwirkt habe, um seine schöne Tochter heimführen zu können, und daß es daher nur recht und billig sei, die Sache noch einmal einer genaueren Prüfung zu unterwerfen. Wie sich unter solchen Umständen voraussehen ließ, fiel die Untersuchung dieses Mal zum Nachtheil des Angeklagten aus . . . Wir überlassen den alten, kranken Mann seinem unglücklichen Schicksale, dem er bald als Opfer fiel – um die Geschichte des Grafen Oppermann zu verfolgen, über den jetzt der Kaiser die ganze Schale seines Zornes ausgoß. Er wurde degradirt und nach dem Kaukasus in die Verbannung geschickt. Die Gräfin, eine eben so treue Gattin wie Tochter, konnte sich nicht entschließen, unter den ihr gemachten glänzenden Bedingungen in Petersburg zu bleiben. Sie zog es vor, ihrem Gemahl in's Exil zu folgen, um eine neue Schule von Leiden und bitteren Erfahrungen durchzumachen. * * * 88 Mehrere Jahre nach diesen Vorgängen finden wir den Grafen Oppermann wieder als Oberst des in Gori stehenden Infanterie-Regiments. Verschiedene Reisende, welche in den letzten dreißiger Jahren Georgien besuchten (u. a. Karl Koch ) thun seiner Erwähnung und rühmen die gastliche Aufnahme, welche sie in seinem, damals schon durch einige Kinder vermehrten Familienkreise gefunden. Er wäre der glücklichste Mensch gewesen, wenn er in dieser Stelle hätte bleiben können, wo eine anmuthige Häuslichkeit und ein paradiesisches Land Ersatz boten für die Entbehrungen des Exils. Aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Auf einer Rundreise welche der Kaiser durch seine kaukasischen Provinzen unternahm, kam ihm auch sein ehemaliger Adjutant wieder zu Gesicht, und er fand es für gut, ihn von Gori nach Gelendshik zu versetzen, einem der ungesundesten Nester, deren die Erde sich rühmen kann. Hier ist der Graf inzwischen wieder zum Generalmajor avancirt, die bösen Wirkungen des Klimas haben seine Gesundheit aber bereits so zerrüttet, daß er es nicht lange mehr aushalten wird. Sein Aufenthalt hier ist ein fortwährendes Ankämpfen gegen die schlimmen Fieber und Leberkrankheiten der Küste gewesen, die sein Haus häufig vollständig in ein Lazareth umgewandelt haben. Hätte er dieses Jahr nicht vor Eintritt der heißen Jahreszeit seine ganze Familie nach Kertsch geschickt, die arme Frau mit den kranken Kindern würde in Gelendshik den Sommer schwerlich durchgemacht haben, wo die Menschen hinsterben wie die Fliegen . . . * * * 89 Ich habe diese Geschichte möglichst kurz und einfach nacherzählt, ohne alle poetische Zuthat, und mit Hinweglassung mancher Einzelheiten, die nicht wohl in die Oeffentlichkeit gehören. Durch solche, der Wirklichkeit entnommene Bilder lassen sich die Zustände eines Landes am besten veranschaulichen. Das hier Gesagte umfaßt die Hauptpunkte dessen, was mir an verschiedenen Orten und von verschiedenen Personen über die Schicksale des Grafen Oppermann erzählt wurde. In den wesentlichsten Punkten stimmten alle diese Erzählungen überein, während sich in unwesentlichen Dingen mancherlei Abweichungen zeigten. So wäre, nach einer Version, Graf Oppermann nicht als Chef einer Inspektions-Kommission, sondern in rein militairischen Angelegenheiten nach Sibirien geschickt, und nach einer anderen Version wäre die Gräfin zum zweiten Male ihrem Vater in die Verbannung nach Sibirien gefolgt und erst nach dem Tode des Vaters zu ihrem Gatten zurückgekehrt. Ich lernte die Gräfin später im Hause des Statthalters von Kertsch kennen, und fand Alles, was man mir Günstiges von ihr gesagt hatte, im hohen Grade zutreffend. Man sah es dem Gesichte an, daß sie viel gelitten, aber zugleich, daß das Unglück nur veredelnd auf sie gewirkt. Ihr schönes, seelenvolles Auge und der frische, empfängliche Geist, der sich bei jeder Gelegenheit offenbarte, bewirkten, daß sie immer noch den Eindruck einer jugendlichen Erscheinung machte. Ich fand es natürlich, daß sie es sorgfältig vermied, von ihrer Vergangenheit zu sprechen, aber es fiel mir damals auf, daß sie bei verschiedenen Gelegenheiten vom Kaiser mit einer Ehrfurcht sprach, welche, in Zusammenhang gebracht mit der oben erzählten Geschichte, meinem Gefühl etwas widerstrebte. 90 Ich habe seitdem jedoch öfter die Erfahrung gemacht, daß selbst Männer, deren Lebensglück durch ähnliche Schicksale gebrochen war, zuletzt dahin kamen an ihrem eigenen Urtheile irre zu werden. Der Machtumfang des russischen Selbstherrschers, obgleich auf unsittlicher und unnatürlicher Grundlage ruhend, hat etwas so Gewaltiges, Uebermenschliches, daß der hartnäckigste Widerstand des Einzelnen sich über kurz oder lang daran bricht, und der Trotz sich in stumme Ergebung, bei schwächern Naturen in Ehrfurcht verwandelt. 91   Siebentes Kapitel. Unter den Tscherkessen. II. Bei allen Völkern, mit welchen unsere Wanderung uns bisher in Berührung gebracht, bei Russen, Kosaken, Georgiern, Armeniern, Persern und Tataren haben wir vorwiegend die poetische Seite herausgekehrt, und der Schilderung jedes Landes das wir betreten, immer ein paar poetische Nachklänge eingeflochten. Es wäre ungerecht, wollten wir bei den Tscherkessen nicht ein Gleiches thun. Die folgenden Gesänge mögen zugleich Anlaß geben, und theilweise selbst dazu beitragen, unsere frühern Mittheilungen über Land und Volk der Tscherkessen zu ergänzen und zu vervollständigen, da die hier gebotenen Stoffe immer dem wirklichen Leben entnommen sind und bis auf das kleinste Bild auf tscherkessischem Boden wurzeln. Bemerken muß ich jedoch, um jeglichem Mißverständniß vorzubeugen, daß die Lieder, welche ich dem Leser hier in deutschem Gewande vorführe, nicht wort- und versgetreue Uebersetzungen sind wie z. B. das Lied von dem grausen 92 Zaren Iwan Wassiljewitsch und andere im ersten Bande dieses Werks mitgetheilte Gedichte. Denn Erstens haben die folgenden Lieder nicht in der Ursprache aufgezeichnet werden können, da das tscherkessische Idiom keine Schriftzeichen hat, und zweitens verstehe ich so wenig von der Tscherkessensprache, wie alle übrigen Reisenden, welche vor mir diese Lande besuchten. Die Lieder wurden mir von meinen tscherkessischen Freunden in die, allen Häuptlingen und Priestern des Landes geläufige, türkische Sprache übersetzt. Ich verzeichnete genau den Inhalt und suchte bei der deutschen Nachbildung der Weise möglichst nahe zu kommen, wie ich sie tscherkessisch singen gehört hatte, wobei das Ohr mir als einzige Richtschnur diente. Die Entstehungsgeschichte der tscherkessischen Lieder ist höchst einfach. Jeder Kampf, jedes Fest, jedes freudige und traurige Ereigniß wird durch Gesang verherrlicht. Und wie die Ereignisse sich folgen, so folgen sich auch die Lieder, einander verdrängend und verwischend, da sie nie durch das geschriebene Wort festgehalten werden. So kommt es, daß die Lieder, welche hier zu Lande gesungen werden, selten über eine Generation zurückreichen, da jedes Geschlecht seine eigene Verherrlichung am liebsten hört und die Tscherkessen nicht der Erinnerungen vergangener Jahrhunderte bedürfen als Triebfedern zu männlicher Kraftäußerung in der Gegenwart. 93   Das Lied von Murad.                           Der Odem verweht Des gefallnen Helden, Das Blut seiner Adern Zerrinnt und versiegt – Aber nimmer versiegt Der Geschlechtervertilgenden Blutigen Rache Quell! *   *   * Als Murad erschlagen war, Und im Gewühle des Kampfes Die Leiche des Helden, Der Zier von Ubychistan, Den Feinden zur Beute ward: Da heulten die Weiber In langen Klagereih'n, Und es war des Jammers Kein Ende zu sehn. Aber die Männer des Stammes Versammelten sich Unter der heiligen Eiche, Im Dunkel des Waldes, Um Rath zu pflegen Zu gemeinsamer That. 94 Und sie entsandten Botschaft, – Sechs Delikanler Wurden entsendet – Au den Führer der Moskow: »Gieb uns die Leiche Des Bruders zurück! Daß wir sie bestatten In heimischer Erde, Nach heiligem Landesbrauch.« Aber der Führer der Moskow, Mit Hohn und Unbill Wies er zurück Die jungen Reiter, Die Botschaft-tragenden: »Nicht die Leiche werd' ich Eures Bruders Euch geben. Aber selbst Euch will ich Zur Leiche machen!« *   *   * Als die Antwort verkündet ward Im Rathe der Tamata , Entbrannte vor Rachezorn Das Antlitz der Greise; Und Jerynbük-Bersek-Bey, Der Hort von Ubychistan, Rief die Mannen zum Kampfe auf . . . 95 Wie aus Wolken ein Blitzesstrahl Schlug das zündende Kampfeswort Rings in die Herzen ein. Aber Islam-Tschemek-Bey, Die Zunge des Medshilis , Sprach mahnende Worte Der Weisheit und Mäßigung: Nichts gewinnt ohne Mühe sich, Und was einmal mißglückte, Gelingt oft zum zweitenmal. Selbst die Frucht am Baume Fällt nicht ungeschüttelt In des Gärtners Schooß – Und keines Weisen Beginnen ist Den ganzen Baum zu fällen, Weil die Frucht nicht nieder Beim ersten Schütteln fiel. Vielleicht versagten die Feinde Der Jungen Ungestüm, Was sie den Bitten der Alten Nicht versagen werden. Noch einmal den Moskow Entsendet Botschaft: Gebt uns die Leiche Des Bruders zurück! 96 Wir geben Euch frei dafür Zwanzig Gefangene, Die wir zur Beute gemacht Aus Euren Kriegerreihen, Zwanzig Lebendige Für Einen Todten! Und versagen sie darauf noch Unseres Wunsches Gewähr: So möge das Schwert erringen Was dem Worte versagt wird! Der Held greift zum Schwert Nicht ohne Vorbedacht – Nicht ohne Vorbedacht Legt er es nieder! – So sprach Islam-Tschemek-Bey Und schaute im Kreise um, Ob keiner der Tamata Sich erhebe zum Widerspruch. Aber alle schwiegen rings, Ehrend des Helden Wort. Und der Jüngeren Einer Schwang sich auf's Roß, – Als das Zeichen gegeben war Zum Aufbruch des Medshilis – Ritt langsam im Kreise um, Und verkündete laut Den Rathschlag Islam-Tschemek's. Dann sprengt' er davon, Und alle Anderen folgten ihm. *   *   * Sechs Greise erkoren sie Um Botschaft zu tragen Zu dem Führer der Moskow: »Gieb uns die Leiche Des Bruders zurück, Daß wir sie bestatten In heimischer Erde, Nach heiligem Landesbrauch. Wir bieten als Entgeld Zwanzig Gefangene, Zwanzig Lebendige Für Einen Todten!« Und der Führer der Moskow Gab lächelnd zur Antwort: »Das muß ein ruhmvoller Todter sein! Der die Greise selber, Die Häupter des Volkes Zu mir in's Lager treibt – Solch ein Todter ist besseren Preises werth!« Und er sprach solche Worte In höhnendem Uebermuth, Daß die Greise selber, Die Träger der Botschaft, – Alle ergrimmten In starkem Zorn. Und als die Kunde erscholl Im Rathe der Männer, Da rief Islam-Tschemek-Bey Der Erste zum Kampfe auf: »Der Todte muß unser sein! In Strömen rothen Blutes 98 Soll er zu uns schwimmen. Wir tilgen die Schande Durch Kampf und Zerstörung, Daß ein Held unsers Stammes In feindlicher Erde liegt!« Statt aller Antwort Entblitzten die Klingen Den bunten Schaschken, Und grimme Blicke Den dunkelen Augen Der horchenden Männer. Weit umher scholl die Kunde, Und von nah und fern Zogen Krieger herbei Auf flinken Rossen. Und sie versammelten sich An den Wassern der Ssotscha, Wohl an Tausend Mann. Hier hielten sie Rast Bis nach Mitternacht. In sicherer Obhut Blieben die Rosse Im Dunkel der Wälder. Und die kühnsten der Männer Schlichen voraus Auf heimlichen Pfaden, Durch Dickicht und Felsschlucht; Gewehr und Schaschka Am Rücken befestigt Und mit Filz bedeckt, Auf daß kein Geklirr 99 Ihr Nahen verrathe. Und als sie kamen zur Stätte Wo die Berge verflachen Und die Wälder sich lichten, Und schon das Rauschen des Meeres Dem Ohre vernehmbar, Da tauchten sie nieder In's hohe Gras, Und krochen wie Schlangen Ueber die feuchte Erde, Unbemerkbar den spähenden Wachen der Moskow. Und schon waren sie dicht Vor den Wällen der Veste, Und lösten die Waffen Und machten sich kampfbereit, Als das erste Frühroth Die Wolken durchbrach. Horch! ein gellendes Pfeifen, Ein Schimmern von Lichtern, In der Veste wird's wach – Und ringsum jetzt blitzt es, Und es donnert und kracht Weit in die Berge hin, Daß die Erde erzittert Von dem grausen Getöse. Doch ohne Wirkung blieb Das donnernde Flammenspei'n. Weit über die Köpfe Der nahenden Heerschaar Schlugen die Kugeln ein, 100 In fernem Waldesdickicht Und grüner Hügelbrust. Jerynbük-Bersek-Bey Der hohe, breitschultrige, Und Islam-Tschemek-Bey Der adleräugige, Führen die Kämpfer zum Sturme an. Und ein Würgen und Morden begann Daß die Erde warm dampfte von Blut – Dazwischen scholl Wimmern und Klagegestöhn Wie Schakalgeheul in der Felsenschlucht – Und als sie Sonne am Himmel stand, Und das Meer roth färbte mit ihrer Gluth, Lebte kein Moskow In der Festung mehr. Viele waren geflüchtet Auf's Meer hinaus, Als ihr tapferer Führer gefallen, Der der Letzten einer Der Todten war; Er fiel unter Jerynbük-Bersek's Hand, Das Haupt zerschmettert Von wuchtigem Schaschkenhieb . . . Die Einen rafften zusammen Was an Pulvertonnen Und Waffen und Blei In der Veste zu finden war, Und trieben das Vieh hinweg, Derweilen die Andern Rings die Erde aufwühlten Und nach der Leiche suchten 101 Des erschlagenen Murad-Bey. Sie fanden sein Panzerhemd Nebst Kama und Waffenrock Als Schmuck an der Wand In der Wohnung des Moskow-Bey, Ihn selbst aber fanden sie Zerspießt und zerstochen, In einem frischen Grab Hart am Meeresstrand, Ueberschüttet mit gelbem Sande. Lauter Jubel erscholl Ob des kostbaren Fundes. Und sie hüllten die Leiche In weißes Gewand. Dann wurde Feuer gelegt An die Veste der Moskow, Und sie eilten davon Mit der reichen Beute In das Dickicht der Wälder. Und als sie kamen zur Stätte Wo Murad erschlagen war, Da blieben sie stehen, Um zu Allah zu beten Für das Heil seiner Seele. *   *   * Sie wischten das Blut von den Klingen, Und die Schande von ihrem Stamme! . . . Und als sie saßen und Rast hielten An den Wassern der Ssotscha, 102 Und der Trank der Busa, Der sinneberauschende, Rundum im Kreise ging, Da rühmten die Kämpen sich Laut ihrer Thaten, Wer am meisten getödtet, War am meisten des Ruhmes voll. Basmursa (der Eine Der entsandten Delikanler) Verhöhnte den Moskow-Bey, Der die Kämpen alle Wollte zu Leichen machen, Und nun selber als Leiche Im Feuer versengte. Aber Islam-Tschemek-Bey Sah zürnenden Blickes Den jungen Kämpen an: »Schlecht steht solchem Munde Der höhnende Spott! Der gefallene Moskow-Bey Stand wie ein Held im Kampf, Bis ihn Jerynbük zu Boden gefällt. Sein Tod war ehrenvoller Als dein höhnender Spott – Der Held ehrt den Helden, Und spottet der Todten nicht!« Basmursa entflammte In Zorn und Scham; Doch schweigend senkt er Zur Erde den Blick, 103 Denn der also zürnte, War sein eigener Atalik . Und Jerynbük-Bersek-Bey Rief die Helden zum Aufbruch: »Laßt uns die Beute verwahren, Und zu Hause uns freuen Des erfochtenen Sieges! Es mußten Hunderte sterben, Um den Einen zu sühnen, Doch der Eine war Mehr als die Hunderte werth!« *   *   * Und sie machten ein großes Festmahl, Dreißig Ochsen wurden geschlachtet, Und hundert Schafe, Und drei Wochen dauerte Die Festestrauer der Gäste, Und das Heulen der Klageweiber. 104 Das Lied von Asslan-Bey.                 Im Wasser spiegeln sich die Berge von Dshigethistan, Im Liede spiegelt sich der Ruhm seiner Helden. Berauschend ist der schäumende Busatrank, Berauschender ist der Ruhm des Helden; Der Adler trinkt Kraft aus frischem Bergesquell, Der Held labt sich an den Liedern der Barden. Aus winzigem Hirsekorn, Aus dem Honig, den die kleine Biene bereitet, Wird der Trank der Busa gebraut, Der die stärksten Männer bezwingende. Aus armer Sängerbrust strömt der Liederquell Der die Thaten der Helden verherrlicht. Von schmutzigem Wasser braut sich kein guter Trank, Von faulen Blumen wehet kein guter Duft, Und von schlechten Thaten singt sich kein gutes Lied! Aber deine Thaten, o Asslan-Bey! sind spiegelrein Wie das Schwert womit Du deine Lenden umgürtest. Darum singen wir gern Deinen Heldenruhm, Darum preisen wir laut Deine Weisheit im Rath, Denn selbst Deine Thaten, was wären sie, Wenn sie nicht fortlebten im Liedesklang? Sie würden vergehen wie die Leiber der Feinde, Die Du erschlagen im offenen Kampfe. 105 *   *   * Groß war die Freude im Lande der Apsua, Als Aßlan-Bey Esma heimführte, Die Tochter Moab's, vom Stamme Pschu. Viele herrliche Gäste waren versammelt, Die besten Männer von Apsua. Alle die mit ihm gekämpft in gemeinsamem Kampf, Freuten sich mit ihm in gemeinsamer Freude. Wo zwei Flüsse sich vereinen Da rauschen und springen die Wellen Lauter und höher als sonst – Wo zwei Herzen sich verbinden, Um Eines zu werden, Da ist Freude im Hause, Und vor Jubel tanzen die Gäste. Also geschah es, da Asslan-Bey Der Gatte Esma's ward, der Tochter Moab's. Groß war die Zahl der versammelten Gäste, Und groß die Zahl der gebrachten Geschenke. Hunderte füllten von Schafen und Ziegen, Und fetten Rindern das weite Gehöft; Teppiche, Kaliko, Leinen- und Seidenzeug Waren in den Gemächern zur Schau ausgestellt, Daneben ganze Säcke voll Mehl und Salz, Und viele andere Hochzeitspenden . . . Vor den Häusern tummelten die Burschen sich Auf sichern, leichtschenkligen Rossen umher, Bald im Kreise reitend, bald nach fernem Ziel, Bald zum Scheinkampf in streitende Haufen getheilt. Endlos war die Zahl der Gerichte, Als es zum Festmahl ging – endlos die Zahl Der geschlachteten Hammel, des Wilds und Geflügels. 106 Mancher Humpen wurde geleert von Busa und Arka . Und so oft es dem Wohle der Herrin galt, Der Neuvermählten, der Sonne des Festes, Erschallte immer ein heller Freudenschuß, Wurde kein Pulver gespart, zur Ehre des Hauses. Und manches sinnige Wort wurde laut, Zur Ehre der Herrin, der Neuvermählten. Sie trug an den Armen silberne Spangen, Und bis zum Gürtel herab silbern Brustgeschmeide, Das vor ihr schon Mutter und Großmutter getragen, Und das sorgsam gehegt wird und wohlverwahrt, Auf daß einst die Tochter es wiedertrage. Und als der Tanz nun anhub, der Ringeltanz, Wie so trotzig schauten die Burschen drein, Und wie schmuck die festlich gekleideten Mädchen! Mit den weiten Hosen, den engen Anteri , Und dem gestreiften Käppchen auf dem Flechtenhaar. Einer legt seine Hand auf des Andern Schulter, Und so drehen sie sich in gemessenem Schritt Jedenfalls der ungünstigste Augenblick, um einen Tscherkessen zu sehen. Der Tanz ist die Glanzseite der Tscherkessen nicht. Jedes Volk hat seine unglücklichen Augenblicke, wo es außergewöhnlich dumm aussieht, so z. B. der Deutsche wenn er sich barbieren läßt, der Russe wenn er betet, der Tscherkeß wenn er tanzt. Die armen Mädchen gerathen oft in Gefahr zerquetscht zu werden bei diesem Vergnügen. Lieblich sind die langhaarigen Mädchen all, Doch die Braut ist von Allen die lieblichste! Preiseswerth sind die Geschenke der Gäste, 107 Aber noch preiseswerther die sinnigen Worte Beim Tranke gesprochen, zur Ehre des Paares – Darum wandten alle Blicke sich dem Sänger zu, Als er spät eintrat in die Festeshalle. Er konnte die Blicke nicht erwiedern, Denn er war blind seit langen Jahren; Er brachte keine Geschenke mit, und doch War er von allen Gästen der willkommenste. Man bereitete ihm einen weichen Sitz, Und bewirthete ihn mit Speis' und Trank. Und alle sammelten sich um ihn her, Als er anhub zu singen von Asslan-Bey, Und von Esma, der Chanum , der Sonne des Festes. Und auch sein eigenes Leben sang er, Von eigener Jugend und Kriegesthat; Denn er war selbst einst ein Held in der Männerschlacht, Der Schagiréy gefürchtetster Feind. Er trieb ihre Rinder und Schafe hinweg, Vernichtete sie in manchem Strauß. Und sie stellten ihm nach und fingen ihn, Und stachen ihm die Augen aus. So blieb er im Lande der Schagiréy , Bis Asslan-Bey, der starke Held Das Land der Feinde mit Krieg überzog, Ihre Häuser verbrannt, ihre Aecker verwüstet, Ihre fetten Herden hinweggetrieben, Und den blinden Asamat frei gemacht. 108 *   *   * Noch saß so der blinde Barde und sang, Und erzählte Geschichten vergangener Zeit, Da plötzlich von seinen Lippen weg Wandten Alle sich dem Hofe zu: Da scholl Roßhufhall und Waffengeklirr, Dazwischen verworrener Stimmen Geräusch: »Moskow gjäldi!« die Russen sind da! Zwei Reiter hatten die Botschaft gebracht, Und den Weg bezeichnet, den die Feinde genommen: Noch waren sie wohl eine Stunde weit. Die Weiber, die Kinder wurden in Verwahrsam gebracht. Und Asslan-Bey saß mit allen Reitern auf, Den Moskow entgegen zum nächtlichen Kampf. Sie hatten Kunde erhalten vom Festgelag, Es war ihnen heimlich verrathen worden, Und sie schlichen im Dunkel der Nacht heran, Zu feigem, heimlichen Ueberfall. Sie glaubten sich sicher und unbemerkt – Und sollten nun selbst überfallen werden! Auf heimlichen Wegen führt Asslan-Bey Seine Reiterschaar, in drei Theile getheilt, Erst die waldigen Ufer des Pschußu entlang, Bis wo sich der Fluß in zwei Arme theilt Auf seinem raschen Laufe zum Schwarzen Meer. Drei Reiter wurden vorausgesendet, Scharfäugige, rasche Delikanler, Um den Feind zu erspäh'n und Kundschaft zu bringen. Als Alles nun wohl erkundet war, Stellt Asslan-Bey zwei seiner Truppe auf Im Walde versteckt zur Seite des Wegs, Greift mit dem dritten die Feinde an 109 Und fliehet vor ihnen nach kurzem Kampf. Die Moskow folgen im Sturmesschritt Und schießen den fliehenden Reitern nach – Da plötzlich wendet sich Asslan-Bey, Und ein furchtbares Morden und Schießen begann, Der Feind, von drei Seiten auf einmal bedrängt Stürzt in wilder Flucht nach dem Strome zu, Die jubelnden Reiter drängen hinterher, Schießen erst ihre langen Pistolen ab, Machen dann zum Fang den Arkan bereit. Und wohl hundert Gefangene wurden weggeführt. Viele Moskow fanden in den Wellen ihr Grab, Viele Köpfe flogen ab von den Schaschkahieben, Nur Wenige entkamen in wilder Flucht. *   *   * Mit reicher Beute kehrten die Reiter heim, Groß war der Jubel im Lande der Apsua, Und die Freudenspiele fingen von Neuem an. Viele Lieder verherrlichten Asslan-Bey, Die Gäste aber priesen den Murawiew-Bey , Der so reiche Spende zur Hochzeit gebracht! 110 Das Lied von Asamat.                 Heil dem Stamme, Wo liederreiche Sänger Die Weisheit der Väter In Sprüchen wahren, Und die Thaten der Helden Rühmend verherrlichen Zum Klange der Saiten! Heil solchem Stamme! Sein Ruhm wird nie untergeh'n. *   *   * Dein gedenken wir, Asamat, Blinder Sänger von Tschoma! Bei jedem Festgelag denken wir Dein, Der jedes Festgelag zierte! Wohl ist's gerecht, Daß, der so Viele Im Liede verherrlicht, Nun selber im Liede Verherrlicht werde! Denn besser noch als des Helden Ruhm, Ist der Ruhm des Sängers: Der Held kann nur sterben machen! Der Sänger macht leben! 111 Dein gedenken wir, Asamat! Blind war Dein Auge. Und doch sahest Du tiefer In die Herzen der Menschen Denn alle Sehenden! *   *   * Den alle Frauen liebten, Den alle Männer ehrten, Der unsres Stammes Stolz war, Der blinde Sänger ist todt! Der so manchen Helden zu Grabe gesungen, Ihm schallt jetzt selber der Grabgesang! Wenn er saß in der Halle Und spielte und sang Von den Thaten der Helden Des Volkes der Apsua, So klang jede Saite Wie ein klirrend Schwert, Und seine Stimme gewaltig, Wie der Sturm in der Felsschlucht. Vor Kampfbegier schlugen, Vor Ruhm- und Beutelust, Die Herzen der Männer. Und wenn er anhub zu singen Von den Wundern des Oschg , Von den Sagen der Vorzeit; 112 Da füllten mit Thränen sich Die Augen der Mädchen Vor Freude und Wehmuth . . . Asamat selbst war Dem Berge gleich. Sein Haupt war weiß Wie die Gipfel des Oschga; Sein Herz war golden. Seine Lieder ergossen sich Befruchtend unter uns Wie die frischen Wasser Aus den Quellen des Oschga; Heil sei dem Stamme, Dem er angehört, Dem Stamme Pschu! Wo er begraben liegt In geweihter Erde. *   *   * Aus einem blitzzerschmetterten Heiligen Eichenbaum Wurde sein Sarg gehöhlt. Und sie gruben sein Grab In lichtem Waldesraum An den Wassern des Dsub. Acht Tage lang währte Das Jammern der Klageweiber, – Aber der Schmerz seiner Freunde Wird immer währen! 113 Heimlich schleichen Die Frauen und Mädchen Zu der Stelle im Walde, Und bestreuen mit Blumen, Und befeuchten mit Thränen Des Sängers Grab. Das Lied der Klageweiber.         War Dein Gang nicht noch fest und stolz? Warum mußtest Du sterben?           Aíaríra! War Dein Gesicht nicht noch frisch und roth? Warum mußtest Du sterben?           Aíaríra! Ward Dir nicht Pflege und Nahrung im Ueberfluß? Warum mußtest Du sterben?           Aíaríra! Und liebten nicht Alle Dich, Jung und Alt? Warum mußtest Du sterben?           Aíaríra! \&c. \&c. *   *   * In ähnlicher Weise wird der Klagegesang oft eine halbe Stunde lang fortgesetzt, ehe die Weiber mit dem Aufzählen der guten Eigenschaften und Annehmlichkeiten des Verstorbenen 114 zu Ende kommen. Der jeden Vers beschließende Klagelaut Aíaríra (etwa dem türkischen Aman! dem deutschen Ach! Ach! entsprechend) wird so gedehnt ausgesprochen, als ob er aus vier Wörtern bestände: Ai A Ri Ra. Der Gebrauch, solche Fragen an den Todten zu richten, herrscht nicht blos bei den Tscherkessen, sondern auch bei den übrigen Küstenvölkern, den Abchasen, Mingreliern, Guriern \&c. Ismaïl und Daredshan.                 Zum Reiten ein Pferd, Eine Rüstung zum Kampf, Zum Lieben ein Weib, Das ist Mannesbedarf! Die reife Frucht wartet des Pflückers Hand, Des Freiers wartet die mannbare Jungfrau – Die Frucht, die zu pflücken Kein Pflücker gekommen, Fällt endlich wohl selber Vom Baume herab – Die Maid, die zu freien Kein Freier gekommen, Flieht endlich wohl selber Den heimischen Herd. 115 Doch giebt es auch Früchte Die schwer zu erreichen sind, Und liebliche Dirnen Von strengem und stolzem Sinn. Solch Eine warst Du, Holdselige Daredshan! Erfahren im Nähen, An Spindel und Webstuhl, In Speisebereitung Und häuslichem Walten – Aller Reize voll Und aller Geschicklichkeit! Das Haus des Vaters Stand Jedermann offen, Das Herz der Tochter War Jedem verschlossen. Wie Viele auch warben Um die Minne Daredshan's, Sie verschmähete Alle! Bis Ismaïl kam, Der Held der Mdsymta, Dessen Ruhm weit umher Im Lande erscholl, Seit er jüngst in der Schlacht Mit dem grimmen Murawiew-Bey, Als schon Alles verloren war: Alles wiedergewann, Und die Feinde zum Weichen brachte. Er wüthete im Kampf Wie einst Islam-Gerai, Der Sohn Indar-Oglu's 116 An den Wassern der Pschat, Als er des Verraths Mit den Moskow bezüchtigt, Statt aller Antwort In das Lager der Feinde brach, Und ihren Führer Lebendig gefangen nahm. Der starke Ismaïl, Der Schrecken der Feinde, Dessen Muth nie erschüttert war, Dessen Blick nie zurückgebebt Vor Tod und Gefahr, Wurde scheu und verlegen Beim ersten Anblick Der holdseligen Daredshan . . . Und sie selber erröthete Wie sie nie gethan Vor männlichem Blick, Und barg mit der Wimper, Dem jungfräulichen Schleier der Scham, Ihres dunkeln Auges Gluth, Als Ismaïl vor ihr stand So hoch und gewaltig, Und doch leise erzitternd, Wie eine Tanne am Elborus, Wenn sie schwindelnd hinabschaut, In's blumige Thal. Schmuck war sein Gewand, Von brauner Farbe, Mit silbernem Gürtel. Auf dem breiten Kama 117 Mit Elfenbein-Griffe, Und laubgrüner Scheide, Stand Gold-ausgelegt, Ein Spruch des Koran, Als ein Zeichen, es wisse der freie Mann Sich seiner Feinde zu wehren, Und Allah zu ehren! *   *   * Dem Vater Daredshan's, Dem greisen Omar-Oglu, War Ismaïl ein willkommener Sohn. Sie wurden bald einig Um Käbin Käbin – der Kaufpreis. Bei den Tscherkessen muß der Bräutigam die Braut vom Vater erkaufen. Nie bekommt ein Mädchen hier Vermögen mit. Ihre einzige Aussteuer besteht in Kleidern und Putzsachen. Eine Spekulationsheirath ist hier zu Lande etwas vollständig Unbekanntes. Der Werth einer Jungfrau richtet sich nach ihrem Stande, ihrer Schönheit und ihren häuslichen Tugenden. Wenn es daher bei den Tscherkessen heißt: das Mädchen ist tausend Ochsen werth! so ist das eine sehr schmeichelhafte Phrase, die aber ganz die entgegengesetzte Bedeutung hat wie bei den Engländern, wo das Werthsein bekanntlich den Besitz andeutet, wie z. B. he is worth a million : er ist ein Millionär. und Hochzeitstag, Und Ismaïl schied nur Zu baldiger Rückkehr . . . Nun wurde gewebt, Gestickt und genähet, Und Alles bereitet Im Hause Omar-Oglu's, Zum Brautschmuck Daredshans. 118 Drei Käppchen von Scharlachtuch, Mit silbernen Streifchen; Fünf seidene Leibchen, Mit silbernen Spangen, Und glänzendem Gürtel; Schalvari und Unterkleid Von rothem und blauem Zeug; Von Sammet der Ueberwurf; Die Schuh von Marocco, In zierlichem Schnitt; Die Hemden, der Kasmak , Das Alles lag fertig In Fülle und Ueberfluß, Noch ehe der Tag kam Der Hochzeit Daredshan's. *   *   * Am Himmel blitzen die Sterne, Der Mond scheint auf die Berge, Und lange Schatten steigen In's grüne Thal hinab. Es schweigen Wald und Hügel; Nur fernes Schakalwimmern, Und frischer Bäche Rauschen Tönt durch die stille Nacht. Doch, plötzlich aus der Ferne Tönt lauter Roßhufhall! 119 Sechs Reiter kommen getrabt, Sechs Reiter und sieben Pferde. Der sechste führt neben sich Das siebente Pferd am Zügel. Und wo das Thal zu Ende, Am Fuß des Temirdagh, Vor Omar-Oglu's Hause, Da machen die Reiter Halt. Da ist ein Lärmen und Laufen, Ein Leuchten von Spänen und Fackeln, Doch öffnet sich keine Thüre Die Gäste zu empfangen. Sind's Feinde, die gekommen, Des Alten Haus zu stürmen? Sind's Diebe, die gekommen, Des Alten Tochter zu rauben? Sie schießen und sie toben, Und Einer springt vom Rosse Und dringt hinein in's Haus. Derweilen auf dem Hofe Versammeln sich andere Reiter, Und laut wird's im Aoule , Es mehren sich die Fackeln, Es mehren sich die Krieger, Man dringt auf die Reiter ein. Sie schießen und sie schlagen, Und von der Rosse Stampfen Und von der Schüsse Knallen, Laut wiederhallt das Thal. 120 *   *   * Im Hause, im Frauengemache, Im bräutlichen Gewande Sitzt züchtig eine Maid, Und weint und ringt die Hände Und jammert mit lauter Stimme, Und jammernd um sie stehen Noch andere Dirnen her. Ein Krieger in Wehr und Waffen Von stattlicher Geberde, Steht flehend vor der Jungfrau Und will sie mit sich ziehen – Sie wendet sich von ihm ab, Und weint und ringt die Hände Und jammert immer lauter, Und will sich ihm entwinden. Da faßt er mit starken Armen Der Jungfrau zarten Leib, Und redet Schmeichelworte, Und trägt sie wie man ein Kind trägt, Und trägt sie bis zur Thüre – Hart an der Thüre warten Ein Reiter und zwei Rosse. Er setzt sie auf das Schlachtroß Mit scharlachrother Schabracke – Sie will sich ihm entwinden, Und jammert immer lauter, Und auf das Jammern eilen Die kämpfenden Reiter herbei. Sie ringen und sie schießen, Und wollen die Maid nicht lassen. Ismaïl war der Krieger 121 Der die schöne Braut entführt . . . Er schlägt mit starken Armen, Theilt manche Streiche aus, Und die Reiter die mit ihm kamen, Sie helfen treulich mit. Das Schießen und Ringen endet, Im Hofe wird es still. Sechs starke Reiter traben Das grüne Thal entlang. Der sechste führt am Zügel Ein buntgeschmücktes Schlachtroß, Mit scharlachrother Schabracke; Und auf dem Schlachtroß sitzt, Die holde Daredshan, Nicht weinend mehr und jammernd: Sie strahlt vor Glück und Wonne! Es sind die Thränenbäche Vertrocknet in den Grübchen Des Kinnes und der Wangen! Es wird das Händeringen Zu liebender Umarmung, Der Schmerzenslaut der Lippen Löst sich in Küssen auf! So ist des Himmels Rathschluß: Es soll der Mensch durch Kampf Die Freude sich erringen, Die ohne Kampf nicht Werth hat. Dem Schmerzenskampf der Mutter 122 Folgt die Geburt des Kindes – Dem Kampfe auf dem Schlachtfeld Folgt Sieg und Festgelag – Dem hochzeitlichen Kampfe Folgt liebende Erkenntniß . . . *   *   * Ein Stern ging auf im Hause Ismaïl's Noch eh' am nächsten Abend Der Himmel sich mit seinen Sternen schmückte. Daredshan ist des Hauses Herrin worden! Und Fackeln leuchten in der Festeshalle, Und viele stolze Gäste sind versammelt. Die Alten sitzen kriegerisch geschmückt, Derweil die Jungen sich im Tanze dreh'n, Die kecken Burschen und die schlanken Mädchen; Und helle Freude schallt beim Festgelag. Nur Du allein blickst finster, Asamat! Denkst Du zurück an Deine Jugendzeit, Und all Dein Unglück, alter blinder Mann? Dir starb die Braut, eh' Du sie heimgeführt, In feuchter Kerkerluft erlosch Dein Auge, Schon als es kaum den ersten freien Blick In Gottes schöne Welt gethan! . . .   123 Mit Fleiß habe ich diese Lieder in möglichst einfachem Gewande, ohne jegliche Zuthat künstlerischer Versbildung und schönklingender Reime gegeben. Ich fürchtete, daß durch irgend welche gemachte Ausschmückung der Charakter des Ganzen beeinträchtigt würde, während ich anderseits von der Ueberzeugung ausging, daß kein wirkliches Gedicht von Kern und Gehalt durch Hinweglassung des Reimes wesentlich verliert. In einem früheren Werke Die Völker des Kaukasus \&c. \&c. Ein Beitrag zur neuesten Geschichte des Orients. Frankfurt a. M. bei Lizius. , welches sich ausführlicher mit der Ethnographie und Geschichte des kaukasischen Isthmus beschäftigt, habe ich ein paar Proben tscherkessischer Volkspoesie in Vers und Reim gegeben, so daß sich der Leser selbst ein Urtheil darüber bilden kann, welches die bessere Art der Nachbildung sei . . . Suchen wir jetzt die Kenntniß, welche der Leser aus den angeführten poetischen Beiträgen über Land und Volk der Tscherkessen geschöpft, durch einige übersichtliche Mittheilungen in ungebundener Rede zu vervollständigen. Die Zustände der russenfeindlichen Bevölkerung in den, zwischen dem Kuban und dem Schwarzen Meere gelegenen Ländern, führen uns zu den Uranfängen der menschlichen Gesellschaft zurück. Hier ist kein Staat in unserm Sinne des Wortes: kein angestammtes Fürstenhaus welches mehr Gewalt in sich schlösse als irgend ein anderes Haus, keine Regierung von Gottes oder der Menschen Gnaden, kein Beamtenstand, keine Polizei, kein stehendes Heer, keine Kaste die auf Kosten der anderen lebt – kurz, nichts von alledem, was man in Europa zur Aufrechthaltung staatlicher Glückseligkeit und zur 124 Versorgung hoffnungsvoller Söhne für unumgänglich nothwendig hält. Die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung bei den Tscherkessen ist das Stammesleben, wie es seit Jahrtausenden in fast unveränderter Gestalt bei ihnen besteht. Die einzelnen Stämme, die sich ursprünglich aus einzelnen Familien entwickelt haben, sind nach und nach zu förmlichen Staaten (in Umfang und Bevölkerung) herangewachsen, ohne jedoch das Bedürfniß zu fühlen, ihre Angelegenheiten anders als nach altherkömmlicher Sitte zu regeln. Nie herrschte hier zu Lande ein geschriebenes Gesetz, wie denn das Schreiben noch heutzutag unter dem Volke eine seltene Kunst ist, deren sich selbst der Vornehmsten nur Wenige rühmen können. Das einzige allgemein anerkannte Gesetz war das Jedem innewohnende und auf den ganzen Stamm ausgedehnte Gesetz der Gegenseitigkeit. Die Familienbande sind bei uns kaum so stark, wie diejenigen Bande, welche bei den Tscherkessen die Bevölkerung eines ganzen Stammes umschlingen. Ein solcher Stamm (Tokum) braucht jedoch, trotz des innigen Zusammenhanges seiner Glieder und der Solidarität der Interessen, kein von örtlichen und Grenzbestimmungen abhängiges Ganzes zu bilden. Die einzelnen Stammesangehörigen können zerstreut wohnen über das ganze Land; sie werden zusammengehalten durch ihren, beim Eintritt in den Verband geleisteten Eid, und durch die großen Vortheile, welche ihnen aus diesem Verbande erwachsen. Wenn z. B. ein Angehöriger des Stammes Tschipaku beraubt, beleidigt oder ermordet wird von einem Angehörigen des Stammes Pschu, so ist der Stamm Pschu in seiner Gesammtheit verantwortlich für die verübte Missethat, und beide Stämme bleiben in Fehde, bis die Missethat nach 125 herkömmlichem Brauche gesühnt, d. h. bis eine der Unbill entsprechende Strafe entrichtet ist. Diese Strafe besteht gewöhnlich in der Auslieferung von Ochsen, deren Sühnezahl sich nach der Größe des Vergehens richtet. Für den Todtschlag eines Mannes hat der Stamm, dem der Mörder angehört, zweihundert Ochsen auszuliefern, für den Todtschlag einer Frau hundert Ochsen, für die Verführung eines Mädchens fünf und zwanzig Ochsen. In ähnlicher Weise ist für jedes Verbrechen eine Strafe festgesetzt. In zweifelhaften Fällen wird die Streitfrage entschieden durch ein Schwurgericht, zusammengesetzt aus zwölf Personen, wozu die sechs ältesten unbescholtenen Männer aus jedem Stamme gewählt werden. Großes Ansehen ist mit der Würde eines Geschwornen, die zugleich das Richteramt in sich schließt, verbunden, und Keiner auf dem der geringste Makel haftet, ist dieser Würde zugänglich. Das Urtheil der Geschwornen wird vom Volke heilig gehalten, und sie haben Gewalt über Leben und Tod des Angeklagten, wenn ihr Verdikt ein einstimmiges ist. Der vorsätzliche Mord wird – unbeschadet der vom Stamme zu leistenden Sühne – gewöhnlich wieder durch den Tod bestraft. Die Hinrichtung geschieht, indem man dem Mörder einen schweren Stein um den Hals bindet und ihn dann hinabstürzt in's Meer. Eben in Folge der Verpflichtung eines Stammes, für jeden seiner Angehörigen einzustehen, herrscht unter den Stammgenossen eine scharfe, gegenseitige Ueberwachung, welche wirksamer ist, als die beste Polizeibehörde, und deren Durchführung sich um so leichter bewerkstelligen läßt, als die Tscherkessen niemals in großen Ortschaften beisammenwohnen. Ihre größten Aoule kommen an Einwohnerzahl kaum unseren kleinsten Dörfern gleich. So geschieht es, daß die Bewohner eines Aouls immer von den Vermögensumständen unter einander 126 auf das Genaueste unterrichtet sind, und die Vermehrung der Rinder, Schafe und Pferde (der gewöhnlichen Objekte des Diebstahls) eines Hausstandes niemals lange Geheimniß bleiben kann. Kommt es dennoch vor, daß der Stamm den Verbrecher nicht ermitteln kann, oder Schwierigkeiten macht, die verlangte Strafe zu entrichten, so wird jeder Stammgenosse als Mitschuldiger betrachtet und bleibt, während der schwebenden Schuld, Mißhandlungen und Beleidigungen aller Art ausgesetzt. Nicht allein muß er sich dann sorgsam hüten, den Fuß in einen feindlichen Aoul zu setzen, auch an jedem dritten Orte, wo er mit einem Krieger des beleidigten Stammes zusammentrifft, kommt es fast jedesmal zu blutigen Auftritten. Der Stamm ist verantwortlich für den Einzelnen, und der Einzelne für den Stamm. Die Unbill wie die Genugthuung kommt immer auf Rechnung des gemeinsamen Stammverbandes. Nicht der Verbrecher bezahlt die Sühne, sondern seine unschuldige Genossenschaft. Nicht der Beleidigte erhält Genugthuung, sondern der Tokum dem er angehört. Nur in Zeiten großer Theuerung, oder bei alteingefleischtem Stammeshader kommt es vor, daß ein Tokum mit der Zahlung anerkannter Schuld lange auf sich warten läßt. Dasselbe geschieht auch wohl zuweilen bei einem großen Stamme, gegenüber einem kleineren und schwächeren. Solche Fälle gehören aber zu den seltenen Ausnahmen und die Blutrache des Einzelnen ersetzt dann die Stelle der Stammesjustiz. Im Allgemeinen hat sich das Kriminalsystem der Tscherkessen immer als sehr erfolgreich erwiesen, und das gegenseitige Absperren der Häuser und Ställe, aus Furcht vor Diebstahl, ist hier zu Lande vollständig unbekannt. Eben weil sich die Männer einer Verbrüderung größtentheils einander genau 127 kennen, machen sie mit denen gemeiniglich kurzen Prozeß, welche den Stamm in ernste Ungelegenheiten bringen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse eines Tokum sind ganz nach kommunistischen Grundsätzen geregelt. Nicht in dem Sinne, daß (wie es vor Alters bei den Juden, bei den Persern, Römern und andern Völkern versucht wurde) eine regelrechte Gütervertheilung stattfände: die Besitzenden sind gehalten den Nichtbesitzenden auszuhelfen wo es fehlt. Brennt ein Haus ab, so müssen die Nachbarn es wieder aufbauen. Verwüstet der Feind alle Wohnungen und Felder eines Aouls, so muß die Stammesgemeinschaft den angerichteten Schaden ersetzen. Will ein armer Tscherkeß heirathen und es fehlt ihm an Mitteln, die Braut von den Eltern zu erkaufen, so müssen die Genossen ihm die Mittel verschaffen. Die öffentlichen Angelegenheiten des Tokum werden immer in einem Medshilis (Volksrath) unter freiem Himmel verhandelt. Jeder freie Mann hat das Recht, an den Berathungen Theil zu nehmen. Doch findet hier gewöhnlich eine Vertretung in der Art statt, daß das Volk die anerkannt Weisesten und Tapfersten aus seiner Mitte so lange unbehindert schalten und walten läßt, als es sich überzeugt hält, daß sie nicht gegen den Vortheil des Stammes handeln. Seit der Einführung des Islam in diese Lande ist es Sitte geworden, daß sowohl bei den Volksberathungen wie bei den Schwurgerichten, immer wenigstens ein schriftgelehrter Kadi zugegen ist, um die Satzungen des Koran in Anwendung auf die vorliegenden Fälle zu erklären, was jedoch auf die Entschließungen der Tamata wenig Einfluß übt, da der alte Landesbrauch immer noch heiliger gehalten wird als der Koran. Die Sitte ist stärker als die Religion und wo die Eine mit der Andern in Konflikt geräth, trägt immer die 128 Erstere den Sieg davon. Die Tscherkessen bestreben sich um so mehr gute Muhammedaner zu sein, als ihnen das Christenthum durch die Russen verhaßt geworden ist; trotzdem legen sie auf die muhammedanischen Feiertage wenig Gewicht, während sie mit großer Gewissenhaftigkeit die Feste ihrer alten Götter Schiblé, Tleps, Sseosseros, begehen Dies mag sich wohl hauptsächlich daraus erklären, daß ihre alten heidnischen Festtage, im Gegensatz zu den islamitischen, ein vorwiegend heiteres Gepräge tragen und mit großen Thieropfern, Lustbarkeiten und Schmausereien verbunden sind. Denn eben so groß wie die Ausdauer, mit welcher der Tscherkeß Entbehrungen aller Art erträgt, wo die Noth es gebietet, ist auf der andern Seite sein Hang zu fröhlichem Gelage. Im Felde nimmt der Krieger mit einer Handvoll roher Hirse und einem Trunke frischen Quellwassers vorlieb, ohne zu murren; zu Hause aber, im Kreise der Freunde, labt er sich gern an gutem Spießbraten, an Pilaw, an Busa und Arka, und an den vielen landesthümlichen, aus Mais, Hirse und Honig bereiteten, süßen Gebäcken und Gerichten. Jegliche Art von Gemüse aber, zu dessen Kultur sich das Land vortrefflich eignet, ist dem Tscherkessen eben so verpönt und verhaßt wie Schweinefleisch. Spießbraten und süße Gebäcke bilden immer und überall die Hauptbestandtheile des Mahles. Gerade wie bei den Georgiern und Armeniern essen die Diener das in der Schüssel Gebliebene gleich beim Wechseln der Gerichte auf, theils stehend, theils indem sie sich nacheinander in einem Winkel des Gemachs niederlassen. Veranlassung zu großen Gelagen geben besonders die Medshilis, ein erfochtener Sieg, so wie jedes fröhliche und traurige häusliche Ereigniß. Jeder Tscherkesse hat sein eigenes Haus, dem immer ein 129 kleines Nebengebäude oder Gasthaus, angefügt ist, wo jeder Fremde allezeit freundlichen Empfang, Speise und Unterkommen findet. Die Gastfreundschaft der Tscherkessen ist weltberühmt geworden, und verdient in der That lobender Erwähnung, obgleich sie sich wesentlich durch nichts von der Gastfreundschaft der übrigen Gebirgsvölker des Kaukasus unterscheidet, als durch größere Beschränkung, welche allerdings durch die Verhältnisse geboten wird. Bei den neutralen oder russenfreundlichen Stämmen, wie bei den Kabardern, Osseten, Tuschen u. a., kann Jedermann gastliches Unterkommen finden, ohne daß der Kunak dadurch in große Verlegenheit geräth; die russenfeindlichen Tscherkessen aber müssen streng darauf sehen, daß sich unter dem Schutze der Gastfreundschaft nicht Spione oder moskowitische Emissäre in's Land schleichen, wie das schon zu wiederholten Malen geschehen ist. Ich erinnere nur an die beiden deutschen Namen Tausch und Thurnau. Tausch, ein gemeiner Kerl, der sich für Geld von den Russen zu Allem gebrauchen ließ, kam, wie das so der gewöhnliche Gang der Dinge ist, mit heiler Haut davon, während Baron von Thurnau, ein vornehmer russischer Offizier, beinahe drei Jahre lang in trauriger Gefangenschaft bei den Abasechen lebte. Baron Thurnau war, nachdem er sich durch einen längeren Aufenthalt an der Kubanlinie, sowie an der Ostküste des Schwarzen Meeres, mit Tracht und Sitte der Tscherkessen vertraut gemacht hatte, begleitet von einem russenfreundlichen Eingebornen, und ganz tscherkessisch angethan, in das Innere des Landes gedrungen, um das Terrain kennen zu lernen und Pläne als Basis künftiger Operationen zu entwerfen. Verschiedene Umstände trugen dazu bei, daß der Baron eine geraume Zeit hindurch unerkannt im Lande bleiben 130 konnte. Erstens hat seine ganze Körperbildung einen auffallend tscherkessischen Anstrich; zweitens hatte er sich mit großer Vorliebe und ächt russischer Nachahmungsfähigkeit in die tscherkessischen Eigenthümlichkeiten hineingelebt, und endlich spielte er die Rolle eines Taubstummen , um einerseits die Gefahr zu vermeiden, sich durch Unkenntniß oder schlechte Aussprache des landesthümlichen Idioms zu verrathen und anderseits Vortheil aus dem besonderen Ansehn zu ziehen, dessen Taubstumme, wie Blinde, in diesem Lande genießen. Trotz all dieser Vorsichtsmaaßregeln und günstigen Umstände konnte, eben in Folge der oben beschriebenen Stammes-Einrichtungen, der geheime Zweck und die künstliche Rolle des Baron Thurnau auf die Dauer dem Scharfblick der Tscherkessen nicht entgehen. Er wurde erkannt und verrathen von einem abasechischen Häuptling, seine Papiere und Instrumente wurden ihm weggenommen und durch jahrelange, schwere Gefangenschaft bei dem halbwilden Stamme der Abasechen mußte er seine Kühnheit büßen, bis ihn ein anderer Häuptling, der sich mit seinen Stammesgenossen überworfen hatte und zu den Russen überging, gegen die Zusage einer großen Belohnung und Fürsprache beim Kaiser, befreite. Große Freude war im russischen Lager, als der längst verloren geglaubte Gefangene in Tiflis eintraf. Er hielt sich jedoch hier nicht lange auf, sondern schlug mit seinem Begleiter den Weg nach Moskau ein, wo ich ihn gleich bei seiner Ankunft im Hause des damaligen General-Gouverneurs v. Neidhart kennen lernte. Er sah entsetzlich leidend und abgemagert aus, und erst durch eine Badereise, welche er bald nachher auf kaiserliche Kosten nach Deutschland unternahm, wurde sein Körper wieder etwas gekräftigt, obgleich er die Spuren seiner Gefangenschaftsleiden Zeitlebens mit sich tragen wird. 131 Ein Jahr später, als H. v. Neidhart den Oberbefehl der kaukasischen Armee übernommen hatte, traf ich auch den Baron Thurnau im Kaukasus wieder, wo er noch jetzt als Oberst in russischen Diensten steht. Nach Allem, was ich von ihm, so wie von Glebow (dessen Gefangennahme im 1sten Theil dieses Buchs geschildert wurde) erfahren, pflegen die Tscherkessen, in den cis- wie in den transkubanischen Ländern, mit ihren russischen Gefangenen nicht sonderlich zart umzugehen. Zu näherer Veranschaulichung des Gesagten theile ich am Schluß dieses Buches, unter den Beilagen, einen Brief mit, welchen Glebow aus der Gefangenschaft an einen Verwandten, Oberst Bibikow, schrieb, und wovon er mir nach seiner Befreiung selbst eine wörtliche Abschrift verschaffte. Eine andere Abschrift dieses Briefes befindet sich unter den Aktenstücken des Generalstabs von Tiflis. Ich theile den französisch geschriebenen und mit einigen russischen Phrasen durchflochtenen Brief Glebow's hier mit, ohne an den darin vorkommenden sprachlichen Unrichtigkeiten etwas zu ändern. Ce 9. Octobre 1843.     Mon cher Bibikoff! Je crains que ce billet ne tombe dans les mains de cet animal Attachikoff, car il m'est défendu d'écrire autrement qu'en russe. J'ai éprouvé les sensations d'être fouetté, même plusieurs fois; vous concevez donc bien d'où vient cette crainte. Ногайка не свой брашь Nogaika ne sswoi bratj: Die Nogaika (Peitsche) ist nicht mein Bruder; d. h. ich mag nichts damit zu schaffen haben . Voilà les prix marqués par ces gueux pour notre délivrance; ma personne est estimée à deux mille roubles argent; votre garçon cent roubles argent. Ils ont baissé furieusement le prix, mais auparavant le dégagement, ou plutôt le rachat, s'élevait à 15000 roubles. Ils céderont encore. Si on pouvait arranger un échange ou troque contre les prisonniers qui se trouvent chez nous? Cela ne serait pas mal. Mais au plus vîte! car cette maudite existence, avoir bras et jambes liées, cravate de fer au cou, tout cela, vous conviendrez, ne présente pas beaucoup d'agréments; d'ailleurs, se trouver sous la dépendance de ce misérable Attachikoff me rend la vie plus que dure. Comme de raison, tout ce que je possédais, l'argent ainsi que les papiers sont tombés dans les pattes de ce traitre, décachetés et lus, outre le rapport dans lequel il s'agissait de Salitoff, que j'ai brulé, et encore un assignat de cent roubles. Cet argent appartenait probablement à Alexandre Ivanovitsch; je l'ai fourré sous le pan de mon surtout, le seul vêtement qui me reste. D'abord j'ai cru que le contenu de ces papiers produirait un certain effet. Non! après les avoir lu, il me demandait: шолько шо? поклонис'ь покорнеише Алекс: Семен: Tolko to? blos das? – pokloniss pokornéische Alexander Ssemenowitsch: grüße ergebenst Alexander Ssemenowitsch. Es ist damit General Traskin gemeint, der damalige Chef des Generalstabs in Tiflis. Traskin fiel später in Ungnade und wurde zur Strafe als Kurator an die Universität von Charkow versetzt. et prie le, mon cher ami, d'être mon défenseur auprès d' Alex. Ivanowitsch . Il pourrait croire, que j'ai été fait prisonnier faute de mon étourderie. Je n'avais pas de convoi, oui! mais qui aurait pu croire qu'à 40 verstes de Stavropol, en plein jour, sur la grande route, les brigands pourraient me saisir! Jamais cette idée ne m'est venue, sur tout à moi, qui ai fait cette route peut-être une vingtaine de fois. Durant mon séjour ici j'ai amassé des connaissances des nouvelles que je vais vous donner: J'ai traversé le pays des Cabardiens fugitifs; j'y rencontrais nos soldats et c'est de ces fuyards que j'ai pris ces renseignements; quelques uns des habitants m'ont récité la même chose. Chamil a l'intention de tomber avec toutes ses forces sur la petite Cabarda; les Abaséks doivent le secourir de ce côté, car il n'attend que le moment favorable pour exécuter son projet; au reste, ce n'est pas une nouvelle, on s'attend à cela depuis très-longtemps. Quant au secours des Abaséks – ну гдъ мнъ дураким'ь пишь чай? да еще цьъшньий! Nu gdjé mnjé durakim pitj tschai? Wo soll ich armer Schelm jetzt Thee trinken? da jeschtscho zwétnuy! und noch obendrein Blüthenthee! Encore une prière: N'oubliez pas de rappeller Verbitzky au souvenir d'Alexandre Ssemenovitsch. Браша не забюшь Brata ne sabütj – vergiß meinen Bruder nicht (zu grüßen). . Tout à toi Michel.     Je serais resté ici en cas que les autorités trouveraient utile la prolongation de mon séjour dans ce pays. En tout cas je voudrais bien retourner. Gléboff. Uebrigens trifft eine so schlechte Behandlung wohl nur ausnahmsweise solche Personen, von deren Auslösung die Tscherkessen bedeutenden Gewinn erwarten. Um die Auslösung zu beschleunigen, wird den Gefangenen ihr Aufenthalt möglichst unerträglich gemacht. Auch wird nur auf den Fang hervorragender Militairs, deren Auslösung, trotz dem Verbote des Kaisers, doch über kurz oder lang erfolgt, besonderes Gewicht gelegt. Sicher ist, daß die meisten der bei den Tscherkessen gefangenen gemeinen Soldaten durchaus kein Verlangen spüren in das russische Lager zurückzukehren. Ein harmloser Reisender wird, wenn nicht ein besonderer Verdacht auf ihm lastet, nie große Gefahr bei irgend einem tscherkessischen Stamme laufen. Ich besuchte, auf meiner Wanderung durch's Gebirge, mehrere Aoule in der kleinen Kabardah, und wurde überall gastfreundlich aufgenommen, ohne daß mir das geringste schlimme Abenteuer zugestoßen 132 wäre. Noch länger hielt sich mein späterer Reisegefährte, Henry Seymour, bei den Kabardern auf und wußte nach seiner Rückkehr nur Rühmliches von ihnen zu erzählen. Allerdings gehören die Kabarder augenblicklich zu den neutralen Stämmen, da ihnen die Russen durch ihre Festungen und durch die den Terek entlang laufende Militairstraße sehr nahe gerückt sind, indeß wurzelt bei keinem Volke des Kaukasus der Russenhaß tiefer als hier, trotz der großen Anstrengungen und Opfer des Kaisers, die stolzen Häuptlinge der Kabardah für sein Interesse zu gewinnen. Bekanntlich war es dieses Land, dem die Russen ihre ersten sogenannten Rechtsansprüche auf den Besitz des Kaukasus entnahmen. Zar Iwan Wassiljewitsch , der Grausame, hatte die Tochter Temruk's, S. mein Buch: »Die Völker des Kaukasus« wo die ganze Kriegsgeschichte nach den Quellen dargestellt ist. eines kabardischen Häuptlings, zur Frau, und eine im Jahre 1717 von den Russen gegen den Chan von Chiwa unternommene Expedition wurde von Bekowitsch Tscherkaski, einem kabardischen Fürsten, befehligt, woraus man ein Jahrhundert später den Beweis zog, daß die Kabardah von jeher gemeinschaftliche Sache mit den Russen gemacht habe, und eigentlich immer nur eine russische Provinz gewesen sei. Die Kabarder haben inzwischen den Russen oft genug mit dem Schwerte in der Hand bewiesen, daß sie mit ihnen nichts gemein haben wollen; und wenn sie sich für den Augenblick neutral verhalten, so geschieht das nur in Erwartung eines Umschwungs der Dinge zu Gunsten Schamyls. Doch dies im Vorbeigehen . . . Der Zutritt zu den Tscherkessen an der Küste ist deshalb doppelt schwierig, weil hier die Russen die Vermittlerrolle spielen, und die Bergvölker alles von den Russen Kommende 133 mit gerechtem Mißtrauen aufnehmen. Doch genügt es, einen zuverlässigen Kunak zu haben, um auch hier überall durchzukommen. Der Kunak bürgt mit seinem Kopfe für die Sicherheit des Gastes, wenn er einmal Salz und Brod mit ihm gegessen, die Busa mit ihm getrunken und unter Einem Dache mit ihm geschlafen hat. Ich machte von Ardiller aus, in Begleitung junger Dshigethenfürsten, welche durch Swan-Bey's Vermittelung nach Petersburg übersiedeln wollten, Exkursionen die Ufer der Mdsymta entlang, und wir stießen oft auf zahlreiche Tscherkessentrupps, ohne daß uns ein Haar gekrümmt wurde. Und doch mußten meine Begleiter den feindlichen Dshigethi doppelt verhaßt sein, weil sie schon im russischen Lager ihr Quartier genommen hatten. Aber Swan-Bey war zu geachtet im Lande, wegen der Thätigkeit die er entwickelte, um der Hungersnoth zu steuern, als das man gewagt hätte, seinen Gastfreunden ein Leides anzuthun. Auch die Schapßuch und Ubych hätten oft Gelegenheit gehabt mich gefangen zu nehmen, wenn ihnen anders darum zu thun gewesen wäre. Ich verkehrte mit mehreren von den Häuptlingen und Effendis, bei welchen Bell und Longworth auf ihrer abenteuerlichen Reise, die Küste entlang, gewohnt hatten, und überzeugte mich, daß diese Herren einen sehr günstigen Eindruck hinterlassen, obgleich die hohe Meinung welche die Tscherkessen früher von der Macht der Engländer hatten, ziemlich verwischt ist, seit alle Hoffnungen auf wirksame Hülfe von dieser Seite sich als eitel erwiesen haben. Gus-Bey, genannt der Löwe von Schapßuch, Keri-Oglu-Schamin-Bey, Schimaf-Bey, vom Stamme der Tschipaku, und mehrere andere von Longworth's Gastfreunden sind inzwischen im Kampfe gegen die Russen ums Leben gekommen. Noch viele andere traurige 134 Veränderungen würde Longworth finden, wenn er heute zu seinen Freunden an der Küste zurückkehrte. Von den Indar-Oglu's sind zwei zu den Russen übergegangen, und ihre Wohnungen der Erde gleich gemacht. Mehrere andere in Longworth's Werke bezeichnete Wohnsitze vornehmer Tscherkessen haben russischen Blockhäusern Platz gemacht, und ihre alten Bewohner sind in das Innere des Landes zurückgedrängt. Vor Allem aber hat die durch die russische Absperrung erzeugte Hungersnoth ungeheure Verwüstungen angerichtet, und Glieder der vornehmsten Familien in's Elend gebracht. Bekanntlich haben auch die Tscherkessen seit Alters ihre erblichen Standesunterschiede, welche sich jedoch seit der Einführung des Islam, durch die nivellirenden Satzungen des Koran wesentlich verwischt haben. Die waffentragenden Männer (sogenannt im Gegensatz zu den Sklaven, welche keine Waffen tragen dürfen), zerfallen in drei Klassen: Pschi (Fürsten), Usden oder Work (Edelleute) und Tokav (Freie). Die Sklaven oder Leibeigenen, deren große Masse aus Kriegsgefangenen besteht, sind lediglich darauf angewiesen, den Acker zu bebauen, das Vieh zu hüten und die Arbeiten des Hauses und des Stalles zu besorgen. Die Pschi und Usden besaßen früher große Vorrechte, und standen ungefähr in demselben Verhältniß zu der übrigen Bevölkerung, wie bei uns die Fürsten und Ritter des Mittelalters. Der Mißbrauch, den sie mit ihrer Gewalt trieben, veranlaßte, daß man ihnen diese Gewalt ganz nahm, und heutzutage unterscheiden sie sich von den Tokav oder Freimännern durch nichts als durch ihre angestammten Titel. Trotzdem sind die drei Klassen in sofern von einander geschieden, als sie sich durch eheliche Verbindungen nie vermischen. Ein Pschi wird nie die Tochter eines Usden, und ein Usden nie die Tochter 135 eines Tokav heirathen. Im Uebrigen stehen die Tokav in keinerlei Abhängigkeit von den Fürsten und Edelleuten. Im Medshilis übt derjenige den größten Einfluß, der am meisten Einsicht und Verstand zeigt, und in Kriegszeiten wird derjenige zum Anführer erkoren, der sich durch Tapferkeit und Umsicht am meisten hervorgethan, ohne daß man dabei die mindeste Rücksicht auf Rang und Stand nimmt. Und von den Pschi und Usden stehen beim Volke nur diejenigen in besonderem Ansehn, welche sich durch ganze Geschlechter im Medshilis und im Felde besonders ausgezeichnet haben. Hieher gehören z. B. die Familien der Sefir-Bey, Schimaf-Bey, Selim-Bey, Haoud-Oglu-Mansur-Bey u. a. Es ist vielfach behauptet worden, daß die Pschi und Usden vor Jahrhunderten eingewandert seien und eine von der übrigen Bevölkerung gänzlich verschiedene Race bilden. Ein edler arabischer Stamm soll sich in der Kabardah niedergelassen haben, wo er sich mit den Töchtern des Landes vermischte und ein durch seine Schönheit weit berühmtes Geschlecht erzeugte. Die Kabarder unterwarfen später die Länder zwischen dem Kuban und dem Schwarzen Meere, und ihre Edlen setzten sich hier als Herrscher fest. Ihre Herrschaft wurde ihnen entwunden im Laufe der Jahre; sie selbst aber blieben im Lande bis auf den heutigen Tag. So lautet die Sage, an welcher jedenfalls so viel wahr ist, daß die Kabarder einen durchgängig schönen Menschenschlag bilden, und daß die Fürsten und Edlen der Schapßuch, Ubych und Dshigethi sich sehr zu ihrem Vortheil durch hohen Wuchs und edle Gesichtsform von der großen Masse des Volks unterscheiden. Sprachliche Untersuchungen können hier wenig dazu beitragen, der Sache auf den Grund zu kommen, da die Sprache der Abchasen, Schapßuch, Ubych und Kabarder – wie schon Güldenstädt 136 nachgewiesen – Töchter Einer Mutter sind. Die arabischen und türkischen Beimischungen, welche man dem Koran und seinen Auslegern zu verdanken hat, finden sich gleichmäßig in allen genannten Ländern wieder; eben so sind die am häufigsten vorkommenden fremden Namen, wie z. B. Ali, Muhammed, Moissohl (Moses), Chammursa (Hundefürst), Tamassa (Thomas), Dshatemir (Eisenseele) u. a. überall in gleichem Maaße heimisch . . . Ich habe weiter oben darauf hingewiesen, daß das Stammesleben bei den Tscherkessen nur ein erweitertes Familienleben ist. Es kommt daher unter den Freien fast niemals vor, daß ein Mann eine Stammesgenossin heirathet. Es wird dieses, wo es ausnahmsweise geschieht, als eine Art Blutschande betrachtet. Nach diesem Grundsatze sind daher auch die Frauen und Mädchen mit ihren männlichen Stammesgenossen viel leichter und freier im Umgange, als mit den Männern eines fremden Stammes. In früheren Zeiten war das Schleiertragen hier ganz unbekannt; mit dem Islam wurde auch der Schleier eingeführt. Die Mädchen gehen bis zu ihrer Verheirathung unverschleiert und erlauben sich bis zu einem gewissen Punkte in ihrem Benehmen gegen Männer Freiheiten, wie man in keinem andern Lande findet. Mit dem Eintritt in die Ehe hören diese Freiheiten auf. Der Schleier zieht gleichsam eine Scheidewand zwischen dem Leben der Jungfrau und der Gattin. Von dem Tage an, wo die Frau ihr Gesicht mit dem Schleier verhüllt, ist sie Eigenthum ihres Mannes und ihre Welt beschränkt sich auf ihr Haus. Stirbt ihr Mann, so haben seine nächsten Verwandten ein Anrecht auf sie. Doch bezieht sich dieses Anrecht nur auf die Person, nicht auf das Vermögen. Denn nach den Satzungen des Koran hat jede Frau freies Eigenthum, 137 worüber sie schalten kann nach eigenem Ermessen. Ueberhaupt wird die Frau auch durch die Ehe nicht Sklavin des Mannes, sondern kann ihn verklagen, und sich sogar von ihm trennen, wenn er sie in ihren, im Koran genau bezeichneten Rechten kränkt. Ja selbst die geborene Sklavin genießt alle Vorrechte einer freien Frau, sobald sie Mutter wird. Die Tscherkessinnen, welche durch Vermittelung des Sklavenhändlers ihr Glück in der Ferne suchen, gehören meistentheils dem vierten Stande an. Der für sie bezahlte Preis wird getheilt zwischen den Eltern und dem Herrn. In gleicher Weise müssen die Leibeigenen, welche ein Handwerk treiben (Waffenschmiede, Mattenflechter u. s. w.) ihren Verdienst mit dem Herrn theilen. Die Mädchen werden unter allen Ständen zu Hause erzogen, während man die Knaben der drei freien Stände schon in frühester Jugend fremder Obhut anvertraut, um sie vor elterlicher Verzärtlung zu wahren. Sind sie soweit herangewachsen, daß sie ein Pferd satteln und die Waffen führen können, so müssen sie Pagendienste bei ihrem Atalik (Pflegevater) thun, und heißen während dieser Zeit Dsherat. Der Dsherat begleitet seinen Atalik auf allen Kriegsfahrten, wird von ihm im Reiten, Schießen und sonstigen Uebungen unterrichtet und bleibt bei ihm bis zu seiner Verheirathung, welche gewöhnlich ebenfalls durch Vermittelung des Atalik geschieht. * * * . . . Wie ich eben im Begriff bin, dieses Kapitel zu schließen, geht mir die Kunde zu von dem schrecklichen Ereigniß in Inowraclaw, wo ein Trupp nach Preußen desertirter Tscherkessen auf eine Weise hingeschlachtet wurde, die dem 138 Kopf und Herzen der betreffenden Behörden wenig Ehre macht. Alle Zeitungen sprechen mit gerechter Entrüstung von dem, an die finstersten Zeiten des Mittelalters erinnernden Kartelvertrage, welcher Veranlassung zu jener Schreckensthat gegeben – während sie den Heldenmuth den die Tscherkessen bei dieser Gelegenheit bewiesen, als etwas für europäische Begriffe Unerhörtes rühmen. In Betracht des großen und allgemeinen Interesses, welches das todesmuthige Benehmen der tapfern Bergsöhne erregt hat, glaube ich manchem Leser einen Dienst zu erweisen, wenn ich hier die Schilderung eines ähnlichen Vorfalls einflechte, der aus der Zeit meines Aufenthalts im Kaukasus datirt, und worüber ich schon damals (1844) an Ort und Stelle in meinen Reisebriefen an die »Allgemeine Zeitung« eine kurze Mittheilung machte. Der Schauplatz der Handlung ist am linken Ufer des Terek , an der Grenze des Tschetschenzenlandes, etwa 35 Werste westlich von der Stelle, wo die Ssunsha , welche die kleine von der großen Tschetschnja scheidet, sich in den Terek ergießt. Dort hatte General v. Neidhart im Frühjahr 1844, bei Eröffnung des Feldzuges gegen Schamyl, sein Hauptquartier aufgeschlagen, wurde aber durch eine Menge Uebelstände längere Zeit in seinen Operationen gehindert. Erst trafen die Proviantlieferungen nicht zur rechten Zeit ein; dann trat der Terek aus seinen Ufern und überschwemmte das Lager; dazu kamen kecke Angriffe Schamyl's, der die Verlegenheit der Russen klug auszubeuten wußte – kurz, jeder Tag wurde durch neue Unfälle bezeichnet, bis endlich mit dem Eintreffen der Proviantwagen die Operationen begannen. Kurz vorher ereignet es sich, daß ein 60jähriger Tschetschenz, seines verdächtig scheinenden Passes wegen, von Kosaken aufgegriffen 139 und ins Hauptlager von Tscherwlonnaja geführt wird. Der alte Tschetschenz trägt eine Uhr bei sich, welche ihm die Kosaken abnehmen wollen; ich weiß nicht ob käuflich oder auf andere Weise; er will sich aber nicht davon trennen, und die Kosaken weigern sich dafür ihm zu trinken zu geben, obgleich ihn brennender Durst plagt, und er den ganzen Tag in der Sonnenhitze hat neben den Pferden herlaufen müssen, ohne einen Schluck Wasser zu bekommen. Halb verschmachtet vor Durst, kommt der alte Krieger in Tscherwlonnaja an, und wird in Ketten auf die Hauptwache gesetzt, wo sich außer ihm noch einige Kosaken nebst einem Urjädnik (Unteroffizier), welcher die Aufsicht führt und die Schreibereien zu besorgen hat, befinden. In der Ecke kauert gefesselt der Tschetschenz, anscheinend in tiefem Schlaf; am Tisch sitzt der Urjädnik, emsig schreibend; die müden Kosaken hängen im Gefühl vollkommener Sicherheit ihre Waffen an die Wand, bereiten auf dem Fußboden ihr Nachtlager und schlafen ein. Der Urjädnik, welcher um sich her Alle im tiefen Schlummer sieht, reibt sich auch schlaftrunken die Augen, und steht auf, um draußen etwas frische Luft zu schöpfen. Der durch die geöffnete Thür ins Zimmer dringende starke Luftzug löscht das auf dem Tische brennende Licht aus, und tiefes Dunkel herrscht plötzlich in der Wachtstube. Die nächtliche Stille wird nur durch das Schnarchen der auf dem Boden ausgestreckten Kosaken unterbrochen. Leise erhebt sich der alte Tschetschenz, welcher nicht geschlafen, sondern nur aus Vorsicht die Augen geschlossen hatte, behutsam schleicht er mit seinen Ketten an den schnarchenden Wächtern vorüber, bemächtigt sich eines an der Wand hängenden Dolches, stürzt sich damit 140 auf die schlafenden Kosaken, und richtet ein furchtbares Blutbad unter ihnen an. Einer bleibt gleich todt liegen, die andern taumeln, von Todesröcheln und Dolchstichen aufgeschreckt, der Thüre zu und schreien um Hülfe. Der Urjädnik hört das Geschrei, kommt ins Zimmer zurück, und es gelingt ihm, in der Dunkelheit den wüthenden Alten von hinten zu packen. Dieser aber schlägt und beißt wie ein Rasender um sich, und bringt seinem Gegner, einem hochgewachsenen starken Manne, während des Ringens sieben Wunden im Gesicht bei, so daß letzterer auch genöthigt ist, sein Heil in der Flucht zu suchen. Ehe er sich jedoch weiter nach Hülfe umsieht, verrammelt er die Thür, um dem Tschetschenzen das Entfliehen unmöglich zu machen. Ein junger Kosak, welcher sich auf den Ofen gerettet, und nicht gewagt hat, wieder herunter zu steigen, ist jetzt mit seinem im Blut schwimmenden Bruder und dem furchtbaren Tschetschenzen, der inzwischen seine Fesseln mit dem guten Dolch gelöst hat, allein im Zimmer. In der Dunkelheit wird er von dem Alten nicht bemerkt; er hält den Athem an, um sich nicht durch Geräusch zu verrathen, und bringt so die Nacht in der entsetzlichsten Todesangst zu. Unterdessen wird Allarm geschlagen, im Hofe wird's laut, Fackeln leuchten durch die Nacht, Hunderte von Kosaken und Soldaten umzingeln das Haus. Aber der Alte hat sich auf so etwas gefaßt gemacht, und bereits Vorkehrungen zu hartnäckiger Gegenwehr getroffen. Die an der Wand hängenden Flinten und Pistolen sind geladen, und es findet sich noch ein ansehnlicher Vorrath von fertigen Patronen. Er hängt einen Säbel um, verriegelt inwendig die Thür, und erwartet kampfbereit seine Feinde. Diese halten es, nach verschiedenen fruchtlosen Versuchen, den wilden Krieger aus der Hütte zu bringen, für räthlich, bis Tagesanbruch zu warten, um ihn wo möglich lebendig zu fangen. Der Tag 141 bricht an. Ein der Tschetschenzensprache kundiger Kosak wird abgeschickt, den Belagerten zu überreden, sich zu ergeben; es solle sein Leben geschont werden. Aber er antwortet nur mit Flintenschüssen. Ein neugieriger Kosak hält das Auge vor ein kleines Loch in der Thür, um den sonderbaren Alten zu sehen; in demselben Augenblick fliegt ihm eine Kugel ins Auge. Da kein anderes Mittel übrig bleibt, sich des Helden zu bemächtigen, fangen die Russen an, auf das Haus zu feuern. Der Tschetschenz erwiedert das Feuer aufs lebhafteste, keine Kugel scheint ihn zu treffen, bei seinem Schuß aber fließt jedesmal Blut. Ein Offizier kommt auf den Gedanken, das Haus von oben in Brand zu stecken, und alsobald fliegen von allen Seiten Feuerbrände auf das dicke Strohdach, welches in wenigen Minuten in Flammen steht. Mit Blitzesschnelle greift das Feuer um sich, die Decke des Zimmers ist dem Einsturze nahe, der Tschetschenz blutet schon aus mehrern Wunden, aber fern davon sich zu ergeben, feuert er zum letztenmal sein Gewehr ab, nimmt den Dolch in die linke, den Säbel in die rechte Hand, schlägt die Thür ein und stürzt so, blind um sich hauend, mitten unter den Haufen der Feinde, welche verwirrt von so übermenschlichem Muthe, wie auf ein gegebenes Zeichen zurückweichen. Schon war der Unglückliche, von Blutverlust ermattet, dem Hinsinken nahe, als ein stämmiger Krieger der Tuschina mit gezogenem Säbel aus ihn losspringt und ihm den Kopf von oben bis unten spaltet. Ich übergehe die Schilderung der Abscheu erregenden Rohheit, mit welcher die russischen Soldaten die Leiche des Helden mißhandelten. Als der greise General Herr v. Neidhart hörte, wie viele Russen unter den Streichen des alten Tschetschenzen gefallen 142 waren, umzog eine Wolke des Kummers seine Stirn, und er sagte betrübt: »So Viele um Einen!« Unter den Gefallenen waren auch drei Kosaken aus dem Gefolge des Feldherrn. Das Schicksal der Familien der Getödteten ging ihm zu Herzen. »Wer wird nun für die armen Frauen und Kinder sorgen« sagte er bewegt zu einem seiner Vertrauten. Darüber trösten Sie sich, General! erwiederte dieser; bei den Kosaken vom Kaukasus ernährt die Frau den Mann, und nicht der Mann die Frau. 143   Achtes Kapitel. Uebergänge. Keschisch-Oglu. Allahwerdy. Volkslieder der Kurden. Mit unserm Abschiede von der Tscherkessenküste beginnt ein Uebergangskapitel, worin ich die schwierige Entscheidung treffen muß: entweder durch den thrakischen Bosporus, das Marmorameer und den griechischen Archipelagus die Rückreise in die Heimath anzutreten, wie es der wirkliche Gang der Dinge mit sich bringt – oder noch einmal zurückzukehren nach Tiflis, in die Schule der Weisheit des Mirza-Schaffy. Ich entscheide mich nach reiflicher Ueberlegung für das Letztere, und will hier kurz die Gründe anführen, welche mich dazu bewegen. Es ist mir von verschiedenen Seiten der Vorwurf gemacht worden, daß ich mich in den Reiseskizzen des ersten Bandes von »Tausend und Ein Tag« zu großer Kürze befleißigt und mehr angeregt als ausgeführt hätte. Jedenfalls der angenehmste Vorwurf den ich hören konnte! aber doch immer ein Vorwurf, der Beachtung verdient, und dem ich ein noch größeres Gewicht beilegen würde, als wirklich der Fall ist, 144 wenn ich nicht schon früher ein besonderes, mehr wissenschaftlich angelegtes Werk über die Völker des Kaukasus geschrieben hätte, welches über viele, in diesen Skizzen nur kurz angedeutete Punkte nähere Auskunft geben wird Jedem der es liest. Ebenso habe ich den verschiedenen Kosakenstämmen der donischen Steppe und der Ukraine bereits vor fünf Jahren eine besondere Schrift gewidmet, welche außer historischen und geographischen Notizen eine ansehnliche Sammlung chronologisch geordneter Volkslieder enthält, so daß der wißbegierige Leser auch in diesem Punkte sich nicht auf die Mittheilungen von »Tausend und Ein Tag« zu beschränken braucht. Ueber die Länder und Völker hingegen, welche ich auf meiner Rückkehr berührte, habe ich noch Nichts veröffentlicht, und hier dürfte es allerdings nicht rathsam sein, die Beobachtungen eines halbjährigen Aufenthalts in Kertsch, Theodosia, Jalta, unter den Tataren der Krimm, in Odessa, Konstantinopel, Kleinasien \&c. in ein paar flüchtig skizzirte Kapitel zusammenzudrängen. Es bleibt deshalb die Schilderung meiner Rückkehr in die Heimath einem besonderen Buche, von mehr politischer Färbung, vorbehalten, während ich hier die versprochene Fortsetzung der Lieder und Sprüche der Weisheit des Mirza-Schaffy, nebst einigen anderen poetischen Fragmenten aus dem Orient folgen lasse. Ich glaube damit den Wünschen der meisten meiner Leser zu begegnen, denn Mirza-Schaffy hat weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Freunde und Gönner gefunden, und in Journalen wie in brieflichen Mittheilungen ist mir mehrfach der Wunsch ausgedrückt worden, mein Versprechen, eine Fortsetzung der Lieder und Sprüche des Weisen von Gjändsha erscheinen zu lassen, bald in Erfüllung zu bringen. Ein anderes, zu gleicher Zeit gegebenes Versprechen, die 145 Gedichte des blinden armenischen Sängers Keschisch-Oglu, nebst einer größeren Sammlung kurdischer Volkslieder in der Uebersetzung mitzutheilen, kann ich leider nur theilweise erfüllen, da durch den plötzlichen Tod meines Freundes Abowian in Eriwan, die Quelle versiegt ist, aus welcher ich weiteren Mittheilungen entgegensah. Ich werde später Gelegenheit nehmen, einige Einzelheiten aus dem Leben dieses trefflichen Mannes hervorzuheben, der unter Kämpfen und Entbehrungen aller Art es sich zur Aufgabe gemacht hatte, deutsche Sitte und Sprache unter seinen Landsleuten am Ararat zu verbreiten, und der seit einer Reihe von Jahren jedem deutschen Reisenden in Armenien ein freundlicher und vielfach nützlicher Führer war . . . Hier möge zunächst als poetischer Uebergang zur Wiedereröffnung des Divans der Weisheit des Mirza-Schaffy, eine kleine Auswahl der Gedichte Keschisch-Oglu's folgen, der sich einige, ebenfalls im Hochlande des Ararat gewachsene, kurdische Volkslieder anreihen werden Keschisch-Oglu (oder nach der Aussprache des Volks: Keschisch-Ogli) wurde in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geboren zu Schulawery , einem etwa 60 Werst von Tiflis gelegenen armenischen Dorfe. Er war der Sohn eines armen Priesters und erhielt als Kind eine Art Unterricht im Armenischen und Tatarischen, hatte aber das Unglück, schon im zwölften Lebensjahre sein Gesicht durch die Pocken zu verlieren, ein Verlust, welcher nur 146 dadurch einigermaßen ersetzt wurde, daß ein inneres Licht in ihm aufging: das Licht der Poesie. Seine dichterischen Anlagen entwickelten sich so früh, daß er schon im zwanzigsten Lebensjahre eine gewisse Berühmtheit im Lande erlangt hatte. Um diese Zeit verließ er seine Heimath, wo es ihm trotz seines Dichterruhms sehr kümmerlich ergangen war, um in der Ferne sein Glück zu suchen. Die Saß in der Hand pilgerte er von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, hatte sich am Hofe von Teheran einer glänzenden Aufnahme zu erfreuen, durchzog später ganz Kleinasien und kam nach Konstantinopel, wo er als Hofdichter des Sultans angestellt wurde und auf seine alten Tage ein sorgloses und ruhiges Unterkommen fand. Die Wanderungen des Keschisch-Oglu wurden durch eine Menge kleiner Triumphe verherrlicht, da er aus den Gesangswettkämpfen, die er überall anstellte, wohin er kam, fast immer als Sieger hervorging. Noch heut zu Tage ist es Sitte bei den Persern, Armeniern, Tataren \&c., daß die Barden des Landes einander öffentlich zum Kampfe herausfordern und, gewöhnlich im Beisein einer großen Menschenmenge, förmliche Gesangturniere halten. Der Eine singt aus dem Stegreife ein paar Verse her und zwingt den Andern, in demselben Versmaaße darauf zu antworten. Bei den Armeniern ist es gewöhnlich die Bibel, bei den Tataren der Koran, woraus der Stoff zu den ersten Angriffen geschöpft wird. Uebrigens bestehen in dieser Beziehung keine Vorschriften und Jeder kann seine Stoffe nehmen woher er will, nur muß der Angegriffene gleich auf den angeregten Gegenstand eingehen, und erst dann, wenn er dies mit 147 Glück gethan, steht es ihm frei, seinerseits ein neues Thema zu behandeln. Der Wettkampf dauert in dieser Weise oft stundenlang fort und die Umstehenden folgen dem Gesange mit gespannter Aufmerksamkeit; jeder Fehler auf der einen oder der andern Seite veranlaßt eine lärmende Unterbrechung. Aber erst wenn einer der Beiden förmlich in's Stocken geräth, und seinem Gegner nicht mehr zu folgen vermag, wird er als besiegt erklärt und der Andere unter lauten Beifallsbezeugungen als Sieger ausgerufen. Dem Sieger steht das Recht zu, das Saitenspiel des Besiegten zu zerschlagen, was jedoch höchst selten geschieht. Gewöhnlich reicht er dem Gegner die durch Gesang eroberte Saß großmüthig zurück, wodurch das Ansehn des Letztern einigermaßen hergestellt wird, denn ohne diese Großmuth des Siegers würde der unterlegene Sänger sein Saitenspiel nie wieder zur Hand nehmen dürfen. Die Schriftkundigen unter den Umstehenden lassen es sich angelegen sein, die gewöhnlich sehr langsam und mit öftern Wiederholungen abgesungenen Verse niederzuschreiben; doch kommt es, soweit meine Erfahrung reicht, nur selten vor, daß sich unter diesen Stegreifgedichten Sachen von Bedeutung befinden. Ich lasse hier als eine kleine Probe solcher Improvisatorenkünste ein Fragment aus einem Wettkampfe folgen, welchen Keschisch-Oglu einst mit einem andern armenischen Sänger, Namens Allahwerdy, zu bestehen hatte. Ich habe dieses Fragment, wie alle auf Keschisch-Oglu bezüglichen Mittheilungen, meinem trefflichen Freunde Abowian von Eriwan zu verdanken, der durch seinen zu frühen Tod leider verhindert wurde, mir eine Fortsetzung seiner interessanten Berichte zu liefern. 148   Fragment aus dem Sängerkampfe zwischen Keschisch-Oglu und Allahwerdy. Allahwerdy , als der Herausforderer, geht auf seinen Gegner zu, greift in die Saß und hebt an zu singen:         »Möge Gruß Dir und Heil sein, o Keschisch-Oglu! Bald wird Wehe Dein Theil sein, o Keschisch-Oglu! Jedes Wort meiner Lieder auf Dich gezielt Soll wie ein tödtender Pfeil sein, o Keschisch-Oglu!« Keschisch-Oglu erwiedert:         »Deinen Gruß geb' ich Dir wieder, o Allahwerdy! Bald stürzt die Wucht meiner Lieder, o Allahwerdy! Wie die Gewitterwolke aus schwüler Luft Verderbend auf Dich nieder, o Allahwerdy!« Wiederum greift Allahwerdy in die Saiten und singt:         »An dem Helden prallt ab die Beleidigung, Er findet Mittel zu seiner Vertheidigung – An dem Ohre werd' ich Dich in die Dreschtenne führen, Zur Erklärung dieser Stelle muß bemerkt werden, daß in Armenien die Ochsen zum Dreschen des Korns, wie überhaupt zum Pflügen \&c. gebraucht werden. Ein großes, unten schachbrettartig zugerichtetes Stück Holz wird über das in der Tenne ausgebreitete Korn gezogen und die vorgespannten Ochsen werden dabei an den Ohren gezogen, um sie anzutreiben. Allahwerdy konnte seine Verachtung des Keschisch-Oglu nicht kräftiger ausdrücken als durch dieses Bild. Zum stummen Viehe Dich machen, o Keschisch-Oglu!« 149 Keschisch-Oglu entgegnet:         »Dem Helden steht die Stimme des Muthes gut, Doch der Muth ist verschieden von Uebermuth – Nicht ruhe ich , bis Deine Zunge ruht, Und zur Wittwe Dein Weib wird, o Allahwerdy!   In dieser Weise wird der Streit nun fortgeführt bis einer der Sänger erschöpft ist. Zur Abwechselung werden auch Räthsel aufgegeben, Sprüchwörter in Verse gebracht, Lieder zum Preise des Weines und der Liebe gesungen u. s. f. Die meisten der tatarischen und armenischen Lieder welche mir zu Händen gekommen, tragen unzweifelhafte Spuren des großen Einflusses, welchen die persische Poesie und besonders Hafis hier ausgeübt hat, ohne daß die modernen Naturdichter Armeniens vielleicht eine Ahnung davon haben. Die Hafisischen Lieder haben unter dem Volke in Persien so tief Wurzel geschlagen und so unendlich viele Nachahmungen hervorgerufen, daß die meisten darin vorkommenden Bilder und Wendungen sinnlicher Natur längst in die Volkssprache übergegangen sind. Nun konnte es, bei der langjährigen Herrschaft der Perser über Armenien, nicht ausbleiben, daß die Unterdrückten von den Unterdrückern Manches annahmen, und so erklärt sich's, daß wir in fast allen tatarischen und armenischen Liedern hafisische Bilder und Ausdrücke wiederfinden, obgleich ein eigentliches Studium Hafisens von der christlichen Bevölkerung Armeniens niemals getrieben wurde. Das Haar der Geliebten ist ein Fangnetz für Männer-Herzen, die Augenbrauen sind Bogen womit auf das verliebte Opfer geschossen wird, der Schoß ist ein Blumengarten, 150 die Brüste sind Granatäpfel, und wie die Nachtigall um das Aufblühen der Rose, so wehklagt der Sänger um das Aufblühen der Liebe in der Brust grausamer Schönen . . . Ich habe es mir angelegen sein lassen, von den Liedern Keschisch-Oglu's hier nur diejenigen mitzutheilen, in welchen das eigenthümliche Gepräge des Dichters am meisten hervortritt. Leider ist ihre Zahl sehr gering. Doch dürften sie vielleicht späteren Reisenden Anlaß geben, weitere Nachforschungen in Armenien anzustellen, wo in Gegenden, die ich nicht besucht habe, noch hunderte von den Liedern des blinden Barden im Munde des Volks fortleben sollen.   1.         Ein Weib, das voller Treue ist, Sich gern und willig fügt mir, Ich brauche keine Andere,     Ein solches Weib genügt mir! Die spiegelschöne Anahid Anahid – die armenische Venus. Einige armenische Gelehrte, u. a. Cirbied und Martin, wollen diese Namen in Verbindung bringen mit der griechischen Diana, da Anaïd rückwärts gelesen Diana heißt. Die immer nur sich selber sieht, Ich lasse sie für Andere,     Ein treues Weib genügt mir! Das Auge klar und liebereich, Der Busen süß, Melonen gleich, Die Stirne wie der Himmel rein:     Ein solches Weib genügt mir! 151 Die Glück und Kummer mit mir theilt, Wie Lokman Lokman ist zu einer mythischen Person geworden, welche in einigen Theilen des Orients als der Inbegriff aller Weisheit, in andern Theilen als der Inbegriff aller Heilkraft, im Munde des Volks fortlebt. Ich habe mich durch eigene Erfahrung überzeugt, daß man in den christlichen Ländern des Kaukasus, unter den Armeniern und Georgiern, wo jedes Kind den Namen Lokman im Munde führt, von der arabischen Sage des Lokman Abu Anam nichts weiß, sondern den Namen von einem angeblich deutschen Arzte herleitet, der vor Jahrhunderten im Kaukasus gelebt und durch seine Wunderkuren weit und breit berühmt geworden sein soll. Abowian von Erivan, ein in der armenischen und tatarischen Sprache tüchtig geschulter, der arabischen Literatur aber ganz unkundiger Armenier, schrieb mir bezüglich der in den Liedern des Keschischoglu vorkommenden Anspielungen auf Lokman wörtlich was folgt: »Der Name Lokman spielt in den asiatischen Sprachen dieselbe Rolle wie der des Hypokrates in den europäischen. Hat ein Arzt eine glückliche Kur vollbracht: das ist ein wahrer Lokman! heißt es von ihm. Liegt Jemand an einer schweren Krankheit danieder: da vermag nur ein Lokman zu heilen! sagen die Leute. Solchergestalt hören sie diesen Namen, sowohl unter der islamitischen wie unter der christlichen Bevölkerung des Landes, täglich aussprechen, und zwar bis in die untersten Volksschichten herab, ohne daß Jemand ehrlich Rechenschaft zu geben wüßte, woher der Name gekommen. Das Kind hat ihn von der Mutter gehört und die Mutter von der Großmutter. Was ich Ihnen davon sagen kann ist dieses: Wahrscheinlich ist ein deutscher Arzt Hoffmann damit gemeint, dessen Namen die Tataren und Armenier nach der ihnen bequemeren Aussprache in Lokman umgewandelt haben. Dieser Hoffmann soll – Gott weiß wann? aber doch nicht vor zu langer Zeit – im Kaukasus gelebt und große Wunderkuren vollbracht haben, also daß sein Ruhm durch ganz Asien erscholl und er weit umherpilgern mußte, um die Kranken zu heilen. Man erzählt sich in Tiflis noch heutzutage folgende Anekdote von ihm: Als Lokman in dieser Stadt angekommen war und auf den Basar gehen wollte, wurde ihm der Weg versperrt durch eine endlose Reihe hochbeladener Araba's (zweirädrige Fuhrwagen). Lokman fragte, was in diesen Araba's enthalten sei? Man antwortete ihm: Fische . »Dann – sagte er – wird es viel für mich hier zu thun geben.« Und also sprechend bog er in eine andere Straße ein. Aber auch hier wurde ihm der Weg versperrt durch eine endlose Reihe von Araba's, hochbeladen mit gefüllten Schläuchen. Lokman fragte was in diesen Schläuchen enthalten sei? Man antwortete ihm: Wein . »Dann – sagte er – ist hier meines Bleibens nicht! Wo so gute Arzenei in solcher Fülle vorhanden ist, da ist die Kunst des Arztes überflüssig.« Und also sprechend verließ er die Stadt, trauernden Antlitzes.« Ich habe diese Geschichte, genau wie sie hier erzählt ist, später öfter in Tiflis gehört. Sie ist dort so in's Volk gedrungen, wie kaum eine andere Sage des Orients. Unter den Tifliser Weintrinkern ist es gäng und gebe zu sagen: »Wenn Lokmani Hekim (Arzt Lokman) den Wein das beste Heilmittel für Fischkrankheiten genannt hat, wie soll man da nicht die Klugheit der Georgier rühmen, die ihre Kinder schon von Jugend auf an den Genuß des Weines gewöhnen.« Thatsache ist es – nebenbei bemerkt – daß in Georgien die Kinder oft schon in der Wiege Wein zu trinken bekommen. * * * Nach Darlegung dieser georgisch-armenischen Version der Lokman-Sage (denn Geschichte kann man nichts von alle dem nennen, was über Lokman bekannt geworden) bin ich es der großen Mehrzahl meiner Leser schuldig, auf die arabische Sage von Lokman zurückzukommen, derzufolge Lokman Abu Anam, mit dem Beinamen al Hakim (nach der türkischen Aussprache Hekim ) d. i. der Weise (was zugleich den Begriff der Arzneikunde in sich schließt), als der einzige Fromme aus dem Stamme Ad , als dieser von Gott vertilgt wurde, am Leben blieb. Es wurde ihm von Gott die Wahl gelassen, ob er so lange leben wolle als der Dunst von sieben Gazellen in einer Gebirgshöhle dauern würde, oder als sieben nach einander folgende Geier lebten. Lokman Abu Anam wählte das Letztere und lebte darauf bis zur Zeit Davids, ja – nach andern Berichten – bis zur Zeit des Propheten Jonas. Und er hatte seine Wohnung zu Ramah bei Jerusalem, wo er auch begraben liegt. Nach andern arabischen Schriftstellern war Lokman ein Weiser, hocherfahren in der Rechtskunde und als Richter im Lande lebend bis zu den Zeiten Davids, des Sänger-Königs. Noch andere Sagen lassen ihn einen Zimmermann, und wieder andere einen aus Egypten entlaufenen Sklaven gewesen sein, von schwarzer Farbe, mit dicken Lippen und Säbelbeinen. In ähnlicher Weise gehen die Vermuthungen fort bis in's Unendliche. Bekannt ist, daß Lokman als Dichter der orientalischen Thierfabel von einigen Gelehrten (u. A. Ch. A. Neumann) für identisch gehalten wird mit Aesop, da die meisten arabischen Fabeln den griechischen sehr ähnlich sind. Ob nun die Griechen ihre Fabeln von den Arabern entlehnt haben, oder die Araber von den Griechen? Ob Aesop vor Lokman gelebt oder Lokman vor Aesop? Ob der Lokman der Sage identisch sei mit dem Lokman des Koran? \&c. \&c. Ueber alle diese zweifelhaften Punkte sind eine Menge gelehrter Abhandlungen geschrieben worden, auf welche wir hier nicht näher eingehen können. Wir bemerken hier nur zum Schluß, daß die 31. Sure des Koran den Namen Lokman als Ueberschrift trägt und daß hierdurch allerdings die Vermuthung einige Wahrscheinlichkeit erhält, es habe lange vor Muhammed ein Mann Namens Lokman gelebt, der durch seine Weisheit sich einen Namen im Lande zu machen wußte. alle Wunden heilt, Und Segen spendet wo sie weilt,     Ein solches Weib genügt mir! Des Mundes Frühlingshauch vergeht, Es welkt des Schoßes Blumenbeet, Das treue Aug' und Herz besteht:     Ein treues Weib genügt mir! Keschisch-Ogln, der Sänger, spricht: Was nützt das schönste Angesicht? Ich armer Blinder seh' es nicht:     Ein treues Weib genügt mir!   2.             Du wunderschöne, süße Maid!     Was soll ich für die Seligkeit Die Du gewährt, Dir wieder geben?     Ich armer, blinder Sänger kann     Für Alles was mein Herz gewann, Dir Nichts als meine Lieder geben!   3.         Schön ist das Mädchen das ich meine,     Das mich so hoch beseligt hat, Von allen Dirnen gleicht ihr keine     Im Hochgebirg des Ararat! 152 O, daß ihr Gott das Glück vergelte,     Das mir ihr Mund gegeben hat! Schwarz ist ihr Auge, wie die Zelte     Im Hochgebirg des Ararat! Es gleicht ihr Gang dem jungen Rehe     Auf einsamstillem Waldespfad – Die Brust dem frischgefall'nen Schnee     Im Hochgebirg des Ararat! Der Busen fest wie Apfelsinen,     Der Mund ein rosig Wonnebad, Süß wie der Honig von den Bienen     Im Hochgebirg des Ararat! Dem Lockenhaar entsteigen Düfte,     Frisch wie der Duft vom Rosenblatt, Beim Hauch der warmen Frühlingslüfte     Im Hochgebirg des Ararat! O, keine Andere erkiese,     Keschisch-Oglu! an ihrer Statt – Sie macht das Land zum Paradiese     Im Hochgebirg des Ararat!   4.         Eine Taube such' ich die mir entflogen ist, Schön ist die Maid die ich erkoren habe! Euch ein Zeichen sag' ich, daran Ihr sie kennen sollt, Helfet mir suchen die ich verloren habe! 153 Schlank ist ihr Wuchs und schwarz ihr Haar, Schwarz sind ihre Locken und Augenbrauen – Bezaubert hat mich die schönste der Frauen, Helfet mir suchen die ich verloren habe! Verlassen hab' ich Haus und Land, Hinaus in die weite Fremde zu wandern, Von einem Ort irrt' ich zum andern, Um zu suchen die ich verloren habe! Ich irre umher und finde sie nicht, Sie verspottet den armen, blinden Mann, Der ihre Spuren nicht finden kann – Helfet mir suchen die ich verloren habe! O kehre zurück! Alles trag' ich von Dir, Gern will ich verspottet von Dir und verlacht sein, Du sollst der Stern in meiner Nacht sein – Kehre mir wieder, die ich verloren habe! Du stehe auf, o Keschisch-Oglu! Noch einmal zum Wanderstabe greife, Umher durch Iran's Lande schweife, Sprechend: Wo bist Du die ich verloren habe? 154   Lieder aus Kurdistan. 1. Liebeslied.         Sieh mich lieb, Du schwarzäugige Dirne an! Deine Wimpern stehn wohl Deiner Stirne an. Deine Augen, wie die Beeren der Reben schwarz, Sie machen mein ganzes Leben schwarz, O, wende, Du Schöne, mein Herzeleid! Komm zu uns zu Gaste, nach Hause komm! Mit den Gästen der Feier zum Schmause komm! Vor allen andern sollst Du beachtet werden, Der erste Schafbock soll Dir geschlachtet werden! Ein Beweis besonderer Auszeichnung bei den Gebirgsvölkern sowohl des Ararat wie des Kaukasus.   2. Liebeslied.         Es ist Dein Wuchs dem Alef gleich, Die Brust an schwarzen Flecken reich, 155 Wohl an dreihundert zähl' ich! Es soll die Brust mein Heil'genschrein, Soll Kirche mir und Kloster sein, Kein andres Bethaus wähl' ich! Mag Erzerum zu Grunde geh'n, Darf ich zu Deinem Munde geh'n, So bin ich überselig!   3. Frühlingslied.         Ueber Alles hoch und über Alles schön,     Und im Mund des Volkes vielgepriesen, Sind die grünen Flecke auf den Bergeshöh'n,     Sind die duftenden Nomadenwiesen! Wo der Schnee die Berge nicht bekleidet,     Wo der Kurden schwarze Zelte stehn, Wo der Hirt die fette Heerde weidet,     Kecke Bursche, schmucke Dirnen gehn – Ueber Alles hoch und über Alles schön,     Und im Mund des Volkes vielgepriesen, Sind die grünen Flecke auf den Bergeshöh'n,     Sind die duftenden Nomadenwiesen! 156   4. Trauerlied.         Mir gegenüber steht des Reiters Grab, Noch gestern strotzt' er in der Jugend Prangen: Mit seiner Lanze brach sein Leben ab. Getroffen stürzt' er und gebrochen hin. Jetzt ziehen schon die Würmer und die Schlangen Ueber die fleischentblößten Knochen hin . . .         Es schwang sich der Reiter auf sein schwarzes Roß, Es versammelt sich um ihn der Knechte Troß. Er ist zu den Zelten der Feinde geritten, Und hat dem Samam-Chan den Kopf abgeschnitten.   6. Klagelied.         Ich war auf's Feld hinausgegangen, Da sah ich zwei schöne Mädchen wandern,     Es schwoll das Herz vor Lust mir. Ich ging von Einer zu der Andern, Ich konnte Keine von Beiden erlangen,     Da quoll schwarzes Blut in der Brust mir. *   *   * Es wollte keinem schönen Kind Meine starke Liebe gefallen – Die Köpfe zweier Kurden sind Durch meine Hiebe gefallen. Es war das Gras vom Thaue naß Als sie getödtet wurden; Die grünen Halme im Wiesengras Vom Blute geröthet wurden. *   *   * Um zweier Schönen Augen willen Hat sich mein Herz empört, Um zweier Schönen Augen willen Ist mir das Herz zerstört. *   *   * Ich bin alt geworden, schwach und alt, Habe mein siebzigstes Jahr erreicht, Vor Schwäche gebrochen ist meine Gestalt, Vor Alter und Gram das Haar erbleicht. Vor Gram sind meine Wangen erblichen, In den Augen flimmert es roth mir – Und Ruhe wie Schlaf ist von mir gewichen, Vor den Augen flimmert der Tod mir! 158   6. Trauerlied.         Stieg der Frühling in die Lande nieder, Flur und Hain mit frischem Grün zu färben, Alles weckte er zum Leben wieder, Nur der Wittwe Sohn rief er zum Sterben. Im Gebirge scholl ein Klaggestöhn, Weint die Mutter den verlornen Sohn, Ach, er war so schön, so jung und schön! Und nun deckt das kalte Grab ihn schon! Weithin schimmerte sein roth Gewand, Wenn er, hoch die Lanze in der Hand, Sich zu Rosse in den Bügel schwang, Und den Schild gleich einem Flügel schwang. Kommt das Roß gesattelt, kommt von fern, Wiehert laut um den verlornen Herrn, Scharrt den Boden auf mit wundem Huf, Doch er hört nicht seines Rosses Ruf. Weithin tönt der Klageweiber Schrei'n – Nimmer weilt er in der Krieger Reih'n! Würmer fressen seine Leiche schon, Kalte Erde, kalter Grabesstein, Deckt das Angesicht, das bleiche, schon! 159   Neuntes Kapitel. Abowian. Ich hatte nach meiner Rückkehr von Armenien zu wiederholten Malen an Abowian geschrieben, um ihn an sein Versprechen zu erinnern, mir eine Fortsetzung der kurdischen Volkslieder und der in tatarischer Sprache geschriebenen Gedichte des Keschisch-Oglu zu schicken. Er wußte, daß es in meiner Absicht lag, eine deutsche Uebersetzung davon zu veranstalten und ihm die daraus entspringenden pekuniären Vortheile zur Verbesserung seiner bedrängten Lage zuzuwenden. Es war mir deshalb unerklärlich, daß alle meine Briefe unbeantwortet blieben, bis ich vor Kurzem zufällig die traurige Ursache erfuhr. Ein alter Bekannter von mir und mein Lehrer der kleinrussischen Sprache, Staatsrath Roskovschenko aus Tiflis, der mich diesen Sommer auf einer Badereise in Berlin besuchte, theilte mir mit, daß Abowian schon seit ein Paar Jahren verschollen sei, ohne daß man, trotz aller Nachforschungen, eine Spur von ihm entdeckt habe. Roskovschenko, der frühere Vorgesetzte Abowians, war veranlaßt worden, ihn nach Tiflis zu ziehen, um ihm hier eine 160 bessere Stellung zu verschaffen. Ein georgischer Hülfslehrer vom Gymnasium zu Tiflis, Turkistanow, wurde nach Eriwan entsendet, um Abowian einstweilen zu vertreten. In Eriwan angekommen, erfährt er, daß Abowian ganz gegen seine Gewohnheit am frühen Morgen das Haus verlassen habe und noch immer nicht zurückgekehrt sei. Turkistanow wiederholt am folgenden Tage seinen Besuch, und findet die Frau Abowian's in Thränen aufgelöst; sie hat in der ganzen Nacht umher nach ihrem Manne gesucht; keiner weiß von ihm, keiner will ihn gesehen haben. Seit jenem Tage ist er verschwunden und man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Wahrscheinlich hat er sich selbst den Tod gegeben, denn schon zu der Zeit, wo ich ihn kennen lernte, war er in einer sehr trüben und hoffnungslosen Stimmung, welche noch vermehrt wurde durch seine traurigen Begegnisse mit Professor Abich von Dorpat, dem er bei dessen Ersteigung des Ararat als Führer beigegeben war. Das hochfahrende Benehmen, zu welchem sich Abich berechtigt glaubte, weil er auf der russischen Rangleiter ein paar Stufen höher stand als Abowian, gab Veranlassung zu Mißhelligkeiten, die in ihren Folgen den armen Armenier an den Rand der Verzweiflung brachten. Abowian übersandte mir später seine Tagebücher aus jener Zeit, mit der Bitte, dieselben unter dem Titel »Nachträge und Erläuterungen zu der Besteigung des Ararat durch Professor Abich« zu veröffentlichen. – In wohlmeinendster Absicht erfüllte ich diese Bitte nicht, weil nach meiner Ueberzeugung die persönlichen Angelegenheiten, welche den Haupt-Inhalt jener Tagebücher bilden, nicht wohl vor das Forum der Oeffentlichkeit gehören, und weil ich ferner durch die Veröffentlichung Beiden nur geschadet haben würde. So sind denn die Tagebücher bis zu dieser 161 Stunde in meinen Händen geblieben, da sich keine sichere Gelegenheit fand, sie wieder nach Eriwan zu befördern . . . In seinem letzten Briefe schrieb mir Abowian, daß er entschlossen sei, den russischen Staatsdienst zu verlassen, um sich in das Innere von Armenien zurückzuziehen und dort nach der Weise seiner Vorfahren vom Ackerbau zu leben, da sein geringes Einkommen den Bedürfnissen der Stadt nicht genügte und ein längeres Warten auf etwaige Verbesserung seiner Lage ihn nur noch tiefer in's Elend stürzen würde. Es waren schlimme Erfahrungen, die den talentvollen und strebsamen Mann zu diesem Entschlusse gebracht hatten. Seine Lebensgeschichte ist zu merkwürdig, als daß ich es unterlassen könnte, einige Züge daraus mitzutheilen. Abowian wurde zu Anfange dieses Jahrhunderts in einem Dorfe bei Eriwan, dessen Namen ich vergessen habe, von armen Eltern geboren Da er von Kindesbeinen an eine große Lernbegierde zeigte, so kam er schon sehr früh in das Kloster von Etschmiadsyn, um dort zum Geistlichen ausgebildet zu werden. In diesem altberühmten Patriarchensitze am Fuße des Ararat herrschte damals der Katholikos Jephrem (d. i. Ephraim) ein kalter, hochfahrender Mann, der in Bezug auf Formen und Aeußerlichkeiten unter den Mönchen und Zöglingen des Klosters ein strenges Regiment führte, aller wahren Kultur und Wissenschaft aber von Herzen gram war. Mit seinen eigenen Kenntnissen that er immer sehr geheim, und als die gelehrtesten seiner Bischöfe und Mönche galten diejenigen, welche es zu einem nothdürftigen Verständniß der altarmenischen Bibelübersetzung gebracht hatten. Zu jener Zeit trug das Kloster noch nicht die Maske europäischer Kultur, die es seit dem Besuche einzelner Mitglieder der kaiserlichen Familie angethan hat. Abowian 162 erzählte mir und R., als er uns nach Etschmiadsyn begleitete, daß es ihn immer eiskalt überlaufe, wenn er die alten Gemäuer betrete, so schauerlich seien die Eindrücke gewesen, die er in früher Jugend dort empfangen und die sich nie wieder aus dem Gedächtniß verwischen ließen. Verschiedene Fluchtversuche, auf welchen man ihn ertappt hatte, gaben Veranlassung, daß ihm eine noch strengere Behandlung zu Theil wurde als vorher schon. So wuchs er heran unter Weinen, Beten und Fasten, in einer rohen, für alles Edle abgestumpften, in unnatürlichen Lüsten verkommenen Umgebung, ohne anderen Gewinn davon zu tragen, als eine nothdürftige Kenntniß der altarmenischen Sprache. Er hatte es bis zum Diakon gebracht, als der berühmte Dorpater Professor Parrot im Jahre 1829 nach Armenien kam, um Versuche zu einer Ersteigung des Ararat zu machen. Der Zufall führte ihn mit Abowian zusammen, der auf Parrot einen so günstigen Eindruck machte, daß dieser die Schwierigkeiten nicht scheute, ihn zum Reisegefährten zu gewinnen, nachdem die andern Schwierigkeiten, welche die hohe Geistlichkeit jedem Versuche einer Ersteigung des Ararat entgegenzusetzen für ihre Pflicht hält, glücklich überwunden waren. Der erste Versuch, welcher ohne Abowian unternommen wurde, mißglückte. Daß Parrot bei der zweiten Ersteigung zu einer Höhe von 15,138 Par. Fuß kam und endlich beim dritten Versuche (26–28sten September) wirklich die bis dahin seit der Sündfluth von keines Menschen Fuß betretene Spitze des Ararat erreichte, hatte er zum großen Theil den Anstrengungen und der Umsicht Abowians zu verdanken. Der deutsche Gelehrte faßte eine lebhafte Zuneigung zu dem jungen Armenier und nahm ihn nach seiner Rückkehr in 163 die Heimath mit nach Dorpat, wo er Vaterstelle an ihm vertrat und ihn sechs Jahre lang auf seine Kosten studiren ließ. Diese sechs Jahre bildeten die Glücksperiode im Leben Abowians. Er sah eine neue Welt vor sich aufgethan und erfaßte Alles mit so regem Eifer und so frischer Empfänglichkeit, daß er sich bald vollkommen heimisch fühlte in seiner deutschen Umgebung. Die bedeutenden Sprachkenntnisse welche er sich in jener Zeit erwarb, legten eben so günstiges Zeugniß ab von seinen geistigen Fähigkeiten, wie die große Anhänglichkeit und Dankbarkeit welche er seinen Lehrern bewies, seinem Herzen zur Ehre gereicht. Seine Dankbarkeit erstreckte sich auf Alles was einen deutschen Namen trug, und wie er nach seiner Rückkehr in die Heimath keine Gelegenheit entschlüpfen ließ, den deutschen Reisenden welche den Kaukasus und Armenien besuchten, nützlich zu sein, so sah er es auch als seinen Lebenszweck an, deutsche Kultur und Sprache unter Georgiern und Armeniern zu verbreiten. Ueber hundert junge Asiaten hatte er zu der Zeit wo ich ihn kennen lernte (1844) soweit gebracht, daß sie sich mündlich und schriftlich mit Geläufigkeit in der deutschen Sprache ausdrücken konnten. Er verlebte nach seiner Rückkehr von Dorpat eine Reihe von Jahren in Tiflis, wo er sich ausschließlich mit der Bildung seiner jungen Landsleute beschäftigte, aber, zu uneigennützig und zu wenig praktischer Natur, um den alten Grundsatz: der Arbeiter ist seines Lohnes werth, in nöthiger Ausdehnung auf sich selbst anzuwenden, bald in pekuniäre Verlegenheiten gerieth, welche die Quelle unendlicher Trübsal für ihn wurden. Mirza-Schaffy sagte einmal treffend von ihm »Abowian awalindshe Armeninder, kje Armenin jochter« ein Satz, der den doppelten Sinn hat: Abowian ist der erste Armenier, der kein Armenier (d. h. kein habgieriger und bestechlicher Mensch) ist; und: 164 Abowian ist der Erste Armenier, weil er kein Armenier ist (in der schlimmen Bedeutung des Worts). Auf Verwendung seiner Dorpater Freunde erhielt Abowian, der sich inzwischen mit einer Deutschen verheirathet hatte, eine Stelle als Inspektor der Kreisschule zu Eriwan, aber mit einem so dürftigen Gehalte, daß er sein Leben nur kümmerlich davon fristen konnte. Ich habe schon öfter Gelegenheit genommen zu bemerken, daß die Gehalte in Rußland immer auf ein weites Gewissen der Beamten berechnet sind. Leute welche ein solches Staatsgewissen haben, führen durchgängig ein angenehmes Leben und geben oft mehr für ihre Dienerschaft aus, als das ganze Gehalt beträgt, während Andere, die sich aus Furcht oder Ehrlichkeit nicht in die Verhältnisse zu schicken wissen, nie auf einen grünen Zweig kommen. Zu dieser letzteren Klasse gehörte Abowian. Er war zu ehrlich, um den gewöhnlichen russischen Weg der Bereicherung einzuschlagen, und alle Versuche, seine vielen wissenschaftlichen Arbeiten zu verwerthen, mißglückten So hatte er z. B. mit großem Fleiß und Zeitaufwand eine Grammatik und ein Wörterbuch der neuarmenischen Sprache, wie sie heute im Munde des Volkes lebt, ausgearbeitet und nach Petersburg eingesendet, in der Hoffnung, daß die Akademie der Wissenschaften das Werk auf ihre Kosten zum Druck befördern und ihn durch eine mäßige Unterstützung zu weiteren Arbeiten ermuthigen werde. Seine Erwartung schlug fehl. Die Akademie verwies das Werk an ihr für sachverständig gehaltenes Mitglied Herrn Brosset den Jüngern, und Herr Brosset erklärte in einem langen Gutachten, daß das Werk zwar ein reiches Material enthalte, daß demselben aber alle wissenschaftliche Grundlage und Eintheilung fehle. 165 Wie komisch auch ein solches Urtheil gerade aus dem Munde des Herrn Brosset klingen mag, dessen georgische Grammatik weder ein reiches Material noch eine Spur von wissenschaftlicher Grundlage und Anordnung enthält, so hatte es doch für Abowian die traurigsten Folgen. Alle Hoffnungen welche er an das, unter langjährigen Mühen und Sorgen vollendete Werk geknüpft hatte, waren mit Einem Federzuge vernichtet, und es war ihm zugleich die Möglichkeit genommen, seine übrigen Arbeiten zu vollenden. Spätere einflußreiche Verwendungen von sachverständigen Leuten blieben aus politischen Gründen erfolglos. Es lag nämlich in der Absicht Abowians, und alle seine Arbeiten liefen darauf aus, eine neuarmenische Literatur zu gründen und solchergestalt der Entwickelung seiner Landsleute eine nationale Basis zu geben. Ich habe schon früher bemerkt, daß das Alt-Armenische längst zu einer todten oder Gelehrtensprache geworden, deren reiche literarische Schätze im Lande selbst nur wenigen Auserlesenen zugänglich sind. Das Beste von diesen Schätzen wollte Abowian, mit Beibehaltung der alten Schriftzeichen, in die neu-armenische Sprache übertragen, als sicherstes und bequemstes Mittel, um Bildung unter seinen Landsleuten zu verbreiten und wissenschaftlichen Sinn unter ihnen zu wecken. Waren doch früher selbst die Gebildeteren des Volks genöthigt gewesen, die Bibel in einer türkischen, mit armenischen Buchstaben umkleideten Uebersetzung zu lesen, bis dem Uebel durch Dietrich's Versuch einer neu-armenischen Bibelübersetzung theilweise abgeholfen wurde. Abowian hätte, mit Hülfe seiner tüchtigsten Schüler, durch Uebersetzungen aus dem Alt-Armenischen und aus den europäischen Sprachen, binnen wenigen Jahren eine den augenblicklichen Bedürfnissen des Volks genügende Literatur in's 166 Leben rufen können, wenn seine Pläne nicht von Petersburg aus absichtlich vereitelt wären. Die russische Regierung strebt darnach, in den Ruf einer Beschützerin der Wissenschaften und Künste gebracht zu werden. Sie verschwendet gern die größten Summen an die unbedeutendsten Menschen, wenn diese nur mit guten Empfehlungen versehen sind. Sie sieht es gern und belohnt es mit Rang und Orden, wenn man in Petersburg kalmückische und kirgisische Grammatiken für Franzosen schreibt. Sie hat nichts dagegen, daß man die alten pontischen Königsgräber aufwühlt und die ausgegrabenen Statuen in Museen ausstellt. Sie hat ebenso wenig dagegen einzuwenden, daß ihre Archäologen diesen Statuen Köpfe und Beine abschlagen (wie das wirklich vorgekommen), um sie bequemer in Kisten verpacken zu können, zur Versendung nach Petersburg. Aber jede vom russischen Katechismus abweichende nationale Entwickelung ist ihr ein Dorn im Auge. »Wenn die Armenier sich bilden wollen, so mögen sie russisch lernen, und wenn sie beten wollen, so mögen sie russisch beten,« sagte General S., einer der Mitdirigenten der moskowitischen Volksaufklärung. Man wird es hienach begreiflich finden, daß Abowian, trotz aller Ausdauer und Tüchtigkeit, mit seinen Bestrebungen nicht durchdringen konnte in Rußland. * * * Die wenigen Zeilen, welche ich meinem armenischen Freunde als Nachruf widmen wollte, sind unversehens zu einem ganzen Kapitel angewachsen. Ich fürchte nicht, den Unwillen des deutschen Lesers dadurch erregt zu haben. 167 Abowian, der so viel dazu beigetragen, den deutschen Namen im fernen Orient zu Ehren und Ansehen zu bringen, verdient es, daß sein eigener Name in Deutschland zu Ehren und Ansehn komme. 168   Zehntes Kapitel. Rückkehr in die Schule der Weisheit. Die Lieder des Mirza-Schaffy. Steige Du wieder empor in meiner Erinnerung, Mirza-Schaffy, Weiser von Gjändsha! Deine Worte sind zur Wahrheit geworden, und erfüllt hat sich was Du uns verheißen. Deine Lieder haben eine gute Stätte gefunden in den Herzen unserer Frauen und Jungfrauen, und Dein Name hat einen Klang der Ehre gewonnen im Abendlande. Noch einmal wollen wir niedersitzen und mit Dir trinken und singen, und Deinen Sprüchen lauschen im Divan der Weisheit. Siehe, die Blumen die Du mir geschenkt, hab' ich zu Kränzen gewunden, und die Perlen die Du vor mir ausgestreut, hab' ich auf Schnüre gereihet, Dir zum Ruhme und den Menschen zur Freude. * * * Der aufmerksame Leser des ersten Theils von »Tausend und Ein Tag« wird sich erinnern, daß mir Mirza-Schaffy nach meiner Rückkehr aus Armenien eine Sammlung seiner 169 Lieder schenkte, als Andenken an die bei Gesang und kachetischem Wein in Tiflis verlebten Stunden. Er betitelte diese Lieder: » Das Buch der Weisheit und die Quelle der Erkenntniß ,« und schrieb dazu eine Vorrede, gleichsam um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, daß er seine größtentheils spielend gemachten Verse zu Papier gebracht, denn im Grunde legte er, trotz des überall durchklingenden Selbstlobes, wenig Gewicht darauf. Wenn es je einen Menschen gegeben, der Thaten höher schätzte als Worte, so war es Mirza-Schaffy. Viele der Lieder des Weisen von Gjändsha, welche er auf Sängerfesten oder sonst bei feierlichen Anlässen gesungen, leben im Munde der Georgier und Tataren, ohne daß es ihm selbst jemals eingefallen wäre, sie durch das geschriebene Wort festzuhalten. Man würde häufig gar nicht wissen, daß sie von ihm herrühren, wenn es nicht orientalischer Brauch wäre, den Dichternamen jedem Gasel einzuverleiben. Bekanntlich geschieht dieses meist auf höchst naive Weise, indem der Dichter mit einer Fülle von Selbstlob beginnt oder endet. Wie z. B. bei Hafis: »Wer in Gesang und Melodie Hafisens Kunst erreichen will, Der gleicht der armen Schwalbe, die Dem Adler sich vergleichen will!« Oder bei Mirza-Schaffy: »Mirza-Schaffy! wie lieblich         Ist Deiner Weisheitsprüche Klang! Du machst das Lied zur Rede,         Du machst die Rede zu Gesang!« * * * 170 Diejenigen der Gedichte Mirza-Schaffy's, welche sich übersetzen ließen, ohne Gehalt und Gestalt des Originals wesentlich zu beeinträchtigen, führe ich dem Leser hier in deutschem Gewande vor. Und da die meisten gleichsam unter meinen Augen entstanden und die Geschichte ihres Entstehens zuweilen eben so interessant ist wie die Lieder selbst, so flechte ich von den begleitenden Umständen Alles ein, was mir Interessantes davon im Gedächtniß geblieben. Die Vorrede zum Buche der Weisheit lautet in der Uebersetzung wie folgt: »Im Namen Allah's des Barmherzigen, des Erbarmungsreichen! Nachdem wir dem Schöpfer des Himmels und der Erde Lob und Preis dargebracht, beginnen wir, dieses Buches eigentliche Natur und Beschaffenheit zu offenbaren. Auf wiederholtes Verlangen und Begehren seines Freundes und Jüngers Bunsten-Effendi (möge Gott seine Tage vermehren!) hat Mirza-Schaffy (dessen Zustände Allah verbessern möge!) eine Sammlung seiner Kaßiden, Gasels, Mokataat , Mesnewiat und Rubajat in dieses Buch geschrieben, als eine Quelle der Erkenntniß, daraus die Thoren schöpfen und daran die Weisen sich erquicken mögen. 171 Es sind in dieser Sammlung enthalten Lieder der Freude, der Liebe und des Weines; Lieder des Trostes und der Ermunterung; Lieder zum Preise alles Schönen und Guten, und Lieder zum Tadel und zur Geißel alles Schlechten und Gemeinen; Saatkörner der Weisheit, gemacht um ausgestreut zu werden auf den Acker der Wißbegier und in die Furchen der Empfänglichkeit; Lieder, gemacht zur Richtschnur in Gesang und Wohlredenheit, auf daß Die, welche sich darnach richten, die rechte Mitte halten und das Roß der Rede nicht auf die Bahn der Weitschweifigkeit rennen lassen, wie schon Nechschebi geredet: »Stets, Nechschebi! im Maß der Mitte bleibe, Sag' nicht zu wenig und sag' nicht zu viel – Und was Du schreibst, nach dieser Weisung schreibe, Der Mittelweg führt sicher Dich ans' Ziel! Es sollen diese Lieder ferner eine Richtschnur sein zur Unterscheidung der Werke schlechter Dichter und Heuchler (Schmutz auf ihr Haupt!) von den Werken solcher Dichter, welche aus der eigenen Brust schöpfen und stets die Bahn der Aufrichtigkeit wandeln, wofür es untrügliche Zeichen giebt. Ein schlechter Dichter ist zu vergleichen einem Sumpfe, dem Keiner auf den Grund sehen kann, nicht weil er tief, sondern weil er unklar ist, und daraus Niemand schöpfen kann, um sich zu laben, noch um sich rein zu waschen von seiner Thorheit. Von dem guten Dichter aber gilt wie geschrieben steht: »Er rühmt sich hohen Besitzes, Und läßt seine Stimme ertönen Als Fürst auf dem Throne des Witzes Und Herrscher im Reiche des Schönen.« 172         Wodurch ist Schiras wohl, die Stadt     Berühmt mit Ros' und Wein geworden? Wodurch berühmt der Rocknabad,     Berühmt Mosella's Hain geworden? Nicht ihre Schönheit war der Grund,     Viel Schöneres auf Erden giebt es – Sie sind berühmt durch Dein Gedicht,     Durch Dich, Hafis! allein geworden! Das Bonzenthum hast Du gestürzt,     Und Schiras' Ruhm hast Du gegründet – Es ist durch Dich das Kleine groß,     Durch Dich das Große klein geworden! Verherrlicht hast Du Stadt und Hain,     Verschönt den Strom und seine Ufer – Durch Dich ist jeder Stein der Stadt     Zu einem Edelstein geworden! Auch Tiflis ist an Schönheit reich,     Hat Rosen, Wein und schmucke Mädchen – Und durch Dich selbst, Mirza-Schaffy,     Ist auch ein Sänger sein geworden! Drum soll, was Schiras durch Hafis,     Tiflis durch Deine Lieder werden – Denn aller Zubehör ist Dir     Im herrlichsten Verein geworden. 173 Die stromdurchrauschte Gartenstadt,     Umragt von himmelhohen Bergen, Und was darinnen blüht und lebt,     Mirza-Schaffy! ist Dein geworden! Ihr schönen Mädchen (merkt Euch das!)     Gehört jetzt mir und meinem Liede! Mein sind nun Augen, Wang' und Mund,     Sammt ihrem Glanz und Schein geworden! Zum Paradiese wird mein Lied     Für Schönheit, Blumen, Wein und Liebe – Was eingeht in dies Paradies,     Ist aller Sünden rein geworden! Doch eine Hölle wird es sein     Für Bonzen, Kuß- und Weinverächter – Für dies Geschlecht ist jeder Vers     Zur Stätte ew'ger Pein geworden! So soll durch alle Lande nun     Mirza-Schaffy! Dein Lied ertönen – Für alles schöne Sein und Thun     Ist es ein Wiederschein geworden! *   *   * Du sandtest Deine Jünger aus,     Und es geschah, wie Du verheißen: Berühmt ist Tiflis durch Dein Lied     Vom Kyros bis zum Rhein geworden! 174         Komm, Jünger, her! ich will Dich Weisheit lehren,     Du sollst des Daseins Werth erkennen lernen – Du sollst zum ächten Glauben Dich bekehren,     Das Wahre von dem Falschen trennen lernen: Die Lehre, wie des Wahns, der Thorheit Klippen     Klug zu umgeh'n, soll Dir im Liede werden – Wohlredenheit und Anmuth Deinen Lippen     Und Deinem Herzen Glück und Friede werden! Fort aus der alten Satzung dumpfen Räumen     Will ich den Fuß zu besserm Streben führen – Bei Wein und Liebe, unter Rosenbäumen     Sollst Du ein neues schön'res Leben führen! Und wenn Du übst was meine Lieder pred'gen,     So sollst Du's offen, frohen Muthes üben, Der Heuchelei, des Truges Dich entled'gen,     Und im Geheimen nichts als Gutes üben! Kein Schwert hab' ich, die Thoren zu bekehren,     Wer Weisheit übt, legt Andern keinen Zwang auf; Mein Joch ist leicht – der Kern von meinen Lehren     Löst sich in Wein, in Liebe und Gesang auf. 175 Unendlich ist der Schönheit Zauberkreis,     Unendlich sehnsuchtsvollen Dranges bleiben Die Menschenherzen – doch wird stets der Preis     Den Zaubertönen des Gesanges bleiben!             Höre was der Volksmund spricht: Wer die Wahrheit liebt, der muß     Schon sein Pferd am Zügel haben – Wer die Wahrheit denkt, der muß     Schon den Fuß im Bügel haben. Wer die Wahrheit spricht, der muß     Statt der Arme Flügel haben! Und doch singt Mirza-Schaffy :     Wer da lügt, muß Prügel haben!             Mag bei dem Reden der Wahrheit auch große Gefahr sein, Immer doch, Mirza-Schaffy, mußt Du ehrlich und wahr sein – Darfst nicht zum Irrlichte werden im Sumpfe der Lüge, Denn alles Schöne ist wahr, und des Schönen kannst Du nie baar sein!     Doch zu jeglicher Strafe und Unbill kluger Vermeidung Hüll' Deine Weisheit in blumiger Worte Verkleidung, Gleichwie die Traube mit köstlichem Tranke erfüllt ist, Und doch von Laube und grünem Geranke umhüllt ist. 176               Wo man fröhlich versammelt in traulicher Runde ist, Ohne zu achten, ob's früh oder spät an der Stunde ist –       Wo der Becher von Wein überfließt, und die Lippe von Witz, Und ein rosiges Kind mit den Zechern im Bunde ist:       Gerne dort weilst Du, o Mirza-Schaffy! wo die Weisheit Hinter den Ohren nicht feucht, und nicht trocken im Munde ist.             Es sucht der ächte Weise Daß er das Rechte finde: Jung wird er nicht zum Greise, Alt wird er nicht zum Kinde!     Der Winter treibt keine Blüthe, Der Sommer treibt kein Eis – Was früh Dein Herz durchglühte, Das ziemt Dir nicht als Greis!     Jung sich enthaltsam preisen, Alt toll von Sinnen sein, Wird nie des wahren Weisen Rath und Beginnen sein! 177         O selig, wem von Urbeginn     Im Schicksalsbuch geschrieben ist, Daß er bestimmt zu leichtem Sinn,     Zum Trinken und zum Lieben ist! Der Zorn des Bonzen stört ihn nicht,     Moscheenduft bethört ihn nicht – Ob er allein – beim Becher Wein,     Ob er beim Lieb geblieben ist! Solch Loos ist Dein, Mirza-Schaffy!     Genieß es ganz und klage nie! Denk beim Pokal – daß stets die Zahl     Der Wochentage sieben ist! Am ersten Tag beginnt der Lauf,     Und erst am letzten hört er auf – Wie's kommt, so geht's – bedenke stets     Daß Glück nicht aufzuschieben ist! Ein leichter Sinn, ein frohes Lied     Ist Alles was Dir Gott beschied; Drum laß den Wahn – verfolg die Bahn,     Auf die Dein Fuß getrieben ist! 178             Es hat die Rose sich beklagt, Daß gar zu schnell der Duft vergehe, Den ihr der Lenz gegeben habe –     Da hab' ich ihr zum Trost gesagt, Daß er durch meine Lieder wehe, Und dort ein ew'ges Leben habe.         Woran erkennest Du die schönsten Blumen?             An ihrer Blüthe! Woran erkennest Du die besten Weine?             An ihrer Güte! Woran erkennest Du die besten Menschen?             An dem Gemüthe! Woran erkennest Du den Scheich und Mufti?             An der Kaputze! Die Antwort, Freund, ist richtig – geh' und mache             Sie Dir zu Nutze!             Verbittre Dir das junge Leben nicht, Verschmähe was Dir Gott gegeben nicht! Verschließ Dein Herz der Liebe Offenbarung Und Deinen Mund dem Trank der Reben nicht! 179 Sieh, schönern Doppellohn als Wein und Liebe, Beut Dir die Erde für Dein Streben nicht! Drum ehre sie als Deine Erdengötter, Und andern huldige daneben nicht! Die Thoren die bis zu dem Jenseits schmachten, Die lassen leben, doch sie leben nicht. Der Mufti mag mit Höll und Teufel drohen, Die Weisen hören das und beben nicht. Der Mufti glaubt, er wisse Alles besser, Mirza-Schaffy glaubt das nun eben nicht!         Ich liebe die mich lieben, Und hasse die mich hassen – So hab' ich's stets getrieben Und will davon nicht lassen. Dem Mann von Kraft und Muthe Gilt dieses als das Rechte: Das Gute für das Gute, Das Schlechte für das Schlechte! 180 Man liebt was gut und wacker, Man kost der Schönheit Wange, Man pflegt die Saat im Acker – Doch man zertritt die Schlange. Unbill an Ehr' und Leibe Verzeihet nur der Schwache – Die Milde ziemt dem Weibe, Dem Manne ziemt die Rache!             Im Garten klagt die Nachtigall, Und hängt das feine Köpfchen nieder: Was hilft's, daß ich so schöne Lieder,     Und wundersüße Töne habe – So lange ich dies grau Gefieder,     Und nicht der Rose Schöne habe!     Im Blumenbeet die Rose klagt: Wie soll das Leben mir gefallen? Was hilft's daß vor den Blumen allen     Ich Anmuth, Duft und Schöne habe So lang ich nicht der Nachtigallen     Gesang und süße Töue habe! 181     Mirza-Schaffy entschied den Streit. Er sprach: laßt Euer Klagen beide, Du Rose mit dem duft'gen Kleide,     Du Nachtigall mit Deinen Liedern: Vereint, zur Lust und Ohrenweide     Der Menschen Euch in meinen Liedern!         Im Winter trink' ich und singe Lieder     Aus Freude, daß der Frühling nah ist – Und kommt der Frühling, trink ich wieder     Aus Freude, daß er endlich da ist.         Hochauf fliegt mein Herz, seit es sein Glück aus Deines           Glücks Offenbarung zieht – Und immer kehrt's wieder, wohin es der Liebe           Süße Erfahrung zieht – Dem Springquell ähnlich, der himmelauf in           Toller Gebahrung zieht, Und doch immer zurückkehrt von wo er gekommen ist           Und seine Nahrung zieht. 182         Sie hielt mich auf der Straße an Und fragte: »kannst Du schreiben?« – »Ja! – »So schreib mir einen Talisman!« – Wird der Dein Weh vertreiben? – »Ja!« Ich griff sofort zum Kalemdan. »Komm – sprach sie – treten wir in's Haus, Dort schreibst Du mir den Talisman,« – Und darf dann bei Dir bleiben? – »Ja!« Mit ihr in's Haus trat ich alsdann . . . . Mirza-Schaffy, es währte lang! Doch: schriebst Du ihr den Talisman? Und half Dein langes Bleiben? – Ja! –   Sprüche der Weisheit. Des Zornes Ende ist der Reue Anfang. Wer Alles auf's Spiel gesetzt, Hat sicher zu viel gesetzt. 183         Ein graues Auge Ein schlaues Auge; Auf schelmische Launen Deuten die braunen; Des Auges Bläue Bedeutet Treue; Doch eines schwarzen Augs Gefunkel Ist stets, wie Gottes Wege, dunkel!         Ein Jegliches hat seine Zeit, Ein Jegliches sein Ziel – Wer sich der Liebe ernst geweiht, Der treibt sie nicht als Spiel. Wer immer singt und immer flennt Von Liebesglück und Schmerz, Dem fehlt was er am meisten nennt, Dem fehlt Gefühl und Herz!         Sänger giebt es, die ewig flennen, In erkünsteltem Gram sich strecken,     Wimmern als ob sie stürben vor Schmerzen, Ewig in falschen Gefühlen entbrennen, Weil sie das rechte Gefühl nicht kennen,     Und darum auch in Andrer Herzen Keine rechten Gefühle wecken. 184 Hüt' Dich vor solcher schwindelnden Richtung, Vor des Geschmacks und Verstandes Vernichtung.     Frisch und ureigen     Mußt Du Dich zeigen, Wie im Gefühle, so in der Dichtung.         Ich hasse das süßliche Reimgebimmel Das ewige Flennen von Hölle und Himmel,         Von Herzen und Schmerzen,         Von Liebe und Triebe,         Von Sonne und Wonne,         Von Lust und Brust,         Und von alledem Was allzu verbraucht und gemein ist,         Und weil es bequem,         Allen Thoren genehm, Doch vernünftigen Menschen zur Pein ist.         Willst Du den Geist im Gesang erspüren     Und Dich erfreuen an seinem Duft: Laß Dich nicht von eitlem Klang verführen,     Suche der Erde Gold nicht in der Luft. 185         Meide das süßliche Reimgeklingel,     Wenn Dir der Sinn nicht zum Herzen dringt – Merke Dir, daß oft der gröbeste Schlingel     Die allerzärtlichsten Verse singt.         Wo sich der Dichter versteigt in's Unendliche,     Lege sein Liederbuch schnell aus der Hand – Alles gemeinem Verstand Unverständliche     Hat seinen Urquell im Unverstand.         Wenn die Lieder gar zu moscheenduftig         Und schaurig wehn – Muß es im Kopfe des Dichters sehr ideenluftig         Und traurig stehn.         Wer nicht vermag seine Lieder zu schöpfen     Aus der eigenen Brust und der wirklichen Welt, Der gehört selbst zu den hirnlosen Köpfen     Denen sein hirnloses Lied gefällt. 186         Wer in Bildern und Worten in Liebestönen         Zu überschwenglich ist, Zeigt, daß er dem Geiste des wahrhaft Schönen         Selbst unzugänglich ist.         Der kluge Mann schweift nicht nach dem Fernen       Um Nahes zu finden, Und seine Hand greift nicht nach den Sternen       Um Licht anzuzünden.         Es ist leicht, eine kluge Grimasse zu schneiden         Und ein kluges Gesicht, Und gewichtig zu sagen: dies mag ich leiden         Und jenes nicht! Und weil ich dies leiden mag, so muß es gut sein,         Und jenes nicht – Vor solchen Leuten mußt Du auf der Huth sein         Mit Deinem Gedicht! 187         Zu des Verstandes und Witzes Umgehung Ist nichts geschickter als Augenverdrehung.         Es ist ein Wahn zu glauben, daß     Unglück den Menschen besser macht. Es hat dies ganz den Sinn, als ob     Der Rost ein scharfes Messer macht, Der Schmutz die Reinlichkeit befördert,     Der Schlamm ein klares Gewässer macht!         Wie auf dem Feld nur die Frucht gedeiht,     Wenn sie Sonne und Regen hat, Also die Thaten des Menschen nur,     Wenn er Glück und Segen hat!         Wohl mag es im Leben Der Fälle geben, Daß Unglück die Seele läutert, Wie Erfahrung den Blick erweitert. 188     Es giebt auch Fälle, wo der Arzt Zur Heilung Gift verschrieben hat, Und Gift das Uebel vertrieben hat –     Doch wär' es nicht Uebereilung, Aus solchem Fall die Erfahrung zu nehmen,     Zu jeglichen Uebels Heilung Sei es nöthig Gift zur Nahrung zu nehmen?         Nicht immer am besten erfahren ist, Wer am ältesten von Jahren ist – Und wer am meisten gelitten hat Nicht immer die besten Sitten hat!             Mirza-Schaffy! Du müßtest blind sein, Von Herzen ein Greis, von Glauben ein Kind sein, Wolltest Du Dich in Deinem Thun und Dichten Nach Glauben und Satzung der Thoren richten! 189             Es hat einmal ein Thor gesagt, Daß der Mensch zum Leiden geboren worden;     Seitdem ist dies, – Gott sei's geklagt! – Der Spruch aller gläubigen Thoren worden.     Und weil die Menge aus Thoren besteht, Ist die Lust im Lande verschworen worden,     Es ist der Blick des Volkes kurz, Und lang sind seine Ohren worden. 190   Eilftes Kapitel. Eine neue Seite der Weisheit des Mirza-Jussuf, und seine Polemik mit Mirza-Schaffy. Der aufmerksame Leser des ersten Theils von Tausend und Ein Tag wird sich gewiß noch Mirza-Jussuf's erinnern, des Weisen von Bagdad, dem Mirza-Schaffy auf so schlagende Weise eine Probe seiner hohen Ueberlegenheit gab. Mirza-Jussuf hatte, trotz seiner Niederlage im Kampfe der Weisheit, die Hoffnung nicht aufgegeben, mich zum Schüler zu gewinnen. Er wagte freilich nicht, mich wieder zu besuchen, aus Furcht von dem Weisen von Gjändsha abermals überrascht zu werden, aber er wußte andere Mittel und Wege ausfindig zu machen, mich von seinen Bestrebungen in Kenntniß zu setzen. Ein Bekannter von mir hatte schon seit längerer Zeit mit ihm Persisch getrieben und wirklich bedeutende Fortschritte in dieser Sprache gemacht, da es der Weise von Bagdad im Persischen und Arabischen sicher mit jedem Schriftgelehrten des Landes aufnehmen konnte. Ueberhaupt fehlte es ihm weder an Gelehrsamkeit noch an Verstand; es fehlte ihm nur an Charakter und Zuverlässigkeit; er war, 191 wie man sich in der Redeweise des Abendlandes ausdrücken würde, ein gelehrter Lump, einer von den Menschen die durch die Hinterthür wieder hereinkommen, wenn man sie zur Vorderthür hinausgeworfen. Es verging fast keine Woche, ohne daß er mir durch seinen Schüler Beweise seiner Zudringlichkeit gab. Bald ließ er irgend eine schmeichelhafte Bestellung an mich ausrichten, bald schickte er mir ein Gedicht, worin ich als ein wahrer Ausbund von Weisheit gepriesen wurde, bald ein Bild, worauf ich als Rustam auf einem Elephanten reitend dargestellt wurde. Auf diese Bilder, welche er selbst anfertigte und zwar ohne alle Beihülfe von Farben, Pinsel oder Stift, indem er blos vermittelst seiner Nägel die Gestalten auf das Papier warf, oder richtiger gesagt, in das Papier kniff, und solchergestalt auf sehr künstliche Weise eine Art Relief erzeugte, – legte Mirza-Jussuf ganz besonders Gewicht und in der That war seine Fingerfertigkeit in dieser Beziehung allen Preises werth. Ich äußerte mich deshalb auch sehr lobspendend über die mir geschickten Bilder, wovon ich einige noch ziemlich unversehrt aufbewahrt habe, – und sandte ihm als handgreiflichen Ausdruck meines Dankes einen buntverzierten persischen Spiegel, das angenehmste Geschenk das ich dem eitlen Manne machen konnte. Nun aber war auch dem Uebermuthe Mirza-Jussuf keine Grenze mehr zu setzen; er zweifelte nicht länger daran, den Weisen von Gjändsha vollständig bei mir ausgestochen zu haben, und während er einerseits mich mit überschwenglichen Phrasen und Versen überschüttete, ging er anderseits so weit, Mirza-Schaffy in Knüppelversen zu verhöhnen. Zu gleicher Zeit ließ er mir durch seinen Jünger eröffnen, daß er die 192 schönen Bilder immer während des Unterrichts zu machen pflege und daß es ihm gar nicht darauf ankomme, in einem Abend drei Bilder zu kneifen und daneben drei Gasels zu singen, ohne für seinen Unterricht einen Denar mehr zu verlangen als Mirza-Schaffy. Dem Weisen von Gjändsha war es aufgefallen, daß Mirza-Jussuf seit einiger Zeit den Kopf wieder gewaltig hoch trug und auf dem Bazar und in den Straßen so verächtlichen Blickes an ihm vorüberging ging, als ob er die Pantoffelscene vollständig vergessen hätte. Noch mehr nahm es ihn Wunder, von seinem Rival in Knüppelversen verhöhnt zu werden. Doch Mirza-Schaffy war kein Mann der sich um Kleinigkeiten erzürnte; er ertrug alle Ausbrüche des Jussuf'schen Uebermuths mit jener Ruhe der Ueberlegenheit, die dem Weisen von Gjändsha so wohl stand. Er begnügte sich damit, seinen Nebenbuhler hin und wieder durch ein paar Verse zurechtzuweisen, welche gewöhnlich mehr Spuren von Laune als von Gereiztheit trugen, wie z. B.         Laß, Mirza-Jussuf, dein Schmollen jetzt! Ich bin zu munter, um Dir zu grollen jetzt – Statt Haß auszusäen wie Du es thust, Schlürf ich ein meinen Becher, den vollen, jetzt! Schon genug bist Du bestraft in der Welt hier, Daß nichts Dir behagt, nichts gefällt hier – Und ist doch für Jeden der zu genießen weiß, Alles so herrlich gemacht und bestellt hier! oder: 193         Seht Mirza-Jussuf an, wie er gespreizt einhergeht! So faltet er die Stirn, wenn er gedankenschwer geht. Er findet Alles schlecht, sich selbst nur gut und löblich, Und schimpft auf alle Welt, weil sie nicht geht wie er geht! Es ist die Art des Ochsen, daß er einen schweren Gang hat, Und daß sein Brüllen stets unangenehmen Klang hat – Doch: giebt ihm das ein Recht, die Nachtigall zu schmähen, Weil sie so leicht Gefieder und wundersüßen Sang hat? Es entspann sich solchergestalt zwischen den beiden Weisen, was man bei uns eine Polemik nennen würde, wobei jedoch Mirza-Jussuf regelmäßig den Kürzeren zog, da er immer durch Bitterkeit ersetzen mußte, was ihm an Witz abging. Seine Bitterkeit verwandelte sich in förmliche Wuth, als ihm Mirza-Schaffy eines Tages folgendes Gedicht in's Haus geschickt hatte:         Was Mirza-Jussuf doch Ein kritischer Gesell ist! Der Tag gefällt ihm nicht, Weil ihm der Tag zu hell ist. Er liebt die Rose nicht, Weil Stachel sie und Dorn hat, Und liebt den Menschen nicht, Weil er die Nase vorn hat! Er tadelt Alles rings, Was nicht nach seinem Kopf ist – Merkt Alles in der Welt, Nur nicht, daß er ein Tropf ist! 194 So liegt er immer mit Natur und Kunst im Kampf, So treibt es Tag und Nacht ihn Durch blauen Dunst und Dampf! Mirza-Schaffy belacht ihn Mit schelmischem Gesicht, Und macht aus seiner Bitterkeit Das süßeste Gedicht! Mein weiser Lehrer sang mir in der Unterrichtsstunde diese Verse vor, ließ sich eine frische Pfeife bringen, schlürfte ein Glas Wein herunter und theilte mir dann seine Absicht mit, Mirza-Jussuf bei der ersten besten Gelegenheit eine neue, handgreifliche Zurechtweisung zu geben, da der Weise von Bagdad in der Wuth seiner Ohnmacht allerlei Unwahrheiten über uns verbreitet habe, so z. B. daß ich mir alle mögliche Mühe gebe, ihn zum Lehrer zu gewinnen, weil mit Mirza-Schaffy durchaus nichts anzufangen wäre, und besonders weil ich eine große Liebhaberei für das Bilderkneifen hätte, eine dem Weisen von Gjändsha vollständig unbekannte Kunst. Ich hätte deshalb schon verschiedene Lockmittel angewendet, um den Weisen von Bagdad zu bewegen wieder zu mir zu kommen; unter anderem hätte ich ihm einen prächtigen Spiegel geschenkt, und ihm noch viele andere prächtige Dinge versprochen.. »Das einzig Wahre an der Geschichte ist – entgegnete ich Mirza-Schaffy – daß ich dem Weisen von Bagdad allerdings einen Spiegel geschenkt habe, einen kleinen, bunt verzierten persischen Taschenspiegel. Dieses Geschenk war aber keinesweges berechnet ein Lockmittel zu sein, deren es, wie Du selbst weißt, weder für den Weisen von Bagdad noch für irgend einen anderen Schriftgelehrten des Landes bedarf. Ich wollte 195 Mirza-Jussuf nur ein kleines Gegengeschenk machen für die vielen Gedichte und Bilder, welche er nicht müde wird mir in's Haus zu schicken, und worunter sich einige recht hübsche befinden.« – »Dann sind sie nicht von ihm selbst!« – fiel Mirza-Schaffy ein. »Wie kannst Du das mit solcher Bestimmtheit behaupten? Bist Du nicht etwas ungerecht und parteiisch in Deinem Urtheil über Mirza-Jussuf? Wie kannst Du wissen, daß seine Lieder schlecht sind, ohne sie gelesen zu haben?« – »Was für Fragen Du thust! Wie kann ich ungerecht sein im Urtheil, wenn ich behaupte, daß auf Disteln keine Rosen wachsen, daß aus Morästen kein Wein fließt und auf dem Wasser kein Gold schwimmt! Wenn Mirza-Jussuf Dir ein schönes Lied giebt, so ist es sicher nicht von ihm selbst, oder er hat nichts dazu hergegeben als die Worte; die Bilder und Gedanken sind immer gestohlen. Seine Weisheit ist nicht wie ein Kern oder ein Saatkorn, gepflanzt um aufzublühen und Früchte zu tragen; er hat viel gelesen und viel gelernt, aber ohne weiser zu werden dadurch. Seine Sprüche der Weisheit sitzen nicht tiefer, als Inschriften eingekerbt in die Rinde eines Baumes. Zeige mir was er Dir geschrieben hat; ich werde Dir immer die Quelle sagen aus der es geflossen.« – Ich hatte in der That eine bessere Meinung von der Begabung Mirza-Jussufs und benutzte die Unterrichtsstunde, um meinen Lehrer mit den Gedichten welche sein Nebenbuhler mir geschickt hatte, bekannt zu machen. Zuerst kamen einige fromme, rein auf das Gefühl berechnete Gedichte, welche mit ihren weithergeholten Bildern und ihrer überschwenglichen Ausdrucksweise um so weniger Eindruck auf mich machten, als ich wußte, daß ihr Inhalt durchaus im Widerspruch mit Mirza-Jussuf's Charakter stand. 196 Der Weise von Gjändsha hielt es gar nicht der Mühe werth, diese Lieder einer ausführlichen Prüfung zu unterwerfen. Er nahm jedoch als gewissenhafter Lehrer dabei Anlaß, mir einige »Sprüche der Weisheit« einzuflößen, um – wie er bemerkte – mein Urtheil zu bilden und mich das Falsche vom Aechten unterscheiden zu lehren. Ich hatte mich schon hinlänglich an seine Eigenthümlichkeiten gewöhnt, um genau zu wissen, wann ich seine Worte niederzuschreiben hatte, ohne daß es seinerseits eines Fingerzeigs dazu bedurfte. Wenn immer er im Begriff war mir etwas in die Feder zu diktiren, so schlürfte er erst ein Glas Kachetiner herunter, that ein paar tüchtige Züge aus seinem mit duftigem Tabak gefüllten Tschibuq und ließ das rechte Bein nachlässig vom Divan herunterhängen. Das Zurückziehen des Beines galt mir immer als ein sicheres Zeichen, daß die Quelle seiner Weisheit für den Augenblick versiegt war. Mirza-Schaffy war kein Mann von vielen Worten. Was er zu sagen hatte, gab er stets kurz und ausdrucksscharf von sich. Sein ganzes Urtheil über die frommen Ergüsse des Weisen von Bagdad beschränkte sich auf die Verse:         Wenn die Lieder gar zu moscheenduftig         Und schaurig weh'n, Muß es im Kopfe des Dichters sehr ideenluftig         Und traurig steh'n. Wir blätterten weiter, und das Nächste was unsere Aufmerksamkeit fesselte, war ein Liebeslied etwa folgender Fassung:         Du weißt, daß Deine Blicke tödten, Weil jeder scharf ist wie ein Pfeil – Und meine machen Dich erröthen: Wie finden wir nun Beide Heil? 197 O, magst Du immerhin mich tödten, Ich duld es gern, mein süßes Leben! Und magst, so viel Du willst, erröthen: Nur lass' mich Deinen Schleier heben! »Nun wie gefällt Dir dieses?« fragte ich meinen streng urtheilenden Lehrer. – »Nicht übel – erwiederte er, – aber was Gutes daran ist, gehört Hafis an und nimmt sich sicherlich noch hübscher in seiner ursprünglichen Fassung aus.« – Er ließ wieder das Bein herunterhängen und sang:         »O Hafis! ein wundersam Vermächtniß Liegt im Klang und Zauber Deiner Lieder – Wer sie hört, behält sie im Gedächtniß, Und vergessen kann sie Keiner wieder!« Nachdem wir hierauf einige auf mich gemünzte Loblieder durchgenommen hatten, deren stofflichen Inhalt Mirza-Schaffy dem Dichter Dshamy zuschrieb, kamen wir wieder zu einem Liebesliede, welches mir von besonderer Schönheit der Sprache zu sein schien:         Auf ihrer seidnen Ottomane, Umwogt von weichen Polstern liegt sie, Das Rohr vom perlenden Kalljane An ihre Rosenlippen schmiegt sie. Und durch des Dampfes blauen Schleier Hervor wie eine Sonne bricht, Durchstrahlt von wunderbarem Feuer, Ihr majestätisch Angesicht. 198 Mein ganzes Sein vergeht vor Wonne, Es treibt den Fuß, hinanzutreten – Ich kniee hin vor dieser Sonne Und beuge mich sie anzubeten! »Alles zusammengestohlen! – sprach lächelnd Mirza-Schaffy – bald klingt Saadi durch und bald Chakany, bald Dshamy und bald Hafis!« – Der Weise von Gjändsha wurde nachdenkend. Er rückte an seiner Thurmmütze, blies den Dampf seines Tschibuq's in langen Zügen von sich und das vom Divan heruntergleitende Bein ließ mich bald wieder zum Kalemdan greifen. Er sang und ich schrieb:         Was ist doch Mirza-Jussuf ein vielbeles'ner Mann! Bald liest er den Hafis und bald den Alkoran, Bald Dshamy und Chakany, und bald den Gjülistan. Hier stiehlt er sich ein Bild, und eine Blume dort, Hier einen schönen Gedanken, und dort ein schönes Wort. Was schon geschaffen ist, das schafft er wiederum, Die ganze Welt setzt er in seine Lieder um, Und hängt zu eig'nem Schmuck fremdes Gefieder um, Damit macht er sich breit und nennt das Poesie. Wie anders dichtet doch und lebt Mirza-Schaffy! Ein Leuchtstern ist sein Herz, ein Garten seine Brust, Wo Alles glüht und duftet von frischer Blütenlust. Und bei des eig'nen Schaffens urwüchsiger Gewöhnung Vergißt er auch den Klang, die Formvollendung nicht; Doch übersieht er ob der Reime süßer Tönung, Des Dichters eigentliche, erhab'ne Sendung nicht. 199 Der Mangel an Gehalt ersetzt ihm die Verschönung Des Lieds durch Blumenschmuck und feine Wendung nicht. Für Schlechtes und Gemeines bekehrt ihn zur Versöhnung Des Wortes Flitterstaat, die Form und Endung nicht! Er hielt einen Augenblick ein, netzte sich noch einmal die Lippen und fuhr dann fort: Lieber Sterne ohne Strahlen, Als Strahlen ohne Sterne – Lieber Kerne ohne Schalen Als Schalen ohne Kerne – Geld lieber ohne Taschen, Als Taschen ohne Geld – Wein lieber ohne Flaschen, Als umgekehrt bestellt! 200   Zwölftes Kapitel. Hafis. Die folgende Sitzung im Divan der Weisheit wurde damit ausgefüllt, daß Mirza-Schaffy mir ein paar der lieblichsten Gasels Hafisens erklärte, welche als echte Diamanten aus der Krone des persischen Dichterkönigs, hier ihren Platz finden mögen. Die Uebersetzung ist möglichst wortgetreu. Kenner der persischen Sprache mögen beurtheilen, ob es mir gelungen ist, auch den Duft und die Frische des Originals wiederzugeben.   1.             Wenn, schöne Maid von Schiras, Du     Wollt'st mein mit Herz und Hand sein: Dein Grübchen sollte mir lieber als     Bochara und Samarkand sein! Trinkt Wein und freut Euch dieser Welt! Denn wie Mosella wird kein Hain, Es wird kein Strom wie Roknabad     So schön in Eden's Land sein! 201 Wie der Tatar auf seinen Raub, So stürmt auf mich die Schönheit ein, Raubt Herz und Ruhe mir, und bald     Wird hin auch mein Verstand sein! Wie wahre Schönheit Nichts gewinnt Durch Schminke, Putz und Flitterstaat: So Ihr durch uns Nichts – unser Herz     Kann Euch nur Spiel und Tand sein! Sprecht mir von Wein und von Gesang, Und grübelt ob dem Jenseits nicht – Denn keinem Weisen war es je,     Und wird es je bekannt sein! Wohl fass' ich's, wie Zuléikha kühn Der Keuschheit Schleier abgestreift, Weil sie, gerührt von Jussuf's Reiz     In Liebe wollt' erkannt sein! Bleib', Mädchen, frei von Zwang und Furcht, (Der Jugend ziemt des Alters Rath), Wenn Dich ein Band umschlingen soll:     Lass' es ein Rosenband sein! Du schmollst mir, Kind? Ich zürne nicht, Doch: ziemt das Bittre Deinem Mund? Ein Quell von Süße sollte der     Rubinenlippen Rand sein! 202 Als sollten Deine Worte all Wie Perlen auf der Schnur sich reih'n, Als sollte der Plejaden Glanz     Ihr leuchtendes Gewand sein: So schön, Hafis! gelang Dein Lied! Doch noch unendlich schöner ist Sie, der es gilt, und der es soll     Geweiht von Deiner Hand sein!   2.         Der Rose Duft will mir nicht süß     Ohn' meines Mädchens Wangen sein, Und ohne Wein der Frühling nicht     Voll Lust und Blüthenprangen sein! Ob Du im schatt'gen Lorbeerhain, Ob Du in blum'gen Lauben weilst: Schlägt nicht die Nachtigall darin,     Wird bald die Lust vergangen sein! Ob die Cypresse mich umschwankt, Ob mich ein Blumenmeer umwogt: Stets wird nach einem schönen Kind     Mein Sehnen und Verlangen sein! Doch selbst der Schönsten Gegenwart, Der süße Mund, das Wangenroth, Kann mir nur wahrhaft angenehm     Bei liebendem Umfangen sein! 203 Schön ist die Rose, süß der Wein, Doch nur mit Selma – wo sie fehlt, Wird jeder Schritt zu Glück und Lust     Ein eitel Unterfangen sein! Was auch die Hand der Kunst erzeugt: Das schönste Kunstgebild kann nur Voll Leben durch den Wiederschein     Von meiner Selma Wangen sein! Dein eig'nes Leben, o Hafis! Ist ein zu werthlos Stückchen Geld, Als könnte es von Selma's Hand     Für ihre Gunst empfangen sein!   3.         Willst Du stets im Leben frei von     Kummer und Beschwerden sein, Lasse diese gold'nen Worte     Deinen Spruch auf Erden sein: Schmähe nicht den Feind im Unglück – Traue nicht im Glück dem Freund, Läßt das Glück ihn hochmuthsvoll in     Thaten und Geberden sein. 204   4.         So geht es mit dem Glücke, Daß seine schönsten Gaben, Wie seine schlimmste Tücke, Nie lange Dauer haben. Ein ewig Geh'n und Kommen, Ein ewig Zieh'n und Wandern – Was eine Hand genommen, Das giebt es mit der andern. Es wandelt Lust in Wehmuth, Zieht Niedriges nach oben, Bekehrt den Stolz zur Demuth Und stürzt wen es erhoben. Niemand bei dem es bliebe, Und Keiner der es fasse – Leicht ist's in seiner Liebe, Doch schwer in seinem Hasse. 205   Dreizehntes Kapitel. Mirza-Schaffy als Kritiker. Theils zu eigener Uebung, theils um dem Weisen von Gjändsha mehr Respekt einzuflößen vor den Sängern des Abendlandes, machte ich wiederholt Versuche, Lieder aus dem Deutschen und Englischen in das Tatarische zu übersetzen. Diese Versuche waren für mich in mehr als einer Beziehung von Wichtigkeit. Ich sehe hier ab von den sprachlichen Vortheilen welche mir daraus erwuchsen, und hebe blos die ästhetische Seite hervor. Wir haben schon früher gesehen, daß Mirza-Schaffy auf eine schöne Diktion, auf Wohlklang und Formvollendung nur dann ein besonderes Gewicht legte, wenn sich ein wirklicher Gehalt damit vereinte. Er ließ es daher auch niemals als genügende Entschuldigung gelten, wenn ich bei Gedichten, deren Inhalt ihm nicht sonderlich gefiel, oder bei solchen, welche (wie das sehr häufig vorkam) gar keinen Inhalt hatten, die Schönheit der Sprache des Originals rühmend hervorhob. Hingegen gaben seine Bemerkungen über Bild und Gedanken in den von mir übersetzten Gedichten mir nicht allein immer 206 Stoff zum Nachdenken, sondern ließen mich auch oft tiefe Blicke in die Anschauungsweise und Gefühlswelt der Orientalen thun. Jene überschwengliche Sentimentalität, die in der deutschen Lyrik eine so große Rolle spielt und nicht wenig zu unserer Entartung und Entnervung beigetragen hat, ist den morgenländischen Dichtern ebenso unbekannt wie unverständlich. Diese streben immer einem realen, greifbaren Ziele zu. Aber um dieses Ziel zu erreichen, setzen sie Himmel und Erde in Bewegung. Kein Bild liegt dem Dichter zu weit und kein Gedanke zu hoch. Der Halbmond ist ihm ein goldnes Hufeisen, womit er das Roß seines Lieblingshelden beschlägt. Die Sterne sind ihm goldene Nägel, womit der Herr den Himmel befestigt, damit er nicht herabstürzt aus Verlangen nach Selma. Die Cypressen und Cedern werden nur in den Hain gepflanzt zur Erinnerung an den Wuchs schlanker Mädchen. Die Trauerweide läßt klagend ihr grünes Haar herabhängen in's Wasser, weil sie nicht schlank ist wie Selma. Die Augen der Geliebten sind Sonnen, welche alle Gläubigen zu Feueranbetern machen. Die Sonne selbst ist nur eine leuchtende Lyra und ihre Strahlen sind goldene Saiten, aus denen der Ost die lieblichsten Akkorde lockt zum Preise der Erdenschöne und Liebesmacht . . . Nehmen wir jetzt eines meiner Hefte aus der Schule der Weisheit zur Hand, um Mirza-Schaffy's Urtheil über die Poesie des Abendlandes durch einige Beispiele zu veranschaulichen. Eine Auswahl kleiner Gedichte, welche ich von Göthe und Heine übersetzt hatte, sagte ihm ganz besonders zu. Ganz entzückt war er von dem Göthe'schen: Kennst Du das 207 Land \&c., und von dem Heine'schen Fischerliede welches mit den Versen endet: Mein Herz gleicht ganz dem Meere, Hat Sturm und Ebb' und Fluth, Und manche schöne Perle In seiner Tiefe ruht. Schwieriger war es, ihn mit den Schönheiten der Schillerschen Gedichte bekannt zu machen. Er kam aber doch zu der Erkenntniß, daß jedes dieser Gedichte einen guten Kern in sich schließt, wenn es uns in sprachlicher Beziehung auch oft schwer war, den Kern aus der goldnen Umhüllung herauszuschälen. Wo solche Schwierigkeiten auftauchten, mußte ein uns befreundeter Armenier, H. Budakow , der Lehrer der persischen Sprache am Gymnasium zu Tiflis war, aushelfen. Budakow war sowohl der deutschen wie auch der englischen und französischen Sprache mächtig und es machte ihm selbst viel Vergnügen, Lieder aus diesen Sprachen in morgenländisches Gewand kleiden zu helfen. Es wurde uns bei diesen Uebungen recht klar, wieviel selbst für die geistreichsten Menschen beim Genusse fremder Poesien verloren geht, wenn die Kenntniß des Bodens fehlt darauf sie gewachsen sind und die Kenntniß der feineren Beziehungen, ohne welche oft die duftigsten Gedichte ganz unverständlich bleiben. So versuchten wir eines Tages das Gedicht von Heine zu übersetzen, wo er von den Sternen sagt: Sie sprechen eine Sprache, Die ist so reich, so schön, Doch keiner der Philologen Kann diese Sprache versteh'n! 208 Ich aber hab' sie erlernet, Und ich vergesse sie nicht – Mir diente als Grammatik Der Herzallerliebsten Gesicht! Budakow verstand vollkommen den Witz dieses Gedichtes, aber unsere vereinten Kräfte reichten nicht aus, Mirza-Schaffy einen Begriff davon zu geben, eben weil weder die tatarische noch die persische Sprache einen entsprechenden Ausdruck für das hat, was wir unter »Philologen« verstehen. Wir konnten das Wort nur durch Dilbilir (Sprachenkundiger) übersetzen; ein solcher Dilbilir war aber Mirza-Schaffy selbst, und wie konnte der Weise von Gjändsha zugeben, daß Andere die Sprache der Sterne besser verstehen sollten, als er und seines Gleichen? Einige Lieder von Thomas Moore und Lord Byron machten ihm große Freude und waren ihm verständlich, ohne daß es eines Kommentars dazu bedurfte. Einen gewaltigen Eindruck auf ihn machte das wunderbar schöne Gedicht von Rev. C. Wolfe : » Not a drum was heard, nor a funeral note etc. « Das Gedicht ist in Deutschland wenig bekannt, und ich glaube deshalb durch die Mittheilung desselben manchem Leser einen Gefallen zu thun:         Not a drum was heard, nor a funeral note, As his corse to the ramparts we hurried: Not a soldier discharged a farewell shot O'er the grave where our hero was buried. We buried him darkly at dead of night, The sod with our bayonets turning, By the struggling moon-beam's misty light, And the lanthorn dimly burning. No useless coffin enclosed his breast, Nor in sheet, nor shroud we bound him; But he lay like a warrior taking his rest, With his martial cloak around him. Few and short were the prayers we said, And we spoke not a word of sorrow; But we steadfastly gazed on the face of the dead, And we bitterly thought of the morrow. We thought as we hollowed his narrow bed, And smoothed down his lonely pillow, That the foe and the stranger would tread o'er his head, And we far away on the billow. Lightly they'll talk of the spirit that's gone, And o'er his cold ashes upbraid him; But little he'll reck, if they'll let him sleep on, In the grave, where a Briton has laid him. Not half of our heavy task was done, When the bell toll'd the hour for retiring, And we heard by the random and distant gun, That the foe was suddenly firing. Slowly and sadly we laid him down, From the field of his fame fresh and gory; We carved not a line, we raised not a stone, But we left him alone with his glory. Rev. Charles Wolfe. Nicht so gut ging es mit Uhland und Geibel . Ich besinne mich noch, wie ich von Letzterm ein hübsches Lied übersetzte, welches ich seitdem in Deutschland oft wieder gehört und immer lebhaft dadurch an Mirza-Schaffy und sein Urtheil erinnert wurde. Ich meine das Lied:         Die stille Wasserrose Steigt aus dem blauen See, Die Blätter flimmern und blitzen, Der Kelch ist weiß wie Schnee. 209 Da gießt der Mond vom Himmel All seinen gold'nen Schein, Gießt alle seine Strahlen In ihren Schooß hinein. Im Wasser um die Blume Kreiset ein weißer Schwan, Er singt so süß, so leise, Und schaut die Blume an. Er singt so süß, so leise, Und will im Singen vergeh'n; O Blume, weiße Blume, Kannst Du das Lied versteh'n? Mirza-Schaffy schüttelte den Kopf und schob das Lied bei Seite mit den Worten: »Ein thörichter Schwan!« – »Gefällt Dir das Lied nicht?« – fragte ich meinen Lehrer. »Der Schluß ist unweise« erwiederte er, »was hat der Schwan davon, im Singen zu vergeh'n? Er schadet sich damit und nützt der Rose nichts. Ich würde geendet haben:         Er faßt sie mit dem Schnabel Und trägt sie mit sich fort!« 210   Vierzehntes Kapitel. Lieder aus dem »Buche der Weisheit und der Quelle der Erkenntniß« des Mirza-Schaffy. ( Fortsetzung .)         Dies soll Euch jetzt als neuestes Gebot     Verkündigt werden: Es soll auf Erden nicht mehr ohne Noth     Gesündigt werden! Wo nicht ein süßer Mund, ein schönes Auge     Verlangen weckt – Da soll den Sündern alle Gnade nun     Gekündigt werden! Jedweder Mund, der sich in schlechten Küssen     Versündigt hat, Kann nur durch eine Flut von echten Küssen     Entsündigt werden. 211     Daß Du am Abend zu mir kommst,     Wird sehr zu Deinem Frommen sein Wenn Du am Morgen lieber kommst,     Es soll Dir unbenommen sein – Komm' Du zu irgend einer Zeit,     Wirst allezeit willkommen sein!               Trinkt Wein! das ist mein alter Spruch, Und wird auch stets mein neuer sein, Kauft Euch der Flasche Weisheitsbuch,     Und sollt es noch so theuer sein! Als Gott der Herr die Welt erschuf, Sprach er: der Mensch sei König hier! Es soll des Menschen Kopf voll Witz,     Es soll sein Trank voll Feuer sein! Dies ist der Grund, daß Adam bald Vom Paradies vertrieben ward: Er floh den Wein, drum konnt' es ihm     In Eden nicht geheuer sein! Die ganze Menschheit ward vertilgt, Nur Noah blieb mit seinem Haus, Der Herr sprach: weil Du Wein gebaut,     Sollst Du mein Knecht, mein treuer sein! 212 Die Wassertrinker seien jetzt Ersäuft im Wasser allzumal, Nur Du, mein Knecht, sollst aufbewahrt     In hölzernem Gemäuer sein! Mirza-Schaffy! Dir ward die Wahl Nicht schwer nach solchem Doppelfall, Du hast den Wein erkürt, willst nie     Ein Wasserungeheuer sein!         Schlag die Tschadra zurück! Was verhüllst Du Dich? Verhüllt auch die Blume des Gartens sich? Und hat Dich nicht Gott, wie der Blume Pracht, Der Erde zur Zierde, zur Schönheit gemacht? Schuf er all' diesen Glanz, diese Herrlichkeit, Zu verblühen in dumpfer Verborgenheit? Schlag die Tschadra zurück! Laß alle Welt seh'n, Daß auf Erden wie Du Kind kein Mädchen so schön! Laß die Augen herzzündende Funken sprüh'n, Laß die Lippen im rosigen Lächeln glüh'n, Daß Dich Holde kein anderer Schleier umschwebt, Als mit dem Dich das Dunkel der Nächte umwebt! 213 Schlag die Tschadra zurück! Solch ein Antlitz sah Nie zu Stambul das Harem des Padischah – Nie säumte zwei Augen so groß und klar Der langen Wimpern seidenes Haar – Drum erhebe den Blick, schlag die Tschadra zurück! Dir selbst zum Triumphe, den Menschen zum Glück!         Wenn zum Tanz die jungen Schönen     Sich im Mondenscheine dreh'n, Kann doch keine sich so lieblich     Und so leicht wie meine dreh'n! Daß die kurzen Röcke flattern,     Und darunter, roth bekleidet, Leuchtend wie zwei Feuersäulen     Sich die vollen Beine dreh'n! Selbst die Weisen aus der Schenke     Bleiben steh'n voll Lust und Staunen, Wenn sie spät nach Hause schwankend     Sich berauscht vom Weine dreh'n! Auch der Muschtahid , der fromme,     Mit den kurzen Säbelbeinen, Spricht: so lieblich wie Hafisa     Kann im Tanz sich keine dreh'n! 214 Ja, vor dieser Anmuth Zauber,     Vor Hafisa's Tanzesreigen, Wird sich noch berauscht die ganze     Gläubige Gemeine dreh'n! Und was in der Welt getrennt lebt     Durch verjährten Sektenhader, Wird sich hier versöhnt mit uns in     Liebendem Vereine dreh'n! O, Mirza-Schaffy! welch Schauspiel,     Wenn die alten Kirchensäulen Selber wanken, und sich taumelnd     Um Hafisa's Beine dreh'n!                     Die Distel sprach zur Rose: Was bist Du nicht ein Distelstrauch?     Dann wärst Du doch was nütze, Dann fräßen Dich die Esel auch!     Zur Nachtigall die Gans sprach: Was bist Du nicht ein nützlich Thier?     Das, Blut und Leben opfernd, Zum Wohl der Menschen stirbt, wie wir? 215     Zum Dichter der Philister Sprach: Was nützt Dein Gesang dem Staat?     Zur Arbeit rühr' die Hände, Folg' der Philister Thun und Rath!     Philister, Gans und Distel, Behaltet Euren klugen Rath!     Ein jeder von Euch treibe Und thue was er immer that!     Der Eine schafft und müh't sich, Der Andre singt aus voller Brust –     So war es stets und überall Zu guter Menschen Glück und Lust.     Mirza-Schaffy! wie lieblich Ist Deiner Weisheitssprüche Klang!     Du machst das Lied zur Rede, Du machst die Rede zu Gesang!         Mirza-Schaffy! nun werde vernünftig, Laß Deines Wesens Unstätigkeit – Zu ernsterem Geschäfte künftig Verwende Deine Thätigkeit! 216 Sieh Mirza-Hadschi-Aghassi an, Was das ein Herr geworden ist! War früher ein ganz gemeiner Mann, Wie er jetzt behangen mit Orden ist! Drum widme Deine Kräfte dem Staate, Für den sie sonst verloren sind, Weil meist die größten Herrn im Rathe Zugleich die größten Thoren sind. Ich sprach: viel Andre werden schon Geschickt zu solchem Platz sein, Doch schwerer dürfte für meine Person Ein passender Ersatz sein. Darum: zeigst Du mir einen Mann, Der jetzt im Rathe Stimm' und Sitz hat, Und solche Lieder singen kann Wie ich, und meinen Geist und Witz hat: So lasse ich meine Unstätigkeit, Lasse Trinken, Singen und Dichtung, Und gebe meiner Thätigkeit Sofort eine andere Richtung. 217 Lieder der Klage.         Wieder ist der Frühling ins Land gekommen, Ist in blumigem, buntem Gewand gekommen. Sonst als einem Freunde bin ich ihm entgegen Mit einem vollen Becher in der Hand gekommen. Jetzt meid' ich ihn, denn unter seinen Blumen Bin ich an der Verzweiflung Rand gekommen. Bin um Zuléikha, und mit der Geliebten Um Freude, Glück und Verstand gekommen!         Ein schlimm'res Unglück als der Tod Der liebsten Menschen – ist die Noth! Sie läßt nicht sterben und nicht leben, Sie streift des Lebens Blüthe ab, Streift, was uns Lieblichstes gegeben, Vom Herzen und Gemüthe ab! Den Stolz des Weisesten selbst beugt sie, Daß er der Dummheit dienstbar werde – Der Sorgen bitterste erzeugt sie, Denn man muß leben auf der Erde. 218 Noth ist das Grab der Poesie, Und macht uns Menschen dienstbar, die Man lieber stolz zerdrücken möchte, Als sich vor ihnen bücken möchte. Doch darfst Du darum nicht verzagen, Bis Dir das Herz zusammenbricht: Das Unglück kann die Weisheit nicht – Doch Weisheit kann das Unglück tragen. Verscheuch' den Gram durch Liebsgekose, Durch Deiner süßen Lieder Schall! Nimm Dir ein Beispiel an der Rose, Ein Beispiel an der Nachtigall! Die Rose auch, die farbenprächt'ge, Kann nicht der Erde Schmutz entbehren, – Und Bülbül selbst, die liedesmächt'ge, Muß sich von schlechten Würmern nähren! 219         Es hat der Schach mit eigner Hand Ein Manifest geschrieben, Und alles Volk im Farsenland Ist staunend stehn geblieben. »Wie klug der Sinn, wie schön das Wort!« So scholl es tausendtönig – Man jubelt hier, man jubelt dort: »Heil, Heil dem Farsenkönig!« Mirza-Schaffy verwundert stand, Das Schreien war ihm widrig, Er sprach: Denkt man im Farsenland Von Königen so niedrig? Stellt man so tief im Farsenland Der Fürsten Thun und Treiben, Daß man erstaunt, wenn mit Verstand Sie handeln oder schreiben? 220 Mirza-Schaffy! liebliche Biene, Lange bist Du umhergeflogen, Hast von Rosen und Jasmine Nektar und süße Düfte gesogen; Höre jetzt auf zu wandern Von einer Blume zur andern – Kehr' mit dem Gefieder Deiner duftigen Lieder, Kehr' mit all Deinem Honigseim Heim, zur Geliebten heim! 221   Funfzehntes Kapitel. Häuser- und Straßenbilder. Eine tatarische Wohnung und eine armenische Hochzeit in Tiflis. Bei allem Ansehn, welches Mirza-Schaffy unter den tatarischen und persischen Schriftgelehrten genoß, war er in der sogenannten »guten Gesellschaft« von Tiflis gänzlich unbekannt. Diese »gute Gesellschaft« bestand vorwiegend aus den vornehmeren Militairs und der höheren russischen Beamtenwelt, worunter eine Menge deutsche und einzelne französische und spanische Namen sich befanden. Dazu kamen zahllose Prinzen und Prinzessinnen aus dem alten georgischen Königshause und einzelne begüterte armenische und georgische Fürsten, deren Kleidung und Lebensweise schon mehr oder weniger einen europäischen Anstrich trug. Bei großen Diners, Bällen und ähnlichen außergewöhnlichen Festlichkeiten, war das asiatische Element stärker vertreten. Man sah dann in den prachtvollsten Gewändern und im kostbarsten Waffengeschmeide Fürsten der Kirgisen, Truchmenen, Kabarder, Abchasen, Gurier, Tuschen, Mingrelier, 222 Imerether; Chane, Sultane und Häuptlinge verschiedener Tataren- und Tscherkessenstämme. Von den engeren Cirkeln der Gesellschaft blieben diese fremden Elemente größtentheils ausgeschlossen; hier war das Französische die vorherrschende Sprache und der schwarze Frack, oder die Uniform, die vorherrschende Tracht. Auch die Toilette der Damen war ganz den strengsten Pariser Anforderungen entsprechend. Einzelne, in den engeren Cirkeln heimische Damen aus georgischen Fürstenhäusern, wie die Tschawtschewadse's und die Gribojedow hatten sich, theils durch längeren Aufenthalt am Petersburger Hofe, theils durch Reisen im Auslande, so in europäische Tracht und Sitte hineingelebt, daß man sie nur durch ihre orientalische Schönheit von den übrigen unterscheiden konnte. Die große Masse der georgischen; armenischen, tatarischen und persischen Bevölkerung von Tiflis, stand zu der Salon-Gesellschaft ungefähr in demselben Verhältniß, wie in der vormärzlichen Zeit das Ghetto von Prag zu der dortigen Aristokratie. Es galt für » mauvais genre « das Haus einer nicht salonfähigen Familie zu besuchen, und Beamte wie Militairs fügten sich, mit wenigen genialen Ausnahmen, dem herrschenden Vorurtheile. Da jedoch in den tifliser Salons wenig mehr vom asiatischen Leben zu sehen war, als in irgend einem Salon von Paris, Wien oder Berlin, so suchte ich das asiatische mauvais genre so oft sich mir Gelegenheit dazu bot. Ein gesellschaftliches Leben in unserm Sinne des Wortes 223 herrscht bei den Asiaten nicht, da gewöhnlich die Frauen streng von den Männern geschieden sind, und überhaupt Gesellschaften nur bei besonderen Anlässen (Hochzeit, Kindtaufe \&c.) stattfinden. Solche gesonderte Frauengesellschaften kann ein Fremder natürlich nur vom Hörensagen, oder durch ausnahmsweise, zufällige Begünstigungen kennen lernen. Ich wohnte am Fuße des heiligen Davidsberges (der die wunderthätige Kapelle trägt), in dem Nebengebäude eines Hauses, welches der reiche armenische Kaufmann Tamamschew eigends für sich und die Familie seines Schwiegersohns, des Fürsten Tumanow, eingerichtet hatte. Von dem Balkon, wie von der Terrasse meiner Wohnung aus, wo ich bei schönem Wetter jeden Morgen und Abend meinen Tschibuq rauchte, konnte ich mit aller Behaglichkeit die ganze, mir zur Rechten liegende Stadt übersehen. Zur Linken brach sich der Blick am heiligen Davidsberge, der jeden Donnerstag durch die langen Züge schöner Pilgerinnen die hinauf zur Kapelle wallfahrteten, ein gar anmuthiges Schauspiel bot. Dicht neben meiner Wohnung, am Fuße des Berges, lagen einige halb unterirdische Sakli's, aus welchen auch hin und wieder eine schlanke Georgierin hervorstieg, um sich auf das Dach ihrer eigenen dunkeln Steinhütte zu setzen, oder um eine Freundin auf irgend einem benachbarten Dache zu besuchen. Das Haus Tamamschew's lag meiner Wohnung gerade gegenüber, und über den nicht sehr weiten Hofraum hinweg konnte ich, besonders Abends, wenn Alles erleuchtet war, ziemlich genau sehen, was in den Frauengemächern vorging. Da saßen (bei jedem festlichen Anlaß) dreißig bis vierzig armenische Frauen mit gekreuzten Beinen auf einem großen, das ganze Zimmer ausmessenden Teppich, in buntem Kreise, alle angethan mit schweren, kostbaren Stoffen, den Nacken 224 von einem weißen Schleier überwallt, und das Leibchen zwiefach halbmondförmig so weit ausgeschnitten, daß des Busens besserer Theil offen zur Schau lag. Ich kann hier die Bemerkung einschalten, daß im Morgenlande die Frauen mit ihrem Busen noch viel weniger heimlich thun als bei uns. Dem strengsten Schamgefühl ist dort Genüge gethan mit dem Verhüllen des Gesichtes. Alle übrigen Körpertheile werden geringerer Berücksichtigung gewürdigt. Es ist um das Schicklichkeits- und Anstandsgefühl (wie es im Grunde allen Völkern innewohnt, sich aber auf die verschiedenste Art kundgiebt) ein eigenes Ding. Eine Schottin kann vor lauter Schamhaftigkeit in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Mann mit einem Barte sieht, findet es aber ganz ihren Begriffen von Anstand gemäß, daß die Männer ohne Hosen einhergehen, ein Zustand, der den Damen anderer Länder wieder das Blut der Scham in die Wangen treiben würde. Eine badende Europäerin wird, wenn sie sich von Männeraugen erspähet weiß, alles Andere eher verhüllen als ihr Gesicht. Eine Asiatin wird, unter ähnlichen Umständen, fremden Blicken alles Andere eher preisgeben als ihr Gesicht. Diese wenigen Beispiele mögen genügen um darzuthun, wie schwer es ist, in dem was man Sitte und Anstand nennt, die Scheidelinie zwischen dem Ernsten und Komischen, zwischen Weisheit und Thorheit zu ziehen. Der beschränkte Mensch ist immer am meisten geneigt das zu belächeln, was über seinen engen Gesichtskreis hinausreicht; je weiter der Blick, desto milder das Urtheil . . . Doch, kehren wir zu den armenischen Frauen zurück, welche Veranlassung zu dieser Abschweifung gegeben. Von meiner Wohnung aus sah ich oft stundenlang den Gesellschaften der Tamamschew und Tumanow zu. Da saßen 225 die zahlreichen weiblichen Gäste in dem oben beschriebenen Kreise, dessen Mittelpunkt eine mit Backwerk, Erfrischungen und eingemachten Süßigkeiten aller Art beladene Tischplatte bildete: Eine geraume Zeit hindurch blieben sie Alle stumm und regungslos wie Wachsfiguren. Dann lösten sie Eine nach der Andern ihre als Armbänder getragenen Tschotken (Rosenkränze, welche nicht zum Beten, sondern zum Spielen bestimmt sind) los und ließen, in Ermangelung besseren Zeitvertreibes, die Perlen langsam die seidenen Fädchen herabgleiten, ohne andere Unterbrechung als ein gelegentliches Nippen von den auf der Tischplatte stehenden Süßigkeiten. Zuweilen nahm auch eine von den älteren Frauen das Wort, um ein Mährchen oder eine Geschichte zu erzählen; dann hörten die Umsitzenden immer so gespannt zu, daß sie das Spielen mit ihrer Tschotka gänzlich außer Acht ließen. Hierauf beschränkten sich die Ansprüche dieser Frauen auf gesellschaftliches Vergnügen. An eine lebendige, von der ganzen Gesellschaft getheilte Unterhaltung war nicht zu denken. Bewegter und lauter ging es in den andern Zimmern her, wo die Männer ihr Festgelag hielten. Hier hatte jeder Bekannte des Hauses freien Zutritt, und wer am meisten trinken konnte von dem in Naphtabestrichenen Schläuchen aufbewahrten Landeswein, war der willkommenste Gast. Wie bei den Frauen das Spielen mit der Tschotka, so war bei den Männern das Trinken die Hauptsache, und wahrlich gehörte ein mit Naphta ausgestrichener Magen dazu, um es den Armeniern im Weintrinken gleichzuthun. In denjenigen armenischen und georgischen Häusern, wo man mit Beibehaltung aller sonstigen nationalen Eigenthümlichkeiten in gesellschaftlicher Beziehung mehr den europäischen Sitten sich anbequemt, pflegt es, in Folge des allezeit 226 veredelnden Einflusses der Frauen, mäßiger bei den Trinkgelagen und lebhafter in der Unterhaltung herzugehen. In eine solche gemischte Gesellschaft wünschte ich, bei Gelegenheit eines armenischen Hochzeitsfestes, meine freundlichen Leser zu führen, und wäre gleich in medias res gesprungen, wenn ich nicht an dem Grundsatze festhielte, meinen Schilderungen aus dem Leben immer mit historischer Treue die vorbereitenden und erklärenden Züge einzuflechten. Bei der Schwerfälligkeit meines Geistes bedurfte ich selber stets einer anregenden Vorbereitung, um mich mit nöthiger Sicherheit und richtigem Blicke in fremde Situationen zu versetzen. Deshalb waren meine Arbeitstage streng geschieden von den Tagen des Genusses. Lag mir am Morgen eine besonders interessante Einladung für den Abend vor, so war den Tag über an kein ernstes Studiren zu denken. Ich pflegte dann ein paar gute Bekannte aufzusuchen, um mit ihnen die Stadt zu durchstreifen, im Bazar zu verweilen, zwischen den halbunterirdischen Wohnungen der Georgier umherzuklettern, das Treiben und Leben in den Karavanserai's, auf Straße und Markt zu beobachten, und alles Neue von Interesse durch ein paar Züge in meinem Tagebuche zu bleibender Erinnerung anzumerken. So geschah es auch an jenem Tage, als ich die Einladung zu der armenischen Hochzeit erhielt. Ich legte meine Bücher und Hefte bei Seite, und machte mich auf den Weg, um einige Bekannte zur Begleitung aufzusuchen. Eine ungepflasterte, unregelmäßige Straße führte von meiner Wohnung, bergab zwischen Weingärten sich hinziehend, in die Hauptstraße von Tiflis, zur Rechten von dem Palaste des Sardaars (Oberbefehlshabers), und zur Linken 227 von dem fast eben so großartig gebauten, neuen Gymnasium begrenzt. Hier wurde mir der Weg dieses Mal von einem zahlreichen Schwarm Tataren versperrt, welche sich vom Gymnasium bis zum Sadaarpalaste hin theils auf der Erde gelagert hatten, theils in einzelnen Gruppen umherstanden und durch ihre grimmigen Blicke, lebhaften Bewegungen und lauten Worte meine Neugier auf's höchste erregten. Ich brachte bald in Erfahrung, daß es eine, ein paar hundert Mann starke Deputation aus dem Innern des Landes war, nach Tiflis zu dem Zwecke gekommen, um den Sardaar zu bitten, ein Gesetz wieder aufzuheben, welches vorschrieb, daß die Tataren ihren Tribut künftig in Hammeln entrichten sollten. Einige der Angesehenern von ihnen waren als Wortführer in die Wohnung des Sardaars gegangen und hatten sich, da dieser verreist war, an seinen Stellvertreter gewendet, der sich vergeblich bemühete, die Bittsteller durch unbestimmte Verheißungen loszuwerden. Sie verlangten eine bestimmte Antwort und gaben zu verstehen, daß, bis solche erfolgt sei, die draußen lagernde Tatarenschaar Tiflis nicht verlassen werde. Der stellvertretende Generalgouverneur gab sofort Befehl, den Tataren friedlich zu bedeuten, daß sie die Stadt ohne Weiteres zu verlassen hätten, und falls sie dieser Weisung nicht Folge leisteten, Kosaken aufzubieten, um sie mit Gewalt zu vertreiben. Dies hatte jedoch seine großen Schwierigkeiten, denn obgleich die Tataren unbewaffnet waren (man hätte sonst einem so großen Schwarme den Einzug in die Stadt nicht erlaubt), so setzten sie doch den Kosaken so derb mit ihren kräftigen Fäusten zu, daß man genöthigt war, noch Verstärkungen herbeizuziehen und von der blanken Klinge 228 Gebrauch zu machen, ehe es gelang, die wilden Nachkommen der goldenen Horde aus der Stadt zu vertreiben. Schon während dieses Schauspiels, das die ganze Nachbarschaft auf die Beine brachte, hatten sich einige Bekannte zu mir gesellt, die sich gleich bereit finden ließen, mich auf meiner Wanderung durch die Stadt zu begleiten. Wir hatten kaum hundert Schritte zurückgelegt, als auf dem, mit der großen Straße von Tiflis zusammenhängenden Eriwan'schen Platze, ein neues Schauspiel eigenthümlicher Art unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Etwa ein Dutzend von Kopf bis zu Fuß in die weiße Tschadra gehüllter, alter Frauen, von ärmlichem Ansehen und der Mehrzahl nach von abschreckender Häßlichkeit, kam feierlichen Zuges über den Platz geschritten und machte in einer angrenzenden Straße Halt. Ein paar der gespensterhaft aussehenden Wesen verschwanden in einem georgischen Hause, kamen jedoch nach kurzer Zeit wieder zum Vorschein, um sich auf's Neue mit dem Zuge in Bewegung zu setzen. Dasselbe Manöver wurde bei jedem georgischen Hause wiederholt. Zur Erklärung dieses seltsamen Schauspiels wurde mir gesagt, daß jedesmal bei anhaltender Dürre die armen Georgierinnen in Prozession von Haus zu Haus ziehen, um Almosen zu sammeln und dafür den lieben Gott zu bitten, daß er den Born seiner Barmherzigkeit erschließe und Regen auf die lechzende Erde herabsende. Zu diesem Zwecke pilgern sie, beladen mit Kreuzen, Heiligenbildern und anderm frommen Zubehör, hinaus ins Freie, um auf den Aeckern und für den Segen derer zu beten, welche Opfergaben gespendet haben. Diese Feierlichkeit mit dem 229 vorbereitenden Almosensammeln wiederholt sich täglich, bis der Himmel endlich die Gebete erhört und Regen zur Erde sendet. Wir folgten den frommen Schwestern nicht auf's Feld hinaus, da es meine Absicht war, Mirza-Schaffy aufzusuchen und ihn zu bitten, die für den Abend angesetzte Unterrichtsstunde auf einen anderen Tag zu verlegen. Ich hatte den Weisen früher nie in seiner Wohnung gesehen, und es verlangte mich deshalb sehr, einmal einen Blick in seine häusliche Einrichtung zu werfen, ein Verlangen, das von meinen Begleitern, die schon viel von Mirza-Schaffy gehört hatten, lebhaft getheilt wurde. Wir wanden uns, in der Richtung nach dem Kyros zu, durch eine krumme, schmutzige Gasse, welche zu beiden Seiten von grauen Sakli's begrenzt, nur hin und wieder einmal ein etwas wohnlicheres Gebäude durchblicken ließ. Hausnummern giebt es hier natürlich nicht, und eine georgische oder tatarische Sakli ist von der andern eben so schwer zu unterscheiden wie ein Maulwurfshaufen von dem andern. Wir hatten deshalb große Noth, die Wohnung des Weisen ausfindig zu machen, obgleich er mir den Platz ziemlich genau beschrieben hatte. Erst verscheuchten wir durch unsere bloße Anrede ein paar junge rothhosige Mädchen vom Dache, welche, statt auf die ihnen vorgelegte Frage zu antworten, mit Blitzesschnelle in ihre unterirdische Behausung verschwanden. Dann wurden wir selbst verscheucht durch ein paar zähnefletschende Hunde, welche, als wir auf unserer Entdeckungsreise in ein Gehöft einbogen, mit wüthendem Geheul auf uns losstürzten. Ein alter Tatar, der ernsten Blickes an uns vorüberwatschelte, deutete zur Antwort auf unsere Frage nach Mirza-Schaffy's Wohnung, auf eine ferne Häusergruppe hin, und wandelte dann seines Weges fort, ohne sich weiter nach uns umzusehen. 230 Endlich waren wir so glücklich, einen schwarzäugigen, in die buntfarbigsten Lumpen gekleideten Jungen aufzutreiben, der uns für einen Abbas (etwa 6 Sgr.) in die Klause des Weisen von Gjändsha zu führen versprach. Er trieb uns erst einen Theil des Weges, welchen wir gekommen waren, zurück, feuerte uns dann durch sein Beispiel an, eine Reihe von Saklis zu überklettern, wobei wir mit großer Vorsicht verfahren mußten, um nicht durch die Oeffnungen in den platten Dächern irgend einer Familie uneingeladen in's Haus zu fallen, bis wir uns plötzlich in eine kleine, bergablaufende Sackgasse versetzt sahen, wo sich vor uns ein niedriges, aber ziemlich umfangreiches Gebäude aufthat, welches mit seinen grauen Flügeln einen nichts weniger als reinen und ebenen Hofraum umschloß. In dem linken Flügel, hinter welchem einige Bäume die Nähe eines Gartens verriethen, wohnte Mirza-Schaffy. Wir hatten kaum festen Fuß im Hofe gefaßt, als uns ein entsetzliches Hundegeheul wieder am Vorgehen hinderte und uns zwang, eine vertheidigende Stellung einzunehmen. Unser jugendlicher Führer wußte jedoch durch die seltsamsten Kehl- und Zischlaute die bellend auf uns losstürzenden Ungethüme bald zum Rückzuge zu zwingen; noch ein paar Schritte, und wir befanden uns in der Wohnung Mirza-Schaffy's. Die Thüre wurde geöffnet von demselben schmächtigen, gliedergeschmeidigen Tatarenjünglinge, durch dessen Vermittlung Mirza-Schaffy einst in den Besitz meiner englischen Scheere kam, nachdem er den Blick des Verlangens darauf geworfen. Wir traten in ein kleines, schmuckloses Gemach, welches mit einem größeren, etwas wohnlicher eingerichteten Zimmer zusammenhing. Ersteres, wo der junge Tatar hauste, bildete gleichsam das Vorzimmer zu letzterem, wo Mirza-Schaffy seine Wohnung hatte. 231 Beide Gemächer waren weiß übertüncht, der Fußboden war mit Matten belegt, in den Seitenwänden befanden sich Nischen, und im Hintergrunde des größern Zimmers war eine Art von Kamin angebracht. Das Ganze trug einen sehr einfachen und sauberen Anstrich. Mirza-Schaffy lag mit untergeschlagenen Beinen auf dem niedrigen, roth überkleideten Divan, als wir eintraten, und schien mit nichts Anderm beschäftigt, als die Pfeife der Betrachtung zu rauchen. Vor ihm stand auf einer kleinen Tischplatte ein hoher, persischer Kalljan, dessen hochaufliegende Kohle bezeugte, daß er eben erst wieder mit frischem Tombagju (grobgeschnittener Tabak, welcher blos aus dem Kalljan und Nargilé geraucht wird, im Gegensatz zu dem feingeschnittenen Tabak (Tütin) der für die Tschibuqs bestimmt ist) gefüllt war. Der Weise erhob sich langsam, als er unser ansichtig wurde, rief uns ein herzliches »Chosch gjäldinnis!« (Seid willkommen!) entgegen, und setzte sich erst wieder, als wir Alle um ihn her Platz genommen hatten. Der junge Tatar war inzwischen unaufgefordert beschäftigt, uns Kaffee und Pfeifen zu besorgen, und erst als Jeder sein dampfendes Schälchen vor sich stehen und den dampfenden Tschibuq im Munde hatte, begann die eigentliche Unterhaltung. Ich hatte große Lust, mich näher in der Wohnung umzusehen, um die ganze Einrichtung in ihren Einzelheiten kennen zu lernen, hielt aber gewaltsam an mich, und bat meine Gefährten, ein Gleiches zu thun, da ich wußte, daß es uns wesentlich in der Achtung des Weisen herabsetzen würde, wenn wir den Blick der Neugier gleich aus einer Ecke in die andere schweifen ließen. Ich wartete deshalb einen günstigen Augenblick ab und wandte, nachdem ich meine Absagebestellung ausgerichtet, das 232 Gespräch zunächst auf die Schwierigkeiten, welche wir zu überwinden gehabt hatten, um zu Mirza-Schaffy's Wohnung zu gelangen. »Wie ist es nur möglich – schloß ich – daß Du mit Deinen feinen, grünen Pantoffeln und schmucken, buntgewirkten Strümpfen, bei schlechtem Wetter den langen Weg zu mir machen kannst, ohne jemals schmutzig zu werden, während wir selbst bei gutem Wetter nicht rein davonkommen?« – Adad-der – das macht die Gewohnheit! – sprach er lächelnd. Darauf wandte er sich mit einer allgemein gehaltenen Frage an meine beiden Begleiter, die jedoch nicht gleich antworten konnten, weil sie nicht tatarisch verstanden. Das wollte er blos wissen, um mich ausforschen zu können, ob ihnen im Punkte des Weintrinkens zu trauen sei. Da er sich auf meine Veranlassung um eine Stelle beim Gymnasium bemühte und die Entscheidung noch nicht erfolgt war, so wollte er es vermeiden, die Schwierigkeiten, welche ihm frommthuende Nebenbuhler in den Weg gelegt hatten, leichtsinnig zu vermehren. Nachdem ich ihn vollständig über meine Begleiter beruhigt hatte, rief er dem im Nebenzimmer kauernden Tatarenburschen die Anfangsworte eines Hafisischen Liedes zu: »Ssaki bijar badé! Schenke, bring' Wein!« Der Bursche sprang sofort auf und eilte geräuschlos zur Thür hinaus. Man sah es seinem verständnißflinken Wesen an, daß ihm dergleichen Aufträge nicht neu waren. »Wer ist der junge Mensch?« fragte ich Mirza-Schaffy. – Ein armer Verwandter von mir – antwortete der Weise – den ich seit dem Tode seines Vaters in's Haus genommen habe, um ihn in der Weisheit zu unterrichten. Es ist aber Nichts mit ihm aufzustellen; der Mensch ist von der Natur für die Kutte bestimmt, und deshalb lasse ich ihn ruhig 233 bei seinem Vorsatze, ein Geistlicher zu werden. Der Muschtahid gilt ihm für eine größere Autorität als ich, und ein Kuß auf die Hand des alten wunderlichen Heiligen schmeckt ihm süßer als ein Glas Wein von mir. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn der Bursche selbst einmal Muschtahid würde. Er hat allen Stoff dazu. Gesichter kann er schneiden wie ein Derwisch, und winden und schmiegen kann er sich wie ein Aal. Den ganzen Tag sitzt er und schreibt alte Gebete und heilige Geschichten ab; das erbauet ihn und er verdient sich etwas Geld damit . . . Während Mirza-Schaffy noch so sprach, kam der junge Heilige mit einem großen Kruge Wein in's Zimmer, kramte aus einer durch einen rothseidenen Vorhang verhüllten Wandnische einige verschieden-gestaltige Gläser hervor und war eben im Begriffe uns einzuschenken, als Mirza-Schaffy ihm den Krug abnahm, mit den Worten: »Ueberlaß mir das Weinschenken! Geh' Du und hole uns Deine Hefte her, der junge Weise hier will sehen, was Du diese Woche geschrieben hast.« Der Bursche ging und brachte ein paar sauber geschriebene Hefte zum Vorschein, wovon das eine den Titel trug: »Lobgedicht auf die Ankunft der Russen in Eriwan,« und das andere: »Gebet der Tataren von Karabagh für den großen Padischah der Russen, den Herrscher der Erde u. s. f. u. s. f.« Das erste Heft war in tatarischer, das zweite in arabischer Sprache, untermischt mit persischen Versen geschrieben, mit solcher Zierlichkeit und Sorgfalt, daß ich nicht umhin konnte, dem Schreiber etwas Artiges darüber zu sagen und den Wunsch zu äußern, eine ähnlich sorgfältige Abschrift der beiden Hefte zu besitzen. Der junge Heilige, sehr erfreut über das ihm gespendete Lob, wollte mir gleich die Hefte zu Füßen legen, aber 234 Mirza-Schaffy schickte ihn fort und sagte zu mir: »Laß das heute gut sein; er kann erst noch eine Abschrift davon nehmen und zur nächsten Unterrichtsstunde bring ich Dir das Loblied sammt dem Gebete selbst mit, um Dir Beides zu erklären. Und wenn Du frommer darnach wirst, so will ich ein Gelübde thun, keinen Wein mehr zu trinken!« – Ich wäre neugierig, einmal einen Blick in Deine Bibliothek zu werfen, o Weiser! Du hast gewiß ganz andere Bücher als fromme Loblieder und Gebete. – »Ich kann mit Hafis singen – entgegnete lächelnd der Weise: –         »Schon lang ist mein letztes Buch versetzt     In die Schenke für Wein gekommen, Und es ist dadurch über die Schenke jetzt     Ein Heiligenschein gekommen! Nun ist die Schenke zum Bethaus mir,     Zur Werkstatt und Wohnung geworden, Und ich gehe nicht mehr hinaus, bis daß     Der Tod hereingekommen!« »In der That – fuhr er fort – bedarf es keines Kamels, um meine Bücher davonzutragen.« Und er zeigte mir eine kleine, aber sehr werthvolle Sammlung von persischen und arabischen Manuskripten, poetischen und philosophischen Inhalts, die seinen ganzen literarischen Reichthum ausmachten. Ich konnte die Frage nicht unterdrücken: – Aber wie ist es möglich, o Weiser! daß Du täglich mit den schönsten Blumen morgenländischer Dichtung um Dich wirfst wie der Ost mit 235 den Blumen des Frühlings, wenn der Born so gering ist, daraus Du schöpfest? – »Der Born ist gering an Umfang, aber groß an Inhalt. Was die besten Dichter Gutes geschrieben haben, weiß ich auswendig, und wo ich etwas davon vergesse, lern' ich es wieder. Von den schlechten Dichtern aber les' ich gar Nichts; wozu brauch' ich ihre Werke? Je reicher ich werde an Weisheit, desto ärmer werde ich an Büchern. Jedesmal wenn ich Musterung halte, finde ich noch etwas Überflüssiges. Besser ist es, ein gutes Buch hundert Mal zu lesen, als hundert schlechte Bücher Einmal. Je mehr Bücher, desto mehr Verwirrung. Es ist mir nie ein gutes Gedicht gelungen, wenn ich zuvor fremde Gedichte gelesen, weil sich dann immer gar zu leicht Fremdes mit einschleicht. Es ist mir jedesmal ein gutes Gedicht gelungen, wenn ich bezaubert war von schönen Augen, von lieblichen Händen und Füßen, von duftigen Blumen, von gutem Wein, von reiner Frühlingsluft. Das sind die Quellen, daraus man schöpfen muß! (Der Weise schlürfte bei diesen Worten ein Glas Wein herunter, schenkte sich gleich wieder ein und fuhr dann etwas aufgeregter fort.) Der kleinste Blumengarten spendet mir mehr Duft als die größte Wüste mit ihren Oasen und Güter-beladenen Karavanen. Aus einer rosigen Mädchenwange sauge ich mehr Begeisterung, als aus allen fremden Dichtern zusammengenommen. Ein kleines unschuldiges Kind stimmt mich andächtiger und frommer als die längste Predigt. Aus einem Glase Wein schlürfe ich mehr Witz, als aus den gelehrtesten Werken der Sufis und Philosophen . . . Er stopfte sich einen frischen Tschibuq, während ich nach der Uhr sah, denn der Tag neigte sich fast zu Ende. Es ist Zeit zum Aufbruch – sagte ich – wir müssen uns noch 236 rüsten zur Hochzeit; doch laß uns nicht scheiden, o Weiser! ohne uns ein kleines Lied gesungen zu haben. Die Nachtigall singt am liebsten an feuchten Plätzen und der Sänger beim Weine. Ich liebe es, von lustigen Gelagen einen poetischen Nachklang mit auf den Weg zu nehmen. – »Jeder hat seine eigene Liebhaberei – erwiederte der Weise: –         Der Fromme liebt das Schaurige, Der Leidende das Traurige, Der Hoffende das Künftige, Der Weise das Vernünftige.« – Was kann es Vernünftigeres geben – warf ich ein – als ein Lied der Weisheit zum Klange des Bechers! – Von Neuem begann der Weise:         »Wenn Mirza-Schaffy den Becher erhebt,     Einen Witz in dem Munde: Wie sich freudig das Herz der Zecher erhebt     In der jauchzenden Runde! Sie fühlen es, daß für die Tollheit der Welt     Sich zu jeglicher Stunde Aus dem Geiste des Weines ein Rächer erhebt,     Mit der Weisheit im Bunde!« – Wie ich jetzt gehe, meinen Körper in Festesgewand zu kleiden, so hat Dein Gesang, o Mirza-Schaffy! meinen Geist festlich angethan. Und selbst den Tribut des Dankes und der Freude, welchen ich Dir ausdrücken wollte, hast Du mir aus dem Munde genommen und Deinem eigenen Liede einverleibt! – 237 Ich sagte ihm dieses, als wir schon aufgestanden waren, um Abschied zu nehmen und er uns zur Hinterthür des Hauses hinaus einen kürzeren Weg durch den Garten führte. Und wiederum begann er:         »Ist ein Witz Dir zur rechten Stunde gekommen, So antwortet Jeder, den Du nie gefragt hast: Du hast mir das Wort aus dem Munde genommen, Oft hab' ich gedacht, was Du mir gesagt hast! Mirza-Schaffy! das ist Dein Geschäft so, Was die Andern denken, das schreibt Deine Hand – Manch kernigen Witz umschließt jedes Heft so, Und all Deine Witze sind einzig im Land!« – Ich brauche des Lobes nicht mehr hinzuzufügen – entgegnete ich – aber sag' mir, o Weiser! wie Du es anfängst, Reim, Bild und Gedanken immer so schnell zusammenzufinden: bedarfst Du denn gar keiner Vorbereitung zu Deinen Liedern? – Der Garten, durch welchen wir gingen, trug schon das bunte Kleid des Frühlings. Die Blumen waren hervorgekommen im Grase, der Weinstock hatte Knoten gewonnen, von den Mandelbäumen fielen wie Schneeflocken die weißen Blüthen ab und die Rosensträuche begannen zu knospen. Mirza-Schaffy streckte seine Hand aus und pflückte von den Blumen zu einem Strauß, reichte mir den und sprach: »Siehe, dieser Strauß ist gepflückt in einem Augenblick, aber die Blumen dazu sind nicht in einem Augenblick gewachsen! Also ist es mit meinen Liedern.« 238 * * * Eine armenische Hochzeit. Wir wenden uns nun, nachdem wir schwarzes Gewand angethan, dem in der Nähe der armenischen Kathedrale gelegenen Hause zu, wo die Hochzeit begangen wird. Die armenischen Häuser in Tiflis bilden den Uebergang von den georgischen und tatarischen Sakli's zu den russischen Palästen im neuen Stadttheile. Sie sind durchgängig wohnlich und reinlich, viele sogar mit einer eigenthümlichen, aus europäischen und asiatischen Elementen gemischten Eleganz eingerichtet. Einige haben besondere Vorhöfe, andere Pfeilergetragene Vorhallen, und die meisten sind von zwei bis drei hölzernen Gallerien umwunden, welche in den engen Straßen durch Balkons ersetzt werden. Das Haus des reichen armenischen Kaufmanns, zu dessen Hochzeitsfeier wir pilgern, gehört zu den wohnlichsten und besteingerichteten. Wir entdeckten schon von ferne, daß Festliches darin vorgeht. Die hohe Einfuhr zum Vorhof und die Seitenmauern sind mit hunderten von buntfarbigen Lampen übersäet. Auf dem Hofe drängen sich Droschken und Equipagen. Das Haus im Hintergrunde strahlt, als sprängen die Flammen aus Mauern und Dächern hervor. Die lustigen Galerien, welche das Haus dreifach umschlingen, sind dicht mit Lampen besetzt. Eben so ziehen sich förmliche Lampengewinde zwischen den hellerleuchteten Fenstern hin, während auf dem Dache Fackeln brennen. Wir finden bei unserm Eintritt in die schimmernden Gemächer schon eine zahlreiche, vorwiegend aus Armeniern und Georgiern bestehende Gesellschaft versammelt, die Frauen sämmtlich in ihrer malerischen Nationaltracht, unter den Männern wenige Ausnahmen in schwarzem Frack und Uniform. 239 Die festlich geschmückten Räume nehmen die ganze Breite des Hauses ein. Mit Ausnahme des zum Tanzen bestimmten Saales sind alle Gemächer mit prachtvollen persischen Teppichen belegt. In dem großen Mittelzimmer drängt sich Tisch an Tisch, beladen mit stärkenden Getränken und appetit-reizendem Imbiß der verschiedensten Art: von dem stillwirkenden, aus silbernen Schälchen geschlürften Liqueur bis zu dem wild aufbrausenden Champagner; von der leichten, unscheinbaren Sardine bis zum fetten, magenbeschwerenden Lachs. Die übrigen Zimmer sind nur spärlich mit Tischen und noch spärlicher mit Stühlen bedacht. Die Frauen sitzen gruppenweise auf den niedrigen, theils mit Seide oder Sammet überzogenen, theils mit Teppichen belegten Divans, welche sich rings um die Wände ziehen. Eine lebendige Unterhaltung mit diesen Frauen, die der Mehrzahl nach so unbeweglich da sitzen wie Figuren in einem Wachskabinet, ist auf die Dauer unmöglich, wenn man es nicht versteht, ihre zur Schau getragene Schüchternheit durch ganz besondere Mittel zu verscheuchen. Nur einige der Älteren, welche mit der russischen Sprache auch etwas von der russischen Sitte angenommen haben, und einige der Jüngeren, welche in der adeligen Pension von Tiflis erzogen sind, und nicht allein russisch, sondern auch französisch sprechen, benehmen sich unbefangener in der Unterhaltung. Die Perle unter den weiblichen Gästen ist die junge Fürstin Nassinka Orbeljanow, eine der lieblichsten Blumen, die je unter Georgia's Himmel gewachsen. Das jetzt verarmte Geschlecht der Orbeljanow, dessen Geschichte bis lange vor Christi Geburt zurückreicht, war einst reich an Ruhm, Macht und Gütern. Die Vorfahren der jungen Fürstin herrschten als Könige in Armenien und Georgien. Aber aller Glanz und Ruhm ihrer Vorfahren wiegt die Schönheit der jungen 240 Fürstin Nassinka nicht auf. Sie ist keine von jenen üppigen Gestalten, wie man in Georgien vorherrschend findet; aber sie hat eine Feinheit der Züge und des Gliederbaues, eine Zierlichkeit der Hände und Füße, eine Fülle des Haares und einen so taubensanften Ausdruck des Auges, daß sie zu den lieblichsten Erscheinungen zählt, die mir aus dem Morgenlande im Gedächtniß geblieben . . . Jetzt tanzt sie mit einem jungen Armenier die Lesghinka, und Alt und Jung strömt herbei, Frauen und Mädchen verlassen ihre Sitze, um das liebliche Wesen zu sehen. Sie schlägt verschämt das Auge nieder, biegt das Köpfchen zurück und stemmt die feinen Arme in die Seiten; plötzlich läßt sie die Arme wellenförmig herabschweben und hüpft leichtfüßig auf den gegenüber stehenden Tänzer los; dieser setzt sich ebenfalls in Bewegung, um ihr entgegen zu eilen, aber Beide streifen an einander vorüber, ohne sich zu berühren; so schweben sie fortwährend in kleinen Kreisen umher, in stetem Entgegenkommen und stetem Ausweichen. Das Händeklatschen der Umstehenden begleitet die Bewegungen der Tanzenden. Als der Tanz zu Ende war, wurde die Aufmerksamkeit der Gäste durch die vier Rhapsoden in Anspruch genommen, welche das Fest durch Spiel und Gesang verherrlichten. Der Eine spielte den Tar , der Andere den Tschianu , der Dritte die Saß , der Vierte die Deira , Streichinstrumente verschiedener Gestaltung – und dabei sangen sie Lieder zum Ruhme des Hauses, des Brautpaars und der Gäste. Alles drängte sich um die Sänger her, von denen besonders ein alter Blinder die Aufmerksamkeit der Umstehenden in Anspruch nahm, weil er Jedem, der ihn darum bat, etwas Angenehmes in Versen zu sagen wußte. Seine Lieder waren 241 nicht von Bedeutung, wirkten aber durch den Zauber des Improvisirens. In einem Nebenzimmer standen grüne Tische, auf welchen verschiedene Gruppen alter Armenier Schach und Lotto spielten, während einige russische Tschinowniks eine Whistpartie machten. Inzwischen machten fortwährend eine Menge Diener die Runde, die ausgewähltesten Leckereien, und besonders süßes Backwerk aller Art umhertragend. Das Alles war blos zu vorläufigem Imbiß bestimmt, denn das eigentliche Nachtessen folgte erst nach der Trauung, welche in der benachbarten Kathedrale, im Beisein aller Gäste, vollzogen wurde. Das Innere des altehrwürdigen Gebäudes, wohin wir dem Brautpaar etwa in der zwölften Stunde folgten, machte bei der spärlichen Beleuchtung einen schauerlichen Eindruck, der aber bald wieder verwischt wurde, wenn man den Blick auf die vielen hübschen Frauen und Mädchen schweifen ließ, welche gekommen waren der Feierlichkeit beizuwohnen. Sie drängten sich oben und unten Kopf an Kopf, durch eiserne Gitter getrennt von den Männern, wie das in der armenischen Kirche so Brauch ist. Da vielleicht auch manche meiner freundlichen Leserinnen neugierig ist, die Einzelheiten einer armenischen Trauungsfeierlichkeit kennen zu lernen, so lasse ich hier eine ausführliche Beschreibung davon folgen, die bis auf den kleinsten Punkt mit all der Treue und Gewissenhaftigkeit abgefaßt ist, welche die Wichtigkeit des Gegenstandes erheischt. Die Feierlichkeit beginnt mit der Einsegnung des Traurings, der auf einen Teller gelegt wird, wobei der Diakonus die Worte spricht: »Nun lasset uns beten zu dem Herrn des Friedens, nimm uns auf, Erlöser! erbarme Dich unser und segne uns, o Herr!« 242 Hierauf singt der Priester: »Segen und Preis dem Vater, und dem Sohne, und dem heiligen Geiste, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!« Dabei schwingt er das Weihrauchfaß, das der Diakonus ihm gereicht. Dann wird ein Lied aus dem armenischen Gesangbuche gesungen, und der 18te Psalm seiner ganzen Länge nach recitirt, obgleich die einzige Stelle dieses Psalmes, welche auf die Ehe Bezug haben könnte, im 20sten Verse vorkommt, wo es heißt: »Und er führte mich aus in den Raum; er riß mich heraus, denn er hatte Lust zu mir.« Hierauf werden Stellen vorgelesen aus dem Hohen Liede Salomonis 8. 14., aus dem Propheten Hosea 14. 6., aus dem Jesaias 27. 11., aus dem Briefe an die Galater 4. 27. und aus dem Evangelium Lucä 1. 26. Und abermals beginnt der Diakonus: »Lasset uns den Herrn bitten für die Bewahrung der Gläubigen, derer die bei ihm sind, und derer die er hier zur Vereinigung geladen hat.« Hierauf betet der Priester: »Ewiger Gott und Schöpfer des Weltalls! Dich bitten und zu Dir flehen wir, der Du voll Erbarmen sorgest für Deine Geschöpfe, nimm, o menschenfreundlicher Herr, unsere Bitten gnädig auf! Wie Du die Ehen unserer Väter geschlossen hast nach dem Gesetze Mosis, so hast Du nach der Auferstehung und Himmelfahrt Deines Eingebornen uns ein neues Gebot gelehrt und das heilige Kreuz aufgestellt zur Heiligung der Ehe derer, so an Dich glauben und Deinen eingebornen Sohn. Gieb auch jetzt, o Herr, durch das allsiegende Kreuz, Kraft und Stärke denen die auf Dich bauen. Entferne von ihnen den Geist der Heuchelei und des Ungehorsams und alle bösen Lüfte; bewahre sie vor 243 Schändlichkeiten, vor dunkelen Wegen und vor Unreinheit des Wandels. Mache, daß dieses Kreuz sei zur Weihe und zur Grundlegung eines festen Grundes, darauf das Gebäude der heiligen Ehe errichtet werde. Schmücke ihr Haupt mit der Krone der Schönheit, sende über sie den Segen der heiligen Dreieinigkeit, welcher ihnen Noth thut, und ihnen Ruhm bringt und Ehre, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen! Friede sei mit Allen! Heiliger und allgepriesener Vater, der Du gesegnet und geheiligt hast dieses Kreuz im Namen Deines Eingeborenen, durch die Hand Deines sündigen Dieners, durch die Segnungen Deines heiligen Geistes: auch jetzt bitte ich Dich, o Herr! sende Deinen heiligen Geist hernieder zur Weihe des Gebäudes, welches ich jetzt hier gründe. Erhalte diese zwei unbefleckt gegen einander, geleite und führe sie zu der Stunde in welcher ich die Krone des Ruhmes auf ihr Haupt setzen werde; denn Dir allein ist die Ehre, und Dir allein gebührt der Ruhm und die Macht, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!« Hierauf wird der Ring der Braut übergeben, und der Diakonus spricht: »Bei dem heiligen Kreuze laßt uns den Herrn bitten, daß er durch dasselbe uns errette von allen Sünden und uns erlöse durch die Gnade seiner Barmherzigkeit. Allmächtiger Herr, unser Gott! erlöse uns und erbarme Dich unser!« Der Priester fällt ein: »Du Hort und Du Hoffnung der Gläubigen, Christus unser Gott! bewahre Deine Diener! Preis sei dem Herrn!« folgt das Vater unser, womit die 244 Einsegnung des Trauringes geschlossen wird und die Einsegnung des »Kleides der Krone« beginnt. Das Kleid wird vor den Altar gebracht und es wiederholt sich die am Eingange beschriebene Feierlichkeit. Der Diakonus spricht: »Laßt uns beten zu dem Herrn des Friedens \&c. \&c.,« worauf der Priester erwiedert: »Preis und Ruhm dem Vater und dem Sohne \&c. \&c.« Abermals wird ein Kirchengesang gesungen; dann folgt der Psalm 44.: »Eine Unterweisung der Kinder Korah, vorzusingen,« worin sich sonderbarer Weise ebenfalls nichts auf die Ehe Bezügliches findet, (obgleich Vers 2. 3: »Denn wir werden ja um Deinetwillen täglich erwürget, und sind geachtet wie Schlachtschaafe,« sehr richtig die politischen Zustände der Armenier bezeichnet). Ferner wird recitirt aus dem Propheten Jesaias 61. 10., aus dem 1. Briefe Petri 3. 1., und aus dem Evangelium Johannes 2. 1. Sodann beginnt der Diakonus wiederum: »Lasset uns beten zum Herrn \&c., und der Priester fällt ein: »Preis und Ruhm dem Vater und dem Sohne!« Hierauf segnet er das Gewand des Bräutigams mit dem Zeichen des Kreuzes und spricht folgendes Gebet: »Segne, o Christus, unser Gott! mit geistigem Segen dieses bräutliche Gewand, damit dem, der es anthut, nicht zu nahen wage die böse Brut der Dämonen und Zauberer, sondern daß er gestärkt durch die Kraft Deines heiligen Kreuzes, erlöst werde von allen Schlingen des Satans. Dir aber gebührt Ruhm und Macht und Ehre, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit!« Nachdem der Priester nun abermals das Gewand gesegnet mit dem Zeichen des Kreuzes und dabei gebetet: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!« wird dem Bräutigam das Gewand angethan, unter dem 245 Absingen eines bezüglichen Kirchenliedes. Zum Schluß der Einsegnung spricht der Diakonus abermals die Worte: »Beim heiligen Kreuze laßt uns den Herrn bitten \&c. \&c.« Ganz dieselbe Feierlichkeit findet bei der Einsegnung des Kleides der Braut statt, nur mit dem Unterschiede, daß sie ihr hochzeitliches Gewand nicht vor dem Altar anzieht, sondern verborgen vor den Augen der Männer in einem besondern Raume, und daß der Gesang und das Schlußgebet dabei wegfällt. Bevor nun die eigentliche Trauung, die Krönung, vollzogen wird, bewegt sich der Zug noch einmal in das Haus der Braut. Hier muß diese niederknieen zu den Füßen des Bräutigams, und es werden über sie die Worte geredet: »Ich habe David, meinen Knecht, gefunden; mit meinem heiligen Oel habe ich ihn gesalbt, meine Hand wird ihn aufnehmen, und mein Arm wird ihn stärken.« Hierauf nimmt der Priester die rechte Hand der Braut und legt sie in die rechte Hand des Bräutigams, mit den Worten: »Man nahm die Hand der Eva und legte sie in die Rechte Adams, und Adam sagte: Dieses ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; diese ist Männin geheißen, weil sie von ihrem Manne genommen ist; deshalb soll der Mann Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie sollen Beide Ein Leib werden. Was Gott also zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden.« Der Diakonus: »Laßt uns beten zu dem Herrn des Friedens \&c.« Der Priester: »Preis und Ruhm dem Vater und dem Sohne!« Abermals wird ein Lied gesungen, wonach der Priester 246 das Kreuz über die Häupter des Bräutigams und der Braut hält und dabei folgendes Gebet spricht: »Herr, ewiger Gott! der Du die Unverbundenen und die Getrennten zusammenfügest zur Vereinigung, und durch die Vereinigung sie unzertrennbar verbindest; der Du gesegnet hast den Isaak und die Rebekka, und sie offenbaret hast als Erben Deiner Verheißung, indem Du, durch Dein untrügliches Wort, die aus ihnen entsproßten Stämme vermehrt hast gleich dem Sande am Ufer des Meeres: Segne auch jetzt, gnädiger und barmherziger Gott! diesen Deinen Knecht und diese Deine Magd durch Deine Heiligkeit; leite sie, daß sie wandeln in guten Werken und auf dem Wege der Gerechtigkeit, zu thun was vor Dir wohlgefällig ist; daß sie leben in dieser Welt nach Deinen Geboten und sehen ihre Kindeskinder im Greisenalter; und daß ihnen in jenem Leben zu Theil werden die unvergänglichen Güter und die unverwelklichen Kronen, in Christo Jesu, unserm Herrn, welchem gebührt Ruhm, Macht und Ehre, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen! Herr Gott, der Du aus den Heiden Dir verlobt hast die heilige Kirche, sich darzustellen dem himmlischen Bräutigam, und der Du gesetzt hast als Krone das allsiegende heilige Zeichen; der Du die Zerstreueten sammelst und sie vereinigest zu unauflöslichem Bunde der Testamente; der Du gesegnet hast die Erzväter und sie gezeigt hast als Erben Deiner Verheißungen: segne nun auch diesen Deinen Knecht und Deine Magd durch die Kraft Deines Kreuzes, denn Du bist barmherzig und menschenfreundlich, und Dir geziemt Ruhm, Macht und Ehre, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!« Der Diakonus: »Bei dem heiligen Kreuze laßt uns den Herrn bitten: \&c. \&c.« 247 Nach Beendigung dieser Ceremonien kehren sie in die Kirche zurück, legen ihr Sündenbekenntniß ab und der Priester recitirt den 121. Psalm. Hierauf werden zwei dreifädige Schnüre gedreht, zum Umwinden der Kronen, womit das Paar beim Vollziehen der Trauung gekrönt wird. Die aus drei Fäden gewundene Schnur ist das Zeichen der Dreieinigkeit. Beim Drehen der Schnur des Bräutigams singen sie den 20., und beim Drehen der Schnur der Braut den 24. Psalm. Hierauf nimmt der Priester das Kreuz, hält den Brautleuten eine Anrede über die Bedeutung der Trauung und legt ihnen dann die Frage vor: »Versprechet Ihr vor Gott, in der Furcht Gottes gegen einander zu bewahren die Festigkeit der von Gott gegebenen Liebe, und mit derselben Liebe wegen der Furcht Gottes willig zu tragen die gegenseitige Last, vornehmlich die körperlichen Leiden, Lahmheit, Blindheit, lange und unheilbare Krankheit und andre Uebel, wie die göttlichen Gesetze gebieten; versprechet Ihr, nehmt Ihr auf Euch, und bestrebt Ihr Euch das Gesagte zu vollbringen?« Und sie antworten: »Ja.« Darauf legt der Priester die rechte Hand der Braut in die Rechte des Bräutigams und sagt zu diesem: »Nach dem göttlichen Gebote, welches Gott den Vorfahren gegeben, gebe ich, der Priester N. N. Dir jetzt diese Braut zum Gehorsam. Bist Du ihr Herr?« Der Bräutigam sagt: »Ich bin ihr Herr durch den Willen Gottes.« Dann wendet der Priester sich zu der Braut: »Bist Du gehorsam?« Die Braut antwortet: »Ich bin gehorsam nach dem Befehle Gottes.« Dieselbe Frage und Antwort wiederholt sich dreimal. Dann sagt der Priester: »Wenn Ihr also mit einander in der Liebe Gottes bleibt, so wird Gottes Sorgfalt Euch bewahren beim Ausgang und Eingang, und segnen die Werke Eurer Hände, und Euch mit geistiger und leiblicher Güte vermehren, daß 248 Ihr hier in Frieden und Frömmigkeit lebend, gewürdigt werdet, die verheißenen zukünftigen Güter zu erlangen durch die Gnade Christi, welchem gebührt Ruhm, Macht und Ehre, jetzt und immerdar.« Dann wird der 117. Psalm recitirt bis zu den Worten: »Oeffnet mir die Pforten der Gerechtigkeit, daß ich eingehe durch sie und bekenne den Herrn« Sie treten nun ein durch die geöffnete Thüre in das Allerheiligste, indem sie den 99. Psalm singen. Dann sagt der Diakonus: »Durch die heilige Kirche laßt uns den Herrn bitten, daß er durch sie uns erlöse von den Sünden, und errette durch die Gnade seiner Barmherzigkeit. Allmächtiger Herr, unser Gott, errette uns und erbarme Dich unser!« Der Priester: »An der Thüre des heiligen Tempels und vor dem göttlichen und glänzenden heiligen Zeichen, an diesem heiligen Orte beten wir an, in Furcht gebeugt. Wir preisen Deine heilige, wunderbare und siegreiche Herrlichkeit, und bringen Dir dar Preis und Ruhm mit dem Vater und dem heiligen Geiste, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!« Der Priester führt nun den Bräutigam und die Braut, und stellt sie vor den Altar, und sie sagen das Eingangsgebet der Kirche: »Schenke Frieden Deiner heiligen Kirche, Frieden und Unerschütterlichkeit vor dem Kriege der Feinde, und befestige in Einem Glauben die katholische Kirche. Dich bekennen wir, Herr und Gott, erlöse uns.« Der Diakonus: »Lasset uns beten zu dem Herrn des Friedens \&c.« Der Priester: »Preis und Ruhm dem Vater und dem Sohne!« Dann wird der 92. Psalm gesungen und die schon oft angeführten Gebetformeln wiederholen sich. 249 Der Bräutigam und die Braut küssen das Kreuz und der Priester im Ornate spricht: »Barmherzig und menschenfreundlich bist Du, Gott, und Dir gebührt Ruhm und Macht. Herr, in Deiner Macht erfreue sich der König, in Deiner Erlösung frohlocke er sehr. Das Verlangen seines Herzens hast Du ihm gewährt und den Wunsch seiner Lippen hast Du ihm nicht vorenthalten. Du hast ihn gelangen lassen zum Segen Deiner Süßigkeit und hast auf sein Haupt gesetzt die Krone aus einem kostbaren Steine. Halleluja, Halleluja!« Dann wird vorgelesen aus dem 1. Buche Moses 1. 26. Ferner aus den Sprüchen Salomonis 4. 20. Aus Jesaias 61. 9. Aus dem Brief an die Epheser 5. 22. Ev. Matthäi 19. 1. Dann folgt der Glaube, worauf der Diakonus sagt: »Laßt uns den Herrn bitten, unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens: Herr, erbarme Dich, um von uns zu wenden alle Gedanken des Bösen! Laßt uns den Herrn bitten, uns zu schenken heilsame Gedanken und tugendhaftes Leben; laßt uns den Herrn bitten, uns zu bewahren unter dem Schatten seiner allmächtigen Rechte; laßt uns den Herrn bitten, den Widersacher schnell unter unsere Füße zu stoßen; laßt uns den Herrn bitten, für die heimgegangenen Seelen, welche im wahren, rechten Glauben in Christo entschlafen sind; laßt uns den Herrn bitten u. s. w.« Sie legen die Krone vor den Altar, der Priester segnet sie und sagt folgendes Gebet: »Herr, Gott der Macht, und Schöpfer aller Geschöpfe, der Du genommen hast Erde von der Erde, und gebildet den Menschen nach Deinem Bilde, Mann und Weib hast Du sie gemacht und gesegnet, indem Du sagtest: Seid fruchtbar und mehret Euch, und erfüllet die Erde und machet sie Euch unterthan. Die Sorge Deiner Liebe als Schöpfer gegen Deine Geschöpfe 250 ist vorgebildet durch Deinen eingebornen, geliebten Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, daß er kam und geboren wurde von der heiligen Jungfrau und die Menschen zu neuem Leben rief, und das erste Zeichen gab bei der Hochzeit zu Kana in Galiläa, als er durch göttliche Wunder erfreute das hochzeitliche Haus, indem er das Wasser in Wein verwandelte. Auch jetzt bitten wir Dich, Herr, segne diese Ehe wie die der heiligen Erzväter, indem Du sie unbefleckt bewahrest in geistiger Liebe und Einigkeit in diesem Leben. Mache ihren Saamen fruchtbar; laß ihre Kinder aufwachsen in Zucht und Sitte, zum Ruhme Deines allheiligen Namens, und daß sie in Frieden in dieser Welt ihr Leben bis in's hohe Greisenalter verlängern, und gewürdigt werden der unendlichen Freuden des höhern Hochzeitgemaches mit allen, die Deinen Namen lieben, durch die Gnade und Barmherzigkeit Deines Eingebornen, unsers Herrn Jesus Christus, mit welchem dem Vater und dem heiligen Geiste gebührt Ruhm, Macht und Ehre, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen! Friede sei mit Allen. Wir demüthigen uns vor Gott. Gepriesen seist Du, allmächtiger Gott, der Du geschaffen hast alle Deine Geschöpfe, die himmlischen und die irdischen, durch Dein lebendiges Wort, und gebildet den Menschen durch Deine Hand nach dem Bilde Deiner göttlichen Gestalt. Du hast geordnet und ihm verbunden als Genossen des Lebens das Gebein, welches Du genommen hast von seinem Gebein, und Fleisch von seinem Fleisch, und sie wurden beide Ein Leib. Du allein bist barmherzig, der Du unsrer Menschheit bereitet hast die Krone des Himmels und der Erde. Segne, o Herr, die Ehe Dieser, durch Deine Barmherzigkeit, wie Du gesegnet hast die Ehe Abrahams und der Sara, Isaaks und der Rebekka, Jakobs und der Rachel, und wie Du gesagt hast durch die Apostel: 251 Ehrwürdig ist die Ehe und heilig das Ehebett. Heilig bewahre das Ehebett Dieser, und schenke ihnen Nachkommenschaft nach Deinem Willen, daß sie gesegnet werden in Deinem lebendigen Worte, wie Du geredet hast: wachset und mehret Euch, und erfüllet die Erde! Laß sie wachsen im Wachsthum der Heiligkeit, auf daß sich mehre ihre Nachkommenschaft auf der Erde, und sie würdig werden durch Dein Erbe, zu preisen den Vater und den Sohn und den heiligen Geist, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Hierauf nimmt er die Kronen, bekreuzigt sie, setzt sie auf das Haupt des Bräutigams und der Braut, und sagt folgendes Gebet: »In Deinem Namen, Du lebendiger Gott und Herr, Schöpfer Himmels und der Erde, der Du gemacht hast Alles durch das Wort auf Deinen Befehl! Du hast gebildet Adam, den ersten Menschen, und hast bestätigt seine Ehe mit der Eva; Du hast ihn gekrönt mit Deinem Ruhm und gesagt: Siehe, sie sind gut. Du hast gesegnet die Ehe Seth's und von ihm vermehrte sich die Erde bis auf Noah. Du hast gesegnet die Ehe Noah's und von ihm vererbte sich die Ehe bis auf Abraham. Du hast gesegnet die Ehe Abrahams und der Sara, Isaak's und der Rebekka, Jakob's und der Rachel, und sie vermehrten sich auf der Erde und wurden im Himmel gekrönt. Du hast gesegnet aus dem Stamme Juda's den David, und aus der Nachkommenschaft Davids die Jungfrau Maria, und von ihr wurdest Du geboren, Erlöser der Welt; denn Du warst der Kröner aller Heiligen. Durch diesen Segen werde gesegnet diese Krone, und die Ehe Dieser, daß dieser Dein Knecht und diese Magd friedlich zubringen ihr ganzes Leben in Gottesfurcht, daß der Satan sich entferne aus ihrer Mitte, und Deine Barmherzigkeit lebe über ihnen. 252 Und Dir wollen wir bringen Preis und Ruhm mit dem Vater und dem heiligen Geiste jetzt und immerdar.« Hierauf hält der Diakonus ein Gebet, das Meßopfer wird gebracht und sie nehmen Theil an dem heiligen Sakrament. Folgt wiederum Gesang und das oben angeführte Doppelgebet zwischen Priester und Diakonus; damit ist die kirchliche Feierlichkeit geschlossen und der Zug kehrt singend zurück nach dem hochzeitlichen Hause. Hier angelangt, wird der Bräutigam auf ein Sopha gesetzt und die Braut zu seiner Rechten. Der Priester füllt einen Becher mit Wein, segnet ihn und giebt den Neuvermählten davon zu trinken. * * * Bis zu diesem Punkte stimmten die Hochzeitsfeierlichkeiten, denen ich beiwohnte, im Wesentlichen (d. h. einige Abkürzungen und Weglassungen der zahllosen Gesänge, Citate und Gebete abgerechnet), überein mit den Vorschriften und Anweisungen der alten armenischen Kirchenbücher. Nun folgten aber verschiedene Ceremonien, deren ich in keinem Buche Erwähnung gethan finde, und die ich hier anführe, um dem Gang der Dinge treu zu bleiben, während ich für diejenigen wißbegierigen Leser, welche die Abweichungen vielleicht kennen lernen möchten, die betreffenden Stellen unter den Beilagen im Anhange dieses Buches folgen lasse. In dem » Compendio Storico di Memorie Cronologiche concernanti la Religione e la Morale della Nazione Armena, etc. dal Marchese Giovanni de Serpos « findet sich T. 3. p. 171 sq. das Abweichende folgendermaßen geschildert: » Giunti, che sono alla abitazione dello sposo, fanno sedere il marito sopra un soffà già preparato, ed alla sua destra vi adagiano sua moglie; e prendendo una bella coppa la empiono di vino, che viene benedetto dal sacerdote, il quale nella divota orazione, che dice in tale congiuntura, commemora il miracolo fatto da Gesù Christo nelle nozze di Cana, convertendo l'acqua in vino. Di tal vino così benedetto ne porge egli stesso a bere qualche torso a novelli conjugi, e suole anche loro darsi delle mandorle, ed alquanto d'una confezione fatta di burro, zucchero, e mele. Frattanto che si fa quest' allegria, si canta un divotissimo ritmo pieno di molti angurj di prosperità sì eterne, sì temporali, che a nome della Chiesa si fanno agli sposi, e dettasi dal sacerdote infine una breve orazione, ed il Pater noster , si dà termine per quel giorno alla funzioni ecclesiastiche, e tutti gli astanti baciano con divozione le corone degli sposi. Queste corone vengono da esso loro portate in capo per otto giorni, o per tre almeno, e in codesto tempo vivono separati e in perfetto celibato ... « In Uebereinstimmung mit dem letztern Punkte steht die Schilderung eines alten ehrenfesten Reisenden aus dem siebzehnten Jahrhundert, welche den Titel führt: »Warhaffte und eigentliche Beschreibung deß gegenwärtigen Zustandes deren unter der Türckischen Tyranney seufzenden Griechischen und Armenischen Kirchen. \&c. \&ce.« und wo es p. 92 heißt: »Montags früh Morgends ist gemeiniglich die Zeit, da sie mit oder noch vor aufgehender Sonne die Hochzeiten zu halten pflegen. Das Fest beginnet Sonntags Abends, und wird drey oder vier Tag lang mit grossen Freuden fortgesetzt: welche Zeit die Braut fast immerdar in einem Sessel sitzet, und nicht schlaffen darff: so muß auch der Bräutigam sich indessen ihrer enthalten, und ist ihme nicht eher, als erst Mittwochs Abends oder Donnerstags früh ihr ehlich beyzuligen erlaubt; worauf alsdann der Braut Jungfrauschaft-Zeichen offentlich vorgezeigt werden.« Zuerst wurde dem Bräutigam ein Schwert in die Hand gegeben, welches er, an der Thür stehend, empor hielt, und die Braut darunter durchschlüpfen ließ, als ein Zeichen, daß 253 sie unter seinem männlichen Schutze allen Gefahren und Irrsalen entrinnen werde. Dann wurde den Neuvermählten süßes Wasser zu trinken gegeben, als Vorgeschmack der reinen und süßen Genüsse des ehelichen Lebens; oder (nach einer anderen Erklärung) zur Erinnerung an die Hochzeit zu Kana, wo das Wasser in Wein verwandelt wurde durch die Hand des Heilandes. Endlich wurde dem Bräutigam ein Teller gereicht, den er zur Erde warf und ihn zertrat mit seinen Füßen. Die Bedeutung welche sich hieran knüpft, ist wohl dieselbe, welche dem Zerbrechen des Geschirrs bei unsern Polterabenden, oder dem Zerbrechen des Glases bei den Hochzeiten der Juden zu Grunde liegt. Als die Feierlichkeit zu Ende war, begann wieder Tanz, Spiel und Gesang, während im Speisesaale das Nachtessen angerichtet wurde. Abermals drängte sich Alles dem Zimmer zu, wo die Fürstin Orbeljanow mit dem Bruder des Bräutigams unter dem Händegeklatsch der Umstehenden im Tanz der Lesghinka sich schwang. Und so oft ich das Auge auf die kleinen, feinbeschuhten Füßchen schweifen ließ, fielen mir die Worte aus dem Hohenliede Salomonis ein: »Wie schön ist Dein Gang in den Schuhen, du Fürstentochter!« Nachdem nun die vielen und reichen Hochzeitsgeschenke von den Gästen durchmustert waren, begann das Souper, und in der That, es war hohe Zeit dazu! Das lange Stehen in der Kirche, so wie das Anhören der vielen Gebete, Gesänge, Psalme, Sprüche und Ermahnungen, hatte bei den Meisten wieder ein förmliches Gefühl von Nüchternheit hervorgebracht. Die Speisen wären sämmtlich vortrefflich gewesen, wenn die verschiedenen Arten von Pilaw (nach der dortigen 254 Aussprache: Plow ) nicht allzusehr den Beigeschmack des Safran, womit der Reis halbfingerdick überstreut wird, getragen hätten, und wenn ein guter Braten, im deutschen Sinne des Worts, in Tiflis wegen des fast durchgehends schlechten Fleisches und der mangelhaften Kochkunst, nicht zu den Unmöglichkeiten gehörte. Dagegen ließen die Fische in ihrer mannigfaltigen Zubereitung, die Backwerke und Süßigkeiten nichts zu wünschen übrig. Eben so waren die Weine, wozu Georgien, Armenien, Frankreich und der Rhein ihren Tribut geliefert, allen Preises werth. So lange Essen und Trinken noch einander das Gleichgewicht hielten, ging es an den Tischen ziemlich ruhig her. Als aber die gewichtigen Speisen beseitigt waren, der Champagner zu fließen begann und das Trinken die Oberhand nahm, erscholl ein Stimmengewirre, wie es eine mit asiatischer Lebendigkeit geführte Unterhaltung, in welcher ein halb Dutzend Sprachen durcheinander gesprochen werden, nur zu erzeugen vermag. In einer Ecke des Saales, an einem besonderen Tische, saßen die Sänger und Spielleute, und während die Einen Alles aufboten, um ihren Gesang nicht ungehört verhallen zu lassen, sägten die Andern so unbarmherzig auf ihre Instrumente los, daß selbst die an solche Schauspiele gewöhnten Gäste das Lachen nicht unterdrücken konnten. Einen größeren Genuß als diese musikalischen Kraftäußerungen dem Ohre gewähren konnten, hatte das Auge beim Anblick der schmucken Hochzeitsgäste, wie sie in langen Reihen die Tafeln entlang saßen, der Mehrzahl nach in der kleidsamen georgischen und armenischen Nationaltracht. Je lauter es wurde im Saale, desto mehr lichteten sich die Reihen der reichgeschmückten Frauen, und nun begann erst das 255 eigentliche Trinken. Auf jedes »Allahwerdy« mußte der, dem es galt, mit der Entgegnung »Jachschi jol« Allahwerdy: Gott hat's gegeben; Jachschi jol: einen guten Weg gehe es! Der eigentlich von den Tataren herrührende, aber auch unter den christlichen Völkern heimisch gewordene, gewöhnliche Trinkspruch im Kaukasus. Bescheid thun bis auf die Nagelprobe. Der stattliche Archiréi, welcher die Trauung vollzogen, so wie die übrigen Geistlichen deren Gegenwart das Festgelag heiligte, waren nicht die schlechtesten Trinker. Und als ich das Haus am hellen Morgen verließ, wiederhallten die Räume noch laut vom Becherklang und vom Hochzeitsjubel der Gäste. 256   Sechszehntes Kapitel. Sitzungen im Divan der Weisheit. Ein arabisches Gebet und ein tatarischer Lobgesang zur Verherrlichung des Hauses des »Padischah's der Russen, des Herrn der Welt, des Königs der Könige.« Das Gebet der Tataren von Karabagh für den großen Padischah der Russen, den Beherrscher der Erde \&c., und das tatarische Loblied auf die Ankunft der Russen in Erivan, bildeten in den nächsten Sitzungen im Divan der Weisheit den Hauptgegenstand unserer Unterhaltung. Mirza-Schaffy hatte die Aufmerksamkeit gehabt, mir von erstgenanntem Aktenstücke eine eigenhändige Abschrift zu besorgen, die so schön ausgefallen war, daß der Weise sie selbst für ein wahres Meisterstück orientalischer Schreibekunst erklärte. Ich habe die Hoffnung, daß mein verehrter Herr Verleger eine lithographische Vervielfältigung dieser Handschrift veranlassen wird. Es würde dadurch der doppelte Zweck erreicht: den Freunden Mirza-Schaffys ein getreues Facsimile zu geben, und den orientalischen Gelehrten von Fach zu zeigen, wie man heutzutage im Kaukasus arabisch und persisch schreibt. 257 Der darauf verwendete Fleiß war um so mehr anzuerkennen, als der Inhalt den Grundsätzen meines Lehrers durchaus zuwider lief. Meine freundlichen Leser haben durch die Gedichte des Mirza-Schaffy nur Eine Seite morgenländischer Poesie der Gegenwart kennen gelernt; es ist billig und gerecht, daß ich sie auch mit der anderen Seite bekannt mache. Denn obwohl die Moslemin des Kaukasus weder Kirchenzeitungen noch politische Tagesblätter kennen, so haben sich dennoch unter ihnen, durch ihre Priester und Schriftgelehrten, verschiedene Parteien gebildet, wovon die eine in den Erinnerungen einer glorreichen Vergangenheit schwelgt, wo der Zar dem tatarischen Herrscher des Landes die Steigbügel halten mußte, – und Träume einer glorreichen Zukunft nährt; während die andere der bestehenden Macht schmeichelt und ihren Gott zur Erde herabzieht, um den Zar in den Himmel zu erheben – und die dritte endlich mit philosophischer Ruhe im Genuß der Gegenwart lebt, und dem Zaren giebt was des Zaren, und Allah was Allah's ist. Natürlich treten diese Parteien, zersplittert wie sie sind, und unterdrückt wie sie leben, nicht so farbenbestimmt hervor wie die politischen und kirchlichen Parteien bei uns zu Lande; die verschiedenen Richtungen zeichnen sich nur deutlicher ab in den Priestern und Schriftgelehrten, welche als das konkrete Bewußtsein des Volkes zu betrachten sind. Welcher der genannten Parteien die hier in der Uebersetzung folgenden, frommen Ergüsse entsprungen sind, wird der Leser selbst leicht errathen können. 258   Das Gebet der Tataren von Karabagh. »Ruhm dem Könige der Könige! Groß ist seine Gnade! Es ergießt seine Liebe sich über alle Auserwählten. Ruhm dem Herrscher der Stärke und der Macht, dem Herrn der Gnade und der Gerechtigkeit, der den Bächlein und Strömen ihren Lauf vorschreibt, und seine Gnade in den Regentropfen aus den Wolken herabträufelt, und nicht den Schuldigen von dem Unschuldigen unterscheidet, sondern ihnen in Fülle Gesundheit, Mittel zur Erhaltung und Speise sendet. Der den Himmel erschaffen, die Säulen seines Thrones, und die Erde, das Lager seiner Sklaven, und die Berge, die Nägel der Erde, und der den neunten Himmel zum Fundament seiner Macht gesetzt, und mit seinem Lichte das Licht der Sonne angezündet! Der den Hals der Himmel geschmückt hat mit Perlenschnüren, mit wandelnden Sternen. Dessen Hand die Völker der Erde vor Empörung bewahrt und sie gemacht hat, daß sie sein Bild erkenneten in seinen wunderbaren Schöpfungen, und der Alles was ist, herrlich erschaffen hat nach seinem eigenen Bilde. Der Könige eingesetzt zur Erhaltung der Ordnung, zur Aufsicht über die Handlungen seiner Sklaven, und sie bewahrt hat vor Unterdrückung und Tyrannei des Volkes, und sie gemacht hat zu einer Stütze der Unterthanen und zu Helfern der Hülfsbedürftigen und Armen! Also als den herrlichsten Edelstein aus der Krone seiner Gnade hat er der Erde gesendet die Kaiserin , die Beschützerin der Welt, die Königin der Könige, die Krone der Sonne, die der Königskrone Hoheit verleihende, die das Weltall schmückende. Die das Weltall erleuchtende Sonne, den Stern der Herrschaft, die hohe Stufe, die gerechte Königin aller Länder des Kaiserreichs und der Majestät. Die berühmten und glücklichen Staaten 259 Gebietende, die die Völker der Erde Beruhigende, die die Erde und Zeit Schmückende. Die Herrin, begabt mit einem Herzen, dem Meere gleich, und mit einer Hoheit, gleich der der Berge; die Königin aller Stufen des Himmels, in ihrem Glanze den Sternen unzähliger Völker vergleichbar. Die Beschützerin der Könige der Welt und ihre Vertheidigerin, die glänzendste Perle im Korbe des Glückes, der leuchtendste Stern des hohen und glücklichen Gestirnes. Der Edelstein der königlichen Krone, die kostbare Perle, das Kleinod des Meeres. Die den Thron und die Krone Schmückende, die den Königen der Welt Gebietende, die den Gewaltigen auf Erden Kraft und Macht Verleihende, die die Reiche der Größe und Herrschaft Unterwerfende, die allen mächtigen und reichen Staaten Gebietende, die das Banner staatlicher Macht und staatlichen Ruhmes Tragende, die den hohen und königlichen Thron Verschönernde. Die Königin des berühmtesten Thrones und Herrscherin des Thrones Feridun's. Feridun (Aferidun) siebenter König von Persien aus der ersten Dynastie, war ein Sohn des Alkian, eines Nachkommen aus dem Geschlecht Dshemschid's. Er besiegte den Zohak , einen Usurpator der persischen Krone, nahm ihn gefangen und hielt ihn in einer Höhle des Gebirges Danavend in sicherer Verwahrung. Der Tag dieser berühmten Schlacht wurde von den Persern Mihirdschan genannt, weil er gerade in den Anfang des Herbstäquinoktiums fiel, welches diesen Namen im persischen Kalender führt. Saadi und Dschamy verherrlichen in ihren Liedern die Weisheit und Gnade Feridun's. Die Herrin, die der Sonne Glanz und dem Monde Licht Spendende; die Kaiserin , die große und hohe Königin der Könige. Und daneben der König der Welt , umgeben von der heiligen Schaar; der Herrscher der Krone, des Thrones und 260 der Fahnen. Iskjander und Darius sind seine Sklaven. Sein Hof ist dem Himmel gleich, sein Heer den Sternen. Der ewige Himmel muß solchem triumphirenden Herrscher viele Jahrhunderte schenken. Er ist selbst noch ein Jüngling, und jung ist auch sein Thron. Er ist das Licht des Herzens, der Beherrscher der Welt, der die Städte und Vesten Unterwerfende. Als das Weltall die Gerechtigkeit dieses Padischah's der Menschheit sah, vergaß es die Gerechtigkeit Nuschirwan's. Nuschirwan – auch Anurschiwan Ben Cobad – hat von den Arabern den Beinamen Kisra und von den Persern den Beinamen Khosru erhalten. Es ist dieses Khosroes der Erste, ein Sohn Cobades, eines Königs aus der Dynastie der Sassaniden, auch die Dynastie des Khosroes genannt. Nuschirwan wird von den persischen Geschichtsschreibern und Dichtern als ein Fürst gerühmt, der alle Tugenden in sich vereinigte. Wenn seine Heere gegen die Feinde ziehen, so erzittert das Kaffgebirge wie ein klirrend Glas, und vor dem Klange der Flöten und Trommeln seiner Heere erzittern Alle und erschrecken sehr. Der Herrscher der Schwerter, Lanzen und Banner, der König der Könige der Welt \&c. \&c.: das ist der große und gebietende Kaiser, der Herr aller Reußen, Nikolai Paulowitsch , dessen Reich Allah bestehen läßt durch die Jahrhunderte, und dessen Größe er ewig macht. Seine Majestät sitzt auf dem königlichen Stuhle der Gerechtigkeit, die Grundlage des Rechtes befestigend. Er schwingt das Banner auf der Seite des Rechtes, und waltet herrlich auf dem Throne der Gerechtigkeit. Die Völker der Länder, welche unter dem Schutze und Scepter eines solchen Herrn stehen, der seinen Unterthanen Gerechtigkeit und Liebe erzeigt, 261 der den Zephyr seiner Gnade und den Hauch seiner Barmherzigkeit über alle Städte wehen läßt wie der Wind über's Rosenbeet wehet; in dessen Gefolge Iskjander geht, und dessen Wächter Darius ist, und von dessen Gerechtigkeitsliebe alle Völker überzeugt sind: ihn müssen wir aus reinem Herzen und ohne Heuchelei mit Nachtigallzungen im Gebete erheben, und den König würdig besingen, der Dshemschid darin vergleichbar, daß seine gerechte Stimme fortwährend die Kette Nuschirwan's erzittern macht, der durch seine Gerechtigkeit, gleich dem Lichte der Sonne, diese Welt erleuchtet, welche durch das Graus der Verbrechen verfinstert ist; – inbrünstig müssen wir beten für die Erhaltung und Fortdauer seines Lebens. Jetzt ist unser Gebet zu den Pforten des Königs der Gerechtigkeit und das Verlangen zu dem Padischah des Rechtes, welcher alle Theile dieser Welt zusammengefügt und erschaffen durch seine unvergleichliche Macht; der den hellblauen Atlas zum Sonnenschirm gemacht des Weltalls; der den Himmel mit Sternen geschmückt hat; der die Erde geordnet und sie besäet mit Menschen und Dshinnen (Geistern) und bekleidet mit grünem Schmuck \&c. \&c. \&c., zu ihm beten wir für das Glück und Gedeihen des hohen Selbstherrschers und seines kaiserlichen Hauses, für die Kinder der Macht und Größe, für die stolzen Aeste und Zweige des kaiserlichen Stammes. Ihre Majestät die Kaiserin, das Sonnenantlitz des zarischen Sternbildes, 262 das die hellstrahlende Venus verdunkelnde, das den Palast der Macht und des Glückes erleuchtende; die am Himmel des zarischen Harems leuchtende Sonne, die Herrin der Völker, die Hüterin des mit den Früchten des Glücks beladenen zarischen Fruchtbaumes, Alexandra Feodorowna. Wir beten für ihre strahlende Nachkommenschaft, für den Erben des Thrones der Herrschaft, den Sohn des Königes der Könige \&c. \&c., den Großfürsten und Cäsarewitsch Alexander Nikolajewitsch. Mögest Du, o Gott! sein Leben verlängern und seine Nachkommenschaft ewig machen, und in ewiger Schönheit erhalten die das Harem seines Palastes verherrlichende angebetete Großfürstin, die Cäsarewna Maria Alexandrowna! Und mögest Du auch erhalten den hochgeehrten und großen Herrn, den uns durch seine grenzenlose Liebenswürdigkeit über Alles theuern Großfürsten Michael Paulowitsch und seine hohe Gemahlin. Mögest Du auch erhalten den reinen Perlenschmuck, das Kleinod des Meeres, die Beherrscherin der Anmuth, den Perlenglanz der Sonne, die kostbarste Perle im Korbe der Reinheit, die große Herrin und Fürstin Maria Nikolajewna! Mögest Du erhalten in ewigem Glanze die Sonne im Harem des Palastes des Herrschers der Macht, des großen Schahsadé Alexander Nikolajewitsch! Wir beten für die glücklich unter den Thronesdecken sitzende Großfürstin, die Palme des Lichtes und der Hoheit, Alexandra Alexandrowna, und die der Ehrerbietung, Verehrung, Hoheit und des Ruhmes würdigen Großfürstinnen Maria, Elisabeth und Jekaterina Michailowna, und die den hohen Saal der Versammlung erleuchtende Lampe, die herrliche Palme des zarischen Gartens des großen Schahsadé, die Fürstin Maria Paulowna, und die Rose des zarischen Gartens, die Palme des zarischen 263 Blumenbeets, die große Schahsadé, die Fürstin, Königin der Niederlande, Anna Paulowna \&c. \&c.« In ähnlicher überschwenglicher Weise geht es noch mehrere Seiten fort; doch glaube ich, daß der Leser genug hat an dieser Probe, um so mehr, als sich die alten Bilder und Wendungen immer wiederholen und der verherrlichende Wirrwarr immer größer wird, jemehr es dem Schlusse zugeht. Am Schlusse steht in besonders künstlicher Schrift: Dem Beherrscher der Welten wird dieses reine Gebet für den Kaiser und den großen König der Könige dargebracht von Mirza-Abul-Kassim , Kadi des Kreises von Karabagh.         * * * Ich lasse nun das bei Gelegenheit des Einzugs der Russen in Eriwan gedichtete tatarische Loblieb folgen, welches für den Leser schon deshalb Interesse haben wird, weil es eine förmliche Schilderung der Eroberung jener berühmten Veste enthält, welcher Fürst Paskjewitsch seinen Beinamen Eriwansky zu verdanken hat. Tatarisches Loblied auf den Einzug der Russen in Eriwan.         »Ich bete des Nikolai Paulowitsch Thron und Krone an; Ich bete den von ihm allen Königen abgezwungenen Tribut an; Ich bete des Katholikos Nerses dargebrachte Hülfe an, Ich bete seine in Etschmiadsyn gehaltene Messe an. 264 Sieben Tage gab man Bedenkzeit und stürmte dann Eriwan, Warf Kugeln und Bomben in die Stadt, daß Häuser und Steine erdröhnten; Man nahm den Hassan-Chan fest und überzog sein Gesicht mit Schmerzen. Nun fing das Tummeln unter den langbeinigen Sarbassen an; Die Chorassaner sammelten sich um den Melik und fleheten seine Hülfe an. Die Muschtahiden hatte man getödtet und es blieb kein Imamsadé .     Ich bete des Nikolai Paulowitsch Thron und Krone an. \&c. \&c. Man warf Kugeln und Bomben auf Sardarabad; Man nahm die Sarbassen gefangen, bärtige und unbärtige; Das Wort unbärtig : thükssüs, hat einen doppelten Sinn. Einmal bedeutet es, was es sagt, und zweitens werden solche junge Leute damit bezeichnet, welche sich zu Werkzeugen geschlechtlicher Verirrungen mißbrauchen lassen. Die letztere Bedeutung des Wortes ist bei Persern und Tataren die allgemeine. Hassan-Chan nahm die Flucht und die Russen verfolgten ihn; Er flehete zu Paskjewitsch: Befreie mich um Eures Kreuzes willen! 265 Wer hat je einen Sardaar wie Paskjewitsch gesehen? Er besiegte den Schach und die Schahsadé's und machte ihr Hab' und Gut zu Schanden. Der arme Jussuf, der dies Lied gedichtet hat, wozu braucht er die Güter der Welt!« 266   Siebzehntes Kapitel. Des Weisen von Gjändsha zweite und letzte Liebe. Schluß der Lieder des Mirza-Schaffy. Ihr erinnert Euch noch jener Mondscheinscene, wo wir bei unserer nächtlichen Wanderung durch die Straßen von Tiflis Mirza-Schaffy überraschten, als er singend einer neuen Schönen seine Huldigungen darbrachte. Diese Liebe hatte tiefer Wurzel geschlagen in seiner Brust als ich Anfangs glaubte, und trotz seiner Behauptung, daß ein Verliebter keine vernünftigen Verse machen könne, datiren einige seiner lieblichsten Gedichte ans jener Zeit. Hieher gehört das in einem früheren Kapitel mitgetheilte Gasel: »Wenn zum Tanz die jungen Mädchen \&c.;« ferner das Lied: »Schlag die Tschadra zurück, was verhüllst Du Dich?« und ein anderes, Euch noch unbekanntes Gedicht, welches ich hier um so mehr mittheilen muß, als es eine lebendige Schilderung Hafisa's , der zweiten und letzten Liebe Mirza-Schaffy's, enthält: 267     O, wie mir schweren Dranges Das Herz im Leibe bebt, Wenn sie so leichten Ganges An mir vorüber schwebt! Herab vom Rücken weht Ein blendend weißer Schleier; Durch ihre Augen geht Ein wunderbares Feuer; Die schwarzen Locken wühlen Um ihres Nackens Fülle; Der Leib, der Busen fühlen Sich eng in ihrer Hülle. All überall Bewegung, All überall Entzücken, Daß sich in toller Regung Die Sinne mir berücken, Daß wunderbaren Dranges Das Herz im Leibe bebt Wenn sie so leichten Ganges An mir vorüberschwebt! Narzissen blüh'n und Rosen Am himmelblauen Kleide, Darunter flammen Hosen Von feuerrother Seide – Die kleinen, zarten Füße, Die weichen, feinen Hände, Der Mundrubin, der süße, Der Zauber ohne Ende! 268 O, wie mir schweren Dranges Das Herz im Leibe bebt, Wenn sie so leichten Ganges An mir vorüberschwebt! * * * Nur wenn mein weiser Lehrer bei besonders guter Laune war, angeregt durch Wein und trauliche Unterhaltung, gelang es mir hin und wieder ihm ein solches Lied zu entlocken, denn sonderbarer Weise suchte er es sonst immer sorgfältig zu vermeiden, das Gespräch auf seine Hafisa zu bringen. Ich konnte lange den Schlüssel zur Lösung dieses Räthsels nicht finden, bis mich ein Zufall darauf führte. Ich hatte eines Tages meinen Spaziergang etwas länger als gewöhnlich ausgedehnt und fand nach meiner Rückkehr Mirza-Schaffy schon auf mich wartend im Divan der Weisheit. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte er sein Kalemdan hervorgeholt und ein auf dem Tische liegendes Stück Papier mit Versen beschrieben, was er gewöhnlich in ähnlichen Fällen zu thun pflegte, nur mit dem Unterschied, daß er sonst seine Verse ruhig liegen ließ, oder sie nur aufhob um belehrende Erklärungen daran zu knüpfen, während er dieses Mal das beschriebene Papier hastig beisteckte, als er meiner ansichtig wurde. Ich that, als ob ich nichts bemerkt hätte, und als ich in das offenstehende Nebenzimmer ging, um mich umzukleiden, begann er ein Lied von Hafis zu singen:         »Wenn die Winde, Mädchen! Deiner Locken Duft     Nach Hafisens Grabe wehen, Werden aus seiner stillen Gruft     Tausend schöne Blumen erstehen!« 269 »Was fangen wir heute an, o Mirza-Schaffy?« fragte ich, nachdem ich Wein besorgt und ihm zugetrunken hatte. Er klopfte seinen Tschibuq aus und erwiederte: – Nimm Papier und Kalem zur Hand, ich werde Dir Gasele von Fisuli vorsingen! – Er sang und ich schrieb:         »Um zu Dir, mein Leben, zu kommen, hab' ich Leben gegeben; Sei barmherzig, denn durch Dich erst kam ich zum Leben! Einen Edelstein sucht' ich, und zur Fundgrube hat mich Das Schicksal geleitet zum Lohn für mein Streben! Eine Ameise bin ich, die weit umher irrte, Bis Salomo's Palast ihr Obdach gegeben! Wie ein Tropfen Wasser zum Ocean geschwommen, Komm ich armer Fisuli zu Dir, süßes Leben!« »Der Sinn des Gasels würde mir besser gefallen – sagte ich – wenn im Schlußdistichon Dein Name, o Weiser! statt des Namens Fisuli enthalten wäre.« – Willst Du Lieder von mir hören? Ich werde Dir singen. – »Deine Lieder hör' ich immer gern; aber die Bedeutung meiner Worte war dieses Mal eine andere. Ich meinte nicht es wäre mir lieber gewesen, daß das Lied Dich zum Verfasser hätte, sondern daß der Sinn seiner Worte auf Dich paßte. 270 Mirza-Schaffy sah mich überrascht und betroffen an. »Du mußt mir nicht zürnen, o Weiser! – fuhr ich fort – daß ich den Blick der Neugier in die Falten Deines Herzens geworfen. Es ist Theilnahme und Freundschaft für Dich, was mich dazu treibt. Ich weiß, daß Du verliebt bist; Du selbst hast es mir gesagt. Und wäre dem nicht so, ich hätte es errathen, wie der Volksmund spricht: Moschus und Liebe können nicht verborgen bleiben. Du hast mir auch gestanden, daß diese Liebe keine eitele und gewöhnliche sei, keine duftlose Tulpe, die der leiseste Wind hin- und herbewegt, sondern ein starker Rosenbaum, der tiefe Wurzeln geschlagen und von gutem Geruch ist. Es ist die Art der Rosen, daß sie blühen und duften, und die Natur der Verliebten, daß sie fröhlich und guter Dinge sind. Du aber bist traurig, o Mirza-Schaffy! und das thut mir weh. Du bist traurig, wenn Du es auch unter Trinken und Singen zu verbergen suchest. Ich möchte die Ursache Deines Grames wissen; vielleicht könnte ich Dir helfen. Aber Du umhüllst Dein Herz mit dem Schleier des Geheimnisses; sogar Deine Lieder versteckst Du vor mir!« Ich wies dabei auf die Tasche hin, worin er das beschriebene Blatt Papier verborgen hatte. Mirza-Schaffy versank eine Weile in tiefes Nachdenken, blies, wie gewöhnlich in solchen Fällen, den Dampf seines Tschibuq's in längeren Zügen vor sich hin, stürzte ein paar Gläser Wein herunter, und reichte mir dann das beschriebene Blatt mit den Worten: – da lies! und ich will Dir Alles erzählen, was ich auf dem Herzen habe, wenn Du es hören willst! – Ich nahm zuvor das Blatt, um zu sehen was darauf stand. Es waren ein paar flüchtig hingeworfene Lieder, überschrieben: Hafisa . 271 Das erste lautete:         Neig', schöne Knospe! Dich zu mir. Und was ich bitte, das thu' mir,     Ich will Dich pflegen und halten; Du sollst bei mir erwarmen, Und sollst in meinen Armen     Zur Blume Dich entfalten! Das zweite hatte scheinbar gar keinen inneren Zusammenhang mit dem Ersten, war aber doch in demselben Gedankengange geschrieben. Hier folgt es:         Ei Du närrisches Herz, Das Dich klagend gebeugt hast! Du bejammerst den Schmerz, Den Du selber erzeugt hast! Du verzweifelst in Gefahr heut, Und suchst selbst doch die Gefahr! Und ich kenne Deine Narrheit, Und bin selbst ein solcher Narr! »Du weißt, – begann Mirza-Schaffy seine Erzählung – daß der Vater Hafisa's mir gleich Anfangs die bestimmte Erklärung geben ließ, nicht eher von meiner Minne hören zu wollen, bis ich den sicheren Nachweis geliefert, daß ich im Stande sei, genügend für den Unterhalt einer Familie zu sorgen.« – 272 – Wie oft soll ich Dir wiederholen – unterbrach ich den Weisen – daß dieses sich sehr leicht erreichen läßt, wenn Du meinem Rathe folgst und eine Stelle als Lehrer der tatarischen Sprache beim Gymnasium annimmst! – »Wenn das so ginge, würde ich mich schon fügen, aus Liebe zu Hafisa; aber – es geht nicht!« – Dann ist es Deine eigene Schuld! Ich habe den Direktor Kulshinsky erst vor ein paar Tagen gesprochen und aus seinem eigenen Munde gehört, daß alle Schwierigkeiten leicht zu beseitigen wären, wenn Du nur Ernst machen wolltest. – »Hab' ich nicht gethan was ich konnte? Hab' ich nicht meiner Zunge Gewalt angethan im Reden und Schweigen? Bin ich nicht von einem Hause zum Andern gepilgert wie ein Fakir, mit dem Blicke der Demuth? Hab' ich nicht Bittschriften eingereicht ganz nach Deiner Weisung? Aber nun sitz' ich schon seit ein paar Monaten auf dem Teppich der Erwartung, und bin nicht klüger als vorher.« – Hast Du denn gar keine bestimmte Antwort erhalten? – »Antworten genug. Es schien überall, als nickte man mir zu mit dem Blicke der Gewährung; aber ich wurde von einem Tage zum anderen vertröstet. Endlich, wie ich glaube aus dem Vorhofe des Zweifels eingehen zu können in die Pforte der Gewißheit; erhalte ich eine große Schrift, wovon ich kein Wort verstehe. In dem Wahne, es sei die Bestätigungsschrift meiner Einsetzung, eile ich damit zu meinem Vermittler Sowohl bei den Tataren, wie bei den Georgiern und Armeniern werden die Ehewerbungen immer durch Vermittler besorgt. Durch einen älteren Mann wendet man sich an den Vater, und durch eine ältere Frau an die Mutter der Braut, um das Nöthige einzuleiten. und bitte ihn, die Heirathsangelegenheit jetzt eilig 273 zu betreiben: diese Schrift sei eine bessere Gewähr für den Vater Hafisa's, als der Nachweis des größten Vermögens. Der Vermittler nahm die Schrift und richtete meinen Auftrag aus. Wer beschreibt mein Erstaunen, als er zwei Tage darauf zu mir kam mit dem Blick des Zornes und mich schmähete mit bitteren Worten, daß ich ihn hintergangen hätte mit meiner Rede!« – Wie ging das zu? – »Der Vater Hafisa's, des Russischen so wenig kundig wie ich, schickte, bevor er sich in weitere Unterhandlungen einließ, die Schrift zum Mufti und erbat sich von diesem ein Fetwa (Gutachten), ob die Schrift genügenden Ausweis über meine Vermögenszustände gebe? Die Antwort lautete verneinend.« – Wie war das Fetwa abgefaßt? – »Wie alle anderen. Es giebt dafür eine vorgeschriebene Form, welche der Mufti blos auszufüllen braucht, was gewöhnlich mit Einem Worte geschieht. Der Vermittler brachte mir eine Abschrift des Fetwa und . . . – Kannst Du mir – unterbrach ich meinen Lehrer wieder – den wortgetreuen Inhalt davon sagen? – »Was sollt' ich nicht! aber ich will es Dir lieber zeigen wie es ist; ich hab' es bei mir.« Und der Weise zog aus einem zusammengerollten Hefte von Seidenpapier, welches er immer bei sich trug, das Fetwa, welches folgendermaßen abgefaßt war: »Die Hülfe kommt von Gott! Frage : Giebt diese russische Schrift hinlängliche Auskunft über Mirza-Schaffy's Vermögenszustände? 274 Antwort : Nein! – Gott weiß es am besten. Dieses schrieb der arme Mullah-Hadshi-Jussuf , dem Gott vergeben wolle.«         »Der Vater Hafisa's – fuhr Mirza-Schaffy fort – ließ sich nun in seinem Grimme eine vollständige Uebersetzung der russischen Schrift geben, woraus er mit nicht geringem Staunen ersah, daß nichts darin enthalten war, als eine Aufforderung vom Direktor Kulshinsky an mich, daß ich am nächsten Donnerstag, Nachmittags 5 Uhr, im Gymnasium erscheinen sollte, um mich in der tatarischen Sprache examiniren zu lassen« . . . Hier hielt der Weise einen Augenblick inne, und that einen tüchtigen Zug aus dem Glase, um das Feuer seines Unmuths zu löschen. Er war sichtbar überwältigt von den Erinnerungen, welche durch seine Erzählung wieder lebendig vor ihm auftauchten. Besonders kränkend schien ihm der Gedanke zu sein, daß man ihm hatte zumuthen können, sich examiniren zu lassen, und noch obendrein in einem russischen Gymnasium! Dieser Gedanke drängte in dem Augenblicke alles Uebrige in den Hintergrund. Mirza-Schaffy, der erste Weise des Morgenlandes, der Stolz seines Stammes, der Herrscher im Reiche der Schönheit, die Perle in der Muschel der Dichtkunst –soll sich examiniren lassen in seiner eigenen Sprache! Ich begriff ganz die Glut des Zornes, die sein Antlitz röthete, die Fluth der Gefühle, die seine Brust durchwogte. 275 Es trieb mich, Balsam in seine Wunden zu träufeln: »Frägt man auch die Sonne – rief ich – ob sie leuchtet? oder die Rose ob sie duftet? und ist es nicht ein eben so thörichtes Beginnen, die Frage des Zweifels an Mirza-Schaffy zu richten: ob er weise sei? oder ihn prüfen zu wollen in seiner Wissenschaft? Aber so wenig die Sonne finster wird, wenn es einem Thoren beikommt, an ihrer Klarheit zu zweifeln, so wenig mußt auch Du Dich erzürnen, wenn die Thoren Zweifel in Deine Weisheit setzen! Hast Du nicht selbst gesungen:         »Verscheuch den Gram durch Liebsgekose, Durch Deiner süßen Lieder Schall! Nimm Dir ein Beispiel an der Rose, Ein Beispiel an der Nachtigall: Die Rose auch, die farbenprächt'ge, Kann nicht der Erde Schmutz entbehren; Und Bülbül selbst, die liedesmächt'ge, Muß sich von schlechten Würmern nähren!« Singe mir ein Lied von Deiner Hafisa, das wird Dich in bessere Laune versetzen. Nachher erzählst Du mir beim Glase Wein das Ende Deiner Geschichte!« – Meine Worte hatten ihren Eindruck auf den Weisen nicht verfehlt. Er trank mir ein »Allahwerdy« zu, stellte seinen Tschibuq bei Seite, ließ das Bein vom Divan herabsinken und hub an zu singen:         »Wenn dermaleinst des Paradieses Pforten Den Frommen zur Belohnung offen steh'n, Und buntgeschaart die Menschen aller Orten Davor in Zweifel, Angst und Hoffen steh'n: 276 Werd' ich allein von allen Sündern dorten Von Angst und Zweifel nicht betroffen steh'n, Da lange schon auf Erden mir die Pforten Des Paradieses durch Dich offen steh'n!« Er lächelte selbstgefällig, als ich ihm Lob gespendet für sein Gedicht. Erfreut über die gute Wirkung, welche mein Rath auf ihn geübt, sagte ich zu ihm: – Siehst Du, Mirza-Schaffy, welch ein glücklicher Mensch Du bist! Der bloße Gedanke an Deine Liebe heitert Dich auf. Wie glücklich wirst Du erst sein im vollen Besitz der Geliebten! Hat nicht Nechschebi Recht, wenn er singt, daß die Liebe schon deshalb das Schönste auf Erden sei, weil Fürst und Derwisch gleich sind in ihr? – »Aber Nechschebi hat auch gesagt – entgegnete Mirza-Schaffy: – ein Mensch ohne Geld ist ohne Ansehen, und ein Haus ohne Geld ist wüste! – Soll ich die Liebe in ein wüstes Haus bringen? früher fiel es mir nie ein, an dergleichen zu denken; jetzt aber macht mich der Gedanke oft trübe.« – Laß die Klage – rief ich – o Mirza-Schaffy! Es wird sich Alles noch zum Guten wenden; durch den kleinen Irrthum mit dem russischen Papiere ist an der Sache selbst nichts verdorben. Du hast Dich einmal entschlossen, Deine Freiheit aus Liebe für Hafisa zu opfern, und mußt Deinem Entschlusse treu bleiben. Ich sehe keinen erheblichen Grund, warum Du die Stelle am Gymnasium nicht erhalten solltest . . . »Aber das Examen!« – Wird sich beseitigen lassen! Es wäre zu thöricht, Zweifel zu setzen in Deine Wissenschaft. Es ist Gesetz bei den Moskow, daß jeder Lehrer der in den Dienst der Regierung 277 tritt, zuvor einem Examen sich unterwerfen muß, weil der Thoren hier viele sind und der Weisen wenige. Das Gesetz ist also wohlbegründet; aber man wird eine Ausnahme machen mit Dir. – »Man würde eine Ausnahme machen, wenn ich statt meiner Lieder zum Preise des Weines und der Schönheit, lange Gebete geschrieben hätte voll Blendwerk und Heuchelei, wie Mirza-Abul-Kassim, der Kadi von Karabagh. Nur den Schlangen gelingt es, sich überall durchzuwinden!« Erst nachdem ich dem Weisen durch Fragen aller Art das Ende seiner Geschichte entlockt hatte, begriff ich wie es zuging, daß trotz meiner beruhigenden Zusprache, trotz Trinken und Singen, doch noch ein Rest von Bitterkeit in ihm zurückgeblieben. Der Vater Hafisa's hatte nämlich in seiner Botschaft an Mirza-Schaffy mit besonderer Schärfe den Punkt hervorgehoben, daß es wohl eben so zweifelhaft mit seiner Weisheit wie mit seinem Vermögen sein müsse, da selbst die Moskow es für nöthig hielten, ihn erst einer Prüfung zu unterwerfen. War es schon tief kränkend für Mirza-Schaffy, daß man im Hause Hafisa's von ihm glauben konnte, er habe durch Uebersendung der russischen Schrift einen absichtlichen Betrug begehen wollen, so ging es ihm doch noch tiefer zu Herzen, daß man Zweifel in seine Weisheit setzte. – Glaubst Du denn – fragte ich ihn – daß Hafisa Dich deshalb weniger lieben wird? – »Nein.« – Oder fürchtest Du ihre Mutter? – »Nein, die Mutter ist eben so verliebt in meine Lieder, wie die Tochter in mich.« – Nun, was hast Du denn noch für Besorgnisse? Mit dem alten geldgierigen Vater wollen wir schon fertig werden, 278 wenn Du nur erst in Amt und Würden bist und die Mittel hast, das Hochzeitsgemach zu bereiten. Für die Beseitigung der Schwierigkeiten des Examens will ich schon sorgen. – Es war mir vollkommener Ernst mit dem was ich sagte; denn ich zweifelte nicht, daß sich bei freundschaftlicher Besprechung mit der obern Schulbehörde ein vermittelnder Ausweg finden ließe, der Strenge des Gesetzes Genüge zu thun, ohne den Stolz des Weisen zu beugen. Auch gelang es mir endlich, meinen verliebten Lehrer in allen Stücken so vollständig zu beruhigen, daß er zuletzt Witze über sich selbst machte und bei mir blieb bis spät am Abend. »War mir's doch gerade – sprach er lächelnd – als wäre meine Weisheit lustwandeln gegangen im Dunkel des Abends! Ich kam um Weisheit zu lehren, und mußte Weisheit lernen. Man könnte den Weibern böse werden, daß sie eben denen die ihnen am meisten anhangen, den Kopf am meisten verdrehen, wenn es nicht gar zu liebe Geschöpfe wären! Bei ihnen wächst der Verstand mit der Liebe – bei uns nimmt er ab:         Mirza-Schaffy! wie groß war Dein Verstand, Kaum fand er Platz in Deinem Haupt! Und doch: wie klein war jene weiße Hand, Die Herz Dir und Verstand geraubt!« – Das sind die Widersprüche der Liebe, warf ich ein – eine große Hand hätte Dein Herz schwerlich davon getragen! – »Du redest weise! – entgegnete er schmunzelnd – doch muß man über die Widersprüche im Leben nicht zu viel grübeln; das Herz leidet darunter, und der Verstand gewinnt 279 nichts dabei. Die Liebe bringt Herz und Verstand zu fortwährendem Widerspruch. Das Herz sieht in der Liebe die größte Seligkeit, und der Verstand sieht darin die größte Plage auf Erden. Und doch ist es nur die Liebe, die den Menschen zum Menschen macht.« – Ein alter Weiser meines Stammes – fiel ich ein – hat Aehnliches gesagt:         »Wer ohne Weiber könnte sein, Wär frei von vielen Beschwerden – Wer ohne Weiber wollte sein, Wär nicht viel Nutz auf Erden!« Er drückte seine hohe Zufriedenheit aus über die Weisheit des Spruches, schlürfte ein Glas Wein herunter und machte sich bereit fortzugehen, aber ich hielt ihn zurück mit den Worten: – Mirza-Schaffy! Du weißt, welch lebendigen Antheil ich nehme an Deiner Liebe, und doch hast Du mir noch nicht einmal erzählt, wie es zuging, daß Du Hafisa kennen gelernt! – »Was ist davon zu erzählen?« – Alles was Du weißt! ich höre dergleichen gerne, bis auf die geringfügigsten Umstände herab. Zünde Dir noch einen Tschibuq an und spinn' Deine Geschichte ab in aller Behaglichkeit beim Glase Wein. – »Das wird nicht lange dauern – sprach der Weise von Gjändsha: –         Sich sehn, sich lieben, sich wählen: Was ist da viel zu erzählen?« 280 – Ich möchte gern wissen – entgegnete ich – wie Du dazu gekommen bist, Hafisa zu sehen, sie zu lieben und zu wählen! – »Das ist ganz einfach. Du hast den Weg gemacht zu meiner Wohnung und weißt, welche Straßen es zu durchwandern giebt, um dahin zu gelangen. Du weißt auch, daß allabendlich beim Mondenscheine die Mädchen auf den Dächern weilen, und sich vergnügen durch Tanz, Gespräch und Gesang. In der ersten Quergasse durch welche der Weg führt, wenn man die Häuser der Armenier und Russen hinter sich hat, hatte seit einiger Zeit ein liebliches Wesen von hohem Wuchs meine Blicke gefesselt. Ich sah das holde Geschöpf zum Erstenmal an demselben Abend wo ich Dir die Geschichte von Zuléikha erzählte, und obgleich mein Herz überfloß von der wehmüthigen Erinnerung an meine Jugendliebe, so war ich doch so bezaubert von der Schönheit des schlanken Mädchens auf dem Dache, daß ich nicht umhin konnte, den Blick der Bewunderung auf sie zu werfen. Eine kurze Weile that sie als bemerkte sie mich nicht. Als ich aber stehen blieb, und meine Mütze abnahm, um mir den Kopf etwas zu lüften, – denn von der Erzählung, vom Trinken und vom Gehen war mir sehr heiß geworden – verschwand sie plötzlich vom Dache . . . Schwer im Kopfe und Herzen ging ich zu Hause und legte mich nieder. Aber ich konnte die ganze Nacht keine Ruhe finden. Wenn ich einmal ein Viertelstündchen einschlief, so erschien mir Zuléikha im Traume. Bald aber wurde ihr Bild wieder verdrängt von dem schönen Mädchen auf dem Dache in der Quergasse. Dann erwachte ich plötzlich und streckte mich unruhig hin und her auf dem Lager, und machte mir selbst Vorwürfe ob meiner Träume, als ob ich daran Schuld wäre. Am folgenden Morgen sprach ich zu 281 mir: Mirza-Schaffy, werde Dir klar in Deinem Beginnen! Du hast Jahre lang in Ruhe und Weisheit gelebt, und hast Dich gestreckt auf dem Teppich der Sorglosigkeit: willst Du Dich abermals einschiffen auf dem stürmischen Meere der Liebe, trotz aller bitteren Erfahrungen der Vergangenheit? Oder willst Du fortfahren ein ruhiges Leben zu führen? Ich beschloß das Letztere, und als ich wieder zu Dir kam, um Dich zu unterrichten, vermied ich es, den Weg durch die Quergasse zu gehen. Ebenso that ich bei der Rückkehr in meine Wohnung. Trotzdem verbrachte ich die Nacht noch unruhiger als zuvor. Und am folgenden Morgen sprach ich zu mir: Mirza-Schaffy, was willst Du Dein Herz verhüllen mit dem Schleier der Täuschung! Du bist verliebt. Wo ein Haus brennt, und man eilt nicht hinzu es zu löschen, da wird es zu Grunde gerichtet von den Flammen. Mit dem Herzen aber ist es umgekehrt. Hier vermag kein Wasser zu löschen. Wo ein Herz Feuer gefangen, findet es nur Heil, wenn es gelingt, noch ein anderes Herz zu entzünden. Darum thue, was das Schicksal Dir vorschreibt! Und ich that also. Vor Allem verlangte es mich, die Gestalt des schönen Mädchens einmal beim Tageslichte zu sehen, um mich zu überzeugen, ob mich der Mondenschein nicht getäuscht hatte. Mehrere Tage vergingen, ehe ich die Erfüllung meines Wunsches erreichte. Am Ende des vierten Tages aber war ich so glücklich, das schöne Mädchen auf dem Dache zu erblicken. Sie sah sich nach allen Seiten um, aber es war Niemand rings auf den Dächern zu sehen; auch in der Straße war es still wie gewöhnlich zu der Zeit, ehe die Männer vom Bazar heimkehren. Ich stellte mich dem Hause gegenüber so auf, daß ich die ganze prachtvolle Gestalt sehen konnte, von den kleinen Füßchen an bis zu dem lockenumwallten Köpfchen. Und sie 282 erschrak nicht vor mir, wie die Jungfrauen sonst zu thun pflegen beim Anblick der Männer, sondern sie lüftete ihr Angesicht und schauete lächelnd auf mich hernieder, so strahlenden Blickes, daß es mich warm überlief vor Wonne und Seligkeit, denn sie erschien mir am Tage beim Sonnenlicht noch viel schöner als im Mondenschein. Das Glück macht den Augenblick zur Ewigkeit und die Ewigkeit zum Augenblicke. Darum weiß ich nicht, wie lange ich da gestanden, verloren im Anschauen des herrlichen Mädchens auf dem Dache; ich weiß nur, daß ich so lange stehen blieb als ich sie sehen konnte. Wie ein Traumbild war sie vor mir aufgestiegen, wie ein Traumbild verschwand sie plötzlich. Ich setzte meine Mütze zurecht . . . – Da hast Du gewiß wieder Deinen weißen Kopf gezeigt! – fiel ich ein. »Etwas gelüftet, weil es sehr heiß war – entgegnete er schmunzelnd – und erst beim Nachhausegehn bemerkte ich, daß es lebhafter in den Straßen geworden war. Vermuthlich war dieses die Ursache des Verschwindens meiner Schönen gewesen. Ich war wie ein Trunkener und Alles drehete sich vor meinen Augen. Ja, ich wußte nicht bestimmt, ob ich wachte oder schlief, und kniff mich in's Bein und in den Arm, um mich zu überzeugen, daß ich wirklich wach sei. Denn gerade so wie mir die Jungfrau auf dem Dache erschienen, hatte ich sie im Traume gesehen:         Drum traut' ich meinen Augen kaum Im Angesicht der schönen Maid – Mir ward die Wirklichkeit zum Traum, Mir ward der Traum zur Wirklichkeit! 283 Werde Dir klar, o Mirza-Schaffy! – sprach ich zu mir selbst – galt Dir der lange, seelenvolle Blick der Jungfrau, so darfst Du das Auge des Verlangens auf sie werfen – galt er Dir nicht , so wär' es eine Thorheit, länger Dein Herz zu versengen im Feuer ihres Angesichts! Um die Wahrheit zu erforschen, schrieb ich ein duftiges Lied, in der Absicht, ihr dasselbe bei der ersten Gelegenheit vorzusingen, oder falls sich diesem Beginnen Hindernisse in den Weg stellen sollten, das Lied um das Zweiglein eines Mandelbaumes gewickelt, ihr auf's Dach zu werfen.« – Weißt Du das duftige Lied auswendig, o Mirza-Schaffy? so sing' es mir vor! – Alsobald hub der Weise zu singen an:         »Ein Blick des Augs hat mich erfreut – Der Zauber dieses Augenblicks Wirkt immerfort in mir erneut, Ein leuchtend Wunder des Geschicks. Drum eine Frage stell' ich Dir, Horch huldvoll auf, mein süßes Leben: Galt jener Blick des Auges mir, So magst Du mir ein Zeichen geben! Und darf ich Deinem Dienst mich weih'n, Und bist Du meinem Arm erreichbar: So wird mein Herz voll Jubel sein, Und meiner Freude nichts vergleichbar! 284 Dann leb' ich fort durch alle Zeit Im Wunderleuchten des Geschicks, Den Augenblick der Seligkeit, Die Seligkeit des Augenblicks!« »Kurze Zeit darauf gelang es mir – fuhr Mirza-Schaffy fort – eine günstige Gelegenheit zu erspähen, ihr das Lied vorzusingen. Doch war ich kaum mit der ersten Hälfte zu Ende, als wir durch das Erscheinen weiblicher Gestalten auf den benachbarten Dächern gestört wurden. Meine Schöne sah sich erschrocken um, und gab mir dann ein Zeichen zu gehen. Ich folgte dem Winke, aber warf ihr zuvor meine sorgfältig geschriebene Frageblume vor die Füße, und hatte im Weggehen die Freude zu sehen, daß sie das Mandelzweiglein, darum das feine Papier mit rothem Faden gewunden war, aufnahm und damit verschwand. Sie war im Besitz meines Liedes, und das genügte mir, um eines günstigen Erfolges gewiß zu sein! Hatte doch schon ihr freundliches Anhören meines Gesanges mir Alles gesagt was ich wissen wollte! Am folgenden Abend fand ich mich wieder ein zur gewöhnlichen Stunde. Die schöne Jungfrau saß mit verhülltem Antlitze auf dem Dache, wandte sich aber schnell um, sobald sie meiner von ferne ansichtig wurde. Ich ging langsam am Hause vorüber, ließ spähend die Blicke hinaufschweifen, aber sie sah nicht herab zu mir. Plötzlich kam hinter dem Hause her eine hochgewachsene alte Frau auf mich zugeschritten und flüsterte mir mit rauher Stimme die Worte zu: Folge mir, Mirza-Schaffy, von ferne! – Sie kannte meinen Namen; – wer konnte es anders sein als eine Botschafterin von meiner Schönen? Ich folgte ihr wie sie mich bedeutet hatte, und nach kurzer Wanderung blieb sie stehen vor einer kleinen, einsam 285 liegenden Sakli, deren Dach kaum mannshoch über der Erde war. Dort schlich sie hinein, als sie sich noch einmal winkend nach mir umgesehen. Ich kroch ihr nach in die dürftig ausgestattete, spärlich erleuchtete Sakli; ein paar hübsche Kinder, zehn- bis zwölfjährige Mädchen, welche auf einer Matte saßen und mit weiblicher Handarbeit beschäftigt waren, erhielten die Weisung auf's Dach zu gehen, um die frische Luft zu genießen, und ich blieb allein mit der alten Frau. »Mirza-Schaffy – hub sie an – was giebst Du mir, wenn ich Dir eine gute Nachricht verkünde? An meinem Munde hängt Dein Schicksal!« Ich gab ihr Alles was ich bei mir hatte; aber ich versprach ihr mehr für kommende Zeiten. Nun erzählte sie mir, was ich schon errathen hatte, daß Hafisa (dies ist der Name der schönen Jungfrau) den Blick des Wohlgefallens auf mich und mein Lied geworfen. Aber zugleich erfuhr ich, daß es schwer halten würde, in den Besitz Hafisa's zu gelangen, da ihr Vater, ein alter, geldgieriger Kaufmann, schon verschiedene Bewerber abgewiesen hätte, weil er einen zu großen Käbin (Kaufpreis) für seine Tochter verlangte. Es würde des Erzählens kein Ende werden, wollte ich Dir Alles wiederholen, was ich noch mit der geschwätzigen Alten verhandelte. Sie hatte große Lust, ihre Botschaft in zwei Theile zu sondern und mich zum folgenden Abend wieder zu bestellen, um eines doppelten Lohnes gewiß zu sein, aber es gelang mir durch Schmeichelworte und Versprechungen ihr Alles zu entlocken was sie wußte. Ich verabredete mit der Alten einen Plan, worauf sie nur nach langem Widerstreben und gegen das Versprechen einer beträchtlichen Summe, die ich vor Ausführung des Plans bezahlen mußte, einging. Meine ganze Baarschaft reichte kaum hin, ihr Begehren zu erfüllen, aber welche Opfer bringt man der Liebe nicht! Unser Plan 286 ging dahin, mich in Weibergewand zu kleiden, wozu die Alte, welche mir an Höhe des Wuchses fast gleich kam, das Nöthige herbeischaffen mußte. Am folgenden Abend war schon Alles hergerichtet, und so gelungen war meine Verkleidung, daß ich auf dem Wege zu Hafisa's Hause zwei Mal von verliebten Männern angesprochen wurde« . . . – Aber verrieth Dich Dein Bart nicht? – »Ich hatte das Gesicht, nach Art der Türkinnen, solchergestalt verhüllt mit den Tüchern der Schamhaftigkeit, daß nur die Augen zu sehen waren. Ueber den Tüchern trug ich noch einen Schleier, und den ganzen Körper umschlang die weiße Tschadra, so daß ich bei Alt und Jung durch meinen Anzug als ein Muster strenger Sitte und jungfräulicher Verschämtheit erscheinen mußte. Auf diese Weise konnte ich allabendlich mit Hafisa verkehren, ohne den geringsten Verdacht rege zu machen. Ihre Liebe wuchs mit meinen Besuchen und meinen Liedern, und wir verlebten selige Stunden des Beisammenseins, bis zufällig ihre Mutter hinter das Geheimniß kam. Sie hatte mich reden gehört mit Hafisa, und der Klang meiner Stimme hatte ihren Argwohn erweckt. Dazu fiel ihr meine große Gestalt auf, und ihre Neugier trieb sie, unser Gespräch zu belauschen. Die erschrockene Hafisa wagte nicht zu leugnen, als sie von der Mutter zur Rede gestellt wurde, und nun gab es eine Scene des Jammers, die ich nicht auffrischen mag in der Erinnerung. Alles wäre verloren gewesen, – wenn die Mutterliebe nicht den Sieg davon getragen hätte. Die Thränen der Tochter, die Betheuerungen ihrer heißen Liebe für mich und endlich meine Gedichte rührten das Herz der Mutter, denn ich hatte in einem Liede gesagt: die Frau welche Hafisa geboren, müßte selbst eine Peri sein in Anmuth und Hoheit, und sie verdiente, daß alle Königinnen der Welt ihre 287 Sklavinnen wären. Der Schoß, dem diese Rose entsprossen, sei dem duftigsten Blumenbeete vergleichbar, und ihr Busen bestehe aus Zwillingen des Vollmondes. Als die Mutter diese Verse las, verwandelte sich ihr Haß in Freundschaft für mich und sie selbst begünstigte fortan meine Bewerbung um die Hand ihrer Tochter. Ich mußte einen Vermittler suchen, um beim Vater um die Hand Hafisa's anzuhalten. Der Alte aber hatte so wenig Sinn für mich, wie für meine Gedichte, und der Antrag wäre rund abgeschlagen, hätte die Mutter nicht ihr gewichtiges Wort dazwischen gesprochen. Die Heirath würde längst vollzogen sein, wenn ich im Stande gewesen wäre, den verlangten Käbin zu erschwingen und einen befriedigenden Nachweis über meine Vermögensumstände zu geben. Dazu kommt nun der unglückliche Vorfall mit der russischen Schrift. – Das Fetwa des Mufti hat dem Vater Veranlassung gegeben, sich beim Muschtahid und bei den Mullahs näher nach mir zu erkundigen. Du kannst Dir denken, welche Meinung diese Säulen des Glaubens von mir haben! Ihr Urtheil würde günstiger lauten, wenn ich Gebete schriebe wie Mirza-Abul-Kassim von Karabagh. Das Uebrige weißt Du.« So weit Mirza-Schaffy. Kurz darauf mußte ich Tiflis verlassen. Doch nahm ich beim Abschiede die gegründete Hoffnung mit, daß in Folge der Verwendung einflußreicher Freunde, der Weise von Gjändsha dem Ziele seiner Wünsche näher sei, als er selbst glaubte. In Konstantinopel erhielt ich einen kurzen Brief von ihm, worin er mir anzeigte, daß er nicht am Gymnasium, sondern an der Garnisonschule eine gute Stelle erhalten habe; und aus anderer Quelle erfuhr ich, daß er seinen Pflichten mit großer Gewissenhaftigkeit obliege. Kurz nach meiner Rückkehr in die Heimath erhielt ich 288 abermals ein Schreiben von Mirza-Schaffy, worin er mir Nachricht gab, daß er den Berg der Seligkeit glücklich erstiegen habe, nachdem der Vater Hafisa's am Gallenfieber gestorben. Die Worte seines Briefes strahlten von reinster Freude. Mein Beglückwünschungsschreiben, so wie ein paar spätere Briefe an den Weisen, müssen wohl den Ort ihrer Bestimmung nicht erreicht haben, da ich keine Antwort darauf erhielt. Ein längerer Aufenthalt in Italien drängte vollends die Erinnerungen an den Kaukasus und seine Bewohner in den Hintergrund. So bin ich denn seitdem ohne Mittheilung von Mirza-Schaffy geblieben, bis ich vor wenigen Wochen durch die Güte eines früher genannten Reisenden ein Packet Briefe von anderen Freunden aus Tiflis erhielt, worin des Weisen von Gjändsha auf erfreuliche Weise gedacht wird. Es sei mir vergönnt, einige Stellen daraus, welche Berichtigungen des I. Theils dieses Buches enthalten, in kurzem Auszuge hier mitzutheilen:   Auszüge aus einem Briefe von Tiflis vom Juli 1850. – – – »Ihr Tausend und Ein Tag« ist in zwei Exemplaren, wovon das eine seinen Weg über Petersburg, das andere über Konstantinopel genommen, glücklich in Tiflis angelangt. Sie können sich denken, mit welcher Neugier wir das Buch durchflogen, dessen Inhalt größtentheils aus uns so naheliegenden Stoffen geschöpft ist . . . Wie würde der gute Mirza-Schaffy sich gefreut haben, hätte er sein (etwas zu zart gerathenes) Bild auf dem Titelkupfer gesehen und sich mit eigenen Augen überzeugt, wie viele seiner duftigen Lieder in das Gewand des Abendlandes gekleidet sind! Doch wird es wohl noch eine gute Weile dauern, ehe das Buch in seine 289 Hände gelangt, da das für ihn bestimmte Exemplar erst die Runde unter denjenigen Ihrer hiesigen Bekannten macht, welche deutsch verstehen. Doch, Sie wissen vielleicht noch gar nicht, daß Ihr weiser Lehrer schon seit zwei Jahren nicht mehr in Tiflis haus't? sonst würden Sie in Ihrem Briefe mir keine Vorwürfe darüber machen, daß ich Ihnen so lange nichts von ihm mitgetheilt habe. Mirza-Schaffy ist, nachdem er als Lehrer an der Garnisonschule sich im hohen Grade die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erworben, mit Gehaltserhöhung an die neuerrichtete muselmännische Schule nach Gjändsha versetzt worden, und hat mit dieser erfreulichen Rückkehr in die Stadt seiner Geburt und seiner ersten Liebe, das höchste Ziel seiner Wünsche erreicht. Er soll mit seiner schönen Hafisa ein äußerst glückliches Leben führen und war, als ich das letzte Mal von ihm hörte, bereits mit zwei Kindern, einem Knaben und einem Mädchen, gesegnet . . . Wenn ich Ihnen von allen Veränderungen berichten wollte, die sich seit Ihrer Abreise hier zugetragen haben, so müßte ich zu jeder Seite Ihres Buchs einen besonderen Kommentar schreiben, ja, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, es hat sich in den wenigen Jahren so ziemlich Alles verändert hier, Häuser, Menschen und Zustände. Und so naturgetreu Ihre Schilderungen sind, verglichen mit der Stadt wie sie war zur Zeit Ihres hiesigen Aufenthalts, so bedürfen sie doch verschiedener Ergänzungen, um einen vollständig richtigen Begriff von dem heutigen Tiflis zu geben. Sie wissen, daß seit dem alten Jermolow , welcher der Stadt den ersten europäischen Anstrich gegeben, der Sardaarspalast eigentlich nur ein Absteigequartier bildete für russische Generale von Ruf, welche hieher kamen, um im Kampfe gegen die Tscherkessen ihren Ruf zu verlieren und nach ein paar 290 Jahren unter irgend einem Vorwande wieder abberufen zu werden. Diese Generale, (unter denen es in der That bessere Männer gab, als der mächtige Kriegsminister ist, der über ihr Schicksal verfügte), hatten bei der Ueberhäufung ihrer Geschäfte und bei ihrer zu großen Abhängigkeit von Petersburg, weder Zeit noch Lust, sich in weitausgreifende Unternehmungen einzulassen; auch fehlte es ihnen an den nöthigen Mitteln dazu. Ganz anders ist es mit dem jetzigen Statthalter vom Kaukasus, der durch seinen Rang, durch sein ungeheures Vermögen, und besonders durch seine Freundschaft mit dem Kaiser, selbst zu mächtig ist, um von den Launen des altersschwachen Tschernitschew abzuhängen. Fürst Woronzow herrscht im Kaukasus mit königlicher Vollgewalt, und seine Prachtliebe treibt ihn, und seine Mittel erlauben ihm, seiner Residenzstadt Tiflis einen königlichen Anstrich zu geben. So erklärt sich's, daß seit der nunmehr sechsjährigen Herrschaft Woronzow's mehr für die Verschönerung von Tiflis geschehen, als während der Herrschaft all seiner Vorgänger (bis auf Jermolow) zusammengenommen. Ganze Reihen der finsteren Sakli's der Georgier und Tataren sind wegrasirt und haben wohnlichen Häusern, theilweise wirklichen Palästen, Platz gemacht. Das Stadtviertel Kuki, wo die Menschen noch zu Ihrer Zeit wie Troglodyten haus'ten, ist ganz neu aufgebaut und dadurch die Verbindung zwischen der Stadt und der deutschen Kolonie hergestellt. Zwischen Naphtluk und dem eigentlichen Tiflis hat Fürst Woronzow großartige Mustergärten angelegt. Hinter dem Hause des ehemaligen stellvertretenden Generalgouverneurs Hurko (Alexanderplatz) werden Brücken über die Kura gebaut und neue Bäder eingerichtet. 291 In der Mitte des Eriwan'schen Platzes wird in diesem Augenblicke der Bau eines wirklich prachtvollen Theaters vollendet, dessen Unternehmer der reiche Armenier Gabriel Tamamschew ist. Gegenüber dem russischen Kirchhofe hat der Armenier Sumbatow ein großes Haus bauen lassen, welches jetzt von Begmen-Mirza, (Bruder des verstorbenen Schah's von Persien und früheren Gouverneur von Aserbéidshan) bewohnt wird, dessen Harem eine Mustersammlung orientalischer Schönheiten in sich schließt. Auf den Bergen von Katschori (etwa eine Stunde von Tiflis, in der Richtung nach Priutina), welche sich, ihrer gesunden Luft wegen, so trefflich zu Sommerwohnungen eignen, hat Fürst Woronzow unentgeltlich Plätze zu Landhäusern und Gartenanlagen vertheilen lassen, ohne den Unternehmern andere Verpflichtungen zu stellen, als daß sie binnen drei Jahren die Bauten vollenden müssen. Die große Manège ist seit 1846 in ein provisorisches Theater umgewandelt, wo russische und ukrainische Singspiele aufgeführt werden. Dies ist nur das Hauptsächlichste von den vielen Veränderungen in den Häusern und Anlagen der Stadt. Wollte ich Ihnen in ähnlicher Weise von dem Wechsel der hervorragenden Personen erzählen, so wüßte ich nicht, wo anfangen und wo aufhören? fast das ganze höhere Militair- und Beamtenpersonal hat gewechselt . . . Abbas-Kuli-Chan von Baku, der poetische Tatarenfürst, dessen Sie in der »Schule der Weisheit« Erwähnung thun, ist auf einer Pilgerfahrt nach Mekka gestorben, nachdem er zuvor eine Reise nach Teheran und nach Konstantinopel unternommen, und sowohl vom Schach wie vom Sultan mit großen 292 Ehrenbezeugungen empfangen wurde. Sein Bruder lebt noch im Kaukasus als General in russischen Diensten. Die junge Fürstin Nassinka Orbeljanow hat ihre georgische Tracht und Sitte, die ihr so wohl stand und wodurch sie so manches Herz bezaubert, ganz abgestreift und ist jetzt Ehrendame der Kaiserin von Rußland. Die »Rose vom Kaukasus« hat Tiflis schon seit lange verlassen. Einer der geheimnißvollen Polen Ihres Buches, Thaddaeus Lada-Zablocki, ist gestorben, tief bedauert von seinen Freunden, soweit man hier, wo der Tod fortwährend so reiche Erndte hält, noch tiefen Bedauerns über ein Opfer mehr oder weniger fähig ist. Er war seit Lermontow der letzte slawische Dichter im Kaukasus. Nach seinem Tode hat sich ein junger Stammesgenosse, Jakob Polonski, hervorgethan, der die in Tiflis erscheinende kaukasische Zeitung redigirt und sehr hübsche russische Gedichte in orientalischer Weise schreibt. Der kleine General Schramm ist seines Postens als Kurator der kaukasischen Unterrichtsanstalten entbunden und Staatsrath Simonow, Ihr Reisegefährte auf dem Schwarzen Meere, ist an seine Stelle getreten. Mirza-Jussuf, der Weise von Bagdad, ist mit einer schönen Georgierin durchgegangen . . . 293   Askoldowa Mogila. ( Anhang und Schluß .) Mit einer epischen Dichtung aus dem Russischen begann der erste Theil dieses Werkchens – mit einer dramatischen Dichtung aus dem Russischen möge der zweite Theil enden. Das Singspiel, welches ich dem Leser hier in sorgfältiger Uebersetzung vorführe, ist in Rußland so volksthümlich geworden, ist so eingebürgert in Stadt und Dorf, in Palast und Isba, daß man, bis auf die ärmsten Leibeigenen herab, nur wenige Russen finden dürfte, welche nicht ganze Stellen davon auswendig wüßten. Die vielen darin vorkommenden Lieder sind größtentheils der altrussischen Volkspoesie entnommen, und zu neurussischer Volkspoesie geworden. Ebenso ist der Stoff des Ganzen der alten Geschichte Rußlands entlehnt, während der beispiellose Erfolg dieses Singspiels, Stoff zu einem neuen Stück russischer Geschichte bietet. 294 Einen Theil ihrer großen Popularität hat die Dichtung Sagoskin's gewiß den vielen darin vorkommenden hübschen Melodieen Die Musik zu Askoldowa Mogila ist von Werstowsky, und leicht durch jede Musikhandlung von Petersburg zu beziehen. zu verdanken, doch glaub' ich dem Komponisten nicht Unrecht zu thun, wenn ich den poetischen Werth des Stücks über den musikalischen stelle. Die Uebersetzung des Stücks datirt aus der Zeit meines Aufenthalts in Moskau, wo ich Askoldowa Mogila mit immer neuem Vergnügen so oft aufführen sah und überall wohin ich kam, Stellen daraus singen hörte, daß es mir ein förmliches Bedürfniß wurde, das Stück deutsch niederzuschreiben, gleichsam um es los zu werden. Später wurde sorgsam die Feile angelegt und die Uebersetzung dem Original in Vers und Reim so angepaßt, daß sich nirgends wesentliche Schwierigkeiten darbieten werden, den deutschen Text nach der russischen Musik zu singen. Aber auch abgesehen von der musikalischen Seite, wird Askoldowa Mogila nicht wenig dazu beitragen, den Leser mit russischer Sitte und Volkseigenthümlichkeit vertraut zu machen. 295     Askoldowa Mogila, das ist: Askold's Grab. Romantisches Singspiel in vier Aufzügen. Aus dem Russischen des Sagoskin .     Personen: Ich habe mich bei der Orthographie der Namen möglichst der moskowischen Aussprache zu nähern gesucht.                     Ein Unbekannter. Taropka Golowan, Spielmann. Wßeßlaw, fürstlicher Edelknabe. Alexéi, ein alter Fischer. Nadjéshda, seine Tochter. Wuischatta, fürstlicher Haushofmeister. Frelaff, Warägischer Krieger. Stemid, fürstlicher Knappe. Prostän, im Dienste des Fürsten. Krieger des Warägischen Heeres:     Jakun,     Ikmor,     Ruald,     Erik,     Arnulf. Ostromir, fürstlicher Falkonier. Fenkal, Warägischer Skalde. Wochraméjewna, Kiew'sche Hexe. Dienstleute im Dorfe Predißlawina:     Ssadko,     Jurka,     Plenko,     Tschurila. Ein altes Weib. Bußlajewna, Aufseherin. Ljubascha, eine junge Kiewerin. Ein Wächter. Erster und Zweiter Fischer Kiewer und Kiewerinnen. Slavische und Warägische Krieger des Fürsten Sswjätoßlaw. Weibliche und männliche Dienstleute im Dorfe Predißlawina. Fischer. Chor der höllischen Geister. 299     Erster Aufzug. Morgendämmerung. Wilde Gegend am Ufer des Dnjepr, welcher einen großen Theil des Hintergrundes der Bühne einnimmt; in der Ferne, auf der Gebirgsseite des Flusses, malerische, mit Häusern übersäete Hügel, aus deren Mitte das großfürstliche Schloß mit seinen hohen Erkern hervorragt. Rechts von den Zuschauern eine Fischerhütte mit Schoppen. Ringsum sind Fischnetze ausgespannt. Erster Auftritt. Nadjéshda (aus der Hütte kommend) . Schon bricht bald die Sonne hervor, und der Geliebte ist immer noch nicht da! . . . Wie rein der Himmel ist! . . . Wie frisch und kühl die Luft! . . . O! wie herrlich ist Gottes Welt! . . . Husch! . . . was rauscht dort in den Gebüschen? . . . Sollte das Wßeßlaw sein? . . . Ach, nein! . . . Arie.         Wo bist Du, o meine Augenweide, Wßeßlaw, Du mein treuer, süßer Freund? Wßeßlaw, Du meiner Seele Geliebter! Zaudere nicht, spute Dich, mich zu erfreun! Zusammen jeden Tag begrüßen Den Aufgang wir des Sonnenlichts, 300 Und hören am breiten Dnjepr Dem hellen Schlag der Nachtigallen zu . . . Aber Du kommst nicht – ich warte vergebens – Es welkt mein Herz vor Gram dahin! Komm, komm, Du meine Augenweide! Zaudere nicht, spute Dich, mich zu erfreun! In Dir ist alle meine Freude, In Dir allein ist all' mein Glück! Komm, komm, laß mich nicht länger warten, Wßeßlaw, mein süßer, treuer Freund! Doch sieh, ich glaube . . . O! wie mein Herz schlägt! . . . Ja, ja . . . er ist es, . . . es ist Wßeßlaw! Zweiter Auftritt. Nadjéshda . Wßeßlaw . Nadjéshda (ihm entgegen gehend) . Wie Du Dich verspätet hast heute, mein Lieber! Ich habe schon gewartet und gewartet! . . . Wßeßlaw . Verzeih' mir Nadjéshda! Ich wäre schon lange hier gewesen, aber am Ufer des Dnjepr stieß mir ein unbekannter Mensch auf . . . Ach! wenn Du wüßtest, was dieser geheimnißvolle Unbekannte Alles mit mir geplaudert hat! . . . Noch jetzt kocht mir das Blut in den Adern! Er sagte mir . . . aber ich habe geschworen darüber zu schweigen. Nadjéshda . O, mein Freund! Deine Worte erschrecken mich! 301 Wßeßlaw . Fürchte Dich nicht, Nadjéshda! das Geheimniß, welches ich heute erfahren werde, macht mich, den heimathlosen Waisen, vielleicht zum glücklichsten Menschen der Welt . . . Doch was ist davon zu reden! Ich bin bei Dir, der ich angehöre; Dein Gott wird auch bald mein Gott sein – was bleibt mir noch mehr zu wünschen übrig? Nadjéshda . Ja, Wßeßlaw; bald werden Dich alle Christen ihren Bruder nennen, ich aber meinen Gemahl und Herrn. Aber Du bist jetzt schon kein Heide Das russische Wort Язьічникъ (Jasütschnik) bedeutet zugleich Heide, Sprachenkundiger und Verläumder. mehr. Du betest zusammen mit uns, und liebst Deine Götter nicht. Nicht wahr, Wßeßlaw, Du wirst mit uns hier in dieser Hütte wohnen? Hier ist es so gut . . . so lustig! . . . Aber weshalb schweigst Du denn und siehst mich immer so starr an? Wßeßlaw . Und wohin soll ich die Blicke richten, wenn nicht auf Dich, Du mein unschätzbares, liebliches Kind? Nadjéshda . Wohin? Siehst Du nicht dort auf der grünen Wiese die schneeweißen duftenden Maiblumen? Wßeßlaw . Du bist hundertmal weißer als sie, meine Augenweide! Nadjéshda . Aber sieh' dort auf dem Felde, welch' helle Himbeerblüthen! Wßeßlaw . Deine hellrothen Lippen sind lieblicher als sie. 302 Nadjéshda . Aber dieser reine, lichtblaue Himmel? Wßeßlaw . Ist dunkler als Deine blauen Augen, meine Süße! Nadjéshda . Nun, höre auf mich so zu loben, Wßeßlaw . . . Wahrhaftig, ich schäme mich! Wßeßlaw . Du erröthest! . . . Erröthe meine Wonne! . . . O, wie Du schön bist, Nadjéshda! . . . Wenn Du sprichst, so klingt es wie Girren der Turteltaube, und wenn Du lächelst, so scheint es mir Sonnenglanz! . . . Ja schau mich an, Freude meiner Tage! . . . Sprich, liebst Du mich? Nadjéshda . Ob ich Dich liebe? . . . O Wßeßlaw, Wßeßlaw! Du kannst mich das noch fragen? Dritter Auftritt. Dieselben . Alexéi . Alexéi (aus der Hütte tretend) . Guten Morgen Kinderchen! Wßeßlaw . Wie geht's, guter Alexéi? Alexéi . Gott sei Dank! mein Sohn, noch immer so hin, so lange der Herr mit der Sünde Geduld hat. Ich dachte, Nadjéshda, Du wärst schon lang gegangen, Deine kranke Pathin zu besuchen. Nadjéshda . Ich habe auf ihn gewartet, Väterchen, er wird mich begleiten. 303 Wßeßlaw . Ja Alexéi, ich werde sie begleiten; es ist etwas weit von hier. Alexéi . Etwas weit allerdings.– ganz nahe bei den Kutschinischen Bergen. Du wirst den ganzen Tag bei Deiner Pathin zubringen, Nadjéshda; aber hüte Dich, auf die Straße zu gehen – heute ist ganz Kiew wie toll. Wßeßlaw . In der That! Ich glaube heut ist das Fest des Ußlad . Alexéi . So ist es. Macht Euch nur schnell auf den Weg, bevor das Volk und die Kriegsleute sich hinter der Stadt versammeln, um sich ihren wilden Ergötzlichkeiten und Vergnügungen zu überlassen. Wßeßlaw . Leb' wohl, Alexéi – Komm Nadjéshda! Vierter Auftritt. Alexéi , und bald darauf Fischer. Alexéi . Arme Kiewer! Wie lange werdet ihr noch in eurer Blindheit leblose Götzenbilder verehren? – Heute werdet ihr den ganzen Tag hindurch den Herrn erzürnen; aber wir Christen werden die ganze Nacht zu Ihm beten, daß Er Eure Seelen erleuchte mit dem Lichte des wahren Glaubens! . . . O! werden 304 wir noch die Zeit erleben, wo unser Heimathland, unser großes Kiew, von heiligen Gesängen wiederhallt zur Ehre des wahren Gottes! (Er versinkt in Nachdenken.) (Hinter den Koulissen beginnt der Chor der Fischer.) Ach! da sind, wie es scheint, auch meine Freunde! . . . (Ein großes Boot mit Fischern zeigt sich auf der entferntesten Fläche des Flusses; es durchschneidet die ganze Bühne, verschwindet hinter den Koulissen, erscheint alsdann auf's Neue auf dem nächsten Theile des Flusses, und fährt bis zur Fischerhütte, wo es am Ufer befestigt wird.) Chor der Fischer.         Grüß' Dich, Dnjepr, Du mein breiter! Rausche, brause immerfort! Dnjepr, tiefer Strom und weiter! Mein Ernährer und mein Hort! Einen Waisen, gramdurchzogen, Wiegtest Du auf Deinem Schooß; Und auf Deinen grauen Wogen, Ward ich Gram und Sorgen los. Heimathlos und kummertrübe Lebe ich mit Dir allein! Grüß' Dich! Dnjepr, meine Liebe! Breiter Strom, Ernährer mein! (Nach Beendigung des Chor's treten die Fischer an's Ufer. Einige von ihnen fangen an die Netze abzunehmen, während Andere sich dem Alexéi nähern.) Alexéi . Guten Tag, Kinderchen! Weshalb seid ihr heute so spät an die Arbeit gegangen? 305 Erster Fischer . Ei, Väterchen, wozu soll man sich plagen? Es war wohl eine Zeit, wo man kaum das Netz aufgezogen hatte, und sogleich waren alle Fische für den fürstlichen Tisch genommen; jetzt aber verkauft man nur bei Wenigem an die Städter! (Ein Unbekannter erscheint in einem Kahne, landet und hört, auf ein Ruder gestützt, dem Gespräche der Fischer zu.) Zweiter Fischer . Aber in der That, Bruder, was heißt das! Schon beinahe zehn Tage sind verflossen, daß wir von unserm Großfürsten weder gesehen noch gehört haben? Ob er wohl gesund ist, unser Väterchen? Es war eine Zeit, wo nicht zwei Tage vergingen ohne Festgelag und alle sonstige Lustbarkeiten: da waren große Gastmähler, ritterliche Spiele . . . Alexéi . Es ist nicht alle Tage Sonntag! Und an der fürstlichen Speise überißt man sich, und den süßen Wein trinkt man sich zuwider. Erster Fischer . Mir, Väterchen, würde er nicht zuwider werden! Alexéi . Dann ist es auch unmöglich, jeden Tag so in Saus und Braus zu leben. Er hat als Fürst seine Geschäfte, muß richten und walten, um Jedem sein Recht angedeihen zu lassen. Hier plündert ein Waräger einen Russen, dort blickt unser Bruder der Kiewer . . . Der Unbekannte (sie unterbrechend) . Was? . . . Hat er einen Waräger beleidigt? (Alle Fischer sehen sich um und blicken verwundert den Fremden an, welcher, das Ruder im Kahne zurücklassend, an's Ufer tritt.) 306 Zweiter Fischer . Ha, daß der Teufel ihn hole! Wie er sich herangeschlichen hat. Alexéi . Was suchst Du hier, Freund? Willst Du Fische kaufen? Der Unbekannte . Danke, Alter! Erster Fischer . Oder befiehlst Du auf Dein Glück das Netz auszuwerfen? Der Unbekannte . Nein, Lieber! Ich bin nur an's Ufer gestiegen, um ein bischen auszuruhen. Aber worüber habt ihr da geplaudert, Fischer? Erster Fischer . So über Dies und Jenes. Der Unbekannte . Es schien mir, die Rede war von Sswjätoßlaw. Alexéi . Von welchem Sswjätoßlaw? Wenn Du von unserm Fürsten sprichst, Bursche, so drück' Dich ein bischen anständiger aus, und nenn' ihn nicht einfach Sswjätoßlaw, sondern Großfürsten von Kiew. Der Unbekannte (höhnisch lächelnd) . Großfürst von Kiew! . . . Sein Vater war einst auch Fürst der Drewlier, seine Herrschaft hat aber nicht lange gedauert. Kennst Du das Sprüchwort nicht, Alter! Fremdes Gut gedeiht nicht? Alexéi . Fremdes Gut? . . Was fällt Dir ein, Bursche? . . . Ist nicht Kiew erblich sein eigen? Gehören wir nicht alle dem Großfürsten an? 307 Der Unbekannte . Aber wem dienten eure Eltern und Voreltern? – Da liegt der Knoten! Nicht umsonst pflegt man zu sagen, daß das Volk ein kurzes Gedächtniß hat; aber uns, scheint es, fehlt es nicht an Erinnerungen an das Alterthum. Es ist wohl der Mühe werth, darüber nachzudenken: jetzt können wir schon mit den Warägern allein nicht fertig werden, diese Küstenbewohner werden es noch so weit treiben, daß sie uns kein Stück Zeug mehr auf dem Leibe lassen: »wir sind Waffenbrüder des Großfürsten; also was sein ist, das ist unser!« Nein, Brüder, so war es nicht zu den Zeiten der alten Fürsten! Welch ein Ueberfluß herrschte da überall. Was für ein herrliches Leben war das! Nun, was seht ihr mich so starr an, ihr Fischer? Wenn ihr auch selbst diese Zeiten nicht erlebt habt, so habt ihr doch sicher von Vater und Mutter davon gehört? Erster Fischer . Ja, wir haben davon gehört; unsere Lieder erzählen, daß im Alterthum in unsern Flüssen Honigwasser floß, und die Ufer von Mehl waren, – aber das muß wohl schon lange her sein! Der Unbekannte . Nicht so gar lange. Wißt ihr wohl, Brüder! wer Askold war? . . . Wie? . . . Man sieht, ihr wißt es nicht? Aber gewiß doch haben euch eure Väter einmal von eurem früheren rechtmäßigen Fürsten erzählt? Alexéi . Was willst Du mit Deinem Geschwätz, Kerl? Hört nicht darauf, Fischer! Unser rechtmäßiger Herrscher ist Fürst Sswjätoßlaw Igorowitsch . . . Seht diesen tollen Burschen! Deine Ehre wollen wir nicht verletzen. – Weiß der liebe Herrgott, wer Du bist; Dir aber geziemt es nicht, solche Reden zu führen, noch uns, sie anzuhören. 308 Der Unbekannte . Wirklich, Alter? Nun wenn man nicht sprechen darf, so kann man doch wenigstens singen? Wollt ihr, Brüder, ein Liedchen von mir hören? Fürchte nicht, Väterchen, es wird nichts von euren Fürsten und Flüssen darin vorkommen. Horcht auf, Brüder! Lied.         In der alten Zeit die Väter Lebten lustiger als wir: Tranken wie gemeines Wasser, Süßen Meth und starken Wein. Zechten, jubelten und sangen, Lebten froh das ganze Jahr: Seht, wie zu Askoldens Zeiten Unsrer Väter Leben war! Chor der Fischer . Hörtet ihr, ihr Fischer, wie das Leben in der Vorzeit war? Der Unbekannte . Damals raubten unsre Krieger Nicht auf offnem Markt' wie jetzt, Und beschimpften nur die Griechen Und der Küstenvölker Troß; Beugten tief sich vor dem Volke, Ehrten hoch den Bürger gar – Seht, wie zu Askoldens Zeiten Unsrer Väter Leben war! Chor der Fischer . Nun, und seht ihr Fischer, wie das Leben in der Vorzeit war? 309 Der Unbekannte . Herrschten mit den Petschenägen Ohne der Waräger Macht, Nahmen Steuer vom Kassogen, Und verwüsteten Byzanz. Alle die uns jetzt bedrängen, Schlug einst selber Kiew's Schaar, – Seht wie zu Askoldens Zeiten Unsrer Väter Leben war! Chor der Fischer . Nun, und hört ihr Fischer, wie das Leben in der Vorzeit war? Der Unbekannte . Nun, Kameraden! gefällt euch mein Lied? Alexéi . Das Lied war gut, Bursche, aber die Worte nicht; Du hättest es für Dich singen sollen! Nun was steht ihr Narren da und sperrt das Maul auf? Was mag nicht Alles in der alten Zeit gewesen sein. – Man kann nicht Alles hören! Erster Fischer . Sagt mir Kinder, was für ein Askold ist das, von dem ihr immer schwatzt? Zweiter Fischer . Und das weißt Du nicht? Nun der, welcher dort begraben liegt, bei Ugorsky, grade über dem Flusse! Erster Fischer . Aber wer war das denn eigentlich? Zweiter Fischer . Weiß der Teufel! Irgend ein elendes Fürstchen. Wenn damals die Feinde Kiew in Ruhe ließen, so war blos ihre Trägheit daran schuld. Jetzt stehen die Sachen anders, es wagt Niemand 310 daran zu denken! Erst neulich wieder fingen die Jatwägen und Radimitschen Händel an – die haben was Rechtes dabei erwischt! Unser tapferer Fürst faßte sich blos an den Schnurrbart und sie verschwanden, als hätte sie Alle der Teufel geholt! . . . Was ist darüber zu sprechen! Lebte jemals in Rußland ein so mächtiger Herrscher? Erhob jemals unterm Himmel ein so kühner Falke sein Gefieder, wie unser Väterchen, Fürst Sswjätoßlaw Igorewitsch? Erster Fischer . Und wenn unser Fürst auf seinem schnellen Rosse dahergesprengt kommt an der Spitze seiner tapfern Krieger – wie er sich da prächtig ausnimmt! Das Herz schlägt einem vor Freude wenn man ihn ansieht. Alexéi . Und wie sollte es nicht? Er ist ja unser Landesherr; seine Ehre ist auch unsere Ehre! Zweiter Fischer . Gewiß! Was brauchen wir mehr! Möge er nur immer in Gesundheit fortleben, unser Väterchen der Großfürst, unsere rothe Sonne! Der Unbekannte . Eine schöne Sonne! Im Sommer brennt sie und im Winter wärmt sie nicht. Erster Fischer . Väterchen! he, Väterchen! was schwatzt der Schalk da? haben ihn nicht vielleicht die Jatwägen heimlich geschickt, das Volk aufzuwiegeln? Zweiter Fischer . Das sollte mich gar nicht wundern, Bruder! 311 Alexéi . So ist es, Brüderchen! daß er uns nur nicht mit sich in's Verderben zieht. He Fischer! Hört auf zu plaudern, es ist Zeit an die Arbeit zu gehen! (Die Fischer fangen an die Netze abzunehmen und sich in's Boot zu setzen.) Chor der Fischer.         Hurtig Brüder, auf und ziehet Schneller eure Netze ein! Und mit Perun's Hülfe füllen Wir den Kahn mit Fischen an. Und wir fangen zum Verkaufe Große Störe, goldgeschuppt . . . Hurtig Brüder, auf und ziehet Schneller eure Netze ein! (Nach Beendigung des Chores steigen Alexéi und alle Fischer in das Boot und fahren links ab.) Der Unbekannte . Dummes Volk! Nun, wir werden sehen was ihr sagen werdet, wenn von der einen Seite die Petschenägen, und von der andern die Griechen einfallen in Kiew und das Kriegsgeschrei dieser zahllosen Horden in dem einzigen Ausruf verschmilzt: Nieder mit Sswjätoßlaw, und der Nachkomme des großen Askold soll Herrscher sein über Kiew! (Versinkt in Nachdenken.) (Von der rechten Seite her tönt ein Tanzesreigen und die Stimme des singenden Taropka.) Doch mir scheint . . . ganz richtig! das ist die Stimme meines Dieners Taropka. 312 Taropka (erscheint weitersingend auf der Bühne) . Voller Klarheit scheint der Mond um Mitternacht, Herrlich, herrlich glänzt die Sonn' am Frühlingstag: Aber herrlicher als Sonnenstrahl, Aber klarer als der Mond zumal,     Ist unser große Fürst! Der Unbekannte (ihm entgegen gehend) . Schickt es sich für Dich, Taropka, solche Lieder zum Preise unseres Schurken von Fürsten zu singen? Taropka . Ach! bist Du da, Bojar? . . . Aergere Dich nur nicht! Ich habe dies Lied Abends von Solowei Budimirowitsch gelernt, dem Liebslingssänger des Großfürsten. Ach, Bojar, was das für ein Lied ist! . . . Hör' zu, ich werde . . . Der Unbekannte . Schweig! . . . Lebst Du in Kiew, um dumme Lieder zu lernen? Taropka . Nun was macht das, Bojar? Taropka Golowan singt sein Liedchen, aber vergißt dabei seine Arbeit nicht: ich habe Alles ausgekundschaftet was Dir zu wissen nöthig ist. Aber sag' mir, hast Du heute mit Wßeßlaw gesprochen? Der Unbekannte . Ja, gesprochen hab' ich ihn; ihm aber das Geheimniß seiner Geburt noch nicht enthüllt; er wird es heute erfahren, wenn er, seinem Versprechen zufolge, um Mitternacht zum Grabe des Askold kommt. Taropka . Aber bist Du auch sicher, Bojar, daß der fürstliche Edelknabe Wßeßlaw derselbe heimathlose Waise ist, welchen Du suchtest? 313 Der Unbekannte . Ja, deß bin ich gewiß. Die goldne Griwna , welche Wßeßlaw auf der Brust trug, seine eigne Erzählung, wie er von den Kriegern Igor's im Dickicht des Waldes gefunden wurde, in der Hütte, welche mich vor meinen feindlichen Verfolgern verbarg, – Alles bestätigt diese Wahrheit. O, wenn die Götter mir beiständen, den mir von Vater und Großvater auferlegten Befehl zu vollziehen! Wenn ich den Tod ihres Fürsten rächen und den Enkel Askold's wieder in sein rechtmäßiges Erbe einsetzen könnte! . . . Aber ich fürchte, Taropka, die Anhänglichkeit, welche dieser Jüngling für Sswjätoßlaw zeigt, seine Liebe zu einer Christin . . . Taropka . O! ich weiß, ich weiß, Bojar! . . . sie ist die Tochter des alten Fischers Alexéi, heißt Nadjéshda, und wohnt hier dicht nebenan, hier in dieser Hütte. Der Unbekannte . Hier? Taropka . Ja, Bojar. Ich war eben auf dem Wege zu ihr, als Du mir begegnetest. Wßeßlaw hat mich einige Male mit sich genommen, um sie mit meinen Liedern zu ergötzen. Letzthin versprach ich ihr eine bemalte Spindel eigener Arbeit zu bringen – hier hab' ich sie bei mir – – Aber es scheint, daß weder sie noch Alexéi zu Hause ist . . . Ganz richtig – die Thür ist verschlossen. Der Unbekannte . Ist das Mädchen hübsch? 314 Taropka . Ja in der That so hübsch, Bojar, daß ich mich nicht genug wundern kann, wie sie noch nicht in's Dorf Predißlawina gekommen ist. Dort sind viel schmucke Dirnen, aber nicht eine einzige Schönheit, wie sie. Der Unbekannte . Bist Du denn selbst im Dorfe Predißlawina gewesen? Taropka . Ei gewiß! der Bojar Wuischatta hat mich oft hinrufen lassen, um die dort eingeschlossenen Schönen mit meinen Liedern zu belustigen. Du weißt doch, daß er vom Großfürsten dort als Aufseher des Terems angestellt ist? Der Unbekannte . Wuischatta? . . . der vertraute Haushofmeister des Großfürsten. Taropka . Nun ja! derselbe, welcher allein für zehn Personen ißt, während seine Hausgenossen vor Hunger sterben. Nicht umsonst hat man ein Lied auf ihn gemacht: Ei, wie unser Herr Wuischatta feist und dick, Ei wie seine Diener mager sind! Setzt sich unser Väterchen zu Tisch, Schwelgt er einen ganzen Ochsen auf. Der Unbekannte (unterbrechend) . Nun, wird's bald ein Ende haben mit deinem Singen! Sag' mir: Wßeßlaw liebt wohl diese Nadjéshda sehr? Taropka . Wie sollt' er nicht! . . . Er will sie ja heirathen. Der Unbekannte . Heirathen? . . . Aber wenn ihm Jemand die Braut entführt? 315 Taropka . Möge Perun einen Jeden vor solchen Gedanken bewahren! Man sagt: Wßeßlaw hat eine schwere Hand, die Jeden treffen wird, der es wagen sollte ihn von Nadjéshda zu trennen – dafür, Bojar, steh' ich Dir ein! Der Unbekannte . In der That! . . . So . . . wenn meine Worte nicht fruchten sollten . . . Taropka, geh zum Bojaren Wuischatta und sag' ihm, daß ich ihn heute zur Mittagszeit am untern Theile der Stadt beim Weleßow'schen Tempel erwarten werde, um ihm ein wichtiges Geheimniß mitzutheilen. Taropka . Kannst Dich auf mich verlassen! . . . Holla! . . . Sieh da . . . richtig . . . Der Unbekannte . Was ist da? Taropka . Ein ganzer Trupp Kiewerinnen kommt auf uns zu; ich wich ihnen vorhin nicht weit von hier aus. Heute ist Ußlad's Fest, da wird vom Morgen bis zur späten Nacht das Volk sich vor der Stadt lustig machen . . . He! . . . gewiß hat sich auch Stemid dazwischen geschlichen! . . . Ein flotter Bursche! Saufkumpan, Spaßvogel! Der Unbekannte . Wer ist dieser Stemid? Taropka . Der Lieblingsknappe des Großfürsten und Busenfreund Wßeßlaw's . . . Oho! er ist nicht allein! Wer zum Teufel ist denn bei ihm? Was für eine Vogelscheuche! Richtig, es ist Frelaff. Der Unbekannte . Was für ein Frelaff? 316 Taropka . Ein Warägischer Krieger, so ein Zanksucher und Aufschneider, daß es kaum zu glauben ist! Nicht nur Stemid, sondern auch seine Kameraden, die Waräger, Alle spotten über ihn. Der Unbekannte . Ich bin müde und habe noch weit zu fahren: ich werde mich hinter diese Hütte setzen um etwas auszuruhen; vielleicht komme ich Nachmittags wieder hieher, und wenn ich Nadjéshda zu Hause treffe . . . Taropka, gieb mir Deine Spindel, – ich werde sagen, ich hätte sie von Dir zu überbringen. Taropka (ihm die Spindel übergebend, welche der Unbekannte zu sich steckt) . Hier Bojar, nimm! Fünfter Auftritt. (Menge Städter und Städterinnen, Stemid, Frelaff, Taropka und der Unbekannte auf dem vorderen Theile der Bühne, hinter der Hütte. Nachdem die Mädchen ein Lied zum Tanzesreigen gesungen, fangen sie an verschiedene Spiele zu spielen.) Frelaff . Aber weshalb, Stemid, traben wir immer wie Maulaffen hinter ihnen her? Wer hat uns denn verboten, uns etwas näher heranzumachen an die Schönen? Stemid . Ja, Du hast Recht, komm mit! Ein bejahrter Kiewer . Nein, Burschen, rühret unsre Mädchen nicht an, ihr verscheucht sie nur! Frelaff . Wir verscheuchen sie! O Du altes Bocksgesicht! Wer bist Du denn, ein Petschenäge, he? 317 Der bejahrte Kiewer (sich verneigend) . Ganz richtig, gnädiger Herr! Ihr ehrenwerthe Herren seid großfürstliche Krieger, aber es taugt nicht für unsere Schwestern und Töchter, mit Kriegsleuten zusammen zu kommen. Frelaff . Aber mit wem denn? Vielleicht mit euren Brüdern, den Kiew'schen Krämern! Taropka . Möge es Eure Gnaden nicht erzürnen, aber mit handeltreibenden Kiewern ist immer vortheilhafter umzugehen als mit euch, Herren und tapfere Krieger! Nicht umsonst hat man das Lied gemacht: Heida, sei gegrüßt, Du mein reicher Gast, Du mein reicher Gast, junger Kaufmannssohn! Weder schön noch geschickt bist Du, Väterchen, Aber schön und geschickt ist Dein blankes Geld! Stemid . Bah, bah, bah! Taropka Golowan! Was treibt Dich hierher? Willst Du mir vielleicht die hübschen Mädchen abspenstig machen? Taropka . Ach, Ew. Gnaden, wie sollte ich! Wahrhaftig, wenn es bei Dir in der Tasche nicht klingt, so wirst Du hier wenig erwischen, Bojar. Frelaff . Sind denn eure Schönen so spröde? das fehlt noch! Nein! in meiner Heimath gleichen nicht nur die Mädchen, sondern auch die jungen Weibchen euren Kiewerinnen nicht. Bei uns an der Küste ist ein anderes Leben; da gelten die Krieger was. Ich schwöre bei Oden , daß nie ein hübsches Mädchen mit Frelaff, 318 dem flotten Burschen, zusammen gekommen ist, ohne ihm einen freundlichen Blick zuzuwerfen, oder ein paar schmeichelhafte Worte zu sagen. Stemid . Nun wozu diese Großprahlerei, Frelaff! . . . Hör' Bruder, ist es Dir wohl schon einmal vorgekommen, daß Du bei stillem Wetter das Gesicht in einen Fluß gehalten hast, um daraus zu trinken? Frelaff . Wie denn nicht! . . . Stemid . So erinnerst Du Dich auch wohl, wie es Dir jedesmal geschienen hat, daß selbst die Wassernixe aus der Tiefe zu Dir hinaufgeschaut habe. Mit Deiner rothen Nase und Deinen fuchsigen Wangen bildest Du Dir gar ein, daß hübsche Mädchen auf Dich sehen! . . . Frelaff . Nun, warum nicht? Braucht denn ein Kriegsmann im Gesicht einer jungen Dirne zu gleichen, wie Dein Kamerad Wßeßlaw? Stemid . Wßeßlaw? . . . Ja, Frelaff, er ist jünger und hübscher; aber versuch einmal mit ihm anzubinden! . . . Wßeßlaw hat ganz andere Kerle als Du bist, hinter'n Gürtel gesteckt. Frelaff . Was! . . . dieses schmächtige Bürschchen sollte sich mit einem Kerl wie ich bin, gemessen haben . . . Weißt Du nicht, daß ich – Frelaff, Sohn Rußlaw's, Enkel Ruald's und Urenkel Ingelot's, keinen Stärkeren als ich bin, kenne, daß ich . . . 319 Stemid . Schweig nur, schweig nur, Prahlheld! sieh, da haben sich die Mädchen im Kreise aufgestellt: wahrscheinlich wird eine von den Schönen ein Liedchen singen. Horchen wir. Frelaff . Und ich schwöre bei Hela, daß wenn diese Sängerin werth ist von Frelaff geküßt zu werden, ich sie küssen werde. Stemid . Aber wenn sie Jemandes Braut ist? Frelaff . Nun, was denn? Mag er ruhig zusehen, und sich selbst belecken. Stemid . Aber wenn sie einen jungen breitschultrigen Bräutigam bei sich hat, der nicht zugiebt, daß sich seine Braut küssen läßt? Frelaff . Aber was macht mir das aus? Stemid . Hör' nur auf mit Deinen Prahlereien, Frelaff. Du hast immer ein großes Maul, aber wenn es Ernst wird, und man Dir die Fäuste zeigt, so bist Du der Erste der hintern Busch kriecht. Frelaff . Wer? . . . Ich? . . . Ich, ein geborner Waräger fürchte eure russischen Fäuste? . . . Wart'? ich werde Dir zeigen wie man bei mir zu Hause hübsche Mädchen küßt! 320 Finale Chor .                 Dort im Thale eine weiße Birke hoch aufragte; Bei der Birke saß ein Mädchen, Seufzte tief und klagte.     Ei Du Kleine!     Ei Du Feine! Eines der Mädchen . Für wen pflanzt ich einen Garten, Mußt ihn pflegen, warten? Doch gewiß für Keinen, Als den lieben Meinen!     Ei Du Kleine!     Ei Du Feine! Sagt, warum im Gärtchen singen Vöglein ihre Lieder? Jubelnd Alle klingen Vom Geliebten wieder!     Ei Du Kleine! Ei Du Feine! Flog mein Falk, mein heller Leichtgeschwingter, schneller, – Brachte keine Kunde, Flog und ging zu Grunde!     Ei Du Kleine!     Ei Du Feine! 321 Chor . Bunte Blumen werd' ich säen, Sollen lustig sprießen! Werd' am frühen Tag aufstehen, Blümlein zu begießen!     Ei Du Kleine!     Ei Du Feine! (Frelaff geht auf die Sängerin zu und küßt sie.) Das Mädchen . Was soll das? Fort! Wir sind nicht Zu Deinem Scherz hier, wisse! Frelaff . Fürcht' Dich, mein schönes Kind, nicht, Wenn ich Dich auch mal küsse! Chor der Mädchen . Fort Krieger! Ist das schicklich? Laß, laß das Mädchen, geh'! Das Mädchen . Ich schreie . . . Frelaff .                           Augenblicklich? Chor der Mädchen . Fort Krieger! Ist das schicklich? Laß, laß das Mädchen, geh'! (Das Mädchen reißt sich los und läuft auf die Hütte zu, Frelaff setzt ihr nach und erwischt sie bei der Hand.) 322 Frelaff . Halt, Kind! Dich werd' ich mit mir nehmen! Der Unbekannte . Wir werden seh'n ob Dir's gelingt!         (Tritt auf die Bühne.) Laß ab, sonst werd' ich Dich bezähmen, Du freches Hasenvieh! Frelaff .                                       Du lügst! Wer bist Du? Und wie kannst Du's wagen, Mit mir so grob zu sein? Der Unbekannte (zu dem befreiten Mädchen) .                                         Geh' Du!         (Zu Frelaff.) Und sollte Dich die Neugier plagen, Zu wissen wer ich bin – hör' zu!     Der breite Dnjepr – ist mein Lager,     Das heil'ge Rußland – ist mein Haus,     Ich hasse glühend die Waräger,     Mein ganzer Fluch trifft dieses Volk –     Ihr Drohen fürcht' ich nicht,     Und lohn' es nur mit Hohn und Spotte,     Doch, was mein höchster Wunsch erzielt:     Ist, daß des ganzen Volkes Rotte     Der Russenfäuste Schwere fühlt! Chor . Ist, daß des ganzen Volkes Rotte Der Russenfäuste Schwere fühlt. 323 Stemid . Nun, Freund, ist's aus mit Lieb und Küssen? Taropka . Die Liebe brach an Hindernissen! Frelaff . Nein, solcher Schimpf ist unerhört!         (das Schwert ziehend) Steh' Bursche! Der Unbekannte (ihm das Schwert entreißend) .                   Was, Du ziehst das Schwert? Geh' hin zum Spinnerocken! Chor der Kiewer . O Held, Du verzagter! Zum Spinnrad hingejagter! Frelaff . Er ging fort mit meinem Schwert! . . . Fangt ihn auf! haltet ihn! Kiewer und Taropka . Er ging fort mit seinem Schwert! Frelaff .     Fangt ihn auf! haltet ihn!     Bringt ihn mir her!     Räuber Du! Hasenfuß!     Wart, wenn Dich Frelaff kriegt,     Nimm Dich in Acht!     Gauner, verfluchter Dieb!     Sucht ihn auf! haltet ihn!     Bringt ihn mir her. 324 Der Unbekannte (in seinem Kahne erscheinend) .     Hier bin ich! Chor .     Hier ist er! Frelaff .     Verdammter Gauner!     Gieb mir mein Schwert her! Der Unbekannte .     Dein Schwert? Sogleich! Ein Schwert werd' ich Dir geben wie es sich Für Dich geziemt . . . hier ist es! Nun leb wohl! Frelaff (herbeilaufend) . Mein Schwert! Was seh ich! Eine Spindel! Chor . Die Spindel gab er Dir! Taropka (sie aufhebend) . Wie bunt bemalt und voller Zier! Chor . O Held, Du verzagter! Zum Spinnrad hingejagter! Frelaff . Wartet, gleich werd' ich Euch! . . . Wen lacht ihr aus, ihr Narrenzeug? Taropka (Frelaff die Spindel übergebend) . Du hiebst ihn muthig nieder – Hast tapfer Deinen Feind besiegt, Hier nimm Dein Stahlschwert wieder. Frelaff . Schweig! 325 Stemid . Bursche, schneid' nicht solch Gesicht! Ich nehm' es auf, nimmst Du es nicht!         (Die Spindel aufhebend.) Sag' daß im Kampf mit den Russalken Du es verlorst. – Kommt Brüder mit! Chor . Leb wohl, Held, Du verzagter! Zum Spinnrad hingejagter!   Ende des ersten Aufzugs. 326   Zweiter Aufzug. Das Theater stellt das Innere eines geräumigen Erkergemaches vor; ein großer gedeckter Tisch, hinter welchem Krieger sitzen und zechen. Erster Auftritt. Prostän , Wßeßlaw , Fenkal , Ostromir , Jakun , Frelaff , Ikmor und eine Menge anderer warägischer und russischer Krieger. Chor .         Zisch' in Pokalen Funkelnder Meth! Rausch' in den Bechern Schimmernder Wein! Fenkal . Auf, trinkt zu Ußlad's Ehren! Auf's Glück des Russenlands, Auf aller Schönen Wohl, Auf aller Freunde Lust, Auf der Empörer Noth, Und auf der Feinde Schmach! Chor . Auf der Empörer Noth, Und auf der Feinde Schmach! 327 Fenkal . Wer trinkt und nicht betrunken, Wer liebet was gut, Wer glücklich bei Schönen Und furchtlos im Kampf: Der ist ein wahrer Held, Ein Bruder uns und Freund! Chor . Der ist ein wahrer Held, Ein Bruder uns und Freund! Prostän . So recht, Brüder! Mir nachgemacht! Die Becher hoch! Zur Ehre Ußlad's, zur Ehre des Russischen Landes. Frelaff (seinen Becher austrinkend) . Und zum Ruhme der Warägischen Krieger! Ostromir . Aha! sprichst Du auch mit, Frelaff! Ich dachte schon, Du hättest die Zunge verloren. Jakun . In der That, er ist heute etwas maulfaul . . . Aber auch Du, Wßeßlaw, scheinst mir eben kein Festtagsgesicht zu haben. Wßeßlaw . Mir ist nicht ganz wohl. Prostän . Ei, Unsinn! Zech' mit uns bis zum Morgen, da wird Alles vorüber sein. Wßeßlaw . Nein, Kameraden, ihr habt versprochen mich vor Mitternacht gehen zu lassen. 328 Prostän . Ja, wenn Stemid kommt, Dich abzulösen. Frelaff . Nun, Gott weiß was ihr an diesen Stemid findet? Oder könnt ihr ohne ihn nicht zechen? Was ist eigentlich Gutes in ihm? Ein Bürschchen, das nach nichts aussieht! kein Wuchs, kein Leibesgehalt, . . . in den Wangen jungfräuliche Röthe, und im Kopfe Weiberverstand! Prostän . Aber in den Händen, Bruder, hat er keine Spindel. Frelaff . Spindel! . . . Wozu Spindeln? . . . Was für eine Spindel? Prostän . Was für eine! Wir wissen schon, was für eine! Stemid sieht blos dem Gesichte nach einem hübschen Mädchen ähnlich, aber wenn es Fäuste setzt, ist das ein Kerl wie es wenige giebt! Ostromir . Ich habe selbst gesehen, wie er allein auf einen Bären losging. Frelaff . Das ist was Rechtes! . . . Da ist es dem Burschen einmal gelungen mit der Mistgabel einem schlafenden Bären das Fell auszureißen, und ihr könnt euch nicht satt darüber wundern! – Ich will nicht von mir sprechen, aber mein Vorfahr Ingelot hat einmal einen Bären so mit der bloßen Faust angegriffen und sich mit ihm gebalgt . . . Jakun . Und hat ihn bezwungen? Frelaff . Als ob das ein Wunder wäre! . . . Einen Bären zu bezwingen ist nichts – das weiß ich aus Erfahrung. 329 Prostän . Nun was hat er denn gemacht? Frelaff . Was er gemacht hat? . . . Ihm lebendig das Fell abgezogen! Prostän . Und der Bär hat nicht einmal gebrummt? Frelaff . Das ist 'ne Frage, ob er nicht gebrummt hat! Natürlich, er hat gebrüllt, sich aber nicht losgebrüllt! Jakun . Nun, Bruder, hör' auf, Dich über uns lustig zu machen! (Stemid tritt ein und stellt sich, von Niemand bemerkt, hinter Frelaff.) Frelaff . Was? glaubst Du ich lüge? Ich habe jetzt noch den ganzen Balg, den ich nebst einem Schwerte von meinem Vorfahren geerbt habe. Aber wißt ihr, Kameraden, was das für ein Schwert ist? . . . Noch jetzt ist in meiner Heimath das Sprüchwort: Fürchte nicht das stürmische Meer, nicht den Donner des Himmels, aber fürchte das Schwert Ingelot's. Es ist vorgekommen, daß Einer zwei gestählte Helme auf dem Kopfe hatte, sobald ich drauf schlug, drang es durch bis zum Gürtel; aber auf dem Schwerte – glaubt ihr mir's Brüder – war nicht eine Scharte zu sehen! Stemid . Wie sollten wir das nicht glauben! Du bist ein Kenner von Schwertern. Frelaff . Ach! bist Du da, Stemid? Prostän . Bitte gehorsamst! . . . Setz' Dich, Kamerad! 330 Stemid . Wartet Brüder! Es war bei euch die Rede von einem Schwerte; wollt ihr, so werde ich euch ein so wunderbares Schwert zeigen, wie ihr in eurem ganzen Leben keines gesehen habt. Die Krieger . Zeig', zeig'! Stemid . Und Du schweigst, Frelaff? Oder willst Du nicht mein selbsthauendes Schwert bewundern? Frelaff . Nun, laß doch, Stemid! Was für Späße sind das! Stemid . Ich spaße nicht . . . Aber wie? soll ich es zeigen? Frelaff (aufstehend) . Ach, Bruder, laß das! Ich muß Dir erst ein paar Worte in's Ohr flüstern (führt Stemid auf die Seite) . Thu' mir den Gefallen, erzähle Niemandem von dieser verfluchten Spindel! Ostromir . Was flüstert ihr dort mit einander? Stemid . So, nichts! Seht, Kameraden, ehe ich euch dieses wunderbare Schwert zeige, muß ich euch erzählen, wie ich dazu gekommen bin. Frelaff (leise) . Nun, laß doch, Bruder! Stemid (nicht auf ihn hörend) . Heute Morgen ging ich zusammen mit Frelaff, den Ringeltanz der schönen Mädchen anzusehen. Frelaff . Höre, Stemid, ich bin geduldig, aber wenn Du wagst . . . 331 Stemid . Du willst mich doch nicht vielleicht in's Bockshorn jagen? Besänftige Dich, Bruder! Du weißt, ich habe Ingelots Schwert bei mir. Frelaff . Aber zum Teufel, was soll das! . . . Nimm Dich in Acht, Du Schönzüngiger, ich werde Deine Zunge zum Schweigen bringen . . . Stemid . Oho! wirklich? . . . So hört doch, Kameraden! Frelaff (die Hand an den Griff seines Schwertes legend) . Zieh Dein Schwert, verdammter Spötter! Stemid (die Spindel hervorziehend) . Mit Vergnügen! (Alle Krieger brechen in ein Gelächter aus.) Prostän . Ach, der Spaßvogel! . . . Seht Brüder; eine Spindel! Ostromir . Macht den Burschen Platz! Aber hört, wenn ihr euch schlagt, so muß es bis auf den Tod sein. Stemid . Nun, Du herzhafter Kämpe, komm hervor! Alle . Komm vor, Frelaff! Frelaff (sich widersetzend) . Du bist nicht werth, Gelbschnabel, daß ich mit Dir mein stählern Schwert besudele! Sprich, sprich immer zu, Bürschchen! schwatze, ergötze die Gesellschaft, verdammter Aufschneider! Windbeutel! Stemid . Aber wahrhaftig, es würde nicht übel sein, einen Hackebrettspieler kommen zu lassen; hier ist auch Keiner, der uns etwas 332 belustigte. Dem Fenkal hängt die Zunge schon schwer im Halse, und Frelaff wird bald nicht mehr auf den Füßen stehen . . . Heda! He! . . . Taropka (singt hinter den Koulissen) . Ach! Du blaues, blaues Meer! . . . Stemid . Richtig, es ist Taropka! Wartet, Kameraden; ihr werdet gleich was haben euch zu belustigen. (Läuft davon.) Frelaff . Hinter wem läuft er dort her? Der arme Bursche! Auf der Cither sollte er spielen, aber nicht mit einem Schwerte gehen, der verdammte Fiedler! Wßeßlaw . Aber schämst Du Dich nicht, Frelaff, über einen Scherz so böse zu werden? Wodurch hat er Dich denn eigentlich beleidigt? Frelaff . Mich beleidigt, sagst Du? . . . Nein Bruder, er konnte den Adler vom Meere, den hellen Falken, den weißen Geier nicht beleidigen; dieser bunt beflügelte Rabe, mich flotten Burschen beleidigen? Reich mir, Bruder Prostän, jene Flasche mit Wein her. (Trinkt.) Ich will mir nur keine Schande machen; aber wenn ich ihn auf die eine Hand setze, und mit der andern darauf schlage: weg ist er! Prostän . Ach was, Bruder, heute ist Ußlad's Tag – da muß man sich nicht zanken. Frelaff . Aber was, zum Teufel, hab' ich mit eurem Ußlad zu thun? Ich will Nichts von ihm wissen! . . . Wenn's aber schon so weit geht, so werd' ich diesem Prahlhans eine Lehre geben. (Trinkt.) Wollt ihr, Kinder, so reiße ich ihm in diesem Augenblicke vor 333 euren Augen den Hals ab! (Trinkt.) Ich werde ihn zerdrehen! . . . in ein Hammelhorn kneten! . . . in einen Knoten zusammenwickeln. (Springt auf.) Wollt ihr? . . . (Stemid tritt ein; Frelaff setzt sich wieder hin.) Nun, Du kannst Dich glücklich schätzen! Danke den Göttern, daß ich keine Lust habe aufzustehen! Stemid (sich nach der Thür zu wendend) . Nun, was ist mit Dir? . . . Komm herein! Zweiter Auftritt. Dieselben . Taropka . Ostromir . Was ist das für ein Centaurenkämpe? Teufel, welche Fratze! Hör' Bruder, Du gefällst mir! Taropka (sich verbeugend) . Die hübschen Mädchen sagen das auch, mein guter Herr. Stemid . Bitte hübsch freundlich zu sein und Bekanntschaft zu machen. Dieser Kumpan ist mein vertrauter Freund, und obgleich nicht so in Ehren wie unser verstorbener Sänger Solowéi Budimirowitsch, so singt und spielt er doch nicht schlechter als er. Frelaff . Hu, was für eine Fratze! . . . Aber der Kopf, der Kopf . . . Eine prächtige kupferne Wanne! Taropka . Wie er auch sein mag, Bursche, er sitzt gewiß fester auf den Schultern, als Dein trotziges Köpfchen. Frelaff . Was ist das? . . . Glaubst Du vernagelter Holzkopf vielleicht, ich sei besoffen? 334 Prostän . Sei ruhig, Frelaff! Sauf' und schweig'! Aber Du, Taropka, was willst Du trinken; Wein oder Meth? Taropka . Ich werde Wein trinken, ehrenhafter Herr, aber ohne deswegen dem Methe zu entsagen. Laßt nur heranbringen, und wir werden trinken zum Ruhme des Wirthes! (Man reicht ihm einen Pokal.) Ein fröhliches Fest, ihr Herren, und einen leichten Rausch! (Trinkt.) Ihr zecht und lebt hoch, aber wir müssen mit den abgefallenen Krümchen vorlieb nehmen. Stemid . Nun, Taropka, mach uns lustig! Taropka . Was wünschest Du, Väterchen? . . . Es soll mich freuen, eure Gnaden zu ergötzen. Ist's gefällig, daß ich euch ein Mährchen vortrage nebst einem Liede von einem braven Burschen, und was sich mit ihm zugetragen im Walde, hinter dem Schtschekowischen Berge? – Es war dieses am Tage der Russalken, vor langer, langer Zeit, als nach die Fürsten Askold und Dir das Land beherrschten. Prostän . So ist es kein Mährchen? Taropka . Wie soll ich's euch erklären, gnädige Herren, ohne zuviel zu sagen? Es ist ein Mährchen – und kein Mährchen, es war und war nicht; aber die alten Weiber behaupten, es habe sich wirklich zugetragen. Alle . Erzähle. erzähle! 335 Taropka (verbeugt sich und beginnt) . Hätte der brave Bursche nicht die Mitternachtsstunde vergessen, wär' er nicht in das Dickicht des Waldes gegangen am Russalkentage! Vor Zeiten lebte ein tapferer Krieger, Swänislaw, genannt der Furchtlose; er liebte ein schönes Mädchen, ihr Name war Miloßwäta. Und einstmals, zur Frühlingszeit, am Russalkentage, sagte er seiner Geliebten, er würde in das Dickicht des Waldes gehen, sich mit Jagen zu ergötzen. Miloßwäta seufzte, und sie wußte warum – wer am Russalkentage bis Mitternacht im Walde geblieben, fand den Rückweg nie wieder: »Kehrst Du nicht heim vor Mitternacht – sagte die Dirne – so such mich auf dem sandigen Grunde des Sees Doloba!« – Ich komme, lispelte Swänißlaw, und er ging davon und wandelte seines Weges. Ballade.         Roth säumte sich der Himmelsbogen Schon von der Sonne letztem Glühn, Kommt Swänißlaw des Weg's gezogen, Der einführt in das Waldesgrün; Und wo im Wald die Wege enden, Sitzt eine Maid am Eichbaum dort, Sie winkt und lockt mit weißen Händen, Und winkt und lockt ihn mit sich fort. Und Swänißlaw, von Lieb befallen, Merkt nicht, daß es die Nixe war, Sieht nicht die grünen Haare wallen, Und folgt der Schönen immerdar . . .     Krieger denke, denk der Stunde!     Mitternacht auf Dolob's Grunde. 336 Und sieh, am Bord des Stroms, des breiten, Viel prächtige Paläste steh'n – D'raus zum Empfang des Kriegers schreiten Viel junge Dirnen, schmuck und schön. Und kosen ihn mit Schmeichelblicken, Und führen ihn zum Palast ein, Mit Meth und Wein ihn zu erquicken, Mit süßem Sang ihn zu erfreun . . . Längst schwand der Tag, es hat derweile Der Krieger nicht der Zeit gedacht . . . Da plötzlich . . . hört er Windsgeheule . . . Gelächter schallt, . . . 's schlägt Mitternacht!     Krieger denke, denk der Stunde!     Mitternacht auf Dolob's Grunde. Und Tage schwinden, Wochen ziehen, Schon auf der Au die Blume bleicht, Polelja's, Lado's Alte slawische Gottheiten: Polelja, die slawische Ceres, und Lado, die slawische Venus. Feste fliehen . . . Jung Swänißlaw sich nimmer zeigt. Und sieh, schon flieh'n des Herbstes Tage, Schon längst der Wald entblättert stand; Schon lang im Volke geht die Sage, Daß kundelos der Bursch verschwand. Einst fanden Bauern früh am Morgen Den kühnen Krieger Swänißlaw . . . Im Felde, im Gebüsch verborgen, Lag er und schlief den ew'gen Schlaf.     Krieger denke, denk der Stunde!     Mitternacht auf Dolob's Grunde. 337 Prostän . Aber was geschah mit seiner Braut? Taropka . Die Alten erzählen, daß sie sich im Dolobischen See ertrunken habe. Man sagt, daß seit jener Zeit her allnächtlich der See heult wie ein wildes Thier – und zur Stunde der Mitternacht steigt sie aus dem Meeresschlunde, setzt sich an's Ufer, und singt daß die Erde erzittert. Man sagt auch, daß sie dann immer die Worte murmele: Wärest Du fröhlich gewesen, Du mein geliebter Bursch, und hättest nicht die Stunde der Mitternacht vergessen! (Wßeßlaw steht auf.) Ostromir . Was soll das, Wßeßlaw? wohin willst Du? Wßeßlaw . Mir ist nicht recht wohl. Stemid . Wahrhaftig, so kommst Du mir auch vor! – Deine Augen sehen gar nicht menschlich aus! – Rührt ihn nicht an, Brüder! Laßt ihn gehen, sich etwas auszuruhen. Aber willst Du nicht vorher einen Schlaftrunk nehmen. Wßeßlaw . Nein es schmeckt mir nicht! Auf Wiedersehen, Kameraden! (Geht ab.) Dritter Auftritt. Dieselben ohne Wßeßlaw . Prostän . Es scheint ihm wirklich nicht wohl zu sein! Er saß Dir so mausestill wie ein Todter, ohne auch nur seinen Schnurrbart anzufeuchten. 338 Frelaff (seinen Schnurrbart streichelnd) . Schnurrbart, sagt ihr? Aber wo sollte er denn den hernehmen? Das Bürschchen ist ja noch nicht ausgewachsen! Vierter Auftritt. Dieselben und Wuischatta . Prostän . Ach, ein unerwarteter Gast: Herr Haushofmeister Wuischatta, willkommen, willkommen! Wuischatta . Danke schön; grüß euch Kameraden! Nun, was treibt ihr? Ist für Alle genug da? Soll ich noch ein paar Tönnchen Meth anrollen lassen? Frelaff . Nur immer heran Bojar! Ist auch noch Vorrath im Keller? Für's Verschwinden wollen wir schon sorgen! Wuischatta . Nun, willst Du bald aufhören? Wie's mit den Andern steht, weiß ich nicht, aber ich sehe, Frelaff, in Dich ist selbst mit einem Trichter nicht viel mehr zu bringen. Ostromir . Wo bist Du heute gewesen, Bojar? Wuischatta . Ueberall herum! Ich war in der Unterstadt und habe zugesehen wie die Bürger und Bürgerinnen das Ußlad'sfest feierten. Ach, Kinderchen! wir leben nicht mehr in den alten Zeiten! Alle Kiewer Schönen sind verschwunden. – Glaubt mir, ich habe auch nicht ein hübsches Gesichtchen gesehen! Da war ein Kerl, der versprach mir eine Schönheit zu zeigen, aber ich glaube nicht daran! . . . 339 Eh! Taropka Golowan! Bist Du auch hier, Bruder? Höre Freund! Du treibst Dich überall herum, hast Du nicht irgendwo was Schönes aufgestöbert? Nun sag'! Man möchte vor Aerger toll werden! Sollten denn wirklich keine hübschen Mädchen mehr zu finden sein? Taropka (sich verbeugend) . Wie sollen wir so etwas wissen, Herr! Wir sind obscure Leute; aber Eure Gnaden – das ist eine andere Sache: Du stehst an der Quelle. Wuischatta . Aber wo stehst Du, schafsköpfischer Holzbock? Wo Du fremden Wein saufen und den Leuten Lieder vorsingen kannst? Taropka . Ganz richtig, Väterchen! Wuischatta . He! . . . Wißt ihr was, Kinder? Man hat mir gesagt, daß die Christen sich auch versammelt haben, um den Ußlad's Tag auf ihre Weise zu feiern, in ihrer alten Kapelle auf dem Ugorischen Platze, dicht neben dem Grabe Askold's. Man sieht, die sind klüger als ihr, Kinderchen; die feiern Alle zusammen – Männer und Junggesellen, Weiber und hübsche Mädchen. Nun, was meint ihr, Burschen? Sollen wir uns nicht aufmachen, um uns unter sie zu mischen? . . . He? Frelaff . Der Einfall gefällt mir – kommt mit, Brüder! Ostromir . Nun, was besinnt ihr euch noch? Laßt uns gehen, Kinderchen! Alle (ausgenommen Stemid) . Kommt! 340 Stemid . Was fällt euch ein, Kameraden! Oder habt ihr vergessen, daß der Großfürst uns verboten hat, das Volk zu beleidigen? Frelaff . Ja, das Volk . . . aber dies sind ja Christen! Ostromir . Versteht sich! Feinde unsers Fürsten. Prostän . Sklaven der listigen Griechen. Jakun . Die weder an Perun noch an Oden glauben. Taropka . Weder singen noch lustig sind. – Wuischatta . Und ihre Töchter eingeschlossen halten. Frelaff . Nun, kommt, wir werden sie uns ansehen! Wuischatta . Hört, Kinderchen! Kommt erst auf einen Augenblick mit zu mir; ich werde euch Wein vorsetzen, wie ihr in eurem ganzen Leben keinen getrunken habt; und von dort gehen wir denn Alle zu Askold's Grabe. Nun, wie? Ist's euch gefällig so? Alle . Wir kommen, wir kommen! Wuischatta . Aber laßt uns erst ein Lied hören, Kinder! He! Taropka Golowan! Gieb uns das Ußlad's-Lied zum Besten, und wir werden Dir auch was zum Besten geben. Nun, wird's bald? Fang' an! 341 Taropka . Gleich, Bojar, laß mich nur erst die Gurgel ein bischen anfeuchten. (Nimmt einen Becher mit Wein, trinkt und singt, ihn in der Hand haltend.) 1.               Ußlad, dem Gotte, der Freude, zur Ehr! Dem Fürsten zum Ruhm und den Göttern allen! Zechen wir heute und schwanken umher, Trinken bis wir zu Boden fallen. Wer ist, der am Wein keine Freude hat? Wein ist kein Gift, er ist uns das Beste!     Trinkt dies zum frohen Feste!     Trinkt dies dem Gott Ußlad! Chor .     Trinkt dies zum frohen Feste!     Trinkt dies dem Gott Ußlad! Taropka . 2. Schon aus der Väter Zeiten her, Ist dieser heil'ge Brauch in Ehren – Und ihr müßt, muntre Burschen, mehr Als eure Väter, Becher leeren! Heut trinken wir aus Brauch uns satt, Und morgen auf des Rausches Reste.     Trinkt dies zum frohen Feste!     Trinkt dies dem Gott Ußlad! 342 Chor .     Trinkt dies dem frohen Feste! Trinkt dies dem Gott Ußlad! (Als nach Beendigung des Ußladliedes Alle fortgehen, wird Prostän von Wuischatta zurückgehalten.) Wuischatta . Wart', Prostän! Ich habe Dir ein Wort in's Ohr zu flüstern. Prostän . Wovon, Bojar? Wuischatta . Hör', was ich Dir sagen will: nicht umsonst führe ich euch zu Askold's Grabe. – Wer weiß? vielleicht fügt es der Zufall, daß mir eine dieser Mitternächtigen in die Augen springt. – Es steht schlecht, Prostän, sehr schlecht! Unserm Großfürsten geht Alles nicht nach Wunsch! Wenn man ihm jetzt ein frisches, schönes Mädchen verschaffen könnte, – das wäre eine herrliche Sache! Auf jeden Fall nimm fünf oder sechs Kerle von der Schloßwache mit Dir: es könnte vielleicht geschehen, daß ein schönes Kind in's Dorf Predißlawina zu schaffen wäre, und da hat man doch gleich Jemand zur Hand. Prostän . Verstehe, Bojar! Verlaß Dich auf mich! Wuischatta . Nun so mach' Dich auf den Weg, Prostän. Ich werde die Andern bei mir aufhalten. Vollführ' Du Deinen Auftrag, und komm' bald zurück, meinen guten Meth mit uns zu trinken. 343 Fünfter Auftritt Veränderung der Dekoration. Das Theater stellt das Ufer des Dnjepr dar. Im Hintergrunde, rechts von den Zuschauern, sieht man durch zerstreut stehende Bäume, gerade am Ufer des Flusses, die Ruinen eines christlichen Tempels; ein großer Theil davon ist fast ganz zerfallen. Ganz vorn auf der linken Seite – ein hoher Hügel; ringsum Wildniß, hinter dem Flusse die Wiesenflächen des Dnjepr. Die Strahlen des Vollmondes brechen sich auf dem Wasser. Beim Aufziehen des Vorhanges steht der Unbekannte am Fuße des Grabhügels, und blickt in die Ferne. Im Hintergrunde, am Ufer des Flusses, schleichen furchtsam Männer in einfacher Kleidung und Weiber mit Schleiern verhüllt vorbei; sie verschwinden in den Trümmern der Kirche. Bei der Fortdauer der Arie des Unbekannten werden die Fenster des zerfallenen Tempels erleuchtet. Der Unbekannte (auf eine Streitaxt gelehnt) .         Bald am hohen Himmelshause Mond, verlischt Dein helles Licht . . . Bald naht Mitternacht – die grause! Aber Wßeßlaw kommt noch nicht! (hält ein.) Chor (kaum hörbar aus den Ruinen her) .     Vater! Vater, allbarmherziger!     Gott! behüte Deine Kinder! Der Unbekannte . Bald versinkt des letzten Strahles Roth, es flieht das Himmelslicht, Bald in Kiew schlummert Alles, Aber Wßeßlaw kommt noch nicht! Chor .     Schütze, wahr' uns, Allerhöchster!     Und behüte uns vor Noth! 344 Der Unbekannte . Schweig, schweig, Prophetenmund des Herzens! Warum mit Unglück drohst Du mir? Warum gießt Du des Zweifels Wirren In meine wild zerrissne Brust? Nein, nein! Eh'r fließt der breite Dnjepr, Sanft wie ein kleines Bächlein hin, Eh'r fallen Sterne auf die Erde, Die Sonne sinkt am Mittag eh'r Als des gewaltigen Askold Enkel, Zu ew'ger Knechtschaft sich verkauft! Horch! . . . Wer kommt da! . . . Richtig, es ist Wßeßlaw! Sechster Auftritt Der Unbekannte und Wßeßlaw . Der Unbekannte (ihm entgegen gehend) . Nun, das heißt auf sich warten lassen! Du scheinst nicht sehr begierig zu sein, zu wissen, wer Deine Eltern waren. Wßeßlaw . Es war mir unmöglich früher zu kommen; aber wenn Du wüßtest, mit welcher Ungeduld . . . Der Unbekannte (ihn unterbrechend) . Du wünschest das Geschlecht zu kennen, von welchem Du abstammst? O Wßeßlaw! Wßeßlaw! es war eine Zeit – und Dein altes Geschlecht, gleich der stolzen Eiche, ragte gewaltig empor über das ganze Russenland; Bösewichter haben den Stamm an der Wurzel abgehauen; er fiel – und stürmische Winde haben seine zersplitterten Aeste in der Welt zerstreut. 345 Wßeßlaw . Aber, wer bin ich eigentlich? Der Unbekannte . Bis jetzt noch Diener und Sklav Sswjätoßlaw's . . . Diener und Sklav! . . . Aber Geduld, Wßeßlaw! Eher wird der klare Don seine Silberwogen rückwärts wälzen, eher wird man den mächtigen Adler eine Kohlmeise nennen, als Dich länger Deines Dienstes bei Sswjätoßlaw rühmen! . . . Du weißt, wen dieser hohe Grabeshügel bedeckt? Wßeßlaw . Dies ist Askold's Grab. Der Unbekannte . Aber weißt Du auch, daß Askold Fürst war im großen Kiew? daß er, durch Meuchelmord getödtet, unter den Streichen schändlicher Verräther fiel, und daß sein unbeweinter Schatten Blut fordert? Wßeßlaw! dieser unglückliche Herrscher war Dein Ahnherr, und seine Mörder waren die Vorfahren Deines Fürsten und Gebieters. Wßeßlaw . Wie ist das möglich? Der Unbekannte . Ja! Du bist der einzige Sproß dieses berühmten Geschlechts, und ich . . . der Enkel des treuen Dieners Deines Ahnherrn, der Erste der Dir Heil wünscht, Wßeßlaw, rechtmäßiger Herrscher und Fürst des großen Kiew! Wßeßlaw . Unglücklicher! Was redest Du? Ich Fürst sein des großen Kiew! Ich mich erheben gegen meinen Herrn und Wohlthäter! . . . Der Unbekannte . Deinen Wohlthäter! 346 Wßeßlaw . Ja! meinen Wohlthäter! Hat Sswjätoßlaw mich nicht gepflegt in meiner Jugend? Hat er nicht dem heimathlosen Waisen Speise und Trank gegeben? Der Unbekannte . Gedankenloser! Nennst Du den Deinen Wohlthäter, der, Dein gesetzliches Erbe raubend, Dir wie einem darbenden Hunde ein Stück Brot vorwirft, getränkt mit dem Blute Deiner Väter! O, Wßeßlaw, Wßeßlaw! O Kind des Unglücks, das ich auf den Armen getragen habe! Unmöglich können die erzürnten Götter in Dir allein auf ewig das Geschlecht der Askolden zur Sklaverei verdammt haben? . . . Nein, Nein! Ich sehe in diesen edlen Blicken das Feuer der Rache auflodern! . . . So recht, Wßeßlaw! Die Rachestunde ist gekommen, Dein Schwert gezogen! . . . Unglück für Unglück! Blut für Blut! Wßeßlaw . Nein! nimmermehr! Der Unbekannte . Nimmermehr? . . . O! so wird man der Stunde fluchen, in welcher Du Sswjätoßlaw's Diener wurdest! Man wird denen fluchen, die Dich zu einem niedern Sklaven erzogen haben! . . . Ja, man wird selbst die Götter verfluchen, die das Herz Dir verstockten! . . . Ja! ich verfluche sie! Chor (in den Ruinen) . Gelobt sei Gott, wenn er uns rettet! Gelobt sei er, wenn er uns straft! Der Unbekannte . Was ist das? . . . Wßeßlaw . Hörst Du nicht? . . . Du verfluchst Deine Götter, sie aber loben den Herrn – dies sind Christen. 347 Die Stimme Nadjéshda's .   Gelobt sei Gott, wenn er uns rettet! Gelobt sei er, wenn er uns straft! Wßeßlaw . Ja, richtig! Das ist Nadjéshda's Stimme. (Eilt zu den Ruinen hin.) Der Unbekannte . Wahnsinniger! Wohin gehst Du? Wßeßlaw . Laß mich, versuchender Teufel! Hier vor dem Tempel des wahren Gottes entsag' ich auf immer allen meinen Rechten, und schwöre gläubig und tapfer meinem Wohlthäter zu dienen und Nadjéshda's Gatte zu werden . . . das ist Alles, wonach meine Seele sich sehnt. Leb' wohl! – (Geht in die Ruinen.) Siebenter Auftritt Der Unbekannte und bald darauf Wuischatta . Der Unbekannte . Er ist gegangen! . . . Unwürdiger Sohn der unwürdigen Ssudißlawa! Und so bleibt denn kein anderes Mittel! . . . Gut! Wir werden sehen, ob Du den Wohlthäter nennen und dem ein treuer Diener bleiben wirst, der Deine Braut entführt. (Geht auf zu den Ruinen und blickt durchs Fenster.) Da ist sie! . . . neben ihm . . . in blauem Schleier . . . O wie sie schön ist! Wuischatta (sich umdrehend) . Hier, Kinderchen, hierher! Ei, sind die zurückgeblieben! Aber es scheint doch junges Volk zu sein! . . . Bah! bah! bah! . . . 348 wer ist das? Heda! Das ist doch nicht derselbe, der heute bei der Weleßowischen Kapelle mir versprach . . . ganz richtig! Bist Du das Bursche? Der Unbekannte . Ich bin's, Bojar! Wuischatta . Nun, wie steht's, Lieber? Wann wirst Du Dein Wort halten, und mir jene wunderbare Schönheit zeigen, vor welcher alle unsere Predißlawinischen Schönen verschwinden, gleich wie die Sterne vor der rothen Sonne? Der Unbekannte . Wann? . . . Gleich, wenn Du willst. Wuischatta . Wie sollt' ich nicht wollen! . . . Je eher je lieber. Wo ist sie denn? Der Unbekannte (auf die Ruinen zeigend) . Sieh hier! Wuischatta . Aha! So ist sie eine Christin? Der Unbekannte (ihn zu den Ruinen führend) . Siehst Du das Mädchen dort im blauen Schleier? Wuischatta . Ich sehe, ich sehe! Nun, wahrhaftig, Bruder, das ist was Prächtiges! Welch' ein schönes Kind! Aber weshalb kommen meine Burschen noch nicht! 349 Finale. Chor (in den Ruinen) .         Lob sei und Dank Dir, Allerhöchster! Du unser Schirm und unser Hort! Lob Dir und Ehre, Allerhalter! Der Himmel, Erd und Sonne schuf! Chor der Krieger (hinter den Koulissen) . Trinkt dies zum frohen Feste! Trinkt dies dem Gott Ußlad! Wuischatta (ihnen entgegen gehend) . So geht doch schneller, Brüder! Achter Auftritt Alle Personen des ersten Auftritts, ausgenommen Stemid. Taropka .         Heut trinken wir aus Brauch uns satt, Und morgen auf des Rausches Reste! Chor der Krieger . Trinkt dies zum frohen Feste! Trinkt dies dem Gott Ußlad! Chor (in den Ruinen) . Lob sei und Dank Dir, Allerhöchster! Du unser Schirm und unser Hort! Frelaff . Ich bin von euch der Kühnste – Ich führ' euch vorwärts! nach! Doch wer nicht mit uns kommt, Der, Brüder, muß sich schämen! 350 Chor . Doch wer nicht mit uns kommt, Der, Brüder, muß sich schämen! Frelaff . Doch um es sicherer zu nehmen, So geh'n wir allesammt hinein . . . Folgt, Freunde, macht's wie ich es mache! Wuischatta . Was? . . . ihr verderbt die ganze Sache! Wir scheuchen so das Vögelein. Frelaff (zugleich mit dem Chor) . Kühn, Freunde, folgt nur meinen Schritten, Die Schöne wird uns nicht entgehen! Chor (zugleich mit Frelaff) . Kühn, Freunde, folgt nur seinen Schritten, Die Schöne wird uns nicht entgehen! (Aus den Ruinen kommen Männer und Frauen.) Wuischatta . Macht kein Geräusch! geht sachte! Seht, was der Lärmen machte – Sie hörten's, laufen fort! Chor und Frelaff . Seht, was der Lärmen machte! Sie laufen davon! . . . Auf, folgt ihnen schneller, Haltet sie, haltet sie! (Frelaff und die Hälfte der Krieger laufen an's Ufer des Dnjepr den aus dem Tempel Kommenden nach.) Wuischatta (für sich) . Wir gehn umher am Ufer hier; Und was wir suchen, finden wir. 351         (Zu den Kriegern.) Sachte, sachte! geht doch leise! Suchet rings umher im Kreise! Chor . Sachte, sachte! geht doch leise! Suchet rings umher im Kreise! Wuischatta (leise zu Prostän) . Du hast vor Allen den Befehl – Drum eile fort und bring' sie schnell! Allgemeiner Chor . Sachte, sachte! geht doch leise! Suchet rings umher im Kreise! (Gehen links ab und verbergen sich in den Ruinen.) Der Unbekannte (hinter dem Grabhügel herkommend, wo er verborgen war) .         Sie sind davon! . . . Nun wird sich's zeigen, Freund, Wie Du Fürst Sswjätoßlaw jetzt nennen wirst! Prostän (in den Ruinen) . Auf fürstlichen Befehl . . . Wßeßlaw (ebendaselbst) .                                             Fort! Der Unbekannte . Dort ist, täuscht mich's nicht, der Klang von Schwertern! . . . Vorwärts, Wßeßlaw! Wßeßlaw (in den Ruinen) . Stirb, Bösewicht! Chor der Krieger (ebendaselbst) .         Auf, haltet den Mörder! Ergreifet den Wßeßlaw! Chor der Frauen (ebendaselbst) . Eilt, Kinder! geschwinder! Hier läßt man uns nicht! 352 Wßeßlaw (kommt aus den Ruinen gelaufen, das Schwert in der Hand) . Ich, Mörder? Meine Braut ist mir geraubt – Alles ist hin! . . . Der Unbekannte (ihn bei der Hand fassend) . Nicht so! . . . Du lebst noch – und wir retten Nadjéshda! Wßeßlaw . Können wir? Der Unbekannte . Ja, ja! (bei Seite.) Jetzt bist Du mein! Taropka (in großer Eile) .   So rettet! so rettet! Und holt sie doch ein? (Wßeßlaw und der Unbekannte gehen ab.) Neunter Auftritt. Alle früheren Personen . Wuischatta .                 Ihr, eilet zur Rechten, Ihr, laufet zur Linken! Den Bösewicht greifet, Und bringt ihn mir her! Chor . Auf Freunde und suchet, Den Mörder Prostän's! Und führt ihn zum Fürsten Schnell ohne Verzug! Frelaff . Der Prahler, der Räuber! Das Bürschchen, der Schalk! 353 Wuischatta . Wir finden den Mörder, Wir rächen Prostän . . . Der Mörder stirbt morgen Durch's Richtbeil dahin! Chor . Wir finden den Mörder, Wir rächen Prostän . . . Der Mörder stirbt morgen Durch's Richtbeil dahin!   Ende des zweiten Aufzugs. 354   Dritter Aufzug. (Das Theater stellt den innern Hof des Dorfes Predißlawina vor. Im Hintergrunde ein großes Gebäude mit Erkern, verdeckten Durchgängen und Erkerzimmern. Links im Vordergrunde ein Haus, dessen eine Seite einem Lustwäldchen zuläuft, das vom Hofe durch eine steinerne Mauer getrennt ist, auf welcher der Wächter hin und her geht. Beim Aufziehen des Vorhangs sieht man auf dem Balkon des mittlern Gebäudes eine Menge Mädchen sitzen und stehen.) Erster Auftritt. Mädchen , bald darauf Bußlajewna und Nadjéshda . Chor .         Ach! wie traurig ist's, das ganze Jahr so eingesperrt zu sein! Aus den Mauern kann das Auge Kaum die breiten Felder sehn! . . . Selbst Gesang macht uns nicht fröhlich: Nur aus Kummer singen wir! Früh zum Kummer schon erlesen, Leben wir voll Gram dahin! Warum, unglücksel'ge Wesen, Sind wir aus der schönen Welt! Selbst Gesang macht uns nicht fröhlich: Nur aus Kummer singen wir! (Aus dem Vorderhause kommen Bußlajewna und Nadjéshda.) 355 Bußlajewna . Komm, mein weißes Schwänchen, komm! Es ist hier etwas windig! . . . Nun hör auf, Dich zu grämen, mein Schwälbchen! . . . Man sagt, daß unser Herr, der Großfürst, bald hieher kommen wird, um sich mit der Falkenjagd zu vergnügen, und wenn er Dich sieht, meine Schöne, so wird er gewiß ganz von Dir bezaubert sein. Nadjéshda . Wie! ihr werdet mich dem Fürsten Sswjätoßlaw zeigen? Bußlajewna . Glaubst Du denn, wir werden Dich vor ihm verstecken? Ach, Du einfältige Närrin! Hat man Dich deshalb hieher gebracht, in's Dorf Predißlawina, daß Du Dich Niemandem zeigen sollst? Nein, meine Freude! Mau vergräbt wohl Schätze in die Erde, aber nicht solche. Nadjéshda . Barmherziger Himmel! Bußlajewna . Was hast Du, was hast Du, Kindchen! . . . Bist Du bei Verstande! . . . Darum zu weinen, daß man Dich dem Großfürsten zeigen will! . . . Hör doch auf, Herzchen! Wer kann wissen, ob sich unser Herr nicht in Dich verliebt, und Dich vielleicht gar würdigt seine Gemahlin zu werden? . . . Wenn er befiehlt, Dich unsere Großfürstin zu nennen . . . Nadjéshda . O! ich will Nichts! Mütterchen, Mütterchen! nimm mich zu Dir! Bußlajewna . Hör', meine Schöne! Wenn Du willst, werden wir auch Deine Mutter hierher bringen . . . sag' nur wo ist sie? 356 Nadjéshda . Wo sie ist? . . . O! sie ist da, wo weder Kummer, noch Thränen, noch Leiden sind . . . wo Niemand mir wehrt, meinen Wßeßlaw zu lieben! . . . Bußlajewna . Wßeßlaw . . . Nun sehe einer! Wßeßlaw! . . . Ach, Du wunderliches Mädchen! Soll ich Dir noch lange sagen, daß Du Dich nicht unterstehst, an diesen Trotzkopf zu denken, der es gewagt, gegen einen Angestellten der Hofwache die Hand zu erheben, und die Frechheit hatte, dem ersten Beamten des Großfürsten, unserm Bojar Wuischatta, zu widersprechen! . . . Hör' Du kleine Widerspenstige! wenn Du nicht aufhörst zu blärren und so närrisches Zeug zu schwatzen, so werden wir Dich schon bei Seite schaffen, mein Täubchen, weißt Du wohin? In die Küche, oder in's Waschhaus . . . Willst Du nicht selber Herrin sein, so werden wir Dich zur Erbmagd machen. Nadjéshda . O, bitte! erzeig' mir die Gnade! erfülle Dein Versprechen! schick' mich wohin Du willst, ich will dienen wo es Dir gefällig ist, ich kenne verschiedene Handarbeiten, kann in Gold und Seide sticken; ich werde Alles thun was man mir befiehlt – werde arbeiten vom Morgen bis zum Abend; des Nachts weben, werde mich zur Sklavin eurer Sklaven machen: nur zeig' mich dem Fürsten Sswjätoßlaw nicht . . . O! sei großmüthig! schlag' mir dieses nicht ab – und ich werde ewig Gott für Dich bitten! . . . Bußlajewna . Die liebe Einfalt! . . . Man sieht, sie ist vor Schrecken ganz von Sinnen gekommen! . . . Sei still, sei still, mein klagendes Vögelchen! Wart nur ein bischen, wenn Du Dich erst an unsre Lebensweise gewöhnt hast, so wird es Dir schon selbst gefallen. Ach! daß ich Dich auch mit nichts erfreuen kann, mein betrübtes 357 Kuckuckchen! . . . Warte, wart'! (Man hört die Stimme des singenden Taropka.) Ist das nicht gar unser Lustigmacher? Ganz richtig, er ist es! . . . Wart' hier meine Schöne! Ich werde Dir ein solches Singvögelein herbringen, daß Du gewiß zuhören wirst. (Geht ab.) Zweiter Auftritt. Nadjéshda (allein). Und so ist alle meine Hoffnung, wie ein Traum dahin! . . . Ich bin schon lange mit Kummer vertraut gewesen . . . aber mich auf immer von Dir zu trennen, mein Geliebter! . . . Wßeßlaw, Wßeßlaw! . . . o hätte ich Dich nie gekannt! . . . Arie. Freundlich, freundlich strahlet die Sonne,     Alles jauchzt in ihrem Licht: Nur allein ich Unglückselige     Kenne Glück und Freude nicht!         All' mein Leben ich hier Unter Kummer verweine: Der Liebste, der Meine, Kommt nicht mehr zu mir! Nicht länger mehr nehm' ich Den Weg zum Empfang! Nicht länger vernehm' ich Des Schmeichelmunds Klang! Vergebens ersehnt ich Ein schöner Loos mir: Das Schicksal, ach! trennt mich Auf immer von Dir! 358 Nur ein einzig Liebeszeichen – Ach! wie glücklich würd' ich sein! All mein Kummer würde weichen, Hoch sich meine Seele freun! Ob das Schicksal uns geschieden, Dein, Freund, bleib' ich immerdar: Nie war Liebe wohl hienieden, Heiß wie meine Liebe war . . . Was beut jetzt mein Schicksal dar? All mein Leben ich hier Unter Kummer verweine: Der Liebste, der Meine Kommt nicht mehr zu mir! Nicht länger mehr nehm ich Den Weg zum Empfang! Nicht länger vernehm ich Des Schmeichelmunds Klang! Vergebens ersehnt ich Ein schöner Loos mir: Das Schicksal, ach! trennt mich Auf immer von Dir! Dritter Auftritt. Nadjéshda , Bußlajewna und Taropka . Komm her, komm her, mein blaues Täubchen! Nadjéshda (Taropka erblickend) . Ach! (Taropka giebt ihr ein Zeichen zu schweigen.) 359 Bußlajewna . Was hast Du, meine Schöne? Nadjéshda . O, Nichts, Mütterchen . . . Ihr seid plötzlich auf mich zugekommen – und da hab' ich mich erschrocken. Bußlajewna . Nun, sieh hier, Taropka, unsern neuen Gast! Komm, sing' etwas, sie aufzuheitern; nur mach' Deine Sache gut, lautschnäbliches Nachtigällchen! Taropka . Gut, Mütterchen Bußlajewna, wir werden singen, und wenn Du schönes Kindchen, – Deinen Namen kenn' ich nicht, – lustige Lieder liebst, so wird Dir mein Gesang zu Herzen gehen . . . Womit soll ich anfangen? . . . Wart'! (singt.)         Weine nicht, weine nicht, Du mein liebes Kind! Netze Dein Gesicht nicht mit Thränen! Nicht verschwand und es lebt noch Dein Herzensfreund . . . Bußlajewna . Ei, hör' doch auf! Was ist das für ein Lied! . . . Das wird sie ja traurig machen . . . Nicht wahr, meine Schöne? . . . Nadjéshda . Nein Mütterchen, das Lied gefällt mir. Taropka . Wenn Du willst, Bußlajewna, sing ich Dir ein anderes Liedchen. Nur unterbrich mich nicht wieder, oder ich werde gar nicht mehr singen. Nun hört zu! 360 Lied.         Horch, wie weht, weht sanft der Wind Zischend, leise durch's Gehölz; Durch's Gebüsche rauscht er her, Durch die Blätter säuselt er, Durch die Wiesen fliegt er brausend hin . . . Bald haucht er uns sanfte Kühle zu, Pfeift bald wie die Nachtigall – Der Geliebten trägt er Kunde her Von dem treuen Herzensfreund, Und er flüstert ihr in's Ohr: »Traurig, traurig war dem braven Bursch, »Sein Genoß hat ihn erlöst! »Fürchte Dich nicht, Du meine Freude, »Gräm' Dich, meine Schöne, nicht . . . »Es erspäht der Bösewicht »Mich und meinen Schutzort nicht!« Bußlajewna . Hör auf Taropka, schweige still! – Auch dieses Lied ist mir nicht nach dem Herzen . . . Was ist da wohl Gutes drin? Nadjéshda (bei Seite) . Er lebt! . . . O! ich danke Dir Allerhöchster! Taropka . Was Gutes darin ist! . . . O! . . . Sing doch selbst, wenn Du es besser verstehst! Bußlajewna . Nun, werde nur nicht gleich ärgerlich! Taropka . Aergerlich oder nicht ärgerlich, aber ich werde nicht mehr singen. 361 Bußlajewna . Ei, was hast Du denn, meine rothe Sonne! . . . Nun, bitte, bitte, sing noch Eins vor! Taropka . Nein, Mütterchen, sing Du selbst. Trio. Bußlajewna .               Zürne nicht, laß noch Eins klingen! Was Du willst, ich leih' mein Ohr. Taropka . Nein, ich singe Nichts mehr vor! Bußlajewna . Ei, doch Freund! . . . Taropka .                                   Ich will nicht singen! Nadjéshda . Wie mich Furcht und Angst durchfliegt? Bußlajewna . Und ich liebe Dich so innig! . . . Taropka . Ewig herzlich dankbar bin ich; Aber singen will ich nicht. Nadjéshda (bei Seite) . Lebst Du, meine Augenweide! . . . Dank dem ew'gen Gott dafür! Bußlajewna . Ein Kaftan von Gold und Seide, Freund, wird zur Belohnung Dir. Wie ein Herr im schmucken Kleide Gehst Du dann, nicht mehr so schlicht . . . 362 Taropka . Danke schönstens für die Freude, Aber singen will ich nicht! Bußlajewna . Süßes Bier und Grütze biet' ich Dir, daß es an Nichts gebricht . . . Taropka . Mütterchen, bist gar zu gütig; Aber singen will ich nicht! Bußlajewna . Zürne nicht mehr, laß Eins klingen! Sing doch, Freund! Taropka .                                 Ich will nicht singen! Bußlajewna . Sing, wie's von der Zunge bricht; Was Du willst . . . Taropka .                                 Ich singe nicht!         (Zugleich mit Bußlajewna und Nadjéshda:) Wenn mein Lied Dir so gefallen, Warum störst Du mich darin? Bußlajewna (Zugleich mit Taropka und Nadjéshda:) . Solch' ein Lied gefällt wohl Allen! Und ich schwatzte nur so hin! Nadjéshda (Zugleich mit Bußlajewna und Taropka:) . Plötzlich welche Hoffnungsstrahlen! Ganz betäubt ist noch mein Sinn! Bußlajewna . Nun sei doch nicht mehr böse! sing uns noch Etwas vor! 363 Taropka . Nein, nein! für Nichts in der Welt! Bußlajewna . Ei, was für ein eigensinniger Waldteufel! Taropka . Aergere Dich nicht darüber, so bin ich von Kindesbeinen an gewesen. Aber was das für ein hübsches Liedchen ist! Ich habe euch nur den Anfang vorgesungen; aber da wird noch erzählt, wie ein schönes Mädchen am Fenster sitzt, und ihres Geliebten harrt; wie er am Abend zu ihr kommt, sie zu befreien, wie er sie aus dem hohen Thurme entführt und mit ihr ans Ende der Welt flieht . . . Aber wie das Ende hübsch ist! – Das Ende! Ach, was da Alles erzählt wird! . . . Aber Du wolltest es ja selbst nicht hören . . . Bußlajewna . Aber wer konnte denken, daß Du ein so gefühlloses Ungeheuer bist! . . . Und dann ist auch viel Unwahrscheinliches in Deinem Liede! Da prahlt er und macht sich groß, als ob er ein Ssolowéi Budimirowitsch wäre! . . . Aber was ist an dem Liede? . . . Unsinn! . . . Komm mein Täubchen! . . . Die Sonne ist schon untergegangen – es ist Zeit zu Hause zu gehen . . . Nun seh' einer diesen Bojaren an! Der Kerl thut als ob er nicht hören wollte! . . . Nun was kneifst Du die Zähne so zusammen? Kerle wie Du bist, sind genug zu finden, es treiben sich viele hier umher! . . . Worauf wartest Du? Komm mein Kindchen! Aber hüt' Dich wieder so zu heulen, sonst werd' ich Dich mit der Faust zur Ruhe bringen! (Geht ab mit Nadjéshda.) 364 Vierter Auftritt. Taropka und der Wächter auf der Mauer. Taropka . Wßeßlaw ist wahrscheinlich schon lange dort im Walde – Nun, der Plan ist gemacht, aber wie auszuführen? Ich glaube, Nadjéshda hat mich verstanden . . . Aber da steht der verdammte Wächter im Wege . . . Das ist ein Staar im Auge! . . . Heda, Kamerad! Der Wächter . Was willst Du? Taropka . Nichts, Lieber! Ich wollte Dich nur fragen ob es Dir nicht Langeweile macht, so in Eins fort auf und ab zu gehen? Der Wächter . So ist's befohlen. Taropka . Und auch des Nachts? Der Wächter . Des Nachts gehen wir unserer zwei. Taropka . Oho! . . . verdammt! (ein Fläschchen aus der Tasche ziehend.) Wie wär's, Kamerad, wenn Du auf ein Stündchen herunterstiegest? wir könnten ein Schlückchen zusammen genießen! Der Wächter . Danke, ich trinke nicht. Taropka . Du trinkst nicht! . . . Ha, ich merke! 365 Fünfter Auftritt. Dieselben . Wuischatta , Ssadko , Jurka , Diener , Arbeiter und Arbeiterinnen ; unter Letztern einige Alte. Wuischatta (zu den Dienern) . Hört ihr Brüder! Und ihr Alle, Ammen, Aufseherinnen und Arbeiterinnen! Morgen mit Tagesanbruch kommt unser gnädiger Herr, Großfürst Sswjätoßlaw Igorowitsch, hierher in's Dorf Predißlawina, um sich mit der Falkenjagd zu vergnügen. Seht zu, daß Alles hübsch ordentlich, rein und aufgeräumt sei, daß nirgends Staub und Schmutz zu finden . . . Sieh da! . . . Taropka Golowan! . . . Bist Du hier? . . . Was hat Dich hieher getrieben? Taropka . Ach, ich habe mich gelangweilt, Väterchen! Wie lange habe ich eure Gnaden nicht gesehen? Wuischatta . Danke Bruder! . . . Komm zu mir einen Augenblick. (Tritt etwas vor mit Taropka.) Hör', Taropka! Hat man Dir nicht erzählt, was für Streiche der fürstliche Edelknabe Wßeßlaw gemacht hat? Taropka . Ja, ich hab' es gehört, Bojar, und konnte mich nicht genug darüber wundern! . . . Was für ein toller Teufel! . . . Wuischatta . Schon über vier und zwanzig Stunden sucht man ihn, und nirgends ist er zu finden . . . Du treibst Dich überall umher, Taropka – hast Du nicht irgendwo gehört, wo er sich versteckt hält? Taropka . Nein, Bojar, ich habe Niemanden nach ihm gefragt . . . Was kümmert mich überhaupt die Sache! 366 Wuischatta . Ha, was schwatzest Du da? Es scheint, Du liebst ihn sehr? Taropka . Wie soll ich mich ausdrücken, Eure Gnaden, ich hätte eben keinen Grund ihn zu lieben, da er mir nicht viel Liebes erwiesen hat; meine Lieder gefielen ihm nicht – und ich habe in meinem Leben kein freundliches Wort von ihm gehört. Auch liegt mir wenig daran: wer reich ist und freigebig – meine Lieder gern hört und sein Geld nicht spart, ist für mich freundlich; aber wer freundlich ist, den lieb ich auch. Wuischatta . Wo der Kerl wohl steckt! . . . Es ist als ob er durch die Erde gefallen wäre! . . . Aber wir werden Dich schon finden, Du Räuber! Ueberall sind Eilboten hingeschickt; und wenn er sich irgendwo in der Umgegend von Kiew aufhält, so werden wir ihm bald auf die Spur kommen. Ich habe eine alte Freundin Namens Wochraméjewna; man sagt, sie sei eine Hexe und ich glaube es selbst . . . Die kennt alle Herzensgeheimnisse! . . . Wenn man heute den Wßeßlaw nicht auffängt, so gehe ich morgen selbst zu ihr – und sie wird mir mit dem Finger zeigen, wo er sich verkrochen hat, selbst wenn es auf dem Grunde des Meeres wäre . . . Aber, sieh da! die Sonne ist schon ganz untergegangen. Geht nachzusehen, ob im fürstlichen Schlafzimmer Alles in Ordnung ist. Wer weiß, ob unser gnädiger Herr, der Großfürst, hier nicht vielleicht übernachten wird. Aber Du, Taropka, unterhalt das Hofgesinde, bis ich Dich zu mir rufen lasse. Taropka . Gern, Bojar! Es freut mich immer, wenn ich so guten Leuten ein Vergnügen machen kann. (Wuischatta geht ab.) 367 Sechster Auftritt. Taropka , Ssadko (ein häßlicher, buckliger Alter), Jurka und die Uebrigen. Taropka . Nun wie steht's, Kinderchen? Wollt ihr ein Lied hören, oder soll ich euch ein Märchen erzählen? . . . Bah, bah, bah! Sieh da, mein Herzensfreund, Herr Ssadko! Hübsch gesund und munter? Komm Bruder! (zieht ihn bei der Hand vorwärts.) Laß Dich ein bischen liebäugeln! Wo werden wohl solche Schönheiten geboren? (Alle lachen.) Ssadko (unterbrechend) . Pack Dich von hier, Spaßvogel! . . . Spaße mit denen, die mit Dir spaßen. Taropka . Nun, werde nur nicht böse, meine rothe Sonne! Jurka . Was für ein Krakehler der Kerl ist! Erst ist er ganz ruhig, – da plötzlich versetzt er Dir Einen! Und immer macht er sich an Dich! – Ssadko . An mich? . . . Ach, du verfluchter Jodler! Sieh Dich vor, daß ich mich nicht an Deinen Rücken mache! Taropka . Sich an meinen Rücken machen, ist nicht schwer, mein Lieber, Du kannst darauf spazieren gehen wie auf dem Felde; aber an Deinen wird sich selbst der Teufel nicht so bald machen: da Du von hinten und vorn ein Verhack hast! 368 Ssadko . Nimm Dich in Acht, Hanswurst! Jurka . Nun, ruhig, ruhig! Was habt ihr, Brüder! . . . Rühr' ihn nicht an, Taropka! Das ist ein unruhiger Gast! Erzähle uns lieber ein Märchen. Taropka . Gern, Lieber; –. dazu braucht es nicht viel Umstände, wenn ihr nur zuhört! Aber drängt euch nicht so zusammen da, Brüder! Stellt euch, das Gesicht mir zugekehrt, hierher auf die Seite . . . So ist's gut. (Stellt sie Alle an die Mauer.) »Ueberredung wirkt besser als Geld« Russisches Sprichwort. . Nun paßt auf, wenn ihr hören wollt! Jurka . Still, still! hört auf zu lärmen! Taropka (nimmt die Balaleika und greift darauf einige Akkorde) . Tram! Tram! Tram! O ihr lustigen Burschen mit greisem Haar! Ich habe ein Märchen für euch, wovon die Alten sagen, es sei eine wahre Geschichte; mir hat's eine gelehrte Katze erzählt, der es vom Fuchse zugeflüstert wurde. Nun hört meine Geschichte, ihr guten Leute, und Burschen und schönen Mädchen! (Sich zu einer Alten wendend.) Aber Du alte Großmutter, liebäugele nicht mit jungen Burschen! Meine Geschichte kannst Du hören, aber wirf mir keine verstohlenen Blicke zu! (Alle lachen.) Die Alte . O, Du unverschämter Kerl! . . . Was der Einem wohl nachsagen möchte! 369 Taropka . Soll ich euch erzählen, Kinderchen, wie der brave Bursche Wßemil , seine Geliebte, die holde Jungfer Ljubaschenka , aus den Schurkenhänden des Slavischen Bojaren Karatschun befreite, der sie durch Hinterlist entführt hatte, und sie mit Gewalt heirathen wollte? (Sich zu dem Wächter wendend.) Heda, Kamerad! Hör' Du auch mein Märchen mit an! Es wird Dir nichts ausmachen, uns das Gesicht zuzuwenden, und ein Stündchen stille zu stehen. Der Wächter (sich zu Taropka wendend und auf seine Pike lehnend) . Gern, mein Lieber, ich höre gern Märchen erzählen. Taropka . Nun, wenn Du so etwas gern hörst, so gieb Acht, Bursche, sieh her und sperre nicht nach allen Seiten hin das Maul auf! (Fährt mit den Fingern durch die Saiten der Balalaika.) Tram tram! tram! Das Märchen fängt an von weissagenden Affen von Jagd und Geschossen, von ritterlichen Fahrten – aber dies ist noch das Märchen nicht, sondern nur das Vorspiel; das Märchen kommt nach . . . Nun, horcht auf! . . .   Finale. Chor .                   Stellt rund euch hin im Kreis!     Merket auf, was er spricht,     Und seid friedlich und leis!     Redet nicht, lärmet nicht! Taropka . Stolz auf steilen Bergeshöhen, Unfern einer Slavenstadt, Lag die Wohnung des Bojaren, Des gewalt'gen Karatschun. 370 In des Terem's Raum verschlossen, Seufzt ein schönes Mägdelein; Und vor Kummer und vor Thränen Will die Arme fast vergehn. Chor .     Ei, das Märchen wird gar schön! Taropka . Einst, am warmen Sommerabend Kummerschwer, mit trübem Blick, Saß Ljubascha, die verwaiste, Spät allein am Fenster noch. Und sie weint – und ihre Thränen Rollen wie des Gießbachs Fluth . . . Doch sie seufzt und klagt vergebens, Ihrem Herzen wird nicht Ruh! Chor .     Stille, stille, hört doch zu! (Im Terem wird auf der Seite des Wäldchens ein Fenster geöffnet; hinter demselben erblickt man Nadjéshda.) Taropka . Und ihr Blick schweift nach der Gegend, Wo ihr treuer Wßemil wohnt – Ferne, hinterm See des Ilmen Wohnt er, blieb er ohne sie! Schon der Sommer geht zu Ende, Keine Kunde kommt von ihm. – Ob er wohl der Braut vergessen, Eine Andre ihn umschlingt! Chor .     Wie die Stimme golden klingt! 371 Taropka . Bald ist's Mitternacht – die Thräne Rollt vom wachen Angesicht; Plötzlich schallt's wie Hufgedröhne . . . Ja . . . er ist's . . . sie täuscht sich nicht! Und er naht sich, sondern Weilen Sprengt er auf das Häuschen los . . . Nirgends Licht . . . nur Wölfe heulen In den Schluchten, 's bäumt sein Roß. Jetzt hört zu, Brüder! Laßt Euch kein Wort entgehen! . . . Chor .     Stellt Euch rund hin im Kreis! Merket auf, was er spricht, Und seid friedlich und leis! Redet nicht, lärmet nicht! Taropka . Der brave Bursch' schaut rings umher . . . Alles still! Er geht auf zum Fenster und giebt das verabredete Zeichen – so: eins – zwei – drei (schlägt die Hände zusammen und in derselben Minute erscheint Wßeßlaw hinter der Mauer und setzt eine Leiter an den Terem, Nadjéshda steigt aus dem Fenster, er empfängt sie, steigt mit ihr herunter und Beide verschwinden hinter den Bäumen. Alles dieses geschieht, während Taropka sein Lied singt.) Horchet auf! Horchet auf! Plötzlich noch zwei andere Krieger, Brave Bursche, zeigen sich . . . Setzen auf zum Teremfenster Eine hohe Leiter an. 372 Der Bojar! der schläft schon lange, Seine Diener – schlafen auch, Nur der Wächter steht noch oben, Und er murmelt vor sich hin. Sieh, da bellten laut die Hunde – Und es wachte Karatschun . . . Sieh, sein Auge sucht Ljubascha . . . Fort! . . . O Unglück . . . suche nur! Schnell zu Pferde – zur Verfolgung . . . Doch man findet keine Spur. Ist der Sommer hin, geht Keiner Beeren suchend mehr zum Wald. Chor .     Welch' ein Lied! nun endet's bald.             Ja! Ja!     Ist der Sommer hin, geht Keiner     Beeren suchend mehr zum Wald! Jurka .         Und so sind sie hinausgestiegen? Taropka . Hinaus. Ssadko .               Der Wächter sah sie nicht? Taropka . Der wandte sein Gesicht. Der Wächter . Hör', Freund! der Spaß macht mir Vergnügen, Das war gewiß ein Kerl von Stroh? 373 Taropka . Wahrscheinlich so! Jurka . Wie aber war des Spaßes Ende? Taropka . Wßemil hat sie befreit; sie reichten sich die Hände;         Drauf führt er sie nach Haus, Lud seine Freunde ein – gab einen großen Schmaus!         (fängt an zu tanzen.) Und es kreisten voll Weines die Becher rund! Und es tanzten am Hügel die Zecher rund!                       Hei! ho! immer so!                       Rund herum im Kreis! Chor .                       Hei! ho! immer so!                       Rund herum im Kreis! Taropka . Die Väter tanzten mit krummen Knieen, Alte Weiber waren in Schminke!                       Hei! ho! immer so!                       Rund herum im Kreis! Chor .                       Hei! ho! immer so!                       Rund herum im Kreis! Siebenter Auftritt. Dieselben und Bußlajewna . Bußlajewna .         Ach! wenn ich sie nicht finde, Wie wird es mir ergehn! 374 Chor .     Sag'! Mütterchen, geschwinde,     Was ist mit Dir geschehn? Bußlajewna O! Unglück, Unglück wird mir drohen! Chor . Weshalb? Bußlajewna                   Nadjéshda ist entflohen! Chor . Nadjéshda ist entflohen? Bußlajewna Sie ist davon, davon! Chor (zugleich mit Taropka) . O, Unglück, Unglück! O, wer hatte Von uns geahnt, daß so sich's lenkt! Der hämische Bojar Wuischatta Befiehlt, daß man uns Alle hängt! Taropka (zugleich mit dem Chor, für sich) . O, Unglück, Unglück! O, wer hatte Gedacht, daß sie so hart bedrängt!         (laut.) Sie ist verrückt, die alte Ratte, Und hat nur Unsinn ausgesprengt! Achter Auftritt. Dieselben und Wuischatta . Wuischatta .                 Welch Lärm, daß mir die Ohren schallen? 375 Chor . O, welch ein Unglück! welche Noth! Wuischatta . Was soll das . . . Was ist vorgefallen? Chor . Uns Allen drohet schon der Tod! Wuischatta (zu Bußlajewna) .     Nun, Alte, kann ich Dich nicht fragen     Was deutet dieser Lärm, dies Schrein? Bußlajewna . Nein, nein! Bojar, ich kann's nicht sagen, Was sich hier zugetragen, nein! Wuischatta . Sogleich sagt mir des Vorfalls ganzen Lauf! Sonst, ich befehl's, hängt man euch Alle auf! Chor . Was, Brüder, nützt das Schweigen uns? So wisse denn: Nadjéshda ist entflohen! Wuischatta (erschrocken) . Nadjéshda ist entflohen? . . . Bußlajewna (auf den Knien, schluchzend) . O, Unglück wird mir drohen! Chor . Verderben droht uns Allen! Taropka . O, Unglück, Unglück! o wer hatte Gedacht, daß sie so hart bedrängt! Wuischatta (in Wuth) . Haha! jetzt fängst Du an zu winseln! 376         (zu den Arbeitern.) Gleich findet sie mir auf, sonst droht euch sicherlich Der Tod, mit euch werd ich kein Mitleid haben!         (zu Bußlajewna.) Dich, alte Krähe, lasse ich Lebendig in die Erde graben! Chor (zugleich mit Wuischatta) . Kommt, Kinder, geschwinde, macht hurtig, kommt schnelle, Daß man sie augenblicklich fängt! Und Herr Wuischatta nicht zur Stelle Befiehlt, daß man uns Alle hängt! Wuischatta (zugleich mit dem Chor) . Macht, Kinder, geschwinde, und sucht sie mir schnelle! Und Geld wird euch dafür geschenkt. Wo nicht, befehl' ich auf der Stelle, Daß man euch allzusammen hängt!   Ende des dritten Aufzugs. 377   Vierter Aufzug. (Das Theater stellt das Innere einer alten Hütte vor; in einem Winkel steht ein großer Besen; auf einem Wandbrette sitzt eine große Eule; auf dem Tische eine rauhharige Katze; in der Mitte der Hütte, über einem eisernen Feuerbecken, hängt ein Kessel, davor steht Wochraméjewna und rührt darin mit einem langen Schöpflöffel.) Erster Auftritt. Chor der unsichtbaren Geister .                 Gift, koche und siede         Den Menschen zur Noth!         Bring' Fremden Verderben,         Doch uns nicht den Tod! Melodrama. Wochraméjewna . Höret mich! Hört! Hundert Worte hab' ich, Einen Spruch dazu; Von den hundert sind Drei Worte mir verbotene . . . Wenn Eins ich raun' – Wälzt schnell die Erde sich rund; Sagt das Andre mein Mund – 378 Taumeln die Sterne, die leuchtenden; Aber murml' ich das Dritte, Und überspringe dann Zwanzig Messer scharf, – Auch die Sonne verfinstert sich! Höret mich! hört! Chor der unsichtbaren Geister .         Gift, koche und siede,         Den Menschen zur Noth!         Bring' Fremden Verderben,         Doch uns nicht den Tod! Wochraméjewna . Nun, bald ist's fertig! Genug um halb Kiew zu verderben . . . Bitte bestens! – Wer Lust hat, trete herein – bereit mit unserer Mischung zu dienen! Jetzt brauchen wir's blos noch zu besprechen und Alles ist fertig!         Doch wer's austrinkt, Weh ihm, Wehe! Daß ihn Speise anekle, der Schlaf ihn flieh! Die schwarze Pest ihn, die tödtliche, Wie die bittere Espe zusammen zieh'! Daß Auszehrung, wie ein Grabeswurm, Ihn zernage bei lebend'gem Leib! Daß bittrer Kummer sein Herz zerstückele! Er verdorre wie ein Pflänzchen zart! Daß er schwind' wie 'n hungriger Hund! Daß die Schwestern mein Wild im Kreise tanzen und jauchzen Auf seinem Grabeshügel; Lustig singen dort, jubelnd springen dort Auf seinen weißen Knöcherchen! 379 Chor der Geister . Kreisend tanzen, tobend jauchzen wir Auf seinem Grabeshügel! Lustig singen, jubelnd springen wir Auf seinen weißen Knochen! (Ein Schlag an der Pforte; das Feuerbecken sinkt ein.) Wochraméjewna . Horch! Der Wächter giebt Kunde! . . . Hu! schweigt Gesindel, schweigt! . . . Oho! das fängt an russisch zu riechen! . . . Sollte das nicht Bojar Wuischatta sein? (Die Katze krümmt sich und wedelt mit dem Schwanze; die Eule schlägt mit den Flügeln und Beiden fangen die Augen an zu leuchten.) Hu! Hu! ihr da! . . . Ruhig! . . . Rührt nicht an, was unser ist! Zweiter Auftritt. Wochraméjewna und Wuischatta . Wuischatta . Guten Tag, Mütterchen! Wochraméjewna . Schön Dank, Väterchen! Komm näher, setz Dich, ruh' ein Wenig aus! Wuischatta . Nun, Wochraméjewna! Das hat mir Mühe gekostet, mich herzuschleppen! Wochraméjewna . Aber was, meine Frühlingssonne, treibt Dich zu mir? Oder hast Du ein Anliegen an mich? Wuischatta . Ja, ja, Mütterchen, ein sehr wichtiges! . . . 380 Wochraméjewna . Nun was denn? Hast Du Dich zu tief in ein hübsches Mädchen verguckt? Nun was macht's! Wir werden versuchen . . . Wenn ich sie nicht bezaubere, so werde ich Dich entzaubern. Wuischatta . Ach, nein! Wochraméjewna! Wochraméjewna . Aber was meinst Du, Lieber? Es ist besser dem Uebel abhelfen, als darin umkommen. Wuischatta . Ich komme nicht solcher Sachen wegen! Uns ist gestern im Dorfe Predißlawina etwas verloren gegangen. Wochraméjewna . Ach, so ist es? Wuischatta . Uns ist die schönste Perle ans dem großfürstlichen Schatze verdorben und verloren! Wochraméjewna . Wie so? Wuischatta . Ja, Mütterchen, letzte Nacht ist uns unsere erste Schönheit entlaufen; ein geächteter Bursch hat sie weggelockt, dem jetzt allenthalben nachgespäht wird. Wochraméjewna . Ei, was für ein Streich! . . . Eine Schöne aus dem Dorfe Predißlawina zu entführen! . . . Nun! es scheint, der Bursche muß ein tolles Köpfchen haben! . . . Wuischatta . Ist es nicht ausfindig zu machen, Mütterchen, wo er sich jetzt mit der Entlaufenen aufhält? 381 Wochraméjewna . Aber, wie heißt sie denn, Bojar? Wuischatta . Nadjéshda. . Nadjéshda? . . . So ist sie nicht unseres Glaubens? Wuischatta . Nein, sie bekennt sich zur griechischen Kirche . . . Wochraméjewna . Ach, das ist schlecht! Wuischatta . Was denn, Mütterchen? Wochraméjewna . Siehst Du, eine Christin, das ist übel! Da kann man schon nicht auf Wasser zaubern, da muß man beim Aeltesten Hülfe suchen! Aber die Stunde ist nicht immer gleich. Wenn er an zu brummen fängt . . . Wehe . . . Wehe! – Wuischatta . Was für ein Aeltester? Wochraméjewna . Nicht Deine Sache, Väterchen! Und dann ist noch zu sagen – zweimal kommt nicht der Tod, einmal bleibt er nicht aus . . . Nun, komme es wie es wolle! . . . Ich werde versuchen! . . . (Nimmt eine Kohle vom Tische und zieht damit einen Kreis auf dem Fußboden.) Stell Dich in diesen Kreis, Bojar! . . . So, so! Aber hüt' Dich, daß Dich nicht Furcht anwandelt, und tritt nicht aus dem Kreise! Wuischatta (fängt an sich zu fürchten) . Ach, Wochraméjewna! Mir ist etwas bange zu Muthe! 382 Wochraméjewna . Fürchte Dich nicht, Bojar! Wenn Du hübsch stille stehst, Dich nicht regst, und nach Nichts frägst, so wird Dir Nichts geschehen. Der Aelteste thut Dir kein Leides; und alle seine kleinen Diener sind unter meiner Hand. Wuischatta . Aber sieh da, Mütterchen, sieh! Wochraméjewna . Fürchte Dich nicht, sag' ich Dir! Wuischatta . Aber wird's mit der Hexerei nicht bald zu Ende sein? . . . Wochraméjewna . Still! . . .         O, grauser Gott, den wir den schwarzen Tschornobog : der schwarze Gott; Bjélobog : der weiße Gott. nennen! Gewalt'ger Herrscher Du der ew'gen Nacht! Den Niemand ohne Zittern in der Stille Der öden Nacht bei Namen nennen kann! Mir neigst Du Dich, wenn mein Gebet ich flüstre . . . Erhör' mich! Offenbar' uns Deine Macht: Daß sich der Sonne Strahlenglanz verdüstre, Und statt des Tagslichts werde finstre Nacht!     (Schweigen. Auf der Bühne fängt es an dunkel zu werden.) Durch Wolken laß den Sturm verkünden, Daß Du Dein Schloß verließt auf mein Gebot, In Deinem Kreise laß uns Wahrheit finden . . . O eile, eile, grauser schwarzer Gott! (Ein Donnerschlag. Sanfte harmonische Musik.) 383 Chor der unsichtbaren Geister .         Ihr verschwindet, öde Mauern!         Ferne, zeige Dich dem Blick!         Unschätzbare Worte wehe         Uns des Sturmwind's Flügel zu! Die Hintermauer der Hütte verschwindet, und durch einen Flor erschließt sich dem Blicke eine wilde Gegend am Ufer des Dnjepr's. In der Ferne Kiew. Am Fuße eines hohen Felsens stehen Wßeßlaw und Nadjéshda.) Wuischatta . Ha, was seh' ich! Wochraméjewna . Still! Wßeßlaw (hinter dem Flor) .         Nein, nicht Rettung wird uns Armen, Von dem Unglück, das uns droht! Nadjéshda . Fürcht' nicht, Gott wird sich erbarmen, Und uns helfen in der Noth! Wßeßlaw (zugleich mit Nadjéshda) . Trüb seh' ich die Zukunft grauen – Hin ist unsrer Hoffnung Stern! Nadjéshda (zugleich mit Wßeßlaw) . Nur auf Gott laß uns vertrauen – Er hilft seinen Kindern gern! (Ein Donnerschlag, die Erscheinung verschwindet. Der Donner fährt fort zu rollen und der Sturm wird von Minute zu Minute stärker.) Wochraméjewna . Nun wie, Bojar? Sind sie's? Wuischatta . Ja, Mütterchen, sie sind's! 384 Wochraméjewna . Hast Du den Platz auch genau gemerkt? Wuischatta . Ganz genau, Mütterchen! die Gegend ist mir bekannt; ganz nah' bei Askold's Grabe. Wochraméjewna . So geh' schnell, Krieger zu holen; aber zaudre nicht, Bojar, sonst werden sie Dir entwischen. Wuischatta . Ich gehe, ich gehe! Hu, wie grausig es ist, Mütterchen! Das Mondlicht ist nicht zu sehen! Wochraméjewna . Hab' ich Dir nicht gesagt: Du mußt den Aeltesten beunruhigen, aber wenn er einmal anfängt zu brummen, so sieh' Dich vor! Wuischatta . Aber bis zum Dorfe Predißlawina ist's nicht nahe. Wochraméjewna . Wart' Väterchen! Folge mir, ich werde Dir einen Pfad zeigen, der Dich in einem Augenblicke nach Predißlawina bringt. Wuischatta . Komm Mütterchen, komm! Dritter Auftritt. (Völlige Verwandlung. Das Theater stellt eine wilde Gegend am Ufer des Dnjepr dar, wovon ein Theil schon durch den Flor sichtbar war. Wßeßlaw und Nadjéshda stehen am Fuße des Felsens, auf dessen Gipfel Taropka steht.) Wßeßlaw . Nun, wie wird's, Taropka? 385 Taropka . Es geht, es geht! da sind wir schon am Ufer . . . es geht! Wßeßlaw . Gelobt sei der Schöpfer! Wir sind gerettet! Nadjéshda . Aber mein Vater . . . Wßeßlaw . O! wir werden ihn wiedersehen. Nadjéshda! Er wird unsern Zufluchtsort finden und dann auf immer bei uns bleiben. Vierter Auftritt. Dieselben und der Unbekannte (hinter dem Felsen hervorkommend). Der Unbekannte . Geschwind, Wßeßlaw, geschwind! Am Dnjepr erwartet uns eine treue Schaar, und in wenigen Tagen werden wir im petschenägischen Lager sein. Wßeßlaw . Mach schnell, Nadjéshda! Der Unbekannte . Halt! Erst mußt Du schwören, daß Du aufstehen wirst gegen Sswjätoßlaw, und Deinen Glauben änderst, welcher Dich, den kühnen Krieger, in ein Kind der Sklaverei verwandelt hat. Nadjéshda . Barmherziger Gott! Wßeßlaw . Wie! . . . Ich soll das Schwert erheben gegen meinen Wohlthäter und Fürsten . . . Ich den Herrn verläugnen! . . . 386 Der Unbekannte .               Du mußt dem Christenthum entsagen, Und Sswjätoßlaw entreiß' sein Land. Wßeßlaw . Soll ich der Russen Scepter tragen? Wozu? bleib' es in seiner Hand! Der Unbekannte . O Schand'! Wßeßlaw .                   Und könnt' ich je des Guten Vergessen, das er mir gethan? . . . Der Unbekannte . Wer Blut vergießt, muß wieder bluten – Du sollst Dich rächen, sei ein Mann! Nadjéshda (zu Wßeßlaw) . O, Lieber, laß Dich nicht verblinden! . . . O, glaub' ihm nicht, er meint es schlimm! Sieh, seine Lippen uns verkünden Des Herren und der Menschen Grimm! Der Unbekannte . Ihr werdet zufluchtslos verderben, Nie wird Euch wieder Freude blühn. Du fällst! und Deine Braut wird sterben, In niedrer Knechtschaft welkt sie hin. – Doch wirst als Herrscher Du regieren Im Land, wenn Du nach Rache strebst! Nadjéshda . O, Wßeßlaw, laß Dich nicht verführen! Bedenk' – daß Du nicht ewig lebst! 387 Der Unbekannte (zugleich mit Nadjéshda und Wßeßlaw) . Du wirst des Unglücks Schläge spüren – Wßeßlaw, Du bist Dein eigner Feind! Nadjéshda (zugleich mit dem Unbekannten und Wßeßlaw) . Dem Bösen gleich will er verführen – Glaub' ihm nicht, er ist unser Feind! Wßeßlaw (zugleich mit dem Unbekannten und Nadjéshda) . Die Guten nennen Gott den Ihren, Sind ihnen auch die Menschen Feind. Taropka (hinter den Koulissen hervorkommend) . Auf! Rettet Euch Kinder, geschwinde! Wuischatta naht mit seiner Schaar! Wßeßlaw und Nadjéshda . O, wehe uns! Taropka .                       Enteilet! Wßeßlaw und Nadjéshda . Komm, folge mir! Der Unbekannte .                                 Wohin? Euch bleibt nicht Hoffnung, weilet! Hier wird Euch Unglück droh'n! Taropka (in die Ferne blickend) . O, eilt! . . . Dort kommt er schon! Der Unbekannte . Ein Augenblick noch länger – So nahen Eure Dränger! Wßeßlaw und Nadjéshda . Ein Augenblick noch länger – So nahen unsre Dränger! 388 Der Unbekannte . Zum letzten Mal: Tod oder Thron? Stehst Du auf gegen Sswjätoßlaw, Verläßt Deine Religion? Nadjéshda . Mein Gott! o stärke Du Wßeßlaw! Chor (hinter den Koulissen) . Hier, Kameraden! Folgt mir, hier! Wir sind bald bei Askoldens Grabe! Der Unbekannte . Hörst Du, Wßeßlaw? Taropka .                                     O! Wehe mir! Der Unbekannte . Schnell, daß ich Deine Antwort habe . . . Du hörst schon die Verfolger dräu'n: Sag', willst Du mit mir gehen? Wßeßlaw .                                               Nein! Es ist der Himmel, den ich wähle, Ich folge treu des Herrn Gebot. Der Unbekannte . So sei verflucht, Du! . . . niedre Seele! Und stirb! – Dein harrt der sich're Tod! (Geht ab.) Chor (hinter den Koulissen) . Hier, Kameraden! Folgt mir hier! Wir sind bald bei Askoldens Grabe! Nadjéshda . Wir sind verloren! Aber Du hast ausgehalten, Wßeßlaw – Dank sei dem Allerhöchsten! 389 Wßeßlaw . Eilen wir auf diesen Felsen, und wenn uns gar keine Hoffnung bleibt, so stürzen wir uns in den Dnjepr: vielleicht daß der Herr uns rettet; vielleicht daß ich Dich rette, Nadjéshda! Nadjéshda . Aber wenn nicht . . . Was denn, meine Augenweide? . . . Lieber Tod als Gram und Trennung von Dir! (Steigen auf den Felsen; der Sturm nimmt zu.) Fünfter Auftritt. Dieselben . Wuischatta und Krieger . Wuischatta . Halt, Kinder! Da sind sie! Nadjéshda . Schnell, mein Freund! schnell! . . . Dort (auf den Dnjepr zeigend) werden wir getraut, und der Dnjepr wird unser Hochzeitsbett! Wuischatta . Ergieb Dich, Räuber! Sechster Auftritt. Dieselben . Stemid , ihm folgen Alexéi , Fischer und alle Christen und Christinnen . Stemid (zu Wuischatta und den Kriegern) . Im Namen des Großfürsten – haltet ein! Alexéi . Nadjéshda! meine Tochter! 390 Stemid . Wßeßlaw! Dir ist verziehen! Wßeßlaw mit Nadjéshda (vom Felsen kommend) . Ist das möglich! Stemid . Und unser Herr, der Großfürst, erlaubt Dir, Deine Braut zu heirathen. Wuischatta . Wie? . . . Was? . . . Stemid . Ganz einfach so, Bojar: ich habe mich dem Großfürsten zu Füßen geworfen, und ihm Alles erzählt. Er wurde gerührt von meinen Thränen, verzieh Wßeßlaw und trat ihm Nadjéshda ab. Wuischatta . Was zum Teufel! . . . Aber ist das auch Alles wahr? Stemid . Ich stecke nicht in Deiner Haut, Bojar; Lügen sind nicht meine Sache. Wuischatta . Nun, wenn es so ist, so haben wir hier nichts zu thun; und seht Ihr, auch das Wetter hat sich aufgeklärt! Zu Hause! Kinder! (Wuischatta und Krieger gehen ab.) Alexéi (Nadjéshda und Wßeßlaw umarmend) . Nadjéshda! Wßeßlaw! wir sind wieder vereint! . . . wieder glücklich! . . . (Der Unbekannte erscheint im Kahne auf der Mitte des Stromes. Ungeheurer Sturm.) Erster Fischer . Schaut, wer ist da auf dem Dnjepr? 391 Zweiter Fischer . Dort scheint Jemand im Kahne zu sein! Sieh nur, wie das schaukelt! . . . Da wird Unglück geschehen! Erster Fischer . Das ist doch nicht gar derselbe . . . erinnerst Du Dich noch, was er uns Alles von Askold erzählte? Zweiter Fischer . Ja, ja! es ist derselbe! . . . Nun Bruder, der wird's nicht besser machen! . . . Taropka . Ach, sieh! das ist mein Bojar! Wßeßlaw und Nadjéshda . Er ist es! Taropka (zugleich mit Wßeßlaw) .         Ach sieh, mein Bojar, Du! Jetzt bist Du in Noth! Wßeßlaw (zugleich mit Taropka) . Der Arme! Im Wasser Erreicht ihn der Tod! Nadjéshda und Alexéi .         O, Vater! Erbarmen,         Halt ab das Gericht! Chor und Alle .         O seht, wie das Wasser         Aufsprudelt und bäumt!         Wie grausig die Woge         Das Kähnchen umschäumt!         Umsonst alle Mühe –         Es schaukelt und sinkt. (Der Blitz schlägt in den Kahn; er verschwindet in den Wogen.) 392         Seht, seht! er geht unter!         Der Arme ertrinkt! Nadjéshda (zu Wßeßlaw) . Er sank hin, doch wir sind glücklich! O, mein Wßeßlaw! Großer Gott! Alexéi . Er ist groß – Dank ihm ohn' Ende! Daß er seines Glaubens Licht Unsern künft'gen Fürsten sende – Und, bewahrt in Christenpflicht Schmückt das Scepter ihre Hände! Allgemeiner Chor . Hilf Herr! bewahre uns in Gnaden Den Zar sammt seinem Herrscherthume, Und laß der Feinde Macht nicht schaden Dem Russenland und unserm Ruhme.   Ende .